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JHK 2006

Inhaltsverzeichnis

JHK 2006

Aus dem Inhalt des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 1993 bis 2005

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1993 Bernd Bonwetsch: Der Stalinismus in der Sowjetunion der dreißiger Jahre Leonid G. Babitschenko: Die Kaderschulung der Komintern Kees N. Boterbloem: Aspekte der stalinistischen »Säuberungen« in der russischen Provinz Aleksandr Watlin: Die Russische Delegation in der Komintern André Steiner: Sowjetische Berater in den zentralen wirtschaftsleitenden Instanzen der DDR Carola Tischler: Über die Rehabilitierung von Stalin-Opfern in der Sowjetunion Mustafa Haikal: Das Internationale Kolonialbüro der Komintern in Paris Panagiotis Noutsos: Die Generation der »Bolschewisierer« in der KP Griechenlands Wolfgang Kießling: Paul Merkers »Unverständnis« für den Hitler-Stalin-Pakt Wolfgang Ruge: Gedanken zu Lenin (über die Mittel-Zweck-Relation in der Politik) Hermann Weber: Die Instrumentalisierung des Marxismus-Leninismus Erwin Lewin: Neue Dokumente zur Kursänderung 1934/35 in der KPD Vera Mujbegovic/Ubavka Vujoševic: Die Kommunistische Partei Jugoslawiens und die Komintern. Dokumente zur »jugoslawischen Frage« 1936 Rainer Eckert/Mechthild Günther/Stefan Wolle: »Klassengegner gelungen einzudringen…« Fallstudie zur Anatomie politischer Verfolgungskampagnen am Beispiel der Sektion Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin Aleksandr N. Jakowlew: Blutige Vergangenheit Werner Dietrich: Der Fall Dattan – eine Skizze zu den KPD-Opfern Stalins und ihrer Rehabilitierung Peter Huber: Berta Zimmermann – eine Schweizer Kommunistin im Geheimapparat der Komintern Vanda Kašauskiené: Verbannungen der Einwohner Litauens in den Jahren 1941 und 1945–1952 Andrea Hoffend/Carsten Tessmer: 25 Jahre nach dem »Prager Frühling«. Eine Auswahlbibliographie der im Westen erschienen Literatur zum »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« und seiner Zerschlagung Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1994 Galina P. Muraschko/Albina F. Noskowa/Tatjana W. Wolokitina: Das Zentralkomitee der WKP(B) und das Ende der »nationalen Wege zum Sozialismus« Tosio Iwamura: The 1932 Theses of the Japanese Communist Party Markus Wehner: »Die Lage vor Ort ist unbefriedigend«. Die Informationsberichte des sowjetischen Geheimdienstes zur Lage der russischen Bauern in den Jahren der »Neuen Ökonomischen Politik« Alexander Kan: Bolschewistischer »Revolutionsexport« und die schwedischen Linkssozialisten Fritz Keller: Die KPÖ 1945–1955 Gerhard Wettig: All-German Unity and East German Separation in Soviet Policy, 1947–1949 Jan Foitzik: Aus der Buchhaltung der Weltrevolution. Finanzhilfen der »regierenden kommunistischen Parteien« für den internationalen Kommunismus 1950–1958 Berthold Unfried: Rituale von Konfession und Selbstkritik: Bilder vom stalinistischen Kader Hermann Weber: Zum Umgang mit DDR-Archivalien – am Beispiel von Berichten über die Weltjugendfestspiele 1959 Helmut Fleischer: Lenin historisch lesen Wolfgang Mühlfriedl/Edith Hellmuth: Tagebuch des Betriebsrates der Firma Carl Zeiss in Jena Achim Kilian: »Brauchbar für Arbeiten unter Tage«. Der MWD-Befehl Nr. 001196-1946 Juri W. Basistow: Die DDR – ein Blick aus Wünsdorf Jürgen Mothes: Artur Ewert und die Wandlung von Luis Carlos Prestes zum Kommunisten Brigitte Studer: Ein Prozeß in Rom und seine Wiederholung in Moskau. Der Fall des Schweizer Komintern-Instrukteurs Karl Hofmaier György Borsányi: Ernö Gerö. Aus dem Leben eines Apparatschiks Akira Saitô: Neuere Kominternforschung in Japan Michal Šliwa: The Image of the Communist Movement in Contemporary Polish Historiography Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1995 Vojtech Mencl: Die Unterdrückung des »Prager Frühlings« im Lichte der neuesten Archivforschungen Terje Halvorsen: Die kommunistischen Parteien Europas im zweiten Jahr des deutschsowjetischen Paktes am Beispiel Norwegens und Frankreichs Dimitar Sirkov: On the Policy of the Communist International on the Eve and at the Beginning of World War II Miloš Hajek: Die Beziehungen zwischen der Komintern und der bolschewistischen Partei in den Jahren 1919–1929 Peter Hübner: Syndikalistische Versündigungen? Versuche unabhängiger Interessenvertretung für die Industriearbeiterschaft der DDR um 1960 Egon Grübel: Realsozialistische Schönschrift Hana Mejdrová: Die Entstehung der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei Peter Huber: Der Moskauer Apparat der Komintern Gerhard Wettig: Neue Aufschlüsse über Moskauer Planungen für die politisch-gesellschaftliche Ordnung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Wolfgang Leonhard : Der unbekannte Marx und Engels in der DDR Klaus Schönhoven: Drittes Reich und DDR: Probleme einer vergleichenden Analyse von deutschen Diktaturerfahrungen Pierre Broué: Volkogonov’s »Lenin« Patrick Major: »Mit Panzern kann man doch nicht für den Frieden sein«: Die Stimmung der DDR-Bevölkerung zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 im Spiegel der SEDParteiberichte Rolf Wörsdörfer/Peter Huber/Bérénice Manac’h: Zwei Briefe des italienischen Anarchisten Francesco Ghezzi an Stalin und Manuilski Hans Schafranek: Franz Koritschoner (1892–1941) Karin Hartewig: Sehnsucht nach einem dogmatischen Prinzip. Recha Rothschild in Selbstzeugnissen Günter Braun: Die Geschichte der SBZ im Spiegel der Forschung. Eine Bestandsaufnahme der neueren Literatur Brigitte Studer: Über den Prozeß historischer Erkenntnis am Beispiel des Kominternarchivs Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1996 Vadim V. Zagladin: Der erste Erneuerungsimpuls. Eine Betrachtung zum 40. Jahrestag des XX. Parteitages der KPdSU. Jurij Aksjutin: Der XX. Parteitag der KPdSU Jolanta Polakowska-Kujawa: Soziale Konflikte in Polen und die Legitimierung der Macht. Wandlungen im gesellschaftlichen Bewußtsein in den Jahren 1945–1994 Pawel Samus: Die politischen Aktivitäten der polnischen Kommunisten im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen (EKKI) in den Jahren 1921–1924 Josef Kaiser: »Der politische Gewinn stand in keinem Verhältnis zum Aufwand«. Zur Westarbeit des FDGB im Kalten Krieg Stephan Fingerle/Jens Gieseke: Partisanen des Kalten Kriegs. Die Untergrundtruppe der Nationalen Volksarmee 1957 bis 1962 und ihre Übernahme durch die Staatssicherheit Peter Erler: Zwischen stalinistischem Terror und Repression. Staatlicher Zwang und parteipolitische Strafmaßnahmen gegen deutsche Politemigranten in der UdSSR nach dem 22 Juni 1941 Werner Müller: Die Gründung der SED – Alte Kontroversen und neue Positionen um die Zwangsvereinigung 1946 Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Ereignisse von 1953 in der DDR Reinhard Müller: Der Fall des »Antikomintern-Blocks« – Ein vierter Moskauer Schauprozeß? Ulrich Mählert: »Im Interesse unserer Sache würde ich empfehlen...« Fritz Große über die Lage der SED in Sachsen, Sommer 1946 Achim Kilian: »Das Lager Nr. 1 weist eine hohe Sterblichkeitsrate auf.« Bericht einer GULAGKommission über das NKWD-Speziallager Mühlberg Christian F. Ostermann: Subversive Aktionen gegen die DDR. Die amerikanische Reaktion auf den 17. Juni 1953 Jens Becker/Harald Jentsch: Heinrich Brandler – biographische Skizze bis 1924 Helmut Müller-Enbergs: Erst Chefredakteur, dann »Unperson«: Lex Ende und Rudolf Herrnstadt Jurij W. Basistow: Oberst Tjulpanow und die Bildungs- und Kulturpolitik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945–1949 Egbert Jahn: Das Scheitern der sozialistischen Systemreformation und des konstitutionellen Kommunismus. Ein Forschungsbericht über »Perestrojka« und »Neues Denken« in der Sowjetunion João Arsénio Nunes: Genosse »René« und die kommunistische Jugend in Portugal zu Beginn der dreißiger Jahre Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1997 Leonid Luks: Zum Stalinschen Antisemitismus – Brüche und Widersprüche Jürgen Mothes: Kommunistische Regionalberatungen zu Lateinamerika in Kominternzeiten. Thesen zu einem Thema international-vergleichender historischer Kommunismusforschung George H. Hodos: Stalinistische Prozesse gegen Sozialdemokraten Thomas Kampen: Deutsche und österreichische Kommunisten im revolutionären China Aldo Agosti: Sowjetischer Kommunismus. Bilanzierende Aspekte eines Jahrhundert-Phänomens Pierre Broué: Sind jene Archivbesucher die Bestinformierten, die zuletzt dort waren? Anatolij P. Butenko: Ergebnisse und Bewertungen der Oktoberrevolution Robert V. Daniels: Bürokratischer Fortschritt und gesellschaftlicher Rückstand in der Russischen Revolution Moshe Lewin: Überlegungen zum geschichtlichen Weg der Sowjetunion Ilko-Sascha Kowalczuk: Frost nach dem kurzen Tauwetter: Opposition, Repressalien und Verfolgungen 1956/57 in der DDR. Eine Dokumentation des Ministeriums für Staatssicherheit Wjatscheslaw I. Daschitschew: »Nicht durchhaltbare Mission der sowjetischen Außenpolitik« – Ein Gutachten für Andropow Gero Neugebauer/Gerd-Rüdiger Stephan: »Eure Sorgen sind auch unsere Sorgen.« Das Treffen von Gregor Gysi und Michail Gorbatschow am 2. Februar 1990 in Moskau Karin Hartewig: Helmut Thiemann, Rolf Markert und der Häftlingskrankenbau im Konzentrationslager Buchenwald Jürgen Schröder: Rudolf Lindau (1888–1977) Helmut Müller-Enbergs: Meinungsoffiziere der Parteiführung Jens Gieseke: Zur Geschichte der DDR-Staatssicherheit – Hypothesen und Methodenfragen im Spiegel einiger Neuerscheinungen Dieter Pohl: Stalinistische Massenverbrechen in der Ukraine 1936–1953. Ein Überblick Irina A. Ioffe/V. A. Ukolova: Das Jugendarchiv der Rußländischen Föderation Horst Dähn: Neue Untersuchungen zur SED-Kirchenpolitik und zur Lage der Kirchen und Christen in der DDR – neue Forschungsergebnisse? Jan Foitzik: Kalter Krieg André Steiner: Neuere Literatur zur Wirtschaftsgeschichte der DDR Reiner Tosstorff: Britischer Kommunismus Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1998 Alexander Vatlin: Die Programmdiskussion in der Kommunistischen Internationale Gerrit Voerman: Die Unterordnung der KPH unter Moskau 1929/30 Keith Hitchins: An Outline History of the Communist Movement in Rumania, 1917–1944 Stéphane Courtois: Thorez, Stalin und Frankreichs Befreiung im Lichte von Moskauer Archiven Jera Vondušek Starič: Überlegungen zur Sowjetisierung Nachkriegs-Jugoslawiens Kimmo Rentola: 1948: Which Way Finland? Monika Tantzscher: Die Vorläufer des Staatssicherheitsdienstes in der Polizei der Sowjetischen Besatzungszone – Ursprung und Entwicklung der K5 Carel Horstmeier: Die Beziehungen der niederländischen kommunistischen Partei (CPN) zur SED Tobias Wunschik: Maoistische Opposition gegen das Honecker-Regime Werner Müller: Noch einmal: Stalin und die Demokratie im Nachkriegsdeutschland. Stéphane Courtois: Viel Lärm um Nichts Grant M. Adibekow: Der Apparat der Kominform Klaus Becker/Annette Roser: Das Parteiverfahren gegen Lex Ende im Sommer 1945 in Paris Achim Kilian: Kommissionsbericht vom 9. Februar 1949 im Zusammenhang mit der Auflösung des Speziallagern Nr. 1 des MWD der UdSSR in Deutschland Jens Becker/Harald Jentsch: Heinrich Brandler – biographische Skizze 1924–1967 Tetsuro Kato: Biographische Anmerkungen zu den japanischen Opfern des stalinistischen Terrors in der UdSSR Peter Huber/Bernhard Bayerlein: Biographisches Handbuch zur Geschichte der Komintern Peter Bonin: »Die ›zweite nationale Wiedergeburt‹. Nationalismus, nationale Bewegungen und Nationalstaatsbildung in der spät- und postkommunistischen Gesellschaft« Clemens Burrichter: Bilanz und Perspektiven der zeitgeschichtlichen DDR-Forschung Meinhard Stark: Stalinistischer Terror Werner Gahrig/Helmar Kreysig: Bericht über das 7. Berliner Kirche-Staat-Kolloquium Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1999 Jerzy Holzer: Entstehung und Zusammenbruch des Kommunismus Iring Fetscher: Ideologische Aspekte von Erfolg und Niedergang des Sowjetkommunismus Hermann Weber: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus Egbert Jahn: Das verborgene Erbe des Kommuismus: Die nationalstaatliche Ordnung im Osten Europas Helmut Fleischer: Der Arbeitersozialismus in seiner Epoche, die nicht die seine geworden ist Steffen Dietzsch: Das Alltägliche Opfer – Lügen in Zeiten des Kommunismus Guntolf Herzberg: Philosophieren in der Diktatur Ralph Sowart: Planwirtschaft und die »Torheit der Regierenden« Martin Sabrow: Der künstliche Konsens Horst Dähn: Kirchen in kommunistischen Staaten – am Beispiel Polens und der DDR Reiner Tosstorff: Fritz Heckert – ein Tod unter denkwürdigen Umständen Wladislaw Hedeler: Neue Archivdokumente zur Biographie von Grigori Jewsejewitsch Sinowjew Andreas Herbst: »Trotzkist mit kriminellem Einschlag«: Wilhelm Schwan Jan Foitzik: Zwischen »deutschem« und »sowjetischem« Totalitarismus Günter Braun: Was wollten die Russen eigentlich? Norman M. Naimark: Research on Communism in the United States Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2000/2001 Michal Reiman: Die Kommunismus-Debatte heute Alexander Vatlin: Was hat der Kommunismus aus Rußland gemacht? Oder: Was hat Rußland mit dem Kommunismus gemacht? Barry McLoughlin: »Vernichtung des Fremden«: Der »Große Terror« in der UdSSR 1937–38 Nikita Ochotin/Arseni Roginski: Zur Geschichte der »Deutschen Operation« des NKWD 1937–1938 Berthold Unfried: Kommunistische Künstler in der Sowjetunion der Dreißiger Jahre Joachim Schröder: Internationalismus nach Versailles Armin Wagner: Die »Kampfgruppen der Arbeiterklasse« im System der DDR-Landesverteidigung Werner Müller: Ex oriente luxus? – Supranationale Verflechtung der DDR in der Sicht des SED- Politbüros Reiner Tosstorff: Säuberungen im kubanischen Kommunismus Klaus Schönhoven: Verschiedene Vergangenheiten. Geschichtskulturelle Konflikte im geteilten Deutschland Julia Köstenberger: Die Geschichte der »Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens« (KUNMZ) in Moskau 1921–1936 Ralph Grobmann/Bettina Widner: »Wie lange muß man schweigen, einer Idee zuliebe?« Der »Bund Freie Presse und Literatur« Wladislaw Hedeler: Zur Vorgeschichte einer Fälschung. Die Veröffentlichung von Georgi Dimitroffs Gefängnistagebuch in der »Rundschau« zum 5. Jahrestag des Reichstagsbrandprozesses 1938 Hermann Weber: Neue Einsichten zur Komintern: Die Dimitroff-Tagebücher und Telegramme als zentrale Quelle der späten Komintern-Entwicklung Stephan Fingerle: »... mit dem Revisionismus rechnen wir schon in seinem Keime ab.« Die Zerschlagung einer »revisionistischen Gruppe« in der Abteilung Militärwissenschaft des Ministeriums für Nationale Verteidigung im Herbst 1968 Manfred Scharrer: Rosa Luxemburg – »Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark« Ottokar Luban: Rosa Luxemburg – demokratische Sozialistin oder Bolschewistin? Jens Becker/Harald Jentsch: Organisation und Klassenkampf – Wilhelm Piecks Rolle und Funktion in der KPD 1918–1933 Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2002 George H. Hodos: Über die Vorbereitung der Schauprozesse in Osteuropa Falco Werkentin: Der totale soziale Krieg – Auswirkungen der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 Horst Dähn: Die 2. Parteikonferenz der SED und die Kirchenpolitik der Partei (1952/53) Hermann Weber: Gefahr der Aktenvernichtung Avgust Lešnik: Die Wiener Internationale (1921–1923) als Anregerin einer Politik der Einheitsfront der organisierten Arbeiterbewegung Juri V. Galaktionov: Zum Schicksal eines sowjetischen Sammelbandes gegen die faschistische Ideologie 1935/36 Heinz A. Richter: The Greek Communist Party and the Communist International Andreas Stergiou: Im Kampf gegen »den westdeutschen Imperialismus« – Die Politik der SED im Mittelmeerraum Narihiko Ito: Erstveröffentlichung von Rosa Luxemburgs Schrift »Sklaverei« Bernd-Rainer Barth: Die Lebensbeichte eines Quäker-Kommunisten: Der Brief des geheimen Gefangenen Noel H. Field aus dem Staatssicherheitsgefängnis in Budapest an das Zentralkomitee der KPdSU vom März 1954 Lew Besymenski: »Wenn die Schatten sprechen...« Sergej Slutsch: Die Außenpolitik der UdSSR und die sowjetisch-deutschen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit in der russischen Historiographie des letzten Jahrzehnts Todor Kuljic: Zum Stand der historischen Aufarbeitung des jugoslawischen Sozialismus Bernhard H. Bayerlein: Stalinismus und Widerstand in Polen – Die Affäre Lipski und die Neugründung der Kommunistischen Partei Polens Andreas Herbst: Heinrich Wiatrek – Kommunist oder »Überläufer«? Jürgen Jahn: Erinnerung an Bernhard Steinberger Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2003 Norman M. Naimark: Stalins Tod und die internationale Politik Moshe Lewin: Ego and Politics in Stalin‘s Autocracy  Helmut Fleischer: Auf die Spitze eines Eisbergs getrieben: Philosophie als Organ der ideologischen Regression Nataliya I. Yegorova: The Evolution of Stalin‘s Postwar Perceptions of External Threat Barry McLoughlin: Stalinistische Rituale von Kritik und Selbstkritik in der internationalen Lenin- Schule, Moskau, 1926–1937 Hans-Dieter Döpmann: Stalin und die Russische Orthodoxe Kirche Katia Kuhn: Von der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion zur Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft Corey Ross: Zwischen politischer Gestaltung und sozialer Komplexität – Überlegungen zur Debatte über die Sozialgeschichte der DDR Ryszard Nazarewicz: Polnische Aspekte in Dokumenten der Komintern Bernhard H. Bayerlein: Nikolaj Krestinskij, der Šachty-Prozeß und die deutsch-sowjetischen Beziehungen Horst Dähn: »Im Ernst-Thälmann-Werk sind die Streikenden über die Mauern gestiegen« – Die Rolle des Sekretariats der SED-Bezirksleitung Magdeburg am 17. Juni. 1953 Werner Müller: Auch nach 1990: Zweierlei Geschichtsschreibung? Fridrikh Firsov: Some Critical Notes on Recent Publications on Comintern and Soviet Politics Avgust Lešnik: Kommunismusforschung in Slowenien? Ottokar Luban: Fanny Thomas Jezierska (1887–1945) – Von Rosa Luxemburg zu Gramsci, Stalin und August Thalheimer – Stationen einer internationalen Sozialistin Dietmar Simon: Werner Kowalski – Leben, Flucht und Tod eines kommunistischen Funktionärs Hermann Weber: Stalin und die Folgen Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004 Jean-Jacques Marie: Stalin und der Stalinismus: Rückkehr zu den Ursprüngen Verena Moritz und Hannes Leidinger: Wien als Standort der Kommunistischen Internationale bis Mitte der Zwanzigerjahre Cosroe Chaqueri: Taqi Arani and the Comintern: the Revolutionary Republican Party of Persia in the 1920s and 1930s Matthias Uhl: »Und deshalb besteht die Aufgabe darin, die Aufklärung wieder auf die Füße zu stellen« – Zu den Großen Säuberungen in der sowjetischen Militäraufklärung 1937/38 Bernd Faulenbach: Zur Rolle von Totalitarismus- und Sozialfaschismus-»Theorien« im Verhältnis von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik  Wilhelm Mensing: Vertrauensleute kommunistischer Herkunft bei der Gestapo und NSNachrichtendiensten am Beispiel von Rhein und Ruhr Till Kössler: Kaderpartei oder Mileupartei? Die KPD in Westdeutschland 1945 bis 1960 Christoph Thonfeld: Vergangenheitspolitische Rechtsprechung als Indikator politischen und gesellschaftlichen Wandels in der SBZ/DDR 1945 bis 1951 Heike Amos: Die SED-Entwürfe zu einer Reichs- und Länderverfassung 1946/47 Bernhard H. Bayerlein: Das neue Babylon – Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung Alexander Vatlin: Selbstzeugnisse der Täter des Stalinschen Terrors 1937/38 Michail Prozumenščikov: Der Rücktritt Nikita Chruščevs im Oktober 1964.Unbekannte Dokumente aus dem Russischen Staatsarchiv für Neuere Geschichte (RGANI) Samson Madievski: Drei Mal Lenin? – Zum 80. Todestag des russischen Revolutionärs Ehrhart Neubert: Die Revolution 1989 und die schwierige Erinnerung 15 Jahre danach Manfred Wilke: Anmerkungen zur ungeschriebenen Geschichte der SED Wilfriede Otto: Zweierlei Geschichtsschreibung? Eine Replik auf Werner Müller Wolfgang Leonhard: Verfolgt von Hitler und Stalin – Deutsche Kommunisten im 20. Jahrhundert  Patrice G. Poutrus: Zuflucht im Ausreiseland – Zur Geschichte des politischen Asyls in der DDR  Hermann Weber: Trotzki und der Trotzkismus Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2005 Hermann Weber: Nachruf: Günter Braun gestorben  Bernd Bonwetsch: Die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941 bis 1945: der »Große Vaterländische Krieg«  Jan Foitzik: Selbstbezogene Vergangenheitserbauung: Der Westen und »der äußere Ring des Imperiums« in neueren russischen Geschichtslehrbüchern Andreas Langenohl: Die Erinnerungsreflexion des Großen Vaterländischen Krieges in Russland zum fünfzigsten und zum sechzigsten Jahrestag des Sieges (1995 und 2005)  Wladislaw Hedeler: Sippenhaft im »Großen Terror« 1937/38:  Das »Akmolinsker Lager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern« (ALŽIR) und seine deutschen Häftlinge  Stefan Karner/Peter Ruggenthaler: Stalin und Österreich. Sowjetische Österreich-Politik 1938 bis 1953 Wolfgang Mueller: Die gescheiterte Volksdemokratie. Zur Österreich-Politik von KPÖ und Sowjetunion 1945 bis 1955  Barbara Könczöl: »Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand« – Der Wandel des 15. Januar als politischer Gedenktag von KPD und SED (1920 bis 1989)  Giandomenico Bonanni: Neues zur sozialistischen DDR-Verfassung von 1968: Entstehungsgeschichte und das Problem der Grundrechte  Sergej Flere: The Atheist Civil Religion in Communist Yugoslavia: the Broken Covenant of Tito’s People  William Totok: Der vergessene stalinistische Schauprozess gegen die »Spione des Vatikans« in Rumänien 1951  Ulf Brunnbauer: Zwischen Autonomie und staatlicher Intervention. Die Familienpolitik im sozialistischen Bulgarien (1944 bis 1989)  Endre Kiss: Geheimnisse in Auflösung – Mátyás Rákosi blickt zurück  Ulrich Mählert: Wie beim unaufhaltsamen Vorwärtsschreiten so mancher auf der Strecke blieb – Der Berliner Kommunist Rudolf Brassat  Peter Steinbach: Verspielte hermeneutische Möglichkeiten. Zum Erscheinen des Schwarzbuchs des Kommunismus 2  Gerd Koenen: Rudi Dutschke, die »Neue Linke« und die Gewalt  Andreas Förster: Zwischen Liebe und Hass – Ulrike Meinhof, die RAF, die SED und die Stasi  Barry McLoughlin: Biographische Studien zum Stalinismus: Nikolaj Ežov, Lavrentij Berija und Dmitrij Šostakovič  Klaus-Georg Riegel: Der Stalinismus als archaischer Gewaltexzess. Neue Studien zu Terror, Schauprozessen und Gulag  Manfred Wilke: Das sowjetische Imperium, Krieg, deutsche Frage und die SED-Gründung  Wilfriede Otto: Der Fall Noel Haviland Field  Jan Foitzik: Amnesiediskurs in Polen 

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»1956« Nationale Geschichtskultur, Erinnerungspolitik und private Erinnerung während Ungarns »Systemwechsel« 1989

Árpád von Klimó

Der 23. Oktober, der Tag, an dem 1956 die ungarische Revolution begann, ist seit 1989 ungarischer Nationalfeiertag.[1] Zugleich wurde am 23. Oktober 1989 die neue, demokratische Republik Ungarn ausgerufen. Damit endete die volksdemokratische Epoche Ungarns (1949 bis 1989). Die Erhebung dieses Herbsttages zum Nationalfeiertag und die Entscheidung, den Wechsel der Staatsform an diesem Tag zu vollziehen, drückt das positive Bekenntnis der politischen Klasse in Ungarn wie auch weiter Kreise der Bevölkerung zum Aufstand von 1956 aus, der seither offiziell »Revolution und Freiheitskampf« genannt wird.[2] Im vereinten Deutschland dagegen wurde der in Westdeutschland nach 1953 als Feiertag eingeführte 17. Juni abgeschafft und damit die Erinnerung an den Aufstand in der DDR offiziell abgewertet, wogegen sich zunächst nur vereinzelt Protest erhob.[3] Sehr viel deutlicher als in diesen Entscheidungen für bzw. gegen den jeweils daran erinnernden Gedenktag lässt sich der Unterschied im Umgang mit der Erinnerung an die beiden antistalinistischen Aufstände in Ungarn und Deutschland kaum aufzeigen. Die tieferen Ursachen für diese Differenz liegen zum Einen darin begründet, dass die neuere ungarische nationale Geschichts- und Erinnerungskultur seit Mitte des 19. Jahrhunderts, ähnlich etwa wie die Frankreichs oder der meisten südamerikanischen Staaten, auf der Narration eines national-revolutionären Befreiungsaktes aufbaut. In Ungarn gilt der 15. März 1848 als der Tag, an dem dieser Befreiungsversuch begann, der sich am 23. Oktober 1956 gewissermaßen wiederholte. Dazu kam, dass es die Kommunisten selbst waren, die diese national-revolutionäre Meistererzählung in den pompösen Hundertjahrfeiern von 1948/49 – nur sieben Jahre vor der »Wiederholung« – noch einmal in ihrem Sinn und für ihre Zwecke erneuerten und propagierten. Daher verstanden die bewusst handelnden und gebildeteren Teilnehmer der Revolution von 1956 und ein maßgeblicher Teil der Öffentlichkeit ihr Engagement nicht nur als Aufstand gegen eine verhasste, aus der Sowjetunion importierte Tyrannei, sondern auch als nationale Revolution im Einklang mit der ungarischen Tradition.[4] Sie nannten ihre Institutionen auch ganz selbstverständlich »Revolutionskomitees« und ähnlich. Wichtig ist außerdem die Tatsache, dass beide zunächst siegreichen Revolutionen und die durch sie an die Macht gekommenen Regierungen in beiden Fällen durch Interventionsarmeen aus dem Ausland (Zarenreich bzw. Sowjetunion) gestürzt wurden.[5] Im Falle der deutschen Märzrevolution 1848/49 schlug bekanntlich die preußische Armee unter dem zuerst als »Kartätschenprinz« geschmähten und später als nationaler Gründungskaiser verehrten Wilhelm I. den Aufstand nieder. In Ungarn wurden nicht zufällig zentrale Gedenkorte des Kultes um die Helden und Märtyrer von 1848/49, wie die Denkmale für Petőfi, Batthyány oder den polnischen General Józef Bem, Oberbefehlshaber der ungarisch-revolutionären Truppen, Treff- und Anlaufpunkte der Demonstranten des 23. Oktober 1956. Dagegen kamen die deutschen Arbeiter, die sich bereits am 16. Juni 1953 auf der Stalinallee versammelten, nicht auf die Idee, ihren Protest durch einen Zug etwa zu den Gräbern der Berliner Märzgefallenen von 1848 im sehr nahe gelegenen Friedrichshain, in eine nationalhistorische Tradition zu stellen. Diese besaß in Deutschland kein vergleichbares Gewicht.[6]  All das bedeutet nicht, dass solche geschichtskulturellen, sich in Symbolen und rituellen Praktiken erneuernden Strukturen die jeweilige aktuelle öffentliche Erinnerung determinieren oder festlegen. Sie stellen nur eine, allerdings plausible Möglichkeit dar, neue Ereignisse zu deuten, die aufgrund bestimmter kollektiver Erfahrungen als nationalhistorisch relevante Wendepunkte wahrgenommen werden. Zugleich besteht ihre Wirksamkeit paradoxerweise genau darin, dass sie hochgradig umstritten und umkämpft sind, da sie über Legitimität politischer Handlungen wie auch über die Konstruktion nationaler Identitäten mitentscheiden und kein politischer Akteur einfach über sie hinwegsehen kann. Im folgenden Beitrag sollen die Deutungskämpfe um »1956« in der Phase des Übergangs von der sozialistischen Parteidiktatur zum pluralistischen System im Jahr 1989 analysiert werden. Kollektive Erinnerung und der politische Umgang mit ihnen stehen zunächst im Zusammenhang mit jeweils aktuellen politischen und sozialen Konstellationen, daher wird zunächst nach politischen Funktionen der Erinnerung an 1956 in der Phase des ungarischen »Systemwechsels« von 1989/90 gefragt. Hier werden auch die außen- und innenpolitischen Hintergründe der Erinnerungspolitik knapp nachgezeichnet:  Anhand einiger zentraler erinnerungspolitischer Ereignisse des Jahres 1989 wird im vorliegenden Artikels untersucht, wie sich zwischen Januar und November die politische Stimmung und die Einschätzung der Legitimität der kommunistischen Diktatur radikal veränderten, und wie sehr diese dramatische Veränderung des politischen Klimas mit den wichtigsten erinnerungspolitischen Ereignissen um 1956 zusammenhing.  Im daran anschließenden Abschnitt wird danach gefragt, ob und wie sich öffentliche und private Erinnerung zueinander verhalten.  Am Schluss des Beitrags werden die Beobachtungen noch einmal knapp zusammengefasst.  Die politische Bedeutung der Erinnerung an den Herbst 1956 während des ungarischen »Systemwechsels« 1988/89 Wie Heino Nyyssönen schrieb, »erlebte ›1956‹ im Jahr 1989 eine Wiederauferstehung und wurde ein Teil des Systemwechsels«[7]. Oft schien dieses historische Ereignis wichtiger als andere, aktuelle Fragen, etwa die Ausgestaltung des politischen und ökonomischen Systems oder die Sozialpolitik. Um zu verstehen, warum die Erinnerung an das Jahr 1956 so eine entscheidende politische Bedeutung in dieser Zeit hatte, muss zunächst kurz erläutert werden, was unter dem in Ungarn inzwischen üblichen Begriff »Systemwechsel« (rendszerváltás) zu verstehen ist, der sich von der »Wende« in der DDR deutlich unterscheidet.  Kommunistische Reformer leiteten schon frühzeitig, noch bevor Opposition und Bevölkerung wirksam auftreten konnten, erste Schritte in Richtung Marktwirtschaft, Demokratie und Rechtsstaat ein.[8] Bei diesen Reformern handelte es sich um eine eher technokratisch orientierte Elite, die daran arbeitete, die ungarische Wirtschaft allmählich in den Weltmarkt zu integrieren. 1982 war Ungarn dem Internationalen Währungsfonds beigetreten, es gab Joint Ventures mit US-amerikanischen Konzernen (Levi’s Jeans, Marlboro), zugleich wurden die Beziehungen zu westlichen Staaten immer intensiver. Vor diesem Hintergrund könnte der »Systemwechsel« nur als ein, wenn auch überraschend eingetretener, Abschluss einer längeren Entwicklung verstanden werden. Allerdings hätte diese auch anders verlaufen können, wenn sich der Niedergang der Sowjetunion nicht seit dem Einmarsch in Afghanistan beschleunigt hätte. Vor dem Hintergrund der Perestrojka in der Sowjetunion hatte sich schließlich auch in Ungarn der Spielraum vor allem für wirtschaftliche, aber auch für politische Reformen erweitert, der zuvor, seit ihren Anfängen in den 60er Jahren, immer wieder von konservativen Kräften innerhalb von Partei und Staatsapparat eingeschränkt worden war. Andererseits haben die Reformkommunisten stets nur solche Veränderungen angestrebt, die der Festigung des bestehenden Systems dienen sollten, auch wenn sie dies nach 1989 anders darstellten.  Für Oppositionelle sollte das Wort »Systemwechsel« dagegen den Unterschied zur bloßen Reformpolitik bezeichnen, indem er die Nicht-Reformierbarkeit der sozialistischen Parteidiktatur postulierte. In diesem Sinn verwendete ihn etwa Bálint Magyar, Mitbegründer des liberalen Bundes der Freien Demokraten (SZDSZ) auf einer Pädagogenversammlung im Frühling 1988.[9]  Man könnte den Begriff aber auch ganz anders verstehen: Demnach wurde zwar das sozialistische System sowjetischen Typs auf friedlichem Wege »gewechselt«, aber ein großer Teil der Eliten der Diktatur konnte seine gehobene Position in Polizei, Verwaltung, Wirtschaft, Medien oder Wissenschaft in das neue System hinüberretten.[10] Beides bedingte einander: Der friedliche, geordnete, auf rechtsstaatlichem und demokratischem Weg herbeigeführte Systemwechsel (Verfassungsrevision, Wahlen im Jahr 1990) ermöglichte die personelle Kontinuität in zahlreichen Schlüsselpositionen, während die Verschonung der Machtpositionen der Eliten die Friedlichkeit des Übergangs erleichterte. Voraussetzung für beides war zudem, dass es lange vor 1989 Veränderungen im politischen Denken, in der Ideologie, in der Mentalität eines großen Teils der Führungsschichten, aber auch in breiteren Kreisen der Bevölkerung gegeben hatte, so dass spätestens seit Mitte der 80er Jahre der Übergang zu einem demokratischen und kapitalistischen System für viele Menschen denkbar geworden war.[11] Die nie offen diskutierte, in vielen Fällen traumatische Erinnerung an die Kämpfe und die brutale Repression von 1956 innerhalb des Partei- und Staatsapparates wie auch in der kleinen Opposition und in der breiteren Bevölkerung trug außerdem zu dem Bemühen bei, die Konflikte nun friedlich zu lösen. Und dies, obwohl gerade die Oppositionsbewegung auch von Jüngeren getragen wurde, die gerade nicht auf eigene Erfahrungen mit einer brutalen Staatsmacht zurückblicken konnten, sondern in einer Diktatur aufgewachsen waren, die gewisse »sozialistisch-gesetzliche« Grenzen zu respektieren versuchte und nur gelegentlich polizeiliche Mittel einsetzte. Allerdings führte dieser Konsens nach János M. Rainer auch dazu, bestimmte heikle Fragen in Bezug auf den Herbst 1956 wiederum auszuklammern, um den gewaltfreien Übergang nicht zu gefährden.[12] In diesem Zusammenhang konnte die Erinnerung an »1956« dem reformorientierten Teil der herrschenden Eliten nutzen, die mit »1956« einerseits Stalinismuskritik üben, andererseits gegenüber der Opposition auf mögliche Gefahren eines gewaltsamen »Systemwechsels« hinweisen konnten. Sie konnte aber auch der kleinen, eher schwachen und fragmentierten Opposition nützen, die ein breites politisches Spektrum von linken marxistischen Systemkritikern und Trotzkisten über die Liberalen bis hin zu radikalen Nationalisten repräsentierte. Für diese Gruppen erfüllte die Beschwörung von »1956«, die spätestens seit dem 25. Jahrestag 1981 intensiviert wurde, eine doppelte Funktion in der Auseinandersetzung mit dem Regime: Zum einen konnte sie durch die Erinnerung an die Opfer von »1956« moralische Empörung gegen János Kádár, den nationalen »Verräter« und »Henker« von Ministerpräsident Imre Nagy und Hunderten anderen, erzeugen und mobilisieren. Zum anderen konnte der Herbst 1956 als gemeinsame Plattform für politisch, sozial, ideologisch und kulturell sehr unterschiedlich ausgerichtete und in der Bevölkerung teilweise wenig verankerte Oppositionsgruppen dienen, solange die damit verbundene Erzählung noch diffus blieb. Sowohl die genannten außen- wie auch die innenpolitischen Entwicklungen, die zum »Systemwechsel« 1989 führten, waren eng mit der Erinnerung an »1956« verwoben. Denn schon 1956 waren die Beziehungen zur Hegemonialmacht Sowjetunion und zum Westen ebenso wie die politische, ökonomische und soziale Ordnung des Landes erstmals radikal in Frage gestellt worden. Die Demonstranten und die von ihnen stark beeinflusste Regierung unter Imre Nagy hatten die scheinbar zementierten Verhältnisse innerhalb weniger Tage »zum Tanzen« gebracht. Aufgrund des brutalen Einsatzes einiger Beamter der Staatssicherheit verwandelten sich die Massenkundgebungen in Budapest und in den Provinzstädten schließlich in einen bewaffneten Aufstand, der auch die kleinsten Dörfer erreichte. Erstmals hatte sich der Widerwillen eines großen Teils der Bevölkerung gegen das während der sowjetischen Besatzungsherrschaft mit Zwang und Gewalt errichtete stalinistische System der kommunistischen Parteidiktatur in einen machtvollen Widerstand verwandelt. Sowohl 1956 als auch 1989 sah sich die Bevölkerung der bisher ungewöhnlichen Situation ausgesetzt, über die außen- und innenpolitischen Grundausrichtungen des Landes mitentscheiden zu können. Allerdings sollte sie keine Zeit bekommen, dies auch zu tun. Wenn heute der Systemwechsel von 1989 oft als Ergebnis oder Folge der Ereignisse des Jahres 1956 dargestellt wird, ist das mehr als eine grobe Vereinfachung, denn niemand kann sagen, wie sich die ungarische Politik ohne sowjetische Intervention weiterentwickelt hätte. Ein schneller Übergang zum Kapitalismus und eine rasche, manchmal brutale Öffnung zum Weltmarkt, wie sie 1989 in die Wege geleitet wurde, gehörten jedenfalls nicht zu den Zielen von »1956«. Eine Vertiefung und Konkretisierung der Erinnerung an die Revolution, das Fragen nach den genauen Umständen und den konkreten Handlungen der Beteiligten berührte schon bald die Legitimität des Kádárschen Systems. Diese modernisierte und flexibler gestaltete Form der sozialistischen Parteidiktatur beruhte auf einer Interpretation, die das Jahr 1956 als »Konterrevolution« auffasste. Nach dieser Interpretation führte »1956« zurück auf den »historischen Irrweg« der Horthy-Ära (1920 bis 1944), die mit Faschismus und Krieg gleichgesetzt wurde. Deshalb hatte die »Konterrevolution« niederschlagen werden müssen. Wie im Folgenden zu sehen sein wird, erlaubte allerdings auch diese Deutung gewisse Spielräume, nicht nur, wenn Kádár in einer jovialen Geste von einer »nationalen Tragödie« sprach, wodurch er die Schärfe des Vorwurfs der »Konterrevolution« etwas abmilderte.[13] Damit hatte er eine offene, scheinbar vorpolitische, besonders für den privaten Gebrauch bestimmte Metapher eingeführt, die irgendwie für alle Gesellschaftsgruppen zutraf, für die Gefängniswärter ebenso wie für die Gefängnisinsassen. Doch war die nicht völlig unflexible und von Widersprüchen nicht freie Kádársche Geschichtspolitik in Bezug auf den Herbst 1956 auch durch Grenzziehungen und Verbote gekennzeichnet sowie durch die negative Bestimmung dessen, wie die Geschichte zu erzählen sei. Einige Detailfragen wurden tabuisiert, wie etwa die Frage nach den Opfern und den genauen Umständen der Repression 1957 bis 1958, anderes blieb verboten: Die Parzelle 301 auf dem Budapester Zentralfriedhof, wo die Leichen des hingerichteten Imre Nagy und seiner Mitangeklagten verscharrt worden waren, wurde zum »verbotenen Ort« erklärt, der nicht betreten werden durfte. Das Regime wollte die einstigen Gegner zum Verschwinden bringen, sie entehren und symbolisch aus der nationalen Gemeinschaft ausschließen. Ebenso waren bestimmte Bezeichnungen für »1956«, wie etwa »Revolution«, öffentlich nicht aussprechbar und wurden bestraft. Gerade diese Tabuisierung und die Unterdrückung bestimmter Formen und Orte des Gedenkens schufen aber paradoxerweise genau die Leerstelle, die »1956« zu einem nationalen Mythos werden ließ, den wiederum die Opposition in einem geeigneten Moment zu nutzen verstand. Denn im Grunde waren die Ereignisse des Spätherbstes 1956 äußerst komplex und sehr vieldeutig. Erst die versuchte Unterdrückung ihrer Rekonstruktion und eine vielschichtige, je nach eigenem oder gruppenspezifischem Erleben differenzierte Erinnerung ermöglichte die Konstitution einer einfachen Sichtweise auf das Geschehen, reduzierte radikal die Zahl der möglichen Lesarten der Revolution.[14] Selbst die Opfer der Repressionen der Jahre 1957/58, ihre Hinterbliebenen und Angehörigen gingen sehr unterschiedlich mit ihren ebenso unterschiedlich erfahrenen und verarbeiteten Erlebnissen und Erinnerungen um.[15] Die öffentlichen Diskriminierungen und Schikanen, denen die Familienangehörigen teilweise noch lange ausgesetzt waren, machten ihnen das Vergessen unmöglich. Unter den veränderten Bedingungen seit Mitte der 80er Jahre konnten sie erstmals ihre persönlichen Erinnerungen öffentlich machen. Einige Angehörige engagierten sich auch in den der Opposition nahe stehenden Opfervereinen.  Die administrativ verordnete Sichtweise und die Unterdrückung abweichender Erinnerungen an die Hinrichtungen konterkarierte wiederum auch die differenzierende Perspektive, die Kádár selbst anstrebte, wonach es 1956 zwar eine Konterrevolution gegeben habe, die Schuld für deren Ausbruch aber auch in den »Fehlern« der stalinistischen Zeit unter Rákosi zwischen 1949 und 1953 zu suchen sei. Diese begrenzte Öffnung ermöglichte es zumindest, während der Kádár-Ära (1956 bis 1988) in Maßen kritische Bücher und Filme über die frühen 50er Jahre in Ungarn zu veröffentlichen.[16] Neben der Unterdrückung der Erinnerung und der vom Regime erzwungenen Entscheidung für oder gegen die offizielle Deutung des Herbstes 1956 als »Konterrevolution« spielte aber auch die transnational wirksame dualistische Logik des Kalten Kriegs und seiner medialen Gestaltung eine wichtige Rolle: Schon ein großer Teil – aber beileibe nicht alle – der Beteiligten und der Zeitgenossen in Ungarn und außerhalb nahmen die Ereignisse um den 23. Oktober 1956 als Kampf zwischen West und Ost, zwischen Gut und Böse, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen christlichem Abendland und antichristlichem Bolschewismus usw. wahr, gemäß einer strikt zweigeteilten und antagonistischen Realitätsauffassung und der mit ihr zusammenhängenden Bilderwelt. Man denke nur an die schwarz-weißen Filmberichte, unterlegt mit dramatischer Filmmusik und besprochen von Kommentatoren mit schnarrenden Stimmen, die zu einer ganz bestimmten Aufmachung gehörten. So wurden einfache Bilder und Symbole – ein zerstörter Sowjetstern, ein rollender Panzer, eine lächelnde junge Frau vor dem ungarischen Parlament und ähnliches – zu Ikonen dieses weltumspannenden Ringens. Ob die Zerstörung des Sowjetsterns oder das Lächeln nicht etwas anderes bedeuten konnten, etwa den Ruf nach einer reformierten, sozialistischen und gerade nicht kapitalistischen Zukunft oder ob sie einfach Ausdruck einer momentanen Frustration ohne jegliche politische Absicht waren? (Schließlich wurden auch zahlreiche Kinder und Jugendliche in die chaotischen Verhältnisse in jenen Herbsttagen hineingerissen.) Solche Fragen mussten in der hegemonialen Kultur des Kalten Krieges in Ost und West oft untergehen und konnten erst nach langer Zeit wieder gestellt werden. Die dualistische Sichtweise trug auch zu dem Eindruck bei, in der ganzen Welt habe es einhellige Sympathie mit den ungarischen Aufständischen gegeben, von ein paar ideologisch beschränkten, kommunistischen Sympathisanten oder Salonbolschewisten in Frankreich oder Italien einmal abgesehen. Dabei wurde vergessen, dass es nur elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerade in den Nachbarstaaten Ungarns, namentlich in der Tschechoslowakei und nicht allein unter überzeugten Kommunisten, nur wenig Gründe dafür gab, einer ungarischen Nationalbewegung, die möglicherweise die Friedensordnung von 1945 zu verändern trachtete, zuzujubeln.[17] Es bleibt festzuhalten, dass die Erinnerung an die ungarischen Erhebungen im Jahr 1956 aufgrund ganz bestimmter politischer und medialer Voraussetzungen und Entwicklungen – in einer Zeit beschleunigter Veränderungen des politischen Systems – seit Mitte der 80er Jahre zu einer politisch relevanten Frage wurde, von der scheinbar die Existenz und die Ausgestaltung der kommunistischen Parteidiktatur abhing. Wie wurde aber diese vereinfachte Sicht auf »1956« jeweils gefüllt bzw. herausgefordert? Welche Narrative und Interpretationen standen im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen während der Phase des »Systemwechsels«? In welchem Zusammenhang standen die erinnerungspolitischen Kämpfe mit der politisch-institutionellen Entwicklung? Die Durchsetzung der positiven Bewertung des Herbstes 1956 im Jahr 1989 Zwischen Januar und November 1989 verschoben sich nicht nur die politischen Gleichgewichte Ungarns, womit zumindest formal der Übergang von der Diktatur zur Demokratie vollzogen wurde (der inhaltliche, alltagspraktische zog und zieht sich über Jahrzehnte hin). Es veränderte sich auch die öffentliche Erinnerung an die Ereignisse von »1956« radikal, was Ausdruck eines Ringens verschiedener Akteure (Funktionäre, »Reformer«, »Orthodoxe«, Oppositionelle, Medien, Öffentlichkeit usw.) war, aber auch einem gesellschaftlichen Auffassungs- und Verständniswandel entsprang. Wer dieses Geschehen nach der einfachen Formel: »Die Lügen des Regimes wurden durch die Wahrheit der Opposition und der Opfer ersetzt« behandelt, der vergröbert die Komplexität des Vorgangs. Denn die Haltungen der ungarischen Gesellschaft zu »1956« waren nicht »falsch« oder »richtig«, sondern flexibel und wandelbar.[18] Dass es nicht sinnvoll ist, dies beim Kampf gegen eine Diktatur zuzugeben, ist wiederum auch verständlich. Die Oppositionspolitikerin Ottília Solt musste daher 1989 sagen: »All die gesellschaftlichen Krankheiten und Anomalien, die für unsere Gegenwart charakteristisch sind und natürlich auch für die Vergangenheit waren, beziehen ihre Genesis irgendwie aus jener Grundlüge, dass die Gesellschaft kollektiv bereit war, die Erinnerungen an ›1956‹ zu ersticken, die Erinnerungen an die Revolution und die Erinnerungen an die konterrevolutionäre Machtübernahme [durch Kádár].«[19] Die Geschichtsschreibung sollte sich aber allmählich von der Identifizierung mit den Protagonisten und Zielen von 1989 lösen, denn ohne die notwendige Distanz degeneriert sie zur bloßen Geschichtspolitik. Das Problem der öffentlichen Erinnerung an »1956« eroberte jedenfalls mit einem als »Paukenschlag« wahrgenommenen Radiointerview die politische Agenda und die Aufmerksamkeit der Medien. Den Skandal löste am 29. Januar 1989 der Sonderminister für politische Erneuerung Imre Pozsgay vom Reformflügel der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) aus, als er, unter Verweis auf das Gutachten einer von ihm gegründeten Historikerkommission, »1956« einen »Volks-Aufstand gegen ein oligarchisches Machtsystem, das die Nation erniedrigte«, nannte.[20] Diese Historische Kommission war im Zusammenhang mit einer Neufassung des Parteiprogramms entstanden, mit der Pozsgay vom ZK beauftragt worden war. Sie widmete sich als eine von insgesamt vier Arbeitsgruppen den »historischen Ursachen der Herausbildung der gegenwärtigen Situation«, d. h. der Parteigeschichte seit 1945, während sich die anderen drei Gremien mit politischen, ökonomischen und sozialen Fragen befassten. Die von Iván Berend geleitete Kommission meinte, die Revision des Geschichtsbildes der MSZMP dadurch voranbringen zu können, indem sie »1956« mit der im westlichen Ausland damals häufig verwendeten Bezeichnung »Volksaufstand« titulierte und damit das überholte, von eher konservativen Parteifunktionären verwendete »Konterrevolution« ersetzte.[21] Das Wort »Revolution« war weiterhin ausgeschlossen, weil es mit einer Infragestellung der »Revolution« von 1945 selbst den Reformern innerhalb der noch führenden Staatspartei die Legitimation entzogen hätte, die sich ja auch darauf beriefen, dass das »reformbedürftige« System besser sei als alle früheren. Bereits zuvor war in offiziellen Verlautbarungen gelegentlich auch das Wort »Aufstand« (felkelés) gebraucht worden, das eine beinahe schon neutrale Konnotation hat. Die Qualifizierung der Ereignisse als »Volks«-Aufstand – also mit einem Kompositum, in welchem ironischerweise gerade ein im Stalinismus besonders häufig gebrauchtes Bestimmungswort (»Volksrepublik«, »Volksarmee«, »Volksgericht«, »Volksfeind« usw.) vorangestellt wurde – verweist allerdings darauf, das diejenigen, die dieses Kompositum prägten, zur kommunistischen Funktionärsklasse gehörten. In einem späteren Interview meinte Pozsgay, die Parteispitze hätte die Ergebnisse der Historikerkommission sicher lange zurückgehalten, deshalb habe er sie einfach publik gemacht.[22] Zugleich stellte sich Pozsgay aber als Gegner der bisherigen Politik der Partei dar: »Man kann nur dann den Stalinismus loswerden, wenn die gesamte Vergangenheit des sozialistischen Ungarn wenigstens korrekt beurteilt wird, und dies wird viel Mühe und Zeit kosten. «[23] Damit wollte der selbsternannte Radikalreformer einerseits die Geschwindigkeit der von ihm losgetretenen Lawine verlangsamen, andererseits seine Drohung gegen zahlreiche Parteifunktionäre aufrechterhalten, die ihre politische Stellung mit der früher üblichen »konterrevolutionären« Qualifizierung der Ereignisse »1956« verbanden.[24] Dieser Teil der Partei, namentlich Károly Grósz (der mit anderen zusammen Kádár gestürzt hatte, Ministerpräsident 1987/88), aber auch das große, nicht notwendig parteigebundene Publikum waren über den »Öffentlichkeitsputsch« Pozsgays empört. Dennoch vermehrten sich die Zeitungsartikel, Radio- und Fernsehsendungen, in denen der Herbst 1956 als »Volksaufstand« bezeichnet wurde, nun schlagartig.[25] Die Empörung erklärt sich aber nicht nur daraus, dass viele Funktionäre um ihre privilegierte Stellung fürchteten, sondern auch daraus, dass sehr viele Beobachter oder nicht mit der Partei verbundene Menschen sich Sorgen machten um den Frieden im Land oder gar um das Anfang 1989 noch scheinbar vollkommen solide Mächtegleichgewicht in ganz Europa. Ministerpräsident Grósz, der eine langsame »Reform von oben« plante und gegen den sich Pozsgays Attacke richtete, hielt am Begriff »Konterrevolution« fest. Ein Aufstand des »Volkes«, eine Handlung des auch in den Diktaturen sowjetischen Musters vorgestellten Souveräns gegen eine kleine, illegitim herrschende Minderheit – eine solche Deutung schwächte die herrschende Partei radikal, wie sich spätestens im Wahlausgang 1990 bewahrheiten sollte. Da die Staatspartei aber von Seiten der sich langsam unabhängiger entwickelnden Öffentlichkeit und der an Kontur und Gewicht gewinnenden Opposition sowie von einigen radikalen Parteireformern um Pozsgay zunehmend unter Druck geriet, konnte sie nicht wie vorher unter Kádár diese Stimmen einfach zum Schweigen bringen, sondern musste Verhandlungen eingehen. Noch im Oktober 1988 hatte die Regierung öffentliche Gedenkveranstaltungen, die von kleinen Oppositionsgrüppchen zusammengerufen wurden, von der Polizei auflösen lassen. Am Ende einer kontroversen Sitzung des ZK stand am 10. Februar 1989 ein scheinbar salomonischer Kompromiss, wonach 1956 ein Volksaufstand stattgefunden hatte, der später in eine »Konterrevolution« umgeschlagen sei. Außerdem wurde betont, dass bei dem »Aufstand, einem Volksaufstand, […] die Kräfte des demokratischen Sozialismus eine Rolle spielten«[26]. Diese Sowohl-als-auch-Lösung, die der bis dahin gültigen offiziellen Erzählweise noch verhaftet blieb, wurde eher nebenbei kommuniziert, während sich das ZK gleichzeitig lautstark für eine pluralistische Demokratie und einen offenen Wettbewerb mit anderen Parteien aussprach. Als nicht intendierte Folgen der Reformpolitik und besonders des sich verändernden internationalen Klimas und der erweiterten Möglichkeiten für unabhängige Medien und Berichterstattung begannen nun Entwicklungen wirksam zu werden, die dazu führten, dass Parteibeschlüsse keine so entscheidende Bedeutung mehr für die gesamte ungarische Gesellschaft hatten wie zuvor. Die Öffentlichkeit wurde zunehmend vielstimmig, und die Stimme der Partei musste um ihre früher so selbstverständliche (vielleicht aber auch nur überschätzte) Hörbarkeit besorgt sein.[27] Dies wurde offensichtlich, als nur einen Monat später, am 15. März 1989, erstmals seit 1947 der nationale Gedenktag wieder ohne zentrale staatliche Planung und Beaufsichtigung begangen werden konnte und Hunderttausende an oppositionellen Feiern teilnahmen. Noch 1988 hatte es einen Polizeieinsatz gegen Tausende von Demonstranten gegeben (seit 1973 hatten zumeist Studentinnen und Studenten den Arbeitstag zu Protestaktionen benutzt).  Sowohl für die Ordnungskräfte als auch für die Demonstranten war das Gedenken an 1848 ganz unmittelbar mit dem Gedenken an »1956« verbunden, schon deshalb, weil zu den zentralen Forderungen der Demonstration vom 23. Oktober die Wiedereinführung des 1951 aufgehobenen Nationalfeiertags 15. März gehörte.[28] Am 15. März 1957, als sich unter der Parole »Im März fangen wir wieder an!« Tausende an den spontanen Märzfeierlichkeiten beteiligten, die direkt an den Oktoberaufstand anknüpfen sollten, verhaftete die Polizei etwa 5 800 Personen. Sie konnte aber nicht verhindern, dass sich, wie fünf Monate zuvor, Hunderte an der Petőfi-Statue in Budapest versammelten. Wenn die Partei nun, 1989, ihren Anspruch aufgab, »auf der Straße« das Gedenken an 1848 zu kontrollieren, dann musste sie zwangsläufig auch zulassen, dass immer mehr der in den Jahren zuvor entstandenen und weiter entstehenden Oppositionsgruppen sich auch das Gedenken an »1956« zu eigen machen würden. Damit war der Weg frei, den Oktober 1956 wieder zur »nationalen Revolution« zu erheben und den Ereignissen eine neue, der kommunistischen Meistererzählung der Kádárzeit widersprechende Bewertung zu geben. Noch aber hinkte die Demokratiebewegung der Entwicklung hinterher, deren Tempo weiterhin die machtbewussten Reformer in den Reihen der herrschenden Partei bestimmten. Die Teilnahme von zehntausenden Bürgern bei ihren eigenen Gedenkveranstaltungen am 15. März 1989 ermutigte die drei größeren Oppositionsparteien Ungarisches Demokratisches Forum (MDF), Bund Freier Demokraten (SZDSZ) und Bund Junger Demokraten (Fidesz), sich zu einem »Runden Tisch der Opposition« zusammenzuschließen. Noch im Januar hatte die Regierung mit allen größeren Oppositionsgruppen separat verhandelt und diese dadurch schwächen können.[29] Wie stark sie wirklich waren, wie der Übergang zum Mehrparteiensystem vonstatten gehen würde, welche Rolle die Kommunisten dabei spielen würden – all das blieben offene Fragen. Die Stunde der Opposition schlug Mitte Juni 1989, als sie gemeinsam mit einigen Reformfunktionären die Wiederbestattung von Imre Nagy durchsetzen konnten, die zum größten Medienereignis des ungarischen »Systemwechsels«, für manche sogar das offizielle »Begräbnis« des Kommunismus wurde. Auch in diesem Fall waren politisch-institutionelle Entwicklung und erinnerungspolitische Veränderung eng miteinander verzahnt. Drei Tage vor der Trauerfeier, als die Särge von Imre Nagy und fünf anderen 1958 Hingerichteten auf dem Budapester Heldenplatz von Hunderttausenden geehrt wurden, fanden Opposition und Regierung zu einem ersten Gespräch am »Runden Tisch« zusammen. Zu der Wiederbestattung der hingerichteten Revolutionäre von 1956 war es aber nur deshalb gekommen, weil Angehörige der Opfer, ehemalige Häftlinge und Mitstreiter im Frühjahr 1988 ein »Ungarisches Komitee für historische Gerechtigkeit« gegründet und im In- und Ausland würdige Begräbnisse der Hingerichteten gefordert hatten.[30] Auf einer Pressekonferenz in New York im Mai 1988 hatte Károly Grósz, der eine offizielle Rehabilitation noch ablehnte, zumindest die private Bestattung von Imre Nagy und anderen Verurteilten zugesagt. Eine öffentliche Veranstaltung wollte er verbieten.[31] Die mit der Angelegenheit betrauten Staatssicherheitsoffiziere hatten zunächst Mühe, auf der Parzelle 301 die Stellen zu finden, wo die Leichen der Verurteilten lagen – selbst der Staatsapparat tappte im Dunkeln. Nach einigen Nachforschungen enthüllte ein Totengräber die Geheimnisse des anonymen Begräbnisortes. Das Komitee schaltete sich Anfang 1989 in die Verhandlungen zwischen den Justizbehörden und den Hinterbliebenen ein, damit die Öffentlichkeit darüber unterrichtet werden konnte. So konnten die Behörden unter Druck gesetzt werden. Nachdem fünf Särge gefunden und die Leichname von Imre Nagy und vier seiner Mitstreiter identifiziert worden waren, konnten die Vorbereitungen für die feierliche Ehrung und Wiederbestattung beginnen, die am 16. Juni 1989, dem 31. Jahrestag der Hinrichtungen, stattfinden sollte. Zu dieser Trauerfeier, die vom Gedenkkomitee organisiert, von der Regierung finanziert und unterstützt wurde, strömten mehrere hunderttausend Menschen auf den Heldenplatz in Budapest, Millionen verfolgten sie am Fernsehen.  Diese Veranstaltung wurde einhellig als Durchbruch im Ringen um die Bezeichnung der Ereignisse von »1956« als »Revolution«, als Absage an den Kommunismus und massenhaftes Bekenntnis zum Oppositionsbündnis gewertet. Nach einer im Juni 1989 veröffentlichten Umfrage – die zu beantwortende Frage lautete: »Was geschah ihrer Ansicht nach im Herbst 1956 in Ungarn?« – stimmten 50 Prozent der Befragten der Option »Revolution und Volksaufstand« zu, immerhin noch ein Viertel (26 Prozent) der seit Februar offiziellen Linie der Staatspartei (»Volksaufstand, dann Konterrevolution«), noch 13 Prozent der zuvor amtlichen »Konterrevolution«, während 11 Prozent »weiß nicht« antworteten.[32] Ende Februar/Anfang März 1989 hatten sich in einer anderen Umfrage nur zwischen 20 und 22 Prozent der Befragten für »Revolution«, aber zwischen 38 und 44 Prozent für das neutrale Wort »Aufstand«, 15 bis 20 Prozent für die frühere Qualifizierung als »Konterrevolution« ausgesprochen.[33]  Auch bei der Gedenk- und Trauerfeier wurden Unterschiede in der Einschätzung von »1956« innerhalb der Opposition und des Gedenkkomitees manifest, trotz des insgesamt geschlossenen, gegen die Diktatur und ihre Vertreter gerichteten Auftritts. Einige Beobachter empfanden etwa die kurze Ansprache des Führungsmitglieds der Jungdemokraten (Fidesz), Viktor Orbán (später von 1998 bis 2002 Ministerpräsident), als zu »radikal«. Das kam daher, weil Orbán, der »im Namen der jungen Menschen, die sich zur Idee der europäischen bürgerlichen Demokratie bekennen«, das Wort ergriff, sich nicht an die Erwartungen hielt, die mit einer offiziellen Gedenkfeier verbunden waren. Seine Sprache und sein Habitus drückten vielmehr eine große Distanz zu den älteren Generationen aus, egal ob Parteifunktionäre oder ältere Oppositionspolitiker.[34] Er sprach fast pietätlos von dem »Kommunisten Imre Nagy«, dem er aber für seine Haltung seit November 1956 großen Respekt zolle. Die älteren Redner verwendeten eine eher zurückhaltende, vorsichtige Sprache, die man leicht als dem diktatorischen System und seinen Repräsentanten gegenüber versöhnlicher gestimmt verstehen konnte und die sich aus traumatischen Erfahrungen und aus Angst vor möglichen gewaltsamen Entwicklungen erklären lässt. Orbán sprach dagegen direkt, schonungslos und unbekümmert: »Wir können nicht verstehen, dass die, die bereit waren, die Revolution und ihren Premierminister zu verraten, sich plötzlich in große Anhänger von Imre Nagy verwandelt haben. Noch können wir verstehen, dass die großen Parteiführer, die uns Schulbücher aufzwangen, welche die Revolution verfälschten, jetzt zu den Särgen eilen, um diese zu berühren, als ob es irgendwelche Glücksbringer wären.«[35] Orbán meinte damit etwa Miklós Németh (Ministerpräsident 1988 bis 1990), der neben dem Sarg von Nagy stand. Damit erschwerte er die Versuche der Wiederaneignung von Imre Nagy durch die Staatspartei, deren Reformer Orbán in die Nähe von János Kádár und die Unterdrücker der Revolution von 1956 rückte. Das durchkreuzte die Absichten der Regierung, die zuvor zur Teilnahme an den Trauerfeiern und zu einem »verantwortungsvollen Verhalten« aufgerufen hatte, womit allzu scharfe Anklagen gegen die Täter ausgeschlossen werden sollten.[36]  Viktor Orbán rief in seiner kurzen Ansprache außerdem zum Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn auf, eine Forderung, der sich nur ein anderer Oppositionspolitiker anschloss, während sie den anderen Rednern wohl zu heikel erschien. So sagte auch Sándor Rácz, 1956 Präsident des Budapester Arbeiterrats, dann sieben Jahre inhaftiert: »Diese Särge und unser bitteres Leben sind Ergebnis der Anwesenheit russischer Truppen auf unserem Territorium. Helfen wir der Sowjetunion dabei, ihre Truppen so bald wie möglich aus Ungarn abzuziehen! Die Kommunistische Partei klammert sich noch immer ängstlich an die Macht. Was sie in den letzten 44 Jahren nicht erreichte, wird sie auch jetzt nicht erreichen.«[37] Imre Mécs vom Bund der Freidemokraten (SZDSZ) rief die Menge auf, die Errungenschaften der Revolution von 1956, vor allem die Freiheit, zu bewahren. Darauf hin stimmten Tausende im Chor ein: »Sklaven wollen wir nie wieder sein« – eine Strophe des »Nationalliedes«, mit dem Sándor Petőfi am 15. März 1848 eine Volksversammlung begeistert hatte und das jedes Schulkind auswendig konnte.[38]  Aus dem »Verräter« Imre Nagy war nun offiziell ein »nationaler Märtyrer« geworden. Das, was die Kommunisten über 30 Jahre hinweg »Konterrevolution« oder »nationale Tragödie« genannt hatten, hieß nun »Revolution und Freiheitskampf«. Mit Imre Nagy und seinen Mitkämpfern wurde zugleich die Parteidiktatur beerdigt, während der politische Pluralismus nach 1945 und 1956 seine Wiederauferstehung feiern konnte. Fast romanhaft erscheint die Tatsache, dass Parteichef János Kádár, der den Befehl zur Hinrichtung Nagys gegeben hatte, an dem Tag starb (7. Juli 1989), an dem Imre Nagy und die anderen hingerichteten Revolutionsführer vom Obersten Gericht der Volksrepublik offiziell rehabilitiert wurden. Parteichef Grósz war ebenfalls kurz nach der Trauerfeier entmachtet worden. Die Gedenkfeier vom 16. Juni 1989 hatte die Parteidiktatur auch in der »reformierten« Form in den Augen vieler diskreditiert und der – noch relativ geeinten – Opposition einen mächtigen Popularitätsschub gegeben. Nach dem Übergang zur parlamentarischen Demokratie im Jahr darauf entbrannte der Streit über die Erinnerung an »1956« nun zwischen den miteinander konkurrierenden Parteien. Als Eindruck von der Trauerfeier vom 16. Juni 1989 blieb bei vielen die Vorstellung einer gegen den »Kommunismus« und die sowjetische Besatzung fest zusammenstehenden, geeinten Nation erhalten, was sich bei genauerem Hinsehen aber nicht nachvollziehen lässt. Öffentliche und private Erinnerungen an »1956«  Das, was sich Ende Oktober/Anfang November 1956 in ganz Ungarn ereignet hatte, war keinem vorher ausgedachten Plan gefolgt. Die Geschehnisse in Szeged, Debrecen, Salgotarján und in zahlreichen anderen Städten und Dörfern, und die Art und Weise, wie sie erlebt wurden, fügten sich erst durch ihre sprachliche und bildliche Vermittlung zu zahllosen Erzählungen, die sich untereinander widersprechen. Je nach dem, welche Akteure und Ereignisse darin vorkommen, verändert sich auch die Geschichte von »1956«. Die Tätigkeit der Arbeiter und der revolutionären Räte in Fabriken und Kommunen hat ein britischer trotzkistischer Historiker detailreich untersucht. Einige liberale Budapester Historiker interessierten sich mehr für die Beratungen und Beschlüsse von rebellierenden Studenten und Intellektuellen. Die spontanen Straßenkämpfer, teilweise erst 12- oder 14-jährige »Pester Jungs«, die eher Unterschichten oder »Randgruppen« entstammten, lagen rechtsgerichteten Politikern am Herzen. Diese witterten bei dieser Gruppe »magyarische Freiheitsinstinkte«. Das gleiche gilt auch hinsichtlich der politischen und militärischen Eliten und ihren mehr oder weniger geheimen Beratungen und Beschlüssen: Die ungarische Revolution nimmt jedes Mal eine andere Gestalt und Bedeutung an. Doch auch die Aktionen von einzelnen Gruppen, wie etwa der Straßenkämpfer, die »nichts mehr zu verlieren hatten«, wie Bernd Rainer Barth und János M. Rainer schrieben, konnten völlig unterschiedlich bewertet werden: »Ihre Anführer wurden von der rachsüchtigen Macht propagandistisch verteufelt [als ›Faschisten‹], während die Erinnerungsschriften der Akteure ganz im Gegenteil ein hagiographisches Bild der eigenen Rolle zeichnen.«[39] Weil der Herbst 1956 für die Beteiligten und ihre Angehörigen mit sehr verschiedenen Erlebnissen verbunden war, lohnt es sich, die oben geschilderte, sich 1989 radikal verändernde offizielle Erinnerungs- und Geschichtskultur einmal mit dem zu vergleichen und zu konfrontieren, was Oral-History-Forschungen in jüngster Zeit über private Erinnerungen an die Ereignisse »1956« zutage gefördert haben.  Die Angehörigen von Hingerichteten und Inhaftierten haben sehr emotional, aber auch sehr unterschiedlich auf die öffentliche Trauerfeier vom 16. Juni 1989 reagiert. Die Mehrheit der von Zsuzsanna Kőrösi und Adrienne Molnár seit Mitte der 80er Jahren interviewten Betroffenen und Zeitzeugen ging nicht zum zentralen Festakt, wie sie sich überhaupt meistens nicht an der politischen »Aufarbeitung« an prominenter Stelle beteiligten.[40] Die meisten von ihnen nahmen aufgrund einer tief sitzenden Angst, ihres jahrzehntelangen Zurückgezogenseins oder aus Geldmangel nicht teil, während einige wenige auf der Ehrentribüne stehen durften. Fast alle verfolgten aber die Zeremonie am Fernsehen. Für sie war das Verlesen der Namen der Opfer, ihrer Väter, Brüder, Onkel, Großväter ein erschütterndes Ereignis. Einige erlitten einen so heftigen Schock, dass sie ärztlich behandelt werden mussten. Die meisten empfanden Genugtuung darüber, dass endlich die Unschuld, ja sogar Heldenhaftigkeit ihrer Väter oder Ehemänner offiziell verkündet wurde, nachdem sie jahrzehntelang darunter zu leiden hatten, dass diese als »Verbrecher« galten. Obwohl es auch zahllose versteckte Hilfeleistungen oder Solidaritätsgesten gab, lebten doch die meisten Familien der Opfer isoliert und sozial geächtet. So sagte etwa Mária Magyar: »Endlich kam auch zumindest im Dorf heraus, wie es damals war, und dass sie wirklich nicht als Verbrecher, sondern als Unschuldige hingerichtet wurden.«[41] Ihr Vater hatte zwischen 1954 und 1956 Militärdienst geleistet, seine Einheit war in ein Gefecht mit einer sowjetischen Einheit verwickelt. Der Vorgesetzte der Einheit hatte zwei Staatssicherheitsbeamte erschossen. Obwohl János Magyar selbst nichts mit beiden Geschehnissen zu tun hatte, wurde er 1958 wegen »Bildung einer staatsfeindlichen Gruppe und Mord« zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Aussagen in den Interviews mit 43 Betroffenen – zahlreiche Angehörige wollten aus unterschiedlichen Gründen keine Interviews geben – verdeutlichen, wie sehr ein großer Teil der ungarischen Gesellschaft unfreiwillig oder bewusst zur Isolierung und Ächtung der Opfer vom Herbst 1956 mit beigetragen hat.[42] Andererseits wurden langfristig alle »Kinder der Sechsundfünfziger« in die Gesellschaft integriert, ihre Lebensläufe zeigen keine signifikanten Abweichungen vom allgemeinen Trend der gesellschaftlichen Entwicklung in den 60er und 70er Jahren. Aber sie mussten sich dies härter erarbeiten als andere, da sie immer wieder schulisch, beruflich oder administrativ (z. B. durch die Nicht-Gewährung eines Reisepasses) benachteiligt worden sind. Vor allem aber litten sie an dem verordneten Schweigen über die Umstände des Todes bzw. der Inhaftierung ihrer Väter und an dem Verbot, deren Gräber zu besuchen.  Das heroische Bild einer »einigen Nation«, das seit 1989 vom Herbst 1956 gezeichnet wird und das mit dem 16. Juni 1989 seinen Durchbruch erlangte, widerspricht diesem Befund. Es beruht auch auf der etwas fragwürdigen Praxis, alle Gegner der Revolution und Anhänger des kommunistischen Systems einfach aus der ungarischen Nation auszuschließen.[43] In der Rede von Viktor Orbán drückt sich dies eher unbewusst aus, wenn er sich im Namen der jüngeren Generation über die opportunistischen Funktionäre wundert, die sich auf einmal darum reißen, Kränze auf die Särge von Menschen zu legen, deren Verurteilung und Missachtung sie zumindest stillschweigend mitgetragen hatten. Solche Beobachtungen lassen zumindest den Schluss zu, dass die Überwindung des von der kommunistischen Diktatur durchgesetzten und von einem Teil der Gesellschaft zumindest mitgetragenen negativen, sehr vereinfachten Bildes der Revolution von 1956 zunächst nur zur Etablierung eines positiven, aber nicht minder einfachen Bildes auf offizieller und politischer Ebene führte.[44] Zudem betrachtete der moralisierende und sich an einzelnen Details des Geschehens festhaltende politische Diskurs »1956« als isoliertes Ereignis, also nicht als kontingentes, vieldeutiges historisches Geschehen.[45] Eine starke Diskrepanz zwischen offizieller Erinnerungspolitik und privaten Erinnerungen ergab auch eine Umfrage im Jahr 1996 unter 237 Budapester Schulkindern.[46] Während die Kinder über den Ablauf der Ereignisse sehr gut informiert waren, drückten sie andererseits eine starke innere Distanz gegenüber dem Herbst 1956 aus. Die Ereignisse seien eine abgeschlossene Geschichte, die nichts mit der Gegenwart oder der Zukunft zu tun hätten – so der verbreitete Tenor der schriftlichen Aussagen. Die Soziologin Julia Szalai erklärt die Distanz der Teenager damit, dass diese die große, offizielle Geschichtserzählung von der nationalen Revolution nicht in Einklang bringen könnten mit den in den eigenen Familien tradierten, oft sehr dramatischen Erinnerungen: »These histories have continued to remain the narratives of private insults, private troubles and private conflicts.«[47] Auch hierin zeigen sich die Nachwirkungen der verordneten Geschichtserzählung der Kádár-Ära, neben dem Problem der Lehrerinnen und Lehrer, die seit 1989 die Ereignisse auf eine fundamental andere Weise erklären und deuten mussten als davor. Einer der Gründer des Historischen Gedenkkomitees, Miklós Vásárhelyi, der gemeinsam mit Imre Nagy im Gefängnis gesessen hatte und zu den Organisatoren der Trauerfeier gehörte, stellte 1996 fest, dass nach dem Nachlassen des Drucks der Diktatur »eine Bestrebung da [war], dass alle politischen Parteien versuchten, ›1956‹ für ihre Politik zu vereinnahmen. […] Die parteiübergreifende Würdigung des Jahres 1956 und Imre Nagys war mit der Wiederbestattung zu Ende gegangen.«[48] Bereits dem Gesetz, das im Mai 1990 die »historische Bedeutung der Oktoberrevolution von 1956 und den Freiheitskampf« sowie deren Vergleichbarkeit mit 1848/49 ausdrückte, war eine erste Auseinandersetzung innerhalb der ersten nachkommunistischen Mitte-Rechts-Regierung vorausgegangen.[49] Die privaten Erinnerungen einzelner Revolutionsteilnehmer oder Angehöriger von Opfern – die verschiedenen Opferverbände, aber auch Repräsentanten innerhalb einzelner Opfervereine waren inzwischen heillos untereinander zerstritten und beschimpften sich gegenseitig – standen von Anfang an in einem engen Zusammenhang mit den öffentlichen Erinnerungsdiskursen. Sie gaben Impulse, werteten bestimmte Versionen durch die scheinbare »Authentizität« ihrer Worte öffentlich auf, zugleich standen sie sehr bald unter starkem Druck, sich der einen oder anderen, zumeist politisch motivierten Deutung der Ereignisse anzuschließen. Zusammenfassung In welchem Verhältnis standen im Jahr 1989 nationale Geschichtskultur, Erinnerungspolitik und private Erinnerung an »1956« zueinander? Die Parallelisierung der Ereignisse vom Oktober 1956 mit der Revolution von 1848/49, wie sie schon von zahlreichen Beteiligten empfunden wurde und die Tatsache, dass auch die kommunistische Parteidiktatur an der 48er-Revolution als Teil einer marxistischleninistisch geformten nationalen Geschichtserzählung nicht vorbei kam, machte die Deutung von »1956« als »Revolution und nationale Freiheitskampf« plausibel. Im Jahr des ungarischen Systemwechsels meinten einige Reformer innerhalb der Staatspartei, diese zuvor von den noch schwachen Oppositionsgruppen und im Exil gepflegte historische Charakterisierung gegen ihre innerparteilichen Gegner einsetzen zu können. So kam es zu einem unausgeprochenen, vorübergehenden Einverständnis, die Erinnerung an den Herbst 1956 in die öffentliche Debatte zu bringen. Voraussetzung dafür war die Erinnerungsarbeit einiger Revolutionsteilnehmer und einiger Angehöriger von Opfern des Rachefeldzugs Kádárs in den Jahren 1957/58. Die Oppositionsparteien konnten sich, auch im Zeichen der Ereignisse 1956, vorübergehend auf eine gemeinsame antikommunistische Plattform einigen und die Erinnerung als moralische und politische Waffe gegen den Machtanspruch der kommunistischen Partei und ihres Systems nutzen. Daher konzentrierte sich die Debatte zunächst auf die Verbrechen und die Opfer der Diktatur, während sie von ihrem alltäglichen Funktionieren etwa absah. Es gelang die Diskreditierung und Delegitimierung der Institutionen, Ideen und Eliten mehrheitsfähig zu machen, was sich auch am Ausgang der Wahlen von 1990 zeigte. Der Konsens zwischen Reformern und Oppositionspolitikern, eine Art Geschichtsbild des »Runden Tisches«, konnte aber nur kurzfristig aufrechterhalten werden. Das Auseinanderfallen von offizieller, geglätteter Erinnerungspolitik im Bezug auf die nationale Geschichtskultur und privaten, widersprüchlichen und gegensätzlichen Erinnerungen wurde spätestens dann offenbar, als die Öffentlichkeit sich mehr und mehr pluralisierte. Erst dadurch ergibt sich aber die Chance für die komplexe, vielstimmige und widersprüchliche Wahrheit der Geschichte, in der es nicht nur Sieger und Verlierer, Täter und Opfer gibt. [1]  Zu den Umständen der Erhebung zum Nationalfeiertag und als glänzende Einführung in die Thematik siehe Nyyssönen, Heino: Der Volksaufstand 1956 in der ungarischen Erinnerungspolitik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), H. 10, S. 914–932; Ders.: The Presence of the Past in Politics. »1956« after 1956 in Hungary, Jyväskylä 1999. Zur Debatte nach 1989, die hier nicht behandelt wird siehe Köszeg, Ferenc: 1956 – eine Revolution, geprägt nach unserem eigenen Bild, in: Bock, Petra/Wolfrum, Edgar (Hrsg.): Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerungen, Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, Göttingen 1999, S. 143–155; Machos, Csilla: Wem gehört »1956«? in: Ebenda, S. 114–142. Zur Komplexität der Erinnerungsfrage siehe Rainer, János M.: Múltunk kritikus kérdései – 1956 [Kritsche Fragen unserer Vergangenheit – 1956], in: Ders.: Ötvenhat után [Nach Sechsundfünfzig], Budapest 2003, S. 224–232. [2]  Die Erhebung zum Nationalfeiertag erfolgte formal erst 1990, als zugleich der 15. März (Beginn der Revolution 1848) und der 20. August (St. Stephanstag) zu Feiertagen erklärt wurden. Der 4. April (»Tag der Befreiung Ungarns durch die Rote Armee«) und der 7. November (»Große Russische Oktoberrevolution«) wurden als arbeitsfreie Tage abgeschafft. Die Debatte darüber, ob es sich »bloß« um einen »Aufstand« oder um eine »Revolution« gehandelt hat, ist keineswegs nur akademisch, sondern berührt das nationale Selbstverständnis aller Ungarn. Darauf wird weiter unten noch eingegangen. Viele Beiträge gehen allerdings von einem naiven Verständnis historischer Realität aus, wonach »Revolutionen« oder »Aufstände« nicht von der jeweiligen Definition und Bewertung der Ereignisse abhängen, sondern »objektiv« feststellbare Sachverhalte sind, die nur einer »historisch fundierten Aufarbeitung« bedürfen. Siehe die sehr anregenden Beiträge von Károly Gaál, György Litván oder Friedrich Gottas, in: Mack, Karlheinz (Hrsg.): Revolutionen in Ostmitteleuropa 1789–1989. Schwerpunkt Ungarn, Wien/München 1995. Siehe auch Cox, Terry (Hrsg.): Hungary 1956 – Forty Years On, London 1997. [3] In der letzten Zeit mehren sich die Stimmen, die sich für die Neubewertung des 17. Juni als »Revolution« aussprechen, womit die Erinnerung an diesen Tag neu bewertet und aufgewertet werden soll. Hier spielt offenbar das ungarische Beispiel eine wichtige, wenn auch öffentlich nicht ausgesprochene Vorbildrolle. Das lässt sich etwa an der plötzlichen Mode der »Loch-Fahnen« bemerken, die in Deutschland kaum bekannt waren, während sie in Ungarn zum Standardrepertoire des öffentlichen Gedenkens an 1956 gehören. Siehe zur neuesten Forschung zum 17. Juni Engelmann, Roger/Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005. Zur Geschichte des westdeutschen Feiertags 17. Juni siehe Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999. [4] Molnár, der sich selbst mit der Revolution identifizierte, schrieb: »In 1956, Hungary took up once again the interrupted course of its history.« Molnár, Miklós: Budapest 1956: A History of the Hungarian Revolution, London 1971, S. 266. In einer funktionalistischen Deutung war die Wiederbelebung des Kultes um 1848 nur eine »Möglichkeit […], die Proteste wirkungsvoll zu artikulieren«. (Dahinter verbirgt sich eine Art Manipulationsthese.) Kenéz, Csaba János: Polen und Ungarn 1956. Gegenseitige Rückwirkungen, in: Lemberg, Hans (Hrsg.): Zwischen »Tauwetter« und neuem Frost. Ostmitteleuropa 1956–1970, Marburg 1993, S. 13–19, hier S. 15. Eine erinnerungsgeschichtliche Perspektive vertraten Gyarmati, György: Máricus Hatalma – A Hatalom Márciusa. Fejezetek Március 15. ünneplésének történe téből [Die Macht des März – der März der Macht. Kapitel aus der Geschichte des Festes am 15. März], Budapest 1998; Gerő, András: Az Államosított forradalom. 1848 centenáriuma. Új Mandátum Könykiadó [Die verstaatlichte Revolution. Jahrhundertfeier von 1848], Budapest 1998; Klimó, Árpád von: 1848/49 in der politischen Kultur Ungarns, in: Fröhlich, Helgard/Grandner, Margarete/ Weinzierl, Michael (Hrsg.): 1848 im europäischen Kontext, Wien 1999, S. 204–222. [5] Anders als in Frankreich und den amerikanischen Staaten gibt es daneben in Ungarn aber auch eine ebenso starke, eher obrigkeitsstaatlich-konservative Tradition um den Staatsgründerkönig Stephan I., verbunden mit dem Feiertag am 20. August, die in den Auseinandersetzungen um 1956 allerdings kaum von Bedeutung war. Siehe Klimó, Árpád von: Nation, Konfession, Geschichte. Zur nationalen Geschichtskultur Ungarns im europäischen Kontext, München 2003. [6] Siehe hierzu Hettling, Manfred: Totenkult statt Revolution. 1848 und seine Opfer, Frankfurt a. M. 1998; Mommsen, Wolfgang J.: Die Paulskirche, in Schulze, Hagen/François, Etienne (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, München 2001, Bd. 2, S. 60. [7] Nyyssönen: Presence (Anm. 1), S. 9. [8] Zusammenfassend zur Reformpolitik Klimó, Árpád von: Ungarn seit 1945, (= Europäische Zeitgeschichte, Bd. 2) Göttingen 2006 (im Druck). Einschlägig ist Tőkés, Rudolf L.: Hungary’s Negotiated Revolution. Economic Reform, Social Change and Political Succession, 1957–1990, Cambridge, Mass. 1996. [9] Magyar, Bálint: A rendszerváltás programja és valósága [Programm und Wirklichkeit des Systemwechsels], in: Rubicon 15 (2004), 143/144 (= Sonderheft: Út a rendszerváltás felé [Der Weg zum Systemwechsel]), S. 80–85, hier S. 83. [10] Allerdings hatte es Anfang der 80er Jahre einen Generationsumbruch in der Nomenklatura gegeben – die Kontinuitätsthese bezieht sich auf diese Generation kommunistischer Funktionäre. Vida, István: Az állami-politikai vezető réteg összetétele az 1980-as évek elején [Die Zusammensetzung der staatlich-politischen Führungsschicht Anfang der 1980er Jahre], in: Fokasz, Nikosz/Örkény, Antal (Hrsg.): Magyarország társadalomtörténete 1945–89 [Sozialgeschichte Ungarns 1945–1989], Budapest 1998, S. 202–215. [11] Zu den Veränderungen in der Mentalität: Kovács, József Ö.: Arbeiterexistenz in Ungarn nach 1956. Einige Schnittpunkte der Mikro- und Makrogeschichte, in: Hübner, Peter/Kleßmann, Christoph/Tenfelde, Klaus (Hrsg.): Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln/Wien/Weimar 2005, S. 310–346; Szelényi, Iván: Socialist Entrepreneurs. Embourgeoisment in Rural Hungary, Madison 1988; O’Neill, Patrick H.: Revolution From Within. Institutional Analysis, Authoritarianism, and the Case of Hungary, in: World Politics 48 (Juli 1996), S. 579–603. 12 Rainer: Múltunk (Anm. 1), S. 225. [12] Rainer: Múltunk (Anm. 1), S. 225. [13] Siehe Fischer, Holger: Ungarn 1956 in der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik Deutschland, in: Mack: Revolutionen in Ostmitteleuropa (Anm. 2), S. 151–158, hier S. 152; Seewann, Georg/Sitzler, Kathrin: Ungarn 1956: Volksaufstand – Konterrevolution – nationale Tragödie, Offizielle Retrospektive nach 25 Jahren, in: Südosteuropa 31 (1982), S. 1–18, hier S. 16 f. [14] Auf die Tendenz zur Vereinfachung wiesen bereits hin: Heller, Agnes/Fehér, Ferenc: Ungarn ’56. Geschichte einer antistalinistischen Revolution, Hamburg 1982, S. 87 f [15] Eindrucksvoll ist die Sammlung von Interviews mit Kindern von Hingerichteten und Verurteilten: Kőrösi, Zsuzsanna/Molnár, Adrienne: Mit einem Geheimnis leben. Die Schicksale der Kinder der Verurteilten von 1956, Herne 2005. Erstmals erschienen als Kőrösi, Zsuzsanna/Molnár, Adrienne: Titokkal a lelkemben éltem. Az ötvenhatos elitéltek gyermekeinek sorsa, 1956-os Intézet [Mit einem Geheimnis leben. Die Schicksale der Kinder der Verurteilten von 1956], Budapest 2000. [16] Zu den Filmen siehe Eröss, Gábor: Staline et les années 50 vus d’Europe centrale: corps et décors, témoignages et nostalgies, in: Feigelson, Kristian (Hrsg.): Caméra politique. Cinéma et stalinisme (= Théorème, Bd. 8), Paris 2005, S. 252–259. Besonders aber Portuges, Catherine: Filmer la Hongrie stalinienne: le tournage d`Imre Nagy en 2003, in: Ebenda, S. 260–267. [17] Zur Antipathie gegenüber dem ungarischen Aufstand v. a. in der Slowakei Blaive, Muriel: Une déstalinisation manquée. Tchécoslovaquie 1956, Paris 2005. [18] Zurecht hat Foa Dienstag betont: »that the comforting image of the ›truth‹ of the dissidents overcoming the lies of the authorities is too simple. What took place was not a simple confrontation between truth and falsity, but a negotiation over history where one narrative overpowered another, not just through its truth, but also through popularity – and even so, its victory was not initially complete but included compromises on historical ›facts‹ that reflected the new balance of power.« Foa Dienstag, Joshua: »The Pozsgay Affair«: Historical Memory and Political Legitimacy, in: History & Memory 8 (1996), H. 1, S. 51–66, hier S. 53. Allerdings vertritt auch Foa Dienstag einen etwas vereinfachten Wahrheitsbegriff und eine intentionalistische Sicht, wenn er von einer »manipulation of the historical narrative« spricht. [19] Zitiert nach Szabó, Máté: Rituale der Vergangenheitsbewältigung. Das Beispiel der Wiederbestattung von Imre Nagy, in: Pribersky, Andreas/Unfried, Berthold (Hrsg.): Symbole und Rituale des Politischen. Ost- und Westeuropa im Vergleich, Frankfurt a. M. u. a. 1999, S. 137–157, hier S. 143. [20] Ausführlich dazu Foa Dienstag: »The Pozsgay Affair« (Anm. 18), S. 53–55. [21] So etwa Hoensch, Jörg K.: Geschichte Ungarns 1867–1983, Stuttgart 1984, S. 200 u. 208. [22] Siehe Dálnoki, Ádám (Hrsg.): 10 év beszédei. Válogatás az elmúlt 10 év legfontosabb, legizgalmsabb politikai beszédeiből [Reden aus 10 Jahren. Auswahl der wichtigsten und aufregendsten politischen Reden der letzten 10 Jahre], Budapest 1997, S. 26. Bei dieser Broschüre handelt es sich um ein Begleitheft zu einer Videodokumentation, die politische Reden aus den Jahren 1988 bis 1996 dokumentiert. [23] New Hungarian Quarterly 30 (1989), H. 113, S. 116 f. [24] Aus der Binnenperspektive der realsozialistischen Eliten stammt die Unterscheidung zwischen »Reformsozialisten« und »Pragmatikern«, die der Historiker und Kultusminister Ferenc Glatz für die letzte kommunistische Regierung übernimmt und sich selbst in einer Reihe von (meist) parteilosen »Pragmatikern« aufzählt. Siehe Glatz, Ferenc: Reform und Systemwechsel 1989 bis 1993, in: Mack: Revolutionen in Ostmitteleuropa (Anm. 2), S. 159–173, hier S. 162. [25] Zitiert nach Ripp, Zoltán: Az MSzMP útja a többpártrendszerhez [Der Weg der MSzMP zum Mehrparteiensystem], in: Rubicon 15 (2004), 143/144 (= Sonderheft: Út a rendszerváltás felé [Der Weg zum Systemwechsel]), S. 46–56, hier S. 56. [26] Zitiert nach Nyyssönen: Volksaufstand (Anm. 1), S. 925. [27] Zur Rolle der Medien: Szabó: Rituale (Anm. 19), S. 147 f. [28] Gyarmati: Március hatalma (Anm. 4), S. 139–154, hier (zur Demonstration von 1973) S. 170. [29] Magyar: A rendszerváltás programja (Anm. 9), S. 81. [30] Hegedűs, András B.: Frühlingsmorgen auf Parzelle 301, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 1 (1990), H. 1, S. 117–120. [31] Magyar Hírlap vom 28. Oktober 1988, zitiert nach Nyyssönen: Volksaufstand (Anm. 1), S. 924. [32] Zahlen nach Dálnoki: 10 éve beszéde (Anm. 22), S. 26. [33] Zahlen nach Nyyssönen: Presence (Anm. 1), S. 170. [34] Interview mit János M. Rainer, zitiert in: Benziger, Karl P.: The Funeral of Imre Nagy, in: History & Memory 12 (2000), H. 2, S. 142–164, hier S. 153. [35] Zitiert nach Video, Dálnoki: 10 éve beszéde (Anm. 22), S. 8 u. Benziger: The Funeral (Anm. 34), S. 153. [36] Zitiert nach Nyyssönen: Volksaufstand (Anm. 1), S. 927. [37] Zitiert nach Benzinger: The Funeral (Anm. 34), S. 153. [38] Siehe Petőfi, Sándor: Nemzeti dal. Nationallied vorgetragen am 15. März 1848. Mit einem Essay von Zsuzsanna Gahse, Hamburg 1993. [39] Rainer, János M./Barth, Bernd-Rainer: Ungarische Revolution: Aufstand – Zerfall der Partei – Invasion, in: Wilke, Manfred/Hegedüs, András B. (Hrsg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der »Neue Kurs«. 17. Juni 1953 in der DDR. Ungarische Revolution 1956, Berlin 2000, S. 219–258. [40] Siehe Kőrösi/Molnár: Mit einem Geheimnis leben (Anm. 15), S. 181–188. [41] Zitat und Angaben nach ebenda, S. 183 u. 239.   [42] Beispiele besonders ebenda, S. 96–109. [43] Dieses nicht immer offen ausgesprochene Verdikt zeigt sich auch darin, dass die Revolutionäre oder Sympathisanten als »Ungarn« bezeichnet werden. Auffällig in einigen Interviews der Kinder der Sechsundfünfziger, wenn es etwa heißt: »Dieser Rechtsanwalt war wirklich ein Ungar [Hervorhebung des Autors], und er übernahm alle, die er bei den Prozessen im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1956 vertreten konnte.« Ebenda, S. 53. [44] So auch Szabó: Rituale (Anm. 19), S. 155. [45] Rainer: Múltunk (Anm. 1), S. 226. [46] Szalai, Julia with László Gábor: My Fifty-Six, Your Fifty-Six, Their Fifty-Six: Teenagers and the Revolution, in: Cox, Terry (Hrsg.): Hungary 1956 – Forty Years On, London 1997, S. 26–51. [47] Szalai: My Fifty-Six (Anm. 46), S. 38; von einer »Doppelstruktur« spricht auch Szabó: Rituale (Anm. 19), S. 140. [48] Zitiert nach Szabó, Rituale (Anm. 19), S. 152. [49] Nyyssönen: Presence (Anm. 1), S. 181–184.

JHK 2006

Das Jahr 1956 in Niederschlesien

Łukasz Kamiński

Die polnische Krise von 1956 war durch den Arbeiteraufstand in Poznań (Posen) im Juni und die stürmischen Ereignisse im Herbst in Warschau, die am 21. Oktober zur Wahl von Władysław Gomułka zum Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) führten, geprägt. Auch in anderen Städten und Regionen Polens fand die Krise der polnischen Gesellschaft unter der Herrschaft der Kommunisten ihren Niederschlag, so auch in Niederschlesien. Diese Region besaß infolge des fast vollständigen Bevölkerungsaustausches nach 1945 eine besondere Sozialstruktur. Die Aussiedlung der Deutschen aus Niederschlesien folgte die Ansiedlung polnischer Bevölkerung aus allen Winkeln Vorkriegspolens sowie aus der Emigration. Verhältnismäßig stark waren auch die nationalen Minderheiten in Niederschlesien vertreten. Neben einer weiterhin vorhanden deutschen Minderheit lebten hier Juden und Ukrainer. Letztere waren 1947 in der Akcja Wisła (Aktion Weichsel)[1] aus ihrer ostpolnischen Heimat (Galizien, Karpaten) ausgesiedelt worden. Eine exotische Gruppe stellten die griechischen Flüchtlinge dar, die aufgrund der sich abzeichnenden Niederlage der Kommunisten im griechischen Bürgerkrieg nach Niederschlesien gekommen waren. Diese Gemeinschaft war ohne feste Strukturen und unterlag in den Jahren 1949 bis 1955 dem gewaltigen Druck zweier gegenläufiger Prozesse – dem natürlichen Integrationsprozess und der atomisierenden Kraft des stalinistischen Totalitarismus. Wie sich aber herausstellen sollte, spielten bei den Ereignissen von 1956 diejenigen Elemente eine bedeutendere Rolle, die Niederschlesien mit anderen Regionen Polens verbanden, als diejenigen, die sie voneinander trennten. Letztlich verliefen die Ereignisse analog zu denen in vielen anderen Regionen. Die ersten Anzeichen des aufkommenden »Tauwetters« waren in Volkspolen bereits 1955 spürbar, zunächst im Bereich der Kultur. So wurde in diesem Jahr in der Zeitschrift Nowa Kultura (Neue Kultur) das Poemat dla dorosłych (Poem für Erwachsene) von Adam Ważyk veröffentlicht, das mit dem seit Jahren propagierten und im Rahmen des Sechsjahrplanes realisierten Vorzeigeprojekt Nowa Huta[2] abrechnete. Im Herbst erschien Po prostu (Geradeheraus), eine Zeitschrift für Studenten und die junge Intelligenz in neuer Aufmachung. Sie beschrieb ungeschminkt und mutig die Realitäten des kommunistischen Staates. Obwohl solcher Art öffentliche Kritik vor allem in Kreisen der Intelligenz verbreitet war, zerbrach auch in anderen sozialen Gruppen langsam die Barriere der Angst. So berichtet der Sicherheitsapparat 1955, dass sich die Fälle häuften, in denen sich die Menschen weigerten, die aus dem Westen per Luftballon nach Polen gelangten antikommunistischen Propagandaflugblätter bei den Sicherheitsorganen abzugeben. Der tatsächliche Umbruch in der Gesellschaft fand jedoch erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU statt. Die spektakuläre Geheimrede von Nikita Chruščev wurde in Polen als Broschüre herausgegeben, was in den Ländern des Sowjetischen Blocks eine Ausnahme war. Es wurde in öffentlichen Versammlungen der PZPR und des Verbandes der Polnischen Jugend (Związek Młodzieży Polskiej, ZMP) vorgelesen. Das Interesse für die Geheimrede war groß und die darin enthaltene Kritik an Stalin rief lebhafte Diskussionen hervor. Sehr oft überschritten sie den Rahmen des bis dahin Erlaubten. Den Parteifunktionären, die den Text vortrugen, wurden Fragen gestellt, u. a. nach der Ermordung der polnischen Offizieren in Katyń durch den NKVD 1940, nach der Deportation von Angehörigen der antikommunistischen polnischen Heimatarmee in die Sowjetunion nach 1944, nach den Ursachen dafür, dass den Aufständischen in Warschau 1944 durch die Rote Armee keine Hilfe geleistet wurde, nach dem Schicksal von Władysław Gomułka (der 1948 aus der Parteiführung ausgeschlossen worden war), nach den Gründen für die Duldung von Stalins Verbrechen usw.[3] Die durch diese Versammlungen hervorgerufenen Emotionen wurden durch den Tod des Ersten Sekretärs der PZPR Bolesław Bierut am 12. März 1956 in Moskau noch verstärkt. Mit Bieruts Tod schien sich zunächst die direkte Auseinandersetzung mit der Verantwortung für die Zeit des Stalinismus erübrigt zu haben. In weiten Kreisen der Regierung und Bevölkerung tauchten jedoch Gerüchte auf, er sei ermordet worden, so wie angeblich auch Klement Gottwald und Georgi Dimitrov. Häufig wurde auch Freude über Bieruts Tod zum Ausdruck gebracht, bisweilen auch mit »vulgären Worten«[4]. Die Diskussion über Chruščevs Geheimrede vertiefte vor allem die seit langem schwelende Krise der Jugendorganisationen ZMP. Wrocław (Breslau) und bald schon ganz Niederschlesien wurde zu einem Hauptzentrum des Aufruhrs innerhalb dieser Organisation. Auf Kundgebungen, Treffen und Sitzungen verlangten die Mitglieder die Einberufung eines Sonderkongresses der ZMP, die Gründung einer neuen Kaderorganisation der kommunistischen Jugend bzw. – ganz im Gegensatz dazu – die Öffnung der ZMP für andere weltanschauliche Richtungen, z. B. das Christentum), die Autonomie der Pfadfinder-Organisation, die Unabhängigkeit des Studentenverbandes usw.[5] Reaktionen auf den Aufstand in Poznań vom Juni 1956 Am 28. Juni 1956 strömten die Arbeiter in Poznań auf die Straße und protestierten gegen ihre katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der Protest in einen regionalen Aufstand; die Demonstranten besetzten die Gebäude der Staats- und Parteiführung, befreiten die Gefangenen, griffen den Sitz des Komitees für öffentliche Sicherheit (Komitet do spraw Bezpieczeństva Publicznego, KBP) in der Wojewodschaft Poznań an. Der Aufstand wurde durch Einheiten der unverzüglich herbeigerufenen polnischen Armee blutig niedergeschlagen. Dabei kamen 75 Personen ums Leben.[6] Diese Ereignisse fanden in Niederschlesien großen Widerhall. In den Gerüchten erreichten die Kämpfe in Poznań unermessliche Größe, man sprach von Hunderten von Opfern, u. a. auch unter hohen Parteifunktionären, ja sogar davon, dass die Stadt bombardiert worden sei. Viele Gerüchte galten den Grausamkeiten der Funktionäre des Staatssicherheitsdienstes, die auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder geschossen hätten. Einem Gerücht zufolge hätten die Massen aus Rache diese Funktionäre lebendig verbrannt oder sie in Stücke zerschnitten. Es wurde behauptet, dass sich die Miliz und das Militär den Streikenden angeschlossen hätten und das Militär den Aufständischen Panzer übergeben habe. In Poznań solle sogar eine nichtkommunistische Regierung entstanden sein. Einer der Bergmänner aus Wałbrzych (Waldenburg) stellte im Gespräch mit seinen Kollegen mit Freude fest: »Nun bekommen sie in Poznań eins auf den Hintern! Was denkt sich die Regierung, dass die Leute werden um sonst arbeiten und vor Hunger krepieren? Ganz Poznań streikt!«. Es erschienen öffentliche Erklärungen der Art: »Schade, dass nicht alle Staatssicherheitsleute erschossen wurden!« In öffentlichen Kommentaren tauchte auch das Motiv eines Vergleichs der Ereignisse in Poznań mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR auf. Die Hoffnung wurde laut, dass, wenn sich in der DDR die Lage bedeutend gebessert hatte, nun in Polen Ähnliches geschehen müsste. Es wurden Gerüchte über zu erwartende bzw. bereits stattfindende weitere Unruhen in anderen Städten laut. In Lubin (Lüben) notierte ein Berichterstatter der Partei folgende Aussage: »Poznań ist nicht der Rede wert, am 22. Juli werdet ihr erst was erleben!« [7] Man erwartete im ganzen Land Demonstrationen, so in Łódź (Lodz), Szczecin (Stettin), Bydgoszcz (Bromberg), Krakau und Lublin, aber auch in einigen Städten Niederschlesiens, wie Wałbrzych oder Świebodzin (Schwiebus). Damit verband sich vor allem die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Kommunismus in Polen.  Neben »Flüsterpropaganda« und öffentlichen staatsfeindlichen Äußerungen gab es in Niederschlesien aber auch andere Formen des gesellschaftlichen Widerstandes. Vereinzelt wurden antikommunistische Parolen laut gerufen, wie etwa: »Weg mit den Russen aus unserem Land«, »Weg mit den Helfern der Russen«, »Weg mit den Kommunisten«, »Weg mit dem Staatssicherheitsdienst«, »Es lebe ein freies Polen!« oder »Es lebe Poznań!«. Erfolglos versuchte man, Streiks und Demonstrationen zu initiieren oder die Miliz aktiv anzugreifen. In Wałbrzych störten vier Studenten die Ansprache von Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz. In einigen Ortschaften erschienen Flugblätter und Parolen an den Häuserwänden. In Świdnica (Schweidnitz) schrieb ein unbekannter Verfasser in einem in der Nacht vom 29. zum 30. Juni gefundenen Flugblatt: »Arbeiter, der du beim Erwerb eines Stückes Brot blutig schwitzen musst, lass diejenigen, die dich ausbeuten, deine Stimme hören. Der Untergrund.« In Złotoryja (Goldberg) erschienen Flugblätter mit dem Text: »Wir fordern Gehaltserhöhungen«. Den größten Umlauf hatten Flugblätter in Wrocław, wo die UB-Funktionäre auf den Straßen der Stadt fast 100 Flugblätter folgenden Inhalts einsammelten: »Wir sind mit der Arbeiterklasse von Poznań solidarisch – wir lassen unsere Kinder und Rentner unter sowjetischer Besatzung nicht umkommen!« Neben den Flugblättern gab es eine ganze Welle von anonymen Briefen, die an Zeitungs- und Radioredaktionen verschickt wurden. Sie solidarisierten sich mit den Arbeitern von Poznań und verdammten die Machthaber. Mindestens sechs Personen wurden im Zusammenhang mit Solidaritätsbekundungen für Poznań vors Gericht gestellt.[8] Am 29. und 30. Juni wurden in vielen Betrieben und Institutionen Niederschlesiens Kundgebungen und Versammlungen einberufen, die die Aufständischen von Poznań verurteilen sollten. Diese erfüllten die Erwartungen der Machthaber jedoch nicht. Obwohl die von den PZPR-Funktionären vorbereiteten Resolutionen angenommen und Briefe der Zustimmung an die obersten Machthaber verschickt wurden, war es offensichtlich, dass die Teilnehmer dem nur widerwillig folgten. So wurden die bewaffneten Auseinandersetzungen einerseits zwar verbal verdammt, andererseits aber zugleich den Arbeitern von Poznań in ihren Forderungen Recht gegeben. Die Schuld an der Tragödie wurde den Machthabern zugeschoben. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten von den berechtigten Forderungen der Arbeiter gewusst und dennoch nichts unternommen, um auf sie einzugehen. In vielen Betrieben konnte man stillschweigende Unterstützung für den Aufstand von Poznań feststellen. So äußerten einige Arbeiter, dass sie sich den Arbeitern von Poznań anschließen wollten. In einigen Fällen wurden sogar »feindliche Äußerungen« laut. So stellte ein Teilnehmer einer Massenkundgebung in einem der Betriebe in Wrocław fest: »Der Protest in Posen ist berechtigt, denn die polnische Regierung hat in elf Jahren das Land in den vollständigen Ruin geführt. Solche Proteste sollten in allen Städten Polens stattfinden, die jetzige Regierung ist abzulösen und in die Regierung des Staates sind die Mitglieder der [einstigen] Exilregierung wie [Stanisław] Mikołajczyk[9] und andere zu aufzunehmen«.[10] Noch in den letzten Juni-Tagen begann eine Welle von Versammlungen der Grundorganisation der PZPR in denen die Parteimitglieder mit dem Inhalt eines Schreibens des Zentralkomitees vom 28. Juni 1956 bekannt gemacht wurden. Das Schreiben stellte die offizielle Version über die Ereignisse dar. In vielen Parteiversammlungen gab es »feindliche Auftritte« bzw. Unterstützungsbekundungen der Forderungen der Arbeiter in Poznań.[11] Die Ereignisse in Poznań verstärkten die seit einiger Zeit zu beobachtende Krise in den lokalen Organisationen der PZPR. Ein Mitglied mit achtjähriger Parteizugehörigkeit äußerte sich am 29. Juni enttäuscht: »Volkspolen hat mir nichts geboten, seht, wie ich angezogen bin – ihr könnt mich aus der Partei hinauswerfen«. Am selben Tag legte einer der Ingenieure seinen Parteiausweis auf den Tisch und sagte: »Einer solchen Partei will ich nicht angehören, denn ich halte zum Volk.« Und ein anderer stellte fest: »Die Posener Arbeiter haben gut gehandelt, indem sie Unruhen auslösten«. In der Uhrenfabrik bei Pieszyce (Peterswaldau) fragte einer der Aktivisten in der Parteiversammlung: »Warum soll ich die Leute aufklären – vielleicht hatten sie Recht?« Ähnlich wie die Parteiunabhängigen gaben viele Mitglieder der PZPR ihrer Parteiführung die Schuld an der Krise, denn die berechtigten Forderungen der Arbeiter wurden nicht zur rechten Zeit erfüllt. Andererseits wandte ein Teil der Kommunisten ein, dass die Parteiführung die Zustände im Land zu sehr liberalisiert hätte, so dass es zum Aufruhr kam.[12] Durch den Protest in Poznań fühlten sich die Arbeiter in ihren Forderungen nach höheren Löhnen und erfüllbaren Normen bestärkt. So wurden Petitionen an die Machthaber gesandt und zahlreiche Delegationen als Interessenvertretungen der Betriebe aufgestellt. Bisweilen drohten die Arbeiter, dass sie, falls man ihre Forderungen nicht erfülle, »ein zweites Poznań« erleben werden. Solche Vorkommnisse wurden nicht nur aus größeren Industriezentren gemeldet, sondern auch in kleineren Ortschaften.  In vielen Betrieben ließ die Arbeitsdisziplin nach. Auf dem Lande sprach man vom Ende der Kollektivierung in Polen; immer häufiger wurden Anträge auf Erlaubnis, die Produktionsgenossenschaft zu verlassen, gestellt.[13] Außerhalb der Städte bereiteten die Einheiten des Staatssicherheitsapparats Pläne für den Fall vor, dass sich in ihrem Gebiet Ähnliches wie in Poznań ereignen sollte.[14] Der polnische Herbst 1956 in Niederschlesien Die gesellschaftlichen Aktivitäten kulminierten im Herbst 1956. Die Rolle eines Katalysators übernahm das 8. Plenum des ZK der PZPR (19. bis 21. Oktober), auf dem Władysław Gomułka zum Ersten Sekretär der Partei gewählt wurde. Das Plenum verlief in einer angespannten Atmosphäre, die durch Informationen von sowjetischen Truppenbewegungen sowie durch eine unerwartete Ankunft einer sowjetischen Delegation in Warschau mit Nikita Chruščev an der Spitze noch angeheizt wurde.[15] Bereits am 20. Oktober kam es zur ersten Kundgebung im Rathaus von Wrocław, die unter der Parole »Damit Warschau nicht allein bleibt« veranstaltet wurde. In der Resolution wurde »gegen alle Versuche einer Einmischung [der UdSSR] in die inneren Angelegenheiten unserer Partei und unseres Landes« protestiert und der Ausschluss der Mitglieder der »Natolin-Fraktion«[16] (Bieruts Genossen Zenon Nowak, Hilary Chełchowski, Wiktor Kłosiewicz und Kazimierz Witaszewski) aus der Parteispitze sowie die Einschränkung der Zensur gefordert. Der Teil der der Partei- und Regierungsführung, die sich für Reformen aussprach, fand Unterstützung. Es gab sogar Bereitschaftserklärungen, den Sozialismus und die Souveränität des Vaterlandes zu verteidigen. Die ganze Nacht über wachte im Hotel des Jugendverbandes ZMP in Karłowice (Karlowitz) ein »Jugendstab«, der bereit war, im Falle eines Putschversuchs bzw. einer sowjetischen Intervention in Aktion zu treten.[17] Am nächsten Tag demonstrierten ca. 1 000 Studenten auf dem Plac Grunwaldzki (Tannenberg-Platz) in Wrocław. Am 22. Oktober wurde eine weitere Kundgebung vor dem Gebäude der Technischen Universität einberufen, zu der sich mehr als zehntausend, vor allem junge Menschen einfanden. Während der Kundgebung riefen die Demonstranten antisowjetische Parolen und forderten den Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen, die Wahrheit über Katyń sowie die Aufklärung des Putschversuchs der »Natolin-Fraktion«. Als die Kundgebung endete, zogen die meisten Teilnehmer ins Stadtzentrum. Religiöse Lieder wurden von antisowjetischen Rufen begleitet. In den Geschäften wurden die Bilder des stalintreuen Marschalls und Verteidigungsministers Konstantin Rokossowski von den Wänden gerissen. Als der Demonstrationszug in einige kleinere Gruppen zerfiel, bewarf eine davon den Sitz der Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft auf dem Plac Teatralny (Theaterplatz) mit Steinen. Scheiben wurden eingeschlagen und Schaukästen zerstört. Im Hauptbahnhof wurden die Schaukästen mit einer Ausstellung zur Polnisch-Sowjetischen Freundschaft eingeschlagen und rote Fahnen sowie die Bilder von Rokossowski in Brand gesteckt. Straßenschilder mit den Namen Stalin und Stalingrad wurden abgerissen. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen mit Milizionären. Demonstranten hielten die Straßenbahnen an oder setzten sie außer Betrieb, um den Straßenverkehr in der Stadt lahm zu legen. Auch am nächsten Tag gab es weitere Versuche, antisowjetische Demonstrationen in Gang zu setzen.[18] Auch außerhalb von Wrocław war es unruhig. Zu stürmischen Demonstrationen kam es am 23./24. Oktober in Legnica (Liegnitz). Die Demonstranten griffen die von den sowjetischen Truppen belegten Gebäude und den Sitz des Staatsicherheitsdienstes an. Sie versuchten, das Denkmal der Roten Armee umzustürzen. Um die Demonstranten – von denen 40 festgenommen wurden – zu vertreiben, setzte die Regierung neben der Miliz und Staatssicherheitsmitarbeitern auch Einheiten des Korpus für innere Ordnung (Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego, KBW) ein. In Świdnica wurde die sowjetische Kaserne mit Steinen beworfen. In Chocianów (Kotzenau) versuchten die Demonstranten das Ehrenmal der Roten Armee niederzureißen. Am 24. Oktober kam es erneut zu einer antisowjetischen Demonstration in den Straßen von Wołów (Wohlau). Auch in Syców (GroßWartenberg) und Złoty Stok (Reichenstein) wurde demonstriert. Zu Demonstrationsversuchen kam es auch in Kłodzko (Glatz), Świebodzice (Freiburg in Schlesien) und in Ząbkowice Śląskie (Frankenstein).[19] Stürmisch verliefen auch einige der zahlreichen Kundgebungen in den Betrieben. Kommunistische Symbole, wie der rote Stern und Bilder von Marschall Rokossowski, wurden zerstört. Immer wieder hörte man antisowjetische und antikommunistische Parolen. Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen wurde gefordert. In dieser gespannten Atmosphäre wurden Parteiversammlungen abgehalten, die im Zeichen der Abrechnung und der Suche nach einem Schuldigen für die bisherige Politik der PZPR standen.[20] Besonders die Ereignisse in Ungarn riefen in Polen wie in auch in Niederschlesien große Empörung hervor. Flugblattaktionen und antisowjetische bzw. antikommunistische Parolen an den Häuserwänden, in denen Solidarität mit Ungarn zum Ausdruck kam, waren weit verbreitet: »Hände weg von Ungarn«, »Tod den Aggressoren«, »Weg mit der schändlichen Aggression der UdSSR in Ungarn«, »Mörderpfoten – weg von Ungarn«.[21] Massenhaft wurde Blut für die verwundeten Aufständischen gespendet und trotz großer Versorgungsmängel dringend benötigte Medikamente und Verbandmittel gesammelt. Populär war das Tragen von Abzeichen in den ungarischen Nationalfarben. Auf öffentlichen Plätzen wurden Fahnen mit Trauerflor ausgehängt. Am 27. Oktober unterbrachen die Arbeiter der Autowerke in Jelcz (Jeltsch) zum Zeichen der Solidarität ihre Arbeit. Polnische und ungarische Fahnen wurden geflaggt. Am 3. November trieb die Miliz die Solidaritätsdemonstration in Wałbrzych auseinander. Zwei Tage später riefen die Studenten in Wrocław zu einer dreitägigen Trauer zum Zeichen der Solidarität mit Ungarn auf. Die Stalin-Straße in Wrocław wurde in die »Straße der ungarischen Helden« umbenannt.[22] Die aktivste soziale Gruppe war ohne Zweifel die Jugend. Im Herbst 1956 boykottierten Schüler und Studenten vielerorts den Russischunterricht und forderten seine Abschaffung in den Schulen und Hochschulen. In wenigen Wochen brachen die Strukturen der Jugendorganisation ZMP in Wojewodschaften und Kreisen auseinander. An ihrer Stelle entstanden an Universitäten, Schulen und  in Fabriken Revolutionskomitees, in manchen Fällen spielten sie geradezu die Rolle neuer, provisorischer Machtstrukturen. Es wurden auch umfassendere Organisationsstrukturen gebildet, wie der Verband der Kommunistischen Jugend (Związek Młodzieży Komunistycznej), der Verband der revolutionären Jugend (Związek Młodzieży Rewolucyjnej) oder der Arbeiterjugendverband (Związek Młodzieży Robotniczej). Es entstanden neue, nichtkommunistische Jugendorganisationen, so der Demokratische Jugendverband (Związek Młodzieży Demokratycznej) und der Verband der Landjugend Aufruf (Związek Młodzieży Wiejskiej Wici). Die Pfadfinderbewegung erlebte ihre Wiedergeburt. Im Januar 1957 entstand im Umkreis junger Arbeiter und Studenten die Gesellschaft für PolnischAmerikanische Freundschaft, deren Aktivität jedoch von den Machthabern bald lahm gelegt wurde. Die Partei bekam die Situation erst Anfang 1957 unter  Kontrolle, als sie den neuen Sozialistischen Jugendverband (Związek Młodzieży Socjalistycznej, ZMS) etablierte.[23] Auf dem Lande wurden die Aktivisten der Polnischen Bauernpartei,[24] der wichtigsten oppositionellen Partei der Jahre 1945 bis 1947, wieder aktiv. Grundlegende Bedeutung hatte die spontane Entkollektivierung. In kaum mehr als zehn Tagen fielen in der Wojewodschaft Wrocław 97,5 Prozent der Produktionsgenossenschaften auseinander. Es war einer der höchsten Prozentsätze im Lande.[25] Auch ein Aufleben der unterdrückten nationalen Minderheiten lies sich feststellen. Die Deutschen rechneten mit der Möglichkeit, in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen zu können. Die Juden strebten nach Israel und die Ukrainer, die im Rahmen der Akcja Wisła ausgesiedelt worden waren, hofften auf eine Rückkehr in ihre ostpolnische Heimat. Die Minderheitenorganisationen gewannen vorübergehend bedeutend an Eigenständigkeit. Mit der Ukrainischen Sozial– Kulturellen Gesellschaft (Ukraińskie Towarzystwo Społeczno-Kulturalne, UTSK) wurde sogar eine weitere Interessenvertretung gegründet.[26] Die wichtigsten Forderungen der Bevölkerung im Herbst 1956 waren die nach Entlassung des Primas von Polen, Kardinals Stefan Wyszyński, aus der Haft, die Beendigung der Kirchenverfolgung und die uneingeschränkte Religionsfreiheit. Nach der Freilassung des Primas und anderer Geistlicher Ende Oktober räumte die Regierung bedeutende Zugeständnisse ein, um sich die Unterstützung der Kirche zu sichern. So erteilte sie die Erlaubnis, den Religionsunterricht an den Schulen wieder einzuführen. Das 1953 oktroyierte Dekret über die Besetzung der Kirchenämter wurde rückgängig gemacht, die Kirche bekam ihre Wochenzeitung Tygodnik Powszechny zurück und die aus ihren Diözesen vertriebenen Bischöfe durften zurückkehren. Diese Änderungen fanden auch in der Erzdiözese Wrocław statt. So wurde der unter Zwang eingesetzte Generalvikar Kazimierz Lagosz abgesetzt und Bischof Bolesław Kominek übernahm am 15. Dezember die Amtsgeschäfte. Der Klub Inteligencji Katolickiej (Klub der katholischen Intelligenz) entstand in Wrocław Anfang 1957 und erhielt den Status einer juristischen Person. Andere in Niederschlesien gebildete Filialen des Klubs wurden jedoch nicht legalisiert.[27] Für den 20. Januar 1957 wurden Sejmwahlen angesetzt. Der Wahlkampf bekam ein in der Geschichte Volkspolens einmaliges Gesicht. Man versuchte von der kommunistischen Partei unabhängige Kandidaten auf die Wahllisten zu setzen, etwa ehemalige Aktivisten der Polnischen Bauernpartei, Veteranen der Heimatarmee, katholische Aktivisten und Personen, die unlängst noch verfolgt worden waren. Die Wahlkundgebungen verliefen oft stürmisch, man kämpfte für die Streichung der in den vorangegangenen Jahren kompromittierten Kandidaten von den Wahllisten. Trotz des Aufrufs von Primas Wyszyński und Radio Freies Europa, die sich gegen eine »Streichung« aussprachen, verliefen die Wahlen im Interesse der Machthaber, und nur wenige unabhängige Kandidaten zogen in den Sejm ein.[28] Mit den Wahlen war die Phase gesteigerter gesellschaftlicher Aktivität nicht zu Ende. Über viele Monate gab es weitere Versuche, unabhängige Organisationen zu gründen und die Vereinigte Bauernpartei von der PZRP Partei unabhängig zu machen. Erneut wurden Streiks organisiert, Flugblätter verteilt und Parolen an Häuserwänden angebracht. Allmählich jedoch errang die kommunistische Regierung die volle Kontrolle. Als letzter Erfolg erwies sich die Wiederauflage der von den Machthabern verbotenen reformorientierten Wochenschrift Po prostu im Oktober 1957. Gründe für das Ausbleiben einer polnischen Revolution 1956 Im Herbst 1956 waren die Polen nur einen Schritt von einer antikommunistischen Revolution entfernt. Obwohl die Situation sehr an die Ereignisse in  Ungarn erinnerte, kam es nicht zum Aufstand. Dafür gab es einige Gründe. Das massenhafte Streben nach Unabhängigkeit fand keine institutionelle Stütze. Auf der Grundlage antikommunistischer Stimmungen entstand keine politische bzw. gesellschaftliche Bewegung, die allgemeine Forderungen artikuliert hätte. Es existierte keine politische Persönlichkeit, die sich an die Spitze des Volkes hätte stellen können. Diesen Platz nahm Gomułka ein. Ihm aber ging es keinesfalls darum, sich vom sowjetischen Block loszulösen, sondern lediglich um eine Korrektur der kommunistischen Machtausübung. Er missbrauchte somit das Vertrauen der Gesellschaft zur allmählichen Befriedung der Situation. Unterschiedlich war auch die Einstellung der polnischen Kirche. In Ungarn rief der freigelassene Kardinal József Mindszenty seine Landsleute auf, das kommunistische Joch abzuschütteln und gegen die Sowjets zu kämpfen. Der sich in einer gleichen Situation befindende Kardinal Wyszyński unterstützte Gomułka und rief zur Bewahrung der Ruhe auf. Das Beispiel Ungarns, wo die sowjetischen Truppen die Revolution blutig niedergekämpft hatten, zeigte, wie der Traum von der Unabhängigkeit enden konnte.   Übersetzung aus dem Polnischen von Rita Malcher (Lublin) [1]  Die Akcja Wisła (Aktion Weichsel) wurde im Frühjahr 1947 durchgeführt und sollte den antipolnischen Aktivitäten der nationalistischen Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) in Volkspolen ein Ende setzen. Zu diesem Zweck wurde die gesamte ukrainische Bevölkerung sowie die Lemken (eine karpatoukrainische Minderheit) unter Zwang aus ihren bisherigen Wohnorten in Ostpolen in die ehemaligen deutschen Gebieten umgesiedelt. [2]  Das unweit von Krakau gelegene Nowa Huta (Neue Hütte) war ein von der UdSSR unterstütztes gigantisches Industrieprojekt. Hier entstanden das damals größte Stahlwerk Europas und eine riesige Arbeitersiedlung, die einen Gegenpol zum bürgerlich-katholischen Krakau bilden sollte. [3]  Ciesielski, Stanisław: Wrocław 1956, Wrocław 1999, S. 67–75. Kamiński, Łukasz: Udział młodzieży dolnośląskiej w wydarzeniach Października 1956 r. [Die Beteiligung der Jugend Niederschlesiens an den Ereignissen des Oktober 1956], in: Październik 1956 na Ziemiach Zachodnich i Północnych. Materiały seminarium naukowego [Der Oktober 1956 in den West- und Nordgebieten. Materialien des wissenschaftlichen Seminars] Mierki bei Olsztyn vom September 1996. Hrsg. von W. Wrzesiński, Wrocław 1997, S. 71. [4]  Information über den Widerhall des Todes von Genosse Bierut vom 13. März 1956, in: Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej (Archiv des Institut für Nationales Gedenken, im Folgenden: AIPN Warschau), sygn. BU KdsBP 208, Bl. 255; Sofortmeldung Nr. 1 vom 14. März 1956 und Sofortmeldung Nr. 49 vom 14. März 1956, in: AIPN Warschau, sygn. BU KdsBP 208, Bl. 256 u. 259. [5]  Kamiński: Udział młodzieży (Anm. 3), S. 72 f. [6]  Die vollständigste Bearbeitung dieser Problematik findet sich im Buch von Makowski, Edmund: Poznański Czerwiec 1956. Pierwszy bunt społeczeństwa w PRL [Der Posener Juni 1956. Die erste Revolte der Bevölkerung in der VRP], Poznań 2001. [7]  Vernehmungsprotokoll des Zeugen Pawelczyk Stanisław, in: Archiwum Sądu Okręgowego we Wrocławiu (Archiv des Kreisgerichts Wrocław, im Folgenden: ASO Wrocław), sygn. IV K 301/56, Bl. 3; Vernehmungsprotokoll des Zeugen Christos Cizmas, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 301/56, Bl. 4; Mitteilung, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 1; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 2; Vernehmungsprotokoll des Zeugen Marian Mycek, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 4–6; Vernehmungsprotokoll der Zeugin Łucja Kijek, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 7 f.; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 229/56, Bl. 1; Dienstvermerk Nr. 60, 61 u. 62 vom 29. Juni 1956, in: Archiwum Państwowe we Wrocławiu (Staatsarchiv Wrocław, im Folgenden: AP Wrocław), KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 91–94; Protokoll der Sitzung der Ersten Sekretäre der Kreis-, Stadt- und Stadtbezirksleitung und der Abteilungsleiter des Wojewodschaftskomitees vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 119; Protokoll Nr. 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPRAktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Fabryczna vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław Fabryczna, sygn. 110/IV/25, Bl. 4 f. [8]  Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 244/56, Bl. 2; Informationsvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 286/56, Bl. 1; Informationsvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 1; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 235/56, Bl. 2; Dienstvermerk, in: ASO Wrocław, sygn. IV K 229/56, Bl. 1; Protokoll der Sitzung der Ersten Sekretäre KP/M/D und der Abteilungsleiter des Wojewodschaftskomitees vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 117 u. 121; Protokoll Nr 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des KM PZPR-Aktivs in Wrocław vom 5. Juli 1956, in: AP Wrocław, KM PZPR Wrocław, sygn. 79/IV/45, Bl. 16; Protokoll der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Dzierżoniów vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Dzierżoniów, sygn. 82/IV/26, Bl. 9; Machcewicz, Paweł: Polski rok 1956 [Polnisches Jahr 1956], Warschau 1993, S. 112–120. [9]    Ministerpräsident der Exilregierung 1943/44, stellvertretender Ministerpräsident 1945 bis 1947. Er flüchte im Oktober 1947 nach England und lebte anschließend bis zu seinem Tod 1966 in den USA. [10]  Zitiert nach Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 122; Dienstvermerk Nr. 60 vom 29. Juni 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 91; Dienstvermerk Nr. 61 vom 29. Juni 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 92 f.; Dienstvermerk Nr. 62 vom 29. Juni 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 94; Protokoll der Sitzung der Ersten KP/M/D-Sekretäre und der Abteilungsleiter des Wojewodschaftskomitees vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 117 u. 119; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Śródmieście, in: AP WROCŁAW, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Einschätzung der politischen Situation nach den Ereignissen in Poznań, in: AP WROCŁAW, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Protokoll Nr 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Fabryczna vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Fabryczna, sygn. 110/IV/25, Bl. 2 f.; Protokoll der Sondersitzung des Stadtbezirkskomitee-Aktivs Wrocław-Krzyki, abgehalten am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Krzyki, sygn. 109/IV/20, o. Bl.; Gazeta Robotnicza vom 30. Juni bis 1. Juli 1956, S. 1; Gazeta Robotnicza vom 2. Juli 1956, S. 1; Słowo Polskie vom 1. Juli 1956, S. 1. [11]  Protokoll Nr. 20 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Legnica, in: AP Wrocław, KP PZPR Legnica, sygn. 88/IV/20, o. Bl.; Einschätzung der politischen Situation nach den Ereignissen Poznań, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Protokoll Nr. 24 der Sitzung des Kreiskomitees des PZPR-Aktivs in Świdnica am 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Świdnica, sygn. 97/IV/35, o. Bl.; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Fabryczna vom 3. Juli 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Fabryczna, sygn. 110/IV/25, Bl. 3. [12]  Dienstvermerk Nr. 60–62, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 91–94; Protokoll der Sitzung der Ersten Sekretäre der KP/M/D und der KW-Abteilungsleiter vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/V/57, Bl. 119 f.; Protokoll der Sitzung des KM PZPR-Aktivs in Wrocław, abgehalten am 5. Juli 1956, in: AP Wrocław, KM PZPR Wrocław, sygn. 79/IV/45, Bl. 17; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des  PZPR-Aktivs Wrocław-Śródmieście, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl. [13]  Dienstvermerk Nr. 65 vom 7. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 86; Dienstvermerk Nr. 72 vom 25. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/236, Bl. 72; Protokoll der Sitzung der Ersten KP/M/D-Sekretäre und der KW-Abteilungsleiter vom 4. Juli 1956, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/v/57, Bl. 117, 122 u. 127; Protokoll der Sitzung des KM PZPR-Aktivs in Wrocław, abgehalten am 5. Juli 1956, in: AP Wrocław, KM PZPR Wrocław, sygn. 79/IV/45, Bl. 15 u. 17; Protokoll der Sitzung des Stadtbezirkskomitees des PZPR-Aktivs Wrocław-Śródmieście, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl.; Einschätzung der politischen Situation nach den Posener Ereignissen, in: AP Wrocław, KD PZPR Wrocław-Śródmieście, sygn. 108/IV/16, o. Bl. [14]  Plan zur Sicherstellung von Stadt und Kreis Legnica für den Fall von Provokationen vom 8. September 1956, in: Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej we Wrocławiu (Archiv des Institut für Nationales Gedenken in Wrocław, im Folgenden: AIPN Wrocław), sygn. 053/772, Bl. 17–29. [15]  Letzten Endes gelang es Gomułka, Chruščev zu überzeugen, dass er im Stande war, die Ereignisse unter Kontrolle zu halten, die sowjetischen Einheiten kehrten daraufhin in ihre Basen zurück. [16]  Als »Natolin-Fraktion«, nach dem Örtchen Natolin in der Nähe von Warschau, wurde die konservative Fraktion der PZPR bezeichnet, die häufig in Natolin zusammenkam. Sie sprach sich für den Erhalt einer zentralisierten Machtstruktur aus und versuchte durch populistische Maßnahmen, wie die Erhöhung der Renten, die Unterstützung des Volkes zu gewinnen. Ihre sich für eine Auflockerung des Systems einsetzenden Gegner, meist Intellektuelle und Studenten, die Gomułka unterstützten, wurden »Puławianer« genannt, nach der Puławska-Straße in Warschau, wo einige von ihnen wohnten. [17]  Poglądy (Sonderausgabe) vom 21. Oktober 1956, S. 2; Gazeta Robotnicza (Sonderausgabe) vom 21. Oktober 1956, S. 1. [18]  Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 154; Słowo Polskie vom 23. Oktober 1956, S. 2; Słowo Polskie vom 24. Oktober 1956, S. 1, 2 u. 5; Sonderbulletin. 26. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 141–144. [19]  Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 153 f.; Informationsvermerk über feindliche Aktivitäten im Kreis Legnica im letzten Quartal 1956 sowie Reaktion des Sicherheitsdienstes vom 28. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/772, Bl. 35 f.; Sonderbulletin vom 28. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 146–148; Information über staatsfeindliche Aktivitäten im letzten Quartal 1956 in der Wojewodschaft Wrocław vom 4. April 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/464, Bl 2. [20]  Machcewicz: Polski rok (Anm. 10), S. 166 u. 174; Sonderbulletin vom 26. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 141–145; Protokoll der Vollsitzung des Stadtbezirkskomitees Stare Miasto vom 30. Oktober 1956, in: AP Wrocław, KD PZPR Stare Miasto, sygn. 107/II/3, Bl. 194/212; Protokoll der VIII. Kreis-Berichts-Wahl-Konferenz, abgehalten am 8./9. Dezember 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Bolesławiec, sygn. 80/I/3, o. Bl.; Protokoll über den Verlauf der 1. gemeinsamen PZPR-Konferenz der Stadt Legnica vom 1. Dezember 1956, in: AP Wrocław, KP PZPR Legnica, sygn. 88/I/3, Bl. 206–241. [21]  Informationsvermerk über feindliche Aktivitäten im Kreis Legnica im letzten Quartal 1956 sowie Reaktion des Sicherheitsdienstes vom 28. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/772, Bl. 38; Sonderbulletin vom 26. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 144; Sonderbulletin vom 5. Oktober 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 149; Information über staatsfeindliche Aktivitäten im letzten Quartal 1956 in der Wojewodschaft Wrocław vom 4. April 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/464, Bl. 3. [22]  Sonderbulletin vom 5. November 1956, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/459, Bl. 149 f.; Małkiewicz, Andrzej: Październik 1956 r. w Wałbrzychu [Oktober 1956 in Wałbrzych], in: Październik 1956 (Anm. 3), S. 83. [23]  Vierteljahresbericht über die Tätigkeit der 3. Abteilung für Sicherheit des Wojewodschaftskomitees MO in Wrocław über die Zeit von 1. Januar bis 31. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/468, Bl. 62–65; Bericht der Abteilung des Sicherheitsdienstes im Kreiskomitees MO in Oleśnica über das erste Quartal 1957 vom 29. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/472, Bl. 2 f.; Bericht der Abteilung des Sicherheitsdienstes in Dzierżonów über das erste Quartal 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/469 vom 28. März 1957, Bl. 58. [24]  Anm. der Redaktion: Die alte Bauernpartei (Stronnictwo Ludowe, SL) wurde 1945 – nach der Gründung einer ebenfalls Stronnictwo Ludowe genannten Bauernpartei durch die Kommunisten – in Polnische Bauernpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe, PSL) umbenannt. Am 27. November 1949 wurden die PSL und die von den Kommunisten gegründete SL zur Vereinigten Bauernpartei (Zjednoczone Stronnictwo Ludowe, ZSL) zwangsvereinigt.  [25]  Jarosz, Dariusz: Polityka władz komunistycznych w Polsce w latach 1948–1956 a chłopi [Die Politik der kommunistischen Machthaber in Polen 1948–1956 und die Bauern], Warschau 1998, S. 152. [26]  Vierteljahresbericht über die Tätigkeit der 3. Abteilung für Sicherheit des Wojewodschaftskomitees MO in Wrocław über die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/468, Bl. 61 f.; Information über staatsfeindliche Aktivitäten im 4. Vierteljahr 1956 in der Woiwodschaft Wrocław vom 4. April 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/464, Bl. 4 f. Die UTSK war die erste legale Organisation der Ukrainer in Polen nach 1945. [27]  Vierteljahresbericht über die Tätigkeit der 3. Abteilung für Sicherheit des Wojewodschaftskomitees MO in Wrocław über die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/468, Bl. 65–68. [28]  Machcewicz, Paweł: Kampania wyborcza i wybory do Sejmu 20 stycznia 1957, wybór, wstęp i opracowanie [Wahlkampf und Sejmwahlen vom 20. Januar 1957, Auswahl, Einführung und Bearbeitung], Warschau 2000; Bericht über die Tätigkeit des Sicherheitsdienstes in Kreiskomitees MO in Syców über 1. Vierteljahr 1957 vom 29. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/372, Bl. 72 f.; Bericht der Abteilung des Sicherheitsdienstes in Dzierżoniów über 1. Vierteljahr 1957 vom 28. März 1957, in: AIPN Wrocław, sygn. 053/469, Bl. 56 f.; Dienstvermerk Nr. 4 über die Lage in Kreisen und Städten unserer Wojewodschaft in den letzten Tagen vor den Wahlen vom 18. Januar 1957, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 4/VI/244, Bl. 1–3; Informationsvermerk Nr. 3 vom 11. Januar 1957, in: AP Wrocław, KW PZPR, sygn. 74/VI/243, Bl. 4 f. 

