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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 1993 bis 2019 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

JHK - JHK 2019

Jenseits der Orthodoxie

Über die Risiken afrikawissenschaftlicher Forschung in der Sowjetunion

JHK 2019 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 189-208 | Metropol Verlag

Autor/in: Steffi Marung

Die transregionale Geografie der sowjetischen Wissensproduktion

Während die postkoloniale Kritik an Marx und dem europäischen Marxismus ost- und westeuropäischer Prägung seit Jahrzehnten fruchtbare Forschung hervorgebracht hat, ist dabei bislang weniger danach gefragt worden, welche Folgen die transregionale Zirkulation von Akteuren und Konzepten aus dem vermeintlichen – hier: sowjetischen – Zentrum marxistischer Theorieproduktion und der – ebenfalls vermeintlichen – postkolonialen Peripherie für den Wandel und die Pluralisierung der entsprechenden Theoreme und Ideologeme auf beiden Seiten des Kommunikationszusammenhangs hatte. Auch wenn die Herkunft der in diesem Beitrag im Mittelpunkt stehenden Akteure es nicht gleich vermuten lässt: Auch hier soll einer Bewegung »jenseits des Eurozentrismus« nachgegangen werden.

Dieser Beitrag konzentriert sich auf den Zeitraum von der Mitte der 1950er- bis zur Mitte der 1970er-Jahre und blickt auf »Afrika« durch die Augen sowjetischer Wissenschaftler, die vor der Herausforderung standen, die dramatischen Veränderungen auf dem Kontinent zu verstehen und zu interpretieren. Auch wenn hauptsächlich russische Quellen verwendet wurden, verweist der Beitrag auf ganz unterschiedliche Arenen, in denen sowjetische Vorstellungen von »Afrika«, »Sozialismus« und »Entwicklung« produziert und bestritten wurden: Afrikanistik-Institute in Moskau oder Leningrad, Vortragssäle in Addis Abeba oder Daressalam, Algier oder Taschkent, Bibliotheken und Archive in Accra, Paris oder Dakar. Sowjetische Forscher hatten nicht nur damit zu kämpfen, die marxistisch-leninistische Theorie mit den für sie zunächst vielfach rätselhaften Dynamiken afrikanischer Gesellschaften zu vereinbaren und wiederholt an diese Beobachtungen anzupassen. Auch trafen sie während ihrer Feldforschung oder auf Konferenzen immer wieder auf westliche und afrikanische Kollegen, denen nicht nur die sowjetischen konzeptionellen Prämissen nicht sofort einleuchteten, sondern die diese mit eigenen empirischen Beiträgen kritisch konfrontierten. Mit Blick auf diesen Aushandlungsprozess wird relativ schnell deutlich, dass entgegen vielfach noch immer anzutreffenden diffusionistischen Auffassungen kaum von der »Übertragung« sozialistischer Ideen von der UdSSR nach Afrika die Rede sein kann: Die Sowjetunion war weder ein unangefochtener »Exporteur« solcher Modelle, noch waren diese Modelle statisch.

Der Blick in russische Archive offenbart eine Reihe von Irritationen und Marginalisierungserfahrungen wie auch die wiederholte Destabilisierung sicher geglaubter Theoreme auf sowjetischer Seite. Vor diesem Hintergrund gilt es zu prüfen, wie, wo und von wem während des Kalten Krieges Ideen über den Sozialismus in Afrika produziert wurden, und dabei sowohl die Vielseitigkeit dieser Produktionen als auch die Vielfalt der beteiligten Akteure und Quellen in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Artikel bietet eine Perspektive auf dieses komplexe Bild, in dem afrikanische Akteure und Gesellschaften keine passiven Adressaten sowjetischer Ideen über die sozialistischen Transformationen waren. Für die hier im Fokus stehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bedeutete die Begegnung mit afrikanischen Partnern und empirischen Komplexitäten »im Feld« immer wieder eine Provokation, auf die sie sich zunächst nicht ausreichend vorbereitet sahen. Der massive Aufschwung und die Professionalisierung der sowjetischen Afrikanistik seit Mitte der 1950er-Jahre waren dabei gleichermaßen eine Folge neu gefasster politischer Ambitionen in der Sowjetunion, die Globalisierung des Sozialismus im Wettbewerb des Kalten Krieges voranzutreiben, als auch ein Effekt der intensivierten wissenschaftlichen Begegnungen mit afrikanischen oder westlichen Kollegen. Der avisierte »Export« hatte also spürbare Folgen »zu Hause«, die postkolonialen Dynamiken in Afrika verflochten sich mit jenen in der Sowjetunion.

Dieser Beitrag profitiert dabei von der in den letzten Jahren rasch anwachsenden Literatur über den globalen Kalten Krieg und die »Dritte Welt«, insbesondere aber auch von den Forschungen zur südöstlichen Achse jener Dekaden.[1] Dabei haben einige Forscher argumentiert, dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eher durch die Dynamiken der Dekolonisierungsprozesse bestimmt war, weniger durch den Konflikt der Supermächte und den Wettbewerb der beiden ideologischen Lager des Kalten Krieges.[2] Diese Bruchlinien überlagern sich in dem hier präsentierten Feld. Ohne Zweifel hat der Ost-West-Konflikt die Begegnungen zwischen sowjetischen Wissenschaftlern und ihren Kollegen aus Afrika und dem Westen geprägt, doch ebenso das Ende und Erbe der westeuropäischen Imperien, genauer: Die sowjetischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler standen nicht nur im Wettbewerb mit ihrem transatlantischen Gegenüber, sondern mussten sich auch innerhalb akademischer Netzwerke behaupten, die auch nach der Auflösung der westeuropäischen Imperien noch in der Kolonialgeografie des frühen 20. Jahrhunderts verwurzelt waren. Hinzu kamen die Spaltungen innerhalb des sozialistischen Lagers, insbesondere nach dem Bruch mit China, das eine eigene Agenda einer sozialistischen Revolution in Afrika verfolgte. »Jenseits des Eurozentrismus« bedeutet in diesem Beitrag auch, die Verflechtung dieser Logiken ernst zu nehmen.

Zunächst skizziere ich die Entstehung der sowjetischen Afrikanistik seit den späten 1950er-Jahren, insbesondere mit Blick auf die wiederholte Neuordnung des Feldes. Anschließend werfe ich einige Schlaglichter auf Arenen und Orte des Austauschs zwischen sowjetischen Forschern und ihren afrikanischen Kollegen, der auf beiden Seiten immer wieder für Verwirrung und Frustration sorgte. Schließlich stelle ich zwei konzeptionelle Vorschläge vor, mit denen sowjetische Forscher der Vielfalt und wechselhaften Natur sozialer und politischer Dynamiken in postkolonialen afrikanischen Gesellschaften gerecht werden wollten: den »nichtkapitalistischen Entwicklungsweg« und die »Mehrsektorenwirtschaft«.

In der sowjetischen wie auch in anderen staatssozialistischen Gesellschaften war die Solidarität mit den »Verdammten dieser Erde« nicht nur ein zentrales Mobilisierungsinstrument für die Unterstützung der jeweiligen geltenden politischen Doktrin und nahm dabei ebenso einen prominenten Platz in der medialen Berichterstattung wie in Aktionen von Freundschaftsorganisationen und Betrieben ein. Diese offiziell geförderte Faszination für den revolutionären Wandel im Globalen Süden konnten sich aber auch Gruppen aneignen, die Kritik an den staatssozialistischen Regimen artikulierten.[3] Gemeinsam war allen diesen Bewegungen, dass nur wenige ihrer Anhänger tatsächlich in den Westen oder in den Süden reisen, englisch- oder französischsprachige Bücher lesen und sich so selbst ein Bild der großen globalen Umbrüche machen konnten. Darüber hinaus waren Kontakte mit ausländischen – einschließlich afrikanischen – Forschern, Studenten, Künstlern und Arbeitern, die in großer Zahl in die Sowjetunion kamen, beschränkt oder stark moderiert und immer wieder eher von Auseinandersetzungen geprägt, als dass sie als Glanzmomente eines gelebten sozialistischen Internationalismus gelten konnten.[4] Unter diesen Umständen spielten Wissenschaftler wie die sowjetischen Afrikanisten – als Angehörige einer mobilen Elite – eine Schlüsselrolle als Vermittler zwischen afrikanischen Gesellschaften und der sowjetischen Gesellschaft, die nach dem Ende Stalins selbst tiefgreifende Transformationen durchlief.

