Der große Streik der britischen Bergarbeiter ist eines der wichtigsten innenpolitischen Ereignisse der jüngeren britischen Geschichte. In dem erbittert geführten Arbeitskampf standen sich eine homogene Gruppe von Industriearbeitern, organisiert in der Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM), geführt von dem charismatischen Arthur Scargill, und die konservative Regierung unter Margaret Thatcher gegenüber. Die Regierung nutzte alle Machtmittel des Staates – von der Einflussnahme auf die Medien über die Polizei bis hin zur Justiz –, um die streikenden Bergarbeiter in einem zwölfmonatigen Abnutzungskampf »einzuhegen, zu isolieren und zu besiegen«.[1] Obwohl vordergründig als Abwehrkampf gegen Zechenschließungen in einer sich deindustrialisierenden Nation geführt – »Coal not Dole« (Kohle statt Sozialhilfe) lautete der bekannteste Slogan der Bergarbeiter –, war der Arbeitskampf schon damals politisch aufgeladen und von großer symbolischer Bedeutung. Nach einem Jahr brach die Gewerkschaft den Streik ab, ohne ein Übereinkommen mit dem staatlichen Arbeitgeber erzielt zu haben. Während Gewerkschaftsführer von einem vorübergehenden Rückschlag sprachen, waren sich die meisten Beobachter einig, dass das Ergebnis einer katastrophalen Niederlage gleichkam, und zwar nicht nur für die NUM, sondern für die gesamte britische Arbeiterbewegung. In der öffentlichen Wahrnehmung wie auch der Geschichtswissenschaft wurde der Streik schon bald als »letztes Gefecht« der proletarischen Arbeiterklasse in Großbritannien gedeutet.[2]
30 Jahre nach dem Bergarbeiterstreik kam im Jahr 2014 der Film Pride in die britischen Kinos. Der von Matthew Warchus inszenierte Film wurde von der Kritik gefeiert und war auch kommerziell erfolgreich. Pride erzählt die Geschichte des Streiks weniger als Kampf um Arbeit, denn als eine Auseinandersetzung um Identität. Die Handlung bezieht ihre Spannung aus der Begegnung von identitätspolitischem Aktivismus und klassenbewusstem Kommunitarismus, aus dem Aufeinanderprallen von großstädtischem Aktivismus und dörflicher Beharrungskraft. Im Angesicht eines gemeinsamen Gegners, des von Margaret Thatcher propagierten Neoliberalismus, nehmen Aktivistinnen und Aktivisten der Schwulen- und Lesbenbewegung Kontakt mit einer streikenden Bergarbeitersiedlung im abgelegenen südwalisischen Kohlerevier auf. Das Aufeinanderprallen der beiden Kulturen sorgt für Komik, weist aber auch den Weg zu einer Allianz zwischen den Neuen Sozialen Bewegungen und der Industriearbeiterschaft. Im gemeinsamen Kampf lösen sich gleichsam »magisch« die Spannungen und Gegensätze auf, die die britische Linke seit den 1970er-Jahren umgetrieben hatten.
Die Handlung basiert auf realen Gegebenheiten, überzeichnet jedoch bewusst das Aufeinanderprallen der großstädtischen Aktivistinnen und Aktivisten mit den proletarischen Traditionalisten.[3] Darüber hinaus lässt das Drehbuch einen Zusammenhang außer Acht, der das Rahmenthema dieses Jahrbuches betrifft. Führende Mitglieder von Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM) wiesen enge Kontakte zur Kommunistischen Partei Großbritanniens (Communist Party of Great Britain, CPGB) auf. Mark Ashton, der charismatische Anführer von LGSM, steht beispielhaft für diese Verbindung. Vom einfachen Mitglied der Partei stieg Ashton im Jahr 1985 zum Generalsekretär der Young Communist League, der Jugendorganisation der CPGB, auf.[4] Mit Pride kam nun jene Streiktaktik auf die Leinwand, die die Gewerkschaft 1984/85 nach Meinung des reformorientierten Flügels in der Partei, zeitgenössisch »Eurocommunists« genannt, hätte verfolgen sollen: Nicht die Konfrontation an der picket line, sondern das Solidaritätskonzert stand im Zentrum dieser Vision von einem »breiten demokratischen Bündnis«, einer Allianz von Identitäts- und Klassenpolitik, die die Neuen Sozialen Bewegungen statt der Industriearbeiterschaft als den wahren Motor des gesellschaftlichen Fortschritts sah.
Damit wird folgendes Problem offensichtlich: Die gegenwärtige kollektive Erinnerung an den Streik ist stark von Deutungen beeinflusst, die zeitgenössisch von kommunistischen Intellektuellen wie Hywel Francis, Beatrix Campbell, Pete Carter und, mit anderer Stoßrichtung, von Raphael Samuel formuliert wurden. [5] Der Kommunismus selbst spielt in dieser Erinnerung keine Rolle. Während die kommunistische Sicht auf den Streik einen späten Sieg errungen hat, war der Einfluss der CPGB auf den Verlauf der Ereignisse gering. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Partei in den Kohlerevieren eine ihrer Hochburgen hatte.
Der Beitrag verfolgt zwei Ziele: Zum einen soll die Diskrepanz zwischen zeitgenössischer Ohnmacht und retrospektiver Deutungshoheit erklärt werden. Zum anderen soll gezeigt werden, wie die kommunistische Urheberschaft an den dominanten Narrativen unkenntlich gemacht wurde. Dafür wird es im Folgenden nötig sein, drei Zeitstränge in den Blick zu nehmen. Der erste Abschnitt ist den 1960er- und den frühen 1970er-Jahren gewidmet, als die CPGB bedeutenden Einfluss auf die britische Arbeiterbewegung und insbesondere die Gewerkschaftsbewegung ausüben konnte. Wenn die Partei auch nicht ursächlich für den Linksruck der Gewerkschaften in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren war, spielte sie doch eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Arbeitsprotests jener Jahre. Zur Enttäuschung der Parteiführung konnte der gewerkschaftliche Einfluss allerdings nicht in einen politischen Erfolg an der Wahlurne oder einen Zuwachs an Parteimitgliedern umgewandelt werden. Im zweiten Teil werden die zweite Hälfte der 1970er- und die 1980er-Jahre in den Blick genommen. Er zeigt, dass kommunistische Intellektuelle lange vor Ausbruch der großen Streiks damit begonnen hatten, die zentrale Rolle des Industriearbeiters im Denkhorizont der Partei infrage zu stellen. Neue gesellschaftliche Verhältnisse, so die Argumentation, erforderten eine Öffnung hin zu einer »breiten demokratischen Allianz« statt eines Festhaltens an überkommenen Klassenkampfmodellen. Im dritten Abschnitt wird die Nachgeschichte des Streiks in der kollektiven Erinnerung skizziert. Es wird gezeigt, wie die Begegnungen zwischen traditioneller Gewerkschafts- und Neuen Sozialen Bewegungen, die in Pride thematisiert werden, vom Rand ins Zentrum der kollektiven Erinnerung rückten. Als die identitätspolitische Deutung des Streiks im frühen 21. Jahrhundert dominant wurde, existierte die CPGB längst nicht mehr. Schließlich wird im Fazit die Bedeutung des Kommunismus für die britische Demokratie resümiert.