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The Great Terror and the Revolutionary Process

Robert V Daniels

Stalin’s terror has often been compared with Robespierre’s Reign of Terror in the French Revolution. This analogy is mistaken. The two episodes bore very different relationships to their respective revolutions, governed by where each came in the course of the historical process that a revolution typically sets in motion. Robespierre’s terror was a phenomenon of fanaticism, directed against anyone perceived to be an enemy of the utopian ideals of the revolution. The corresponding campaign in Russia was Lenin’s Red Terror, aimed at the counterrevolutionary enemy in the Russian Civil War. Stalin’s purges came at a much later stage in the revolutionary process, the era of postrevolutionary dictatorship. Postrevolutionary dictatorship was the context that made possible Stalin’s despotism and his campaign of liquidation directed against the makers of the revolution itself. The terror in turn created conditions that perpetuated postrevolutionary dictatorship over a time span of two generations, with effects still felt in the weaknesses of post-Soviet Russia. The Revolutionary Process and Postrevolutionary Dictatorship Like the revolutionary experiences of other countries, revolution in Russia was not a momentary event but a long process, that is to say, a step-by-step development as each stage of political turmoil led to a different one. This conception of revolution as a process was formulated long ago by the American historians Lyford P. Edwards and Crane Brinton.[1] According to their scheme, an initially moderate revolution gives way to rule by extremists, often accompanied by terror and civil war, which is then followed by a relaxation, the Thermidorean reaction, so called from the events surrounding the fall of Robespierre in 1794. Thus, in Russia, the moderate February Revolution of 1917 that created the Provisional Government, the extremist October Revolution that created the Soviet government and ushered in civil war, and the retreat from extremism represented by the introduction of the New Economic Policy in 1921 (though the Soviet leadership refused to recognize that event as a »Thermidor«). To this outline a further stage in the revolutionary process needs to be added, namely postrevolutionary dictatorship. In France, postrevolutionary dictatorship was represented by the regime of Napoleon Bonaparte; hence the Marxist description of any government of this type as »Bonapartist«. In Russia the postrevolutionary dictatorship was represented by Stalin, after he assumed unchallenged power in 1928/29 following his successive victories over the Left and Right oppositions in the Communist Party. It was thus natural for Trotsky and his followers to describe Stalin’s regime as »Bonapartism«. The essence of the postrevolutionary dictatorship is the assumption of political power by a megalomaniac individual who synthesizes revolutionary rhetoric with traditional as well as revolutionary methods to address the contradictions of postrevolutionary society and to engage the nation’s enemies, external or internal. Postrevolutionary dictatorship comes in the wake of grave weakening by the revolution of both institutional and traditional restraints on government, and the man who commands the best organized instrument of power – the revolutionary army in the case of Bonaparte, the Communist Party apparatus in the case of Stalin – is able to make himself an absolute ruler. Postrevolutionary dictatorship is closely connected with the phenomenon of totalitarianism. While much recent research has questioned just how total »totalitarianism« was, in the Soviet case as well as in the Nazi case the totalitarian system stands out for its concentration of power and for its ruthless efforts to control every aspect of society. Totalitarianism is a product of revolution in its last, postrevolutionary stage; it is, in effect, simply the postrevolutionary dictatorship with twentieth-century resources of coercion and surveillance. It was the totalitarian postrevolutionary dictatorship that made Stalinism and the terror possible, if not inevitable. In its modern, totalitarian form, especially, a postrevolutionary dictatorship magnifies the power of the individual leader far beyond that in any traditional autocracy. Thus it introduces a special circumstance into the old debate about the role of the individual in history. The scope for the personal proclivities and decisions of an individual leader to influence the course of history depends first of all on the general circumstances of his rule, which govern what actions may be possible and what may be the results of his decisions. In a revolution, this scope depends on the stage of the process that the country has reached, determining whether moderation may be sustainable or whether extremist action will be effective. Secondly, a leader’s potential influence depends on the institutional mechanism for transmitting and amplifying his will. When the stage of postrevolutionary dictatorship has been reached, both of these conditions are maximized – the country is most open to whatever choices of policy direction the leader may decide on, and the mechanism exists in the power of the dictatorial state to translate the leader’s will into commands for society as a whole. Postrevolutionary Dictatorship in Russia and the Rule of Stalin Postrevolutionary dictatorship in Russia is synonymous with Stalinism.[2] It was initiated by Stalin after he achieved full personal dominance in 1928/29 and launched his »revolution from above«, including the Five-Year Plans of intensive industrialization, collectivization of the peasantry, and the imposition of Communist Party discipline on intellectual and cultural life. As in the aftermath of earlier revolutions, Stalin’s postrevolutionary dictatorship combined revolutionary appeals with traditional methods of authority and coercion, applied to the specific Russian needs of economic development and military power. Stalin’s terror was an extreme manifestation of the arbitrary power that a postrevolutionary dictatorship can put at the disposal of the dictator. But the concept of the postrevolutionary dictatorship does not account for the particular decisions that the dictator might make or to what lengths he might go; here the factor of the individual personality becomes decisive. »When a society is so organized that the will of one man, or of a small group, is the most powerful of the political and social forces«, wrote Robert Conquest in The Great Terror, »any sociological interpretation of politics […] must give way […] to a more psychological style.«[3] Like any great political event under these circumstances, the terror in Russia was idiosyncratic. It was a product not only of the exaggerated personal power that postrevolutionary dictatorship conferred on the individual ruler, but of the personal passions and whims of that particular individual who ruled. Stalin’s establishment of the postrevolutionary dictatorship proceeded in two stages. The first stage, from 1929 to roughly 1932 (the years of the abbreviated First Five-Year Plan), had the appearance of a revival of the revolution, with class war against the bourgeois survivals of the NEP period. Campaigns against the kulaks in the countryside were matched by shock brigades in industry, show trials of alleged »wreckers«, and an ultra-Marxist line in cultural life. But practical difficulties, such as weak industrial discipline, famine in the countryside, and the futility of relying on propaganda to solve all problems, combined with Stalin’s own instincts to precipitate a sweeping shift in the regime’s social and cultural policies. If the first phase of postrevolutionary dictatorship in Russia was ultrarevolutionary, its second phase, from 1933 onwards, had more in common with a counterrevolution. Industrial management was made tighter and more hierarchical, the principle of egalitarianism was repudiated, and collectivization was eased to allow private peasant garden plots. While cultural and intellectual life remained subject to strict dictation by the party, and Marxist language was retained throughout, revolutionary content was abandoned de facto in favor of traditionalist norms (as exemplified by Socialist Realism in the arts, the revival of Russian nationalism in history and propaganda themes, and abandonment of »witheringaway« goals in law, education, and family policy).[4] Stalin’s postrevolutionary dictatorship, as it was consolidated in its second phase, was much more in tune with the »plebeian« values of the masses than the previous revolutionary line had been.[5] The new standards presumably reflected the tastes and instincts of Stalinist party officials, largely recruited from those masses, and Stalin’s own inclinations. With the rebuilding of hierarchical authority, patriotic images, and glorification of the leader, the mature postrevolutionary dictatorship in Russia could well be considered the functional equivalent of a monarchical restoration. All this was the setting for the Great Terror. The Terror and the Communist Party The terror of 1936–1938, the »Yezhovshchina« or »Yezhov business«, as it is known from the name of the head of the NKVD in those years, was directed first and foremost against the leading cadres of what was supposed to be the ruling Communist Party. One part of this purge is familiar – the »ritual of liquidation« involving the show trials and forced confessions of leaders of all the opposition groups, Left or Right, that had resisted Stalin’s climb to absolute power. Along with these actions went the unannounced liquidation of leaders of the ultra-Left groups – Workers’ Opposition and Democratic Centralists – of the Civil War period, along with those Trotskyists (Yevgenii Preobrazhensky and Vladimir Antonov-Ovseyenko, to mention two) who would not play their part and confess so that they could be brought to trial. Almost unknown until Khrushchev’s revelations in his secret speech of 1956 was a numerically far wider component of the anti-Communist purge that was aimed at the Stalinist party leadership itself. This secret purge, without any show trials or even public announcements, was perhaps the most bizarre aspect of the terror, directed as it was against people who had stood together with Stalin in his campaigns against the oppositions and had helped carry through collectivization and the First Five-Year Plan, in other words the people who had created the postrevolutionary dictatorship in Russia. The impact of this purge on the Communist leadership was staggering. Of the 71 members elected to the Central Committee at the Seventeenth Party Congress in 1934, hailed at the time as the »Congress of Victors«, 55 did not reappear in the Central Committee elected at the Eighteenth Party Congress in 1939, after the purge. At the rank of Candidate member of the Central Committee, 60 out of 68 failed to reappear. A few of these missing names could be accounted for by natural deaths (some, such as Valerian Kuibyshev and Sergo Ordzhonikidze, under suspicious circumstances), and a few survived in obscure retirement, but the majority simply disappeared. Khrushchev explained the numbers further in his 1956 speech: Of the 139 members and candidates of the 1934 Central Committee, a total of 98 were »arrested and shot«. There were 1966 delegates at the Seventeenth Congress; 1108 of them were arrested (no figures on their fates). The higher the rank, the more severe was the purge, carrying off five of the six Candidate members of the Politburo; it even reached into the Politburo itself, to take two sitting members (S. V. Kosior and V. Y. Chubar, both caught up in the purge of alleged Ukrainian nationalism).  Along with this multitude of political purge victims, most of the ultra-Marxist intellectual leaders of the First Five-Year Plan era met the same fate. They included figures ranging from the legal theorist Ye. B. Pashukanis to the literary commissar L. L. Averbakh. The history chief M. N. Pokrovsky only escaped through his premature death in 1932, but he was nonetheless purged posthumously, so to speak, when his ultra-Marxist and anti-nationalist »school« was denounced in 1936, and his followers were liquidated physically. One striking feature of the purge of the Stalinist party leadership, overlooked even by Khrushchev, was its generational basis. Hardly anyone of note in Soviet political life who had been born before 1900 (1897 in the military) survived the purge, with the exception of Stalin’s immediate entourage in the Politburo and a few other cronies. Thus there was a sharp age cutoff in the impact of the purge, leaving virtually no one older than his mid-thirties to carry on the leadership of the Soviet state. The resulting vacuum not only permitted but demanded the rapid promotion of younger members of the nomenklatura into top-level positions. For example, Leonid Brezhnev, born in 1906, was an industrial engineer who rose to become second secretary of Dnepropetrovsk Oblast at the age of 32; Aleksei Kosygin, born in 1904, climbed even faster, from factory manager to deputy prime minister in just two years. Manfred Hildermeier observes, »Vor Kriegsausbruch hatte die Sowjetunion die jüngste Regierung der Welt.«[6] The question of Stalin’s motives in unleashing the purge of his own followers remains unresolved. It made no rational sense in either economic or security terms. It did not check the trend toward a bureaucratic social system, but only restaffed the bureaucracy. Clearly Stalin was driven by intense personal rancor towards those former associates among Lenin’s lieutenants in the Bolshevik movement who had joined any of the oppositions. His pathological hatred and persecution of Trotsky needs no elaboration. Hardly less powerful was his determination to humiliate and ultimately to liquidate all the other leading figures in Lenin’s entourage – Zinoviev, Kamenev, Bukharin, Rykov, and their followers. Theoretical categories aside, Stalin’s purge of the Communist Party was in the most literal sense a counterrevolution. Stalin killed more Communists than all the world’s fascist dictators combined. Thus the terror, the most shocking aspect of the postrevolutionary dictatorship in its second phase, represented a key element of the restorationist trend in Soviet politics. To fit this new reality, revolutionary ideology was turned into the »false consciousness« of the postrevolutionary bureaucratic order.[7] An intriguing psychological explanation of the age cutoff in the purge of the party has been offered by the late Professor Robert Slusser. Slusser believed that Stalin was so ashamed of his own rather modest role in the October Revolution that he determined to »destroy and silence awkward witnesses […] who failed to ›remember‹ his role as he wanted it portrayed.«[8] Apart from a small group directly under Stalin’s thumb, that would include anyone of stature who had come of age politically by 1917, in other words anyone born before the cutoff year of 1900. The Post-Terror Generation and the Era of Stagnation As far as the Soviet leadership was concerned, the impact of the terror may well be described as a demographic catastrophe. As such, it had a profound effect on the subsequent history of Soviet politics for almost half a century. When the terror ended, there was hardly anyone left over the age of forty to staff the Soviet state. This void in the age composition of the Soviet elite is underscored by data on Stalin’s last Central Committee, elected at the Nineteenth Party Congress in 1952. Of the 125 members of this body, only 27 (mostly actual or former Politburo members, military officers, or theoreticians) had been born before 1900. Subsequently the age cohort of young Stalinist officials remained remarkably stable while, as a group, it grew old in office.[9] Normal longevity made possible this generation’s long hold on power. When replacements had to be made, they tended to be men from the same cohort, almost as old as their predecessors. In fact, between 1952 and 1981, a span of almost three decades, the median birth year of the party elite (Central Committee, Candidate members, and Central Auditing Commission) advanced only 14 years, from 1904 to 1918. The leadership cadre bequeathed to the country by Stalin and the terror had more than its youthfulness and longevity to define it. In the main these men came from among the »vydvizhentsy« or »promotees« analyzed by Sheila Fitzpatrick[10], recruited from worker and peasant families in the late 1920s and early 1930s and educated narrowly in technology and party agitation. They remained bearers of old Russian political culture, including authoritarianism, patriarchy, xenophobia, and anti-intellectualism.[11] Maturing in the near-wartime conditions of industrialization and collectivization, often implicated in the terror themselves, and further steeled in the Great Patriotic War, they were molded and selected as if deliberately to perpetuate Stalin’s own modus operandi. Comparative study of the revolutionary process suggests a final stage that would bring the era of the postrevolutionary dictatorship to a close, a revival in spirit of the early, moderate form of the revolution.[12] Yet in Russia the characteristics of the post-purge leadership cohort, combined with their youthfulness and long life-expectancy assured the perpetuation of a Stalinist approach to political life long after the tyrant himself had passed from the scene. Wielding the totalitarian power of the party apparatus and nomenklatura, they represented a solid barrier to any deep reform that might be attempted by the top leadership. Here, in demographic and cultural terms, is an explanation for the limits to Khrushchev’s reforms, and for his eventual fall in 1964.  Not until the aging post-purge generation had reached the biological limits to the exercise of power, in the 1980s, did real reform of the Stalinist system become feasible. By then, unfortunately, the moderate revolutionary revival had been retarded for a generation, while Russian political life stagnated and society grew  increasingly demoralized. As the fate of Gorbachev’s perestroika showed, the prospects for a successful new beginning in Russia’s historical saga were correspondingly diminished. [1]  Edwards, Lyford P.: The Natural History of Revolution, Chicago 1927; Brinton, Crane: The Anatomy of Revolution, New York 1938. [2]  This idea was originally developed in Daniels, Robert V.: Lo Stalinismo come dittatura postrivoluzionaria,  in: Natoli, Aldo/Pons, Silvio (eds.): L’età dello Stalinismo, Rome 1991. [3]  Conquest, Robert: The Great Terror. A Reassessment, New York/Oxford 1990, p. 54. [4]  As argued long ago by Timasheff, Nicholas: The Great Retreat. The Growth and Decline of Communism in Russia, New York 1946. [5]  On the »plebeian revolution«, see Reiman, Michal: Spontaneity and Planning in the Revolution, in: Elwood, R. Carter (ed.): Reconsiderations on the Russian Revolution, Cambridge, Mass. 1976 and  idem: Ruská Revoluce [The Russian Revolution], Prague 1967. [6]  Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, p. 468. [7]  See Daniels, Robert V.: Stalinist Ideology as False Consciousness, in: Flores, Marcello/Gori, Francesca (eds.): Il mito dell’URSS. La cultura occidentale e l’Unione Sovetica, Milan 1990. [8]  Slusser, Robert M.: Stalin in October. The Man Who Missed the Revolution, Baltimore/London 1987, p. 255. [9]  See Daniels, Robert V.: Political Processes and Generational Change, in: Brown, Archie (ed.): Pollitical Leadership in the Soviet Union, London 1989. [10] Fitzpatrick, Sheila: Stalin and the Making of the New Elite, 1928–1939, in: Slavic Review 38 (1979), no. 3, pp. 377–402. [11]  See Keenan, Edward: Muscovite Political Folkways, in: Russian Review 15 (1986), no. 2, pp. 235–267; Daniels, Robert V.: Russian Political Culture and the Postrevolutionary Impasse, in: Russian Review 16 (1987), no. 2, pp. 165–175. [12]  See Daniels, Robert V.: The Revolutionary Process, the Moderate Revolutionary Revival, and Post-Communist Russia, in: Godot, Martine (ed.): De Russia et d’ailleurs. Feux croisés sur l’histoire, Paris 1995. 

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»Gegenüber Polen herrscht ein allgemeiner Unwille« Zwei Dokumente der Polnischen Militärmission aus dem Jahr 1946 zur Einschätzung der SED

Jerzy Kochanowski

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war die Haltung der polnischen Kommunisten gegenüber den Entwicklungen in Deutschland von weit reichenden Ambivalenzen geprägt. Ähnlich gespalten war das Verhältnis zur KPD. Einerseits stand es außer Frage, dass die Aufnahme von Kontakten zwischen den polnischen und den deutschen Kommunisten aufgrund der gemeinsamen politischen Schutzmacht Moskau lediglich eine Frage der Zeit sein konnte. Andererseits musste in Polen die eindeutige, von Hass und dem Wunsch nach Vergeltung geprägte Haltung der Bevölkerung gegenüber den Deutschen berücksichtigt werden, nicht zuletzt deshalb, weil diese Gefühle in beträchtlichem Maße zur Legitimierung der neuen polnischen Führung beitrug. Die Vision einer Bedrohung aus dem Westen (auch jenem direkt hinter Oder und Neiße gelegenen), gegen welche angeblich nur die neuen östlichen Verbündeten und das neue politisch-gesellschaftliche System ausreichend Schutz bieten könnten, wurde deswegen von den polnischen Kommunisten sorgsam gehegt.[1] Während allerdings die katholische und sozialistische Presse wie auch die der Bauernpartei den Linksschwenk in der SBZ kompromisslos kritisierten,[2] hüllten sich die kommunistisch dominierten Medien entweder in Schweigen oder aber lavierten zwischen Feindseligkeit und Gleichgültigkeit. Es bleibt auch unklar, wie (und ob überhaupt) die polnische Führung auf die von Stalin am 26. Mai 1945 erlassene Genehmigung zur Gründung »antifaschistischer Parteien« sowie »freier Gewerkschaften und gesellschaftlicher Organisationen« in der späteren SBZ reagierten. All dies bedeutet jedoch nicht, dass es keinerlei Kontakte zwischen den deutschen und polnischen Kommunisten gegeben hätte. Auf beiden Seiten von Oder und Neiße wurden Bekanntschaften aus Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs weiter gepflegt.[3] Die Tatsache allerdings, dass sich – zumindest auf polnischer Seite – ein bedeutender Teil prominenter Bürgerkriegsveteranen in der Armee oder bei der politischen Polizei wieder fand, verlieh diesen Kontakten einen spezifischen, weitgehend inoffiziellen Charakter. Kaum eine Bedeutung scheinen demgegenüber Bekanntschaften gehabt zu haben, die in Konzentrationslagern geschlossen worden waren. Die Lagerhaft von Józef Cyrankiewicz[4] in Mauthausen, wie auch die von Jan Izydorczyk[5] in Buchenwald (wo letzterer Mitglied des Internationalen Lagerkomitees war), wurden erst seit Ende der 40er Jahre genutzt, jedoch auch dann hauptsächlich zu Propagandazwecken. Eine entscheidende Rolle spielte nämlich allein die Tatsache, dass auf beiden Seiten der Oder der innere Kreis der Parteielite von Aktivisten gebildet wurde, die den Krieg in der UdSSR verbracht hatten. Zu ihnen gehörte Oberst (später General) Jakub Prawin (1901 bis 1957), der Autor der beiden hier veröffentlichten Dokumente. Da Prawin für die Kontaktaufnahme zwischen den polnischen und deutschen Kommunisten (wie auch weitgehend für die gesamte »Deutschlandpolitik« Warschaus) verantwortlich war, soll an dieser Stelle etwas ausführlicher auf seinen Werdegang eingegangen werden: Der Sohn jüdischer Arbeiter schloss in Wien ein Studium der Ökonomie mit Promotion ab. Seit 1931 war er Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei Polens (Komunistyczna Partia Polski, KPP), weshalb er mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte. Im September 1939 gelang ihm die Flucht in die Sowjetunion, wo er in den Jahren 1941 bis 1943 in der Roten Armee kämpfte (u. a. bei Stalingrad). 1943 wurde er in Funktion eines Politoffiziers den in der UdSSR gebildeten polnischen Truppen zugeteilt. 1945 war er Bevollmächtigter der polnischen Behörden für die Polen zugesprochenen Teile Ostpreußens. Ende desselben Jahres wurde er zum Chef der Polnischen Militärmission in Berlin ernannt und verblieb in dieser Funktion bis 1950.[6] Prawin entsprach keineswegs dem Typus eines »Apparatschik«, der lediglich Befehle ausführt. Von Beginn an bemühte er sich, in die Komplexität der deutschen Strukturen einzudringen und überzeugte sich hierbei auch von der Unabdingbarkeit einer Koexistenz von Polen und Deutschen. Er verstand es, seine Voreingenommenheit den Deutschen gegenüber abzulegen und war damit – wie es Edmund Osmańczyk formuliert hat – »das seltene Exemplar eines Polen, der frei war vom Brandgeruch kriegsbedingter Ressentiments«[7]. Allerdings lässt sich nur schwer abschätzen, inwieweit seine Handlungen von einem seiner Zeit weit vorauseilenden Willen zur Verständigung oder vielmehr allein von seinem harten politischen Realismus bestimmt waren. Unter diesem Gesichtspunkt war Prawin seinem häufigsten Gesprächspartner aus der SED, Walter Ulbricht, nicht unähnlich. Genauso wie Ulbricht war auch Prawin ein eiskalter, oft zynischer Taktierer, ein unnachgiebiger Verhandlungspartner, der einzig die eigene Staatsraison im Auge hatte und sich kaum weiter um die Rechte der Kontrahenten kümmerte.  Es besteht indes kein Zweifel daran, dass Prawin Kontakte zu sämtlichen Kreisen der SBZ anstrebte, nicht nur zur sowjetischen Besatzungsmacht und zur radikalen Linken (KPD, später SED), sondern auch zu Vertretern anderer politischer Richtungen sowie zu Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft. Charakteristischerweise wählte er für das erste Treffen nicht etwa einen prominenten Vertreter von KPD oder SPD, sondern den Schriftsteller und Vorsitzenden des Kulturbundes Johannes R. Becher.[8] In seinen ersten Berichten billigte er der Vereinigung von KPD und SPD zur SED keine besondere Bedeutung zu. Prawin betonte, dass »diese Fusion […] keine Zeichen eines spontanen Aktes aufweisen, sondern vielmehr [die] einer Aktion aus Initiative des schmalen Parteiaktivs unter den Auspizien der sowjetischen Führung. Von Seiten der Massen ließ sich keine Aktivität erkennen, sondern eher die passive und loyale Unterordnung unter die Anweisungen der Parteiorgane«[9]. Man beachte zudem, dass auch die polnische Presse die Gründung der SED nur beiläufig erwähnte – zum Beispiel die Zeitung Głos Ludu (Stimme des Volkes) Nr. 111 vom 23. April 1946 – und dass die Führung der kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, Abk.: PPR)[10] ihre Gratulationen erst am 20. Mai 1946 – exakt einen Monat nach Beendigung des Vereinigungsparteitags – nach Berlin übersandte.[11] Zur gleichen Zeit bemühte man sich, die politische Szene Deutschlands zu überwachen, wozu unter anderem ein – auch in der SBZ – gut ausgebautes Agentennetz benutzt wurde.[12] Es stand jedoch außer Frage, dass die SED langfristig der einzige wirkliche Partner der PPR in der SBZ sein würde, so dass die Aufnahme direkter Kontakte lediglich eine Frage der Zeit sein würde. Zu einem ersten Treffen Prawins mit Walter Ulbricht, den er für den besten Kenner polnischer Angelegenheiten erachtete, kam es am 15. Juli 1946 (siehe Dokument 1). Das Gespräch drehte sich um allgemeine Fragen, doch kam auch eine eventuelle Zusammenarbeit beider Parteien zur Sprache. Diese sei jedoch – so Ulbricht – erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich, nämlich nach Abschluss einer ersten Etappe der Parteiarbeit »auf nationaler Basis«.  Die grundlegende Barriere, die – im Übrigen für beide Seiten – eine engere Zusammenarbeit vorerst ausschloss, war die Oder-Neiße-Grenze, die von den SEDFunktionären noch lange Zeit als eine provisorische betrachtet wurde (siehe das Dokument 2). Als die SED im Vorfeld der für Herbst 1946 geplanten Kommunalwahlen eine »Grenz«-Kampagne initiierte, versuchte Warschau an die SEDSpitze heranzutreten. Zu diesem Zweck wurde die »spanische« Bekanntschaft der ranghohen Militärs Karol Świerczewski[13] und Henryk Toruńczyk[14] mit Franz Dahlem genutzt. Nachdem die streng geheimen Verhandlungen zwischen PPR und SED zu diesem Thema im Herbst 1946 zu keinem Ergebnis führten,[15] rückte selbst die polnische kommunistische Presse von ihrer bisherigen zurückhaltenden Position ab und begann, die SED direkt anzugreifen.[16] Die Beziehungen von SED und PPR begannen sich erst 1947 schrittweise zu verbessern. Zum eigentlichen Wendepunkt in den Kontakten zwischen den beiden Parteien kam es allerdings erst im Frühjahr und Sommer 1948, als die SED aufgrund der internationalen Lage ihren Kampf um eine Revision der OderNeiße-Grenze aufgab. In der polnischen Presse wurde nun ein Bild der SBZ als separatem deutschen Staat sowie der SED als dessen unabhängiger Regierungspartei entworfen. Während des in Wrocław (Breslau) abgehaltenen »Weltkongresses der Intellektuellen für den Frieden« vom 25. bis 28. August 1948 wurde die deutsche Delegation vom polnischen Ministerrat empfangen.[17] Beim Besuch Walter Ulbrichts in Warschau (Oktober 1948) konnte man indes bereits den Eindruck gewinnen, Polen empfange das Oberhaupt eines befreundeten Staates. Als entscheidende Geste kann jedoch die Anwesenheit einer SED-Delegation auf dem Vereinigungsparteitag von PPR und Polnischer Sozialistischer Partei (Polska Partia Socjalistyczna, Abk.: PPS) zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Abk.: PZPR) im Dezember 1948 gewertet werden. Die Beziehungen von SED und PZPR vollzogen sich schon bald in einem fest gefügten Rahmen. Schon 1948 tauschten die beiden Parteien wechselseitig Neujahrsgrüße aus,[18] das Vokabular wurde ritualisiert (es war die Rede von den deutschen und polnischen »Freunden«), ebenso die gegenseitigen Treffen, die grundsätzlich in »herzlicher, freundschaftlicher Atmosphäre« vonstatten gingen.[19] In Wahrheit aber blieben die Beziehungen der beiden Parteien fassadenhaft. Während auf Massenkundgebungen sowie in der kommunistischen Presse die Verbesserung der interparteilichen Beziehungen deklariert wurde, konnte ein grundlegendes Hindernis, das etwa im Verhältnis der beiden Bevölkerungen zueinander keinerlei Rolle gespielt hatte, niemals überwunden werden: Die Konkurrenz um die Gunst des sowjetischen Suzeräns die bis zum Ende der DDR und der Volksrepublik Polen als unverrückbare Barriere zwischen den beiden Parteien bestehen blieb.     Dokument 1   [20] Berlin, 17. Juli 1946 Dienstbericht   Betrifft: Gespräch mit dem Mitglied des ZK der SED Ulbricht[21]  Das Treffen fand am 15. dieses Monats statt und dauerte 1 ½ Stunden. Ulbricht ist eines der aktivsten ZK-Mitglieder von Seiten der ehemaligen KPD. Ulbricht beurteilt die Situation günstiger, als dies andere Gesprächspartner aus der SED getan haben. Zwar erklärt auch er, dass die deutschen Massen noch nicht zu einem aktiven Leben, im vollen Sinne dieses Wortes, aufgerüttelt werden konnten, doch es gäbe Anzeichen für eine bedeutende, massenhafte Aktivierung, vor allem zu Zeiten von Kampagnen, z. B. der Kampagne zur Vereinigung von SPD und KPD, der Plebiszit-Kampagne in Sachsen und anderer. Nach solch einer Kampagne trete allgemein ein sehr starkes Abflauen der Aktivität ein. Die Entwicklungslinie verläuft folglich wellenförmig. Ulbricht erklärt, dass das SED-Aktiv an personeller Stärke immer mehr zunehme und sich politisch stärkt. Hierbei gehe selbstverständlich das alte KPD-Aktiv voran, doch in allen Organen der SED werde die Parität strikt eingehalten.  Seiner Meinung nach eilt die sowjetische Zone den anderen Zonen voraus, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Die Versorgungslage habe sich, wenn auch auf einem einfachen Niveau, normalisiert, Arbeitslosigkeit gäbe es keine, die Industrie sei angelaufen und die Felder seien bestellt. Die Entnazifizierung sei vollständig abgeschlossen worden. Sämtliche Amtsstellen seien gesäubert worden, die Schlüsselpositionen mit entschieden demokratischen Elementen besetzt; gerade bei der Polizei hätten 80 Prozent der Kommissariate mit SED-Mitgliedern besetzt werden können. Am schlechtesten stelle sich die Situation beim Gerichtswesen dar und zwar wegen der fehlenden Kader, aber auch wegen des Druckes, den die Angelsachsen bei jedem Versuch, hier eine Säuberung durchzuführen, im Kontrollrat ausübten. Unter diesen Umständen richte sich die Partei darauf ein, ehemalige nominelle Mitglieder der NSDAP (die kleinen Pg)[22] zu aktivieren und in den Orbit ihres Einflusses zu ziehen, was ihr hervorragend gelinge. Sie nimmt noch keine kleinen Pgs in die Partei auf, jedoch nur aus internationalen Erwägungen, um den Angelsachsen keine Argumente zu liefern. Ulbricht glaubt, dass sich das Problem der kleinen Pg mit Leichtigkeit lösen lasse.  Die Partei beabsichtigt, in die sich nähernden Kampagne zu den Kommunalwahlen erstmals gesellschaftliche Parolen einzubringen: »Ihr sagt, dass Hitler euch mit seiner Demagogie betrogen hat, dass ihr an seinen Sozialismus geglaubt hättet. Diesmal wird die Liquidierung der Trusts und Kartelle wirklich realisiert, ebenso wie die Einschränkung der Willkür des Kapitals und die Verstaatlichung der Industrie, seid also konsequent.« In der sowjetischen Zone wurde das Großkapital liquidiert (Kartelle und Trusts), die Bodenreform für [Landwirtschaftsbetriebe] über 100 ha durchgeführt und man hat die Klasse der Junker liquidiert. All dies verschaffe der sowjetischen Zone und der SED einen gewaltigen Vorteil gegenüber den anderen Zonen.  In den angelsächsischen Zonen bremse die Herrschaft der Industrie- und Landmagnaten die Stabilisierung und Gesundung der wirtschaftlichen Situation. Es herrscht dort eine große Arbeitslosigkeit und die Felder sind unbestellt. Unter dem Einfluss der Ereignisse in der sowjetischen Zone seien sie in den beiden angelsächsischen Zonen gezwungen, [ebenfalls] über die Bodenreform zu sprechen, das hat jedoch noch keine konkreten Formen angenommen. Die Angelsachsen konnten letztendlich die Einreise von Mitgliedern des ZK der SED, die dort Versammlungen organisieren wollten, nicht verbieten. Es seien bereits halblegale SED-Initiativkomitees gegründet worden. Einen besonders großen Einfluss [der SED] gäbe es im Ruhrgebiet, wo auch die politische Reife am größten sei. Die Antwort auf das englische Verbot für KPD-Versammlungen, auf denen die Organisierung der SED vorbereitet werden sollte, war ein sichtbarer Rückgang der Kohleförderung.  Die französische Zone sei geprägt durch die bereits bekannte administrative und politische Unfähigkeit. Es gibt dort in der Tat weder eine erkennbare politische noch Parteienaktivität. Die französische Administration unterstütze separatistische Parteien. Trotzdem verfüge an der Saar die KPD, deren Parole die Einheit Deutschlands ist, über den größten Einfluss. Der Hang zur Einheit sei in ganz Deutschland sehr stark. In den sich nähernden Kommunalwahlen beabsichtige die Partei [deshalb] erstmals mit folgenden Parolen aufzutreten: Einheit Deutschlands, zentralistische Regierung, Berlin als Hauptstadt. Nach Ansicht von Ulbricht ist der Sieg der SED bei den Kommunalwahlen in der sowjetischen Zone gesichert. In Berlin selbst sei die Situation komplizierter, aber auch hier werde die SED – seiner Meinung nach – gewinnen. Die Taktik der SED in Berlin ist charakteristisch. Die SPD wurde im sowjetischen Sektor Berlins bereits zugelassen, aber sie führe ein sehr kümmerliches Dasein und spiele keinerlei Rolle. Andererseits nutzte die SED die Erlaubnis der angelsächsischen Behörden nicht, sich in deren Sektoren zu organisieren, da sie der weiteren Zerschlagung der Arbeiterklasse keinen Vorschub leisten wollte. Die angelsächsischen Behörden stimmten nämlich (darüber berichtete ich seinerzeit in einem ausführlichen Rapport) der Gründung der SED in ihren Sektoren bzw. der Umbenennung der KPD in SED zu. Das ZK der SED hatte darauf jedoch verzichtet und forderte lediglich die Legalisierung der Koordinierungskomitees (Einheitsausschüsse)[23] von KPD und SPD zur Vorbereitung einer späteren Vereinigung. Die Engländer und Amerikaner wollen diese Einheitsausschüsse[24] jedoch nicht legalisieren. Die Angelegenheit sei dennoch auf gutem Wege, denn es entstünden spontan Arbeitsausschüsse[25] in den Fabriken und Wohnbezirken, welche die Zusammenarbeit der beiden Parteien forderten. So stark sei der Hang zur Einheit selbst dort, wo unter dem Druck der Angelsachsen keine Vereinigung zustande kam. Vor der englischen Abweichung der SPD fürchtet sich Ulbricht nicht. Schumacher habe keinerlei positives Programm und könne es auch gar nicht haben, da ihm die Engländer dies nicht erlaubten. Schumacher könne einzig ein Agent des Imperialismus sein und dies sei er auch. Die Umstände zwängen ihn, ein Sprecher der Trusts und Kartelle zu sein, ein Gegner der Bodenreform und Fürsprecher der Teilung Deutschlands. Seine Popularität sei gering, zumal bei den aktiveren und [politisch] bewussten deutschen Massen; während der Wahlkampagne werde er sich noch stärker zu erkennen geben und dadurch einen noch weiteren Verlust seines Einflusses hinnehmen müssen.  Ulbricht glaubt, dass angesichts des nicht vorhandenen Problems der kleinen Pgs der eigentliche Kampf, vor dem die Partei stehe, der Kampf gegen die alte Reaktion sei: Stahlhelm und Deutschnationale[26], unterstützt von den Angelsachsen. Von bedeutenderen Erfolgen bei den kommenden Kommunalwahlen in den angelsächsischen Besatzungszonen könnte keine Rede sein, doch man könne damit rechnen, dass die SED dort dennoch eine starke Basis erringen wird. Am schlimmsten stehe es in Hamburg, wo die Engländer über einen starken Einfluss verfügten. Auf meine Frage, was aus den Traditionen an der Wasserkante geworden sei, antwortete Ulbricht, dass die Engländer sogar schon während der Weimarer Zeit sehr systematisch ihren Einfluss in dieser Hafenstadt verfestigt hätten. Ulbricht erklärt, dass er die französischen Genossen dazu angehalten habe, sich in der Frage um Ruhr und Niederrhein nicht zu sehr zu engagieren, da sie sich, zumal angesichts des aktuellen politischen Kräfteverhältnisses in Frankreich, dadurch dem englischen Imperialismus andienten. Die deutschen Parteimitglieder engagierten sich nicht im Kampf an der Seite der französischen Genossen, da sie davon ausgegangen seien, dass sich die Frage, was sich während der Auftritte Molotovs in Paris ereignete, ohnehin bald kläre. Ulbricht erzählte weiter, dass auch die Arbeit unter den Frauen und Jugendlichen angelaufen sei. Beide Organisationen sind vereinheitlicht und überparteilich (Frauenausschüsse und Freie Jugend[27]), mit Ausnahme einiger weniger katholischer Gruppen. Größere Schwierigkeiten gäbe es natürlich bei der Arbeit unter den Hausfrauen, aber man erwartet auch hier im Zuge der Wahlkampagne eine Belebung. Die Jugendarbeit beurteilt er positiv. Ulbricht spricht darüber hinaus von großen ideologischen Mängeln sowohl bei den Massen als auch in den Reihen der Partei. An der Beseitigung dieser Mängel arbeiten zahlreiche Parteischulen, Abteilungen für Kultur und Bildung, Gemeinschaftszentren und Klubs. Die Schulen haben übrigens ihre Arbeit in sämtlichen Bereichen des beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens aufgenommen und bilden neue Führungskader in den Bereichen Wirtschaft und Politik aus (Verwaltungs-, Polizei-, Führungs- und Rechtsschulen etc. …). Nach den Wahlen werde man zu einer verstärkten ideologischen Arbeit übergehen, wobei man sich im Speziellen der Thematik der aktuellen Veränderungen in den Nachbarstaaten zuwenden werde sowie den Fragen bezüglich einer Zusammenarbeit mit den demokratischen Kräften in den Nachbarländern im gemeinsamen Kampf gegen die internationale Reaktion. Die Reaktion entfache und verbreite sehr gekonnt Unwillen gegen die Sowjetunion, die nach wie vor nicht genug gestärkt sei. Ulbricht ist der Meinung, dass dieser Unwille sich langsam abschwächt, zumal angesichts der unzweifelhaften Errungenschaften in der sowjetischen Zone.  Im stärksten würden selbstverständlich die Demontagen für schlechtes Blut sorgen, deren Ausmaß von der Reaktion übertrieben werden (sie sprechen lauthals von 75 Prozent), während Ulbricht sie auf insgesamt 10 bis 15 Prozent einschätzt. Über exakte Angaben verfügt er nicht. Was die polnischen Angelegenheiten angeht, ist Ulbricht um einiges besser orientiert als die anderen. Dies geht zurück auf seine Moskauer Zeit, als er bei der Organisation der Einschleusung des dortigen Parteiaktivs in die Heimat mit unseren Genossen zusammentraf. In der Regel wissen die Deutschen, selbst aktive Parteimitglieder, nichts über Polen. Gegenüber Polen herrscht ein allgemeiner Unwille, der selbst in die höheren Parteiebenen hinein reicht. Dies ist aufgrund der Grenzfrage, der Aussiedlung von Deutschen usw. auch verständlich. Die Partei will nach den Wahlen daran gehen, diese Chinesische Mauer einzureißen, wobei sich auch Ulbricht selbst noch nicht darüber im Klaren ist, wie dies realisiert werden soll. Charakteristisch ist seine Formulierung, wonach die enge Zusammenarbeit unserer Parteien erst später eingeleitet werden sollte, während in der jetzigen Entwicklungsetappe die Parteien auf nationaler Basis arbeiteten (auf nationaler Basis)[28]. Für den Moment formuliert er folgende Postulate: 1. Wir sollen ihm Informationen aus und über Polen zukommen lassen, dabei auch solche über die Tätigkeiten unserer Reaktion in der englischen und amerikanischen Zone. Diese letzteren Informationen wollen sie in ihrer Argumentation gegen die Öffnung der Zonengrenzen verwenden, welche dazu führen würde, dass ihnen nicht nur die eigene Reaktion an die Gurgel geht, sondern auch die internationale, polnische, jugoslawische, welche in den angelsächsischen Zonen gezüchtet würden. 2. Ulbricht ist der Meinung, man sollte die Repatriierung der Deutschen zu Ende führen. Er würde es jedoch vorziehen, wenn dies nach den Wahlen geschähe und zwar in möglichst würdiger Form. Sein Standpunkt scheint aufrichtig, denn er selbst hat das Thema angesprochen und zwar als Reaktion auf das von einem Korrespondenten von France-Press in entstellter Form veröffentlichte Interview mit Richter Czajkowski von unserer Repatriierungs-Mission und dies noch vor unserem Dementi. 3. Nach den Wahlen und der Beendigung der Aussiedlung der Deutschen, sollte, nach einer gewissen vorbereitenden ideologischen Kampagne, eine Arbeiterdelegation, so meint er, von den Gewerkschaften aus Deutschland [nach Polen] entsandt werden, welche mit eigenen Augen sehen könnte, was die Hitleristen in Polen angerichtet haben und welche Veränderungen in Polen vonstatten gehen. Was die ersten beiden Punkte angeht, war ich mit ihm einverstanden. Den dritten habe ich versprochen, bei den entsprechenden Instanzen in der Heimat vorzutragen. Der Chef Der Polnischen Militär-Mission   (Dr. J. Prawin, Oberst) Dokument 2   [29] Polnische Militärmission beim Kontrollrat in Deutschland   Spezialrapport Die Stimmungen in der SED bezüglich unserer Westgrenze   Berlin, 24. September 1946 Streng geheim[30]  Die Reaktionen in der hiesigen Presse sowie vor allem auch bei der SPD (Schumacher, Neumann) auf die Rede von Byrnes provozierten die SED zu einer [eigenen] Stellungnahme in der Grenzfrage. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, welche Verwirrung in der SED bezüglich dieser Frage herrscht. Noch vor kurzem hatte Walter Ulbricht öffentlich verkündet: »Hitler hat unsere Ostgrenze verspielt.« Sämtliche späteren Reaktionen in den Provinzen des Landes hatten sich hieran orientiert. Doch [inzwischen] hat man begonnen, von der zitierten Linie Ulbrichts und Piecks abzuweichen. Seinen Kulminationspunkt fand dieser Gesinnungswandel auf einer Konferenz von SEDFunktionären am 10. September 1946 in der Rede von Max Fechner. Seinen Standpunkt hat er wie folgt dargelegt: »Die heutige Ostgrenze ist lediglich eine provisorische. Ihre endgültige Festlegung wird auf der künftigen Friedenskonferenz vorgenommen werden. Wenn nun die SED in der Frage des Ruhrgebietes mit allen politischen Mitteln vor allem gegen eine zusätzliche Verkleinerung Deutschlands kämpft, so steht dies in keinem Gegensatz dazu, dass die Partei bei der endgültigen Festlegung der Ostgrenzen vitale nationale Interessen dem Friedenstraktat überlassen hat. Einige reaktionäre Kreise versuchen, von der Unabänderlichkeit einer Verkleinerung des deutschen Ruhrgebietes abzulenken, indem sie die Ost-Frage zur Hetze gegen andere Nationen missbrauchen … In unserem entschiedenen Kampf für eine demokratische Entwicklung in Deutschland bringen wir jedoch unseren vitalen nationalen Interessen durch eine gerechte Lösung der OstFrage mehr Nutzen als diejenigen, welche schon wieder eine nationalistische Hetze auslösen wollen.« Und zum zweiten: »Es ist unsere Aufgabe, das Vertrauen der Welt zu gewinnen, vor allem jedoch derjenigen Nationen, die unter dem hitleristischen Krieg speziell gelitten haben. Die SED hat die unverbrüchliche Hoffnung, dass aus dem heute erstehenden demokratischen Geist des Friedens eine Übereinkunft auch bezüglich der Ostgrenze resultieren wird.« Eine ähnliche Linie wird auch in den Westzonen von Kurt Müller, Max Reimann und anderen vertreten. Interessant ist, dass die Presse (darunter auch das Organ der SED) die Worte Fechners: »Wir werden die vitalen Interessen der deutschen Nation verteidigen« folgendermaßen verändert hat: »Die SED wird sich jeder Verkleinerung des deutschen Territoriums widersetzen.« Und dies ohne jegliches Dementi. (Siehe den angefügten Zeitungsausschnitt). Nichtsdestotrotz hat dieser Standpunkt jedoch in Kreisen führender SED-Funktionäre Diskussionen bewirkt. So ist beispielsweise Heinz Schmidt, der leitende Redakteur für Politik beim Berliner Radio der Meinung, in der Frage der Ostgrenze existierten zwei Alternativen: Entweder man gehe über zu einer Linie des »demokratischen, sozialistischen Revisionismus«, wie dies Fechner und andere bereits unternommen haben. Dies bedeute jedoch, den chauvinistischen Aufwiegelungstendenzen zu erliegen, wobei man damit natürlich auch bei Wahlen mehr Stimmen erringen könne. Oder aber man erstrebe, je nach den Umständen jedoch zum Preis der Wahlniederlage, längerfristig eine Lösung der grundlegenden Probleme sowohl der deutschen historischen Unreife als auch eines neuen Verhältnisses zu den slawischen Völkern, speziell zu den Polen. Dies sei umso notwendiger, als dass der Kontrast zwischen England und der Sowjetunion sich verschärfte. Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass solcherart Ansichten in der SED weit verbreitet seien. Im Gegenteil handele es sich hierbei um vereinzelte Stimmen. Folgende Konzeption, die mir gegenüber von Bruno Köhler, dem Chef der Zentrale des Pressedienstes der SED vertreten wurde, scheint aktuell handlungsleitend zu sein: »Die Grenzpolitik ist soweit schlüssig, wenn ich auch zugeben muss, dass sich real nichts mehr verändern lässt. Auch die französische Partei führt diesbezüglich ihre ganz eigene Politik. Ebenso Ercoli [Palmiro Toglatti] und Tito. Man muss sich den Stimmungen der Massen anpassen. Fechner und noch einige andere formulieren es jedoch sehr unglücklich. Und einige haben auch tatsächlich noch Illusionen (bezüglich der Grenzen). Wenn nun also unsere Ostgrenze auf der Friedenskonferenz endgültig festgelegt wird, dann wird unsere Argumentation folgendermaßen lauten müssen: Wir haben alles getan, um die nationalen Interessen zu schützen. Dabei werden wir auf die gesellschaftlichen Veränderungen hinweisen, welche in Polen stattgefunden haben. Die Grenzfrage wird dann nicht mehr ihre alte Bedeutung haben. Wir werden mit Polen im Austausch gegen unsere Fabrikate einen lebendigen Handelsverkehr betreiben. Letztendlich muss die Ostgrenze aufhören jene fatale Rolle zu spielen, die sie in Deutschland seit Jahrhunderten innegehabt hat.«  Das Interview Molotovs hat natürlich die fortschrittlichen Elemente in der SED gestärkt. Auf der folgenden Sitzung des SED-Präsidiums wurde in Angelegenheit der deutschen Ostgrenze eine Resolution verabschiedet (die ich jedoch als »Verlegenheitsresolution« bezeichnen würde). Sie stellt den Versuch dar, einen Standpunkt gegen die reaktionären Anstrengungen einzunehmen, im Zusammenhang mit der Ostgrenze eine neue chauvinistische Bewegung ins Leben zu rufen. Gleichzeitig jedoch führt sie selbst zu einer Linie des »demokratischen Revisionismus« (siehe den Wortlaut der Resolution in der Anlage). Man ist von den bekannten Äußerungen Fechners nicht abgerückt. De facto hat man auf der eigentlichen Sitzung auf jede Diskussion dieser Frage verzichtet. Man hat lediglich erklärt: »Wir werden für den Augenblick unseren Standpunkt nicht verändern.« Auf einer Sitzung der Chefredakteure der SED, welche aufgrund des Interviews von Molotov angesetzt worden war, setzten sich mehrere ehemalige SPD-Mitglieder für eine Distanzierung von Molotovs Ansichten ein, während sich andere für einen »eigenen deutschen Standpunkt« aussprachen. Eines der Mitglieder erklärte dazu: »Diese [Molotovs] Position führt zu einer Situation, wie sie 1939 herrschte und die direkt in den Krieg mit Polen mündete.« Diese Argumentation wurde von Freunden, die diesen Standpunkt jedoch im Wesentlichen teilten, als zu scharf und taktisch unklug kritisiert. Zusammenfassend gelangen wir zu folgendem Bild: In der SED herrschen aktuell verschiedenste Einflüsse. Der [neue offizielle] Standpunkt in der Frage der Ostgrenze ist ein Zugeständnis an Elemente, die aus der SPD kamen, sowohl im SED-Präsidium, als auch auf den unteren Organisationsebenen. Letztere teilen in der Mehrheit die Ansichten Schumachers. Darüber hinaus existieren ernst zu nehmende »linke Stimmungen«, die schlicht alles, was zur Zeit geschieht, als »Sozialismus« bezeichnen und die in ihrer Zielsetzung [ebenfalls] in diese Richtung tendieren. Auch organisatorisch kann man nicht von einem Zusammenfließen der beiden Teile KPD und SPD sprechen. In gewissen Organisationen der unteren Ebenen kommt es sogar zur Bildung eigener Fraktionen. Das Verhalten der Funktionäre auf Konferenzen deutet auf ein zurückgebliebenes politisches Niveau der Versammlungsteilnehmer hin.  Die landesweiten Wahlen wurden auf den 20. Oktober verschoben, damit sie zeitgleich mit den Berliner Wahlen stattfinden. Auf diese Weise wird das Berliner Resultat nicht von der Reaktion ausgenutzt werden können. Bei den Gemeindewahlen haben die Frauen mehrheitlich gegen die SED gestimmt. Sie bestätigten damit exakt die Probewahlen, bei denen nur die Frauen wählten. Das Ergebnis war, dass zwei Drittel für bürgerliche Parteien stimmten. Der Chef der Mission Oberst Dr. Prawin Geht an: Minister Olszewski    2 Exemplare Vizepremier Gomułka  1 Exemplar General Spychalski    1 Exemplar 4. die Kanzlei 1 Exemplar In der Anlage: Zwei [von Hand korrigiert »Drei«] [Zeitungs-]Ausschnitte Übersetzung des Einführungstextes und der Dokumente aus dem Polnischen von Lukas Imhof (Berlin) [1] Siehe u. a. Lenarczyk, Wojciech: »Dobry« i »zły« Niemiec w oczach publicystów [Der »gute« und der »böse« Deutsche aus Sicht der Publizisten], in: Polska 1944/45–1989. Studia i materiały [Polen 1944/45–1989. Studien und Materialien], Warschau 2001, Bd. 5, S. 110. Siehe ebenfalls: Dymitrów, Edmund: Niemcy i okupacja hitlerowska w oczach Polaków. Poglądy i opinie z lat 1945–1948 [Die Deutschen und die nationalsozialistische Okkupation aus Sicht der Polen. Ansichten und Meinungen aus den Jahren 1945–1948], Warschau 1987; Szarota, Tomasz: Niemcy i Polacy. Wzajemne postrzeganie i stereotypy [Deutsche und Polen. Gegenseitige Wahrnehmung und Stereotypen], Warschau 1996; Pasierb, Bronisław: Problem niemiecki w myśli politycznej Polskiej Partii Robotniczej (1942–1948) [Die deutsche Frage im politischen Denken der Polnischen Arbeiterpartei (1942–1948)], in: Orzechowski, Marian (Hrsg.): Polska. Naród. Państwo. Z badań nad myślą polityczną Polskiej Partii Robotniczej 1942–1948 [Polen. Nation. Staat. Forschungen zum politischen Denken der Polnischen Arbeiterpartei 1942–1948], Wrocław u. a. 1972, S. 220–258; Wolff-Powęska, Anna (Hrsg.): Polacy wobec Niemców. Z dziejów kultury politycznej Polski 1945–1989 [Die Polen angesichts der Deutschen. Zur Geschichte der politischen Kultur Polens 1945–1989], Poznań 1993. Darin speziell Kiwerska, Jadwiga: W atmosferze wrogości (1945–1970) [In feindlicher Atmosphäre (1945–1970)], in: Ebenda, S. 45–93; Rudnicki, Andrzej: Problem niemiecki Wilhelm Pieck und Franz Dahlem schrieben im Januar 1946 in einem Dankesschreiben an das ZK der PPR für dessen Unterstützung von 16 KPD-Aktivisten bei deren Rückkehr aus Schweden und Dänemark nach Deutschland: »Ebenfalls bitte ich [sic!] um Übermittlung meiner persönlichen Grüße an die Genossen: General ›Walter‹ [Karol Świerczewski, Anm. des Autors] und Henryk Toruńczyk von den Internationalen Brigaden, ebenso wie an alle weiteren Bekannten aus Spanien und aus den Konzentrationslagern in Frankreich, die im Kampf um die Befreiung Eures Landes eine so herausragende Rolle gespielt haben.« Gemkow, Heinrich/Góra, Władysław (Hrsg.): Wspólne tradycje. Współdziałanie polskiego i niemieckiego ruchu robotniczego. Wybór dokumentów i materiałów [Gemeinsame Traditionen. Die Zusammenarbeit der polnischen und deutschen Arbeiterbewegung. Ausgewählte Dokumente und Materialien], Bd. 1: 1847–1950, Warschau 1983, S. 329. [2] A. Woycicki schrieb in der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny vom 3. Februar 1946: »Dieser neue Anstrich des ›Herrenvolkes‹ [im Original deutsch] in roter Farbe macht auf mich den Eindruck, als wäre lediglich das Hakenkreuz auf der aus Okkupationszeiten bekannten roten Fahne mit dem zerbrochenen Kreuz verdeckt worden. Geblieben ist das Rot. […] Deshalb sollte man heute, da immer mehr Deutsche mit roten Armbinden auftauchen, mit denen sie die Augen der Polen, Russen, Amerikaner oder Engländer zu blenden suchen, große Vorbehalte gegenüber solch einem ›Nationalkommunismus‹ [im Original deutsch] in Betracht ziehen und äu- ßerst vorsichtig handeln, damit sich in die internationale Zusammenarbeit keine Elemente schlechten Willens hineinstehlen, oder auch solche, die erblich mit einem Überlegenheitskomplex belastet sind. Das trojanische Pferd muss verrecken.« Zitiert nach Rudnicki, Problem niemiecki (Anm. 1), S. 117. Vizepremier Stanisław Mikołajczyk (Polnische Volkspartei, polnische Abk.: PSL) hatte in der Gazeta Ludowa vom 21. Mai 1946 geschrieben: »Wir kennen die Deutschen und wissen, dass sie immer die gleichen sind – sei dies nun unter Fritz, ebenso wie unter Wilhelm oder auch Hitler. Ich glaube [ihnen] auch heute nicht, wenn der Führer der deutschen Kommunisten Wilhelm Pieck ehemalige NSDAP-Mitglieder der unteren Ränge in die kommunistische Partei einlädt. Es könnte sich dereinst zeigen, dass auch die deutschen Kommunisten ihren Einfluss auf die Errichtung eines deutschen, gegen Polen gerichteten Imperialismus gerichtet hatten.« Zitiert nach Tomala, Mieczysław: Patrząc na Niemcy. Od wrogości do porozumienia 1945–1991 [Den Blick nach Deutschland gerichtet. Von der Feindschaft zur Verständigung 1945–1991], Warschau 1997, S. 73. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel Tomala, Mieczysław: Deutschland – von Polen gesehen. Zu den deutsch-polnischen Beziehungen 1945–1990, Marburg 2000. [3]  Wilhelm Pieck und Franz Dahlem schrieben im Januar 1946 in einem Dankesschreiben an das ZK der PPR für dessen Unterstützung von 16 KPD-Aktivisten bei deren Rückkehr aus Schweden und Dänemark nach Deutschland: »Ebenfalls bitte ich [sic!] um Übermittlung meiner persönlichen Grüße an die Genossen: General ›Walter‹ [Karol Świerczewski, Anm. des Autors] und Henryk Toruńczyk von den Internationalen Brigaden, ebenso wie an alle weiteren Bekannten aus Spanien und aus den Konzentrationslagern in Frankreich, die im Kampf um die Befreiung Eures Landes eine so herausragende Rolle gespielt haben.« Gemkow, Heinrich/Góra, Władysław (Hrsg.): Wspólne tradycje. Współdziałanie polskiego i niemieckiego ruchu robotniczego. Wybór dokumentów i materiałów [Gemeinsame Traditionen. Die Zusammenarbeit der polnischen und deutschen Arbeiterbewegung. Ausgewählte Dokumente und Materialien], Bd. 1: 1847–1950, Warschau 1983, S. 329. [4]  Politbüromitglied 1948 bis 1971, Premier 1947 bis 1952 und 1954 bis 1970. [5]  Izydorczyk war seit Februar 1950 Chef der Polnischen Militärmission in Berlin, anschließend von November 1953 bis April 1955 Botschafter Polens in der DDR.  [6]  Mehr zu Prawin siehe Hübner, Christa: Jakub Prawin – Chef der Polnischen Militärmission in Berlin (1946–1950), in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 30 (1988), H. 4, S. 526– 534. Zur Polnischen Militärmission Gondek, Leszek: Polskie Misje Wojskowe 1945–1949 [Polnische Militärmissionen 1945–1949], Warschau 1981; Marczak, Tadeusz: Granica zachodnia w polskiej polityce zagranicznej w latach 1944–1950 [Die Westgrenze in der polnischen Außenpolitik der Jahre 1944–1950], Wrocław 1995, S. 232–239. [7]  Osmańczyk, Edmund: Lata berlińskie [Die Berliner Jahre], in: Prawin, Jakub: Wspomnienia [Erinnerungen], Warschau 1959, S. 102. [8]  Archiwum Ministerstwa Spraw Zagranicznych (Archiv des Außenministeriums, im Folgenden: AMSZ), z. 6, w. 42, t. 668, Bl. 1–5 [9]  PWM, raport polityczny za kwiecień 1946 [Polnische Militärmission, Politischer Rapport für den April 1946] vom 2. Mai 1946, in: AMSZ, z. 6, w. 108, t. 1739, Bl. 84.  [10]  Anm. der Redaktion: Die KPP war 1938 auf Befehlt Stalins aufgelöst worden. Der NKVD ermordete die Mehrheit der polnischen KP-Führer, die in der Sowjetunion im Exil lebten, während des »Großen Terrors« 1937/38. Eine kommunistische Parteineugründung erfolgte mit Billigung Moskaus erst nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion unter dem Namen Polnische Arbeiterpartei (PPR) im Januar 1942 in Warschau. [11]  Gemkow/Góra: Wspólne tradycje (Anm. 3), S. 332. [12]  Siehe dazu den Mitte Mai 1946 im Ministerium für Öffentliche Sicherheit verfassten Rapport zur Vereinigung von KPD und SPD: Burgin do Radkiewicza [Burgin an Radkiewicz], in: Instytut Pamięci Narodowej (Institut für Nationales Gedenken, im Folgenden: IPN), BU, MBP 730, Bl. 56–59. [13]  Karol Świerczewski (1897 bis 1947), stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung 1946/47. [14]  Henryk Toruńczyk (1909 bis 1966) war 1945 Kommandeur der Inneren Truppen, seit 1946 in der staatlichen Verwaltung, u. a. im Ministerium für die wieder gewonnenen Gebiete (Direktor des Departements), später im Landwirtschaftsministerium und im Ministerium für Leichtindustrie. [15]  IPN, BU, MBP 730, Bl. 64–66. [16]  Siehe Werfel, Roman: Granica polska na Odrze i Nisie jest nienaruszalna. Wilhelmowi Pieckowi w odpowiedzi [Die polnische Grenze an Oder und Neiße ist unverrückbar. Wilhelm Pieck zur Antwort], in: Głos Ludu Nr. 298 vom 29. Oktober 1946. [17]  Archiwum Akt Nowych (Archiv für Neue Akten, im Folgenden: AAN), 450/III–119, Bl. 96 f. [18]  AAN, KC PZPR, 237/XXII–511, Bl. 1. [19]  AMSZ, z. 15, w. 5, t. 37, Bl. 83–85. [20]  AMSZ, z. 6, w. 42, t. 668, Bl. 22–26. Auf dem ersten Blatt des Dokumentes unten links steht der Eingangstempel des Außenministeriums »24. Juli 1946 Geheim«. [21]  Im gesamten Text des Dokuments ist Ulbrichts Name falsch geschrieben (»Ulbrycht«), wurde aber (teilweise) von Hand korrigiert. Für die Übersetzung wurde die Korrektur übernommen. Alle Unterstreichungen stammen aus dem Dokument. [22]  Der Inhalt der Klammer ist im Original deutsch. [23]  Begriff in Klammern ist im Original deutsch. [24]  Begriff ist im Original deutsch. [25]  Begriff ist im Original deutsch. [26]  »Stahlhelm und Deutschnationale« sind im Original deutsch. [27] Die Begriffe in Klammern sind im  Original deutsch. [28]  Der Inhalt der Klammer ist im Original deutsch. [29]  AMSZ, z. 6, w. 42, t. 668, Bl. 52–55. Das Dokument trägt den Eingangsstempel: »Ministerium für auswärtige Angelegenheiten, 30. September 1946, an Min. Olszewski weitergeleitet am 1. Oktober 1946, geheim«. [30]  Alle Unterstreichung im Original. Unterstreichungen von Hand wurden nicht übernommen. 

JHK 2006

Erinnerungen an das Jahr 1956

Ein Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano[1] Im nachfolgend dokumentierten Gespräch blicken zwei Persönlichkeiten auf das Jahr 1956 zurück, die die totalitären Diktaturen und Ideologien dieses Jahrhunderts aus vielfältiger Perspektive erlebt haben. Der eine, 1921 geboren, ein Emigrant, wurde von seiner Mutter in jugendlichem Alter vor der nationalsozialistischen Diktatur in die vermeintliche Sicherheit der Stalinschen Sowjetunion gebracht. Der andere, zwei Jahre jünger, ein rassisch Verfolgter des Nationalsozialismus, überlebte die letzten Kriegsjahre vor seinen Häschern versteckt in »kellerdunkler Illegalität« in Hamburg: Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano. Wolfgang Leonhard durchlief in den 30er und frühen 40er Jahren sowjetische Kaderschmieden, um dann im Frühjahr 1945 zu einer von drei Gruppen mit handverlesenen KPD-Emigranten zu zählen, die noch vor der Kapitulation in das kriegszerstörte Deutsche Reich eingeflogen wurden, um im Auftrag der Sowjets das zivile Leben neu zu organisieren – und dabei dem Vormachtsanspruch der Kommunisten den Boden zu bereiten. In den ersten Jahren der SBZ war Leonhard die agitatorisch-propagandistische Allzweckwaffe der SED-Führung. Schließlich verstand er es wie kaum ein anderer, ideologische Fragen verständlich in  Broschürenform aufzubereiten und mit Witz und Elan an den Partei- und Verbandsschulen Nachwuchskader zu unterrichten.  Für Ralph Giordano wurde die Kommunistische Partei – der erklärte Hauptfeind des Nationalsozialismus – 1945 wie selbstverständlich zu seiner politischen Heimat. Giordano wurde Redakteur der kommunistischen Hamburger Volkszeitung, Autor der wieder gegründeten Weltbühne, Korrespondent der Berliner Zeitung, FDJler, KPD-Funktionär und schließlich im Herbst 1955 Student am neu  gegründeten Institut für Literatur in Leipzig, dessen Gründungsdirektor Alfred Kurella war. Damals waren die SED und ihre westdeutsche KPD paradoxerweise die einzige politische Bewegung, die in den ersten Jahren des geteilten Deutschlands gesamtdeutsch operieren konnte.  Beide Männer brachen mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung. Wolfgang Leonhard 1949, als er zunächst nach Jugoslawien floh, das sich seit dem Vorjahr gleichfalls dem Vormachtanspruch Moskau widersetzte. Leonhard wechselte 1950 in die Bundesrepublik, wo er zu den Mitbegründern der kurzlebigen Unabhängigen Arbeiterpartei zählte, die einen dritten Weg – zwischen Stalinismus und  Reformismus – zu beschreiten versuchte. Giordanos endgültige Abwendung von der Partei erfolgte im Verlauf des Jahres 1957. Und beide Männer setzten sich einige Jahre nach dem Verlust ihrer politischen Heimat und Gewissheiten an ihre Schreibmaschinen, um den schmerzlichen Prozess der politischen Abnabelung vom Kommunismus jeweils mit einem Buch abzuschließen:  Die Revolution entlässt ihre Kinder von Wolfgang Leonhard wurde im vergangenen Jahr nach einem halben Jahrhundert vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zum ungezählten Mal neu aufgelegt. So ungern wir Historiker es auch hören mögen: Vermutlich dürfte dieses Buch in den vergangenen fünf Jahrzehnten das Bild der Stalinschen Sowjetunion und der Sowjetischen Besatzungszone in der Öffentlichkeit nicht weniger beeinflusst haben, als all unsere Bücher dies getan haben.  Ralph Giordanos Die Partei hat immer recht feiert in diesem Jahr ihren 45. Geburtstag. Auch dieses Buch hat bei Kiepenheuer & Witsch das »Licht der Welt erblickt« und mehrere Auflagen erfahren.  Während Leonhard die Geschichte des kommunistischen Exils und der ersten Jahre der SBZ erzählt, ist Giordanos leidenschaftliche Selbstreflexion das wohl wichtigste Buch, um sich der vertrackten Geschichte des deutschen Kommunismus in den 50er Jahren anzunähern.  Beide Männer haben es nicht mit ihrem politischen Lebensbericht bewenden lassen. Wolfgang Leonhard, der im April diesen Jahres seinen 85. Geburtstag feiern wird, hat als Professor in Yale (1966 bis 1987) sowie in unzähligen Publikationen über die Geschichte und die Politik der Sowjetunion und des Kommunismus gelehrt und geforscht. Und es waren wohl stets auch seine Fairness und sein von Eifer freier Grundton, die Leonhard seine besondere Glaubwürdigkeit verliehen.  Ralph Giordano hat sich als Buchautor und Dokumentarfilmer unablässig gegen das Vergessen und das Verdrängen eingesetzt. Sein Name ist untrennbar und für immer mit der lange verhinderten und bis heute quälenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verbunden. Und dennoch hat Ralph Giordano wie kaum ein anderer seiner Mitstreiter (und Mitstreiterinnen) stets auch die anderen Anfechtungen der Humanitas im Blick behalten und gegeißelt.  ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, im Frühjahr vor einem halben Jahrhundert befanden Sie sich selbst noch in einer Übergangszeit. Ihr Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder war im September 1955 erschienen und hatte einen Widerhall gefunden, der nicht vorhersehbar war. Gleichzeitig waren Sie alles andere als im Westen wirklich »angekommen«. Liest man die damaligen Rezensionen Ihres Buches, dann wird Ihnen zumeist attestiert, dass Sie zwar ein herausragendes Buch vorgelegt hätten, indes noch marxistisch-leninistischen Denkmustern verhaftet seien. Ein Rezensent schrieb gar: »Im Ganzen ergibt sich aus dem fesselnden Buch: Geschulte Kommunisten vom Schlage Leonhards – bei seinem Weggang aus der DDR ein Mann von 27 Jahren – sind für das ›westliche Lager‹ verloren.« Anfang 1956 ahnte noch niemand, dass Sie schon bald nach Oxford eingeladen und schon zehn Jahre später die Elite des Westens in Yale unterrichten würden. Vielleicht erzählen Sie zu Beginn unseres Gesprächs, wie ihre persönliche Situation am Anfang des Jahres 1956 war und welche politischen Erwartungen und Hoffnungen der XX. Parteitag bei Ihnen und Ihrem Umfeld geweckt hat. WOLFGANG LEONHARD: Im März 1949 – nach zehn Jahren Sowjetunion und vier Jahren Tätigkeit als zentraler Funktionär der SED und Lehrer der Parteihochschule – habe ich mich eigentlich nur mit dem Osten befasst. Ich kam gar nicht auf etwas anderes. Und ich wurde immer kritischer. Schon seit 1937, als ich die Massenverhaftungen erlebte, suchte ich nach Alternativen. Aber nicht nach Alternativen im Westen, sondern nach Alternativen im Rahmen des Kommunismus. Wie kann man das Ganze anders machen, besser, demokratischer und humaner? Ich wusste, dass die Menschen im Westen sagten, das reicht ihnen nicht. Aber ich wusste auch, das war sehr viel: Menschen, die in dem System selbst nach Alternativen suchten, es verändern wollten, verbessern, menschlicher gestalten wollten. Das war mein Anliegen.  Und noch ein Anliegen hatte ich mit meinem Buch: Ich war ja schon seit 1950 im Westen, als ich das Buch schrieb, und ich las natürlich auch Bücher über die Sowjetunion. Damals war es etwa so: 95 Prozent totale Verurteilung ohne Wenn und Aber und fünf Prozent diese KPD-Bücher, in denen alles verherrlicht wurde. Ich dachte, so geht es nicht. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, so ehrlich wie möglich und vor allem, so differenziert wie möglich zu schreiben. Man musste doch einmal erklären, warum so viele Menschen in der Sowjetunion dafür waren und wieso es so lange dauert, ehe man sich von der stalinistischen Ideologie loslösen kann. Es war mir aber auch wichtig, meine persönlichen Lebenserfahrungen nicht losgelöst von ihren politischen Zusammenhängen darzustellen. Die eine Sorte Bücher über die Sowjetunion war mir zu abstrakt, in einer zu abstrakten Politikwissenschaft gehalten. Und die anderen waren nur subjektiv, ohne Bezugnahme auf die wirklichen Ereignisse. Ich denke, Die Revolution entlässt ihre Kinder ist wirklich eines der wenigen Bücher seiner Zeit, in dem man objektiv und sachlich die Widersprüche erkennen kann und nicht nur eine Totalverurteilung oder eine Totalverherrlichung.  Die Herausgabe des Buches fiel in die Zeit der Vorbereitung des XX. Parteitags der KPdSU, der am 14. Februar 1956 begann. Meine ganzen Gedanken kreisten um die Frage, was auf diesem Parteitag geschehen werde. Damals begann für mich, hier im Westen, der Tag mit der Lektüre zweier Zeitungen, nämlich der sowjetischen Parteizeitung Pravda und dem SED-Organ Neues Deutschland. Beide hatte ich 1952 abonniert. Anfangs waren das Neue Deutschland und die Pravda inhaltlich identisch – bis zum 5. März 1953. Am Todestag von Stalin änderte sich das: Im Neuen Deutschland eine totale Verherrlichung von Stalin, in der Pravda nicht. Der Name Stalins verschwand ganz schnell aus der Zeitung. Ich unterstrich alle kritischen Sachen, die in der Pravda über Stalin zu finden waren. Danach las ich das Neue Deutschland, und die Hälfte der von mir begeistert angestrichenen Passagen existierten in der SED-Zeitung überhaupt nicht! Es gab einen unglaublichen Widerspruch zwischen der Pravda-Berichterstattung und dem Neuen Deutschland. Diese Tatsache war für mich das Interessanteste. So ahnte ich schon, dass man mit dem XX. Parteitag mit einer großen Abkehr von Stalin zu rechnen hatte. Und so trug schon mein erster Artikel in der Bundesrepublik Deutschland vom 28. Mai 1953, zwei Monate nach Stalins Tod, die Überschrift »Stalin ist abgemeldet!« Es wurde mit Einschränkung weder im Westen noch im Osten erkannt, was sich da eigentlich in Moskau abspielte und auch die SEDFührung hat gar nicht so richtig mitbekommen, was das für den bevorstehenden Parteitag bedeutete.  Im Dezember 1954 – ich arbeitete damals für die Zeitschrift SBZ-Archiv, das spätere Deutschland Archiv, eine Zeitschrift, die sich nur mit DDR-Fragen beschäftigte – sagte ich voraus, dass man vom Parteitag erwarten können wird, dass sich die sowjetische Führung unter Chruščev offen von Stalin lossagen und ihn schärfstens kritisieren wird. Bisher hat sie sich von Stalin lediglich entfernt, ohne ihn anzugreifen. Jetzt wird mit dem Angriff und mit der Distanzierung der entscheidende Schritt erfolgen. Und dann haben wir ja die Eröffnung des XX. Parteitags am 14. Februar erlebt und gesehen: Es gab keine Stalin-Bilder mehr. Auf einem sowjetischen Parteitag keine Stalin-Bilder – das war schon atemberaubend. Chruščev hatte Stalin als Person überhaupt nicht erwähnt. Lediglich ein Hinweis auf drei mittlerweile verstorbene führende Genossen: Kyuichi Tokuda in Japan, irgendjemand anderes und eben Stalin. Fertig, mehr nicht. Da wusste man natürlich sofort, wie die Entwicklung weiter gehen würde. Übrigens reden alle immer nur von Chruščevs Geheimrede vom 25. Februar, aber die offiziellen Verlautbarungen vom Parteitag, also die offiziellen Reden vom 14. bis 25. Februar sagten ebenso schon viel aus. Ich hoffe, dass man bald mal eine gründlichere Auswertung dieser Materialien vornehmen wird, wie über das Jahr 1956 überhaupt. Ich hoffe auch, dass man diese offiziellen Reden noch einmal richtig analysiert. Die tollsten Dinge wurden im Neuen Deutschland ja gar nicht gebracht, so dass die DDR-Bevölkerung die Bedeutung dieser Dinge gar nicht erkennen konnte. Und das sollte sie ja auch nicht. Mit dem Chruščevschen Geheimreferat war die Spitze erreicht.  ULRICH MÄHLERT: Herr Leonhard, Sie sagten gerade, dass die DDRBevölkerung von den offiziellen Medien über die aktuellen Ereignisse bewusst völlig im Ungewissen gelassen wurde. Lassen Sie mich hier doch mal überleiten zu Herrn Giordano. Ralph Giordano, in Ihrem Buch Die Partei hat immer recht haben Sie beschrieben, wie Sie sich immer mehr an Ihrer Partei quälten und wie Sie schon 1955 mit großen Bauchschmerzen in die DDR gingen. Sie haben damals – vor dem gesamtdeutschen Bewusstsein – diese Entwicklung in der DDR miterlebt. Und fast auf den Tag genau vor 50 Jahren sind Sie vom vierten Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin nach Leipzig zurückgekommen. Schildern Sie doch bitte einmal diese Situation Anfang 1956. RALPH GIORDANO: Ich war vom Oktober 1955 bis Juni 1956 Student am Institut für Literatur in Leipzig. Meine Emanzipation von der Partei war damals weit fortgeschritten. Zur Erklärung muss ich sagen, dass ich nach meiner Befreiung am 4. Mai 1945 durch die 8. Britische Armee sehr bald Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, Landesbezirk Hamburg, geworden bin, in der Annahme, dass die Feinde meiner Feinde auch meine Freunde sein müssen. – Das, ihr jungen Leute, ist ein großer Irrtum. Die Nazis hatten zwei Hauptfeinde: die Juden, das wa- ren wir selber, und die Roten, die Bolschewiki, das waren die Kommunisten. Mein Eintritt in die Kommunistische Partei war entsprechend meinem damaligen Erkenntnisstand verständlich. Im Laufe der Jahre erkannte ich jedoch, dass – um es mal vorsichtig auszudrücken – eine tiefe Kluft zwischen der kommunistischen Propaganda und der Wirklichkeit bestand. Das war ein langer und schmerzlicher Prozess, weil ich glaubte, nach den Jahren der Nazizeit, Zugehörigkeit gefunden zu haben.  Im Februar 1956 erfuhren wir dann, was Chruščev auf dem XX. Parteitag gesagt hatte. Dass heißt dieser kleine Türspalt, den er geöffnet hatte, traf uns alle wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer vor die Stirn. Wir fielen vom Fleische, trotz der Emanzipation, der Distanzierung von der Partei, die wir schon vollzogen hatten; der Name Ulbricht z. B. durfte in unseren Kreisen nicht genannt werden. Nun war der Klassengegner in dem, was Chruščev über das System gesagt hatte bestätigt! Es war eine Situation, die schwer zu schildern ist.  Zudem hatte ich noch meine persönliche Tragödie. Ich war in Hamburg eingesperrt worden, weil ich gegen die sozialdemokratische Regierung Hamburgs in einem Artikel in der Weltbühne Verbalinjurien gebraucht hatte. Das hat mir drei Monate Gefängnis in Hamburg-Bergedorf eingebracht. Über diese Gefängniszeit hatte ich ein Buch Entscheidung in Hamburg geschrieben, das im März 1956 erscheinen sollte. Nach dem XX. Parteitag, nach der Chruščev-Rede, rief mich der Leiter des Verlags Neues Leben an und sagte: »Genosse Giordano, wir müssen mal über dein Buch sprechen«. Und warum? Weil in meinem Buch ein Stalin-Bild vorkam. Das hatte ich 1953 als gläubiger Stalinist mit ins Gefängnis geschmuggelt und es dort versteckt. Und am 5. März 1953 starb Stalin. Ich sage jetzt etwas, worüber ich mich nicht schämen will und es dennoch tue. Stalins Tod war für mich nicht so schlimm wie der Tod meines Vaters, aber es war doch ein Ereignis, das mir tief zu Herzen ging. An dem Morgen als Stalin gestorben war und wir davon erfuhren, hatte ich vor unserem Morgenrundgang das bis dahin unentdeckte Stalin-Bild hervor geholt und es unter das Fenster gehängt. Als wir dann vom Rundgang zurückkamen, war das Stalin-Bild weg. Daraufhin zertrümmerte ich die Einrichtung meiner Gefängniszelle, einschließlich des Klosetts, und kam in eine Strafzelle. Einzelhaft hatte ich sowieso, aber hier gab es Ratten, und die bissen mich auch. Ich hatte sie noch aus meiner Zeit der Illegalität während der Nazizeit gut in Erinnerung. Es war eine wirkliche Tortur. Und ich habe um Stalin gelitten. Jetzt plötzlich, in einem ganz anderen Stadium meiner Auseinandersetzung mit der Partei, nach der Chruščev-Rede war es nicht mehr möglich, ein Buch herauszubringen, in dem Stalin die Rolle spielt, die er in meinem Buch einnehmen sollte. Ich hatte das Bild da hinein genommen und nun stellte sich die Frage: Was jetzt? Ja, was jetzt?  Alfred Kurella beschäftigte sich mit der Frage und auch Kuba (Kurt Barthel). Ich weiß nicht, wer von Ihnen sich noch an Kuba erinnert? Kuba kam ans Institut für Literatur und sagte: »Genosse Giordano, ich höre, Sie haben Schwierigkeiten mit dem Stalin-Bild? Das ist doch ganz einfach: Machen Sie doch Thälmann daraus.« Ausgerechnet Kuba sagte das, der gedichtet hatte: »Mutter von Gori, wie groß ist dein Sohn« und der für uns der Inbegriff der Stalin-Verherrlichung in der Literatur war. Ausgerechnet der sagte das! Ich dachte, wo bist du? Bist du unter die Räuber gefallen? Und morgen, wenn es anders käme, würde er sagen: ja, dann pack Stalin wieder rein!  Also, das war ganz entscheidend für meine Emanzipation, für meine Befreiung von diesem politischen Irrtum. Es war nicht leicht. Zugehörigkeit bedeutet mir viel und ich glaubte, sie bei den Kommunisten gefunden zu haben. Weil sie die größten Blutopfer gebracht hatten nach 1933, daran gibt es gar keinen Zweifel. Außerdem, ich sagte es schon, sind wir zwar von der 8. Britischen Armee des Feldmarschalls Montgomery befreit worden, aber wir fühlten uns befreit von der Roten Armee. Sie hatte die größten Blutopfer gebracht, zehn Millionen Tote! Und unser Leben war ein Wettlauf zwischen der »Endlösung der Judenfrage« und dem Endsieg der Alliierten. Ohne, dass ich hier die Leistungen der Westalliierten unter den Scheffel stellen will, aber wir wussten, unser Überleben war abhängig davon, wie schnell die Rote Armee nach Berlin kommen und Hitler-Deutschland militärisch den Garaus machen würde. Das war ein entscheidendes Moment, das mich zur Kommunistischen Partei geführt hatte. Umso größer, umso schwerer war die persönliche Enttäuschung, und mehr noch, dass es dabei nicht geblieben ist. Es war ein langer Prozess, es ist viel Haut dabei abgegangen, aber es war wie eine zweite Befreiung. Ich hatte mich aus der Internationale der Einäugigen gelöst mit ihren beiden Fraktionen. Die eine ist auf dem rechten, die andere auf dem linken Auge blind und beide verteidigen in ihrem Teil der Welt das, was sie in dem anderen bekämpfen. Wir werden nicht geboren, die Humanitas unteilbar zu lassen. Das muss erkämpft und erlitten werden. Und die Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei führte dazu, dass ich mich dieser Internationale der Einäugigen entrungen habe und zu einem Standpunkt gekommen bin, auf beiden Augen sehen zu können. Denn das wichtigste von allem ist: die Humanitas ist unteilbar. ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, Sie kommen um die vorhin von mir gestellte Frage nicht herum, nämlich die nach ihrer eigenen politischen Einschätzung der damaligen Situation nicht nur als analytisch Handelnder, sondern auch als politisch handelnder und denkender Mensch. Waren Sie damals auch euphorisch und sahen die Sowjetunion plötzlich auf einem Weg, der vielleicht doch zu einem Sozialismus führt, den Sie ja selber in Jugoslawien gesucht und den Sie versucht hatten, in Westdeutschland aufzubauen? Wie war das mit ihren Freunden: Gerhard Zwerenz, Hermann Weber, Ilse Spittmann? Die haben alle doch damals auch noch politische Vorstellungen gehabt, die mit dem XX. Parteitag doch irgendeinen Optimismus haben verbinden müssen.  WOLFGANG LEONHARD: Es gibt Wünsche und Hoffnungen sowie objektive Analysen. Nicht nur Wolfgang Leonhard sondern auch andere, größere mischen das oft und nehmen ihre großen Hoffnungen als Realitäten und überschätzen die realen Möglichkeiten. Und das ist natürlich hier auch der Fall. Es gab nichts außer dem Kommunismus, was Ralph Giordano überzeugend erzählt hat: Wie lange er für Stalin war! Und bei mir gab es nichts, was ich mehr erhoffte und ersehnte. Ich bin ja nach Jugoslawien geflohen. Ich wollte jetzt einen Durchbruch: Weg von Stalin und neue Wege gehen. Das war meine Hoffnung. Und natürlich auch, dass Chruščev mit seiner Rede, mit der Entstalinisierung, mit der Loslösung vielleicht Dinge in Gang setzt, die dann auch Realität werden. Meine Freunde und ich, wir lebten doch alle in diesen Dingen. Das ging ja bis ins Private. Also geflohene, intellektuelle, ehemalige SED-Leute trafen sich zumeist in dem kleinen Ort Kasbach bei Linz am Rhein. Wir alle gingen dorthin. Richard Löwenthal, später Professor an der Freien Universität Berlin, fragte dort einmal die blühende, hübsche Frau Ingrid von Gerhard Zwerenz: »Seid wann seid ihr verheiratet?« Ich habe noch nie eine so glückliche junge Frau gesehen, und die Ingrid sagte: »Drei Wochen nach dem XX. Parteitag.« Das war die Welt, in der wir lebten! Wir hofften natürlich, und  diese Hoffnung war nicht vollkommen unbegründet. Chruščev ist ja einiges gelungen.  Einmal darf ich daher dem sonst hoch verehrten Herrn Ilko-Sascha Kowalczuk widersprechen: Ich persönlich schätze diese Rede von Chruščev vom 25. Februar 1956 nicht als halbherzige Offenbarung ein, vielmehr war es die bedeutsamste Rede in der Geschichte des Kommunismus. Natürlich gab es Einseitigkeiten. Aber sie war, bei allen Mängeln, so weit gehend wie keine andere Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit – weder vor noch nach dieser Rede. Seit dem sind 50 Jahre vergangen. Es gibt keinen sowjetischen Kommunismus mehr, aber im heutigen Russland kann man so eine Rede nicht mehr verbreiten. Das ist vollkommen ausgeschlossen. Also ich plädiere dafür, die Mängel, die es bei Chruščev gibt, einzugestehen, aber sie sehr vorsichtig auszudrücken. Denn wenn man das heute liest und mit Russen darüber redet, ist es immer noch atemberaubend. 50 Jahre sind seit dem vergangen, und in den 50 Jahren ist nichts Wichtigeres und Neues geschehen in der Aufarbeitung! Und heute wäre das ein Traum, wenn man in Russland eine solche Rede drucken oder durch Rundfunk verbreiten könnte. Ich schätze also diese Rede sehr hoch ein.  ULRICH MÄHLERT: Ralph Giordano, noch eine Nachfrage zu ihrer damaligen Wahrnehmung dieser Geheimrede. Sie haben beschrieben, wie Sie 1953 den Tod Stalins fassungslos erleben mussten und dass Ihr Ablösungsprozess zwischen 1953 und 1956 noch nicht abgeschlossen war. Inwieweit waren Sie von den Fakten dieser Rede, also den Millionen von Opfern, die die Stalinsche Sowjetunion in den 30er Jahren verzeichnete, überrascht bzw. inwieweit waren Sie, als zumeist in Hamburg lebender Journalist, aus anderen Quellen informiert und mochten diese Fakten vielleicht damals noch nicht glauben und konnten sie erst durch Chruščevs Rede bestätigt sehen? Erzählen Sie darüber doch etwas. RALPH GIORDANO: Also, ich muss mir zum Vorwurf machen, warum gehörte ich dieser Internationale der Einäugigen an, also dieser linken Fraktion? Warum bist du denen ständig nachgegangen, obgleich die so genannte Presse des Klassengegners natürlich immer über diese ganzen Verbrechen geschrieben hatte. Ich kann mich also nicht damit herausreden, dass das ein Stoff war, von dem ich gar nichts wusste. Nein, das kann ich nicht. In meinem Buch Die Partei hat immer recht versuche ich aber zu erklären, warum dieses Defizit humaner Orientierung da war. Die Verdrängung, die ich den Nazis zum Vorwurf gemacht habe, traf für eine gewisse Periode meines Lebens auch auf mich selbst zu. Als dann allerdings diese Tür aufgemacht worden ist – und Chruščev mag vieles gesagt haben, aber zunächst gelangte davon nur wenig an die Öffentlichkeit – also als diese Schleusen geöffnet waren, musste ich die Genossen fragen, warum sie geschwiegen und warum sie nicht nachgefragt haben.  Die Art, wie die KPD den XX. Parteitag ausgewertet hat, nämlich mit Verdrängung, wenn nicht gar Stillschweigen, was die Landesorganisation Hamburg anbetraf, war ein ganz entscheidendes Moment für meinen Lösungsprozess. Ich wusste: diese Leute wollen nicht die Wahrheit. Immerhin ging es um das Schicksal von Millionen! Von den Nazis kann man sagen, dass sie entsetzliche Dinge getan und Millionen Menschen umgebracht haben. Aber hier sind die eigenen Genossen umgebracht worden! Ich habe mich gefragt, was hat ein Mann wie Tuchačevskij gedacht, dem schwerste Vorwürfe gemacht wurden, alles auf Lügen basierend natürlich! Die ganzen Angeklagten in den Moskauer Prozessen von 1936 bis 1938 waren ja keine Verräter, sondern sie wurden umgebracht als Bolschewiki! Und die KPD wollte sich damit nicht auseinandersetzen! Ich sagte, in dieser Partei kannst du nicht bleiben. Diese Partei wird die Welt nicht bewohnbarer machen, weil sie nicht süchtig ist nach Wahrheit. Und nicht süchtig nach einer Wirklichkeit, in der es Millionen von Toten gegeben hat. Das war ein starker Impetus für mich, aus der Partei auszutreten.  Die Partei hat immer recht ist nicht die Biografie eines enttäuschten Kommunisten, sondern eine Anatomie des Stalinismus, die erklärt, wie es dieser Partei gelang, einen Menschen mit meiner Biografie zu packen, zu fassen und eine Zeit lang zu halten. Aus den gleichen antifaschistischen und humanen Gründen, aus denen ich ihr beigetreten bin, habe ich sie dann auch wieder verlassen. Ein schwieriger Prozess, der auch noch seine eigene Entwicklung hatte. Es waren ja immer noch Rückstände da, eine gewisse Nibelungentreue, die erst ganz gebrochen werden musste. Wolfgang Leonhard wird es genau so gegangen sein. Natürlich war auch er verbunden mit Erinnerungen und mit Personen, die ihm teuer und wert waren. Und jeder wusste, wenn du mit der Partei brichst, dann stehen diese Menschen vor der Wahl: Entweder-oder. Weil die Partei auch die Seelen beanspruchte. Und so kam es dann auch, als ich mit der Partei brach. Das war nachdem Alfred Kantorowicz im August 1957 mit der Partei gebrochen und in der Welt dann seine Gründe für diesen Bruch veröffentlicht hatte. Das war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Damals schrieb ich dem Verlag Neues Leben, es ist vorbei, zu Ende, es geht nicht mehr. Aber ich wusste, dass ich damit auch die Verbindung zu Menschen abschneide, die nicht so weit waren wie ich bei der Loslösung von der Partei, die mir aber dennoch teuer und kostbar waren. Und in der Tat ist es dann auch so gewesen: Es war absolutes Stillschweigen. Aber alle Freunde, auf die es mir ankam, sind im Lauf der Jahre doch wieder mit mir zusammen gekommen. Vor allem nachdem ich dann 1964 zum Westdeutschen Rundfunk kam, zum Fernsehen und auch Filme darüber machte und diesen Kampf auf einer anderen Ebene austrug, nämlich mit den Mitteln dieses modernen Mediums. Alle, alle Freunde sind lange vor 1989 auch wieder zu persönlichen Freunden geworden. Wir kommunizierten, hatten Kontakte und darüber war ich sehr glücklich.  ULRICH MÄHLERT: Ich würde gern an den Sowjetologen Wolfgang Leonhard in Ergänzung zum Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk eine Frage richten. Wir haben ja jetzt vor allem gehört, wie dieser Parteitag, wie diese Geheimrede für Verunsicherung und Instabilität sorgte. War denn nun dieser XX. Parteitag ein Parteitag der Schwäche oder der Stärke? Lapidar gefragt, was wollte Chruščev denn eigentlich Anfang 1956 mit der Entstalinisierung, mit diesem Schub? WOLFGANG LEONHARD: Der Parteitag hat innerhalb der Marxisten, der langjährigen Kommunisten und Ex-Kommunisten total entgegen gesetzte Reaktionen ausgelöst. Wir, die wir etwas früher als mein Freund Ralph Giordano – etwas früher – die ganze Stalin- Problematik erkannt hatten, haben uns unbändig gefreut. Es war eine große Hoffnung. Ich kenne andere, die waren einfach entsetzt und hielten Chruščev für einen Verräter. Es gab also keine gemeinsame, sondern unglaublich unterschiedliche Sichten auf diese Dinge.  Zu Chruščev. Er war ein eiserner, ein absolut eiserner Stalinist. Ich bin ja in der Sowjetunion aufgewachsen, und ich werde den 30. Januar 1937 nie vergessen. Ich war damals 15 ¾ Jahre alt. Chruščev sprach auf dem Roten Platz und an diesem Tag war ich dort. Er schrie: »Diese nichtsnutzigen Verbrecher, die erhoben ihre Hand gegen unseren Genossen Stalin, unseren Führer.« Ich war damals schon kritisch. Die Säuberung war ja bereits im Gange und meine Mutter schon ein halbes Jahr in Vorkuta, als ich das hören musste. Ich merkte: der ist absolut überzeugt. Chruščev war ein absolut überzeugter stalinistischer Kommunist. Erst als er in die Spitze und ins Politbüro kam und in die Umgebung Stalins aufrückte, erkannte Chruščev plötzlich die wirkliche Situation in der Sowjetführung. Und später wurde er dann kritisch und oppositionell. Das ging soweit, dass er nach Stalins Tod eine große Hoffnung hatte: Man muss den stalinschen Abschaum wegbringen, man muss die ursprüngliche kommunistische Reinheit wieder herstellen. Das war seine Idee. Man muss selbst alles offen aussprechen. Und indem man es offen ausspricht, wird die kommunistische Bewegung wieder stärker und überzeugender. Und es wird einen Aufschwung geben. Das war seine Hoffnung. Eine Hoffnung, die ja manche hatten. Der Kommunismus ohne diese StalinVerbrechen, das wird die Sache sein. Aber da hatte er sich verrechnet.  Ich bin sehr froh, dass Herr Kowalczuk heute gesagt hat, was wir auch erst später erfuhren: Es gab keinen Beifall. Es wurde immer geschrieben, es gab Beifall. Es gab aber diesmal überhaupt keinen Beifall. Alle Teilnehmer an diesem 25. Februar waren entsetzt. Wahrscheinlich musste Chruščev in diesem Moment schon gemerkt haben, das schaffen wir nicht. Stalin war inzwischen schon so untrennbar mit Allem verbunden, dass nur eine Minderheit bereit war, den Versuch Chruščevs zu wagen, den Kommunismus von den Stalin-Verbrechen zu befreien. Es hat sich ja später gezeigt, dass es ein unglaublicher Kampf war, der sich in der Sowjetunion abspielte. Die Anhänger Chruščevs waren in der Minderheit. Es war zwar toll, dass das der erste Mann machte, aber es war die Minderheit, die dann einen entsetzlich langen Kampf führte. Aber bei aller Einseitigkeit, die es da manchmal gibt, bei allen Mängeln und Unzulänglichkeiten, bin ich der Meinung, dass das Chruščevsche Geheimreferat eine viel größere Bedeutung in der sowjetischen Geschichte hat, als es heute sogar von Nichtkommunisten und den PutinLeuten zugestanden wird.  Ich bin beeindruckt von den Schlussfolgerungen Ralph Giordanos. Auch so ein kluger und gebildeter Ralph Giordano hat noch im Gefängnis in Hamburg an Stalin geglaubt und gibt es jetzt offen zu und versucht, es erklärlich zu machen! Ich finde, dass ist sehr wichtig. Ich habe nämlich große Bedenken gegenüber den patentierten Unfehlbarkeitsdemokraten. Es gibt Menschen, denen es gelungen ist, von Kindheit an gleich solche Demokraten zu sein, unfehlbare Demokraten, die dann immer Recht und für Nichts Verständnis haben. Ich bin auch für Demokratie, sogar sehr und habe größte Hochachtung vor Menschen, die als Demokraten geboren wurden und es seitdem immer sind – aber verbunden mit Kritik. Solange diese Unfehlbarkeitdemokraten überhaupt nicht begreifen, was sich da im kommunistischen Leben abspielte, wieso es Stalin gelang, so viele Leute so lange zu gewinnen – und nicht nur Dumme, es waren ja eine ganze Reihe Nobelpreisträger darunter, denn man fand ja damals kaum noch Schriftsteller, die nicht für Stalin gewesen waren! Darüber muss man doch nachdenken und tolerant sein und Leuten gestatten, in ihrer Einschätzung der Sowjetunion und Stalins Fehler gemacht zu haben. Es waren ja nicht alle patentierte Demokraten. Man muss deshalb Verständnis dafür haben, dass es Leute gibt, die etwas länger brauchen als die geborenen Demokraten, um darauf zu kommen. Man muss das differenziert betrachten, und ich meine, dass Ralph Giordanos Schicksal ein Aufruf ist zu neuen Methoden und zu einem neuen Denken darüber, wie es möglich war, dass diese Bewegung so viele Anhänger hatte.  ULRICH MÄHLERT: Herr Giordano, bitte, Sie möchten hier etwas ergänzen? RALPH GIORDANO: Was mich bewegt ist, diese Kritik heute darf sich nicht nur gegen dieses eine Mordsystem des 20. Jahrhunderts wenden, sondern muss sich auch gegen das andere richten. Was ich jetzt sage, soll keine Entschuldigung für meinen politischen Irrtum sein. Aber es ist eine Erklärung dafür, warum auch ich länger bei der Partei geblieben bin, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Es war nämlich die Art und Weise, wie sich in der Bundesrepublik Deutschland und auch in der DDR mit der NS-Vergangenheit auseinander gesetzt wurde. Ich verlasse diesen Platz hier nicht ohne diese Kritik. Wir leben in einem Land mit dem größten in der Geschichte bekannten Verbrechen, mit Millionen von Opfern, die wie Insekten – wohlgemerkt hinter den Fronten – umgebracht worden sind. Das größte geeinigte Mittätervolk, was es je gegeben hat! Von Ausnahmen abgesehen, sind die Täter nicht nur straffrei davon gekommen, sondern sie konnten auch ihre Karrieren in der alten Bundesrepublik unbeschadet fortsetzen. Und in der DDR war es auch nicht sehr viel anders. Damit zu leben, das ist nicht leicht.  Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gab 32 000 aktenkundige politische Todesurteile – Kopf ab, Kopf ab – wegen nichts, wegen Bagatellen, weil jemand vielleicht nach einem Fliegeralarm eine Knackwurstdose aufgemacht hatte. Kein einziger dieser NS-Blutrichter und NS-Blutankläger ist je rechtskräftig verurteilt worden. Mir stockt der Atem, wenn ich Ihnen das mitteile – Sie wissen es vielleicht – aber mir stockt der Atem noch immer, obwohl es eine irreparable historische Tatsache ist. In diesem Zusammenhang höre ich dann immer: Ja aber die NSProzesse vor bundesdeutschen Schwurgerichten seit 1958 mit Ausläufern bis in die Gegenwart. Ja, eine gewaltige Leistung der Justiz, die da vollbracht worden ist. Aber ich habe für den Zentralrat der Juden in Deutschland, für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, als Fernsehjournalist und Essayist diesen Prozessen über Jahre, Jahrzehnte beigewohnt. Binnen Kurzem war klar, wer der hauptangeklagte Typus sein würde, nämlich die untersten Glieder in der Kette des industriellen Serien-, Massen -und Völkermordes, die kleinen Angestellten des Verwaltungsapparates, die Tötungsarbeiter selbst, die nicht mehr sagen konnten, sie haben von Nichts gewusst, weil sie mit ihren Stiefeln, Knüppeln und Pistolen gemordet haben. Ihre Vorgesetzten kamen nicht vor die Tore der bundesdeutschen Justiz.  Ich habe das die zweite Schuld genannt. Vor jeder zweiten Schuld gibt es eine erste Schuld. Die erste Schuld ist die Schuld der Mehrheit der Deutschen unter Hitler und die zweite Schuld ist die Verdrängung und die Verleugnung dieser ersten Schuld nach 1945 und 1949. Und das nicht nur rhetorisch oder moralisch, sondern tief instituiert durch den großen Frieden mit den Tätern. Damit soll man als Überlebender des Holocaust leben, und das ist nicht leicht.  Es war nicht leicht, nach Allem, was vor 1945 und danach gewesen ist, in diesem Deutschland zu bleiben. Ich bin trotzdem geblieben aus Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte. Ich habe es auch nicht bereut. Nur, mir sind die Leute verdächtig, die entweder nur den Stalinismus oder nur den Nationalsozialismus kritisieren. Die das tun, gehören zu den internationalen Einäugigen mit ihren zwei Fraktionen. Ich wiederhole das. Die einen sind auf dem rechten und die anderen auf dem linken Auge blind und verteidigen in dem einen Teil der Welt, was sie in dem anderen bekämpfen. Die einzigen Lehren, die wir aus all dem ziehen können, sind: solche Systeme dürfen ihre Macht gar nicht erst etablieren. Das ist das Entscheidende. ULRICH MÄHLERT: Herr Giordano, ich möchte hier gleich anknüpfen. Sie haben in einer späteren Auflage ihres Buches Die Partei hat immer recht Ende der 70er Jahre geschrieben – und dies auf die K-Gruppler und DKPisten in der Bundesrepublik bezogen –, »die Aufdeckung der stalinistischen Großverbrechen und die Unfähigkeit der sowjetischen Staatsform, das Zwangsarbeitersystem zu überwinden, sind an dieser neuen Generation von Stalinisten ebenso spurlos vorüber gegangen, wie an manchen bundesdeutschen Patentdemokraten und einstigen Nazis die Enthüllungen über das Dritte Reich.« Wir sind jetzt hier zumeist ganz stark involviert in die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur, und wir haben hier seit 15 Jahren eine Konkurrenz mit der Vergangenheit, die teilweise sehr unangenehme und sehr unglückliche Dimensionen annimmt. Es gibt den Vorwurf der einen Seite, die NS-Verbrechen relativieren zu wollen durch den Verweis auf die stalinistischen Verbrechen und auf die Kriminalität in der SED-Diktatur. Und auf der anderen Seite steht der Vorwurf, dass ja die SED-Diktatur mit ihren Toten an der Mauer, mit ihren Häftlingen, mit ihrem Unrecht, das sie der Bevölkerung hat angedeihen lassen, bagatellisiert werden soll. Wie soll und kann man mit diesen beiden Diktaturen aus ihrer Sicht umgehen? RALPH GIORDANO: Erst einmal möchte ich sagen, dass die Täter auch diesmal davon gekommen sind, und dass ich es irgendwie merkwürdig finde, dass die IM vor dem TV-Tribunal der Nation stehen – zurecht, nachdem, was sie gemacht haben – aber doch nicht ausschließlich! Was war denn mit den Führungsoffizieren, was war mit den OibE, was war mit denen, die die geistigen Wegbereiter dieses Systems waren? Die sind genauso schuldig wie die IM. Wie kommt es, dass das die einzig angeklagte Kategorie der Aufarbeitung ist? Nein, nein. Auch diese Aufarbeitung ist in Bezug auf die Täter fehlgeschlagen. Das bestätigt mir die schrecklichste Bilanz des vergangenen Jahrhunderts, die hoffentlich nicht die schrecklichste Bilanz dieses Jahrhunderts wird: Wenn ein Gewaltregime durch eine Demokratie abgelöst wird, kommen die Täter davon. Das gilt nicht nur für das Deutschland nach Hitler. Es gilt für das Italien nach Mussolini – abgesehen von einiger Selbstjustiz der Partisanen –, es gilt für das Spanien nach Franco, es gilt für das Portugal nach Salazar, es gilt für die ganzen faschistischen Regimes in Südamerika – Pinochet ist immer noch nicht im Gefängnis – und es gilt auch für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Die Leute, die normale Menschen in Geistesanstalten gesteckt haben, leben ja noch. Aber, die Bestrafung der Täter ist vollkommen tabuisiert. Das zu dieser Frage. ULRICH MÄHLERT: Kann man  die Systeme gegenseitig zur Messlatte machen? RALPH GIORDANO: Nein! Mir sträuben sich die Haare, wenn ich auf Leute treffe, die sagen, das war schlimmer als das. Zunächst einmal denke ich, ein so scheußliches System, wie das des real existierenden Sozialismus, wird ja nicht weniger scheußlich dadurch, dass es ein noch scheußlicheres gegeben hat. Natürlich ist das Kriminalgewicht des Holocauststaates ungleich größer als das des Hammer- und Zirkelstaates. In der DDR-Geschichte steckt nicht der Völkermord an den Juden durch Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Aber das Gesamtsystems des Sowjetkommunismus hat quantitativ genauso viele oder vielleicht noch mehr Opfer gefordert als das Dritte Reich, dessen Zeit beschränkt war – zwölf Jahre nur, aber zwölf Jahre zuviel. Die Wahrheit ist doch, dass hier zwei Mordregime gegen den Himmel stinken. Die Opfer von Auschwitz werden nicht getröstet durch die Opfer des Gulag, und die Opfer des Gulag werden nicht getröstet durch die Opfer von Auschwitz. Lassen Sie uns, um Gottes willen, nicht diese beiden Gewaltregime als Messmodelle aneinander halten, um dann zu dem Schluss zu kommen, das eine ist schrecklicher. Nein, beides ist furchtbar und darf sich nicht wiederholen!  ULRICH MÄHLERT: Wolfgang Leonhard, vielleicht gleich im Anschluss, wie sollte man Ihrer Meinung nach heute mit der zweifachen Diktaturerfahrung und Diktaturgeschichte umgehen?  WOLFGANG LEONHARD: Ich bin ganz Ralph Giordanos Meinung und glaube, dass es wünschenswert und notwendig wäre, ruhig und sachlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Ich spüre das besonders, denn ich habe zehn Jahre Sowjetunion unter Stalin gelebt und war in einer Komintern-Schule, wo wir so genau den Nationalsozialismus durchnahmen, dass ich keinen Nazi nach 1945 fand, der auch nur die Hälfte dessen wusste, was wir dort schon gelernt hatten. Ich habe da womöglich ein Patentrezept, denn bisher ist es das Schlimme: Entweder gibt es zwei Sätze in einer Talkshow oder es gibt 500 Seiten in einem Buch. Mein Traum wären Erklärungen über entscheidende Aspekte der Diktatur auf 30 Seiten. Auf 30 Seiten kann man alles Wichtige sagen. Mehr brauchen die meisten Menschen nicht, um über wichtige Fragen Bescheid zu wissen. Kein Gelaber in Talkshows oder dicke Bücher mit entsetzlich vielen Fußnoten. Das Zweite, was ich mir für den Umgang mit Diktaturen wünsche, sind positive Beispiele. Selbst ich, der nun unmittelbar betroffen ist, kann es manchmal nicht mehr ab, immer nur über Entsetzen und grauenvolle Dinge zu lesen. Ich wünsche mir, dass man mehr berichtet über die positiven Beispiele, über die mutigen Menschen in der Sowjetunion, in Nazi-Deutschland und im DDR-System. Es hat ja nicht nur IM gegeben, sondern sehr mutige Menschen, die sich weigerten, IM zu werden, und noch mehr mutige Menschen, die umringt waren von Agenten und das überstanden haben. Ich wünsche mir positive Beispiele, wie es mutige Menschen in Diktaturen geschafft haben, sich nicht einbringen zu lassen und es geschafft haben, nicht mehr als die allerkleinsten notwendigen Konzessionen zu machen, sondern als ehrliche Menschen aufrecht gewesen sind. Ich bin sehr für diese positive Darstellung, um Beispiele zu schaffen und die Idee des mündigen Bürgers deutlich werden zu lassen. In einer Demokratie möglichst viele mündige Bürger zu haben, die selbständig denken und frei diskutieren, ist das Entscheidende. Das wäre mein Wunsch für die Auseinandersetzungen mit den beiden Diktaturen.  RALPH GIORDANO: Ich denke, etwas muss hier angesprochen werden, nämlich die Frage der Versöhnung und der Versöhnungsbereitschaft. Ohne in den Verdacht der Unbescheidenheit geraten zu wollen, möchte ich sagen: Ich werde mich von niemandem an Versöhnungsbereitschaft übertreffen lassen, aber die Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Wenn ich spüre, dass das bei meinem Gegenüber der Fall ist – ob er SED-Mann oder Nazi war – wenn das der Fall ist, gebe ich ihm oder ihr die Hand. Auch die Korrekturen eines politischen Irrtums sind etwas, was gesehen werden muss. Ich denke, schlimmer als einen politischen Irrtum zu begehen, ist, keine Konsequenzen daraus zu ziehen. Und mir sind im Laufe meines Lebens, nach meiner Befreiung, viele – auch ehemalige Nazis – begegnet, die sich damit auseinandergesetzt haben, die sich gewandelt haben und denen ich unbefangen ins Auge sehen kann, weil sie wirklich mit ihrer Vergangenheit gebrochen haben.  Leider, leider muss man sagen, dass das für eine bestimmte Generation offenbar nicht exemplarisch war. Die meisten der älteren Generation, also heute die Großväter, haben verdrängt, haben versagt, haben sich die Maske vors Gesicht gehalten, sind so ins Grab gesunken und haben sich – und das nehme ich ihnen übel – an der moralischen Klarsicht ihrer Kinder und Kindeskinder abermals vergangen.  Und noch etwas ist wirklich wichtig, dass wir an Beispielen deutlich machen, dass es Menschen gegeben hat und gibt, die Mut und Zivilcourage bewiesen haben. Deshalb habe ich auch meinen Beschluss, in Deutschland zu bleiben, nie bereut, weil es solche Menschen gibt. Die Frau, die meine Familie und mich über lange Zeit in einem düsteren, feuchten und rattenverseuchten Keller versteckt hat – diese Frau, die wir in unserem akademischen Hochmut eine einfache Frau nennen – hat uns versteckt, als meine Mutter deportiert werden sollte. Ich hatte alles vorbereitet, und als ich sie dann fragte, ob wir uns bei ihr verstecken könnten, sagte sie ohne mich anzusehen nur ein Wort: natürlich. Und das, obwohl sie genau wusste, wenn wir entdeckt werden, ist ihr Leben genauso verwirkt, wie das unsrige. Das sind die wirklichen Helden jener Zeit gewesen. Es ist ganz wichtig, was Wolfgang Leonhard sagt, dass diese Beispiele genannt werden müssen und nicht untergehen in diesem Horror und Leichen-Himalaja. Also beides nicht verschweigen: Die positiven und die negativen Beispiele. [1]  Das folgende Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano wurde am 15. Januar 2006 im Rahmen der Veranstaltung »Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956« im Berliner Zeughauskino geführt. Die Moderation hatte Ulrich Mählert. Veranstalter waren die Stiftung Aufarbeitung, die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen und das Deutsche Historische Museum. Für die Druckfassung wurde das Gespräch redaktionell bearbeitet. Dem Gespräch ging ein einführender Vortrag von Ilko-Sascha Kowalczuk voraus (siehe dieser JHK-Ausgabe Kolwalczuk, Ilko-Sascha: Zwischen Hoffnungen und Krisen: Das Jahr 1956 und seine Rückwirkungen auf die DDR). 