 

Die sowjetische Afrikanistik: Vom revolutionären Enthusiasmus zur wissenschaftlichen Vorsicht

Die Geschichte der sowjetischen Afrikanistik reicht weiter als bis in die 1950er-Jahre zurück,[5] erlebte in dieser und der nächsten Dekade jedoch ihren großen Aufschwung. Dieser war gleichermaßen auf innersowjetische und internationale Dynamiken zurückzuführen und erhielt nicht nur durch den Wettbewerb der Supermächte entscheidende Impulse, sondern vor allem durch die beginnende Dekolonisierung in Asien und Afrika. Das nach dem Tod Stalins einsetzende »Tauwetter« ging mit einer erheblichen Liberalisierung des geistigen, kulturellen und politischen Lebens in der Sowjetunion einher und war auch ein Versuch, die stalinistische Unterdrückung, die traumatischen Reformen der vorangegangenen Jahre sowie den Anti-Kosmopolitismus jener Zeit zu überwinden, der die sowjetische Gesellschaft und Politik weitgehend isoliert hatte.[6] Dies eröffnete auch neue Möglichkeiten, an die ersten Versuche aus den 1920er- und 1930er-Jahren anzuschließen, Expertise über afrikanische Kulturen und Gesellschaften zu entwickeln und zu institutionalisieren. Unter Chruščëv gelangte eine neue politische Elite an die Macht, die nun mit dramatischen globalen Veränderungen konfrontiert war und ehrgeizige Antworten darauf zu entwickeln suchte. Die Konferenz von Bandung 1955, die Suez-Krise 1956 und die Unabhängigkeit Ghanas 1957 signalisierten den Beginn eines massiven globalen Umbruchs, durch den eine wachsende Zahl afrikanischer Staaten unabhängig wurden, die von den konkurrierenden Supermächten schon bald als potenzielle Bündnispartner identifiziert und als Versuchsgebiete für deren jeweilige Modernisierungsprogramme kartiert wurden.

Die dramatischen Ereignisse auf dem gesamten afrikanischen Kontinent befeuerten im Kontext des Chruščëvʼschen Tauwetters einen neuen sowjetischen »Internationalismus nach Stalin«,[7] der durch einen erheblichen Optimismus beflügelt wurde: Eine globale sozialistische Revolution schien möglich. Ende der 1950er-Jahre übersetzte sich dies zunehmend in Bestrebungen der sowjetischen politischen Elite, Einfluss auf die Transformationen in Afrika zu gewinnen. Doch zunächst wurde diese Ambition nicht als ökonomische oder geopolitische artikuliert, sondern als »ideologischer Kampf gegen Imperialismus und Kolonialismus« gefasst. 1958 erstellte das Zentralkomitee der KPdSU eine Liste von Maßnahmen für diese Offensive, mit der die Sympathien der zukünftigen postkolonialen Eliten gewonnen werden sollten: Sowjetische Filme sollten auf dem Kontinent verbreitet werden, ebenso wie Literatur und Zeitungen; Materialien, die die Erfolge der sowjetischen Modernisierung vor allem in Zentralasien und im Kaukasus demonstrierten, sollten übersetzt, die intellektuellen und technischen Eliten der neuen afrikanischen Staaten zur Weiterbildung in die Sowjetunion eingeladen, Kultur- und Austauschprogramme gefördert, Kontakte zu Frauen-, Studenten- und Bauernverbänden aufgenommen und Solidaritätsaktionen für Partner in Afrika und Asien ausgeweitet werden.

Im Gegenzug wurden Maßnahmen entwickelt, um auch die Sympathien der Sowjetbürger für die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen zu gewinnen, und zwar indem die Geschichte und Kultur afrikanischer Gesellschaften einer breiteren Öffentlichkeit nahegebracht wurden. Das Zentralkomitee sah Wissenschaftler als wichtige Vermittler in diesem neuen Projekt. Die Sprachausbildung wurde auch mit Unterstützung ausländischer Experten verbessert, die Ausbildung von Fachleuten für den diplomatischen Dienst gestärkt und vor allem die regionalwissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika und Asien ausgeweitet.[8] Diese neue globale Ambition wurde von Nikita Chruščëv, der mit der Stalinʼschen Doktrin des »Sozialismus in einem Land« brach und die Herausbildung eines sozialistischen Weltsystems zum Ziel erklärte, deutlich artikuliert.[9] Er wies dabei den Gesellschaftswissenschaften eine entscheidende Rolle zu: Sie sollten Wissen über Dekolonisierungsprozesse und postkoloniale Transformationen zur Verfügung stellen und damit die Grundlage für politische Entscheidungen schaffen.[10] Diese politische Nachfrage nach Informationen über die Entwicklungen in Afrika und Asien übersetzte sich in entsprechende wissenschaftspolitische Strategien und führte zur Neuorganisation wissenschaftlicher Einrichtungen, insbesondere im Bereich der Orientalistik und Afrikanistik.[11]

Auch wenn die gesteigerte Nachfrage nach regionalwissenschaftlichem Wissen auf die veränderte innen- und außenpolitische Lage zurückging, war innerwissenschaftlich der Wettbewerb der Supermächte nur ein Teil der Herausforderung. Die Hauptkonkurrenten in der akademischen Gemeinschaft insbesondere der Afrikanisten waren zunächst nicht US-amerikanische Wissenschaftler, da in den 1950er-Jahren die Area Studies in den USA ebenfalls erst am Beginn ihrer großen Karriere standen,[12] sondern die führenden Wissenschaftler aus den Metropolen der ehemaligen Kolonialreiche. Französische und britische Forscher hatten nicht nur leichteren Zugang zu Quellen und Feldforschung, sondern auch enge Kontakte zur afrikanischen Geisteselite – in den Metropolen wie in den Kolonien. Daher waren die Sympathien der afrikanischen Eliten nicht nur im Wettbewerb gegen US-amerikanische Offerten zu gewinnen, sondern auch gegen die aus der Kolonialzeit herrührenden Verflechtungen zu behaupten. Zusätzlich wirkten sich seit den frühen 1960er-Jahren die wachsenden Spannungen im sozialistischen Lager zwischen China und der UdSSR auch auf den akademischen Bereich aus. Die Abwehr der chinesischen Revolutions- und Entwicklungstheorie sowie Chinas konkurrierende Projekte zur kulturellen, intellektuellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit beschäftigten die sowjetischen Akademiker ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit ihren amerikanischen, französischen und britischen Kollegen.

In den späten 1950er-Jahren waren jedoch die Aussichten, diese wissenschaftlichen Ambitionen zu verwirklichen, eher begrenzt.[13] Denn auch wenn die Wissensproduktion über afrikanische Gesellschaften für die neuen politischen Vorhaben als zentral angesehen wurde, fehlten entsprechendes Personal und Infrastruktur fast völlig, auch weil sie während der stalinistischen Säuberungen zerstört worden waren, sodass auch die frühe, im Rahmen der Komintern entwickelte Expertise der sowjetischen Afrikanistik fast ausgerottet wurde.[14] Das Epizentrum wissenschaftlicher Expertise über den »Osten« – diese regionalwissenschaftliche Kategorie umfasste in der Sowjetunion sowohl den »eigenen« Osten als auch Asien und Afrika – befand sich am Institut für Orientalistik der Akademie der Wissenschaften. In den 1950er-Jahren jedoch lag das Hauptaugenmerk dieses Instituts auf geschichts- und sprachwissenschaftlichen Studien, in denen die Regionen südlich der Sahara kaum Beachtung fanden. Nur wenige Wissenschaftler interessierten sich für das subsaharische Afrika, und diese waren über verschiedene Institute verstreut: Ivan I. Potechin – der zukünftige Direktor des Afrika-Instituts an der Akademie – und Sergej R. Smirnov waren am Ethnografischen Institut der Akademie tätig, Alexander Z. Zusmanovič und Irina P. Jastrebova am Institut für Orientalistik der Akademie, und Dmitrij A. Ol’derogge, gefeierter Gründervater der sowjetischen Afrikanistik, hatte seit 1946 den einzigen Lehrstuhl für Afrikanistik in der Sowjetunion an der Universität von Leningrad inne.[15] Die meisten von ihnen waren größtenteils an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens der Komintern (KUTV) ausgebildet worden. Diese Gruppe von Wissenschaftlern und politischen Aktivisten hatte seit den 1930er-Jahren massiv unter stalinistischen Repressionen gelitten. Die Überlebenden bildeten nun den Gründungsstab des neuen Afrika-Instituts an der Akademie der Wissenschaften.

Die Institutionalisierung der Afrikastudien wurde sowohl an Universitäten als auch an der Akademie der Wissenschaften rasch vorangetrieben.[16] In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden an Universitäten in der gesamten Sowjetunion – auch in den zentralasiatischen Republiken – Abteilungen für Afrikanistik eingerichtet, während die Institute an den Universitäten Moskau und Leningrad expandierten. Abteilungen für Afrikaforschung wurden auch an anderen Akademie-Instituten gegründet: am Institut für Weltgeschichte, am Institut für Weltliteratur, am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen und am Sprachwissenschaftlichen Institut. Eine der wichtigsten institutionellen Neuerungen war jedoch die Gründung des Afrika-Instituts an der Akademie der Wissenschaften im Jahr 1959.