I. Die Kommunistische Partei und gewerkschaftliche Militanz in den 1960er- und 1970er-Jahren
Größere Erfolge an der Wahlurne blieben der CPGB ihre gesamte 70-jährige Geschichte über versagt. Obwohl die Partei regelmäßig Kandidaten für die Unterhauswahlen aufstellte, konnte sie nur 1945 zwei Parlamentssitze erringen.[6] Auch war die CPGB nie eine Massenpartei. 1942, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges, zählte sie 56.000 Mitglieder. Anfang der 1970er-Jahre war die Zahl auf unter 30.000 zurückgegangen; kurz vor Ausbruch des Streiks 1984 zählte die Partei noch 15.000 Mitglieder.[7] Trotz enttäuschender Ergebnisse hielt die CPGB an ihrem Ziel fest, eine Massenpartei mit starker parlamentarischer Repräsentation zu werden. Bis in die 1970er-Jahre floss viel Energie in die Organisation von Wahlkämpfen und die Werbung neuer Mitglieder.[8] Die tatsächliche Unterstützung für die Partei war regional unterschiedlich. Die Kohlereviere von Schottland und Südwales gehörten zu ihren Hochburgen. Darüber hinaus war die Partei auch im schottischen Glasgow und im Londoner East End fest verankert.[9] Die personelle Zusammensetzung der Partei glich Mitte der 1960er-Jahre in etwa jener der britischen Gesellschaft insgesamt. Einer zeitgenössischen soziologischen Studie zufolge gehörten rund drei Viertel der Mitglieder der Arbeiterklasse an; dies entsprach auch ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.[10] Einige Berufsgruppen waren stärker vertreten als andere. Bergarbeiter, Metallarbeiter (engineers) und Bauarbeiter stellten zusammen 40 Prozent der Mitglieder.[11] Unter den Vertreterinnen und Vertretern der Mittelschicht bildeten Lehrpersonen die größte Gruppe.[12] Das Weltbild der Partei war stark vom Ethos und Habitus der Facharbeiterschaft (skilled working class) geprägt, insbesondere von deren earnest minority, die schon lange das Rückgrat der britischen organisierten Arbeiterschaft gebildet hatte.[13] »Von den Parteiaktivisten wurde erwartet, in ihrer Haltung und Lebensführung die Tugenden der Arbeiterklasse vorbildhaft zu repräsentieren«, wie Willie Thompson, Historiker und ehemaliges Parteimitglied, zusammenfasst.[14] In gewisser Hinsicht verband die CPGB mehr mit einer religiösen Sekte als mit einer Massenpartei oder leninistischen Kaderpartei. Sie war puritanisch und anständig (respectable), diszipliniert und selbstlos einem Ziel verpflichtet, das in weiter Ferne lag. Ein Kommunist zu sein bedeutete in den Worten des Sozialhistorikers Raphael Samuel, über eine »komplette soziale Identität« zu verfügen.[15]
Trotz des ausbleibenden Erfolgs an der Wahlurne war die CPGB nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung der britischen Demokratie. Obwohl die Partei auch nach 1945 an ihrem Ziel, einen revolutionären Wandel herbeizuführen, festhielt, passte sie die Bedeutung des Revolutionsbegriffs den Bedingungen des parlamentarischen Systems an. In den 1960er-Jahren war mit »Revolution« nicht länger ein gewaltsamer Umsturz des Staates gemeint, sondern die demokratische Übertragung der Macht vom »Monopolkapital« auf die Arbeiterklasse.[16] Den Weg dorthin wollte die CPGB friedlich zurücklegen, ohne Märtyrer und hingerichtete Klassenfeinde.[17] Der radikale Wandel sollte durch eine Kombination aus außerparlamentarischem Druck – ausgeübt durch die Gewerkschaftsbewegung – und Steuerung einer Regierung unter Labour, die dem Ideal der sozialistischen Umgestaltung verpflichtet war, herbeigeführt werden.[18] In der Praxis entfaltete die CPGB ihren größten Einfluss innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Parteimitglieder hatten wichtige Positionen in einzelnen Gewerkschaften inne, während Funktionäre hinter den Kulissen daran arbeiteten, die Aktionen einzelner Gewerkschaften zu koordinieren. Vor allem während der »Hochzeit der britischen Gewerkschaftsbewegung« in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren hatte die Partei damit einigen Erfolg.[19] Die Strategie der CPGB in dieser Phase wird als »militant Labourism« beschrieben. Die Partei trat für »freie« Verhandlungen mit den Arbeitgebern, aggressive Lohnforderungen und den Erhalt der rechtlichen Privilegien der Gewerkschaften ein.[20]
In den 1950er- und 1960er-Jahren waren die Generalsekretäre der NUM, die Waliser Arthur Horner und Will Paynter, zugleich auch Mitglieder der CPGB.[21] Der schottische Gewerkschaftsführer Mick McGahey, NUM-Vizepräsident während des Streiks, war ebenfalls Parteimitglied. Auch andere prominente Gewerkschaftsführer waren ehemalige Kommunisten, wie etwa der Generalsekretär Lawrence Daly, der die Partei 1956 verlassen hatte, oder ehemalige Mitglieder der Jugendorganisation der Young Communists, wie Arthur Scargill, Präsident der NUM von 1981 bis 2001. Mitte der 1970er-Jahre war die Partei mit sechs Männern im 19 Mitglieder umfassenden Exekutivkomitee der NUM vertreten. Trotz ihrer Parteimitgliedschaft hatten Bergbau und Zechengemeinschaften für sie oberste Priorität: Laut des Historikers Ewan Gibbs war dies ihrer »beruflichen Identität« geschuldet.[22] Allerdings sahen sie keinen Widerspruch zwischen ihrer Rolle als Parteimitglied und jener als Gewerkschafter. Wie McGahey im Jahr 1974 erklärte: »I see no conflict in my role as a communist and my role as a trade union leader, to put into practice the aim and objective of the NUM, which is the complete abolition of capitalism.«[23]
Was die Kommunisten in den Augen ihrer Anhänger und Gegner von anderen unterschied, waren ihre hohe Arbeitsdisziplin und ihr unbedingter Einsatz für die gemeinsame Sache: Ein Kommunist zu sein, hieß ein außergewöhnlich aufopferungsvoller Gewerkschafter zu sein.[24] Wie Paul Routledge, labour correspondent der Times in einer Reportage im Jahr 1974 schrieb: »The communist strategy is based on the simple formula that hard work pays off.«[25]