JHK 2006

Der Stellenwert des »Großen Terrors« innerhalb der stalinistischen Repressionen: Versuch einer Bilanz

Nicolas Werth

Siebzig Jahre nach dem ersten großen Moskauer Schauprozess und fünfzig Jahre nach der Geheimrede von Nikita Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPdSU ist es heute – fünfzehn Jahre nach der Öffnung der sowjetischen Archive – endlich möglich, das Ausmaß und die Bedeutung des »Großen Terrors« innerhalb der stalinistischen Repressionen zu bestimmen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938 und Chruščevs Abrechnung mit Stalin 1956 haben das Wesen und das wirkliche Ausmaß der »repressiven Massenoperationen« in den Jahren 1937/38 verschleiert. Die tatsächlichen Dimensionen der Massenrepressionen wurden erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR zu Beginn der 90er Jahre enthüllt.[1]  Gerade Chruščevs Geheimrede hat lange Zeit nur eine sehr selektive Sicht auf die stalinistischen Verbrechen vermittelt. So machte sie glauben, die Repressionen hätten sich hauptsächlich gegen die kommunistischen Kader in Partei, Wirtschaft und Armee gerichtet – eine Auffassung, die noch immer von einigen Historikern geteilt wird, für die der »Große Terror« im Wesentlichen eine »große Säuberungsaktion« innerhalb der Partei war, nur noch blutiger als die anderen.[2] In Wirklichkeit war der »Große Terror« aber vor allem eine immense Operation des Social Engineering, die darauf abzielte, alle als »fremd« oder »schädlich« stigmatisierten »Elemente« aus der neuen, sich im Aufbau befindlichen sozialistischen Gesellschaft ein für alle Mal zu entfernen. Die kürzliche Veröffentlichung von Dokumenten, die sich auf die Vorbereitung des XX. Parteitages und auf die Diskussionen über die Entstehung der Geheimrede auf höchster politischer Ebene, im Präsidium des Zentralkomitees der KPdSU, beziehen,[3] zeigt ganz klar, was die »Erben Stalins« bereit waren, über  die Massenrepressionen zu sagen und worüber sie Schweigen bewahren wollten. Es genügt, diesbezüglich den Anfang Februar 1956 ausschließlich für die Präsidiumsmitglieder des Zentralkomitees vorbereiteten Bericht der PospelovKommission[4] mit dem Text der Geheimrede Chruščevs vor den sowjetischen Delegierten am 24. Februar 1956 zu vergleichen.[5]  Gestützt auf eine Anzahl statistischer Dokumente der Ersten Spezialabteilung des Innenministeriums hatte die Pospelov-Kommission in ihrem Bericht für die Jahre 1937/38 angegeben, der NKVD hätte 1 548 366 Personen verhaftet und 681 692 erschossen. Die große Mehrheit der Opfer, »einfache Sowjetbürger«, wie die Kommission betonte, war im Rahmen der »repressiven Massenoperationen« von trojki[6] oder dvojki[7] verurteilt worden. Die Verurteilungen wurden meist auf der Grundlage von Verhaftungs- und Exekutionsquoten vorgenommen, die Stalin und sein Volkskommissar des Inneren, Nikolaj Ežov, für jede Region festgelegt hatten. Wie die Pospelov-Kommission erklärte, gab es neben diesen Massenoperationen auch gezielte Repressionen, die gegen Funktionsträger der Partei gerichtet waren und die in der Verantwortung des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR lagen. Die Pospelov-Kommission brachte genaue Details über die Anzahl der in den Jahren 1937/38 im Rahmen dieser Maßnahmen verurteilten Personen vor: Von 44 465 verurteilten Personen erhielten 85 Prozent die Todesstrafe. Die Kommission präzisierte, dass alle diese Urteile von Stalin, der seine Unterschrift unter 383 Listen von Verurteilten gesetzt hatte, persönlich sanktioniert worden waren. Mit dieser Frage berührte die Kommission einen besonders delikaten Aspekt. In Wirklichkeit war Stalin nämlich nicht der Einzige gewesen, der seine Unterschrift unter diese langen Listen der zum Tode Verurteilten gesetzt hatte. So erscheint die Unterschrift von Vjatčeslav Molotov auf 373 Listen und die von Kliment Vorošilov auf 195. Lazar Kaganovič hatte 191 Listen unterschrieben und Anastas Mikojan 62. Die Pospelov-Kommission hütete sich jedoch, diese Namen zu nennen. Die andere große Schwärzung betraf Nikita Chruščev selbst. Tatsächlich ging der Bericht der Kommission in der Frage der »vom NKVD jeder Region zugeteilten« Verhaftungs- und Exekutionsquoten mit Stillschweigen über einen entscheidenden Teil des repressiven Prozesses hinweg. Die Quoten wurden nämlich erst dann von Nikolaj Ežov mit Billigung Stalins zugeteilt, wenn die Ersten Sekretäre der Kommunistischen Partei der Regionen und der Unionsrepubliken ihre eigene »bezifferte Schätzung« der Anzahl von »sozial schädlichen Elementen«, die nach der ersten oder zweiten Strafkategorie (Todesstrafe oder zehn Jahre Lagerhaft) zu behandeln seien, abgegeben hatten. Wie alle Ersten Sekretäre der Parteikomitees, hatte auch Nikita Chruščev, der diese Funktion von 1935 bis 1938 in Moskau und im Moskauer Gebiet und ab 1938 in der Ukraine ausgeübt hatte, am 10. Juli 1937, kurz vor dem Beginn der Operation Nr. 00447, seine Schätzung an Stalin übermittelt.[8] Und wie alle anderen regionalen Parteifunktionäre hatte auch Chruščev in den folgenden Monaten »Zusatzquoten« angefordert. Es ist deshalb leicht verständlich, warum alle Passagen und statistischen Angaben bezüglich der Massenrepression im Bericht der Kommission – der mit Pospelov immerhin ein stalinistischer Apparatschik vorsaß –, von Nikita Chruščev in seiner berühmten Geheimrede mit totalem Stillschweigen übergangen wurden. Es bedurfte einer Zeitspanne von mehr als 35 Jahren, bis alle diese Fakten und Zahlen endlich an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Seit Beginn der 90er Jahre ist die Dimension der stalinistischen Repressionen Objekt einer sehr großen Anzahl von Studien, sowohl in Russland als auch im Westen. Der Gulag und das System der »Sondersiedlungen«, das die Gesamtheit der Deportierten hervorgebracht hatte, der »Große Terror« der Jahre 1937/38, aber auch die von den regulären Gerichten durchgesetzten »Repressionen im Alltag« – all diese Themen sind dank neuer Dokumentationen aus den Archiven tief greifend beleuchtet worden.[9] Somit ist das Ausmaß der während der stalinistischen Periode ausgeübten Repressionen heute bestimmbar geworden. Die Zeiträume, der Umfang und die Härte der Repressionen sind anhand der Dokumente nachvollziehbar. Ihre unterschiedlichen Modalitäten, wie etwa die außergerichtliche und die gerichtliche Rechtssprechung, die Verurteilung zu Lagerhaft, die Zwangsverweisung in Sondersiedlungen oder ins Exil, die unterschiedlichen Feindbilder und die daraus resultierenden Opferkategorien aber auch die wirksamen politischen Mechanismen lassen sich in den jeweiligen innen- und außenpolitischen Kontexten der UdSSR erklären. In dieser Geschichte nimmt der »Große Terror« der Jahre 1937/38 eine Sonderstellung ein. Tatsächlich wurden in den Jahren des »Großen Terrors« mit mindestens 700 000 Exekutionen[10] mehr als drei Viertel aller Todesurteile ausgesprochen, die zwischen dem Ende des Bürgerkriegs 1921 und dem Tode Stalins 1953 von einer Ausnahme-Gerichtsbarkeit unter der Entscheidungshoheit der politischen Polizei oder der Militärgerichte verkündet wurden.[11] Es handelt sich um ein Moment »kumulativer Radikalisierung« ohne gleichen in der gesamten sowjetischen Periode, das aus der Konvergenz zweier repressiver Linien resultierte, und zwar in einem Moment großer internationaler Spannungen, die einen immanenten europäischen Konflikt ankündigten. Die eine Linie, die politische, war gegen die Eliten gerichtet, die andere Linie, die soziale, gegen »sozial schädliche« und »ethnisch suspekte Elemente«, die von Stalin als Teil einer mythischen, der UdSSR feindlich gesinnten »fünften Kolonne« von Terroristen wahrgenommen wurde.[12] Die großen terroristischen Geheimoperationen, Ursache von mehr als 90 Prozent der Verhaftungen, Verurteilungen und Exekutionen in den Jahren 1937/38, müssen klar von den Säuberungsaktionen gegen die Eliten und die politischen, wirtschaftlichen, militärischen und intellektuellen Kader unterschieden werden. Letztere waren durch andere außergerichtliche Maßnahmen, die andere Ziele verfolgten und einer anderen politischen Funktionalität entsprachen, parallel bedroht. Bei diesen Säuberungen ging es darum, die alte Elite der Revolution durch eine jüngere, »im stalinistischen Geiste der 30er Jahre« geformte, politisch und ideologisch anpassungsfähigere und loyalere Elite zu ersetzen. Diese Säuberungen sollten alle politischen, administrativen, beruflichen und persönlichen Generatoren von Solidarität zerstören und eine neue Schicht junger Führungskräfte fördern, die ihre tugendhafte Karriere dem Führer verdankten und ihm total ergeben waren. So spektakulär und politisch bezeichnend die Verhaftung und Exekution einer Vielzahl von kommunistischen Kadern war, die alsbald von der Generation der »Emporkömmlinge« des ersten Fünfjahrplans ersetzt wurden, repräsentierte sie doch nur einen kleinen Teil der 1937/38 vollzogenen Verhaftungen und Exekutionen.[13] In der Repression der Eliten präsentierte sich der Terror der Öffentlichkeit. Seine eklatanteste Manifestation fand er in den großen Schauprozessen: sowohl in den berühmten Moskauer Prozessen von 1936, 1937 und 1938, als auch in jenen Hunderten von öffentlichen Prozessen, die vor allem eine politisch-pädagogische Funktion erfüllten und von lokalen kommunistischen Führungskräften an vielen politisch oder wirtschaftlich wichtigen Orten in der  Provinz inszeniert wurden.[14] Als »hervorragende Mechanismen sozialer Prophylaxe«[15] demaskierten diese »Parodien der Justiz« multiple Komplotte, die von zahllosen Zusammenkünften begleitet und in Presse und Radio breit »popularisiert« wurden. Sie lieferten der Wut des Volkes die Sündenböcke, die für die Schwierigkeiten beim »Aufbau des Sozialismus« und der andauernden Dysfunktion in einer chaotischen Industrialisierung verantwortlich gemacht werden sollten. Während Rituale der Vernichtung der »Volksfeinde« die Öffentlichkeit überschwemmten, setzten die operativen Gruppen des NKVD die »geheimen repressiven Massenoperationen« ins Werk. Wie die streng vertraulichen Beschlüsse des Politbüros und die »operativen Befehle« des NKVD mutmaßen lassen (von denen nur eine sehr begrenzte Zahl hoher Partei- und NKVD-Kader Kenntnis besaßen), hatte der »Große Terror« unter dem Schleier der Geheimhaltung die endgültige Vernichtung aller jener Elemente zum Ziel, die in der neuen sowjetischen Gesellschaft als »fremd« oder »schädlich« angesehen wurden. Dieses geheim gehaltene Massenverbrechen war mit seinen Opfergruppen, den »Exekutionsquoten«, den bezifferten und kodierten Zielen von »in erster und zweiter Kategorie« (Todesstrafe oder zehnjährige Lagerhaft) zu behandelnden Personen sowie mit seinen »ratifizierten« oder »nicht ratifizierten Zusatzquoten« eine umfangreiche Operation des Social Engineering und der »Säuberung«.[16] Mehrere neuere Studien haben den zentralisierten und geplanten Charakter der auf höchster Ebene von Stalin und Ežov beschlossenen »repressiven Massenoperationen« aufgezeigt. Diese Operationen waren gegen eine heterogene Gesamtheit von »Feinden« gerichtet, die in zwei große Kategorien oder, im Verwaltungsjargon der Funktionäre der politischen Polizei gesprochen, in zwei »Linien« gruppiert wurden: die »Kulakenlinie« und die »nationale Linie«. Die »Kulakenlinie«, definiert durch den operativen Befehl des NKVD Nr. 00447 vom 30. Juli 1937, umfasste ein breites Spektrum von Personen, die als »sozial schädlich« bzw. »der Vergangenheit angehörig« kategorisiert wurden. Insbesondere befanden sich die »nach verbüßter Strafe heimgekehrten oder der Deportation entkommenen Ex-Kulaken« im Visier der Staatsmacht, aber auch die »rückfälligen Kriminellen«, die »ehemaligen Mitglieder nichtbolschewistischer Parteien«, die »zaristischen Ex-Funktionäre oder Gendarmen«, die »antisowjetischen Elemente, die in weißen, in klerikalen oder in Kosakenformationen gedient haben«, die »Mitglieder von Sekten oder des Klerus, die sich antisowjetischen Tätigkeiten widme[te]n« usw. Jede Region lieferte Quoten von zu erschießenden und für zehn Jahre in Lager zu inhaftierenden Personen. Im Zuge der in der UdSSR breit angelegten Wettbewerbsbewegung, von der man sich einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte, die aber auch als politisches Repressionsmittel diente, sowie unter dem massiven Druck, die vorgegebenen Normen nicht zu erfüllen und damit selbst als Saboteur oder Konterrevolutionär bezichtigt zu werden, entwickelte sich eine paranoide Dynamik. Sie führte dazu, dass die Regionalverantwortlichen der Partei und des NKVD immer neue »Zusatzquoten« forderten. Während sich die »Initialziele« für die zu zehn Jahren Lagerhaft zu Verurteilenden im Laufe der fünfzehn Monate dauernden Operation verdoppelten, verfünffachte sich die Quote für die Todesurteile. Insgesamt wurden 767 000 Menschen im Rahmen der »Kulaken-Operation« verhaftet, von denen 387 000 hingerichtet wurden.[17]  Die »nationale Linie« konstituierte sich aus etwa zehn »national« genannten Geheimoperationen: die »polnische Operation«, die »deutsche Operation«, die »Charbin-Operation«, die »finnische Operation«, die »rumänische Operation«, die »lettische Operation«, die »griechische Operation« und die »estnische Operation«. Die »nationale Linie« zielte hauptsächlich auf die politischen Emigranten, die in die UdSSR vor der Verfolgung durch die Faschisten geflüchtet waren, auf Sowjetbürger nichtrussischen Ursprungs, aber auch auf alle diejenigen Staatsbürger, die aufgrund ihres Berufs, ihrer Familie oder ihrer Wohnstatt, insbesondere der Grenzregionen, in irgendeiner Beziehung zu anderen Ländern standen. Die Anfeindungen und Unterstellungen gegenüber den nationalen Gruppen variierten im Kontext der bewegten außenpolitischen Beziehungen der UdSSR. Insgesamt wurden 335 000 Personen im Rahmen dieser »nationalen Operationen« verhaftet und 247 000 von ihnen erschossen.[18] Diese »Massenoperationen« markieren ganz deutlich den radikalen und mörderischen Endpunkt einer ganzen Serie jahrelanger Kampagnen und polizeilicher Praktiken gegen eine Anzahl von Personengruppen, die vom Regime als »sozial schädlich« oder »ethnisch suspekt« (im Sinne von illoyal gegenüber der Sowjetmacht) eingeordnet wurden. Auf dem Gebiet des Social Engineering hatten die Repressionsquoten der ersten und zweiten Kategorie des Befehls Nr. 00447 einen bemerkenswerten Vorläufer, nämlich die Quoten für die »Entkulakisierung« der Jahre 1930 bis 1932. In der Kampagne zur »Liquidierung der Kulaken als Klasse«, die seit 1929 propagiert wurde, arbeitete die OGPU, der Vorläufer des NKVD, nach geheimen Direktiven. Demnach waren die »Kulaken erster Kategorie« als »verstockte, in konterrevolutionären Aktivitäten engagierte Elemente« und die »Kulaken zweiter Kategorie« als »ausbeuterische Bauern, jedoch weniger engagiert in konterrevolutionären Aktivitäten« definiert. Während die ersten ins Arbeitslager geschickt wurden, sollten die zweiten samt ihren Familien mit dem Status »Sondersiedler« in unwirtliche Regionen des Landes deportiert werden.[19] Nach den massiven Verhaftungen und Deportationen der »Kulaken« in den Jahren 1930 bis 1933, von denen etwa 2,5 Millionen Personen betroffen waren, wurden zwischen 1933 und 1936 fast eine Million »kulakischer, krimineller, sozial fremder und anderer antisozialer Elemente« im Rahmen der Einführung des Inlandspasses und der Wohnregistrierung[20] für die arbeitende städtische Bevölkerung aus den Großstädten vertrieben. Einige Hunderttausend dieser Vertriebenen sind überdies deportiert und ebenso wie die »Entkulakisierten« in »Sondersiedlungen« überstellt worden.[21]  In den Jahren 1935/36 wurden zudem die Grenzgebiete Ziel der polizeilichen »Säuberungs«-Operationen. So wurden zehntausende Sowjetbürger finnischen Ursprungs aus der Grenzregion Leningrad sowie Sowjetbürger polnischen oder deutschen Ursprungs aus den an Polen angrenzenden Gebieten der Ukraine nach Kasachstan deportiert.[22] Anfang 1937 erfuhr die Wahrnehmung der »sozial schädlichen« oder »ethnisch suspekten Elemente« seitens der Sicherheitsorgane eine signifikante Veränderung. Die stigmatisierten Personen wurden nunmehr immer klarer als »aufständisches Reservoir« identifiziert, als potentielle Rekruten einer »fünften Kolonne von Diversanten und Saboteuren«, die in Verbindung mit japanischen, deutschen oder polnischen Geheimdiensten arbeiteten. Noch radikalere Maßnahmen wurden ergriffen: Zusätzlich zur weitgehend uneffizienten Deportation (mehr als 700 000 »Ex-Kulaken« und »kriminelle städtische Elemente« waren seit 1932 aus den ihnen zugewiesenen Aufenthaltsorten entflohen) sollte, wie Ežov im Vorwort zum Befehl Nr. 00447 erklärt hatte, »die definitive Eliminierung aller sozial schädlichen Elemente, die die Fundamente des sowjetischen Staates untergraben«, erfolgen. Eingeschrieben in die Kontinuität einer 1930 mit der »Entkulakisierung« eingeleiteten Politik des Social Engineering bleibt der »Große Terror« in seiner außergewöhnlich mörderischen Gewalt ein singuläres Ereignis. Er endete, wie er begonnen hatte: mit einem geheimen Beschluss des Politbüros am 17. November 1938. Dies zeigt deutlich, wie der Terror stets vom Zentrum her gesteuert worden ist, auch wenn die Entwicklung der Repressionen und die Wahl der Opfer auf regionalem Niveau weitgehend den lokalen Verantwortlichen oblag. Nach der paroxystischen Phase des »Großen Terrors« setzte für viele ein erstes Aufatmen ein. Die Massenrepressionen wurden jedoch fortgesetzt. Sie standen nun unter dem direkten Einfluss des Kriegsverlaufs und nahmen andere Formen an. In Anbetracht des begrenzten Rahmens dieses Artikels seien nur zwei größere Entwicklungen genannt: In den 40er Jahren betrafen die Repressionen ganz besonders die nichtrussischen Nationen, die auf der Grundlage des Ribbentrop-Molotov-Paktes vom August 1939 im Verlauf der ersten Kriegsmonate der Sowjetunion einverleibt worden waren. Das betraf die baltischen Staaten, den seit 1920 wieder zu Polen gehörenden westlichen Teil Weißrusslands, die Westukraine, Moldawien sowie das finnische Karelien. Man fürchtete hier eine mögliche Kollaboration mit den deutschen Besatzern gegen die UdSSR. Diese Befürchtung war auch Ursache für die Zwangsumsiedlung solcher ethnischen Minderheiten, die schon zum russischen Zarenreich gehörten und nun aus der »großen Völkerfamilie« ausgeschlossen waren: die Deutschen, die Tschetschenen, die Inguschen, die Balkaren, die Kalmyken, die Karatchaier, die Krimtataren u. a. Die Hauptmaßnahme des stalinistischen Regimes war hier die Massendeportation.[23] Insgesamt wurden in dem Jahrzehnt der territorialen Expansion und der Sowjetisierung der eroberten bzw. zurückeroberten Gebiete von 1939 bis 1949, ungefähr 3 200 000 Menschen deportiert. Zu Beginn der 50er Jahre waren mehr als 90 Prozent der »Sondersiedler« Vertreter nationaler Minderheiten und nichtrussischer Nationen.[24] Im Kontext des Stalinismus der Kriegs- und Nachkriegsjahre, der von einer Exaltation des russischen Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und einem immer stärkeren Antisemitismus geprägt war, wurde der Hauptfeind nun vor allem durch seine Nationalität definiert und nicht mehr, wie noch in der Zeit der »Entkulakisierung«, durch seine Klassenzugehörigkeit.  Die andere bemerkenswerte Veränderung im Vergleich zu den 30er Jahren und ganz besonders im Vergleich zu den Jahren des »Großen Terrors« war ein starker Rückgang der durch die politische Polizei und Militärtribunale ausgeübten außergerichtlichen Repressionen und, im Gegenzug, eine starke Zunahme der durch reguläre Gerichte ausgeübten Unterdrückungsmaßnahmen. Nach der Welle mörderischer Willkür der Jahre 1937/38 nahm die Zahl der Personen, die vom NKVD verurteilt wurden, während der Kriegsjahre deutlich ab. Insgesamt wurden in dieser Zeit etwa 200 000 Personen durch die Militärtribunale zum Tode verurteilt.[25] Erst in den Nachkriegsjahren stiegen die Zahlen der Verurteilungen auf etwa 50 000 bis 80 000 pro Jahr, darunter auch die Todesurteile auf einige Zehntausend, wieder heftig an.[26] Die bemerkenswerteste Entwicklung war dabei das rapide Anwachsen der Anzahl derjenigen Personen, die durch die reguläre Justiz infolge der Kriminalisierung von Delikten und kleinsten Formen sozialen Ungehorsams verurteilt wurden.  Man kann in dieser Entwicklung zwei Einschnitte feststellen: das Jahr 1940 und das Jahr 1947. Infolge der Verkündung der Gesetze vom 26. Juni 1940 wurde nämlich die Zahl der Verurteilungen zu einer Lagerhaftstrafe, ausgesprochen von regulären Gerichten, verdreifacht. Diese Gesetze, die im Rahmen der Umstellung der sowjetischen Wirtschaft auf Kriegsproduktion erlassen wurden, bestraften erstmals Verstöße gegen die »Arbeitsdisziplin«, die Produktion von »Ausschuss«, kleine Diebstähle in der Fabrik und »Hooliganismus« (dessen vage Definition jeglichen Missbrauch erlaubte) mit geschlossenem Strafvollzug, d. h. Gefängnis. Den zweiten Einschnitt markiert der 4. Juni 1947 mit der Verkündung der Gesetze über den Diebstahl, die einen spektakulären Anstieg der von regulären Gerichte verhängten Langzeitstrafen von fünf auf zehn Jahre Lagerhaft nach sich zogen.[27] In Anwendung dieser Gesetze wurden von 1947 bis 1953 1 300 000 Personen zu schweren Lagerstrafen verurteilt. Es waren mehrheitlich Kolchos- oder Fabrikarbeiter, die zum Überleben einige Ähren auf dem Gemeinschaftsfeld oder kleinere Objekte in der Fabrik hatten mitgehen lassen. Ihre Bestrafung stand in keinerlei Verhältnis zu dem begangenen Delikt. Die Härte, mit der ein Vergehen am sakrosankten »Staatseigentum« geahndet wurde, erreichte groteske Auswüchse: Jeder noch so geringe Diebstahl, oft zum ersten Mal und in einer verzweifelten Situation begangen, wurde härter bestraft als vorsätzliche Tötung.[28] Die Gesetze vom 4. Juni 1947 waren die härtesten zur Ahndung von Diebstahl in Europa seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu Stalins Tod machten die Personen, die im Zusammenhang mit diesen Gesetzen verurteilt wurden, mit 1 242 000 fast die Hälfte der 2 526 000 Inhaftierten des Gulags aus.  Gleich nach Stalins Tod verkündete Geheimpolizei-Chef Lavrentij Berija eine Amnestie. Er befand dabei, dass der Gulag von einer »Mehrheit von Individuen überfüllt war, die für Verbrechen und Delikte verurteilt wurden, welche keinerlei soziale Bedrohung darstellen«[29]. Infolge dieser am 27. März 1953 angenommenen Amnestie wurden innerhalb weniger Monate 1 200 000 Inhaftierte, die in der Mehrheit für Diebstahl, Hooliganismus und andere Delikte des allgemeinen Rechts verurteilt worden waren, befreit. Die Maßnahme spiegelt jedoch keine »liberale Wendung« des furchtbaren Chefs der politischen Polizei wieder. Vielmehr wollte Berija ganz einfach den Gulag entlasten, nicht abbauen, sondern für die Zukunft wirtschaftlicher und »produktiver« machen.[30] Nach der Verhaftung Berijas am 26. Juni 1953 setzte die neue Elite, in der Nikita Chruščev, Gregorij Malenkov und Vjačeslav Molotow den ersten Rang einnahmen, im Mai 1954 ein zentrales Komitee unter Vorsitz des Oberstaatsanwaltes Roman Rudenko mit dem Auftrag ein, »die Akten der wegen konterrevolutionärer Verbrechen Verurteilten und ihre Strafe in Lagern oder in der Verbannung verbüßenden Individuen« zu überprüfen. Unterstützt von fünfzehn Republikskommissionen (eine für jede Unionsrepublik), überprüfte die Kommission innerhalb eines Jahres etwa 237 000 Akten. Das entspricht 45 Prozent der gesamten Akten der 530 000 Inhaftierten und Sondersiedler, die aufgrund des noch immer gültigen Artikels 58 des Strafgesetzbuches wegen »konterrevolutionärer Verbrechen« verurteilt worden waren. Weniger als 4 Prozent der Urteile wurden aufgehoben, und 43 Prozent der Verurteilten wurde eine Reduktion des Strafmaßes zuteil, die es ihnen endlich ermöglichte, das Lager zu verlassen. Schließlich wurden 53 Prozent der Urteile bestätigt.[31] So war es möglich, eine große Zahl von Inhaftierten zu befreien, ohne deswegen Grundsatzentscheidungen zu treffen oder die willkürlichen Prozeduren in Frage zu stellen, die von der außerordentlichen Rechtssprechung angewandt worden waren. Sie kennzeichnen aber auch die Grenzen der Arbeit von Kommissionen, in denen Vertreter des MVD hohe Positionen einnahmen und deren Richter und Staatsanwälte durch die Vergangenheit kompromittiert waren. In der zweiten Jahreshälfte 1955 beschleunigte sich der Rhythmus der Befreiung von »Politischen« dank einer Reihe von Amnestien.[32] Ende 1955 lag zum ersten Mal seit 20 Jahren die Zahl der im Gulag Inhaftierten unter einer Million. Am Vorabend des XX. Parteitages der KPdSU zählten im Februar 1956 die Inhaftierten nur noch 925 000 gegenüber 2 625 000 drei Jahre zuvor, darunter etwa 110 000 »Politische«.[33] Parallel dazu wurde das System der Sondersiedlungen in seiner Schärfe zurückgenommen.[34] Anders als allgemein angenommen, konstituierte der XX. Parteitag keine fundamentale Zäsur im Prozess der Befreiung der Inhaftierten aus dem Gulag. Die große Mehrheit der »Politischen« wurde bereits vor Februar 1956 entlassen. Nach dem XX. Parteitag wurden neue Kommissionen beauftragt, die Akten der für »politische und wirtschaftliche Verbrechen und Missbrauch in Amtsausübung und noch in Lagerhaft befindlichen« Verurteilten zu überprüfen. 1956 verließen noch einmal etwa 100 000 »Politische« den Gulag, in dem sich Anfang 1957 nur noch etwa 15 000 aufgrund des Artikels 58 des Strafgesetzbuches Verurteilte befanden. Zwanzig Jahre nach dem »Großen Terror« konnten die letzten Überlebenden den Gulag verlassen. In den Jahren 1937/38 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, war ihre Strafe systematisch durch eine »Verlängerung« ausgedehnt worden. Eine neue, lange und schwierige Schlacht begann für sie: die um ihre Rehabilitation. Was die im Rahmen des »Großen Terrors« Hingerichteten betrifft, so mussten ihre Angehörigen bis zum Beginn der 90er Jahre warten, um endlich die Wahrheit zu erfahren. Ein Geheimpapier des KGB-Vorsitzenden Ivan Serov vom 24. August 1955, das an alle regionalen Direktionen der Staatssicherheit adressiert war, hatte ausdrücklich vorgeschrieben: »Auf die Nachfrage von Bürgern bezüglich ihrer durch außerordentliche Gerichte zur Todesstrafe verurteilten Angehörigen antwortet die Distriktsabeilung des KGB mündlich, dass X oder Y zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt wurde und im Arbeitslager verstorben ist.«[35] Diese Instruktion wurde im Wesentlichen bis Mitte der 80er Jahre befolgt. Sowohl auf historischer wie auf individueller Ebene musste die Auflösung der UdSSR abgewartet werden,[36] damit schließlich Licht auf eines der größten Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts fallen konnte.   Übersetzung aus dem Französischen von Wiebke Ankersen (Berlin). [1]  Die erste Publikation des Operativen Befehls Nr. 00447 des NKVD vom 30. Juli 1937, der der Ausgangspunkt der mörderischen »Massenoperationen« des »Großen Terrors« war und 767 000 Verhaftungen (davon später 387 000 Todesurteile) zur Folge hatte, erschien in der Zeitung Trud vom 4. Juni 1992. Weitere wichtige Dokumente über diese »Massenoperationen« erschienen kurze Zeit darauf in der Wochenzeitung Moskovskie Novosti vom 21. Juni 1992.  [2]  Siehe Halfin, Igal: Terror in My Soul. Communist Autobiographies on Trial, Cambridge, Mass. u. a. 2003, S. 3. [3]   Artizov, A. u. a. (Hrsg.): Reabilitacija: Kak ėto bylo. Dokumenty Presidiuma CK KPSS i drugie materially [Die Rehabilitierung. Wie es war. Dokumente des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien], Bd. 1: Mart 1953–fevral’ 1956 [März 1953 bis Februar 1956], Moskau 2000.   [4]  Anm. der Redaktion: Unter der Leitung des ZK-Sekretärs Petr Pospelov wurde am 31. Dezember 1955 die »Kommission zur Feststellung der Gründe für die Massenrepressalien gegen die auf dem XVII. Parteitag (1934) gewählten Mitglieder und Kandidaten des ZK der KPdSU« eingesetzt. Der dem Präsidium des Obersten Sowjets im Februar 1956 vorgelegte Bericht gab nicht nur Informationen über den Verbleib von einzelnen Funktionären, sondern auch einen Überblick über die »Massenoperationen« und die »nationalen Operationen« des NKVD, über die Nichtachtung der Gesetzgebung durch Staatsanwaltschaft und Gerichte wie auch über die außergerichtliche Strafahndung. Darüber hinaus erwähnte der Bericht die »Stalinschen Erschießungslisten« und wies erstmals eine Statistik über die in den Jahren 1935 bis 1940 vorgenommenen Verhaftungen und Erschießungen aus.  [5]  Siehe Werth, Nicolas: Histoire d’un pré-rapport secret. Audaces et silences de la Commission Pospelov, janvier-février 1956, in: Communisme (2001), H. 67/68, S. 9–40. [6]  Trojki wurden außergerichtliche Organe genannt, die sich aus drei Mitgliedern zusammensetzten: dem regionalen Chef des NKVD, dem Ersten Parteisekretär der Region und dem Staatsanwalt der Region. Hinter verschlossenen Türen, in Abwesenheit des Angeklagten und ohne dessen Recht auf Verteidigung oder der Möglichkeit einer Berufung beschlossen die Trojki rechtskräftige Urteile – Todesstrafe oder zehn Jahre Lagerhaft –, die unmittelbar vollstreckt wurden. Im Laufe einer Sitzung wurden oft Hunderte von Prozessakten »verhandelt«.  [7]  Dvojki waren außergerichtliche Organe, die von zwei Mitgliedern gebildet wurden: einem hohen regionalen Repräsentanten des NKVD und dem Staatsanwalt der Region oder seinem Stellvertreter. Diese Dvojki wurden von der Spezialkommission des NKVD überwacht und vom NKVD-Chef Nikolaj Ežov und der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR unter ihrem Hauptankläger Andrej Vyšinskij angeleitet. [8]  »An den Genossen Stalin. Ich teile Ihnen mit, dass sich die Zahl der in Moskau und der Region wohnhaften kriminellen Elemente und Kulaken auf 41 305 beläuft, d. h. 33 436 kriminelle Elemente und 7 869 Kulaken. Das vorhandene Material [sic!] erlaubt eine Zuordnung von 6 500 kriminellen Elementen und 1 500 Kulaken zur ersten Kategorie, also eine Summe von 8 000, 26 936 kriminelle Elemente und 5 272 Kulaken zur zweiten Kategorie. Ich schlage vor, dass die Trojka sich aus dem Genossen Redens, Regionalverantwortlicher des NKVD, dem Genossen Maslov, stellvertretender Staatsanwalt der Region Moskau und dem Genossen Chruščev, Parteisekretär der Region Moskau, zusammensetzt«. Archiv Prezidenta Rossijskoj Federacii (Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, APRF) f. 3, op. 58, d. 212, Bl. 28.  [9]  Unter den wichtigsten Studien in diesem Bereich seien erwähnt: die monumentale Istorija Stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch–pervaja polovina 1950-ch godov. Sobraniedokumentov v semi tomach [Geschichte des Stalinschen Gulag. Ende der 1920er bis zur ersten Hälfte der 1950er Jahre. Dokumentensammlung in sieben Bänden], Moskau 2004 u. 2005. (Siehe dazu die Rezension von Wladislaw Hedeler in diesem Band des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.) Zu den »Sondersiedlungen« siehe Zemskov, V.: Specposelency, 1930– 1960 [Die Sondersiedler, 1930–1960], Moskau 2003. Zum »Großen Terror« siehe Junge, Mark/Binner, Rolf: Kak terror stal bol’šim [Wie der Terror groß wurde], Moskau 2003. [10]  Den 681 692 Exekutionen, die in den zentralen statistischen Dokumenten des NKVD für die Jahre 1937/38 vorkommen, müssen einige zehntausend »nicht registrierte« Exekutionen und Foltertode hinzugerechnet werden. Zu den Unterschieden zwischen »registrierten« und »nicht registrierten« Exekutionen siehe z. B. die erhellende Studie von Hlevnjuk, Oleg: Les mécanismes de la Grande Terreur des années 1937–1938 au Turkmenistan, in: Cahiers du Monde russe 39 (1998), H. 1/2, S. 197–208. [11] Nach dem streng vertraulichen Bericht, der Ende 1953 von Oberst Pavlov, dem Chef der ersten Spezialabteilung des Innenministeriums, aufgestellt und am 5. Januar 1954 durch den Innenminister Sergej Kruglov an Georgij Malenkov und Nikita Chruščev geschickt wurde, waren zwischen 1921 und 1953 4 060 000 Personen durch die der politischen Polizei unterstehenden außergerichtlichen Organe verurteilt worden, davon 800 000 zum Tode. Gossudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii (Staatsarchiv der Russischen Föderation, im Folgenden: GARF), f. 9401, op. 1, d. 4157, Bl. 201–205. Zu dieser Zahl müssen die 2 842 000 Personen hinzu gerechnet werden, die durch Militärtribunale verurteilt wurden, darunter 183 000 zum Tode. GARF, f. 7523, op. 89, d. 4408, Bl. 8 f., 26 f. u. 42 f. [12]  Zum »Großen Terror« als Konvergenz zweier repressiver Linien siehe Werth, Nicolas: »Repenser la Grande Terreur«, in: Le Débat 2002, H. 122, S. 118–140. [13]  Es sei an zwei Fakten erinnert: ca. 44 000 Verantwortliche und kommunistische Kader mittleren Ranges wurden durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts verurteilt, einer Instanz, die die meisten der Fälle dieses Anklagetyps durchliefen. Davon wurden 85 Prozent zum Tode verurteilt. Unter den etwa 1,5 Millionen durch den NKVD in den Jahren 1937/38 verhafteten Personen waren etwa 117 000 Parteimitglieder. Siehe Jansen, Marc/Petrov, Nikita: Stalin’s Loyal Execution. People’s Commissar Nikolai Ezhov, 1895–1940, Stanford 2002, S. 105.  [14]  Zu diesen Prozessen siehe Fitzpatrick, Sheila: How the Mice Buried the Cat. Scenes from the Great Purges of 1937 in the Russian provinces, in: The Russian Review, 52 (1993), H. 3, S. 299–320; Ellman, Michael: The Soviet 1937–1938 Provincial Show Trials Revisited, in: Europe-Asia Studies 55 (2003), H. 8, S. 1296–1310. [15] Kriegel, Annie: Les grands procès politiques dans les systèmes communistes, Paris 1972, S. 45. [16]  Im kodierten Sprachgebrauch der streng geheimen Beschlüsse des Politbüros und der »operativen Befehle« des NKVD bedeutete – wie bereits ausgeführt – die erste Kategorie »Todesstrafe«, die zweite Kategorie die »Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft«. Die »ratifizierten Zusatzquoten« waren die zusätzlichen Quoten, die vom Politbüro genehmigt waren; die »nicht ratifizierten Zusatzquoten« bezeichneten die Zahl der Urteile, die über diese Quoten hinausging. [17]  Siehe Junge/Binner: Kak terror (Anm. 9), S. 136. [18]  Jansen/Petrov: Stalin’s Loyal Execution (Anm. 1), S. 99–104. [19]  Befehl Nr. 44–21 der OGPU vom 2. Februar 1930, GARF, f. 9414, op. 1, d. 1944, Bl. 17–25.  [20]  Anm. der Redaktion: Die Einführung des Inlandpasses und der Wohnregistrierung (propiska) 1932 in so genannten »geschlossenen« Städten der UdSSR, zu denen in erster Linie Moskau und Leningrad gehörten, sollte einer Migrationsregulierung im Interesse des Aufbaus der Wirtschaft und der Besiedlung des weitestgehend noch unerschlossenen Ostens der Sowjetunion dienen. Gleichzeitig sollten damit die Bevölkerungsexpansion durch Zuwanderung vom Land und alle damit verbundenen sozialen, gesundheitlichen und ökonomischen Probleme in Moskau u. a. unter Kontrolle gebracht werden. Allein der Pass und die Wohnregistrierung berechtigten zum Aufenthalt in den entsprechenden Städten und schränkten damit den Bewegungs- und Siedlungsspielraum für die Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung, insbesondere der Kolchosbewohner, die kein Anrecht auf Ausstellung eines Passes hatten und somit den Kolchos nicht verlassen durften, entschieden ein. Siehe hierzu Voronkov, Viktor, Die »Limitschiki«: Zuwanderer in sowjetischen Städten, in: Häußermann, Hartmut/Oswald, Ingrid (Hrsg.): Zuwanderung und Stadtentwicklung, in: Leviathan 17 (1997), S. 328–344; Sazlavzkij, Viktor: In geschlossener Gesellschaft. Gleichgewicht und Widerspruch im sowjetischen Alltag, Berlin 1982; Werth, Nicolas: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: Courtois, Stéphane (Hrsg.) u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998, S. 51–295, hier S. 183. [21]  Hagenloh, Paul: Socially Harmful Elements and the Great Terror, in: Fitzpatrick, Sheila (Hrsg.): Stalinism. New Directions, London 2000, S. 286–307. [22]  Siehe Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Cornell 2001, S. 330–333. [23]  Neben den Massendeportationen wurden andere repressive Maßnahmen durchgeführt, wie die Massenexekution von 25 000 Offizieren und Mitgliedern der polnischen Eliten 1940 in Katyń und die Deportation mehrerer Hunderttausend ukrainischer und baltischer »Nationalisten« in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre in den Gulag.  [24]  Von den 2 753 000 zu Beginn des Jahres 1953 erfassten »Sondersiedler« fielen nur etwa 25 000 unter die Kategorie der »Ex-Kulaken«. Ein großer Teil der 2,5 Millionen zu Beginn der 1930er Jahre deportierten »Kulaken« war bereits gestorben. Die Zahl der Deportierten, die während des Krieges von ihrem Pariastatus befreit wurden, indem sie in die Sowjetarmee eintraten (insbesondere die Kinder der deportierten »Kulaken«) werden auf etwa 800 000 geschätzt. Siehe Zemskov: Specposelency (Anm. 9), S. 74 f. u. 210–212.   25        Für eine detaillierte Analyse der Verurteilungen (außerordentliche Rechtsprechung der politi-schen Polizei, Militärtribunale, ordentliche Gerichte) siehe Werth: Histoire d’unpré-rapport secret (Anm. 5).   26        Siehe den bereits erwähnten Bericht von Oberst Pavlov. GARF, f. 9401, op. 1, d. 4157, Bl. 201–205. Dieser Bericht präsentierte insbesondere die zentralisierten Statistiken über die Zahl und Art der Verurteilungen (Verurteilung zum Tode, Arbeitslager, Exil), die 1921 bis 1953 durch die unterschiedlichen außergerichtlichen und der politischen Polizei unterstehenden Instanzen ausgesprochen wurden.   [27]  Die Zahl der Lagerstrafen über fünf Jahre, die von ordentlichen Gerichten verhängt wurden, versechsfachte sich 1947 im Vergleich zum Vorjahr. Für Strafen über 10 Jahre verhundertfachte sie sich. GARF, f. 7523, op. 89, d. 4408, Bl. 20 f. [28]  Die durchschnittliche für einen Diebstahl verhängte Strafe betrug acht Jahre Lagerhaft. Auf vorsätzliche Tötung standen sieben Jahre. Vergewaltigung wurde im Durchschnitt mit vier Jahren bestraft. Diese Auswüchse der Gesetzgebung haben in mehreren Berichten des Justizministeriums, des Obersten Gerichts und des Präsidiums des Obersten Sowjets für die Mitglieder des Präsidiums des Zentralkomitees der KPdSU ihren Niederschlag gefunden. Siehe GARF, f. 7523, op. 89, d. 4408, Bl. 135 f.  [29]  Notiz von Lavrentij Berija an das Präsidium des Zentralkomitees am 26. März 1953, in: Lavrentij Berija: 1953. Dokumenty, Moskau 1999, S. 19–21.  [30]  Über die »liberale Wendung« Berijas von März bis Juni 1953 siehe: Knight, Amy: Beria, Paris 1994.  [31]  Schriftlicher Bericht von [Generalstaatsanwalt] R. A. Rudenko an das ZK der KPdSU über die Resultate der Arbeit der Zentralen Kommission zur Revision der Akten der wegen »konterrevolutionäre Verbrechen« verurteilten Personen vom 29. April, in: Artizov: Reabilitacija (Anm. 3), S. 213. [32]  Die wichtigste unter den Amnestien war die vom 17. September 1955 zugunsten der »Sowjetbürger, die während des Großen Vaterländischen Krieges mit den Besatzern kooperiert hatten«. [33]  GARF, f. 9414, op. 1, d. 1356, Bl. 139 f. [34]  Zu diesem Prozess siehe Zemskov: Specposelency (Anm. 9), S. 225–280.  [35] Anweisung des KGB-Vorsitzenden beim Ministerrat der UdSSR bezüglich der Prüfung von Bürgeranfragen zum Schicksal von Repressierten, die zur Höchststrafe verurteilt wurden vom 24. August 1955 in: Artizov: Reabilitacija (Anm. 3), S. 254 f.  [36]  Natürlich waren im Westen bereits vorher einige erste Arbeiten über den »Großen Terror« erschienen, die wichtigste war Conquest, Robert: The Great Terror, Toronto 1968. Auf der Grundlage einer sehr parzellierten Dokumentation widmete sich diese im Übrigen bemerkenswerte Arbeit vor allem den »Säuberungsaktionen« der Führung und der kommunistischen Kader, sagte jedoch sehr wenig über die »Massenoperationen« aus. 

JHK 2006

Markus Wolf und die Ablösung Bruno Haids als Leiter der DDR-Nachrichtendienstschule 1952

Helmut Müller-Enbergs

Die einstigen Leiter der Hauptverwaltung A (HV A) sind heute selbstbewusst. Aus ihrer Sicht mit Recht, denn der Auslandsnachrichtendienst der DDR verfügte in der Bundesrepublik über ein Netz von zuletzt rund 1 500 Quellen. Dieses Netz versorgte die HV A über Jahrzehnte mit wichtigen Informationen. Der Einblick der DDR-Aufklärung[1] in das Bundeskanzleramt, den Bundestag, in die Spitzengremien der Parteien und selbst in den Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz war enorm. Im Rückblick ist kaum ein bundesrepublikanischer Bereich erkennbar, aus dem die HV A nicht Informationen beschaffen konnte. Deshalb verwundert es nicht, dass selbst ehemalige nachrichtendienstliche Gegner durchaus respektvoll auf diese Leistungen blicken. Selbstkritische Akzente, die es selten genug in den Erinnerungen leitender Mitarbeiter der HV A gibt, springen dafür umso mehr ins Auge. Markus Wolf, Chef der DDR-Aufklärung von 1952 bis 1986,[2] verfasste im Jahre 1988 seine »Gedanken zur Geschichte und Tradition der Aufklärung der DDR«. Dort findet sich überraschend eine Sequenz, die aufmerken lässt: Man solle, heißt es dort, sich an Urteile nicht »sklavisch« binden, sondern stets kritisch überprüfen. Dies sei erforderlich, »um so dem Sachverhalt und den beteiligten Menschen gerecht« zu werden. Nach dieser »grundsätzlichen Ausführung« verweist er auf Bruno Haid, dem »mit der Zeit Gerechtigkeit widerfahren« sei[3]. Bruno Haid – der beinharte stellvertretende Generalstaatsanwalt der DDR (1955 bis 1958) und spätere stellvertretende Minister für Kultur (1965 bis 1973)?[4] Was verbindet Haid mit dem Auslandsnachrichtendienst der DDR? Die Recherche führt in den Herbst 1951, als innerhalb des Instituts für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IWF), des Vorläufers der HV A, die Idee umgesetzt wurde, den nachrichtendienstlichen Nachwuchs an einer eigenen Schule ausbilden zu lassen. Den ersten Kurs von April 1952 bis September 1953 an der Nachrichtendienstschule im Berliner Stadtteil Niederschönhausen besuchten rund 30 Schüler. Bruno Haid war von März bis zum 12. November 1952 der erste Leiter der Schule; sein Stellvertreter war Hans-Georg Olschewski, der zuvor Kursant und Lehrer an der SED-Parteihochschule in Kleinmachnow gewesen war[5].  Mit Bruno Haid wurde ein denkbar erfahrener Mann mit der Ausbildung betraut. Er hatte über mehrere Jahre in der Westkommission des ZK unter Franz Dahlem ein nachrichtendienstliches Netz in der Bundesrepublik und West-Berlin geführt, das den Namen »Parteiaufklärung« bzw. »Haid-Apparat« trug. Er war mit den Verhältnissen im »Operationsgebiet« bestens vertraut und mit aktuellen operativen Erfahrungen reich ausgestattet. Haid konnte darüber hinaus auf eine über 20-jährige nachrichtendienstliche Arbeit zurückblicken, teils recht erfolgreich, wie im Paris der 30er Jahre, als er die KPD-Nachrichtendienststelle, den »Abwehrapparat«, leitete.[6]  Die Übertragung der Aufgabe des Leiters der IWF-Schule war eine Degradierung Haids. Aber immerhin war zu erwarten, dass er binnen eines Jahres gut ausgebildete Mitarbeiter in das IWF entlassen würde. Doch bereits im November 1952 schied er gänzlich aus dem Dienst aus. Die Gründe dafür werden nur eingeschränkt mit Haids Charaktereigenschaften verbunden sein, obwohl Zeitgenossen diese als sperrig beschrieben.  Was waren die Hintergründe für den Absturz dieses erfahrenen Nachrichtenmannes? Mit der Gründung des IWF auf Initiative der Sowjets 1951 wurde der so genannte »Haid-Apparat« aus der SED herausgelöst und seine Quellen als Startkapital in den neuen Auslandsnachrichtendienst integriert. Haid konnte sich zweifelsohne eine Schlüsselrolle im IWF ausrechnen. Seine Teilnahme an der Konstituierung des IWF in einem kleinen, später als konspiratives Objekt genutzten Häuschen in Berlin-Bohnsdorf war somit mehr als begründet. Aber bereits im Oktober 1951 entschieden der sowjetische Berater Andrej G. Grauer[7] und der erste Leiter des IWF, Anton Ackermann, Haid von diesem durchaus erfolgreichen Netz der »Parteiaufklärung« und seinen operativen Mitarbeitern zu trennen. Haids ZK-Mitarbeiter mussten alle Unterlagen an die ersten Mitarbeiter des IWF Kurt Gailat, Herbert Müller und Elfriede Brandt (Hauptabteilung I/1/a) aushändigen, kaum dass diese vom Leiter der für politische Spionage zuständigen Hauptabteilung I des IWF, Herbert Hentschke, eingewiesen waren. Sie holten die ungeordnet wirkenden Akten am 24. Oktober 1951 vom Zentralkomitee zum IWF, arbeiteten sich ein und übten ihre ersten operativen Schritte mit den Residenten. Die Gründe für die Trennung Haids von seinem inoffiziellen Netz liegen auch weiterhin im Dunkeln, doch ist ein Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen SED-Generalsekretär Walter Ulbricht und Politbüromitglied Franz Dahlem, als dessen Mann Haid galt, nicht ganz abwegig. Zwischen Dahlem und Ulbricht bestanden schon seit den 30er Jahren Konflikte. Diese verschärften sich, als der in der SED populäre Dahlem Anfang der 50er Jahre versuchte, sich als Nachfolger Ulbrichts zu installieren. Mithilfe der Parteiaufklärung verfügte Dahlem über ein beachtliches Informationsplus innerhalb des Politbüros in einem Moment, als der Entwicklung in der Bundesrepublik  wegen deren Remilitarisierungsbemühungen außerordentliches Augenmerk widerfuhr, weshalb etwaige Lorbeeren der sowjetischen Freunde auf ihn zurückfielen bzw. zurückfallen konnten. Jedoch erhielt, nachdem die »Parteiaufklärung« in das IWF integriert war, nicht mehr Dahlem, sondern Ulbricht das Informationsaufkommen. Und spätestens ab Januar 1952 behielt Ulbricht sich, was ihm zuvor an Dahlem vorbei unmöglich war, auch das Weisungsrecht über den Nachrichtendienst vor, dem sich auch Politbürokandidat Anton Ackermann als dessen Leiter zu beugen hatte. In dieser Konstellation liegt die Annahme nahe, das – würde Haid weiterhin Zugang zu Quellen, Residenten der »Parteiaufklärung« und deren Informationen gewährt – über ihn auch Dahlem im Spiel bleiben würde. Haid selbst befand sich mit Ulbricht spätestens seit Februar 1938 im »Clinch«.[8] Die Spannungen zwischen den beiden Spitzenfunktionären Ulbricht und Dahlem endeten im Frühjahr 1953, als Dahlem kurzerhand von seinen Funktionen entbunden wurde. Solche zwar allgemeinen existierenden, im Fall des IWF nicht belegten Konflikte in der Parteiführung wären für die Nachrichtendienstschule nicht erwähnenswert, wenn sie sich nicht in den frühen 50er Jahren zugetragen hätten. Es war nicht gänzlich ausgeschlossen, dass die Schauprozesswelle, die bereits Ungarn und Bulgarien erreicht hatte, nicht auch auf die DDR übergreifen würde, insbesondere auf die Kader der »Parteiaufklärung«, da hier eine nachrichtendienstliche Unterwanderung konstruierbar war. Zudem hatte das MfS bereits bekannte westdeutsche KPD-Funktionäre wie Kurt Müller und Fritz Sperling inhaftiert. Diese hatten über Kontakte zur »Parteiaufklärung« verfügt und waren bereits zu westdeutschen Agenten stilisiert worden.[9] Die Agentenphobie bestimmte in diesen Jahren das Klima auch unter den SED-Funktionären; das konnte auch an Bruno Haid nicht spurlos vorbeigehen. Denn auch für ihn galt, dass seine Funktion lediglich ein von der Partei verliehenes Privileg war, das – würde es entzogen – auch seine physische Existenz in Frage stellen konnte. (In Ungarn und Bulgarien war es bereits zu Hinrichtungen gekommen.) Diese stille Überlebensangst empfanden in jener Zeit vor allem Kommunisten jüdischer Herkunft. Von der Sowjetunion ging im Gefolge des »Ärzteprozesses«, eines angeblichen Komplottes zur Ermordung Stalins, eine schrille antisemitische Kampagne aus, die erst mit Stalins Tod am 5. März 1953 von der KPdSU-Führung beendet wurde. Nach der Abtrennung von seinem Netz interessierte sich Haid weiterhin für seine ehemaligen Residenten und ließ sich von diesen diskret informieren. Dies wurde im  IWF aufmerksam registriert. Mit seinem Einsatz als Leiter der Schule erfolgte eine räumliche Trennung vom eigentlichen Zentrum des IWF. Eine Aufgabe, der sich Haid beugte, aber die er nicht erstrebt hatte. Es war ein Versorgungsposten. Haid sollte damit vom operativen Geschäft ferngehalten werden. Zugleich bot die Funktion für Haid die Chance, auf der Sympathiewoge ausgebildeter Nachrichtendienstkader wieder ins Institut gespült zu werden.  Vor diesem Hintergrund begrüßte er die Kursanten im Frühjahr 1952 – wurde aber mit ihnen nicht warm. Sie hatten sich noch nicht an die ungewohnt strenge Parteidisziplin und Konspiration gewöhnt. Zudem wussten sie nicht, dass sie für den Auslandsnachrichtendienst ausgebildet wurden. Haids Absichten blieben deshalb unverständlich. Zum Beispiel war es im Speisesaal, wo Dozenten zwar an einem eigenen Tisch, aber gemeinsam mit den Kursanten die Mahlzeiten einnahmen, nicht unüblich, dass Haid Sitzhaltung und Besteckführung der Kursanten harsch kritisierte, womit er an Ansehen einbüßte. Was die Kursanten nicht ahnen konnten, war, dass dies zum Ausbildungsprogramm gehörte, wonach sie »sogar gutes Benehmen, Tischsitten und Umgangsformen, wie sie in ›bürgerlichen Gesellschaften‹ gepflegt wurden«, erlernen sollten.[10] Haids Ansehen war inzwischen auch innerhalb des IWF beachtlich gesunken. Eine relativ dichte Folge von Pannen, die von aufgeflogenen Quellen der »Parteiaufklärung« ausgingen, gab den von ihm eingebrachten Juwelen schnell eine Patina. Am 9. August 1952 stand im Büro 2 des IWF, das dem stellvertretenden IWF-Leiter Gerhard Heidenreich unterstand, die »alte Parteiaufklärung« auf der Tagesordnung. Heidenreich sowie der Leiter der 1. Abteilung (Abwehr) Gustav Szinda, der sowjetische Chefberater Grauer und ein weiterer sowjetischen Berater der 1. Abteilung entschieden, dass zu Bruno Haid »alles belastende Material zusammenzutragen« sei, »damit im geeigneten Zeitpunkt und in Übereinstimmung mit der Auffassung des MfS entweder die Verhaftung oder für weiteren Arbeitseinsatz entschieden werden kann.«[11] Im Oktober 1952 zog sich die Schlinge um Bruno Haid zu. Nunmehr stieß die 1. Abteilung, unterstützt ausgerechnet von den Mitarbeitern, die er mit zum IWF gebracht hatte, auf manche Merkwürdigkeiten, die ihn als zwielichtig erscheinen ließen. In einer »streng geheimen«, faktisch aber einer Verdachtsberichterstattung gleichkommenden Notiz wurden Haids private Zusammenkünfte mit seinen ehemaligen westdeutschen Residenten wie Walter Vesper, Willi Grünert und Bruno Korthaus gegeißelt. Es wurde moniert, dass er die sowjetischen Berater, insbesondere Chefberater Grauer, kritisiert habe. Auch unterhalte Haid wie zuvor enge Beziehungen zu einem französischen Arzt, und schließlich – Höhepunkt der Notiz – seien die »Eltern der Frau des Gen. Haid Israeliten«. Auch verkehre bei ihm »ein junger Mensch – schwarzes Haar, Brillenträger, israelitischer Typ«.[12]  Herbert Müller, der innerhalb des IWF zuletzt mit der Abwicklung der »Parteiaufklärung« befasst war, erinnerte sich nun überraschend an ein Ereignis vom September 1951, wonach Haids Fahrer sich häufiger in West-Berlin aufgehalten und gelegentlich einer Rückkehr alkoholisiert den Wagen verunfallt habe.[13] Das gefährliche Reizwort West-Berlin speiste auch manch anderer ein, wie ein Institutsmitarbeiter, der in seiner Wohnung eine Szene der Eheleute Haids hören konnte, nach der Haid seiner Gattin vorhielt, dass sie ihre Kleidung, teils aus »schwerer Brokatseide«, bei einer Schneiderin im »Westsektor« habe fertigen lassen, was ihm Unannehmlichkeiten bereiten könnte, sie das also unterlassen solle – und von ihr unterlassen wurde.[14]  Pasquille dieser Art häuften sich und warfen stets (das entspricht ihrem Wesen) eher ein Licht auf die Autoren als auf den Denunzierten. Schulleiter Haid hatte zu den Anwürfen Stellung zu beziehen, die sich – nüchtern betrachtet – als haltlos erwiesen. Bei dem schwarzhaarigen französischen »israelitischen Typ« etwa handelte es sich um einen Cousin seiner Frau, keinem geringeren als den Pantomimen Marcel Marceaux, der bei den Berliner Festspielwochen aufgetreten war.[15]  Das Kesseltreiben ließ auch das Kollektiv an der Schule nicht unberührt. Schulisch bedingte Konflikte erhielten nun eine besondere Schärfe. Als einige Schüler von der Schule abgezogen wurden, rief dies unter den Kursanten einige Unruhe hervor. Haid machte hierfür die für Kader zuständige 3. Abteilung des IWF verantwortlich, die er auf der wöchentlichen Leitungssitzung am 2. Oktober 1952 anging: »Da kommen irgendwelche Kaderaffen her, die keine Ahnung haben, und bringen alles durcheinander.« Einmal in Fahrt gekommen, warf er dem Parteisekretär der Schule Walter Baude vor, wie dieser sich erinnerte, »die Genossen des Instituts hätten, insbesondere mich, wohl zu ihrem Bundesgenossen gemacht«, und er, Haid, habe den Eindruck gewonnen, »als hätte man an einigen Stellen bei uns auf der Schule Horchposten eingerichtet«, was auf die Sekretärin Marianne Heidenreich und gleichfalls, nicht gänzlich zu Unrecht, auf Baude anspielte.[16]  Bereits wenige Wochen zuvor hatten »plötzlich« Kaderaussprachen mit den Kursanten stattgefunden,[17] deren Gründe sich ihnen nicht erschlossen, bei denen aber zweifelsohne auch Informationen zum Schulleiter zusammengetragen worden sein dürften, wenn auch das eigentliche Anliegen in eine andere Richtung ging (nämlich Kaderauswahl für das IWF, möglicher Einsatz in der Bundesrepublik usw.). Das gegen ihn gemünzte Misstrauen hatte somit auch die Schule erreicht – beim IWF war es ohnehin vorhanden. Suchte Haid das Institut gelegentlich auf, wähnte der sich auf »feindlichem Gebiet«[18]. Der Ursprung dieses Missklangs hing zweifelsfrei mit der »Parteiaufklärung« zusammen. An dieser Stelle griff Markus Wolf in das Spiel um Haid ein. Der 27jährige Wolf gehörte nach seinem Ausscheiden aus dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, für das er in der DDR-Botschaft in Moskau eingesetzt war, seit Herbst 1951 zum IWF. Er war zunächst Stellvertreter von Robert Korb, der die Hauptabteilung II aufbaute und leitete. (Zugleich war Korb Leiter des ZKAbteilung für Agitation. Erst ab April 1952 war Korb ausschließlich für das IWF tätig.) Die Hauptabteilung II bereitete die operativ beschafften Information für die Parteiführung und die sowjetische Residentur in Berlin-Karlshorst auf. Im Februar 1952 wurde Markus Wolf aus diesem Bereich abgezogen und der 1. Abteilung des IWF unter Gustav Szinda zugewiesen, die sich mit Fragen der Gegenspionage beschäftigte. Nach anfänglicher Sichtung bereits vorhandener Erkenntnisse musste sich die 1. Abteilung gänzlich mit einer möglichen Überwerbung von Quellen der ehemaligen »Parteiaufklärung« durch britische und amerikanische Dienste, aber auch durch die Organisation Gehlen befassen. Markus Wolf gelangte in einer Untersuchung über die erwähnten Pannen in der »Parteiaufklärung« zu einem vernichtenden Urteil, das jedoch in dieser Dimension unbegründet war. Die »Parteiaufklärung«, resümierte er, habe »von vornherein unter Kontrolle des Gegners« gestanden, sei »in all seinen Gliedern den Abwehrorganen des Gegners bekannt« gewesen und für eine »planmäßige Desinformierung unserer Parteiführung benutzt« worden. Ursächlich dafür sei die »absolut unzulängliche Leitung« Bruno Haids. Zugleich rückte er ihn beängstigend nahe an die Rolle eines Agenten, wenn er anführt: »Der gesamte Apparat, besonders seine Spitze, war den Parteifeinden Kurt Müller, Fritz Sperling usw. bekannt. Nach Entlarvung dieser Agenten wurden«, folglich von Bruno Haid, »keine entsprechenden Maßnahmen getroffen«. Mehr noch, seien »bei offensichtlichem Einbruch des Gegners« die »Einbruchstellen nicht sofort eingedämmt, sondern umgekehrt ausgedehnt« worden.[19] Als Markus Wolf dieses Fazit SED-Generalsekretär Walter Ulbricht am 20. Oktober 1952 unterbreitete, war nicht nur das Schicksal der ehemaligen »Parteiaufklärung« besiegelt, sondern auch das von Bruno Haid. Wolf gab an, aus Gründen der Konspiration und seiner »noch ungeklärten Rolle«[20] sei Haid zu diesen Anwürfen nicht konsultiert worden. Ulbricht aber fällte sein drastisches Urteil, ohne dass der Betroffene gehört wurde. Allein aufgrund des Wolf-Berichtes, die sonstigen Stimmungsberichte dienten eher als interne Begleitmusik, wies Ulbricht die Entlassung Bruno Haids aus dem IWF an und degradierte ihn zum stellvertretenden Direktor des Bezirksgerichts in Chemnitz. Außerdem hatte sich das MfS mit ihm zu befassen, wozu diesem der Untersuchungsbericht überlassen wurde. Es schien so, als habe Markus Wolf mit Bruno Haid möglicherweise einen »Agenten« im IWF entlarvt, zumindest erweckt sein Engagement diesen Eindruck. Markus Wolf bedrängte den Minister für Staatssicherheit Wilhlem Zaisser und seinen Staatssekretär Erich Mielke, endlich gegen Haid tätig zu werden, was das MfS allerdings unterließ. Das MfS konnte bei Haid keine hinreichenden Gründe für eine Verhaftung erkennen. Von einem Tag zum anderen war Bruno Haid als Leiter der Nachrichtendienstschule ausgeschieden. Mit ihm ging, wegen »Nichteignung«, auch sein Stellvertreter, der inzwischen nahezu blinde Olschewski, ohne dass den Kursanten eine Interpretationshilfe angeboten wurde. Manches sickerte sicherlich durch, da mit Marianne Heidenreich die Gattin des stellvertretenden IWF-Leiters an der Schule arbeitete und trotz üblicher Konspiration nicht gänzlich unwissend geblieben sein dürfte. Die Kursanten ahnten jedoch, erinnert sich der ehemalige Kursant Olldorf (Werner Großmann), einen Zusammenhang mit westlichen »Agenten«, da sie es mit »Schauprozessen« in Budapest und Sofia (Prag folgte im November/Dezember 1952) in Verbindung brachten.[21] So blieb ihnen der erste Leiter der Schule als »grimmig blickend«, »dogmatisch und schematisch« sowie als »wenig gefühlsbetont und kontaktarm« in Erinnerung.[22] In der Folgezeit kamen weitere »verdächtige Momente« gegen Haid hinzu: Als im April 1953 Haids langjährige Sekretärin Charlotte Männchen dessen Panzerschrank öffnete, kamen sechs Personalausweise und ein kleiner Geldbetrag zu Tage, was im Zuge der Übergabe der Akten der »Parteiaufklärung« nicht mehr hätte in seinem Bestand sein dürfen. Markus Wolf, inzwischen Nachfolger von Ackermann als Leiter des IWF, verlieh dem ein solches Gewicht, dass er Herbert Müller anwies, dies dem Untersuchungsbericht und der Personalakte Haids beizufügen.[23] Wolf notierte – mehr als ein Jahr später, als eine mögliche überzogene Wertung hätte abgeebbt sein können: »Da ich wiederholt feststellen konnte, dass bei der weiteren Bearbeitung in der Sache nichts geschieht, habe ich öfter mit Zaisser darüber gesprochen und ihn auch schriftlich an die Angelegenheit erinnert. Dabei musste ich feststellen, dass der Untersuchungsbericht und wahrscheinlich auch eine Reihe anderer Hinweise über Haid zur Bearbeitung dem Gen. [Erich] Jamin übergeben wurden. Mir ist bekannt, dass Jamin mit Haid eng befreundet war und von Haid für die Arbeit in unserem Apparat empfohlen wurde.«[24] Diese Darlegung ließ Wolf der Zentralen Parteikontrollkommission der SED im Januar 1954 just in dem Moment zukommen, als diese dem im Juli 1953 gestürzten Minister Zaisser seinen Parteiausschluss mitteilte. Zaisser wurden Verbindungen zum gestürzten sowjetischen Innenminister Lavrentij P. Berija unterstellt, wobei dieser der britischen Spionage beschuldigt worden war. Und: Berija war im Dezember 1953 hingerichtet worden. Die Anschuldigungen Wolfs gegen Bruno Haid dürften für Zaisser nicht entlastend gewirkt haben.  Der Rauswurf Haids wird Markus Wolf später unangenehm berührt, wenn nicht beschämt haben. Er bewegte mit seinem Verhalten in den Klischees des Zeitgeistes, wird sich aber nach dem XX. Parteitag der KPdSU, der im Jahre 1956 solche Vorgehensweisen verurteilte, ernsthafte Gedanken über sein Vorgehen gemacht haben. Haid, unterdessen zum beinharten stellvertretenden Generalstaatsanwalt aufgestiegen, gehörte der zentralen Kommission an, die sich mit Opfern dieser Verfolgungen beschäftigte. Er wird sich selbst als eines der Opfer  betrachtet haben – in seinem Fall durch Markus Wolf. Gelegentlich eines Empfangs, aber auch während eines Telefonats bezeichnete der stellvertretende Generalstaatsanwalt im Gespräch den Leiter des Auslandsnachrichtendienstes als einen »Mann Berijas«[25]. Das war in jenen Tagen das Synonym für »Henker in Stalins Diensten«[26] oder »Exekutor Stalinscher Verbrechen«. Haids Urteil war gewiss überzogen und weist eher auf die anhaltende Empörung über seinen Sturz im IWF hin. Allerdings wird die Annahme nicht abwegig sein, dass Wolf bis zum XX. Parteitag zu den gläubigen Stalin-Verehrern der jungen Generation zählte, deren jungerwachsene politische Militanz von älteren Genossen wie Haid nur schwer zu akzeptieren war. Haid fiel übrigens bereits 1958 erneut in Ungnade. Er wurde als stellvertretender Generalstaatsanwalt abgesetzt, da er nicht hart genug gegen die intellektuelle Opposition um Wolfgang Harich und Walter Janka vorgegangen war. Dass Markus Wolf sein folgenreiches Urteil über Haid nachhaltig beschäftigt hat, erweist sich in seinen eingangs erwähnten zwanzigseitigen Gedanken zur Geschichte des IWF und der HV A, in denen er Haid allein zwei Seiten widmet. Darin würdigt er Haids »ziemlich starke« Parteiaufklärung mit den »beachtlichen Quellen«, von denen nur ein Bruchteil für die gegnerische Seite gearbeitet hatte. Allerdings: »Außer den überführten westdeutschen Agenten wurde keiner der Beteiligten verhaftet, aber es war für manchen Genossen sicher bitter.«[27] Das dies Zaisser und Mielke zu verdanken war, schrieb Wolf nicht. Ebenso wenig »erinnerte« er sich, dass er Haids Verhaftung betrieben hatte. Einige Jahre später, als er seine Memoiren publizierte, fand er kein Wort für Haid. Lediglich allgemein mochte er sich an diese Episode »nicht gern«[28] erinnern, die vermutlich für seine zum Jahresende 1952 erfolgte Ernennung zum Leiter des IWF grundlegend war. [1]  Die DDR-Aufklärung firmierte zunächst unter den Namen Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (1951 bis 1953). Nach der Integration in das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) arbeitete sie als Hauptabteilung XV (1953 bis 1956), später unter der Bezeichnung Hauptverwaltung A (1956 bis 1989/90). [2]  Gelegentlich heißt es, Wolf sei erst im September 1953 an die Spitze des Dienstes berufen worden. Tatsächlich übernahm er die Führung des IWF bereits im Dezember 1952. [3]  Die Schrift wurde erst zehn Jahr später veröffentlicht. Wolf, Markus: Gedanken zur Geschichte und Tradition der Aufklärung der DDR, 1988, in: Ders.: Die Kunst der Verstellung. Dokumente. Gespräche. Interviews, Berlin 1998, S. 62–80, hier 65 u. 68. [4]  Zu Haid siehe Bruno Haid, in: Müller-Enbergs, Helmut/Wielgohs, Jan/Hoffmann, Dieter (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000, S. 307 f.; Klein, Thomas/Otto, Wilfriede/Grieder, Peter: Visionen. Repressionen und Opposition in der SED (1949–1989), Frankfurt (Oder) 1996, 64 f. u. 71 f.; Hannemann, Simone: Robert Havemann und die Widerstandsgruppe »Europäische Union«, Berlin 2001. Haid war dafür zuständig zu überprüfen, ob Havemann im Widerstand mit den Nazis kollaboriert hatte. [5] Weber, Hermann: Damals als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 344 f. [6] Kaufmann, Bernd u. a.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919–1937, Berlin 1993, S. 318–320; Walther, Henri/Schwips, Dieter: Forschungsbericht zu den Erfahrungen der KPD bei der Erkundung, Entlarvung und Abwehr der geheimen Pläne, Absichten und Machenschaften des Feindes – ihre Untersuchung als ein Beitrag für die Erhöhung der Wirksamkeit der klassenmä- ßigen tschekistischen Erziehung und Befähigung der Mitarbeiter zur Erfüllung der politischoperativen Aufgaben des MfS. Berlin 1986, Kapitel 5, S. 195. [7] Jeder Abteilung und Hauptabteilung des IWF war ein sowjetischer Berater zugewiesen, mit dem sämtliche operativen Schritte abzustimmen waren. Leiter dieser von der sowjetischen Residentur in Berlin-Karlshorst aus operierender Berater war Chefberater Andreij G. Grauer, dem David J. Dallin den Dienstrang eines Obersten zuweist. Grauer leitete – parallel zu Walter Ulbricht – den IWF-Leiter Anton Ackermann an, wobei es zwischen beiden zu erheblichen Spannungen kam, mit der Folge, dass Ackermann um Entbindung von dieser Funktion bat, und auch Grauer im November 1952 als Berater abgezogen wurde. Dallin, David J.: Die Sowjetspionage. Prinzipien und Praktiken, Köln 1956, S. 496; Bailey, George/Kondraschow, Sergej A./Murphy, David E.: Die Unsichtbare Front : der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 181 f.; Schumann, Frank (Hrsg.): Anton Ackermann. Der deutsche Weg zum Sozialismus. Selbstzeugnisse und Dokumente eines Patrioten, Berlin 2005, S. 15. [8] Die von Bruno Haid geführte KPD-Nachrichtenstelle wurde auf Weisung Walter Ulbrichts im Jahre 1938 aufgelöst. Siehe Kaufmann: Der Nachrichtendienst der KPD (Anm. 6), S. 437. [9]  Kurt Müller hat seine Präparierung für einen DDR-Schauprozess nach dem Muster des RajkProzesses in Ungarn eingehend beschrieben. Siehe Müller, Kurt: Ein historisches Dokument aus dem Jahre 1956. Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, in: Dowe, Dietrich (Hrsg.): Kurt Müller (1903–1990) zum Gedenken, Bonn 1991, S. 51–86. [10]  Siehe Richter, Peter/Rösler, Klaus: Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report, Berlin 1992, S. 17. [11]  Heidenreich, Gerhard: Protokoll über die Besprechung mit der Abteilung 1 vom 9. August 1952, in: Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), HA II/6 1158, Bl. 38 f. [12]  Bericht über die Genossen Bruno Haid, Vesper, Grünert und Korthaus im Fall Schlomm vom 23. Juni 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 335–337, hier 336 f. [13]  Müller, Herbert: Notiz vom 23. Oktober 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 334. [14]  Bericht über letzte Vorkommnisse bei Genossen Bruno Haid vom 28. Juli 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 295–297, hier 295 f. [15]  Haid, Bruno: [ohne Titel] vom 3. Oktober 1951, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 560. [16]  Baude, Walter: Bericht zu dem Verhalten des Genossen Bruno Haid vom 16. Oktober 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 364 f. [17]  Siehe Großmann, Werner: Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs, Berlin 2001, S. 15. [18]  Reichelt: Aktennotiz vom 1. Oktober 1952, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 346. [19]  [Wolf, Markus]: Abteilung 1: Zusammenfassender Bericht über die Untersuchung des ehemaligen Nachrichtenapparates der Partei und über dessen Abwicklung o. D. [vom 20. Oktober 1952], in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 48–207, hier 205 f. [20] Siehe ebenda, Bl. 49. [21]  Siehe Großmann: Bonn im Blick (Anm. 17), S. 15 f. [22]  Siehe ebenda, S. 11. [23]  Aktennotiz vom 27. April 1953, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 348. [24]  Wolf, Markus: Stellungnahme zu dem Material der ZPKK vom 20. Januar 1954, in: BStU, HA II/6 1158, Bl. 338 f. [25]  Markus Wolf im Interview mit dem Autor vom 12. September 2005. [26]  Siehe Nekrassow, Vladimir F. (Hrsg.): Berija. Henker in Stalins Diensten. Ende einer Karriere, Berlin 1992, S. 175 f. [27]  Siehe Wolf: Gedanken zur Geschichte (Anm. 3), S. 68. [28]  Wolf, Markus: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997, S. 69. 

JHK 2006

Zwischen Hoffnungen und Krisen: Zum Abschied von Eugen Leviné (1916 bis 2005)

Ilko-Saschga Kowalczuk

Zwischen Hoffnungen und Krisen: Das Jahr 1956 und seine Rückwirkungen auf die DDR[1] Die Sonderstellung einzelner historischer Ereignisse oder einzelner Jahre ist zumeist den Interessen, Perspektiven oder Fragen des Betrachters geschuldet. »1956« zählt im 20. Jahrhundert zu jenen Jahren, die in ihren direkten und unmittelbaren Wirkungen vielfach spezifisch regionale und nationale, darüber hinaus aber auch gesamteuropäische und globale Bedeutungszuschreibungen erfahren haben. In Anlehnung an die inzwischen in der europäischen Sozial- und Politikgeschichtsschreibung gemeinhin übliche Charakterisierung des 19. Jahrhunderts als »lang« (1789 bis 1914) und des 20. Jahrhunderts als »kurz« (1914 bis 1989) könnte gefragt werden, ob »1956« eher ein »langes« oder eher ein »kurzes« Jahr war. Eine eindeutige Antwort darauf ist wiederum nicht möglich, weil sie erneut von der Fragestellung abhängt. Für die sowjetische Luxuslimousine »Wolga« etwa dauerte das Jahr 1956 fünfzig Jahre – so lange wurde sie hergestellt. Für József Kardinal Mindszenty, Primas von Ungarn, dagegen dauerte das Jahr, je nach Betrachtung, dreieinhalb Tage oder 15 Jahre. Nach 8-jähriger Gefangenschaft kehrte er am 31. Oktober 1956 umjubelt nach Budapest zurück, in der Nacht vom 3. auf den 4. November musste er sich angesichts einer drohenden neuerlichen Verhaftung in Sicherheit bringen. Er fand mit Billigung des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhowers in der Botschaft der USA Zuflucht. Das Exil im eigenen Land auf exterritorialem Gebiet endete erst am 28. September 1971 als er die US-Botschaft in Richtung Westen verlassen konnte.[2]  Diese Beispiele verdeutlichen, dass eine Betrachtung eines einzelnen Jahres ganz unterschiedlich erfolgen kann. Die folgenden Ausführungen versuchen nun, vor dem Hintergrund weltpolitischer Entwicklungen zu skizzieren, wie die DDRBevölkerung und die SED-Führung auf die Herausforderungen und Krisen des Jahres 1956 reagierten. Dabei geht es sowohl um die Frage, wie die SED-Führung ihren Machterhalt sicherte und festigte als auch darum, wie die DDR-Bevölkerung die Erschütterungen des Jahres 1956 wahrnahm.  Schlaglichter eines welthistorischen Jahres: Suez-Krieg,  Rock ’n’ Roll und Fernsehen Am 10. Mai 1956 nahm Winston Churchill in der westlichsten deutschen Großstadt, in Aachen, den Karlspreis entgegen. In seiner Dankesrede führte der frühere britische Premierminister aus: »Die NATO ist eine ungewöhnliche Leistung und der Ausdruck der Entschlossenheit einer kriegsmüden Welt […] Eine neue Frage ist durch die kürzliche Entthronung Stalins in Russland aufgetaucht. Wenn sie aufrichtig gemeint ist, haben wir es mit einem neuen Russland zu tun, und ich selbst erblicke keinen Grund, warum, wenn dem so ist, das neue Russland sich nicht dem Geiste dieses feierlichen Abkommens anschließen sollte.«[3] Der 81jährige, der ein Jahr zuvor seine zweite Amtszeit als Premier beendet hatte, hatte seine Rede mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Anthony Eden abgestimmt.[4] Sie war keiner Laune des alten Mannes entsprungen, sie entsprach einer Aufbruchstimmung in Europa, die die erste Jahreshälfte 1956 charakterisierte. Als das Jahr zu Ende ging, war von dieser Stimmung nichts mehr zu spüren. Die Fronten waren verhärtet, nicht nur neuerlich zwischen Ost und West, auch in den beiden großen Allianzen waren die Spannungen noch längst nicht überwunden, die einerseits durch das kurze Tauwetter[5] mit seinen Folgen und andererseits durch den Suez-Krieg aufgetreten waren.[6] Eine Rückkehr zum Status quo ante, wie er zum Jahreswechsel herrschte, war nicht mehr möglich. Im Osten nicht, weil die halbherzigen Offenbarungen Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar, der Posener Volksaufstand im Juni und schließlich die gescheiterte ungarische Revolution im Oktober/November weder aus dem kollektiven Gedächtnis noch aus der künftigen Politik wegzudenken waren.[7] Im Westen nicht, weil der zunehmende Zerfall des europäischen Kolonialreiches nicht nur weitere Fortschritte erzielt hatte, sondern weil zugleich der gescheiterte Angriffskrieg von Israel, England und Frankreich gegen Ägypten die weltweiten Unabhängigkeitsbewegungen stärkte, auch wenn sich die beiden europäischen Großmächte etwa in Kenia, in Algerien, auf Zypern und anderswo verzweifelt und mit mörderischen Mitteln dagegen zu wehren suchten. Es war nicht nur vergebens, sie verloren auch erheblich an Unterstützung, insbesondere dadurch, dass die USA sich gegen den Suez-Krieg gewandt hatten. Durch den Entkolonisierungsprozess nahm die Welt ein neues Antlitz an, und die Bewegung der Blockfreien wurde alsbald zu einem wichtigen Faktor in der Weltpolitik.[8] Doch nicht nur weltpolitische Entwicklungen prägten das Jahr 1956. Drei andere mit weit reichenden politischen und kulturellen Folgen seien exemplarisch erwähnt: Die McCarthy-Ära war in den USA eben zu Ende gegangen,[9] da erging im August 1956 in der Bundesrepublik das umstrittene KPD-Verbot, geradezu eine Steilvorlage für die kommunistische Propaganda im Osten. Nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution gerieten dann die mächtigen, aber moskautreuen Kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich in eine tiefe Krise. Brennende Parteihäuser in Paris und Rom und Tote in Paris waren dafür Anfang November nur die sichtbarsten Zeichen, der Eurokommunismus Jahre später eine langfristige Folge.[10] In der DDR nahm der Deutsche Fernsehfunk am 3. Januar 1956, dem 80. Geburtstag Wilhelm Piecks, seinen regulären Sendebetrieb auf, nachdem am 21. Dezember 1952, dem 73. Geburtstag Stalins, ein Testbetrieb gelaufen war. Zunächst freilich kamen nur wenige in den Fernsehgenuss, weil 1956 nicht einmal zwei von hundert Haushalten ein – kaum erschwingliches – Gerät ihr Eigen nennen konnten. Das Fernsehen hat die Kultur des Zusammenlebens, aber auch die Informationsdichte erheblich verändert. Wie tief dieser Einschnitt kulturell wog, zeigt eine Episode vom Jahresbeginn. Mehrere Bundestagsabgeordnete hatten beantragt, Fernsehdirektübertragungen aus dem Bundestag zu untersagen, weil sich bei laufenden Kameras die Abgeordneten nicht frei entfalten könnten und sich »beengt« fühlten.[11] Die Bedeutung der Fernsehnachrichtensendung »Tagesschau«, die seit Herbst 1956 täglich werktags ausgestrahlt wurde, war damals für die politische Kultur der Bundesrepublik noch nicht absehbar. Und kaum zu beantworten ist die Frage, was gewesen wäre, wenn 1953 oder 1956 das Land flächendeckend mit Fernsehgeräten und Fernsehsendern bestückt gewesen wäre und Live-Bilder von den Aufständen in der DDR, in Polen und Ungarn zu sehen gewesen wären.[12] Für die europäische Revolution von 1989/91 jedenfalls erlangte das Fernsehen eine überragende Bedeutung. Schließlich, ein drittes Beispiel: Auch der weltweite Siegeszug des Rock ’n’ Roll, der 1956 mit Elvis Presley seine Gallionsfigur erhielt, war noch nicht absehbar. Presleys erstmaliges Auftreten im US-Fernsehen am 9. September 1956 erreichte eine Einschaltquote von über 80 Prozent. Was die bürgerliche Welt da zur Kenntnis nehmen musste, rief weltweit Sittenwächter und Moralapostel auf den Plan. Vergebens, denn die scheinheiligen Sitten und die heuchlerische Moral, die sie zu schützen vorgaben, wurden von ihren Kindern abgelehnt. Die »Halbstarken«[13] gehörten in Moskau und Washington, in Bonn und Berlin, in Paris und Warschau zum öffentlichen Ärgernis. 1956 jagten noch in Ost wie West aufgebrachte Spießbürger Rock ’n’ Roll-Fans, und im Osten kamen nicht wenige als angebliche Verbreiter US-amerikanischer Ideologien ins Gefängnis, ein Schicksal, dass auch exponierte Jazz-Fans teilten.[14]  »Wir wollen keinen Pieck und Grotewohl und Ulbricht, wir wollen Rock ’n’ Roll«, so oder ähnlich lauteten die Parolen von hunderten so genannten Jugendbanden in der DDR, die sich »Vorposten der freien Welt«, »Texas-Bande«, »NiethosenBande«, »Lederjackenmeute«, »Klub der Unterwelt« oder schlicht »Elvis-PresleyVerehrer« nannten. Sahen die Fotos der angeblichen faschistischen Provokateure, die nach der gescheiterten Revolution vom »17. Juni 1953« die SED verbreitet hatte, nicht genauso aus wie diese »Halbstarken«? War es nur ein Zufall, dass SED und MfS immer wieder protokollieren mussten, dass solche »Banden« Losungen verbreiteten wie »Wir warnen, ein neuer 17. Juni steht bevor«[15]? Was blieb den Herrschenden angesichts einer solchen Programmatik anderes – herrschaftslogisch gesehen – übrig, als die Gruppenmitglieder zu verfolgen, zu drangsalieren und notfalls einzusperren?  Die ostdeutschen Kommunisten hatten ihre Lehre verstanden, die ihnen am »17. Juni 1953« erteilt wurde, als sich in über 700 Städten und Gemeinden etwa eine Million Menschen gegen die kommunistische Diktatur erhoben,[16] und erwiesen sich machttechnisch gesehen als lernfähig:[17] Das hieß, niemals wieder wie im Vorfeld des »17. Juni« gemachte Fehler einräumen und die bislang betriebene Politik als fehlerhaft darstellen. Den geringsten ideologischen Abweichungen entgegentreten, auch wenn sie sich unter Jazz- oder Rock ’n’ Roll-Masken tarnen mögen. Ein offenkundiger Missstand, eine Krise, eine unhaltbare Situation in der Diktatur wird erst dann zu einem Aufstand, zu einer offenen Krise führen, wenn die Machthabenden Missstand, Krise, Schuld und Fehler öffentlich einräumen. Dies erzeugt im Apparat Handlungsunfähigkeit und Unsicherheit, in der Gesellschaft hingegen neue Hoffnungen und Mut. Der »17. Juni« war ein Paradebeispiel dafür, aber auch alle nachfolgenden Aufstände – wie eben 1956 im Juni in Posen (Poznań) und dann im Oktober/November in Ungarn – haben sich in einem Umfeld ereignet, in dem die Herrschenden sich für einen Kurswechsel bereit zeigten, ihn aber nur halbherzig, zögerlich oder nicht weit gehend genug verfolgten. Eine augenblickliche Schwäche des Regimes, oft verbunden mit einem Machtvakuum, ließ die Gesellschaft eruptiv aus ihrem Zwangsschlaf erwachen und zum handelnden Subjekt werden. Selbst die mehrtägigen Unruhen Anfang März 1956 in Georgien, mit offenbar Hunderten von Toten allein in Tbilisi, entstanden in einer solchen Situation. Chruščevs Enthüllungen über Stalin, der drei Jahre zuvor gestorben war, stießen in Georgien auf keine Gegenliebe, vor allem viele Jungendliche wollten sich ihren Gottvater nicht nehmen lassen. Die georgische Führung war zwischen Nationalstolz und Parteigehorsam gegenüber Moskau hin und her gerissen, erwies sich als nicht handlungsfähig und konnte den Aufstand für Stalin zunächst nicht unterbinden.[18] Was ist am schwersten am Kommunismus vorauszusehen? Gerade weil die SED-Führung im Gegensatz zu anderen Ostblockstaaten ihrer Politik prinzipiell treu blieb, war 1956 die Gefahr, dass Walter Ulbricht seinen Posten verlieren oder gar einer neuer Aufstand die SED-Diktatur beseitigen würde, relativ gering.[19] Der Prozess der »inneren Staatsgründung« ist 1956 kaum gefährdet, in der Folge von 1956 hingegen verstärkt und intensiviert worden.[20] Dabei war die Situation kompliziert genug. Auch in der DDR schien die Gesellschaftskrise mit den Händen greifbar, zumal sich die soziale Notlage und die permanent schlechte Versorgung als Ausgangspunkte politischer Unruhen eigneten. Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass die Regierung die Gründung einer »Nationalen Volksarmee« beabsichtige, konnte die Ablehnung durch die Gesellschaft eindeutiger kaum ausfallen. Sämtliche Stimmungsberichte zeugen davon.[21] Die Ablehnung erwies sich als so massiv, dass die SED es tunlichst vermied, eine kontroverse Debatte zu diesem Thema in der Öffentlichkeit zu zulassen. Ihr Angebot, westdeutschen Wehrdienstverweigerern »politisches Asyl« anzubieten, ist weithin als lächerliches Propagandaschauspiel abgetan worden.[22] Die Offenbarungen Chruščevs in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag Ende Februar 1956 konnte die SED allerdings nicht mehr stillschweigend übergehen. In den letzten Jahren hat die Forschung rekonstruieren können, wie es zu dieser Geheimrede kam.[23] Auch wenn Chruščevs innerparteiliche Gegenspieler anfangs versuchten, eine Debatte über Stalin zu unterbinden, so beugten sie sich doch letztlich kurz vor Beginn des Parteitages dem Willen des Lagers um Chruščev. Allen war die Bedeutung dieser Enthüllungen von vornherein bewusst und alle wussten, dass sie sich als Gefährten Stalins vielen unangenehmen Fragen aussetzen würden. Sie selbst waren alle unmittelbar an den Massenverbrechen beteiligt gewesen. Der Kommissionsbericht von Anfang Februar 1956, der der Chruščev-Rede zugrunde lag, war weitaus genauer und weit reichender als die Ausführungen, die der Parteichef tatsächlich vortrug. Stalin wurde zwar als einer der größten Verbrecher aller Zeiten hingestellt, aber zugleich nahm Chruščev alle lebenden Personen von einer Kritik aus, und er sprach im Übrigen auch nur über die kommunistischen Opfer, d. h. über eine Minderheit. Seine Rede war unaufrichtig und diente der eigenen Machtsicherung, ein Vorgang, der nach dieser Rede längst nicht abgeschlossen war.[24] Stalins einbalsamierter Leichnam ist erst Mitte 1961 aus dem Moskauer Mausoleum entfernt worden, auch die meisten StalinDenkmäler sind erst nach dem XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober/November 1961 geschleift worden. Die Geheimrede von 1956 blieb nur wenige Tage geheim, am 16. März ist sie, vermittelt durch einen polnischen Funktionär, in New York teilweise und am 20. März in Jugoslawien komplett veröffentlicht worden. Die Nachrichtenagenturen auf der gesamten Welt verbreiteten die Sensationsmeldung. Die westliche Fassung, wie sie am 4. Juni 1956 vollständig von der New York Times publiziert worden ist, weist einen Unterschied zu den wenigen bekannten Erinnerungen von Teilnehmern dieser geschlossenen Sitzung auf. Immer wieder sind Beifallsbekundungen und andere Reaktionen vermerkt,[25] die publizierten Erinnerungen aber bezeugen absolute Stille im Saal, nicht einmal den üblichen Schlussapplaus soll es gegeben haben.[26] Dies scheint glaubwürdig. Auch die SED-Politbüromitglieder  Walter Ulbricht, Karl Schirdewan, Alfred Neumann und Otto Grotewohl, denen in der Nacht vom 25. zum 26. Februar 1956 die Rede ein sowjetischer Funktionär in Moskau auf Deutsch vortrug, waren erstarrt, fassungs- und regungslos.[27] Als Schirdewan in Ost-Berlin auf dem Flughafen ankam, sagte er nur einen einzigen Satz zu seiner auf ihn wartenden Ehefrau: »Stalin ist für die Geschichte gestorben.«[28] Zu diesem Zeitpunkt wusste die Welt noch nichts von Chruščevs Geheimrede, aber bereits Mikojans und Chruščevs Bemerkungen in ihren offiziellen Reden hatten aufhorchen lassen. In der DDR setzte eine ausführliche Diskussion ein, als Ulbricht am 4. März 1956 im Neuen Deutschland erklärte, Stalin sei kein Klassiker des Marxismus-Leninismus. Dieser Aufsatz war vom Politbüro genehmigt worden. Wie überraschend diese Erklärung kam, zeigt eine Anekdote aus der Universität Greifswald, wo am Morgen des 5. März Studierende ihren Dozenten für Gesellschaftswissenschaften fragten, warum Stalin ein ML-Klassiker sei. Dieser erklärte das pflichtgemäß und ausführlich. Die Studierenden applaudierten lebhaft und zeigten ihm erst dann Ulbrichts Artikel, der einen Tag zuvor abgedruckt worden war.[29] Der Dozent ging anschließend zur Parteileitung und zeigte sich wegen ideologischer Mängel selbst an.[30] In diesem historischen Umfeld ist einer der berühmtesten Witze im Ostblock entstanden: Frage: »Was ist am schwersten am Kommunismus vorherzusehen? Antwort: Seine Vergangenheit!« Durch die Veröffentlichung der Geheimrede in den westlichen Medien sah sich das SED-Politbüro gezwungen, ohne Rückendeckung Moskaus zu handeln. Ulbricht selbst ging spontan am 17. März zur Berliner SED-Bezirksdelegiertenkonferenz und referierte über den XX. Parteitag, ohne auf Details der Geheimrede einzugehen. Er erklärte ausführlich, warum Stalin kein ML-Klassiker sei. Seine Rede war an Zynismus kaum zu überbieten. Erklärte er doch, dass die Unsicherheit der jungen Parteimitglieder bezogen auf Stalin damit zusammenhänge, »dass sie bestimmte Dogmen gut auswendig gelernt haben. Sie wissen über die Biographie des Genossen Stalin mehr und Genaueres als das ganze Politbüro. Sie kennen die Zahlen und alles auswendig!« Den Stoß, den die SED vom XX. Parteitag erhalten habe, bezeichnete er als »für uns sehr gesund«.[31] Erst am 21. März 1956 erhielt das SED-Politbüro offiziell den Text der Geheimrede aus Moskau.[32] Am nächsten Tag fand eine ZK-Tagung statt, auf der Schirdewan diesen Text vortrug.[33] Otto Buchwitz, seit der Jahrhundertwende politisch aktiv, fasste die Emotionen prägnant zusammen: »In uns ist etwas zerbrochen.«[34] Buchwitz war fassungslos, wie er sagte, dass Genossen Genossen gefoltert und umgebracht hätten. Dieses teuflische Prinzip hatte der Volksmund in vielen Witzen verewigt, wobei solche Witze davon zeugen, dass die Gesellschaft über die Verbrechen natürlich Bescheid wusste und die Sensation der Geheimrede nicht in den dargelegten Fakten, sondern in dem Eingeständnis dieser durch die oberste Parteiführung bestand: »In einem Zug werden Häftlinge nach Sibirien verbracht. Nach einer Woche fragt einer den neben ihm sitzenden: ›Warum bist du hier?‹ ›Ich war gegen Alexejevič als er noch mächtig war.‹ Eine Woche später fragt dieser zurück: ›Und warum bist hier?‹ ›Ich war für Alexejevič als er schon ohnmächtig war.‹ Noch eine Woche später fragen sie beide einen ihnen gegenüber sitzenden Mann: ›Und Du, warum bist hier?‹ ›Ich bin Alexejevič.‹« Der Minister für Staatssicherheit Ernst Wollweber und sein Staatssekretär Erich Mielke, die auf der erwähnten ZK-Tagung über das MfS sprachen, verteidigten ihre bisherige Arbeit und erklärten wahrheitswidrig, es habe beim MfS keine Willkür bei Verhaftungen oder Folter in den Untersuchungshaftanstalten gegeben.[35] Ulbricht erklärte, die Parteibasis würde über die Rede informiert »und die ganze Sache wird in Ordnung gehen«.[36] Tatsächlich sind im April Parteiversammlungen abgehalten worden, in denen nicht die Rede vorgelesen, aber wesentliche Aussagen referiert worden sind.[37] Außerdem erklärte Ulbricht, eine Kommission würde die Inhaftierten überprüfen und eine ganze Anzahl freilassen: »Bitte schön, sollen sie draußen verfaulen. Warum müssen sie bei uns im Gefängnis verfaulen?«[38] All dies aber bedeute keinen Verzicht auf den Klassenkampf, denn dieser sei vorhanden. »Das machen wir ein bisschen ruhiger vielleicht.«[39] Tatsächlich kamen bis zum Herbst 1956 21 000 politische Häftlinge frei, außerdem sind mehrere Hundert kommunistische Opfer rehabilitiert worden.[40] Ende März fand die 3. SED-Parteikonferenz statt, auf der Schirdewan die neue Sicht auf Stalin sehr vorsichtig begründete,[41] aber auch die Geheimrede komplett vortrug,[42] und auf der Minister Wollweber neuerlich die Arbeit des MfS verteidigte.[43] All das ist in der Bevölkerung sehr aufmerksam verfolgt worden. Dabei kristallisierte sich seit Mitte Februar, als der XX. Parteitag noch lief, immer stärker heraus, dass die Diskussionen um Stalin die Menschen – unabhängig von einer Parteizugehörigkeit – in drei Lager spalteten. Das erste, das kleinste sah in Stalin weiterhin den Götzen, zu dem er sich selbst mithilfe von Funktionären wie Ulbricht gemacht hatte. Typisch waren Äußerungen wie: »Ich lasse nicht von Stalin!«[44] Auch wenn die Freude über Stalins Tod 1953 und seine erste öffentlichkeitswirksame Entthronung 1956 überwog,[45] der »Stalin-Kult« hatte einen Teil der Gesellschaft auch in der DDR erheblich geprägt und beeinflusst.[46] Eine zweite, zahlenmäßig größere Gruppe war geschockt und regelrecht gelähmt, schwenkte aber recht schnell auf den neuen Kurs ein. Die absolut größte Gruppe aber war weder überrascht noch geschockt, sondern sah ihr Wissen lediglich bestätigt. Die zweite und dritte Gruppe waren sich in einer Forderung einig: Walter Ulbricht, der »Stalin der DDR«, wie es immer wieder hieß, müsse zurücktreten. Ein Witz aus jenen Tagen kolportiert nicht nur diese Erwartungshaltung, sondern zugleich die gesellschaftliche Atmosphäre: »Die Häftlinge des Zuchthauses Bautzen müssen antreten. Der Direktor erklärt ihnen, dass morgen der erste Sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht käme. Da raunt ein Häftling zum anderen: ›Das wurde aber auch Zeit …‹«  Ulbricht bleibt, Mielke kommt: Das Ende der Entstalinisierung in der DDR Ulbricht kannte die Stimmungsberichte.[47] Er wusste, dass es in der Gesellschaft rumorte, dass er persönlich weithin verhasst war und dass die permanenten Drohungen, ein neuer »17. Juni« stünde bevor, bei einer allzu großzügigen Lockerung schnell Realität werden könnten. Die blutigen Unruhen in Posen Ende Juni 1956 mit über 50 Toten und die ungarische Oktoberrevolution mit Tausenden von Toten[48] sind in der DDR überwiegend als »polnischer bzw. ungarischer 17. Juni« angesehen worden – und zwar sowohl von der kleinen Gruppe, die den »17. Juni« als faschistischen Putschversuch verurteilte, als auch von der Mehrheit, die im »17. Juni« einen berechtigten Kampf für Freiheit, Einheit und soziale Gerechtigkeit sah.[49] Schon im Frühjahr und Frühsommer begann sich jedoch im Unterschied zu 1953 abzuzeichnen, dass die aufziehende Krise in der DDR andere Formen annahm. Zwar nahmen Streiks zu, vor allem dann auch im Herbst 1956, auch Losungen und selbst gefertigte Flugblätter, die sich gegen das Regime wendeten und »Freie Wahlen« und »Sturz der SED-Regierung« forderten, tauchten immer häufiger auf. Ein untrügerisches Anzeichen für die Krise in der geschlossenen Gesellschaft waren die im ganzen Land rapide anwachsenden Gerüchte, die Ulbricht mal im Gefängnis, mal erschossen, mal auf der Flucht sahen. Die eigentliche Gefahr aber drohte, so glaubte die SED-Spitze, diesmal nicht aus den Betrieben, sondern aus den Universitäten und Hochschulen sowie aus der Partei selbst. Im Herbst 1956 sah sich die SED-Führung in dieser Annahme noch bestätigt, weil der polnische Herbst auf Druck der Gesellschaft hin von Parteikadern entfacht wurde und weil die ungarische Revolution nicht nur in der neuen reformfreudigen KP-Spitze, sondern eben auch an den Universitäten und innerhalb der Intellektuellen ihre wichtigsten Ausgangspunkte hatte. In der DDR begann sich 1956 eine neue, sozialistische Opposition herauszubilden, die im Gegensatz zum antikommunistischen Widerstand nicht mehr die Systemfrage stellte, sondern eine Demokratisierung des ostdeutschen Kommunismus anstrebte.[50] Als die sowjetischen Panzer in der ersten Novemberhälfte die ungarische Revolution zusammenschossen, entwickelten SED-Politbüro, Innenministerium und MfS einen gestuften Abwehrplan für eventuelle Aufstände oder bürgerkriegsähnliche Zustände in der DDR. Die Kampfgruppen und andere militärische Formationen übten schon seit dem Sommer verstärkt Häuser- und Straßenkampf. Diese Präventionspläne waren seit Sommer 1953 entwickelt,[51] sind aber unter dem Eindruck der Herbstereignisse forciert worden und schlugen sich u. a. in einem Politbürobeschluss im November 1956 nieder.[52] Nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben. Im Oktober 1957 wird Ulbricht dann auf dem 33. ZK-Plenum erklären, dass der Gegner Anfang November 1956 die Medizinische und Veterinärmedizinische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin zum Ausgangspunkt der Konterrevolution machen wollte.[53] Hier war es zu erheblichen Unruhen, zu Verhaftungen und zu einer größeren Protestdemonstration am 5. November 1956 gekommen.[54] Allerdings, auch wenn die allgemeine Unruhe erheblich, die gesellschaftliche Missstimmung unübersehbar und die überwiegende politische Ablehnung des Systems eindeutig war – die SED-Führung und ihr MfS waren zu keinem Zeitpunkt 1956 ähnlich kopf- und konzeptionslos wie noch im Frühjahr 1953. Ganz im Gegenteil, sie hatten die Situation fest im Griff und konnten agieren, reagieren und waren kaum in der Situation, einer Entwicklung hinterher eilen zu müssen. Die sowjetischen Panzer in Ungarn festigten das Machtgefüge Ulbrichts.[55]  Ulbricht und sein Weggefährte Mielke nutzten die 29. ZK-Tagung am 12. und 13. November, um die Parteiführung auf die nachfolgende Politik einzustimmen. Sie erklärten, dass in der DDR ein vom Westen inszenierter Putsch geplant sei.[56] Außerdem werden die stillen Gegner in der SED, wie Mielke zu berichten wusste, »aufgefordert, nicht aus der Partei auszutreten, sondern in der Partei zu bleiben und noch größeren Einfluß zu bekommen«[57]. Sie sollen einen Umsturz bewirken. Verschleiert würde dies mit der Forderung, alle Stalinisten abzulösen.[58] Der Gegner tarne sich als Kabarettist, als Student, als Redakteur, als Philosoph. Wer heute eine Losung male, so Mielke, würde morgen mit der Waffe in der Hand gegen uns kämpfen.[59] Als in Ungarn die Panzer rollten, mussten in der DDR, so Mielke weiter, Konzessionen gemacht werden, um Ruhe zu bewahren.[60] Oppositionelle Studentenversammlungen in Berlin erinnerten Alfred Neumann an Naziversammlungen,[61] und Ulbricht, Mielke und Neumann waren sich auch einig, dass die Drohung eines Kampfgruppenkommandeurs, den Studenten die Knochen brechen zu wollen,[62] als proletarischer Ausdruck der Bereitschaft zum Klassenkampf berechtigt gewesen sei.  Es kam nicht dazu. Aber nur wenige Tage später, am 29. November 1956, setzte mit der Verhaftung Wolfgang Harichs die auf dieser Tagung angekündigte Repressions-, Disziplinierungs- und Verhaftungswelle ein, die die DDR bis 1958 beschäftigen sollte.[63] Nicht nur Ulbricht ging aus dieser Situation gestärkt hervor, auch das Ministerium für Staatssicherheit, dem seit November 1957 Mielke als Minister vorstand, erfuhr als Säule der SED-Herrschaft einen erneuten Bedeutungszuwachs.[64] Der ab Jahresende forcierte Kampf gegen den so genannten Revisionismus, der zu vielen politischen Prozessen führte, war mehr eine Präventionsmaßnahme als ein Abwehrkampf. Die von SED und MfS vielfach konstruierten sozialistischen Oppositionsgruppen existierten zumeist nur in der Fiktion der Herrschenden. Um die Abschaffung der SED-Herrschaft ging es Harich 1956 genauso wenig wie Walter Janka, Erich Loest oder einem der in diesem Zusammenhang verurteilten Studenten. Die antikommunistischen Widerstandsgruppen, die das aber genau anstrebten, waren 1956 denselben harten Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt wie in der Zeit vor und nach dem so genannten Tauwetter. Das Tauwetter war in der DDR nicht kräftig und lang genug, um den Frost wirklich zu vertreiben. Und ab Herbst 1956 überzog dann bereits eine neue Kälteperiode das Land. Über eines waren sich Ulbricht und Mielke gerade auch 1956 nur zu bewusst. Sie regierten gegen die Mehrheit der Bevölkerung. In einer etwas übertriebenen Form kursierte auch darüber ein Witz: »Ulbricht ist zu Besuch bei Mao Tse-tung und fragt ihn, ob er auch eine Opposition habe. ›Ja‹, antwortet Mao, ›so etwa 17 Millionen sind noch gegen uns.‹ ›Ach‹, meint Ulbricht erleichtert, ›in der DDR sind es auch nicht mehr!‹« Das Jahresende 1956: Eine Welt in Waffen veranstaltet Olympische Spiele Die Hoffnungen, die das Jahr 1956 zunächst weltweit geweckt hatte, waren spätestens mit der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution und dem zeitgleich entfachten Suez-Krieg weltweiten Befürchtungen gewichen, dass ein neuer Weltkrieg bevorstünde. So zumindest haben es damals viele Menschen empfunden. Deshalb haben es auch viele Menschen in der westlichen Welt, zumal in der Bundesrepublik, als richtig angesehen, dass die westliche Allianz militärisch nicht in Ungarn eingriff und den Revolutionären zu Hilfe eilte.[65] Deren tiefe Enttäuschung darüber ist vielfach belegt.[66] Das kommunistische System in Europa erfuhr in Folge der Ereignisse von 1956 hingegen eine Stabilisierung. Noch am 31. Oktober 1956 glaubte Rudolf Augstein wie auch viele andere, dass »Europa« nun wieder bis Brest reiche und das Ende der deutschen Spaltung bevorstünde.[67] Nur wenige Tage später »sandte der Chefredakteur der ungarischen Nachrichtenagentur MIT«, wie Milan Kundera in seinem berühmten Essay »Die Tragödie Mitteleuropas« 1984 einleitend festhielt, »kurz bevor sein Büro von der Artillerie dem Erdboden gleichgemacht wurde, per Fernschreiben die verzweifelte Botschaft an die ganze Welt, dass der russische Angriff auf Budapest begonnen habe. Das Fernschreiben endetet mit den Worten: ›Wir sterben für Ungarn und für Europa.‹«[68] Diese Botschaft steht sinnbildlich für alle Aufstände gegen die kommunistische Herrschaft. Ihre Erfüllung fand sie erst, nach einer Reihe weiterer Aufstände, mit der europäischen Revolution von 1989/91.[69] 1956 war dieser europäische Umbruch ebenso in weite Ferne gerückt wie zuvor 1953 oder später 1968, 1970 oder 1980/81. Das Jahr 1956 ging vielmehr mit düsteren Zukunftsaussichten zu Ende. Symbolisch standen dafür die XVI. Olympischen Sommerspiele. Es passte zu diesem Jahr, dass die Sommerolympiade im australischen Melbourne zu einer Zeit stattfand, als in Europa nicht nur der politische, sondern auch der meteorologische Frost regierte. Aufgrund der klimatischen Verhältnisse in Australien hatte das IOC die Olympiade auf den Zeitraum vom 22. November bis 8. Dezember 1956 anberaumt.  Versöhnlich aus deutscher Sicht war noch, dass wie zu den Winterspielen in Italien eine gesamtdeutsche Mannschaft an den Spielen teilnahm, hinter einer schwarz-rot-goldenen Fahne mit den fünf olympischen Ringen einmarschierte und bei Siegerehrungen Beethovens »Freude schöner Götterfunken« statt einer Nationalhymne erklang. Die Australier konnten nur vier Mal diese Hymne hören, mehr Goldmedaillen errangen die Deutschen nicht, darunter als erster DDRSportler der Boxer Wolfgang Behrendt.[70] Hatte es bereits im Vorfeld erhebliche politische Auseinandersetzungen um die Mannschaft gegeben,[71] so setzte sich der innerdeutsche Zwist im fernen Australien fort. Andere Länder wie Ägypten, Israel, Kambodscha, der Irak und der Libanon blieben wegen des Suez-Krieges den Spielen fern, noch andere wie die Niederlande, die Schweiz oder das faschistische Spanien kamen wegen der sowjetischen Invasion in Ungarn erst gar nicht. Taiwan wiederum fuhr aus Protest wegen der Teilnahme Festland-Chinas nicht, China wiederum reiste ab, weil im Olympiadorf statt der eigenen Fahne die von Taiwan gehisst worden war. Damit nicht genug.  Auf einem sowjetischen Dampfer fuhren ungarische und sowjetische Funktionäre Ende Oktober/Anfang November gemeinsam zu den Spielen ins ferne Australien. Der Kapitän hatte ganz bewusst keine Nachrichten ausgegeben, und so erfuhren die Ungarn erst nach ihrer Ankunft im Blitzlichtgewitter der Weltpresse, was die Russen in ihrer Heimat angestellt hatten. Das Entsetzen war riesengroß: »Ich will mit diesen Mördern nie wieder etwas zu tun haben«, lautete ein ungarischer Kommentar. Beim Einmarsch der Olympioniken während der Eröffnungsfeier erhielt dann die ungarische Mannschaft noch größeren Applaus als die einheimische, das gesamte Stadion erhob sich und übte Solidarität mit den Ungarn. Es war eine herbe Niederlage für die Sowjetunion unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Als dann auch noch die sowjetischen Wasserballer im Spiel gegen die beste Mannschaft der Welt, gegen die Ungarn, unsportliche, rüde Mittel einsetzten und ein ungarischer Sportler blutüberströmt aus dem Wasserbecken genommen werden musste, das Spiel beim Stand von 4:0 für die Ungarn abgebrochen wurde und die Ungarn später die Goldmedaille gewannen – da hatte die weltweit bejubelteste Goldmedaille ihre würdigsten Träger gefunden. Viele Ungarn fuhren anschließend nicht mehr nach Hause und flüchteten, wie es bereits Zehntausende vor ihnen getan hatten.  Eine weitere bewegende Szene dieser Olympiade spielte sich zwischen einer Ungarin und einer Russin ab. Die 34-jährige Ágnes Keleti und die 21-jährige Larisa Latynina, die erfolgreichsten Olympioniken von 1956, teilten sich die Goldmedaille im Bodenturnen. Beide zählen zu den erfolgreichsten Turnerinnen aller Zeiten. Während der Wettkämpfe erfuhr Keleti, dass ihre Mutter bei der sowjetischen Invasion in ihrer Heimat ums Leben gekommen war. Als ihre Nationalflagge emporstieg und die ungarische Hymne bei der Siegerehrung erklang, ergriff Keleti zögerlich die Hand ihrer neben ihr stehenden russischen Konkurrentin und beide standen Hand in Hand im Angesicht der ungarischen Flagge, die zum Symbol des Freiheitswillens der unterdrückten Menschen im Ostblock geworden war. Ágnes Keleti kehrte nicht nach Ungarn zurück und emigrierte nach Israel.  Es passte im Übrigen zur Atmosphäre des Jahres 1956, dass bei der Abschlussfeier erstmals bei einer Olympiade die Salutschüsse aus schweren Geschützen inmitten des Stadions erfolgten. Die australischen Artilleristen Ihrer Majestät standen, so könnte man deuten, symbolisch für das Jahr 1956, weil sie ganz unverblümt ihre Waffen zeigten. Ihre Botschaft schien zu lauten: Die alte Welt könne nur mit Waffengewalt behauptet werden. Dieses Unterfangen gelang historisch jedoch weder den Kolonialmächten noch den kommunistischen Staaten. [1]  Der folgende Beitrag basiert auf einem Einführungsvortrag zu einem Zeitzeugengespräch mit Wolfgang Leonhard, Ralph Giordano und Ulrich Mählert am 15. Januar 2006 im Berliner Zeughaus (siehe die Dokumentation »Erinnerungen an das Jahr 1956. Ein Gespräch mit Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano« in diesem JHK). Die Veranstaltung »Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956« wurde von der Stiftung Aufarbeitung, der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und dem Deutschen Historischen Museum organisiert. Der Aufsatz stellt eine leicht erweiterte und um Anmerkungen ergänzte Fassung des Vortrages dar.  [2]  Siehe Mindszenty, József Kardinal: Erinnerungen, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1974. [3]  Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen an Sir Winston S. Churchill am 10. Mai 1956. Rede von Sir Winston S. Churchill, in: <http://www.karlspreis.de>. [4]  Churchill-Rede, in: Der Spiegel Nr. 21 vom 23. Mai 1956, S. 11. [5]  Dass das »Tauwetter« schon vor 1956 in der Sowjetunion begonnen hatte, ist von Wolfgang Leonhard früh analysiert worden. Siehe Leonhard, Wolfgang: Kreml ohne Stalin, Köln 1959. Der Begriff »Tauwetter« geht auf den gleichnamigen Roman von Il’ja Ėrenburg zurück, den er 1953 zu schreiben begonnen hatte, und der 1954/55 zunächst in Fortsetzungen erschien. In deutscher Sprache brachte den Roman erstmals der Ostberliner Verlag Kultur und Fortschritt 1957 heraus. Eine Lizenzausgabe davon erschien noch im selben Jahr in Wien. Siehe Ehrenburg, Ilja: Über Literatur: Essays, Reden Aufsätze. Tauwetter: Roman, Berlin 1986. Ein weiterer berühmter »Tauwetter«-Roman war Dudinzew, Wladimir: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, 5. Aufl. Hamburg 1957. In der Sowjetunion erschien er 1956. Siehe in zeitgenössischer Perspektive zur sowjetischen Literatur: Shabinsky, Vladimir: Ostlicht. Russische Lyrik und Prosa 1956 und 1957, München/Berlin 1958. [6]  Aus der Literatur siehe z. B. Heinemann, Winfried/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.): Das Internationale Krisenjahr 1956. Polen, Ungarn, Suez, München 1999; Mastny, Vojtech/Schmidt, Gustav: Konfrontationsmuster des Kalten Krieges, München 2003. Speziell zur Haltung der SED-Führung siehe Lorenzen, Jan N.: Die Haltung der DDR zum Suez-Krieg. Das Jahr 1956 als Zäsur in der Nahost-Politik der DDR, in: Deutschland Archiv 28 (1995), H. 3, S. 278–285. [7]  Hinzu kam als Folge des XX. Parteitages, was hier ausgeblendet bleiben muss, aber für die kommunistische Weltbewegung von enormer Bedeutung war: die faktische Spaltung des Kommunismus in mehrere »nationalkommunistische« Lager mit zum Teil antisowjetischer Ausrichtung. [8]  Aus der umfangreichen Literatur siehe Rothermund, Dietmar: Delhi, 15. August 1947. Das Ende kolonialer Herrschaft, München 1998; Marx, Christoph: Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn u. a. 2004; Dülffer, Jost: Europa im Ost-West-Konflikt 1945– 1991, München 2004; Judt, Tony: Postwar. A History of Europe Since 1945, New York 2005, S. 278–323. [9]  Siehe Schrecker, Ellen: Many Are the Crimes. McCarthyism in America, Princeton, N. J. 1998; Mergel, Thomas: »The Enemy in Our Midst«. Antikommunismus und Amerikanismus in der Ära McCarthy, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51 (2003), H. 3, S. 237–257. [10]  Siehe etwa Furet: Das Ende der Illusion (Anm. 7); Ackermann, Ulrike: Sündenfall der Intellektuellen. Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute, Stuttgart 2000; Der arme Mitläufer Jean-Paul [gemeint ist Jean-Paul Sartre, Anm. d. A.], in: Der Spiegel Nr. 49 vom 5. Dezember 1956, S. 30–39. Anders als Sartre hingegen z. B. Camus, Albert: Fragen der Zeit, Reinbek bei Hamburg 1960, S. 232–248 u. Aron, Raymond: Opium für Intellektuelle oder Die Sucht nach Weltanschauung, Köln/Berlin 1957. Schließlich ist exemplarisch für die westliche Rezeption hinzuweisen auf Arendt, Hannah: Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus, München 1958. [11]  Fernseh-Übertragungen, in: Der Spiegel Nr. 9 vom 29. Februar 1956, S. 15. [12]  Siehe etwa Fernsehgeschichte als Zeitgeschichte – Zeitgeschichte als Fernsehgeschichte, Potsdam 2004. [13]  Grotum, Thomas: Die Halbstarken. Zur Geschichte einer Jugendkultur der 50er Jahre. Frankfurt a. M./New York 1994. [14]  Siehe etwa Rudorf, Reginald: Jazz in der Zone, Köln/Berlin 1964; Poiger, Uta G.: Jazz, Rock and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany, Berkeley/Los Angeles/London 2000; Bratfisch, Rainer (Hrsg.): Freie Töne. Die Jazzszene in der DDR, Berlin 2005; Lücke, Martin: Verfemt, verehrt, verboten. Jazz im Stalinismus zwischen Repression und Freiheit, in: Osteuropa 55 (2005), H. 11, S. 67–77. [15]  ZK-Abt. Org.-Instrukteure, Vorlage an das Sekretariat, Einschätzung der gegenwärtigen Bandentätigkeit vom 4. Dezember 1959, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30, IV 2/ 16/ 230. [16]  Siehe Engelmann, Roger/Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Volkserhebung gegen den SEDStaat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005; Kowalczuk, Ilko-Sascha: [17]  Siehe Eisenfeld, Bernd/Kowalczuk, Ilko-Sascha/Neubert, Ehrhart: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004. [18]  Siehe Kozlov, Vladimir A.: Mass Uprisings in the USSR. Protest and Rebellion in the PostStalin Years, Armonk, N. Y./London 2002, S. 112–135; Gerber, Jürgen: Georgien: Nationale Opposition und kommunistische Herrschaft seit 1956, Baden-Baden 1997, S. 33–60. [19]  Eine besonders plastische Darstellung der Vorgänge in der DDR findet sich bei Mitter, Armin/Wolle, Stefan: Untergang auf Raten. Unbekannte Kapitel der DDR-Geschichte, München 1993. [20]  Siehe ausführlich Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die innere Staatsgründung. Von der gescheiterten Revolution 1953 zur verhinderten Revolution 1961, in: Diedrich, Torsten/Kowalczuk, IlkoSascha (Hrsg.): Staatsgründung auf Raten? Zu den Auswirkungen des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 auf Staat, Militär und Gesellschaft der DDR, Berlin 2005, S. 341– 378. [21]  Siehe etwa Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), MfS, AS 78/59 u. SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 5/ 282. [22]   In der Bundesrepublik ist am 21. Juli 1956, in der DDR nach dem Mauerbau zum 1. Januar 1962 die Wehrpflicht eingeführt worden.  [23]  Siehe Aksjutin, Jurij: Der XX. Parteitag der KPdSU, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1996, S. 36–68; Naumov, Vladimir: Zur Geschichte der Geheimrede N. S. Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeit geschichte 1 (1997), H. 1, S. 137–177; Taubman, William: Khrushchev. The Man and his Era, New York 2003, S. 270–289; Werth, Nicolas: Histoire d’un »pré-rapport secret«. Audaces et silences de la Commission Pospelov janvier–février 1956, in: Communisme 2001, H. 67/68 S. 9–38. [24]  Siehe nur Holzer, Jerzy: Der Kommunismus in Europa. Politische Bewegung und Herrschaftssystem, Frankfurt a. M. 1998; Malia, Martin: Vollstreckter Wahn. Russland 1917–1991, Stuttgart 1994; Furet: Das Ende der Illusion (Anm. 7). [25]  Siehe die deutsche Übersetzung: Die Entlarvung des Stalin-Terrors. Wortlaut der Rede Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Hrsg. vom SPD-Ostbüro (= Tarnschrift für die DDR: Sonderausgabe der Zeitschrift Einheit), Bonn 1956. [26]  Siehe Jakowlew, Alexander N.: Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland, Berlin 2004, S. 32; Talbott, Strobe/Crankshaw, Edward (Hrsg.): Chruščev erinnert sich. Die authentischen Memoiren, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 328. Auch in der 1989 in der Sowjetunion offiziell publizierten »Geheimrede« sind nur ganze wenige Regungen aus dem Saal überliefert. Siehe Über den Personenkult und seine Folgen. Rede N. S. Chruščevs in der internen Sitzung des XX. Parteitages der KPdSU, 25. Februar 1956, in: SED und Stalinismus. Dokumente aus dem Jahre 1956, Berlin 1990, S. 8–68, hier S. 21 f. u. 24. Der Spiegel wusste noch zu berichten, dass 30 Delegierte ohnmächtig aus dem Saal getragen werden mussten und Chruščev während seiner Rede viermal in Tränen ausgebrochen sein soll. Chruschtschew-Rede, in: Der Spiegel Nr. 13 vom 28. März 1956, S. 27. [27]  Siehe Schirdewan, Karl: Aufstand gegen Ulbricht. Im Kampf um politische Kurskorrektur, gegen stalinistische, dogmatische Politik, Berlin 1994, S. 77 f. [28]  Ders.: Ein Jahrhundert Leben. Erinnerungen und Visionen. Autobiographie, Berlin 1998, S. 252. [29]  MfS, Abt. Information: Neue Argumente zum XX. Parteitag der KPdSU (5. Bericht) vom 14. März 1956, in: BStU, MfS, AS 89/59, Bl. 134. [30]  Christoph Hein schilderte in seiner Erzählung Der Tangospieler aus dem Jahr 1989 eine ähnliche Begebenheit vom Morgen des 21. August 1968. Studierende konfrontierten ihren Dozenten mit der Behauptung, Warschauer-Pakt-Truppen seien in die ČSSR einmarschiert. Dieser, er hatte keine Westnachrichten gehört und der Ostfunk schwieg noch, wies solche Behauptungen als Feindpropaganda brüsk zurück. Kurz darauf zeigte er sich bei der Parteileitung an. [31]  Neues Deutschland vom 18. März 1956. [32]  Ulbricht erklärte am 22. März auf der 26. Tagung des ZK der SED: »Den Text [der Geheimrede, Anm. d. A.], der dazu notwendig war, konnte ich gestern Abend dem Genossen Schirdewan übergeben.« SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 156, Bl. 134. [33]  Das wird allerdings nicht aus dem überlieferten Protokoll, sondern aus den Reaktionen der Teilnehmer deutlich. [34]  Stenografische Niederschrift der 26. Tagung des ZK der SED vom 22. März 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 156, Bl. 69. [35]  Ebenda, Bl. 59–61 u. 111–117. [36]  Ebenda, Bl. 137. [37]  Eine solche Rededisposition für leitende Parteikader ist überliefert. Brief des Genossen Chruščev an die Delegierten des XX. Parteitages über den Personenkult und seine Auswirkungen, in: BStU, MfS, Ast. Berlin, ZPL A 1314/7, Bl. 3–16. Ziel war es, wie es hieß, »dieses Material […] unter dem Gesichtspunkt der Wiederherstellung der leninschen Parteinormen« auszuwerten«. Ebenda, Bl. 16. [38]  Stenografische Niederschrift der 26. Tagung des ZK der SED vom 22. März 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 156, Bl. 138. [39]  Ebenda, Bl. 139. [40]  Siehe die Dokumentationen: SED und Stalinismus (Anm. 26); Zur Entlassung werden vorgeschlagen … Wirken und Arbeitsweise der Kommission des ZK zur Überprüfung von Angelegenheiten von Parteimitgliedern 1956; Berlin 1991; Klein, Thomas: »Für die Einheit und Reinheit der Partei«. Die innerparteilichen Kontrollorgane der SED in der Ära Ulbricht, Köln/Wiemar/Wien 2002. [41]  Protokoll der Verhandlungen der 3. Parteikonferenz der SED, 24. März bis 30. März 1956, Berlin 1956, S. 305–320. [42]  Das wird aber wiederum aus dem offiziellen Protokoll nicht ersichtlich. Schirdewan schrieb später: »Ich hatte auf der Parteikonferenz auch die Aufgabe, den Wortlaut der uns zur Verfügung gestellten Geheimrede vorzutragen.« Schirdewan: Aufstand gegen Ulbricht (Anm. 27) S. 85. [43]  Protokoll der Verhandlungen der 3. Parteikonferenz (Anm. 41), S. 947–958. [44]  SED-Parteileitung, Humboldt-Universität zu Berlin, Informationsbericht über Diskussionen zum XX. Parteitag der KPdSU vom 2. März 1956, in: SAPMO-BArch, BPA IV 4/12/052. [45]  Siehe etwa Schmidt, Karl-Heinz: Als Stalin starb. Die Reaktion des SED-Regimes und der Bevölkerung im Spiegel interner Berichte, in: Schroeder, Klaus (Hrsg.): Geschichte und Transformation des SED-Staates. Beiträge und Analysen, Berlin 1994, S. 84–111. [46]  Siehe zum »Stalin-Kult« Heller, Klaus/Plamper, Jan (Hrsg.): Personality Cults in Stalinism – Personenkulte im Stalinismus, Göttingen 2004; Apor, Balázs u. a. (Hrsg.): The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc, Basingstoke/New York 2004. Als Erinnerungsbericht beeindruckend Giordano, Ralph: Die Partei hat immer recht, Köln/Berlin 1961. Siehe auch Becher, Johannes R.: Selbstzensur, in: Sinn und Form 40 (1988), S. 543–551. [47]  Die zahlreichen überlieferten Stimmungs- und Lageberichte von SED und MfS aus dem Jahre 1956 erweisen sich in ihren Grundaussagen als deckungsgleich. [48]  Aus der Literatur ist hinzuweisen auf folgende Dokumentationen, die die Ereignisse in Polen bzw. Ungarn spiegeln. Békés, Csaba/Byrne, Malcolm/Rainer, János M. (Hrsg.): The 1956 Hungarian Revolution: A History in Documents, Budapest/New York 2002; Györkei, Jenő/Horváth, Miklós (Hrsg.): Soviet Military Intervention in Hungary 1956, Budapest 1999; Zinner, Paul E. (Hrsg.): National Communism and Popular Revolt in Eastern Europe. A Selection of Documents on Events in Poland and Hungary, February-November 1956, New York 1956; Die ungarische Revolution. Rundfunk-Dokumente, München 1957; Die ungarische Revolution. Ost-westliche Presseschau, München 1957; Siegler, Heinrich: Die Ereignisse in Polen und Ungarn, Bonn/Wien/Zürich 1957. Außerordentlich aufschlussreich ist zudem Der Volksaufstand in Ungarn. Bericht des Sonderausschusses der Vereinten Nationen. Untersuchungen, Dokumente, Schlussfolgerungen, Bonn 1957. Für die Vorgeschichte der ungarische Revolution aufschlussreich Mevius, Martin: Agents of Moscow. The Hungarian Communist Party and the Origins of Socialist Patriotism 1941–1953, Oxford 2005; Borhi, László: Hungary in the Cold War 1945–1956. Between the United States and the Soviet Union, Budapest/New York 2004; Rainer, János M.: Der »Neue Kurs« in Ungarn 1953, in: Kleßmann, Christoph/ Stöver, Bernd (Hrsg.): 1953 – Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 71–92. Die historische Forschung zu beiden Ereignissen hat sich mittlerweile erheblich ausdifferenziert und ist nur noch schwer zu überschauen. Siehe als Beispiele Heinemann, Wiggershaus (Hrsg.): Das Internationale Krisenjahr 1956 (Anm. 6); Litván, György/Bak, János M. (Hrsg.): Die ungarische Revolution 1956. Reform – Aufstand – Vergeltung, Wien 1994; Hahn, Hans Henning/Olschowsky, Heinrich (Hrsg.): Das Jahr 1956 in Ostmitteleuropa, Berlin 1996; Hegedüs, András B./Wilke, Manfred (Hrsg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der »Neue Kurs«. 17. Juni 1953 in der DDR. Ungarische Revolution 1956, Berlin 2000; Heller, Agnes/Fehér, Ferenc: Ungarn ’56. Geschichte einer antistalinistischen Revolution, Hamburg 1982; Alföldy, Géza: Ungarn 1956. Aufstand, Revolution, Freiheitskampf, Heidelberg 1997; Foitzik, Jan (Hrsg.): Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953–1956. Vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand. Politische, militärische, soziale und nationale Dimensionen, Paderborn u. a. 2001; Kircheisen, Inge (Hrsg.): Tauwetter ohne Frühling. Das Jahr 1956 im Spiegel blockinterner Wandlungen und internationaler Krisen, Berlin 1995; Lemberg, Hans (Hrsg.): Zwischen »Tauwetter« und neuem Frost. Ostmitteleuropa 1956–1970, Marburg 1993; Timmermann, Heiner/Kiss, László (Hrsg.): Ungarn 1956: Reaktionen in Ost und West, Berlin 2000; Beyrau, Dietrich/Bock, Ivo (Hrsg.): Das Tauwetter und die Folgen. Kultur und Politik in Osteuropa nach 1956, Bremen 1988. Auswirkungen des Jahres 1956 auf die polnische Geheimpolizei sind analysiert bei Dudek, Antoni/Paczkowski, Andrzej: Poland, in: Persak, Krzysztof/Kamiński, Łukasz (Hrsg.): A Handbook of the Communist Security Apparatus in East Central Europe, 1944–1989, Warschau 2005, S. 221–283. [49]  Dafür finden sich sowohl in den Hinterlassenschaften der SED als auch des MfS zahlreiche Belege. Die Wahrnehmung der polnischen Ereignisse durch ostdeutsche Schriftsteller ist analysiert von Brandt, Marion: Für eure und unsere Freiheit? Der Polnische Oktober und die Solidarność-Revolution in der Wahrnehmung von Schriftstellern aus der DDR, Berlin 2002. [50]  Siehe Kowalczuk, Ilko-Sascha: Frost nach dem kurzen Tauwetter: Opposition, Repressalien und Verfolgungen 1956/57 in der DDR. Eine Dokumentation des Ministeriums für Staatssicherheit, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1997, S. 167–215. [51]  Siehe Eisenfeld/Kowalczuk/Neubert: Die verdrängte Revolution (Anm. 17); Lindenberger, Thomas: Volkspolizei. Herrschaftspraxis und öffentliche Ordnung im SED-Staat 1952–1968, Köln/Berlin/Wien 2003; Diedrich, Torsten/Wenzke, Rüdiger: Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952–1956, Berlin 2001. [52]  Siehe Krüger, Joachim: Votum für bewaffnete Gewalt. Ein Beschluss des Politbüros vom November 1956, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 34 (1992), H. 4, S. 75–85. [53]  Überarbeitetes Protokoll des 33. Plenums des ZK der SED vom 16. bis 19. Oktober 1957, SAPMO-BArch, IV 2/1/187, Bl. 97. [54]  Siehe dazu ausführlich Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die Niederschlagung der Opposition an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin in der Krise 1956/57, Berlin 1997; Ders.: Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003. [55]  Siehe Mitter/Wolle: Untergang auf Raten (Anm. 19); Engelmann, Roger/Schumann, Silke: Kurs auf die entwickelte Diktatur. Walter Ulbricht, die Entmachtung Ernst Wollwebers und die Neuausrichtung des Staatssicherheitsdienstes 1956/57 (= BStU. Abt. Bildung und Forchung: BF informiert, H. 1/95), Berlin 1996. [56]  Stenografische Niederschrift der 29. Tagung des ZK der SED vom 12. bis 13. November 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30, IV 2/ 1/ 166, Bl. 102–103. [57]  Ebenda, Bl. 104. [58]  Ebenda, Bl. 107. [59]  Ebenda, Bl. 111. [60]  Ebenda, Bl. 114. [61]  Ebenda, Bl. 215. [62]  Siehe das entsprechende Dokument bei Kowalczuk: Die Niederschlagung der Opposition (Anm. 54), S. 36. [63]  Siehe Kowalczuk: Frost nach dem kurzen Tauwetter (Anm. 50). [64]  Siehe Engelmann/Schumann: Kurs auf die entwickelte Diktatur (Anm. 55). [65]  Der Spiegel Nr. 48 vom 28. November 1956, S. 14 f. [66]  Siehe zusätzlich zu der bereits erwähnten Literatur Stöver, Bernd: Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1991, Köln/Weimar/Wien 2002. [67]  Daniel, Jens [Pseudonym von Augstein, Rudolf]: Europa reicht wieder bis Brest, in: Der Spiegel Nr. 44 vom 31. Oktober 1956, S. 10 f. [68]  Kundera, Milan: Die Tragödie Mitteleuropas, in: Busek, Erhard/Wilflinger, Gerhard (Hrsg.): Aufbruch nach Mitteleuropa. Rekonstruktion eines versunkenen Kontinents, Wien 1986, S. 133. [69]  Siehe Dahrendorf, Ralf: Betrachtungen über die Revolution in Europa in einem Brief, der an einen Herrn in Warschau gerichtet ist 1990, Stuttgart 1990; Ders./Furet, François/Geremek, Bronisław: Wohin steuert Europa? Ein Streitgespräch, Frankfurt a. M./New York/Paris 1993; Dahrendorf, Ralf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. Reden und Aufsätze, München 2004. Siehe auch Kowalczuk, Ilko-Sascha: 1989 in Perspektive: Ralf Dahrendorfs Antiutopismus, in: Merkur 59 (2005), H. 1, S. 65–69. [70]  Bei den Winterspielen 1956 hatte der Skispinger Harry Glaß eine Bronzemedaille, die erste Olympiamedaille für die DDR überhaupt, gewonnen. [71]  Siehe Blasius, Tobias: Olympische Bewegung, Kalter Krieg und Deutschlandpolitik 1949– 1972, Frankfurt a. M. 2001. 

