Nein, die DDR war auch am Anfang nicht der bessere deutsche Staat.
Eine Replik von Anna Kaminsky zu einem Beitrag von Sabine Rennefanz am 7. Mai 2025 in Der Tagesspiegel.
In ihrem Artikel im Tagesspiegel vom 7. Mai 2025 nimmt die profilierte Kolumnistin Sabine Rennefanz Christoph Heins neuen Roman „Narrenschiff” zum Ausgangspunkt, um über die Gründungsgeschichte der DDR zu reflektieren. Ihr Text ist keine klassische Rezension, sondern eine geschichtspolitische Stellungnahme in literarischer Verpackung. Rennefanz nutzt das „Narrenschiff“, um über den angeblich gerechten und solidarischen Anspruch in SBZ und früher DDR zu schreiben. Dabei stützt sie sich auf einen zentralen Dialog im Roman zwischen einem altgedienten Ökonomieprofessor, vormals ZK-Mitglied, und einem jüngeren Kombinatsdirektor. Der eine hadert mit der Gegenwart, der andere klagt über die ökonomische Absurdität des Systems. Schließlich stellt der alte Funktionär die große Frage: „Was ist aus unseren Hoffnungen und Träumen geworden?” Dieser Satz dient Rennefanz als Folie, um das Projekt DDR neu zu bewerten – nicht aus der Perspektive seines Scheiterns, sondern aus der Perspektive seines vermeintlich hehren Anspruchs.
Doch hier beginnt das Problem einer methodisch und historisch schiefen Rekonstruktion: Der Blick auf die frühen Jahre wird von der Annahme des „guten Anfangs“ aus entwickelt, der irgendwann später entgleist sei. Dieser Ansatz negiert die historischen Realitäten, die von Gewalt und Repressionen geprägt waren. Und das funktioniert nur mit gravierenden Auslassungen.
Die Jahre 1945 bis 1953, die Formationsjahre der Diktatur in der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR, fehlen im Text von Sabine Rennefanz nahezu vollständig. Es wird kein Wort über die Verfolgung von Sozialdemokraten verloren, die sich der Zwangsvereinigung widersetzten. Es gibt keinen Hinweis auf die bürgerlichen Demokraten, die sich dem Weg in die neue Diktatur widersetzten und kaltgestellt, inhaftiert oder ermordet wurden. Auch der Kampf gegen den „Sozialdemokratismus“, die innerparteilichen „Säuberungen” der SED von „Trotzkisten“, „Titoisten“ und sonstigen „Abweichlern“ werden nicht erwähnt. Dass die Rückkehrer aus dem westlichen Exil alsbald unter Generalverdacht standen, bleibt ebenfalls ausgespart.
Noch eklatanter ist das vollständige Schweigen zu den massiven Repressalien der frühen Jahre oder zu den sowjetischen Speziallagern, die als Instrument der Entnazifizierung dienen sollten, in denen sich jedoch bald politische Gegner, willkürlich Verhaftete sowie Opfer von Denunziationen wiederfanden. Auch die Gleichschaltung der politischen Konkurrenz und der Einheitsorganisationen, die zunehmende Verfolgung von Christen sowie der Antisemitismus von links bleiben in Rennefanz' Essay unerwähnt.
Die Enteignungen in Wirtschaft und Industrie sowie die Bodenreform werden – wie so oft – als Akt der sozialen Gerechtigkeit dargestellt, wobei verschwiegen wird, dass die Neubauern ab 1952 ebenso wie die Handwerker in Produktionsgenossenschaften gezwungen wurden. Wer sich widersetzte, wurde stigmatisiert, enteignet oder strafrechtlich verfolgt. Auch hierzu schweigt der Essay. Die Kehrseite der oft heroisierten Reformmaßnahmen bleibt unsichtbar.
Dass der 17. Juni 1953 in einem Text über die frühen Jahrzehnte der DDR nur nebenbei erwähnt wird, ist ein besonders eklatanter blinder Fleck. Acht Jahre nach Kriegsende und vier Jahre nach Gründung der DDR brach ein Volksaufstand aus, der seinen Ausgangspunkt in der Arbeiterschaft nahm, in deren Namen die SED zu herrschen behauptete. Seine Forderungen waren klassisch demokratisch: freie Wahlen, Meinungsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und die Abschaffung der Normerhöhungen. Dass dieser Aufstand in einem Essay zur Frühgeschichte der DDR fast nebenbei abgehakt wird, offenbart den normativen Rahmen.
Im Artikel ist viel von den vermeintlich guten Intentionen der DDR-Gründer und wenig von ihrer Praxis die Rede. Und so wundert es nicht, dass jener Satz von Walter Ulbricht von 1945 fehlt, den Wolfgang Leonhard überliefert hat und der den Diktaturaufbau in seiner politischen Essenz beschreibt: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand behalten.“
Stattdessen wendet sich der Artikel ausgiebig der Bundesrepublik zu. Globke, Maunz, Gehlen – ein berechtigter Blick auf die Kontinuitäten im westdeutschen Staatsaufbau. Doch der Vergleich gerät zur rhetorischen Finte: Die dunklen Seiten der Bundesrepublik dienen nicht der Aufklärung, sondern der Entlastung der DDR. Der implizite Erzählstrang lautet: Beide Staaten hatten Altlasten, doch der Osten zog die Konsequenzen, der Westen nicht. Es ist ein bekanntes Muster: die Gleichsetzung zweier ungleicher Systeme durch asymmetrische Kritik.
Das letzte Wort gehört dem Professor aus „Narrenschiff“, der das Scheitern des Projekts bereits im Jahr 1937 verortet – mit Beginn des Großen Terrors in der Sowjetunion. Was auf den ersten Blick wie ein selbstkritisches Innehalten wirkt, ist in Wahrheit ein geschickter Rückzug: Man zitiert einen fiktiven Charakter, anstatt eine eigene, klare Position zu beziehen. Der Eindruck, der entsteht, ist, dass die DDR ein idealistisches Projekt war, das von der Geschichte betrogen wurde – nicht von den undemokratischen Zielen und Methoden ihrer eigenen Akteure, nicht von deren Entscheidungen, die den Aufbau einer neuen Diktatur zum Ziel hatten.
Und so nutzt der Essay von Sabine Rennefanz die Aura eines bedeutenden Romans, um ein altbekanntes, einseitiges Narrativ zu stützen: die Darstellung der DDR als geläuterten deutschen Staat, den besseren Anfang. Wer die Etablierung einer neuen Diktatur nach 1945 ignoriert und als angeblich guten Anfang erzählt, indem die Verbrechen und das Unrecht verschwiegen werden, setzt sich dem Vorwurf aus, das System zu verharmlosen.
https://www.tagesspiegel.de/politik/war-die-ddr-anfangs-der-bessere-deutsche-staat-uberlegungen-zum-80-jahrestag-des-kriegsendes-13611694.html