...

 

JHK 2007

Inhaltsverzeichnis

JHK 2007

Kommunismus und Opposition in Laos

Volker Grabowsky

Unter den vier verbliebenen kommunistischen Regimen in Asien – d. h. neben China, Vietnam und Nordkorea – ist Laos das jüngste und international am wenigsten bekannte. Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit beging die Laotische Volksdemokratische Republik (LVDR, Sathalanalat Pasathipatay Pasason Lao) am 2. Dezember 2005 den 30. Jahrestag ihrer Gründung. Obwohl der wirtschaftliche Reformprozess seit Ende der 1980er Jahre den südostasiatischen Binnenstaat schrittweise dem kapitalistischen Weltmarkt öffnete und die laotische Gesellschaft sich unter den Bedingungen der Globalisierung in einem raschen Tempo wandelt,[1] bleibt das Herrschaftsmonopol der marxistisch-leninistischen Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP, Phak Pasason Pativat Lao) unangetastet. Als einzige zugelassene politische Partei übt sie die wirkliche Macht im Lande aus. In Artikel 3 der Verfassung von 1991 wird die LRVP mit Nachdruck als »führender Kern« (kaen nam) des politischen Systems bezeichnet. Trotz demonstrativ zur Schau gestellter Einigkeit der Partei- und Staatsführung werden Risse in der laotischen Gesellschaft sichtbar, die jedoch den Fortbestand des kommunistischen Systems zumindest in mittlerer Sicht nicht in Frage stellen. Dieser Beitrag skizziert zunächst in den Gründzügen die historische Entwicklung des laotischen Kommunismus, analysiert dann den Aufbau von Partei und Staat und wendet sich abschließend den Oppositionsbewegungen und -regungen zu, welche innerhalb des Landes den absoluten Machtanspruch der kommunistischen Staatspartei in Frage stellen. Der Weg an die Macht von 1930 bis 1975 Die im Jahre 1997 veröffentlichte offizielle Geschichte der Laotischen Revolutionären Volkspartei[2] führt die Ursprünge des Kommunismus in Laos auf die Anfang Februar 1930 in Hongkong gegründete Kommunistische Partei Vietnams zurück. Diese wurde im Oktober 1930 auf Geheiß der Komintern in Indochinesische Kommunistische Partei (IKP) umbenannt; denn aus der Sicht der Moskauer Zentrale bildeten die drei Länder Französisch-Indochinas einen einheitlichen »revolutionären Kampfplatz«.[3] Während der Parteiaufbau in Vietnam ungeachtet der Repressalien durch die französischen Kolonialbehörden bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges beachtliche Fortschritte machte, kämpften die Zellen der IKP in Kambodscha und Laos stets um ihr Überleben. Mitte 1934 schlossen sich sechs Zellen der IKP in Laos zu einer laotischen Sektion zusammen. Doch unter ihren 32 Vollmitgliedern befanden sich nur sehr wenige ethnische Lao.[4] Die weitaus meisten laotischen IKP-Mitglieder waren Vietnamesen, die unter den Angestellten und Arbeitern der Hauptstadt Vientiane und einiger Provinzstädte rekrutiert wurden.[5] Im Gegensatz zum benachbarten Vietnam existierte in Laos eine Arbeiterklasse allenfalls in rudimentärer Form, und auch die überwiegend für die eigene Subsistenz wirtschaftenden laotischen Bauern verschlossen sich der kommunistischen Agitation und Propaganda. Während des Zweiten Weltkrieges, als japanische Truppen in Indochina stationiert wurden und die vichyhörige französische Kolonialverwaltung stark geschwächt war, gelang den laotischen Kommunisten keine nennenswerte Mobilisierung der »Volksmassen«. Ein Pendant zur vietnamesischen Revolution vom August 1945 blieb aus. Die Unabhängigkeitserklärung vom 12. Oktober 1945 und die Bildung einer »Freien Lao-Regierung« – nur zwei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation Japans und noch vor der Rückkehr französischer Streitkräfte – wurden vom nationalistischen Komitee Lao Itsala (Freies Laos) unter Prinz Phetsarat, dem Vizekönig von Luang Prabang, betrieben.[6] Kommunisten spielten in der laotischen Freiheitsbewegung des Jahres 1945 keine wahrnehmbare Rolle, auch wenn die offizielle Parteigeschichte die damaligen Ereignisse in »einen Sieg der Parteilinie, das Banner der nationalen Unabhängigkeit zu hissen«, verklärt.[7] Eine Gelegenheit, sich an die Spitze des antikolonialen Kampfes zu stellen, bot sich den laotischen Kommunisten indes schneller als erwartet. Im Mai 1946 flüchteten Prinz Phetsarat und fast das gesamte übrige Lao-Itsala-Kabinett vor den anrückenden französischen Truppen nach Thailand. Im thailändischen Exil kam es 1948/49 zu einer Spaltung der antikolonialen Freiheitsbewegung. Während die meisten Lao-Itsala-Führer im Juli 1949 nach Laos zurückkehrten, um die von den Franzosen angebotene Selbstverwaltung als ersten Schritt in Richtung vollständige Unabhängigkeit zu nutzen, entschloss sich eine Minderheit zur Fortsetzung des bewaffneten Kampfes im Bündnis mit den vietnamesischen Kommunisten, deren Guerillaverbände (Vietminh) bereits in mehreren nordostlaotischen Grenzprovinzen operierten. Anführer dieser Gruppe war Prinz Phetsarats Halbbruder Souphanouvong (1909 bis 1995), der nach seinem Studium in Frankreich viele Jahre als Ingenieur in Vietnam gearbeitet und dort auch eine vietnamesische Frau geheiratet hatte.[8] In den befreiten Gebieten Vietnams traf der »rote Prinz« Souphanouvong mit Ho Chi Minh, aber auch mit führenden laotischen Kadern der IKP zusammen. Die im August 1950 gegründete »Freie-Laos-Front« (Naeo Lao Itsala) vereinte Souphanouvongs Gefolgsleute aus der alten Lao-Itsala-Bewegung und die IKP-Kader laotischer Herkunft unter dem Banner des nationalen Befreiungskampfes. Die Mitglieder des neunzehnköpfigen Zentralkomitees der Front bildeten einen Führungskader, der über die nächsten vier Jahrzehnte mit einem hohen Maß an personeller Kontinuität die laotische Revolution lenkte. Dies ist umso bemerkenswerter, bedenkt man die höchst unterschiedliche soziale und politische Herkunft der beiden Gruppen laotischer Revolutionäre.[9] Doch ihr Zusammenwachsen zu einer einheitlich agierenden Führung vollzog sich offenbar ohne nach außen sichtbare Konflikte. Zur ersten Gruppe laotischer Revolutionsführer gehörten neben Prinz Souphanouvong vor allem der einflussreiche Chefideologe Phoumi Vongvichit (1909 bis 1994)[10] sowie Singkapo Sikhotchunnamali (geb. 1913) und Souk Vongsak (1915 bis 1983). Sie waren entweder hochgebildete Mitglieder der Aristokratie wie Souphanouvong und der einer Nebenlinie des Königshauses entstammende Souk Vongsak oder gehörten der gehobenen Beamtenschicht an wie Phoumi Vongvichit, der erst im Oktober 1945 als Gouverneur der Provinz Houa Phan zur Lao-Itsala-Bewegung gestoßen war.[11] Die zweite Gruppe umfasste Personen von bescheidenerer sozialer Herkunft. Nouhak Phoumsavan (geb. 1914), der »ewige zweite Mann« der laotischen Kommunisten, arbeitete zunächst als Lastwagenfahrer für einen reichen chinesischen Geschäftsmann, bevor er 1941 ein eigenes Kleinunternehmen gründete, das Güter zwischen seiner Heimatprovinz Savannakhet und Zentralvietnam transportierte. Irgendwann in den nächsten vier Jahren wurde Nouhak von den Vietminh für den antifranzösischen Widerstand rekrutiert, bevor er 1950 in die IKP eintrat. Nouhak schloss Freundschaft mit dem sechs Jahre jüngeren Kaysone Phomvihane, der ebenfalls aus Savannakhet stammte.[12] Der 1920 als Sohn eines vietnamesischen Verwaltungsbeamten und einer Laotin geborene Kaysone hatte bereits Anfang der 1940er Jahre während seines Jurastudiums an der Universität Hanoi Kontakte zur IKP geknüpft. Er avancierte zum wichtigsten Verbindungsmann der vietnamesischen Kommunisten in Laos, wobei die persönliche Freundschaft zu Vo Nguyen Giap, dem späteren Helden von Dien Bien Phu, hierfür ein auslösender Faktor gewesen sein mag. Im Januar 1949 wurde Kaysone als Vollmitglied in die Reihen der IKP aufgenommen und zum Führer der ersten regulären laotischen Kampfeinheit, der so genannten Rasavong-Brigade, ernannt.[13] Im Februar 1951 tagte der II. Parteitag der IKP. Er beschloss die Auflösung der Partei und die Neugründung ihrer vietnamesischen Sektion als Partei der Werktätigen Vietnams. Ein Beschluss über die Gründung einer eigenständigen laotischen Partei wurde verschoben. Von den 766 000 Mitgliedern der IKP waren kaum mehr als 2 000 in Laos organisiert, von denen wiederum nur 81 ethnische Lao waren.[14] Die übrigen Kader waren vorwiegend in Laos lebende Vietnamesen, die nach dem Genfer Abkommen von 1954 meist nach Nordvietnam übersiedelten. Unter diesen schwierigen Bedingungen verwundert es nicht, dass die Vorbereitungen für die Gründung einer eigenständigen laotischen kommunistischen Partei weitere vier Jahre in Anspruch nahmen. Vom 22. März bis 6. April 1955 fand in der von prokommunistischen Streitkräften kontrollierten Provinz Houa Phan[15] der Gründungsparteitag der Laotischen Volkspartei (LVP, Phak Pasason Lao) statt. Die Existenz der Partei wurde jedoch geheim gehalten und erst viele Jahre später enthüllt. Schenken wir der offiziellen Parteigeschichte Glauben, wählten 20 Delegierte, die knapp 400 Mitglieder vertraten, ein Zentralkomitee mit Kaysone Phomvihane als Generalsekretär und Nouhak Phoumsavan als seinem Stellvertreter.[16] Das Tandem Kaysone-Nouhak beherrschte die LVP, die erst 1972 in Laotische Revolutionäre Volkspartei (LVRP) umgetauft wurde, bis zu Kaysones Tod im November 1992. Die LRVP wirkte nach außen über ihre Frontorganisationen, vor allem über die 1956 ins Leben gerufene Naeo Lao Haksat (NLHS, Laotische Patriotische Front). Mit Hilfe der Frontorganisationen mobilisierte die Partei in der Zeit des bewaffneten Kampfes breite Bevölkerungsschichten. Unter dem Banner der nationalen Befreiung und der sozialen Emanzipation appellierte sie mit Geschick insbesondere an die von der königlichen Regierung vernachlässigte ländliche Bevölkerung und die zahlreichen ethnischen Minoritäten. Angehörige der Minderheiten, obwohl nur zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung stellend,[17] füllten zu drei Vierteln die Reihen des Pathet Lao (Land Laos), wie die prokommunistischen Truppenverbände mitsamt ihres zivilen Apparates in den internationalen Medien landläufig hießen. In den Führungsgremien von Partei und Frontorganisationen waren die ethnischen Minderheiten hingegen unterrepräsentiert. Der HmongFührer Faidang Lobliayao und Sithon Kommadam, der Sohn eines Laven-Stammesfürsten aus Südlaos, blieben Ausnahmen.[18] An den drei laotischen Koalitionsregierungen der Jahre 1957, 1962 und 1973 beteiligte sich nicht die LRVP, deren Existenz im Verborgenen blieb, sondern die NLHS. Sie präsentierte sich als patriotische, der nationalen Einheit und Unabhängigkeit sowie dem sozialen Fortschritt verpflichtete Organisation. Ihr Aushängeschild war der eloquente Prinz Souphanouvong, der es aufgrund seiner Herkunft aus dem laotischen Königshaus mit Geschick verstand, die in der tieflandlaotischen Gesellschaft stark verwurzelten Patron-Klient-Beziehungen für die Sache der nationalen Befreiung zu nutzen. In allen drei Koalitionsregierungen waren Souphanouvong und der intellektuell gleichfalls bewegliche Chefideologe Phoumi Vongvichit als Minister vertreten. Sie waren gewissermaßen das Gesicht des Pathet Lao auch auf der internationalen Bühne. Die LRVP-Führer Kaysone und Nouhak zogen indessen im Hintergrund weiterhin die Fäden und bestimmten die politischen Richtlinien der Bewegung.[19] Der Erfolg dieser Strategie ließ nicht lange auf sich warten. Anders als im benachbarten Kambodscha, wo es dem charismatischen Prinzen Sihanouk frühzeitig gelang, die prokommunistische Volkspartei zu marginalisieren, gelang der NLHS schon 1958 ein beachtlicher Erfolg an den Wahlurnen. Nach der Legalisierung der Front im November 1957 und ihrer Regierungsbeteiligung wurden im Mai 1958 Nachwahlen für 21 von 59 Mandaten abgehalten. Von der Zersplitterung des Gegners profitierend, errang die NLHS im Bündnis mit der von Quinim Pholsena geführten linksneutralistischen Santiphap (Frieden) insgesamt 13 Parlamentssitze (davon 9 NLHS und 4 Santiphap).[20] Im Verlauf der 1960er Jahre konsolidierten die laotischen Kommunisten im Schulterschluss mit Nordvietnam ihre politische und militärische Kontrolle der östlichen Hälfte von Laos. Ende 1963 brach auch die zweite laotische Koalitionsregierung, in der Souphanouvong als Vizepremier und Minister für Wirtschaft und Planung vertreten war, zusammen. Zum Scheitern trug neben dem nur schwach ausgeprägten nationalen Verantwortungsbewusstsein der laotischen Elite vor allem die Eskalation des Krieges im benachbarten Vietnam bei. Die amerikanische Luftwaffe flog seit 1964 unablässig Einsätze gegen vermutete Stellungen und Nachschubwege des Pathet Lao und seiner nordvietnamesischen Verbündeten. Besonders der Südosten des Landes, wodurch ein wichtiger Abschnitt des Ho-Chi-Minh-Pfades verlief, und die strategisch wichtige »Ebene der Tonkrüge« wurden Schauplätze eines mit hohem Materialeinsatz geführten und bis 1970 geheim gehaltenen Bombenkrieges. Mehr als 200 000 Menschen verloren dabei ihr Leben, und ein Viertel der laotischen Bevölkerung wurde zu Flüchtlingen im eigenen Land.[21] Die Unterzeichnung des Pariser Abkommens für Vietnam im Januar 1973 beschleunigte die Verhandlungen zwischen den laotischen Konfliktparteien über die Wiederherstellung des Friedens in Laos. Noch im Februar des gleichen Jahres wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Eine paritätisch aus Pathet Lao und Nichtkommunisten gebildete Koalitionsregierung nahm im April 1974 ihre Tätigkeit auf. Ihre Erfolgsaussichten wurden jedoch von vornherein als gering bewertet, zumal die stark dezimierten neutralistischen Kräfte unter dem kränkelnden Souvanna Phouma[22] ihre Mittlerfunktion eingebüßt hatten. Die Eroberung Phnom Penhs durch die Roten Khmer am 17. April 1975 und der »Fall« Saigons zwei Wochen später ermunterten den Pathet Lao, der zu diesem Zeitpunkt bereits vier Fünftel des laotischen Territoriums beherrschte, auch in den Bevölkerungszentren entlang des Mekongtales allein die Macht zu übernehmen. In einer Kombination aus militärischem Druck und städtischen Massendemonstrationen erlangten die Kommunisten bis August den bestimmenden Einfluss in allen großen Städten. Ihre Gegner flüchteten zu Tausenden nach Thailand oder zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Am 2. Dezember 1975 schaffte ein Nationaler Kongress der Volksvertreter die Monarchie ab und proklamierte die Laotische Volksdemokratische Republik (LVDR). Erst jetzt trat die LRVP direkt an die Öffentlichkeit. Die Laoten und mit ihnen das Ausland erfuhren nun von der Existenz einer kommunistischen Partei und lernten deren wahre Führer kennen. Als Schlüsselfigur der Revolution offenbarte sich Parteichef Kaysone Phomvihane. Er war unter der breiten Masse der Bevölkerung, einschließlich der in den »befreiten Zonen« lebenden Menschen, kaum bekannt. Seinen Aufstieg zur unbestrittenen Autorität innerhalb der Partei verdankte Kaysone nicht zuletzt dem Umstand, dass er 1959/60 von Viang Say (Provinz Houa Phan) aus Partei und Armee erfolgreich reorganisierte, als die meisten anderen Pathet-Lao-Führer – einschließlich Souphanouvong und Nouhak – von rechtsgerichteten Militärs im Vientianer Stadtteil Phon Kheng vorübergehend in Haft gesetzt worden waren.[23] Die bereits in jungen Jahren errungene Führungsposition mag auch durch den Umstand verständlich werden, dass Kaysone in den Augen Hanois als absolut zuverlässiger Kader galt, der wie kein anderer die Ziele der laotischen Revolution mit den übergeordneten Interessen der »indochinesischen Solidarität« zu verknüpfen vermochte. Partei und Staat nach 1975 Die laotischen Kommunisten versuchten, die Radikalität des Bruches mit der monarchistischen Vergangenheit abzumildern, indem sie den abgedankten König zum Ratgeber von Staatspräsident Souphanouvong ernannten und auch mehreren Angehörigen des Königshauses zeremonielle Funktionen im neuen Staatswesen übertrugen. So avancierte Souvanna Phouma, der Premier des Ancien régime, zum Ratgeber des neuen Ministerpräsidenten Kaysone Phomvihane. Auch die Übernahme der alten, mit einigen Textänderungen versehenen Nationalhymne und der Lao-Itsala-Flagge von 1945 (weißer Vollmond auf blauem Grund, gesäumt von zwei roten Feldern) signalisierte Kontinuität. Die im Vergleich zu den Nachbarn Vietnam und Kambodscha in Laos unblutig verlaufene Machtübernahme der Kommunisten und eine relativ tolerante Haltung gegenüber dem buddhistischen Klerus haben das Klischee von einer »sanften Revolution« genährt. Dabei wird leicht der Umfang der politischen und sozialen Umwälzungen der Jahre 1976 bis 1980 unterschätzt. An der Spitze der LVDR steht der Staatspräsident (pathan pathet). Seine Aufgabenbereiche beschränken sich weitgehend auf repräsentative Pflichten, wenngleich Artikel 53, Absatz 3 der Verfassung ihm das Recht einräumt, den Ministerpräsidenten und andere Regierungsmitglieder mit anschließender Zustimmung der Nationalversammlung zu ernennen und zu entlassen.[24] Der erste Staatspräsident war bis 1991 Prinz Souphanouvong. Wegen schwerer Krankheit wurde er seit 1986 von Phoumi Vongvichit, innerhalb der LRVP für Kultur und Ideologie zuständig, vertreten. Nach dem V. Parteitag der LRVP wurde Regierungs- und Parteichef Kaysone Phomvihane neues Staatsoberhaupt, wobei er aber den Posten des Ministerpräsidenten an General Khamtay Siphandone, den Oberkommandierenden der Streitkräfte, abtrat. Als Kaysone am 21. November 1992 verstarb, folgte ihm sein Alter Ego Nouhak Phoumsavan als Staatsoberhaupt nach. Im Februar 1999 trat Nouhak aus Altersgründen zurück und machte dem zehn Jahre jüngeren Khamtay (geb. 1924) Platz. Wie einst Kaysone vereinte nun auch Khamtay das Amt des Staatspräsidenten mit dem des Parteivorsitzenden (letzteres seit Ende 1992). Zugleich war Khamtay auch Oberbefehlshaber der Armee. Die Wahl von Armeechef Choummaly Sainyasone (geb. 1936), einem engen Vertrauten Khamtays, zu dessen Nachfolger als LRVP-Generalsekretär und Staatspräsident (im Frühjahr bzw. Sommer 2006) hat dieses Arrangement weiter verfestigt. Die Legislative, die gegenwärtig aus 115 Abgeordneten zusammengesetzte Nationalversammlung, tagt in der Regel zweimal jährlich und wählt die Regierung. Die letzte Parlamentswahl fand am 30. April 2006 statt. Unter den 175 Kandidaten, darunter 40 Frauen, waren mehr als drei Viertel (133) ethnische Lao, »ein Spiegelbild der allgemeinen Marginalisierung vieler ethnischer Minderheiten«, wie Oliver Tappe in seiner Wahlanalyse feststellt.[25] Auch wenn die meisten gewählten Abgeordneten als Vertreter von Massenorganisationen kandidiert hatten, sind bis auf zwei Ausnahmen alle auch gleichzeitig Mitglieder der kommunistischen LRVP. Die Nationalversammlung wählt den Premierminister und die Regierung. Das Kabinett ist im Laufe des vergangenen Jahrzehnts stetig gewachsen und umfasst seit Juni 2006 unter dem für laotische Verhältnisse noch jungen Premier Bouasone Bouphavan (geb. 1954) insgesamt 28 Mitglieder, darunter 21 Minister und zwei Komiteevorsitzende im Ministerrang.[26] Seit Gründung der laotischen Volksrepublik wird die politische Macht von der LRVP monopolisiert. Ein von der Partei unabhängiger öffentlicher Raum besteht faktisch nicht. Wer in Laos politisch gestalten möchte, sieht sich zum Eintritt in die Partei gezwungen. Auch ein gesellschaftlicher Aufstieg ist ohne die Mitwirkung der LRVP schwer vorstellbar. Die Partei kontrolliert sogar den buddhistischen Mönchsorden (sangha) und selbst Besitzer mittlerer Wirtschaftsunternehmen benötigen die Patronage eines prominenten Parteimitglieds. Die Partei beruft sich wie die herrschenden Parteien in China und Vietnam auf den Marxismus-Leninismus; doch dies ist heutzutage kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. Zwar werden pünktlich zu wichtigen nationalen Feiertagen wie dem Jubiläum der Staatsgründung (2. Dezember) oder den Jahrestagen der Gründung von Armee (20. Januar) und Partei (22. März) die Alleen der Hauptstadt Vientiane mit Nationalflagge und Parteifahne festlich geschmückt, aber ansonsten wird der aufmerksame Beobachter nur noch auf wenige Spuren kommunistischer Agitation stoßen. Die weitaus meisten Propagandatafeln haben die nationale Einheit und den wirtschaftlichen Fortschritt zum Thema. Die wenigen ins Lao übersetzten Werke der marxistisch-leninistischen Klassiker sind seit Mitte der 1990er Jahre fast vollständig aus öffentlichen Bibliotheken verschwunden. Der australische Historiker und Laos-Experte Martin Stuart-Fox charakterisiert Laos daher treffend als einen autoritären Ein-Parteien-Staat, »in which the Party presides over a relatively freemarket economy«[27]. Die LRVP durchdringt und beherrscht die drei Säulen des Staates: Regierung, Verwaltung und Armee. In all diesen Institutionen operieren Parteizellen, die dort Nachwuchs für die Partei werben. Auch die Massenorganisationen unterstehen der vollständigen Kontrolle durch die Partei. Es sind dies die Laotische Front für den Nationalen Aufbau (Naeo Lao Sang Sat), die Nachfolgeorganisation der Laotischen Patriotischen Front, sowie die Laotische Frauenorganisation, die Revolutionäre Jugendorganisation und der Laotische Gewerkschaftsverband.[28] Die Expansion der Parteiorganisation machte in den vergangenen drei Jahrzehnten beachtliche Fortschritte. Bei Proklamation der Volksrepublik zählte die Partei wahrscheinlich kaum mehr als 25 000 Mitglieder. Die Mitgliedstärke wuchs von Parteitag zu Parteitag kontinuierlich an (siehe Tabelle 1) und erreichte auf dem VIII. Parteitag im März 2006 den Höchststand von knapp 150 000 Mitgliedern. Damit sind inzwischen 2,5 Prozent der sechs Millionen Lao in der kommunistischen Partei organisiert. Dies ist zwar immer noch ein geringerer Anteil als in China (5 Prozent) und Vietnam (4 Prozent), jedoch ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den vorangegangenen Parteitagen. Tabelle 1:  Mitgliederentwicklung der Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP)[29] Parteitag Jahr Zahl der Delegierten Zahl der Mitglieder Generalsekretär I. 1955 20 400 Kaysone Phomvihane II. 1972 125 20 000 Kaysone Phomvihane III. 1982 228 35 000 Kaysone Phomvihane IV. 1986 303 45 000 Kaysone Phomvihane V. 1991 367 60 000 Kaysone Phomvihane VI. 1996 381 78 000 Khamtay Siphandone VII. 2001 452 105 000 Khamtay Siphandone VIII. 2006 498 148 000 Choummaly Sayasone Die Zusammensetzung der auf dem VIII. Parteitag gewählten Gremien bot keine echten Überraschungen. Wie erwartet trat der inzwischen 82-jährige Parteichef Kamtay Siphandone von seinen Ämtern zurück, so dass für ihn und den verstorbenen Osakan Thammatheva zwei jüngere Politiker in das elfköpfige Politbüro nachrückten: Außenminister Somsavat Laengsavat (Rang 10) und Pany Yathothu (Rang 11) als einzige Frau und Vertreterin der Hmong-Minderheit. Auch das 55köpfige Zentralkomitee erfuhr nur geringe Veränderungen gegenüber dem vorangegangenen Parteitag im Jahre 2001. Für das Streben nach personeller und programmatischer Kontinuität spricht nicht nur die Wahl von Choummaly Sayasone zum neuen Generalsekretär, sondern auch die Ernennung des Khamtay-Protegé Bouasone Bouphaphan (Rang 7 im Politbüro) zum Regierungschef. Außerdem sitzen im Zentralkomitee der LRVP nun zwei Söhne des langjährigen Parteichefs Kaysone Phomvihane und ein Sohn von Khamtay Siphandone. Nach wie vor spielt die Laotische Volksarmee eine politische Schlüsselrolle; denn sieben der elf Mitglieder des Politbüros sind entweder aktive Militärs oder haben eine militärische Laufbahn durchlaufen. Opposition innerhalb des Landes Als der Pathet Lao im September 1973 die Bildung einer Koalitionsregierung mit der königlichen Regierung vereinbart hatte, erwartete er, dass diese Regierung eine Reihe von Jahren Bestand haben würde. Die laotischen Kommunisten wähnten die Zeit auf ihrer Seite. In einer längeren Übergangsphase hätte der Pathet Lao sein bislang illegales Organisationsnetz im dichter besiedelten Mekongtal ausbauen und unter der dort lebenden tieflandlaotischen Bevölkerung seinen politisch-ideologischen Einfluss systematisch stärken sollen. Der unerwartet rasche Zusammenbruch der antikommunistischen Regime in Kambodscha und Südvietnam im April 1975 zwang den Pathet Lao zur Beschleunigung eines Aktionsplans, der in der Ergreifung der »Volksmacht« gipfelte. Für eine feste Verankerung des Pathet Lao in den von königstreuen Kräften kontrollierten Zonen reichten die beiden Jahre zwischen Bildung der Koalitionsregierung und Proklamation der Volksrepublik aber nicht aus. Die anfängliche Begeisterung der laotischen Jugend über den Anbruch einer neuen Ära und die Erleichterung selbst vieler Kritiker des Pathet Lao über das Ende des innerlaotischen Bruderzwistes wichen sehr bald einer großen Ernüchterung. Abweichend von früheren Bekundungen forcierten die Kommunisten seit Herbst 1976 die Kollektivierung der Landwirtschaft, die sich ein Jahrzehnt später als ein Fiasko erwies und anschließend wieder rückgängig gemacht werden musste. Die Verstaatlichung des Handels traf vor allem das kleine sino-laotische Unternehmertum, deren Angehörige größtenteils die Flucht über den Mekong in das benachbarte Thailand antraten. Bereits vor dem 2. Dezember 1975 waren mehr als 50 000 Angehörige des alten Regimes – Militärs, Polizisten und zivile Beamte – mit ihren Familien nach Thailand geflohen. Die Sicherheitslage blieb in den ersten Monaten des Jahres 1976 prekär, da noch Reste der königlichen Armee und der mit ihnen verbündeten, vom CIA unterstützten Hmong-Truppen unter Vang Pao[30] im Untergrund operierten. Als politisch unzuverlässig eingeschätzte Personen wurden daher in geheimen Umerziehungslagern in der Provinz Houa Phan interniert, die man euphemistisch »Seminarzentren« nannte. Obwohl die meisten der 30 000 bis 50 000 »Seminarteilnehmer« bereits nach wenigen Wochen wieder entlassen wurden, dauerte für andere der unfreiwillige Aufenthalt bis zu 15 Jahren. Der letzte laotische König Savang Vatthana (geb. 1907), dem bei Gründung der Volksrepublik der rein symbolische und politisch völlig bedeutungslose Posten eines »Beraters« von Staatspräsident Souphanouvong verliehen worden war, lebte zunächst zurückgezogen mit seiner Familie im ehemaligen Königspalast von Luang Prabang. Im März 1977 wurde die Königsfamilie verhaftet und in ein Umerziehungslager gebracht, da die Kommunisten nach mehreren fehlgeschlagenen Attentaten auf Parteichef Kaysone Phomvihane fürchteten, der König könnte ein Symbol für einen antikommunistischen Volkswiderstand werden. Für viele Jahre war das weitere Schicksal der Königsfamilie ein absolutes Tabu in der laotischen Öffentlichkeit. Erst während eines Staatsbesuches in Frankreich im Dezember 1989 bestätigte Kaysone den Tod des Königs aufgrund seines hohen Alters. Glaubwürdigen Berichten zufolge soll Savang Vatthana jedoch am 13. Mai 1978 im »Lager Nr. 1« (bei Viang Say) an Unterernährung gestorben sein, nur neun Tage nach dem Tod seines Sohnes Kronprinz Say Vongsavang.[31] Eine weit verbreitete Furcht vor politischen »Seminaren« und die spürbare Verschlechterung der Lebensbedingungen ließen die Fluchtwelle in den Jahren 1976 bis 1980 dramatisch ansteigen. Ihren Höhepunkt erreichte der Exodus 1978, als nahezu 50 000 Tiefland-Lao ihrer Heimat den Rücken kehrten. Erst Anfang der 1980er Jahre kam der Exodus allmählich zum Versiegen. Zwischen Mai 1975 und April 1985 waren 309 700 laotische Flüchtlinge in Thailand registriert worden, darunter 115 500 Angehörige von Minderheiten, vor allem Hmong. Weitere 60 000 Personen, mehrheitlich ethnische Lao, tauchten ohne Registrierung durch den UNHCR in der thailändischen Gesellschaft unter.[32] Drei Viertel der  laotischen Flüchtlinge durften in so genannte Drittländer ausreisen. Die meisten von ihnen fanden in den USA eine neue Heimat. Der Verlust von einem Zehntel seiner Bürger durch Flucht ins Ausland innerhalb nur eines Jahrzehntes bedeutete für die LVDR zweifellos einen gewaltigen Aderlass, zumal vor allem die Angehörigen der städtischen Mittelschichten – Verwaltungsangestellte, Geschäftsleute, Ärzte und Ingenieure – das Land verließen. So sehr der Exodus Laos wertvolles Humankapital entzog, so erleichtert waren die kommunistischen Behörden über den Fortgang aktiver Regimegegner und ihrer Sympathisanten. Während realer und potentieller Widerstand unter den Tiefland-Lao bereits 1977 nahezu vollständig ausgeschaltet worden war, leisteten die Reste der Vang Pao loyal ergebenen Hmong-Truppen noch bis weit in das Jahr 1980 hinein im unwegsamen Hochland von Nordlaos Widerstand, der mit Unterstützung regulärer vietnamesischer Truppenverbände gebrochen werden musste. Dass bei diesen Kämpfen auf laotischer und vietnamesischer Seite auch Giftgas zum Einsatz kam, wie von Seiten der Hmong hartnäckig behauptet wurde, konnte nie bewiesen werden und wird von westlichen Experten bezweifelt.[33] Während des nationalen Befreiungskampfes hatten die laotischen Kommunisten eine umfangreiche militärische, politische, propagandistische und infrastrukturelle Hilfe von Seiten der Volksrepublik China und der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam) erhalten. Angesichts der Spannungen mit Thailand, das vor 1975 die antikommunistischen Kräfte in Laos unterstützt hatte, und des Wegfalls der amerikanischen Finanz- und Wirtschaftshilfen lag der enge Schulterschluss mit beiden sozialistischen »Bruderländern« im vitalen Interesse der LRVP. Die guten Beziehungen, die das Regime in Vientiane bis 1978 sowohl zu Beijing als auch zu Hanoi pflegte, beinhalteten indes nie eine strikte Äquidistanz. Dies wurde im Juli 1977 offenbar, als die laotische Regierung auf 25 Jahre einen »Vertrag über Freundschaft und Kooperation« mit der Sozialistischen Republik Vietnam abschloss. In diesem Vertrag wurden die »besonderen Beziehungen« und die »unverbrüchliche Solidarität« der Völker Indochinas hervorgehoben. Artikel 2 des Vertrages bildete die Grundlage für die Stationierung von mehr als 40 000 vietnamesischen Soldaten zur Abwehr »des Imperialismus und ausländischer reaktionärer Kräfte«[34]. Mitte 1978 verschlechterten sich die vietnamesisch-chinesischen Beziehungen dramatisch. Als im Februar 1979 chinesische Streitkräfte die vietnamesische Invasion in Kambodscha (Dezember 1978) durch eine »Strafexpedition« gegen Vietnam beantworteten, ergriff die laotische Führung – wenn auch zögernd – Partei für Hanoi und verurteilte den »chinesischen Hegemonismus und Expansionismus«.[35] Die politischen und wirtschaftlichen Folgen der offenen Parteinahme für Vietnam und des Bruches mit China wurden kompensiert durch eine verstärkte Hinwendung zur Sowjetunion und zum Comecon, der Laos einen Beobachterstatus einräumte. Innerhalb der LRVP war der provietnamesische und prosowjetische Kurs der Parteiführung kaum umstritten. Nur wenige Parteimitglieder wagten es, den Kurs grundsätzlich in Frage zu stellen. Im Gegensatz zu den Chinesen verfügten die Vietnamesen über ein dichtes Netz von Beratern in den laotischen Ministerien und auch auf der mittleren Verwaltungsebene. Dies erschwerte selbst behutsam vorgetragene Äußerungen, die als antivietnamesisch oder prochinesisch ausgelegt werden konnten. Wer dennoch auf seiner Kritik an dem Bündnis mit Hanoi beharrte, riskierte den Parteiausschluss oder die Entsendung in ein Umerziehungslager. Im Juli 1979 verließ der Herausgeber des Parteiorgans Siang Pasason (Stimme des Volkes) Sisanan Sayanouvong (Sainyanouvong) mit einigen anderen prochinesischen Parteimitgliedern Laos.[36] Ihm folgte im November 1981 Khamsaengkaeo Saengsathit, ein hoher Beamter im laotischen Gesundheitsministerium und Generalsekretär des laotischen Komitees der Organisation für afro-asiatische Solidarität. Sisanan und Khamsaengkaeo wurde in China politisches Asyl gewährt. Gemeinsam mit Kong Lae, dem Anführer des neutralistischen Putsches von 1960, organisierten sie von Yunnan aus Guerillaaktivitäten in der nordlaotischen Provinz Luang Namtha.[37] Doch Kong Laes Rückkehr nach Frankreich Ende 1983 signalisierte das militärische und politische Scheitern der Untergrundbewegung, die trotz logistischer Unterstützung aus China den laotisch-vietnamesischen Streitkräften nie ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten vermochte. Die Bewegung gewann offenbar auch keinen hinreichenden Rückhalt in der lokalen Bevölkerung. Im Jahre 1986 leitete der damalige Parteichef Kaysone unter dem Schlagwort chintanakan mai (Neues Denken) Wirtschaftsreformen ein, die neben einer Dekollektivierung der Landwirtschaft auch die Einführung marktwirtschaftlicher Mechanismen umfassten. Die ersten Reformerfolge, das Ende der sino-vietnamesischen Konfrontation und die verbesserten Beziehungen zwischen Vientiane und Bangkok entzogen dem militärischen Widerstand in Laos bis Ende der 1980er Jahre die Grundlage. Das Ende des Kalten Krieges, der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa und der Zerfall der Sowjetunion stellten die laotischen Kommunisten vor neue Herausforderungen. Während ein Leitartikel des Zentralorgans Pasason von Neujahr 1990 das zu Ende gegangene Jahr als »Albtraumjahr für den Sozialismus« bezeichnete[38] und die laotische Parteiführung das Tienanmen-Massaker vom Juni 1989 rechtfertigte, traf sich Anfang 1990 in Vientiane eine Gruppe von über 40 Intellektuellen zur Gründung eines »Sozialdemokratischen Klubs«. Dieser Klub stellte die Alleinherrschaft der LRVP in Frage, indem er nachdrücklich ein Mehrparteiensystem einforderte. Ähnliche Wünsche wurden von laotischen Studierenden in der ehemaligen DDR und Osteuropa erhoben.[39] Der Vizeminister für Wissenschaft und Technologie Thongsouk Saysangkhi stellte sich an die Spitze der Dissidenten und nannte in seinem offenen Rücktrittsgesuch an Ministerpräsident Kaysone die laotische Volksrepublik eine »kommunistische Monarchie«. Zu den Funktionären, die sich hinter Thongsouk stellten, gehörten Latsami Khamphoui, der Vizeminister für Wirtschaft und Planung, und Pheng Sakchittaphong, ein hoher Beamter aus dem Justizministerium. Die drei Politiker wurden im Oktober 1990 inhaftiert und im November 1992 zu Haftstrafen von jeweils 14 Jahren verurteilt. Die außergewöhnlich harten Urteile waren sicherlich dem Umstand zuzuschreiben, dass die Forderungen nach Demokratie, Meinungsfreiheit und einem Mehrparteiensystem nicht von »reaktionären« Anhängern des königlichen Regimes, sondern aus den eigenen Reihen kamen. Die Furcht der laotischen Führung vor einem Übergreifen des »osteuropäischen Bazillus« scheint 1990/91 durchaus real gewesen zu sein, wie Souphanouvongs damalige Bemerkung »Alles ist möglich.« verrät.[40] Anfang 1998 verstarb der Wortführer der Gruppe in einem Straflager in Houa Phan an unzureichender medizinischer Versorgung. Ungeachtet internationaler Appelle blieben Thongsouks Mitstreiter weiterhin in Haft, da sie sich weigerten, Reue zu zeigen und ihren demokratischen Idealen abzuschwören. Im Oktober 2004 wurden sie nach voller Verbüßung ihrer Strafen entlassen und durften zur medizinischen Behandlung nach Frankreich ausreisen.[41] Nach der Zerschlagung der parteiinternen Dissidentenbewegung von 1990/91 wurden fast ein Jahrzehnt lang in der Öffentlichkeit keine Positionen artikuliert, die das Machtmonopol der LRVP in Frage stellten. Korruption, soziale Missstände und die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 1997/98 auf die Lebensverhältnisse der breiten Massen führten zwar zu mannigfachen Unmutsbekundungen, die nicht nur im privaten Kreise, sondern auch öffentlich geäußert werden durften, doch zu einer fundamentalen Kritik am politischen System und der ihm zugrunde liegenden Ideologie kam es nur in seltenen Fällen. Am 26. Oktober 1999 hielt eine kleine Gruppe von Studenten und Dozenten der Nationalen Universität im Stadtzentrum von Vientiane eine friedliche Demonstration ab. In Spruchbändern verlangten die Demonstranten soziale Gerechtigkeit, die Bekämpfung der Korruption, demokratische Reformen und die Etablierung eines Mehrparteiensystems. Die drei Anführer der Gruppe wurden nach Angaben von Amnesty International zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.[42] Ein knappes Jahr später, im September 2000, bat der ehemalige Finanzminister Khamsay Souphanouvong, ein Sohn des »roten Prinzen«, in Neuseeland um politisches Asyl, doch dieser spektakuläre Schritt fand keinen besonderen Widerhall in der laotischen Öffentlichkeit.[43] In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre galt Laos als eines der sichersten Länder in Südostasien, insbesondere für die im Lande lebenden und arbeitenden Ausländer. In der Hauptstadt ebenso wie auf dem flachen Land war die Kriminalitätsrate niedrig, und Fremde hatten auf Reisen entlang der Nationalstraßen keine Überfälle zu befürchten. Das Gefühl von Ruhe und Sicherheit verschwand schlagartig am Abend des 30. März 2000, als eine Bombenexplosion das von Ausländern stark frequentierte Gartenrestaurant Khòpchai Doe (Herzlichen Dank!) erschütterte. Von einem vorbeifahrenden Motorrad aus war eine Plastikbombe über den Gartenzaun geschleudert worden. Unter den schwerer Verletzten befand sich auch ein deutscher Kurzzeitexperte, der umgehend zur medizinischen Versorgung in die nordostthailändische Stadt Udonthani transportiert werden musste.[44] Das nie aufgeklärte Attentat von Khòpchai Doe bildete den Auftakt zu einer Anschlagsserie, die bis Frühjahr 2001 andauerte. In dieser Zeit wurden nicht weniger als 14 Bombenattentate gezählt, von denen eines in der südlaotischen Provinzhauptstadt Pakse passierte. Planung und Durchführung der Anschläge waren meist dilettantisch; daher blieben glücklicherweise sowohl die Zahl der Todesopfer als auch der verursachte materielle Schaden gering. Insgesamt wurden vier Tote und mehr als 40 Verletzte beklagt.[45] Über die Hintergründe der Bombenanschläge gibt es unterschiedliche Hypothesen. Die laotische Regierung betrachtete die Attentate zunächst als das Werk krimineller Elemente und vermutete später als Drahtzieher nicht näher identifizierte »ausländische Kräfte«. Auch über Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen in der Geschäftswelt wurde spekuliert. Keines der Attentate war mit einer politischen Botschaft verbunden gewesen, auch gab es keine Bekennerschreiben. Außerdem gelang es den laotischen Sicherheitskräften nicht, einen oder mehrere Täter zu fassen und zu überführen. Dieses Unvermögen nährte die verwegene Hypothese, wonach zumindest einige der Anschläge von Kräften aus dem Sicherheitsapparat mit Billigung höchster Stellen geplant worden waren, um die Reformkräfte innerhalb von Partei und Regierung bloßzustellen und diese auf dem für März 2001 geplanten VII. Parteitag der LRVP entmachten zu können. Sogar über einen hinter den Kulissen stattfindenden Machtkampf zwischen der provietnamesischen Parteiführung und einer prochinesischen Reformfraktion um den fließend Mandarin sprechenden Außenminister Somsavat Laengsavat wurde gemutmaßt und mit der chinesischen Herkunft des aus Luang Prabang stammenden Somsavat begründet. In diese Argumentation spielte zudem ein regionalistisches Element hinein: Angeblich fühlte sich der am wachsenden Handel mit China profitierende Norden von den stärker mit Vietnam verbundenen südlichen Landesteilen benachteiligt.[46] Doch der am 12. März 2001 eröffnete VII. Parteitag offenbarte keinerlei Anzeichen für die vermuteten innerparteilichen Risse. Er verlief in gewohnter Harmonie und war auf personelle Kontinuität ebenso bedacht wie fünf Jahre später der VIII. Parteitag (18. bis 21. März 2006).[47] Die laotische Regierung hatte die Reisesaison 1999/2000 zum »Visit Lao Year« erkoren. Ziel war die Förderung des Tourismus als wesentlicher Wirtschaftssektor. Die Bombenattentate zielten zumeist gegen auch von Touristen frequentierte Orte wie Restaurants, Hotels, Busbahnhöfe und Märkte. Eine Verunsicherung westlicher Touristen und der im Lande lebenden ausländischen Experten mag durchaus ein plausibles Motiv für die Anschläge gewesen sein und war – zumindest vorübergehend – eine ihrer unmittelbaren Folgen. Bis heute bleibt umstritten, inwieweit die Attentatsserie in Vientiane als Ausdruck einer »widespread desparation among the population at large over deteriorating economic and social conditions« zu werten ist, wie Bertil Lintner meint,[48] oder doch eher von Kräften betrieben wurde, die vom benachbarten Thailand aus agierten. Für letztere Hypothese spricht der Umstand, dass unter den mehr als 30 Rebellen, die im Juli 2000 vom thailändischen Chong Mek (Provinz Ubon Ratchathani) aus den laotischen Grenzposten Wang Tao vorübergehend besetzten, elf thailändische Staatsbürger laotischer Herkunft waren. Die Rebellen hatten in Wang Tao mehrere Regierungsgebäude besetzt und die alte laotische Königsfahne gehisst. Laotischen Sicherheitskräften gelang nach wenigen Stunden die Rückeroberung des Grenzpostens. Bei den 28 nach Thailand entkommenen und dort festgenommenen Rebellen wurde umfangreiches Propagandamaterial sichergestellt, das auf eine Verwickelung royalistischer Exilkreise hinwies.[49] Tatsächlich hatte der in Frankreich residierende Prinz Soulivong Savang, der älteste Enkelsohn von König Savang Vatthana, in einem unmittelbar nach dem Überfall Radio France International gegebenen Interview die politischen Ziele der Rebellen – wie die Wiederherstellung der Monarchie – nachdrücklich unterstützt. Seine spätere Distanzierung von jeglicher Gewaltanwendung zur Durchsetzung politischer Ziele wurde von Beobachtern als wenig glaubwürdig eingeschätzt.[50] Eine direkte Verbindung zwischen der royalistischen Exilopposition in Frankreich und den USA und den Bombenattentätern in Laos, möglicherweise über Mittelsmänner in Thailand, konnte bislang nicht bewiesen werden, wäre aber eine durchaus plausible Erklärung für die Attentatsserie. Perspektiven Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Macht ist die führende Rolle der LRVP in Staat und Gesellschaft unangefochten. Marxismus-Leninismus und »demokratischer Zentralismus« bilden nach wie vor das ideologische und organisatorische Scharnier der Partei, auch wenn die Lehren der kommunistischen »Klassiker« in den offiziellen Verlautbarungen wie in der konkreten politischen Praxis nur noch eine marginale Rolle spielen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Einheit von Partei, Staat und Armee in Frage stellen könnten, existieren nicht.[51] Auch besteht im ländlich geprägten Laos, das den niedrigsten Alphabetisierungsgrad in ganz Südostasien besitzt, kein städtisches intellektuelles Milieu, das wie in Osteuropa den Humus für eine Dissidentenbewegung bilden könnte. Die diversen exillaotischen Oppositionsgruppen, die teilweise eigene Internet-Webseiten unterhalten, finden im Lande selbst keine erkennbare Resonanz.[52] In dieser Konstellation können grundlegende Veränderungen im politischen System letztlich nur durch Kräfte innerhalb der LRVP initiiert werden. Derartige Veränderungen sind aber nur auf lange Sicht zu erwarten; denn sie werden entscheidend von politischen Prozessen in den kommunistisch regierten Nachbarländern China und Vietnam bestimmt. Ungeachtet der heute wieder als herzlich zu bezeichnenden Beziehungen zwischen Laos und China auf Partei- und Regierungsebene kommt dem Verhältnis zu Vietnam unverändert eine Schlüsselbedeutung zu.[53] Die erste Generation laotischer Kommunisten hatte ihre politische Sozialisation in engster Zusammenarbeit mit den vietnamesischen Kommunisten erfahren. Sie war sich bewusst, dass ohne die Unterstützung durch Hanoi der Sieg im Bürgerkrieg und die Konsolidierung der politischen Macht in den schwierigen Anfangsjahren der Volksrepublik kaum möglich gewesen wären. Auch die in Führungspositionen nachwachsenden Generationen bleiben mit Vietnam durch vielfältige Austauschprogramme – auf den Gebieten der Politik, des Militärs, der Kultur und der Bildung – eng verbunden. Solange die vietnamesische Partei an ihrem Machtmonopol festhält, wird die LRVP aller Voraussicht nach keine Veranlassung sehen, ihre Haltung in dieser zentralen Frage zu revidieren. Zu erwarten ist allenfalls eine weitere ideologische Aufweichung der Partei durch die seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachtende Wiederbelebung nationaler Traditionen, wie sie u. a. in einer Neubewertung »progressiver« laotischer Könige der Lan- Sang-Epoche und der staatlichen Förderung buddhistischer Institutionen zum Ausdruck kommt.[54] Die Umformung der LRVP in eine primär nationalistische Partei würde allerdings die ethnischen Minderheiten, die mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, marginalisieren und die Einheit des Landes gefährden.[55] [1] * Ich danke Herrn David Thanadabouth, Chef der laotischen Sektion von Radio France Internationale, für wertvolle Hintergrundinformationen über die Strukturen laotischer Exilorganisationen. Für hilfreiche Anregungen möchte ich ferner Oliver Tappe (Münster) danken. 1 Die Auswirkungen der Globalisierung auf Laos wird unter Heranziehung der soziologischen Theorien Pierre Bourdieus untersucht in Rehbein, Boike: Globalisierung in Laos. Transformation des ökonomischen Feldes, Münster 2004. Zu einer prägnanten Einschätzung der Entwicklungen in den vergangenen drei Jahrzehnten siehe Weggel, Oskar: Auferstanden aus Ruinen? – Die Laotische Demokratische Volksrepublik wird 30 Jahre alt, in: Südostasien aktuell 2006, H. 1, S. 31–43. [2] Pavatsat phak pasason pativat lao (dòi sangkhep) [Geschichte der Laotischen Revolutionären Volkspartei (Kurzfassung)], Vientiane 1997. [3]  Zur Frühphase der Indochinesischen Kommunistischen Partei siehe u. a. Pike, Douglas: History of Vietnamese Communism. Washington 1977, S. 10 ff.; Marr, David: Vietnamese Tradition on Trial, 1920–1945, Berkeley 1981, S. 368–400; Pham Hong Tung: Die Politisierung der Massen in Vietnam 1925–1939, Berlin 2002, S. 247–287. [4]  Der erste ethnische Lao, der 1934 in die Reihen der IKP aufgenommen wurde, war ein gewisser Khamsaeng (1913 bis 1963), ein niederer Beamter aus der zentrallaotischen Stadt Thakhaek. Zu Angaben über seine Person siehe Stuart-Fox, Martin: Historical Dictionary of Laos, 2. Aufl. Lanham, MD/London 2001, S. 152; Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 21. Siehe Stuart-Fox, Martin: Laos. Politics, Economics and Society, London 1986, S. 16. [5]  Im Jahre 1940 betrug der vietnamesische Anteil an der Bevölkerung der wichtigsten Städte – deren jeweilige Einwohnerzahl zwischen ca. 10 000 (Thakhaek) und 40 000 (Vientiane) Einwohner betrug – wie folgt: Vientiane: 53 Prozent, Pakse: 62 Prozent, Savannakhet: 80 Prozent, Thakaek: 85 Prozent und Luang Prabang: 30 Prozent. 1937 waren nur 54 Prozent der 286 Posten in der höheren und mittleren Kolonialverwaltung (mit Ausnahme des Protektoratsstatus besitzenden Luang Prabang) von ethnischen Lao besetzt. Siehe Stuart-Fox, Martin: A History of Laos, Cambridge 1997, S. 51 f. [6]  Die politischen Entwicklungen in Laos, die in die Unabhängigkeitsdeklaration vom Oktober 1945 mündeten, werden eindrucksvoll geschildert von Prinz Pethsarats persönlichem Sekretär Maha Sila Viravong in: Prinz Phetsarat: Ein Leben für Laos. Übers. u. hrsg. von Volker Grabowsky, Münster/Hamburg/London 2003, S. 111–144. [7]  Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 46. [8]  Eine konzise biographische Würdigung des »roten Prinzen« gibt Gunn, Geoffrey C.: Prince Souphanouvong: Revolutionary and Intellectual, in: Journal of Contemporary Asia 1992, H. 1, S. 94–103. Bernhard Dahm hält es im Hinblick auf Souphanouvongs spätere politische Radikalisierung für bedeutsam, dass seine Mutter – anders als die seiner älteren Halbbrüder Phetsarat und Souvanna Phouma – lediglich eine Nebenfrau des in Luang Prabang residierenden Vizekönigs Boun Khong war. Siehe Dahm, Bernhard: Die kommunistischen Bewegungen in Vietnam, Laos und Kambodscha, in: Draguhn, Werner/Schier, Peter: Indochina. Der permanente Konflikt?, Hamburg 1981, S. 61. [9]  Stuart-Fox, Martin: Buddhist Kingdom Marxist State, Bangkok 1986, S. 54. [10]  Aufschlüsse zum Werdegang des jungen Phoumi Vongvichit bietet dessen Autobiographie Khouam songcham khòng sivit hao [Meine Lebenserinnerungen], Vientiane 1987, S. 1–18. [11]  Zu den Biographien der beiden anderen Revolutionsführer siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 281 f. u. 299 f. [12]  Ebenda, S. 222 f. [13]  Ebenda, S. 143 f. Die Brigade wurde nach einem Sohn des laotischen Königs Chao Anu benannt, der im laotisch-siamesischen Krieg von 1826 bis 1828 mit wenigen Getreuen der Einkesselung und Gefangennahme durch den Feind entkommen konnte und im Gedächtnis der geschlagenen Lao als Freiheitsheld weiterlebte. [14]  Ebenda, S. 134. [15]  In Genf war die Provinz Houa Phan, auch Sam Neua genannt, ebenso wie die an China grenzende Provinz Phong Saly den Pathet Lao als Sammlungs- und Umgruppierungsgebiet zugestanden worden. [16]  Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2), S. 96. [17]  Dem Zensus von 1995 zufolge waren 52,5 Prozent der Bevölkerung ethnische Lao, weitere 13,7 Prozent waren Angehörige anderer taisprachiger Gruppen (wie Phuthai, Lü und Nyuan). Somit gehörten 66,2 Prozent der Bevölkerung zur politisch dominanten Gruppe der »Tiefland-Lao« (Lao Loum). Allerdings umfasst die Kategorie »Lao« auch die teilweise schon seit mehreren Generationen in Laos lebenden, urban geprägten und meist bilingualen Minderheiten der Vietnamesen und Chinesen (ca. 3 bis 4 Prozent der Gesamtbevölkerung). Ferner besteht für Angehörige ethnischer Minderheiten, die in einem städtischen Milieu leben, ein nicht unerheblicher Assimilierungsdruck, der bei der Interpretation der Zensusergebnisse zu berücksichtigen ist. Zu den Ergebnissen der Volkzählung von 1995 siehe State Planning Committee, National Statistical Office: Results from the Population Census 1995, Vientiane 1997. Einige in Laos arbeitende westliche Ethnologen schätzen die Gesamtstärke der nicht zur Sprachfamilie der Tai-Kadai zählenden ethnischen Gruppen (ohne Chinesen und Vietnamesen) auf ungefähr 40 Prozent. Unter ihnen sind die Khmu und die Hmong die größten Volksgruppen. Siehe Chazee, Laurent: Atlas des ethnies et des sous-ethnies du Laos, Vientiane 1995, S. 15 f.   [18]  Für neuere Darstellungen der innerlaotischen Auseinandersetzungen der Jahre 1955 bis 1973 siehe Stuart-Fox: A History (Anm. 5), S. 81–151; Evans, Grant: A Short History of Laos. The Land in Between, Bangkok 2002, S. 98–165; Schultze, Michael: Die Geschichte von Laos. Von den Anfängen bis zum Beginn der neunziger Jahre, Hamburg 1994, S. 132–173. [19]  Zu Organisationsstruktur und Entwicklung des Pathet Lao siehe u. a. Zasloff, Joseph J.: The Pathet Lao. Leadership and Organization. Lexington, Mass. 1973; Brown, MacAlister/Zasloff, Joseph J.: Apprentice Revolutionaries. The Communist Movement in Laos, 1930–1985, Stanford, CA 1986. [20]  Laut Deuve hatten der NLHS und seine Verbündeten »keine einzige Stimme verschenkt«. Aufgrund der hoffnungslosen Zersplitterung der Opposition und eines die relativ stärkste Kraft begünstigenden Mehrheitswahlrechts errangen die prokommunistischen Kräfte nahezu zwei Drittel der neu zu besetzenden Parlamentssitze, obwohl ihre Kandidaten insgesamt nur ein Drittel der Stimmen auf sich vereinigten. Wie Deuve feststellt, stimmte ein großer Teil dieser Wähler bewusst für die Linke. Eine weit verbreitete Unzufriedenheit über Korruption und den Missbrauch amerikanischer Hilfsleistungen durch die herrschende Administration hatte der NLHS Symphatisanten zugeführt. In Vientiane hatte Prinz Souphanouvong als NLHS-Kandidat 16 000 von 30 000 Stimmen errungen, was das beste Ergebnis in einer Wahl war. Siehe Deuve, Jean: Le Royaume du Laos, 1949–1965. Histoire événementielle de l’indépendence à la guerre américaine, Paris 1984, S. 110. Zu den Wahlergebnissen im Detail siehe die Statistiken bei ebenda, S. 300 f. [21]  Stuart-Fox: A History (Anm. 5), S. 144. [22]  Prinz Souvanna Phouma (1901 bis 1984) war der dritte Sohn von Vizekönig Boun Khong und Prinzessin Thongsy. Er war ein jüngerer Bruder von Prinz Phetsarat und der ältere Halbbruder von Prinz Souphanouvong. Wie seine Brüder wirkte er aktiv in der Lao-Itsala-Bewegung und war von 1956 bis 1958 Ministerpräsident von Laos. Nach dem zweiten Genfer Abkommen von 1962 wurde der neutralistisch gesinnte Souvanna Phouma erneut Premierminister und trat erst bei Machtergreifung der Kommunisten Ende 1975 von diesem Amt zurück. Zu einer konzisen Biographie des Prinzen siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 307–310. [23]  Die Inhaftierung der in Vientiane lebenden Pathet-Lao-Führer im Juni 1959 und ihre Flucht im Mai 1960, ermöglicht durch die Hilfe von Teilen der Wachmannschaften, werden in einem offiziellen kommunistischen Geschichtswerk in allen Einzelheiten geschildert. Siehe Ministerium für Information und Kultur: Pavatsat Lao Doekdamban–Pachuban [Geschichte von Laos von den Anfängen bis zur Gegenwart], Vientiane 2000, S. 876 f. [24]  Latthathammanun haeng sathalanalat pasathipatay pasason lao [Die Verfassung der Laotischen Volksdemokratischen Republik], Vientiane 1991, S. 1. [25]  Tappe, Oliver: Kontinuität und Konsolidierung. Laos zwischen Parteikongress und Parlamentswahlen, in: Südostasien 2006, H. 3, S. 13–16. [26]  Khaosan Pathet Lao, in: <http://www.kpl.net.la/english> am 26. September 2006. [27]  Stuart-Fox, Martin: Politics and Reform in the Lao People’s Democratic Republic (= Working Paper No. 126, Murdoch University), Perth 2005, S. 11. [28]  Für eine ausführliche Darstellung der Aufgaben der laotischen Frontorganisationen siehe Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 84–91. [29]  Quellen: Pavatsat phak pasason pativat lao (Anm. 2); Freeman, Nick J.: Laos. Sedately Seguing into the Twenty-first Century, in: Southeast Asian Affairs 2002, S. 145; Khaosan Pathet Lao (2006); in: <http://www.kpl.net.la/asenbly%20review/eng/edu8%2019306.htm> [30]  Während eine Minderheit der Hmong unter Faidang Lobliayao sich den Pathet-LaoStreitkräften anschloss, unterstützte wahrscheinlich eine Mehrheit unter dem aus Siang Khouang stammenden früheren Polizeioffizier Vang Pao (geb. 1931) die königlich-laotische Regierung. Mit Geldern der CIA rekrutierte Vang Pao eine »Geheimarmee« der Hmong, die ü ber eine hohe Kampfmoral verfügte und das militärische Rückgrat der Regierungsseite bildete. Nach dem kommunistischen Sieg von 1975 hielt die amerikanische Regierung ihr Versprechen, Vang Paos Kämpfern und ihren Familien eine neue Heimstätte in den USA zu geben. Mehr als 120 000 von ursprünglich 300 000 laotischen Hmong verließen Laos nach dem Sieg des Pathet Lao. Zwei Drittel von ihnen sind heute amerikanische Staatsbürger. Die Mehrheit der heute ca. 150 000 amerikanischen Hmong lebt in Minnesota, wo sie ein wichtiges Segment im Elektorat dieses Bundesstaates bilden. Siehe Stuart-Fox: Historical Dictionary (Anm. 4), S. 127 f. u. 341 f.   [31]  Königin Khamboui verstarb am 12. Dezember 1981. Auch ihr Schicksal wurde von Regierungsseite niemals offiziell bestätigt. Zum Schicksal der Königsfamilie siehe Laos – »seminar camps« and the death of King Savang Vatthana, Laos, in: <http://www.exploitz.com/Laosquotseminar-Campsquot-And-The-Death-Of-King-Savang-Vatthana-cg.php> am 30. September 2006. [32]  Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 53 [33]  Für eine derartige Skepsis siehe Evans, Grant: The Yellow Rainmakers: Are Chemical Weapons Being Used in Southeast Asia?, London 1983. Schätzungen der Hmong-Diaspora zufolge sollen sich bis heute etwa 15 000 bis 20 000 Hmong im laotischen Bergland versteckt halten. In der bis April 2006 für Ausländer gesperrten Sonder-Militärzone Saisombun nördlich von Vientiane sollen Reste der geschlagenen Hmong-Rebellen noch bis vor wenigen Jahren dem laotischen und vietnamesischen Militär erbitterten Widerstand geleistet haben. Erst im Januar 2003 hatten amerikanische Journalisten ein geheimes Dschungelcamp der Hmong in der Provinz Siang Khouang besucht und waren anschließend von laotischen Sicherheitskräften gefangen genommen worden. Die laotische Regierung bestreitet eine Unterdrückung der Hmong-Minorität und weist auf den im Vergleich zu anderen Minderheiten hohen Anteil von Hmong im politischen und gesellschaftlichen Leben des Landes hin. Siehe u. a. Die Hmong – noch immer gehetzt vom Vietnamkrieg, in: Neue Züricher Zeitung vom 7./8. Oktober 2006. [34]  Schultze: Die Geschichte von Laos (Anm. 18), S. 178. [35]  Im Gegensatz zu Vietnam hatte die laotische Regierung die diplomatischen Beziehungen mit der Regierung des Demokratischen Kampuchea bis zum Sturz des Pol Pot-Regimes (7. Januar 1979) nicht abgebrochen, obwohl die bilateralen Beziehungen zwischen Vientiane und Phnom Penh während des Jahres 1978 durch gelegentliche Grenzprovokationen der Roten Khmer gespannt waren. [36]  Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 92. [37]  Chanda, Nayan: A Defector’s Designs, in: Far Eastern Economic Review vom 26. März 1982, S. 44. Siehe Stuart-Fox: Laos (Anm. 4), S. 95. Die prochinesische Laotische Sozialistische Partei (Phak Sangkhom Ninyom Lao), die in den Jahren 1978 bis 1980 in Paris die bilinguale (laotisch-französische) Zeitschrift Sai Maenam Khòng (Strom des Mekong) herausgab, war für die chinesische Führung von geringem Interesse. Die ideologisch am Maoismus orientierte Gruppe, die vehement das Bündnis der »Kaysone-Clique« mit dem »sowjetischen Sozialimperialismus« verurteilte, bemühte sich, auch buddhistische Traditionalisten für eine antivietnamesische patriotische Front zu gewinnen. Siehe z. B. die diversen, dem Autor vorliegenden Beiträge in: Sai Maenam Khòng vom Juli 1978. [38]  Asia 1991 Yearbook (Far Eastern Economic Review), Hongkong 1992, S. 149. [39]  Eine ausführliche Würdigung der Protestaktionen laotischer Studenten in Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetuniuon gegen die Verhaftung der innerparteilichen Dissidenten im Juli/August 1991 findet sich in Norindr, Chou: Laos in the Deadlock. Would Socialism Survive?, in: Indochina Report 1992, H. 20, S. 5. Als Antwort auf die studentischen Proteste holte die Regierung 50 laotische Studierende aus der Sowjetunion und der Tschechoslowakei zurück. Es heißt, dass sie wegen ihrer politischen Haltung zeitweilig eine politische Umerziehung erhielten. [40]  Chronology for Hmong in Laos, in: <http://www.cidcm.umd.edu/inscr/mar/chronology.asp? groupId=81201> [41]  Amnesty International Report 2005–Laos, in: <http://www.unhcr.org/cgi-bin/texis/vtx/ rsd/rsddocview. html> am 25. September 2006. [42]  Amnesty International berichtet, dass einer der drei Inhaftierten 2001 an den Folgen der Folter verstorben sein soll. Siehe Amnesty International Report 2006 – Laos: <http://www.unhcr.org/ cgi-bin/texis/vtx/rsd/rsddocview.html>. Siehe auch Simulacre de procès pour Thongpaseuth Keuakoun et ses amis!, in: <http://mldh-lao.org/MLDH_Communique_proces _5_leaders_du_01_avril_2003.htm> am 25. September 2006. [43]  Khamsay verlor seinen Posten als Finanzminister im März 1995, nur wenige Monate nach dem Tode seines Vaters, dessen revolutionäre Dienste in der Folgezeit von der Parteiführung herabgewürdigt wurden. Die damit verbundenen Kränkungen mögen Khamsays innerliche Distanzierung vom herrschenden Regime beschleunigt haben. Siehe Lintner, Bertil: Laos: Signs of Unrest, in: Southeast Asian Affairs (Singapur) 2001, S. 179. [44]  Der Autor dieses Artikels hielt sich wenige Stunden vor dem Anschlag in unmittelbarer Nähe des Tatortes auf. Ein deutscher Bekannter, der Augenzeuge des Anschlages wurde, erläuterte ihm am Tag danach den Tathergang. [45]  Zu den Hintergründen der Bombenanschläge in Laos siehe u. a. Vientiane launches security crackdown after blast, in: Bangkok Post vom 31. Mai 2000; Bombs weaken Lao government credibility, in: The Nation vom 5. Juni 2000; Bomb blast in Pakse hotel lobby leaves 10 wounded, in: Bangkok Post vom 6. Juni 2000; One dead, 12 hurt in latest Vientiane bomb, in: The Nation vom 7. Juni 2000; Lao government vows to eliminate bombers, in: The Nation vom 9. Juni 2000; In Laos ist die Ruhe vorbei, in: Die Tageszeitung vom 2. August 2000. [46]  Behind the Bombing, in: Far Eastern Economic Review vom 27. Juli 2000. [47]  Zu den Ergebnissen des VIII. Parteitages siehe die Informationen der offiziellen laotischen Nachrichtenagentur Khaosan Pathet Lao (KPL), in: <http://www.kpl.net.la/english/service. htm> am 24. September 2006. [48]  Lintner: Laos (Anm. 43), S. 180. [49]  Thais involved in border raid, in: Bangkok Post vom 4. Juli 2000; Bordering on the ridiculous, in: Bangkok Post vom 9. Juli 2000. Die auf thailändisches Gebiet geflüchteten 16 laotischen Staatsbürger scheiterten 2002 mit ihrem Antrag auf Schutz durch den UNHCR; sie wurden im Juli 2004 an die laotischen Behörden ausgeliefert. Siehe Vientiane Dissidents. Thailand deports 16 to Laos, in: The Nation vom 7. Juli 2004. Einem anderen Bericht zufolge soll Sisouk Sainyasaeng alias Narong Suwanbuppha, ein Exillaote mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, der Chefplaner des Überfalls auf die Zollstation Vang Tao gewesen sein. Der mit einer aus Ubon Ratchathani stammenden Thai verheiratete Sisouk ist Führer einer Organisation namens Free Democratic People’s Government of Laos. Um seinen Geldgebern in den USA die Leistungskraft seiner Organisation unter Beweis zu stellen, sei der Überfall verübt worden, so lautet eine nicht verifizierbare These. Siehe Raid was a bid to revive revolt, in: Bangkok Post vom 5. Juli 2000. Auch hinter einem Anschlag auf das Siegesmonument (patou say) im Zentrum von Vien tiane im Oktober 2003 wurde Sisouks Organisation vermutet. Siehe eine Meldung der AFP vom 30. Oktober 2003. Die laotischen Behörden versuchten indes die Auswirkungen des Bombenattentats, das keine Opfer kostete, auf das bevorstehende buddhistische That Luang-Fest herunterzuspielen. Siehe Vientiane Times vom 4.–6. November 2006.   [50]  Thanadabouth, David: The Exiled Lao Royal Family and the Vangtao Incident, Radio France Internationale (Lao language section) vom 24. Juli 2000. [51]  Stuart-Fox, Martin: Politics and Reform (Anm. 27), S. 28 f. [52]  In den USA beheimatete Oppositionsgruppen, die vorgeben, Anhänger in Laos rekrutiert zu haben, sind die Lao Citizens Movement for Democracy, die von Hmong dominierte Fact Finding Commission (http://www.factfinding.org/media) und die von ehemaligen Offizieren der königlich-laotischen Armee gegründete Liberal Democratic Movment and Freedom Fighters in California (http://www.angelfire.com/in/Laos). Siehe Thayer, Carlyle A.: Laos in 2003. Counterrevolution Fails to Ignite, in: Asian Survey 2004, H. 1, S. 111 f. [53]  Die politische Ikonographie der laotischen Kommunisten, wie sie z. B. in der Darstellung der Partei- und Regierungsbeziehungen zwischen Laos und seinen beiden kommunistischen Nachbarn im Nationalmuseum von Vientiane sichtbar wird, lässt an der Vorrangstellung Vietnams keinen Zweifel. [54]  Im Januar 2003 wurde eine vier Meter hohe Statue des Reichsgründers von Lan Sang, König Fa Ngum (reg. 1353 bis 1373), auf einem dem Hotel Novotel vorgelagerten Platz errichtet. Siehe Freeman, Nick J.: Laos. Exiguous Evidence of Economic Reform and Development, in: Southeast Asian Affairs (Singapur) 2004, S. 129. Die Errichtung weiterer Statuen für »patriotische Könige« ist in Planung. Zu Einzelheiten über die geschichtspolitische Instrumentalisierung der monarchischen Vergangenheit von Laos durch die LRVP siehe Grabowsky, Volker: Becoming Lao: Projection and Reconstruction of Lao National Identity. Manuskript eines Vortrages gehalten auf dem IIAS (International Institute of Asian Studies) workshop »Nationalism in Mainland Southeast Asia«, Amsterdam am 17. Oktober 2005. [55]  In einer Presseerklärung vom 25. Mai 2006 kritisiert der von ethnischen Lao dominierte und in Frankreich beheimatete Mouvement Lao pour les Droits de l’Homme (MLDH), dass die Repräsentanz der Hmong in der im April 2006 gewählten neuen Nationalversammlung mit sechs von 115 Abgeordneten (5,2 Prozent) gegenüber der vorangegangenen Legislaturperiode, als von 109 Abgeordneten noch 10 Hmong (9,2 Prozent) waren, deutlich zurückgegangen sei. Siehe <www.mldh-lao.org/communiques.htm> am 30. September 2006. 