JHK 2006

»Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig« - Das Verhältnis des KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie 1921/22

Florian Wilde

Ernst Meyer (1887 bis 1930), obwohl »einer der bemerkenswertesten Führer des deutschen Kommunismus«[1], ist bis heute relativ unbekannt geblieben. Außer einigen Kurzbiographien[2], der sehr ergiebigen politischen Autobiographie seiner Frau sowie einem Aufsatz von Hermann Weber aus dem Jahre 1968 gibt es keine Arbeiten, die sich intensiver mit ihm beschäftigen.[3] Dabei spielte Meyer von seinem Eintritt in die SPD 1908 bis zu seinem Tod eine wichtige Rolle auf dem linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung. Meyer, zum Freundeskreis um Rosa Luxemburg zählend, gehörte nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu den Gründern und Führern der Gruppe Internationale und des aus ihr hervorgegangenen Spartakusbundes. Diese Gruppen vertrat er auch als Delegierter auf den internationalen Treffen sozialistischer Kriegsgegner in Zimmerwald (1915) und Kienthal (1916). Auf dem Gründungsparteitag der KPD wurde er in die Zentrale der Partei gewählt, der er in den folgenden Jahren fast ununterbrochen angehörte und in der er verschiedene leitende Funktionen übernahm. Am II. und IV. Weltkongress der Komintern (1920 und 1922) nahm Meyer als KPD-Delegierter teil. In Folge der Verhaftung des KPD-Vorsitzenden Heinrich Brandler[4] im April 1921 übernahm Meyer kommissarisch die Leitung der Partei. Nach dem Jenaer Parteitag im August 1921 zum Leiter des Polbüros gewählt, wurde er zum faktischen Vorsitzenden der KPD.[5] Vor allem wegen der von Meyer vorangetriebenen Einheitsfrontpolitik gegenüber SPD und Gewerkschaften gelang unter seiner Führung eine Konsolidierung der KPD als Massenpartei.  Nach Brandlers Rückkehr aus der Haft im August 1922, wurde Meyer mit Unterstützung des Komintern-Apparates allmählich entmachtet und auf dem Leipziger Parteitag der KPD (Januar 1923) nicht wieder in die Zentrale gewählt. Als der linke Flügel um Ruth Fischer Anfang 1924 die Führung der Partei übernahm, wurde Meyer zur führenden Figur der oppositionellen Kreise, der so genannten Mittelgruppe, von ihren Gegnern später als »Versöhnler« geschmäht. 1926 kehrte er als Führer der Mittelgruppe in die zentralen Gremien der Partei zurück, war vorübergehend neben Thälmann der »eigentliche Parteiführer« und bestimmte abermals »maßgebend die Geschicke der KPD«.[6] Nach der erneuten ultralinken Wende der KPD 1929 wurde Meyer, bereits schwer krank, aus der Führung entfernt und in der Partei an den Rand gedrängt. Am 2. Februar 1930 starb Ernst Meyer und wurde auf dem Sozialisten-Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde bestattet. Die KPD 1921/22: Noch eine demokratisch verfasste Partei?  Die Frage, wie demokratisch verfasst die KPD Anfang der 20er Jahre war, ist in der Forschung heftig umstritten. In der »klassischen« westdeutschen KPD-Forschung, so in Ansätzen bei Ossip K. Flechtheim und vor allem bei Hermann Weber, wird deutlich zwischen einer diskussionsfreudigen, demokratischen Anfangsphase der KPD und einer entdemokratisierten, vom Parteiapparat bürokratisch gesteuerten, von der Komintern und damit der Führung der KPdSU gänzlich abhängigen KPD der späten Weimarer Republik unterschieden. Dazwischen habe die Phase der in der KPD anfänglich als »Bolschewisierung« deklarierten Stalinisierung und einer damit verbundenen grundlegenden »Wandlung« der Partei in den Jahren 1924 bis 1928 gelegen: »[Die Stalinisierung] bedeutete für die KPD den Wandel von einer Partei mit einem hohen Maß an innerer Demokratie in eine disziplinierte Organisation mit strikt zentralisierter Befehlsgewalt. Stalinisierung hieß Veränderung des inneren Aufbaus, Entstehung einer monolithischen, straff durchorganisierten, hierarchischen Partei. In ihr beherrschte die Führungsspitze mit Hilfe des Apparates […] die Mitgliedschaft; die Politik wurde im Sinne und entsprechend den Weisungen der Stalinschen KPdSU praktiziert. […] An die Stelle von Pluralismus, Selbständigkeit, Diskussion und Autonomie [traten] Unterordnung, Gläubigkeit, Disziplin und Kommandoherrschaft«.[7] Mit der Stalinisierung sei das Entwicklungspotenzial eines in der Anfangsphase der Partei noch dominanten »demokratischen Kommunismus« Luxemburgischer Prägung verschüttet worden, der in der Auseinandersetzung mit dem »diktatorisch-bürokratischen Kommunismus« schließlich unterlegen sei.[8] Die Stalinisierung sei aber »schwerlich als notwendiger und unumgänglicher, ja wohl nicht einmal als folgerichtiger Werdegang des deutschen Kommunismus zu begreifen«.[9] Diese Wandlungsthese wurde von Weber vor allem in seinem 1969 erschienenen, richtungweisenden Werk Die Wandlung des deutschen Kommunismus heraus gearbeitet.[10] An ihrer Gültigkeit hält Weber bis heute fest.[11] Es gibt aber auch Stimmen, die dieser These widersprechen. In ihrem 1986 erschienenen Werk Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD 1921 siedelt Sigrid Koch-Baumgarten, obwohl sie an der Wandlungsthese grundsätzlich festhält,[12] die erste Metamorphose des Kommunismus schon vor der Phase 1924 bis 1928 an. Sie bezeichnet bereits die Ausschlüsse von Mitgliedern in Folge der Auseinandersetzung um die Märzaktion[13] als »Säuberungswellen« und kommt zu dem Schluss: »Damit war die erste und entscheidende Phase der ›Bolschewisierung‹ der KPD schon 1922 abgeschlossen – die nicht, wie bisher angenommen, erst Mitte der 20er Jahre einsetzte«.[14] »Alle für die weitere Entwicklung der KPD realkommunistischer Prägung grundlegenden Formen und Voraussetzungen bildeten sich schon in dieser Phase heraus […]«[15] – also eben jener Phase, in der Ernst Meyer an der Spitze der Partei stand. Noch einen deutlichen Schritt weiter geht Klaus-Michael Mallmann in seinem 1996 erschienenen Werk Kommunisten in der Weimarer Republik, in dem er die von ihm als »Stalinisierungs-Orthodoxie« bezeichnete Wandlungsthese Webers grundlegend zurückweist.[16] Autoritäre Strukturen und Apparatherrschaft seien ein dem deutschen Kommunismus von Anfang an immanentes Phänomen gewesen und die These vom in der Frühzeit der KPD dominanten »demokratischem Kommunismus« luxemburgischer Prägung daher nicht haltbar. Als Beleg führt Mallmann u. a. den Heidelberger Parteitag 1919[17] an: Nicht einmal Thälmann habe sich später einen Rigorismus im Durchgreifen erlaubt, wie die Zentrale um den sich als Testamentsvollstrecker Luxemburgs fühlenden Levi.[18] Mallmann kommt daher zu dem Schluss: »Es bedurfte nicht Stalins, um die KPD zu ›stalinisieren‹«.[19] Einer der jüngsten Beiträge zu diesem Thema stammt von Andreas Wirsching.[20] Auch wenn sein Aufsatz in weiten Teilen gegen Mallmann gerichtet ist, stimmt er ihm hinsichtlich der Kritik an der Weberschen Stalinisierungsthese weitgehend zu: Sie gehöre »zu den überzeugendsten des ganzen Buches« und komme der historischen Realität »weitaus näher als Webers These vom demokratischen, ›luxemburgischen‹ Frühkommunismus«.[21] Der Heidelberger Parteitag gebe Anlass, »die These von der ›weitgehenden innerparteilichen Demokratie‹ nachhaltig in Frage zu stellen«.[22] Die Keime von Apparatherrschaft und Abhängigkeit von Moskau seien bereits 1919/20 gelegt worden und »als dementsprechend folgerichtig und weitgehend determiniert erscheint die Entwicklung zur ›Stalinisierung‹. […] Man sollte daher weniger von ›Stalinisierung‹ sprechen als von einer sehr frühen Bolschewisierung [Unterstreichung im Original, Anm. d. A.] der KPD ausgehen«.[23] In jedem Fall ist Wirsching zuzustimmen, wenn er fordert: »Die These von den alternativen Potenzialen der Frühzeit [muss] sich am empirischen Material konkret erweisen«.[24]  Einen Beitrag hierzu soll der vorliegende Artikel leisten. In ihm soll das Verhältnis des Parteivorsitzenden Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie in der KPD in den Jahren 1921/22 herausgearbeitet werden. Da ein wesentlicher Gradmesser für den demokratischen Zustand einer Partei ihr Umgang mit oppositionellen Minderheiten ist, soll im Folgenden der Umgang Meyers und der von ihm geleiteten Zentrale mit dem rechten und dem linken Flügel der Partei untersucht werden.[25] Der Schwerpunkt wird dabei auf der Auseinandersetzung mit der rechten Opposition liegen, da diese im untersuchten Zeitraum ihren Höhepunkt und Abschluss erreichte. Dabei wird es nicht um die inhaltlichen Dimensionen der Debatten gehen, sondern um die grundlegenden Positionen Meyers (bzw. der von ihm geleiteten Zentrale) zur parteiinternen Demokratie, die sich anhand der Konflikte mit den oppositionellen Flügeln herausarbeiten lassen. Aus den Positionen Meyers sollen abschließend Rückschlüsse auf den Zustand der innerparteilichen Demokratie in der KPD 1921/22 gezogen werden. Der Konflikt mit der rechten Opposition Die »Märzaktion« hatte die KPD 1921 in eine schwere Krise gestürzt. Der ehemalige Parteivorsitzende Paul Levi äußerte öffentlich scharfe Kritik am putschistischen Kurs der Partei und wurde daraufhin ausgeschlossen. Eine Reihe führender KPD-Mitglieder verließ mit ihm die Partei. Im September 1921 schlossen sie sich in der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (KAG) zusammen.[26] Sie versuchten, von außen den Kurs der KPD zu beeinflussen und hielten gleichzeitig Kontakt mit aufgeschlossenen Mitgliedern des rechten Flügels innerhalb der Partei. Zwischen dem rechten und dem ultralinken Flügel etablierte sich eine Zentrumsströmung um Ernst Meyer. Diese Strömung dominierte die auf dem Jenaer Parteitag der KPD (22. bis 26. August 1921) neu gewählte Zentrale. Zum Umgang mit den oppositionellen Strömungen meinten alle ZentraleMitglieder, »daß es absolut notwendig ist, mit starker Hand in das politische Leben der Partei einzugreifen, aber nicht durch organisatorische Maßnahmen, sondern durch politische Betrachtung des Objekts«.[27] Und im Rundschreiben der Zentrale vom 30. Oktober 1921 heißt es: »Insbesondere ersuchen wir die Genossen aus den Bezirken, in keiner Weise […] zu Repressalien gegen rechtsstehende Parteigenossen vorzugehen, sondern noch mehr als bisher die Genossen zu tätiger Mitarbeit heranzuziehen«.[28] Das Bestreben, politische Konflikte in der Partei in erster Linie politisch und nicht organisatorisch, also etwa durch Maßregelungen oder gar Ausschlüsse, zu lösen, war in den folgenden parteiinternen Auseinandersetzungen für die Haltung der gesamten Zentrale kennzeichnend, vor allem aber für die Einstellung Meyers. In seinem Referat auf der November-Sitzung des Zentralausschusses (ZA; höchstes Beschluss fassendes Gremium der KPD zwischen den Parteitagen, tagte 1921/22 vierteljährlich) setzte sich Meyer auffallend sachlich mit den Auffassungen der KAG auseinander. Auch wenn er abschließend ihr »Vorgehen […] und ihre Existenz überhaupt als ein Verbrechen an der Arbeiterschaft« bezeichnete, da sie »diejenigen Elemente aus der USP und SPD fernhält, die bereit sind, zu unserer Partei zu kommen«, welche aufgrund der Kritik der KAG glaubten, »dass auch unsere Partei absolut nichts tauge«, so trat er doch unbedingt für eine politische Auseinandersetzung mit dieser Gruppe ein: Die KPD habe die Auffassungen der KAG »politisch zu diskutieren und in der Diskussion zu widerlegen, und unsere Parteipresse wird […] kurz, sachlich und nüchtern die arbeitsgemeinschaftlichen Auffassungen widerlegen müssen. Organisatorisch gegen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft vorzugehen, ist nur dann nötig, wenn die Arbeitsgemeinschaft […] anfängt, sich zu einer Partei auszubilden und organisatorisch uns Schwierigkeiten zu machen. Dann werden wir dem organisatorischen Vorgehen, das über eine rein publizistische Vertretung ihrer Interessen und falschen Auffassungen hinübergeht, auch organisatorisch antworten müssen«.[29]  Im Winter 1921/22 erreichte der Konflikt mit der rechten Opposition in der so genannten »Frieslandkrise« seinen Höhepunkt und Abschluss.[30] Ernst (Reuter) Friesland, Generalsekretär der KPD, hatte sich, obwohl ursprünglich dem ultralinken Flügel der Partei nahe stehend, seit dem Jenaer Parteitag immer mehr den Positionen der KAG angenähert.  Auf ihrer Reichskonferenz am 20. November 1921 hatte die KAG die Annahme von »Leitsätzen« beschlossen, die verschiedene von ihr an die KPD gestellte Forderungen (gemeint auch als Voraussetzung für den Wiedereintritt der KAG in die KPD) enthielten.[31] Trotz bereits zuvor bestehender Differenzen kam es für die anderen Zentrale-Mitglieder sehr überraschend, dass sich Friesland auf der Sitzung des Polbüros am 12. Dezember und erneut auf der Sitzung der Zentrale am 14. Dezember 1921 zu den Forderungen der KAG bekannte[32], an denen nur schlecht sei, »dass sie von der KAG und nicht von der KPD selber gestellt sind«.[33] Damit war seine Mitgliedschaft im Führungsgremium der KPD problematisch geworden. Das Polbüro beschloss noch am 12. Dezember 1921 mit 5 gegen 3 Stimmen (neben Friesland scheinen Clara Zetkin und Ernst Meyer, der persönlich ein gutes Verhältnis zu Friesland hatte, dagegen gestimmt zu haben[34]), das Amt des Generalsekretärs abzuschaffen und damit Friesland dieses Postens zu entheben. Einige Zentrale-Mitglieder forderten auch Frieslands Ausschluss aus der Zentrale. Meyer sprach sich dagegen aus.[35] Auf ihrer Sitzung am 27. Dezember 1921 beschloss die Zentrale in Abwesenheit Meyers dann einstimmig, bis zur nächsten ZA-Sitzung Friesland von seinen Funktionen in der Zentrale und die mit ihm sympathisierenden Otto Brass und Heinrich Malzahn von ihren Funktionen in der RGZ (Reichsgewerkschaftszentrale der KPD) zu suspendieren.[36] Meyer stimmte nachträglich der Suspendierung Frieslands zu, hielt die Maßnahmen gegen Brass und Malzahn aber für verfehlt.[37]  Grund für die Suspendierung der betreffenden Genossen war, dass sie am 20. Dezember einen gemeinsamen Aufruf an die Mitglieder der KPD veröffentlicht hatten, der Sympathien mit den Positionen der KAG erkennen ließ. Am gleichen Tag veröffentlichte Friesland eine Broschüre Zur Krise unserer Partei, die sich mit denselben Themen beschäftigte. Am 22. Dezember legten Friesland, Malzahn und Brass der Zentrale eine von 128 Genossen, darunter fünf Mitgliedern der Reichstagsfraktion, unterzeichnete Erklärung vor, in der der Rücktritt verschiedener Zentrale-Mitglieder und die Einrichtung eines internen Untersuchungsausschusses zur Märzaktion gefordert wurde. Anfang Januar erschien ein weiterer, diesmal von 28 prominenten Oppositionellen unterzeichneter Aufruf.[38]  Die zunehmend unter Druck geratene Zentrale veröffentlichte am 17. Dezember in ihrem »Politischen Rundschreiben« folgenden Beschluss: »Die Stellung der KPD wie aller ihrer Mitglieder zur KAG kann […] nur die des schärfsten Kampfes sein. Jede direkte oder indirekte Unterstützung der Bestrebungen der KAG in den Reihen der KPD ist unvereinbar mit den Pflichten eines Parteimitglieds.« Weiter unten heißt es dann aber in dem Rundschreiben gleich einschränkend, es sei »streng zu unterscheiden zwischen der ideologischen Auffassung von Genossen, die mit der KAG sympathisieren, und zwischen Handlungen, die […] einen Bruch der Parteidisziplin bedeuten. Anschauungen werden natürlich nicht durch disziplinarische Maßregeln widerlegt, sondern sie können nur durch Aufklärung liquidiert werden«. Aber selbst bei Verstößen gegen die Parteidisziplin ersuchte die Zentrale die Ortsgruppen und Bezirke, dass »der ernste Versuch gemacht wird, die Genossen von der Schädlichkeit ihres Vorgehens zu überzeugen, und daß erst, wenn solche Versuche sich als völlig aussichtslos erweisen, disziplinarisch vorgegangen und in den ärgsten Fällen ein Ausschlussverfahren eingeleitet wird«.[39] Obwohl das EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale) die gegenüber der rechten Opposition »zu schwache« und »zu tolerante« Haltung der deutschen Parteispitze scharf kritisierte[40], blieb die Zentrale bei ihrem Herangehen. So schrieb Meyer in einem Artikel vom 08. Januar 1922 erneut: »Unsere Partei wird […] die politischen Fragen politisch beantworten und nur dann organisatorisch einschreiten, wenn grobe organisatorische Verstöße es absolut erfordern«.[41] Tatsächlich suchte die Zentrale die politische Auseinandersetzung und räumte der Opposition breiten Raum zur Darstellung ihrer Positionen ein: Der Aufruf von Friesland, Brass und Malzahn, die Erklärung der 128 und der Aufruf der 28 wurden in der Roten Fahne veröffentlicht, Friesland konnte auf KPDVeranstaltungen in zahlreichen Städten, in Berlin beispielsweise auf einer Versammlung von 2 000 Funktionären, seine Standpunkte vertreten und referierte auf der Sitzung des ZA am 22. Januar 1922.[42]  Meyer trug dort den »Bericht der Zentrale« vor. Ausführlich beschäftigte er sich mit der KAG, der Friesland-Krise und mit dem Umgang mit der rechten Opposition. Meyer führte aus: »Die Genossen von der Opposition können sich nicht beschweren, daß nicht genügend Diskussionsfreiheit bestanden hat. […] Haben die Genossen in den letzten Monaten nicht Gelegenheit gehabt, innerhalb der Organisation alles zu sagen, was sie sagen wollten? Artikel über Artikel sind publiziert worden und Versammlungen über Versammlungen haben stattgefunden, wo die Genossen die breiteste Diskussionsfreiheit gehabt haben. […] Gerade auf die politischen Angriffe der KAG ist politisch geantwortet worden, und auf die politische Frage der Opposition ist politisch geantwortet worden. Als aber die Genossen organisatorisch gegen uns vorgingen, blieb der Zentrale nichts anderes übrig, als organisatorische Maßnahmen zu ergreifen. Die Zentrale ist zum Teil angegriffen worden, daß sie zu spät eingegriffen hätte. […] Wir halten diese Vorwürfe für falsch, und zwar aus folgenden Gründen: jede organisatorische Maßnahme wurde und ist selbst jetzt noch behandelt als eine Maßregelung, als ein Zeichen der Unfähigkeit, politisch zu antworten. Deshalb mußten wir diesen Kampf zuerst politisch führen«.[43] Meyer stellte den Antrag der Zentrale an den ZA vor, Friesland, Brass, Malzahn und die Unterzeichner des Aufrufs der 28 aus der Partei auszuschließen, ein Schritt, der »die notwendige Folge ihres politischen und organisatorischen Auftretens« sei, notwendig auch deshalb, weil die Auseinandersetzung mit der Opposition die Partei hindere, sich überhaupt noch mit aktuellen Fragen zu beschäftigen.[44] Der ZA stimmte dem Antrag der Zentrale mit 41 gegen 4 Stimmen zu und schloss die Betreffenden aus.[45] Mit dem Ausschluss Frieslands und der ihm nahe stehenden Genossen, denen noch einige weitere Austritte von mit ihnen sympathisierenden Mitgliedern und Funktionären folgten, kam der Konflikt mit der rechten Opposition zum Abschluss. Der Umgang mit der linken Opposition Die linke Opposition[46] war zahlenmäßig weitaus stärker als die rechte, ihre Hochburgen in der Partei waren die mitgliederstarken Bezirke Berlin-Brandenburg (Wirkungsstätte der führenden Köpfe dieses Flügels, Ruth Fischer und Arkadij Maslow) und Wasserkante. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 war »der punkt der Linken stark zur Geltung« gekommen.[47] Dennoch bedeutete die Annahme der Einheitsfrontpolitik einen »entscheidenden Sieg der rechten und gemäßigten Richtungen in der KPD über den militanten linken Flügel«.[48]  Während die Linke in permanenter Opposition zur Auslegung der Einheitsfrontpolitik der Zentrale stand, versuchte die Zentrale dennoch, sie zu integrieren und für ihre Ansichten sogar das Zentralorgan der Partei offen zu halten. So beantragte der Bezirk Berlin-Brandenburg auf der Sitzung der Zentrale am 11. November 1921, in der Roten Fahne eine Beilage mit dem Titel »Taktik und Organisation« erscheinen zu lassen und diesem Bezirk die Redaktion der Beilage zu übertragen. Die Zentrale beschloss, die Beilage herauszugeben, sie zwar von der Redaktion der Roten Fahne redigieren zu lassen, den Berlinern aber »ein weites Mitspracherecht« zuzugestehen.[49] In der Praxis wurde die Beilage bald zu einem Organ des linken Flügels und wurde schließlich auf Druck Lenins zum 1. Januar 1923 eingestellt.[50] Ähnliche Beispiele für den Integrationskurs der Zentrale sind die zahlreichen Artikel führender Linker in der Internationale, die Hinzuziehung Ruth Fischers, der ärgsten innerparteilichen Widersacherin Meyers, zu den Zentrale-Sitzungen im Sommer 1922 oder auch der große Anteil der Linken an der Delegation der KPD zum IV. Weltkongress der Komintern. Dass dem linken Flügel die kommunistische Presse weitgehend offen stand, nutzte er wiederholt zu heftigen Angriffen auf die Zentrale und auf Meyer selbst – vor allem im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um den Kurs der Partei in der Rathenau-Kampagne im Sommer 1922.[51] Der Integrationskurs der Zentrale gegenüber der linken Opposition, ihre Einbindung in die Praxis der Partei etwa als Bezirksleitung der stärksten KPD-Bezirke und die »wenn auch sehr tolerante Parteidisziplin«[52] verhinderten aber eine Eskalation des Konfliktes einschließlich Ausschlüssen und ähnlichen Maßnahmen. Ernst Meyers Positionen zur innerparteilichen Demokratie Ernst Meyer verteidigte in den internen Auseinandersetzungen die Diskussionsfreiheit in der Partei und die Offenheit der kommunistischen Presse für oppositionelle Ansichten als unbedingt notwendig. Auf der Sitzung des November-ZA erklärte er:  »Wir können feststellen […], daß gelegentlich rechts und links Auffassungen vorhanden sind, die nicht der Auffassung der Parteimehrheit entsprechen […]. Es muß selbstverständlich Aufgabe unserer Partei sein, alle solche Abweichungen […] sachlich zu diskutieren und politisch zurückzuweisen. Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig, eine Freiheit, die auch dadurch gestärkt werden muß, daß unsere Organe, insbesondere unsere Zentralzeitschriften […] sachlich taktischen Auseinandersetzungen Raum gewähren. Wir denken nicht daran, […] nach dieser oder jener Seite hin die Fragen personell oder organisatorisch zu lösen und abzuschneiden, sondern: Unsere Partei hat Raum und muß Raum haben für die sachliche Diskussion der verschiedenen politischen Auffassungen. […] Wenn also bei einzelnen Genossen die Befürchtung bestehen sollte, daß Ausschlüsse oder Versetzungen oder ähnliche schreckliche Dinge geplant seien, so können wir die Genossen von vornherein beruhigen. Das ist nicht die Absicht der Zentrale, durch personelle Erledigung politische Fragen zu lösen, sondern wir betrachten es als Aufgabe der Partei, politische Fragen politisch zu lösen«.[53] Diese Offenheit der Diskussionen in der kommunistischen Partei wurde von Meyer als Vorzug der KPD gegenüber den anderen Arbeiterparteien gepriesen. So sagte er auf dem Leipziger Parteitag im Januar 1923: Die Diskussionen dieses Parteitages seien nicht sonderlich fruchtbar gewesen, da alle Fragen bereits im Vorfeld »so eingehend in den Mitgliedschaften diskutiert worden sind, daß eigentlich alle Genossen vollkommen über die Argumente […] unterrichtet sind. Eben dadurch unterscheidet sich unser Parteitag von dem der Sozialdemokratie, daß er tatsächlich vorbereitet ist durch eine eingehende Diskussion aller Fragen. Unsere Partei fürchtet nicht die Kritik, prüft mit aller Schärfe nach jeder Aktion, was falsch gewesen ist, und so kann der Parteitag nur das abschließende Urteil geben. Die Partei braucht Kritik, denn das ist das Zeichen der Gesundheit«. Interessant ist die Einschränkung, die Meyer dann zu diesem Punkt macht: »Was wir aber vermeiden müssen, ist die Übertreibung der Kritik, aus der leicht eine Schädigung der Werbekraft unserer Partei entstehen kann«.[54] Freiheit der Kritik scheint für Meyer kein Selbstzweck gewesen zu sein, sondern ein unbedingt notwendiges Element der Entwicklung einer richtigen Politik und damit der Stärkung des kommunistischen Einflusses. Sie war aber auch daran gekoppelt und diesem Ziel letztlich untergeordnet: Übertriebene Kritik, die eine Stärkung dieses Einflusses zu gefährden drohe, müsse vermieden werden: »Die Wirkung der Kritik muß doch sein, die Organisation schlagkräftiger zu machen, sie innerlich zu festigen und nach außen ihre Position zu erleichtern«.[55] Die Freiheit der Diskussion nach innen fand für Meyer ihre Grenzen in dem Moment, in dem aufgrund der Diskussionen Mehrheitsbeschlüsse gefasst wurden, aus denen Aktionen nach außen folgten: »Daß, was die Partei verlangt, ist nur, daß in der Zeit der Aktion alle verschiedenen Auffassungen zugunsten der Aktion schweigen oder zurücktreten, die von der gesamten Partei oder ihren Organen beschlossen ist«.[56] Und an anderer Stelle sagte er, es müsse hervorgehoben werden, »daß viele Kritiker, die nachher die Märzaktion kritisiert haben, damals erfreulicherweise revolutionäre Kampfdisziplin geübt haben und mit uns in den Reihen der Kämpfenden standen. Wir können nur die Kritik begrüßen, die vom Boden des Kampfes aus geübt worden ist, und wir lehnen von vornherein jede Kritik ab, die abseits der Kämpfenden steht und an dem herumnörgelt, was blutende Proletarier getan haben oder tun.«[57] Keine frühe Bolschewisierung der KPD Das grundsätzliche Herangehen Meyers (und der von ihm geleiteten Zentrale) an oppositionelle Strömungen in der Partei war 1921/22 geprägt von dem Bestreben, politische Konflikte durch Diskussion und nicht durch Reglementierung zu lösen. Meyer selbst scheint geradezu einen Widerwillen gegen Maßnahmen wie Parteiausschlüsse etc. gehabt zu haben, die er als »schreckliche Dinge«, als »ein Zeichen der Unfähigkeit, politisch zu antworten«, bezeichnete. Wie seine Frau später schrieb, kämpfte er in den internen Auseinandersetzungen »mit politischen Argumenten in bester Tradition demokratischer Spielregeln, die alleine das Funktionieren einer gesunden Partei auf die Dauer sicherstellen können. […] Mit unfairen Methoden zu kämpfen, war Ernsts Stärke nicht«.[58] Innerhalb der Zentrale wandte er sich so anfänglich gegen die Suspendierung Frieslands, später gegen die von Malzahn und Brass. Erst als er keine Möglichkeit zur anderweitigen Beilegung des Konfliktes sah, sprach er sich für einen Ausschluss der Opponenten aus, den er auf dem Januar-ZA mit fast entschuldigendem Ton begründete. Für Meyer demonstrierte die Zentrale mit den Ausschlüssen nicht ihre Stärke, sondern ihre Schwäche. Generell wurde seitens der Meyer-Zentrale versucht, die Opposition wo möglich zu integrieren.[59] Ihr stand die Parteipresse weitgehend offen, ihre Erklärungen wurden dort selbstverständlich abgedruckt und auf Parteitagen wie auf ZA-Sitzungen konnte sie ihre Positionen in Koreferaten offen vertreten.[60] Das von Meyer vertretene Partei-Modell war nicht das einer monolithischen, von der immer Recht habenden Führung beherrschten Partei, sondern das einer offenen, in sich demokratischen kommunistischen Partei, die in freier Diskussion den adäquaten Weg zum Sozialismus zu finden sucht. Die vehement von Meyer verteidigte Notwendigkeit von Diskussionsfreiheit und Freiheit der Kritik in der Partei können somit als Grundelemente seines Verständnisses von Demokratie in der KPD 1921/22 gewertet werden. Ihre Grenzen finden diese jedoch in dem Moment, in dem die Partei eine von ihr oder ihren Gremien beschlossene Aktion beginnt.  Meyer erscheint daher als Verfechter eines demokratischen Zentralismus im ursprünglichen Leninschen Sinne: Freiheit der Diskussion nach innen, Einheit in der Aktion nach außen, und in der Aktion Unterordnung der Minderheit unter die Beschlüsse der Mehrheit. Sehr betont wurde von ihm die demokratische Seite des demokratischen Zentralismus. Dieser war etwas substanziell anderes als das später unter gleichem Namen in den stalinisierten Parteien dominante Modell eines dann nur noch bürokratischen Zentralismus, in dessen Folge die Freiheit der Kritik und Debatte immer mehr abwürgt und gegen abweichende Meinungen sofort organisatorisch durch Ausschlüsse etc. vorgegangen wurde.[61] Die hier vorgenommene Untersuchung zu Ernst Meyers Verhältnis zur internen Demokratie lässt auch eine Positionierung in der eingangs dargestellten Forschungskontroverse zu. Wenn Mallmann versucht, anhand von Beispielen aus den späten 20er und frühen 30er Jahren (wie z. B.: »Am 13. Juli werden wir dem Führer der proletarischen Klassenfront [gemeint ist Thälmann, Anm. d. A.] […] proletarische Rechenschaft ablegen«) einen »grassierende[n] Führer-Begriff« und ein »in den Bahnen von Befehl und Gehorsam erstarrende[s] Denken« als generelle Merkmale der KPD nachzuweisen.[62] Seine Zurückweisung der Stalinisierungsthese verstellt den Blick auf die grundlegend veränderten Realitäten in der KPD der frühen und der späten 20er Jahre. Denn was auf die KPD der späten 20er fraglos zutrifft, kann m. E. nicht auf die frühen 20er übertragen werden. In der gesamten Zeit, in der Ernst Meyer an der Spitze der Partei stand, findet sich nicht ein Hinweis auf einen sich an seiner Person oder auch an der von ihm geleiteten Zentrale manifestierenden Führer-Begriff, nicht einmal findet sich in den untersuchten Quellen eine Verbindung von Meyers Namen mit dem Wort »Führer« oder ähnlichen Attributen.[63] Ebenso problematisch ist, wenn Mallmann, erneut ausgehend von Beispielen ab der Mitte der 20er Jahre, für die gesamte Geschichte der KPD verallgemeinert: »Kollegialität mußte unter diesen Umständen selbst auf der Führungsebene ein Fremdwort bleiben«.[64] Die Meyer-Zentrale erweckt (v. a. nach dem Ausscheiden Frieslands) sehr wohl den Anschein einer kollegial arbeitenden Parteiführung, deren Atmosphäre etwa von Pieck in verschiedenen Briefen vom Frühjahr und Sommer 1922 als »sehr harmonisch«[65] beschrieben wird. Auch mit Begriffen wie »Korporalsform der Macht«[66], »Kasernenhofdenken« oder »Kommandosprache«[67] lässt sich die KPD zumindest unter Leitung Ernst Meyers 1921/22 nicht angemessen fassen. In der Summe muss also Mallmann widersprochen werden, wenn er von einem »lange vor Stalin angelegten Prozess hin zur Apparatherrschaft«[68] schreibt. Tendenzen in Richtung einer Zentralisierung und ideologischen Homogenisierung der Partei waren zwar in der Tat Eigenprodukte der Entwicklung des deutschen Kommunismus – in Anbetracht der extremen ideologischen Heterogenität der KPD bei ihrer Gründung wohl auch notwendige Eigenprodukte – an die im Verlauf der Stalinisierung angeknüpft werden konnte. Dass aus diesen Tendenzen aber eine bürokratische Diktatur des Apparates erwuchs, ist ohne einen erst später im Zuge der Stalinisierung einsetzenden, grundlegenden Funktionswandel des deutschen Kommunismus (und damit auch seiner Führung) nicht erklärbar.  Somit muss auch die von Löwenthal, Koch-Baumgarten und Wirsching vertretene These einer frühen Bolschewisierung der KPD zu Beginn der 20er Jahre relativiert werden: Sie macht nur dann Sinn, wenn diese Bolschewisierung von der (ja anfangs ebenfalls unter der Bezeichnung »Bolschewisierung« laufenden) Stalinisierung ab Mitte der 20er Jahre qualitativ unterschieden wird. Die auf Zentralisierung und ideologische Homogenisierung abzielende Bolschewisierung (wenn man diesen Begriff denn benutzen will) der frühen 20er Jahre lief unter Wahrung eines hohen Ausmaßes an parteiinterner Demokratie und Diskussionsfreiheit, wie sie ja auch die RKP (b) zumindest bis zum Verbot ihrer innerparteilichen Fraktionen 1921 kannte.  Die eklatanten Unterschiede zwischen dem oben skizzierten Ausmaß von parteiinterner Demokratie und Diskussionsfreiheit in der KPD unter Führung Ernst Meyers 1921/22 und dem vollständig entdemokratisierten Zustand in der stalinisierten KPD der späten 20er und 30er Jahre bleiben ohne die Annahme einer erst nach 1922 einsetzenden grundlegenden Wandlung des deutschen Kommunismus auch weiterhin nicht schlüssig erklärbar. [1]  Weber, Hermann: Zu den Beziehungen zwischen der KPD und der Kommunistischen Internationale, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 16 (1968), H. 2, S. 177–208, hier S. 180. In seiner Einleitung zu der Autobiographie von Rosa Meyer-Leviné bezeichnet Weber Ernst Meyer als »einen der bedeutendsten KPD-Führer«. Meyer-Leviné, Rosa: Im inneren Kreis. Erinnerungen einer Kommunistin in Deutschland 1920–1933. Mit einer Einleitung von Hermann Weber, Köln 1982, S. 8. Auch in dem 2004 erschienenen biographischen Handbuch deutscher Kommunisten wird Meyers »überragende Rolle in der KPD« gewürdigt. Siehe Weber, Hermann/Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 503. [2]  Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 501–503; Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969, hier Bd. 2, S. 220–222; Weber, Hermann (Hrsg.): Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien, Frankfurt a. M. 1969, S. 325 f.; Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon. Hrsg. vom Institut für MarxismusLeninismus beim ZK der SED, Berlin (Ost) 1970, S. 328 f. [3]  Meyer-Leviné: Im inneren Kreis (Anm. 1); Weber: Zu den Beziehungen (Anm. 1). Außerdem liegt meine unveröffentlichte Magisterarbeit vor. Wilde, Florian: Ernst Meyer als Vorsitzender der KPD 1921/22 (Unveröffentl. Magisterarbeit), Hamburg 2003. Ich arbeite zurzeit an einer Dissertation über »Ernst Meyer – vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie.« [4]  Für biographische Angaben zu den in diesem Artikel genannten KPD-Mitgliedern siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm.1). [5]  Formal bestand die KPD-Zentrale seit dem Jenaer Parteitag aus »gleichberechtigten Mitgliedern« (siehe Organisationssatzungen der KPD, in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Bd. 7, 1. und 2. Halbband (1919–23), Berlin (Ost) 1966, hier Bd. 7/1 S. 560–565, hier S. 562). Meyer, der auf dem Jenaer Parteitag (gemeinsam mit Wilhelm Pieck) die meisten Stimmen erhalten hatte (siehe Die Rote Fahne vom 27. August 1921), wurde auf der ersten Sitzung der neu gewählten Zentrale zum Vorsitzenden des Polbüros gewählt (siehe Protokoll der Sitzung der Zentrale vom 31. August 1921, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), RY 1/I 2/2/13, Bl. 304) und übte in der folgenden Zeit entscheidenden Einfluss auf die Politik der KPD aus. Meyers formale Funktion als Vorsitzender des Polbüros, dem »Spitzengremium der Partei« (Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten [Anm. 1], S. 43), seine reale Führungsrolle in der Partei und seine in der Literatur sehr weit verbreitete Titulierung als Parteivorsitzender lassen es daher als gerechtfertigt erscheinen, ihn als Vorsitzenden der KPD zu bezeichnen. [6]  Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 503. [7]  Weber, Hermann: Aufstieg und Niedergang des deutschen Kommunismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 40 (27. September 1991), S. 25–39., hier S. 27 f. [8]  Siehe Webers Einleitung in: Weber: Der Gründungsparteitag (Anm. 2), S. 47 f. [9]  Siehe Webers Einleitung in: Flechtheim, Ossip K.: Die KPD in der Weimarer Republik, Hamburg 1986, S. 52. [10]  Weber: Die Wandlung (Anm. 2). [11]  Siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 13 f, S. 17 ff. und S. 43. [12]  Siehe die Einleitung von Sigrid Koch-Baumgarten zu Flechtheim: Die KPD (Anm. 9), S. 30. [13]  Die »Märzaktion« bezeichnet einen gescheiterten kommunistischen Aufstandsversuch im März 1921, der zu einer schweren Parteikrise und einem dramatischen Einbruch der Mitgliedszahlen der KPD führte. Zur Märzaktion und den Folgen siehe Koch-Baumgarten, Sigrid: Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD 1921, Frankfurt a. M. u. New York 1986; der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD 1921, Frankfurt a. M. u. New York 1986; Weber, Stefan: Ein kommunistischer Putsch? Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland, Berlin 1991. [14]  Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 13), S.436. Ähnlich hatte in den 60er Jahren bereits Richard Löwenthal argumentiert. Löwenthal, Richard: Russland und die Bolschewisierung der deutschen Kommunisten, in: Markert, Werner: Deutsch-Russische Beziehungen von Bismarck bis zur Gegenwart, Stuttgart 1964. Siehe dort besonders S. 97–110. [15]  Koch-Baumgarten: Aufstand, S. 443. [16]  Siehe hierzu v. a. das Kapitel »Das neue Paradigma. ›Stalinisierung‹ oder die Geburt der Avantgarde«, in: Mallmann, Klaus-Michael: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996, S. 54–83. [17] Auf dem illegal abgehaltenen Heidelberger Parteitag der KPD im Oktober 1919 kam es zu schweren Spannungen zwischen der Zentrale und einem ultralinken Flügel, der daraufhin die Partei verließ und die Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) gründete. Eine Mehrheit für ihre Positionen bekam die Zentrale auf dem Parteitag nur, indem sie durchsetzte, dass ihren Mitgliedern das Stimmrecht gewährt wurde, siehe Flechtheim: Die KPD (Anm. 9), S. 145 f. Flechtheim bezeichnet die von Levi angewandte Methode der Spaltung als »zentralistisch-bürokratisch-diktatorisch«, und Mallmann sieht im Vorgehen der Zentrale in Heidelberg »das Modell für den künftigen Umgang mit der innerparteilichen Diskussion«. Siehe Mallmann: Kommunisten (Anm. 16), S. 64. Angress hingegen schreibt: »Auf dem Heidelberger Parteitag von 1919 führte Levi keine Säuberung durch, sondern manövrierte die linken Extremisten in eine so unhaltbare Position, dass sie aus eigenem Entschluss die Partei verließen«. Siehe Angress, Werner T.: Die Kampfzeit der KPD, 1921–1923, Düsseldorf 1973, S. 211. Und die Levi-Biographin Beradt verweist darauf, dass diese Spaltung »zwar methodisch, nicht aber inhaltlich zu vergleichen« sei mit den Spaltungen späterer Jahre, bei denen es um die Durchsetzung der Apparatherrschaft in der Partei ging. Siehe Beradt, Charlotte: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969, S. 33. Interessanterweise wurde die Art des Vorgehens Levis von der Komintern-Führung und namentlich von Lenin scharf kritisiert, da auf diese Weise neben den Wortführern der Linken auch zehntausende Mitglieder die KPD verließen. Siehe Winkler, Heinrich-August: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin u. Bonn 1985, S. 502 f. Zum Heidelberger Parteitag siehe Angress: Die Kampfzeit (Anm. 17) S. 67 ff.; Flechtheim: Die KPD (Anm. 9), S. 143 ff.; Harman, Chris: Die verlorene Revolution. Deutschland 1918–1923, Frankfurt a. M. 1998, S. 188; Winkler: Von der Revolution, S. 259 ff. [18]  Siehe Mallmann: Kommunisten (Anm. 16), S. 64. [19]  Ebenda, S. 67. [20]  Siehe Wirsching, Andreas: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? Alte Einsichten und neue Thesen zum Charakter der KPD in der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45, (1997), S. 449–466. Siehe auch die Entgegnung Mallmanns auf Wirsching in: Mallmann, Klaus-Michael: Gehorsame Parteisoldaten oder eigensinnige Akteure? Weimarer Kommunisten in der Kontroverse – Eine Erwiderung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47 (1999), S. 401–415. Des Weiteren siehe Weber, Hermann: Nicht stalinisiert? Zu einer Streitschrift gegen die bisherige Forschung über die Weimarer KPD, in: Die Zeit vom 14. Juni 1996. [21]  Wirsching: »Stalinisierung« (Anm. 20), S. 463. [22]  Ebenda. [23]  Ebenda, S. 465. [24] Ebenda, S. 463. [25]  Die KPD, obwohl selbst auf dem äußeren linken Flügel des Weimarer Parteienspektrums stehend, war von ihrer Gründung bis zum Abschluss der Stalinisierung in den späten 20er Jahren intern in verschiedene Strömungen entlang eines sehr ausgeprägten »Links-rechtsSchemas« aufgefächert: »Generell bestanden zwei Grundströmungen: eine realpolitische, die zuerst die Mehrheit der Massen erringen wollte, ehe sie durch einen Aufstand die Macht zu erobern und die neue Gesellschaft aufzubauen gedachte. Sie war daher im Tageskampf zu Kompromissen und einer ›Einheitsfront‹ mit den Führungen anderer Arbeiterorganisationen bereit. Die radikale linke Strömung hingegen lehnte jeden Kompromiß ab. Diese Linken erstrebten direkt den revolutionären Aufstand und die rasche Machteroberung«, siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 18. [26]  Zur KAG siehe Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 13), S. 409–444. Die KAG kritisierte die in ihren Augen »putschistische« Politik der KPD, forderte eine stärkere Ausrichtung der Politik der Partei auf den Kampf um Teilforderungen und eine stärkere Autonomie der KPD von der Komintern. [27]  Protokoll der Sitzung der Zentrale vom 19. Oktober 1921 in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/2/13, Bl. 339. [28]  Rundschreiben Nr. 47 vom 30. Oktober 1921 in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/2/43, Bl. 317. [29]  Protokoll der Tagung des Zentralausschusses der KPD vom 16. und 17. November 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/1/11–12, S. 30. [30]  Zur Frieslandkrise siehe zusammenfassend Winkler: Von der Revolution (Anm. 17), S. 532– 537. Sehr gut auch Brandt, Willy/Löwenthal, Richard: Ernst Reuter. Eine politische Biographie, München 1957, S. 181–204. [31]  Die KAG-Leitsätze in: Die Internationale 3 (1921), H. 17 vom 1. Dezember 1921, S. 616. Interessant ist, dass diese Leitsätze, da nach Redaktionsschluss eingegangen, im KPD-Organ Die Internationale unkommentiert abgedruckt wurden mit dem Verweis, in der nächsten Ausgabe auf sie einzugehen. Hieran lässt sich einerseits die hohe Bereitschaft der KPD zur Auseinandersetzung mit gegnerischen Positionen in der Arbeiterbewegung ablesen, denen kurzerhand Raum in den eigenen Publikationen eingeräumt wurde. Andererseits wird die hohe Meinung, die die KPD-Führung von den Mitgliedern ihrer Partei hatte, deutlich: Offensichtlich traute man der Mitgliedschaft durchaus zu, sich eigenständig, also ohne dass die Führung ihr unbedingt ihre Einschätzung mit auf den Weg geben musste, eine Meinung über diese Leitsätze bilden zu können. [32]  Siehe Protokoll der Polbüro-Sitzung vom 12. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/1, Bl. 66–72 und Protokoll der Zentrale-Sitzung vom 14. Dezember 1921, in: SAPMOBArch, RY 1/I 2/3/13, Bl. 412–420. [33]  Protokoll der Polbüro-Sitzung vom 12. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/1, Bl. 67. Auf der Zentrale-Sitzung vom 14. Dezember 1921 wiederholte Friesland seinen Standpunkt und bezeichnete die Forderungen der KAG als »akzeptabel«. Protokoll der Zentrale-Sitzung vom 14. Dezember 1921 in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/13, Bl. 415. [34]  Siehe Protokoll der Polbüro-Sitzung vom 12. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/1, Bl. 72. Siehe zu den Gegenstimmen auch Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 13), S. 428. Zu Meyers Verhältnis zu Friesland siehe Brandt/Löwenthal: Ernst Reuter (Anm. 30), S. 131. [35]  Siehe Protokoll der Polbüro-Sitzung vom 12. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/1, Bl. 72.  [36]  Siehe Protokoll der Zentrale-Sitzung vom 27. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/13, Bl. 464. [37]  Siehe Brief der Zentrale »An die Gen. Remmele und Brandler« vom 31. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY1/I 2/3/201, Bl. 361. [38]  Aufruf Friesland-Brass-Malzahn, in: Die Rote Fahne vom 25. Dezember 1921; Aufruf der 128 in: Die Rote Fahne vom 24. Dezember 1921; Aufruf der 28 in: Die Rote Fahne vom 07. Januar 1922. Letzterer in Gänze abgedruckt, aber versehen mit einem bissigen Kommentar der Redaktion. Koch-Baumgarten schreibt, die Rote Fahne habe die Veröffentlichung des Aufrufs der 28 bewusst verzögert, um die Unterzeichner so zur Veröffentlichung in Levis KAG-Mitteilungsblatt und damit zu einem Disziplinbruch zu nötigen, siehe Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 13), S. 431. [39]  Politisches Rundschreiben Nr. 13 vom 17. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/2/44, Bl. 108. Und auch nach der Veröffentlichung des Aufrufes der 28 ersuchte die Zentrale die Bezirke, mit Maßnahmen gegen die Unterzeichner bis zur Klärung der Fragen auf der ZA-Sitzung am 22. Januar 1922 zu warten. Siehe Protokoll der Zentrale-Sitzung vom 11. Januar 1922, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/14, Bl. 19. [40]  Siehe Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 13), S. 435. [41]  Meyer, Ernst: Zur Krise unserer Partei, in: Die Internationale, 4 (1922), H. 3 vom 8. Januar 1922, S. 49. [42]  Siehe Reisberg, Arnold: An den Quellen der Einheitsfrontpolitik. Der Kampf der KPD um die Aktionseinheit in Deutschland 1921–1922. Ein Beitrag zur Erforschung der Hilfe W. I. Lenins und der Komintern für die KPD, Berlin (Ost) 1971, S. 291. Ein interessantes Detail zur damaligen Diskussionsbereitschaft in der KPD ist, dass selbst in Berlin, Hochburg des linken Flügels, die Versammelten, obwohl sie »sehr erregt über Frieslands Umfall waren« und auch böse Worte fielen, »ohne Störung das fünfviertelstündige Referat Frieslands« anhörten. Siehe Brief der Zentrale »An die Gen. Remmele und Brandler« vom 31. Dezember 1921, in: SAPMO-BArch, RY1/I 2/3/201, Bl. 361. [43]  Protokoll der Tagung des Zentralausschusses der KPD vom 22. und 23. Januar 1922, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/1/12, Bl. 256 f. [44]  Ebenda, Bl. 257. [45]  Siehe Angress: Die Kampfzeit (Anm. 17), S. 255. Die Ausgeschlossenen gingen mehrheitlich zur KAG, schlossen sich dann mit dieser wenig später der USPD an und vollzogen mit dieser im September 1922 die Wiedervereinigung mit der SPD, in der v. a. Friesland, jetzt wieder unter seinem richtigen Namen Ernst Reuter, Karriere machen sollte und nach dem 2. Weltkrieg zum Regierenden Bürgermeister West-Berlins wurde. [46]  Zur Struktur und Funktion der linken Opposition in der Partei siehe Utz, Hans: Die Einheitsfrontpolitik der Kommunistischen Partei Deutschlands 1921–1923 (Dissertation), Bern 1974, S. 144–166. [47]  Angress: Die Kampfzeit (Anm. 17), S. 240. Ähnlich Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 13), S. 392. [48]  Angress: Die Kampfzeit (Anm. 17), S. 242. [49]  Siehe Protokoll der Zentrale-Sitzung vom 11. November 1921, in: SAPMO-Barch, RY 1/I 2/3/13, Bl. 356. Schon der Titel war eine Provokation für die Zentrale, lehnte er sich doch an die zur Verteidigung der Märzaktion und der Offensivtheorie geschriebene Broschüre Taktik und Organisation der Revolutionären Offensive: Die Lehren der Märzaktion an. Nachdem ihre Hauptthesen vom III. Weltkongress der Komintern verurteilt worden waren, wurde diese Schrift auch von der deutschen Partei offiziell abgelehnt. Siehe Angress: Die Kampfzeit (Anm. 17), S. 209. [50]  Siehe Firsow, Friedrich: Die Hilfe der Komintern für die ideologisch-politische und organisatorische Festigung der KPD 1919–1922, in: Imig, Werner/Kissljakow, Walter (Hrsg.): Studien zur ideologischen Entwicklung der KPD 1919–23, Berlin (Ost) 1981, S. 19–49, hier S. 45 und Utz: Die Einheitsfrontpolitik (Anm. 46), S. 21. [51]  Die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau durch rechtsradikale Fanatiker am 24. Juni 1922 löste eine landesweite Welle von Demonstrationen und Streiks aus. SPD, KPD, USPD, ADGB und AfA-Bund schlossen daraufhin ein gegen die extreme Rechte gerichtetes Abkommen. Der Kurs der KPD-Parteiführung wurde vom linken Flügel scharf kritisiert. Dessen Vorwurf lautete, die Partei habe unkritisch die Republik verteidigt, anstatt die Notwendigkeit ihrer Zerstörung und Ersetzung durch die Diktatur des Proletariats zu betonen. Zum Mord an Rathenau und der folgenden Bewegung siehe Winkler: Von der Revolution (Anm. 17), S. 427 f.; Angress: Die Kampfzeit (Anm. 17), S. 275 ff. Zur Politik der KPD nach dem Rathenau-Mord v. a. Reisberg: An den Quellen (Anm. 42), S. 485–535. Beispiele für die scharfen Angriffe der Linken auf die Zentrale bzw. auf Meyer in der kommunistischen Presse: M[aslow], A[rkadij]: Nach dem Zentralausschuss der KPD, in: Taktik und Organisation 1, Nr. 27 (Beilage der Roten Fahne vom 29. Juli 1922); Fischer, A[ugust]: Nochmals zur Taktik der Einheitsfront, in: Die Internationale 5 (1922), H. 4 vom 18. August 1922, S. 85 ff. Klein, Ruth: Einige Ergänzungen zu dem Bericht vom Zentralausschuss, in: ebenda. [52]  Utz: Die Einheitsfrontpolitik (Anm. 46), S. 147. [53]  Protokoll der Tagung des Zentralausschusses der KPD vom 16. und 17. November 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/1/11–12, Bl. 31. [54]  Bericht über die Verhandlungen des 3. (8.) Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), abgehalten in Leipzig vom 28. Januar bis 1. Februar 1923. Hrsg. von der Zentrale der KPD, Berlin 1923, S. 251. Ähnlich äußerte sich Meyer auch auf dem Jenaer Parteitag, siehe Bericht über die Verhandlungen des II. (VII.) Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), abgehalten in Jena vom 22. bis 26. August 1921. Hrsg. von der Zentrale der KPD, Berlin 1922, S. 216. [55]  Protokoll der Tagung des Zentralausschusses der KPD vom 23. Juli 1922, in: SAPMOBArch, RY 1/I 2/1/14, Bl. 157. [56]  Protokoll der Tagung des Zentralausschusses der KPD vom 16. und 17. November 1921, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/1/11–12, Bl. 31. [57]  Bericht über die Verhandlungen des II. (VII.) Parteitages (Anm. 54), S. 216.   [58]  Meyer-Leviné: Im inneren Kreis (Anm. 1), S. 40. [59]  Ähnlich argumentiert auch Utz: Die Einheitsfrontpolitik (Anm. 46), S. 175.  [60]  Ähnlich urteilen auch Weber und Herbst in: Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 23. [61]  So urteilt auch Weber über den demokratischen Zentralismus: »So war es nicht das abstrakte Prinzip des demokratischen Zentralismus, das ursächlich zur bürokratisch-zentralistischen Herrschaft von Führung und Apparat in der KPD führte, sondern umgekehrt bewirkte die politische Entwicklung, die Faktoren der Stalinisierung, die in Kommunistischen Parteien bald übliche restriktive Auslegung des theoretischen Prinzips. In den letzten Jahren der Weimarer Republik galt für die KPD der demokratische Zentralismus zwar weiterhin als das Organisationsprinzip, doch waren die demokratischen Komponenten eindeutig verdrängt«. Weber, Hermann: Demokratischer Zentralismus. Probleme innerparteilicher Demokratie im Deutschen Kommunismus, in: Kommunistische Bewegung und realsozialistischer Staat. Beiträge zum deutschen und internationalen Kommunismus von Hermann Weber. Hrsg. von Werner Müller, Köln 1988, 89–103, hier S. 95. [62] Mallmann: Kommunisten (Anm. 16), S. 145. [63] Wenn überhaupt wurde in der KPD nur die 1921 bereits 64-jährige Klara Zetkin als Führungsfigur verehrt, siehe Utz: Die Einheitsfrontpolitik (Anm. 46), S. 174 u. 182. Utz schreibt daher auch explizit über eine »Geringschätzung der Führer« in der KPD in der Zeit 1921 bis 1923 (siehe ebenda S.174). Gegen den von Mallmann verallgemeinerten »grassierenden Führerbegriff« spricht auch, dass der VII. Parteitag der KPD die bisherige Doppelspitze zugunsten einer aus »gleichberechtigten Mitgliedern« bestehenden Zentrale abschaffte. (Siehe Anm. 5.) [64] Mallmann: Kommunisten (Anm. 16), S. 145. [65] Brief Pieck an Brandler vom 12. April 1922, in: SAPMO. RY 1/I 2/3/202, Bd. 1, Bl. 92. Siehe auch Brief Pieck »An die deutsche Delegation, Moskau« vom 26. Juli 1922, in: SAPMO. RY 1/I 2/3/202, Bd. 2, Bl. 78. Auch Utz bezeichnet die Kollegialität der Führung als eines der Merkmale der Meyer-Zentrale. Utz: Die Einheitsfrontpolitik (Anm. 46), S. 175. [66]  Mallmann: Kommunisten (Anm. 16), S. 149. [67]  Ebenda, S. 144. [68]  Ebenda, S. 147. 

JHK 2006

Die »new« Cold War History und die Ursprünge des Kalten Krieges 1945 bis 1947

Ruud van Dijk

Die Entstehung des Kalten Krieges in den Jahren 1945 bis 1947[1] stellt bis heute ein herausragendes Thema für den Historiker dar. Die Forschung dazu wurde vor 1991 von der englischsprachigen Wissenschaft aus den Vereinigten Staaten dominiert. Sie behandelte den Kalten Krieg im Rahmen der Diplomatiegeschichte (diplomatic history), d. h. der US-Außenpolitik, und beschäftigte sich vorrangig mit den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, den auswärtigen und diplomatischen Angelegenheiten sowie mit dem Rüstungswettlauf. Bis 1991 stützten sich die Forscher – ohne dass eine solche Einschränkung notwendig gewesen wäre – fast ausschließlich auf westliche, insbesondere US-amerikanische Archive. Seit den frühen 1990er Jahren ist nun der Blick auf die internen Entscheidungsmechanismen der nicht-westlichen Akteure des Kalten Krieges frei gegeben – je nach Land mehr oder weniger umfassend. Es ist daher von Interesse zu fragen, in welchem Maße sich die wissenschaftlichen Debatten um die Genese des Kalten Krieges seither verändert haben. Konnten die neu geöffneten Archive wesentliche neue Informationen in Bezug auf Schlüsselprobleme der Jahre 1945 bis 1947 liefern? Und ist ein Konsens hinsichtlich der beiden traditionellen Streitfragen – nämlich wer den Kalten Krieg auf welche Art und Weise verursacht hat und ob er hätte verhindert werden können, in greifbare Nähe gerückt? Die so genannte »new« Cold War History (»neue« Geschichtsschreibung über den Kalten Krieg) hat – ohne die älteren Ansätze der Zeit vor 1991 zu ignorieren – ihren geographischen, archivalischen und analytischen Rahmen so sehr erweitert, dass sie seither von vielen Forschern auch mit dem neu gebildeten Terminus Cold War Studies bezeichnet wird. Ein neues, internationales Forschungsgebiet ist entstanden. Zwar bringt die traditionelle Forschung (darunter die prominente amerikanische Diplomatiegeschichte) nicht zuletzt aufgrund methodologischer und anderer Neuerungen noch immer wertvolle Arbeiten hervor, die meisten wegweisenden Studien zum Kalten Krieg stammen jedoch aus den Kreisen einer internationalen Forscher-Community, die mit weltweit verstreuten Archivbeständen, Methoden der Oral History sowie weiteren Quellen arbeitet und eine tatsächlich transnationale Geschichtsschreibung betreibt. Zu den wichtigsten Neuerungen der »new« Cold War History zählt das erhöhte Interesse an unterschiedlichen Akteuren (Gruppen wie Individuen), die von der traditionellen Diplomatiegeschichte aufgrund ihrer ausschließlichen Konzentration auf die Führungszirkel in Washington und Moskau üblicherweise nicht beachtet werden. Der erweiterte Horizont dieser Cold War Studies hat darüber hinaus zu einer analytischen sowie disziplinären Erweiterung geführt. Die zeitlichen und inhaltlichen Grundmuster der traditionellen Forschung wurden dabei keineswegs durch gänzlich neue ersetzt; sie bleiben auch weiterhin sichtbar. Dennoch hat die neue Herangehensweise an den Ost-West-Konflikt, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Streit zwischen den Bündnispartnern der Anti-Hitler-Koalition über die künftige Nachkriegsordnung begann, unser Verständnis, wie die Blockkonfrontation die Nachkriegswelt formte und bis heute bestimmt, bedeutend erweitert. Vielleicht das Wichtigste ist jedoch, dass die neue Forschung den Blick für die Komplexität der Interaktionen einer Vielzahl von Akteuren, die der Entstehung und weiteren Entwicklung des Konfliktes zugrunde lagen, bedeutend geschärft hat.  Für die traditionelle, US-dominierte Forschung – also die diplomatic history – war verständlicherweise die Frage nach der Verantwortung für den Ausbruch des Kalten Krieges von zentraler Bedeutung. Entsprechend mussten sich die Studenten bis weit in die 1990er Jahre hinein mit den drei überkommenen Schulen, »orthodoxen«, der »revisionistischen« und der »post-revisionistischen«, auseinandersetzen. In einer schematischen (einige würden sagen karikierenden) Form kann die Art, wie diese »Schulen« die Frage nach der Verantwortung beantworteten, folgendermaßen zusammengefasst werden: Die bis in die 1960er Jahre dominierende »orthodoxe« Lehrmeinung machte für die Entstehung des Kalten Krieges ausschließlich die Sowjetunion verantwortlich, während die USA allein aus vorausschauender Selbstverteidigung gehandelt hätten. Die »Revisionisten« verlagerten in den 1960er Jahren den Kern der Debatte auf die amerikanische Expansionspolitik (die Open-Door-Politik), die sie als treibende Kraft hinter dem entstehenden Ost-West-Konflikt identifizierten. Die »Post-Revisionisten« der 1970er und 1980er Jahre wiederum versuchten, die Verantwortung – wenn auch nicht immer allzu gleichmäßig – auf beide Seiten zu verteilen.[2] Obwohl die Ansätze aller drei »Schulen« bereits in den 1980er Jahren vielen Forschern inner- wie außerhalb der US-amerikanischen Diplomatiegeschichte verstaubt und phantasielos erschienen, haben sie doch beträchtlich zum Verständnis des Kalten Krieges beigetragen.[3] Eine wesentliche Kritik an der klassischen Diplomatiegeschichte, die auf die US-Außenbeziehungen fixiert war und überwiegend auf englischsprachigen Dokumenten basierte, die in den Presidential Libraries und den U.S. National Archives bequem zugänglich waren, blieb jedoch bestehen: sie sei einseitig und ausschließlich nach innen ausgerichtet gewesen. Aufgrund ihrer Konzentration auf die Ebene offiziellen Regierungshandelns habe sie sich zudem mit allen übrigen Akteuren des Kalten Krieges kaum auseinandergesetzt.[4] Eine gängige Form der Ausflucht vieler Autoren, diesem Einwand zu begegnen, war schon immer die Behauptung, gesicherte Aussagen über Ursachen und Entwicklung des Kalten Krieges wären erst möglich, wenn die Forscher hinter die politischen Kulissen der »anderen« Seite blicken könnten. Die Einbeziehung der »anderen Seite« in die Forschung Die Bestimmung eines neuen historischen Forschungsfeldes ist eine subjektive Angelegenheit. Es spricht nach Meinung des Autors dieses Aufsatzes jedoch vieles dafür, dass ein solches im Laufe der letzten zehn Jahre entstanden ist. Selbst eingeschränkt auf die englischsprachige Forschung (und die Leser des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung wissen, dass diese nicht als repräsentativ für das gesamte Forschungsgebiet gelten kann) lassen sich substantielle Veränderungen nicht übersehen. Erstens existieren seit 1999 bzw. 2000 zwei Zeitschriften, die sich ausschließlich der Erforschung des Kalten Krieges widmen, das Journal of Cold War Studies und die Cold War History. Zweitens verlegen mindestens fünf Universitätsverlage Veröffentlichungsreihen zur »neuen« Geschichte des Kalten Krieges.[5] Drittens kann, nicht zuletzt dank der großen Anstrengungen des Cold War International History Project (CWIHP) am Woodrow Wilson Center in Washington und den von ihm seit seiner Gründung im Jahr 1991 weltweit organisierten Konferenzen, von der Existenz einer internationalen Forschergemeinde gesprochen werden. Die Spezialisten befinden sich in regelmäßigem Kontakt, arbeiten an gemeinsamen Projekten und tauschen Archivdokumente und Forschungsthesen aus. Das CWIHP Bulletin sowie die CWIHP Working Papers und Dossiers können als drittes ständiges Organ des neuen Forschungsfeldes betrachtet werden.[6] Fraglos kam es auch auf dem »alten« Gebiet der US-Diplomatiegeschichte nach 1991 nicht zu einem Stillstand. Die breite Resonanz ihrer wichtigsten Zeitschrift, der Diplomatic History, macht dies deutlich. Deren alte wie neue Mitarbeiter, die sich mehrheitlich auf die Nachkriegsgeschichte konzentrieren, haben die veränderte Archivsituation durchaus zur Kenntnis genommen.[7] Diese Veränderungen in der Historiographie des Kalten Krieges (z. B. die Internationalisierung der Forschung und der Forschergemeinde) fanden in der Zeitschrift ihren Niederschlag. Sehr früh schon wurde beispielsweise ein Symposium zum Telegramm des sowjetischen Botschafters in Moskau Nikolaj Novikov vom 27. September 1946 veranstaltet, dem sowjetischen Äquivalent zu George F. Kennans »Long Telegram« vom 22. Februar 1946. Die Herausgeber organisierten 1997 ein weiteres Symposium, diesmal zur sowjetischen Archivsituation.[8] Ein Beispiel für die Überschneidungen einer sukzessive erneuerten Diplomatiegeschichte mit frühen Arbeiten der »new« Cold War History war das zwei Jahre später ebenfalls von Diplomatic History veröffentlichte »roundtable« zur US-Besatzung Deutschlands aus kulturhistorischer Perspektive.[9] In einigen weiteren Beiträgen wurden Forschungsarbeiten präsentiert, die ebenfalls Quellen zur »anderen Seite« des Kalten Krieges mit einbezogen.[10] Im Ganzen blieb Diplomatic History jedoch eine Zeitschrift zur Erforschung der US-Außenbeziehungen. Dieser Trend verstärkt sich in den letzten Jahren wieder.[11] Als solche veröffentlicht die Zeitschrift weiterhin wertvolle neue, auf westlichen Quellen basierende Arbeiten, die zwar einen Beitrag zum neuen Forschungsfeld der Cold War Studies leisten, mit diesem jedoch keinesfalls gleichgesetzt werden können.[12]  Eine Inhaltsanalyse der beiden Zeitschriften, die sich explizit der »neuen« Geschichte des Kalten Krieges widmen, zeigt jedoch auch, dass eine allzu scharfe Abgrenzung der beiden Forschungsgebiete problematisch ist. In den fünf Jahren seit ihrer Gründung haben beide, das Journal of Cold War Studies und die Cold War History, zahlreiche Artikel veröffentlicht, die ebenso gut von Diplomatic History oder anderen Zeitschriften zur internationalen Geschichte akzeptiert worden wären. Einzig das CWIHP – mit seiner selbst gewählten Rolle als internationale Clearing- und Übersetzungsstelle für neue Archivquellen zum Kalten Krieg – ist konsequent geblieben in seinem Bulletin und den Working Papers nur Arbeiten zuzulassen, die neue Erkenntnisse der »anderen Seite« mit in die Forschung einbeziehen. Selbstverständlich ist die Ausweitung der Quellenbasis auf die Archive der ehemals kommunistischen Länder nur eines der Merkmale, welche die »new« Cold War History von der traditionellen Forschung unterscheiden. Von einer unüberbrückbaren »Trennung« sollte jedoch gar nicht gesprochen werden, da die meisten Untersuchungen der neuen Forschungsrichtung auf Vorarbeiten aufbauen, die vor 1991 geleistet wurden. Die traditionellen Herangehensweisen an die Geschichte des Kalten Krieg existieren zudem weiter, wenngleich sie heute nur noch eine einzelne Richtung innerhalb des vielfältiger gewordenen Forschungsgebietes ausmachen. Was in den letzten zehn Jahren zu beobachten war, entspricht einer von vielen Forschern vorausgesagten und als notwendig postulierten Entwicklung: nämlich der beträchtlichen Ausweitung des gesamten Forschungsgebietes nicht nur bezüglich der verwendeten Dokumente, sondern ebenso sehr in Bezug auf entwickelte Fragestellungen, angewandte Methoden und einbezogene Akteure.[13] Schon eine oberflächliche inhaltliche Bestandsaufnahme der neuen Zeitschriften und Veröffentlichungsreihen zum Kalten Krieg bestätigt dies. Es finden sich Arbeiten aus den unterschiedlichsten Teilgebieten der Geschichtswissenschaft: Diplomatiegeschichte, Politikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Wissenschafts- und Technologiegeschichte sowie Sozial- und Ideengeschichte. Zugleich dauert auch die hergebrachte Zusammenarbeit mit Disziplinen wie der Politikwissenschaft und den Internationalen Beziehungen an. Vielleicht am auffälligsten ist die neue thematische Bandbreite. Wer 1991 ein Proseminar zum Kalten Krieg belegt hat, würde heute das traditionelle Forschungsgebiet kaum wieder erkennen. Während sich das neue Fachgebiet noch im Prozess der Ausgestaltung und Selbstdefinition befindet, hat sich unser Verständnis des Kalten Krieges und auch seine Darstellung in der Lehre grundlegend verändert. Viele der alten Argumente bezüglich der »Schuld« am Ausbruch des Kalten Krieges scheinen immer mehr an Relevanz zu verlieren. Anfänge der »new« Cold War History nach dem Ende des Kommunismus Obwohl die »traditionellen« Themenkomplexe aufgrund der erweiterten Quellenlage nochmals in ein neues Licht gerückt wurden, haben die Entstehung unzähliger neuer Betrachtungsperspektiven und Untersuchungsgegenstände sowie die dadurch bedingte Zunahme analytischer Komplexität bewirkt, dass die »alten« Fragen nur einen Teil innerhalb einer ganzen Reihe von Forschungsbereichen darstellen, mit denen sich die »neue« Geschichte des Kalten Krieges heute auseinandersetzt.[14] Auch wenn das Problem kaum endgültig als geklärt gelten kann, fragen heute nur noch wenige Spezialisten danach, wer oder was die Hauptverantwortung für die Entstehung des Kalten Krieges trägt. Dennoch haben sich einige wichtige, nach 1991 veröffentlichte Bücher und Artikel direkt oder indirekt mit der alten »Ursprungsfrage« auseinandergesetzt. Und obwohl ein Konsens weiterhin nicht in Sicht ist, lässt sich kaum leugnen, dass auch in Bezug auf die frühen Jahre 1945 bis 1947 der Wissensstand aufgrund der hier diskutierten thematischen und methodischen Neuausrichtung erheblich erweitert werden konnte.  Der Großteil dieses neuen Wissens resultiert aus einer »ersten Welle« von Forschungsprojekten, die in den 1990er Jahren erstmals die in den ehemaligen kommunistischen Staaten nunmehr freigegebenen Archivbestände in die Analyse einbeziehen konnten. Es kann nicht verwundern, dass mancher Forscher als erstes Antworten auf die lange umstrittenen Schlüsselfragen zu den frühen Jahren des Kalten Krieges suchte. Eine der uralten Streitfragen war, ob Ost oder West, die Sowjetunion oder die Vereinigten Staaten die gegenseitige Deklaration des Kalten Krieges im Jahre 1947 hätten verhindern können und weshalb ein modus vivendi, der die »Teilung der Welt« verhindert hätte, nicht gefunden werden konnte. Das unüberwindbare Handicap eines jeden direkt oder indirekt mit dieser Frage beschäftigten Forschers war, dass die notwendigen Schlüsselbestände russischer Archive für praktisch alle westlichen Wissenschaftler verschlossen waren. Selbst die wenigen russischen Forscher, die Zugang zu den Archiven besaßen, unterlagen strengen Restriktionen: Auch sie konnten die Entscheidungsprozesse des sowjetischen Führers Iosif Stalin nur sehr unsystematisch und kaum in verifizierbarer Form analysieren. Doch dank der Arbeit einiger etablierter und erfahrener Wissenschaftler, deren groß angelegte Projekte 1990 bereits weit fortgeschritten waren, so dass sie die kurze Periode relativer Offenheit in Russland nutzen konnten, ließen sich viele neue Einblicke gewinnen. Die Mitte der 1990er Jahre veröffentlichten Bücher von David Holloway[15], Norman Naimark[16] und Vojtech Mastny[17] gehören nach wie vor zu den wegweisenden Arbeiten der »new« Cold War History.[18]  Diese Werke behandeln je einen grundlegenden Aspekt der sowjetischen Politik zur Zeit des beginnenden Kalten Krieges (die Atompolitik, die Besatzungspolitik in Deutschland sowie die Außenpolitik; letztere war zwischen 1945 und 1947 stark auf europäische Fragen fokussiert). Obwohl sich die drei Arbeiten unterschiedlichen Themen widmen und die Autoren aufgrund ihrer jeweiligen Archivarbeit abweichende Schlussfolgerungen ziehen, suggerieren sie in ähnlicher Weise, dass mit Stalin in Bezug auf alle wesentlichen Fragen der Nachkriegsordnung eine gemeinsame Arbeitsgrundlage nunmehr sehr schwer oder überhaupt nicht hätte gefunden werden können. Holloway weist nach, dass Stalin auf ein nukleares Arsenal auch dann bestanden hätte, wenn die Vereinigten Staaten ernsthaft Willens gewesen wären, das nukleare Wettrüsten in seinen Anfängen zu verhindern. Naimark geht zwar davon aus, dass Stalin über keine vorab bestehenden Pläne zur Okkupation Deutschlands verfügte. Die harte Hand, mit der seine Truppen die Verwaltung der SBZ organisierten (und andere Methoden als die der harten Hand, so Naimark, kannten sie nicht), machte die folgende tief greifende Entfremdung der deutschen Bevölkerung wie auch der Westmächte im Laufe weniger Monate bzw. Jahre unumgänglich. Mastny wiederum zeigt in seiner geschickten Analyse, dass sich Stalin gegenüber dem Westen eher unsicher fühlte, und dass er weniger an einem sowjetischen, als vielmehr einem schwachen, jedoch fügsamen Europa interessiert war. Mit seinen Anstrengungen, die eigenen Schwächen zu kompensieren, trug Stalin zur Schaffung jener organisierten feindlichen Antwort des Westens bei, die er unter allen Umständen verhindern wollte.  Nebenbei konnten Holloway und Mastny auch zeigen, dass Stalin ernsthaft eine eigene Vision der Nachkriegsordnung verfolgt hat, die, wenn nicht unmittelbar, so doch langfristig, verwirklicht werden sollte, und die zugleich den Vorstellungen Washingtons diametral zuwiderlief. Im gleichen Zusammenhang weisen sie zudem nach, dass Stalins Vorstellungen vom Westen von verhängnisvollen Missverständnissen und einem tiefen Misstrauen geprägt waren. In seiner frühen Synthese der »neuen« Geschichte des Kalten Krieges ging John Lewis Gaddis in dieser Frage noch einen Schritt weiter.[19] Er beurteilt Stalin aufgrund seiner ideologisch bedingten Feindseligkeit gegenüber dem Westen und seiner ungehobelten, argwöhnischen Persönlichkeit, die auf die sowjetische Außenpolitik stark durchschlug. Gaddis sieht darin die Hauptursache für die Entstehung des Kalten Krieges. Zugleich war Stalin jedoch auf internationalem Parkett – in den meisten Fällen jedenfalls – ein sehr vorsichtiger Akteur. Dies führte unmittelbar nach Weltkriegsende bei den Verhandlungen mit den Westmächten über zentrale Fragen zur Stagnation, z. B. in der Deutschlandpolitik. Aus westlicher Sicht kam der Stillstand – wie sich aus der sowjetischen Politik in Polen oder der SBZ folgern ließ – den sowjetischen Interessen und Zielen bedeutend mehr entgegen als den eigenen. Diese Einschätzung bildete im Frühjahr 1947 die Grundlage für mehre einseitige Schritte der Amerikaner und führte so gewissermaßen zur Erklärung des Kalten Krieges durch US-Präsident Harry S. Truman. Gaddis betrachtet letzteres als eine berechtigte, ja geradezu notwendige Reaktion. Der Westen und insbesondere die amerikanische Regierung verfügten selbstverständlich über ihre eigenen Visionen einer Nachkriegsordnung. Melvyn Leffler konnte sehr schlüssig nachweisen, dass man im offiziellen Washington im Sommer 1945 sehr genau wusste, wie diese aussehen sollte. Und obwohl das Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion durchaus bestand, war man dennoch keineswegs gewillt, sich den Wünschen Moskaus entsprechend anzupassen.[20] In einer anderen wichtigen, auf westlichen Quellen basierenden Studie argumentiert Marc Trachtenberg, die Vereinigten Staaten hätten (repräsentiert durch Außenminister James Byrnes) bereits während der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 entschieden, dass es einen gemeinsamen Standpunkt von Ost und West in einer so herausragenden Frage wie der Zukunft Deutschlands nicht geben könnte. Entsprechend sollte einzig noch über ein friedliches Auseinandergehen der beiden, ehemals alliierten Seiten verhandelt werden.[21] Dieser kurze, aber doch repräsentative Überblick über die »erste Welle« neuer englischsprachiger Forschungen zum Kalten Krieg läuft keineswegs auf ein neues Verdikt darüber hinaus, wem die »Schuld« am Kalten Krieg zuzuschreiben sei. Vielmehr erschließt sich das Bild zweier Kontrahenten, die in ihrer jeweiligen Vision der Nachkriegsordnung sowie ihrer gegenseitigen Wahrnehmung dermaßen weit voneinander entfernt waren, dass sie eine tragfähige, gemeinsame Plattform praktisch nicht mehr finden konnten. Während in der Folge beiden Seiten die Verteidigung dessen gelang, was sie als ihre vitalen Interessen betrachteten, war keine der Seiten imstande, die andere zu Zugeständnissen zu zwingen.[22] So gesehen war der Kalte Krieg in Europa unvermeidlich: Die Sowjetunion hätte als Preis für die Beteiligung an einer Nachkriegsordnung im Sinne westlicher Vorstellungen immer neue Zugeständnisse eingefordert (und die geplante Vision dadurch in ihrem Kern verändert). Gleichzeitig hätte sie selbst, wäre sie westlichen Forderungen nachgekommen, all das, was sie im Krieg erreicht hatte und möglicherweise sogar den Sowjetstaat selbst aufs Spiel gesetzt.[23]  Forschungsergebnisse der »zweiten Welle«  Eine »zweite Welle« von Forschungsarbeiten, die seit den späten 1990er Jahren im Umfeld des Journal of Cold War Studies, der Cold War History sowie der CWIHP Working Papers und der diversen neuen Veröffentlichungsreihen zum Kalten Krieg entstanden sind, bestätigt die eben dargelegte Analyse. Dies geschah allerdings bei der Mehrheit der Arbeiten indirekt, da nur einige wenige Forscher die überkommene »Schuld«-Frage in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellten. Stattdessen wurden Arbeiten zur Rolle anderer Akteure oder kleinerer Länder verfasst, ebenso wie Studien zu Entwicklungen innerhalb von Drittstaaten, die ihrerseits zur Teilung von Ost und West beigetragen hatten. Wenn die sowjetische Führungsrolle auch hervorgehoben wurde, so stand dennoch die grenzüberschreitende Bedeutung von Ideologien im Mittelpunkt. Der ausschlaggebende Wille Stalins konnte bestätigt werden: Er suchte den sowjetischen Einfluss auszudehnen und wollte zugleich eine Frontstellung gegenüber dem Westen verhindern. Darüber hinaus gibt es viel versprechende Anstrengungen, die vor 1945 stattgefundenen Entwicklungen im Sinne einer notwendigen Voraussetzung der späteren Konfrontation erneut stärker zu gewichten. Nebenbei kam es auch zu einer Wiederbelebung der »alten« Forschungsansätze, wobei neuerdings viel von den internen Beweggründen sowjetischer Politik gesprochen, jedoch nur wenig empirisch belegt wird.[24]  Selbstverständlich kommt nicht die gesamte »zweite Welle« zu exakt denselben Ergebnissen, doch ist das Maß an Einigkeit bezüglich der Unüberbrückbarkeit westlicher und östlicher Positionen durchaus bemerkenswert. Die Arbeiten von Vladimir Pechatnov bieten den bislang besten Einblick in Stalins Denkweise in Bezug auf die Beziehungen zum Westen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. In einem gut dokumentierten Artikel zeigt er, wie »Stalin im Umgang mit seinen westlichen Gegenspielern unerbittliche, kompromisslose Positionen bei den zentralen Themen mit Flexibilität und Bereitschaft zu Kompromissen bei weniger wichtigen Fragen zu verbinden wusste.« Sein Denken bezüglich des Westens sei bestimmt worden durch »grenzenlosen Argwohn und eine tiefverwurzelte Feindseligkeit«. Bemerkenswerterweise bestätigten laut Pechatnov die von ihm eingesehenen Dokumente aus dem »Stalin-Fond« im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation (APRF) in Moskau das Bild eines unbarmherzigen, opportunistischen und brutalen Strebens nach diplomatischen und anderen Vorteilen – eine »kostspielige« Vorgehensweise, bedenkt man »die Auswirkungen auf die westlichen Gegenspieler und die öffentliche Meinung (die [Stalin] ohnehin völlig vernachlässigte)«[25]. Andere Wissenschaftler betonten (ähnlich wie dies schon viele Autoren in Bezug auf die westliche Politik getan hatten)[26] die Bedeutung der Ideologie für Stalin und seine Regierung. Marxistisch-leninistische Ideen scheinen eine zentrale Rolle gespielt zu haben. Vielmehr jedoch als eine vorgefertigte Schablone der Aggression dürften sie eine Art Linse dargestellt haben, durch welche die Außenwelt wahrgenommen wurde. In der Praxis resultierte aus diesen Ideen dennoch tiefes Misstrauen gegenüber der anderen Seite. Dazu zählen die Entschiedenheit, mit welcher die Bevölkerung unter sowjetischer Kontrolle von westlichen Einflüssen abgeschirmt wurde, die Feindseligkeit, mit welcher man den westlichen Vorstellungen einer Nachkriegsordnung begegnete sowie der Glaube, dass die (Ratio der) Geschichte weltweit auf Seiten der sowjetisch geführten »progressiven« Kräfte stünde, die man folglich nach Kräften unterstützen musste.[27] Wie auch von der traditionellen Historiographie des Kalten Krieges vielfach angenommen, begann der ideologische Antagonismus nicht erst 1945. Mehrere neue, speziell auf die archivische Überlieferung der kommunistischen Seite abgestützte Arbeiten gehen zumindest in ihren Schlussfolgerungen von einer bedeutenden Kontinuität zwischen der Zeit vor und nach 1945 aus. Aufgrund potentieller Auswirkungen auf die Verhältnisse der Großmächte, waren die führenden Akteure des Kalten Krieges beispielsweise gezwungen, zu historisch weit zurückreichenden territorialen Konflikten Position zu beziehen, auch wenn ihre eigenen Länder gar nicht direkt betroffen waren.[28] Wichtiger noch: Wer auch immer sich 1945 in einflussreicher Position befand, war geprägt durch die Erfahrungen der vorangegangenen Dekaden. Die meisten führenden Personen in Ost und West waren Männer mittleren Alters oder älter. Sie waren in ihren Ansichten und Verhaltensweisen gefestigt und entschlossen, die Lektionen, die sie aus den vergangenen Jahrzehnten gezogen hatten, nun auch umzusetzen. Ihre Erfahrungen und Handlungen vor und während des Zweiten Weltkriegs können den Historikern als wichtige Hinweise in Bezug auf die 1945 vorhandenen subjektiven Möglichkeiten für und Einschränkungen einer Ost-West-Zusammenarbeit dienen.[29] Bis jetzt allerdings bildet diese Thematik bestenfalls einen Nebenschauplatz der »neuen« Geschichte des Kalten Krieges. Dies ist umso bedauerlicher, als sich die archivischen und analytischen Voraussetzungen für eine innovative, die Vorkriegsgeschichte mit dem Kalten Krieg verbindende Forschung seit 1991 dramatisch verbessert haben.[30] Die bisherigen Ergebnisse scheinen jedenfalls darauf hinzudeuten, dass der Bruch zwischen Kommunismus und Kapitalismus bereits vor 1945 ziemlich tief und damit der Spielraum für eine ernsthafte Zusammenarbeit drastisch begrenzt war.[31] Eine Kontinuität zurzeit vor 1945 war auch für die sowjetischen Beziehungen zu den ausländischen, vor allem den europäischen kommunistischen Parteien von großer Bedeutung. In den 1920er Jahren hatte Moskau durch die Komintern die Führung über die europäischen kommunistischen Parteien übernommen, und im darauf folgenden Jahrzehnt wurden unzählige ausländische Kommunisten Opfer der Stalinschen Säuberungen.[32] Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten kommunistischen Parteien politisch an den Rand gedrängt oder wurden von den jeweiligen Regierungen verfolgt. Nur in einigen wenigen Fällen waren sie ernsthafte Konkurrenten im Kampf um die politische Macht. Der Krieg veränderte diese Situation, ebenso wie er das Potential sowjetischer Einflussmöglichkeiten in Ost- und Westeuropa drastisch erhöhte. Dass es jene Verbindungen zwischen Moskau und den europäischen Kommunisten gab, war auch vor 1990 kein Geheimnis, doch blieben viele Einzelheiten bisher im Dunkeln. Entsprechend dauerte die Kontroverse nicht nur über Stalins Intentionen gegenüber Westeuropa an, sondern auch gegenüber jenen Territorien, die sich Ende der 1940er Jahre fest unter sowjetischem Einfluss befanden, darunter die Deutsche Demokratische Republik. Die Erforschung der Geschichte kleinerer Akteure (Staaten und politische Parteien) hat die »neue« Geschichte des Kalten Krieges von Beginn an zu einem eigenständigen Forschungsgebiet gemacht. Das historische Geschehen kann dadurch zunehmend aus der Perspektive der kleineren, scheinbar zweitrangigen Teilnehmer betrachtet werden, in diesem Fall aus dem Blickwinkel der europäischen Staaten und der kommunistischen Parteien Ost- und Mitteleuropas. Diese Neuorientierung erklärt sich nur teilweise durch die Öffnung der Archive in jenen Ländern. Ebenso sehr ist sie motiviert durch die Erkenntnis, dass in den Erfahrungen derjenigen, die mehrheitlich als bloße Befehlsempfänger der Großmachtpolitik wirkten, ein großer Aussagewert verborgen liegt. Deshalb haben sich viele Wissenschaftler zur Erforschung des frühen Kalten Krieges nach »unten« bzw. nach »außen« gewagt, jedenfalls weg von den Entscheidungszentren der Großmächte. In einer Studie hat Eduard Mark ein Modell aufgestellt, das nachvollziehbar macht, wie die Sowjetunion – unter dem Einfluss einer grundsätzlichen, anti-westlichen ideologischen Disposition – in der Zeit während und unmittelbar nach dem Krieg ihre langjährige Dominanz über die kommunistischen Parteien Europas mit der sich festigenden militärischen Kontrolle über Ostmitteleuropa verbinden und dadurch in einem schrittweisen Prozess ihren Einfluss in Europa erweitern und stabilisieren konnte. Stalins Verhalten gegenüber den von Mark untersuchten Ländern (die man noch um Deutschland hätte ergänzen können) zeigt, dass dieser sehr wohl einen hegemonialen Anspruch in der Region verfolgte: Westliche Einflüsse sollten ausgeschaltet werden, aber zugleich versuchte Stalin jegliche unnötigen Antagonismen mit dem Westen zu vermeiden. Realisiert wurde dies mit der Strategie der Nationalen Front bzw. der Volksfront oder einer »Revolution in Etappen«. Diese Strategie scheiterte, weil Stalins primäres Ziel immer die Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet war. Weil ein Großteil der Bevölkerungen im sowjetisch besetzten Europa – wenn man ihnen denn überhaupt die Gelegenheit dazu gegeben hatte – von Beginn an gegen Stalin und das sowjetische Modell gestimmt hatten, sahen sich seine Repräsentanten vor Ort anstelle des von Moskau ursprünglich geplanten schrittweisen Vorgehens zu einem eher aggressiven Auftreten gezwungen.[33] Was westliche Beobachter wahrzunehmen glaubten (und die Ostmitteleuropäer am eigenen Leib erfuhren) war durchaus real: Eine mit harter Hand durchgesetzte Implementierung der sowjetischen Hegemonie über die gesamte Region. Eindeutige Hinweise auf die Grenzen von Stalins expansivem Machtstreben gab es damals keine.[34] Dank der Studien über Länder, die (wie wir heute wissen) für Stalin von geringer Bedeutung waren, wird jedoch zunehmend deutlich, dass Stalins Expansionshunger größer war, als bisher angenommen. Er wurde – außerhalb Ostmitteleuropas – nur durch das eigene Bemühen, den Westen nicht gegen sich zu vereinigen zurückgehalten.[35] Eine ähnliche Schwerpunktverschiebung fand bei Untersuchungen der westlichen Seite statt, wobei der Rolle Frankreichs und Italiens sowie deren jeweiligen kommunistischen Parteien die größte Aufmerksamkeit zukam.[36] Hierbei wird deutlich, dass Stalin ein wesentlich vorsichtigeres und geduldigeres Spiel gespielt hat, als bisher angenommen, was damals jedoch angesichts der sowjetischen Politik in Ostmitteleuropa kaum so gesehen werden konnte.[37] Die Leerstelle einer fehlenden Synthese Gerade der Mangel an Arbeiten, die sich direkt mit der »alten« Ursprungsproblematik (inklusive der Frage nach der Verantwortung) auseinandersetzen, scheint aufzuzeigen, wie weit sich die Erforschung des Kalten Krieges inzwischen von den traditionellen orthodoxen, revisionistischen und postrevisionistischen »Schulen« entfernt hat. Heutige Historiker widmen sich zunehmend nicht mehr nur den Regierungen der Großmächte, sondern ebenso der Rolle diverser Parteien. Die Fragen, die heute gestellt werden, unterscheiden sich oft so stark von den früheren, dass die traditionelle Forschung ihr altes Untersuchungsgebiet kaum wieder erkennt. Die neuen Arbeiten haben ein gänzlich neues Forschungsgebiet geschaffen. Im Zusammenhang mit der »Ursprungsfrage« hat man es übrigens mit einer Art Paradox zu tun: Obwohl in jüngster Zeit nur noch vereinzelt Arbeiten explizit zu diesem Thema verfasst wurden, tragen die neueren Untersuchungen zu den Jahren 1945 bis 1947 wesentlich zur Klärung der Entstehung des Kalten Krieges bei. Das bedeutet keineswegs, dass die Forschung deswegen einem Konsens näher gekommen sei als vor zehn, fünfzehn Jahren. Der Grund dafür mag sein, dass seit dem frühen Versuch von John Gaddis noch keine umfassende Synthese zum frühen Kalten Krieg verfasst worden ist. Stattdessen ist das schon zu Beginn der 1990er Jahre vorherrschende Bild nicht zusammenhängender Einzelstudien im Laufe der Jahre noch kleinteiliger geworden. Sollte sich eine unerschrockene Person finden, die sich – unter Einbeziehung aller beteiligten Seiten sowie möglichst umfassender Betrachtungsperspektiven und unterschiedlicher historischer Methoden – an einer neuen Synthese versucht, könnte er oder sie durchaus explizit oder implizit zu dem Schluss gelangen, dass für den Kalten Krieg keine Seite ausschließlich verantwortlich war. Vielmehr dürften es die Umstände gewesen sein, welche die bekannten Entwicklungen unausweichlich machten. Dies wäre zwar keine wirklich neue Erkenntnis – da jedoch davon auszugehen ist, dass sie heute empirisch und methodisch wesentlich besser untermauert und inhaltlich verfeinert werden kann, wäre sie bedeutend schwieriger in Frage zu stellen, als einst der alte Postrevisionismus.   Übersetzung aus dem Englischen von Lukas Imhof (Berlin) [1]  Der vorliegende Aufsatz fasst die Zeit zwischen den Konferenzen von Jalta bzw. Potsdam 1945 und der Verkündung der antisowjetischen Truman-Doktrin im März 1947 als Entstehungsphase des Kalten Krieges auf. Von jenem Moment an gab es im Ost-West-Verhältnis zwei Seiten, die amerikanische und die sowjetische, die sich beide den Untergang des jeweils anderen zum Ziel gesetzt hatten. [2]  Gaddis, John L.: The Emerging Post-Revisionist Synthesis on the Origins of the Cold War, in: Diplomatic History 7 (1983), H. 3, S. 171–193. [3]   Leffler, Melvyn: A Preponderance of Power: National Security, The Truman Administration, and the Cold War, Stanford 1992. Dieses Buch kann als Höhepunkt jener Epoche englischsprachiger Forschung zum beginnenden Kalten Krieg betrachtet werden. Siehe dazu auch eine der vielen lobenden Rezensionen Eden, Lynn: The End of U. S. Cold War History?, in: International Security, 18 (1993) H. 1, S. 174–207. [4]   Siehe Maier, Charles S.: Marking Time. The Historiography of International Relations, in: Kammen, Michael (Hrsg.): The Past before Us. Contemporary Historical Writing in the United States, Ithaca 1980, S. 355–387; Lundestad, Geir: Moralism, Presentism, Exceptionalism, Provincialism, and other Extravagances in American Writings on the Early Cold War Years, in: Diplomatic History, 13 (1989), H. 4, S. 527–536. [5]   Es handelt sich dabei um The New Cold War History. Hrsg. von John Lewis Gaddis (University of North Carolina Press); Cold War History Series. Hrsg. von Westad, Odd Arne/Cox, Michael (Routledge u. Frank Cass); Cold War International History Project Series. Hrsg. von James G. Hershberg (Stanford University Press); The Harvard Cold War Studies Book Series. Hrsg. von Mark Kramer (Rowman & Littlefield) und National Security Archive Cold War Readers. Hrsg. von Malcolm Byrne (Central European University Press). Ungeachtet vieler Bände zu Themen der Zeit vor 1945 gehört in diese Liste auch die Annals of Communism Series. Hrsg. von Jonathan Brent (Yale University Press). [6]     http://www.wilsoncenter.org/index.cfm?topic_id=1409&fuseaction=topics.publications [7]    Siehe dazu folgende Texte zweier führender Vertreter dieser Ausrichtung: Gaddis, John Lewis: We Now Know. Rethinking Cold War History, New York 1997; Leffler, Melvyn: Inside Enemy Archives. The Cold War Reopened, in: Foreign Affairs, 75 (1996), H. 4, S. 120–135; Ders.: The Cold War. What do »We Now Know«?, in: American Historical Review, 104 (1999), S. 501–524.   [8]   Zum so genannten Novikov-Telegramm siehe The Soviet Side of the Cold War. A Symposium, in: Diplomatic History, 15 (1991), H. 4, S. 523–563. Zum zweiten Symposium Soviet Archives. Recent Revelations and Cold War Historiography, in: Diplomatic History, 21 (1997), H. 2, S. 217–305.   [9]    Siehe: The American Occupation of Germany in Cultural Perspective. A Roundtable, in: Diplomatic History 23 (1999), H. 1, S. 1–77.   [10]   Siehe z. B. Stivers, William: The Incomplete Blockade. Soviet Zone Supply of West Berlin, 1948–1949, in: Diplomatic History, 21 (1997), H. 4, S. 569–602; Sarotte, Mary E.: A Small Town in (East) Germany. The Erfurt Meeting of 1970 and the Dynamics of Cold War Dé- tente, in: Diplomatic History, 25 (2001), H. 1, S. 85–104, Zubok, Vladislav: Soviet Intelligence and the Cold War. The »Small« Committee on Information, in: Diplomatic History, 19 (1995), H. 3, S. 453–472.   [11]      Nicht, dass daran bei einer Zeitschrift, die von der Society for Historians of American Foreign Relations herausgegeben wird, etwas falsch wäre; es macht jedoch deutlich, weshalb zwei neue Zeitschriften zur Geschichte des Kalten Krieges gegründet wurden. Natürlich kann es auch umgekehrt gewesen sein (oder aber beides auf einmal): Die Abwendung der »neuen« Forschung zur Geschichte des Kalten Krieges von der Diplomatic History fiel zeitlich weitgehend mit der Gründung der zwei neuen Zeitschriften zum Kalten Krieg zusammen. Entsprechend denken vermutlich nur noch wenige Forscher, die sich als Spezialisten des Kalten Krieges (und nicht der US-Außenbeziehungen) verstehen, bei der Suche nach Publikationsmöglichkeiten als erstes an die Diplomatic History. Eine der Ausnahmen war während der letzten fünf Jahre Nigel Gould-Davies. Siehe Gould-Davis, Nigel: The Logic of Soviet Cultural Diplomacy, in: Diplomatic History 27 (2003), H. 2, S. 193–214.   [12]   Siehe bezüglich der Phase von 1945 bis 1947 zum Beispiel: DiNardo, Richard S.: Glimpse of an Old World Order? Reconsidering the Trieste Crisis of 1945, in: Diplomatic History 21 (1997), H. 3, S. 365–381 sowie Mark, Eduard: The War Scare of 1946 and its Consequences, in: Diplomatic History 21 (1997), H. 3, S. 383–415.   [13]  Siehe dazu die Aufsätze bei Westad, Odd Arne (Hrsg.): Reviewing the Cold War. Approaches, Interpretations, Theory, London 2000; Smith, Tony: New Bottles for New Wine. A Pericentric Framework for the Study of the Cold War, in: Diplomatic History, 24 (2000), H. 4, S. 567–591. [14]  Westad, Odd Arne: The New International History of the Cold War. Three (Possible) Paradigms, in: Diplomatic History, 24 (2000), H. 4, S. 551–565.  [15]  Holloway, David: Stalin and the Bomb. The Soviet Union and Atomic Energy 1939–1956, New Haven 1994. [16]  Naimark, Norman: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945–1949, Cambridge 1995. [17]  Mastny, Vojtech: The Cold War and Soviet Insecurity: The Stalin Years, New York 1996. [18]  In den 1990er Jahren erschienen noch weitere Hauptwerke der New Cold War History, jedoch vor allem zum Kalten Krieg in Asien. Ihr Betrachtungszeitraum liegt jedoch außerhalb der hier thematisierten Epoche. Zur sowjetischen Politik während des gesamten Kalten Krieges siehe Zubok, Vladislav/Pleshakov, Constantine: Inside the Kremlin’s Cold War. From Stalin to Khrushchev, Cambridge 1996. [19]  Gaddis: We Now Know (Anm. 7). [20]  Leffler, A Preponderance of Power (Anm. 3). [21]  Trachtenberg, Marc: A Constructed Peace. The Making of the European Settlement, 1945– 1963, Princeton 1999. [22]  Es gibt nach wie vor Wissenschaftler, welche die Verantwortung für den Ausbruch des Kalten Krieges allein der US-amerikanischen Seite zuschreiben. Ihr Fokus liegt nicht auf neuen (oder »alten«) Erkenntnissen zur sowjetischen Politik, sondern auf dem in ihren Augen bösartigen Charakter des amerikanischen Kapitalismus. Siehe dazu z. B. Eisenberg, Carolyn: Drawing the Line. The American Decision to Divide Germany, 1944–1949, New York 1994; Cumings, Bruce: »Revising Postrevisionism« or The Poverty of Theory in Diplomatic History, in: Diplomatic History, 17 (1993), H. 4, S. 539–569, Stephanson, Anders, The Cold War considered as a US project, in: Pons, Silvio/Romero, Federico (Hrsg.): Reinterpreting the End of the Cold War, London 2005, S. 52–67. [23]  Solch eine Argumentation verzichtet jedoch auf jegliche moralischen Beurteilungen, die etwa John Gaddis ausdrücklich vornimmt. Der Autor dieses Beitrags stimmt Gaddis dahingehend zu, dass der US-geführte Westen mit einer wesentlich größeren moralischen Berechtigung auf seiner Position beharrte als Stalin, und dass der Westen – wenn man so will – für eine bessere Sache eintrat als der sowjetische Tyrann. [24]  Siehe Cox, Michael/Kennedy-Pipe, Caroline: The Tragedy of American Diplomacy? Rethinking the Marshall Plan, in: Journal of Cold War Studies, 7 (2005), H. 1, S. 97–134. Der Artikel von Cox und Kennedy-Pipe bezieht allerdings die neuere, auf westliche Archivalien gestützte Forschung nicht ein. Siehe Zelikow, Philip: George C. Marshall and the Moscow CFM Meeting of 1947, in: Diplomacy & Statecraft, 8 (1997), H. 2, S. 97–124. [25]  Pechatnov, Vladimir O.: »The Allies are Pressing on You to Break Your Will …«. Foreign Policy Correspondence between Stalin and Molotov and Other Politburo Members, September 1945–December 1946 (= CWIHP Working Paper, H. 26), Washington, D. C. 1991, S. 24 f. Siehe ebenfalls Chubariyan, Alexander O./Pechatnov, Vladimir O. (Hrsg.): Molotov, »the Liberal«. Stalin’s 1945 Criticism of his Deputy, in: Cold War History 1 (2000), H. 1, S. 129–140. [26]  Herausragende jüngere Beispiele sind Offner, Arnold A.: Another Such Victory. President Truman and the Cold War, 1945–1953, Stanford 2002 u. Ruotsila, Markku: British and American Anticommunism Beore the Cold War, London 2001. [27]  Gould-Davies, Nigel: Rethinking the Role of Ideology in International Politics During the Cold War, in: Journal of Cold War Studies, 1 (1999), H. 1, S. 90–109; Roberts, Geoffrey: Litvinov’s Lost Peace, 1941–1946, in: Journal of Cold War Studies, 4 (2002), H. 2, S. 23–54; Nadzhafov, Dzhahangir G.: The Beginning of the Cold War between East and West. The Aggravation of Ideological Confrontation, in: Cold War History, 4 (2004), H. 2, S. 140–174; Ulunian, Artiom A.: Soviet Cold War Perceptions of Turkey and Greece, 1945–58, in: Cold War History, 3 (2003), H. 2, S. 35–52. [28]  Murashko, Galina P./Noskova, Albina F. (Hrsg.): Stalin and the National-Territorial Controversies in Eastern Europe, 1945-47 (Part 1), in: Cold War History, 1 (2001), H. 3, S. 161–172. [29]  Siehe z. B. Epstein, Catherine: The Last Revolutionaries. German Communists and their Century, Cambridge 2003, Banac, Ivo (Hrsg.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949, New Haven 2003. Siehe auch Ruotsila: British and American Anticommunism (Anm. 26); Klehr, Harvey/Haynes, John E./Firsov, Fridrikh (Hrsg.): The Secret World of American Communism, New Haven 1995; Klehr, Harvey/Haynes, John E./Anderson, K. M. (Hrsg.): The Soviet World of American Communism, New Haven 1998. [30]  Als Beispiel für zwei frühe Arbeiten, die bezüglich Stalins internationalen Zielsetzungen 1939– 1941 zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen gelangen siehe Nekrich, Alexandr M.: Pariahs, Partners, Predators. German-Soviet Relations, 1922–1945, New York 1997; Gorodetsky, Gabriel: Grand Delusion. Stalin and the German Invasion of Russia, New Haven 1999. [31]   Weinberg, Gerhard L.: Visions of Victory. The Hopes of Eight World War II Leaders, New York 2005. [32]  Dallin, Alexander/Firsov, Fridrikh: Dimitrov and Stalin, 1934–1943. Letters from the Soviet Archives, New Haven 2000; Chase, William J.: Enemies Within the Gates? The Comintern and Stalinist Repression, 1934–1939, New Haven 2001. [33]  Mark, Eduard: Revolution By Degrees. Stalin’s National-Front Strategy For Europe, 1941– 1947 (= CWIHP Working Paper, H. 31), Washington, D. C. 2001. An manchen Orten erhoben sich die Bevölkerungen Osteuropas nach dem Krieg auch gegen andere, von ihnen als solche wahrgenommene Bedrohungen und ermöglichten dadurch den eben erst errichteten kommunistischen Regimen, von ihrer Autorität Gebrauch zu machen und so ihre Macht zu konsolidieren. Siehe Prazmowska, Anita J.: The Kielce Pogrom 1946 and the Emergence of Communist Power in Poland, in: Cold War History, 2 (2002), H. 2, S. 101–124. [34]   Siehe auch Borhi, Laszlo G.: The Merchants of the Kremlin. The Economic Roots of Soviet Expansion in Hungary (= CWIHP Working Paper, H. 28), Washington, D. C. 2000. [35]  Yegorova, Natalia I.: The »Iran Crisis« of 1945–46. A View from the Russian Archives (= CWIHP Working Paper, H. 15), Washington, D. C. 1996; Scheid-Raine, Fernande: Stalin and the Creation of the Azerbaijan Democratic Party in Iran, 1945, in: Cold War History 2 (2001), H. 1, S. 1–38; Sifkas, Thanasis D.: War and Peace in the Strategy of the Communist Party of Greece, 1945–1949, in: Journal of Cold War Studies 3 (2001), H. 3, S. 5–30; Mazov, Sergei: The USSR and the Former Italian Colonies, 1945–50, in: Cold War History, 3 (2003), H. 3, S. 49–78. [36]  Siehe z. B. Hitchcock, William: France Restored. Cold War Diplomacy and the Quest for Leadership in Europe, 1944–1954, Chapel Hill 1998; Brogi, Allesandro: A Question of SelfEsteem. The United States and the Cold War Choices in France and Italy, 1944–1958, Westport, CT 2001, Creswell, Michael/Trachtenberg, Marc: France and the German Question, 1945–1955, in: Journal of Cold War Studies, 5 (2003), H. 3, S. 5–28. [37]  Pons, Silvio: Stalin, Togliatti, and the Origins of the Cold War in Europe, in: Journal of Cold War Studies, 3 (2001), H. 2, S. 3–27. 

