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Aufsatz

Der Posener Aufstand im Juni 1956 und seine Folgen

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz / Bochum-Wrocław

Tausende Menschen nehmen am 28. Juni 1981 in Poznań an der Enthüllung des Denkmals für die Opfer des Posener Aufstands von 1956 teil. Die Aufnahme zeigt die enorme Größe der Gedenkveranstaltung.

Am 28. Juni 1981 füllte sich das Zentrum von Poznań mit Hunderttausenden von Menschen. Vor dem Kaiserschloss wurde das Denkmal für die Opfer des Posener Juni 1956 enthüllt – das erste Monument im Ostblock, das den Opfern eines Arbeiteraufstands gegen die kommunistische Herrschaft gewidmet war. Allein seine Errichtung stellte ein Ereignis ohne Beispiel dar. Noch wenige Jahre zuvor wäre ein öffentliches Gedenken an einen Protest, den die Behörden als „Konterrevolution“ verurteilten, undenkbar gewesen.

Der Posener Juni 1956 war jedoch weit mehr als ein lokaler Arbeiterprotest. Er wurde zu einem der wichtigsten Bezugspunkte auf Polens Weg zur Freiheit. Auf die Ereignisse vom Juni 1956 beriefen sich auch die Teilnehmer der Solidarność-Streiks, die ein Vierteljahrhundert später die Wiederherstellung der Erinnerung an den ersten großen Aufstand gegen das kommunistische System in Polen ermöglichten.

Doch um die Bedeutung dieser Bilder zu verstehen, muss man 25 Jahre zurückgehen.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte Polen keine Ergebnisse, die den enormen Opfern und Anstrengungen des Landes im Kampf gegen den Nationalsozialismus entsprochen hätten. Zu den gewaltigen menschlichen und materiellen Verlusten kamen tiefgreifende politische Konsequenzen: die erzwungene Verschiebung der Grenzen und die Eingliederung in die sowjetische Einflusssphäre. Polen verlor faktisch seine Souveränität und wurde Ende der vierziger Jahre zu einem der Moskau untergeordneten Staaten des Ostblocks.

Die polnischen Kommunisten übernahmen, gestützt auf sowjetische Unterstützung und vor allem auf die Präsenz der Roten Armee, bereits im Juli 1944 die Macht und festigten sie mit der schrittweisen Befreiung weiterer Landesteile. In den folgenden Monaten akzeptierten die westlichen Verbündeten der im britischen Exil tätigen polnischen Regierung diese Tatsache.

Angehörige des Untergrunds aus den Kriegsjahren und repatriierte Soldaten der polnischen Armee, die an der Westfront gekämpft hatten und in ihrer großen Mehrheit antikommunistisch eingestellt waren, wurden von NKWD und dem einheimischen Sicherheitsdienst verfolgt. 1947 fälschten die Kommunisten die Parlamentswahlen, erstickten die politische Opposition endgültig und sicherten sich das Machtmonopol.

Die Epoche des Stalinismus begann sie erwies sich als äußerst schmerzhaft für eine Gesellschaft, die durch die Kriegsverluste bereits geschwächt war. Sie war geprägt von der Übernahme sowjetischer Muster in Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben. Der sowjetische Botschafter spielte die Rolle eines politischen Statthalters Moskaus über die polnischen Behörden, Armee und Sicherheitspolizei waren voll von sogenannten sowjetischen Spezialisten.

Die Repressionen erreichten ein sehr hohes Niveau und betrafen Zehntausende von Menschen. Man scheute nicht vor Todesurteilen zurück, denen nicht selten Helden des Kriegsuntergrunds zum Opfer fielen, die sich im Kampf gegen die Besatzer verdient gemacht hatten. Bauern wurden mit Gewalt zur Gründung kollektiver Wirtschaftsbetriebe gezwungen, was einen Einbruch der landwirtschaftlichen Produktion verursachte.

In der Wirtschaft wurde ein kostspieliges Modell der Schwerindustrieentwicklung auf Kosten des Lebensstandards der ohnehin schon durch den Krieg verarmten Menschen verfolgt. Vor dem Hintergrund allgemeiner Armut stachen die Privilegien der Parteifunktionäre und des Sicherheitsapparats besonders hervor.