JHK 2007

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung

The International Newsletter of Communist Studies   Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung   Le newsletter international  des recherches sur le communisme   Международные исследования по коммунизму   Edited by Bernhard H. Bayerlein   Published by  The European Workshop of Communist Studies   jointly with Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung   Vol. XIII (2007) no 20   Printed with support of The Mannheim Center for European Studies (MZES),  University of Mannheim, Germany   ISSN Y503-1060 Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Köln-Cologne/Mannheim  Assistant Editor: Gleb Albert, Cologne   Editorial Board/Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Leonid Babicenko (Moscow), Claus Baumgart (Leipzig) Douaiado@aol.com, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris), Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sobhanlal@dataone.in, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si; Roland Lewin (Grenoble) infodoc@iep.upmf-grenoble.fr, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) jlbnovoa@hotmail.com, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, Maria de Fátima Patriarca (Lisbon), José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow), Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Markus Wehner (Berlin), Rolf Wörsdörfer (Darmstadt)   Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Rein van der Leeuw, Amsterdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris-Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon   Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68131 Mannheim, Germany  Postal Address: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone: 0049 (0) 221/42 27 06 – Fax: 0049 (0) 221/42 28 66 E-Mail: Dr.Bayerlein@Uni-Koeln.de – Bernhard.Bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Homepage: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/JHK-news Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter Table of Contents   Section I: The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New issues. Selected Items. Communist History Network Newsletter, Manchester. Estudos sobre o Comunismo, Lisbon. HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington D.C. London Socialist Historians Group Newsletter, London. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung Aufarbeitung der DDR- Diktatur, Berlin.    Section II: News on Archives, Fonds and Institutions. NS archive in Bad Arolsen to be opened for researchers. Bulgaria: more communist archives declassified. Victor-Serge-Library in Moscow reopens. Wilhelm-Reich-Archive to be opened late 2007. Vademekum Contemporary History Hungary published by Stiftung Aufarbeitung, Berlin. Comintern-Online, Moscow-Amsterdam: 100000 additional pages digitized. IDC Publishers, Amsterdam: Comintern files concerning Mexico released. The Guidebook on the Archives in Russia: new archival database. Communist Regimes research programme, Sweden. Neuer Online-Katalog des Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquier-das en la Argentina, Buenos Aires. Freddy Litten, Munich: Microfilms for Communist Studies at the Bayerische Staatsbibliothek. Vladimir P. Kozlov, Moscow: Ergebnisse und Perspektiven der Erstellung russischer Dokumen-tenpublikationen.   Section III: Projects – Work in Progress. Sean McMeekin, Ankara: Bolshevik Gold. The Nature of a Forgotten Problem. Fredrik Petersson, Åbo: „We are no Visionaries and Utopian Dreamers“ – The Network of the Axis League against Imperialism, Comintern, and the Anti-Imperialist Struggle, 1924–1933. Joachim Schröder, Düsseldorf: Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten (1918–1923). Frank Wolff, Cologne: Individualisierte Erinnerung und politische Bewegung. Die Autobiogra-phik des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds. Forschungsschwerpunkt „Geschichte der Sowjetunion“ am Deutschen Historischen Institut Moskau. Section IV: Materials for Biographical, Regional and Institutional Studies. Section IV.1: Biographical Materials and Studies. Nachtrag zur Biographie Dmitrij Moiseenko. Section IV.2: Regional Materials and Studies. Avgust Lešnik, Ljubljana: Le Parti communiste yougoslave et la Guerre civile espagnole (1936–1939). Section IV.3: Institutional Matirials and Studies. „Kultintern – Cultintern – Культинтерн“. Beiträge zur Allunions-Gesellschaft für kulturelle Zusammenarbeit (VOKS), zum Internationalen Frauensekretariat der Komintern, zur Liga gegen den Imperialismus und zur Roten Sportinternationale. Jean-François Fayet, Geneva: La VOKS. La Société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger. André Gounot, Strasbourg: Die Rote Sportinternationale. Bernhard H. Bayerlein, Mannheim: Das Internationale Frauensekretariat und die Frauenabtei-lung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Fredrik Petersson, Åbo: The League against Imperialism: The Most Valuable Organizational Tool for Bolshevik Propaganda in the „Imperialist” and Colonial World during the Interwar Era?  Section V: New Publications – Reports and Reviews. Section V.1: Reviews. Droit, Emmanuel; Kott, Sandrine (eds.): Die ostdeutsche Gesellschaft. Eine transnationale Per-spektive, Berlin, Ch. Links, 2006. 299 p. (Renate Hürtgen, Berlin). Kondakova, I.A. (ed.): Otkrytyj archiv-2. Spravočnik sbornikov dokumentov, vyšedšich v svet v otečestvennych izdatel’stvach v 1917-2000 gg., Moskva, ROSSPEN, 2005. 432 p. (Gleb Albert, Cologne). Foitzik, Jan; Timofejewa, Natalja P. (Bearb.): Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. […] München, K.G. Saur, 2005, 468 p. (Anne Hartmann, Bochum). Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York, Berghahn, 2005. 234 p. (International Studies in Social History. 6). (Gleb Albert, Cologne). Renkama, Jukka: Ideology and Challenge of Political Liberalisation in the USSR. 1957-1961. Otto Kuusinen’s „Reform Platform“, the State Concept and the Path to the 3rd CPSU Programme, Helsinki, SKS, 2006. 396 p. (Tauno Saarela, Helsinki). Wettig, Gerhard: Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München, Oldenbourg, 2006, 312 p. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. 67). (Rolf Steininger, Innsbruck). Selezneva, G.N. e.a. (eds.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935-1935. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij). Kniga pamjati zertv politiceskich repressij. Obščestvo Memorial, Moskva, Izd. Zvenja e.a., 2005. 596 p. (Robert Otte, Berlin). Gorjačev, Ju.V. (ed.): Central’nyj komitet KPSS, VKP(b), RKP(b), RSDRP(b).  Istoriko-biografičeskij spravočnik, Moskva, Parad, 2005. 496 p. (Robert Otte, Berlin). Forthcoming Reviews. Section V.2: Presentations and Publishers’ Announcements. Datta Gupta, Sobhanlal: Comintern and the Destiny of Communism in India. 1919-1943. Dialectics of real and a possible History, Calcutta, Seribaan, 2006. XXI + 329 p. Krekola, Joni: Stalinin lyhyt kurssi. Suomalaiset Moskovan Lenin-koulussa 1926-1938, Helsinki, SKS, 2006. 445 p. Saarela, Tauno: Kansan Tahto. Pohjolan työtätekevien lehti, Jyväskylä, Gummerus Oy, 2006. 448 p. Bayerlein, Bernhard H.: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“. Vom Ende der linken Solidarität. Sow-jetunion, Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941. […] Berlin, Aufbau, 700 p.  Weissman, Susan: Dissident dans la révolution. Victor Serge. Une biographie politique, Paris, Syllepse, 2006. 440 p.   Section VI: Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2006-2008. Past Meetings and Conferences 2006. Meetings and Conferences 2007.  Meetings and Conferences 2008. Section VII: The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2006. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert.   Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. Section IX: Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies. Newsletters and Blogs.  Resources. Section X: Cultural and Artistic Performances Concerning History of Communism. Sacco and Vanzetti. New documentary coming up. Olga Benario honored in Brazilian movie and opera. „Le Brahmane du Komintern“. New documentary on M. N. Roy. New film on the Katyn massacre by Andrzej Wajda in production. Movie on Malayan communist leader gets banned in Malaysia. „Das Leben der Anderen“. Movie about the Stasi becomes Golden Globe nominee. Opera about Karl Radek premiered in Austria. Section XI: Discussions, Debates and Historical Controversies. „Archival counterrevolution“ or archival progress? Russian periodicals on the state of Russian archives. Section I:  The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New Issues. Selected Items.   COMMUNIST HISTORY NETWORK NEWSLETTER, MANCHESTER, U.K. http://les1.man.ac.uk/chnn/ Issue 19, Spring 2006:  Announcements: CPGB-BP tapes deposited at British Library * Estudos Sobre Comunismo, Lisbon Conference Report: Labour biographies and prosopography (Bruno Groppo).  Features: Did James Barke join the Communist Party? (John Manson) * Was Grassic Gibbon a Communist Party member? (John Manson).  Reviews: Hermann Weber and Bernhard H. Bayerlein (eds), Der Thälmann Skandal: Geheime Korrespondenz mit Stalin (Norman La Porte) * Heinz Deutschland (ed), ‘Ich kann nicht durch Morden mein Leben erhalten’: Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker 1915 bis 1917 (Jörn Janssen) * Ivo Banac (ed), The Diary of Georgi Dimitrov, 1933-49 (Archie Potts).   ESTUDOS SOBRE O COMUNISMO: NOTAS, ARTIGOS, INVESTIGAÇÕES SOBRE O COMUNISMO, OS MOVIMENTOS RADICAIS E A OPOSIÇÃO.  Editor: José Pcheco Pereira, Lisbon, Portugal.  http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/.   Arquivos, Bibliotecas, Fundos: Textos de P. Broué no Arquivo Marxista a Internet em portugues Textos de P. Broué no Arquivo Marxista da Internet em Português * Inventário do Espólio de Manuel Sertório no Cd 25 De Abril * Hemeroteca de Lisboa digitaliza Imprensa Académica Portuguesa (1933–1974). Bibliografia: Sobre O Dossier Tarrafal * Lançamento do Livro Portugal Now na Fnac (Fernando Rosas, José Neves) * Jean-Pierre Barou: Sartre, Le Temps des Révoltés, Paris, Stock, 2006 * Número especial da Gazeta de Matemática sobre Ruy Luís Gomes * Memórias de Vasco Paiva, Dirigente Estudantil e Militante Comunista * Biografias de Comunistas Latino-Americanos: Anita Leocádia Prestes: Luiz Carlos Prestes – Patriota, Revolucionário, Comunista; Alder Júlio Ferreira Calado: Gregório Bezerra – Um Lutador Do Povo; Leila Escorsim: Mariátegui: Vida E Obra * Révolution, Lutte Armée et Terrorisme. Informação do Editor sobre Dissidences. Révolution, Lutte Armée et Terrorisme, La Brèche, 2005. Biografía De Alvaro Cunhal: Carta Inédita de Cunhal de 1966 * Documentário sobre Cunhal em DVD: Álvaro Cunhal – A Vida de um Resistente – Cunhaldvd.Jpg * Na Fnac Chiado um Debate com José Pacheco Pereira, Odete Santos, João Madeira e Joaquim Vieira * Vidas Paralelas do Comunismo Europeu: Cunhal e Togliatti * Apresentação da Biografia de Cunhal em Bruxelas * Rodrigues Da Silva: Entrevista no Jornal de Letras * António Vilarigues: Os Equí vocos de Pacheco Pereira (Parte Ii) * António Vilarigues: Esclarecimento a Luís Filipe Rocha. Biografás, Vidas: Alfredo Pereira Gomes (1919-2006) * Centenário Do Nascimento de Flausino Torres (1906-1974) * Flausino Torres (1906-1974) – Documentos e Fragmentos Biograficos de um Intelectual Antifascista * Miguel Torga Preso no Aljube em 1939 * Jorge Borges De Macedo, 10 Anos Depois (1996-2006) Na Hemeroteca De Lisboa * Irene Pimentel – Alguns Dados Para Uma Biografia de António Rosa Casaco * Morreu Vasco de Carvalho (1910-2006) * Extrema Esquerda e Porte na Polícia – Uma Polémica * Adesão à União Nacional de José Carlos Rates * Biografia de Francisco De Paula Oliveira / „Pável” no Dicionário De Escritores Mexicanos * Albertina Marques Teixeira Recebe Galardão „Barreiro Reconhecido”. Censura: Exposição Sobre a Censura em Vila Do Conde * Debates sobre a Censura na Hemeroteca Municipal de Lisboa. Meetings: Colóquio Internacional sobre Salazarismo, Tarrafal E Guerra De Espanha * Colóquio Internacional Movimento Estudantil – Dilemas e Perspectivas. Estudos: Vanessa De Almeida – „Mobilizemos as Mulheres”. A Questão Feminina No PCP – Anos 40. Abordagem a uma Cultura de Resistência * Vanessa Almeida – Questão Feminina no PCP * Júlia Coutinho – José Dias Coelho. A Coerência Do Ser E Do Fazer * Paulo Guinote – A Revolução de Outubro (Novembro) de 1917 nos Jornais portugueses: A Surpresa anunciada. Estudos Locais: „Passeios Alves Redol” em Vila Franca de Xira. Extrema Esquerda – História: Extrema Esquerda e Porte na Polícia – Uma Polémica sobre o Livro Conquistadores De Almas de Pinto de Sà. Guerra Colonial – Colonialismo, Anti-Colonialismo: Um Blogue sobre a Guerra Colonial na Guiné (Luis Graça & Camaradas da Guiné). Iconografia: Exposição de Fotografia „Voz Do Silêncio – Prisões Politicas Portuguesas“ de Pedro Medeiros. Movimento Comunista Internacional: No Museu da República e da Resistência: Colóquio «Nos 50 Anos do Relatório Krutshev». Oradores: Carlos Brito, Fernando Rosas e Raimundo Narciso * Textos em Português no Arquivo Marxista na Internet. Museus: Debate Sobre o Museu do Neo-Realismo * Para um Museu do Século XX Português (e da Resistência). Notas: Apelo – Necessidade de um Dicionário Biográfico do Movimento Operário Português. Publicações Especializadas: Novo Número de The International Newsletter Of Communist Studies em Linha * Novo Número da Communist History Network Newsletter em Linha * American Comunist History, Volume 4, Number 2 * Revolutionary History. Reçensões Críticas: Revista Estudos sobre o Comunismo * Os novos Estudos sobre o Comunismo.   HNET DISCUSSION NETWORK: H-HOAC. HISTORY OF AMERICAN COMMUNISM, WASHINGTON DC, US.   This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Contributions to the list editor: H-HOAC-ED-JEH haynes@MAIL.H-NET.MSU.EDU. Website: http://www.h-net.org/~hoac/.   LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP NEWSLETTER – IRSH@IISG.NL. LONDON SOCIALIST HISTORIANS GROUP, LONDON, U.K.  http://www.londonsocialisthistorians.org/   Issue 26, Lent 2006: Articles: Editorial, 1956 and All That * Writing Socialist Biography (Ian Birchall) * A truly mass demonstration unearthed: Newcastle October 1819 (John Charlton) * Review of Barry Johnson, Nine Days That Shook Mansfield (Keith Flett). Seminars and conferences: New Socialist Approaches to History * Writing Class: Representations of Working-Class Spaces in Modern Britain * Children’s Literature – Some Marxist Perpectives.   Issue 27, Summer 2006: Articles: The General Strike Eighty Years On (Keith Flett) * Review of Kevin Murphy, Revolution and Counterrevolution – Class Struggle in a Moscow Metal Factory (Terry Ward). Appeal: The Katherine Bruce Glasier Memorial. Seminars and conferences: The Brian Manning Memorial Lecture * New Socialist Approaches to History * Radicalism Conference * Landslide! The 1906 Election and the Legacy of the Last Liberal Governments. Publications: Revolutionary History.   Issue 28, Autumn 2006: Articles: Revisionism and the New Imperialism (Neil Faulkner) * An Anarchist-led Mass Movement in Britain. Review of Willima J. Fishman, East End Jewish Radicals 1875-1914 and Rudolf Rocker, The London Years (Tobias Abse) * Not Quite the Full Picture. Review of Dave Renton, „When We Touched the Sky“ (Geoff Brown). * Editorial, The war Goes On. Seminars and meetings: New Socialist Approaches to History. Autumn 2006 programme * Iran: Regime Change, Resistance and International Solidarity. Organised by the Socialist History Society. * The New Left Fifty Years On. Organised by the Raymond Williams Society and the Marx memorial Library. Call for Papers: The Cold War Sixty Years On.   AKTUELLES AUS DER DDR-FORSCHUNG. EIN NEWSLETTER DER STIFTUNG AUFARBEITUNG DER SED-DIKTATUR, BERLIN, GERMANY.  Redaktion: Ulrich Mählert.  http://www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php   Ausgabe 1/2006: Neues aus der Wissenschaft: Forschungsprojekt „Zwischen religiöser Tradition, kommunistischer Prägung und kultureller Umwertung: Transnationalität in den Erinnerungskulturen Ostmitteleuropas“, Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Leipzig. * Forschungsauftrag „Geschichte und Bedeutung des Nationalen Olympischen Komitees der DDR im Kontext des Sportsystems der DDR“ vergeben.  Ausstellungen und Museen: Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle mit zwei neuen Dauerausstellungen * Grenzmuseum „Schifflersgrund“, Dauerausstellung „Das Grüne Band – Flora und Fauna im Grenzgebiet“ * Wanderausstellung „Wo das Unrecht alltäglich ist, wird Widerstand zur Pflicht – Opposition und Widerstand in der DDR unter besonderer Berücksichtigung Thüringens“ * Berliner Jugendklub „An der Weißenseer Spitze“ geschlossen. * Ausstellung „Rock! Jugend und Musik in Deutschland“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig * Wanderausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig „Damals in der DDR – 20 Geschichten aus 40 Jahren“ im Stadtmuseum Erlangen * Städtische Galerie Dresden, Sonderausstellung „Willy Wolff zum Hundertsten. Malerei, Collagen, Zeichnungen, Walzungen und Monotypien, Objekte“ * Rathaus der Hansestadt Rostock, Ausstellung der BStU „,Ich wurde mutiger.’ Der Pankower Friedenskreis im Fokus der Staatssicherheit“ * Ausstellung „Literarische Gegenwelten“, Kultur- und Bildungszentrum Burg-Beeskow * Ausstellung „Bittersüß. Geschichten des Hungers. Zuckerdosen aus dem sowjetischen Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen 1945-1950“, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen * Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt, Ausstellung „KONSUM – Konsumgesellschaften in der DDR“.  Publikationen: DVD „Die SED, ihr MfS und das Krisenjahr 1956“ * Auswahlbibliographie „Antitotalitärer Widerstand und kommunistische Repression“ * „Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien“ * Sonderheft der Zeitschrift „Film History“ (Bd. 18 / Nr. 1) „Cold-War German Cinema“ * Dokumentation „Die Stasi im Jahr 1989“ auf CD * Joachim Granzows Erlebnisbericht „Die Löwengrube. Als Arzt in DDR-Haftanstalten Mitte der 50er Jahre“ * Handbuch „Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte – Struktur – Methoden“ (Teil III/14) * Broschüre „Der Wandel Robert Havemanns vom Inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der StasiAkten“ * Unterrichtsmaterial für Schüler und Lehrer „Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Ereignisse in der südlichen Oberlausitz“ * Dezember-Ausgabe 2005 der Zeitschrift „Zeitgeschichte regional“ * Publikation „Rückwärts immer. Deutsches Erinnern“ * „Teilung und Integration“ (Schriftenreihe Bd. 482), von Christoph Kleßmann und Peter Lautzas * „Deportationen von deutschen Frauen und Mädchen in die Sowjetunion“. Archive und Bibliotheken: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) * Projekt „Demontagen in der SBZ und Berlin 1945-1948 – Sachthematisches Inventar“ * „Vorläufiges Findbuch zur Abteilung X: ‘Internationale Verbindungen’ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ * Findbuch „Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR“ * Beitrag „Opfer des Faschismus gleich Opfer des Antifaschismus? Oder: Wer durfte Opfer des Faschismus sein?“ * Bestände des Archivs der Stiftung Aufarbeitung www.stiftungaufarbeitung.de/dokumentation/archiv.php Online-Präsentation * SAPMO Bibliotheksbriefe. Termine: Workshop „Zum Stand der Erforschung der DDR-Geschichte. Ergebnisse und Defizite“ * Konferenz „Opfergeschichten – Opfergeschichte: Politische Verfolgung unter NSHerrschaft und Stalinismus“ * Vortragsreihe „Geschichte und Lebensgeschichte im Jahrhundert der Ideologien. Die biographische Verarbeitung politischer Umwälzungen im 20. Jahrhundert“ * IV. Potsdamer Doktorandenforum „Europäischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert“ * XVII. Bautzen-Forum „Demokraten im Unrechtsstaat. Das Parteiensystem der SBZ/DDR zwischen Zwangsvereinigung und Nationaler Front“ * Hörspiel „Sommerwind und andere Kreise“ * Podiumsdiskussion „Fußball-Grenzgänger im Abseits – Seitenwechsel und geteilte Fußballwelten im Kalten Krieg“ * 10. Kongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und der Stiftung Aufarbeitung * Symposium „Nachbilder. Photographie in der DDR“ * „Promovierendentage zur deutschen Zeitgeschichte. Methoden, Inhalte und Techniken im Umgang mit ‘Streitgeschichte’“ * Ausbildungs-Workshops im Rahmen der EU: Marie Curie Conference and Training Series zur Thematik „European Protest Movements since the Cold War: The Rise of a (Trans-)national Civil Society and the Transformation of the Public Sphere“ * Veranstaltungen der Stiftung Aufarbeitung. * Termine der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) * Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Zeitgeschichte im Internet: Ungarn 1956 – Geschichte und Erinnerung. Sonstiges: Plakatwettbewerb >>geschichts-codes<<: „grenzen-los!“ * Gerda-Henkel-Preis * „Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt“.    Ausgabe 2/2006: Ausstellungen und Museen: Museum zur DDR-Alltagsgeschichte in Berlin eröffnet * Ausstellung „Entrissene Heimat“ des Bürgerkomitees Sachsen-Anhalt e. V. * Ausstellung „Doppelpässe – Wie die Deutschen die Mauer umspielten“, Prenzlauer Berg Museum, Berlin * Sonderausstellung „Paneuropäisches Picknick ‘89“, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin * BStU-Ausstellung „Pflanzzeit“, Rostock * Ausstellung „‘Erschossen in Moskau…’ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953“, Gedenkstätte „Roter Ochse“, Halle * Wanderausstellung „Die Rückkehr der Demokratie. Die demokratischen Revolutionen in Ostmitteleuropa von 1989 bis 1991“ * Ausstellung „Männerbilder“, Museum Junge Kunst, Frankfurt/Oder * Foyerausstellung „STASI – secret rooms“, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig * Wanderausstellung „Kirchen und Krisen im Kommunismus“. Publikationen: DVD „DDR – Was war das?“ * DVD „Die Blues-Messen 1979-1986“ * Bibliographie zur „Wissenschafts- und Hochschulgeschichte der SBZ, DDR und Ostdeutschlands 1945-2000“ auf CD-ROM * Beratungsbroschüre „Übersicht über Beratungsangebote für Opfer politischer Verfolgung in der SBZ/DDR“ * Wegweiser „Geschichte erleben®“ * Zeitschrift „Horch und Guck“ (Ausgabe 1-2006), Einfluss der östlichen Nachbarstaaten auf die DDR * Publikationen der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen * „Jahresbericht 2005“ des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung * Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“, Heft 1/2006 * Dietmar Kausch, „,… sie wollten sich nicht verbiegen lassen’. Repressalien – Widerstand – Verfolgung an den Oberschulen Bad Doberan, Bützow, Grevesmühlen, Ludwigslust und Rostock 1945-1989“ * Ausstellungsführer „Der Rote Ochse Halle (Saale). Politische Justiz 1933-1945“ * „Jahresbericht 2004-2005“ des Duitsland Instituut an der Universität Amsterdam * Helmut M. Artus, „‘VEB Horch & Guck’ – Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, genannt Stasi“ * Gerhard Finn, „Mauern, Gitter, Stacheldraht“ * Heinrich Best, Joachim Heinrich und Heinz Mestrup, „Geheime Trefforte des MfS in Erfurt“ * Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ * Architekturführer „Berliner Mauer“ * „FDGB-Lexikon. Funktion, Struktur, Kader und Entwicklung einer Massenorganisation der SED (1945-1990)“ * „Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte in der politischen Erwachsenenbildung“ * Hans-Heinrich Nolte, „Kleine Geschichte Russlands“. Archive und Bibliotheken: Archiv für Christlich-Demokratische Politik * Gunter Holzweißig „Quellenkundliche Anmerkungen zur DDR-Historiografie“ * Bibliotheksbriefe SAPMO 2006/3. Termine: Veranstaltungen der Gedenkstätte „Roter Ochse“, Halle * Interdisziplinäres Forschungskolloqium Protestbewegungen, Heidelberg „Between the ‚Prague Spring’ and the ‚French May’: Transcultural Exchange and National Recontextualization of Protest Cultures in 1960/70s Europe“ * Lesung „Der fremde Vater“ * Konferenz „Die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik“ * Tagung „Vorwärts in die Vergangenheit? Leben in der DDR“ * Zentrale Feierlichkeiten zum „Tag der Deutschen Einheit“ * Konferenz „Die ungarische Revolution 1956: Kontext, Wirkung und Mythos“ * Symposium „Erfahrung Exil. Dissidenten im geteilten Europa“ * Vortragsreihe „Politik in Stein. Architektur und Macht in Berlin und Brandenburg im 20. Jahrhundert“ * Tagung „Die SED-Diktatur – Herrschaft, Alltag, widerständiges Verhalten“ * Tagung „Die DDR in der gemeinsamen deutschen Nachkriegsgeschichte“ * Tagung „Archiv, Forschung, Bildung“ * Termine der Stiftung Aufarbeitung * Veranstaltungen der BStU. Zeitgeschichte im Internet: „Russian Analytical Digest“ * Modell-Projekt „Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze“. Sonstiges: „Einheitspreis 2006 – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“ * „Rock! Jugend und Musik in Deutschland“.   Section II:           News on Archives, Fonds and Institutions.   NS archive in Bad Arolsen to be opened for researchers. The competent eleven countries have finally agreed on opening up the files of the NS-Archive in Bad Arolsen/Germany for researchers. The biggest nazi-archive worldwide contains personal files of 17.5 millions prisoners, displaced persons and forced labourers, including the famous „Schindler list“. Previously the archive was accessed exclusively by the Red Cross International Tracing Service. The final agreement on the opening of the archives was preceeded by a long struggle based on the conflict between the rights on information and personal rights.   Bulgaria: more communist archives declassified. On November 13, 2006, more than 7200 pages archival material of the Bulgarian secret service were declassified and opened for research. The materials cover the period between 1944 and 1990 and concern the country’s communist past. This is part of the Bulgarian government’s effort since May 2006 to ease up accessability of archival material.   Victor-Serge-Library in Moscow reopens. After a relocation, the Victor-Serge-Library opened its doors again on November 22nd, 2006. The library, maintained by the „PRAKSIS“ research society, is specialized in left-wing antitotalitarian movements in Russia and the world, hosting over 4000 books and brochures, many of them unique and not to be found in any other library on Russian territory. The new address is: Meščerskij pereulok, d. 2, korp. 5, pod’ezd 6. The library is open on Mondays between 15:00 and 20:00, on Wednesdays between 10:00 and 15:00 and on Saturdays between 13:00 and 18:00. It can be reached under +7-8-906-756-48-18. Further information is available at  http://www.praxiscenter.ru   Wilhelm-Reich-Archive to be opened late 2007. When Wilhelm Reich, founder of the Sexual Liberation movement within the German communist party and Freud scholar, died in 1957, he determined concerning his archive that „…nothing whatsoever must be changed in any of these documents and that they should be put away and stored for 50 years to secure their safety from destruction and falsification by anyone interested in the falsification and destruction of historical truth.“ The archive is nowadays located in the Rare Books and Special Collections at the Francis A. Countway Library of Medicine at Harvard University and comprises well over 200 archive boxes of materials. The Wilhelm Reich Museum in Rangeley, Maine has now announced that according to Reich’s will, the archive will be opened for scholars in late 2007 or early 2008. It is doubtful though, whether the opening of this archive will surface materials concerning Reich’s actvities in the European communist movement during the 1920s and 1930s. See: http://www.wilhelmreichmuseum.org Vademekum Contemporary History Hungary published by Stiftung Aufarbeitung, Berlin. The German Foundation for the Reappraisal of the SED-Dictatorship (Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur) has published another volume of their „Vademekum Contemporary History“ archival guidebooks, this time concerning archives and institutions in Hungary. This guidebook, compiled by Janos M. Rainer, Judit M. Topits and Ulrich Mählert, may be ordered for 6 Euros from http://www.stiftung-aufarbeitung.de   Comintern-Online, Moscow-Amsterdam: 100 000 additional pages digitized. The Comintern Online Database, the biggest archival ressource on communist history in the web, has been enriched in Summer 2006 by the addition of three newly digitized fonds, including approx. 100 000 pages. These three fonds now include are the Balkan Ländersekretariat (f. 495.69), the Eastern Ländersekretariat (f. 495.154) and the South American Bureau of the ECCI (f. 503.1).   IDC Publishers, Amsterdam: Comintern files concerning Mexico released. The Dutch publishing house IDC Publishers has released the files of the Communist Party of Mexico covering the period 1919-1940 in a microform edition. They include extensive documentation of the relations between the Comintern and its counterparts in Mexico and other countries in Latin America. Many documents in this collection are unique.   The Guidebook on the Archives of Russia: new archival database. A new data-base called „The Guidebook on the Archives of Russia“ is now available on the Rosarchiv portal „Archivy Rossii“ at http://guides.rusarchives.ru. It includes 60 reference books arranged in the form of a guidebook – 20 of them are about the federal archives and 40 about the regional ones, published from 1987 to 2004. The database comprises the description of more than 100000 archive collections.   Communist Regimes research programme, Sweden. The Swedish Research Council’s final report on research within the programme about „Communist Regimes“, according to its government assignment as defined in the official appropriation document for 2006, is now available online at http://www.vr.se/download/18.65bf9bc10cd31363a180001074/communism.pdf.   Neuer Online-Katalog des Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina, Buenos Aires. Als Fortschreibung des 2000 erschienenen Katalogs der Veröffentlichungen der argentinischen politischen Linken (1890-2000)[1] ist nun der auch als Internetressource nutzbare bibliographische Katalog der sozialen Bewegungen Argentiniens (1890-2005) erschienen (http://www.cedinci.org/ catalogos.html). Das vom IISG Amsterdam unterstützte, fast 300-seitige Werk ist in die Sparten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, Studentenbewegung, Menschenrechtsbewegungen, Antifaschismus und Antirassismus untergliedert. Es enthält Kapitel über die Versammlungsbewegung („movimiento de asambleas“), Demonstrationsbewegung („piqueteros“) und die ökologischen Widerstandsgruppen. Der Katalog zeigt das andere Argentinien, das sich selbstständig und kollektiv seit dem Ausgang des XIX. Jahrhunderts zusammenschloss und eine für Lateinamerika einzigartige Kultur der Linken, allerdings auch einen einzigartigen Flickenteppich der Organisationen und Strömungen prägte. Das Zentrum hat sich seit seiner Gründung 1998 die Rekonstruktion der kollektiven Erinnerung zur Aufgabe gemacht. Neben der Herausgabe der Kataloge wurde ein Archiv aufgebaut, das bereits ca. 2200 Zeitschriftensammlungen, mehrere Tausend Flugblätter und entsprechende Materialien auf Betriebsebene, 20 000 Bücher, Interviewaufnahmen, Schallplatten und Filme aus den Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre umfasst. In der Hauptsache wird das linke Spektrum von Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten, Trotzkisten, Radikalen und Peronisten bis zur „neuen Linken“ und den alternativen und Frauenbewegungen abgedeckt. Ein laufendes, u.a. von der Harvard-Universität unterstütztes Microfilmprojekt hilft entsprechende Bestände zu sichern. Für die laufende Aktivität ist das Zentrum auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen.  Im Online-Katalog der sozialen Bewegungen werden Materialien der folgenden kommunistischen oder kommunistisch beeinflussten Organisationen u. a. aufgeführt: • Movimiento Pro Democratización e Independencia de los Sindicatos (1949). • 62 Organizaciones (1957). • MUCS – Movimiento de Unidad y Coordinación Sindical (1958). • Movimiento Nacional Intersindical (1970). Über Organisationen der 20er und dreißiger Jahre finden sich Materialien zu: • La Internacional Sindical Roja (ISR). • La Confederación Sindical Latinoamericana CSLA (1929). • Confederación de Trabajadores de América Latina CTAL (1938). • Central Latinoamericana de Trabajadores [CLAT]. • Liga Antiimperialista (Sección Argentina) [Chispista]. • Liga Antiimperialista (Sección Argentina de la Liga Mundial contra el Imperialismo) [Comunista]. • Ligas Antiimperialistas de América Latina.  Contact: Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina Fray Luis Beltrán 125, (C1406BEC) Ciudad de Buenos Aires, Argentina, Tel./Fax: +54 11 46318893 informes@cedinci.org, cedinci@speedy.com.ar, www.cedinci.org   Freddy Litten, Munich: Microfilms for Communist Studies at the Bayrische  Staatsbibliothek.   The Bayerische Staatsbibliothek (BSB; Bavarian State Library) in Munich possesses one of the largest collections of books and periodicals on and from Eastern Europe (including Russia/the Soviet Union) in Europe, if not the world. It is also taking a leading role in Germany in providing electronic databases and resources for the research community, e.g. through the internet portal „ViFaOst“ (http://www.vifaost.de). However, it is often overlooked that the BSB also holds an enormous amount of microfilmed archival documents and publications of importance for historical studies of all kinds, among them many that are useful for Communist studies. Since it is impossible to detail all those collections here, I will only touch on some of the highlights and refer to the „Directory of microforms for historical research in the BSB“ („Verzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der BSB“, http://www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm) for a complete overview. The numbers in italics given below also refer to the entry numbers in that directory. The largest single microform collection from Eastern Europe is entitled „Archives of the Soviet Communist Party and Soviet State“, in short „Soviet Archives“ (69). This is the result of a microfilming project by the Hoover Institution in Stanford/California, the then British publisher Chadwyck-Healey, and three of the major archives in Moscow: the Russian State Archive of Contemporary History (RGANI), the Russian State Archive for Socio-Political History (RGASPI) and the State Archive of the Russian Federation (GARF) – to give only their current names. Since there are more than 10,000 reels of microfilm in this collection alone, I can again only point out a few interesting sub-collections. From RGANI there is the quite small, but important and well-indexed filming of fond 89, called „The Communist Party on Trial“. (Information on guides, indexes, etc. can be found in the „Verzeichnis“.) This fond contains documents assembled for the trial of the Communist Party of the Soviet Union under Boris Yeltsin. From RGASPI there are several fond containing documentation of the congresses and conferences of the Communist Party, as well as the large fond 17 which contains large quantities of information on the CPSU throughout much of its existence and which is also well-served by an electronic guide. GARF holdings take up the larger part of the „Soviet Archives“, and the „NKVD fond“ r-393 is responsible for much of it. However, they do not cover the infamous intelligence and repression service, but those of the „People’s Commisariat for Internal Affairs“ of the 1920s. Yet, there is also much on the GULag and internal repression under Stalin to be found in the GARF fond. An invaluable guide to these microfilmed holdings is vol. 7 of the „Istoriya Stalinskogo Gulaga“ (published in Moscow in 2005)[2] which everyone contemplating use of these materials simply has to consult. Smaller collections by other publishers cover many more topics, from documents of the Red and White armies during the Civil War in the Russian State Military Archives (RGVA; http://www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm#RGVA) to papers of the apparatus of the Central Committee of the CPSU in the 1950s and 60s in RGANI (http://www.bsbmuenchen.de/mikro/litten.htm#RGANI). In recent years, while microfilming in Russia has somewhat subsided, it has expanded in Poland (with selected holdings of the KARTA Center in Warsaw; 456) and especially in Ukraine. One quite interesting collection concerns the „Holodomor“ (430), the devastating famine in the early 1930s, and presents contemporary records by the Central Committee of the Ukrainian CP. Yet, the internal view of these countries is not the only perspective offered by the BSB’s holdings. Practically all commercially filmed records of the US State Department on Eastern European countries, held in original form at the US National Archives, are also available in Munich, often up to 1963, in the case of the USSR even up to 1969 (http://www.bsb- muenchen.de/mikro/litten.htm#RG 59). Moreover, the same kind of records are available for Germany and France, and to a lesser degree for Italy, Austria and Switzerland. For Communist studies those records are interesting, too: they illustrate relations between, e.g., Germany and Czechoslovakia after the Second World War; and they contain information on Communism in, e.g., France itself. One especially noteworthy „American“ source for research on Communism and related ideologies in Eastern Europe (and beyond) in the first half of the 20th century is the Boris I. Nicolaevsky Collection from the Hoover Institution, which has been filmed in 796 reels and is also available in Munich (269). Again, an excellent guide eases use of this collection enormously, for example covering the Trotsky-Sedov correspondence. Many smaller collections from US archives and libraries provide documentation for interesting studies, from the „Diplomatic Papers of David Francis Rowland, 1916-1918“ (262), the US ambassador to Russia at the time, to the „National Security Files“ of the Kennedy, Johnson and Nixon administrations on the Soviet Union and Eastern Europe (212, 215, 391) and, for most of the 1960s, concerning the whole world. Recent reports by American think-tanks and governmental organizations as well as graduation theses from military colleges can be found in the blandly titled „Special Studies Series: Foreign Nations“ (291), in part up to 2002, again for the whole world. While much less numerous than the American filmings, some British government document collections are no less important. Especially the filmings of the Foreign Office records on Russia and the Soviet Union until 1948 (18) and again for 1960 (364; with more to come) provide a complement to both the American reporting and the Soviet internal view. As should be obvious even from this brief account, the Bayerische Staatsbibliothek has much to offer to researchers of the history of Communism in Europe in the 20th century, thanks also to the financial support of the Deutsche Forschungsgemeinschaft (German Research Council). While a visit to Munich is always worthwhile, all film reels, microfiches and guides listed in the „Verzeichnis“ are also available via inter-library loan within Germany.   Dr. Freddy Litten, Bayerische Staatsbibliothek. freddy.litten@bsb-muenchen.de; http://litten.de   Vladimir Petrovič Kozlov, Moskau: Ergebnisse und Perspektiven der Erstellung  russischer Dokumentenpublikationen.   Die Erstveröffentlichung dieses Artikels in russischer Sprache erfolgte in „Novaja i Novejšaja Istorija“ Nr. 4 (2006), S. 27-34. Die Übersetzung wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors durch Gleb Albert, Köln, erledigt. Vladimir P. Kozlov ist Vorsitzender des Föderalen Archivdienstes der Russischen Föderation.   Zunächst eine vorangestellte Erläuterung: Die im Folgenden geschilderten Sachverhalte betreffen sowohl die Archivinstitutionen der Russischen Föderation als auch die Organisationen der Russischen Akademie der Wissenschaften (Rossijskaja Akademija Nauk, RAN) und andere Forschungs- und Lehrorganisationen. Seit den 1990er Jahren allerdings übernahm das Rosarchiv die Koordination und in zunehmender Weise die Organisationsarbeit zur Vorbereitung von Dokumentenpublikationen. Dies geschah dadurch, dass das Rosarchiv, als Verwalter von Russlands mächtigstem Informationsmassiv, in den 1990er Jahren im zunächst spontanen, später organisierten Deklassifizierungsprozess der vorher unzugänglichen Masse an Dokumenten eine Führungsrolle übernahm.[3] Die Einführung dieser Dokumente in den Forschungsdiskurs, unter anderem durch Vorbereitung und Veröffentlichung von Dokumentenpublikationen, verlangte eine gewisse Reglementierung sowie eine Koordination verschiedener Institutionen. Den organisatorischen Beginn dieses Vorhabens markierte der erste Einheitsplan zur Vorbereitung und Veröffentlichung von Dokumentenpublikationen für die Jahre 1992 bis 2002, welcher im Jahre 1992 vom Büro der Abteilung für Geschichte der RAN und dem Kollegium des Rosarchiv festgelegt wurde. Dieser Plan beinhaltete 157 Titel für Dokumenteneditionen, gegliedert in 15 thematische Abschnitte, welche die russische und internationale Geschichte vom Mittelalter an bis zum 20. Jahrhundert umfassten. Heute kommt man nicht umhin, Elemente einer Politisierung im Hinblick auf die Thematik einer Reihe von in diesem Plan beinhalteten Publikationen festzustellen, was vor allem die Geschichte des 20. Jahrhunderts betrifft. Allerdings zielte dieser Plan auch darauf ab, neue, früher unzugängliche Dokumentenkomplexe zu erschließen, denen aus ideologischen Gründen keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Jedoch nicht dieser Umstand bereitete den Beteiligten zum Zeitpunkt der Beschlussfassung Sorgen. Zahlreiche Mitglieder des Kollegiums des Rosarchiv und des Büros der Abteilung für Geschichte der RAN äußerten ihre aufrichtigen Zweifel an der Realisierbarkeit dieses Vorhabens. Gründe für die Zweifel gab es. So erschienen in Russland zur Sowjetzeit im Durchschnitt 15-20 Archiveditionen im Jahr, berücksichtigt man die Veröffentlichung der Zentralen Staatsarchive der UdSSR, sogar 25-30. Am Anfang der 1990er Jahre jedoch wurden den Archiven und den Forschungs- und Lehrinstitutionen, infolge der Kommerzialisierung von Herausgebertätigkeiten und der Kürzung der Budgets, die Publikationslimits faktisch unmöglich gemacht, womit die Publikation von Archivdokumenten in Russland insgesamt halbiert wurde, und zahlreiche sich in Vorbereitung befindenden Editionen eingestellt werden mussten. Im September 2000 allerdings, als über die Erfüllung dieses Plans Rechenschaft abgelegt wurde, wurde die Historikergemeinschaft angenehm überrascht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren 108 Publikationstitel erschienen, was 70% des 1992 festgelegten Plans ausmachte. In den Jahren 20012005 wurde auch die Mehrheit der übrigen im Plan festgelegten Publikationen herausgegeben, was Grund zur Annahme gibt, den Plan als realisiert zu betrachten – umso mehr, als zahlreiche Publikationen die Planzahlen übertrafen. Es erschienen 9 Ausgaben der „Chronik der Arbeiterbewegung in Rußland“,[4] 3 Bände der Dokumentenpublikation „Die Menschewiki im Jahre 1917“,[5] 3 Bände der „Dekrete der Sowjetmacht“,[6] 3 Bände der „Befehle des Volkskomissars für Verteidigung der UdSSR“.[7] Außerdem sind in diesen Jahren über 40 Dokumentenpublikationen außerhalb des Plans herausgegeben worden, von denen eine Anzahl Seriencharakter annahm, so zum Beispiel „Das Dorf in der Wahrnehmung der VČK-OGPU-NKVD“[8], „Rußland. Das 20. Jahrhundert. Dokumente“[9] und viele andere. Gleichzeitig erlangte nach vielen Schwierigkeiten die wiederbelebte Zeitschrift „Istoričeskij Archiv“ Ansehen in der Wissenschaft – eine Zeitschrift, die ausschließlich der Publikation von bis dahin unveröffentlichten Archivdokumenten gewidmet ist. Im letzten Jahr erblickte die 75. Ausgabe dieser Zeitschrift das Licht der Welt.  Bereits Mitte der 1990er Jahre sprach man von einer „archäographischen Explosion“ in Rußland. Auf die Gründe werde ich später zurückkommen – zunächst aber sei daran erinnert, daß das Kollegium des Rosarchiv und das Büro der Abteilung für Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften im September 2000 einen zweiten Einheitsplan über Dokumentenpublikationen für die Jahre 2001–2005 festgelegt haben. Dieser Plan sah eine Edierung von über 300 Titeln vor, die nach sieben thematischen Abschnitten gegliedert waren: vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte.  Im Dezember 2005 haben wir die Ergebnisse der Verwirklichung des Einheitsplans begutachtet und erfreuten uns an dem erfolgreichen Lauf der Dinge. Es sind ca. 160 Titel erschienen, was 60% des Plans ausmacht. Der Großteil der restlichen Publikationen ist bereits im Erscheinen begriffen oder wartet noch auf die Verleger. Die Gesamtzahl der Dokumentenpublikationen in Rußland in den Jahren 2001–2005 hat jedoch insgesamt den Plan bedeutend übertroffen und beläuft sich auf über 400 Titel. Somit kann festgestellt werden, daß während wir in den Jahren 1992–2000, gemessen am Jahresdurchschnitt, bei der Herausgabe von Dokumentenpublikationen auf dem Niveau der Sowjetzeit verblieben, in den Jahren 2001–2005 dieses Niveau um mehr als das Doppelte übertroffen wurde. Das biblioraphische Verzeichnis „Das Offene Archiv-2“ [10], das die in der UdSSR und in Rußland zwischen 1917 und 2000 erschienenen Dokumentenpublikationen auflistet, führt 5445 Titel auf. In den Jahren 1992–2000 erschienen 996 Dokumentenpublikationen – fast ein Fünftel des Gesamtkorpus, und dies ist ein eindeutiger Beleg für die „archäographische Explosion“ in unserem Land. Selbstverständlich ist dies nur ein formaler Faktor. Viel wichtiger ist der inhaltliche Aspekt des beschriebenen Phänomens, auf den ich nun eingehen werde. Zunächst stellt sich die Frage, inwiefern dieses Publikationsmassiv von einem einheitlichen konzeptionellen Zugang zur dokumentarischen Beleuchtung der Vergangenheit durchdrungen ist, inwiefern die Quellenbasis systematisch bereichert wird, und wie bedeutend das Element des Chaotischen und des Zufalls die Vorbereitung von Dokumentenveröffentlichung der vergangenen Jahre geprägt hat. […] Read the full translated article (10 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Section III:  Projects – Work in Progress.   Sean McMeekin, Ankara:  Bolshevik Gold. The Nature of a Forgotten Problem. Report on a book in progress.[11] In the mid-1990s, a series of sensational reports appeared on the subject of looted Nazi gold laundered in Switzerland during World War II. Helped along by the war’s fiftieth anniversary, a Freedom of Information Act lawsuit filed in Washington by the World Jewish Congress, and nationally televised hearings on Holocaust survivors’ claims against Swiss banks chaired by U.S. senator Alphonse D’Amato, „Nazi gold” became first-page news. „The greatest theft in history,” proclaimed the BBC. The New York Times denounced the „Goblins of Zurich.” Ambitious journalists turned out books with sensational titles like Hitler’s Secret Bankers: How Switzerland Profited from Nazi Genocide. Without „the considerable efforts of Swiss bankers,” declared Adam Lebor, „the Second World War could have ended several years earlier.”[12] Given the stonewalling of Swiss bank directors when faced with intrusive queries by lawyers and journalists, such heady claims made for good copy. But this was not really a new story. Nazi looting of central banks in occupied countries, the macabre retrieval of gold jewelry and teeth from Holocaust victims, incurious Swiss bankers laundering Nazi gold — all these themes were long familiar to historians. If there was anything novel in the 1990s craze for exposés on Nazi war booty, it lay in the declassification of U.S. intelligence on Nazi gold movements gathered by Operation Safehaven during the war.[13] One might expect that this fruitful archival coup would have prompted historians to explore the theme of gold movements further, say, by examining the role of „neutral” bankers in prolonging the First World War, or in facilitating the advent and spread of Bolshevism. […] Read the full article (6 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Fredrik Petersson, Åbo:  „We are no Visionaries and Utopian Dreamers” – The Network of the Axis League against Imperialism, Comintern, and the Anti-Imperialist Struggle, 1924-1933. Doctoral thesis project. The League against Imperialism and for National Independence (LAI) was founded as a result of the „First International Congress in Support of the Oppressed Peoples in the Colonies” in Brussels 10-15/2-1927. No such event had taken place before where the situation in the colonial world was put on top of the agenda. With delegations representing European working class organizations, radical and pacifist intellectuals active either as artists or scientists, and representatives from the colonial world, the congress even surprised the chief architects, namely the Communist International (more known as Comintern, or the Third International, 1919-1943)[14] and the German communist and main man in charge of various propaganda operations and relief actions in Europe during the Inter-war era, Willi Münzenberg (1889-1940).[15] The twist with organising the congress was to keep the communist links of the LAI hidden and secret, all guided after principles decided upon a year earlier in Moscow.[16] Hence, the LAI was from the very beginning constructed as a genuine front and idealist non-party organization, existing under communist surveillance and monitored by Comintern headquarters in Moscow. In its initial phase, the LAI stirred up a huge amount of attention among its sympathizers, but also fear among actors (mainly the „Imperialist” nations), who did knot now how to approach and treat such a dubious and subversive organization as the LAI. The general concern during LAI’s first phase was primarily to act as a nursery for colonial freedom fighters. For example, India’s first Prime Minister Jawaharlal Nehru and Mohammad Hatta, one of the driving forces behind the formation of Indonesia in the 1940s were particularly active in the organization. Other fellow travelling celebrities as scientist Albert Einstein, French authors Henri Barbusse and Romain Rolland were members. History is often judged and written by the winners and the Comintern case has been perceived by many as a failure (Jane Degras, 1965: ix). […] Read the full article (6 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Joachim Schröder, Düsseldorf:  Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten (1918-1923). Dissertationsprojekt. Die Kommunistische Internationale (Komintern) war ein originäres Produkt des Weltkriegs. Die neue „Internationale der Tat“, wie sie sich selbst bezeichnete, erforderte auch einen neuen Internationalismus. Die vorliegende Studie untersucht Realität, Funktion und Praxis dieses neuen Internationalismus am Beispiel der deutschen und französischen Kommunisten. Den Hintergrund bildet die nationalistisch aufgeladene Atmosphäre der ersten Jahre der Nachkriegszeit (19181923), die von schweren wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen sowie von einem immer weiter eskalierenden, „offiziellen“ deutsch-französischen Gegensatz geprägt waren.  Die Studie zeigt, dass bezüglich der Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten weder von einem „Hohelied des Internationalismus“ (so der DDR-Historiker Heinz Köller) noch pauschal von einem „impossible internationalism“ (Jolyon Howorth) gesprochen werden kann. Die Analyse der nach dem Krieg entstehenden Netzwerke („Begegnungsorte“) deutscher und französischer Kommunisten (anfangs: Sozialisten), die nach den Bol’seviki die größten Sektionen innerhalb der Komintern stellten, legt vielmehr ein komplexeres Urteil nahe. Die Intensität der Beziehungen war nicht gleichbleibend, sie nahm bis 1923 stetig zu. Dabei waren sie nicht frei von Friktionen und teilweise von Stereotypen aus der Vorkriegszeit geprägt. Neben „traditionellen“ Formen internationalistischen Handelns rückten dabei auch solche in den Vordergrund, die neu und durchaus charakteristisch waren für die „Internationale der Tat“, wie etwa das System der Instrukteure und Emissäre, die zugleich als Vermittler zwischen Peripherie und Zentrum und als Kontrolleure fungierten.  Das ereignisreiche Jahr 1923, geprägt von der Eskalation des deutsch-französischen Reparationskonflikts sowie von dem letzten kommunistischen Aufstandsversuch in Europa („deutscher Oktober“), war der Höhepunkt der Zusammenarbeit deutscher und französischer Kommunisten; es zeigte aber auch deren Grenzen auf. Das Ende der revolutionären Hoffnungen in Europa markierte zugleich einen Wendepunkt in der Geschichte des kommunistischen Internationalismus. Anstelle der Vorbereitung der Weltrevolution bestand nunmehr die oberste Pflicht eines „Internationalisten“ in der Verteidigung des „Vaterlands der Werktätigen“.   Frank Wolff, Köln:  Individualisierte Erinnerung und politische Bewegung. Die Autobiographik des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds. Dissertationsprojekt. „[T]he labor movement offered its members a completely new way of life, a new framework of conventions within which to live and work, a world unlike anything they had previously experienced.“[17]   Diese neue Welt, so Ezra Mendelsohn weiter, äußerte sich zuvorderst nicht in ideologischen Debatten oder parteilicher Politik, sondern in der praktizierten Kultur, da die Gewinne an der angeblich existenten „kulturellen Front“ langlebiger gewesen seien. Der aufklärerische Bruch mit der Tradition erscheint daher in der jüdischen Arbeiterbewegung als vollzogen. Wenn der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund aber neuartige Existenzen ermöglichte, drängen sich Fragen nach Gestalt, Tiefenwirkung und Lebenskraft der Ideenwelt geradezu auf. Dennoch ignoriert die Forschung die kulturelle Komponente bundistischer Arbeit weitgehend und konzentriert sich auf Strukturgeschichte, wobei in den letzten Jahren eine Verschiebung des Interesses von der Organisationsgeschichte des Bund[18] und vom Verhältnis zwischen diesem und der russischen Sozialdemokratie[19] in Richtung einer Beziehungsgeschichte zu kleineren, nicht minder wichtigeren Parteien erkennbar ist.[20] Letzten Endes kulminiert aber jede dieser Studien in einer Erörterung der unterschiedlichen Standpunkte zur Nation.[21] Die Vogelperspektive beherrscht somit nach wie vor die Betrachtungsweise. Was aber nahmen einzelne jüdischen Sozialisten jenseits einer diskursbestimmenden Führungsschicht als „das Neue“ wahr? Wie gingen sie damit um und welche Ideen überdauerten die einschneidenden Brüche im „Zeitalter der Extreme“? Was blieb Idee und was wurde Praxis? Was war daran identitätsgenerierend und was wurde fallen gelassen? An diesem Punkt setze ich mit meinem Dissertationsprojekt ein. Der Bund hinterließ aufgrund seiner kulturellen Orientierung eine beträchtliche Zahl Erinnerungsschriften […]. Read the full article (4 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Forschungsschwerpunkt Geschichte der Sowjetunion am Deutschen Historischen Institut Moskau.  (117418 Moskau / RF, Nachimovskij Prospekt, 51 /21. Tel.: (+7-499) 744-4781, Fax: (+7-495) 120-5213; dhi@dhi-moskau.org).  Im Rahmen des Schwerpunkts plant das Institut für 2006/2007 die Herausgabe eines Sammel-bandes mit dem Arbeitstitel „Die Sowjetunion. Ein Rückblick auf ihre Geschichte“. Sechs russische Historiker (V. Buldakov, Revolution und Bürgerkrieg; O. Khlevniuk, Stalin und Stalinismus; E. Zubkova, Der sowjetische Privatmensch; S. Kudryashov, Der Zweite Weltkrieg und die Sowjetunion; G. Kostyrchenko, Die UdSSR und die „jüdische Frage“; V. Pechatnov, Die sowjetische Außenpolitik), und drei deutsche Historiker (S. Merl, Die sowjetische Wirtschaft; B. Bonwetsch, Einleitung und Die Perestroika und das Ende der UdSSR; M. Hildermeier; Das Sowjetsystem in vergleichender Perspektive) sollen hierin zu Kernfragen der Sowjetgeschichte Stellung beziehen und sich auf Kolloquien des DHI dazu äußern.  in Zusammenarbeit mit der von der Verwaltung des Präsidenten herausgegebenen Zeitschrift „Rodina“ will das DHI Dokumente aus dem Präsidentenarchiv zugänglich machen. Geplant ist die jährliche an Personen oder Themen orientierte Publikation eines Bandes. 2006 soll der Band „Leonid Brežnev als Generalsekretär der KPdSU. Dokumente aus dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation. Persönliches Archiv L. I. Brežnevs“ erscheinen, der 51 bisher unveröffentlichte Dokumente enthält und von Sergei Kudrjašov herausgegeben wird.  Zur Bearbeitung auch durch eigene Forschungen vorgesehen sind weiterhin Teilbereiche der sowjetischen Geschichte wie die Repression als wesentlicher Aspekt des Stalinismus, der „Grosse Vaterländische Krieg“, die Nachkriegsgesellschaft sowie die „deutsche Frage“ bzw. sowjetische Deutschlandpolitik.      Section IV:  Materials for Biographical, Regional and  Institutional Studies.  Section IV.1  Biographical Materials and Studies.   Nachtrag zur Biographie Dmitrij Moiseenkos (INCS 2006, S. 434-436).   Dr. Freddy Litten, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bayrischen Staatsbibliothek München, schickte wichtige ergänzende Angaben zum Beitrag über Dmitrij Moiseenko zu (siehe: Dmitrij Moiseenko, Gleb Albert, Bernhard H. Bayerlein: Jimmy, Jacob oder Dmitrij? Portrait einer Kominternfamilie, INCS, 2006, S. 434-436). Er weist auf die folgende Literatur hin, die die Moiseenko-Biographie erhellt und – wie besonders der Aufsatz in „The China Quarterly“ – die „NoulensAffaire“ grundsätzlich behandelt:    Fritz Nicolaus Platten: „Ein Kampf um Leben und Tod“. Die Affäre Ruegg 1931. In: Schweize-rische Zeitschrift für Geschichte, vol. 41, 1991, 52-62. Frederick S. Litten: The Noulens Affair. In: The China Quarterly, no. 138, 1994, 492-512. • VKP(b), Komintern i Kitaj: Dokumenty. Tom 3; 4. Moskva 1999, 2003.     Section IV.2  Regional Materials and Studies.   Avgust Lešnik, Ljubljana:  Le Parti communiste yougoslave et la Guerre civile espagnole (1936–1939).   No pasáran. C’est un fait connu que la Guerre civile espagnole – qui a officiellement duré 986 jours (du 17 juillet 1936 au 1er avril 1939) et fait plus d’un million de victimes – a profondément polarisé l’opinion publique mondiale. Cependant, pour comprendre ce vaste théâtre d’hostilités entre forces progressistes, antifascistes et forces réactionnaires, il est important d’avoir à l’esprit les principaux groupes socio-économiques et politiques de l’Espagne des années trente (renforcement du mouvement démocratique républicain, résolution de la question agraire et de la question nationale, de celle des rapports entre travail et capital, de celle du standard de vie de larges couches de la population active et les besoins de leur éducation, le front populaire). Le coup d’État militaire du général Franco ne fut en fait que le processus final, le point le plus saillant du conflit, le règlement de compte radical et définitif entre les „deux Espagnes“ – celle des masses prolétarisées des classes ouvrière et paysanne, ainsi que les milieux démocratiques acquis à leurs causes d’une part, et celle des classes dominantes de l’oligarchie foncière, de la bourgeoisie, du clergé, des monarchistes, des militaristes et des fascistes, de l’autre. En Espagne, il ne pouvait plus y avoir de place pour ces deux courants, celui d’une Espagne traditionnelle et celui d’une révolution sociale d’orientation républicaine et prolétaire. Lorsqu’au printemps et à l’été 1936 la droite eût achevé son projet contre la République, la scission de la gauche et les insurmontables divisions du socialisme espagnol constituèrent l’élément déterminant de la vulnérabilité du mouvement démocratique. La rébellion des généraux contre la République n’a pas fait que marquer le début de ce que fut appelé la „guerre civile“, mais également celui de ce qu’Antonio Ramos Oliveira désigne par le concept de subguerra civil, c’est-àdire l’affrontement – allant jusqu’à l’extermination – entre socialistes, républicains, communistes, anarchistes, anarcho-syndicalistes et d’autres représentants de la gauche. L’Espagne fut la première à vivre les violences brutales et soutenues des militaristes. Elle fut exposée aux attaques des forces conjuguées des généraux insurgés, du nazisme allemand et du fascisme italien. La guerre que le fascisme international avait entrepris contre le peuple espagnol, le bombardement de villes ouvertes, la destruction de monuments culturels, la mort de nombreux innocents furent la première étape de l’agression fasciste, un observatoire, à la veille de la Deuxième Guerre mondiale, des réactions du monde et des États d’Europe à la violence et à l’agression militaires. Cette guerre a également illustré l’impuissance de la Société des Nations, à régler de manière plus radicale les questions de la souveraineté d’État et de l’intégrité territoriale de ses membres et des États en général. […] Read the full article (38 pages), including the full list of Yugoslav participants in the Spanish Civil War, in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Section IV.3  Institutional Materials and Studies. Projekt „Kultintern – Cultintern – Культинтерн“.  Beiträge zur Allunions-Gesellschaft für kulturellen Austausch mit dem Ausland (VOKS), zur Roten Sportinternationale, zum Internationalen Frauensekretariat der Komintern und zur Liga gegen den Imperialismus. Die folgenden institutionellen Synopsen von Jean-Francois Fayet, André Gounot und Bernhard H. Bayerlein (die vollständigen Beiträge siehe: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007) integrieren sich in das international vergleichende Forschungsprojekt „Kultintern“ – „Cultintern“ – „Культинтерн“. Der Beitrag von Fredrik Petersson ist im Rahmen des  finnischen Forschungsprojekts „Comintern and African Nationalism 1921–1935“ an der Universität Åbo entstanden. Im Rahmen der sog. Einheitsfronpolitik der Komintern kam seit 1921/1922    zeitweilig eine Harmonisierung der Kurzzeitziele sowjetischer Außenpolitik zustande,  die eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der Komintern und dem Volkskommissariat für Äußeres förderte. Sie? war Ausgangspunkt für die Geburt eines neuen Typs hybrider Organisationen, der sog. „Massenorganisationen“, die auch „Ligen“ oder „Fronten“ genannt wurden. Neu an ihnen war ihr politisch mehr oder weniger neutraler oder  nach der entsprechenden Formel „überparteilicher“ Charakter; ihre Mission bestand darin, auf die nichtkommunistischen Massen sowie die Mitglieder der „kleinbürgerlichen Intelligenz“ einzuwirken, um dem Sowjetstaat den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Wiederherstellung seiner diplomatischen Glaubwürdigkeit zu ermöglichen. Das auffälligste Beispiel für diesen neuen Organisationstyp ist die „Internationale Arbeiterhilfe“ (Mežrabpom / IAH) Willi Münzenbergs. Die sowjetische „Gesellschaft für kulturelle  Zusammenarbeit mit dem Ausland“ (VOKS), setzte diese „kulturelle Arbeit“ in Richtung auf die Mitglieder der liberalen Berufe und der fortschrittlichen Bourgeoisie fort, um für sich „ein Ressort und einen Raum für die Sympathie außerhalb der traditionellen Milieus kommunistischer Verwurzelung“ zu schaffen,[22] häufig in Zusammenarbeit mit den Gesellschaften der „Freunde der Sowjetunion“.[23] Weiterhin ermutigte die Komintern ihre Sektionen, die kommunistischen Parteien, dazu, innerhalb der zahlreichen internationalen Arbeitervereine und -verbände kommunistische Fraktionen aufzubauen. Als Beispiele seien hier nur die Proletarischen Freidenker, die Proletarischen Esperantisten,[24] die Frontkämpferverbände, die proletarischen Sportorganisationen („Sportintern“)[25] und die proletarischen Wehrverbände / genannt. Auch ihre  Aktivitäten wurden im herrschenden sowjetischen Sprachgebrauch als „kulturelle“ bezeichnet. Während das Gros der KominternSympathisantenorganisationen in der Epoche des stalinistischen Terrors als potentiell bedrohlich für die sowjetische Führung aufgelöst wurde, blieben die meisten der unmittelbar sowjetischer Kontrolle unterliegenden Organisationen beibehalten. So verfügte die UdSSR außer den klassischen staatlichen Instrumenten der Außenpolitik (dem diplomatischen und konsularischen Apparat) und einem internationalen Netz politischer Parteien (Komintern) über ein weit gefächertes Mosaik von Organisationen und Schaltstellen politischkultureller oder Solidaritätsarbeit, das als „zweites Standbein“ (Hans Hecker) zur Verteidigung sowjetischer Interessen im Ausland oder auch als ein „neues Babylon“ (Bernhard H. Bayerlein) bezeichnet wurde,[26]  das sich seit den zwanziger Jahren zu einem national und international unterschiedlich ausgeprägten  kulturell-ästhetischen, lebensweltlichen und weithin mentalitätsprägenden „Zwischenreich“ (Karl Schlögel)  entwickelte. Das Gesamtphänomen dieser sogenannten „kulturellen“ Organisationen kann unter der Bezeichnung „Kultintern“ zusammengefaßt, definiert und aufgrund der neuen deklassifizierten Dokumente typologisiert und analysiert werden. Im Rahmen des vergleichenden Forschungsprojekts „Kultintern“ wird die „kulturelle“ Pléjade der Komintern und der sowjetischen Außenpolitik ausgelotet, empirisch aufgearbeitet und auf  Inhalte und Anspruch der Kulturvermittlung hinterfragt.   Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung, Universität Mannheim; Jean-François Fayet, Département d’histoire générale, Université de Genève; Anne Hartmann, Lotman-Institut für russische und sowjetische Kultur, Ruhr-Universität-Bochum. Jean-Francois Fayet, Genève:  La VOKS. La Société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger.   Traditionnellement qualifiée de „double politique” en référence à sa double vocation révolutionnaire et diplomatique, la politique extérieure soviétique s’enrichit à partir de 1925 d’un troisième volet, officiellement orienté vers la culture, dont l’instrument institutionnel est la VOKS, la Société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger. Le but affiché de la VOKS consistait à „aider l’étranger à connaître la culture soviétique et à informer l’URSS des principaux événements culturels étrangers”. Mais un rapport interne de son président, daté de 1931, révèle que la VOKS avait aussi d’autres ambitions, plus politiques:  „Si, dans ses objectifs et ses buts politiques, notre travail ne se distingue en rien de celui du Comintern et du Profintern, il est notablement plus complexe dans sa forme. […] Sans se faire d’illusions sur les perspectives à long terme, ni sur la solidité politique de ces couches fragiles, instables, que sont les membres de l’intelligentsia petite-bourgeoise, la VOKS a pour tâche de neutraliser les campagnes les plus nuisibles contre nous dans ces masses, par une bonne propagande sur la construction socialiste soviétique.”[27] Ce travail s’inscrit dans un projet cohérent d’élaboration et de diffusion d’une image positive et contrôlée de l’URSS à l’étranger, dont l’enjeu est de lui permettre de rétablir sa crédibilité diplomatique et de reconstruire son économie. Cette double ambition de la VOKS — à la fois culturelle et politico-diplomatique — est confirmée par l’analyse de l’organigramme de son personnel qui peut être divisé entre une façade culturelle et des rouages plus traditionnellement communistes. Les dirigeants successifs de la VOKS[28], les représentants plénipotentiaires et les responsables des contacts avec l’extérieur sont des personnalités peu marquées politiquement, souvent formées dans l’émigration, ayant une formation universitaire et parlant plusieurs langues. La direction de la VOKS intègre aussi les principaux acteurs étatiques de la culture soviétique comme les Commissaires du peuple à l’instruction publique et à la santé publique, les représentants des institutions scientifiques et culturelles (Musées, Académies, Universités), des Editions d’Etat, des trusts photographiques et cinématographiques soviétiques. Mais en tant qu’“organisme social”, la VOKS est aussi soumise au double contrôle de l’Etat et surtout du parti. Cette caractéristique explique que figurent aussi parmi les membres fondateurs de la VOKS, et dans toutes ses sections ou bureaux, d’autres personnalités moins „culturelles”, mais plus caractéristiques de l’univers communiste. Ces hommes d’appareil, souvent spécialistes de l’agitprop, sont délégués auprès de la VOKS par la direction centrale de la censure d’Etat (Glavlit), par le Commissariat à la planification (Gosplan), par le Commissariat du peuple aux affaires étrangères (NKID), par le département de propagande du Comité exécutif de l’Internationale communiste (CEIC), ou directement par le Comité central (CC) du PCUS. Enfin, la VOKS collabore activement avec le NKID […].  Read the full article (4 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  André Gounot, Strasbourg:  Die Rote Sportinternationale (RSI).[29] Die Gründung der Roten Sportinternationale (RSI) am 23. Juli 1921 in Moskau erfolgte auf Initiative von N. Podvojskij, des Vorsitzenden der sowjetrussischen Organisation für vormilitärische Ausbildung, sowie unter Beteiligung von Kommunisten aus acht weiteren Ländern. Von Beginn an verstand sich die RSI als Massenorganisation der Komintern (KI); sie wollte eine Gegenkraft zur Luzerner Sportinternationale (LSI) herstellen und die Aktivitäten der Arbeitersportler in eine revolutionäre Richtung lenken. Zu keinem Zeitpunkt geriet allerdings die Vormachtstellung der LSI (die sich 1928 in Sozialistische Arbeitersport-Internationale, SASI, umbenannte) im europäischen Arbeitersport ernsthaft in Gefahr. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung um 1931 zählten die RSI-Verbände (den staatlichen Sowjetsport ausgenommen) nicht mehr als 280.000 Mitglieder. Ihre relative Autonomie verlor die RSI bereits im Februar 1923, als der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) die führende Rolle in der kommunistischen Sportarbeit zugeschrieben und zugleich festgelegt wurde, dass die Exekutive der formal als „unabhängige Organisation“ weiter bestehenden „Sportintern“ nach den politischen Direktiven der KI zu arbeiten habe. Im Zusammenhang mit der Volksfront-Politik der KI wich der zuvor klassenkämpferische Sportdiskurs 1935 einer pazifistischen Haltung und dem plötzlichen Bekenntnis zum „olympischen Gedanken“ Pierre de Coubertins. Zugleich umrahmte der sportideologische Wandel die sich immer konkreter abzeichnenden Tendenzen des Sowjetsports, sich in die offiziellen („bürgerlichen“) Fachverbände des internationalen Sports zu integrieren. Im April 1937 wurde die RSI qua Beschluss des Präsidiums der Komintern aufgelöst. Versuche der RSI, eine eigene, politisch definierte „proletarische Körperkultur“ zu entwickeln, standen in einem Spannungsverhältnis zu ihrem Auftrag der Masseneroberung und ließen sich daher schwer realisieren. Die fortwährenden Interessenkonflikte zwischen Sowjetsport und europäischem Arbeitersport lähmten dabei neben der rigiden Anwendung des Prinzips der Parteidisziplin zusätzlich die Organisationsaktivitäten und förderten die passiven Tendenzen unter den Führungskräften der RSI und ihrer Sektionen. Als wichtigste Persönlichkeiten der Sportinternationale können der Berliner Fritz Reußner, der Tscheche Karel Aksamit sowie I. Šeldak (UdSSR) angesehen werden, die vor ihrem Engagement für die RSI wichtige Ämter in der kommunistischen Jugendbewegung bekleidet hatten.   Im vierseitigen Artikel in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007 werden Tabellen über die „RSI-Kongresse und Plenarsitzungen“, „Mitgliederzahlen der Arbeitersportverbände 1931“, sowie „Verbände und Mitgliederstärke der internationalen Arbeitersportbewegung 1935“ publiziert. Bernhard H. Bayerlein, Mannheim: Internationales Frauensekretariat und Frauenpolitik der Komintern.[30]   Das IFS bildete eine der ersten sogenannten „internationalen Zentralleitungen“ der Komintern, die (siehe die Kommunistische Jugendinternationale) im internationalen und/oder nationalen Umfeld als Massenorganisationen für einen breiteren Kreis von Sympathisanten ausgebaut werden sollten.[31] Im Gegensatz zu ihrer Rolle in der bolschewistischen Partei wurden Frauenkultur und Frauenpolitik in der III. Internationale kaum neu erforscht, bisher fehlte häufig der Blick von ganz oben. Die Geschichte der kommunistischen Frauenbewegung in der Weimarer Republik (bspw. des Roten Frauen- und Mädchenbunds (RFMB) als bedeutendste nationale kommunistische Frauenorganisation) beleuchtet, daß ohne den Blickwinkel von der Spitze aus national- und sozialgeschichtliche Phänomene nicht verortet werden können. In Teil I der Synopse liegt der Schwerpunkt auf der politischen Institutionengeschichte bis zum Beginn der 30er Jahre, ergänzt durch biographische Aspekte. In Teil II[32] wird die Chronologie fortgeführt und dabei ausführlicher auf die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte eingegangen.  Die erste Generation der Frauen der Komintern geriet – vielleicht mit der Ausnahme von Clara Zetkin und Alexandra Kollontaj – als internationalistische Frauenavantgarde größtenteils in Vergessenheit. Zu ihr gehörten bspw. die englisch-australische Frauenrechtlerin und Suffragette Dora Montefiore, die französischen Lehrerinnen Marthe Bigot und Lucie Colliard, die holländische Dichterin Henriette Roland-Holst, die Russinnen Varsenika Kasparova und Klavdija Nikolaeva, die Finnin Hanna Malm, die deutsche Politologin Edith Schumann.  Die international vergleichende Betrachtung von Inhalten und Umsetzungen deckt exorbitante Widersprüche der „Frauenpolitik“ der Komintern auf, die in unterschiedlichen geographischen Räumen, nationalen kommunistischen Bewegungen unterschiedlich gefiltert werden und auf die sowjetische Generallinie zurückzuführen sind. Aktionstypen reichen von der weltweiten Kampagne für die Freigabe der Abtreibung zum Verzicht auf diese Forderung, nicht nur in der Sowjetunion, sondern bspw. auch in Frankreich im Volksfrontjahr 1936; vom Engagement für das Frauenwahlrecht bis zum Verzicht auf seine Durchsetzung (so durch die KP Frankreichs), von der Kollontaj’schen freien Liebe, Wilhelm Reichs Engagement gegen die „Sexualnot“ und die bürgerliche Sexualmoral („Sexpol“) oder der Sexualreform Magnus Hirschfelds bis zur Förderung traditioneller Großfamilien im Namen der Stärkung der („sozialistischen“) Nation, von der Kollektivierung der Erziehung zur Beschränkung der Frau auf die Familie und der Förderung einer konservativen Moral. Das aufopferungsvolle Engagement der Frauen – von denen einige zu „stalinistischen Heldinnen“ hochstilisiert wurden, führte auch dazu, daß sie ihre Entrechtung im Stalinismus nicht hinnahmen, offen für sozialistische Positionen Partei ergriffen (und dies mit dem Tod in den „Säuberungen“ bezahlten). Nicht zuletzt die Betrachtung der Frauen, die sich vom Mainstream der Komintern abwandten, erbringt wichtige Aufschlüsse für die vergleichende biographische Frauenforschung und die Gender Studies insgesamt. Read the article in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.   Fredrik Petersson, Åbo:  The League against Imperialism: The Most Valuable Organizational Tool for Bolshevik Propaganda in the „Imperialist” and Colonial World during the Interwar Era? Synopsis of a doctoral thesis. On the 21 of February 1927, German Communist Willi Münzenberg, main man in charge of constructing different front organizations and other propaganda manoeuvres within the Communist International (Comintern) organisational apparatus in Europe,[33] sent the Secretariat of the Executive Committee (ECCI) in Moscow a letter, informing on the unexpected success of the „First International Congress in Support of the Oppressed Peoples in the Colonies” in Brussels, Belgium (10-15/2-1927). Münzenberg claimed that it was now only a matter of creating a large organization and for it to remain „steady in our [Comintern] hands”.[34] The item to remain „steady” was the League against Imperialism and for National Independence (LAI). Two and half years later, in the aftermath of the Second International LAI Congress in Frankfurt am Main, Germany 2031/7-1929, the situation looked somewhat different, leaving no traces of enthusiasm. The Eastern Secretariat of the ECCI concluded that the Congress „did not reflect a historical fact of world importance and failed to give it a definite organisational form”.[35] A point of view Münzenberg at first did not share, on the contrary, he argued on the one hand that the Congress was a „powerful demonstration” against the imperialist system and in support of the Soviet Union. On the other hand, a considerable organisational improvement was evident.[36] A state of conflict and tension in the network between Münzenberg, LAI’s International Secretariat in Berlin, and Comintern headquarters in Moscow was a common feature, as it has turned out, throughout its existence.  The LAI has been constructed and controlled under communist influence during the years 19271933. After the Reichstag fire in Berlin 27 of February 1933 the entire anti-imperialist network was shredded to pieces, and as a consequence, proved too difficult to mend by its chief architect Münzenberg. Reginald Bridgeman, English Socialist and Secretary of the English Section of the LAI received authority from Moscow to run the League.[37] […] Read the full article (7 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Section V:           New Publications – Reports and Reviews   Section V.1:  Reviews.   Droit, Emmanuel; Kott, Sandrine (eds.): Die ostdeutsche Gesellschaft. Eine transnationale Perspektive, Berlin, Ch.Links, 2006. 299 p. (Rezensiert von Renate Hürtgen, Berlin). Kommunismusforschung „à la française“. Die französische DDR-Forschung wurde bis 1989 bekanntermaßen in enger Verbindung zur Kommunistischen Partei und hier bevorzugt von Germanisten betrieben. Obwohl die kommunistische Bewegung in Frankreich nicht isoliert am Rande der Gesellschaft existierte und auch ihre Kommunismusforschung durchaus gebührenden Platz darin fand, blieb letzterer nach 1989 das Ende nicht erspart.[38] Aber was trat an diese Stelle oder bedeutete es das Aus für die Forschung, war das Interesse am „Osten“ in Frankreich erlahmt? Mitnichten. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es über 50 Dissertationen und Habilitationen, die sich mit der DDR und den neuen Bundesländern befassen, Seminare und Zeitschriften widmen sich in Frankreich diesem Thema, etwa 25 Neuerscheinungen wurden inzwischen veröffentlicht, und nicht zuletzt ist die Gründung einer Forschungsgruppe 1996 am Berliner Centre Marc Bloch, die sich der DDR und den neuen Bundesländern widmet, ein beredter Ausdruck dieses Interesses. Die Wissenschaftler/innen kommen nicht mehr nur aus der Germanistik, sondern aus der Politikwissenschaft, der Soziologie, Geschichte, Geographie, der Ethnologie, der Anthropologie oder der Wirtschaftswissenschaften. Wer seine Ignoranz gegenüber diesem Prozeß einer Art Neuformierung der französischen Kommunismusforschung überwinden und sich auf anregende Weise mit den Ergebnissen der jüngsten französischen DDR-Forschung vertraut machen möchte, der sollte diesen von Sandrine Kott und Emmanuel Droit herausgegebenen Band lesen, der ein im März 2005 in Berlin veranstaltetes Kolloquium in deutscher Sprache dokumentiert. Er findet darin Dreierlei: 1. Zwölf Beiträge von jungen französischen Wissenschaftler/innen aller genannten Disziplinen, die hier ihre Forschungsergebnisse vorstellen, 2. vier diese Beiträge kommentierende Texte von deutschen und anglophonen Wissenschaftler/innen (Jens Gieseke, Thomas Lindenberger, Ralph Jessen, May Fulbrook) sowie 3. fünf Beiträge von „gestandenen“ französischen Wissenschaftler/innen, die jeder auf seine Weise Einblick in den differenzierten Stand der französischen DDR-Forschung und darüber hinaus der Sozialgeschichtsforschung in Frankreich geben. […] Read the full article (3 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Kondakova, I.A. (ed.): Otkrytyj archiv-2. Spravočnik sbornikov dokumentov, vyšedšich v svet v otečestvennych izdatel’stvach v 1917-2000 gg., Moskva, ROSSPEN, 2005. 432 p. (Rezensiert von Gleb Albert, Köln). Die „Archivrevolution“ im postsowjetischen Rußland öffnete nicht nur neue Horizonte für die Geschichtsforschung, sondern schlug sich auch auf dem Buchmarkt nieder. Seit den frühen 1990er Jahren erschienen weltweit Hunderte von Dokumentenbänden, welche die Bestände sowjetischer Archive der Öffentlichkeit präsentieren. Dabei erweist sich Rußland mit Abstand als führend in der Publikation. Die Aufarbeitung der archivalischen Hinterlassenschaften des Sowjetstaates ist nicht nur ein nach Plan ausgeführtes Anliegen staatlicher Forschungsinstitutionen (siehe den Artikel von Vladimir P. Kozlov in der vorliegenden Ausgabe), sondern steht im Zentrum des intellektuellen Diskurses des Landes und wird von zahlreichen nichtstaatlichen Institutionen vorangetrieben. Dabei begann die groß angelegte Veröffentlichung von Archivprovenienzen und anderen dokumentarischen Quellen nicht etwa erst mit dem Fall der Sowjetunion. Dies widerlegt eindruckvoll das im letzten Jahr erschienene bibliographische Verzeichnis aller Dokumentenpublikationen zwischen 1917 und 2000.  Während sich die erste Ausgabe der Bibliographie „Otrytyj archiv“ („Offenes Archiv“) mit Dokumentenpublikationen in sowjetischen bzw. russischen historischen Zeitschriften von 1985 bis 1996 befaßte, konzentriert sich „Otkrytyj archiv-2“ nun auf Editionen, die über den gesamten Zeitraum der Existenz des Sowjetstaates einschließlich der Russischen Föderation bis 2000 in sowjetischen bzw. russischen Verlagen erschienen sind. Dabei werden keine Einschränkungen hinsichtlich Epochen und Quellentypen getroffen, und die Art der publizierten Dokumente reicht von bürokratischer Korrespondenz bis zu privaten Tagebüchern. Das Verzeichnis beinhaltet (bis 1991) auf dem gesamten Territorium der Sowjetunion erschienene Sammelbände, so daß sowohl die russische Provinz als auch die Unionsrepubliken mit ihren Publikationen vertreten sind. Thematisch offenbart sich ein äußerst breites Spektrum – neben den, zweifellos dominierenden, Veröffentlichungen zur Innen- und Außenpolitik findet sich hier eine Vielzahl von Publikationen zur Kultur- und Alltagsgeschichte. Zu einem unerläßlichen Werkzeug der Geschichtsforschung wird die Bibliographie vor allem durch einen ausführlichen, über 60 Seiten umfassenden Register-Anhang. Dieser verweist unmittelbar auf die individuell durchnummerierten Publikationen; es existieren eigene Register für Personennamen, inhaltliche Schlagworte, Organisationen und Parteien, Archive, geographische Bezeichnungen, Verlage und sogar chronologische Zeiträume. Die umfassende Berücksichtigung der Publikationstitel jenseits jeglicher Auswahlkriterien sowie ihre systematische Erfassung durch die Register machen „Otkrytyj archiv-2“ zu einem unverzichtbaren Handwerkzeug. Schnell und gründlich lassen sich hier die bereits erschlossenen Quellenbestände zu einem Thema überblicken; eine Konsultierung des Verzeichnisses sollte idealerweise vor jeder Arbeit in den russischen Archiven erfolgen. Darüber hinaus lassen sich anhand dieser Bibliographie wichtige Einschätzungen zu Wissenschaft, Verlagswesen und Propaganda in der Sowjetunion vornehmen. Read a more circumstancial Review in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Foitzik, Jan; Timofejewa, Natalja P. (Bearb.): Die Politik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Kultur, Wissenschaft und Bildung 1945-1949. Ziele, Methoden, Ergebnisse. Dokumente aus russischen Archiven. (Rezensiert von Anne Hartmann, Bochum).[39]  Diese Dokumentation ist eine Fundgrube für die Forschung! – künftig unverzichtbar für jede wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sowjetischen Besatzungszone, aber auch ergiebig für einen quellengestützten Unterricht an Schulen und Hochschulen. Zeitzeugen wie der evangelische Bischof Otto Dibelius hatten schon 1949 festgestellt, „daß unser öffentliches Leben bisher unter der alleinigen Herrschaft und Verantwortung der Besatzungsmacht stand“ (S. 37). Die umfassende Lenkungsfunktion der SMAD nicht nur zu behaupten, sondern sie dokumentarisch nachzuweisen und damit zu den konkreten Mechanismen von Politik und Herrschaftsausübung durch die sowjetische Besatzungsmacht vorzustoßen, wurde erst möglich, seitdem der früher geheime Aktenbestand in den russischen Archiven – zumindest größtenteils – zugänglich wurde. Im Rahmen eines deutsch-russischen Kooperationsprojekts wurden ca. 12.000 Aktenbände im Staatsarchiv der Russischen Föderation ausgewertet; die Ergebnisse sind in einer russischen Ausgabe (320 Dokumente) und einer parallelen, aber weniger umfangreichen deutschen Edition (150) publiziert worden. Der Historiker Jan Foitzik, der 1999 bereits eine große Studie zu „Struktur und Funktion“ der SMAD vorgelegt hat, und seine russische Kollegin Natalja Timofejewa präsentieren reichhaltiges Material zur Vorgehensweise der SMAD in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Bildung.  Der erste Abschnitt „Kontrolle und Lenkung“ versammelt Dokumente, die die Rahmenbedin- gungen erkennbar machen, vom Aufbau des Apparats über die Beschlagnahmung nazistischer Literatur und die Säuberung von Bibliotheken bis zu Verbots- und Zensurmaßnahmen gegenüber Parteien, Vereinigungen, Medien und Kirchen. Aus der Spannbreite der Texte und Themen wird ersichtlich, wie vielfältig die Bereiche waren, in denen die Instanzen der SMAD Regulierungsbedarf sahen. Der zweite Teil „Bildung und Wissenschaft“ dokumentiert ihren ordnungspolitischen Zugriff gegenüber Schulen, Hochschulen, Forschung und Volksbildung, aber auch die Versorgungslage und politische Stimmung innerhalb der Intelligenz. Auch die „Kulturpropaganda“, über die der dritte Teil informiert, war vornehmlich präskriptiv angelegt, um – besonders durch die Kulturabteilung der SMAD, das Haus der Kultur der Sowjetunion in Berlin und die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion – gezielt und offensiv für das sowjetische Politik-, Wissenschafts- und Kulturmodell zu werben. Die mit Einleitungen der beiden Bearbeiter und – in der deutschen Fassung – vorbildlichen „Editorischen Vorbemerkungen“ versehene Quellenedition ermöglicht bemerkenswerte Einblicke in das innere Getriebe der SMAD und hinter die Fassade der ritualisierten Hilfs- bzw. Freundschaftsbekundungen. Gerade die dirigistischen Züge der sowjetischen Kulturpolitik treten scharf hervor, doch wird auch erkennbar, dass Ordnungswahn und umfassende Propagandaplanung letztlich kontraproduktiv wirkten. Die Herausgeber gehen davon aus, dass das „vorgestellte Quellenmaterial die Fachdiskussion mehr anregt als klärt“ (S. 40). Es ist zu wünschen, dass viele dieser Einladung folgen und diese verdienstvolle Edition nutzen.  Read a 7 Pages Review in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York, Berghahn, 2005. 234 p. (International Studies in Social History. 6). (Rezensiert von Gleb Albert, Köln). Daß die Arbeiter in der als „Arbeiter- und Bauernstaat“ proklamierten Sowjetrepublik durchaus nicht immer den Staatskurs unterstützten, sondern den Kampf um ihre Rechte auch gegen diesen fortsetzten, ist mittlerweile Forschungskonsens. Das Wesen dieses Kampfes ist allerdings bislang nur kursorisch untersucht worden. Die vor der „Archivrevolution“ verfaßten westlichen Studien zu Arbeiterleben und Arbeiterkonflikt in der frühen Sowjetunion[40] konnten zum größten Teil nur auf öffentliche Quellen zurückgreifen. Nachdem im Laufe der letzten Jahre die allgemeine Geschichte der frühsowjetischen Arbeiterproteste von neuem in Angriff genommen werden konnte,[41] liegt nun mit der Monographie von Kevin Murphy eine der ersten detaillierten Analysen zur Rolle der Arbeiter im frühen Sowjetstaat in Form einer fabrikbezogenen Fallstudie vor.[42]  Die mit dem Isaac & Tamara Deutscher Memorial Prize ausgezeichnete Untersuchung zielt darauf ab, anhand des Beispiels der Moskauer Metallfabrik „Serp i Molot“ („Hammer und Sichel“) die Beziehungen zwischen den Arbeitern und dem Staat zu untersuchen und die Entwicklung von der durch die Arbeiter mitgetragenen Revolution 1917 hin zur Epoche des Ersten Fünf-JahresPlans als „Konterrevolution“ nachzuzeichnen. Das Moskauer Metallwerk des französischstämmigen Industriellen Julij Gužon, welches nach der Oktoberrevolution umbenannt wurde, war bereits im späten Zarenreich Kulminationspunkt der Moskauer Arbeiterbewegung. Eine dezidiert marxistische Position einnehmend und sich auf Trockij und Tony Cliff berufend, widerspricht Murphy sowohl dem Diskurs des Kalten Krieges, nach dem sich die Arbeiter vollständig dem Sowjetregime ergeben hätten, wie auch der „postmodernen“ Wahrnehmung von Klasse als konstruierte Identität. Für Murphy besteht eine Kontinuität zwischen dem Arbeiterkampf, der zur Oktoberrevolution führte, und dem Konfliktpotential zwischen Arbeitern und Sowjetstaat – ein anhaltender Klassenkampf also, der erst mit dem Sieg des stalinistischen Produktivitätsethos zum Erliegen kam. Es gelingt dem Autor nicht immer, diese Kontinuität plausibel nachzuweisen, dennoch offenbart die vorliegende Untersuchung vor allem durch das reichhaltig konsultierte Archivmaterial viele neue Einblicke. Die Perspektive „von unten“ wird durch die Hinzuziehung von Quellen wie Mitschriften von Versammlungen und Arbeiter-Memoiren bewahrt. Read a circumstancial 4 Pages Review in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Renkama, Jukka: Ideology and Challenge of Political Liberalisation in the USSR. 19571961. Otto Kuusinen’s „Reform Platform“, the State Concept and the Path to the 3rd CPSU Programme, Helsinki, SKS, 2006. 396 p. (Reviewed by Tauno Saarela, Helsinki). Otto Ville Kuusinen’s reputation as a significant international and Soviet politician was based on his activities as secretary of the Communist International in 1921-39 and as member of the leadership of the Communist Party of the Soviet Union (CPSU) at the end of the 1950s and the beginning of the 1960s. Jukka Renkama in his recent dissertation has studied the later phase, during which Kuusinen tried to liberalise the ideological stands of the CPSU. His contributions to that liberalisation consisted of some proposals concerning the notion of the „dictatorship of the proletariat“ in 1957 and also the programme of the CPSU in 1961. During that time he was involved in editing the book The Fundamentals of Marxism-Leninism. The effort of liberalisation concerned mainly the question how the state could be characterised in the Soviet Union in the late 1950s. Kuusinen still shared the opinion that the communists, after the take-over of the power, had to establish a dictatorship of the proletariat, but he did not want to state that there existed a dictatorship of the proletariat in the Soviet Union. This choice was guided by the wish to express a vast support of socialism in the Soviet Union but also by the fear of recurrence of the violent past.  Renkama’s book is an excellent study in the history of ideas. It consists mainly of the comparison of various ideas and concepts. Renkama performs that comparison very well, but it might have been possible to pay more attention to the situation in which the texts were written. To speak about the character of the state was not the same issue for those who reached out for power as for those who already held the power, that is, it was not the same issue for Marx and Engels as it was for Kuusinen in the 1950s. Considering this would have given some possibilities to the author to shorten and combine the analysis of various concepts and ideas. Renkama relates Kuusinen’s thinking to other contemporary contributions by studying the programmatic texts written in Hungary, Yugoslavia and China. Thus he aptly reveals the internationalism of the communist movement. That internationalism would also have given reasons to ponder on the possible challenge the Western communist parties posed the CPSU after the Hungarian events in 1956, in particular. Renkama does not consider Kuusinen and the other communists so almighty that he would not dare to consider the inherent contradictions in their thinking. Kuusinen, for instance, opted for the development of a self-government but on the other hand considered self-evident that the communist party continues to have a leading position. The analysis of contradictions deriving from that is carried out in an excellent way.  Renkama brings up the questions concerning the relationship existing between general ideological statements and the practical political and economic issues. For instance, the idea that capitalist countries were to attack socialist countries could be a reason to argue for strong repression apparatus or the developement of war industry. […] Read the full article (2 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Wettig, Gerhard: Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München, Oldenbourg, 2006, 312 p. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. 67). (Rezensiert von Rolf Steininger, Innsbruck). In der Nacht zum 13. August 1961, einem Sonntag, begann jene Aktion, die zu den einschneidendsten Ereignissen der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte gehört: SED-“Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, Volkspolizei und Einheiten der Nationalen Volksarmee – mit strategischer Rückendeckung der Roten Armee – riegelten die 110 km lange Außengrenze zwischen West-Berlin und der DDR sowie die 45 km lange Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Stacheldraht ab. In den folgenden Wochen und Monaten wurde aus dem Stacheldrahtverhau eine Mauer – Symbol für den Kalten Krieg und den OstWest-Konflikt. Der Mauerbau war der Höhepunkt einer Krise, die der sowjetische Führer Nikita Chruschtschow im Herbst 1958 ausgelöst hatte und die erst 1963 endete. Sie gehört zu den gefährlichsten Zuspitzungen des Kalten Krieges und war nach Einschätzung des damaligen stellvertretenden US-Verteidigungsministers Paul Nitze gefährlicher als die Kuba-Krise 1962: wegen der Gefahr von Fehleinschätzungen, insbesondere auf sowjetischer, aber auch auf westlicher Seite. Der Mauerbau war denn auch so etwas wie das Sujet célèbre der Zeithistoriker, wobei der Zugang zu den Quellen ein besonderes Problem darstellte. Im Lauf der Jahrzehnte standen allerdings auf westlicher Seite immer mehr Akten zur Verfügung, sodass wir zum 40jährigen „Jubiläum“ des Mauerbaus ziemlich genau über die Politik der Westmächte Auskunft geben konnten. Mit Blick auf die Sowjetunion und die DDR gab es allerdings nach wir vor mehr Fragen als Antworten. Weshalb löste Chruschtschow die Krise aus? Warum in Form eines Ultimatums? Welche Rolle spielte die SED-Führung, allen voran Walter Ulbricht? Wann wurde die Entscheidung für den Bau der Mauer getroffen, und wer traf sie? War der Mauerbau der Höhepunkt der Krise? Und was die Konfrontation am Checkpoint Charlie im Oktober anging: Geschah dies mit Zustimmung von US-Präsident Kennedy oder war dies eine einsame Entscheidung seines Repräsentanten in West-Berlin, General Lucius D. Clay? Und was bewegte Chruschtschow beim Rückzug der sowjetischen Panzer? Bei allen diesen Fragen waren wir größtenteils auf Spekulationen angewiesen, trotz einiger neuer Dokumente aus der ehemaligen DDR. Einer der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik nach 1945, Gerhard Wettig, ehemals Forschungsbereichsleiter am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und Chefredakteur der Zeitschrift „Außenpolitik“, gibt in seiner neuen Arbeit Antworten auf einige dieser Fragen. Wettig hat sowjetische Dokumente auswerten können, in erster Linie Bestände des Archivs des russischen Außenministeriums und des russischen Staatsarchivs für Neueste Geschichte, dem ehemaligen Archiv des ZK der KPdSU. Ergänzend dazu hat er Material aus Archiven der ehemaligen DDR benutzt. Keinen Zugang hatte er zum Präsidentenarchiv in Moskau erhalten, dem zweifellos wichtigsten Archiv in der russischen Hauptstadt, in dem selbst russische Forscher nur in seltenen Ausnahmen arbeiten können.  Read the full review (2 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.    Forthcoming Reviews The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007 shall contain the circumstancial versions of the reviews published here and in addition, the following new reviews: Moullec, Gael (ed.): Dimitrov, Georgi. Journal 1933 – 1949. Version intégrale et annotée par Gael Moullec. Avec la collaboration de Jordan Baev, Tamara V. Domratcheva, Zoia K. Vodopianova. Traduction de l’allemand par Anne Castagnos-Sen, traduction du russe par Tatiana Zazerskaia, traduction du bulgare par Assia Stantcheva, Paris, Belin, 2005. 1505 p. (reviewed by Bernhard H. Bayerlein).   Hürtgen, Renate: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln-Weimar-Wien, Böhlau Verlag, 2005 (reviewed by Mathieu Denis).   Pereira, José Pacheco: Alvaro Cunhal, uma biografia política. Volume I: „Daniel“, o jovem revo-lucionário (1913–1941), Lisbon, Temas e Debates, 1999. 477 p.; Volume II: „Duarte“, o dirigente clandestino (1941–1949), Lisbon, Temas e Debates, 2001. 872 p.; Volume III: O Prisioneiro (1949-1960), Lisbon, Temas e Debates, 2005. 748 p. Introductory note by José Pacheco Pereira (reviewed by Bernhard H. Bayerlein).   Scheil, Stefan: Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die ver-einte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, Berlin, Duncker & Humblot, 2. Aufl. 2004. 533 p. (Zeitgeschichtliche Forschungen. 18).   Selezneva, G.N. e.a. (eds.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935-1935. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij). Kniga pamjati zertv politiceskich repressij. Obščestvo Memorial, Moskva, Izd. Zvenja e.a., 2005. 596 p. (reviewed by Robert Otte, Berlin).   Gorjačev, Ju.V. (ed.): Central’nyj komitet KPSS, VKP(b), RKP(b), RSDRP(b). Istorikobiografičeskij spravočnik, Moskva, Parad, 2005. 496 p. (reviewed by Robert Otte, Berlin). Section V.2:  Presentations and Publishers’ Announcements.   Datta Gupta, Sobhanlal: Comintern and the Destiny of Communism in India. 1919-1943. Dialectics of real and a possible History, Calcutta, Seribaan, 2006. XXI + 329 p.   The book is the culmination of the author’s research for more than a decade on one of the most debatable and sensitive issues concerning the history of the Left and communist movement in India. The opening up of the Comintern archives in Moscow in the 90s has now made it possible for the scholars to have the first glimpse of how the destiny of the Communist Parties of’ the world in the inter- War period was defined by politics inside the Comintern which, in turn, were predominantly shaped by the struggle for power inside the Soviet Communist Party after Lenin’s death. With the accessibility of the Comintern archives a massive literature has emerged in the West (primarily in Russian and German, besides English), leading to a reinterpretation of the understanding of Comintern as a historiographical problem in the light of these new sources. The book, based on these materials (archival and non-archival), provides for the first time an entirely new analysis of Comintern’s impact on the shaping of Indian communism and argues about the alternative possibilities of the Left and communist movement in India in the light of documents which were suppressed or unknown till now. This reinterpretation of the role of Comintern (1919-1943), which masterminded the beginning and shaping of communism in India, will contribute to a refreshingly new understanding of the problems, complexities and crisis that communism in India has encountered in its long history.  Besides the Comintern archives, the book is based on materials from the archives of the Communist Party of Great Britain (CPGB), which include the papers of Rajani Palme Dutt, Harry Pollitt, Ben Bradley, the stenographic records of the Central Committee, Politbureau and the Party Congresses of the CPGB, all relating to the links between the CPGB, India and Comintern, papers from the Public Records Office, UK and the Private Papers of Horst Krueger in Berlin.    The book has the following chapters. Chapter I: Comintern: the new historiography. Chapter II: The colonial question and India in the Lenin era: 1919-1923. Chapter III: India and the East in the period of’ „Bolshevization“ and „Third Period“: 1924-1934. Chapter IV: The Indian question in the era of United Front and War: 1935-1943. Chapter V: Comintern and the Indian revolutionaries in Russia. Chapter VI: Indian communism: Dialectics of real and a possible history.   Krekola, Joni: Stalinin lyhyt kurssi. Suomalaiset Moskovan Lenin-koulussa 1926-1938, Helsinki, SKS, 2006. 445 p.   The study of the Finns at the International Lenin School (ILS) reflects the history of the Soviet Union during Stalin’s era, the history of the Communist International (Comintern) as well as the history of Finnish communism. The life span of the ILS (1926–1938) coincides with the creation and the establishing of the power structures of Stalinism. Both the ILS and Finnish Communism in the USSR became casualties of the Great Terror (1937–1938). After the WW2, however, the Soviet education was appreciated inside the Communist Party of Finland (CPF).  The Finnish teachers of the ILS, altogether numbered 26, were usually leaders of the CPF that was headquartered in Moscow. At the ILS studied in total 141 Finnish communists. The purpose of the ILS was to educate the communist parties’ leading stratum of functionaries by combining the theory of Marxism-Leninism with practices of party work. The students were supposed to internalize current values, methods and discipline of the Bolsheviks. The study evaluates the effects of the total school experience on the Finns that often ended in another total institution in Finland: prison.  The Finnish sector at the ILS started in the autumn of 1930 when communism in Finland was forced underground. In the 1930s, most of the Finns studied using their own language at the ILS short courses that lasted from nine months to two years. After the first term, the graduates were usually sent back to party work as district organisers in Finland. When having carried out the illegal work in hard conditions successfully, they were offered another year at the ILS advanced course. The Finnish state police, however, succeeded in arresting most of the Soviet educated students, preventing the circulation of cadres from running smoothly. Despite the strict control at ILS, an informer infiltrated the Finnish sector in 1934. He revealed the secrets of the ILS during the police interrogations right after returning back to Finland. The curricula of the ILS consisted of theory of Marxism-Leninism, party history, political economics and other subjects concerning the campaigns of Stalinism. The Finnish students participated in military training, and they learned techniques of illegal party work. The ILS year included participation in Bolshevik party life and practical work. During summer excursions (praktikas) the students could acquaint themselves with building of socialism in the Soviet Republics. At the ILS, the intention to ideological moulding was not hidden. The students were supposed to adopt the Stalinist identity of the professional revolutionaries of the era. The disintegration of the ILS started already in the mid-1930s after the 7th Comintern congress. The new tactics of the people’s front combined with increasing pressure on the foreigners inside the USSR contributed to reserving the ILS for students from illegal parties only. Since the breakout of the Spanish civil war in summer of 1936, only few new students were accepted. The final shutdown followed in early 1938 when the Comintern workers including the Finnish ILS teachers were severely hit by Stalinist terror. The last Finnish students had to witness the disappearance of their leaders in Moscow. After a curious additional year, the majority of the graduates was sent back to Finland in the autumn of 1938. Read a more circumstancial presentation (2 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Saarela, Tauno: Kansan Tahto. Pohjolan työtätekevien lehti, Jyväskylä, Gummerus Oy, 2006. 448 p. Newspapers have been important for the Finnish labour movement. The first labour newspaper was founded in Helsinki in 1886 and by the end of the century there were three papers in the country. An actual wave of foundation took place in 1905-06 when labour associations in various towns started their own newspapers. That coincided with the dramatic increase in the membership of the labour movement as the ban on the creation of new organisations issued in 1899 by the Russian authorities had been abolished after the general strike in November 1905. The general strike also made the tsar to give a promise to establish a new unicameral parliament based on universal suffrage in Finland. Many of those newspapers born after the general strike have disappeared but Kansan Tahto (Will of the People), which started in Oulu in the beginning of February 1906, is still alive. […] Kansan Tahto began its life as an organ of the Social Democratic Party (SDP). The abortive revolution and the Civil War in 1918 and the orientation after them created basis for the division of the labour movement in Finland. In spring 1920 Kansan Tahto decided to leave the SDP which was re-founded in spring 1918 by those who had not participated in the revolution and to become an organ of the Socialist Workers’ Party of Finland (SSTP). Thus Kansan Tahto wanted to belong to the left of the Finnish labour movement which, besides the SSTP, consisted of the Communist Party of Finland (SKP) founded by the Red refugees in Moscow in August 1918 and forbidden in Finland up to autumn 1944. At that time the left of the Finnish labour movement was reorganised as the SKP became public and a new organisation, The People’s Democratic League of Finland (SKDL), was founded. Kansan Tahto was an organ of the latter from 1945 to its dissolution in 1990 and since then an organ of the Left Union. Thus Kansan Tahto has contributed to the large support of the leftist labour movement in Northern Finland and its past is an essential part of the history of that movement in the area. […] New communist doctrine could achieve strong influence, and in the end of the 1920s Kansan Tahto was very eager to propagate the ideas of the new revolutionary period. It was, however, the general commitment to the communist movement which contributed to the ban of the newspaper from summer 1930 to autumn 1945. The same kind of strong commitment was evident as Kansan Tahto started to appear after the long interval in 1945 […].  Kansan Tahto started rebellion against the narrow-mindedness and orthodoxy of the communist movement in October 1964. The actual starting point was the dismissal of Nikita Khrushchev after which the newspaper started a new section for readers’ discussion unusual in the labour newspapers at that time. […] Thus Kansan Tahto, contrary to the leadership of the SKDL and SKP, did not strongly criticise the occupation of Czechoslovakia in 1968 and did not allow the criticism of the Soviet Union on its pages. In the internal disputes of the Finnish communist movement it, however, followed the majority line, though it was not very enthusiastic about the deals made between the majority and minority and considered them dangerous for the rules of the party. During its hundred years Kansan Tahto has filled its promise to be the organ of the poor in Northern Finland in a splendid way. […] Read the full article (4 pages) in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007. Bayerlein, Bernhard H.: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“. Vom Ende der linken Solidarität. Sowjetunion, Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939 – 1941. Unter Mitarbeit von Natal’ja Lebedeva, Michail Narinskij und Gleb Albert. Mit einem Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard. Vorwort von Hermann Weber, Berlin, Aufbau-Verlag, 2006, 700 p. Das als historische Collage angelegte Buch beleuchtet erstmals systematisch und international vergleichend das traumatische Ende des Antifaschismus und einer Kultur der linken Solidarität als unmittelbare Folge des Nichtangriffs- und Freundschaftsvertrags zwischen Stalin und Hitler. Es enthält die Chronik eines politischen und kulturellen Bruchs mit unabsehbaren Folgen, der aufgrund der Dokumentenlage bisher kaum beschrieben und historisch eingeordnet werden konnte. Dabei werden eine Reihe sich hartnäckig bis heute haltende Tabus gebrochen und der Ursprungsmythos des Antifaschismus zerstört.  Der siegreiche Einsatz der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg verdrängte im historischen Diskurs die „dunklen Jahre“ der Kooperation der Diktatoren von 1939 bis 1941, kann sie jedoch nicht ungeschehen machen. Ausgehend von der Anklage des genialen und aufrechten antifaschistischen Propagandisten, Willi Münzenberg „Der Verräter, Stalin, bist Du!“, illustrieren Dokumente der Staats- und Parteiführungen, der Instrukteure der Komintern, der KPD und der kommunistischen Parteien in Moskau, Berlin, Paris, Amsterdam, Sofia …, was bisher nicht umfassend nachgewiesen werden konnte: Die politischen Instruktionen, Mechanismen, Propagandastrategien, Umdeutungen, chaotischen Wendungen, rhetorischen Bemäntelungen und zynischen Rechtfertigungen, mit denen, im Namen eines linken Diskurses und der Verteidigung der Sowjetunion in Wahrheit der antifaschistische Grundkonsens aufgekündigt wurde.  In Deutschland weitgehend unbekannte Dokumente aus Berliner, Moskauer und Pariser Archiven, Kommentare, Chroniken sowie ein Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard belegen: Die offizielle, mit dem Stalin-Hitler-Pakt besiegelte Freundschaft zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion zwang im September 1939 die kommunistische Bewegung zur Absage an Internationalismus und Solidarität. Stalins bisher kaum nachvollziehbare Doppelstrategie eines längerfristigen Bündnisses mit Hitler und der neo-imperialen bzw. -zaristischen Ausrichtung wird in der Rückschau plausibler, ihr Scheitern gegenüber Hitlers „Plan Barbarossa“ noch dramatischer. Die willkürlichen Neuaufteilungszenarien der Welt gemeinsam mit dem verbrecherischen HitlerRegime und die Instrumentalisierung der Komintern und der kommunistischen Parteien für solche Ziele, werden systematisch rekonstruiert – allerdings auch Opposition und Widerstand von Parteimitgliedern und Intellektuellen. Das Buch illustriert zugleich die Niederlage einer Politik, die den inneren Verrat zum Gestaltungsprinzip erhoben hatte. Im letzten Werk vor seinem Tod schrieb Walter Benjamin stellvertretend für eine Linke, die sich ihr Denkvermögen und ihre Würde bewahrt hatte: Es sei nun eine Situation eingetreten, in der „(…) die Politiker, auf die die Gegner des Faschismus gehofft hatten, am Boden liegen und ihre Niederlage mit dem Verrat an der eigenen Sache bekräftigen“. Read more about this book in The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  Weissman, Susan: Dissident dans la révolution. Victor Serge. Une biographie politique, Paris, Syllepse, 2006. 440 p. Victor Serge a été le témoin des grandes tragédies et des espoirs qui ont marqué le 20e siècle. Susan Weissman s’attache dans cette biographie à nous faire découvrir un Serge inattendu: elle nous fait suivre pas à pas le développement de la pensée et de l’action de l’auteur de „S’il est minuit dans le siècle“.  Russe élevé en Belgique, son parcours se poursuit à Paris où l’entraînent ses convictions anarchistes. Il y fréquente la célèbre bande à Bonnot et, après une lourde condamnation, il rejoint Barcelone où couve l’insurrection. Attiré comme par un aimant par la révolution des soviets, il gagne Petrograd où il découvre une révolution en danger. Il devient rapidement proche des bolcheviks dont il rencontre les plus éminents dirigeants, Lénine et Trotski notamment, et participe à la lutte désespérée de cette révolution pour briser son isolement et son étranglement.  Victor Serge est aussi le témoin accusateur de la montée victorieuse du cancer bureaucratique stalinien, qui détruit de l’intérieur la Russie soviétique et la révolution. Arrêté en Union Sovietique, déporté, il est sauvé d’une mort certaine grâce à une campagne internationale pour sa libération. Exilé à Paris, il est pris dans la tourmente du Front populaire, de la révolution espagnole et des procès de Moscou. Quand les chars nazis déferlent sur la France, il prend la route de son dernier exil: le Mexique.  Révolutionnaire épris de liberté et d’humanisme, Victor Serge a développé une vision critique, voire iconoclaste, du processus soviétique, ce qui l’a conduit à de nombreux désaccords avec Trotski dont il partageait le combat pour un socialisme démocratique dans la Russie stalinienne et dans le monde capitaliste. Section VI:  Meetings and Conferences Concerning Communist Studies.     Past Meetings and Conferences 2006.   Nottingham, United Kingdom, 3–5 January 2006: Study Group on the Russian Revolution 32nd conference. http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html#XXXII. London, United Kingdom, 4 February, 2006: Conference on 1956: The year of Khruschev’s se-cret speech, the year of the Russian invasion of Hungary and the Anglo-French invasion of Suez. Socialist Historians Group. conference2006@londonsocialisthistorians.org. Dresden, Germany, 7 – 9 February 2006: Konferenz Totalitarismus und Literatur. Über Rolle und Funktion von Literatur in totalitären Systemen. Veranstalter: Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. www.stiftung-aufarbeitung.de. Amsterdam and Leiden, The Netherlands, 9–11 February 2006: Maoist Insurgencies in Asia and Latin America, Workshop organized by International Institute of Asian Studies, Leiden & International Institute of Social History, Amsterdam and Leiden. www.iisg.nl/news/maoist.php. Berlin, 22 – 24 February 2006: .hist 2006. Geschichte im Netz, Praxis, Chancen. Visionen. Ta-gung des Kooperationsverbundes Clio-online an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. http://www.clio-online.de/hist2006/ • Bergamo, Italy, 3–4 March 2006: Madeleine Rébérioux et l’histoire sociale entre la France et l’Italie. Seminaire à l’hommage de Madeleine Rébérioux (1920-2005), Université de Bergamo. http://www.ialhi.org/news/i0602_7.html Berlin, 3 – 4 March 2006: Rosa Luxemburg und die Diskussionen der Linken in der Gegenwart. Internationale Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin.  http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=10933&type=0 Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006: Workshop zum 90. Geburtstag von Theodor Berg-mann. Contact: Dr. Florian Weis, Tel: 030–44310 164. The Hague, The Netherlands, 22–25 March 2006: European Social Science History Conference, International Institute of Social History. www.iisg.nl/esshc. Leipzig, Germany, 24 – 25 March 2006: Linke Utopien – die Zukunft denken. Das Krisenjahr 1956. VI. Rosa-Luxemburg-Konferenz, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Mona, Jamaica, 31 March 2006: Society, Culture and Politics, 7th Symposium of the The Social History Project, University of the West Indies, Mona, Jamaica.  http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=146705 Urbana Illinois, USA, 7–8 April 2006: Boundaries of Democracy: Civil Rights, Grass Roots Poli-tics, and Spaces of Resistance. The 2006 Midwest Labor and Working Class History Colloquium. The University of Illinois, Urbana-Champaign. http://www.iisg.nl/~w3vl/conference_4388.html • Coimbra, Portugal, 27 – 29 April 2006: O artista como intelectual. No centenário de Fernando Lopes-Graça, Congresso Internacional, Centro de Estudos Interdisciplinares do Século XX da Universidade de Coimbra, Grupo de Investigação sobre Correntes Artísticas e Movimentos Intelectuais. Keele, United Kingdom, 6 May 2006: The History of Strikes, Lock-Outs and General Strikes. Society for the Study of Labour History and Historical Studies in Industrial Relations, Keele University, Staffordshire. Contact: J.E.Murden@liverpool.ac.uk. Aix-en-Provence, France, 30 – 31 May, 2006: International Conference Labour and Organisa-tion: Research combining History and Ethnography. Maison mediterraneenne des sciences de l’Homme e.a. Organising Committee: Anne-Marie Arborio, Université de Provence/LEST, Yves Cohen, EHESS/CRH, Pierre Fournier, Université de Provence, LAMES, Nicolas Hatzfeld, Universite du Val d’Essonne/ IDHE, Cedric Lomba, CNRS/CSU.  http://www.mmsh.univ-aix.fr/lames/ index.htm. Berlin, Germany, 30 – 31 May 2006: V. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Historische Alternativen zur Stalinisierung des deutschen Kommunismus. Die Chance der Volksfront, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Helle Panke e.V. Contact: Dr. Cornelia Domaschke, Tel: 030 44310 151, Fax: 030 44310 222. Svetlogorsk, Russia, 7–8 June 2006: Conference: Russia and the West: A historical experience of 19-20 centuries, University of Kaliningrad, Institute for World History, Russian Academy of Sciences. Bristol, United Kingdom, 17 – 19 July 2006: La Guerre sans limite. L’Espagne de 1936 à 1939 et au delà. Group for War and Culture Studies (GWACS), Universities of Westminster and Bristol. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4236&view=print. Johannesburg, South Africa, 28 – 31 July 2006: Conference: Rethinking Worlds of Labour. South-ern African labour history in international context. History Workshop, University of Witwatersrand. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5042&count=301&recno=9&sortz=datum&order=down Stuttgart, Germany, 11 – 12 March 2006, Clara Zetkin. Symposium zum 90. Geburtstag von Theodor Bergmann.  Kochel am See, Germany, 08–10 September 2006: Workshop Historische Spanienforschung. Veranstalter: Martin Baumeister (München), Walther L. Bernecker (Nürnberg), Christian Windler (Bern). http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4450&view=print Zürich, Switzerland, 6 – 9 September, 2006: IALHI’s XXXVII Conference, International Association of Labour History Associations. Schweizerisches Sozialarchiv. http://www.ialhi.org/iconf.html#37 • Linz, Austria, 14–17 September 2006: 42. International Conference of Labour and Social History, ArbeiterInnenbewegung und Rechtsextremismus / Labour and right-wing extremism / Mouvement ouvrier et extrême droite. Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH). Coordination: Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Berlin, Dr. Thomas Hellmut, Institut für Zeitgeschichte, Univ. Linz, Univ.-Doz. Dr. Paul Pasteur, CERA, Université de Haute Normandie, Rouen, Prof. Dr. Michael Schneider, Friedrich Ebert-Stiftung Bonn. http://www.ith.or.at/konf_e/ueberblick_2006_e.htm Konstanz, Germany, 19 – 22 September 2006: Deutscher Historikertag, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD). www.historikertag.de Interesting Panels for Communist Studies (Sektionen Neue Geschichte): Berlin, Germany, 4–6 October 2006: Internationale wissenschaftliche Konferenz. Die Ungari-sche Revolution 1956: Kontext, Wirkung, Mythos, Collegium Hungaricum, Berlin, Zentrum für zeithistorische Forschung, Potsdam, Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, BBAW, Gendarmenmarkt.  Salamanca, Spain, 5-7-10.2006: Congreso Internacional „Las Brigadas Internacionales: 70 Años De Memoria Histórica”, Universidad de Salamanca, Ministerio de Cultura, Dirección General del Libro, Archivos y Bibliotecas-Subdirección General de los Archivos Estatales, en colaboración con la AABI (Asociación de Amigos de las Brigadas Internacionales) y el CEDOBI (Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales, de la Universidad de Castilla-La Mancha). http://www.usal.es/~brigadas/ Paris, France, 6–7 October 2006: Les socialistes et le mariage. Socialisme et sexualité. Conference at the Laboratoire de Démographie historique de l’Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS -Paris). Colorado Springs, Colorado, USA, 12–15 October 2006: Society for Utopian Studies 31st An-nual Conference. http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=148542. Cambdrige MA, USA, 19–22 October 2006: International History and Legacy of the Gulag Conference. Davis Center for Russian and Eurasian Studies at Harvard University. http://www.ialhi.org/news/i0508_08.html Wellington, New Zealand, 4–5 November 2006: Seminar New Zealand’s involvement in the Spanish Civil War. The Trade Union History Project, with support of the History Department, Victoria University and the NZ Film Archive. Coordinator: Mark Derby, markderby@paradise.net.nz. Bad Wiessee, Germany, 23 – 26 November 2006: Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts. Jahrestagung des Herder Forschungsrates und des Collegium Carolinum. http://hsozkult.geschichte.huberlin.de/termine/id=4962&view=print  Madrid, Spain, 27 – 29 November 2006: International Confernce on the Spanish Civil War. The State Society for Cultural Commemorations, assigned to the Spanish Ministry of Culture. Coordination: Prof. Santos Julià. Coordinadora técnica: Rosario González Martinez, Sociedad Estatal de Conmemoraciones Culturales. rgonzalez@secc.es. http://www.congresoguerracivil.es Moscow, Russia, 30 November–2 December 2006: Conférence: 1956 dans l’histoire de l’URSS, Centre franco-russe en sciences humaines et sociales de Moscou, Société Internationale Memorial, à l’INION. Genshagen, Germany, 1–2 December 2006: Tagung Russlandbilder in Europa, Berlin-Brandenburgisches Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa/Stiftung Genshagen. http://www.bbi-genshagen.de/. Tampere, Finland: 1–2 December 2006: Re-Calling the Past – Collective and Individual Memory of World War II in Russia and Germany, University of Tampere, German Language and Culture, Slavonic Philology (School of Modern Languages and Translation Studies, University of Tampere) and the Aleksanteri Institute (University of Helsinki).  http://www.uta.fi/laitokset/kielet/yht/tutkimus/Re-Calling%20the%20Past.html. Leuven, Belgium, 7–8 December 2006: Solidarity? Western Trade Unions and Solidarnosc. Coordination: Idesbald Goddeeris, Idesbald.Goddeeris@arts.kuleuven.ac.be. Berlin, Germany, 14–16 December 2006: Global Labor History and the Question of Freedom and Unfreedom, Wissenschaftskolleg zu Berlin, Prof. Dr. Jürgen Kocka (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), Prof. Dr. Andreas Eckert (Universität Hamburg), Berlin, WZB. Graz, Austria, 16 December 2006: Sowjetische Zwangsarbeiter und ihr Nachkriegsschicksal, In-stitut für Wirtschafts, Sozial- und Unternehmensgeschichte, Universität Graz, LudwigBoltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau. Meetings and Conferences 2007.   Aberdeen, U.K., 4–6 January 2007: XXXIII Annual Conference BASEES Study Group on the Russian Revolution, University of Aberdeen http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html. Berlin, Germany, 13 January 2007: XII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz, Mensa der Technischen Universität Berlin, Hardenbergstrasse http://www.rosa-luxemburg-konferenz.de. Bochum, Germany, 25 – 27 January 2007: Approaching European History from Southeast European Perspectives. Comparing Social Movements and Social Change in the 19th and 20th Centuries, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. sabine.rutar@ruhr-unibochum.de.  Melbourne, Australia, 29–30 January 2007: 8th Biennial Conference of the Australasian Associa-tion for Communist and Post-Communist Studies, University of Melbourne. Millicent.Vladivglover@arts.monash.edu.au, lth@politics.unimelb.edu.au (Prof. Lesley Holmes). London, U.K., 3 February 2007: Conference: The Cold War, Institute of Historical Research, London Socialist Historians Group, Senate House, London.  ttp://www.londonsocialisthistorians.org. Genshagen, Germany, 9–10 February 2007: Der kalte Krieg. Deutsch-französisch-polnische Ta-gung für Geschichtslehrer und Historiker, Berlin-Brandenburgisches Institut für DeutschFranzösische Zusammenarbeit in Europa/Stiftung Genshagen. http://www.bbi-genshagen.de/. New Haven, CT, USA: 23–25 March 2007: Dissertation Development Workshop: Violence in Eurasia: Historical and Contemporary Approaches, Eurasia Program, Social Science Research Council, Yale University. eurasia@ssrc.org. Ksiaz, Poland, 10–12 April 2007: Weder Ost noch West. Intellektuelle in Europa im Zeitalter der Blockkonfrontation (1945-1989), Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam), Europäisches Zentrum (Ksiaz), Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden), Masaryk-Universität (Brno), Ksiaz (Polen). euv42109@student.euv-frankfurt-o.de. Durham, NC, USA, 17 May 2007: The Labor and Working Class History Association. Confe-rence at Duke University. www.lawcha.edu. Paris, France, 21–22 May 2007: Politische Praxis kommunistischer Parteien in Westeuropa und den Volksdemokratien, Deutsch-französische Gruppe für vergleichende Sozialgeschichte, Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin, Fakultät für Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld, Centre de recherches historiques [EHESS/CNRS], Fondation Maison des Sciences de l’Homme Paris, Paris, Maison des Sciences de l’Homme. Deadline: 31.01.2007. Honolulu, Hawaii, 30 May–2 June, 2007: 6th Annual Hawaii International Conference on Social Sciences, University of Louisville – Center for Sustainable Urban Neighborhoods, Waikiki Beach Marriott Resort & Spa, Honolulu Hawaii, USA. Submission Deadline: January 24, 2007. http://www.hicsocial.org Moscow, Russia, 31 May–2 June 2007: Prag ’68. Die UdSSR, Österreich und die internationale Krise 1968, Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau. Hanover, Germany, 1–2 July 2007: Avantgarden und Politik. Jahrestagung der Sektion Kultur-soziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Prof. Dr. Lutz Hieber, PD Dr. Stephan Moebius, Sprengel Museum Hannover. Sofia, Bulgaria, 5–7 July 2007: Political Culture and Cultural Politics in Central and South East Europe, 1850-1950, Institute of Balkan Studies with the Bulgarian Academy of Sciences  Research Group in European Urban Culture Newcastle, UK, Sofia Dobrinka Parusheva. Deadline: 05.01.2007. clio_dp@yahoo.co.uk. Hamburg, Germany, 5–7 September 2007: Politics of Fear in the Cold War. Part IV of a Con-ference Series „Between ‘Total War’ and ‘Small Wars’: Studies in the Societal History of the Cold War“, Hamburg Institute for Social Research. uta.balbier@his-online.de. Szklarska Poreba, Poland, 26–29 September 2007: International scholarly conference – The communist movement, 1944 to 1956, Institute of National Remembrance, Warsaw. anna.piekarska@ipn.gov.pl. Vienna, Austria, 13–16 December 2007: Workshop: Utopien, Menschenrechte und Geschlecht im Europa des 20. Jahrhunderts, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien in Verbindung mit dem Freud Museum, Wien, und Cooper Union, New York, Wien. Ort: Freud-Museum. Deadline: 31.01.2007. Konzept: Prof. Dr. Atina Grossmann, Cooper Union, New York und Prof. Dr. Carola Sachse, Universität Wien. irene.maria.leitner@univie.ac.at.   Meetings and Conferences 2008.   Lisbon, Portugal, 27 February–1 March 2008: European Social Science History Conference (ESSHC), International Institute of Social History, Amsterdam. Deadline: 01.04.2007. Vienna, Austria, 26–31 May 2008: Abschlusskonferenz (Arbeitstitel: „Prager Frühling“) 1968-2008, Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften.   Additional information and links may be consulted through specific websites, as for example:  Agenda Asia (http://www.iias.nl/gateway/news/agasia/). A database of Asian Studies confer-ences, workshops and seminars.  Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements.  Clio-Online http://www.clio-online.de H-Net Academic Announcements http://www2.hnet.msu.edu (Academic conferences, calls for papers, programs and others announcements in the humanities and social sciences). * History Conferences Worldwide From Conference Alerts • HUMANITIES – SOZIAL- UND KULTURGESCHICHTE. H-SOZ-U-KULT – http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de * News and Events List of upcoming events organized or co-organized by the International Institute of Social History • www.virtual library.labour history.   Section VII:  The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2006. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert.   Up to December 2006, the 2006 issue of the International Bibliography, compiled by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert spreads over 40 pages and will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online. It includes 584 new publications and covers 42 countries. Hereby we renew our call to correspondents and readers to share the titles of new publications with the editors.    Up to December 2006, the bibliography includes titles from the following countries:   Albania, Argentina, Austria, Azerbaijan, Belarus, Belgium, Brazil, Bulgaria, Canada, Cape Verde, Croatia, Czech Republic, Estonia, Finland, France, Germany, Hungary, India, Indonesia, Italy, Ireland, Jamaica, Latvia, Lithuania, Malaysia, Mexico, The Netherlands, Nepal, New Zealand, Norway, Poland, Portugal, Romania, Russia, Spain, Sweden, Switzerland, Turkey, Ukraine, United Kingdom, United States of America, Uzbekistan. Section VIII: Directory of Periodicals for Historical Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion lists, Bulletins and Services.   This directory compiled by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert listing more than 200 periodical publications from 23 countries concerning communist studies in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. The directory allows to go directly to the Internet portals and sites and to browse the tables of contents. Suggestions for completing and updating this directory are always welcome.  The main portals consulted are:  IALHI Serials Service (IAHLHI). http://serials.ialhi.org/ This service covers 113 serials in the field of labour history and communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service http://serials.ialhi.org/alerting_services.asp Historical Journals (HJG). http://www.history-journals.de/ Maintained by Sven Blascke is the most complete portal for all kind of historical journals indicating the respective home- or other pages for the tables of contents.    Up to December 2006, Periodicals from the following countries are listed: Australia, Austria, Belgium, Brazil, Canada, Czech Republic, Denmark, France, Germany, Hungary, India, Italy, Netherlands, Norway, Poland, Portugal, Russia, Spain, Sweden, Switzerland, Ukraine, United Kingdom, United States of America.   Section IX:          Internet Resources. Websites Relevant for Communist  Studies.  This commented list regularly published in The International Newsletter of Communist Studies contains the web addresses and allows to go directly to the respective Internet sites.    Newsletters and Blogs Aktuelles aus der DDR-Forschung, Berlin. Communist Chronicles, Stavanger, Norway – Communist History Network, Manchester, UK.  Estudos sobre a Guerra Civil Espanhola, Portugal – Estudos sobre o Comunismo, Lisbon – E-studios sobre la historia del movimiento comunista en España, Madrid, Spain. HNet Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism. Labnet, Labour History Net, Amsterdam – London Socialist Historians Group Newsletter The International Newsletter of Communist Studies.    Resources 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte, Munich, Germany. • Annals of Communism. Yale University Press – Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR • ArcheoBiblioBase: Archives in Russia and Ukraine, Harvard University, US – Archivy Belarusi – Archvy Rossii. Archives in Russia. • Bibliographie zur Geschichte des deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur 1938-1945 – Bibliothek deutscher Kämpfer für den Sozialismus. • Center for Working-Class Studies, Youngstown – Centre d’Etudes et de Recherches sur les Mouvements Trotskyste et Révolutionnaires Internationaux, Paris – Centre des Archives Communistes en Belgique – Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales (CEDOBI) – Centro de Documentação 25 de Abril, Portugal – Cold War International History Projec, Washington DC – Collectif Smolny, Paris – Comintern-Online – „Communism“ • Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus – Dictionary of Labour Biography, University of York, UK – Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod. • Fondazione Istituto Gramsci, Rome. • Guia da história das esquerdas brasileiras, Universidad Federal Rio de Janeiro • geschichte.transnational. • H-Net Humanities & Social Sciences – H-Soz-u-Kult, Germany. • Harvard Project on Cold War Studies – Hoover Institution, Stanford University, US.• International Association of Labour History Institutions. • International Institute of Social History, Amsterdam • Internet Modern History Sourcebooks Socialism. • Italians in the Gulag, Milano-Moscow. • Kansan Arkisto, Helsinki – Klassiker des Marxismus-Leninismus – Knowledge Base Social Sciences in Eastern Europe – Kurasje, Council Communist Archive. • Libertarian Communist Library. Historical essays on Libertatian Communism. • Marxists Internet Archive – Memorial Association, Russia. • Stalin Werke und Texte im Internet • Stalin-Era Research and Archives Project, Toronto • The Truth about Kronstadt. • Verzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Munich. • Virtual Gulag Museum • Virtual Library Labor History, Amsterdam • Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Germany • ViFaOst Fachdatenbanken, Germany. • Žurnal’nyj zal, Moscow. Section X:           Cultural and Artistic Performances Concerning History of Communism. Sacco and Vanzetti. New documentary coming up. The New-York-based director Peter Miller produced a new documentary „Sacco and Vanzetti“ (USA, 80min), dealing with the famous case of the two Italian anarchists who got executed in 1927, and offering insights into present-day issues of civil liberties and the rights of immigrants. While the theatrical release is planned in early 2007, several pre-screenings have been taken place on different occasions all over the US. More information under http://www.willowpondfilms.com/sacco_and_vanzetti.html.   Olga Benario honored in Brazilian movie and opera. „Olga“, the 2004 movie by Brazilian filmmaker Jayme Monjardim deals with the biography of Olga Benario Prestes, the German wife of the Brazilian communist leader Luis Carlos Prestes, who was, after the failed Brazilian communist uprising in 1935, incarcerated and deported to Germany, where she died in a concentration camp. The most expensive brasilian film up to now, covering Benario’s whole life, including her early engagement in the German communist movement and her time in the Comintern apparatus, had three winnings and six more nominations at the Cinema Brazil Grand Prize in 2005. In late 2006 it was screened in selected cinemas in Germany. In 2006 as well, an opera about her life by Jorge Antunes premiered on October 14 at the Theatro Municipal in São Paulo, Brazil.   „Le Brahmane du Komintern.“ New documentary on M. N. Roy. The French filmmaker Vladimir Léon recently released a documentary entitled „Le Brahmane du Komintern“, dealing with the life of M. N. Roy, early Indian communist, Comintern activist in Mexico and theorician of the South- and Middle-Asian workers’ movement. More information can be found at http://www.imdb.com/title/tt0832439/.   New film on the Katyn massacre by Andrzej Wajda in production. The internationally acknowledged film director Andrzej Wajda is currently working on a new movie under the title „Post Mortem – Opowiesc Katynska“. The filming of this movie, dedicated to the massacre of Polish officers by Soviet troops in Katyn, has started in October 2006, the release has been announced for 2008. More information at  http://www.imdb.com/title/tt0879843/.   Movie on Malayan communist leader gets banned in Malaysia. „Lelaki Komunis Terahkir“ („The Last Communist“) is described by director Amir Muhammad as a „semi-musical documentary“. It deals with the exiled leader of the Malayan Communist Party Chin Peng and the Malayan Emergency, the communist insurrection in Malaysia which lasted between 1948 and 1960. The movie, following Chin Pengs life and interluded with propagandastyled songs, had its premiere at the 2006 Berlin Filmfestival and was screened on various other festivals worldwide. In Malaysia though, the film was banned by the government’s Home Affairs ministry. The official homepage for the movie is reachable under http://www.redfilms.com.my/lelakikomunis.htm.   „Das Leben der Anderen“. Movie about the Stasi becomes Golden Globe nominee. The 2006 German movie „Das Leben der Anderen“ („The Life of the Others“) tells the story of a Stasi officer who is ordered to surveil cultural activities in East Berlin in the 1980s and gets drawn to the world of cultural dissent. The film, after having a enormous acclaim by critics and the general public, and after having received various European awards, is now nominated for the Golden Globe in the category „best foreign movie“.    Opera about Karl Radek premiered in Austria At the „Bregenzer Festspiele“ festival on August 12th 2006, the composer Richard Dünser and the librettist Thomas Höft presented the opera „Radek“, based on the biography of the famous Soviet and Comintern activist. For some scenes, Höft has quoted various archival documents to reconstruct the dialogues of Radek, Lenin, Trockij and others. Section XI:          Discussions, Debates and Historical Controversies   The Russian weekly humanities review „Novoe Literaturnoe Obozrenie“ (NLO) has triggered off a discussion about the accessability of Russian archives in present time. Issue no 74 (August 2005) was largely dedicated to a „system crisis“ of Russian archives and libraries and the worsening of working conditions for historians and other scientists, some authors even speaking of an „archival counterrevolution“ (N. P. Petrov). The various authors consider the restrictive archival policies counterproductive and even dangerous, as they alter historical memory.  As a sort of reply, the bi-monthly official periodical of the Russian archive administration, „Otečestvennye Archivy“, dedicated a large part of the no 1 (2006) issue to this question. Referring directly to the NLO publication, the authors appreciate the general interest of intellectuals in the fate of the Russian archives, but all in all they contradict the tenor of the „archival counterrevolution“ and accuse the NLO authors of sensationalism and unnecessary panic.  The debate can be followed on the internet, since both issues are available online (in Russian language).   Novoe Literaturnoe Obozrenie (2005), 74: http://magazines.russ.ru/nlo/2005/74/   Otečestvennye Archivy (2006), 1: http://www.rusarchives.ru/publication/otecharh/061.shtml   Gleb Albert, Cologne [1]  Catálogo de Publicaciones Políticas de las Izquierdas de la Argentina (1890-2000). Con el apoyo de SEPHIS (South-South Exchange Programme for Research on the History of Development).  [2] Ju. N. Afanas’ev e.a. (ed.): Istorija stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch - pervaja polovina 1950ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach. VII, Moskva 2005. [3]  Siehe hierzu: Kozlov, V.P.: „Problemy dostupa v archivy i ich ispol’zovanija“, Novaja i Novejšaja Istorija (2003), 5. [4]  Rabočee dviženie v Rossii. 1895 - fevral’ 1917 g. Chronika, vols. I-IX, Moskva 1992-2005. [5]  Men’ševiki v 1917 godu. 3 vols., Moskva 1994-1997. [6]  Dekrety Sovetskoj vlasti. Sbornik. Vol. XIV, Moskva 1997; Vol. XV, Moskva 1999; Vol. XVI, Moskva 2004. [7] Russkij archiv. Velikaja Otečestvennaja. Vol. XIII (2-1). Prikazy Narodnogo komissara oborony SSSR. 1937-21 ijunja 1941 g., Moskva 1997; Vol. XIII (2-2). 1943-1945 gg., Moskva 1997. [8] Sovestkaja derevnja glazami VčK-OGPU-NKVD. 1918-1939. Dokumenty i materialy, vols. IIII, Moskva 1998-2003. [9] Katyn. Plenniki neob’javlennoj vojny, Moskva 1997; Kronštadt. 1921, Moskva 1997; Lubjanka. VčK-OGPU-NKVD-MGB-MVD-KGB. 1917-1960. Spravočnik, Moskva 1997; Filipp Mironov. Tichij Don v 1917-1921 gg., Moskva 1997; Molotov. Malenkov. Kaganovič. 1957. Stenogramma ijul’skogo plenuma CK KPSS i dr. materialy, Moskva 1998; 1941 god, 2 vols., Moskva 1998; Vlast’ i chudožestvennaja intelligencija. Dokumenty CK RKP(b)-VKP(b)-VčKOGPU-NKVD o kul’turnoj politike. 1917-1953 gg., Moskva 1999; Lavrentij Berija. 1953. Stenogramma ijul’skogo plenuma CK KPSS i drugie dokumenty, Moskva 1999; Nadzornye proizvodstva prokuratury SSSR po delam ob antisovetskoj propagande. Mart 1953-1958, Moskva 1999; Rossija i SšA. Diplomatičeskie otnošenija. 1900-1917, Moskva 1999; Ekologija i vlast’. 1917-1990, Moskva 1999; GULAG. 1917-1960, Moskva 2000; Kak lomali NEP. Stenogrammy plenuma CK VKP(b). 1928-1929 gg., 5 vols., Moskva 2000; Reabilitacija. Kak eto bylo. Dokumenty Presidiuma CK KPSS i dr. materialy. Mart 1953-fevral’ 1956, Moskva 2000; Georgij žukov. Stenogramma oktjabr’skogo (1957 g.) plenuma CK KPSS i dr. materialy, Moskva 2001; Sibirskaja Vandeja. Dokumenty, 2 vols., Moskva 2000-2001; Deti GULAGa. 1918-1956, Moskva 2002; Sovetsko-amerikanskie otnošenija. 1918-1926, Moskva 2002; Bližnevostočnyj konflikt. Iz dokumentov Archiva vnešnej politiki Rossijskoj Federacii. 1947-1967, 2 vols., Moskva 2003; Delo generala L.G. Kornilova, 2 vols., Moskva 2003; Lubjanka. Organy VčK- OGPU-NKVD-MGB-MVD-KGB. 1917-1991, Moskva 2003; Lubjanka. Stalin i VčK-OGPUNKVD. Janvar’ 1922-dekabr’ 1936, Moskva 2003; Process nad kolčakovskimi ministrami. Maj 1920, Moskva 2003; Sovetsko-amerikanskie otnošenija. 1934-1939, Moskva 2003; Lubjanka. Stalin i Glavnoe upravlenie gosudarstvennoj bezopasnosti NKVD. 1937-1938, Moskva 2004; Sovetsko-amerikanskie otnošenija. 1945-1948, Moskva 2004; Bol’šaja cenzura. Pisateli i žurnalisty v Strane Sovetov. 1917-1956, Moskva 2005; Gosudarstvennyj antisemitizm v SSSR. Ot načala do kul’minacii. 1938-1953, Moskva 2005; Stalin i kosmopolitizm. Dokumenty Agitpropa CK KPSS. 1945-1953, Moskva 2005; Stalinskie strojki GULAGa. 1930-1953, Moskva 2005.   [10]  Otkrytij archiv-2. Spravočnik sbornikov dokumentov, vyšedšich v svet v otečestvennych izdatel'stvach v 1917-2000 gg., Moskva 2005. [11]  History’s Greatest Heist. The Looting and Laundering of Russia’s National Patrimony by the Bolsheviks, 1917-1922. Submitted to Yale University Press, 2006, and currently under review. [12]  Adam Lebor, Hitler’s Secret Bankers: How Switzerland Profited from Nazi Genocide (London: Simon & Schuster Pocket Books, 1999; first published 1997), p. xvii. See also Tom Bower, Nazi Gold. The Full Story of the Fifty-Year Swiss-Nazi Conspiracy to Steal Billions from Europe’s Jews and Holocaust Survivors (New York: Harper Collins, 1997). For a sampling of media reactions to the controversy, see „The greatest theft in history“, BBC online, 1 December 1997; Steve Hurst, „,Harsh Report’ critical of Swiss-Nazi gold,“ CNN online, 6 May 1997; David E. Sanger, „Goblins of Zurich,“ New York Times Sunday Book Review, 22 June 1997; „Study: Swiss bank stashed gold taken from Nazi camp victims,“ CNN online, 25 May 1998. [13]  The best overview of Operation Safehaven is contained in the 1997 U.S. government „Report on Looted Gold and German Assets,“ also known as the „Eizenstat report,“ which can be viewed online at http://www.usembassy-israel.org.il/publish/report [14]  The Communist International was founded on initiative by Lenin, and the first congress was held in Moscow 2-6/4-1919. The Comintern was dissolved in 1943.  [15] The most valuable interpretation on Willi Münzenberg’s life and career as a communist and in the Comintern is still the work compiled by his wife Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler (Stuttgart, 1967). Other examples are Sean McMeekin’s The Red Millionaire (Yale University Press, 2003) and Stephen Koch in Double Lives (London, 1995), but in one way or the other these two have failed to put forward a coherent picture. Instead, see Michael Scammell’s article „The Mystery of Willi Münzenberg“ in New York Review of Books, 3/11-2005, and Thomas Kampen’s „Solidarität und Propaganda: Willi Münzenberg, die Internationale Arbeiterhilfe und China“ in Zeitschrift für Weltgeschichte, Jahrgang 5, Heft 2 (Herbst 2004), pp. 99-106 for a justified and complex analysis on the nature of Münzenberg. The Brussels Congress was visited by 174 delegates, representing 104 organizations, both colonial and European.  [16]  Rossiisky Gosudarstvenny Arkhiv Sotsialnoi i Politicheskoi Istorii (RGASPI), Fond 542/1/3, pp. 15-17, Instructions from ECCI Secretariat in Moscow to Münzenberg in Berlin, 2/7-1926. The quote illustrates this further: „While influencing and directing the entire work of the League, the Communist Fraction should try to remain as much as possible in the background, so that neither the League nor the Congress is too obviously identified with the Communists.“ [17]  Ezra Mendelsohn: Class Struggle in the Pale, Cambridge 1970, S. 153. [18] Henry J. Tobias Jewish Bund in Russia from Its Origins to 1905, Paolo Alto 1972;  [19] Siehe z.B.: Jacob S. Hertz The Bund’s Nationality Program and Its Critics in the Russian, Polish and Austrian Socialist Movements, in: YIVO Annual of Jewish Social Science, 14 (1969), S. 53-67; Mario Kessler Parteiorganisation und nationale Frage - Lenin und der jüdische Arbeiterbund 1903-1914, in: Theodor Bergmann (Hg.) Lenin. Theorie und Praxis in historischer Perspektive, Mainz 1994, S. 219-231; Gertrud Pickhan Gegen den Strom. Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund „Bund“ in Polen 1918-1939, Stuttgart u.a. 2001. [20]  Zuletzt: Yosef Gorny Converging Alternatives. The Bund and the Zionist Labor-Movement, Albany 2006; Joshua D. Zimmerman Poles, Jews, and the Politics of Nationality. The Bund and the Polish Socialist Party in Late Tsarist Russia, 1892-1914, Madison, Wisc. 2004. [21]  Jüngst: Roni Gechtman „Yidisher Sotsialism“: The Origin and Context of the Jewish Labor Bund’s National Program, Univ. Diss. New York 2005; bedeutend weiterhin: Jonathan Frankel Prophecy and Politics. Socialism, Nationalism, and the Russian Jews, 1862-1917, Cambridge 1984; Yoav Peled Class and Ethnicity in the Pale. The Political Economy of Jewish Workers’ Nationalism in Late Imperial Russia, New York 1989; eine Ausnahme bilden Untersuchungen zur Publizistik des Bund, siehe z.B.: Susanne Marten-Finnis The Bundist Press: a Study of Political Change and the Persistence of Anachronistic Language during the Russian Periode, in: Jack Jacobs (Hg.) Jewish Politics in Eastern Europe. The Bund at 100, Palgrave 2001, S. 13-27. [22]  Siehe: Jean-François Fayet: «La VOKS: la société pour les échanges culturels entre l’URSS et l’étranger», in Relations internationales, Paris, 2003, n°114/115. [23]  Siehe: Anne Hartmann, Wolfram Eggeling,: Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Zum Aufbau einer Institution in der SBZ/DDR zwischen deutschen Politikzwängen und sowjetischer Steuerung, Berlin, 1993. Die DSF ist eine Nachkriegsorganisation. Siehe zudem: Rolf Elias: Die Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland. Mit vollständigem Inhaltsverzeichnis aller Jahrgänge der Zeitschrift „Das neue Rußland“ 1923-1932, . Köln, 1985.  [24]  Siehe hierzu den Aufsatz von Jean-François Fayet im vorliegenden Jahrbuch für historische Kommunismusforschung über die Internationale Bewegung der Esperantisten. J.-F. Fayet: Eine internationale Sprache für eine weltweite Revolution? Die Komintern und die Esperanto-Frage, Jahrbuch für historische Kommunismusforschung, 2007. [25]  Siehe: André Gounot: Die Rote Sportinternationale 1921-1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport, Münster-Hamburg-London, LIT Verlag, 2002. 268 p. (Schriften zur Körperkultur, 38). [26]  Siehe die Beschreibung des Gesamtnetzwerks und den Versuch einer Typologisierung in: Bernhard H. Bayerlein: Das neue Babylon - Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, 2004, S. 181-270. [27]  Bilan de prévision de la VOKS, F.N. Petrov, 4.2.1931, RGASPI, F.495/99/26, pp.11-20.  [28]  O.D. Kameneva: 1925-1929, F.N. Petrov: 1929-1932, E.O. Lerner: 1933, A.Ia. Arossiev: 1934-1940, V.S. Kemenov: 1941-1948, A.I. Denissov: 1948-1955, V.G. Iakovlev: 1956, N.V. Popova: 1957. [29]  Die hier dargestellten Fakten stützen sich in erster Linie auf Quellen aus dem Bestand „Sportintern“ (f. 537)im Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte, Moskau (Rossijskij gosudarstvennyj archiv social ‘no-politiceskojstorii, RGASPI). Ausführlich zur Organisationsgeschichte der RSI siehe Gounot, André: Die Rote Sportinternationale 1921-1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport. Münster, LIT, 2002. [30]  Siehe: Bernhard H. Bayerlein: Zwischen Internationale und Gulag. Präliminarien zur Geschichte der internationalen kommunistischen Frauenbewegung (1919-1945). Teil 1. In: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2006, S. 27-40. [31]  Siehe hierzu: Bernhard H. Bayerlein: „Das neue Babylon. Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung“, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2004), 181-270. [32]  Teil II wird veröffentlicht in: The International Newsletter of Communist Studies Online, 2007.  [33]  For Münzenberg see Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie Mit einem Vorwort von Arthur Koestler, Stuttgart, 1967, a book that still can be regarded as the most informative source on Münzenberg’s life. See also Hermann Weber & Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten – Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin, 2004, pp. 521-522. Another personal account worth checking out is Babette Gross sister Margarete Buber-Neumann. See: Von Potsdam nach Moskau – Stationen eines Irrweges (Stuttgart, 1957) and Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919-1943 (Stuttgart, 1967).  [34]  RGASPI 542/1/7, pp.120-123, Letter from Münzenberg in Berlin to ECCI Secretariat in Moscow, 21/2-1927. [35]  RGASPI 495/20/722, pp.100-105, Draft resolution on results of the II World Congress of the LAI and its immediate tasks (passed by the Eastern Secretariat), 27/8-1929. [36]  RGASPI 542/1/30, pp.82-84, Letter from Willi Münzenberg to „Sch“ [Wi/Sch.], Berlin 12/8-1929. [37]  RGASPI 542/1/59, p.45, Letter from Münzenberg in Paris to Ludwig in Moscow, 8/6-1933; RGASPI 542/1/58, pp.31-33, Instructions to R. Bridgeman from unknown author in Moscow, 15/9-1933. [38]  Vgl. Kott, Sandrine: Die DDR-Forschung in Frankreich, in: Deutschland Archiv 6/1997, S. 1029-1031. [39]  Im Auftrag der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch- russischen Beziehungen hrsg. von Horst Möller und Alexandr O. Tschubarjan in Zusammenarbeit mit Wladimir P. Koslow, Sergei W. Mironenko und Hartmut Weber, München, K.G. Saur, 2005, 468 p. (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte. 15).  [40]  Zum Beispiel Sibylle Plogstedt: Arbeitskämpfe in der sowjetischen Industrie. 1917-1933, Frankfurt am Main 1980; Donald Filtzer: Soviet Workers and Stalinst Industrialization. The Formation of Modern Soviet Production Relations, London 1986; William J. Chase: Workers, Society and the Soviet State. Labor and Life in Moscow. 1918-1929, Urbana 1987. [41]  Siehe u.a.: Jonathan Aves: Workers against Lenin. Labour Protest and the Bolshevik Dictatorship, London 1996; Dmitrij Čurakov: Revoljucija, gosudarstvo, rabočij protest. Formy, dinamika i priroda massovych vystuplenij rabočich v Sovetskoj Rossii. 1917-1918 gody, Moskva 2004. [42]  Für eine weitere (wenn auch v.a. alltagsgeschichtliche) fabrikbezogene Untersuchung siehe: Sergej Žuravlev, Michail Muchin: Krepost’ socializma. Povsednevnost’ i motivacija truda na sovetskom predprijatii. 1928-1938 gg., Moskva 2004. 

JHK 2007

»Angeregt durch die Methode der Geschwister Scholl«. Ein Rückblick auf den Eisenberger Kreis aus dem Jahre 1965

Thomas Ammer

Der hier dokumentierte Text zum »Eisenberger Kreis« aus dem Jahr 1965 war ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Er sollte Ereignisse, Gedankengänge und Zusammenhänge so, wie sie kurz nach Haftentlassung der letzten Mitglieder des »Eisenberger Kreises« erinnerlich waren, fixieren. Die damalige Zurückhaltung hinsichtlich einer Veröffentlichung hatte zwei Gründe: Die den »Freikauf« vermittelnden Rechtsanwälte Alfred Musiolik und Wolfgang Vogel sowie Mitarbeiter des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen baten die »Freigekauften« dringend, über den »Freikauf« und die Vorgänge, die zu den Verhaftungen und politischen Prozessen geführt hatten, zu schweigen, da zu befürchten sei, dass die DDR die »Freikauf«-Aktion andernfalls beenden würde. An diese Bitte haben sich die meisten der Betroffenen etwa zwei Jahre lang gehalten. Ein zweiter Grund für relatives Stillschweigen in der Öffentlichkeit, damals auch für vollständiges Verschweigen mancher Fakten und Zusammenhänge, war, dass von der Zerschlagung der Gruppe im Jahr 1958 bis zum Zeitpunkt der Freilassung der letzten Verurteilten 1964 »nur« sechseinhalb Jahre verstrichen waren und damit zu rechnen war, dass das MfS sich noch immer für den »Eisenberger Kreis« und sein Umfeld interessierte – ein Verdacht, der sich später bei der Durchsicht der MfS-Akten bestätigte. Die Sichtung des äußerst umfangreichen Aktenbestandes des MfS über den »Eisenberger Kreis« brachte vor allem Erkenntnisse über die Zerschlagung der Gruppe und über die Überwachung ihrer Mitglieder bis zum Ende der DDR. Das MfS hat im Zusammenhang mit dem »Eisenberger Kreis« eine solche Menge von Akten produziert, die zudem teilweise weit verstreut sind, dass sie von den Betroffenen schwerlich jemals vollständig erfasst werden können. Bestätigt hat sich der Verdacht, dass das MfS einen hauptamtlichen Geheimen Mitarbeiter (GM) als angeblichen Agenten des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen in Jena auftreten ließ, der Kontakte zu Regimegegnern herstellen sollte, also eine so genannte »operative Kombination« durchführte. An der Planung wirkte auch ein sowjetischer »Berater« mit, wie es sie damals noch auf zentraler und mittlerer Ebene des MfS gab. Bei dem hauptamtlichen GM handelte es sich um Harry Schlesing, der in einer selten zu beobachtenden Aggressivität für das MfS etwa 1951 bis in die 60er Jahre in der DDR und in West-Berlin tätig war.[1] Dieser Schlesing ist nicht identisch mit dem im Dokument genannten Theologiestudenten Jürgen Keller, der allerdings Schlesings Kontakt zum »Eisenberger Kreis« herstellte. Schlesing war gezielt auf Keller angesetzt worden, weil das MfS vermutete, über ihn Zugang zu Regimegegnern in Jena zu bekommen. Der Kontakt zu Schlesing wurde der Gruppe in Anklageschrift und Urteil als »Spionage« für das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen angelastet, über die »operative Kombination« war nur Bezirksstaatsanwalt Paul Detzner, jedoch nicht das Bezirksgericht informiert. Aus den MfS-Akten ergibt sich eine sofort nach der Zerschlagung des »Eisenberger Kreises« 1958 einsetzende und bis zum Ende der DDR andauernde Verfolgungs- und Überwachungskampagne gegen nicht inhaftierte und haftentlassene Mitglieder der Gruppe. Dies begann im Frühjahr 1958 mit dem Plan einer Entführung von zwei ihrer führenden Mitglieder, Reinhard Spalke und Wilhelm Ziehr, die inzwischen in Tübingen und Marburg studierten, in die DDR (in den MfS-Akten nannte man das »in die DDR ziehen«). Mehrere GM wurden nach Tübingen und Marburg geschickt, um die dortigen Wohnverhältnisse der zu entführenden Personen und das Gelände im Umland zu erkunden. Erst 1960 wurde der Plan auf Veranlassung der MfS-Zentrale (des stellvertretenden Ministers Generalmajor Bruno Beater) aufgegeben. Das über nahezu alle Mitglieder der Gruppe und ihr Umfeld angelegte Überwachungsmaterial aus Berichten, Karteikarten, Formularen, Photos usw. reicht bis zum September 1989. Die Überwachungsaktionen ähneln zuweilen den Manöverspielen der FDJ gegen einen nicht existierenden Feind. Immer wieder glaubte das MfS, ein Fortwirken oder eine Wiederbelebung des »Eisenberger Kreises« zu erkennen. Man könnte die These wagen, dass der »Eisenberger Kreis« noch nach dem Ende seiner Existenz über Jahre hinweg ein beträchtliches Kräftepotential des MfS gebunden hat. In der DDR-Forschung und in der Publizistik der Bundesrepublik fand der »Eisenberger Kreis«, wie generell Opposition und Widerstand in der DDR, bis zur Wiedervereinigung kaum Berücksichtigung, ausgenommen die Monographien von Karl Wilhelm Fricke, der sich nahezu als einziger DDR-Forscher diesem Thema widmete. Mitglieder des »Eisenberger Kreises« behandelten die Gruppe gelegentlich in Vorträgen in kleinem Kreis und in Aufsätzen in größeren Zusammenhängen. Nach dem Untergang der DDR erschienen in der Bundesrepublik zahlreiche Veröffentlichungen über Opposition und Widerstand in der DDR, in denen auch der »Eisenberger Kreis« ausführlich berücksichtigt wurde, ebenso war er teilweise oder allein Gegenstand von Ausstellungen. Eine Gesamtdarstellung enthält die 1995 erschienene Monographie von Patrik von zur Mühlen Der Eisenberger Kreis. Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR, Bonn 1995. Das hier abgedruckte Dokument aus meiner Feder wurde später dem Gesamtdeutschen Archiv übergeben, das 1969 im Gesamtdeutschen Institut – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben aufging. Zum Teil, soweit es um das Untersuchungs- und Strafverfahren geht, ist es in Auszügen in der Dokumentation von Karl Wilhelm Fricke Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945–1968, Köln 1979 (S. 384 ff.) veröffentlicht. Der Text gelangte später auch in andere Archive, u. a. das des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, der Robert-HavemannGesellschaft Berlin, und stand auch Patrik von zur Mühlen für seine Monographie von 1995 als Quelle zur Verfügung. Erstmals wird der Text hier vollständig publiziert. Dokument 1:[2] 1. Die Entstehung des »Eisenberger Kreises« und seine Tätigkeit bis zum Ende des  Jahres 1955. Eine der häufigsten Fragen, die den 1958 festgenommenen Mitgliedern und Sympathisierenden des »Eisenberger Kreises« in der Untersuchungshaft immer wieder gestellt wurden, bezog sich auf die »wirklichen« Gründe, die uns als Studenten, die doch in der »DDR« erhebliche materielle Vorteile genossen und denen scheinbar alle Wege offenstanden, zu erbitterten Feinden dieses Staates werden ließen. Es war auffällig, daß diejenigen MfS-Offiziere, die einige Fähigkeiten zu besitzen schienen und die sich mit den Problemen ihrer Arbeit etwas intensiver beschäftigten, an einer eingehenden und wahrheitsgemäßen Beantwortung dieser Frage besonders interessiert waren (ganz im Gegensatz zu den Richtern, Schöffen und Staatsanwälten, denen nur daran gelegen war, unsere Motive in das von der SED vorgezeichnete Schema vom »imperialistischen Agenten« einzuordnen). Auch im Strafvollzug konnten es sich einige durchaus überzeugte Gegner der Kommunisten nicht recht erklären, daß sich Studenten, die scheinbar vom SED-Regime bevorzugt wurden, aus innerer Überzeugung gegen dieses Regime zum Widerstand zusammenschlossen. Gelegentlich klingt diese Frage auch in Gesprächen mit Bundesbürgern an. Vor uns selbst stand schließlich das Problem, ob die staatliche Förderung den Studenten in der »DDR« nicht zur Zustimmung zur Regierungspolitik oder doch wenigstens zum Stillhalten verpflichte. Hierauf eine Antwort zu geben und einiges zu erläutern, was in der östlichen Propaganda bewußt verfälscht wurde und in der westlichen Presse auf Grund objektiver Schwierigkeiten nicht genau dargestellt werden konnte, ist das Ziel der folgenden Zeilen. Es waren Oberschüler im Alter von 16–18 Jahren, die sich im September 1953 in Gesprächen zusammenfanden und mit dem Problem befaßten, ob man in Zukunft dem Vorgehen der SED und der FDJ-Leitung an der Oberschule Eisenberg mit ruhigem Gewissen zusehen könnte und ob das Auftreten eines Einzelnen, der den Mut zur Opposition aufbringt, überhaupt sinnvoll wäre. Kaum vor drei Monaten hatten wir den Zusammenbruch einer gewaltigen, aber spontanen Volksaktion gegen die von der Sowjetregierung eingesetzte und gestützte SED-Herrschaft erlebt. Wenige Wochen vorher hatten wir die Kampagne der SED gegen die »Junge Gemeinde« über uns ergehen lassen müssen, auf deren Höhepunkt die meisten unter uns von den Funktionären so überspielt wurden, daß sie, trotz teilweise offenen Widerspruchs, auf der FDJ-Vollversammlung nicht gegen den Ausschluß ihrer Kameraden aus der FDJ (und damit aus der Oberschule) stimmten. Die Zivilcourage einzelner Oberschüler war nutzlos geblieben, weil der unorganisierten Mehrheit eine Minderheit gut aufeinander eingespielter Funktionäre gegenüberstand. Selbst seit einem Jahr FDJ-Funktionär, hatte ich mitbekommen, wie die Partei solche Aktionen organisiert, und ich hatte die traurigen Gestalten, die dabei eine Rolle spielten, zur Genüge kennengelernt. Um so größer war unsere Erbitterung, nachdem die Regierung, wenn auch aus taktischen Gründen, unserer Meinung in der Frage der »Jungen Gemeinde«, die wir nicht hatten durchsetzen können, recht zu geben schien. – Schließlich hatte sich seit 1952 die bis dahin (wenigstens im Unterricht) vorherrschende pazifistische Linie zu einem geradezu hysterischen FDJ-Militarismus gewandelt, der uns fürchten ließ, über kurz oder lang in einen Krieg gegen die eigenen Landsleute gehetzt zu werden. Der Entschluß, »etwas zu tun«, reifte schließlich auch auf einem Boden, den die SED durch ihre intensive Behandlung des antifaschistischen Widerstands mit vorbereitet hatte. Ich selbst war im Elternhaus im Sinne dieser Traditionen erzogen worden. Die Vorwürfe, die nach dem Zusammenbruch von 1945 auch gegen die Deutschen gerichtet wurden, die an den Untaten der Nazis nicht beteiligt waren, erinnerten uns an die eigene Verpflichtung, dem Unrecht, das wir als solches erkannt hatten, nicht tatenlos zuzusehen. Diese Überlegungen haben schon damals, wenn auch nicht in so klarer Form, für uns eine wesentliche Rolle gespielt. Neben vielen anderen Worten ist mir aus dieser Zeit auch die Äußerung eines unserer Lehrer in Erinnerung, der auf meine Frage, ob man denn weiteres »Wohlverhalten« noch verantworten könne, die müde-resignierende Antwort gab: »Mit Taschentüchern kann man nicht gegen Maschinengewehre angehen.« Beim Nachdenken über diese Worte kam ich allerdings nicht ganz zu dem Ergebnis, das dieser Lehrer vielleicht im Sinn hatte. Für meine persönliche Entscheidung spielte auch das Erlebnis eine Rolle, das mir die Lektüre von Wyschinskis »Gerichtsreden« vermittelte. Dieses Buch, das übrigens jedem zu empfehlen ist, der sich keine Originaltexte von Plädoyers heutiger SED-Staatsanwälte beschaffen kann, ist mir im Alter von knapp 16 Jahren in der Eisenberger Stadtbücherei in die Hände gefallen, und der »Geist« dieser Reden ist mir auch heute noch gegenwärtig, obwohl ich das Buch seitdem nicht wieder gesehen habe. Wir wußten, daß der Rückzug, den die Funktionäre nach der Verkündung des »Neuen Kurses« teilweise antreten mußten, ihre Wut nur gesteigert hatte, und daß sie die erste Gelegenheit zu einem noch härteren Vorgehen gegen mißliebige Personen an der Oberschule nutzen würden. Die Vorbereitungen eines organisierten Widerstandes gegen die von uns erwarteten neuerlichen Aktionen der Partei füllten in den ersten Monaten des Bestehens der Gruppe unsere Tätigkeit aus. Es gelang uns ohne allzu große Schwierigkeiten, die FDJ-Leitung mit unseren Freunden zu durchsetzen, denn die »Genossen« waren ja froh, daß überhaupt jemand diese unbeliebten Funktionen übernahm. Ebenso gewannen wir in jeder Klasse einige Vertrauensleute, auf die wir uns im Notfall verlassen konnten. Der Erfolg dieser Taktik war zufriedenstellend, denn die Tätigkeit der Partei- und FDJ-Leitung an der Schule konnte bis zum Beginn des Jahres 1956 weitgehend lahmgelegt werden. Ein gewisser Wendepunkt trat ein, als im Februar 1954 ein bei seinen Schülern außerordentlich beliebter Lehrer unter der Beschuldigung verhaftet wurde, er habe innerhalb der von ihm gegründeten NDPD-Gruppe an der Oberschule eine staatsfeindliche Tätigkeit betrieben. Die an dieser Angelegenheit beteiligten Denunzianten waren ebenfalls sehr rasch bekannt geworden. Unter dem Eindruck dieses erneuten Gewaltakts kamen die führenden Mitglieder der Gruppe zu der Ansicht, daß eine abwartende Haltung gegenüber der SED nun nicht mehr zu vertreten sei. Trotzdem beschränkten wir uns bis zum Herbst 1955 auf einige Probeaktionen propagandistischer Art mit relativ geringer Wirkung, auf die Verbreitung meist russischer Flugblätter, die wir in der Umgegend fanden, sowie auf die Entwendung einiger alter Schußwaffen aus dem Eisenberger Heimatmuseum. Die »Volkspolizei« hatte die Verschrottung dieser Waffen angeordnet, weil sie ihr irgendwie gefährlich erschienen, obwohl es sich, wie sich dann bei genauerer Besichtigung herausstellte, um Vorderlader aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts handelte. Bei den »Volkswahlen« im Oktober 1954 wurden die Schüler der höheren Klassen der Oberschule als Wahlhelfer eingesetzt, und wir hatten so Gelegenheit, die »Volksdemokratie« in Aktion zu sehen. Einen besonderen Beitrag zu unserer »Schulung« leistete die FDJ-Kreisleitung Eisenberg, der wir ein hektographiertes Formular entwenden konnten, auf dem die Wahlleiter u. a. aufgefordert wurden, jede Person namentlich aufzuführen, die die Wahlkabine zu benutzen wagte. Unter uns befaßten wir uns mit dem Austausch und der Verbreitung von Nachrichten westlicher Rundfunksendungen, mit Lektüre über den Widerstand in der NS-Zeit (besonders über die Ereignisse des 20. Juli 1944, soweit uns die Beschaffung derartiger Literatur möglich war). Daneben wurden Maßnahmen vorbereitet, um einer organisierten Zustimmung zur Schaffung einer »Volksarmee« und der eventuell damit verbundenen Wehrpflicht entgegentreten zu können.  Die theoretischen Überlegungen gingen damals nur wenig über die Forderung nach freien Wahlen hinaus (diese Grundforderung blieb auch später Hauptgegenstand aller Propagandaunternehmen). Nur in allgemeiner Form wurde über die Beseitigung der Allmacht der SED, die Ausschaltung des Staatssicherheitsdienstes und die Freilassung der politischen Gefangenen gesprochen. Wir waren damals überzeugt, daß durch freie Wahlen eine Wiedervereinigung ohne große Schwierigkeiten zu erreichen wäre. Die Losungen, die die Forderung nach freien Wahlen zum Inhalt hatten und die wir vor der Außenministerkonferenz im Oktober/November 1955 anbrachten, stellten nun keine Versuche mehr dar und wurden in der Öffentlichkeit in dem von uns gewünschten Umfang bekannt. Den Abschluß dieser Periode der Tätigkeit des »Eisenberger Kreises« bildete die im Dezember 1955 vollzogene Vereinigung mit einer zweiten, bisher selbständig existierenden Gruppe unter der Leitung des Mathematikstudenten Peter H e r r m a n n. 2. Die Ausdehnung und Intensivierung der Widerstandstätigkeit der Gruppe im Jahre 1956 und die Beziehungen der Gruppe zur allgemeinen studentischen Opposition in Jena. Das für die Welt so außerordentlich bedeutungsvolle Jahr 1956 begann für uns mit einer Aktion, die den bisherigen Rahmen sprengte. Wir setzten am 21. 1. 1956 das Gebäude des Eisenberger Schießstands, der von der GST [Gesellschaft für Sport und Technik], der VP und den Betriebskampfgruppen gemeinsam benutzt wurde, in Brand. Das Ziel dieser Unternehmung war nicht, dem Staat einen besonderen materiellen Schaden zuzufügen (er betrug etwa DM 2 000,–), sondern nachhaltig gegen die Schaffung der »Nationalen Volksarmee« (26. 1. 1956), mit der wir eine Einführung der allgemeinen Wehrpflicht erwarteten, zu protestieren. Auch in diesem Fall erreichten wir unser Ziel, indem die Zerstörung des Schießstandes in Eisenberg und der Umgegend bekannt wurde. Da die Behörden über ein Jahr mit der Wiederherstellung des Gebäudes, das vom Sportplatz etwa 100 m entfernt war, zögerten, hatten auch auswärtige Besucher Gelegenheit, die Ruine sich anzusehen. Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 änderte die Situation schlagartig zuungunsten der SED. Unsere Einschätzung der »Diktatur des Proletariats« wurde in vollem Umfang bestätigt und der ideologische Zusammenbruch der Kommunisten löste eine Reihe von Ereignissen aus, die der Widerstandstätigkeit der Gruppe beträchtlichen Auftrieb gaben, uns aber auch veranlaßten, genauere Überlegungen über Nah- und Fernziele anzustellen und legale und illegale Methoden in sinnvoller Weise miteinander zu kombinieren. Das, was später in der östlichen und westlichen Presse unter dem Begriff »Konzeption« oder »Zehn-Punkte-Programm« auftauchte, ist damals entstanden, wenn auch (heute muß man sagen – leider –) nicht in der festen Form, in der es das MfS später sehen wollte. Erhebliche Schwierigkeiten bei der Schaffung eines Grundsatzprogramms ergaben sich schon deshalb, weil die der Gruppe fest angehörenden Personen sich in vielen Detailfragen nicht einig waren und weil sich eigentlich nur eine Art »Einheitsfront« aus zur Sozialdemokratie, zu christlichen Anschauungen oder nationalen Ansichten tendierenden Menschen gebildet hatte. Selbst über den Namen »Stauffenberg-Gruppe« ist keine volle Einigung zustande gekommen, da es die Meinung gab, daß dieser Name als charakteristisch für eine nationalistische und einer gewaltsamen Lösung anhängende Haltung angesehen werden könne. Dennoch gab es eine Anzahl von Punkten, in denen grundsätzliche Einigkeit bestand: a)    Neben der SED und den ihr angeschlossenen »Blockparteien« sollte mindestens einen Oppositionspartei, u. U. die SPD, zugelassen und der Anspruch der SED auf alleinige Machtausübung beseitigt werden. b)   Neben der FDJ sollte eine nichtkommunistische Studenten- oder Jugendorganisation zugelassen werden. c)    Die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und die Freilassung aller politischen Gefangenen ist Grundvoraussetzung für die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse in Mitteldeutschland. d)   Auf wirtschaftlichem Gebiet sollte die Wiederherstellung der Privatwirtschaft auf den Gebieten des Einzelhandels, des Handwerks, sowie der kleineren und mittleren Industriebetriebe und die Auflösung unrentabler LPG (sofern deren Mitglieder des wünschen) erwogen werden. Die Großindustrie sollte unter staatlicher Kontrolle verbleiben und ihre Organisation nach jugoslawischem Vorbild umgewandelt werden. e)    Das obligatorische Studium der Gesellschaftswissenschaften und der russischen Sprache an den Universitäten sollte beseitigt sowie Lehre und Forschung von politischer Bevormundung befreit werden. f)    Die Reisebeschränkungen zwischen beiden Teilen Deutschlands müssen aufgehoben werden. g)   Die Pressefreiheit, ausgenommen für rechtsradikale oder faschistische Publikationen, muß wiederhergestellt werden. Die Rundfunkstationen und Nachrichtenagenturen sollen eine vollständige und objektive Information der Öffentlichkeit über das politische Geschehen gewährleisten. h)   Personen, die an politischen Verhaftungen und an Urteilen in politischen Prozessen maßgeblich mitgewirkt haben, sollen keinen Einfluß auf die zukünftige politische Entwicklung in Deutschland haben. Wenn diese Personen für Todesurteile in politischen Prozessen verantwortlich sind, müssen sie vor ordentliche Gerichte gestellt werden. i)     Eine Herauslösung der »DDR« aus dem Warschauer Vertrag und der Abzug der sowjetischen Streitkräfte auf Grund einer Vereinbarung der vier Großmächte ist anzustreben. Nach der Verwirklichung dieser Ziele in einer Übergangszeit sollte die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen vollzogen werden, die unter der Beobachtung der Vereinten Nationen abgehalten werden müßten, sofern die Gefahr einer ausländischen Einmischung noch bestand. Den Kommunisten sollten die gleichen Rechte und Chancen bei diesen Wahlen eingeräumt werden wie den übrigen demokratischen Parteien. Die spätere Behauptung der SED-Propaganda, es hätte eine genau ausgearbeitete »Plattform« der Widerstandsgruppe gegeben, entspricht leider nicht den Tatsachen. Die führenden Mitglieder der Gruppe waren sich zwar darin einig, daß die oben angeführten Punkte die wesentlichen Ziele unserer Tätigkeit darstellten, sie stellten jedoch kein schriftliches Programm zusammen. Deshalb war auch nur ein kleiner Kreis von Personen vom Inhalt dieser Ziele genau informiert. Allgemein bekannt war unter uns allen, daß die »Diktatur des Proletariats« in Mitteldeutschland abgeschafft werden sollte, wenn nötig, in Etappen, wobei als erster Schritt die unmittelbaren Auswirkungen des Personenkultes in der SED zu beseitigen gewesen wären. Durch eine möglichst intensive Propaganda mit allen der Gruppe zur Verfügung stehenden oder von ihr noch zu beschaffenden Mitteln sollte die Bevölkerung zum allgemeinen passiven Widerstand aufgefordert werden, wobei den Menschen besonders der Gedanke nahegebracht werden sollte, daß mit zunehmender Ausdehnung dieser Art des Widerstandes (etwa in der Form des Wahlboykotts, des Boykotts der Massenorganisationen, der offiziellen Versammlungen und Demonstrationen, der Verlangsamung des Arbeitstempos in den VEB usw.) es der Regierung immer schwerer und schließlich unmöglich werden würde, Repressalien durchzuführen. Es war nicht beabsichtigt, etwa einen Aufstand vorzubereiten oder eine gewaltsame Auseinandersetzung mit den Kommunisten zu provozieren, denn dies, darüber waren wir uns alle im klaren, würde große Menschenopfer kosten, ohne daß ein Erfolg zu erwarten gewesen wäre.  Die Tatsache, daß die Gruppe einige Waffen besaß und sich auch bemühte, weitere Waffen zu beschaffen, steht zu der Absicht, einen allgemeinen passiven Widerstand zu organisieren, nicht im Widerspruch. Da wir die Absicht hatten, unsere Aktionen auf mehrere mitteldeutsche Städte auszudehnen und überhaupt unsere Propagandaaktionen zu intensivieren, mußten wir auch die erhöhte Gefahr eines Zusammenstoßes mit Polizei- und SSD-Streifen bei der Durchführung unserer Unternehmungen einkalkulieren. Sehr ausführliche Beobachtungen hatten uns einen Einblick in die Aktivität der Sicherheitsorgane zur Zeit besonderer politischer Ereignisse, bei bevorstehenden »Volkswahlen« und vor Staatsfeiertagen gegeben, wobei die verstärkte Streifentätigkeit besonders wichtig war. Da wir eine aktive Tätigkeit unserer Gruppe gerade in politischen Krisenzeiten für notwendig hielten, sollte es unseren Mitgliedern möglich sein, sich zu verteidigen, wenn sie etwa bei der Verteilung von Flugblättern angegriffen würden. Bei den meisten Unternehmungen, die die Gruppe tatsächlich durchgeführt hat, waren die Ausführenden jedoch nicht bewaffnet, da die Gefahr einer unmittelbaren Überraschung relativ gering war. Nur in einigen wenigen Fällen wurden Gaspistolen mitgeführt, nie jedoch vollwertige Schußwaffen. Ein weiteres Argument, das für die Beschaffung von Waffen sprach, lag darin, daß es ja, unabhängig von den Zielen und der Aktivität der Gruppe, im Lauf einer politischen Krise doch zu einem Aufstand oder zu einem bewaffneten Vorgehen der Regierung gegen Demonstranten kommen konnte. In einem solchen Fall hätten wir kaum abseits gestanden, obwohl wir vom Erfolg eines gewaltsamen Vorgehens nicht überzeugt waren. Unter diesen Gesichtspunkten sind auch die Behauptungen Albert N o r d e n s in einer Rede im Jenaer Volkshaus am 23. X. 1958 zu werten, die Gruppe habe Anschläge auf militärische Objekte und auf Parteifunktionäre bis in die Einzelheiten vorbereitet und geplant[3]. Die Wahrheit ist, daß unter dem Eindruck der 1953 und 1954 gefällten politischen Todesurteile, der Gewaltmaßnahmen der Sowjetregierung in Ungarn nach der Niederschlagung des Aufstands und dem bisher ungeklärten Tod des Jenaer Studenten H a m m e r[4] im mitteldeutschen Strafvollzug einige Mitglieder der Gruppe der Meinung waren, man müsse mit gleicher Münze zurückzahlen und auch einige Vorschläge in dieser Hinsicht machten. Irgendwelche Auswirkungen auf die Zielsetzung und die Tätigkeit des »Eisenberger Kreises« hatten diese Diskussionen schon deshalb nicht, weil diejenigen, die ein gewaltsames Vorgehen gegen das SED-Regime erwogen hatten, von diesen Ansichten wieder abrückten, als sich die unmittelbare Erregung über die oben erwähnten Vorgänge legte. Allerdings hatte sich gegen Ende des Jahres 1956 unter den führenden Mitgliedern der Gruppe die Meinung durchgesetzt, daß nach dem, was in unmittelbarer Vergangenheit geschehen und aus der etwas weiter zurückliegenden Geschichte durch den XX. Parteitag der KPdSU bekannt geworden war, eine Diskussion mit Kommunisten nicht mehr möglich sei. Das Echo der Revolution[en] in Polen und Ungarn war an den Universitäten besonders deutlich spürbar. Nach kurzer Zeit war die SED-Universitätsparteileitung und die FDJ-Hochschulgruppenleitung nicht mehr Herr der Lage. Es ist keineswegs zutreffend, die zahlreichen turbulenten Studentenversammlungen dieser Tage, die Resolutionen gegen das obligatorische gesellschaftswissenschaftliche Studium und den obligatorischen Russischunterricht, die satirischen Programme des Physiker- und Chemikerballes Ende 1956 und die Aktionen zur Verteidigung der Akteure dieser Programme allein der Aktivität des »Eisenberger Kreises« zuzuschreiben, wie das in der SED-Presse und teilweise auch in westlichen Publikationen dargestellt wurde. Natürlich zahlte es sich jetzt in vollem Umfang aus, daß ich seit Herbst 1955 auch in Jena FDJ-Funktionär geworden und in der FDJ-Hochschulgruppenleitung tätig war, sodaß wir uns über die Absichten unserer Gegner weitgehend informieren konnten. An den Vorgängen in der Fachschaft Mathematik/Physik war von den führenden Mitgliedern der Gruppe nur der Mathematikstudent Peter H e r r m a n n unmittelbar beteiligt, indem er einen gewissen, jedoch keineswegs entscheidenden Einfluß auf den Inhalt der auf den Fachschaftsversammlungen beschlossenen Resolutionen hatte, bei ihrer Durchsetzung gegen die Manöver der FDJ-Leitung durch entschlossenes persönliches Auftreten mitwirkte und einen Teil des satirischen Programms auf dem Physikerball 1956 verfaßte und spielte[5]. Jeder Kenner der damaligen Verhältnisse (dazu gehören auch die Mitarbeiter der MfS-Bezirksbehörde in Gera) weiß aber, daß der jahrelange Zwang zur Lüge und das sowjetische Vorgehen in Ungarn das Entstehen einer erregten und erbitterten Stimmung unter der mitteldeutschen Bevölkerung bewirkten, sodaß es auch ohne unsere Tätigkeit zu heftigen Reaktionen unter der Jenaer Studentenschaft kommen konnte. Das Vorgehen der Medizinstudenten gegen den obligatorischen Russischunterricht, der Biologen gegen die Einführung einer nochmaligen Prüfung im Fach Gesellschaftswissenschaft bei Studienabschluß, die Saalausgestaltung beim Chemikerball 1956 und mehrere illegale Propagandaaktionen, die nach dem Eingreifen der sowjetischen Truppen in Ungarn in Jena festgestellt werden konnten – dies alles spielte sich ohne Mitwirkung und vorheriges Wissen der Mitglieder des »Eisenberger Kreises« ab. Gerade die Resolutionen mit der Forderung nach Abschaffung des obligatorischen Russischunterrichts sind eindeutig auf die im Herbst 1956 vorherrschende antisowjetische Stimmung zurückzuführen, eine Tatsache, die beiden Seiten damals wohlbekannt war, aber natürlich auch von beiden Seiten in Abrede gestellt wurde. Die wirkliche Situation wird am besten charakterisiert durch eine Äußerung des damaligen 1. Sekretärs der SED-Universitätsparteileitung, [Kurt] P ä t z o l d, auf einer Sitzung der FDJ-Hochschulgruppenleitung, April 1957, die besagte, daß nach seiner Meinung nur 150 Studenten an der Friedrich-Schiller-Universität (von damals 5500 immatrikulierten Studenten) fest zur »DDR« stehen würden. Das von mir angefertigte Stenogramm dieser Sitzung fiel später in die Hand des MfS, und die Offiziere behaupteten dann, daß der Parteisekretär die Lage »zu schwarz« gesehen habe. Der Wahrheitsgehalt des Stenogramms wurde jedoch vom MfS nie bezweifelt. In der 1958 vom MfS Gera durchgeführten Untersuchung wurde im völligen Widerspruch zu den Tatsachen versucht, die Einflußnahme einiger Gruppenmitglieder auf das Geschehen an der Universität Jena im Jahre 1956 anderen, allgemein oppositionell eingestellten Studenten in dem Sinne anzulasten, sie wären an der eigentlichen illegalen Tätigkeit der Gruppe beteiligt gewesen. Diese Linie wurde auch im Strafverfahren, besonders im 4. Prozeß verfolgt, denn nur auf diese Weise konnten einige Studenten für angebliche Straftaten noch 1958 verfolgt werden, die den Untersuchungsbehörden schon 1956 bekannt waren, weil die betreffenden Studenten gar keinen Wert auf eine Verschleierung ihrer Opposition gelegt hatten. Schließlich ist dem MfS auch genau bekannt, daß durch das provokatorische Auftreten einiger Parteifunktionäre völlig ohne Mitwirkung der aktiven Widerstandsgruppe eine so gespannte Situation entstand, daß es nur dem Eingreifen einiger einflußreicher Mitglieder des Lehrkörpers (u. a. des 1962 wegen angeblicher Vorbereitungen zur »Republikflucht« zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilten Direktors des Pharmakologischen Instituts, Prof. Dr. H o f f m a n n) zu verdanken ist, daß sich die Empörung der Studenten nicht in heftigen Reaktionen Luft machte. Die Widerstandsgruppe hat nichts gegen diese Vermittlungsaktionen der Professoren getan, weil wir uns über die möglicherweise katastrophalen Folgen einer Demonstration durchaus im klaren waren. Auch muß vermerkt werden, daß die über die westdeutschen Rundfunkstationen an die mitteldeutsche Bevölkerung ergangenen Aufforderungen, Ruhe zu bewahren, verbunden mit dem eindringlichen Hinweis auf die in der »DDR« stationierten sowjetischen Truppen, mit dazu beitrugen, daß es nicht zu heftigeren Auseinandersetzungen kam. Unsere aktive und völlig illegale Tätigkeit in Form der Verbreitung von Flugblättern und Losungen (besonders in der Nähe der Eisenbahnlinie Jena–Gera), die vor allem Solidaritätserklärungen mit der ungarischen und polnischen Revolution zum Inhalt hatten, wurde im Herbst 1956 verstärkt fortgesetzt. Die Gruppe erweiterte sich erheblich, unter teilweiser Nichtbeachtung der Konspiration, was auf die damals allgemein verbreitete Meinung zurückzuführen war, daß man sich in einer revolutionären Situation befinde, deren Klärung in unserem Sinne in absehbarer Zeit erwartet wurde. 3.  Das letzte Jahr des Bestehens des »Eisenberger Kreises«: der Untergang der Gruppe und seine Ursachen. Entgegen allen Erwartungen stabilisierten sich die Verhältnisse im Ostblock und damit auch in Mitteldeutschland in den ersten Monaten des Jahres 1957. Unter der Bevölkerung machte sich eine gewisse Resignation bemerkbar, die der verbreiteten Ansicht entsprang, daß der Westen in der Herbstkrise 1956 versagt und eine große Chance verpaßt habe, indem einige westliche Staaten sich gerade zu dieser Zeit auf die Verfolgung eng begrenzter nationaler Interessen beschränkten. Das Zurückbleiben der amerikanischen Raketenentwicklung hinter der sowjetischen verstärkte die Überzeugung, daß der Westen künftig nicht in der Lage sein werde, eine Befreiungsbewegung der Völker unter kommunistischer Herrschaft wirksam zu unterstützen. Die allgemeine Enttäuschung erfaßte auch mehr oder weniger die meisten Mitglieder unserer Gruppe. Die Belastung durch die Vorbereitung mehrerer umfangreicher Flugblattaktionen verteilte sich nun auf eine geringere Anzahl unserer Freunde als früher, und der Mangel an finanziellen und technischen Mitteln wurde immer fühlbarer. Die Anforderungen des Studiums an die Studenten unter uns wuchsen, und wir mußten berücksichtigen, daß wir ja keine »Berufsrevolutionäre« waren. Mir selbst fiel es immer schwerer, die seit über 3 Jahren übernommene Doppelrolle als aktiver Mitarbeiter des »Eisenberger Kreises« und als »zuverlässiger« FDJ-Funktionär zu spielen. Trotz dieser Schwierigkeiten setzten wir unsere Tätigkeit fort. Es wurden Vorbereitungen für die Verbreitung eines Aufrufs zum Boykott der »Gemeindewahlen« im Juni 1957 getroffen, die jedoch durch verschiedene Hindernisse nicht zur Ausführung kamen. Versuche, eine einheitliche Protestaktion gegen das Verbot von Westreisen für Studenten, das das Staatssekretariat für Hochschulwesen im Mai 1957 erlassen hatte, zu organisieren, brachten ebenfalls nicht den gewünschten Erfolg. Wir konnten feststellen, daß das MfS seine Überwachung der Universität erheblich verstärkt hatte, und es gelang uns die Beschaffung einiger genauerer Informationen über die Art und den Umfang dieser Maßnahmen des MfS. Die Tatsache, daß der Gegner zunächst keinerlei Erfolg zu haben schien und für die Verfolgung seiner Absichten denkbar ungeeignete und unfähige Personen einsetzte, führte unsererseits zu einer gewissen Unterschätzung des Staatssicherheitsdienstes. Weiter befaßten wir uns mit Versuchen zur Herstellung von Flugblattraketen sowie einer durch einen Säurezeitzünder ausgelösten Apparatur zum Auswurf von Flugblättern. Im letzteren Fall waren die Versuche erfolgreich, und einige Wochen vor unserer Verhaftung begann die Herstellung einer größeren Anzahl dieser Apparate. Sie kamen aber nicht mehr zum Einsatz, hätten jedoch die Verbreitung von Flugblättern zweifellos sehr erleichtert, da dem Verteiler die Zeit von einer Stunde oder mehr zur Verfügung gestanden hätte, ehe die Flugblätter überhaupt auftauchten. Im Herbst 1957 unternahmen wir außergewöhnliche Anstrengungen, um anläßlich des 1. Jahrestages der zweiten sowjetischen Intervention in Ungarn am 4. 11. 57 mehrere hundert Aufrufe an die Mitglieder des Lehrkörpers der Universitäten Leipzig und Jena mit der Post zu verschicken, angeregt durch die Methode der Geschwister Scholl, die sie bei ihren Aktionen 1943 angewendet hatten. Hierbei getroffene, teilweise sicherlich übertriebene Sicherheitsmaßnahmen (Beschaffung der Briefumschläge, des Papiers und der Briefmarken in mehreren, weit voneinander entfernten Städten, Benutzung einer etwa 50 Jahre alten Schreibmaschine, um der Gefahr einer Typenidentifizierung zu entgehen, usw.) sowie die geringe Zahl der erforderlichen Matrizen, die man damals bekommen konnte, führte dazu, daß der Termin nicht eingehalten werden konnte, obgleich schon eine Anzahl Abzüge des Aufrufs hergestellt waren. Auf einer Seite des Aufrufs war ein Auszug aus dem Schlußwort Prof. H u b e r s abgedruckt, der 1943 im Prozeß gegen die Geschwister S c h o l l zum Tode verurteilt wurde. Der von uns selbst verfaßte Text enthielt unter Hinweis auf die Ereignisse von 1956 und die Ergebnisse des XX. Parteitags der KPdSU die Aufforderung zum passiven Widerstand, der sich zunächst im Boykott kommunistischer Propagandaveranstaltungen und der »Volkswahlen« äußern sollte. Wir baten die Professoren und Dozenten, in ihren Lehrveranstaltungen in einer Weise, die sie nicht persönlich gefährdete, für die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse und gegen die Maßnahmen der SED-Diktatur einzutreten. – Dieser Aufruf wurde später vom MfS als das gefährlichste und bei erfolgter Ausführung folgenschwerste Unternehmen der Gruppe angesehen, und der Text wurde im späteren gerichtlichen Verfahren weitgehend geheimgehalten, den Akten, die den Anwälten zugänglich waren, lag er nicht bei. Im Gegensatz zu der internen Wertung dieses Unternehmens durch das MfS ließ die spätere offizielle Propaganda der SED-Presse diesen Aufruf fast völlig unter den Tisch fallen, da er ja als Beweis dafür hätte dienen können, daß wir Veränderungen in Mitteldeutschland mit Hilfe des passiven Widerstands und nicht durch gewaltsame Aktionen erreichen wollten. Bis zum Herbst 1957 waren wir uns darin einig, daß die Gruppe nicht mit westlichen Dienststellen oder Nachrichtendiensten zusammenarbeitet. Wir waren der Ansicht, daß diese Stellen teilweise erheblich vom Gegner unterwandert sind (unsere Erlebnisse in der Haft haben diese Meinung vielfach bestätigt), daß der Widerstand in Mitteldeutschland materiell vom Westen unabhängig und auch geistig weitgehend eigenständig sein sollte und daß nachrichtendienstliche Tätigkeit unserer Sache nicht entscheidend nützen und auch moralisch zweifelhaft sein würde. Es wurde lediglich etwas Literatur beim Ostbüro der SPD geholt, ohne daß durch uns dort etwas über unsere Tätigkeit bekannt wurde. Die spätere Unterstellung einer Verbindung der Gruppe mit dem Londoner Rundfunk durch die Untersuchungsbehörden hat keine andere Grundlage als einige Briefe, die ich persönlich mit einer Stellungnahme zu politischen Tagesfragen an BBC geschickt habe, ohne daß dort bis heute bekannt ist, wer der Absender dieser Briefe war. Im Herbst 1957 revidierte ich meine Meinung in dieser Frage teilweise, indem ich erwog, das mir durch meine FDJ-Funktion [zugängliche], teilweise politisch recht interessante Material und einige andere, allerdings unbedeutende militärische Angaben, die uns zufällig in die Hände geraten waren, einer westlichen Dienststelle zugänglich zu machen, um dafür einige technische Mittel, die die Gruppe dringend benötigte, zu erhalten. Im Einverständnis mit einigen anderen führenden Mitgliedern der Gruppe stellte ich dann im Oktober 1957 Kontakt zu einem angeblichen westdeutschen Journalisten her, der Jena besuchte und behauptete, technische Hilfsmittel aus Westdeutschland beschaffen zu können. Nach dem ersten Gespräch verschwand dieser Mann spurlos und wurde nie wieder gesehen. Die bald darauf folgenden Ereignisse begründen den Verdacht, daß es sich bei diesem »Journalisten« möglicherweise um einen agent provocateur des MfS gehandelt hat[6]. Wenige Monate später stellte sich heraus, daß es sich bei dem Theologiestudenten Jürgen K e l l e r, der den Kontakt vermittelt hatte, um eine Art Doppelagent gehandelt hatte, der aus offensichtlich materiellem Interesse für beide Seiten arbeitete. Einige Tage vor unserer Verhaftung begannen wir sein Doppelspiel zu durchschauen. Da wir erfuhren, daß das MfS nunmehr brauchbare Angaben über unsere Gruppe hatte, wurden Vorbereitungen zur Flucht einiger gefährdeter Personen getroffen, sie wurden aber nicht sofort ausgeführt, weil wir damit rechneten, daß das MfS mit der Verhaftung noch etwas zögern werde, um einen vollständigen Überblick über die Gruppe, den es damals noch nicht hatte, zu bekommen. K e l l e r stellte sich jedoch dem MfS, nachdem eine vermutlich von ihm begangene Unterschlagung von Kollektengeldern offenbar geworden war. Da er dem MfS auch angab, daß wir über die kritische Lage informiert waren und für einige Personen die Flucht vorbereiteten, verzichtete man auf weitere Beobachtung und begann mit den Verhaftungen am 13. Februar 1958. Die Mehrzahl der Mitglieder des »Eisenberger Kreises«, die das MfS ermitteln konnte, wurde bis Ende April 1958 festgenommen. Einzelne Verhaftungen im Zusammenhang mit diesem Komplex erfolgten noch bis Frühjahr 1960 und betrafen meist Menschen, die mit der Gruppe gar nichts zu tun hatten, von den Sicherheitsorganen aber als oppositionell angesehen und deshalb »beim allgemeinen Aufwaschen« mit verhaftet wurden. Insgesamt sind in dieser Sache etwa 35 bis 40 Personen verhaftet worden, von denen 24 im September/Oktober 1958 in 4 Prozessen vom I. Strafsenat des Bezirksgerichts [Gera] verurteilt wurden. Ein Jugendlicher, der im Januar 1958 in die BRD geflüchtet war, wurde im Juni 1958 nach Ostberlin gelockt und dort festgenommen, nach seiner Zeugenaussage auf dem 1. Prozeß jedoch wieder freigelassen. Der Theologiestudent K e l l e r, der durch seinen Verrat die Verhaftungen ausgelöst hatte, wurde bis zum Juni 1958 festgehalten. Einige der Verhafteten wurden schon nach einigen Tagen wieder entlassen, nachdem das MfS beim besten Willen gegen die Betreffenden nicht genügend belastendes Material zusammenbringen konnte, auch versuchte man anfangs, die Zahl der verhafteten Randfiguren nicht zu groß werden zu lassen, damit vor allem die westliche Öffentlichkeit nicht zu früh auf die Angelegenheit aufmerksam wurde. Einige der nicht verurteilten Verhafteten wurden erst freigelassen, nachdem sie im ersten Prozeß offensichtlich diktierte Zeugenaussagen gemacht hatten, die möglichst belastend ausfallen sollten. Wenn man die Ursachen untersucht, die zur Zerschlagung der Gruppe führten, so ist zunächst festzuhalten, daß der »Eisenberger Kreis« fast 4 ½ Jahre existierte und davon mindestens 3 Jahre auch äußerlich erkennbar aktiv tätig war. Bis Ende 1956 wurde das Prinzip streng eingehalten, daß kein Mitglied der Gruppe mehr Kenntnisse über andere Mitglieder und die Tätigkeit der Gruppe hatte, als für seine eigene Mitarbeit unbedingt notwendig war. Auch wurde jeder, der für die Gruppe gewonnen werden sollte, einer eingehenden Prüfung und Beobachtung unterzogen, bevor er für eine Mitwirkung angesprochen wurde. Unsere Unternehmungen wurden oft wochenlang vorbereitet, die örtlichen Bedingungen, die Erfordernisse der Absicherung und der Spurenbeseitigung genau untersucht und die nötigen Maßnahmen bis ins einzelne festgelegt (wobei sicherlich zuweilen zuviel des Guten getan wurde). Jedenfalls hat das MfS aus unseren Aktionen nie brauchbare Anhaltspunkte für seine Ermittlungen gewinnen können. Andererseits machten sich bei einigen unter uns durch die jahrelange Belastung und Anspannung gewisse Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Dies zeigte sich einerseits in der Überbewertung einzelner Sicherheitsmaßnahmen, zum anderen in der mangelhaften Kontrolle des Kontakts einzelner Mitglieder der Gruppe untereinander und zu außenstehenden Personen. Im letzten Jahr des Bestehens der Gruppe entfalteten auch manche unserer Freunde eine zu große Eigenaktivität und Eigeninitiative, die sich z. B. in der Gewinnung ungeeigneter und nicht ausreichend geprüfter Menschen für die Widerstandstätigkeit auswirkte.  Die Gefährlichkeit des MfS wurde unterschätzt, da wir die Qualität seiner Mitarbeiter nach den Eigenschaften der uns täglich begegnenden SED- und FDJ-Funktionäre bewerteten, eine Einschätzung, die etwa bis 1955 zutreffend gewesen sein mag, den späteren (und natürlich den heutigen) Verhältnissen aber nicht mehr entsprach. Schließlich ergab sich im Verlauf der lebhaften Auseinandersetzungen des Jahres 1956 eine teilweise Vermischung der legalen und der illegalen Tätigkeit der Gruppe, sodaß sicherlich manches davon auch in Kreise durchsickerte, die nichts mit der Gruppe zu tun hatten. Damals beteiligten sich auch zeitweise Studenten an der Widerstandsarbeit, die durch den Schwung der Ereignisse mitgerissen wurden, auf die man aber in schwierigen Zeiten nicht so sicher rechnen konnte. Durch die Auswirkungen der ungarischen und polnischen Revolution wurden wir zeitweilig so in Anspruch genommen, daß die Konspiration nicht mehr genau beachtet wurde, zumal wir mit einem raschen Fortgang der Entwicklung rechneten. Die Zerschlagung der Widerstandsgruppe bestätigte jedenfalls meine spätere Überzeugung, daß sich eine kleinere, unabhängig arbeitende Gruppe bei ständiger Aktivität nicht auf die Dauer halten kann, da der Gegner ja nur auf Fehler, die nie ganz zu vermeiden sind, zu warten braucht und schließlich doch Gelegenheit findet, seine technischen Hilfsmittel und sein ausgebildetes Personal erfolgreich einzusetzen. 4. Untersuchungsverfahren und Prozesse. Die im Zusammenhang mit der Zerschlagung des »Eisenberger Kreises« Verhafteten waren nach meiner Kenntnis keinen körperlichen Mißhandlungen ausgesetzt. Haftverschärfungen über das in MfS-Untersuchungshaftanstalten übliche Maß hinaus wurden nur in einigen Fällen für kurze Zeit angeordnet, wogegen nachdrückliche Proteste durchaus nicht wirkungslos blieben. Man konnte die Feststellung machen, daß das MfS sehr nervös auf die Ankündigung oder Durchführung eines Hungerstreiks reagierte. Auf unmittelbare Gewaltanwendung konnten die Untersuchungsbehörden schon deshalb verzichten, weil sie nach kurzer Zeit einige der Verhafteten zur Kapitulation und zu ausgedehnten Geständnissen bringen konnten und es damit möglich wurde, diejenigen von uns einzukreisen, die nicht, unvollständig oder falsch aussagten. Es machte sich für uns sehr nachteilig bemerkbar, daß keines der Gruppenmitglieder über Vernehmungsmethoden ausreichend orientiert war und daß wir, entsprechend den unter der Bevölkerung umlaufenden Gerüchten und den von westlicher Seite kommenden Veröffentlichungen auf ein ausschließlich gewaltsames Vorgehen des MfS eingestellt waren. In Wirklichkeit waren jene völlig primitiven und unfähigen Elemente, die nur mit dem Gummiknüppel zu einem Ergebnis in der Vernehmung kommen konnten, schon damals aus den Vernehmungsabteilungen weitgehend herausgezogen worden, sodaß heute wahrscheinlich physische Gewaltmaßnahmen nur noch sehr selten und als »letztes Mittel« angewendet werden. Die falschen Vorstellungen führten bei einigen von uns, die nicht so »hart« waren, wie sie es vorher schienen, zu einem baldigen Nachgeben vor den Drohungen der ersten Vernehmungen, während andere, die fest geblieben waren, von der Taktik der Vernehmer und den uns weitgehend unbekannten Methoden der »Gehirnwäsche« überfahren wurden. Das MfS stellte sich nach kurzer Übergangszeit, in der »Schockvernehmungen« durchgeführt wurden, auf eine subtilere Art der »psychologischen Kriegführung« um. Man ließ Drohungen und Versprechungen, Wahrheit und Lüge, radikalste Ausdrucksweise und ausgesprochen friedfertige Unterhaltung in ständiger Abwechslung auf die Häftlinge einwirken. Beispielsweise stellte man mir in der gleichen Vernehmung einmal in Aussicht, mich im Strafvollzug in völlig isolierter Einzelhaft zu halten und bot mir andererseits an, daß ich, wenn ich dem MfS entgegen kommen würde, eine Arbeitsstelle als Pfleger im Haftkrankenhaus Klein-Meusdorf oder im Haftarbeitslager Berlin-Hohenschönhausen bekommen könnte. Ein beliebtes Mittel stellte auch die Drohung mit der Verhaftung der Angehörigen dar, was übrigens in bestimmter Hinsicht auch zur Ausführung kam. Man argumentierte mir gegenüber so, daß meine Mutter dadurch, daß ich in ihrem Haushalt lebte, als Mitwisserin feststehe und daß man meinen Bruder auf unbestimmte Zeit in einen Jugendwerkhof einweisen könne, da meine Mutter ihre Kinder ja nicht im Sinne »des Sozialismus« erziehe. Eine andere, etwas lächerlich klingende Erklärung war, daß das MfS dafür sorgen werde, daß gegen den Beschuldigten, der bei der Vernehmung Schwierigkeiten mache, ein zusätzliches Strafverfahren wegen »Behinderung der Tätigkeit der Staatsorgane« oder wegen »Widerstands gegen die Staatsgewalt« eingeleitet werde. Ein im Ergebnis sehr erfolgreicher Bluff wurde auf folgende Weise in Szene gesetzt: Einige Tage vor unserer Verhaftung war ein Klassenkamerad von mir aus der Grundschule durch Selbstmord ums Leben gekommen. Da in Eisenberg Gerüchte umliefen, der Tote habe Beziehungen zur Staatssicherheit unterhalten, behauptete man nun, Mitglieder der Gruppe hätten deshalb diesen Mann ermordet und man könne erforderlichenfalls hierfür die benötigten Beweise zusammenstellen. Einigen einfachen Mitgliedern der Gruppe wurde dann erklärt, die Anführer der Gruppe hätten diesen Mord begangen oder veranlaßt, und jeder der Verhafteten wäre dafür mit verantwortlich. Darauf glaubten einige der Beschuldigten, diese Gefahr nur durch ein lückenloses Geständnis abwenden zu können, da sich ja dann der Beweis ergeben würde, daß die Gruppe keine Anschläge gegen irgendwelche Personen durchgeführt hatte. Mit Versprechungen gingen die Vernehmer ebenfalls recht großzügig um, angefangen von dem absurden Angebot sofortiger Entlassungen sogar von Hauptbeschuldigten nach dem Prozeß über die Aussicht baldiger Strafaussetzung zur Bewährung (»Jedes Gesuch geht über unseren Schreibtisch.«) [bis] zur Schilderung des Strafvollzugs im günstigsten Licht. Das Solidaritätsgefühl, das unter den meisten Gefangenen erhalten blieb, versuchte man der Sache des MfS dadurch dienstbar zu machen, daß man versprach, minder Belastete je nach dem Verhalten der Hauptbeschuldigten milder oder härter zu bestrafen. Andererseits bemühte man sich, durch Weitertragen angeblicher belastender Aussagen und Äußerungen, einer moralisch positiven oder negativen Haltung und persönlicher Angelegenheiten die einzelnen Verhafteten gegeneinander auszuspielen. Weiter versuchten einige Offiziere den Eindruck zu erwecken, daß sie die Häftlinge wirklich überzeugen und ihnen »helfen« wollten, wobei festzuhalten ist, daß sich einige der intelligenteren und innerlich für das System engagierten Vernehmer tatsächlich Diskussionen unter vier Augen, die nicht protokolliert wurden, stellten, in denen beiden Seiten ohne Zurückhaltung, was allgemeine Dinge betraf, sprachen. Es kann nicht mit Sicherheit geklärt werden, ob diese Unterhaltungen vielleicht doch zuweilen einem echten Interesse entsprangen und ob es nicht damals in der MfSBezirksbehörde Gera eine Art »Wollweber-Fraktion«[7] gegeben hat. Jedenfalls wurden in einigen dieser Gespräche zuweilen Dinge zugegeben und Argumente durch den Vernehmer als berechtigt anerkannt, von denen das Regime offiziell nichts hören wollte. Ein weiteres Mittel der Beeinflussung bestand schließlich darin, einige politische Ereignisse, wie den damaligen Umsturz im Irak, die angebliche Aufhebung des Verbots der NSDAP in der Bundesrepublik oder die Verurteilung und Hinrichtung Imre Nagys[8] und seiner Minister durchzulassen, uns sonst aber natürlich keine Möglichkeit, irgendwelche Neuigkeiten zu erfahren, zu geben. Schließlich wurde auch versucht, durch fremde Mithäftlinge oder Klopfzeichen völlig falsche Nachrichten in Umlauf zu bringen, um die Reaktion der Gefangenen, für die man sich interessierte, zu testen. Es war im allgemeinen durchaus praktikabel für den Häftling, den gelegentlichen lautstarken Schimpfkanonaden in gleicher Weise zu antworten. Die Vernehmer schienen an harte Worte gewöhnt zu sein und eine derartige Reaktion nicht allzu übel zu nehmen, ausgenommen, wenn man etwa Zweifel an den »wirklich freien Volkswahlen« anmeldete und erklärte, daß doch nun niemand die 99,9 % Ja-Stimmen ernstnehmen könnte. Mit einer derartigen »Provokation« konnte man sein Gegenüber mit ziemlicher Sicherheit aus der Ruhe bringen. Schließlich wurde einige Male von MfS-Offizieren behauptet (u. a. mir gegenüber vom Leiter der Bezirksbehörde des MfS Gera, Oberstleutnant M i c h e l s b e r g e r ), daß es ohne weiteres möglich sei, die in die Bundesrepublik geflüchteten Mitglieder der Gruppe gewaltsam wieder nach Mitteldeutschland zurückzubringen, denn der Staatssicherheitsdienst könne seine Leute mit westdeutschen Kraftwagen ohne Schwierigkeiten in die Bundesrepublik schicken, und sie könnten dort tun, was sie wollten. Mit der Ankündigung derartiger Verschleppungen wollte man wahrheitsgemäße Aussagen über solche Angelegenheiten der Gruppe erzwingen, die nur oder überwiegend, außer dem unmittelbar Beschuldigten, den Flüchtlingen bekannt waren. Im Juni 1958 begrüßte mich dann eines Tages mein Vernehmer mit den Worten: »Sehnse, den ersten haben wir schon!« Da dies den Tatsachen entsprach[9], hatten wir natürlich in dieser Hinsicht zeitweise erhebliche Befürchtungen[10]. Außerhalb der eigentlichen Untersuchungen bemühte man sich teilweise, eine Art objektives »Feindbild« über die Gruppe, ihre Tätigkeit und Motive zu erhalten. Es wurde erklärt, diese Berichte, die dem Gericht nicht zugänglich waren, würden dem MfS Berlin und angeblich auch dem ZK der SED zur Verfügung gestellt, damit eventuell notwendige Schlußfolgerungen vor allem auf dem Gebiet der Hochschulpolitik gezogen werden könnten. Da sich ein Offizier vom MfS Berlin an den Vernehmungen beteiligte,[11] erschien der erste Teil der Behauptung durchaus plausibel. Natürlich konnte niemand erwarten, daß die SED ihre Haltung gegenüber der Jugend und besonders der Studentenschaft überprüfen würde. Der Inhalt der Vernehmungsprotokolle, die dem Gericht vorlagen, wurde mit allen möglichen Mitteln und Tricks verdreht, verfälscht, in den Motiven auf den Kopf gestellt. Es ergaben sich oft tagelange Auseinandersetzungen zwischen Vernehmer und Häftling um einzelne Formulierungen, da das MfS auf die Anwendung der üblichen kommunistischen Terminologien größten Wert legte. Über das Wachpersonal ist zu sagen, daß die Typen aus der schlimmsten Zeit des Staatssicherheitsdienstes zwar noch reichlich vorhanden waren, sich jedoch nicht mehr ganz ungehemmt betätigen konnten. Es sind mir aber auch einige Wachposten in durchaus angenehmer Erinnerung, denen anzumerken war, daß sie sich in ihrer Rolle nicht sehr wohlfühlten und die sich, teilweise entgegen den Anweisungen ihrer Vorgesetzten, so verhielten, daß wir ihnen kaum etwas vorzuwerfen haben. Die Vernehmungen wurden bis auf einige Randgebiete gegen Ende Mai 1958 abgeschlossen, und die Prozesse sollten am 23. 6. 58 beginnen. Aus Äußerungen der Vernehmer war zu entnehmen, daß wenigstens gegen die Hauptangeklagten ein Schauprozeß in Jena oder Gera, möglicherweise vor dem Obersten Gericht, stattfinden sollte. Die für den ersten Prozeß vorgesehenen Angeklagten konnten etwa eine Woche vorher erstmalig ihre Anwälte sprechen, auch wurden ihnen einige Hafterleichterungen gewährt (Bücher, regelmäßige Freistunde, etwas erhöhte Verpflegungsrationen), um sie in einen halbwegs präsentablen Zustand zu bringen. Es läßt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen, welchen Wert die durchgesickerten Gerüchte hatten, nach denen Mitglieder der Bezirksleitung der SED Gera die Forderung nach wenigstens einem Todesurteil erhoben hätten. Der schon festgelegte Termin wurde plötzlich wieder aufgehoben, offensichtlich mit Rücksicht auf die bevorstehende 400-Jahr-Feier der Jenaer Universität und vielleicht auch auf den V. Parteitag der SED (10.-16.7.1958). Selbstverständlich wurde von den Offizieren in voller Einmütigkeit bestritten, daß dieser der Grund für die Verschiebung sei. Am 21. 8. 1958 flüchtete dann der Rektor der Friedrich-Schiller-Universität, Prof. Dr. Dr. h. c. H ä m e l, in die BRD, einige Tage vor Beginn der 400-Jahr-Feier der Universität. Kurze Zeit später war die Nachricht zu uns durchgedrungen, und sie bereitete uns nicht nur erhebliche Genugtuung, sondern gab uns auch die Sicherheit, daß die größte Gefahr für uns nun vorüber sei, was sich dann bestätigte.  Die wütende Reaktion des MfS war für mich natürlich ebenso erfreulich wie verständlich. Die vier Prozesse wurden in der Zeit vom 22. 9. bis 13. 10. im kleinen Saal des Bezirksgerichts Gera vor dem I. Strafsenat abgewickelt. Die ersten drei Prozesse waren nur ausgewählten Delegationen zugänglich, der Termin war unter der Bevölkerung kaum bekannt, und man bemühte sich im Gegensatz zum ursprünglichen Vorhaben, das Verfahren [tatsächlich: die Verfahren] möglichst in aller Stille ablaufen zu lassen, was allerdings gründlich mißglückte. Die wenigen offiziellen »Vertreter der Universität« setzten sich ausschließlich aus Angehörigen der oberen SED- und FDJ-Leitungen zusammen, weiter waren einige Betriebsdelegationen anwesend, und den restlichen Zuschauerraum füllten MfS-Angehörige in Zivil. Für jeden der Angeklagten war ein Angehöriger zugelassen worden. Lediglich im 4. Prozeß konnten sich einige Jenaer Dozenten und Studenten Zutritt verschaffen[12]. Obwohl die Justizbehörden vier Monate Zeit zur Bearbeitung der Akten hatten, brachten sie nicht einmal eine dem »Niveau« der Protokolle entsprechende Anklageschrift und Urteilsbegründung zusammen. In beiden »Werken« wurden die in den Akten enthaltenen Verdrehungen nicht nur nochmals verdreht, sondern auch der Ablauf der Ereignisse so durcheinander geworfen, reine Erfindungen hinzugefügt und eine solche Menge von Phrasen gedroschen, daß es selbst etlichen Vernehmern peinlich wurde. Als sich einer der Angeklagten über die Unsinnigkeiten der Anklageschrift bei einem Offizier beschwerte, antwortete dieser: »Erzählen Sie das nicht uns, dieses Pamphlet haben wir nicht verfaßt.« In diesem Gespräch war dann auch zu erfahren, daß der Text der Anklageschrift aus Berlin (vermutlich von der Generalstaatsanwaltschaft) gekommen sei. Die Urteilsbegründung enthielt dann auch solche Phantasieprodukte wie: »Die Angeklagten wollten wie die Konterrevolutionäre in Ungarn Menschen mit Benzin übergießen und verbrennen und durch Lastwagen zu Tode schleifen.« usw. Es wurde begründet, daß deshalb keine Todesstrafe ausgesprochen wurde, weil es sich noch nicht um »schwerste Verbrechen« gehandelt habe, man werde jedoch in einem solchen Fall die Todesstrafe unbedingt anwenden. Dann wurde begründet, daß man eine zeitliche Haftstrafe gewählt habe, weil es in der Vergangenheit vorgekommen sei, daß auch erbitterte Feinde schließlich noch zu Anhängern des »Sozialismus« geworden wären und weil die Verurteilten zur Zeit ihrer Entlassung dann in einem »sozialistischen Gesamtdeutschland« leben würden. Das Gericht blieb somit im Strafmaß im Rahmen des § 13 StEG[13] (Staatsverrat), obwohl sich die Anklage auch auf § 24 a–e StEG (Verschärfungsbestimmungen, die die Todesstrafe ermöglichen) erstreckt hatte. Für die Qualität der Arbeit, die das Bezirksgericht Gera leistete, ist kennzeichnend, daß der bei § 13 StEG zwingend vorgeschriebene Vermögensentzug [Vermögenseinzug] im Urteilsspruch vergessen und uns erst einige Wochen später in einem nachträglichen besonderen Gerichtsbeschluß mitgeteilt wurde. Die Verhandlung selbst lief teilweise in recht lautstarker und grober Form ab, Angeklagte und Verteidiger wurden vom Staatsanwalt mehrfach behindert. Während Bezirksstaatsanwalt [Paul] D e t z n e r, trotz radikaler Ausfälle, wenigsten noch einigermaßen beherrscht auftrat, wurde der Gerichtsvorsitzende, Oberrichter [Erich] F r e y b e r g [Freiberg], zuweilen zum Schüler Freislers und steigerte sich in einige Wutausbrüche hinein, die nicht gerade von einer heldenhaften Gesinnung zeugten (»Wir können uns schon denken, wie Sie mit uns verfahren wären, wenn es zu einer Konterrevolution in der DDR gekommen wäre!«)[14]. Sonst bemühte sich das Gericht nach Kräften um den Nachweis, daß es unmittelbar vor der Ausführung stehende Pläne der Gruppe über Gewaltakte gegen Funktionäre gegeben habe, wobei man so weit ging, daß mich der Vernehmer von entsprechenden Protesten mit den Worten abzuhalten suchte: »Nehmen Sie das nicht so ernst, man kann Sie ja nicht für Dinge verurteilen, die Sie nicht getan haben.« Die vom Gericht gewünschte Beweisführung wurde jedenfalls nicht zustandegebracht.  Die meisten Zeugenaussagen glichen einem Korreferat des Anklägers mit vorher auswendig gelerntem Text. Dabei ist festzuhalten, daß die Zeugen bis unmittelbar vor ihrem Auftritt ständig vom Vernehmer bearbeitet wurden. Als ich selbst als Zeuge geladen wurde, machten mich im Warteraum unmittelbar vor meiner Aussage zwei Offiziere darauf aufmerksam, daß etwaiger späterer Widerstand im Strafvollzug oder anderswo uns unbedingt den Kopf kosten würde. Entlastungszeugen gab es nicht, ich bin aber der Meinung, daß man als Zeuge, wenn man die Situation noch einigermaßen übersah, den Verteidigern mehr Argumente zuspielen konnte als dem Ankläger. Was die Verteidiger selbst betrifft, so kann man jedenfalls nicht behaupten, daß sie die Rolle eines 2. Staatsanwalts gespielt hätten, wie das in politischen Prozessen in Mitteldeutschland oft genug vorkommt. Die ausgesprochenen Strafen lagen zwischen 1 ½ und 15 Jahren Zuchthaus, die Gesamtsumme aller Strafen der 4 Prozesse betrug 114 Jahre. Die letzten Entlassungen erfolgten am 28. 8. 1964. Zur Zeit leben nach meiner Kenntnis 9 der damals Verurteilten in der Bundesrepublik. 5. Die SED-Propaganda über den »Eisenberger Kreis« und die Haltung der westdeutschen Öffentlichkeit. Das MfS versuchte die ganze Verhaftungsaktion zunächst nach Möglichkeit geheimzuhalten, und man beschränkte sich auf eine Art »psychologische Kriegführung« durch die Verbreitung von Gerüchten. So ließ man den Prorektor für Studentenangelegenheiten an der Universität Jena, Dr. [Otto] S t a m f o r t, und den Instrukteur im Prorektorat für Studentenangelegenheiten, S e s s i n g h a u s, erklären, daß die Gruppe auf einem Treff am Jenaer Nordfriedhof schwarze Listen über unbeliebte Funktionäre zusammengestellt habe, eine Behauptung, die weder im Untersuchungsverfahren noch im Prozeß jemals auftauchte.[15]  Die Eisenberger Bevölkerung suchte man mit etwas primitiveren Mitten zu beeinflussen, indem verbreitet wurde, es wären kistenweise Waffen, Munition und Sprengstoffe gefunden worden und die Gruppe hätte beabsichtigt, durch Vergiftung der Molkereimilch ein Massensterben in Eisenberg auszulösen. Soweit man heute übersehen kann, haben diese Schauermärchen der SED mehr als uns geschadet. Durch weitgehenden Ausschluß der Öffentlichkeit hoffte das MfS anfangs, daß nicht allzuviel über die Angelegenheit nach draußen dringen werde. Diese Erwartung wurde aber schon Ende September von BBC durchkreuzt, und so brachte das Organ der SED-Universitätsparteileitung der SED Jena am 8. 10. 58 einen Prozeßbericht, der sich ziemlich genau an die von der Anklagebehörde gegebene Darstellung hielt und in dem lediglich der Versuch auffällt, besonders zu betonen, daß das »entschlossene Auftreten der Professoren gegen alle feindlichen Umtriebe« die Gruppe von der Versendung der Aufrufe im November 1957 abgehalten habe. Der nicht genannte Verfasser der »redaktionellen Bemerkungen« wird die Wahrheit wohl ebenso wie wir und die Jenaer Studentenschaft kennen, sodaß sich weitere Kommentare hierzu erübrigen. Nachdem Einzelheiten über die Tätigkeit der Gruppe und die Geraer Prozesse in erheblichem Umfang in westlichen Veröffentlichungen auftauchten und sich die SED auf einigen »Wahlversammlungen« unangenehmen Fragen aus der Bevölkerung ausgesetzt sah, war eine Stellungnahme kaum mehr zu umgehen. Die Kampagne wurde nach einer Rede Albert N o r d e n s am 23. 10. 1958 im Jenaer Volkshaus ausgerichtet, alle weiteren Veröffentlichungen in Mitteldeutschland erschienen erst nach diesem Zeitpunkt. N o r d e n unterschlug in seiner Rede die aktive Tätigkeit der Gruppe vollkommen. Er behauptete, die Gruppe habe ausschließlich im Auftrage »westlicher Agentendienststellen« gearbeitet, was schon durch die Ausstellung des beschlagnahmten Materials beim ersten Prozeß und durch ähnliche spätere Ausstellungen untermauert werden sollte. Die ausgelegte »faschistische und militaristische Literatur« (so im Prozeß bezeichnet) bestand aus Büchern wie: »Die weiße Rose« von Inge Scholl, »Die neue Klasse« von Milovan Djilas, »1984« von Orwell, »Die Revolution entläßt ihre Kinder« von Wolfgang Leonhard, »Der Nationalsozialismus« von Walter Hofer u. a. sowie westdeutschen Zeitungen, auch einigen Exemplaren des »Sonntag«, des Organs des mitteldeutschen Kulturbundes, aus dem Jahre 1956 mit Auszügen aus Werken von Tibor Dery und Gyula Hay. – Weiter sprach N o r d e n von der beabsichtigten Sprengung der 1.-Mai-Tribüne in Jena 1957 (»Nur durch die Wachsamkeit unserer Staatsorgane konnte in letzter Minute ein Unglück, der Tod vieler Menschen verhindert werden.«). Ich nehme Herrn N o r d e n diese Verfälschung gar nicht so sehr übel, denn irgendwie mußte er sich ja aus der Affäre ziehen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß nur eine Brandlegung an der Stoffbespannung und Fahnendekoration der Tribüne für die Zeit von 1.00 bis 2.00 [Uhr] morgens vorbereitet worden war, und das wurde keineswegs durch die »Wachsamkeit der Staatsorgane«, sondern durch eine »in letzter Minute« versagende Zündschnur verhindert. Zu den weiteren Ausführungen N o r d e n s wurde schon weiter oben Stellung genommen[16]. Am 29. 10. 1958 wurde im Jahnsaal in Eisenberg ein von (nach Angaben der »Volkswacht«) 800 Einwohnern besuchter Justizausspracheabend, verbunden mit einer Ausstellung des beschlagnahmten Materials, durchgeführt, auf dem u. a. Bezirksstaatsanwalt D e t z n e r und die Schöffin [Lina] S i t t i c h auftraten. Die Veranstaltung bewegte sich in dem von N o r d e n vorgegebenen Rahmen, zeigte aber, daß es die SED nötig hatte, »Gerüchten, die der RIAS unter der Bevölkerung zu verbreiten suchte« (»Volkswacht« vom 31. 10. 1958), entgegenzutreten, was als Hinweis auf eine beträchtliche Unruhe unter der Einwohnerschaft betrachtet werden kann. Anfang November 1958 fand dann im Bühnensaal der Mensa in Jena eine Versammlung statt, zu der besondere Einladungen verschickt wurden und die nicht vorher angekündigt wurde. Hier wurde eine ganze Batterie von Funktionären aufgefahren, so der Bezirksstaatsanwalt D e t z n e r, Staatsanwalt [Rudi] S c h o e b e r, Bezirksgerichtsdirektor S c h m i e d e [r], Schöffin S i t t i c h, Schöffe H e y d r i c h, die SED-Universitätsparteileitung und die FDJ-Hochschulgruppenleitung. Der Bezirksstaatsanwalt hielt ein Referat, das, soweit zu erfahren war, in der Wiedergabe seines Plädoyers im Prozeß bestand. Bezirksgerichtsdirektor S c h m i e d e r soll darauf hingewiesen haben, daß eigentlich die Todesstrafe erforderlich gewesen sei, womit er »Drohbriefe« aus dem Westen beantworten wollte. Eine Diskussion war in der Versammlung nur vor dem Mikrophon möglich. Sogar zwei Jahre später wurde in Eisenberg die Propaganda in dieser Sache nochmals aufgenommen und eine erneute Ausstellung des Beweismaterials in einem VEB angekündigt. In der Bundesrepublik wurden die Verhaftungen zwar bald bekannt, zu Anfang hatten die inzwischen geflüchteten Mitglieder der Gruppe aber einige Schwierigkeiten, für ihre Nachrichten überhaupt Glauben zu finden. Als einzige öffentliche Registrierung der Verhaftungen vor dem Beginn der Prozesse liegt mir nur eine kurze Notiz des »Kurier« vom 3. 4. 1958 vor. Um so eindeutiger war die Reaktion in der BRD, als die Prozesse anliefen. Seit dem 26. 9. 1958 wurden Berichte eines Gewährsmannes über den Londoner Rundfunk gesendet, dem es irgendwie gelungen war, den ersten Prozeß mitzuerleben. Durch Berichte von Flüchtlingen hatte die Presse in der Bundesrepublik bald Gelegenheit, im Laufe des Oktober ausführlich über die Vorgänge zu berichten. Es kam zu einer Serie von Protesterklärungen der ASTA und von Studentenversammlungen vieler westdeutscher Hochschulen, zu Protesten des Landesverbandes der CDU Berlin, des Landtags von Rheinland-Pfalz (14. 10. 58), des Pressedienstes der SPD (17. 10. 58) und der Bundesregierung (Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung vom 17. 10. 58). In der westlichen Berichterstattung wurde besonders auf das Programm und die Zielsetzung der Gruppe eingegangen, weniger auf ihre tatsächliche Aktivität, da unsere in der BRD befindlichen Freunde ja nicht wissen konnten, was dem MfS schon bekannt war, sodaß in dieser Hinsicht Zurückhaltung geboten war. Die Grundsätze und Ziele des »Eisenberger Kreises« sind in den westlichen Pressveröffentlichungen im wesentlichen richtig wiedergegeben worden. Durch dieses Echo sah sich die SED dann wohl oder übel gezwungen, aus ihrer Reserve herauszugehen und ihre Sache mehr schlecht als recht zu vertreten. Als dann eine ähnliche Gruppe ein Jahr später in Dresden zerschlagen wurde, begann man wenige Tage nach der Verhaftung der Betreffenden mit Veröffentlichungen in allen mitteldeutschen Presseorganen, um der Gegenreaktion im Westen sofort den Wind aus den Segeln zu nehmen.[17] Das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen gab 1959 und 1960 eine Broschüre über den »Eisenberger Kreis« unter dem Titel »2 x 2 = 8« heraus, für die der Verfasser, Dr. Rainer H i l d eb r a n d t, das Material aus den in der BRD erhältlichen Einzelbruchstücken zusammensuchte. Auch in dieser Publikation entspricht die Darstellung der Grundtendenz der Gruppe sinngemäß der Wirklichkeit, was für einige Ergänzungen, die durch den oft fehlenden Zusammenhang des vorhandenen Materials erforderlich schienen, und für die Zitate aus den Gerichtsverhandlungen und aus einigen Gesprächen der Gruppenmitglieder untereinander nicht in vollem Maße gilt. Es wäre mir persönlich angenehmer gewesen, wenn der Verfasser auf diese Ergänzungen und eine gewisse romatisch-gefühlvolle Art der Beschreibung verzichtet hätte, selbst wenn dadurch ein nicht ganz vollständiges Bild entstanden wäre. Es ist aber auf jeden Fall zu begrüßen, daß einer großen Zahl von Menschen in westlichen Ländern auf diese Weise Kenntnisse über den Widerstand in Mitteldeutschland und die Bedingungen, unter denen dort gemeinsame Aktionen von Arbeitern und Studenten gegen den totalitären Staat zustande kommen, vermittelt wurden. Es ist unbestreitbar, daß die zahlreichen Protest- und Hilfsaktionen in der westlichen Welt von privater und amtlicher Seite, besonders auch die Bemühungen von »Amnesty international«, viel zur Erleichterung unserer Lage und zur vorfristigen Entlassung der meisten Verurteilten beigetragen haben. Es ist mir eine angenehme Pflicht, auch im Namen all derer, die dem »Eisenberger Kreis« angehörten oder nahestanden, den Menschen zu danken, die sich so einmütig für uns eingesetzt haben. 6. Bemerkungen zum Widerstand in Mitteldeutschland heute. In der Bundesrepublik ist jetzt oft die Meinung zu hören, die mitteldeutsche Bevölkerung habe sich mit dem SED-Regime arrangiert und sei ihm gegenüber heute weitgehend loyal. Sicherlich haben sich nach dem 13. 8. 1961 viele Menschen darauf eingerichtet, noch längere Zeit in einer »DDR« leben zu müssen. Die scharfe Absperrung trägt ebenfalls dazu bei, daß kaum etwas über Widerstandsaktionen in der »DDR« nach Westen dringt. Selbst vor dem Bau der Mauer ist vieles, was die Menschen gegen die Diktatur unternahmen, in der Bundesrepublik nicht bekannt geworden. Auch wird heute vielfach nicht mehr mit einer wirksamen westlichen Hilfe für die Unterdrückten in den kommunistisch regierten Staaten gerechnet, sodaß man oft darauf hofft, daß sich das System durch das Übergreifen der Unabhängigkeitsbestrebungen in Ostmitteleuropa auch auf Mitteldeutschland ändern werde, und man bemüht sich, jede hier sich bietende Chance zu nutzen und zu vergrößern. Es ist natürlich fraglich, ob sich diese Hoffnung einmal bestätigen wird. Der aktive Widerstand richtet sich jetzt vorwiegend auf das Ziel der »Republikflucht«, aber auch kleinere Widerstandsgruppen, die aktiv gegen das Regime vorgehen wollen, bilden sich immer wieder, was man durch Befragung der Neuzugänge im Strafvollzug feststellen kann. Allerdings hat das MfS seinen Apparat so gut ausgebaut und verbessert, daß ihm die Zerschlagung solcher Gruppen oft schon im Anfangsstadium gelingt. Gegen Menschen, die sich in der geistigen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus zusammenfinden und die sich dabei westliche Literatur beschaffen können, wird der Staatssicherheitsdienst jedoch kaum viel Erfolg haben. Ein vorübergehendes Nachlassen des staatlichen Zwanges zu ständigen politischen Bekenntnissen im Sinne der Partei mag die Gegenreaktion vor allem unter den Studenten ebenfalls etwas mildern. Es gibt aber in der letzten Zeit Anzeichen, daß die SED ihre Politik in dieser Hinsicht wieder verschärfen will. Die Feststellungen, die ich im Strafvollzug durch Beobachtung der politischen Häftlinge und der teilweise von ihnen geleisteten Widerstandsarbeit und der VP-Angehörigen treffen konnte, bestätigen meine Überzeugung, daß sich das SED-Regime auch heute nicht ohne sowjetische militärische Unterstützung halten könnte. Eine anständige Gesinnung macht schon längst nicht mehr vor der Uniform halt, und der »revisionistische Bazillus«, der Zweifel an dem Grundsatz, daß die Partei immer recht hat, hat viele von denen befallen, die sich noch vor 10 Jahren bedingungslos für die SED geschlagen hätten. Ulbricht und seine Anhänger werden auch in Zukunft mit der Ablehnung der von ihnen betriebenen Politik durch die von ihnen beherrschten Menschen rechnen müssen. [1]  Eisenfeld, Bernd/Kowalczuk, Ilko-Sascha/Neubert, Ehrhart: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004, S. 513 ff. u. 539 ff. [2]  Archiv Thomas Ammer. [3]  Neues Deutschland vom 23. Oktober 1958. [4]  Der Physikstudent Franz Hammer leitete eine von etwa 1949 bis 1954 in Jena bestehende Widerstandsgruppe. Es ist inzwischen erwiesen, dass er 1957 in der Strafvollzugsanstalt Waldheim durch Selbstmord ums Leben kam. [5]  Siehe Herrmann, Peter/Steudel, Heinz/Wagner, Manfred: Der Physikerball 1956. Vorgeschichte – Ablauf – Folgen, Jena 1995. [6]  Siehe die Vorbemerkung zu diesem Dokument. [7]  Ernst Wollweber, 1953 bis 1955 Staatssekretär im MfS, 1955 bis 1957 Minister für Staatssicherheit, erzwungener Rücktritt wegen angeblicher Vernachlässigung seiner Aufgaben im Kampf gegen »feindliche Agenten«, tatsächlich wegen Zugehörigkeit zu der in Opposition zu Ulbricht stehenden Gruppe um ZK-Sekretär Karl Schirdewan. [8]  Hingerichtet in Budapest am 16. Juni 1958. [9]  Siehe Abschnitt 3. in diesem Dokument.  [10]  Siehe die Vorbemerkung zu diesem Dokument. [11]  Werner Lonitz, 1989 MfS-Oberst in der Hauptabteilung XVIII »Schutz der Volkswirtschaft«. [12]  Im August 1960 hat das Bezirksgericht Gera drei Jenaer Studenten wegen der Weitergabe von Informationen über die Prozesse an einen inzwischen in der Bundesrepublik lebenden ehemaligen Jenaer Philosophiestudenten zu Freiheitsstrafen bis zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Diese Informationen waren an die Westpresse und auch an das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen gelangt. [13]  StEG – Strafrechtsergänzungsgesetz vom 11. Dezember 1957 (Gesetzblatt I, S. 643), gültig bis zum Inkrafttreten des Strafgesetzbuches der DDR vom 12. Januar 1968. [14]  Freiberg war 1957 selbst wegen ideologischer Abweichungen in Schwierigkeiten geraten und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, Bezirksgerichtsdirektor geworden. Siehe Weber, Petra: Justiz und Diktatur. Justizverwaltung und politische Strafjustiz in Thüringen 1945–1961, München 2000, S. 222. [15]  Der damalige 1. Sekretär der SED-Universitätsparteileitung und spätere Historiker Kurt Pätzold verbreitete dieses Gerücht in Jena noch in den 90er Jahren. [16] Siehe Abschnitt 2 in diesem Dokument. [17]  Es handelte sich um den »Nationalkommunistischen Studentenbund«, eine Widerstandsgruppe von Studenten an der Technischen Hochschule Dresden, die von 1957 bis 1959 bestand und im Frühjahr 1959 vom Bezirksgericht Dresden verurteilt wurde. 