JHK 2006

Wer war »Ralf Forster«? Der Leiter der DKP-Militärorganisation im Spiegel der Erinnerung und der MfS-Akten

Hermann Weber

Erst sehr spät, im Jahr 2004, wurde eine gefährliche, illegale und absurde Aktivität der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zur Unterminierung der alten Bundesrepublik aufgedeckt, die von der SED-Führung initiiert und finanziert wurde: die so genannte Militärorganisation (MO). Seit 1969/70 bildete die politische Sekte DKP auf dem Territorium der DDR spezielle »militärische Kader« aus. Damit sollten verlässliche Personen bereitstehen, die im Krisenfall Sabotage betrieben und bei einem kriegerischen Ost-West-Konflikt die Streitkräfte des Warschauer Paktes als eine Art bewaffnete Partisanengruppe im Westen unterstützten. Es handelte sich im Sinne der Tradition der deutschen Kommunisten um eine spezielle Militärorganisation der Partei. Dieses aufwändige Unternehmen haben MfS und NVA gemeinsam und völlig geheim geleitet; die »Kader«, die militärisch und politisch geschult wurden, hatte die DKP zu rekrutieren. Natürlich waren nur die Spitzenfunktionäre von SED und DKP über die Vorgänge eingeweiht. Die streng konspirative Tätigkeit lief fast 20 Jahre lang, von 1970 bis 1989, unter der Tarnbezeichnung »Gruppe Forster«. Nach dem Zusammenbruch der DDR gab es Hinweise auf diese Kampfgruppe, aber ein Ermittlungsverfahren gegen führende Personen wurde 1993 eingestellt. Insgesamt blieben die Aktivitäten der Gruppe und der Person ihres verantwortlichen Leiters »Ralf Forster« weitgehend im Dunkeln.[1] Erst im Mai 2004 dokumentierte die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, auf einer Pressekonferenz die Existenz der »Gruppe Forster«.[2] Im Folgenden steht weniger die »Gruppe Forster« selbst im Mittelpunkt, als vielmehr die Person des Namensgebers. Aufgrund meiner Erinnerungen als Zeitzeuge und der Einsicht in die Hinterlassenschaft im MfS-Archiv konnte ich dessen Biographie rekonstruieren, allerdings nur schrittweise. Daher sind hier die Etappen der Erkenntnisgewinnung dokumentiert. Persönliche Begegnung mit Harry Schmitt in der 50er Jahren Wer sich hinter dem Namensgeber der ominösen »Gruppe Ralf Forster« verbarg, war auch mir zunächst unklar. Schließlich entdeckte ich in den erhaltenen Akten des MfS die Identität Ralf Forsters. Es war kein anderer als Harry Schmitt, ein mir längst bekannter KPD-Funktionär. Auf dessen »Fall« stieß ich bei den Recherchen für die Fortsetzung meines Buches Damals, als ich Wunderlich hieß.[3] Meine Frau Gerda Weber und ich waren dazu intensiv mit den 50er und 60er Jahren befasst. In dem Fortsetzungsband mit dem Titel Ein Leben mit dem »Prinzip Links«. Vom Kalten Krieg bis zur Diktatur-Aufarbeitung, der im Herbst 2006 im Ch. Links Verlag erscheinen wird, ist die Zeit nach 1949 skizziert. Erneut waren persönliche Erinnerungen des Zeitzeugen mit der Analyse des reflektierenden Historikers zu verbinden, also Aktenstudium angesagt. Zu Rate zog ich dafür auch Notizen vom September 1953, die ich mir im Gefängnis gemacht hatte: Damals, im Jahr 1953, saßen wir nämlich wegen unserer Tätigkeit für die KPD, die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und den Demokratischen Frauenbund Deutschland (DFD) in Untersuchungshaft, meine Frau Gerda in Heidelberg und ich in Essen. Allein eingesperrt in einer Zelle, entstand die Idee, eine Arbeit über »die Funktionäre« im Kommunismus zu versuchen. Meine Überlegung ging dahin, kommunistische Funktionäre, ihre Sozialisation, ihr Wirken mit gebrochenem Rückgrat und ihre unbedingte Einsatzbereitschaft für »die Partei«, zugleich deren sklavische Unterordnung unter die jeweilige Führung zu analysieren und dabei eigene Erlebnisse mit vielen solcher Kader festzuhalten. Ich betrachtete es als historisch wichtig, hinter das Phänomen zu kommen, warum und wie diese Kommunisten als stalinistische »Apparatschiks« »funktionierten«. Zahlreiche führende Altkommunisten, die ich bis 1953 kennen gelernt hatte, ignorierten die Schrecken des Stalinismus. Das bestätigte den Ausspruch unserer Freundin Rosa Meyer-Leviné: »Keiner ist so blind wie der, der nicht sehen will.« Mir schien das aber bedeutend genug, um sich gründlich mit »dem kommunistischen Funktionär« zu beschäftigen. Mehrfach hatte ich erlebt, wie der – lautstark Thälmann kopierende – KPD-Vorsitzende Max Reimann und andere Mitglieder des Parteivorstandes eingeschworen auf Stalin und die Sowjetunion agierten. Gleiches galt zunächst für seine Stellvertreter Kurt Müller und Fritz Sperling, oder Willi Prinz, bis sie dann persönlich in die Mühlen der fürchterlichen »Säuberungen« gerieten. Als Funktionärstyp wirkten sie allerdings ebenso faszinierend wie etwa die Schwaben Hermann Nuding oder Robert Leibbrand. Und wieder völlig anders meine Erfahrungen mit Willy Boepple und Jakob Ritter in Mannheim. Erst recht interessant war das Verhalten der SED-Führer, denen ich begegnete, seien es Walter Ulbricht, Erich Honecker, Anton Ackermann oder Wilhelm Pieck.[4] Längst bin ich durch Untersuchungen über die KPD der Weimarer Republik zu neuen Einsichten gelangt, registriere den Unterschied zwischen den frühen Kommunisten und denjenigen, die während der Stalinisierung in der Partei blieben, weiter mitmachten.[5] Inzwischen ist nachgewiesen, dass von den 1 400 deutschen kommunistischen Spitzenkadern der Jahre 1918 bis 1945 fast jeder Dritte gewaltsam ums Leben kam. Davon fielen 222 Kommunisten dem Terror Hitlers zum Opfer, aber auch 178 dem Stalins. Das zeigt die ganze Dramatik und Tragödie der deutschen kommunistischen Bewegung, die ich damals, 1953, erst ansatzweise begriffen hatte. Im Oktober 1953 aus dem Gefängnis entlassen, merkte ich rasch, dass mein Plan seinerzeit nicht zu verwirklichen war, behielt das Thema aber stets »im Auge«. Bei der jetzigen Arbeit an Ein Leben mit dem »Prinzip Links« stieß ich neben anderen Personen auch auf Harry Schmitt. Er war mir in den 50er Jahren als Mitarbeiter im KPD-Vorstand begegnet, ein unermüdlicher, hartgesottener, fanatischer und letztlich wohl auch gewissenloser Apparatschik. Bereits damals stellte er den Prototyp des »Kaders« dar, der im Parteiapparat skrupellos wirkte, einige Schlagzeilen machte, aber insgesamt kaum auffiel, weil er hinter den Kulissen die Fäden zog. Das erste Mal traf ich Harry Schmitt 1950 beim KPD-Parteivorstand in der Frankfurter Gutleutstraße. Dort war er in der Kaderabteilung für die »Reinheit« der Partei verantwortlich, hatte also »Abweichler« und »Feinde« ausfindig zu machen, sie wachsam zu beobachten, zu entlarven und »auszumerzen«. Der damals 31-jährige asketische Mann entsprach mit seinem Charakter seiner Funktion: Er war misstrauisch und völlig humorlos. Außerdem organisierte er Schulungen, die von der Agit-Prop-Abteilung gestaltet wurden. Zu dem Zweck war ein »Sozialistisches Forum« eingerichtet worden, das seit Herbst 1948 »marxistisch-leninistisches Gedankengut« verbreiten sollte. Im »Semester« von März bis Mai musste ich am 29. März 1950 zum Thema »Die Gründung der DDR – ein Wendepunkt in der Geschichte Europas« referieren. Über Inhalte hatte Schmitt nicht mit mir geredet, sondern über eventuelle Störungen der Veranstaltung – die freilich ausblieben. Als »Titoisten« und »Trotzkisten« im April 1951 in der Bundesrepublik die Unabhängige Arbeiterpartei (UAP) gründeten, betätigte sich Schmitt als übereifriger Agentensucher; seine Beschimpfungen der »Trotzkisten« übertrafen sogar die offizielle stalinistische Version.  Im Pressedienst stammte der maßgebliche Artikel gegen Parteifeinde aus Schmitts Feder, was dessen neue Bedeutung als »Obersäuberer« der KPD unterstrich. Der Sozialistische Informationsdienst der KPD veröffentlichte Schmitts Referat auf einer »Konferenz der verantwortlichen Genossen der Abteilung Kaderpolitik und der Org.-Sekr. der Landesvorstände am 11./12. 1. 1950« über die »parteifeindliche Bewegung«.[6] Darin behauptete er, die »heutigen Parteifeinde« würden »im Auftrage der kriegstreiberischen Imperialisten ihre Agentendienste in unserer Partei und den Massenorganisationen durchführen«. Nun galt jeder »Parteifeind« als »Agent«. Um die Warnung zu bekräftigen, berief er sich auf Stalin und auf die Vernichtung des »Verrätergeschmeißes«, das »im Auftrage der Gestapo diese Terrorakte in der Sowjetunion durchführte. Sie selbst gestanden es während der Prozesse«. Die ganze Heuchelei dieser verlogenen Bemerkungen Schmitts wurde mir freilich erst viel später klar, nämlich nach Bekanntwerden seiner eigenen Haft in Moskau genau zur Zeit dieser »Prozesse«. 1950 war Schmitt für mich ein unbeschriebenes Blatt, deshalb wollte ich herausfinden, woher er eigentlich kam. Genaue Einzelheiten über ihn und seinen Vater Heinrich Schmitt wusste ich 1950 zwar noch nicht, aber immerhin schon wesentliche Daten. Damals überlegte ich: Ist Harry etwa ein so fanatischer Stalinist und »Säuberer«, weil er sich vom »Makel« des Vaters zu »befreien« versucht? Denn zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass Heinrich Schmitt bereits in der Weimarer Republik ein bekannter kommunistischer Funktionär war.[7] Dieser übersiedelte nach dem Ersten Weltkrieg nach Halle (wo Harry am 17. September 1919 geboren wurde), war als Kommunist Betriebsratsvorsitzender in den LeunaWerken und 1928 Reichstagsabgeordneter. Nachdem er 1929 als »Versöhnler« abgesetzt wurde, ging er einige Zeit in die Sowjetunion, saß aber dann in Deutschland von 1935 bis 1945 als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen Hitler im Zuchthaus. Heinrich Schmitt kam 1945 für die KPD als Staatsminister in die bayerische Landesregierung, trat im Juli 1946 zurück und verließ im Oktober 1947 die KPD. Er blieb als Geschäftsmann weiterhin in München, wo er am 13. August 1951 starb. Ob Harry Schmitt zur Beerdigung seines »abtrünnigen« Vaters Heinrich nach München gefahren ist? Öfter sah ich ihn erst wieder, als die FDJ- und auch die KPD-Führung nach Düsseldorf umgezogen waren. Gerda und ich wohnten seit Sommer 1950 mit Harry Schmitt im selben Haus in der Kiefernstraße 2. Ab und zu begegneten wir uns, aber mehr als ein »Guten Tag« wurde kaum gewechselt. Harry Schmitt hatte inzwischen Edith Gebauer geheiratet, die ich schon aus Frankfurt am Main kannte, wo sie im Zentralbüro der FDJ als eine tüchtige Stenotypistin arbeitete. Die damals junge (Jahrgang 1930), immer freundliche und einsatzwillige FDJlerin, allseits wegen ihrer netten Art beliebt, kam aus Bayern (allerdings war sie als Kind in Lodz aufgewachsen). Im Frühjahr 1951 hatte uns Edith überraschend in unserer Wohnung aufgesucht und sich weinend über Harry beklagt. Wir nahmen an, er hatte sie geschlagen. Wir waren empört, dass ein hoher, fanatischer kommunistischer Funktionär seine eigene Frau so rabiat behandelte und fragten uns: Wie geht der wohl bei entsprechender Gelegenheit mit fremden Menschen um? Wir sahen das Ehepaar nur noch selten. Er begegnete mir schroffer, vielleicht hatte sie ihm berichtet, dass sie uns ihr Herz ausgeschüttet hatte. Bald verschwand die Familie Schmitt dann aus unserem Gesichtsfeld. Harry Schmitts Werdegang: Opfer stalinistischer Säuberungen und  pensionierter Altkommunist in Berlin-Pankow Auf den Namen Harry Schmitt stieß ich erst wieder, als ich in den 80er Jahren über das Schicksal deutscher Kommunisten in der Sowjetunion Stalins forschte. Zunächst war mir freilich nicht bewusst, um wen es sich bei »Harry Schmidt«, einem in den »Säuberungen« Verfolgten, handelte, deshalb hieß es in der 2. Auflage der Weißen Flecken vom Januar 1990 nur lapidar und keineswegs korrekt: »Schmidt, Harry. KPD-Funktionär, er wurde in der Liste Wilhelm Piecks an Dimitroff vom April 1938 als verhaftet aufgeführt, ist seither verschollen.«[8] Als ich später anhand von Akten genaueres erfuhr, konnte ich kaum fassen, dass dieser »Schmidt« der mir als übereifriger Stalinist bekannte Funktionär Schmitt war und er tatsächlich zu den in der Säuberung Verhafteten gehörte. Er war mit seinem Vater Heinrich und seiner Mutter Anna 1933 in die Sowjetunion gekommen, besuchte in Moskau die Karl Liebknecht-Schule, wurde 1934 Mitglied des Komsomol, ab 1936 sowjetischer Staatsbürger und Schlosser in einem Forschungsinstitut. Am 17. Februar 1938 wurde Harry Schmitt vom NKWD festgenommen. (Etwa als Sohn eines »Versöhnlers«? Dieser saß damals aber im Nazi-Zuchthaus.) In der Lubjanka als 18-jähriger Häftling misshandelt, wurde Schmitt wie andere junge deutsche Emigranten beschuldigt, in einer illegalen »Hitlerjugend« in Moskau aktiv zu sein, die »Stalins Ermordung« plante. Eine noch verrücktere Anschuldigung als die übrigen, die in den 30er Jahren gegen die vom NKWD verhafteten deutschen Kommunisten erhoben wurden. Schmitt wurde am 10. Oktober 1938 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt, aber bereits 1940 aus dem Moskauer Butyrka-Gefängnis entlassen. Schließlich meldete er sich dann 1942, trotz (oder wegen) dieser Erfahrungen freiwillig zur sowjetischen Armee. Vom »Rotarmisten« ist Harry Schmitt nach Fallschirm-Einsätzen, Tätigkeit bei den Partisanen und Dienst in der Geheimpolizei zum »Gardeoffizier« aufgestiegen. Warum 1940 seine vorzeitige Freilassung erfolgte und wie er als ehemals verurteilter »Volksfeind« später solche Karriere machte, wusste er zu verbergen. Mit Sowjettruppen kam Schmitt nach Deutschland und wurde im Sommer 1945 der westdeutschen KPD überstellt; er war zunächst Kreissekretär in Würzburg, dann wie sein Vater in München. Schließlich arbeitete er ab 1949 als Funktionär im Apparat des Parteivorstands. 1950 herrschte über Schmitts Biographie strengstes Stillschweigen. Während meiner Nachforschungen in den 80er Jahren interessierte mich besonders, wieso ein Funktionär mit diesem Lebenslauf ein stalinistischer »Schnüffler« wurde, der nun seinerseits »Parteifeinde« aufspüren wollte und sollte. Für mich blieb es ein unlösbares Rätsel, ich wusste ja auch nicht, ob er noch lebte, und wenn ja, wo.  Im Dezember 1998 fand ich im DKP-Blatt UZ (Unsere Zeit) einen Leserbrief von »Harry Schmitt, 13156 Berlin«. Der Tenor deutete ganz auf den »Altkommunisten« Schmitt: Er beschwerte sich, die DKP habe den 100. Geburtstag von Max Reimann zu wenig gewürdigt und beendete seine »Leserzuschrift« mit den Worten: »Die alten Kommunisten mit ihrer immer treu zur Partei und unserer Idee gestanden habenden Vergangenheit gehören auch in der Gegenwart zur DKP – und, nicht als Überheblichkeit zu verstehen, gehört die DKP auch uns noch lebenden ›Altkommunisten‹ die wir sie konstituiert haben.«  Das klang nach dem Apparatschik, dem ich 1950 begegnet war. Aber was hatte er während dieser Jahrzehnte getan? Im September 1999 las ich in der UZ zum 80. Geburtstag »Harry Schmitts« zwei Anzeigen, eine vom DKPBezirksvorstand Berlin und eine von »Edith für alle unsere Schmitts«. Voller Lob über den »Offizier der Roten Armee« und »leitenden Funktionär der KPD in West-Deutschland«. Also war es der mir bekannte Harry Schmitt. Dann stand im November 1999 in der UZ eine Todesanzeige, Harry Schmitt war am 27. Oktober 1999 in Berlin gestorben. Er wurde nun über alles geehrt als »echter Bolschewik«, als »unerschrockener, standhafter Kommunist im Geiste von Ernst Thälmann«. Der Parteivorstand der DKP versprach, »in seinem Sinne für eine sozialistische Alternative weiter« zu kämpfen. Und seine »DKP-Gruppe Berlin-Nordost« bescheinigte ihm, »bis zuletzt« ein »erfahrener Erzieher« für die nachfolgende Generation gewesen zu sein. Außer solchen Floskeln kein Wort über Schmitts wahre Tätigkeit. Später entdeckte ich im Berliner DKP-Organ Rotfuchs einen Nachruf »zum Tod eines Kommunisten«. Harry Schmitt sei in den 60er Jahren »Sekretär des Politbüros der KPD« und dann »leitender Mitarbeiter des PV«, des Parteivorstandes der DKP, also »das Beispiel eines proletarischen Internationalisten« gewesen. Seinem »letzten Willen entsprechend« wurde die Urne beim Begräbnis in die »Sowjetfahne mit Hammer, Sichel und Stern gehüllt«. Wichtiger als die Schilderung dieses gespenstischen Zeremoniells noch im Jahr 1999, acht Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, war der interessante Hinweis, dass es gegen Schmitt »ein Verfahren wegen unterstellter Agententätigkeit der DKP und SED zu Sabotagezwecken« in der Bundesrepublik gegeben habe. Doch: »Der Vorgang mußte eingestellt werden«. Aber über die »Gruppe Forster« wurde nichts mitgeteilt. Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte (wie vorher im Mai Die Welt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung; siehe Anm. 2) 2004 nach den Enthüllungen von Marianne Birthler einen Artikel von Karl-Heinz Baum, dem ehemaligen Korrespondenten in der DDR.[9] Auch in seinem Bericht über die illegale Zersetzungsgruppe der DKP »Ralf Forster« erwähnte er den Namen Harry Schmitt. Und als ich dankenswerter Weise von der Birthler-Behörde die relevanten StasiUnterlagen bekam, war ich sicher: Ralf Forster – das ist Harry Schmitt.  Harry Schmitt als Leiter der Gruppe »Ralf Forster« Mit den heute zugänglichen Archivalien[10] sind Harry Schmitts Wege zu rekonstruieren und »Forsters« Aktivitäten zu belegen. Er zog 1953 samt Familie in die DDR, zunächst kurz nach Brandenburg (Havel), wo auch seine Mutter Anna nach ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion angesiedelt wurde. Danach lebte er bis zu seinem Tod in Ost-Berlin, und hier allerdings mit einer Doppelidentität. In der DDR war er Mitglied der SED und ihrer Massenorganisationen sowie als Abteilungsleiter für Koordinationsfragen im Büro des Ministerrates der DDR beschäftigt (dort ab 1. September 1987 formelle Beendigung des Arbeitsverhältnisses, nun »Rentner«). Dahinter verbarg sich in Wahrheit aber eine jahrelange konspirative Tätigkeit für die illegale KPD und danach für die DKP.  Ab den 70er Jahren war Schmitt zudem »positiv erfaßt für MfS Berlin, BdL II (Büro der Leitung), Oberst Harnisch«. Seit der Gründung und Legalisierung der DKP besaß er als »Staatsangehöriger BRD« (offensichtlich in Frankfurt am Main gemeldet) eine »Dauer-Einreise-Avisierung« [sic!] für die DDR über den Bahnhof Friedrichstraße mit einer »Dauereinlaßkarte des ZK der SED«. Während Harry Schmitt mit der Familie offiziell in Ost-Berlin gemeldet war und dort auch wohnte (zwei Söhne und ein Schwiegersohn wurden hauptamtliche Mitarbeiter des MfS), gehörte er tatsächlich zur Spitzenführung der seit 1956 verbotenen westdeutschen KPD. Er war Kandidat des ZK der illegalen Partei und verantwortlich für Kaderfragen. Sogar auf der Teilnehmerliste der konspirativen Tagung des 54köpfigen ZK im März 1966 ist er namentlich registriert (wie Jupp Angenfort, Manfred Kapluck, Herbert Mies, Albert Buchmann, Max Reimann, Fritz Rische, Fritz Salm, Karl Schabrod oder Gustav Müller)[11], zunächst trug er noch den Parteinamen »Lutz«. Doch schon 1967 erhielt das MfS vom rumänischen Sicherheitsdienst eine »Warnliste« der belgischen Polizei, auf der wieder der Name Harry Schmitt stand. Diese Liste wurde der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) der illegalen KPD übergeben als »sogenannte Rote Liste« westlicher Geheimdienste mit ca. 400 bis 500 Personen.[12] Ab Gründung der DKP 1968 leitete Schmitt die Geheimarbeit der »neuen« legalen Partei, zwecks Tarnung blieb sein Wohnsitz jedoch Ost-Berlin. Da er bereits für die illegale KPD so genannte »Sicherheitsgruppen« organisiert hatte (einige Unterlagen darüber wurden 1966 vom MfS vernichtet), erledigte er nun ähnliche Arbeiten für die DKP. Zugleich saß er in der ZPKK der illegalen KPD, die ab Januar 1970 konspirativ auch für die DKP zuständig wurde. Was bedeutete, nur deren oberste Parteichefs Kurt Bachmann und Herbert Mies durften »mündliche Auskünfte erhalten«. Schmitts Hauptaufgabe war die Schaffung und Leitung einer Militärorganisation. In einem Bericht des MfS heißt es darüber eindeutig: Mit Gründung der DKP [1968] wurde Harry Schmitt von der »Parteiführung« der SED (!) beauftragt, eine »Gruppe Ralf Forster« zu bilden.[13]  Seit 1969 musste das MfS, das Büro der Leitung (BdL II), die »Absicherung und Gewährleistung der speziellen Tätigkeit der neu gebildeten konspirativen Gruppe ›Ralf Forster‹« übernehmen. Darüber hieß es in diesem Schreiben wörtlich: »Die Parteiführung beauftragte den Gen. Harry Schmitt mit dem Aufbau und die [sic!] Leitung der Gruppe Ralf Forster. Sie stellte ihm die Aufgabe, bei der weiteren Entwicklung der Gruppe die Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit aufzunehmen. Dementsprechend erfolgten seinerseits mehrere Absprachen mit dem Gen. Minister für Staatssicherheit – und es fanden auch Abstimmungen mit dem Gen. Minister für Nationale Verteidigung statt. Das Aufgabengebiet der Gruppe Ralf Forster bildete sich erst 1969/70 heraus und diente der Absicherung illegaler Gruppen innerhalb der DKP, die sich u. a. auch mit militärischen Aufgaben beschäftigten. Nach Kenntnis des BdL (II) haben von der Existenz dieser Gruppe ›Ralf Forster‹ nur wenige Gen. des Politbüros der SED und des Präsidiums der DKP Kenntnis!« Der entscheidende Satz im MfS-Bericht lautete: »Die spezifische Aufgabe der Gruppe Ralf Forster besteht darin, Genossen der DKP auszuwählen, die verlässlich sind und die durch eine spezielle Schulung und Ausbildung für militärische Aufgaben in der BRD vorbereitet werden […].« Die formale Leitung der »Gruppe Forster« hatte ein »Militär-Rat« der DKP, der ebenfalls in Ost-Berlin residierte. Aus den Unterlagen des MfS geht indes hervor, dass die tatsächliche Führung (einschließlich der finanziellen Versorgung) in den Händen von Ralf Forster, also Harry Schmitt lag, der die direkte Verbindung zum MfS-Chef Erich Mielke innehatte. Der »Militär-Rat« der DKP wurde ebenfalls vom MfS »betreut«. Im Schreiben der MfS-Führung heißt es dazu:  »Der von der DKP gebildete Militär-Rat führt seine Tagungen in der Hauptstadt der DDR, Berlin, durch. Genutzt werden dafür Objekte der Abt. Verkehr der SED. Das Arbeitssubjekt der Gruppe R. F. wird allerdings nur von den dort tätigen hauptamtlichen Kadern genutzt, es finden keine Tagungen darin statt. Ab 1969 bis etwa Mai 1972 erfolgte die Lösung der erforderlichen Absicherungsaufgaben und Hilfeleistungen bei bestimmten Fragen gegenüber den Genossen von der DKP nur durch den Leiter des BdL (II) Gen. Oberst Harnisch selbst. Er koordinierte alle entsprechenden zu lösenden Aufgaben direkt mit dem Leiter der Gruppe Gen. Harry Schmitt. Alle genannten bzw. bekannt werdenden Kader der DKP die im Zusammenhang mit der Arbeit der Gruppe R. F. standen, wurden nach der Überprüfung in einem bereits bestehenden Sondervorgang beim Leiter des BdL (II) erfaßt. Im Ergebnis der Überprüfungen nach dem Gesichtspunkt ›Wer ist Wer‹, wurden entsprechende Hinweise zu Personen gegeben, bestimmte Materialien ausgetauscht und Sicherheitsprobleme beraten.«[14] Das ist deutlich genug. Zunächst fanden die militärischen Ausbildungen in Ungarn sowie der ČSSR statt. Als sich nach Abschluss des Moskauer Vertrags 1970 auch deren Beziehungen zur Bundesrepublik besserten, wollten Prag und Budapest die »Ausbildung« der »Gruppe Forster« einstellen, daher musste die DDR nun die Verantwortung für westdeutsche Zersetzungsgruppen übernehmen. Forster persönlich, also Harry Schmitt, behielt indes weiterhin »besonders Kontakte« nach der »VR Ungarn, der ČSSR sowie nach Österreich und Dänemark«. Aus konspirativen Gründen trug Harry Schmitt in Karteikarten und anderen Papieren des MfS zwar das Pseudonym Ralf Forster, doch weil darin sowohl der Geburtsort Halle und Geburtsdatum 17. 9. 1919 festgehalten waren – wie seinerzeit bei mir als »Wunderlich« – ist die wirkliche Identität Forster-Schmitt leicht nachzuweisen. Aus der Stasi-Hinterlassenschaft ist außerdem zu belegen, dass Harry Schmitt alias Ralf Forster den Militärapparat »Gruppe Forster« mit zuverlässigen Funktionären wie ein ungekrönter König beherrschte. Die direkte militärische Ausbildung in der DDR erfolgte durch die Nationale Volksarmee. Abgeschirmt wurde die Gruppe vom Ministerium für Staatssicherheit, und das war zuständig bis hin zur Finanzierung von »Forsters Männern«, die in einem geheimen »Objekt« für Sabotage und in anderen Fächern geschult wurden. Schon 1976 waren vom MfS für die »Gruppe Forster […] 285 Kader […] absicherungsmäßig erfaßt«, wovon 28 Funktionäre bereits bis dahin vier »Lehrgänge« besucht hatten. Für deren Ausbildung im »Objekt Springsee« wurden im Juli 1974 die »in der NATO/BuWe üblichen Handfeuerwaffen« angefordert, sowie Handschellen, Knebelketten und Schlagringe. Später wurde sogar mit zahlreichen Chemikalien experimentiert. Handschriftlich ist auf der Akte vermerkt: »Der Minister [also Mielke] hat bereits Zusage gegeben«. Pro Jahr sollten »45 Personen« geschult und für jede Waffe »3 000–4 000 Schuß« bereitgestellt werden. Zur »Betreuung« durch das MfS gehörte auch die »Beschaffung« von »Arbeitsobjekten«, also geheimen Ausbildungsorten. Aus den MfS-Unterlagen geht hervor, welche Ressourcen »Forster« und seiner Gruppe zur Verfügung standen. Beispielsweise hieß es dazu:  »Das bis Januar 1975 von der Gruppe R. F. genutzte Arbeitsobjekt (Eigentum des ZK der SED) in Berlin-Lichtenberg, lief unter der Abdeckungsbezeichnung ›Projektnormierung‹. Aufgrund von Feststellungen der Gruppe R. F. im Dezember 1974, daß ihr Arbeitsobjekt dekonspiriert – dem Bundesverfassungsschutz und dem englischen Geheimdienst – bekannt ist, wurde dieses Objekt im Austausch mit dem Objekt der Abt. Feriendienst des MfS in Berlin – Grünau, Regattastraße 141, an das MfS ›BdL‹ übergeben. Seit Februar 1975 wird nun dieses Objekt unter der Abdeckungsbezeichnung ›Zentralmechanisierung der Vereinigung Wirtschaftsbetriebe des Ministerrates der DDR‹ als neues konspiratives Arbeitsobjekt durch die Gruppe Ralf Forster genutzt. Die politisch-operative Absicherung des Objekts erfolgt durch das BdL (II) und die innere Objektabsicherung sowie die materiell-technische Versorgung erfolgt durch die AG II der HA PS, wobei eine enge Zusammenarbeit zwischen diesen 2 DE mit dem Ziel der ständigen allseitigen Objektabsicherung erfolgt. Es wurde auch zeitweilig ein Sonderobjekt von der HA VI von den Gen. der Gruppe R. F. in Berlin-Köpenick genutzt. Durch die NVA wurde für die Gruppe R. F. ein Ausbildungsgebiet mit einer besonderen Ausbildungsbasis – unter der Bezeichnung Objekt A – im Raum Storkow zur Verfügung gestellt. Diese Ausbildungsbasis wird allerdings nur jeweils in der Zeit der stattfindenden militärischen Ausbildungen – also 2–3-mal jährlich – von der Gruppe R. F. genutzt. In den Zwischenzeiten wird dann das Objekt von der NVA genutzt bzw. gewartet. Nach vielen Kader- und organisatorischen Vorbereitungen durch die Gruppe R. F., bei denen dem BdL (II) alle Kaderüberprüfung sowie auch materiell-technische und die operative Absicherung dieser Sonder-Ausbildungsbasis zufielen, wurde der 1. Lehrgang mit 6 Kadern aus der BRD vom 1. 9. 74 bis 20. 11. 74 mit Erfolg durchgeführt.«[15] Aus dem Stasi-Kauderwelsch geht die Rolle der »Gruppe Forster« ebenso hervor wie der Aufwand, der für sie in der DDR getrieben wurde. Es ist bemerkenswert, wie viele DKP-Mitglieder schon in der Anfangsphase in die geheime militärische Ausbildung einbezogen wurden. Über deren Praktiken notierte das MfS: »Mit dem Stand vom 2. 6. 76 sind für die Gruppe Ralf Forster insgesamt 285 Kader der DKP sowie Gen. der SED, absicherungsmäßig erfaßt. Davon 224 BRD-Personen, 3 WB [West-Berlin]-Personen und 58 DDR-Personen. In insgesamt 11 Sondervorgängen des BdL (II) sind davon 243 Personen erfaßt. In 13 Sondervorgängen des BdL (II) in den Bezirksverwaltungen des MfS sind da von 42 Personen erfaßt. Von den 285 erfaßten Personen sind u. a.: 28 Teilnehmer von 4 Lehrgängen bei der Gruppe R. F.; 16 ausgeschiedene Kader der Gruppe R. F.; 2 Kuriere (in Westberlin wohnhaft); 136 für die Gruppe R. F. zur Auswahl für Lehrgangsteilnehmer überprüfte Kader der DKP – darüber wurden 136 Auskunftsberichte gefertigt, die der Gruppe R. F. zur Auswertung übergeben wurden. […] In 54 Monaten wurden also insgesamt 1 312 Schleusungen von 82 Mitarbeitern der Gruppe Ralf Forster (ein- bis mehrmalige Schleusungen der einzelnen Mitarbeiter) durchgeführt. Davon erfolgten 1 167 Schleusungen mit 43 Personen über die GÜST [Grenzübergangsstelle] Berlin – Bhf. Friedrichstraße und 145 Schleusungen mit 36 Personen über die GÜST ZF Berlin-Schönefeld […]. Die Mitarbeiter der Gruppe Ralf Forster wurden entsprechend den gestellten Anforderungen von uns mit operativen Dienstdokumenten und Ausweisen versorgt.«[16]  Fast bedauernd wurden vom MfS allerdings auch eigene Schwierigkeiten registriert: »Hierbei ergibt sich aber, daß die in der BRD wohnhaften und tätigen Kader der DKP, die überwiegend durch die Gruppe R. F. für die speziellen militärischen Aufgaben verpflichtet wurden, keinerlei operativen Kontrollen durch uns in der BRD unterliegen; Mängel in der Zusammenarbeit bestehen auch dahingehend, daß zur Kaderauswahl der Kursanten für die speziellen militärischen Lehrgänge auf Anforderungen der Gruppe R. F. von uns konkrete Auskunftsberichte – unter Kontrolle des Sekretariats des Gen. Minister – übergeben werden. Diese Ergebnisse werden zur Einschätzung der zur Auswahl stehenden Kader von der Gruppe R. F. genutzt, jedoch erhalten wir keinen Rücklauf betreffs der weiteren Feststellungsergebnisse zu diesen Personen sowie den weiteren getroffenen Entscheidungen betreffs ihres weiteren künftigen Einsatzes bzw. den Gründen der Ablehnung. […] Aufgrund des Charakters dieser Gruppe, der speziellen Ausbildung dieses Apparates für besondere Aktionen in der BRD, können die Absicherungsaufgaben auf unserer Linie nicht allseitig gelöst werden; Dementsprechend wurden vom Leiter des BdL (II) bereits entsprechende Vorschläge dem Gen. Minister bzw. dem Gen. Generalleutnant zugeleitet«.[17] Diese geheimen militärischen Machenschaften Ost-Berlins gegen die Bundesrepublik kosteten die DDR über die Jahre hinweg Unsummen. Bei der Abteilung Finanzen des MfS gab es für die Gruppe Forster ab 1973 einen eigenen Haushaltsplan, den Mielke zwar bestätigen musste, über den aber Schmitt-Forster verfügte. Belegt ist: Auf seine Anforderungen hin wurden beispielsweise im November 1975 310 000 DM (West) und 75 000 Mark (Ost) sowie 69 000 ungarische Forint und 15 000 Kronen der ČSSR abgerufen, oder im März 1983 250 000 DM (West), aufgeschlüsselt in 1 000- und 500-Mark-Scheine, ausgezahlt. Das Geld wurde stets per Unterschrift »R. Forster« abgerufen. Für den Haushaltsplan der »Gruppe Forster« waren z. B. 1974 2,3 Millionen, für 1976 2,2 Millionen eingesetzt. In den fünf Jahren von 1981 bis 1985 erhielt »Forster« für die Aktivitäten, nachweislich knapp 15 Millionen, darunter 10,8 Millionen DM (West). Hier als Beispiel ein Dokument über die Modalitäten der Finanzierung: »Mit Schreiben vom 24. April 1984 bittet der Gen. ›Ralf Forster‹, ihm aus seinem ›Konto Forster‹ – Haushaltsplan 1984 – im Laufe der nächsten Tage folgende Beträge zur Verfügung zu stellen: in Mark 150 000,00 (Einhundertfünfzigtausend – in 100- und 20-Mark-Scheinen); in DM 150 000,00 (Einhundertfünfzigtausend – in 500- und 100-Mark-Scheinen). Ich bitte um Auszahlung. Blank Oberstleutnant«. Das Konto »Ralf Forster« wurde übrigens per MfS-Order erst am 28. November 1989 aufgelöst. Dazu bemerkte der bislang zuständige Generalleutnant des MfS Kratsch lakonisch, das 1973 eingerichtete »Konto Forster« werde »mit sofortiger Wirkung nicht mehr benötigt«.[18] 1983 berichtete das MfS stolz, welche guten »Arbeitsmöglichkeiten« die »Organe« für Ralf Forster und seine »Gruppe« geschaffen hatten: »Der konspirativ tätigen Gruppe ›Ralf Forster‹ steht somit – unter unserer Kontrolle – ein inoffizielles Netz zur Verfügung, das für sie in bisher noch nie vorhandener Stärke und Qualität alle operativen Variationsmöglichkeiten der Nutzung zuläßt.«[19] Seine angebliche Anstellung bei der Regierung der DDR diente mit diesem »Doppelleben« lediglich als bloße »Tarnung« durch das MfS. Denn ab September 1971 wurde »seitens des BdL«, also des Büros der Leitung des MfS »in Verbindung mit der HA XX«, beim Ministerrat »eine Institution abgedeckt [sic!] unter der Bezeichnung: DDR, Büro des Ministerrates, Koordinierungsstelle«. Für dieses ScheinArbeitsverhältnis sind sämtliche Sozialversicherungsbeiträge, die Bezüge usw. des Leiters und der führenden Funktionäre der »Gruppe Forster« abgeführt worden. Harry Schmitt wusste seine zwielichtige Rolle hinter einem typischen »JanusGesicht« zu verbergen. Formal blieb er neben seinem offiziellen DDR-Scheinarbeitsverhältnis im DDR-Ministerrat sowie der Tarnung als SED-Funktionär (er war mit Klarnamen Harry Schmitt auch Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft sowie weiterer Massenorganisationen) immer ein Mitglied in der KPD- bzw. DKP-Führung. Als solches gehörte Harry Schmitt z. B. der »Gästegruppe der DKP zur Teilnahme am X. Parteitag der SED« im April 1981 an.[20] Vor allem war er aber 20 Jahre lang der strikt konspirativ tätige »Ralf Forster«. Dieser Mischmasch wurde in der »Legende« über sein Leben durch vielsagende Allgemeinplätze verschleiert. Harry Schmitts Bewertung hatte das MfS für die Unterlagen eines Sohnes beispielsweise so zusammengefasst: »Der Gen. Sch. ist unmittelbar nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus in verschiedenen Bereichen unserer Partei und des Staats erfolgreich tätig gewesen. Seine umsichtige Arbeit, seine Prinzipientreue und seine Qualitäten auf speziellen Gebieten gestatteten es, daß Gen. Sch. mit sehr wichtigen Aufgaben betreut wurde. Partei und Regierung würdigten seine Leistungen mit hohen staatlichen und gesellschaftlichen Auszeichnungen. Negative Fakten sind uns nicht bekannt.«[21] Ein Hinweis lautete: »Spezialeinheiten der Roten Armee 1941–1945«, und an anderer Stelle war notiert: »Harry Schmitt erlernte den Beruf eines Mechanikers/Technikers, leistete jedoch den überwiegenden Teil erfolgreiche Partei und Staatsapparatsarbeit. Alle von Partei und Regierung übertragenen Aufgaben löste der Genosse Schmitt mit besten Ergebnissen […] Unsere Partei und Regierung würdigten die Leistungen des Genossen Harry Schmitt mit hohen staatlichen und gesellschaftlichen Auszeichnungen. Im Wohn- und Freizeitbereich ist Genosse Schmitt, falls es seine fachlichen Aufgaben gestatten, stets bereit, sich an zentralen Einsätzen usw. zu beteiligen.« Das alles diente jahrelang der Vertuschung seiner führenden (illegalen) Funktion in der KPD bzw. DKP, vor allem aber der absoluten Geheimhaltung, dass Schmitt unter dem Decknamen »Forster« eine für die SED wichtige illegale Militärorganisation in der DDR gegen die Bundesrepublik leitete. Trotz aller Machtfülle blieb er freilich immer in die stalinistischen Strukturen des DDR-Systems eingebunden. Während er einerseits (etwa am 11. Dezember 1972 in einer »Geheimen Verschlußsache«) das MfS um die »Observation« eines westdeutschen Bürgers in Ost-Berlin gebeten hatte, wurden andererseits im Überwachungsstaat DDR sogar IM-Berichte über ihn abgeliefert. Das war z. B. 1982 der Fall, als sich Schmitt mit dem Außenhandelsminister der DDR, Kurt Gregor, traf. Ja, selbst die Einstellung einer Putzfrau musste wegen seiner doppelten Identität vom MfS organisiert werden. Kurios, dass es anlässlich der »Republikflucht« einer DDRBürgerin zu Aufregungen kam, weil diese bereits vorher herumerzählt hatte, dass ihr Nachbar, der SED-Funktionär Schmitt »häufig nach Westdeutschland« fahre. Einiges spricht übrigens dafür, dass Schmitt sich auch als sowjetischer Agent betätigte. Fast zwei Jahrzehnte hatte Schmitt (faktisch nur mit direkter Anweisung Mielkes) neben seiner DKP-Kaderarbeit eine der geheimsten Unternehmungen der DDR geleitet. Deren Ziel war es, die Bundesrepublik zu zersetzen und dort im Krisen- oder gar Kriegsfall »militärisch« einzugreifen. Erst mit dem Zusammenbruch des SED-Regimes endeten die teuren und gefährlichen konspirativunkontrollierten Planspiele und Schmitts Verschwörungs-Geheimapparat gegen die Bundesrepublik. Mit der abenteuerlichen Politik der KPD- bzw. DKP-Spitze in der »Militärfrage« korrespondierte die nicht weniger abenteuerliche Karriere ihres langjährigen führenden Funktionärs Harry Schmitt. Das war zwar nicht unbedingt charakteristisch, aber doch symptomatisch für die Laufbahn eines kommunistischen Parteikaders und entsprach damit durchaus der Typologie eines ergebenen stalinistischen Apparatschiks. Vor allem aber: Schmitt-Forsters gefährliche, geheimnisvolle und kostspielige Mission, sein Leben mit einer doppelten Identität und nicht zuletzt seine skrupellosen Machenschaften »für die Sache« sind drastisch genug, um sie als Nachweis stalinistischer Praktiken nachträglich öffentlich zu machen. [1]  Nach Fertigstellung dieses Artikels erschien erstmals eine kursorische Zusammenfassung der Tätigkeit der »Gruppe Forster«. Da auf den Leiter lediglich am Rande eingegangen wird, ist auf diesen wichtigen Aufsatz nur hinzuweisen. Baron, Udo: »Gruppe Ralf Forster«. Die geheime Militärorganisation von DKP und SED in der Bundesrepublik, in: Deutschland Archiv 38 (2005), H. 6, S. 1009–1016.  [2]  Siehe zur damaligen Berichterstattung Heinen, Guido: »Sie werden lernen, den Gegner lautlos zu beseitigen«. Wie die DDR westdeutsche DKP-Kader für den Terrorkampf in der Bundesrepublik ausbildete, in: Die Welt vom 19. Mai 2004; Die DDR bildete einen militärischen Arm der DKP aus. Stasi-Unterlagen über die »Gruppe Forster« rekonstruiert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Mai 2004. Erstmals berichtete Der Spiegel in einer längeren Story über die Militärorganisation der DKP Anfang 1990, allerdings ohne diese als »Gruppe Forster« zu benennen. Schüsse am Scharmützelsee, in: Der Spiegel Nr. 1 vom 1. Januar 1990, S. 65–70. [3] Weber, Hermann in Zusammenarbeit mit Gerda Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002. [4]  Siehe dazu die Beschreibungen in Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß (Anm. 3). [5]  Siehe die Einleitung zum Typus des Funktionärs in Weber, Hermann/Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, Berlin 2004, S. 17–32. [6]  Sozialistischer Informationsdienst vom 10. Februar 1950, Beilage, S. II ff. [7]  Siehe zu seiner Person Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 680 f. [8]  Weber, Hermann: Weiße Flecken in der Geschichte. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1990, S. 92. [9]  Baum, Karl-Heinz: Knallkörper Pirat, 50 Stück, in: Frankfurter Rundschau vom 2. Juni 2004. [10]  Siehe u. a. Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU) Zentralarchiv, MfS HA II/19, Nr. 2565, 13801, 23568, 31292, 28479, 28491, 1493, 3034 u. 14303 und BStU Zentralarchiv, MfS Abt. Finanzen, 384. Für die Unterstützung danke ich der Leiterin der Behörde, Marianne Birthler und ihren Mitarbeitern, insbesondere Herrn Roberto Welzel. [11]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 31292. [12]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II/19, Nr. 13801. [13] BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [14]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [15]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [16]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [17]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 28479. [18]  BStU Zentralarchiv, MfS, Abt. Finanzen, 384. [19] BStU Zentralarchiv, MfS, HA II, Nr. 2879. [20]  BStU Zentralarchiv, MfS, HA II/19, Nr. 14203. [21] BStU Zentralarchiv, MfS, KS 16882/90.

JHK 2006

Die monumentale siebenbändige Dokumentenedition zur Geschichte des Gulag

Wladislaw Hedeler

Istorija Stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch – pervaja polovina 1950-ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach [Geschichte des Stalinschen Gulag. Ende der 1920er bis zur ersten Hälfte der 1950er Jahre. Dokumentensammlung in sieben Bänden]. Redakcionnyj sovet izdanija [Redaktionsrat der Ausgabe] Ju. N. Afanas’ev, A. O. Čubar’jan, R. Conquest, E. Danielson, T. Emmons, P. Gregory, O. V. Chlevnjuk, V. S. Christoforov, V. A. Kozlov, V. P. Kozlov, S. V. Mironenko, A. I. Solženicyn, A. K. Sorokin, A. N. Jakovlev, Moskau: ROSSPĖN 2004 u. 2005. ISBN 5-82430604-4   Khlevniuk, Oleg: The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror. Translated by Vadim A. Staklo. With editorial assistance and commentary by David J. Nordlander. Foreword by Robert Conquest, New Haven/London: Yale University Press 2004, 418 S., ISBN 0-300-09284-9    Stalinskie strojki Gulaga 1930–1953. Dokumenty [Die Stalinschen Großbauten des Gulag. Dokumente]. Hrsg. von Kokurin, A. I./Morukov, Ju. N., Moskau: MFD Materik 2005, 992 S., ISBN 5-85646-139-8   Die Publikation der sieben Bände umfassenden Ausgabe Istorija Stalinskogo Gulaga markiert eine Zäsur in der Gulag-Forschung. Sie entstand im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes des Föderalen Archivdienstes Russlands, des Russischen Staatsarchivs und der Hoover Institution on War, Revolution and Peace. Zu den Herausgebern gehören u. a. Aleksandr I. Solženicyn, Aleksandr N. Jakovlev, Robert Conquest und andere Kenner der Materie. Sie haben zusammen mit den anderen Wissenschaftlern, die an der Einleitung und Zusammenstellung der Einzelbände beteiligt waren, die bisher umfangreichste Sammlung von Befehlen, Rundschreiben, Weisungen und Vorschriften der Hauptverwaltung Lager (Glavnoe Upravlenie Lagerej, Abk.: GULag) des NKVD-MVD der UdSSR vorgelegt. Bislang konnte man nur auf einen 152 Dokumente umfassenden Band aus dem Jahr 2000 zurückgreifen.[1]  Mit der neuen Edition von insgesamt 1 491 Dokumenten wird ein jahrzehntelang tabuisiertes Kapitel sowjetischer Geschichte umfänglich erschlossen. Damit wird ein tiefer greifender Zugang zu solchen Themen ermöglicht, die in den während der letzten zehn Jahre in Russland aufgelegten Studien und Dokumentationen aufbereitet und kommentiert worden waren. Sie haben bislang den Gulag als Staat im totalitären Staat[2], die Presse des Gulag[3], Kunst im Gulag[4], Gulag als Wirtschaftsfaktor[5], das Schicksal von Kindern im Gulag[6] und die Struktur und Mitarbeiter des NKVD[7] behandelt. Auch ein Handbuch des Systems der Besserungsarbeitslager[8] ist bereits erschienen. Weitere wichtige Arbeiten waren der von Jurij Brodskij 2002 vorzüglich edierte und kommentierte Bildband über die Gefängnisinseln Solovki[9], das Reprint der von Maxim Gor’kijverantworteten  Prachtausgabe von 1934 über den Weißmeerkanal[10] und der Fotoband des polnischen Fotografen Tomasz Kizny[11].  Außerdem können durch die siebenbändige Ausgabe nunmehr einige Lücken in der 1998 von Mitarbeitern der Menschenrechtsorganisation »Memorial« herausgegebenen Übersicht über die 476 Lagerverwaltungen, die unmittelbar der Moskauer Hauptverwaltung Lager des NKVD/MVD unterstanden, ausgefüllt werden.[12] Im Folgenden wird zunächst der Aufbau der siebenbändigen Edition dargestellt, um anschließend inhaltlich darauf einzugehen. Struktur der Edition »Geschichte des Stalinschen Gulag« Der von Sergej V. Mironenko und Nicolas Werth herausgegebene und von I. A. Zjuzina zusammengestellte Band 1 Massovye repressii v SSSR(Massenrepressionen in der UdSSR) enthält auf 728 Seiten sieben Kapitel mit 229 Dokumenten und einen Anhang. Aleksandr Solženicyn (S. 23–26) und Robert Conquest (S. 27 bis 29) haben Geleitworte zu diesem Band verfasst. Im Anschluss daran stellen die beiden Herausgeber in einer Einleitung die Kriterien vor, nach denen die Dokumente ausgewählt worden sind, skizzieren die Konzeption der einzelnen Bände und beschreiben die Archivsituation (S. 33–45). Die thematisch angelegten und untergliederten Kapitel behandeln die »Entkulakisierung« 1930 bis 1932 (Dok. 1 bis 11), die Hungerkatastrophe 1932–1934 (Dok. 12–25), die »Ordnung des Terrors« 1933–1936 (Dok. 26–56), seine Mechanismen im »Großen Terror« 1937/38 (Dok. 66–80) und die Zeit danach (Dok. 81–102), den Terror während der Mobilmachung und des Krieges 1939–1945 (Dok. 103–176), die Massenrepressionen 1946–1953 (Dok. 177–215) und die Revision der Repressionspolitik nach Stalins Tod von 1953–1955 (Dok. 216–222).  Bei ca. zwei Drittel der in diesen Band aufgenommenen Dokumente handelt es sich um den Schriftverkehr zwischen dem NKVD und Stalin bzw. Mitgliedern der Partei- und Staatsführung. Berücksichtigung fand ferner die Korrespondenz zwischen Staatsanwaltschaft, Oberstem Sowjet und NKVD. In den Anlagen des Bandes sind statistische Auskunftsberichte aus den Jahren 1953–1958 veröffentlicht. Sie geben Aufschluss über die Verhaftungen und Verurteilungen durch VČK-OGPU-NKVD-MVD (Dok. 223–229) von 1921 bis 1953. Herausgeber und Verfasser der Einleitung zum Band 2 Karatel’naja sistema: struktura i kadry (Das System der Strafverfolgung: Struktur und Kader) ist Nikita V. Petrov. Die Dokumente stellte N. I. Vladimircev zusammen. Das Buch enthält auf 696 Seiten 3 untergliederte Kapitel mit 203 Dokumenten und einen Anhang, der zusätzlich 44 Dokumente einschließt. Darin werden die Entstehungsjahre des Gefängnis- und Lagersystems von 1918 bis 1928 widergespiegelt. Aleksandr Solženicyn weist in seiner Vorbemerkung zu dieser Edition ausdrücklich auf diesen Sachverhalt hin, denn in den anderen fünf Bänden sind die ersten Jahre der Sowjetmacht nicht dokumentiert. Die thematisch angelegten und untergliederten Kapitel des Bandes haben den Übergang von der Vielfalt der Formen zu ihrer Einheit 1929–1940 (Dok. 1–90), den Sieg des Produktionszweigprinzips 1941–1953 (Dok. 91–177) und die Jahre ohne Stalin 1953–1954 (Dok. 178–203) zum Inhalt.  Herausgeber und Verfasser der Einleitung zum Band 3 Ėkonomika Gulaga (Die Ökonomie des Gulag) ist Oleg V. Chlevnjuk. Der Band umfasst 624 Seiten. Zwei thematisch angelegte und untergliederte Kapitel sowie 195 Dokumente behandeln die Organisationsprinzipien und die Kennziffern der Wirtschaft des Gulag (Dok. 1–131) sowie die wichtigsten Objekte und Wirtschaftszweige der OGPU-NKVD-MVD-MGB. Hierzu gehören der Weißmeerkanal (Dok. 132 bis 134), der Uchta-Pečora-Trust (Dok. 135–138), die Hauptverwaltung für die Fernostlager Dal’stroj (Dok. 139–149), die Bajkal-Amur-Magistrale BAM (Dok.150 u. 151), der Moskva-Volga-Kanal (Dok. 152–155), das Noril’sker NickelKombinat (Dok. 156–160), der Bau von Militärobjekten und Rüstungsbetrieben (Dok. 161–166), die Konstruktionsbüros der OGPU-NKVD-MVD-MGB (Dok. 167–179), die »Großbauten des Kommunismus« (Dok. 180–186), die Forstwirtschaft (Dok. 187–192), die Landwirtschaft und die Produktion von Massenbedarfsartikeln (Dok. 193–195). Band 4 trägt den Titel Naselenie Gulaga: čislennost’ i uslovija soderžanija (Die Bevölkerung des Gulag: Anzahl und Haftbedingungen). Herausgeber und Verfasser der Einleitung sind Aleksandr B. Bezborodov und Vladimir M. Chrustalev. Der Band enthält auf 624 Seiten vier Kapitel mit 323 Dokumenten. Die thematisch angelegten und untergliederten Kapitel behandeln die Anzahl, Zusammensetzung und Struktur der Bevölkerung des Gulag (Dok. 1–54), das Haftregime und die Lebensbedingungen der Häftlinge (Dok. 55–161), die Verpflegung und Versorgung der Häftlinge (Dok. 162–238) sowie deren Krankheiten und Sterblichkeit (Dok. 239–323). Der von Tatjana V. Carevskaja-Djakina herausgegebene und eingeleitete Band 5 Specpereselency v SSSR (Sonderumsiedler in der UdSSR) enthält auf 824 Seiten fünf Kapitel mit 213 Dokumenten. Die thematisch angelegten Kapitel behandeln die Herausbildung der Sonderansiedlungen von der »Beseitigung der Kulaken als Klasse« bis zur Organisation der Zwangsarbeit (Dok. 1–41), die Auffüllung der Arbeitssiedlungen durch die Deportierten in den Jahren des »Großen Terrors« 1937/38 und zu Beginn des »Großen Vaterländischen Krieges« (Dok. 42–85) 1941, die vielfältigen Mobilisierungsformen und die Ergebnisse der Funktion des Sondersiedlungssystems unter Bedingungen der Kriegsjahre Juni 1941 bis Ende 1943 (Dok. 86–112), die Veränderung der Rechtsgrundlagen und des Systems der Leitung der Sonderansiedlungen im Zusammenhang mit den ethnischen und politischen Deportationen Ende 1943–1947 (Dok. 113–170) sowie die administrative »Willkür« (bespredel) und die Krise des Sondersiedlungssystems als Bestandteil der Strafverfolgungs- und Repressionspolitik des totalitären Staates 1948–1953 (Dok. 171–213). Band 6 Vosstanija, bunty i zabastovki zaključennych (Aufstände, Rebellionen und Streiks der Häftlinge) ist von Vladimir A. Kozlov herausgegeben und von Olga V. Lavinskaja zusammengestellt. Er enthält auf 736 Seiten 4 Kapitel mit 284 Dokumenten. Die thematisch angelegten Kapitel haben die Aktionen der rebellierenden Kriminellen und der zum Mittel des Hungerstreiks greifenden »Konterrevolutionäre« in den Jahren 1930–1940 (Dok. 1–14) zum Inhalt, stellen die »potentiellen« Aufständischen von Juni 1941 bis Mai 1945 (Dok. 15–35), die Reaktion der Hauptverwaltung Lager des NKVD von Juni 1945 bis Mai 1953 (Dok. 36–114) und den aufbegehrenden Gulag von Ende Mai 1953 bis 1954 (Dok. 115–284) vor. Nach Meinung des Rezensenten eignet sich die dem Band vorangestellte, von Kozlov verfasste Einleitung, sehr gut, um einen Zugang zum Gesamtkomplex Gulag zu finden. Schließlich steht das die eigentliche Dokumentenedition abschließende Thema auch für das Ende und die Ursachen des Untergangs des Gulag.  Der von Kozlov und S. V. Mironenko herausgegebene Band 7 trägt den Titel Sovetskaja repressivno-karatel’naja politika i penitenciarnaja sistema v materialach Gosudarstvennogo archiva Rossijskoj Federacii. Annotirovannyj ukazatel’del (Die sowjetische Repressiv- und Strafverfolgungspolitik und das Pönitenziarsystemin den Materialien des Staatsarchivs der Russischen Föderation. Annotiertes Findbuch) und stellt das annotierte Findbuch der im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) aufbewahrten Dokumente zum sowjetischen Strafverfolgungssystem dar. Es handelt sich de facto um das Inventarverzeichnis der dem Archiv der Hoover Institution übergebenen Kopien. Bisher lagen lediglich vier Findbücher zu den so genannten Sondermappen von Berija (1996), Chruščev (1995), Molotov (1994) und Stalin (1994) vor, die Auskunftsberichte des Sekretariats des NKVD-MVD-MGB aus den Jahren 1944–1959 enthielten.[13]  In den fünf Kapiteln des Bandes 7 werden folgende Bestände vorgestellt: 1. Ministerrat der UdSSR 1923–1991, einschließlich des Sekretariats von Andrej Ja. Vyšinskij 1939–1944; 2. Hauptverwaltung Haftorte des Kommissariats/Ministeriums des Inneren der UdSSR 1930–1960; 3. die Kommission für Amnestie beim Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR 1926–1938 einschließlich der Kommission für Beschwerden und Begnadigungen 1938–1954, des Obersten Gerichts der UdSSR 1922–1991, der Staatsanwaltschaft 1924–1991 und des Ministeriums für Justiz der UdSSR 1936–1991; 4. Das Moskauer politische Rote Kreuz 1918–1922, einschließlich der Gesellschaft zur Unterstützung der politischen Gefangenen 1922–1938; 5. Das Oberste Tribunal beim Gesamtrussischen Zentralen Exekutivkomitee 1918–1991, die Hauptverwaltung Haftorte des NKVD der RSFSR 1922–1930 und das NKVD der RSFSR 1917 bis 1931. Der Band verfügt über ein Register der in diesem Band erwähnten Haftorte und Besserungsarbeitslager, ein Personenregister und ein geographisches Register.  Jeder Einzelband der in einer Auflage von je 1200 Exemplaren erschienenen Edition enthält eine ausführliche Einleitung zum Bandschwerpunkt und einen Apparat, der Anmerkungen, ein kommentiertes Namenregister, ein geographisches Register und ein Abkürzungsverzeichnis einschließt. Leider haben die Herausgeber darauf verzichtet, jedem Band eine Auswahlbibliographie zum Forschungsstand bzw. der bislang in Russland erschienenen kommentierten Dokumenteneditionen anzufügen. Einige Hinweise auf die wichtigste Literatur finden sich in den Anmerkungen zu den Einleitungen der jeweiligen Bände sowie in der Auswahlbibliographie im Band 7 (S. 672–682). Für die Edition wurden thematisch relevante Bestände aus drei russischen Staatsarchiven, dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, dem Archiv von »Memorial« und dem Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) komplett gesichtet und ausgewertet. Auf den Stellenwert des Zentralen Archivs des FSB (hier recherchierte eine vom Direktor dieses Archivs eingesetzte Arbeitsgruppe) kommen die Herausgeber immer wieder zu sprechen. Denn ausschließlich in diesem Archiv befinden sich die Dokumente der OGPU, anhand derer die Anfangsphase des Gulag dargestellt werden kann. Wie wichtig die Informationen, die nur diese Dokumente enthalten, für die Geschichte des Gulagsind, wird insbesondere im Hinblick auf die in den Bänden 4 (Häftlingsgesellschaft) und 6  (Widerstand im Gulag) behandelten Themen deutlich.  Erst nach der Sichtung des vorhandenen Materials erfolgte die Auswahl der typischsten und wichtigsten Dokumente. Es war nicht immer möglich (insbesondere bei den Bänden 1 und 2) die Aufnahme bereits publizierter Dokumente zu vermeiden (wie im Falle des Bandes 4 praktiziert). Anliegen der Herausgeber war, jene Dokumente zu edieren, die die für den Bandschwerpunkt verantwortlichen Institutionen nicht nur im Detail, sondern in verallgemeinerter Form vorstellen (Bd. 1, S. 35 f.). Leistungen und Grenzen der Gulag-Edition  Das Kernstück des sowjetische Terrorsystems waren die der Hauptverwaltung Lager unterstehenden Zwangsarbeitslager (»Besserungsarbeitslager«). Dieses System wird hier zum ersten Mal systematisch in einer Bandbreite dokumentiert und analysiert, die sämtliche in der Literatur bisher nur ansatzweise berührten Themenfelder und Facetten einschließt.  Aleksandr I. Solženicyn hebt den durch die Arbeit an den Bänden dieser Edition gewonnenen Erkenntnisfortschritt hervor. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass die Geschichte des Terrorsystems weiter zurückreicht und nicht erst mit den 30er Jahren einsetzt. Die nur im Anhang von Band 2 berücksichtigten Anfangsjahre bolschewistischer Herrschaft sollten demnach in Zukunft Bestandteil der Geschichtsbetrachtung sein (Bd. 1, S. 23). Eine Begründung für die Ausklammerung der Jahre 1918–1930, also der Zeitspanne, die z. B. in den von Aleksandr N. Jakovlev durch seine Tätigkeit als Vorsitzender der russischen Rehabilitationskommission in der Schriftenreihe Rossija. XX vek (Russland. Das 20. Jahrhundert) herausgegebenen Dokumenteneditionen zum Gulag immer Berücksichtigung fand, geben die Herausgeber der vorliegenden Edition nicht. Sie zeigt – das kann nicht oft genug hervorgehoben werden – das heute Machbare und die heutigen institutionell und politisch gesetzten Grenzen. Auf einige Probleme und diesbezügliche Erfahrungen, die der Rezensent während der Arbeit an der zusammen mit Dr. Meinhard Stark erarbeiteten und noch unveröffentlichten Studie »Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager (KARLag) 1931 bis 1957. Studien zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher«[14] sammeln konnte, wird weiter unten hingewiesen. Im Kontext der inzwischen ebenfalls dokumentierten Geschichte der Rehabilitierungskommission[15] wird noch deutlicher, vor welchen Problemen die Herausgeber der Istorija Stalinskogo Gulaga standen. An dieser Stelle genügt der Hinweis auf den häufig diskutierten Namen der Kommission, der genau dieses Problem – nämlich die Grundlegung des Stalinschen Systems in den Jahren Leninscher Herrschaft – nicht widerspiegelt. Betrachtet man ihre Geschichte vom Ende her, wird deutlich, wie parteilich und voreingenommen die von Nikolaj M. Švernik (seit Januar 1956), Michail S. Solomencev (seit September 1987), und Aleksandr N. Jakovlev (seit Oktober 1988) geleiteten Kommissionen gearbeitet haben. Auch wenn die Diskussion theoretisch und politisch brisanter Themen nicht zu ihren Aufgaben gehörte, wurde eine Stalinismus-Debatte selbst dann vermieden, wenn sie im Zusammenhang mit der Ausarbeitung von Parteibeschlüssen und Gesetzesvorlagen dringend erforderlich war. Als Jakovlev seine Unterschrift unter den Abschlussbericht der Kommission vom März 1990 verweigerte, begründete er dies mit dem Hinweis auf die widersprüchliche und verworrene Darstellung der tatsächlichen Rolle des NKVD in der »Mordsache Kirov« 1934. Jakovlev hatte unmittelbar vor dem XXVIII. Parteitag der KPdSU im Juli 1990 unterstrichen, dass die Repressionen und der Terror weder als Zufall noch als Ergebnis der Handlungen eines einzelnen psychisch-kranken Führers interpretiert werden können. Weil Jakovlev damit den Ursprung des Terrors im Sowjetsystem selbst erblickte und er dies zudem öffentlich machen wollte, hatte er die Grenze des in der Kommunistischen Partei Tolerierten überschritten. Repression als Klammer: Von den Ursprüngen bis zum Wirtschaftsgiganten Der Gulag gilt seit Erscheinen von Aleksandr I. Solženicyns Archipelag Gulag 1973 als Synonym für den Stalinschen Terror. Der im Führungszirkel der Kommunistischen Partei geplante, mit Hilfe des Innenministeriums umgesetzte und durch in der Verfassung verankerte und nicht in der Verfassung vorgesehene, »außergerichtliche Institutionen« wie Dvojki oder Trojki[16] ausgeübte Terror, reicht jedoch weit über den Gulag hinaus. Signifikant sind der Hunger als Folgeerscheinung der Zwangskollektivierung und die Deportationen von Volksgruppen und Völkerschaften. Dies führen die Herausgeber der Edition auch als Begründung für die Aufnahme der bereits über eigene Dokumenteneditionen verfügenden Themen wie Zwangskollektivierung[17], Deportation[18], die nationalen Operationen des NKVD[19] und »Großer Terror«[20] an, denn die Hauptverwaltung Lager war weder verantwortlich noch zuständig für die Planung und Durchführung dieser Verbrechen am eigenen Volk.  In der Entstehungsphase des Gulag gab es viel mehr Sonderumsiedler als Gulag- Häftlinge, bemerkt Nikita I. Petrov in der Einleitung zu Band 2, was im Februar 1933 eine Reorganisation des Lagersystems erforderlich machte (S. 29). Innerhalb der Hauptverwaltung Lager wurde eine Verwaltung für Sonderumsiedlungen (USP) geschaffen. Die Sonderumsiedlungen waren und blieben als Arbeitskräftereservoir eine ständige Begleiterscheinung des Gulag (Bd. 1, S. 40). Auch stand das Besserungsarbeitslager erst am Ende des Leidensweges der meisten Repressierten, die nicht zum Tode durch Erschießen verurteilt worden waren.  Das russische Wort repressii (Repressionen) – die eigentliche thematische Klammer der Bände dieser Edition – steht für Bestrafung von Bürgern aus politischen Gründen. Sie reichte von der Verurteilung zu drei Jahren Gefängnis bis zum Todesurteil. Sämtliche im Band dokumentierten Kampagnen wurden von der Parteiführung geplant, bis hin zur Festlegung des Plansolls für Verhaftungen und Verurteilungen. Den ausführenden Organen an der Basis oblag die Auswahl der Opfer. Diese Art von Terror bezeichnet Robert Conquest als die bewusste Vernichtung und Zerstörung von Menschen und Verhältnissen, die sich nicht den neuen Machtverhältnissen unterordneten. Die Wurzeln dieser Politik finden sich laut Conquest in der marxistischen Theorie (Bd. 1, S. 27).  Nicolas Werth hebt in der Einleitung zum Band 1 (S. 57–89), einem Literaturbericht über das bisher im russischen und angloamerikanischen Sprachraum auf dem Gebiet der Erforschung des Terrors in Sowjetrussland bzw. der Sowjetunion Geleistete, die Möglichkeit hervor, nicht mehr nur einzelne Aspekte, Seiten und Facetten des Terrors, sondern den Terror als Ganzes zu untersuchen (Bd. 1, S. 61). Er plädiert unter Hinweis auf die in den Band aufgenommenen Dokumente sowohl für die Abkehr von ausschließlich revisionistischen als auch totalitarismustheoretischen Sichtweisen. Werth folgt der von den Herausgebern gewählten Chronologie und bezeichnet das Jahr des »Großen Umbruchs« 1929 als ein für die Herausbildung des Stalinschen Systems entscheidendes Jahr. Die in den Band 1 aufgenommenen Dokumente belegen Stalins persönliche Verantwortung für den Terror (S. 68) sowie die Konflikte zwischen sowjetischen Instanzen, die mit der Umsetzung des Terrors beauftragt waren. Vor allem an der Basis regte sich der Widerstand gegen die von Oben vorgegebenen Weisungen (S. 70).  Entscheidend für Beginn, Verlauf und Ende der unterschiedlichen, im Band dokumentierten Kampagnen waren die im Führungszirkel beschlossenen Festlegungen, was Werth im Vorwort zu Band 1 am Beispiel der nationalen Operationen des NKVD erläutert. Auf die von Aleksandr I. Solženicyn in der Vorbemerkung zur Edition zu Recht aufgeworfene Fragestellung nach den Anfängen des Terrors ist der Memorial-Vorsitzende Arsenij B. Roginskij an anderer Stelle eingegangen, als er darauf hinwies, dass Angaben über Terrorurteile durch verfassungsmäßig verankerte Gerichte für die ersten drei Jahre der Sowjetmacht bisher nicht in den Archiven aufgefunden worden sind.[21] Die Herausgeber der Edition weisen ausdrücklich auf den Zusammenhang von Stalinscher Herrschaft und Entstehung des Terrorsystems Anfang der 30er Jahre hin. (Bd. 1, S. 33). Erst nach Stalins Tod konnte mit der Demontage des sich längst als unproduktiv erwiesenen und von Häftlingserhebungen gelähmten Zwangsarbeitssystems begonnen werden.  Gleichzeitig betonen die Herausgeber – unter Hinweis auf die Gründungsurkunde des Gulag – den Politbürobeschluss vom 27. Juni 1929 (Bd. 1, S. 37), die Abkehr, den Bruch mit dem Leninschen Prinzip, spezielle Lager für politische Gegner einzurichten, d. h. die politischen Häftlinge getrennt von Kriminellen unterzubringen. Die mit dem Gulag durchgesetzte Praxis, die Gefangenen zur Erschließung entlegener Regionen des Landes einzusetzen, geht auf eine Weisung von Feliks Ė. Dzeržinskij aus dem Jahre 1924 zurück (Bd. 1, S. 37), die aber erst mit Beginn des ersten Fünf-Jahr-Planes 1929 umgesetzt wurde. Petrov verweist in der Einleitung zu Band 2 auf den unbarmherzigen Terror gegen die politischen Gegner als Wesenselement der politischen Herrschaft der Bolschewiki (Bd. 2, S. 22).  Was der Rat der Volkskommissare beschloss, setzte die Außerordentliche Kommission (ČK) 1917 bis 1922, aus der die politische Polizei NKVD hervorging, initiativreich um. Neben den der ČK unterstehenden Lagern für politische Gegner verfügte das Volkskommissariat für Justiz zudem über Haftorte für Kriminelle. In diesen wurde von Anfang an die Umerziehung durch Besserungsarbeit praktiziert. Die Diskussion über die Nutzung der Häftlingsarbeit in der Führung von Partei und Staat zog sich fast zwei Jahre hin, bis im Mai 1929 die Entscheidung im Politbüro fiel (Bd. 2, S. 28).  Als Wirtschaftsfaktor konnte der Gulag, der zunächst nach administrativregionalen Aspekten reorganisiert wurde, jedoch erst nach den Massenrepressionen mit dem Amtsantritt von Lavrentij Berija als NKVD-Chef Ende 1938 in Funktion treten. Die ersten, von Gulag-Häftlingen errichteten Großbauten schienen dessen Effizienz zunächst zu bestätigen. Doch dieser Wunschtraum stellte sich sehr schnell als Trugbild heraus. Das Scheitern des Gulag als Wirtschaftsfaktor bildet somit die eigentliche Kernaussage des dritten Bandes und gehört zu den in den Einleitungen der anderen Bände aufgegriffenen Motiven. Der sich während der Arbeit an der Edition herauskristallisierende Fragestellung – nach der Zwangsarbeit als Wesenselement des Stalinismus – gingen Wissenschaftler aus Russland und den USA im Rahmen eines parallel durchgeführten Forschungsprojektes nach. Dieser Charakter der Besserungsarbeitslager schließt die generalisierende Bestimmung der Gulag-Lager als Todeslager aus (Bd. 4, S. 49).  Der Gulag als Wirtschaftsfaktor und sein Scheitern aufgrund fehlender Effizienz ist auch ein Leitmotiv der Einleitungen zu den Bänden 2, 4 und 6 der Edition über die Geschichte des stalinschen Gulag. NKVD-Chef Lavrentij Berija (1938–1953) kam bei der Entwicklung des Gulag als Wirtschaftseinheit eine entscheidende Bedeutung zu. Die Zahl der Häftlinge orientierte sich an den vorgegebenen Aufgaben für spezielle Wirtschaftszweige, die die Hauptverwaltung Lager zunehmend monopolisierte.  Wie auch die Auswertung der im KARLag-Archiv aufbewahrten Dokumente bestätigt, resultierten daraus für die Administration der Lager oft unlösbare Konflikte. So war etwa die Frage nach der Priorität der Durchsetzung des sich ständig verschärfenden Haftregimes oder die Erfüllung der immer anspruchsvolleren Wirtschaftsaufgaben brisant. Unter Berija entwickelte sich die Hauptverwaltung Lager des NKVD zur größten Wirtschaftseinheit der UdSSR (Bd. 2, S. 38). Seit 1936 hatte die Hauptverwaltung Lager, wie alle anderen Volkskommissariate auch, der Regierung einen Jahresplan der Industrieproduktion vorzulegen. Bis dahin war das NKVD von dieser Verpflichtung entbunden, da es nicht zu den Wirtschaftseinheiten zählte (Bd. 3, S. 21). Die Häftlinge kamen vor allem in Regionen zum Einsatz, in denen es noch keine Infrastruktur gab.  Oleg Chlevnjuk stützte sich bei seinen Recherchen in erster Linie auf die im GARF aufbewahrten Dokumente. 186 von 195 stammen aus dessen Beständen. Die neun übrigen spiegeln die Wirtschaftstätigkeit der OGPU wider und stammen aus dem Zentralarchiv des FSB (Bd. 3, S. 26). In der Anfangsphase des Gulag waren sich die Verantwortlichen nicht darüber im Klaren, wie sich das Lagersystem als Wirtschaftsfaktor entwickeln sollte. Diese von Chlevnjuk getroffene und mit Dokumenten belegte Feststellung korrespondiert mit ersten Auswertungen der in den Zwangsarbeitslagern für die Häftlinge hergestellten Zeitungen. (Band 7 enthält eine Aufzählung der im GARF vorhandenen Lagerzeitungen.) Die im Lager Inhaftierten sollten zu »sozialistischen Menschen umgeschmiedet« werden.  Oleg Chlevnjuk entschied sich nicht für die chronologische, sondern für die thematische Anordnung der Dokumente. Die Struktur der Wirtschaft des Gulag bildete sich bereits Anfang der 30er Jahre, während des ersten Fünfjahrplanes heraus. Der »Große Terror« unterbrach die relativ erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung. Unter den in dieser Zeitspanne nach offiziellen Angaben ca. 700 000 Erschossenen waren sehr viele dringend benötigte Facharbeiter. Die politischen Stimuli des Terrors hatten gegenüber den ökonomischen Vorrang. Um die ökonomische Effizienz der Lager dennoch aufrecht zu erhalten, führte Berija gleich nach seinem Amtsantritt Ende 1938 eine Reform der Lagerwirtschaft ein. Auf seinen Befehl hin wurde das Haftregime verschärft und die Möglichkeit, durch beständige Übererfüllung der Norm Haftarbeitstage herauszuarbeiten und damit vorzeitig entlassen zu werden, abgeschafft. Neben der Überfüllung der Lager, Hunger und Krankheiten führten diese Maßnahmen in den Kriegsjahren zu einer außerordentlich hohen Häftlingssterblichkeit in den Lagern. Nach Angaben der Hauptverwaltung Lager (GULag) starben fast 1,5 Millionen Häftlinge (Bd. 3, S. 31). Am Beispiel großer Lagerkomplexe könnte die Forschung diese offensichtlich vom NKVD manipulierte Zahl korrigieren. Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager KARLag gehört neben dem Sibirskij lager’ (SIBLag) zu den am längsten existierenden Besserungsarbeitslagern in der UdSSR. Beide Lager wurden 1929 gegründet und erst um 1960 aufgelöst. Zudem existierten weitere elf Lagerkomplexe, darunter sechs so genannte Waldlager, die der Bereitstellung von Nutzholz dienten, außerdem das Lager Vorkuta und das Baulagerbei Krasnojarsk. Sie bestanden von 1937 bzw. 1938  bis 1960. Neben diesen über drei Jahrzehnte existierenden Besserungslagern waren in der Zeit von 1931 bis 1960 solche Lager quantitativ vorherrschend, deren Laufzeit nur ein und fünf Jahre betrug. Davon gab es ca. 250. An zweiter Stelle folgten 100 zwischen fünf und zehn Jahren existierende, an dritter Stelle 70 Lager, die maximal zwei Jahre lang bestanden. Die Bestandsdauer der Lager korrespondierte somit nicht allein mit den wirtschaftlichen Zielsetzungen oder politischen Entscheidungen, sondern auch mit der Höhe des Strafmaßes.  Die elf Langzeit-Lagerkomplexe produzierten Nutzholz. Ihre vordringlichste Aufgabe war es jedoch die erforderlichen Arbeitskräfte für die einzelnen volkswirtschaftlichen Projekte und Baustellen kurzfristig zur Verfügung zu stellen, was u. a. auch die Fluktuation der Häftlinge erklärt. Die Häftlingsbelegung spiegelt am Beispiel des KARLag somit nicht nur die Entwicklung des Lagerkomplexes als solchen wider, sondern steht zudem mit der Veränderung des sowjetischen Lagersystems als Ganzes in engem Zusammenhang. Von 1930 bis 1935 existierten in der UdSSR 15 Lager. Allein im KARLag waren 10 000 bis 25 000 Häftlinge inhaftiert. Von 1936 bis 1940, als 67 Lager existierten, befanden sich 27 000 bis 40 000 Häftlinge im KARLag. Von 1946 bis 1950, als die Zahl der Lager auf 110 anstieg, waren es bereits 53 000 bis 65 000. Von 1954 bis 1960, als die Zahl der Lager auf 20 zurückging, war auch die Zahl der Häftlinge im KARLag rückläufig. Sie betrug zwischen 42 000 und 17 000 in der Auflösungsphase. Chlevnjuk betont immer wieder die Priorität politischer Vorgaben und konstatiert die schließlich auch von der Administration zugegebene Uneffektivität »nackten« Zwanges (Bd. 3, S. 35). Er gibt einen Überblick über quantitative und qualitative Kennziffern und fasst zusammen, dass weitere Studien, einschließlich internationaler vergleichender Analysen über die praktizierte Zwangsarbeit zur Erkenntnis des Phänomens der forcierten Industrialisierung beitragen könnten. Das ständig vorhandene Arbeitskräftereservoir veranlasste die sowjetische Führung zur Planung immer aberwitzigerer Großbauten. Noch gibt es keine Untersuchung über die in Angriff genommenen, schließlich jedoch eingestellten Projekte. Die Ökonomen sind gefordert, Kriterien wie »Effektivität«, »Billigkeit« und »Selbstkosten« von Häftlingsarbeit zu bestimmen (Bd. 3, S. 51).  Als nach dem Krieg der Bedarf an flexibel einsetzbaren Arbeitskräften sprunghaft anstieg, entstand ein neuer Lagertyp, das Sonderlager. Letztere existierten bis 1954 und stellten ein wichtiges Instrument der Strafverfolgungspolitik dar. Häftlinge dieser Sonderlager, von denen es 1952 zwölf gab – meist in entlegenen Gebieten –, wurden ausschließlich zu schwerer körperlicher Arbeit eingesetzt. Sie hatten keinen Anspruch auf jene in der Haftordnung verankerten »Vergünstigungen«, die Häftlingen gewöhnlicher Besserungsarbeitslager zustanden. Die Zahl der gewöhnlichen Besserungsarbeitslager stieg von 90 am Ende 1949 auf 166 zu Beginn 1953 an. Die Häftlingszahlen Auch diese Edition kann die Frage nicht beantworten, wie viele Häftlinge der Gulag zählte. Die im Band 4 enthaltenen statistischen Angaben dürfen im Hinblick auf ihre Exaktheit nicht überbewertet werden, heben die Herausgeber hervor (Bd. 1, S. 39). Die Herausgeber des Bandes 4 kommentieren unterschiedliche Statistiken und diskutieren erste, von Memorial-Mitarbeitern formulierte Hypothesen. Eine weiterführende Forschung auf diesem Gebiet, die auf Grund des komplizierten Archivzugangs in der Russischen Föderation und in den Nachfolgestaaten der UdSSR sehr schwer zu organisieren ist, setzt u. a. voraus, dass die Materialien der für Statistik und Registratur (URO) zuständigen Abteilungen der Lageradministrationen und der 3. Abteilungen des Lager-NKVD deklassifiziert sind. Ferner müssen die Bestimmungen über die sehr eingeschränkte Nutzung der in den Lagerarchiven noch erhaltenen Häftlings- und Mitarbeiterakten revidiert werden. Außer diesen Akten existiert z. B. im KARLag-Archiv eine Kartothek, in der jeder Häftling erfasst wurde, der dieses Lager durchlaufen hat. Die auf der Häftlingskarteikarte enthaltenen Angaben zur Person gestatten repräsentative Aussagen über die Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft, das Strafmaß, die Zwangsarbeit sowie Tod und Überleben im Lager. Die Karteikarte enthält über 20 biographische Angaben, darunter: Name, Geburtsort und -jahr, soziale Herkunft, Nationalität, Staatsbürgerschaft, Bildung, Parteizugehörigkeit, Wohnort, Beruf, Fachqualifikation, besondere Anweisungen, durch wen, wann und nach welchem Artikel des Strafgesetzbuches verurteilt, Beginn und Ablauf der Strafe, wann und woher angekommen, Aufenthalt in welchen Lagern sowie Abgang aus dem Lager (entlassen, gestorben oder geflohen). Bei einem Wechsel des Lagers wurde diese Karteikarte dupliziert und gemeinsam mit der persönlichen Häftlingsakte dem neuen Haftort überstellt. Selbst die Hauptverwaltung Lager des NKVD verfügte – was nunmehr dokumentarisch belegt ist – zu keinem Zeitpunkt über exakte Informationen über die Anzahl der Häftlinge und ihren genauen Aufenthaltsort (Bd. 1, S. 42). Was die Herausgeber des Bandes 4 für die Hauptverwaltung Lager beschreiben, gilt umso mehr für die einzelnen Lagerkomplexe, wie z. B. das KARLag. So sind die vorhandenen Statistiken für den Häftlingsbestand eines Jahres höchst widersprüchlich und außerdem von Jahr zu Jahr, aufgrund der sich ändernden Vorgaben der der Hauptverwaltung Lager, kaum kompatibel (Bd. 4, S. 32). Die Trends sind jedoch deutlich erkennbar. Von 1934 bis 1944 betrug die Zahl der im Gulag festgehaltenen Häftlinge 12 bis 14 Millionen (Bd. 4, S. 38). Diese Zahlen spiegeln die Aufgabenstellung des Gulag als Wirtschaftsfaktor wider. Unter diesem Blickwinkel werden u. a. die Mortalität und das Haftregime untersucht (Bd. 1, S. 39).  Die fehlende Opferperspektive der Quellen Nikita Petrov geht im Vorwort zum Band 2 sehr ausführlich und auf umfassenderer Quellengrundlage der bereits in der Einleitung zum Buch Ktorukovodil NKVD 1934–1941[22] aufgeworfenen Frage nach, wer die Kader waren, denen es oblag, das Zwangsarbeitssystem am Leben zu halten. »Es macht keinen Unterschied, ob man im Gulag oder im GULag ist«, hatte der Stellvertretende Leiter der Hauptverwaltung Lager, Israil I. Pliner in einer Parteiversammlung im Jahre 1937 geäußert (Bd. 2, S. 45), d. h. ob man Mitarbeiter der Hauptverwaltung Lager (GULag) ist oder Häftling in einem Arbeitslager – umgangssprachlich Gulag – macht nach diesem Zitat keinen Unterschied. Denn sowohl im zentralen Apparat der Hauptverwaltung Lager als auch in den Besserungsarbeitslagern, den beiden Gulags, war der Anteil der politisch vorbestraften Mitarbeiter und ehemaliger Häftlinge hoch (Bd. 2, S. 44). Diese Tatsache war immer wieder Gegenstand der Parteiversammlungen auf allen Ebenen, nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Haftregime widersprach. Es herrschte permanenter Personalmangel, und der Bildungsgrad der hier Beschäftigten ließ zu wünschen übrig. Unter diesen Bedingungen war an eine adäquate Durchsetzung des Haftregimes nicht zu denken. Was hier am Beispiel der Hauptverwaltung beschrieben wird, gilt in noch größerem Umfang für die einzelnen Besserungsarbeitslager. Bezieht man in der Untersuchung der Auflösungsphase der Lager die Parteiebene in die Analyse mit ein, rücken neben wirtschaftlichen Ursachen subjektive Faktoren ins Blickfeld, die die Abkehr vom Lagersystem und seine Umwandlung in Besserungsarbeitskolonien erklären. Ein weiterer Aspekt, auf den ebenfalls Aleksandr I. Solženicyn im Zusammenhang mit Band 4 über die Häftlingsgesellschaft aufmerksam macht, ist die in den Dokumenten fehlende Opferperspektive. Die in diese Ausgabe aufgenommenen, von der Administration verfassten Dokumente spiegeln sie nicht bzw. nicht adäquat wider. Ein Vergleich der »zwei Gesichter« des Gulag bietet sich als Forschungsthema geradezu an (Bd. 1, S. 42). Inzwischen sind Skizzen zur Geschichte einzelner Besserungsarbeitslager, verfasst von Mitarbeitern der Administration[23] oder ehemaligen Häftlingen[24], veröffentlicht. Doch Studien, in denen diese zusammengeführt werden, gibt es nicht. Daraus resultiert das Nebeneinander unterschiedlicher Überlieferungen. Vor welchen Problemen die Forschung – z. B. im Hinblick auf die Untersuchung des Widerstandes im Lager steht – wird in der Einleitung zum Band 6 ausführlich diskutiert.  Zur Sprache des Gulag[25] und seinem Liedgut[26] liegen mehrere Publikationen vor. Um das Rotwelsch der Kriminellen zu verstehen, versorgte das Volkskommissariat des Inneren 1927 die Mitarbeiter mit einem entsprechenden Wörterbuch.[27] Wie verschieden die zivile und die Lagerwelt waren, belegt die von Semen S. Vilenskij herausgegebene Anthologie Poėzija uznikov Gulaga, die Gedichte von 314 Autoren enthält.[28]  Material, auf dem diesbezügliche Forschungsprojekte aufbauen können, enthält auch Band 6 der Edition. Allmählich bildete sich unter den Häftlingen eine Überlebensstrategie und damit eine Subkultur heraus, die nicht nur dem Haftregime entgegengesetzt war, sondern zunehmend auch den zivilen Sektor beeinflusste. Die Häftlingsgesellschaft, deren Untersuchung Band 4 gewidmet ist, schloss unterschiedliche Gruppen ein, die auf unterschiedliche Weise der Administration entgegenwirkten. Sie setzten sich aus politischen oder kriminellen Häftlingen zusammen bzw. organisierten sich nach nationaler Herkunft oder ethnischen Kriterien. Allen diesen Gruppen, auf die die Administration unterschiedlich reagierte – mit einigen ging sie eine komplizierte Symbiose ein (Bd. 4, S. 40) –, waren besondere Formen von Widerstand und Protest eigen (Bd. 1, S. 41). Genau genommen kann nur im Ergebnis der Prüfung der Häftlingsakten und der Urteile festgestellt werden, ob es sich bei Kriminellen tatsächlich um Häftlinge handelt, die wegen krimineller Delikte verurteilt worden waren. Die vorbereitete Studie über die Geschichte des KARLag stellt auch hierzu neue Forschungsergebnisse vor und zur Diskussion.  Das Thema Leben und Sterben im Gulag wird in Band 4 ausführlich kommentiert. Ein damit zusammenhängendes Problem wird in der außerordentlich informativen Einleitung zum Band jedoch nicht angesprochen. Es handelt sich um die Lagerfriedhöfe, über die weder die Zeitzeugen noch die Archive genaue Auskunft geben. Vage Hinweise auf die Lage der Grabstätte finden sich u. a. auf einigen, für im KARLagverstorbene Häftlinge ausgestellten Totenscheinen, die in den Häftlingsakten abgelegt sind. Die  wenigen, heute z. B. in der Republik Kasachstan bekannten Grabfelder befinden sich in der Nähe der ehemaligen Lagerpunkte Dolinka, Malinovka und Spassk und werden deshalb als Orte des Gedenkens an alle Opfer des Terrors genutzt.  Die Herausgeber geben der Hoffnung Ausdruck, dass ihrer Edition weitere Recherchen in den Regionen der Russischen Föderation und in den ehemaligen Unionsrepubliken der UdSSR folgen werden. Einen Überblick über die bisher zur Geschichte einzelner Lagerkomplexe erschienene Literatur enthalten die Fußnote 5 der Einleitung zu Band 2 und die Fußnote 2 der Einleitung zu Band 3 sowie die Auswahlbibliographie in Band 7. Wenn auch eine genaue Situationsbeschreibung der Zugangsmöglichkeiten zu den vorhandenen, z. B. im Handbuch über das System der Besserungsarbeitslager erwähnten 318 staatlichen und Behördenarchiven, in denen Häftlingsakten bzw. eine Häftlingskartothek aufbewahrt werden, fehlt, ist ein erstes Zeichen gegeben, ein erster Schritt getan. Unbeantwortet bleibt die Frage nach dem Fotoarchiv der Hauptverwaltung Lager der OGPU, des NKVD bzw. des MVD.  Proteste und Widerstand im Gulag Für weiterführende Recherchen über Formen des Widerstandes von Gulag-Häftlingen in russischen Regionen enthält Band 6 ausgesprochen viele Anregungen. Die instruktive und die Debatte über den Gegenstand außerordentlich befördernde Einleitung fasst mehr als nur den bisherigen Kenntnisstand über Aufstände, Aufbegehren und Streiks in den Lagern zusammen (S. 28–38), vermittelt einen Überblick über die Quellenlage (S. 38–43) und skizziert die sich im Laufe der Jahre verändernden typischen Formen des Widerstandes. Aufgrund der sporadischen und dürren Editionen von Dokumenten zur Geschichte des Gulag und der Archivsituation konnte sich in Russland keine über die Faktologie und das Interpretieren veröffentlichter Dokumente hinausgehende seriöse Forschung entwickeln (S. 33). Die historiographische Fachterminologie, mit der die Thematik adäquat erfasst und auf den Begriff gebracht werden kann, ist ein nicht minder kompliziertes Thema, was Kozlov u. a. am Beispiel der Dissertation von Galina Ivanova über den Gulag[29] deutlich macht. Zum Häftlingswiderstand gehört auch der Widerstand von Häftlingen gegen den Widerstand ihrer Leidensgefährten, weil nur auf diesem Wege ihre Forderung nach Einhaltung des Haftregimes durch die Administration durchsetzbar war. Der Kampf um erträgliche Haftbedingungen war eine der Überlebensstrategien (S. 35).  Von Ende der 20er Jahre bis 1941 gelang es der Administration, jeglichen Protest zu unterbinden (S. 43–49), in den Kriegsjahren 1941–1945 teilte sich die Häftlingsgesellschaft in »Aufrührer« und »Patrioten« (S. 49–60). Nach dem Krieg änderte sich die Belegung der Lager gravierend. Kozlovspricht von »parasitärer Überbevölkerung« und geht auf den Kampf zwischen den einzelnen Gruppierungen  von 1945–1947 ein (S. 60–65). Die Zeitspanne Ende der 40er bis Anfang der 50er Jahre ist durch den »Krieg ehemaliger Krimineller« (suč’ja vojna) und die brutale Abrechnung mit dem jeweiligen Gegner (rubilovka) gekennzeichnet (S. 65–77). Die Aktionen, an denen sämtliche Häftlingskategorien beteiligt waren, untergruben die Rolle des Gulag als Wirtschaftsfaktor. Es ist, genau genommen, egal, unterstreicht Kozlov, welche Formen die Proteste annahmen, ob es sich um bewusste oder spontane Aktionen handelte. Das Entscheidende ist, dass es sie gab und sie von der Administration und der Parteiführung als Alarmsignal verstanden wurden (S. 26). In diese Zeit fällt die Herausbildung des Untergrundes in den Lagern und der Beginn der Aufstandsbewegung (S. 77–85). Das viele Aktionen aus den Sonderlagern überliefert sind, hängt mit der dort eingesperrten Häftlingskategorie zusammen. Mit der Organisation und Führung vertraute Politarbeiter der Roten Armee, Kollaborateure oder »Nationalisten« waren wie »neuer Wein in alten Schläuchen«. Dieser Wein reifte schnell und war, vor allem trifft das auf die Kollaborateure und Nationalisten zu, gegen die bei »Politischen« noch greifende Argumentation der Administration tabu. Die Massenproteste und Massenerhebungen im Gulag nach Stalins Tod beschleunigten den Zerfall des Lagersystems (S. 85–100). So plädiert Kozlov, anknüpfend an seine Studie über die Massenunruhen in der UdSSR unter Chruščev und Brežnev[30], für eine stärkere Berücksichtigung des Zusammenhangs von Widerstand in der UdSSR und im damaligen sozialistischen Lager (S. 31). Dieser »internationale Aspekt« sollte auch auf den Vergleich des sowjetischen Zwangsarbeitssystems mit dem in anderen Ländern praktizierten ausgedehnt werden.  Weitere ergänzende Gulag-Darstellungen  Neben der siebenbändigen Monumentaledtion ist noch auf zwei weitere neue Darstellungen des Gulag hinzuweisen. Zunächst kann der des Russischen nicht kundige Leser auf Oleg Chlevnjuks Band The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror mit einer Einleitung von Robert Conquest zurückgreifen. Er stellt einen Versuch der Synthese dar und enthält 106 Dokumente, die auch in der Istorija Stalinskogo Gulaga enthalten sind. Chlevnjuk stellt die Entstehungsgeschichte und Planung des Gulag seit 1929, seine Entwicklung vor und während der Jahre des »Großen Terrors« sowie während der so genannten BerijaReformen nach 1938 dar. Der Autor untersucht das Verhältnis von Mobilisierung und Repression, stellt die Opfer des Zwangsarbeitssystems vor und kommentiert den »Preis des Terrors«.  Eine wesentliche inhaltliche Ergänzung bietet der Band von Aleksandr I. Kokurin und Ju. N. Morukov. Sie stellen der Gulag-Geschichtsschreibung mit Stalinskie strojki Gulaga weitere wichtige Quellen zur Verfügung. In drei ausführlich eingeleiteten und kommentierten Kapiteln publizieren sie deklassifizierte Dokumente aus dem GARF und dem RGAE (Russisches Staatsarchiv für Ökonomie) vor, die die Planung und Ausführung folgender »Großbauten des Kommunismus« zum Inhalt haben: 1. die Kanäle: Belomorsko-Baltijskij-Kanal (Dok. 1–16), Moskva-Volga-Kanal (Dok. 17–41), Volga-Don-Kanal (Dok. 42–66); 2. die Eisenbahnlinien BAM (Dok. 67–90), Severo-Pečorskaja železnodorožnajamagistral’ (Dok. 91–99), die Verbindung Naruški-Ulan-Bator (Dok. 100–103), die Verbindung Čum-Salechard-Igarka (Dok. 104–110); der Tunnel Tonnel’ pod Tatarskim prolivom (Dok. 111–115); 3. die Goldgewinnung auf der Kolyma (Dok. 116–127).  Die Darstellung muss lückenhaft bleiben, unterstreichen Kokurin und Morukov, da noch nicht alle Dokumente deklassifiziert sind. Gerade in Anbetracht dieser Tatsache ist hervorzuheben, dass es nur einige wenige Doppelungen (insbesondere bzgl. des Volga-Don-Kanalbaus) im Vergleich zum von Oleg V. Chlevnjuk herausgegebenen Band 3 gibt. Die von Kokurin und Morukov aufgenommenen Dokumente – neben Befehlen des NKVD vor allem Beschlüsse des Rates für Arbeit und Verteidigung bzw. des Rates der Volkskommissare – sind so ausgewählt, dass sich beide Bände ergänzen. Der Anhang enthält außer einer Aufstellung der Administration der für die Durchführung der Baumaßnahmen zuständigen Verwaltungen Glavgidrostroj (Hauptverwaltung Wassserkraftwerksbau), GULŽDS (Hauptverwaltung der Lager für Eisenbahngleisbau) und Dal’stroj, biographische Skizzen ihrer Leiter und Stellvertreter sowie eine Übersicht über die Häftlingsbelegung und -bewegung innerhalb von 30 Besserungsarbeitslagern dieser Struktureinheiten. Für die Jahre der Existenz der Lager sind nun die statistischen Angaben über den Häftlingsbestand, die auf Transport geschickten Häftlinge, die entlassenen Häftlinge, die Sterberate und die Fluchten verfügbar.  Neben diesen statistischen Angaben liegen für zwei der die Arbeitskräfte bereitstellenden Besserungsarbeitslager – das Belomorsko-Baltijskij ITL[31] und das DMITLag (Dmitrovskij lager’)[32] – Erschießungslisten vor, die Rückschlüsse auf die Häftlingsgesellschaft ermöglichen. Partei und NKVD im Gulag Abschließend soll auf ein während der Arbeit im KARLag-Archiv deutlich hervorgetretenes und in der vorliegenden Edition kaum (oder wie im Band 6 eher verklausuliert) aufgegriffenes Forschungsfeld hingewiesen werden. Es ist heute im Hinblick auf das knappe Dutzend der fast 30 Jahre lang in der UdSSR bestehenden Lagerkomplexe, zu denen u. a. das KARLag und das SIBLag gehörten, möglich, nicht nur die Umsetzung der jeweiligen politischen Vorgabe durch die »Organe«, sondern stets auch den diese Umsetzung begleitenden Prozess der parteiinternen Debatte aufzuzeigen. Die Lageradministration verfügte über einen großen Spielraum, hebt Kozlov in der Einleitung zum Band 6 hervor. Er belegt diese Aussage mit Dokumenten, die in der 3. Abteilung des NKVD entstanden. Auffällig ist, dass in diesem und den anderen Bänden der Edition Dokumente der Politabteilung eine eher untergeordnete Rolle spielen.  Wenn schon von Konflikten und Spielräumen die Rede ist, dann müssen auch alle diese Konflikte austragenden Seiten und die Austragungsorte benannt werden. Zu letzteren gehören u. a. die in den »Langzeitbesserungsarbeitslagern« zwischen Berijas Amtsübernahme und der Auflösung der Lager regelmäßig durchgeführten Parteikonferenzen der KPdSU(B). Ihre Auswertung ist ein erster Schritt zur noch ausstehenden Untersuchung der Anleitung und Führung des NKVD durch die KPdSU(B).  Ausgesprochen informativ sind die Berichte der Mandatsprüfungskommissionen, die im Rahmen der 19 Parteikonferenzen der Parteiorganisation der KPdSU (B) im KARLag von 1939 bis 1960 erarbeitet wurden. Sie geben Aufschluss über Alter, Nationalität, soziale Herkunft, Bildungsgrad, Dienststellung, Lagerabteilungen, Funktionen und Dienstalter der Parteimitglieder. Die Anzahl der Grundorganisationen stieg von 17 mit 500 Mitgliedern im Jahre 1939 auf 25 Grundorganisationen mit 1231 Mitgliedern im Jahre 1953.  In der Struktur der Hauptverwaltung existierte ein speziell hierfür geschaffener Mechanismus – die Politische Abteilung. Ihr Leiter unterstand, ebenso wie der Leiter der 3. Abteilung der Lageradministration, nicht dem Kommandanten des Besserungsarbeitslagers, sondern direkt der Hauptverwaltung Lager in Moskau. Außerdem übte der Leiter der Politabteilung die Funktion des Sekretärs der Grundorganisation der KPdSU(B) des Lagers aus und war somit der »politische Vorgesetzte« des Kommandanten. Dem Kommandanten oblag die Entscheidung über die Auflösung des permanenten Konfliktes zwischen seinen zwei Stellvertretern. Die übermächtige 3. Abteilung – so das Beispiel KARLag – plante und organisierte u. a. den Sturz des Lagerkommandanten. Unter Berija verlor sie gegenüber der Politabteilung an Einfluss. In Anbetracht der Tatsache, dass die Akten der Politabteilung nicht in den Behördenarchiven verblieben, sondern zur Aufbewahrung an die ehemaligen Parteiarchive übergeben wurden, gestaltet sich der Archivzugang einfacher, und vergleichende Analysen einzelner Lagerkomplexe bieten sich direkt an. Bezieht man nicht nur die Hauptverwaltung Lager, sondern auch die einzelnen Lager in die Analyse ein, ist es oft sehr kompliziert, Gründung und Auflösung dieser Einrichtungen genau zu bestimmen. So fand z. B. die letzte Parteiaktivtagung der Parteiorganisation des KARLag 1960 statt. Zu diesem Zeitpunkt existierte dieser Lagerkomplex aber längst nicht mehr. Einen genauen Auflösungstermin des Gulag zu nennen, sehen sich die Herausgeber von Band 4 außerstande. Da das Mittel der politischen Repressionen auch unter Chruščev beibehalten und gegen neue Zielgruppen in Anwendung gebracht wurde, sprechen die Herausgeber des Bandes 4 davon, dass der »stalinsche Gulag« in seiner reinen Form und in seiner Dimension in der zweiten Hälfte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts »aufhörte zu existieren« (S. 41). [1]    Gulag. Glavnoe upravlenie lagerej 1918–1960. Dokumenty [Gulag. Die Hauptverwaltung Lager 1918–1960. Dokumente]. Hrsg. von Kokurin, A. I./Petrov, N. V. Redaktion: A. N. Jakovlev. Moskau 2000. Siehe auch die Rezension zu diesem Buch von Wladislaw Hedeler in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 52 (2004) H. 3, S. 455–456.   [2]  Iwanowa, Galina: »Verdächtige Personen sind in ein Konzentrationslager einzusperren …« In: Berliner Debatte Initial 9 (1998), H. 5, S. 77–84; Dies.: GULag und StalinscheRepressio- nen nach dem Zweiten Weltkrieg (Teil 2), in: Berliner Debatte Initial 10 (1999), H. 1, S. 102– 112. [3]  Gorčeva, A.: Pressa Gulaga 1918–1955 [Die Presse des Gulag 1918–1955], Moskau 1996. [4]  Art and Life in the Gulag. »Memorial« Society Museum Catalogue, Moskau 1998. [5]  Chlusov, M. (Hrsg.): Ėkonomika Gulaga i ee rol’ v razvitii strany 1930-e gody. Sbornik dokumentov [Die Wirtschaft des Gulag und ihre Rolle für die Entwicklung des Landes. 1930er Jahre. Dokumentensammlung], Moskau 1998. [6]  Vilenskii, S. u. a. (Hrsg.): Deti Gulaga. Dokumenty 1918–1956 [Die Kinder des Gulag. Dokumente 1918–1956], Moskau 2002. [7]  Petrov, N./Skorkin, K.: Spravočnik. Kto rukovodil NKVD 1934–1941 [Handbuch. Wer leitete das NKVD 1934–1941], Moskau 1999. [8]  Smirnov, M. (Hrsg.): Sistema Ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR 1923-1960. Spravoč- nik, [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960. Handbuch], Moskau 1998. [9]  Brodskij, Jurij: Solovki. Dvadcat’ let Osobogo Naznačenija. [Solovki. Zwanzig Jahre zur Besonderen Verwendung], Moskau 2002. [10]  Gor’kij, M./Averbach, L. L./Firin, S. G. (Hrsg.): Belomorsko-Baltijskij Kanal imeni Stalina. Istoria stroitel’stva. [Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal. Die Geschichte seiner Errichtung], Moskau 1934. [11]  Kizny, Tomasz: Gulag, Hamburg 2004. [12]  Smirnov, M. B. (Hrsg.): Sistema Ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR 1923-1960. Spravočnik [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960], Moskau 1998. [13]  Die genannten Findmittel erschienen in der vom GARF herausgegebenen Reihe Archiv novejšej istorii Rossii. Herausgeber waren ebenfalls V. A. Kozlov und S. V. Mironenko. [14]  Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgesellschaft gefördert. [15]  Reabilitacija – kak ėto bylo. Dokumenty Prezidiuma CK KPSS i drugie materialy [Rehabilitierung – wie es war. Dokumente des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien]. 3 Bde, Moskau 2000–2004. Die Bände behandeln den Zeitraum 1953 bis 1991. [16]  Sondertribunale mit zwei oder drei Mitgliedern. [17]  Tragedija sovetskoj derevni. Kollektivizacija i raskulačivanie. Dokumenty i materialy v 5 tomach. [Die Tragödie des sowjetischen Dorfes. Kollektivierung und Entkulakisierung. Dokumente und Materialien in 5 Bänden], Moskau 1999–2005. Der zweite Halbband von Band 5 ist noch nicht erschienen. Siehe auch Sovetskaja derevnjaglazami VČK-OGPU-NKVD. Dokumenty i materialy v 4 tomach [Das sowjetische Dorf mit den Augen der VČK-OGPUNKVD. Dokumente und Materialien in 4 Bänden], Moskau 1998–2004.  [18]  Zu den neuesten Publikationen zum Thema gehört Gil’di, L. A.: Sud’ba »social’no-opasnogo« naroda. Zasekrečennyj genocid finnov v Rossii i ego posledstvija 1930–2002 gg. [Das Schicksal eines »sozial-gefährlichen« Volkes. Der geheim gehaltene Völkermord an den Finnen in Russland und seine Folgen 1930–2002], St. Peterburg 2003. [19]  Siehe dazu McLoughlin, Barry: »Vernichtung des Fremden«. Der »Große Terror« in der UdSSR 1937/38. Neue russische Publikationen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2000/2001, S. 50–88. [20]  Chaustov, V./Naumov, V./Plotnikov, N. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i VČK-OGPU-NKVD janvar’ 1922 – dekabr’ 1936. Dokumenty [Lubjanka. Stalin und die VČK-OGPU-NKVD Januar 1922 bis Dezember 1936. Dokumente], Moskau 2003; Dies. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i Glavnoe Upravlenie Gosbezopasnosti NKVD 1937–1938. Dokumenty [Lubjanka. Stalin und die Hauptverwaltung Staatssicherheit des NKVD 1937–1938. Dokumente], Moskau 2004.  [21]  Roginskij, Arsenij: Posleslovie [Nachwort], in: Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935–1953. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij) [Erschießungslisten. Moskau 1935–1953. DonskojFriedhof (Donskoj-Krematorium)], Moskau 2005, S. 566.  [22]  Petrov/Skorkin: Spravočnik (Anm. 7).  [23]  Berdinskich, Viktor: Vjatlag, Kirov 1998. [24]  Klimovič, Rygor: Konec Gorlaga [Das Ende von Gorlag], Mensk 1999; Markova, E. V. u. a.: Gulagovskie tajny osvoenija severa [Gulag-Geheimnisse bei der Erschließung des Nordens], Moskau 2002. Das Buch handelt von Vorkuta. [25]  Snegov, Sergej: Jazyk, kotoryj nenavidit [Die Sprache, die hasst], Moskau 1991; Abramkin, V. F./Česnokova, V. F.: Tjuremnyj mir glazami politzaključennych 1940–1980-e gody [Die Gefängniswelt mit den Augen politischer Gefangener 1940–1980], Moskau 1998. [26]  Jakobson, Michael u. Lidija: Pesennyj fol’klor Gulaga kak istoričeskij istočnik (1917–1939) [Das Liedgut des Gulag als historische Quelle (1917–1939)], Moskau 1998; Dies.: Pesennyj fol’klor Gulaga kak istoričeskij istočnik (1940–1991) [Das Liedgut des Gulag als historische Quelle (1940–1991)], Moskau 2001. [27]  Potapov, S. M.: Slovar’ žargona prestupnikov (blatnaja muzyka) [Wörterbuch des Verbrecherjargons (Rotwelsch)] Moskau 1927 [Reprint 1990]. [28]   Vilenskij, S. S.: Poėzija uznikov Gulaga. Antologija [Die Poesie der Gulag-Häftlinge. Eine Anthologie], Moskau 2005. [29]  Ivanova, Galina: Gulag v sisteme totalitarnogo gosudarstva [Der Gulag im System des totalitären Staates], Moskau 1997. [30]  Kozlov, V. A.: Massovye besporjadki v SSSR pri Chruščeve i Brežneve (1953–načalo 1980-ch gg). [Massenunruhen in der UdSSR unter Chruščev und Brežnev (1953 bis Anfang der 1980er Jahre)], Novosibirsk 1999. [31]  Ostannja adresa. Do 60-riccja solovec’koi tragedii. [Die letzte Adresse. Zum 60. Jahrestag der Solovecker Tragödie]. 3 Bde., Kiew 1997–1999. [32]  Die Bände 2–6 der Ausgabe von Butovskij poligon 1937–1938 enthalten im Anhang den Martirolog des Dmitlag NKVD SSSR. Butovskij poligon 1937–1938. 7 Bde., Moskau 1997– 2003. Beiträge zur Geschichte des Dmitlag enthalten die hier vorgestellten Bände 2, 4 und 7 sowie der Band Butovskij poligon. V rodnom kraju. Dokumenty, svidetel’stva, sud’by … [Der Schießplatz Butovo. Im Heimatbezirk. Dokumente, Zeugnisse, Schicksale …], Moskau 2004. Siehe darin insbesondere der Beitrag von Fedorov, N.: Strana »Dmitlag« [Das Land »Dmitlag«], in: ebenda, S. 219–260.  

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Aktuelle Rosa-Luxemburg-Forschung in Russland und China

Narihiko Ito

Das Wort »Sozialismus« hat heutzutage einen altmodischen Klang. Es ist nur noch selten zu lesen oder zu hören. Doch zumindest das Forschungsinteresse an Sozialisten und ihren Ideen ist weiterhin vorhanden, das gilt gerade für die Person und das Werk Rosa Luxemburgs (1870 bis 1919). Ich möchte im Folgenden von zwei internationalen Tagungen zu Rosa Luxemburg berichten, die in Russland und China stattfanden, also in Ländern, in denen die Schriften der Revolutionärin Jahrzehnte zuvor teilweise verboten bzw. kaum bekannt waren. Es handelt sich um die Internationale Konferenz zu Rosa Luxemburg in Moskau am 12. Februar 2004 und die Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in Guangzhou in Südchina am 21./22. November 2004.[1] Unterdrückung der Luxemburg-Forschung in der Sowjetunion Die Konferenz in Moskau war die erste internationale Konferenz über Rosa Luxemburg in Russland seit der Russischen Revolution 1917. In der Zeit des Bestehens der Sowjetunion und im ersten Jahrzehnt des postsowjetischen Russlands fand keine solche Zusammenkunft statt. Die Konferenz wurde vom Institut für Weltgeschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften und der RosaLuxemburg-Stiftung (Berlin) veranstaltet. Etwa zwanzig russische Wissenschaftler, die deutsche Kollegin Evelin Wittich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die beiden Deutschen Ottokar Luban von der Internationalen Rosa-LuxemburgGesellschaft und Gerhard Kaiser sowie ich nahmen daran teil. Wir, die ausländischen Gäste, hielten auf der Tagung je ein wissenschaftliches Referat, während unsere russischen Kollegen berichteten, wie heftig sie in sowjetischer Zeit wegen ihres Interesses an Rosa Luxemburg politisch, ideologisch und gesellschaftlich verfolgt wurden. Als ich 1974 das Buch Roza Ljuksemburg (dt.: Rosa Luxemburg) von den mir damals unbekannten russischen Autoren Robert Evzerov und Inessa Jazborovskaja erhielt, war mir nicht klar, mit welchen Schwierigkeiten die Autoren zu kämpfen hatten. Als ich damals das im Moskauer Verlag Mysl’ erschienene und 321 Seiten umfassende Buch in der Hand hielt, dachte ich nur: »Ah ja, auch in Russland wird ein solches Buch herausgegeben!« 22 Jahre später, auf der 8. Internationalen Rosa-Luxemburg-Tagung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Warschau, traf ich dann zum ersten Mal den Autor des Buches, Robert Evzerov. Ich begrüßte ihn: »Ach, Sie sind Herr Evzerov, der Autor des Buches, das man mir vor 22 Jahre geschickt hatte. Vielen Dank dafür!« Er antwortete darauf, dass er mich schon lange kenne und seit kurzem auch die Tätigkeit der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft. Darum sei er nun in Warschau bei der Rosa-Luxemburg-Tagung. Wir freuten uns beide sehr über unser erstes Treffen. Seither nahm er an fast allen RosaLuxemburg-Tagungen – in Tampere (Finnland) 1998, in Berlin 1999, in Zürich 2000 und in Bochum 2002 – teil und hielt jedes Mal ein Referat. Aber niemals berichtete er etwas über seine Erlebnisse in der Vergangenheit. Erst im Februar 2004, in Moskau, erzählte er, welch schweres Schicksal er nach der Herausgabe seines Rosa-Luxemburg-Buches 1974 zu tragen hatte. Nicht nur Evzerov traf ein solches Schicksal. So wurde Malren Korallov in den 1970er Jahren verhaftet, nachdem er sein Buch K. Libknecht, R. Ljuksemburg (dt.: K. Liebknecht, R. Luxemburg) herausgegeben hatte. Das Buch wurde bis auf fünf Exemplare beschlagnahmt und vernichtet. Korallov verlor seine berufliche Position. Erst 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, konnte sein Buch wieder herausgegeben werden, und er schenkte mir ein Exemplar. Prof. Jakov Drabkin vom Institut für Weltgeschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften leitete die Moskauer Konferenz als Vorsitzender. Ich kenne ihn seit den 1980er Jahren von einer Tagung in Linz. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übergab er mir die von ihm herausgegebene Luxemburg-Ausgabe O socializme i russkoj revolucii (dt.: Über den Sozialismus und die Russische Revolution) und fügte hinzu: »Ich habe hier zum ersten Mal meine Übersetzung des Manuskripts von Rosa Luxemburg über die Russische Revolution abgedruckt.« Ich wusste schon lange, dass das Manuskript Rosa Luxemburgs in der Sowjetunion ein »verbotenes Buch« war. Ich wusste aber bis zur Moskauer Konferenz nicht, dass die gesamte Forschung über Rosa Luxemburg in der Sowjetunion so unbarmherzig unterdrückt wurde. Die Anfänge des chinesischen Interesses an Luxemburg  Die zweite Konferenz wurde von der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, dem Institut für Weltsozialismus des Büros zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) und der Rosa-LuxemburgStiftung (Berlin) mit Unterstützung der Landwirtschaftlichen Universität Südchinas und der Pädagogischen Universität Südchinas am 21. und 22. November 2004 im Saal der Landwirtschaftlichen Universität Südchinas in Guangzhou veranstaltet. Die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft hatte schon im November 1994 gemeinsam mit dem Institut für Weltsozialismus eine Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz in Peking veranstaltet. Der Beginn der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit China in der RosaLuxemburg-Forschung geht auf das Jahr 1980 zurück. Damals wurde ich von der Chinesischen Akademie erstmals nach Peking eingeladen, um einen Vortrag über die Internationale Rosa-Luxemburg-Forschung zu halten. Im Frühling 1981 versammelten sich chinesische Wissenschaftler in Dalian zu einer Diskussion über die Ideen Rosa Luxemburgs. Im Herbst 1982 kamen dann vier chinesische Wissenschaftler aus dem Büro zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der KPC nach Japan zu einer gemeinsamen Rosa-Luxemburg-Forschung. 1984 wurde der erste Band der chinesischen Übersetzung der Werke Rosa Luxemburgs herausgegeben, und im April 1985 veranstalteten chinesische und japanische Wissenschaftler gemeinsam anlässlich der Herausgabe der chinesischen Übersetzung eine wissenschaftliche Tagung in Shanghai und Nanjing.  Im November 1991 war dann Frau Zhou, die Übersetzerin und Herausgeberin der chinesischen Ausgabe der ausgewählten Werke Rosa Luxemburgs zur Internationalen Rosa-Luxemburg-Tagung nach Tokio eingeladen. Ihre Übersetzung gab den Anlass, die erste Internationale Rosa-Luxemburg-Tagung 1994 in Peking stattfinden zu lassen. Über 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus China, Japan, Südkorea, Russland, Polen, Ungarn, Österreich, Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und den USA nahmen damals daran teil. Sie diskutierten sehr offen und frei, was zeigte, dass die »neue Politik der Reform und Öffnung« im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich Wirkung zeigte. Genau zehn Jahre danach haben wir im Süden Chinas erneut erlebt, wie fruchtbringend diese Politik ist und welche neuen Probleme sich wiederum daraus ergeben. An der Guangzhou-Tagung nahmen 55 Wissenschaftler aus zehn Ländern teil, davon zwei aus Russland, einer aus Norwegen, einer aus Frankreich, einer aus der Schweiz, dreizehn aus Deutschland, einer aus Österreich, zwei aus Indien, einer aus den USA, zehn aus Japan und 23 aus China. Es gab 21 Referate von 25 Referenten, da vier chinesische Referate von jeweils zwei Referenten vorgetragen wurden. Klassifiziert man die Referate nach Themen, behandelten zehn davon das Demokratieverständnis von Rosa Luxemburg (sieben Referate aus China, zwei aus Deutschland und eins aus Indien). Das Thema »Nation und Sozialismus« wurde sechs Mal gewählt (zwei Referate aus China, eins aus Deutschland, eins aus Indien, eins aus Österreich und eins aus Russland). Fünf Mal wurden andere Themen von jeweils einem Wissenschaftler aus Russland, den USA, Norwegen, Deutschland bzw. Japan behandelt.  Wie hier deutlich wird, konzentrierten sich die chinesischen Referate klar auf das Thema »Demokratie«. Bevor ich genauer auf den Inhalt der chinesischen Referate eingehe, führe ich deren Titel an.  Zum Demokratieverständnis:  –   Zhou Sui-ming: »Die Analyse der Demokratieauffassungen Luxemburgs und die Vorläufer des Neuen Marxismus im Westen« –   Pan Li-hong und Zhao Yan-zhi: »Vergleich der Demokratie-Auffassungen Lu-xemburgs und Mao Ze-dongs « –   Tang Ming und Yang Zheng-xi: »Eine kurze Analyse der sozialdemokratischen Gedanken von Rosa Luxemburg« –   Zhou Shang-wen und Jiang Nai-bing: »Eine Beurteilung Rosa Luxemburgs in-nerparteilicher Demokratie« –   Wang Xue-dong: »Rosa Luxemburgs Auffassungen von der innerparteilichen Demokratie und deren aktuelle Bedeutung« –   Dai Hai-dong: »Über die Demokratieauffassungen von Rosa Luxemburg und deren Anregung zur Stärkung der Regierungsfähigkeit der Partei« –   Zhan Zhen-rong: »Über den Gedanken der innerparteilichen Demokratie von Rosa Luxemburg« Zu Nation und Sozialismus:  –   Zhang Guange-ming: »Rosa Luxemburg und die Tradition des autonomen So-zialismus«  –   Zhang Wen-fang und Xu Da-bing: »Untersuchung der Auffassungen von Rosa Luxemburg über die Volksmassen« Von den neun chinesischen Beiträgen beschäftigten sich vier Referate mit dem Thema der »innerparteilichen Demokratie«. Daraus ist erkennbar, aus welchem Blickwinkel Rosa Luxemburg heute in China betrachtet wird.  Rosa Luxemburgs Bedeutung in der chinesischen Diskussion  um die Demokratisierung von Partei und Gesellschaft Da es der Rahmen dieses Aufsatzes nicht zulässt, alle Referate vorzustellen, gehe ich im Folgenden nur auf den Inhalt von sechs chinesischen Referaten ein. 1. Das Referat von Pan Li-hong und Zhao Yan-zhi (Landwirtschaftliche Universität Südchinas) unternahm einen Vergleich des Demokratieverständnisses bei Rosa Luxemburg und Mao Ze-dongs. Nach Aussage der Referenten seien die Positionen Luxemburgs und Ze-dongs vor allem in der Frage der Zielsetzung der Revolution, die sie in der Beseitigung von Unterdrückung und Ausbeutung durch die Bourgeoisie sahen sowie in der Verwirklichung einer umfassenden Autonomie der Volksmassen, gleich. Wesentliche Unterschiede sehen die Referenten vor allem in folgenden Punkten: a)        Die demokratische Leistungsfähigkeit der Masse: Luxemburg zufolge sollte die Masse auf keinen Fall Knecht und Werkzeug der politischen Machtorgane werden. Die Regierung dürfe in keiner Form und unter keinem Vorwand der Masse das demokratische (Mitbestimmungs-)Recht entziehen. Mao Ze-dong vertrat die Ansicht, die Masse sei zur Demokratie nur bedingt fähig. Er legte sehr viel mehr Wert auf die Bildungsfunktion der Partei und betonte die Wichtigkeit von Bildungsmöglichkeiten, die von der Regierung organisiert werden müssten, um die politische und kulturelle Leistungsfähigkeit der Masse möglichst rasch zu erhöhen. b)        Der demokratische Zustand: Nach Rosa Luxemburgs Demokratieverständnis ist Demokratie nicht nur ein hohes und weites Ideal der menschlichen Gesellschaft, sondern vielmehr ein grundlegender Zustand des Sozialismus in der Gegenwart. Das Hauptziel der Arbeiterbewegung und der proletarischen Revolution liegt für sie darin, Freiheit und Demokratie der Volksmassen zu verwirklichen, deshalb soll sich die Demokratie in jeder Epoche des Sozialismus verkörpern und darf nicht durch ungenügende geschichtliche Bedingungen beschränkt werden. Für Mao Ze-dong hingegen gibt es keine uneingeschränkte Demokratie. Vielmehr bilden Demokratie und Zentralisierung eine widersprüchliche Einheit, in der jedoch keine von beiden Seiten überbetont werden darf. c)         Die Organisation der Demokratie: Mit dem Begriff des »Selbstzentralismus« betonte Rosa Luxemburg die Bedeutung der Selbständigkeit und der Initiative des Proletariats sowie den engen Zusammenhang zwischen der Partei und den Volksmassen. Sie kritisierte den »radikalen Zentralismus« Lenins, weil dieser die gesellschaftliche Beteiligung der Masse beschränken und die Isolierung der Regierung von der Masse verursachen würde. Mao Ze-dong hielt dagegen am Modell der »demokratischen Zentralisierung« fest. Sein Kerninhalt ist die Betonung der dialektischen Vereinigung von Demokratie und Zentralisierung. Einerseits müsse die Regierung die Meinungen der Massen repräsentieren, andererseits müsse die exekutive Macht zentralisiert werden.  Nach dem Vergleich der Positionen Luxemburgs und Mao Ze-dungs kamen die Referenten zu folgendem Schluss: »Eine ›Grosse Regierung mit einer kleinen Gesellschaft‹ ist wie der Missstand der Demokratie in China, der unsere Entwicklung in der Gegenwart so behindert. Mao Ze-dong betonte zwar stets die dialektische Vereinigung von Demokratie und Zentralisierung, behandelte er aber reale Probleme, dann überwog bei ihm oft, vielleicht auch unbewusst, die Zentralisierung. Und das ist ein zu berücksichtigendes Problem auf dem langen und steinigen Weg der Demokratisierung Chinas.« 2.        Das Referat von Zhou Shang-wen und Jiang Nai-bing (Pädagogische Universität Ostchinas) erörterte ebenfalls den Begriff des »Selbstzentralismus« Rosa Luxemburgs. Ganz anders als im Referat von Pan Li-hong und Zhao Yan-zhi wurde Luxemburg hier kritisiert, dass sie die Rolle der Partei unterschätzt und die Spontaneität der Masse blind verehrt habe. Die Referenten stimmten einerseits zu, dass Demokratie der Schlüssel für eine gesunde Entwicklung der Partei sei, andererseits kritisierten sie Luxemburg vom Standpunkt des »Realismus« und warfen ihr vor, als Idealistin Begriffe wie Konzession und Kompromiss gar nicht zu kennen. Zu einer Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der Theorie Luxemburgs und deren Gegnern kam es auch in der Diskussion, was deutlich machte, dass ihre Theorie in der heutigen Politik Chinas eine enorme Aktualität besitzt.  3.        Das Referat von Wang Xue-dong (Direktor des Instituts für Weltsozialismus des Büros zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der KPC) über »Rosa Luxemburgs Auffassungen von der innerparteilichen Demokratie und deren aktuelle Bedeutung« erklärte, warum Rosa Luxemburgs Theorie für die heutige Politik eine solche Aktualität besitzt. So behauptete Wang Xue-dong zu Beginn seines Referats: »Rosa Luxemburg hat in einer Reihe von Schriften, wie ›Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie‹ (1904) und ›Wieder Masse und Führer‹ (1911) viele wertvolle und wichtige Gedanken über die innerparteiliche Demokratie vorgelegt, worunter uns viele klare Aussagen noch bis heute Anregung geben und von wichtiger, aktueller Bedeutung sind, um den Aufbau der Partei zu stärken.« Ferner erklärte der Referent, dass »der Kern der Auffassungen über die innerparteiliche Demokratie von Rosa Luxemburg […] darin [liegt], die Initiative der Masse zu würdigen und die Bedeutung der Volksmassen als eigentlicher Antrieb des geschichtlichen Fortschritts, als Basis der Parteiaktivität und der Lebenskraft der Partei zu betonen.« Wang Xue-dong betonte zum Schluss: »Heutzutage ist die Kommunistische Partei Chinas bestrebt, den Aufbau der Regierungsfähigkeit allseitig zu stärken, wofür die Entfaltung der innenparteilichen Demokratie die Voraussetzung ist. Deshalb sind Luxemburgs Gedanken über die innenparteiliche Demokratie, besonders aber über die Bedeutung der Initiative der Masse, über das richtige Verstehen und die richtige Behandlung des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Klasse und Individuum unter der Führung der Partei, über den ›Selbstzentralismus‹ der proletarischen Avantgarde, und über die Verhinderung der bürokratischen Degeneration durch die öffentlich-demokratische Kontrolle für uns bis heute noch von größter Bedeutung.« 4.        Dai Hai-dongs Referat »Über die Demokratieauffassungen von Rosa Luxemburg und deren Anregung zur Stärkung der Regierungsfähigkeit der Partei« vertritt, wie der Titel selbst klar zeigt, denselben Standpunkt wie das von Wang Xue-dong. 5.        In Zhan Zhen-rongs Referat »Über den Gedanken der innerparteilichen Demokratie von Rosa Luxemburg« zitierte der Autor den Begriff des »Selbstzentralismus« von Rosa Luxemburg und behauptete, dass »die Beziehung zwischen der Demokratie und der Zentralisierung […] ein wichtiges Problem in der Theorie und Praxis [ist], das in der internationalen sozialistischen Bewegung im 20. Jahrhundert nicht gut gelöst wurde«. Darum wollte er einen Hinweis aus der Theorie Luxemburgs für die Lösung des schwierigen Problems erhalten. 6. Im Vergleich zu den anderen chinesischen Referaten betrachtete Zhang Guang-ming (Institut für Weltsozialismus des Büros zur Herausgabe und Übersetzung des ZK der KPC) in seinem Referat »Rosa Luxemburg und die Tradition des autonomen Sozialismus« Luxemburgs Theorie aus einem ganz anderen Blickwinkel. Sein Referat war für mich sehr überzeugend, weil er Luxemburg als Vertreterin der Tradition des autonomen Sozialismus ansieht. Er behauptet: »Bisher haben viele Kritiker von uns Luxemburg im geistigen Korsett des Leninismus studiert. Meines Erachtens hat diese Studie kein echtes Verständnis für Luxemburg bewirkt.« Zhan Guang-ming zufolge existierten innerhalb des internationalen Sozialismus im 20. Jahrhundert drei Typen von Sozialismus: Der erste Typ ist der reformistische Sozialismus, der »in der Entwicklung Schritt für Schritt auf den Grundsatz, den Kapitalismus umzubauen, verzichtet hat und allmählich mit dem Liberalismus verschmolzen ist.« Der zweite Typ hatte »in einer Reihe von orientalischen Ländern die Macht ergriffen, aber keine Gesellschaft gegründet, d. h. keine demokratische Gesellschaft, die von der Volksmasse selbst getragen wird, wie Marx sie postulierte, sondern eine neue Bürokratiegesellschaft.« Der dritte Typ des Sozialismus hat »durch politische Aktivitäten keine großen Ziele erreicht, er ist jedoch zu einer wichtigen geistigen Errungenschaft geworden.« Und er fügte seiner Differenzierung hinzu: »Rosa Luxemburg ist eine Hauptdenkerin eines solchen Sozialismus in der frühen Periode.« Ich denke, dass dieses Referat interessante Hinweise zur neueren Forschung über Rosa Luxemburg gab, denn es hatte eine auf Polnisch geschriebene Schrift »Nationale Frage und Autonomie« (1908/09) zum Gegenstand. Sie scheint mir Luxemburgs wichtigstes Werk zur Nation und zum Staat zu sein, dessen Bedeutung noch nicht genug untersucht worden ist.  Ich habe hier ausschließlich die chinesischen Referate vorgestellt, weil die Konferenz in China stattfand und man durch diese Referate einen Einblick in die Probleme des heutigen Chinas erhält. Die anderen Referate zu erwähnen, muss ich eine nächste Gelegenheit finden. Es folgen hier nur ihre Namen und Titel.   –   Subho Ranjian Dasgupta (Indien): »The Dialectical Core in Rosa Luxemburg’s Vision of Democracy«.  –   Sobhanial Datta Gupta (Indien): »Rosa Luxemburg’s Vision of Socialism and Its Meaning for Marxism in the 21st Century«. –   Ottokar Luban (Deutschland): »Rosa Luxemburgs Demokratiekonzept« –   Theodor Bergmann (Deutschland): »The Luxemburg-Tradition in German Communism«. –   Gerhard Kaiser (Deutschland): »Über ›nationale Selbstbestimmung‹, Demokra-tie und ›nationale Operationen‹«. - Evelin Wittich (Deutschland): »Die Diskussion um ein Denkmal und der Kampf um die Deutung von Geschichte – Das Beispiel Rosa Luxemburg«  –   Fritz Weber (Österreich): »China auf dem Weg von einer sozialistischen zu ei-ner ›sozialen‹ Marktwirtschaft?«  –   Peter Hudis (USA): »New Perspectives on Rosa Luxemburg’s Writings on the Non-Western World« –   Robert Evzerov (Russland): »R. Luxemburg – Parlamentarismus – Russland heute«. –   Alexander Vatlin (Russland): »Lieblinge der Partei und Märtyrer der Epoche: Rosa Luxemburg und Nikolaj Bucharin«.  –   Tanja Storiokken (Norwegen): »Women in Dark Time – Rosa Luxemburg and Hannah Arendt« –   Narihiko Ito (Japan): »Über das Dokument ›Sklaverei im Altertum‹ aus  Rosa Luxemburgs Vortrag in der Parteischule« Auch diese Beiträge zeigen, dass das Werk Rosa Luxemburgs auch im 21. Jahrhundert ein Impulsgeber für weiterführende historische Analysen und theoretische Ansätze sein kann.  [1]  Im Jahr 2004 fanden zwei weitere internationale Zusammenkünfte zum Thema statt: das Internationale Kolloquium anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. Annelies Laschitza in Berlin am 21. Februar 2004 sowie The International Conference: Like a Candle Burning at Both Ends. Rosa Luxemburg and the Critic of Political Economy an der Universität Bergamo (Italien) vom 16. bis 18. Dezember 2004.  