Politische Indoktrination, vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen, wurde mit großer Intensität betrieben. Gläubige und das waren nahezu alle Polen litten unter den ständig zunehmenden Angriffen auf die katholische Kirche. Ihren Höhepunkt erreichten diese mit der Inhaftierung des Primas, Kardinal Stefan Wyszyński. Der polnische Kommunismus hatte in den Jahren 1948 bis 1954 das Stadium des Totalitarismus erreicht.

Der Tod Stalins (1953) sowie der XX. Parteitag der KPdSU (1956), auf dem der Personenkult und die Verbrechen des früheren Sowjetführers verurteilt wurden, lösten in den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas Entstalinisierungsprozesse aus. Zunächst schien es jedoch, als würde sich das System nicht verändern. Es herrschte offizielle und tiefe Trauer um den „Lehrer der Menschheit". Ihm zu Ehren wurde sogar Kattowitz in Stalinogród umbenannt.

In Polen zeigten sich erste Anzeichen des „Tauwetters" erst 1955: Der Terror wurde eingedämmt, die Zensur gelockert, und im April 1956 verabschiedete der Sejm eine Amnestie, die etwa 36.000 Gefangene erfasste, darunter 9.000 politische Häftlinge. In den Jahren 1955 und 1956 wurden Polen repatriiert, die aus sowjetischen Arbeitslagern entlassen worden waren, wo sie seit den vierziger Jahren festgehalten wurden.

Gleichzeitig verschärfte sich innerhalb der Kommunistischen Partei selbst, die durch die Infragestellung des stalinistischen Modells und den plötzlichen Tod ihres langjährigen Führers Bolesław Bierut (März 1956) geschwächt war, der Machtkampf. Er tobte zwischen einer Gruppe, die sich der wachsenden gesellschaftlichen Unruhe und der Notwendigkeit einer Liberalisierung bewusst war, und einem konservativeren Flügel, der zu weiteren Zugeständnissen an die Gesellschaft nicht bereit war.

Die langsame Entstalinisierung konnte den entstehenden gesellschaftlichen Aufruhr jedoch nicht aufhalten paradoxerweise begünstigte ihn gerade die Lockerung der Repressionen. Im Juni 1956 kam es zu einem Ausbruch, dessen Wurzeln in der Ablehnung des stalinistischen Systems und der Verbitterung über die zunehmenden Schwierigkeiten des Alltags lagen.

Besonders hart trafen diese die Arbeiter, die Partei und Propaganda öffentlich als herrschende Klasse im Staat feierten, die aber genug hatten von dem sie ausbeutenden Arbeitssystem, den niedrigen Löhnen und den Versorgungsproblemen bei grundlegenden Lebensmitteln. Die Spannung in vielen Betrieben war seit Monaten gestiegen und hatte sich nicht nur in kritischen Stimmen geäußert, sondern auch in stürmischen Versammlungen und Arbeitsniederlegungen.

Der Ort, an dem die Unzufriedenheit in einem in der Geschichte der Volksrepublik Polen unbekannten Ausmaß ausbrach, war Posen. Ausgangspunkt des Aufstands waren die Arbeiter des großen und bekannten Maschinenbauwerks Hipolit Cegielski, das in Stalinwerke umbenannt worden war. Es war ein Betrieb mit langen Traditionen der Arbeiterbewegung, die noch aus der Vorkriegszeit stammten.

Zudem fanden in Posen alljährlich Messen statt, zu denen ausländische Geschäftspartner kamen. Die Arbeiter beschlossen, diesen Umstand zu nutzen, um mit ihren Forderungen an die internationale Öffentlichkeit zu gelangen. Die Macht war dank ihres Informationsmonopols nämlich in der Lage, alle derartigen Kundgebungen zu verfälschen oder zu verbergen. Dies hatte die drei Jahre zuvor stattgefundenen Ereignisse in der DDR deutlich gezeigt, über die man in Polen so gut wie nichts wusste.

Am Morgen des 28. Juni 1956 gingen Arbeiter der Cegielski-Werke in einer Zahl von fast 10.000 Menschen auf die Straßen Posens. Es war die erste Massendemonstration unabhängig von den Behörden seit den Kundgebungen von 1946 anlässlich des von den Kommunisten abgeschafften Nationalfeiertags (3. Mai). Etwas früher hatte man Kontakte zu anderen Fabriken geknüpft.