Die Ausrichtung eines solchen Instituts war ausgesprochen umstritten.[17] Potechin, unterstützt von W. E. B. Du Bois,[18] trat für die Schaffung einer unabhängigen Einrichtung ein, an der Historiografie, Ethnografie, Ökonomie, Rechts- und Kulturwissenschaften gleichermaßen vertreten sein sollten. Dagegen kämpfte Bobodžan Gafurov, Direktor des Instituts für Orientalistik, darum, diese neue regionalwissenschaftliche Expertise unter seinem Dach zu behalten. Eine dritte Position vertrat Nuritdin Muchitdinov, ein hochrangiger Funktionär der Usbekischen Kommunistischen Partei und seit 1957 Sekretär des Zentralkomitees, der zwar ebenfalls die Emanzipation eines solchen Instituts von der sowjetischen Orientalistik anstrebte, mithin also eine eigenständige Einrichtung befürwortete, diese sollte sich jedoch auf aktuelle Fragen konzentrieren. Gegen Gafurovs Willen wurde die Herauslösung der Afrikawissenschaften aus dem Rahmen der sowjetischen Orientalistik zumindest teilweise durchgesetzt. So fanden seit 1962 auch eigene nationale und internationale Kongresse der sowjetischen Afrikanistik statt, während gleichzeitig die führenden Fachzeitschriften wie Narodi Azii i Afriki oder Azija i Afrika segodnja beide Regionen weiterhin gemeinsam behandelten. Und während es Potechin zunächst gelang, seine interdisziplinäre und eher historisch orientierte Agenda durchzusetzen, trug Muchitdinovs Position in den frühen 1960er-Jahren den Sieg davon. Die immer lauter werdende Kritik von Parteifunktionären an der aus ihrer Sicht nicht ausreichend anwendungsbezogenen wissenschaftlichen Produktion des Instituts führte schließlich zu dessen Verschiebung von der Abteilung für Geschichtswissenschaft der Akademie in die Abteilung für Wirtschaftswissenschaften. Diese Neuausrichtung hin zu wirtschaftlicher und politischer Forschung zu Fragen der Gegenwart wurde zwei Jahre später mit der Berufung des Ökonomen Vassili G. Solodovnikov als neuem Institutsdirektor nach dem Tod Potechins gefestigt. Historische, ethnografische und kulturelle Forschungen  fanden zwar weiterhin ihren Platz innerhalb des Instituts, wurden jedoch zunehmend marginalisiert oder an Akademie-Institute ohne eigenen Afrika-Schwerpunkt verlegt.

Die anhaltend enge Beziehung zwischen dem sowjetischen »Osten« und Afrika in Forschungs- und Theoriedebatten kann dabei nicht einfach als Fortschreibung orientalistischer Interpretamente für die afrikawissenschaftliche Forschung verstanden werden. Die sowjetische und vorher die russische Orientalistik (vostokovedenie) unterschieden sich in ihren Forschungsagenden und ihrer Genese von denen der westlichen Orientalistik, in der eurozentrische, rassistische und imperialistische Annahmen über die »Natur des Orients« die von Edward Said so prominent problematisierte Rolle spielten. Diese Hierarchisierung war im sowjetischen Fall komplizierter. Grundlage der russischen und später sowjetischen vostokovedenie war das Konzept des »Ostens« (vostok). Dieser umfasste sowohl die koloniale Peripherie des Russischen Reiches im nördlichen Kaukasus und Zentralasien als auch dessen östliche und südliche Nachbarn.[19] Zweifellos waren das Denken in Zivilisationsstufen wie auch die gefühlte Berufung zu zivilisatorischen Missionen im Osten Teil der akademischen Vorstellungswelt der russischen und sowjetischen Orientalisten. Doch dieser »Osten« war sowohl das Eigene als auch das Andere. Er umfasste die russischen wie die nichtrussischen Teile des Imperiums und später der Sowjetunion.[20] Intellektuell wie politisch waren die eigene (post-)koloniale Peripherie und das »orientalische Andere« im Osten und Süden immer wieder auf komplizierte Art und Weise miteinander verflochten, eine Verknüpfung, die sich von der russischen Orientalistik bis zur sowjetischen Afrikanistik nachzeichnen lässt. Dieser Zusammenhang führte nicht nur dazu, dass die Wurzeln der sowjetischen Afrikanistik in der Orientalistik lagen, sondern er erklärt auch die aktive Rolle von Akteuren aus Zentralasien wie Gafurov und Muchitdinov bei der Etablierung der Afrikanistik, die langjährige Kommunikation zwischen den beiden in regionalwissenschaftlichen Zeitschriften, Konferenzen und Instituten, die wiederholte Bezugnahme auf Zentralasien als Entwicklungsmodell für afrikanische Länder in akademischen wie politischen Diskursen und die Mobilisierung politischer und intellektueller Eliten aus Zentralasien als Vermittler sowjetischer Modernisierungsprojekte in Afrika.[21] Eine weitere Besonderheit zeigte sich in der Geografie der sowjetischen Afrikanistik: Das sowjetische »Afrika« umfasste den gesamten Kontinent nördlich und südlich der Sahara und erstreckte sich bis in den Nahen Osten. Dies schlug sich in der Struktur des Instituts für Afrikanistik nieder, aber auch in den Themen, die in den führenden Fachzeitschriften oder in den von Afrikanisten verfassten Dissertationen[22] und Konferenzbeiträgen behandelt wurden. »Afrika« wurde oft als Ganzes in den Blick genommen. Erst in den späten 1960er-Jahren, als der Ruf nach Differenzierung und die Kritik an vorschnellen Verallgemeinerungen immer lauter wurden, widmeten sich die Wissenschaftler vermehrt spezialisierten Studien zu einzelnen Ländern, was zum Teil auch eine Reaktion auf die schmerzhafte Kritik an der Arbeit sowjetischer Wissenschaftler in internationalen Kontexten war, insbesondere in Gesprächen mit afrikanischen Kollegen. Denn gerade hier offenbarten sich die Grenzen des sowjetischen Wissens über »Afrika«.

Dies führte in den späten 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre zu einer Differenzierung von Theorien über die Dynamiken auf dem Kontinent, zumindest jedoch zu deren vorsichtigerem Gebrauch. Dies war nicht nur eine Folge von zum Teil frustrierenden Erfahrungen, die sowjetische Wissenschaftler und Politiker mit ihren ersten Offerten in afrikanischen Ländern erlebt hatten. Vielmehr hatten auch die Begegnungen mit afrikanischen und westlichen Kollegen die begrenzte Anwendbarkeit marxistisch-leninistischer Verallgemeinerungen auf die teilweise widersprüchlichen Daten aus Feldforschung und Archivstudien deutlich gemacht. Die sowjetischen Wissenschaftler wurden daher zunehmend vorsichtig mit ihren Generalisierungen und erprobten differenziertere Analysen, ohne jedoch den marxistisch-leninistischen Rahmen je ganz zu verlassen.

Bei der Eröffnung des Instituts für Afrikanistik der Akademie 1960 begannen dort 73 Wissenschaftler mit ihrer Arbeit.[23] Die Belegschaft wuchs rasch und stieg 1965 auf 105,[24] 1971 auf 145 Personen.[25] Anfangs hatte das Institut zwei Abteilungen (sektori) und eine kleinere Forschungsgruppe, die sich mit aktuellen und historischen Fragen sowie mit Datenerhebung befasste. Auch deren Zahl stieg bald an.[26] Die wiederholten Umstrukturierungen des Instituts sind ein deutliches Zeichen für die hohe Dynamik des Faches,[27] die sowohl durch interne Konflikte in der Akademie als ganzer als auch durch die Verschiebung von Forschungsschwerpunkten am Institut angetrieben wurde. Im Zuge einer tiefgreifenden Reorganisation des Instituts wurden 1965 neue Sektoren für Wirtschaft und Planung, soziale und politische Probleme, internationale Beziehungen und Regionalstudien eingerichtet. Wirtschaftliche und aktuelle Fragen nahmen also immer mehr Raum ein. In den frühen 1970er-Jahren wurden größere Abteilungen geschaffen, die die Erweiterung der Themenfelder und die zunehmende Spezialisierung des Instituts widerspiegelten. Die Abteilung für tropisches Afrika umfasste Arbeitsbereiche zu unabhängigen und sozialistisch orientierten Ländern, eine Forschungsgruppe zu Nigeria und eine zu Problemen der Landwirtschaft. In der Abteilung für arabische Länder widmete sich eine Gruppe den Forschungen zu Ägypten, Libyen und zum Sudan, eine andere spezialisierte sich auf Algerien, Tunesien und Marokko. Neben der Abteilung für Ökonomie und der Abteilung für sozio-politische und ideologische Probleme wurde eine Abteilung für Internationale Beziehungen eingerichtet, die Forschungsgruppen zu Außenwirtschaftsbeziehungen, internationalen Beziehungen zwischen afrikanischen Ländern sowie eine eigene Forschungsgruppe zur Untersuchung der Politik der VR China in Afrika unterhielt.[28] Der historische Zweig wurde Teil einer Abteilung zur Untersuchung der nationalen Befreiungsbewegungen und beinhaltete auch die Erforschung Südafrikas und der Kolonien. Die Geschichte Afrikas wurde 1971 systematischer in einer separaten Abteilung des Instituts für Weltgeschichte der Akademie verfolgt, die Wissenschaftler wie Apollon B. Davidson und Irina Filatova aufnahm.[29] Bereits in den frühen 1970er-Jahren wurde eine Forschungsgruppe eingerichtet, die den Rohstoffimport aus Afrika in sozialistische Länder untersuchen sollte. Dieses neue Interesse spiegelte auch die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage des Ostblocks; die afrikanischen Staaten – einst Mitkämpfer für eine sozialistische Weltrevolution – wurden zu Wirtschaftspartnern. Die sich wiederholt verschiebenden Forschungsschwerpunkte und die Bemühungen um eine funktionierende institutionelle Infrastruktur für die afrikawissenschaftliche Forschung waren nicht nur eine Folge wechselnder politischer Prioritäten. In erheblichem Maße hatte diese Dynamik mit den Erfahrungen zu tun, die sowjetische Wissenschaftler in ihren Begegnungen mit Kollegen aus Afrika und dem Westen auf Konferenzen, im Rahmen von Kooperationen in internationalen Projekten und auf ihren Reisen durch Afrika gesammelt hatten.