JHK 2006

Soviet History During the Great Terror: Critical Notes on Recent Historical Publications

Fridrikh Firsov

The body of knowledge on the period of the Great Terror in Soviet Russia’s history has grown substantially during the last two decades[1], as whole new layers of archival sources became accessible to the academic community, including documents previously kept secret in Soviet Party and State Archives. This access has substantially enriched understanding of the true causes and consequences of the Great Terror and of the characteristics and specific forms it took in the country as a whole or in its various regions. It also led to new insights in the role of particular groups and elements within the party and state apparatus as well as in the attitudes of different layers and groups of the population towards the Great Terror. In this article we shall take a close look at publications on the Soviet history of the 1930s which are devoted to the last named issue, namely to the Great Terror as experienced and apprehended by the citizens of the Soviet state. Recent historiography of the Great Terror period pays particular attention to these publications.[2] Their authors lay emphasis on the fact that their analyses are based on studies of archival documents which have entered scientific circulation for the first time. They often refer to each others publications to confirm their own judgments and conclusions. The exceptional significance of the historical analysis of the Great Terror and the need to adequately interpret the rich archival sources now open for the scientific community makes it particularly important to elicit the specific features these publications share and critically analyze them.  The first feature these studies have in common is the way their authors treat and interpret Soviet Party and State Archival documents. In their research and conceptual analyses they tend to ignore one specific function of the official documents contained in State Archives and particularly of those in the Party Archives. The official documents of the Soviet period, including archival documents, were not only a reflection of the policy of the regime in power, but they were also worded to the letter and the spirit of the ideological standpoints and notions of this regime. This is an important distinctive characteristic of an absolute majority of archival materials pertaining to the activities of the party, the state, mass media, and generally speaking to all documentation on the ideological issues and on reprisals.  Historians who ignore this context, who take their content and terminology literally, voluntarily or not get subjected to their influence and may eventually arrive at interpretations that actually follow those very directives. Let us illustrate this by an example. Discussing public speeches of Josef Stalin at the Plenary Meetings of VKP (b) Central Committee when the fates of Abel Yenukidze, Yuri Piatakov, Nikolai Bukharin and Pavel Postyshev were determined, John Getty speaks of Stalin’s indecisiveness, of a hesitant behaviour and »zig-zags« in his actions.[3] The historian takes literally the few peace-minded words Stalin uttered speaking to people whose extermination he was preparing. Like in many other cases Stalin was morally torturing his opponents, playing cat-and-mouse games, leaving them with last gilmpses of hope and illusions of rescue in order to break their final resistance and have them surrender morally as well.  Another typical feature of these publications is the fact that notions and concepts, applied generally to the analysis of historical processes in democracies, are similarly applied to the rule of Stalin and to the Soviet regime in general. In fact, the same models by which relations between a civil society and the state are analyzed in democracies are applied to the Stalin regime. »When a huge number of citizens took part in bodies that exercised public authority, they too constituted the state«, that is how Robert Thurston describes Stalin’s rule, »it will be more logical to see state and society as intimately linked«[4]. In his reasoning the historian ignores the fact that Stalin’s rule did not leave space for a civil society and consequently the system cannot be treated as one.  The regime manipulated manifestations of public opinion. During the »show trials« numerous meetings of the working people were staged. Such meetings took place at every single factory or plant, at every company. Resolutions condemning the accused and demanding ruthless execution were taken unanimously. Should a modern historian take these meetings as a reflection of true sentiments and attitudes of the majority of the population?  William Chase, for example, admits that the trial of Zinoviev might have been staged by the authorities and concludes that some people might have even doubted the actual character of the process. Yet he interprets mass behaviour as resulting from people’s trust in the just cause pursued by the court and he sees this trust influencing public opinion and anyone who could have any doubts. He speaks of a mass meeting at the Red Square as his proof thereof.[5] However, such events took place upon direct instruction of party authorities, who in their turn staged the events in detail, appointing those who would be given the word and even assisting in preparing the speeches. The aforementioned resolutions were always drafted by the party organizations before.  A non-critical analysis of archival documents leads Thurston to the conclusion that: »Terror was not inevitable in the Soviet system; Stalin did not need mass fear to rule«, and that »extensive fear did not exist in the USSR at any time in the late 1930s«[6]. In the documents of the time one obviously cannot find direct manifestations of fear, which ruled the lives of people at that period. Based on the analysis of available official documents, one could indeed come to conclusions as cited above. However, we cannot ignore the fact that every single night people would stay awake listening to cars arriving at the door and trying to figure out which apartment the unwanted visitors would knock on. Such conclusions could be drawn if we ignore the fact that everyone knew exactly what could be said out loud and what could not, that parents were afraid to discuss serious matters in the presence of their children, fearing that they might talk about it at school or kindergarten. People were afraid that their neighbors or the janitor might be interested in why the light was on at a late hour, that some colleague might take a note of those who kept silence at meetings when others demanded death sentence to some »people’s enemy«. Those who dared to utter their doubts in the Leader, who supposedly took care of the happiness of every person and the whole populations day and night, risked a quick execution.[7] The system of political detection and informing[8]would soon lead such a person to prison. Such was the background against which people still lived their everyday lives with daily worries, problems, troubles and happy moments. One can read about them in published dairies of those years, kept not only by famous but also ordinary people.[9] A third common feature publication of these historians share is the denial of the totalitarian character of the Stalin regime. They prefer to speak of arbitrary and uncontrolled rule of the local authorities. Within the strictly centralized pyramid of power each particle had a certain degree of autonomy and authority to deal with local issues and to choose their own way to execute the orders. But this autonomy did not pertain to the ideological sphere, to activities of the punitive forces or the foundations of the state and party mechanism. Each official was completely dependent upon a higher placed official, his direct boss. The higher a person came upon the hierarchical ladder of power, the more he depended on higher ranking officials. All threads of power were however concentrated within the Politburo of the VKP (b) Central Committee or actually in one person – who everyone called »the Boss«.  In the Soviet state terror was the most important and officially recognized factor of the system functioning. »Repressions through the period of the socialist construction«, as Stalin spoke at the XVI Party Congress on 27 June 1930, »are an indispensable element of the offensive although they form a complementary rather than a prior element«[10]. These words hide the true meaning and the role of repressions and terror in the process of development and growth of the regime. The regime could exist only by permanently reproducing and applying terror. The Stalin system needed to fight and destroy enemies for its own reinforcement.  The Great Terror is not more than an episode in a longer history of terror and violence the country was caught in. Collectivization of peasantry, »dekulakization«, and mass reprisals against those who attempted resistance. Dozens of thousands of people were gunshot, millions were banned to Northern and Northeastern regions of the country together with their whole families. Special settlements where they had to live differed very little from concentrations camps. According to the Law of 7 August 1932, ten years of imprisonment or even death penalty awaited anyone who was accused of stealth of damage to kolkhoz property. Terror helped keep secret severe famine caused by the collectivization that brought death to millions of people. According to the Law of  8 June 1934 family members of those arrested who allegedly knew of the crime to be committed and did not inform the authorities were brought to trial. Family and close friends of those arrested and sentenced as »a political prisoner« were banned to the camps. According to the Law of 7 April 1935, legal proceedings could be started against teenagers from 12 years of age. They could be sentenced to death. After 1 December 1934 an accelerated court procedure was implemented with no right of defense or appeal for those accused of preparation or organization of a terrorist act. Death penalty execution took place immediately following the trial. According to the Law of  2 October 1937 accelerated procedures were applied to the so called cases of sabotage or subversive activities. According to the December 1938 decree, any worker or employer who was absent three times within a month would be put to trial. According to the decree of 26 June 1940 those who were late for work or left the job without permission of the leading officials were to be sentenced to reformatory work, i. e. concentration camps. During the war whole ethnic groups from the North Caucasus as Crimean Tartars, Kalmyks, and ethnic Germans from the Volga region were subjected to forced resettlement. Former war prisoners got into Gulag camps, series of closed trials were held after the war. The list of examples of terror that ran through the country is far from being complete. The list is to be complemented by full-scale preparations for a new round of arrests in connection with »the Doctor’s plot« and by plans of deportation of the Jewish population. Contemporary literature contains many analyses of causes of the Great Terror. Some historians treat it as a reaction of the authorities who were busy maintaining the regular functioning of the economy, public administration, and the political system, a reaction to chaos and disorder in the country, to arbitrary rule of the local authorities and the pressure of the population demanding to put a halt to lawlessness and to NKVD’s arbitrary rule.[11] There was indeed much chaos in management and public administration, local authorities acted arbitrarily and the level of general discontent of the population was high. People found a certain distraction in informing on each other and the authorities used this, provoked and forced them into such behavior. Furthermore, the threat of war was quite real.[12]  Mass terror policy pursued by the party, its leading bodies and foremost by Stalin and executed by the punitive forces was however the crucial factor. By combining the policy of fear with ideological stupefaction of the population, Stalin and his clique pursued the policy of eliminating any traits and remnants of the opposition. They achieved complete subordination of the state and party management system to their aim and turned the population into obedient tools for the realization of theirs plans.[13]  Another common feature that many works of the historic tradition discussed share is the thesis of a non-planned, spontaneous character of the terror.[14] Acknowledging that Stalin had the greatest share of responsibility for repressions,[15] they search for evidence to prove that he was just one of the initiators of »mass operations«, and not even the most jealous one, that he could not ignore events which led to such policy,[16] and that »in fact his personal position on the top of the Party-State emerged shaken rather than strengthened from the Great Purge«[17]. The inconsistency of such assumptions, especially of the last one becomes evident when we compare the situation before and after the Great Terror. As a result of the planned and systematic implementation of the policy of terror during the Great Terror, the regime of the party and state bureaucracy headed by Stalin gave way to an autocratic, absolute despotic rule of Stalin under a pseudosocialist cover.  The planned character of this policy of terror can be illustrated by the following fact. Local party bodies were obliged to compile lists of persons under suspicion and to forward them to district party committees and further to NKVD.[18] Within a system of strict subordination and centralization of the party life compilation of such lists could only be the result of direct order of the higher ranking party bodies.  Historians who argue the deliberate character of the Great Terror usually claim that Stalin and his companions, especially Yezhov, truly believed in Trotskyist conspiracy in the country that swarmed with terrorists, spies and saboteurs.[19] However, even if we disregard numerous evidence of Stalin’s direct orders to obtain the necessary confessions from the arrested at any price, we do have direct evidence that Stalin considered it necessary to forge such confessions. On the 2 September 1930 he wrote to Molotov about Rykov »who unquestionably helped« Groman and Kondratiev. Groman and Kondratiev were brought to trial in the early thirties and their trials served as a preparation for the future show trials. Stalin’s words: »We need to think about this«[20] are unequivocally direct instruction. Trotksyist conspiracy was needed, and the NKVD had them »appear«. After the Great Terror there was no need to have them and Stalin ordered to eliminate Trotsky.[21] Yezhov was eliminated as well. The policy of terror, though, was continued by his follower at the chief (people’s commissar) of NKVD Lavrenti Beria.  In some publications we find the claim that NKVD activities were not authorized.[22] Without doubt, the terror curve had its own dynamics. Different factors  were of influence, including deliberate growth of the scale of repressions, cruelty and zeal of punitive bodies and their leaders, particularly of Yezhov, who pursued his own interests.[23] Some other factors mattered such as informer reports or specific characteristics of the field. Decisive remained however the policy of mass terror pursued by the party leadership and Stalin. Resolutions and directives of the Politburo of the VKP (b) Central Committee contain the main criteria and quotas for arrests and executions. These directives were »sent out« to the NKVD bodies and to local party organizations. Those quotas set by the Politburo determined the scale of the purges that swept all over the country.  The discussed publications include references to certain facts and documents and completely ignore other relevant sources. Thus, Getty and Thurston quote the letter sent by Bukharin to Stalin from prison in which Bukharin pleaded for mercy and spoke of his readiness to admit guilt and all accusations.[24] However, in their analyses they ignore the letter Bukharin wrote to the future party leaders where he pleaded innocent of all accusations and asked to investigate »this monstrous web of crimes which grows vast and flames up with the day«[25]. This letter was written by Bukharin on the eve of his arrest. Bukharin made his wife, Anna Larina, learn it by heart. Larina kept the promise. Thurston writes that it was allowed to criticize the pseudoscientist Trofim Lysenko, whom Stalin officially supported,[26] but does not mention the tragic fate of academician Nikolai Vavilov who perished due to such criticism. Chase cites Dimitrov, as the latter was evaluating the trial of Zinoviev, and »found it incomprehensible that the accused had committed such crimes, that they had admitted their guilt knowing they would be executed, and that no convincing evidence other than their confessions had been introduced. In his opinion, the trial was ›atrociously conducted‹. But it is interesting to note that Dimitrov expressed these doubts in his entry of  18 December 1936, three months after the trial. What accounts for this delay is unclear, although it may be that during the intervening period Dimitrov had had time to reflect on the serious doubts cast on the trial in the Western press.«[27]  The authors’ doubts and considerations are completely groundless, since the diary entry of 18 December contains the words of Leon Feuchtwanger who visited Dimitrov on that day. As Feuchtwanger described later that he visited Dimitrov that day in order to discuss the process and that »Dimitrov was very nervous while talking about this trial and took an hour and a half trying to convince the visitor but failed«[28]. Chase does not mention another occasion, the meeting of 2 February 1937 and again, a diary entry quoting Feuchtwanger’s words is interpreted as Dimitrov’s doubts and hesitations about the process of Piatakov and Radek.[29] Since Dimitrov’s diaries have been published, the reader may get acquainted with them and see that Dimitrov made a note of the conversation with Feuchtwanger exactly the same way he wrote down other conversations and discussions, including those held with Stalin.[30]  We do not expect that these comments should lead to a transformation of views or scientific approaches to history. Any scientist has the right to give his own interpretation of reality and defend the chosen points of view on a problem he studies. It seems important, though, that while doing so, the scientist would base the conclusions on an analysis of the total of known facts and not on a particular selection of facts that correspond to the chosen ideological or political preferences.   Translated from Russian by Olga Firssova (Eijsden/the Netherlands) and Eugenia Boutylkova (Utrecht/the Netherlands) [1]  The list of publications includes the works of Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (eds.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn u. a. 2001; Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; Hedeler, Wladislaw (ed.): Stalinistischer Terror 1934–41. Eine Forschungsbilanz, Berlin 2002; McLoughlin, Barry/McDermott, Kevin (eds.): Stalin’s Terror. High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, London 2002; Dundovich, Elena/Gori Francesca/Gueretti Emanuela (eds.): Reflections on the Gulag. With a Documentary Appendix on the Italian Victims of Repression in the USSR (= Annali FondazioneGiangiacomo Feltrinelli, vol. 37), Milan 2003; Hedeler, Wladislaw: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung, Berlin 2003; Khlevniuk, Oleg V.: The History of the Gulag. From Collectivization to the Great Terror, New Haven/London 2004; Vatlin, Alexander: Terror rayonnogo masshtaba. »Moskovskie operatcii« NKVD v Kuntsevkom rayone Moskovskoy oblasti 1937–1938 [Terror of the Regional Scale: Moscow Operations of NKVD in Kuntsevo District of Moscow Region, 1937-1938], Moscow 2004; Müller, Reinhard: Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004. [2]  See Pavlova , Irina V.: Sovremennye sapadnye istoriki o stalinskoy Rossii 30-kh godov (kritika revisionistskogo podkhoda [Contemporary Western Historians on Stalin Russia in the Thirties. A critique of »the Revisionist Approach«], in: Otechestvennaya Istoria 1998, no. 5, pp. 107–121; Menkovsky, V. I.: Vlast i sovetskoe obshchestvo v 1930-e gody: anglo-amerikanskaya istoriografiya [Power and Soviet Society in the 1930s. Anglo-American Historiography of the problems], Minsk 2001. Weber, Hermann: Nachwort zur 2. Auflage: Der Kommunismus in der aktuellen Diskussion, in: Weber/Mählert: Terror (footnote 1), S. 601–617. [3]  Getty, John A.: The Politics of Repression Revisted, in: Getty, John A./Manning Robert T. (eds.): Stalinist Terror. New Perspectives, Cambridge 1993, pp. 52–60; Getty, John A./ Naumov, Oleg V.: The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932– 1939, New Haven/London 1999, pр. 167, 175, 177–179, 234–235, 242, 284, 308, 322–325, 328–329, 406–407, 411, 416–419, and 514.  [4]  Thurston, Robert W.: Life and Terror in Stalin’s Russia, 1934–1941, New Haven/London 1996, p. XIX. This statement does not apply to Stalin’s system. [5]  Chase, William J.: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934–1939, New Haven/London 2001, pp. 146–147. [6]  Thurston, Robert W.: Life and Terror (footnote 4), pp. XX, and 159. The same author wrote that there might have been some signs of fear from the spring of 1937 till the end of 1938 but there was still no fear as such. See ibidem, pp. 157–159, and 163. [7]  Thurston admits that the people understood how dangerous it was to criticize the regime and particularly the leader. See Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 157, and 192. [8]  By 1951 the state security in the Soviet Union disposed of about ten million people acting as informers. See Brent, Jonathan/Naumov, Vladimir P.: Stalin’s Last Crime. The Plot against the Jewish Doctors 1948–1953, New York 2003, p. 91. There is no data on the situation in the 1930s, it is known, however, that there was one informer per every five or six families in Moscow. See Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 71. [9]  See for instance Garros, Veronique/Korenevskaya, Natalia/Lahusen, Thomas: Soviet Diaries of the 1930s. Intimacy and Terror, New York 1995. [10]  Stalin, Iossif V.: Politicheski ochet Tsentralnogo Komiteta XVI sezdu VKP(b) [Political Report of the the Central Committee on the XVIth Congress of the VKP(b)], in: Stalin I. V.. Sochineniya [Works], Moscow 1949, vol. 12, p. 308. [11]  See Rittersporn, Gábor T.: Stalinist Simplifications and Soviet Complications. Social Tensions and Political Conflicts in the USSR, 1933–1953, Chur 1991, pp. 74–76, 114, 170, 184, and 262; idem: The Omnipresent Conspiracy. On Soviet Imagery of Politics and Social Relations in the 1930s, in: Getty/Manning: Stalinist Terror (footnote 3), pp. 104–105, and 112; Thurston, Robert: The Stakhanovite Movement. The Background to the Great Terror in the Factories, 1935–1938, in: ibidem, pp. 158–159; Manning, Robert T.: The Great Terror in a Rural District. Belyi Raion Revisted, in: ibidem, pp. 173–174, 192, and 196; Harris, James R.: The purging of local cliques in the Urals region, 1936–1937, in: Fitzpatrick, Sheila (ed.): Stalinism. New Directions, London/New York 2000, pp. 262–285; Getty/Naumov: The Road to Terror (footnote 3), pp. 264–267, 330, 359, 487, and 493–495.   12        See Oleg Khlevniuk: The Reasons for the »Great Terror« Political Aspect, in: Pons, Sil-vio/Romano, Andrea (eds.): Russia in the Age of Wars 1914–1945 (= Annali FondazioneGiangiacomo Feltrinelli, vol. 34), Milan 2000, pp. 159–169.   13        See Weber, Hermann: Einleitung: Bemerkungen zu den kommunistischen Säuberungen, in: Weber/Mählert: Terror (footnote 1), pp. 15–22.   14        See Rittersporn: Stalinist Simplifications (footnote 11), pp. 113, and 162; Getty: The Politics of Repression (footnote 3), p. 51; Getty/Naumov: The road to Terror (footnote 3), pp. XIII, 455, and 487–488; Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 17, 27, 42, 52, 57–58, 62, 68, 134–135, and 227–228.   15        Getty: The Politics of Repression (footnote 3), p. 60.   16        Rittersporn: Stalinist Simplifications (footnote 11), p. 171, and 185; Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 52, 57–58, and 61.   17        Rittersporn: Stalinist Simplifications (footnote 11), p. 184.   [18]  See Hedeler, Wladislaw: Szenarien des Groβen Terrors. Die Vorbereitungen der Moskauer Prozesse durch das Politbüro des ZK der KPdSU (B) und die Führung des NKWD, in: Kinner, Klaus (ed.): Moskau 1938. Szenarien des Groβen Terrors, Leipzig 1999, pp. 13–14. [19]  See Chase: Enemies (footnote 5), pp. 9, 186–187, 292, 369, 405, and 413. Another historian points out that Stalin trusted information he received from purgitary bodies, also when it was forged and therefore demanded new arrests to be made, »worsening the vicious cycle in which the NKVD already worked«. Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 81. See as well Ibidem, pp. 31, 57–58, 61, and 135. See also the Introduction in Getty/Manning: Stalinist Terror (footnote 3), pp. 5, 7, and 14 [20]  Lih, Lars T./Naumov, Oleg V./Khlevniuk, Oleg V. (eds.): Stalin’s Letters to Molotov 1925– 1936, New Haven/London 1995, p. 210. [21]  See Sudoplatov, Pavel: Spetsoperatsii. Lubjanka i Kreml 1939–1950 [Special operations. Lubyanka and the Kremlin in 1930–1950], Moscow 2003, pp. 102–106. [22]  »The Terror had two tracks: on one, Stalin pushed events forward personally, arranging the show trials and demanding, in a middle way, that hundred of thousands be arrested in 1937. On another level the police fabricated cases, tortured people not targeted in Stalin’s directives, and became a power unto themselves. The vozhd’ (leader) apparently wanted only certain cases concocted and only certain figures coerced into making confessions, probably when he harbored deep suspicions against them. Such people were at the top of society and government or had once been oppositionists. Stalin feared that numerous other enemies were also at large and drove the police to find them, but he did not intend to terrorize the populace as a whole.« Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 112–113. If we follow the logic of this author we have to acknowledge that Stalin just wanted a little terror and that the NKVD transformed it into the Great Terror. [23]  For instance, that is how tortures applied by NKVD are described: »Interrogators used torture and degradation frequently, but these methods were intended to extract confessions, not simply to debase individuals. Once admissions were obtained, torture ceased. At least some NKVD men, having decided that the accused were innocent, behaved decently and protected subjects. Evidence, or belief in a person’s guilt or innocence, was again the criterion determining treatment in these cases; policy and practice did not aim to terrorize citizens.« Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 89. There are more similar statements throughout the book. The author tries to find some justification of the Stalinist regime reasoning that the only goal was obtaining confessions, thus the torturers cannot be accused of inhumanity. The impression is that it is some sort of apologetics of Stalinism, or a revival of rhetorics of the times of the witches of Salem. Those who tortured the poor women could claim that they were just prosecuting witches but were by no means infringing on the personality. [24]  Getty/Naumov: The Road to Terror (footnote 3), pp. 556–560, and 563–566; Thurston: Life and Terror (footnote 4), p. 42. [25]  Larina (Bukharina), Anna: Nesabyvaemye [The Unforgettable], Moscow 1989, p. 363.   [26]   Thurston: Life and Terror (footnote 4), pp. 161–162. [27]  Chase: Enemies (footnote 5), p. 444. [28]  Cited according to Radzinski, Edvard: Stalin [Stalin], Moscow 1997, p. 377. [29]  Chase: Enemies (footnote 5), p. 450. [30]  See Dimitrov, Georgi: Dnevnik. 9 mart 1933–6 februari 1949 [Diaries, 9 March 1933– 6 February 1949], Sofia 1997, pp. 119, and 122; Bayerlein, Bernhard H. (ed.): Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933–1943, Berlin 2000, pp. 140, and 148; Banac, Ivo (ed.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949, New Haven/London, 2003, pp. 44, and 51.

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Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung

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Hermann Weber, Mannheim   Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68 131 Mannheim, Germany  Postal Adress: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone: 0049 (0) 221/42 27 06 – Fax: 0049 (0) 221/42 28 66 E-Mail: Dr.Bayerlein@Uni-Koeln.de – Bernhard.Bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Homepage: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/JHK-news. Table of Contents Section I: The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies. Selected Items. •    Communist History Network Newsletter, Manchester. •    Estudos sobre o Comunismo, Lisbon. •    HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington D.C. •    International Institute of Social History. News Service, Amsterdam. •    Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung Aufarbeitung der DDR- Diktatur, Berlin.    Section II: Archival Problems, Files, Institutions, Projects. •    Comintern online Update: Neue Digitalisierte Fonds des Kominternarchivs im WEB Microfilms à la BDIC sur l’histoire soviétique (Jean-François Fayet): Inventaires du RGANI, RGASPI et GARF: Everyday Stalinism. Living Standards, Norms and Values of Various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s; The Cold War and the Central Committee 1941-1990. •    The Abraham Lincoln Brigade Archives at The Tamiment Library, New York. •    The Records of the Communist Party of Austria at Vienne (Alfred Klahr Gesellschaft). •    The Social History Collection of the Sejm Library, Warsaw. •    New coverage of the Archives of Italian CP (Fondazione Antonio Gramsci, Rome). •    The Victor Serge Library, Moscow. •    The records of the Finnish Communist Party at The People’s Archives, Helsinki.  •    Pierre Broué Archives and Library, Grenoble •    Comprehensive Guides to contemporary History of the GDR and Eastern Europe. •    Communist Party of Sudan Collection (1970-2003) at the IISH, Amsterdam. •    The Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.) • Archives of the Socialist Unity Party of Germany (SED). New Web Portal. •    ViFaOst - Virtual Library for East European Studies.   Section III: Projects – Work in progress. •    Ulrich Eumann, Cologne: Eigenwillige Kohorten der Revolution. Diss. zur Sozialge-schichte der KPD. •    Mathieu Denis, Berlin: German Labor in the Revolution and Unification. The Paradox of Continuity. •    Unpublished Russian Dissertations. •    Die Projekte der Deutsch-Russischen Historikerkommission.     Section IV: Materials for Biographical, Regional and Institutional Studies •    Dmitrij J. Moiseenko, Gleb Albert, Bernhard H. Bayerlein: Jimmy, Jacob oder Dmitrij. Portrait einer Kominternfamilie. Section V: New Publications – Reports and Reviews. •    The political biography of Álvaro Cunhal, by José Pacheco Pereira, vol. III: 1949-1960. •    Sobhanlal Datta Gupta: Comintern and the destiny of communism in India. •    Stalin: Revolutionary in an Era of War, by Kevin McDermott. •    Frank Schauff: Der verspielte Sieg. Sowjetunion, Komintern und Spanischer Bürgerkrieg.  • Natalja Mussijenko, Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule (Kurt Schilde). •    Kurt Schilde: Dagmar Schulte: Need and care. Glimpses into the Beginnings of Eastern Europe’s professional welfare. Kurzpräsentation.   Section VI: Meetings, Conferences and Events Concerning Communist Studies 2005/2006.   Section VII: The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2005.   Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional, Electronic Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins.   Section IX: Links-Links-Links. Updates of Interesting Websites for Communist Studies.   Section X: Miscellaneous, Personalia. •    Pierre Broué (1926-2005), Historian of international communism and member of the Newsletter Board.  •    Stipendien des Deutschen Historischen Instituts, Moskau •    Isaac and Tamara Deutscher Memorial Price 2005 Section I:  The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New Issues. Selected Items COMMUNIST HISTORY NETWORK NEWSLETTER, MANCHESTER, U.K. http://les1.man.ac.uk/chnn/   Issue 18, 2005: Announcements of conferences, books and reviews: •    The Comintern and Indian Communism by Sobhanlal Datta. • Latin American Biographical Dictionary: Edited by Lazar S Jeifets, Victor L Jeifets and Peter Huber. • Geoff Andrews, Endgames and New Times: The Final Years of British Communism 1964-1991, by David Purdy. • Kevin Morgan, Gidon Cohen and Andrew Flinn, Agents of the Revolution: New Biographical Approaches to the History of International Communism in the Age of Lenin and Stalin, by Gavin Bowd. • Jean-François Fayet, Karl Radek (1885-1939): Biographie politique, by Kevin Morgan. • Neil Redfern, Class or Nation: Communists, Imperialism and Two World Wars, by Geoffrey Roberts. • Reiner Tosstorff, Profintern: Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920–1937, by Norman La Porte.   ESTUDOS SOBRE O COMUNISMO, Lisboa, PORTUGAL http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt/   June 2005: Secção Biografias / Vidas: • José Pacheco Pereira: Um inédito de Cunal. • Propaganda anticomunista em Loulé (1947). Secção Fontes: • Para a história da Comissão portuguese para as relações culturais europeias. Secção Estudos: José Pacheco Pereira, „Cunhal e Galvão entre assassinos, ladrões e violadores“, Público, 14/6/2005. Secção Bibliografia: Nicolas Naif, L’eurocommunisme en Belgique : crises et débats autour d’une voie belge au socialisme, 19541982, Bruxelles, CArcob / CHSG, 2004. • Bibliografia Gramsciana. Secção Biografias / Vidas: Morte de Corino de Andrade. • Materiais sobre Alvaro Cunhal. • Morte de Alvaro Cunhal (1913- 2005). • Novo sítio sobre a Guerra civil espanhola e as Brigadas internacionais.   July 2005: Secção Biografias / Vidas: António Jacinto Pascoal – Alvaro Cid: Um heroi discreto de Monforte. • Júlia Coutinho – José Dias Coelho – Breve cronologia perssoal e afluentes. • Júlia Coutinho – José Dias Coelho. A coeerencia do ser e do fazer. Secção Arquivos: Novo director do IAN/ Torre do Tombo. Secção Bibliografia: • Livro sobre o 18 de janeiro no Barreiro. Vanessa de Almeida, Um momento de viragem - do 18 de Janeiro de 1934 ao hastear da Bandeira Vermelha em 1935, Edição da CMB, Departamento de Educação e Cultura. Secção: Estudos locais: • “Passeios Alves Redol“ em Vila Franca de Xira. Secção Biografias/Vidas: • Congresso internacional no centenário de Fernando Lopes-Graça. O artista como intelectual.   September 2005: Secção Fontes: • Dois documentos para a história da oposição no Porto. • Colóquio sobre a imprensa comunista e radical (Bruxelas, 21-2 de Outubro de 2005). Secção Biografias / Vidas: • Morte de Vaco Cabral (1926-2005). Secção: Bibliografia. • Alvaro Cunhal – Biografía política III, O Prisoneiro (1949-1960). October 2005: Secção Iconografia: • Fotografías (inéditas?) de fuzilamentos na guerra civil espanhola, versão actualizada. Secção Biografias / Vidas: • Atilano Jorge dos Reis Ambrósio („Jorge Réis“) (1926-2005). Secção: Bibliografia: • Bibliografia sistemática sobre o PCP, os movimentos comunistas e radicais e a oposição política e social até 25 de Abril de 1974 (em organização) – Parte I – VII.   November 2005: Secção Bibliografia: • Biografia política de Alvaro Cunhal III volume sobre os anos da prisão (1949-1960). Secção: Vários. Série televisiva Até Amanhã Camaradas em DVD. • Novo livro de Fernando Vieira de Sá, Ecos do México - Da História e da Memória, terceiro volume das suas memórias editadas pela Moinho de Papel - Livros e Multimédia, Lda.   December 2005: Secção Bibliografia: • Bibliografia sobre o PCP e a oposição – 2005. Secção Biografias / Vidas: • Comemorações do centenário de Fernando Lopes-Graça. • Notícias e materiais associados ao centenário de Ruy Luís Gomes. Secção Iconografia: • Actividades da oposição durante a campanha eleitoral de novembro 1957. Secção Biografias / Vidas:  • Centenário do nascimento de Ruy Luis Gomes. Secção Biografias / Vidas: • Selo comemorativo de Alvaro Cunhal.   HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism. This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Contributions to the list editor: H-HOAC-ED-JEH haynes@MAIL.H-NET.MSU.EDU. Website: http://www.h-net.org/~hoac/.   International Institute of Social History. News Service.  Once a month IISH sends out a table of contents of news items published on the IISH website, see: listserv@iisg.nl.   April 2005: • http://www.joodsmonument.nl/index.php?lang=en. Digital monument to the Jewish community in the Netherlands 1940-1945. • http://www.iisg.nl/~womhist/sands-list.html. New discussion list to promote scholarly work on socialism and sexuality. • http://www.iisg.nl/publications/respap44.pdf. Research paper: Urban households in Russia and the Soviet Union 1900-2000’.• http://www.iisg.nl/collections/harmsen.html. About the archive of Ger Harmsen at the IISH (on the occasion of his death in April 2005. May 2005: • http://www.iisg.nl/collections/may68/ A dozen posters from the May ‘68 student movement in Paris.• http://www.tseg.nl/ New issue of TSEG: content and summaries (summaries in English). • http://www.iisg.nl/friends/meeting.html. Eleventh biannual meeting of Friends of the IISH. • http://www.iisg.nl/~staatsarchief/index.php. Website of the Staatsarchief’(squatters’movement) updated. • http://www.iisg.nl/hpw/data.html#babylon. Commodity prices in Babylon 384-61 B.C. added to `Historical Prices and Wages’. •   http://www.iisg.nl/~hsn/news/hsnzeeland.php. HSN conference on life courses of the inhabi-tants of Zeeland.  •   June 22-24, 2005: Summer History Workshop, Organized by International Centre for Russian Studies in Moscow.  July and August 2005: • http://www.iisg.nl/collections/sudan.php. Brief presentation of the archives of the Communist Party of Sudan. 1970-2003. • http://www.iisg.nl/research/illegallicit.php. Research programme on transnational flows of poor people in Asia by Willem van Schendel • http://www.iisg.nl/archives/en/files/i/10751882.php. Inventory of the International Sociological Association archives. • http://www.iisg.nl/collections/louisemichel/ Presentation of documents and pictures from Louise Michel’s papers. (1830-1885) (in French also). • http://labourhistory.net/stockholm1917/index-en.php. 148 original documents and photographs on the Stockholm Peace Conference 1917.  October 2005: • http://www.iisg.nl/today/en/03-10.php. October in ‘Today in History’: ‘There are no Jews in Morocco’ (3 October 1940). November 2005: • http://www.iisg.nl/publications/1-57181429-9.php. Kevin Murphy, author of ` Revolution and Counter Revolution’ (2005) wins Deutscher Memorial Prize. • http://www.iisg.nl/news/rethinkinglabour.php. Rethinking Labour from a Global Perspective’ Conference and Opening Lecture by Marcel van er Linden •   http://www.iisg.nl/publications/0-253-34669-x.php. New Publication: ` Illicit Flows and Criminal Things’… by Willem van Schendel a.o. (eds). December 2005: • http://www.iisg.nl/publications/905260-190-9.php. Publication on the occasion of IISH’s 70th anniversary: ‘Images of Aspiration’ by Huub Sanders.  January 2006: • http://www.iisg.nl/news/russiaresearch.php. New Research Project: Economic and Social Agency as a Legacy of the Soviet Period. • http://www.iisg.nl/publications/rshy/2004contents.php. Contents and summaries of the Russian Social History Yearbook 2004. • http://www.iisg.nl/news/maoist.php. Workshop `Maoist Insurgencies in Asia and Latin America’. • http://www.iisg.nl/news/cfp-ilo.php. Conference: Past and Presence of the International Labour Organization.   LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP NEWSLETTER - IRSH@IISG.NL. LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP http://www.londonsocialisthistorians.org/    Issue 26: Lent 2006 Articles: • Editorial, 1956 and All That. • Ian Birchall, Writing Socialist Biography. • John Charlton, A truly mass demonstration unearthed: Newcastle October 1819. • Keith Flett, review of Barry Johnson, Nine Days That Shook Mansfield. Seminars and conferences: • New Socialist Approaches to History. • Writing Class: Representations of Working-Class Spaces in Modern Britain. • Children’s Literature - some Marxist Perpectives.   Issue 25: Autumn 2005 Articles: • Louise Raw, A Match to fire the docks: the Bryant and May strike reconsidered. • Nik Howerd, When did Japan become an imperialist nation? • Neil Rogall, review of Ian Birchall, Sartre Against Stalinism. • Pete Glatter, The Russian Revolution of 1905. • News item, Call for papers, 1956. Seminars: • New Socialist Approaches to History.   AKTUELLES AUS DER DDR-FORSCHUNG. EIN NEWSLETTER DER STIFTUNG ZUR AUFARBEITUNG DER SED-DIKTATUR, BERLIN. REDAKTION: ULRICH MÄHLERT http://www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php.   Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. Newsletter 1/2005: Zeitgeschichte im World Wide Web: • Die Stasi 1989 – online. • Geschichte transnational. • Zeitgeschichte international. Ausstellungen und Museen: Deutsches Historisches Museum, Berlin: Ausstellung „1945 – Der Krieg und seine Folgen. Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland“. • Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst: Sonderausstellung „Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941-1945“ (5. Mai bis 28. August 2005). • Wanderausstellung „Wo das Unrecht alltäglich ist, wird Widerstand zur Pflicht – Opposition und Widerstand in der DDR unter besonderer Berücksichtigung Thüringens“, Stiftung Ettersberg, Weimar. • Wanderausstellung „Polen und Deutsche gegen die kommunistische Diktatur“, Stiftung Ettersberg, Weimar, Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), Konrad-Adenauer-Stiftung, www.stiftung-ettersberg.de. Publikationen: • MfS-Handbuch „Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte, Struktur, Methoden“. Archive und Bibliotheken: • Protest, widerständiges Verhalten und Opposition gegen die SED-Herrschaft 1961-1989/90. Archivübergreifender Bestandsnachweis der Zeitzeugnisse im Internet, Stiftung Aufarbeitung, Robert-Havemann-Archiv. • Unbekannte Film- und Fotodokumente zum Kriegsende und zur sowjetischen Besatzungsherrschaft in Deutschland. • XVI. Bautzen-Forum: Opfer und Täter der SED-Herrschaft. Lebenswege einer Diktatur, u. a. mit Joachim Gauck und Pavel Kohout. • 3.5.11.2005- Workshop des ZZF Potsdam „Europa im Ostblock“. • „Stalinismus. Fragen an ein europäisches Thema“. Vortragsreihe des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam. • Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ von Ines Geipel und Joachim Walther. • Konferenz „Der Helsinki-Prozess und der Zusammenbruch des Kommunismus“, 5.-7.6.2005 u.a. mit dem Tschechoslowakischen Dokumentationszentrum in Prag. Sonstiges: • Stipendienprogramm 2006 der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.   Newsletter 2/2005: Publikationen: • Artikel von Siegfried Lokatis „Ein heimlicher Stalin-Diskurs in der DDR. Die Zensur sowjetischer Kriegsromane beim Verlag ‚Volk und Welt’“. Archive und Bibliotheken: • Webportal SED-Archivgut seit Mai 2005 online, eine Zusammenarbeit der Landes- und Staatsarchive der neuen Länder, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv und des Landesarchivs Berlin. • Online-portal Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.). Publikationen: • „Vom Wert der Freiheit“, Tagungsband des 8. Kongresses der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und der Stiftung Aufarbeitung. • Kongress „Zivilcourage und Kompromiss. Bausoldaten in der DDR 1964 – 1990“ im September 2004. Tagungsband des Robert-Havemann-Archivs.   Newsletter 3/2005: Ausstellungen und Museen: • Ausstellung „Flucht – Vertreibung – Integration“ (Dezember 2005 - April 2006), Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. • Wanderausstellungsprojekt des Fördervereins „Blindes Vertrauen e. V.“ zur Geschichte des jüdischen Kinderheims in der SBZ/DDR in Berlin-Niederschönhausen 1945-1953“. Publikationen. • Film der T&G Films, MDR, WDR, Phoenix, 3Sat: „4 Schüler gegen Stalin – Eine Nachkriegsgeschichte aus Altenburg“. • Vademecum Contemporary History Hungary“ der Stiftung Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit dem Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution. • Vademekum Contemporary History in Czech Republic in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte Prag. Archive: • SAPMO-Bundesarchiv: • Bestand Ministerium für Kultur (DR1), Teilbestand Sekretariat des Ministers Johannes R. Becher. • Neue Findbücher aus dem Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft. Sonstiges: Projektverbund Zeitgeschichte, Potsdam. Koordinierung: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).   Section II:      Archival Problems, Files, Institutions, Projects.   Comintern online Update: Neue Digitalisierte Fonds des Kominternarchivs im WEB.   Microfilms à la BDIC sur l’histoire soviétique - acquisition et mise à disposition.  Rapport de Jean-François Fayet, Correspondant de la Newsletter, Genève   En 2002, la BDIC (Bibliothèque de documentation internationale contemporaine, Nanterre, France) a acquis un ensemble important de microfilms, portant sur l’histoire soviétique, dont la description détaillée nous a été transmise par Geneviève Dreyfus, conservatrice en chef, et est jointe ci-dessous. Il s’agit de quatre ensembles de documents. •  Très nombreux inventaires du RGANI, RGASPI et GARF; •  Ensemble de documents autour de la thématique „Everyday Stalinism. Living Standards, Norms and Values of Various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s“ •  Ensemble de documents autour de la thématique „The Cold War and the Central Committee“. • Plénums du Comité central du Parti, 1941-1990 Les microfilms sont désormais consultables à la BDIC.   I. Projet Hoover, microfilms Chadwyck-Healey: Inventaires (opisi) du RGANI, RGASPI et GARF. •  L’ambitieux projet piloté par le Hoover Institute (à la suite d’un accord conclu en 1992) se com-pose de deux parties : le premier volet a consisté à microfilmer les inventaires de trois centres d’archives, le second à microfilmer des documents d’archives eux-mêmes. C’est le premier volet dont nous avons fait l’acquisition. Les trois centres sont d’une part les deux centres d’archives de Moscou qui se répartissent les archives centrales du Parti communiste de 1917 à 1991 (RGASPI et RGANI), ainsi que le Centre des Archives d’État (GARF) qui regroupe essentiellement les archives d’État de l’URSS et de la RSFSR de 1917 à 1991. Ainsi, ce sont trois des quatre principaux centres d’archives de l’URSS qui sont concernés par le projet Hoover (à l’exception du Centre d’archives de l’Économie, RGAE). Les archives soviétiques sont réparties en fonds. Chaque fonds est lui-même divisé en plusieurs sections, appelé opis’ (opisi au pluriel). Chaque opis’ contient plusieurs dossiers (dela). Certains fonds ne contiennent qu’un opis’, alors que d’autres peuvent être subdivisés en plusieurs dizaines d’opisi. L’opis’ désigne donc à la fois une subdivision du fonds et l’inventaire des dossiers (dela) qu’il contient, c’est-à-dire le titre du dossier, les bornes chronologiques, le nombre de feuillets. •  L’intérêt de posséder cet instrument de travail est multiple. En premier lieu, l’acquisition de l’ensemble des inventaires permet d’obtenir un panorama complet et détaillé des ressources de ces centres de toute première importance. On comprend facilement toute la richesse d’un instrument qui permet de se repérer dans des archives encore très mal connues en raison de leurs accès très récent à la communauté des chercheurs tant russes qu’étrangers. La définition des sujets de recherche ne peut que gagner en pertinence, la capacité à détecter les dossiers se renforcer. Certains inventaires peuvent même avoir une valeur qui va au-delà du simple repérage de dossiers. Ainsi de l’inventaire du fonds du Sovnarkom (Conseil des commissaires du peuple), dont les titres de dossiers renseignent déjà beaucoup sur la nature des questions soumises à l’attention de l’instance de décision la plus élevée de l’État soviétique. D’autre part, la relative mauvaise organisation des services offerts aux chercheurs dans les centres d’archives en Russie pourrait justifier à elle seule cette acquisition. En effet, tous les inventaires ne sont pas immédiatement accessibles en salle de lecture : une première étape de la recherche en archives consiste donc parfois à commander un inventaire qui sera communiqué au chercheur au mieux le lendemain de sa demande. Surtout, la durée d’attente d’un dossier commandé après consultation de l’inventaire varie à Moscou entre une et deux journées. On voit donc tout le bénéfice de pouvoir préparer d’avance son plan de travail, afin de pouvoir commander d’emblée les dossiers, sans passer par l’étape fastidieuse des inventaires. Ajoutons que la photocopie des documents d’archives est autorisée (bien que fort coûteuse) mais pas celle des inventaires. Le travail accompli par Chadwyck-Healey est donc particulièrement précieux et les inventaires se présentent comme un instrument de travail indispensable pour permettre un travail de recherche organisé et performant. Leur acquisition apparaît comme hautement justifiée pour la communauté des chercheurs et étudiants travaillant sur l’Union soviétique. •  L’ensemble des inventaires microfilmés représente 455 rouleaux.   II. IDC (Inter Documentation Company): Everyday Stalinism. Living Standards, Norms and Values of Various Groups of Soviet People in the 1920s and 1930s – RGAE.  1 141 microfiches. •                     Les 57 dossiers (dela) microfilmés proviennent du fonds de l’administration statistique. Ils ren-dent compte d’enquêtes menées pour mesurer différents aspects de la vie quotidienne. Les enquêtes « budgets des ménages » décrivent ainsi, au niveau de l’unité du ménage, les sources de revenus, ainsi que les postes de dépenses, de façon très détaillée. Menées auprès d’un échantillon de ménages d’ouvriers, de paysans et, à partir de 1935, d’ingénieurs et de techniciens, ces enquêtes sont donc une mine d’informations sur le niveau de vie, les types de consommation, les sources d’approvisionnement. D’abord publiés, les résultats furent ensuite tenus secrets à partir du début des années 1930, période marquée par une dégradation du niveau de vie et une famine qui fit des millions de victimes. D’autres enquêtes plus ponctuelles sont également représentées dans cette sélection de documents. Il s’agit d’enquêtes consacrées à la jeunesse, en milieu ouvrier et paysan, menées entre 1936 et 1938. Les questions posées portent sur les habitudes culturelles et les loisirs des jeunes enquêtés : fréquentation d’une bibliothèque, type de lecture, possession d’une radio, etc. Les dossiers microfilmés contiennent à la fois des matériaux d’enquêtes (instructions pour remplir les questionnaires, questionnaires individuels, tableaux des résultats agrégés, etc.) et des rapports synthétisant les résultats, envoyés par l’administration statistique aux plus hautes autorités de l’État. •                     Les données recueillies sont donc d’une très grande richesse et peuvent intéresser aussi bien les spécialistes d’histoire économique, sociale et culturelle. Elles offrent un moyen d’appréhender les différenciations géographiques, sociales, générationnelles et de genre en matière de consommation et d’habitudes culturelles. Les rapports permettent également de se faire une idée de la diffusion de ces informations hautement sensibles jusqu’au sommet du pouvoir politique. Ces archives sont restées secrètes jusqu’en 1993.   III. Primary Source Microfilm. Gale Group: The Russian Archives - The Cold War and the Central Committee. •  La chute de l’Union soviétique a suscité une ouverture nouvelle d’archives jusque-là inaccessi-bles et permis d’améliorer sensiblement notre connaissance de l’histoire soviétique : de nouvelles problématiques fondées sur ces corpus documentaires sont apparues (ainsi, par exemple, de l’entre-deux-guerres et de la période stalinienne aujourd’hui beaucoup mieux appréhendées). Mais cet accès demeure parcellaire : tous les fonds n’ont pas été déclassifiés, les inventaires ne sont pas toujours communiqués au lecteur et les archives relatives à l’après Seconde Guerre mondiale restent largement fermées. Dans ce contexte, la publication d’archives menée par le Gale Group en collaboration avec la direction des archives du PCUS (Centre d’archives du RGANI) apparaît comme une initiative particulièrement précieuse. •  Regroupés sous le titre « The Cold War and the Central Committee », les documents proposés proviennent de plusieurs fonds d’archives relevant de différents Départements et instances majeures du PCUS. •  La collection est composée de dossiers en provenance des fonds du Comité central du Parti conservés au RGANI et se compose de quatre séries. Nous proposons d’acquérir trois de ces séries, sur les quatre. Trois séries de documents, spécifiquement tournés vers les questions de politique extérieure, retiennent en effet l’attention. Il s’agit de la série d’archives tirées du Département international (période 1953-1956), de la série provenant des fonds du Département général du Comité central (années 1953-1966) et des documents relatifs aux Plénums du Comité central, pour les années 1941-1990. Ces trois séries réunissent des documents qui ont été déclassifiés dans le cadre du projet Gale, ce qui fait évidemment tout leur intérêt.   III.1 Plénums du Comité central du Parti, 1941-1990 . 181 rouleaux, 656 fiches. •  La série documentaire la plus générale englobe des documents relatifs aux plénums du Comité central pour les années 1941-1990 et permettra de se rendre compte de la teneur des débats qui se sont déroulés au sein du Parti au fil de la période. •  Comme dans les microfilms du projet Hoover, concernant les plénums de l’entre-deux-guerres, les dossiers de la série regroupent les différentes versions, avant et après corrections, des plénums du Comité central, de 1941 à 1990. Ces sources donnent donc accès aux débats les plus cruciaux sur une période longue, de la guerre à la fin de l’URSS. Cette remarquable continuité documentaire serait renforcée par l’achat de la collection des plénums de l’entre-deux-guerres, microfilmée pour le projet Hoover et présentée plus haut. •  Certains documents évoquent des débats de politique intérieure (ainsi des échanges relatifs aux questions de production agricole et industrielle ou bien encore du phénomène de la dissidence). Mais la grande majorité des documents proposés renvoient à des débats de politique étrangère et, à ce titre, leur consultation ne peut que s’avérer décisive pour la connaissance de la diplomatie soviétique : ainsi des documents sur la rupture sino-soviétique, sur le processus de négociation stratégique avec l’Ouest, ou bien encore des documents portant sur l’intervention soviétique en Tchécoslovaquie en 1968. Ces archives illustrent donc des questions jusqu’à présent mal connues et qui pour cela même ont donné lieu à des interprétations contradictoires. En conséquence, leur exploitation devrait permettre d’en finir avec tout un ensemble de représentations erronées et d’avancer de manière substantielle dans notre connaissance des fondements, objectifs, succès et mécomptes de la diplomatie soviétique à l’heure du stalinisme triomphant (1945-1953) puis de la déstalinisation (1953-1990). •  L’intérêt pour la communauté scientifique est donc double : largeur thématique, puisque toute une série de sujets, relevant tant de la gestion intérieure qu’extérieure du pays, y sont traités ; largeur chronologique ensuite, et il faut noter que très peu de documents disponibles, en dehors de cette collection, concernent les dernières décennies du régime. Les plénums offrent ainsi des documents de première main sur les enjeux de la glasnost’ et de la perestroika. La consultation de ces documents paraît donc incontournable tant pour les étudiants et chercheurs travaillant en histoire que les pour spécialistes de questions très contemporaines. The Abraham Lincoln Brigade Archives now at The Tamiment Library and Robert F. Wagner Labor Archives at New York University.  •  The Abraham Lincoln Brigade Archives (ALBA) collection, formerly located at Brandeis Uni-versity, has been acquired by the Tamiment Library. The collection is the largest and most important resource for the study of the participation of American volunteers in the Spanish Civil War. It includes the papers of more than 200 volunteers, oral histories, films, photographs, posters, and selections of the microfilmed records of the International Brigades that were taken to the Soviet Union after the Spanish Civil War. The ALBA collection is open for research by appointment. Thies webside includes a list of United States volunteers in the Spanish Civil War compiled under the auspices of the Veterans of the Abraham Lincoln Brigade.  Source: http://www.nyu.edu/library/bobst/research/tam/alba_collections2.html   The Records of the Communist Party of Austria at the Alfred Klahr Gesellschaft, Vienna.  •  Alfred Klahr Gesellschaft, Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, de-tains the Central Party Archives of the CP Austria. Among the personal deposita are those of Johann Koplenig, Franz Honner, Erwin Scharf, Dr. Karl Altmann, Prof. Dr. Walter Hollitscher, Prof. Dr. Eduard Rabofsky, Eva Priester, Otto Horn and Sepp Gradl. The holdings reflect particularly the period of resistance and exile of Austrian Communists. Access to archives and finding aids is restricted.  Source: http://www.klahrgesellschaft.at   The Social History Collection (Czytelnia Zbiorów Historii Społecznej, ZHS) of the Sejm Library, Warsaw.  •  Biblioteka Sejmova (Warsaw). The core of the Division’s collection are the library holdings of the former Central Archives of the Central Committee of the Polish United Workers’ Party (until recently the Archives of the Polish Left), with 142 000 units, taken over by the Sejm Library in 1991. It is the only collection in the country focusing on the history of Polish and international workers’ movement starting from mid 19th century, and also on the history of peasant, trade and youth movement, which developed first of all under the influence of socialist and communist ideology. It contains, among others, unique Polish, and also foreign, 19th century socialist prints, source publications, studies and diaries. The collection of periodicals includes the first Polish socialist journals, rare titles of the interwar press, and also the collection of underground and Warsaw Uprising press from the Second World War. Other strengths of the ZHS collections are sources and studies on social and political history of Poland, Poland’s neighbouring countries and countries with which Poland had historical links as a result of the partitions, and political and economic emigration. The Division also holds a comprehensive collection of critical editions of the classics of the leftist thought, and studies from all over the world on leftist philosophy and doctrines. •  The current collection profile developed already by the Sejm Library was enriched by Polish and foreign literature on the history of the Polish People’s Republic and the participation of the Polish left in democratic changes after 1989, as well as a selection of publications on the history of the USSR and other states of the former communist bloc, and the sociopolitical transformation in this region. Regarding current foreign serials, the Division collects mainly titles which specialize in research on international leftist doctrines and movements, and social history. Source: http://bib.sejm.gov.pl/witryna/index_eng.html   Fondazione Istituto Antonio Gramsci, Rome.  The Fondazione Istituto Antonio Gramsci comprises the records and publications of the Italian Communist Party as well as files and deposits of the leaders and members of the party. Detailed holdings information is now possible by guided online research. See: http://www.gramsci.it/. • Seit 1992/1994 informierte der von Linda Giuva verfaßte Archivführer über die Bestände des Archivs und Forschungsinstituts der KP Italiens (siehe: Guida agli archivi della Fondazione Istituto Gramsci di Roma, Rassegna degli Archivi di Stato 76, 1994, zgl. „Annale“ 1992, Fondazione Istituto Gramsci, 1992). •  Der Archivführer enthält den Stand der Sammlungen bis 1993, vor der Inkorporierung des kompletten historischen Archivs der KP Italiens für den Zeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg und weitere wichtiger Neuzugänge. Eine neue elektronische Ausgabe des Archivführers befindet sich im Aufbau und ist bereits nutzbar. Sie enthält die Beschreibungen der vor 1993 noch nicht verzeichneten Bestände sowie einige der neu hinzu gekommenen Bestände seit 1993, die sukzessive eingearbeitet werden.  •  Noch nicht in das online-Verzeichnis Eingang gefunden haben die folgenden Provenienzen: Centro Centro Estero del PCd’I 1939-1943 (Fondo M); • Guerra di liberazione 1943-1945 (Fondo M); PDUP; PSIUP; PCI: Jugoslavia e Venezia Giulia (Fondo M), Sinistra giovanile, Feste dell’ Unità; Casa editrice De Donato; Istituto di studi Palmiro Togliatti. •  Ebenfalls noch nicht integriert sind die folgenden Personenarchive: Barca Luciano; Bei Adele; Bianco Vincenzo; Cacciapuoti Salvatore; Caracciolo Pietro; Ciufoli Domenico; D’Alema Massimo; De Felice Franco; Ferri Franco; Fubini Elsa; Gerratana Valentino; Grassi Luigi; Libertini Lucio; Massola Umberto; Misiano Francesco; Modica Enzo; Natta Alessandro; Nori Aldo; Pavolini Alessandro; Percorari Alessandro; Santilli Giovanni; Seroni Adriana; Schiapparelli Stefano; Scoccimarro Mauro; Tatò Antonio; Terenzi Amerigo; Tortorella Aldo; Valori Dario; Vecchietti Tullio; Violante Luciano. Weitere Bestände, wie das Archivio storico delle donne Camilla Ravera. http://www.gramsci.it/   THE VICTOR SERGE LIBRARY, MOSCOW.   •  The friends of the Victor Serge Library about their project: The library is named after the social-ist writer and fighter against totalitarianism, Victor Serge. It aims to acquaint people in Russia with the great wealth of radical and alternative ideas that were forbidden in Soviet times and are hardly heard in present-day Russia, including the many strands of democratic and libertarian socialism which opposed totalitarianism. •  The library was set up in May 1997 by a group of Moscow scholars, journalists and political ac-tivists with the support of International Victor Serge Foundation. It is the only place in Russia where readers can find works written from critical perspectives on social science, Marxism, anarchism, trade-unionism, human rights, environmentalism, and the history of workers’ and liberation movements in various countries. The library is also used as a sort of club where discussions, lectures, seminars and gathering of various left-wing organisations take place. •  From 2002, under an agreement between the Praxis Research and Education Centre and the Public Library Authority for the South-East District of Moscow, the Victor Serge Memorial Collection comprises the main resource of the District Library No. 10 at Verkhnyaya Khokhlovka. If you visit Moscow, make sure you go to see the library! •  For a brochure about the library in PDF format, including information in English and Russian, and directions to the library as well as for an appeal by the Friends of the Victor Serge Library, see: http://www.sergelibrary.org/. •  Address: City Library no.10, ulitsa Verkhnyaya Khokhlovka 39/47. Telephone/fax: (7)095 278 8156.   Kansan Arkisto - The People’s Archives, Helsinki, containing the records of the Finnish Communist Party. •  The People’s Archives maintained by the Social Archives Foundation is the central archives  of the Finnish left-wing labour movement and popular organisations. The People’s Archives  was established in 1945, right after the Second World War to be the central archives of the Communist Party of Finland (The Communist Party of Finland was created after civil war 1918 and it was prohibited in Finland during 1918-1944). The institution has received statutory aid since 1975. •  The People’s Archives collects, preserves, arranges and catalogues archives and other material related to the social and cultural history of the left-wing labour movement, popular organisations and the working class in Finland. There are actual archival material 3006 metres of shelving over more than 9600 record creators. •  The archival collections include 4203 archives of labour organisations (such as the Finnish Communist Party and its local associations from all over the country, organisations of the people’s democratic movement and trade union organisations), 1269 archives of popular organisations (cultural associations, theatres, house committees, educational institutions, hobby clubs, societies, peace organisations). Special collections include, among other files, the Finnish civil war 1918 and political imprisonments 1919-1944. The Collections of personal papers include papers of 300 activists of the labour movement, artists, writers and working class families. Memoirs and interviews, biographical material and sound recordings of 4000 persons are also available. Kansan Arkisto, Vetehisenkuja 1, 00530 Helsinki. http://www.kansanarkisto.fi/   Pierre Broué Archives and Library, Grenoble. •  The Archives of the late french historian of international communism, Pierre Broué, are depos-ited in the BibliothÈque de documentation internationale et contemporaine (BDIC) in Nanterre. His library has been deposited in the Central Library of the University of Grenoble.    Comprehensive guides to contemporary History of the GDR and Eastern Europe. •  Together with east-european partners in Hungary, The Czech Republic, Poland and Romania, the Berlin „Stiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur“ has issued a collection of guides to archives, research institutions, libraries, associations, museums and places of memorial („Vademecums“) concerning the Infrastructure for contemporary History studies. The guides may be downloaded just as the „Vademekum“ concerning research on the German Democratic Republic wich lists more than 550 Archives, Libraries, Research institutions, Institutions of politcal education, historical societies, Museums, Memorials, specialized journals and supporting institutions in Germany and abroad (see: Ulrich Mählert: Vademekum DDR-Forschung. Ein Leitfaden zu Archiven, Forschungsinstituten, Bibliotheken, Einrichtungen der politischen Bildung, Vereinen, Museen und Gedenkstätten; Ch. Links Verlag 2002, 300 p.). •  Vademekum Zeitgeschichte Ungarn/ Vademekum Contemporary History Hungary. A Guide through Archives, Research Institutions, Libraries, Associations, Museums and Places of Memorial. Edited by Janos M. Rainer, Judit M. Topits, Ulrich Mählert. Commissioned by Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin - Budapest 2006. 109 p. •  Vademekum Zeitgeschichte Tschechien/ Vademekum Contemporary History Czech Republic. A Guide to Archives, Research Institutions, Libraries, Associations, Museums and Places of Memorial. Edited by Oldrich Tuma, Jitka Svobodova, Ulrich Mählert. Commissioned by Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin - Praha 2005. 109 p. •  Vademekum Zeitgeschichte Rumänien/ Vademekum Contemporary History Romania. A Guide through Archives, Research Institutions, Libraries, Societies, Museums and Memorial Places. Edited by Stejarel Olaru and Georg Herbstritt. Commissioned by Stiftung zur Aufarbeitung der SEDDiktatur, Berlin - Bucharest 2004. 109 p. •  Vademekum Zeitgeschichte Polen/ HISTORII NAJNOWSZEJ W POLSCE. Herausgegeben von Krzysztof Ruchniewicz, Jakub Tyszkiewicz, Ulrich Mählert, Christian Lotz, im Auftrag des Willy-Brandt-Zentrum, Breslau, und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin. Wroclaw, Berlin, Leipzig 2004, 105 S., 6 Euro. http://www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/vademekums.php    Communist Party of Sudan - Hizb al-Shuyu’i al-Sudani Collection (1970-2003) at the IISH, Amsterdam. •  The IISH recently received a new collection regarding Sudan: papers from the Communist Party of Sudan CPS, Cairo Department, 1970-2003, and papers of the National Democratic Alliance (NDA) 1990-2003. A large portion of the Cairo Department collection concerns the Sudanese student movement in Egypt, especially during the 1970’s, when more Sudanese students studied in Egypt than in Sudan itself. •  The National Democratic Alliance was founded as an underground organisation in Khartoum in September 1989, only three months after the military coup by General Omar-al-Bashir who put the present regime of the National Islamic Front in power. The NDA leaders operated in exile from Cairo. The collection includes various underground CPS publications as well as those from trade unions, student and youth movements, women’s organizations and professional organizations. In addition there are eight notebooks containing the handwritten outlines of two books by Mohamed Ibrahim Nuqqud, secretary general of the CPS: Footnotes on Landownership, documents in Dar Fur, and Dialogue with Morowa. Source: On the Waterfront - Newsletter of the Friends of the IISH Issue 9.   New Web Portal Archival Proveniences of the Socialist Unity Party of Germany (SED).  In Zusammenarbeit der Landes- und Staatsarchive der neuen Länder, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv und des Landesarchivs Berlin bietet das Portal seit 2005 den integrierten Zugriff auf die Gesamtheit der in den entsprechenden Archiven erschlossenen Archivbestände der SED von der zentralen Ebene, über die Bezirks- und Kreisebene bis zu den Grundorganisationen in den Betrieben. Ergänzt werden die Angaben durch historische Charakterisierungen des Bestände und Erschließungsinformationen wie Bestandscharakteristika, Inhalt, Umfang und Signatur. Die Angaben zu den Beständen werden sukzessive ergänzt. Eine Suchmaschine erlaubt die Recherche in den Beständen ausgewählter oder aller beteiligter Archive. Zusätzlich sind für den zentralen SED-Apparat und für die Landes- bzw. Bezirksebene die Funktionäre sowie Parteitage und -konferenzen zusammengestellt. In einem Glossar werden Begriffe aus dem SED-Sprachgebrauch erklärt und in einem Verzeichnis spezifische DDR-Abkürzungen aufgelöst.  Source: Aktuelles aus der DDR-Forschung, 2/2005 - www.bundesarchiv.de/sed-archivgut.   Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.)  •                     The Central and Eastern European Online Library is an online archive which provides access to full text PDF articles from 220 humanities and social science journals, electronic books and redigitized documents pertaining to Central, Eastern and South-Eastern European topics. •                     C.E.E.O.L. is the result of the activities by the Frankfurt Eastern/Western European Cultural Center PALAIS JALTA. C.E.E.O.L.’s intention is to be an online Library and document shop. The project’s primary concern is to make documents available to a public which can currently only gain limited access when using traditional channels or who have been previously unaware of the existence of these documents. Its content is provided by numerous publishers and editors, mainly from Central European countries, along with those from the West who deal with Eastern Europe, its histories, languages and literatures, along with its cultural, social and political realities. C.E.E.O.L.’s goal is to become the Internet’s main portal to Central and Eastern Europe. Library means that all documents available in C.E.E.O.L. are registered in a catalogue database which allows online-research by all the means provided by traditional libraries. Our content consists of electronic versions of publications (mainly periodicals) from different fields of culture and science. In a second step, we have begun to include the electronic re-edition of books. •                     C.E.E.O.L. aims to enable communication among the actors in the East (authors, publishers) and their readers and counterparts in the West by providing a stable platform on which this communication can flourish. And, whenever we speak about „the West“ we in fact include the entire world outside of Central and Eastern Europe. Source: www.ceeol.com.   ViFaOst Virtual Library Eastern Europe - The Portal for East European Studies. ViFaOst is an interdisciplinary public and universitarian portal that offers the academic community a wide range of information on the field of East European Studies. Comprehensive search possibilities enable access to specialized academic information on history, language, literature, politics and culture of East, Central East and South East European countries and historical regions. All contents are academically relevant and are catalogued according to international library standards. All contents and services are free of charge. They include: •                     Literature Search Services: A range of internet services offers various access possibilities to rele-vant printed and electronic publications worldwide: catalogues of selected libraries, recent acquisitions and current contents services, article databases, specialized bibliographies as well as an extensive catalogue of valuable internet resources. The services are linked to all available information resources, so that users are directly lead to the full text versions of their content, whether electronic or printed. •                     Full Text Services: Current research studies and articles in the field of East European Studies are published in two online-series. Books, journals and works of reference are offered in digital form as full texts. Various data-bases provide direct access to annotated sources and materials. •                     Other Services: Several services inform about institutions and researchers. Current dissertations and research projects are presented, a calendar of events informs about scientific conferences. •                     All databases can be searched simultaneously with a single search request. Requests can be saved and repeated later, a personal list of favourites enables repeated access to titles previously found. Some databases allow direct access to full texts or to lending and document delivery services. •                     Language and character display: By using the universal Unicode character set all East European languages and characters can be both displayed and searched for. The website itself is presented in German, Russian and English. •                     Partners: The Bavarian State Library (BSB) is the second largest library in German speaking countries. Its East European collection contains approximately 886,999 volumes and is part of the framework of the special subject fields programme run by German Research Foundation (DFG).  • The Department for East and South East European History at the Historical Seminar of the Ludwig-Maximilians-University in Munich focuses on East, Central East and South East European history of the 19th and 20th century. •                     For over 50 years East European history and economics have been the main focus of research of the Osteuropa-Institut München. It publishes several journals and academic series and has a large refer-ence library. Source: http://www.vifaost.de Section III:  Projects – Work in progress Ulrich Eumann: Eigenwillige Kohorten der Revolution. Zur Sozialgeschichte der KPD in der Weimarer Republik (Diss. 2004)   Zusammenfassung Die Dissertation untersucht in einem Vergleich der fünf Parteibezirke Berlin-Brandenburg, Ruhrgebiet, Westsachsen, Pommern und Oberschlesien in vier Abschnitten die Tätigkeit an der Parteibasis der KPD. Die Quellengrundlage besteht in der internen Überlieferung der KPD, die erst seit der politischen Wende von 1989/90 einer unvoreingenommenen Forschung zur Verfügung steht.  Die ersten drei Abschnitte befassen sich mit den wichtigsten strukturellen Determinanten der Basistätigkeit. Der erste Abschnitt analysiert weitgehend auf der Basis der Literatur die Geschichte der Arbeiterbewegung in den fünf Bezirken als historischen Hintergrund und seine zum Teil weit reichenden Konsequenzen; man denke nur an die beiden Parteispaltungen 1916 und 1918, deren emotionales Echo noch zehn Jahre später zu vernehmen war. Es folgt eine grundlegende kritische Würdigung von erstmals in dieser Tiefe aufbereiteten Daten aus den Reichskontrollen der KPD. Im Anschluss daran wird versucht, die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Mitgliedschaft der KPD in den Bezirken im Vergleich mit jeweils passenden Referenzeinheiten in ihrer Zeit zu verorten. Diese wurde bisher oft nur an sich analysiert, was zu einigen Verzerrungen führte. Diese Analyse zeigt unter anderem die besonders gute Einbindung vieler Mitglieder und vor allem vieler Funktionäre der Partei in das proletarische Milieu. Der zweite Abschnitt diskutiert die Handlungsbedingungen auf einer konkreteren Ebene. Er befasst sich auf der Grundlage der organisationssoziologischen Aushandlungstheorie von Michel Crozier und Erhard Friedberg zunächst mit der Entwicklung der Parteisatzung zwischen 1918 und 1927 als dem formalen Dokument, das das Verhalten der Parteimitglieder weitgehend, wenn auch nie vollständig festlegte. Insgesamt lässt sich anhand dieses Materials der seit vielen Jahren schon in der Literatur erhobene Vorwurf der allmählichen Entdemokratisierung nur bestätigen. Dabei handelte es um einen relativ normalen Prozess der Oligarchisierung, den nach Michels mehr oder weniger jede Organisation in ihrem Wachstumsprozess durchläuft. Die zunächst positiv von der Parteiführung selbst beanspruchte, und später von großen Teilen der Forschung kritisierte „Bolschewisierung“ der KPD fand, wenn sie denn jemals mehr als eine Propagandafloskel war, vor allem hier ihren Niederschlag. Im Folgenden wird schließlich noch die technische Arbeitsweise der KPD-Instanzen und die Kommunikationsformen zwischen Führung und Basis analysiert. Der Abschnitt endet mit dem Thema der Finanzierung der Parteiarbeit, das von der bisherigen Forschung vollkommen ignoriert worden ist. Dieser bietet aufschlussreiche neue Einblicke in die Finanznöte der Partei. In diesem Zusammenhang sei außerdem auf die Verfälschung der Mitgliederstatistik durch das Beitragsabführungsgebahren vieler Mitglieder hingewiesen, die zum Beispiel als Nicht- oder Nicht-mehr-Arbeitslose Beitragsmarken für Arbeitslose bezogen haben. Der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit der symbolischen Integration der Mitglieder und versucht auf diese Weise die bisher in der Forschung meist nur implizit vorausgesetzte Durchdringung der Mitglieder mit der marxistisch-leninistischen Ideologie zu überprüfen. Auf den Feldern Parteisymbole, Parteisprache, Literaturrezeption und Schulungswesen wird gezeigt, wie schwer sich die Parteiführung der KPD damit tat, ihre Mitglieder ideologisch zu erreichen. Dies war in erster Linie ein Problem unzureichender Ressourcen, hatte aber auch eine Wurzel in der unverrückbaren Tatsache, dass ein überwiegender Großteil der Mitglieder nur die Volksschule besucht hatte; und die hatte sie nicht in den Stand versetzt, die mitunter komplexen Gedankengänge der Klassiker des Marxismus-Leninismus annähernd zu verstehen. Am Ende diese Kapitels folgt noch ein Abschnitt über die vielfältigen Methoden der Sowjetunion-Propaganda. Schließlich war die völlig überzogene und überhöhte Wahrnehmung der Entwicklung der ersten sozialistischen Gesellschaft nicht nur von großer Bedeutung für die Motivation der Parteimitglieder, sondern auch generell während der Weimarer Republik ein PR-Ereignis ersten Grades. Die eigentliche Analyse des Mitgliederverhaltens folgt im vierten Abschnitt. Dabei wird zunächst die Entwicklung der Strukturen auf der untersten Ebene der Partei in den Fokus genommen. Es zeigte sich konkret auf der Ebene der fünf ausgewählten Bezirke, dass die ab 1925 im Parteistatut als „Grundlage der Partei“ genannten Betriebszellen niemals in der Lage waren, ihre anspruchsvollen Aufgaben zu erfüllen. Bisher hatte die Forschung zur Weimarer KPD immer implizit die Auffassung der Parteiführung übernommen, wonach die Partei keine passiven Mitglieder hatte. Der nächste Abschnitt liefert die erste eingehende Analyse der Mitgliederaktivität überhaupt und kommt zu dem Ergebnis, dass auch der Weimarer Kommunismus seine ‚Karteileichen’ besaß. Daraufhin werden abschließend die wichtigsten Felder der Mitgliedertätigkeit untersucht - die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, die Arbeit in den proletarischen Sport- und Kulturvereinen, sowie die Arbeit im Bereich Agitation und Propaganda.   Thèse de doctorat sur l’histoire du Journal „L’Humanité“. Alexandre Courban : „L’Humanité (avril 1904 - août 1939). Histoire sociale, politique et culturelle d’une journal du mouvement ouvrier“. Thèse pour le doctorat d’histoire sous la direction de Serge Wolikow, Université de Bourgogne, soutenue le 14 décembre 2005. 2 volumes. 578 p. + annexes.   Mathieu Denis, Forschungsassistent, Centre Universitaire Canadien de Berlin.  Industrielle Interessen, Gegensätze und der Zusammenbruch der DDR. Elemente aus einer Dissertation mit dem Titel: German Labor in the Revolution and Unification – The Paradox of Continuity  •  Manche historischen Probleme sind schwieriger als andere. Unabhängig davon, wie viele Studien ihnen gewidmet werden, sind sie wie Erbsen, die verhindern, dass die Historiographie (statt im Märchen die Prinzessin) in den Schlaf versinkt. 40 Jahre von oben programmiertem Sozialismus in Deutschland offerieren eine Vielzahl solcher historischer Probleme, von denen das der Interessengegensätze zwischen Regime und Beschäftigten in der DDR besonders knifflig zu sein scheint. So bieten unzählige Studien über die Geschichte der DDR und ihren Zusammenbruch, dadurch dass sie kein Wort über die Beschäftigten herausbringen, eine negative Antwort auf die Frage nach der Rolle der Arbeitnehmer in den Ereignissen von 1989-1990 an. Das Schweigen über diese Rolle findet einen rechtfertigenden Niederschlag im größten Teil der Studien, die sich der Frage zuwenden und sich damit befassen, die Gründe für die Abwesenheit der Beschäftigten in der Revolution zu erklären. In der Literatur wird allgemein davon ausgegangen, dass Interessengegensätze zwischen Regime und Beschäftigten entweder keinen, oder nur einen geringen Anteil an der Herbeiführung des Untergangs des SED-Regimes hatten.[1]  Dennoch, so wie im Märchen 20 Matratzen und 20 Daunendecken mit der Härte einer Erbse am Boden der Bettstelle nicht fertig werden können, so gelingt es dieser dominierenden Auffassung nicht, das Problem der Rolle der Beschäftigten für den Zusammenbruch der DDR endgültig ad acta zu legen. Es sind besonders zwei Inkonsequenzen in der Literatur, die sich als unbefriedigend erweisen. •  Die DDR wird regelmäßig als Arbeitsgesellschaft bezeichnet, was sowohl auf den hohen Anteil von Lohnabhängigen, die ideologisch hohe Bedeutung von Arbeit und betriebliche Sozialpolitik, als auch auf den Einfluss der Arbeit auf soziale Differenzierung und Lebensläufe zurückzuführen ist.[2] Damit drängt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der fundamentalen Bedeutung von Arbeit in der DDR und ihrem Ende auf. Beim Studium der Literatur muss geradezu der Eindruck entstehen, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen den Gesellschaftsstrukturen und dem sozialen Umbruch 1989 gegeben habe.[3] Sollte dies allerdings zutreffen, dürfte man mit Recht von einem Paradoxon sprechen, dessen Auflösung seitens der sozialwissenschaftlichen Fakultäten weltweit weit mehr Kopfzerbrechen verdiente, als dies bisher der Fall gewesen ist. •  Die zweite Inkonsequenz ergibt sich aus der ersten. Fast alle ostdeutschen Erwachsenen waren Beschäftigte. Diese spezifische soziale Stellung muss ihre Erfahrung zwangsläufig geprägt haben. 1989 ist jedoch häufig als eine Konsumentenrevolution beschrieben worden – die den Produzentenrevolutionen gegenübergestellt wurde, da sie primär in Versammlungen nach Feierabend Ausdruck gefunden und von politischen sowie materiellen Erwägungen angetrieben gewesen sei.  •  Die Unterscheidung zwischen zwei Revolutionstypen erscheint fragwürdig. Differenzierten die Be-schäftigten, die damals „wir sind das Volk!“ riefen, zwischen Produktionsausfällen, die ihre Löhne gefährdeten, und dem Mangel an Konsumgütern? Hätten sie Anlass zu einer solchen Differenzierung gehabt? Hätte ihre Erfahrung sie nicht viel mehr davon überzeugen müssen, dass beide Phänomene auf die gleichen wirtschaftlichen Probleme zurückzuführen waren? Die Unterscheidung zwischen Produzenten und Konsumenten bleibt problematisch, weil es sich um dieselben Personen handelt, weil Lohn und Konsum voneinander abhängig sind, und weil Interessengegensätze in beiden Fällen die Beschäftigten und die Vertreter des DDR-Regimes einander gegenüberstellten.  • Der Teil dieser Dissertation, der der Rolle arbeitsbezogener Konflikte im Zusammenbruch der DDR gewidmet ist[4], verfolgt ein explizites und ein implizites Ziel. Explizit wird versucht, aufzuzeigen, wie wesentlich bis zu ihrem Ende die industriellen Interessengegensätze für die politische Entwicklung der DDR waren. Implizit soll hier versucht werden, einen Beitrag zum Projekt der global labor history zu liefern.[5] Bei diesem methodologischen Ansatz geht es um den Versuch, durch eine weitreichend geographisch-zeitliche Erweiterung, z. B. mittels des Vergleichs der Handlungs- und Organisationsformen der Beschäftigten, die Krise der westlichen Sozialgeschichte der Arbeit zu überwinden. Das Gewicht, das dabei auf die Frage gelegt wird, wie die Beschäftigten in verschiedenen Kontexten private und öffentliche Strategien kombinierten, um ihre Interessen zu verteidigen, soll dazu anregen, die in der DDR möglichen Kombinationen besser durchleuchten zu können. Für die global labor history stellt die DDR wiederum ein Extremfall dar, in dem kollektive Handlungen der Beschäftigten quasi nur als massiver Ausdruck individueller Strategien zu verstehen sind und eine nur geringe öffentliche Interessenverteidigung vorhanden war. Sie kann demzufolge Orientierungen in diesem umfangreichen Vergleichsprojekt fördern.[6]  •  Einige Autoren haben betont, wie entscheidend für die Entschlossenheit der arbeitenden Bevölke-rung und für die Revolution der Abwärtstrend gewesen ist, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen umzukehren.[7] Ohne die Berücksichtigung der Arbeitswelt können die Ereignisse von 1989-1990 nicht zufriedenstellend erklärt werden. Die von Störungen gekennzeichneten BGL-Wahlen (zu den Betriebsgewerkschaftsleitungen) im März 1989 waren die Vorboten für die Konflikte bei den Kommunalwahlen im Mai. Der Großteil der Menschen, die die DDR im Sommer verließen, waren Beschäftigte. Der Aufstand begann tatsächlich, als diejenigen, die sich im September zur Arbeit zurückmeldeten, feststellten, dass Tausende ihrer Kollegen geflohen waren, und ihre Zukunftssorgen „oben“ auf taube Ohren stießen.[8] Die große Mehrheit der 5 Millionen Menschen, die an den 2600 Demonstrationen teilnahmen, waren Beschäftigte.[9] Darüber hinaus begann in diesen Monaten eine bedeutende Demokratisierung der Arbeitswelt: Betriebs- und Gewerkschaftsleiter wurden aus ihren Büros gejagt, neue Mechanismen zur Interessenverteidigung getestet, 200 Streiks verzeichnet und Mitbestimmungsmodelle versucht.[10]Regionales, internes Quellenmaterial, beispielsweise Stasiberichte aus Erfurt, belegen vielseitige Verflechtungen von inner- und außerbetrieblichen Entwicklungen. Der Zerfall der Staatsmacht entzog dem Regime wichtige Unterdrückungsmittel im Betrieb und erschütterte die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt; Unzufriedenheit über die Lage am Arbeitsplatz konnte dazu veranlassen, Proteste außerhalb des Betriebs durchzuführen.  •  Die Dissertation bei Professor Hartmut Kaelble stützt sich auf Material aus damaligen Betriebs-initiativen, Interviews, FDGB-Berichten, Stasi-Akten, u.ä. Sie wird bis Mai 2006 abgeschlossen. •  Email-Adresse: dma@cmb.hu-berlin.de DIE PROJEKTE DER DEUTSCH-RUSSISCHEN HISTORIKERKOMMISSION.    Mitteilungen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Band 2, 2005. Deutsch, Russisch. Hrsg. im Auftr. v. Horst Möller u. Aleksander Tschubarjan. München. Oldenbourg, 2005. 304 p.   Die Gemeinsame Kommission ist ein von beiden Regierungen 1997 eingesetztes deutschrussisches Expertengremium aus Archivdirektor(inn)en und hochrangigen Fachwissenschaftler(inne)n, das die Aufgabe hat, die umfassende wissenschaftliche Erforschung der deutschrussischen (bzw. deutsch-sowjetischen) Beziehungen im 20. Jahrhundert zu fördern. Sie arbeitet wissenschaftlich unabhängig; Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin haben die Schirmherrschaft übernommen. Die Kommission erörtert Grundsatzprobleme der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, initiiert und fördert gemeinsame Forschungs- und Dokumentationsprojekte und veranstaltet internationale Expertengespräche. Der aktuelle Band der Mitteilungen befasst sich mit dem Schwerpunktthema Vor 60 Jahren: Von der Kriegswende zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Enthalten sind außerdem Berichte zu den laufenden Projekten. Alle Beiträge werden zweisprachig veröffentlicht.   Aus dem Inhalt:  •  Vorwort (Horst Möller, Aleksandr Čubarjan).  •  I. Vor 60 Jahren: Von der Kriegswende zum Ende des Zweiten Weltkrieges (1942/1945). Vor-träge des dritten internationalen Expertengesprächs der Kommission.  •  II. Die Projekte der Kommission. Arbeitsschwerpunkt Deutsch-Russische/sowjeische Bezie-hungen im Zeitalter der beiden Weltkriege. 1. Die Kommunistische Internationale und die deutsch-russischen Beziehungen: Bernhard H. Bayerlein: Die Komintern und ihre Bedeutung für die deutsch-russischen Beziehungen. Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Die KPD und Moskau 1928-1933. 2. Sowjetische Gefangene in deutscher Hand, deutsche Gefangene in sowjetischer Hand im Zweiten Weltkrieg und danach. Klaus-Dieter Müller: Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte. Forschungen zum Zweiten Weltkrieg und zur Nachkriegszeit. KlausDieter Müller/Günther Heydemann: Deutsche Nichtverurteilte (Speziallagerhäftlinge) nach den Akten des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (früher KGB). Arbeitsschwerpunkt: Die Sowjetische Miliäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. Kai von Jena: Deutsch-russisches Gemeinschaftsprogramm zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Jan Foitzik: Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) auf dem Gebiet von Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. Ziele, Methoden, Ergebnisse. Quellen und Dokumente aus russischen Archiven. Arbeitsschwerpunkt: Die deutsche Frage und die deutschsowjetischen Beziehungen 1945-1970. Matthias Uhl: Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlinkrise 1958-1963. Gerhard Wettig: Chruščevs BerlinKrise. Ein Forschungsbericht. Jochen P. Laufer/ Georgij P. Kynin: Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1948. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation • III. Anhang: Dokumentation Wortlaut des Föderalen Gesetzes der Russischen Föderation vom 22. Oktober 2004, Nr. 125-FS. Über das Archivwesen in der Russischen Föderation. Grundlagenbriefwechsel Briefwechsel zwischen der Bundesregierung und der Regierung der Russischen Föderation über die Bildung einer Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, August 1997.      Section IV:  Materials for Biographical, Regional and  Institutional  Studies.        Dmitrij J. Moiseenko, Gleb Albert, Bernhard H. Bayerlein: Jimmy, Jacob oder Dimitrij? Portrait einer Kominternfamilie.   Das folgende biographische Portrait fußt auf einem 27-seitigen Manuskript „O moich rodteljach“ von Dmitrij J. Moiseenko. Der vollständdiBeitrag wird in The International Newsletter of Communist Studies Online veröffentlicht.   Die Biographie Dmitrij Moiseenkos, eines ehemaligen Mitarbeiters der internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, der in Moskau im Ruhestand lebt, ist wie kaum eine andere von der Komintern geprägt. Man könnte ihn einen „Komintern-Waisen“ nennen, denn beide Elternteile waren auch nach seiner Geburt weiterhin weltweit im illegalen Apparat der Komintern tätig. Geboren 1928 in Rom als Kind zweier Mitarbeiter des hochgeheimen Komintern-Verbindungsdienstes OMS (Otdel meždunarodoj svjazi), wuchs er in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Identitäten auf und war sich lange Zeit weder seiner Herkunft noch der Tätigkeit seiner Eltern bewußt. Moiseenko erinnert sich: „Im Alter zwischen drei und 17 habe ich getrennt von meinen Eltern gelebt, und alles in allem lebten wir an die 15 Jahre zusammen. In dieser Periode (1945-1959) war es weniger üblich, die Eltern über ihre Arbeit auszufragen, vor allem wenn sie von sich aus nichts erzählten. Dabei hätten sie viel zu erzählen gehabt…“ Erst nach der Öffnung der Komintern-Archive hat Dmitrij Moiseenko ein vollständiges Bild seines familiären Hintergrunds erfahren können – eine Familiengeschichte, die fest verwoben ist mit den verdeckten illegalen Strukturen des internationalen Kommunismus zwischen Europa, Rußland und Fernost. Der Vater Moiseenkos, Jakov Matveevič Rudnik, wurde 1894 als Sohn eines Arbeiters in Kiew geboren. Trotz der schweren materiellen Lage der Familie schaffte er es, sich autodidaktisch zu bilden, wobei sein Interesse der Soziologie und Politökonomie galt. Nach einem Elektrotechnik-Studium am Petrograder Politechnikum (welches 1916 durch die Mobilisierung vorzeitig ein Ende fand) nahm er 1917 aktiv an der Februarrevolution teil und schloß sich einen Monat später den Bolschewiki an, um sich im November innerhalb der revolutionären bewaffneten Formationen am Sturm des Winterpalais zu beteiligen. Nach einer Verhaftung in Frankreich wurde er 1922 zu zwei Jahren verurteilt und nach Ablauf der Frist in die Sowjetunion abgeschoben. Dort arbeitete er ab 1925 für das EKKI in der Abteilung für Internationale Verbindungen (OMS), dem hochgeheimen Verbindungs- und Nachrichtendienst der Komintern. Im Auftrag desr OMS ging Rudnik nach Österreich, wo er, formell als Mitarbeiter des Außenministeriums unter dem Namen Marin, für den OMSVerbindungspunkt Wien tätig war. 1926 lernte er auf einer Feier in der sowjetischen Botschaft die spätere Mutter Dmitrij Moiseenkos kennen. Tatjana Nikolaevna Moiseenko-Velikaja wurde 1891 in einer Adelsfamilie geboren und sprach, dank hervorragender Ausbildung, mehrere Fremdsprachen fließend. Bereits vor der Revolution engagierte sie sich in der Arbeiterbildung, wo sie Kontakte mit Kommunisten knüpfte und schließlich 1918 der Partei beitrat. Sie arbeitete im Volkskommissariat für Aufklärung und war zeitweise persönliche Sekretärin von Lunačarskij, bevor sie 1921 für die OMS zu arbeiten begann. 1925 wurde sie unter falschem Namen, offiziell über das Außenministerium, nach Wien abkommandiert. Allerdings versetzte man sie bereits Mitte 1926 nach Rom, wo sie bis 1928 blieb, während Jakov Rudnik weiterhin in Wien arbeitete; das Paar konnte sich dennoch noch einige Male begegnen.  1928 sollte die Arbeit der OMS in China verstärkt werden. Zu diesem Zweck wurde Jakov Rudnik aus Wien abberufen und, nach einem Zwischenstopp in Berlin, nach Shanghai abkommandiert, wo er im April 1928 mit gefälschten belgischen Papieren eintraf. Nach der Verhaftung des Vertreters der KP Japans in Shanghai, Prof. Mano, wurde Jakov Rudnik eilig nach Moskau abberufen, allerdings Anfang 1930 (unter dem belgischen Namen Noulens) wieder nach Shanghai zurückversetzt, um einen Finanzskandal der Scheinfirma zu glätten und die illegale Arbeit wieder zu übernehmen. Diesmal wurde ihm Tatjana zur Seite gestellt, die mit dem bereits zweijährigen Dmitrij nach Shanghai zog. Sie erhielten dort eine neue belgische Identität unter dem Namen Hilaire Noulens und Frau. Die meisten Kader des Fernost-Büros wurden nach und nach aus Shanghai abberufen, nicht aber die beiden OMS-Mitarbeiter, Jakov Rudnik und Tatjana Moiseenko-Velikaja, auf denen nun erst recht der gesamte Kommunikations- und Organisationsapparat lastete. Anfang Juni 1931 wurde in Singapur der Franzose Joseph Ducroux   verhaftet, der von der OMS-Zentralverwaltung als Kurier eingesetzt wurde. Bei ihm wurden Angaben zu einem „toten“ Briefkasten in Shanghai gefunden, infolge dessen die britische Polizei in Shanghai den Ort observierte und eine konspirative Wohnung entdecken und Rudnik selbst einkreisen konnte. Da alle konspirativen Punkte von nur zwei Personen bedient wurden, war es ein leichtes, die anderen Punkte ausfindig zu machen, und so wurde das Paar am 15. Juni 1931 im Besitz einer großen Menge Materials verhaftet (wobei die meiste unmittelbare OMS-Korrespondenz vorher nach Moskau ausgelagert werden konnte). Oberste Priorität der Verhafteten war es, ihre russische Abstammung zu verheimlichen, um jeglichen Verdacht von Kontakten nach Moskau abzulenken. Dabei kam ihnen die strikte Verbannung des Russischen aus dem Privatleben zugute. Um das Recht westlicher Ausländer auf Konsulargerichtbarkeit wahrnehmen zu können, versuchten die Verhafteten, eine Reihe europäischer Identitäten auszuspielen, doch die ursprünglich angenommene belgische Identität der Verhafteten hielt der Überprüfung durch die belgischen Behörden nicht stand, genausowenig wie die auf Anraten des Anwalts angenommene schweizerische Identität. So konnte die Herausgabe von Rudnik und Moiseenko-Velikaja an die chinesischen Militärbehörden im August 1931 nicht verhindert werden, wenngleich die Verbindung zu Rußland nicht nachgewiesen werden konnte und die britische Polizei bei der Übergabe lediglich feststellte, daß die Staatsangehörigkeit der Verhafteten nicht festzustellen sei. Die Inhaftierten wurden unter verstärkter Bewachung nach Nanking überführt, wo sie vom Militärtribunal zum Tode verurteilt wurden. Im November 1931 gelang es Sun Tse-lin, der Witwe des ersten Präsidenten der chinesischen Republik, Sun Yat-sen, das Paar im Militärgefängnis zu besuchen und die Instruktion Moskaus zu übergeben, sich von nun an als das Schweizer Ehepaar Paul und Gertrude Rüegg zu bezeichnen. Als einen Monat später das Militärgericht das Todesurteil aufhob und die Angelegenheit an ein Zivilgericht verwies, schickte Moskau einen Schweizer Anwalt, den Genfer Kommunisten Jean Vincent, nach China, um die Verteidigung zu übernehmen und Instruktionen zu übermitteln. Allerdings wurde er von China nicht zum Prozeß zugelassen. Genauso scheiterte der Versuch, die neue Identität anzunehmen, da die Schweizer Behörden sie für falsch erklärten und sich weigerten, sich für die Verhafteten einzusetzen. In Europa wurde ein Verteidigungskomitee für die Freilassung des Ehepaars Rüegg gebildet, das von linken Intellektuellen wie Egon Kisch, Arnold Zweig, Johannes Becher, Friedrich Wolf und anderen gebildet und vom Kominternapparat unterstützt wurde, darunter auch dem Schanghaier Komitee der Internationalen Roten Hilfe mit Agnes Smedley, Harold Isaacs und Edgar Snow.  Am 1. Juni 1932 wurde der Prozeß eröffnet, bei dem Rüegg  beschuldigt wurde, Sekretär des Panpazifischen Sekretariats der Roten Gewerkschaftsinternationale zu sein. Diese Anschuldigung versetzte die Verhafteten in eine etwas weniger unangenehme Lage als dies bei einer Aufdeckung ihrer wahren Tätigkeit der Fall gewesen wäre. Dennoch traten die beiden Häftlinge, um gegen die Haftbedingungen und für die Verlegung des Prozesses nach Shanghai zu demonstrieren, in einen Hungerstreik, der ob ihrer Entschlossenheit große Verwirrung bei den chinesischen Machthabern stiftete. Die Öffentlichkeit nahm an den Geschehnissen regen Anteil. In Shanghaier Zeitungen wurden regelmäßig Aufrufe der Verhafteten publiziert, so schließlich am 9. Juli das Testament des Paares: „Wir, Paul und Gertrude Rüegg […], erklären hiermit unseren letzten Willen. Wir hinterlassen all unseren Besitz, wo immer er aufzufinden sein wird, unserem vier Jahre alten Sohn Jimmy, der sich gegenwärtig in Shanghai im Hause der Frau Holz befindet.“ Nach der Verhaftung seiner Eltern war Jimmy-Dmitrij zunächst in ein Kinderheim gekommen. Der „Meisterspion“ Richard Sorge, der in China tätig war, schaffte es, durch Bestechung das Todesurteil der Eltern in lebenslange Haft umzuwandeln. Sorges Sekretärin Ruth Werner erwog sogar, Jimmy zu adoptieren, doch Sorge brachte sie von dem Entschluß ab. So kam es dazu, daß der „Komintern-Waise“ von der deutschen Familie Holz adoptiert wurde. 1936, als Dmitrij acht  Jahre alt war, bereitete die Familie Holz ihre Rückkehr nach Deutschland vor und wollte den Adoptivsohn ebenfalls mitnehmen. Vorher aber sagte ihm die Mutter im Gefängnis, er heiße nicht Jakob Holz, sondern Jimmy Rüegg und müsse nicht nach Deutschland, sondern nach Rußland. Dmitrij wurde einige Monate von Sun Yat-sens Witwe beherbergt und konnte im November nach Vladivostok gebracht werden. In der Sowjetunion angekommen, kam er als Deutscher in das Zweite Internationale Kinderheim der Internationalen Arbeiterhilfe (MOPR), wo er unter anderem mit Kindern von Mao Tse-tung, Maurice Thorez und anderen prominenten Kommunistenführern zusammen war. Währenddessen verblieben Jakov Rudnik und Tatjana Moiseenko-Velikaja bis August 1937 im Gefängnis von Nanking. Als der chinesisch-japanische Krieg ausbrach und das Gefängnis durch japanische Bombardements zerstört wurde, wurde das Paar unter der Bedingung einen Bürgen zu stellen, freigelassen. Da sie in Nanking keine Bürgschaft bekamen, setzten sie sich heimlich nach Shanghai ab, wo sie sich zwei Jahre ohne jegliche Dokumente versteckt hielten. Erst am 25. Juli 1939, nachdem sie in einem Brief den Komintern-Generalsekretär, Georgi Dimitroff, auf ihre Lage aufmerksam gemacht hatten, konnten sie auf einem norwegischen Dampfer in die Sowjetunion gelangen.  Über der Schicksal ihres Sohnes erfuhren sie ebenfalls nur Dank der Einmischung Dimitroffs; zuerst, als sie im EKKI nach ihrem Sohn fragten, reagierte der Mitarbeiter verwundert: „Ach, Sie haben einen Sohn?“ Dimitrij konnte seine Eltern zwar bereits einige Wochen später sehen, konnten ihn dennoch nicht aufnehmen, und so blieb er bis Ende 1944 im Kinderheim. Der Vater fand unterdessen dank seiner Chinesischkenntnisse eine Anstellung am Fernöstlichen Institut, wurde im Krieg für „Spezialarbeiten“ mobilisiert, 1943 wieder demobilisert und arbeitete bis zu seiner Pensionierung in diversen Institutionen, wo er seine Fremdsprachenkenntnisse anwenden konnte. Die Mutter blieb in der Komintern und unterrichtete Fremdsprachen an der Kaderschule des EKKI. Nach der Auflösung der Komintern wurde sie, wie viele ehemalige EKKI-Mitarbeiter, in das „Institut Nr. 205“ übernommen, wo sie bis 1948 tätig war. Jakov Rudnik starb 1963 an Krebs, Tatjana Moiseenko-Velikaja starb 1964, nur knapp ein Jahr später. Erst als Dmitrij Moiseenko 16 Jahre alt wurde und einen neuen Pass bekommen sollte, erfuhr er, daß er in Wirklichkeit kein Deutscher war und auch nicht Jimmy Rüegg hieß. Unter seinem russischen Namen beendete er die Mittelschule und studierte bis 1950 am Institut für Internationale Beziehungen in Moskau. Danach arbeitete er zunächst in der internationalen Abteilung des Sowjetischen Gewerkschaftsbundes, und schließlich, von 1958 an, in der internationalen Abteilung der KPdSU, wo er, u.a. mit der KP Frankreichs befaßt, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1989 blieb. Als Pensionär im postkommunistischen Rußland beteiligte Dmitrij Moiseenko sich maßgeblich an der Erschließung der Komintern-Archive, wo er unter anderem Klarheit über die Vergangenheit seiner Familie erlangen konnte. Section V:       New Publications - Reports and Reviews   The political biography of Álvaro Cunhal in 3 volumes by José Pacheco Pereira now concluded: José Pacheco Pereira: Alvaro Cunhal, uma biografia política. Volume I: „Daniel“, o jovem revolucionário (1913 - 1941), Lisbon, Temas e Debates, 1999. 477 p.; Volume II: „Duarte“, o dirigente clandestino (1941 - 1949), Lisbon, Temas e Debates, 2001. 872 p.; Volume III: O Prisioneiro (1949-1960), Lisbon, Temas e Debates, 2005. 748 p. Introductory note by José Pacheco Pereira.   •                     Between March of 1949 and January 1960, Álvaro Cunhal was in prison. His everyday life didn’t seem to have any apparent history, it was made of repetition of the same gestures, in a succession of hours, days and years, serving his sentence in two high-security prisons: the „Penitenciária“ and the Fortress of Peniche. What could be the content of his biography? Half a dozen of pages, would the reader say, looking with perplexity at several hundreds of pages of this publication. But it does not seem to me that this should be the case. •                     A „political biography“ of Álvaro Cunhal cannot only be made of the events directly linked to the prisoner’s life, because the person described in the biography had - like only a few did - associated his personal life with the history of Portuguese communism. In his adult life there was not one sentence he wrote, not one drawing he made, not one act he was responsable which would not have had the Portuguese Communist Party (PCP) as the reference point. This is why Cunhal is simply not understandable, even in the years of his greatest isolation, without considering this all-embracing relationship with the party which he was a part of. •                     It is impossible to write a biography of Cunhal without at the same time explaining the history of the PCP, and, in a comprehensive way, the „oposição“ against the dictatorial regime of Salazar. Consequently, the history of the PCP and the history of the oposição - which are still in a large part to be written - represent a phenomenon of continuity, which - as can be seen through what Cunhal did during and after the imprisonment - was his main preoccupation and his motivation to live on. Without this history, Cunhal cannot be „explained“ in his political biography (translated from Portuguese). http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt/..     Sobhanlal Datta Gupta: Comintern and the destiny of communism in India. 1919 – 1943, 1919-1943. Dialectics of real and a possible History, Calcutta: Seribaan, 2006.   The opening up of the Comintern archives in Moscow in the 90s has now made it possible for the scholars to have the first glimpse of how the destiny of the Communist Parties of’ the world in the inter- War period was defined by politics inside the Comintern which, in turn, was predominantly shaped by the struggle for power inside the Soviet Communist Party after Lenin’s death. With the accessibility of the Comintern archives a massive literature has emerged in the West (primarily in Russian and German, besides English), leading to a reinterpretation of the understanding of Comintern as a historiographical problem in the light of these new sources. The book, based on these materials (archival and non-archival), provides for the first time an entirely new analysis of Comintern’s impact on the shaping of Indian communism and argues about the alternative possibilities of the Left and communist movement in India in the light of documents which were suppressed or unknown till now. This reinterpretation of the role of Comintern (1919-1943), which masterminded the beginning and shaping of communism in India, will contribute to a refreshingly new understanding of the problems, complexities and crisis that communism in India has encountered in its long history. Besides the Comintern archives, the book is based on materials from the archives of the Communist Party of Great Britain (CPGB), which include the papers of Rajani Palme Dutt, Harry Pollitt, Ben Bradley, the stenographic records of the Central Committee, Politbureau and the Party Congresses of the CPGB, all relating to the links between the CPGB, India and Comintern, papers from the Public Records Office, UK and the Private Papers of Horst Krueger in Berlin. The book has the following chapters: Chapter I: Comintern : the new historiography. Chapter II: The colonial question and India in the Lenin era: 1919-1923. Chapter III : India and the East in the period of’ „Bolshevization“ and „Third Period“: 1924-1934. Chapter IV : The Indian question in the era of United Front and War: 19351943. Chapter V: Comintern and the Indian revolutionaries in Russia. Chapter VI: Indian communism: Dialectics of real and a possible history.  See: http://www.sreejoni.com/bb.htm. Contact with the author: sobhanlal@dataone.in.   Stalin: Revolutionary in an Era of War, by Kevin McDermott, Palgrave MacMillan, January 2006, 240 Pages. Part of the European History in Perspective series. From the publisher’s announcement.   Stalin’s massive impact on Soviet history is often explained in terms of his inherent evil, personality defects and power lust. This volume argues that Stalin’s thoughts and actions are best contextualized in the inter-relationship between war and revolution in the first half of the twentieth century. Kevin McDermott incorporates recently declassified materials from the former Soviet Party archives and provides a critical review of western and Russian historiography. In his introduction, the author writes: This notion of ‘several Stalins’ is a useful corrective against oversimplification and cosy monocausal explanations of his actions and attitudes. It helps us appreciate the dynamic nature of his power from primus inter pares in, say, 1928–9 to unassailable dictator a decade later. It suggests that, depending on the situation and his interlocutor, Stalin, like all successful politicians, could be a consummate actor, tailoring his remarks to fit the audience, and a master of deception, feigning moderation, even amiability. Finally, it is a salient reminder that Stalin was prey to vacillations, inconsistencies and ad hoc responses to unforeseen circumstances. ‘My’ Stalin is, thus, a more human figure, not in the sense of emphasising his private life and relationships or indulging in fantasies about his positive characteristics and achievements, but in recognising in him aspects of a ‘normal’ politician. Like Churchill or Roosevelt, Stalin frequently faced profound crises to which there were no self-evident solutions, had to deal with incompetent and possibly insubordinate officials and a recalcitrant society, at times must have felt overwhelmed with the complexity of domestic and foreign situations, and therefore may have experienced a measure of powerlessness. Surely even the ‘omnipotent’ Stalin may on occasion have felt unable to cope and may have had cause to doubt his abilities and policy preferences? The dreadful days after 22 June 1941 are a case in point. None of this seeks to diminish his overall control of Soviet decision-making, or attenuate his cruelty, brutality and overweening self-confidence. But it does complicate the over-simplified stereotypical image of the self-possessed arrogant dictator in whom all power and knowledge is vested. Source: http://www.palgrave.com/products/Catalogue.aspx?is=033371122X Frank Schauff: Der verspielte Sieg. Sowjetunion, Kommunistische Internationale und Spanischer Bürgerkrieg 1936-1939. 2., veränd. Aufl. 2005, Frankfurt am MAin, Campus Verlag, 2005. 407 p. (Quellen und Studien zur Sozialgeschichte, IISG Amsterdam). Aus der Verlagspräsentation.   •                     Aus dem Klappentext: Nach wie vor schlummern in Moskauer Archiven viele unbekannte Dokumente. Eine Reihe von ihnen hat Frank Schauff erstmals systematisch mit dem Ziel ausgewertet, die Rolle der Kommunistischen Internationale und der Sowjetunion im Spanischen Bürgerkrieg zu erfassen. Er schildert die Intervention der Roten Armee, die Entscheidungsprozesse in der Komintern und das Vorgehen der sowjetischen Diplomaten in diesem ganz Europa betreffenden Konflikt. Damit vermittelt er wichtige Einblicke in die Arbeitsweise der Komintern und die außenpolitischen Entscheidungsmechanismen der Sowjetunion vor dem Hintergrund des stalinistischen Terrors im eigenen Land, der sich parallel zum Spanischen Bürgerkrieg abspielte. •                     Aus dem Vorwort des Autors: Zu Beginn der neunziger Jahre entstand der Eindruck, als würden alle Dokumente der Sowjetära der Forschung zugänglich gemacht. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch, da die russischen Behörden bereits nach wenigen Jahren begannen, den Zugang wieder restriktiver zu gestalten, sodaß zum Beispiel die Sekretariate Dimitrovs und Manuil’skijs bis heute verschlossen sind. Ähnliches gilt für bestimmte Aktenbestände des Volkskommissariats der Verteidigung. Genauso wenig waren bisher die Akten Stalins, die den Spanischen Bürgerkrieg betreffen, sowie die entsprechenden Bestände des NKVD einzusehen. Somit bleibt diese Untersuchung, obwohl sie eine große Zahl von Unterlagen zur sowjetischen und Komintern-Politik verarbeitet, ein Zwischenstand, der einer Überprüfung unterliegt, sobald die genannten Bestände zur Verfügung stehen werden. Dennoch lassen die hier analysierten Dokumente einen Perspektivwechsel in der bisherigen wissenschaftlichen Sicht der Politik der Sowjetunion und der Komintern in Spanien zu.“ (p.14). •                     Aus dem Schlußkapitel des Autors: Es war der Terror, der ein Gutteil des ambivalenten Erscheinungsbildes des sowjetischen Einsatzes in Spanien ausmachte. Es läßt sich jedoch aufgrund bekannter spanischer wie sowjetischer Quellen nicht nachweisen, daß die sowjetische Seite in die Niederschlagung des Aufstandes vom Mai 1937 oder die Verfolgung der führenden Köpfe des POUM verstrickt war. Das soll nicht heißen, dass sie dieses Vorgehen der spanischen Regierung nicht guthieß (p. 362). •                     Die Komintern selbst konnte in der gesamten Zeit nicht den Gegensatz zwischen offensivem, re-volutionären Anspruch einerseits und der defensiven Position der Republik andererseits überbrücken. Die Kommunisten agierten gegen die revolutionären Bewegungen, um die Einheit im Innern wie auch die mögliche Unterstützung durch die Westmächte nicht zu gefährden, ohne den revolutionären Anspruch je aufgeben zu wollen oder geschweige denn aufgeben zu können.“ (p. 364). •                     Von der Errichtung einer sowjetisierten Volksdemokratie, wie sie in Osteuropa wenige Jahre später gängig werden sollte, kann in Spanien der Jahre 1936-1939 nicht die Rede sein, da zumindest die materiellen Voraussetzungen dazu noch nicht vorhanden waren. (p. 366) •                     Wenn man die internationalen politischen Bedingungen betrachtet, so kommt man schnell zu der Feststellung, dass beide [die Sowjetunion und die Komintern] – abgesehen von der wenig substanziellen mexikanischen Hilfe – als einzige konsequent die Republik zu stützen versuchten. Sie taten es in nicht unerheblichem Maße, aber unter den gegebenen internationalen Umständen – Einmischung des nationalsozialistischen Deutschland und des faschistischen Italien auf Seiten Francos bei gleichzeitiger Isolation der Republik durch die Westmächte – war der Spanische Bürgerkrieg – ob nun als Abwehrkampf gegen den Faschismus oder als Teil einer Revolution – nicht zu gewinnen. Letztlich stand die UdSSR auf der Seite jener politischen Kräfte in Spanien, die eine demokratische Verfassung und eine emanzipatorische Entwicklung der Gesellschaft anstrebten, auch wenn die revolutionären Versuche von Teilen der republikanischen Linken nicht in das sowjetische Konzept passten. Dieser Aspekt verblasst jedoch vor den unerhörten Ereignissen in der Sowjetunion, die mit dem Einsatz für die Republik verbunden waren, den erklärten Zielen schadeten und sich damit jeglicher politischen Rationalität entzogen. (S. 367)     Natalija Mussijenko, Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau. 1924-1938. Aus dem Russischen übersetzt von Nina Letnewa, Stuttgart, Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung, 2005. 484 p. (Reformpädagogik im Exil. Neue Folge der Schriftenreihe „Pädagogische Beispiele“. Dokumentationen zur Realgeschichte von Erziehung und Bildung vor und nach 1933, Band 10).  Rezension von Klaus Schilde, Siegen.   Es ist ein ungewöhnliches Buch über eine ungewöhnliche Schule – behauptet die Herausgeberin der Reihe ‘Reformpädagogik im Exil’ Hildegard Feidel-Mertz – und hat recht. Von 1924 bis 1938 gibt es in Moskau eine deutsche Schule, deren Geschichte von Natalija Mussijenko und Alexander Vatlin erforscht worden ist. Diese Bildungsstätte ist ein besonderes Erlebnis für alle gewesen, die mit ihr in Berührung gekommen sind. Unter anderem haben später bedeutende DDR-Politiker dort die Schulbank gedrückt, wie Werner Eberlein, Peter Florin, Markus und Konrad Wolf. Seit 1985 befaßt sich die damalige Russischlehrerin Mussijenko – zu dieser Zeit war sie Leiterin des Klubs der Internationalen Freundschaft in der Botschaftsschule der DDR – mit der Geschichte der KarlLiebknecht-Schule. 1989 organisiert sie ein Treffen der ehemaligen Schüler und Schülerinnen in dem früheren Schulgebäude. Sie bekommt Zugang zu persönlichen Unterlagen und beginnt mit der Rekonstruktion der Schulgeschichte. 1996 werden die Forschungsergebnisse in der Ausstellung „Schule unserer Träume“ dargestellt. Ihr werden weitere Materialien bekannt, die sie zunächst noch allein auswertet, bis sich der Historiker Vatlin einschaltet, mit dem sie nun dieses Buch geschrieben hat. Es basiert auf den Erinnerungen der ehemaligen Schüler und Schülerinnen, veröffentlichten Erinnerungen – z.B. von Wolfgang Leonhard, Mischket Liebermann, Henry-Ralph Lewenstein – sowie Zeitungsartikeln und Dokumentarfilmen. Aus dem Privatarchiv von Mussijenko stammen Schulhefte, Schülertagebücher, Zeugnisse, Klassenarbeiten, Lehrbücher und Fotos von Ehemaligen. Weitere Unterlagen wurden in einschlägigen Archiven aufgefunden. Daraus ist ein Buch „über das Werden und den Niedergang der deutschen Schule im Kontext der radikalen Umbildungen in der Sowjetunion der zwanziger und dreißiger Jahre“ (S. 19) entstanden. Den durchgehenden Faden bilden die „Schicksale von Menschen“ aus dieser Schule. Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: die historische Darstellung und die Dokumentation zur Geschichte und pädagogischen Praxis der Schule. Der Abriss der Entwicklung besteht aus vier Kapiteln: Zunächst werden Gründung und Anfangsjahre (1924-1930) vorgestellt. In diesem Zusammenhang sind Ausführungen zur langen Tradition des Schulwesens der nationalen Minderheiten bemerkenswert, hier speziell der Rußlanddeutschen, nach ihren Ansiedlungsgebieten auch Wolgadeutsche oder Moskau-Deutsche genannt. Die damalige liberale sowjetische Minoritätenpolitik bildete eine Chance zur Gründung der „Deutschen Arbeitsschule Erster Stufe Nr. 37 des Sokolniki-Bezirks“ – so der offizielle Name. Einige ihrer wichtigen Lehrer und Lehrerinnen stammen aus schulreformerischen Kreisen in Deutschland und bringen Erfahrungen als praktizierende Reformpädagogen mit. Die Schule hat Attraktivität mit der Folge, daß in vielen Klassen Kinder aus Familien von Mitgliedern der KPdSU(b) oder ausländischer kommunistischer Parteien lernen. Dies hatte einen zeitweise elitären Charakter der Schule zur Folge. Im zweiten Abschnitt wird auf die Schule im „großen Umschwung“ (1930-1934) und im darauf folgenden auf den letzten Aufschwung mit dem tragischen Ende eingegangen (1934-1938). In diesen Jahren bekommt die anfänglich wesentlich an den Bedürfnissen der russlanddeutschen Minderheit orientierte Schule durch den Zustrom von Arbeits- und ab 1933 vor allem Politemigranten einen deutlichen internationalen Charakter. 1932 wird sie mit dem Namen „KarlLiebknecht-Schule“ ausgezeichnet – als Kurzform des vollständigen Namens „Deutsche Polytechnische Arbeitsschule ‘Karl Liebknecht’“.  Schule, Schüler und Schülerinnen wie Lehrer und Lehrerinnen geraten in den Großen Terror. Die Kampagne des „Kampfes für die Erhöhung der Wachsamkeit und Entlarvung von Schädlingen und feindlichen Agenten“ (S. 155) zeigt auch in dieser Bildungseinrichtung ihre Auswirkungen: Einige Eltern beschweren sich, daß eine Stalin-Rede zu wenig durchgearbeitet wird, andere Eltern, die den Wandel der politischen Konjunktur durchschauten, schicken ihre Kinder in sowjetische Schulen. Es kommt zu absurden Vorwürfen und „aufgedeckten Verschwörungen“ mit der Folge von Verhaftungen, Selbstmorden usw. Dieser Entwicklung entsprechend bilden die „Schicksale“ von Lernenden und Lehrenden nach der Schulschließung das letzte Kapitel des ersten Teils, woran sich der Epilog „Die Schule lebt im Gefühl und Gedächtnis fort“ anschließt. Abgerundet wird die Darstellung mit dem Abdruck von fast fünfzig Abbildungen aus dem Leben der Schule. Sie bildet mit rund 200 Seiten ungefähr die Hälfte des Buches.  Der Anhang enthält Kurzbiographien der ausländischen Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter/innen, eine Liste der sowjetischen Lehrkräfte und Mitarbeiter/innen sowie Gedenklisten der Opfer der stalinistischen Repressionen unter den Schüler/innen und der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen. Der zweite Hauptteil enthält eindrucksvolle Dokumente zur Schulgeschichte und pädagogischen Praxis sowie „Dokumente der Erinnerung“ der ehemaligen Schüler und Schülerinnen. Die anschauliche Darstellung der historischen Entwicklung – viel zu bescheiden als „ausführlicher Kommentar zu den veröffentlichten Dokumenten“ (S. 20) bezeichnet – sowie die Dokumente selbst zeigen, daß die Schüler und Schülerinnen teilweise bis in ihr hohes Alter die KarlLiebknecht-Schule trotz schwierigster Verhältnisse als eine „Schule der Träume“ empfinden. Dies hat nicht zuletzt an den politisch engagierten Pädagoginnen und Pädagogen gelegen, die versucht haben, eine kindgerechte Schule zu verwirklichen.     Kurt Schilde and Dagmar Schulte (eds.), Need and Care – Glimpses into the Beginnings of Eastern Europe’s Professional Welfare (Opladen/Bloomfield Hills: Barbara Budrich Publishers, 2005). Reviewed by Mathieu Denis, Berlin.   This interesting book is the result of the research project „History of social Work in Eastern Europe (1900-1960)“, the first initiative by the international „Network for Historical Studies on Gender and Social Work in Europe“, which lasted from 2003 to 2005. It is the outcome of an important collaboration between research teams of two to five members from no less than eight countries (Bulgaria, Croatia, Hungary, Latvia, Poland, Romania, Russia and Slovenia). The case studies published here are based on extensive research in local archives and interviews. The book is divided into four sections. The first section sketches the biography and work of female social work pioneers. Borbála Juhász presents the biographies of Katalin Gerö (1853-1944), who directed the Jewish Orphanage for girls in Budapest from 1898 until her death, and Ilona Földy (1907-1981), director of the Kozma Street Settlement in Budapest. Portraits of female organisers who initiated the professionalisation of social care in Poland during the interwar years, are presented in the essay by Agnieszka Malek and Izabela Szczepaniak-Wiecha. Kristina Popova recalls the life story of Rayna Petkova, and reveals in the process some important keys to the professionalisation of social work relating to children’s and juvenile relief and criminality prevention in Bulgaria. Petkova had been influenced by the German systems, observed during her studies in Berlin in the late years of the Weimar Republic. She was also a fervent admirer of nationalsocialist ideas which she contributed to introduce in Bulgaria. Finally, the life of the Croatian Tatjana Marinić (1897-1966), one of the founders of the university courses in social work in Zagreb, is presented by Meltita Richter. The second part discusses certain fields of social work in Russia and Hungary. The article by Yulia Gradskova achieves to grant some new insights into a classical topic of the social history of Soviet Russia, the difficulties of working class women in bringing together full-time employment and their responsibility in the private sphere. Gradskova does this by concentrating on the activities and daily routine of nurseries in Soviet cities from 1930 to 1960. The gaps between the discourse of the state and the life of citizens, and how social work institutions try to fill them, appear also in the case study by Elena Iarskaia-Smirnova and Pavel Romanov about the children’s home „Krasnyi gorodok“ (Red small town). A similar study for the Kozma-Street Settlement, by Dorottya Szikra and Eszter Varsa, analyzes the differentiation (based on gender, class, and ethnicity) in the practice of social work in Hungary between 1935 and 1945. The third part addresses aspects of the interrelations between social policies and social movements in Bulgaria, Slovenia, Latvia, Poland and Hungary. Milena Angelova sheds some light on the interrelations between private welfare activities and the growing responsibility of the state in her study of the fight against tuberculosis between 1908 and 1948. Vesna Leskošek recalls the importance of the feminist movement for the development of social work in Slovenia in the period preceeding World War II. The different self-help organizations of the Latvian Jewish community between 1900 and 1940 are the object of the contribution by Juris Osis and Liesma Ose. The consequences of legislation and demographic evolutions on the Latvian Jewish minority are observed in two cities. Izabela Szczeopaniak-Wiecha, Agnieszka Malek and Krystyna Slany oberve the system of abandoned child care in Poland, focussing on the foster family as the oldest form of care for deprived children. Eszter Varsa analyses the ethnic differentiations operated by the first maternity leave regulation in Hungary, between 1960 and 1980.  The fourth part recalls the history of the professionalisation of social work in Romania and Slovenia. The development of the vocational training systems for nurses and midwives, in interwar Romania, is recalled and analyzed by Silvana Rachieru. She underlines the particular significance of the establishment of the „Principesa Ilena Superior School for Social Assistance“ in 1929. Finally, the history of Slovenian vocational training from 1940 and 1960 is the object of the last essay of this section. Darja Zaviršek shows how the state played a crucial role, considering social workers as necessary, albeit transitional, for the construction of the „socialist society“. In the final essay of the book, co-editor Dagmar Schulte synthesises the similarities and differences in the foundation, the professionalisation, the main targets, the daily routine and the specificities of social work in these countries.  The unconventional time period adopted by the initiators and researchers of this project, refusing the secure political periodizations to the benefit of less definite boundaries, is crucial in making many of the essays published here important contributions for the study of European professional welfare. They are a salutary effort to enlighten an unknown field of comparative social historical research on the eastern bloc but also to stress the important continuities with pre-war years developments in these countries, without silencing the discontinuities. „Need and Care“ offers some useful tools in the writing of a contemporary social history of Western and Eastern Europe. Section VI:  Meetings, Conferences and Events Concerning Communist Studies.   PAST MEETINGS AND CONFERENCES 2005.   •   Recklinghausen, Germany, 21 – 24 February 2005: Transformation der Erinnerungskulturen, Forschungsinstitut Arbeit Bildung Partizipation, Recklinghausen and Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin.  •   Marburg, Germany, 24 – 25 February 2005: Zeitgeschichte Osteuropas von den Jahren des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart. Kolloquium des Verbandes der Osteuropahistoriker/innen Deutschlands und des Herder-Instituts Marburg. •   Berlin, Germany, 17 March 2005: Offene Akten. 15 Jahre Auseinandersetzung mit den DDR-Archiven, Landesvertretung Baden-Würtemberg. •   Swansea, United Kingdom, 31 March - 2 April 2005: The Rethinking of the Social Democracy - Conference 2: The Political Economy of Social Democracy: Past, Present and Future, University of Wales, Swansea.  •   Santa Barbara, California, 29 – 30 April, 2005: The Cold War and its Contexts. Graduate student conference, University of California, Santa Barbara, the George Washington Cold War Group (GWCW), and the London School of Economics and Political Science (LSE), Cold War Studies Centre (CWSC). http://www.history.ucsb.edu/projects/ccws/ •   Madrid, Spain. 5 – 7 May: Jornadas sobre ‘Políticas de Alianza y Estrategias unitarias en la história del PCE“. Fundación de Investigaciones Marxistas. Sección de Historia. •   Youngstone, Ohio, 18 – 21 May, 2005: New Working Class Studies: Past, Present and Future. The 10th Aniversary Conference of the Center for Working-Class Studies. Youngstown State University. •   Munich, Germany, 31 May, 2005: Russische Föderation zwischen Siegesmythos und Moderni-sierung. Der Krieg ist aus. Diskussionsreihe mit Memorial u.a. www.ruth-dieckmann.de. • Berlin, Germany, 10 June 2005: IV. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Wege aus der Katastrophe – Debatten über ein Nachkriegsdeutschland. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. •   Mons, Belgium, until 11 September 2005: Exposition: L’anarchisme à la UNE.  MUNDANEUM, Centre d’archives de la Communauté française. •   Warsaw, Poland, 16 –18 June 2005: The Communist Security Apparatus in East Central Europe 1944/ 1945 to 1989. International Conference. Institute of National Remembrance – Commission for the Prosecution of Crimes against the Polish Nation (IPN). www.ipn.gov.pl/conference2005. •   Berlin, Germany, 15 July 2005: Bilder der Deutschen im sowjetischen und russischen Film, Rus-sisches Haus der Wissenschaft und Kultur. www.russisches-haus.de. •   Berlin, 25 – 30 July 2005: Europe – Our Common House. VII World Congress of ICCEES, In-ternational Council for Central and East European Studies, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde. Haus der Kulturen der Welt, Humboldt-Universität.  http://www.iccees2005.de/information.html.  •   Linz, Austria, S15 – 18 September 2005: Labour Biographies and Prosopography, 41th Linz Conference. http://www.ith.or.at/konf_e/ueberblick_2006_e.htm •   Moscow, Russia, 1 October - 30 November 2005: The Russian Revolution of 1905: Impact, Ef-fects, ‘Shock Waves’. International Conference organised by the French-Russian Centre for Social Sciences (Moscow), Pedagogical University of the City of Moscow, Institute of World History (Russian Academy of Sciences, Moscow), Geneva University (Switzerland), Center for the Studies in Russian, Soviet and post-Soviet World (Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris). http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=144402 •   Leipzig, Germany, 9 October 2005: Symposium Widerstand und Opposition als Kern eines eu-ropäischen Geschichtsbildes (Veranstaltungsreihe Zeit-Fragen), Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (ZFL). Kontakt: hoser@hdg.de/zfl.de. •   Moscow, Russia: 13 - 15 October 2005. 1905, une révolution oubliée, sa portée, ses effets. Cen-tre franco russe en sciences sociales et humaines à Moscou, Centre des études des Mondes Russe, Caucasien et Centre-Européen à l’Ecole des Hautes études en sciences sociales, Faculté des lettres de l’Université de Genève, Institut européen de l’Université de Genève, Institut d’histoire universelle de l’Académie des Sciences de Russie. •   Detroit, USA, 20 – 22 October, 2005: Twenty-Seventh Annual North American Labor History Conference - „Labor, Solidarity and Organizations“Wayne State University. Professor Janine Lanza, Coordinator, Department of History. ao1605@wayne.edu Source: Labnet •   Bruxelles, Belgium, 21 - 22 October 2005: Journées d’Etudes internationales. Presse commu-niste, presse radicale (1919-2000). Rôle, organisation et perspectives.  José Gotovitch, Directeur du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches, Université Libre de Bruxelles. •   Weimar, Germany, 21 – 22 October 2005: Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungs-kultur. Eine Zwischenbilanz in vergleichender Perspektive. 4. Internationales Symposium der Stiftung Ettersberg in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Kontakt: Daniela Ruge, ruge@stiftung-ettersberg.de. •   Columbia, Maryland, 27 – 28 October, 2005: 2005 Symposium on Cryptologic History, Johns Hopkins Applied Physics Lab, Kossiakoff Center. http://www.nsa.gov/cch/cch00019.cfm • Moskau, 28 – 30 October 2005: Workshop Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Deutschrussische Erfahrungen und Perspektiven, Moskauer Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der modernen Geschichte Deutschlands, Bayerische Landeszentrale für politische Bildung, Deutsches Historisches Institut Moskau, Forschungsverbund SED, Berlin. Kontakt: Alexander Vatlin, Lomonossow Universität, E-Mail: vatlin_alex@mtu-net.ru. •   Weimar, 3 – 6 November 2005: Internationale und Interdisziplinäre DDR-Forschertagung. Akademie Rosenhof Weimar, Bundeszentrale für politische Bildung, Stiftung Aufarbeitung Contact: prof.dr.dr.heinertimmermann@t-online.de. •   Delhi, India, 10 - 12 November 2005: Towards Global Labour History. New comparisons. Workshop organized by the Association of Indian Labour Historians, Sephis, and the International Institute of Social History. http://www.indialabourarchives.org/ailh05.htm •   Potsdam, Germany, 10 – 11 November 2005: 9. Potsdamer Kolloquium zur Außen- und Deutschlandpolitik: „30 Jahre Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Rolle beider deutscher Staaten“, Verein Helle Panke, Rosa-Luxemburg-Stiftung Branden- burg, Vereinigung für Internationale Politik und Völkerrecht. Contact: Detlef Nakath, detlef.nakath@web.de. •   Genève, Switzerland, 10 – 12 November, 2005: „Mythes, réseaux, milieux, formes et cultures de l’anticommunisme en Suisse des origines à nos jours”. Universités de Fribourg, Genève, Lausanne. Comité d’organisation: Michel Caillat, Mauro Cerutti, J. – F. Fayet, Stéphanie Roulin. mauro.cerutti@smile.ch. •   Lyon, France, 18 November 2005: Conference Praxis der kulturellen Produktion in der DDR. Deutschland-Zentrum (CIERA) an der Universität Lyon 2. Contact: Prof. Dr. Jacques Poumet, CIERA, E-Mail: Jacques.Poumet@univ-lyon2.fr.  •   Berlin, Germany, 1 – 3 December 2005: Zwischen Nostalgie, Amnesie und Allergie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa. Ulf Brunnbauer, Osteuropa-Institut, FU Berlin; Stefan Troebst, GWZO, Leipzig. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=979&view=print. •   Eichstätt, Germany, 2 December, 2005: Verwandte Gegner? Der Stalinismus und der National-sozialismus im Spiegel des Romans Leben und Schicksal von Wassilij Grossman.  Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, TU Dresden (Leonid Luks, Alexei Rybakov). http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1023&view • Berlin, Germany, 2 - 3 December 2005: Rethinking Labour from a Global Perspective. A conference hosted by the Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. http://www.iisg.nl/news/rethinkinglabour.php.   Meetings, Conferences and events 2006. •  Nottingham, United Kingdom, 3 - 5 January 2006: Study Group on the Russian Revolution 32nd conference. http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html#XXXII. •  London, United Kingdom, 4 February, 2006: Conference on 1956: The year of Khruschev’s se-cret speech, the year of the Russian invasion of Hungary and the Anglo-French invasion of Suez. Socialist Historians Group. conference2006@londonsocialisthistorians.org. •  Dresden, Germany, 7 – 9 February 2006: Konferenz Totalitarismus und Literatur. Über Rolle und Funktion von Literatur in totalitären Systemen. Veranstalter: Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung www.stiftung-aufarbeitung.de. •  Amsterdam and Leiden, The Netherlands, 9 - 11 February 2006: Maoist Insurgencies in Asia and Latin America, Workshop organized by International Institute of Asian Studies, Leiden & International Institute of Social History, Amsterdam and Leiden. www.iisg.nl/news/maoist.php. •  Berlin, 22 – 24 February 2006: .hist 2006. Geschichte im Netz, Praxis, Chancen. Visionen. Ta-gung des Kooperationsverbundes Clio-online an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. http://www.clio-online.de/hist2006/ • Bergamo, Italy, 3 - 4 March 2006: Madeleine Rébérioux et l’histoire sociale entre la France et l’Italie. Seminaire à l’hommage de Madeleine Rébérioux (1920-2005), Université de Bergamo. http://www.ialhi.org/news/i0602_7.html •  Berlin, 3 – 4 March 20006: Rosa Luxemburg und die Diskussionen der Linken in der Gegen-wart. Internationale Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin. Kontakt: Dr. Wolfgang Bey, Tel: 030 44310161. http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=10933&type=0 •  Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006: Workshop zum 90. Geburtstag von Theodor Berg-mann. Contact: Dr. Florian Weis, Tel:030 - 44310 164 •  The Hague, The Netherlands, 22 - 25 March 2006: European Social Science History Confer-ence, International Institute of Social History. www.iisg.nl/esshc. Some panels concerning communist studies: •  Leipzig, Germany, 24 – 25 March 2006: Linke Utopien - die Zukunft denken. Das Krisenjahr 1956. VI. Rosa-Luxemburg-Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. •  Mona, Jamaica, 31 March 2006: Society, Culture and Politics, 7th Symposium of the The Social History Project, University of the West Indies, Mona, Jamaica.  http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=146705 •  Urbana Illinois, USA, 7 - 8 April 2006: Boundaries of Democracy: Civil Rights, Grass Roots Poli-tics, and Spaces of Resistance. The 2006 Midwest Labor and Working Class History Colloquium. The University of Illinois, Urbana-Champaign. http://www.iisg.nl/~w3vl/conference_4388.html • Coimbra, Portugal, 27 – 29 April 2006: O artista como intelectual. No centenário de Fernando Lopes-Graça, Congresso Internacional, Centro de Estudos Interdisciplinares do Século XX da Universidade de Coimbra, Grupo de Investigação sobre Correntes Artísticas e Movimentos Intelectuais. • Keele, United Kingdom, 6 May 2006: The History of Strikes, Lock-Outs and General Strikes. Society for the Study of Labour History and Historical Studies in Industrial Relations, Keele University, Staffordshire. Contact: J.E.Murden@liverpool.ac.uk. •  Aix-en-Provence, France, 30 – 31 May, 2006: International Conference Labour and Organisa-tion: Research combining History and Ethnography. Maison mediterraneenne des sciences de l’Homme e.a. Organising Committee: Anne-Marie Arborio, Université de Provence/LEST, Yves Cohen, EHESS/CRH, Pierre Fournier, Université de Provence, LAMES, Nicolas Hatzfeld, Universite du Val d’Essonne/ IDHE, Cedric Lomba, CNRS/CSU.  Contact: pierre.fournier@up.univ-aix.fr; arborio@up.univ-aix.fr  http://www.mmsh.univ-aix.fr/lames/ index.htm. •  Berlin, Germany, 30 – 31 May 2006: V. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Das Kolloquium will anlässlich des 70. Jahrestages des Höhepunktes der Volksfrontpolitik 1936 nach den Chancen und den bis in die Gegenwart reichenden Fernwirkungen dieser Politik fragen. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Helle Panke e.V. Contact: Dr. Cornelia Domaschke, Tel: 030 44310 151, Fax: 030 44310 222. •  Bristol, United Kingdom, 17 – 19 July 2006: La Guerre sans limite. L’Espagne de 1936 à 1939 et au delà. Group for War and Culture Studies (GWACS), Universities of Westminster and Bristol. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4236&view=print. •  Johannesburg, South Africa, 28 – 31 July 2006: Conference: Rethinking Worlds of Labour. South-ern African labour history in international context. History Workshop, University of Witwatersrand. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5042&count=301&recno=9&sortz=datum &order=down •  Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006, Clara Zetkin Waldheim. Symposium zum 90. Ge-burtstag von Theodor Bergmann.  •  Kochel am See, Germany, 08.09.2006-10.09.2006: Workshop Historische Spanienforschung. Veranstalter: Martin Baumeister (München), Walther L. Bernecker (Nürnberg), Christian Windler (Bern). http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4450&view=print •  Zürich, Switzerland, 6 – 9 September, 2006: IALHI’s XXXVII Conference, International Association of Labour History Associations. Schweizerisches Sozialarchiv. http://www.ialhi.org/iconf.html#37 • Linz, Austria, 14 - 17 September 2006: 42. International Conference of Labour and Social History, ArbeiterInnenbewegung und Rechtsextremismus/ Labour and right-wing extremism/ Mouvement ouvrier et extrême droite. Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH). Coordination: Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Berlin, Dr. Thomas Hellmut, Institut für Zeitgeschichte, Univ. Linz, Univ.-Doz. Dr. Paul Pasteur, CERA, Université de Haute Normandie, Rouen, Prof. Dr. Michael Schneider, Friedrich Ebert-Stiftung Bonn. http://www.ith.or.at/konf_e/ueberblick_2006_e.htm •  Konstanz, Germany, 19 – 22 September 2006: Deutscher Historikertag, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD). www.historikertag.de Interesting Panels for Communist Studies (Sektionen Neue Geschichte): Interesting panels: •  3. Der Krieg um die Bilder 1941-2005: Mediale Darstellungen des „Großen Vaterländischen Krieges“ der Sowjetunion. Panel: Beate Fieseler (Bochum). •  20. Bild, Konsum und Kosmos. Inszenierungen modernen Lebens in der sowjetischen visuellen Kultur der Sechzigerjahre. Panel: Monica Rüthers (Basel), Carmen Scheide (Basel). •  Paris, France, 6 - 7 October 2006: Les socialistes et le mariage. Socialisme et sexualité. Conference at the Laboratoire de Démographie historique de l’Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS -Paris). •  Colorado Springs, Colorado, USA, 12 - 15 October 2006: Society for Utopian Studies 31st An-nual Conference. http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=148542. •  Cambdrige MA, USA, 19 - 22 October 2006: International History and Legacy of the Gulag Conference. Davis Center for Russian and Eurasian Studies at Harvard University.  http://www.ialhi.org/news/i0508_08.html •  Wellington, New Zealand, 4 - 5 November 2006: Seminar New Zealand’s involvement in the Spanish Civil War. The Trade Union History Project, with support of the History Department, Victoria, University, and the NZ Film Archive. Coordinator, Mark Derby,  markderby@paradise.net.nz. •  Bad Wiessee, Germany, 23 – 26 November 2006: Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts. Jahrestagung des Herder Forschungsrates und des Collegium Carolinum. http://hsozkult.geschichte.huberlin.de/termine/id=4962&view=print  •  Madrid, 27 – 29 November 2006: International Confernce on the Spanish Civil War. The State Society for Cultural Commemorations, assigned to the Spanish Ministry of  Culture. Coordination: Prof. Santos Julià. Coordinadora técnica: Rosario González Martinez, Sociedad Estatal de Conmemoraciones Culturales. rgonzalez@secc.es.  http://www.congresoguerracivil.es •  Leuven, Belgium, 7 - 8 December 2006: Solidarity? Western Trade Unions and Solidarnosc. Co-ordination: Idesbald Goddeeris, Idesbald.Goddeeris@arts.kuleuven.ac.be. •  Bochum, Germany, 25 – 27 January 2007: Approaching European History from Southeast European Perspectives. Comparing Social Movements and Social Change in the 19th and 20th Centuries. Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. Contact: sabine.rutar@ruhr-uni-bochum.de.  http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4185&view=print     MORE INFORMATION AND LINKS TO THE FOLLOWING EVENTS MAY BE CONSULTED THROUGH SPECIFIC WEBSITES, AS FOR EXAMPLE:    •  Agenda Asia (http://www.iias.nl/gateway/news/agasia/). A database of Asian Studies confer-ences, workshops and seminars.  •  Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements.  •  H-Net Academic Announcements (http://www2.hnet.msu.edu /announce/). Academic confer-ences, calls for papers, programs and others announcements in the humanities and social sciences. *  History Conferences Worldwide From Conference Alerts *  News and Events List of upcoming events organized or co-organized by the International Insti-tute of Social History •  www.virtual library.labour history.   Section VII:  The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2005. Compiled by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert. Argentina •  Del Campo, Hugo: Sindicalismo y peronismo. Los comienzos de un vínculo perdurable, Buenos Aires, Siglo XXI, 2005. •  Bisso, Andrés: Acción Argentina. Un antifascismo nacional en tiempos de guerra mundial, Bue-nos Aires, Prometeo Libros, 2005. •  Petruccelli, Ariel: Docentes y Piqueteros. De la huelga de ATEN a la pueblada de Cutral-Có, Buenos Aires, El cielo por asalto, 2005.   Austria •  Mueller, Wolfgang: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945 - 1955 und ihre politische Mission, Wien e.a., Böhlau , 2005. 300 p.   Australia •  Overell, Richard (ed.): Communism. Highlights from the Monash University Rare Books collec-tion. 16 March 2005 - 27 May 2005. Exhibition and catalogue by Richard Overell, [Clayton, Vic.], Monash University Library, [2005]. 59 p.   Belgium Blaive, Muriel: Une déstalinisation manquée. Tchécoslovaquie 1956. Préf. de Krzysztof Pomian, Bruxelles, Complexe, 2005. 281 p.   Brasil •  Leal, Murilo: A esquerda da esquerda : trotskistas, comunistas e populistas no Brasil contempo-raneo (1952-1966), São Paulo, Paz e Terra, [2004]. •  Del Roio, Marcos: Os prismas de Gramsci. A fórmula política da frente única, 1919-1926, São Paulo, Xamo, 2005. 199 p. •  Aarуo Reis Filho, Daniel; Ferreira de Sá: Imagens da revolução. Documentos políticos das organizações clandestinas de esquerda dos anos 1961-1971, 2. ed., São Paulo, Expressão Popular, 2006. 464 p. (Assim lutam os povos). •  Ferreira, Roberto Martins: Organização e poder. Análise do discurso anticomunista do Exército Brasileiro, São Paulo, Annablume, 2005. 197 p. •  Waack, William: Camaradas nos arquivos de Moscou. A história secreta da revolução brasileira de 1935, 5. reimpr., São Paulo, Companhia das Letras, 2005. 381 p.   Bulgaria  •  Revjakina, Luisa e.a. (eds.): Kominternut i Bulgarija. Mart 1919 - septemvri 1944 g., 2 vols., Sofi-ja, Glavno upravlenie na archivite pri ministerskija suvet na Republika Bulgarija, 2005.   Canada •  Gill, Louis: George Orwell. De la guerre civile espagnole à 1984, Montréal, Lux, 2005. 180 p. Czech Republic •  Cabada, Ladislav: Komunismus, levicová kultura a česká politika 1890-1938, Plzen, Vydavatelství a nakladatelství Aleš Čeně]k, 2005. •  Černý, Josef: Za dráty komunismu. 5 291 dnů na Borech, v Leopoldove, na Mírove, ve Valdicích, Praha, Litomyšl, 2005. •  Fischer, J. L.: Krise demokra cie,Vyd. Univerzita Karlova, Praha, Karolinum, 2005. 361 p. •  Kárník, Zdeněk; Kopeček, Michal (eds.): Bolševismus, komunismus a radikální socialismus v Československu, Praha, Dokořán, 2005. •  Kolman, Arnošt: Zaslepená generace. Paměti starého bolševika, Brno, Host, 2005. •  Mrklas, Ladislav (ed.): 15 let poté. Sborník k patnáctému výročí pádu komunismu v zemích střední a východní Evropy. 2. vyd., Praha, CEVRO, Liberálno konzervativní akademie, 2005. 184 p.   Denmark •  Gatu, Dagfinn: Village China at war. The impact of resistance to Japan. 1937-1945, Copenha-gen, NIAS, 2005. 528 p. •  Wegener Friis, Thomas (ed.): DDR og Norden. østtysk-nordiske relationer 1949 – 1989, Odense, Syddansk Univ.-forl, 2005. 363 p. (University of Southern Denmark studies in history and social sciences. 277).   Estonia •  Liivik, Olev; Nugin, Raili: Eestimaa Kommunistliku Partei kohalikud organisatsioonid 1940 – 1991, Tallinn, Kistler-Ritso Eesti Sihtasutus, 2005. 403 p.   France •  Attali, Jacques: Karl Marx ou L’esprit du monde. Biographie, Paris, Fayard, 2005. 537 p.  •  Berlière, Jean-Marc; Liaigre, Franck: Le sang des communistes. Les bataillons de la jeunesse dans la lutte armée. Automne 1941, Paris, Fayard, 2004. 415 p. •  Bernard, Guy: Naissance et fin du communisme russe. De Lénine à Gorbatchev, Paris, Thélès, 2005. 447 p. •  Bloyet, Dominique; Sauvage, Jean-Pierre: La répression anticommuniste en Loire-Inférieure. 1939 – 1944, La Crèche, Geste Ed., 2005. 380 p. •  Buachidze, Gaston S.: Retour en URSS avec André Gide. Touches et retouches, Paris, Her-mann, 2005. VI + 224 p. •  Chambarlhac, V.; Dury, M.; T. Hohl; J. Malois (eds.): Histoire documentaire du Parti socialiste. Tome 1, L’entreprise socialiste, 1905-1920, Dijon, Éditions universitaires, 2005. 312 p. •  Chaton, Anne-James: L’effacé. Capitalisme et effacement dans les Manuscrits de 44 de Karl Marx, Paris, Sens & Tonka, 2005. 163 p. •  Courtois, Stéphane (ed.): Le jour se lève. L’héritage du totalitarisme en Europe 1953, Paris, Edi-tions du Rocher, 2005. •  Denis, Marcelle: Un couple d’enseignants communistes. 1936 – 1952, Paris e.a., L’Harmattan, 2005. 156 p. (Mémoires du XXe siècle). •  Dimitrov, Georgi: Journal 1933 – 1949. Version intégrale et annotée par Gael Moullec. Avec la collaboration de Jordan Baev, Tamara V. Domratcheva, Zoia K. Vodopianova. Traduction de l’allemand par Anne Castagnos-Sen, traduction du russe par Tatiana Zazerskaia, traduction du bulgare par Assia Stantcheva, Paris, Belin, 2005. 1505 p. •  Ishaghpour, Youssef: Marx à la chute du communisme. Disparition du politique et de l’intellectuel, Tours, Farrago, 2005. 40 p.  •  Le Bars, Loic: La fédération unitaire de l’enseignement. 1919-1935. Aux origines du syndica-lisme enseignant, Paris, Syllepse, 2005. •  Le Roy Ladurie, Emmanuel; Bourgeois, Guillaume (eds.): Ouverture, société, pouvoir. De l’édit de Nantes à la chute du communisme. Actes du colloque organisé par l’Association Annie Kriegel, le 24 octobre 2003, Paris, Fayard, 2005. 306 p. •  Lequenne, Michel: Le trotskisme. Une histoire sans fard, Paris, Syllepse, 2005. 353 p.  •  Mackenzie, Eduardo: Les FARC ou l’échec d’un communisme de combat. 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Living through the Soviet system, New Brunswick NJ, Transaction Publishers, 2005. •  Birdnow, Brian E.: Communism, anti-communism, and the federal courts in Missouri. 1952-1958. The trial of the St. Louis Five, Lewiston NY, E. Mellen Press, 2005. II + 227 p. •  Carleton, Gregory: Sexual revolution in Bolshevik Russia, Pittsburgh, University of Pittsburgh Press, 2005. X + 272 p. •  Considerant, Victor: Principles of socialism. Manifesto of nineteenth century democracy. Trans-lated by Joan Roelofs, Washington DC, Maisonneuve Press, 2005. •  Dahrendorf, Ralf: Reflections on the revolution in Europe. With a new introduction and post-script by the author. New Brunswick, N.J., Transaction Publishers, 2005. IX + 178 p. •  Estraikh, Gennady: In harness. Yiddish writers’ romance with communism, Syracuse NY, Syra-cuse University Press, 2005. XI + 242 p. •  Fortman, Erik Henry: Webs of power 2. American communism, 3rd parties & texas rebels, Aus-tin TX, Van Cleave Pub., 2005. •  Friedman, Edward: Revolution, resistance, and reform in village China, New Haven, Yale Uni-versity Press, 2005. •  Furet, François; Nolte, Ernst: Fascism and communism. Translated by Katherine Golsan, Lin-coln, University of Nebraska Press, 2005. 120 p. •  Gabel, Paul: And God created Lenin. Marxism vs. religion in Russia 1917-1929, Amherst NY, Prometheus Books, 2005. 627 p. •  Gottfried, Paul: The strange death of Marxism. The European left in the new millennium, Co-lumbia MO, University of Missouri Press, 2005. IX + 154 p. •  Jenks, Andrew L.: Russia in a box. Art and identity in an age of revolution, DeKalb, Northern Illinois University Press, 2005. 264 p. •  Khlevniuk, Oleg V.: The History of the GULAG. From Collectivization to the Great Terror. Foreword by Robert Conquest.Translated by Vadim A. Staklo, New Haven, Yale University Press, 2004. xviii + 418 p. (Annals of Communism). •  Kolakowski, Leszek: Main currents of Marxism. The founders. The golden age. The breakdown, New York - London, W. W. Norton, 2005. XXVI + 1284 p. •  Lankov, Andrei Nikolaevich: Crisis in North Korea. The failure of De-Stalinization, Honolulu, University of Hawai Press, Center for Korean Studies, XV + 174 p. •  Levine, Alan J.: Stalin’s last war. Korea and the approach to World War III, Jefferson NC, McFarland & Company, 2005. •  Link, Theodore: Communism. A primary source analysis, New York, Rosen Pub. Group, 2005. 64 p.  •  Marcus, Anthony (ed.): Malcolm X and the Third American Revolution. The writings of George Breitman, Amherst, N.Y., Humanity Books, 2005. 412 p. •  Marcuse, Herbert: Heideggerian Marxism. Edited by Richard Wolin and John Abromeit, Lin-coln, University of Nebraska Press, 2005. XXX + 227 p. •  McMeekin, Sean: The red millionaire. A political biography of Willi Münzenberg. Moscow’s se-cret propaganda tsar in the West, New Haven, Yale University Press, 2005. VIII + 397 p. •  McNamara, Patrick H.: A Catholic Cold War. Edmund A. Walsh, S.J., and the politics of Ameri-can anticommunism, New York, Fordham University Press, 2005. XIX + 280 p. •  Naison, Mark: Communists in Harlem during the depression, Urbana, University of Illinois Press, 2005. XXI + 355 p. •  Platt, Kevin M.F.; Brandenberger, David (eds.): Epic revisionism. Russian history and literature as Stalinist propaganda, Madison, University of Wisconsin Press, 2005. •  Pollock, Ethan: Comrade scientist. Stalin and the Soviet Science Wars, Princeton, N.J., Prince-ton University Press, 2006. •  Redish, Martin H.: The logic of persecution. Free expression and the McCarthy era, Stanford CA, Stanford University Press, 2005. 300 p. •  Rodden, John: Textbook reds. Schoolbooks, ideology, and Eastern German identity, University Park PA, The Pennsylvania State University Press, 2005. •  Roll-Hansen, Nils: The Lysenko effect. The politics of science, Amherst NY, Humanity Books, 2005. 335 p. •  Rubenstein, Joshua; Gribanov, Alexander: The KGB file of Andrei Sakharov. With an introduc-tion by Joshua Rubenstein. Documents translated by Ella Shmulevich, Efrem Yankelebich and Alla Zeide, New Haven, Yale University Press, 2005. XXV + 397 p.  •  Rubenstein, Joshua; Naumov, Vladimire P. (eds.): Stalin’s secret pogrom. The postwar inquisi-tion of the Jewish Anti-Fascist Committee . Translated by Laura Ester Wolfson, New Haven CT, Yale University Press in association with the United States Holocaust Memorial Museum, 2005. •  Salucci, Ilario: A people’s history of Iraq. The Iraqi Communist party, Workers’ movements and the Left 1924-2004, Chicago, Haymarket Books, 2005. XV + 190 p. •  Scales, Junius Irving: Cause at heart. A former communist remembers. With a new foreword by Vernon Burton and James R. Barrett. Foreword to the original edition by Telford Taylor, Athens, University of Georgia Press, 2005. •  Sypnowich, Christine (ed.): The egalitarian conscience. Essays in honour of G. A. Cohen, New York, Oxford University Press, 2005. •  Thompson, Peter: The crisis of the German left. The PDS, stalinism and the global economy, New York, Berghahn Books, 2005, 136 p. (Monographs in German history. 13). •  Uchida, Hiroshi: Marx for the 21st century, New York NY, Routledge, 2005. •  Viola, Lynn e.a. (eds.): The war against the peasantry. 1927-1930. The tragedy of the Soviet country-side. Translated by Steven Shabad, New Haven CT, Yale University Press, 2005. XX + 427 p. Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Web-based electronic journals, Newsletters, Discussion lists, Bulletins and Services. Update 2006.       This directory listing 200 periodical publications with interest for communist studies aims to provide basic information about interesting periodical ressources for Communis Studies in a broad sense as central part of contemporary history including all periods, all regions and all fields. The directory allows You to go to the Internet portals and sites in order to browse the tables of contents of these serials. Suggestions for completing this directory are more than welcome. The main portals consulted are: • IALHI Serials Service (IAHLHI). http://serials.ialhi.org/ (This service covers 113 serials in the field of labour history and communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.ialhi.org/alerting_services.asp). Another site, Historical Journals (HJG). http://www.history-journals.de/, maintained by Sven Blascke is the most complete portal for all kind of historical journals indicating the respective home- or other pages for the tables of contents. In case the serial is not listed by the two services, the respective web-page is indicated.   American Communist History, Volume 4, Number 2/ December 2005: Table of Contents: „Some Specks on the Turtle’s Back: Introduction“; „A Peripheral Vision: Communist Historiography in Britain“ by John Mcilroy and Alan Campbell; „A Comment on the Historiography of Communism in Britain“ by Keith Laybourn; „Why Were They So Afraid of Communist Influence?“ by Mary Davis and John Foster; „Frissions of Familiarity“ by John Earl Haynes; „The Superterranean World of British Communist Historiography“ by James G. Ryan; „‘Who ARE these guys?!’ Politics, Passions, Peculiarities, and Polemics in the Historiography of British Communism“ by Bryan D. Palmer; „Some Problems of Communist History“ by John Mcilroy and Alan Campbell; „Open Archives and Open Minds: Traditionalists’ versus ‘Revisionists’ after Venona“ by Maurice Isserman; „Reflections of a Traditionalist Historian“ by Harvey Klehr; „Rejoinder“ by Maurice Isserman; „Response“ by Harvey Klehr; „Not Just Another Political Party“ by Arthur Eckstein; „The Communist Party’s Grassroots Labor and Political Activism Circa 1920 to 1960: Of North Carolina Tobacco Workers, Pennsylvania Anthracite Radicals and the Cold War“ by Victor G. Devinatz.   Volume 4 Number 1/June 2005 of American Communist History:  Soviet travel and the making of an american jewish communist: moissaye olgin’s trip to Russia in 1920?1921, Daniel Soyer; The CPUSA reports to the comintern: 1941 John Earl Haynes, Harvey Klehr; United States and Comparative Communist History Bibliography, 2004; Peter Meyer Filardo; Dear Comrade Foster: The Following is the Autobiographical (Personal, Political, Medical) History that I Promised?? Comradely, Claudia Jones (December 6, 1955); A brooklyn red youth: A memoir, Norman Nevins.     For the full update see: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2006. The basic list has been published in the online edition 2004.   Section IX:     Links-Links-Links. Websites with Interest for Communist Studies. Update 2005.      WWW Virtual Library Labour History. The largest and most international web portal concerning the subject.http://www.iisg.nl/~w3vl/index.html geschichte.transnational. Fachforum zur Geschichte des kulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt.http://geschichte-transnational.clioonline.netMemorial Moskau. Neu auf der Webside sind die Namenslisten und Adressen von seit den dreißiger Jahren erschossenen Einwohner Moskaus (Russen und Emigranten).http://www.memorial.ru/first.html www. Trotskyana.net. Administered by Wolfgang and Petra Lubitz. The most important scholarly webside on the History of Trotskysm.http://www.memorial.ru/first.html      The complete list will be published in: The International Newsletter of Communist Studies Online 2006.   Section X:       Miscellaneous, Personalia   PIERRE BROUÉ (1926-2005)   Am 26. Juli 2005 ist Pierre Broué in der Universitätsklinik von Grenoble gestorben. Er war Emeritus der dortigen Universität und vielleicht der „kompletteste“ Historiker (Wolfgang Lubitz) und Biograph der Geschichte des internationalen Kommunismus, der Revolutionsgeschichte und der internationalen Arbeiterbewegung, in jedem Fall einer der wichtigsten Historiker der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts (Louis Gill). Seine Werke waren prägend für Studentengenerationen, besonders in Frankreich und den romanischen Ländern: La Révolution et la guerre en Espagne (1961, mit Emile Témime – deutsch: Revolution und Krieg in Spanien, Suhrkamp 1968 - 5. Auflage 1987), Le Parti bolchevique. Histoire du Parti communiste de l’URSS (Minuit, 1963), Révolution en Allemagne 1917 – 1923 (Minuit, 1971, englisch Brill 2006),[11] Trotsky (Fayard, 1988, deutsch: ISP, 2003), Staline et la Révolution. Le cas espagnol (Fayard, 1993), Rakovsky ou la Révolution dans tous les pays (Fayard, 1996), Histoire de l’Internationale communiste 1919-1943 (Fayard, 1997) und Communistes contre Staline. Massacre d’une génération (Fayard, 2003).  Als Mitglied des Herausgeberboards hat er den International Newsletter und das Jahrbuch für historische Kommunismusforschung nach Kräften unterstützt. In zahlreichen Nachrufen, wie in Le Monde, Paris(28.7.2005), The Guardian, London (31.8.2005), Le Devoir, Montréal (30.8.2005), El País, Madrid (22.8.2005), wurde auf seine Leistungen hingewiesen. Angesichts der Fülle der Veröffentlichungen ist es nicht einfach, den Ertrag für die Historiographie zusammenzufassen. Broué verkörperte vielleicht als letzter den Typus des Generalisten in der internationalen Kommunismusforschung, er war nicht nur mit enzyklopädischem Wissen ausgestattet, sondern mit einer erstaunlichen Fähigkeit zur Analyse zeitgeschichtlicher Ereignisse und schwieriger historischer Zusammenhänge, ob es sich dabei um den Streik der asturischen Bergarbeiter im Jahre 1934, den sozialen Hintergrund nationaler Emanzipationsbewegungen in allen Teilen der Welt oder den Zusammenbruch des realen Sozialismus handelte. Bspw. widmete er dem Prager Frühling von 1968 ein Buch unter dem Titel „Der Frühling der Völker beginnt in Prag“ (Paris, 1969), genauso wie dem Sturz des Präsidenten Color de Melo in Brasilien. Ein Schlüsselereignis aus seiner Biographie kann als Grundverständnis zu seinem Werk dienen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs trat der 15-jährige Junge in seiner Heimat, der wunderschönen Ardèche, in die französische Résistance ein. 1944, während des Partisanenkampfes, wurde er aus der kommunistischen Jugendorganisation ausgeschlossen, weil er entsprechend seinem Verständnis des Internationalismus unter den deutschen Soldaten eine Agitations- und Überzeugungsarbeit durchführen wollte, statt sie zu Hauptfeinden zu machen. Seit dieser Zeit war er Mitglied der trotzkistischen Bewegung, die in seinen Augen die Kontinuität des Marxismus verkörperte.  Drei Grundorientierungen, die seine wissenschaftliche Arbeit prägten, sollen hier hervorgehoben werden. In der Kommunismusforschung kommt ihm – zumeist als Pionier – das Verdienst zu, Kontinuitätslinien und Bruchstellen des bürokratischen Autokratismus (Moshe Lewine) empirisch nachverfolgt und ausgearbeitet zu haben. Jahrzehnte, bevor diese Phänomene umfassend wahrgenommen wurden, legte er ein solides quellen- und ideologiekritisches Fundament der Stalinismuskritik. In seiner in über zehn Sprachen übersetzten Geschichte des Bürgerkriegs wird Spanien als Schauplatz des heroischen Kampfes vieler überzeugter Demokraten gegen die Regime Hitlers und Mussolinis und den menschenverachtenden, von der katholischen Kirche unterstützten Frankismus dargestellt, doch zugleich verfolgt Broué die bittere Spur des zweideutigen Stalinismus, der entscheidend zur Niederlage der Republik beitrug. Was Georges Orwell in seinem „Hommage to Catalunya“ nicht zuletzt als existenziellen Bruch literarisch überlieferte, arbeitete Broué im Sinne des Benjaminschen Postulats einer schonungslosen Aufdeckung der Dimension des inneren Verrats der Politik auf. Broué, der sich als marxistischer Historiker verstand, hat immer wieder, nach dem Vorbild der Revolutionsgeschichtsschreibung, vor allem Trotzkis Geschichte der Oktoberrevolution, historische Schlüsselereignisse in einen transnationalen Erklärungsrahmen gestellt und Veränderungen der politischen Strukturen auf die spontane Bewegungsgeschichte der Arbeiterbewegung und die handelnden Subjekte selbst zurückbezogen. Grundsätzlich wandte er sich damit gegen gängige Einschätzungen von Revolutionen als „Inkarnation des absoluten Bösen […], die aus den Verschwörungen subversiver Manipulatoren hervorgehen.“[12]  Neben der Geschichte der Sowjetunion, der er sich vor allem nach der Öffnung der Archive erneut widmete, galt seit seiner monumentalen Habilitationsschrift von 1971 (Révolution en Allemagne) Deutschland seine Hauptaufmerksamkeit. Gerade die deutsche Nachkriegskrise 1919 – 1923 bzw. das Scheitern der Revolution zugunsten des Aufstiegs des Nationalsozialismus sah er als Schnittpunkt des an Tragödien fürwahr nicht armen 20. Jahrhunderts, die sich in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion spiegeln. So kommt einem französischen Historiker das Verdienst zu, in der Nachfolge Arthur Rosenbergs den Widerspruch zwischen der langen Tradition der Arbeiterbewegung in Russland und Deutschland und der bürokratischen Praxis der Apparate derselben Arbeiterbewegung herausgearbeitet zu haben, die in Deutschland erfunden und in Russland zur Perfektion gebracht wurden. Weltweites Engagement für die Emanzipation von Unterdrückung und Ausbeutung auf der einen und bürokratische Praxis auf der anderen Seite, Rosa Luxemburg und Paul Levi auf der einen, Stalin und Mátyás Rákosi auf der anderen Seite setzen Marksteine für die Debatte über die deutsche und die europäische Revolution. Die Begriffe „Trotzkismus“ „Brandlerismus“, „Luxemburgismus“, „Sozialfaschismus“, „Renegaten-“ oder „Versöhnlertum“ erweisen sich als nonsens-Begriffe, die politische Geschichte als Ausgrenzung, Feindbildbeschwörung, Diffamierung und Kriminalisierung auffaßt. Die Arbeit Broués beinhaltete ebenfalls die Übersetzung, Annotierung und Veröffentlichung der Werke Trotzkis – gerade die späten Schriften sind trotz wichtiger, neuer Akzente – bisher international kaum rezipiert worden – die Herausgabe von 80 Ausgaben der Zeitschrift Cahiers Léon Trotsky, die Veröffentlichung einer Biographie von Trotzkis Sohn Lev Sedov und einer Reihe von Quellen- und Briefeditionen zur Geschichte der Komintern. Er zählte die von ihm verfaßten und herausgegebenen Bücher nicht mehr. In den letzten Lebensjahren hat Broué eine umfassende Geschichte der Komintern vorgelegt (normalerweise für sich selbst betrachtet bereits ein Lebenswerk), die unter Berücksichtigung Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und der europäischen Peripherien nicht zuletzt die Akteursebene rekonstruiert. Nur am Rande sei gesagt, daß hierzu die Entschlüsselung von über 20000 Pseudonymen erforderlich war. Broué arbeitete empirisch die Gründe für das Scheitern heraus: Trotz ihrer Stärke und ihres Charismas versagte die Komintern aufgrund der Unkenntnis und des Unverständnisses der sozialen Mechanismen der politischen Krisen in Europa, der unangemessenen Taktik, des Versagens gegenüber dem Faschismus und schließlich – zugespitzt - aufgrund der verächtlichen Geringschätzung, die ihr Stalin entgegenbrachte. Ich schließe mich dem Appell der Freunde Pierre Broués an, Wege zu finden, um das Werk in englischer und deutscher Sprache herauszubringen.  Broués Botschaft im Sinne eines bleibenden Legats kann darin gesehen werden, die Kontinuität eines alternativen oppositionellen, antiautokratischen linken Denkens und Handelns besonders auch in der Sowjetunion und dem von ihr beherrschten Imperium aufgezeigt und die Umrisse einer in der Tradition des Internationalismus vor dem Ersten Weltkrieg und dem frühen Bolschewismus verwurzelten alternativen Kultur rekonstruiert zu haben. Zugleich hat er damit einen methodischen Ausweg aus dem scheinbar übermächtigen Totalitarismusparadigma aufgezeigt, das zum Analyselabyrinth geworden ist, in das sich nicht zuletzt große Teile der Geschichtswissenschaft verfangen haben.  Für all das - und noch mehr, Danke.   Bernhard H. Bayerlein     Stipendien des Deutschen Historischen Instituts, Moskau: •                     Das DHI vergibt ein- bis sechsmonatige Stipendien für deutsche und russische Doktoranden und Habilitanden, die sich mit der Geschichte des jeweils anderen Landes oder den beiderseitigen Beziehungen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert befassen. Speziell für russische Dozenten der deutschen Geschichte sind Kurzstipendien zur Weiterbildung am Institut vorgesehen. Die ersten Stipendiaten haben ihre Studien am 1. September 2005 begonnen. Weitere Informationen unter: www.dhi-moskau.de   Isaac and Tamara Deutscher Memorial Price 2005: •                     Kevin Murphy, author of ‘Revolution and Counter Revolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory (see International Bibliography of Communist Studies) wins Deutscher Memorial Prize. „Kevin Murphy has written an important book. It steers a course between the prevailing historical orthodoxy that dismisses the Russian Revolution of October 1917 as a disastrous aberration and the so-called ‘revisionists’ who have portrayed Stalinism as a phenomenon with strong popular roots.“ Alex Callinicos, Professor of European Studies, King’s College London and member of Isaac and Tamara Deutscher Memorial Prize Committee.   [1]  Kädtler, Jürgen; Kottwitz, Gisela: Betriebsräte und Wende und Ende in der DDR. In: Berliner Arbeitshefte und Berichte zur sozialwissenschaftlichen Forschung 42 (Oktober 1990). Fuller, Linda: Where was the working class? Revolution in Eastern Germany, Urbana - Chigaco 1990. [2]  Kohli, Martin: Die DDR als Arbeitsgesellschaft? In: Kaelble, Hartmut e.a. (eds.): Sozialgeschichte der DDR. Stuttgart 1994, S. 31-61. Reichel, Thomas: Die durchherrschte Arbeitsgesellschaft. In: Hürtgen, Renate; Reichel, Thomas (eds.): Der Schein der Stabilität. DDRBetriebsalltag in der Ära Honecker, Berlin 2001, S. 85-110. [3]  Jeanett Madarász vertritt diesen Ansatz, in dem ihre Analyse der DDR-Gesellschaft 1987 endet als „das Land instabil wurde“. Vgl.: Conflict and compromise in East Germany. A precarious stability, Hound Mills 2003. [4]  Es geht um den zweitel Teil der Arbeit. Der erste Teil stellt die Lage der Interessenverteidigung der Arbeitnehmer in der BRD sowie in der DDR in den 1980er Jahren vor. Der dritte Teil, mit dem Titel „For this System, all our Men all our Money“, analysiert die Strategien der DGB-Gewerkschaften in 1989 - 1990, und die Rezeption dieser Strategien durch ostdeutsche Arbeitnehmer, Gewerkschafter und Oppositionelle. [5]  Van der Linden, Marcel; Lucassen, Jan: Prolegoma for a global labour history, Amsterdam, 1999. [6]  Kopfstein, Jeffrey: Does everyday resistance matter? Lessons from the two German dictatorships. In: McFalls, Laurence; Probst, Lothar (eds.): After the DDR: New Perspectives on the old GDR and the young Länder, Atlanta 2001, S. 97-108. [7]  Zatlin, Johannes: Hard Marks and Soft Revolutionaries: The Economics of Entitlement and the Debate on German Monetary Union, November 9, 1989 – March 18, 1990. In: German Politics and Society 33 (Herbst 1994), S. 57-84. [8]  Timmer, Karsten: Vom Aufbruch zum Umbruch, Göttingen 2000, S. 90-112. [9]  Dale, Gereth: Popular Protests in East Germany 1945-1989, London 2005, S. 177-185.  [10]  Die westdeutsche Gewerkschaftspresse veröffentlichte 1989-1990 zahlreiche umfassende Artikel zu diesem Phänomen. Vgl. ebenfalls die Dokumente und Beiträge in: Gehrke, Bernd; Hürtgen, Renate (eds.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989. Die unbekannte Seite der DDR-Revolution. Diskussion, Analysen, Dokumente, Berlin 2001. Roesler, Jörg: Die Eigentumsfrage in der Wende. In: Deutschland Archiv 35-5 (Mai 2002), S. 761-769. [11] Pierre Broué: The German Revolution, 1917-1923. Translated by John Archer. Edited by Ian Birchall and Brian Pearce. With an Introduction by Eric D. Weitz. Leiden, Brill, 2006. xxviii, 996 pp.  [12]  Pierre Broué: Der Oktober, der nicht stattfand. Ein Kommentar. In: Bernhard H. Bayerlein, Leonid G. Babičenko, Fridrich I. Firsov, Aleksandr Ju. Vatlin (eds.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin, Aufbau, 2003. S. 59-64, hier: S. 60.