„Die Menschen waren so solidarisch", erinnerte sich einer der Arbeiterführer, „dass ich an andere Betriebe die Information weitergeben konnte, dass [...] etwas im Gange sei. Wenn ihr irgendwann nach 6 Uhr unsere Fabriksirene hört, bedeutet das, dass wir rausgehen also geht auch ihr raus."

Und tatsächlich schlossen sich unterwegs Beschäftigte anderer Posener Betriebe, Passanten und Jugendliche an. Auffällig war die große Zahl von Frauen sowohl Arbeiterinnen als auch Hausfrauen, die bei den weiteren Ereignissen äußerst aktiv in Erscheinung traten. Der Demonstrationszug trug Nationalflaggen.

Man sang religiöse und patriotische Lieder und forderte die Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Demonstranten trugen ad hoc gefertigte Transparente und skandierten Parolen, die zunächst die Probleme des täglichen Lebens betrafen:

„Wir fordern Lohnerhöhungen", „Weg mit den Normen", „Wir fordern Preissenkungen". Schnell kamen weitere Parolen mit eindeutig regierungsfeindlichem Charakter hinzu: „Weg mit den roten Blutsaugern", „Weg mit der roten Bourgeoisie". Den stärksten Eindruck machten jedoch die einfachen Worte, die die Lage der Arbeiterfamilien zusammenfassten: „Wir haben Hunger", „Wir wollen Brot", „Wir wollen wie Menschen leben".

Die Demonstranten bemächtigten sich eines auf dem Weg angetroffenen Übertragungswagens des polnischen Rundfunks und nutzten ihn, um für die Demonstration in der Stadt zu werben. Sie hielten auch Autos an, die zur Messe und zur begleitenden Ausstellung unterwegs waren, um über den Protest zu informieren und zur Teilnahme aufzurufen. Wie der Historiker Paweł Machcewicz, der sich in den neunziger Jahren intensiv mit den Ereignissen von 1956 befasste, feststellt, war im Verhalten der Demonstranten deutlich das Bewusstsein erkennbar, im Namen der gesamten Gesellschaft zu handeln.

Im Laufe der Zeit gewannen Parolen politischen Inhalts an Gewicht, was für die Dynamik derartiger Kundgebungen charakteristisch ist. In den Augen der Macht und des Sicherheitsapparats hatten sie „konterrevolutionären" Charakter, und ihre Urheber seien wie es hieß — Provokateure, „dem Aussehen nach Intellektuelle". So sehr glaubten die Systemtreuen daran, im Namen der Arbeiter zu regieren, dass sie nicht glauben konnten, dass gerade Arbeiter gegen die Regierung auftraten.

Es muss jedoch betont werden, dass Arbeiter die Mehrheit der Demonstranten stellten und sich ihnen Büroangestellte und Schuljugend anschlossen. Die politischen Parolen liefen im Kern auf die Forderung nach Freiheit hinaus, die als Wiederherstellung des Parlamentarismus (Forderung nach Wahlen unter internationaler Kontrolle) und als Befreiung aus der sowjetischen Vorherrschaft verstanden wurde („Weg mit den Russen").

Letzteres kommt in der spontanen Abwandlung der Nationalhymne „Rota" besonders treffend zum Ausdruck: Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene Lied hatte ursprünglich antipreußischen Charakter. In Posen sang die Menge: „Nie werden die Russen uns ins Gesicht spucken" und „Der russische Sturm wird zu Staub und Asche zerfallen".

Unterwegs wurden Zeichen der Unterwerfung Polens zerstört angefangen von der Abnahme der Tafel am Tor der Cegielski-Werke, auf der der verhasste Namensgeber Stalin stand. Rote und sowjetische Fahnen wurden heruntergerissen, Porträts sowjetischer Würdenträger und ihrer polnischen Vasallen zertreten. Ein dritter Strang, der in den Parolen der Demonstranten sichtbar wurde, war die Frage der Religionsfreiheit.

Die seit dem 19. Jahrhundert traditionell enge Verflechtung von Unabhängigkeitskampf und Katholizismus war auch auf den Straßen Posens lebendig. Wie schon so oft sah man in der Kirche die einzige unabhängige und authentisch polnische Institution, und die religiösen Lieder trugen nationale Töne, wovon die bekanntesten — „Gott, der du Polen" und „Unter deinen Schutz" Zeugnis ablegen. Die nach 1944 erzwungene Laizisierung des gesellschaftlichen Lebens war niemals akzeptiert worden.

