...

 

JHK 2010

Inhaltsverzeichnis

JHK 2010

Ein kleiner Boom: Entwicklungen und Tendenzen der KPD-Forschung seit 1989 / 90

Marcel Bois / Florian Wilde

Als Hermann Weber etwa eine Dekade nach dem Zusammenbruch der »realsozialistischen« Regime in den osteuropäischen Staaten eine Bilanz der historischen Kommunismusforschung zog, verwies er auf einen Paradigmenwechsel: »Während die Veröffentlichungen über den Terror sowie über die diktatorischen Regierungssysteme des Kommunismus kaum mehr zu überblicken sind, sind die Publikationen über den Kommunismus als radikale soziale Bewegung eher rückläufig.« Zugleich merkte er an: »Um das ›Wesen‹ des Kommunismus einschätzen zu können, sind indes auch seine Geschichte als radikale Arbeiterbewegung sowie die Ideologie und die in ihr enthaltenen utopischen Elemente zu berücksichtigen.«1 Seiner Ansicht nach sollten gerade in diesem Bereich neue Forschungsschwerpunkte gesetzt werden. Erst kürzlich wiederholte er diese Forderung: Es bleibe »notwendig, kommunistische Bewegungen, ihre Entwicklung als radikal-sozialistische Strömung, wieder stärker zu untersuchen«.2 Immerhin konnte er feststellen, dass – trotz der Tatsache, dass weiterhin Forschung über den kommunistischen Terror den Schwerpunkt der Veröffentlichungen bilde – jenes vernachlässigte Element nun langsam von einer neuen Generation von Historikern wieder aufgegriffen werde.3 Tatsächlich hat die Forschung zum Kommunismus als soziale Bewegung ein kleines Revival erfahren. Wenn auch nicht mit der enormen Zahl von Veröffentlichungen in den Siebzigerjahren vergleichbar, sind in den vergangenen Jahren doch etliche Arbeiten zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in der Weimarer Republik publiziert worden. Diese Welle von Neuerscheinungen war selbstverständlich auch dem Umstand geschuldet, dass seit dem Zusammenbruch des Ostblocks das Zentrale Parteiarchiv der KPD sowie zumindest teilweise das Kominternarchiv für Öffentlichkeit und Forschung frei zugänglich geworden sind und sich auf diese Weise die Quellenbasis zur KPD-Geschichte enorm erweitert hat.4 Als besonders aktiv bei der Neuerforschung des deutschen Kommunismus erwies sich das Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Unter der Leitung von Hermann Weber sind hier zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Weimarer KPD erschienen – zuletzt im Rahmen des Forschungsprojekts »Die Einwirkung der Komintern auf das westeuropäische Parteiensystem«.5 Aber auch Historiker aus dem Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben in den vergangenen Jahren einige relevante neue Beiträge zur KPD-Historiografie geliefert. Anliegen dieses Artikels ist es, einen bibliografischen Überblick über die wichtigsten seit der »Wende« 1989 / 90 erschienenen Arbeiten zur Geschichte der KPD in der Weimarer Republik zu geben.6 Entwicklungen und Kontroversen sollen nachgezeichnet und so eine Bestandsaufnahme der KPD-Forschung 20 Jahre nach dem Ende des Realsozialismus versucht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Veröffentlichungen über die KPD als soziale Bewegung – über ihre Konflikte, Akteure und Aktionsfelder.7 Das Hauptaugenmerk liegt auf Monografien und Sammelbänden; nicht systematisch vorgestellt werden die zahlreichen Artikel, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Thematik erschienen sind. An dieser Stelle sei nur auf einige wichtige Publikationsorgane verwiesen: Neben dem Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung dienen vor allem Zeitschriften wie die Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Arbeiterbewegung (IWK) und das Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (JBzG) den Historikern und Historikerinnen des deutschen Kommunismus als Forum. Darüber hinaus finden bzw. fanden sich regelmäßig Besprechungen und Annotationen von Publikationen zur KPD-Geschichte im Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, im Deutschland Archiv sowie in der kürzlich eingestellten Utopie kreativ. Einen stets aktuellen Überblick über Forschungsvorhaben liefert der International Newsletter of Communist Studies. Weber-Mallmann-Kontroverse Am Anfang der Veröffentlichungswelle stand eine Forschungskontroverse. Ausgelöst wurde sie durch Klaus-Michael Mallmanns 1996 erschienene Habilitationsschrift Kommunisten in der Weimarer Republik.8 Bis dato hatte in der westdeutschen Kommunismusforschung eine Sicht auf die Geschichte der KPD als Common Sense gegolten, die von Ossip K. Flechtheim und vor allem von Hermann Weber entwickelt worden war.9 Beide unterschieden zwischen einer diskussionsfreudigen, demokratischen Anfangsphase der KPD und einer entdemokratisierten, vom Apparat bürokratisch gesteuerten und von der Komintern und damit der Führung der KPdSU gänzlich abhängigen KPD der späten Weimarer Republik. Dazwischen habe die Phase der »Stalinisierung« und einer damit verbundenen grundlegenden Veränderung der Partei gelegen: »[Die Stalinisierung] bedeutete für die KPD den Wandel von einer Partei mit einem hohen Maß an innerer Demokratie in eine disziplinierte Organisation mit strikt zentralistischer Befehlsgewalt. Stalinisierung hieß Veränderung des inneren Aufbaus, Entstehung einer monolithischen, straff durchorganisierten, hierarchischen Partei. In ihr beherrschte die Führungsspitze mit Hilfe des Apparates […] die Mitgliedschaft; die Politik wurde im Sinne und entsprechend den Weisungen der Stalin’schen KPdSU praktiziert. […] An die Stelle von Pluralismus, Selbstständigkeit, Diskussion und Autonomie [traten] Unterordnung, Gläubigkeit, Disziplin und Kommandoherrschaft.«10 Mit der Stalinisierung sei das Entwicklungspotenzial eines in der Anfangsphase der Partei noch dominanten »demokratischen Kommunismus« Luxemburg’scher Prägung verschüttet worden. Mallmann wies diese von ihm als »Stalinisierungs-Orthodoxie« bezeichnete Wandlungsthese vehement zurück.11 Er argumentierte, dass autoritäre Strukturen und Apparatherrschaft dem deutschen Kommunismus von Anfang an immanent gewesen seien: »Es bedurfte nicht Stalins, um die KPD zu ›stalinisieren‹. Die Parteiführung […] verpasste sich zunächst völlig selbstständig und autonom einen bolschewistischen Zuschnitt mit allen darin implizierten Konsequenzen für das Selbst- und Feindbild, die innerorganisatorische Demokratie und das Verhältnis zur Arbeiterschaft; die Geburt der Parteidisziplin, des Feindes in den eigenen Reihen, der überall lauernden opportunistischen Gefahr, der notwendigen ›Säuberung‹ – all dies war bereits lange vor Stalins Machtantritt geschehen.«12 Die These von einem in der Frühzeit der KPD dominanten »demokratischen Kommunismus« sei nicht haltbar: »Dass Kommunismus nie ein demokratisches Projekt war, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Buch.«13 Mallmann hat mit seiner Arbeit, so Jens Becker und Harald Jentsch, »zumindest im Wissenschaftsbetrieb […] für einigen Wirbel« gesorgt.14 Tatsächlich entwickelte sich in den Jahren nach der Veröffentlichung eine lebendige Debatte über seine Thesen.15 Auch wenn einige Rezensenten von einer »überfällige[n] Revision der klassischen These von den erstickten Ent­wicklungsmöglichkeiten eines alternativen demokratisch-luxemburgischen Früh­kom­munismus«16 sprachen und Mallmann dafür lobten, dass er »überzeugende Einwände gegen Einseitigkeiten des Deutungsmusters ›Stalinisierung‹«17 vorgetragen habe, konnten neuere Forschungen doch einige Unzulänglichkeiten in seiner Argumentation deutlich machen. Vor allem Andreas Wirsching hat detailliert analytische, methodische und interpretatorische Probleme aufgedeckt.18 Quellengestützte Untersuchungen versuchten, Mallmanns Ansichten über die innerparteiliche Demokratie zu widerlegen und die Annahme einer tiefgreifenden Wandlung der KPD in den Zwanzigerjahren zu bestätigen.19 Auch Mallmanns Behauptung, der Einfluss der sowjetischen Partei auf die Entwicklung der KPD in der späten Weimarer Republik sei weniger maßgeblich gewesen als bisher angenommen, wurde zurückgewiesen.20 Umstritten ist unter den Anhängern der Wandlungsthese jedoch die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Metamorphose der Partei eingesetzt hat. Verschiedene Historiker sprechen für die Zeit vor Beginn der eigentlichen Stalinisierung von einer Phase sehr früher »Bolsche­wisierung« der Partei. So geht Jean-François Fayet bereits von 1921 als »turning point« im Ver­hält­nis der deutschen Kommunisten zu Moskau aus.21 Auch Weber, der die Stalinisierung ursprünglich auf den Zeitraum 1924 bis 1929 datiert hatte, nähert sich dieser Sichtweise an, wenn er konstatiert: »Die Vormacht der russischen Kommunisten in der Komintern war bereits 1923 so umfassend, dass an der weiteren verhängnisvollen Entwicklung des Weltkommu­­nismus und speziell der KPD prinzipiell nun nichts mehr zu ändern war.«22 Andere Forscher hingegen sehen weiterhin erst 1928 als »Schaltjahr« in der Geschichte der KPD. So haben Elke Reuter, Wladislaw Hedeler, Horst Helas und Klaus Kinner einen ausführlichen Band (inklusive CD-ROM) mit Parteidokumenten herausgegeben, die das Ende der »realen Chancen für einen alternativen Weg« im Jahr 1928 plastisch machen sollen.23 Sozial- versus Politikgeschichte Einen wichtigen Aspekt der »Weber-Mallmann-Kontroverse« bildeten unterschiedliche me­­tho­­dische Ansätze. Bis zum Erscheinen von Mallmanns Werk war der Mainstream der KPD-Forschung eher politik- und ideengeschichtlich vorgegangen und hatte vor allem die Politik der Parteiführung, ihre ideologischen Auseinandersetzungen und den Einfluss der Sowjetunion auf die Entwicklung der Partei in den Blick genommen. Mallmann setzte dem eine Geschichte »von unten« entgegen. Er monierte, die Geschichte des deutschen Kommunismus sei »überwiegend noch die eines Dogmas ohne Menschen, einer Apparat­herrschaft ohne Subjekte«.24 Politikgeschichte könne »zwar scheinbar per se ein repräsentatives Ergebnis vorweisen«, sie lasse jedoch »die – in der Regel nicht gestellte – sozial­historische Frage nach der praktischen Relevanz unbeantwortet«.25 Im Mittelpunkt seiner eigenen Arbeit stehe dagegen der Widerspruch zwischen dem Avantgardeanspruch der KPD-Führung und der Milieuverwurzlung der Parteibasis. Mallmanns Herangehensweise ist von verschiedenen Historikern kritisiert worden. So sehen Becker und Jentsch darin einen »polemischen Rundumschlag […], der den Granden der westdeutschen KPD-Forschung schlicht die Kompetenz absprach, mit ihrem politik- und organisationszentrierten Ansatz […] adäquat die reale Geschichte der kommunistischen Be­wegung und ihrer Mitglieder erklären zu können«.26 Und Wirsching wirft Mallmann vor, er zeichne eine »zum Teil herabwürdigende Karikatur […] von der bestehenden Forschung zur Weimarer KPD«.27 Trotz aller berechtigten Kritik: Unzweifelhaft enthielt Mallmanns Arbeit innovative Ansätze und warf wichtige Fragen auf. So war es nur folgerichtig, dass in den vergangenen Jahren weitere sozialhistorisch ausgerichtete Untersuchungen erschienen sind, die daran anknüpften. An erster Stelle ist hier die Dissertationsschrift von Ulrich Eumann zu nennen, der die Erforschung der Sozialgeschichte des deutschen Kommunismus auf eine breitere Basis stellte.28 Hatte Mallmann seine Darstellung hauptsächlich durch Quellenmaterial der saarländischen KPD gestützt, so untersuchte Eumann gleich fünf verschiedene Regionalorganisationen der Partei (Berlin-Brandenburg, Ruhrgebiet, West-Sachsen, Pommern and Oberschlesien). Einen ähnlichen Ansatz verfolgte auch Eric D. Weitz, dessen Studie Creating German Communism kurz nach Mallmanns Buch erschienen ist.29 Weitz untersuchte die kommunistische Arbeiterschaft bei Krupp in Essen und bei der BASF in Leuna und legte davon ausgehend dar, wie die Politik der KPD vor Ort durch die Lebensverhältnisse, Erfahrungen und Interessen ihrer Mitglieder geprägt wurde. Einen weiteren sozialgeschichtlich orientierten Beitrag stellt Detlef Siegfrieds Arbeit über das linksradikale Milieu in Kiel zwischen 1917 und 1922 dar. Siegfried versucht, »in einem breiteren gesellschaftsgeschichtlichen Zugriff politische, soziale, kulturelle und generationelle Aspekte zu einem möglichst dichten Bild eines kleinräumigen soziokulturellen Milieus mit über sich selbst hinausweisender Ausstrahlung« zu verknüpfen. Dabei kommt er zu dem Ergebnis: »Es gab eine Welt jenseits der Parteigrenzen und der Direktiven, die sich von den Vorstellungen der obersten Parteiführer und reisenden Revolutionsstrategen beträchtlich unterschied.«30 Zu nennen sind an dieser Stelle auch noch zwei sozialgeschichtlich ausgerichtete Arbeiten über lokale Parteigliederungen in Flensburg und Harburg-Wilhelmsburg.31 Mallmanns Kommunisten in der Weimarer Republik ist also durchaus ein gewisser Pioniercharakter zuzuschreiben. In den knapp anderthalb Dekaden seit seinem Erscheinen hat sich mit der sozialgeschichtlichen Herangehensweise ein neuer Strang der KPD-Historiografie etabliert, der von einer starken Autonomie der lokalen Parteigliederungen ausgeht. Dass die Öffnung der Archive auch auf die klassisch politikgeschichtlich orientierten Ansätze eine belebende Wirkung hatte, zeigen beispielsweise die Werke von Klaus J. Becker und Frank Hirschinger über die (rheinland-)pfälzischen Kommunisten bzw. über die KPD in Sachsen-Anhalt.32 Beide beschränken sich nicht auf die Weimarer Zeit, sondern zeigen Entwicklungslinien bis in die Fünfzigerjahre auf. Während bei Becker die KPD als soziale Bewegung im Zentrum steht, legt Hirschinger seinen Schwerpunkt auf die Parteisäuberungen seit Beginn der Stalinisierung der Partei. Eine weitere Regionalstudie stammt von Thomas Kurz. Sie ist komparatistisch angelegt und stellt das Verhältnis der »feindlichen Brüder« KPD und SPD in den südwestdeutschen Ländern Baden und Württemberg dar.33 Neben den regionalen Parteigliederungen waren in den letzten Jahren wichtige Ereignisse der KPD-Geschichte ein bedeutendes Forschungsfeld politikgeschichtlich arbeitender Historiker. Sie alle folgten dabei – in unterschiedlicher Akzentuierung – dem Stalinisierungsparadigma. Dementsprechend fanden jene Episoden besonderes Interesse, die von den jeweiligen Autoren als Wendepunkte in der Entwicklung der Partei wahrgenommen wurden. So thematisierten sie neben dem bereits erwähnten »Schaltjahr« 1928 vor allem den gescheiterten Aufstand im »Deutschen Oktober« 1923. Dieser markierte den Abschluss der revolutionären Frühphase der Weimarer Republik und begünstigte nach Ansicht vieler Forscher maßgeblich den Aufstieg des Stalinismus in der Sowjetunion und der weltweiten kommunistischen Bewegung. Exemplarisch sei hier die Arbeit von Otto Wenzel genannt, der seine bereits 1955 verfasste Dissertation über den »Deutschen Oktober« anhand der neu zugänglichen Quellen völlig überarbeitet hat.34 Interessanterweise bestätigten diese im Wesentlichen seine bereits vor einem halben Jahrhundert getroffenen Feststellungen. Des Weiteren ist eine Monografie von Harald Jentsch zur Rolle der KPD im Jahr 1923 erschie- nen.35 Zudem hat Bernhard H. Bayerlein einen Sammelband zum Thema mitherausgegeben, der viele bislang geheim gehaltene Dokumente aus den russischen Archiven enthält.36 Ergänzend sei auf zwei allgemeine Werke zu den Revolutionsjahren 1918–1923 verwiesen, die der Politik und Entwicklung der KPD viel Raum geben. Bei beiden handelt es sich allerdings nicht um originäre Neuerscheinungen, sondern um Übersetzungen älterer Arbeiten: 1998 wurde Chris Harmans bereits 1982 veröffentlichte Monografie The Lost Revolution auf Deutsch publiziert,37 2005 ist Pierre Broués Klassiker La révolution en Allemagne in englischer Sprache erschienen.38 Während die Harman-Übersetzung leider ohne Verweis auf neue Quellen und den aktuellen Forschungsstand blieb, ist dem Werk des mittlerweile verstorbenen Broué ein Vorwort von Eric D. Weitz vorangestellt, das ebendiesen Zweck erfüllt. Hinzuweisen ist zudem noch auf ein Themenheft der Zeitschrift Revolutionary History zu den Jahren 1918 bis 1923.39 Es ist vor allem für ein englischsprachiges Publikum interessant, da es größtenteils Übersetzungen bereits veröffentlichter Texte zeitgenössischer deutscher Kommunisten (Paul Levi, August Thalheimer, Jakob Walcher, Arthur Rosenberg u. a.) enthält. Gegen den allgemeinen Trend, die Geschichte des deutschen Kommunismus kleinteiliger zu untersuchen, hat Klaus Kinner Ende der Neunzigerjahre eine Gesamtdarstellung der Weimarer KPD vorgelegt. Sie ist Teil einer auf vier Bände angelegten Geschichte der Partei von ihren Anfängen bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Kinner konstatiert einen sich »als irreversibel erweisenden Prozess des Niedergangs der innerparteilichen Demokratie und Selbstbestimmtheit kommunistischer Politik in Deutschland« und »die zunehmende Dominanz stalinistischer Strukturen in der Partei«.40 Das Ende dieser Entwicklung datiert er jedoch vergleichsweise spät, nämlich auf die Jahre 1928 / 29. Zudem geht er im Gegensatz zu Weber auch für die Zeit danach noch von einer gewissen Autonomie der deutschen Kommunisten aus. Eine weitere politische Gesamtgeschichte der Weimarer KPD hat ein Autorenkollektiv 2001 veröffentlicht. Auch dieses Buch folgt der Wandlungsthese. Zwar durchaus ansprechend aufgemacht, liefert es jedoch leider keine neuen Erkenntnisse.41 Synthese als Aufgabe Insgesamt zeichnet sich ab, dass sich die Einschätzung, »ob eher die Abhängigkeit von der kommunistischen Führung in Moskau oder eine Verwurzelung in lokalen sozialistischen Traditionen und sozialdemokratischen Milieus die Entwicklung der KPD erklären kann«, längst »zu einer Art Gretchenfrage der deutschen Kommunismusforschung entwickelt« hat, wie es Till Kössler formuliert.42 Dabei ist die Gegenüberstellung der Perspektiven »von oben« und »von unten« wenig zweckdienlich. Zu Recht hat schon Klaus Weinhauer in einer Besprechung von Mallmanns Buch »eine Synthese […], die Organisations- und Sozialgeschichte zusammenführt«, eingefordert. Es sei »notwendig, die Partei als soziale Organisation im doppelten Spannungsfeld zwischen äußeren Einflüssen (Stalin, KI) und Milieuverankerung zu analysieren«.43 Diese Anforderungen hat Norman LaPorte in einer Arbeit über die sächsische KPD umgesetzt.44 Er betont auf der einen Seite den Einfluss nationaler sowie internationaler Entscheidungen, Diskussionen und Fraktionskämpfe auf regionale Parteigliederungen und stellt somit Mallmanns These von der relativen Autonomie der unteren Parteiebenen infrage. Auf der anderen Seite argumentiert er jedoch, dass regionale politische Traditionen und sozioökonomische Faktoren durchaus auf die Entwicklung der KPD eingewirkt hätten. Zudem hätten sie unterschiedliche Umgangsweisen mit den Vorgaben der Parteiführung zur Folge gehabt. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Analyse der drei sächsischen Parteibezirke, deren sehr unterschiedliche Ausrichtung er in den verschiedenen regionalen Bedingungen begründet sieht. Die Stärke der KPD-Linken im Bezirk Westsachsen führt er beispielsweise auf die hegemoniale Stellung der SPD in dieser Region zurück. Die kompromisslose Haltung der Linken gegenüber den Sozialdemokraten sei hier auf fruchtbaren Boden gefallen. Dagegen sei die Parteirechte im Bezirk Erzgebirge-Vogtland stark gewesen, weil dort den Kommunisten seit 1919 eine Verankerung in der lokalen Arbeiterbewegung gelungen sei. Der »pragmatischere« Kurs der Rechten sei deshalb plausibel für die Mitgliedschaft gewesen. Dementsprechend war 1928 / 29 der Widerstand gegen die von Stalin vorgegebene Linkswendung wesentlich stärker ausgeprägt als in anderen Bezirken. LaPorte gelingt es, den vermeintlichen Gegensatz zwischen Kommunismusforschung »von unten« und »von oben« aufzubrechen. Er stellt den Einfluss Moskaus auf die stalinisierte KPD nicht infrage, zeigt aber zugleich auf, dass an der Basis nicht jede Wendung unwidersprochen mitgetragen wurde und dass hierbei lokale Unterschiede festzustellen sind. Er präsentiert so einen Ansatz, der sich durchaus als wegweisend für künftige Forschungen herausstellen könnte. So erweist sich die erbittert geführte Stalinisierungsdebatte letztendlich doch als fruchtbar für die KPD-Historiografie. Biografien Abseits der Beschäftigung mit der Geschichte der Partei und ihrer einzelnen Gliederungen machen die Untersuchungen zum Leben einzelner Persönlichkeiten ein weiteres lebendiges und produktives Forschungsfeld innerhalb der Historiografie des Weimarer Kommunismus aus. So wurden in den vergangenen Jahren diverse biografische Arbeiten veröffentlicht, die an dieser Stelle in einem kurzen Überblick gewürdigt werden sollen. Einen Meilenstein stellt zweifellos das von Hermann Weber und Andreas Herbst verfasste biografische Handbuch des deutschen Kommunismus dar. Nachdem es bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 2004 bereits etwa 1400 Kurzbiografien umfasste, konnte dieser Fundus in der 2008 erschienenen zweiten Auflage noch um 275 Personenskizzen erweitert werden.45 Eine Fülle von Angaben zu im Kominternapparat tätigen KPD-Mitgliedern findet sich zudem im 2007 erschienenen Biographischen Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale.46 Beide Bände sind überaus wichtige Hilfsmittel bei der Beschäftigung mit der Parteigeschichte. Zugleich liegt aber die Bedeutung vor allem des Werks von Weber und Herbst »in seinem Charakter als große Kollektivbiografie einer bedeutenden politischen Kohorte im 20. Jahrhundert«.47 Eine etwas kleinere Kollektivbiografie des deutschen Kommunismus liefert Catherine Epstein.48 In ihrer Arbeit fokussiert sie die Lebensläufe von acht Persönlichkeiten, die eine führende Rolle in der KPD und später in der SED spielten. In eine ähnliche Richtung geht auch ein Aufsatz von Ulrich Eumann, der versucht, die Weimarer KPD aus der Perspektive ehemaliger Mitglieder zu betrachten.49 Bei den neu erschienenen Einzelbiografien führender Persönlichkeiten der Partei ist das besondere Interesse an den Lebensläufen Oppositioneller auffällig. Während die Anzahl von Arbeiten zu Führungsfiguren der stalinisierten KPD – wie Ernst Thälmann oder Walter Ulbricht – durchaus überschaubar ist,50 erscheinen regelmäßig neue Werke zu verschiedenen dissidenten Kommunisten. So wurden in den vergangenen Jahren Heinrich Brandler, Ruth Fischer, Paul Levi, Ernst Meyer, Arthur Rosenberg, Werner Scholem, August Thalheimer und Clara Zetkin durch biografische Arbeiten gewür­digt.51 Von Karl Korsch, Ruth Fischer und Arkadij Maslow sind darüber hinaus private Briefe veröffent­licht worden.52 Aber auch oppositionell eingestellte Parteimitglieder außerhalb des engeren Führungszirkels gerieten ins Blickfeld der Forschung – so der ehemalige Leiter der Revolutionären Obleute und dann der Reichsgewerkschaftszentrale der KPD Richard Müller, das spätere Mitglied der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) Jacob Walcher oder auch das Intellektuellen-Ehepaar Alexandra und Franz Pfemfert.53 Das größte Interesse der Biografen gilt aber weiterhin der Figur Rosa Luxemburg. Seit 1990 sind knapp ein Dutzend Monografien und Sammelbände über das Leben und Wirken der KPD-Gründerin erschienen.54 Einzelne Historiker haben sich zudem mit den Lebensläufen vor 1933 in der kommunistischen Bewegung aktiver Wissenschaftler beschäftigt, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine herausragende Rolle an den Hochschulen spielten. Zu nennen sind hier die Arbeiten über den jungen Wolfgang Abendroth, über Ossip K. Flechtheim und Arthur Rosenberg.55 Ebenfalls ein neues Genre stellen die Familienbiografien dar. So legte Theodor Bergmann eine Arbeit über die Familie Thalheimer vor, während sich Annelies Laschitza den Liebknechts widmete.56 Mittlerweile leben nur noch sehr wenige Zeitzeugen des Weimarer Kommunismus. Umso erfreulicher ist es, dass vor wenigen Jahren mit Theodor Bergmanns Im Jahrhundert der Katastrophen noch eine Autobiografie eines im Umfeld der KPD aktiven Oppositionellen erschienen ist.57 Neu aufgelegt wurde außerdem Ruth Fischers umstrittenes autobiografisch geprägtes Werk Stalin und der deutsche Kommunismus von 1948.58 Sonstige Veröffentlichungen Während das Interesse der Forschung an oppositionellen Persönlichkeiten relativ groß ist, sind die Strömungen und Organisationen, in denen sich diese zusammenschlossen, zumeist nur im Rahmen kürzerer Texte oder von Abschlussarbeiten neu untersucht worden. Größere Monografien über die sogenannten Zwischengruppen (zwischen SPD und KPD) beziehen sich eher auf ihre Aktivitäten im Widerstand nach 1933.59 Bei den Untersuchungen zur Weimarer Zeit ist auffällig, dass sich diese ausnahmslos mit Gruppierungen beschäftigen, die während und / oder nach der Stalinisierung der KPD entstanden. So sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten Arbeiten oder Artikel über die KPO,60 die Trotzkisten,61 die Linke Opposition und den Leninbund erschienen.62 Auch die bislang wenig erforschte Weddinger Opposition ist in einem kurzen Aufsatz gewürdigt worden.63 Früheren dissidenten Gruppen wie etwa der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands (KAPD) hat die Forschung bislang dagegen kein neu erwachtes Interesse entgegengebracht. Methodisch ist anzumerken, dass sozialgeschichtliche Ansätze in Arbeiten zu den Oppositionsgruppen bislang kaum eine Rolle gespielt haben. Abschließend sei hier noch auf zwei weitere Forschungsfelder hingewiesen. Zum einen ist die Vor- und Frühgeschichte der KPD (1914–1919) in den vergangenen Jahren verstärkt untersucht worden. Dies ist vor allem das Verdienst von Ottokar Luban, der dieser Epoche eine Vielzahl von Veröffentlichungen gewidmet hat. Die in der Gründung der Kommunistischen Partei mündende Entwicklung der Spartakusgruppe ist besonders dank seiner akribischen Arbeiten heute viel klarer nachzuvollziehen.64 Zum anderen sind in jüngster Vergangenheit die Massen- und Vorfeldorganisationen der KPD in den Fokus der Forschung gelangt. So erschienen Arbeiten über die Rote Sportinternationale, den Roten Frontkämpferbund, die Rote Hilfe und den kommunistischen Jugendverband.65 Fazit Eine Dekade ist vergangen, seit Becker und Jentsch konstatierten: »Rund zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus reduziert sich das Interesse an der Geschichte der Arbeiterbewegung auf eine kleine Schar von Wissenschaftler / innen und Hobby­historiker / innen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Forschungsgelder fließen dafür bekanntlich spärlich – die nunmehr zugänglichen Archivalien, etwa zur Geschichte des deutschen Parteikommunismus, auswerten.«66 Auch weiterhin fließen die Forschungsgelder nur spärlich, aber die Zahl derer, die sich wissenschaftlich mit der Geschichte des deutschen Kommunismus beschäftigen, scheint zu wachsen. Diese neue Vitalität der Forschung drückt sich in einer hohen Zahl von Publikationen zu einer großen Bandbreite von Themen aus. Dabei ist die Geschichte des Kommunismus als einer sozialen Bewegung wieder stärker in den Fokus gerückt und erlebt sogar einen kleinen Boom. Neben der verbesserten Archivsituation ist dafür sicher auch verantwortlich, dass das nach 1989 verkündete »Ende der Geschichte« nicht eingetreten ist und – ähnlich wie im Zuge der 68er-Bewegung – die Beschäftigung mit vergangenen systemkritischen Bewegungen wieder an Attraktivität gewonnen hat. Auch 40 Jahre nach dem Erscheinen von Webers wegweisendem Werk über die Wandlung der KPD bleibt die klassische Stalinisierungsthese für die Mehrheit der Historiker des deutschen Kommunismus ein wesentliches Forschungsparadigma. Die Kontroversen der letzten Jahre haben sich im Großen und Ganzen als fruchtbar erwiesen und ließen die Zunft letztendlich keineswegs in neuen Grabenkämpfen erstarren. Erste Versuche einer Synthese unterschiedlicher Positionen, besonders von sozial- und politikgeschichtlich ausgerichteten Ansätzen, erscheinen vielversprechend. Zukünftige Projekte sollten daran anknüpfen, beispielsweise bei der Untersuchung der unterschiedlichen oppositionellen Strömungen. Auffällig ist, dass die Forschung ihrem Gegenstand in einem Punkt sehr ähnelt: in ihrer Männerdominanz. Nur ein geringer Teil der Veröffentlichungen zum deutschen Kommunismus stammt von Frauen. Hier scheint in der Zukunft eine gezieltere Förderung notwendig 1 Hermann Weber: Zehn Jahre historische Kommunismusforschung. Leistungen, Defizite, Perspektiven, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), S. 611–633, hier S. 627. 2 Stand und Perspektiven der historischen Kommunismusforschung. Protokoll eines internationalen Forschungskolloquiums am 17. April 2007 in Berlin, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2008, S. 373–418, hier S. 376. 3 Ebd. 4 Zur Öffnung der Archive siehe: Hermann Weber: Historiographie der Arbeiterbewegung in Deutschland nach dem Zusammenbruch des »Realsozialismus«. Archivlage und einige Probleme, in: Bruno Groppo u. a. (Hg.): Quellen und Historiographie der Arbeiterbewegung nach dem Zusammenbruch des »Realsozialismus« (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 32), Wien 1998, S. 51–69. 5 Für einen Überblick über die diversen Veröffentlichungen siehe www.mzes.uni-mannheim.de / projekte /pro_zeig_d.php?Recno=2, ges. am 8. Juli 2009. 6 Zur KPD-Forschung vor 1989 siehe Hermann Weber: Kommunismus in Deutschland 1918–1945, Darmstadt 1983 sowie Richard Croucher: Changing Interpretations of the History of German Communism, in: Labour History Review 68 (2003), H. 1, S. 11–31, bes. S. 13–23. Für einen Überblick über die frühen Ver­öffentlichungen siehe Enzo Collotti (Hg.): Die Kommunistische Partei Deutschlands 1918–1933. Ein bibliographischer Beitrag, Mailand 1961. Zu aktuelleren Arbeiten siehe auch die Sammelrezension von insgesamt neun Neuerscheinungen der Jahre 2001–2004: Till Kössler: Partei, Bewegung und Lebensform. Neuerscheinungen zur Geschichte des Kommunismus in Deutschland, in: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), S. 599–614. 7 Ausgeklammert werden Arbeiten über das Verhältnis der KPD zur Komintern oder zu kommunistischen Parteien in anderen Ländern. 8 Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozial­geschichte einer revolutionären Bewegung, Dortmund 1996. 9 Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969; Ossip K. Flechtheim: Die KPD in der Weimarer Republik, mit einer Einleitung von Sigrid Koch-Baumgarten, Hamburg 1986. 10 Hermann Weber: Aufstieg und Niedergang des deutschen Kommunismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40 (1991), S. 25–39, hier S. 27 f. 11 Siehe vor allem das Kapitel »Das neue Paradigma. ›Stalinisierung‹ oder die Geburt der Avantgarde?«, in: Mallmann: Kommunisten (Anm. 8), S. 54–83. 12 Ebd., S. 67. 13 Klaus-Michael Mallmann: Gehorsame Parteisoldaten oder eigensinnige Akteure? Die Weimarer Kommunisten in der Kontroverse – Eine Erwiderung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47 (1999), S. 401–415, hier S. 415. 14 Jens Becker / Harald Jentsch: Divergenzen zur Historiographie über die Rolle der KPD in der Weimarer Republik, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 42 (2000), H. 3, S. 66–74, hier S. 67. 15 Hermann Weber: Nicht stalinisiert?, in: Die Zeit Nr. 25 vom 14. Juni 1996; Andreas Wirsching: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? Alte Einsichten und neue Thesen zum Charakter der KPD in der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 449–466; Sigrid Koch-Baumgarten: Eine Wende in der Geschichtsschreibung zur KPD in der Weimarer Republik?, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 34 (1998), S. 82–89; Mallmann: Gehorsame Parteisoldaten (Anm. 13); Norman LaPorte: »Stalinization« and its Limits in the Saxon KPD, 1925–28, in: European History Quarterly 31 (2001), S. 549–590; Hermann Weber: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: JHK 2007, S. 221–244; Kevin McDermott: Hermann Webers Konzept der »Stalinisierung« der KPD und der Komintern. Eine kritische Bewertung, in: JHK 2008, S. 197–206; Norman LaPorte / Kevin Morgan / Matthew Worley (Hg.): Bol­shevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinization, 1917–53, Basingstoke 2008; Marcel Bois: Review Article on Christian Gotthardt: Die radikale Linke als Massenbewegung, in: Historical Materialism 17 (2009), S. 191–200. 16 Koch-Baumgarten: Eine Wende (Anm. 15), S. 83. 17 Heinrich August Winkler: Rezension zu Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 265 (1997), S. 241 ff., hier S. 241. Selbst Wirsching, dessen Aufsatz in weiten Teilen gegen Mallmann gerichtet ist, stimmt diesem in Bezug auf die Kritik an der Weber’schen Stalinisierungsthese weitgehend zu. Sie gehöre »zu den überzeugendsten des ganzen Buches« und komme der historischen Realität »weitaus näher als Webers These vom demokratischen, ›luxemburgischen‹ Frühkommunismus«. Wirsching: »Stalinisierung« (Anm. 15), S. 463. 18 Wirsching: »Stalinisierung« (Anm. 15). 19 Florian Wilde: »Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig«. Das Verhältnis des KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie 1921 / 22, in: JHK 2006, S. 168–184; Marcel Bois / Florian Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 6 (2007), H. 2, S. 33–46. 20 So hat Eric D. Weitz in einer Besprechung von Mallmanns Buch kritisiert: »The KPD operated as a political party in a defined nation state with its particular party-political structure, and as a member party of the Communist International. It seems most fruitful to me to situate the KPD not only in its local and national, but also very decisively in its transnational contexts. Communism was, after all, a movement that understood itself as internationalist and that was, without question, subject to directives from Moscow. […] It goes too far toward erasing the impact of Stalinism, and of the Soviet model in general.« Eric D. Weitz: Rezension zu Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, in: German Historical Institute London Bulletin 19 (1997), S. 64–69, hier S. 68. 21 Jean-François Fayet: Paul Levi and the Turning Point of 1921. Bolshevik Emissaries and International Discipline in the Time of Lenin, in: LaPorte u. a.: Bolshevism (Anm. 15), S. 105–123. Diese These wurde bereits in den Achtzigerjahren von Sigrid Koch-Baumgarten vertreten: Aufstand der Avantgarde. Die März-Aktion der KPD 1921, Frankfurt a. M., New York 1986, bes. S. 436. 22 Hermann Weber: Vorwort, in: Bernhard H. Bayerlein u. a. (Hg.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003, S. 19–34, hier S. 34. 23 Elke Reuter u. a. (Hg.): Luxemburg oder Stalin. Schaltjahr 1928 – Die KPD am Scheideweg. Eine kommentierte Dokumentation, Berlin 2003, Zitat auf S. 7. Anlässlich des 75. Jahrestags des Thälmann-Skandals von 1928 erschien noch ein zweiter Dokumentenband – zum großen Teil mit Quellen aus russischen Archiven: Bernhard H. Bayerlein / Hermann Weber (Hg.): Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin (=Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 2), Berlin 2003. 24 Klaus-Michael Mallmann: Milieu, Radikalismus und lokale Gesellschaft. Zur Sozialgeschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik, in: Geschichte und Gesellschaft 21 (1995), S. 5–31, hier S. 5. 25 Mallmann: Gehorsame Parteisoldaten (Anm. 13), S. 404. 26 Becker / Jentsch: Divergenzen (Anm. 14), S. 67. 27 Wirsching: »Stalinisierung« (Anm. 15), S. 460. 28 Ulrich Eumann: Eigenwillige Kohorten der Revolution. Zur regionalen Sozialgeschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik, Frankfurt a.M. u. a. 2007. Eumann weist darauf hin, dass schon vor Mallmann einzelne sozialhistorische Kommunismusforschungen erschienen seien (S. 17). Er nennt in diesem Kontext Gabriel A. Almond: The Appeals of Communism, Princeton 1954 sowie Eve Rosenhaft: Beating the Fascists? The German Communists and Political Violence 1929–1933, Cambridge 1983. 29 Eric D. Weitz: Creating German Communism, 1890–1990. From Popular Protest to Socialist State, Princeton 1997. Siehe auch Eric D. Weitz: State Power, Class Fragmentation, and the Shaping of German Communist Politics, 1890–1933, in: Journal of Modern History 62 (1990), S. 253–297. 30 Detlef Siegfried: Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917–1922, Wiesbaden 2004, hier S. 11 f. 31 Matthias Schartl: Rote Fahnen über Flensburg. KPD, linksradikale Milieus und Widerstand im nördlichen Schleswig-Holstein 1919–1945, Flensburg 1999; Christian Gotthardt: Die radikale Linke als Massenbewegung. Kommunisten in Harburg-Wilhelmsburg 1918–1933, Hamburg 2007. 32 Klaus J. Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946–1956, Mainz 2001. Zu den Jahren 1919–1933 siehe S. 20–56 sowie Beckers Aufsatz: Zwischen ultralinker Parteiopposition und titoistischer Verfemung. Die pfälzische KPD 1919–1956, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 103 (2005), S. 343–376, bes. S. 343–350. Frank Hirschinger: »Gestapoagenten, Trotzkisten, Verräter«. Kommunistische Parteisäuberungen in Sachsen-Anhalt 1918–1953, Göttingen 2005. 33 Thomas Kurz: Feindliche Brüder im deutschen Südwesten. Sozialdemokraten und Kommunisten in Baden und Württemberg von 1928 bis 1933, Berlin 1996. 34 Otto Wenzel: 1923. Die gescheiterte Deutsche Oktoberrevolution, Münster 2003. 35 Harald Jentsch: Die KPD und der »Deutsche Oktober« 1923, Rostock 2005. Siehe außerdem Karsten Rudolph: Das Scheitern des Kommunismus im deutschen Oktober 1923, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 32 (1996), S. 484–519. 36 Bernhard H. Bayerlein / Leonid Babicenko / Aleksandr Vatlin / Fridrich Firsov (Hg.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern ( = Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 3), Berlin 2003. 37 Chris Harman: Die verlorene Revolution. Deutschland 1918–1923, Frankfurt a.M. 1998. Originalausgabe: The Lost Revolution. Germany 1918 to 1923, London 1982. 38 Pierre Broué: The German Revolution 1917–1923, Leiden, Boston 2005; Originalausgabe: La révolution en Allemagne 1917–1923, Paris 1971. Auszüge erschienen 1973 auf Deutsch: Pierre Broué: Die Deutsche Revolution (1918–1923), Berlin 1973. 39 Germany 1918–1923. From the November Revolution to the Failed October, in: Revolutionary History 5 (1994), H. 2. 40 Klaus Kinner: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität, Bd. 1: Die Weimarer Zeit, Berlin 1999, S. 132. 41 Gruppe MAGMA: »… denn Angriff ist die beste Verteidigung«. Die KPD zwischen Revolution und Faschismus, Bonn 2001. Die Autoren verzichteten größtenteils darauf, neue Quellen auszuwerten, und beschränkten sich darauf, den Forschungsstand zu referieren. 42 Kössler: Partei, Bewegung und Lebensform (Anm. 6), S. 601. 43 Klaus Weinhauer: Rezension zu Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Archiv für Sozialgeschichte 37 (1997), S. 593–596, hier S. 596. 44 Norman LaPorte: The German Communist Party in Saxony, 1924–1933. Factionalism, Fratricide and Political Failure, Oxford u. a. 2003. 45 Hermann Weber / Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 2., überarb. und stark erw. Aufl. Berlin 2008. 46 Michael Buckmiller / Klaus Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt, Berlin 2007. Dem Band ist eine CD-ROM mit über 28 000 Personeneinträgen zu Kommunisten beigelegt, die im Apparat der Komintern arbeiteten oder mit der Internationale in Verbindung standen. 47 Kössler: Partei, Bewegung und Lebensform (Anm. 6), S. 606. 48 Catherine Epstein: The Last Revolutionaries. German Communists and Their Century, Cambridge, Mass. 2003. 49 Ulrich Eumann: »Kameraden vom roten Tuch«. Die Weimarer KPD aus der Perspektive ehemaliger Mitglieder, in: Archiv für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit 16 (2001), S. 97–164. 50 Peter Monteath (Hg.): Ernst Thälmann: Mensch und Mythos, Amsterdam 2000; Norbert Podewin: Walter Ulbricht. Eine neue Biographie, Berlin 1995; Mario Frank: Walter Ulbricht. Eine deutsche Biografie, ­Berlin 2001. 51 Jens Becker: Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg 2001; Sabine Hering / Kurt Schilde: Kampfname Ruth Fischer. Wandlungen einer deutschen Kommunistin, Frankfurt a.M. 1995; Annelie Schalm: Ruth Fischer – eine Frau im Umbruch des internationalen Kommunismus, in: Buckmiller / Meschkat: Biographisches Handbuch (Anm. 46), S. 129–147; Jörn Schütrumpf: Unabgegoltenes. Politikverständnis bei Paul Levi, in: Utopie kreativ 150 (2003), S. 330–342; Theodor Bergmann: Paul Levi. Tragik eines deutschen Revolutionärs zwischen den Parteien, in: Utopie kreativ 185 (2006), S. 247–256. Jörn Schütrumpf: Paul Levi unter den »Doppelzünglern«, in: Utopie kreativ 209 (2008), S. 222–333; Fayet: Paul Levi (Anm. 21). Florian Wilde: Ernst Meyer als Vorsitzender der KPD 1921 / 22, unveröffentl. Magisterarbeit, Hamburg 2003; ders.: »Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig« (Anm. 19); Mario Keßler: Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889–1943), Köln, Weimar, Wien 2003; Gerd Schäfer: Arthur Rosenberg. Verfechter revolutionärer Realpolitik, in: Theodor Bergmann / Mario Keßler (Hg.): Ketzer im Kommunismus. 23 biographische Essays, Hamburg 2000, S. 101–122; Michael Buckmiller / Pascal Nafe: Die Naherwartung des Kommunismus – Werner Scholem, in: Michael Buckmiller / Dietrich Heimann / Joachim Perels (Hg.): Judentum und politische Exis­tenz. Porträts deutsch-jüdischer Intellektueller, Hannover 2000, S. 61–82; Mirjam Triendl-Zadoff: Unter Brüdern – Gershom und Werner Scholem. Von den Utopien der Jugend zum jüdischen Alltag zwischen den Kriegen, in: Münchener Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur (2007), H. 2, S. 56–66; Jens Becker: August Thalheimer. Früher Kritiker der Stalinisierung, in: ebd., S. 75–100; Gilbert Badia: Clara Zetkin. Eine neue Biographie, Berlin 1994; Tânia Puschnerat: Clara Zetkin. Bürgerlichkeit und Marxismus. Eine Biographie, Essen 2003; Ulla Plener (Hg.): Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen, Berlin 2008. 52 Karl Korsch: Briefe 1908–1939, hg. von Michael Buckmiller, Michel Prat und Heike G. Werner (=Karl Korsch: Gesamtausgabe, hg. von Michael Buckmiller, Bd. 8), Amsterdam, Hannover 2001; Ruth Fischer / Arkadij Maslow: Abtrünnig wider Willen. Aus Briefen und Manuskripten des Exils, hg. von Peter Lübbe, mit einem Vorwort von Hermann Weber, München 1990. 53 Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin 2008; Ernst Stock /Karl Walcher: Jacob Walcher (1887–1970). Gewerkschafter und Revolutionär zwischen Berlin, Paris und New York, Berlin 1998; Julijana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben, Hamburg 2004; Lisbeth Exner / Herbert Kapfer (Hg.): Pfemfert. Erinnerungen und Abrechnungen. Texte und Briefe, München 1998. 54 Annelies Laschitza: Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenkenden. Extraausgabe des unvollendeten Manuskripts »Zur russischen Revolution« und anderer Quellen zur Polemik mit Lenin, Berlin 1990; Theodor Bergmann (Hg.): Die Freiheit der Andersdenkenden. Rosa Luxemburg und das Problem der Demokratie, Hamburg 1995; Annelies Laschitza: Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch, trotz alledem, Berlin 1996; Donald E. Shepardson: Rosa Luxemburg and the Noble Dream, New York u. a. 1996; Klaus Kinner (Hg.): Rosa Luxemburg. Historische und aktuelle Dimensionen ihres theoretischen Erbes, Berlin 2002; Alain Guillerm: Rosa Luxemburg. La rose rouge, Paris 2002; Klaus Tenfelde (Hg.): Rosa Luxemburg und die Arbeiterbewegung. Neue Ansätze in Rezeption und Forschung, Essen 2003; Fritz Keller /Stefan Kraft (Hg.): Rosa Luxemburg. Denken und Leben einer internationalen Revolutionärin, Wien 2005; Frigga Haug: Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik, Hamburg 2007; Ulla Plener: Luxemburg und Lenin. Gemeinsamkeiten und Kontroversen, Berlin 2009. 55 Andreas Diers: Arbeiterbewegung – Demokratie – Staat. Wolfgang Abendroth. Leben und Werk 1906–1948, Hamburg 2006; Wolfgang Abendroth: Gesammelte Schriften, Bd. 1: 1926–1948, hg. u. eingel. v. Michael Buckmiller / Joachim Perels / Uli Schöler, Hannover 2006; Mario Keßler: Ossip K. Flechtheim. Politischer Wissenschaftler und Zukunftsdenker (1909–1998), Köln, Weimar, Wien 2007; ders.: Arthur Rosenberg (Anm. 51); siehe auch Mario Keßler: Exil und Nach-Exil. Vertriebene Intellektuelle im 20. Jahrhundert, Hamburg 2002. 56 Theodor Bergmann: Die Thalheimers. Geschichte einer Familie undogmatischer Marxisten, Hamburg 2004; Theodor Bergmann / Wolfgang Haible: Die Geschwister Thalheimer. Skizzen ihrer Leben und Politik, Mainz 1993; Annelies Laschitza: Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie, Berlin 2007. 57 Theodor Bergmann: Im Jahrhundert der Katastrophen. Autobiographie eines kritischen Kommunisten, Hamburg 2000. 58 Ruth Fischer: Stalin und der deutsche Kommunismus, 2 Bde., Berlin 1991. 59 Hervorzuheben ist hier vor allem die detaillierte Gesamtdarstellung über den Widerstand in Berlin: Hans-Rainer Sandvoß: Die »andere« Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin 2007. Siehe außerdem Andreas G. Graf (Hg.): Anarchisten gegen Hitler. Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Rätekommunisten in Widerstand und Exil, Berlin 2001; Peter Berens: Trotzkisten gegen Hitler, Köln 2007; Barbara Weinhold: Eine trotzkistische Bergsteigergruppe aus Dresden im Widerstand gegen den Faschismus, Köln 2004. 60 Theodor Bergmann: »Gegen den Strom«. Die Geschichte der KPD (Opposition), Hamburg 2001; Peter Birke: Die kommunistische Parteiopposition (KPO) und andere dissidente Kommunisten in Hamburg in den Jahren 1926–1936, unveröffentl. Magisterarbeit, Hamburg 2001. 61 Falk Engelhardt: Entwicklung und Politik der trotzkistischen Linksopposition in Leipzig ab 1924, unveröffentl. Magisterarbeit, Chemnitz 2005; Marcel Bois: Die »(Vereinigte) Linke Opposition« 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte des Trotzkismus am Ende der Weimarer Republik, unveröffentl. Magisterarbeit, Hamburg 2003. 62 Günter Wernicke: Die Radikallinke der KPD und die russische Opposition. Von der Fischer / Maslow-Gruppe zum Lenin-Bund, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 42 (2000), H. 3, S. 75–101; Marcel Bois: Im Kampf gegen Stalinismus und Faschismus. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik (1924–1933), in: Kora Baumbach u. a. (Hg.): Strömungen. Politische Bilder, Texte und Bewegungen. Neuntes DoktorandInnenseminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2007, S. 86–109. 63 Marcel Bois: Vergessene Kommunisten. Die »Weddinger Opposition« der KPD, in: JHK 2008, S. 58–67. 64 Siehe etwa Ottokar Luban: Die »innere Notwendigkeit, mithelfen zu dürfen«. Zur Rolle Mathilde Jacobs als Assistentin der Spartakusführung bzw. der KPD-Zentrale, in: Internationale Wissenschaftliche Korres­pondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 29 (1993), S. 421–470; ders.: Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden gegen Mathilde Jacob und Leo Jogiches (1915–1918), in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 31 (1995), S. 307–333; ders. / Felix Tych: Die Spartakusführung zur Politik der Bolschewiki. Ein Kassiber Leo Jogiches’ aus dem Gefängnis an Sophie Liebknecht vom 7. September 1918, in: Internationale Wissenschaftliche Korres­pondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 33 (1997), S. 92–102; ders.: Rosa Luxemburg, Spartakus und die Massen. Vier Beispiele zur Taktik der Spartakusgruppe bzw. des Spartakusbundes, in: Supplement der Zeitschrift Sozialismus 1997, H. 5, S. 11–27; ders.: Die ratlose Rosa. Die KPD-Führung im Berliner Januaraufstand 1919 – Legende und Wirklichkeit. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 2001, H. 1; ders.: Die Finanzierung der illegalen Antikriegsflugschriften im Ersten Weltkrieg: Spartakusgruppe und linksbürgerliche Pazifisten im Bund »Neues Vaterland«, in: JHK 2008, S. 32–45; ders.: Spartakusgruppe, Revolutionäre Obleute und die politischen Massenstreiks in Deutschland während des Ersten Weltkriegs, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 40 (2008), S. 23–38. 65 Siehe hierzu ausführlich Kössler: Partei, Bewegung und Lebensform (Anm. 6), S. 603 ff.; André Gounot: Die Rote Sportinternationale 1921–1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport, Münster, Hamburg, London 2002; Carsten Voigt: Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und der Rote Frontkämpferbund in Sachsen (1924–1933), Diss., Leipzig 2008; Sabine Hering / Kurt Schilde (Hg.): Die Rote Hilfe. Die Geschichte der internationalen kommunistischen »Wohlfahrtsorganisation« und ihrer sozialen Aktivitäten in Deutschland (1921–1941), Opladen 2003; Nikolaus Brauns: Schafft Rote Hilfe! Geschichte und Aktivitäten der proletarischen Hilfsorganisation für politische Gefangene in Deutschland (1919–1938), Bonn 2003; Heinz-Jürgen Schneider / Erika Schwarz / Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands. Politische Strafverteidiger in der Weimarer Republik. Geschichte und Biografien, Bonn 2002; Barbara Köster: »Die Junge Garde des Proletariats«. Untersuchungen zum Kommunis­tischen Jugendverband Deutschlands in der Weimarer Republik, Diss., Bielefeld 2005, veröffentl. online: http: // bieson.ub.uni-bielefeld.de / volltexte / 2005 / 793 / pdf / barbara_koester_junge_garde.pdf, ges. am 8. Juli 2009. 66 Jens Becker / Harald Jentsch: Parteikommunismus in der Weimarer Republik, in: Utopie kreativ 117 (2000), S. 701 ff., hier S. 701.