JHK 2007

Sowjetische Repressionen in den östlichen Gebieten der Zweiten Polnischen Republik (1939 bis 1941). Massenexekutionen, Verhaftungen, Zwangumsiedlungen und die nationale Zugehörigkeit der Opfer

Grzegorz Hryciuk

Am 17. September 1939 überschritten Einheiten der Roten Armee entsprechend den Vereinbarungen des geheimen Zusatzprotokolls zum deutsch-sowjetischen Nicht-Angriffs-Pakt vom August 1939 die Ostgrenze der Zweiten Polnischen Republik. Ohne auf ernsthafteren Widerstand polnischer Truppen zu stoßen, nahmen die sowjetischen Panzerspitzen bereits am nächsten Tag Wilna (litau.: Vilnius) ein und erreichten am 19. September Lemberg (ukrain.: L’viv). Der weitere Vormarsch in die Gebiete zwischen Bug und Weichsel wurde kurz darauf gestoppt. Die beiden Aggressoren – das Dritte Reich und die Sowjetunion – einigten sich bezüglich der territorialen Aufteilung Polens auf einen im Vergleich zu den vorangegangenen Vereinbarungen revidierten Grenzverlauf. Als Gegenleistung für die Eingliederung Litauens in das sowjetische Interessengebiet sollten die östlich der Weichsel gelegene Region Lublin sowie wesentliche Teile Masowiens und Podlasiens unter deutscher Okkupation verbleiben. Aufgrund des Verzichts auf diese mehrheitlich von polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete konnte die sowjetische Seite von den Plänen zur Errichtung einer Polnischen Sowjetrepublik im Rahmen der UdSSR absehen[1] und dadurch die Schaffung eines potentiellen Anlasses für Missverständnisse und Unstimmigkeiten im Verhältnis zum Dritten Reich verhindern. Nach der Übergabe des seit dem Ersten Weltkrieg Polen zugehörigen Wilnaer Gebietes an die bis zu ihrem »freiwilligen Beitritt« zur UdSSR im August 1940 formal unabhängige Republik Litauen befanden sich im Oktober 1939 rund 194 000 km2  polnischen Territoriums mit einer Bevölkerung von über 12,5 Millionen Menschen unter sowjetischer Besatzung.[2]  Die sowjetische Führung hatte bereits Mitte September 1939 Pläne zur Rechtfertigung der Eingliederung dieser polnischen Gebiete in die UdSSR ausgearbeitet. Das detaillierte Handlungsszenario wurde vom Politbüro des ZK der VKP (b) am 1. Oktober 1939 verabschiedet.[3] Die Angliederung der territorialen Neuerwerbungen an die Weißrussische und Ukrainische SSR, die Implementierung der sowjetischen Staatsform sowie die Nationalisierung der Großindustrien und des privaten Bauernbesitzes sollten angeblich auf Wunsch und mit Zustimmung der (»befreiten«) Bevölkerung vorgenommen werden. Als ausführende Organe würden lokale Bürgervertretungen fungieren, die im Zuge heimlicher, freier und demokratischer Wahlen zu bilden seien. Die am 22. Oktober 1939 gewählten Delegierten der Nationalversammlungen Westweißrusslands und der Westukraine beschlossen während ihrer Beratungen in Lemberg (26. bis 28. Oktober 1939) und Białystok (28. bis 30. Oktober 1939) die Einführung der Sowjetherrschaft in der Westukraine und Westweißrussland, den Beitritt zur Ukrainischen bzw. Weißrussischen SSR sowie die Nationalisierung von Industriebetrieben, Banken und des Großgrundbesitzes. Dieser von den Nationalräten der okkupierten Territorien gestellte Antrag auf Eingliederung in die UdSSR wurde vom Obersten Sowjet der UdSSR sowie von den Obersten Sowjets der Ukrainischen und Weißrussischen SSR auf Sondersitzungen im November 1939 angenommen. In Konsequenz dieser Rechtsakte erhielt die Bevölkerung Ostpolens per Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. November 1939 die sowjetische Staatsbürgerschaft. Im Dezember 1939 und im Januar/Februar 1940 wurde eine veränderte administrative Territorialstruktur eingeführt und der Grenzverlauf zwischen der Ukrainischen und Weißrussischen SSR neu festgelegt. Mit den Wahlen zu den Räten sämtlicher administrativer Ebenen – von den Gemeinden über die Landkreise (rajon) zu den Gebieten (oblast’) – galt die Annexion im Dezember 1940 staatsrechtlich endgültig als legitimiert. Zugleich fand mit der Errichtung dieser, den übrigen Gebieten der UdSSR entsprechenden, lokalen Verwaltungsstruktur die Anpassung an das sowjetische Herrschaftssystem ihren Abschluss.[4] Parallel zu diesen Veränderungen wurde die Anpassung im wirtschaftlichen Bereich vorangetrieben. Es kam zu einer breit angelegten Nationalisierung von Privatbesitz, und im Dezember 1939 wurde die polnische Währung endgültig aus dem Umlauf genommen. Das Genossenschaftswesen wurde sowjetischen Organisationen unterstellt und damit de facto verstaatlicht. Der gesamte Produktionssektor wurde dem staatlichen Wirtschaftsplan und damit der zentralen Lenkung unterworfen. In den Dörfern begann indes – wenn auch in der Regel auf dem »sanfteren« Wege der propagandistischen Agitation – die Kollektivierung bäuerlicher Privatbetriebe.[5] Die Vereinheitlichung erfasste auch die Bereiche Bildung und Kultur. Im Januar 1940 wurde das gesamte Schulwesen nach sowjetischem Muster umgestaltet und der Unterricht hatte ab sofort nach neuen Lehrplänen und mit sowjetischen Lehrbüchern zu erfolgen. Museen, Theater und wissenschaftliche Einrichtungen wurden der staatlichen Kontrolle unterworfen.[6]  Die Okkupationsmacht bemühte sich ebenfalls um eine Minimierung des Einflusses von Kirche und Religion. Wurde dabei auch vorerst von einem frontalen Angriff gegen die römisch- und griechisch-katholischen Kirchen abgesehen, so kam es doch zu finanziellen Schikanen sowie zur Verbreitung einer aktiven antireligiösen und atheistischen Propaganda. Durchaus erfolgreich waren demgegenüber die Bemühungen, die polnisch-orthodoxe Kirche der russisch-orthodoxen Hierarchie zu unterstellen.[7] Eines der wichtigsten Ziele der sowjetischen Führung war die Veränderung der Gesellschaftsstruktur. Eine wesentliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Terror, dem nicht nur eine repressiv-vergeltende, sondern auch eine präventivwarnende Funktion zukam. Repression der Kriegsgefangenen: Die Massaker von Katyn’ und Zwangsarbeit Die erste Gruppe der ehemaligen polnischen Staatsbürger, welche die Repressalien seitens der sowjetischen Führung zu spüren bekam, waren die polnischen Soldaten, die im September und Oktober 1939 in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Laut den triumphalen Meldungen sowjetischer Einheiten, Armeen und Fronten muss die ursprüngliche Zahl der Kriegsgefangenen 450 000 Personen überschritten haben.[8] Aufgrund einer unzureichenden Bewachung der Gefangenentransporte sowie des Befehls, die Bewohner der von der Roten Armee besetzten polnischen Ostgebiete aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zu entlassen, reduzierte sich die Anzahl polnischer Gefangener in sowjetischer Hand noch im Herbst 1939 auf rund 125 000, darunter v. a. Soldaten aus West- und Zentralpolen.[9] Entgegen den internationalen Konventionen wurden sie in Lagern festgehalten, die von Organen des NKVD geführt wurden.[10] Die Freilassung eines Großteils der einfachen Soldaten und Unteroffiziere dauerte bis Dezember 1939 an: Während etwa die Hälfte der aus dem deutsch besetzten Zentral- und Westpolen stammenden Gefangenen an das Dritte Reich ausgeliefert wurden (42 492 Personen), entließ man fast ebenso viele Personen (42 400) vor Ort in die Freiheit. Danach befand sich noch eine Gruppe von annähernd 39 000 polnischen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand:[11] 10 362 dieser gefangenen Soldaten und Unteroffiziere wurden zur Arbeit in Bergwerke geschickt, die dem Volkskommissariat für Eisenmetallurgie unterstanden, weitere 13 297 wurden beim »Bauvorhaben Nr. 1« (zum Bau der Straße von Lemberg nach Kiew) eingesetzt. Die übrigen 15 087 Berufs- und Reserveoffiziere jedoch wurden in den Lagern von Kozel’sk und Ostaškov (RSFSR), Starobel’sk (in der östlichen Ukraine, ukrain.: Starobil’s’k) sowie – anfangs – in Juhnov (RSFSR) festgehalten.[12] Den Unterlagen von Ende Februar 1940 zu Folge befanden sich unter den 4 486 Kriegsgefangenen im Lager Kozel’sk 4 347 Polen (daneben 89 Juden, 23 Weißrussen, 11 Deutsche, 8 Litauer, 6 Ukrainer, ein Tscheche und ein Georgier). Im Lager Starobel’sk waren 3 838 von 3 908 Gefangenen polnischer Nationalität (daneben 71 Juden, 4 Ukrainer sowie je ein Deutscher, ein Ungar, ein Litauer, ein Lette und ein Bulgare). Im Lager von Ostaškov befanden sich neben 6 013 gefangenen Polen 28 Weißrussen, 23 Ukrainer, 4 Deutsche, 2 Tschechen und 2 Russen).[13] Für den Bau der Straße von Lemberg nach Kiew wurden im Lager von Rovno (ukrain.: Rivne) sowie in den Arbeitslagern des Donbass insgesamt 23 184 Kriegsgefangene festgehalten, darunter 16 545 Polen, 892 Ukrainer, 641 Juden, 52 Russen, 51 Litauer, 5 Tataren, 2 Deutsche und je ein Lette und ein Tscheche.[14] In Ausführung eines entsprechenden Beschlusses des Politbüros des ZK der VKP (b) vom 5. März 1940 wurden im April/Mai 1940 in Ostaškov und Starobel’sk über 10 000 Kriegsgefangene ermordet. Die mehr als 4 300 Gefangenen aus Kozel’sk wurden nach Katyn’ (poln.: Katyń) geführt und dort erschossen.[15] Einzig 394 Gefangene, die in das Lager von Juchnov (und später nach Grjazovec) verlegt worden waren, entgingen den so genannten »Katyn’-Massakern« (307 Polen, 28 Juden, 22 Weißrussen, 22 Deutsche, 9 Russen und 6 Litauer).[16] Im Juli und August 1940, nach der Eingliederung der baltischen Staaten in die Sowjetunion, wurden 811 polnische Soldaten, die seit Herbst 1939 in Lettland interniert waren, und 4 379, die man in Litauen gefangen hielt, ins Innere der UdSSR deportiert. Sie wurden vorerst in die Lager von Kozel’sk (Offiziere und Polizisten) und Juchnov verbracht, wo sie wiederum die Mehrheit der Internierten stellten (in Kozel’sk waren 2 417 von 2 448 Gefangenen polnischer Nationalität, in Juchnov 2 675 von 2 752).[17] Die Unteroffiziere und Soldaten der in den baltischen Staaten internierten polnischen Armeeangehörigen (3 929 Personen) wurden 1941 von den Offizieren separiert und in das Lager von Ponoj (bei Murmans’k) gebracht, wo sie beim Bau eines Militärflugplatzes eingesetzt wurden.[18] Im Lager Sevžel’dorlag in der Komi ASSR lebten unter den schweren klimatischen Verhältnissen des hohen Nordens seit Mai 1940 an die 8 000 Kriegsgefangene, die aus den Lagern des Donec’k-Beckens hierher verlegt worden waren.[19] Überaus dramatisch gestaltete sich im Sommer 1941 das Los von rund 14 100 Kriegsgefangenen, die beim Straßenbau zwischen Lemberg und Rovno eingesetzt waren. Im Zuge der chaotischen Evakuierung nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gelang einem Teil von ihnen die Flucht – viele von ihnen starben jedoch bei deutschen Luftangriffen oder wurden von den vorrückenden deutschen Truppen ermordet. Die Verluste im Zuge der Evakuierungen betrugen zwischen 1 824 und 1 968 Personen.[20] Laut Daten vom 31. Juli 1941 befanden sich zu jenem Zeitpunkt 25 184 polnische Kriegsgefangene in sowjetischer Hand, unter ihnen 21 055 Polen, 526 Ukrainer, 2 384 Weißrussen, 726 Juden, 70 Russen, 100 Litauer, 342 Deutsche, 9 Tataren sowie je ein Georgier und ein Österreicher.[21] Nach Abschluss des polnisch-sowjetischen Abkommens vom 30. Juli 1941 und der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen verkündete die sowjetische Führung am 12. August 1941 eine Amnestie für die Kriegsgefangenen. Fast alle Internierten wurden freigelassen und den Einheiten einer neu gebildeten »Polnischen Armee in der UdSSR« zugeführt. Ausgenommen davon waren die im Lager Aktjubins’k verbliebenen 263 Kriegsgefangenen deutscher Herkunft sowie zwei Personen, die »aufgrund von Materialien der Sonderabteilung [des NKVD]« von der Musterung ausgenommen worden waren.[22] Der Beginn der Massenverhaftungen Von den Repressalien im sowjetisch besetzten Ostpolen waren keineswegs nur Angehörige der Armee betroffen. Spezielle Operativgruppen des NKVD, die im September 1939 im unmittelbaren Rückfeld der Roten Armee nach Polen einmarschiert waren, begannen sofort mit der Verhaftung polnischer, ukrainischer, weißrussischer wie auch nach Polen emigrierter sowjetischer politischer Aktivisten. Die Operativgruppen waren hierfür mit vorgefertigten Listen »verdächtiger« Personen ausgestattet, die ihnen vom sowjetischen Geheimdienst zugestellt worden waren.[23] Auch Sondereinheiten der Roten Armee führten Festnahmen durch. Bis Ende 1939 wurden an die 20 000 Personen inhaftiert,[24] wobei der Kreis der Verfolgten und Festgenommenen sukzessive ausgeweitet wurde. Die Fahndungslisten wurden unter Verwendung von Daten ergänzt, die aus den Archiven der polnischen Polizei und Spionageabwehr stammten. Der Analyse solcher Materialien widmete sich eine spezielle Operativgruppe des NKVD. Im Ergebnis wurde Ende Februar 1941 eine schwarze Liste mit den Namen von 3 168 Agenten und Mitarbeitern des polnischen Geheimdienstes und der Polizei sowie von 55 125 Mitgliedern »nationalistischer Organisationen und Polizisten« veröffentlicht, von denen bis Ende März 1941 bereits 2 101 Personen verhaftet worden waren.[25] Unter den Häftlingen befand sich eine ständig wachsende Anzahl an Mitgliedern der seit der Niederlage im September 1939 massenhaft gegründeten konspirativen Widerstandsgruppen. Sie machten einen wesentlichen Teil aller 1940 und 1941 verhafteten Polen aus. Insgesamt wurden gemäß sowjetischen Angaben von September 1939 bis Mai 1941 in den westlichen Gebieten der Weißrussischen und Ukrainischen SSR – zusammen mit den Festnahmen durch Sonderabteilungen der militärischen Sonderbezirke West und Kiew – 109 400 Personen verhaftet. Diese Zahl muss um mindestens 2 500 im Juni 1941 inhaftierte Personen erhöht werden. Ebenfalls mit einzubeziehen sind zudem 2 500 Gefangene aus den Gebieten, welche in die Litauische SSR inkorporiert wurden. Laut den oben genannten Unterlagen zum Zeitraum von September 1939 bis Mai 1941 befanden sich unter den 109 485 in den Gebieten des so genannten Westweißrussland und der Westukraine inhaftierten Personen 42 948 Polen (39,23 Prozent), 24 186 Ukrainer (22,09 Prozent), 8 091 Weißrussen (7,39 Prozent) und 23 590 Juden (21,55 Prozent). Da in diesen Zahlen mindestens 4 000 Personen – v. a. Ukrainer und Juden – mit einbezogen sind, die in den an die Ukrainische SSR angegliederten rumänischen Bezirken Czernowitz (ukrain.: Černivci), Izmail und Akerman gefangen genommen wurden, dürfte die tatsächliche Zahl an Verhaftungen in den besetzten Gebieten der Zweiten Polnischen Republik aller Wahrscheinlichkeit nach bei rund 110 000 gelegen haben, wobei der prozentuale Anteil an Ukrainern und Juden hier mit Sicherheit etwas geringer war als in den obigen Zahlen angegeben.[26] Von den rund 110 000 Gefangenen wurden 9 465 im Laufe der Ermittlungsverfahren freigelassen. 612 starben an den Folgen von Folter, schlechten Lebensbedingungen und Krankheiten. Nur 43 Personen gelang die Flucht aus den Gefängnissen. Bis Mai 1941 wurden 1 208 Todesurteile verhängt, von denen ein Teil bis zum 22. Juni 1941 vollstreckt wurde, der andere Teil hingegen unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Zu diesen Exekutionen müssen noch jene 7 305 Personen hinzugezählt werden, die bereits in Folge einer Entscheidung der speziellen »Trojka« der NKVD-Führung im Frühling 1940 in Katyn’ ermordet wurden.[27]  Aus der so genannten Westukraine wurden in der Zeit von September 1939 bis Juni 1941 rund 33 200 Häftlinge in die Tiefen der UdSSR deportiert, die Mehrheit von ihnen von einem Gericht dazu verurteilt. Von den (gemäß Angaben vom 10. Juni 1941) bei Kriegsbeginn in der Region verbliebenen 20 094 Gefangenen »evakuierten« die sowjetischen Behörden etwa 4 500 ebenfalls in Richtung Osten. Mehr als 8 700 Häftlinge wurden ermordet, während der Rest – mindestens 7 000 Personen, die meist einfacher Verbrechen verdächtigt worden waren – vor Ort blieb und freigelassen wurde. Aus den Gebieten des so genannten Westweißrussland wurden bis Juni 1941 rund 22 000 Personen in die UdSSR deportiert. Von den 16 375 in dieser Region verbliebenen Häftlingen wurden nach dem deutschen Angriff etwa 2 800 in den sowjetischen Osten gebracht. 700 Gefangene (in ihrer Mehrheit aus dem Gefängnis in Glubokoe) wurden ermordet, während der Rest, etwa 12 800 Personen, im Chaos der ersten Tage des deutsch-sowjetischen Krieges den Weg in die Freiheit fand.[28] Eine Analyse der nationalen Zugehörigkeit der von 1939 bis 1941 in den sowjetisch okkupierten Gebieten Polens inhaftierten Personen ergibt einen – im Verhältnis zur nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung – leicht überhöhten Anteil an Polen. Als überproportional hoch erweist sich demgegenüber die Zahl jüdischer Gefangener. Wenngleich der NKVD in den Jahren 1940/41 aktiv gegen jüdische nationalistische (zionistische) Organisationen vorging,[29] resultiert dieser hohe Anteil jedoch daraus, dass in den Angaben zur Gesamtzahl der Gefangenen auch tausende so genannte »Einzelgänger« (odinačky), d. h. flüchtige jüdische Männer ohne Familien, enthalten sind: Die sowjetischen Behörden evakuierten im Juni 1941 jüdische Flüchtlinge (bežency) aus dem deutsch besetzten Westpolen, die seit 1939 Zuflucht im sowjetischen Okkupationsgebiet gesucht hatten, in Richtung Osten. Während dieser Evakuierung verhafteten sie in der Ukraine 6 600, in Weißrussland 7 000 alleinstehende jüdische Männer, odinački.[30] Zwangsaussiedlungen  Neben den Verhaftungen stellten die Zwangsaussiedlungen das zweite zentrale Mittel im reichhaltigen Instrumentarium der sowjetischen Repression zur Zeit der Okkupation Ostpolens dar. Unter den unterschiedlichsten Kategorien von Feinden der sowjetischen Gesellschaftsordnung, gegen die nach dem Prinzip der Kollektivhaftung vorgegangen wurde, befanden sich ganz oben auf der Liste die so genannten »Siedler«: alle Personen, ungeachtet ihrer Nationalität, die im Zuge der Bodenreform in den östlichen Provinzen der Zweiten Polnischen Republik eigenes Land erworben hatten. Das gleiche galt (ebenfalls ungeachtet ihrer nationalen Zugehörigkeit) für die so genannten »Forstarbeiter«. Dabei handelte es sich um Menschen, die zur Beaufsichtigung und Bewirtschaftung privater wie auch der staatlichen Wälder angestellt waren. Die endgültige Entscheidung in Sachen »Siedler« fiel auf höchster sowjetischer Führungsebene Anfang Dezember 1939. Am 2. Dezember schlug Lavrentij Berija in einem Schreiben an Stalin und das ZK der VKP (b) vor, sämtliche »Siedler«Familien bis zum 15. Februar 1940 zwangsauszusiedeln. Am 4. Dezember wurde eine entsprechende Entscheidung vom Politbüro der VKP (b) gefasst, worauf der Rat der Volkskommissare der UdSSR am folgenden Tag den Erlass Nr. 2010-558 ss zur Aussiedlung der »Siedler« aus den westlichen Gebieten der Weißrussischen und Ukrainischen SSR unterzeichnete. In den letzten Tagen des Jahres 1939 fällten das Politbüro (21. und 28. Dezember) und der Rat der Volkskommissare (22. und 29. Dezember) eine Entscheidung bezüglich der weiteren Verwendung der von den »Siedlern« zurückzulassenden Güter sowie darüber, dass die »Waldaufsicht« in die Aussiedlung einzubeziehen sei. Die breit angelegte »Aktion« fand an dem »vom NKVD der UdSSR festgelegten Tag« statt, in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1940.[31] Die genaue Zahl der im Februar 1940 zwangsausgesiedelten Personen lässt sich nicht mehr feststellen. Geplant war die Deportation von insgesamt 17 753 Familien bzw. 99 065 Personen aus der Westukraine sowie 9 810 Familien bzw. 52 892 Personen aus den fünf westlichen Gebieten der Weißrussischen SSR, darunter 6 064 »Siedler«-Haushalte (34 203 Personen) und 3 746 »Forstarbeiter«Familien (16 689).[32] Tatsächlich wurde eine etwas kleinere Zahl an »Siedlern« ausgesiedelt als geplant. Im Februar 1940 wurden aus der Westukraine 17 206 Familien, 89 062 Personen, deportiert, aus Westweißrussland 9 584 Familien (50 732): In insgesamt 100 Eisenbahntransporten wurden demnach 26 790 Familien bzw. 139 794 Personen aus den durch die UdSSR okkupierten ostpolnischen Territorien in den Osten der Sowjetunion deportiert.[33] In den Dokumenten verschiedener Führungsebenen des NKVD finden sich an einigen Stellen andere Zahlen, die sich im Allgemeinen jedoch nur unwesentlich voneinander unterscheiden.[34] Laut den Unterlagen des NKVD waren von 139 299 Personen (28 553 Familien, das sind 1 763 mehr als in den Meldungen vom Februar 1940), die in der Registratur der Abteilung für Arbeitsansiedlung der Hauptverwaltung Lager (GULag) des NKVD für das erste Quartal 1940 geführt wurden, mindestens 88 262 aus der Ukrainischen und 49 239 aus der Weißrussischen SSR deportiert worden.[35] Möglicherweise resultieren die Differenzen – abgesehen von Ungenauigkeiten bei der Zählung – aus einer fehlenden Berücksichtigung der Todesfälle und Fluchten während des Transports. Zahlenmäßig dürften diese allerdings kaum ins Gewicht gefallen sein.[36] Die Wohnverhältnisse, die sanitären und die Versorgungsbedingungen sowie die auszehrende Arbeit bewirkten eine hohe Sterblichkeit unter den Umgesiedelten, die bereits nach etwas mehr als einem Jahr auf über 7,5 Prozent angestiegen war.[37] Unter den Deportierten befanden sich (laut Angaben vom 1. April 1941) 36 670 Männer über 16 Jahre (27,68 Prozent), 38 078 Frauen (28,75 Prozent), 11 329 Kinder im Alter von 14 bis 16 (8,55 Prozent) sowie 46 386 Kinder unter 14 Jahren (35,02 Prozent).[38] Charakteristisch für diese Gruppe von Verbannten waren die hohe durchschnittliche Kinderzahl je Familie (4,8 Personen je Familie) sowie auch der insgesamt hohe Kinderanteil (43,75 Prozent). Entgegen der Bezeichnung dieses Verbannten-Kontingents als »polnische Siedler« war seine Zusammensetzung uneinheitlich. Gemäß Angaben, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus der ersten Hälfte 1941 stammen, stellten die Polen lediglich 81,68 Prozent (109 233 Personen) der Deportierten, 8,76 Prozent (11 720) jedoch waren Ukrainer, 8,08 Prozent Weißrussen (10 802), 0,11 Prozent Deutsche (152) sowie 1,38 Prozent »andere« (1 835 Personen).[39] Diese Verteilung erklärt sich aus der Tatsache, dass sich unter den ausgesiedelten »Forstarbeiter«-Familien viele Weißrussen und Ukrainer befanden. Darüber hinaus wurden aus den mehrheitlich von Polen bewohnten Siedlungen und Kolonien in der Regel neben den polnischen Bauern auch deren weißrussische bzw. ukrainische Nachbarn deportiert. Sämtliche Deportierten hatten den Status von »Spezialumsiedlern« (specpereselency), der demjenigen der als »Arbeitsumsiedler« (trudposelency) in den Jahren 1930/31 deportierten »Kulaken« sehr ähnlich war.[40] Sippenhaft Das in der Sowjetunion praktizierte Prinzip der Kollektivhaftung entschied über das Los der Familienangehörigen von NKVD-Häftlingen und der Angehörigen von polnischen Kriegsgefangenen in den Lagern von Kozel’sk, Starobel’sk und Ostaškov. Die Entscheidung bezüglich ihrer Deportation wurde am 2. März 1940 vom Politbüro der VKP (b) und vom Rat der Volkskommissare der UdSSR gefällt (Beschluss Nr. 289-127 ss).[41] Fünf Tage nach dem Beschluss des Rates der Volkskommissare erließ Berija einen Befehl zur Bildung der so genannten Operativ-Trojkas als entscheidungsbefugte Exekutivorgane der NKVD-Abteilungen in den westlichen Gebieten der Ukraine und Weißrusslands.[42] In der ebenfalls am 7. März 1940 von Berija unterzeichneten Direktive Nr. 892/B des NKVD wurde der Befehl erlassen, bis zum 30. März (15 Tage vor Beginn der geplanten Aktion) alle zur Aussiedlung vorgesehenen Personen zu registrieren: Deportiert werden sollten die Ehefrauen und Kinder, wie auch die Eltern, Brüder und Schwestern, sofern sie »mit der Familie des Häftlings oder Kriegsgefangenen« zusammenlebten. Neben den Angehörigen von Häftlingen und Kriegsgefangenen »wurde die Gesamtzahl der auszusiedelnden Personen um die registrierten Familienmitglieder von Offizieren, Polizisten, Gefängniswärtern und anderen Berufsgruppen ergänzt, deren Familienoberhäupter zu unterschiedlichen Zeiten über die Grenze geflohen sind, sich verstecken oder auch […] gesucht werden«.[43]  Als so genannte gesellschaftliche Fremdkörper und gefährdende Elemente sollten zusammen mit den Familien inhaftierter oder gesuchter Personen auch Prostituierte aus den westlichen Gebieten der Ukrainischen und Weißrussischen SSR deportiert werden. Aus Westweißrussland wurden am 9. April 1940, drei Tage vor Beginn der eigentlichen »Aktion«, 307 Frauen und 35 Kinder abtransportiert.[44] Am 10. April 1940 bestätigte der Rat der Volkskommissare der UdSSR per Beschluss Nr. 497-177 ss die Durchführungsbestimmungen für die folgende Aussiedlung. Im Beschluss Nr. 497-177 ss wurde der Beginn der Deportationen auf die Nacht vom 12. auf den 13. April 1940 festgelegt.[45] Im April 1940 wurden in 51 Transporten »60 667 [gemäß anderen Angaben 61 092] Familienangehörige von Repressalien unterworfenen Mitgliedern aufständischer Organisationen, Offizieren der ehemaligen polnischen Armee, Polizisten, Vollzugsbeamten, Gendarmen, Gutsbesitzern, Fabrikanten und Beamten des ehemaligen polnischen Staatsapparates« aus den westlichen Gebieten der Ukrainischen und Weißrussischen SSR in die Kasachische SSR umgesiedelt[46]. Der rechtliche Status der im April 1940 Deportierten unterschied sich in einigen Punkten von dem der oben betrachteten »Siedler«. Sie galten formal lediglich als für den Zeitraum von 10 Jahren »administrativ Verbannte«, was bedeutete, dass sie ihre sowjetischen Bürgerrechte im Wesentlichen beibehielten. Sie lebten mit der lokalen Bevölkerung zusammen und wurden nicht in separaten Siedlungen isoliert. Lediglich ihren Wohnort durften sie nicht wechseln.[47] Gemäß unvollständigen Informationen zu den Deportierten vom April 1940 dürften die Polen rund 68,3 Prozent der Verbannten ausgemacht haben (41 000 Personen), die Ukrainer 13,5 Prozent (8 100), die Weißrussen 11,5 Prozent (6 900) und die Juden etwa 4,17 Prozent (2 500).[48] Die Deportation der Juden Die dritte Welle von Massendeportationen im Jahre 1940 betraf die so genannten Flüchtlinge (bežency): Polnische Staatsbürger, die aus den durch das Dritte Reich okkupierten westlichen Landesteilen Polens in die sowjetisch besetzten Gebiete geflohen waren und die von der durch die Deutschen (in Absprache mit der sowjetischen Führung) von April bis Juni 1940 durchgeführten »Repatriierung« von Flüchtlingen in ihre ursprünglichen Wohnorte [gezielt] nicht erfasst wurden.[49] Die Entscheidung in Sachen »Flüchtlinge«, denen eine Rückkehr an ihre ursprünglichen Wohnorte verwehrt war, während sie ihrerseits die Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft verweigerten, fiel im Politbüro bereits am 2. März 1940.[50] Per Beschluss Nr. 497-177 ss vom 10. April 1940 bekräftigte der Rat der Volkskommissare diese politischen Vorgaben und bestätigte zugleich die Anweisung des NKVD, wonach die »Flüchtlinge« in den Norden der Sowjetunion deportiert, in Spezialansiedlungen untergebracht und zur Arbeit in der Forstwirtschaft eingesetzt werden sollten. Es war vorgesehen, die Operation unmittelbar nach Beendigung der Arbeiten der deutschen Rückführungskommission und deren Rückkehr ins Dritte Reich durchzuführen.[51]  Die Umsiedlungsaktion wurde in der Nacht vom 28. zum 29. Juni 1940 durchgeführt.[52] Die genaue Anzahl der Betroffenen dieser Juni-Deportation ist umstritten. Gemäß Angaben des ukrainischen und weißrussischen NKVD wurden aus der Weißrussischen SSR 7 224 Familien (22 879 Personen) in die Verbannung verschickt, aus der Ukrainischen SSR 24 700 Familien (57 774 Personen). Das wären insgesamt 31 924 Familien bzw. 80 653 Personen.[53] Berechnungen auf Grundlage der Transportlisten, die den Kommandanten der 57 Wacheinheiten ausgehändigt wurden, ergeben eine Gesamtzahl von 76 246 Personen, darunter 52 617, die aus der Westukraine weggebracht wurden (allein aus Lemberg mehr als 30 000) sowie 23 629 aus Weißrussland.[54] Neben den Massendeportationen kam es Ende Juni 1940 zusätzlich zur Verhaftung von 16 617 Einzelpersonen, davon 9 275 in der Westukraine  und 7 342 im westlichen Weißrussland.[55] Gemäß Informationen aus dem zweiten Quartal des Jahres 1941 befanden sich unter den 76 113 Flüchtlingen 8 357 Polen (10,95 Prozent), 1 728 Ukrainer (2,26 Prozent), 186 Weißrussen (0,24 Prozent), 119 Deutsche (0,16 Prozent) und 1 396 Personen, deren Nationalität in den Unterlagen des NKVD nicht ausgewiesen wird. Die überwiegende Mehrheit jedoch, 64 533 Personen (84,56 Prozent), waren Juden, welche die Deutschen zuvor nicht ins Generalgouvernement zurückkehren ließen.[56] Das Kontingent der »Flüchtlinge« setzte sich weitgehend aus Kleinfamilien mit wenigen Kindern sowie vielen unvollständigen, durch den Krieg auseinander gerissenen bzw. bereits durch die Deutschen dezimierten jüdischen Familien zusammen (im Durchschnitt drei Personen pro Familie). Der Anteil der Erwachsenen lag höher als bei den »Siedlern« (laut Angaben vom 1. April 1941: 29 437 Männer und 26 459 Frauen, das sind zusammen rund 73,48 Prozent). Die Zahl der im Juni 1940 deportierten Kinder war verhältnismäßig gering. Mit 20 172 (4 131 im Alter zwischen 14 bis 16 Jahre, 16 041 jünger als 14) machten die Kinder rund ein Viertel (26,52 Prozent) der »Flüchtlinge« aus.[57] Die absolute Mehrheit der Deportierten war städtischer Herkunft und gehörte zu einem beträchtlichen Teil der Intelligencija an. Die sowjetischen Behörden registrierten 8 261 »Ärzte, Agronomen und Lehrer«, darunter 551 »hoch qualifizierte Spezialisten« und wissenschaftliche Mitarbeiter unterschiedlicher Institutionen.[58] Die letzte Welle der Zwangsumsiedlungen  Nach der Deportation der »Flüchtlinge« vom Juni 1940 begann eine elfmonatige Ruhepause. Im späten Frühjahr 1941 setzten die Massendeportationen jedoch erneut ein. Angesichts des sich abzeichnenden Krieges verabschiedeten das ZK der VKP (b) und der Rat der Volkskommissare der UdSSR am 14. Mai 1941 den gemeinsamen Beschluss NR. 1299-526 ss zur Durchführung einer »Säuberungsaktion« in den Grenzgebieten aller Territorien, die in den Jahren 1939/40 in die Sowjetunion eingegliedert worden waren.[59] Die Aktion fand in drei Etappen statt: Am 21. Mai 1941 unterschrieb Berija den Befehl zum Beginn der Zwangsaussiedlungen aus den Gebieten der Westukraine, worauf sich bereits am darauf folgenden Tag die ersten Transporte in Bewegung setzten.[60] Die Operation begann am 22. Mai 1941 und wurde bereits abends um 22 Uhr abgeschlossen.[61] Insgesamt wurden an diesem Tag 3 073 Familien deportiert (11 328 Personen). Diese Informationen weichen nur wenig von jenen aus den Transportlisten der Begleittruppen ab. Gemäß Letzteren verließen am 23. und 24. Mai 1941 zwölf Transporte mit 11 093 Zwangsaussiedlern das Gebiet der sechs westlichen Gebiete der Ukrainischen SSR. 589 Personen gelang es, sich den Transporten zu entziehen, während Operativgruppen des NKGB-NKVD im Gebiet Stanisławów (heute ukrain.: Ivano Frankivsk) 103 und im Gebiet Wolhynien 339 Personen an die Begleittruppen übergaben, die ursprünglich nicht zur Umsiedlung registriert worden waren.[62] Da diese Aussiedlungsaktion primär als Teil einer am 2. April 1941 begonnenen Operation gegen ukrainische Nationalisten geplant wurde,[63] stellten die Ukrainer die entschiedene Mehrheit der Deportierten. Es befanden sich unter ihnen jedoch auch Polen.  Drei Wochen später, am 14. Juni 1941, erreichte die Deportationswelle die baltischen Republiken, Litauen, Lettland und Estland.[64] Aus dem Territorium Litauens wurden 12 562 Personen weggebracht, unter ihnen mindestens 3 200 Personen aus jenen Gebieten, die vor 1939 der Zweiten Polnischen Republik angehört hatten, hauptsächlich Polen.[65] Kaum eine Woche nach Beginn der Umsiedlungsaktionen in den baltischen Ländern ereilten die Deportationen (in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni) die polnische Bevölkerung des so genannten Westweißrussland. Tatsächlich betraf die im Juni 1941 durchgeführte Aussiedlungsaktion nicht nur die Bewohner polnischer Nationalität, sondern alle diejenigen, die von den Behörden als Feinde der Sowjetmacht eingestuft wurden. Insgesamt wurden 24 412 Personen mit Repressalien belegt: 2 029 wurden inhaftiert und 22 353 ausgesiedelt. Unter den Letzteren befanden sich 6 655 Familienangehörige von Personen, die im Juni 1941 inhaftiert und 1 239 Angehörige von Personen, die zum Tode verurteilt worden waren. Weiterhin 3 752 Angehörige von solchen, die sich vor den sowjetischen Behörden versteckt hielten, 7 105 Angehörige von Personen, die über die Grenze geflohen waren, 2 093 Angehörige von »Anführern und aktiven Mitgliedern konterrevolutionärer, aufständischer Organisationen, gegen welche Ermittlungen im Gange waren«, 47 Angehörige von inhaftierten Großgrundbesitzern, 231 Angehörige inhaftierter Gendarmen und Polizisten sowie 496 Angehörige verfolgter Offiziere der Polnischen Armee und ehemaliger höherer Beamte des polnischen Staates. Dazu kamen viele Händler u. a. zusammen mit ihren Familien (708). Die meisten, nämlich 11 405 Personen, wurden dabei aus dem Gebiet Białystok ausgesiedelt.[66] Insgesamt wurden in Weißrussland bis zum 22. Juni 1941 mindestens 20 Deportationszüge in Bewegung gesetzt. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion und die intensive Bombardierung von Eisenbahnknotenpunkten bewirkten, dass fünf Transporte bereits in oder vor Minsk stecken blieben. Etwa 10 bis 13 Prozent der betroffenen Zwangsumsiedler wurden bei den Luftangriffen getötet, weitere 12 bis 15 Prozent verletzt. Angesichts des schnellen Vorrückens der deutschen Armeen und der drohenden Einkesselung der sowjetischen Truppen vor Minsk wurden drei der Transporte durch die Begleittruppen aufgelöst, das Schicksal der beiden anderen bleibt im Dunkeln.[67] Aus anderen Quellen geht allerdings hervor, dass sämtliche Deportationszüge aus den westlichen Gebieten der Weißrussischen SSR das Innere der UdSSR erreicht hätten. Beträchtliche Differenzen ergeben sich auch aus einem Vergleich der Transportunterlagen mit Angaben zur Anzahl Personen, die am Zielort der Verbannung angesiedelt wurden. Gemäß den Unterlagen der Abteilung für Spezial- und Arbeitsansiedlungen des NKVD kamen 24 266 Personen aus Westweißrussland in der Verbannung an.[68] Diese Zahlen konnten bislang leider nicht nachgeprüft werden, doch muss die Tatsache, dass die Anzahl angesiedelter Menschen höher beziffert wird als die der ursprünglich aus Weißrussland Deportierten, Zweifel an der Richtigkeit dieser Angaben wecken. Die Zwangsumsiedler des Jahres 1941 wurden in der reichen sowjetischen Rechtsnomenklatur als »Verbannungssiedler« (ssylnoposelency) bezeichnet und für 20 Jahre in die entferntesten Gebiete der UdSSR verschickt. Der Status der »Verbannungssiedler« lag ungefähr zwischen dem der »Spezialumsiedlern« (specperesedlency) und dem der »freien Verbannten«, die auf administrativem Wege zur Umsiedlung gezwungen wurden. Den Deportierten des Jahres 1941 wurde in manchen Fällen die eigene Wahl des Wohnortes gewährt. Sie arbeiteten mehrheitlich in Sowchosen und lebten mit der örtlichen Bevölkerung zusammen.[69] Für die Zwangsumsiedler vom Februar und Juni 1940 war an solche Bedingungen nicht einmal zu denken. Unter den 22 353 im Juni 1941 aus den Gebieten des westlichen Weißrussland deportierten Personen befanden sich mindestens 13 200 Polen, 1 600 Juden, 700 Ukrainer und 5 500 Weißrussen.[70] Der Anteil der Weißrussen könnte jedoch in den offiziellen Dokumenten – auf Kosten der Polen – erhöht worden sein, denn die Zwangsaussiedlung war v. a. gegen die Familien inhaftierter oder gesuchter Mitglieder der im Herbst 1940 und Frühjahr 1941 zerschlagenen polnischen Unabhängigkeitsorganisationen gerichtet. Zwangsaussiedlungen im neuen Grenzgebiet Während des Jahres 1940 unternahm die sowjetische Führung Anstrengungen zur Sicherung der neuen Westgrenze des Imperiums. Bereits Anfang März 1940 wurde die Einrichtung eines rund 800 Meter messenden Grenzstreifens beschlossen, aus dem jegliche Bewohner entfernt werden sollten. Der Umfang der entsprechenden Zwangsumsiedlungen war gewaltig. In der Westukraine waren davon 21 942 Familien betroffen (100 050 Personen), von denen 4 870 (22 615 Personen) innerhalb ihres eigenen Dorfes, 17 072 Familien jedoch (77 485 Personen) in anderen Ortschaften desselben oder gar eines anderen Gebiets angesiedelt werden sollten.[71] Die Umsiedler waren mehrheitlich in den Häusern unterzubringen, die von Deutschen oder deportierten »Siedlern« und »Kolonisten« verlassen worden waren. Die Aktion begann im April 1940 und verlief nicht ohne Zwischenfälle: Der Widerstand der Bevölkerung konnte, beispielsweise in den Bergregionen des Gebiets Stanisławów (Ivano Frankivs’k), nur unter Anwendung von Gewalt gebrochen werden. Laut Unterlagen des NKVD von Anfang August 1940 lag die Zahl der umgesiedelten Familien um etwa 10 Prozent niedriger als ursprünglich geplant. Allerdings übertraf – gemäß anderen Informationen – die tatsächliche Zahl der betroffenen Personen die ursprünglichen Planungen und Schätzungen der Behörden sogar noch um 102 800.[72] In Weißrussland wurden 8 442 Haushalte umgesiedelt, die insgesamt 35 300 Personen umfassten (wobei in einem der NKVD-Dokumente gar die Zahl von 15 000 Haushalten angegeben wird). Fast die Hälfte der Betroffenen waren Weißrussen, doch auch der polnische Anteil war bedeutend (10 700 Personen, v. a. im Gebiet Białystok). Einen geringeren Anteil hatten Litauer (3 700 Personen), Juden und Ukrainer.[73] In Ergänzung dieser Aktion wurden zum Jahreswechsel 1940/1941 aus den grenznahen Bereichen der Gebiete Lemberg, Drohobycz und Wolhynien etwa 13 000 bis 16 000 Menschen nach Bessarabien umgesiedelt. Ihnen wurden die Höfe zugewiesen, die von deutschen Bauern bei ihrer Ausreise nach Deutschland aufgegeben worden waren. Von den 3 700 umgesiedelten Familien (ca. 20 bis 35 Prozent Polen und 65 bis 80 Prozent Ukrainer), stammten zwei Drittel (2 500) aus Ostgalizien. Im Rahmen derselben Umsiedlungsaktion wurden im Januar 1941 kraft eines Beschlusses des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR und des Politbüros der Ukrainischen Kommunistischen Partei vom 30. Dezember 1940 ebenfalls rund 2 300 Personen (462 mehrheitlich ukrainische Familien) im Gebiet Izmailovsk umgesiedelt. Sie stammten aus drei Dörfern, deren etwa 30 km2 großes Territorium an den sowjetischen Truppenübungsplatz von Javorov angegliedert worden war.[74] Ein Heer von mehreren zehntausend Flüchtlingen, v. a. Juden und Polen, sowie eine Gruppe in den annektierten Gebieten Ostpolens ansässiger Arbeitsloser (hauptsächlich Juden und Ukrainer) reisten zum Jahreswechsel 1939/40 auf der Suche nach Arbeit in den Donbass und andere industrielle Zentren der Sowjetunion.[75] Während des letzten Quartals des Jahres 1939 trafen 32 775 Flüchtlinge und etwa 15 000 Arbeitslose aus Ostpolen in den elf östlichen Gebieten der Ukrainischen SSR ein. Die Anwerbeaktion zur Arbeit in der Kohle- und Metallindustrie der Ostukraine und am Ural dauerte mindestens bis August 1940 an.[76] In einigen Regionen, so etwa im Gebiet Stanisławów, drängte die Parteiführung auf eine Weiterreise jeglicher Flüchtlinge ins Innere der UdSSR, weshalb sie versuchte, die Anwerbeaktion in eine Zwangsumsiedlung umzufunktionieren.[77] Die harten Lebensbedingungen bewirkten jedoch, dass ein bedeutender Teil dieser »Gastarbeiter« aus den Bergbaugebieten des Donec’k-Beckens nach Ostgalizien zurückkehrte.[78] Aus dem westlichen Weißrussland (wo die Aktion einen weitgehenden Zwangscharakter aufwies) wurden 1939, u. a. aus dem Gebiet Białystok, 22 731 Personen zwangsausgesiedelt.[79] Nachdem die Bewohner in den Ostgebieten der polnischen Zwischenkriegsrepublik die sowjetische Staatsbürgerschaft übernehmen mussten, wurden sie seit Herbst 1940 auch zum Militärdienst in der Roten Armee rekrutiert. In den Jahren 1940/41 wurden die Jahrgänge 1918 und 1919 sowie teilweise 1917 zur Musterung aufgeboten. Dies betraf ca. 150 000 Männer (38 Prozent Ukrainer, 33 Prozent Polen, 17 Prozent Weißrussen und knapp 10 Prozent Juden). Zu ihnen muss auch eine Gruppe von – wie es scheint – mindestens einigen zehntausend Reservisten dazugerechnet werden, die im Rahmen der Teilmobilmachung im Mai 1940 sowie dann im Juni 1941, bereits nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, in die Rote Armee übernommen wurden.[80] Bilanzen Aus den veröffentlichten Unterlagen des NKVD geht hervor, dass die sowjetischen Behörden im Laufe von 21 Monaten mindestens 315 000 ehemalige polnische Staatsbürger nach Kasachstan, Sibirien und in den hohen Norden verschickten. Unter den Deportierten überwogen die Polen, deren Zahl auf rund 181 200 geschätzt werden kann (57,5 Prozent). Die zweitgrößte Gruppe bildeten die Juden mit etwa 69 000 Personen (21,9 Prozent). Danach folgen 32 900 Ukrainer (10,44 Prozent) und 24 000 Weißrussen (7,62 Prozent). Es wurden auch einige tausend Deutsche, Litauer, Russen und Tschechen deportiert. Das bedeutet, dass aus den durch die Sowjetunion annektierten polnischen Ostprovinzen über vier Prozent der Einwohner polnischer Nationalität ins Innere der Sowjetunion verschleppt wurden, von den ortsansässigen Juden (die Flüchtlinge aus West- und Zentralpolen nicht eingerechnet) jedoch nur eine verschwindende Prozentzahl (0,18 Prozent). Darüber hinaus wurden mindestens 0,6 Prozent der Ukrainer und rund 1,09 Prozent der Weißrussen Richtung Osten deportiert.[81] Bis heute bleibt die Frage umstritten, von welchen Kriterien sich die sowjetischen Behörden bei der Auswahl hunderttausender Menschen zur Zwangsumsiedlung leiten ließen. Politische und soziale Aspekte scheinen die entscheidende Rolle gespielt zu haben: Es wurden Personen umgesiedelt, die Verbindungen zum ehemaligen polnischen Staatsapparat aufwiesen (zu denen man bis zu einem gewissen Grade – als Begünstigte – auch die »Siedler« rechnen kann). Sie wurden als potentielle Bedrohung für den nach der sowjetischen Okkupation eingeleiteten gesellschaftlichen und politischen Umgestaltungsprozess eingestuft. Eine überaus breite Interpretation dieses Bedrohungspotentials sowie die Anwendung des Prinzips der kollektiven Verantwortung waren keineswegs außergewöhnlich, sondern entsprachen der allgemeinen sowjetischen Praxis. Zusammen mit den Repräsentanten des so genannten polnischen Nationalismus fielen auch die ukrainischen (April 1940 und Mai 1941) und die jüdischen (April 1940) »Nationalisten« den Deportationen zum Opfer. Die Zwangsumsiedlung der »Flüchtlinge« kann man in Kategorien einer »Säuberung« des rückwärtigen Frontgebietes von problematischen »Fremden und Staatenlosen« interpretieren, die – der sowjetischen Definition gemäß – als Bürger eines nicht mehr existierenden Staates betrachtet wurden, welche die Übernahme der sowjetischen Staatsangehörigkeit verweigert hatten. Das Kriterium der Nationalität war dabei zweitrangig. Die absolute Mehrheit der Deportierten polnischer Nationalität resultierte vielmehr aus der Tatsache, dass die erwähnten gesellschaftlichen oder politischen Zugehörigkeiten sich teils tatsächlich, oft jedoch auch nur vermeintlich mit den entsprechenden nationalen Zugehörigkeiten der Bevölkerung dieser polnischen Ostprovinzen deckten.  In der Zeit vom Beginn der Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee und seiner Eingliederung in die Sowjetunion im September 1939 bis zum Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 wurden rund 670 000 bis 720 000 Personen Opfer von Repressalien seitens der sowjetischen Behörden, die entweder mit dem Tod oder einer dauerhaften Zwangsaussiedlung aus den Ostgebieten der polnischen Zwischenkriegsrepublik endeten. Unter diesen Menschen befanden sich mindestens 150 000 bis 170 000 Personen, die vor Kriegsausbruch im September 1939 in Zentral- oder Westpolen gelebt hatten. [82] Bezieht man die polnischen Kriegsgefangenen in die Rechnung mit ein, erhöht sich letztere Zahl noch zusätzlich. Während unter denjenigen Verfolgten, die ihren ständigen Wohnsitz vor 1939 in den östlichen Provinzen Polens hatten, die Polen mit rund 220 000, also zwei Drittel der Inhaftierten und Deportierten, die größte Gruppe stellten, überwogen unter den verfolgten Flüchtlingen aus Zentral- und Westpolen die Juden (über 80 Prozent). Exaktere Angaben zur nationalen Zusammensetzung aller jener Menschen, die vom sowjetischen Verwaltungs- und Repressionsapparat erfasst wurden, sind bisher nicht zugänglich. Die Schwierigkeiten bei der Berechnung der Verluste, die den unterschiedlichen nationalen Gruppen in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten der polnischen Zwischenkriegsrepublik zugefügt wurden, ergeben sich auch aus Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der sowjetischen Informationen: In den Dokumenten des NKVD wird der Anteil der Polen an der Gesamtbevölkerung der okkupierten Gebiete in manchen Fällen bis um ein Drittel zu niedrig angesetzt.[83] Übersetzung aus dem Polnischen von Lukas Imhof (Berlin) [1]  Gnatowski, Michał: W radzieckich okowach. Studium o agresji 17 września 1939 r. i radzieckiej polityce w regionie łomżyńskim w latach 1939–1941 [In sowjetischen Fesseln. Studie über die Aggression vom 17. September 1939 und die sowjetische Politik in der Region Łomża in den Jahren 1939–1941], Łomża 1997, S. 195–197. Die okkupierten polnischen Ostgebiete (außerhalb der Städte) wurden mehrheitlich von Ukrainern und Weißrussen bewohnt, deshalb konnte die UdSSR auf die Bildung einer Polnischen SSR verzichten.  [2]  Mały Rocznik Statystyczny Polski wrzesień 1939–czerwiec 1941 [Das kleine statistische Jahrbuch Polens, September 1939–Juni 1941], Warschau 1990, S. 4 u. 9; Łossowski, Piotr: Litwa a sprawy polskie 1939–1940 [Litauen und die polnischen Angelegenheiten 1939–1940], Warschau 1982, S. 56. Laut Berechnungen des polnischen Informationsministeriums aus dem Jahre 1941 befanden sich 201 015 km2 der Zweiten Polnischen Republik unter sowjetischer und litauischer (seit Juli 1940 dann alle Gebiete unter sowjetischer) Okkupation, die 1939 von rund 13 199 000 Menschen bewohnt wurden. 3      [3] Gnatowski: W radzieckich okowach (Anm. 1), S. 202–205.  [4] Głowacki, Albin: Sowieci wobec Polaków na ziemiach wschodnich II Rzeczypospolitej 1939– 1941 [Die Politik der Sowjets gegenüber den Polen in den Gebieten der Zweiten Polnischen Republik 1939–1941], Łódź 1997, S. 39–125. In der Region Wilna fanden die Anpassungsprozesse verspätet statt. Vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR im Juni 1941 wurden am 12. Januar 1941 lediglich die Ergänzungswahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR durchgeführt. Siehe dazu ebenda, S. 125–128. [5]  Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 128–169; Gnatowski: W radzieckich okowach (Anm. 1), S. 68–87; Bonusiak, Andrzej: Polityka rolna władz radzieckich na terenie obwodu lwowskiego w latach 1939–1941 [Die Agrarpolitik der sowjetischen Behörden im Bezirk Lemberg in den Jahren 1939–1941], in: Sudoł, Adam (Hrsg.): Sowietyzacja kresów wschodnich II Rzeczypospolitej po 17 września 1939 [Die Sowjetisierung der Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik nach dem 17. September 1939], Bydgoszcz 1998, S. 133–146. [6]  Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 411–592; Kijas, Artur: Polityka kulturalna władz sowieckich wobec ziem wschodnich II Rzeczypospolitej w latach 1939–1941 [Die Kulturpolitik der sowjetischen Behörden gegenüber den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik in den Jahren 1939–1941], in: Sudoł (Hrsg.): Sowietyzacja kresów wschodnich (Anm. 5), S. 183–198; Kalbarczyk, Slawomir: Polscy pracownicy nauki ofiary zbrodni sowieckich w latach II wojny światowej. Zamordowani, więzieni, deportowani [Polnische Wissenschaftler als Opfer sowjetischer Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges. Ermordet, inhaftiert, deportiert], Warschau 2001, S. 11–46. [7]  Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 603–611; Gnatowski, Michał: Antyreligijna działalność władz radzieckich w regionie białostockim w latach 1939–1941 w świetle dokumentów [Die antireligiöse Politik der sowjetischen Behörden in der Region Białystok in den Jahren 1939–1941. Dokumente], in: Studia Podlaskie (Białystok) 7 (1997), S. 149–249; Rudnyc’ka, Milena (Hrsg.): Zachidnјa Ukrajina pid bol’šewykamy IX 1939–VI 1941. Zbirnyk [Die Westukraine unter den Bolschewisten. September 1939–Juni 1941. Sammelband], New York 1958, S. 113–135; Szkarowskij, Michaił W.: Russkaja Pravoslavnaja Cerkov’ pri Staline i Chruščeve (Gosudarstvenno-cerkovnye otnošenija v SSSR v 1939–1964 godach) [Die russisch-orthodoxe Kirche unter Stalin und Chruščev (das Verhältnis von Staat und Kirche in der UdSSR in den Jahren 1939–1964), Moskau 2000, S. 104–106.  [8]  Agresja sowiecka na Polskę w świetle dokumentów 17 września 1939 [Die sowjetische Aggression gegen Polen in den Dokumenten vom 17. September 1939], Bd. 1: Geneza i skutki agresji [Genese und Folgen der Aggression], Warschau 1994, S. 309; Rossija i SSSR v vojnach XX veka. Poteri vooružennych sil. Statističeskoe issledovanie [Russland und die UdSSR in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Verluste bei den bewaffneten Kräften. Eine statistische Untersuchung], Moskau 2001, S. 184. [9]  Katyń. Dokumenty zbrodni [Katyń. Das Verbrechen in den Dokumenten], Bd. 1: Jeńcy nie wypowiedzianej wojny sierpień 1939–marzec 1940 [Die Kriegsgefangenen des nicht-erklärten Krieges von August 1939 bis März 1940], Warschau 1995, S. 125–137 u. 268. [10]  Ebenda, S. 76–83 u. 88–93. [11]  Katyń. Dokumenty zbrodni [Katyń. Das Verbrechen in den Dokumenten], Bd. 2: Zagłada marzec–czerwiec 1940 [Die Vernichtung von März bis Juni 1940], Warschau 1998, S. 410 f. [12]  Katyń. Dokumenty (Anm. 9), Bd. 1, S. 481.  [13]  Ebenda, S. 446 u. 451 f. [14]  Ebenda, S. 453 f. [15]  Lebedeva, Natalija: Katyn’: Prestuplenie protiv čelovečestva [Katyń: Verbrechen gegen die Menschheit], Moskau 1994, S. 134–235; Katyń. Dokumenty (Anm. 11), Bd. 2, S. 410 f.  [16]  Katyń. Dokumenty (Anm. 11), Bd. 2, S. 344, 351 f. u. 369. [17]  Katyń. Dokumenty zbrodni [Katyń. Das Verbrechen in den Dokumenten], Bd. 3: Losy ocalałych lipiec 1940–marzec 1943 [Das Los der Geretteten von Juli 1940 bis März 1943], Warschau 2001, S. 76, 140 u. 281 f. [18] Ebenda, S. 355, 387, 395 u. 413 f. [19]  Katyń. Dokumenty (Anm. 11), Bd. 2, S. 266–268 u. 341–343; Katyń. Dokumenty (Anm. 17), Bd. 3, S. 67–72. [20]  Katyń. Dokumenty (Anm. 17), Bd. 3, S. 409–412, 421 f., 429 f. u. 432. [21]  Ebenda, S. 427 f. [22]  Ebenda, S. 494. [23]  Organy gosudarstvennoj bezopasnosti SSSR v Velikoj Otečestvennoj vojne. Sbornik dokumentov [Die Organe der Staatssicherheitsdienste der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg. Gesammelte Dokumente], Bd. 1: Nakanune, Kniga vtoraja: 1 janvarja–21 ijunja 1941 g. [Am Vorabend, Zweites Buch: 1. Januar bis 21. Juni 1941], Moskau 1995, S. 131. 24        [24] Gorlanov, O. A./Roginskij, A. B.: Ob arestach v zapadnych oblastjach Belorussii i Ukrainy v 1939–1941 gg. [Zu den Verhaftungen in den westlichen Gebieten Weißrusslands und der Ukraine in den Jahren 1939–1941], in: Repressii protiv pol’akov i pol’skich graždan [Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Moskau 1997, S. 98. [25] Polskie podziemie na terenach Zachodniej Ukrainy i Zachodniej Białorusi w latach 1939– 1941 [Die polnische Untergrundbewegung in den Gebieten der Westukraine und Westweißrusslands in den Jahren 1939–1941], Warschau u. Moskau 2001, Bd. 1, S. 655. [26] Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 77–113.  [27]  Ebenda, S. 97; Lebedeva: Katyn’ (Anm. 15), S. 168–170 u. 216; Ukraiński ślad Katynia [Die ukrainische Spur nach Katyń], Warschau 1995. [28]  Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 77–113; Popiński, Krzysztof/Kokurin, Aleksandr/Gurjanow, Aleksandr: Drogi śmierci. Ewakuacja więzień sowieckich z Kresów Wschodnich II Rzeczypospolitej w czerwcu i lipcu 1941 [Wege in den Tod. Die Evakuierung sowjetischer Häftlinge aus den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik im Juni und Juli 1941], Warschau 1997, S. 68–181; Bilas, Ivan: Represyvno-karal’na systema w Ukrajini 1917– 1953. Suspil’no-polityčnyj ta istoryko-pravovyj analiz. U dwoch knihach [Das Repressions- und Strafsystem in der Ukraine 1917–1953. Eine gesellschaftlich-politische und historischrechtliche Analyse in zwei Bänden], Bd. 2, Kyjiv 1994, S. 222–275. [29]  Organy gosudarstvennoj bezopasnosti (Anm. 23), Bd. 1, S. 184–187 u. 232–234. [30]  Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 88; Deportacje obywateli polskich z Zachodniej Ukrainy i Zachodniej Białorusi w 1940 roku [Deportationen polnischer Staatsbürger aus der Westukraine und Westweißrussland im Jahre 1940], Warschau u. Moskau 2003, S. 683. [31]  Gurjanov, A. E.: Pol’ske specpereselency v SSSR v 1940–1941 gg. [Polnische »Spezialumsiedler« in der UdSSR in den Jahren 1940–1941], in: Repressii protiv pol’akov i pol’skich graždan [Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Moskau 1997, S. 117; Pawłow, J. S.: Represjonowanie polskich osadników w zachodnich obwodach Białorusi [Repressionen gegen polnische Siedler in den westlichen Bezirken Weißrusslands], in: Balcerak, Wiesław. (Hrsg.): Polska-Białoruś 1918–1945 [Polen und Weißrussland 1918–1945], Warschau 1994, S. 126; »Zachodnia Białoruś« 17 IX 1939–22 VI 1941. Deportacja Polaków z północno-wschodnich ziem II Rzeczypospolitej 1940–1941. Źródła do historii Polski XX wieku ze zbiorów Narodowego Archiwum Republiki Białoruś [»Westweißrussland« vom 17. September 1939 bis 22. Juni 1941. Die Deportation von Polen aus den nordöstlichen Gebieten der Zweiten Polnischen Republik 1940–1941. Quellen zur polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aus den Beständen des Nationalarchivs der Republik Weißrussland], Bd. 2, Warschau 2001, S. 47; Parsadanova, Valentina S.: Deportacyja naselenija iz Zapadnoj Ukrainy i Zapadnoj Belorussii w 1939–1941 gg. [Die Deportation der Bevölkerung der Westukraine und Westweißrusslands in den Jahren 1939–1941], in: Novaja i novešaja istorija 1989, H. 2, S. 32. Siehe auch: Ciesielski, Stanisław/Hryciuk, Grzegosz/Srebrakowski, Aleksander: Masowe deportacje ludności w Związku Radzieckim [Massendeportationen der Bevölkerung in der Sowjetunion], Toruń 2003, S. 211–216. [32] Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 149 f.; Chackiewicz, Aleksander F: Aresztowania i deportacje ludności zachodnich obszarów Białorusi (1939–1941) [Verhaftungen und Deportationen der Bevölkerung in den westlichen Bezirken Weißrusslands], in: Balcerak, W. (Hrsg.): Polska-Białoruś 1918–1945 [Polen und Weißrussland 1918–1945], Warschau 1994, S. 140; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 174.  [33] Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 153; Chackiewicz: Aresztowania (Anm. 32), S. 146; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 175. [34] Gurjanow, A.: Cztery deportacje [Vier Deportationen], in: Karta 1994, H. 12, S. 119 u. 125. [35] Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 679. [36]  Kowalska, Ewa: Przeżyć, aby wrócić! Polscy zesłańcy lat 1940–1941 w ZSRR i ich losy do roku 1946 [Überleben um heimzukehren! Polnische Deportierte der Jahre 1940–1941 in der UdSSR und ihr Los bis zum Jahr 1946], Warschau 1998, S. 98. [37]  Ciesielski/Hryciuk/Srebrakowski: Masowe deportacje (Anm. 31), S. 237. [38]  Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 195. [39]  Parsadanova: Deportacyja naselenija (Anm. 31), S. 32. [40]  Zemskov, Victor N.: Specposelency (po dokumentacyi NKVD-MVD SSSR) [»Spezialumsiedler« (in den Dokumenten des NKVD-MVD der UdSSR)], in: Socyologičeskie issledowanija 1990, H. 11, S. 3–5; Ders: »Kulackaja ssylka« nakanunie i v gody Velikoj Otečestvennoj Vojny [»Die Verbannung der Kulaken« am Vorabend und in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges], in: Socyologičeskie issledowanija 1992, H. 2, S. 3–5. [41]  Gurjanow: Pol’ske specpereselency (Anm. 31), S. 118. [42]  Ciesielski/Hryciuk/Srebrakowski: Masowe deportacje (Anm. 31), S. 239. [43]  Katyń. Dokumenty (Anm. 17), Bd. 2, S. 43–46.  [44]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 465–467.  [45]  Buhaj, Mikola F.: Deportaciji naselenija z Ukrajiny (30–50-ti roky) [Deportationen der Bevölkerung aus der Ukraine (30er bis 50er Jahre), in: Ukrajins’kyj istoryčnyj žurnal 1990, H. 10, S. 35; Gurjanov: Pol’ske specpereselency (Anm. 31), S. 120.  [46]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 681.; Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 23, 125 u. 132–134.  [47]  Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 1, S. 155.  [48]  Schätzungen des Autors auf der Basis von Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 394–397 u. 410–413.  [49] Über 84 Prozent der Betroffenen waren Juden, darunter auch die oben genannten »odinačky«, welche die Deutschen nicht »zurückhaben« wollten. [50]  Katyń. Dokumenty (Anm. 9), Bd. 1, S. 461.  [51]  Gurjanov: Pol’ske specpereselency (Anm. 31), S. 118 u. 120.  [52]  Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 149–158. [53]  Ebenda, S. 156; Chackiewicz: Aresztowania (Anm. 32), S. 153; Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 377; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 230; Polskie podziemie (Anm. 25), S. 655. [54]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 683; Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 119, 125 u. 134 f. [55]  Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 683. Im Frühjahr 1941 sollte ein Teil der im Juni 1940 Inhaftierten aus den Lagern in Spezialsiedlungen verlegt werden (insgesamt 6 131 Flüchtlinge, darunter 806 Invaliden). Siehe Głowacki: Sowieci wobec Polaków (Anm. 4), S. 386. [56]  Parsadanova: Deportacyja naselenija (Anm. 31), S. 32. [57]  Ebenda, S. 28 u. 32; Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 195. [58]  Buhaj: Deportaciji (Anm. 45), S. 113. [59]  Bugaj, N. (Hrsg.): »Specjalna teczka Stalina«: deportacje i reemigracja Polaków, [Die »Spezialakte Stalins«: Deporatationen und Reemigration von Polen], in: Zeszyty Historyczne 1994, H. 107, S. 107. [60]  Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 124; Ders.: Masštaby deportacyi nasielenija v glub’ SSSR v maje-ijune 1941 g. [Die Dimension der Deportation der Bevölkerung ins Innere der UdSSR von Mai bis Juni 1941]: in: Repressii protiv pol’akov i pol’skich graždan [Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Moskau 1997, S. 155 f. [61]  Organy gosudarstvennoj bezopasnosti (Anm. 23), S. 154–156.  [62]  Ebenda, S. 154. [63]  Ebenda, S. 192. [64]  Gurjanow: Masštaby (Anm. 60), S. 149–153. [65]  Lietuvos gyventojų trėmimai 1941, 1945–1952 m. Dokumentų rinkinys [Deportationen der Bewohner Litauens in den Jahren 1941, 1945–1952. Dokumentensammlung], Vilnius 1994, S. 52 f. [66]  Chackiewicz: Aresztowania (Anm. 32), S. 156; »Zachodnia Białoruś« (Anm. 31), S. 232–235. [67] Gurjanow: Cztery deportacje (Anm. 34), S. 120. [68]  Gurjanow: Masštaby (Anm. 60), S. 156 f. [69]  Buhaj: Deportaciji (Anm. 45), S. 35; Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 135–138 u. 201–213. [70]  Schätzungen des Autors auf Grundlage von: Gorlanov/Roginskij, Ob arestach (Anm. 24), S. 88 f. [71]  Siehe dazu den Beschluss des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine und des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR vom 3. April 1940: »Über die Aussiedlung und Umsiedlung der Bewohner des 800 Meter breiten Grenzstreifens in den westlichen Bezirken der Ukraine sowie die Säuberung des Streifens von jeglicher Bebauung«, in: Central’nyj Deržavnyj Archiv Hromads’kych Objednan’ Ukrajiny/Zentrales Staatsarchiv für gesellschaftliche Organisationen der Ukraine, F-1, op. 16, s. 19, Bl. 170–174. [72]  Insgesamt wurden aus den sechs westlichen Gebieten der Ukrainischen SSR 20 524 Haushalte mit annähernd 95 000 Personen ausgesiedelt. Siehe Deportacje obywateli polskich (Anm. 30), S. 655–675 u. 685. [73]  Kostiuk, Michaił P.: Bol’ševistska sistema vlasti v Belorussii [Das bolschewistische Herrschaftssystem in Weißrussland], Moskau 2002, S. 220. [74] Hryciuk, Grzegorz: Przemiany narodowościowe i ludnościowe w Galicji Wschodniej i na Wołyniu w latach 1931–1948 [Nationale und demographische Veränderungen in Ostgalizien und Wolhynien in den Jahren 1931–1948], Toruń 2005, S. 176 f. [75] Kalenyčenko, Pawło M.: Pol’s’ka prohresyvna emihracija v SRSR v roki druhoji svitovoji vijny [Die fortschreitende polnische Einwanderung in die UdSSR in den Jahren des 2. Weltkrieges], Kiew 1957, S. 33. [76]  Information zum Verlauf der Rekrutierung von Arbeitskräften im Bezirk Lemberg, Stand 11. März 1940, in: Derżavnyj Archiv Lvivs’koji Oblasti/Bezirksstaatsarchiv Lemberg (im Folgenden: DALO), R-221, op. 1, s. 164, Bl. 7; Beschluss des Bezirksarbeiterrates Lemberg vom 14. März 1940 in Sachen Rekrutierung von Arbeitern für das Volkskommissariat für Stahlverhüttung der UdSSR, in: DALO, R–221, op. 1, s. 219, Bl. 60. Siehe auch Czerwony Sztandar [Die Rote Fahne] Nr. 60 vom 3. Dezember 1939; Nr. 73 vom 20. Dezember 1939; Nr. 75 vom 22. Dezember 1939; Nr. 85 vom 3. Januar 1940; Nr. 89 vom 8. Januar 1940; Nr. 96 vom 16. Januar 1940; Nr. 104 vom 27. Januar 1940; Nr. 126 vom 22. Januar 1940; sowie: Nr. 273 vom 15. August 1940. Siehe auch Bilas: Represyvno-karal’na systema (Anm. 28), Bd. 2, S. 143 f. [77]  Stenogramm einer Beratung vom 3. Januar 1940 über den Stand der Anwerbung von Flüchtlingen, die zur Arbeit in andere Regionen der Sowjetunion umzusiedeln wünschen, in: Deržavnyj Archiv Ivano-Frankivs’koji Oblasti/Bezirksstaatsarchiv Ivano-Frankivs’k, F-1P, op. 1, s. 72, Bl. 1. [78]  Bericht von Dr. A. Muskat, in: Archiwum Zakładu Historii Ruchu Ludowego/Archiv des Instituts für die Geschichte der Bauernbewegung, Materialien von S. Kot, sygn. 97, Bl. 160; Beschluss des Bezirksarbeiterrates Lemberg vom 14. März 1940 in Sachen Rekrutierung von Arbeitern für das Volkskommissariat für Stahlverhüttung der UdSSR, in: DALO, R–221, op. 1, s. 219, Bl. 61. [79]  Boćkowski, Daniel: Masowe deportacje ludności polskiej z tak zwanej Zachodniej Białorusi jesienią 1939 roku [Massendeportationen der polnischen Bevölkerung aus dem so genannten Westweißrussland im Herbst 1939], in: Jasiewicz, Krzysztof: Europa nie prowincjonalna. Przemiany na ziemiach wschodnich dawnej Rzeczyopospolitej (Białoruś, Litwa, Łotwa, Ukraina, wschodnie pogranicze III Rzeczypospolitej Polskiej) w latach 1772–1999 [Keineswegs nur das provinizielle Europa. Veränderungen in den Gebieten der alten Republik Polen (Weißrussland, Litauen, Lettland, Ukraine und die östlichen Grenzbereiche der Dritten Polnischen Republik) in den Jahren 1772–1999], Warschau u. London 1999, S. 983–992. [80] Hryciuk: Przemiany narodowościowe (Anm. 74), S. 177 f. u. 196.   [81] Schätzungen des Autors auf der Basis von Mały Rocznik (Anm. 2), S. 10. In einer Notiz Berijas an Stalin vom 15. Januar 1943 über die sich auf dem Gebiet der UdSSR aufhaltenden Polen finden sich fragmentarische Angaben zur nationalen Zugehörigkeit polnischer Staatsbürger, die in den Jahren 1939 bis 1941 deportiert und inhaftiert wurden. Von den 356 012 in der Aufstellung erfassten polnischen Staatsbürgern waren 200 828 Polen (56,41 Prozent), 90 662 Juden (25,47 Prozent), 31 392 Ukrainer (8,82 Prozent), 27 418 Weißrussen (7,70 Prozent), 3 421 Russen (0,96 Prozent) sowie 2 291 Personen anderer Nationalität (0,64 Prozent). Leider lässt sich kaum feststellen, welche Gruppe in diesen Berechnungen, bei denen die Gesamtzahl der Betroffenen zu niedrig angesetzt wird, unberücksichtigt geblieben ist; eventuell die so genannten »Verbannungssiedler« (ssylnoposelency). Siehe Roszkowski, Wojciech: Z archiwów sowieckich [Aus den sowjetischen Archiven], Bd. 3: Konflikty polsko-sowieckie 1942– 1944 [Polnisch-sowjetische Konflikte 1942–1944], Warschau 1993, S. 34 f. [82] Siehe die allgemeinen Schätzwerte in: »Raport« Indeksu Represjonowanych [»Bericht« zum Verzeichnis der Verfolgten] von 2002 sowie die Teilberechnungen in: Ruchniewicz, Małgorzata u. a.: Represje sowieckie wobec Polaków i obywateli polskich [Sowjetische Repressionen gegen Polen und polnische Staatsbürger], Warschau 2002, S. 7–21; Ruchniewicz, M.: Stosunki narodowościowe w latach 1939–1948 na obszarze tzw. Zachodniej Białorusi ren 1939–1948], in: Ciesielski, Stanisław (Hrsg.): Przemiany narodowościowe na Kresach Wschodnich II Rzeczypospolitej 1931–1948 [Nationale Veränderungen in den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik 1931–1948], Toruń 2003, S. 271–273. [Die nationalen Beziehungen auf dem Gebiet des so genannten Westweißrussland in den Jah- [83] Hryciuk: Przemiany narodowościowe (Anm. 74), S. 187 u. 196 f.; Eberhardt, Piotr: Przemiany narodowościowe na Białorusi [Nationale Veränderungen in Weißrussland], Warschau 1993, S. 78–83; Polskie podziemie (Anm. 25), S. 449; Gorlanov/Roginskij: Ob arestach (Anm. 24), S. 89.

JHK 2007

Im zweiten Oktober. Lenin, die Niederlage des Deutschen Reiches und die außenpolitische Strategiewende der Bolschewiki