Der tatsächliche Einfluss der CPGB auf den Bergbau in den 1960er- und 1970er-Jahren hatte weniger mit der Präsenz in den Leitungsgremien der Gewerkschaft zu tun als mit ihrer Tätigkeit hinter den Kulissen. CPGB-Kader arbeiteten mit Nachdruck an Absprachen, die die Wahl linker Konsenskandidaten ermöglichten. Die Partei stellte darüber hinaus ihre Infrastruktur für Arbeitskämpfe zur Verfügung und koordinierte Solidaritätsstreiks. Hauptamtliche industrial organisers waren dabei von großer Bedeutung.[26] Einer von ihnen war Frank Watters. In den 1960er-Jahren war er maßgeblich daran beteiligt, Großbritanniens größtes Kohlerevier in der Region Yorkshire, das lange als Bollwerk des rechten Labour-Flügels galt, »nach links zu verschieben«.[27] Im landesweiten Bergarbeiterstreik von 1972, dem ersten seit 50 Jahren, koordinierte Watters die Solidaritätsaktionen anderer Industriegewerkschaften. In der sogenannten Battle of Saltley Gate kamen Tausende Arbeiter aus Birminghams großen metallverarbeitenden Betrieben den streikenden Bergarbeitern zu Hilfe. Die gemeinsame Massenblockade zwang die Polizei, die Tore eines Koksdepots aus Sicherheitsgründen zu schließen. Dadurch hatten die Bergarbeiter in ihrem Bemühen, die Energieversorgung des Landes abzuschneiden, einen symbolträchtigen Sieg errungen.[28] Der junge Arthur Scargill wurde durch die Ereignisse landesweit bekannt. In einem Interview, das ein paar Jahre später im New Left Review erschien, schwärmte der inzwischen zum Präsidenten der Yorkshire Miners aufgestiegene Scargill von Saltley als einem eindrucksvollen Beispiel für die Macht der organisierten Arbeiterklasse: »Here had been displayed all that’s good in the working-class movement. Here had been displayed what for years had been on a banner but had never been transferred into reality. You know the words: ›Unity is Strength‹, ›Workers of the World Unite‹, ›Man to Man Brother Be‹. They’re big words. Sometimes they’d been ridiculed. Through all that ridicule, all that sneering, they survived. Here was the living proof that the working class had only to flex its muscles and it could bring governments, employers, society to a total standstill.«[29]
Viele Jahre später unterstrich Margaret Thatcher in ihren Memoiren, dass Saltley Gate auch für ihre politische Bewusstseinsbildung einen Wendepunkt bedeutet hatte. »Für mich«, schrieb sie, »hatte das, was in Saltley geschah, nicht weniger Bedeutung als für die Linke.«[30]
II. Die Kommunistische Partei und der große Streik 1984/85
Obwohl die CPGB einen wichtigen Beitrag zum Sieg der Bergarbeiter im Jahr 1972 geleistet hatte – und zur Welle gewerkschaftlicher Militanz in der britischen Industrie im Allgemeinen –, konnte sie nur wenig Nutzen für sich selbst daraus ziehen.[31] Die Mitgliederzahlen stagnierten; die Rückkehr einer Labour-Regierung im Jahr 1974 erschwerte es der Partei, ihre Rolle in der Arbeiterbewegung zu behaupten. In der Tat war es während der zunächst von Harold Wilson und dann von James Callaghan geführten Labour-Regierung der Jahre 1974 bis 1979, dass kommunistische Intellektuelle – allen voran der Historiker Eric Hobsbawm in einem 1979 veröffentlichten Aufsatz – eine grundsätzliche Kritik an der zentralen Parteidoktrin formulierten, wonach der (männliche) Industriearbeiter der zentrale Protagonist gesellschaftlichen Fortschritts sei.[32] Hobsbawms Kritik traf die Partei an einem zentralen Punkt ihres Selbstverständnisses; sie löste wütende Repliken aus.[33] Die Kontroverse innerhalb der Partei dauerte noch an, als das National Coal Board im März 1984 ankündigte, 20 Zechen zu schließen und 20 000 Stellen zu streichen, und damit die schon lange erwartete Konfrontation zwischen den Bergarbeitern und der Thatcher-Regierung auslöste.[34]
Die Strategie der NUM folgte in gewisser Hinsicht dem Drehbuch für gewerkschaftliche Militanz, das die Kommunistische Partei zwar nicht allein entworfen hatte, aber doch seit Langem propagierte.[35] 1984 setzte sich die Führung der Gewerkschaft aus einer Troika zusammen, die die unterschiedlichen Strömungen der radikalen Linken umfasste: Arthur Scargill, der Präsident der Gewerkschaft, stand dem linken Flügel der Labour Party um Tony Benn nahe; der Generalsekretär Peter Heathfield wurde ebenfalls dem linken Flügel der Labour Party zugerechnet. Vizepräsident Mick McGahey war, wie schon erwähnt, auch Mitglied der Kommunistischen Partei. Im Exekutivkomitee, dem wichtigsten Entscheidungsgremium, war die strukturelle Mehrheit der Gemäßigten, die in den 1970er-Jahren noch die Linie vorgegeben hatten, gebrochen worden. In den Kohlerevieren konnte sich die Führung auf einen harten Kern junger Aktivisten verlassen – von McGahey als »our wolves« gefeiert und von der Presse als »Scargill’s army« bezeichnet –, die den Streik vor Ort durchsetzen würden. Die Zangenbewegung aus Anweisungen von oben und Druck von unten werde, so das Kalkül, eine unwiderstehliche Dynamik erzeugen. Der gesamte Bergbau werde stillstehen, ohne dass es dazu einer formalen Urabstimmung unter den Mitgliedern bedürfe. In der Tat verhöhnte McGahey die Forderungen des gemäßigten Flügels, eine Urabstimmung durchzuführen, öffentlich als »ballotitis«.[36] Die gesamte Gewerkschaftsbewegung werde der Führung der Bergarbeiter folgen und entweder auf direktem oder indirektem Wege zum Sturz der Regierung Thatcher führen, so die Erwartung. Die Strategie beruhte auf einer populären Deutung des Streiks von 1972. Das ganze Jahr über versuchte die Führung, eine Neuauflage der berühmten Battle of Saltley Gate herbeizuführen, vor allem in der Region rund um das Koksdepot von Orgreave im Juni 1984. Aber die Vergangenheit ließ sich nicht wiederholen; die Geschlossenheit des Jahres 1972 konnte im 1984 nicht wieder erreicht werden. Die NUM schaffte es nicht, alle Bergarbeiter für den Streik zu mobilisieren; sie scheiterte auch in dem Bemühen, andere Gewerkschaften für Solidaritätsstreiks zu gewinnen. Öffentliche Solidaritätsbekundungen des Gewerkschaftsbundes erwiesen sich als nicht viel mehr als ein Alibi dafür, den eigenen Arbeitsplatz für die Sache der Bergarbeiter nicht zu gefährden.