JHK 2010

Markus Wolf versus United States of America. Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Helmut Müller-Enbergs

Seine Frau, Freunde und Arbeitskollegen nennen ihn Hans Dietrich Steinmeier1 und wissen, dass er von einem Leben in Amerika träumt. Alle, die den 35-Jährigen in Hamburg kennenlernen, erfahren, dass er im Oktober 1972 von Bremen in die Hansestadt gezogen ist. Zuvor hatte er als Kranfahrer gearbeitet und seine kranke Mutter bis zu ihrem Tod versorgt; sein Vater war im Krieg gefallen. In Hamburg soll für ihn endlich ein neues Leben beginnen. Er will nachholen, was ihm zuvor nicht möglich war. Er mietet sich ein Zimmer, versteht sich ausgezeichnet mit der Vermieterin, sucht sich eine Hilfsarbeit bei einer Transportfirma in Hamburg-Wilhelmsburg und ist bei seinen Kollegen beliebt – und vor allem meldet er sich für einen Englisch-Kurs bei »pro linguis« an. Dort freundet er sich mit einer jungen Frau, einem Chemieingenieur und dessen Kollegen an. Mit ihnen unternimmt er Wochenendausflüge oder trifft sich zum Kneipenbummel. Niemanden stört seine Zurückhaltung, insbesondere mag er kaum aus seinem Leben erzählen. Hans Dietrich Steinmeier ist ehrgeizig: Sein nächster Job beim Logistikkonzern Schenker in Hamburg soll für ihn das Sprungbrett nach Amerika sein. Er ist überzeugt, durch Fleiß die schwachen schulischen Leistungen früherer Jahre wettmachen zu können – bislang hat er es lediglich zum Hilfsarbeiter gebracht. Dabei sollen ihm ein nachgeholter Schul­abschluss und ein begonnenes Abendstudium der Betriebswirtschaft helfen. Ein halbes Jahr nach seinem Start bei Schenker beschließt er, gleich seinen ersten Urlaub dazu zu nutzen, um erstmals in die USA zu reisen. Dabei will er auch herausfinden, wie es ihm gelingen könnte, in Amerika Fuß zu fassen. Sein Status als Student hilft ihm, die ansonsten aufwändigen Einreisebestimmungen zu umgehen. Obwohl er noch nie dort gewesen ist, kennt seine Begeisterung für dieses Land keine Grenzen. So fiebert er dem Tag entgegen, an dem es losgehen soll. Im November 1973 ist es so weit. Schon während dieser Reise gelingt es Steinmeier, in der New Yorker Niederlassung von Schenker einen Job zu finden. Zurück aus dem Urlaub, bricht er in Hamburg alle Zelte ab, verabschiedet sich von Freunden und Vermieterin, zu denen er in den nächsten Jahren nur gelegentlich Kontakt hält.2 Die Arbeit in New York fällt ihm zunächst schwer. Vor allem mit der Sprache hat er Probleme. Dennoch kann er bei Schenker dank seiner Leistungen überzeugen und wird innerhalb weniger Jahre zum Vizedirektor der Exportabteilung aufsteigen. Bei gelegentlichen Aufenthalten in Hamburg schließt er später auch noch sein Studium erfolgreich ab. Ansonsten geht er täglich im New Yorker World Trade Center seiner Arbeit nach: Ein Traum hat sich erfüllt. Sein Glück vollkommen machen seine zukünftige Frau, die er im Dezember 1974 in den USA kennenlernt, und ihr späteres gemeinsames Kind. Diese Traumkarriere hatte lediglich einen Haken: Hans Dietrich Steinmeier hieß in Wirklichkeit Eberhard Lüttich und war Offizier im besonderen Einsatz (OibE) der Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der Spionageabteilung des MfS. Er operierte unter dem Decknamen »Brest«. Sein offizielles Leben als Steinmeier war lediglich eine Legende, die an Schreibtischen in Ost-Berlin ersonnen worden war. Mit ihm hatte die HV A eine nachrichtendienstliche Quelle im Herzen der »imperialistischen Supermacht« in den USA platziert. Die Zuständigkeit innerhalb des MfS fiel im Wesentlichen einer einzigen Diensteinheit zu: der Abteilung XI der HV A – HV A XI genannt. Diese Abteilung spielt in der öffentlichen Debatte bislang keine Rolle, zumal es von ihr keine nennenswerten Aktenüberlieferungen gibt. Im Nachfolgenden wird der Versuch unternommen, der HV A XI eine Gestalt zu geben, was ihre Aufgaben, ihre Mitarbeiter und vor allem ihre Quellen betrifft. Dies wird durch den Umstand erschwert, dass zu dieser Abteilung kaum archivarische Überlieferungen bei der Stasi-Unterlagenbehörde vorliegen, da es den Mitarbeitern gelang, bis Juni 1990 entsprechende Bestände nahezu vollständig zu vernichten. Übrig geblieben ist lediglich die von der HV A angelegte und verfilmte Kartei, die unter dem Namen »Rosenholz« bekannt ist und deren Daten seit 2004 in Deutschland in der Stasi-Unterlagenbehörde zugänglich sind. Bis dahin befanden sich die »Rosenholz«-Dateien im Besitz der USA, und die CIA sorgte dafür, dass bei ihrer Rückgabe alle Bezüge zu amerikanischen und anderen nicht-deutschen Staatsbürgern zurückgehalten wurden. Aus diesem Grund müssen zahlreiche Personen in diesem Beitrag namenlos bleiben, da allenfalls deren Decknamen bekannt sind und allein Karteikarten mit deutschen Bezügen vorliegen. Ferner ist eine besondere Datei mit dem Namen SIRA, dem System der Informationsrecherche der HV A, überliefert bzw. wurde mühsam wieder rekonstruiert. In diesen elektronischen Datenbanken der HV A sind u. a. die von den inoffiziellen Mitarbeitern (IM) beschafften Unterlagen mit ihren Titeln, die Decknamen der IM und ihre individuellen Registriernummern sowie die von den Auswertern vergebenen Beurteilungen verzeichnet. Außerdem existieren vereinzelte IM-Akten, die wegen ihrer geringen Bedeutung nicht im Archiv der HV A, sondern in dem des MfS abgelegt wurden. Darüber hinaus haben einzelne Offiziere dieser Abteilung ihre Erinnerungen veröffentlicht bzw. sind mit Stellungnahmen an die Öffentlichkeit getreten. Schließlich trugen Ermittlungsbehörden Angaben zu einzelnen IM und ihren Offizieren zusammen, die herangezogen wurden, wenn es zu Anklagen und Verurteilungen kam. Diese Quellenlage lässt erahnen, dass die Rekonstruktion der HV A XI einem überwiegend unvollständigen Puzzle gleicht. Da das öffentliche Interesse an der Arbeit des Nachrichtendienstes von Markus Wolf gegen die USA jedoch enorm ist, soll dieser Artikel dazu beitragen, zumindest einige Lücken in diesem Puzzle zu schließen. Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht daher besonders die direkte operative Arbeit gegen die USA bzw. in den USA, weshalb das dafür zuständige Referat 3 einen besonderen Stellenwert erhält. Im Einzelnen soll dargestellt werden, welche Einrichtungen die HV A in den USA im Visier hatte und wie sie versucht hat, diese zu infiltrieren. Um dieses Vorgehen anschaulich zu machen, soll nach der Vorstellung der einzelnen Referate und ihrer Aufgabenbereiche innerhalb der HV A XI schließlich rekonstruiert werden, was aus Eberhard Lüttich alias Hans Dietrich Steinmeier geworden ist. 1. Zielobjekte Die im Februar 1971 als eigenständige Abteilung gebildete HV A XI befasste sich mit allen Fragen politischer und militärischer Natur, die mit den USA (und Kanada)3 in Beziehung standen. Die operative Arbeit gegen die amerikanischen Nachrichtendienste oblag einer anderen Struktureinheit der HV A, namentlich der HV A IX,4 und die Arbeit gegen die NATO übernahm die HV A XII. Die breiter angelegte nachrichtendienstliche Arbeit in den USA wurde erst zu dem Zeitpunkt aufgenommen, als eine staatliche Anerkennung der DDR absehbar war, die es auch der DDR ermöglichte, diplomatische Vertretungen zu eröffnen. Das Aufklärungsprogramm war großzügig gefasst; es wurde zwischen Haupt- und Basisobjekten unterschieden. »Für uns draußen hieß das«, so berichtet der ehemalige HV A-Resident bei der UNO, Horst Joachimi, »das nachrichtendienstliche Objektiv auf die Totale umzustellen – wir sollten die gesamte gesellschaftliche Entwicklung so gut wie möglich ausleuchten und uns nicht mehr nur auf die Hauptobjekte konzentrieren. (…) Aus der klassischen Aufklärung wurde nun eine zielgerichtete Erkundung des reaktionären Konservatismus«5 – und seiner Institutionen. Unter den Hauptobjekten galt das Interesse vor allem dem Weißen Haus, dem US-Verteidigungsministerium, dem Kongress und dem Pentagon.6 Dabei stand die HV A jeweils vor beachtlichen Problemen. Da sie im Weißen Haus einen häufigen Personalwechsel beobachtete, schien ihr die Methode des »Herausbrechens« für das nachrichtendienstliche Eindringen als besonders viel versprechend. Es galt also eine dort bereits tätige Person für sich zu gewinnen. Beim Verteidigungsministerium und beim Kongress erschien es der HV A kaum realistisch, Quellen zu platzieren, da dort ausschließlich US-Bürger tätig sein durften, die mindestens seit sieben Jahren in den Staaten lebten und darüber hinaus den obligatorischen Einsatz eines Lügendetektors zu überstehen hatten. Außerdem brachten Senatoren, Kongressabgeordnete sowie der Präsident ihren persönlichen Mitarbeiterstab mit. Dem Pentagon hingegen gehörten zwei Millionen Soldaten sowie eine Million Zivilangestellte an, die zumeist dorthin abgeordnet wurden und an keine Karrierelaufbahnen gebunden waren. Auch hier favorisierte die HV A die Methode des »Herausbrechens«.7 Unterhalb der Ebene der Hauptobjekte gab es die Basisobjekte. Hier handelte es sich um Institute oder wissenschaftliche Einrichtungen, die auf unterschiedliche Weise enge Verbindungen zum Weißen Haus unterhielten. Da es der HV A schwerfiel, in die personellen Strukturen des Weißen Hauses einzudringen, interessierte sie sich für entsprechende Einrichtungen in dessen Umfeld. Dazu gehörten so bekannte Institute wie • die Heritage Foundation (Washington, D. C.), • das Institute for Contempary Studies for Public Policy Research (San Francisco), • das American Enterprice Institute (Washington, D. C.), • die Hoover Institution on War, Peace and Revolution (Stanford University, Kalifornien), • das Centre for Strategic and International Studies (Georgetown University), • die School of International Affairs (Columbia University, New York), • die RAND-Cooperation (Santa Monica, Kalifornien), • die School of Advanced International Studies (Johns Hopkins University, Washington, D. C.), • die Fletcher School of Law and Diplomacy (Tufts University, Medford), • das Massachusetts Institute of Technology (Cambridge). Aus den gleichen Gründen standen Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen mit enger Verbindung zum Außenministerium im Blickpunkt des Interesses der HV A XI, darunter die Kennedy School of Government (Harvard University, Cambridge) und The American University (Washington, D. C.). Wegen ihrer Verbindungen zum Verteidigungsministerium waren die Universitäten sowie Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen wie das Institute for Defense Analysis (Arlington), das Hudson Institute (New York), das Russian Research Center (Harvard University, Cambridge), die US-Military Academy (West Point, New York), das National War College (Washington, D. C.), das Industrial College of the Armed Forces, alle Reserve Officers Training Corps (ROTC) sowie diverse Institute für Luft- und Raumfahrt operativ zu bearbeiten. Die Aufmerksamkeit galt ferner der Brookings Institution wegen ihrer engen Verbindungen zum Kongress. Über diese Einrichtungen hinaus interessierten der Council on Foreign Relations (New York), das Foreign Policy Research Institute (Philadelphia), das Center for International and Public Affairs (University of Southern California, Los Angeles), das Institute for Sino-Soviet-Studies (George Washington University, Washington, D. C.), das Research Institute on International Change (Columbia University, New York), die Trilateral Commission (New York), die Rockefeller Foundation (New York), die Ford Foundation (New York) und, unter dem Gesichtspunkt »politischer Diversion«, die United States Information Agency (USIA). Zu den wichtigen amerikanischen Einrichtungen zählte die HV A XI auf militärischer Ebene hinsichtlich der Hauptobjekte das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa (USEUCOM) in Stuttgart und der US-Landstreitkräfte in Europa (USAREUR) in Heidelberg, weshalb sich die operative Arbeit vornehmlich auf Angehörige und Zivilangestellte der US-Armee in der Bundesrepublik konzentrierte, besonders in Stuttgart, Heidelberg, Ramstein, West-Berlin, Kaiserslautern, München, Würzburg, Grafenwöhr und Frankfurt a. M. Allein dem Hauptquartier der US-Streitkräfte in Heidelberg gehörten 10 000 Mitarbeiter an. Von großem Interesse waren ferner die US-Botschaft in Bonn, die US-Mission, die Alliierte Kommandantur und das General Lucius D. Clay Hauptquartier in West-Berlin. Zu den observierten Basisobjekten gehörten die US-Generalkonsulate in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Stuttgart und München, das US-Agricultural Trade Office in Hamburg, das Regional Export Development Office in Bonn, die American Chamber of Commerce in Germany in Frankfurt a. M., Berlin, Köln, München, Stuttgart und Hamburg, die 6912 Electronic Security Group, die Field Station in Berlin-Tempelhof, -Marienfelde und -Teufelsberg, die US-Air Force in Berlin-Tempelhof, amerikanische Studieneinrichtungen in Hamburg, Hannover, Göttingen, Marburg, Heidelberg, Regensburg, Stuttgart, Tübingen, München, Freiburg.8 Für diese verschiedenen Zielobjekte waren innerhalb der HV A XI die Leitung und diverse Referate mit insgesamt 61 Mitarbeitern zuständig, wobei die bedeutendsten Einrichtungen der Leitung selbst vorbehalten blieben. Um das unglaubliche Ausmaß der Aufgaben erfüllen zu können, suchte die HV A XI inoffizielle Mitarbeiter, »die den Kampf auf Leben und Tod zu führen gewillt sind!«.9 2. Abteilungsleitung Die Leitung der HV A XI war allein mit zwölf Zielobjekten in den USA befasst, von denen die drei wichtigsten das Pentagon, das Weiße Haus und das Außenministerium waren.10 Als erster Leiter war mit Heinz Geyer11 ein erfahrener Mann bestimmt worden, der wesentlich am Aufbau dieser Abteilung beteiligt gewesen ist. Ihm folgte sein bisheriger Stellvertreter Jürgen Rogalla,12 der bis zum Ende der DDR die HV A XI leitete.13 Rogalla standen zunächst Horst Klugow,14 dann Manfred Kleinpeter15 und zuletzt als 1. Stellvertreter Armin Grohs16 zur Seite. Jeder von ihnen war für bestimmte Referate zuständig, die in den folgenden Kapiteln näher beschrieben werden. Zuständige Referat Schwerpunkt Oberst Jürgen Rogalla 1 Einschleusungen / Übersiedlungen in die USA 5 US-Streitkräfte in Europa Auswertung und Information Oberst Armin Grohs 2 US-Botschaft in Bonn / US-Bürger in der Bundesrepublik 7 Ausbildung und Kadergewinnung Oberst Manfred Kleinpeter 3 US-Bürger in Europa 4 UNO-Vertretung in den USA 6 USA-Forschung in der DDR 9 US-Streitkräfte in West-Berlin / Militärmission in Potsdam Tabelle 1: Referatszuständigkeiten der Leitung17 Dem Leitungsstab direkt angeschlossen war das vierköpfige Auswertungs- und Informationsreferat von Rolf Hoth und seinem Stellvertreter Siegfried Weber.18 Hier liefen alle Materialien, Analysen, Berichte, Dokumente usw. zusammen, die von IM der HV A XI operativ beschafft und intern in ihrer Summe als Informationen bezeichnet wurden. Freilich führte die Leitung selbst Quellen, von denen insbesondere der Bundesbürger »Lord«, die Kurierinnen »Irma« und »Inge« sowie die beiden ausländischen Staatsbürger »Major« und »William« erwähnenswert sind.19 Einen Sonderfall stellte eine Quelle dar, von der nichts bekannt ist, außer den auf sie zurückgehenden Informationen. Sie muss jedoch interessante Zugänge gehabt haben, denn sie lieferte von Januar 1973 bis Oktober 1974 zehn Informationen, darunter einen Bericht des Unterausschusses für internationalen Austausch und Zahlungen des Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des US-Kongresses und eine Information zu internen Wirtschaftsberichten des großen amerikanischen Unternehmens Sperry-RAND, das Elektronikartikel, Computer, Landmaschinen und Hydraulikausrüstungen herstellte.20 Etwas mehr ist über andere Quellen der Leitung bekannt. So etwa über den Abteilungsleiter im Bekleidungshaus Hertie in Hanau, der als Ermittler »Walter« operierte, und seine Ehefrau, die Kurierin »Waltraud«. Sie waren seit August 1967 mit der HV A verbunden und beschafften in der Zeit von April 1970 bis Oktober 1983 291 Informationen, meist in Form von Dokumenten. Die Informationen waren überwiegend das Ergebnis ihrer Kontakte zu den US-Landstreitkräften in Europa in Heidelberg. Der ausländische Bürger »William« lieferte von Juni 1970 bis August 1984 insgesamt 74 Informationen, darunter 58 Dokumente. Sie betrafen die Führungsstruktur von General Motors, Pläne von Senatoren und Kongressabgeordneten, meistens mit Bezug auf die amerikanische Innenpolitik. Vereinzelt gehen auf »William« auch Sitzungsprotokolle des Instituts für Kommunistische Angelegenheiten der Columbia University zurück. Zu den Quellen der Leitung gehörte auch »Fürst«, der offenkundig im Umfeld der US-Army in Grafenwöhr operierte. Auf ihn gehen von Dezember 1981 bis Juli 1984 60 Informationen, darunter 26 Dokumente zurück. Dazu zählen die US-Felddienstvorschriften zur Nuklearmunition (109 Seiten) und Feststellungen zu schweren Sprengkörpern (318 Seiten). Bei den genannten Personen handelt es sich um die Spitzenquellen der Leitung, doch – bezogen auf die ehrgeizigen Ziele – waren sie weit davon entfernt, tatsächlich Haupt- oder Basisobjekte infiltriert zu haben. Die von den einzelnen IM gelieferten Informationen reichten die Diensteinheiten an die entsprechenden Auswertungsabteilungen der HV A weiter: die sogenannten informationsauswertenden Diensteinheiten (IADE). Dazu gehörte die HV A V, die Auswertungsabteilung des Sektors Wissenschaft und Technik, die diesbezügliche Unterlagen bewertete. Die HV A VI sammelte »Regimematerialien« wie etwa Einreiseformalitäten, Pässe, Hotelquittungen usw., die HV A VII analysierte Informationen zu politischen und militärischen Fragen, und die Auswertungsabteilung der HV A IX bearbeitete Informationen zu Nachrichtendiensten und Polizeien. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 1311 / 68 Ermittler »Walter«, Kurier »Waltraud« 0 1 236 54 291 XV 1797 / 69 »William« (AB)21 0 0 74 0 74 XV 6281 / 81 »Fürst« 11 0 49 0 60 XV 12823 / 60 O-Quelle »Lord«, »Major« (AB) 0 0 40 0 40 XV 12900 / 60 »Müller«, Sicherungs- IM »Inge« 14 0 10 10 34 Tabelle 2: Informationen von der Leitung der HV A XI an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989)21 3. Nordamerika – Kanada – Mexiko Für Nordamerika, Kanada und Mexiko war das Referat 1 der HV A XI mit seinen 20 Mitarbeitern zuständig. Die Leitung lag zunächst bei Horst Klugow, dann bei Artur Birgel – zwischenzeitlich bei Horst Joachimi22 – und zuletzt bei Ralph-Dieter Lehmann.23 Das Referat arbeitete während seiner Existenz sehr effektiv und legte für 555 Bürger Aktenvorgänge an. Es verfügte über 18 bundesdeutsche IM24 und 15 ausländische Bürger, mit denen es kooperierte oder die es »abschöpfte«.25 Nennenswert sind gleichwohl nur wenige dieser Quellen, darunter insbesondere der US-Sergeant »Kid«26 von der 6912 Electronic Security Group in Berlin-Marienfelde. Er lieferte von April 1985 bis Februar 1986 64 Informationen, darunter zwölf Dokumente. Hierbei handelt es sich um Dossiers über die elektronische Kampfführung, wie z. B. das Dokument »Canopy Wing«, das Schwachstellen der Hochfrequenz-Kommunikation des Sowjet-Generalstabs analysierte.27 35 dieser 64 Informationen wurden als »sehr wertvoll« eingestuft. In der DDR, wohin »Kid« 1987 übersiedelte und deutscher Staatsbürger wurde, war er im Objekt »Brücke« in Ost-Berlin damit befasst, die Funkaufklärung der US-Air Force auszuwerten. Im April 1991 wurde er von einem amerikanischen Nachrichtendienst in die USA verbracht bzw. entführt und wegen Spionage zu 38 Jahren Haft verurteilt, von denen er zwölf Jahre im Gefängnis verbüßte, bevor er begnadigt 2003 in seine Wahlheimat Deutschland zurückkehrte.28 Der ausländische Bürger »Anker«29 ist, verglichen mit »Kid«, von wesentlich geringerer Bedeutung. Er wurde zunächst von der Abteilung XV der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt geführt (bei der auch die Quelle im BND, Gabriele Gast, angebunden war) und lieferte von April 1982 bis Oktober 1988 62 Informationen, bei denen es sich überwiegend um Fotokopien (49) handelt, die einen Bezug zur Luftwaffe und zum US-Stützpunkt Ramstein aufweisen. Wiederholt standen Fragen der »Exercise Schedule FY 2 / 81 – FY 3 / 82« und hinsichtlich elektronischer Bordgeräte in Flugzeugen im Mittelpunkt. Der Ingenieur und Führungs-IM (FIM) »Bernd« und seine Frau, zugleich Perspektiv-IM (PIM) »Angela«,30 die als Sekretärin beim FDP-Landesvorstand in West-Berlin arbeitete, wurden zwar als Quellen geführt, lieferten jedoch im Zeitraum von Juli 1977 bis Mai 1982 im Gegensatz zum inhaltlichen Schwerpunkt des Referats vornehmlich Informationen über die FDP. Schon von deutlich geringerem Stellenwert waren PIM »Robby« mit 22 und »Harry Winter« mit elf Informationen. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 2047/84 »Kid« 0 0 18 46 64 XV 137/81 »Anker« (AB) 7 0 19 2 28 XV 366/77 FIM »Bernd«, PIM »Angela« 8 2 15 0 25 XV 2736/79 PIM »Robby« 0 1 17 4 22 XII 632/67 »Harry Winter« 0 0 11 0 11 Tabelle 3: Informationen vom Referat 1 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) 4. US-Botschaft in Bonn Im Referat 2 konzentrierte man sich auf die US-Botschaften in Bonn und in den deutschsprachigen Ländern wie Österreich oder der Schweiz, aber auch auf amerikanische Staatsbürger in der Bundesrepublik Deutschland. In der Summe handelt es sich um sechs Institutionen.31 Die Leitung des Referats wechselte wiederholt. Sie wurde übernommen von Horst Klugow, Heinz Schockenbäumer,32 Manfred Kleinpeter und zuletzt von Volker Lätzsch,33 die insgesamt 16 Mitarbeiter zu ihrem Stab zählten. Das Referat 2 war operativ außerordentlich leistungsstark. Es führte mit 538 Vorgängen nahezu so viele wie das Referat 1, verfügte jedoch mit 23 bundesdeutschen IM über ein größeres Netz, darunter sechs, die in Zielobjekten tätig waren.34 Hinzu kamen die Kontaktperson (KP) »Tom« und fünf ausländische Kontakte.35 Eine O-Quelle, so lautete eine der vielen Sonderbezeichnungen für IM und steht für Objektquelle, gehörte für die HV A zu den wichtigsten IM, weil sie in einer Zieleinrichtung tätig war. Dazu zählte eine Sachbearbeiterin im Bundesministerium der Verteidigung mit dem Decknamen »Erich«. Sie lieferte im Zeitraum von November 1969 bis November 1987 2303 Informationen, überwiegend in Form von Dokumenten (1611). Dabei handelt es sich um interne Unterlagen des Bundesministeriums, aber auch der NATO sowie um militärische Forschungsvorhaben. Von kaum geringerer Bedeutung war die Fremdsprachensekretärin, die als O-Quelle »Gerhard« in der US-Botschaft in Bonn arbeitete. Auf sie gehen 1545 Informationen (in 1364 Fällen als Dokument) zurück, die im Zeitraum von März 1976 bis Mai 1989 beim Referat 2 eintrafen. Sie geben einen beachtlichen Einblick in die Arbeit der US-Botschaft, insbesondere, was militärische Fragen betrifft. »Gerhard« berichtete ausführlich über die Pershing II, auch hinsichtlich deren Stationierung in der Bundesrepublik Deutschland. An dritter Stelle folgt eine Abschöpfquelle (A-Quelle) mit dem Decknamen »Hoffmann«,36 die ebenfalls über gute Zugänge verfügte. »Hoffmann« war zunächst als Wissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen tätig, dann als Professor an der FU Berlin. Er kann mit 494 Informationen (457 Dokumente) in Verbindung gebracht werden, die meist außenpolitische Fragen betreffen. In 13 Fällen bildeten diese Informationen die Basis für an die SED-Führung gerichtete Ausarbeitungen, in zwei Fällen wurde die Note »sehr wertvoll« vergeben. Beachtenswert sind ferner die O-Quelle »Gitte« mit 470 Informationen und »Keddy«37 mit 281 Informationen. Angesichts dieser eindrucksvollen Informationsdichte dürfte das Ziel, die US-Botschaft in Bonn operativ unter Kontrolle zu halten, tatsächlich erreicht worden sein. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 47/68 O-Quelle »Erich« 1002 0 1275 26 2303 XV 4607/75 O-Quelle »Gerhard« 11 0 1485 49 1545 XV 232/67 A-Quelle »Hoffmann« 4 1 485 4 494 XV 3001/77 O-Quelle »Gitte« 351 1 117 1 470 XV 11540/60 »Keddy« 274 0 7 0 281 Tabelle 4: Informationen vom Referat 2 an die Auswertungsabteilungen HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) 5. Quellen in den USA Die operative Arbeit des Referats 3 zielte auf das Führen von Quellen in den USA und Übersiedlungen von DDR-Bürgern in das »Operationsgebiet«. Die entsprechenden Vorgänge wurden einheitlich unter dem Objektvorgang »Aufbau« geführt.38 Die Übersiedlung von DDR-Bürgern ins Ausland war ein aufwendiges und langwieriges Unternehmen: Für die zu diesem Zweck eingesetzten Bürger musste eine geeignete Biographie ersonnen werden (»Legende«), sie hatten sich unauffällig im Zielland zu integrieren, zumeist zunächst in der Bundesrepublik, um dann den Sprung in die USA zu schaffen. Diesbezüglich befasste sich die HV A schon länger mit solchen Unternehmungen, wozu sie eigens die Arbeitsgruppe »Übersiedlungen« ins Leben gerufen hatte, aus der das Referat 3 entstanden war. Seine Räumlichkeiten hatte das Referat zunächst in der Ost-Berliner Neustädtischen Kirchstraße (Nähe Ecke Clara-Zetkin-Straße). Als 1977 die amerikanische Botschaft direkt gegenüber – in das frühere Warenhaus für Armee und Marine, später das Haus des Deutschen Handwerks – einzog, erhielt das Referat neue Büros in der Ruschestraße in Berlin-­Lichtenberg. Das operative Aufgabengebiet des Referats 3 umfasste die Auswahl und operative Vorbereitung von Einsatzkadern zur Übersiedlung in das »Operationsgebiet«.39 Nachweislich führte das Referat insgesamt 281 Vorgänge, was im Vergleich zu den Nachbarreferaten einem Anteil von 11,5 Prozent entspricht. Jährlich wurden durchschnittlich ein bis zwei Übersiedlungskandidaten ausgebildet und »abgesetzt«. Im Dezember 1988 waren für das Referat 3 sieben Bundesbürger als IM erfasst.40 Hinzu kamen neun IM / KP im Ausland.41 Innerhalb der HV A XI erfolgte die Anleitung des Referats zunächst durch den stellvertretenden Abteilungsleiter Armin Grohs.42 Spätestens seit November 1985 übernahm Abteilungsleiter Jürgen Rogalla diese Aufgabe jedoch selbst. Erster Leiter des Referats 3 wie auch der vormaligen Arbeitsgruppe »Übersiedlungen« war von Februar 1971 bis Januar 1978 Eberhard Kopprasch. Ihm folgte Bernd Gentz,43 ab Oktober 1982 übernahm Ralf Schirrmann diese Aufgabe und von November 1985 bis März 1990 Lothar Ziemer.44 Stellvertretende Leiter waren seit März 1977 Bernd Gentz und nach ihm Heiko-Bernd Schilling.45 Das Referat verfügte über 13 Mitarbeiter, zumeist Ingenieure, die in der Lage waren, auch fachspezifische Informationen zu bewerten und oftmals anschließend als Offizier im besonderen Einsatz in den Auslandseinsatz übernommen wurden. Anfangs waren dem Referat Günter Enterlein als Referent und Reinhard Krull als Sachbearbeiter zugeteilt. Der gelernte Staatswissenschaftler Günter Enterlein war von 1977 bis 1985 als OibE »Georg« in den USA.46 In den Siebzigerjahren waren der Ingenieur für Bergbaumaschinen Rudolf Herz, der Ingenieur beim VEB Bau-Union Rostock Fritz-Jürgen Peters, der Ingenieur für Hochbau Fritz-Joachim Stahlbohm und der Chemieingenieur Dieter Tietz (später OibE »Vogt«) dem Referat zeitweise als operative Mitarbeiter zugewiesen, ferner der Unterstufenlehrer Herbert Thomas als Referent. In den Achtzigerjahren gehörten der Diplom-Ingenieur Harald Meumann, der Maschinenbauer Olaf Walter als Sachbearbeiter operativer Dienst und der Mechaniker Hans Fischer (später OibE »Resch«) als operativer Mitarbeiter dem Referat an. Zum Zeitpunkt seiner Auflösung versah neben dem Leiter Ziemer und seinem Stellvertreter Heiko-Bernd Schilling noch Günter Burmeister als Referent seinen Dienst im Referat 3. Der amerikanische Techniker, die A-Quelle »Dupont«, dürfte zeitweise die bedeutendste und älteste Quelle des Referats gewesen sein (zusammen mit »Lore«). Bereits im Dezember 1964 hatte Oberstleutnant Armin Grohs den Vorgang angelegt, der über Oberleutnant Eugen Kühn (Arbeitsname Fritz Fahlberg) und Oberleutnant Volker Lange (Volker Sommer) zum Referat 1 gelangte. Dort wurde er von Hauptmann Horst Klugow im August 1973 an den operativen Referenten, Hauptmann Lothar Ziemer, weitergegeben. Als dieser als Oberstleutnant die Leitung des Referats 3 im November 1985 übernahm, hielt er zwar an dem Vorgang fest, doch war es um diesen schon ruhiger geworden. Die letzte Information lag bereits fünf Jahre zurück. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 15/74 »Hampe« (AB) 0 0 88 5 93 XV 4277/64 »Dupont« (AB), »Lore« (AB) 36 0 16 1 53 XV 43/77 »Jack« (AB), »Georg« (AB), »Ruth« (AB) 0 4 38 6 48 XV 3415/67 »Flieger« 1 0 28 0 29 XV 402/64 »Donald«, »Gerda« 0 0 11 0 11 Tabelle 5: Informationen vom Referat 3 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) Das war 1969 / 70 noch deutlich anders, als »Dupont« wiederholt über die American Ordnance Association berichtete, die sich mit den Anforderungen der amerikanischen Rüstung befasste. Vielfach konnte er konkrete Angaben zur Rüstungstechnik machen, etwa zur Beschichtung von Raketenköpfen oder von Artilleriegeschosshülsen der Calspan Inc. New York. Ebenso hatte er Kenntnis von einigen militärischen Entwicklungen in den USA, wie z. B. der Cruise Missile. »Dupont« nutzte von 1967 bis September 1973 die Deckadresse »Born«, an die er für Außenstehende unverfängliche Sätze schrieb, die jedoch für die HV A dechiffrierbare Angaben über Treff- oder Ablageorte von Informationen enthielten. Bei der Deckadresse handelte es sich um die Wohnanschrift eines Bezirksdirektors für Post- und Fernmeldewesen in Berlin-Friedrichsfelde (Marie-Curie-Allee). Namentlich nannte »Dupont« in der Anschrift stets Günter Hansen, wobei es sich dabei um den Arbeitsnamen von Hauptmann Günter Burmeister handelte. Im Bedarfsfall wurde dies mit der Behauptung erklärt, Hansen studiere in Berlin, wohne jedoch außerhalb. Die eingehende Post wurde von Oberleutnant Volker Lange oder Hauptmann Georg Ziesche (Arbeitsname Georg Fischer) abgeholt. Als Hauptmann Lothar Ziemer den Vorgang übernahm, wies er »Dupont« eine neue Deckadresse zu.47 Im Januar 1974 legte Horst Joachimi den Vorgang zur A-Quelle »Hampe« an. Dahinter verbarg sich ein amerikanischer Politikwissenschaftler, der zu Fragen friedlicher Koexistenz forschte und regelmäßig nach Europa, auch Osteuropa, reiste, um an wissenschaftlichen Tagungen teilzunehmen. Ab 1975 wurde dieser Vorgang in den Händen des operativen Referenten, Hauptmann Lothar Ziemer – er gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zum Referat 1 – zu einer wertvollen Quelle des Referats. Allerdings konnte der Verdacht, er könne ein Doppelagent sein, weder bestätigt noch jemals widerlegt werden. Der gestandene Familienvater kam ein- bis zweimal im Jahr in die DDR und sprach seine Berichte auf ein Tonband. Eine Instrukteurverbindung wurde nicht zu ihm unterhalten, man händigte ihm lediglich eine Deckadresse aus. Ab 1986 meldete er sich nicht mehr. In den Siebzigerjahren flossen seine Informationen in sechs Fällen (zuletzt 1977) in Analysen der Auswertungsabteilung ein und wurden somit der Parteiführung zur Kenntnis gebracht. Unerheblich dabei war, dass lediglich zwei seiner 87 bis 1986 eingegangenen Informationen als »wertvoll« galten. Bei der Hälfte der Informationen handelt es sich um Dokumente, die ein breites Spektrum an Themen enthalten. Wiederholt waren Analysen, Untersuchungen und Studien zur politischen Entwicklung in den USA darunter. Als »wertvoll« wurden die im August 1980 eingegangenen Dokumente der Foreign Claims Settlement Commission of the USA angesehen. In 22 Fällen partizipierte auch der KGB an diesen Informationen. Im Oktober 1976 hatte der Referent Major Günter Enterlein mit »Lindner« einen Vorgang angelegt, der eine beachtliche Entwicklung nehmen sollte. Hauptmann Fritz-Jürgen Peters, der ihn als operativer Mitarbeiter übernahm, gab die Unterlagen allerdings im Juni 1979 an das Referat 7 ab. Dabei handelte es sich um eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe an der Akademie für Staat und Recht in Potsdam-Babelsberg, die von Professor Klaus Montag geleitet wurde. Dort schien der Vorgang besser ins Profil zu passen. »Lindner« hatte hier seine eigentlich produktive Phase: Wie seinen 130 Informationen zu entnehmen ist, kannte er sich mit der Politik der Carter-Administration ebenso aus wie mit der Politik Reagans, egal, ob es um den Nahostkonflikt, China, Afrika oder die europäische Sicherheitspolitik ging. Detaillierte Angaben konnte er zu Gesprächen im US-Verteidigungsministerium und insbesondere zum Rüstungskontrollprozess machen. Die Kenntnisse des als zuverlässig geltenden »Lindner« kamen nicht als Dokumente zur HV A, sondern stets mündlich. Lediglich 15 dieser Informationen benoteten die Auswerter als »wertvoll«, und keine wurde für Analyseberichte an die Parteiführung oder das Außenministerium verwandt. Der KGB hingegen erhielt beinahe jede dieser Informationen (88 Prozent).48 Der Privatdetektiv James Michael Clark (»Jack«)49 aus Alexandria (Virginia, USA) ist eine Entdeckung des operativen Referenten Major Lothar Ziemer. Als Angehöriger des Referats 1 legte er im Januar 1977 einen Vorgang zu dem 29-Jährigen an, der vor allem in den Jahren von 1979 bis 1982 die meisten seiner Informationen lieferte. Im November 1982 hatte Ziemer bereits die siebte Arbeitsakte angefordert, insgesamt sollten es bis 1987 zehn werden. Die von James Michael Clark in den Jahren von 1978 bis August 1985 gelieferten 38 Informationen hatten überwiegend mittleren Wert, obgleich es sich meist (71 Prozent) um Dokumente handelte. In Auswertungen der HV A spielten die Angaben »Jacks« keine Rolle, allerdings zeigte der KGB fast durchgehend Interesse und erhielt fast alle erbrachten Informationen (87 Prozent). »Jack« bediente ein breites Spektrum an Themen, wobei immer wieder die amerikanische Einschätzung der sowjetischen Militärpolitik eine Rolle spielte. Auch besuchte er diverse Konferenzen, darunter eine des Nachrichtendienstes der US-Air Force über die sowjetische Militärpolitik der Achtzigerjahre. Zu den wirklich herausragenden Informationen gehörten ein sechsseitiges Dokument zu militärstrategischen Überlegungen der US-Navy für den pazifisch-indischen Raum sowie eine 35-seitige Analyse des US-Geheimdienstes über die Beziehungen der Sowjetunion zu Zypern. Diese beiden Unterlagen stufte die Auswertungsabteilung der HV A als »wertvoll« ein. Von 1990 bis 1996 arbeitete James Michael Clark als Angestellter im US-Verteidigungsministerium, bis er im Oktober 1997 verhaftet und ein Jahr später wegen Spionage zu zwölf Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt wurde, die er in Delaware Hall in Petersburg (Virginia) verbüßt hat.50 Der Funktionär der Seeleutegewerkschaft, Kurt Alan Stand (»Junior«), geriet als 19-Jähriger ins Visier der HV A. Im Oktober 1973 legte der operative Referent Hauptmann Lothar Ziemer den Vorgang an, den er bei seinem Wechsel zum Referat 3 mitnahm. Er hatte Stand während der Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin kennengelernt. Dabei hatten sie in Bezug auf die jeweiligen politischen Vorstellungen Gemeinsamkeiten festgestellt, und Stand galt damit laut Unterlagen als »auf ideologischer Basis geworben«. Seitdem hatte der Vorgang bereits einen Umfang von vier Arbeitsakten, zwei weitere sollten im Laufe des Jahres 1987 dazukommen. Stands erste Frau Theresa Marie Squillacote, 1957 in Chicago geboren, wurde unter Verwendung einer Legende 1980 durch einen IM im »Operationsgebiet« ebenfalls geworben und als PIM »Ruth« (manchen Quellen nach als »Schwan«) verzeichnet. In den Achtzigerjahren gab es Erwägungen, sie als Quelle ins Außenministerium zu lancieren. Von 1993 bis 1997 arbeitete sie als Juristin in der Rechtsabteilung des US-Verteidigungsministeriums.51 Kurt Alan Stand, der zuletzt als freier Journalist tätig war, wurde im Oktober 1997 verhaftet und wegen Verschwörung zur Spionage im Januar 1999 zu 17 Jahren Haft verurteilt, die er in Petersburg (Virginia) verbüßt. Seine mittlerweile von ihm geschiedene Ehefrau Theresa Marie Squillacote wurde zu 21 Jahren Haft wegen Verschwörung zur Spionage verurteilt. Sie verbüßt ihre Strafe im Gefängnis von Danbury (Connecticut). Das gegen sie verhängte hohe Strafmaß ist auch durch ein »operatives Spiel« bedingt, das im Vorfeld ihrer Verhaftung im Oktober 1997 eingeleitet worden war: Unter der Legende eines südafrikanischen Geheimdienstes wandte sich ein amerikanischer Dienst an Squillacote und bat um Unterlagen aus dem Pentagon, die sie tatsächlich übergab.52 Wilfried Wukasch, Jahrgang 1943, arbeitete als Facharzt am Kreiskrankenhaus in Guben, als er im Oktober 1985 von der Kreisdienststelle Guben als IM »Doktor« geworben wurde. Ein Jahr später, im Juli 1986, übernahm Oberstleutnant Lothar Ziemer für das Referat 3 den Vorgang. »Doktor« hatte sich mit einer amerikanischen Ärztin angefreundet, zu der ein Statistikbogen angelegt wurde. Zu verwertbaren Informationslieferungen kam es bis Mai 1989 nicht.53 Während außer »Doktor« alle anderen IM in den USA lebten, versuchte das Referat 3 auch amerikanische oder deutsche Quellen in der Bundesrepublik zu gewinnen. Nur wenige davon sind nennenswert, darunter »Alexander«. Der 22-jährige Axel Juch, Student an der Akademie für Staat und Recht in Potsdam-Babelsberg, war eine Entdeckung von Günter Burmeister, als dieser als Referent dem Referat 4 angehörte. Den Vorgang nahm er zwar bei seinem Wechsel zum Referat 3 mit, gab ihn aber alsbald an das Referat 4 zurück, wo er von Lothar Hönig, Herbert Thomas und Ulrich Härtel betreut wurde. Im April 1985 wurde Juch OibE »Alexander«, möglicherweise in Simbabwe. Denn im November 1985 konnte er von der Auslandsvertretung in Simbabwe einen Kontaktversuch des CIA vermelden, im Juni 1986 einen Lauschangriff auf die Auslandsvertretung; für Juni 1989 ist von »Alexander« als einer zuverlässigen Quelle der dortigen Residentur 514 die Rede, die ein deutschsprachiges internes Papier über die Arbeitskräftelage weitergeleitet hatte. Für »Alexander« sind 44 Informationen verzeichnet.54 Die Geschichte von »Flieger« beginnt mit einer anderen Person, die als Vorgang im März 1964 unter der Bezeichnung »Pilot« erfasst wurde.55 Günter Riechner legte diesen an und gab ihn an Heinz Keller weiter, der ihn wiederum an Heinz Tauchert abgab. Schließlich landeten die Akten im Dezember 1970 auf dem Schreibtisch von Herbert Thomas. Zu dieser Zeit umfasste der Vorgang fünf Arbeitsakten. Die elf verzeichneten Informationen, darunter vier Dokumente, befassen sich einerseits mit der Magnettechnologie und amerikanischen Elektrobauteilchen, andererseits mit einer Beratung zwischen Vertretern des Außenministeriums mit bundesdeutschen Industriellen 1970. Berichtet wird auch von Bemühungen der Firma Eletecna um DDR-Kontakte und einem Telefonverzeichnis aller in Belgien bei der NATO oder in der Botschaft tätigen Amerikaner. Mit dem Vorgang »Pilot« lässt sich ein gebürtiger Hallenser, in Düsseldorf als Vertreter tätig, in Verbindung bringen, der offenbar Kontakt zu einer Sekretärin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung in Bad Godesberg hatte. Bereits im Dezember 1967 hatte sich Heinz Tauchert entschieden, aus dem Vorgang »Pilot« eine Person herauszulösen und für sie den Vorgang »Flieger« anzulegen, der schließlich von Herbert Thomas im Referat 3 fortgeführt wurde. Um wen es sich bei »Flieger« konkret handelt, erschließt sich aus den Unterlagen nicht. Allerdings gibt es einen Bezugspunkt zum damaligen Verkaufsleiter der Maschinenfabrik Bedis in Bonn. Zwei Arbeitsakten und 22 Informationen sind verzeichnet, darunter 14 Dokumente. Im Mittelpunkt standen die amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen zur DDR und der Bundesrepublik, Tendenzen auf dem Uran-Markt, Konferenzen der US-Botschaft in Bonn, aber auch ein Schreiben des US-Außenministeriums an die Botschaften im Jahre 1971. Der Informationsfluss versiegte 1972, setzte jedoch 1973 wieder ein. Zwischen 1973 und 1974 flossen acht Informationen in Analysen der Auswerter ein. Im Januar 1975 schloss Herbert Thomas die Akten »Flieger« und »Pilot«. »Esche«, zuletzt unter dem Decknamen »Ullrich« verzeichnet, wurde lediglich als »vertrauenswürdig« angesehen, obgleich er zahlreiche Dokumente übermittelte. Nachdem sein Vorgang dem Referat 5 übergeben worden war, begann seine eigentlich produktive Phase. Zu den Schwerpunkten seiner Berichterstattung gehörten Informationen über Radio Free Europe, Solidarność und vor allem über die im April / Mai 1988 aus der DDR faktisch ausgesiedelten Oppositionellen Bärbel Bohley, Werner Fischer und Stefan Krawczyk. Seine diesbezüglichen Angaben flossen in Berichte ein, die sogar Minister Erich Mielke vorgelegt worden sind. »Esche«, der im Mai 1988 auch über die Vorbereitungen des aus der DDR zeitweise ausgewiesenen Schriftstellers Joachim Seyppel für ein DDR-Literaturseminar informieren konnte, hatte offenbar Kontakte zu Prominenten der DDR-Opposition im Ausland, wo er sich selbst allerdings scheinbar nur gelegentlich aufhielt.56 Das Referat 3 verfügte neben einem inoffiziellen Netz in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland auch über eines in der DDR, das in der Regel unterstützende Funktionen hatte. In den Jahren von 1971 bis 1990 verwaltete das Referat über 114 Deckadressen und konspirative Wohnungen. Etwas noblere Treffquartiere hießen bei der HV A konspirative Objekte (KO). Drei können für das Referat 3 nachgewiesen werden.57 Hinsichtlich der Deckadressen ist schon etwas mehr bekannt: Elf davon können nachgewiesen werden.58 Reg.-Nr. Deckname Stadtteil Straße XV 11249/60 »Reiter« Berlin-Karlshorst – XV 171/66 »Born« Berlin-Friedrichsfelde Marie-Curie-Allee XV 287/69 »Walter« Berlin-Friedrichshain Warschauer Straße XV 7/70 »Erna«/»Elsa« Berlin-Oberschöneweide Zeppelinstraße XV 6707/80; XV 3790/71 »Egon« Berlin-Karlshorst Karl-Egon-Straße XV 4790/80 »Nussi« Berlin-Friedrichshain Polzigstraße XV4274/78 »Alexander« Berlin-Prenzlauer Berg Schönhauser Allee XV 4272/78 »Annelies« Berlin-Niederschönhausen Pankower Straße XV 3614/74 »Esche« Berlin-Lichtenberg Am Stadtpark XV 17/74 »Rosa« Berlin-Biesdorf Prignitzer Straße XV 127/73 »Koch« Berlin-Prenzlauer Berg Michelangelostraße Tabelle 6: Deckadressen des Referats 3 Die Offiziere der HV A XI arbeiteten mit Residenten, die in der DDR oder vom Ausland aus meist hochkarätige Quellen führten. Für das Referat 3 ist bislang allein der Resident »Bürger« zu ermitteln, für den sich Hauptmann Werner Helas im Oktober 1968 verantwortlich zeigte. Dabei handelte es sich um den 38-jährigen Abteilungsleiter Kader beim VEB Elektroprojekt in Berlin. Im Oktober 1969 übergab Helas den Vorgang an Bernd Gentz, der ihn im Februar 1972 zum Referat 3 mitnahm und im November 1981 archivieren ließ. Von »Bürger« ist bekannt, dass er die Deckadresse »Walter« erhalten hat,59 aber ob er, und wenn ja, welche Quellen er geführt hat, erschließt sich bislang aus den Unterlagen nicht. Sowohl Quellen und Residenten als auch das logistische Netzwerk von Inhabern konspirativer Wohnungen und Deckadressen, operativen Mitarbeitern und Leitungskadern – sie alle arbeiteten, um Informationen zu beschaffen, damit sie von den Bedarfsträgern in Partei und Staat, wie etwa dem Politbüro oder vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten genutzt werden konnten. Innerhalb von rund 15 Jahren erstellte die zuständige Auswertungsabteilung aus allen vom Referat 3 beschafften Informationen nur 16 Ausarbeitungen für die Bedarfsträger in Partei und Staat. Mithin eine Information pro Jahr. Insgesamt trugen hierzu lediglich die drei Quellen »Esche«, »Flieger« und »Hampe« bei, wobei allein »Flieger« in fünf Fällen und »Hampe« in einem Fall alleinige Quelle der Information waren.60 Seit November 1977 wurden keine Informationen des Referats mehr von den Auswertern genutzt, was nicht verwundern muss, da das Referat seinen Schwerpunkt zunehmend auf die Ausbildung und Übersiedlung von IM verlagerte. 6. Die Residenturen in der DDR-Botschaft und der UNO Das Referat 4 betreute die Filialen der HV A in der DDR-Vertretung bei der UNO in New York und die DDR-Botschaften in Washington und Mexiko. Ihre verdeckt tätigen Offiziere bezeichnete die HV A intern als »legal abgedeckte Residenturen«. Insgesamt war das Referat für sieben Einrichtungen zuständig.61 Leiter des Referats war von 1974 bis 1976 Horst Joachimi,62 zuletzt Dietmar Schober (Dietmar Scheinhard).63 Stellvertretende Leiter waren von Februar 1978 bis November 1982 Herbert Thomas,64 Heinz-Joachim Switalla, als dieser selbst in der DDR-Botschaft eingesetzt war,65 und zuletzt Wolfgang Busch.66 Der Resident der HV A in der DDR-Vertretung bei der UNO in New York war von 1976 bis 1981 Horst Joachimi (OibE »Sibylle«), der gleichfalls für die Residentur in der DDR-Botschaft in Mexiko zuständig war, aber offiziell als 1. Sekretär des diplomatischen Dienstes auftrat.67 Eine »sehr große Hilfe« waren ihm dabei der Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS) »Tulpe«, der während der Vollversammlungen in New York weilte, wie auch GMS »Herbert«, der als Stellvertreter des Ständigen Vertreters der DDR bei der UNO, Peter Florin, fungierte.68 Eine enge Kooperation erfolgte mit dem KGB-Residenten in New York, Juri Drosdow. Das Referat 4 führte insgesamt 278 Vorgänge und im Dezember 1988 jeweils zwei bundesdeutsche Perspektiv-IM und Kontaktpersonen69 sowie weitere 15 ausländische IM / KP.70 Die wichtigste Quelle des Referats 4 war der 2. Sekretär und Presseattaché der UNO-Vertretung der DDR (und Agent des BND), »Hempel«. Auf ihn gehen im Zeitraum von März 1974 bis Mai 1989 216 Informationen zurück, darunter in 16 Fällen Dokumente. Gleichwohl gingen 23 seiner Informationen, die meist die amerikanische Politik bewerteten, in Analysen für die SED-Führung ein. Der Offizier im besonderen Einsatz mit dem Decknamen »Sommer«, offenkundig in der DDR-Botschaft in den USA tätig, lieferte von April 1981 bis Juni 1985 196 Informationen, in 100 Fällen handelte es sich dabei um Dokumente. Hierzu zählen das Handbuch der US-Streitkräfte, Reden des US-Kongresses, das Telefonbuch des Pentagon und eine Übersicht über die Generäle und Admirale der US-Streitkräfte, Luftwaffe und Marine. An dritter Stelle steht der ehemalige Assistent an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, »Pfeil«, offensichtlich an der DDR-Botschaft in den USA tätig, mit 187 Informationen. Diese betreffen im Zeitraum von April 1979 bis Januar 1989 die amerikanische Innen- und Außenpolitik. Nur selten waren Dokumente darunter (11). Die Note »wertvoll« wurde in 28 Fällen für seine Informationen vergeben. Erwähnenswert sind ferner »Damm« mit 140, OibE »Andre« mit 134, »Lindner« mit 131, »Jürgen Heine« mit 108 sowie OibE »Vogt«71 mit 100 Informationen. Unter den ausländischen Quellen, bei denen es sich vermutlich mehrheitlich um amerikanische Staatsbürger handelt, deren Identität vorerst nur dem CIA bekannt ist, ragen »Efeu«72 mit 99, »Düse« mit 45, »Riese« mit 41, »Vogel« mit 36, »Laub« mit 31 und schließlich »Spaten« mit 14 Informationen heraus.73 Die beiden Residenturen des Referats 4 – in der UNO (Nummer 102) und in der DDR-Botschaft (Nummer 101) – waren ungewöhnlich informationsstark. Auf dem Gebiet der Wissenschafts- und Technikspionage beschafften sie 1069 bzw. 1694 Informationen. Auf militärpolitischem Gebiet brachte es die Residentur der DDR-Botschaft sogar auf 2699 Informationen. Auf dem Gebiet der Gegenspionage, vornehmlich Erkenntnisse über nachrichtendienstlich tätige Personen betreffend, trug die Residentur in der UNO 228, in der DDR-Botschaft 263 Informationen zusammen. Hinzu kamen 224 »Regimematerialien«, die die Residenturen in Washington und Ottawa lieferten. In der Summe kam das Referat 4 in der DDR-Botschaft somit auf 4871 Informationen, in der UNO auf 1297 Informationen. Markus Wolf stellte der operativen Arbeit dieser Residenturen dennoch ein niederschmetterndes Zeugnis aus: »Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der UNO in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus, dass sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. (…) Gelegentlich gelangten wir durch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen (…), aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. Echte nachrichtendienstliche Quellen (…) gab es in der Zeit, die ich übersehen kann, in den USA nicht.«74 Ähnlich äußerte sich sein ehemaliger Resident bei der UNO Joachimi: »Die illegale Arbeit beschränkte sich im wesentlichen auf das Verbindungswesen.«75 Solche Behauptungen dürfen wohl getrost als »gelebter Quellenschutz« bezeichnet werden. Angesichts der umfassenden Beobachtung der DDR-Botschaft bzw. -Vertretung war es kaum verwunderlich, dass die Legalresidentur gelegentlich Schlagzeilen produzierte. Exemplarisch war dafür der Fall eines Professors von der Technischen Hochschule Dresden mit dem Decknamen »Welle«. Von seinen Einsätzen in den USA brachte er im Januar 1979 einen Strukturplan des Elektronik-, Forschungs- und Entwicklungskommandos der US-Army mit. Im Mai 1980 gelangte er an Inhalte von der Jahrestagung der amerikanischen physikalischen Gesellschaft. Keine weltbewegenden Informationen, aber als er nach einem Treffen in Mexiko mit einem Amerikaner mit dem Decknamen »Fichte«, der seine Dienste angeboten hatte, wieder in die USA reiste, wurde er dort im November 1981 festgenommen. Offenbar hatte »Fichte« als Lockvogel eines amerikanischen Dienstes fungiert. Natürlich berichteten die Medien ausführlich über diesen Fall, und »Welle« konnte erst nach Jahren an der Glienicker Brücke in Berlin ausgetauscht werden.76 Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 1914/73 »Hempel« 0 0 209 7 216 XV 6640/80 OibE »Sommer« 6 0 186 4 196 XV 2438/74 »Pfeil« 0 0 186 1 187 XV 1615/75 »Damm« 0 0 131 9 140 XV 2675/77 OibE »Andre« 1 0 133 0 134 Tabelle 7: Informationen vom Referat 4 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) Nr. Land HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ 101 Washington (USA) 1694 215 2699 263 4871 102 New York (USA) 1069 0 0 228 1297 103 Ottawa (Kanada) 12 9 0 0 21 Tabelle 8: Informationen von den Residenturen 101–103 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) 7. US-Streitkräfte in Europa Das Referat 5 kümmerte sich operativ um die US-Streitkräfte in Europa, insbesondere um die Militärobjekte in Heidelberg (USAREUR), Stuttgart (USEUCOM), Ramstein und Kaiserslautern. Ferner filterte es jene amerikanischen Bürger und Studenten der Universität Heidelberg heraus, die in die DDR einreisten. Für das Referat sind die Objekte »Camp«, »Mensa« und »Pat« verzeichnet.77 Mit seinen elf Mitarbeitern gehörte es zum Anleitungsbereich von Jürgen Rogalla. Das Referat ist (vermutlich) aus einer Arbeitsgruppe entstanden, die seit September 1977 von Hans Krüger78 geleitet wurde, der bis August 1984 Leiter des Referats 5 war. Auf ihn folgte Bernd Gentz und als stellvertretender Leiter Olaf Walter. Das Referat hat 223 Vorgänge angelegt und zuletzt in der Bundesrepublik ein IM-Netz unterhalten.79 Spitzenquelle des Referats 5 war die A-Quelle »Antos«, eine amerikanische Staatsbürgerin, die an einer Schule in Heidelberg arbeitete. Sie lieferte von Januar 1986 bis April 1989 193 Informationen, zumeist in Form von Dokumenten. Darunter das 116-seitige Chemical Reference Handbook und oftmals Unterlagen zur amerikanischen Militärpolizei. »Mike«,80 scheinbar der einzige ausländische Kontaktpartner des Referats, lieferte von Juli 1985 bis November 1987 142 Informationen, darunter meist recht umfangreiche Kopien mit militärtechnischen Analysen zum NATO-Großmanöver Reforger 84 wie auch die 120-seitige Ausarbeitung »Reforger 87 – Certain Strike« oder jene über »Employment of Atomic Demolition Munition«. Die O-Quelle »Konrad«, medizinisch-technischer Assistent bei USAREUR in Heidelberg, berichtete von September 1982 bis März 1985 überwiegend über die Friedensbewegung, zuletzt über jene in West-Berlin. Analog zu manch anderem Referat der HV A XI fällt das Informationsaufkommen anderer IM deutlich ab. Für PIM »Tiger« und DA »Karla« können lediglich 36, für »Joe«81 35 Informationen nachgewiesen werden. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 302/82 A-Quelle »Antos« 127 0 44 22 193 XV 2416/85 »Mike« (AB) 37 0 64 41 142 II 263/73 O-Quelle »Konrad« 0 1 61 2 64 VII 785/68 PIM »Tiger«, DA »Karla« 2 6 27 1 36 XV 334/81 »Joe« 4 0 24 7 35 Tabelle 9: Informationen vom Referat 5 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) Beim Referat 6 handelte es sich (vermutlich) um die operative Außengruppe 2, die innerhalb der Akademie der Wissenschaften mit Auswertungsfragen befasst war. Offiziell firmierte sie unter »AdW-Dienstleistungsbereich« in der Lychener Straße in Berlin-Prenzlauer Berg. Für sie ist das Objekt »Foto I« erfasst.82 Das Referat gehörte zum Anleitungsbereich von Manfred Kleinpeter. Leiter war seit 1974 Kurt Zeichner (Kurt Reiss),83 der eine Zeit lang die schon erwähnte Sekretärin »Gerhard« in der US-Botschaft in Bonn geführt hat,84 und mit dem OibE »Rat« auch einen nachrichtendienstlich aktiven Offizier in den USA unterhielt.85 Letzter stellvertretender Leiter war ab Januar 1989 Peter Eberhardt.86 Für das Referat sind 409 Vorgänge verzeichnet und im Dezember 1988 fünf bundesdeutsche IM.87 8. USA-Forschung Beim Referat 7 handelte es sich um eine operative Außengruppe. Sie koordinierte unter dem Dach des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten die USA-Forschung in der DDR, insbesondere bei der Akademie der Wissenschaften, beim Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW) und beim Institut für Internationale Beziehungen in Potsdam-Babelsberg (IIB).88 Eine vielfältige USA-Forschung konnte sich die DDR »nicht leisten«, weshalb sie systematisiert werden sollte.89 Zwei Objekte sind für das Referat verzeichnet, darunter das mit dem Namen »City«.90 Das Referat gehörte zum Anleitungsbereich von Armin Grohs. Leiter waren von Juli 1977 bis August 1978 Manfred Kleinpeter, ab Oktober 1979 Rolf Hoth91 und ab April 1981 Horst Joachimi. Als Stellvertreter fungierten von September 1978 bis September 1979 Rolf Hoth und zuletzt Fritz-Joachim Stahlbohm. Für das Referat waren 34 Vorgänge verzeichnet und im Dezember 1988 der IM / KP »Apfel«.92 Bei den drei wichtigsten Quellen des Referats handelt es sich um DDR-Bürger. »Siegel«93 lieferte im Zeitraum von November 1975 bis Oktober 1987 396 Analysen und Informationen, wobei insbesondere seine Ausarbeitung zu konzeptionellen Vorstellungen und Empfehlungen des politischen Planungsstabes im US-Außenministerium als »sehr wertvoll« angesehen wurde. 