 

Schmerzhafte Einsichten: Die Grenzen sowjetischer Verallgemeinerungen

Dass sowjetische Afrikanisten auf den Kontinent reisen, an internationalen Kongressen teilnehmen und an Projekten wie der UNESCO-History of Mankind und der General History of Africa mitarbeiten konnten, hatte mehrere Gründe: Mit den meisten der neu entstandenen afrikanischen Staaten hatte die Sowjetunion diplomatische Beziehungen aufgenommen, sie öffnete sich wieder für den internationalen Austausch und begann, in internationalen Organisationen wie der UNESCO eine aktive Rolle zu spielen. Gleichzeitig standen größere Ressourcen für Archiv- und Feldforschung zur Verfügung, obwohl diese zum Leidwesen der Forscher bis zum Ende der Sowjetunion begrenzt blieben.[30] Die auf diese Weise möglich gewordenen tatsächlichen Begegnungen der sowjetischen Afrikanisten mit ihren Kollegen aus Afrika und dem Westen erwiesen sich als ausgesprochen fruchtbar, sorgten aber vielfach auch für Frustrationen und Irritationen. Diese Kontakte waren ein wichtiger Motor für die Professionalisierung der Disziplin, sie führten zur Neuausrichtung von Forschungsprogrammen und regten konzeptionelle Innovation an. Denjenigen, die reisen konnten, wurde dabei schnell klar, dass die empirischen und methodologischen Grundlagen ihrer wissenschaftlichen Projekte oft nicht mit internationalen Debatten und Standards mithalten konnten – und zwar nicht nur mit denen im Westen, sondern auch in Afrika selbst.

So wurden sowjetische Wissenschaftler auf internationalen Kongressen mit den Defiziten ihrer eigenen empirischen Forschung konfrontiert, aber auch mit theoretischen Einwänden vonseiten imperialismus- und kapitalismuskritischer westlicher Wissenschaftler. Irina P. Jastrebova, stellvertretende Direktorin des Afrika-Instituts, hatte diese Erfahrung im Oktober 1965 auf dem Internationalen Kongress der Afrikahistoriker am University College in Daressalam – ein wahrhaft globaler Moment in der Disziplinbildung, in dem es Terence Ranger gelungen war, Forscher aus dem Osten, dem Westen und Afrika in einem Konferenzsaal zusammenzubringen[31] –, selbst machen müssen. Zurück in Moskau, wies sie schonungslos auf das Problem hin. Nicht nur die Sprachbarriere erschwerte aus ihrer Sicht die Kommunikation zwischen afrikanischen und sowjetischen Gelehrten, sondern auch der Mangel an empirischer Fundierung in der sowjetischen Afrikaforschung und deren Tendenz, komplexe Dynamiken auf abstrakte theoretische Begriffe zu bringen. Sie berichtete, dass die sowjetischen Beiträge das afrikanische Publikum kaum hatten überzeugen können, und hatte eine Reihe von Vorschlägen parat, wie diesem Problem zu begegnen war: Es müssten spezifische Probleme untersucht werden, empirische Fakten statt theoretischer Verallgemeinerungen im Zentrum stehen, afrikanische wie auch westliche Literatur systematisch verfolgt und diskutiert werden. Außerdem sollten junge sowjetische Afrikanisten zum Studium an afrikanische Universitäten entsandt werden, um sich mit den dortigen akademischen Debatten vertraut zu machen und die Verbindungen zwischen den beiden Forschergemeinschaften zu stärken. [32] Ihr Aufruf, für diese Dinge weitere Ressourcen zu mobilisieren, war nicht der letzte: Bis zum Ende des Kalten Krieges nutzten die aufeinanderfolgenden Direktoren des Instituts die frustrierenden internationalen Erfahrungen, um ihre Forderungen zu legitimieren.[33]

Ein immer wiederkehrender Vorwurf (vermutlich nicht nur) an sowjetische Wissenschaftler auf diesen internationalen Zusammenkünften war, dass sie die afrikanische Forschung nur unzureichend berücksichtigten. Einige, wie Artem B. Letnev, reagierten indes auf diese Kritik und folgten dem Aufruf von Jastrebova. In seiner Dissertation über die sozialen Beziehungen in einem Dorf in Westmali[34] verwendete er ausführlich senegalesische Dokumente, französische Statistiken sowie Werke afrikanischer Wissenschaftler wie Cheikh Anta Diop, Abdoulaye Ly, Mamby Sidibé und französischer Forscher wie Georges Balandier und Jean Suret-Canale. Letnev hatte von 1958 bis 1961 für die UNESCO in Paris gearbeitet und wurde in den 1970er-Jahren Mitglied der Internationalen Wissenschaftlichen Kommission für die Erstellung der General History of Africa. Seine Zeit in Paris ermöglichte ihm offensichtlich leichten Zugang zu französischen Quellen und darüber hinaus zur frankophonen Wissenschaftsgemeinschaft. Im Oktober und November 1962 reiste er für seine Doktorarbeit nach Mali, wo er auch Material für eine Kollektivmonografie über die Agrarfrage im tropischen Afrika sammelte.[35] Obwohl er die »bürgerlichen« Positionen afrikanischer Gelehrter im Umfeld von Alioune Diop in Paris kritisch kommentierte, zeigte er sich dankbar, dass er von ihren Arbeiten hatte profitieren können.[36] Diese typische Mischung aus »Daten« und westlicher, afrikanischer oder internationaler Sekundärliteratur erhielt routinemäßig ihre Rahmung durch die Klassiker – Marx und Lenin – und die Schriften sozialistischer Kollegen. Die Herausforderung für sowjetische Wissenschaftler bestand dabei darin, das westliche oder nicht-sozialistische Material sowohl zu verwenden als auch zu kritisieren,[37] eine Übung, die im Laufe der Zeit zur Überprüfung der einst stabilen theoretischen und ideologischen Kategorien beitrug. Dass die Ressourcen für Feldforschung jedoch insgesamt begrenzt blieben, steigerte die Bedeutung jener privilegierten Gruppe, die reisen konnte und Zugang zu Primärquellen hatte: Sie erwarb sich damit hohe Autorität zu Hause.

In internationalen Kontexten nahm die Kritik an den sowjetischen Beiträgen jedoch nicht ab. So wies Walter Rodney auf dem Internationalen Kongress für Afrikanistik 1973 in Addis Abeba die sowjetische Begrifflichkeit der »traditionellen Gesellschaften« und das damit verbundene Modernisierungsverständnis zurück – beides interpretierte er als eine weitere Variation westlicher Konzepte, de facto als Eurozentrismus. Aus der Erfahrung dieser vermutlich unangenehmen Debatte schlussfolgerte Gleb B. Starušenko, der stellvertretende Institutsdirektor und Leiter der sowjetischen Delegation, zu Hause in Moskau, dass eine gründlichere Beschäftigung mit westlichen Modernisierungstheorien wie auch ihrer Kritik angeraten sei, um künftig gewappnet in diese Auseinandersetzungen zu gehen. Außerdem schlug er vor, die Forschungen zu vorkolonialen afrikanischen Gesellschaften zu erweitern und vor allem mehr Archiv- und Feldforschung zur besseren Begründung der sowjetischen Argumente einzuplanen.[38]

Die begrenzten Möglichkeiten für Feldforschung konnten zum Teil durch den Austausch mit afrikanischen Gästen »zu Hause« in Moskau kompensiert werden. Zwischen 1960 und 1967 besuchten nach Eigenangaben mehr als 3000 Gäste das Institut – eine Zahl, die mangels weiterer Quellen schwer zu verifizieren ist, die aber grundsätzlich auf die Rolle des Instituts als Drehscheibe für den sowjetisch-afrikanischen Austausch verweist.[39] Die Einladung von Gästen war mehr als eine bloße Prestigefrage. Es ging auch darum, Zugang zu Informationen aus erster Hand zu erhalten, wie beispielsweise der Bericht über den Besuch von Henri Lopès aus Brazzaville (Kongo) 1965 zeigt.[40] Lopès war zu dieser Zeit Generaldirektor für Bildung, wurde später Bildungs- und Außenminister, bevor er als stellvertretender Generaldirektor der UNESCO für Kultur und anschließend Generaldirektor für Afrika nach Paris ging. Lopès gab nicht nur viel geschätzte und genau dokumentierte detaillierte Einblicke in die akademische und politische Entwicklung seines Landes, sondern ermutigte seine sowjetischen Partner auch, dort eine aktive Rolle in Bildung und Forschung zu übernehmen.