Alexander Vatlin

»Soyons forts et accélérons la révolution en Allemagne.«  Lenin am 18. Oktober 1918 In den letzten Septembertagen des Jahres 1918 war die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg unabwendbar geworden. Bulgarien schied aus der Koalition der Mittelmächte aus, die deutsche Heeresleitung bemühte sich um Friedensverhandlungen mit der Entente, und Reichskanzler Georg Graf von Hertling reichte seinen Rücktritt ein. Die bolschewistische Führung in Sowjetrussland verfolgte diese Entwicklungen mit großem Interesse. Die Frage, welche Rolle dem revolutionären Regime bei der Gestaltung einer neuen internationalen Ordnung zukommen sollte, beschäftigte Lenin und seine Umgebung genau so sehr wie der russische Bürgerkrieg und die Bekämpfung des Hungers. Die Bolschewiki hegten die Hoffnung, zum ersten Jahrestag ihrer Machtergreifung könnte in Deutschland eine revolutionäre Umgestaltung einsetzen, die den Auftakt zu einer weltweiten proletarischen Revolution darstellten würde.  Das Interesse an den Ereignissen in Deutschland beruhte auf geopolitischen Erwägungen. Zur Erhaltung ihrer Macht waren die Bolschewiki gezwungen gewesen, am 3. März 1918 mit den Mittelmächten den »schändlichen« Friedensvertrag von Brest-Litovsk zu schließen. Er bedeutete große Gebietsabtretungen und machte die Bolschewiki faktisch zu Vasallen Deutschlands. Das nahende Kriegsende eröffnete Russland nicht nur die Möglichkeit, seine imperialen Grenzen wiederzugewinnen, sondern auch seine internationale Isolation zu überwinden und in den Kreis der Großmächte zurückzukehren. Im Folgenden soll es um den Prozess gehen, wie die Bolschewiki im Oktober 1918 ihre neue außenpolitische Linie formulierten. Die Begrenzung der Darstellung auf die Ereignisse eines Monats kann dabei als Mutwilligkeit des Autors kritisiert werden, aber zu ihren Gunsten spricht die Schwindel erregende Schnelligkeit, in der sich die internationale Situation in den letzten Wochen des Ersten Weltkriegs veränderte. Die außenpolitische Wende im Oktober 1918 wurde von Historikern bislang übergangen.[1] Gründe hierfür können vor allem in dem Umstand gesehen werden, dass die Ausarbeitung der neuen Außenpolitik und die sie begleitenden Konflikte nicht in Zeitungen oder auf den Rednertribünen von Parteiversammlungen ausgetragen wurden, sondern hinter verschlossenen Türen. Die den Lesern hier vorgestellte Argumentation hat den Charakter eines Diskussionsbeitrags. Wegen der beschränkten Quellenbasis haben einige Schlussfolgerungen hypothetischen Charakter. Der Autor hofft dennoch, der Forschungsdiskussion einen neuen Anstoß geben zu können, um unsere Vorstellungen von der Wende in der außenpolitischen Strategie der Bolschewiki im Oktober 1918 zu konkretisieren und zu vervollständigen. Sowjetrussland nach dem Friedensvertrag von Brest-Litovsk Der Friedensschluss von Brest brachte für das nun aus dem Krieg ausscheidende Sowjetrussland eine Atempause. Doch es war ein Frieden auf dem Papier, denn große Teile des europäischen Russland waren von ausländischen Streitkräften besetzt. Im Land selbst begann der Bürgerkrieg. Durch die großen Zugeständnisse an die deutsche Seite gewannen die Bolschewiki Zeit, ihr diktatorisches Regime zu festigen und die Schlagkraft der Roten Armee zu stärken. Deutschland konnte seinerseits bedeutende Kräfte an der Westfront konzentrieren und hatte gleichzeitig im Osten Zugang zu Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Produkten. Von einem gewissen Zeitpunkt an erinnerten Russland und Deutschland an zwei Duellanten, die beide aus dem Duell schwer verletzt hervorgegangen waren und sich nun gegenseitig den »letzten Halt« gaben. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach dem Brester Frieden charakterisierte Karl Radek in einem Brief an den englischen Journalisten Alfred Ransom mit den Worten: »Die Deutschen haben verstanden, dass nach Russland gehen bedeuten würde, 25 ArmeeKorps in den russischen Sumpf zu schicken und nichts zu erreichen. Verständlich, dass sie in jedem für uns kritischen Moment davor zittern, dass wir untergehen, und sich auf die Besetzung russischer Gebiete vorbereiten. Aber wir schlagen uns durch und sie atmen erneut erleichtert auf.«[2] Ein wichtiges Ergebnis der Brester Verhandlungen war die Eröffnung einer sowjetrussischen Botschaft in Berlin, deren Leitung Adol’f Ioffe übernahm. Die Vertretung war für die Bolschewiki das »Fenster nach Europa«. Sie erfüllte diplomatische und propagandistische Aufgaben und sollte zudem als Koordinationszentrum für diejenigen revolutionären Kräfte dienen, die Deutschland nach dem Vorbild der russischen Revolution umgestalten wollten. Ioffes Berichte und Briefe, die sowohl an das Volkskommissariat für Äußeres als auch an Lenin persönlich gerichtet waren, stellen eine herausragende Quelle dar, die jedoch nur teilweise publiziert vorliegt.[3] In einem dieser Briefe nach Moskau schilderte Ioffe seine schwierige Tätigkeit als revolutionärer Diplomat: »Wenn ich anfange, über die Gerichte in Dänemark zu sprechen oder die Geschichten in Pskov, halten sie mir Artikel aus der Izvestija unter die Nase oder eine Meldung darüber, dass das Zentrale Exekutivkomitee beschlossen habe, Agitatoren zu organisieren, die mit viel Geld ausgestattet nach Europa geschickt werden sollen.«[4] Neben der diplomatischen Vertretung gab es in Berlin seit August 1918 ein Pressebüro des Zentralen Exekutivkomitees, das unter der Leitung von Tovja Aksel’rod stand. Es stellte ein tägliches Bulletin über die Ereignisse in Deutschland zusammen, das Grundlage für die Deutschland-Berichterstattung der sowjetischen Presse war. Ferner unterhielt es Kontakte zu den linken Sozialisten in Deutschland.[5] Diese fanden in der russischen Botschaft, die im Herzen Berlins lag, ein Refugium und finanzielle Hilfe. Sie wurden außerdem mit Informationen für die Propagandaarbeit versorgt. Dabei wurde auf höchste Geheimhaltung geachtet. Ioffe schrieb am 10. Juli 1918 an Lenin: »Meine illegalen Dienste gehen das Kommissariat für Äußeres nichts an und darüber gebe ich nur Ihnen persönlich Bericht.«[6] Lenin forderte seinerseits, nicht mit Geld zu sparen, wenn es um die Verbreitung revolutionärer Ideen ging: »Man muss hundertmal so viel drucken. Geld ist da. Übersetzer einstellen. Aber wir tun gar nichts. Ein Skandal …«.[7] In seinen Berichten trat Ioffe in der Rolle des unverbesserlichen Pessimisten auf, der den Hoffnungen seiner Moskauer Mitstreiter auf das Nahen eines revolutionären Umsturzes in Deutschland ein ums andere Mal eine Absage erteilte. Dabei stellte er nicht die politische Krise, sondern die Schwäche der eigenen Kräfte in den Vordergrund. In Erwiderung auf Lenins Vorwürfe schrieb er: »Sie sorgen sich umsonst, dass ich mehr Geld brauche, ich gebe ihnen [den linken Sozialisten, Anm. d. A.] so viel wie nötig und bestehe immer wieder darauf, dass sie mehr nehmen. Aber man kann gar nichts machen, wenn alle Deutschen so hoffnungslos sind: Zur illegalen Arbeit in unserem revolutionären Sinn sind sie einfach nicht fähig, weil sie zum größten Teil politische Spießer sind, die sich hier eingerichtet haben, um nicht zur Armee eingezogen zu werden, und sich daran festkrallen. Aber Revolution machen sie nur in ihren Reden am Biertisch.«[8] In seinem Bericht über eine Tagung der parlamentarischen Fraktion der USPD zeichnete Volkskommissar für Justiz Petr Stučka im September 1918 für Lenin ein ähnliches Bild.[9] Die Meldungen aus Berlin zeugen davon, dass die sich zuspitzende deutsche Krise im Herbst 1918 keineswegs Folge eines wie auch immer gearteten Revolutionsexports aus Russland war (auch wenn es diese Versuche gab). Die Darstellung des amerikanischen Historikers Richard Pipes, es hätte ein bolschewistisches Komplott mit der sowjetischen Vertretung im Zentrum gegeben (»ganz Deutschland war überzogen von einem Netz illegaler revolutionärer Organisationen; hunderttausende revolutionäre Flugblätter und Proklamationen wurden im Land und an der Front gedruckt und verteilt«[10]), passt schlecht zu den Ergebnissen der Forschung, die sich mit der Tätigkeit der radikalen Sozialisten in den letzten Monaten des Kaiserreichs befasst hat.[11] Zugleich sollte die revolutionierende Wirkung des russischen Oktobers nicht unterschätzt werden. Hier erwies die deutsche Militärzensur der Politik einen Bärendienst, denn je nebelhafter und spärlicher die Nachrichten der deutschen Zeitungen über die Diktatur der Bolschewiki wurden, desto mehr beschäftigte die Revolution die Vorstellungen der Volksmassen, die nach vier Kriegsjahren hoffnungslos und verzweifelt waren.  Lenins Meinungswandel in Gorki am 1. Oktober 1918 In den letzten Kriegwochen beschränkte sich das Handeln der deutschen Regierungsstellen auf die »Abwehr von äußeren Schlägen« und auf pragmatische Reaktionen auf Ereignisse im Inneren. Die deutschen Kriegsgegner agierten demgegenüber immer ungehinderter. Sie konnten wählen, welche Strategie ihnen für die Beendigung des Krieges optimal erschien. Der herbstliche »Notenkrieg« zwischen den Ländern der Entente und Deutschland war ein sichtbarer Ausdruck der Suche nach einem diplomatischen Weg. Diese Tatsache entging auch der sowjetrussischen Führung nicht. Lenin hatte während seines Genesungsaufenthalts auf dem Gut Gorki in der Nähe Moskaus (wo er wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustands am 25. September eintraf)[12] Muße, über die mögliche Entwicklung der internationalen Lage nachzudenken. Seine wichtigste Informationsquelle waren dabei Moskauer Zeitungen, da ausländische Presserzeugnisse nur phasenweise und immer mit erheblicher Verspätung in Russland eintrafen. Im Unterschied zu den ausländischen Zeitungen, die v. a. Meldungen und Berichte druckten, dominierten in den bolschewistischen Presseorganen weitschweifige Kommentare, in denen die Position des revolutionären Regimes zu diesem oder jenem Ereignis dargelegt wurde. Als Experten für Deutschlandfragen galten Publizisten, die Lenin persönlich kannte und schätzte – bei der Pravda N. Osinskij (Valerijan V. Obolenskij) und bei der Izvestija Karl Radek (unter dem Pseudonym Viator). Letzterer leitete auch die Zentraleuropa-Abteilung des Volkskommissariats für Äußeres. Doch dieses Amt war lediglich eine Tarnung für seine eigentliche Aufgabe: Er organisierte die kommunistische Propaganda im Ausland und unter den Kriegsgefangenen in Russland. Obwohl Radek einer der Propheten der proletarischen Weltrevolution war, zählten die deutschen Diplomaten in Moskau ihn zu den Vertretern der »germanophilen« Linie innerhalb der Parteiführung der RKP (b).[13]  Im September waren die zentralen sowjetischen Zeitungen sehr vorsichtig in ihrer Einschätzung eines möglichen revolutionären Umbruchs in Deutschland. »Die Geschichte hat noch nie gesehen, dass die herrschende Klasse ohne den Druck einer großen Volksbewegung real etwas von ihrer Macht abgegeben hätte. Diese Volksbewegung gibt es in Deutschland bisher nicht.«[14] Doch der Ton der Moskauer Presse veränderte sich nach dem Kriegsaustritt Bulgariens radikal. Ein Leitartikel der Pravda zeichnete für die kommenden weltbewegenden Ereignisse folgendes Szenario: Nach dem Zusammenbruch der Koalition der Mittelmächte würde die Revolution in Deutschland und Österreich unausweichlich sein, aber dies würde die Entente nicht aufhalten. Die deutsche Arbeiterklasse würde ihr eigenes Brest nicht akzeptieren und gemeinsam mit Sowjetrussland einen Revolutionskrieg gegen die Mächte der Entente führen. Der Klassencharakter dieses Kriegs wäre so augenfällig, dass er noch vor den ersten ernstzunehmenden Zusammenstößen zur Selbstauflösung der Entente-Armeen führen würde.[15] Diese und ähnliche Theorien lassen bei aller Phantastik die Hoffnungen der ersten Monate der bolschewistischen Diktatur wieder aufscheinen – nur dass nun die Weltrevolution nicht vom russischen Funken, sondern vom deutschen Brand erzeugt werden sollte. Dabei ging es hintergründig um die Zurückschlagung des »linken Kommunismus«, der während der Diskussionen über die Unterzeichnung des Brester Friedens im Februar und März die Partei fast gespalten hätte. Stück für Stück kamen in den Zeitungskommentaren dann auch pragmatischere Erwägungen zum Vorschein, in denen es vor allem um das Schicksal des Brester Vertrages ging. Die Lage war extrem widersprüchlich. Einerseits verwandelte die Niederlage Deutschlands Russland von einem Objekt zu einem Subjekt der internationalen Beziehungen. Sie eröffnete einen Weg zur Wiederherstellung der verloren gegangenen Positionen in Osteuropa. Andererseits war die Zeit des Lavierens zwischen den beiden Kriegskoalitionen nun vorbei. Die Mächte der Entente erhielten freie Hand nicht nur in Beziehung auf Deutschland, sondern auch in Beziehung auf Russland. Die geopolitische Situation der beiden »Kandidaten für die Verbannung« beförderte ihre Annährung hinreichend, aber gleichzeitig störte die gegenläufige Legitimation ihrer politischen Regime den Annährungsprozess. In diesen Tagen dachte Lenin nicht nur über eine unabdingbare außenpolitische Wende nach, sondern auch über die Autorität der eigenen Macht. Das Fehlen funktionierender Entscheidungsstrukturen unter den Bedingungen der Parteidiktatur führte innerhalb der Partei beständig zu neuen Erschütterungen. Die Diskussion um den Brester Frieden hatte gezeigt, wie ineffektiv die Verlagerung von Arbeitsmethoden aus dem Untergrund auf die Regierungsebene war. Bis zum Sommer 1918 war es Lenin zwar gelungen, eine im Großen und Ganzen funktionierende Machtvertikale aufzubauen. Alle Informationskanäle liefen bei ihm zusammen, er sanktionierte jedwede Entscheidung. Allmählich traten jedoch die Nachteile dieses Systems zutage, denn alle Machtorgane wandten sich an Lenin wie an einen Obersten Gerichtshof. Er aber schaffte es einfach nicht mehr, auf jede einzelne Anfrage zu reagieren. Der zeitweilige Rückzug Lenins von den Regierungsgeschäften, der durch seine Attentatsverletzung bedingt war, stimulierte gleichzeitig Machtkämpfe in seiner Umgebung. Der bekannteste dieser Konflikte brach zwischen Stalin und Trockij um die Carycin-Front aus und dauerte auch nach Lenins Rückkehr an das Staatsruder an. Wie die Quellen zeigen, war Ende September und Anfang Oktober 1918 auch die Außenpolitik ein Thema, das Anlass zu innerparteilichen Auseinandersetzungen hätte geben können. Zweifellos war Lenin nicht an einer Wiederholung der Diskussion um den Brester Friedensschluss interessiert, die ihn gezwungen hatte, sein persönliches Ansehen vollständig in die Waagschale zu werfen. Während er sich zur Erholung in Gorki befand, sah er sich unfreiwillig in die Lage eines außen stehenden Beobachters gebracht, wogegen sich sein tatkräftiger Charakter auflehnte. Wer war es, der in diesen Tagen entscheidenden Einfluss auf den Führer der Bolschewiki hatte? Wer, um es in heutiger Sprache auszudrücken, war der wichtigste Lobbyist bei außenpolitischen Entscheidungen? Die Antwort auf diese Frage ist nur auf den ersten Blick unkompliziert. Denn das Volkskommissariat für Äußeres wickelte zwar die operativen Vorgänge ab, strategische Initiative besaß es allerdings nicht. Unter den herrschenden revolutionären Bedingungen erschien das Kommissariat als ein Überbleibsel aus alten Tagen, als eine unvermeidliche Schnittstelle für die Kommunikation mit den bourgeoisen Staaten. Seine Mitarbeiter wurden nicht selten beschuldigt, sie würden leichtfertig die Normen und Regeln der Diplomatie der Bourgeoise übernehmen. Tatsächlich zwang ihre spezifische Tätigkeit die sowjetischen Diplomaten dazu, existierende Realitäten anzuerkennen, die Unabdingbarkeit diplomatischen Vorgehens zu unterstreichen sowie die Vorteile und negativen Wirkungen der revolutionären Propaganda zu benennen. Der Volkskommissar für Äußeres, Georgij Čičerin, trat öffentlich mehrfach für eine vorsichtigere und sogar »defensive Außenpolitik« ein.[16] Lenin misstraute den Initiativen des Außenkommissariats. Er bewertete das diplomatische Kompromissstreben als »Menschewismus«. Auch erwies sich, dass die Diplomaten – und dies galt insbesondere für Ioffe – sich nicht unter ständiger Kontrolle der Parteiführung befanden und sie ihre Handlungsfreiräume auch nutzten. Die »Widerspenstigkeit« des Berliner Vertreters hatte den im Briefwechsel mit Lenin ausgetragenen Konflikt vorprogrammiert, der bereits im Sommer 1918 – begleitet von Rücktrittsdrohungen Ioffes – kulminiert war.[17] Jedoch beharrte die erste sowjetische Diplomaten-Generation auf ihrer eigenen Sicht der internationalen Lage. Ioffe machte Lenin in seinen Briefen mehrfach Vorwürfe: »Das hypothetische Nahen der deutschen Revolution – unterbewerten Sie alles andere nicht zu sehr?« Im selben Brief bestand er auf der Teilnahme Russlands an der Friedenskonferenz über die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs: »Wenn Sie auf eine andere Idee kommen, wo wir als revolutionäre und revolutionierende Kraft, und auch als staatliche Macht, auftreten können, dann würde ich darauf nicht bestehen.«[18] Nach der negativen Reaktion Lenins zu urteilen, bewertete er diese Sicht als Kompromissbereitschaft gegenüber der Entente. Zwischen dem diplomatischen Korps und der Moskauer Führung kam es beständig zu Meinungsverschiedenheiten, die durch das Fehlen einer klaren Kompetenzverteilung und persönliche Profilierungsversuche potenziert wurden. Was in der sowjetischen Hauptstadt als Selbstverständlichkeit erschien, sah aus der Perspektive ausländischer Hauptstädte oft ganz anders aus. Die Berliner Vertretung wirkte als ein Magnet für Altbolschewiki, die es sich nicht verwehren wollten, ihre revolutionären Erfahrungen weiterzugeben. Der sowjetische Generalkonsul (und OGPU-Chef der 20er Jahre) Vjačeslav Menžinskij verteidigte in einem Brief an Lenin den Berliner Vertreter, der in einem Klima von Intrigen und ohne volles Vertrauen Moskaus arbeiten müsse. »Ioffes Gesundheit hält die angespannte Arbeit, die er durchführen muss, kaum aus, wo jedes seiner Worte Russland teuer zu stehen kommen kann, wenn jeder Genosse aus Russland, ja wenn jeder Brief irgendeinen dummen Konflikt bringt. […] Jeder, angefangen bei Radek und seiner Frau und endend beim Ehepaar Larin, denkt, dass er besser unterrichtet sei als Ioffe.«[19] Leider lassen uns die wenigen erhaltenen Quellenbestände keine Möglichkeit, den Meinungskampf innerhalb RKP (b) während des Herbstes 1918 vollständig zu rekonstruieren. Es gab aber auch unter den Nichtdiplomaten Befürworter eines vorsichtigeren Kurses in der internationalen Arena, z. B. Lev Kamenev. Dies ist aus einem Antwortbrief Lenins ersichtlich, der wahrscheinlich Ende September geschrieben wurde. Lenin sprach sich kategorisch dagegen aus, Hoffnungen auf Verhandlungen mit der Entente zu setzen. »Aber unsere Wirklichkeit hat sich verändert, denn wenn Deutschland besiegt ist, dann wird Lavieren nicht mehr möglich sein, weil es nicht zwei Kriegsparteien gibt, zwischen denen wir lavieren!! […] Meiner Meinung nach sollten wir keine Verhandlungen über die Revision von Brest beginnen, weil das jetzt voreilig sein würde … Man muss abwarten.«[20] In diesem Brieffragment zeigen sich schon einzelne Elemente der neuen taktischen Linie. Doch die Schlüsselentscheidungen traf Lenin am 1. Oktober 1918. An diesem Tag meldeten die Zeitungen den Rücktritt von Reichskanzler Hertling. Auch für Außenstehende wurde damit klar, dass Deutschland nicht nur kurz vor der militärischen Niederlage, sondern auch vor einer politischen Katastrophe stand. In der Pravda merkte Bucharin an, dass die führenden Kreise in Deutschland zwischen der Einbeziehung der Opposition in die Regierung und der Herstellung einer offenen Militärdiktatur schwankten.[21] Ein Artikel in der Izvestija zog Parallelen zwischen den Ereignissen in Deutschland und der Situation Russlands kurz vor dem Sturz des Zaren. In diesem Artikel startete Karl Radek einen Versuchsballon, als er an Deutschland gerichtet vorschlug, einen »klugen Schritt« zu machen und die Lage Russlands zu erleichtern, damit es in die Lage komme, »die Schritte des anglo-französischen Kapitals zu paralysieren, eine Ostfront gegen Deutschland zu eröffnen«[22]. Eine Übertragung dieser unbeholfenen Formulierung in die Alltagssprache bedeutete, dass Russland im Falle einer Revision des Brester Vertrags die Verpflichtung übernehmen könnte, eine Landung von Entente-Streitkräften in der Ukraine und im Baltikum zu unterbinden. Solch ein Vorschlag sah wie ein diplomatisches Phantasiespiel aus, wurde aber im deutschen Konsulat ernst genommen, das wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm griff.[23]  Die Berichte aus Berlin, die Schreiben seiner Berater und vor allem die Kommentare der Presse stellten jene kritische Masse an Information dar, aufgrund derer Lenin eine eigenständige Politiklinie formulieren konnte. Die Energie des politischen Führers, vermehrt durch die Euphorie eines Genesenden, führte ihn zu radikalen Schlussfolgerungen. An Radeks Artikel imponierte Lenin nicht nur die Parallele zu den Ereignissen des Februars 1917, sondern auch die These, dass das russische Volk den deutschen Leiden wenig Positives abgewinnen könne und einen Sieg des anglo-französischen Imperialismus nicht befürworte.  Radek als Lenins propagandistisches Sprachrohr  Mit dem Vorschlag »abzuwarten« gewann Lenins Konzeption Gestalt, zu beiden Kriegsparteien den gleichen Abstand zu bewahren. Damit einher ging die Ablehnung eines Kompromisses zur Revision des Brester Friedensvertrags mit der Entente, die noch vor der vollständigen Niederlage Deutschlands beschlossen wurde. Lenin hatte die begründete Vermutung, dass die Entente sich nicht auf einen Kompromiss einlassen und Sowjetrussland nicht am Konferenztisch der Friedenskonferenz zulassen würde. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass man den Revisionsvorschlag nicht aus propagandistischen Erwägungen hätte vorbringen können. Aus Lenins Sicht war jedoch ein solches diplomatisches Manöver nutzlos, da seiner Meinung nach der Schüssel zum neuen internationalen System weder in London noch in Paris, sondern in Berlin lag. Gerade das deutsche Volk, das sich gegen einen von der Entente aufgezwungenen ungerechten Friedensschluss auflehnen würde (die bolschewistische Presse sprach von einem »zweiten Brest«), sollte die proletarische Revolution durchführen und Russland freundschaftlich die Hand reichen.  Diese neuen Aspekte der Außenpolitik bedeuteten die Suche nach neuen tatkräftigen Verbündeten, denn Ioffes »diplomatische Kombinationen« gefielen Lenin offenbar nicht. Es kam die Zeit der Tribunen, die den Mangel an revolutionären Kadern in Deutschland ausgleichen sollten. Am 1. Oktober fand ein zweistündiges – wahrscheinlich telefonisches – Gespräch Lenins mit Radek statt. Radek bezog sich in der Folge mehrfach darauf.[24] Es kostete Lenin nicht viel Mühe, seinen Gesprächspartner zu überzeugen, dass die große Stunde gekommen sei und es nicht lohne, weiterhin mit den Deutschen zu kokettieren. Lenin spielte mit der Eigenliebe Radeks und machte ihn zu seinem Verbündeten. Zugleich übernahm Radek die Aufgabe in Moskau das propagandistische Sprachrohr Lenins zu sein. Diese plötzliche Erhöhung des Ratgebers – entgegen allen Gepflogenheiten der Hierarchie – kennzeichnete den Führungsstil Lenins, der ihm im Kampf um die Macht beständig den Erfolg sicherte.  Als er seine Entscheidung getroffen hatte, begann Lenin eine rastlose Tätigkeit. Noch am selben Tag sandte er Sverdlov und Trockij eine Notiz, aus der hervorging, dass die in Moskau verbliebenen Parteiführer die entscheidende Wendung der internationalen Lage verschlafen hätten: »Die Entwicklung in Deutschland hat sich so ›beschleunigt‹, dass wir nicht zurückbleiben dürfen. Aber am heutigen Tag liegen wir schon zurück.« Die Revolution in Deutschland wurde als sich vollziehendes Ereignis und zugleich als ehrenvolle Aufgabe des Bolschewismus betrachtet: »Wir werden alle dafür sterben, den deutschen Arbeitern in der Sache der beginnenden Revolution in Deutschland voran zu helfen.«[25]  Der Grundton dieser Notiz Lenins vom 1. Oktober bedeutete den faktischen Verzicht auf die Dienste des Volkskommissariats für Äußeres; der Volkskommissar für Äußeres Čičerin wurde nicht informiert. Es gab in der Notiz keine Erwägung einer Revision des Brester Vertrags; weitere Verhandlungen mit der deutschen Regierung wurden auf Eis gelegt. Die praktischen Vorschläge Lenins aus der Notiz lagen auf der propagandistischen und organisatorisch-technischen Ebene: Es sollten Getreidevorräte angelegt werden (»alle Vorräte auskehren für uns und für die deutschen Arbeiter«) und die Rote Armee sollte bis zum Frühjahr 1919 auf drei Millionen Soldaten aufgestockt werden, um die internationalen Arbeiterrevolution zu unterstützen.  Beide Punkte Lenins bedürfen einer Kommentierung. Die Getreidefrage stellte eine einfache Übertragung der russischen Erfahrung auf die internationale Bühne dar. Mit der Einführung der Getreiderequirierung auf dem Land, um die städtischen Arbeiter mit Brot zu versorgen, hatten die Bolschewiki im Sommer 1918 den Bürgerkrieg vorab für sich entschieden. Nun sollte mit russischem Getreide auch der Sieg des deutschen Proletariats bezahlt werden. Die Aufgabe, drei Millionen Mann in der Roten Armee zu bewaffnen, war von geopolitischen Erwägungen geleitet. Denn es ging um die riesigen Gebiete des östlichen Europas, die zu diesem Zeitpunkt noch von deutschen Truppen besetzt waren. Da Lenin nicht glaubte, die Entente würde damit einverstanden sein, diese Gebiete an Russland zurückzugeben, setzte er auf die gewaltsame Lösung des Problems, auch wenn es dabei eine wichtige Einschränkung gab: Von sich aus würde Russland die Deutschen nicht aus der Ukraine vertreiben. Ein Kampf mit der Entente schien ihm also unumgänglich, auch wenn Lenin nicht daran glaubte, dass Streitkräfte der Entente schon im Winter im nördlichen Schwarzmeerraum landen würden. Die Umsetzung dieser Vorstellungen bedeutete für Russland neue militärische und außenpolitische Erschütterungen, aber sie war keineswegs einfach ein Rückfall in den »linken Kommunismus«. Dieses Mal ging man davon aus, dass die Deutschen selbst die Revolution beginnen würden. Die Maxime, von beiden Kriegsparteien gleichermaßen Abstand zu halten, erlaubte es Russland, sich die unabdingbare Handlungsfreiheit zu erhalten. Einige Tage später legte Radek den Gedankengang Lenins folgendermaßen dar: »Wir schauen auf Deutschland wie auf eine Mutter, die eine Revolution gebiert, und sollten uns die Deutschen nicht dazu zwingen, werden wir nicht die Waffen gegen sie erheben, ehe das Kind geboren ist.«[26] Jedoch waren die Bolschewiki zum Schutz der »Gebärenden« bereit, eine Auseinandersetzung mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs zu riskieren. Die Notiz Lenins an Sverdlov und Trockij endete mit der Bitte Lenins, ihm ein Auto nach Gorki zu schicken, damit er am folgenden Tag auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der Arbeiterorganisationen der Hauptstadt sprechen könne. Allerdings wurde am 2. Oktober die Frage nach der Unterstützung der deutschen Revolution dann nur im ZK der RKP (b) behandelt. Im Sitzungsprotokoll findet sich die kurze Notiz: »Lenin beauftragen, im Namen der Regierung eine Erklärung zu schreiben und sie auf der Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees zu verlesen.«[27] Aus dieser Formulierung ist nicht ersichtlich, ob Lenin dies persönlich tun sollte. Seine Mitstreiter erlaubten ihm jedenfalls nicht, nach Moskau zurückzukehren. Der Historiker Jurij Fel’štinskij hat das Bild der entstandenen Situation etwas verzeichnet: »Während Lenin am 3. Oktober den ganzen Tag über auf einer Anhöhe saß, von der aus man die Straße einsehen konnte, und auf das ihm versprochene, aber nie abgeschickte Auto wartete, wurde im Zentralkomitee gegen seinen Willen der Beschluss zur Unterstützung der deutschen Revolution gefasst, die am folgenden Tag begann […].«[28] In Wirklichkeit war die Lage eine ganz andere. Auch wenn Lenin sich außerhalb Moskaus aufhielt, war er dazu in der Lage, seine Mitstreiter »aufzubauen« und brachte sie dazu, seinen eigenen Standpunkt zu dem ihrigen zu machen. Auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der Arbeiterorganisationen der Hauptstadt wurde sein Brief verlesen, der am Beginn und nicht am Ende der formalen Beschlussfassung gestanden hatte. In ihm wurde der Standpunkt systematisiert, den Lenin zuerst am 1. Oktober formuliert hatte: Die Regierungskrise in Deutschland bedeute den Beginn der Revolution, und die deutsche Bourgeoise könne sich weder durch eine Koalition mit den Sozialdemokraten noch durch eine Militärdiktatur retten. Bis sich die Macht in den Händen des deutschen Proletariats befände, würde Russland die Neutralität bewahren. »Die Sowjetmacht denkt nicht daran, den deutschen Imperialisten durch Versuche zu helfen, den Brester Frieden zu untergraben«,[29] denn dieser Schritt würde den Wechsel Russlands auf die Seite der Entente bedeuten. An diesem Punkt war Lenin völlig unversöhnlich und er gestattete seinen Beratern in dieser Frage nicht einmal hypothetische Überlegungen. Das Kernreferat auf der Sitzung vom 3. Oktober hielt Radek, der zwar formal Mitarbeiter des Volkskommissariats für Äußeres war, aber nach dem Willen Lenins von nun an in der ersten Reihe der Vorkämpfer für die deutsche Revolution stehen sollte. Da alles Wesentliche schon in Lenins Brief gesagt worden war, brauchte Radek nicht zu diskutieren und ihm blieb, das Pathos zu beschwören. Die anwesenden Befürworter einer diplomatischen Revision des Brester Vertrags im Großen Saal des Bol’schoj-Theaters, in dem die Sitzung stattfand, blieben unsichtbar. Davon zeugt der Redebeitrag Trockijs. Voller Reue für die Fehler, die er während der Verhandlungen in Brest begangen hatte, legte er gewissenhaft die Konzeption Lenins aus: Beide imperialistischen Lager seien gleichartig in ihrer Gegnerschaft zu Sowjetrussland, »und jetzt, mit der radikalen Aufdeckung der vor sich gehenden Veränderungen, sind wir von einem Bündnis mit dem anglofranzösischen Imperialismus genau so weit entfernt, wie wir gestern weit entfernt vom deutschen Imperialismus waren.« Früher oder später würde die deutsche Arbeiterklasse den Brester Vertrag selbst revidieren und bis dahin »werden wir die Initiative nicht an uns reißen und diesen oder jenen schädlichen und abenteuerlichen Schritt machen wie eine Kriegserklärung an Deutschland im Bündnis mit England und Frankreich.«[30] Die Resolution, die auf der Sitzung beschlossen wurde, unterstrich den historischen Charakter der vollzogenen Wendung und stellte sie in eine Reihe mit der Machtergreifung der Bolschewiki. »Jetzt, genau wie im Oktober des vergangenen Jahres und während der Verhandlungen in Brest-Litovsk, baut die Sowjetmacht ihre gesamte Politik auf der Aussicht auf die soziale Revolution in beiden imperialistischen Lagern.« Der deutsche Journalist Alfons Paquet, der am Abend des 3. Oktober mit Radek im Hotel »Metropol’« zu Abend aß, notierte in sein Tagebuch, dass sein Gesprächspartner äußerst erregt war und völlig ernsthaft über ein gemeinsames Vorgehen Russlands und des revolutionären Deutschlands gegen die Entente nachdachte. Eine zweite Beobachtung Paquets verdient ebenfalls Aufmerksamkeit: »Auffallend, wie wenig Diskussion. Alles wird von wenigen besorgt. In der heutigen Sitzung [dominierte, Anm. d. A.] absolut das Dreigestirn Lenin, Radek, Trockij«.[31] Diese Aussage ist ein Indiz dafür, wie sich der politische Prozess im nachrevolutionären Russland immer mehr zu einem abgeschlossenen System entwickelte. Sverdlov vergaß keinen einzigen Punkt von Lenins Anweisung. Im Zusammenhang mit der unabdingbaren »Anwesenheit einer sehr verantwortungsvollen und autoritativen Person in Berlin« sollte nun Grigorij Zinov’ev dorthin entsandt werden.[32] Am 4. Oktober wurden in ganz Moskau Versammlungen zum Thema »Krieg und Weltbolschewismus« veranstaltet. Bei der Publikation und Kommentierung des Sitzungsstenogramms des Zentralen Exekutivkomitees unterstrichen die zentralen Zeitungen die Neuartigkeit der Situation. Es sollten keine Konzessionen mehr an die deutsche Bourgeoisie gemacht werden, denn ihre Tage seien gezählt. Die Weltrevolution ziehe schon am Horizont herauf und jedwede Annährung an den Imperialismus der Entente, nur um den Brester Friedensvertrag zu revidieren, würde die Revolution aufhalten. Und sicherlich ging ein Seufzer des Erleichterung durch die Reihen der Parteipropagandisten: Die Masken konnten fortgeworfen und die strategischen Ziele des Bolschewismus offen diskutiert werden. Von nun an agierte man im Ausland ohne Rücksicht auf die Großmächte: »Jetzt sind wir nicht mehr Moskowien und nicht mehr Sovdepija [abwertender russischer Begriff für »Land der Sowjets«], sondern die Avantgarde der Weltrevolution.«[33] Die Pravda baute die Parallele zwischen den beiden Oktobern 1917 und 1918 weiter aus und geizte dabei nicht mit Emotionen: »Wie damals im Smol’nyj der Revolutionsstab tagte, so tagt heute im Bol’schoj-Theater der Stab der Avantgarde der europäischen Revolution. Er ist im Namen der Verwirklichung der Oktober-Ideale im Weltmaßstab bereit zum Kampf mit dem bis an die Zähne bewaffneten Weltimperialismus.« Auch wurde auf die praktischen Folgen der gefassten Beschlüsse eingegangen: »Genosse Lenin schlägt vor, in jedem großen Lagerhaus (Getreidelager) einen besonderen Fond anzulegen, einen Getreidevorrat, der zur Ernährung der deutschen Arbeiter vorgesehen ist. Am zweiten Tag nach der Revolution werden wir ihn nach Deutschland schicken.«[34] Karl Radek, der seinen Artikel zum ersten Mal ohne Pseudonym publizierte, versteckte seine Schadenfreude nicht: »Der Sieger von Brest steht heute vor seinem eigenen Brest.«[35] Er berauschte sich an der Rolle des Enfant terrible. Er erschreckte die ausländischen Journalisten mit der Ankündigung eines Angriffs der Roten Armee auf Deutschland nach dessen vollständiger militärischer Niederlage[36] und hausierte mit Plänen, persönlich als Verhandlungsführer der Regierung nach Deutschland zu reisen.[37]  Währenddessen erreichte der Aktionsradius des Volkskommissariats für Äußeres seinen historischen Tiefpunkt. In seinen Berichten aus Berlin schrieb Ioffe nach dem obligatorischen Lob auf die Resolution des Zentralen Exekutivkomitees, dass sie der diplomatischen Arbeit in der Zukunft schaden würde und dass sie »in Berliner Regierungskreisen Verärgerung hervorgerufen« hätte.[38] Die Deutschen nahmen von Waffenlieferungen nach Russland Abstand und begannen, die ukrainische Regierung unter Pavel’ Skoropadskij aktiv zu unterstützen. Das hatte man in Moskau allerdings einkalkuliert.[39] Den Diplomaten blieb nur übrig, die revolutionäre Klassensprache der Resolution vom 3. Oktober in Formulierungen einzukleiden, die für die deutschen Partner besser verständlich waren. Ein Bündnis beider Staaten »ist so lange unmöglich, wie es in Deutschland eine imperialistische Führung gibt, aber Russland wird sich niemals auf die Seite der Entente stellen und ist, sofern möglich, bereit, Deutschland wie ehedem mit Nahrungsmitteln zu unterstützen.«[40] Diese Mitteilung erleichterte die Situation der deutschen Führung, denn sie erlaubte es, die letzten verbleibenden Kräfte im Westen zu konzentrieren. All dies verlängerte die Agonie des Kaiserreichs allerdings nur um wenige Tage. Keine Verhandlungen mit der Entente  Am 14. Oktober kehrte Lenin nach Moskau zurück und nahm die Tagesgeschäfte wieder auf. Seine Aufmerksamkeit wurde insbesondere von den Bürgerkriegsereignissen in Anspruch genommen. Zu diesem Zeitpunkt, als das Chaos an der südlichen und der östlichen Front seinen Höhepunkt erreichte, musste Lenin wieder einmal einen Streit zwischen Stalin und Trockij schlichten.[41] Darüber vergaß er die kommende Weltrevolution nicht. Am nächsten Tag wurde eine Anweisung nach Bern und Berlin geschickt, Artikel aus der Tagespresse zu senden, die Russland und die sozialistischen Parteien aller Länder behandelten, und auf den Zusammenschluss des linken Flügels der sozialistischen Bewegung hinzuarbeiten.[42] Dabei konnte Lenin nicht übersehen, wie wenig die Berichte der Diplomaten zu den Publikationen in den sowjetischen Zeitungen passten. Letztere berichteten begeistert von einer illegalen Konferenz der Spartakisten, die am 7. Oktober in Erfurt stattfand.[43] Sie wurde als Gründung der deutschen Kommunistischen Partei beschrieben; von nun an »existiert der Bolschewismus in Deutschland, er ist eine Kraft, die ideenmäßig alles übersteigt, was die Feinde in den Händen haben«[44]. Ioffes Berichte zeichneten ein anderes Bild. Am 13. Oktober teilte er Lenin in einem Brief über die Erfurter Konferenz mit, dass es »mir nur mit großer Mühe gelungen ist, ihre Zustimmung zu einer Proklamation zu erlangen, die ich geschrieben hatte und anbei mitschicke«[45]. Die Linkssozialisten konzentrierten ihre Propaganda auf einen baldigen Friedensschluss und dachten überhaupt nicht an einen bewaffneten Aufstand. Sie lehnten die finanzielle Unterstützung Russlands ab und »selbst für ihre Bewaffnung wollen sie nicht mehr nehmen, als sie schon genommen haben.«[46] Aufforderungen, die russischen Ereignisse nachzuahmen und also faktisch einen Bürgerkrieg anzuzetteln, hatten für die deutschen Arbeiter keine besondere Anziehungskraft, da sie vor allem einen schnellen Friedensschluss wünschten. Aus diesem Grund widmeten die sowjetischen Zeitungen der Organisation der Linkssozialisten in einer eigenständigen Partei besondere Aufmerksamkeit und forderten den Bruch der Spartakisten mit der USPD.[47] So argumentierte auch ein anderer hochrangiger Vertreter der bolschewistischen Führung in Berlin, Vladimir Miljutin. Bei einem Vergleich der Bolschewiki und der Spartakisten zog er den unerfreulichen Schluss, dass letztere »einen bemitleidenswerten Eindruck machen«. Sie hätten keinen Kontakt zu den Arbeitern, und ihre Zeitungen erschienen in einer miserablen Auflagenstärke.[48] Am 15. Oktober schrieb Miljutin aus Berlin an Lev Kamenev: »Die Stimmung hier ist sehr ›passend‹! Die Organisation schwach. Aber ich denke, die Massen werden bald zum Handeln übergehen. Ganz nach den Gesetzen der Physik: Jede Aktion ruft eine Reaktion hervor. Daraus kann nichts als nur Gutes entstehen. Die Deutschen müssen ›aufgerüttelt‹ werden. Das ist die Hauptsache.« Man müsse die Deutschen auf eine Art und Weise unterstützen, dass die Regierung nichts davon erführe, und nicht wie Radek und Zinov’ev viel Lärm um Kleinigkeiten machen. »Sollen sie sich doch an die Bedingungen der illegalen Arbeit erinnern und nicht vor der Zeit sprechen, wovon man nicht sprechen soll. Das verdirbt die Sache nur.«[49] Während Miljutin im Einverständnis mit Lenin auf die organisatorischtechnische Vorbereitung der deutschen Revolution setzte, forderte Ioffe dazu auf, nicht nur einzelne Mitstreiter, sondern die politische Gesamtsituation »aufzurütteln«. »Im taktischen Sinn habe ich ihm [Miljutin] vorgeschlagen, irgendeine günstige Situation auszunutzen und die deutsche Regierung zu Repressionen gegen das Proletariat zu provozieren«, schrieb Ioffe am 13. Oktober an Lenin.[50] Eine Woche später legte er noch einmal den Finger in die Wunde: »Sie werden vielleicht sagen, dass dies ein menschewistisches Überbleibsel ist, aber ich messe nach wie vor der breiten politischen Aktion wesentlich mehr Bedeutung zu als der illegalen Arbeit, die man in Deutschland, Österreich und in der Ukraine machen kann und muss.«[51] Am Ausgang des Ersten Weltkriegs war die Ukraine ein Gefangener der deutsch-sowjetischen Beziehungen sowie auch der globalen Politik. Als die Sowjetführung Verhandlungen über das weitere Schicksal der Ukraine mit der Entente und mit Deutschland abgelehnt hatte, befürchtete die bolschewistische Führung nicht ohne Grund, dass sich die beiden Seiten miteinander ins Benehmen setzen und die deutsche Besatzung in der Ukraine gegen englische und französische Soldaten austauschen könnten.[52] Allerdings waren solche Absprachen erst nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstands an der Westfront möglich, und der sich hinziehende Krieg stärkte somit die außenpolitische Position Sowjetrusslands. Doch früher oder später mussten die Kanonen verstummen. Im ungünstigsten Fall könnten sich Sieger und Besiegte zu einem »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« vereinigen. Was hätten die Bolschewiki Weltkriegssiegern entgegenzusetzen gehabt, die die Besiegten ohne Mühe auf ihre Seite hatten herüberziehen können? Über dieses Szenario sprachen seit Anfang Oktober alle Parteipublizisten. Mit verschiedenen Akzenten suchte man Rettung entweder bei der Roten Armee oder in der europäischen Revolution. Diplomatische Mittel bezog man in die Überlegungen überhaupt nicht ein und die Meinung der Mitarbeiter des Volkskommissariats für Äußeres interessierte fast niemanden. Ioffe schrieb am 17. Oktober an Lenin und Čičerin: »die Übereinkunft aller kämpfenden [Parteien, d. h. von Entente und Mittelmächten] hat in Russland bereits stattgefunden, wenn nicht formal, so doch faktisch. Dagegen ist nichts zu machen und es ist unabdingbar, dass wir die begonnene Politik noch schärfer betreiben. Und meiner Meinung nach wäre es noch besser, wenn sie nicht nur mit den Mitteln der Agitation, sondern auch mit diplomatischen Methoden betrieben werden würde.«[53] Der Berliner Botschafter stellte wieder und wieder die Frage nach Russlands Teilnahme am internationalen Friedenskongress. In seiner Antwort lehnte Lenin die »Diplomatiererei« als Politik einseitiger Zugeständnisse ab, die dem Land schon den schmachvollen Brester Frieden eingebracht hätte. Von nun an könne man keine Konzessionen an den Feind mehr machen, denn die Zeit des letzten und entscheidenden Kampfes sei gekommen. Während der Verhandlungen mit Deutschland im Februar 1918 »hatten wir die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, indem wir Land abtraten. Jetzt gibt es diese Möglichkeit nicht.«[54] Und Lenin fuhr fort: »Das heißt, wir haben keine Wahl. Soyons forts et accélérons la révolution en Allemagne. Eine andere Wahl gibt es nicht.«[55]  Diese letzten drei Sätze erschienen den Herausgeber der Lenin-Werke zu scharf, so dass sie bei der Publikation dieses Briefes stets gestrichen wurden. Der Sinn solcher Auslassungen ist nicht schwer zu erschließen. Indem er diplomatische Mittel verwarf, forderte der Führer der Bolschewiki faktisch zum Export der Revolution nach Deutschland auf und zum Krieg zu ihrer Verteidigung, wenn die Revolution stattfinden würde. Lenin, der sich in diesem Moment als Vollstrecker der Geschichte fühlte, wurde zum Gefangenen seiner eigenen Doktrin und zum Hasardeur. Später, am Ende seines Lebens, hatte er sich mit der Unabdingbarkeit von Kompromissen abgefunden. Im Unterschied zur Situation während der Brester Verhandlungen bewertete Lenin die Macht der Bolschewiki im Herbst 1918 als gefestigt genug, um einen Umschwung nach links zu vollziehen, die »Atempause« zu beenden und zu den strategischen Zielsetzungen zurückzukehren. Wenn die deutsche Arbeiterklasse die Abrechnung mit ihrem Imperialismus beginnen würde, wäre, um einen Sieg im globalen Maßstab zu erringen, ein neuer Krieg unumgänglich. Darüber sprach der Kreml ganz offen.  Als Karl Radek Ransom, dem Korrespondenten des Manchester Guardian in Stockholm, das Wesen der neuen Politik der Bolschewiki erklärte, schwang er sich zu globalen Verallgemeinerungen auf. Von nun an seien die Mächte der Entente der neue Hauptfeind, »weil erstens Deutschland für sie keine Gefahr mehr darstellt und zweitens die deutsche Revolution, die im Gange ist, für sie die allergrößte Gefahr darstellt. Wir werden als Partei nun im globalen Maßstab spielen. Was wir für Russland waren, muss erweitert werden, und ich bin überzeugt, dass nicht einmal ein halbes Jahr vergehen wird, ehe unsere Leute in allen europäischen Hauptstädten an der Spitze revolutionärer Bewegungen stehen. Solange die europäische Bewegung noch keine eigene Erfahrung hat, werden wir ihr die Offiziere geben. Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Stimmung hier in den Volksmassen ist. Die Masse fühlt die Revolution mit einem Instinkt wie der Geier das Aas.«[56] Das Nahen der Revolution in Deutschland brachte selbst die konsequentesten Skeptiker zum Verstummen. Ioffe bekannte Ende Oktober, dass all seine kleinen diplomatischen Erfolge nichts seien gegen den Sieg des Proletariats. »Solange Wilhelm herrscht, und wir in unserer Politik auf Liebknecht bauen, liegt ihr praktischer Misserfolg von selbst auf der Hand. Aber da es nach meiner Meinung weitaus wichtiger ist, dass Liebknecht zu herrschen beginnt, als dass wir unsere Lokomotiven bekommen, darum werde ich diese Politik weiterführen.«[57] Es gelang dem Führer der Bolschewiki also, diejenigen Berater seinem Willen unterzuordnen, die ihm zugeredet hatten, nicht auf die Methoden der »bourgeoisen« Diplomatie zu verzichten.  Nach den Gesetzen der diplomatischen Kunst war nun der Zeitpunkt gekommen, sich der stärkeren der Krieg führenden Parteien anzunähern, um mit möglichst geringen eigenen Verlusten etwas von den Früchten des Siegs abzubekommen. Im Herbst 1918 hätte diese Taktik für die Bolschewiki bedeutet, schrittweise die Erfüllung des Brester Friedens auszusetzen und die Kontaktkanäle in Richtung Entente zu öffnen. Solche Erwägungen schafften es sogar auf die Seiten sowjetischer Zeitungen. Lenin, der sich kategorisch gegen die »Diplomatiererei« ausgesprochen hatte, begrenzte damit den außenpolitischen Manöverraum auf ein Minimum. Das Schicksal der europäischen Völker sollte nicht ein Friedenskongress, sondern die Weltrevolution entscheiden. Eine Zustimmung Russlands zu einem »zweiten Brest«, das die Entente dem besiegten Deutschland aufzwingen würde, hätte taktische Vorteile gehabt, die aber sicherlich in eine strategische Niederlage umgeschlagen wären. Das Proletariat im Ausland hätte sich von den Idealen des »Weltbolschewismus« abgewandt, da es schlussfolgern müsste, die Sowjetmacht hätte sich in die Reihe der Kriegsgewinnler eingereiht. Das hätte den Verlust der revolutionären Ideale bedeutet, und die Parteidiktatur in Russland selbst würde sich nicht mehr lange halten können. Die Feststellung »Lenin […] enthielt sich jeden Versuchs, der deutschen und internationalen Revolution auf die Sprünge zu helfen«[58] ist also so nicht aufrecht zu erhalten. Am 28. Oktober schrieb Ioffe in einem seiner letzten Berichte aus Berlin, dass man auch jetzt die Beziehungen zu Deutschland nicht abbrechen lassen solle, weil »das überall so aufgenommen werden würde, als ob wir uns wie Bulgarien auf die Seite des Stärkeren stellen wollten, und das würde uns im Sinne der Entfesselung der Weltrevolution nur schaden.«[59] Tatsächlich hätte diplomatischer Druck seitens Sowjetrusslands kaum die heraufziehende Revolution in Deutschland aufgehalten, aber er hätte die Chancen gemindert, dass sie sich »nach russischen Vorbild« entwickeln würde. Das Szenario einer demokratischen Revolution in den besiegten Staaten mit dem Übergang zu parlamentarischen Systemen war für Lenin und seine Vertrauten undenkbar. Dies hieße, die einmalige Chance des »Sprungs in die Zukunft«, die der Weltkrieg für die gesellschaftlichen Unterschichten eröffnet hatte, zu verspielen. Als Lenin auf der gemeinsamen Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees, des Moskauer Stadtsowjets und der hauptstädtischen Arbeiterorganisationen am 22. Oktober sprach, äußerte er sich zu dieser Frage kategorisch. Die politische Wende in Deutschland reift nicht in Tagen, sondern in Stunden heran, »das sagen alle, und alle sprechen deshalb davon, weil die Volksrevolution in Deutschland unausweichlich ist, und weil sie nur eine proletarische Revolution sein kann.«[60] Bei der späteren Publikation dieser Rede wurde eine maßgebliche Veränderung vorgenommen. Lenin sprach nun nicht mehr von der Unausweichlichkeit, sondern nur noch von der Möglichkeit einer proletarischen (das heißt bolschewistischen) Revolution in Deutschland.[61] Die Machtübernahme Liebknechts bleibt aus Heute ist offensichtlich, dass das Konzept, revolutionäre Distanz zu allen Krieg führenden Seiten zu halten, den nationalen Interessen Russlands nicht entsprach. Aber wer hätte diese Interessen damals, im Herbst 1918, formulieren können? Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs und des Aufbaus einer grundlegend neuen Staatsform war der entscheidende Faktor der Außenpolitik die neue Utopie und nicht die Tradition der Diplomatie. Dabei passten die Bolschewiki geschickt Strukturen und Mechanismen an ihre Ziele an, die noch vor kurzem der »Klassenherrschaft der Bourgeoisie« gedient hatten. Der Aufruf Lenins, bis zum Frühjahr 1919 die Rote Armee mit drei Millionen Soldaten aufzustellen, bedeutete keineswegs, dass die Sowjetmacht bis zu diesem Zeitpunkt auf Angriffshandlungen verzichten wollte.[62] Der kurze Zeit später einsetzende Versuch der Sowjetisierung des Baltikums zeigt anschaulich, dass in der Parteiführung die Linie Lenins gesiegt hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt die radikalste der zur Verfügung stehenden außenpolitischen Optionen. Radek, der propagandistischer Waffenträger, sah es so: »Wir stehen am Rande einer Epoche, in der man alles riskieren muss, um alles zu gewinnen.«[63] Gegen Ende Oktober 1918 wurde die Orientierung auf eine Revolution in Deutschland zum gemeinsamen Nenner, der die Führung der RKP (b) einte. Umso bitterer war das Erwachen, als diese nicht nach dem geplanten Szenario verlief und nicht mit der »Herrschaft Liebknechts«, also mit einer Diktatur der Linkssozialisten, endete. Aus dieser offensichtlichen Niederlage wurden jedoch nur taktische Schlussfolgerungen gezogen. Keiner der Vertrauten Lenins konnte sich entschließen, die Strategie des »Weltbolschewismus« in Frage zu stellen. Während das größte Geschenk des europäischen Proletariats zum ersten Jahrestag der Revolution die Beseitigung der Hohenzollernmonarchie war, feierten die Bolschewiki den zweiten Jahrestag im Oktober 1919 nur noch in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter, die in der Kommunistischen Internationale vereinigt waren.  Übersetzung aus dem Russischen von Christian Teichmann (Berlin) [1]  Das Thema wird in einigen Arbeiten gestreift, die die deutsch-sowjetischen Beziehungen in größerer Breite darstellen. Siehe Baumgart, Winfried: Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litovsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Wien 1966; Linke, Horst Günther: Deutsch-sowjetische Beziehungen bis Rapallo. Köln 1970; Fel’štinskij, Jurij: Krušenie mirovoj revoljucii. Očerk pervyj: Brestskij mir. Oktjabr’ 1917–nojabr’ 1918 [Der Zusammenbruch der Weltrevolution. Erster Abschnitt: Der Brester Frieden. Oktober 1917 bis November 1918], London 1991.  [2]  Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 5. Die Fond 495 (f. 495) ist der Bestand des Exekutivkomitees der Komintern. In diesem Artikel wird aus fol genden Überlieferungen zitiert: Persönlicher Bestand Lenins: f. 2; Sekretariat Lenins: f. 5. Alle anderen RGASPI-Angaben beziehen sich auf die personenbezogenen Bestände der zitierten Personen im RGASPI.    [3]  Wulff, Dietmar: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumen-te (Teil 1: Mai 1918), in: Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte 2 (1995), H. 1, S. 209–247; Ders.: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumente (Teil 2: Mai–Juni 1918), in: Ebenda 2 (1995), H. 2, S. 223–266; Ders.: A. A. Joffe und die russische Außenpolitik 1918. Unveröffentlichte Dokumente (Teil 3: Juli 1918), in: Ebenda 3 (1996), H. 2, S. 267–304. [4]  Archiv vnešnej politiki Rossijskoj Federacii/Archiv der Außenpolitik der Russischen Föderati-on (im Folgenden: AVP RF), f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 73. Der Fond 4 (f. 4) ist der persönliche Bestand Čičerins.  [5]  Siehe den Brief von T. Aksel’rod an Lenin vom 15. August 1918, in: RGASPI f. 5, o. 1, d. 3080, Bl. 5–8.   [6]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 27.   [7]  Lenin, Vladimir: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständige Werkausgabe]. Bd. 50, Moskau 1982, S. 195. [8]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 32.  [9]  RGASPI, f. 5, o. 3, d. 255, Bl. 1–4. [10]  Pajps, R. [Pipes, Richard]: Russkaja revoljucija. Čast’ vtoraja [Die russische Revolution. Band zwei], Moskau 1994, S. 299. Anm. des Übersetzers: In der deutschen Ausgabe ließ sich das Zitat nicht auffinden. Dafür findet sich folgende Aussage: »Deutschland hatte Gründe genug, mit Moskau zu brechen, vor allem da Joffe, der bereits im Frühjahr und Sommer auf deutschem Boden Subversion betrieben hatte, nunmehr offen zum revolutionären Umsturz aufrief.« Pipes, Richard: Die russische Revolution. Bd. 2: Die Macht der Bolschewiki, Berlin 1992, S. 552. [11]  Siehe die Literaturhinweise bei Winkler, Heinrich August: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin 1984, S. 19. [12]  V. I. Lenin. Biografičeskaja chronika [V. I. Lenin. Biographische Chronik]. Bd. 6, Moskau 1975, S. 145. [13]  Der deutsche Konsul in Moskau, Herbert Hauschild, berichtete am 2. Oktober 1918 nach Berlin: »Halte es bei augenblicklicher Situation, soweit von hier aus zu beurteilen, für sehr bedeutsam, daß Radek, der zweifellos sehr starken Einfluß besitzt, wenn auch von bolschewistischem Standpunkt urteilend, entschieden Verständnis für deutschen Charakter besitzt und daß bei ihm der Gedanke deutsch-russischer Interessengemeinschaft starke Stütze findet.« Zi tiert nach Baumgart, Winfried (Hrsg.): Von Brest-Litovsk zur Deutschen Novemberrevolution. Aus den Tagebüchern und Briefen von Alfons Paquet, Wilhelm Groener, Albert Hopman. März bis November 1918, Göttingen 1971, S. 171 (Anm. 701). [14] Viator: Germanija na rasput’e [Deutschland am Scheideweg], in: Izvestija vom 27. September 1918. [15] Mirovyj perelom [Weltweiter Umbruch], in: Pravda vom 29. September 1918. [16]  O’Connor, T. Ė. [O’Connor, Timothy]: Georgij Čičerin i sovetskaja vnešnjaja politika 1918– 1930 [Georgij Čičerin und die sowjetische Außenpolitik 1918–1930]. Moskau 1991, S. 81. [17]  Siehe Wulff: A. A. Joffe (Anm. 3). [18]  AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 14. [19]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 1197, Bl. 6. [20]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 185. [21]  Bucharin, Nikolaj: Koalicija ili voennaja diktatura [Koalition oder Militärdiktatur], in: Pravda vom 1. Oktober 1918. [22]  Viator: Ten’ Rossii [Der Schatten Russlands], in: Izvestija vom 1. Oktober 1918. [23]  Koenen, Gerd: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005, S. 167. [24]  Am 2. Oktober berichtete Hauschild nach Berlin über sein Gespräch mit Radek. »Er hatte gestern wieder zweistündige Konferenz mit Lenin, mit dem er auch heute wieder die Lage bespricht und auf den er offensichtlich Einfluss hat.« Zitiert nach Baumgart: Von BrestLitovsk (Anm. 13), S. 171 (Anm. 701). [25]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 185 f.  [26]  RGASPI, f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 10. [27]  Dejatel’nost’ Central’nogo Komiteta Partii v dokumentach (sobytija i fakty). Sentjabr’ 1918– Janvar’ 1919 [Die Tätigkeit des Zentralkomitees in Quellen (Ereignisse und Fakten). September 1918 bis Januar 1919], in: Izvestija CK KPSS 6 (1989), S. 158. [28]   Fel’štinskij: Krušenie mirovoj revoljucii (Anm. 1), S. 525. Die Vorlage zu dieser Dramatisierung lieferten die Erinnerungen von Nadežda Krupskaja: »Iljitsch wusste, dass sie ihm kein Auto schicken würden, doch trotzdem saß er den ganzen Tag an der Straße und wartete.« Zitiert nach V. I. Lenin. Biografičeskaja chronika (Anm. 12), S. 151. [29]  Lenin, Vladimir: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständige Werkausgabe]. Bd. 37, Moskau 1969, S. 98. [30]  Siehe Sitzungsstenogramm in Pravda vom 4. Oktober 1918 u. Izvestija vom 4. Oktober 1918. [31]  Baumgart: Von Brest-Litovsk (Anm. 13), S. 177. [32]  RGASPI, f. 86, o. 1, d. 35, Bl. 88. [33]  Reč’ Karla Radeka na mitinge na zavode Michel’sona [Karl Radeks Rede auf der Versammlung in den Michelson-Werken], in: Pravda vom 6. Oktober 1918. [34]  N. Osinskij: Vse na mesta! [Alle auf die Plätze!], in: Pravda vom 4. Oktober 1918. [35]  Radek, Karl: Kruščenie germanskogo imperializma [Der Kollaps des deutschen Imperialismus], in: Izvestija vom 4. Oktober 1918. [36]  »Wenn es keine Überfälle der Alliierten auf uns gäbe, hätten wir gegenüber Deutschland freie Hand«, schrieb Karl Radek im Oktober 1918. RGASPI, f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 6.    [37] Baumgart: Von Brest-Litovsk (Anm. 13), S. 172. [38]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 41. Ioffe kam in seinen Berichten beständig auf das Thema zu sprechen, welche Wirkung die Resolution auf die deutschen Regierungskreise hatte. Am 21. Oktober schrieb er: »Die Resolution des CIK [Zentralen Exekutivkomitees] wurde von allen (und auch von der Regierung) so verstanden, dass wir die Armee und Lebensmittelvorräte vorbereiten, um dem deutschen Proletariat gegen den deutschen Imperialismus zu helfen. Und ich tue alles, um zu zeigen, dass die Grundidee eine andere war: die Unterstützung des siegreichen deutschen Proletariats gegen den Imperialismus der Entente im Fall eines Andauerns des Krieges und nach der deutschen Revolution. Aber sie glauben mir nicht und sagen, dass das nicht in der Resolution steht.« AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 58. [39]  In einer Versammlungsrede am 4. Oktober bekannte Radek: Als die Resolution beschlossen wurde, »haben wir ein wenig geschwankt«, ob sie in Deutschland nicht starke Proteste hervorrufen würde. Reč’ Karla Radeka na mitinge na zavode Michel’sona [Karl Radeks Rede auf der Versammlung in den Michelson-Werken], in: Pravda vom 6. Oktober 1918. [40]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 43. [41]  Siehe Bol’ševistskoe rukovodstvo. Perepiska 1912–1927 [Die bolschewistische Führung. Briefwechsel 1912–1927], Moskau 1996, S. 46–62. [42]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 192–195. [43]  Pravda vom 20. Oktober 1918. Tatsächlich fand die Konferenz am 12. Oktober 1918 in Berlin statt und die Materialien wurden über diplomatische Kanäle nach Moskau gesendet. [44]  Radek, Karl: Kommunističeskaja partija Germanii [Die Kommunistische Partei Deutschlands], in: Pravda vom 23. Oktober 1918. [45]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 41. Aufruf auch publiziert in Pravda vom 19. Oktober 1918. [46]  Ebenda. [47]  N. Osinskij: Mir i revolujucionnoe oborončestvo v Germanii [Frieden und revolutionäre Verteidigung in Deutschland], in: Pravda vom 6. Oktober 1918. [48] RGASPI, f. 5, o. 1, 1204, Bl. 1. [49]  RGASPI, f. 323, o. 1, d. 06, Bl. 1. [50]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 41. [51]  RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 51. [52]  »Die deutsche Bourgeoisie spielt jetzt auf eine Atempause, und darum sollten wir darauf vorbereitet sein, dass die ›Verbündeten‹ sich auf ein Geschäft mit den Deutschen einlassen«, schrieb Osinskij. Prvada vom 16. Oktober 1918. [53]  AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 49. [54]  Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 50 (Anm. 7), S. 195.  [55]  RGASPI, f. 2, o. 1, d. 7265, Bl. 1. Tatsächlich schrieb Lenin anscheinend nur fehlerhaft Französisch. Das Original lautete: »Soyons fortes et accelerons la revolution in Allemagne.« [56]  RGASPI, f. 495, o. 157, d. 3, Bl. 7.   [57] RGASPI, f. 5, o. 1, d. 2134, Bl. 74. [58]  Bonwetsch, Bernd: Lenin und Deutschland, in: Herrmann, Dagmar (Hrsg.): Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht 19./20. Jahrhundert. Von den Reformen Alexanders II. bis zum Ersten Weltkrieg, München 2006, S. 280–305. [59]  AVP RF, f. 4, o. 13, d. 990, Bl. 96. [60]  RGASPI, f. 2, o. 1, d. 7284, Bl. 3. [61]  »Das sagen alle, die die Lage der Dinge kennen: wie unausweichlich eine Volksrevolution in Deutschland ist, und vielleicht eine proletarische Revolution.« Lenin: Polnoe sobranie sočinenij, Bd. 37 (Anm. 29), S. 113. [62]  Fel’štinskij kommt zu einer anderen Einschätzung: »Lenin hatte für das nächste halbe Jahr nicht vorgehabt, sie zu unterstützen.« Fel’štinskij: Krušenie mirovoj revoljucii (Anm. 1), S. 525. [63]  Radek, Karl: Kruščenie germanskogo imperializma [Der Kollaps des deutschen Imperialismus], in: Izvestija vom 4. Oktober 1918. 

JHK 2007

Dissens in Nordvietnam. Die »Nhan-Van/Giai-Pham-Affäre« (1956 bis 1958) und die »Antipartei-Revisionismus-Affäre« (1963 bis 1967)

Martin Grossheim

Die 1941 gegründete Viet Minh, die mit der siegreichen »Augustrevolution« 1945 den Grundstein für die Ausrufung der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) durch den KP-Führer Ho Chi Minh am 2. September des gleichen Jahres legte, war eine Einheitsfront, die sich auf alle patriotischen Kräfte stützte. An dieser »Einheitsfrontlinie« hielten die Viet Minh auch weiter fest, nachdem es im Dezember 1946 nach gescheiterten Verhandlungen mit den Franzosen zum Ausbruch des ersten Vietnamkrieges (1946 bis 1954, auch als Indochinakrieg bezeichnet) kam. Sie zogen sich zunächst in die schwer zugängliche Bergregion Viet Bac im Norden des Landes und in Teile Zentralvietnams zurück und begannen einen klassischen Guerillakrieg gegen die zu Anfang weit überlegenen französischen Truppen.[1] Was als lokal begrenzter antikolonialer Kampf begonnen hatte, wurde ab Ende der 1940er Jahre in den Kalten Krieg hineingezogen. 1949/50 vollzog sich die »Internationalisierung« des indochinesischen Kriegsschauplatzes. Als Gegengewicht zur Demokratischen Republik Vietnam (DRV) wurde der »Staat Vietnam« unter dem früheren Kaiser Bao Dai gegründet. Die diplomatische Anerkennung durch die USA und andere westliche Staaten erfolgte Anfang 1950. Die sozialistischen Staaten reagierten mit der offiziellen Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DRV im Januar und Februar 1950. Noch entscheidender für den weiteren Kriegsverlauf und die innenpolitische Entwicklung in Vietnam waren aber der Sieg der Truppen Mao Zedongs und die Ausrufung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949. Nach der Einnahme der wichtigsten französischen Stellungen im vietnamesisch-chinesischen Grenzgebiet durch die Viet Minh im September 1950 konnten Waffen und andere Hilfsgüter fast ungehindert nach Vietnam strömen.[2] Die Unterstützung durch die Volksrepublik China war allerdings nicht nur materieller Natur – ab 1950 kamen hunderte chinesischer Berater nach Nordvietnam, um den Viet Minh »Nachhilfeunterricht« in militärischen und ideologischen Fragen zu geben. Außerdem schickte die Kommunistische Partei Indochinas (KPI) ihre Kader zur Ausbildung nach China. Vietnamesische Intellektuelle mit Chinesisch-Kenntnissen übersetzten ab 1950 im Viet Bac in Tag- und Nachtarbeit wichtige Schriften von Mao und seinen Kampfgenossen.[3] Mit dem »Import« wesentlicher Elemente des Maoismus nach Vietnam wandelte sich das Gesicht des vietnamesischen Kommunismus. Während die Viet Minh in den ersten Kriegsjahren noch an den Patriotismus aller Vietnamesen ungeachtet ihres Klassenhintergrundes appelliert und aus taktischen Gründen radikale Forderungen wie eine umfassende Landreform zurückgestellt hatten, wurde diese »Einheitsfrontlinie« ab Anfang der 1950er Jahre mehr und mehr von der »Klassenkampflinie« verdrängt. Damit wurde auch die Saat für die fundamentalen Auseinandersetzungen zwischen Parteiführung und Intellektuellen gelegt, die sich vor dem Hintergrund der Krise des sozialistischen Systems und innenpolitischer Spannungen (Fehler bei der Landreform) 1956 entwickeln sollten.  Nach der offiziellen Neugründung der Kommunistischen Partei unter dem Namen Dang Lao Dong Viet Nam (Partei der Werktätigen Vietnams, dt. Abkürzung: PWV) im Februar 1951 wurde Mitte 1952 nach maoistischem Vorbild eine Kampagne zur »Reorganisation« (chinh don) der Partei eingeleitet. Ziel war es, die Partei von Mitgliedern mit nicht-adäquatem Klassenhintergrund zu säubern, die sich in der Periode der Einheitsfrontlinie vor allem aus Patriotismus dem antikolonialen Befreiungskampf angeschlossen hatten. Ähnliche Säuberungen wurden in der Armee (chinh quan) durchgeführt.[4] In stundenlangen Kritik- und Selbstkritiksitzungen (kiem thao) musste der Einzelne seine »Fehler« bekennen und beweisen, dass er nach der Reinigung von bürgerlichem Gedankengut und der Überwindung von Zweifeln (thac mac) eine korrekte politische Haltung (lap truong) einnahm. Diese rituellen »Selbstreinigungen« gingen z. T. mit erheblichem psychischem und physischem Druck einher und hatten zur Folge, dass sich eine Reihe von Intellektuellen von den Viet Minh abwandten und aus dem Viet Bac in das von den Franzosen kontrollierte Hanoi zurückkehrten.[5] Sie wandten sich auch gegen die verschärfte Kontrolle und Instrumentalisierung durch die Viet Minh. Schon 1948 hatte KPI-Generalsekretär Truong Chinh sie auf den »Sozialistischen Realismus« eingeschworen und Vorstellungen von einer autonomen Kunst eine klare Absage erteilt.[6] Parallel zu diesen Entwicklungen wandte sich das Kriegsglück mehr und mehr zugunsten der Viet Minh. Die französische Kolonialmacht wurde schließlich 1954 in der Schlacht von Dien Bien Phu, einem Talkessel in der Nähe der laotisch-vietnamesischen Grenze, entscheidend geschlagen. Unter schweren Verlusten gelang es den Viet Minh, die französischen Stellungen einzunehmen. Der Fall der Festung Dien Bien Phu am 7. Mai 1954 bedeutete zugleich das Ende der französischen Kolonialherrschaft in Indochina.  Auf der Genfer Friedenskonferenz wurde im Juli 1954 die provisorische Zweiteilung Vietnams am 17. Breitengrad beschlossen. Der Einflussbereich der DRV beschränkte sich auf das Gebiet nördlich der Demarkationslinie – im Süden bestand die Republik Vietnam. Nach den Bestimmungen des Genfer Friedensabkommens waren nach zwei Jahren, also 1956, gesamtvietnamesische Wahlen vorgesehen, die zu einer Wiedervereinigung des Landes führen sollten. Dazu kam es aber nicht – die Wahlen wurden durch den südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem boykottiert, der Südvietnam mit Unterstützung von US-Präsident Dwight D. Eisenhower zu einer antikommunistischen Bastion ausbaute. In Nordvietnam konzentrierte sich die Lao-Dong-Partei zunächst auf die Konsolidierung der Macht, den Wiederaufbau des Landes und den Aufbau des Sozialismus. Erst ab Ende der 1950er Jahre schenkte sie der Frage der Wiedervereinigung wieder größere Aufmerksamkeit. Im Dezember 1960 wurde die National Front for the Liberation of South Vietnam (NLF) gegründet. Sie gewann schnell eine große Anhängerschaft, gleichzeitig bröckelte die Machtposition des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem. Auch der Putsch gegen Diems und sein Ermordung durch die südvietnamesische Generalität im November 1963 brachte keine Stabilisierung der Lage. Nach dem Tonkin-Zwischenfall Anfang August 1964, bei dem angeblich die Zerstörer USS Maddox und USS Turner Joy von nordvietnamesischen Schnellboten attackiert wurden, erfolgte die direkte militärische Intervention der USA – zunächst bombardierten US-Bomber Ziele in Nordvietnam, im März 1965 landeten dann die ersten Bodentruppen am Strand von Da Nang.  Der zweite Vietnamkrieg (1965 bis 1975) hatte begonnen und damit eine der längsten militärischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts.[7] Trotz massiver Truppenpräsenz und dem Einsatz modernster Waffen konnten die USA und Südvietnam die NLF und die DRV nicht besiegen. 1969 leitete der neue USPräsident Richard Nixon die »Vietnamisierung« des Krieges und den schrittweisen Rückzug der US-Truppen ein. Nach zähen Verhandlungen wurde im Januar 1973 in Paris ein Waffenstillstand beschlossen, doch der Krieg ging weiter. Die Schlussoffensive regulärer nordvietnamesischer Truppen ab Ende 1974 traf nur noch auf vereinzelten Widerstand seitens der südvietnamesischen Verbände. Am 30. April 1975 fiel Saigon. Die Lao-Dong-Partei hatte damit gegen einen zunächst übermächtig scheinenden Gegner gesiegt – der Kampf um die Wiedervereinigung Vietnams war gewonnen. Dieser Sieg gegen die amerikanische Supermacht stellt nach wie vor eine der wichtigsten Legitimationsquellen der KP Vietnams dar. Die offizielle vietnamesische Geschichtswissenschaft propagiert dabei unverändert das Bild einer geeinten, starken kommunistischen Partei, die das vietnamesische Volk geschlossen zum Sieg über das südvietnamesische Marionettenregime und die amerikanischen Aggressoren führte. Brüche in der Geschichte des vietnamesischen Kommunismus und die Vielfalt unterschiedlicher Ansichten innerhalb der KP Vietnams vor und während des Vietnamkriegs werden damit ausgeblendet.[8] Dies gilt zum einen für die so genannte »Nhan-Van/Giai-Pham-Affäre« (1956 bis 1958), dem Aufbegehren von Schriftstellern und anderen Intellektuellen gegen einen immer autoritäreren sozialistischen Staat. Die nordvietnamesische Führung reagierte erst 1958 mit einer massiven Kampagne gegen den »Revisionismus« und gewann die Hegemonie über die Intellektuellen zurück. Diese »vietnamesische Hundert-Blumen-Bewegung« gilt heute als Symbol für den Dissens gegen die Hegemonie und Orthodoxie der Partei schlechthin. Die Interpretation der »Affäre« spiegelt in ihrer Bandbreite die unterschiedlichen politischen Interessen wider: »[…] to some it is an anti-socialist conspiracy; to others, it is a paradigmatic example of communist repression of freedom«[9]. Unstrittig ist, dass die Affäre einen Wendepunkt in der politischen und kulturellen Entwicklung Nordvietnams darstellte und zu einem repressiven intellektuellen Klima führte, das bis zum Beginn der Reformpolitik in den 1980er Jahren bestimmend war.  Der zweite Bruch in der Geschichte der KP Vietnams ist ein innerparteilicher Konflikt von 1963 bis 1967, also kurz vor bzw. zu Beginn des zweiten Vietnamkrieges, der als »Antipartei-Revisionismus-Affäre« (vu an Xet Lai – Chong Dang) bekannt geworden ist. Die Auseinandersetzung gipfelte 1967 in der Verhaftung hunderter Parteikader und Intellektueller. Teilweise wurden auch 1967 noch Beschuldigte festgenommen. In der Folge verstummte die Opposition aus den Reihen der Partei bis in die 1980er Jahre. Bis heute wird die Vielfalt der Sichtweisen von einem richtigen Weg zur Wiedervereinigung und vom Aufbau des Sozialismus, die in diesem Streit zum Ausdruck kamen, von der vietnamesischen Geschichtswissenschaft ignoriert.[10] Im Folgenden wird auf der Grundlage neu zugänglicher vietnamesischer Originalquellen und von Beständen aus deutschen Archiven eine Neubewertung der beiden Affären vorgenommen.[11]     »Hundert Blumen blühen in Vietnam«: Offener Dissens in den 1950er Jahren   Nach dem Ende des Indochina-Krieges 1954 hofften viele Intellektuelle, dass die Partei nunmehr die rigide Kontrolle aller kulturellen Aktivitäten lockern würde und sie damit größere Freiräume genießen könnten. Das Gegenteil war jedoch der Fall: »[…] the central authorities circumscribed intellectual activity in the name of ongoing revolution and defense against enemies foreign or domestic.«[12] Aufgrund dieser starren Haltung der Lao-Dong-Partei begann es ab Winter 1954/55 zunächst unter Schriftstellern und Künstlern in der Abteilung für Kunst und Literatur der Volksarmee zu gären. Ihr Versuch, eine Debatte über eine kulturelle Neuorientierung von Partei und Staat zu initiieren und mehr künstlerische Freiräume in der Armee zu erlangen, scheiterte zwar,[13] doch das Unbehagen vieler Intellektueller verstärkte sich immer weiter. Anfang Februar 1956 erschienen zum vietnamesischen Neujahrsfest die Schönen Werke des Frühlings (Giai Pham Mua Xuan), eine Sammlung von Gedichten, kurzen literarischen Texten und Liedern. Im Zentrum des Bandes stand ein längeres Gedicht von Tran Dan mit dem Titel »Siegesgewiss« (Nhat dinh thang)[14], das aus der Sicht eines jungen Liebespaares das Chaos der Nachkriegsgesellschaft in Nordvietnam beschreibt. Das Gedicht endete zwar mit einem hoffnungsvollen Ausblick auf die Zukunft Vietnams, doch es hatte in den Augen der Kulturzensoren der Partei literarische Tabus verletzt. Die Partei ergriff schnell Maßnahmen: die Schönen Werke des Frühlings wurden konfisziert, der Verfasser des umstrittenen Gedichtes, Tran Dan (1926 bis 1997), verhaftet und in der Parteipresse massiv attackiert.[15] In den folgenden Monaten lockerte die Partei jedoch ihre harte Linie gegenüber den kritischen Intellektuellen, da der wachsende Protest gegen die Exzesse bei der Landreform bedingt, der die Parteiführung stark verunsichert hatte. Seit Dezember 1953 hatte die Lao-Dong-Partei in verschiedenen »Wellen« eine radikale Landreformkampagne durchgeführt, die sich eng an maoistische Vorbilder anlehnte.[16] In den Dörfern stützte sie sich dabei nicht auf bestehende Organisationen, sondern entsandte externe Landreformteams, die über umfassende Vollmachten verfügten und sich quasi im rechtsfreien Raum bewegten. Vor allem in den Wellen 4 und 5 (Mitte 1955 bis Mitte 1956), die proportional den größten Anteil der ländlichen Bevölkerung erfassten, richtete sich eine übertriebene revolutionäre »Wachsamkeit« (canh giac) und Paranoia gegen Unschuldige – darunter viele verdiente Parteikader: Circa 5 000 bis 15 000 Personen, die als »grausame und despotische Großgrundbesitzer« (dia chu cuong hao gian ac) eingestuft worden waren, wurden auf »Volkstribunalen« zum Tode verurteilt und in den meisten Fällen an Ort und Stelle erschossen. Ihre Angehörigen wurden systematisch isoliert. Darüber hinaus beging eine unbekannte Anzahl von »Großgrundbesitzern« Selbstmord.[17] Nachdem im August 1956 Ho Chi Minh persönlich zur Mäßigung aufrufen musste, wurde die Landreform gestoppt. Die Lao-Dong-Partei stürzte damit in ihre bis dahin schwerste Krise: Auf einer Sitzung des ZK im September und Oktober 1956 zog die Parteiführung personelle Konsequenzen: Generalsekretär Truong Chinh musste sein Amt aufgeben, behielt allerdings seinen Sitz im Politbüro. Darüber hinaus leitete die Partei eine »Korrekturkampagne« ein. Das eigentliche Ziel, schnell für Ruhe und Ordnung auf dem Lande zu sorgen, ließ sich allerdings nicht so schnell erreichen: Es kam zu Zusammenstößen zwischen »Kader-Aktivisten« (cot can), die einzig aufgrund ihrer ärmlichen sozialen Herkunft und ihres Eifers bei der Landreform wichtige Positionen in den örtlichen Partei- und Volkskomitees erhalten hatten, und alten Kadern, die sie aus dem Amt gedrängt hatten, sowie anderen zurückgestuften Dorfbewohner.[18] Außerdem wurde Nordvietnam im November 1956 durch eine Bauernrebellion in der zentralvietnamesischen Provinz Nghe An, der Heimatprovinz Ho Chi Minhs und einer Bastion der Viet Minh während des Widerstandskampfes, erschüttert. Dabei handelte es sich um einen lokal begrenzten Aufstand vor allem katholischer Bauern, bei dem auch länger schwelende Gegensätze zwischen vietnamesischen Katholiken und den Behörden zum Ausbruch kamen.[19] Hanoi musste schließlich sogar die Armee schicken, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen.[20] Die politische Atmosphäre in der DRV wurde auch massiv durch umwälzende Ereignisse im sozialistischen Block wie die auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 eingeleitete Entstalinisierung und die im Mai 1956 in der Volksrepublik China ausgerufene Hundert-Blumen-Kampagne bestimmt.[21] Viele kritische Intellektuelle in der DRV schöpften aus der selbstkritischen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und dem Personenkult in der Sowjetunion sowie der kulturellen Liberalisierung in China den Mut, nun ihrerseits eine Debatte über Auswüchse und Fehlentwicklungen des sozialistischen Systems in der DRV zu entfachen: »Der XX. Parteitag der KPdSU hat den nach Gedankenfreiheit, nach künstlerischer Freiheit, nach Meinungsfreiheit dürstenden Seelen das Licht gebracht […].«[22]  In einer kurzen liberalen Phase von August bis November 1956 erschienen in Nordvietnam eine Reihe von kritischen Zeitungen und Zeitschriften.[23] Der Titel der wichtigsten Zeitung Nhan Van (Humanismus) war dabei Programm: Die Humanität sollte wieder in das von maoistischen Landreformexzessen, Parteisäuberungen und rigider Kontrolle der Bevölkerung geplagte Nordvietnam zurückkehren.[24] Nhan Van erschien in insgesamt fünf Nummern in wechselnder Auflage vom 20. September bis zum 20. November.[25] Einige Autoren von Nhan Van waren auch an den Schönen Werken des Herbstes (Giai Pham Mua Thu) und den Schönen Werken des Winters (Giai Pham Mua Dong) beteiligt, die im gleichen Zeitraum gedruckt wurden. Darüber hinaus erschienen eine Reihe weiterer Zeitungen und Zeitschriften wie Dat moi (Neues Land), eine Studentenzeitschrift, Tram hoa (Hundert Blumen), Noi that (Die Wahrheit sagen) und Tap san phe binh (Kritische Zeitschrift). Selbst orthodoxe Parteiblätter wurden von der liberalen Welle erfasst und veröffentlichten für einen kurzen Zeitraum vergleichsweise kritische Artikel.[26] Der durchgängige Tenor in fast allen Artikeln und literarischen Texten in Nhan Van und Giai Pham war die Kritik an der immer stärkeren Einschränkung persönlicher Freiheiten durch das »System der Parteiherrschaft« (che do Dang tri).[27] Zunächst richtete sich die Kritik in Nhan Van vor allem gegen die Hegemonie der Partei über alle künstlerischen und intellektuellen Aktivitäten. Viele Autoren kritisierten den Umgang des Staates mit den Intellektuellen und forderten die Autonomie der Kunst ein.[28] In enger Anlehnung an die Entwicklungen in der VR China wandte sich z. B. Tran Duy in seinem programmatischen Artikel »Dafür kämpfen, dass hundert Blumen miteinander wetteifern und blühen« gegen eine autoritäre Kulturpolitik, die den Schriftstellern und Künstlern nach Befehlsmuster (lam theo com-mang) die Einhaltung bestimmter vorgegebener Schablonen und propagandistischer Denkmuster abverlangte und damit ihr kreatives Potential einschränkte.[29] Tran Duy und andere betonten die Autonomie der Kunst und die Freiheit des individualistischen Genies im Gegensatz zum von inkompetenten Parteikadern »ferngesteuerten, automatisierten Schriftsteller« (thi si may).[30]  Der Ruf nach mehr Freiheit wurde auch an der Universität Hanoi laut. Der renommierte Historiker Dao Duy Anh beklagte, dass die Wissenschaft in der DRV zu sehr den engen ideologischen Vorgaben der Partei unterworfen sei. Wissenschaft würde so zu einem gefährlichen »Drahtseilakt« und Konformismus breite sich immer mehr aus.[31] Grund hierfür – so Dao Duy Anh – sei auch, dass häufig wenig kompetente Parteikader Schlüsselpositionen an den Universitäten einnähmen. Politische und wissenschaftliche Tätigkeit müssten klar voneinander ge trennt werden.[32] Wie ein Beitrag in der Studentenzeitschrift Dat Moi deutlich machte, drang die Partei sogar in das Privatleben der Studenten ein, was zu »Wachsamkeit« (canh giac) gegenüber den anderen und Klassendenken (chu nghia thanh phan) im persönlichen Umfeld führte.[33] Diese übertriebene »revolutionäre Wachsamkeit« in der nordvietnamesischen Gesellschaft gegenüber vermeintlichen Feinden war ein weiteres zentrales Thema in Nhan Van und in den Giai Pham. Die paranoide Furcht vor Feinden während der Landreform führte dazu, dass viele Parteiorganisationen in den Dörfern und mit ihnen alt gediente Parteikader unter den Generalverdacht gerieten, von zersetzenden Elementen beherrscht zu sein. Die Exzesse, zu denen es in diesem Klima kam, waren nach Meinung des Philosophen Tran Duc Thao und anderer erst so spät gestoppt worden, weil die Bevölkerung keine Möglichkeit zur direkten Kritik gehabt habe.[34] Offene Kritik durch die Bevölkerung - so Tran Duc Thao - sei aber ein unverzichtbares Regulativ das die Führung durch die Partei sogar noch stärken würde.[35] Auch um die Vorwürfe aus Südvietnam, im Norden mangele es an Demokratie, zu entkräften, müsse die Regierung die Möglichkeiten schaffen, damit der einzelne Bürger die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Anspruch nehmen könne.[36] Die Partei solle Vertrauen in die Fähigkeit der Bürger haben, ihre Grundrechte verantwortungsvoll wahrzunehmen. Die Bevölkerung als »unreif« darzustellen, heiße eigentlich, sie zu verachten.[37] Mit der Betonung individueller Freiheitsrechte rüttelte Tran Duc Thao an den Grundfesten eines politischen Systems, das während des Widerstandskampfes gegen die Franzosen und auch nach dem Friedensschluss 1954 vom Einzelnen die selbstlose Aufopferung für das Kollektiv unter Zurückstellung persönlicher Interessen und Rechte gefordert hatte.[38] Neben dem Mangel an Demokratie wurde das Fehlen eines Rechtssystem von dem langjährigen Parteimitglied Nguyen Huu Dang und dem Rechtsanwalt Nguyen Manh Tuong als eine der Ursachen für die vielen Übergriffe durch Kader bei der Landreform herausgestellt.[39] Die Verachtung des »bürgerlichen« Rechts sei zu einer Verachtung jeglichen Rechts geworden. Nicht das Recht, sondern die »korrekte politische Einstellung« und die Klassenzugehörigkeit seien Richtschnur des Handelns geworden.[40] Ausdruck der dadurch entstehenden Willkür von Kadern und des Eindringens des Staates in die Privatsphäre seien auch die übertriebene Kontrolle der Bevölkerung über Melderegister (ho khau), die Kontrolle des privaten Briefverkehrs und die Zensur.[41] Nguyen Huu Dang und Nguyen Manh Tuong forderten deshalb den Aufbau eines Rechtsstaates, in dem sich die Partei dem Gesetz unterordnen muss und von der Nationalversammlung erlassene Gesetze die Parteidekrete ersetzen.[42] Die fünfte Nummer von Nhan Van vom 20. November 1956 stand eindeutig unter dem Eindruck der Ereignisse in Polen und Ungarn. In einem Artikel hob Nguyen Huu Dang hervor, die Ursache für die Entwicklungen in Polen und Ungarn lägen in einem Mangel an Demokratie, nicht in einem »Mangel an Diktatur«. In der DRV seien zwar die Grundrechte in der Verfassung verankert und das 10. Plenum der Lao-Dong-Partei habe auch die Ausweitung der Demokratie beschlossen, doch in der Realität gebe es eine gegenläufige Tendenz. Die Verfassung der VR China von 1954 sei noch progressiver, weil sie den Staat verpflichte, die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der Grundrechte wie der Demonstrationsfreiheit zu schaffen. Wenn man gegenüber der Bevölkerung auf diktatorische Mittel zurückgreife, müsse man vorsichtig sein. Der Schaden könne groß sein.[43] Die Parteiführung interpretierte den Artikel von Nguyen Huu Dang als offenen Aufruf zu Demonstrationen und nahm dies zum Anlass, Nhan Van am 15. Dezember zu verbieten.[44] Das Verbot betraf auch alle anderen kritischen Zeitungen und Zeitschriften. Ab Mitte Dezember 1956 lief im offiziellen Parteiorgan Nhan Dan (Das Volk) und in anderen Zeitungen eine Pressekampagne. Nhan Dan druckte Beiträge von Intellektuellen und Leserbriefe ab, die Nhan Van verurteilten, und meldete fast täglich den Eingang von Unterschriftenlisten, die das Verbot der Zeitschriften unterstützten.[45] Das Verbot der Veröffentlichungen war allerdings noch nicht mit weitergehenden persönlichen Konsequenzen für die Protagonisten von »Nhan-Van/GiaiPham« verbunden.[46] Während die »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« 1956 ihre kritische Haltung noch mit dem Verweis auf das Tauwetter in der Sowjetunion und die Hundert-Blumen-Kampagne in der VR China rechtfertigen konnten, war dies ab Ende 1957 nicht mehr möglich: Mit der auf der Moskauer Konferenz im November 1957 verabschiedeten Deklaration, in der China und die Sowjetunion eine gemeinsame Sprachregelung im Kampf gegen den »Revisionismus« fanden, hatten sich die politischen Kräfteverhältnisse im sozialistischen Block zugunsten der orthodoxen Kräfte geändert.[47] Die Führung der Lao-Dong-Partei hatte damit die notwendige ideologische Rückendeckung für drastische Maßnahmen gegen die kritischen Intellektuellen, die das liberale Klima im sozialistischen Block 1956 genutzt hatten. In einer Resolution vom Januar 1958 forderte das Politbüro, »subversive Elemente« aus den Schriftstellerorganisationen auszuschließen und Schriftsteller einer ideologischen Schulung zu unterziehen.[48] Im Februar und März 1958 fanden zwei Schulungskurse mit Beteiligung von fast 600 Schriftstellern, Künstlern und anderen Intellektuellen statt, in denen die einzelnen Mitglieder der »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« sich der Kritik und Selbstkritik unterwerfen mussten.[49]  Seit Januar 1958 lief parallel in der nordvietnamesischen Presse eine Kampagne gegen die »Saboteure an der ideologischen und kulturellen Front«[50]. Im April und Mai wurden im Parteiorgan Nhan Dan Selbstkritiken von prominenten Mitgliedern der »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« abgedruckt. Außerdem schrieben parteinahe Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle Artikel, in denen sie die »Fehler« der einzelnen Protagonisten der offenen Debatte von 1956 offen legten und auch vor persönlichen Verunglimpfungen nicht halt machten.[51] Im Juni 1958 lieferte To Huu, ZK-Mitglied und oberster »Kulturwächter« der Partei, auf einer Konferenz von ca. 1 000 Schriftstellern, Künstlern, Kulturkadern und anderen Intellektuellen in Hanoi eine umfassende Analyse der Ereignisse von 1956.[52] Die Ironie des Schicksals wollte es, dass während der von To Huu initiierten Kampagne die üblichen ideologischen und moralischen Verdammungen verbreitet wurden, mit denen sich Tran Duc Thao und andere 1956 bereits präventiv auseinandergesetzt hatten.[53] Sie waren nur leicht angereichert durch neue »antirevisionistische« Kritikschablonen. Die Hauptvorwürfe gegen die »Nhan-Van/Giai-Pham- Clique« (bon Nhan Van-Giai Pham) – so die neue offizielle Bezeichnung – waren: 1.              Sie hätte unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Personenkult dieMassen gegen die Lao-Dong-Partei aufgehetzt und die Probleme um die Landreform aufgebauscht, um die Errungenschaften beim Aufbau des Sozialismus in Nordvietnam zu verunglimpfen.[54]  2.        Unter Missbrauch des Slogans »Lasst Hundert Blumen blühen« hätte sie »individualistische« und »bürgerliche« Auffassungen von der Rolle der Literatur und der Kunst verbreitet. Dabei hätten sie die Führungsrolle der Partei in Frage gestellt, obwohl »die Partei der Kompass sei, die Seele der Revolution, im Bereich der Kunst und Literatur wie auch in allen anderen Bereichen.«[55] 3.        Sie seien hedonistisch, liebten das kleinbürgerliche, dekadente Leben in denStädten, fürchteten sich vor Arbeit und hassten die arbeitende Bevölkerung.[56] Von der klassenübergreifenden Solidarität aller Intellektuellen und dem vergleichsweise offenen Klima in den ersten Jahren des antikolonialen Kampfes war in den Traktaten, die während der Kampagne 1958 in der nordvietnamesischen Presse erschienen, nichts mehr zu spüren. Es dominierte die dichotomische Einteilung in »Freund« und »Feind«. Den Intellektuellen blieb jetzt nur noch die Möglichkeit, als »Ingenieure der Seele« (ky su tam hon) unter der Führung der Lao-Dong-Partei zu dienen.[57] Die endgültige Unterordnung aller Künstler, Schriftsteller und anderer Intellektueller unter die kommunistische Partei wurde ab Sommer 1958 durch weitere Maßnahmen sichergestellt: Im Sommer und Herbst wurden das Gros der Schriftsteller, Künstler, Studenten, Universitätsangehörige, aber auch Mitarbeiter des Kulturministeriums aufs Land geschickt, um dort die »Realität kennen zu lernen«, d. h. sich im Kontakt mit Bauern und Arbeitern der letzten Reste »feudaler« und »bürgerlicher« Auffassungen zu entledigen und ideologisch gestärkt und gereinigt in die Städte zurückzukehren.[58] Die Mitglieder der »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« wurden mit unterschiedlichen Strafen belegt: Einige wurden dauerhaft aus dem Schriftsteller- und Künstlerverband ausgeschlossen, andere nur für drei Jahre. Renommierte Wissenschaftler wie der Historiker Dao Duy Anh, der Jurist Nguyen Manh Tuong und der Philosoph Tran Duc Thao verloren ihre Positionen an der Universität Hanoi. Fünf Personen - darunter Nguyen Huu Dang - wurden 1960 in einem Prozess unter abenteuerlichen Spionagevorwürfen zu Gefängnisstrafen von fünf bis 15 Jahren verurteilt. Andere Intellektuelle verschickte die Partei aufs Land, um in landwirtschaftlichen Kooperativen zu arbeiten. Ihre Hoffnung, nach Ablauf ihrer Strafe wieder veröffentlichen zu dürfen, erwies sich als trügerisch. Fast alle in die »Nhan-Van/Giai-Pham-Affäre« verwickelten Personen waren, bis zum Beginn der Reformpolitik in Vietnam und der Lockerung der Kulturpolitik unter Generalsekretär Nguyen Van Linh 1987 mit einem inoffiziellen Berufsverbot belegt und fristeten ein kümmerliches Dasein am Rande der Gesellschaft.[59] Wie viele Personen insgesamt Opfer der Kampagne gegen die »Nhan-Van/Giai-PhamClique« wurden, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass nicht nur die bekannten Schriftsteller und andere Intellektuelle betroffen waren, sondern auch viele Namenlose, die mit den Zeitschriften des Jahres 1956 verbunden waren - ob als Leser, als finanzieller Förderer oder in anderer Funktion.[60] Interner Dissens im Vorfeld des Vietnamkrieges Die DDR-Botschaft in Hanoi begrüßte die Niederschlagung der »Nhan-Van/GiaiPham-Bewegung«. In seinem Bericht schloss sich Kulturattaché Kittler der parteioffiziellen Interpretation der Vorgänge an: »Die dreijährige Tätigkeit der feindlichen revisionistischen Gruppe war Ausdruck des Klassenkampfes beim Aufbau des Sozialismus, der sich in der DRV auch auf dem Gebiet der Kunst und Literatur widerspiegelte.«[61] Der DDR-Vertreter folgerte zufrieden, dass »die volksdemokratische Ordnung in der DRV aus diesem Kampf nicht geschwächt, sondern entscheidend gestärkt hervorgegangen ist«[62]. Tatsächlich hatte die Lao-Dong-Partei mit der Ausschaltung der »NhsnVan/Giai-Pham-Gruppe« die Hegemonie über die Literatur und Kunst (wieder-) gewonnen und verstärkte systematisch die Überwachung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Angesichts eines immer perfekter funktionierenden staatlichen Kontroll- und Zensurapparates war offener Dissens nicht mehr möglich – Schriftsteller, Journalisten und andere Intellektuelle konnten ihren Widerspruch nur noch in sehr indirekter, »kodierter« Form äußern.[63] Wie bereits erwähnt, widmete sich die Führung in Hanoi ab Ende der 1950er Jahre der Frage der Wiedervereinigung wieder größere Aufmerksamkeit und betonte nun stärker den militärischen Kampf neben dem politischen. Die NLFGründung im Dezember 1960 war Ausdruck dieser neuen Politik. Der neue starke Mann in der Parteiführung in Hanoi, der für den militanteren Kurs stand, war der aus der zentralvietnamesischen Provinz Quang Tri stammende Le Duan. Er wurde auf dem III. Parteitag der Lao-Dong-Partei im September 1960 formell als Erster Sekretär der Partei gewählt. In Verbindung mit Le Duc Tho, dem Leiter des neu geschaffenen Parteiorganisationskomitees, gelang es ihm, in relativ kurzer Zeit seine Machtposition auszubauen und den Einfluss des bereits kränkelnden Ho Chi Minh und anderer »moderaterer« Politiker wie Vo Nguyen Giap zurückzudrängen.[64] Dies zeigte sich auch in der Haltung Nordvietnams im sinosowjetischen Streit. Während die DRV zunächst noch eine neutrale Position im Konflikt eingenommen hatte und der auf der internationalen kommunistischen Bühne respektierte Ho Chi Minh als aktiver Vermittler zwischen Moskau und Peking aufgetreten war, wurden in der DRV selbst immer mehr Warnungen vor dem schädlichen Einfluss des »sowjetischen Revisionismus« laut.[65] Die Le-DuanFraktion wandte sich ab Anfang der 1960er Jahre verstärkt gegen Parteikader und Intellektuelle, die sich analog zu Nikita Chruščevs Politik der »Friedlichen Koexistenz« für eine friedliche Lösung der Frage der Wiedervereinigung Vietnams aussprachen und gleichzeitig den forcierten Aufbau des Sozialismus in Nordvietnam kritisierten. Interne Debatten in der DRV wurden damit mehr und mehr von der ideologischen Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und der VR China überlagert.[66]  Der Dissens gegen die militante und zunehmend »pro-chinesische« Linie der Parteiführung um Le Duan artikulierte sich im Staatlichen Komitee für Sozialwissenschaften, dem Institut für Philosophie, dem Verlag Su That (Verlag der Wahrheit) sowie im Umkreis von General Vo Nguyen Giap und wurde vor allem von »technokratischen« Intellektuellen getragen, die in der Sowjetunion studiert hatten, und älteren Parteikadern, die zumeist in den späten 1920er Jahren durch die Kaderschmiede der Universität der Werktätigen des Ostens in Moskau gegangen waren.[67] Abweichende Meinungen kamen z. B. in der Armeezeitung Quan Doi Nhan Dan in sehr subtiler Form wie dem Layout oder im Umfang der Berichterstattung über die Sowjetunion und die VR China zum Ausdruck.[68] Im Laufe des Jahres 1963 näherte sich die DRV mehr und mehr chinesischen Positionen an.[69] Der Druck auf Parteimitglieder, die »prosowjetische« Auffassungen vertraten, wurde erhöht. In einem programmatischen Artikel in Nhan Dan im September 1963 kritisierte Le Duc Tho, der enge Vertraute von Le Duan, dass einige Parteimitglieder unter dem Einfluss des »Revisionismus« ständen und Zweifel an der Parteistrategie zur Wiedervereinigung des Landes hegten.[70] Gleichzeitig eröffnete Hoc Tap, das Theorieorgan der Partei, eine Offensive gegen »bürgerliche« Einflüsse in der vietnamesischen Kunst und Literatur.[71] So berichtete der Kulturattachee der DDR-Botschaft in Hanoi, Klaus Matzke, leicht irritiert über ein Gespräch mit hochrangigen Mitarbeitern des DRV-Kulturministeriums im August 1963 zum Ursprung der »bürgerlichen Einflüsse« unter den vietnamesischen »Kunst- und Literaturschaffenden«: »Die Quellen dieser schädlichen Auffassungen seien weder in Thailand noch in der SV [Südvietnam], sondern in der SU«[72] zu suchen, so seine vietnamesischen Gesprächspartner. Auf dem 9. Plenum des ZK der Lao-Dong-Partei Ende 1963 kam der schwelende Konflikt zwischen »pro-chinesischen« und »pro-sowjetischen« Kräften innerhalb der Partei zum offenen Ausbruch.[73] Thema des Plenums war vor allem der weitere Kurs der Partei in der Frage der Wiedervereinigung. Vor dem Hintergrund der Schwächung Südvietnams durch den Coup d’Etat gegen Präsident Ngo Dinh Diem und seinen Bruder Ngo Dinh Nhu im November 1963 plädierte die Parteiführung um Le Duan für eine stärkere Betonung des militärischen Kampfes und eine enge ideologische Anlehnung an die VR China. Bereits vor dem Plenum hatten ca. 50 mittlere Kader Briefe mit der Forderung an das ZK geschickt, die Lao-Dong-Partei solle sich nicht zu sehr chinesischen Positionen annähern.[74] Auch auf dem Plenum selbst protestierten ZK-Mitglieder wie der frühere Außenminister Ung Van Khiem, der stellvertretende Minister für Kultur und frühere Stabschef bei der Schlacht von Dien Bien Phu, Le Liem, sowie Ta Quang Buu und Bui Cong Trung, beide stellvertretende Vorsitzende des Staatlichen Komitees der Wissenschaften, gegen den neuen militanten Kurs.[75] Die Fraktion um Parteichef Le Duan konnte sich jedoch schließlich durchsetzen. Das ZK verzichtete zwar noch auf die Entsendung von Truppen in den Süden, doch die Entscheidung, in Südvietnam verstärkt auf den bewaffneten revolutionären Kampf zu setzen, war Ende 1963 gefallen. Nach dem Plenum initiierte die Partei eine Kampagne gegen den »Revisionismus« in der DRV, um die Parteimitglieder bzw. die gesamte Bevölkerung auf den neuen Kurs einzuschwören und diejenigen Parteikader, die zuvor abweichende Meinungen geäußert hatten, zu isolieren.[76] Nach Einschätzung der DDRBotschaft in Hanoi, die zuvor sehr enge Kontakte zu einigen der »Parteiabweichler« gehabt hatte, handelte es sich um eine: »ideologische Offensive zur Einschüchterung der marxistisch-leninistischen Kräfte und zur Überwindung ihres Widerstandes«[77]. Le Duc Tho gab in einer Serie von Artikeln in der Parteizeitung Nhan Dan den Startschuss für die Kampagne der ideologischen Umerziehung.[78] Er beklagte, dass auch einige Mitglieder der Lao-Dong-Partei vom »modernen Revisionismus« und »bürgerlichen Ideen« beeinflusst und zu »pessimistisch« seien. Um solche »fraktionalistischen und spalterischen Aktivitäten«[79] zu stoppen, kündigte er politische Schulungen an, auf denen alle Parteimitglieder neuen Resolutionen studieren und »rechtsabweichlerische« Selbstkritik üben sollten. Tatsächlich wurden die Parteikader, die sich auf dem 9. Plenum kritisch geäußert hatten, in den ersten Monaten des Jahres 1964 durch die »AntirevisionismusKampagne« mehr und mehr isoliert.[80] Die ohnehin schon angespannte politische Stimmung in Nordvietnam wurde weiter angeheizt, als Duong Bach Mai, Mitglied des ZK, des Präsidiums der Vaterländischen Front und des Ständigen Ausschusses der Nationalversammlung, Anfang April 1964 plötzlich unter mysteriösen Umständen verstarb. Er galt als einer der schärfsten Kritiker des neuen politischen Kurses von Parteichef Le Duan und hatte in den Jahren zuvor enge Beziehungen zur DDR-Botschaft und zum ADN-Korrespondenten in Hanoi unterhalten.[81]  Im Frühjahr wurde die Kampagne gegen den »modernen Revisionismus« auch auf den Bereich der Literatur und Kultur ausgeweitet. In einer Serie von Artikeln warnten prominente Kulturkader wie To Huu, Hong Chuong und andere vor dem Einfluss des »Revisionismus« auf die Kunst und Literatur Nordvietnams.[82] Werke »revisionistischen« Inhalts hätten auf dem Weg des kulturellen Austauschs auch den Weg nach Vietnam gefunden, vor allem Filme (z. B. »Die Ballade des Soldaten« und »Der 41. Mann« des sowjetischen Regisseurs Grigorij Čuchraj), die »gefährliches« Gedankengut wie den Glauben an einen allgemeinen »Humanismus« jenseits aller Klassenzugehörigkeit verbreiteten und die Unterschiede zwischen dem »gerechten« und dem »ungerechten« Krieg verwischten.[83] Ähnliche Tendenzen – so die Kritiker – ließen sich bereits in Nordvietnam beobachten. Der Roman Vao Doi (Ins Leben eintreten, 1963) von Ha Minh Tuan und einige andere Bücher würden das persönliche Glück überhöhen, die Interessen des Kollektivs, die Notwendigkeit des Klassenkampfes und zudem den Aufbau des Sozialismus in Nordvietnam diskreditieren.[84] Eine Reihe von Autoren hätte außerdem die Tendenz, »Pessimismus«, »Defätismus« und Vorstellungen von einem klassenübergreifenden »Humanismus« oder wie Phu Thang in Pha vay (Aus der Umzinglung ausbrechen, 1963) sogar »pazifistische Ideen« zu verbreiten und damit Furcht vor dem revolutionären Befreiungskampf in Südvietnam zu erzeugen.[85]  In einer Phase, in der sich die DRV auf den bewaffneten Kampf um die Wiedervereinigung des Landes vorbereitete, war insbesondere der »Defätismusvorwurf« mit schwerwiegenden Konsequenzen für die als »revisionistisch« eingestuften Autoren verbunden. Phu Thang und Ha Minh Tuan wurden wie schon viele Mitglieder der »Nhan-Van/Giai-Pham-Clique« vorher mit einem Berufsverbot belegt.[86] Die Kampagne gegen den »Revisionismus« in der DRV führte zu einer Belastung der Beziehungen zu anderen sozialistischen Ländern wie der Sowjetunion und der DDR, die intern in Hanoi als »revisionistisch« eingestuft waren. So wurde die Überwachung der Botschaften in Hanoi verstärkt und der Kontakt von Vietnamesen zu Ausländern allgemein eingeschränkt. Franz Faber, der 1954 als erster deutscher Journalist Nordvietnam besucht hatte und ab 1964 für den ADN in Hanoi arbeitete, bemerkte deutlich, wie die meisten Vietnamesen auf Distanz gingen: »Im übrigen hat bis heute noch kein Vietnamese ohne Genehmigung das ADN-Haus betreten. Jeder hat Angst vor dem anderen. Keiner wagt es mehr, persönliche Kontakte mit Ausländern zu pflegen.«[87] Ein besonderes Problem ergab sich, als die nordvietnamesische Regierung im Sommer 1964 die im sozialistischen Ausland studierenden Vietnamesen aufforderte, zu politischen Schulungskursen nach Hause zurückzukehren. Alleine in der Sowjetunion weigerten sich ca. 50 Personen, der Rückrufaktion Folge zu leisten – darunter hohe Kader wie Van Doan, Chefredakteur der Armeezeitung Quan Doi Nhan Dan, die von der Parteiführung um Le Duan wegen ihrer zu »pro-sowjetischen« Berichterstattung kritisch beäugt wurde.[88] Weniger bekannt ist, dass auch ca. 20 vietnamesische Studenten in der DDR eine Rückkehr nach Nordvietnam ablehnten und politisches Asyl beantragten, weil sie aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber der neuen politischen Linie der Parteiführung in ihrer Heimat Repressalien befürchteten. Vertreter der DRV-Botschaft in Ostberlin wurden zwar wiederholt bei DDR-Behörden vorstellig, um die Ausreise der Studenten zu erreichen, doch die Aufenthaltsgenehmigung der vietnamesischen Studenten wurde stillschweigend verlängert.[89] Insgesamt gesehen war die Kampagne gegen den »Revisionismus« jedoch erfolgreich. Sie zielte darauf ab, die Partei und die Bevölkerung in Nordvietnam propagandistisch auf den bevorstehenden Waffengang einzustimmen und die innerparteiliche Opposition gegen den militanten Kurs der Le-Duan-Fraktion auszuschalten. Insbesondere sollten letzte Reste von Dissens unter Schriftstellern und anderen Intellektuellen bekämpft werden und der endgültige Schritt zu ihrer Unterordnung und Instrumentalisierung für die Ziele der Partei vollzogen werden.     Die Verhaftungswelle von 1967   Nach Beginn des Krieges 1965 verbesserten sich die Beziehungen der DRV zur Sowjetunion und den anderen sozialistischen Staaten, und die nordvietnamesische Propagandamaschine stoppte umgehend ihre Angriffe gegen den »modernen Revisionismus«. Für die 1964 als »revisionistisch« abgestempelten Parteimitglieder und Intellektuellen bedeutete dies jedoch keine »Amnestie«. Im Gegenteil – im Juli 1967 erfolgte die Festnahme von Hoang Minh Chinh, dem Direktor des Instituts für Philosophie, einem der Wortführer der »pro-sowjetischen« Kritiker von 1963, und vier anderer Intellektueller und Journalisten. Im Oktober und Dezember 1967 wurden weitere Personen festgenommen, darunter Parteikader, Journalisten, Intellektuelle und vor allem General Vo Nguyen Giap nahe stehende Armeeangehörige, denen z. T. abenteuerliche Vorwürfe wie die Spionage für ausländische Mächte in der DRV gemacht wurden.[90] Das Gros der Verhafteten saß bis zum Kriegsende 1975 ohne jegliches Gerichtsverfahren in entlegenen Gefängnissen.[91] Die DDR-Botschaft in der DRV berichtete bereits im August 1967 von Gerüchten, nach denen einige Personen verhaftet oder unter Hausarrest gestellt worden seien.[92] Auffällig ist jedoch, dass sie – anders als bei der »Antirevisionismus-Kampagne« 1964 – über keine detaillierten Informationen mehr verfügte. Dies zeigt, dass der nordvietnamesische Führung 1967 gelungen war, die Ausschaltung der Parteikritiker geheim zu halten – im Gegensatz zur Niederschlagung der »Nhan-Van/Giai-Pham-Clique« in den 1950er Jahren waren die Festnahmen von 1967 z. B. von keiner Pressekampagne begleitet. Zum anderen machte sich der Umstand bemerkbar, dass die DDR-Botschaft trotz bester freundschaftlicher Beziehungen zur DRV nicht mehr auf die vietnamesischen Informanten zurückgreifen konnte, die ihr noch vor Kriegsbeginn zur Verfügung standen – eben ein Ergebnis der verschärften Überwachung sozialistischer Botschaften in der DRV seit der Kampagne 1964. Die Bewegungsfreiheit sowjetischer Diplomaten wurde z. B. ab Anfang 1968 – also ungefähr zeitgleich zu den Verhaftungen – noch weiter eingeschränkt.[93] Die Parteiführung um Le Duan und Le Duc Tho hatte mit der »Antirevisionismus-Kampagne« und mit der späteren Verhaftungswelle von 1967 ihre Machtposition endgültig gefestigt und ein Exempel für den Umgang mit innerparteilicher Opposition geschaffen.[94] Die geschlossene, von einem gut ausgebauten Sicherheitsapparat kontrollierten Gesellschaft Nordvietnams war in den folgenden Jahren bis zum Kriegsende geprägt vom aufopferungsvollen Kampf jedes Einzelnen gegen die USA und Südvietnam. Kreativität und offener Dissens wie 1956, dem Krisenjahr der nordvietnamesischen Führung, gehörten der Vergangenheit an. Auch nach dem Fall Saigons am 30. April 1975 und der Wiedervereinigung des Landes 1976 änderte sich das politische Klima in Vietnam zunächst nicht grundsätzlich. Der Kambodscha-Konflikt, die militärischen Auseinandersetzungen Vietnams mit der VR China und die damit verbundenen Isolierung des Landes führten zu einer erneuten »Disziplinierung« und Überwachung der vietnamesischen Gesellschaft durch den Sicherheitsapparat.[95] Erst der Tod des langjährigen Parteichefs Le Duan im 10. Juli 1986 und das Ende des Kalten Krieges machten den Weg frei für Reformen und eine Öffnung der vietnamesischen Gesellschaft.     Vietnam seit Beginn der Reformpolitik: der Umgang mit der Vergangenheit   Im Zentrum der Reformpolitik (doi moi) steht der Umbau des Wirtschaftssystems, doch lässt sich seit Ende der 1980er Jahren in Vietnam auch eine gewisse politische und kulturelle Liberalisierung beobachten. Die meisten Opfer der »Nhan-Van/Giai-Pham-Affäre« wurden ab Ende der 1980er Jahre stillschweigend rehabilitiert. In den letzten Jahren erschienen Neuauflagen älterer Werke von Mitgliedern der »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« sowie viele neue Werke der Schriftsteller, die seinerzeit mit Publikationsverbot belegt worden waren.[96] Das Beispiel des Philosophen Tran Duc Thao, der sich 1956 durch seine Forderungen nach mehr Freiheit und Demokratie den Zorn der Partei zugezogen hatte, ist typisch für den ambivalenten Umgang der Partei mit dem Erbe der »NhanVan/Giai-Pham-Affäre«. Tran Duc Thao durfte nach 1989 wieder veröffentlichen – außerdem erlaubten ihm die Behörden, nach Frankreich auszureisen, wo er schließlich 1993 verstarb. 2001 erhielt er sogar posthum den Ho-Chi-Minh-Preis, eine der höchsten Auszeichnungen des vietnamesischen Staates.[97] In offiziellen Texten zu seinem Tod und der Preisverleihung wurden allerdings die übliche Interpretation der Ereignisse von 1956 bis 1958 übernommen bzw. die entscheidenden Jahre in seinem Leben einfach übergangen. Gleichzeitig wird er als einer der größten vietnamesischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gefeiert.[98] Entscheidend für die Entwicklung der »Erinnerungskultur« in Vietnam in den letzten Jahren ist auch, dass neben der staatlich sanktionierten Geschichtsversion »NhanVan/Giai-Pham-Affäre« verstärkt »Gegenversionen« der privaten Erinnerung in Form von Biographien, kurzen Zeitungsartikeln u. a. den Weg in die Öffentlichkeit finden. Als 2006 ein Sammelband mit Aufsätzen zum Leben und Werk Tran Duc Thaos erschien, äußerte sich Viet Phuong, Sekretär von Pham Van Dong (Ministerpräsident Nordvietnams bzw. der SR Vietnam von 1955 bis 1987), in einem Interview bemerkenswert kritisch und offen. Thao sei ein Opfer der Zeitumstände geworden und an einem »Bollwerk«, das Dogmatiker und Opportunisten errichtet hatten, gescheitert.[99] Eine ähnliche Wertung nimmt Pham Thanh Hung in seinem Porträt Tran Duc Thaos auf der Website der Nationalen Universität Vietnam/Hanoi vor, auf der die bekanntesten Wissenschaftler vorgestellt werden, die die Universität in ihrem bisherigen hundertjährigen Bestehen hervorgebracht hat.[100]  Während die Namen von Tran Duc Thao oder des Historikers Dao Duy Anh häufig in der vietnamesischen Presse auftauchen und zumindest ihre Reputation als Wissenschaftler wiederhergestellt zu sein scheint,[101] finden andere Opfer der »Nhan-Van/Giai-Pham-Affäre« wie Nguyen Huu Dang, der 15 Jahre in einem Straflager saß und danach noch einmal 15 Jahre in seinem Heimatdorf unter Hausarrest gehalten wurde, nur selten Erwähnung.[102] Eine offizielle Rehabilitation der Intellektuellen, die ihre Forderungen nach mehr Freiheit von 1956 mit langen Jahren Berufsverbot bezahlen mussten, steht noch aus. Dass 2006 – also genau 50 Jahre nach den Ereignissen – insgesamt vier Schriftsteller der »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« (Tran Dan, Phung Quan, Hoang Cam, Le Dat) zu Kandidaten für den vietnamesischen Nationalpreis auserkoren wurden, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.[103] Ein weiterer wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Ereignisse in 1950er Jahren ist die Veröffentlichung der Tagebücher des vietnamesischen Schriftstellers Nguyen Huy Tuong (1912-1960), der sich darin bemerkenswert kritisch zur Politik der Partei gegenüber den Intellektuellen äußert und offen mit der »Nhan-Van/Giai-Pham-Gruppe« sympathisiert.[104] Von einer inoffiziellen, geschweige denn offiziellen Rehabilitation kann hingegen bei den Opfern der der »Antipartei-Revisionismus-Affäre« von 1963 bis 1967 noch keine Rede sein. Die Affäre ist nach wie vor Tabuthema. Opfer der Affäre wie Hoang Minh Chinh und Vu Dinh Huynh sowie Witwen von mittlerweile verstorbenen Opfern der Affäre sandten in den 1990er Jahren Briefe an oberste staatliche und Parteibehörden mit der Forderung, den Fall noch einmal zu untersuchen und die damals verhafteten Personen zu rehabilitieren – aber ohne Erfolg. Auch ein Brief von Nguyen Trung Thanh, der in den 1960er Jahren als damaliger Chef des Sicherheitsbüros des ZK selbst mit den Säuberungsmaßnahmen betraut und nach seiner Pensionierung zu dem Schluss gekommen war, dass die damaligen Verhaftungen ohne schlüssige Beweise erfolgt waren, blieb ohne Antwort. Thanh wurde 1995 aus der Partei ausgeschlossen.[105]  Wenn die KP Vietnams die Opfer der »Affäre« von 1963 bis 1967 rehabilitieren würde, so hätte dies tatsächlich weit reichende Folgen. Die Partei würde damit eine Diskussion über die Frage entfachen, ob die Entscheidung des 9. Plenums von 1963, auf den militärischen Kampf als einzigen Weg zur Wiedervereinigung zu setzen und den Tod von Millionen von Soldaten in Kauf zu nehmen, richtig war – oder ob nicht der Vorschlag der damals als »revisionistisch« eingestuften Parteikader, einen friedlichen Weg für die Wiedervereinigung Nord- und Südvietnams zu suchen, auch seine Berechtigung hatte. Der Sieg gegen die Supermacht USA ist jedoch nach wie vor eine der zentralen Legitimationsquellen für die KP Vietnams. Ein offener Umgang mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte Nordvietnams ist deshalb in nächster Zeit nicht zu erwarten. So müssen sich die Opfer der »Antipartei-Revisionismus-Affäre« damit zufrieden geben, dass ihre Namen in unverfänglichem Kontext in der Presse auftauchen oder sie Artikel zu ebenso unverfänglichen Themen schreiben dürfen.[106] Auch ist es für die Angehörigen von verstorbenen Opfern wie Bui Cong Trung und Minh Tranh ein gewisser Trost, dass letztere in Darstellungen zur Geschichte ihrer früheren Institutionen Erwähnung finden.[107] [1]  Zum Verlauf der militärischen Auseinandersetzung zwischen den Viet Minh und Frankreich und dem internationalen Kontext des Konfliktes siehe Duiker, William J.: Sacred War. Nationalism and Revolution in a Divided Vietnam, New York u. a. 1995, S. 53–94. [2]  Zur Unterstützung der Viet Minh durch die VR China während des Widerstandskampfes gegen Frankreich siehe im Einzelnen die Untersuchung von Zhai, Qiang: China and the Vietnam Wars, 1950–1975, Chapel Hill 2000, S. 10–64. [3]  Siehe Nhu Phong: Intellectuals, Writers and Artists, in: China Quarterly, January–March 1962, S. 51. [4]  Die Begriffe chinh don und chinh quan sind aus dem Chinesischen entlehnt. Zur Übernahme der maoistischen Rektifikationstechniken siehe Boudarel, Georges: L’Idéocratie importée au Vietnam, in: Ders. (Hrsg.): La Bureaucratie au Vietnam, Paris 1983, S. 31–106. [5]  Ein prominentes Beispiel war der berühmte vietnamesische Komponist Pham Duy. Siehe Boudarel, Georges: 1946: In the Footsteps of the Colonial Sûreté, in: Ders./Nguyen Van Ky: Hanoi. City of the Rising Dragon, Lanham u. a. 2002, S. 104; Nhu Phong: Intellectuals, Writers and Artists (Anm. 3), S. 51 f. Zur Durchführung der Säuberungskampagne siehe Kim N. B. Ninh: A World Transformed. The Politics of Culture in Revolutionary Vietnam, 1945–1965, Ann Arbor, Mich. 2002, S. 112–117.  [6]  Siehe Truong Chinh: Chu nghia Mac va van hoa Viet-Nam [Der Marxismus und die vietnamesische Literatur], in: Ders.: Cach mang dan toc dan chu nhan dan Viet-Nam, Tac pham chon loc, Tap II [Die national-demokratische Revolution des vietnamesischen Volkes. Ausgewählte Werke, Teil II ], Hanoi 1975, S. 227. Siehe hierzu auch Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 39–47 u. Marr, David G.: A Passion for Modernity: Intellectuals and the Media, in: Luong Van Hy (Hrsg.): Postwar Vietnam. Dynamics of a Transforming Society, Lanham 2003, S. 267 f. [7]  Zum Vietnamkrieg siehe die Überblicksdarstellungen von Duiker: Sacred War (Anm. 1) und Frey, Marc: Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, 8. Aufl. München 2006. [8]  Siehe Quinn-Judge, Sophie: Rethinking the History of the Vietnamese Communist Party, in: McCargo, Duncan (Hrsg.): Rethinking Vietnam, London/New York 2004, S. 27 f. und McHale, Shawn: Vietnamese Marxism, Dissent, and the Politics of Postcolonial Memory, in: Journal of Asian Studies 61 (2002), H. 1, S. 7 f. [9]  McHale: Vietnamese Marxism (Anm. 8), S. 9. Auch die neue mehrbändige, noch nicht erschienene offizielle Geschichte Vietnams (Lich Su Viet Nam), die dem Verfasser als Manuskript vorliegt, bietet keine neue Interpretation, sondern wiederholt die orthodoxe Verurteilung der Bewegung. Die Bände wurden von Mitarbeitern der Fakultät für Geschichte der Universität für Sozial- und Humanwissenschaften Hanoi verfasst. [10]  Vgl. z. B. die Darstellung des entscheidenden 9. Plenums 1963 und die Beziehung der LaoDong-Partei zur KPdSU und KPCh in The Military History Institute of Vietnam: Victory in Vietnam. The Official History of the People’s Army of Vietnam, 1954–1975. Translated by Merle L. Pribbenow, Lawrence, KS 2002, S. 124–126. [11]  Dieser Beitrag beschäftigt sich explizit nicht mit dem »Alltagswiderstand« vietnamesischer Bauern in der Zeit der Kollektivwirtschaft, der einen erheblichen Einfluss auf die Einleitung der Reformpolitik durch die Lao-Dong-Partei ab 1986 hatte. Siehe dazu Kerkvliet, Benedict J. Tria: The Power of Everyday Politics. How Vietnamese Peasants Transformed National Policy, Ithaca/London 2005. [12]  Marr: A Passion for Modernity (Anm. 6), S. 269. [13]  Zur Stimmung unter vielen Künstlern in der Armee siehe Botschafter der DDR in der DRV Pfützner: Oppositionelle Bewegungen der Schriftsteller und Künstler gegen die Politik des ZK der Lao-Dong-Partei in Fragen der Literatur und Kunst, Hanoi, vom November 1956, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (im Folgenden: PA), MfAA A 8420, Bl. 31 f. Siehe außerdem Boudarel, Georges: Cents Fleurs Ecloses dans la Nuit du Vietnam. Communisme et Dissidence 1954–1956, Paris 1991, S. 89–93; Ders.: Intellectual Dissidence in the 1950s. The Nhan Van Giai Pham Affair, in: The Vietnam Forum 13 (1990), S. 158; Schütte, Heinz: Kurzlebige Hundert Blumen in Vietnam 1955–1957, in: Internationales Asienforum 33 (2002), H. 3/4, S. 278–282; Nhu Phong: Intellectuals, Writers and Artists (Anm. 3), S. 57 f.   [14] Tran Dan: Nhat dinh thang, in: Giai Pham Mua Xuan, Hanoi 1956, S.13–25 [15] Hintergrund seiner Festnahme war auch eine nicht parteikonforme Liaison des Dichters mit einer Katholikin aus Hanoi. Siehe Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 287– 290; Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 136–141, und Thuy Khue phong van Le Dat, Hoang Cam, Nguyen Huu Dang [Thuy Khue interviewt Le Dat, Hoang Cam, Nguyen Huu Dang], in Hop Luu 81 (2005), <http://www.hopluu.net/tryenhaingoai/ thuykhue-ledat.htm> am 01. Juni 2006, S. 7–14. [16]  Zum Ablauf der Landreform siehe Moise, Edwin E.: Land Reform in China and North Viet-nam. Consolidating the Revolution at the Village Level, Chapel Hill/London 1983; Phạm Quang Minh: Zwischen Theorie und Praxis. Agrarpolitik in Vietnam seit 1945 (= Berliner Südostasien-Studien, Bd. 3), Berlin 2003, S. 207–267; Großheim, Martin: Nordvietnamesische Dorfgemeinschaften: Kontinuität und Wandel. Vom Beginn der Kolonialzeit bis zum Ende der Vietnamkriege (= Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Bd. 282), Hamburg 1997, S. 197–221. [17]  Diese Schätzung des Verfassers beruht auf Angaben in Uy Ban Cai Cach Ruong Dat lien khu Viet Bac, Doan Uy Bac Ninh: Bao cao khai mac hoi nghi tong ket cai cach ruong dat dot 5 [Landreformkomitee der Viet Bac-Interzone. Komitee für Bac Ninh: Bericht zur Eröffnung der Konferenz zum Abschluss der 5. Welle der Landreform], o. O. 1956, S. 4, und entspricht den Zahlen, die von Moise: Land Reform (Anm. 16), S. 222, genannt werden. [18]  Zur Korrekturkampagne und den dabei auftretenden Problemen siehe Großheim: Nordvietnamesische Dorfgemeinschaften (Anm. 16), S. 207 f. u. 217–220; Pham Quang Minh: Zwischen Theorie und Praxis (Anm. 16), S. 236–260. [19]  Siehe Nguyen Quang Hung: Katholizismus in Vietnam von 1945 bis 1975 (= Berliner Südostasien-Studien, Bd. 4), Berlin 2003, S. 204–206 und Moise: Land Reform (Anm. 16), S. 259 f. [20]  Siehe Fall, Bernard B.: The Two Viet-Nams. A Political and Military Analysis, 3. Aufl. New York 1967, S. 156 f. und Moise: Land Reform (Anm. 16), S. 258 f. Das tatsächliche Ausmaß und die Hintergründe der Rebellion lassen sich aufgrund der schlechten Quellenlage nicht erfassen. Die These der südvietnamesischen Propaganda von einem »südostasiatischem Ungarn« scheint jedoch übertrieben zu sein. Siehe Vietnam Chapter of the Asian People’s AntiCommunist League. The Quynh Luu Uprisings o. D., in: The Vietnam Archive, Texas Tech University, Folder 12, Box 08, Douglas Pike Collection: Unit 11 – Monographs, Item Num ber: 2390812005 (Record #: 113786), S. 14, 24 u. 44. Siehe hierzu auch White, Christine P.; Agrarian Reform and National Liberation in the Vietnamese Revolution, 1920–1957. Ph. D. diss. Cornell University, Ithaca, NY 1981, S. 408.   [21] Zur Reaktion der nordvietnamesischen Führung auf den XX. Parteitag der KPdSU siehe Duiker, William J.: Ho Chi Minh. A Life. New York 2000, S. 481 f. Zur Bedeutung für die weitere Entwicklung im Kulturbereich siehe z. B. Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 290 f. Zur Hundert-Blumen-Kampagne siehe Goldman, Merle: Literary Dissent in Communist China, Cambridge, MA 1967, S. 129–242. [22]  Truong Tuu: Benh sung bai ca nhan trong gioi lanh dao van nghe [Der Personenkult in der Führung von Kunst und Literatur], in: Giai Pham Mua Thu, Hanoi 1956, Bd. 2, S. 13. Siehe hierzu auch Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 286 f. [23]  Siehe hierzu Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 161 und Thuy Khue phong van Le Dat (Anm. 15), S. 14 f. [24]  Zum Begriff Nhan Van siehe Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 143. [25]  Die erste Nummer erreichte eine Auflage von 2 000 Exemplaren, die zweite eine von 6 000, die dritte eine von 7 000 und die vierte Auflage eine von 12 000 Exemplaren. Siehe ebenda, S. 144.  [26] Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 161. [27]  Siehe Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 144. [28]  Siehe z. B. Phan Khoi: Phe binh lanh dao van nghe [Kritik an der Führung von Kunst und Literatur], in: Giai Pham Mua Thu (Anm. 22), Bd. 1, S. 3–16, und Truong Tuu: Benh sung bai ca nhan (Anm. 22), S. 12–14. Siehe hierzu Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5, S. 149 f.) [29]  Tran Duy: Phan dau cho tram hoa dua no [Dafür kämpfen, dass hundert Blumen miteinander wetteifern und blühen], in: Nhan Van Nr. 2 vom 30. September 1956, S. 1. Siehe auch Truong Tuu: Benh sung bai ca nhan (Anm. 22), S. 12 und H. L.: Khong co ly do ma khong tan thanh tram hoa dua no [Es gibt keinen Grund, es nicht zu begrüßen, dass hundert Blumen miteinander wetteifern und blühen], in: Nhan Van Nr. 5 vom 20. November 1956, S. 1. [30]  Tran Duy: Phan dau (Anm. 29), S. 2. Siehe auch Sy Ngoc: Lam cho hoa no bon mua [Die Blumen in vier Jahreszeiten blühen lassen], in: Giai Pham Mua Dong, Hanoi 1956, Bd. 1, S. 27–33. [31]  Siehe Dao Duy Anh: Muon phat trien hoc thuat [Um die Wissenschaft zu entwickeln], in: Giai Pham Mua Dong (Anm. 30), Bd. 3, 38–46. [32]  Ebenda, S. 36 f. u. 41. Siehe auch Chung toi phong van ve van de mo rong tu do va dan chu. Y kien cua Luat su Nguyen Manh Tuong Giao Su Dai Hoc [Wir interviewen zum Problem der Ausweitung der Freiheit und Demokratie, die Meinung von Rechtsanwalt Nguyen Manh Tuong, Universitätsprofessor], in: Nhan Van vom 20. September 1956, Nr. 1, S. 5, sowie O. Ngoc va T. Hong: Phe binh lanh dao sinh vien [Kritik an der Führung der Studenten] , in: Dat moi, 1956, S. 10–12. Siehe hierzu auch Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 146.   [33]  Ngoc/Hong: Phe binh (Anm. 32), S. 8 f. [34] Siehe Tran Duc Thao: Noi dung xa hoi va hinh thuc tu do [Der soziale Inhalt und die Form der Freiheit], Giai Pham Mua Dong (Anm. 30), Bd. 1, S. 18 und Tran Le Van: Khong so dich loi dung [Sich nicht vor dem Missbrauch durch den Feind fürchten], in: Nhan Van Nr. 2 vom 30. September 1956, S. 1. Siehe auch Tran Duy: Gop y kien ve phan tu do dan chu trong nghi quyet T. U. lan thu muoi [Kommentar zum Abschnitt über Freiheit und Demokratie in der Resolution des 10. (Plenums des) ZK], in: Nhan Van Nr. 5 vom 20. November 1956, S. 1 u. 5. [35]  Siehe Tran Duc Thao: No luc phat trien tu do dan chu [Sich bemühen, die Freiheit und Demokratie zu entwickeln], in: Nhan Van Nr. 3 vom 15. Oktober 1956, S. 1 u. 5. Ähnlich argumentiert Chu Ngoc: Quan chung da chan nghe loi »chan hong« ay roi [Die Massen empfinden Widerwillen gegen die Methode des »Abwürgens«], in: Ebenda, S. 5. [36]  Siehe Tran Duc Thao: No luc phat trien (Anm. 35), S. 5. Ähnlich äußerte sich Dao Duy Anh: Chung toi phong van ve van de mo rong tu do va dan chu, y kien cua O. Dao Duy Anh, nha su hoc [Wir interviewen zum Problem der Ausweitung der Freiheit und Demokratie, die Meinung von Dao Duy Anh, Historiker], in: Nhan Van Nr. 2 vom 30. September 1956, S. 1 f. [37] Siehe Tran Duc Thao: Noi dung xa hoi (Anm. 34), S. 18 f.  [38] Siehe hierzu McHale: Vietnamese Marxism (Anm. 8), S. 17 f. [39] Nguyen Huu Dang: Can phai chinh quy hon nua [Es ist mehr Legalität nötig], in: Nhan Van vom Nr. 4 vom 5. November 1956, S. 1 u. 5. Siehe hierzu Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 153 f. und Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 165 f. [40] Nguyen Manh Tuong: Qua nhung sai lam trong Cai cach Ruong dat – Xay dung quan diem lanh dao [Über die Fehler bei der Landreform – Auffassungen über die Führung entwickeln], <http://www.talawas.org/talaDB/showFile.php?res=4412&rb=0505> am 15. Juni 2006. [41] Nguyen Huu Dang: Can phai chinh quy hon nua (Anm. 39), S. 5.  [42] Ebenda und Nguyen Manh Tuong: Qua nhung sai lam (Anm. 40), S. 4–9. [43] Nguyen Huu Dang: Hien phap Viet Nam 1946 va hien phap Trung-Hoa bao dam tu do dan chu the nao? [Wie garantieren die vietnamesische Verfassung von 1946 und die chinesische Verfassung Freiheit und Demokratie?], in: Nhan Van Nr. 5 vom 20. November 1956, S. 2. Siehe auch »Nguoi quan sat«: Bai hoc Ba-Lan va Hung-Ga-Ri [»Der Beobachter«: Die Lehren aus Polen und Ungarn], in: Ebenda, S. 1 u. 5. [44] Zur Bedeutung des Artikels von Nguyen Huu Dang siehe Thuy Khue phong van Le Dat (Anm. 15), S. 28–30. Zum Verbot von Nhan Van siehe Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 154 f. [45] In der Ausgabe vom 29. Dezember 1956, S. 3 wurde z. B. gemeldet, dass bereits 1 415 Leserbriefe eingetroffen seien, die die Zeitung Nhan Van kritisierten. [46] Siehe hierzu Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 155, Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 297 und das Interview Thuy Khue phong van Le Dat (Anm. 15), S. 30 f. [47] Zu Bedeutung der Moskauer Konferenz siehe im einzelnen Kurihara, Hirohide: Changes in the Literary Policy of the Vietnamese Workers’ Party, 1956–1958, in: Shiraishi, Takashi/Furuta, Motoo (Hrsg.): Indochina in the 1940s and 1950s. Translation of Contemporary Japanese Scholarship on Southeast Asia, Ithaca, NY 1992, S. 183–191; Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 299; Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 170 f. Zum chinesischen Einfluss auf die »Nhan-Van/Giai-Pham-Affäre« siehe Yinghong Cheng: Beyond Moscow-Centric Interpretation: An Examination of the China Connection in Eastern Europe and North Vietnam during the Era of De-Stalinization, in: Journal of World History 14 (2004), H. 4 <http://www.historycooperative.org/journals/jwh/15.4/cheng.html> vom 1. Juni 2006, S. 26–49. [48]  Kurihara, Hirohide: Changes in the Literary Policy (Anm. 47), S. 183. [49]  Zu den Kursen siehe Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 171, Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 299, Thuy Khue phong van Le Dat (Anm. 15), S. 36–39. [50]  Zitiert bei Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 171. Ein typischer Artikel ist: Nhu Phong: Bo mat that cua nhom pha hoai »Nhan van – Giai Pham« [Das wahre Gesicht der zerstörerischen »Nhan-Van/Giai-Pham«-Gruppe], in: Nhan Dan vom 14. April 1958, S. 3 f. [51]  Siehe hierzu Kim N. B. Ninh: A World Transformed (Anm. 5), S. 160, Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 299 und McHale: Vietnamese Marxism (Anm. 8), S. 19 f. Siehe als Beispiel: Doan Gioi: Tu tuong phan dong trong sang tac cua Phan Khoi [Reaktionäres Gedankengut im Werk von Phan Khoi], in: Van Nghe 8 (1958), H. 15, S. 91–99. [52]  To Huu: Qua cuoc dau tranh chong nhom pha hoai »Nhan Van – Giai Pham« tren mat tran van nghe [(Lehren) aus dem Kampf gegen die zerstörerische »Nhan-Van/Giai-Pham«Gruppe an der Kunst- und Literaturfront], in: Van Nghe (7-1958), Nr. 14, S. 1–25. Siehe auch Nguyen Dinh Thi: Chong chu nghia xet lai trong van nghe [Gegen den Revisionismus in der Kunst und Literatur], in: Hoc Tap (3-1958), S. 5–22. [53]  Siehe Tran Duc Thao: Noi dung xa hoi (Anm. 34), S. 18 f.; Sy Ngoc: Bat man? [Unzufrieden?], in: Nhan Van Nr. 3 vom 15. Oktober 1956, S. 6; Truong Tuu: Benh sung bai ca nhan (Anm. 22), S. 7. [54]  Nguyen Dinh Thi: Chong chu nghia xet lai (Anm. 52), S. 6 f. [55] To Huu: Qua cuoc dau tranh (Anm. 52), S. 10. Siehe auch Nguyen Dinh Thi: Chong chu nghia xet lai (Anm. 52), S. 7–10. [56] To Huu: Qua cuoc dau tranh (Anm. 52), S. 6. [57] Siehe ebenda, S. 14 und Nguyen Dinh Thi: Chong chu nghia xet lai (Anm. 52), S. 10 f. [58] Siehe hierzu den Bericht von Hoai Thanh: Di vao thuc te [In die Wirklichkeit gehen], in: Van Nghe Nr. 15 vom August 1958), S. 6–8, Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 299 f.; Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 172. [59] Siehe hierzu Schütte: Kurzlebige Hundert Blumen (Anm. 13), S. 300 f. und Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 171–173. Siehe auch die Aussagen von Le Dat und Hoang Cam: Thuy Khue phong van Le Dat (Anm. 15), S. 44–49.  [60] Thuy Khue phong van Le Dat (Anm. 15), S. 55–57. [61] Botschaft der DDR in der DRV, Kittler: Über den Kampf gegen rechte Elemente in der Literatur und Kunst der Demokratischen Republik Vietnam [1958?] in: PA, MfAA/A 8494, Bl. 87. [62] Ebenda, Bl. 87 f. [63] Siehe Heng, Russell Hiang-Khng: Of the State, for the State, Yet Against the State: The Struggle Paradigm in Vietnam’s Media Politics. Ph. D. diss. Australian National University, Canberra 1999, S. 127 u. 131. [64]  Zu Le Duan und Le Duc Tho siehe Duiker: Ho Chi Minh (Anm. 21), S. 497–505. [65]  Siehe Heng: Of the State (Anm. 63), S. 117 f. Zur Verschlechterung der Beziehungen zur Sowjetunion in dieser Phase siehe Gaiduk, Ilya V.: The Soviet Union and the Vietnam War, Chicago 1996, S. 3–11 und Ders.: Confronting Vietnam: Soviet Policy toward the Indochina Conflict, 1954–1963, Stanford 2003, S. 200–204. [66] Siehe Heng: Of the State (Anm. 63), S. 118–120. [67] Siehe ebenda, S. 124 f. [68] Siehe ebenda, S. 129 f. [69] Dies zeigte sich in der Haltung der DRV zum Atombomben-Teststoppabkommen. Siehe u. a. Qiang Zhai: China and the Vietnam Wars (Anm. 2), S.122–124; Allgemeine Deutsche Nachrichtenagentur (ADN) Hanoi, Pommerening: Zur politischen Situation in der DRV vom 31. August 1963, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DC 900/54, Bl. 1. [70]  Le Duc Tho: Phat huy truyen thong cach mang, tang cuong suc manh chien dau cua Dang [Die revolutionäre Tradition weiterentwickeln und den Kampfeswillen der Partei stärken], in: Nhan Dan vom 2. September 1963, S. 2 u. 4. [71]  Hong Chuong: Do la van de tu tuong hoac la van de nghe thuat? [Ist dies ein Problem der Ideologie oder der Kunst?], in: Hoc Tap vom August 1963, S. 50. Siehe hierzu Heng: Of the State (Anm. 63), S. 131 f. und Tran Thu: Tu tu xu ly noi bo (hoi ky) [Zum Tode verurteilt, interne Regelung (Memoiren)], o. O. [Kalifornien/USA] 1996, S. 120–124.   [72] Botschaft der DDR in der DRV, Matzke: Aktenvermerk Nr. 117/63, Vermerk über eine gegenseitige Information im Ministerium für Kultur der DRV am 23. August 1963 vom 7. September 1963 in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/907/100, Bl. 1. [73] Zur Analyse des 9. Plenums siehe Duiker: Ho Chi Minh (Anm. 21), S. 534–538 und Vu Thu Hien: Dem giua ban ngay: Hoi ky chinh tri cua mot nguoi khong lam chinh tri [Nacht mitten am Tag: Politische Memoiren eines Nicht-Politikers], Westminster, CA 1997, S. 273–275. [74] Siehe u. a. Informationsbericht des ADN-Korrespondenten in Hanoi, Pommerening: Information über das 9. Plenum des ZK der PWV, Jan. [?] 1964, in: PA, MfAA/A 8749, Bl. 065.  [75] Botschaft der DDR Hanoi, Botschafter Bergold: Vermerk über das Novemberplenum der PWV und die Entwicklung innerhalb der Partei vom 10. Dezember 1963, in: PA, MfAA/GA 324, Bl. 124–127. [76]  Eine detaillierte Diskussion der Thematik findet sich in Großheim, Martin: Revisionism in the Democratic Republic of Vietnam: New Evidence from the East German Archives, in: Cold War History 5 (2005), H. 4, S. 451–477 und Ders.: Dissens in Nordvietnam: Die »AntiPartei-Affäre« und der Krieg (1963–1967), in: Internationales Asienform 37 (2006), H. 1/2, S. 119–142. [77] Botschaft der DDR Hanoi, Bibow: Einschätzung der Entwicklung der politischen Situation in der DRV nach dem 9. Plenum des ZK der PWV im Dez. 1963/Januar 1964 vom 27. Mai 1964, in: PA, MfAA/G-A 324, Bl. 073. [78] Le Duc Tho: Tang cuong mat tran tu tuong de cung co Dang [Die ideologische Front festigen, um die Partei zu stärken], in: Nhan Dan vom 3.–5. Februar 1964, S. 2. [79] Ebenda.  [80] Siehe z. B. Botschaft der DDR Hanoi: Einschätzung der Entwicklung (Anm. 77), Bl. 074. [81] Zur Einschätzung des Todes von Duong Bach Mais siehe Informationsbericht des ADNKorrespondenten in Hanoi, Pommerening vom 27. April 1964, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV A2/20/441; Botschaft der DDR Hanoi: Einschätzung der Entwicklung (Anm. 77), Bl. 079, 1. Außereuropäische Abteilung (1. AEA), Sektion Vietnam, Mehlig vom 29. April 1964, Betr.: Haltung der PWV zu den Meinungsverschiedenheiten in der internationalen Arbeiterbewegung, in: PA, MfAA/A 8725, S. 66 sowie die Darstellung in Vu Thu Hien: Dem giua ban ngay (Anm. 73), S. 275 f. [82]  Siehe To Huu: Dung vung tren lap truong giai cap vo san, nang cao nhiet tinh cach mang va tinh chien dau trong van nghe [Fest auf dem proletarischen Klassenstandpunkt stehen, den revolutionären Enthusiasmus und den Kampfgeist in der Literatur und Kunst stärken], in: Hoc Tap vom Oktober 1964, S. 1–23; Hong Chuong: Hai quan niem ve chu nghia nhan dao [Zwei Ansichten über den Humanismus], in: Hoc Tap vom Oktober 1964, S. 24–35. Siehe hierzu Botschaft der DDR Hanoi, Matzke: Einschätzung über die Kulturpolitik und kulturelle Entwicklung in der DRV, unter besonderer Berücksichtigung der Verwirklichung der Beschlüsse des 9. Plenums des ZK der Partei der Werktätigen Vietnams auf dem Gebiete der Kunst und Literatur vom 24. November 1964, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV A2/20/437. [83]  Tatsächlich waren die Filme Čuchrajs Produkte des Tauwetters in der Sowjetunion und fanden auch im Westen großen Anklang. Zur Kritik siehe Hong Chuong: Hai quan niem (Anm. 82), S. 29–32. Zum »schädlichen« Einfluss von Kulturgütern aus sozialistischen Staaten siehe auch To Huu: Dung vung (Anm. 82), S. 10–13.  [84]  Siehe To Huu: Dung vung (Anm. 82), S. 16.  [85]  Siehe To Huu: Dung vung (Anm. 82), S. 18 und Hong Chuong: Hai quan niem (Anm. 82), S. 34. [86]  Zur Kampagne allgemein siehe Vu Thu Hien: Dem giua ban ngay (Anm. 73), S. 131 f. u. 186– 189 und Tran Thu: Tu tu (Anm. 71), S. 122–124. Zu den »Fällen« Ha Minh Tuan und Phu Thang siehe Boudarel: Intellectual Dissidence (Anm. 13), S. 172 bzw. Tran Dang Khoa: Chan dung va doi thoai: Binh luan van chuong [Porträts und Gespräche. Kommentare zur Literatur], Hanoi 1999, S. 61–75. [87]  ADN-Auslandsstelle Hanoi/Vietnam, Faber: An Genossin Wieland vom 14. Oktober 1964, in: SAPMO-BArch, DC 900/296a. [88]  Văn Doãn beging später in Moskau Selbstmord. Stowe, Judy: »Revisionnisme« au Vietnam, in: Communisme 65/66 (2001), S. 238. [89]  Siehe hierzu die Akten in Probleme bei der Ausbildung vietnamesischer Studenten in der DDR vom November 1963 bis 1964, in: PA, MfAA/A 8738; Ausbildung vietnamesischer Studenten, Aspiranten, Fachschüler und Praktikanten in der DDR 1965–1969, in: PA, MfAA/C 865/72; Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, MfS Abt. X SA 339 sowie Feige, Michael: Vietnamesische Studenten und Arbeiter in der DDR und ihre Beobachtung durch das MfS, (= Sachbeiträge. Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR Sachsen-Anhalt, H. 10) Magdeburg 1999, S. 21–38. [90]  Die Verhaftung erfolgte auf der Grundlage eines neuen Gesetzes: Phap lenh trung tri cac toi phan cach mang [Gesetz zur Bestrafung konterrevolutionärer Verbrechen], in: Hoc Tap 1968, H. 4, S. 71–75. Zur Verhaftungswelle siehe Stowe: »Revisionnisme« (Anm. 88), S. 5–7, Boudarel, Georges: 1965–75: War or Peace, in: Ders./Nguyen Van Ky: Hanoi (Anm. 5), S. 136–140. Warum die Festnahmen erst 1967 durchgeführt wurden, ist nach wie vor unklar. Siehe die neuesten Erklärungsversuche in Quinn-Judge, Sophie: The Ideological Debate in the DRV and the Significance of the Anti-Party Affair, 1967–68, in: Cold War History 5 (2005), H. 4, S. 479– 500, und Lien-Hang T. Nguyen: The War Politburo: North Vietnam’s Diplomatic and Political Road to the Tet Offensive, in: Journal of Vietnamese Studies 1 (2006), H. 1-2, S. 26–28. [91]  Siehe hierzu vor allem die Erinnerungen von Vu Thu Hien: Dem giua ban ngay (Anm. 73).  [92]  Siehe u. a. Botschaft DDR Hanoi, Bergold: An MfAA [Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten], Abt. Ferner Osten, Schneidewind vom 24. August 1967, in: PA, MfAA/G-A 358, Bl. 44. Im Januar 1968 waren der Botschaft immerhin die Namen von zwei Verhafteten bekannt. Siehe ADN Hanoi, Feldbauer: An Korr-Büro Ausland, ADN-Berlin vom 3. Januar 1968, in: SAPMO-BArch, DC 900, Zg. 73, Az. 5210. [93]  Siehe hierzu Gaiduk: The Soviet Union (Anm. 65), S. 71. [94]  Siehe hierzu Quinn-Judge: The Ideological Debate (Anm. 90), S. 494. [95]  Siehe hierzu Marr: A Passion for Modernity (Anm. 6), S. 274–276. [96]  Dies erbrachte eine Recherche im Online-Katalog der Nationalbibliothek Hanoi »http://www.nlv.gov.vn/opac/« vom 18. Juli 2006. [97] Auch der frühere Geschichtsprofessor Dao Duy Anh, der wie Thao nach 1958 seine Professur an der Universität Hanoi verlor, erhielt diese Ehrung. [98] Siehe hierzu McHale: Vietnamese Marxism, (Anm. 8), S. 24.  [99] Thu Ha: Thu tuong giu ban thao cho nha triet hoc [Der Ministerpräsident bewahrt die Manuskripte für den Philosophen auf], in: <http://www.tuoitre.com.vn/Tianyon/Index.aspx?Article ID=141600&ChannelID=3> vom 18. Juli 2006. [100] Pham Thanh Hung: Triet gia lu hanh Tran Duc Thao [Der reisende Philosoph Tran Duc Thao], in: <http://100years.vnu.edu.vn:8080/BTDHQGHN/Vietnamese/C1778/C1779/ 2006/03/7321> vom 18. Juli 2006.  [101] Auch Dao Duy Anhs Bücher wurden seit Ende der 1980er Jahre wieder veröffentlicht. Wie Tran Duc Thao zählte er wieder offiziell zur Phalanx der hervorragendsten vietnamesischen Wissenschaftler. Siehe hierzu Phan Huy Le: GS Dao Duy Anh, Nha su hoc va nha van hoa lon [Professor Dao Duy Anh, ein großer Philosoph und Kulturwissenschaftler], in: <http://100years.vnu.edu.vn:8080/BTDHQGHN/Vietnamese/C1778/C1779/2006/05/N 7673/> vom 18. Juli 2006. [102] Er durfte z. B. einen Artikel in der Geschichtszeitschrift Xua & Nay veröffentlichen. Siehe hierzu Marr, David G.: History and Memory in Vietnam Today: The Journal Xua & Nay, in: Journal of Southeast Asian Studies 3 (2000), S. 15 f. Außerdem wird auf seine Rolle während der August-Revolution 1945 hingewiesen. Siehe An Nhi: Ba cau chuyen: »chon nguoi theo viec« cua Ho Chu Tich [Drei Geschichten über drei von Präsident Ho Chi Minh je nach Aufgabe ausgewählten Personen], in: <http://www.vnn.vn/ chinhtri/2006/05/572495 vom 17. Juli 2006. [103] Nguyen Hoa: Giai thuong van chuong – Quy che va tac pham [Literaturpreise – Reglements und Werke], in: <http://www.tienphongonline.com.vn/Tianyon/Index.aspx?Article ID=53549&ChannelID=7> am 17. Juli 2006. [104] Nguyen Huy Tuong: Nhat ky, 3 Tap [Tagebücher. 3 Bde.], Hanoi 2006. Siehe insbesondere den dritten Band: Nghe si & Cong dan [Künstler und Bürger].  [105] Siehe hierzu Tran Thu: Tu tu (Anm. 71), S. 218–275 und Abuza, Zachary: Renovating Politics in Contemporary Vietnam, Boulder, Col. 2001, S. 62–65. [106] Plattform ist wiederum die Zeitschrift Xua & Nay. Siehe Marr: History (Anm. 102), S. 16 f. [107] Minh Tranh in dem Band 50 nam Vien Su Hoc: Nhung bai viet chon loc (1953–2003) [50 Jahre Institut für Geschichte: Ausgewählte Beiträge], Hanoi 2003, und Bui Cong Trung in: Nhung van de kinh te Viet Nam [Wirtschaftliche Probleme Vietnams]. Hanoi 2005. 