14 Arbeiten gingen in Analysen für die SED-Führung ein. »Assistent«,94 seit Februar 1962 mit der HV A kooperierend, befasste sich gleichfalls mit Amerika-Analysen und lieferte von Juni 1974 bis Mai 1989 insgesamt 320 Informationen. »Jörg«,95 seit September 1956 mit der HV A verbunden, fertigte gleichfalls Analysen zur amerikanischen Innen- und Außenpolitik an, etwa zu Fragen des Zusammenwirkens des National Security Council (NSC), des politischen Planungsstabs des Außenministeriums und der internationalen Sicherheitsabteilung des Pentagon. Auf ihn gehen im Zeitraum von Juli 1973 bis Mai 1989 281 Informationen zurück. Als leistungsstark sind außerdem »Korb«96 mit 274 und »Weser«97 mit 255 Informationen anzusehen. Eine weitere Quelle vermochte der HV A XI in den Siebziger- und Achtzigerjahren kaum noch Informationen bringen (72 sind lediglich verzeichnet). Dennoch war sie für die operative Arbeit in den USA von einiger Bedeutung. Es handelt sich um einen Hamburger Kaufmann mit dem Decknamen »Maler«,98 der sowohl Markus Wolf als auch den Führungsoffizier Heinz Geyer erheblich inspiriert hatte. »Viel von meinem Wissen über die USA, über das politische Denken, die Hoffnungen und Ängste dort«, erinnert sich Wolf, »verdanke« er ihm. »Maler« und »Clivia« »waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. Beide waren in Deutschland geboren« – »Maler« in Hamburg –, »hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und mussten vor dem NS-Terror fliehen. Beide fanden in den USA Asyl, wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom, der andere als Jurist –, und beide wurden vom OSS, dem Vorläufer der CIA, angeworben. (…) Er besaß einflussreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer, der Minister für Gesamtdeutsche Fragen, von dem ›Maler‹ sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich berichten ließ.«99 Und auch Heinz Geyer erhielt seinen »ersten tieferen Einblick in das gesellschaftliche System der USA« durch »Maler«.100 Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 2105/73 »Siegel« 0 0 395 1 396 XV 349/62 »Assistent« 0 0 319 1 320 XV 10874/60 »Jörg« 0 0 280 1 281 XV 2520/74 »Korb« 3 0 267 4 274 XV 2171/73 »Weser« 3 0 252 0 255 Tabelle 10: Informationen vom Referat 7 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) 9. Die »Universität« Die Aufgaben des Referats 8 können nicht sicher bestimmt werden, doch dürfte es für eine Universität zuständig gewesen sein, über die Näheres bislang nicht zu erfahren ist.101 Das Referat mit seinen 242 Vorgängen war nicht innerhalb der HV A XI angesiedelt, sondern außerhalb als operative Außengruppe 1 tätig. Leiter des Referats war ab Januar 1987 Hubert Seidenstücker,102 vertreten wurde er (vermutlich) von Olaf Knoll.103 Mit seinen sechs Mitarbeitern verfügte das Referat zuletzt über acht bundesdeutsche IM,104 darunter sechs Perspektiv-IM, und konnte im Ausland auf »Danny« zurückgreifen.105 Die wichtigste Quelle des Referats 8 war von September 1969 bis Februar 1976 »Jimmy«. Ihre 164 Informationen, davon 142 in Form von Dokumenten, deuten beachtliche Zugänge an. So lieferte sie etwa das Arbeitsprogramm des außenpolitischen Ausschusses des Repräsentantenhauses (Subcommitee on International Security and Scientific Affairs), aber auch militärstrategische Studien des chilenischen Außenministeriums. Diese Erkenntnisse gingen in 32 Ausarbeitungen für die SED-Führung ein. »Sekretär« war in der Washingtoner Auslandsvertretung des Ministeriums für Außenhandel der DDR tätig. Sie lieferte im Zeitraum von Dezember 1976 bis Februar 1984 75 Informationen, die überwiegend die amerikanische Wirtschaftspolitik betrafen. »Bernhard«106 hatte offenkundig Zugänge zum Wissenschaftszentrum in West-Berlin und lieferte diesbezüglich seine meisten Informationen von Oktober 1979 bis Februar 1982. Auf einen weiteren »Bernhard«,107 der aber unter einer anderen Registriernummer geführt wurde, gehen 20 Informationen zurück. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 117/68 »Jimmy« 0 164 0 0 164 XV 6989/75 »Sekretär« 1 74 0 0 75 XV 4098/76 »Bernhard« 14 7 0 3 24 XV 18/80 »Bernhard« 4 16 0 0 20 Tabelle 11: Informationen vom Referat 8 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) 10. Streitkräfte in West-Berlin Das Referat 9 war operativ für die amerikanischen Streitkräfte und Bürger in West-Berlin sowie die US-Militärmission in Potsdam zuständig. Ein Objektvorgang ist verzeichnet.108 Das Referat gehörte zum Anleitungsbereich von Manfred Kleinpeter. Leiter war seit März 1981 Heinz Schockenbäumer, der überregional bekannt wurde, weil er in den Siebzigerjahren den Studenten von der Freien Universität Berlin Peter Porsch kennengelernt hatte, der spätere stellvertretende PDS-Bundesvorsitzende, und ihn als »Christoph« in der Kartei verzeichnen ließ.109 Sein Stellvertreter war Frank Großmann.110 Mit seinen acht Mitarbeitern führte das Referat 201 Vorgänge, darunter zuletzt zwölf bundesdeutsche bzw. West-Berliner IM111 und die Kontaktperson »Juri«.112 Die meisten Informationen lieferte »Stamm«.113 Im Zeitraum von September 1969 bis April 1985 kamen 249 Informationen zusammen, bei denen es sich überwiegend um Protokolle der FDP-Bundestagsfraktion handelte sowie um Kabinettsvorlagen für die Bundesregierung. In 38 Fällen flossen diese Informationen in Ausarbeitungen für die SED-Führung ein. »Stamm« war somit eine jener Quellen, die zwar nicht zur amerikanischen Linie des Referats gehörten, von denen man sich dennoch nicht trennen wollte. Ferner gab es die beim West-Berliner Senat arbeitende Sekretärin »Ingrid«.114 Sie informierte von Dezember 1982 bis Mai 1989 in 194 Fällen vor allem über Belange, die das deutsch-deutsche Verhältnis betrafen. Auf den Angestellten der US-Mission in West-Berlin »Roland«115 gehen 192 Informationen im Zeitraum von April 1979 bis Mai 1989 zurück. Darunter befinden sich das Telefonbuch des US-Kommandos in West-Berlin, militärische Ausbildungspläne und Ausarbeitungen über die Lagerung umweltgefährdender Materialien von USAREUR. Mit 180 Informationen ist die ausländische Bürgerin »Mary«116 und mit 117 Informationen »Beate«117 verzeichnet. Reg.-Nr. Deckname HV A V HV A VI HV A VII HV A IX Σ XV 4434/60 »Stamm« 0 0 247 2 249 XV 6402/82 O-Quelle »Ingrid« 0 13 174 7 194 XV 4608/75 O-Quelle »Roland« 0 0 35 157 192 XV 6278/81 »Mary« (AB) 0 0 26 154 180 XV 472/80 »Beate« (AB) 0 0 41 76 117 Tabelle 12: Informationen vom Referat 9 an die Auswertungsabteilungen der HV A nach ihrer Anzahl (1971–1989) 11. Operation »Brest« Decknamen, die bei der Beschreibung der Referate fielen, geben wenig Aufschluss über die dahinter stehenden Biografien. Diese lassen sich in der Regel angesichts vernichteter Akten kaum rekonstruieren, schon gar nicht bei Übersiedlungsoperationen der HV A XI in die USA. Im Fall des Offiziers Eberhard Lüttich (»Brest«), von dem bereits eingangs die Rede war, liegt der Fall anders. Er wurde am 16. April 1939 in Leipzig geboren, wuchs bei Pflegeeltern auf, deren Namen Sch. er zunächst annahm.118 Als Zehnjähriger trug er wieder den Namen seiner Mutter, die bereits während seines ersten Lebensjahrs verstorben war. Innerhalb der HV A benutzte er den Arbeitsnamen Eberhard Reinhard. Mit seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik am 3. Oktober 1972 begann in Hamburg sein zweites Leben unter dem Namen Hans Dietrich Steinmeier. Von einem solchen Leben wird Lüttich nicht einmal geträumt haben, als er im Mansfelder Walzwerk in Hettstedt seiner Arbeit nachging und von dort zum Studium an die Hochschule für Binnenhandel in Leipzig delegiert wurde, wo er 1962 ein Diplom erhielt. In Römhild, im damaligen Bezirk Suhl gelegen, fand er bei der Konsumgenossenschaft Arbeit. Hier wurde das MfS auf ihn aufmerksam und warb ihn als IM. Er muss Eindruck gemacht haben, denn 1964 trat er als Unterleutnant in den Dienst der Bezirksverwaltung in Suhl ein. Er wechselte dort zur »Aufklärung«, der für Spionage zuständigen Abteilung XV der Bezirksverwaltung. Solche »Aufklärungs«-Abteilungen unterhielt die HV A durchaus erfolgreich in jeder Bezirksverwaltung des MfS. Lüttich reüssierte in der Suhler Abteilung, teils wegen seiner operativen Kreativität, dem guten Draht zu den Akteuren seiner 23 Vorgänge, und teils auch wegen seiner vergleichsweise ausnehmend einfühlsamen und außergewöhnlich lesbaren Berichte. Er war ledig, verfügte über so gut wie keine Angehörigen und war von der DDR grundsätzlich überzeugt. Somit empfahl er sich der Leitung der HV A in Berlin, die ihn 1968 zu sich holte und in der HV A III, damals auch zuständig für Mittel- und Südamerika (später HV A XI / 1), nicht uneigennützig unterbrachte.119 Er sollte sich, wie ihn der verantwortliche Leiter der HV A, Oberst Horst Jänicke, einwies, vertraut machen mit seinem zukünftigen Einsatz in den USA, in dem er, so die Planung, 15 Jahre operativ arbeiten sollte. Drei Jahre bereiteten Rolf Thiemig und Eberhard Kopprasch ihn darauf vor.120 Kopprasch führte den Vorgang insgesamt sieben Jahre, bis ihn Lothar Ziemer übernahm. Der damalige Leiter der HV A XI, Heinz Geyer, erinnert sich: »In meiner eigenen Diensteinheit hatte ich Eberhard Lüttich im Blick, einen Oberleutnant, der nach längeren Gesprächen zur Übersiedlung in die USA bereit und nach meiner Einschätzung auch den zu erwartenden Belas­tungen gewachsen war.«121 Lüttich lernte unter falschen Identitäten zu leben, erhielt eine umfangreiche Funkausbildung, übte das Anlegen von Toten Briefkästen (TBK) – das übliche Programm. Anfangs wurde er langsam mit dem »Operationsgebiet« vertraut gemacht: Zunächst ein Eintagesbesuch in West-Berlin, dann einige Tage in Hamburg, einen Monat in Zürich, dann sechs Wochen – der Sprache wegen – in London. Auf diese Weise akklimatisierte er sich, gewöhnte sich an das westliche Leben und die westliche Kleidung. Das Besondere war, dass er schließlich in die Haut des Bundesbürgers Hans Dietrich Steinmeier schlüpfte. Das bedeutete, ein Leben als »Illegaler« zu führen, wie man damals sagte, und brachte ihm die Beförderung zum Hauptmann ein.122 Er schied, wie es MfS-intern lapidar hieß, im März 1969 aus dem Dienst aus und war fortan OibE »Brest«.123 Die HV A hatte lange gebraucht, eine geeignete Identität für Lüttich zu finden, und sie dann endlich in Steinmeier gefunden. Der echte Hans Dietrich Steinmeier, am 9. August 1937 in Anklam geboren, hatte in der Bundesrepublik als Kranfahrer und Elektriker gearbeitet, sich in eine ostdeutsche Frau verliebt und sie alle zwei bis drei Wochen in Ost-Berlin besucht. Ihre Treffen fanden in einer konspirativen Wohnung statt, von deren Charakter Steinmeier freilich nichts geahnt hat. Da die HV A möglichst viele Informationen über den echten Steinmeier mithilfe geeigneter Technik sammeln wollte, lud ihn seine Freundin, bei der eine Beziehung zur HV A anzunehmen ist, dorthin ein. Im Mai 1972 sollte Lüttich ihn sogar einmal unauffällig beobachten können. Er war Lüttich äußerlich ähnlich, so dass er sich als Doppelgängerlegende eignete. Steinmeier wurde von seiner Freundin (vermutlich auf Geheiß der HV A) überredet, heimlich in die DDR überzusiedeln, damit er sie heiraten könnte. Den wahren Hintergrund, dass seine Identität fortan für einen Offizier der HV A benötigt wurde, wird auch sie nicht geahnt haben. Allein die Mutter des echten Steinmeier wusste, dass ihr Sohn in die DDR übergesiedelt war, war aber von ihm zum Schweigen angehalten worden. Lüttich machte sich ein halbes Jahr vor seiner Übersiedlung nach Hamburg mit den Lebensstationen Steinmeiers vertraut, und wartete auf den Augenblick, bis der echte Steinmeier, der sich nach Hamburg umgemeldet hatte, heimlich in die DDR zog. Zuvor musste er Erfahrungen in dessen Beruf sammeln – als Arbeiter in einem Stahlwerk in Brandenburg. Entwickelt worden war diese Legende von Eberhard Kopprasch, einem der Experten der legendären Arbeitsgruppe S (Sicherheit), der später 2. Sekretär der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn war. Ihr zufolge sollte Lüttich, erkundigte sich jemand nach ihm, in Moskau beim Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe tätig sein. Es werden nicht viele nach ihm gefragt haben. Tatsächlich wurde er mit einem gefälschten Ausweis, aber echter Geburtsurkunde und echtem Vertriebenenausweis, echten Schul- und Arbeitszeugnissen, sogar mit einem Mitgliedsausweis für die Gewerkschaft ausgestattet. Das war alles, was der vermeintliche Steinmeier mit sich führte, während das Leben des 33-jährigen Lüttich abrupt endete. Ihn gab es nicht mehr – nie mehr, dafür existierte Steinmeier von nun an zweimal: Der echte Steinmeier in Ost-Berlin, der falsche ab dem 3. Oktober 1972 in Hamburg. Der echte Hans Dietrich Steinmeier hatte nicht studiert, weshalb der vermeintliche Steinmeier zunächst als Lagerarbeiter tätig war, um nebenher Betriebswirtschaft zu studieren. Die Eingewöhnung ließ sich gut an. Ost-Berlin begrüßte seine Erwägung, bei der Schenker-Spedition zu arbeiten, die Filialen in Deutschland und den USA unterhielt. In den USA quartierte er sich später als Untermieter in der West End Avenue in New York ein. Nachdem er die Formalitäten bis hin zur Krankenversicherung erledigt hatte, einen gültigen Führerschein besaß und auch die Green Card erworben hatte, konnte er sich zwar legal in den USA aufhalten, musste sich aber an seinen Arbeitsplatz und auch an die amerikanische Kultur erst gewöhnen, die sich von jener im thüringischen Römhild und Suhl oder der in Hamburg stark unterschied. In Ost-Berlin gab man ihm dafür ein gutes Jahr Zeit, dann wurde ihm aufgetragen, für ein unbegrenztes Bleiberecht zu sorgen: Er sollte eine geeignete Frauenbekanntschaft machen, heiraten – und somit amerikanischer Staatsbürger werden.124 Zugleich sollte er nachrichtendienstliche Duftmarken setzen, indem er Tote Briefkästen anlegte und den Funkkontakt technisch vorbereitete. Im fünften Jahr seines operativen Einsatzes wurde er angehalten, einen dienstlichen Überblick über die Transporte, insbesondere Militärtransporte, zwischen den USA und Europa zu gewinnen, die von Schenker organisiert wurden. Gleichfalls hatte er interessante Kontakte zu suchen, vor allem im studentischen Milieu.125 Dem kam er ebenso nach wie dem Auftrag, eine Beziehung zu einer geeigneten Frau zu pflegen, die schließlich tatsächlich in einer Hochzeit mündete. Die HV A hatte genaue Vorstellungen, welche Frau der falsche Steinmeier zu finden hatte. Die Amerikanerin sollte eine möglichst exponierte Stellung innehaben, intelligent und bereit sein, sich in eine nachrichtendienstlich relevante Position lancieren zu lassen. Der falsche Steinmeier sollte also entsprechend seiner beruflichen Stellung nach einem angemessenen Äquivalent suchen. Doch die Liebe, beinahe einer der größten Risikofaktoren operativer Arbeit, führte in die falsche Richtung: eine Exilkubanerin, die er – kaum in die USA eingereist – in der Firma kennengelernt hatte. Sie entsprach überhaupt nicht den Erwartungen in Ost-Berlin, und als er angehalten war, zu heiraten, machte er dennoch die Exil­kubanerin zu seiner Frau. Der HV A offenbarte er allerdings erst bei einem Treffen in Mexiko City im Februar 1977, wen er geheiratet hatte. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, bestand Lüttich darauf, sie nicht in den nachrichtendienstlichen Kontext hineinzuziehen, womit sie operativ als nicht nutzbar galt, wie es damals hieß. Noch später wurde Eberhard Kopprasch bekannt, dass die Gattin auch die falsche politische Einstellung hatte – sie wandte sich aktiv gegen das Kuba Castros. Das Verhältnis zwischen HV A und Lüttich geriet daraufhin in eine kritische Phase; es war klar, dass die HV A diese neue Situation schlucken musste. Gleichwohl war Ost-Berlin daran interessiert, Lüttichs Frau vorgestellt zu bekommen, weshalb er sie unter dem Vorwand, es gebe hier Geschäftsinteressen der Abteilung Ost seiner Firma, in die DDR mitnahm: Im Juli 1978 kam es zu einem Aufenthalt in Lehnitz. Eine offene Ansprache erfolgte offensichtlich nicht, zumal Lüttichs Frau keinen Zweifel an ihrer Einstellung zum Kommunismus ließ. Eine Aussprache war auch später nicht beabsichtigt, da Lüttichs Frau schwanger wurde, wie sich der Vorgangsführer erinnert. Sie selbst kannte Lüttich nur unter seiner falschen Identität, und die Annahme liegt nahe, dass sie von seiner Vergangenheit kaum, von seiner operativen Geschichte gar nichts wusste.126 Lediglich in der in den USA erschienenen Biographie von Markus Wolf wird die Suche nach einer Frau für Lüttich in dem ihm gewidmeten Absatz eigenwillig thematisiert: »We tended single men in the hope that they would enhance their immigration status by marrying American women. But the Romeo strategy that had served us so well in Germany didn’t work in America.«127 So war es der HV A XI gelungen, binnen zehn Jahren – von den ersten Ausbildungsschritten bis zur echten operativen Arbeit – einen Offizier im besonderen Einsatz von Suhl ins Herz eines Schlüsselobjekts des militärisch-industriellen Komplexes in New York zu verpflanzen – anfangs als clerk (Bürogehilfe), der später bis zum Assistant Vize President (Vizedirektor) der Exportabteilung von Schenker aufstieg, zuständig für den Mittleren Osten, West-Europa, Japan und auch den Fernen Osten, bei einem Jahresgehalt von 32 000 Dollar.128 Heinz Geyer kommentierte diese Entwicklung lakonisch: »Er wurde in die BRD übersiedelt und sollte sich von dort aus als Mitarbeiter einer internationalen Spedition in den USA niederlassen. Das gelang auch, wir waren zufrieden.«129 Schon in Ost-Berlin, aber auch bei diversen Treffen wurde der falsche Steinmeier mit dem umfangreichen konspirativen Verbindungswesen vertraut gemacht. Die Hamburger Periode diente dann allein dazu, sich sicher in der Hülle des Hans Dietrich Steinmeier bewegen zu können, neue Freundschaften eingeschlossen. Die aufwändige Operation machte es erforderlich, beinahe jeden Schritt Lüttichs eingehend in Ost-Berlin zu beraten. Allein der Entscheidung, ob er bei Schenker die Arbeit aufnehmen sollte, dienten zwei Treffs. Fünf waren es, bis er in die USA ging – meist in konspirativen Wohnungen in Oranienburg oder Lehnitz. In den USA gab es später verschiedene Methoden der Kontaktaufnahme. So fand z. B. am 16. jedes Monats ein Lauftreff statt, der durch einen bestimmten Durchgang des New Yorker Minskoff-Theaters führte. Falls erforderlich, wurde der falsche Steinmeier dort angesprochen. Wichtigste Verbindungsmethode blieb jedoch der persönliche Treff. 1974, während eines Urlaubs, machte er sich auf den Weg nach Ost-Berlin. Später, im September 1975, als Hinweise auf eine gegnerische nachrichtendienstliche Bearbeitung hindeuteten (Filmteam, Beschattung, intensive Passkontrolle), häuften sich die Treffen in Drittländern. Die vermeintliche Beschattung erwies sich jedoch als nachrichtendienstlich bedingtes Stress-Symptom Lüttichs. So gab es neben Treffen in Ost-Berlin fortan welche in Wien, Montreal, Hamburg, New York, Mexico-City oder auf den Bahamas.130 Im Mittelpunkt der Berichterstattung stand die Legalisierungsphase, es ging aber auch um Alltäglichkeiten wie den Besuch von Sportveranstaltungen. Solcherlei Informationen waren bei der HV A stets zur Erweiterung der »Regimekenntnisse« begehrt. An eine Deckadresse in Extertal (Nordrhein-Westfalen) hatte er seit 1976 Nachrichten zu senden, konnte aber auch dort anrufen. Die Inhaber der Deckadresse waren eigens für solche Zwecke aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt worden.131 Ein zweiter Verbindungsweg bestand über Tote Briefkästen, von denen er sieben angelegt, aber nur einen genutzt hat. Dieser befand sich in einer Holzverkleidung in einem China-Restaurant in Manhattan am Trinity-Place – Deckname »Orient«. Dort steckte er die Nachricht oder das Mikrat (winziges Filmnegativ) in eine Marlboro-Schachtel, die als Container diente. Dass er einen TBK belegt oder entleert hatte, zeigte er durch ein gefärbtes Papierstückchen an, das er in einen Spalt neben einem Telefonapparat in der 3. Etage im World-Trade-Center steckte. Entleert wurde der TBK von einem IM, der offiziell in der DDR-Delegation bei der UNO tätig war. Der dritte Verbindungsweg war eine Funklinie mit entsprechenden Schlüsselunterlagen und einem Radio, die aber erst ab 1977 genutzt wurde – zunächst auf einer kubanischen Frequenz mit gesprochenen Zahlen, dann ab Oktober 1978 auf einer ostdeutschen mit Morsezeichen. Insbesondere an dieser Möglichkeit hatte die HV A jahrelang getüftelt – die westlichen Nachrichtendienste waren mehr als verblüfft, als sie davon erfuhren. Alle vierzehn Tage prüfte Lüttich, ob es Nachrichten für ihn im Äther gab. 17 Funksprüche waren an ihn herausgegangen, zwölf hat er bis zur Inhaftierung tatsächlich empfangen. Die Funksprüche bestätigten in der Regel die Entleerung oder das Belegen von TBK wie auch Termin­absprachen für Treffen.132 Schließlich hielt er eine Mikratkamera und Geheimschreibmittel bereit. Einmal versandte er ein Testmikrat, das er in ein Buch eingeklebt hatte. Als Absender gab er stets jüdi­sche Namen an, die er einem Telefonbuch entnahm. Es gab aber auch die bereits erwähnten Treffen. Dabei wurde mit verdeckten Kennzeichen im »Operationsgebiet« gearbeitet: Offene Jacke hieß – es gibt Probleme. Geschlossene Jacke und eine auf Nachfrage erfolgte Wegbeschreibung zum Goethe-Institut bei Verwendung des Wortes »Idol« und eine angebotene Marlboro-Zigarette (die aber in der Zigarettenpackung hätte falsch herum stecken müssen) sowie ein bestimmter Schlüsselanhänger hätten signalisiert, dass ein problemfreier Kontakt hergestellt worden ist. Bei einem Platzen seiner nachrichtendienstlichen Verbindung hätte Lüttich sich nach Mexico City absetzen und dort die DDR-Botschaft aufsuchen müssen. Dort hätte er den wirklichen Hintergrund freilich nicht offenlegen dürfen, vielmehr unter Vorlage seiner falschen Identität Interesse an einem Studium in der DDR signalisieren sollen. Die HV A hätte dann Be­scheid gewusst, aber diese Variante kam nie zum Einsatz. In der DDR erfuhr der echte Steinmeier derweil einige Aufmerksamkeit. Seine Korrespondenz, etwaige Besucher und auch sein Verhalten am Arbeitsplatz wurden vom MfS kontrolliert, was ihm zugleich einige Vorteile in privaten Dingen brachte, wie den schnelleren Zugang zu einem PKW. Mit seiner Frau zog er nach Wismar. Das Paar hatte eine gemeinsame Tochter. Post an die Mutter in der Bundesrepublik dürfte vom MfS regelmäßig abgefangen worden sein, manchmal kam sie jedoch durch. So war – trotz aller Konspiration – nicht nur seiner Mutter, sondern auch seinem früheren Umfeld bekannt, dass er in Wismar lebte, verheiratet und Vater war. Die Existenz zweier Steinmeier fiel dem Bundesamt für Verfassungsschutz in seiner »Aktion Anmeldung« auf. Es vermutete dahinter zu Recht eine nachrichtendienstliche Handschrift.133 Dem echten Steinmeier sagte die DDR alsbald nicht mehr zu, und er focht leidenschaftlich und hartnäckig für seine ständige Ausreise, die wohl erst mit dem Fall der Mauer möglich wurde.134 Dass er Legendenspender war, wird er vor der Enttarnung des falschen Steinmeier kaum geahnt haben. Diese Enttarnung dürfte dem Bundesamt für Verfassungsschutz spätestens im April 1979 geglückt sein. Daraufhin muss ein Haftbefehl erlassen worden sein, denn Lüttich wurde am 16. November 1979 auf dem Hamburger Flughafen festgenommen. Er räumte sogleich ein, erinnert sich einer der beteiligten Ermittlungsbeamten, nicht Steinmeier, sondern Eberhard Reinhard zu sein. Ansonsten schwieg er. Wer er wirklich war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, doch dürfte ebenso niemand einen Zweifel gehabt haben, dass er Mitarbeiter eines DDR-Geheimdienstes war.135 Damit war das Bundesamt für Verfassungsschutz auf eine bis dahin gänzlich unbekannte Einschleusungsvariante in die USA gestoßen. Der Anfang eines neuen Lebensabschnitts von Eberhard Lüttich beginnt einige Tage nach seiner Verhaftung. Die näheren Umstände sind kaum in Erfahrung zu bringen, da die entsprechenden Akten noch lange verschlossen bleiben werden. Lüttichs Handschrift entspricht, eingeräumt zu haben, in der DDR geboren worden zu sein. Er muss sich nach einer kurzen Zeit entschieden haben, sich vom nachrichtendienstlichen Auftrag der HV A abzusetzen, was er, das ist sicher aus den nächsten Schritten zu schließen, nur im Einvernehmen mit den zuständigen amerikanischen Stellen – eher FBI als CIA – getan haben wird. Es scheint so, als habe er seine Freiheit und seine Rückkehr zu seiner Familie in die USA ausgehandelt. Handeln konnte er allein mit seinem operativen Wissen, das vollständig auszubreiten erforderlich ist, um in den Genuss des Straffreiheit versprechenden § 153 e StPO zu kommen.136 Hat er das? Es scheint so zu sein, denn Lüttich konnte ein knappes halbes Jahr nach seiner Verhaftung in die USA zu seiner Familie reisen. Bis zu seiner Verhaftung 1979 befand sich der Vorgang jedoch noch immer in der Entwicklungsphase und war gerade erst im Begriff, informatorisch Früchte abzuwerfen. Nachgewiesen ist allerdings keine Information. Was konnte er offenlegen? Zunächst das Verbindungswesen: Insbesondere nannte er die Deckadresse in Extertal, deren Inhaber daraufhin in Untersuchungshaft genommen und zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt worden ist. Der Grund: »Deckadresse für einen sehr gefährlichen Agenten«.137 Die zweite Enttarnung, die auf ihn zurückzuführen ist, betrifft eine Sekretärin »Gitta«138 in der SPD-Stadtfraktion in Bonn, zu der er noch von Suhl aus den Kontakt gesucht hatte. Auf sie wurde bereits am 23. November 1979, nur eine Woche nach Lüttichs Verhaftung, in den Medien hingewiesen. Doch vor Gericht konnte der Verdacht gegen sie nicht erhärtet werden. Unklar blieb, ob sie den nachrichtendienstlichen Hintergrund bei ihren Besuchen in der DDR erkannt hatte.139 Weitere Enttarnungen gelangten nicht in die Medien und wurden auch nicht vor Gericht verhandelt. Demnach wird sich Eberhard Lüttich zu den sonstigen Vorgängen seiner Suhler Zeit – immerhin 22 – nicht ausreichend geäußert haben. Dabei wäre eine wirklich heiße Spur der Vorgang des OibE »Rat« gewesen, den er selbst während seiner Suhler Zeit entwickelt und den er in New York im Word Trade Center als Mitarbeiter einer Speditionsfirma wieder getroffen hatte. Dieses Beispiel deutet an, dass Lüttich – zumindest nach seiner Verhaftung in Deutschland – nicht sein ganzes operatives Wissen offenbart hat. Er nannte zwar Vorgänge, die aber schon vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik erloschen und auch strafrechtlich verjährt waren. Andere wie eine Ärztin »Kerstin« aus Münster oder einen Vertreter »Hermann« aus Düsseldorf verschwieg er.140 Die HV A hingegen musste theoretisch gleichwohl von seinem »Verrat« ausgehen, doch war ihr bekannt, dass er sich nur bedingt eingelassen hatte. Das wusste sie offenbar von ihrem IM »Pirol«, dem es gelungen war, die Aussagen Lüttichs zu beschaffen. Mit den Worten Heinz Geyers: »Nach anfänglicher Aussageverweigerung gab er auf. Dank des Einsatzes des Kundschafters ›Pirol‹, der die Akte von Lüttich mit dessen Aussagen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz beschaffte, konnte der eingetretene Schaden bewertet und die nötigen Schlussfolgerungen über die weitere operative Arbeit in Richtung USA gezogen werden.