JHK 2006

Ereignisse, die die kommunistische Welt erschütterten. Zum 50. Jahrestag des XX. Parteitags der KPdSU

Michail Prozumenščikov

Für jeden, der sich mit der Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung vertraut ist, weckt das Jahr 1956 mit dem XX. Parteitag Assoziationen an die Rede »Über den Personenkult und seine Folgen«, die der Erste Sekretär der KPdSU, Nikita Chruščev, auf einer geheimen Sitzung des Parteitags hielt.[1] Ungeachtet seiner ursprünglichen Geheimhaltung wurde der Auftritt Chruščevs sehr schnell bekannt und hatte – zuerst in der UdSSR und dann auf der ganzen Welt – die Wirkung einer explodierenden Bombe. Die Rede führte zu einer ernsthaften Krise innerhalb der KPdSU und zur Spaltung und Schwächung des Weltkommunismus. Damit wurde sie zu einem charakteristischen Wendepunkt bei der beginnenden Zersetzung des kommunistischen Wertesystems. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte nahm der Prozess der Entstalinisierung, der mit dem XX. Parteitag begonnen hatte, verschiedenartige Wendungen und entwickelte sich äußerst widersprüchlich und inkonsequent. Um die Rede über den Personenkult selbst gedieh eine Vielzahl von Mythen und Legenden. Der Personenkult tauchte als Thema faktisch sofort nach Stalins Tod auf. Doch waren dem Thema zwei spezifische Charakteristika eigen. Erstens besetzten der Begriff »Personenkult« und der Name Stalins zwei unterschiedliche Ebenen, die sich in dieser Zeit praktisch nicht berührten. Zweitens benutzten die Nachfolger Stalins 1953 die These vom Personenkult beim Kampf um die Macht, allerdings gingen sie dabei sehr vorsichtig vor, denn sie befürchteten, sich gegenseitig der Verbreitung des »Personenkults« zu beschuldigen. Nicht zufällig unterband Georgij Malenkov, anfangs »Stalins Nachfolger Nr. 1«, entschieden die Versuche, einen Personenkult für ihn zu etablieren[2], und machte auch noch ein Zitat von Stalin selbst über die Schädlichkeit des Personenkults ausfindig. Auf dem Juli-Plenum des ZK der KPdSU 1953, als der Sturz des »Volksfeindes« Lavrentij Berija über die Bühne ging, sprachen gleich mehrere Redner, darunter Chruščev, über den Personenkult und sogar über den »Stalin-Kult« – jedoch ausschließlich in dem Sinn, dass dieser Kult künstlich von Berija initiiert worden sei, um seine »blutigen und verräterischen Ziele« zu erreichen. Der andauernde Machtkampf auf dem politischen Olymp der Sowjetunion bestimmte die widersprüchliche Haltung zu Stalin im Zeitraum 1953/54. Einerseits fand eine relativ substantielle Korrektur der Stalinschen Innen- und Außenpolitik statt (die beginnende Rehabilitierung der Opfer der Repressionen, die Veränderung der Politik gegenüber den Bauern, die Wiederherstellung unterbrochener Kontakte mit Staaten, die Stalin nicht anerkannt hatte, der Aufbau diplomatischer Beziehungen usw.). Auf der anderen Seite blieben die Verehrung Stalins als Führer und Lehrer sowie die rituelle Beschwörung der Richtigkeit des von ihm vorgezeichneten Wegs bestehen. Für einige Sowjetführer (Vjačeslav Molotov, Lazar Kaganovič, Kliment Vorošilov) blieb Stalin nach wie vor die höchste Autorität, »die Wahrheit der letzten Instanz«. Für andere (Chruščev, Anastas Mikojan) hätte ein direkter Angriff auf Stalin in dieser Situation zu ihrem eigenen Sturz führen können. Erst nachdem Chruščev seine Machtposition 1955 hatte festigen können, indem er seinen beiden Hauptkonkurrenten, Malenkov und Molotov, schwere Niederlagen beibrachte, erschien die Frage des »Personenkults« wieder auf der Tagesordnung – nun auch in direkter Verbindung mit Stalin. Anfangs war die Rückkehr zu diesem Thema sorgsam getarnt und konnte nur durch einzelne indirekte Anzeichen vermutet werden. Zum Beispiel wurde im Unterschied zum 5. März 1954, als die Zeitungen an Stalins Todestag mit Trauerartikeln voll waren, am 5. März 1955 in der sowjetischen Presse überhaupt nicht an den »Führer der Völker« erinnert. Als Schlüsselthema zur Delegitimierung des Stalin-Kults wurde die Verantwortung des Führers für die politischen Repressionen gewählt – eine Strategie, die in einem weitaus kleineren Maßstab schon in den politischen Auseinandersetzungen der Jahre 1953/54 erfolgreich gewesen war.  Die öffentliche Verurteilung von Stalins Verbrechen war nicht nur zur Rehabilitierung von Millionen unschuldiger Opfer nötig. In den Augen der Bevölkerungsmehrheit innerhalb und außerhalb der Sowjetunion fiel der Vergleich zwischen dem neuen Führer der Sowjetunion Chruščev und dem alten Führer Stalin offensichtlich nicht zugunsten des ersteren aus. (Das weiterhin sehr niedrige Lebensniveau in der Sowjetunion und die ernsthaften wirtschaftlichen Probleme trugen nicht unbedingt zur Popularität Chruščevs bei). Daher waren bedeutende Maßnahmen gefordert, um Stalin vom errichteten Sockel zu stürzen und der Welt zu zeigen, dass »der Gott zum schnöden Idol« geworden war.  Der XX. Parteitag sollte die von Chruščev errungenen Positionen legal untermauern (im März 1953 hatte Chruščev bei der Regelung der Nachfolge Stalins noch zu den »Benachteiligten« gehört) und gleichzeitig als Tribüne für die Verurteilung der Stalinschen Verbrechen dienen. Dies war einer der Gründe für die beschleunigte Einberufung des Parteitags. Chruščev hatte die Notwendigkeit seiner Durchführung schon Anfang April 1955 betont (also nur zweieinhalb Jahre nach Ende des vorherigen Parteitags).[3] In der Folgezeit hatte er kategorisch alle Versuche abgewehrt, den Parteitag vom Februar auf den Herbst 1956 zu verlegen, was er mit volkswirtschaftlichen Interessen rechtfertigte. Von diesem Zeitpunkt an begann man im ZK, Materialien über die Stalinschen Repressionen der 30er Jahre zu sammeln und mit der Absicht zu analysieren, sie als Hauptbeweismittel gegen Stalin zu benutzen. Je näher der Parteitag rückte, desto mehr verstärkte sich – zeitgleich mit den gewöhnlichen Parteitagsvorbereitungen – die »Stalin-Problematik«. Im November 1955 entstand auf einer Sitzung des Präsidiums des ZK Uneinigkeit darüber, wie der herannahende Geburtstag Stalins begangen werden sollte.[4] Kurze Zeit später bekannte die Führung der KPdSU offiziell die »fehlerhafte« Zerstörung der Kommunistischen Partei Polens 1938 auf Befehl Stalins und die physische Liquidierung ihrer Führer. Besonders heftige Debatten entzündeten sich Anfang Februar 1956 im Kreml, als die Meinungen über Sinn und Ziel des Referats »Über den Personenkult« im Parteitagsrahmen und über dessen möglichen Inhalt wesentlich auseinander gingen. Der zu diesem Zeitpunkt vorgelegte Spezialbericht einer Kommission des ZK (»Pospelov-Kommission«), der zahlreiches Tatsachenmaterial über die Massenrepressionen der 30er Jahre enthielt, stellte keine der streitenden Seiten wirklich zufrieden. Die einen dachten, dass man das Referat »stärker machen« und »die ganze Wahrheit sagen« müsse. Die anderen befürchteten die Bekanntmachung so schockierender Tatsachen und warnten, dass man »das Kind nicht mit dem Bade ausschütten«[5] solle. Bis kurz vor Beginn des Parteitags blieb faktisch unentschieden, wer das Referat halten würde. Wie die Schlusssitzung des Parteitagtreffens ausfallen würde, darüber wussten nur wenige Eingeweihte Bescheid. Deshalb sprachen die auftretenden Delegierten auf dem Parteitag noch über die »Partei Lenins und Stalins« oder über Stalin als »großen Nachfolger der Sache Marx’ und Lenins«. Dissonant erklang lediglich der Auftritt Mikojans, der an all jenen Erscheinungen Kritik übte, die bislang mit dem Namen Stalins verbunden gewesen waren, und der dabei den Namen des »Führers der Völker« nicht ein einziges Mal erwähnte. Da sich die Massenmedien auf der ganzen Welt nicht vorstellen konnten, dass dieses Referat vor Chruščevs »Geheimrede« lediglich ein Prüfstein war, beeilten sie sich zu erklären, dass die Rede vom Beginn einer Neubewertung des gesamten Stalinkurses durch die Sowjetführung zeuge. An Mikojans Adresse gingen begeisterte wie auch kritische Antworten. Noch während des Parteitags wurde die Arbeit an der »Geheimrede« fortgesetzt. Der Text wurde mehrfach umgearbeitet. Verschiedene von Petr Pospelov und Boris Aristov erarbeitete Veränderungen, Anmerkungen und Ergänzungen von Michail Suslov und Dmitrij Šepilov, Diktate von Chruščev und sogar Auszüge aus nicht gehaltenen Redebeiträgen rehabilitierter Altbolschewiki wurden eingefügt. Nichtsdestotrotz wies die Rede über Stalin, mit der Chruščev die gesamte Versammlung am 25. Februar erschütterte, nicht unerhebliche Abweichungen von der letzten Textredaktion auf. Der Kern des Referats, der in der Enthüllung der Stalinschen Repressionen in den 30er Jahren bestand, war in seinem Umfang deutlich erweitert worden. In das Referat waren Ausführungen sowohl über Stalins Fehler in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges, als auch über die Verbrechen der Nachkriegszeit sowie über die Beziehungen zu anderen Parteiführern aufgenommen worden. Die Grundthese der Chruščev-Rede lautete: Stalin hat schreckliche Verbrechen gegen Volk und Partei begangen, von denen keiner etwas wusste (auch nicht die wichtigsten Parteibonzen), und wenn irgendjemand irgendetwas vermutete, konnte er unter den damals herrschenden Bedingungen nichts sagen. Alle übrigen Parteiführer waren angeblich an nichts schuld (außer einzelne »politische Abenteurer vom Typ Berija und Abakumov«) und waren nun gezwungen, die »unerwartet« auftauchenden Tatsachen zu veröffentlichen, um das Vertrauen der Partei nicht zu verlieren und die Wiederholung ähnlicher Ereignisse in Zukunft zu vermeiden.  So schwierig und widersprüchlich wie die Vorbereitung der »Geheimrede« war, so problematisch war auch die Geschichte ihrer Folgen. Die Rede wurde neuerlichen Redaktionen unterworfen, bevor sie einer »ausgesuchten« sowjetischen Öffentlichkeit vorgelegt wurde. Und auch die Wahl der Öffentlichkeit änderte sich: Während anfangs geplant war, den Text nur der oberen und mittleren Funktionärsebene zugänglich zu machen, konnten später sogar Komsomolzen und parteilose Aktivisten die Broschüre mit dem Aufdruck »streng geheim« lesen. In der Praxis führte dies zu einer noch weiter ausgreifenden Verbreitung des Referats: Angefangen von seiner mündlichen Nacherzählung an Personen, die der Partei gänzlich fern standen, und endend mit dem Verlust einzelner Exemplare im Zuge der »Zurkenntnisnahme«. Ein noch größeres Durcheinander kam bei der Verbreitung des Redetextes im Ausland zustande. Auf der Geheimsitzung waren die Führer der »Bruderparteien« nicht anwesend. Ihre Bekanntschaft mit dem Referat war ein mehrstufiger Prozess. Die aus Anlass des Parteitags in Moskau anwesenden prominentesten Führer der kommunistischen Weltbewegung machten sich noch vor ihrer Abreise in groben Zügen mit den Thesen des Referats vertraut. Danach wurde eine Spezialversion des Textes für die hohen ausländischen Parteiführer erstellt (die den Text in den sowjetischen Botschaften »gegen Quittung« lasen). Die Parteimitglieder der sozialistischen Länder erhielten wiederum eine andere Textvariante. Natürlich sickerten auch hier Informationen durch. Im Westen kam eine Vielzahl von Gerüchten und Vermutungen über die geheimnisvolle Sitzung in Moskau auf. Viele erwiesen sich als so nah an der Wahrheit, dass sie bei den Kommunisten in den kapitalistischen Ländern das Gefühl von Ärger und Beleidigung hervorrief: »Vor uns haben sie geheim gehalten, was der bourgeoisen Presse schon längst bekannt ist«.[6] Die »Geheimrede« rief unter den sowjetischen Parteimitgliedern eine uneindeutige Reaktion hervor. Zunächst waren die meisten geschockt von dem Gehörten. Viele glaubten es nicht, und für einige (darunter Leute wie der Schriftsteller Aleksandr Fadeev) brachen sämtliche Orientierungspunkte im Leben zusammen. Doch die Mehrheit der Zuhörer, die seit jungen Jahren gelernt hatte, sich auf Anweisung des Kremls »nach der Parteilinie zu biegen«, und heute diejenigen für »Volksfeinde« zu halten, die sie gestern echte Leninisten genannt hatte, begrüßte Chruščevs Auftritt zumindest äußerlich. Das zu dieser Zeit beginnende »Tauwetter« und die ungewohnte Situation (schließlich war von Stalin »höchst persönlich« die Rede) bereiteten den Machthabern zahlreiche Probleme: Unruhen in Georgien, die mit Waffengewalt unterdrückt werden mussten; Redebeiträge auf Versammlungen, in denen nicht nur Stalin, sondern das System an sich kritisiert wurde; eine Reihe von Fragen, auf die die Parteiführer und vor allem die Funktionäre der mittleren Ebene keine überzeugenden Antworten hatten. Das und vieles mehr erwies sich als unerwartete und unangenehme Überraschung für die sowjetische Führung. Die Situation verschlechterte sich aufgrund von Unstimmigkeiten innerhalb der Kremlführung über den weiteren Fortgang der Entstalinisierungspolitik. Dies zeigte sich sowohl bei der Publikation von Artikeln in der Pravda, die hinreichend gegensätzliche Ansichten über das Problem des »Personenkults« enthielten, als auch im Schicksal des Juni-Plenums des ZK der KPdSU 1956. Dazu bestimmt, in der Frage des Personenkults eine Fortsetzung des XX. Parteitags zu werden (von Šepilov und Žukov waren dazu speziell Referate verfasst worden), wurde das Plenum im letzten Moment ohne jede Erklärung abgesagt. Offenbar stockte auch die ideologische Absicherung des Entstalinisierungsprozesses. Obwohl die Sowjetführung beschlossen hatte, neue Geschichtslehrbücher sowie neue Bücher über die politische Ökonomie, Lexikonartikel usw. in Auftrag zu geben, waren sie nicht in der Lage, aktuelle Alltagsfragen operativ zu entscheiden: Was sollte mit den Stalinportraits und Stalindenkmälern geschehen? Wie sollte man sich zu Stalins Büchern und Aussprüchen verhalten? Und überhaupt: Sollte man Stalin weiterhin als Marxisten verstehen (besonders im Lichte der Umbenennung des »Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts beim ZK der KPdSU« in »Institut für Marxismus-Leninismus«)? Erschwerend kam hinzu, dass die regionalen Parteibürokratien sich häufig mit Entscheidungen schwer taten und zeitweise die volle Kontrolle über die Situation verloren, weil sie keine genauen Instruktionen aus Moskau erhielten und fürchteten, entweder beim Vorantreiben der »Entstalinisierung« oder umgekehrt, bei ihrer allmählichen Rücknahme, einen falschen Schritt zu tun. In einer noch schwierigeren Lage befanden sich die kommunistischen Führer in den anderen Ländern. Die Chruščev-Rede fügte in den Parteiorganisationen der Volksdemokratien, vor allem deren Führern, einen schweren Schlag zu, weil sie in ihrer überwiegenden Mehrheit Stalins Schützlinge gewesen waren und in ihrem Verhalten den toten Führer kopierten. Da sie sich nicht von heute auf morgen »wandeln« konnten, befanden sie sich unter einem doppelten Druck. Aus Moskau kamen Empfehlungen, dem Kurs des XX. Parteitags zu folgen. Dasselbe forderten auch ihre lokalen politischen Opponenten, indem sie sich auf das Vorbild der KPdSU beriefen. In der Mehrheit der Staaten Osteuropas verstärkten sich als Resultat zunehmend die demokratischen und antitotalitären Tendenzen. Die kommunistischen Herrscher waren demoralisiert. Die Parteitage und Plenen verwandelten sich immer mehr in Diskussionsforen. Es gab Forderungen, mit den »Nachfolgern« Stalins im eigenen Land »abzurechnen«, immer lauter waren antikommunistische und antisowjetische Losungen zu hören. Zum Symbol der »Gärung« im Frühjahr und Sommer wurden die Unruhen in Poznań (Posen), die von der polnischen Armee niedergeschlagen wurden. Im Kreml kam man den vom Verlust ihres Führers geschwächten polnischen Kommunisten zur Hilfe,[7] indem eine Reihe wichtiger politischer und wirtschaftlicher Zugeständnisse gemacht wurde. Gleichzeitig nahmen einige kommunistische Parteien, insbesondere die chinesische, gegenüber Chruščevs Referat eine kritische Position ein und erklärten sie für nicht wirklich glaubwürdig und nicht wirklich zeitgemäß.[8] Bis zu einem bestimmten Grad wurden sie dabei von einigen westlichen Kommunistischen Parteien unterstützt, die erklärten, die »Geheimrede« sei lediglich eine Sammlung von aus dem historischen Kontext gerissenen Fakten ohne den Versuch einer ernsthaften Analyse. Der 4. Juni 1956 wurde zum Fanal der kommunistischen Hoffnungen von Millionen Menschen auf der ganzen Welt. An diesem Tag publizierte die New York Times den gesamten Text der Chruščev-Rede, der über Polen und Israel in die USA gelangt war. Im Lauf von drei Monaten wurde der Text in dutzende Sprachen übersetzt und in vielen Ländern veröffentlicht. Der KGB stellte dem ZK der KPdSU sogar eine Broschüre mit der Rückübersetzung des Textes ins Russische zur Verfügung, der in BRD herausgegeben worden war und an sowjetische Bürger weitergegeben wurde, die das Ausland besuchten. Gleichzeitig wurden vom Territorium der NATO-Staaten aus regelmäßig dutzende Luftballons mit dem Text der »Geheimrede« in Richtung Osteuropa losgelassen. Einige von ihnen fanden ihren Weg bis nach Mittelrussland.  Die Wirkung des Gelesenen war niederschmetternd. Kommunistische Parteien fielen beim bloßen Anblick auseinander. Es begann eine massenhafte Abkehr der Vertreter der westlichen Intelligenz von den Ideen des Kommunismus. Einige Parteien (insbesondere der englischsprachigen Länder) gingen nun, um irgendwie ihren Ruf zu wahren, auf antisowjetische Positionen über und kritisierten die UdSSR schärfer als die bürgerlichen Parteien. Sogar die gläubigsten Verbündeten der KPdSU – die französische und die italienische KP – hielten sich mit ihrer Kritik nicht zurück. Palmiro Togliatti, der italienische Vorsitzende, sprach dabei den aus Sicht der Moskauer Führung »aufrührerischen« Gedanken aus, dass der Personenkult Stalins aus dem Sowjetsystem selbst geboren gewesen sein könnte. Die Rede Chruščevs provozierte zu einem großen Teil auch die antikommunistischen Massenunruhen in Polen und Ungarn im Herbst 1956, die weder die frühen orthodoxen noch die sie ablösenden liberalen KP-Führer dieser Länder verhindern konnten. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Władysław Gomułka Polen von einem antisowjetischen Aufstand abhalten konnte (obwohl Chruščev anfangs Truppen gerade dorthin entsenden wollte), während sich Imre Nagy dem Lauf der Ereignisse nicht nur nicht entgegenstellte, sondern den verzweifelten Widerstand der Ungarn gegen die sowjetische Armee anführte, die zum »Ordnung schaffen« eingesetzt war. Die sowjetische Militäraktion in Ungarn rief auf der ganzen Welt eine Welle der Empörung hervor, provozierte eine Reihe von Boykotten und antisowjetischen Unruhen und wurde zu einem weiteren empfindlichen Schlag gegen den auf dem XX. Parteitag eingeschlagenen Kurs der Entstalinisierung. Die Aktion tauchte die leuchtenden kommunistischen Ideale endgültig in die Farbe des Bluts und stellte gleichzeitig die Mehrheit der kommunistischen Parteien in den nichtsozialistischen Ländern vor die schwere Wahl, entweder die UdSSR zu verurteilen und sich innerhalb der kommunistischen Welt zu isolieren oder aber die Abrechnung mit den »Aufständischen« zu rechtfertigen und im eigenen Land politisch isoliert zu werden. Die Invasion in Ungarn wurde von der Bevölkerung der sozialistischen Länder negativ aufgenommen. Nach der Verhaftung Imre Nagys verschlechterten sich auch die offiziellen sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen stark, die Chruščev während der vergangenen eineinhalb Jahre sorgsam gepflegt hatte. Die außen- wie auch die innenpolitische Bilanz des Parteitages war negativ.   Anmerkung der Redaktion: Im Folgenden sind drei Dokumente zum XX. Parteitag erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Sie geben einen Einblick in die internen Diskussionen über die Geheimrede Chruščevs vor und nach dem XX. Parteitag. Es handelt sich um zwei Arbeitsnotizprotokolle von Sitzungen des KPdSU-Präsidiums von Anfang Februar und um eine Stellungnahme Chruščevs vor dem ZK der polnischen KP im März 1956. Die Arbeitsnotizprotokolle hat der Leiter der Allgemeinen Abteilung des ZK der KPdSU V. N. Malin angefertigt. Sie überliefern die Sitzung nicht wortwörtlich, sondern geben nur stichwortartige Zusammenfassungen der Redebeiträge wieder. Daher ist der Stil der Aufzeichnungen fragmentarisch und sprunghaft. Erläuterungen der Redaktion oder des Übersetzers zum Verständnis stehen in eckigen Klammern bzw. in den Anmerkungen. Runde Klammern entstammen dem Original, ebenso die Anführungszeichen. Auslassungen wurden durch drei Punkte in eckigen Klammern gekennzeichnet. Die beiden Präsidiumsprotokolle hat Michail Prozumenščikov als Typoskripte zur Verfügung gestellt. Die Dokumentation der Dokumente folgt dem Text dieser Typoskripte.   Dokument 1[9] Protokoll der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU Nr. 185 Sitzung vom 1. Februar 1956 Über den Fall Rodos[10]   Rudenko, Molotov, Kaganovič, Chruščev, Bulganin, Vorošilov, Pervuchin, Saburov (stellt eine Reihe von Fragen), Mikojan, Malenkov, Pospelov, Suslov, Serov Gen. Chruščev   GEN. MOLOTOV: Wie verhält sich Rodos jetzt?  GEN. CHRUŠČEV: Rodos weiß von der Rehabilitierung der Leute. FRAGE DES GEN. CHRUŠČEV [gerichtet an Boris Rodos]: Erzählen Sie in Bezug auf die Genossen Postyšev und Kosior, wie Sie sie als Feinde enttarnt haben. Die Schuldigen sitzen weiter oben. Halbkriminelle Elemente zog man zur Ermittlung dieser Fälle heran. Schuld ist Stalin. ARISTOV: Gen. Chruščev, reicht uns der Mut, um die Wahrheit zu sagen? Ėjche hat bis zuletzt [alles] abgestritten, aber sie haben ihn trotzdem erschossen. GEN. CHRUŠČEV: Ežov hat wahrscheinlich keine Schuld, ein ehrlicher Mensch. GEN. MIKOJAN: Das Dekret über den Kampf gegen den Terror wurde am 1. Dezember 1934 beschlossen. GEN. POSPELOV/GEN. SEROV: Verhaftungsquoten wurden beschlossen. GEN. CHRUŠČEV: Das vielleicht noch zum Referat hinzufügen. PERVUCHIN, BULGANIN, MIKOJAN: Stimmen zu.  GEN. CHRUŠČEV: Serov, Rudenko, die Kommission [sollen] den Fall Tuchačevskij überprüfen, den Brief von Beneš (an Stalin) 1936/37 wegen der Gruppe Tuchačevskij (Jakir).[11] GEN. MOLOTOV: Aber Stalin muss man als großen Führer anerkennen. MIKOJAN: Widerspricht Molotov: »Und du, Gen. Molotov, hast [ihn] unterstützt«. GEN. KAGANOVIČ: In der jetzigen Lage kann man die Frage, die Gen. Šepilov stellt, nicht beantworten (zu den [Stalin-] Plakaten [auf dem Parteitag]), man kann [die Frage] nicht so stellen. Man muss alles zusammen nehmen, die Frage in ihrem Wesen packen. Man kann vieles überprüfen, aber Stalin stand 30 Jahre an der Spitze. GEN. MOLOTOV: Man muss im Referat darüber sprechen, dass Stalin der große Nachfolger in der Sache Lenins war. Darauf bestehe auch ich. GEN. MIKOJAN: Nehmt die Geschichte – es ist zum Verrücktwerden. GEN. SABUROV: Wenn die Tatsachen stimmen, ist das etwa Kommunismus?  Das kann man nicht verzeihen. GEN. MALENKOV: Es ist richtig, sich die Tatsachen anzusehen. Es ist richtig, die Frage zu stellen. Man muss es der Partei sagen. GEN. PERVUCHIN: Wussten wir Bescheid? Wir wussten Bescheid, aber es war Terror.  Damals konnten wir gar nichts tun.  Wir sind in der Pflicht, es der Partei zu erklären, es sowohl auf dem Parteitag zu sagen als auch auf dem Plenum zu sagen. GEN. BULGANIN: Der Partei muss man die ganze Wahrheit sagen, was Stalin für eine Figur ist, man muss [so] eine Position einnehmen, dass man [am Ende] nicht als Dummkopf dasteht. Die Mitglieder des ZK des XVII. Parteitags wurden liquidiert. Ich bin nicht einverstanden mit Gen. Molotov, nicht einverstanden, dass er [Stalin] ein großer Nachfolger [Lenins] war. Man muss darauf nicht eingehen – »Nachfolger«, und im Referat kommt man ohne das aus. Stalins Persönlichkeit nicht aufblähen (auf Plakaten). GEN. VOROŠILOV: Die Partei sollte die Wahrheit kennen, aber [man muss es der Partei so] beibringen, wie es das Leben diktiert. Die Zeiten waren von den Umständen diktiert. Aber wir haben das Land auf den Weg von Marx, Engels, Lenin und Stalin geführt. War es Stalins Schicksal? – Das war es. Viele Abscheulichkeiten gab es, Sie sagen es mit Recht, Gen. Chruščev, wir können nicht daran vorbei, aber man muss darüber nachdenken, um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Die Sache ist ernst, allmählich [angehen]. GEN. SUSLOV: In den vergangenen Monaten haben wir entsetzliche Dinge erfahren. Das kann mit nichts gerechtfertigt werden. Stalin hat zu Dvinskij[12] gesagt – [wenn] 10 bis 15 Leute pro Kreis übrig blieben, dann reicht es. Wegen Slánský (gab es einen Anruf) aus Moskau. Keine Lobeshymnen. Der Personenkult richtet noch [jetzt] großen Schaden an. GEN. MOLOTOV: Ich schließe mich Gen. Vorošilov an.  Die Wahrheit wieder herstellen. Die Wahrheit ist auch, dass unter Stalins Führung der Sozialismus siegte. Und die Unrichtigkeiten muss man ins Lot bringen, und die furchtbaren Dinge – auch die sind Tatsache. Wir werden es kaum schaffen, es [noch] vor dem Parteitag [auf dem Plenum] zu sagen. GEN. CHRUŠČEV: Jagoda war sicher ein sauberer Mensch. Ežov [war sicher ein sauberer Mensch]. Grundsätzlich haben sich [alle] richtig ausgesprochen. Im Interesse der Partei lösen. Stalin war der Sache des Sozialismus ergeben, aber ganz mit barbarischen Methoden. Er hat die Partei zerstört. Er ist kein Marxist. Alles Heilige hat er zerstört, das im Menschen ist. Alles hat er seinen Launen untergeordnet. Auf dem Parteitag nicht über den Terror sprechen. Man muss eine Linie festlegen – Stalin seinen Platz zuweisen (die Plakate säubern, die Literatur). [An seiner Stelle] Marx und Lenin nehmen. Den Beschuss des Personenkults verstärken. Der Meinungsaustausch ist beendet.     Dokument 2[13] Protokoll der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU Nr. 187 Sitzung vom 9. Februar 1956 72. Mitteilung der Kommission des Genossen Pospelov Chruščev, Pervuchin, Mikojan   [Chruščev?]: Die Unzulänglichkeit Stalins [in seiner Funktion] als Führer ist offensichtlich. Was ist das für ein Führer, wenn er alle vernichtet. Man muss Mut zeigen, die Wahrheit sagen. Meinung: Es dem Parteitag sagen, darüber nachdenken wie. Wem muss man es sagen. Wenn man es nicht sagt, dann zeigen wir gegenüber dem Parteitag Unehrlichkeit. Vielleicht [sollte man] Gen. Pospelov [beauftragen,] ein Referat zusammen zu stellen und darüber zu reden. Gründe: der Personenkult, die Konzentration der Macht in den Händen eines Einzelnen. In unehrlichen Händen. Wo: auf der Abschlusssitzung des Parteitags. Das Testament [Lenins][14] drucken und an die Delegierten verteilen. Den Brief [Lenins] über die Nationalitätenfrage[15] drucken und an die Delegierten verteilen.  GEN. MOLOTOV: Auf dem Parteitag muss man es sagen. Aber dabei nicht allein das sagen. Und in der Nationalitätenfrage war Stalin jedoch ein Nachfolger der Sache Lenins.  Aber wir haben 30 Jahre unter der Führung Stalins gelebt – wir haben die Industrialisierung durchgesetzt. Unter Stalin sind wir eine große Partei geworden. Der Personenkult, aber wir sprechen über Lenin, wir sprechen über Marx. GEN. CHRUŠČEV: [Redebeitrag nicht dokumentiert] GEN. KAGANOVIČ: Man kann die Geschichte nicht betrügen, die Fakten kann man nicht ausstreichen. Der Vorschlag von Gen. Chruščev, das Referat anzuhören, ist richtig.  Das Testament und den Brief über die Nationalitätenfrage [an die Delegierten] verteilen. Das Testament und den Brief über die Nationalitätenfrage den Mitgliedern des Präsidiums des ZK zukommen lassen. Geheim. Wir tragen Verantwortung. Aber die Situation war so, dass wir nicht widersprechen konnten (Er spricht über seinen Bruder)[16]. Aber wir wären unehrlich, wenn wir sagen würden, dass der ganze Kampf mit den Trotzkisten unberechtigt gewesen sei. Zeitgleich mit dem Ideenkampf ging die Vernichtung der Kader vonstatten. Aber ich bin mit Gen. Molotov einverstanden, die Sache mit kaltem Verstand durchzuführen (wie Gen. Chruščev sagte). Uns (mir) macht es zu schaffen, aber damit wir kein Chaos entfesseln. Die Redaktion des Referats politisch gestalten, damit eine Periode von 30 Jahren nicht beschmiert wird, kaltblütig heran gehen. GEN. BULGANIN: Ich halte den Vorschlag von Gen. Chruščev für richtig.  Die Parteimitglieder sehen, dass wir die Haltung zu Stalin verändert haben. Wenn wir auf dem Parteitag nicht darüber sprechen, werden sie sagen, dass wir feige waren. Das, was entdeckt wurde – wir wussten es nicht.  Listen mit 44 Tausend – ein unglaublicher Fakt. Näher an die Wahrheit. [Man muss] die Rolle Stalins in zwei Phasen teilen. Während der zweiten Phase hörte Stalin auf, Marxist zu sein. (Spricht über den Fall Svanidze.)[17] Wie soll man das sagen? Auf der Grundlage des Personenkults. Stalin und die Partei. Man darf es Stalin nicht zuschreiben. GEN. VOROŠILOV: Gründlicher vorbereiten. Wir sind nicht im Urlaub. Jegliche Unbedachtsamkeit wird Folgen nach sich ziehen. Ich bin damit einverstanden, es vor die Partei (den Parteitag) zu bringen. Vorsichtig muss man sein. GEN. CHRUŠČEV sagt, dass Gen. Vorošilov den Fall Jarošenko vor Stalin aufgeworfen hat. GEN. VOROŠILOV: fährt fort. Hier sind zwei Fälle: Der X. Parteitag, 1921, wir fuhren nach Petrograd. Der XIV. Parteitag [1925] – es gab Feinde, es gab sie. (Im Kampf) mit den Feinden wurde Stalin zum Satan. Dennoch war viel Menschliches in ihm. Aber es gab auch tierische Angewohnheiten. MIKOJAN: Wir müssen es dem Parteitag sagen. Zum ersten Mal können wir selbstständig darüber diskutieren. Wie soll man sich zur Vergangenheit verhalten? Bis 1934 hat er sich wie ein Held benommen, nach 1934 zeigte er furchtbare Seiten. Er hat die Macht usurpiert. Die Eroberung der Macht durch eine Person. In Kernfragen, in theoretischen (Stalin und Lenin waren nicht einer Meinung) hat er sich schnell korrigiert. Ich verurteile Stalin nicht, weil er den Ideenkampf gegen die Trotzkisten führte. Aber kann man das Fiasko in der Landwirtschaft verzeihen? Wenn die Leute leben würden, die Erfolge wären riesig. Es dem Parteitag auf ruhige Art sagen (im Referat). Warum will Vjačeslav [Molotov] keine Publikation [des Briefs] über die Nationalitätenfrage? Das »Testament« und die Nationalitätenfrage publizieren. Die Werke Lenins (4. Ausgabe), die verkürzte [Ausgabe], mit einem Zusatzband herausbringen. GEN. PERVUCHIN: Auf dem Parteitag muss man berichten. In diesem Referat ist es nicht erforderlich, über die positive Seite zu sprechen. Der Stalin-Kult ist schädlich. Sagen, wie es ist. Er hat die Macht usurpiert, das ZK und das Politbüro liquidiert.  Er hat die Kader umgebracht, in der Schwerindustrie haben wir an Tempo verloren. GEN. SUSLOV: Man muss den Parteitagsdelegierten alles erzählen. Wir sprechen von kollektiver Führung, aber treiben mit dem Parteitag ein unehrliches Spiel? Der Grundton des Referats: der Kommission ist aufgetragen worden zu überprüfen, was aus den ZK-Mitgliedern des XVII. Parteitags geworden ist. Unpassend [wäre es,] eine Charakteristik Stalins im Ganzen zu geben.  Wie viele Kader wurden 1936/37 abgeschlachtet, die [Wachstums-]Kurve [der Wirtschaft] 36/39 [zeigt] ein minimales Tempo. Zwei Phasen Stalins – das ist grundsätzlich richtig. Bis 1934 hatte Stalin in vielem Unrecht.  Der Beschluss des XV. Parteitags über die Publikation des »Testaments« wurde nicht umgesetzt.  Nicht zu weit vorpreschen. GEN. MALENKOV: Ich halte den Vorschlag für richtig, es dem Parteitag zu sagen. Wir erleben ein Gefühl des Glücks, wir sprechen die Genossen frei. Man kann keine Erklärung für den Freispruch der Genossen geben, wenn man die Rolle Stalins nicht klärt. Mit keinem Kampf gegen Feinde können wir erklären, dass man die Kader abgeschlachtet hat. Der »Führer« war wirklich der » geliebte« [Führer]. Nicht in zwei Phasen teilen, [sondern] mit dem Personenkult verbinden. Damit stellen wir Lenin wieder her, wie es sich gehört. Bei Stalin klangen leise ungute Stimmungen gegenüber Lenin an. Überhaupt kein Referat über Stalin machen [sondern über den Personenkult]. GEN. ARISTOV: Mit einer generellen Sache, die in den Äußerungen von Molotov, Kaganovič und Vorošilov war, bin ich nicht einverstanden – »man sollte es nicht sagen«. Die Delegierten sind strenge Leute. »Wir wussten es nicht« (das ist für Politbüro-Mitglieder unwürdig). Schreckliche Jahre, Jahre des Betrugs am Volk. Ėjche war auch damals ehrlich. Wir wollten einen Gott schaffen, und ein Teufel kam heraus. Die Anspannung aller war ganz zu Stalins Gunsten.  Die Partei wird ihre Autorität nicht verlieren. GEN. BELJAEV: Die Führungskader kennen diese Dokumente nicht. Es ist seltsam, dass diese Dokumente den Führungskadern nicht bekannt sind. Dem Parteitag muss man von diesen Dokumenten berichten. Wie können Lenin-Dokumente verheimlicht worden sein? Richtigerweise schlägt Gen. Chruščev vor, dem Parteitag die Dokumente öffentlich zu präsentieren. Die Wahrheit sagen. Man äußert Vorbehalte, damit man die Großartigkeit Stalins nicht verliert. Aber mit ihm muss man sich zurechtfinden.  Politisch erklären, natürlich, wer die Verantwortung trägt. Das reinigt [von dem], was die Kommunisten plagt. Anders kann man an die Kraft der Partei nicht glauben. In diesem Sinn muss man ohne Vorbehalte reden. GEN. ŠVERNIK: Jetzt darf das ZK nicht schweigen, sonst überlässt man der Straße das Sprechen. Dem Parteitag muss man die Wahrheit sagen, den Personenkult entlarven. Das Referat erstellen. Ein Alptraum – drei Mal [hat man] die Leute niedergemäht. GEN. SABUROV: Molotov, Kaganovič und Vorošilov nehmen eine falsche Position ein, sie verfälschen. Es gab einen Stalin (nicht zwei), sein Wesen hat sich in den letzten 15 Jahren gezeigt. Das sind keine Unzulänglichkeiten (wie Gen. Kaganovič sagt), sondern Verbrechen. Gen. Molotov sagt, er war 30 Jahre mit uns. Aber seine Rolle im Krieg ist bekannt, in der Nachkriegsperiode – wir haben uns die Beziehungen mit allen Völkern verdorben (Ausführungen über die Meerengen). Wir haben uns viel verdorben wegen einer dummen Politik (finnischer Krieg, Korea, Berlin). [Man muss] die ganze Wahrheit über Stalin sagen. GEN. ŠEPILOV: Wir haben mit ganzem Herzen über Stalin geschrieben. Nach den Ereignissen von 1937 regten sich tiefe Zweifel. Man muss es der Partei sagen, sonst verzeihen sie uns nicht. Die Wahrheit sagen, sagen, dass die Partei nicht so ist, dass Millionen geschleift werden mussten, dass unser Staat nicht so ist, dass Hunderttausende auf das Schafott geschickt werden mussten.  Ideologisch ist das eine Frage der Erziehung der Kader. Über die Formen nachdenken, damit kein Schaden entsteht. GEN. KIRIČENKO: Es kann kein Schaden entstehen. Es ist unmöglich, es nicht zu sagen, man muss es mit Verstand sagen. Man müsste sagen, wer [von] den Rehabilitierten … Einen Parteitagsbeschluss herbeiführen. GEN. PONOMARENKO: Auf dem Parteitag sollte sich das ZK äußern. Der Tod von Millionen Menschen hinterlässt eine unauslöschliche Spur. Nüchtern muss man über diese Zeit und die Rolle Stalins sprechen. GEN. CHRUŠČEV: Es gibt Übereinstimmung, dass man dem Parteitag berichten muss. Es gab Schattierungen, [diese] berücksichtigen. Wir alle haben mit Stalin zusammengearbeitet, aber das verbindet uns nicht. Wenn Tatsachen bekannt werden, muss man über sie sprechen, sonst rechtfertigen wir die Handlungen. Man sollte auf der Rechnung nicht vergessen, dass wir drei Monate nach Stalins Tod Berija verhaftet haben, und damit sind wir zum Handeln frei geworden. Wir können mit ganzer Stimme [sprechen], wir können sagen: »Wir schämen uns nicht«. Keine Angst haben. Keine Spießbürger sein, nicht auskosten. Ganz und gar die Rolle der einzelnen Person bloßstellen. Das Referat dem Parteitag vortragen, alle Sekretäre des ZK einbeziehen. Wer das Referat vortragen wird – überlegen. Vielleicht auch auf dem Plenum des alten ZK ankündigen, dass wir [auf dem Parteitag] eine bestimmte Frage ansprechen wollen. Dokument 3[18] Rede des Genossen N. S. Chruščev auf dem Plenum des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei vom 20. März 1956 Meine Aufgabe ist schwierig, weil ich eigentlich nicht weiß, welche Fragen euch interessieren […]. Bei uns gab es einen Meinungsaustausch: Lohnt es sich, das Vergangene noch einmal hervorzuholen, weil sich doch die Menschen in Jahrzehnten daran gewöhnt hatten, [nur] eines zu denken, und [jetzt] sagen wir plötzlich, dass das hier nicht so sauber ist, dass das ein schmutziges Thema ist. Wir haben lange gestritten. Nach Stalins Tod haben wir zehntausende Menschen aus den Gefängnissen befreit, haben [sie] wieder in die Partei aufgenommen, wir haben unsere Freunde wieder [in die Partei] aufgenommen. […] Diese Leute waren jahrzehntelang Parteimitglieder, Bürgerkriegsteilnehmer, und wir sollen [jetzt] schweigen? Wenn wir nicht damit einverstanden wären, warum hätten wir sie denn freilassen und rehabilitieren sollen? Man hat uns gefragt: Wie nehmen sie es an? Sie können fragen: Und wo ward ihr? Ihr ward mit Stalin zusammen. Ja, wir waren es, wir haben gesehen. Also soll der Parteitag richten – sind wir des Vertrauens würdig oder nicht? Das ist wirklich eine Tragödie. Und der Schuldige ist natürlich Stalin, Stalin. Jetzt haben wir vor, einen Band mit Arbeiten von Lenin zu publizieren, Lenins Testament vor seinem Tod. Er hat alles durchschaut. Damals sagte er, Stalin ist ein vertrauensbrüchiger Mensch, der fähig ist, die Macht zu missbrauchen. Ihn darf man nicht Generalsekretär bleiben lassen, er ist grob und kann nicht mit den Genossen [zusammen] arbeiten […]. Als Stalin seine persönliche Stellung gefestigt hatte, hörte er auf, sich vor dem ZK der Partei verantwortlich zu fühlen und das Politbüro einzuberufen. Das Politbüro kam nur zusammen, wenn ihm langweilig war. Er sagte: So lange war schon wieder keine Sitzung! […] Ich weiß nicht, wie man jetzt den Tod der Menschen am besten erklären kann. Zum Beispiel Kosiors Tod. Langjähriges Parteimitglied, Arbeiter, aber sie stellten ihn als Piłsudskis Kommandanten in der Ukraine hin […] sie haben ihn erschossen […] Postyšev – Parteimitglied seit 1903 oder 1905, Arbeiter, erlebte den Bürgerkrieg im Fernen Osten, dennoch wurde er als Volksfeind umgebracht. Ėjche – der wunderbare Lette. Rudzutak genoss unter Lenin Vertrauen, aber sie machten ihn zu einem Provokateur und erschossen ihn. Ein der Sache ergebener Mensch, ein echter Revolutionär und Bolschewik […]. Vor dem Parteitag haben wir Rodos [in die Sitzung des Präsidiums] geholt. Er hatte Kosior, Čubar’ und Postyšev verhört. Wir haben [ihn] gefragt: Was für Beweise hattet ihr, um sie zu Volksfeinden zu erklären? Und er sagt: Eigentlich hatten wir keine Beweise. Bei Čubar’s Verhaftung haben sie uns zum Beispiel gesagt – das ist ein Volksfeind. Das sagte die Partei, und meine Aufgabe als Ermittler war es, ihn dazu zu bringen, dass er gesteht und eigenhändig ein Geständnis schreibt. Er wurde geschlagen, bis er gestand. Nehmt den Fall der [jüdischen] Ärzte […]. Ich habe die von Professor Vinogradov selbst gemachten Aussagen gelesen, dass er ein deutscher Spion ist. Die Protokolle habe ich gelesen, die Aussagen anderer Ärzte gegen ihn: Sie sagten, ich habe jemanden vergiftet, ich habe jemanden erstickt, und außer mir war Vinogradov beteiligt. Und ich, ich sage zu Stalin, das ist [doch] unglaubwürdig? Und er sagt zu mir: Was denkst du denn, die Leute gestehen es selbst! […] Das hier ist der Personenkult. Ich habe Stalin etwas über die Krise in der Landwirtschaft gesagt. Er spitzte sofort die Ohren: Die Stalinepoche und auf einmal – eine Krise, so können nur Feinde sprechen. Er fragt Malenkov: Beschaffen wir mehr Fleisch oder weniger? Malenkov antwortet: Mehr! Weil wir damals nicht [wie andere] sagen konnten, was ist das denn für ein Sozialismus, wenn der Mensch nicht [mal] einen Krug Milch mehr trinken kann! Ich konnte unter dem Kapitalismus, als ich Bergarbeiter war, so viel Milch trinken, wie ich wollte […]. Stalin sagt: Man muss eine Kommission bilden und die Sache untersuchen […]. Wir haben uns [in der Kommission] lange hin- und hergedreht, weil wir nicht wussten, wie den Vorschlag anbringen, wie sich durchzwängen, maskieren, damit es sowohl die [richtige] Form hat, als auch den [richtigen] Nutzen. Wir haben zusammengerechnet, dass es sechs oder sieben Milliarden Rubel braucht, das ist doch ein Kinderlallen. Aber Stalin stürzte sich [auf uns]: So gehen Volkstümler und Sozialrevolutionäre an die Sache heran, ihr kennt die Bauern nicht! Er sagt: Ich bringe meinen Vorschlag ein, die Steuern für Bauern um 40 Milliarden Rubel zu erhöhen. Als wir herausgingen, sage ich zu Mikojan: Es gibt nur eine Rettung – dass die Bauern einen Aufstand machen […]. Wenn Stalin nicht gestorben wäre, weiß ich nicht, wie das Ganze ausgegangen wäre. Denn er hatte ja gesagt, dass wir Volkstümler und Sozialrevolutionäre [wären], das heißt, Feinde. Einige sagen: Was hättet ihr im Krieg ohne Stalin gemacht? Hättet ihr den Deutschen früher und mit weniger Blutvergießen besiegt? Ja, ich bin davon überzeugt. Und es könnte sein, dass es den Krieg überhaupt nicht gegeben hätte, dass wir eine klügere Politik gemacht hätten und [den Krieg] vermieden hätten. Stalin war ein Revolutionär, aber er hatte eine Verfolgungsmanie, eine Spionenmanie, und in dieser Sache machte er vor nichts halt, er hat sogar seine Verwandten erschossen.   Übersetzung des Einführungstextes und der Dokumente aus dem Russischen von Christian Teichmann (Humboldt-Universität Berlin) [1]  Siehe hierzu u. a. Crusius, Reinhard/Wilke, Manfred (Hrsg.): Entstalinisierung. Der 20. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977; Naumov, Vladimir: Zur Geschichte der Geheimrede N. S. Chruščevs auf dem 20. Parteitag der KPdSU, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 1 (1997), H. 1, S. 137–178; Doklad N. S. Chruščeva o kul’te ličnosti Stalina na XX s’’ezde KPSS. Dokumenty [Referat N. S. Chruščevs über den Personenkult Stalins auf dem 20. Parteitag der KPdSU. Dokumente], Moskau 2002; Prezidium CK KPSS 1954–1964. Černovye zapisi zasedanij. Stenogrammy. Postanovlenija [Präsidium des ZK der KPdSU 1954–1964. Arbeitsprotokollnotizen der Sitzungen. Stenogramme. Beschlüsse]. Bd. 1, Moskau 2003.  [2]  Fünf Tage nach dem Tod Stalins veröffentlichte die Pravda ein Foto, auf dem Stalin, Mao Tsetung und Malenkov zu sehen waren. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um eine Fotomontage, die aus einem Foto von 1950 hergestellt und damals in der Pravda publiziert worden war. Auf dem ursprünglichen Foto war eine Vielzahl sowjetischer und chinesischer Funktionäre abgebildet, wobei Malenkov relativ weit von Stalin und Mao entfernt stand. Daran entzündete sich ein Skandal, und der Chefredakteur der Pravda, Dmitrij Šepilov, musste sich im Präsidium des ZK für die gezeigte »Initiative« rechtfertigen.   [3]  Notiz Chruščevs an die Mitglieder des Präsidiums des ZK der KPdSU über die Einberufung des 20. Parteitags vom 8. April 1955, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii (Russisches Staatsarchiv der neueren Geschichte, im Folgenden: RGANI), f. 1, op. 2, d. 1, Bl. 7. Das Dokument ist veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 168. [4]  Arbeitsprotokollnotiz der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 5. November 1955, in: RGANI, f. 3, op. 8, d. 388, Bl. 61 f. Das Dokument ist veröffentlich in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 169 f. [5]  Arbeitsprotokollnotiz der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 1. Februar 1956, in: RGANI, f. 3, op. 8, d. 389, Bl. 52–54. Siehe die Übersetzung des Dokuments im Anhang (Dokument 1). [6]  Brief des Sekretärs der Kommunistischen Partei Norwegens Emil Løvlien an das ZK der KPdSU über die Notwendigkeit, die norwegische Parteiführung mit dem Text der Geheimrede Chruščevs bekannt zu machen, in: RGANI f. 5, op. 28, d. 381, Bl. 95–97. Das Dokument ist veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 642–644. [7]  Der Führer der polnischen Kommunisten, Bolesław Bierut, starb kurz nach dem Ende des 20. Parteitags am 12. März in Moskau, was einerseits die polnische Opposition um die Möglichkeit brachte, den »Personenkult Bieruts« auszuspielen, aber andererseits die Führung der polnischen KP in einen Schockzustand versetzte, der zu den ohnehin erschütternden Nachrichten der Rede Chruščevs hinzukam. Chruščev, der sich nach Warschau aufgemacht hatte, um Bierut das letzte Geleit zu geben, sprach am 20. März 1956 auf dem Plenum der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, wo er zum ersten Mal nach dem Parteitag offiziell die Notwendigkeit der »Geheimrede« zu begründen versuchte. Auszüge dieser Rede siehe Dokument 3.  [8]  Zwei Monate nach Chruščevs Rede, am 25. April 1956, sagte Mao Tse-tung, »dass kürzlich gewisse Mängel und Fehler der Sowjetunion ans Tageslicht gekommen sind, die im Laufe ihres Aufbaus des Sozialismus auftraten.« Mao kommentierte: »Wollt ihr ihren Umwegen folgen? Dadurch, dass wir Lehren aus ihren Erfahrungen gezogen haben, konnten wir früher bestimmte Umwege vermeiden. Wir haben allen Grund, jetzt erst recht so zu verfahren.« Hier zitiert nach der deutschen Ausgabe. : Über die zehn wichtigsten Beziehungen, in: Ausgewählte Werke, Peking 1978, Bd. 5, 320–346, S. 320. [9]  RGANI f. 3. op. 8, d. 389, Bl. 52–54. Das Dokument ist veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), 175–177 u. Artizov, A. u. a. (Hrsg.): Reabilitacija: Kak ėto bylo. Dokymenty Prezidiuma ZK KPSS i drugie materialy. Mart 1953–fevral’ 1956 [Rehabilitierung: Wie das war. Dokument des Präsidiums des ZK der KPdSU und andere Materialien. März 1953 bis Februar 1956], Moskau 2000, S. 308 f. [10]  Boris V. Rodos (1905 bis 1956), ehemaliger stellvertretender Leiter der Ermittlungsabteilung des NKVD/NKGB für außerordentliche Aufgaben. In dieser Funktion hatte er persönlich an den Verhören ranghoher Parteimitglieder teilgenommen. 1956 wurde er vom Militärkollegium des Obersten Gerichts zum Tod durch Erschießen verurteilt. Rodos war auf dieser Präsidiumssitzung anwesend. Seine Aussagen wurden in einem Extraprotokoll aufgezeichnet. [11]  Chruščev war der Ansicht, dass der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš Stalin Informationen über angebliche Verbindungen Michail Tuchačevskijs zu deutschen Geheimdiensten gegeben hatte, die Beneš von der deutschen Abwehr zugespielt worden waren. Der Brief von Beneš ist bisher nicht gefunden worden. [12]  Boris Aleksandrovič Dvinskij (1894 bis 1973) war ZK-Mitglied von 1939 bis 1950. Dvinskij gehörte in den 30er Jahren – als Mitarbeiter der Geheimabteilung des ZK – zur unmittelbaren Umgebung Stalins und diente ihm als Sekretär. [13]  RGANI f. 3, op. 8, d. 389, Bl. 56–62 verso. Das Dokument ist auf Russisch veröffentlicht in Doklad N. S. Chruščeva (Anm. 1), S. 234–237 u. Artizov: Reabilitacija (Anm. 9), S. 349–351. [14]  Gemeint ist ein Diktat Lenins vom Dezember 1922. Lenin, W. I.: Brief an den Parteitag, in: ders.: Werke, Berlin 1962, Bd. 36, S. 577–580. [15]  Dieser Text stammt vom Januar 1923. Ders.: Zur Frage der Nationalitäten oder der »Autonomisierung«, in: ebenda, S. 590–596. [16]  Michail Kaganovič entzog sich seiner Verhaftung durch Selbstmord. [17]  Aleksandr Svanidze, Stalins Schwager, war bis zu seiner Verhaftung im Dezember 1937 stellvertretender Direktor der Staatsbank. Er wurde am 20. August 1941 erschossen. Detaillierte Darstellung in: Sebag Montefiore, Simon: Stalin. The Court of the Red Tsar. London 2003, S. 275 f. u. 389 f. [18]  RGANI, f. 52, op. 1, d. 502, Bl. 39–83, zitiert nach Izvestija vom 13. Februar 2006. 

JHK 2006

Die sowjetische Besatzung in Österreich

Jan Foitzik

Mueller, Wolfgang: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955 und ihre  politische Mission, Wien u. a.: Böhlau Verlag 2005, 300 S., ISBN 3-205-77399-3 Mueller, Wolfgang/Suppan, Arnold/Naimark, Norman M./Bordjugov, Gennadij (Hrsg.): Sowjetische Politik in Österreich 1945–1955. Dokumente aus russischen Archiven/Sovetckaja politika v Avstrii 1945–1955 gg. Dokumenty iz Rossijskich archivov, Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2005, 1119 S.,ISBN 3-7001-3536-8   Suppan, Arnold/Stourzh, Gerald/Mueller, Wolfgang (Hrsg.): Der österreichische Staatsvertrag 1955. Internationale Strategie, rechtliche Relevanz, nationale Identität/The Austrian State Treaty 1955. International Strategy, Legal Relevance, National Identity. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2005, 1019 S., ISBN 3-7001-3537-8 Im September 1955 verließen sowjetische Besatzungstruppen Österreich. Ihr Kriegsziel hatten sie erreicht und Österreich »dauerhaft« von Deutschland abgetrennt, wie es schon der Friedensvertrag von Saint Germain 1919 festgelegt hatte. Die Errichtung eines volksdemokratisch-sozialistischen Österreichs – das eigentliche politische Ziel der zehneinhalbjährigen Besatzung – scheiterte jedoch an den Wahlen der Jahre 1945 bis 1953, bei denen die »antisowjetischen« Volksparteien, die Österreichische Volkspartei (ÖVP) und die Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ), zwischen 80 und 95 Prozent der österreichischen Wählerstimmen auf sich vereinten, und zwar ohne dass das Wahlergebnis eine rechnerische Grundlage für eine sozialistisch-kommunistische Koalition bot. Im Vertrauen auf den ideologisch induzierten historischen Automatismus konfrontierten die sowjetische Besatzungsmacht und die KPÖ als ihr strategischer Handlanger die traditionell politisch westorientierten Österreicher mit einer konstanten, auf dogmatischen politischen Grundsätzen fußenden Strategie, die nicht nur politisch realitätsfern, sondern auch für die inneren Widersprüche ihrer eigenen Politik blind war. Die ideologische Besessenheit hemmte lediglich das risikoscheue außenpolitische Kalkül der Sowjetunion, die im Frühjahr 1948 auch den Gedanken an eine Abspaltung des sowjetisch besetzten Landesteils verbot, der 1947 in Moskau von der KPÖ-Führung vorgetragen worden war. Eine Zäsur in der sowjetischen Besatzungspolitik setzten die Nationalratswahlen vom 25. November 1945, von denen sich die UdSSR die Anerkennung der provisorischen Regierung Karl Renner durch die westlichen Alliierten versprach. Sie endeten mit einem innenpolitischen Fiasko der KPÖ, die trotz ihrer drittelparitätischen Regierungsbeteiligung nur auf 5,4 Prozent der Wählerstimmen kam. Damit schlug die konstruktive Politik der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich noch vor dem Beginn des offiziellen »Kalten Krieges« in konkrete Obstruktion und abstrakte Propaganda um. Durch die Einbettung der sowjetischen Österreich-Politik in die ostmitteleuropäische Nachkriegsgeschichte gelingt es Wolfgang Mueller in seinem Buch über Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955 auf der Grundlage intensiver systematischer Recherchen in Moskauer Archivbeständen plausibel darzulegen, dass Österreich keinen »Sonderfall« in der sowjetischen Nachkriegspolitik darstellte. Den Streit zwischen den »Traditionalisten«, nach denen die UdSSR mittelfristig das Ziel eines sowjetisch kontrollierten Österreichs verfolgt habe, und den »Revisionisten«, für die die sowjetische Besatzungspolitik auf die Restauration Österreichs gerichtet gewesen sei,[1] führt Mueller auf die Unterschätzung der Rolle der UdSSR in der österreichischen Nachkriegspolitik zurück. Die Ergebnisse seiner Quellenstudien stellt er in vier Abschnitten vor, die problemorientiert in übersichtlich gegliederte chronologisch-systematische Kapitel unterteilt sind: I. Die sowjetische Österreich-Planung und -Politik 1938 bis 1945, II. Der sowjetische Besatzungsapparat in Österreich 1945 bis 1955, III. Die sowjetische Rolle beim Aufbau der politischen Strukturen in Österreich 1945, IV. Die politische Arbeit der sowjetischen Besatzung in Österreich 1946 bis 1955. Nach der Zusammenfassung werden im Anhang einige zentrale Dokumente über den sowjetischen Besatzungsapparat ediert. Besondere Beachtung verdient das Literaturverzeichnis, weil es die nur schwer erschließbare russische Fachliteratur enthält, die in den letzten anderthalb Jahrzehnten erschienen ist. Die politik- und institutionsgeschichtliche Fragestellung wird sehr diszipliniert durchgehalten, was der Arbeit eine klare Struktur gibt. Nicht zuletzt auch dank des fließenden Stils und eines für Dissertationen sehr moderaten Umfangs leistet die gut lesbare, materialreiche Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung nicht nur der österreichischen, sondern auch der mitteleuropäischen politischen Nachkriegsgeschichte. Der Autor stellt den Vergleich mit Osteuropa und mit der Sowjetisch Besetzten Zone in Deutschland (SBZ) her, der an zahlreichen Stellen unmittelbar bestand bzw. sich aufdrängt. Evident war beispielsweise der Zusammenhang zwischen dem Ergebnis der ersten österreichischen Nationalratswahl 1945 und der Entwicklung in der SBZ, wo unmittelbar danach der Kurs auf die Vereinigung der zonalen KPD und SPD befohlen, aber auch mildere Töne in der sowjetischen Entnazifizierungspolitik eingeschlagen wurden. Auch in Österreich war schon Anfang Juni 1945 die Frage einer sozialistischen Einheitspartei aufgeworfen worden (S. 118), und Ende Mai 1946 entstand in Moskau nach SED-Vorbild der Plan einer paritätisch konstruierten »Sozialistischen Einheitspartei Österreichs«. Zur Realisierung sollte geschritten werden, sobald die KPÖ ihren Stimmenanteil verdoppelt hätte. Ab 1946 wurde dann eine Volksdemokratie nicht mehr als ein »unmittelbares Ziel«, sondern als ein »langfristiges Projekt« verfolgt. Die sowjetische Besatzungsmacht erschöpfte sich jedoch im »kleinlichen Bevormunden«, wie sie es selbst nannte, also in Schikane. In enger Kooperation mit ihr verschärfte die KPÖ den Kurs auf Volksdemokratie. Nach der Kominform-Gründung trug sie sogar den kollektiven Abschied von »parlamentarischen Illusionen« mit und betrieb »Opposition«. Im Oktober 1947 führte die KPÖ-Führung in Budapest eine geheime Besprechung mit Vertretern des sowjetischen ZK über eine Abtrennung der österreichischen Ostzone und wiederholte diesen Spaltungsvorschlag auch im März 1948 in Moskau, wo ihn Andrej Ždanov ablehnte und der KPÖ statt dessen die SED-Propaganda über die Einheit Deutschlands als Vorbild hinstellte. Desinteressiert war die UdSSR auch an den separatistischen Plänen der KPÖ zur Schaffung eines sowjetisch dominierten Wirtschaftsraumes – einer politisch-ökonomischen Sonderentwicklung in der Sowjetzone – die als ein österreichisches Gegenstück zur ostdeutschen Magnettheorie die Attraktivität des sozialistischen Wirtschaftsmodells demonstrieren sollte. Die Gründe für die sowjetische Ablehnung leuchten sofort ein, sobald man sich die Wirtschaftsstatistiken anschaut: Die österreichische Ostzone war ohne massive Subventionen durch die Zentralregierung nicht lebensfähig. Doch die politischen Parallelen zur Entwicklung in der SBZ gingen weiter: Noch nach der kommunistischen Machtübernahme in Prag 1948 versuchte die KPÖ, durch Parteien-Neubildungen wie in der SBZ die ÖVP und die SPÖ unter politischen Druck zu setzen oder gar zu ersetzen, um eine Volksfront zu erreichen. Und noch 1952 fand der Versuch zur Bildung einer KPÖ-geführten »Nationaldemokratischen Front« mit volksdemokratischer Perspektive statt, doch die Abspaltung von »linken« Kräften aus SPÖ und ÖVP misslang abermals. Die Wahlergebnisse von 1953 bestätigten, dass SPÖ und ÖVP über 80 Prozent der Stimmen binden konnten. Die Gemeinsamkeiten wie auch die Unterschiede zur SBZ und SED eröffnen auch heute oft neue Einblicke in die deutsche und osteuropäische Nachkriegsgeschichte. In der sowjetischen Besatzungsverwaltung in Deutschland galt Österreich beispielsweise im Dezember 1946 als negatives Beispiel dafür, dass dort der Regierung zu große Vollmachten gewährt worden seien. Die in Österreich gemachten sowjetischen Erfahrungen dürften ebenfalls Einfluss auf deren Politik in Osteuropa gehabt haben. Unter den Unterschieden fällt auf, dass die Dokumente belegen, dass die KPÖ-Führung viel intensiver an direkten Kontakten zu Stalin interessiert war als die SED.  Aus der österreichischen Perspektive gesehen, entsprach es durchaus der damaligen kommunistischen Taktik, dass die UdSSR mit der provisorischen Regierung Renner ein Hilfsinstrument der sowjetischen Besatzungsmacht für Verwaltungs- und Versorgungsaufgaben installierte, um die Führungen besser »vor den Massen kompromittieren« zu können, wie damals hinter verschlossenen Türen in Prag formuliert wurde. Zwar genossen auch in Österreich die Parteivertreter eine herausgehobene Stellung im Kabinett, doch ohne »sozialistischen« oder »Parteien-Block« wie in der SBZ und in Osteuropa waren österreichische Kommunisten nicht imstande, dieses Verfassungsnovum politisch zu nutzen. Hierin unterschied sich das österreichische Konkordanzmodell, getragen von weiterhin miteinander frei konkurrierenden politischen Parteien, von der volksdemokratischen Vertragskonkordanz mit gefesselten politischen Parteien als Teilnehmern: Freie Wahlen (wie in Ungarn) oder eine starke Opposition (wie in Polen) garantierten allein kein freies demokratisches Kräftespiel. Zudem gelang es in Österreich schon in den ersten Nachkriegsmonaten, die öffentliche Verwaltung auf der Grundlage der verfassungsrechtlichen Grundsätze »von oben nach unten« zu kontrollieren, während sonst in Osteuropa und in der SBZ die Taktik angewandt wurde, die Verantwortung ausschließlich »oben« anzusiedeln, die tatsächliche Macht aber bei den revolutionären Verwaltungskörperschaften »unten« zu belassen. So wurde in Österreich eine Vormachtstellung der Exekutive verhindert, die für die Volksdemokratien in Ostmitteleuropa charakteristisch war. Das Legalitätsprinzip wurde wieder hergestellt, während außerhalb Österreichs im sowjetischen Einflussbereich mit Hilfe von zunächst temporär eingesetzten Sondergerichten bald auch die Unabhängigkeit der Judikative zerstört wurde. Es sticht zwar ins Auge, dass der provisorische Bundeskanzler Renner das verordnete Einstimmigkeitsprinzip bei Regierungsentscheidungen eigenwillig interpretierte und kommunistische Minderheitsvoten mit Berufung auf dieses Prinzip einfach überging, indem er Mehrheitsbeschlüsse sozusagen mit seiner eigenen Stimme »einstimmig« machte. Diese amüsante Anekdote wirkt jedoch nur auf dem Resonanzboden der ordentlichen, verfassungsmäßigen Grundlagen. Die Beauftragung Renners mit der Bildung einer provisorischen Regierung im Mai 1945 stellte bereits die Weichen für die österreichische Entwicklung. Renners autokratische Entscheidung für die Verfassung von 1929 ließ den Protest der KPÖ in der Verfassungsfrage verpuffen, nachdem es die SPÖ schon im April/Mai 1945 abgelehnt hatte, politische Ersatz-Gremien in Form von Einheitsorganisationen oder eine Aktionsgemeinschaft KPÖ-SPÖ zu bilden, die als Druckmittel auf parlamentarische Körperschaften und ihre Vollzugsorgane hätten eingesetzt werden können.  Die im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erarbeitete und von Wolfgang Mueller, Arnold Suppan, Norman M. Naimark und Gennadij Bordjugov herausgegebene Edition über Die Sowjetische Politik in Österreich 1945–1955 verfolgt das Ziel, sowjetische Dokumente zur Politik der UdSSR in Österreich zwischen 1945 und 1955 zugänglich zu machen. Die mehrheitlich erstmals veröffentlichten Dokumente vervollständigen die von Gerald Stourzh und Stefan Karner vorgelegten Dokumenteneditionen.[2] Synchron in der russischen Originalfassung und in deutscher Übersetzung werden insgesamt 101 Dokumente aus der Zeit vom 2. April 1945 bis zum 25. November 1955 vorgestellt. Sie sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet und fortlaufend numeriert. Die Einleitung der Herausgeber fasst die politische Nachkriegsentwicklung knapp zusammen und ordnet die Dokumente ein (S. 18–55). Besonders wertvoll ist der von Börris Kuzmany verfasste Artikel über »Die Sprache der Dokumente als Zeugnis sowjetischen Denkens« (S. 57–73), dessen Lektüre jeder begrüßen wird, der mit sowjetischen Quellentexten arbeitet. Glossar, Literaturverzeichnis, Personenregister mit kurzen biographischen Angaben sowie ein Ortsregister erleichtern die Handhabung dieses zweisprachigen Werkes. Insgesamt kann die Bearbeitung und die Ausstattung als beispielhaft gelten, zumal ein geschickter Kompromiss zwischen der (starren) russischen und der (beweglichen) westlichen Editionsdogmatik gefunden wurde. Dennoch vermisst zumindest der nichtösterreichische Leser an einigen Stellen eine Hilfestellung, die sicherlich auch für russische Benutzer nützlich wäre. Auf S. 317 beispielsweise ist von einer 1945 festgesetzten Dollar-Schilling-Parität von 1 : 10 die Rede, gegenüber früher 1 Dollar = 3,5 Schilling; der Umrechnungskurs für österreichische Schillinge irritiert den Nichtinformierten wegen der etwa gleichen Reichsmark- Dollar-Parität. Gleiches gilt für die im Dokument Nr. 15 vom sowjetischen Politbüro am 5. Juni 1945 beschlossene sowjetische Anleihe an die österreichische Regierung in Höhe von 400 Millionen Reichsmark, da sie ohne Erläuterung weder rechtlich-politisch noch ökonomisch oder fiskalisch eingeordnet werden kann.   Die meisten Dokumente sind Rechenschaftsberichte der Besatzungsverwaltung sowie Beschlüsse, Weisungen und Anordnungen vorgesetzter Behörden der Besatzungsmacht. Wiedergegeben sind ebenfalls Programmdokumente der KPÖ und Briefe ihrer Führer an Stalin. Insgesamt wird die Tätigkeit und Politik der sowjetischen Besatzungsmacht recht breit dokumentiert. Systematisch lassen sich die Dokumente in drei Teile einordnen, wobei die 25 aus dem Jahr 1945 abgedruckten Dokumente eine Sondergruppe bilden. Sie enthalten Informationen über die erste Phase der Besatzungsverwaltung und den Wiederaufbau österreichischer Verwaltungs- und politischer Strukturen. Einzigartig ist hierbei das aus dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation stammende Dokument Nr. 18 vom 4. Juli 1945, insbesondere die auf S. 179–181 abgedruckte »Instruktion über die Tätigkeit des Sowjetischen Teils der Alliierten Kommission für Österreich«. Einzigartig schon deshalb, weil ein entsprechendes Dokument für die SMAD fehlt und die Klarheit der darin fixierten Arbeitsziele auch als Interpretationshilfe für die Tagesaufgaben der sowjetischen Besatzungspolitik in der SBZ dienen kann. Etwa der Punkt 15 der Instruktion mit der Überschrift »Militärzensur über die Presse«. Der zweite Teil umfasst die nach den Wahlen von 1945 entstandenen Dokumente, nachdem »die politischen Positionen der Reaktion und der AngloAmerikaner in Österreich gestärkt« worden sind, wie es im Dokument Nr. 26 vom 15. Januar 1946 heißt. Sie sind schon im Hinblick auf die Entwicklung der Ost-West-Konfrontation interessant, weil entgegen den gängigen Klischees in Österreich der »Kalte Krieg« schon »vereist« war, bevor der globale überhaupt erst begann. Die Fakten werden »weicher«. Mehrheitlich enthalten die Papiere die allseits bekannten Lamenti über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und aller ihrer Teile im Besonderen. Den Gesamteindruck, dass ab Frühjahr 1948 die sowjetische Politik in Österreich primär aus Propaganda bestand, bestätigen die abgedruckten Dokumente, z. B. die Dokumente Nr. 60 vom 19. August 1949 oder Nr. 62 vom 8. Dezember 1949 »über Vorbereitung und Durchführung« von Plenen des ZK der KPÖ in Zusammenarbeit mit der Besatzungsverwaltung oder das Dokument Nr. 67 vom 27. April 1950 über »Säuberungen« in der KPÖ. Die Partei verlor dabei 20 Prozent ihrer Mitglieder, die zur Hälfte in Wien beheimatet und zu einem weiteren Viertel Beschäftigte der sowjetischen Unternehmen in Österreich waren. Aus deutscher Sicht geradezu Aufsehen erregend ist das Dokument Nr. 74 vom 21. Februar 1951, das detailliert über Zensurmaßnahmen der Besatzungsverwaltung Auskunft gibt. Zu einem Zeitpunkt, als die DDR-Verfassung bereits »die Freiheit des Wortes« usw. garantierte. Solche und ähnliche Details konterkarieren nebenbei trefflich die geschichtsmächtigen Rückwirkungsfolgen der Leistungen der SED-Geschichtsschreibung, die sich im ironischen Sinne noch heute auch in den postsowjetischen Aktenablagen feststellen lassen. Nicht nur, dass der Ausdruck Zensur im Kontext der SBZ/DDR-Geschichte nach wie vor ein immanentes Tabu bleibt. Auch die angebliche Sonderbehandlung Deutschlands, in dem – wie es in Muellers Dissertation an einer Stelle heißt – »Kulturoffiziere« und nicht wie in Österreich nur gewöhnliche »Propagandaoffiziere« eingesetzt wurden, ist nur eine gefälschte Ikone aus dem Bestand des DDR-Kulturministeriums, auf die die etwa in den 1970er Jahren zu »Kulturoffizieren« Beförderten instinktiv mit Skepsis reagierten, weil sie aus ihrer praktischen Erfahrung in Deutschland noch das »deutsche« Vorurteil in Erinnerung behalten hatten, »wer von wem Kultur gelernt hat«.[3]  Den dritten Teil leitet das Dokument Nr. 77 vom 17. Oktober 1951 ein: Der Bericht der Außenpolitischen Kommission des ZK der VKP (b) und der Politischen Hauptverwaltung der sowjetischen Armee »Über die Arbeit des Sowjetischen Teils der Alliierten Kommission für Österreich und Maßnahmen zur Stärkung des sowjetischen Einflusses in Österreich« und die dazu gehörigen Beschlüsse des sowjetischen Politbüros vom 18. Oktober (Dokument Nr. 78) und 1. November 1951 (Dokument Nr. 79) sowie die Ausführungsbeschlüsse und Verordnungen des Ministerrates der UdSSR vom Februar 1952 (Dokument Nr. 80) über die Umstrukturierung der sowjetischen Besatzungsverwaltung und eine stärkere Ausrichtung ihrer Tätigkeit auf die »Demokratisierung der sowjetischen Zone«. Interesse verdient die Verschärfung des politischen Kurses allein wegen der zur gleichen Zeit gestarteten Initiative Stalins zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf demokratischer Grundlage, denn als »demokratisch« wurde damals »partei- und regierungsamtlich« nur noch die KPÖ und ihre Vorfeldorganisationen bezeichnet.  Der Gesamteindruck, dass Propaganda die tragende Konstante der sowjetischen Politik in Österreich blieb, lässt sich wohl nicht korrigieren. Und so freut man sich, wenn etwa auf S. 947 von der »Aktivierung deutscher Agenten in Westösterreich […] in Form von Touristen« die Rede ist oder in dem (nicht minder redundanten zwanzigseitigen) Arbeitsbericht des Vertreters des sowjetischen Hochkommissars für Oberösterreich für das Jahr 1954 vom 17. Februar 1955 die versöhnlich stimmende Feststellung entdeckt: »Die Beziehungen zwischen den sowjetischen Besatzungsbehörden und den österreichischen Behördenorganen […] haben sich verbessert und bleiben weiterhin normal.« Ein kurzer Blick in die russische Originalfassung genügt, um festzustellen, dass es so wortwörtlich auch nach Moskau gemeldet wurde und dort vermutlich im gleichen Sinne verstanden wurde wie heute … Lesen kann man die Dokumente kaum, sondern nur auswerten. Der Arbeitsaufwand der Herausgeber, Übersetzer und Bearbeiter kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags am 15. Mai 1955 wurde von der österreichischen Zeitgeschichtsschreibung mit großen Arbeitsanstrengungen gefeiert. Die Bewältigung der russischen Aktenüberlieferung stand zwar aus nahe liegenden Gründen im Zentrum der Aufmerksamkeit der Forschung, der vorliegende Sammelband führt jedoch den in den vorangegangenen Jahrzehnten erreichten Forschungsstand zusammen, den der Nestor der österreichischen Zeitgeschichtsschreibung Gerald Stourzh unter dem Titel Der österreichische Staatsvertrag in den weltpolitischen Entscheidungsprozessen des Jahres 1955 in einer systematisierenden Darstellung aufzeigt. Darin wird nicht nur die politik- und diplomatiegeschichtliche Entwicklung von 1945 bis 1955 vorzüglich strukturiert, sondern auch die kulturellen und mentalgeschichtlichen Folgen der Auseinandersetzung der Österreicher mit der »jüngeren« Vergangenheit ihres Landes thematisiert. Insgesamt enthält der Sammelband 33 Beiträge international renommierter Historiker, Völkerrechtler und Diplomaten. Etwa ein Drittel der Texte ist in englischer Sprache abgedruckt. Der thematische wie auch zeitliche Rahmen ist sehr weit gesteckt. Die Beiträge sind in acht thematische Gruppen eingeteilt. Der sowjetischen Politik wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Großen Raum nehmen aber auch die Probleme der deutsch-österreichischen Beziehungsgeschichte ein. Der zeitliche Bogen wird in den Abschnitten »Minderheitenschutz- und Völkerrechtsfragen« sowie »Neutralität, europäische Integration, österreichische Identität« bis in die 1990er Jahre gespannt. Auch die österreichische Innenpolitik wird nicht ausgespart. So bietet der Band ein imposantes Kompendium der österreichischen Zeitgeschichte mit einigen informativen Beiträgen zur österreichischen Nationalidentität.  Aufmerksamkeit verdienen aus deutscher Sicht, mit Blick auf »neue Funde« in russischen Archiven, vor allem die Beiträge von Wolfgang Mueller über die sowjetische Haltung zum Staatsvertrag 1946 bis 1952 und von Alexei Filitow über einige Details in den Zusammenhängen zwischen dem österreichischen Staatsvertrag, der »deutschen Frage« und den Nachfolgekämpfen nach Stalins Tod. Behandelt werden nicht nur die Aspekte der internationalen Politik aller Großmächte, sondern auch der direkten Nachbarstaaten Italien und Jugoslawien. Auch Finnland, Schweden und Polen wurden mit Beiträgen bedacht. Stellenweise stellt sich hier jedoch das Gefühl einer gewissen »Detailübersättigung« ein, die die englischsprachigen Texte noch verstärken. »Krisen und Irritationen im deutsch-österreichischen Verhältnis 1955–59« untersucht Matthias Pape, mit Vermögensfragen im deutsch-österreichischen Verhältnis beschäftigt sich Rudolf Jeřábek. Probleme der deutsch-österreichischen Beziehungen, die Parallelität und Interdependenz der Geschichte beider Länder bilden schließlich sogar einen eigenen Schwerpunkt. In den letzten beiden Abschnitten steht die österreichische Neutralität im Focus völkerrechtlicher, international-politischer und national-kultureller Untersuchungen. Spätestens hier werden die subkutanen Zusammenhänge eher Spezialisten ansprechen. Der Sammelband bedient viele Interessen gleichzeitig. Generalisten bietet er einen vorzüglichen Überblick über den Forschungsstand in der österreichischen Zeitgeschichte und über die Grundzüge ihrer jüngsten Entwicklung. Spezialisten werden insbesondere über innenpolitische Kontexte des Staatsvertrags (z. B. Entnazifizierung und Restitutionsfragen) oder etwa über die komplexen Details seiner modernen völkerrechtlichen Interpretation informiert. Für den Einzelnutzer kein leicht handhabbares Buch, eher ein informationsträchtiges Nachschlagewerk, das man sich griffbereit im Bücherregal wünscht. [1] Siehe hierzu Mueller, Wolfgang: Stalin, Renner und die Wiedergeburt Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 54 (2006), H. 1, S. 125–154. [2] Stourzh, Gerald: Um Einheit und Freiheit: Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der OstWest-Besetzung Österreichs 1945–1955, Wien 1998; Karner, Stefan/Stelzl-Marx, Barbara/ Tschubarjan, Alexander (Hrsg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945– 1955. Dokumente/Krasnaja Armija v Avstrii. Sovetskaja okkupacija 1945–1955, Graz/Wien/ München 2005. [3] Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass in einem Rechenschaftsbericht der All-UnionsGesellschaft für Kulturelle Beziehungen mit dem Ausland (VOKS) aus dem Jahr 1946 der Ausdruck »Kulturoffiziere« auftaucht. Er wurde dort auf Deutschland und Österreich bezogen. Siehe Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (RGASPI), f. 17, op. 128, d. 84, Bl. 82. 