JHK 2007

Für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Autobiographien westdeutscher Linker und ihr Beitrag zur Geschichtsschreibung über die DDR

Hanno Müller

Weber, Hermann/Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin: Ch. Links Verlag 2006, 480 S., ISBN 978-3-86153-405-1 Seiffert, Wolfgang: Selbstbestimmt. Ein Leben im Spannungsfeld von geteiltem Deutschland und russischer Politik, Graz: Ares Verlag 2006, 216 S., ISBN 978-3-902475-20-6 Wilke, Manfred: Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen. Gesammelte Schriften. Zu seinem 65. Geburtstag zusammengestellt und hrsg. von Hans-Joachim Veen, Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2006, 340 S., ISBN 978-412-36005-4 In den 70er Jahren ging in der Bundesrepublik der Begriff von der »Tendenzwende« um. »Wir erleben in diesen Jahren einen politischen Klimawechsel«, schrieb der Politik- und Kulturwissenschaftler Martin Greiffenhagen 1975. »Der Zeitgeist weht nicht mehr von links, sondern von rechts. Wer heute in einem politischen Wahlprogramm der Bevölkerung ›mehr Demokratie‹ versprechen würde, hätte wenig Aussicht, damit Stimmen zu gewinnen. Das Wort ›konservativ‹, bis vor Kurzem von allen großen Parteien gemieden, gehört wieder zum politischen Wortschatz, nicht nur der Rechtsparteien, sondern auch der SPD.«[1] Greiffenhagen, selbst Jahrgang 1929 und 1991/92 Gründungsbeauftragter der Pädagogischen Hochschule Erfurt, registrierte damit wenige Jahre nach der für viele scheinbar »urplötzlich« über den Westen gekommenen, linken Studentenbewegung und den in der zweiten Hälfte der 60er Jahre verbreiteten Vorstellungen und Diskursen kapitalismuskritischen, sozialreformerischen und vielfach auch sozialistischen Inhalts geradezu einen neuen, neokonservativen Geist der Aussöhnung mit der Nachkriegs- und längst auch Nach-Adenauer-Republik. Was trieb Menschen in der Westhälfte Deutschlands nach 1945 dazu, nicht nur links zu denken, sondern sich zumindest vorübergehend sogar mit dem Kommunismus bzw. Stalinismus des Ostens zu identifizieren? Eine Antwort auf diese Frage suchen die drei hier besprochenen, mehr oder weniger autobiographischen Bücher. Sie können damit als Beitrag zur aktuellen Debatte darüber verstanden werden, was die DDR war. Die Bewertungen von Ereignissen und Akteuren fallen bei den Autoren der drei Werke erwartungsgemäß unterschiedlich und kontrovers aus.  Zufall oder nicht, die 70er Jahre sind auch die Zeit, die Hermann Weber (Jahrgang 1928) als Zäsur erlebt. Dass linkes Denken obsolet geworden sein könnte, würde Weber damals wie heute wohl nicht unwidersprochen gelassen haben. Dennoch ist es für den »Linken« und Kommunismusforscher Anfang der 70er immerhin an der Zeit,Frieden mit der Demokratie westlicher Prägung zu schließen. In seinem zweiten Memoiren- Band nach dem »Prinzip links« schereibt Weber:  »Das Ende der Adenauer-Ära wirkte dann wie der Aufbruch in eine moderne, tolerante Zeit, in den 60er Jahren und danach entstand eine normale westliche Demokratie und damit auch ein funktionierendes Parteiensystem.« Und weiter heißt es im Buch des einstigen SED-Parteihochschülers und Kaders der WestFDJ, der sich als »linker Antistalinist« verstand und zu dieser Zeit bereits einen Namen in der DDR-Forschung hatte: »Es wurde leichter, sich als Sozialdemokrat zu fühlen und sich mit der Bundesrepublik trotz aller Vorbehalte auszusöhnen.« Nach seinem Bruch mit der KPD war Weber – wie auch einige andere ehemalige kommunistische Funktionäre – bald der SPD beigetreten. Schon das erste Memoiren-Buch Hermann Webers hatte für Aufsehen gesorgt. In Damals als ich Wunderlich hieß[2] rechnete er mit seinen DDR-Illusionen ab. Während er dort schilderte, wie aus dem Arbeiterjungen und (seit 1945) Kommunisten an der SED-Parteihochschule »Karl Marx« in Kleinmachnow ein Antistalinist wurde, geht es im Fortsetzungsband nunmehr um die folgenden fünf Jahrzehnte, in denen der Journalist zum bekanntesten und wichtigsten DDR- und Kommunismusforscher der Bundesrepublik bzw. – wie es gelegentlich auch heißt – zum Nestor seiner Branche avancierte. Hermann Weber und seine Frau Gerda beschreiben gemeinsam die schwierige Zeit in der Bundesrepublik während des Bruchs mit der KPD und danach. Es ist auch ein Bruch mit den Realitäten des Sowjetsystems östlich der Elbe, dem »widerlichen, byzantinischen Personenkult um Stalin« sowie mit der kommunistischen Ideologie und Politik, die sich für die beiden Marxisten vom Sozialismus eines Marx und vom Ideal einer Gesellschaft ohne Klassen, Ausbeutung, Rassenhass und Krieg viel zu weit entfernt hatte. Der Name Hermann Weber steht heute auch für den Teil der Kommunismus- und DDR-Forschung, der in erheblichem Maße vom Aufarbeitungsdrang so genannter Überläufer und »Renegaten« befördert wurde. In den 50er Jahren liegt der Mannheimer da ganz auf der Linie eines Wolfgang Leonhard oder eines Ralph Giordano. Die Wurzeln der Hinwendung zum Kommunismus, wie sie Hermann Weber, Sohn eines von der Gestapo verfolgten und inhaftierten Kommunisten beschreibt, ähneln denen Leonhards oder Giordanos, seine Art des Bruches mit dem gelebten Irrtum ist allerdings eine andere. Auch Weber trat in die KPD ein, auch er sah in der sowjetisch besetzten Zone und der späteren DDR eine Alternative. Trotz der Abkehr von der eigenen Vergangenheit bekennt er aber, an Marxismus und Sozialismus festgehalten zu haben. Zwar hatte der als »Renegat« und Antikommunist verfemte Wissenschaftler frühzeitig nachgewiesen, dass es den Mächtigen in der DDR keineswegs um ein Gesellschaftsmodell auf marxistisch-leninistischer Grundlage ging, sondern dass die Klassiker allenfalls benutzt wurden, um den eigenen Herrschafts- und Unfehlbarkeitsanspruch zu legitimieren. Noch Anfang der 60er Jahre argumentiert der Mannheimer selbst aber weiter mit Marx und Lenin wider Stalinismus und SED, und das gegen den ausdrücklichen Widerstand des DVA-Verlages[3], wie er schreibt. Das »Prinzip links« definiert sich für Hermann Weber durch »soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit des Individuums in einem demokratischen Rechtsstaat, kurz, die Emanzipation des Menschen«. Auch wenn er die »leninistischen Eierschalen« später ablegte, beharrte Weber auf seiner Haltung als »sozialistischer Antistalinist« und auf der Vorstellung von der Möglichkeit eines »Dritten Weges«. Was er damit meinte, beschreibt der 78-Jährige so: »Die Position des ›Dritten Weges‹ war antistalinistisch, aber nicht antikommunistisch, lehnte den Kapitalismus ebenso ab wie die Praxis und die Herrschaftsstrukturen der DDR. Stattdessen wollte sie durch Reformen und Demokratisierung einen ›menschlichen Sozialismus‹ schaffen. […] Ein ›dritter Weg‹ war die Utopie von einer humanen Gesellschaft jenseits von Stalinismus und Kapitalismus. Er entsprach ja unserer damaligen eigenen Vision, allerdings lag im Nebel, wie das verwirklicht werden sollte.« Nicht die Idee des Sozialismus ist es also, was Weber kritisiert. In seinen Augen wurden die kommunistische Bewegung und ihre Akteure ihren Idealen untreu. Er weiß aus eigenem Erleben, wie im Stalinismus die eigenen Anhänger unter Druck gesetzt und verfolgt werden – ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch seine Forschungen zieht und in mehrere seiner viel beachteten Bücher über den Stalinschen Terror gegen die eigenen Kader einfloss.  Ebenfalls um Aussöhnung mit der Bundesrepublik geht es in den 70ern bei Wolfgang Seiffert (Jahrgang 1926). Auch er ist ein »Überläufer«, der 1956 in den Osten floh, dann aber 1978 nach 22 Jahren »freiwilligem Exil« in der DDR in den Westen zurückkehrte und dort bis 1989 die Rolle des aufmerksamen wie kritischen Dissidenten und Publizisten der deutschen Wiedervereinigung übernahm.[4]  Jetzt hat Wolfgang Seiffert seine Autobiographie Selbstbestimmt geschrieben. Als Freiwilliger und angehender Marineoffizier war der gebürtige Breslauer 1945 in russische Gefangenschaft geraten. Im Kriegsgefangenenlager, wo er sich 1947/48 einer Jugendgruppe des Nationalkomitees Freies Deutschland anschloss, sei ihm klar geworden, »dass man nach der Rückkehr in der Politik mitmischen musste, damit sich nicht wiederholte, was wir selbst erlebt und erfahren hatten«. Für Seiffert folgte daraus zunächst der Weg in ein Antifa-Schulungslager und – nach Freilassung und vergeblichem Versuch, in der DDR zu bleiben – in die Düsseldorfer West-FDJ. Wie Hermann Weber engagierte auch er sich Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre in der Bundesrepublik als FDJ-Funktionär und Chefredakteur der FDJ-Zeitung Das Junge Deutschland, ähnlich wie bei Weber schlossen sich nach dem FDJ-Verbot Verhaftung und Inhaftierung an. Seiffert allerdings floh 1956, ein Jahr nach seiner Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis, spektakulär aus der Haft in die DDR, wo er in den 60ern eine steile Karriere als Wirtschafts- und Völkerrechtler sowie Honecker-Berater machte. Mitte der 70er Jahre sei dann allerdings die desolate politische wie wirtschaftliche Situation des inzwischen vom einstigen FDJ-Mitstreiter geführten Arbeiter- und Bauernstaates immer offensichtlicher geworden. Vor allem empfand Seiffert den SED-Plan, das Ziel Deutsche Einheit aus der DDR-Verfassung streichen zu lassen, als »Verrat an den Prinzipien, für die man angetreten« und für die er ins Gefängnis gewandert sei. Juristisch war seine Rückkehr in den Westen durch ein 1969 vom Bundestag erlassenes Straffreiheitsgesetz und die endgültige Streichung seiner Reststrafe durch den Bundespräsidenten möglich geworden.  Seifferts Einschätzung der West-FDJ Anfang der 50er Jahre unterscheidet sich grundlegend von der Hermann Webers oder anderer Historiker. In seiner Rückschau fungierte sie als »legaler, normaler Jugendverband«, so dass hinsichtlich des »Stalinisierungsprozesses, der damals in den kommunistischen Parteien und mit gewissen Abwandlungen auch in der SED sowie der DDR tatsächlich stattfand, nicht einfach und undifferenziert auf einen gleichen Vorgang in der westdeutschen FDJ« geschlossen werden könne. Die westdeutsche FDJ war für ihn »in jeder Hinsicht ein Produkt und ein Bestandteil der Gesellschaft, wie sie sich nach dem Krieg in den Westzonen Deutschlands herausbildete«. Schon dies habe Stalinisierungsversuchen Grenzen gesetzt. Dass sie letztlich unterging, legt Seiffert dem politischen Willen Adenauers und dessen politischen Freunden zur Last. Und so geht es weiter: Im Bau der Mauer – da lebt Wolfgang Seiffert bereits in der DDR, die den Überläufer als »Patriot« und »Friedensheld« feiern lässt – habe er persönlich »angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstromes nach Westberlin eine Notwendigkeit gesehen, andererseits aber auch eine politische Niederlage des in der DDR etablierten politischen Systems, das so offensichtlich den Wettstreit mit dem System der Bundesrepublik nicht bestehen konnte«. Tatsächlich gewollt habe sie aber auch Ulbricht nicht und stattdessen ursprünglich andere politische Lösungen favorisiert. Ulbrichts viel zitierten Ausspruch »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten« wertet Seiffert nicht als Irreführung der Öffentlichkeit, sondern als Ausdruck von Ulbrichts Strategie für ein letztlich wiedervereinigtes Deutschland. Es sind die Erfahrungen und Bewertungen eines zweifellos deutsch-deutschen Sonderfalls, die die Lektüre von Seifferts Autobiographie ebenso anregend und aufschlussreich wie streitbar und schwierig machen. Probleme mit dem Stalinismus DDR-deutscher Prägung beschreibt der heute in Hamburg lebende WestOst-West-Flüchtling allenfalls am Rande. Seine Sicht auf die DDR ist ungeachtet gelegentlicher Differenzen und Auseinandersetzungen, die auch er im Osten auszufechten hatte und die schließlich den Ausschluss aus der SED und die Aberkennung der Professur nach sich zogen, dennoch die eines stets Privilegierten, der sich des Wohlwollens Erich Honeckers erfreute. Honeckers Unterstützung bediente er sich gelegentlich für seine Zwecke oder zur Fürsprache für andere. Sein Lebensbericht suggeriert so immerhin die Machbarkeit eines selbst bestimmten, nur der eigenen Überzeugung folgenden Lebens über die Systemgrenzen des geteilten Deutschlands hinweg. Selbst die letztlich legale Rückkehr des inzwischen hüben wie drüben angesehenen und gefragten Außenwirtschaftsrechtlers und Direktors des Instituts für Rechtsvergleichung an der Akademie für Staat und Recht der DDR in Potsdam in den Westen – um, wie es im Buch heißt, nicht zwischen die Fronten zu geraten und dem eigenen, selbst gewählten Weg treu bleiben zu können – bedarf lediglich einiger persönlicher Beziehungsspiele.  Entsprechend positiv fällt Wolfgang Seifferts Bilanz nach 22 Jahren DDR aus: »Ich hatte studiert, promoviert, hatte mich habilitiert, einen Lehrstuhl erhalten und ein Institut mit 40 Mitarbeitern aufgebaut, das anfing, sich auch international einen Namen zu machen. Meine zahlreichen Publikationen hatten in Fachkreisen – auch international – Anerkennung gefunden. Ich war Schiedsrichter in internationalen Wirtschaftsstreitigkeiten und Mitglied internationaler Organisationen wie der Internationalen Vereinigung für gewerblichen Rechtsschutz gewesen. Meine Kinder hatten, mit Ausnahme des jüngsten Sohnes, der noch zur Schule ging, einen Beruf erlernt und einen Arbeitsplatz gefunden. Meine Frau und der jüngste Sohn würden in Kürze nachkommen, daran gab es keinen Zweifel, und dies geschah auch. Ich hatte viele Freunde und auch Gegner gefunden.« Hermann Weber wie auch Wolfgang Seiffert sind einzigartige Jahrhundertzeugen, in ihren Erinnerungen und Einschätzungen über die DDR kommen sie aber mitunter zu geradezu diametralen Einschätzungen. Von Unterschieden in der Beurteilung der West-FDJ und ihrer Beeinflussung durch die Mutterorganisation im Osten war bereits die Rede. Ebenfalls signifikant sind die Differenzen bei der Betrachtung der Person Walter Ulbrichts und seiner Rolle während der 50er Jahre sowie später in der stabilisierten DDR nach dem Mauerbau. Sowohl Weber als auch Seiffert haben Ulbricht persönlich kennen gelernt.  In Hermann Webers Erinnerungen ist Walter Ulbricht vor allem als Prototyp des stalinistischen Apologeten und Nachahmers sowie als stalinistischer Geschichtsklitterer und Fälscher der Partei- und Kommunismusgeschichte Gegenstand von Erörterungen. Ulbrichts Regime repräsentiert für ihn die diktatorische Herrschaft einer Minderheit über die große Mehrheit der Bevölkerung. Webers 1964 veröffentliche, 180-seitige Polemik  Ulbricht fälscht Geschichte[5] dokumentierte neben nachweislichen SED-Legenden und Geschichtslügen in der DDR auch einige dreiste Bildfälschungen. Diese führten seinerzeit dazu, dass die DDROberen das Museum für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin vorübergehend schließen mussten, um einige der manipulierten Bilder auszutauschen.  Geradezu milde ist das Resümee Seifferts, der das Bild, das vom fistelstimmigen Partei- und Staatschef in Literatur und Medien gezeichnet werde, als »wenig realistisch« bezeichnet. Zwar sei dieser ein ausgesprochener Stalinist gewesen, aber einer von Format. »Er hat sich zwar spät, nämlich erst 1961, von den Verbrechen Stalins distanziert. Doch er blieb bis zu seiner Verdrängung durch Honecker der zielstrebige politische Führer der DDR, der diesen Staat gegründet hatte und der in ihm ein Instrument zur Verwirklichung seiner ›nationalen Mission‹ in Deutschland sah. Nach ihm hat kein anderer Politiker der DDR wieder sein Niveau erreicht. Zu Recht sahen viele in ihm den eigentlichen Gegenspieler von Konrad Adenauer.«  In den Augen Seifferts steht Ulbricht nach dem Mauerbau bis zu seiner Entmachtung für eine Periode der Orientierung der DDR auf ein selbstständiges, von der Sowjetunion unabhängigeres Gesellschaftsmodell und die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit. In Ulbrichts als »Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft« (NÖSPL) bezeichneten Wirtschaftsreformen sieht Seiffert einen ernsthaften Versuch, »in Deutschland eine wirkliche Alternative, zumindest ein konkurrenzfähiges System zum ökonomischen und politischen System der Bundesrepublik zu errichten«. Im Abbruch der Ulbricht’schen Reformen während der Honecker-Ära erkennt der 70-Jährige den Anfang vom Untergang der DDR. »Die Aufgabe des von Ulbricht gewollten ›Neuen Ökonomischen Systems‹ unter Honecker, bei gleichzeitiger Proklamation der ›Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik‹, entzog solcher Politik die finanziellen Voraussetzungen, führte die DDR immer tiefer in die Schuldenkrise und schließlich in die wirtschaftliche Katastrophe.« Begegnet sind sich Weber und Seiffert sowohl während ihrer Zeit bei der West-FDJ und in der Chefredaktion der FDJ-Zeitung Das Junge Deutschland als auch später nach Seifferts Rückkehr in den Westen, u. a. während einer Radiodiskussion im Deutschlandfunk zur Frage der Wiedervereinigung. Die gegenseitigen Erwähnungen in den Memoiren wirken respektvoll, aber distanziert. Offensichtlich kannten beide Autoren, als sie ihre Erinnerungen schrieben, die des jeweils anderen nicht. Sonst wären manche Einschätzungen möglicherweise nicht unwidersprochen geblieben. Zu nicht minder unterschiedlichen Einschätzungen gelangen beide Autoren nämlich auch im Rückblick auf das, was die DDR letztendlich für sie war. Wie ernst Hermann Weber, der von 1981 an den Arbeitsbereich DDR-Geschichte an der Universität Mannheim aufbaute und diesen dann bis zu dessen Auflösung Ende der 90er Jahre leitete, den Gegenstand DDR schon sehr früh nahm, zeigt Mitte der 60er Jahre seine Haltung in der Frage, ob man DDR mit oder ohne Gänsefüßchen schreiben sollte. Konkret ging es um die erste von ihm verfasste historische Untersuchung der DDR-Geschichte mit dem Titel Von der SBZ zur DDR[6]. In Leben nach dem »Prinzip links«schreibt Weber: »Noch immer galt im offiziellen westdeutschen Sprachgebrauch, dass es die DDR nicht gab, sie zumindest in Anführungszeichen zu setzen war. Also wollten oder konnten die Landeszentralen für politische Bildung das Buch unter diesem Titel nicht übernehmen, und es kam 1965 zu Debatten. Selbstverständlich war die DDR keine demokratische Republik, dennoch schien es mir sinnvoll, die Eigenbezeichnung zu wählen. Anführungen hielt ich bestenfalls für kurios.« Beim ersten, 1966 erschienenen Band über die Zeit bis 1955 kann er sich damit noch nicht durchsetzen, doch schon beim nächsten Band 1968[7] sind die Gänsefüßchen passé und bleiben es. Neben der Geschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik und der Entwicklung des Weltkommunismus sah Weber in der DDR fortan sein politikwissenschaftliches und zeithistorisches Hauptforschungsfeld. Dennoch musste er sich nach 1989 Kritik gefallen lassen, sein DDR-Bild sei zu neutral gewesen und habe der Unterdrückung und Kontrolle der Menschen zu wenig Beachtung geschenkt. In der Tat zeugt Webers Erinnerungsbuch, geschrieben aus der BiographiePerspektive West, von einer bis heute anhaltenden Irritation. Für das etwa von Wolfgang Seiffert registrierte Arrangement so vieler mit dem System gibt es bei ihm keine Nachsicht. So wundert sich der DDR-Forscher wiederholt und noch immer über Wissenschaftlerkollegen aus der DDR, die sich bei persönlichen Kontakten als aufgeschlossene Gesprächspartner erwiesen hätten, sich dann aber in Büchern oder Zeitschriftenartikeln systemkonform äußerten. Das kürzlich in der 10-teiligen MDR-Fernsehdokumentation »Damals in der DDR« thematisierte »Mitlaufen, das Abtauchen in Nischen, das Suchen nach dem ganz privaten Glück fern aller Ideologie inmitten einer oft als grau empfundenen Umwelt«, als »Versuch der Selbstverwirklichung in einem Staat, der eben dafür kaum Raum ließ«, findet bei Weber in Bezug auf die Historiker wenig Akzeptanz. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass zum Überleben hinter der Mauer das ständige Ausloten von Freiräumen gehörte bzw. das Anpassen und Nachgeben dort, wo es diese Freiräume nicht gab. Mit seiner kompromisslosen Haltung steht Weber konsequent im Kontext jener »Systemauseinandersetzung«, die er und sein Mitarbeiter Ulrich Mählert an der Universität Mannheim in einem Zeitungsbeitrag resümierten. Über die »gravierenden Unterschiede« in der deutsch-deutschen Zeitgeschichtsbetrachtung heißt es dort: »Während im Westen die kritische Sicht überwog, war den DDR-Historikern aufgetragen, die eigene Geschichte schönzufärben und an die jeweils gültige Parteilinie anzupassen. Denn die dortigen Chronisten hatten die SED-Generallinie zu rechtfertigen und das Axiom der stalinistischen Ideologie, die ›Partei‹ habe ›immer Recht‹, ›wissenschaftlich‹ zu untermauern. Ihnen fehlte die notwendige Unabhängigkeit, und es fehlte Pluralismus in der Forschung.«[8] Man vergesse freilich nicht: Die SED führte Hermann Weber als eines ihrer bevorzugten Feindbilder und »Persona non grata«. DDR-Boden konnte der bekannteste DDR-Forscher der Bundesrepublik erst kurz vor dem Ende der DDR wieder betreten, und das nur unter den Argusaugen des MfS. Das erklärt möglicherweise eine gewisse Alltagsferne des Autors. Einen anderen Zugang zur Frage, wie es Menschen in der DDR aushalten konnten, eröffnen neuere Forschungen zur Alltagsgeschichte, die das Wohnen, Sichkleiden und -ernähren ebenso einschließen wie das tägliche Sicharrangieren und -einrichten in den DDR-Verhältnissen. Möglicherweise ergeben sich daraus auch differenziertere Erklärungsansätze für das Fazit Wolfgang Seifferts, demzufolge in der DDR »Hunderttausende an die vorgegebenen Ideale einer neuen Gesellschaft glaubten und ihre Talente und Fähigkeiten für dieses Ziel einsetzten« und diese so letztlich »vierzig Jahre existiert und in vieler Hinsicht auch funktioniert« habe. Seiffert lobt Gesundheits- und Bildungssystem, den Sport, die praktizierte Gleichberechtigung der Frauen, die Versorgung im Alter. Nach 1989 hoffte er sogar, einen Teil seines einstigen DDR-Institutes samt ehemaligen Kollegen retten zu können. Sein Hinweis, »dass es in der DDR doch eine Reihe qualifizierter Rechtswissenschaftler gäbe«, fand kein Gehör. Das Max-Planck-Institut lehnte eine Übernahme ab. Die DDR bleibt für Wolfgang Seiffert der löbliche Beweis, dass es »auch anders geht«: »Befreit man das Bild der DDR von allen solchen Beschönigungsversuchen, einseitigen Blickwinkeln, ideologischen Überspanntheiten und stalinistischen Verzerrungen, dann war die DDR, und das ist es, was von ihr auf Dauer bleibt, der 40 Jahre währende Versuch, es in Deutschland auf allen Gebieten grundlegend ›anders zu machen‹. Anders als in der Vergangenheit, aber auch anders als in der westdeutschen Bundesrepublik.«  Nach seiner Emeritierung war Seiffert Gründungsmitglied des Instituts für deutsches Recht an der Universität Moskau. Als ehemaliger Spezialist für den RGW berät er heute deutsche Firmen, die in Russland tätig werden. Die aktuelle innenpolitische Entwicklung Russlands und die Präsidentschaft Vladimir Putins bewertet er ausgesprochen positiv. Zu Putin hatte er bereits im Jahr 2000 eine Biographie vorgelegt. [9] So sehr die Erinnerungsbücher Hermann Webers und Wolfgang Seifferts von der Auseinandersetzung mit dem östlichen Deutschland geprägt sind, als »Geschichtsbücher« bestätigen sie die Einschätzung, wonach es »über die DDR keineswegs konsensuale Urteile« gibt und die »Position der Zeitzeugen wie die der Geschichtsschreibung alles andere als einheitlich« ist[10].  Die gesammelten wissenschaftlichen und publizistischen Schriften von Manfred Wilke (Jahrgang 1941), in einer Auswahl erschienen anlässlich seines 65. Geburtstages, lesen sich dazu gerade so wie eine Art ordnende Klammer. Auch wenn es bei den ausschließlich nach 1989 verfassten wissenschaftlichen Texten immer auch um Biographisches und Porträts zur deutsch-deutschen Geschichte geht, fallen Wilkes Analysen und Darstellungen doch eher in den Bereich der zeithistorischen Forschung. Wilke verbinde »klassisch soziologische Fragestellungen nach der Macht, ihrer Eroberung, Erhaltung und ihrem Zerfall häufig mit historischen Forschungsmethoden und mit der Rekonstruktion politischer Biographien, mit der Fokussierung auf die Akteure, ihre Netzwerke, ihre Karrieren und ihre personalpolitischen und ideologischen Weichenstellungen«, würdigt Hans-Joachim Veen, Historiker und Leiter der Weimarer Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung, den Autor im Vorwort des von ihm herausgegebenen Schriftenbandes.  Wilke, Historiker, Soziologe sowie Mitbegründer und langjähriger Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, initiierte und gründete Ende 1976 mit Robert Jungk, Freimut Duwe und dem eben aus der DDR ausgebürgerten Wolf Biermann ein Schutzkomitee für infolge der Biermann-Proteste in der DDR Verhaftete, das unter dem bezeichnenden Namen »Freiheit und Sozialismus« agierte. Das sich westdeutsche Linke für DDRVerfolgte engagierten, war damals selbst für die DDR-Offiziellen ein Novum. »Wir wollten einen demokratischen Sozialismus in Ost und West und wir wollten die Blocklogik in der internationalen Solidarität überwinden.« So beschreibt Wilke das linke, im Nachhinein aber als »illusorisch« angesehene Selbstverständnis der Akteure in einem 25 Jahre später erschienenen Aufsatz »Das Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus« (S. 111–121).  Wen die Biographie Manfred Wilkes interessiert, der muss sich bis zu einem am Ende der Textsammlung abgedruckten Gespräch des Berliner Journalisten und langjährigen Kollegen beim Forschungsverbund SED-Staat, Hannes Schwenger, mit dem SED-Forscher durchblättern. Mit dem Thema Kommunismus wurde der 12-Jährige erstmals konfrontiert, als im Osten Deutschlands sowjetische Panzer den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 blutig niederschlugen. »An diesem Tag war ich nicht vom Radio fernzuhalten und habe sowohl die kurzzeitige Hoffnung, dass diese Volkserhebung gelingt, als auch ihre rasche Niederschlagung durch die sowjetische Besatzungsmacht schmerzhaft mitverfolgt.« Noch aber blieben diese Ereignisse ebenso wie die Ungarn-Revolution 1956 oder der Sieg der kubanischen Revolution unter Fidel Castro 1959 folgenlos für seinen eigenen politischen Weg. Zu einem Schlüsseljahr wird 1961, Wilke unterschrieb einen Solidaritätsaufruf des DGB zur Freilassung des 1961 von der DDR gekidnappten und zu 13 Jahren Haft verurteilten Heinz Brandt (dem einer seiner im Band zusammengestellten Aufsätze gewidmet ist), las Trockij, Traven und Luxemburg. In den 60er Jahren lernte er in der DDR Wolf Biermann und Robert Havemann kennen. Noch ist Westdeutschland »CDU-Staat«, im Zusammenhang mit den Studentenunruhen, Protesten gegen die Notstandsgesetze und dem Prager Frühling hatte Wilke auch Kontakt zur westdeutschen KPD. Über die prägenden Enttäuschungen von »1968« reflektiert Wilke im Interview mit Schwenger wie folgt: »Meine Hoffnungen in diesem Frühjahr verbanden sich mit dem ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹, den die tschechoslowakischen Kommunisten in ihrem Land praktizieren wollten. Umso tiefer traf mich der Panzereinmarsch am 21. August 1968. Bei der Protestdemonstration über die Hamburger Kennedy-Brücke hatte ich das Gefühl, einen Epochenwechsel zu erleben. Ein Tor hatte sich für immer geschlossen. Breschnew beendete die Entstalinisierung und damit die Hoffnung auf Selbstreform des sowjetischen Kommunismus.«  Die Textsammlung enthält nur Beiträge der letzten 15 Jahre und lässt damit nur wenige Aufschlüsse über Wilkes unmittelbare Reflexionen in den 70ern zu. Erinnert sei aber an den Band Entstalinisierung[11] über den Ablauf der Geheimrede von Chruščev. Und über den gemeinsam mit Rudi Dutschke herausgegebenen Band über Aleksandr Sol’ženicyn[12] sagt Wilke: »Das Erscheinen des ›Archipel Gulag‹ führte damals in der westeuropäischen Linken zu einer erneuten Selbstprüfung ihres Verhältnisses zum Stalinismus und der Sowjetunion. Der von Rudi Dutschke und mir herausgegebene Band der Reihe rororo aktuell war in der Bundesrepublik singulär. Die deutsche Linke einschließlich der Sozialdemokraten zog das Schweigen vor, und die Kommunisten verwiesen ablenkend auf die nationalsozialistischen Verbrechen, um die Debatte in Keim zu ersticken.«  Der Schriften-Band präsentiert Manfred Wilke als Wissenschaftler, der beim gründlichen Erhellen, Aufdecken und Analysieren immer die Protagonisten und Akteure des Geschehens, vor allem aber Oppositionelle und Dissidenten in den Blick nimmt, von denen er viele persönlich kannte. Das macht ihn auch seit 1989/90 zu einem Mahner gegen Beschönigung und Vergessen. Zahlreiche Brüche in seinem politischen und beruflichen Leben, schreibt Hans-Joachim Veen einleitend, hätten dazu beigetragen, »dass er schon früh zu den Eckigen und Kantigen des politisch-wissenschaftlichen Diskurses gehörte, der oft unbequeme Ansichten vertrat und politisch nicht immer korrekt war, während eleganter Konformismus und rhetorisch unverbindliche Verbindlichkeiten ihm immer fremd geblieben sind.« Wilke trat 1994 nach 30-jähriger Mitgliedschaft aus der SPD aus, da er die heraufziehenden Koalitionen mit der PDS, die er als »Partei der inneren Spaltung« ansieht, nicht mittragen wollte. Sein Eintreten für die deutsche Einheit und seine persönlichen Verbindungen zu ehemaligen DDR-Oppositionellen führten ihn 1998 in die Berliner CDU, wo er seit 2005 auch Mitglied des Vorstandes ist. Auch wenn also, wie Manfred Wilke in der Festschrift zum 75. Geburtstag von Hermann Weber[13] feststellt, eine »Gesamtdarstellung der DDR-Geschichte aus historischem Abstand« noch aussteht, so steuern doch sowohl seine Arbeiten als auch die Erinnerungen Webers und Seifferts wichtige Kapitel dazu bei. Zu Weber konstatiert Wilke, »Renegaten« wie er hätten mit der öffentlichen Darlegung ihrer Gründe für ihren Bruch mit dem SED-Sozialismus geholfen, »dass – jenseits der Hoffnung auf Wiedervereinigung – die DDR als eigener Staat mit seinen spezifischen Konflikten im Westen wahrgenommen und als unerwünschte Realität anerkannt wurde«. Gegen den Selbstanspruch der SED vom Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in der DDR, die historisch gesehen dem Kapitalismus in der Bundesrepublik eine Epoche voraus gewesen sei, habe Weber die Zerstörung der Utopie durch die Partei gesetzt. Den von Hermann Weber aufgebauten Mannheimer DDR-Forschungsbereich gibt es inzwischen nicht mehr – die Gründe dafür beschreibt der Mannheimer in seinem Buch. Immerhin bewahrten sich seine Frau Gerda und er im Festhalten am »Prinzip links« den Glauben an die Möglichkeit einer besseren und gerechteren Welt. Inwiefern diese bessere Welt nun tatsächlich ein ausschließlich linkes Projekt ist, sei dahingestellt. Dass sie möglich ist, darin dürften sich alle drei Autoren so oder so einig sein. [1]  Greiffenhagen, Martin: Freiheit gegen Gleichheit? Zur Tendenzwende in der Bundesrepublik, Hamburg 1975. [2]  Weber, Hermann in Zusammenarbeit mit Gerda Weber: Damals als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002. [3]  Weber, Hermann/Pertinax, Lothar: Schein und Wirklichkeit der DDR. 65 Fragen an die SED, Stuttgart 1958. [4]  Davon zeugen seine zahlreichen Veröffentlichungen u. a. Seiffert, Wolfgang: Das ganze Deutschland. Perspektiven der Wiedervereinigung, München 1986; ders.: Die Deutschen und Gorbatschow. Chancen für einen Interessenausgleich, Erlangen 1987; Berg, Hermann von/Loeser, Franz/Seiffert, Wolfgang.: Die DDR auf dem Weg ins Jahr 2000, Köln 1987. [5]  Weber, Hermann: Ulbricht fälscht Geschichte. Ein Kommentar mit Dokumenten zum »Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Köln 1964. [6]  Weber, Hermann: Von der SBZ zur »DDR«. Bd. 1: 1945–1955, Hannover 1966.  [7] Weber, Hermann: Von der SBZ zur DDR 1945–1968, Hannover 1968. [8]  Weber, Hermann/Mählert, Ulrich: Auch in der Wissenschaft wird der Ost-West-Gegensatz schwächer, in: Frankfurter Rundschau vom 26. Juli 2001, S. 18. [9]  Seiffert, Wolfgang: Wladimir W. Putin. Wiedergeburt einer Großmacht?, München 2000. [10]  Faulenbach, Bernd: Nur eine »Fußnote der Weltgeschichte«? Die DDR im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in: Eppelmann, Rainer/Faulenbach, Bernd/Mählert, Ulrich (Hrsg.) im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung (Hermann Weber zum 75. Geburtstag), Paderborn 2003, S. 1–23. [11]  Wilke, Manfred/Crusius, Reinhard (Hrsg.): Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977. [12]  Dutschke, Rudi/Wilke, Manfred (Hrsg.): Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke. Reinbek bei Hamburg 1975. [13]  Wilke, Manfred: Die DDR – Wandlungen der historischen Deutschung, in: Eppelmann/Faulenbach/Mählert: Bilanz und Perspektiven (Anm. 10), S. 27–37. 

JHK 2007

Menachem Elkind, die linkszionistische Organisation Gdud Avoda und die Komintern. Drei Dokumente aus den Jahren 1926/27

Götz Hillig

Bei dem im September 1920 gegründeten Gdud Avoda (Legion der Arbeit)[1] handelt es sich um eine der markantesten Strömungen innerhalb des Spektrums der linkszionistischen Organisationen,[2] die von Angehörigen der dritten Welle der Alija (1919 bis 1923) auf dem Territorium des britischen Mandatsgebiets Palästina geschaffen wurden.[3] In der Mehrzahl stammten dessen Mitglieder aus Russland, und für die anstehenden nationalen Aufgaben in der »alt-neuen Heimat« waren sie zweifellos von der Oktoberrevolution 1917 und deren Auswirkungen geprägt. So erinnert die Namensgebung dieser Organisation an die Arbeitsarmeen (russ.: trudarmii) in der RSFSR.[4] Dabei handelte es sich bekanntlich um Formationen der Roten Armee, die Anfang 1920 auf Initiative des Kommandierenden der sowjetischen Streitkräfte Lev Trockij zum Wiederaufbau der Volkswirtschaft gegründet worden waren. Die Mitglieder des Gdud Avoda hatten sich den Aufbau einer einzigen großen Kommune zum Ziel gesetzt, die weit größer sein sollte als die kvutzot, die ersten jüdischen kollektiven Ansiedlungen in Palästina und Keimzellen der Kibbutzbewegung. Bei den kvutzot handelte es sich um kleine, selbst verwaltete landwirtschaftliche Betriebe aus maximal 20 Personen, die, so der israelische Historiker Henry Near, »lived in close proximity, with little or no privacy, and in a state of complete interdependence«[5].  Der Einfluss der Oktoberrevolution klingt auch in den ideologischen Vorstellungen der Gdudniki an. In Palästina sollte eine allgemeine Arbeiterorganisation geschaffen werden – eine einheitliche Kommune jüdischer Proletarier. Als Kern einer solchen Kommune galt selbstverständlich der Gdud, der diese Idee mit Hilfe der Prinzipien einer »kommunistischen« Struktur des Alltags seiner Anhänger verwirklichen wollte. Das fand seinen Niederschlag in der pyramidal angelegten Organisationsstruktur: Jede Einheit (pluga) mit einem gewählten Komitee an der Spitze entsandte ihre Vertreter in die zentralen Organe des Gdud.[6] Die plugot unterschieden sich bezüglich Größe, Zusammensetzung und »political culture« ihrer Mitglieder, die zur Erledigung verschiedener Aufträge in den Bereichen Straßen-, Bahnstrecken- und Wohnungsbau von Ort zu Ort zogen, d. h. Wanderarbeiter waren. Doch bereits Ende 1921 wurden in der Jesreelebene in Untergaliläa durch Personen aus dem Umfeld der kvutzot, die sich dem Gdud angeschlossen hatten, zwei feste Ansiedlungen gegründet, in denen fortan die Mehrzahl der Gdudniki lebte: die landwirtschaftlichen plugot und späteren Kibbutzim »Ejn Harod« und »Tel Josef«. Dadurch kam das »Nomadentum« weitgehend zum Erliegen, und der Gdud verwandelte sich nach und nach in einen Zusammenschluss von Arbeitern der ihm zugehörigen plugot.[7] Die Veränderung der Organisationsstruktur führte jedoch zu Spannungen innerhalb der Bewegung, 1923 auch zu Abspaltungen eines Teils der Mitglieder der landwirtschaftlichen plugot[8] und schließlich zur Herausbildung von drei Richtungen im Gdud: der Mitte (merkaz), der vor allem auf die Städte konzentrierten Linken (smol) und der mehrheitlich auf dem Lande lebenden Rechten (yamin).[9] Das erste der hier wiedergegebenen Dokumente spiegelt die Situation des Gdud Mitte 1926 mit Mehrheitsfraktion und linker »Politgruppe« im Großen und Ganzen adäquat wider. Ende 1926 kam es auf Betreiben des Gewerkschaftsbundes Histadrut (Vorsitzender: David Ben Gurion) zur Isolierung der Linken im Gdud und schon wenig später zu deren Ausschluss aus der gemeinsamen Organisation. Dem linken Gdud ha’smol, als der Minderheit, gehörten zu jenem Zeitpunkt (Januar 1927) 195 Mitglieder an.[10] Die Mehrheit (294 Personen an dem betreffenden Stichtag[11]) schloss sich knapp drei Jahre später dem neu gegründeten, ihr ideologisch nahe stehenden Verband Ha’kibbutz ha’meuchad (Vereinigter Kibbutz) an. Beide Fraktionen hielten übrigens weiterhin an der Idee des Aufbaus einer »jüdischen kommunistischen Gesellschaft« in Palästina fest. Nach Auffassung der Linken sollte der Gdud an der Spitze der Arbeiterbewegung stehen und die ersehnte soziale Revolution auf politischem Wege herbeiführen, während die Mehrheitsfraktion zunächst eine zahlenmäßige Vergrößerung des Gdud und damit dessen Stärkung anstrebte.[12] Mit dem Ziel, auf offiziellem Weg bzw. konspirativ Unterstützung zur Lösung der anstehenden Aufgaben zu erhalten, wandte sich der Gdud 1926 und 1927 an die Kommunistische Internationale (Komintern).  Autor der beiden nachfolgend publizierten Petitionen an das Exekutivkomitee der Komintern (EKKI) sowie Adressat der Antwort auf das zweite Schreiben war der »Chefideologe« der Politgruppe und spätere Anführer des Gdud ha’smol Menachem Elkind (russ.: Ėl’kind). Diese Dokumente befinden sich in den Akten des Komintern-Archivs im Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI), dem früheren Zentralarchiv der KPdSU. Während das erste Schreiben im Namen des noch ungeteilten Gdud verfasst wurde (unter den drei Unterzeichnern befand sich mit Izrael Shochat, einem der Gründer und Leiter des Weltverbandes sozialistischer jüdischer Arbeiter Poale Zion, ein weiterer führender Vertreter der linken Fraktion[13]), handelt es sich bei dem zweiten Dokument um einen Brief Elkinds als Vorsitzender (»ZK-Mitglied«) des abgespaltenen »linken Gdud«. Menachem (Mendel) Elkind stammte aus der heutigen Ukraine. Geboren 1897 in Berislav, Gouvernement Cherson, als Sohn eines Schächters, hatte er sich nach nur einjährigem Besuch des Gymnasiums in Evpatorija (Krim), das er mit Bestnoten absolvierte,[14] und einem nicht abgeschlossenen Studium der Mathematik am Polytechnischen Institut in Ekaterinoslavl’ (1916 bis 1918; heutiger Name der Stadt: Dnepropetrovsk) in Char’kov der zionistischen Bewegung angeschlossen und war 1919 nach Palästina übergesiedelt, wo er Gründungsmitglied des Gdud und schon bald einer seiner maßgeblichen Anführer wurde. Bei Elkind handelte es sich zweifellos um eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Ehemalige Gdudniki charakterisierten ihn als »tatkräftigen, aufrichtigen und selbstlosen Menschen« von »überragendem Intellekt«, »großen analytischen Fähigkeiten und Überzeugungskraft«. Der israelische Historiker Jakob Guren wies in einer Stellungnahme zu dem vorliegenden Manuskript allerdings darauf hin, dass Elkind im Vergleich zu anderen Führern der Arbeiter- und Kibbutzbewegung nur über relativ beschränkte politische und ökonomische Kenntnisse verfügte und sich deshalb unter ihnen als »Outsider« empfunden habe. Was veranlasste Elkind bzw. seine Organisation nun, Beziehungen zur Komintern aufzunehmen? Man könnte meinen, dass den Gdud (wie auch seine »linke« Abspaltung) und die Komintern ein gemeinsames Ziel verband – der Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft, weshalb sie an der Knüpfung ständiger Kontakte interessiert gewesen sein sollten. Der »Kommunismus« des Gdud war jedoch national orientiert. Wie auch für zahlreiche andere linke Zionisten der 20er und 30er Jahre wurde der Aufbau eines »kommunistischen« Palästina für den Gdud im Grunde genommen zu einer sekundären Aufgabe. Sollte sich dieses Ziel nicht erreichen lassen, blieb immer noch die Möglichkeit, in Palästina eine »jüdische nationale Heimstätte« zu errichten. Anders ausgedrückt, der Aufbau einer »kommunistischen« Gesellschaft innerhalb des Mandatsgebiets war für den Jischuw[15] deutlich zweitrangig. Dagegen stellte die Komintern eine Vereinigung von »Internationalisten« dar, die der Auffassung waren, dass sich die Lösung beliebiger nationaler (ihrer Bedeutung nach sekundärer) Aufgaben durch den Sieg der Weltrevolution gewissermaßen von selbst klären wird. Mehr noch, gerade wegen dieser Unterschiede bezüglich der Prioritäten der Ziele und Aufgaben hatte man dem Zionismus, einschließlich seiner »sozialistischen« Richtungen, auf dem II. Komintern-Kongress (1920) eine klare Absage erteilt.[16] Und dennoch schloss die Praxis des Vorgehens des EKKI die Möglichkeit von Kontakten zu verschiedenen »sozialistischen« und »kommunistischen« Gruppierungen innerhalb der zionistischen Bewegung nicht aus. Auch wenn sich der Antizionismus der Komintern zu einem Instrument der Disziplinierung entwickelt hatte, so galt dies nur für den innersowjetischen Gebrauch; außerhalb der UdSSR diente er zur Erweiterung des Einflusses der Komintern. Das bezog sich in erster Linie wohl weniger auf den Nahen Osten. Hier wurde dies vom EККI (das sich dabei keineswegs von theoretischen Erwägungen, sondern von einer pragmatischen Praxis leiten ließ) benötigt, um in jener Region einen »Stützpunkt« für eine künftige »sozialistische Revolution« zu schaffen. Doch seit 1924 existierte ein solcher »Stützpunkt« bereits. Dabei handelte es sich um eine recht unbedeutende Gruppe früherer Poale-Zionisten, die man – als Mitgliedssektion der Komintern – zur Palästinensischen Kommunistischen Partei (PKP) transformiert hatte.[17] Eine solche Transformation wurde aufgrund des strategischen Kurses der Komintern ermöglicht: Deren neue Anhänger aus den Reihen der PKP ließen von ihren »nationalistischen Illusionen« ab und wurden in eine Organisation zur »Revolutionierung« der arabischen »werktätigen Massen« umgewandelt.[18] Von nun an war jede »sozialistische« oder »kommunistische« Strömung in den Reihen des Jischuw verpflichtet, die in Moskau festgelegte Linie der PKP zu unterstützen und letztendlich in diese einzutreten. Andere Varianten der Zusammenarbeit mit der Komintern waren von vornherein ausgeschlossen. Damit ist jedoch die oben gestellte Frage, was den Gdud zur Kontaktaufnahme mit der Komintern veranlasste, noch keineswegs beantwortet. Weder die Mehrheitsfraktion dieser Organisation noch ihr linker Flügel mit Elkind an der Spitze hatten, wie die hier publizierten Dokumente bezeugen, geplant, sich von der zionistischen Idee in deren »kommunistischem« Gewand loszusagen, und im übrigen waren beide Fraktionen bezüglich der Möglichkeiten der PKP, vorsichtig ausgedrückt, kritisch eingestellt. Die aufmerksame Lektüre der in Moskau verfassten und der Leitung des EKKI vorgelegten Petitionen verdeutlicht, dass der Gdud (und seine linke Abspaltung) ausdrücklich das Bestreben hervorhob, die Bewahrung der »proletarischen Reinheit« der jüdischen Übersiedler nach Palästina zu unterstützen. Sein Ziel war es, die Ausbreitung »kleinbürgerlicher« Stimmungen in seinem Einflussbereich zu verhindern. Mit anderen Worten, der Gdud versuchte, die schon erloschenen Ideale eines »sozialistischen Zionismus« dadurch zu reaktivieren, dass er auf das Entstehen einer jüdischen nationalen Gesellschaft in Palästina hinwirkte, um schließlich deren führendes Zentrum zu werden, das alle übrigen Elemente des Jischuw um sich vereinigt. Hätten derartige Aktivitäten überhaupt Erfolg haben können? Die Führung des Gdud war davon offenbar überzeugt, zumal der Jischuw sich noch in der Etappe seiner Formierung befand. Er sah sich weiterhin mit den komplizierten Auswirkungen von Immigration und Remigration in Palästina konfrontiert. Die nationale jüdische Gesellschaft in Palästina war noch weit davon entfernt, mit ihrer vollständigen Realisierung rechnen zu können. Die Anhänger des Gdud vertraten die Meinung – und glaubten wohl auch aufrichtig daran, ohne gleich Kommunisten sowjetischer Prägung werden zu wollen –, dass der Appell an die Komintern ihnen helfen würde, von dieser damals als einflussreich geltenden internationalen Organisation Unterstützung zur Lösung ihrer eigenen politischen Aufgaben in Palästina zu erhalten. Die Antwort des Ost-Sekretariats des EKKI vom September 1927 – obwohl formell an Elkind und damit an den »linken Gdud« gerichtet, betraf sie im Grunde genommen doch beide Fraktionen – wie auch die zahlreichen Vermerke leitender Mitarbeiter jenes Sekretariats auf den Petitionen beweisen, dass dies eine Illusion war. Die Komintern weigerte sich nicht nur, den Gdud (bzw. dessen linke Fraktion) als sympathisierende Organisation oder gar Mitglied anzuerkennen (dafür wäre es erforderlich gewesen, den Beschluss des II. Kongresses über die Missbilligung des Zionismus zu revidieren und die Rechtmäßigkeit der Formierung des Jischuw anzuerkennen), sondern hielt auch an der Gleichsetzung dieser Bewegung mit den führenden »bürgerlichen« Parteien der jüdisch-palästinensischen Gesellschaft fest. Das EKKI bestand unnachgiebig auf einer Unterstützung der PKP sowie auf der Akzeptanz antizionistischer Positionen durch den Gdud, einschließlich der Verwirklichung brüderlicher Beziehungen zur »arabischen national-revolutionären Bewegung«. Im besten Fall wurde ihm angeboten, dem Kurs der palästinensischen Kommunisten zu folgen, die zu diesem Zeitpunkt im Zuge der korenizacija (Verwurzelung in der ortsansässigen Bevölkerung) bereits in die Phase der »Arabisierung« eingetreten waren. Und das bedeutete nichts anderes, als dass sich die PKP von jenem nationalen (jüdischen) Milieu, in dem sie entstanden war, weit entfernt hatte. Der misslungene Versuch der linken Gdud-Fraktion, die Anerkennung durch die Komintern zu erreichen, sollte sich als Hauptursache für ihren Verfall erweisen. Hinzutrat die soziale und ökonomische Situation in Palästina im Gefolge der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre. Der enorme Anstieg der Arbeitslosigkeit veranlasste ab 1928 etwa ein Drittel der Mitglieder des Gdud ha’smol, in die Sowjetunion überzusiedeln. Der Aufbau einer »kommunistischen Gesellschaft« in Palästina (wie auch die Realisierung der Ziele des Zionismus) war vorerst in weite Ferne gerückt. Damals hatte sich der »linke Gdud« in der Person seines Vorsitzenden Elkind an die sowjetische Führung mit der Bitte gewandt, den Mitgliedern zu ermöglichen, sich in einem der neuen jüdischen Ansiedlungsgebiete auf dem Territorium der Sowjetunion niederzulassen. Entsprechende konspirative Vorgespräche hatte Elkind laut Zeugnis der israelischen Historikerin Anita Shapira mit dem damaligen Sekretär des ZK der PKP Josef Berger (Berger-Barsilai) geführt.[19] Schon bald erhielt er von den sowjetischen Behörden eine positive Antwort.[20] Zur Regelung der mit der Übersiedlung seiner Anhänger anstehenden Fragen reiste Elkind Ende August 1927 vorab in die UdSSR.  Im Juli 1928 wurde im Rayon Evpatorija (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Krim) die landwirtschaftliche Kommune »Vojo Nova«[21] gegründet. Ihr Leiter war Elkind selbst – allerdings nur bis Anfang 1931. Die »große kvutza« und der Organisator der Reimmigration und Kommuneleiter Menachem Elkind gerieten schnell in die Mühlen des Social Engineering in der Sowjetunion unter Stalin. Die wirtschaftliche Lage am Vorabend der Zwangskollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft war unsicher. Man setzte die Anhänger des »linken Gdud« mit den an jedwedem Sozialismus desinteressierten und in der Landwirtschaft weitgehend unkundigen Übersiedlern aus den Schtetln der Ukraine und Belorusslands gleich. Der auf Freiwilligkeit und allgemeiner Egalität beruhende Kommunegedanken wurde pervertiert und, verbunden damit, die Kommune in eine Kolchose umgewandelt. Es folgten die Ausmerzung der Kibbutz-»Ketzerei« und deren Ablösung durch die sowjetische Ideologie sowie, letztendlich, die politischen Repressionen in der Zeit des »Großen Terrors«. Im Dezember 1937 wurde Elkind entsprechend einer standardisierten Beschuldigung der »Zusammenarbeit mit dem englischen Nachrichtendienst« verhaftet und bereits im Februar 1938 zum Tode verurteilt und erschossen.[22] Anmerkung des Autors zu den Dokumenten: Das handschriftliche Original des ersten der hier in deutscher Übersetzung wiedergegebenen Dokumente (jeweils vier Blatt, beidseitig beschrieben) enthält Eintragungen (Unterstreichungen, seitliche Anstreichungen, Fragezeichen) sowie einen Vermerk des politischen Referenten des OstSekretariats des EKKI P. V. Kitajgorodskij. Von dem zweiten Dokument existieren zwei Varianten: das handschriftliche Original und eine Schreibmaschinenabschrift. Von dem dritten Dokument sind drei maschinenschriftliche Fassungen archiviert: ein Entwurf von einem Mitarbeiter des Ost-Sekretariats namens Šelike[23], eine erste Fassung mit Korrekturen des Mitglieds der Abteilungen Ferner Osten und Naher Osten des Ost-Sekretariats V. I. Rajt sowie die Vorlage der endgültigen Fassung mit Anmerkungen desselben und des Mitglieds des Politsekretariats des EKKI und gleichzeitigen Mitglieds der Abteilungen Ferner Osten und Naher Osten des OstSekretariats B. I. Vasil’ev. Auf die Varianten mit den entsprechenden Vermerken wird in den Fußnoten verwiesen. Kitajgorodskij, Rajt und Vasil’ev fielen 1937/38 ebenfalls dem »Großen Terror« zum Opfer.[24] Dokument 1: Memorandum einer Delegation des Gdud Avoda an die OstAbteilung des EKKI (Mitte Mai 1926)[25]   An das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale  Ost-Abteilung   Von der Delegation der Palästinensischen Kommune Gdud Avoda   Memorandum   I. Über den Gdud Avoda Die Kommune »Gdud Avoda« in Palästina besteht seit 5 Jahren und zählt jetzt ca. 700 Mitglieder. Diese Kommune unterscheidet sich grundsätzlich von anderen Kolchosen, palästinensischen und russischen, durch ihren ökonomischen und organisatorischen Aufbau. 1.)        Der Gdud (so werden wir der Kürze halber unsere Kommune im weiteren nennen) ist nicht an einem geographischen Ort konzentriert, er ist über verschiedene Teile Palästinas verstreut (Obergaliläa, Jesreelebene, Haifa, Tel Aviv, Jerusalem) und besteht aus acht lokalen Gruppen, von denen die kleinste 20 und die größte 240 Mitglieder zählt. 2.)        Der Gdud betätigt sich nicht nur in einem Wirtschaftszweig. Er verfügt über Gruppen, die Ackerbau betreiben (ähnlich den landwirtschaftlichen Kommunen in Russland), sowie städtische Gruppen. Die drei städtischen Gruppen, die Haifaer, die Afulaer und die Tel Aviver, beschäftigen sich mehr oder weniger mit einer gleichartigen Arbeit, und zwar dem Bau von Häusern und Straßen, doch in der Jerusalemer (der größten der städtischen Gruppen) gibt es Steinbrucharbeiter, Steinmetze, Schlosser und Monteure. 3.)        Unterschiedlich sind auch die ökonomischen Beziehungen der Mitglieder des Gdud sowie des Gdud als Ganzem zu jenen Betrieben, in denen seine Genossen arbeiten. In der Landwirtschaft erfüllen die Mitglieder des Gdud nicht nur die Rolle von Arbeitern, sondern auch von Leitern der jeweiligen Wirtschaftseinheit, die dem Gdud als einem Kollektiv gehört, während in den städtischen Gruppen die Mitglieder des Gdud größtenteils als Tagelöhner oder im Akkord arbeiten, doch auch in den städtischen Gruppen hat der Gdud eigene Werkstätten (Tischlerei, Schlosserei) sowie Steinbrüche, die auf Bestellung und für den Markt arbeiten. Diese Besonderheiten des ökonomischen Aufbaus des Gdud verweisen darauf, dass seine verschiedenen Gruppen untereinander nicht durch einen einheitlichen Produktionsprozess verbunden sind. Der Gdud ist nicht nur eine Produktionskommune. Was aber vereint alle Genossen des Gdud zu einem einheitlichen Ganzen? Worin besteht der eigentliche Sinngehalt dieses kollektiven Organismus? Dieser Sinngehalt ist ein zweifacher: ein ökonomischer und ein ideologischer. 1.)        Unter ökonomischem Aspekt stellt der Gdud, als einheitliches Ganzes, eine Verbraucherkommune dar, die alle Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sowohl die materiellen als auch die kulturellen, aus deren Einkünften befriedigt, die in die gemeinschaftliche Kasse des Gdud fließen. Gleichzeitig damit erfüllt der Gdud eine weitere ökonomische Funktion – die Versorgung seiner Mitglieder mit Arbeit, er macht für sie Arbeiten ausfindig, weist sie darin ein und versetzt sie, wenn ihm das angebracht oder es erforderlich erscheint, von einem Arbeitsplatz auf einen anderen. 2.)        Unter ideologischem Aspekt stellt der Gdud eine Arbeiterbewegung dar, deren Ziel der Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft in Palästina ist, wobei er zugleich eine nationale Aufgabe erfüllt – Unterstützung beim Aufbau eines jüdischen werktätigen Zentrums in Palästina. Dabei geht der Gdud in seiner Tätigkeit konkret von der Tatsache eines spontanen Prozesses der Konzentration der jüdischen Massen daselbst aus. Der Gdud betrachtet die Übersiedlung jüdischer Elemente, die sich »laborisieren«, nach Palästina als einen progressiven Faktor, der zur Industrialisierung des Landes und zur Schaffung der Vorbedingungen einer sozialen Revolution, neben der Gesundung der jüdischen Ökonomie[26], beiträgt. Die Verwirklichung dieses Ziels ist letzten Endes nur durch einen sehr komplizierten und komplexen Prozess des Klassenkampfes möglich, in welchem der Gdud es sich zur Aufgabe gemacht hat, daran aktiv teilzunehmen und dabei eine Pionieraufgabe zu erfüllen. Bereits durch die Tatsache seiner Existenz in Palästina und mehr noch durch den Kampf um seine Existenz nimmt der Gdud an jenen Prozessen teil, die auf elementare Weise zur Verwirklichung seines eigentlichen Ziels führen. An diesen Prozessen beteiligt sich der Gdud nicht als eine untätige Gruppierung, die der allgemeinen Richtung folgt, sondern als die bewusste Avantgarde der jüdischen Arbeiterklasse, die sich im tagtäglichen Klassenkampf von ihrem eigentlichen historischen Ziel leiten lässt. Außer dieser Teilnahme am allgemeinen historischen Prozess erfüllt der Gdud spezielle Pionieraufgaben, die auf die Verwirklichung seines eigentlichen Ziels ausgerichtet sind. Die Erfüllung dieser Aufgaben unterliegt bestimmten Bedingungen und ergibt sich aus den Besonderheiten der ökonomischen Struktur des Gdud. 1.)        Indem der Gdud alle Bedürfnisse seiner Mitglieder, von der Ernähung bis zur Kindererziehung, auf kollektive Weise befriedigt, hat er die Arbeitsteilung, die in der uns umgebenden Gesellschaft nur auf dem Gebiet der Produktion existiert, auch auf dem Gebiet der Konsumtion eingeführt und dadurch die ökonomische Grundlage der Hauptzelle des bürgerlichen Lebens – der Familie – zerstört und die Basis für den Aufbau eines neuen Gemeinschaftslebens geschaffen, des Lebens einer kommunistischen Gesellschaft. Mit der Konzentration aller Bedürfnisse in den Händen spezieller Institutionen hat der Gdud seine Genossen davon befreit, einen Großteil ihrer Freizeit für Kleinigkeiten und alltägliche Dinge zu verwenden, die mit der Befriedigung verschiedener Bedürfnisse verbunden sind. Diese Freizeit kann nun zur Verbesserung des kulturellen Niveaus der Mitglieder genutzt werden, der Befriedigung verschiedener kultureller Bedürfnisse und der Entwicklung ihres Klassenbewusstseins. 2.)        Durch den Aufbau einiger Kollektivwirtschaften, in denen die Mehrzahl der Mitglieder des Gdud arbeitet (wobei der Arbeitslohn eines jeden Mitglieds in die gemeinsame Kasse fließt, und zwar jener Mitglieder, die nicht in seinen Betrieben arbeiten), befreit der Gdud sie alle von jenem unmittelbaren, oft wirtschaftlich egoistischen Stimulus. Für die Organisation seiner Kollektivwirtschaft und die Stimulierung der Produktivität seiner Mitglieder muss der Gdud ihnen neue psychologische Grundlagen der wirtschaftlichen Tätigkeit vermitteln, jene Grundlagen, auf denen die Wirtschaft einer kommunistischen Gesellschaft beruhen wird. Die Aufdeckung dieser neuen Grundlagen und der Modi ihrer Verankerung in der Psyche der Arbeiter – das ist die zweite pionierhafte Aufgabe des Gdud beim Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft. Wir betonen das Wort »pionierhaft«, weil wir nicht den Illusionen der utopischen Sozialisten des vorigen Jahrhunderts verfallen wollen, wonach sich im Rahmen eines bürgerlichen Regimes die ganze Volkswirtschaft oder doch ein bedeutender Teil derselben in eine kollektive Form überführen lässt. Wir meinen jedoch, dass in einer Epoche, die den Vorabend einer weltweiten sozialen Revolution darstellt, die Ausarbeitung der inneren wirtschaftlich-psychologischen und kulturell-alltagsbedingten Grundlagen von großer Bedeutung ist, auf die sich eine kollektive Bewegung der Massen stützen muss, die jetzt nach der sozialen Revolution entsteht und sich erfolgreich entwickeln kann, wenn zuvor die Hauptmeilensteine ihres Weges bestimmt worden sind. Und diese Bahnung des Weges für die kollektive Bewegung der Massen bezeichnen wir als Pionieraufgaben.  3.)        Neben diesen Pionieraufgaben kollektivistischen Charakters, die mit seiner ökonomischen Struktur organisch verknüpft sind, stellt sich der Gdud bezüglich der Übersiedlung jüdischer werktätiger Elemente nach Palästina auch einer ganzen Reihe von Pionieraufgaben nationalen Charakters. Bei diesen Aufgaben handelt es sich um die Aneignung schwerster körperlicher Arbeit, welcher die in Palästina proletarisierten jüdischen Massen nur widerwillig folgen, solange keine Verfahren gefunden und eingeführt worden sind, die solche Arbeiten wie die Amelioration und erste Besiedlung sumpfiger und unbewohnter Landstriche erleichtern, die mit Gefahren für die Gesundheit verbunden sind. Die besonderen Schwierigkeiten bei der Erfüllung dieser Aufgaben schrecken die Mehrheit der jüdischen Immigranten in Palästina davon ab,[27] und deshalb sehen sich die nationalen kolonisatorischen Gesellschaften (die Zionistische Organisation[28] und die Jüdische Kolonisationsgesellschaft[29]), die keine Sympathien für den Kollektivismus hegen, dennoch gezwungen, unsere Kollektivwirtschaften und -unternehmen, die von nationaler und pionierhafter Bedeutung sind, zu finanzieren. Wenn wir all das von uns über die Tätigkeit des Gdud bezüglich der Realisierung seines eigentlichen Ziels Gesagte resümieren, lässt sich seine gesellschaftliche Rolle in aller Kürze wie folgt bestimmen: 1.)        Als eine der organisierten Gruppen der Arbeiterklasse Palästinas beteiligt sich der Gdud aktiv und bewusst am Klassenkampf gegen die kapitalistische Ordnung. 2.)        Als eine originelle gesellschaftliche ökonomische Organisation erfüllt der Gdud besondere Pionieraufgaben bezüglich der Vorbereitung der inneren Grundlagen einer kommunistischen Gesellschaft und für den Aufbau eines jüdischen werktätigen Zentrums in Palästina.[30] Zur Einschätzung der Bedeutung des Gdud innerhalb der jüdischen Arbeiterklasse Palästinas muss man noch folgendes hinzufügen: 1.)        Die kollektivistische Form des Gdud bewahrt den proletarischen Charakter der Elemente, die ihm angehören, und hält sie vor dem Übergang in die Klasse des Kleinbürgertums zurück – einer in Palästina als einem Immigrationsland weit verbreiteten Erscheinung. Ein Arbeiter, der nicht dem Gdud angehört und über eine gewisse Qualifikation und Kenntnis der lokalen Bedingungen verfügt, hat die Möglichkeit, unerfahrene und nicht qualifizierte Arbeiter und Immigranten auszubeuten sowie, mittels dieser Ausbeutung, die Etappe der »ursprünglichen Akkumulation« zu durchlaufen und sich dann selbst in einen Unternehmer zu verwandeln[31]. Ein Arbeiter, der sein Schicksal dagegen mit dem Gdud verbindet, hat keine Möglichkeit, seine Lage auf einem anderen Weg zu verbessern, als durch die Verbesserung[32] der Lage des Kollektivs, das seinerseits von der Lage der Arbeiterklasse insgesamt abhängig ist. Das Fehlen dieser Möglichkeit entwickelt und festigt das Klassenbewusstsein jenes Arbeiters, der dem Gdud angehört. 2.)        Faktisch ist im Gdud gegenwärtig das radikalere Arbeiterelement Palästinas konzentriert, und der Gdud formiert sich zu einer revolutionären wirtschaftlichen Organisation, mutatis mutandis vergleichbar der »Minderheitsbewegung«[33] in England, deren Mitglieder auf der Basis des revolutionären Klassenkampfes stehen und den progressivsten Kern in der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter bilden. II. Die Politgruppe im Gdud Eine der gesellschaftlich-historischen Funktionen des Gdud ist seine Teilnahme, als Organisationseinheit, am Klassenkampf, verstanden im weiteren Sinn des Wortes, d. h. sowohl ökonomisch als auch politisch. Ohne über ein bestimmtes politisches Programm im engeren Sinn dieses Wortes (Minimalprogramm) zu verfügen, entscheidet der Gdud jede politische Frage, die im Verlauf des Klassenkampfes in Palästina auftaucht, vom Gesichtspunkt seines eigentliches Ziels, und dort, wo dieser Gesichtspunkt verschiedene Interpretationen zulässt, entscheidet die Mehrheit über die Art und Weise des Verhaltens des Gdud. Die überwiegende Mehrheit der Genossen des Gdud gehört keiner politischen Partei an. Das Programm der rechten Arbeiterparteien, die zur Zeit unter den jüdischen Arbeitern Palästinas tonangebend sind,[34] sagt ihnen nicht zu,[35] und zugleich besteht eine Kluft zur PKP, hauptsächlich bezüglich der nationalen Frage und der Taktik in Palästina. Der Prozess der ideologischen Differenzierung und die Umwertung der Werte, die sich jetzt unter allen Arbeitern Palästinas im Zusammenhang mit der ungewöhnlichen Zunahme der Immigration in das Land[36] sowie der Veränderung[37] des Charakters der jüdischen Kolonisierung Palästinas abspielen, und insbesondere die Diskussion einer ganzen Reihe allgemeiner politischer Fragen im Gdud trugen zur Herausbildung einer politischen Gruppe innerhalb des Gdud bei. Diese Gruppe arbeitet gegenwärtig ein eigenes politisches Programm aus, und es ist ihr bereits gelungen, ihre Position in einigen wichtigen Fragen abzuklären. Ausgangspunkt des Programms der Gruppe ist das eigentliche Ziel des Gdud. Zu den politischen Wegen, die zum Erreichen dieses Ziels führen, zählt die Gruppe die soziale Revolution und den Sturz der Herrschaft des Imperialismus im allgemeinen und des britischen Imperialismus in Palästina im besonderen. Auf diese Weise orientiert sich die Gruppe an der Komintern, doch zugleich gibt es zwischen der Gruppe und der kommunistischen Partei einen grundlegenden Unterschied in der Einschätzung der Bedeutung der jüdischen Immigration und der jüdischen Bevölkerung in Palästina sowie in den sich daraus ergebenden Fragen der Taktik der kommunistischen Partei daselbst. Die Gruppe erachtet es noch als verfrüht, die Frage dieser Differenzen der Komintern zur Beurteilung vorzulegen, wodurch sich die Frage ihres Eintritts in die Komintern verzögert[38], doch zugleich erachtet sie eine bestimmte Koordination in den Handlungen, die auf die gemeinsamen Ziele gerichtet sind, als aktuell und zweckdienlich[39]. Diese Koordination lässt sich in der Etablierung ständiger beiderseitiger Beziehungen aufnehmen:[40] 1) zwischen der Politgruppe und der Komintern, 2) zwischen dem Gdud und verschiedenen Institutionen und Organisationen der UdSSR. Die Verbindungen zwischen der Komintern und der Politgruppe sollen darauf gründen, dass die Komintern unsere Gruppe als eine revolutionäre, gegen den britischen Imperialismus gerichtete Kraft einschätzt, die eine aktive Rolle sowohl im Kampf gegen das britische Regime als auch in der sozialen Revolution in Palästina spielen wird.[41] Die unmittelbar anstehenden konkreten Aufgaben der Gruppe bestehen darin, jene Vorbedingungen zu schaffen, welche die Kraft des subjektiven Faktors des revolutionären Prozesses gewährleisten – des palästinensischen Arbeiters und der nationalen Befreiungsbewegung. Diese Aufgaben sind wie folgt: 1.)        Kampf um die Einheitsfront in der palästinensischen Gewerkschaftsbewegung im palästinensischen Maßstab (Wiederaufnahme der ausgeschlossenen Mitglieder der Arbeiterfraktion in die Gewerkschaftsorganisation)[42] und im Weltmaßstab (Vereinigung der Amsterdamer Internationale mit der Profintern). 2.)        Schaffung einer einheitlichen jüdisch-arabischen Front gegen den englischen Imperialismus, anstelle des heute, unter dem Einfluss der Engländer, existierenden arabisch-jüdischen Antagonismus. 3.)        Kultur- und Bildungsarbeit innerhalb des Gdud sowie innerhalb von Arbeitergruppen ihres Umfelds, die auf eine Verstärkung des Klassenbewusstseins und der Revolutionierung der Arbeiterklasse Palästinas zielt. 4.)        Organisierung und Stabilisierung einer klassengemäß orientierten Streitmacht.[43] Zur Realisierung des allgemeinen Kontaktes bei der Verwirklichung der beiden ersten Aufgaben und zur Klärung der konkreten Formen der Unterstützung durch Euch bei der Erfüllung der beiden letzten Aufgaben müssen wir unsere Verhandlungen in persönlichen Gesprächen fortsetzen. Die Verbindungen zwischen dem Gdud sowie den Institutionen und Organisationen der UdSSR können den folgenden konkreten Inhalt haben: a)               Austausch von Erfahrungen und Errungenschaften auf dem Gebiet des Aufbaus kollektivistischer Wirtschaftsformen und Lebensformen in Kommunen zwischen den russischen Kolchosen und dem Gdud. b)         Weiterbildung des Personals der Kinderhäuser[44] des Gdud in entsprechenden Mustereinrichtungen der UdSSR. c)         Verbindungen mit Versuchs- und wissenschaftlichen Einrichtungen des Volkskommissariats für Landbau sowie des Zentralen Instituts für Arbeit[45]. Diese Verbindungen zwischen dem Gdud und den oben genannten Einrichtungen der UdSSR, die auch in Palästina als völlig legal gelten, haben außerdem noch eine indirekte Bedeutung, und zwar als ein Mittel zur Tarnung jener illegalen Verbindungen, die zwischen der Komintern und der Politgruppe des Gdud realisiert werden sollen, der außer ihrem unmittelbaren Nutzen einerseits[46] in der Unterstützung des Gdud bei der Erfüllung seiner pionierhaften konstruktiven[47] Aufgaben und andererseits in der Popularisierung der UdSSR als dem Zentrum und Paten[48] für Arbeiterorganisationen jedweder Art besteht.   Mit kameradschaftlichem Gruß Die palästinensische Organisation »Gdud Avoda«. [Unterschriften:] M. Ėl’kind, I. Šochat, B. Mechonaj Dokument 2: Brief des Mitglieds des ZK des linken Flügels des Gdud Avoda Menachem Elkind an das Sekretariat der Ost-Abteilung des EKKI vom 13. September 1927[49] An das Exekutivkomitee der Komintern Sekretariat der Ost-Abteilung Moskau Über den (linken) Gdud Avoda in Palästina 1.)        Der (linke) Gdud Avoda ist ein Bündnis von Kommunen städtischer und landwirtschaftlicher Arbeiter. Es vereinigt 4 Kommune-Gruppen mit einer Gesamtzahl von 230 Genossen. Die städtischen Gruppen befinden sich in Jerusalem, Jaffa und Haifa, die landwirtschaftliche in Tel Josef. Die städtischen Gruppen arbeiten vor allem auf Baustellen, wofür sie Aufträge als ArbeiterArtel’[50] bekommen. Manchmal übernehmen sie auch Aufträge außerhalb der erwähnten Städte an verschiedenen Orten Palästinas, Transjordaniens und Syriens, und manchmal werden aus Mitgliedern des Gdud zeitweilige Gruppen für die Ausführung bestimmter Arbeiten organisiert. Die Jerusalemer Gruppe hat auch eigene Werkstätten – Tischlerei und Schlosserei. Die Tel Josefer Gruppe arbeitet in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb, der faktisch der zionistischen Organisation gehört und von einem selbst verwalteten Kollektiv landwirtschaftlicher Arbeiter genutzt wird. In diesem Kollektiv bildet die Gruppe jener Genossen, die dem Gdud Avoda (dem linken) angehören, eine Minderheit (60 von 190 Personen), die aus politischen Motiven aus dem Betrieb verdrängt wird. Die städtischen Gruppen arbeiten bei privaten Arbeitgebern (Unternehmern), und sie haben, ungeachtet der schlechten Lage auf dem Arbeitsmarkt in Palästina, mehr oder weniger sichere Arbeitsplätze. 2.)        Der Gdud Avoda stellt einen organischen Teil jener spezifischen Bewegung dar, die im Kreis der jüdischen Arbeiter Palästinas unter der Bezeichnung »kollektivistische Bewegung« existiert. Diese Bewegung, die vier- bis fünftausend Mitglieder (15 bis 20 Prozent der Gesamtzahl der gewerkschaftlich Organisierten) zählt und ihrer Form nach eine ökonomische Bewegung darstellt, war jedoch zunächst mit einer bestimmten ideologischen Grundlage verknüpft. Die Mitglieder dieser Bewegung sind in Kommune- oder Artel’-Gruppen organisiert, von denen jede zwischen 10 und 250 Genossen zählt. Jede Gruppe stellt eine selbständige wirtschaftliche Einheit dar, die sich die Mittel zur Existenz durch gemeinsame Arbeit ihrer Mitglieder erwirbt. Diese Gruppen machen den Ort ihrer Beschäftigung in drei Bereichen ausfindig: 1) in großen landwirtschaftlichen Betrieben, die aus Mitteln der zionistischen Organisation gegründet und ihnen zur Nutzung überlassen wurden; 2) in privaten Plantagenwirtschaften, wo sie Verträge zur Bearbeitung der Plantagen erhalten; 3) im Bauwesen, wo die Gruppen ihre Aufträge von Bauunternehmern erhalten. Eine ideologische Begründung dieser Bewegung war die spezielle Theorie des konstruktiven Sozialismus[51], die ihre Elemente einerseits aus dem utopischen Sozialismus des vorigen Jahrhunderts und andererseits aus dem Gildensozialismus[52] in England und Frankreich der Nachkriegszeit [Fehler im Text, gemeint ist die Vorkriegszeit, d. h. die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg] schöpfte. 3.)        Die konkreten historischen Voraussetzungen, die diese kollektivistische Bewegung und ihre Theorie – den konstruktiven Sozialismus – bedingten, waren: a)               Die erste Nachkriegswelle der jüdischen Immigration nach Palästina, die ungefähr zehntausend Menschen ins Land brachte, von denen fast niemand über Kapital verfügte, das für den Aufbau eines Betriebs erforderlich ist, wobei diese Menschen sozialistisch orientiert waren. b)              Das Fehlen einer entwickelten privatkapitalistischen Wirtschaft in Palästina, die diese Immigration als Lohnarbeiter hätte absorbieren können.[53] c)         Das Vorhandensein von Kolonisationsfonds bei der zionistischen Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, diese Fonds für die Besiedlung Palästinas mit Juden in dieser oder jener Wirtschaftsform zu verwenden. Aufgrund dieser Voraussetzungen behauptete die Theorie des konstruktiven Sozialismus, dass in Palästina ein jüdisches sozialistisches Gemeinwesen durch unvermögende jüdische Immigranten mit Mitteln der Kolonisationsfonds der zionistischen Organisation errichtet und Palästina auf diese Weise, indem es die kapitalistische Wirtschaftsform hinter sich lässt, in das Reich des Sozialismus gelangen wird. Und tatsächlich wurde eine ganze Reihe großer Kollektivwirtschaften (zwischen 30 und 40) geschaffen, errichtet mit Mitteln der zionistischen Organisation und der die Kollektive leitenden Arbeiter; es wurden Straßen- und Hausbau-Artel’s sowie eine zentrale Organisation geschaffen, die wiederum eine ganze Reihe von Aufträgen im Straßen- und Hausbau von der zionistischen Organisation und mit deren Unterstützung auch von der Regierung[54]erhielt. 4.)        In dieser ganzen Bewegung nahm der Gdud Avoda, der 500 bis 700 Mitglieder, vereinigt in fünf bis acht Gruppen, zählte, einen markanten Platz ein. Sein spezifisches Gewicht in der Bewegung war bedeutend größer als sein quantitatives Gewicht (10 bis 20 Prozent der gesamten kollektivistischen Bewegung). Seine gesellschaftliche Bedeutung beruhte darauf, dass er sich als das größte der Kollektive stets den Fragen der kollektivistischen Bewegung in ihrer Gesamtheit, ihrer Ziele und Perspektiven stellte, während sich die kleineren Kollektive für diese Fragen gewöhnlich wenig interessierten, weshalb sie auf deren Lösung auch weniger vorbereitet waren. Außerdem war der Gdud Avoda in seiner Mehrheit parteilos, und als er sich noch auf der Plattform des konstruktiven Sozialismus befand, ging man an die Entscheidung aller Fragen, die sich den Arbeitern Palästinas stellten, ausschließlich von den Interessen dieser Bewegung, als Selbstzweck, aus. Das unterschied ihn in den Augen der Kollektive vorteilhaft von den reformistischen Parteien, die in vielen Fragen der kollektivistischen Bewegung nicht nur den Interessen dieser Bewegung als solcher entsprechen müssen, sondern generell aufgrund ihrer engen organischen Verbindung mit der zionistischen Organisation auch den verschiedenen, manchmal sich widersprechenden gesamtzionistischen Interessen. 5.)        Der Anstieg der jüdischen Immigration nach Palästina, der einen Massencharakter annahm (40 000 Menschen im Verlauf der Jahre 1924–[2]6), rief äußerst folgenschwere Veränderungen bezüglich der Voraussetzungen der jüdischen Kolonisation in Palästina hervor: a)               Unter den Immigranten befand sich, neben Mittellosen, auch eine beträchtliche Zahl Vermögender, die sich in Palästina eine privatkapitalistische Existenz aufbauen wollten. b)         Dem schnellen Anstieg der Zahl der Immigranten und insbesondere der Zahl mittelloser Immigranten entsprach die Zunahme der Kolonisationsfonds der zionistischen Organisation ganz und gar nicht. Diese Fonds erwiesen sich als außerstande, die Produktionsmittel zu gewährleisten und allen nicht vermögenden Immigranten eine Existenz zu ermöglichen. Die Mehrheit von ihnen wäre auf die absorbierende Kraft der neu geschaffenen privatkapitalistischen Wirtschaft angewiesen gewesen. c)         Unter den Mitgliedern der zionistischen Weltorganisation entstand ein konkretes und unmittelbares Interesse an den Wirtschaftsformen der Kolonisationstätigkeit der zionistischen Administration in Palästina. Aufgrund der kleinbürgerlichen Zusammensetzung der Mitglieder der zionistischen Organisation führte dieses Interesse zur Negation kollektivistischer und genossenschaftlicher Wirtschaftsformen, die früher von den Kolonisationsfonds gemäß den Forderungen der ersten Siedler geschaffen worden waren, und zwar zur Unterstützung der Wirtschaft von Kleineigentümern. Alle diese Veränderungen haben während des Prozesses der jüdischen Kolonisierung Palästinas im Laufe einer kurzen Zeit zu einer solchen Veränderung des Verhältnisses zwischen den kollektivistischen und den privatkapitalistischen Wirtschaftsformen zugunsten der zweiten geführt, dass die Theorie des reformistischen konstruktiven Sozialismus scheitern und die kollektivistische Bewegung in Palästina eine zweifache Krise erleben musste: а) eine ideologische – infolge des Scheiterns der Theorie des konstruktiven Sozialismus; b) eine ökonomisch-organisatorische – infolge der Konkurrenz mit den privatkapitalistischen Wirtschaftsformen, vor allem infolge des Abgangs qualifizierter Genossen aus den Kommunen auf den privatkapitalistischen Arbeitsmarkt. 6.)        Diese Krise hat die Leiter des Gdud Avoda zu folgenden Schlussfolgerungen veranlasst: a)                dass unter den Bedingungen der bürgerlichen Ordnung an den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft mittels des Konstruktivismus – der Errichtung von Kollektivwirtschaften – nicht zu denken ist; b)                dass es bei dieser Gesellschaftsordnung auch keine Möglichkeit einer vollen und normalen Entwicklung der bestehenden Kollektive gibt; c)                dass der Kampf um die Existenz und die Entwicklung der Kollektive vor allem ein Kampf für den Sturz der bestehenden Ordnung und die Errichtung einer proletarischen Diktatur ist, unter der eine erfolgreiche Entwicklung kollektivistischer Formen der Wirtschaft und des Gemeinwesens einzig und allein denkbar ist.  Diese Schlussfolgerungen fanden im Gdud und in einigen anderen Kollektiven ein breites Echo. Damals hatten die reformistischen Leiter des jüdischen Gewerkschaftsbundes und der in ihm dominierenden Partei Achdut ha’avoda einen erbitterten Kampf gegen den linken Flügel des Gdud aufgenommen, deren Ergebnis die Spaltung des Gdud war, ausgelöst vom rechten Flügel auf Anraten der Gewerkschaftsführer. 7.)        Die Politisierung des Gdud (des linken) stellt ihn in aller Schärfe vor die Frage der Wechselbeziehungen mit allen politischen Kräften und Gruppierungen, die in jenem Umfeld existieren, in dem er sich betätigen muss. Da er die bevormundende Kraft des reformistischen gewerkschaftlichen Apparates und der herrschenden reformistischen Parteien gegen sich hat, benötigt der Gdud die moralisch-politische Unterstützung von Verbündeten und Gesinnungsgenossen. Die Plattform des Gdud bestimmt seine möglichen Verbündeten im Voraus. Sie befinden sich im Lager der Komintern, die im weltweiten Maßstab den Kampf um das Erreichen jenes Ziels führt, das sich auch der Gdud gestellt hat. Auf dem Weg dorthin gibt es jedoch einige gravierende Hindernisse zwischen uns und dem Vertreter der Komintern in Palästina – der PKP. Prinzipielle Meinungsverschiedenheiten zwischen uns und der PKP bestehen in der nationalen Frage. Wir sind der Auffassung, dass die PKP die jüdische Bevölkerung Palästinas einschließlich der jüdischen Arbeiter als eine reale politische Kraft, die man im Kampf gegen den englischen Imperialismus in Palästina berücksichtigen muss, unterschätzt und sich einseitig an der arabischen nationalen Bewegung orientiert. Mit diesen prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten sind auch die taktischen Motive verbunden, die uns von einer allzu engen Verbindung mit der PKP abhalten. Wir meinen, solange sich die Position der PKP bezüglich der jüdischen nationalen Frage in Palästina nicht ändern wird, kann sie nicht nur nicht damit rechnen, eine Massenpartei für den jüdischen Arbeiter in Palästina zu sein, sondern wird, im Gegenteil, von der überwältigenden Mehrheit der jüdischen Arbeiter sogar als eine feindselige Partei betrachtet werden. Eine enge Verbindung zwischen uns und der PKP würde uns in solch eine isolierte Lage zur Masse der jüdischen Arbeiter bringen, was für uns äußerst unerwünscht wäre. Zugleich halten wir es für möglich, mit der PKP in all jenen Fragen zusammenzuarbeiten, bei denen wir keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten haben, und in diesen Fragen in einer Einheitsfront mit der Partei offen aufzutreten. Dazu gehört gegenwärtig fast das gesamte Gebiet der gewerkschaftlichen Arbeit, der Kampf um die Einheit[55], die Arbeit der Internationalen Hilfe für die Kämpfer für die Revolution (MOPR)[56] u. a. 8.)        Indem wir an einer gewissen Demarkationslinie zwischen uns und der PKP konsequent festhalten, erachten wir jedoch die Anerkennung unserer Organisation durch die Komintern als eine ihr freundlich gesonnene politische Arbeitergruppierung für erforderlich. Diese Anerkennung ist für uns, vor allem wegen ihrer moralischen Bedeutung, wichtig, aber wir rechnen damit, dass dies unvermeidlich zu einer Veränderung der Beziehungen zwischen uns und der PKP führen muss. Indem wir eine offene Kritik unserer Positionen in einer beliebigen Frage und im Rahmen eines beliebigen Forums, von den Versammlungen des Gdud bis zu den Gewerkschaftskongressen, als völlig legitim anerkennen, erachten wir jedoch in Zukunft jene desorganisierenden Verfahren des Kampfes, die die PKP gegenüber den reformistischen Parteien und bis jetzt auch uns gegenüber benutzt, in Bezug auf uns als unzulässig. Unsere Verbindung mit der Komintern soll es uns ermöglichen, Fragen und Vorschläge, die sich auf das politische Leben Palästinas beziehen, mit ihr zu erörtern, und uns auch die Möglichkeit der Ausbildung unserer Genossen an Kommunistischen Hochschulen[57] einzuräumen. Andererseits sind wir verpflichtet, unsere technischen Kräfte und die ökonomischen Verbindungen, die der Durchführung jener Arbeiten dienen, die wir als prinzipiell positiv erachten, der Komintern zur Verfügung zu stellen.   Mit kameradschaftlichem Gruß M. Ėl’kind Mitglied des ZK des (linken) Gdud Avoda  Moskau, 13. 9. 27   Dokument 3: Antwort des Ost-Sekretariats des EKKI an Menachem Elkind vom 29. September 1927[58] 29. September 1927   Lieber Freund, nachdem wir uns mit der Lage im Gdud Avoda vertraut gemacht haben, konstatieren wir,[59] dass es in dieser Gruppe noch viele nationalistische und opportunistische Überbleibsel gibt. Sie hat sich noch nicht endgültig von Einflüssen der »Theorie« des konstruktiven Sozialismus[60] befreit, was sich in der Überbewertung der Bedeutung zeigt, die den Kollektiven von ihr entgegengebracht wird. Andererseits misst diese Gruppe dem politischen Kampf der Arbeiterklasse unter Leitung der kommunistischen Partei noch keine ausreichende Bedeutung bei[61]. Und das Allerwichtigste – bei dieser Gruppe sind nationalistische Vorurteile geblieben, was sich in der zwiespältigen Beziehung zur arabischen nationalen Befreiungsbewegung zeigt, die man einerseits als eine revolutionäre, antiimperialistische Bewegung richtig einschätzt, sie andererseits jedoch – indem man diese Bewegung mit einigen ihrer jetzigen reaktionären Führer gleichsetzt – als eine reaktionäre Bewegung bezeichnet. Man braucht nicht viele Worte darüber zu verlieren, dass solche chauvinistischen Ansichten die Mitglieder des Gdud unweigerlich zu den rein kolonialistischen Ansichten der s[ozial]d[emokratischen] Partei Agdud Avoda[62] über die Konfrontation der Interessen jüdischer und arabischer Werktätiger und zu einer völlig falschen und unzulässigen Einschätzung der PKP als Götz Hillig einer Partei führen, die zur Umwandlung in eine »rein arabische« tendiert und »nicht in der Lage ist, die Interessen der jüdischen Werktätigen zu schützen«. Unter Hinweis darauf[63], dass Ihre Arbeit im Kreis jüdischer Arbeiter ein Echo auch unter den Mitgliedern landwirtschaftlicher Kollektive gefunden hat, empfehlen wir Ihnen[64], die Tätigkeit unter diesen Gruppen von Arbeitern zu verstärken. Diesen Arbeitern muss man geduldig und beharrlich die Fehlerhaftigkeit ihrer Ansichten verdeutlichen, indem unter ihnen die Propaganda vor allem in der Richtung geführt wird, dass ihnen die völlige Übereinstimmung der Interessen der jüdischen und arabischen Werktätigen sowie der utopische und reaktionäre Charakter der Ideen des konstruktiven Sozialismus erklärt wird, der Notwendigkeit des Kampfes gegen den englischen Imperialismus und den Zionismus (in all seinen Varianten), als seinen Agenten, und des Blocks der Arbeiterbewegung mit der arabischen nat[ional]-rev[olutionären] Bewegung. Bei der Arbeit in den Reihen des Gdud (wie auch anderer Kollektive) muss man sich zugleich nicht nur mit seinen Leitern, sondern vor allem mit seinen einfachen Mitgliedern in Verbindung setzen. Man muss Propaganda für die Verstärkung ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit machen und sie unter anderem zur Arbeit in den Reihen der Bewegung »Einheit« heranziehen. Insbesondere muss man auf der Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation der arabischen Arbeiter bestehen. Man muss eine Annäherung der landwirtschaftlichen Kollektive an die arabischen Fellachen und in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter für den gemeinsamen Kampf gegen die englische Verwaltung und die Grundbesitzer erreichen. 29. IX.  27. Übersetzung der Dokumente aus dem Russischen von Götz Hillig in Verbindung mit Edgar Günther-Schellheimer (Mittenwalde-Motzen)  [1]  Siehe Near, Henry: The Kibbutz Movement. A History. Bd. 1, Oxford 1992, S. 65. [2]  Die Zahl der Mitglieder des Gdud Avoda im Herbst 1920 wird mit 40 angegeben. Siehe Kibuc včera, segodnja, zavtra [Der Kibbutz gestern, heute, morgen], Jerusalem 1998, S. 17. Laut Kratkaja Evrejskaja Ėnciklopedija [Kleine Jüdische Enzyklopädie]. Bd. 2, Jerusalem 1982, Sp. 45 sind »in der Blütezeit« des Gdud (1920 bis 1926) »ca. 2 000 Tausend Personen durch seine Reihen gegangen«. In einer Publikation aus dem Jahr 1926 heißt es, dass »in all den fünf Jahren durch den Gdud 4 000 Mann gegangen sind«. Ch., L.: Prazdnovanie pjatiletnego jubileja Gduda [Die Feier des fünften Jahrestages der Gründung des Gdud], in: Evrejskaja proletarskaja mysl’ (Moskau), Nr. 37–39 vom Januar 1926, Sp. 65. Henry Near führt aus: »It is estimated that some 3,000 people passed through the Gedud during the first five years; but at no time did it have more than 700 members, and most of the time it numbered between 500 and 600.« Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 74. [3]  Der Begriff bezeichnet die jüdische Immigration nach Palästina. Alija (Iwrith/Neuhebräisch) bedeutet Aufstieg nach Zion bzw. Erets Israel/Palästina und ist ein religiös verbrämter Terminus des zionistischen politischen Diskurses, der zum einen den Prozess der Übersiedlung von Juden in ihre »historische« Heimat und zum anderen einzelne Gruppen von Übersiedlern bezeichnet, die in einem bestimmten Zeitabschnitt oder aus einem bestimmten Land dorthin gelangten.  [4]  Siehe Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 63. [5]  Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 72. [6]  Siehe Ebenda, S. 82; Kibuc včera (Anm. 2), S. 54. [7]  Hierzu und zu folgendem siehe Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 137 f. [8]  Siehe Merchav, Peretz: Die israelische Linke. Zionismus und Arbeiterbewegung in der Geschichte Israels, Frankfurt a. M. 1972, S. 58; Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 77 f. [9]  Siehe dazu Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 114; Merchav: Die israelische Linke (Anm. 8), S. 58. [10]  Siehe Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 143. [11]  Siehe Merchav: Die israelische Linke (Anm. 8), S. 58; Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 143. [12]  Siehe Near: The Kibbutz (Anm. 1), S. 141. [13]  Siehe ebenda, S. 140. Über den dritten Unterzeichner des Memorandums, B. Mechonaj, ließen sich keine näheren Informationen ermitteln. [14]  Siehe das Abiturzeugnis vom 24. Mai 1916. Privatarchiv von Ėjli Ėl’kind (Sohn von Menachem Elkind), Moskau. [15]  Jischuw (Iwrith): Bezeichnung für die jüdische Bevölkerung Palästinas, aber auch für die Gesamtheit der von dieser bis zur Gründung des Staates Israel 1948 geschaffenen politischen, öffentlichen und ökonomischen Institutionen. [16]  Siehe Vtoroj kongress Kominterna (ijul’–avgust 1920 g.) [Zweiter Kongress der Komintern (Juli bis August 1920), Moskau 1934, S. 495. Siehe auch Die Kommunistische Internationale (Auswahl von Dokumenten der Kommunistischen Internationale von der Gründung bis zum VI. Weltkongreß, 1919–1927). Berlin (DDR) 1955, S. 131. Zum Verlauf der Diskussion dieser Frage siehe Kosač, G. G.: Krasnyj flag nad Bližnym Vostokom? Kompartii Egipta, Palestiny, Siriii, Livana v 20–30-e gody [Die Rote Fahne über dem Nahen Osten? Die Kommunistischen Parteien Ägyptens, Palästinas, Syriens und Libanons von den 20er bis 30er Jahren], Moskau 2001, S. 155–167. [17]  Laut Kosač: Krasnyj flag (Anm. 16), S. 192 betrug die Zahl der Mitglieder der PKP, bei denen es sich im Gründungsjahr 1924 ausschließlich um Juden gehandelt hatte, am 1. Februar 1925 lediglich 160 Personen. [18]  Siehe dazu Offenberg, Mario: Kommunismus in Palästina. Nation und Klasse in der antikolonialen Revolution, Meisenheim am Glan 1975, S. 236–328.  [19]  Siehe Shapira, A.: Visions in Conflict (Iwrith), Tel Aviv 1990, S. 200. [20]  Heller, Otto: Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage, ihre Kritik, ihre Lösung durch den Sozialismus. Wien u. Berlin 1931, S. 308. [21]  Vojo Nova (Esperanto) bedeutet Neues Leben. [22]  Siehe dazu Hillig, Götz: Auf der Suche nach dem Paradies. Zur Rückkehr einer Gruppe von Kommunarden aus Palästina in die Sowjetunion, in: Ders.: Aufschwung und Krise der Kibbutzbewegung. Ein lehrreiches kommunitäres Experiment. Zwei Vorträge. Oldenburg 2003, S. 57–110; Ders. [Chillig, Getc]: »Vojo-Nova« v Krymu – zabytaja sel’chozkommuna (kibuc)/»Vojo Nova« auf der Krim – eine vergessene landwirtschaftliche Kommune (Kibbutz), Marburg 2005. Die israelische Literatur, darunter die oben erwähnte Publikation von Shapira (siehe Anm. 19) sowie der Artikel »Ėl’kind Mendel’ (Menachem)« in der Kratkaja evrejskaja ėnciklopedija [Kleine jüdische Enzyklopädie], Jerusalem 2001, Bd. 10, Sp. 616 f. enthält eine Reihe unzutreffender Angaben zu dessen Biographie: geb. 1894 (statt 1897), Aufenthalt im Rahmen einer Delegation des Gdud in Moskau 1925 (statt 1926); Ausreise seiner Anhänger in die UdSSR und Gründung der Kommune »Vojo Nova« 1927 (statt 1928), später Übersiedlung mit der Familie zunächst nach Leningrad (statt direkt nach Moskau), Beschäftigung in der Hauptstadt als Redakteur der jiddischen Zeitung »Ėmes« (statt als Ökonom in einer Sowchose bei Moskau und später in der Planungsabteilung der Moskauer KaganovičKugellagerwerke), beide Söhne im sowjetisch-deutschen Krieg gefallen (was nur für den 1924 geb. ersten Sohn Urij zutrifft – Ėjli, geb. 1926, war nicht an der Front und lebt heute in Moskau). [23]  Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 495, op. 81, d. 64, Bl. 15. Zu dieser Person ließen sich keine näheren Angaben ermitteln. [24]  Persönliche Mitteilung von G. G. Kosač gegenüber dem Autor. [25]  RGASPI, f. 495, op. 81, d. 64, Bl. 42–49 (Original, Handschrift Menachem Elkinds mit den Unterschriften der drei Delegationsmitglieder). Zitiert wird aus diesem Dokument bei Kosač: Krasnyj flag (Anm. 16), S. 205 f.   Zusätze auf dem Dokument: 1. Vermerk P. V. Kitajgorodskijs auf dem Rand von Seite 1 (links oben): »Die Org[anisation] ›Gdud‹ verhält sich gegenüber der UdSSR wohlwollend, besonders ihr linker Flügel. Mit ihr Verbindungen zu knüpfen lohnt sich, sie ließe sich für Informationsziele verwenden. 19 15/V 26 [Unterschrift:] Kitajgorodskij«. (2) Vermerk über die Ablage des Dokuments: »[…] zu Nr. 530508/so/20/V 26«. Hieraus lässt sich der Zeitpunkt seiner Abfassung (Mitte Mai 1926) erschließen. [26]  Damit ist der von jüdischen Unternehmern und Arbeitern bestrittene Anteil an der Ökonomie Palästinas gemeint. [27]  Der nachfolgende Teil dieses Satzes ist am linken Rand durch einen Doppelstrich hervorgehoben. [28]  Zionistische Organisation, die World Zionist Organization (WZO), gegründet 1897 auf dem 1. Zionistenkongress in Basel. [29]  Die im Original nachfolgende russische Abkürzung »USA« ist nicht eindeutig. Sehr wahrscheinlich ist damit die 1908 zum Landerwerb in Palästina geschaffene Gesellschaft der Zionistischen Organisation, Palestine Land Development Co. (PLDC), gemeint. [30]  Dieser Satz ist am linken Rand durch einen Strich sowie ein Fragezeichen gekennzeichnet. [31]  Neben den Worten »und sich dann selbst in einen Unternehmer zu verwandeln« steht am linken Rand ein Fragezeichen. [32]  Der nachfolgende Teil dieses Satzes ist am linken Rand mit einem Fragezeichen versehen. [33]  Minority Movement, von der KP Großbritanniens 1924 zur Schaffung einer einheitlichen Gewerkschaftsfront im Lande organisiertes Koordinationszentrum revolutionärer tradeunistischer Strömungen. [34]  Dabei handelte es sich in erster Linie um die »reformistischen Organisationen« Achdut ha’Avoda (Union der Arbeit; gegründet 1919), die führende politische Partei des Jischuw (Vorsitzender David Ben Gurion), und Ha’poel ha’Zair (Der junge Arbeiter, gegründet 1905). [35]  Der nachfolgende Teil dieses Satzes ist am linken Rand durch Wellenlinie und Fragezeichen gekennzeichnet. [36]  Dies war durch den Anstieg der Emigration von Juden aus Polen infolge des sich dort verstärkenden Antisemitismus sowie durch die 1924 in den USA erfolgte Einführung von Immigrationsquoten bedingt. [37]  Die Worte »Zunahme der Immigration in das Land sowie der Ver-« sind mit einer Wellenlinie unterstrichen. [38]  Die Worte »der Komintern zur Beurteilung vorzulegen, wodurch sich die Frage ihres Eintritts in die Komintern verzögert« sind unterstrichen und mit einem Fragezeichen versehen. [39]  Die Worte »erachtet sie eine bestimmte Koordination in den Handlungen, die auf die allgemeinen Ziele gerichtet sind, als aktuell und zweckdienlich« sind mit einer Wellenlinie unterstrichen.  [40]  Der nachfolgende Teil dieses Absatzes ist mit einer Wellenlinie unterstrichen und einem Fragezeichen versehen. [41]  Dieser Absatz ist am linken Rand mit einer Wellenlinie versehen. [42]  Die von der KP Palästinas, einem Konkurrenten der PKP, im November 1922 organisierte Arbeiterfraktion innerhalb der jüdischen Gewerkschaftsorganisation Histadrut war 1924 aus dieser ausgeschlossen worden.  [43]  In den Jahren 1921 bis 1926 bestand eine geheime militärische Organisation des Gdud namens Kibbutz (Ha’kibbutz). Gerechtfertigt wurde dies mit möglichen Konflikten mit der britischen Mandatsmacht, arabischen bewaffneten Einheiten sowie »bourgeoisen Zionisten«.  Shochat und Elkind gehörten ganz offensichtlich zu den Leitern dieser Organisation. Es ist davon auszugehen, dass die Delegation des Gdud, die sich im Mai 1926 in Moskau aufhielt, auch Gespräche über eine finanzielle Unterstützung der Komintern für den Kauf von Waffen sowie den Erwerb von Flugzeugen und die Ausbildung von Mitgliedern des Gdud in sowjetischen Militärfliegerschulen geführt hat. Siehe dazu Tsahor S.: Vaadat ha’birur lebdikat »ha’kibbuc ha’hashan« be Gdud ha’avoda [Komission zur Untersuchung des »geheimen Kibbutz« im Gdud ha’avoda], in: Cathedra (Jerusalem), H. 53 vom Dezember 1990, S. 128–154. [44]  Kinderhaus (russ.: detskij dom) – Ort der gemeinsamen Unterbringung und Erziehung der Kinder innerhalb der landwirtschaftlichen Siedlungen. [45]  Zentrales Institut für Arbeit (russ. Central’nyj institut truda, Abk.: CIT) in Moskau, gegründet 1920 zur Erforschung und Propagierung der Rationalisierung von Arbeitsprozessen (Taylorismus). [46]  Die Worte »in der Unterstützung des Gdud bei der Erfüllung seiner pionierhaften konstruktiven Aufgaben und andererseits in der Popularisierung der UdSSR als dem Zentrum und Paten für Arbeiterorganisationen jedweder Art besteht« sind am linken Rand angestrichen. [47]  Das Wort »konstruktiven« ist unterstrichen. [48]  Das Wort »Paten« (russ. šef) ist mit einer Wellenlinie markiert. [49]  RGASPI, f. 495, op. 81, d. 64, Bl. 3–6 (Bl. 6 mit Rückseite – Original (Handschrift Menachem Elkinds); Ebenda, Bl. 9–14 (maschinenschriftliche Kopie). Zusatz von fremder Hand auf der ersten Seite des Originals (rechts oben): »Geheim«. Stempel: »Archiv des EKKI«. Nummerierung der Unterpunkte in der Kopie anstelle lateinisch »a«, »b«, »c«: russisch »a«, »b«, »v«. Kosač: Krasnyj flag (Anm. 16) S. 206 zitiert auch aus diesem Dokument, wobei Ort und Datum des Briefes (»Moskau, 13. 9. 27«) jedoch irrtümlich als Datum des Empfangs »eines Schreibens aus Palästina« in der »Ostabteilung des EKKI« bezeichnet werden. [50]  Artel’ ist eine russische genossenschaftliche Vereinigung, zu der sich Personen verschiedener handwerklicher Berufe für die Produktion und die Erledigung von Aufträgen zeitweise zusammenschließen. [51]  Konstruktiver Sozialismus, Konzeption des russischen Sozialrevolutionärs Viktor M. Černov (1873 bis 1952) in dessen gleichnamigem Werk Konstruktivnyj socializm [Konstruktiver Sozialismus]. Bd. 1, Prag 1925. Dabei handelte es sich um eine Theorie der Abfolge von Stadien, der zufolge das zionistische Element, einschließlich der Forderung nach nationaler Solidarität und »Solidarität zwischen den Klassen«, zunächst dominieren müsse, unter Zurückstellung des Klassenkampfes für eine sozialistische Regierung der Arbeiter. [52]  Gildensozialismus, eine dem Syndikalismus nahe stehende, in Großbritannien entwickelte Lehre von der praktischen Realisierung des Sozialismus.  [53]  Dieser Absatz fehlt in der Schreibmaschinenabschrift des Dokuments. [54]  Zur Erschließung von Palästinas Norden hatte die Mandatsregierung ein groß angelegtes Straßenbauprogramm initiiert. [55]  Damit ist die Möglichkeit gemeinsamer Aktivitäten mit den Kommunisten in der Bewegung Ichud (Einheit) gemeint. [56]  Meždunarodnaja organizacija pomošči borcam revoljucii (Internationale Hilfsorganisaton für die Kämpfer für die Revolution), auch: Internationale Rote Hilfe (gegründet 1922). Sie gewährte Opfern des »weißen Terrors« Unterstützung. [57]  Kommunističeskie vuzy, die Lehranstalten der Komintern. [58] RGASPI, f. 495, op. 81, d. 64, Bl. 15 f. (Entwurf der ersten Fassung, Autor: Šelike, datiert: »17. IX. 27«; Handschrift); Ebenda, Bl. 33 f. (erste Fassung: datiert: »28. IX. 27«, Maschinenschrift; handschriftliche Änderungen von V. I. Rajt, dessen Unterschrift); Ebenda, Bl. 1 f. (Vorlage für die endgültige Fassung, Maschinenschrift, ohne Unterschrift). Bemerkung von V. Rajt an die Adresse B. Vasil’evs und dessen Antwort auf der ersten Seite der endgültigen Fassung des Briefs (links oben): »An Gen. Vasil’ev: Der ›Bericht‹ des Gdud-Avoda hat einen einzigen Zweck. Sein Ziel ist, Land für ihre Übersiedler in die UdSSR zu bekommen. Hier haben wir Leute, wie wir sie brauchen. / Aber im Zusammenhang [Unterstreichung im Original] mit dem Bericht entstand bei uns eine Reihe von Fragen, die wir auch im Brief an Abuzijam [Abuzijam, Deckname von V. Averbuch (1898 bis 1941), Generalsekretär der PKP; Anm. des Autors.] ansprechen werden. I/X [Unterschrift] V. Rajt«. »Dieser Brief beantwortet überhaupt nicht jene Fragen, die in Ėl’kinds Brief gestellt werden und auf die man eine Antwort geben muss. [Unterschrift] B. Vasil’ev 2/X«. Kosač: Krasnyj flag (Anm. 16), S. 207, der auch aus diesem Brief zitiert, bezeichnet ihn dabei irrtümlich als Antwort des EKKI an die Führung der PKP und interpretiert seinen Inhalt als Weisung der Komintern zum weiteren Vorgehen der palästinensischen Kommunisten gegenüber dem Gdud. [59]  Anstelle der Worte »Lieber Freund! Nachdem wir uns mit der Lage im Gdud Avoda vertraut gemacht haben, konstatieren wir« heißt es im Entwurf dieses Briefes: »Nachdem das OstSekretariat sich mit der Lage im Gdud Avoda vertraut gemacht hat, konstatiert es eine Ernüchterung von dem nat[ionalen] chauvinistischen Rausch, der im Milieu der jüdischen Arbeiter in Palästina und auch im Gdud entstanden ist, der seine ›Theorie‹ des konstruktiven Sozialismus überwunden hat und den Weg des konsequenten Klassenkampfes einschlägt. Man muss allerdings auch konstatieren«. [60]  Anstelle »der ›Theorie‹ des konstruktiven Sozialismus« heißt es im Briefentwurf: »der konstruktivistischen Theorien«. [61]  Anstelle »misst diese Gruppe […] bei« heißt es im Briefentwurf: »misst man […] bei«. [62]  Anstelle »der s. d. Partei Agdud Avoda« heißt es im Briefentwurf irrtümlich: »des Gdud Avoda«. Gemeint ist Ben Gurions Achdut ha’Avoda. [63]  Anstelle von »Unter Hinweis darauf« heißt es im Briefentwurf: »Konstatierend«. [64]  Anstelle der Worte »auch unter den Mitgliedern landwirtschaftlicher Kollektive gefunden hat, empfehlen wir Ihnen« heißt es im Briefentwurf: »auch unter den früher besonders chauvinistisch orientierten Mitgliedern der Kollektive gefunden hat, empfiehlt das Ost-Sekretariat Ihnen«. 

JHK 2007

Stalins Vollstrecker. Biographisches zu den sowjetischen Geheimdienstchefs Ivan Serov, Viktor Abakumov und Sergej Kruglov

Matthias Uhl

Petrov, Nikita Vasil’evič: Pervyj predsedatel’ KGB Ivan Serov [Der erste Vorsitzende des KGB Ivan Serov], Moskau: Materik 2005, 416 S., ISBN 5-85646-129-0 Smyslov, Oleg Sergeevič: General Abakumov. Vsesil’nyj chozjain SMERŠa [General Abakumov. Der allmächtige Herr der SMERŠ], Moskau: Veče 2005, 448 S., ISBN 5-9533-0974-0 Abramov, Vadim: Abakumov – načal’nik SMERŠa. Vzlet i gibel’ ljubimca Stalina [Abakumov – Chef der SMERŠ. Aufstieg und Sterben des Stalin-Lieblings], Moskau: Jauza u. Ėksmo 2005, 352 S., ISBN 5-699-12315-6 Bogdanov, Jurij Nikolaevič: Ministr stalinskich stroek. 10 let vo glave MVD [Minister der Stalinschen Bauten. 10 Jahre an der Spitze des MVD], Moskau: Veče 2006, 608 S., ISBN 5-9533-1690-9 In den letzten 15 Jahren wurden in Russland mehr als 3 000 Bücher über die sowjetischen Geheimdienste Tscheka, GPU, OGPU, NKVD/NKGB, MVD/ MGB und KGB veröffentlicht. Im Blickpunkt der letzten Jahre standen dabei v. a. die handelnden Personen. Rund 750 Memoiren und Biographien sowjetischer Staatssicherheitsminister, Nachrichtendienstfunktionäre, Geheimdienstoffiziere und Agenten wurden seit 1991 auf den russischen Buchmarkt geworfen. Vier Neuerscheinungen zu den Geheimdienstchefs Ivan Serov (erster KGBVorsitzender 1954 bis 1958), Viktor Abakumov (Minister für Staatssicherheit 1946 bis 1951) und Sergej Kruglov (Minister des Innern 1946 bis 1956)[1] sollen an dieser Stelle diskutiert werden. Die Präsentation der Biographien zeigt Chancen und Grenzen der neueren russischen Historiographie zum Wirken der Geheimdienste auf.  Der »Große Terror« 1937/38 bedeutete nicht nur Leiden und Tod für Millionen von Menschen, zugleich eröffnete er einer ganzen Generation einmalige Aufstiegschancen im politischen und wirtschaftlichen System der Sowjetunion unter Stalin. Das Imperium der übermächtigen Geheimpolizei NKVD bildete hierbei keine Ausnahme. Hier spülten die Säuberungen die genannten drei Männer ins Zentrum des wichtigsten Herrschaftsinstrumentes. Sie verbanden ihren unbedingten Aufstiegswillen mit den Karrierechancen, die die Diktatur bot, und gelangten durch absolute Loyalität und widerspruchslose Umsetzung der ihnen von der kommunistischen Partei gestellten Aufgaben an die Spitze des polykratischen Geheimdienstapparates.  Die Herkunft von Serov (geb. 1905), Abakumov (geb. 1907) und Kruglov (geb. 1908) ähnelt sich in auffallender Weise. Alle drei entstammen drei niedrigen sozialen Schichten. Ivan Aleksandrovič Serov wurde, ebenso wie Sergej Nikovorovič Kruglov, als Sohn landarmer Bauern geboren. Viktor Semenovič Abakumovs Vater war Fabrikarbeiter in Moskau, seine Mutter Putzfrau.  Auf die steilste Karriere der drei Geheimpolizeichefs konnte Ivan Aleksandrovič Serov zurückblicken. Seinem Aufstieg und Fall widmete der Memorial-Mitarbeiter Nikita Petrov, der bereits 2002 zusammen mit Mark Jansen eine überaus gelungene Ežov-Biographie vorgelegt hatte, ein 2005 in Moskau beim Verlag Materik erschienenes Buch. Serov, der 1923 seine Schulbildung beendete und im gleichen Jahr in den Komsomol eintrat, setzte zunächst auf eine Karriere in der Armee. 1925 begann er ein Studium an der Militärschule in Leningrad. Ein Jahr später wurde er Parteimitglied. Von 1928 bis 1938 blieb er Angehöriger der Roten Armee, wo er vom Zugführer bis zum Stabschef eines Regimentes im Rang eines Majors aufstieg. Nach Abschluss der als »Kaderschmiede« geltenden Frunse-Militärakademie gelangte Serov als Seiteneinsteiger zum NKVD, wo er auf Beschluss der VKP(b) sofort zum stellvertretenden Chef der Hauptverwaltung Miliz berufen wurde. Gleichzeitig beförderte ihn die Partei zum Major der Staatssicherheit, was dem Rang eines Brigadekommandeurs bei den Streitkräften entsprach.  Ähnlich steil verlief auch die Karriere Kruglovs, der allerdings beim Aufstieg zunächst auf die Partei setzte. Wie Serov war auch er 1923 in den Komsomol eingetreten, Mitglied der VKP(b) wurde er 1928. Nach der Arbeit als Traktorist und dem Wehrdienst studierte er von 1931 bis 1937 in Moskau, um dann im ZK der VKP(b) als Mitarbeiter der Abteilung Parteiführungsorgane tätig zu sein. Ein gutes Jahr später wurde Kruglov im Zuge des Amtsantritts von Lavrentij Berija als NKVD-Chef zum »Sonderbevollmächtigten« des Volkskommissariates für Inneres ernannt, um dort nach dem Ende des »Großen Terrors« die internen Säuberungen durchzuführen. Auch er erhielt den Rang eines Majors der Staatssicherheit.  Obgleich diese Seiteneinsteigerprofile äußerst interessant sind, können weder Petrov noch der Autor der Kruglov-Biographie, Jurij Bogdanov, genaue Gründe dafür angeben, warum die Wahl der Parteiführung ausgerechnet auf diese beiden Kandidaten fiel. Fest steht jedoch, dass die Berufung in derart hohe Funktionen ohne Zustimmung der höchsten Machtstellen nicht erfolgt wäre.  Abakumov hingegen begann seine Karriere bereits früh beim Geheimdienst. Bereits als 13-jähriger hatte er der 2. Moskauer Brigade der Sondereinheiten des ZK der VKP(b) angehört. 1925 war er zunächst als Arbeiter tätig, zwei Jahre später wechselte er zum Industriewachschutz in Moskau, im selben Jahr trat er in den Komsomol ein. 1930 wurde er Komsomolsekretär eines Pressenwerkes, ein Jahr später Leiter der Militärabteilung des Kreiskomitees des Komsomol Zamoskvoreckogo. 1932 begann er ein Praktikum bei der Wirtschaftsabteilung der OGPU. 1934 wechselte er zur Abteilung Lagerbewachung des GULag. 1937 wird er Leutnant der Staatssicherheit in der Politischen Geheimabteilung der Hauptverwaltung Staatssicherheit. Ein gutes Jahr später ist der unter Protektion seines Chefs Bogdan Kobulov stehende Abakumov bereits Leiter des NKVD im Gebiet Rostov und Hauptmann der Staatssicherheit.  1939 ist für Serov und Kruglov das Schlüsseljahr ihrer weiteren Karriere. Wenige Wochen nach Dienstantritt im Geheimdienst erhält Serov den Chefposten der Hauptverwaltung Miliz. Ende Juli 1939 ist er Leiter der 2. Abteilung der Hauptverwaltung für Staatssicherheit und am 2. September desselben Jahres Innenminister der Ukrainischen SSR. Im gleichen Jahr wird er ebenfalls zum Kommissar der Staatssicherheit III. Ranges befördert und steht damit im Rang eines Korpskommandeurs. Wenige Tage nach seiner Ernennung greift die UdSSR entsprechend dem Geheimprotokoll des Nichtangriffspaktes Polen an und besetzt die so genannte »Westukraine«. Bei der Sowjetisierung dieser Territorien ist Serov, der für seine »Verdienste« den ersten seiner vier Leninorden erhält, an Massenerschießungen polnischer Offiziere beteiligt. Allein in Charkov werden im Mai 1940 insgesamt 3 820 polnische Militärangehörige erschossen. Auch im 1940 besetzten Baltikum empfiehlt sich der Geheimdienstoffizier als brutaler Sowjetisierer.  Kruglov festigt währenddessen seine Position im NKVD als einflussreicher Chef der Kaderabteilung und wird damit stellvertretender Geheimdienstchef. Zugleich steigt er in der Parteinomenklatur zum Kandidaten des ZK auf.  Abakumov wird in dieser Zeit ebenfalls zum stellvertretenden Volkskommissar des NKVD befördert und übernimmt die 3. Abteilung, die für Spionageabwehr bei der Miliz, den NKVD- und Grenztruppen verantwortlich ist. Von Mai bis Juni 1941 ist er in Estland an »Maßnahmen zur Säuberung« des Baltikums »von antisowjetischen, kriminellen und sozial gefährlichen Elementen« beteiligt.  Mit Beginn des deutschen Angriffes auf die Sowjetunion steigt Abakumov zum Chef der Spionageabwehr auf, deren Aufgabe jetzt der Kampf gegen Spionage und Verrat in der Roten Armee sowie gegen Deserteure im Frontbereich ist. Allein zwischen dem 22. Juni und dem 1. Dezember 1941 nahm die Militärabwehr des NKVD mehr als 35 000 Personen fest, von denen 14 473 erschossen wurden. Gleichwohl gelang es in den ersten Kriegsjahren kaum, die Zahl der Deserteure merklich zu senken. Doch selbst wer sich aus der deutschen Einkreisung zur Frontlinie durchgeschlagen hatte, geriet in die Fänge Abakumovs. Bis Ende 1942 landeten 354 592 Soldaten und Offiziere der Roten Armee, die sich aus den Kesseln der Wehrmacht oder aus der Gefangenschaft befreit hatten, in 27 Speziallagern, wo sie brutalen Verhören und Überprüfungen unterzogen wurden. Am 19. April 1943 kam es schließlich zur Bildung der SMERŠ. Hinter dieser Abkürzung, die »Smert’ špionam!« (Tod den Spionen!) bedeutet, verbarg sich die neu gebildete Militärabwehr des Verteidigungsministeriums, der ab jetzt alle Streitkräfte unterstanden. Zu ihrem Chef wurde ebenfalls Abakumov ernannt.  Währenddessen betätigte sich Serov als »Umsiedlungsspezialist«. Nachdem er 1940 hauptverantwortlich für die Deportationen in den Baltischen Staaten und den ostpolnischen Gebieten gewesen war, leitete er 1941 die brutale Verschleppung der Russlanddeutschen von der Wolga nach Kasachstan. 1943/44 ließ Serov aus dem Kaukasus Kalmüken, Tschetschenen, Karatschajer, Krimtartaren, Kabardiner deportieren.  Auch Kruglov erdiente seine Meriten in der Etappe, wobei eine seiner Hauptaufgaben war, das GULag-Imperium ständig mit frischen Arbeitskräften aus der wachsenden Zahl von Deportierten zu versorgen. Mit Serov zusammen organisierte er dann ab 1943 die Verschleppung der Kaukasusvölker nach Sibirien. 1944 verantworteten beide die erneute Sowjetisierung der Westukraine und führten einen brutalen Kampf gegen ukrainische Nationalisten.  Ende 1944 waren die Sowjetisierungserfahrungen der drei erstmals außerhalb der UdSSR gefragt. Als NKVD-Bevollmächtigter der 1. Belorussischen Front war Serov maßgeblich an der Niederschlagung der antisowjetischen Opposition in Polen beteiligt. Im Winter 1944/45 besetzten sowjetische Truppen erstmals Gebiete des Deutschen Reiches. Serov, Kruglov und Abakumov übernahmen jetzt die »Säuberung« dieser Territorien und griffen dabei auf die erprobten Gewaltinstrumente zurück. Da allerdings selbst der massive Einsatz des NKVD bewaffnete Aktionen der Deutschen im Rücken der sowjetischen Front nicht vollständig verhindern konnte, erhielt der Oberbefehlshaber der 1. Belorussischen Front im Februar 1945 folgende Direktive Stalins: »Mit dem Ziel der Unterbindung von Versuchen, Terrorakte zu verüben, befahl das GKO [Staatliche Verteidigungskomitee] mit der Verfügung Nr. 7467 vom 3. Februar 1945: Der Oberkommandierende Žukov hat zusammen mit dem Bevollmächtigten des NKVD Serov entschiedene Maßnahmen durchzuführen. Gegen Personen, die bei Terrorakten verhaftet werden, sind allerhärteste Strafen zu verhängen. Alle Deutschen im Alter zwischen 17 und 50 Jahren sind, soweit zu physischer Arbeit tauglich, zu mobilisieren und zur Verwendung von Arbeiten in der UdSSR in Arbeitsbataillonen zu 750 bis 1 200 Mann zu formieren.«[2] Der Terminus »allerhärteste Strafen« erfuhr im entsprechenden NKVD-Befehl Nr. 0061 vom 6. Februar 1945 eine wesentlich eindeutigere Erläuterung: »Personen, die nachweislich terroristische und Diversionshandlungen begangen haben, sind noch am Schauplatz ihres Verbrechens zu liquidieren«. Bis zum 13. Juni 1945 wurden vom NKVD in Polen und Deutschland mehr als 422 449 Personen als »feindliche Elemente« verhaftet. Um Angriffe auf die Truppen der Roten Armee zu verhindern, griff das NKVD, entsprechend dem Befehl Nr. 0061, auf die Hinrichtung von Geiseln zurück. Im Befehlsbereich Serovs wurden im Rahmen solcher Aktionen 567 Volkssturmangehörige und NSDAP-Mitglieder erschossen.  Die Lektüre der vier Biographien zeigt anschaulich, dass persönliche Rivalitäten und Animositäten die Entwicklung in der SBZ prägten. Auch im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands westlich der Oder änderte sich die Vorgehensweise des NKVD zunächst nicht. Bereits unmittelbar nach Kriegsende verfolgte das NKVD nicht nur Kriegsverbrecher und politische Gegner der UdSSR, sondern beeinflusste auch die Neuorganisation der örtlichen deutschen Selbstverwaltungsorgane entscheidend. Entsprechend der sowjetischen Losung »Die Kader entscheiden alles« wurde viel Sorgfalt auf die Auswahl geeigneter Amtsträger aufgewandt. Hier fiel dem NKVD eine Schlüsselrolle zu. Die Ernennungen der Bürgermeister von kreisfreien Städten, Landräten, städtischen Polizeikommandanten, Bezirkspräsidenten, Bezirkspolizeipräsidenten und Leiter wichtiger Arbeitsverwaltungen des Bezirks konnten nur nach persönlicher Bestätigung durch den Stellvertretenden Kommandeur der Front für zivile Angelegenheiten, also mithin von Serovs Apparat erfolgen.  Zu diesem Zweck sammelte das NKVD umfangreiches Material über deutsche Verwaltungsmitarbeiter in der SBZ. Sofort nach dem Ende der Kampfhandlungen verfügte man beispielsweise über politische Kurzbiographien der gesamten Berliner Behördenspitze. Darin waren nicht nur Angaben über den beruflichen Werdegang enthalten, sondern auch Informationen zur politischen Position der Amtsinhaber. Dadurch war es möglich, die politische Zuverlässigkeit jedes Einzelnen im Sinne der UdSSR zu überprüfen und die Ablösung ungeeigneter Kandidaten zu betreiben. Zweck dieser Personalpolitik war es auch, dass das NKVD zu Bezirkspräsidenten, Landräten, Oberbürgermeistern, Bürgermeistern und Ortsvorstehern ausschließlich solche Personen ernennen sollte, die über eine »antifaschistische Gesinnung« und zugleich über Autorität in der örtlichen Bevölkerung verfügten. Mit der Gründung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland wurde die Sonderrolle Serovs bei der politischen Sicherung des besetzten Territoriums bestätigt. Das NKVD verfügte jetzt über einen eigenen Verwaltungsapparat, der zwar formell dem Oberkommandierenden der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, Marschall Žukov, unterstellt war, in Wirklichkeit jedoch unabhängig von ihm agierte. Zum NKVD-Bevollmächtigten für die neue Besatzungsverwaltung wurde gleichfalls Serov ernannt.  Für die Durchführung seiner »tschekistischen Aufgaben« bei der sowjetischen Umgestaltung der SBZ standen Serov nur 800 Mitarbeiter zur Verfügung. Nach seinen Berechnungen brauchte er mindestens 1 700. Die fehlenden Kader sollten aus der SMERŠ kommen. Abakumov, der inzwischen wegen ständiger Reibereien um die Zuständigkeit der einzelnen sowjetischen Geheimdienste in der SBZ zum Intimfeind Serovs geworden war, hintertrieb dieses Ansinnen, indem er seinen Truppen befahl, in den deutschen Städten eigene Operativgruppen zu bilden.  Im Zuge der weiteren Sowjetisierung der SBZ mussten schließlich die bisherigen Zuständigkeiten und Befehlsstränge der Geheimdienste der UdSSR neu geregelt werden. Dabei gelang es Serov in Zusammenarbeit mit Kruglov, die bisherige Zuständigkeit Abakumovs auszuschalten und die SMERŠ in der SBZ stärker als bisher an seinen NKVD-Apparat zu binden. Damit hatte Serov NKVD und Spionageabwehr in der SBZ unter seine unmittelbare Kontrolle gebracht.  Allerdings brachte das Jahr 1946 erhebliche Umstrukturierungen innerhalb des sowjetischen Sicherheitsapparates mit sich. Im März 1946 wurden die bisherigen Volkskommissariate in Ministerien umgewandelt. Damit wurde aus dem NKVD das Ministerium für innere Angelegenheiten (MVD) und aus dem NKGB das Ministerium für Staatssicherheit (MGB). Gleichzeitig versuchte Stalin die bisherige Machtfülle des NKVD-Chefs Berija und seiner Nachrichtendienste einzuschränken. Er fürchtete, dass die Monopolstellung der Partei durch Sicherheitsorgane und Armee gefährdet sein könnte. Bereits am 18. März 1946 wurde Berija Politbüromitglied und Stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare. Damit büßte er einen Teil seiner bisherigen Macht ein, weil er die unmittelbare Kontrolle über den Staatssicherheitsapparat verlor. An seine Stelle als Innenminister trat nach mehreren Spezialeinsätzen in Deutschland Kruglov, der als Russe nicht das unbedingte Vertrauen Berijas besaß. Denn um sich der Loyalität seiner Mitarbeiter zu versichern, umgab sich Berija hauptsächlich mit Männern, die wie er aus dem Kaukasus stammten. Kruglov war dann auch, insofern hatte Berija Recht, an dessen Absetzung am 26. Juni 1953 und seiner späteren Hinrichtung beteiligt. Zunächst setzten sich MGB-Chef Vsevolod Merkulov und Kruglov bei Stalin dafür ein, Serov auch zum Bevollmächtigten des MGB in Deutschland zu ernennen. Damit hätte dieser alle sowjetischen Sicherheitsdienste in der SBZ endgültig unter seine vollständige Kontrolle gebracht. Stalin verweigerte jedoch seine Zustimmung, da er fürchtete, dass sich Serov zu viele Machtbefugnisse aneignete. Zudem erleichterte die ständige Konkurrenzsituation zwischen den Geheimdiensten ihre Kontrolle durch Moskau. Im Zuge der Umstrukturierungen geriet Serov in Deutschland zunehmend unter Druck, hatte er doch bisher immer auf die Rückendeckung Berijas vertrauen können. Umso mehr, als im Mai 1946 ein weiterer Berija-Vertrauter seinen Posten verlor. Merkulov, bisher Minister für Staatssicherheit, wurde zum Chef der Hauptverwaltung für sowjetisches Eigentum im Ausland ernannt und durch Serovs Gegner Abakumov ersetzt. Zugleich wurden Aufgaben des MVD an das MGB übergeben.  Abakumov hatte Serov die faktische Unterstellung der SMERŠ in der SBZ unter das NKVD nie verziehen und versuchte nun, dessen bisherige Machtposition zu untergraben. Einen ersten Teilerfolg konnte er damit erzielen, dass Serov nicht zum Bevollmächtigten des MGB in Deutschland ernannt wurde. Damit gab sich Abakumov allerdings nicht zufrieden. Am 20. August 1946 traf das Politbüro auf sein Betreiben hin einen Beschluss zur weiteren Entmachtung Serovs. Die gesamte operative Arbeit in Deutschland sollte jetzt vom MGB ausgeführt werden. Bis zum Herbst 1946 gelang es Serov jedoch, seinen bisherigen Posten zu verteidigen.  Jetzt eskalierte der Machtkampf. Im Oktober 1946 gelang es Abakumov immerhin, die Operativgruppen des MVD unter die Befehlsgewalt des MGB zu stellen. Damit verlor Serov auch sein wichtigstes Mittel zur Verschleierung der ungesetzlichen Aktivitäten des MVD in der SBZ. Denn bisher hatte die unangefochtene Stellung des NKVD/MVD beste Möglichkeiten für Korruption, Amtsmissbrauch und persönliche Bereicherung geboten. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang erscheint, dass bereits unmittelbar nach Kriegsende das NKVD in der Reichsbank Berlin ca. 80 Millionen Reichsmark sicherstellte. Diese Summe überwies Serov allerdings nicht an die Staatsbank der UdSSR, sondern setzte sie für eigene Zwecke ein.  Die Auseinandersetzung zwischen Serov und Abakumov vergiftete das Klima zwischen den Staatssicherheitsorganen der UdSSR. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen MVD und MGB schien Serov, wie er im Februar 1948 in einem Brief an Stalin mitteilte, unmöglich: »Unter der Leitung Abakumovs wurden unerträgliche Bedingungen für die Zusammenarbeit zwischen MVD und MGB geschaffen. Im Zentrum wie auch an der Peripherie versuchen Mitarbeiter des MGB, die Organe des MVD zu kompromittieren. Zwischen dem MGB und dem MVD gibt es keine dienstlichen Beziehungen, obwohl sie für die Arbeit zwingend notwendig sind. Eine so feindselige Periode gab es in der Geschichte der Organe bisher nicht.« Diese ständigen Auseinandersetzungen und der Machthunger Abakumovs führten schließlich dazu, dass Stalin seinen treuen Vasallen fallen ließ. Sein Vertrauen in die Fähigkeiten des Staatssicherheitsministers war bereits seit Spätsommer 1946 erschüttert, als es Abakumov nicht gelang, genügend belastendes Material gegen den Weltkriegshelden Žukov zu sammeln, um diesen öffentlich anklagen zu können. Abakumov sollte schließlich im Juni 1951 über eine vermeintliche Verschwörung jüdischer Mediziner in Moskau stolpern, deren Verfolgung er angeblich nicht genügend betrieben habe. Von einem Untergebenen offensichtlich auf Anregung von Berija und Malenkov bei Stalin denunziert, landete der Minister im berühmtberüchtigten Gefängnis »Matrosenruhe«. In die Haftzellen folgte ihm nur wenig später seine gesamte Entourage. Über die grausamen Haftbedingungen beschwerte sich der ehemalige Minister bei Berija und Malenkov: »Die ersten acht Tage wurde ich in einer fast dunklen, kalten Zelle festgehalten. Über einen Monat lang organisierte man die Verhöre so, dass ich täglich nur ein bis anderthalb Stunden schlafen konnte, die Verpflegung war ungenießbar. [...] In der Nacht zum 16. März wurde ich in den so genannten Karzer gebracht. Dieser erwies sich als eine Kältekammer, ohne Fenster, völlig leer, Größe zwei mal zwei Meter. In dieser Schreckenskammer, ohne Luft, ohne Nahrungsmittel (am Tag erhielt ich ein Stück Brot und zwei Krüge Wasser) verbrachte ich acht Tage. Die Kälteanlage war eingeschaltet und es wurde ständig kälter. Ich fiel unzählige Male in Ohnmacht.« Bittere Ironie der Geschichte: Genau diese unerträglichen Haftbedingungen hatte sich Abakumov 1947 in einem Brief an Stalin als gängige Praxis bei der Verfolgung antisowjetischer Tätigkeit sanktionieren lassen. Doch auch der Tod Stalins und der nachfolgende Sturz Berijas retteten Abakumovs Leben nicht. Am 19. Dezember 1954 wurde er als »Abenteurer und politischer Provokateur« verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet. Kruglov, der als Innenminister ab 1946 vor allem das sowjetische Atombombenprogramm mit Zwangsarbeitern versorgt hatte, setzte seine Karriere als Innenminister bis 1956 fort. Dann begann mit der Entstalinisierungspolitik Chruščevs sein Abstieg im sowjetischen System. Zunächst schob man ihn auf den Posten des stellvertretenden Ministers für den Bau von Elektrizitätswerken ab. 1957 folgte der Ausschluss aus dem MVD und die Herabstufung zum stellvertretenden Leiter des Volkswirtschaftsrats im Gebiet Kirov. 1959 wird sein Generalsrang aberkannt und ein Parteiverfahren eröffnet, das 1960 mit dem Ausschluss aus der KPdSU endet. Seine Invalidenrente wurde auf 60 Rubel gekürzt, 1966 erfolgte eine erneute Kürzung um 20 Rubel, zeitgleich verliert er seine Moskauer Wohnung. 1977 geriet der inzwischen weitgehend verarmte Kruglov unter einen Zug und verstarb an seinen schweren Verletzungen.  Am längsten konnte sich Serov weiter im politischen System der Sowjetunion halten. Nach der Liquidation Berijas setzte er seinen Aufstieg ungebremst fort und wurde 1954 auf Betreiben Chruščevs zum ersten Vorsitzenden des KGB ernannt. Vier Jahre später ließ ihn der Parteichef allerdings fallen und versetzte ihn auf den wenig einflussreichen Posten eines Leiters des Militärgeheimdienstes GRU (Hauptverwaltung Aufklärung). Der neue Amtschef verstärkte vor allem die Spionage in den USA, aber auch die Agententätigkeit in Westeuropa nahm im Zuge der zweiten Berlinkrise zu. Im Rahmen der Penkovskij-Affäre wurde Serov jedoch im Januar 1963 wegen »mangelnder politischer Wachsamkeit« von seiner Funktion als GRU-Chef entbunden und zum Generalmajor degradiert. (Ein Freund Serovs, GRU-Oberst Oleg Penkovskij, wurde wegen Spionage für die USA verhaftet und zum Tode verurteilt.) Ab 1963 war er dann Gehilfe des Kommandierenden für Ausbildungsfragen im Militärbezirk Transwolga. 1965 quittiert Serov den Dienst aus »gesundheitlichen Gründen«, nachfolgend wird er ebenfalls aus der Partei ausgeschlossen. Er verstirbt im Juli 1990 in Moskau. So aufschlussreich das dargebotene Material der vier Bücher ist, bleibt abschließend einzuschätzen, dass nur die Serov-Biographie von Nikita Petrov den im Westen gültigen wissenschaftlichen Standards genügt. Sein Buch ist nicht nur glänzend geschrieben, sondern charakterisiert Serov, dank des vielseitigen Aktenzuganges, auch als Menschen im stalinistischen System. Ein umfangreicher Dokumententeil und ein ausführlicher biografischer Anhang runden das gelungene Buch, dem eine deutsche Übersetzung zu wünschen wäre, ab.  Die beiden Abakumov-Biographien leiden vor allem darunter, dass ein Großteil der aufgeführten Zitate nicht nachprüfbar ist. Die umfangreichen Aktenauszüge beleuchten zwar gelegentlich Hintergründe, oft fehlt allerdings die nötige historische Einordnung. Nicht selten werden sogar die gleichen Dokumentenauszüge mehrfach wiederholt. Insgesamt scheint sich der Eindruck zu bestätigen, dass es sich bei beiden Büchern vor allem um Werke handelt, die rasch auf den Markt geworfen wurden, um vom derzeitigen Geheimdienstboom in den russischen Buchhandlungen profitieren zu können. Jurij Bogdanov ist bei seiner intensiven Beschäftigung mit Kruglov die für einen Historiker notwendige Distanz zu seinem Untersuchungsobjekt abhanden gekommen. Den sowjetischen Innenminister und GULag-Verantwortlichen als »herausragenden Menschen« im positiven Sinne zu bezeichnen, irritiert zumindest. Aber vor allem ist anzumerken, dass sich auch in diesem Buch der wissenschaftliche Apparat überaus dürftig und äußerst unübersichtlich präsentiert. Eine kritische Kruglov-Biographie steht folglich noch aus.  Es wäre jedoch arrogant, die Anstrengungen der neueren russischen Historiographie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ihre Werke entstehen oft unter nicht einfachen Forschungsbedingungen, und die Ergebnisse können sich, bei aller Kritik, sehen lassen. Denn immerhin ergibt sich in der Zusammenschau der besprochenen Werke ein interessantes Prisma der Führung des sowjetischen Geheimdienstes unter Stalin. Sichtbar wird nicht nur, wie Menschen für eine Karriere in der Diktatur ihre moralischen Schranken fallen lassen, um ihren persönlichen Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg verwirklichen zu können. Dass die gleichen Personen von den Tyrannen fallen gelassen werden, wenn sie in deren Augen ihre Schuldigkeit getan haben, ist eine Erfahrung, die Serov, Abakumov und Kruglov mit ihren Amtsvorgängern Jagoda und Ežov teilen. Nachvollziehbar und anregend für die Formulierung weitergehender Fragestellungen sind Ausführungen zur strukturellen Arbeitsweise des stalinistischen Systems, in dem sich persönliche Ambitionen, ideologische Vorgaben und institutionelle Rahmenbedingungen zu einer spezifischen terroristischen Herrschaftspraxis verknüpften. [1]  Nach dem Tod Stalins war Lavrentij Berija – nach 1938 bis 1946 – für wenige Monate von März bis Juni 1953 erneut Minister des Innern.  [2]  Zitiert nach Semirjaga, M. G.: Kak my upravili Germanii. Politika i žisn [Wie wir Deutschland regierten. Politik und Leben], Moskau 1995, S. 159.