«141Auf dieser Basis konnte die HV A einige Vorgänge weiterführen. Neben dem erwähnten »Rat« auch den Vorgang eines Ingenieurs »Wolfgang« aus Erkrath, den sie erst im September 1986 zu den Akten legte. Gleichfalls hätte es einiges Aufheben um einen Professor der TH Darmstadt gegeben, wäre seine erwogene oder vollzogene Beziehung zu Lüttich bekannt geworden, was aber nicht der Fall war. Der Vorgang war allerdings schon im November 1978 versiegt, was Lüttich nicht unbedingt gewusst haben muss. Der Vorgang »Brest« gehört zu den echten, als Ergebnis analytischer Untersuchungen vom Bundesamt für Verfassungsschutz aufgedeckten Fällen. Beteiligte, auf die Lüttich hingewiesen hatte, mussten allenfalls Bewährungsstrafen hinnehmen. Wirklichen Schaden wird wohl allerdings der echte Hans Dietrich Steinmeier genommen haben, den die Liebe in die DDR geführt hatte, in der er dann gegen seinen Willen bleiben musste. Lüttich selbst musste eine strafrechtliche Verfolgung befürchten, die die Trennung von seiner Familie und den Verlust seiner bürgerlichen Existenz bedeutet hätte. Stattdessen konnte er 1980 straffrei in die USA zurückkehren, allenfalls angehalten, sein Wissen den zuständigen US-Diensten zur Verfügung zu stellen. Nur lebt er dort unter einem anderen Namen. Das nahm zumindest die HV A an, die ihr mühsam aufgebautes Netz in den USA re­orga­nisieren musste. Eine bald zehnjährige operative Arbeit war Makulatur geworden. »Der Fehler«, so Horst Joachimi, habe in der Verwendung Lüttichs in der Zentrale gelegen: »Er galt als Übersiedlungskandidat. So lernte ich ihn auch kennen. Eines Tages war er weg. Keiner fragte, aber jeder ahnte, wo er sein könnte. (…) Einen Übersiedlungskandidaten lässt man nicht in der Zentrale Staub wischen.«142 Wie groß die Niederlage war, skizziert Markus Wolf in seinen Erinnerungen: »Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen, und wir mussten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten ›Illegalen‹ nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen, darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. Alles andere als erfreulich war auch, dass Lüttich der Hamburger Polizei (sic!) nach seiner Festnahme Ende 1979 (sic!) nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte, sondern auch berichtete, dass unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte, die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. Es hatte Jahre gedauert, diesen Sender aufzubauen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann (sic!), der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefasst.«143 12. Zusammenfassung Die in den Siebzigerjahren eingerichtete Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit hat ihre hochgesteckten Ziele nicht erreichen können. Ziel war das Eindringen in wesentliche Institutionen der USA, entweder mit amerikanischen oder mit aus der DDR übergesiedelten inoffiziellen Mitarbeitern. Bei diesem Bemühen bediente sie sich der legalen (über diplomatisch abgesicherte Offiziere) und der illegalen Linie (über inoffizielle Netzwerke). Mithilfe der beiden legalen Residenturen in New York und Washington trug sie eine beträchtliche Anzahl an Informationen zusammen, insbesondere auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. In der Summe handelt es sich um über 6000 Informationen. In der veröffentlichten Publizistik ehemaliger HV A-Mitarbeiter wird der Wert dieser Arbeit allerdings eher als teuer denn als wertvoll eingestuft. Hinsichtlich der illegalen Linie siedelte sie mehrere Offiziere in die USA über, die in die Rolle von Bundesbürgern geschlüpft waren. Diese langwierigen Aktivitäten, unter Einsatz von hauptamtlichen Mitarbeitern, endeten jedoch, als Lüttich im November 1979 enttarnt wurde, und mit ihm auch die gesamte Einschleusungsphilosophie. Bedeutende Informationen wurden jedoch nicht in den USA erbeutet, sondern durch Bundesbürger und amerikanische Bedienstete in der Bundesrepublik, sei es in der US-Botschaft in Bonn oder bei der US-Air Force in Berlin. Über sie gewann die HV A zwar einen tiefen Einblick in politische und militärische Absichten und Kenntnisse der USA, vermochte mit diesem Wissen jedoch kaum auf die politische Führung der DDR einzuwirken: »Sie war«, resümierte ihr ehemaliger HV A-Resident in New York Joachimi, »für unsere Hinweise und Vorschläge wenig aufgeschlossen. Sie hatte ihr festgefügtes, unerschütterliches Bild von der Welt.«144 Erweist sich so – abgesehen vom Untergang des Staates – nicht von vorneherein die DDR-Spionage in den USA als nutzlos? Die Skepsis blieb, denn wenige Monate vor seinem Tod gab es in den USA ernsthafte Erwägungen, Markus Wolf einzuladen, was ihm zuvor verwehrt worden war. Doch zu spät: Bevor eine Entscheidung fiel, verstarb er. 1 Name aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert. 2 Die Angaben beruhen auf Interviews mit Personen, die ungenannt bleiben möchten. 3 Siehe Jim Bronskill: Stasi spies coveted fake Canadian leather, in: The Canadian Press vom 27. Oktober 2009; Michael Petrou: Playing spy games, in: Macleans vom 26. November 2009. 4 Siehe hierzu Klaus Eichner / Andreas Dobbert: Headquarters Germany. Die USA-Geheimdienste in Deutschland, Berlin 1997, dort besonders »Gegen die Größten macht es am meisten Spaß«, S. 74–147. 5 Horst Joachimi: Resident der HV A in New York. Erinnerungen, Berlin 2009, S. 100 und 139. 6 In der internen Aktenführung waren diese Ziele mit spezifischen Nummern – Registriernummern genannt – versehen, um entsprechende Erkenntnisse darunter abzulegen und zu verarbeiten. Das Weiße Haus und das Außenministerium figurierten als XV 2912 / 77 bzw. XV 2911 / 77, was immerhin besagt, dass diese beiden Institutionen ab 1977 im Brennpunkt standen. Welche Informationen über sie gesammelt worden sind, davon ist in der Stasi-Unterlagenbehörde nichts überliefert: Einzig die Nummern, unter denen sie registriert waren, sind bekannt. 7 Siehe Rita Sélitrenny / Thilo Weichert: Das unheimliche Erbe. Die Spionageabteilung der Stasi, Leipzig 1991, S. 63. 8 Siehe die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demo­kratischen Republik (im Folgenden: BStU), MfS, BV Erfurt, Abt. XV Nr. 13, o. Pag.; Katalog über die Bearbei­tung von Territorien und Objekten durch die Abteilungen XV der Bezirksverwaltungen v. 3. 12. 1979; BStU, MfS, o. Sign. 9 Sélitrenny / Weichert: Das unheimliche Erbe (Anm. 7), S. 63. 10 Neben dem Pentagon (XV 2910 / 77), dem Weißen Haus (XV 2912 / 77) und dem Außenministerium (XV 2911 / 77) gehörten dazu u. a. folgende Objekte, von denen nur die Registriernummern und Decknamen bekannt sind: »Schloß« (XV 18847 / 60), »Turm« (XV 3374 / 85), »Insel« (XV 18902 / 60), »Camp« (XV 6064 / 60), »Frank« (XV 2816 / 68), »Mensa« (XV 2117 / 72) und »Pat« (XV 2133 / 67). 11 Heinz Geyer (1929–2007): 1950–90 MfS, 1965–71 stellvertretender Leiter der HV A III (»3. Länder«), 1971–77 Leiter der HV A XI, 1977–90 stellvertretender Leiter der HV A. 12 Jürgen Rogalla (*1933): 1951–90 MfS, 1967–71 stellvertretender Leiter der HV A III, 1971–73 stellvertreten­der Leiter der HV A XII (NATO, EG), 1977–90 Leiter der HV A XI. 13 Siehe BStU, MfS, AIM 5613 / 88, T. I, Bd. 1, S. 211; ebd., Abt. Fin. Nr. 1581, 1666 und 3693; ebd., HA KuSch Nr. 107; ebd., SED-KL Nr. 2778, 3022, 3364 und 5900; ebd., HA II Nr. 35496. Siehe ebenso Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 152. 14 Siehe BStU, MfS, AOPK Nr. 12107 / 85; ebd., HA KuSch Nr. 170; ebd., Abt. Fin. Nr. 2408, 2418, 2546, 3204 und 3693; ebd., SED-KL Nr. 4309; ebd., AOPK Nr. 69 / 85, Bd. 1, S. 262. 15 Siehe BStU, MfS, HA KuSch Nr. 133, 141 und 150; ebd., Abt. Fin. Nr. 307, 1682, 1850, 2548 und 3204; ebd., HV A Nr. 548; ebd., HA II Nr. 35496. 16 Siehe BStU, MfS, HA KuSch Nr. 163; ebd., SED-KL Nr. 2466, 4206, 4207, 4211 und 5255. Siehe ebenso Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 48. 17 Siehe Peter Siebenmorgen: »Staatssicherheit« der DDR. Der Westen im Fadenkreuz der Stasi, Bonn 1993, S. 324. 18 Siehe BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1189, 3333 und 3693; ebd., GU Nr. 8868 / 92. 19 »Lord« (XV 12823 / 60), »Irma« (XV 377 / 72), »Inge« (XV 12900 / 60), »Major« (XV 12823 / 60) und »William« (XV 1797 / 69). 20 XV 2816 / 66. 21 Es lassen sich zwar regelmäßig der Deckname eines IM und seine Registriernummer benennen, aber fast nie die Nationalität, falls es keine deutsche ist. Aus diesem Grund wird, wenn die Nationalität gegenwärtig nicht abschließend bestimmt werden kann, die Abkürzung AB für »ausländischer Bürger« angeführt. 22 Siehe BStU, MfS, KS II 641 / 62; ebd., HA KuSch Nr. 124; ebd., Abt. Fin. Nr. 65; ebd., SED-KL Nr. 1250. 23 Siehe BStU, MfS, HA KuSch Nr. 100, 127, 135, 159 und 172; ebd., Abt. Fin. Nr. 1675, 1677, 1680, 1681, 3205 und 3693; ebd., AIM Nr. 8216 / 91, T. I, Bd. 1, S. 109. 24 Darunter Perspektiv-IM (im Folgenden: PIM) »Angela« (XV 366 / 77), Deckadressse (im Folgenden: DA) »Musiker« (XV 4610 / 75), DA »Ulla« (XV 2010 / 84), Führungs-IM (im Folgenden: FIM) »Berndt« (XV 366 / 77), FIM »Uwe« (XV 1880 / 72), FIM »Mick« (XV 39 / 77), Objektquelle (im Folgenden: O-Quelle) »Linda« (XV 440 / 81), PIM »Robbi« (XV 2736 / 79), PIM »Theo« (XV 3724 / 81), PIM »Rose« (XV 6934 / 75), PIM »Erhard« (XV 5664 / 86), PIM »Arnim« (XV 4816 / 84), PIM »Jörg« (XV 1935 / 84), PIM »Keiler« (XV 4780 / 88), Sicherungs-IM (im Folgenden: SIM) »Petra« (XV 1880 / 72), SIM »Elli« (XV 39 / 77), SIM »Else« (XV 3202 / 82) und Werber I »Robert« (XV 5961 / 60). 25 Darunter »Franz« (XV 121 / 81), »Anker« (XV 137 / 81), »Nordpol« (XV 197 / 75), »Frank« (XV 2469 / 81), »Ballett« (XV 2891 / 87), »Student« (XV 3960 / 86), »Berber« (XV 415 / 86), »Gerd« (XV 4169 / 82), »Jeff« (XV 4359 / 83), »Johanna« (XV 4359 / 83), »Kent« (XV 5611 / 84), »Netz« (XV 6218 / 82), »Toni« (XV 6584 / 82), »Reporter« (XV 2039 / 67) und »Ernesto« (XV 327 / 79). 26 Siehe BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1672 und 1675 ; ebd., HA III Nr. 489; siehe Joachimi: Begegnung mit der Wahrheit. Erinnerungen des Residenten der HV A in den USA, Berlin 2004, S. 93 f. 27 Siehe Kristie Macrakis: Seduced by Secrets. Inside the Stasi’s Spy-Tech World, Cambridge 2008, S. 94–102; Markus Wolf: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, Düsseldorf 1997, S. 414. 28 »Brücke« (XV 6722 / 82); siehe Jürgen Schreiber: Stasi-Spion Kid. Die Rekonstruktion von Jeffrey M. Carneys geheimen Leben, in: Der Tagesspiegel vom 7. November 1999; ders.: Die Stasi lebt. Berichte aus einem unterwanderten Land, Berlin 2009, S. 87; John O. Koehler: Stasi. The untold story of the East German secret police, Colorado 2000, S. 237; Klaus Behling: Berlin im Kalten Krieg. Schauplätze und Ereignisse, Berlin 2007, S. 111; Macrakis: Seduced (Anm. 27), S. 94; Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 133. 29 Siehe BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1646, 1666, 1667 und 1680. 30 Siehe BStU, MfS, BT Fin Nr. 1678. 31 Es sind zwar die Decknamen der Zielobjekte bekannt, aber nicht deren Bedeutung. Dabei handelt es sich u. a. um »Schloß« (XV 18847 / 60), »Burg« (XV 18861 / 60), »Frank« (XV 2816 / 68), »Universität« (XV 324 / 72) und »Student« (XV 325 / 72). 32 Siehe BStU, MfS, HA KuSch Nr. 100, 135 und 187; ebd., Abt. Fin. Nr. 1663, 1675 und 1679; ebd., AP Nr. 9064 / 82, Bd. 1; ebd., SED-KL Nr. 2449 und 3048. 33 Siehe BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 3205 und 3693; ebd., HA II Nr. 33240. 34 Abschöpfquelle (im Folgenden: A-Quelle) »Hoffmann« (XV 232 / 67), DA »Gerda« (XV 2621 / 79), Funk-IM »Druga« (I 1711 / 64), Funk-IM »Mütze« (XV 15695760), Residenten »G. Linden« (XV 2747 / 63), Inoffizieller Mitarbeiter mit Arbeitsakte (im Folgenden: IMA) »Renate« (XV 1450 / 63), O-Quelle »Erich« (XV 47 / 68), O-Quelle »Elster« (XV 6098 / 60), O-Quelle »Rolf Baumann« (XV 2943 / 82), O-Quelle »Klaus« (XV 4474 / 80), O-Quelle »Gitte« (XV 3001 / 77), O-Quelle »Gerhard« (XV 4607 / 75), PIM »Karl« (XV 325 / 72), PIM »Franka« (XV 7754 / 81), PIM »Pierre« (XV 6280 / 81), PIM »Gabor« (XV 5117 / 85), PIM »Richard« (XV 5107 / 85), PIM »Berni« (XV 3302 / 82), Resident »Linden« (XV 10814 / 61), SIM »Franke« (XV 9550 / 60), SIM »Regina« (XV 2899 / 82), SIM »Margot« (XV 3986 / 85) und SIM »Gitta« (I 1711 / 64). 35 »Tom« (XV 6053 / 81), »Inge« (XV 473 / 81), »Gerry« (XV 2899 / 82), »Nord« (XV 3976 / 81), »Dave« (XV 3986 / 85) und «Martin« (XV 4520 / 80). 36 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1575, 1644, 1664, 1676 und 1681. 37 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1657, 1665, 1666 und 1676. 38 »Aufbau« (XV 3716 / 73). 39 Siehe BStU, MfS KS II 587 / 89, Bl. 73 und 78. 40 DA »Freitag« (XV 371 / 72), DA «Grete« (XV 2915 / 62), PIM »Harry« (XV 3152 / 64), SIM »Frank« (XIV 623 / 80), SIM »Christa« (XV 668 / 83), SIM »Bischof« (XV 5286 / 85) und Werber I »Gerd« (XV 668 / 83). 41 »Junior« (XV 2207 / 73), »Resi« (XV 2207 / 73), »Georg« (XV 43 / 77), »Ruth« (XV 43 / 77), »Karla« (VI 1620 / 85), »Hampe« (XV 15 / 74), »Dupont« (XV 4277 / 64), »Lore« (XV 4277 / 64) und »Jack« (XV 43 / 77). 42 Siehe BStU, MfS, KS II 587 / 89, Bl. 74. 43 BStU, MfS, AIM 15149 / 63; ebd., AIM 5613 / 88, T. I, Bd. 1, S. 9; ebd., HA KuSch Nr. 110, 129, 135 und 155; ebd., SED-KL Nr. 1273 und 2333; ebd., VRD Nr. 5259; ebd., Abt. Fin. Nr. 3693; ebd., HA II Nr. 35496. 44 BStU, MfS, HA II Nr. 4821, 17941, 35496 und 36062; ebd., HA KuSch Nr. 112, 127, 137 und 188; ebd., Abt. Fin. Nr. 916, 3265 und 3693; ebd., AIM 7445 / 88, T. I, Bd. 1, Bl. 124; ebd., SED-KL Nr. 4550, 4641, 4721, und 5255. 45 BStU, MfS, HA KuSch Nr. 97, 120, 125, 135 und 187; ebd., Abt. Fin. Nr. 893, 3654 und 3693. 46 »Georg« (XV 3085 / 76). 47 Siehe BStU, MfS, AIM 2421 / 87. 48 »Lindner« (XV 3169 / 76). 49 Siehe Warten auf »Alex«, in: Der Spiegel vom 13. Oktober 1997; Roland Hein: »Junior«, »Schwan«, »Jack« und der »heilige Vater«, in: Neues Deutschland vom 3. November 1997; Jürgen Schönstein: IM »Jack«, seine Agentenfreunde und 40 000 Dollar von der Stasi, in: Berliner Morgenpost vom 7. November 1997; ferner FBI-Ermittlungsbericht vom 3. Oktober 1997; Das Pharaonengrab der Stasi, in: Der Spiegel vom 18. Januar 1999. 50 Siehe Die »Kommunisten« waren schuldig, in: Neues Deutschland vom 28. Juli 2006. 51 Siehe Tim Weiner: Ex-Campus Rebels Held in Spy Case, in: New York Times vom 7. Oktober 1997; ders.: Spies Just Wouldn’t Come in from Cold War, in: New York Times vom 15. Oktober 1997; Brooke A. Masters: Three Former Campus Leftists Held in Va. on Espionage Charges, in: Washington Post vom 7. Oktober 1997; ders.: Couple, Friend Indicted in Spy Case, in: Washington Post vom 18. Februar 1998; ders.: Prosecutor in Spy Case Describes A Life of Self-Serving Treachery, in: Washington Post vom 8. Oktober 1998; ders.: Spy Denies Working With Couple, in: Washington Post vom 17. Oktober 1998; ders.: Husband and Wife Sentenced for Espionage, in: Washington Post vom 23. Januar 1999. 52 Siehe Seit zehn Jahren hinter Gittern, in: Junge Welt vom 5. Oktober 2007, S. 9; Die »Kommunisten« (Anm. 50). 53 »Doktor« (VI 1620 / 85). 54 »Alexander« (XV 1972 / 75). 55 »Pilot« (XV 593 / 64). 56 »Esche« / »Ullrich« (XV 1716 / 69). 57 Das Objekt »Waldgrün« wurde von Januar 1978 bis Mai 1983 vom Referat genutzt, doch nahm Oberleutnant Ralf Schirrmann den Vorgang mit zum Referat 9, in dem er weiterhin als Sachbearbeiter im politisch-operativen Dienst Verwendung fand. Die beiden anderen Objekte – »Allee« und »Martin« – brachte im Mai 1984 bei seinem Wechsel vom Referat 2 Bernd-Heiko Schilling mit. »Waldgrün« (XV 41 / 77); »Allee« (XV 15 / 73); »Martin« (XV 2362 / 73). 58 Zu den Nutzern und Anbietern der Deckadressen siehe BStU, MfS AIM 13760 / 79; »Dupont« (XV 4277 / 64) und »Land« (XV 3336 / 71); siehe BStU, MfS AIM 2421 / 87; »Bürger« (XV 1672 / 68) und »Adam« (I 574 / 66); siehe BStU, MfS AIM 13762 / 79, Bl. 21 und 92¸ »Geselle« (XV 1610 / 68); siehe BStU, MfS AIM 12014 / 76, Bl. 18 ; BStU, MfS AIM 12550 / 91, Bl. 146 ; BStU, MfS AIM 5009 / 82, Bl. 126 ; BStU, MfS AIM 6570 / 80, Bl. 134 ; »Hans« (I 987 / 77); BStU, MfS AIM 15884 / 81, »Robert« (XV 3094 / 75); siehe BStU, MfS AIM 16472 / 79, Bl. 12 ; »Köhler« (I 1684 / 72); BStU, MfS AIM 17753 / 81, Bl. 119; BStU, MfS AIM 1287 / 77. 59 »Bürger« (XV 1672 / 68); »Walter« (XV 487 / 69); siehe BStU, MfS AIM 13762 / 79, Bl. 21. 60 »Esche« (XV 1716 / 69), »Flieger« (XV 3415 / 67) und »Hampe« (XV 15 / 74). 61 Darunter »Hochhaus« (XV 169 / 72), »Aufbau« (XV 3716 / 73), »Z 3« (XV 476 / 69) und »Stern« (XV 491 / 73). 62 Siehe Joachimi: Begegnung (Anm. 26), S. 35. 63 BStU, MfS, HA KuSch Nr. 891, S. 37. 64 BStU, MfS, AGMS 8499 / 86; ebd., HA KuSch Nr. 163 und 191; ebd., Abt. Fin. Nr. 60 und 3262; ebd., VRD Nr. 4977 und 6289. 65 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1643 ; ebd., HA KuSch Nr. 891, S. 38. Koehler: Stasi (Anm. 28), S. 258; Karl-Ernst Plagemann: USA-Außenpolitik auf Konfrontationskurs, Berlin 1982. 66 BStU, MfS, HA KuSch Nr. 171, 177 und 187; ebd., Abt. Fin. Nr. 2546 und 3274. 67 »Sibylle« (XV 426 / 76). 68 »Tulpe« (XV 2408 / 80) und »Herbert« (XV 2410 / 80); siehe Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 48, 54 und 73. 69 KP »Theologe« (XV 40 / 77), KP »Läufer« (XV 428 / 83), PIM »Barbara« (XV 69 / 77) und PIM »Korn« (XV 69 / 77). 70 Darunter »Advokat« (XV 413 / 80), »Wilder« (XV 1258 / 85), »Löwe« (XV 228 / 68), »Riese« (XV 3325 / 77), »Spaten« (XV 3326 / 77), »Vogel« (XV 4231 / 76), »Laub« (XV 4232 / 76), »Düse« (XV 4276 / 78), »Michael« (XV 428 / 83), »Rauch« (XV 428 / 83), »Efeu« (XV 4360 / 83), »Kirsche« (XV 4644 / 79), »Gulli« (XV 4791 / 80) und »Laura« (XV 491 / 73). 71 BStU, MfS, HA KuSch Nr. 131 und 891, S. 33; ebd., Abt. Fin. Nr. 2478 und 3262; ebd., VRD Nr. 4932. 72 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1575, 1578, 1644, 1645, 1646 und 1648. 73 »Lindner« (XV 3169 / 76); »Jürgen Heine« (XV 128 / 73); »Vogt« (XV 2429 / 79); »Efeu« (XV 4360 / 83); »Düse« (XV 4276 / 78); »Riese« (XV 3325 / 77); »Vogel« (XV 4231 / 76); »Laub« (XV 4232 / 76); »Spaten« (XV 3326 / 77). 74 Wolf: Spionagechef (Anm. 27), S. 409 f. 75 Siehe Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 107 und 121 f. 76 Siehe ebd., S. 410; »Welle« (XV 283 / 66). 77 »Camp« (XV 6064 / 60), »Mensa« (XV 2117 / 72) und »Pat« (XV 2133 / 67). 78 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1577, 1580, 1581, 1645, 1646, 1656, 1658, 1659, 1661, 1664, 1668, 1676, 1681 und 2418. 79 A-Quelle »Antos« (XV 302 / 80), Ermittler »Walter« (XV 1311 / 68), »Bohrer« (XV 376 / 72), Kurier »Waltraud« (XV 1411 / 68), O-Quelle »Konrad« (II 263 / 73), O-Quelle »Albert« (XV 3985 / 85), O-Quelle »Flame« (XV 2019 / 86), PIM »Ullrich« (XV 1716 / 69), PIM »Esche« (XV 1716 / 69), PIM »Tino« (XV 414 / 80), PIM »Eddi« (XV 5673 / 83), PIM »Katharina« (XV 7976 / 81), PIM »Braun« (I 624 / 83), PIM »Tiger« (VII 785 / 68) und SIM »Martina« (XV 4628 / 73). 80 »Mike« (XV 2416 / 85); BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1678. 81 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1577, 1642, 1660 und 1666; ebd., BT: Fin Nr. 1575088.121. 82 »Foto I« (XV 7456 / 60). 83 BStU, MfS, AIM 8216 / 91, T. I, Bd. 1, S. 76; ebd., BV Dresden, AIM 4993 / 90, T. I, S. 94; ebd., HA KuSch Nr. 177 und 2156; ebd., Abt. Fin. Nr. 1643. 84 Siehe Helmut Müller-Enbergs: Was wissen wir über die DDR-Spionage?, in: Georg Herbstritt / Helmut Müller-Enbergs (Hg.): Das Gesicht dem Westen zu. DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003, S. 61. 85 OibE »Rat« (XV 2834 / 68). 86 BStU, MfS, HA KuSch Nr. 127, 141 und 171; ebd., Abt. Fin. Nr. 928, 1277, 2546 und 2548; ebd., VRD Nr. 4853; ebd., HA II Nr. 36038. 87 DA »Fiete« (XV 189 / 79), DA »Herta« (XV 4474 / 70), DA »Karla« (XV 785 / 86), KW »Robert« (XV 22 / 79) und PIM »Lisa« (XV 4474 / 80). 88 Siehe Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 108 f. 89 Siehe ebd., S. 153. 90 »City« (XV 3805 / 73). 91 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 3201, 3267 und 3693; ebd., VRD Nr. 4947. 92 »Apfel« (XV 489 / 73). 93 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1643; ebd., HA KuSch Nr. 891, S. 38. 94 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1577, 1657, 1662, 1668 und 1674. 95 »Jörg« (XV 10874 / 60). 96 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1576, 1660 und 1674. 97 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 1579, 1643, 1666 und 1679. 98 »Maler« (XV 1334 / 60). Zur Person siehe Florian Geyer: Die Sozialdemokratie am Scheidewege, in: Neue Blätter für Sozialismus (1932), H. 3, S. 449–458; Stefan Vogt: Der nationale Sozialismus der sozialdemokratischen Jungen Rechten, in: reichwein forum (2008), H. 1, S. 31–40; Klemens von Klemperer: German resistance against Hitler. The search for Allies abroad 1938–1945, Oxford 1994, S. 57, 61, 79, 182 und 446. 99 Wolf: Spionagechef (Anm. 27), S. 404–407. 100 Siehe Heinz Geyer: Zeitzeichen. 40 Jahre in Spionageabwehr und Aufklärung, Berlin 2007, S. 71. 101 »Universität« (XV 324 / 72). 102 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 951, 1278, 1682, 3331 und 3693; ebd., HA KuSch Nr. 164 und 166. 103 BStU, MfS, BV Rostock, KS II Nr. 267 / 79; ebd., Abt. Fin. Nr. 2548 und 3204. 104 Funk-IM »Neubauer« (XV 242 / 85), O-Quelle »Brunhilde« (XV 94 / 83), PIM »Eva« (I 574 / 66), PIM »Eberhard« (XV 5022 / 84), PIM »Berg« (XV 626 / 83), PIM »Adam« (I 574 / 66), PIM »Alexander« (XV 479 / 79) und PIM »Franz« (XV 2492 / 85). 105 »Danny« (XV 3118 / 82). 106 BStU, MfS, Abt. XII Nr. 1364. 107 »Bernhard« (XV18 / 80). 108 XV 7099 / 60. 109 Siehe Vernehmung von Heinz Schockenbäumer vor dem Landgericht Hamburg am 13. April 2007; LG Hamburg, Akz. 324 O 18 / 05, 324 O 836 / 04 und 324 O 774 / 04. Von nicht minderer Bedeutung ist Schockenbäumers Rolle bei dem bereits erwähnten »Kid«, den er in Mexiko traf. Siehe Jürgen Schreiber: Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin, in: Der Tagesspiegel vom 1. September 2003. 110 BStU, MfS, HA KuSch Nr. 100, 120, 124, 146, 173 und 187; ebd., Abt. Fin. Nr. 874, 909, 2546, 3200 und 3693; ebd., SED-KL Nr. 2899. 111 Funk-IM »Neumann« (XV 6611 / 80), O-Quelle »Ingrid« (XV 6402 / 82), O-Quelle »Roland« (XV 4608 / 75), O-Quelle »Maria« (XV 21 / 79), O-Quelle »Bernhard« (XV 4724 / 88), O-Quelle »Kanus« (XV 3702 / 83), PIM »Arne« (XV 1521 / 79), PIM »Berg« (XV 3724 / 87), PIM »Christel« (XV 4144 / 81), PIM »Johannes« (XV 429 / 83), Werber II »Jose« (XV 5362 / 88) und »Iris« (XV 6602 / 82). 112 »Juri« (XV 4144 / 81). 113 BStU, MfS, Abt. Fin. Nr. 84, 1578 und 1656; ebd., Abt. XII Nr. 1364; ebd., HA KuSch Nr. 891, S. 33. 114 »Ingrid« (XV 6402 / 82). 115 »Roland« (XV 4608 / 75). 116 »Mary« (XV 6278 / 81). 117 »Beate« (XV 472 / 80). 118 Soweit keine Quellenangaben verzeichnet sind, beruhen die Angaben auf Interviews mit zwei Personen, die unmittelbar mit dem Vorgang betraut waren, aber nicht genannt werden möchten. 119 Siehe Werner Kahl: »DDR«-Agentenführer arbeitet jetzt für Bonn, in: Die Welt vom 5. September 1980. 120 Siehe Manfred Schell: Die steile Karriere eines Ostspions, in: Die Welt vom 22. Dezember 1979. 121 Geyer: Zeitzeichen (Anm. 100), S. 70. 122 Siehe Werner Kahl: Spion aus New York, in: Die Welt vom 16. September 1980. 123 »Brest« (XV 317 / 69). 124 Siehe Kahl: Spion aus New York (Anm. 122). 125 Siehe Markus Wolf: Man without a Face, London 1997, S. 291. 126 Siehe ebd. 127 Markus Wolf / Anne McElvoy: Man without a Face. The Autobiograhy of Communism’s greatest Spymaster, New York 1997, S. 280. 128 Siehe Frank E. Lippold: Neue Runde im Tauziehen um Spionageakten, in: Berliner Morgenpost vom 5. Januar 1999, S. 6. 129 Geyer: Zeitzeichen (Anm. 100), S. 70. 130 Siehe Kahl: Spion aus New York (Anm. 122). 131 Siehe Kahl: »DDR«-Agentenführer (Anm. 119). 132 Siehe Wolf: Man without a Face (Anm. 125), S. 291; Kahl: Spion aus New York (Anm. 122). 133 Siehe Schell: Die steile Karriere eines Ostspions (Anm. 120). 134 Siehe BStU, MfS BV Rostock, AKG Nr. 260, Bl. 275 und 322; BStU, MfS BV Rostock, AKG Nr. 271, Bl. 2 und 43. 135 Siehe Mehrere Spione der »DDR« gingen ins Netz, in: Berliner Morgenpost vom 23. November 1979; Gefaßt: Zwei neue Spione!, in: Bild-Zeitung (Hamburg) vom 23. November 1979; Spionage: 5 Fälle!, in: Express (Köln) vom 23. November 1979; Zwei Westdeutsche als DDR-Spione verhaftet, in: Die Presse (Wien) vom 24. November 1979. 136 Siehe Kahl: »DDR«-Agentenführer (Anm. 119); Agentur Reuters: Spionageprozess, 17. September 1980; dies.: Spionageprozess, 19. September 1980; DDR-Spion ein freier Mann, in: Aachener Nachrichten vom 20. September 1980. 137 Siehe Schell: Die steile Karriere eines Ostspions (Anm. 120); Auf freiem Fuß, in: Berliner Morgenpost vom 20. September 1980. 138 »Gitta« (XV 2062 / 66). 139 Siehe Gefaßt: Zwei neue Spione! (Anm. 135); Spionage: 5 Fälle! (Anm. 135); Der Verdacht löste sich in Luft auf. Bonner Sekretärin keine Spionin, in: Kölnische Rundschau vom 24. November 1979; Heinz Vielain: »DDR«-Spion verriet andere Agenten, in: Die Welt vom 27. November 1979. 140 »Rat« (XV 2834 / 68); »Kerstin« (XV 4454 / 65); »Hermann« (XI 7 / 61); »Wolfgang« (XV 3211 / 67); Professor der TH Darmstadt (XI 78 / 65). 141 Geyer: Zeitzeichen (Anm. 100), S. 70 f. 142 Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 121. 143 Wolf: Spionagechef (Anm. 27), S. 409; siehe auch dazu ähnlich Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 120. Bei Markus Wolf sind die genannten Fakten etwas durcheinandergeraten. Bei dem Verbindungsmann handelt es sich um den Vorgang »Welle«. 144 Joachimi: Resident (Anm. 5), S. 100.