In den 1970er-Jahren wurden sowjetische Wissenschaftler immer vorsichtiger, voreilige theoretische Schlüsse aus den von ihnen beobachteten Entwicklungen zu ziehen. Aus ihrer Sicht wurde die Lage zunehmend unübersichtlich, als dass sie Generalisierungen erlaubte. Auf dem zweiten sowjetischen Afrikanistenkongress im Oktober 1974 in Moskau warnte beispielsweise Sergej I. Tjul’panov, Inhaber der Professur für den Kapitalismus der Gegenwart in Leningrad, genau vor diesen Verallgemeinerungen – die nach seiner Erfahrung viel zu häufig das sowjetische wissenschaftliche Verfahren kennzeichneten – und forderte vielmehr, die Expertise für Fragen der ökonomischen und politischen Entwicklung in Afrika und Asien kontinuierlich auszubauen. [41]

Eine wachsende Unübersichtlichkeit charakterisierte aus Sicht der sowjetischen Wissenschaftler auch die verschiedenen Ausprägungen des Sozialismus in Afrika selbst. So berichtete der Direktor des Instituts, Solodovnikov, im Februar 1976 vom ersten Internationalen Kongress der Ökonomen der Entwicklungsländer in Algier von den zunehmenden Zerwürfnissen in der afrikanischen Elite und warnte vor einer weiteren Polarisierung im sozialistischen Lager, die die ohnehin bestehenden Spannungen infolge des chinesisch-sowjetischen Konflikts verschärfen würde. Der Aufstieg solcher und anderer, in den Worten Solodovnikovs, »extremistischer« Tendenzen ließ ihn die Isolierung sowjetischer Positionen – auch in akademischen Zusammenhängen – befürchten. Doch statt unmittelbar eine Deutung dieser Spaltungen anzubieten oder ein Mittel, wie man ihrer Herr werden könne, betonte Solodovnikov, wie wichtig es sei, diese Vielfalt sozialistischer Projekte in Afrika zunächst genau zu untersuchen.[42]

Solche Erfahrungen in internationalen Zusammenhängen verdeutlichten ebenso wie die Diskussionen in innersowjetischen Kontexten, wie dringlich es war, das konzeptionelle Instrumentarium an die Erträge aus der empirischen Forschung anzupassen.

 

Konzeptionelle Innovationen: Vom »nichtkapitalistischen Entwicklungsweg« zur »mnogoukladnost’«

Seit den 1920er-Jahren standen die sowjetischen Afrikanisten vor einem theoretischen Problem, mit dem sie aus den Diskussionen um die Deutung der russischen Entwicklung vom Zarenreich zur Oktoberrevolution bestens vertraut waren: Wie und wo lassen sich in Afrika kapitalistische Strukturen und entwickelte Klassen identifizieren, aus denen der Sozialismus erwachsen könnte? Dieses Problem ergab sich aus den stufentheoretischen Grundannahmen: Gesellschaften mussten verschiedene Stadien durchlaufen, um durch aufeinanderfolgende Gesellschaftsformationen hindurch – vom Feudalismus über den Kapitalismus – schließlich den Sozialismus zu erreichen. Dieser konnte also erst entstehen, wenn sich unter kapitalistischen Bedingungen die Klassengegensätze so verschärften, dass sie in einer sozialistischen Revolution mündeten. Deshalb suchten die sowjetischen Afrikanisten nach organisierten Formen des Proletariats in afrikanischen Gesellschaften und nach einer konstituierten afrikanischen Bourgeoisie. Sie sorgten sich um die Schwäche des Ersteren und das Fehlen der Letzteren. Auch die afrikanische Bauernschaft – jedenfalls so, wie sie sich in den Arbeiten zumeist westlicher Afrikaforscher darstellte, die von den ersten sowjetischen Afrikanisten rege rezipiert wurden – fügte sich mit ihren schwer zu fassenden Gleichzeitigkeiten von feudalen Strukturen, Stammesgesellschaften und starken Dorfgemeinschaften kaum in die bekannten marxistischen Deutungsmuster.

Ohne den spezifischen entwicklungstheoretischen Rahmen ganz zu verlassen, führten sowjetische Autoren relativ früh zwei konzeptionelle Neuerungen ein: den »nichtkapitalistischen Entwicklungsweg« und das Konzept der »Mehrsektorenwirtschaft« (mnogoukladnost’). Beide verdeutlichten das Ringen sowjetischer Afrikanisten darum, die von ihnen kaum zu ignorierende Komplexität der postkolonialen Dynamiken in Afrika mit ihrem »wissenschaftlichen Sozialismus« in Einklang zu bringen. Beide Konzepte ließen sich auf Lenin zurückführen, der vor einer ähnlichen Herausforderung gestanden hatte, als es galt, die historische Ausgangslage im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts zu deuten und den Erfolg einer sozialistischen Revolution in Russland vorherzusagen und zu erklären.[43] Dafür hatte er die Marxʼsche historische Analyse West- und Mitteleuropas weiterentwickelt und die Besonderheiten Russlands und seiner revolutionären Umbrüche im frühen 20. Jahrhundert betont.

Russland war hauptsächlich ein Agrarland, das zum Ende des 19. Jahrhunderts bei der Industrialisierung ebenso wie bei der wirtschaftlichen und politischen Modernisierung den Ländern Westeuropas hinterherhinkte. Aus Lenins Sicht war deshalb das Proletariat – als die eigentlich führende revolutionäre Kraft – weder groß genug noch ausreichend organisiert, um diese Aufgabe zu übernehmen, da der überwiegende Teil der russischen Bevölkerung der Bauernschaft zuzurechnen war. Allerdings war nach seiner Einschätzung in den industriellen Zentren Westrusslands ein Proletariat entstanden, das zur führenden Kraft der Revolution im ganzen Land werden könnte. So schlussfolgerte er, dass ein im gesamten Land vollständig entwickelter Kapitalismus nicht die alleinige Voraussetzung für eine sozialistische Revolution sei. Stattdessen sei – solange zumindest in einem Teil Russlands kapitalistische Gesellschaftsformationen (uklady) existierten – unter der Führung des Proletariats in den westlichen Regionen des Zarenreichs ein direkter Übergang von vorkapitalistischen zu sozialistischen wirtschaftlichen und politischen Formationen möglich. Dieses Überspringen des Kapitalismus sei insbesondere in den zentralasiatischen Regionen des Reiches, aber auch in den ländlichen Gebieten des russischen Kernlandes denkbar – und habe rückblickend so stattgefunden.

Diese Theorie wurde Ende der 1920er-Jahre von den sowjetischen Funktionären in der Komintern intensiv diskutiert, bot sie doch den ideologischen Rahmen, innerhalb dessen eine sozialistische Revolution in jenen Ländern möglich schien, die noch nicht vollständig in das kapitalistische Entwicklungsstadium eingetreten waren – und dies betraf insbesondere die Gesellschaften in den Kolonialgebieten der westlichen Mächte. Es war Nikolaj I. Bucharin, der die Idee prominent vertrat, dass solche »rückständigen« Gesellschaften die sozialistische Entwicklungsetappe auch ohne die vorherige vollständige Ausbildung des Kapitalismus erreichen könnten.[44] Dies wurde sogleich von den ersten sowjetischen Afrikanisten aufgegriffen, insbesondere von Endre Sík, der als politischer Flüchtling aus Ungarn in den 1920er-Jahren zur Gründergeneration sowjetischer Afrikaforschung unter dem Dach der Komintern gehörte. Er entwickelte diesen theoretischen Rahmen für Afrika weiter, schien er ihm doch der Schlüssel zum Verständnis und zur Vorhersage afrikanischer Wege in den Sozialismus zu sein.[45]