JHK 2007

»Wir sind es schon gewöhnt«. Einführung in die gesellschaftlich-modernisierenden Hintergründe des »Fleischproblems« in der Volksrepublik Polen

Jerzy Kochanowski

[1] »›Ich gehe Fleisch holen‹, sagt man mit ungeduldiger Neugier; ›ich habe Fleisch‹, mit einem triumphierenden Lächeln; ›es gab kein Fleisch‹, klingt nach bitterer Enttäuschung usw., usf. Ums Fleisch geistern die Gedanken, geistern Worte, in beinahe buchstäblichem Wortsinn geistern die Menschen darum. Fleisch ist das Stichwort der Massenpsychose und hat das Hin und Her zwischen äußerst klaren Voraussichten und extrem düsteren Kontemplationen zur Folge. Fleisch, das Gebiet der phantastischen Klatschgeschichte […], die allmächtig ist, die zusammenbricht, um dann in gigantischen Dimensionen wiedergeboren zu werden.«[2] Das angeführte Zitat vom Oktober 1948 könnte ebenso aus dem 1951, 1959, 1963, 1970, 1976, 1981 oder 1989 stammen. 1947 war das letzte Jahr, in dem man praktisch in ganz Polen ohne Probleme zum Fleischer gehen und – vorausgesetzt man verfügte über einen dicken Geldbeutel – ihn mit der gewünschten Ware wieder verlassen konnte. Ab 1948 hing das Menü weniger vom Beutelinhalt ab. Ausschlaggebend war nun vielmehr der Wohnort (in der Regel waren die Großstädte besser versorgt als kleinere Städte), die Bereitschaft, eigene Konsumerwartungen einzuschränken sowie der Bekanntschaftsgrad mit den Mitarbeitern der Fleischerei. Infolge eines strukturellen Defizits, das bis zum Ende der Volksrepublik Polen existierte, war die Fleischversorgung ein dauerhafter Konflikt zwischen Regierung und Gesellschaft. Man könnte behaupten, dass das Fleisch wie ein Prisma funktionierte, durch das die Gesellschaft die Regierung – im weiteren Sinn – betrachtete. In politischen Witzen, die man aufgrund der fehlenden freien Medien als Stimmungsbarometer der Gesellschaft betrachten kann, war Fleisch neben den Regierenden von den 40ern bis in die 80er Jahre wohl das häufigste Thema.[3] Fleisch wurde zum dauerhaften Element der Populärkunst und war in der Literatur und im Film stets präsent, jedenfalls soweit es die Zensur zuließ. Es kam vor, dass »inoffizielle« Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes mit Fleisch belohnt wurden: Im Lohnverzeichnis des Schriftstellers Olgierd Terlecki steht im April 1963 – als eine Fleischkrise im Land herrschte – der Vermerk, dass dieser 180 Złoty »in Form von Schinken als Geschenk« erhalten hätte.[4] Bis heute nimmt das Fleischdefizit der Volksrepublik einen wichtigen Platz im kollektiven Gedächtnis ein: Ohne Bilder von leeren Fleischereien, kilometerlangen »Fleischschlangen« und der »Versorgungskarte« kann kein Lehrbuch und keine Publikation zur Geschichte der Volksrepublik Polen auskommen.  Kein Wunder also, dass die leeren Fleischereien ein ständiges Problem für die polnischen Behörden darstellten. Es wäre zu einfach zu sagen, dass jeder Politikwechsel in der Zeit von 1945 bis 1990 seine Ursache im Fleischdefizit hatte, doch wird dies oft von der Gesellschaft so empfunden. Auf zentraler politischer Ebene und auf Provinzebene gewann die Fleischversorgung in der Hierarchie der unlösbaren Probleme schon Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre eine vorrangige Stellung. Ein Indiz dafür ist die Häufigkeit, mit der die »Fleischfrage« in den Materialien des Politbüros des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) auftaucht. Diese Frage nimmt dann seit dem katastrophalen Zusammenbruch des Marktes im Sommer und Herbst 1951 eine zentrale Stellung ein, die bis zum Herbst 1989 erhalten bleibt.[5] Das »Fleischproblem« hatte unendlich viele Facetten. Sicherlich ist der Verdacht begründet, dass das Fleischdefizit oder auch die Preiserhöhungen für Fleisch von den Parteifunktionären im Machtkampf instrumentalisiert wurden. Das Todesurteil in der »Fleischaffäre« 1964 fällten die obersten Regierungskreise. Das Urteil sollte nicht in erster Linie als Abschreckung dienen, sondern die hungrige und frustrierte Gesellschaft beruhigen.[6] Die antijüdische Hetze 1968 hatte übrigens eine ähnliche Funktion: Die Gesellschaft sollte von den Schwierigkeiten in der Wirtschaft und bei der Versorgung abgelenkt werden.[7] Sowohl die Machthaber als auch die Gesellschaft betrachteten schließlich das Fleischdefizit als ein Problem, das fest in der polnischen Wirklichkeit verankert war. Anfang August 1976 betonte Innenminister Stanisław Kowalczyk in einem Bericht über Defizite auf Markt und die resultierenden Stimmungen in der Gesellschaft, dass der Mangel an Grütze, Mehl, Salz und billigen Zigaretten beklagt werde. Das Fleischproblem hingegen werde von den Leuten stoisch erduldet. »Wir sind es schon gewöhnt«, gibt Kowalczyk die Meinung in der Gesellschaft wieder.[8] Fleischkonsum als Modernisierungsindikator Was waren die Ursachen des permanenten Fleischmangels? Obwohl die Gesellschaft die Hauptursache in der Unfähigkeit der Machthaber und ihrer unzureichenden Politik erblickte (was natürlich unbestritten bleibt), sind die Gründe nicht nur im politischen und wirtschaftlichen, sondern auch gesellschaftlichen Bereich der polnischen Nachkriegsgeschichte zu suchen. Fleisch muss als wesentlichen Bestandteil der Modernisierung betrachtet werden, die gesellschaftliches Prestige und Vermögen determiniert. »Fleisch«, so schrieb Edward P. Thompson in Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, »könne sicherlich ein Kriterium mit großer Empfindlichkeit bei der Einschätzung des materiellen Lebensstandards werden, denn es war eines der ersten Produkte, dessen Konsum den tatsächlichen Einkommenszuwachs verschlang.«[9] Im 18. und 19. Jahrhundert beneideten die irischen Emigranten, die sich hauptsächlich von Kartoffeln ernährten, die englischen Arbeiter, bei denen Brot und Haferbrei das Hauptmenü bildeten. Die Engländer ihrerseits schauten mit Neid auf die Handwerker, die sich ein roastbeef leisten konnten.[10] Die Fortschritte der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts (u. a. Maschinen für die Landwirtschaft, Kunstdünger) oder die Entwicklung des Transports (was den Import von billigen Nahrungsmitteln über den Ozean ermöglichte) hatten zur Folge, dass die Preise für Lebensmittel langsamer als die Einkünfte stiegen und dass sich immer mehr Menschen ein Stück Fleisch leisten konnten.[11] Seit langem ist der Zusammenhang zwischen Industrialisierung und Urbanisierung auf der einen Seite und dem zunehmenden Konsum von Produkten höherer Qualität auf der anderen Seite, insbesondere von Produkten mit hohem Tiereiweißgehalt, bekannt. Die fortschreitende »Verbürgerlichung« der Arbeiter und die Abschaffung der Unterschiede innerhalb des Mittelstandes begannen schrittweise die bisherige Vorstellung von Luxus zu verändern, und zwar auch in Bezug auf die Ernährung.[12] Zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert betrug der Fleischkonsum auf dem Gebiet des späteren Deutschen Kaiserreiches jährlich etwa 13,7 kg pro Person und blieb auf diesem Niveau bis Mitte der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts. 1871 betrug er schon 29,4 kg, 1892 39,3 kg und 1901 46,7 kg.[13] Infolge des Ersten Weltkrieges wurde die Wachstumstendenz nur vorübergehend unterbrochen. In der Zwischenkriegszeit begann die Pflanzenproduktion schnell zu wachsen, u. a. aufgrund des Einsatzes der technischen Errungenschaften des Krieges. So ließen zum Beispiel die Auto- und Panzerproduktion die Zahl der Zugmaschinen steigen. Billige Kartoffeln oder Korn, das niemand kaufen wollte, wurden in immer größerem Umfang für die Tierzucht verwendet, was den Wert der Tiere vergrößerte.[14] Der Fleischkonsum war in Westeuropa allerdings bedeutend höher als im Osten des Kontinents.  1945: Die (Fleisch)Stunde Null in Polen Der Konsum nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen erinnerte an eine Tabula rasa, die aufs Neue beschrieben werden musste. Der Krieg hatte die ganze Gesellschaft ausgehungert. Die Politik der Vollbeschäftigung und Einkommenssteigerung führte zu einer relativ schnellen Angleichung der Einkommen von Angehörigen unterschiedlicher sozialer Schichten.[15] Zwar waren die realen Einkommen noch mehrere Jahre nach dem Krieg niedriger als vor 1939, reichten aber zumindest für billige Nahrung aus, für die man lange Zeit den Großteil des Einkommens ausgab: 1950 waren es in den Arbeiterfamilien durchschnittlich 69,2 Prozent.[16] Wegen ihres ständigen Defizits waren Industriewaren für Nahrungsmittel keine Konkurrenz. Der Staat versuchte die Lebensmittelpreise auf einem niedrigen Niveau festzuschreiben, was im Drei- und Sechsjahresplan praktiziert wurde (1947 bis 1949 und 1950 bis 1955). Diese Maßnahmen hatten den Zweck, den ärmeren Teil der Gesellschaft für die neuen Machthaber zu gewinnen sowie Bedingungen für einen großen Geburtenüberschuss und die Basis für die Industrialisierung zu schaffen.[17] In der Wiederaufbauperiode (1946 bis 1950) stieg der Fleischkonsum jedes Jahr im Durchschnitt um 5,2 kg, in den Jahren 1950 bis 1970 hingegen nur um 0,8 kg und in dem mit Wohlstand assoziierten »fetten« Regierungsjahrzehnt Edward Giereks (Erster Sekretär der PVAP 1970 bis 1980) um 3,5 kg.[18] Im Vergleich zu 1939 stieg der durchschnittliche Fleischkonsum des polnischen Bürgers bis 1949 um 67 Prozent und der Tierfettkonsum um über 43 Prozent an.[19]  Bei der Konsumstimulierung spielte die Propaganda eine wichtige Rolle, die versprach, dass der sozialistische Staat jeden »nach seinen Bedürfnissen« versorgen würde. Gleichzeitig wurde die gesellschaftliche Gleichheit in Bezug auf biologische, materielle und kulturelle Bedürfnisse betont.[20] Zwar gelang es, der Gesellschaft derartige egalitäre Überzeugungen einzuprägen, hingegen scheiterten die Versuche, ein nie genau definiertes »sozialistisches Konsummodell« zu oktroyieren. So schrieb Maksymilian Pohorille: »Die Akzeptanz für ein Konsumvorbild oder eine Verbrauchsstruktur, die den gesellschaftlichen Vorstellungen nicht entspricht und die die Bedürfnisse der Gesellschaft nicht erfüllt, ihrem Geschmack und ihren Gewohnheiten entgegen steht sowie keine Grundlage in den vorhandenen Gewohnheiten und Traditionen besitzt, ist äußerst gering«.[21] Die Gleichmacherei in der Nachkriegszeit hatte also nicht zum Ziel, das Bürgertum und die Intelligenz zum Grützwurstessen zu bringen, sondern die Arbeiter mit Wurst- und Schinkenbroten zu verpflegen. Entgegen dem weiterhin gepflegten Mythos, dass die urbane Gesellschaft u. a. auch das – aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten – bescheidene Konsumverhalten der Dorfbewohner angenommen habe, übernahmen stattdessen die vom Land in die Stadt Gezogenen die kleinbürgerlichen Gewohnheiten, die u. a. von einem hohen Fleischverzehr bestimmt waren. Der Lebensstil jener Kleinbürger wurde zum Maßstab sowohl für die städtischen Arbeiter als auch für die Bauern. Zunächst nur für diejenigen Bauern, die in die Stadt auswanderten, später aber auch für die Landarbeiter und Dorfbewohner, die bislang – u. a. versorgungsbedingt – fast ausschließlich von Produkten aus der Landwirtschaft gelebt hatten. Dies war nicht nur beim Essen der Fall, sondern traf auch auf Mode, Wertvorstellungen oder Aussehen zu. Die neuen Denkmuster nährte nun u. a. auch der Ausstoß der staatlichen Textil- bzw. Möbelindustrie. »Auch die vergesellschaftete Gastronomie ist den leichtesten Weg der Imitation des kleinbürgerlichen Ernährungsstils gegangen. Es ist verständlich, denn Menschen, die diese Institutionen leiteten, waren selber entweder kleinbürgerlicher Herkunft oder nahmen diese zum Vorbild für ein kulturell überlegenes und nachahmenswertes Leben.«[22]  Die Fleischkrise als Konstante der Geschichte der Volksrepublik Polen Sowohl unter den Arbeitern als auch den Verwaltungsangestellten, Parteikadern, Freiberuflern u. a. war der »neourbane« Stil äußerst populär. Er siedelte die Kategorie »Haben« deutlich höher als die des »Seins« an und interpretierte den Umfang des Besitzes als Quelle und Ausdruck jeglicher Werte. Der traditionelle städtische Stil, der sich durch Sparsamkeit und Mäßigung auszeichnete, wurde von den Nachkriegsstädtern nicht übernommen.[23] Es ist somit nicht verwunderlich, dass bei dem regen Konsum jeder Einbruch von Produktion und Versorgung zu gesellschaftlichen Spannungen führen musste, die oft einen gewaltsamen Charakter annahmen. Die bekannte polnische Schriftstellerin Maria Dąbrowska schrieb im September 1951, während der Versorgungskrise, die auf Grund des politischen Wechsels im Zusammenhang mit dem Sechsjahrplan ausgebrochen war: »Am Lebensmittelmarkt herrschen weiterhin unangenehme Mängel. Mich regt das nicht weiter auf. Im Sommer und Herbst kann man ohne Fleisch auskommen. Vor dem Krieg haben die Bauern sehr wenig Fleisch gegessen und dabei körperlich noch schwerer gearbeitet als heute. Doch jetzt kann es keiner mehr ohne Fleisch aushalten – vermutlich ist es die Wahrheit, und zwar eine befriedigende, dass die Ansprüche gewachsen sind.«[24]  Wenn zu Beginn der 50er Jahre v. a. Quantität das Konsumverhalten der polnischen Bevölkerung bestimmte, begann man am Ende des Jahrzehnts immer mehr auf Qualität zu achten. Das zeigen die fallende Popularität und der fallende Preis von Speck. Die große Rolle, welche die tierischen Fette in der Konsumstruktur spielten haben, führte dazu, dass dieses Produkt mindestens bis zur Mitte der 50er den Hauptgegenstand jeglicher »Fleischbeschwerden« bildete, und dass sein Preis an denjenigen der Edelfleischsorten heranreichte.[25] Doch Ende der 50er Jahre verlangte der Mehrheit der Bevölkerung mehr als einen üppig mit Speck, Kartoffeln und Kraut gefüllten Teller. Die 70er brachten nicht nur eine quantitative Steigerung des Konsums mit sich, sondern auch eine wachsende Nachfrage nach Produkten höherer Qualität.[26] Das gesellschaftliche Streben und der ungesättigte Appetit wurden in Umfragen thematisiert. 1960 wurde untersucht, wie viele Bürger Fleisch- und Wurstprodukte zum Frühstück und Abendbrot verzehrten und wie viele es denn täten, wenn sie die Möglichkeiten (Mittel und Zugang) dazu hätten. Lediglich 24 Prozent der Befragten gaben an, Fleisch und Wurst zum Frühstück zu verzehren, etwas mehr, 26,2 Prozent, aßen abends Fleisch- und Wurstprodukte. Falls sie die Möglichkeit hätten, würden allerdings 62,8 Prozent der Befragten Fleisch und Wurst zum Frühstück und 55 Prozent zum Abendbrot konsumieren. Nur 3,2 Prozent der Befragten aßen täglich Fleisch (5,7 Prozent Wurst), 2,1 Prozent bzw. 15,1 Prozent dagegen seltener als einmal innerhalb von zwei Wochen oder gar nicht. Der größte Teil der Befragten gab an, ein- bis dreimal die Woche Fleisch zu essen (44 Prozent Fleisch und 28,9 Prozent Wurst).[27] In einer Umfrage gaben zu Beginn der 80er Jahre nur 16 Prozent der Befragten an, mit der Ernährung zufrieden zu sein. Ursache war der Fleischmangel: Fast 90 Prozent der Haushalte waren davon betroffen.[28] Man kann all das selbstverständlich mit der Feststellung kommentieren, die gesteigerte Fleischnachfrage sei ein untrennbares Element der sich modernisierenden Gesellschaft. Tatsächlich wuchs die Generation des demographischen Nachkriegsbooms in einer Zeit heran, die durch eine heftige Beschleunigung der Modernisierungsprozesse gekennzeichnet war. Somit stieg auch die Nachfrage nach kalorienreicher Nahrung an. Gleichfalls wuchs die Anzahl derjenigen Stadtbewohner, die im Industrie- oder Dienstleistungssektor arbeitete, ebenso wie das Bildungsniveau. Immer mehr Frauen waren berufstätig und konnten dem Haushalt weniger Zeit widmen. Ähnlich wie im Westen sanken die Ausgaben für Getreideprodukte, Kartoffeln, Eier, Zucker oder tierische Fette, wohingegen das Interesse an Fleisch, v. a. solchem hoher Qualität, zunahm.[29] Die Modernisierung in der VR Polen wich bezüglich des Konsums jedoch vom westlichen Muster ab. Die Produktionssteigerung, v. a. von Fleisch, blieb weit hinter dem demographischen Zuwachs der Bevölkerung zurück. Da die Einwohnerzahl der Städte am schnellsten stieg, fiel hier entsprechend der prozentuale Anteil von Fleisch pro Kopf. So waren die Fleischlieferungen pro Stadteinwohner im Vergleich zu 1958 in den Jahren 1960, 1963 und 1964 um 8,4 kg und in den Jahren 1961 und 1962 um 6 kg niedriger.[30] Diese Entwicklung war neben dem rasanten Bevölkerungswachstum auch in einem deutlichen Anstieg des Exports von Fleischprodukten begründet. Zwar erreichte dieser lange nicht solche Zahlen, wie sie Klatschgeschichten vermuten ließen (die Exporte überstiegen nämlich nicht 12 Prozent des Konsums auf dem Binnenmarkt), jedoch entzog er dem Binnenmarkt die qualitativ hochwertige Ware. Man exportierte nämlich nicht Presswurst und Rippchen, sondern die von der Bevölkerung gefragten Fleisch- und Wurstsorten.[31] Mit den gesellschaftlichen Veränderungen konnte das Waren- und Dienstleistungsangebot nicht Schritt halten. In den »geschlossenen« Betriebskantinen und büffets sowie in den »offenen« Restaurants waren die Qualität der Gerichte, die langsame und unfreundliche Bedienung sowie die hohen Preise für diese Leistungen nicht besonders einladend. »Die arbeitenden Menschen leiden Hunger«, schrieb im März 1956 ein Hörer aus Warschau an das Polnische Radio. »Es sollte jemand in unsere Kantinen schauen, wo das Essen immer schlechter wird und Fleisch, geschnitten in einen Zentimeter große Würfel, zu je 20 Gramm pro Person ausgegeben wird. Es sollte eine fliegende Kontrollkommission geben, die überprüft, was die Arbeiter bekommen. Auf die Reklamationen der hungrigen Arbeiter schlagen die Köche nur unverschämt vor: ›Macht es doch zu Hause selber‹. Doch wo soll man Fleisch, Eier und Butter kaufen, wenn die Waren nach der Arbeit überall schon ausverkauft sind? Und wo soll man zu Hause kochen, wenn es lediglich eine Gemeinschaftsküche gibt und oft darüber gestritten wird, wer hinein darf?«[32] Wer konnte, der versorgte sich aber doch zu Hause selbst, zumal das Stereotyp der »vorbildlichen« Ehefrau noch weit verbreitet war. Somit aßen Ende der 70er Jahre nur 16 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in den Betriebskantinen. In der DDR waren es dagegen 45 Prozent und in der Sowjetunion 60 Prozent. Nur anderthalb Prozent der städtischen und 0,2 Prozent der bäuerlichen Haushalte bereiteten aus Prinzip keine Hauptmahlzeiten zu. Ein tägliches Mittagessen wurde in 88 Prozent der städtischen und in 93 Prozent der bäuerlichen Familien gekocht. 1987 entfielen nur 3 Prozent der gesamten Lebensmittelausgaben auf gastronomische Einrichtungen unterschiedlichster Art (in Großbritannien waren es zu Beginn der 80er 18 Prozent, in den USA 37 Prozent). Während in den 70er und 80er Jahren in Westeuropa 30 Prozent (in der DDR etwa 20 Prozent) des Fleisches in gastronomischen Betrieben verzehrt wurde, waren es in Polen gerade mal 4 bis 6 Prozent.[33] Offensichtlich vergrößerte dies den Druck auf die Märkte. Dabei ist anzumerken, dass die Menschen ihre Einkäufe auf Grund des Mangels an Kühlschränken bis in die 70er Jahre fast täglich erledigen mussten.[34] Abgesehen von der Frage des Geschmacks der Gerichte, die in den Kantinen oder Restaurants serviert wurden, kann man dennoch festhalten, dass die Gastronomie wesentlich ökonomischer arbeitete als die privaten Haushalte, da sie über entsprechende Technologien und den technischen Lagerraum verfügte.[35] Die seit Beginn der 60er Jahre unternommenen Versuche, den Hausfrauen mit Fertigprodukten das Leben zu erleichtern (Tiefkühlkost, vorportioniertes Fleisch, Hamburger, Konserven, insbesondere »Fleisch-Gemüse-Mischungen«), scheiterten an nicht ausgereiften Technologien, katastrophaler Organisation, am Preis oder am Widerstand der Gesellschaft. Im Jahr 1980 wurden für hochwertig verarbeitete Produkte nur etwas über ein Prozent aller Mittel für den Kauf von Lebensmitteln ausgegeben.[36] Es wurde versucht, ein »sparsames« und »gesundes« Verbrauchermodell zu propagieren, das den Konsum von Fleischalternativen (Gemüse, Milchprodukte oder Fisch) steigern sollte. Diese »Ersatzlebensmittel« waren jedoch ebenfalls Mangelware, und wenn sie erhältlich waren, dann häufig nur in schlechter Qualität. Ein Problem stellte allerdings nicht nur die Verfügbarkeit von Lebensmitteln dar, sondern auch die Gesellschaft und ihre bisherigen Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben. Laut Untersuchungen aus dem Jahr 1975 bezüglich der Popularität von 19 ausgewählten Lebensmitteln stimmten die Bedürfnisse der Befragten mit den Empfehlungen der Diätexperten nur bei Fisch, Eiern und Kartoffeln überein. Die größte Diskrepanz verzeichnete man beim Schweinefleisch, das sich trotz seines schlechten Rufs bei Medizinern bei den Verbrauchern größter Popularität erfreute: 1960/61 machte Schweinefleisch 69 Prozent des Fleischverbrauchs aus und 1974/75 immerhin noch 66,2 Prozent. In den Jahren 1950 bis 1976 stieg die Geflügelproduktion um das Siebenfache, die von Rindfleisch um das Vierfache. Die Schweinefleischproduktion erhöhte sich lediglich um zwei Drittel.[37] Wenngleich die traditionelle Rinder- und Milchkuhzucht in den polnischen Dörfern den Bedarf an Rindfleisch sowie an Milchprodukten hätte sättigen können, zog die Bevölkerung Schinken und Schweinekoteletts vor, die in den 70er Jahren ebenso preisgünstig waren wie Hartkäse. Rindfleisch war noch um ein Drittel günstiger.[38] Der Minister für Binnenhandel Adam Kowalik berichtete im September 1977, dass »über die Qualität eines Lebensmittelmarktes der Vorrat an Fleisch entscheidet. Es wäre unverantwortlich zu sagen, dass wir den Markt unter Kontrolle hätten. Bei einer solchen Preisstruktur ist niemand dazu im Stande, die Notwendigkeiten des Binnenhandels vorherzusagen. In unserem Haushalt ist das einträglichste Produkt das billigste.«[39] Für die kommunistische Führung stellte die Größe des Koteletts auf dem Teller eines durchschnittlich verdienenden Polen den Gradmesser der Modernisierung des Landes dar. Zudem diente Fleisch der Konsolidierung der Gesellschaft nach dem Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche. Trotz der steigenden Produktionskosten war auch die Politik der meisten anderen kommunistischen Parteien Osteuropas auf die Bewahrung stabiler Lebensmittelpreise ausgerichtet, oft unter Einsatz kolossaler und stetig wachsender Subventionen.[40] Die Verbraucher reagierten auf die konstanten Preise mit einem stetig wachsenden Verbrauch. Wenn zwischen 1960 und 1970 der Fleischverbrauch pro Person in Polen um 10,5 kg gewachsen war, so stieg er allein in der ersten Hälfte der 70er Jahre um 17,5 kg. »Das Phänomen eines derartig beschleunigten Tempos des Fleischverbrauchs wurde noch nie zuvor in Polen oder [… ] in anderen Ländern registriert.«[41]  Auch in den anderen sozialistischen Ländern wuchs der Fleischverbrauch schneller als die Einkommen. Die Einkommen wuchsen aber wiederum schneller als die Fleischproduktion![42] Dieses Missverhältnis war in Polen besonders prekär.[43] Je größer der gesellschaftliche Appetit wurde, desto schwieriger wurde es, das Gleichgewicht wiederherzustellen, insbesondere, da das Angebot und nicht der Preis zum bestimmenden Faktor des Konsumverhaltens wurde. Der immer gleichbleibend niedrige Preis konnte kein Gleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch herstellen.[44] So war es z. B. nicht möglich, die Interessen der Verbraucher auf die verarbeiteten Nahrungsmittel zu lenken, da es davon entweder zu wenig gab oder von zu schlechter Qualität. Versuche einer solchen Konsumumlenkung unternahmen sowohl die PVAP unter Władisław Gomułka (1. Sekretär der PVAP 1956 bis 1970) wie auch unter Gierek, jedoch ohne größeren Erfolg. Letztlich wurde der Druck auf die Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, insbesondere auf die Fleischindustrie, so groß, dass sich die Regierung genötigt sah, immer drastischere Schritte zu unternehmen. Dazu gehörte der mit gigantischen Schulden finanzierte Import von Futtermitteln in den 70er Jahren, die Einführung »kommerzieller Läden« im Jahr 1977, in denen man Fleisch zu seinem eigentlichen, nicht subventionierten Preis kaufen konnte, oder der verstärkte Druck auf die landwirtschaftlichen Betriebe, den Produktionsausstoß zu erhöhen. Zu solchen Maßnahmen gehörten auch unerwartete und besonders schwerwiegende Preiserhöhungen in den Jahren 1953, 1959, 1967, 1970 und 1976, die immer gesellschaftlichen Protest hervorriefen, jedoch nicht zu langfristigen wirtschaftlichen Veränderungen führten. In zwei Fällen – 1970 und 1976 – erzwangen die Proteste die Rückkehr zum alten Preisniveau. Sogar die Preiserhöhung Anfang 1982, die radikalste in der Geschichte der sozialistischen Planwirtschaft der Nachkriegszeit, führte nur begrenzt zu befriedigenden Resultaten.[45] Zum einen wagte es die Regierung nicht, die Preise auf Rentabilitätsniveau anzuheben, zum anderen war Fleisch dermaßen populär, dass nach den Erhöhungen eher eine sinkende Nachfrage nach anderen Waren zu beobachten war sowie ein Trend hin zum Sparen, um das früher erreichte und besonders durch einen hohen Fleischverbrauch bestimmte Konsumniveau zu halten. Dieser so genannte »Riegel-Effekt« trat von 1960 bis 1962 und Ende der 70er Jahre ein.[46] Die Erhöhung der Lebensmittelpreise zog zudem verstärkt Forderungen nach Lohnerhöhungen nach sich, denen die Parteiführung schließlich nachgeben musste. Man drehte sich im Kreis. Erst die Reformen der Jahre 1989/90 beendeten diesen Zustand.[47] Im Verhältnis zur »Preiselastizität« der Lebensmittelpreise, insbesondere aber der Preise für Fleisch, war die »Elastizität des Einkommens« ungewöhnlich hoch,[48] was sich in einem entsprechend hohen Fleisch- und Lebensmittelkonsum niederschlug. Einem Anstieg des Einkommens um 10 Prozent folgte durchschnittlich ein Anstieg der Lebensmittelnachfrage von 6 bis 9 Prozent, wobei die Nachfrage nach Fleisch prozentual weit über dem Interesse an anderen Lebensmitteln lag. Während jeder Einkommenszuwachs um 1 Prozent einen Anstieg des Angebots um 0,6 Prozent nach sich zog, waren es bei Fleisch und Fleischprodukten circa 9 Prozent![49] Allerdings betrug dieser Wert in der Gruppe der Höchstverdiener nur etwa 0,2[50] und stieg in den ärmeren Teilen der Gesellschaft an. Als Anfang der 70er Jahre auch die Einkommen der bis zu diesem Zeitpunkt am wenigsten Verdienenden erheblich zu steigen begannen, waren es weitgehend sie, die auf Fleischkonsum fixiert waren. In diesen Familien führte ein Einkommensanstieg um 10 Prozent zu einem sogar um 15 bis 20 Prozent gesteigerten Fleischkonsum.[51]  Die Denaturalisierung des Verbrauchs der Bauern, das Phänomen der »Bauernarbeiter« und ineffiziente Hausschlachtungen  Ohne tiefgreifende Strukturveränderungen war die polnische Landwirtschaft außer Stande, eine solch immense Nachfrage zu decken. Denn die Möglichkeiten des Staates, Einfluss auf die Landwirtschaft zu nehmen, waren in Polen begrenzt. In anderen sozialistischen Staaten (mit Ausnahme Jugoslawiens und mutatis mutandis Ungarns) waren der staatliche Aufkauf, die Verarbeitung sowie der Handel bei den verstaatlichten bzw. staatlich kontrollierten Agrarbetrieben konzentriert. Das System war kostspielig und fehlerhaft – aber berechenbar, und der Staat behielt auf allen Wirtschaftsebenen die Verwaltungsmechanismen und Befehlshierarchien in der Hand. Die polnische fragmentierte Landwirtschaft unterwarf sich diesem Primat des Staates nicht. Die seitens der Regierung unternommenen, teilweise rabiaten Versuche am Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre erbrachten lediglich bescheidene Resultate. Auf der einen Seite musste die Regierung das Bedürfnis der Bevölkerung nach einem immer größeren Stück Fleisch auf dem Teller respektieren. Auf der anderen Seite wollte sich ihr wichtigster Lebensmittellieferant – die private Landwirtschaft – nicht den ideologischen und wirtschaftlichen Zwängen unterwerfen. Die Agrarpolitik war folglich zu jeder Zeit in der VR Polen ein Feld »des permanenten Verschleißes politisch-gesellschaftlicher sowie produktiv-effektiver Zellen«[52]. Die Schwankungen, welchen die Agrarpolitik ausgesetzt war, veranschaulichen die Worte des Landwirtschaftsministers Kazimierz Barcikowski vom 12. Januar 1973: »Die Landwirtschaft in unserem Land entwickelt sich immer dann sehr gut, wenn die Partei sich schwach fühlt. So war es 1948. In dem Moment, in dem wir anfangen, ›an unsere Stärke zu glauben‹ – so war es 1949 – greifen wir den Bauern schnell in die Tasche und als Ergebnis dessen sinkt die Produktion. Dann, wenn wir nun wieder von neuem geschwächt sind – schau auf das Jahr 1956 – beginnt die Landwirtschaft, sich prächtig zu entwickeln. Und da capo. Jetzt kommen von neuem die Genossen vom Finanzministerium und schlagen vor, den Bauern in die Tasche zu greifen.«[53] Von der Kollektivierung sah die Regierung 1956 ab, nicht allein auf Grund ihrer Schwäche, sondern aus Berechnung. Sie glaubte, dass die privaten ländlichen Betriebe, trotz der Landflucht, eine Produktionssteigerung garantieren würden. Auf diese Weise wollte man Investitionen sparen. Dennoch unterstützte die Regierung die private Landwirtschaft mit größeren Mitteln: So erhielten 1956 die Einzelbauern 25,9 Prozent der Ausgaben für die Landwirtschaft, 1957 45,4 Prozent, 1958 49,1 Prozent (dieses Niveau wurde erst 1982 wieder überschritten). Es verwundert nicht, dass das Jahr 1958 vermutlich eines der wenigen Jahre war, in dem im vollen Maße die Fleischnachfrage befriedigt werden konnte.[54] Allerdings verringerten sich die Zahlungen bald wieder: Von 1961 bis 1965 gingen sie auf 32 Prozent zurück, zwischen 1966 und 1970 gar auf 30 Prozent. Seit Anfang der 70er Jahre konnten die privat wirtschaftenden Bauern angesichts einer wachsenden finanziellen Bevorzugung der verstaatlichten Betriebe keine weitgreifenden Investitionen in ihre Unternehmen mehr tätigen.[55] Denselben Prozess durchliefen die Landwirte im Laufe der 70er Jahren erneut. Nach mehreren ertragreichen Jahren (Erhöhung der Ankaufspreise, Senkung der Pflichtabgaben) verlor die Partei erneut das Interesse an der Landwirtschaft, da sie diesen Produktionssektor nicht als treibenden Motor der Wirtschaft betrachtete. Immer mehr Mittel wurden für industrielle Zwecke verwendet.[56] Schließlich waren die Investitionen in die landwirtschaftlichen Privatbetriebe so beschränkt, dass Anfang der 80er Jahre die Ausrüstung der Landwirte (Dünger, Schädlingsschutz, Technik, Melioration) gerade mal die Hälfte der wirklichen Erfordernisse umfasste.[57] Der Zusammenhang mit strengen Wintern, lang anhaltenden Dürrezeiten bzw. katastrophalen Regenfällen (wie in den Jahren 1947, 1951, 1959, 1962, 1964, 1969, 1974/75, 1979/80, 1982), dem Zusammenbruch des Fleischmarktes und den folgenden politischen Verbiegungen ist nur allzu offensichtlich.[58]  In der privaten Landwirtschaft war es leicht, das labile Gleichgewicht zu verletzen. Denn die Bauern blieben Kapitalisten, die sich nach den Gesetzen des Marktes richteten. Wenn die vom Staat angebotenen Bedingungen (Ankaufspreise, Kredite, Versorgung) vorteilhaft waren, bemühten sich die Landwirte die Produktion auszudehnen, indem sie dem Staat mehr verkauften. Sie taten dies auf Kosten der eigenen Versorgung, da sie wussten, dass in Geschäften Käse, Brot oder Wurst günstiger als aus dem Ertrag ihrer eigenen Produktion zu bekommen waren. Das nannte man die Denaturalisierung des Verbrauchs. Als sich jedoch die Ankaufspreise stabilisierten, die Produktionsmittelpreise hingegen stiegen, war nichts und niemand dazu in der Lage, die Bauern zur Beständigkeit oder Vergrößerung der Produktion und deren Verkauf an den Staat zu zwingen, insbesondere deshalb nicht, weil ein riesiger halboffizieller oder gar vollkommen inoffizieller Markt existierte, auf dem z. B. Fleisch zu bedeutend ertragreicheren Preisen als in den staatlichen Geschäften gehandelt wurde[59]. Der Mangel an reichhaltigem Futter versetzte in den 70er Jahren der polnischen Viehzucht den Todesstoß. Nicht ohne Grund schrieb ein Journalist der Polityka, dass »der Kampf ums Futter auf dem Land verbissener als der Kampf ums Fleisch in der Stadt geführt wird«[60]. Da die Bauern nicht mehr von staatlichen Lieferanten beliefert wurden, suchten sie nach anderen Mitteln: Mitte 1976 pendelte der Preis für einen Doppelzentner Roggen auf dem freien Markt zwischen 700 und 900 Złoty, während der Preis für die gleiche, subventionierte Menge Roggen bei 350 Złoty und der von Weizen bei 400 Złoty lag. Es wundert also nicht, dass in den Geschäften alles verschwand, was als Futter dienen konnte – von Haferflocken bis hin zu Brötchen. Andrzej Krzysztof Wróblewski beschrieb die damalige Wirklichkeit in einer wegen der Zensur zurückgehaltenen Reportage: »Es gab hier einmal Zeiten, zwei oder drei Jahre ist es her, dass die Fuhren in einer Reihe standen […]. Hundert und mehr Wagenladungen. Sie standen den ganzen Tag über rum, die Bauern verloren nicht die Geduld. Brüteten darüber, wie sie sich in die Schlange einschleichen könnten, kamen jedoch nicht voran und blieben deshalb am selben Platz. […] Heute schleichen die Fuhren faul vor sich hin, wenn zwei warten, dann ist es schon viel. Vor dem Fleischgeschäft stehen die Leute in der Schlange, nicht die Landwirte zum Ankauf.«[61] Insbesondere spezialisierte Massenproduktionsbetriebe, die sich selbst nicht um den Anbau von Getreidepflanzen oder Kartoffeln kümmern konnten und daher abhängig von Futterlieferungen waren, gaben ihre Zucht einfach auf. In einer besseren Situation waren kleine Bauern, die alles in geringen Mengen selbst anbauten. Doch deren Lieferungen waren in keiner Weise in der Lage, das Gleichgewicht des Marktes sicherzustellen. Vor allem deshalb, weil nur ein immer kleiner werdender Prozentsatz der Bauern die Landwirtschaft als Hauptverdienst für den eigenen Lebensunterhalt betrachtete. 1960 gab es 801 160 »Bauernarbeiter« (vom Lande stammende und dort weiter lebende Industriearbeiter), 1978 schon 1 140 815. Ferner waren 1984 von 3 822 000 ländlichen Haushalten tatsächlich nur 68 Prozent in der Landwirtschaft tätig. Es ist schwer zu sagen, wie viele von ihnen die Produktion aufgaben, es muss aber eine beträchtliche Anzahl gewesen sein. Zudem sanken die Investitionen der »Bauernarbeiter« in ihre eigenen Betriebe in den Jahren von 1973 bis 1986 erheblich: Durchschnittlich waren 19,6 Prozent für den Ausbau der eigenen Landwirtschaft (Geräte etc.) bestimmt. 80,4 Prozent entfielen auf Konsumgüter. Einen deutlichen Einschnitt markiert hier die Mitte der 80er Jahre, als in der Zeit von 1983 bis 1986 der Prozentsatz der Investitionen 23,8 Prozent erreicht hatte. Die Versorgung in den Städten, in denen die Arbeiter vom Lande beschäftigt waren, war einfach zu schwach, und nach Einführung der Lebensmittelreglementierung (April 1981) erhielten sie häufig keine Lebensmittelkarten für Fleisch. Um ihr Konsumniveau jedoch nicht herunterschrauben zu müssen, sahen sie sich gezwungen, zu Anbau und Viehzucht zurückzukehren. Diese waren vor allem für den eigenen Verbrauch bestimmt und nicht für den Markt.[62] Die Migration in die Städte hatte zudem keinen geringen Einfluss auf ländliche Modernisierungsprozesse, auch hinsichtlich des Konsums.[63] War ein Bauer vor dem Krieg noch vollständig auf den Verkauf seiner Produkte ausgerichtet, sogar auf Kosten des eigenen Verbrauchs, so wurde seit den 50er Jahren der bäuerliche Eigenbedarf zunehmend größer, was die Menge der für den Markt gelieferten Lebensmittel automatisch begrenzte: »Das Angebot an Schwein war 1958 nicht normal, da die Warenproduktion im Verhältnis zur biologischen Basis der Schweine sehr hoch war, bei über 50 Prozent. Die Folge dessen wiederum war, dass ein Bauer einerseits zwar mehr anbot, zugleich aber auch mehr verzehrte und daher im Endeffekt die reine Warenerhöhung, die für die Versorgung der Städte bestimmt war, im Grunde genommen nicht hoch ausfiel. […] Automatisch floss dieses Phänomen des vergrößerten Fleischkonsums in die ›Bauernhausschlachtungen‹.«[64] Die »Hausschlachtungen«, wie die bäuerlichen Schweineschlachtungen in der Amtssprache genannt werden, führten zu erheblichen Verschwendungen und waren in großem Maße unwirtschaftlich. Verwertet wurden gewöhnlich nur 50 Prozent der Haut und 35 Prozent der Fleischabfälle, die bei industriellen Schlachtungen z. B. für pharmazeutische Zwecke Verwendung fanden. Der Mangel an geeigneten Konservierungsmöglichkeiten führte zudem zu einem großen Verlust an Fleisch durch Verwesung wie auch zu einem übermäßigen – jedoch kurzlebigen – Konsum.[65] Auch die Bauern wussten das sehr gut, und sobald die Bedingungen es ermöglichten, verzichteten sie auf Hausschlachtungen. Während noch 1970 etwa 40 Prozent des in Polen verzehrten Fleisches aus den bäuerlichen Schlachtungen kamen, so waren es 1974 bereits nur noch 27 Prozent. Die Bauern bekamen im staatlichen Ankauf jetzt genauso viel für ihr Schlachtvieh, wie das Fleisch auch im Laden kostete. Demnach ist es nicht weiter erstaunlich, dass sie sich massenhaft in die Schlangen einreihten, die nach subventioniertem »Ladenfleisch« anstanden.[66] Jedoch war die staatliche »Fleischdecke« zu kurz. Sie reichte nicht für alle. Die Regierung bemühte sich, die »großen Zentren der Arbeiterklasse« bevorzugt zu beliefern, während die so genannten grünen Flächen zumeist ihrem Schicksal überlassen wurden. Die Lieferungen betrugen z. B. in der Wojewodschaft Kielce 1970 19,3 kg pro Kopf, in Starachowice (wo sich große Metallwerke befanden) 38,5 kg, in der Wojewodschaft Rzeszów 20,2 kg und in Mielec (Flugzeugwerke!) 56,6 kg, in der Wojewodschaft Warschau im Durchschnitt 41,4 kg und für Żyrardow (Textilwerke) 52,8 kg. An die Hauptstadt Warschau wurden 81 kg ausgeliefert.[67]  In den folgenden Jahren veränderten sich diese Proportionen nur geringfügig. Mitte 1976 betrugen die Lieferungen in Warschau im Durchschnitt 96 kg pro Erwachsenem, in der Lodzer Wojewodschaft 85,3 kg, in der Kattowitzer 75,5 kg (diese drei Wojewodschaften erhielten zwei Drittel der gesamten Lieferungen der besten Wurstwaren: Schinken, Rollschinken und Lende/Filet). Gleichzeitig wurden in die Zamojkser oder Łomżyńskier Wojewodschaft etwa 19,5 kg geliefert.[68] Auch die Landwirte suchten in den Geschäften v. a. nach Wurstwaren, die die staatliche Industrie außer Stande war, in ausreichender Menge zu liefern.[69] Hinzu kam ein miserabel funktionierender, dekapitalisierter ländlicher Handel. In dieser Situation war das Wachstum der Versorgung seit Mitte der 70er Jahre auf den so genannten grünen Flächen nur dank der Hausschlachtungen möglich. Ein verzweifelter Landwirt aus Nysa (Niederschlesien) schrieb Mitte der 70er an die Redaktion der Życie Gospodarcze: »Zwei Mastschweine habe ich zum Viehauftrieb gestellt, solche um die 177 bis 190 kg, um im Fleischgeschäft GS ein halbes kg Schinken zu kaufen. […] Solche Sachen sind vielleicht an Ostern möglich, Väterchen, entgegnete der Verkäufer. Also fütterte ich das dritte Mastschwein, welches beinahe 150 kg auf die Waage brachte, nicht mehr, sondern verarbeitete es zu Fleisch und Wurst für den eigenen Gebrauch. […] Und alles nur aus dem Grund, weil GS nicht dazu im Stande ist, mir einmalig 0,5 kg dieser Wurstwaren, […] zu liefern. Wir können mit Fleisch nicht sparsam umgehen, eher überfressen wir uns daran.«[70] Das Ende des Fleischmangels nach dem 1. August 1989 »Im Übrigen war dieses System für die Regierung »bequem«[71]. Seit 1986 wurde in Partei und Staat eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, die auf eine Abkehr von der Reglementierung und eine Regulierung des Marktes zielten. Allerdings war die Angst, einen radikalen Schnitt zu wagen, zu groß. Die Ereignisse des Jahres 1988, die Streiks und die Hoffnung auf eine Verständigung mit der Opposition hatten zu nur noch größerer Angst vor einer »Fleischbewegung« geführt. Auf der einen Seite wurde offen über die Bildung eines Wertpapiermarktes oder die Privatisierung kleiner Betriebe gesprochen, es wurden sogar Überlegungen hinsichtlich eines freien Devisenmarktes angestellt. Auf der anderen Seite scheuten die Behörden davor zurück, etwas auf den Tellern der Bevölkerung zu ändern. Obwohl die Situation Anfang 1989 fatal war und die Kluft zwischen Löhnen und Angebot erschreckende Ausmaße anzunehmen begonnen hatte, wagte es niemand während der Beratungen am Runden Tisch oder im anschließenden Wahlkampf, den Entschluss zu fassen und die Fleischproduktion und den Fleischhandel in die freie Marktwirtschaft zu überführen. Dies wäre politischer Selbstmord gewesen. Auch die halbfreien Wahlen am 4. Juni 1989 veränderten anfangs nicht viel, denn die »zentrale« Verteilung von Fleisch und die Reglementierung blieben weiterhin bestehen. Das Problem lösten schließlich die Bauern, die an Gewinn interessiert waren. In Erwartung einer Entscheidung zugunsten des freien Fleischmarktes stellten sie ihre Lieferungen an den Staat ein. In Folge dessen konnte ein beträchtlicher Teil der Menschen seine Lebensmittelkarten im Juli 1989 nicht mehr einlösen. Dennoch war die Reglementierungsmaschine weiterhin in Betrieb. Die Lebensmittelkarten für August wurden gedruckt und verteilt, die Wojewoden erhielten Reglementierungsanweisungen, die jedoch nicht mehr zur Anwendung kamen, da am 29. Juli des Jahres die Regierung – gegen den Widerstand der Opposition – mit den Beschlüssen Nr. 105, 106 und 109 jegliche Reglementierung aufhob. Die Beschlüsse traten bereits am 1. August in Kraft.  Dies bedeutete das Ende einer Epoche, in der Fleischproduktion und Fleischverteilung das »Problem Nr. 1« gewesen waren. Das heißt allerdings nicht, dass das »Fleischproblem« nicht mehr existierte. Es ist noch zu früh, weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, aber man kann die Behauptung aufstellen, dass auch der gegenwärtige Überfluss an Fleisch für Historiker und Soziologen, die sich mit Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte befassen, ein interessantes Forschungsfeld darstellen wird. [1]  Dieser Artikel erhebt nicht den Anspruch einer komplexen Darstellung des Problems, sondern ist eine kurze Einführung in die »Fleischgeschichte« der Volksrepublik Polen. Eine polnische Fassung des Artikels wurde veröffentlicht in Przeglad Historyczny 46 (2005), S. 587-605. [2]  Kawalec, J.: »Spadochronowe« zakupy [»Fallschirmeinkäufe«], in: Echo Dnia Nr. 298 vom 30. Oktober 1948. [3]  Siehe Kamiński, Ł./Małkiewicz, A./Ruchniewicz, K.: Opór społeczny w Europie Środkowej w latach 1948–1953 na przykładzie Polski, NRD i Czechosłowacji. Wstępny raport z badań [Der gesellschaftliche Widerstand in Mitteleuropa in den Jahren 1948–1953 am Beispiel Polens, DDR und der Tschechoslowakei. Einleitender Bericht zu den Untersuchungen], Wrocław 2004, S. 285–290; Szarota, T.: Śmiech zakazany – kawał (dowcip) polityczny jako informacja o postrzega- niu peerelowskiej rzeczywistości [Das verbotene Gelächter – der politische Witz (Scherz) als Information über die Wahrnehmung der Wirklichkeit in Volkspolen], in: Polska 1944/45–1989. Studia i Materiały 5 (2001), S. 209–236. Diese Arbeit enthält auch eine Bibliographie zum Thema. Das Thema des »Fleischwitzes« wurde kürzlich aufgenommen in Jarosz, D./Pasztor, M.: Afera mięsna: fakty i konteksty [Die Fleisch-Affäre: Fakten und Kontexte, Toruń 2004, S. 196–200. [4] Terlecki, R.: »Lachowicz«, mój ojciec [IM »Lachowicz«, mein Vater], in: Rzeczpospolita Nr. 208 vom 6./7. September 2003. [5] Nicht ohne Grund wurde während einer Sitzung der Kommission für die Versorgung des Marktes vom ZK der PVAP im November 1959 festgestellt, dass das »Problem Nr. 1 Fleisch« ist. Archiwum Akt Nowych, Polska Zjednoczona Partia Robotnicza/Archiv der Neuen Akten, Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (im Folgenden: AAN PZPR), 237/XXXI–243, Bl. 223. Zuletzt wurde das »Fleisch-Problem« auf der Sitzung des Politbüros am 7. November 1989 erwähnt. AAN PZPR, 2162, Bl. 67.  [6] Zu der »Fleischaffäre« siehe Jarosz/Pasztor: Afera mięsna, (Anm. 3). Diese Affäre deckte die Warschauer Miliz zur Jahreswechsel 1963/1964 auf. Sie umfasste zahlreiche Korruptionsfälle innerhalb staatlicher Institutionen, die mit der Verarbeitung, dem Transport und dem Verkauf von Fleisch beschäftigt waren. Einige hundert Personen wurden in diesem Zusammenhang festgenommen. Die Angeklagten versuchten in der Regel sich zu verteidigen, indem sie ihre Kunden, darunter hohe Staats- und Parteifunktionäre (z. B. der 1964 verstorbene Staatsratsvorsitzende Aleksander Zawadzki) denunzierten. Am Ende des Schauprozesses standen hohe Strafen, im Fall des Direktors des Städtischen Fleischhandels in Warschau, Stanisław Wawrzecki sogar die Todesstrafe. [7] Brzostek, B.: Życie codzienne w przeddzień Marca [Das Alltagsleben am Vorabend des März], in: Kula, M./Osęka, P./Zaremba, M. (Hrsg.) Marzec 1968. Trzydzieści lat później [März 1968. Dreißig Jahre später], Warschau 1998, Bd. 1, S. 31–38.  [8] AAN PZPR, XIA/535, Bl. 2. Anfang 1975 berichtete das Warschauer Komitee der PVAP: »Auf die Atmosphäre in den Arbeiterbetrieben haben die zur Zeit mit der Marktversorgung verbundenen Schwierigkeiten eine negative Auswirkung, insbesondere betrifft dies Fleisch und Fleischprodukte (diese Situation hat sich nach dem 22. Februar 1975 noch zugespitzt). In den Betrieben rufen die Probleme jedoch weniger Kritik als bislang hervor«. Archiwum miasta stołecznego Warszawy/Staatsarchiv der Hauptstadt Warschau, Komitet Warszawski PZPR, 30/VII–43 Bd. 56, Bl. 31.  [9] Zitiert nach Müller, H.-P.: Die »feinen Unterschiede«, wo es keine geben sollte. Anmerkungen zum Verhältnis von Arbeiteraristokratie und Luxus, in: Luxus und Konsum – eine historische Annäherung, Münster 2003, S. 209.  [10]  Ebenda. [11]  Teuteberg, H. J.: Zum Problemfeld Urbanisierung und Ernährung im 19. Jahrhundert, in: Ders. (Hrsg.): Durchbruch zum modernen Massenkonsum. Lebensmittelmärkte und Lebensmittelqualität im Städtewachstum des Industriezeitalters, Münster 1987, S. 13. [12]  Pohorille, M.: Preferencje konsumentów a postulowany wzorzec spożycia [Die Präferenzen der Konsumenten und das postulierte Muster des Verbrauchs], Warschau 1978, S. 178 f.; Teuteberg: Zum Problemfeld (Anm. 11); Ders.: The General Relationship between Diet and Industrialization, in: Forster E./Forster, R. (Hrsg.): European Diet from Pre-Industrial to Modern Times, New York 1975, S. 62–109. [13]  Teuteberg: The General (Anm. 12), S. 76 f. [14]  Radzyński, R.: Produkcja, handel i spożycie mięsa w Krakowie [Produktion, Handel und Konsum von Fleisch in Krakau], Krakau 1934, S. 11. [15]  Beskid, L.: Ekonomiczne uwarunkowania rozwoju konsumpcji [Die ökonomischen Bedingungen der Konsumentwicklung], in: Szczepański, J. (Hrsg.): Badania nad wzorami konsumpcji [Untersuchungen an Konsummustern], Wrocław 1977, S. 99 f.; Jankowski, S.: Warunki życia ludności [Die Lebensbedingungen der Bevölkerung], in: Kaliński, J./Landau, Z. (Hrsg.): Gospodarka Polski Ludowej [Wirschtaft Volkspolens], Warschau 1976, S. 66. [16]  Lewandowska, Zofia: Model konsumpcji w Polsce w okresie industrializacji socjalistycznej [Das Konsummodell in Polen in der Zeit der sozialistischen Industrialisierung], Warschau 1979, S. 217. [17]  Michna, W. u. a.: Modele spożycia żywności [Modelle des Lebensmittelkonsums], Warschau 1986, S. 5. Im Rahmen des Dreijahresplanes (1947 bis 1949) hatte man vorgesehen, 80 Prozent des Nationaleinkommens für den Konsum auszugeben. 1949 waren es sogar 84,4 Prozent – eine Größe, die nicht mehr erreicht werden sollte. Jankowski: Warunki życia ludności (Anm. 15), S. 42. [18]  Lewandowska: Model konsumpcji (Anm. 16), S. 75 f. 1950 betrug der Fleischkonsum in der Tschechoslowakei 90 Prozent, in Ungarn 71 Prozent und in der DDR 60 Prozent des polnischen Durchschnitts. In den folgenden 20 Jahren wandelten sich diese Proportionen ins Gegenteil. Ebenda, S. 79.  [19]  Jankowski: Warunki życia ludności (Anm. 15), S. 70. [20]  Szczepański, J.: Zagadnienia konstruowania i realizacji modelu i wzorów konsumpcji socjalistycznej [Die Problemstellung des Aufbaus und der Realisierung eines Modells und von Mustern des sozialistischen Konsums], in: Ders.: Badania (Anm. 15), S. 33. [21]  Pohorille, M.: Konsumpcja [Verbrauch], in: Systemy wartości a wzory konsumpcji społeczeństwa polskiego [Wertsysteme und die Verbrauchsmuster der polnischen Gesellschaft], Warschau 1980, S. 104. [22]  Szczepański: Zagadnienia (Anm. 20), S. 51. »Bei der Frage nach der gesellschaftlichen Provenienz von Mensamenüs, Möbeln und Wohnungseinrichtungen sowie hergestellten Kleidungsstücken usw. […] könnte man leicht feststellen, was für ein postumer Triumph des Kleinbürgertums hier gefeiert wird.« Ebenda, S. 61 f. [23]  Siciński, A.: Problemy przemian stylu życia w Polsce [Die Fragen der Umwälzungen des Lebenstils in Polen], in: Szczepański: Badania (Anm. 15), S. 295 u. 342. Der Krieg hatte noch eine weitere Folge für das Konsumverhalten der Bevölkerung. Sie konnte sich lange nicht vom »Brandopfer-Komplex« – wie ihn Jan Szczepański nannte – befreien. Diejenigen, die »in Kriegsbränden ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten, versuchen jetzt ihr Leben nach Mustern wiederaufzubauen, die sich in massenkonsumorientierten Gesellschaften herausgebildet haben. Diese Muster gelangen durch Film, Fernsehen, Presse, Illustrierte, den Tourismus, Familienbesuche etc. zu uns« Szczepański: Zagadnienia (Anm. 20), S. 33. [24]  Dąbrowska, Maria: Dzienniki powojenne 1950–1954 [Nachkriegstagebücher 1950–1954]. Hrsg. v. Tadeusz Drewnowski, Warschau 1997, S. 266. [25]  So betrug nach dem im März 1949 eingeführten »Preiskatalog für die Hauptstadt Warschau« z. B. der maximale Bauchspeckpreis 350 Złoty. Der Preis lag auf demselben Niveau wie der für Krakauer Wurst, Schweinerücken, rohen Schinken oder Filet. Archiwum Związków Zawodowych, Wydział Ekonomiczny/Archiv der Gewerkschaften, Ökonomische Abteilung (im Folgenden: AZZ WE), Sign. 256.  [26]  Kieżel, E.: Podstawy programowania spożycia żywności [Grundlagen der Programmierung des Lebensmittelkonsums], Katowice 1985, S. 51. [27] Żekoński, Z.: Wstępne informacje o strukturze żywienia ludności miast [Einführende Informationen zur Ernährungsstruktur der Stadtbevölkerung], Warschau 1960. Siehe auch Jarosz/Pasztor: Afera mięsna (Anm. 3), S. 158–162. [28]  Kieżel: Podstawy programowania (Anm. 26), S. 122 f. [29]  Beskid: Ekonomiczne (Anm. 15), S. 187 u. 195. [30]  Notiz über die Situation in der Viehhaltung und Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und Fleischprodukten, in: AZZ WE, 204/43 vom 11. Oktober 1965. [31]  1955 wurden über 99 Prozent der polnischen Produktion von Schinkenkonserven exportiert, waren es 1975 74,3 Prozent. Szymański, W.: Ceny a konsumpcja i produkcja żywności [Preise und Lebensmittelverbrauch und -produktion], Warschau 1979, S. 257. Dies hatte Auswirkungen auf den Binnenmarkt: 1965 vergrößerte sich der Anteil von Schweinehaxen auf 8 Prozent aller Lieferungen, obwohl Schweinehaxen nur 2,2 Prozent des Gesamtvolumens eines durchschnittlichen Tieres betragen; im Falle von Rippchen betrug das Verhältnis 14 Prozent zu 3,9 Prozent. Hingegen hatte Schinken, der 23 Prozent des Gesamtgewichtes eines Schweins ausmacht, nur 1,1 Prozent Marktanteil. Abteilung für Leichtindustrie, Handel und Bau des ZK: Notiz über die Situation in der Viehhaltung und Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und Fleischprodukten vom August/September 1965, in: AAN PVAP, 237/V/598, Bl. 33.  [32]  Briefbulletin Nr. 20 vom 11. April 1956, in: Oddział Dokumentów i Zbiorów Programowych Telewizji Polskiej [Abteilung für Dokumente und Programmsammlunge des Polnischen Fernsehens], 1050/14. Siehe Brzostek, Błażej: Robotnicy Warszawy. Konflikty codzienne (1950–1954) [Die Arbeiter Warschaus. Tägliche Konflikte (1950–1954)], Warschau 2002. [33] Kieżel: Podstawy programowania (Anm. 26), S. 61; Wiśniewski, A.: Czasochłonność żywienia w gospodarstwach domowych [Der hohe Zeitaufwand bei der Ernährung in den Hauswirtschaften], in: Diagnoza zmian w strukturze konsumpcji (Na przykładzie gospodarstw domowych) [Änderungsdiagnose in der Konsumstruktur (am Beispiel von Hauswirtschaften)], Katowice 1990, S. 117; Ders.: Warunki i sposoby realizacji funkcji żywieniowej gospodarstw domowych w Polsce w końcu lat osiemdziesiątych [Bedingungen und Möglichkeiten der Realisierung der Ernährungsfunktion von Hauswirtschaften in Polen Ende der 80er Jahre], in: Pałaszewska-Reindl, Teresa (Hrsg.): Konsumpcja w gospodarstwach domowych lat osiemdziesiątych [Der Konsum in den Hauswirtschaften der 80er Jahre], Katowice 1992, S. 34. [34]  Als die Lebensmittel-Supermärkte ihre Verbreitung fanden, ermöglichten sie das ganzjährige Sammeln von Vorräten. So schrieb 1975 ein Journalist der Polityka, dass »lange in der Schlange angestanden, mehr gekauft [wird,] als nicht angestanden. Nicht ohne Grund beginnen Kühlschränke mit großen Gefrierfächern aus den Läden zu verschwinden, obwohl sie früher nie jemanden wirklich interessiert haben«. Szeliga, Z.: Mięso – kłopoty i perspektywy [Fleisch – Probleme und Perspektiven], in: Polityka Nr. 11 vom 15. März 1975. [35]  Kamiński, W. (Hrsg.): Polityka i organizacja żywienia zbiorowego [Politik und Organisation der kollektiven Ernährung], Warschau 1980, S. 215. Es ist schwer einzuschätzen, wie ernsthaft eine Idee des Vorsitzenden des Planungskomitees beim Ministerrat Mieczysław Jagielski verfolgt wurde. Jagielski trug diese Idee im August 1972 bei einer gemeinsamen Sitzung des Politbüros und des Ministerrates vor. Der damalige Berater von Parteichef Edward Gierek, Zdzisław Rurarz, erinnert sich an die Sitzung wie folgt: »[Jagielski schlug vor:] ›Eigentlich vergeuden wir das Fleisch, indem wir es unverarbeitet verkaufen. Anstelle von Fleisch könnten wir verschiedene Konserven verkaufen. Man füge noch ein wenig Beilagen, Gemüse, Gelatine, ein paar Gewürze, Wasser und Blech für Büchsen hinzu. Darüber hinaus könnte man den Stückpreis von so verkauftem Fleisch erhöhen.‹ […] [Piotr] Jaroszewicz [Ministerpräsident 1970 bis 1980] wurde nachdenklich. Ich befürchtete, dass er eine Entscheidung treffen und man in Polen kein ordentliches Stück Fleisch mehr erhalten könnte, sondern nur irgendwelche miserablen Konserven. Ich beschloss, mich mit fester Stimme in das Gespräch einzumischen: ›Englische Wissenschaftler haben bewiesen, dass der Anstieg der Homosexualität in Verbindung mit dem ansteigenden Konsum von Dosennahrung, in der Vitamine und Aminosäuren etc. fehlen, zu sehen ist.‹ […] Volltreffer! […] Die Wirkung war unglaublich! Jaroszewicz hörte mir gebannt zu, dann brummte er etwas in seinen Bart, und schließlich brach es aus ihm heraus: ›Ej, Mietek, du sollst aber keine Schwulen aus uns machen!‹«, Rurarz, Z.: Byłem doradcą Gierka, [Ich war Giereks Berater] Chicago/Toronto/Warschau 1990, S. 100. [36]  Kieżel: Podstawy programowania (Anm. 26), S. 59.  [37]  Kamiński: Polityka i organizacja (Anm. 35), S. 70. [38]  Hofman, Krzysztof: Konsumpcja żywności w Polsce. Aspekty ekonomiczne, społeczne i żywieniowe [Der Lebensmittelkonsum in Polen. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und Ernährungsaspekte], Warschau 1989, S. 103 u. 139; Kowrygo, B./Rosiak, E.: Spożycie żywności przez ludność rolniczą w świetle danych Instytutu Ekonomiki Rolnej [Der Lebensmittelverbrauch durch die Bevölkerung auf dem Lande unter dem Aspekt der Daten des Instituts der Landwirtschaftsökonomik, in: Model konsumpcji żywności w Polsce w środowisku wiejskim [Das Modell des Lebensmittelkonsums in Polen im ländlichen Milieu], Warschau 1981, S. 99. [39]  Stenographische Mitschrift der Beratungssitzung einer Arbeitsgruppe des Wojewodschaftsrates der Gewerkschaften (WRZZ) und der Hauptverwaltung vom 1. September 1977, in: Archiwum Związków Zawodowych, Wydział Socjalny/Archiv der Gewerkschaften, Soziale Abteilung (im Folgenden: AZZ WS), 710/41. [40] Im Jahre 1975 betrugen die Zuwendungen z. B. in der UdSSR 19 Milliarden Rubel (10 Prozent der Staatsausgaben). In Polen zahlte man 1975 168 Milliarden Złoty an Nahrungszuwendungen und 270 Milliarden Złoty im Jahr 1978. Zum Ende der 80er Jahre wurden fast 30 Prozent des Staatshaushaltes durch Subventionen verschlungen.   Die Sozialpolitik führte zu paradoxen Situationen: Im Jahr 1988 betrug der Verkaufswert innerhalb der Fleischindustrie 618,2 Milliarden Złoty – der Rohstoffwert in Einkaufspreisen jedoch 1298,7 Milliarden Złoty. Ähnliche Verhältnisse herrschten in der Milch- und Fettindustrie. 1989 verschlechterte sich die Situation weiter. Mitte 1989 wurde der Verkaufspreis von Roggenmehl, um niedrig gehalten werden zu können, mit 636,4 Prozent des offiziellen Preises bezuschusst, Schweinefleisch mit 220,7 Prozent, Rindfleisch mit 276,8 Prozent, Milchmargarine mit 506,6 Prozent, Milch mit 428,7 Prozent und Nudeln mit 289,7 Prozent. Protokolle der 138. Sitzung des Politbüros vom 27. Juli 1989, in: AAN PZPR, 2149, Bl. 161. [41]  Kamiński: Polityka i organizacja (Anm. 35), S. 46. Das XV. Plenum der ZK der PVAP stellte im Oktober 1974 ein komplexes Programm für die Lebensmittelindustrie auf, das bis ins Jahr 1990 angelegt war und die Versorgungsmesslatte sehr hoch anlegte: Fleisch und Fleischprodukte 85 bis 90 kg pro Kopf, Milch 340 l, Fisch 11 bis 12 kg. Sehr ehrgeizig waren die Pläne für die kommenden fünf Jahre 1976 bis 1980 (82 bis 85 kg Fleisch), doch bereits während der Planerstellung zweifelte man, ob es möglich sein würde, das Vorhaben zu verwirklichen. 1975 kommentierte Ministerpräsident Jaroszewicz die Vorhaben so: »Es wird vorgeschlagen, den planmäßigen Fleischkonsum an seiner unteren Grenze festzulegen, die Erhöhung auf 85 kg, also um weitere drei Kilo, würde die II. Parteilandeskonferenz anhand der entstandenen Möglichkeiten beschließen. Dies würde eine Konsumerhöhung von 10 bis 12 kg pro Einwohner innerhalb der nächsten fünf Jahre bedeuten. Welches zusammen mit dem natürlichen Zuwachs dieser 5 Jahre, der etwas über 17 kg betragen wird, einen Zuwachs in Höhe von 29 bis 32 kg im ganzen Jahrzehnt, im Vergleich zu 10,5 kg in den 60er Jahren und 16,5 kg in den 20 Jahren zwischen 1951 und 1970, bedeutet.« Protokoll der 8. Sitzung des Ministerrates vom 23. Juni 1975, in: Archiwum Akt Nowych, Urząd Rady Ministrów/Archiv der Neuen Akten, Ministerratsamt (im Folgenden: AAN URM), 5. 3/78, Bl. 9–11. [42]  Von 1970 bis 1974 stiegen die Fleischlieferungen um 78,5 Prozent, während sich die Realeinkommen um 114 Prozent erhöhten, was eine sprunghaft ansteigende Nachfrage nach Qualitätserzeugnissen bewirkte, deren Preise jedoch gleich blieben. Szymański: Ceny a konsumpcja (Anm. 31), S. 251 u. 256. In solch einer Situation war der Zusammenbruch des Marktes nur eine Frage der Zeit. Im Februar 1975 war es dann soweit: Das verfügbare Geld der Konsu menten stieg im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent, die Nachfrage wuchs damit um 10 bis 12 Prozent, während jedoch die Fleischproduktion nur um 8 Prozent stieg. Einen dritten Faktor stellte das niedrige Angebot an Substituten (Milch, Fisch, Gemüse) dar. Eine wichtige Rolle spielte auch die langjährige Erfahrung der Bevölkerung, die besagte, dass »im Falle von Mängeln auf dem Markt angestanden und auf Vorrat gekauft wird«. Szeliga: Mięso, (Anm. 34). [43] Beskid, L.: Ewolucja konsumpcji w latach siedemdziesiątych w Polsce [Die Evolution des Konsums in den 70er Jahren in Polen], in: Systemy wartości (Anm. 21), S. 346. [44] Beskid: Ekonomiczne (Anm. 15), S. 87, 168–169. [45] Direkt nach der Preiserhöhung von 1982 lösten 50 Prozent der ärmsten Haushalte ihre Fleischzuteilungen nicht ein. Kieżel: Podstawy programowania (Anm. 26), S. 116. [46] Ebenda, S. 38. [47] Żabiński, L. (Hrsg.): Mechanizmy ekonomiczne kształtowania spożycia. Kryzys-próba reform- kierunki zmian [Ökonomische Mechanismen der Gestaltung des Verbrauchs], Katowice 1991, S. 44. [48]  Kieżel: Podstawy programowania (Anm. 26), S. 55; Lewandowska: Model konsumpcji (Anm. 16), S. 227.  [49]  Szymański: Ceny a konsumpcja (Anm. 31), S. 174 f. [50] Święcicki, A.: Struktura jakościowa wyżywienia w Polsce [Die Qualitätsstruktur der Ernährung in Polen], Warschau 1964. [51] Szeliga: Mięso, (Anm. 34). [52]  Golinowska, Stanisława: Decyzje centrum o kształtowaniu rzeczowej struktury spożycia [Entscheidungen des Zentrums über die Gestaltung einer dinglichen Verbrauchsstruktur], Warschau 1989, S. 105. [53]  Rakowski, M. F.: Dzienniki polityczne 1972–1975 [Politisches Tagebuch 1972–1975], S. 89. Mieczysław Rakowski war 1973 Kandidat des ZK der PVAP. 1988/89 war Rakowski der letzte kommunistische Ministerpräsident Polens. 1989/90 fungierte er als letzter Parteichef vor der Auflösung der PVAP.  [54]  Golinowska: Decyzje centrum (Anm. 52), S. 84 u. 116. [55]  Gulbicka, B.: Dochody, spożycie i akumulacja w indywidualnych gospodarstwach chłopskich w Polsce Ludowej [Einkünfte, Verbrauch und Akkumulation in bäuerlichen Individualwirtschaften in Volkspolen], Warschau 1986, S. 83 u. 92. [56] Michna, W. u. a.: Modele spożycia żywności [Modelle des Lebensmittelkonsums], Warschau 1986, S. 6–8. [57]  Gulbicka: Dochody (Anm. 55), S. 10 u. 13. [58]  Golinowska: Decyzje centrum (Anm. 52), S. 117. Der größte Rückgang in der Agrarproduktion – um über 10 Prozent – wurde in den Jahren 1962, 1969 und 1980 verzeichnet. [59]  Zu Schwarzschlachtungen und »Fleischspekulation« siehe Kochanowski, Jerzy: Das »Problem Nummer 1« und seine Protagonisten. Fleisch und Fleischspekulanten in Polen 1945 bis 1989, in: Gries, Rainer/Satjukow, Silke (Hrsg.): Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus, Leipzig 2004, S. 455–464.  [60]  Wróblewski, A. K.: Świni banknotami nie nakarmi. Sztufada zamiast schabowego [Schweine ernährt man nicht mit Banknoten. Rinderschmorbraten statt Schweinekotlett], in: Czarna księga cenzury PRL [Schwarzbuch der Zensur in der Volksrepublik Polen], London 1978, Bd. 2, S. 460. [61] Ebenda, S. 459. [62]  Rudnicki, L./Woźniczka, H.: Chłopi-robotnicy [Bauernarbeiter], Katowice 1989, S. 21, 25 u. 41 f. [63] Świętochowska, M.: Ewolucja spożycia żywności na wsi [Die Evolution des Lebensmittelverbrauchs auf dem Land], Warschau 1979, S. 38 f. Der Konsum in den Dörfern glich sich blitzartig den städtischen Mustern an. In den Dörfern wurde 1980 fast genauso viel Fleisch gegessen wie in den Städten (63,8 und 65,7 kg). Hofman: Konsumpcja (Anm. 38), S. 26 f. [64]  Stenographische Mitschrift einer Besprechung der Kommission für Marktversorgung am Zentralkomitee der PVAP, 31. August 1959, in: AAN PZPR, 237/XXXI-243, Bl. 154. [65]  Dyka, S./Laskowska, I.: Wpływ handlu wiejskiego na proces denaturalizacji spożycia [Der Einfluss des ländlichen Handels auf den Prozess der Denaturalisierung des Verbrauchs], in: Narzędzia polityki gospodarczej i społecznej w procesie kształtowania konsumpcji [Mittel der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik im Prozess der Konsumgestaltung], Katowice 1987, Bd. 1, S. 135; Świętochowska: Ewolucja spożycia (Anm. 62), S. 17–19. [66] Szeliga: Mięso, (Anm. 34).  [67]  Notiz über die volkseigenen Lieferanten für Fleisch, Fleischprodukte und tierische Fette, in: AZZ WS 20.3, Teil 2. [68]  Die Situation auf dem inländischen Fleischmarkt 1976 und die für 1977 vorhergesehene, in: AAN PZPR, XIA/535, Bl. 23 u. 26. [69]  Szeliga: Mięso (Anm. 34). [70]  Czarna księga cenzury (Anm. 59), S. 281. [71]  Protokoll einer Sitzung des Zentralkomitees zum Kampf gegen Spekulationen vom 2. Mai 1985, in: AAN URM, 32/75, Bl. 27. 

JHK 2007

Drei Besatzungen unter zwei Diktaturen. Eine vorläufige Bilanz der Forschungsarbeiten der internationalen Historikerkommissionen in Lettland, Litauen und Estland

Walter M. Iber/Peter Ruggenthaler

Im Herbst 1998 wurden in Lettland, Litauen und Estland internationale Historikerkommissionen eingesetzt, die es sich zur Aufgabe machten, sich mit der »Epoche« der drei Besatzungen zwischen 1940 und 1991 auseinanderzusetzen. Der folgende Beitrag stellt eine Bilanzaufnahme der bisherigen Forschungsergebnisse der Kommissionen, vor allem im Hinblick auf zu Tage gefördertes Zahlenmaterial, dar. Auf die historischen Hintergründe der 51 Jahre währenden Besatzungen der baltischen Staaten kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden.[1] Das grundlegende Problem der Historiographie in den baltischen Ländern lag lange Zeit im unzureichenden wissenschaftlichen Austausch mit dem Ausland. Hierfür spricht die fast ausschließliche Heroisierung des Partisanenkampfes gegen die sowjetische Besatzung in den diversen Publikationen. In den sowjetischen Publikationen wurden die baltischen Partisanen als Nationalisten und Banditen dargestellt. Die russischen Publikationen seit 1991 setzen diese Darstellung teilweise bruchlos fort.[2] Diese Konfrontation dient bis heute als Sinnbild für politische Gräben, die nicht zuletzt durch unterschiedliche, jedoch von der jeweiligen Seite als »richtig« angesehene Interpretationen der Geschichte noch vertieft wurden. War das Bild vom baltischen NS-Kollaborateur in der russischen Historiographie stets ein wesentlicher Faktor, so wandte sich nach der Erlangung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten auf der anderen Seite die Forschung im Baltikum auch offiziell gegen das Bild von der UdSSR als »Befreierin« und »Friedensstifterin«. Dieses Grundproblem stellt einen der wichtigsten Ansätze der 1998 ins Leben gerufenen Historikerkommissionen dar, die die Erreichung einer Verflechtung mit der internationalen – auch der russischen – Forschung als eines ihrer wesentlichen Ziele definieren. Das inhaltliche Hauptaugenmerk der Kommissionen ist identisch. Es richtet sich auf die »Epoche« der drei Besatzungsregime zwischen 1940 und 1991. Alle drei Historikerkommissionen haben sich neben der historischen Forschung auch der Öffentlichkeitsarbeit und einer entsprechenden Einwirkung auf den Schul- und Hochschulunterricht verschrieben.[3] Die lettische Historikerkommission  Die lettische Kommission mit der einfachen Bezeichnung »Historikerkommission Lettlands« unter dem Vorsitz von Professor Andris Caune wurde 1998 auf Initiative des damaligen Staatspräsidenten Guntis Ulmanis (1993 bis 1999) gegründet. Dementsprechend ist sie auch heute bei der Präsidentin Lettlands Vaira VīkeFreiberga (seit 1999) angesiedelt. Die Hauptaufgabe der Kommission besteht in der Erforschung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Besatzungen 1940 bis 1956. Ihr gehören Experten aus Schweden, den USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich an.[4] Von der Beteiligung ausländischer Wissenschaftler erwartete man sich von lettischer Seite einen wichtigen Beitrag zur Objektivität der Arbeit, gleichzeitig aber auch ein Kennenlernen neuer Methoden der Geschichtsforschung, die im Westen angewandt werden. Die Sitzungen der Kommissionsmitglieder finden zweimal jährlich statt.  Innerhalb der Kommission wurden vier voneinander unabhängige Arbeitsgruppen gebildet, die sich den Themen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf dem Territorium Lettlands 1940–1941« (Leitung Valdis Berzins), »Holocaust in Lettland« (Leitung Aivars Stranga), »Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf dem Territorium Lettlands während der nationalsozialistischen Okkupation 1941– 1944« (Leitung Inesis Feldmanis) und »Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Lettland während der sowjetischen Okkupation 1944–1956« (Leitung Heinrihs Strods) widmen. Da neue Archivmaterialien erschlossen werden müssen, ist für die Arbeiten eine längere Zeitdauer eingeplant.[5] Insbesondere lettische Historiker beklagen, in Moskauer Archiven gleichgültig behandelt zu werden. Dennoch war die Forschungsarbeit bisher recht fruchtbar, die Publikationsreihe der Historikerkommission umfasst bereits 18 Tagungsbände.[6] Der Großteil der Bände ist in lettischer Sprache verfasst, weist jedoch zumindest englische Zusammenfassungen bzw. vereinzelt auch Beiträge in deutscher und englischer Sprache auf. Nur der 5.[7] und der 14. Band[8] erschienen zur Gänze in englischer Sprache, wobei in Letzterem ausgewählte Forschungsergebnisse aus den vorangegangenen Bänden präsentiert werden. Er kommt somit einer vorläufigen Zwischenbilanz der Arbeit der Historikerkommission gleich.   Wichtig ist anzumerken, dass sich neben der Historikerkommission in Lettland das 1993 eröffnete Okkupationsmuseum in Riga als bedeutender Faktor in der Erforschung der drei Besatzungsregime etabliert hat. Die Geschichte Lettlands im Zeitraum von 1940 bis 1991 wird hier in Form einer umfangreichen Ausstellung dokumentiert.[9] Das Okkupationsmuseum ist in personeller Hinsicht eng mit der Historikerkommission vernetzt. Mitarbeiter der Museumsverwaltung, u. a. Valters Nollendorfs, Heinrihs Strods und Andrejs E. Feldmanis, gehören auch der Historikerkommission an.[10]  Die litauische Historikerkommission In Litauen ist die »Internationale Kommission zur Erforschung der Verbrechen des Nationalsozialistischen und des Sowjetischen Besatzungsregimes in Litauen« eine Parlamentskommission, der der litauische Parlamentsabgeordnete Emanuelis Zingeris vorsitzt.[11] Die Kommission ist in zwei Subkommissionen unterteilt, von denen sich eine den beiden sowjetischen Besatzungen (Vorsitzender Julius Šmulkštys), die andere der Zeit unter deutscher Herrschaft (Vorsitzende Dalia Kuodytė) widmet. Mit den von den Sowjets in Litauen begangenen Verbrechen setzen sich vor allem Historiker aus Litauen, aber auch solche aus Russland und Frankreich auseinander, die NS-Verbrechen werden von litauischen, deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern untersucht. Im Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit und Publikationstätigkeit war die Kommission bisher sehr aktiv. Es sind bereits mehrere Newsletter und Broschüren erschienen, die über die Arbeit der Historikerkommission informieren.[12] Ebenso kann sie auf eine Reihe von internationalen Konferenzen und jährlich organisierte Workshops verweisen.[13] Bereits im Jahr 2000 erschien mit Hilfe der Kommission der Tagungsband zum in Vilnius veranstalteten »Internationalen Forum über in der Ära des Holocausts erbeutete Kulturgüter«.[14] Als Publikation der Kommission gab Vytautas Tininis 2003 ein dreibändiges Werk über die Verbrechen des kommunistischen Regimes in Litauen von 1944 bis 1953 heraus.[15] Jeder der drei Bände gliedert sich in einen litauisch/englischen Textteil und einen umfangreichen Dokumenten-Anhang. Einzelne Berichte der Historikerkommission im Hinblick auf die deutsche Besatzung befassen sich mit dem Antisemitismus in Litauen, der Ermordung von Kriegsgefangenen und Repressionen gegen die jüdische und nicht-jüdische litauische Bevölkerung. Weitere Berichte, so z. B. über die litauische Polizei unter der NS-Herrschaft, die Rolle der litauischen Massenmedien während der deutschen Besatzung oder litauische Zwangsarbeiter in Deutschland[16] befinden sich in Vorbereitung.[17]  Neben der Internationalen Historikerkommission ist in Litauen vor allem die Arbeit des Genocide and Resistance Research Centre of Lithuania zu nennen, das sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte Litauens in den verschiedenen Besatzungsperioden beschäftigt. Als Ergebnis liegen zahlreiche Publikationen vor.[18] Eine Fülle an Tagungen und internationalen Konferenzen, bei denen das Forschungszentrum als Veranstalter bzw. Mitveranstalter auftrat, ergänzen die rege wissenschaftliche Tätigkeit.[19] Die Leiterin des Forschungszentrums Dalia Kuodytė ist, wie bereits erwähnt, auch Mitglied der litauischen Historikerkommission. Die »Epoche« der drei Besatzungen Litauens nimmt zudem breiten Raum in Publikationen zur litauischen Nationalgeschichte ein.[20] Die etwas besseren gegenwärtigen diplomatischen Beziehungen zwischen Vilnius und Moskau machen sich auch in der Forschung bemerkbar. Kürzlich erschien eine gemeinschaftliche Publikation litauischer Historiker und des Instituts für allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, ein einmaliger Dokumentenband über die erste sowjetische Besatzung in Litauen 1940/41. Diese Publikation führte zu freudigen Reaktionen im Baltikum, da die russische Mitherausgeberin Natalija Lebedeva erstmals den Terminus »Okkupation« (»okkupacija«) für die Zeit nach dem Einmarsch 1940 verwendete. Heftige Reaktionen in Russland veranlassten die russische Seite jedoch, einen Schritt zurückzusetzen. Die Publikation befindet sich bislang unter Verschluss und ist auf dem russischen Buchmarkt nicht erhältlich. Nur in Litauen kursieren 20 Exemplare. Immerhin wird nunmehr jedoch auch in Russland zumindest die Zeit bis zu den Referenden in den baltischen Ländern 1940 als militärische Besetzung anerkannt.[21] Die estnische Historikerkommission Ähnlich wie lettische Historiker klagen auch ihre estnischen Kollegen über einen restriktiven Zugang zu russischen Archiven.[22] Die bereits im Jahr 1992 gegründete Estonian State Commission on Examination of the Policies of Repression hält in ihrem jüngst herausgegebenen White Book über die menschlichen und materiellen Verluste der estnischen Nation während der Besatzungsherrschaften von 1940 bis 1991 fest, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse nach wie vor nur auf estnischem Archivmaterial beruhen, »because till the present day it has not been possible to use materials in the archives of occupation regimes«[23]. Zumindest im Hinblick auf Deutschland dürften diesem Mangel wohl eher fehlende finanzielle Projektmittel zugrunde liegen.  Die von Präsident Lennart Meri (1992 bis 2001) eingesetzte unabhängige Historikerkommission, die »Estnische Internationale Kommission zur Erforschung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit« steht unter dem Vorsitz des renommierten ehemaligen finnischen Diplomaten Max Jakobson. Sie setzt sich aus Mitgliedern aus den USA, Dänemark, Russland und Deutschland zusammen[24] und besteht aus zwei Arbeitsgruppen, von denen sich eine den beiden sowjetischen Besatzungen, die andere der deutschen Besatzung 1941 bis 1944 widmet. Erst jüngst legte die Kommission ihre Forschungsergebnisse zur ersten sowjetischen und zur deutschen Besatzung Estlands in Form einer umfangreichen, weit über 1 000 Seiten umfassenden Publikation vor.[25] Die in den insgesamt 69 Artikeln behandelten Themen reichen von der Besatzung Estlands 1940, den Deportationen und politischen Repressionen zur Zeit der ersten Sowjetherrschaft über Judenverfolgung, Kooperation und Kollaboration unter deutscher Besatzung bis hin zum Kriegsende in Estland. Die Publikation ist zur Gänze in englischer Sprache abgefasst. Allerdings werden die Autoren dem Attribut »international« kaum gerecht: Sämtliche Beiträge wurden von Esten verfasst. Forschungsergebnisse zur Phase der zweiten sowjetischen Besatzung ab 1944 stehen zum Großteil noch aus.[26] Eine Vorreiterrolle im Hinblick auf die Erforschung des Kommunismus in Estland nahm der ehemalige estnische Ministerpräsident (1992 bis 1994; 1999 bis 2002) und Mitarbeiter am Schwarzbuch des Kommunismus, Mart Laar, ein.[27] Laar beschäftigte sich besonders intensiv mit der zweiten Besatzung Estlands durch die UdSSR, insbesondere mit dem estnischen Partisanenkampf gegen die Sowjetherrschaft.[28]  Anmerkungen zu den folgenden Ausführungen Die intensiven Forschungsarbeiten der drei baltischen Historikerkommissionen, aber auch diverser baltischer Historiker und Forschungsinstitutionen haben eine Fülle neuer Erkenntnisse über die beiden sowjetischen und die deutsche Besatzung in Lettland, Litauen und Estland gebracht. In der Folge soll vor allem der Frage nachgegangen werden, welche Bilanzen die Forschung bisher im Hinblick auf die Opfer der Besatzungsregime im Baltikum (Tote, Deportierte, Verurteilte, Verbannte, Opfer des Holocaust, sowjetische Kriegsgefangene) zu Tage gefördert hat. Es gilt dabei auch aufzuzeigen, inwieweit sich die Angaben der Historikerkommissionen von den Forschungsergebnissen anderer Institutionen bzw. Historiker unterscheiden. Die erste sowjetische Besatzung in Lettland 1940/41 Die direkten Bevölkerungsverluste aus der Zeit der ersten sowjetischen Besatzung 1940/41 werden für Lettland im 2002 erschienenen Katalog des Okkupationsmuseums der Republik Lettland mit 35 000 angegeben.[29] Die Forschungen der lettischen Historikerkommission haben allerdings inzwischen ergeben, dass diese Zahl zu hoch ist, sich die besagten Bevölkerungsverluste jedoch immer noch auf ein Prozent der Bevölkerung Lettlands vor dem Zweiten Weltkrieg (20 000 von 1,951 Millionen, laut dem Zensus von 1935) belaufen.[30] Irēne Šneidere diskutiert in ihrem Artikel die von verschiedenen Quellen und Historikern angeführten Opferzahlen und kommt zu dem Schluss, »that in the first period of the Soviet occupation 20 000–21 000 persons were repressed.«[31]  Was die zu trauriger Berühmtheit gelangten Massendeportationen vom 14. Juni 1941 betrifft, so kann die Historikerkommission auch hier mit aktualisierten bzw. präzisierten Zahlenangaben aufwarten. Das Okkupationsmuseum schätzte 2002 die Zahl der deportierten lettischen Bürger auf 15 500. Auf der Basis der Akten der Rehabilitationsabteilung des Innenministeriums der Republik Lettland geht Uldis Paulis Strēlis in einer Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung von »mindestens 14 194« deportierten Personen aus, wobei er jedoch festhält, dass »viele unterwegs gestorbene Kinder oder Minderjährige, die vor dem Erreichen des Verbannungsortes verstarben«, in diesen Statistiken nicht erfasst wurden.[32] Im 14. Tagungsband der staatlichen Historikerkommission präzisiert Jānis Riekstiņš die bisher gemachten Angaben und nennt 15 424 Personen.[33] Die Sterblichkeitsrate war in Anbetracht der Verhältnisse im Exil freilich hoch. »According to the State Archive of Latvia more than 1 900 of the persons deportated from Latvia on 14 June 1941 died in special settlements.«[34]  Auf den bewaffneten lettischen Widerstand gegen die erste Sowjetherrschaft wurde insbesondere von Juris Ciganovs hingewiesen. Im Jahr 1941 kämpften lettische Verteidigungs- und Partisaneneinheiten gemeinsam mit deutschen Kräften gegen die Rote Armee. Von deutscher Seite wurde mit lettischen Verbänden, die eine Stärke von 6 000 bis 8 000 Mann erreichten, zunächst jedoch nicht geplant. Noch im Juli 1941 ordnete Generalmajor Stahlecker[35] daher ihre Abrüstung an.[36] Juris Pavlovičs spricht im 14. Tagungsband der Historikerkommission von einer »amorphous 6000-man large paramilitary organization«, die den Deutschen im Sommer 1941 zur Verfügung stand, und nennt daneben ein Netz von etwa 100 Bezirkskommandanturen und bis zu »400 parish Self-Defense Groups«.[37]  Die deutsche Besatzung Lettlands 1941 bis 1944 Im Hinblick auf den Holocaust in Lettland meinte Andrew Ezergailis im Jahr 1996, dass »the total number of Latvian Jews killed perhaps did not exceed 61 000.«[38] Egil Levits führt in einem Artikel im Nordost-Archiv dagegen an, dass »fast alle der 80 000 Juden Lettlands« ermordet wurden.[39] In der Enzyklopädie des Holocaust wiederum heißt es: »Von den 70 000 in Lettland gebliebenen Juden haben höchstwahrscheinlich nicht mehr als 3 000 die Massaker der Nationalsozialisten überlebt. Von den 20 000 Juden, die aus Österreich, der Tschechoslowakei und Deutschland nach Lettland deportiert wurden, haben nur etwa 1 000 den Krieg überlebt.«[40] Die Opferbilanz in den Forschungen der Historikerkommission weist nun 70 000[41] lettische Juden aus. Hinzu kommen noch 20 000 Juden, die aus dem Deutschen Reich oder aus Ungarn nach Lettland gebracht worden waren, und 1 000 Juden, die im Juni 1941 aus Litauen nach Lettland geflüchtet oder ins Ghetto von Riga deportiert und von dort ins Konzentrationslager Kaiserwald bei Riga gebracht worden waren. Die Gesamtzahl beläuft sich demnach auf ca. 90 000 Opfer.[42] Eine weitere große Opfergruppe in der Zeit der NS-Besatzung stellten die bolschewistischen Aktivisten dar. Nach Heinrihs Strods wurden schätzungsweise 10 000 von ihnen getötet, 10 000 weitere wurden interniert und bis zu 20 000 nach Deutschland deportiert.[43] Das lettische Okkupationsmuseum schätzt die Zahl der »other victims of Nazis and evacuated inmates of concentration camps« auf 20 000, jene der zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich Deportierten auf 20 000.[44]  Unter der deutschen Herrschaft wurden nach Egil Levits knapp 150 000 Letten – zum Großteil durch Zwangsmobilisierung – in verschiedene Militärverbände einberufen.[45] Levits gibt die Verluste der lettischen Soldaten in den Reihen von Waffen-SS-[46] oder Wehrmachtsverbänden mit 50 000 bis 60 000 Personen an, stützt sich dabei jedoch auf den zweiten Band der in Stockholm erschienenen Lettischen Enzyklopädie aus dem Jahr 1952/53.[47] Hans Werner Neulen liefert eine Aufstellung aller Letten, die mit Stand 1. Juli 1944 auf deutscher Seite unter Waffen standen, bei der sich die Gesamtzahl auf 110 249 beläuft.[48] Das lettische Okkupationsmuseum geht schließlich von 115 000 Letten in verschiedenen deutschen Verbänden aus, von denen allerdings nur 15 Prozent wirklich Freiwillige waren.[49] Im 14. Band der lettischen Historikerkommission scheint zu diesem Thema zwar keine entsprechende Gesamtzahlenangabe auf, Inesis Feldmanis geht aber auf die beiden lettischen Divisionen der Waffen-SS[50] ein und nennt für diese insgesamt mehr als 52 000 Mitglieder.[51]  Die zweite sowjetische Besatzung Lettlands ab 1944 Der Wechsel von der deutschen zur sowjetischen Besatzung von Juli 1944 bis Mai 1945 war von heftigen Kampfhandlungen begleitet. Bereits zu Beginn dieser Periode wurden Letten wieder in die Verbände der Roten Armee eingezogen. Bis zum 1. Juni 1945 hatte die Sowjetunion schließlich 57 422 lettische Männer für ihre Streitkräfte mobilisiert. Jānis Riekstiņš betont, dass es nicht möglich sei, auf der Basis der bisher bekannten und zugänglichen Quellen die Gesamtzahl der 1944/45 mobilisierten und an der Front gefallenen Letten zu eruieren. Er hält aber fest, »dass die Zahl sehr groß gewesen sein muss«. Seinen Angaben zufolge wurden im Januar 1945 in Lettland 1 199 Todesnachrichten ausgestellt, im März 1 846, im April 2 283 und im Mai 1 233.[52] Nach Heinrihs Strods flüchteten vor der zweiten sowjetischen Besatzung Lettlands ca. 240 000 Menschen (13 Prozent der Bevölkerung) vor dem bolschewistischen Terror, den sie bereits in den Jahren 1919 und 1940/41 erlebt hatten.[53] Die Gesamtzahl der in Lettland zwischen 1944 und 1991 aus politischen Gründen bestraften Personen liegt bei ca. 150 000, was ca. 7,5 Prozent der Bevölkerung entsprach. Allein am 25. März 1949 wurden bei einer Massendeportation 43 000 Menschen nach Sibirien verbracht.[54] Zudem waren ca. 600 000 Menschen (30 Prozent der Bevölkerung) Repressalien in anderer Form ausgesetzt: Verlust der Arbeit, Ausschluss vom Besuch der Schule oder Beschränkung der Karrieremöglichkeiten.[55] Heinrihs Strods hat sich in seinen Arbeiten für die lettische Historikerkommission ausführlich mit dem bewaffneten Widerstand gegen die zweite Sowjetherrschaft auseinandergesetzt. Er geht davon aus, dass sich ungefähr 20 000 Partisanen aktiv am Kampf gegen die Sowjets beteiligten. Etwa 3 000[56] fielen im Kampf, ungefähr 5 000 wurden in Gulag-Lagern inhaftiert, aus denen die meisten von ihnen nicht mehr zurückkehren sollten.[57] Niedrigere Zahlen nennt hingegen Egil Levits, der exakt 13 488 lettische Teilnehmer am Partisanenkampf (10 750 Partisanen, 2 738 aktive Unterstützer), davon 2 420 im Kampf Gefallene angibt.[58] Aktualisiertes Zahlenmaterial lieferte hierzu Ritvar Jansons im 17. Tagungsband der Kommission: »As a result of the combat operations during 1944 there were killed or captured 1075 partisans, 6016 in 1945, and 4218 in 1946.«[59] Die erste sowjetische Besatzung in Litauen 1940/41 Wichtige Zahlen, Daten und Fakten zu den Repressionen während der ersten sowjetischen Besatzung in Litauen finden sich in Zigmantas Kiaupas History of Lithuania. Demnach wurden allein im Juni 1941 12 000 Personen inhaftiert, 85 Prozent davon »were charged with anti-soviet behaviour«[60]. Von der sowjetischen Deportationspolitik waren nach Kiaupa insgesamt 21 214 Litauer betroffen, wovon allein 13 000 den Juni-Deportationen des Jahres 1941 zum Opfer fielen.[61] Laut dem Zensus von 1923 hatte Litauen 2,159 Millionen Einwohner. Im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung führte Vanda Kašauskiene 1993 an, dass nach dem 14. Juni 1941 insgesamt 12 682 verbannte Litauer in der RSFSR und in der Kasachischen SSR angesiedelt wurden.[62] Von einer weit höheren Zahl gehen Dalia Kuodytė und Ronaldas Tracevskis aus. Sie sprechen von insgesamt 16 246 Litauern, die zwischen dem 14. und dem 18. Juni 1941 deportiert wurden.[63] In Litauen fand bereits 1940/41 ein intensiv geführter antisowjetischer Partisanenkampf statt. Valentinas Brandišauskas verweist in seinem Artikel in einem Sammelband des Genocide and Resistance Research Centre of Lithuania auf eine in der Forschung oftmals angenommene Zahl von insgesamt 90 000 bis 131 000 Partisanenkämpfern, von denen 2 000 bis 6 000 allein während der Revolte im Juni 1941 fielen. Brandišauskas geht von 16 000 bis 20 000 bewaffneten Widerstandskämpfern aus, von denen seiner Schätzung nach nicht mehr als 650 getötet wurden.[64] Die deutsche Besatzung Litauens 1941 bis 1944 Nach der Enzyklopädie des Holocaust verblieb ein überwiegender Teil der insgesamt 220 000 litauischen Juden auch unter der deutschen Besatzung in seiner Heimat. Das Ende des Jahres 1941 überlebten lediglich 40 000 Juden.[65] Kiaupa tradiert diese Angaben weiter: »According to various calculations (these are not exact since there are no surviving lists and documentary evidence is in short supply), during the war around 190 000–200 000 or 90–95 percent of Lithuanian Jews perished.«[66] Der Franzose Yves Plasseraud spricht schließlich von 200 000 bis zum Kriegsende im Jahr 1945 umgekommenen Juden.[67] Christoph Dieckmann, Mitarbeiter der litauischen Historikerkommission, präzisiert in einem im Jahr 2003 erschienenen Sammelband über den Holocaust in Litauen die Angaben seines französischen Kollegen: »Von über 200 000 Juden blieben nur etwa 45 000 Juden in den Ghettos in den größeren Städten und einigen Dutzend Arbeitslagern vorläufig am Leben. Das Kriegsende im Frühjahr 1945 erlebten nur noch etwa 8 000 in ganz Europa verstreute litauische Juden.«[68] Im Newsletter der Internationalen Litauischen Historikerkommission »Looking back at the Holocaust: Recent Developments in Lithuania« findet sich dieselbe Zahlenangabe wie bei Plasseraud. 94 Prozent aller litauischen Juden wurden ermordet.[69] Christoph Dieckmann nennt neben den Juden die sowjetischen Kriegsgefangenen und zwangsevakuierte sowjetische Zivilisten als weitere große Opfergruppen des NS-Regimes in Litauen. In den Kriegsgefangenenlagern kamen in Litauen mindestens 170 000 Rotarmisten ums Leben.[70] Die Opferzahl unter den sowjetischen Zivilisten, die von der auf dem Rückzug befindlichen Wehrmacht zwangsevakuiert und auf improvisierte Lager verteilt wurden, betrug mindestens 40 000. Daneben nennt Dieckmann weitere 10 000 Todesopfer aus der Zeit der deutschen Besatzung: »nichtlitauische Juden, sowjetische Aktivisten, zurückgebliebene Familien sowjetischer Funktionäre, Mitglieder verschiedener Partisanengruppierungen, Zigeuner und psychisch Kranke«[71]. Im Hinblick auf die Opfer unter den sowjetischen Kriegsgefangenen verweist auch Emanuelis Zingeris auf die von Dieckmann angegebene Zahl.[72] Hans Werner Neulen weist auf die nicht unbedeutende Zahl der im Verlaufe des Krieges auf deutscher Seite unter Waffen stehenden Litauer hin. Mit Stand Jänner 1945 führt er eine Gesamtzahl von 36 800 Mann an.[73]   Die zweite sowjetische Besatzung Litauens ab 1944 Im 17. Sammelband der lettischen Historikerkommission zieht Ronaldas Račinskas eine Bilanz der bisherigen Forschungsergebnisse der litauischen Historikerkommission zu den Verbrechen der zweiten Sowjetherrschaft in Litauen und kann dabei auch mit detailliertem Zahlenmaterial aufwarten.[74] Zunächst erwuchsen aus den seit 1944 vorgenommenen Zwangsrekrutierungen von Litauern in die Rote Armee erhebliche Bevölkerungsverluste. Insgesamt wurden 82 000 Litauer eingezogen. Vytautas Tininis meinte 2003 in einer Publikation der Historikerkommission, dass »presumably about 25 000 of the Lithuanians serving in the Soviet Army perished on the battlefield«.[75] Ronaldas Račinskas’ Betonung der Unmöglichkeit einer präzisen Zahlenangabe unterstreicht den Schätzwert-Charakter der Angaben Tininis’. Fest steht lediglich, dass nach der Demobilisierung am 25. November 1946 42 898 Soldaten, davon 30 000 Litauer, nach Litauen zurückkehrten.[76] Račinskas zufolge wurden in den Jahren von 1944 bis 1953 186 000 Personen verhaftet, davon galten 80 000 als politische Gefangene. Des Weiteren wurden 8 000 Personen als NS-Kollaborateure verhaftet. Von insgesamt 142 579 Litauern, die oftmals ohne rechtmäßige Verurteilung in sowjetische Gulag-Lager verbracht wurden, mussten zehn bis zwölf Prozent ihr Leben lassen. Die Zahl der insgesamt zwischen 1945 und 1952 von den Sowjets aus Litauen Verbannten wird von Vanda Kašauskiene im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung mit 108 363 angegeben.[77] Die Historikerkommission schätzte im Jahr 2003 für den Zeitraum 1945 bis 1953 eine Zahl von 106 000 bis 108 000 deportierten Personen.[78] Mittlerweile geht man aber davon aus, dass in der Zeit von 1945 bis 1952 mindestens 118 000 Einwohner Litauens, darunter 20 000 Kinder, der sowjetischen Deportationspolitik zum Opfer fielen. Ein Großteil von ihnen kam in das Gebiet Irkutsk oder in die Region Krasnojarsk. Die Zahl der ums Leben gekommenen Deportierten im Zeitraum von 1945 bis 1958 wird auf 20 000 (davon 5 000 Kinder) geschätzt. Eine große Zahl jener 48 000 bis 50 000 Litauer, die sich zum Zeitpunkt des 1. Jänner 1958 noch im Exil befanden, kehrte nie mehr in die Heimat zurück.[79]  Zahlenangaben über die litauischen Opfer des antisowjetischen Partisanenkampfes lassen sich zunächst bei der Historikerkommission selbst feststellen. Vytautas Tininis führt dazu in seiner Publikation[80] aus dem Jahr 2003 detailliertes Zahlenmaterial an: Von 1944 bis 1952 kämpften insgesamt 120 570 Personen gegen die Sowjetherrschaft. Davon wurden 62 000 verhaftet (darunter 14 850 unbewaffnete Widerstandskämpfer), 20 093 wurden getötet, 38 106 wandten sich vom Widerstandskampf ab. Des Weiteren beruft sich Tininis auf eine Schätzung von Arvydas Anušauskas, wonach sich die Gesamtzahl der zwischen 1944 und 1952 verhafteten Personen auf 186 000 belief. Etwas andere Angaben macht Nijole Gaškaitė-Zemaitiene in ihrem Aufsatz über den litauischen Partisanenführer Jonas Zemaitis. Sie führt 20 200 im Kampf getötete Partisanen und 5 000 ums Leben gekommene unbewaffnete Widerstandskämpfer an. Keine Abweichungen gibt es bei den insgesamt verhafteten Personen – offenbar in Anlehnung an Anušauskas nennt auch Gaškaitė-Zemaitiene die Zahl von 186 000.[81] Dalia Kuodytė und Rokas Tracevskis geben dagegen im Hinblick auf die Todesopfer niedrigere, jedoch auch weniger detaillierte Zahlen an. Ihnen zufolge forderte der Partisanen-Guerillakrieg – 1945 hielten sich rund 30 000 Personen in den litauischen Wäldern versteckt – rund 22 000 Todesopfer.[82] Arvydas Anušauskas nannte jüngst wiederum genaue Zahlen für die Verluste unter den Widerstandskämpfern in den Jahren 1946 und 1947. In diesem Zeitraum verloren insgesamt 2 928 litauische Partisanen im Kampf ihr Leben, während 8 140 in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Im Vergleich mit den anderen baltischen Ländern, der Ukraine und Weißrussland erreichte der Partisanenkampf damit in Litauen nach der Westukraine die größte Intensität.[83] Die erste sowjetische Besatzung in Estland 1940/41 Im Jahr 1934 belief sich die Bevölkerungszahl in Estland auf 1 126 000 Menschen (88 Prozent Esten, 8 Prozent Russen, Weißrussen, Ukrainer und 1,5 Prozent Deutsche). In seiner 2005 erschienenen Publikation zu Estland im Zweiten Weltkrieg geht Mart Laar von 52 750 Esten aus, gegen die von den Sowjets zwischen 1940 und 1945 Repressalien ausgeübt wurden. Die Zahl der ums Leben Gekommenen bzw. Ermordeten gibt er mit 18 090 an.[84] Den Angaben in den Berichten der Estnischen Historikerkommission über Estland in den Jahren 1940 bis 1945 zufolge wurden während der ersten Phase der sowjetischen Besatzung nahezu 7 000 Esten von Organen des NKVD und des NKGB gefangen genommen und verhaftet. Davon fielen 1 850 der Exekution zum Opfer, während fast 4 500 in der Gefangenschaft starben.[85] Interessanterweise weichen die Angaben der Estonian State Commission on Examination of the Policies of Repression von jenen der staatlichen Historikerkommission ab. Aigi Rahi-Tamm nennt ca. 8 000 verhaftete Personen, von denen mindestens 1 950 hingerichtet wurden.[86] Allein von Juni bis Oktober 1941 töteten Organe des NKVD und NKGB 2 000 estnische Zivilisten, darunter auch estnische Partisanen, die so genannten »Waldbrüder«.[87]  Am 14. Juni 1941 wurden aus Estland über 10 000 Menschen deportiert. Die Historikerkommission verweist auf Quellenangaben, wonach es sich um exakt 10 861 Verschleppte handelte. Die Schicksale der Betroffenen wurden folgendermaßen kategorisiert: Ungefähr 300 Männer und 150 Frauen wurden von den übrigen getrennt und in Gefangenenlager verbracht, wo der Großteil von ihnen der Exekution zum Opfer fiel. Der Großteil der Deportierten, darunter auch 400 estnische Juden, kam in die Verbannung nach Sibirien.[88] Im Verlauf des Sommers 1941 wurden insgesamt 25 000 Personen in die UdSSR »evakuiert«. Einen großen Anteil davon bildeten estnische Staatsbürger, die oftmals zwangsweise, unter der Androhung von Haft oder Hinrichtung, ihre Heimat verlassen mussten. Auch ganze Firmen wurden inklusive Personal und Ausstattung nach Russland evakuiert.[89] Eine detaillierte Auflistung der Historikerkommission über die Gesamtzahl der Bevölkerungsverluste ist nicht vorhanden. Die estnische staatliche Kommission gibt diese mit insgesamt 78 600 (davon 42 800 Tote) an. 10 000 davon waren jene im Krieg Gefallenen, die 1940/41 in die Rote Armee zwangsmobilisiert worden waren.[90]  Bezüglich der deutsch-sowjetischen Konfrontation in Estland im Sommer 1941 wird in den Berichten der estnischen Historikerkommission festgehalten, dass insgesamt 12 000 »Waldbrüder« an den Kämpfen gegen die Rote Armee teilnahmen.[91] Die deutsche Besatzung Estlands 1941 bis 1944 Im Hinblick auf die deutsche Besatzung spricht Mart Laar von »7 798 estnischen Bürgern, die während der drei Besatzungsjahre hingerichtet wurden oder in Gefangenenlagern ums Leben kamen«[92]. Dem Holocaust fielen »929 in Estland lebende Juden und 243 Zigeuner [sic!]«[93] zum Opfer. Die staatliche Kommission geht davon aus, dass 7 800 estnische Staatsbürger von 1941 bis 1944 hingerichtet wurden oder unter den Repressionen der NS-Herrschaft starben. Eine höhere Opferzahl wird als unwahrscheinlich erachtet. Nach den Angaben im White Book waren 70 Prozent der Opfer Esten, 15 Prozent Russen und zwölf Prozent Juden.[94] Die von Laar und der staatlichen Kommission angegebenen Zahlen fügen sich im Hinblick auf ihre Größenordnung zumindest in etwa in das Gesamtbild, das auch die aktuellen Ergebnisse der staatlichen Historikerkommission zum Holocaust vermitteln. Ihren Angaben zufolge gelang es 75 Prozent der estnischen Juden, vor den Nationalsozialisten in die UdSSR zu fliehen. Letztlich blieben zwischen 950 und 1 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in Estland zurück, die von den Nationalsozialisten fast ausnahmslos noch vor Ende des Jahres 1941 ermordet wurden.[95] Nach dem aktuellen Wissensstand der Forschung überlebte nicht einmal ein Dutzend von ihnen. Neben den estnischen Juden wurden auch Juden aus Litauen, der Tschechoslowakei und anderen Ländern von den NSBesatzern nach Estland deportiert und dort ermordet. Die Historikerkommission nennt als Beispiel etwa 3 000 »nicht arbeitsfähige« Juden, die im Frühling 1943 erschossen wurden.[96] Neben den Juden fielen der NS-Besatzung in Estland 400 bis 1 000 Roma, 6 000 ethnische Esten und 1 000 Russen zum Opfer.[97] Wieviele Esten insgesamt im Krieg auf deutscher Seite gefallen sind, konnte die Historikerkommission bislang nicht ermitteln. Aigi Rahi-Tamm benennt diese Zahl im White Book mit 10 000.[98] Mit der Behandlung der auf estnischem Boden umgekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen hat sich die Historikerkommission einem echten Forschungsdesiderat gewidmet. Jedenfalls wagt sie eine vorsichtige Schätzung auf der Basis des bisher verfügbaren, jedoch ihren Angaben nach spärlichen Beweismaterials: »Of some 30 000+ Soviet POWs [Prisoners of War] held in Estonia about 15 000 died.«[99] Wiederum ist es Neulen, der auch den nicht unerheblichen Beitrag der Esten zu den deutschen Kriegsanstrengungen vor Augen führt. Seinen Angaben zufolge gehörten im Jahr 1944 insgesamt 69 000 estnische Soldaten verschiedenen bewaffneten Verbänden auf deutscher Seite an.[100] Innerhalb der Historikerkommission hat man sich etwa mit der estnischen 20. Waffen-Grenadier-Division der SS beschäftigt.[101] Am 7. Mai 1945 bestand diese Division schätzungsweise noch aus 6 500 bis 7 000 Mann. Es wird angenommen, dass nach deren bedingungsloser Kapitulation in Böhmen etwa 500 Mann von Rotarmisten und tschechischen Kommunisten getötet wurden. Insgesamt fielen rund 5 000 Angehörige der 20. SS-Division in die Hände der Roten Armee.[102] Die zweite sowjetische Besatzung Estlands ab 1944 Zur zweiten sowjetischen Besatzung Estlands liegen von Seiten der staatlichen Historikerkommission noch kaum Ergebnisse vor. Aufschlüsse über die Opferbilanz lassen daher in erster Linie das von der Estonian State Commission on Examination of the Policies of Repression publizierte Zahlenmaterial und die Forschungen von Mart Laar zu. In der Zeit von 1944 bis 1989 wurden insgesamt 30 000 Personen verhaftet und 23 000 deportiert. Zusätzlich kam es zwischen 1953 und 1988 zu 500 Verhaftungen aus politischen Gründen. Nach den Schätzungen der staatlichen Kommission forderte die zweite Sowjetherrschaft in Estland unter den Verhafteten, Deportierten und unter den bewaffneten Widerstandskämpfern insgesamt rund 16 000 Todesopfer.[103] Angaben über die Zahl der insgesamt am Kampf gegen die Sowjetherrschaft beteiligten estnischen »Waldbrüder« schwanken nach Aigi Rahi-Tamm zwischen 15 000 und 30 000,[104] während Mart Laar sogar von bis zu 40 000 bewaffneten Widerstandskämpfern in Estland ausgeht[105] und die Anzahl der im Kampf gefallenen bzw. in Haft verstorbenen Partisanen auf ca. 8 000 schätzt.[106] Sirje Kivimäe nennt, Frauen und Kinder eingeschlossen, »bis zu 35 000 Menschen, die in der Nachkriegszeit kürzere oder längere Zeit im Wald verbrachten«[107]. Zur Forschungstätigkeit der Historikerkommissionen – ein Ausblick Auch wenn einerseits viele der oben dargelegten Zahlen der Historikerkommissionen nahezu nahtlos an ältere Forschungsergebnisse anknüpfen bzw. nur eine Bestätigung derselben darstellen, so konnten andererseits neue beachtenswerte Erkenntnisse hervorgebracht werden. Zu erwähnen wären hier die Eruierung niedrigerer Opferzahlen während der ersten sowjetischen Besatzung in Lettland bzw. der Todesrate sowjetischer Kriegsgefangener in Litauen. Interessant erscheinen auch die teilweise unterschiedlichen Ergebnisse der beiden estnischen Historikerkommissionen. Die folgenden Punkte mögen auch vor Augen führen, welch große Desiderata in der Erforschung der Besatzungen im Baltikum nach wie vor bestehen: - Das äußerst diffuse Themenfeld der Kollaboration[108] mit den nationalsozialistischen Machthabern blieb bisher zwar keineswegs unberücksichtigt,[109] dennoch stehen hierzu noch sehr viele offene Fragen im Raum. Eine Auseinandersetzung mit Fragen der Kollaboration unter der zweiten sowjetischen Herrschaft fand, mit Ausnahme der litauischen Historikerkommission,[110] bisher überhaupt nicht statt. Die lettische Historikerkommission fasste auf der Sitzung im Oktober 2006 zumindest den Beschluss, sich diesem Thema in Zukunft stärker zu widmen.  - In Lettland stellt die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen nach wie vor, vielfach auch aufgrund mangelnden Interesses, ein Desiderat dar. In Estland gibt es hierzu lediglich eine erste vorsichtige Schätzung. - Zur Zahl der auf deutscher und sowjetischer Seite gefallenen Esten, Letten und Litauer können zwar vereinzelte Angaben gemacht werden, Gesamtzahlen fehlen bisher jedoch völlig.  - Die estnische Historikerkommission hat zwar eine detaillierte Studie für die Besatzungszeit(en) 1941 bis 1945 vorgelegt. Forschungsergebnisse zur zweiten sowjetischen Besatzung lassen aber nach wie vor auf sich warten. - Ergebnisse eines wissenschaftlichen Austausches mit Russland sind, mit Aus-nahme Litauens, nach wie vor kaum vorhanden.  Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Historikerkommissionen in Estland, Lettland und Litauen bereits auf eine umfangreiche Forschungstätigkeit verweisen können. Dabei wurden viele Forschungsfelder sehr intensiv und mit großer Sorgfalt aufgearbeitet, während bei einigen anderen zumindest in Ansätzen erste Ergebnisse zu Tage treten. Auf die Historikerkommissionen wartet jedoch noch sehr viel Arbeit, wenn sie dem Anspruch einer lückenlosen Aufarbeitung vollends gerecht werden wollen. Eine stärkere internationale Zusammenarbeit und Vernetzung entsprechender internationaler Forschungseinrichtungen wäre wünschenswert. [1]  Hier soll nur kurz auf wichtige neuere Forschungen baltischer, russischer und internationaler Wissenschaftler zum Thema verwiesen werden. Egorova, N. I. u. a.: Meždunarodnyj krizis 1939–1941 gg. Ot sovetsko-germanskich dogovorov 1939 g. do napadenija Germanii na SSSR [Die internationale Krise 1939–1941. Von den sowjetisch-deutschen Verträgen 1939 bis zum Überfall Deutschlands auf die UdSSR], Moskau 2006; Musial, Bogdan: »Wir werden den ganzen Kapitalismus am Kragen packen«. Sowjetische Vorbereitungen zum Angriffskrieg in den dreißiger und Anfang der vierziger Jahre, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006), H. 1, S. 45–64; Mertelsmann, Olaf (Hrsg.): Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zu Stalins Tod. Estland 1939–1953, Hamburg 2005; Kõll, Anu Mai (Hrsg.): The Baltic Countries under Occupation. Soviet and Nazi Rule 1939–1991 (= Acta Universitatis Stockholmensis. Studia Baltica Stockholmensia, Bd. 23), Stockholm 2003; Kiaupa, Zigmantas u. a.: Geschichte des Baltikums, Tallinn 2002; Laur, Mati u. a.: History of Estonia, Tallinn 2002.   Die Recherchen zu diesem Artikel wurden am Ludwig-Boltzmann-Institut für KriegsfolgenForschung Geschichte-Cluster (Graz) durchgeführt. [2]  Zum Beispiel Krysin, M. Ju.: Pribaltika meždu Stalinym i Gitlerom [Das Baltikum zwischen Stalin und Hitler], Moskau 2004. [3]  Im Falle Lettlands ergaben sich auf diesem Gebiet unter Präsidentin Vīke-Freiberga bedeutende Impulse, von der die Aktivitäten der Kommission im Bereich Lehrerfortbildung und Lehrbuchschreibung besonders gefördert wurden. Onken, Eva-Clarita: Lettische Geschichte im Demokratisierungsprozess, in: <http://www.eurozine.com/articles/2006-06-13-onken-de.html> am 4. Oktober 2006.  [4]  Personelle Zusammensetzung der Historikerkommission Lettlands: Andris Caune (Vorsitzender), Mitglieder: Valdis Berzins, Inesis Feldmanis, Aivars Stranga, Heinrihs Strods, Erik Jekabsons, Valters Nollendorfs, Armands Gutmanis, Vilnis Zarins, Margeris Vestermanis (assoziierter Professor, Berater der Staatspräsidentin in Fragen der Geschichte), Antonijs Zunda, Carl Bildt (aktuell schwedischer Außenminister), Christer Wahlback, Karlis Kangeris, Per Ahlmark (alle Schweden), George D. Schwab, Alfred Erich Senn (beide USA), Erwin Oberländer (Deutschland), David Cesarani (Großbritannien), Norman M. Naimark (USA), Alain Besançon (Frankreich), Aleksandr Čubar’jan (Russland), Steven Springfield (Präsident von Jewish Survivors of Latvia). <http://www.president.lv/pk/content/?cat_id=7 &lng=de> am 3. Oktober 2006. [5]  Ebenda. [6]  Latvijas Vēsturnieku Komisijas raksti/Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bde. 1–18, Riga 2001–2006. Zuletzt erschienen Caune, Andris/Stranga, Aivars/Vestermanis, Margeris (Hrsg.): Holokausta Latvijā. Starptautiskās konferences materiāli, 2004. gada 3.–4. jūnjis, Riga, un 2004.–2005. gada pētījumi par holokaustu Latvijā. Latvijas Vēsturnieku Komisijas raksti, 18. sējums/Holocaust in Latvia. Materials of an International Conference 3–4 June 2004. Riga and the Holocaust Studies in Latvia in 2004–2005. Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 18, Riga 2006. [7]  Ezergailis, Andrew (Hrsg.): Stockholm Documents. The German Occupation of Latvia 1941– 1945. What did America know? Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 5, Riga 2002.  [8]  Nollendorfs, Valters/Oberländer, Erwin (Hrsg.): The Hidden and Forbidden History of Latvia. Under Soviet and Nazi Occupations 1940–1991. Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 14, Riga 2005. [9]  Siehe dazu Nollendorfs, Valters (Hrsg.): Latvijas Okupācijas Muzejs. Latvija zem Padomju Savienības un nacionālsociālistikās Vācijas varas 1940–1991/Museum of the Occupation of Latvia. Latvia under the Rule of the Soviet Union and National Socialist Germany 1940–1991, Riga 2002; Ders. u. a. (Hrsg.): The three Occupations of Latvia 1940–1991. Soviet and Nazi Take-Overs and their Consequences, Riga 2005. Siehe auch die Homepage des Okkupationsmuseums: <http://www.occupationmuseum.lv>.  [10]  <http://www.occupationmuseum.lv/eng/about_us/administracija.html>, am 30. Oktober 2006. [11]  Personelle Zusammensetzung: Emanuelis Zingeris (Vorsitz), Liudas Truska (geschäftsführender Vorsitz, Litauen), Jurij Afanas’ev (Russland), Andrew Baker (USA), Toma Birmontienė (Litauen), Dalia Kyoditė (Litauen), Nicholas Lane (USA), Vytautas Razvilas (Litauen), Julius Šmulkštys (Litauen); Ytzhak Arad (Israel), Daniel S. Mariaschin (USA), Don Levin (Israel); Paulus Sužiedėlis (Litauen), Joachim Tauber (Deutschland), Kęstutis K. Girnius (Litauen), Jonas Boruita (Litauen), Alfredas Bumblauskas (Litauen). http://mb.unit.lt:8080/KOMISIJA_LT/ 3_1.htm> am 3. Oktober 2006. Siehe auch The International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes in Lithuania: Newsletter, Vilnius o. J., S. 5 f.   [12]  <http://mb.unit.lt:8080/KOMISIJA_LT/6_1.htm> am 3. Oktober 2006. [13]  Zingeris, Emmanuel: Reports on the Nazi Occupation in Lithuania. Made by the Lithuanian International Historical Commission, in: Caune/Stranga/Vestermanis: Holokausta Latvijā (Anm. 6), S. 33–36, hier S. 34. [14]  Račinskas, Ronaldas (Hrsg.): International Vilnius Forum on Holocaust-Era Looted Cultural Assets. October 3–5, 2000, Vilnius 2000.   [15]  Tininis, Vytautas: Komunistinio Režimo Nusikaltimai Lietuvoje 1944–1953/The Crimes of the Communist Regime in Lithuania in 1944–1953. 3 Bde., Vilnius 2003. Siehe dazu auch http://mb.unit.lt:8080/KOMISIJA_LT/6_2.htm> am 3. Oktober 2006. [16]  An dieser Stelle sei auch auf eine im Rahmen der Arbeiten der »Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich« erschienene Studie verwiesen, die sich u. a. mit litauischen Zwangsarbeitern in der »Ostmark« beschäftigt. Knoll, Harald u. a.: »Anwerbung« und Verschleppung ziviler Zwangsarbeiter, in: Karner, Stefan/Ruggenthaler, Peter: Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft auf dem Gebiet Österreichs 1939 bis 1945 (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NSZeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich, Bd. 26/2), Wien u. München 2004, S. 90–221, hier S. 135–162. [17]  Siehe Zingeris: Reports on the Nazi Occupation (Anm. 13), S. 34–36.  [18]  Zum Beispiel das seit 1997 zweimal jährlich erscheinende Journal Genocidas ir rezistencija. Die einzelnen Artikel sind jeweils auch in englischer Sprache zusammengefasst. Zu den publizierten Büchern siehe <http://www.genocid.lt/centras/en/283/c> am 5. Oktober 2006. [19]  <http://www.genocid.lt/GRTD/Konferencijos/eng/confer.htm> am 5. Oktober 2006.  [20] So z. B. Kiaupa, Zigmantas: The History of Lithuania, Vilnius 2002, S. 368–434. [21]  Lebedeva, N./Kasparavičius A./Laurinavičius, Č. (Hrsg.): SSSR i Litva v gody Vtoroj Mirovoj Vojny. Tom I: SSSR i Litovskaja Respublika (mart 1939-avgust 1940gg.). Sbornik dokumentov [Die UdSSR und Litauen in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Bd. 1: Die UdSSR und die Litauische Republik, (März 1939–August 1940). Dokumentensammlung], Vilnius 2006. [22]  Estonian State Commission on Examination of the Policies of Repression: The White Book. Losses inflicted on the Estonian Nation by Occupation Regimes 1940–1991, Tallinn 2005, S. 7. [23] Ebenda. [24]  Personelle Zusammensetzung: Max Jakobson (Vorsitz), Nicholas Lane (USA), Uffe Ellemann-Jensen (Dänemark), Peter Reddaway (USA), Arsenij Roginskij (Russland), Paul Goble (USA), Wolfgang Freiherr von Stetten (Deutschland).  [25]  Hiio, Thomas/Maripuu, Meelis/Paavle, Indrek (Hrsg.): Estonia 1940–1945. Reports of the International Commission for the Investigation of Crimes against Humanity, Tallinn 2006.  [26]  Die einzige Ausnahme Roosi, Ranno: Repatriations to Estonia and Repatriations Policy in ESSR 1944–1955, in: Hiio/Maripuu/Paavle: Estonia 1940–1945 (Anm. 25), S. 1113–1126. [27]  Siehe Laar, Mart: Estland und der Kommunismus, in: Das Schwarzbuch des Kommunismus 2. Das schwere Erbe der Ideologie. München/Zürich 2004, S. 261–323. Diese auf Deutsch veröffentlichte Arbeit stellt den Einführungstext zur estnischen Ausgabe des ersten Bandes des Schwarzbuches dar.  [28]  Ders.: Forest Brothers, Tallinn 1992. Siehe dazu auch Ders.: Armed Resistance Movement in Estonia from 1944 to 1956, in: Anušaukas, Arvydas: The Anti-Soviet Resistance in the Baltic States, Vilnius 1999, S. 209–241. Jüngst erschienen, jedoch populärwissenschaftlich und knapp gehalten. Ders.: Der vergessene Krieg. Die bewaffnete Widerstandsbewegung in Estland 1944–1956, Tallinn 2005; Ders.: Der Rote Terror. Repressalien der sowjetischen Besatzungsmacht in Estland, Tallinn 2005. [29]  Nollendorfs: Latvijas Okupācijas Muzejs (Anm. 9), S. 89. [30]  Riekstiņš, Jānis: Colonization and Russification of Latvia 1940–1989, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 228–241, hier S. 228. [31]  Šneidere, Irēne: The First Soviet Occupation Period in Latvia 1940–1941, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 33–42, hier S. 41. Siehe auch Vīksne, Rudīte: Soviet Repression against Residents of Latvia in 1940–1941: Typical Trends, in: Ebenda, S. 53–61.  [32]  Strēlis, Uldis Paulis: Deportation als Vernichtungsmethode, in: Konrad-Adenauer-Stiftung: Terroropfer unter zwei Diktaturen in den baltischen Ländern/Divu diktatūru terora upuri Baltijas valstīs, Tapals 2005, S. 52–66, hier S. 54.  [33]  Riekstiņš: Colonization and Russification (Anm. 30), S. 228. [34]  Riekstiņš, Jānis: The 14 June 1941 Deportation in Latvia, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 62–74, hier S. 72.  [35]  Walter Stahlecker, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, ab Juni 1941 Führer der Einsatzgruppe A (baltische Staaten und Gebiet westlich Leningrads), ab Herbst 1941 Befehlshaber der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) im Reichskommissariat Ostland. Im März 1942 bei einem Zusammenstoß mit sowjetischen Partisanen getötet. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?, Frankfurt a. M. 2003, S. 595; Jäckel, Eberhard/Longerich, Peter/Schoeps, Julius (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. 2. Aufl. München u. Zürich 1998, Bd. 3: Q–Z, S. 1367 f.  [36]  Ciganovs, Juris: The Resistance Movement against the Soviet Regime in Latvia between 1940 and 1941, in: Anušauskas, Arvydas (Hrsg.): The Anti-Soviet Resistance in the Baltic States. (Genocide and Resistance Research Centre of Lithuania), Vilnius 2002, S. 122–130, hier S. 129.  [37]  Pavlovičs, Juris: Change of Occupation Powers in Latvia in Summer 1941: Experience of Small Communities, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 92–103, hier S. 103.  [38]  Ezergailis, Andrew: The Holocaust in Latvia 1941–1944. The Missing Center, Riga 1996, S. XIX.  [39]  Levits, Egil: Der Zweite Weltkrieg und sein Ende in Lettland, in: Nordost-Archiv. Neue Folge 5 (1996), H. 1 (= Das Jahr 1945 und das nördliche Ostmitteleuropa. Rückblicke in die Zukunft), S. 37–62, hier S. 45. [40]  Jäckel/Longerich/Schoeps: Enzyklopädie des Holocaust (Anm. 35), Bd. 2: H–P, S. 856 f. Ein Forschungsprojekt zur Erforschung des Schicksals der österreichischen Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg von Lettland aufgenommen wurden, wird vom Ludwig-BoltzmannInstitut für Kriegsfolgen-Forschung (Graz/Wien/Klagenfurt) und der Universität Lettland gemeinsam vorbereitet. [41]  Diese Zahl wird auch genannt bei Nollendorfs: Latvijas Okupācijas Muzejs (Anm. 9), S. 89. [42]  Stranga, Aivars: The Holocaust in Occupied Latvia: 1941–1945, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 161–174, hier S. 161. [43]  Strods, Heinrihs: Persecutions of Soviet Activists in Latvia during the Years of Nazi Occupation (23 June 1941–1945). Summary, in: Caune, Andris u. a. (Hrsg.): Okupētā Latvija 20. Gadsimta 40. Gados. Latvijas Vēsturnieku komisijas 2004 gada pētījumi. Latvijas Vēsternieku Komisijas raksti, 16. sējums/Occupied Latvia in 20th Century (1940-s). Research of the Commission of the Historians of Latvia 2004. Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 16, Riga 2005, S. 203 f.  [44]  Nollendorfs: Latvijas Okupācijas Muzejs (Anm. 9), S. 89. [45]  Levits: Der Zweite Weltkrieg (Anm. 39), S. 47. [46]  Mit den lettischen Einheiten der Waffen-SS hat sich innerhalb der lettischen Historikerkommission u. a. Inesis Feldmanis auseinandergesetzt. Feldmanis, Inesis: Waffen-SS Units of Latvians and other Non-Germanic Peoples in World War II: Methods of Formation, Ideology, Goals, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 122–131.  [47]  Levits: Der Zweite Weltkrieg (Anm. 39), S. 47. [48]  Neulen, Hans Werner: An deutscher Seite. Internationale Freiwillige von Wehrmacht und Waffen-SS, 2. Aufl. München 1992, S. 275–296, hier S. 293.  [49]  Nollendorfs: The Three Occupations (Anm. 9), S. 30. Siehe auch Nollendorfs: Latvijas Okupācijas Muzejs (Anm. 9), S. 80; [50]  Es handelte sich um die 15. und 19. Division der Waffen-SS. Siehe dazu z. B. Tessin, Georg: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Bd. 4, Frankfurt am Main o. J., S. 21–23 u. 127 f.; Neulen: An deutscher Seite (Anm. 48), S. 289–296.  [51]  Feldmanis: Waffen-SS Units  (Anm. 46), S. 122–131, hier S. 127. [52]  Riekstiņš, Jānis: Mobilisierung der Einwohner Lettlands in die Rote Armee (1944–1945). Zusammenfassung, in: Caune: Okupētā Latvija (Anm. 43), S. 449.  [53]  Strods, Heinrihs: Sovietization of Latvia 1944–1991, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 209–227, hier S. 216. [54]  Schon in einer Publikation aus dem Jahr 1967 meinte Ādolfs Šilde, dass »die Deportationen aus Lettland [während des gesamten Zeitraumes der zweiten sowjetischen Besatzung, Anm. d. Verf.] 180 000 bis 270 000 Personen betrafen«. Šilde, Ādolfs: Die Sowjetisierung Lettlands (= Berichte des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Nr. 1/1967), o. O. 1967, S. 23. [55]  Strods: Sovietization (Anm. 53), S. 217. [56]  Diese Zahl wird auch genannt bei Nollendorfs: Latvijas Okupācijas Muzejs (Anm. 9), S. 101. [57]  Strods, Heinrihs: Resistance in Latvia 1944–1991, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 286–298, hier S. 290. In einer Publikation aus dem Jahr 1999 führte Strods noch die Zahl von ungefähr 2 500 im Kampf gefallenen Partisanen an. Strods, Heinrihs: The Latvian Partisan War between 1944 and 1956, in: Anušauskas: The Anti-Soviet Resistance (Anm. 36), S. 149–160, hier S. 157. [58]  Levits: Der Zweite Weltkrieg (Anm. 39), S. 58. [59]  Jansons, Ritvars: Combat Operations of the Soviet Security Agents (Chekists) against Latvian National Partisans (1944–1956). Summary, in: Caune, Andris/Strods, Heinrihs/Zunda, Antonijs (Hrsg.): Nacionālā Pettrošanās Komunistiskajiem Režīmiem Austrumeiropā Pēc Otrā Pasaules Kara. Starptautiskās konferences materiāli, 2004. gada 7.–8. jūnjis, Riga. Latvijas Vēsturnieku Komisijas raksti, 17. sējums/National Resistance to Communist Regimes in Eastern Europe after World War II. Materials on International Conference 7–8 June 2005, Riga. Symposium of the Commission of the Historians of Latvia, Bd. 17, Riga 2006, S. 103. [60]  Kiaupa: The History of Lithuania (Anm. 20), S. 377. [61]  Ebenda, S. 378 f. Kiaupa bezieht sich hierbei auf verfügbare Daten aus dem Jahr 1942, betont aber, dass die Zahl der deportierten Juden nicht inkludiert ist und zwischen 1 000 und 7 000 liegen dürfte. [62]  Kašauskiene, Vanda: Verbannungen der Einwohner Litauens in den Jahren 1941 und 1945– 1952: Überblick über Publikationen der Jahre 1988–1992, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1993, S. 276–283, hier S. 279.  [63]  Kuodytė, Dalia/Tracevskis, Ronaldas: Siberia. Mass Deportations from Lithuania to USSR (Genocide and Research Centre of Lithuania), Vilnius 2004, S. 19.  [64]  Brandišauskas, Valentinas: Antis-Soviet Resistance in 1940 and 1941 and the Revolt of June 1941, in: Anušauskas: The Anti-Soviet Resistance (Anm. 36), S. 8–22, hier S. 18. [65]  Jäckel/Longerich/Schoeps: Enzyklopädie des Holocaust (Anm. 35), Bd. 2: H–P, S. 871–873.  [66]  Kiaupa: The History of Lithuania (Anm. 20), S. 390. [67]  Plasseraud, Yves: The Shoah in Lithuania, in: Kõll: The Baltic Countries (Anm. 1), S. 158.  [68]  Dieckmann, Christoph: Deutsche und litauische Interessen. Grundlinien der Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, in: Bartusevičius, Vincas/Tauber, Joachim/Wette, Wolfram (Hrsg.): Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941, Köln/Weimar/Wien 2003, S. 63–76, hier S. 63.  [69]  The International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes in Lithuania: Looking back at the Holocaust: Recent Developments in Lithuania. Vilnius o. J., S. 7.  [70]  Eine demnächst erscheinende, von Christoph Dieckmann verfasste Publikation der litauischen Historikerkommission widmet sich dem Problemfeld der sowjetischen Kriegsgefangenen und präsentiert neueste Erkenntnisse. [71]  Dieckmann: Deutsche und litauische Interessen (Anm. 68), S. 63. [72]  Zingeris: Reports on the Nazi Occupation (Anm. 14), S. 34. [73]  Neulen: An deutscher Seite (Anm. 48), S. 280. [74]  Račinskas, Ronaldas: Crimes of the Communist Regime in Lithuania after Worls War II and National Resistance. Conclusion of Lithuanian International Historical Commission, in: Caune/ Strods/Zunda: Nacionālā Pettrošanās Komunistiskajiem Režīmiem (Anm. 59), S. 45–63.  [75]  Tininis: Komunistinio Režimo (Anm. 15), Bd. 3, S. 68. [76]  Račinskas: Crimes of the Communist Regime (Anm. 74), S. 50 f. u. 60. [77]  Kašauskiene: Verbannungen der Einwohner Litauens (Anm. 62), S. 280. [78]  Tininis: Komunistinio Režimo (Anm. 15), Bd. 2, S. 48. [79]  Račinskas: Crimes of the Communist Regime (Anm. 74), S. 50–55. [80] Tininis: Komunistinio Režimo (Anm. 15), Bd. 2, S. 39.  [81]  Gaškajtė-Zemaitiene, Nijolė: Jonas Zemaitis during the Resistance 1944–1953. The Fourth Lithuanian President, in: Kõll: The Baltic Countries under Occupation (Anm. 1), S. 71–76, S. 75. [82]  Kuodytė, Dalia/Tracevskis, Rokas: The Unknown War. Armed Anti-Soviet Resistance in Lithuania in 1944–1953 (Genocide and Resistance Research Centre of Lithuania), Vilnius 2004, S. 7 u. 22.  [83]  Anušauskas, Arvidas: A Comparison of the Armed Struggles for Independence in the Baltic States and Western Ukraine, in: Anušauskas: The Anti-Soviet Resistance (Anm. 36), S. 63–70, hier S. 65–67.  [84]  Laar, Mart: Estland im Zweiten Weltkrieg, Tallinn 2005, S. 13. [85]  Reports of the Estonian International Commission for the Investigation of Crimes against Humanity: Phase II: The German Occupation of Estonia 1941–1944, in: Hiio/Maripuu/Paavle: Estonia 1940–1945 (Anm. 25), S. XII–XXIII, hier S. XII.  [86]  Rahi-Tamm, Aigi: Human Losses, in: Estonian State Commission on Examination of the Policies of Repression: The White Book. Losses Inflicted on the Estonian Nation by Occupation Regimes 1940–1991, S. 25–46, hier S. 27. [87]  Reports of the Estonian International Commission (Anm. 85), S. XIII. [88]  Ebenda. [89] Ebenda. [90]  Rahi-Tamm: Human Losses (Anm. 86), S. 38. Siehe auch Rahi-Tamm, Aigi: Deportation und Verfolgung in Estland 1940–1953, in: Mertelsmann: Vom Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 1), S. 211–237, hier S. 212.  [91]  Kaasik, Peeter/Raudvassar, Mika: Estonia from June to October, 1941: Forest Brothers and Summer War, in: Hiio/Maripuu/Paavle: Estonia 1940–1945 (Anm. 25), S. 495–502, hier S. 502. Zum »Sommerkrieg« 1941 siehe auch Laar: Estland (Anm. 84), S. 14–21.  [92]  Laar: Estland (Anm. 84), S. 25. [93]  Ebenda. [94]  Rahi-Tamm: Human Losses (Anm. 86), S. 29. [95]  Siehe dazu auch im Detail Kuusik, Argo: Die deutsche Vernichtungspolitik in Estland 1941– 1944, in: Mertelsmann: Vom Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 1), S. 130–150, hier S. 139–142; Jäckel/Longerich/Schoeps: Enzyklopädie des Holocaust (Anm. 35), Bd. 1: A–G, S. 419–421; Auch nach Ruth Bettina Birn wird man »von etwas weniger als 1 000 Opfern ausgehen müssen.« Birn, Ruth Bettina: Die Sicherheitspolizei in Estland 1941–1944. Eine Studie zur Kollaboration im Osten, München/Wien/Zürich 2006, S. 169. [96]  Reports of the Estonian International Commission (Anm. 85), S. XVIII. [97]  Rahi-Tamm: Human Losses (Anm. 86), S. 29.  [98]  Ebenda, S. 39. In einem anderen, im selben Jahr publizierten Artikel nennt Rahi-Tamm jedoch eine Zahl von 14 500. Rahi-Tamm: Deportation und Verfolgung (Anm. 90), S. 213. [99] Reports of the Estonian International Commission (Anm. 85), S. XIX. Auch die deutsche Historikerin Ruth Bettina Birn befasste sich jüngst mit der Problematik der sowjetischen Kriegsgefangenen in Estland, konnte jedoch keine Angaben im Hinblick auf eine mögliche Gesamtopferzahl machen. Birn: Die Sicherheitspolizei in Estland (Anm. 95), S. 207–213.  [100] Neulen: An deutscher Seite (Anm. 48), S. 288. [101] Zu dieser Division siehe Tessin: Verbände und Truppen (Anm. 50), Bd. 4, S. 150–152; Neulen: An deutscher Seite (Anm. 48), S. 285–287.  [102] Hiio, Toomas/Kaasik, Peeter: Estonian Units in the Waffen-SS, in: Hiio/Maripuu/Paavle: Estonia 1940–1945 (Anm. 25), S. 927–967, hier S. 966 f.  [103] Siehe Rahi-Tamm: Human Losses (Anm. 86), S. 39. In Bezug auf die estnischen Partisanen nennt die Autorin jedoch an anderer Stelle auch die Zahl von bis zu 4 000 Todesopfern. Ebenda, S. 32. [104] Ebenda. [105] Laar: The Armed Resistance (Anm. 28), S. 217. [106] Laar: Der Rote Terror (Anm. 28), S. 39. [107] Kivimäe, Sirje: Estland unter der Sowjetherrschaft 1941/44–1954, in: Nordost-Archiv. Neue Folge 4 (1995), H. 2 (= Estland und seine Minderheiten. Esten, Deutsche und Russen im 19. und 20. Jahrhundert), S. 577–599, hier S. 593.  [108] Zum Verschwimmen der Grenzen zwischen Kollaboration und Widerstand siehe etwa Felder, Björn Michael: Das Unternehmen »Wildkatze«. Die lettische Kollaboration im Zweiten Weltkrieg am Beispiel des SS-Jagdverbandes Ost, Tübingen 2001. [109] Die meisten Forschungsergebnisse hierzu liegen aus Lettland vor. Siehe etwa Kangeris, Kārlis: »Closed« Units of Latvian Police – Lettische Schutztmannschafts-Bataillone: Research Issues and Pre-History, in: Nollendorfs/Oberländer: The Hidden and Forbidden History (Anm. 8), S. 104–121; Ders.: Der Aufbau der Polizei in Lettland während der deutschen Okkupation (1941–1945), in: Caune (Hrsg): Okupētā Latvija (Anm. 43), S. 316–318; Feldmanis: Waffen-SS Units (Anm. 46), S. 122–131; Ezergailis: Stockholm Documents (Anm. 7), S. 30– 34 sowie zahlreiche andere Arbeiten. [110] Siehe Tininis: Komunistinio Režimo (Anm. 15), Bd. 1, S. 96–98. 