JHK 2006

»Vom Standpunkt des Pessimismus jedoch kann man keine erfolgreiche Parteiarbeit organisieren« Die Absetzung des 1. Sekretärs des Bezirks Magdeburg Alois Pisnik im Februar 1979

Mario Niemann

Die Sekretariate der SED-Bezirksleitungen, an deren Spitze der jeweilige 1. Sekretär stand, waren die wichtigsten und einflussreichsten politischen Gremien in jedem Bezirk.[1] Die Grundaufgabe der Bezirksleitung bestand darin, »auf ihrem Territorium die Beschlüsse des Zentralkomitees durchzuführen. Das war ihr Daseinszweck. Sie war das Zwischenglied zu den Kreisen. Daran wurde die Bezirksleitung auch gemessen.«[2] Dabei war die Grundlage für die Beurteilung ihrer Arbeit die Erfüllung des Plans. »Der Plan wurde zentral beschlossen und der Bezirksleitung mitgeteilt, und wie er durchgeführt wurde, danach wurde man beurteilt.«[3] In allen Jahren von 1952 bis 1989 hatten sich die Bezirkssekretäre in ihrer Arbeit nach den Beschlüssen der Berliner Parteiführung zu richten, sich ihnen unterzuordnen, sie durchzuführen. Der »demokratische Zentralismus« als leninistisches Organisations- und Leitungsprinzip der SED wurde von ihnen als »unerläßliche Bedingung für die richtige Leitung der sozialistischen Gesellschaft, für die volle Entfaltung ihrer Vorzüge und Triebkräfte«[4] akzeptiert und praktiziert. Bereits das vom III. Parteitag der SED im Juli 1950 beschlossene Parteistatut legte fest, »daß alle Beschlüsse der höheren Parteiorgane für jede untere Organisation verbindlich sind und straffe Parteidisziplin zu üben ist und sich die Minderheit der Mehrheit unterordnet.«[5] Dieser Passus findet sich auch nahezu unverändert im 1976 beschlossenen Statut der SED wieder, das bis 1989 gültig war.[6] Im Jahre 1968 hatte der »demokratische Zentralismus« Verfassungsrang erhalten, als er in Artikel 47 als »das tragende Prinzip des Staatsaufbaus« definiert wurde.[7] Damit waren Partei und Staat strikt hierarchisch geordnet. Dieses System des »demokratischen Zentralismus« wurde von den Bezirkssekretären tief verinnerlicht, es war ihnen »völlig klar, daß die Einhaltung von Beschlüssen und die straffe Disziplin die Grundlage der Arbeit«[8] gewesen sind. Bei der Umsetzung der in Berlin entwickelten Politik in den Bezirken galten, wie ein früherer Bezirkssekretär berichtet, »immer die zentralen Beschlüsse«, Spielräume bezogen sich »auf die Durchführung zentraler Beschlüsse.«[9]  Die Bezirkssekretäre als höchste Parteifunktionäre vor Ort waren in ihrer politischen Arbeit direkt mit den Forderungen der Menschen konfrontiert. Die Bevölkerung zeigte sich in materieller Hinsicht häufig unzufrieden – sei es wegen Versorgungsmängeln, sei es wegen Wohnungsfragen.[10] Die Volkswirtschaft der DDR wurde jedoch zentral geplant und zum größten Teil auch zentral geleitet. Die Bezirke besaßen hier keinerlei gesetzgebende Befugnisse und konnten auch über Investitionen »nur in ganz beschränktem Maße« entscheiden.[11] Um hier dennoch eingreifen und Verbesserungen erzielen zu können, um als Politiker in den Bezirken vor der Bevölkerung bestehen zu können, mussten Wege gefunden werden, das Mögliche für den eigenen Bezirk herauszuholen und Verbesserungen zu erreichen. Dabei hat es ein »regionales Verständnis« in den Bezirksleitungen durchaus gegeben, »denn es ging auch darum, daß man der eigenen Bevölkerung zeigte, was man leisten kann. Es gab ja einen Vergleich zwischen den Bezirken.«[12] Vor allem das Engagement des 1. Sekretärs für den Bezirk war gefragt, und »in welchem Maße die Politik im Bezirk seine Handschrift trug, das hing natürlich sehr vom Profil des jeweiligen 1. Sekretärs ab.«[13] Zu denen, die sich stark für ihren Bezirk einsetzten, gehörte auch der langjährige 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Magdeburg, Alois Pisnik (1911 bis 2004).[14] Dieses Engagement führte im Februar 1979 zu seiner Absetzung. Die damaligen Geschehnisse, ein Paradebeispiel für den »demokratischen Zentralismus« in der DDR, sollen nachfolgend dargestellt und analysiert werden. Pisniks Kritik an der zentralen Planung  Zu den Pflichten des 1. Sekretärs einer SED-Bezirksleitung gehörte es, in Monatsberichten an den Generalsekretär diesen regelmäßig über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage im Bezirk zu informieren.[15] Dabei folgten die Monatsberichte einem einheitlichen Schema. In einem ersten Teil wurde über die politische Lage berichtet, die sich regelmäßig als weiter gefestigt und vom Vertrauen in die Parteiführung gekennzeichnet darstellte. In einem zweiten Teil ging es um die ökonomische Situation im Bezirk, um Fragen der Planerfüllung etc. Hier war es möglich, über konkrete Probleme und Sorgen im Bezirk Mitteilung zu machen. Inwieweit diese Möglichkeit genutzt wurde, hing dabei von der Person des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung ab. Die Monatsberichte wurden von Erich Honecker persönlich ausgewertet, der Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung direkt an Günter Mittag weiterleitete. Dies wussten die Berichterstatter, und es war ebenfalls klar, dass ein Zuviel an kritischer Sichtweise negative Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Der »Überbringer schlechter Nachrichten« musste, wie sich Carl-Heinz Janson, früherer Leiter der Abteilung Sozialistische Wirtschaftsführung des ZK der SED unter Günter Mittag, erinnert, »ein spürbares Echo einkalkulieren. So konnte er etwa schnell als Panikmacher abgestempelt werden.«[16] Wer auf Schwierigkeiten aufmerksam machen wollte, musste »in den Monatsberichten, die an den Generalsekretär gingen, mit Verbesserungsvorschlägen aufwarten. Honecker hat diese zur Kenntnis genommen und die Berichte, mit einer Randbemerkung versehen, an Mittag weitergeleitet. Der bekam dann den Auftrag, nachzuhaken.«[17] Dabei versuchte Mittag, »nach außen jede Kritik abzuschirmen. Wenn Kritik zu üben war, dann übte er sie. […] Mitunter war es ihm unangenehm, daß in den Monatsberichten der Bezirksleitungen ohne seine Kenntnis kritisch auf Schwierigkeiten hingewiesen wurde. Er schlug dann überraschend zurück, indem er eine Information zur Planlage aus der Tasche zog, die augenscheinlich nur in dem jeweiligen Bezirk behoben zu werden brauchte. So wurde der jeweilige Generaldirektor oder Provinzfürst nach Strich und Faden abgebürstet und konnte froh sein, wenn er nur einen schlechteren Platz im Kontrollheft bekam.«[18] Die Ablösung des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung Magdeburg, Alois Pisnik, illustriert die geschilderte Ambivalenz des Berichtswesens deutlich. Er war einer derjenigen Funktionäre, die es sich nicht nehmen ließen, in ihren Monatsberichten wiederholt auf Mängel in Versorgungsfragen hinzuweisen. Am 17. April 1978 teilte er seinem Generalsekretär mit, »daß die Diskussionen über Handels- und Versorgungsfragen in den letzten Wochen weiter zugenommen haben.«[19] Am 4. August 1978 führte Pisnik mit Blick auf die Untererfüllung des Planes etwa im Traktorenwerk Schönebeck aus: »Nicht zufrieden sind wir aber mit den Ergebnissen aus der Zusammenarbeit mit dem Ministerium Allgemeiner Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbau.«[20] Dieser Satz zeugt vom Selbstbewusstsein des 1. Sekretärs, lässt er die mangelhafte Planerfüllung doch nicht allein seinem Bezirk ankreiden, sondern gibt auch dem Ministerium, an dessen Spitze mit Günther Kleiber immerhin ein Kandidat des Politbüros stand, eine Mitschuld. In diesem Monatsbericht heißt es weiter: »Kritiken gibt es wieder zu weiteren Erhöhungen des Arbeitskräfteplanes, obwohl bereits zum Plan 1978 eine Untererfüllung vorhanden ist und die Deckungsquellen nicht nachgewiesen werden.«[21] Im Monatsbericht vom 29. September 1978 wurde Pisnik im Hinblick auf die unzureichende zentrale Planung noch deutlicher und beklagte, »daß die übergebenen Kennziffern für den Arbeitskräfteplan in vielen Betrieben nicht mit den territorialen Gegebenheiten übereinstimmen und die bisherigen Ergebnisse und Vorstellungen zur Einsparung von Arbeitsplätzen und zur Freisetzung von Arbeitskräften nicht ausreichen.«[22] Er informierte Honecker weiter davon, diese Fragen direkt mit den zuständigen Ministern und Abteilungsleitern erörtern zu wollen.[23] Solche eigenmächtigen Unternehmungen waren in der Parteiführung nicht gern gesehen. Besonders Günter Mittag muss bei der Lektüre dieses Monatsberichtes die geplanten Gespräche Pisniks als Brüskierung seiner eigenen Person empfunden haben. Das Fass zum Überlaufen brachten dann die »Politischen Berichterstattungen« vom 30. Oktober und 29. November 1978, in denen Probleme der Versorgung und der Baukapazität detailliert geschildert wurden. Am 30. Oktober 1978 machte Pisnik darauf aufmerksam, »daß durch die oft stark erhöhten Anforderungen für das Jahr 1979, insbesondere für die Hauptstadt Berlin, für Maßnahmen der Landesverteidigung, für die Stärkung der materiell-technischen Basis der Industrie, sich verschiedene Komplikationen ergeben, die sich u. a. insbesondere bei Reparatur- und Werterhaltungsmaßnahmen auswirken, und zwar als weiterer Rückgang im Bereich der Baureparaturen und der Werterhaltung der örtlichen Räte.«[24] Insbesondere die Problematik ausbleibender Werterhaltungen an der baulichen Substanz im Bezirk weiß Pisnik mit deutlichen Zahlen zu untermauern. »Der 1978 bereits geringe Einsatz von Bauhauptleistungen mit 15 % an den Reparaturen verringert sich 1979 auf 13,4 %. […] Dabei ist darauf hinzuweisen, daß bereits 1978 und in den Vorjahren in den materiellen Bereichen für die Baureparaturen und Werterhaltungen im Prinzip nur Splitterkapazitäten zum Einsatz kamen.«[25] Die mangelhaften Investitionen in diesem Bereich wirkten sich dabei direkt auf Produktionsleistungen in den Betrieben des Bezirks aus, führten also auch in anderen Bereichen zu Produktionsrückständen und zur Untererfüllung der Planauflagen. »Ich glaube, lieber Erich, daß ich Dir auch eine solche Tatsache nicht verschweigen darf, daß sich im Bezirk von Jahr zu Jahr das Problem der Ersatzinvestitionen verschärft. Auf Grund von angedrohten Sperrungen der Staatlichen Bauaufsicht bzw. der Technischen Überwachung können wichtige Produktionsanlagen nicht voll genutzt werden.«[26] Diese Angaben werden unter anderem am Beispiel des Chemiewerks Salzwedel bekräftigt. Hier hatte sich »der bautechnische Zustand der Superphosphat-Reifehalle so verschlechtert, daß sie bereits zu einem Viertel gesperrt werden mußte. […] Eine generelle Sperrung der Halle ist angedroht, wenn nicht bis Ende 1979 mit der Sanierung begonnen wird. Alle Bemühungen scheitern jedoch jetzt an der Lieferung von 450 t Stahlkonstruktion durch das Metalleichtbaukombinat«.[27] Es liegt auf der Hand, dass der Adressat Honecker und nach ihm Mittag diese drastischen Beispiele ungern zur Kenntnis genommen haben werden. Nur einen Monat später wurden beide erneut mit großen, zahlengesättigten Problemen konfrontiert. Im Monatsbericht vom 29. November 1978 wies der 1. Sekretär der SEDBezirksleitung wiederum auf drängende Probleme des Handels und der Versorgung sowie der Werterhaltung hin. Hierzu gebe es in der Bevölkerung »die größten Diskussionen und sie haben in den letzten Monaten noch zugenommen.«[28] Besonders wird beklagt, dass bei einer Reihe von Konsumgütern der Anteil von Waren der unteren und mittleren Preisgruppen immer geringer wird, sich das Warenangebot insgesamt also verteuert. Zu konstatieren sind »verstärkt unkontinuierliche und rückläufige Versorgungstendenzen«, häufig ist die »Sortimentsbreite und -menge schlechter als 1977.«[29] In Bezug auf den Zuwachs des Warenumsatzes 1977/78 nehme Magdeburg von allen Bezirken der DDR den letzten Platz ein. Dort, wo Konsumgüter reichlich vorhanden seien, würde nicht danach gefragt. Mit den Worten von Pisnik werden »oftmals Waren produziert […], die die Bevölkerung gar nicht haben will; auf der anderen Seite werden aber verlangte Waren in unzureichender Menge oder überhaupt nicht produziert. Marktanforderungen und Pläne für die Warenproduktion müßten doch eine Einheit sein. So ist aber die Praxis nicht.«[30] Die Ursachen für diese Entwicklung sieht er zum Teil in der »ungenügende(n) Arbeit der verantwortlichen Handels- und staatlichen Organe« und darin, »daß die Genossen in den staatlichen und Handelsorganen eine ungenügende Kampfposition zur konsequenten Durchführung der Beschlüsse der Partei zu handelspolitischen Fragen haben.«[31] Alois Pisnik bringt aber auch Faktoren zur Sprache, die nicht im Einflussbereich der Bezirksleitung liegen, so die Erhöhung des Durchschnittspreisniveaus wichtiger Warensortimente, die in der Bevölkerung für Unmut sorgt. Auch die Lage in punkto Werterhaltung ist sehr  virulent. »In letzter Zeit häufen sich Informationen von Sekretariaten der Kreisleitungen und Räten der Kreise sowie Hinweise und Kritiken aus der Bevölkerung, daß eine Reihe dringend anstehender Werterhaltungsaufgaben nicht bzw. nicht wie vorgesehen gelöst werden können.«[32] Dies kann der 1. Sekretär mit eindrücklichen Zahlen belegen. »Der Druck der Bevölkerung zur Realisierung dringender Reparaturarbeiten wird stärker. Vom 1. 1. 1977 bis 30. 6. 1978 haben sich über 6 700 Bürger wegen Werterhaltungsproblemen an die örtlichen Räte gewandt.«[33] Auch diese Probleme sind nicht nur dem Bezirk anzulasten, sondern, wie Pisnik unterstreicht, auch durch die Erhöhung des Einsatzes von Bauleistungen für den Sonderbedarf, etwa für die Hauptstadt Berlin, hervorgerufen.[34] Die Folgen für den Bezirk Magdeburg werden sein, »daß die Bauzustandsstruktur insgesamt nicht wesentlich verbessert wird, im Gegenteil. In den Zentren der Arbeiterklasse wird sie sich weiter verschlechtern.«[35] Dies war ein deutlicher Fingerzeig an Honecker auf Akzeptanzprobleme der SED-Politik gerade unter der Arbeiterschaft, die die SED zu repräsentieren vorgab. Im Ausblick sei weiter damit zu rechnen, dass 1979 nur noch 83,1 Prozent des Niveaus der Werterhaltungsmaßnahmen von 1978 zu erreichen seien, so dass »in einer Reihe von Bereichen« bauliche Reparaturen »überhaupt nicht mehr vorgenommen werden« können, zumal der Stand der technischen Ausrüstungen im Bauwesen oft »nicht einmal die einfache Reproduktion« sichere.[36] Eine Zusammenfassung dieses Monatsberichtes mit einem kommentarlosen Extrakt der wichtigsten angesprochenen Probleme wurde am 4. Dezember 1978 – das war so üblich – allen Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros zugeleitet.[37]  Das Vorgehen des Zentralkomitees gegen Pisnik und sein »Rücktritt« Die Reaktion aus der Berliner Zentrale ließ nicht lange auf sich warten. Sie wurde sicherlich befördert durch die Sitzung der Bezirksleitung Magdeburg vom 18. Dezember 1978, auf der Alois Pisnik ein später von der Bezirksleitung einstimmig bestätigtes Schlusswort hielt und auch auf seinen Monatsbericht an Honecker einging. »Ich habe auch angeführt, daß es Artikel gibt, die produziert werden, die kein Mensch kauft, wofür aber wertvolles Material verwendet wird.« Andere Artikel dagegen seien schlichtweg »wegspezialisiert worden«. Der »Bevölkerung Unzufriedenheit und Kritik der Bevölkerung ist stärker geworden. […] Ich habe eine Reihe konkreter Fakten aufgeführt.«[38]  Interessant sind die Entgegnungen Honeckers, die ebenfalls überliefert sind. Was Alois Pisnik mitteilte, »das stimmt nicht ganz«, er warf ihm vor, »du kritisierst und ihr habt selber schuld mit der Konsumgüterproduktion.« Es gebe laut Honecker immer noch schlechtere Beispiele, so hätte die DDR im sozialistischen Lager den höchsten Versorgungsstand, der Sowjetunion hingegen gehe es viel schlechter. Schließlich habe die DDR »auch Exportverpflichtungen«, und bei allem wirke sich die »Krisenentwicklung in den kapitalistischen Ländern« direkt auf die sozialistischen Länder aus. »Wir können nur das verbrauchen was wir produzieren.«[39] Honecker gab den Schwarzen Peter also an den Bezirk Magdeburg zurück und argumentierte mit externen Faktoren, die der Wirtschaftspolitik der SED nicht anzulasten seien.  So einfach ließ sich Pisnik allerdings nicht überrumpeln. Nachdem er konzediert hatte, Honecker habe »eine ganze Reihe von echten Argumenten« vorgebracht, insistierte er: Wir »brauchen für eine exakte Produktionsarbeit auch eine exakte Übersicht über die Marktanforderungen. Was dazu gemacht wird ist auch ungenügend, zu oberflächlich. […] Ich bin deswegen nicht der Meinung, daß alles an uns liegt und zentrale Organe überhaupt keine Verantwortung haben und dort nichts geändert werden kann oder braucht«.[40] Pisnik brachte sich in seinem Schlusswort selbst in Rage, als er sagte, »wie lange reden wir schon über die Arbeit mit den Menschen, bis zum Kotzen, möchte ich sagen, aber sehen wir uns an, wie gearbeitet wird.« Er nannte erneut konkrete Beispiele einer mangelhaften Versorgung und forderte das »Aufhören mit dem allgemeinen Reden und allgemeinen Sitzungen und Beratungen, wo nichts konkretes herauskommt. Damit muß man endlich Schluß machen. Das beste Reden nützt nichts, wenn am Ende nicht konkret die Aufgaben herauskommen.«[41]  Dieses selbstbewusste und offene Schlusswort veranlasste die Parteiführung, Maßnahmen zur Disziplinierung ihres Magdeburger 1. Bezirkssekretärs zu ergreifen. Es begann in der Sitzung des Sekretariats der Bezirksleitung am 21. Dezember 1978, also nur drei Tage nach der Bezirksleitungssitzung. Alois Pisnik nahm in Anwesenheit von Fritz Müller, Leiter der Abteilung Kader des ZK und von Erich Honecker persönlich nach Magdeburg beordert, Stellung zur Kritik an seinem Monatsbericht und seinem Schlusswort auf der Sitzung und »erkannte die an ihm geübte Kritik durch den Generalsekretär, Genossen Honecker, vorbehaltlos an.« Er akzeptierte auch, dass sein »Schlußwort keine richtige Orientierung gab«.[42] Auf die Solidarität seiner Sekretariatskollegen konnte Pisnik nicht hoffen, die Parteidisziplin war stärker. Sie kritisierten ihren 1. Sekretär, weil sie »den Inhalt des Briefes an den Genossen Honecker nicht kennen und nach Kenntnis dieses Briefes bzw. einiger Passagen zu Fragen des Handels und der Versorgung distanzieren sie sich von diesem Schreiben und akzeptieren auch das Schlußwort des Genossen Pisnik auf der Bezirksleitungssitzung nicht.« Es folgte eine Ergebenheitsadresse an die Parteiführung mit der Versicherung, »die vom Sekretariat in der Beratung durchaus richtig gestellten Aufgaben in Durchführung der Beschlüsse der 9. Tagung des ZK vorbehaltlos« zu erfüllen.[43] Damit war die Autorität des ZK wieder hergestellt. Das neue Jahr 1979 brachte für den Magdeburger 1. Bezirkssekretär gleich am 3. Januar eine Aussprache mit Vertretern des ZK und die Information, dass das Politbüro am 19. Dezember 1978 die Entsendung einer »Arbeitsgruppe für die Klärung einer Reihe grundsätzlicher Fragen in Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED im Bezirk Magdeburg« beschlossen hatte.[44] Sollte Alois Pisnik gehofft haben, dass sich die Querelen mit dem neuen Jahr legen würden, so sah er sich getäuscht. Die Aussprache führten Carl-Heinz Janson, Leiter der ZK-Abteilung Sozialistische Wirtschaftsführung, und Hermann Pöschel, Leiter der ZK-Abteilung Forschung und technische Entwicklung. Zugegen war ferner mit Heinz Herzig der Sekretär für Wirtschaft der Bezirksleitung Magdeburg. Nachdem die aktuelle Lage im Bezirk besprochen worden war, ging es erneut um das Schreiben an den Generalsekretär. Pisnik räumte zwar ein, »daß er mit seinem Brief an Genossen Erich Honecker über die Versorgungsfragen ›auf die Nase gefallen sei‹«, betonte aber grundsätzlich, dass er den Generalsekretär »über Probleme informieren wolle. Er gehe von den Fortschritten und Erfolgen aus und sei ein Optimist. In Magdeburg sei eine Kampfatmosphäre da. Mit den Ergebnissen der Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages lägen sie in vielen Positionen mit vorn. Niemand könne sagen, daß nicht gekämpft werde.« Was die von ihm angesprochenen Versorgungsprobleme anbelangte, so »wiederholte er die Argumente seines Schlußwortes und erläuterte auch noch einmal seinen Standpunkt zur Werterhaltung.« [45] Es war ausgerechnet der Wirtschaftssekretär, der sich in dieser Aussprache von Pisnik abwandte und ganz auf ZK-Linie begab, obwohl er doch die wirtschaftlichen Probleme des Bezirks Magdeburg kennen musste. Heinz Herzig versicherte im Hinblick auf das besagte Schreiben, »daß es dazu keine Abstimmung mit den Genossen gab. Er schätze Genossen Pisnik als 1. Sekretär sehr hoch, aber es sei nicht gut, solche Briefe ohne Konsultation mit dem Wirtschaftssekretär zu schreiben. Er habe um eine Änderung der Arbeitsweise gebeten.«[46] Herzig hatte auch eine Lösung parat, wie anders zu verfahren sei. Im Bezirk auftretende Versorgungsfragen »können nur über den Weg der Erhöhung der eigenen Aktivitäten geklärt werden […]. Man müsse sich auch mit solchen Kreisleitungen wie Wolmirstedt auseinandersetzen, die nur aufschreiben was fehlt und solche Informationen ohne Analyse und politische Wertung an Genossen Pisnik schicken.«[47] Die beiden Abteilungsleiter, die im ZK direkt dem Sekretär Günter Mittag unterstanden, werden diese Ausführungen befriedigt zur Kenntnis genommen haben. Alois Pisnik jedoch »verteidigte seine Position zur Werterhaltung sowie zum Bau von Kulturhäusern und Gaststätten«[48], wurde aber verpflichtet, auf der nächsten Beratung mit den 1. Kreissekretären zu seinem Schlusswort vor der Bezirksleitung Stellung zu nehmen. Diese Beratung fand am 8. Januar 1979 statt. Die Abteilung Parteiorgane des ZK fertigte hierüber am 10. Januar 1979 eine Information an und konnte bilanzieren, es sei »eine richtige Orientierung gegeben für die Durchführung der Beschlüsse der 9. Tagung des Zentralkomitees im Bezirk Magdeburg«.[49] Pisnik selbst nahm tatsächlich im Sinne der Parteiführung Stellung. Zunächst informierte er die anwesenden Genossen über die bisherigen Auseinandersetzungen im Sekretariat der Bezirksleitung und »über die kritische Wertung seiner Arbeit durch die Mitglieder des Sekretariats im Zusammenhang mit der nicht genügenden Förderung der Kollektivität in der Arbeit des Sekretariats.«[50] Dann vollzog Pisnik eine Kehrtwendung zu seinen bisherigen Äußerungen und erklärte, »daß der Teil des Schlußwortes, der sich mit seinem Brief an den Generalsekretär zu Fragen der Versorgung und mit der Kritik an der in diesem Brief gegebenen Einschätzung durch den Genossen Honecker befaßt, von einer falschen Position ausgeht.« Die falsche Position bestehe darin, dass seine Darstellung »im Grunde auf eine Polemik mit dem Zentralkomitee und seinem Generalsekretär hinausläuft, unsere Erfolge negiert und Pessimismus ausdrückt, wozu es nicht den geringsten Grund gibt. Genosse Pisnik betonte, daß dies nicht seine Absicht war. Er erklärte, daß Probleme nicht überbetont werden dürfen, sondern, daß alle Anstrengungen zu unternehmen sind, um sie im Vorwärtsschreiten zu lösen.«[51] Die Information der Abteilung Parteiorgane, am 12. Januar 1979 vom Abteilungsleiter Horst Dohlus an Erich Honecker weitergeleitet und tags darauf von diesem den Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros zugänglich gemacht, lobte den »konstruktiven und selbstkritischen Gedankenaustausch« und die »neuen Überlegungen und konkreten Maßnahmen, wie durch die Nutzung der Potenzen und Ausschöpfung der Reserven des Bezirkes, der Kreise und Betriebe, die Aufgaben des Volkswirtschaftsplanes erfüllt und überboten werden können.«[52] Insofern konnte Alois Pisnik hoffen, mit seiner Selbstkritik die Parteiführung zufrieden gestellt und beruhigt zu haben. Dem war aber nicht so. Das SED-Politbüro hatte es sich nicht nehmen lassen, zum im Falle regiona ler Unbotmäßigkeit bewährten Disziplinierungsmittel zu greifen: Die am 19. Dezember beschlossene Arbeitsgruppe wurde in den Bezirk Magdeburg entsandt. Als Leiter fungierte der in diesen Sachen bewährte Günter Mittag. Am 19. Januar 1979 fand in Magdeburg eine Beratung dieser Arbeitsgruppe mit dem Sekretariat der Bezirksleitung statt. Zugegen waren neben Mittag auch Alfred Neumann, Mitglied des Politbüros und 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates, und Werner Jarowinsky, Kandidat des Politbüros und ZK-Sekretär für Handel und Versorgung. Mittag sprach hier in bewusstem Gegensatz zu Alois Pisnik von der Pflicht, »bei allen Bürgern noch stärker den Stolz auf die Deutsche Demokratische Republik, auf ihr sozialistisches Vaterland auszuprägen.« Es gebe in der DDR einen hohen Lebensstandard, und man dürfe »niemandem gestatten, an dieser Wahrheit herumzunörgeln.« Mittag wurde noch deutlicher. »Vom Standpunkt des Pessimismus jedoch kann man keine erfolgreiche Parteiarbeit organisieren.« Ein direkter Affront gegen den 1. Bezirkssekretär war der folgende Satz: »Probleme, Genossinnen und Genossen, lassen sich überall finden und in manchen Fällen sogar erfinden. […] Die Lösungsvorschläge sind dagegen dürftig.«[53] Der Ton gegenüber Alois Pisnik hatte sich merklich verschärft. Überliefert sind auch Auszüge aus den Stellungnahmen der Mitglieder des Sekretariats der Bezirksleitung. Es überrascht nicht, dass alle ihre »volle Übereinstimmung mit der zusammenfassenden Einschätzung der Abteilungen des ZK« gaben und betonten, dass damit »eine große Hilfe für die weitere Arbeit der Bezirksparteiorganisation vom Politbüro gegeben worden ist«.[54] Der 2. Sekretär Walter Kirnich ließ es sich angelegen sein, die anwesenden Genossen der Parteiführung persönlich zu loben, indem er ausführte, dass »das Politbüro, Genosse Erich Honecker persönlich, Genosse Mittag, Genosse Neumann und Genosse Werner Jarowinsky bereits seit Jahren der Entwicklung des Bezirkes Magdeburg eine besonders große Unterstützung gegeben hätten.«[55] Der Wirtschaftssekretär Heinz Herzig fand, es hätte »eine so gründliche und prinzipielle Analyse der Entwicklung und der Arbeit des Bezirkes in der Vergangenheit noch nie gegeben.«[56] Kritisiert wurde von den Sekretären, »daß die Kollektivität des Sekretariats eingeschränkt war« und »nur geringer Kontakt zum 1. Sekretär« bestand. »Der 1. Sekretär hat zwischen sich und die Sekretäre seine Mitarbeiter geschaltet.«[57] Der Vorsitzende der Bezirksparteikontrollkommission, Gerhard Frost, unterstrich die partiell eigenständige Haltung Pisniks, indem er betonte, »daß in den letzten Jahren sich der Subjektivismus breitgemacht hat.« Wörtlich sagte er zu seinem 1. Sekretär: »Deine Ausführungen haben mich nicht überzeugt, daß Du das änderst.«[58] Diese Ausführungen werden in den Akten des Büros Mittag wie folgt charakterisiert: »Es zeigte sich ein großer Unterschied zwischen der prinzipiell selbstkritischen Position der Sekretäre, die die Grundfrage der bedingungslosen Durchführung der Beschlüsse des ZK erkannt haben, und den Äußerungen des Genossen Pisnick [sic!], der sich auf die Abrechnung einzelner Punkte in den Materialien der Arbeitsgruppe konzentrierte. Er gab zwar eine allgemeine Erklärung ab, in der er die Übereinstimmung mit der Einschätzung und den Schlußfolgerungen betonte, und sprach dann über einzelne Fragen. Zum Teil ging das wieder in eine Richtung, die grundsätzliche Feststellung aufzuheben.«[59] Alois Pisnik, der auf dieser Beratung »immer wieder die hohe Kampfkraft der Kommunisten und der Parteiorganisationen« betont hatte, ergriff nach den »massiven kritischen Einschätzungen der Sekretäre« noch einmal das Wort. Nachdem er sein Einverständnis damit bekräftigt und sich als »den eigentlichen Hauptverantwortlichen« bezeichnet hatte, wendete er sich gegen seine Sekretariatskollegen, als er sagte, »daß die Diskussion unserer Genossen noch nie so war, außer der einen Sekretariatssitzung im Dezember. Die Genossen hätten das früher auf den Tisch legen müssen. Das wäre für seine Arbeit günstig gewesen.«[60] Am Ende dieser für ihn unerfreulichen Sitzung musste Pisnik eine ihm drohende Amtsenthebung befürchten. Noch war er jedoch bereit, für seinen Verbleib in der Funktion zu kämpfen. Mit Blick auf die anwesenden Genossen aus Berlin stellte er die Frage, »ausgehend von der Bemerkung des Genossen Frost, ob er die Dinge verändern könne«, und beantwortete sie auch gleich: »Wenn die Genossen des Politbüros der Meinung seien, er schaffe es nicht, dann muß man an der Spitze des Bezirkes verändern. Er möchte jedoch sagen, daß er der Meinung ist, es könnte ihm gelingen, denn das ganze wäre auch eine Erziehung.«[61] Vorderhand wurde hierüber noch nicht entschieden. Schon bald danach, am 30. Januar 1979, befasste sich auch das Politbüro mit der »Zusammenfassenden Einschätzung« zu »einer Reihe grundsätzlicher Fragen der Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages im Bezirk Magdeburg«. Zunächst wurde auch vom Politbüro bestätigt, dass der Bezirk Magdeburg »hervorragende Ergebnisse« bei der »Durchführung des Wohnungsbauprogramms« erzielt habe und hier über dem DDR-Durchschnitt liege. Dennoch gebe es noch »bedeutende Reserven«. [62] Offenbar als Reaktion auf die in den Monatsberichten erwähnten, vom Bezirk Magdeburg zu erbringenden Berlin-Aufgaben stellte die Arbeitsgruppe des Politbüros fest: »Es widerspricht auch den Tatsachen, daß der Bezirk in Fragen der Versorgung gegenüber anderen Bezirken benachteiligt sei, wie Genosse Pisnik schon seit längerem behauptet.«[63] Der Bezirksleitung wird vorgeworfen, den konkreten Bedarf an Konsumgütern im Bezirk zugrunde zu legen und sich nicht um den zentral ausgearbeiteten Plan zu scheren. Sie betrachte »Bedarf und Bedarfsdeckung meist losgelöst vom Versorgungsplan und oft auch subjektiv«, also eigenständig, und der vorgegebene »Plan wird ungenügend zur Grundlage der Arbeit«.[64] Das Ausmaß der geschilderten Probleme wird negiert, es handele sich vielmehr um eine »fehlende sachliche gründliche Analyse und Einschätzung und subjektivistisches Herangehen durch unzulässiges Verallgemeinern von Einzelerscheinungen.«[65] Es folgte in der Einschätzung der Arbeitsgruppe der Vorwurf mangelnder Parteidisziplin durch das Sekretariat der Bezirksleitung Magdeburg. Dieses hätte nämlich die Beschlüsse des Politbüros, des ZK und des ZKSekretariats »zum Teil mit außerordentlich niedriger Disziplin behandelt.«[66] Schuld daran trügen weniger die Sekretariatsmitglieder, als vielmehr der 1. Sekretär selbst, wurde doch bisher »die persönliche Verantwortung der Sekretäre der Bezirksleitung dadurch zu wenig gefördert, daß Genosse Pisnik der Kollektivität in der Tätigkeit des Sekretariats zu wenig Beachtung geschenkt hat.«[67] Nochmals wurde darauf verwiesen, dass Pisnik in seinem Schlusswort auf der Tagung der Bezirksleitung »keine richtige Orientierung zur Auswertung der 9. Tagung des Zentralkomitees und zur Entwicklung einer klaren Kampfposition für die Lösung der vor dem Bezirk stehenden Aufgaben« gegeben hat.[68] Wohin diese Kritik zielte, muss Alois Pisnik als alt gedientem SED-Funktionär klar geworden sein. Wer mit dem unerhörten Vorwurf »außerordentlich niedriger« Parteidisziplin belegt und des Fehlens einer »klaren Kampfposition« bezichtigt wurde, musste mit einer Abberufung aus seiner Funktion rechnen. Dies erkannte auch Alois Pisnik, und so verfasste er am Tage nach der Politbüro-Sitzung, am 31. Januar 1979 und wieder zurück in Magdeburg, einen Brief an Erich Honecker, in dem er sich auf diese Sitzung und auf ein kurz vorher stattgefundenes Gespräch mit seinem Generalsekretär bezog. Nach einleitenden Bemerkungen, die seinen Werdegang resümieren und Loyalität zu seiner Partei und ihrem Generalsekretär bekunden, kommt Pisnik auf den eigentlichen Punkt, wenn er schreibt: »Ich werde natürlich auch weiter meine Person und Kraft für unsere große Sache einsetzen. Ich darf aber darauf verweisen, daß die vergangenen großen Anstrengungen sich doch auch auf meine Gesundheit ausgewirkt haben und ich möchte daher bitten, mich bei der kommenden Bezirksdelegiertenkonferenz nicht mehr als Kandidaten für den 1. Sekretär der Bezirksleitung aufzustellen.«[69] Damit war klar, dass die nächste Bezirksdelegiertenkonferenz das Ende der über 26-jährigen Ära Pisnik in Magdeburg mit sich bringen würde. Diese Konferenz fand nicht einmal zwei Wochen später, am 10. und 11. Februar 1979, in Magdeburg statt. Das ZK entsandte hierzu eine Delegation, die unter Leitung von Günter Mittag stand. Prominente Mitglieder dieser Delegation waren weiter die Genossen Herbert Häber, Leiter der Westabteilung bzw. der Abteilung Internationale Politik und Wirtschaft, Fritz Müller, Leiter der Abteilung Kader, und Kurt Tiedke, Leiter der Abteilung Propaganda im ZK. Schließlich waren auch sechs Mitglieder der Arbeitsgruppe des ZK aus den Abteilungen Parteiorgane, Maschinenbau und Metallurgie, Landwirtschaft und Sozialistische Wirtschaftsführung zugegen.[70] Das Hauptreferat hielt wieder Günter Mittag. Zunächst wurde das Plenum davon informiert, dass Alois Pisnik in einem Schreiben an den Generalsekretär darum gebeten hat, »aus gesundheitlichen Gründen« nicht erneut für die Funktion des 1. Sekretärs der Bezirksleitung Magdeburg zu kandidieren. Sodann wurde dem »lieben Alois« der Dank des Politbüros für seine »jahrzehntelange aufopferungsvolle Arbeit als 1. Sekretär« gedankt und alles Gute gewünscht. Mit der Überreichung eines Blumenstraußes endete die Amtszeit Alois Pisniks, die vor über einem Vierteljahrhundert begonnen hatte.[71] Zum neuen 1. Sekretär wurde mit Kurt Tiedke ein Funktionär gewählt, der als langjähriger Leiter der Abteilung Propaganda im ZK zwar über eine große Parteierfahrung, aber über keine Kenntnisse des Bezirks Magdeburg verfügte.[72]  Günter Mittag ließ es sich nicht nehmen, auf der Bezirksdelegiertenkonferenz noch einmal scharfe Kritik an der Bezirksleitung Magdeburg und ihrem ausgeschiedenen 1. Sekretär zu üben und so indirekt auch die Notwendigkeit des Eingreifens der Parteiführung zu bekräftigen. Mittag zählte die Versäumnisse des Bezirks auf: Die Leistungen des Bezirks würden »in nicht genügendem Maße für den Volkswirtschaftsplan entwickelt«, es seien noch »große Reserven vorhanden«, und die »Aufgaben für die Durchführung der zentralen, die ganze Republik und die ganze Volkswirtschaft betreffenden Objekte« würden »unzureichend [ge]löst«.[73] Erneut wurden die in der Magdeburger Parteiführung aufgetretenen »subjektivistischen Einschätzungen« angeprangert, könne im Gegenteil die Aufgabe doch nur »darin bestehen, die Politik der Partei und darin eingeschlossen  ihre Wirtschaftspolitik entsprechend den Beschlüssen Punkt für Punkt durchzuführen und nicht eine eigene subjektivistische Auslegung dieser Politik vorzunehmen. Das zu gewährleisten, darin besteht auch die hohe Verantwortung der Bezirksleitung.«[74] Die bisherige Informationspolitik qualifizierte Mittag kurzerhand ab. »Natürlich muß man über heranreifende Fragen informieren, auch über Stimmungen und Meinungen. Das muß jedoch sorgfältig geschehen, unter Abwägung all dessen, was wirklich zentral zu regeln ist, und was die eigene Verantwortung ist. Vor allen Dingen darf das Suchen nach Problemen nicht die Organisierung der Kampfposition in der Parteiarbeit verdrängen. Und diese Gefahr ist entstanden. Das führt zu einer Fehleinschätzung der Lage, das führt dazu, daß die Kräfte der Partei auf die Lösung von Einzelfragen zersplittert werden.«[75] Die Probleme, die der Bezirk Magdeburg im wirtschaftlichen Bereich hatte, waren demnach entweder hausgemacht oder Produkt eigenen Schwarzmalens und eigener Fehleinschätzungen. Darum musste die Parteiführung handeln, und darum musste der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Magdeburg abgelöst werden. Die Parteiführung, selbst nicht verantwortlich für die Probleme, hatte durch ihr Eingreifen, folgt man der Diktion Mittags, die Kastanien für den Bezirk Magdeburg aus dem Feuer holen müssen. Die Motive für die Ablösung von Alois Pisnik Es stellt sich abschließend die Frage, inwieweit die offizielle Diktion die wahren Gründe für die Ablösung Alois Pisniks wiedergibt, oder ob nicht andere Motive hier eine Rolle gespielt haben mögen. Alois Pisnik war zum Zeitpunkt der ergriffenen Maßnahmen nicht krank. Dies bezeugt ein früherer Sekretariatskollege[76], und auch die einschlägigen Akten enthalten keine Hinweise auf eine Krankheit. Den Brief an Honecker mit der Bitte, nicht wieder als 1. Sekretär zu kandidieren, schrieb Pisnik vielmehr aus anderen Gründen. »Er wollte nicht, daß man einen anderen Grund nannte. Es war natürlich auch für ihn günstig zu sagen: ›Ich bin nicht aus Mängeln der Leitungstätigkeit oder aus Widersprüchen in der Einschätzung der Lage gegenüber dem Genossen Mittag von dieser Funktion abgelöst worden, sondern es war auch mein eigener Wunsch.‹«[77] Alois Pisnik,  Jahrgang 1911, war der mit Abstand älteste 1. Sekretär einer SED-Bezirksleitung und am längsten, seit Bildung der Bezirke 1952, in dieser Funktion. Bis auf die Amtskollegen aus Suhl und Erfurt waren alle anderen 1. Sekretäre der Bezirksleitungen mindestens zehn Jahre bis knapp 20 Jahre jünger als er, und nur Alois Bräutigam in Erfurt war auch schon in den 1950er Jahren in dieses Amt gelangt. Alle anderen hatten 1979 eine mehr als zehn Jahre kürzere Amtsdauer.[78] Es könnte daher sein, dass aus Alters- und Verschleißgründen – Pisnik war Anfang 1979 immerhin schon 67 Jahre alt – eine Ablösung erfolgt ist. Zumindest zum Teil hält dies der frühere Kultursekretär für möglich. »Man muß aber auch dazu sagen, daß Alois Pisnik zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr der Jüngste war. Ein altersbedingtes Nachlassen der Konzen-trationsfähigkeit und der richtigen Einordnung der Probleme machten sicherlich auch Mängel in seiner Leitungstätigkeit sichtbar, die den Prozeß der Ablösung begünstigten.«[79] Das kann aber nicht der alleinige Grund gewesen sein, war Erich Honecker als die maßgebliche Instanz in Kaderfragen[80] doch dafür bekannt, »in der Parteiführung Kommunisten alter Prägung zu versammeln.«[81] Ein solcher war Alois Pisnik. Er war nur ein Jahr älter als dieser, entstammte also der gleichen Generation, und hatte sich zudem Verdienste im Kampf gegen den Nationalsozialismus erworben. Außerdem scheute sich Honecker nicht, 1983, nur ein paar Jahre später, den 63jährigen Werner Eberlein als neuen 1. Bezirkssekretär nach Magdeburg zu berufen[82], ein weiterer Beleg dafür, dass Honecker Altersfragen weniger wichtig waren. Der Schlüssel zum Verständnis für die Entwicklungen im Bezirk Magdeburg Ende 1978/Anfang 1979 liegt offenbar doch in den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, über die Pisnik in seinen Monatsberichten informierte. Einmal gehörte dies zu seinen ihm obliegenden Aufgaben, zum anderen erhoffte er sich mangels bezirklicher Möglichkeiten Hilfe aus Berlin. Die deutliche Herausstellung der Probleme etwa im Bauwesen, der Werterhaltung und der Konsumgüterproduktion zeigt aber auch, wie stark Pisnik als von der Bevölkerung wahrgenommener Repräsentant der Staatspartei im Bezirk unter dem Druck der Basis stand. Die Bevölkerung wandte sich zunehmend häufiger mit Eingaben an die örtlichen Räte, die ihrerseits die Unzulänglichkeiten weitergaben. Pisnik musste als 1. Sekretär von Magdeburg handeln. Es war nicht allein die Tatsache, dass er in seinem Monatsbericht mannigfaltige Probleme benannte – das taten andere 1. Bezirkssekretäre auch –, sondern der Umstand, dass Pisnik zentrale Entscheidungen in Frage stellte, was höheren Orts auf großen Widerwillen stieß. Auch die im Monatsbericht geschilderten Probleme in der Konsumgüterproduktion entsprachen der Wahrheit. Es war seit einigen Jahren die Taktik der SED, die wachsende Kaufkraft der Bevölkerung abzuschöpfen, indem man »neue Produkte in anderer Verpackung oder mit verändertem Namen, die angeblich eine bessere Qualität hatten und deswegen auch mehr kosteten«, lieferte. Die »billigeren Varianten verschwanden dann nach und nach vom Markt.«[83] Im Laufe des Jahres 1977 war es wegen der Erhöhung der Verkaufspreise bei Baumwollerzeugnissen und Kaffee zu »erheblicher Unruhe und Gerüchten«[84] in der Bevölkerung gekommen. Unter diesem Druck stand auch Alois Pisnik, zumal Eingaben zu Wohnungsfragen seit Mitte der 1970er Jahre »auch mit der Forderung nach Übersiedlung in die Bundesrepublik gekoppelt wurden«.[85] Dabei waren Mittag die in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zunehmenden ökonomischen Probleme durchaus klar. Im März 1977 hatte er gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission Gerhard Schürer in einem Brief an Honecker formuliert: »Erstmals sind wir in akuten Zahlungsschwierigkeiten.«[86] Die sehr unwirsche Reaktion Honeckers veranlasste Mittag offenbar, in Zukunft derart schlechte Nachrichten von diesem fernzuhalten.[87]  Und hier liegt auch der Schlüssel zum Verständnis der Ablösung von Alois Pisnik. Auszüge aus seinen Monatsberichten leitete Honecker an Mittag weiter. Dieser musste sich bei der Darstellung ökonomischer Probleme in seiner Eigenschaft als ZK-Sekretär für Wirtschaft angegriffen fühlen. Er entsandte eine Arbeitsgruppe unter seiner Leitung nach Magdeburg. Diese Arbeitsgruppe, so das Empfinden des Kultursekretärs Winnig, hatte das Ziel nachzuweisen: »Wenn die in Magdeburg meckern, dann sollen sie sich doch erst mal auf ihre eigenen Reserven besinnen.«[88] Nachdem auch seine Sekretäre ihn im Stich gelassen hatten und die mangelnde Kollektivität in der Führung beklagten[89] und Pisnik »taktisch unklug« vorging, indem er zur Kritik der ZK-Arbeitsgruppe »wenig Einsicht gezeigt« hat[90], nachgerade »aufmüpfig«[91] gewesen ist, war der Weg zu seiner Ablösung frei. Zudem war es für Mittag ein Leichtes, die von Pisnik geäußerten Versorgungsschwierigkeiten mit Magdeburger Betrieben selbst zu erklären, die – aus welchen Gründen auch immer – ihre Planauflagen nicht erfüllten.[92]  Auf einen weiteren Aspekt macht Helmuth Winnig, seinerzeit Sekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur in Magdeburg, aufmerksam. »Der Rat des Bezirkes war für die bezirksgeleiteten Betriebe und für die kommunalen Bereiche verantwortlich, jedoch nicht für die zentral geleiteten Betriebe. Er hatte aber fortwährend mit ihnen zu tun, weil von dort aus Anforderungen an die bezirksgeleiteten Betriebe bzw. an die kommunale Ebene gerichtet wurden, welche diese zu erbringen hatten. […] Es gab nun für die Lösung dieser Probleme keine Querschnittsleitung staatlicherseits im Bezirk. Die einzige Möglichkeit, hier im Querschnitt Verbindungen herzustellen, war die Bezirksleitung der Partei. Dort lief vieles zusammen, was eigentlich in die Kompetenz der staatlichen Leitung gehörte. Der Genosse Pisnik hatte sich Instrumente geschaffen, sogenannte Arbeitskreise oder Arbeitsgruppen, die diese koordinierende Funktion ersetzen sollten. In diesen Arbeitskreisen waren wiederum die zentral geleiteten Betriebe durch ihre jeweiligen Leiter vertreten, das heißt in der Regel durch die Generaldirektoren, die jedoch eigentlich in einer direkten Leitungslinie von Günter Mittag angeleitet wurden und abhängig waren. So mußte es zwangsläufig Reibungen geben. Es gab nun sicherlich auch einige, die ihren Direktkontakt auf dieser Ebene und auch außerhalb dieser Ebene zum Genossen Pisnik nutzten, um ihre Probleme an den Mann zu bringen. Wer nun diese Probleme aufnahm und sie nach oben weitergab, der erntete nicht immer Sympathie. […] Das hat offenbar bewirkt, daß zwischen Alois Pisnik und dem Bereich des Genossen Mittag ein gewisses Spannungsfeld entstand.«[93] Nach dem, was über die Persönlichkeit Mittags bekannt ist[94], ist es durchaus denkbar, dass sich Mittag durch die Bildung dieser Arbeitsgruppen übergangen, vielleicht auch hintergangen, und in seiner Kompetenz nicht gebührend gewürdigt sah. Dies mochte ihm einen weiteren Grund liefern, den Magdeburger Konkurrenten ins Visier zu nehmen. Gerade in Bezug auf Kritik in ökonomischen Fragen war die Parteiführung im Zusammenhang mit der krisenhaften Entwicklung ab Ende der 1970er Jahre zunehmend dünnhäutiger geworden. Am Beispiel Pisniks ist den SED-Funktionären verdeutlicht worden, wie mit auch eigenständigen Genossen umgegangen werden konnte. Es ist möglich, dass der Fall Alois Pisnik auch ein Exempel darstellen sollte. Es war daher das »Betreiben Günter Mittags«[95], das die Ablösung Pisniks bewirkte.  Alois Pisnik hatte in seinen Monatsberichten eine Warnung der Abteilung Parteiorgane aus dem Jahre 1961 beherzigt: »Schönfärberei fügt jedoch der Partei großen Schaden zu. […] Die Information, die Mängel umgeht, Fehler verheimlicht und vertuscht, die Wirklichkeit beschönigt, führt dazu, die Lage falsch einzuschätzen und unrichtige Beschlüsse zu fassen.«[96] Honecker dankte dies jedoch nicht, den Schaden hatte Pisnik. Ganz ließ der Generalsekretär ihn jedoch nicht fallen. Um den Schein eines planmäßigen Funktionswechsels zu wahren, vielleicht auch, um das kritische Potential Pisniks einzudämmen, wurde er auf der 11. Tagung der Volkskammer am 3. Juli 1980 zum Mitglied des Staatsrates berufen. Wie sich die Ausübung dieser Funktion allerdings mit dem angeblich angegriffenen Gesundheitszustand des vormaligen 1. Bezirkssekretärs vertragen sollte, wurde nicht erklärt. Alois Pisnik jedenfalls blieb in seinem Bezirk Magdeburg wohnhaft und füllte seine Funktion als Mitglied des Staatsrates bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 aus. [1]  Der Text stellt ein überarbeitetes Kapitel aus der Habilitationsschrift zum Thema »Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952 bis 1989« dar, die der Verfasser im September 2005 der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock eingereicht hat. [2]  Protokoll des Gesprächs mit Ulrich Schlaak (Belzig), 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam 1976 bis 1989, vom 5. März 2003, S. 4. Dieses und die im Weiteren zitierten Gesprächsprotokolle befinden sich sämtlich im Privatarchiv des Verfassers. Ein Interview mit Alois Pisnik zur Thematik dieses Artikels erbrachte keine weiterführenden Erkenntnisse.  [3] Ebenda. [4]  Kleines Politisches Wörterbuch. Neuausgabe 1988, Berlin (Ost) 1989, S. 179. Siehe auch Dohlus, Horst: Der demokratische Zentralismus – Grundprinzip der Führungstätigkeit der SED bei der Verwirklichung der Beschlüsse des Zentralkomitees, Berlin (Ost) 1965 u. Schüßler, Gerhard u. a.: Der demokratische Zentralismus. Theorie und Praxis, Berlin (Ost) 1981. [5]  Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 20. bis 24. Juli 1950 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin (Ost) 1951, Bd. 2, S. 307–321, hier S. 313. [6]  Siehe Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IX. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Palast der Republik in Berlin, 18. bis 22. Mai 1976, Berlin (Ost) 1976, Bd. 2, S. 267–298, hier S. 279. [7]  Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968, Berlin (Ost) 1968, S. 46. [8]  Protokoll des Gesprächs mit Hans Modrow (Berlin), 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden 1973 bis 1989, vom 6. September 2002, S. 7. Siehe auch Protokoll des Gesprächs mit Günter Schabowski (Berlin), 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin 1985 bis 1989, vom 24. Juli 2003, S. 5 u. Protokoll des Gesprächs mit Johannes Chemnitzer (Lichtenberg), 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg 1963 bis 1989, vom 7./8. Mai 2003, S. 24. [9]  Protokoll des Gesprächs mit Helmut Müller (Berlin), 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin 1971 bis 1989, vom 21. Februar 2003, S. 16. [10]  Hierzu hat Beatrix Bouvier eine Fülle von Eingaben aus der Bevölkerung ausgewertet. Bouvier, Beatrix: Die DDR – ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker, Bonn 2002. [11]  Protokoll des Gesprächs mit Erich Postler (Berlin), 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Schwerin 1981 bis 1989, vom 12. März 2003, S. 8. [12]  So Roland Wötzel in: Protokoll der 26. Sitzung. »Die Machthierarchie der SED«, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Baden-Baden/Frankfurt a. M. 1995, Bd. 2/1, S. 609. [13]  Protokoll des Gesprächs mit Postler (Anm. 11), S. 9. [14]  Ein Schreiben des Bezirksvorstandes Magdeburg des Verbandes Bildender Künstler der DDR an Alois Pisnik vom 8. Juni 1979 illustriert dies. Darin heißt es: »›Dann müssen wir eben ’mal wieder zu Alois Pisnik gehen.‹ Ein Ausspruch von Vertrauen und Tragweite. In den Anfangsjahren unseres Bezirkes und somit auch in den Anfangsjahren unseres Bezirksverbandes ein oft und oft geäußertes Wort«, in: Privatarchiv Pisnik (Rostock).  [15]  Im SED-Statut von 1954 wurde die Berichtspflicht festgelegt. Siehe Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IV. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 30. März bis 6. April 1954 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin (Ost) 1954, Band 2, S. 1115–1141, hier S. 1132. Das ZK-Sekretariat legt später eine 14-tägige Berichtspflicht fest. Siehe Protokoll Nr. 11/58 der Sitzung des Sekretariats des Zentralkomitees vom 10. April 1958, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30/J IV 2/3A/ 604. Später wurde es üblich, »in der Regel einmal im Monat« einen »persönlichen Rapportbrief an den Generalsekretär« zu schreiben. Krenz, Egon: Wenn Mauern fallen. Die friedliche Revolution: Vorgeschichte, Ablauf, Auswirkungen, Wien 1990, S. 26. [16]  Janson, Carl-Heinz: Totengräber der DDR. Wie Günter Mittag den SED-Staat ruinierte, Düsseldorf/Wien/New York 1991, S. 196. [17]  Koehne, Ludwig/Sieren, Frank (Hrsg.): Günter Schabowski: Das Politbüro. Ende eines Mythos. Eine Befragung, Reinbek 1991, S. 40. [18]  Ebenda. [19]  SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 15. [20] Ebenda, Bl. 30. [21]  SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 33. [22]  Ebenda, Bl. 45. [23] Ebenda. [24]  SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 58. [25]  Ebenda. [26]  Ebenda, Bl. 59. [27] Ebenda, Bl. 60. [28]  »Politische Berichterstattung« an den »Genossen Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED« vom 29. November 1978, in: SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 186. [29]  Ebenda. [30]  Ebenda, Bl. 187. [31]  Ebenda, Bl. 186 f. [32]  Ebenda, Bl. 189. [33] Ebenda, Bl. 190. [34]  Pisnik wies wiederholt auf die Belastungen seines Bezirks hin, die durch so genannten Sonderbedarf und das Berlin-Programm entstanden waren. Unter »Sonderbedarf I« fielen hier die »Organe der Verteidigung und Sicherheit« (der Bezirk Magdeburg besaß die längste Grenze zur Bundesrepublik unter allen Bezirken), unter »Sonderbedarf II« der »Bedarf der Sowjetarmee und dann der Parteien, der Sondervorhaben sowie der Bedarf der Massenorganisationen wie FDGB, FDJ und andere.« Siehe die Ausführungen von Gerhard Schürer in: Wir waren die Rechner, immer verpönt. Gespräch mit Dr. Gerhard Schürer und Siegfried Wenzel, Berlin 25. 2. 1993 und 21. 5. 1993, in: Pirker, Theo u. a.: Der Plan als Befehl und Fiktion. Wirtschaftsführung in der DDR. Gespräche und Analysen, Opladen 1995, S. 67–120, hier S. 108. [35]  »Politische Berichterstattung« an den »Genossen Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED« vom 29. November 1978, in: SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 190. [36]  Ebenda, Bl. 192. [37]  Siehe SAPMO-BArch, DY 30/2270, Bl. 66–72. [38]  SAPMO-BArch, DY 30/IV B 2/5/1159. [39] Ebenda. [40]  Ebenda. [41]  Ebenda. [42]  SAPMO-BArch, DY 30/IV B 2/5/1197. [43] Ebenda. [44]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 139 u. SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1757. [45]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 140 f. [46]  Ebenda, Bl. 141. [47]  Ebenda. [48]  Ebenda. In seinem Brief an den Generalsekretär vom 29. November 1978 hatte Pisnik unter anderem ausgeführt, dass allein im Kreis Wernigerode für insgesamt 46 Gaststätten Auflagen der Bauaufsicht und der Hygiene bestünden, die nicht zu realisieren seien. 16 Gaststätten müssten demnach in den Jahren 1979 und 1980 geschlossen werden. Siehe SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 192. [49] SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/50/17. [50] Ebenda. [51] Ebenda. [52] Ebenda. [53]  SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1763, Bl. 68, 74 u. 82. [54]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 102. [55]  Ebenda. [56]  Ebenda. [57]  Ebenda, Bl. 103. [58] Ebenda. [59]  Ebenda, Bl. 104. [60] Ebenda. [61]  Ebenda, Bl. 105. [62]  SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1763, Bl. 10 u. 14. . [63] Ebenda, Bl. 26 [64]  Ebenda, Bl. 27. [65]  Ebenda, Bl. 28. [66]  Ebenda, Bl. 32. [67]  Ebenda, Bl. 37. [68]  Ebenda, Bl. 39. [69]  Brief an Erich Honecker vom 31. Januar 1979, in: Privatarchiv Pisnik (Rostock). [70]  Siehe SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 100 f. [71]  SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 233. [72]  Kurt Tiedke übte seine neue Funktion nur gut vier Jahre aus. Mitte 1983 wurde er Direktor der Parteihochschule »Karl Marx«, und Werner Eberlein, Stellvertretender Leiter der Abteilung Parteiorgane im ZK und zunächst ebenso wenig mit den Magdeburger Verhältnissen vertraut, folgte ihm im Amt. Er war bis 1989 1. Sekretär des Bezirks Magdeburg.   [73] SAPMO-BArch, DY 30/2624, Bl. 254. [74]  Ebenda, Bl. 275 f. [75]  Ebenda, Bl. 276. [76]  Siehe Protokoll des Gesprächs mit Helmuth Winnig (Magdeburg), Sekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur der SED-Bezirksleitung Magdeburg 1967 bis 1989, vom 9. Juli 2003, S. 8. [77] Ebenda. [78]  Die 1979 jüngsten 1. Bezirkssekretäre waren Günther Jahn und Siegfried Lorenz, beide 1930 geboren. Alois Bräutigam, seit 1958 1. Sekretär in Erfurt, ist Jahrgang 1916, Hans Albrecht (Suhl) Jahrgang 1919. Die 1. Sekretäre mit der nach Pisnik und Bräutigam längsten Amtsdauer waren Johannes Chemnitzer in Neubrandenburg und Herbert Ziegenhahn in Gera. Beide hatten 1963 die Funktion übernommen. Alle Angaben aus: Herbst, Andreas/Stephan, Gerd-Rüdiger/Winkler, Jürgen (Hrsg.): Die SED. Geschichte, Organisation, Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997. [79]  Protokoll des Gesprächs mit Winnig (Anm. 76), S. 8. [80]  Siehe hierzu Schabowski, Günter: Der Absturz, Reinbek 1992, S. 114 f. [81]  Interview von Brigitte Zimmermann und Hans-Dieter Schütt mit Werner Eberlein vom 17. Dezember 1991, in: Schütt, Hans-Dieter/Zimmermann, Brigitte (Hrsg.): ohnMacht. DDRFunktionäre sagen aus, Berlin 1992, S. 44–65, hier S. 46. [82]  Siehe Eberlein, Werner: Geboren am 9. November. Erinnerungen, Berlin 2000, S. 410–414. [83]  Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Bonn 1998, S. 197. [84]  Ebenda. Siehe auch ebenda, S. 198–201. [85]  Bouvier: Die DDR (Anm. 10), S. 197. [86]  Zitiert bei Hertle, Hans-Hermann: Die Diskussion der ökonomischen Krisen in der Führungsspitze der SED, in: Pirker: Der Plan (Anm. 34), S. 309–345, hier S. 314.  [87]  Erich Honecker reagierte so: »Wir können doch nicht von heute auf morgen die ganze Politik ändern. Was vorgeschlagen wird, bedeutet tiefe Einschnitte in die Politik. Wir müßten vor’s ZK gehen und sagen: Wir haben das nicht vorausgesehen oder wir haben Euch belogen.« Ebenda, S. 315. Allein Schürer schlug im Mai 1978 erneut Alarm und sagte für das Jahresende eine Schuldenhöhe von 21,3 Milliarden Valutamark voraus. Ebenda, S. 317. [88]  Protokoll des Gesprächs mit Winnig (Anm. 76), S. 8. [89]  Diese Kritik hielt Helmuth Winnig im Gespräch nach wie vor aufrecht: »Im Unterschied zu Alois Pisnik lief es bei Werner Eberlein so ab, daß er, wenn er einen Brief schreiben sollte, vorher gefragt hat: ›Der Termin ist fällig. Wie schätzt ihr die Lage ein? Was soll ich schreiben?‹ Und wir wußten dann Bescheid. Der Genosse Pisnik hat das im Alleingang gemacht. Worüber er da wirklich berichtete, das wußten wir nicht. Das ist natürlich kritikwürdig.« Ebenda, S. 8. [90]  Ebenda, S. 9. [91]  So die Einschätzung des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung Dresden, Hans Modrow. Protokoll des Gesprächs mit Modrow (Anm. 8), S. 19. [92]  Hierzu Helmuth Winnig: »Es war doch ein Leichtes – wenn man das Beispiel Strickwaren nimmt – zu sagen: ›Und was macht euer Strickwarenbetrieb Ilsenburg? Erfüllen sie den Plan oder übererfüllen sie ihn?‹ Viele dieser Betriebe waren ja im Bezirk Magdeburg selbst angesiedelt. Damit war das natürlich ein Bumerang, der auf den Bezirk zurückgehen konnte.« Protokoll des Gesprächs mit Winnig (Anm. 76), S. 9. [93]  Ebenda, S. 7 f.  [94]  Siehe etwa die Erinnerungen seines Abteilungsleiters Janson: Totengräber der DDR (Anm. 16). [95]  So Richard Wilhelm, von 1960 bis 1990 LDPD-Volkskammerabgeordneter und seit 1962 Mitglied des Bezirksausschusses Magdeburg der Nationalen Front. Wilhelm, Richard: »Soviel Lichter müssen uns noch aufgehen«, in: Hoffmann, Gertraude/Höpcke, Klaus (Hrsg.): »Das Sicherste ist die Veränderung«. Hans-Joachim Hoffmann: Kulturminister der DDR und häufig verdächtigter Demokrat, Berlin 2003, S. 71–75, hier S. 74. Auch der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg, Johannes Chemnitzer, führt Pisniks Ablösung »ganz eindeutig auf [das] Betreiben von Mittag« zurück. Protokoll des Gesprächs mit Chemnitzer (Anm. 8), S. 18. [96]  Information über den Erfahrungsaustausch der Abteilung Parteiorgane beim ZK über die Durchführung der Richtlinien des ZK zu den Aufgaben der Parteiinformation am 9. Juni 1961, in: SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3A/752, Bl. 17. 

JHK 2006

Die Rolle Lazar Brankovs im ungarischen Schauprozess gegen László Rajk 1949

George Hermann Hodos

Der Schauprozess gegen den ungarischen Innenminister und Staatssicherheitschef László Rajk vom 16. bis 24. September 1949 in Budapest gab den Auftakt zu einer Reihe von Schauprozessen, die Stalin dazu dienen sollten, seinen seit 1948 durch den Abfall Tito-Jugoslawiens angegriffenen Macht- und Einflussbereich in den jungen volksdemokratischen Staaten Osteuropas zu sichern und auszuweiten. Der Schauprozess gegen Rajk und sieben weitere Hauptangeklagte wurde von den sowjetischen Sicherheitsorganen nach dem Muster der Moskauer Schauprozesse der 30er Jahre inszeniert. Sie wurden unter Folter gezwungen, sich zum Vorwurf des Sturzes der volksdemokratischen Ordnung, des Hochverrats und der Anstiftung zum Mord zu bekennen und wiederholten dieses Bekenntnis im Schauprozess. Rajk, Tibor Szönyi und András Szalai erhielten die Todesstrafe, Lazar Brankov und Pál Justus lebenslänglich Zuchthaus, Milan Ognjenović neun Jahre Zuchthaus. (Letzterer gehörte der serbischen Minderheit in Ungarn an.) Das Verfahren gegen die zwei anderen Angeklagten wurde abgespalten. Der dritte Hauptangeklagte in diesem Prozess war der Jugoslawe Lazar Brankov, Resident des jugoslawischen Geheimdienstes und in der Folge des TitoStalin-Bruchs Geschäftsträger der jugoslawischen Botschaft. Er spielte in dem Lügennetz eine wichtige Rolle, denn er stellte aus Sicht der Konstrukteure des Schauprozesses die Verbindung zu den abgefallenen Titoisten her. Er wurde noch vor Rajk am 19. Mai 1949 in Moskau festgesetzt, wohin er unter einem Vorwand gelockt worden war. Sein Moskauer Geständnisprotokoll lieferte das Drehbuch des Schauprozesses. Es war das Knochengerüst, dem Rajk und seine Genossen in dem Budapester Modellverfahren Fleisch und Blut spendeten. Der Prozess sollte die Stalinisierung Ungarns sichern, Schritt für Schritt wurde es im ganzen mittel- und osteuropäischen Satellitenreich als Vorbild angewendet. In diesem Zusammenhang betrachtet, war Brankovs Moskauer Geständnisprotokoll ein Schlüsseldokument für alle Schauprozesse der Nachkriegszeit.[1] Der sowjetische Geheimdienst überstellte Brankov schon wenige Wochen nach seiner Verhaftung nach Budapest, wo sich die Vorbereitung zum Rajk-Prozess allerdings in einem heillosen Durcheinander befand, da die erfolterten »Geständnisse« in keinem Zusammenhang standen und sich häufig widersprachen. Das Schicksal Brankovs böte Stoff für einen Spionageroman à la Le Carré, tatsächlich ist es beispielhaft für die brutale Wirklichkeit, die der Stalinismus schuf. Lazar Brankov wurde 1912 im Städtchen Stari Bečej in der heutigen serbischen autonomen Provinz Vojvodina geboren. Schon als Gymnasiast schloss er sich einem marxistischen Studentenzirkel an. Er absolvierte ein Jurastudium an der Universität in Novi Sad (Vojvodina) mit ihren serbischen, kroatischen, ungarischen und deutschen (donauschwäbischen) Einwohnern. 1931 trat Brankov der Kommunistischen Partei Jugoslawiens bei und stieg bereits nach wenigen Jahren zum Leiter des regionalen Parteikomitees auf. Als die deutsche Wehrmacht im April 1941 Jugoslawien überrannte, schloss sich Brankov einer Partisaneneinheit in Titos Volksbefreiungsarmee an, in der er die Funktion des Polit-Kommissars ausübte. Nach der Befreiung der Vojvodina wurde Brankov zum Leiter der Militärkommandatur ernannt.  Der Krieg war noch nicht zu Ende, als im Januar 1945 im von der Roten Armee befreiten Teil Ungarns die Alliierte Kontrollkommission (AKK) mit Marschall Kliment Vorošilov an der Spitze errichtet wurde. Im April, nach der Befreiung des ganzen Landes, traten zu den Missionen der Sowjets, der Amerikaner und Briten zwei weitere, von der Tschechoslowakei und Jugoslawien entsandte hinzu. Auf Vorschlag des jugoslawischen Innenministers Aleksandar Ranković nahm auch Brankov daran teil. Allen diesen fünf Militärmission waren Offiziere der Nachrichtendienste zugeteilt. Der Leiter der Abteilung zum Schutz des Volkes (Odeljenje za zaštitu naroda, OZNA, ab Frühjahr 1946 Amt für Staatssicherheit bzw. Uprava Državne Bezbednosti, UDB) stand Major Javorski vor. Zunächst war Brankov Stellvertreter Javorskis, nach dessen Versetzung 1947 dann Leiter der UDB in Ungarn. Zugleich war er Legationsrat der jugoslawischen Botschaft und permanenter Delegierter des ZK der KPJ beim ZK der MDP (Magyar Dolgozók Pártja, Partei der Ungarischen Werktätigen). Er stand fast täglich in Kontakt mit dem ungarischen Parteichef Mátyas Rákosi, Innenminister László Rajk und anderen Mitgliedern des Politbüros, die ihm Zugang zu den Koalitionsparteien und den Ministerien verschafften. Auf Vorschlag Brankovs beschlossen Rákosi, Rajk und der ungarische Wirtschafts- und Sicherheitsbeauftragte Ernő Gerő 1947 eine enge Zusammenarbeit mit der Staatssicherheitsabteilung der Ungarischen Staatspolizei (Magyar Államrendörség Államvédelmi Osztálya, ÁVO; ab September 1948 Behörde für Staatssicherheit Államvédelmi Hatóság, ÁVH). Über den Beschluss informierte Innenminister Rajk den ÁVO-Leiter Gábor Péter – der ÁVO war zu diesem Zeitpunkt dem Innenministerium unterstellt – mit der Bemerkung, dass man vor den Jugoslawen nichts geheim halten wolle. Von da an informierte Péter Brankov alle zwei Monate über die innerpolitische Lage in Ungarn, die Spannungen zwischen der MDP und der Opposition wie auch über die Tätigkeit des Staatssicherheitsdienstes selbst. Rajk behielt sich allerdings die Kontrolle der Berichte vor. »Schließlich sind wir nicht die Agenten Jugoslawiens«[2], sagte er zu Péter. Im Fall, dass besondere Fragen auftauchen sollten, brauchte Brankov nur die private, geheime Telefonnummer Rákosis anzurufen, und der ungarische Parteichef half ihm, die Informationen zu bekommen. Diese ungewöhnlich freundliche Zusammenarbeit mit einem fremden Spionagedienst nahm mit dem berühmten Briefwechsel zwischen Stalin und Tito vom März bis Mai 1948 eine plötzliche Wendung. Nach dem Bannfluch des Kominform am 28. Juni 1948 wurde der jugoslawische Botschafter Karlo Mrazović zurückgerufen und Brankov zum Geschäftsträger ernannt. Unter den Mitgliedern der Botschaft und der jugoslawischen Organisationen, wie z. B. der JugoslawischUngarischen Gesellschaft und des Demokratischen Bundes der Jugoslawen in Ungarn, herrschte große Verwirrung. Die Mehrheit hielt Tito die Treue; viele fürchteten, als »Titoisten« verhaftet zu werden und flüchteten nach Jugoslawien. Brankov half einigen, falsche Papiere zu bekommen.  Im August, kurz nach seinem Wechsel vom Amt des Innenministers in das des Außenministers, stattete Brankov dem neuen Minister einen offiziellen Besuch ab. Brankov fragte Rajk nach seiner Meinung zu dem Konflikt. Rajk antwortete darauf, Jugoslawien müsse nachgeben, auch wenn es in manchen Fragen Recht hätte. Im September 1948 fuhr Brankov nach Belgrad und berichtete dem Chef des UDB, Innenminister Ranković, über die Situation in Ungarn. Brankov gab an, dass seine Parteikontakte fast gänzlich eingefroren seien und man deshalb einen neuen Mann nach Budapest schicken sollte. Ranković war jedoch anderer Meinung. Brankov sollte solang wie möglich in Budapest bleiben, da er mit seinen langjährigen engen Kontakten in die ungarischen Führung für die Sache Jugoslawiens sehr nützlich sein könne. Ranković schlug vor, dass Brankov um Asyl in Ungarn bitten sollte, damit könne er unter den jugoslawischen Emigranten nützliche Arbeit leisten. »Wir haben volles Vertrauen in Dich«[3], versicherte der Innenminister. Nach Budapest zurückgekehrt ging Brankov kurze Zeit später in die Parteizentrale der MDP. Er gab seinen Entschluss bekannt, mit der Belgrader Regierung zu brechen. Er war gewillt, eine Erklärung abzugeben, wonach er Titos Politik verurteile und zugleich Ungarn um Asyl ersuche. Am 26. November 1948 gab das Zentralorgan der MDP Szabad Nép (Freies Volk) Brankovs Frontwechsel bekannt. Zu den Motiven seines Übertritt wurde Brankov im Juni 1955, während des Revisionsverfahrens im Rajk-Prozess, von einem ungarischen Vernehmungsoffizier befragt. Brankov antwortete dazu: »Ich bin nach Ungarn emigriert, weil ich sonst nicht [mehr] aus Jugoslawien herausgekommen wäre. Meine Emigration erfolgte auf Weisung von Ranković, er gab mir den Befehl zu emigrieren, und auch, weiterhin mit dem UDB zusammenzuarbeiten. Ein weiterer Grund war die Sorge um meine in Jugoslawien verbliebene Familie, wenn ich die Weisung nicht befolgt hätte. Ich war mit dem Titoismus nicht einverstanden, und so bin ich trotz der Befolgung der Weisung in erster Linie aus Überzeugung emigriert, in der Annahme, zu einem späteren Zeitpunkt meiner Familie zur Flucht verhelfen zu können. Später wäre es möglich gewesen, endgültig die Umstände meiner Emigration zu klären. Bis dahin habe ich die Verbindung mit der UDB aufrecht gehalten und von Zeit zu Zeit, vielleicht zwei, drei Mal ihre Delegierten heimlich getroffen. Ich wollte in der Emigration zunächst nicht zu tief in die Tito feindliche Arbeit verwickelt werden.«[4] Die Antwort ist nicht überzeugend. Der ganzen Wahrheit scheint Brankov auszuweichen. Möglicherweise waren es die langen Jahre seiner Haft von 1949 bis 1956, die er in totaler Isolierung von der Außenwelt und unter Abgeschnittenheit von den Ereignissen verbrachte, die Brankov damals verwirrt und vorsichtig machten. Immerhin war er als Doppelagent tätig gewesen. Jedenfalls hatte der erwähnte »vorsichtige« Anti-Titoismus Brankov eine ganz andere Form. Im Dezember 1948 wurde Brankov zu einer Sitzung in die Parteizentrale eingeladen, um einen Vorschlag Rákosis für die politische Linie der antititoistischen Sendungen von Radio Budapest zu diskutieren. Nach Rákosis Vorschlag nach sollte der Kampf des jugoslawischen Volkes gegen die faschistische Okkupation in den Radiosendungen herunter gespielt werden. Brankov widersprach dem und sagte, solche Inhalte würden die Gefühle von Millionen Menschen verletzen und die Position Titos stärken, anstatt sie zu untergraben. Brankovs Argument wurde von der Mehrheit der Teilnehmer angenommen.  Als Rákosi von der Ablehnung seines Vorschlags erfuhr, wurde er wütend und wollte Brankov unter dem Vorwurf des Titoismus verhaften lassen. Nur die Intervention des Sowjetbotschafters G. M. Puschkin rettete Brankov von der Festnahme. Moskau hatte andere Pläne mit Brankov. Der Kominform-Beschluss endete bekanntlich mit der Aufforderung an die »gesunden Elemente« in der KP Jugoslawiens, Tito zu stürzen und sich wieder dem Sowjetlager anzuschließen. Gerade bereitete sich Stalin auf die Möglichkeit vor, dass Tito und die jugoslawischen Kommunisten standfest blieben und dachte daran, in Bukarest eine Art von »Gegenregierung« zu errichten. Zu diesem Zweck suchte sich Lavrentij Berija geeignete Personen aus. Zunächst fiel seine Wahl auf den früheren Militärattaché an der jugoslawischen Botschaft in Paris, General Pero Popivoda, und auf den einstigen jugoslawischen Botschafter in Bukarest Radon Golubović. Auch Lazar Brankov war auf Berijas Liste. Im Februar 1949 flog Brankov nach Prag und von dort aus nach Bukarest. Reise und Aufenthalt wurden von dem sowjetischen Geheimdienst MVD arrangiert und finanziert. In beiden Städten kam er mit Popivoda und Golubović zusammen. Sie hielten Ausschau unter den jugoslawischen Flüchtlingen nach nützlichen Kadern für die geplante Exil-Organisation. Anschließend kehrte Brankov nach Budapest zurück und erstattete Bericht über seine Reise. Zwei Monate später erhielt er eine Nachricht von Popivoda, worin er zu einer Besprechung mit Vjačeslav Molotov nach Moskau eingeladen wurde. Aber innerhalb dieser zwei Monate hatte sich die Lage in Moskau geändert. Berija hatte auf Stalins Weisung die Konturen eines öffentlichen Schauprozesses in Ungarn mit Rajk als Hauptangeklagten ausgearbeitet. Tito und die jugoslawische Führung sollten als Handlanger der anglo-amerikanischen Imperialisten »entlarvt« werden. In der neuen Situation wurde Brankovs bisherige Rolle als Sowjetagent in ihr Gegenteil gewendet. Er war der ideale Kandidat Berijas: Als UDB-Resident in Ungarn sollte er die Anwerbung Rajks durch den jugoslawischen Geheimdienst bezeugen. Brankov war für Berija leicht nach Moskau zu locken und konnte dort auf seine neue Rolle vorbereitet werden. Popivodas Einladung folgend, flog Brankov am 19. Mai 1949 nach Moskau, d. h. elf Tage vor der Verhaftung Rajks in Budapest. Am Flugplatz holten ihn jedoch nicht wie erwartet seine Exilkollegen ab, sondern ein unbekannter junger Mann in Zivil. Er führte ihn in ein Hotel und sagte, er solle geduldig warten, seine Freunde seien auf Reisen und würden bald zurück sein. Einen Monat blieb Brankov in diesem Hotel. Am 21. Juni wurde er dann verhaftet und ins Lubljanka-Gefängnis eingeliefert.  Vierzig Jahre später, 1989, kam Brankov zu Besuch nach Budapest, das erste Mal nach seiner Freilassung. Er erzählte im Radio und Fernsehen, wie er auf Kosten des MVD vier Wochen lang in Moskau herumgewandert, ins Theater und ins Kino gegangen sei, Ballettvorführungen besuchte, ohne dass sich jemand um ihn gekümmert hätte. Von der Verhaftung Rajks habe er nur aus der Pravda erfahren.  Die Zeit nach seiner Verhaftung erinnerte Brankov in den späten Interviews nur sehr lückenhaft. Er erzählte von den unmenschlichen Bedingungen, den Drohungen, den verlogenen Versprechungen, den ununterbrochenen nächtlichen Verhören, der schrankartig winzigen Zelle, in der man sich nicht setzen oder niederlegen konnte und tagelang auf den Beinen bleiben musste. Sobald man sich nieder zu kauern versuchte, kamen die Gefängniswächter. Doch in Bezug auf seine »Geständnisse« versagte sein Gedächtnis. Er habe, so Brankov, trotz aller seelischen und physischen Folterungen alle Beschuldigungen zurückgewiesen und bis zum Schluss nichts unterschrieben. In Wirklichkeit musste Brankov freilich alle Vorwürfe gestehen und in seinem Abschlussprotokoll jede Seite unterschreiben: seine Tätigkeit als Hauptresident der UDB im Untergrund gegen die Sowjetunion und Ungarn, die Anwerbung der jugoslawischen Parteiführer durch die imperialistischen Nachrichtendienste, die titoistische Verschwörung in der Nachkriegszeit zur Wiederherstellung des Kapitalismus in den volksdemokratischen Ländern Zentral-Europas. Besonders eingehend beschrieb Brankov in Moskau das unter der Führung Rajks geschaffene Verschwörernetz in Ungarn, viele seiner früheren Parteikontakte erschienen darin als Mitglieder der Spionageorganisation zum Sturze der »demokratischen« Ordnung. Dieser Kreis wurde dann von Rákosi wesentlich erweitert, nicht zuletzt mit Hilfe von Brankovs Jugendfreund Živko Boarov. Boarov war sein UDB-Kollege und jugoslawischer Presseattaché in Budapest. Er half als nützlicher Denunziant, den amtierenden Innenminister János Kádár und dessen »Spionagegruppe«, ja schließlich auch den Geheimdienstchef Gábor Péter ins Verschwörernetz um Rajk einzubinden, bis auch er im Dezember 1953 zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe verurteilt wurde (entlassen 1956 nach Jugoslawien). Während Brankovs Verhör in Moskau rief Rákosi öfters Stalin an und drang auf baldige Auslieferung Brankovs nach Ungarn. Er flog sogar nach Moskau, um die Liste der »Sündenböcke« zu »ergänzen«, damit in Budapest der Schauprozess rechtzeitig beginnen konnte.  Im Revisionsverfahren des Rajk-Prozesses machte Brankov im Januar 1955 folgende Aussagen, die hier in Ausschnitten dokumentiert sind:  »VERNEHMER: Ich habe hier ihr am 8. Juli 1949 in Moskau unterschriebenes, zusammenfassendes Abschlussprotokoll mit ihrem Geständnis in der Hand. BRANKOV: Ich machte Geständnisse über das Verhältnis zwischen Rajk und Ranković. In meinen Aussagen ging ich von realen Begebenheiten aus und fügte Unwahrheiten hinzu […] So haben sich die beiden Innenminister 1947 bei der Rückkehr der jugoslawischen Regierungsdelegation aus Budapest tatsächlich getroffen und mit einander gesprochen. Ich fügte jedoch hinzu, dass es im Gespräch um eine Verschwörung gegen die ungarische Partei und Volksdemokratie ging […] Sie schimpften auch auf Rákosi und kamen überein, mit geeinten Kräften seinen Einfluss zu schwächen und Rajk in den Vordergrund zu stellen […] Nicht wahrheitsgemäß behauptete ich, dass Ranković im Oktober 1948, also nach der Resolution des Kominform, in Anwesenheit von [Milovan] Ðilas zu mir gesagt hätte, er sei mit Rajk zusammengekommen, und dass er mir den Auftrag gegeben hätte, Rajk mitzuteilen, die Vereinbarung zwischen den beiden bliebe weiterhin bestehen. VERNEHMER: Was haben sie in Moskau über die Organisation eines bewaffneten Putsches zum Sturz der demokratischen Ordnung ausgesagt? BRANKOV: Ich habe so viel Verschiedenes darüber in Moskau und in Budapest ausgesagt, dass ich jetzt konkret die Frage nicht beantworten kann. VERNEHMER: Sie haben in ihrem Moskauer Geständnis […] das folgende ausgesagt: ›Ich war es, der die Zusammenarbeit zwischen Tito, Ranković und Rajk zur Verschwörung gegen die ungarische Volksrepublik organisiert hat.‹ BRANKOV: Ja, das habe ich ausgesagt, doch das entspricht nicht der Wahrheit. VERNEHMER: Weshalb gaben sie unwahre Geständnisse nach ihrer Moskauer Verhaftung ab? BRANKOV: Ich habe falsche Geständnisse gegen Rajk gemacht, weil ich damals schon wusste, dass er als ein imperialistischer Spion verhaftet worden ist. Ich brachte das in Zusammenhang mit Tito und Ranković, die somit ebenfalls als Agenten der Imperialisten diffamiert werden sollten, und das konnte man politisch gegen die Titoisten ausnützen. Auch dachte ich, dass ich damit meine eigene Lage mildern könne.«[5] Mitte Juli 1949 wurde Brankov mit einem Sonderzug des MVD nach Ungarn überstellt. In einem anderen Wagen des Zuges befand sich General Michail I. Belkin, Hauptresident des sowjetischen Sicherheitsministeriums MGB und der sowjetischen Militärabwehr für Zentraleuropa mit Sitz in Baden bei Wien. Er brachte das Geständnisprotokoll Brankovs mit nach Ungarn. Etwa zur gleichen Zeit als Brankov nach Moskau gelockt worden war, nahm Belkin am Parteikongress der Tschechoslowakischen KP in Prag teil. Dort nahm er Mihály Farkas, den Delegierten des ungarischen Politbüros, zur Seite und teilte ihm mit, er komme soeben aus Moskau mit dem Auftrag, den ungarischen Genossen mitzuteilen, die Sowjetorgane hätten Beweise, dass Rajk zu einem imperialistischen Spionagering in Ungarn gehöre. Das gab Rákosi den Weg zur Verhaftung Rajks frei. Nach Ankunft an der ungarischen Grenze, musste Brankov in den Sonderzug der ÁVH umsteigen. Dort wartete schon ÁVH-Chef Gábor Péter auf ihn, der ihn in eine Villa des Staatssicherheitsdienstes am Schwabenberg (Svábhegy) in Budapest brachte. Nach wenigen Tagen in der Kellerzelle wurde er in ein elegantes Zimmer geführt, wo Belkin allein auf ihn wartete. Brankov kannte ihn noch aus der Zeit der Alliierten Kontrollkommission. Belkin appellierte an seine Vernunft, Brankov solle keine Schwierigkeiten machen, hier in Ungarn würde man ihn aufhängen, doch er wolle versuchen, ihm zu helfen und ein neues Protokoll aufsetzen. Brankov begann zu weinen, aus Erleichterung, endlich freigelassen zu werden. Sie saßen zusammen am Tisch, gutes Essen wurde gebracht, Obst und Espresso. Belkin schrieb, und von Zeit zu Zeit stellte er Fragen über Tatsachen und genaue Daten. Abends wurde Brankov nicht in die Kellerzelle zurückgeführt, sondern in einen schönen Raum mit Badezimmer. Nach etwa einer Woche brachte man ihm Belkins neues Geständnisprotokoll. Brankov fand dies noch viel ärger als das Moskauer und verweigerte die Unterschrift. Damit waren die Gefängnisbegünstigungen zu Ende. Sein neuer Vernehmer, Ernő Szücs, der stellvertretende Leiter der ÁVH, sagte ihm, er habe die Chance eines milden Urteils verspielt. (Rákosi fürchtete Szücs wegen seiner hervorragenden Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst und ließ ihn am 21. November 1950 als »imperialistischen Agenten« totschlagen.) Brankov beschloss, seine einzige Alternative sei die Flucht. Scheinbar gab er nach, bat Szücs um die Möglichkeit, sein Geständnis selber zu formulieren und begann, eine etwas schwächere Version des Belkinschen zu verfassen. Der nebelige Regenabend des 21. Juli schien für den geplanten Ausbruch günstig. Brankov bat seine beiden Bewacher von der ÁVH, das Fenster seiner Zelle zu schließen, und als diese sich umdrehten, riss Brankov die Tür auf und rannte los. Auf der Terrasse wurde er schließlich von der alarmierten Wachmannschaft auf den Boden gezerrt und zusammengeschlagen. Daraufhin gab Brankov auf. Den letzten Stoß gab ihm Belkin, der wieder seine freundlichste Maske aufsetzte und meinte, er müsse diesen Dienst am Weltkommunismus leisten. Dem Gesetz entsprechend könne er ja als ausländischer Staatsbürger nicht zum Tode verurteilt werden, und wie immer das Urteil ausfiele, in zweiter Instanz würde es gemildert werden. Am 17. September 1949, dem zweiten Tag des Rajk Prozesses, kam die Reihe der Befragung an Brankov. Neben der schon in Moskau konzipierten »Entlarvung« der Rajk-Ranković-Verschwörung bekam er hier eine zusätzliche Rolle: Er war der erste, der eine, sich auf Rankovićs angebliche Mitteilung stützende, titoistische Verschwörung in allen Volksdemokratien öffentlich zu »beweisen« hatte. Ungarn wurde damit zum Ausgangspunkt einer ganzen Kette von Schauprozessen im gesamten sowjetischen Satellitenreich. In Brankovs Aussage hieß es: »Ranković erwähnte mir gegenüber, dass auch in Rumänien ein solcher Plan bestanden hätte, welcher jedoch dort nicht vollständig umgesetzt wurde. Allein, der Tito treue Justizminister Lucretiu Pătrăscanu wurde noch rechtzeitig entfernt und von der Partei isoliert. Doch die Arbeit müsse [auch] dort fortgesetzt werden. […] In Polen hatte Gomułka große Hoffnungen geweckt, und Ranković beklagte sich, dass dort jetzt alles von vorne beginnen müsse. […] Auch in Bulgarien gab es einen solchen Plan. Ich erinnere mich nicht, ob Ranković eine konkrete Person erwähnt hatte, nur, dass man sich bemühte, die Aufgabe durchzuführen. [Anm. des Autors: Der Schauprozess gegen Trajčo Kostov in Bulgarien begann erst im Dezember 1949] […] In Albanien machten wir einen ernsten Versuch, die sozialistische Regierung zu stürzen, doch er misslang. […] Über die Tschechoslowakei sagte mir Ranković, dort arbeite man viel besser als in Ungarn. Als Beispiel erwähnte er den Generalresidenten der UDB in Prag, der in der Tschechei und besonders in der Slowakei, wo er sich auf Nationalisten und Hlinka-Gardisten stützt, gute Verbindungen aufgebaut hatte. Ich traf Drndić 1947 in Belgrad. Er riet mir, ich solle in Ungarn die Verbindung mit den nach dem Krieg aus der Westemigration heimgekehrten Trotzkisten und ähnlichen Elementen aufnehmen, so wie er es auch in Prag mit gutem Erfolg täte.«[6] Brankovs diesbezügliche Aussagen über bisher geheim gehaltene Vorbereitungen der Inszenierung eines »imperialistischen Spionagerings« sollten Druck auf die stalinistischen Regierungen in Bukarest, Sofia, Warschau und Prag ausüben, nach ungarischem Muster endlich ihre eigenen Schauprozesse zu organisieren. Die Hilfe des treuen Kommunisten Brankov wurde jedoch nicht belohnt, er wurde in beiden Instanzen zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt. Nach sieben Jahren Haft, die er in einer Einzelzelle verbrachte, wurde er nach dem XX. Parteitag als letzter Überlebender der Rajk-Prozesskette am 6. September 1956 freigelassen. Nach Ausbruch der ungarischen Oktober-Revolution flüchtete er im November nach Österreich und bat um Asyl in Frankreich. In Paris heiratete er eine ungarische Kommunistin, erhielt die französische Staatsbürgerschaft und trat der KP Frankreichs bei. Er lebt bis heute hoch betagt in Paris. 1963 untersuchte eine Kommission Brankovs Fall und beschloss, keine Wiederaufnahme des Prozessverfahrens anzuregen. Anlässlich seines Besuchs in Budapest 1989 bekam Brankov lediglich ein ungewöhnliches Dokument ausgehändigt: »Auf eigener Bitte bescheinigt die Oberste Staatsanwaltschaft, dass Lazar Brankov nach dem Gesetz der ungarischen Volksrepublik nicht als vorbestraft zu betrachten ist.«[7] Es gab daher keinen Grund zur Rehabilitierung – als hätte es den Prozess, das Urteil und die sieben Jahre im Kerker nicht gegeben. [1]  Die Kopie des Protokolls diese Geständnisses, die sich in Ungarn befand, ist auf Beschluss des ZK der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP) 1962 vernichtet worden. [2]  Belügyminisztérium Vizsgálati Főosztálya. Feljegyzés Péter Gábor ügyében [Untersuchungsabteilung des Innenministeriums, Aufzeichnung in der Sache Gabor Péter] vom 3. Oktober 1956, sz. 102/1510. [3]  Interview mit Lazar Brankov im ungarischen Radio Kossuthvom 29. Mai 1989. [4]  Belügyminisztérium Vizsgálati Főosztálya. Brankov Lazar kihallgatási jegyzőkönyve. [Untersuchungsabteilung des Innenministeriums, Protokoll des Verhörs Lazar Brankov] vom 29. November 1955, 101–473/2155 sz. [5]  Ebenda. [6]  Siehe László Rajk und Komplicen [sic] vor dem Volksgericht, Berlin (Ost) 1949. [7]  Iratok az igazságszolgáltatás történetéhez [Dokumente zur Geschichte der Justiz], Budapest 1996, Bd. 5, S. 854. 

JHK 2006

Leben und Sterben unter Stalin oder warum Historiker Biografien schreiben müssen

Jörg Baberowski

Service, Robert: Stalin. A Biography, London: Macmillan 2004, XI S.+715 S.,  ISBN 0-333-72672-8   Sebag Montefiore, Simon: Stalin. Am Hof des roten Zaren, Frankfurt am Main: S. Fischer 2005, 874 S., ISBN 3-10-050607-3   Overy, Richard, Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Russland, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2005, 1023 S., ISBN 3-421-05466-5   Im Sommer und Herbst 1918 hielt sich Stalin in Caricyn auf, dem späteren Stalingrad. Er war im Auftrag des Zentralkomitees in die Region entsandt worden, um die Versorgung der Roten Armee mit Lebensmitteln zu organisieren. Der Kommandeur der bolschewistischen Truppen im Nordkaukasus, der frühere zarische General Andrej Snesarev, sollte ihn bei der Erledigung dieser Aufgabe unterstützen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Caricyn vergaß Stalin bereits, was die Zentrale in Moskau ihm aufgetragen hatte. Er mischte sich in Fragen der militärischen Führung ein, er ließ General Snesarev und dutzende ehemaliger zarischer Offiziere als vermeintliche Verräter verhaften und auf einem Wolgaschiff einsperren, das er mitsamt den Gefangenen im Fluss versenken lassen wollte. Nur eine Intervention aus Moskau rettete die Offiziere vor dem Tod. Und auch die Bauern bekamen die Gewalt des jungen Stalin zu spüren, als er »zur Abschreckung« Dörfer niederbrennen ließ. Im Mai 1919 wurde er an die Westfront abkommandiert, wo er ebenfalls Furcht und Schrecken verbreitete. Er habe Abweichler und Verräter verhaften und öffentlich erschießen lassen, so teilte Stalin dem Zentralkomitee in einem Brief mit.[1] Stalin gefiel es, Gewalt auszuüben, es machte ihm Freude, Terror gegen jedermann zu entfachen. Nur als Herr über Leben und Tod war er ein glücklicher Mensch. Warum geht uns diese Geschichte etwas an? Weil wir eine Antwort auf die Frage, was der Stalinismus war, nur bekommen werden, wenn wir wissen, wie Stalin als Mensch gewesen ist. Denn niemand wird heute noch in Abrede stellen wollen, was in der Geschichtsschreibung über die Sowjetunion vor 15 Jahren noch bestritten werden konnte: dass es ohne Stalin keinen Stalinismus gegeben hätte. Wenn es noch einen Zweifel gab, dass Stalin der Urheber der monströsen Gewaltexzesse war, so wurde er nach Öffnung der sowjetischen Archive zu Beginn der 1990er Jahre endgültig zerstreut.[2]  Was aber ist über den Diktator noch zu sagen, was nicht schon tausendfach gesagt worden ist, in zahlreichen Aufsätzen, Essays und Büchern über die Gewaltherrschaft, die die Historiker Stalinismus nennen? Und warum sollen wir uns mit Stalin überhaupt beschäftigen? Die Antwort ist einfach und eindeutig. Wir werden, wenn wir uns Stalin und seinen Helfern als Menschen zuwenden, die Rationalität der destruktiven Gewalt besser als bisher verstehen. Denn sie liegt immer noch im Verborgenen. Warum? Weil die Historiker stets an der wichtigsten Frage vorbei gesehen haben: wie verschiedene Menschen beschaffen sind und wie sie in der Kommunikation mit anderen Menschen eine Welt errichten, in der sie sich zu Hause fühlen. Zu zeigen, wie der individuelle Mensch als Schöpfer und Geschöpf seiner Umgebung gewesen ist, das ist die eigentliche Aufgabe des Historikers, denn wir wollen nicht wissen, wie die Welt ist, sondern wie sie von den historischen Menschen gesehen wurde. Allein auf diese Weise werden wir verstehen, wer Stalin und was der Stalinismus war. Die Historiker haben stattdessen von Strukturen gesprochen, von der Allmacht bürokratischer Apparate und Ideologien, wenn sie ihre Leser über den totalitären Charakter des bolschewistischen Regimes aufklären wollten. Im »Jahrhundert der Ideologien« (Karl-Dietrich Bracher) wurden Menschen von Apparaten regiert und als Individuen ausgelöscht. Aber wer regierte in diesen Apparaten und wie konnte es geschehen, dass der exzessive Terror mit dem Tod des Diktators zu einem Ende kam? Darauf hatten weder die Ideologiehistoriker noch die so genannten Revisionisten eine Antwort. Letztere konfrontierten in den 1980er und 1990er Jahren ihre Leser mit der Entdeckung, die Exzesse der Stalin-Ära seien ein Resultat ungesteuerter und unkontrollierbarer Konflikte zwischen konkurrierenden Behörden und sozialen Gruppen gewesen. J. Arch Getty sprach davon, die Parteiführung habe die Sicherheitsorgane noch 1937, im ersten Jahr des Großen Terrors, ermahnen müssen, dass Exzesse nicht erlaubt seien. Wo sie dennoch vorgekommen seien, müsse man sie dem Eifer lokaler Parteisekretäre zuschreiben.[3]  Hier wie dort erlagen die Historiker aber vor allem den Selbstinszenierungen des Regimes. Über das Leben, das sich hinter diesen monolithischen Fassaden verbarg, hatten sie nichts mitzuteilen. Und weil sich natürlich auch die politischen Führer in der Öffentlichkeit über die Welt stets nur im Stil der staatlichen Propaganda auszudrücken wussten, erfuhr man über sie auch nicht mehr, als dass sie im Meinungsdienst einer Ideologie standen.[4] Es gibt aber weder einen »Marxismus« noch einen »Kommunismus«, der aus den Texten unvermittelt zu uns spricht. Darin aber, dass Menschen verschieden sind, dass sie unterschiedlichen Milieus und Kulturen angehören, nehmen Ideen in ihren Köpfen unterschiedliche Gestalt an. Aber die bolschewistischen Führer produzierten nicht nur Ideen. Sie waren Männer, sie pflegten Freundschaften, sie hassten und sie liebten, sie hatten Neurosen und sie waren Gewalttäter. Wir werden die gewalttätigen Exzesse im Jahrhundert der Ideologien nicht verstehen, wenn wir nicht verstanden haben, wie Stalin und seine Gefolgsleute als Menschen gewesen sind.  Seit der Öffnung der sowjetischen Archive in den frühen 1990er Jahren sind ungezählte wissenschaftliche Abhandlungen, Memoiren und Quellendokumentationen über Stalin und den Stalinismus in englischer, deutscher und russischer Sprache erschienen, die uns die Sowjetunion der Stalin-Ära in anderem Licht gezeigt haben.[5] Und auch über Stalin sind in den letzten Jahren mehrere Bücher geschrieben worden, die auf verschiedene Weise versucht haben, auf alte Fragen neue Antworten zu geben.[6] Wenngleich auch Robert Service,[7] Historiker am St. Anthony’s College in Oxford, in Stalin. A Biography keine Sensationen über das Leben Stalins mitteilt, die uns dazu veranlassen müssten, alle früher gewonnen Urteile zu revidieren, so führt seine Biografie doch vor, welche Geschichten noch über den Diktator erzählt werden können. Service interessiert vor allem, wie Stalin als Politiker gewesen ist, wie es ihm gelang, die Macht nicht nur zu erwerben, sondern auch zu behalten und welche gesellschaftlichen Umstände seinen Aufstieg ermöglichten. Vieles, was über den Diktator zusammengetragen werden könnte, wird nicht erzählt. Dafür ist der Leser dankbar, denn er bekommt eine Geschichte präsentiert, die ihn in das politische Geschehen der Stalin-Zeit versetzt und ihn über die historische Forschung über Stalin und den Stalinismus informiert. Service erzählt manches Bekannte so, dass man es gern noch einmal liest, vor allem dort, wo er die Ereignisse in anderem Licht zeigt, als es die Historiker vor ihm getan haben. Das gilt vor allem für die Darstellung des jungen Stalin, von dem es doch stets hieß, er sei ein ungebildeter Barbar gewesen, der von den intellektuellen Bolschewiki für seine Ignoranz verachtet worden sei. Man erfährt, dass der junge Stalin im Priesterseminar Griechisch und Russisch lernte, dass er eine fundierte theologische Ausbildung erhielt und dass er ein Kenner der georgischen Dichtkunst war. Stalin versuchte sich selbst als Dichter und er stand, wie viele intellektuelle Autodidakten im Kaukasus, im Kontakt mit den geistigen Lichtgestalten der nationalen Emanzipationsbewegung.  Wie Stalin zu den Bolschewiki kam, das kann auch Service nicht zufrieden stellend beantworten, aber er widerlegt all jene, die behaupteten, der zukünftige Diktator sei vor der Revolution eine unbedeutende Randfigur in der bolschewistischen Partei gewesen. Im Gegenteil: Service zeigt, dass Stalin zu den wichtigsten Aktivisten der revolutionären Bewegung im Kaukasus gehörte. Sowohl in Tiflis und Batumi als auch in Baku übernahm er wichtige Funktionen in der Untergrundorganisation der Bolschewiki. Deshalb wurde Lenin bereits früh auf den jungen Revolutionär aus dem Kaukasus aufmerksam, 1905 sah er ihn zum ersten Mal in Finnland, er traf ihn später wieder in Krakau, und er beauftragte Stalin damit, eine Abhandlung über die nationale Frage im Zarenreich zu schreiben. 1912 bestand er darauf, dass Stalin, der in Sibirien in der Verbannung lebte, in das Zentralkomitee kooptiert wurde.  Stalin strahlte aus, was Lenin und den Seinen fehlte. Er kam vom Rand des Imperiums, er war ein Mann von proletarischem Aussehen und mit proletarischem Benehmen, jemand, der über die Gewalt der revolutionären Massen nicht nur schreiben konnte, sondern der sie auch auszuüben verstand. Insgeheim aber verachtete Lenin den Mann von der Peripherie, der in seiner Gegenwart fluchte, Alkohol trank, rauchte und sich nicht auf angemessene Weise auszudrücken verstand. Er habe, so Service, Stalin für einen ungebildeten »Asiaten« gehalten. (S. 191 f.)  Stalin litt nicht an Minderwertigkeitsgefühlen. Er hielt sich im Gegenteil für berufen, zu tun, wozu die Salonsozialisten in der Emigration nicht imstande waren. Service erzählt von einem Stalin, der überhaupt nicht daran dachte, sich als Kopie des Revolutionsführers zu repräsentieren, wie Robert Tucker in seiner Biografie Stalins behauptet hatte.[8] Stalin wollte kein zweiter Lenin werden, er wollte sich ihm nicht einmal unterordnen. Wenn er anderer Meinung war, dann widersetzte er sich ihm. Lenin hielt an Stalin nur fest, weil er dessen Rücksichtslosigkeit und Organisationstalent schätzte und nicht, weil dieser sich in Verstellung übte und sich ihm bedingungslos unterwarf.  In den älteren Biografien konnte man lesen, Stalin habe an der Überwindung seiner Herkunft gearbeitet, er habe sich als Russe neu entwerfen und sich assimilieren wollen. Wer genau hinschaut, wird jedoch erkennen, dass Stalin keineswegs an seiner Selbstüberwindung arbeitete. Seine Herkunft war sichtbar: in der Physiognomie und im Habitus. Und wenn Stalin Russisch sprach, dann konnte man auch hören, woher er kam. Service erzählt von einem Stalin, der sich zu seiner georgischen Herkunft bekannte und sich in der Partei auch nach Lenins Tod als Mann der Peripherie repräsentierte. Hätte Stalin ein Russe werden wollen – er hätte aufgehört, über die nationale Frage zu sprechen und zu schreiben. (S. 85) Stalins Aufstieg zum Alleinherrscher schreibt Service dem Zufall zu. Nach Lenins Tod hätten sich die Konkurrenten im Politbüro gegenseitig blockiert, und weil sie den Schein wahren mussten und deshalb die Einheit der Partei öffentlich nicht in Frage stellen durften, sei es Stalin gelungen, im Amt zu bleiben und seine Widersacher gegeneinander auszuspielen. Zinov’ev, Kamenev und Trockij wären allerdings im Einsatz perfider Methoden nicht weniger skrupellos als Stalin gewesen. Aber sie unterlagen, weil Stalin es verstand, sich von den Ereignissen treiben zu lassen. Stalin war demnach nicht Herr der Umstände, sondern ihr Profiteur. Im zweiten Teil der Biografie, die Stalin an der Macht zeigt, beruft sich Service nicht mehr auf das Archiv, sondern auf die Erinnerungen der Stalinschen Helfer: auf Chruščev, Mikojan, Molotov, Kaganovič, auf den Sohn Berijas, Sergo, und, wo er Stalins Rolle während des Zweiten Weltkrieges beschreibt, auf Žukov. In diesen Rechtfertigungsschriften aber tritt uns Stalin entweder als Dämon (Chruščev), als Freund und weiser Führer (Molotov, Kaganovič) oder als verständiger Kriegsherr (Žukov) entgegen, der sich dem Rat kompetenter Generäle nicht verschloss. (S. 439–448) Da aber auch alle anderen Biographen vor Service diesen Erinnerungen den Wert einer Wahrheitsquelle zugeschrieben haben, kommt die Erzählung im zweiten Teil des Buches über die bekannten Interpretationen nicht hinaus.  Stalin war aber weder ein treuer Freund noch ein verständiger Kriegsherr, auch wenn der Sieg über Deutschland eine solche Interpretation ex post plausibel erscheinen lässt. Vor allem aber entwickelt Service kein Gespür für die Bedeutung der Gewalt im Leben und in der Herrschaftspraxis Stalins. Denn Stalin war ein Gewalttäter, der keine Skrupel hatte, beim geringsten Anlass Menschen töten zu lassen. Schon während des Bürgerkrieges verbreitete er Furcht und Schrecken. Wo er Möglichkeiten erkannte, Gewalt auszuüben, löste sich der Terror rasch von den Anlässen. Stalin war, wenn er Gewalt ausüben durfte, ganz bei sich, er schien dann überhaupt zu vergessen, welchem Zweck diese Gewalt diente. Service erzählt von dieser Prädisposition nur auf wenigen Seiten, im zweiten Teil der Biografie aber erwähnt er sie überhaupt nicht mehr. Wie aber lassen sich die Deportation und Ermordung der Kulaken und die Inszenierung surrealer Schauprozesse verstehen, wie kann man dann die Ereignisse der Jahre 1937/38 erklären, wenn man nichts über Stalins Verständnis von der Gewalt erfährt?  Service erklärt die Gewaltexzesse mit dem Hinweis auf das kulturelle Milieu, in dem der Diktator aufwuchs. Er behauptet, Stalin habe sich mit dem Zaren Ivan IV. identifiziert und sei überzeugt gewesen, von Feinden umgeben zu sein, die im Inland und im Ausland an der Destruktion der Sowjetunion arbeiteten. (S. 299–309 u. 336–345). Aber ist mit solchen Hinweisen wirklich alles über die Ursachen der Gewaltexzesse gesagt? Niemand wird bestreiten, dass Stalin von der Existenz innerer und äußerer Feinde überzeugt war. Aber warum zog er daraus den Schluss, mehrere Millionen Menschen müssten getötet oder deportiert werden? Wer diese Frage mit dem Hinweis beantwortet, Stalin sei ideologisch verblendet gewesen, verwechselt die Ursache der Gewalt mit ihrer Rechtfertigung. Denn die Täter, mit denen Stalin sich umgab, waren Techniker der Gewalt, keine Ideologen, denen die heiligen Texte wirklich etwas bedeuteten.[9] Vom Leben und vom Milieu, in dem sich Stalin und seine Gefolgsleute bewegten, spricht das Buch Stalin. Am Hof des roten Zaren des britischen Journalisten Simon Sebag Montefiore, das allen Darstellungen, die von professionellen Historikern über den Stalinismus verfasst worden sind, schon darin überlegen ist, das es in einer schönen Sprache auftritt. Aber das Buch vermag auch Neues mitzuteilen. Es präsentiert Stalin und seine Paladine nicht nur als Urheber des Massenterrors und der Gewalt, sondern zeigt sie auch als lebendige Menschen, die sich über das, was sie anderen antaten, verständigten, die einander Briefe schrieben, miteinander aßen und tranken und gemeinsam den Urlaub verbrachten. Eine solche Alltagsgeschichte des Stalinschen Hofes hätte vor zehn Jahren noch nicht erzählt werden können. Seit dem Ende der 1990er Jahre wurden die persönlichen Archive Stalins und seiner Gefolgsleute Kaganovič, Molotov, Vorošilov, Ordžonikidze, Kirov, Malenkov, Mikojan und Andreev für die wissenschaftliche Öffentlichkeit zugänglich. Von unschätzbarem Wert sind auch die Interviews, die Sebag Montefiore mit den Nachkommen der »Magnaten« – wie Sebag Montefiore die Mitglieder der Hofkamarilla nennt – und den wenigen Überlebenden, die Stalin noch gekannt haben, führen konnte. Und natürlich stehen dafür auch die unveröffentlichten Tagebücher und Aufzeichnungen der georgischen Freunde Stalins, Tscharkwiani und Kavtaradze, die Tagebücher von Marschall Budennyj und von Maria Svanidses, die das Milieu und die Atmosphäre am Hof des Despoten erhellen. Sebag Montefiore portraitiert Stalin nicht nur als Politiker, sondern auch als Vater und Ehemann, als Liebhaber, als Gastgeber und Urlauber. Man mag es kaum glauben: aber Stalin liebte seine Frau Nadja, seine Söhne Vasilij und Jakov und seine Tochter Svetlana, er mochte die Kinder seiner Gefolgsleute, mit denen er spielte, er pflegte Freundschaften, und er konnte, wenn er gut aufgelegt war, ein liebenswürdiger und charmanter Unterhalter sein. Davon haben nicht zuletzt auch manche ausländische Besucher berichtet, die sich nicht erklären konnten, wie ein Mensch, der ihnen freundlich erschien, zugleich ein Mörder und Verbrecher sein konnte. Die Ehefrau Kavtaradses, eines Jugendfreundes von Stalin, erinnerte sich an einen Besuch des Diktators in ihrer Wohnung 1939, kurz nachdem sie und ihr Ehemann aus dem Lager entlassen worden waren. Sie berichtet, dass Stalin Delikatessen aus einem georgischen Feinschmeckerrestaurant kommen ließ und georgische Lieder sang. Stalin hatte sie und ihren Ehemann einsperren und foltern, ihren Schwager töten lassen. Und jetzt saß er in ihrer Wohnung und sang in einem »lieblichen Tenor« georgische Lieder. »Er sang so schön.« (S. 365) Stalin sang nicht nur schön, er war auch misstrauisch und gewalttätig, er litt an Verfolgungswahn, und er hatte keine Skrupel, selbst Menschen aus seiner Umgebung zu verstoßen und ermorden zu lassen. Nicht einmal die engsten Verwandten waren vor der Rachsucht und dem Misstrauen des Despoten sicher. Robert Tucker hat in seiner Stalin-Biografie davon gesprochen, der Diktator sei psychisch krank gewesen, habe unter den Schlägen des Vaters gelitten und deshalb Minderwertigkeitsgefühle kompensieren müssen. So aber spricht nur, wer die Welt nicht versteht, aus der Stalin und seine Gefolgsleute kamen und in der sie sich bewegten.[10] Stalins kleine Welt bestand aus Freunden, die sich auf Gedeih und Verderb die Treue hielten. In einem politischen System, das durch persönliche Beziehungen strukturiert und durch Freundschaften stabilisiert wurde, kam es darauf an, dass die politischen Führer einander vertrauten und sich aufeinander verlassen konnten. Zu den Freunden gehörte, wer in der Nähe des Diktators lebte und jederzeit Zugang zu ihm erhielt. Sebag Montefiore beschreibt die Nähe zwischen Stalin und den Magnaten, die Tür an Tür auf dem Gelände des Kremls wohnten und die ihre freie Zeit miteinander verbrachten. Nach dem Krieg, als das Zentralkomitee und das Politbüro schon nicht mehr zu regulären Sitzungen zusammentraten, gehörte zum engsten Führungskreis, wer eingeladen wurde, mit Stalin Filme im Kremlkino anzusehen, an Stalins Tafel zu speisen und mit ihm in den Urlaub zu fahren. Man könnte auch sagen, dass Stalin seine Vorstellung von Freundschaft und Ehre, wie er sie aus seiner georgischen Heimat kannte, zum Regierungsprinzip erhob. Davon sprechen nicht zuletzt die Photographien, die den Text des Buches wundervoll illustrieren und das Gesagte bekräftigen. Wer genau hinsieht, wird auf ihnen die für den westlichen Kosmos ganz untypische körperliche Nähe zwischen den Männern aus dem inneren Kreis der Macht bemerken. Stalins Autorität zeigt sich auf diesen Fotos in einer ungewohnten Körpersprache, die über die politische Kultur der Bolschewiki mehr verrät als manche Texte, die uns die führenden Kommunisten hinterlassen haben. Die Nähe zum Diktator konnte aber auch tödlich sein, denn wo politische Entscheidungen von der persönlichen Loyalität der Gefolgsleute abhingen, kam es darauf an, sich der gegenseitigen Freundschaft stets neu zu versichern. Nur am Hof waren die Magnaten unter der Kontrolle des Diktators, hier konnten sie gegeneinander ausgespielt, bespitzelt und überwacht werden. Stalin stellte sie auf die Probe. Er ließ ihre Ehefrauen verhaften, wie es Kalinin und Molotov widerfuhr, er ließ die Brüder seiner engsten Freunde, Kaganovič, Ordžonikidze und Mikojan, erschießen, um herauszufinden, ob sie ihrer Freundschaft zum Diktator Freunde und Verwandte zu opfern bereit waren. Während der Kollektivierung und auf dem Höhepunkt des Großen Terrors entsandte Stalin die Gefolgsleute in die Provinz, um Bauern deportieren und scheinbar illoyale Kommunisten und ihre Gefolgschaften töten zu lassen. Stalins Arm reichte in alle Regionen der Sowjetunion, und es gab keine bürokratischen Prozeduren, die ihn an seinem Werk der Zerstörung hätten hindern können. Beklemmend sind die Briefe des Politbüromitglieds Andrej Andreev, aus denen Sebag Montefiore zitiert. Aus Voronež schickte er Stalin ein Telegramm, in dem er stolz verkündete: »Hier existiert kein Büro mehr. Alle Kader sind als Volksfeinde verhaftet. Jetzt weiter nach Rostov«. Während Menschen starben und manche Kommunisten vor Angst vergingen, schickte Andreev seiner Familie Ansichtskarten aus den Regionen, in denen er gerade sein blutiges Handwerk betrieb. (S. 290)  Gewalttaten waren Treuebeweise. Als Anastas Mikojan Zweifel an der Schuld von Verhafteten äußerte, beauftrage Stalin ihn damit, die Führung der Kommunistischen Partei Armeniens nach Volksfeinden abzusuchen. Mikojan reiste nach Armenien und richtete unter Aufsicht Lavrentij Berijas, den Stalin als Aufpasser entsandt hatte, ein Massaker unter den armenischen Kommunisten an. Danach konnte Stalin sich wieder auf seinen Gefolgsmann verlassen. Wo Stalin Illoyalität und Verrat witterte, starben nicht nur jene, die in Ungnade gefallen waren, sondern auch ihre Verwandten und Vertrauten. Es lag in der Logik des Klientelwesens und des Patronagesystems, dass Machtstrukturen nur zerstört werden konnten, wenn die Personenverbände zerschlagen wurden, die sie konstituierten. In Stalins Welt konnte nur überleben, wer sich den Regeln unterwarf, die in ihr galten. Aus diesem Teufelskreis scheinen die Gefolgsleute erst in den letzten Lebensjahren des Diktators ausgebrochen zu sein, als Stalin ihnen allen nach dem Leben trachtete. Als Molotov und Mikojan in Ungnade fielen, Berija in Verdacht geriet, überwanden die Höflinge ihre gegenseitige Feindschaft und das Misstrauen. Möglicherweise waren die letzten Lebensjahre Stalins der Anfang jener kollektiven Führung, wie sie die Nachfolger des Despoten bis zum Ende der Sowjetunion pflegten.[11] Stalin und seine Gefolgsleute lebten in einer Symbiose, in einem hermetisch abgeriegelten Raum, zu dem Fremde keinen Zutritt bekamen, aus dem sich die Mitglieder dieses inneren Kreises der Macht aber auch selbst nicht hinausbegaben. So errichteten sie sich eine Welt mit Bedeutungen, die ihnen zur Wirklichkeit wurden und der sie nicht mehr entkamen. Was uns als paranoid oder absurd erscheinen mag, war im Horizont Stalins und seines Hofes normal. Alle Höflinge mussten sich dem Arbeitsrhythmus des Diktators unterwerfen, der erst am frühen Morgen zu Bett ging und mittags aufstand. Erst wenn Stalins Sekretär Poskrebyšev das Signal gegeben hatte, dass Stalin nun nicht mehr anrufen werde und sich schlafen gelegt habe, durften auch die Mitglieder der Führung und die Minister ins Bett gehen. Alle Mitglieder des Hofes lebten auf Abruf, sie ruinierten ihre Gesundheit, sie übten sich im Überlebenstraining, und sie konnten unter diesen Umständen von der Welt, in der die anderen lebten, nur wenig noch in Erfahrung bringen. Darin mag nicht zuletzt die groteske Realitätsverweigerung begründet liegen, die das späte Stalin-System auszeichnete. Sebag Montefiore zitiert aus den Erinnerungen von Milovan Đilas, der während einer Kinoaufführung beobachtete, dass Stalin das Geschehen auf der Leinwand, es handelte sich um einen amerikanischen Western, wie ein Kind kommentierte, das den Unterschied zwischen Fiktion und Realität nicht zu erkennen vermochte. Sebag Montefiore zeigt uns Stalin und seine Höflinge auch als Gewalttäter. Stalin trug militärische Kleidung, er besaß einen Revolver und wurde von Leibwächtern bewacht, die den Machokult der Gewalt pflegten. Lazar Kaganovič und Sergo Ordžonikidze schlugen ihre Untergebenen, die Chefs des NKVD, Nikolaj Ežov, Lavrentij Berija und ihre Helfer: Frinovskij, Berman, Kobulov, Cereteli und Abakumov folterten ihre Opfer selbst, brachen ihnen die Knochen oder töteten sie mit Genickschüssen. Unvorstellbar, dass Reinhard Heydrich, Heinrich Himmler oder Adolf Eichmann in die Gestapokeller hinabgestiegen wären, um zu foltern und zu töten. Stalin aber umgab sich nur mit solchen Männern, denen die Hand nicht zitterte und die, wenn es darauf ankam, kaltblütig zu morden verstanden. Als Berija nach dem Sturz Ežovs dessen Gefolgsleute zu töten begann, legte Stalin seine schützende Hand über den Henker Blochin, der in der Lubjanka für die Ermordung der Todeskandidaten verantwortlich war. Blochin war es auch, der 1940 mit seinen Gehilfen an mehreren Abenden tausende polnischer Offiziere erschoss, die dann im Wald von Katyn verscharrt wurden. Stalin schätzte diese Arbeit, und so kam es, dass Blochin sein Handwerk auch unter Berija fortsetzen konnte.  Nach der Hinrichtung Zinov’evs und Kamenevs 1936 trafen sich Stalin und seine Freunde zu einem Gelage, in dessen Verlauf der Chef der Stalinschen Leibwache, der ungarische Friseur Karl Pauker, davon erzählte, wie Zinov’ev auf Knien um sein Leben gefleht habe. Stalins Höflinge waren amüsiert. Stalin selbst konnte nicht aufhören zu lachen, so sehr gefiel ihm die Parodie, und er musste Pauker bitten, aufzuhören, um nicht an einem Lachanfall zu ersticken. Stalin liebte die Gewalt und wer die persönlichen Papiere der Satrapen in den Archiven gesehen und ihre Sprache vernommen hat, versteht, wie am Hof Stalins gesprochen werden musste. Der Stalinismus war Repräsentation gewordene Gewalt. Nicht einmal im Krieg mochte Stalin davon absehen, Krisen durch den Einsatz brutaler Gewalt zu beheben. Während des finnisch-sowjetischen Winterkrieges 1939/40 entsandte er den Chef der politischen Verwaltung der Roten Armee und militärischen Laien, Lev Mechlis, an die Front. Er wusste den Offizieren keinen militärischen Rat zu geben. Er ließ sie stattdessen erschießen, wo sich ihm keine Erfolge zeigten. So verfuhr Stalin auch nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Die Dokumente aus dem Archiv des Verteidigungsministeriums, aus denen Sebag Montefiore zitiert, belegen, dass Stalin auch jetzt der Gewalt den Vorzug gegenüber anderen Lösungen gab. Generäle und Offiziere wurden getötet, Familienmitglieder von gefangenen Sowjetsoldaten als Geiseln genommen und bis zum Ende des Jahres 1941 mehr als 150 000 Soldaten als vermeintliche Deserteure und Feiglinge erschossen. Niemand wird jetzt noch vom gelehrigen Schüler sprechen können, der dem Urteil seiner Generäle vertraute. Auch über Stalins Herkunft hat Sebag Montefiore mehr zu sagen als die professionellen Historiker, die diese Seite Stalins entweder für bedeutungslos gehalten oder ignoriert haben. Stalin war stolz auf seine Herkunft, er trank georgischen Wein, aß georgische Speisen und sang Lieder aus seiner Heimat. An seiner Tafel mussten die Kaukasier Ordžonikdze und Mikojan die Funktion des Tamada übernehmen, der Trinksprüche auszubringen hat. Stalin und Mikojan tanzten zu den Klängen georgischer Volksmusik, und wenn Stalin, umgeben von georgischen Leibwächtern, nach Abchasien in den Urlaub fuhr, lud er Freunde aus seiner Heimat in sein Landhaus ein, damit sie mit ihm die Ferien verbrachten: Lakoba, Tscharkwiani und Mgeladse, die Parteichefs von Georgien und Abchasien, und andere, die auf georgische Weise zu feiern und zu singen verstanden und die dem Diktator jeden Wunsch von den Lippen ablasen.  Stalin teilte die konservativen Auffassungen des georgischen Milieus, in dem er aufgewachsen war. Frauen sollten keine »Ideen« haben, scheu sein, ihre Körper bedecken und sich den Männern unterordnen. Stalin achtete darauf, dass keiner der Günstlinge am Hof gegen die patriarchalischen Familientraditionen verstieß. Die Frau seines Sohnes Jakov fütterte Stalin mit der Gabel, wie es die Patriarchen in georgischen Dörfern tun, wenn sie der Schwiegertochter ihre Zuneigung zeigen, er gab den Kindern der Höflinge Wein aus Fingerhüten zu trinken und kritisierte Gefolgsleute, die ihren Eltern nicht den gebührenden Respekt entgegenbrachten. Das System der Freundschaft, der Ehre, der Männerbünde und der Blutrache – all das kam aus Stalins Heimat. Sebag Montefiore sagt, dass am Ende der 1930er Jahre, mit der Ankunft Berijas, der Hof Stalins eine kaukasische Färbung angenommen habe.  Stalin pflegte Ressentiments gegen ethnische Gruppen, gegen Ukrainer, Polen, Juden und Muslime. Während des finnisch-sowjetischen Krieges fand Stalin einmal eine eigenwillige Erklärung für das Versagen seiner Armee: in ihr dienten zu viele Ukrainer, deshalb gebe es Niederlagen. Die Ethnisierung der Sowjetunion verkörperte sich in Stalin, der nicht verschwieg, dass er vom Rand des Vielvölkerreiches kam. Jeder, der über Stalin schreibt, spricht von der Ideologie, Sebag Montefiore nicht. Zwar stößt der Leser an zwei Stellen des Buches auf die Behauptung, Stalin sei ein fanatischer Marxist gewesen, aber dann taucht dieser Bezug überhaupt nicht mehr auf. Nirgendwo, wo Sebag Montefiore von der Gewalt und den Beziehungen zwischen den Höflingen spricht, ist überhaupt vom Marxismus die Rede. Die Gefolgsleute unterhielten sich nicht über den Kommunismus und die Auslegung der Klassiker. Sie lösten Probleme, und in den meisten Fällen taten sie es mit Gewalt. Aber niemand braucht, um dies zu tun, einen Verweis auf die heiligen Schriften. Sebag Montefiore beschreibt die Gewalt, und er kommt dabei ohne einen Hinweis auf die Ideologie aus. Und man versteht, wenn man seine Geschichten liest, warum man solch einen Hinweis nicht braucht. Wer Stalin und den Stalinismus verstehen will, wird in den kanonischen Texten nichts finden, was ihm die Gewalt erklärt. Wer verstehen will, muss sich über die Kultur und das Milieu der Täter Klarheit verschaffen. Darin, dass es uns mit diesem Milieu vertraut macht, hat Sebag Montefiore der Stalinismus-Forschung einen unschätzbaren Dienst erwiesen.  Richard Overys Buch Die Diktatoren, das der Autor besser »Die Diktaturen« genannt hätte, weil es nur am Rand von Hitler und Stalin als Personen spricht, leistet keinen Beitrag zur Erforschung des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Overy, der vor allem durch seine Bücher zur Militärgeschichte des Zweiten Weltkrieges bekannt geworden ist, ist ein Meister der Synthese.[12] Diese Meisterschaft führt er seinen Lesern auch in seinem Buch über die totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts wieder vor. In kaum einer anderen Darstellung wird man zuverlässiger über die NSDAP und die Kommunistische Partei, über die Liturgie der Diktaturen, über ihre Wirtschaft und Kriegführung, über ihre Freunde und Feinde, informiert. Wer wissen will, was in der englisch- und deutschsprachigen Forschung über den Nationalsozialismus und den Stalinismus gesagt worden ist, wird von diesem Buch nicht enttäuscht werden. Aber ist es wirklich vertretbar, von der historischen Forschung in Russland zu schweigen, wenn vom Stalinismus die Rede ist? Overy beruft sich weder auf russische Dokumente noch auf Darstellungen in russischer Sprache. So hatte er es schon in seinem Buch über Russland im Krieg gehalten, das vor zwei Jahren erschienen ist und das vor allem dadurch auffiel, dass es über den russischen Kontext wenig zu sagen hatte. Overy trägt zusammen, was er in der westlichen Literatur über den Stalinismus finden konnte, für den historischen Ort aber entwickelt er kein Gespür. Namen werden falsch geschrieben, Lev Kamenev gilt Overy als »Vorsitzender des Zentralkomitees« (S. 30), Lazar Kaganovič wird zu einem »Schuhmacher aus Innerasien« (S. 124) und im Kapitel über das moralische Universum der Diktaturen redet er seinen Lesern ein, im Zarenreich seien »sozial gefährliche Elemente« vor den Gerichten nach dem Analogieprinzip abgeurteilt worden, wie es Praxis in der Stalinschen Justiz war. (S. 396). Man könnte noch weitere Beispiele dieser Ahnungslosigkeit nennen. Das alles fiele nicht ins Gewicht, wenn es Overy gelungen wäre, Nationalsozialismus und Stalinismus auf angemessene Weise miteinander zu vergleichen. Das Verfahren, dessen sich Overy bedient, ist einfach. Er gliedert sein Buch in mehrere Abschnitte, in denen er die Fragen, die die historische Forschung über den Nationalsozialismus an ihren Gegenstand gestellt hat, nun auch auf den Stalinismus anwendet. Und weil es Overy vor allem darauf ankommt, die ideologische Nähe der beiden Systeme nachzuweisen, kommt er von der Absicht des Vergleiches wieder ab.[13] Er sucht nach Ähnlichkeiten, deshalb werden nur solche Geschichten erzählt, die dem Leser suggerieren, die Systeme seien in ihrer Praxis ähnlich gewesen. Nationalsozialismus wie Stalinismus müssten als Ausdruck des modernen Glaubens an die wissenschaftlich begründete Machbarkeit der Welt verstanden werden. Sie seien von einer kollektivistischen Mission besessen gewesen und hätten die liberale Idee von der Souveränität des Einzelnen und der Zulassung von Vielfalt abgelehnt. Kennzeichen holistischer totalitärer Systeme mit absolutem Geltungsanspruch sei es, dass sie immun gegen Einflüsse von außen, dass sie unbelehrbar seien. Im Zentrum beider Systeme hätten Diktatoren gestanden, die vom Hass beseelt gewesen seien. Zur Ausstattung beider Diktaturen gehörte der Kult des Hasses. Er habe, so Overy, das moralische Empfinden abstumpfen lassen. Und noch etwas kommt hinzu: der metaphorische Charakter der Regime, der Wahrheit in Lüge und Lüge in Wahrheit verwandelt habe. In dieser Welt der Lüge und der kollektiven Wirklichkeitsverdrehung hätten sich am Ende Führer wie Geführte auf Dauer eingerichtet. Overys Ähnlichkeitsnachweis gründet sich auf unausgesprochene Voraussetzungen, vor allem aber auf den Glauben, dass die Diktaturen modernen Typs sich dadurch auszeichnen, dass sie die Unterstützung der Bevölkerung genießen. »Für alle holistischen Diktaturen […] gilt, dass sie auf Akzeptanz angewiesen sind, während sie zugleich eine ausgewählte Minderheit isolieren und zerstören.« Und weiter heißt es: »Die Regime Hitlers und Stalins waren populistische Diktaturen, gestützt und am Leben erhalten durch die Akklamation und Teilhabe der Massen, wie auch durch die Faszination, die von schrankenloser Macht ausgeht.« (S. 862) Und so wird Kapitel für Kapitel nachgewiesen, welche Wirkungen vom Personenkult ausgingen (er war angeblich ein Ergebnis des messianischen Kultes, der im Deutschland wie im Russland des 19. Jahrhunderts verbreitet gewesen sei), wie die Diktaturen mit der Zustimmung der Mehrheit Minderheiten ausgrenzten und terrorisierten, wie Staat und Partei die Massen mobilisierten und die Kriegswirtschaft in Gang hielten. Beide Systeme schufen neue Menschen und sie stritten auf ihre Weise gegen Kirchen und Religionen. Mit Erstaunen liest man dann, dass Hitler wie Stalin Verfassungen außer Kraft gesetzt hätten, in der Sowjetunion Terror aber stets auf rechtsverbindlicher Grundlage ausgeübt worden sei. Über das Leben in den Diktaturen erfahren wir von Overy, der sich darin auf den Stalinismus-Historiker Igal Halfin beruft, dass »sehr viele Menschen in beiden Systemen keinen konkreten Grund hatten, der Realität, die ihnen präsentiert wurde, zu misstrauen.« (S. 861)[14] Es ist wahr, dass die Untertanen keine Möglichkeit hatten, auf den Seiten der Pravda über ihr Leid zu klagen. Aber ist das ein Beleg dafür, dass hungernde Bauern der Behauptung der Propaganda, sie lebten im Überfluss, Glauben schenkten? Und warum sollten die Nachgeborenen solch einen Unfug glauben? Wenn es regnet, die Regierung aber behauptet, das die Sonne scheint, dann wird die Regierung von allen, die im Regen stehen, als Lügnerin entlarvt. Diese Regel können auch Diktaturen nicht außer Kraft setzen. Sie können es ihren Untertanen allenfalls verbieten, über die Lüge öffentlich zu sprechen. Wieso können Diktaturen ihre Herrschaft nur mit der und nicht gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchsetzen? Und warum werden in diesen Diktaturen Minderheiten von Mehrheiten terrorisiert? War die Kollektivierung der Landwirtschaft und der blutige Massenterror der Jahre 1937/38 ein Krieg des Staates, der im Namen der Mehrheit gegen Minderheiten geführt wurde? Darauf gibt das Buch keine Antwort. Nationalsozialismus und Stalinismus waren in ihrer Zerstörungswut und Destruktivität zweifellos unerreicht, aber sie waren es auf unterschiedliche Weise. Die Sowjetunion war ein multiethnischer Agrarstaat, Deutschland ein ethnisch homogener Industriestaat, Stalins Regime war ein Personenverbandsstaat, Hitlers Deutschland wurde von bürokratischen Apparaten regiert. Es gab in der Sowjetunion keine Verfassungswirklichkeit, die Stalin erst außer Kraft setzen musste, um allein zu regieren. Es war überhaupt das Kennzeichen der stalinistischen Diktatur, dass sie sich nicht auf das Recht berief, wenn sie ihre Feinde beseitigte. Die Kommunistische Partei war ein Instrument zur Mobilisierung und Erziehung einer Bevölkerung, die das Regime nicht erreichen konnte. Das aber trifft für die NSDAP nicht zu. Nicht einmal über die Rolle und das Milieu der Diktatoren ließe sich wirklich sagen, sie seien ähnlich gewesen. Kurz: die modernen Ideologien fielen in Deutschland und in der Sowjetunion in jeweils verschiedene Kontexte, und sie entfalteten in ihnen auch unterschiedliche Wirkungen. Nationalsozialismus und Stalinismus waren monströse Gewaltdiktaturen, aber sie waren es auf verschiedene Weise. Overys Buch schließt mit drei Kapiteln über den Totalen Krieg, über Rassen und Nationen und über die Welt der Lager. Auch hier stellt er Geschichten nebeneinander und bringt sich damit um die Möglichkeit, die Regime in ihrer Konfrontation zu zeigen. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges begegneten Nationalsozialisten und Stalinisten einander auf den Schlachtfeldern, sie lernten voneinander. Man könnte auch sagen, dass Nationalsozialisten und Bolschewiki bei der Verfestigung ihrer Feindbilder einander zuarbeiteten. Sie bestätigten einander, dass die Feinde, von denen sie sprachen, tatsächlich existierten. Der Zweite Weltkrieg war das Experimentierfeld und die Bewährungsprobe der totalitären Diktaturen.[15] Sie in ihrer blutigen Verschränkung zu zeigen – das wäre eine Aufgabe, deren Bewältigung uns über den Charakter der modernen Diktaturen mehr verraten würde als Aufzählungen von vermeintlichen Ähnlichkeiten, die sich als Vergleiche ausgeben. [1]  Bol’ševistskoe rukovodstvo. Perepiska 1912–1927 [Die bolschewistische Führung. Korrespondenz 1912–1927], Moskau 1996, S. 51 f.; Izvestija CK KPSS 1989, H. 11, S. 157; Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii (Russisches Staatsarchiv der Sozial-Politischen Geschichte, RGASPI), f. 558, o. 11, d. 627, Bl. 1. [2]  Siehe Wolkogonov, Dmitri: Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Portrait, Düsseldorf 1989; Jansen, Marc/Petrov, Nikita: Stalin’s Loyal Executioner. People’s Commissar. Nikolai Ezhov 1895–1940, Stanford 2002; Baberowski, Jörg: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, 2. Aufl. München 2004.  [3]  Getty, J. Arch: »Excesses are not permitted«. Mass Terror and Stalinist Governance in the Late 1930s, in: The Russian Review 61 (2002), S. 113–138. [4]  Das zeigt sich bei manchen stalinistischen Funktionären sogar noch in ihren privaten Aufzeichnungen. Siehe Dimitroff, Georgi: Tagebücher 1933–1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein. 2 Bde., Berlin 2000. [5]  Siehe u. a. Getty, J. Arch/Naumov, Oleg V.: The Road to Terror. Stalin and the Self-Destructuion of the Bolsheviks, 1932–1939, New Haven 1999; Chaustov, V N./Naumov, V. P. (Hrsg.): Lubjanka. Stalin i VČK-GPU-OGPU-NKVD [Lubljanka. Stalin und das VČK-GPU-OGPU- NKVD], Moskau 2003; Josif Stalin v ob-jatijach sem’i. Iz ličnogo archiva [Josif Stalin in den Armen der Familie. Aus dem Privatarchiv], Moskau 1993; Pis’ma vo vlast’ 1917–1927 [Briefe an die Regierung 1917–1927], Moskau 1998; Pis’ma vo vlast’ 1928–1939 [Briefe an die Regierung 1928–1939], Moskau 2002; Lih, Lars T./Naumov, Oleg (Hrsg.): Stalin. Briefe an Molotov 1925–1936, Berlin 1996; Chlevnjuk, O. V. (Hrsg.): Stalin i Kaganovič. Perepiska 1931–1936 gg. [Stalin und Kagaonovič. Korrepondenz 1931–1936], Moskau 2001; Mikojan, A. I.: Tak bylo. Razmyšlenija o minuvšem [So war es. Gedanken über das Vergangene], Moskau 1999. [6]  Siehe u. a. Löwe, Heinz-Dietrich: Stalin. Der entfesselte Revolutionär. 2 Bde., Göttingen 2002; Apor, Balázs u. a. (Hrsg): The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc, New York 2004; Rayfield, Donald: Stalin und seine Henker, München 2004; Wolkow, Solomon: Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der Künstler, Berlin 2004; Kellmann, Klaus: Stalin. Eine Biographie, Darmstadt 2005. Siehe zu letzterem die zu Recht sehr kritische Rezension von Andreas Oberender in: H-Soz-u-Kult vom 8. Dezember 2005, <http://hsozkult. geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-4-147> [7] Von diesem Russland-Historiker sind zuletzt erschienen Service, Robert: Lenin. Eine Biographie, München 2000; Ders.: Russia. Experiment with a People. From 1991 to the Present, London 2002; Ders.: A History of Modern Russia. From Nicholas II to Vladimir Putin, Cambridge, MA 2005. [8]  Tucker, Robert C.: Stalin in Power. The Revolution from Above, 1928–1941, New York 1990, S. 7 f. u. 533–539. [9]  Siehe dazu Jansen/Petrov: Stalin’s Loyal Exexutioner (Anm. 2) [10]  Tucker: Stalin in Power (Anm. 8), S. 4. Dagegen Suny, Ronald Grigor: Beyond Psychohistory. The Young Stalin in Georgia, in: Slavic Review 50 (1991) S. 48–58; Baberowski, Jörg: Zivilisation der Gewalt. Die kulturellen Ursprünge des Stalinismus, in: Historische Zeitschrift 281 (2005), S. 59–102. [11]  Siehe dazu Gorlizki, Yoram/Khlevniuk, Oleg: Cold Peace. Stalin and the