Dieser Flexibilisierung der marxistischen Theorie lag ein internationalistisches Verständnis sozialistischer Revolution und antikolonialer Bewegungen in Afrika zugrunde, das unter Stalin seit Beginn der 1930er-Jahre in zunehmendem Maße als »trotzkistisch« geächtet und verfolgt und entsprechend für die Befürworter solcher Ideen lebensgefährlich wurde. Erst in der Aufbruchstimmung der 1950er-Jahre rehabilitierte Chruščëv, auch aus strategischen Gründen, dieses theoretisch-ideologische Paradigma,[46] denn der »nichtkapitalistische Entwicklungsweg« legitimierte die Zusammenarbeit mit den neuen unabhängigen und »noch nicht« sozialistischen Ländern, die potenziell und unter Umgehung einer vollständigen kapitalistischen Entwicklung als auf dem Weg zum Sozialismus befindlich beschrieben werden konnten. Doch nicht nur für Politiker, sondern auch für Wissenschaftler erwies sich diese Theorie als ausgesprochen attraktiv, ließen sich mit ihr doch die sozialen und politischen Veränderungen in den neuen unabhängigen Ländern insbesondere in Afrika positiv deuten, die die statische Stufentheorie nicht erklären konnte. Politisch bot diese konzeptionelle Innovation die Möglichkeit, eine Brücke zur Bewegung der Blockfreien Staaten zu bauen,[47] da sich aus ihr eine neue Geografie des antikolonialen Kampfes ergab – in die sich gewissermaßen nun auch der sowjetische Süden einfügte.[48] Eine solchermaßen flexibilisierte Interpretation der sozialen und politischen Transformationen in afrikanischen Ländern ermöglichte es sowjetischen Wissenschaftlern wie Politikern, diese Gesellschaften in ihre globale sozialistische Vision zu integrieren.

Als Lenin seine Ideen zum nichtkapitalistischen Entwicklungsweg in den 1920er-Jahren entwickelte, beschrieb er damit Teile der Sowjetunion und skizzierte nicht den Weg für ein ganzes Land. Er positionierte das russische Proletariat in den industriellen Zentren im Herzen der revolutionären Dynamiken, es würde die Umwandlungen in den rückständigen Regionen anführen und damit gewissermaßen eine zivilisatorische Mission erfüllen.[49] Dreißig Jahre später bestand die größte Schwierigkeit bei der Anwendung dieses Denkens auf afrikanische Kontexte nun darin, dass dieser nichtkapitalistische Weg jetzt für ganze Staaten ohne eine vollständig entwickelte »revolutionäre« Klasse entworfen wurde. In dieser aktualisierten Argumentation übernahmen das sowjetische Proletariat und seine Verbündeten in Ost- und Westeuropa nun die Rolle der revolutionären Avantgarde. Der sozialistische Internationalismus war damit die Voraussetzung für eine sozialistische Entwicklung in Afrika und konnte einen nichtkapitalistischen Weg eröffnen.

Diese Ideen spiegelten den enormen Enthusiasmus der frühen 1960er-Jahre wider: Es schienen sich für die Sowjetunion tatsächlich Möglichkeiten zu eröffnen, ein sozialistisches Weltsystem aufzubauen und den Sieg der sozialistischen Revolution weltweit zu sichern. In die neuen unabhängigen Staaten wurden große Hoffnungen gesetzt, und die an die neuen Umstände angepasste leninistische Idee, die den besonderen Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution in Afrika Rechnung zu tragen schien, bot diesen Ambitionen ein vielversprechendes Instrument.

Wenige Jahre später, Anfang der 1970er-Jahre, erlangte ein anderer konzeptioneller Vorschlag wachsende Popularität, der ebenfalls auf ein älteres Theorem zurückgriff. Diese Konjunktur spiegelte jedoch die zunehmende Ernüchterung über die Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent. Das in der Diskussion über Entwicklungswege im Globalen Süden spezifisch ausformulierte Konzept der »Mehrsektorenwirtschaft« (mnogoukladnost’)[50] übersetzte dabei die bis dahin erzielten empirischen Erträge der sowjetischen Afrikaforschung in einen theoretischen Rahmen und gab der wachsenden – politischen wie wissenschaftlichen – Frustration darüber Ausdruck, dass sich die erhofften sozialistischen Umgestaltungen in den afrikanischen Gesellschaften mitnichten so schnell und umfassend zeigten wie vorhergesagt. Gleichzeitig reflektierte die neue, zurückhaltendere Deutung Veränderungen in der sowjetischen Gesellschaft nach der Absetzung Chruščëvs. Insbesondere die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Ostblock, die teilweise (und indirekt) mit dem »globalen Schock« der 1970er-Jahre in Zusammenhang stand,[51] trug zu einem pragmatischeren und auf die eigenen Interessen absehenden Blick auf die Entwicklungen im Globalen Süden bei.[52]

Im Gegensatz zum »nichtkapitalistischen Weg« brachte der Begriff der »Mehrsektorenwirtschaft« zunächst keine Theorie zur Beschreibung des Übergangs zum Sozialismus auf den Nenner, sondern bot eine analytische Kategorie für die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen afrikanischer Gesellschaften. Die Wissenschaftler, die dieses neue Paradigma propagierten, plädierten nachdrücklich für eine gründliche Untersuchung dieser Gesellschaften, auf der erst danach eine theoretische Darstellung aufbauen sollte.[53] Dabei war der epistemologische Ausgangspunkt ein anderer als bei dem zehn Jahre zuvor so prominent verhandelten Konzept. Zwar war auch dieser theoretische Rahmen bereits von Lenin entworfen worden, um das Russland des 19. Jahrhunderts und die frühe Sowjetunion zu charakterisieren. Er beschrieb historisch aber eine vorsozialistische Konstellation, in der verschiedene Produktionsweisen nebeneinander existierten und die daher nicht die idealen Voraussetzungen für eine sozialistische Transformation bot. In der sowjetischen Geschichtsschreibung war dieses Konzept in den 1950er-Jahren marginalisiert worden,[54] wurde aber in der regionalwissenschaftlichen Forschung für die Länder des Globalen Südens prominent wieder eingeführt. Anders als die Theorie des nichtkapitalistischen Entwicklungsweges stellte der Begriff der Mehrsektorenwirtschaft nicht sofort einen Übergang zum Sozialismus in Aussicht, sondern beschrieb eine Ausgangssituation, die sich in durchaus unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln konnte.

Für die sowjetische Afrikaforschung schien er eine Antwort auf drei verschiedene Herausforderungen zu bieten: Erstens machte er deutlich, wie wichtig die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Besonderheiten des Kontinents war, und legitimierte damit weiterführende Arbeiten ebenso wie die dafür notwendigen Infrastrukturen und Ressourcen; zweitens ließ sich hierauf eine Geschichte des zukünftigen Erfolgs des Sozialismus in Afrika konzipieren, d. h., es ließen sich entsprechende politische Erwartungen adressieren; und drittens konnte mit ihm die politische und ökonomische Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten begründet werden, die (noch) nicht vollständig in das sozialistische Lager integriert waren.[55] Insbesondere in der Forschung zur Lösung der »Agrarfrage« erwies sich dieser Ansatz als fruchtbar[56] und führte zur Beschreibung eines »agrarischen Proletariats« und eines »Agrarkapitalismus«.[57] Dabei wurden Dorfgemeinschaften und Kollektivierungsprogramme in afrikanischen Gesellschaften als potenzielle Vorreiter für sozialistische Transformationen gedeutet.[58] Damit einher ging eine bemerkenswerte Rehabilitation der Bauernschaft als potenzieller Triebkraft der sozialistischen Revolution, die in der marxistischen Theorie und der stalinistischen Praxis der Sowjetunion nachhaltig marginalisiert worden war.

 

Jenseits von Zentrum und Peripherie: Verflochtene postkoloniale Pfade

Die Erfahrungen, die sowjetische Afrikanisten im Verlauf ihrer Forschungen sammelten, ihre mitunter spannungsreichen Begegnungen mit afrikanischen Kollegen ließen sie den theoretischen Rahmen für die Deutung afrikanischer Entwicklung wiederholt infrage stellen. Jerry Hough hat bereits wenige Jahre vor dem Ende des Kalten Krieges darauf hingewiesen, dass bei der Anwendung orthodoxer marxistischer Modelle die »difficulties were particularly great for Africanists«, wobei »[n]early all the hints of theoretical modification of the five-stage pattern came from scholars who worked on Asia, […] in many respects the fastest evolution of views was occurring among the Africanists«.[59] In diesen konzeptionellen und theoretischen Neujustierungen zeigte sich die permanente Spannung zwischen dem Universalismus der marxistischen Theorie und den in den Regionalwissenschaften herausgearbeiteten Besonderheiten besonders deutlich. Zweifellos verließen auch sowjetische Afrikanisten nie ganz den sicheren Boden marxistisch-leninistischer Grundannahmen, um zu einem Verständnis afrikanischer Dynamiken zu gelangen. Doch die Entwicklung neuer Forschungsrichtungen, die Beschreibung ungelöster Forschungsprobleme und die Erprobung innovativer Methoden – die Professionalisierung der Afrikanisten insgesamt – wurden durch den Austausch sowjetischer Wissenschaftler mit ihren Kollegen aus Afrika, aus dem Westen und durch die intensive Lektüre der afrikanischen und westlichen Forschungsliteratur erheblich befördert.[60]