JHK 2007

Wechselseitige Dynamisierung von Protest und Repression: Die Auseinandersetzung um die Emigration sowjetischer Juden (1969 bis 1971)

Kerstin Armborst

An der Frage der Emigrationsmöglichkeit für sowjetische Bürger entzündeten sich bis zum Zerfall der UdSSR immer wieder Konflikte. Obwohl die Sowjetunion das Recht auf Freizügigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Unterzeichnung internationaler Vereinbarungen wie der Deklaration der Menschenrechte, des Paktes über bürgerliche und politische Rechte und der Helsinki-Schlussakte anerkannt hatte, handhabten die sowjetischen Behörden die Frage der Ausreise bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre restriktiv. Das Ein- und Ausreiseverfahren regelte eine Verordnung des Ministerrates, die eine Emigration aus der Sowjetunion von der Genehmigung durch die zuständigen Organe abhängig machte, die Entscheidungskriterien aber offen ließ.[1] Somit besaßen die Sowjetbürger keinen Anspruch auf Ausreise und konnten das ihnen durch internationale Vereinbarungen zugestandene Recht auf Freizügigkeit nicht einklagen, sondern sie waren, wenn sie das Land verlassen wollten, der Willkür der sowjetischen Behörden ausgesetzt. Die Erteilung einer Ausreisegenehmigung erfolgte sozusagen als ein Zugeständnis der Behörden, das von verschiedenen außenpolitischen und innenpolitischen Faktoren abhängig war. Die Ablehnung eines Antrags, die oft mündlich und ohne Begründung übermittelt wurde, ging häufig einher mit dem Versuch, die Antragsteller durch Druck dazu zu bewegen, ihre Emigrationsbemühungen einzustellen.  Dennoch setzten seit den späten 1960er Jahren mehr und mehr jüdische Sowjetbürger auf die Option zur Emigration nach Israel und beantragten die Ausreisegenehmigung, die zunächst nur in seltenen Fällen erteilt wurde. Wer zur Gruppe der otkazniki, der abgelehnten Ausreisewilligen, gehörte, hatte sich bei Fortsetzung der Ausreisebemühungen grundsätzlich zwischen zwei Alternativen zu entscheiden: entweder sich still zu verhalten und nach einiger Zeit einen neuen Antrag zu stellen in der Hoffnung auf eine zwischenzeitliche Veränderung der Voraussetzungen, oder aber gegen die Ablehnung zu protestieren und auf diese Weise zu versuchen, doch noch eine positive Entscheidung über den Ausreiseantrag zu erwirken. Da die Erklärung des Ausreisewunsches für die Betroffenen bereits häufig Repressalien wie etwa Schikanen am Arbeitsplatz bis hin zur Entlassung, die Relegation von der Universität oder den Ausschluss aus der KPdSU und dem Komsomol zur Folge haben konnte, sahen viele otkazniki angesichts ihrer Situation nur den Weg des Protestes. Die Proteste gegen die Verweigerung einer Ausreisegenehmigung, die ganz unterschiedliche – sowohl legale als auch illegale – Formen annahmen, riefen seitens der sowjetischen Behörden Gegenreaktionen hervor, die erahnen ließen, welche Bedeutung die sowjetischen Machtorgane dem Widerspruch beimaßen, und die ihrerseits oft erneut Anlass zu Protesten gaben.  Verhaftungen von Aktivisten, d. h. Ausreisewilligen, die gegen die Verweigerung der Genehmigung protestierten, gab es bereits in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. In einzelnen Fällen folgten ein Prozess und die Verurteilung zu einigen Jahren Lagerhaft wegen »antisowjetischer Agitation« oder »Verleumdung«.[2] Einen Höhepunkt erreichte die Konfrontation zwischen jüdischen Ausreisewilligen und den sowjetischen Sicherheitsorganen jedoch im Frühsommer 1970. Anlass war der Plan einer kleinen Gruppe, ein Flugzeug gewaltlos nach Stockholm zu entführen, um dort in einer Pressekonferenz über die restriktive Ausreisepolitik der Sowjetunion zu berichten. Bevor es jedoch zur Tat kam, nahmen die sowjetischen Sicherheitsorgane die Gruppe am 15. Juni 1970 am Flughafen Smol’nyj in Leningrad und in einem Wald nahe der Stadt Priozersk fest. Außerdem verhaftete die Miliz am selben Tag acht Mitglieder einer jüdischen Gruppe in Leningrad, einige Wochen später folgten Verhaftungen in Riga und Kišinev (moldauisch/ rumänisch: Chişinău). In mehreren sowjetischen Städten wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt und dabei Bücher zu jüdischen Themen, Hebräisch-Lehrbücher, Kopien von Briefen an die Behörden und andere Papiere konfisziert, die in Zusammenhang mit dem Ausreiseantrag standen, jedoch keinerlei Verbindung zum Entführungsplan aufwiesen. Betroffen waren vor allem Antragsteller, die Petitionen verfasst oder sich an Samizdat-Publikationen beteiligt hatten. Die Durchsuchungen und Verhöre dauerten den Sommer und Herbst hindurch an. Vom 15. bis 24. Dezember 1970 fand der so genannte Erste Leningrader Prozess gegen die »Flugzeugentführer« statt, die unter anderem des »Verrats«, der »Verantwortung für die Vorbereitung einer Straftat und für eine versuchte Straftat«, des »Diebstahls von Staats- und Gesellschaftseigentums in besonders großem Ausmaß«, der »antisowjetischen Agitation und Propaganda«, der »organisatorischen Aktivität, die auf die Begehung besonders gefährlicher Verbrechen gegen den Staat gerichtet ist«, sowie der »Teilnahme an antisowjetischen Organisationen« beschuldigt wurden. Obwohl der Entführungsplan nicht einmal ansatzweise ausgeführt worden war, lauteten die Urteile auf Haftstrafen zwischen vier und fünfzehn Jahren, in zwei Fällen wurde die Todesstrafe verhängt, die jedoch nach Protesten im In- und Ausland in langjährige Haftstrafen umgewandelt wurden.[3] Der Erste Leningrader Prozess, dem drei weitere Gruppenprozesse in Leningrad[4], Riga[5] und Kišinev[6] folgten, gab dem Kampf um die Ausreisegenehmigung einen neuen Impuls: Die Verhaftungen und Verurteilungen bewirkten nicht die von den sowjetischen Behörden beabsichtigte Eindämmung der Emigrationsbewegung, sondern führten im Gegenteil unter den zur Auswanderung entschlossenen Juden zu einer Intensivierung der Bemühungen um die Ausreisegenehmigung und zu einer verstärkten Aufmerksamkeit im Ausland. Etwa zehn Jahre später stellte David Prital im Vorwort zum Sammelband In Search of Self. The Soviet Jewish Intelligentsia and the Exodus fest, »the Leningrad Trials […] initiated a new chapter in the history of the Soviet aliya movement and its struggle to realize the rights of Soviet Jewry to immigrate to Israel«.[7] William Orbach wertete die Bedeutung der Prozesse mit Blick auf die Außenwahrnehmung der jüdischen Proteste: »The Leningrad arrests and subsequent trial of a number of Soviet Jews in 1970 catapulted the movement into the international limelight.«[8] Die in der Forschung unbestrittene Einschätzung der Prozesse als Impetus sowohl für die innersowjetische jüdische Protestbewegung als auch für die Entstehung einer internationalen Bewegung zur Unterstützung der jüdischen Proteste in der UdSSR wirft die Frage nach den Ursachen dieser Eskalation in der Auseinandersetzung zwischen Ausreisewilligen und Behörden auf, fordert aber auch eine genaue Untersuchung der Frage, weshalb die Verhaftungen und Prozesse eine derartige Dynamik innerhalb der jüdischen Bewegung freisetzten, die einerseits zu einer Ausweitung der Proteste und andererseits zu einem schlagartigen Anstieg der erteilten Ausreisegenehmigungen für sowjetische Juden führte. Während die Entwicklung der jüdischen Protestbewegung vor allem anhand von Samizdat-Dokumenten und Berichten der Beteiligten bereits gut erforscht werden konnte, war die Untersuchung der innerhalb der sowjetischen Machtorgane geführten Diskussionen über die jüdische Emigrations- und Protestbewegung und der Hintergründe der Emigrationspolitik bis zur Öffnung der sowjetischen Archive im Jahr 1991 kaum möglich. Da der Zugang zu den Archiven Mitte der 1990er Jahre erneut reglementiert wurde und viele Bestände der Forschung weiterhin unzugänglich sind, lassen sich diese Zusammenhänge noch immer nicht lückenlos erforschen. Allerdings gelang es dem Cummings Center for Russian and Eastern European Studies an der Universität Tel Aviv im Rahmen verschiedener Archivprojekte zwischen 1994 und 1997, eine bedeutende Zahl von Dokumenten zur Frage der jüdischen Emigration in verschiedenen russischen Archiven zu sichten und zu publizieren. Diese von Boris Morozov herausgegebene Edition[9] enthält zahlreiche Dokumente vor allem aus dem Archiv des ZK der UdSSR,[10] die näheren Aufschluss über den Umgang der Machtorgane mit der Emigrationsfrage, über ihre Einschätzung der Proteste der Ausreisewilligen und über taktische Überlegungen und Pläne für Gegenmaßnahmen geben. Während bislang hinsichtlich der Strategien der Machtorgane zur Reaktion auf die Emigrationsbewegung in wichtigen Punkten nur Vermutungen angestellt werden konnten, lassen sich nun anhand der internen, bis Anfang der 1990er Jahre geheimen Dokumente viele Zusammenhänge deutlicher fassen. Im Folgenden soll daher auf der Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse zur Anfangsphase der jüdischen Emigrationsbewegung, anhand der im Samizdat publizierten Zeitschriften, der editierten Briefe und Petitionen jüdischer Ausreisewilliger[11] und unter Heranziehung der bei Morozov veröffentlichten Dokumente untersucht werden, wie es zu der oben dargestellten Eskalation zwischen den Ausreisewilligen und den sowjetischen Machtorganen kam und welche Faktoren für die wechselseitige Dynamisierung von Protestbewegung und staatlichen Repressionen Anfang der 1970er Jahre eine Rolle spielten. Vom Ausreisewunsch zum Protest  Bereits in den 1950er und 1960er Jahren bildeten sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung in mehreren sowjetischen Städten kleine private Gruppen, die sich mit dem Studium der hebräischen Sprache und der jüdischen Kultur beschäftigten, jüdische Literatur lasen, sie im Samizdat verbreiteten und bemüht waren, auf diese Weise das durch die Schließung jüdischer kultureller und religiöser Institutionen seit der Stalinzeit von offizieller Seite geschaffene Vakuum wenigstens in Ansätzen zu füllen. Diese im Zuge des »nationalen Erwachens« nach der Staatsgründung Israels entstandenen Gruppen lassen sich zum großen Teil durchaus als zionistisch orientiert bezeichnen, jedoch zielte ihre Arbeit zunächst noch nicht auf die Emigration aus der UdSSR.[12] Eine Welle von Ausreiseanträgen erreichte die sowjetischen Behörden 1967, nachdem der Vorsitzende des Ministerrates, Aleksej Kosygin, im Dezember 1966 im Rahmen seines Parisbesuchs erklärt hatte, die UdSSR werde die Emigration zum Zwecke der Familienzusammenführung nicht behindern.[13] Jedoch nach dem Ausbruch des Sechstagekrieges und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel im Sommer 1967 nahmen die zuständigen sowjetischen Behörden keine Ausreiseanträge für Israel mehr an und stellten die Bearbeitung bereits vorliegender Gesuche vollständig ein. Der Ausgang des Sechstagekrieges und die von sowjetischen Medien betriebene umfangreiche antizionistische und antisemitische Propaganda gaben neue Impulse zur (Wieder-)Entdeckung der eigenen jüdischen Identität. Am deutlichsten zeigte sich die wachsende Hinwendung vieler sowjetischer Juden zum jüdischen Volk und zu Israel an den jüdischen Feiertagen, wenn zahlreiche Menschen an den Synagogen zusammenkamen – misstrauisch beobachtet vom sowjetischen Geheimdienst.[14] Um den Druck im Innern zu mindern und vor allem um Kritik von außen zu entkräften, riet der KGB dem ZK im Juni 1968, im laufenden Jahr wieder eine begrenzte Ausreise nach Israel zuzulassen: »Die Entscheidung der Frage über die Wiederzulassung der Ausreise sowjetischer Bürger nach Israel aus Gründen der Zusammenführung von durch den Krieg zerrissenen Familien kann in den Augen der Weltöffentlichkeit eine positive Bewertung als humanitärer Akt erhalten, eine solche Entscheidung erlaubt es, sich von nationalistisch gesinnten Personen und religiösen Fanatikern zu befreien, die einen schädlichen Einfluss auf ihre Umgebung ausüben.«[15] Das ZK legte daraufhin in einer geheimen Verordnung fest, dass, wie vom KGB empfohlen, die Ausreise von Sowjetbürgern zur ständigen Wohnsitznahme in Israel noch 1968 wieder zugelassen werden solle; die Ausreisegenehmigungen sollten etwa 1 500 überwiegend ältere Menschen ohne höhere oder mittlere Bildung erhalten. Hinsichtlich der Ausreisequoten für 1969 und die folgenden Jahre sollten KGB und Innenministerium zu einem späteren Zeitpunkt unter Berücksichtigung der Lage Vorschläge machen.[16] Als die zuständigen Behörden im Herbst 1968 Erkundigungen einholten, ob die Antragsteller der bereits vorliegenden Ausreisegesuche noch immer den Wunsch hätten, die UdSSR zu verlassen, lösten diese Signale eine erneute Antragsflut aus. In den letzten vier Monaten des Jahres 1968 reichten etwa 7 000 jüdische Sowjetbürger die notwendigen Unterlagen ein, und auch die Zahl derer, die aus Israel die für das Stellen des Ausreiseantrags erforderliche Anforderung (vyzov) erbaten, schnellte in die Höhe.[17] Die gelockerte Ausreisepolitik der sowjetischen Regierung schlug sich erstmals in den Emigrationszahlen von 1969 sichtbar nieder, jedoch entsprach die Zahl der erteilten Genehmigungen nur einem Bruchteil der seit Herbst 1968 gestellten Ausreiseanträge.[18] Die von KGB und ZK als Ventil gedachte quotierte Erteilung von Ausreisegenehmigungen bewirkte keine Beruhigung innerhalb der jüdischen Bevölkerung, sondern hatte vielmehr einen Dammbrucheffekt zur Folge. Dieser zeigte sich nicht nur in der stetig ansteigenden Zahl der Ausreiseanträge. Auch die Entschlossenheit der jüdischen Gruppen und vieler Einzelpersonen, sich aktiv für das Recht auf Emigration einzusetzen, wuchs deutlich an und äußerte sich in unterschiedlichen Formen. Die bereits in verschiedenen Städten bestehenden Zusammenschlüsse widmeten sich nicht mehr ausschließlich dem Studium der hebräischen Kultur und Sprache sowie der Verbreitung jüdischer Literatur im Samizdat, sondern suchten nun verstärkt nach Möglichkeiten, eine städteübergreifende jüdische Bewegung zu etablieren. Vertreter dieser Gruppen bildeten im August 1969 das »Allunions-Koordinationskomitee«, in dem über eine organisierte Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet und bei der Intensivierung der Ausreisebemühungen beraten wurde. Aus Furcht vor repressiven Maßnahmen der sowjetischen Behörden lehnte die Mehrheit der Beteiligten die Gründung einer Organisation mit formaler Mitgliedschaft ab, beschlossen wurde jedoch unter anderem die Gründung eines eigenen Presseorgans.[19] In der zweiten Jahreshälfte 1969 weiteten jüdische Emigrationswillige ihren Protest gegen die Ablehnung der Ausreiseanträge aus, indem sie in Schreiben an sowjetische Machtorgane und Politiker, aber auch an ausländische Adressaten ihren Entschluss, das Land zu verlassen, demonstrierten und um eine erneute Überprüfung und positive Entscheidung der Anträge baten.[20] Im November 1969 verlas die israelische Premierministerin Golda Meir in Abweichung von dem bis dahin von der israelischen Regierung hinsichtlich der Unterstützung sowjetischer Juden verfolgten Kurs der »stillen Diplomatie«[21] einen Brief von achtzehn jüdischen Familien aus Georgien in der Knesset. In diesem Schreiben schilderten die Unterzeichner, die für ihren Ausreisewunsch vor allem religiöse Gründe angaben, ihre langjährigen Ausreisebemühungen, in deren Verlauf sie Hunderte von Briefen an die Behörden geschickt hätten. Die Verfasser forderten die UNOMenschenrechtskommission auf, bei der sowjetischen Regierung für sie eine Ausreisegenehmigung zu erwirken.[22] Nach der Veröffentlichung des Briefes setzte sich der israelische UNO-Botschafter dafür ein, den Brief als UNO-Dokument zu verbreiten. Gleichzeitig forderte die Knesset die Parlamente der befreundeten Staaten auf, die Emigration der sowjetischen Juden zu unterstützen.[23] Die große Beachtung des Schreibens in Israel und die zunehmende Unterstützung der Ausreisebemühungen durch verschiedene Organisationen in den USA bewirkten, dass sowjetische Juden sich in der folgenden Zeit vermehrt mit ihren Forderungen und Protesten an ausländische Adressaten wandten. Durch die ausländischen Reaktionen auf die jüdischen Proteste herausgefordert, antworteten die sowjetischen Machtorgane mit einer Ende November 1969 einsetzenden Pressekampagne, die sich gegen die »antisowjetischen Kampagnen der westlichen Propagandadienste« und die »provokative Kampagne« der »zionistischen Organisationen« richten sollte.[24] Eröffnet wurde die Pressekampagne mit einer Reportage in der Pravda über Briefe aus Israel, deren Verfasser – angeblich emigrierte georgische Juden – das schreckliche Leben in Israel schilderten und vor der Emigration warnten.[25] Weitere Artikel attackierten den Zionismus und die Emigration nach Israel, stellten eine Analogie zwischen Zionisten und Verrätern des sowjetischen Staates her und leugneten die Existenz von Antisemitismus in der UdSSR.[26] Höhepunkt der Kampagne war schließlich eine Pressekonferenz am 4. März 1970 in Moskau, bei der Personen jüdischer Herkunft auftraten, die wichtige Posten in der Politik, beim Militär oder im sowjetischen Wissenschafts- und Kulturleben bekleideten. Die Propagandaabteilung des ZK hatte drei Punkte vorgegeben, die bei dieser Veranstaltung verurteilt werden sollten:  »- die aggressive Politik der rechten Kreise in Israel gegen die Länder des Nahen Ostens;  - die Versuche des internationalen Zionismus, als Vortrupp des Imperialismus aufzutreten;  - die Versuche, in verschiedenen Ländern der Welt und vor allem in der UdSSR auf die so genannte ›jüdische Frage‹ zu spekulieren«[27]. Eine im Namen von 52 Unterzeichnern auf der Pressekonferenz verlesene Erklärung wandte sich mit scharfen Worten gegen den Zionismus und die israelische Außenpolitik, vor allem aber betonten die Verfasser ihren engen Bezug zur Sowjetunion als Heimatland der sowjetischen Juden. In diesem Zusammenhang wiesen sie alle Behauptungen bezüglich der Diskriminierung von Juden in der UdSSR zurück und stellten dagegen die Auszeichnungen sowjetischer Juden für ihre Verdienste um das Heimatland heraus. In den folgenden Tagen erschienen in den sowjetischen Medien weitere Stellungnahmen prominenter Personen jüdischer Herkunft und von Rabbinern aus verschiedenen sowjetischen Städten, die die Kernaussagen der Pressekonferenz wiederholten und das Verhalten der israelischen Premierministerin Golda Meir verurteilten.[28]  Mit dieser Kampagne, welche die Hintergründe der Ausreisebemühungen und des Protests sowjetischer Juden weitgehend ignorierte und die ausländische Unterstützung der Emigrationswilligen nicht als Reaktion auf deren Hilfegesuche betrachtete, sondern vielmehr als gegen den sowjetischen Staat gerichtete Propaganda wertete, deren Bestreben die Instrumentalisierung der sowjetischen Juden für israelische und zionistische Ziele sei, etablierten die sowjetischen Machtorgane eine Argumentationsstruktur, auf deren Grundlage in den kommenden Jahren die Proteste jüdischer Ausreisewilliger offiziell, aber auch intern im Schriftwechsel zwischen KGB und ZK beurteilt wurden. Diese von den sowjetischen Propagandaorganen offensiv vorgebrachten und massiv im In- und Ausland verbreiteten Interpretationen riefen jedoch deutlichen Widerspruch hervor: In Leserbriefen,[29] in Briefen an die Autoren der Artikel und an die Teilnehmer der Pressekonferenz distanzierten sich jüdische Sowjetbürger von den vorgebrachten Argumentationen, sie widersprachen der Behauptung, die Unterstützung der Ausreisewilligen durch die Knesset und die israelische Regierung sei Teil einer antisowjetischen Kampagne, sie äußerten ihre Zweifel an der Vertrautheit der Autoren und Teilnehmer der Pressekonferenz mit der jüdischen Kultur und sprachen ihnen das Recht ab, sich als Vertreter der in der Sowjetunion lebenden Juden in der Öffentlichkeit zu äußern.[30] Vierzig Moskauer Juden protestierten in einem Brief an den Leiter der Presseabteilung des sowjetischen Außenministeriums gegen die Einseitigkeit der Pressekonferenz. Ziel dieser Veranstaltung sei es gewesen zu demonstrieren, dass Juden herausragende Positionen in der sowjetischen Gesellschaft erreichen könnten, doch sei es zweifelhaft, ob die Teilnehmer der Pressekonferenz noch einen Bezug zum Judentum hätten. Die Probleme der sowjetischen Juden bestünden aber gerade in der Schwierigkeit der Bewahrung der nationalen Eigenart und der fehlenden Gleichberechtigung. Die Unterzeichner wandten sich gegen jede Art von Bevormundung und demonstrierten ihre Entschlossenheit: »Wir werden auf unserem Recht bestehen, unser Schicksal selbst zu bestimmen, die Wahl der Staatsangehörigkeit und des Aufenthaltslandes eingeschlossen. Wir sind in der Lage, die uns möglicherweise erwartenden Schwierigkeiten selbst zu bewerten, die mit den Kriegsereignissen, der Klimaveränderung oder dem veränderten Gesellschaftssystem zusammenhängen. […] Das jüdische Volk hat viele Verfolgungen und Leiden, viele bösartige oder wohlwollende Assimilationskampagnen erduldet und vermochte doch eigenständig zu bleiben. Wir glauben, dass die Juden auch heute nicht mit Selbstverleugnung auf die antiisraelische Kampagne reagieren werden, sondern dass sie im Gegenteil im Stolz auf ihr Volk noch gefestigt werden und ausrufen: ›Nächstes Jahr in Jerusalem‹.«[31] Die Tatsache, dass einerseits die sowjetischen Behörden wieder – wenn auch in nur sehr geringem Umfang – Ausreisegenehmigungen erteilten, sich andererseits die Propaganda gegen Israel und den Zionismus verstärkte und die jüdischen Ausreisewilligen in der Konsequenz als Vaterlandsverräter hingestellt wurden, aber gleichzeitig aus dem Ausland zunehmend Unterstützung für ihre Emigrationsbestrebungen erhielten, weckte und verstärkte bei vielen Menschen den Ausreisewunsch. Parallel zum Verfassen von Petitionen und Protestbriefen[32] entwickelten jüdische Emigrationswillige zunehmend auch andere Strategien, um ihren Willen zum Verlassen des Landes zu bekunden; eine wichtige Rolle spielte dabei die Verbreitung von Publikationen unter Umgehung der sowjetischen Zensur. Unter dem Titel Iton (hebr. Zeitung) erschien im Februar 1970 eine russischsprachige Gemeinschaftspublikation mehrerer zionistischer Gruppen in verschiedenen Städten, die zwar nur in sehr kleiner Auflage und ohne Nennung der Herausgeber in Umlauf kam, aber dennoch zum Symbol für die entstehende jüdische Nationalbewegung in der Sowjetunion wurde.[33] Während die erste Nummer, Iton Alef[34], überwiegend Texte über Israel enthielt, hinsichtlich der Darstellung der Situation der sowjetischen Juden noch Zurückhaltung zeigte und sich eher indirekt zur Frage der Emigration äußerte, berichtete das zweite Heft, Iton Bet[35], bereits offen über die Proteste jüdischer Ausreisewilliger in der UdSSR und veröffentlichte zahlreiche Briefe von Antragsstellern an sowjetische Zeitungen, sowjetische Politiker und ausländische Adressaten.[36] Dieser Charakterwandel des jüdischen Samizdat war für die Entwicklung der Emigrationsbewegung von entscheidender Bedeutung: »Iton bet initiates a more militant phase in the Jewish movement. […] The editors assert Soviet Jews’ determination and right to seek repatriation to Israel and to overcome any official obstacles in their way.«[37] Die seit Frühjahr 1970 in Moskau erscheinende Samizdat-Zeitschrift Ischod (russ.: Auszug, Exodus) war bereits vollständig dem Kampf der sowjetischen Juden um die Ausreisegenehmigung gewidmet. Sie dokumentierte nicht nur die Proteste Ausreisewilliger und die Reaktionen der sowjetischen Machtorgane, sondern publizierte auch einschlägige Gesetzestexte und Verordnungen.[38]         Bedeutsam waren die Samizdat-Publikationen nicht nur deshalb, weil sie die Proteste und ihre Folgen im In- und Ausland publik machten. Vielmehr verdeutlichten sie auch, dass die Ausreisewilligen keine Einzelkämpfer gegen Behördenwillkür, sondern mit ihren individuellen Ausreisebemühungen Teil einer sich mehr und mehr formierenden Emigrationsbewegung waren, die sich in den Kontext des Kampfes für die Einhaltung der Menschenrechte in der UdSSR einfügte. Die sowjetischen Machtorgane nahmen die unter den jüdischen Ausreisewilligen entstehende Bewegung schon frühzeitig wahr. Jedoch konzentrierten sie sich auf die Interpretation, das Ziel der einzelnen Gruppen sei es, innerhalb der jüdischen Bevölkerung der UdSSR die Emigrationsstimmung zu schüren. Die Samizdat-Publikationen werteten sie pauschal als zionistische Propaganda. Beispielhaft findet sich diese Argumentationsweise in einem KGB-Bericht, der das ZK der KPdSU Ende April 1970 über die Existenz einer zionistischen Organisation in Leningrad und deren Tätigkeit informiert.[39] Statt die Entstehung der organisatorischen Struktur als Folge einer wachsenden Emigrationsstimmung unter der jüdischen Bevölkerung zu erkennen und nach den innersowjetischen Ursachen für die Proteste und den sich verbreitenden Wunsch nach Ausreise zu fragen, stellte der KGB die Gruppen als auf den finanziellen Gewinn ausgerichtete Propagandaorganisationen dar.[40] Weder berücksichtigten die sowjetischen Machtorgane die Einbettung der sich formierenden Gruppen in die breite Basis der jüdischen Emigrationsbewegung, noch rechneten sie mit der großen Entschlossenheit derer, die ihren Wunsch nach Ausreise bereits durch einen entsprechenden Antrag bekundet hatten. Akute Konfrontation und hartes Durchgreifen der Sicherheitsorgane Mit der Ausweitung der Bewegung stellte sich den Beteiligten immer drängender die Frage, welche Aktionsformen im Kampf um die Ausreisegenehmigung angemessen waren und den größten Erfolg versprachen. Im städteübergreifenden Komitee der jüdischen Gruppen gab es dazu ganz unterschiedliche Standpunkte. Einige Mitglieder forderten angesichts der fehlenden positiven Ergebnisse eine Intensivierung der Aktivitäten, manche sprachen sich für die Durchführung von Demonstrationen und Hungerstreiks aus.[41] Als Anfang 1970 der Plan einer Flugzeugentführung im Komitee kontrovers diskutiert wurde,[42] einigten sich die Mitglieder schließlich darauf, israelische Regierungskreise entscheiden zu lassen, ob der Plan durchgeführt werden sollte. Da die israelische Regierung eine Flugzeugentführung ebenso wie die Durchführung einer Demonstration in Leningrad kategorisch ablehnte, verwarfen die Mitglieder des Komitees die Entführungspläne. Eine kleine Gruppe von Aktivisten aus Leningrad und Riga, die sich zum Teil schon seit Jahren vergeblich um die Ausreisegenehmigung bemühten, ignorierte jedoch die Bedenken des Komitees und der israelischen Regierung und entwickelte einen neuen Plan. Dem KGB war spätestens seit April 1970 bekannt, dass die jüdischen Gruppen über eine besondere »Aktion« diskutierten. Seit wann der Geheimdienst darüber informiert war, dass es sich dabei um eine Flugzeugentführung handeln sollte, ist jedoch unklar. Dem ZK berichtete der KGB am 30. April 1970, es werde streng geheim gehalten, worum es bei dieser »Aktion« gehen solle. Allerdings hatte der KGB Kenntnis davon, dass die Durchführung der »Aktion« unter den Mitgliedern der Gruppen umstritten war und die jüdischen Aktivisten israelische Regierungskreise um eine Stellungnahme zu ihrem Plan bitten wollten, und er kündigte eine verstärkte Beobachtung sowie die Vereitlung der möglicher Aktivitäten an.[43] Zweifellos lagen dem KGB im Frühsommer 1970 Informationen darüber vor, dass der Plan nur noch von einer kleinen Gruppe getragen wurde, die die Flugzeugentführung im Alleingang und am Allunions-Koordinationskomitee vorbei durchführen wollte.[44] Dennoch nahmen die Behörden die Aktion zum Anlass für einen umfassenden Schlag gegen jüdische Emigrationswillige. Bei ihren Ermittlungen bemühten sich die Sicherheitsorgane, eine städteübergreifende Verschwörung der jüdischen Ausreisewilligen gegen den sowjetischen Staat nachzuweisen. Kontakte jüdischer Aktivisten zu Gleichgesinnten in anderen sowjetischen Städten wurden als »antisowjetische zionistische Tätigkeit« gewertet und vom KGB genauestens erforscht und dokumentiert.[45] Zwar stellte das Allunions-Koordinationskomitee seine Tätigkeit nach den Verhaftungen ein, jedoch brachen die Beteiligten damit ihr Engagement für die Emigration keineswegs ab. In ihren Briefen an sowjetische Machtorgane und ausländische Adressaten protestierten Ausreisewillige nun auch gegen Rechtsverstöße in der Untersuchungsführung der sowjetischen Behörden und benannten die umfassenden Ermittlungen der sowjetischen Sicherheitsorgane mit Durchsuchungen, Verhaftungen und Verhören ausdrücklich als Repressionen gegen ausreisewillige Juden, die in keinem Zusammenhang zur »Flugzeugentführung« mehr stünden, sondern einzig der Einschüchterung der Betroffenen, der Abschreckung potentieller Antragsteller sowie der Zerschlagung der Ausreisebewegung dienen sollten.[46] Die Verfasser der Briefe bekräftigten ihre Entschlossenheit, die Sowjetunion zu verlassen und kündigten an, sich durch nichts von diesem Bestreben abbringen zu lassen.[47]  Die im November 1970 erschienene dritte Ausgabe der Samizdat-Zeitschrift Ischod veröffentlichte kollektive und individuelle Bitt- und Protestbriefe von jüdischen Ausreisewilligen aus der zweiten Jahreshälfte 1970, Protokolle von Hausdurchsuchungen sowie eine Chronik der Festnahmen, Durchsuchungen und Verhöre von Juden zwischen dem 15. Juni und dem 11. November 1970.[48] Diese Form der Berichterstattung war um so bedeutsamer, als die sowjetischen Zeitungen über die Untersuchungen schwiegen. Durch ihre Samizdat-Aktivitäten und das Verfassen von Petitionen erreichten die jüdischen Aktivisten, dass den bevorstehenden Prozessen im Ausland große Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Unter den ausreisewilligen Juden in der UdSSR hatte das harte Durchgreifen der sowjetischen Sicherheitsorgane Unruhe verbreitet und bewirkt, dass viele Antragsteller angesichts der Repressionen, der gegen sie gerichteten Propaganda und der immer deutlicher werdenden Rechtlosigkeit der Ausreisewilligen die Flucht nach vorne antraten und sich an Protesten beteiligten. Neue Dynamik der Proteste nach dem Ersten Leningrader Prozess  Die Prozessführung und die harten Urteile des Ersten Leningrader Prozesses sorgten unter den Ausreisewilligen für heftigen Widerspruch. In schriftlichen Protesten beklagten sie, das Gericht habe nicht nach den tatsächlichen Gründen für die »Tat« gesucht und weder die Verzweiflung der Angeklagten infolge der langjährigen vergeblichen Ausreisebemühungen berücksichtigt noch in Betracht gezogen, dass die »Tat« nicht begangen worden sei. Die grausamen Urteile seien eine schonungslose Abrechnung mit den Angeklagten für ihr Bestreben, die UdSSR zu verlassen. Mit Blick auf die noch bevorstehenden Gruppenprozesse in Leningrad, Kišinev und Riga wurde der Prozess im Dezember 1970 als Anfang einer Reihe »gerichtlicher Inszenierungen« bezeichnet, von der niemand wisse, wie lang sie sei.[49] Unterstützung erhielten die Proteste in der Sowjetunion von Organisationen und Politikern aus dem Ausland: bei Solidaritätskundgebungen, Demonstrationen vor den sowjetischen Botschaften und in Briefen an die sowjetische Regierung wurde gegen den Prozess protestiert und die Milderung der Urteile gefordert.[50] Mit der Umwandlung der Todesstrafen in fünfzehnjährige Haftstrafen und der Reduzierung von drei der verhängten Haftstrafen am 30. Dezember 1970 konnten die Proteste einen ersten Erfolg verzeichnen. Auch sah sich das ZK durch den massiv vorgebrachten Vorwurf, die Sowjetunion versage den Juden das Recht auf Ausreise aus der UdSSR, zur Gegendarstellung gezwungen und ordnete die Veröffentlichung von Namen und Zahlen der Ausgereisten der letzten Dekade an.[51] Des Weiteren reagierten die sowjetischen Machtorgane auf die Proteste im In- und Ausland mit einer weit reichenden Pressekampagne. Diese wurde vor allem mit Blick auf die Konferenz jüdischer Weltorganisationen und Gemeinden, die im Februar 1971 in Brüssel stattfand und auf der 760 Delegierte aus 38 Ländern die Lage der sowjetischen Juden und Möglichkeiten zu ihrer Unterstützung erörterten, in der zweiten Februarhälfte noch intensiviert.[52] Den Druck im Innern konnte ein solches Vorgehen jedoch nicht mindern. Vielmehr verstärkten abgelehnte Antragsteller ihre Proteste, wobei sie neben einer Ausweitung der bereits erprobten nun auch neue Protestformen anwendeten. Die im Februar 1971 erschienene vierte Ausgabe der Samizdat-Zeitschrift Ischod veröffentlichte zahlreiche Dokumente, die in Zusammenhang mit dem Ersten Leningrader Prozess standen: Reaktionen auf den Prozess in Form von Telegrammen, Briefen und Appellen sowie einen ausführlichen Bericht über die sieben Prozesstage, der zwar im sachlichen Stil eines Protokolls abgefasst war, aber in den Anmerkungen auf Rechtsverstöße und Widersprüche in der Prozessführung hinwies.[53] Die erstmals im Frühjahr 1971 erschienene Zeitschrift Vestnik Ischoda (Bote des Exodus)[54] berichtete umfassend über Protestaktionen, über die neuen Prozesse und zunehmend auch über Repressionen gegen einzelne Ausreisewillige. Insgesamt vermittelten die drei 1971 publizierten Ausgaben, die auch nach Israel gelangten,[55] ein detailliertes Bild vom Kampf der sowjetischen Juden um die Ausreisegenehmigung sowie von der wachsenden Konfrontation mit den sowjetischen Behörden. Der schriftliche Protest zeigte bereits jetzt zwei Tendenzen, die sich im Laufe der folgenden Jahre noch stärker ausprägten: Einerseits argumentierten die Ausreisewilligen in ihren Briefen immer häufiger mit rechtlichen Faktoren – mit bestimmten Paragraphen der sowjetischen Verfassung, des Strafgesetzbuchs oder mit internationalen Vereinbarungen –, um den sowjetischen Behörden ein ungesetzliches Vorgehen nachzuweisen,[56] andererseits wurde die Liste der Adressaten – vor allem jener im westlichen Ausland – ausgeweitet; immer häufiger versandten Ausreisewillige ihre Schreiben gezielt zu bestimmten Anlässen, wie dem XXIV. Parteitag der KPdSU im März/April 1971, dem Jahrestag des Urteilsspruchs im Ersten Leningrader Prozess, oder zu Besuchen ausländischer Politiker in der UdSSR.[57] Eine neue Form des kollektiven Protests stellten die von den Aktivisten pochody (Märsche) genannten kollektiven Vorsprachen bei sowjetischen Behörden und Regierungsstellen dar.[58] In größeren Gruppen suchten abgelehnte Antragsteller die Empfangszimmer der Staats- und Parteiorgane vor allem in Moskau auf, übergaben Schriftstücke mit ihren Forderungen und zahlreichen Unterschriften und baten darum, von den Verantwortlichen empfangen zu werden. Mit Sitzblockaden und Hungerstreiks forderten sie die Ausreisegenehmigung, schriftliche Begründungen der meist nur mündlich mitgeteilten Ablehnungen sowie die Beendigung gerichtlicher und außergerichtlicher Verfolgungen der Ausreisewilligen. Die Reaktionen der Behörden auf diese Gruppenvorsprachen waren sehr unterschiedlich. Manchmal empfingen Behördenvertreter Repräsentanten der Gruppe, in anderen Fällen wurde die gesamte Gruppe festgenommen und zur örtlichen Miliz gebracht.[59] Spektakuläre Versammlungen dieser Art, an denen sich zeitweise mehr als 100 jüdische Ausreisewillige aus verschiedenen Städten beteiligten, fanden etwa im Februar und März 1971 im Gebäude des Präsidiums des Obersten Sowjets, des ZK, des Innenministeriums und der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR in Moskau statt. Die sowjetischen Sicherheitsorgane werteten diese Aktionen als »antigesellschaftliche« Provokationen, betrachteten die Beteiligten als »Extremisten« und verhängten gegen einige von ihnen kurzfristige Haftstrafen, in manchen Fällen ordneten sie die Einweisung in die Psychiatrie an.[60] Allerdings erreichten viele der an den Märschen im Februar und März 1971 Beteiligten letztendlich doch, dass ihre Ausreisegesuche erneut geprüft wurden und ihnen kurze Zeit später die Ausreisegenehmigung erteilt wurde.[61] Seit 1971 wählten jüdische otkazniki auch das Mittel der Demonstration vor öffentlichen Gebäuden in Moskau, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Zwar wurden die Demonstrationen in der Regel nach wenigen Minuten von der Miliz aufgelöst und die Teilnehmer meist festgenommen, aber dank des Netzwerks der jüdischen Ausreisewilligen, das Kontakte zu sowjetischen Menschenrechtlern und ausländischen Journalisten aufbaute, erreichten die Nachrichten über die Demonstrationsversuche oft kurze Zeit später das westliche Ausland.[62] Die Bekämpfung jeglicher Beschäftigung mit der jüdischen Kultur und der hebräischen Sprache durch die sowjetischen Machtorgane und die pauschale Verurteilung entsprechender Literatur als »zionistische Propaganda«, die sich ganz deutlich in den Konfiszierungen während der Hausdurchsuchungen im Sommer/Herbst 1970 gezeigt hatte, riefen unter den Abgelehnten wachsenden Widerstand hervor. In den kommenden Jahren bauten sie ihre inoffiziellen Kulturaktivitäten weiter aus. Nach dem Einreichen des Ausreiseantrags arbeitslos gewordene Ausreisewillige, häufig sehr gut qualifizierte Wissenschaftler, erteilten privaten Hebräischunterricht, in vielen Städten gründeten Aktivisten Seminare zur jüdischen Kultur und Geschichte und setzten sich damit erneut der staatlichen Verfolgung aus.[63] Je mehr Ausreisewillige inhaftiert und vor Gericht gestellt wurden, desto stärker demonstrierten Gleichgesinnte in Protestaktionen ihre Solidarität mit den Häftlingen. Seit 1971 fanden Solidaritätshungerstreiks zum Jahrestag des Ersten Leningrader Prozesses am 24. Dezember statt, die von jüdischen Antragstellern in verschiedenen Städten durchgeführt wurden. Die ein- bis dreitägigen Proteste wurden meist in Briefen an die sowjetische Führung sowie an ausländische Adressaten angekündigt, in denen gleichzeitig die Freilassung der wegen ihrer Auswanderungsbemühungen inhaftierten Juden gefordert wurde.[64]  Die Spirale von Protest und Repression im Kontext der sowjetischen  Emigrationspolitik  Was zunächst als Protest gegen die Verweigerung der Ausreisegenehmigung begonnen hatte, entwickelte sich im Laufe des Jahres 1970 immer stärker zu einem intensiven Kampf um die Rechte der jüdischen Antragsteller. Die Rechtsverletzungen seitens der sowjetischen Behörden führten den Ausreisewilligen drastisch den Widerspruch zwischen verfassungsmäßigem Recht und internationalen Vereinbarungen einerseits und der Rechtswirklichkeit in der Sowjetunion andererseits vor Augen und festigten den Wunsch, das Land zu verlassen. Zudem wirkten die von der staatlichen Propaganda veröffentlichten Interpretationen der jüdischen Ausreisebemühungen, die Angriffe gegen Israel und die pauschalen Beschuldigungen der Ausreisewilligen auf die Aktivisten eher provozierend als einschüchternd. Die Eskalation der Situation mit den Verhaftungen in der zweiten Jahreshälfte 1970 und dem Ersten Leningrader Prozess gab der Protestbewegung schließlich eine ganz neue Dynamik, denn angesichts der Erkenntnis ihrer eigenen unsicheren Lage und der drohenden Verhaftung gingen viele Aktivisten nun in die Offensive. In der angespannten Atmosphäre im Winter 1970 und unter Beobachtung durch das westliche Ausland wirkten die harten Urteile im Ersten Leningrader Prozess, insbesondere die Verhängung der beiden Todesstrafen, wie ein Zündfunke. Explosionsartig entlud sich der Unmut der Antragsteller in Protesten unterschiedlicher Form, die sich im Laufe der kommenden Monate verstetigten. Diese Dynamik und das tatsächliche Ausmaß der jüdischen Emigrationsbewegung scheinen von den sowjetischen Machtorganen nicht rechtzeitig erkannt und der Sachlage angemessen bewertet worden zu sein. Die Propaganda etablierte bereits früh ein festes Argumentationsmuster, das einerseits die angeblich bestehende Ausreisefreiheit und die Zufriedenheit der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion hervorhob und andererseits die Emigrationsstimmung auf zionistische, antisowjetische Propaganda aus dem Ausland zurückführte. Dieser Argumentation, die sich der Anerkennung des innersowjetischen Ursprungs der Emigrationsbewegung verweigerte, folgten offensichtlich auch wichtige Linien der internen Kommunikation. Die hier untersuchten Dokumente wichen der Frage nach den tatsächlichen Hintergründen der Protestbewegung aus, indem sie die von den Antragstellern vorgebrachte und aus dem Ausland unterstützte Kritik am sowjetischen Umgang mit den jüdischen Ausreisewilligen und an der Situation der jüdischen Bevölkerung in der UdSSR als gegen den sowjetischen Staat gerichtete Verleumdung betrachteten, deren Ziel die »Erschütterung der politischen Grundlagen des sowjetischen Staates« sei,[65] und mit Gegenpropaganda, Repression und mit strafrechtlichen Mitteln auf die Proteste reagierten. Nur vereinzelt regten Stimmen innerhalb der Führungsriege an, nach den Ursachen der zunehmenden Emigrationsstimmung zu forschen oder sich mit den Argumentationen der Antragsteller und Aktivisten auseinanderzusetzen. Im Februar 1971 verfasste der stellvertretende Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR, Veniamin Dymšic, ein Papier für das ZK, in dem er die Bedrohung der UdSSR durch die »zionistische Propaganda und das verbrecherische Rowdytum der zionistischen Organisationen« als sehr hoch einschätzte. Zwar äußerte auch er seine Zweifel an der Richtigkeit der von der »zionistischen Propaganda« genannten Zahl von Zehntausenden von ausreisewilligen Familien, doch hielt er eine Überprüfung dieser Behauptung für erforderlich. Neben Maßnahmen zur Gegenpropaganda und zur »Enttarnung des Zionismus« schlug er daher auch eine eingehende Beschäftigung mit den Ausreisewilligen und den Gründen für ihren Wunsch, das Land zu verlassen, vor: »Ich denke, dass diese [Untersuchung] bedeutende Resultate hervorbringt und dass dann klar wird, über welche Anzahl von Menschen, die tatsächlich ausreisen wollen, wir sprechen, aus welchen Gründen sie ausreisen wollen, wie man mit ihnen umgehen kann und wen man tatsächlich wegschicken muss, damit er uns nicht beim Leben und Arbeiten stört.«[66] Zwar griff die Propaganda-Abteilung des ZK laut Aktennotiz von Februar 1972 viele der von Dymšic unterbreiteten Vorschläge auf, jedoch scheint die Empfehlung der Erforschung der tatsächlichen Ausreisegründe und der Ermittlung der Zahl der Ausreisewilligen keine Berücksichtigung gefunden zu haben.[67] In der Reaktion der sowjetischen Machtorgane auf die wachsende Zahl der Antragsteller und die sich intensivierenden Proteste nicht nur von Seiten der jüdischen Ausreisewilligen, sondern auch aus dem Ausland verband sich in der folgenden Zeit die Fortsetzung des harten Kurses gegen jüdische Aktivisten mit einer erhöhten Erteilung von Ausreisegenehmigungen. Während 1970 nur ca. 1 050 Visa ausgestellt worden waren, erhielten 1971 über 14 300 sowjetische Juden die Genehmigung zur Emigration nach Israel, und 1972 waren es bereits doppelt so viele.[68] Gleichzeitig stieg die Zahl derer, die einen Ausreiseantrag einreichten, so dass die Quote der abgelehnten Ausreisegesuche noch immer sehr hoch war.[69] Wie die von Morozov publizierten Dokumente zeigen, beschäftigten sich die Machtorgane seit Mitte der 1960er Jahre sehr intensiv mit der Bekämpfung der Proteste der Ausreisewilligen sowie mit der Frage der Emigration nach Israel, die immer wieder auch Gegenstand außenpolitischen Kalküls war.[70] Eine eingehendere Auseinandersetzung mit den Hintergründen der jüdischen Emigrationsbewegung findet sich jedoch erst in einem Dokument, das der Berater der Propagandaabteilung des ZK, Leon Onikov, 1974 verfasste:[71] Auf Grund der Tatsache, dass die wachsende Zahl der Emigranten von der antisowjetischen Propaganda als Bankrotterklärung der sowjetischen Nationalitätenpolitik gewertet werde und die Emigration der Juden einen negativen Einfluss auf die Stimmung anderer Nationalitäten in der UdSSR ausübe, seien Gegenmaßnahmen erforderlich, deren Ausarbeitung jedoch die Erforschung der Gründe voraussetze, welche den Ausreisewunsch entstehen ließen. Zwar gelingt auch Onikov keine unvoreingenommene Analyse der Gründe, jedoch enthalten seine auf dieser Grundlage entwickelten Gegenmaßnahmen beispielsweise Vorschläge, Publikationen gegen den Zionismus einer kritischen Kontrolle zu unterziehen und die jüdische Kultur in der UdSSR in bestimmten Bereichen zu fördern. Selbst wenn diese Vorschläge Berücksichtigung gefunden hätten, wären derartige Maßnahmen wenig geeignet gewesen, um eine Emigrationsbewegung aufzuhalten, als deren Motor abgelehnte Antragsteller fungierten, die auf Grund ihrer Erfahrungen mit den sowjetischen Behörden und dem sowjetischen Rechtssystem um so stärker entschlossen waren, für ihre Rechte und die anderer Ausreisewilliger bis zum Erhalt der Genehmigung zum Verlassen des Landes zu kämpfen. [1]  Luchterhandt, Otto: UN-Menschenrechtskonventionen. Sowjetrecht – Sowjetwirklichkeit. Ein kritischer Vergleich, Baden-Baden 1980, S. 271 f. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Emigration aus der Sowjetunion in der Regel nur auf der Grundlage der »Familienzusammenführung« gestattet. [2]  Siehe dazu Armborst, Kerstin: Ablösung von der Sowjetunion. Die Emigrationsbewegung der Juden und Deutschen vor 1987, Münster u. a. 2001, S. 141–143 u. 357 f. [3]  Einzelheiten zum Entführungsplan, den Verhaftungen und Verurteilungen siehe Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 156–159. [4]  Im Zweiten Leningrader Prozess vom 11. bis 20. Mai 1971 standen neun führende Aktivisten der Leningrader Bewegung vor Gericht. Ihnen wurde vorgeworfen, Kontakte zu zionistischen Zirkeln in Israel unterhalten zu haben und aktiv in Aktionen verwickelt gewesen zu sein, die die sowjetische Innen- und Außenpolitik verleumdet und die Emigrationsstimmung unter den sowjetischen Juden geschürt hätten. Obwohl die Angeklagten die Idee der Flugzeugentführung mehrheitlich von Anfang an verurteilt hatten, wurde ihnen eine Beteiligung an den Planungen zur Last gelegt. Trotz unsicherer Beweislage erhielten sie teilweise langjährige Haftstrafen. Siehe A Chronicle of Current Events Nr. 20 vom 2. Juli 1971, S. 214–220. [5]  In Riga fand vom 24. bis 27. Mai 1971 ein Prozess statt, bei dem vier junge Aktivisten der Rigaer Bewegung wegen »antisowjetischer Agitation und Propaganda« und zwei von ihnen zusätzlich wegen »gegen den Staat gerichteter organisierter Tätigkeit« angeklagt und zu ein- bis dreijährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Ebenda, S. 220–225. [6]  Der Prozess in Kišinev (Ende Juni 1971), bei dem neun Angeklagte vor Gericht standen, sollte u. a. die Zusammenarbeit zwischen jüdischen Aktivisten in Leningrad und Kišinev, die Mitbeteiligung der Angeklagten an der »Flugzeugentführung« sowie an der Verbreitung von »antisowjetischer Literatur« beweisen. Die Urteile lauteten auf Haftstrafen zwischen einem Jahr und fünf Jahren. Ebenda, S. 226–228. [7]  Prital, David (Hrsg.): In Search of Self. The Soviet Jewish Intelligentsia and the Exodus, Jerusalem 1982, S. 9. [8]  Orbach, William W.: The American Movement to Aid Soviet Jews, Amherst 1979, S. VII. [9]  Morozov, Boris (Hrsg.): Evrejskaja Ėmigracija v svete novych dokumentov [Die jüdische Emigration im Licht neuer Dokumente], Tel Aviv 1998. [10]  Heute Rossijskij gosudarstvennyj archiv novyjšej istorii (RGANI, Russisches Staatsarchiv für neuere Geschichte). Es beherbergt überwiegend Dokumente aus den Jahren 1952 bis 1991. Die Bestände des RGANI sind zum größten Teil noch nicht zugänglich. [11]  Für die Untersuchung wurden vor allem folgende Quelleneditionen herangezogen. Redlich, Shimon (Hrsg.): Peticii, pis’ma i obraščenija evreev SSSR [Petitionen, Briefe und Appelle von Juden in der UdSSR]. Bd. 1 u. 2, Jerusalem 1973, Ben-Arie, A. (Hrsg.): Peticii, pis’ma i obraščenija evreev SSSR [Petitionen, Briefe und Appelle von Juden in der UdSSR]. Bd. 3, Jerusalem 1974; Radio Liberty Committee (Hrsg.): Sobranie dokumentov Samizdata [Sammlung von Samizdat-Dokumenten]. 30 Bde, München 1973–1978. Zudem wurde das Archiv Samizdata/Samizdat Archives von Radio Free Europe/Radio Liberty München, das sich heute in den Open Society Archives in Budapest befindet, konsultiert.  [12]  Gelfond, Meir: Illegal Zionist Activity in the Soviet Union in the 1950s–1960s, in: Prital: In Search of Self (Anm. 7), S. 35–45, hier S. 37–39. [13]  Salitan, Laurie P.: Politics and Nationality in Contemporary Soviet-Jewish Emigration, 1968– 89, New York 1992, S. 28. [14]  Der KGB berichtete etwa im November 1967 an das ZK der KPdSU, zum Feiertag Simchat Tora (Freude der Tora) am 26./27. Oktober 1967 hätten sich mehrere Tausend Juden, überwiegend junge Leute ohne Bezug zum jüdischen Glauben, an der Moskauer Synagoge versammelt und ihrer Sympathie für Israel Ausdruck verliehen. Eine ähnliche Zusammenkunft habe in Leningrad stattgefunden. Schreiben des Vorsitzenden des KGB, Andropov, an das ZK der KPdSU vom 17. November 1967, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 12, S. 60 f. [15]  Schreiben von Andropov und Gromyko an das ZK der KPdSU vom 10. Juni 1968, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 13, S. 62. [16]  Verordnung des ZK der KPdSU: Über die Wiederzulassung der Ausreise sowjetischer Bürger zur ständigen Wohnsitznahme in Israel, o. D., registriert am 10. Juni 1968, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 13, S. 63. [17]  Zaslavsky, Victor/Brym, Robert J.: Soviet-Jewish Emigration and Soviet Nationality Policy, London 1983, S. 34. [18]  Zwischen September 1968 und Anfang 1970 wandten sich ca. 34 000 Juden aus der Sowjetunion mit der Bitte um Zusendung einer Anforderung an Adressaten in Israel. Nezer, Zvi: The Emigration of Soviet Jews, in: Soviet Jewish Affairs 15 (1985), H. 1, S. 17–24, hier S. 19). Im gesamten Jahr 1969 emigrierten jedoch nur etwa 3 000 sowjetische Juden. Alexander, Zvi: Immigration to Israel from the USSR, in: Israel Yearbook on Human Rights 7 (1977), S. 268– 335, hier S. 321. [19]  Gelfond: Illegal Zionist Activity (Anm. 12), S. 41 f. [20]  Siehe z. B. Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 13–34. [21]  Siehe dazu Freedman, Robert O.: Soviet Jewry as a Factor in Soviet-Israeli Relations, in: Ders. (Hrsg.): Soviet Jewry in the 1980s. The Politics of Anti-Semitism and Emigration and the Dynamics of Resettlement, Durham/London 1989, S. 77 f. [22]  Archiv Samizdata Budapest (Samizdat-Archiv Budapest, im Folgenden: AS) 268. [23] Orbach: The American Movement (Anm. 8), S. 45. [24]  Schreiben des stellvertretenden Leiters und des leitenden Sekretärs der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU an das ZK der KPdSU: Über Gegenmaßnahmen zur antisowjetischen Kampagne der zionistischen Organisationen vom 12. Januar 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 14, S. 64 f. [25]  Documents of the Campaign, in: Bulletin on Soviet and East European Jewish Affairs 1970, H. 5, S. 14–32, hier S. 14 f. [26]  Ebenda, S. 15–22. [27]  Schreiben des Leiters der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU an das ZK der KPdSU vom 3. März 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 15, S. 66. [28]  Die Erklärung und die Stellungnahmen der Teilnehmer der Pressekonferenz wurden am 5. März 1970 in der Pravda veröffentlicht. Der Artikel ist abgedruckt in Documents of the Campaign (Anm. 25), S. 22–28. [29]  Diese Briefe wurden nicht veröffentlicht, aber die politische Führung nahm sie sehr genau zur Kenntnis, wie ein von der Propagandaabteilung des ZK im April 1970 angefertigter Bericht beweist. Schreiben der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU an das ZK der KPdSU: Überblick über die bei den Redaktionen der zentralen Zeitungen in Verbindung mit der aggressiven Politik Israels und den Aktivitäten des internationalen Zionismus eingegangenen Briefe vom 22. April 1970, in: Morozov: Evrejskaja Emigracija (Anm. 9), Dok. 16, S. 71–75. [30]  Siehe etwa Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 32, 35, 39, 45, 61, 63, 73, u. Bd. 2, Nr. 261. [31]  Der Brief ist in der ersten Ausgabe der Samizdat-Zeitschrift Ischod enthalten. AS 420, S. 17– 20, Zitat S. 20. [32]  Siehe die Briefe aus den Monaten Januar bis Mai 1970 in Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 37–117. [33]  Lazaris, Vladimir: Dissidenty i evrei: Kto porval železnyj zanaves? [Dissidenten und Juden: Wer zerriss den eisernen Vorhang?], Tel Aviv 1981, S. 95. [34]  »Alef« ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Heft ist abgedruckt in der Quellenedition Centre for Research and Documentation of East European Jewry, Hebrew University of Jerusalem (Hrsg.): Evrejskij Samizdat [Jüdisches Samizdat], Jerusalem 1974, Bd. 1, S. 1–45. [35]  »Bet« ist der zweite Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Heft ist enthalten in: Ebenda, S. 49–119. [36]  Ebenda, S. 89–119. [37]  Hoffman, Stefani: Jewish Samizdat and the Rise of Jewish National Consciousness, in: Ro’i, Yaacov/Beker, Avi (Hrsg.): Jewish Culture and Identity in the Soviet Union, New York/London 1991, S. 88–111, hier S. 98. Die dritte Ausgabe, Iton Gimel, wurde im Sommer 1970 kurz vor dem geplanten Erscheinungstermin von den Behörden konfisziert. Die meisten der an der Herstellung Beteiligten wurden verhaftet und 1971 wegen der Vorbereitung und Verteilung von zionistischer, antisowjetischer Literatur zu Haftstrafen unterschiedlicher Länge verurteilt. Siehe Editors’ Note, in: Centre for Research: Evrejskij Samizdat, (Anm. 34), S. III. [38]  Insgesamt erschienen vier Ausgaben dieser Zeitschrift. Sie sind archiviert in AS 420, AS 426, AS 600 und AS 601. [39]  Schreiben des Vorsitzenden des KGB, Andropov, an das ZK der KPdSU vom 30. April 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 17, S. 76–77. [40]  Unter den angeblichen Hauptzielen der Leningrader Organisation nennt der KGB die »Vermehrung der Geldmittel […] der Organisation durch Beiträge der Beteiligten und den Umsatz der gedruckten Materialien«. Ebenda, S. 76. Morozov merkt dazu an, dass die Geldein nahme keineswegs Selbstzweck der Organisation gewesen sei, vielmehr hätten die SamizdatAktivitäten und die Durchführung des Hebräischunterrichtes einen monatlichen Mitgliedsbeitrag erforderlich gemacht. Druckschriften hätten die Mitglieder kostenlos verteilt; lediglich für ein Hebräischlehrbuch sei ein Unkostenbeitrag erhoben worden, der jedoch nicht einmal die Herstellungskosten gedeckt habe. Ebenda, S. 77, Anm. 4.   [41] Gelfond: Illegal Zionist Activity (Anm. 12), S. 44. [42] In der Diskussion des Plans wurden moralische und ethische Bedenken geäußert, die sich vor allem um die Frage drehten, ob ihre Situation ihnen das Recht gebe, ein Flugzeug zu entführen, um auf das Schicksal der ausreisewilligen Juden aufmerksam zu machen. Butman, Hillel: From Leningrad to Jerusalem. The Gulag Way, Berkeley 1990, S. 83–85. [43]  Schreiben des Vorsitzenden des KGB, Andropov, an das ZK der KPdSU vom 30. April 1970, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 17, S. 76 f. [44]  Einer der Beteiligten berichtete rückblickend: »We knew that the KGB had been watching the Leningrad organization for a year before June 15 – from the spring of 1969. Since they had the Leningrad organization under surveillance, they soon learned of the hijacking discussion. They knew of the plans and preparations and were just waiting to arrest people.« Zitiert nach Schroeter, Leonhard: The Last Exodus, 2. Aufl. Washington 1979, S. 180. [45]  Davon zeugt etwa der Bericht des stellvertretenden Vorsitzenden des KGB, V. Čebrikov, an das ZK der KPdSU vom 14. Januar 1971, in dem die Untersuchungsergebnisse zum Fall des in Riga angeklagten Arkadij Špilberg dargelegt werden. Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 18, S. 79–82. [46]  Allein die Sammlung Peticii, pis’ma i obraščenija evreev SSSR, Bd. 1–3 (Anm. 11) enthält über 80 Schriftstücke, die zwischen Ende Juni und Mitte Dezember 1970 von größeren Gruppen und Einzelpersonen an in- und ausländische Adressaten gesandt wurden. Viele der Verfasser beklagten sich über den repressiven Umgang der sowjetischen Behörden und Sicherheitsorgane mit Ausreisewilligen, sie schilderten ihre eigenen langjährigen vergeblichen Ausreisebemühungen und die ihrer inhaftierten Freunde und Bekannten und protestierten gegen das ihrer Meinung nach ungesetzliche Vorgehen der Miliz und des KGB. [47]  Siehe etwa Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 1, Nr. 141, 171 u. Bd. 2, Nr. 209. [48]  AS 600. [49]  Siehe Brief von Meir Gel’fond an Amnesty International, Moskau vom 26. Dezember 1970, in: Redlich: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 2, Nr. 212; Appell von 59 Moskauer Juden an die UNO-Menschenrechtskommission, Moskau vom 27. Dezember 1970, in: Ebenda, Nr. 213; Appell von 10 Juden aus Minsk an den Generalstaatsanwalt der UdSSR, R. A. Rudenko, Minsk vom 28. Dezember 1970, in: Ebenda, Nr. 214. [50] Orbach: The American Movement (Anm. 8), S. 54–56. [51]  Schreiben des Stellvertretenden Vorsitzenden der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU, G. Smirnov, an das ZK der KPdSU vom 25. Januar 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 19, S. 83. [52]  Schreiben des Vorsitzenden der Leitung der Presseagentur Novosti, I. Udal’cov, an das ZK der KPdSU vom 27. Januar 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 20, S. 84–87. [53]  AS 601. [54]  AS 1390. [55]  Schroeter: The Last Exodus (Anm. 44), S. 101. [56]  Siehe z. B. Ben-Arie: Peticii, pis’ma i obraščenija (Anm. 11), Bd. 3, Nr. 86. [57]  Detaillierter zum schriftlichen Protest bei Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 199–212. [58]  Näheres dazu siehe Lazaris: Dissidenty i evrei (Anm. 33), S. 73. Der kollektive Besuch einer Regierungsstelle oder Behörde galt als effektives Mittel, die Arbeit der Behörden zu blockieren, ohne die Gesetze zu verletzen. [59]  Zu den Einzelheiten siehe Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 212–218. [60]  Bericht von Andropov, Rudenko und Ščelokov an das ZK der KPdSU vom 28. März 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 23, S. 97–99; Bericht des stellvertretenden Innenministers der UdSSR, Šumilin, und des stellvertretenden Vorsitzenden des KGB, Čebrikov, an das ZK der KPdSU, o. D., in: Ebenda, Dok. 28, S. 111 f. [61]  AS 1390, S. 40. Später hatten die Teilnehmer an derartigen Aktionen weniger Erfolg; offensichtlich erkannten die sowjetischen Behörden, dass die Erteilung von Ausreisegenehmigungen an Protestierende immer mehr Menschen zu öffentlichen Aktionen motivierte. [62]  Genauer bei Alexeyeva, Ludmilla: Soviet Dissent. Contemporary Movements for National, Religious, and Human Rights, Middletown 1985, S. 176–179; Armborst: Ablösung von der Sowjetunion (Anm. 2), S. 218–224. [63]  Siehe dazu ebenda, S. 259–264. [64]  Rutman, Roman: Jews and Dissenters: Connections and Divergences, in: Soviet Jewish Affairs 3 (1973), H. 2, S. 26–37, hier S. 31. [65]  Bericht des KGB an das ZK der KPdSU vom 17. Mai 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 27, S. 104–110. [66]  Schreiben von Veniamin Ė. Dymšic an das ZK vom 26. Februar 1971, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 21, S. 88–94, Zitat S. 91. [67]  Ebenda, S. 92 f. [68]  Alexander: Immigration to Israel from the USSR (Anm. 18), S. 319. [69]  Bland-Spitz, Daniela: Die Lage der Juden und die jüdische Opposition in der Sowjetunion 1967–1977, Diessenhofen 1980, S. 405 f. [70]  Für den Zusammenhang von Emigrations- und Entspannungspolitik, der in der Forschung bereits vielfach untersucht worden ist, liefern die bei Morozov veröffentlichten Dokumente kaum neue Erkenntnisse. Mehrere Schriftstücke geben jedoch Aufschluss darüber, wie stark die Sowjetunion seit Ende 1971 die Reaktion der befreundeten arabischen Staaten mitberücksichtigte, die in einer jüdischen Massenemigration die Gefahr einer Stärkung des israelischen Staates und vor allem eine Erhöhung des militärischen Potentials Israels sahen. Siehe Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 37, S. 130 u. Dok. 38, S. 131–133. [71]  Leon A. Onikov, Berater der Propagandaabteilung des ZK der KPdSU, Über die Ausreise eines Teils der jüdischen Bevölkerung aus der UdSSR, in: Morozov: Evrejskaja Ėmigracija (Anm. 9), Dok. 57, S. 199–204. 

JHK 2007

Die Waffen der Schwachen: Alltäglicher Widerstand der chinesischen Bauern in der Ära der kollektiven Landwirtschaft (1953 bis 1982)

Felix Wemheuer

Oben gibt es die politischen Richtlinien, unten die Gegenmaßnahmen.[1] Lange war im Westen der Mythos verbreitet, China habe unter Mao Zedong ein bauernfreundliches Modell des Sozialismus entwickelt. Waren viele Sinologen bis Anfang der 60er Jahre unter dem Einfluss der Totalitarismus-Theorie blind für die chinesischen Besonderheiten, übersahen in den 70er Jahren viele westliche Beobachter des neuen Paradigmas »Wir machen das anders als Moskau«[2] die Gemeinsamkeiten von Maos und Stalins Modell. Nicht nur im Westen, sondern auch in vielen Ländern der »Dritten Welt« war der Glaube verbreitet, dass beim chinesischen Weg die Entwicklung der ländlichen Gebiete im Vordergrund stand. In Maos China sei jeder Chinese durch die »eiserne Reisschüssel« abgesichert gewesen und keiner habe gehungert. Heute wird die Frage erneut aufgeworfen, ob sich das Wirtschaftsmodell und das politische System der Mao-Ära (1949 bis 1976) überhaupt grundlegend von ihren Vorbildern in der Sowjetunion unterschieden oder ob es sich um eine Art »chinesischen Stalinismus« handelte.[3] Wie in der Sowjetunion wurde in China die Industrialisierung durch die »Ausbeutung« der Bauern finanziert. Von 1953 bis Mitte der 80er Jahre mussten die Bauern dem Staat Getreide und andere Agrarprodukte zu Dumpingpreisen verkaufen. Der Staat konnte auf diese Weise die Industrialisierung finanzieren, die auch in China unter dem Primat der Schwerindustrie forciert wurde. Außerdem konnten die Löhne der Arbeiter in den staatlichen Arbeitseinheiten auf niedrigem Niveau gehalten werden. Aus den Erfahrungen der Hungernöte in der Sowjetunion 1932/33 und 1946/47 lernten die chinesischen Kommunisten wenig. Durch den »Großen Sprung nach vorne« (1958 bis 1961) wurde eine Hungersnot ausgelöst, durch die 15 bis 45 Millionen Menschen starben.[4] Der Mythos vom großen Bauernfreund Mao ist nur vor dem Hintergrund der chinesischen Revolutionsgeschichte zu verstehen: Im Unterschied zu Russland stützte sich die chinesische Revolution in erster Linie auf die ländlichen Gebiete und die Bauern. »Vom Land die Städte einkreisen« war die Strategie der KPCh, die sie 1949 an die Macht brachte. Umstritten ist heute allerdings, in wel- chem Ausmaß die chinesischen Bauern die Volksbefreiungsarmee unterstützen. Lu- cien Bianco wies darauf hin, dass sich viele der unabhängigen Bauernbewegungen in den 30er und 40er Jahren nicht von den Kommunisten vereinnahmen ließen.[5] Johnson stellte die These auf, dass erst durch die existenzielle Bedrohung des japanischen Einmarsches nach 1937 die KPCh die Bauern unter dem Banner des Nationalismus gewinnen konnten.[6] Dem widersprach Mark Selden, der die Attraktivität des Modells in dem roten Stützpunkt im Gebiet von Yan’an als Hauptgrund für den Erfolg Maos ansieht.[7] Dort hatten die Kommunisten auf eine radikale Revolution verzichtet und stattdessen eine Pachtreduzierung für die Bauern durchgesetzt und auch private Kleinunternehmer in die Einheitsfront gegen Japan eingebunden. Einige unkonventionelle Wissenschaftler aus der Volksrepublik China beginnen nun den Mythos von der Bodenreform (1947 bis 1950) als große Bauernbefreiung in Frage zu stellen. Gemäß dem offiziellen Kanon befreite die KPCh die Bauern von der »halbfeudalen« Herrschaft der Großgrundbesitzer. Durch die Neuverteilung von 43 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche seien die Bauern zu loyalen Anhängern der Partei geworden. In den neueren Untersuchungen erscheint die Bodenreform nicht mehr nur als Sozialreform, sondern als brutale Vernichtung der ländlichen Elite und der Selbstorganisation des Dorfes. In jedem Dorf mussten »Großgrundbesitzer« gefunden werden, selbst wenn es nach der Definition der Partei keine gab, da sonst keine Mobilisation der armen Bauernstattfinden konnte.[8] Chinesische Forscher, die Zugang zu Kreisarchiven hatten, berichten von über tausend Toten in einem Kreis.[9] Die Bodenreform stand im Zusammenhang mit den Kampagnen zur »Ausrottung der Banditen und Konterrevolutionäre«.  Im Unterschied zur Sowjetunion, wo die ländliche Elite der Kulaken und die Dorfkirchen im Zuge der Kollektivierung von 1929 bis 1932 liquidiert wurden, vernichtete die KPCh die ländliche Elite schon mit der Bodenreform. In Form der Parteikomitees wurde zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte der Staat auf den Dörfern etabliert. Im Kaiserreich war der Kreis die unterste Ebene des Staatsapparates. Die chinesischen Kommunisten waren schon vor der Kollektivierung stärker auf dem Dorf verankert als ihre russischen Genossen. Während der Bodenreform wurde der Klassenstatus der Dorfbewohner festgelegt (Großgrundbesitzer, reicher Bauer, Mittelbauer, armer Bauer oder Landarbeiter), der bis Ende der 70er Jahre die Stellung des Einzelnen in der Dorfhierarchie bestimmen sollte und nur in seltenen Fällen geändert werden konnte.[10] Bevor zwischen 1953 bis 1956 die Kollektivierung in China im Vergleich zur Sowjetunion relativ friedlich durchgeführt werden konnte, hatte die Kommunistische Partei den Machtkampf auf den Dörfern bereits für sich entschieden. In diesem Artikel soll untersucht werden, wie die Bauern auf die Kollektivierung der Landwirtschaft reagierten. Wie sahen alltägliche Widerstandsformen der Bauern in den Kollektiven aus und wie kämpften sie während der Hungersnot in den Volkskommunen ums Überleben? Schon Stalin hatte befürchtet, dass die Kolchosen sich in Organisationen der Bauern gegen den Staat verwandeln könnten. Deswegen sollen hier auch die Gegenmaßnahmen des Staates gegenüber den Bauern analysiert werden. Der Artikel konzentriert sich auf die Zeit vom Beginn der Kollektivierung 1953 bis zur Dekollektivierung Anfang der 80er Jahre.  Da alltägliche Widerstandsformen häufig verdeckt und heimlich praktiziert wurden und die Bauern in der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas nur als gesichtslose Masse auftreten, ist es schwierig, anhand von offiziellen Dokumenten den Umfang dieses Widerstandes in der VR China einzuschätzen. Dieser Artikel setzt sich deshalb in erster Linie mit regionalen Beispielen auseinander, die in Feldstudien oder Oral-History-Projekten untersucht wurden. Da in der MaoÄra die Gesellschaft auf einer strikten Trennung zwischen Stadt und Land beruhte, steht die Erforschung der hidden transcripts[11] der ländlichen Gesellschaft in China erst am Anfang. Relativ gut dokumentiert wurde von staatlicher Seite dagegen der offene Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung in der Krise von 1956/57. Widerstand gegen den staatlichen Getreideaufkauf 1954/55 Die erste große Veränderung im Leben der Bauern nach dem Abschluss der Bodenreform war die Einführung des staatlichen Zwangsaufkaufs von Getreide (tonggou tongxiao), der mit dem 1. Fünfjahresplan 1953 etabliert wurde. Vor allem die Preispolitik führte zu Spannungen zwischen Staat und Bauern. Der führende Wirtschaftsexperte und Finanzminister, Chen Yun, gab auf der Allchinesischen Getreidekonferenz offen zu, dass der Zwangsaufkauf die Bauern an die Maßnahme der japanischen Besatzer erinnern würde.[12] Chen machte sich Sorgen, dass ohne den Zwangsaufkauf die Städte und die Armee nicht mehr ernährt werden könnten.[13] China werde sich weiterhin auf einen Mangel an Getreide einstellen müssen. Das Land war Anfang der 50er Jahre noch viel ärmer als die Sowjetunion am Vorabend der Kollektivierung 1928. Der Ertrag der chinesischen Getreideproduktion pro Einheit belief sich nur auf die Hälfte des sowjetischen.[14]  Li Huaiyin untersuchte die Reaktionen der Bauern auf die Einführung des staatlichen Getreidemonopols in den Kreisen Dongtai und Songjiang in der Provinz Jiangsu in Ostchina. Da 1953/54 vom Staat zunächst keine festen Abgabequoten festgelegt wurden, hatten die Bauern das Gefühl, den gesamten Überschuss ihrer Produktion abliefern zu müssen. Im Kreis Dongtai reagierten Parteikader mit einer doppelten Buchführung, wodurch die tatsächliche Produktion vor den höheren Stellen geheim gehalten wurde.[15] In Songjiang, wo die Kader weniger flexibel reagierten, kam es 1955 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Hunderte Bauern zogen mehrfach zu den Gemeindebehörden und verprügelten Kader. Die Partei zog in dieser Auseinandersetzungen die Lehre, dass sie den Widerstand gegen den staatlichen Aufkauf von Getreide, an dem sich in erster Linie arme Bauern und Mittelbauern beteiligten, nicht wie während der Bodenreform mit einer Inszenierung eines Klassenkampfes gegen die »Großgrundbesitzer« brechen konnte. Diese Einsicht mündete 1956 schließlich in Mao Zedongs Theorie von den nicht antagonistischen Widersprüchen innerhalb des Volkes, die durch Erziehung und Propaganda und nicht durch Gewalt gelöst werden sollten.[16] Der junge chinesische Historiker Tian Xiquan wertete die Dokumente des Kreises Tanghe in der Provinz Henan aus und entdeckte vielfältige Widerstandsformen gegen das staatliche Getreidemonopol: Bauern und Kader organisierten Schwarzmärkte.[17] Andere versuchten alles aufzuessen, was sie noch hatten. Über 800 Menschen bettelten. Kam es zu Naturkatastrophen, übertrieben die Bauern die Schäden, um eine Senkung der Quoten zu erreichen. Mit ihren permanenten Klagen über ihre schlechte Lage setzten sie die Parteikader unter Druck. Die übergeordneten Partei- und Staatsorgane konnten nur schwer in Erfahrung bringen, ob diese Klagen berechtigt waren. Da 1957 der staatliche Aufkaufsplan für Getreide bei weitem nicht erfüllt werden konnte, wurde der gesamte Parteiapparat mobilisiert. In Tanghe wurde die Bürokratie massiv ausgedehnt, und die Aktivsten der Getreidebeschaffung erhielten Waffen.[18] Schon 1954 erhielten die Forderungen nach Erfüllung der Quoten einen stark moralisierenden und politischen Unterton. Der Aufkauf sei für die Unterstützung der Industrialisierung der Gebiete, die von Naturkatastrophen getroffen waren und für die Befreiung von Taiwan.[19] Damit wurde die Erfüllung der Quoten zur Frage von Revolution und Konterrevolution. Die Parteiführung gelangte zu der Erkenntnis, dass der Widerspruch zwischen der staatlichen Planwirtschaft und der kleinbäuerlichen Privatwirtschaft auf Dauer nicht tragbar sei. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde daher als Möglichkeit gesehen, das Dorf besser in das staatliche Wirtschaftssystem zu integrieren und den Widerstand gegen das staatliche Getreidemonopol zu brechen. Die Bewegungen der Massenaustritte aus den Kollektiven (1956/57) Nach dem Abschluss der Bodenreform plante die KPCh zunächst die Landwirtschaft Schritt für Schritt zu kollektiveren. In insgesamt drei Fünfjahresplänen sollte die Bauernschaft über die »Gruppen zur gegenseitigen Hilfe« (huzhuzu) und die halbsozialistische Genossenschaft (chujishe), in der eingebrachter Boden und die Arbeitsgeräte bei der Lohnauszahlung einflossen, in sozialistische Genossenschaften (gaojishe) überführt werden. Diese Strategie war nicht nur eine Lehre aus der Kollektivierung der Sowjetunion, sondern auch Resultat der negativen Erfahrungen, die die KPCh mit radikalen Kollektivierungsversuchen in den roten Stützpunkt-Gebieten in Südchina Anfang der 30er Jahren gemacht hatte. Anfang 1955 kam es nach Naturkatastrophen in der Provinz Zhejiang und anderen Gebieten zum Zusammenbruch des Genossenschaftswesens. Der Agrarexperte der Zentralregierung, Deng Zihui, forderte die Festigung des Bestehenden und die Verlangsamung des sozialistischen Aufbaus. Bei der Gründung von Genossenschaften müsse die Partei sich strikt an das Freiwilligkeitsprinzip halten.[20] Bis Mai 1955 unterstützte Mao noch diese Politik. Nichtfunktionierende Genossenschaften sollten aufgelöst und die funktionierenden gefestigt werden. Im Zuge dieser Politik nahm die Zahl der Genossenschaften um 20 000 ab, davon wurden allein in Zhejiang über 15 000 aufgelöst. Außerdem kam es im Frühjahr 1955 in 15 Gemeinden zu mehr als 60 Massenaufständen.[21] Mit der Einführung der vollsozialistischen Genossenschaften 1955/56 mussten die Bauern entschädigungslos ihr Eigentum an Arbeitsgeräte und Tiere aufgeben. Der eingebrachte Boden spielte keine Rolle mehr. Das Einkommen der »reichen Bauern« und auch vieler »Mittelbauern« nahm in der Folge ab. Mit dieser Offensive gab die Partei das ursprüngliche Stufenmodell auf. Da sich im Juni 1955 noch 85 Prozent der Haushalte nur zu »Gruppen zur gegenseitigen Hilfe« zusammengeschlossen hatten, übersprangen viele Dörfer einfach die Stufe der halbsozialistischen Genossenschaften und stiegen »mit einem Schritt in den Himmel« (yi bu deng tian) auf, d. h. sie gründeten die vollsozialistischen Genossenschaften sofort.[22] Der Plan zur schrittweisen Kollektivierung wurde aufgegeben. Zu offenen Auseinandersetzungen zwischen Partei und Bauern kam es wieder im Winter 1955/56, als in vielen Provinzen tausende Bauern von ihrem Austrittsrecht Gebrauch machten und die Kollektive verließen. Die Partei hatten ihnen die Freiwilligkeit der Teilnahme und somit auch das Austrittsrecht zugesichert. Viele »reiche Bauern« und »Mittelbauern« traten aus den Genossenschaften aus, weil ihr Einkommen sank. Das Ziel, alle Genossenschaftsmitglieder auf das Niveau der ehemaligen Mittelbauern zu heben, konnte die KPCh nicht erreichen. Aber auch Handwerker, Einzelhändler und »arme Bauern« verließen die Genossenschaften. Viele leitende Parteikader waren mit dem Management überfordert. Nach dem »sozialistischen Aufschwung« im Sommer, der die Austritte wieder rückgängig machte, sah sich die Partei im Winter 1956 erneut mit einer riesigen Austrittswelle in wichtigen Provinzen konfrontiert.[23] In der Provinz Zhejiang wollten in einigen Gebieten über 20 Prozent der Bauern aus den Kollektiven austreten.[24] In der Provinz Guangdong verließen ca. 70 000 Bauern die Genossenschaften.[25] Ähnliche Berichte kamen auch aus den Provinzen Henan und Liaoning. Der Parteiführer von Henan, Pan Fusheng, sagte 1957 bezüglich der Bauern-Unruhen, die Partei sitze auf einem Vulkan.[26] Lokale Kader reagierten auf die Krise in der Provinz Zhejiang im Kreis Yongjian mit der Einführung eines neuen Agrarsystems. Der Boden und die Produktionsmittel blieben Kollektiveigentum, aber die Verantwortung für die Erfüllung der staatlichen Getreidequote wurde auf die Familien übertragen und diese wurden entsprechend der Ablieferung entlohnt. Dieses System (baochan daohu), das nach 1982 in ganz China eingeführt wurde, verurteilte das Zentralorgan der Partei Renmin ribao im November 1957 als Wiedereinführung der kapitalistischen Kleinbauernwirtschaft.[27] Der verantwortliche Parteikader Li Yun musste dafür 20 Jahre Zwangsarbeit leisten.[28] Im Juli 1957 leitete die Kommunistische Partei die »Antirechtskampagne« ein, die in den Städten in erster Linie gegen Intellektuelle gerichtet war. Die KPCh reagierte zugleich auf die Welle der Genossenschaftsaustritte auf dem Land mit einer Gegenoffensive. Der staatliche An- und Verkauf wurde auf fast alle Agrarprodukte ausgedehnt, die private Nutzung von Parzellen (ziliudi) eingeschränkt und freie Märkte geschlossen. Den freien Verkauf oder die Zurückhaltung von Getreide stellte die Partei unter schwere Strafe. Gleichzeitig beschloss das ZK die Einbeziehung der gesamten Landbevölkerung in diese »Sozialistische Erziehungskampagne«. Fortan war es unmöglich, aus den Genossenschaften auszutreten, und wer bereits ausgetreten war, war gezwungen, erneut Mitglied werden. Der Umfang der Repressionen ist leider wenig erforscht. In der Provinz Guangdong wurden während dieser Kampagne 16 000 Menschen verurteilt.[29] 1957 während der Sozialistischen Erziehungskampagne kritisierte die Partei in der nationalen Presse, Klagen über zu wenig zu essen als rechte Abweichung. Das Getreideproblem sei in Wirklichkeit ein ideologisches Problem.[30] So entwickelte sich eine mörderische Dynamik. Als während des »Großen Sprungs« die Hungersnot ausbrach, konnte niemand den Mangel an Nahrungsmitteln ansprechen, ohne als «Rechtsopportunist» gebrandmarkt zu werden. Um die Landflucht der Bauern in die Städte zu verhindern, führte der Staat 1958 ein Haushaltsregister-System (hukou) ein. Den Bauern war deshalb bis Anfang der 80er Jahre verboten, ihr Dorf ohne Erlaubnis zu verlassen. Da die Zuteilung von Getreidekarten, die es nur für die Stadtbevölkerung gab, an den hukou gebunden war, konnte sich ein illegaler Stadtbewohner nicht versorgen. Die Getreideproduktion nahm immer langsamer zu. 1957 stieg sie nach offiziellen Angaben nur um 1,2 Prozent. 1956 waren es noch 4,8 Prozent gewesen. Der Viehbestand nahm um 4,5 Prozent ab, da viele Bauern ihr Vieh aus Protest gegen die Kollektivierung schlachteten oder es wegen schlechten Managements im Kollektiv einging. Die sozialistische Landwirtschaft steckte 1957 in einer tiefen Krise. Nicht zu vergessen ist, dass 1956/57 nicht nur die Bauern gegen die Partei rebellierten. Viele Intellektuelle hatten die »Hundert-Blumen-Kampagne« zu einer grundsätzlichen Kritik an der Partei genutzt. Außerdem erlebte die Volksrepublik die größte Streikwelle ihrer Geschichte.[31]Vor dem Hintergrund der Aufstände in Ungarn und Polen 1956 musste die Regierung um die Stabilität des Systems fürchten.  »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen«: Organisierte Unterschlagung  Zum offenen Widerstand der Bauern mit Aufständen und Massenaustritten aus den Kollektiven wie 1956/57 sollte es später nicht mehr kommen. Im Alltag der Genossenschaften und der späteren Volkskommunen spielte jedoch versteckter Widerstand eine wichtige Rolle, besonders wegen des staatlichen Getreideaufkaufs. Vom Abschluss der Kollektivierung 1956 bis zur Auflösung der Volkskommune Anfang der 80er Jahre hatte die KPCh, mit dem Problem »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen« (manchan sifen) zu kämpfen. Jeder über 30-jährige chinesische Dorfbewohner weiß sofort, was damit gemeint ist: Der oberen Ebene, der Brigade, wurde ein zu niedriges Produktionsergebnis gemeldet und der Rest heimlich unter den Familien verteilt oder in »schwarzen« Speichern angelegt (hei ku). Die unterste Ebene des Kollektivs, die Produktionsgruppe, inklusive der Kader, musste zusammenhalten, sonst konnte es nicht durchgeführt werden. Im Gegensatz zu den Parteikadern auf Kreisebene wurden die Kader der Produktionsgruppe nicht vom Staat bezahlt und konnten die Interessen der Bauern, die schließlich ihre Nachbarn und Verwandten waren, nicht vollständig ignorieren. Wie Gao Wangling zeigt, war diese Form des Widerstandes 1956/57 in vielen Provinzen weit verbreitet.[32] Die Sozialistische Erziehungskampagne von 1957 versuchte durch politischen Druck diese Praxis zu unterbinden, was aber nur teilweise gelang.   Der Überlebenskampf der Bauern  während der »Großen Sprung«-Hungersnot (1958 bis 1961) Mit dem »Großen Sprung nach vorne« trat Mao 1958 die Flucht aus der Krise an. Der Staat ließ innerhalb weniger Monate die gesamte Bauernschaft in Volkskommunen organisieren. Mit Hilfe der militarisierten, bäuerlichen Arbeitsarmee sollte eine ländliche Industrialisierung durchgeführt und durch den Bau neuer Dämme und Bewässerungssysteme die ständige Gefahr von Naturkatastrophen beseitigt werden. Die größte Veränderung brachte die Einführung der Volksküchen mit sich, in denen alle Dorfbewohner essen mussten. Die Parzellen zur privaten Nutzung und die Vorräte wurden eingezogen und die Bauern verloren so ihre Subsistenzgrundlage. Damit wurden sie vollständig von der Versorgung durch die Kommune abhängig. Niemals war die Macht der Kader so groß wie in den Jahren 1958 bis 1961, weil die Lebensmittelversorgung in ihrer Hand war.  Im Frühjahr 1959 brach in einigen Gebieten Chinas eine Hungersnot aus, die 1960 ihren Höhepunkt erreichen sollte. Heute ist selbst in China unter führenden Parteihistorikern unbestritten, dass die Politik des Staates und nicht die Naturkatastrophen der Hauptgrund für die 15 bis 40 Millionen Toten waren. Schon 1962 sagte der damalige Präsident Liu Shaoqi, dass die Krise zu 70 Prozent von Menschen und nur zur 30 Prozent von der Natur verursacht sei.[33] Die Faktoren, die die Hungersnot auslösten, sind vielfältig: Der Staat zog von den Dörfern zuviel Getreide ab, durch die Stahlkampagne wurde die Landwirtschaft vernachlässigt, unsinnige Anbaumethoden führten zu Ernteausfällen, und in den Volksküchen wurde Getreide verschwendet. Auch hier entwickelte sich eine Dynamik, die 1959/60 die Hungersnot verstärkte. Aufgrund von Falschmeldungen über angebliche Rekordernten setzte der Staat die Aufkaufsquoten in die Höhe. In den Jahren 1959/60 war die staatliche Aufkaufsquote von Getreide die höchste seit 1953, die tatsächliche Produktion pro Kopf aber die niedrigste seit Jahren.[34] Da die Bauern die Quoten nicht erfüllen konnten, vermutete der Staat, sie würden das Getreide verstecken. Bei der Kampagne gegen »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen« wurde den Bauern in einigen Gebieten der Provinz Henan sogar das Viehfutter und Saatgetreide abgenommen.[35] Die Städte sowie Parteikader und Intellektuelle, zwei Gruppen die ohnehin privilegiert waren, wurden vom Staat bei der Lebensmittelversorgung bevorzugt. Die Millionen Opfer der Hungersnot waren in erster Linie Bauern. Wie Mao später eingestand, hatte man den Teich ausgetrocknet, um die Fische zu fangen.[36] Da die Forschung in China sich auf die Politik des Staates gegenüber den Bauern konzentriert und nicht auf die Bauern selbst, müssen wir bei der Untersuchung des Überlebenskampfes auf den Dörfern auf Oral History zurückgreifen. 2005 interviewte ich in Dörfern der Provinz Henan über 30 Bauern und lokale Kader. Die Oral-History-Forschung von Thaxton im Norden Henans bestätigt, dass diese Widerstandsformen auch in anderen Dörfern weit verbreitet waren.[37]  Eine alltägliche Maßnahme im Überlebenskampf war Diebstahl. Die Bauern gingen nachts auf die Felder und stahlen unreifes Getreide, das sie häufig roh verzehrten (chiqing) oder an Ort und Stelle gegrillten. Die Kader versuchten die Ernte zu schützen. In der Regel wurden die Diebe an einem Seil aufgehängt und geschlagen, wie der spätere Parteikader der Produktionsgruppe Chen Chuwu berichtete. Er erinnerte sich: »Auch wenn du Angst hattest, musstest du trotzdem stehlen. Damals stahlen alle. Wer nicht stahl, verhungerte. Damals war jeder ein Dieb, egal ob Alt oder Jung.« Auf die Frage, ob sich die Menschen in der Not gegenseitig geholfen hätten, antwortete Chen: »Wer hätte sich um so etwas kümmern können. Jeder musste sich selbst helfen.«[38] Die Menschen bestahlen sogar ihre eigenen Familienmitglieder. Wie andere Interviewpartner auch berichtete die alte Bäuerin Li Xiaoliang, dass sie damals Angst hatte, im eigenen Haus Feuer zu machen. Entdeckten die Kader Rauch, seien sie gleich gekommen, um die Wohnung nach versteckten Lebensmitteln zu durchsuchen. Dorfbewohner, die als Verwalter oder Köche in den Volksküchen arbeiteten, nutzten ihren Zugriff auf die Vorräte aus und zweigten für ihre eigenen Familien etwas ab. Li erinnerte an ein Sprichwort der damaligen Zeit: »Auch wenn der Himmel drei Jahre lang trocken bleibt, verhungert der Küchenchef nicht«.[39] Bei den Interviews gaben einige Kader offen zu, dass sie sich satt aßen und zugleich den Hunger als Waffe einsetzten. Die häufig schon kranken Bauern schickten sie zum Arbeiten auf die Felder.[40]  Thaxton behauptet sogar, der Diebstahl von unreifem Getreide und Gemüse habe auf den Feldern ein solches Ausmaß angenommen, dass der Staat 1960 nur durch die Einführung eines neuen Verantwortlichkeitssystems wieder die Kontrolle über die Ernte erlangte. Mit dem System der Familienverantwortlichkeit, das 1960/61 wieder in einigen Provinzen eingeführt wurde, ließ sich der Diebstahl besser unterbinden, da die Bauernfamilien selbst für die Erfüllung der Quoten haftbar gemacht werden konnten.[41] Traditionelle Reaktionen auf Hungersnöte, wie Flucht oder Betteln, versuchte der Staat zu unterbinden. Das hukou-System verbot den Bauern das Dorf zu verlassen. Ganze Regionen wurden abgeriegelt und an allen wichtigen Verkehrsknotenpunkten die Volksmiliz stationiert. Im Süden Henans, im Xinyang-Gebiet, war die Hungersnot jedoch so schlimm, dass in dem Dorf, in dem ich Interviews durchführte, die Bauern und Kader der Produktionsgruppe gemeinsam nach Westchina in die abgelegene Provinz Qinghai geflohen waren. Dort konnten sie Brachland urbar machen und überleben. Die Frauen, Kinder und Alten ließen sie zurück. Nach ihren Aussagen verhungerte die Hälfte der Dorfbewohner.[42] Erst als die Männer in Qinghai 1961 hörten, dass in ihrer Heimat die private Nutzung von Parzellen wieder zugelassen wurde, kamen sie zurück. Die Hungersnot nahm in abgelegenen Regionen, die keiner starken Kontrolle des Staates unterworfen waren, häufig ein geringeres Ausmaß an. Ein Kader einer Produktionsgruppe aus Osthenan berichtete, dass er zeitweise in die Berge geflohen war.[43] In dieser Region existierte sogar noch ein Schwarzmarkt. Die Maßnahmen des Staates gegen die Landflucht scheinen während der Hungersnot nicht erfolgreich gewesen zu sein. Die Stadtbevölkerung wuchs 1960 auf über 40 Prozent an. Zwar hatten die ländlichen Arbeitskräfte keinen Anspruch auf Getreidekarten, sie konnten jedoch auf den gigantischen Baustellen und Industrieprojekten des »Großen Sprungs nach vorn« als Tagelöhner oder kurzfristig Beschäftigte arbeiten. 1962 wurden die häufig gescheiteren Industrieprojekte eingestellt und Millionen Menschen wieder zurück auf die Dörfer geschickt. Ein Anreiz nach Hause zurückzukehren, war die schon erwähnte Wiederzulassung der Parzellen zur privaten Nutzung. Es wäre falsch, die Bauern zu Widerstandkämpfern zu stilisieren. Während der Hungersnot hatten sie keine Wahl. Wenn sie ihr Leben retten wollten, mussten sie Regeln übertreten. Überlebenskampf kann auch sehr egoistische Züge annehmen, wie die Flucht der Männer zeigt, die ihre Frauen, Kindern und Eltern zum Sterben zurückließen. Die Millionen toter Bauern kann man auch als Ausdruck der Auseinandersetzung zwischen Staat und Landbevölkerung um Getreide und Ressourcen betrachten. Zwar gelang es dem Staat 1959/60 den Bauern Rekordquoten bei der Ablieferung von Getreide zu diktieren, doch auf Dauer ließen sich die Bauern weder die Militarisierung der Arbeit noch die »kommunistische« Volkskommune von 1958 aufzwingen, in der es fast kein Privateigentum mehr gab. Wie schon 1920 in Russland scheiterte in China das Experiment des Kriegskommunismus. Die Antwort der Bolschewiki war die NÖP (Neue Ökonomische Politik), in China hingegen folgte auf die Hungersnot eine Phase der Neuorientierung. Die Zementierung des Status quo: Die Volkskommune von 1962 bis 1982 Die chinesische Regierung beschloss 1961 einen Kurswechsel. Die neue Ordnung auf dem Land wurde in der 60-Punkte-Verfassung der Volkskommune festgeschrieben: Die Kommunen wurden verkleinert und entsprachen nun der Größe eines Dorfes. Die Brigade wurde zum entscheidenden Eigentümer und Grundlage des Organisationsaufbaus. Eine Produktionsgruppe, die unterste Einheit der Volkskommune, setzte sich aus mehreren Bauernfamilien zusammen. Die Parzellen zur privaten Nutzung und die Bauernmärkte wurden wieder zugelassen. Die Volksküchen schaffte man ab, die Bauern durften wieder zu Hause essen. Der »Große Sprung« hatte den traditionellen Strukturen des Dorfes und der Familie den Krieg erklärt und wollte die »natürlichen« Grenzen aufheben. Die neue Volkskommune musste nun wieder auf der Familie und dem traditionellen Dorf (ziran cun) aufbauen. Die Volkskommune, die in China in dieser Form zwischen 1962 bis 1982 existierte, unterschied sich damit grundlegend von der »kommunistischen« Volkskommune der Jahre 1958 bis 1961 und ähnelte der sozialistischen Genossenschaft. Die Agrarpreise wurden um 20 Prozent erhöht und die staatliche Aufkaufspolitik gelockert. Den Produktionsgruppen verbot die Regierung zeitweise, den Volkskommunen sogar ganz, Stahlproduktion zu betreiben, da die Ernte vernachlässigt worden war. Erst Anfang der 70er Jahre wurde die ländliche Industrialisierungsstrategie wieder forciert. Während der Hungersnot exportierte China Rekordmengen ins Ausland,[44] nun wurde zur Ernährung der Bevölkerung Getreide sogar importiert. Das Streben nach Autarkie gab die KPCh auf. Da die Bauern wieder über ihre eigene Subsistenzgrundlage verfügten und die Volksküchen abgeschafft wurden, gab es größere Spielräume für die alltäglichen Formen des Widerstandes. Seit 1962 nahm die Praxis des »Weniger berichten, um heimlich zu verteilen« wieder zu. Gao Wangling hat errechnet, dass es den Bauern von Anfang der 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre gelang, etwa 20 Prozent der Getreideproduktion zu unterschlagen.[45] Auch Diebstahl von Getreide, einige Bauern nannten es »Stibitzen«, gehörte in diesem Zeitraum zum Alltag. Diebstahl war im Dorf moralisch jedoch nur solange akzeptiert, wie es sich um Eigenbedarf handelte.  Mit der Zementierung der Volkskommune der 60-Punkte-Verfassung war der Weg zu einer »höheren Eigentumsform« versperrt. Zwischen Staat und Bauernschaft bestand von 1962 bis 1979 eine Patt-Situation. Der Staat war nicht in der Lage den Status quo aufzubrechen und die Bauernschaft war zu schwach, um die unbeliebte Volkskommune abzuschütteln. Eine effektive staatliche Kontrolle der Produktion war in der Volkskommune nach 1962 nicht mehr möglich, weil die Dominanz der Verwandtschafts- und Familienbeziehungen nicht überwunden werden konnte. In den Auseinandersetzungen Anfang der 60er Jahre hatte Mao eine defensive Position eingenommen. Nach der Hungersnot stellte er die Volkskommune nicht in Frage und wagte keine radikale Umwälzung des Dorfes mehr. Die Partei traute sich vor Maos Tod nicht mehr, die bestehende Form der Eigentumsverhältnisse anzutasten. Auch während der »Kulturrevolution« (1966 bis 1976) versuchte die KPCh nur in einigen Modell-Dörfern den Status quo aufzuheben.[46] Während der »Kulturrevolution« stellte sich Mao – zumindest in der Landwirtschaftspolitik – gegen die Ultralinken in der Partei.[47] In vielen Volkskommunen gab es während der »Kulturrevolution« zudem eine ständige Auseinandersetzung zwischen Bauern und Kadern um die Größe der Parzellen zur privaten Nutzung und die Frage, ob das Kollektiv oder die Familien das Brachland urbar machen durften.[48] Die »Kulturrevolution« war in erster Linie eine urbane Bewegung, in der die Dörfer nur eine geringe Rolle spielten. Im Gegensatz zu den urbanen Intellektuellen stellte deshalb für die Bauern nicht die »Kulturrevolution«, sondern der »Große Sprung nach vorne« die größte Katastrophe dar. Der in den USA unterrichtende chinesische Forscher Han Dongping geht sogar soweit zu behaupten, dass die Bauern von der »Kulturrevolution« profitierten, weil die Dörfer während des Machtkampfes in den Städten und des zeitweiligen Zusammenbruches der staatlichen Ordnung neuen Freiraum erhielten.[49] Bauern mit anerkanntem Klassenstatus nutzten das Vokabular der »Kulturrevolution« wie die Kritik an den »Machthabern des kapitalistischen Weges«, um korrupte Parteikader zu kritisieren. Besonders die »armen und unteren Mittelbauern« lernten die maoistische Symbolik einzusetzen und als »revolutionärste Elemente» des Dorfes ihre eigenen Interessen ins Spiel zu bringen. Thaxton zeigt in seiner Oral-History-Untersuchung in einem Dorf in der Provinz Henan, dass die Bauern während der »Kulturrevolution« die Gunst der Stunde nutzten, um sich an den Kadern zu rächen, die während der Hungersnot des »Großen Sprungs« korrupt waren und den Verhungernden nicht halfen.[50] In den meisten ländlichen Gebieten Chinas war die »Kulturrevolution« im Gegensatz zu den Städten eher eine Periode der wirtschaftlichen Stabilität und schließlich der Stagnation. Dekollektivierung von unten oder oben? Nach Maos Tod 1976 hielt die KPCh zunächst an der Volkskommune fest. Selbst die berühmt-berüchtigte 3. Plenarsitzung des XI. Parteitages im Dezember 1978, auf der Deng Xiaoping die Reformpolitik einleitete, verbot ausdrücklich die Auflösung der Volkskommunen durch die Einführung der Familienverantwortlichkeit. Umstritten ist in der westlichen Forschung, ob der spontane Widerstand der Bauern zur Dekollektivierung führte oder ob sie von oben durch die Zentralregierung eingeleitet wurde. Daniel Kelliher und Kate Zhou vertreten die These, dass die Bauern in einer stillen Revolution von unten nach 1979 spontan die Volkskommunen auflösten. Gedeckt von lokalen Funktionären erfuhr das System der Familienverantwortlichkeit eine Wiederbelebung, das schon 1957, 1959 und 1962 zeitweise in einigen Gegenden erprobt, aber von der Zentralregierung immer wieder verurteilt wurde.  Die Partei unter Führung von Deng Xiaoping stellte sich schließlich an die Spitze der Umwälzung von unten.[51] Die Familienverantwortlichkeit wurde in ganz China als verpflichtendes System etabliert. Jonathan Unger bestreitet hingegen nicht, dass in einigen Gegenden die Volkskommunen von unten aufgelöst wurden, er verweist jedoch darauf, dass es auch Widerstand von unten gegen die Dekollektivierung gab – besonders in funktionierenden Volkskommunen, die bereits Mitte der 70er Jahre florierende Nebengewerbe aufgebaut hatten.[52]  Wenn die These von Zhou und Kelliher zutrifft, hieße das, dass die versteckten Widerstandsformen der Bauern schließlich zu offenen übergingen und einen Systemwechsel herbeiführen konnten. Ohne die Unentschlossenheit der Zentralregierung und die Unterstützung durch Parteikader – die bekanntesten sind die Provinzführer von Anhui, Wang Li, und Sichuan, Zhao Ziyang – wäre die Auflösung von Volkskommunen durch die Bauern kaum möglich gewesen. Ein Element der Familienwirtschaft existierte bereits zuvor. In Form der privaten Nutzung von Parzellen war sie seit 1962 innerhalb der Volkskommune vorhanden. Die Dekollektivierung könnte man daher auch als weitere Ausdehnung dieses Elements betrachten. Die Marktwirtschaft auf dem Boden einer egalitären Agrarordnung, die Mitte der 80er Jahre etabliert wurde, hatte mit klassischem Sozialismus nichts mehr zu tun. Mao Zedongs Konzeption einer kollektiven Landwirtschaft wurde Geschichte. Die KPCh lernte aus ihrer Niederlage und bezeichnete das System der Familienwirtschaft auf staatlichem Boden als »Sozialismus mit chinesischer Besonderheit« (zhongguo tese shehuizhuyi). Eine Bilanz der kollektiven Landwirtschaft Zieht man vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Staat eine Bilanz der Ära der kollektiven Landwirtschaft, so kommt man zu einem sehr durchwachsenen Ergebnis. In der Zeit von 1952 bis 1978 wurde die Getreideproduktion von ca. 327 auf 609 Milliarden Pfund gesteigert. Die Produktion hatte sich damit fast verdoppelt, aber nicht in wenigen Jahren, wie die KPFührer Mitte der 50er annahmen, sondern innerhalb eines Viertel Jahrhunderts.  Relativ erfolgreich war das Modell der kollektiven Landwirtschaft bei dem Transfer von Ressourcen vom Dorf in die Stadt – allerdings mit abnehmender Tendenz. Der Agrarexperte Wen Tiejun stellt folgende Rechnung auf: Von 1959 bis 1984 kaufte der Staat von den Bauern 1,25 Billionen Kilo Getreide. Die Preisdifferenz zwischen dem staatlichen Preis und dem Marktpreis lag bei 250 Milliarden Yuan. Der Staat investierte in diesen 25 Jahren 220 Milliarden Yuan in die Landwirtschaft.[53] Deshalb konnte er allein aus dem Getreideaufkauf 30 Milliarden Yuan einnehmen und für andere Zwecke einsetzen. Der Staat konnte aber nach dem »Großen Sprung« den Bauern nie mehr so einen großen Anteil der Ernte abnehmen wie in den 50er Jahren. Nachdem die Steuerlast in den ersten Jahren der Hungersnot des »Großen Sprunges« 1959 ca. 14 Prozent des Einkommens der Bauern betrug, sank dieser Anteil bis Ende der 60er Jahre auf 6,7 und Mitte der 70er Jahre sogar auf 4,9 Prozent.[54] Die Bauern taugten immer weniger als »Melkkühe« für den Aufbau des Sozialismus und der Schwerindustrie. Die Höhe der Steuerlast sowie der staatlichen Aufkaufsquote von Getreide, kann als Barometer für das Kräfteverhältnis zwischen Staat und Bauern gelten. Der Produktionsfortschritt wurde außerdem vom Bevölkerungswachstum »aufgefressen«. Die Landbevölkerung wuchs im Zeitraum von der Staatsgründung bis Ende der 70er Jahre von ca. 500 auf 840 Millionen und die Gesamtbevölkerung auf 960 Millionen. Der Getreidekonsum pro Kopf und Jahr steigerte sich nur von 302 (1957) auf 317 Kilogramm (1978).[55] Somit hatten die Chinesen 1978 kaum mehr zu essen als 1957, als die sozialistische Kollektivierung der Landwirtschaft vollständig abgeschlossen war. Die Produktivitätsrate in der Landwirtschaft und die Produktionsmenge sanken in diesem Zeitraum sogar.[56] Letztendlich konnte keines der erprobten Entlohnungssysteme den Bauern im Kollektiv einen Arbeitsanreiz bieten. Die Strategie, durch die Steigerung der Arbeitsintensivität und Heranziehung der Frauen in die Agrarproduktion, sprich durch harte körperliche Arbeit – der Armut zu entkommen, passte zu den rückständigen Dörfern im Norden Chinas, schreibt Gao Wangling. In entwickelteren Gebieten im Süden sei das Nebengewerbe schon seit langem die Haupteinnahmequelle der Bauern gewesen, meint der Experte für die Geschichte der Qing-Dynastie.[57] Für diese Gebiete besaß die KPCh keine Strategie. Mit der Kollektivierung zerfielen der Sektor des Nebengewerbes und die Kreisstädte als Marktzentren regelrecht. Auch wenn es nach dem Ende des »Großen Sprungs« kein Massensterben mehr gab, lebte die Mehrzahl der Bauern bis Mitte der 80er Jahre in Armut. Dadurch fehlte auch der Leichtindustrie ein Markt. So war es kein Wunder, dass Deng Xiaoping die Erhöhung der Einkommen der Bauern zum Hauptziel der ländlichen Reformen erklärte. Die Hektarerträge stiegen mit der Verbesserung der Bewässerungssysteme und der Anbaumethoden. Die Ernteerträge bei Getreide stiegen von 1952 bis 1978 von 1,32 auf 2,54 t/ha.[58] Diese Entwicklung verdeutlicht die neue Organisationsstärke des Staates seit der Gründung der Volksrepublik. Die Kommunisten waren in der Lage, die Bauern zu Arbeitseinsätzen zu mobilisieren. In dem Zeitraum vom Beginn der Reformen 1978 bis zum Jahr 1997 wuchs der Ernteertrag je Hektar weiter.[59]  Die Einführung der Kollektivwirtschaft verband Mao mit der rationalen Verwendung von landwirtschaftlichen Maschinen. Erst während der »Kulturrevolution« (1966 bis 1976) konnte der Staat den Bauern jedoch in nennenswertem Umfang Maschinen liefern. Von 1965 bis 1978 wuchs die mit Maschinen bestellte Fläche um ca. 266 Prozent.[60] Trotz der beeindruckenden Vermehrung der landwirtschaftlichen Maschinen, darf man nicht vergessen, dass die Mechanisierung nicht zur Steigerung der Produktivität insgesamt führte. Vor der Kollektivierung hatten die Kommunisten für die Bewertung der Modernisierung der Gesellschaft zwei Maßstäbe gesetzt: Die Verstädterung der Gesellschaft und die Verwandlung von Bauern in Arbeiter. Nur so konnte das Proletariat zur Mehrheit der Gesellschaft werden und die politisch für unzuverlässig gehaltenen Bauern ersetzen. Seit dem »Großen Sprung nach vorne« setzte Mao auf eine ländliche Industrialisierung. Nach diesen Maßstäben scheiterte die Modernisierung völlig. Das Verhältnis von Stadt und Land sowie von Arbeitern und Bauern änderte sich von 1957 bis 1978 nicht dauerhaft und verharrte im Verhältnis von ca. 20 zu 80. Durch das hukou-System wurden die Bauern an das Dorf gefesselt und die traditionellen Strukturen damit konserviert. Erst mit den Reformen und der Auflösung der Volkskommune erlebten ländliche Unternehmen, die die von der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräfte aufsogen, einen Boom. Durch massenhaftes Abwandern in die Städte unterhöhlten die bäuerlichen Wanderarbeiter das hukou-System und setzten so eine Mobilität der Arbeitskraft durch, die für die Entwicklung des Kapitalismus unabdingbar ist. Die Waffen der Schwachen gestern und heute Das Bild, das Jung Chang und Jon Halliday in ihrem Weltbestseller[61] zeichnen, wird in diesem Artikel grundsätzlich in Frage gestellt. Es war keineswegs so, dass auf der einen Seite der Herrscher Mao stand und auf der anderen Seite ein gleichgeschaltetes wehrloses chinesisches Volk. Die Bauern waren sehr geschickt, die Regierungspolitik von unten zu hintertreiben und den Staat zu hintergehen. Durch diese subversiven Verhaltensweisen, die oft Ausdruck eines nackten Überlebenskampfes war, musste die Partei nicht selten ihre Politik neu ausrichten oder korrigieren. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Oben gibt es die politischen Richtlinien, unten die Gegenmaßnahmen«. Menschen, die in Diktaturen leben und damit keine Möglichkeit zur offenen Demonstrationen oder zur Abwahl einer Regierung haben, entwickeln verdecktere Formen von Widerstand im Alltag. Ein sozialistischer Staat ist dafür besonders anfällig, da sich die Produktionsmittel und der Grund und Boden in seinen Händen befinden. Arbeiter, die durch Bummelei die Produktivität senken, können nicht einfach entlassen werden.  Der Staat kann den Bauern zwar die Privatwirtschaft verbieten, er ist aber von der Ernte der Kollektive abhängig. Senken die Bauern mangels Arbeitsanreizes die Produktion, kann der Staat entweder mit Terror oder Propaganda reagieren. Beide haben selten Erfolg. Die Formen von Bummelei (moyanggong) und »so tun, als ob man arbeitet« waren bei den chinesischen Bauern sehr vielfältig. Diebstahl und Unterschlagung konnten nur schwer verhindert werden, wenn die vom Staat geschaffenen kollektiven Organisationen, wie die Produktionsgruppen, zusammenhielten. Enteignungen und Verstaatlichung hatten den Respekt vor privatem Eigentum erschüttert. Ein tschechisches Sprichwort besagt: »Wer nicht stiehlt, der stiehlt sich von seiner Familie weg«. Milos Forman hat darüber 1967 während des Prager Frühlings die Satire »Hoři, má panenko« (The Firemen’s Ball) gedreht. Er zeigt, wie im Laufe des Balls der Feuerwehrmänner fast alle Tombola-Preise gestohlen werden.  Können alltägliche Handlungen wie Diebstahl und Unterschlagung von Getreide überhaupt als Widerstand bezeichnet werden?[62] Diese Maßnahmen waren weder dorfübergreifend organisiert, noch hatten sie das Ziel, die Macht der KPCh zu stürzen. Die alltäglichen Widerstandshandlungen waren vielmehr Teil des Überlebenskampfes der Bauern in der Volkskommune, die weder die Versorgungsmängel beseitigen konnte, noch Arbeitsanreize schuf. In der Summe fügte die tausendfache Unterschlagung von Getreide dem Staat großen Schaden zu. Es wäre allerdings einseitig, Kader und Bauern als Feinde darzustellen. Ohne die Unterstützung der Kader auf der untersten Ebene, deren eigenes Einkommen und Ansehen im Dorf von der Produktionsgruppe abhing, konnten die Formen des alltäglichen Widerstandes nicht erfolgreich sein.  So paradox es scheinen mag, nach der Auflösung der Volkskommune haben die Bauern in der Auseinandersetzung mit dem Staat an Einfluss verloren – die Unterschlagung von Getreide hat in einer Marktwirtschaft keinen Sinn mehr. Eine absichtliche Senkung der Produktivität trifft in erster Linie die Bauern selbst. Die relativ homogene Masse der Bauern in den Produktionsgruppen ist nun in atomisierte Familien zerfallen. Die Bauern sind heute vom Staat unabhängiger und sie schätzen es sehr, dass sie über eine eigene Subsistenzgrundlage verfügen. In den Interviews bezeichneten sie das heutige Agrarsystem zwar als frei.[63] Neue effektive Formen des Widerstands müssen aber erst noch gefunden werden. Die Erfahrung mit Hungersnot und Volkskommune prägen noch immer das Verhältnis zwischen Bauern und Staat. Bis heute reagieren die Bauern mit tiefem Misstrauen auf alle Versuche des Staates, wieder stärker in die Dörfer einzugreifen. Während arbeitslose Arbeiter vom Staat erwarten, dass er ihnen hilft, wollen die meisten Bauern von ihm in Ruhe gelassen werden. So sind z. B. alle Bemühungen der Regierung, in den letzten Jahren auf den Dörfern wieder eine kollektive Gesundheitsversorgung einzuführen, nicht zuletzt an diesem Misstrauen gescheitert.  Die Expansion der Bürokratie, hohe Abgaben und Schulgebühren, illegaler Landverkauf und Korruption führen im heutigen China immer wieder zu lokalen Aufständen. Aufgrund der Abwesenheit eines Sozialstaates auf den Dörfern verteidigen die Bauern ihr Nutzungsrecht des Bodens energisch, da es praktisch ihre Lebensversicherung ist. Entschädigungslose Landnahme durch Kader ist der häufigste Grund für diese lokalen Bauernaufstände. Die Ein-Kind-Politik des Staates wird aus den gleichen Gründen sabotiert und ist auf den Dörfern nicht durchzusetzen. Viele Bauernfamilien verloren in der »Großen Sprung«-Hungersnot ihre Kinder. Bei mehreren Kindern haben sie eine größere Absicherung gegen Unglücksfälle oder eine erneute Hungersnot.[64] Heute können die Bauern gegenüber dem Staat nur zu offenen Widerstandsformen greifen. Im Gegensatz zum versteckten Widerstand in der Ära der kollektiven Landwirtschaft, laufen die Bauern dabei allerdings Gefahr, eine gewaltsame Reaktion der Repressionsapparate des Staates auszulösen. Die KPCh hat diese Gefahr mittlerweile erkannt, denn sie weiß: Wer die Bauern verliert, der verliert China. [1]  Chinesisches Sprichwort. Es lautet im Original: Shangmian you zhengce, xiamian you duice.  [2]  Stellvertretend für dieses Paradigma ist Martin, Helmut (Hrsg.): Mao Tse-tung: Das machen wir anders als Moskau – Kritik an der sowjetischen Politikökonomie, Reinbek bei Hamburg 1975. [3]  Meliksetov, Arlen/Pantsov, Alexander: The Stalinization of the People’s Republic, in: Kirby, William C. (Hrsg.): Realms of Freedom in Modern China, Stanford 2004, S. 198–233. [4]  Zur Debatte um die Todesziffern siehe Wemheuer, Felix: Chinas »Großer Sprung nach vorne« (1958–1961): Von der kommunistischen Offensive in die Hungersnot – Intellektuelle erinnern sich, Münster 2004, S. 26–28. [5]  Bianco, Lucien: Peasant Responses to CCP Mobilization Policies, 1937–1945, in: Saich, Tony/ van de Ven, Hans (Hrsg.): New Perspectives on the Chinese Communist Revolution, New York 1995. [6]  Johnson, Clamers: Peasant Nationalism and Communist Power, Stanford 1962. [7]  Selden, Mark: The Yenan-Way in Revolutionary China, Cambridge 1971. Eine kritischere Darstellung bei Chen, Yung-fa: Suspect History and the Mass Line: Another Yan’an Way, in: Wasserstrom, Jeffrey (Hrsg.): Twenty-Century China – New Approaches, London 2003. [8]  Huang, Philip C. C.: Rural Class Struggle in the Chinese Revolution, in: Modern China 21 (1995), H. 1, S. 115 f. [9]  Luo, Pinghan: Tudi gaige yungdong shi [Die Geschichte der Bodenreform-Kampagne], Fuzhou 2005, S. 198. [10]  Zhang, Xiaojun: Land Reform in Yang Village – Symbolic Capital and Determination of Class Status, in: Modern China 30 (2004), H. 1, S. 15. [11]  Zu den theoretischen Grundlagen der Debatte um alltäglichen Widerstand von Bauern allgemein siehe Scott, James C.: The Weapons of the Weak – Everyday Forms of Peasants Resistance, New Haven 2005; Scott, James C.: The Moral Economy of the Peasant: Rebellion and Subsistence in Southeast Asia, New Haven 1976. [12]  Chen, Yun: Shixing liangshi tonggou tongxiao [Verwirklicht den einheitlichen An- und Verkauf von Getreide durch den Staat], in: Zhonggong zhongyang wenxian yanjiushi [Forschungsbüro des ZK der KPCh für Dokumente] (Hrsg.): Jianguo yilai zhongyao wenjian xuanbian [Eine Auswahl wichtiger Dokumente seit der Staatsgründung], Beijing 1993, Bd. 4, S. 452. [13]  Ebenda, S. 447. [14]  Becker, Jasper: Hungry Ghosts – China’s Secret Famine, London 1996, S. 55. [15]  Li, Huaiyin: The First Encounter: Peasant Resistance to State Control of Grain in East China in the Mid-1950, in: China Quarterly 2006, H. 185, S. 149. [16]  Ebenda, S. 161 f. [17]  Tian, Xiquan: Liangshi gouxiao zhidu de xingcheng jiqi zai tanghe xian de yunzuo [Die Etablierung des Ein- und Verkaufssystems von Getreide im Kreis Tanghe]. Unveröffentlichte Doktorarbeit an der Fudan University, Shanghai 2004, S. 113 f. [18]  Ebenda, S. 86. [19]  Ebenda, S. 89. [20]  Bo, Yibo: Ruogan zhongshi dayueci yu shijian de huigu [Ein Rückblick auf einige wichtige Entscheidungen und Ereignisse], Beijing 1993, Bd. 1, S. 353. [21]  Yang, Dali L.: Calamity and Reform in China, Stanford 1996, S. 27. [22]  Durau, Joachim: Arbeitskooperation in der chinesischen Landwirtschaft, Bochum 1983, S. 338. [23]  Zhonghua renmin gongheguo guojia nongye weiyuanhui bangongting [Staatliches Büro des Komitees für Landwirtschaft der Volksrepublik China] (Hrsg.): Nongye jitihua zhongyao wenjian huibian [Sammlung wichtiger Dokumente zur Kollektivierung der Landwirtschaft], Beijing 1981, Bd. 1, S. 655–657 sowie S. 676–680. [24]  Ebenda, S. 655. [25]  Ebenda, S. 649. [26]  Zhongzhou pinglun [Kommentare aus Zhongzhou] Nr. 2 vom 1. August 1958, S. 5. [27]  Renmin ribao [Volkszeitung] vom 26. November 1956. [28]  Xu, You: Baochan daohu [Die Produktionsquoten auf Grundlage der einzelnen Haushalte festlegen], Hainan 1998, S. 50. [29]  Dangdai Zhongguo nongye hezuohua bianjishi [Redaktionsbüro zur Kollektivierung der Landwirtschaft im Modernen China] (Hrsg.): Zhongguo hezuohua lishi ziliao [Materialien zur Geschichte der Kollektivierung in China], Beijing 1987, Bd. 1, S. 34. [30]  Liangshi wenti he sixiang wenti [Das Getreideproblem und ideologische Probleme], in: Renmin Ribao [Volkszeitung] vom 5. August 1957. [31]  Siehe Perry, Elizabeth: Challenging the Mandate of Heaven, Social Protest and State Power in China, New York 2002, S. 206–237. [32]  Gao, Wangling: Tou yu manchan sifen – Jitihua shidai Zhongguo nongmin fanxingwei de diaocha yu sikao [Diebstahl und Weniger berichten, um heimlich zu verteilen – Untersuchungen und Überlegungen zu alltäglichen Widerstandsformen der chinesischen Bauern in der Epoche der Kollektivierung]. Paper presented on the International Conference »As China meets the World«, Vienna 17–19 May 2004, S. 4 f. [33]  Bo: Ruogan zhongshi dayueci (Anm. 20), Bd. 2, S. 1023. [34]  Walker, Kenneth R.: Food Grain Procurement and Consumption in China, Cambridge 1984, S. 167. [35]  Deng, Liqun/An, Pingsheng: Dangdai Henan jianshi 1949–1998 [Kurze Geschichte des modernen Henan 1949–1998], Beijing 1999, S. 136. [36]  Walker: Food Grain Procurement (Anm. 34), S. 155. [37]  Thaxton, Ralph: China’s Hidden Crisis: Memory, Voice and Contention in the Aftermath of the Catastrophe of Maoist Rule, im Druck. [38]  Interview des Autors in Baotou (Henan) am 12. Februar 2005. [39]  Interview des Autors in Baotou (Henan) am 13. Februar 2005. [40]  Interview des Autors in Baotou (Henan) am 11. Februar 2005.   [41]  Thaxton: China’s Hidden Crisis (Anm. 37). [42]  Interview des Autors in Judong (Henan) am 8. August 2005. [43]  Interview des Autors in Wangcun (Henan)am 13. Februar 2005. [44]  Kraus, Willy: Wirtschaftliche Entwicklung und sozialer Wandel in der Volksrepublik China, Berlin 1979, S. 543. [45]  Gao: Tou yu manchan sifen (Anm. 32), S. 9. [46]  Yang: Calamity and Reform (Anm. 22), S. 101. [47]  Zweig, David: Agrarian Radicalism in China 1968–1981, London 1989, S. 33. [48]  Zweig, David: Struggling over Land in China: Peasant Resistance after Collectivization 1966– 1986, in: Colburn, Forrest D.: Everyday Form of Peasant Resistance, New York 1989, S. 157 f. [49]  Siehe Han, Dongping: The Unknown Cultural Revolution: Educational Reforms and Their Impact on China's Rural Development, 1966–1976, New York 2002. [50]  Thaxton: China’s Hidden Crisis (Anm. 37). [51]  Zur Debatte siehe Kelliher, Daniel: Peasant Power in China – The Era of Rural Reform, 1979–1989, Yale 1993 und Zhou, Kate Xiao: How the Farmers Changed China: Power of the People, Boulder 1996. [52]  Unger, Jonathan: The Transformation of Rural China, New York 2002, S. 95–118. [53]  Wen, Tiejun: Zhongguo nongcun jiben jingji zhidu yanjiu [Forschungen zum wirtschaftlichen Grundsystem des chinesischen Dorfes], Beijing 2000, S. 175. Unklar an dieser Rechnung ist allerdings, wie der Marktpreis bestimmt wird, wenn es zeitweise gar keinen Markt gibt. [54]  Jiang, Dongping: Zhongguo nongmin fudan lishi [Die Geschichte der Lasten der chinesischen Bauern], Beijing 1994, Bd. 4, S. 411. [55]  Hermann-Pillath, Carsten/Lackner, Michael (Hrsg.): Länderbericht China, Bonn 1998, S. 616. [56]  Ling, Zhijun: Lishi bu zai paihuai – renmingongshe de xingqi he shibai [Die Geschichte wird nicht wieder zaudern – Aufstieg und Niedergang der Volkskommune], Beijing 1996, S. 323 und Xin, Yi: Shilun remmingongshe de lishi diwei [Über die geschichtliche Stellung der Volkskommune], in: Dangdai Zhongguo shi yanjiu [Forschungen zur Geschichte des modernen Chinas] vom Mai 2001, S. 37. [57]  Gao, Wangling: Zhengfu zouyong he juese wenti de lishi kaocha [Untersuchung zur Geschichte des Problems von Funktion und Rolle der Regierung], Beijing 2002, S. 226. [58]  Ash, Robert: Getreide, in: Staiger, Brunhild/Friedrich, Stefan/Schütte, Hans-Wilm (Hrsg.): Das große China-Lexikon, Darmstadt 2003, S. 261. [59]  Ebenda, S. 261. [60]  Xin, Yi: Shilun remmingongshe de lishi diwei (Anm. 56), S. 33. [61]  Chang, Jung/Halliday, Jon: Mao: Das Leben eines Mannes und Schicksaal eines Volkes, München 2005. [62]  Debatte siehe Scott, James: Everyday Forms of Resistance, in: Colburn, Forrest D.: Everyday Form of Peasant Resistance, New York 1989, S. 21 f. [63]  Interview des Autors in Baotao (Henan) im Februar 2005 und in Judong (Henan) im August 2005.  [64]   Thaxton: China’s Hidden Crisis (Anm. 37).