Während sich die Gewerkschaften zurückhielten, kam im ganzen Land eine Bewegung in Gang, die die Bergarbeiter finanziell und moralisch unterstützte;[37] darunter auch viele Kommunisten. Bis zum Herbst 1984 trug diese allgemeine gesellschaftliche Solidarität dazu bei, die parteiinternen Gräben zwischen den Reformern, genannt »Eurokommunisten«, und den Traditionalisten zu überdecken, mit denen die Partei seit den späten 1970er-Jahren zu kämpfen hatte.[38] Allerdings musste die Partei hilflos zusehen, als sich die Feindseligkeiten unter den Bergarbeitern verstärkten und klar wurde, dass die britische Gewerkschaftsbewegung der NUM nicht helfen würde. Während Watters 1972 entscheidend daran beteiligt gewesen war, die Industriearbeiter Birminghams mit den streikenden Bergarbeitern vor den Toren des Koksdepots von Saltley zu vereinen, hofften die Bergarbeiter im Juni 1984 in Orgreave vergeblich auf Solidaritätsaktionen anderer Gewerkschaften. Die Polizei nutzte die Gelegenheit, den Protest der Bergarbeiter gewaltsam zu zerschlagen. Auch konnte die CPGB ihren Einfluss in der NUM nicht nutzen, um sie zu einem taktischen Rückzug zu bewegen, als die Situation im Herbst/Winter desselben Jahres hoffnungslos wurde. Die Partei konnte ebenso wenig tun, als die NUM begann, Positionen zu vertreten, die zunehmend fatalistische Züge trugen. In der Rhetorik der Gewerkschaftsführung wurde der Streik zu einem Endkampf stilisiert, in dem das Ausharren in hoffnungsloser Lage zu einem Wert an sich erhoben wurde. Die Ohnmacht der CPGB ist umso bemerkenswerter, als mit Mick McGahey ein Kommunist im engsten Führungszirkel der Gewerkschaft saß, der weit über die Parteigrenzen hin Respekt genoss.
Unfähig den Gang der Ereignisse zu beeinflussen, brachen die ideologischen Gräben innerhalb der Partei wieder auf. Während alle Lager den Streik öffentlich weiterhin unterstützten, begannen die Eurokommunisten intern damit, die Taktik der NUM infrage zu stellen und eine alternative Strategie zu entwickeln. Als das Scheitern des Streiks nur noch eine Frage der Zeit war, wurde ihre Kritik auch öffentlich. Die NUM habe auf veraltete Formen des Klassenkampfes gesetzt, anstatt das Potenzial »breiter demokratischer Allianzen« auszuschöpfen.[39] Im Februar 1985 argumentierte Hywel Francis in Marxism Today, dass die Einheitsfront (popular front) der Zwischenkriegszeit eine bessere Blaupause geliefert hätte als die massenhafte Platzierung von Streikposten vor den Toren der Zechen und anderen Schlüsselpunkten der Energieversorgung. Das walisische Beispiel, im Zuge dessen es zu einer breiten Solidarisierung der Zivilgesellschaft mit der NUM gekommen war, schien ihm zukunftsweisend zu sein: »Farmers, church leaders, teachers, public employees, Welsh language activists, historians, poets, folk-singers, communists, members of the Labour Party and Plaid Cymru, ministers of religion, the women’s movement and the peace movement all made common course in support of Welsh mining communities.« [40]
In einem Essay, der im März 1985 im linksliberalen Wochenmagazin New Statesman erschien, hielt die Eurokommunistin Beatrix Campbell der NUM den Spiegel aus feministischer Perspektive vor. Die Gewalt, die sich an der Kontaktlinie zwischen Streikposten und Polizei abgespielt hatte, sei ein »durch und durch männliches Phänomen«. »Die Tendenz der männlichen Linken, ›muskulöse Militanz‹ und Gewalt mit politischer Macht gleichzusetzen«, habe sich als kontraproduktiv erwiesen.[41] Diese Haltung wurde von dem Sozialhistoriker Raphael Samuel scharf kritisiert. In einer mit »Doing dirt on the miners« betitelten Polemik schrieb das ehemalige Parteimitglied: »The working man is no longer a hero of struggle, but an object of social and sexual disgust.« Arthur Scargill seinerseits warf den Eurokommunisten vor, »gemeinsame Sache mit dem Klassenfeind« zu machen.[42]
Wenn die Kritik der CPGB auch ohne unmittelbare Folgen blieb, bleibt doch festzuhalten, dass die Initiative zur Beendigung des Streiks von einem Kohlerevier ausging, das eine lange kommunistische Tradition aufwies. Der Streik endete ohne ein Übereinkommen mit dem Arbeitgeber aber dennoch mit einer geordneten Rückkehr in die Zechen. Die Entscheidung über ein Ende des Streiks war von der Gewerkschaftsführung vor dem Hintergrund erfolgt, dass sich immer mehr Bergarbeiter gezwungen sahen, zu Streikbrechern zu werden. Zwar harrte Anfang März 1985 eine knappe Mehrheit immer noch aus, aber die Zahlen, die der NUM vorlagen, zeigten deutlich, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, ehe sie in der Minderheit waren. Vor allem in den Revieren der Midlands war der Streik schon so gut wie zusammengebrochen. In den Hochburgen der Linken allerdings, in Schottland, Südwales, Kent und auch in Yorkshire, bildeten die Streikenden noch immer eine große Mehrheit.