JHK 2010

»Machterschleichung auf Filzpantoffeln.« Die Bundesrepublik, die DDR und die mögliche Regierungsbeteiligung der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien in den Siebzigerjahren

Michael Mayer

1»Wir sollten den kommunistischen Parteien in Europa eine Chance geben«, erklärte der dänische Ministerpräsident Anker Jørgensen am 13. Januar 1978 gegenüber Bundeskanz­ler Helmut Schmidt in Kopenhagen. Schließlich verdiene etwa die Kommunistische Partei Italiens »ein gewisses Maß an Vertrauen, da sie sich zu Europa und sogar zur NATO bekannt hat«. Schmidt ließ hier weitaus mehr Skepsis erkennen und hielt dagegen: »Ich möchte nicht gerne kommunistische Minister in einem der EG-Räte sehen.«2 Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie die Ansichten über eine eventuelle Regierungsbeteiligung der Kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien auch in westlichen Staaten auseinandergingen. In Rom war die Regierungsbeteiligung der Kommunistischen Partei zu diesem Zeitpunkt allerdings schon fast Realität, wurde doch die Regierung des italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti bereits seit beinahe einem Jahr vom Partito Comunista Italiano (PCI, Kommunistische Partei Italiens) indirekt unterstützt. So war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Partei Andreottis, die Democrazia Cristiana (DC, Christliche Demokratie), auch offiziell eine Koalition mit den Kommunisten eingehen würde. Ähnlich die Situation in Frankreich. Hier standen am 12. und 19. März 1978 die Wahlen zur Nationalversammlung bevor. Massive Stimmengewinne des Parti Communiste Français (PCF, Kommunistische Partei Frankreichs) und eine gemeinsame Regierungsbildung mit dem Parti Socialiste (PS, Sozialistische Partei) wurden als wahrscheinlich angesehen. Der offenbar unaufhaltsame Aufstieg der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien in den Siebzigerjahren schien nun zum Ende der Dekade dazu zu führen, dass einige der Parteivertreter zu Regierungsmitgliedern werden könnten.3 Wie wurde diese Entwicklung in den beiden deutschen Staaten gesehen? Hielt man sie in der Bundesrepublik für eine Chance zur Überwindung des Antikommunismus und zur Integration eines bisher eher ausgegrenzten Teils der Bevölkerung in den westlichen Staaten? Oder überwog die Sorge hinsichtlich der Auswirkungen auf das westliche Bündnissystem? Welche Bedeutung hatte die Politik der kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich für die DDR? Bot sich damit ein Einfallstor in die westlichen Gesellschaften? Oder wurden vielmehr negative Rückwirkungen auf den sowjetischen Machtbereich, etwa aufgrund der Anpassung der Parteien an die Spielregeln demokratisch gewählter Regierungen, befürchtet? Im Folgenden soll der Blick der beiden deutschen Staaten auf die Entwicklungen in Frankreich und Italien untersucht werden. Dabei wird insbesondere der Frage nachzugehen sein, mit welchen Rückwirkungen auf den eigenen Staat bzw. das eigene Bündnis­system gerechnet wurde. Als Quelle für die Analyse dienen hauptsächlich die Akten zu außenpolitischen Belangen von Bundesrepublik und DDR im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, wo sich die Bestände des Bonner Auswärtigen Amts sowie des Ost-Berliner Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) befinden. Was die DDR betrifft, werden aufgrund der Bedeutung des Zentralkomitees (ZK) der SED für die Außenpolitik auch die Bestände der »Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv« einbezogen. Auf diese Weise soll ein doppelter, deutsch-deutscher Blick auf das Thema entstehen und damit den jüngsten Forderungen nach einer Überwindung der jeweils einseitig auf die Bundesrepublik bzw. die DDR bezogenen Geschichtsschreibung nachgekommen werden.4 Gleichzeitig wird anhand dieser Untersuchung deutlich werden, dass vermeintlich notwendige Trennungen, etwa in Sozial-, Parteien-, Politik- oder Diplomatiegeschichte, nicht grundsätzlich haltbar sind. So können beispielsweise, wie hier gezeigt werden wird, auch diplomatiegeschichtliche Quellen ergänzende Sichtweisen für parteiengeschichtliche Fragestellungen liefern. Die kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien in den Siebzigerjahren Der Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die ČSSR am 20. August 1968 veranlasste die Kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien, merklich auf Distanz zur Sowjetunion zu gehen. So erklärte etwa der PCI am Folgetag in einem Kommuniqué, man könne »die schwerwiegende Entscheidung einer militärischen Intervention« nicht verstehen: »Das Politbüro der IKP [Italienischen Kommunistischen Partei] betrachtet deshalb diese Entscheidung, die sich mit den Grundsätzen der Autonomie und der Unabhängigkeit einer jeden kommunistischen Partei und eines jeden sozialistischen Staates und mit den Erfordernissen einer Verteidigung der Einheit der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung nicht vereinbart, als ungerechtfertigt.«5 Ähnlich reagierte man in Paris. Am selben Tag bekundete der PCF »seine Überraschung und Missbilligung im Anschluss an die militärische Intervention in der Tschechoslowakei«, um zugleich zu betonen, dass »die zwischen Kommunistischen Parteien auftauchenden Probleme durch brüderliche Aussprachen bei bi- und multilateralen Treffen unter Wahrung der Souveränität eines jeden Landes, der Entscheidungsfreiheit einer jeden Partei und im Geiste des proletarischen Internationalismus geprüft und gelöst werden müssen«.6 PCI und PCF sahen also die Reaktion der Sowjetunion auf eine innenpolitische Reformentwicklung mit Sorge. Beide Parteien wollten mit ihrem Pochen auf die Legitimität einer autonomen Entfaltung verhindern, bei eigenen innerparteilichen Abweichungen von der Moskauer Linie unter Druck gesetzt zu werden. Externe Beobachter maßen den Differenzen zwischen den kommunistischen Parteien in Westeuropa und der Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine große Bedeutung bei. So wurde etwa dem PCF noch am 14. August 1969 in einer Aufzeichnung der Abteilung für Außenpolitik und Internationale Verbindungen beim ZK der SED eine »prinzipielle Übereinstimmung in Grundfragen mit der KPdSU, der SED u. a. Bruderparteien« bescheinigt. Diese komme dadurch zum Ausdruck, dass die Führung der französischen Kommunisten »den von diesen Parteien vertretenen Standpunkt zu ihrem eigenen machte und ihn gegenüber den Vertretern jener Parteien verteidigte, die mit einer revisionistischen Konzeption auftraten«. Diese Haltung, so wurde befriedigt hinzugefügt, sei »gegenüber der Position, die sie zur militärischen Hilfeleistung der fünf Bruderländer gegenüber der ČSSR einnahm, ein bedeutender Fortschritt«.7 In den westlichen Staaten wurde der Konflikt zwischen den kommunistischen Parteien in Westeuropa und der Sowjetunion hingegen mit einer gewissen Besorgnis registriert. So erklärte der italienische Außenminister Pietro Nenni am 14. Februar 1969 gegenüber seinem Amtskollegen Willy Brandt, dass man im Zusammenhang mit dem XII. Parteitag des PCI, der vom 8. bis 15. Februar 1969 in Bologna abgehalten wurde, den Eindruck gewonnen habe, »dass in der Sowjetunion eine gewisse Tendenz zu der Annahme bestehe, dass eine Berlin-Krise es ermöglichen könnte, die Ereignisse in der Tschechoslowakei in den Hintergrund zu schieben und die Einheit der kommunistischen Welt wiederherzustellen«.8 Die Differenzen zwischen der KPdSU und den »Bruderparteien« in Westeuropa wurden somit nicht als ein Mittel angesehen, mit dem die Sowjetunion geschwächt werden konnte. Vielmehr überwog die Sorge darum, welche Reaktionen diese Unstimmigkeiten bei der sowjetischen Führung auslösen könnten. Nach dem Militärputsch gegen die marxistisch orientierte Regierung des chilenischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 stellte sich die Frage der Machtübernahme durch kommunistische Parteien in westlichen Ländern neu. Der Generalsekretär des PCI, Enrico Berlinguer, war gewillt, Lehren »aus der politischen Tragödie Chiles« zu ziehen und »die Strategie und Taktik der demokratischen und Arbeiterbewegung« neu zu reflektieren. Aus dem Scheitern der Regierung Allende zog Berlinguer den Schluss, dass es notwendig sei, »die große Mehrheit des Volkes um ein Programm des Kampfes für die demokratische Wiedergesundung und Erneuerung der gesamten Gesellschaft und des Staates zu versammeln« und so gleichzeitig »die reaktionären und konservativen Gruppen« zu isolieren. Ein »demokratischer Weg zum Sozialismus« lasse sich nur verwirklichen, wenn dieser »von der großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird«, wobei notwendigerweise auch Bündnisse mit anderen Parteien, in Italien vor allem mit der DC, einzugehen seien. Es ging ihm also darum, zu einem »›historischen Kompromiss‹ zwischen den Kräften […], die die große Mehrheit des italienischen Volkes vereinigen und vertreten«, zu gelangen.9 Der Botschafter der DDR in Rom, Klaus Gysi, berichtete am 18. November 1973 mit Bezug auf den »historischen Kompromiss«, dass der PCI nur wenig über »die Frage der Macht diskutiert«. Vielmehr gebe es in der Partei »Illusionen über die wahren Machtverhältnisse und damit über die zu erwartenden Klassenkonflikte«. So erkläre sich die »ausschließliche Orientierung auf den friedlichen Weg«. Andererseits sei der PCI auch eine »großartige, täglich kämpfende internationalistische Massenpartei, was gegen zu große Illusionen in den Massen und in der Partei spricht«.10 Der Botschafter der Bundesrepublik in Rom, Rolf Lahr, konstatierte am 4. Dezember 1973 im Zusammenhang mit der innerparteilichen Diskussion um den »historischen Kompromiss« insofern einen Wandel in der Politik des PCI, als »die von früher gewohnte Polemik und ideologische Verkrampfung« fehle: »Dem innenpolitischen Bemühen, sich dem Wähler als konziliant und vernünftig darzustellen, entspricht eine auffallende Nüchternheit und Sachlichkeit bei der Behandlung außenpolitischer Fragen.« Lahr hob hervor, dass etwa multilaterale Organisationen wie NATO und EG als Realitäten anerkannt würden. Ein geeintes Westeuropa werde sogar befürwortet, auch wenn dieses noch einer »gründlichen ›Demokratisierung‹ im kommunistischen Sinne« bedürfe. Zugleich betonte Lahr: »Zieht man freilich von dieser ›neuen italienischen Außenpolitik‹ Berlinguers die gefällige Verpackung ab, so findet man die alten Bekannten: Entfernung Europas von den USA und damit Distanzierung von der NATO; Neutralisierung des Mittelmeers sowie Umkrempelung der Wirtschafts- und Sozialordnung in Westeuropa.«11 Die jüngste Entwicklung innerhalb des PCI führte also insgesamt zu eher skeptischen Reaktionen seitens der beiden deutschen Staaten. Die DDR vermerkte ein Abweichen von dem bisher vertretenen, in ihren Augen einzig Erfolg versprechenden Weg zum Sozia­lismus. Die Bundesrepublik wiederum registrierte zwar eine Aufweichung der ideologischen Fixpunkte des PCI, sah hierin jedoch allein eine taktisch motivierte Modifikation. Der »historische Kompromiss« in Italien sorgte für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem PCI und anderen kommunistischen Parteien in Westeuropa, was sich etwa in der Gemeinsamen Erklärung von PCF und PCI vom 15. November 1975 niederschlug: »Die italienischen und französischen Kommunisten sind der Meinung, dass der Weg zum Sozialismus und der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, die sie als Perspek­tive für ihre Länder vorschlagen, sich im Rahmen einer fortgesetzten Demokratisierung des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens vollziehen müssen. Der Sozialismus wird eine höhere Phase der Demokratie darstellen, die auf vollständigste Weise verwirk­lichte Demokratie.« Dabei sollten alle Freiheiten, etwa Meinungs-, Versamm­lungs- und Demonstrationsfreiheit, sowie die Unverletzlichkeit der Person garantiert sein. Zugleich wurden das Recht auf Opposition, die Möglichkeit eines Regierungswechsels je nach Mehrheiten und die Unabhängigkeit der Justiz betont. Insgesamt beabsichtigten PCF und PCI »ihre brüderliche Zusammenarbeit fortzusetzen«, wobei sie zugleich auf das »Prinzip der Autonomie einer jeden Partei, der Achtung und der Nichteinmischung und des Internationalismus« Wert legten.12 Die Abteilung für Außenpolitik und Internationale Verbindungen beim ZK der SED hielt in einem undatierten Entwurf einer Aufzeichnung zur Gemeinsamen Erklärung fest, dass es den italienischen Kommunisten insgesamt gelungen sei, die französische Schwester­partei »zu einer weitgehenden Stellungnahme im Sinne der IKP zu bewegen. Somit ist die Gemeinsame Erklärung der beiden stärksten kommunistischen Parteien Westeuro­pas mit einem bedeutenden Gewinn an Einfluss für die IKP und ihre reformis­tischen Auffassungen verbunden.« Besonders kritisiert wurden die »engen, defensiven Auffassungen über die Politik der friedlichen Koexistenz der sozialistischen Länder, verbunden mit einer gewissen Überbetonung der nationalen Elemente in der Politik der Partei und zunehmenden Erscheinungen der Distanzierung von der Politik der Sowjetunion und der der sozialistischen Gemeinschaft, vom realen Sozialismus«. Insgesamt wirke das Dokument »objektiv in Richtung auf die Schwächung der Einheit der kommunistischen Bewegung, die Verstärkung opportunistischer, ›autonomistischer‹ und ›polyzentristischer‹ Auffassungen und Tendenzen in der westeuropäischen kommunistischen Bewegung«. Die vollzogene Annäherung der beiden Parteien beruhe »auf einer Sozialismuskonzeption, die mit ihrem pluralistischen, reformistischen und auch utopischen Gehalt faktisch dem realen Sozialismus in der Sowjetunion, in der DDR und den anderen Bruderländern gegenübergestellt wird. Gesetzmäßigkeiten des Übergangs zum Sozialismus und des Sozialismus selbst werden negiert bzw. revidiert.« Daneben würden die »Besonderheiten eines Sozialismus für Westeuropa einseitig hervorgehoben bzw. konstruiert und so eine Abgrenzung vom realen Sozialismus demonstriert bzw. Kritik an der realen Entwicklung und an realen Erscheinungsformen des Sozialismus geübt«.13 Die Gemeinsame Erklärung von PCF und PCI wurde also von der DDR ausgesprochen negativ bewertet und in ideo­logischer, aber auch in politischer Hinsicht als Gefahr für die Staaten im sowjetischen Machtbereich gesehen. Für den Botschafter der Bundesrepublik in Rom, Hermann Meyer-Lindenberg, stellte die Gemeinsame Erklärung einen »offenbar nicht ohne Schwierigkeiten ausgehandelten Kompromiss« dar: »Die Linie der französischen Seite scheint sich insbesondere bei der Formulierung der wirtschaftspolitischen Forderungen durchgesetzt zu haben. Die italienischen Kommunisten bemühen sich üblicherweise gerade auf diesem Gebiet um größte Zurückhaltung.« Auf den PCI gehe hingegen die Stellungnahme »über die Autonomie der einzelnen Parteien und den demokratischen Charakter des Sozialismus« zurück. Insgesamt seien die »gegensätzlichen Auffassungen über den taktischen Weg zur Machtübernahme« nicht ausgeräumt, doch handle es sich bei der Gemeinsamen Erklärung um einen »wichtigen Schritt der Annäherung« zwischen PCF und PCI, der Auswirkungen auf die Beziehungen zu anderen kommunistischen Parteien haben würde.14 Der Gesandte an der Botschaft der Bundesrepublik in Paris, Carl Lahusen, merkte in diesem Zusammenhang an, dass zwar vonseiten der französischen Kommunisten eine »Unterordnung unter Moskau lautstark bestritten« werde, jedoch die Unterschiede zwischen beiden Parteien »trotz des Gemeinsamen Papiers schwerwiegender als die Gemeinsamkeiten« seien: »Jedenfalls wäre es falsch, PCF und PCI unter den gemeinsamen Begriff der westeuropäischen kommunistischen Parteien zu bringen.« Der PCF vertrete im aktuellen Wahlkampf eine Politik, deren »harter orthodoxer Kern kräftige Korrekturen« aufweise. Dennoch halte sich der PCF »einen weiten Spielraum offen. Ein prononciertes direktes Engagement für die SU [Sowjetunion] (wie das der SED) wird vermieden. Unter den europäischen kommunistischen Parteien nimmt die PCF damit eine taktisch günstige Mittelstellung ein. Die Indizien, dass die KPdSU mit dieser Linie einverstanden ist, sind stark.«15 Vergleicht man diese Stellungnahmen mit denen der DDR zur Gemeinsamen Erklärung, wird deutlich, dass beide deutschen Staaten – abgesehen von ideologisch begründeten Aussagen – eine Differenzierung zwischen PCF und PCI vornahmen, diese also nicht als monolithischen Block ansahen, sondern den Kompromisscharakter des Dokuments durchaus realisierten. Zugleich belegt aber die, auch im Vergleich zu den Äußerungen mit Bezug auf den »historischen Kompromiss« in Italien zwei Jahre zuvor, bedeutend schärfere Reaktion der DDR, dass diese in der aktuellen Entwicklung einen Angriff auf die Legitimationsgrundlage des eigenen Staates sah, sich also in erhöhtem Maße bedroht fühlte. Die Kommentierung der Bundesrepublik fiel dagegen weitaus nüchterner und entspannter aus, wenn auch – wie bei Lahusen – der klassische antikommunistische Topos einer umfassenden Steuerung der kommunistischen Parteien in Westeuropa durch die Sowjetunion deutlich wird. Gegen Ende der Siebzigerjahre wurde für die Kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien immer deutlicher, dass die erhoffte Mehrheit der Wählerstimmen mit der bisherigen Politik nicht zu erreichen war. So wurden etwa in Frankreich, wo PCF und PS mit der Unterzeichnung eines Gemeinsamen Regierungsprogramms durch die Parteiführer Georges Marchais und François Mitterand am 27. Juni 1972 eine Union de la Gauche (Linksunion) gebildet hatten, am 14. September 1977 die laufenden Verhandlungen zu einer Neufassung dieses Programms abgebrochen. Bei den Wahlen zur französischen Nationalversammlung am 12. und 19. März 1978 gelang es dem PCF nicht, die erhofften 25 Prozent der abgegebenen Stimmen zu erreichen. Die Zahl der Wählerstimmen stagnierte, wie seit 20 Jahren, weiterhin auf einem Niveau von etwa 20 Prozent. Damit erschienen die Bemühungen um eine Regierungsbeteiligung vorerst gescheitert.16 Auch die Kommunistische Partei Italiens musste bei den Wahlen zu Gemeinde- und Provinzialräten am 14. / 15. Mai 1978 im Vergleich zu den Parlamentswahlen am 20. / 21. Juni 1976 einen Verlust von beinahe zehn Prozent der Stimmen hinnehmen. Der Vortragende Legationsrat I. Klasse Bernhard Heibach, Leiter des für Italien zuständigen Referats im Auswärtigen Amt, notierte deshalb am 18. Mai 1978, der Wahlausgang könne als Indiz dafür angesehen werden, »dass die Zeit der kommunistischen Expansion zu Ende geht und Stimmenzuwächse über die Marke der Parlamentswahlen von 1976 hinaus nicht mehr zu erwarten sind«.17 Eine Konferenz über »Eurokommunismus«, die vom 16. bis 18. Juni 1978 von der Ditchley Foundation in der Nähe von Oxford ausgerichtet wurde und an der insbesondere Vertreter der Außenministerien der Bundesrepublik, Großbritanniens und der USA teilnahmen, kam aufgrund des Wahlausgangs in Frankreich und Italien zu dem Ergebnis, dass sich »die Risiken für den Westen« durch PCF und PCI zwischenzeitlich verringert hätten: »Die französische kommunistische Partei (etwa 20 Prozent der Wähler) hat ihre Chance, zusammen mit den Sozialisten an die Macht zu kommen, selbst zerstört, und zwar für lange Zeit. Die italienische kommunistische Partei (etwa 30 Prozent der Wähler) liegt, wie die jüngsten Teilwahlen anzeigen, nicht mehr im Aufwind. Die These von der Unvermeidlichkeit ihres stufenweisen Aufstiegs bis in die eigentliche Regierungsverantwortung ist erschüttert. Die Partei hat ihre Faszination verloren.«18 Die deutlich spürbare Erleichterung über die aktuelle Entwicklung beschränkte sich nicht nur auf die westlichen Staaten. So bescheinigte etwa die Politische Abteilung der Botschaft der DDR in Paris am 2. April 1979 im Vorfeld des XXIII. Parteitags des PCF, »trotz des Festschreibens einiger mit dem Marxismus-Leninismus nicht vereinbarer Positionen, in der Gesamttendenz und für den gegenwärtigen Kampf eine Abschwächung von für die internationale kommunistische Bewegung schädlichen Erscheinungen in der Politik der FKP [Französischen Kommunistischen Partei]«. Besonders positiv erschienen dabei die neuerdings wieder sichtbare »konsequente Interessenvertretung der Werktätigen, die Abgrenzung von der Politik der FSP [Französischen Sozialistischen Partei] und die Entlarvung ihrer Versuche zur Klassenkollaboration«.19 Weshalb aber löste das Bestreben von PCF und PCI, Regierungsverantwortung zu übernehmen, in den Siebzigerjahren derartige Besorgnis in beiden deutschen Staaten aus? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Die mögliche Regierungsbeteiligung der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien und deren Folgen aus der Sicht der Bundesrepublik und der DDR Die Erfolge des PCI bei den italienischen Regionalwahlen am 15. / 16. Juni 1975, bei denen er mit 33,4 Prozent der abgegebenen Stimmen zweitstärkste Kraft hinter der DC wurde, führten zu wachsender Furcht in der westlichen Welt. Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger äußerte deshalb am 16. Juni 1975 in Washington gegenüber Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher »starke Besorgnis über die soeben eingegangenen Wahlergebnisse aus Italien«. Zugleich regte er an, »sich rechtzeitig über eine neue NATO-Konzeption Gedanken zu machen für den Fall, dass die Kommunisten in mehreren Regierungen von NATO-Mitgliedsländern vertreten sein würden«.20 Einige Wochen später, am 24. Juli 1975, zeigte sich der britische Außenminister James Callaghan in einem Gespräch mit Bundeskanzler Schmidt in Hamburg »sehr pessimistisch« über die Zukunft Italiens. »Es scheine, dass nichts die KPI [Kommunistische Partei Italiens] stoppen kann, die Macht im Lande anzutreten. Hier ergäben sich große Probleme für die EG, die man im kleinen Kreise prüfen müsse.«21 Die Furcht vor einer Regierungsbeteiligung des PCI bestand somit hauptsächlich darin, dass nicht abzusehen war, wie sich diese auf das Verhalten Italiens in den multilateralen Organisationen auswirken würde. Insbesondere die NATO, die als Verteidigungsbündnis die Grundlage für die westliche Sicherheitspolitik darstellte, sowie die EG, die sowohl aus wirtschaftlichen Gründen als auch für den Prozess der europäischen Integration von zentraler Bedeutung war, standen hierbei im Mittelpunkt. Ministerialdirektor Günther van Well, Leiter der Politischen Abteilung (Abteilung 2) des Auswärtigen Amts, schrieb dazu am 12. Januar 1976: »Die KPI hat seit etwa zwei Jahren auf die Forderung des Austritts aus der NATO verzichtet. Ihre Vorstellungen laufen seitdem auf Block­überwindung, Kooperation mit dem Osten, Errichtung eines kollektiven Sicherheitssys­tems hinaus.« Die Partei begründe »diesen Positionswechsel damit, dass das strategische Gleichgewicht zwischen den USA und der SU sowie das Fortbestehen der NATO und des WP [Warschauer Pakts] eine der Voraussetzungen für den Fortschritt des Entspannungsprozesses, der Abrüstung und der Zusammenarbeit zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung sei und sich deshalb ein Austritt aus der NATO zur Zeit negativ auswirken würde«. Trotz dieser Tatsache sei jedoch keine »aktive Mitarbeit in der NATO, sondern nur deren passive Duldung« zu erwarten. Das sicherheitspolitische Konzept des PCF stehe hingegen dem Gaullismus nahe und sei grundlegend von der Vorstellung der nationalen Unabhängigkeit geprägt. Die Partei beharre auf ihrer antiamerikanischen Haltung und trete insgesamt für Blockfreiheit ein. Europapolitisch habe die Kommunistische Partei Italiens »zunächst ein ›Europa bis zum Ural‹« vertreten: »Sie ist jedoch allmählich auf die Vorstellung eines Westeuropas, das weder anti-amerikanisch noch anti-sowjetisch ist, eingeschwenkt. Sie befürwortet ein Verbleiben in der EG, die von innen her in anti-monopolitischem, sozialistischem Sinne umgeformt werden soll.« Die Kommunistische Partei Frankreichs wiederum spreche sich zwar nicht für einen Austritt aus der EG aus, »will jedoch bei der europäischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit die nationale Entscheidungsfreiheit gewahrt wissen. Sie fordert ein ›Europa der Arbeiter‹ und lehnt weitere Fortschritte bei der Einigung Europas ab.«22 Van Well kam zu dem Schluss, dass von einer Regierungsbeteiligung der französischen Kommunisten »wegen der allgemeinen ambivalenten Haltung dieser Partei, ihren außenpolitischen Konzeptionen und der Schlüsselrolle Frankreichs innerhalb Europas die gravierendsten Konsequenzen zu erwarten« seien. Jedoch werde ein derartiger Eventualfall aufgrund der starken Stellung des französischen Staatspräsidenten (die Amtsperiode von Valérie Giscard d’Estaing endete erst 1981) vorerst noch nicht eintreten. Selbst bei einem starken Stimmenzuwachs der Union de la Gauche bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Jahre 1978 würden dem Staatsoberhaupt noch Wege offenstehen, eine Regierungsbeteiligung des PCF zu vermeiden. In Italien scheine die Kommunistische Partei nicht »die direkte Regierungsbeteiligung auf nationaler Ebene, sondern vielmehr ein institutionalisiertes Mitspracherecht anzustreben, das ihr das Prestige einer staatstragenden Partei verleiht, ohne sie mit der Verantwortung für die italienische Misere zu belasten, und ihr mit dem weiteren Abwirtschaften der Democrazia Cristiana einen noch größeren Stimmenzuwachs zu ermöglichen. Hat die KPI einmal die relative Mehrheit erreicht, ist ihre Regierungsbeteiligung wahrscheinlich.