In Posen wurde dies nachdrücklich in der Parole „Wir wollen Gott" zum Ausdruck gebracht. Die nationale Gemeinschaft überlagerte sich mit der religiösen Gemeinschaft, außerhalb derer die Menschen des Regimes standen. Diese wurden jedoch nicht von vornherein ausgeschlossen gemeint sind natürlich die örtlichen Funktionäre und einfachen Parteimitglieder, nicht die Staatsführer , sondern man appellierte an sie, sich auf die Seite der Gesellschaft zu stellen.

Gegen sie wurde jedoch keine Gewalt angewendet, abgesehen von einigen Fällen, in denen Parteifunktionäre zusammengeschlagen wurden, die versucht hatten, den Anschluss weiterer Gruppen an die Demonstration zu verhindern. Die Miliz verhielt sich interessanterweise überwiegend passiv: Sie folgte nicht den Aufrufen, sich anzuschließen, ergriff aber auch keine Maßnahmen gegen die Demonstranten.

Historiker erkennen in der Entwicklung der Ereignisse auf den Posener Straßen deutliche Anzeichen einer Revolution, die im Bewusstsein der übergeordneten Macht des Volkes, der Nation, zum Ausdruck kam. Dies kommt in einer vom Chronisten der Ereignisse beschriebenen Szene wunderbar zum Ausdruck: „[...] ein Jeep fährt vor, gelenkt von einem Militärfahrer [...] Sie halten ihn an und fordern ihn auf, auszusteigen; der Soldat weigert sich mit der Begründung, er habe einen Befehl seines Einheitskommandeurs [...] Der Arbeiter antwortet: Wir geben dir den Befehl des Volkes der ist wichtiger als der Befehl des Einheitskommandeurs."

Die Route des Demonstrationszugs führte an den wichtigsten öffentlichen Gebäuden vorbei, die das Machtzentrum symbolisierten: dem Stadtrat, der Milizkommandantur, dem Woiwodschaftskomitee der PZPR und dem Woiwodschaftlichen Amt für Öffentliche Sicherheit. Der Demonstrationszug schritt spontan zur Besetzung dieser Gebäude. Zerstört wurde auch die Station zur Störung ausländischer Rundfunksendungen.

Die Wände des Parteisitzes wurden mit Transparenten geschmückt, die Brot und Freiheit forderten, sowie mit der Aufschrift „Zimmer zu vermieten". Bis zum Erreichen des riesigen Mickiewicz-Platzes, der damals Stalin-Platz hieß, waren die Demonstranten auf keinen organisierten Widerstand der Macht gestoßen. Dies erfüllte sie mit Optimismus, Gerüchte über ähnliche Kundgebungen im ganzen Land kursierten.

Die Stimmung radikalisierte sich, begünstigt durch das Fehlen eines Gesprächspartners auf Seiten der Behörden sowie durch Gerüchte über die Verhaftung von Arbeiterdelegationen, die zu Gesprächen entsandt worden waren. Bezeichnend ist, dass mehrere Arbeiterführer, die in der Phase der Demonstrationsbildung eine wichtige Rolle gespielt hatten, nun die Kontrolle über den Zehntausende umfassenden Menschenzug verloren. Spontane Aktionen entstanden.

Eine davon war die Erstürmung des Gefängnisses, die Befreiung der Inhaftierten und die Verbrennung der Akten. „Nachdem die Tür zu unserer Zelle aufgebrochen worden war", schilderte ein Gefangener die Ereignisse, „erblickte ich ein etwa 18-jähriges Mädchen, das eine Axt in der Hand hielt. Als wir fragten, was geschehe, sagte es, in ganz Polen sei Revolution."

Der Menschenzug wollte nicht länger auf Gespräche mit Regierungsabgesandten warten und beschloss, das letzte Machtzentrum zu besetzen den Sitz des verhassten Sicherheitsdienstes, von den Demonstranten allgemein als „kommunistische Gestapo" bezeichnet. Dort fielen Schüsse in die Menge, und die Belagerung des Gebäudes begann.

Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verteidigten sich, da sie sich der wachsenden Wut der Menge nach dem Einsatz von Schusswaffen bewusst waren. In die Hände der Demonstranten nun bereits Aufständische gelangten ebenfalls Waffen aus dem Gefängnis und von entwaffneten Funktionären. Spontan wurden weiß-rote Armbinden genäht. Die Posener waren so überzeugt, dass sie an einem nationalen Aufstand gesamtpolnischen Charakters teilnahmen, dass sie zunächst nicht glauben wollten, das in die Stadt beorderte Militär bestehe aus verkleideten sowjetischen Soldaten. Sie versuchten auch, mit den Soldaten zu fraternisieren, denen ihre Kommandeure bezeichnenderweise von Aufständen der Faschisten in Posen erzählt hatten.

Die Entscheidung, reguläre Militäreinheiten einschließlich Panzerverbände einzusetzen, trafen die Behörden angesichts der Lähmung der aus Miliz und Sicherheitsdienst bestehenden Sicherheitskräfte. Innerhalb weniger Stunden wurden 10.000 Soldaten sowie mehr als 400 Panzer und gepanzerte Truppentransporter in die Stadt gebracht.

Nach Einschätzung der Historiker setzte das Militär Menschen und Feuerkraft in einem zur Bedrohung durch die Demonstranten völlig unverhältnismäßigen Ausmaß ein. Das Kommando führte General Wsiewołod Strażewski, einst Offizier der Roten Armee. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Protestierenden verursachte eine hohe Zahl von Opfern, darunter auch zufällige.

Vereinzelte Widerstandsherde hielten sich noch bis zum 30. Juni 1956. Bei der Niederschlagungsaktion kamen fast 70 Menschen ums Leben oder erlagen ihren Wunden. Die Krankenhäuser nahmen mehr als fünfhundert Verletzte auf. Symbolisch war der Tod des dreizehnjährigen Romek Strzałkowski, der von einem Sicherheitsdienstler erschossen wurde.

In den folgenden Stunden und Tagen begannen Verhaftungen, von denen mehr als 300 Personen betroffen waren, die unter anderem mithilfe von verdeckt aufgenommenen Agentenfotografien identifiziert wurden.

Die Ereignisse in Posen versuchte die Machthaber mit einer imperialistischen Verschwörung zu erklären, was ihr jedoch wenig half. Nach einigen Monaten kam es schließlich zu Veränderungen in Partei und Regierung. Die Macht übernahm Władysław Gomułka, ein Kommunist, der für größere Eigenständigkeit gegenüber der UdSSR eintrat (21. Oktober 1956). Seiner Popularität kam zugute, dass er in der Stalinzeit unter dem Vorwurf der „rechten Abweichung" inhaftiert worden war. Mit seiner Person verband man Hoffnungen auf tiefgreifendere Staatsreformen, und Gomułka selbst räumte ein, dass die Arbeiter der Regierung in Posen eine „Lektion" erteilt hatten.

Die Gesellschaft bekundete kollektiv und spontan ihre Unterstützung für den neuen Ersten Sekretär des ZK der PZPR. An der berühmten Kundgebung auf dem Paradeplatz in Warschau nahmen 300.000 bis 400.000 Menschen teil. Man wusste von der sowjetischen Unzufriedenheit über Gomułkas Wahl, was ihm in den Augen der Polen zusätzliche Anerkennung verschaffte.

Moskau fürchtete eine Wiederholung an der Weichsel in dem Ausmaß des ungarischen Aufstands, der in diesen Tagen ausbrach. Dies fürchtete auch Gomułka, der sich der möglichen sowjetischen Reaktion bewusst war. Es gelang ihm, Nikita Chruschtschow während dessen unangekündigtem Besuch in Warschau im Oktober 1956 davon zu überzeugen, dass diese Veränderungen die Interessen der UdSSR nicht gefährdeten.

Dies stoppte die Bewegung sowjetischer Truppen, die sich zur Intervention bereit gemacht hatten. Letztendlich wurden nach einigen Änderungen unter anderem die Wirtschaftspläne korrigiert, die Auflösung der Kolchosen erlaubt die nahezu vollständig aus der polnischen Dorflandschaft verschwanden , der Sejm verabschiedete ein Gesetz über Arbeiterräte, womit die Grundlage für das Funktionieren der Arbeiterselbstverwaltung geschaffen wurde, die Zensur wurde gelockert, und es erfolgte eine Normalisierung der Staat-Kirche-Beziehungen, deren Ergebnis die Tätigkeit der Klubs der Katholischen Intelligenz und das Auftreten einer Gruppe katholischer Abgeordneter im Sejm waren.