[43] Doch selbst hier nahm die Zahl derjenigen, die den Streik abbrachen, täglich zu. Einen seltenen Einblick in die Gewissenskonflikte, in denen sich manche Bergarbeiter befanden, gibt ein anonymer Brief, der im Februar 1985 an den Präsidenten der Yorkshire Area, Jack Taylor, adressiert war. Darin heißt es in beschwörendem Ton: »Jack, I don’t write letters in fact I haven’t wrote [sic] one for 20 years but this one is vital its [sic] so important I’ve got to write it even if I [sic] kills me, so read it and read it well and proper.« Ganz offensichtlich bereitete es dem Verfasser Schwierigkeiten, sich schriftlich mitzuteilen. Noch schwerer fiel ihm aber das, was er mitzuteilen hatte. Der Verfasser war nach elf langen Monaten zum Streikbrecher geworden. Er betonte, dass er dies nicht aus eigenem Antrieb getan habe, sondern weil er keine andere Chance mehr sah, seine Ehe zu retten: »It hurt me starting but I had to. I’ve 3 kids and my wife keeps threatening to leave me. I had to start I was desitute.« Der Brief schloss mit der dringenden Aufforderung, die NUM möge eine Rückkehr in die Zechen anordnen, um zu verhindern, dass die Gewerkschaft zerstört werde.[44]
Solchen verzweifelten Beschwörungen zum Trotz forderte die landesweite Führung der NUM ihre Mitglieder auf, weiter durchzuhalten. In der Rhetorik Scargills wurde der Kampf immer mehr zum Selbstzweck. »Die größte Leistung ist der Kampf selbst«, denn er habe den Verlauf der Geschichte verändert, betonte Scargill im März 1985.[45] Weit über die Grenzen Großbritanniens hinaus seien die Bergarbeiter zu einem Symbol und Vorbild für die Arbeiterklasse geworden. Wenn nötig, werde der Streik auch von einer Minderheit der Bergarbeiter fortgeführt.
Vor dem Hintergrund solch chiliastischer Rhetorik begannen regionale Gewerkschaftsführer aus Schottland und vor allem aus Südwales, sich von der nationalen Führung zu distanzieren. Sie betonten, dass der Erhalt der NUM als Organisation wichtiger sei als die Fortführung eines hoffnungslosen Streiks. Insofern sei es höchste Zeit für einen geordneten Rückzug. Ein letztes heroisches Gefecht, so wie es Scargill vorschwebte, werde unweigerlich die Gewerkschaft als Organisation zerstören. Der walisische Vertreter, der einen diesbezüglichen Antrag auf der entscheidenden Delegiertenkonferenz Anfang März 1985 eingebracht hatte, drückte den Zusammenhang folgendermaßen aus: »I am saying now, search your hearts, search your hearts, comrades, and make your minds up. The men are calling for leadership, and you have two alternatives. You either give them leadership and repay the loyalty they have given us, or you sit back with your blindfold on and you let the strike collapse around you. That is not leadership. I believe it is leadership if you are men enough to decide that the time is right when you have to make a strategic withdrawing, if you like […]. We have got to live in the world as it is, not as we would like it to be, and I’m asking this Conference now, save the National Union of Mineworkers for Christ’s sake, and support the South Wales motion.«[46]
Aber auch hier sprachen die Kommunisten unter den Gewerkschaftern nicht mit einer Stimme. Die Vertreter des Kohlereviers Kent, ebenfalls kommunistisch geprägt, brandmarkten jede Initiative, die den Streik zu einem Ende bringen wollte, als Verrat an den Aktivisten. Die Vertreter des schottischen Kohlereviers brachten einen Alternativantrag ein, in dem sie forderten, zunächst eine Amnestie für die im Verlauf des Streiks entlassenen Bergarbeiter zu erreichen, bevor an ein Ende des Streiks gedacht werden könne.[47] Das Exekutivkomitee der NUM war gespalten und enthielt sich einer Empfehlung an die Delegierten. In der auf die Debatte folgenden Abstimmung setzte sich der Antrag aus South Wales für eine Beendigung des Streiks knapp mit 98 zu 91 Stimmen durch. Wenn die CPGB auch keinen direkten Einfluss auf die Entscheidungsfindung gehabt zu haben scheint, so stand der Entschluss, die Organisation zu erhalten anstatt heroisch mit ihr unterzugehen, in einer kommunistischen Tradition, die Werte wie Disziplin, Einheit und Organisation betonte. Die NUM hatte einen schweren Rückschlag erlitten, aber die Entscheidung zum geordneten Rückzug sollte die Gewerkschaft vor dem Untergang bewahren, so die Hoffnung der meisten Delegierten im Frühjahr 1985.