«23 Welche Auswirkungen könnte eine Regierungsbeteiligung von kommunistischen Parteien im Extremfall haben? Van Well stellte diesbezüglich drei mögliche Folgen in den Mittelpunkt: • eine desintegrierende Wirkung auf die NATO, die USA würde nicht mehr bereit sein, vertrauliche Fragen in diesem Kreis zu behandeln, sondern sich bilateral mit ›nicht infizierten‹ Verbündeten kurzschließen; • eine desintegrierende Wirkung auf die EG, insbesondere die Europäische Politische Zusammenarbeit, deren Schwergewicht in der Erarbeitung einer gemeinsamen Politik gegenüber Osteuropa liegt, käme zum Erliegen; • Verschiebungen des militärischen und politischen Gleichgewichts zugunsten der SU, Verlust des Glaubens an die Funktionsfähigkeit westeuropäischer Zusammenschlüsse, verstärkte Einwirkungsmöglichkeiten der SU auf die Regierungen Westeuropas und dadurch Rückwirkungen auf die autonomistischen KPen [Kommunistischen Parteien] wären nicht auszuschließen.24 Einschränkend fügte er hinzu, dass Spielraum und Einflussmöglichkeiten kommunistischer Minister nicht unbegrenzt seien. Da die wirtschaftlichen Probleme nicht mithilfe der Sowjetunion gelöst werden könnten, blieben diese Staaten auf die westeuropäischen Nachbarländer angewiesen. Auch würden die kommunistischen Regierungspartner, »um sich halten oder ihre Macht erweitern zu können, nationale Politik treiben müssen. Diese Einsicht liegt ja dem Entstehen der autonomistischen Richtung zugrunde und spiegelt sich in ihrem Programm wider.«25 Welche Vorbereitungen sollten für den Fall einer Regierungsbeteiligung getroffen werden? Van Well riet grundsätzlich zu dem Versuch, eine Regierungsbeteiligung von kommunistischen Parteien durch wirtschaftliche Stützungsmaßnahmen im Rahmen der EG abzuwenden. Daneben schlug er folgende präventive Maßnahmen vor: »eine jeweils isolierte Untersuchung der sich in der Praxis ergebenden Probleme in NATO und EG mit dem Ziel, organisatorische Auffanglösungen zu erarbeiten; Gespräche mit den USA und Großbritannien mit dem Ziel zu verhindern, dass diese Staaten unter dem psychologischen Schock einer eventuellen derartigen Entwicklung Schritte tun, die die Situation erschweren; Verstärkung der Bindungen zwischen den sozialistischen, christdemokratischen und liberalen Parteien auf westeuropäischer Ebene bis hin zur Gründung westeuropäischer Parteien.«26 Alle diese Planungen, zu einem Modus Vivendi im Falle einer Regierungsbeteiligung von kommunistischen Parteien in Westeuropa zu kommen, bedeuteten jedoch nicht, dass die Bundesrepublik antikommunistischen Ballast abwerfen wollte und zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit diesen bereit war. So betonte van Well am 11. Mai 1976 mit Bezug auf die Situation in Italien: »Aufgrund der historischen Erfahrung muss man davon ausgehen, dass die kommunistische Ideologie, das Konzept des proletarischen Internationalismus und die Bindungen an Moskau stärker sind als Tendenzen zu einer autonomen, stärker national betonten Haltung. Selbst wenn sich die Führung des PCI zu emanzipieren versucht, so ist doch der Druck der Basis zu orthodoxem Verhalten ein retardierender Faktor. Es ist daher für den Westen von erstrangiger, wenn nicht gar vitaler Bedeutung, dass die Kommunisten in Italien von der Macht ferngehalten werden.«27 Die Bundesrepublik schien in einem solchen Fall grundsätzlich bedroht. Außenminister Genscher erklärte am 13. Mai 1976 in einem Gespräch mit dem französischen Ministerpräsidenten Jacques Chirac in Paris, »dass Deutschland in der Umgebung von kommunistisch regierten Ländern nicht überleben könne«.28 Es wurde nämlich befürchtet, wie Bundeskanzler Schmidt am 23. Mai 1976 gegenüber dem amerikanischen Außenminister Kissinger auf Schloss Gymnich betonte, dass dies in der Bundesrepublik »zu einem Rechtsruck führen« könnte.29 Die Regierungsbeteiligung von PCF und PCI hätte somit außenpolitisch zur Folge haben können, dass Bonn nicht mehr in der Lage gewesen wäre, in Verteidigung seiner Position gegenüber der Sowjetunion auf die Unterstützung seiner wichtigsten kontinentalen Partner Frankreich und Italien zu bauen. Die Sorge war groß, dass die USA in einem derartigen Fall davor zurückschrecken würden, sich massiv in Europa zu engagieren, um die Bewegungsfreiheit der Bundesrepublik zu erhalten. Westdeutschland wäre damit außenpolitisch zu einer »Selbstfinnlandisierung«, also einer notwendigerweise weit entgegenkommenden Haltung gegenüber der Sowjetunion, verdammt gewesen.30 Innen­politisch, so wurde befürchtet, würde diese äußere Bedrohungssituation zu einer Welle des Antikommunismus und möglicherweise zur Wahl rechtsextremer Parteien führen. Damit wäre die Aufbauleistung der vergangenen Jahrzehnte, die Schaffung eines demokratisch fundierten Staats- und Gesellschaftssystems, das als Lehre aus der Katastrophe des Nationalsozialismus heraus entstanden war, gefährdet gewesen. Ein Rückfall in eine schon überwunden geglaubte Zeit erschien auf einmal nicht mehr ausgeschlossen. In einem Schreiben an die Bezirksleitungen der SED erläuterte der Generalsekretär des ZK der SED, Erich Honecker, am 2. Februar 1976, welche »negativen Entwicklungen« der Französischen Kommunistischen Partei »vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus und des proletarischen Internationalismus Bedenken hervorrufen«. So kritisierte er, dass der PCF fortwährend seine Unabhängigkeit betone und darauf verweise, dass er sich in seiner Politik von keiner anderen kommunistischen Partei beeinflussen lasse. Es sei schließlich »ein grundlegendes Merkmal der kommunistischen Weltbewegung, dass sie die prinzipiellen Fragen der marxistisch-leninistischen Analyse und der Strategie und Taktik des gemeinsamen Kampfes für Frieden, Demokratie und Sozialismus kollektiv diskutiert und gemeinsam ausarbeitet«. Durch die einseitige Betonung der Unabhängigkeit des PCF würden die »Verpflichtungen, die sich aus dem proletarischen Internationalismus« für die Partei ergäben, in den Hintergrund gedrängt.31 Zugleich werde, fuhr Honecker fort, insbesondere die Rolle der KPdSU herabgesetzt. So habe sich der PCF »mehrfach öffentlich und kategorisch von der KPdSU und der Sowjetunion« distanziert: »Dies geschah vor allem im Zusammenhang mit der notwendigen Auseinandersetzung mit solchen Verrätern wie Sacharow […] und anderen.« Dies spiegle den Druck wider, dem die Französische Kommunistische Partei seitens der »Bourgeoisie und der Sozialdemokratie« ausgesetzt sei. Daneben stelle die Aussage Marchais’, der Begriff der »Diktatur des Proletariats« sei nicht mehr zeitgemäß, »den bisher schwersten Angriff auf Kernfragen des Marxismus-Leninismus« dar. Auf diese Weise würden »grundsätzliche Klassenpositionen in der Frage der Macht preisgegeben« sowie »die Rolle der Arbeiterklasse verwischt und das Eindringen revisionistischer Positionen in anderen grundlegenden Fragen der marxistisch-leninistischen Theorie gefördert«. Außerdem werde in der Gemeinsamen Erklärung von PCF und PCI vom 15. November 1975 »kein prinzipieller Unterschied zwischen der bürgerlich-kapitalistischen Demokratie und der sozialistischen Demokratie gemacht. Vielmehr wird der Übergang zum Sozialismus als ein Prozess der ›ständigen Demokratisierung des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens‹ dargestellt, ohne auf den notwendigen revolutionären Umgestaltungsprozess der Staatsmacht hinzuweisen.« Zugleich werde in abstrakter Form die Forderung erhoben, »dass generell (darunter kann man offenbar alle Länder verstehen) alle Freiheiten gewahrt« werden sollten. Diese Äußerungen könnten von der »bürgerlichen Propaganda für antisowjetische und gegen alle sozialistischen Länder gerichtete Hetzkampagnen ausgenutzt« werden.32 Die abweichenden Positionen der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien stellten demzufolge eine grundlegende Bedrohung des Herrschaftsanspruches und der Herrschaftslegitimation in den Staaten der sowjetischen Einflusssphäre dar. Kritische Stimmen aus den eigenen Reihen konnten auf die westeuropäischen »Bruderparteien« verweisen und Reformbedarf anmelden. In Bonn sah Ministerialdirektor van Well in den neuen Ansätzen von PCF und PCI denn auch »ein Kontrastprogramm zum osteuropäischen Kommunismusmodell«, welches eine grundlegende Gefahr für das sowjetische Imperium darstelle: »Von der Errichtung kommunistischer Regime in Westeuropa, die Menschenrechte und Grundfreiheiten gewährleisten, Parteienpluralismus dulden und demokratische Spielregeln einhalten, insbesondere dadurch, dass diese einmal erreichte Macht bei Abwahl wieder abgeben wollen, befürchtet die Sowjetführung Rückwirkungen auf die osteuropäischen Volksrepubliken, wenn nicht gar auf ihre eigene innere Stabilität (Ukraine, baltische Staaten, kaukasische Republiken, asiatische Sowjetrepubliken). Der Schock des Prager Frühlings ist noch nicht vergessen.« Diese Gefahr werde als so ernst empfunden, »dass die bloße Verkündigung derartiger autonomistischer Programme die KPdSU zu ständigen Ordnungsrufen herausfordert«. Darüber hinaus sei der weltweite Führungsanspruch der KPdSU innerhalb der kommunistischen Parteien »ein wesentliches Element der sowjetischen Machtposition. Die endgültige Aufgabe dieses Anspruchs gegenüber den KPen Westeuropas würde einen Intra-Block- und weltpolitischen Machtverlust für die SU nach sich ziehen. Ein verstärkter Polyzentrismus der kommunistischen Weltbewegung scheint der Sowjetführung nicht tragbar. Neben Peking noch ein weiteres mediterranes Kommunismuszentrum zu dulden, könnte einen Schneeballeffekt auf weitere nichtregierende KPen ausüben, in denen autonomistische und moskautreue Richtungen bestehen (KPen Schwedens, Finnlands, Griechenlands), die Anziehungskraft Moskaus in der Dritten Welt mindern und schließlich zum Verfall der kommunistischen Weltbewegung führen.«33 Eine derartige Perspektive wurde in den westlichen Staaten nicht unbedingt mit Freude betrachtet. In einem Gespräch mit Bundeskanzler Schmidt in Vancouver erklärte der kanadische Ministerpräsident Pierre Elliott Trudeau am 7. Juli 1977 besorgt: »Ein Vordringen der KPen in Westeuropa könne destabilisierenden Einfluss auf Osteuropa haben. Dies könne möglicherweise dazu führen, dass Breschnew und die Sowjetunion sich veranlasst sähen, die Zügel anzuziehen und den Kalten Krieg zu beleben.« Schmidt ging ebenfalls davon aus, dass sich die Sowjetunion »in die Defensive gedrängt« sah.34 Der mühsam erreichte Status quo im Verhältnis zwischen den beiden Weltmächten schien nun durch die Bestrebungen der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien gefährdet. Außenminister Genscher betonte deshalb auch am 26. Januar 1978 gegen­über dem amerikanischen Botschafter in Bonn, Walter Stoessel Jr., der Westen müsse sich darüber »im Klaren sein, dass auch Entwicklungen, die für die Sowjets nachteilig seien, ebenfalls Risiken für den Westen implizieren könnten«.35 Auch im Osten war die Forderung nach einer Überwindung der Blöcke, wie sie von PCF und PCI vertreten wurde, auf heftige Kritik gestoßen. So schrieb die Europäische Abteilung (Westeuropa) des MfAA am 2. Juli 1976 mit Blick auf die Französische Kommunistische Partei: »Die Politik der friedlichen Koexistenz der sozialistischen Staatengemeinschaft wird entstellt, ihr Klassencharakter und grundsätzliche Bedeutung für die Schaffung künftiger Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse in den kapitalistischen Staaten unterschätzt.«36 Man ging also davon aus, dass die autonomen Handlungen der kommunistischen Parteien in Westeuropa weitreichende Konsequenzen für die internatio­nale Entspannungspolitik haben würden. Die Politik von PCF und PCI stellte für die DDR – ähnlich wie für die Bundesrepublik, wenn auch unter teils umgekehrten Vorzeichen – eine massive Bedrohung dar. Ein Aufweichen der Trennschärfe zwischen den antagonistischen Blöcken hätte unübersehbare Folgen für die DDR gehabt, schließlich beruhte die Herrschaftslegitimation der SED machtpolitisch auf der Dominanz der Sowjetunion in der Region und deren Möglichkeiten, ausländische, d. h. insbesondere bundesrepublikanische Einflüsse abzuwehren. Propagandistisch war die massive Abgrenzung zur Bundesrepublik deshalb von grundlegender Bedeutung, da nur mit der Botschaft, dass die DDR ein »besseres« Gesellschaftsmodell verwirklichen würde, die von Ost-Berlin aufrechterhaltene Teilung Deutschlands gerechtfertigt werden konnte. Ein Aufweichen der bisherigen Trennung zwischen östlichen und westlichen Staaten (auch die Entspannungspolitik war schließlich immer mit dem Postulat der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Blocks verbunden) musste also langfristig unweigerlich zu einer erneuten Annäherung zwischen der Bundesrepublik und der DDR auch auf gesellschaftlicher Ebene und damit letztendlich zu einer Wiedervereinigung führen. Mitte der Siebzigerjahre erschien eine derartige Perspektive nicht völlig abwegig, war doch nach Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1. August 1975 in Helsinki nicht wirklich abzusehen, welche Folgen die in Korb III der Schlussakte (»Zusammenarbeit in humanitären und anderen Bereichen«) festgelegten Beschlüsse nach sich ziehen würden.37 Die Politik von PCF und PCI, die auf die Überwindung der Blöcke einerseits und die Aufweichung der ideologischen und faktischen Kohärenz innerhalb der kommunistischen Parteien andererseits abzielte, hätte diese als negativ betrachteten Entwicklungen nur nachhaltig gefördert. Vergleicht man nun, in welcher Weise die mögliche Regierungsbeteiligung der kommu­nistischen Parteien in Frankreich und Italien in den Siebzigerjahren vonseiten der Bundesrepublik und der DDR wahrgenommen wurde, so lassen sich folgende Schlüsse ziehen: Kommunistische Minister in einer französischen oder italienischen Regierung wurden nicht allein von den westlichen, sondern auch von den östlichen Staaten als Bedrohung angesehen. Die Beobachtung von PCF und PCI durch die Bundesrepublik und die DDR förderte nur vordergründig eine unterschiedliche Sichtweise zutage. So wurde in Bonn der Schwerpunkt insbesondere auf die sicherheitspolitischen Implikationen in Bezug auf die NATO sowie die Gefahren für die europäische Integration gelegt. Die Solidarität und Kohärenz im westlichen Bündnissystem und die damit verbundene Verteidigungs­fähigkeit gegenüber den Warschauer-Pakt-Staaten schien durch eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten gefährdet. Seitens der DDR wiederum wurden ideologische Motive in den Vordergrund gerückt. Dies erklärt sich dadurch, dass es sich in erster Linie um eine parteipolitische Auseinandersetzung handelte. Dennoch hatte die Abkehr der westeuropäischen kommunistischen Parteien von bestimmten Grundwerten der Sowjetdoktrin nicht nur Auswirkungen auf die Ideologiedebatte innerhalb der kommunistischen Weltbewegung. Abweichlerische Positionen hatten, da die internationalen Beziehungen der kommunistischen Parteien auch als Teil der sowjetischen Außenpolitik angesehen werden müssen, zugleich eine machtpolitische Implikation, da so das sowjetische Herrschafts­system infrage gestellt wurde. Insgesamt können demnach die Auswirkungen einer möglichen Regierungsbeteiligung von PCF und PCI auf beide Blöcke insofern als vergleichbar angesehen werden, als westliche wie östliche Staaten darin letztlich eine Bedrohung der eigenen Systemstabilität sowie des mühsam errungenen Status quo in der Entspannungspolitik sahen. Außerdem zeigt sich, dass sich sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR als Teil ihres jeweiligen Bündnisses betrachteten und ihre Überlegungen darauf ausrichteten, dieses zu stabilisieren und damit auf Dauer zu erhalten. Die Perzeption beider Staaten weist somit in der Konsequenz trotz der Zugehörigkeit zu gegnerischen Machtsphären eine relative Parallelität auf. Daneben muss beachtet werden, dass sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR ihr Gesellschaftsmodell als Konsequenz der Niederlage 1945 aufgebaut hatten. Die Lehren, die aus der nationalsozialistischen Vergangenheit gezogen worden waren, wurden in beiden Staaten unterschiedlich umgesetzt. So glaubte man in der Bundesrepublik, dass nur ein demokratisch verfasstes und fundiertes Gemeinwesen ein neuerliches Entstehen einer nationalsozialistischen Diktatur verhindern könnte. Die SED-Führung wiederum sah in der Herrschaft der Arbeiterklasse die einzige Möglichkeit, die angeblichen Tendenzen der »spätkapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft« zur Ausbildung einer Diktatur zu überwinden. Eine Regierungsbeteiligung kommunistischer Parteien in West­europa hätte dabei, so nahm man an, auf beide deutschen Staaten eine ganz spezifische, national geprägte Wirkung. Sowohl Bundesrepublik als auch DDR befürchteten, dass eine solche Entwicklung langfristig die Grundlagen des eigenen Gesellschaftssystems untergraben und die Gefahr einer erneuten nationalsozialistischen Diktatur wiederaufleben lassen könnte – in der Bonner Republik durch einen antikommunistisch inspirierten Rechtsruck, in der DDR durch eine Wiedervereinigung und eine neuerliche »bürgerliche Herrschaftsform« mit scheinbar unausweichlicher Tendenz zur Ausbildung einer Diktatur. 1 So beschrieb Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher während eines Besuchs in Singapur am 28. / 29. April 1977 gegenüber Ministerpräsident Lee Kuan Yew die Strategie der kommunistischen Parteien in Westeuropa zur Machtübernahme. Eine derartige Formulierung hatte er bereits anlässlich des Dreikönigstreffens der FDP am 6. Januar 1977 in Stuttgart verwandt. In: Institut für Zeitgeschichte (Hg.): Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik (im Folgenden: AAPD) 1977, München 2008, Bd. I, Dok. 104, S. 537. 2 Gesprächsaufzeichnung vom 16. Januar 1978, in: AAPD 1978, München 2009, Bd. I, Dok. 8, S. 67. 3 Zu den kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien siehe den Literaturüberblick bei Cyrille Guiat: The French and Italian Communist Parties. Comrades and Culture, London 2003, S. 1–32. Siehe aktuell für Frankreich auch Gino G. Raymond: The French Communist Party during the Fifth Republic. A Crisis of Leadership and Ideology, Basingstoke 2005; Roger Martelli: L’archipel communiste. Une histoire électorale du PCF [Das kommunistische Archipel. Geschichte der Wahlen des PCF], Paris 2009 und Roger Holeindre: Trahisons sur commande. Histoire du Parti Communiste Français [Verrat auf Bestellung. Geschichte der Kommunistischen Partei Frankreichs], Saint-Cloud 2007. Zu Italien siehe Silvio Pons: Berlinguer e la fine del comunismo [Berlinguer und das Ende des Kommunismus], Turin 2006; Roberto Gualtieri: L’Italia dal 1943 al 1992. DC e PCI nella storia della Repubblica [Italien von 1943 bis 1992. DC und PCI im Lauf der Geschichte der Republik], Rom 2006; Francesco Barbagallo: Enrico Berlinguer, Rom 2007 und Albertina Vittoria: Storia del PCI. 1921–1991 [Die Geschichte des PCI. 1921–1991], Rom 2006. 4 Als Einführung in diese Debatte siehe die Dokumentation bei Frank Möller / Ulrich Mählert (Hg.): Ab­gren­zung und Verflechtung. Das geteilte Deutschland in der zeithistorischen Debatte, Berlin 2008, insbesondere S. 121–201. Ein praktisches Beispiel für einen doppelten Blick liefern die Beiträge in Udo Wengst / Hermann Wentker (Hg.): Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2008. 5 Kommuniqué des PCI vom 21. August 1968. Abgedruckt in Manfred Steinkühler (Hg.): Eurokommunismus im Widerspruch. Analyse und Dokumentation, Köln 1977, S. 88. 6 Kommuniqué des PCF vom 21. August 1968. Abgedruckt in: ebd., S. 137. 7 »Informationsmaterial über die Französische Kommunistische Partei«, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Akten des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (im Folgenden: PA AA, MfAA), C 1256 / 74, Bl. 5065. Ich möchte an dieser Stelle Frau Diplom-Archivarin Birgit Kmezik vom Politischen Archiv des Auswärtigen Amts herzlich für ihre ungemein hilfreiche und umfassende Einführung in die Bestände des MfAA danken. Zum Verhältnis von SED und PCF siehe auch Ulrich Pfeil: Die »anderen« deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949–1990, Köln 2004, S. 232–241 u. 454–463 sowie Xavier Bouvet: Le Parti Communiste Français et le Sozialistische Einheitspartei Deutschlands de RDA. De la répression du Printemps de Prague à la reconnaissance internationale de la RDA (1968–1973) [Die Kommunistische Partei Frankreichs und die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands der DDR. Von der Niederschlagung des Prager Frühlings bis zur internationalen Anerkennung der DDR (1968–1973)], Paris 2007. 8 Gesprächsaufzeichnung vom 17. Februar 1969, in: AAPD 1969, München 2000, Bd. I, Dok. 60, S. 200. 9 So die Ausführungen Berlinguers, die am 28. September sowie am 5. und 9. Oktober 1973 schrittweise veröffentlicht wurden. Abgedruckt in: Steinkühler: Eurokommunismus (Anm. 5), S. 90–109. 10 Schriftbericht vom 18. November 1973, in: PA AA, MfAA, C 243 / 77, Bl. 7–14. 11 Schriftbericht vom 4. Dezember 1973, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (im Folgenden: PA AA), Zwischenarchiv, Bd. 101.430. 12 Gemeinsame Erklärung von PCI und PCF vom 15. November 1975. Abgedruckt in: Steinkühler: Eurokommunismus (Anm. 5), S. 275–280. 13 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30 / IV 2 / 2.035 / 92, Bl. 360–371. 14 Drahtbericht Nr. 1920 vom 20. November 1975, in: PA AA, Zwischenarchiv, Bd. 109.185. 15 Drahtbericht Nr. 3845 vom 28. November 1975, in: ebd. 16 Siehe Stéphane Courtois / Marc Lazar: Histoire du Parti communiste français [Die Geschichte der kommunistischen Partei Frankreichs], 2. Aufl. Paris 2000, S. 367–386. 17 PA AA, Zwischenarchiv, Bd. 110.237. 18 So die Aufzeichnung des Leiters der Unterabteilung 20 des Auswärtigen Amts, Ministerialdirigent Franz Pfeffer, vom 23. Juni 1978, in: PA AA, Zwischenarchiv, Bd. 133.089. 19 PA AA, MfAA, C 3119, Bl. 1–19. 20 So wiedergegeben im Drahtbericht Nr. 1753 des Botschafters der Bundesrepublik in Washington, Berndt von Staden, vom 17. Juni 1975, in: AAPD 1975, München 2006, Bd. I, Dok. 163, S. 771. 21 Siehe Gesprächsaufzeichnung vom 24. Juli 1975, in: AAPD 1975, München 2006, Bd. II, Dok. 220, S. 1016. 22 Aufzeichnung des Ministerialdirektors van Well vom 12. Januar 1976, in: AAPD 1976, München 2007, Bd. I, Dok. 6, S. 22–25. 23 Ebd., S. 26 f. 24 Ebd., S. 27. 25 Ebd. 26 Ebd., S. 28. 27 Aufzeichnung des Ministerialdirektors van Well vom 11. Mai 1976, in: ebd., Dok. 135, S. 613 f. 28 Gesprächsaufzeichnung vom 14. Mai 1976, in: ebd., Dok. 139, S. 631. 29 Gesprächsaufzeichnung vom 23. Mai 1976, in: ebd., Dok. 150, S. 680. 30 Diese Befürchtungen waren nicht völlig aus der Luft gegriffen. So hieß es etwa in der Presse über eine Äußerung des Sicherheitsberaters des amerikanischen Präsidenten Carter: »Zbigniew Brzezinski recently told a German visitor that West Germany seemed to be engaged in a process of ›self-Finlandization‹. Finlandization means the gradual neutralization of West Europe as the United States continues a policy of retrenchment and the Soviet Union becomes, de facto, the world’s paramount military power.« So der Artikel »Eased Schmidt Attitude Is Seen toward Moscow«, in: International Herald Tribune vom 22. Mai 1978, S. 1. 31 Schreiben Honeckers vom 2. Februar 1976 an die SED-Bezirksleitungen, in: SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 2.035 / 93, Bl. 37–42. In einem undatierten Entwurf einer Aufzeichnung zur Gemeinsamen Erklärung von PCF und PCI vom 15. November 1975 betonte die Abteilung für Außenpolitik und Internationale Verbindungen beim ZK der SED, dass dieses Dokument »objektiv der ideologischen Vorbereitung der Spaltung der kommunistischen Bewegung Europas« diene. In: SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 2.035 / 92, Bl. 369. 32 Schreiben Honeckers vom 2. Februar 1976 an die SED-Bezirksleitungen, in: SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 2.035 / 93, Bl. 37–42. 33 Aufzeichnung des Ministerialdirektors van Well vom 12. Januar 1976, in: AAPD 1976, München 2007, Bd. I, Dok. 6, S. 25 f. 34 Gesprächsaufzeichnung vom 7. Juli 1977, in: AAPD 1977, München 2008, Bd. II, Dok. 175, S. 908. 35 Gesprächsaufzeichnung vom 26. Januar 1978, in: AAPD 1978, München 2009, Bd. I, Dok. 21, S. 135. 36 PA AA, MfAA, C 3070, Bd. 18. 37 Für den Wortlaut der in Korb III der KSZE-Schlussakte vom 1. August 1975 festgelegten Beschlüsse siehe Hans-Adolf Jacobsen / Wolfgang Mallmann / Christian Meier (Hg.): Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Analyse und Dokumentation, Bd. 2, Köln 1978, S. 946–964.