Der Enthusiasmus der 1960er-Jahre, in dessen Licht ganz Afrika als vielversprechendes Laboratorium für sozialistische Revolutionen erschien, wich bald einer größeren Zurückhaltung und Vorsicht vor überoptimistischen Vorhersagen über den Verlauf der widersprüchlichen und raschen Veränderungen in den afrikanischen Staaten. In den 1970er-Jahren wurden den Wissenschaftlern die Grenzen ihres Wissens und die empirischen Defizite ihrer Arbeiten zunehmend deutlich. Das Erbe der vostokovedenie machte sich dabei in der sowjetischen Afrikanistik auch darin bemerkbar, dass Fragen der Rückständigkeit und ihrer Überwindung nicht nur für den sowjetischen »Süden« und »Osten« diskutiert wurden, sondern diese Erfahrungen überdies eine wichtige Perspektive auf afrikanische Prozesse boten – auf diese Weise wurden postkoloniale Peripherien in Osteuropa und dem Globalen Süden in einen historischen und theoretischen Zusammenhang gestellt. Durch die Remobilisierung von Theoremen wie dem nichtkapitalistischen Entwicklungsweg und der Mehrsektorenwirtschaft, die zunächst im Rahmen einer sowjetischen Selbstreflexion über die Entwicklungspfade der früheren russischen Kolonien wie Zentralasien entwickelt worden waren, kombinierten die sowjetischen Afrikanisten auf bemerkenswerte Weise die hierarchische Logik einer sozialistischen Zivilisierungsmission in Afrika mit einer Selbst-Orientalisierung: Die Sowjetunion war sowohl rückständig als auch modern, Objekt und Subjekt von Modernisierung, Schüler und Lehrer, postkolonial und antikolonial.

Der Austausch und die Auseinandersetzungen mit ihren afrikanischen Kollegen und die empirischen Befunde ihrer eigenen Arbeiten stellten die sowjetische afrikanistische Gemeinschaft immer wieder vor beträchtliche Herausforderungen. Zwar hatte das Tauwetter der 1960er-Jahre den Blick für globale Dynamiken geöffnet, politische Spannungen und konkrete materielle und praktische Hürden wirkten sich jedoch auch weiterhin auf die Arbeit der Afrikanisten aus. Unter diesen Bedingungen entwickelte sich ein intensiver und debattenreicher Austausch mit den afrikanischen Kollegen. Gleichzeitig lieferten die auf diese Weise entstehenden internationalen Netzwerke den sowjetischen Afrikanisten immer wieder Argumente gegenüber wissenschaftspolitischen Entscheidungsträgern zu Hause, um den Ausbau der Afrikanistik und der ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen zu fordern, neue Forschungsprogramme zu legitimieren und die Differenzierung und Öffnung konzeptioneller Rahmungen zu begründen.

Die sowjetisch-afrikanischen Kontakte auf Forschungsreisen, Konferenzen und in persönlichen Gesprächen differenzierten die Geografie sozialistischer Theorie- und Wissensproduktion. Afrika war in dieser Hinsicht kein bloßer Container für die Entfaltung sowjetischer Ideen, sondern ein Raum, in dem die sowjetischen Theorieangebote vor ungeahnte Herausforderungen gestellt wurden. Die Frage danach, wo die entsprechenden intellektuellen und ideologischen Zentren und Peripherien des Kalten Krieges zu lokalisieren wären und wie diese zueinander in Beziehung standen, ist vor diesem Hintergrund viel schwieriger zu beantworten, als es vereinfachende Narrative von der Sowjetunion als (gescheitertem) Exporteur einer sozialistischen Weltrevolution nahelegen.

 


[1] Odd A. Westad: The Global Cold War: Third World Interventions and the Making of Our Times, Cambridge 2007; David Engerman: The Second World’s Third World, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 12 (2011), H. 1, S. 183–211; Oscar Sanchez-Sibony: Red Globalization: The Political Economy of the Soviet Cold War from Stalin to Khrushchev, Cambridge 2014; Tobias Rupprecht: Soviet Internationalism after Stalin: Interaction and Exchange Between the USSR and Latin America During the Cold War, Cambridge 2015.

[2] Mark P. Bradley: Decolonization, the Global South, and the Cold War, 1919–1962, in: Melvyn P. Leffler/Odd A. Westad (Hg.): The Cambridge History of the Cold War, Cambridge 2010, S. 464–485; Matthew Connelly: Rethinking the Cold War and Decolonization: The Grand Strategy of the Algerian War of Independence, in: International Journal of Middle East Studies 33 (2001), S. 221–245.

[3] James Mark/Peter Apor: Socialism goes global: Decolonization and the making of a new culture of internationalism in socialist Hungary, 1956–1989, in: Journal of Modern History 87 (2015), H. 4, S. 852–891; Kim Christiaens/Idesbald Goddeeris: Competing Solidarities? Solidarność and the Global South during the 1980s, in: James Mark/Artemy Kalinovsky/Steffi Marung (Hg.): Alternative Globalizations: Encounters Between the Eastern Bloc and the Postcolonial World, Bloomington i. E.

[4] Maxim Matusevich: Probing the Limits of Internationalism: African Students Confront Soviet Ritual, in: Anthropology of East Europe Review 27 (2009), H. 2, S. 19–39.

[5] Apollon Davidson (Hg.): Stanovlenie otečestvennoj afrikanistiki 1920-e – načalo 1960-h [Die Entstehung der sowjetischen Afrikanistik von den 1920er-Jahren bis zum Beginn der 1960er-Jahre], Moskau 2003.

[6] Denis Kozlov/Eleonory Gilburd: The Thaw: Soviet Society and Culture During the 1950s and 1960s, Toronto u. a. 2014.

[7] Rupprecht: Soviet Internationalism after Stalin (Anm. 1).

[8] Sergej Mazov: A Distant Front in the Cold War: The USSR in West Africa and the Congo, 1956–1964, Stanford 2010, S. 16; Davidson (Hg.): Stanovlenie otečestvennoj afrikanistiki (Anm. 5).

[9] Nikita S. Chruschtschow: Der Triumph des Kommunismus ist gewiss. Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees der KPdSU an den XXII. Parteitag der KPdSU, Berlin 1961; ders.: Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees der KPdSU an den XX. Parteitag, Berlin 1956.

[10] Chruschtschow: Der Triumph des Kommunismus ist gewiss (Anm. 9).

[11] Westad: The Global Cold War (Anm. 1), S. 68; Nisha Sahai-Achuthan: Soviet Indologists and the Institute of Oriental Studies: Works on Contemporary India in the Soviet Union, in: The Journal of Asian Studies 42 (1983), H. 2, S. 323–343.

[12] David L. Szanton: The Politics of Knowledge: Area Studies and the Disciplines, Berkeley 2010.

[13] Jeremy Friedman: Shadow Cold War. The Sino-Soviet Competition for the Third World, Chapell Hill 2015.

[14] Davidson: Stanovlenie otečestvennoj afrikanistiki (Anm. 5).

[15] Ebd.

[16] Apollon B. Davidson: Glava pervogo tsentra afrikanistiki [Der Kopf des ersten Afrikanistik-Zentrums], in: ders. (Hg.): Stanovlenie otečestvennoj afrikanistiki (Anm. 5), S. 94–109.

[17] Mazov: A Distant Front (Anm. 8), S. 22 ff.

[18] Joy Gleason Carew: Blacks, Reds, and Russians: Sojourners in search of the Soviet promise, New Brunswick/New Jersey 2010.

[19] Steffi Marung: Peculiar Encounters with the »Black Continent«: Soviet Africanists in the Global 1960s and the Expansion of the Discipline, in: Matthias Middell (Hg.): Self-Reflexive Area Studies, Leipzig 2013, S. 103–134; dies./Katja Naumann: The Making of Oriental Studies: Its Transnational and Transatlantic Past, in: Rens Bod/Jaap Maat/Thijs Weststeijn (Hg.): The Making of the Humanities, Amsterdam 2014, S. 415–429.

[20] Alberto Masoero: Territorial Colonization in Late Imperial Russia: Stages in the Development of a Concept, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 14 (2013), H. 1, S. 59–91; Christian Teichmann: Cultivating the Periphery. Bolshevik Civilising Mission and Colonialism in Soviet Central Asia, in: Comparativ 19 (2009), H. 1, S. 34–52.

[21] Artemy M. Kalinovsky: Not Some British Colony in Africa: The Politics of Decolonization and Modernization in Soviet Central Asia, 1955–1964, in: Ab Imperio (2013), H. 2, S. 191–222; Masha Kirasirova: Sons of Muslims in Moscow: Soviet Central Asian Mediators to the Foreign East, 1955–1962, in: Ab Imperio (2011), H. 4, S. 106–132.