III. Die Kommunistische Partei und der Kampf um die Erinnerung
Die Eurokommunisten stellten die Solidaritätsbewegung aus der Mitte der Bevölkerung in das Zentrum ihrer Analyse. Für sie lag enormes Potenzial in den klassenübergreifenden Bündnissen, die sich während des Streiks gebildet hatten. Der Streik hatte an manchen Orten zu einer Verschmelzung der Arbeiterbewegung mit den Neuen Sozialen Bewegungen – der Frauen-, Schwulen- und Lesben-, der Bürgerrechts-, Friedens- und Umweltbewegung – geführt. Obwohl die Eurokommunisten die politische Handlungsmacht der organisierten Arbeiterschaft nicht negierten, relativierten sie diese als eine Gruppe neben anderen. Während sie die gewerkschaftliche Militanz der 1970er-Jahre als veraltet betrachteten, zogen sie Inspiration aus einer romantisierenden Vorstellung der Einheitsfrontbestrebungen der Zwischenkriegszeit. Der Kommunistischen Partei der Gegenwart, und der Linken insgesamt, werde damit in einer Zeit beschleunigten sozio-kulturellen und wirtschaftlichen Wandels eine zukunftsfähige Grundlage gegeben. Ihrer Analyse zufolge lief die britische Linke durch die fortdauernde Privilegierung des Industriearbeiters Gefahr, im Gestern zu verharren, während der Thatcherismus die Zukunft fest im Blick hatte.[48]
Obwohl die Deutung der Eurokommunisten schon zum damaligen Zeitpunkt viel Beachtung fand, ist es wichtig festzuhalten, dass die zugrunde liegende Annahme nicht von allen geteilt wurde. Für die Regierung Thatcher zum Beispiel bot die Solidaritätsbewegung keinen Anlass zur Sorge. Die Regierung konzentrierte sich darauf, die Ausweitung des Streiks auf alle Kohlereviere zu verhindern. Außerdem war sie darum bemüht, Versuchen anderer Industriegewerkschaften, den Bergarbeitern zu Hilfe zu kommen, vor allem solcher in Schlüsselpositionen wie der Eisenbahn, der Energieversorgung, der Stahlindustrie oder den Häfen, einen Riegel vorzuschieben. Die »breite demokratische Allianz« aber, die von den Eurokommunisten mit so hoher Aufmerksamkeit bedacht wurde, fand in den internen Regierungsanalysen kaum Beachtung. Die fest an der Seite der Regierung stehende Presse sah sich eher dazu veranlasst, sich über die klassenübergreifende Regenbogenkoalition lustig zu machen, als sie ernst zu nehmen. So erschien am 1. März 1985 in der Daily Mail eine Glosse, die mit »Yobbos and loonies« überschrieben war. In der dazugehörigen Karikatur erschien der Slogan »Parasites Against Closures«.[49] Im Text hieß es verächtlich: »The Yobbos march, rather incongruously joined by feminists, homosexuals and immigrants, three of the groups that make up the readership of The Guardian, the Loony newspaper.«
Erst rund 30 Jahre später, als es sowohl die Kommunistische Partei als auch den Bergbau nicht mehr gab, begann die zeitgenössische eurokommunistische Deutung, die populäre Erinnerung genauso wie die Historiographie zu dominieren. Das Wiederaufleben hatte mit den dramatischen Veränderungen zu tun, die sich seit den 1980er-Jahren ereignet hatten. Es war eine Deutung, die zu einer Zeit nach Thatcher ebenso passte wie zu einer nach New Labour. Drei Brüche waren von besonderer Bedeutung. Erstens hatten der Rücktritt Margaret Thatchers im November 1990 und das Ende des Kalten Krieges dem Streik und ganz allgemein der Auseinandersetzung mit der organisierten Arbeiterbewegung die Grundlage genommen.[50] Militante Gewerkschafter konnten nicht länger als »fünfte Kolonne« in einer geopolitischen Konfrontation zwischen dem »freien« Westen und der kommunistischen Welt begriffen werden. Thatchers Einschätzung in ihren 1993 erschienenen Memoiren, wonach Scargill 1984/85 einen »Aufstand« (insurrection) gegen die parlamentarische Demokratie gewagt hatte, erschien als schrille Rhetorik einer verbitterten Ex-Premierministerin, der die eigenen autokratischen Anwandlungen zum Verhängnis geworden waren.[51]
Zweitens hatte die Kohlekrise 1992/93 gezeigt, dass selbst die wirtschaftlich »effiziente« Industrie, die nach der Niederlage der NUM durchgesetzt worden war, keine Zukunft hatte. Im Rückblick erschienen selbst die Bergleute aus dem Nottinghamer Revier, die für ihre Weigerung, dem Streikaufruf ihrer Gewerkschaft zu folgen, von Thatcher als »Löwen« gefeiert worden waren, als Opfer, die sich von den falschen Versprechen der Tories hatten täuschen lassen.[52] Erfolgreiche Spielfilme aus der frühen Zeit von New Labour popularisierten die Neuerfindung des Bergarbeiters als Underdog. Sie zeichneten ein Bild von bemitleidenswerten, wenn auch sympathischen Opfern tiefgreifender struktureller Wandlungsprozesse, die wirkmächtiger waren als die politischen Handlungen der Regierung Thatcher. Aus dieser Perspektive wurde der Streik zu einem verzweifelten »letzten Gefecht« rückwärtsgewandter Proletarier – »hoffnungslos von Anfang an«, wie Tony Judt es ausdrückt.[53] Während es für den Einzelnen möglich gewesen sei, seinem Schicksal zu entkommen, schien das Kollektiv in überkommenen Lebensentwürfen gefangen – ein besonders schwieriger Fall »sozialer Exklusion«.[54]
Im Gegensatz zu New Labour, die die Tradition als überlebt kritisierte, zielte die eurokommunistische Interpretation darauf ab, das Überkommene und das Neue miteinander zu versöhnen. Diese Deutung wurde für die britische Linke umso attraktiver – dritter Bruch –, als sich das Versprechen der New-Labour-Jahre von einer individualistischen Selbstverwirklichung mit der Finanzkrise von 2007 als falsch herausgestellt hatte. Die Linke müsse Aspekte ihrer eigenen Tradition wiederentdecken, um glaubwürdige Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart zu geben. Im Spielfilm Pride aus dem Jahr 2014 wurden die klassenbasierten Traditionen der Arbeiterbewegung mit der Identitätspolitik der Neuen Sozialen Bewegungen in Einklang gebracht. Dieses Thema prägte auch die historische Literatur zum 40-jährigen Jubiläum des Streiks zehn Jahre später.[55]
Dass die parteipolitische Färbung des zugrunde liegenden Deutungsmusters unsichtbar blieb, hatte zum einen damit zu tun, dass es die CPGB seit Anfang der 1990er-Jahre nicht mehr gab. Wichtige Akteure (und ehemalige Mitglieder) wie Hywel Francis machten später in der Labour Party Karriere.[56] Zum anderen war schon damals zu beobachten gewesen, dass Aktivistinnen und Aktivisten ihre organisatorische Erfahrung und damit zusammenhängende parteipolitische Affiliation bewusst unerwähnt ließen, um die Spontaneität und breite gesellschaftliche Resonanz der Solidaritätsbewegung zu betonen. Wie neuere Forschungen nachgewiesen haben, waren etwa die zentralen Protagonistinnen von Women Against Pit Closures keineswegs »einfache« (ordinary) Hausfrauen, die durch den Streik plötzlich politisiert worden waren, sondern kampagnenerfahrene Veteraninnen der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung. [57]
IV. Fazit
Wie die obige Diskussion gezeigt hat, übte die Kommunistische Partei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher auf dem Feld der Ideen und in den Gewerkschaften einen Einfluss auf die Entwicklung der britischen Demokratie aus, als über Wählerstimmen oder gar durch revolutionäre Umsturzversuche. Die organisatorischen Fähigkeiten der Partei halfen dabei, gewerkschaftliche Militanz in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einem die britische Innenpolitik bestimmenden Faktor zu machen. Die Kommunistische Partei verhalf der organisierten Arbeiterbewegung dazu, sich der eigenen Macht bewusst zu werden, und hinterließ bei den regierenden Eliten ein Gefühl nachhaltiger Verunsicherung. Im Bereich der Geistesgeschichte fungierte die Kommunistische Partei als Motor für neue Ideen. Die sektenähnliche Struktur der CPGB zwang Abtrünnige dazu, ihre Gedanken deutlich und konzise zu artikulieren. Der Stalinismus der CPGB brachte in den 1950er- und 1960er-Jahren den sozialistischen Humanismus der ersten Neuen Linken hervor. Die finanziellen Mittel der CPGB machten es möglich, dass das Parteijournal Marxism Today in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einem Forum progressiven Denkens wurde. In Großbritannien operierte der Kommunismus in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich durch Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen und exzentrischen Ideen auszeichnete. Die britische Demokratie schuf eine humanistische Spielart des Kommunismus, die andernorts kaum Parallelen fand.