Am 28. Oktober 1956 wurde Primas Wyszyński aus der Internierung entlassen. Als großer Erfolg der neuen Mannschaft galt die Regelung der Beziehungen zur UdSSR, die in Abkommen über die Stationierung sowjetischer Truppen, den Verkauf polnischer Kohle (der für die Volksrepublik bislang sehr unvorteilhaft gewesen war) sowie die Wiederaufnahme der Repatriierung der noch auf sowjetischem Gebiet verbliebenen Polen auch aus Haftorten zum Ausdruck kam. In den Jahren 1955 bis 1959 kehrten fast 250.000 Polen aus dem Osten in die Heimat zurück.

Die Postulate und Forderungen der Posener Bevölkerung fanden damit teilweise ihre Erfüllung mit Ausnahme des Traums von der Freiheit. Denn Gomułka kehrte rasch von der Liberalisierungspolitik ab und unterdrückte die 1956 errungenen Freiheiten. Er befürwortete die Intervention der Streitkräfte des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei 1968. Schließlich griff er nach mehr als einem Jahrzehnt, 1970, zu demselben Mittel wie seine Vorgänger: Er schickte Militär gegen erneut aufbegehrende Arbeiter in den Küstenstädten auf die Straße.

Der Posener Aufstand selbst heute immer häufiger als Aufstand bezeichnet wurde in der Volksrepublik Polen dem Vergessen preisgegeben. Offiziell hieß es, der „berechtigte Zorn" der Arbeiter sei von Provokateuren, Feinden der Volksrepublik und Imperialisten ausgenutzt worden. Das Gedenken an die Opfer wurde nicht zugelassen. Keinerlei Forschungen zu den Ursachen des Aufstands wurden betrieben.

Im Laufe der Jahrzehnte verblasste die Erinnerung an den Posener Aufstand, wogegen jedoch die politische Opposition in den siebziger und achtziger Jahren sowie die polnische Emigration ankämpften, darunter die polnischsprachigen Rundfunksender. Die Erinnerung an den Juni kehrte erst zu Beginn der achtziger Jahre zurück, als die Solidarność-Bewegung die Helden des Juni 1956 für sich beanspruchte.

Trotz Schwierigkeiten seitens der Machthaber wurde in Posen ein monumentales Denkmal in Form riesiger Kreuze mit der Inschrift „Gefallen für Freiheit und Brot" enthüllt. Auf ihm wurden auch die Daten der folgenden gesellschaftlichen Aufstände in der Volksrepublik eingraviert, beginnend mit 1956. Damit war der polnische Weg in die Freiheit markiert worden.

Heute gehört der Posener Aufstand zum festen Bestandteil der polnischen Erinnerungskultur. Jedes Jahr finden am 28. Juni staatliche und kommunale Gedenkveranstaltungen statt. Die Erinnerung an die Arbeiter von 1956 wird dabei nicht nur als lokales Ereignis verstanden, sondern als Beginn einer langen Reihe gesellschaftlicher Proteste gegen die kommunistische Herrschaft.

In der historischen Erinnerung verbindet sich Posen 1956 mit den späteren Stationen des polnischen Weges zur Freiheit: den Studentenprotesten von 1968, den Arbeiterunruhen von 1970 und 1976 sowie der Solidarność-Bewegung der 1980er Jahre. Der Posener Juni war nicht nur der erste große Massenaufstand gegen den Kommunismus in Polen. Die Ereignisse beschleunigten die politische Krise des Systems und bereiteten den Boden für den „Polnischen Oktober" 1956 und die Rückkehr Władysław Gomułkas an die Macht. Viele Polen verbanden damit die Hoffnung auf Freiheit und Liberalisierung — Hoffnungen, die rasch enttäuscht wurden. Dennoch hatte sich gezeigt, was das System bis dahin für unmöglich gehalten hatte: dass Arbeiter gegen eine Regierung aufstehen konnten, die vorgab, in ihrem Namen zu herrschen. Diese Erfahrung blieb.

 

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz (* 27.1.1967 in Wrocław, Polen), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Wrocław. Derzeit ist er DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum

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