[22] Ukazatel’ doktorskich i kandidatskich dissertacii po problemam Afriki, zaščičenych v SSSR 1935–1980gg. [Verzeichnis der zwischen 1935 und 1980 in der UdSSR verteidigten Dissertationen über Afrika], Moskau 1983.
[23] Otčet o naučnogo učreždenija za 1960g [Bericht über die wissenschaftliche Institution für 1960], Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften (im Folgenden: ARAN), f. 2010, op. 1, d. 24.
[24] Sostav sotrudnikov Instituta Afriki AN SSSR na 15/XI/-62 [Zusammensetzung der Mitarbeiter des Instituts für Afrikanistik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, 15. November 1962], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 24; Marung: Peculiar Encounters with the »Black Continent« (Anm. 19).
[25] Svedenija o sostave naučnich rabotnikov na 1 janvarja 1971 goda [Zusammenfassung der Zusammensetzung des wissenschaftlichen Personals, 1. Januar 1971], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 212.

[26] Steffi Marung: A ›Leninian moment‹? Soviet Africanists and the interpretation of the October Revolution, 1950s–1970s, in: Journal für Entwicklungspolitik 23 (2017), H. 3, S. 21–48.

[27] Chronika izmenenij v organizacii i strukture Instituta Afriki AN SSSR za period 1959 po 1971 gody [Chronik der Veränderungen in der Organisation und Struktur des Afrika-Instituts der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften von 1959 bis 1971], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 249.
[28] Plan naučno-issledovatel’skoi raboty Instituta Afriki AN SSSR na 1973g. [Arbeitsplan der Forschung am Afrika-Institut der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften für 1973], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 333.

[29] Apollon B. Davidson/Irina Filatova: African History. A View from behind the Kremlin Wall, in: Maxim Matusevich (Hg.): Africa in Russia, Russia in Africa: Three centuries of encounters, Trenton, NJ 2007, S. 111–131.

[30] Marung: Peculiar Encounters with the »Black Continent« (Anm. 19); dies.: Decolonizing history, navigating academic high-seas: The role of Soviet scholars in UNESCO’s General Histories committees and at the International Congresses of African Studies (1950s–1970s). Vortrag auf dem 8. GISFOH-Symposium 2016, unveröff.

[31] Terence Ranger (Hg.): Proceedings of the International Congress of African Historians held at University College, Dar es Salaam, October 1965, London 1968.

[32] Očet Jastrebovoy ob učastij v rabote 3-go simpoziuma Vostočno-Afrikanskoj Akademii [Bericht von Jastrebova über die Teilnahme am 3. Symposium der Ostafrikanischen Akademie], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 66.

[33] Perepiska o reorganizacija struktury Instituta [Korrespondenz über die Reorganisation der Institutsstruktur], Brief von Solodovnikov an A. M. Rumjancev, Moskau, 12. November 1965, ARAN, f. 2010, op. 1, d. 57; Marung: Peculiar Encounters with the »Black Continent« (Anm. 19).
[34] Artem B. Letnev: Social’nye otnošenija v derevne zapadnogo Mali (1950–1960g) [Die sozialen Beziehungen im ländlichen Westmali, 1950–1960], Moskau Institut für Afrikanistik, unveröff. Ms. 1963.
[35] Očet o naučnoy komandirovke v Rezpubliku Mali v oktjabre-nojabre 1962 g. mladšego naučnogo sotrudnika Instituta Afriki Letneva A. B. [Bericht über die wissenschaftliche Reise des Nachwuchsforschers A. B. Letnev in die Republik Mali, November/Dezember 1962], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 20.

[36] Letnev: Social’nye otnošenija v derevne zapadnogo Mali (Anm. 34), S. 28.

[37] Alexander Balezin: Kritika zarubežnoy Afrikanistiki v rabotach sovetskich učenych, 20-50-ch godov [Die Kritik ausländischer Afrikastudien in den Werken sowjetischer Wissenschaftler von den 1920er- bis zu den 1950er-Jahren], in: Davidson (Hg.): Stanovlenie otečestvennoj afrikanistiki (Anm. 5), S. 349–367.

[38] Očet sovetskoi delegacii ob učastii v III sessii meždunarodnogo kongressa afrikanskich issledovanij (Addis-Abeba, 9–19 dekabrya 1973), Moskva 1974 [Bericht der sowjetischen Delegation über die Teilnahme an der 3. Sitzung des Internationalen Kongresses für Afrikanistik (Addis-Abeba, 9.–19. Dezember 1973), Moskau 1974], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 341.

[39] Spravka o naučnoj i vnešnepolitičeskoj dejatel’nosti Instituta Afriki AN SSSR [Information über die wissenschaftlichen und außenpolitischen Aktivitäten des Instituts für Afrikanistik an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 10.

[40] Očet o prebyvanii v SSSR general’nogo direktora po voprosam obrazovanija Respubliki Kongo (Brazzavil’) Anri Lopesa (Sentjabr’ 1965) [Bericht über den Besuch des Generaldirektors für Bildung der Republik Kongo (Brazzaville) Henri Lopez in der UdSSR (September 1965)], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 148.

[41] Stenogramma plenarnogo zasedanija 2-y Vsesojuznoj konferencii afrikanistov [Kurzberichte der Plenarsitzung der 2. Allunionskonferenz der Afrikanisten], 2. Oktober 1974, Moskau, ARAN, f. 2010, op. 1, d. 384.

[42] Očet sovetskoi delegacii o rabote kongressa ekonomistov razvivajuščichsja stran (2.–8.2.1976 g., Alžir) [Bericht der sowjetischen Delegation über das Protokoll des Kongresses der Ökonomen der Entwicklungsländer, 2.–8. Februar 1975, Algier], ARAN, f. 2010, op. 1, d. 476.

[43] Hans Piazza: Zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie des nicht-kapitalistischen Entwicklungsweges, in: Nichtkapitalistischer Entwicklungsweg. Aktuelle Probleme in Theorie und Praxis, Berlin 1975, S. 61–76.

[44] Alexander Balezin: Razrabotka teorii nekapitalističeskogo puti razvitija dlja stran Afriki v SSSR: Istoki i pervye šagi [Die Ausarbeitung der Theorie des nichtkapitalistischen Entwicklungsweges für die Länder Afrikas in der UdSSR: Quellen und erste Schritte], in: Davidson (Hg.): Stanovlenie otečestvennoj afrikanistiki (Anm. 5), S. 368–379.

[45] Henry Bernstein: Marxism and African History: Endre Sik and his Critic, in: Kenya Historical Review (1977), H. 5, S. 1–21.

[46] Chruschtschow: Der Triumph des Kommunismus ist gewiss (Anm. 9).

[47] Christopher J. Lee: Making a World after Empire: The Bandung Moment and its Political Afterlives, Athen 2010.

[48] Artemy Kalinovsky: Writing the Soviet »South« into the History of the Cold War and Decolonization, in: Mark/Kalinovsky/Marung (Hg.): Alternative Globalizations (Anm. 3).

[49] Teichmann: Cultivating the Periphery (Anm. 20).

[50] Engerman: The Second World’s Third World (Anm. 1); Jerry F. Hough: The Struggle for the Third World: Soviet Debates and American Options, Washington, DC 1986; Elisabeth Kridl Valkenier: The Soviet Union and Third World: An economic bind, New Delhi u. a. 1986.

[51] Niall Ferguson u. a. (Hg.): The Shock of the Global: The 1970s in Perspective, Cambridge, Mass. 2011.

[52] Sarah Lorenzini: Comecon and the South in the Years of Détente: A Study on East-South Economic Relations, in: European Review of History 21 (2014), H. 2, S. 183–199.

[53] Stenogramma (Anm. 42).

[54] Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion: 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 2001.

[55] Alexej I. Levkovskij: Mnogoukladnije strany. Sud’by krest’janstva [Multistrukturelle Länder. Das Schicksal der Bauernschaft], in: Azia i Afrika segodnia (1970), H. 1, S. 21 f.

[56] Henry Bernstein: The Agrarian Question Then and Now, in: The Journal of Peasant Studies 24 (1996), H. 1/2, S. 22–59.

[57] Grigorij G. Kotovskij: Sel’skochozjajstvennyi proletariat v stranach Azii i Afriki [Das agrarische Proletariat in den Ländern Asiens und Afrikas], in: Azia i Afrika segodnia (1962), H. 5, S. 16–18.

[58] Ivan I. Potechin: Agrarnyi vopros i kres’tjan’stvo v tropičeskoj Afrike [Die Agrarfrage und die Bauernschaft im tropischen Afrika], Moskau 1964; Steffi Marung: Talking about others, talking about oneself: The ›agrarian question‹ through the eyes of Soviet Africanists, in: Mark/Kalinovsky/Marung (Hg.): Alternative Globalizations (Anm. 3).

[59] Hough: The Struggle for the Third World (Anm. 53).

[60] Balezin: Kritika zarubežnoy Afrikanistiki (Anm. 37).

Kurzbiografie

Abstract

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