JHK 2007

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2007

Thomas Ammer geb. 1937 in Eisenberg/Thüringen, Medizinstudium in Jena von 1955 bis 1958, Mitglied einer Widerstandsgruppe (Eisenberger Kreis) in Eisenberg und Jena 1953 bis 1958, Verurteilung zu 15 Jahren Haft wegen »Staatsverrats«, Entlassung in die Bundesrepublik 1964, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Gesamtdeutschen Institut 1975 bis 1991, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundeszentrale für politische Bildung 1991 bis 2000, 1992 bis 1998 Abordnung zu den Sekretariaten der Enquête-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur SED-Diktatur, Ruhestand seit 2000. Veröffentlichungen u. a.: Universität zwischen Demokratie und Diktatur. Ein Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der Universität Rostock. Köln 1969 (Reprint 1990); Mithrsg.: Staatssicherheit in Rostock. Zielgruppen, Methoden, Auflösung. Köln 1991. Kerstin Armborst Dr. phil, geb. 1970 in Bocholt, 1989 bis 1995 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Slavistik und Musikwissenschaft in Münster und St. Petersburg, 2000 Promotion, dann Redaktionsvolontariat und Tätigkeit als Redakteurin, 2002 bis 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der Universität Potsdam, seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Veröffentlichungen u. a.: Ablösung von der Sowjetunion. Die Emigrationsbewegung der Juden und Deutschen vor 1987, Münster u. a. 2001; Die Zeitschrift »Evrejskaja Starina«. Wissenschaftlicher Kommunikationsort und Sprachrohr der Jüdischen Historisch-Ethnographischen Gesellschaft in St. Petersburg, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 58 (2006), H. 1, S. 29–48.  Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist, tätig am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), lebt in Köln. Veröffentlichungen u. a.: Hrsg.: Archives de Jules Humbert-Droz (Amsterdam) 1983 bis 2001; Hrsg.: Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Mithrsg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Mithrsg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Mithrsg.: Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003; Der Verräter Stalin bist Du! Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin 2007; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung; Hrsg.: The International Newsletter of Communist Studies. Horst Dähn Prof. Dr., geb. 1941, 1973 Promotion, 1981 Habilitation, seit 1987 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart, langjährige Mitarbeit am früheren Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim, seit 1994 ehrenamtlicher Leiter des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Das politische System der DDR, Berlin 1985; Die Rolle der Kirchen in der DDR, München 1993; Mithrsg.: Luther und die DDR, Berlin 1996; Mithrsg.: Staat und Kirchen in der DDR, Frankfurt a. M. u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker-Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992 bis 1998 Mitglied der Bundestagsenquête-Kommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Björn M. Felder Dr. des., geb. 1974 in Stuttgart, 1996 bis 2002 Studium der Neueren und Osteuropäischen Geschichte, der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und Philosophie in Stuttgart, Riga und Tübingen, 2006 Promotion zur sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzung in Lettland und den Reaktionen der Bevölkerung an der Universität Tübingen. Forschungsstipendien des DAAD, der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie des Deutschen Historischen Instituts Washington, D.C., 2002 Mitarbeiter bei der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart. Seit 2003 Forschungstätigkeit für die Lettische Historikerkommission. Veröffentlichungen zu den antisowjetischen Partisanen im Baltikum (2004, 2006), zur Zusammenarbeit lettischer Rechtsradikaler und den nationalsozialistischen Besatzern (2005) sowie zur eugenischen Politik und Praxis in der lettischen Vorkriegsrepublik (2005).  Thomas Wegener Friis Dr. phil., geb. 1975 ist Historiker und Netzwerkkoordinator des neu gegründeten Zentrums für das Studium des Kalten Kriegs (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense, 2000 M. A. in Geschichte an der Süddänischen Universität, 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003 bis 2005 Mitarbeiter der Kommission zu Dänemark im Kalten Krieg, seit 2005 Forschungsmitarbeiter an der Süddänischen  Universität, seit 2001 Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, seit 2005 Redaktionsmitglied des Zeitschrift Arbejderhistorie, seit 2004 Mitinhaber des Verlages Friis.  Volker Grabowsky Prof. Dr. phil., geb. 1959 in Bad Schwartau, 1977 bis 1983 Studium der Geschichte und Mathematik, 1986 Promotion, 1990 bis 1996 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Südostasienkunde der Universität Passau und an der Abteilung für Thai- und Vietnamstudien der Universität Hamburg, 1996 Habilitation, 1996 bis 1999 Langzeitdozent des DAAD an der Abteilung für laotische Sprache und Literatur der Nationalen Universität von Laos, seit 1999 Professor für die Geschichte Südostasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Veröffentlichungen u. a.: Übers. und Hrsg.: Maha Sila Viravong: Prinz Phetsarat. Ein Leben für Laos, Münster u. a. 2003; Koautor: The Gold and Silver Road of Trade and Friendship. The McLeod and Richardson Diplomatic Missions to Tai States in 1837, Chiang Mai 2003; Bevölkerung und Staat in Lan Na: Ein Beitrag zur Bevölkerungsgeschichte Südostasiens, Wiesbaden 2004. Martin Großheim Dr. phil., geb. 1963 in Rendsburg, 1985 bis 1996 Studium der Südostasienkunde, Geschichtswissenschaft und Anglistik, 1987/88 DAAD-Stipendiat an der Fakultät für Vietnamesische Sprache Hanoi/Vietnam, 1996 Promotion, 1999/2000 Postdoctoral Fellow am Center for East and Southeast Asian Studies/Lund University, 2001 bis 2006 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte und Gesellschaft Südostasiens der Humboldt Universität Berlin, seit 2006 Mitarbeiter am DFG-Forschungsprojekt »Der Weg in den Vietnamkrieg«, seit 1993 Leitung von Landeskundetutorien zu Vietnam bei InWEnt/Bad Honnef. Veröffentlichungen u. a.: Nordvietnamesische Dorfgemeinschaften: Kontinuität und Wandel. Vom Beginn der Kolonialzeit bis zum Ende der Vietnamkriege, Hamburg 1997; Mithrsg.: Nationalism and Cultural Revival in Southeast Asia: Perspectives from the Centre and the Region, Wiesbaden 1997; Mithrsg.: Vietnam, Regional Integration and the Asian Financial Crisis, Passau 2001. Heiko Hänsel M. A., geb. 1971 in Berlin, Studium der Osteuropastudien, Ost- und Südosteuropäischen Geschichte, Slavistik und Neueren deutschen Literatur in Berlin und Zagreb, anschließend Arbeit als freier Journalist und Verlagsredakteur. Seit 2004 Mitarbeiter der Stiftung Aufarbeitung und Redakteur des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Veröffentlichungen: Mithrsg.: Der Zerfalls des sozialistischen Jugoslawien. Erklärungsmodelle und Forschungspositionen, Berlin 2001 (Magisterarbeit); Konfliktregionen Südosteuropas im Zeitalter des Nationalismus. Teil 1 u. 2 (Osteuropa-Institut der Freien Universität), Berlin 2001; Koautor: Die deutsche Debatte um den Kosovo-Krieg. Studie der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2002; Autor für das Jahrbuch der Brockhaus-Enzyklopädie und den Fischer Weltalmanach. Dieter Heinzig Dr. phil, geb. 1932 in Burkhardtsdorf/Erzgebirge, ab 1952 Studium der Sinologie, Japanologie, osteuropäischen Geschichte und Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität in OstBerlin sowie an den Universitäten Hamburg, Kiel, Köln und Bochum, Promotion 1977, 1962 bis 1964 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Politik, Gesellschaft und Recht Osteuropas der Universität Kiel, 1964 bis 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, zuletzt als Leiter der Asienabteilung und stellvertretender Direktor. Veröffentlichungen zur Geschichte der KP Chinas, zur Innen- und Außenpolitik der VR China und zur sowjetischen China- und Asienpolitik, darunter: Die Sowjetunion und das kommunistische China 1945–1950, Baden-Baden 1998 (chinesische Ausgabe Peking 2001, amerikanische Ausgabe Armonk, N.Y. und London 2004). Götz Hillig Dr. phil., geb. 1938 in Chemnitz, 1982 Promotion, 2000 Habilitation. Privatdozent für Historische Pädagogik an der Universität Marburg. Sprecher der 1968 gegr. AG Makarenko-Referat. Publikationen zu A. S. Makarenko seit 1963. Mithrsg. der zweisprachigen Marburger Makarenko-Ausgabe (8 Bände; 1976–1982), Hrsg. der Reihe »Opuscula Makarenkiana« (25 Bände, 1975–2003). Gründungsmitglied der Internationalen Makarenko-Gesellschaft (1991 bis 1998 und seit 2002 Vizepräsident, 1998 bis 2002 Präsident). Ausländisches Mitglied der Akademie für Pädagogische Wissenschaften der Ukraine (seit 1996) sowie der Russischen Akademie für Bildung (seit 2004). Publikationen zur Kibbutzerziehung, der Organisation Gdud Avoda und der Kommune »Vojo Nova« seit 2001. Grzegorz Hryciuk PD Dr. phil., geb. 1965 in Wrocław/Breslau, 1983 bis 1988 Studium der Geschichte an der Universität Wrocław, 1997 Promotion, 2005 Habilitation, seit 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wrocław (an der Abteilung Geschichte Osteuropas). Veröffentlichungen u.a.: Polacy we Lwowie 1939-1944. Życie codzienne [Polen im Lemberg 1939–1944. Der Alltag], Warschau 2000; Koautor: Masowe deportacje ludności w Związku Radzieckim  [Massendeportationen der Bevölkerung in der Sowjetunion], Toruń 2003; Przemiany ludnościowe i narodowościowe w Galicji Wschodniej i na Wołyniu w latach 1931–1948 [Nationale und demographische Veränderungen in Ostgalizien und Wolhynien in den Jahren 1931–1948], Toruń 2005 . Walter M. Iber Mag. phil., geb. 1979, Geschichtsstudium in Graz, seit 2004 Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, gegenwärtig Dissertationsprojekt: »Besatzungswirtschaft – Die Sowjetische Mineralölverwaltung (SMV) in Österreich, 1945–1955«. Veröffentlichungen u. a.: Karner, Stefan/Stangler, Gottfried (Hrsg.): »Österreich ist frei!«. Der Österreichische Staatsvertrag 1955. Beitragsband zur Ausstellung auf Schloss Schallaburg. Unter Mitarbeit von Peter Fritz und Walter M. Iber, Horn/Wien 2005; Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen als Anklagepunkt gegen österreichische und sudetendeutsche Kriegsgefangene, in: Karner, Stefan/Selemenev, Vjačeslav (Hrsg.): Österreicher und Sudetendeutsche vor sowjetischen Strafgerichten 1945–1950. Deutsch/Russisch, Graz/Minsk 2007 (in Vorbereitung).   Jesper Jørgensen, Geboren 1975, seit 2002 Archivar am Arbejdermuseet & Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv (Arbeitermuseum & Arbeiterbewegungsbibliothek und -archiv) in Kopenhagen, 2003 M. A. in Geschichte und Anthropologie der Universität Aarhus, seit 2005 Postgradual Studium der Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Königlichen Bibliotheksschule Dänemarks. Seit 2004 Mitglied der Redaktion des historischen Zeitschrift Arbejderhistorie. Botakoz Kassymbekova Geboren 1981 in Kasachstan, B. A. an der American University – Central Asia in Politics and Sociology (Biškek) und M. A. in Sozialgeschichte an der University of Essex, Arbeit am Aga Khan Humanities Project und als Dozentin für Sozialwissenschaften in Tadschikistan, z. Z. Dissertationsprojekt an der Humboldt Universtität Berlin zum Thema zur rechtlichen Institutionalisierung in der Tadaschikischen (A)SSR in den 20er und 30er Jahren. Veröffentlichungen: Vom Geist der Gesetze in Zentralasien, in:  WeltTrends 2001, H. 31; Legal and Other Deaths in Kyrgyzstan: A Legal Cultural of Capital Punishment, in: Sarat, Austin/Boulanger, Christian: Cultural lives of Capital Punishment: Worldwide Perspective, Stanford 2005. Jerzy Kochanowski Prof. Dr. phil., geb. 1960 in Warschau, seit 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Historischen Instituts der Warschauer Universität, 1991 Promotion, 2001 Habilitation, Juni 2000 bis Mai 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts Warschau, Juni 2005 Rückkehr an die Universität Warschau, seit 2003 Mitglied der Redaktion von Przegląd Historyczny, Mitarbeiter von Karta. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Niemcy w Polsce 1945–1950 [Deutsche in Polen 1945–1950], Warschau 2000; W polskiej niewoli. Niemieccy jeńcy wojenni w Polsce 1945–1950 [In polnischer Gefangenschaft. Deutsche Kriegsgefangene in Polen 1945–1950], Warschau 2001 (dt. Ausgabe: Osnabrück 2004), Koautor: Grenzen der Freundschaft: Zur Kooperation der Sicherheitsorgane der DDR und der Volksrepublik Polen zwischen 1956 und 1989, Dresden 2000.  Vladmir I. Korotaev Prof. Dr., geb. 1940, Historiker, Professor seit 2000, Studium in Leningrad, dort Aspirantur, Arbeit am Polytechnischen Institut Chabarovsk und an der Universität Syktyvkar, seit 1990 an der Fakultät der Vaterländischen Geschichte der Pomorskij Universität Archangel’sk: Veröffentlichungen u. a.: Sud’ba »russkoj idei« v sovetskom mentalitete (20–30-e gg.) [Das Schicksal der »russischen Idee« in der sowjetischen Mentalität], Archangel’sk 1993; Russkij Sever v konce XIX– pervoj treti XX veka: Problemy modernizacii i socijalnoj ekologii, [Der russische Norden vom  Ende des 19. bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts: Probleme der Modernisierung und der Sozialökologie], Archangel’sk 1998 (Dissertation); Na poroge demografičeskoj katastrofy: Prinudel’naja kolonizacija i demografičeskij krizis v Severnom kraje v 30- gody XX veka [An der Schwelle zur demographischen Katastrophe. Zwangskolonisierung und demographische Krise in der Nordregion in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts], Archangel’sk 2004. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987 bis 1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus, seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Blaue Hemden – rote Fahnen. Die Geschichte der Freien deutschen Jugend, Opladen 1996; Hrsg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Kleine Geschichte der DDR, 4. Aufl. München 2004; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung; Begründer und Redakteur des Newsletters Aktuelles aus der DDR-Forschung in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Jean-Jacques Marie Prof. agrégé, emeritiert. Veröffentlichungen u. a.: Les Paroles qui ébranlèrent le monde. Anthologie bolchevique, 1917–1924, Paris 1967; Die ersten 15 Jahre der IV. Internationale, Dortmund 1979; Trotsky, Paris 1998 ; Le Goulag. Que sais-je?, Paris 1999; Staline, Paris 2001; Le trotskysme et les trotskystes. D’hier à aujourd’hui, l’idéologie et les objectifs des trotskystes à travers le monde, Paris 2002; Lenine. Biographie, Paris 2004. Hanno Müller Journalist, geb. 1959 in Leipzig, Studium der Journalistik in Leipzig, seit 1985 als Journalist tätig, seit 1993 Leiter des Ressorts Wochenendbeilage der Thüringer Allgemeinen. Veröffentlichungen: Recht oder Rache? Buchenwald 1945–1950. Betroffene erinnern sich, Frankfurt/Main 1991.  Werner Müller  Prof. Dr., geb. 1946, 1976 Promotion in Bonn, 1977 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hochschulassistent in Mannheim, 1986 Habilitation, seit 1994 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Rostock. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des deutschen Kommunismus, der DDR, zur Geschichte von Parteien und Gewerkschaften. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964 bis 1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984 bis 1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Mithrsg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Peter Ruggenthaler Dr. phil., geb. 1976, Geschichts- und Russisch-Studium in Graz und St. Petersburg, seit 1998 Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, Promotion 2003, Veröffentlichungen u. a.: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde: Sowjetische ÖsterreichPolitik 1945 bis 1953/55, in: Karner, Stefan/Stelzl-Marx, Barbara (Hrsg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Beiträge. Graz/Wien/München 2005, S. 649–726; Mit Stefan Karner: Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft auf dem Gebiet des heutigen Österreich 1939–1945, Wien/München 2004. Matthias Uhl Dr. phil., geb. 1970, 1990 bis 1996 Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Osteuropäischen Geschichte in Halle und Moskau; 1996 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg; 2000 Promotion; 2001 bis 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berliner Abteilung des Instituts für Zeitgeschichte, seit Juli 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts Moskau. Veröffentlichungen u. a.: Stalins V-2. Der Technologietransfer der deutschen Fernlenkwaffentechnik in die UdSSR und der Aufbau der sowjetischen Raketenindustrie 1945 bis 1959, Bonn 2001; Koautor: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert, München 2003; Mithrsg.: Chruschtschow und die Mauer. Eine Dokumentation, München 2003; Mithrsg.: Das Buch Hitler, Bergisch-Gladbach 2005. Alexander Vatlin Prof. Dr.; geb. 1962, Studium der Geschichte, Aspirantur und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Moderne Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität, 1988 bis 1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Geschichte der Komintern am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, 1997 Dozent am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität, 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«, Professor an der Lomonossow-Universität. Veröffentlichungen u. a.: Die Komintern 1919–1929, Mainz 1993; Mithrsg.: Das erste Tribunal. Das Moskauer Parteiverfahren gegen Brandler, Thalheimer und Radek, Mainz 1993; Germanija v XX. veke [Deutschland im 20. Jahrhundert], Moskau 2002; Mithrsg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Tatort Kunzewo. Opfer und Täter des Stalinschen Terrors 1937/38, Berlin 2003; Mithrsg.: Piggi Foxy and the Sword of Revolution. Bolshevik Self-Portraits. New Heaven/London 2006. Olga Velikanova Dr. phil., Assistant professor an der Dalhousie University, Halifax (Canada), Ausbildung zur Historikerin an der Universität St. Petersburg (Russland), Stipendiatin zahlreicher internationaler Stiftungen u .a. Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Volkswagen-Stiftung, Friedrich-EbertStiftung. Veröffentlichungen u. a.: Making of an Idol: On Uses of Lenin, Göttingen 1996, The Public Perception of the Cult of Lenin Based on the Archival Materials, Lewiston, N. Y. 2001; The Myth of the Besieged Fortress. Soviet Mass Perception in the 1920s-1930s (= The Stalin-Era Research and Archives Project. University of Toronto. Working Paper no 7), Toronto 2002. Gerrit Voerman  Dr. phil., geb. 1957, Historiker, Direktor des Dokumentationszentrums für Niederländische Politische Parteien an der Universität Groningen, studierte von 1977 bis 1985 an der Universität Groningen, Promotion 2001. Veröffentlichungen u. a.: De meridiaan van Moskou. De CPN en de Communistische Internationale 1919–1930, Amsterdam/Antwerp 2001 (Dissertation); Koautor: Verloren illusie, geslaagde fusie? GroenLinks in historisch en politicologisch perspectief, Leiden 1999; Koautor: Om de stembus. Verkiezingsaffiches 1918–1998, Amsterdam 2002; Koautor: Handelsreiziger in revoluties. Fré Meis (1921–1992), Zutphen 2002.  Hermann Weber Prof. Dr. Dr. h. c., geb. 1928, 1943/44 Lehrerbildungsanstalt, 1945 KPD-Mitglied, 1947 bis 1949 SED-Parteihochschule Karl-Marx, Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung bis zur Absetzung durch Erich Honecker, 1954 Ausschluss aus der KPD, seit 1955 Mitglied der SPD, 1964 bis 1968 Studium in Marburg und Mannheim, 1968 Promotion, 1970 Habilitation, seit 1973 Professor, 1975 bis 1993 Ordinarius, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim bis zur Emeritierung 1993, seit 1981 Leiter des Forschungsschwerpunktes DDR-Geschichte an der Universität Mannheim. Veröffentlichungen u. a.: Ulbricht fälscht Geschichte, Köln 1964; Die Wandlung des deutschen Kommunismus, 2. Bde., Frankfurt a. M. 1969; Das Prinzip links, Hannover 1973; Hauptfeind Sozialdemokratie, Düsseldorf 1982; Geschichte der DDR, München 1985; Mit Gerda Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002; Mithrsg.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; Mit Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006. Gründer und Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung seit 1993. Felix Wemheuer Dr. phil., geb. 1977 Bad Harzburg, 1998 bis 2004 Magisterstudium der Politik Ostasiens an der Ruhr-Universität Bochum, 2000 bis 2002 Studium der Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas an der Volksuniversität (Peking), seit 2004 Universitätsassistent am Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie an der Universität Wien, 2006 Promotion zum Thema »Steinnudeln: Ländliche Erinnerungen und staatliche Vergangenheitsbewältigung der ›Großen Sprung‹Hungersnot in der chinesischen Provinz Henan«, Veröffentlichungen u. a.: Chinas ›Großer Sprung nach vorne‹ (1958-1961): Von der kommunistischen Offensive in die Hungersnot – Intellektuelle erinnern sich, Lit-Verlag, Münster 2004. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Dr. rer. pol., 1976 bis 1980 Wiss. Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin (FU), 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU, 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Bundestagsenquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Entstalinisierung. Der 20. Parteitag und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977; Mithrsg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980/81, Berlin 1995; Hrsg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006. Mithrsg.: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung.

JHK 2007

Zwangskoloniserung, Scheinurbanisierung und Seuchen. Zur Demographie der Nordregion im Stalinschen Totalitarismus 1929 bis 1941

Vladimir I. Korotaev

Das Phänomen des Totalitarismus wird von russischen Wissenschaftlern bis heute diskutiert. Schon Nikolaj Berdjaev, Nikolaj Losskij und Georgij Fedotov schreiben den Russen einen Hang zum totalitären Denken zu. Die Neigung zum Totalitären wird in den Übergangsperioden der russischen Geschichte wie den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts besonders deutlich. Daher ist es selbstverständlich, dass Forscher den Begriff »Totalitarismus« gebrauchen oder ihn durch einen ähnlichen Begriff umschreiben, der ihrer Weltanschauung besser entspricht. Generell gibt es jedoch wenig Zweifel daran, dass man den Begriff auf die Stalinsche Epoche anwenden kann. So bezeichnete der Direktor des Instituts für Russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Aleksej N. Sacharov, das Stalinsche Regime als »neues totalitäres System«.[1] Diese Tatsachen erlauben es, den Begriff »Totalitarismus« in Bezug auf die 30er Jahre zu verwenden, da er eine treffende und dem Geist dieser Jahre entsprechende Bezeichnung ist. Der sowjetische Totalitarismus beruhte strukturell auf der Formel des russischen Bildungsministers Sergej Uvarov (im Amt 1833 bis 1849) »Orthodoxie – Autokratie – Volkstum« (pravoslavie – samoderžavie – narodnost’), denn seine Grundlagen waren die orthodoxe Lehre des Marxismus-Leninismus, der Stalin-Kult und das sowjetische Volk, das im Geiste der Lehre und des StalinKults erzogen wurde. Der Begriff »Stalinscher Totalitarismus« würde ohne die Untersuchung seiner sozialen Basis und v. a. ohne die Erforschung der Marginalisierten unvollständig sein. Die Marginalisierten waren in ihrer Mehrheit Bauern, die während der Kollektivierung von ihrem Land und ihrer traditionellen Kultur getrennt worden waren. Freiwillig oder gezwungenermaßen wurden sie auf Initiative des Zentralkomitees der VKP (b) in neue Siedlungsgebiete verschickt. Auch die entstehende sowjetische Massengesellschaft wurde von den Marginalisierten gebildet, deren Werte die neue Gesellschaft prägten. Diese gingen auf die vorindustrielle traditionelle Gesellschaft zurück und umfassten die nivellierende Güterverteilung, den Kollektivismus, die gegenseitige Unterstützung bei der Arbeit und eine aufopferungsvolle Askese.[2] Dagegen stützte sich der Prozess der sowjetischen Industrialisierung auf die Aneignung von Wissenschaft, Technik und Technologie der führenden westlichen Länder. Er war eine forcierte und aufholende Modernisierung, um auf dieser Grundlage die Volkswirtschaft selbstständig weiterzuentwickeln. Demographische Aspekte des Stalinschen Totalitarismus sind für Historiker relativ neue Forschungsgegenstände. Das Thema wurde bisher v. a. von Geographen, Demographen und Ökonomen behandelt. Die historische Demographie ist erst in der Entstehung begriffen. In den 90er Jahren wurde durch die Historische Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften der »Wissenschaftliche Beirat für historische Demographie« ins Leben gerufen, der 2000 und 2001 zwei Bände unter dem Titel Die Bevölkerung Russlands im 20. Jahrhundert herausgegeben hat. Hier wurden Fragen der historischen Demographie in einer wesentlich breiteren thematischen Vielfalt dargestellt als in früheren Publikationen.[3] Neben demographischen Aspekten werden in der folgenden Darstellung auch andere Begriffe eine Rolle spielen, die einer kurzen Erläuterung bedürfen. »Demographische Krise« wird die größtmögliche Verschlechterung demographischer Indikatoren im Vergleich zur Normalsituation genannt. Jedoch sollte man eine demographische Krise nicht als unumkehrbare Sackgasse oder eine gesellschaftliche Degradation verstehen. Sie ist eines der Stadien im demographischen Prozess. Sie entsteht, wenn eine stabile Entwicklung gestört wird und eine Korrektur der demographischen Politik erforderlich ist. Sie ist genau wie der Anstieg, der Fall oder die Stagnation ein »natürliches« Stadium in der sozialen Entwicklung. Anatolij Višnevskij hat festgestellt, dass in der Sowjetunion bis zum Beginn der 60er Jahre »die Frage nach der Notwendigkeit einer spezifischen demographischen Politik nicht gesehen wurde«. Erst nach der Verschärfung der demographischen Situation – besonders wegen des Geburtenrückgangs zu Beginn der 60er Jahre – sah sich die sowjetische Führung zur Formulierung einer »demographischen Politik« gezwungen.[4] Auch wenn es bis in die 60er Jahre keine demographische Politik gab, heißt das jedoch nicht, dass der Staat keinen Einfluss auf demographische Prozesse nahm. Er nahm mit Sozialpolitik, Umsiedlung, Deportationen und anderen Maßnahmen mittelbar und unsystematisch darauf Einfluss. Andere Schlüsselbegriffe für die vorliegende Arbeit sind »Kolonisierung« und »Zwangskolonisierung« (speckolonizacija, wörtlich: Spezialkolonisierung). Der erste Begriff ist selbsterklärend, der zweite bedarf einer Erläuterung. Der Begriff tauchte zuerst 1929/30 in offiziellen, aber geheim gehaltenen Dokumenten auf. »Zwangskolonisierung« bezeichnet die erzwungene Kolonisierung der nördlichen und nordöstlichen Randzonen der Sowjetunion durch Deportierte und Häftlinge (analog zu Aleksandr S. Achiezers Begriff »Zwangsmigration«). Die Kolonisierung der sowjetischen Randgebiete war eine Einwirkung staatlicher Politik auf bestimmte Bevölkerungsgruppen mit der Zielsetzung, Migrationsbewegungen in die »richtige« Richtung zu lenken. In den 20er Jahren geschah dies v. a. durch verwaltungstechnische und wirtschaftliche Maßnahmen, seit Ende der 20er Jahre verstärkt durch repressives staatliches Handeln. Diese Feststellung erlaubt, unsere Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Zwangskolonisierung zu richten, die ein wichtiges Instrument des Stalinschen Totalitarismus darstellte, aber gleichfalls im historischen Kontext der staatlichen Kolonisierungs- und Umsiedlungspolitik zu betrachten ist.  Die Nordregion (Severnyj kraj) wurde 1929 als administrative Einheit der RSFSR geschaffen und bestand aus den Gouvernements (gubernii) Archangel’sk, Vologda und Severnodvinsk sowie dem Autonomen Bezirk der Komi. 1936 wurde der Autonome Bezirk Komi aus der Nordregion ausgegliedert und erhielt den Status einer Autonomen Republik (ASSR). Im Jahr 1937 wurde die Nordregion bereits wieder aufgelöst und in die Gebiete (oblasti) Archangel’sk und Vologda zerlegt. Die Nordregion bestand also nur acht, für unseren Betrachtungszeitraum allerdings entscheidende Jahre. Bei der Erläuterung der Vorgeschichte und der Folgen der demographischen Krise der 30er Jahre wird deshalb neben Nordregion auch die Bezeichnung »russischer Norden« benutzt, die in Russland allgemein üblich ist. Im »russischen Norden« war an der Wende zum 20. Jahrhundert eine ungewöhnlich hohe Bevölkerungszunahme in den Arbeitersiedlungen und Städten zu beobachten. Zugleich stagnierten das Wachstum der Landwirtschaft und der traditionellen Gewerbe. Neben die freiwillige Zuwanderung trat ab 1930 die staatlich erzwungene Migration (Zwangskolonisierung und die Inhaftierung in den Lagern des GULag). Dies konnte nur zu einer demographischen Krise führen, da die natürlichen Reproduktionsprozesse der Bevölkerung gestört wurden. Die »Bevölkerungsexplosion« der 30er Jahre hätte allerdings nicht zu einer demographischen Katastrophe führen müssen. Warum dies trotzdem geschah, ist Thema der folgenden Ausführungen. Die sowjetische Wirtschaftspolitik folgte dem Muster der aufholenden Modernisierung. Das Moskauer Zentrum orientierte sich am Entwicklungsstand des Westens und diktierte der Peripherie sein Programm. Die Peripherie ist nach Vladimir Kaganskij eine Rohstoffquelle und der Ort, an dem die vom Zentrum gestellten Aufgaben ausgeführt werden.[5] Diese regionalen Aufgaben, die v. a. durch das Zentralkomitee der VKP (b) festgelegt wurden, waren an die für den gesamten Staat formulierten Planaufgaben gekoppelt. So erhielt die Nordregion den Status einer »Abteilung für Valutabeschaffung«. Sie diente dazu, Devisen zur Finanzierung der Industrialisierung zu erwirtschaften. Die Hauptquelle der Valutaeinnahmen stellte der Export von Holz und anderen Erzeugnissen des »holzindustriellen Komplexes« dar. Das Stalinsche Regime machte sich auch hier die imperiale Tradition zu eigen, eigenmächtigen Entscheidungen des Selbstherrschers den Vorzug zu geben. Sie erhielten normativen Charakter und wurden ohne Skrupel mit Zwang und Repressionen durchgesetzt. Statt eines natürlichen Urbanisierungsprozesses konnten so seit Ende der 20er Jahre nur »Oasen« der Urbanisierung entstehen. Dies geschah in der Regel im Zuge der Errichtung von Betrieben der Holzindustrie und von Anlagen für die Schifffahrt. In den 30er Jahren kamen Zellulosekombinate und andere Großbetriebe hinzu, die mit Hilfe der Zwangsarbeit von Deportierten errichtet wurden. Daher rührt die spezifische Natur der Urbanisierung in der Nordregion, die sie von den zentralen Regionen der Sowjetunion unterscheidet. Demographische Lage in den Städten der Nordregion Beginnen wir unsere Betrachtung der demographischen Situation in der Nordregion nicht mit dem Jahr ihrer administrativen Gründung 1929, sondern mit der Neuen Ökonomischen Politik (NĖP). Die NĖP – beschlossen 1921 – begann faktisch erst nach Ende des Bürgerkriegs 1922 und war eine Politik wirtschaftlicher Liberalisierung. Zwischen 1923 und 1925 hatte sie positive Auswirkungen auf die demographische Situation im Norden. Dies galt v. a. für die Stadt Archangel’sk. Zunächst kehrten die Rotarmisten und Stadtbewohner zurück, die Archangel’sk zwischen 1914 und 1922 verlassen hatten. Saisonarbeiter nahmen erneut ihre Tätigkeit in den wiedereröffneten Fabriken und im Transportwesen auf. Dies führte zu einem starken natürlichen und mechanischen Bevölkerungszuwachs. Allerdings fiel der natürliche Bevölkerungszuwachs im Gouvernement Archangel’sk in der Mitte der 20er Jahre geringer aus als in den benachbarten Gouvernements. Nach der Volkszählung von 1926 betrug er im Gouvernement Archangel’sk 19,4 je 1 000 Einwohner, im Gouvernement Vologda 23,3 und im nördlichen Teil des Gouvernements Severodvinsk 24,1. Der Durchschnitt des europäischen Teils Russlands betrug 23,0 Einwohner je 1 000 Einwohner.[6] Die Liberalisierung im Wirtschaftssektor war nicht von Dauer. Schon seit Mitte der 20er Jahre setzte das ZK der VKP (b) auf eine »Rationalisierungspolitik«, die die Geldakkumulation für die Industrialisierung zum Ziel hatte. Diese Politik hatte sofortige Rückwirkungen auf das Lebensniveau der Bevölkerung. In der Stadt Archangel’sk fiel das natürliche Bevölkerungswachstum von 18,0 je 1 000 Einwohner (1926) auf nur noch 5,0 (1929). Die Nordregion wurde 1929 von einer demographischen Krise erfasst, deren gesamtes Ausmaß erst am Beginn der 30er Jahre sichtbar wurde. Dazu trug v. a. die epidemiologische Situation bei. Sie führte zu einem schnellen Anstieg der Sterblichkeit in der Gesamtbevölkerung, besonders unter den »Spezialumsiedler« (specpereselency) genannten und in die Nordregion  deportierten Zwangskolonisten (im Unterschied zu den Häftlingen des Gulag). Im Zeitraum von 1926 bis 1930 stieg die Sterblichkeit der Bevölkerung von Archangel’sk um das 1,8-fache. Die Kindersterblichkeit wuchs innerhalb des Jahres 1929/30 auf  das Doppelte (von 140 auf 280 je 1 000 Geburten). Besonders hoch war die Sterblichkeit im Kreis Majmaksa, wo ein großer Teil der Holzfabriken des Gouvernements Archangel’sk angesiedelt war: Innerhalb von sieben Monaten stieg im Jahr 1931 dort die Sterblichkeit von 300 auf 350 je 1 000 Geburten.[7] In diesem Zeitraum wuchs die Bevölkerung durch die Deportationen in erster Linie mechanisch. In dieser Hinsicht ist das Urbanisierungsphänomen Murmansk bezeichnend. Seine Bevölkerung nahm binnen zwölf Jahren zwischen 1926 und 1937 um das Zehnfache zu, v. a. aufgrund der Zuwanderung von Spezialumsiedlern und Häftlingen.[8]  Das erstaunliche Bevölkerungswachstum in Murmansk war durch die Entwicklung der Stadt zu einem Zentrum der Hochseefischerei bedingt. Seit Beginn der 30er Jahre vergrößerte sich die Bevölkerung des Kreises Murmansk ebenfalls schnell. Nach den Angaben von Viktor Šaškov wanderten in den Jahren 1930 und 1931 mindestens 40 000 Spezialumsiedler zu.[9] Verglichen mit Murmansk wuchs die Bevölkerung von Archangel’sk langsamer, doch wesentlich schneller als in den anderen Städten der Nordregion. Nach einer auffälligen Verkleinerung der Einwohnerzahl nach der Oktoberrevolution (1917 65 600 Einwohner; 1920 50 500) erholte sich Archangel’sk bis in die Mitte der 20er Jahre (1926 75 500). 1929 begann ein explosionsartiges Wachstum. 1931 hatte die Stadt 141 000, 1935 244 800 und 1939 bereits 281 100 Einwohner. Nach den Berechnungen von Valtentina Žiromskaja wuchs die Einwohnerzahl der Stadt zwischen 1926 und 1937 auf das 3,2-fache an, was mit unseren Daten übereinstimmt. In Vologda wuchs sie dagegen im selben Zeitraum nur auf das 1,5-fache (von 57 100 auf 84 500 Einwohner).[10] An dieser Stelle lohnt es sich, auf die Frage der saisonalen Arbeitsmigration in die Hafenstädte der Nordregion einzugehen. Saisonarbeiter prägten Städte wie Archangel’sk, Onega, Mezen’ und Nar’jan-Mar. Diese Bevölkerungsgruppe hatte wesentlichen Einfluss auf die Größe der Stadtbevölkerung, insbesondere in Archangel’sk. Wie auch in früheren Tagen gab es während der Wintermonate, wenn die Fabriken und die Schifffahrt nur mit halber Kraft arbeiteten, erheblich weniger Saisonarbeiter als in den Sommermonaten. Doch für Archangel’sk war der seit 1929 stark anwachsende Migrantenstrom etwas Neues. Eine lokale Volkszählung am 15. Juli 1930 ergab, dass es in der Stadt 48 233 permanente Einwohner gab. Davon waren 23 380 Arbeiter (48,5 Prozent). Am Tag des Zensus wurden jedoch 84 362 Menschen »angetroffen«, wie es in den Statistiken heißt, davon 54 875 Arbeiter (63,8 Prozent).[11] Wie schon gesagt, erreichte die Einwohnerzahl von Archangel’sk ihren Tiefpunkt 1920, als dort nur 45 266 Menschen lebten (ohne Vororte). Die Einwohnerschaft bestand aus Menschen, die den Kontakt zu ihren Heimatdörfern aufgegeben hatten und darum auch während der Hungerperioden in der Stadt verbleiben mussten.  Während eines Jahrzehnts hatte sich bis zum Jahr 1930 die Einwohnerzahl von Archangel’sk mindestens verdoppelt, wobei ehemalige Saisonarbeiter und andere Migranten aus den Nachbarkreisen und aus anderen Regionen den Löwenanteil ausmachten. Sie waren mehrheitlich Städter in der ersten Generation. Die schnelle Bevölkerungszunahme in den Städten setzte sich auch danach fort, und man kann daher mit Achiezer annehmen, dass bis zum Ende der 30er Jahre eine »Archaisierung« der Städte stattfand, weil die urbane Lebensweise von den bäuerlichen Zuwanderern untergraben wurde. Dies betraf insbesondere auf die neuen Stadtteile zu, in denen es faktisch keine urbanen Strukturen gab. Die Arbeiterviertel hatten lediglich die Funktion, die Arbeitskraft der Arbeiter zu bündeln und zu regenerieren. Der Aufbau und die Finanzierung einer urbanen Infrastruktur genossen dagegen keine Priorität. Die Mehrheit der Arbeitersiedlungen erinnerte in den 30er Jahren an Behelfskonstrukte, die nur zur Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse bestimmt waren. Dies war besonders charakteristisch für die Eisenbahnersiedlungen und die Knotenpunkte von Wasserwegen.  Tabelle 1:  Bevölkerungswachstum in den Arbeitersiedlungen der Nordregion[12]   1926 1931 Zuwachs in Prozent  Kotlasskie Zatony 400 3 000 750,0 Station Obozerskaja 500 1 800 360,0 Station Konoša 500 2 600 520,0 Station Emca 400 1 200 300,0 Station Suchona (mit Fabriken) 600 1 900 316,6 Station Charovskaja (mit Fabriken) 1 000 2 800 280,0 Arbeitersiedlung Sokol 5 900 9 800 183,0 Dagegen wuchsen die ehemaligen Gouvernementhauptstädte Vologda und Velikij Ustjug, wo es weder wichtige Fabriken noch Großbaustellen gab, sowie die ehemaligen Kreisstädte (Sol’vyšegodsk, Grjazovec, Tot’ma usw. – siehe Tabelle 2) langsam und nur aufgrund des natürlichen Bevölkerungszuwachses, egal ob sie nah oder weit entfernt von Transportmagistralen lagen. Auch blieb die Bevölkerung dort oft bei ihren traditionellen Gewerben. In Vologda, das nach Archangel’sk die zweitgrößte Stadt der Region war, verlief die Bevölkerungszunahme organischer und ohne heftige Verwerfungen. Wie am Beginn des 20. Jahrhunderts war Vologda in den 30er Jahren eine typische Transitstation für Migranten, deren Hauptstrom entweder nach Karelien oder in Richtung Archangel’sk und Syktyvkar floss. In den Jahren 1926 bis 1933 betrug der Bevölkerungszuwachs hier 13 700 Menschen, das heißt im Vergleich zu Archangel’sk 12,3 Mal weniger. Dieser Unterschied im Bevölkerungswachstum zwischen Archangel’sk und Vologda ist mit dem zwischen Murmansk (hohes Wachstum) und Petrozavodsk (niedriges Wachstum) in Karelien vergleichbar, weil Volodga und Petrozavodsk strukturell ähnliche Funktion als Transitstationen besaßen. Tabelle 2:  Bevölkerungsentwicklung in den ehemaligen Gouvernement- und Kreisstädten der Nordregion[13]   1926 1931 1934 Zuwachs in Prozent Vologda 81 500 86 400 95 000 106,0 Velikij Ustjug 19 200 23 400 23 600 121,8 Ust’sysol’sk 5 100   22 800 447,1 Sol’vyčegodsk 2 100 2 500     Grjazovec 5 200 5 800     Tot’ma 5 500 6 000     Mezen’ 3 000 3 200     Kargopol’ 3 400 3 900     Vel’sk 3 500 3 500     Kotlas 4 300 5 500     Besondere Aufmerksamkeit sollte in diesem Zusammenhang auf die Städte Velikij Ustjug und Ust’sysol’sk gerichtet werden. Velikij Ustjug war am Ende des 19. Jahrhunderts die drittgrößte Stadt der Nordregion. Als sie 1921 den Status einer Gouvernementstadt erlangte, schöpfte der Ort neue Kräfte. Zwischen 1926 und 1931 vergrößerte sich die Bevölkerung auf das 1,6-fache, nämlich von 19 200 auf 23 400 Bewohner. Nachdem sie jedoch auf den Status einer Kreisstadt zurückgestuft worden war, wurde diese Entwicklung unterbrochen. Auch das Tempo des natürlichen Bevölkerungswachstums verringerte sich. 1931 wuchs die Bevölkerung nur um 200 Menschen (von 23 400 auf 23 600 Bewohner). Ust’sysol’sk entwickelte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg langsam und v. a. aufgrund des natürlichen Bevölkerungszuwachses. Während der Bürgerkriegsjahre verringerte sich die Stadtbevölkerung fast um die Hälfte auf 2 800 Einwohner im Jahr 1920. Als 1921 der Autonome Bezirk Komi geschaffen wurde, begann eine schrittweise Erholung (1926 hatte die Stadt 5 070 Einwohner).[14] Während der ersten Fünfjahrpläne begann die Bevölkerung dann schnell zu wachsen. Im Zeitraum zwischen 1. Januar 1934 und 1. Januar 1935 erhöhte sich ihre Zahl um 18 Prozent (von 22 800 auf 26 900 Einwohner).[15] Bis Mitte der 30er Jahre hielten nicht alle der sich noch bis vor kurzem schnell entwickelnden Eisenbahnstationen mit dem hohen Bevölkerungswachstum mit. Einige, wie zum Beispiel Konoša, verharrten auf demselben Niveau. Wo es Transportknotenpunkte und industrielle Entwicklung gab (wie zum Beispiel in Kotlas) oder wo sich große Fabriken befanden (wie in Sokol), vergrößerte sich die Bevölkerung schnell. Kreisstädte, die in ländlichen Regionen lagen, wuchsen wie vorher nur im Rahmen der natürlichen Bevölkerungszunahme. Nach den Daten der Volkszählungen wuchs der Anteil der Stadtbevölkerung in der Nordregion zwischen 1897 und 1939 von 5,6 Prozent auf 23,6 Prozent (in absoluten Zahlen von 94 916 auf 749 434 Menschen). Dabei war der Anstieg in den 30er Jahren am höchsten, als die Gesamtbevölkerung der Region auf das 1,9-fache anwuchs.[16] Die Ursachen für den Zuwachs lagen in der aufholenden Modernisierung und dem damit verbundenen mechanischen Bevölkerungszuwachs durch Zuwanderung. Die demographische Situation in der Nordregion zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts kann damit insgesamt als angespannt qualifiziert werden. Sie stand immer am Rand einer Krise und entwickelte sich in den 30er Jahren zu einer solchen. Die Gründe lagen in der einseitigen wirtschaftlichen Entwicklung der Region, die sie von äußeren Faktoren (insbesondere den Exportmärkten) und von der Wirtschafts- und Sozialpolitik des Zentrums abhängig machte. Deportation, Zwangskolonisierung, Zwangsarbeit Anfang 1929 entschied sich das Zentralkomitee der VKP (b) – unter ungünstigen demographischen Bedingungen –, das Problem des Arbeitskräftemangels zu lösen. Die Arbeitskraft sollte dabei möglichst kostengünstig eingesetzt werden. Im Machtapparat kursierten alle möglichen Projekte. Am 13. April 1929, als der erste Fünfjahrplan beschlossen wurde, erläuterten die Volkskommissariate für Justiz und Inneres sowie der Geheimdienst OGPU (Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung) dem Ministerrat der RSFSR in einem Bericht, dass die Einrichtung von Konzentrationslagern unabdingbar sei, in denen die Arbeitskraft von Häftlingen eingesetzt werden könne.[17] Auf Grundlage dieses Berichts beschloss das Politbüro am 29. Juni 1929 die Entschließung »Über den Gebrauch der Arbeitskraft von Strafgefangenen«. Im Anhang zu diesem Beschluss wurde angeordnet, »die bestehenden Konzentrationslager zu vergrößern und neue zu organisieren (in Usta und anderen abgelegenen Gebieten) mit dem Ziel der Kolonisierung und der Ausbeutung ihrer Naturreichtümer durch die Heranziehung der Arbeitskraft von Häftlingen«.[18]  Schon drei Tage nach Absendung dieses Berichts schrieb der stellvertretende Vorsitzende des OGPU, Genrich Jagoda, einen Brief an Ejchmanis, Mejer und andere verantwortliche Mitarbeiter des OGPU, der eine Begründung für die Notwendigkeit der Kolonisierung neuer Gebiete durch Häftlinge enthielt. Dabei schlug er vor, »die Lager noch vor Ablauf der Strafe in Kolonistendörfer umzuwandeln«. Der Inhalt des Briefes ließ an Klarheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Wir müssen den Norden im schnellsten Tempo kolonisieren.«[19] Die Parteiführung und das OGPU handelten im Einverständnis und hielten es für notwendig, den Norden mit Gefangenen ohne Rückkehrrecht in die Heimat zu besiedeln. Die Direktive über die Zwangskolonisierung des Nordens nahm mit dem Beschluss des Ministerrats der RSFSR »Über Maßnahmen zur speziellen Kolonisierung der Nordregion, Sibiriens und des Uralgebiets« vom 18. August 1930 Gesetzesform an.[20] Der Beschluss wurde während der Kollektivierungskampagne gefasst. Daraus wird ersichtlich, wie eng beide Prozesse miteinander verbunden waren.  Für »Kulaken« der zweiten Kategorie war von Beginn der Kollektivierungskampagne an geplant, sie in den Norden, den Ural oder weiter nach Osten zu verschicken. Der genannte Ministerrats-Beschluss forderte, »die Arbeitskraft der Spezialumsiedler maximal bei der Holzverarbeitung, in der fischverarbeitenden Industrie und anderen Industriezweigen der abgelegenen Gebiete zu benutzen, die dringend Arbeitskraft benötigen«[21]. Der Nordregion wurde als »Abteilung zur Valutabeschaffung« besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Sie lag näher als andere periphere Rohstoffregionen an den ausländischen Märkten und hatte erstklassige Meereshäfen, über die ein Großteil des Holzexports abgewickelt wurde. Mit der Durchführung der Zwangskollektivierung und der Kulakendeportationen (»Entkulakisierung«) schuf das Zentrum neben politischen und kriminellen Häftlingen, die bis 1929 das Gros der Zwangsmigranten in der Nordregion bildeten, eine neue Kategorie von Deportierten. Diese Spezialumsiedler (specpereselency) sollten nach dem Willen der Machthaber den Kolonisierungsprozess in den nördlichen und östlichen Randgebieten der Sowjetunion entscheidend vorantreiben.  Das Gebietsparteikomitee der Nordregion war ebenfalls daran interessiert, Zwangsarbeit zu nutzen und damit die Kolonisierung der Region zu beschleunigen. Am 27. Januar 1930 kam das Komitee zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen und behandelte den Tagesordnungspunkt »Über die Aufnahme und Verteilung der entkulakisierten Familien innerhalb der Region«. Auf Beschluss des Komitees wurde eine Kommission gebildet, der aufgetragen wurde, »auf der Grundlage des Vorschlags des Bevollmächtigten Vertreters des OGPU und der Ausführungen, die im Namen des Zentralkomitees in dieser Frage gemacht wurden, einen konkreten Plan zur Nutzung der erwachsenen arbeitsfähigen Bevölkerung aus den Reihen der Umgesiedelten zu erstellen und deren Verschickung in die Gebiete der ständigen Ansiedlung zu planen.«[22] Die Kommission erarbeitete den »Plan zur Ansiedlung der Kulakenschaft in der Nordregion«, der am 31. Januar 1930 beschlossen wurde. Neben der Verschickung der Deportierten war darin festgelegt, dass zur »Ausstattung der Baracken« »kein besonderer Aufwand mit Baumaterialien betrieben werden« und aus den »Vorräten auf den lokalen Märkten« bewusst nur Holz »der schlechtesten Qualität« zur Verfügung gestellt werden solle.[23] Nach Ansicht des Gebietsparteikomitees der Nordregion sollte die Kolonisation »in erster Linie industriellen Charakter« haben. Die Deportierten figurierten dabei als »Kader für die verstärkte Beschaffung von Holz«, an der Nordmeerküste sollten sie in der »Jod- und Fischindustrie« arbeiten.[24] Diese Arbeitskräfte sollten mit Brot, Kartoffeln und Kohl versorgt werden, wobei 1 300 Kalorien je Arbeiter vorgesehen waren. Diese Hungernorm war vom Volkskommissariat für Handel der RSFSR festgelegt und vom Büro des Gebietsparteikomitees am 15. Mai 1930 bestätigt worden.[25] Die »entkulakisierten« Bauern wurden als verfügbare und günstige Arbeitskraft betrachtet, um die man sich nicht weiter kümmern musste. Erst Monate nach der Verschickung begannen die lokalen Funktionäre, sich um die Effektivität der Arbeit und das Überleben der Deportierten zu kümmern. Am Ende der 20er Jahre war der Übergang von der freiwilligen, aber ineffektiven Besiedlung der Nordregion zur erzwungenen Kolonisierung vollzogen. Dieser Übergang zu neuen Methoden war unausweichlich, weil er durch die extremen Vorhaben des Zentrums, die mit herkömmlichen Methoden unerfüllbar waren, ausgelöst wurde. Die lokale Bevölkerung erwies sich in ihrer Mehrheit als leidensfähig und opferbereit für die »große Zukunft« der Region und des ganzen Landes. 1927 gab es nur 300 Umsiedler in der Nordregion, 1928 500 und 1929 2 700. Im Jahr 1930 schnellte ihre Zahl durch die Spezialumsiedler auf 146 400 in die Höhe.[26] Mit dem Beginn des Ersten Fünfjahrplans hatte sich die Zuwanderung von Migranten verstärkt: 1927/28 um 66,7 Prozent, 1928/29 auf das 5,4-fache, 1929/30 auf das 54,2-fache. Trotz dieser Zahlen war die Zuwanderung nicht ausreichend. Viele blieben nicht für längere Zeit, sondern wandten sich dorthin, wo man ihrer Meinung nach besser verdienen und besser leben könne. In der Nordregion hielten sich am 29. November 1929 in der Zuständigkeit des OGPU 2 858 Deportierte auf, davon 2 455 (85,9 Prozent) »Kulaken und sozial schädliche Elemente«, 100 »Geistliche und Sektenmitglieder« sowie 62 »antisowjetisch eingestellte« Intelligenzler. Hinzu kamen noch circa 2 000 »verbannte Straftäter«, für die das Volkskommissariat für Inneres zuständig war.[27] Dieser Personenkreis war 1929 schon 1,8-mal so groß wie die Zahl der freiwillig Umgesiedelten. Nach den Angaben des OGPU lehnten die »politischen« Häftlinge Arbeitstätigkeiten nicht ab, nur die Strafgefangenen müssten zur Arbeit gezwungen werden. »Politische« gab es zu wenige, und die Strafgefangenen waren nur unter Schwierigkeiten zur Arbeit zu bewegen. Letztere wurde v. a. zu schwerer Arbeit herangezogen, für die dann in der Regel »entkulakisierte« Deportierte »einspringen« mussten. Die massenhafte Deportationen »entkulakisierter« Bauern in die Nordregion begann im Frühjahr 1930. Noch Mitte Januar 1930 berieten die Gebietsfunktionäre über die Art des Arbeitseinsatzes für die circa 5 000 Deportierten – ob sie nur zu Hilfsarbeiten herangezogen oder selbstständig zu schweren Arbeiten eingesetzt werden sollten. Am 16. Januar 1930 entschied das Büro des Gebietsparteikomitees in dieser Frage »die auf administrativem Weg Verschickten von selbstständigen Tätigkeiten in den Fabriken und aus Wohnheimen für Arbeiter auszuschließen« und sie nur zu einfachen schwersten Tätigkeiten in den Fabriken unter Isolation von normalen Arbeitern heranzuziehen.[28] Als dann eine große Zahl »Entkulakisierter« eingetroffen war, wandte sich das Gebietsparteikomitee am 19. Juni 1930 mit der Bitte an das Moskauer Arbeitsministerium, »unserem Gebiet sofort 4 000 Arbeiter zu überstellen«.[29] Der Ausschluss von »Zeitarbeitern« oder »Hilfsarbeitern« (wie die »administrativ Verbannten« im bürokratischen Jargon genannt wurden) aus den Fabriken von Archangel’sk hatte politische Gründe. Darüber berichtete der Bevollmächtigte Vertreter des OGPU dem Büro des Gebietsparteikomitees. Er führte aus, man wolle verhindern, dass ausländische Seeleute von der Existenz von Zwangsarbeit in der Sowjetunion erführen und ein internationaler Skandal entstünde, der sich negativ auf den Holzexport auswirken würde.[30] Zu dem Skandal kam es trotzdem, er wurde aber schnell wieder »vergessen«, denn der Holzexport aus der Sowjetunion war in Zeiten der Weltwirtschaftskrise vorteilhaft für alle Seiten.[31] Im einem Bericht über die Ansiedlung der »Kulakenhaushalte« in der Nordregion und ihre Lebensbedingungen wird davon gesprochen, dass nach einem Plan der Zentralregierung bis zum 15. April 1930 45 000 Familien angesiedelt wurden und ihre Zahl bis zum Herbst auf 75 000 (375 000 Menschen) ansteigen sollte. Somit wären 17 Prozent der Bevölkerung außerhalb der Städte Deportierte gewesen.[32] Im Beschluss des Gebietsparteikomitees hieß es, dass »nach dem neuesten Plan« der Zentralregierung 47 350 Familien auf die Gebiete verteilt werden sollen. Nach dem Stand vom 6. Mai 1930 waren 230 065 Deportierte in der Nordregion eingetroffen. In ihrer Mehrheit (77,4 Prozent) waren dies Menschen aus den südlichen Regionen der Sowjetunion, von denen 40,6 Prozent aus der Ukraine stammten, 18,6 Prozent aus dem Zentralen Schwarzerdegebiet, 17,4 Prozent aus dem Gebiet der Unteren Wolga und 0,8 Prozent von der Krim.[33] Die südliche Herkunft der Deportierten führte unter den extremen klimatischen Bedingungen der Nordregion nicht nur zur Entstehung, sondern zu einer Verschärfung der demographischen Krise. Die Krise betraf nicht nur die Deportierten selbst, sondern auch die ansässige Lokalbevölkerung, mit der die Neuankömmlinge besonders in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft Kontakt hatten.  Bis zum 1. Dezember 1930 waren von den Verteilungspunkten aus 103 970 Spezialumsiedler in die entsprechenden Gebiete »zur permanenten Ansiedlung« verschickt worden (45 Prozent). Die übrigen 126 921 Menschen wurden in Eisenbahnwaggons an Ankunftsorte verbracht, an denen sie zunächst bis zum Frühjahr 1931 bleiben sollten. Die an den Verteilungspunkten zurückgebliebenen Frauen, Kinder und Greise verteilte man auf Städte, Eisenbahnsiedlungen und umliegende Dörfer, in nicht auf ihre Ankunft vorbereitete Kirchen, Scheunen und Verschläge. Im Frühjahr 1931 wurden auch sie zu ihren permanenten Siedlungsorten verschickt – in die »Spezialsiedlungen« (specposëlki), die gerade errichtet wurden und deren Bau v. a. in den Jahren 1931/32 erfolgte. Aufgrund des Großen Hungers (golodomor) 1932/33 ging die Zahl der Spezialumsiedler drastisch zurück. Gründe waren Unterernährung, die schlechten Lebensbedingungen an den Ansiedlungspunkten, die hohe Krankheits- und Sterblichkeitsrate und Flucht. Ihre Zahl in der Nordregion verringerte sich zwischen dem 1. Januar 1932 und dem 1. Januar 1934 um 51,5 Prozent. Zum Vergleich: im Uralgebiet um 28 Prozent, in Nordkasachstan um 31,1 Prozent, in der gesamten Sowjetunion um 22,8 Prozent).[34] Die Zahl der Spezialumsiedler stabilisierte sich erst 1935 auf einem Niveau von 67 000 bis 69 000 Menschen. Ausnahmen bilden dabei die Städte Archangel’sk und Majmaksa. Da die Verschickung von Spezialumsiedlern aus diesen Städten in die weiter nordöstlich gelegenen Gebiete wegen des großen Arbeitskräftemangels nicht verwirklicht wurde, erhöhte sich hier ihre Zahl von 4 320 am 7. Mai 1930 auf 9 500 am 1. Februar 1932.[35] Die tatsächliche Verschickung der »sozial fremden Elemente« aus den Städten erwies sich als wesentlich schwieriger als die Beschlussfassung. So wollten die Direktoren des Holzwerks in Majmaksa ihre arbeitsamen ukrainischen »entkulakisierten« Bauern nicht verlieren, weil diese sich schnell die in der Fabrik nötigen Fähigkeiten aneigneten, gut arbeiteten und damit dazu beitrugen, dass der Holzexportplan erfüllt werden konnte. Die Fabrikdirektoren verzögerten die »Herausgabe« der Arbeiter, bis diese 1933 vom Gebietsparteikomitee »legalisiert« wurden. Das kann jedenfalls aus den Quellen geschlossen werden. Der Direktor eines Holzwerks schrieb beispielsweise an seine Vorgesetzten im Severoles-Trust: »Mit Blick auf unser Arbeitskräftedefizit und in Anbetracht der Tatsache, dass eine Reihe von Spezialumsiedlern qualifizierte Arbeiten ausführt (Sägearbeiter, Schlosser usw.) und sie gut arbeiten, hat das Gebietsparteikomitee Ihnen zur Vermeidung eines Mangels an qualifizierten Arbeitskräften das Recht eingeräumt, sich mit der Bitte an den Bevollmächtigten Vertreter des OGPU der Nordregion zu wenden, diese arbeitenden Spezialumsiedler zu amnestieren«.[36] Schon früher hatte der stellvertretende Direktor des Werks dem OGPU mitgeteilt: »In der mir anvertrauten Fabrik gibt es keinen einzigen Spezialumsiedler.«[37] Sicher ging es hier eher darum, die Anwesenheit von Spezialumsiedlern zu verbergen, um die Planerfüllung des Werks sicherzustellen. Von der Existenz der Zwangsarbeiter in den Fabriken wussten alle, nur manchmal war es besser so zu tun, als seien sie nicht vorhanden. Im Februar 1932 schrieb die Verwaltung des Severoles-Trusts an denselben Werkdirektor: »Bis heute arbeitet in unseren Sägewerken eine große Zahl so genannter ›Zeitarbeiter‹ (administrativ Verbannte) und in manchen Fabriken findet man eine große Anzahl von ihnen als Angestellte. […] Für ihren Austausch hat man indes in den Werken bis jetzt rein gar nichts unternommen.«[38] Die Deportierten selbst bemühten sich, schnell qualifizierte Arbeiter zu werden, um nicht als Kolonisten in die nordöstlichen Gebiete der Nordregion weitertransportiert zu werden. Hunger und Epidemien Die größte Anzahl von Zwangsmigranten gab es in der Nordregion (wie in der gesamten Sowjetunion) in den Jahren 1930/31. Dies waren auch die Jahre, in denen es die größten Probleme bei ihrem Transport an die Bestimmungsorte, ihrer Ansiedlung und Versorgung mit Nahrungsmitteln und medizinischer Fürsorge gab, gar nicht zu sprechen von der Schaffung von Arbeitsplätzen, von denen für das Leben und Überleben der Deportierten sehr viel abhing. Die Verantwortlichen in der Nordregion waren mit dieser Aufgabe überfordert. Es war daher kein Zufall, dass an den Sammelpunkten im März und April 1930 34 314 deportierte Menschen (14,9 Prozent) erkrankten, im Gebiet Archangel’sk sogar 76,3 Prozent (26 183 Menschen).[39] Von der 34 314 Erkrankten (6 266 von ihnen waren mit hoch ansteckenden Krankheiten infiziert) starben 3 132 Menschen. Im Gebiet Archangel’sk starben von den 26 183 Erkrankten 1 245.[40] Auch in den südlichen Teilen der Nordregion war die Sterblichkeitsrate hoch. 1930 starben im Gebiet Vologda 3 515 Menschen, im Gebiet Severodvinsk 1 365 Deportierte.[41] Wer nicht starb und sich mit seinem Schicksal nicht abfinden wollte, ergriff noch auf dem Transport oder vom Ansiedlungsort aus die Flucht. 1930 flohen 1 520 Deportierte aus dem Gebiet Severodvinsk und 5 695 aus dem Gebiet Vologda. Ansässige Bauern und Funktionäre in den Dörfern waren den Flüchtlingen behilflich.[42] Das stark absinkende Lebensniveau der alteingesessenen Lokalbevölkerung, die Ankunft einer großen Anzahl Deportierter, die Flucht der Bauern vor der Zwangskollektivierung in Arbeitersiedlungen, Städte und zu den Großbaustellen, Epidemien, die hohe Sterblichkeitsrate und die Zunahme anderer Stressfaktoren zeugen von einer 1930 beginnenden demographischen Krise. Offiziell wurde der Beginn der Flecktyphus-Epidemie von den Funktionären der Nordregion auf den Oktober 1931 datiert. Tatsächlich begann sie wie auch die Verbreitung ansteckender Kinderkrankheiten schon 1930 (siehe Tabelle 3). Höhepunkte erreichte die epidemische Verbreitung von Krankheiten in den Jahren 1930/31 und 1934/35. Allein zwischen Oktober 1931 und dem 10. Januar 1932 waren 5 266 Menschen angesteckt.[43] Die Behörden widmeten den epidemischen Erkrankungen erst erhöhte Aufmerksamkeit, wenn sie sich an Orten zu verbreiten begannen, wo freiwillige Migranten und Zwangsdeportierte in großer Zahl zusammentrafen. Der Personenkreis, der im November 1931 an Typhus erkrankt war, gehörte zum Beispiel zu folgenden sozialen Gruppen: Von den insgesamt 2 371 Erkrankten waren 1 044 Spezialumsiedler (44,0 Prozent), 385 »administrativ Verbannte« (16,2 Prozent), 161 Strafgefangene (6,8 Prozent), 167 Arbeiter (7,0 Prozent) und 614 andere (26,0 Prozent).[44] Insgesamt waren also 67 Prozent der Typhuskranken Zwangsmigranten. Andererseits gab es in der Nordregion (ausschließlich Archangel’sk und Majmaksa) nur 69 Typhuserkrankungen (4,3 Prozent), in Archangel’sk und Majmaksa jedoch 441 Erkrankungen (86,5 Prozent). Im Gebiet der Nenzen war die Eisenbahnstrecke Konoša–Bel’sk der wichtigste Infektionsherd. Dort traten 81 Prozent der Typhuserkrankungen auf. Den ersten Platz bei der Anzahl der Infektionen nahm der Bezirk Komi ein.[45] Dort, wo es nur schlechtes Trinkwasser gab, trat v. a. Bauchtyphus auf, wo die Spezialumsiedler auf engem Raum zusammenlebten, v. a. Flecktyphus. In einem Bericht des OGPU vom 11. Juni 1934, als die Epidemie der Infektionskrankheiten ihren zweiten Höhepunkt erreichte, hieß es, dass die Lage der Spezialumsiedler »in der Holzindustrie« der Sowjetunion »besonders unbefriedigend« sei.[46] Während des Großen Hungers 1932/33 hatte sich die Situation der Spezialumsiedler in verschiedenen Regionen, besonders in der Nordregion und im Uralgebiet, verschlechtert, wie auch der bekannte Historiker Viktor Zemskov feststellte. Nach seinen Angaben überstieg in der Nordregion die Sterblichkeit die Geburtenrate um das 9,6-fache. Zum Vergleich: In Westsibirien betrug dieser Faktor 4,8 und in Ostsibirien 4,5.[47] Nach dem Großen Hunger 1932/33 stabilisierte sich die Zahl der in der Nordregion lebenden Spezialumsiedler. Damit entspannte sich auch die demographische Lage, in der Nordregion allerdings langsamer als im sowjetischen Durchschnitt. Nach den Angaben von Viktor Zemskov näherten sich Geburten und Sterbefälle in der gesamten Sowjetunion bis 1935 einem Verhältnis von 1:1. In der Nordregion überstieg die Sterblichkeit der Deportierten die Zahl der Geburten 1934 um das 5,4-fache und 1935 um das 3,3-fache.[48] Tabelle 3:  Epidemien in der Nordregion 1928 bis 1935. Die erste Zahlenreihe stellt die absolute Zahl der Erkrankungen pro Jahr dar. Die zweite, kursiv gesetzte Zahlenreihe gib die Zahl der Erkrankungen je 10 000 Einwohner an. [49]             Bauchtyphus   Flecktyphus Scharlach Masern  Malaria Ruhr      Pocken     Gesamt 1928 938 517 3 575 4 664 2 466 104 12 12 276   4,0 2,0 14,4 19,0 14,4 4,0 0,04 57,8 1929 1 959 996 5 700 7 264 1 75 1 468 4 18 866   7,9 4,0 23,1 29,3 5,9 5,9 0,01 76,1 1930 4 871 3 325 13 940 21 757 1 839 1 364 22 47 118   10,6 12,3 51,9 81,2 6,8 3,0 0,08 165,9 1931 8 614 9 912 11 637 5 431 2 628 4 046 14 42 312   31,5 32,6 426 12,5 9,6 14,9 0,06 143,8 1932 4 435 5 814 3 732 12 218 3 945 2 018 130 32 342   16,0 21,1 13,7 47,9 14,3 7,3 0,4 120,7 1933 2 612 10 700 1 319 7 456 11 580 1 677 53 35 397   9,0 38,6 4,7 2,7   6,0 0,7 103,5 1934   2 925   3 025   1 138      28 850   4 889      40 827   1935   1 310   1 389   2 055   15 082   38 000   2 883      60 719   Gesamt     79,0   110,6   150,4   192,6   92,8   41,1   1,29   667,8 In der Zwischenzeit hatten sich die Funktionäre in der Nordregion an die Ausbeutung von Zwangsmigranten gewöhnt und forderten im Zentrum ein ums andere Mal neue »Kontingente von Spezialkräften« an. So begründete die Verwaltung des Komiles-Trusts im Februar 1932 die Notwendigkeit der »zusätzlichen Kolonisierung« von Gebieten im Bezirk Komi mit dem »Defizit« an Arbeitskräften.[50] Der stellvertretende Vorsitzende der Planbehörde der Nordregion, Poljakov, bat im Zentrum am 10. August 1936 um »neue Kontingente« von Umsiedlern für industrielle Großbauprojekte, und zwar um 15 500 Menschen.[51] Die lokalen Funktionäre forderten Zwangsarbeiter an, weil es zu wenige freiwillige Zuwanderer gab. Auch stand zu wenig Geld zur Verfügung, um freiwilligen Arbeitern eine ausreichende Bezahlung zu garantieren. Dazu kam, dass zum 31. Juli 1930 die Zahl der Fluchten aus den »Spezialsiedlungen« mit 24 975 die Zahl der in die Region Deportierten um 10 Prozent überstieg.[52] Das hätte vermieden werden können, wenn die Deportierten in der Anfangsphase besser unterstützt worden wären. Die Flucht aus den Kolonistendörfern war zudem schwer zu verhindern. Die Fluchtbewegung dauerte bis zum Ende der 30er Jahre an. 1938 lebten nach den Angaben einer Untersuchung des NKVD (Nachfolger des OGPU) im Gebiet Archangel’sk 89 700 Zwangsdeportierte, von denen 38 700 »persönlich angetroffen wurden, aber 51 000 als Flüchtlinge gezählt wurden«[53]. Nach den Angaben von Viktor Zemskov gab es keine aktiven polizeilichen Ermittlungen, um sie wieder zu finden.  Am Ende der 30er Jahre normalisierte sich das Leben der Spezialumsiedler in der Nordregion schrittweise und die demographische Krise wurde überwunden. 1937 wurden 1 844 Menschen geboren und 1 018 starben, was einen natürlichen Zuwachs von 826 Menschen bedeutete. Die Geburtenrate überstieg damit die Sterberate um das 1,8-fache (Unionsdurchschnitt 1,7). 1938 lag diese Rate bei 1,9 (und 1,99).[54] Eine der Ursachen für diese Entwicklung war die sinkende Konfrontationsbereitschaft der Umsiedler, die mit ihrer Wiedereinsetzung in die Bürgerrechte einherging. Sie bereiteten der Verwaltung und Fabrikdirektionen nun weniger Schwierigkeiten. Die späten 30er Jahre: Deportationen aus Polen und das Wachsen des Gulag Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Der Kriegsbeginn hatte sofortige negative Auswirkungen auf das Lebensniveau in der Sowjetunion, weil die Ausgaben für Rüstung und Militär anstiegen. Als Folge verschlechterte sich auch die demographische Situation erneut. 1940 sank die Geburten- gegenüber der Sterberate im Vergleich zu 1939 von einem Koeffizienten von 21,5 auf 14,7 Promille.[55] Kurz nachdem die sowjetischen Truppen am 17. September 1939 auf polnisches Territorium vorgerückt waren, begannen die Transporte von polnischen »Siedlern und Flüchtlingen« in die Sowjetunion. Ihr rechtlicher Status unterschied sich wenig von dem der Spezialumsiedler. Oftmals wurden sie in leer stehenden Baracken für Deportierte untergebracht, die sich auf der Flucht befanden oder aus anderen Gründen nicht angetroffen wurden. Die größte Anzahl von Deportierten aus Polen gab es am 1. April 1941 im Gebiet Archangel’sk (50 944 Menschen). Geringer war ihre Zahl in der Autonomen Republik Komi (18 772 Menschen) und im Gebiet Vologda (13 357 Menschen). Insgesamt betrug ihre Zahl 83 073.[56] Das ist ein Viertel mehr als die Zahl der Zwangsdeportierten (zum 1. Oktober 1941 61 349 Menschen).[57] Wie am Beginn der 30er Jahre tauchten Probleme bei der Ansiedlung, der Lebensmittelversorgung und der medizinischen Betreuung der Deportierten auf.  Mit der massenhaften Deportation der polnischen »Siedler und Flüchtlinge« setzten erneut epidemische Ausbrüche von Typhus ein, deren Verbreitungsherde an den Transportwegen und in den Siedlungsorten der Deportierten lagen. In der ersten Hälfte des Jahres 1940 begannen in fünf Kreisen des Gebiets Archangel’sk Flecktyphusepidemien. 89 Menschen in der Arbeitssiedlung Nošul’skaja Baza in der Republik Komi erkrankten an Bauchtyphus.[58] Am 1. Dezember 1940 erkrankten in drei Arbeitssiedlungen des Pinegoles-Trusts 119 Menschen an Flecktyphus.[59] Hunger, die fehlende Versorgung mit Vitaminen und die unzulängliche bzw. fehlende Versorgung mit Fleisch und Fisch verursachten die Verbreitung von Skorbut und Tuberkulose.[60] Die führenden Funktionäre der Gebiete Archangel’sk und Vologda sowie der Republik Komi missachteten bei der Ansiedlung der polnischen »Siedler und Flüchtlinge« die Erfahrungen der Vergangenheit. Als Mitte der 30er Jahre die demographische Krise abnahm und sich nur noch stellenweise und diskontinuierlich zeigte, schuf man mit den Massenrepressionen der Jahre 1937/38 und dem Ausbau des Lagersystems des GULag neue Krisenherde. Am Beginn der 30er Jahre war die Zahl der Besserungsarbeitslager (russ.: Ispravitel’no-Trudovye Lagerja, Abk.: ITL) in der Sowjetunion und in der Nordregion langsam angewachsen. In der Sowjetunion gab es 1932 nur 11 Lager, 1933 14, Anfang 1935 15. Erst durch die Massenrepressionen 1937/38 wuchs die Zahl der Lager dramatisch an und erreichte Ende 1939 54.[61]  Der massenhafte Transport von Häftlingen in die Nordregion begann 1937. Anfang 1941 hatte die Nordregion schon 18 ITL mit fast 222 000 Häftlingen. Davon befanden sich 7 ITL in der Republik Komi (110 000 Gefangene), 7 ITL im Gebiet Archangel’sk (100 000 Gefangene) und 4 ITL im Gebiet Vologda (12 000 Gefangene).[62] Ihre Verteilung in der Region hatte dieselben Ziele wie die Zwangskolonisation der frühen 30er Jahre, denn die Lager wurden in den Gegenden errichtet, wo sich auch die »Spezialsiedlungen« befanden. Die große Zahl von Häftlingen in der Republik Komi erklärte sich aus den hier erst kürzlich entdeckten Vorkommen von Kohle, Öl und anderen Bodenschätzen. Um deren Förderung und den Transport zu gewährleisten, wurde eine große Anzahl von Häftlingen zur billigen Verrichtung der Arbeiten benötigt. Zusammen mit den anderen Gruppen von Zwangsmigranten stellten sie mit 300 000 Menschen nicht weniger als 9 bis 10 Prozent der Gesamtbevölkerung der Region. Das scheint im Verhältnis zur alteingesessenen Bevölkerung keine besonders hohe Zahl zu sein, aber man muss einen gewichtigen Umstand beachten: Die unfreiwillig Zugewanderten arbeiteten in den Kernbereichen der Wirtschaft. Sie bauten Fabriken, Eisenbahnen, Arbeitersiedlungen und Städte. Sie waren in der Holzindustrie, im Bergbau und bei Straßenbauarbeiten die wichtigste Ressource von Arbeitskraft. Außerdem arbeiteten sie in engem Kontakt mit der Lokalbevölkerung. Viele der ehemaligen Häftlinge waren nach ihrer Entlassung gezwungen, im Norden zu bleiben, und lebten weiterhin in den Kolonistendörfern und Arbeitersiedlungen, von wo aus sie unter Umständen schnell in die »Zone« der Lager zurückkehren mussten. In den 30er und 40er Jahren bauten die Gefangenen und Deportierten Siedlungen und Dörfer, deren Bevölkerung sich ebenfalls aus diesen Gruppen rekrutierte. Dabei handelt es sich um eine spezifische Form der Urbanisierung. Es ist nicht erstaunlich, dass in diesen Städten urbane Lebensformen weitgehend fehlten oder sich nur keimhaft und in spezifischen Formen entwickelten. Beispielsweise konnte es ein Theater geben, in dem Häftlinge Stücke aufführten, aber keine Kanalisation oder keinen öffentlichen Nahverkehr. So jedenfalls war die Geschichte einiger Städte in der Republik Komi (Vorkuta, Inta, Pečora, Uchta) und im Gebiet Archangel’sk (Molotovsk).  In der demographischen Studie der Nordregion zeigt sich einmal mehr die Gesetzmäßigkeit, dass ein starkes Absinken des Lebensniveaus begleitet von einer massiven und erzwungenen Zuwanderung in einer Gesellschaft Chaos und das Aufkommen von Epidemien verursacht. Dabei erinnerte die Bekämpfung dieser Erscheinungen an kollektive Improvisationen. Folglich konnten die Ursachen für ein erneutes Aufkommen von Epidemien – und damit für die demographische Krise – nicht grundlegend behoben werden und die Krise wiederholte sich in analogen Situationen. Man kann für demographische Krisen vier auslösende Faktoren benennen. Erstens war dies die unkontrollierte Migration der ländlichen Bevölkerung in die Holzfabriken, Arbeitersiedlungen und Städte. Zweitens kamen immer wieder neue Deportiertenkontingente in die Region. Es gibt also einen direkten und engen Zusammenhang zwischen Zwangsmigration und demographischer Krise. Drittens herrschten an den Arbeitsplätzen, den Wohnorten und in den Lagern für alle Bevölkerungsteile extrem schlechte Lebensbedingungen. Viertens wurde mit der Errichtung der Großfabriken (insbesondere der »Zellulose-Papier-Kombinate«) wegen ihrer umweltschädlichen Technologie das ökologische Gleichgewicht zerstört. Die Folge war eine schlechte Qualität des Trinkwassers, die damals sogar amtlich festgestellt wurde. Übersetzung aus dem Russischen von Christian Teichmann (Berlin) [1]  Siehe Ignatovskij, V. P.: Rezension zu Ivanov, Ju. M.: Očerki teorii i praktiki totalitarnogo socializma [Skizzen zur Theorie und Praxis des totalitären Sozialismus], Moskau 1997, in: Voprosy filosofii 1999, H. 1, S. 184 sowie das Rundtischgespräch 50 let bez Stalina [50 Jahre nach Stalin], in: Otečestvennaja istorija 2004, H. 4, S. 199. [2]  Zacharov: A. V.: Massovoe obščestvo v Rossii. Social’no-političeskij analiz [Die Massengesellschaft in Russland. Soziale und politische Analyse], in: Voprosy filosofii 2003, H. 9, S. 9.  [3]  Naselenie Rossii v XX veke. Istoričeskie očerki [Die Bevölkerung Russlands im 20. Jahrhundert. Historische Skizzen]. 2 Bde., Moskau 2000 und 2001. Siehe auch Demografičeskie processy v SSSR 20–80-ch godov (Sovremennaja zarubežnaja istoriografija) [Demographische Prozesse in der UdSSR von den 1920er bis 1980er Jahren (Die aktuelle ausländische Historiographie)], Moskau 1991, S. 5; Poljakov, Ju. A.: Vozdejstvie gosudarstva na demografičeskie processy v SSSR (1920–1930-e gody) [Staatliche Einwirkung auf demographische Prozesse in der UdSSR (1920er und 1930er Jahre)], in: Voprosy istorii 1995, H. 3, S. 122. [4]  Višnevskij, A. G.: Demografičeskaja politika v sovremennom mire [Die demographische Politik in der heutigen Welt], Moskau 1989, S. 5. [5]  Kaganskij, V.: Kul’turnyj landšaft i sovetskoe obitaemoe prostranstvo. Sbornik statej [Kulturlandschaft und sowjetischer Siedlungsraum. Aufsatzsammlung], Moskau 2001, S. 81. [6]  Estestvennoe dviženie naselenija RSFSR za 1926 god [Die natürliche Bevölkerungsdynamik in der RSFSR im Jahr 1926], Moskau 1928, Tabelle 1. [7]  Gosudarstvennyj archiv Archangel’skoj oblasti/Staatsarchiv des Gebiets Archangel’sk (im Folgenden: GAAO), f. 1734, o. 1, d. 126, Bl 116. Siehe auch GAAO, f. 1322, o. 2, d. 6, Bl. 30. [8]  Žiromskaja, V. B./Kiselev, I. N./Poljakov, Ju. A.: Polveka pod grifom »sekretno«. Vsesojuznaja perepis’ naselenija 1937 goda [Ein halbes Jahrhundert »geheim«. Die sowjetische Volkszählung von 1937], Moskau 1996, S. 46 u. 55. Murmansk hatte 1910 nur 573 Einwohner, 1926 schon 8 716 und 1937 90 277. Obzor Archangel’skoj gubernii za 1910 god [Bericht über das Gouvernement Archangel’sk für das Jahr 1910], Archangel’sk 1912, Tabelle 16; Naselenie Rossii v XX veke. Istoričeskie očerki [Die Bevölkerung Russlands im 20. Jahrhundert. Historische Skizzen]. Bd. 1: 1900–1939, Мoskau 2000, Tabellen 1 u. 76. [9]  Šaškov, V. Ja.: Repressii v SSSR protiv krest’jan i sud’by specpereselencev Karelo-Murmanskogo kraja [Die Repressionen gegen die Bauern in der Sowjetunion und die Schicksale der Spezialumsiedler in den Gebieten Karelien und Murmansk], Murmansk 2004, S. 104.  [10]  Naselenie Rossii v XX veke (Anm. 8), Tabellen 1 u. 76. [11]  Perepis’ naselenija g. Archangel’ska 15 ijulja 1930 goda [Die Volkszählung in der Stadt Archangel’sk am 15. Juli 1930], Archangel’sk 1931, S. 14. Zur Unterscheidung von »permanenter« und »angetroffener« Bevölkerung in sowjetischen Statistiken siehe Anderson, Barbara A./Silver, Brian D.: »Permanent« and »Present« Populations in Soviet Statistics, in: Soviet Studies 37 (1985), S. 386–402 (Anm. des Übersetzers). [12]  A. D.: Čislo naselenija v gorodach Severnogo kraja (po martovskoj perepisi 1931 g.) [Die Einwohnerzahl der Städte in der Nordregion (nach der Volkszählung im März 1931), in: Chozjajstvo Severa 1931, H. 3/4, S. 140.  [13]  Ebenda, S. 140; Statističeskij zbornik po Severnomu kraju za 1929–1933 gg. [Statistische Sammlung für die Nordregion 1929–1933], Archangel’sk 1934, Tabelle 2. [14]  Žukov, N.: Predvaritel’nye itogi perepisi naselenija 1926 g. po Komi oblasti [Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung im Gebiet Komi 1926], in: Komi my 1927, H. 10/11, S. 21.  [15]  Informacionnyj Centr UVD Archangel’skoj Oblasti/Informationszentrum der Verwaltung der Innenbehörde des Gebiets Archangel’sk (im Folgenden: IC UVD AO), f. 24, o. 1, d. 7, Bl. 100. [16]  Pervaja vseobščaja perepis’ naselenija Rossijskoj Imperii 1897 g. [Erste allgemeine Volkszählung des Russländischen Imperiums 1897], St. Petersburg 1905, Bd.: Archangel’skaja gubernija, S. 1 u. Bd.: Vologodskaja gubernija, S. 1; Pravda Severa vom 3. Juni 1930.  [17]  Rogačev, M. B. (Hrsg.): Pokajanie. Komi Respublikanskij Martirolog žertv massovych političeskich repressij [Die Buße. Martyrolog der Opfer von politischen Massenrepressionen in der Republik Komi]. Bd. 3, Syktyvkar 2000, S. 46. [18]  Ebenda, S. 47. [19]  Ebenda, S. 54 f. [20]  Ebenda, S. 58. [21]  Dobronoženko, G. F./Šabalova, L. S. (Hrsg.): Pokajanie. Komi Respublikanskij Martirolog žertv massovych političeskich repressij [Die Buße. Martyrolog der Opfer der Massenrepressionen in der Republik Komi]. Bd. 4/1, Syktyvkar 2001, S. 206. [22]  Otdel dokumentacii social’no-političeskoj istorii Gosudarstvennogo archiva Archangel’skoj oblasti/Abteilung für die Dokumentation der sozial-politischen Geschichte des Staatsarchivs des Gebiets Archangel’sk (im Folgenden: ODSNI GAAO), f. 290, o. 1, d. 378, Bl. 4. [23]  ODSNI GAAO, f. 290, o. 1, d. 378, Bl. 11 f. [24]  ODSNI GAAO, f. 290, o. 1, d. 739, Bl. 23. [25]  ODSNI GAAO, f. 290, o. 1, d. 739, Bl. 63. [26]  GAAO, f. 1322, o. 2, d. 7, Bl. 123. Angaben nach Erhebungen des Landwirtschaftsministeriums der RSFSR, die von der Zentralen Verwaltung für Wirtschaftsstatistik (CUNChU) bei der Gosplan-Behörde der UdSSR an den Bevollmächtigten Vertreter des OGPU der Nordregion weitergeleitet wurden. [27]  ODSPI GAAO, f. 290, o. 2, d. 19, Bl. 16 f. [28]  ODSPI GAAO, f. 290, o. 2, d. 356, Bl. 22; ODSPI GAAO, f. 290, o. 1, d. 378, Bl. 1. [29]  ODSPI GAAO, f. 290, o. 2, d. 359, Bl. 4. [30]  ODSPI GAAO, f. 290, o. 2, d. 372, Bl. 70v. [31]  Siehe Korotaev, V. I./Klepikov, N. N.: Meždunarodnaja informacionnaja diskreditacija Severnogo kraja i eё preodolenie v načale 1930-ch godov [Die Diskreditierung der Nordregion in der internationalen Presse am Beginn der 1930er Jahre und ihre Überwindung], in: Vestnik Pomorskogo universiteta. Serija »Gumanitarnye i social’nye nauki« 7 (2005), H. 1. [32]  ODSPI GAAO, f. 290, o. 2, d. 379, Bl. 5. [33]  Rogačev: Pokajanie (Anm. 17), S. 203 u. 276. [34]  Naselenie Rossii v XX veke (Anm. 8), Tabelle 55 f.  [35]  ODSPI GAAO, f. 290, o. 1, d. 1172, Bl. 15; ODSPI GAAO, f. 290, o. 1, d. 1472, Bl. 70. [36]  Brief des Direktors der Holzfabrik Nr. 25 in Majmaksa an den Vorstand des Severoles-Trusts vom 25. August 1933, in: GAAO, f. 648, o. 4, d. 8, Bl. 57. [37]  Brief des Stellvertretenden Direktors der Holzfabrik Nr. 25 an den für Fragen der Spezialumsiedler zuständigen Mitarbeiter beim Bevollmächtigten Vertreter des OGPU in der Nordregion vom 16. Februar 1932, in: GAAO, f. 648, o. 4, d. 8, Bl. 18.  [38]  GAAO, f. 648, o. 4, d. 8, Bl. 45. [39]  Dobronoženko/Šabalova: Pokajanie (Anm. 21), S. 184. [40]  Ebenda. Angaben für die Nordregion ohne den Nationalen Bezirk der Nenzen und den Autonomen Bezirk der Komi. [41]  ODSPI GAAO, f. 600, o. 2, d. 21, Bl. 174. [42] Ebenda, Bl. 176. [43]  GAAO, f. 1224, o. 8, d. 1498, Bl. 131v. [44]  GAAO, f. 1734, o. 1, d. 47, Bl. 71 u. 71v. [45]  Ebenda. [46]  IC UVD AO, f. 39, o. 1, d. 6, Bl. 126. [47]  Naselenie Rossii v XX veke (Anm. 8), S. 298 u. 300.  [48]  Ebenda, S. 301. [49]  GAAO, f. 1224, o. 1, d. 1734, Bl. 236. [50]  Dobronoženko/Šabalova: Pokajanie (Anm. 21), S. 399. [51]  GAAO, f. 1322, o. 2, d. 35, Bl. 3. [52]  Dobronoženko, G. F./Šabalova, L. S. (Hrsg.): Specposёlki v Komi oblasti. Po materialam splošnogo obsledovanija. Ijun’ 1933. Sbornik dokumentov [Die Spezialsiedlungen im Gebiet Komi. Nach den umfassenden Untersuchungsmaterialien. Juni 1933. Dokumentenband], Syktyvar 1997, S. 16. [53]  Naselenie Rossii v XX veke (Anm. 8), S. 294.  [54]  Ebenda, Tabellen 58 f. Die Berechnung der Faktoren stammt vom Autor. [55]  Naselenie Rossii v XX veke. Istoričeskie očerki [Die Bevölkerung Russlands im 20. Jahrhundert. Historische Skizzen]. Bd. 2: 1940–1959, Мoskau 2001, S. 14. [56]  Ebenda, Tabelle 42. [57]  Ebenda, Tabelle 70. [58]  GAAO, f. 3065, o. 4, d. 20, Bl. 285; ODSPI GAAO, f. 3065, o. 3, d. 131, Bl. 4 u. 115. [59]  GAAO, f. 3065, o. 3, d. 131, Bl. 4 u. 115. [60]  GAAO, f. 3065, o. 3, d. 131, Bl. 75 u. 100. [61]  Naselenie Rossii v XX veke (Anm. 8), S. 311 u. 315. [62]  Sistema ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR, 1923–1960. Spravočnik. [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960. Ein Handbuch], Moskau 1998; Istorija Komi s drevnejšich vremёn do konca XX veka [Die Geschichte der Komi von den Anfängen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts]. Bd. 2, Syktyvkar 2004, S. 402. Die Berechnung der Gefangenenzahlen stammt vom Autor. 

JHK 2007

»Wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige«. Der erzwungene Wandel der SED in der Revolution 1989/90 Interview mit Wolfgang Berghofer

Manfred Wilke

MANFRED WILKE: Herr Berghofer, am 8. Oktober 1989 hatten Sie, damals Oberbürgermeister von Dresden, als erster SED-Funktionär den Mut mit der oppositionellen Gruppe der 20 in einen Dialog über die Situation in ihrer Stadt und im Land einzutreten. Das war ein historischer Schritt, der eine dynamische Veränderung der Kräfteverhältnisse in der DDR einleitete. Welche Entwicklungen führten zu dieser Entscheidung?[1] WOLFGANG BERGHOFER: Die Partei war mit Honeckers Krebserkrankung seit August 1989 faktisch führungslos. Es kamen von der Zentrale keine klaren Vorgaben mehr, die die Realität im Lande widerspiegelten. Die Staats- und Parteiführung machte einfach weiter wie bisher. Das Motto lautete: »Wir feiern jetzt mit großem Pomp den 40. DDR-Geburtstag, und dann sehen wir weiter«. Aber große Teile der einfachen SED-Mitglieder fingen an zu revoltieren. Nicht wenige von ihnen waren am Ende die Demonstranten auf der Straße oder saßen in der Gruppe der 20 mit am Verhandlungstisch. Sie waren im Grunde genommen bereits zu »Gegnern« geworden, weil sie verstanden hatten, dass es mit dem Sozialismus in der DDR zu Ende ging. Es gab auch in der mittleren Ebene der Partei, vor allem aber unter den Wirtschaftsfunktionären, heftige Diskussionen. Ich habe beispielsweise im Herbst 1988 anlässlich der Leipziger Messe mit Alexander Schalck-Golodkowski die Frage diskutiert, ob ein Putsch gegen die Gerontokraten im Politbüro erfolgreich sein könnte, denn dort sahen wir das Problem. Die Antwort war eindeutig: Jeder derartige Versuch endet in Bautzen, für einen solchen Lösungsansatz fehlten uns die strukturellen Möglichkeiten. Die zweite Option, die ich ins Auge fasste, war in den Westen zu gehen. Es gab gut bezahlte Angebote, so z. B. von dem Hamburger Maschinenfabrikanten Kurt A. Körber. Aber dieser Weg kam für mich moralisch nicht in Frage. Also blieb nur, aus der Misere das Beste zu machen. Das war die bequemste der drei Optionen und scheinbar die einzig machbare. Diese Ausgangslage innerhalb der SED erklärt unter anderem auch, warum es in der DDR während des Umbruchs 1989 nicht zu Blutvergießen kam. Große Teile des Machtgefüges übten gegenüber der Führung selbst Veränderungsdruck aus und verlangten: Hier muss etwas passieren, so kann es nicht weitergehen. Auf Grund der politischen und ökonomischen Fehlentwicklung hatte die Fluchtbewegung solche Ausmaße angenommen, dass wichtige und sensible Bereiche einer Stadt wie Dresden zusammenbrachen. So gab es z. B. fast keine Augenärzte mehr. Es brach Panik unter der Bevölkerung aus. Man fragte sich: Was wollen wir denn noch hier? Und unter dem Motto »Wir wollen hier raus!« erhielt die Entwicklung eine nicht mehr einzudämmende Dynamik. Nehmen Sie beispielsweise die Bausubstanz Dresdens, Leipzigs oder Bautzens. So wie deren historische Gebäude verfielen, so verfielen auch Identität und Bindung an die Heimat. Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Im Grunde genommen haben sie 1989 kaum noch jemanden getroffen, der leistungsfähig war und der nicht sagte: Es ist Schluss, ich gehe. WILKE: Wie haben Sie die oppositionellen Gruppen wahrgenommen? Zum Beispiel den heutigen Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz? BERGHOFER: Die Opposition habe ich bis zum Oktober 1989 überhaupt nicht wahrgenommen. Herrn Vaatz kannte ich nicht. Meine westlichen Gesprächspartner, z. B. Klaus von Dohnanyi, der ehemalige 1. Bürgermeister Hamburgs, und sein Nachfolger im Amt Henning Vorscherau, haben mich bei unseren Treffen nie gefragt, ob Gespräche mit Oppositionellen möglich seien. Die so genannten Dissidenten, die mir durch die Polizeirapporte und Stasi-Berichte bekannt waren, machten außer Propaganda und negativen Redensarten eigentlich nichts »staatsfeindliches«. Als reale wirkungsvolle Opposition waren für mich im Grunde genommen nur einzelne Persönlichkeiten der evangelischen Kirche erkennbar, allerdings nicht im politischen Sinne des heutigen Oppositionsbegriffes. Sie widersprachen in wichtigen gesellschaftlichen Konfliktfeldern, beispielsweise der demokratischen Entwicklung, der offiziellen Linie der SED. Mit den wichtigsten Personen, dem Landesbischof Johannes Hempel sowie dem Superintendenten und Pfarrer der Dresdener Kreuzkirche Christof Ziemer, hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, das von beiderseitiger Achtung getragen war. Deshalb habe ich auch akzeptiert, dass sie mir schonungslos die Wahrheit ins Gesicht sagten. So hat mir Herr Ziemer schon im Mai 1989 unmittelbar nach den Kommunalwahlen gesagt: »Herr Berghofer, die Wahlen sind gefälscht. Sagen Sie mir ehrlich wie!« Natürlich konnte ich darauf nicht antworten und schwieg. Herr Ziemer sagte daraufhin: »Ihr Schweigen sagt mir, was ich zu entnehmen habe. Sie werden das bitter bezahlen«, womit er letztlich Recht behalten hat. Aber auch diese Kräfte hatten kein Interesse an staatlichen Veränderungen im Sinne einer Wiedervereinigung, sie wollten eine andere DDR.  Hierzu noch eine Anmerkung. Ich erhielt von der MfS-Bezirksverwaltung ausgewählte Berichte über die politische Situation im Bezirk Dresden. Das war ungewöhnlich, denn meine Informations- und Entscheidungsebene war die Stadt. Für diese war die MfS-Kreisdienststelle zuständig, mit der ich aber kaum Kontakt hatte. Der MfS-Bezirkschef Generalmajor Horst Böhm veranlasste das, immer mit dem Vermerk »Lesen und sofort zurückgeben!«. Ich stand nicht auf dem Verteiler, damit ich nicht das gleiche Wissen wie Hans Modrow, der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, hatte. Das war – Wissen ist Macht – einer der Machterhaltungsgrundsätze in der SED. Warum Böhm, der dann nach seiner Entlassung im Februar 1990 Selbstmord beging, das getan hat, weiß ich nicht. Ich vermute, dass er in mir einen der Hoffnungsträger von übermorgen sah und sich auf diese Weise eine gute persönliche Beziehung aufbauen wollte. In diesen MfS-Berichten war von Opposition bis Mitte 1989 nicht die Rede, sondern nur von Rand- und Splittergruppen der Gesellschaft, die den Eindruck hinterließen, dass ihre Mitglieder in keiner Gesellschaft zurecht kommen und deshalb nicht ernst zu nehmen seien. Die eigentliche Opposition, wie sie heute mitunter verklärt dargestellt wird, entstand aus meiner Sicht erst unmittelbar um den 7. Oktober 1989 herum. Ab da nahm sie schrittweise organisatorisch klare Formen an: die Gruppe der 20 in Dresden, der Demokratische Aufbruch, die SDP in der DDR usw.  WILKE: Die Oktobertage in Dresden haben für das Thema Umwandlung der SED in die PDS, d. h. das Ende der Diktaturpartei und den Übergang zu einer parlamentarischen Wettbewerbspartei, eine unmittelbare Bedeutung. Sie begann mit der abenteuerlichen Entscheidung von Honecker, die Botschaftsflüchtlinge aus Prag über den Dresdener Hauptbahnhof in den Westen zu schicken, damit die 40-Jahr-Feier nicht gestört wird. Es gab auf dem Dresdner Hauptbahnhof Versuche von Ausreisewilligen auf die Züge aufzuspringen. Die Polizei ging dagegen gewaltsam vor. Die Bezirkseinsatzleitung, die aus den führenden Partei-, Staats- und Sicherheitsfunktionären des Bezirkes Dresden bestand, übernahm das Kommando über die Sicherheitskräfte vor Ort, um die Unruhen zu beenden. Inwieweit waren Sie als Oberbürgermeister involviert? BERGHOFER: Am 3. Oktober, als das Drama in Dresden losging, rief mich Modrow an. Zu ihm hatte ich ein relatives Vertrauensverhältnis aufgebaut, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Modrow sagte: »Ich übernehme jetzt über die Bezirkseinsatzleitung die Führung der Prozesse zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit in der Stadt. Du gehörst nicht dazu. Du kümmerst dich ausschließlich um eine reibungslose Versorgung der Bevölkerung und vor allem um die Vorbereitung des 40. Jahrestages!« So wurde ich aus der Arbeit der Bezirkseinsatzleitung während der Flüchtlingskrise völlig herausgehalten und erhielt auch keine detaillierten Informationen mehr. Das hatte den Vorteil, dass ich Zeit hatte, nachzudenken: Was mache ich; und wie gehe ich mit der ganzen Sache um. Was die Bezirkseinsatzleitung wirklich entschieden bzw. was sie nicht entschieden hat und was die Sicherheitsorgane selbst entschieden haben, ist bis heute strittig. Modrow stellt es so dar, als hätte die Bezirkseinsatzleitung nie getagt, und alle sicherheitsrelevanten Entscheidungen wären selbständige Entscheidungen der Polizeieinsatzkräfte und der Staatssicherheit gewesen. Also er war nicht verantwortlich und konnte demnach nicht in Verantwortung genommen werden. Dafür hat ihn Böhm, der MfS-Chef des Bezirkes, gehasst, weil diese Version natürlich nicht stimmte. WILKE: Dann kommt das schon erwähnte Ereignis, dass einen hohen Stellenwert in Bezug auf den Prozess der Differenzierung in der SED hat, nämlich Ihre Entscheidung vom 8. Oktober; dem Rat von Christof Ziemer zu folgen, mit den Demonstranten das Gespräch aufzunehmen und die Gruppe der 20 zu empfangen. Das ist ein prinzipieller Bruch mit der damaligen Parteilinie, die für den 9. Oktober vorsah, die Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten ein für alle Mal zu beenden. Sie wussten, dass eine der Möglichkeiten, die dieser Schritt barg, Ihre Verhaftung war, und Sie gaben Ihrer Frau den Rat, sich an den Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau zu wenden, falls das geschieht. Dass heißt, Sie forderten sie zur »ungesetzlichen Verbindungsaufnahme« auf. Diese Entscheidung veränderte Sie in dieser Situation, Sie wurden ein anderer. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem Sie sich die Frage stellten: Geht das gewaltsam aus, oder gibt es den Weg einer friedlichen Lösung? BERGHOFER: Die Demonstranten wie auch die Polizeieinsatzkräfte waren am Abend des 8. Oktober in einer emotionalen Verfassung, in der man mit allem rechnen musste. In dieser Situation führte ich auf Bitten von Landesbischof Hempel und Superintendent Ziemer ein folgenschweres Gespräch mit der Dresdner Kirchenspitze. Die Herren Hempel und Ziemer erschienen gegen 21.10 Uhr im Rathaus und wurden vom Oberkirchenrat Fritz begleitet. Sie kamen direkt von den Demonstranten in der Prager Straße, die mit Polizeikordons eingekesselt waren. Sie wirkten höchst angespannt und befürchteten eine Katastrophe.  WILKE: Sprich, Pekinger Lösung.  BERGHOFER: Ja. Meinerseits hatte ich den stellvertretenden Oberbürgermeister für Inneres Hans Jörke beauftragt, an diesem Gespräch teilzunehmen. Nun kann man heute über mögliches Blutvergießen spekulieren, wie man will. Ich war damals der Auffassung, wenn man jetzt nicht handelt, dann kann das passieren. Nur eine falsche Bewegung, ein Polizist verliert die Nerven oder ein Demonstrant wirft einen Stein, und es geht los. Ziemer schilderte die Situation auf der Prager Straße und schlug vor: »Herr Oberbürgermeister Berghofer, können Sie sich vorstellen, eine Abordnung der Demonstranten zu empfangen? Dann könnten wir dafür sorgen, dass sich die Demonstration friedlich auflöst.« Natürlich konnte ich mir das vorstellen. Das wäre ein Signal! Ziemer entwarf einen Text, den er auf der Prager Straße vorlesen wollte. Ich habe dies mit wenigen Änderungen akzeptiert. Er lautete sinngemäß, der Oberbürgermeister sei bereit, am nächsten Morgen eine Abordnung von etwa 20 Leuten zu empfangen und mit ihnen über die anstehenden Probleme zu reden, wenn die Demonstranten die Demonstration friedlich beendeten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich etwa noch tausend Leute im Polizeikessel. Als wir uns einig geworden waren, sagte ich: »Meine Herren, Sie werden verstehen, dass das eine sehr weit reichende Entscheidung ist, die weit über meine Kompetenzen hinausgeht. Gestatten Sie mir eine fünfminütige Pause.« Ich ging in mein Dienstzimmer, um Hans Modrow anzurufen, den einzigen befugten Entscheidungsträger im Bezirk Dresden. Aber ich bekam nur subalterne Funktionäre an den Apparat. Modrow saß zu dieser Zeit in der Semperoper bei der zweiten Premiere der »Fidelio«-Inszenierung. Es gab daher keine Rückendeckung für mich Ich musste selbst entscheiden. Mir war klar, dass im Falle eines Scheiterns mein politisches Ende besiegelt wäre. Denn ich bewegte mich nun am Rande des Hochverrats. Jeglicher Kontakt mit oppositionellen Gruppen war den Mitarbeitern der Staatsorgane bis dahin strikt verboten. Ich kehrte in den Sitzungsraum zurück und ließ noch Peter Klotzsche, Ratsmitglied für Verkehr, hinzubitten. Jörke und Klotzsche wies ich an, die Kirchenmänner mit meinem Dienstwagen zum Ort der Demonstration zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie die Prager Straße ungehindert betreten konnten. Jörke hatte schon während des Gesprächs in telefonischem Kontakt zu Oberst Schlaak gestanden, dem diensthabenden Offizier der Bezirksbehörde der Volkspolizei, der seinerseits den Einsatzleiter auf der Straße, Major Prager, von unserer Absicht informierte. Nun hätte dieser sagen können, das interessiert mich überhaupt nicht, ich habe andere Befehle, aber sagte, weil er es genauso sah wie ich: »Wenn die Herren auf der Prager Straße eintreffen und das Verhandlungsergebnis verkünden, handeln wir entsprechend. Ehe die drei Unterhändler das Rathaus verließen, fragte mich Landesbischof Hempel: »Herr Berghofer, hat das alles einen Sinn, was wir hier machen?« Ich habe lange überlegt. Konnte ich dem Kirchenmann vertrauen? Ich entschied mich für schonungslose Offenheit. »Herr Bischof, wenn der Druck auf der Straße nicht größer wird, ändert sich nichts. Sie wissen gar nicht, wie schlecht die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation wirklich ist. Der Außenhandel mit der Sowjetunion funktioniert nicht mehr. Die sowjetische Wirtschaft ist in großen Schwierigkeiten. Deshalb ist auch die DDR im Grunde genommen pleite. Es muss sich etwas ändern, vieles sogar.« Der Bischof hörte aufmerksam zu, mir schien, als sei er betroffen, solche Worte von einem namhaften SED-Mann zu hören. Er schwieg. Dieses Eingeständnis hatte er nicht erwartet. Was weiter geschah, war durch das Fenster meines Arbeitszimmers zu hören, da der Ort der Handlung nur etwa 500 Meter vom Rathaus entfernt war. Plötzlich trat Ruhe ein, dann hörte man eine Männerstimme, das war Ziemer. Zehn Minuten später kam die Mitteilung, die Polizeikordons haben sich zurückgezogen und die Demonstration hat sich aufgelöst. Die heikle, gefährliche Situation war beendet.  Kurz vor Mitternacht, als ich schon zu Hause war, rief Modrow an. Ich setzte ihn kurz über das Gespräch und dessen Ergebnis ins Bild. Er hörte aufmerksam zu und sagte: »In Ordnung. Komm bitte morgen früh um 6.30 Uhr in die Bezirksleitung. Bis dahin lasse ich einen Text vorbereiten, den du dort verkünden musst. Ich werde die anwesenden Sekretariatsmitglieder zusammenrufen und sehen, ob wir deine Entscheidung legitimieren können.« Ich bin am 9. Oktober früh um sechs in die SED-Bezirksleitung gefahren. Dort hatte Modrow, wie angekündigt, einen Mitarbeiter beauftragt, eine dreiseitige Erklärung aufzusetzen, die ich zu Beginn dieses Dialogs mit den Demonstranten vortragen sollte. Er hatte zu einer Sondersitzung die Mitglieder des SEDBezirkssekretariats, die im Haus waren, eingeladen. Modrow sagte: »Der Oberbürgermeister hat gestern Abend entschieden, mit den Vertretern der Demonstranten Gespräche aufzunehmen. Das ist eine weit reichende Entscheidung, die meine Zustimmung findet. Für euch besteht die Möglichkeit, diese Entscheidung mitzutragen oder euch aus der Sache herauszuhalten.« So eine Rede hatte es bis dahin in der SED nicht gegeben. Es entschied sich niemand dagegen. Es herrschte Schweigen. Ich war erleichtert, denn ich hatte nun sogar ein Mandat für das Gespräch.  Ich nahm das vorgeschriebene Redemanuskript und fuhr abschließend ins Rathaus. Den vorgegebenen Text konnte ich nur teilweise verwenden, das war ein Honecker-Elaborat. Ich habe wesentliche Teile gekürzt, einige weggelassen und den Rest überarbeitet. Um 9 Uhr habe ich dann die 20 Abgeordneten der Demonstranten zum Gespräch im Ratssitzungssaal empfangen. Sie waren kreidebleich und voller Spannung. Sie fühlten sich nicht als Sieger. Es waren unterschiedliche Personen, die, mit wenigen Ausnahmen, im Verlauf der revolutionären Veränderungen aus der Gruppe der 20 ausgeschieden sind, darunter auch ein SED-Mitglied. Sie waren natürlich nicht organisiert und nicht in der Lage, bereits jetzt einen gemeinsamen Standpunkt vorzutragen. Aber sie hatten endlich einmal einen bekannten SED-Funktionär gezwungen, mit ihnen zu sprechen. Das war ja schon sehr viel. Meine Befindlichkeiten spielten da überhaupt keine Rolle, das konnten diese Menschen sich sicherlich nicht vorstellen. Ich habe zu diesem Gespräch mehrere meiner Ratsmitglieder hinzugezogen. Vor allem die Jüngeren, darunter der LDPD-Stadtrat für Energie Axel Viehweger, der spätere Bauminister in der Regierung Lothar de Maizière, haben mit mir versucht, die Atmosphäre zu vermenschlichen. Ungemein wichtig war die Rolle Ziemers als Moderator, ohne ihn wäre das alles gar nicht gegangen. Also wenn man jemandem ein Denkmal setzen wollte, dann ihm. Aber Ziemer ist heute in seiner Kirche verfemt, ich weiß nicht warum.  Für mich selbst war klar: Wenn du diesen Schritt gehst, der nicht der offiziellen Linie der Parteiführung entsprach, dann ist der Ausgang ungewiss. Aber ich hatte keine Angst. Das war ja auch etwas Eigenartiges, ich stand gewissermaßen neben mir und agierte nach dem Motto: Wir müssen das jetzt machen. Ich war allein, denn ich hatte auch mein Netzwerk in Berlin im großen Parteihaus[2] nicht gefragt. Das habe ich dann erst nach dem Gespräch getan. Mir wurde hinterbracht, was Stoph gesagt hat: »Verräter«. Diese Position aus Berlin war zu erwarten, aber es geschah anschließend nichts. Mein Schritt hatte nicht die befürchteten Konsequenzen. Beim zweiten Gespräch mit der Gruppe der 20 am 16. Oktober war die SED mit Modrow an der Spitze schon wieder soweit zu sagen, jetzt drehen wir das Ganze um und vereinnahmen es. Modrow schickte ein Fernschreiben nach Berlin, in dem stand, dass wir den Dialog begonnen haben und es ein zweites Rathausgespräch mit Berghofer gibt. In diesem Gespräch würden die Positionen der SED wie Frieden und Sozialismus – also die üblichen Worthülsen – dargelegt. Er übermittelte das an das Politbüromitglied Joachim Herrmann, so dass man nach oben abgesichert war. Aber diese eine Woche später, Leipzig war ja vorbei und die Leute wussten, dass sie gewonnen hatten, ließen sie sich keine Parteiparolen mehr unter die Nase reiben, zumal auch ich dazu überhaupt kein Verhältnis mehr hatte.  WILKE: Es war also die Emanzipation des Funktionärs zum Bürger. BERGHOFER: So kann man das sagen. Allein, mit wem wollte man darüber reden? WILKE: Trotzdem, diese Schritte müssen ja noch einmal in sich bewertet werden. Ist denn die Gesprächsaufnahme in Dresden am Morgen des 9. Oktober, an dem Tag, als die entscheidende Konfrontation in Leipzig stattfinden sollte, über die Medien schon veröffentlicht worden? BERGHOFER: Ja, auf der Kreisseite der Regionalzeitung, d. h. auf der letzten Seite, mit einem nichtssagenden Satz. Wenn Sie sich die regionalen Tageszeitungen vom 9. Oktober ansehen, gab es den Leitartikel, der auf den Platz des Himmlischen Friedens mit der Krenz-Position verwies: Wir werden mit allen Mitteln den Sozialismus verteidigen. Das hieß auf Deutsch: Wir werden schießen. Und irgendwo ganz am Ende stand verklausuliert, so, dass es keiner kapierte, da hat irgendein Blödmann in Dresden ein Gespräch begonnen. Ich übersetze das mal so profan. WILKE: Gut, aber es gab die westdeutschen Korrespondenten.  BERGHOFER: Die haben darüber schon berichtet. WILKE: Und die haben an dem Tag umfangreich berichtet, denn das ist ja insofern von Bedeutung, weil dann abends in Leipzig eine vergleichbare Entwicklung einsetzte: SED-Bezirkssekretäre verfassten zusammen mit dem Leiter des Gewandhausorchesters Kurt Masur den prägenden Aufruf »Keine Gewalt!« Das war ja auch bei Ihnen im Grunde der Schlüsselsatz.  BERGHOFER: In diesem Gespräch am Morgen des 9. Oktober schlug einer der Beteiligten vor, anschließend nach Leipzig zu fahren, um den Kollegen dort zu empfehlen, das genauso zu machen. Ich wurde gebeten, mit meinem Leipziger Amtskollegen, Bernd Seidel, Kontakt aufzunehmen und ihm zu empfehlen, dasselbe zu tun. Als das Gespräch im Dresdner Rathaus zu Ende war, fuhr tatsächlich einer aus der Gruppe der 20 nach Leipzig und teilte den Organisatoren in der Nikolai-Kirche mit, wie man es machen könnte. Und ich habe Seidel so gegen 12 Uhr angerufen. Wir kannten uns gut, er war meine Generation: »Bernd, ich schildere dir jetzt mal, wie wir das in Dresden gemacht haben. Modrow hat dem zugestimmt.« Er entgegnete: »Das kannst du vergessen, das ist in Leipzig alles überhaupt nicht möglich. Wenn ich mit so einem Vorschlag zur Bezirksleitung komme, fliege ich achtkantig raus oder geh gleich in den Kahn. Das geht nicht, also ich warte ab.« Der Modrow gleichgestellte Parteifunktionär in Leipzig war ein Hardliner. Die Veränderungen in Leipzig haben jüngere Kader eingeleitet, Roland Wötzel und Co, die erkannt hatten, wie es gehen könnte, um das Schlimmste zu verhindern. Das Problem für den Historiker heute ist, sie können das alles nicht belegen. Honecker hat hundertprozentig einen Schießbefehl und die entsprechende Direktive dazu erlassen. Auf der mittleren Ebene der Partei und der Sicherheitsorgane finden Sie die Anschlussdokumente, aus denen man ableiten kann, da muss doch vorher irgendjemand oben etwas von sich gegeben haben. WILKE: Es ist interessant, dass in Leipzig die Unterlagen der Bezirkseinsatzleitung zufällig für Oktober fehlen. BERGHOFER: Das ist meines Wissens auf allen Bezirksebenen der Fall. Auf der Ebene der Kreisdienststellen sowie einzelner Einheiten der Armee, der Polizei sowie des MfS sieht man aber, dass irgendwelche zentralen Direktiven erlassen worden sein müssen. Ich kann mich erinnern, dass ich am 9. Oktober nach dem Gespräch mit der Gruppe der 20 noch einmal in der SED-Bezirksleitung war, um mit Modrow abzustimmen, wie wir weitermachen. Da war ein so genannter Instrukteur des Zentralkomitees anwesend, Genosse Winkler. Man stritt sich. Modrow erklärte, das kann man doch nicht machen, und gab dann das als streng geheime Kommandosache gekennzeichnete Papier an den Instrukteur zurück. Ich nehme an, das war der entscheidende Befehl.  Dazu müssen Sie folgendes wissen, denn das ist nicht aufgearbeitet, und es gibt dazu auch nichts an Belegen und Beweisen. – Die SED-Führung stand immer vor dem Dilemma, Dinge zu tun, die nicht mit der Verfassung in Übereinstimmung und gesetzwidrig waren oder die man aus propagandistischen Gründen nicht veröffentlichen wollte. Das heißt, sie konnte wichtige Instruktionen und Befehle nicht schriftlich festhalten, sondern nur zum Lesen und zum Vernichten weitergeben. Zu diesem Zweck gab es auf der kompletten Führungsebene der Partei und des Staates die Instrukteure. Für jede Bezirksleitung der SED gab es einen Instrukteur des Zentralkomitees, der unterstand dem Generalsekretär, also Honecker. Er wurde in der praktischen Arbeit durch das Politbüromitglied Horst Dohlus, verantwortlich für die Parteiorgane, in Bewegung gesetzt, aber disziplinarisch und inhaltlich Honecker unterstellt. Diese Instrukteure, 15 Leute, die muss es alle noch geben, waren relativ jung. Sie wissen im Grunde genommen alle Antworten auf die Fragen, die die Historiker nicht oder nur ungenau beantworten können. Man müsste sie wieder ausfindig machen und wenigstens einen zum Reden bewegen. Die ZK-Instrukteure waren in der Regel einmal in der Woche in ihrem Bezirk, meistens schlossen sich dann der 1. Sekretär und der Befehlsübermittler ein. Es folgte ein mehrstündiges Gespräch und dann wusste in unserem Falle Modrow, was der große Meister aus Berlin von ihm erwartete. Brachte der Instrukteur Dokumente mit, z. B. für die Vorbereitung der Wahlen, dann durfte der 1. Sekretär das Papier lesen, quittierte, und der Instrukteur nahm es wieder mit. Solche Dokumente wurden in Berlin gesondert archiviert. In der Übergangsphase, als ich dem Arbeitsausschuss zur Vorbereitung des SED-Sonderparteitages vom 8./9. Dezember und 16./17. Dezember 1989 angehört habe, habe ich mich natürlich dafür interessiert. Da war aber schon alles vernichtet. Insofern ist das Instrukteursystem des ZK meines Erachtens der eigentliche Schlüssel zur Ermittlung der sensibelsten Wahrheit: Was hätte die Führung unternommen, um die Macht zu erhalten, wenn man noch handlungsfähig gewesen wäre, also wenn Honecker noch bei Kräften gewesen wäre.  WILKE: Jedenfalls begann nach dem 9. Oktober in Leipzig die Phase der Veränderung mit dem Wechsel von Honecker zu Krenz. Als Krenz nach seiner Wahl zum Generalsekretär am 18. Oktober eine »Wende« der Parteipolitik versprach, mutierte das riskante Unternehmen in Dresden vom 8. Oktober plötzlich zu einem herausragenden Beispiel der Dialogbereitschaft der SED. BERGHOFER: Das hatte man natürlich ganz schnell erkannt unter dem Motto: Wir müssen die Demonstranten von der Straße kriegen, wir müssen das in tausend vielfältige Einzelgespräche auflösen und die Kraft der Straße brechen, dann können wir – natürlich über eine Konsolidierungsphase – wieder fest im Sattel sitzen und mit neuen Gesichtern weitermachen wie bisher. Das war zusammengefasst die Strategie von Krenz und in Variation auch die von Modrow. Also man war nicht bereit zu akzeptieren, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit ganz andere Veränderungen verlangte, vor allen Dingen wirtschaftliche. Es schossen überall von der SED organisiert Runde Tische aus dem Boden, und auch der Zentrale Runde Tisch in Berlin war zunächst von Krenz in die Diskussion gebracht worden, um wieder Herr des Verfahrens zu werden.  WILKE: Die entscheidende Zäsur für die weitere Entwicklung ist der 9. November, der Mauerfall. Krenz hat an diesem Tag vor dem ZK – als er das Reisegesetz verlas und abnicken ließ – gesagt: Gleichgültig was die SED tut, sie macht einen Fehler. Die Öffnung der Grenze war ja auch nicht so vorgesehen, wie sie verlief. Nach dem Mauerfall, am 10. November, nominierte das ZK Modrow als Ministerpräsident der DDR, und er bildete am 17. November erstmals in der DDR eine Koalitionsregierung. In dieser Situation gab es eine bemerkenswerte und gegen die Geschichte der SED verlaufende Neuverteilung der Macht. Das einzige handlungsfähige Instrument, über das die SED noch verfügte, war der Staatsapparat. Nicht mehr das Politbüro mit Krenz, sondern Modrow wurde zur eigentlichen Zentrale der SED-Herrschaft in der DDR. Wie wurde das von Ihnen aufgenommen, reflektiert, und was hatte Modrow in dieser Situation mit seinem Oberbürgermeister vor? BERGHOFER: An dem Tag des endgültigen Sturzes des Politbüros, am 3. Dezember, einem Sonntag, rief mich Modrow in Dresden an und sagte: »Komm bitte sofort nach Berlin. Richte dich auf einen längeren Aufenthalt ein.« Also habe ich mich von meiner Frau im Lada nach Berlin ins Haus des ZK kutschieren lassen. Ich hörte dort, dass Herbert Kroker,[3] der ehemalige Generaldirektor des Erfurter Mikrotechnologiekombinates einen Arbeitsausschuss leitete. Es konnte mir niemand sagen, wer ihn beauftragt und legitimiert hatte.  WILKE: Zu diesem Zeitpunkt wussten Sie, dass das Zentralkomitee geschlossen zurücktreten ist, dass Krenz nicht mehr Generalsekretär war und die SED von einem Arbeitsausschuss geleitet wurde? BERGHOFER: Geleitet werden sollte! Und ich kam in Berlin an, als sich der Tagungsraum leerte, offensichtlich hatte es noch zwei, drei Stunden nach der Verkündung der Beschlüsse in den Foyers Diskussionen gegeben, und es rannte alles wild durch einander. Die meisten handelnden Personen kannte ich. Kroker kannte ich nicht persönlich, der war in schon relativ fortgeschrittenem Alter. Modrow sagte mir, es sei ein Arbeitsausschuss berufen worden, dem ich angehören solle. Dieser Arbeitsausschuss hat die Aufgabe, einen Sonderparteitag vorzubereiten und die Übergangslinie für die Parteiarbeit festzulegen. Wir müssen uns jetzt hinsetzen und überlegen, was zu tun ist.  In dem großen Chaos habe ich versucht, im Hause des ZK jemanden zu finden, der sich auskannte. Man muss sich die Atmosphäre vorstellen, der alte Parteiapparat hatte zur Kenntnis genommen: Unsere Führung ist entmachtet, unsere Abteilungsleiter sind entlassen. Und was wird jetzt aus uns? Werden wir alle aufgehängt? 6 000 hauptamtliche Funktionäre im großen Haus standen plötzlich vor dem Nichts, und jeder versuchte zu retten, was zu retten ist. Zudem saß man auf hochbrisanten Archiven, jede Abteilung für sich! Man sah Leute mit Papieren durch die Gänge flitzen, man sah die grauen Gestalten, die entmachtet worden waren, in Dreiergruppen zusammenstehen, und dazwischen bewegten sich nun die Mitglieder des neuen Arbeitsstabes. Zum Beispiel Heinz Vietze[4]. Ich fragte ihn: »Was machst du denn hier?« »Na, ich bin jetzt 1. Sekretär der SEDBezirksleitung Potsdam. Wir sollen hier irgendwas erfinden.« Also Chaos, Konzeptionslosigkeit. Dann gab es die erste Zusammenkunft dieser Truppe. Da saßen Kroker, Modrow, Gregor Gysi, Markus Wolf und der Rest der Mannschaft.[5] Wolf überreichte mir bei der Gelegenheit sein Buch Die Troika mit der Widmung: »Für Werner Berghofer«. So hatte ich gleich meinen Decknamen. Kroker sagte: »Genossen, wir sollen einen Sonderparteitag vorbereiten, aber damit hier gleich klar ist: Ich stehe nicht für eine herausragende Funktion zur Verfügung. Ich leitete diesen Arbeitsausschuss, bis er seinen Auftrag erfüllt hat, und dann gehe ich zurück nach Erfurt.« Von da an tagten wir permanent, rund um die Uhr, verschwitzt, im Sitzungssaal des Politbüros. Von überall kamen die Mitteilungen, da sind der und der zurückgetreten und dort ist wieder eine Demonstration. Die Ereignisse der Revolution im Lande stürzten auf die Mannschaft ein: Dort revoltieren die Mitarbeiter der Kreisdienststelle des MfS. »Markus, da muss’de hin und schlichten.« Hinzu kam die krampfhafte Suche nach der Antwort auf die Frage, wie es weitergehen soll. Also als erstes war die Frage zu klären, wer soll auf dem Sonderparteitag für welche Funktion kandidieren. Im Vorfeld hatte es ein Gespräch mit Modrow und Wolfgang Herger[6] gegeben. Herger kannte ich aus der FDJ-Zeit, da war er 2. Sekretär des Zentralrats. Sie sagten: »Genosse, du musst jetzt die Führung der SED übernehmen, du bist der Bekannteste, du bist populär, die Leute vertrauen dir.« Und ich habe gesagt: »Könnt ihr vergessen, ich stehe für eine hauptamtliche Funktion als Parteifunktionär hier genauso wenig wie in Dresden zur Verfügung. Das ist nicht meine Welt. Im besten Fall übernehme ich eine ehrenamtliche Funktion.« Na gut, das war erledigt. Aber im Arbeitsausschuss wiederholte sich das Ganze, weil nämlich alle 23 Personen stundenlang auf mich einredeten und sagten: »Du musst, weil …« Bis Gysi sich erhob und eine zündende Rede hielt, perfekt, wie er das kann, und die Begründungen lieferte, warum ich das machen soll. Ich hab dann gesagt: »Gregor, hervorragende Rede, setz deinen Namen ein, und dann stimmt alles.« Woraufhin Gysi sagte: »Ok, dann mach ich das.« Damit war die Machtfrage personell geregelt. WILKE: Gysi behauptet, er habe darauf bestanden, dass er nur den Vorsitz übernimmt, wenn Sie sein Stellvertreter werden. BERGHOFER: Ja, richtig. Er hat gesagt, er macht das unter den Bedingungen, dass die wichtigsten Personen an diesem Tisch dabei sind und das Verhältnis Staat und Partei ordentlich geklärt wird. WILKE: Damit sind wir bei einer weiteren gravierenden Veränderung, nämlich die Staatspartei muss sich von dem Wunschbild jeder bolschewistischen Politik verabschieden: der ungeteilten Macht. Der Parteiführung war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass sie sich in Konkurrenz zu anderen Parteien Wahlen würde stellen müssen und dass sie die künftige DDR-Regierung mit Sicherheit nicht mehr führen würde.  BERGHOFER: Das ist aus der Nachbetrachtung sicherlich richtig. In dem Moment der emotional aufgeladenen Diskussionen und der rasanten Veränderungen hat keiner in der Runde – vielleicht Modrow, aber er hat darüber nicht gesprochen – das so strategisch klar und deutlich formuliert. Modrows Grundposition war, ich leite die Regierung, ich werde es nicht dulden, dass eine neue Parteiführung in meine Regierungsarbeit hineinregiert, deshalb muss die Trennung von Partei und Staat sein. WILKE: Muss man das so verstehen, dass Modrow als erfahrener Parteifunktionär sich sagte, der Apparat hat sowieso versagt und es kann nicht mehr geduldet werden, dass die Parteisekretäre die Regierungsarbeit kommandieren? BERGHOFER: Das glaube ich nicht. Ich denke, Modrow hat vor allem an die Sicherung seiner eigenen Interessen gedacht. Er wurde oft unterschätzt. Meistens versteckte er sich hinter einer Leidensmine und seinem proletarischen Habitus. Im Kampf um