Trotz ihrer festen Verankerung in den britischen Kohlerevieren mussten die britischen Kommunisten machtlos zusehen, wie der neoliberale Staat 1984/85 der britischen Bergarbeitergewerkschaft – und damit auch der organisierten Arbeiterbewegung insgesamt – eine katastrophale Niederlage zufügte. Allerdings sorgten kommunistische Intellektuelle für eine Interpretation der Ereignisse, die sich in das kollektive Gedächtnis des 21. Jahrhunderts einbrannte – und zwar weit über die Grenzen des ehemaligen kommunistischen Milieus hinaus. Zwar war der Arbeitskampf nicht erfolgreich gewesen, aber erinnerungskulturell hatten die streikenden Bergarbeiter gesiegt. Ehemals als »enemy within« denunziert, mutierten sie im frühen 21. Jahrhundert zu einem allseits verehrten »national treasure«.[58]
[1] Jim Phillips: Containing, Isolating, and Defeating the Miners. The UK Cabinet Ministerial Group on Coal and the Three Phases of the 1984–85 Strike, in: Historical Studies in Industrial Relations 35 (2014), S. 117–141.
[2] Avner Offer: British Manual Workers. From Producers to Consumers, c. 1950–2000, in: Contemporary British History 22 (2004), H. 4, S. 537–571, hier S. 544; Tony Judt: Postwar. A History of Europe since 1945, London 2005, S. 542.
[3] Jörg Arnold: »That rather sinful city of London«. The coal miner, the city and the country in the British cultural imagination, ca. 1969 to 2014, in: Urban History 47 (2020), H. 2, S. 292–310. Zum Kontext und zur Einordnung in einen übergreifenden Zeitbogen ders.: The British Miner in the Age of De-Industrialization. A Political and Cultural History, Oxford 2023.
[4] Daryl Leeworthy: Ashton, Mark Christian, in: Oxford Dictionary of National Biography, doi.org/10.1093/odnb/9780198614128.013.111326 (ges. am 8. Oktober 2023); Diarmaid Kelliher: Solidarity and Sexuality: Lesbians and Gays Support the Miners, in: History Workshop Journal 77 (2014), H. 1, S. 241–262, hier S. 242, 246.
[5] Hywel Francis: Mining the Popular Front, in: Marxism Today, Februar 1985, S. 12–15; Beatrix Campbell: Politics Old & New, in: New Statesman vom 8. März 1985, S. 23–25; Pete Carter: Striking the Right Note, in: Marxism Today, März 1985, S. 28–31; Raphael Samuel/Barbara Bloomfield/Guy Boanas (Hg.): The Enemy Within: Pit villages and the Miners’ Strike, London 1986.
[6] Willie Thompson: The Good Old Cause: British Communism 1920–1991, London 1992, S. 1–15.
[7] Ebd., S. 218.
[8] Ebd., S. 9, 134–160.
[9] Kenneth Newton: The Sociology of British Communism, London 1969, S. 8.
[10] Ebd., S. 55.
[11] Ebd., S. 47.
[12] Ebd., S. 74.
[13] Ebd., S. 62. Der Begriff der »earnest minority« wird in der Geschichte der Arbeiterbewegung verwendet, um den Typus eines autodidaktisch gebildeten, politisch engagierten Arbeiters zu beschreiben. In Bezug auf Habitus und Lebensführung hebt sich die »earnest minority« von ihrem sozialen Umfeld ab. Siehe auch Jonathan Rose: The Intellectual Life of the British Working Classes, 2. Aufl. New Haven und London, 2001.
[14] Thompson: Good Old Cause (Anm. 6), S. 152.
[15] Raphael Samuel: The Lost World of British Communism, New Left Review 154 (1985), H. 1, S. 3–55, hier S. 11. Samuels Urteil war autobiografisch geprägt. Siehe Gareth Stedman Jones: Samuel, Raphael Elkan (1934–1996), in: Oxford Dictionary of National Biography, https://doi.org/10.1093/ref:odnb/64002 (ges. am 13. Mai 2024).
[16] Newton: Sociology (Anm. 9), S. 12–30, hier S. 17, 154 f.
[17] Samuel: Lost World (Anm. 15), S. 34.
[18] Communist Party of Great Britain: The British Road to Socialism, London 1951/1968/1977.
[19] John McIlroy/Nina Fishman/Alan Campbell (Hg.): British Trade Unions and Industrial Politics, Bd. 2: The High Tide of Trade Unionism, 1964–79, Aldershot 1999.
[20] Geoff Andrews: Endgames and New Times: The Final Years of British Communism 1964–1991, London 2004, S. 83–86; John Callaghan: Industrial Militancy, 1945–79: The Failure of the British Road to Socialism?, in: Twentieth Century British History 15 (2004), H. 4, S. 388–409.
[21] Arthur Horner: Incorrigible Rebel, London 1960; Will Paynter: My generation, London 1972.
[22] Ewan Gibbs: Michael »Mick« McGahey: Miner, communist and trade union leader, in: Twentieth Century Communism (2022), H. 23, S. 4–34.
[23] Paul Routledge: Why miners look to the left wing for leadership, in: The Times vom 3. Januar 1974, S. 12.
[24] Newton: Sociology (Anm. 9), S. 53.
[25] Routledge: Why miners (Anm. 23).
[26] Andrews: Endgames (Anm. 20), S. 89–92.
[27] Frank Watters: Being Frank. The Memoirs of Frank Watters, Doncaster 1992, S. 13–22.
[28] Ebd., S. 61–72.
[29] Arthur Scargill: The New Unionism, in: New Left Review 92 (1975), H. 1, S. 3–33, hier S. 19.
[30] Margaret Thatcher: The Path to Power, London 1995, S. 218.
[31] Thompson: Good Old Cause (Anm. 6), S. 160.
[32] Eric Hobsbawm: The Forward March of Labour Halted?, in: Marxism Today, September 1978; Thompson: Good Old Cause (Anm. 6), S. 174–176; Peter Ackers: Gramsci at the miners’ strike: remembering the 1984–1985 Eurocommunist alternative industrial relations strategy, in: Labor History 55 (2014), H. 2, S. 151–172.
[33] Martin Jacques/Francis Mulhern/Eric Hobsbawm (Hg.): The Forward march of labour halted? London 1981.
[34] Zur Ereignisgeschichte siehe Huw Beynon/Ray Hudson: The Shadow of the Mine. Coal and the End of Industrial Britain, London/New York 2021, S. 97–131; Robert Gildea: Backbone of the Nation. Mining Communities and the Great Strike of 1984/85, New Haven, Conn. 2023.
[35] Ackers: Gramsci (Anm. 32), S. 156; Callaghan: Industrial Militancy (Anm. 20). Zeitgenössisch: V. L. Allen: Militant Trade Unionism, London 1966.
[36] Zit. nach Arnold: British Miner (Anm. 4), S. 180; Thompson: Good Old Cause (Anm. 6), S. 191.
[37] Huw Beynon (Hg.): Digging Deeper: Issues in the Minersʼ Strike, London 1985; Diarmaid Kelliher: Making Cultures of Solidarity, London 2021.
[38] Ebd., S. 191 f.
[39] Francis: Mining; Carter: Striking; Campbell: Politics (alle Anm. 5); The Miners’ Strike. A balance sheet, in: Marxism Today, April 1985, S. 21–27.
[40] Francis: Mining (Anm. 5).
[41] Campbell: Politics (Anm. 5).
[42] Ackers: Gramsci (Anm. 32).
[43] Zahlen zum Streik: National Situation: Friday, 1 March 1985, NUM Archives, Barnsley, nicht katalogisiert.
[44] Zit. nach Arnold: British Miner (Anm. 4), S. 198.
[45] National Union of Mineworkers (NUM): Annual Report and Proceedings for the year 1985, Sheffield 1985, S. 102. 40 Jahre später vertrat Scargill noch immer die Position, dass der Streik hätte gewonnen werden können, wenn er nicht abgebrochen worden wäre. Vgl. Minersʼ Strike 1984–5. 40th anniversary speech by Arthur Scargill at Dodworth Minersʼ Welfare, 2. März 2024, https://www.socialistlabourparty.org/post/miners-strike-1984-5-40th-anniversary-speech-by-arthur-scargill-at-dodworth-miners (ges. am 22. April 2024).
[46] Ebd., S. 89. Siehe auch: National Union of Mineworkers (South Wales Area): Minutes of Special Area Executive Council Meeting, 1. März 1985, S. 121–125, South Wales Minersʼ Library, Swansea.
[47] NUM: Annual Report 1985 (wie Anm. 45), S. 86–105.
[48] New Times: A Marxism Today Special on Britain in the Nineties, in: Marxism Today, Oktober 1988.
[49] Richard West: Yobbos and Loonies. Poles apart, yet they’ve become Britain’s unlikeliest allies for Scargill, in: Daily Mail vom 1. März 1985, S. 6.
[50] Martina Steber: Fundamentals at stake. The Conservatives, industrial relations and the rhetorical framing of the minersʼ strike, in: Contemporary British History 32 (2018), H. 2, S. 60–77.
[51] Margaret Thatcher: The Downing Street years, London 1993, S. 339–378, hier S. 339.
[52] Dazu ausführlich Arnold: British Miner (Anm. 4).
[53] Offer: British Manual Workers (Anm. 2); Judt: Postwar (Anm. 2).
[54] Brian Harrison: Finding a Role? The United Kingdom, 1970–1990, Oxford 2010, S. 168; Department of the Environment, Transport and the Regions: Making the difference. A new start for England’s coalfield communities, London 1998, S. 8. Ausführlich zum Zusammenhang Arnold: British Miner (Anm. 4).
[55] Künstlerisch wurde es unter anderem von dem Filmemacher Ken Loach auf die Leinwand gebracht: The Old Oak, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2023; Beynon/Hudson: Shadow of the mine (Anm. 34); Gildea: Backbone (Anm. 34). Kritisch dazu Richard Vinen: The minersʼ lament, in: Literary Review, Oktober 2021, H. 501, https://literaryreview.co.uk/the-miners-lament (ges. am 6. Mai 2024); ders.: Which Side Are You On?, in: Literary Review, August 2023, H. 521, https://literaryreview.co.uk/which-side-are-you-on (ges. am 6. Mai 2024).
[56] Hywel Francis Obituary, in: The Guardian vom 1. März 2021, https://www.theguardian.com/uk-news/2021/mar/01/hywel-francis-obituary (ges. am 22. April 2024).
[57] Florence Sutcliffe-Braithwaite/Natalie Thomlinson: Women and the Minersʼ Strike 1984–1985, Oxford 2023.
[58] So das prononcierte Urteil des britischen Historikers Keith Gildart auf einer Buchvorstellung am 23. Februar 2024 im Senate House der University of London.