JHK 2010

Stalin und die kommunistischen Parteien in Westeuropa 1944–1951

Gerhard Wettig

Unterschiedliche Ausgangslagen in Ost- und Westeuropa Während 1944 / 45 die amerikanischen und britischen Streitkräfte Westeuropa einnahmen, besetzte die Rote Armee den Osten des Kontinents. Stalin wertete den Sieg über den militärischen Gegner zugleich als Sieg über den »Klassenfeind«. Die sowjetischen Besatzungsbehörden sollten nach seinen Vorstellungen ihre Macht zur Einleitung eines Umsturzes nutzen, der zwar insofern »revolutionären« Charakter trug, als er auf die Beseitigung des bestehenden Systems abzielte, sich aber in evolutionären, relativ friedlichen Formen vollziehen sollte. Da die Machtfrage durch den militärischen Sieg bereits grundsätzlich entschieden war, bedurfte es – anders als 1918 bis 1921 in der späteren UdSSR – keines blutigen Bürgerkriegs und keiner »Diktatur des Proletariats« mehr, um die Macht des »Klassenfeinds« zu brechen und den Sozialismus durchzusetzen. Es kam nur noch darauf an, die militärische Kontrolle in zivile Herrschaft zu übersetzen. Zwar wollte man auf Repression nicht verzichten, doch hielt Stalin ein weniger blutiges Vorgehen als seinerzeit in der Sowjetunion für angebracht: Der Umsturz sollte schrittweise durch »Reformen« – also vorgeblich ohne grundlegende Änderungen – herbeigeführt werden.1 Um den Westen nicht zu provozieren, erklärte die sowjetische Seite, sie führe in den besetzten Ländern eine »neue Demokratie« ein, die sich von der innerstaatlichen Ordnung im Wes­ten nicht wesentlich unterscheide. Die Demokratie, die dort nur den politischen Bereich erfasse, werde auf die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verhältnisse ausgedehnt. Nicht nur die Regierung, sondern auch die Produktionsmittel würden in die Hände des Volkes gelegt werden. Die Darstellung, es gehe nicht um die Oktroyierung des sowjetischen Systems, sondern um die Einführung eines Regimes westlicher Prägung, sollte zudem innenpolitische Widerstände in den betroffenen Ländern verringern. Den kommunistischen Kadern vor Ort war die »führende Rolle« zugewiesen. Sie hatten die »Aufgaben«, die die Besatzungsmacht ihnen stellte, mit Blick auf das sozialistische Endziel, aber unter Berücksichtigung der jeweiligen Umstände zu erfüllen und dabei die langfris­tige Absicht zu »maskieren«. Die anfängliche Zulassung mehrerer Parteien und die Proklamation eines »parlamentarischen Wegs zum Sozialismus« waren von vornherein nur als transitorisches Entwicklungsstadium gedacht und sollten verschleiern, dass am Ende des eingeleiteten Prozesses eine sozialistische Einparteienherrschaft vorgesehen war.2 In Westeuropa, das die USA und Großbritannien bei Kriegsende militärisch kontrollierten, hatte Stalin keine Möglichkeit, einen Systemwandel nach seinen Vorstellungen in Gang zu setzen. Zwar hatten die Kommunisten in den bewaffneten Kräften der Widerstands- und Partisanenbewegungen Frankreichs und Italiens eine beherrschende Position errungen, und manche von ihnen meinten, diese ließe sich als Basis zur Eroberung der Macht im Lande nutzen. Doch der sowjetische Führer ging davon aus, dass die Westmächte in ihrem Bereich keine kommunistischen Putschversuche dulden würden. Er wollte auch das Bündnis mit ihnen nicht infrage stellen, zudem war er äußerst misstrauisch gegenüber unabhängig agierenden Gesinnungsgenossen. Er wünschte einen revolutionären Umsturz grundsätzlich nur dann, wenn er sich unter seiner Kontrolle vollzog. Da die Amerikaner ein deutlich überlegenes Machtpotenzial besaßen, erschien eine Konfrontation mit ihnen nicht ratsam. Auch rechnete Stalin beim Wiederaufbau der vom Krieg schwer getroffenen sowjetischen Wirtschaft mit massiver Hilfe der USA, die, wie er glaubte, auch in deren eigenem Interesse liegen würde, denn die innere Dynamik ihrer kapitalistischen Wirtschaft nötige sie dazu, sich Nachfrage zu verschaffen. Zudem ging er davon aus, die Amerikaner würden sich, wie nach dem Ersten Weltkrieg, bald wieder aus Europa zurückziehen.3 Das alles ließ ihm »verfrühte Revolutionen« im westlichen Machtbereich schädlich erscheinen, denn von ihnen waren ernste Konflikte, mithin Gefahren für Frieden und Sicherheit zu befürchten.4 Stattdessen galt es zu warten, bis die Zeit reif für gesellschaftlich-politische Umwälzungen war. Entscheidungen über den kommunistischen Kurs in Italien und Frankreich Die Frage, wie sich die UdSSR zu den Entwicklungen außerhalb ihrer Machtsphäre verhalten solle, stellte sich erstmals konkret, als Marschall Badoglio im Juli 1943 Mussolini absetzte und auf die Seite der Westmächte übertrat. Ideologisch betrachtet war die neue italienische Regierung ein Feind im »Klassenkampf« und zudem durch die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zur faschistischen Bewegung des gestürzten Diktators diskreditiert. Stalin fürchtete jedoch, jeder Versuch einer Ausschaltung Badoglios würde die Amerikaner und Briten herausfordern, die inzwischen Sizilien erobert hatten und auf dem Festland gelandet waren, sowie einen Bürgerkrieg nach sich ziehen. Dazu durfte es nach seiner Ansicht nicht kommen. Bevor der Parteichef der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), Palmiro Togliatti, aus dem Moskauer Exil in sein Heimatland aufbrach, gab ihm Stalin eine politische Marschrichtung vor. In einem Gespräch am 3. März 1944 erklärte Togliatti sich damit einverstanden, dass Auseinandersetzungen zwischen den faschistischen Widersachern Mussolinis und den antifaschistischen Kräften vermieden werden müssten. Nationale Einheit sei das Gebot der Stunde; Revolution und Kampf sollten im proalliierten Lager vorerst ausgeschlossen sein.5 Nachdem die Truppen Eisenhowers im Sommer 1944 in der Normandie gelandet waren und die deutsche Verteidigung durchbrochen hatten, suchten die im französischen Widerstand agierenden Kommunisten so viele Gebiete wie möglich mit Waffengewalt ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Zwar hatten sie gewissen Erfolg, doch General de Gaulle, der 1940 nicht vor der Wehrmacht kapituliert hatte, sondern nach England ausgewichen war, um von dort aus den Widerstand des »Freien Frankreich« zu organisieren, konnte sich nach seiner Rückkehr fast überall im Land sofort durchsetzen. Stalin erklärte dem Generalsekretär der französischen KP (KPF), Maurice Thorez, am 19. November 1944, seine Partei dürfe nicht separat handeln, sondern müsse wie in den Dreißigerjahren auf eine Volksfrontregierung hinarbeiten. Es könne durchaus sein, dass de Gaulle – nicht zuletzt wegen des zu erwartenden Drängens der Amerikaner und Briten – die Absicht verfolge, die Kommunisten politisch zu isolieren. Dies müsse durch die Bildung eines Linksblocks gegen die »Reaktion« verhindert werden. Als Verbündete empfahl der sowjetische Führer vor allem die Linksliberalen. Man müsse sehen, inwieweit weitere Gruppierungen in Betracht kämen. Besonders wichtig sei, dass die Kommunisten der »Reaktion« nicht allein gegenüberstünden, sondern enge Verbindungen zu den Gewerkschaften und zur Jugend knüpften und sich eine Position verschafften, die es ihnen ermögliche, in die Offensive überzugehen, wenn sich die Lage einmal ändre. In Anbetracht dessen, dass es in Paris nun eine von den Alliierten anerkannte Regierung gebe, forderte Stalin die KPF zur Auflösung ihrer bewaffneten Einheiten auf, denn es sei schwierig, sie parallel zur regulären Armee aufrechtzuerhalten. Sie waren in politische Organisationen umzuwandeln; ihre Waffen sollten in Verstecken untergebracht werden.6 Im Gespräch mit de Gaulle, der als französischer Regierungschef zum Abschluss eines Freundschafts- und Beistandspakts nach Moskau gekommen war und überdies dem Komitee von Lublin, dem vom Kreml gegen britisch-amerikanischen Widerstand eingesetzten Marionettenregime für Polen, seinen Segen erteilt hatte, setzte Stalin wenig später einen anderen Akzent. Es ging nun nicht mehr um kommunistische Selbstbehauptung gegenüber innenpolitischen Gegnern, zu denen auch der als Vertreter des »bürgerlichen« Lagers geltende General zählte, sondern um die Schaffung einer Regierung der nationalen Einheit. Mit den Instruktionen, die Thorez kurz zuvor erhalten hatte, stimmte dies insofern überein, als die KPF auf eine Zusammenarbeit mit demokratischen Parteien festgelegt wurde, was ein Bemühen um Machtergreifung auf absehbare Zeit ausschloss.7 Gemäß der von Stalin vorgegebenen Linie beteiligten sich die italienischen, französischen und belgischen Kommunisten an den jeweiligen Regierungen und leisteten einen wesentlichen Beitrag zum politischen Wiederaufbau. Zwar veranlasste Stalin die Kommunisten so wie in den sowjetisch besetzten Ländern auch in Westeuropa dazu, Koalitionen mit anderen politischen Kräften einzugehen, doch hatte dies gänzlich andere Konsequenzen. Wo die Rote Armee das Heft in der Hand hielt, wurde den Parteien die Blockpolitik aufgenötigt. Alle Beteiligten wurden auf unbedingten Konsens verpflichtet. Dieser bildete die Grundlage für die »führende Rolle« der Kommunisten. Deren Kader, in der UdSSR politisch geschult und von den Besatzungsbehörden eingesetzt, waren an die sowjetischen Weisungen gebunden und durften sich nicht auf abweichende Beschlüsse einlassen. Der vorgeschriebene Konsens zwang mithin auch die anderen Parteien auf ihre Linie. Wenn gar nichts anderes mehr half, gaben die »Moskau-Kader« zu erkennen, man habe sich zu fügen, weil die Besatzungsmacht dahinterstehe. Diese zögerte nicht, ihrem Willen durch Festnahme, Folter, Lagerhaft und Tötung widerstrebender Personen Nachdruck zu verleihen. Allerspätestens wenn auf dieser Basis eine Entscheidung zustande gekommen war, durften keine anderen Standpunkte mehr artikuliert werden, sodass die Wähler, soweit ihnen noch eine Wahl zugebilligt wurde, von vornherein keinen Einfluss auf die Ausrichtung der Politik erhielten. Was in Osteuropa nach außen hin als »Selbstverwaltung« des Volkes hingestellt wurde, lief faktisch auf jene Übersetzung der militärischen Kontrolle in zivile Herrschaft hinaus, auf die es Stalin abgesehen hatte. In Westeuropa dagegen konnte er selbstverständlich keine Blockpolitik und mithin auch keine dadurch vermittelte sowjetische Fremdbestimmung etablieren. Ohne Besatzungsmacht im Rücken konnten die Kommunisten das Koalitionsprinzip nicht zum Erwerb der »führenden Rolle« benutzen. Die Parteien standen stattdessen in einem politischen Wettbewerb, in dem vor allem das Votum der Wähler die Machtverhältnisse bestimmte. Politische Kriegserklärung an den Westen Als die USA im Juni 1947 den Marshallplan ankündigten, gaben sie damit zu erkennen, dass sie sich nicht aus Europa zurückziehen, sondern dort langfristig präsent bleiben wollten. Stalin sah seine Erwartung enttäuscht, dass die UdSSR zur dominierenden Macht auf dem gesamten Kontinent werden würde. Überdies zeigte sich, dass das amerikanische Hilfsprogramm auch für die Staaten seines Vorherrschaftsbereichs attraktiv war, sodass ihm die Kontrolle über sie gefährdet erschien. Nachdem Stalin angesichts der Zusage des »bürgerlichen« Präsidenten Edvard Beneš, grundlegende Maßnahmen der innenpolitischen Umgestaltung durchzuführen und sich stets der sowjetischen Führung zu unterwerfen,8 Besatzungsregime und Blockpolitik für unnötig erachtet hatte, war nicht nur die tschechoslowakische Regierung, in der nichtkommunistische Parteien noch starken Einfluss besaßen, eilig auf die Unterstützungsofferte Washingtons eingegangen, sondern auch die Genossen in Warschau. Es war abzusehen, dass weitere Regime folgen würden.9 Die Herausforderung ließ Stalin schärfste Abwehrmaßnahmen notwendig erscheinen. Er wählte daher den Kurs offener Konfrontation. Nachdem er dem Marshallplan den Kampf angesagt und die Botschaften der westlichen Länder in Moskau von ihrer sowjetischen Umwelt isoliert hatte, rief er das Kommunistische Informationsbüro (Kominform) ins Leben. Es sollte die osteuropäischen Staaten und die westeuropäischen Kommunisten unter zuverlässige Kontrolle bringen und sie zu aktivem Widerstand gegen das angebliche Bemühen der Amerikaner verpflichten, den Kontinent zu versklaven.10 Auf der Gründungskonferenz in Szklarska Poręba (dem früheren Schreiberhau) in Schlesien vom 22. bis 27. September 1947 erklärte Georgij Malenkov den Delegierten aus Osteuropa, Italien und Frankreich, in der Weltpolitik gebe es zwei gegensätzliche Strömungen. Die Linie der Sowjetunion und der »Länder der neuen Demokratie« sei auf die »Unterminierung des Imperialismus gerichtet«, sichere einen »dauernden demokratischen Frieden zwischen den Völkern« und stärke »auf jede Weise die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen den friedliebenden Nationen«. Ihr stehe die »andere Tendenz in der internationalen Politik« entgegen, die »von der regierenden Clique der ameri­kanischen Imperialisten beherrscht« werde und den »Weg der offenen Expansion, der Versklavung der geschwächten kapitalistischen Länder Europas und der kolonialen und abhängigen Länder« sowie der »Vorbereitung neuer Kriegspläne gegen die UdSSR und die Länder der neuen Demokratie unter dem Banner des Kampfes gegen die ›kommunistische Gefahr‹« beschreite. Malenkov unterstrich, dass die KPdSU der Außenpolitik große Aufmerksamkeit schenke und der Schulung von Kadern in diesem Bereich besondere Sorgfalt widme. Er schloss mit dem Hinweis, dass die Verbindungen zu den Bruderparteien nicht ausreich­ten und keine zuverlässige Basis abgäben für den Austausch von Informationen übereinander, für die Koordination der einzuleitenden Aktionen und die Ausarbeitung einer gemeinsamen Politik. Es seien unbedingt Schritte erforderlich, um mit dieser »anomalen Lage« fertig zu werden.11 Als bevollmächtigter Vertreter Stalins, der mit diesem während der Konferenz in ständiger Verbindung stand, schlug Andrej Ždanov einen noch schärferen Ton an und sprach von einer immer deutlicher hervortretenden »Aufspaltung der politischen Kräfte in der Weltarena in zwei Hauptlager – das imperialistische und antidemokratische Lager auf der einen Seite und das antiimperialistische und demokratische Lager auf der anderen«. Die »absolut führende Kraft« im Westen seien die USA, die mit England und Frankreich verbündet seien. Ihnen stünden die UdSSR und die »Länder der neuen Demokratie« gegenüber, die das Regime der Landbesitzerklasse gebrochen und dem Volk die Macht über Industrie und Bankwesen übertragen hätten. Um diesen harten Kern gruppierten sich nach Ždanovs Worten noch Verbündete im antiimperialistischen Kampf: die kommunistischen Bruderparteien, die Arbeiterbewegungen und sonstige »fortschrittliche demokratische Kräfte« aller Länder sowie verschiedene mit dem antiimperialistischen Lager sympathisierende Staaten Asiens. Ihnen allen gehe es um den Kampf gegen die Gefahren von Krieg und Expansion, um die Festigung der Demokratie und die Ausrottung des Faschismus.12 Die These von den beiden feindlichen Lagern lief auf eine politische Kriegserklärung an den Westen hinaus. Die Zusammenarbeit mit den demokratischen Parteien, zu der Stalin die westeuropäischen Kommunisten 1944 verpflichtet hatte, passte nicht mehr in den Kontext der sowjetischen Politik. Ždanov warf den italienischen und französischen Genossen eine »unrichtige, schädliche und wesenhaft unnatürliche« Kollaboration mit den innenpolitischen Feinden in ihren Ländern vor. Sie hätten das Erfordernis missachtet, auf internationaler Ebene Kontakt miteinander zu halten und sich wechselseitig zu konsultieren. Wenn das so weitergehe, würden »äußerst schädliche Folgen für die Entwicklung der Arbeit der Bruderparteien« eintreten. Konsultationen und eine freiwillige Koordination des Vorgehens seien gegenwärtig notwendiger denn je. Statt sich parteipolitischen Rivalen anzuschließen und mit ihnen als »Agenten der imperialistischen Kreise der USA« tätig zu werden, hätten die Kommunisten »die Führung beim Widerstand gegen den amerikanischen [Marshall-]Plan zur Versklavung Europas zu übernehmen und alle Komplizen des amerikanischen Imperialismus in ihren Ländern zu demaskieren«. Sie müssten unerschütterlich für die Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit und Souveränität gegen die Vereinigten Staaten eintreten.13 Es entsprach den Usancen der stalinistischen Sowjetunion, Kursänderungen als Korrektur einer falschen Politik hinzustellen und alle Fehler den ausführenden Organen anzulasten. Die Vorgesetzten, vor allem der oberste Führer im Kreml, galten als prinzipiell unfehlbar und nahmen gegenüber ihren Untergebenen nie Schuld auf sich, was immer sie auch befohlen hatten. Nachdem der Leiter der französischen Delegation, Jacques Duclos, zu Hause über die Vorwürfe berichtet hatte,14 reiste Parteichef Thorez nach Moskau und dankte Stalin dafür, dass die KPF in Szklarska Poręba über die Defizite ihrer Politik aufgeklärt worden sei.15 Ždanov hatte auf der Kominform-Konferenz die Genossen aus Italien und Frankreich darauf verpflichtet, alles zu unternehmen, um die kapitalistische Wirtschaft zu vernichten. Zugleich gelte es, Kampf gegen die amerikanische Hilfe zu führen, eine Stabilisierung der einheimischen Regierung zu verhindern, die Parteizellen zu vermehren und die Massen zu entschiedenem Widerstand zu vereinen. Aus Äußerungen Malenkovs geht hervor, dass man in Moskau nicht das illusionäre Ziel vor Augen hatte, die Bevölkerung der westeuropäischen Länder vom Marxismus-Leninismus zu überzeugen, sondern ausschließlich bestrebt war, die sowjetische Politik durchzusetzen.16 KPF und KPI vor der Bewaffnungsfrage Die allgemein gehaltene Forderung, den Westmächten unbedingt Widerstand zu leisten, gab den westeuropäischen Kommunisten keinen Aufschluss darüber, was sie im Einzelnen unternehmen sollten. Zwar erschien eine Agitationskampagne gegen den Marshallplan geboten, und es wurden Streiks und Sabotageakte organisiert, um die Durchführung des amerikanischen Hilfsprogramms so weit wie möglich zu verhindern, aber es ließ sich von vornherein absehen, dass all dies ohne durchschlagenden Erfolg bleiben würde. Sollten die Parteigänger des Kreml nicht noch mehr tun, um die westliche Politik scheitern zu lassen? Die sowjetische Kritik auf der Kominform-Konferenz, das Verhalten der westeuropäischen Parteien sei auf Kapitulation vor dem »imperialistischen Feind« hinausgelaufen, bestärkte die 1944 / 45 nicht zum Zuge gekommenen radikalen Kreise der KPF und KPI (Kommunistische Partei Italiens) in der Überzeugung, man hätte damals den bewaffneten Kampf um die Macht im Lande aufnehmen müssen. Sie beeinflusste auch die Überlegungen, wie weit man gegenwärtig beim Widerstand gegen die westliche Politik gehen sollte. Sollte man nicht einen revolutionären Umsturz mittels bewaffneter Gewalt vorbereiten, um dem »Imperialismus« die angestrebte Niederlage beizubringen? Als Thorez im November 1947 Stalin um »Orientierung« und »Rat« bat, erhielt er zur Antwort, Frankreich habe zwischen »Frieden und Krieg«, zwischen »den Befürwortern des Friedens und den Befürwortern des Kriegs« zu wählen. Da dürfe es kein Schwanken geben. Der Kampf gegen den Marshallplan müsse unter der Parole der nationalen Unabhängigkeit geführt werden. Man solle dem Volk erklären, Kredite seien an sich zwar gut, doch die gestellten Bedingungen müssten sich mit der Souveränität des Landes vereinbaren lassen. Die Kommunisten sollten im Kampf für die Durchsetzung dieses Ziels alle politischen Kräfte hinter sich bringen. Thorez sprach von sich aus den in seiner Partei umstrittenen Verzicht auf den Einsatz von Waffengewalt im Jahr 1944 an und verteidigte das damalige Verhalten mit dem Argument, man habe auf die internationale Situation Rücksicht nehmen müssen. Die Erwiderung des sowjetischen Führers ließ nicht erkennen, ob die KPF nunmehr, da keine Truppen der USA und Großbritanniens mehr im Lande standen, eine bewaffnete Erhebung vorbereiten sollte. Stalin bestand allerdings darauf, dass die kommunistischen Parteien in Westeuropa nicht waffenlos bleiben dürften. Im Zuge der sich verschärfenden Ost-West-Konfrontation sei ihre Existenz bedroht, daher müssten sie sich auf eine Tätigkeit im Untergrund vorbereiten. Das erfordere auch, so ließ er durchblicken, dass sie sich verteidigen könnten. Thorez wich der Frage, was er in dieser Hinsicht zu tun gedenke, mit dem Hinweis aus, zwei leitende Kader seien zu Hause schon dabei, das Problem zu prüfen. Der Kremlchef betonte daraufhin, auf militärische Ausrüstung und Organisation könne man nicht verzichten. Die französischen Genossen dürften nicht wehrlos dastehen, wenn der Feind sie angreife. Notfalls werde die UdSSR sie mit Waffen versorgen. Das Thema wurde nicht weiter vertieft, doch erklärten beide, sie wollten hinsichtlich der erforderlichen Maßnahmen weiter im Gespräch bleiben. Unklar blieb, inwieweit die KPF militärisch die Initiative ergreifen sollte.17 Der italienische Parteichef Togliatti ließ dem Kreml im Dezember 1947 durch Pietro Secchia vorsorglich mitteilen, er zögere, einen Bürgerkrieg ins Auge zu fassen. Stalin war zwar mit seiner Haltung einverstanden, machte aber wie zuvor gegenüber Thorez geltend, man müsse sich auf den Fall eines feindlichen Angriffs vorbereiten. Die Radikalen in der KPI, die sich seit längerer Zeit auf einen bewaffneten Konflikt mit den Rechtskräften ihres Landes eingestellt hatten, sahen sich dadurch in ihrer Kampfeslust ermutigt. Togliatti rechnete zwar mit allen Eventualitäten, wollte es aber nicht auf einen Bürgerkrieg ankommen lassen. Der bis zum Frühjahr 1948 fortgesetzte Meinungsaustausch mit Moskau führte zu keinem Ergebnis.18 Als sich der Ost-West-Konflikt danach weiter verschärfte, suchte Stalin die Genossen in Rom erneut davon zu überzeugen, dass sie sich bewaffnen müssten. Der italienische Parteichef ließ sich jedoch nicht auf außerlegale Aktivitäten ein.19 Wollte der sowjetische Führer mit seinem beharrlichen Drängen die Kommunisten in Italien und Frankreich zu einem baldigen Aufstand veranlassen? Das ist wenig wahrscheinlich. Eine bewaffnete Aktion hätte zwar vermutlich die Konsolidierung der westeuropäischen Verhältnisse sehr gestört und damit der Linie von Szklarska Poręba entsprochen, doch das wäre ein Abenteuer geworden, das die Existenz beider Parteien aufs Spiel gesetzt hätte. Stalin neigte aber generell zu großer Vorsicht und wollte keine unkalkulierbaren Risiken eingehen. Anders sah die Sache aus, wenn es zu einem Krieg kam, was der Kremlherrscher zwar in naher Zukunft nicht wollte, aber durch sein herausforderndes Vorgehen, vor allem in Berlin, riskierte und zudem auf der Grundlage seines ideologischen Weltbilds als langfristig unausweichlich ansah. Er hielt es jedoch für wahrscheinlich, dass es zunächst innerhalb des westlichen Lagers zu einem militärischen Konflikt kommen würde. Die UdSSR solle dann eingreifen, wenn die kämpfenden Seiten erschöpft seien und sich die klassenbewussten Arbeiter in den Krieg führenden Ländern erhöben.20 Wenn es zu einem derartigen Krieg mit dem Westen, verbunden mit dem erwarteten Aufstand, kommen sollte, erschien es Stalin wichtig, im Lager des westlichen Feindes bewaffnete Kräfte zu wissen, die mit den sowjetischen Interventen gemeinsame Sache machen würden. Die Führer der KPF und KPI waren jedoch nicht bereit, sich und ihre Gefolgschaft der Gefahr auszusetzen, in die sie sich mit militärischen Vorkehrungen unausweichlich gebracht hätten. Mit der Ablehnung von Stalins Aufforderung schlugen Thorez und Togliatti gleichwohl keinen Gegenkurs zu der Linie ein, die auf der Kominform-Konferenz festgelegt worden war. Weder dort noch in den folgenden Gesprächen mit Stalin hatte es geheißen, der seit 1944 beschrittene »parlamentarische Weg« müsse verlassen und durch den seinerzeit unterbliebenen sofortigen Griff zu den Waffen ersetzt werden. Das wäre, wie man auch im Kreml wusste, auf einen Selbstmord der kommunistischen Parteien im Westen hinausgelaufen. Nach Ansicht des sowjetischen Führers sollten sie trotz der neu zugewiesenen Aufgabe, nicht mehr erst später, sondern bereits aktuell auf die Ausschaltung des kapitalistischen Systems und seiner Exponenten hinzuarbeiten, die Möglichkeiten nutzen, die der Opposition im Westen geboten wurden. Die Weigerung, einen künftigen bewaffneten Kampf vorzubereiten, hinderte KPI und KPF nicht daran, sich auf dem »parlamentarischen Weg« um eine Umwälzung der politischen Verhältnisse zu bemühen. In Frankreich und noch mehr in Italien, wo den Kommunisten die kooperationswilligen Nenni-Sozialisten zur Seite standen, gab es durchaus eine Chance, mithilfe des Stimmzettels die Mehrheit zu gewinnen. Die italienischen Wahlen im April 1948 hätte das Linksbündnis um ein Haar gewonnen. Der innenpolitische Gegner, die Democrazia Cristiana, warf ihm vor, die für das Land dringend benötigte Marshallplan-Hilfe abzulehnen. Togliatti hoffte, die Wirkung des Arguments durch Lieferung von Lebensmitteln und wirtschaftliche Unterstützung aus der UdSSR konterkarieren zu können. Stalin lehnte jedoch jede Hilfe ab; die Wähler entschieden sich für die Christdemokraten.21 Stalins vergebliches Bemühen um Togliatti Stalins Vorgehen, namentlich der mit maßgeblicher Unterstützung der sowjetischen Geheimpolizei durchgeführte kommunistische Putsch in Prag im Februar 1948 und die vier Monate später voll einsetzende Berlin-Blockade, gaben den Verhandlungen über ein Bündnis Westeuropas mit den USA entscheidende Impulse. Als sich die Gründung des – dann am 4. April 1949 abgeschlossenen – Nordatlantikpakts abzeichnete, sah man das im Kreml zwar als gravierende politische Herausforderung, doch nicht als militärische Bedrohung, denn die Mitgliedsstaaten des neuen Bündnisses ließen keinen Ausbau ihrer schwachen Streitkräfte folgen. Demgemäß reagierte die Führung in Moskau politisch. Am 6. Januar 1949 rief sie zur Gründung eines Weltfriedenskongresses auf, um die »gesellschaftlichen Kräfte« zu mobilisieren, »die den Frieden verteidigen und die Kriegstreiber zähmen«. Als Gefahren, die es abzuwehren galt, wurden vor allem die im Entstehen begriffene atlantische Allianz und die amerikanische Atombombe (der die UdSSR damals noch nichts entgegenzusetzen hatte) herausgestellt.22 Der Kongress fand vom 20. bis 25. April mit dem Ziel statt, »soweit wie möglich die breiten Massen und die demokratischen Kreise aller Länder in eine Kampagne zur Sicherung des Friedens einzubeziehen«. Der – in Moskau vorher formulierte – Appell entsprach diesem Aktionsprogramm.23 Auf der 3. Kominform-Konferenz vom 16. bis 19. November 1949 wurde ihm nochmals Nachdruck verliehen.24 Mit einer Stellungnahme von Thorez, in der er einen Krieg als zwar drohend, aber nicht unausweichlich bezeichnete, eröffneten die kommunistischen Parteien den Propagandafeldzug gegen das »aggressive« atlantische Bündnis.25 KPI-Leitungsfunktionär Gian Carlo Pajetta erläuterte, es gehe darum, die kriegslüsternen Kräfte, zu denen die westlichen Regierungen erklärt worden waren, in eine »schwierige Lage« zu versetzen.26 Der Abschluss des Nordatlantikpakts zog keine militärischen Vorbereitungen der beteiligten Staaten nach sich, obwohl die UdSSR, von der man sich bedroht fühlte, trotz Reduzierung des Mannschaftsbestandes nach 1945 und ausrüstungsbedingt geringer Kampffähigkeit über weit stärkere Streitkräfte auf dem Kontinent verfügte. Im Kriegsfall hätten sowjetische Truppen rasch bis zum Atlantik vordringen können. Die Regierungen im Westen wollten aber größere Verteidigungslasten vermeiden und glaubten, die vertragliche Beistandszusage der USA, die das Atomwaffenmonopol besaßen und aufgrund ihrer enormen Ressourcen notfalls rasch aufrüsten konnten, werde den Kreml von einem Angriff abhalten. Diese Zuversicht schwand, als Nordkorea – mit Stalins Billigung, wie man richtig vermutete – im Juni 1950 den südlichen Landesteil überfiel. Was im geteilten Korea möglich war, sorgte man sich nun, könnte auch im geteilten Deutschland geschehen und zum Auftakt für die Eroberung Westeuropas durch die UdSSR werden. Diese Überlegungen führten Anfang 1951 zum Aufbau einer integrierten Militärorganisation unter amerikanischem Oberbefehl. Die USA schickten neu aufgestellte Kampfverbände, die europäischen Verbündeten rüsteten quantitativ und qualitativ auf, und ein Wehrbeitrag der Bundesrepublik, die man bis dahin hatte entmilitarisiert halten wollen, wurde mit Nachdruck angestrebt. Stalin sah in dieser Entwicklung einen Beweis für den »aggressiven Charakter«, den er dem westlichen System seit je ideologisch zugeschrieben hatte. Er hielt es nun für möglich, dass der Krieg mit den »imperialistischen Mächten«, den er bis dahin auf lange Sicht erwartet hatte, schon bald ausbrechen könnte. Da die UdSSR die durch die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges hervorgerufene innere Schwäche noch keineswegs überwunden hatte, sah er die Entwicklung mit großer Sorge.27 Seine erste Reaktion war, die kommunistischen Reihen zu schließen. Das Kominform, das wegen des Konflikts mit Tito von Belgrad nach Bukarest verlegt worden war und die ihm zugedachte Kontrollaufgabe schlechter erfüllte als erwartet, sollte zur Zentrale einer effizienten Lenkung der »verbündeten« politischen Kräfte im Westen ausgebaut werden und einen bei den »Bruderparteien« allgemein als Autorität anerkannten Chef erhalten. Um eng mit dem Kreml verbunden und vor fremder Einwirkung geschützt zu sein, wie einst die Komintern, sollte es nach Moskau umziehen. Da Thorez erkrankt war, kam nur Togliatti als Leiter in Betracht. Dieser weigerte sich jedoch mit der Begründung, er sehe seinen Platz im Kampf gegen den »Imperialismus« in seiner Heimat. In mehreren Unterredungen Ende 1950 und Anfang 1951 bezeichnete es Stalin ihm gegenüber als unerlässlich, dass er im Kriegsfall dem westlichen Feind nicht in die Hände falle und der sowjetischen Führung zur Seite stehe. Mit Nachdruck suchte er ihn immer wieder zur Übernahme der ihm zugedachten Leitungsfunktion zu bewegen, stieß aber auf beharrliche Ablehnung. Daraufhin gab Stalin das Vorhaben insgesamt auf.28 Das Kominform spielte von da an keine Rolle mehr in der Politik des Kremlherrschers und seiner Nachfolger. Es stellt sich die Frage, welche Motive den italienischen Parteichef dazu bewogen, dem Druck des sowjetischen Führers standzuhalten. Vermutlich stand ihm das Schicksal vieler vollkommen loyaler kommunistischer Leitungsfunktionäre vor Augen, die im Machtbereich der UdSSR einer ebenso willkürlichen wie brutalen Verfolgung ausgesetzt waren.29 Niemand im Umkreis Stalins, wie immer er sich verhalten mochte, war vor dessen geradezu wahnhafter Neigung sicher, Mitarbeiter und Mitstreiter zu diffamieren, zu erniedrigen, zu quälen und zu vernichten.30 Nachdem der Versuch gescheitert war, die auswärtigen kommunistischen Parteien mithilfe eines reorganisierten Kominform zu einer politisch geschlossenen, einheitlich agierenden Front zusammenzuschweißen, fiel den Genossen im Westen nur noch die Aufgabe zu, die Aufrüstung des »imperialistischen Lagers«, insbesondere die »Remilitarisierung Westdeutschlands«, propagandistisch zu bekämpfen. Ein weitergehender Beitrag zum »Kampf für den Frieden« wurde von ihnen nicht mehr erwartet. Stalin richtete sein Augenmerk fortan darauf, die Bindungen der osteuropäischen Gefolgschaftsstaaten an die UdSSR zu festigen und seine Streitkräfte zu stärken. Anfang Januar 1951 verpflichtete er die »Bruderländer« zu massiver Aufrüstung und zur Bildung eines militärischen Koordinationsgremiums, das weithin Funktionen des Warschauer Pakts vorwegnahm.31 Fazit »Dieser Krieg ist nicht wie in der Vergangenheit; wer immer ein Gebiet besetzt, erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf. Jeder führt sein eigenes System ein, so weit seine Armee vordringen kann. Es kann gar nicht anders sein.«32 Mit diesen Worten beschrieb Stalin im April 1945 den Leitgedanken seiner Politik in Europa. Der Auf- und Ausbau der sowjetischen Macht in den eroberten Ländern hatte unbedingten Vorrang; die Interessen der westeuropäischen Kommunisten hatten zurückzustehen. Sie wurden nur berücksichtigt, wenn dies das Vorgehen in den sowjetisch besetzten Gebieten nicht behinderte. Daran hatten die »Bruderparteien« ihr Verhalten auszurichten. Dem Verhältnis der UdSSR zu den Westmächten kam dabei entscheidende Bedeutung zu. Solange Stalin die Unterwerfung und Transformation der osteuropäischen Länder im Einvernehmen mit den USA und Großbritannien anstrebte, hatten die Genossen in Italien, Frankreich, Belgien usw. im Rahmen des Systems zu agieren, das deren Vorstellungen entsprach. Als er dann die westliche Politik als Gefahr für seine Herrschaft über Osteuropa ansah, suchte er den »Bruderparteien« einen möglichst totalen Konfrontationskurs aufzunötigen. In der ersten Phase ließ sich ziemlich leicht Übereinstimmung herstellen. Wie Stalin lehnten auch Togliatti und Thorez 1944 das Bestreben der Heißsporne unter ihren Anhängern ab, die Bewaffnung und Kampfkraft, die ihre Parteien im Partisanenkampf gegen die deutschen Okkupanten errungen hatten, für den Griff nach der Macht im Staate einzusetzen. Das Risiko erschien ihnen zu groß. Sie waren eher geneigt, die Chancen zu nutzen, die sich ihnen auch als Minderheit bei einer Regierungsbeteiligung boten. Nachdem Stalin jedoch dem Westen 1947 in aller Form den Kampf angesagt hatte, machten sie zwar den Kurswechsel mit, waren aber nicht bereit, eine innerstaatliche Konfrontation mit allen Mitteln vorzubereiten, die ihnen der Kremlherrscher wegen des erwarteten künftigen Kriegs mit dem Westen aufnötigen wollte. Auch wenn sie nicht länger in der Regierung saßen, sondern sich in der Opposition wiederfanden, wollten sie lieber am »parlamentarischen Weg« festhalten, als alle Brücken zum demokratischen System abzubrechen. Der italienische Parteichef weigerte sich auch, als Leitfigur der internationalen kommunistischen Bewegung zu fungieren, die von Moskau aus unter sowjetischer Kontrolle gegen den Westen operieren sollte. Trotz dieser Absagen blieben KPI und KPF weiter Stalins Verbündete. Für Moskau spielten sie nun eine noch nachrangigere Rolle als zuvor schon, sodass sie fortan nur noch als Instrumente der sowjetischen Auslandspropaganda Verwendung fanden. 1 Siehe hierzu näher die Ausführungen Stalins in Gesprächen mit B. Bierut und E. Osóbka-Morawski am 24. Mai 1946 und mit E. Osóbka-Morawski, St. Szwalbe und J. Cyrankiewicz am 19. August 1946, ausweislich der sowjetischen Protokolle, wiedergegeben in: Vostočnaja Evropa v dokumentach rossijskich archivov 1944–1953 [Osteuropa in Dokumenten russischer Archive 1944–1953], Bd. 1: 1944–1948, Novosibirsk, Moskau 1997, S. 457 ff. u. S. 511 sowie gegenüber G. Dimitrov am 2. September 1946, zitiert in: Leonid Gibjanskij: Osteuropa: Sicherheitszone der UdSSR, sowjetisiertes Protektorat oder Sozia­lismus »ohne Diktatur des Proletariats«? Zu den Diskussionen über Stalins Osteuropa-Politik am Ende des Zweiten Weltkrieges und am Anfang des Kalten Krieges, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeit­geschichte, 8. Jg. (2004), H. 2, S. 136 f. Siehe auch die Darstellungen bei T. V. Volokitina / G. P. Muraško / A. F. Noskova: Narodnaja demokratija: Mif ili real’nost’? [Die Volksdemokratie: Mythos oder Realität?], Moskau 1993, S. 236–239 u. 305–312; T. V. Volokitina: Stalin i smena strategičeskogo kursa Kremlja v konce 40-ch godov: ot kompromissov do konfrontacii [Stalin und die Veränderung des strategischen Kurses des Kreml Ende der Vierzigerjahre: von den Kompromissen zur Konfrontation], in: A. O. Čubar’jan (Hg.): Stalinskoe desjatiletie cholodnoj vojny. Fakty i gipotezy [Das Stalin-Jahrzehnt des Kalten Krieges. Fakten und Hypothesen], Moskau 1999, S. 13–18. 2 Ebd., S. 13 f.; siehe auch V. K. Volkov: Uzlovye problemy novejšej istorii Central’noj i Jugo-Vostočnoj Evropy [Schlüsselprobleme der neuesten Geschichte Mittel- und Südosteuropas], Moskau 2000, S. 59–81. 3 Diese Annahme hatte ihm Präsident Roosevelt in Jalta bestätigt, siehe Foreign Relations of the United States. Diplomatic Papers. The Conferences at Malta and Yalta 1945, Department of State Publication 6199, Washington, D. C. 1955, S. 701 f.; Sovetskij Sojuz na meždunarodnych konferencijach perioda Velikoj otečestvennoj vojny 1941–1945 gg., Bd. IV: Krymskaja konferencija rukovoditelej trech sojuznych deržav – SSSR, SŠA i Velikobritanii (4–11 fevralja 1945g.). Sbornik dokumentov [Die Sowjetunion auf den internationalen Konferenzen der Periode des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945, Bd. IV: Die Krimkonferenz der Führer der drei verbündeten Mächte UdSSR, USA und Großbritannien (4.–11. Februar 1945). Dokumentensammlung], Moskau 1984, S. 66. 4 Empfehlungen einer Kommission des NKVD, Januar 1944, zitiert in: V. V. Mar’ina: Sovetskij Sojuz i Čechoslovakija. 1945 god [Die Sowjetunion und die Tschechoslowakei. Das Jahr 1945], in: Novaja i novejšaja istorija, 3 / 2005, S. 10. 5 Siehe Silvio Pons: Stalin, Togliatti, and the Origins of the Cold War in Europe, in: Journal of Cold War Studies, 3. Jg. (2001), H. 2, S. 3–11. 6 Ausführungen Stalins im Gespräch mit M. Thorez am 19. November 1944 ausweislich des sowjetischen Protokolls, wiedergegeben in: Vestnik Archiva Prezidenta Rossijskoj Federacii (Beiheft zur Zeitschrift Istočnik), 5 / 1996, S. 152–158. 7 Ausführungen Stalins im Gespräch mit Ch. de Gaulle am 26. November 1944 ausweislich des sowjetischen Protokolls, wiedergegeben in: Vestnik Archiva Prezidenta Rossijskoj Federacii (Beiheft zur Zeitschrift Istočnik), 4 / 1996, S. 152–158. Zum politischen Kontext siehe Stéphane Courtois: Thorez, Stalin und Frankreichs Befreiung im Lichte von Moskauer Archiven, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 1998, S. 77 f.; Philippe Robrieux: Histoire intérieure du parti communiste, Bd. II: 1945–1972, Paris 1981, S. 79 ff. 8 Gerhard Wettig: Beneš – Stalins Gehilfe bei der Sowjetisierung der Tschechoslowakei, in: Historisch-Politische Mitteilungen, 2006, S. 271–280. 9 M. M. Narinskij: SSSR i »plan Maršalla« [Die UdSSR und der »Marshallplan«], in: ders. (Hg.): Cholodnaja vojna. Novye podchody, novye dokumenty [Der Kalte Krieg. Neue Herangehensweisen, neue Dokumente], Moskau 1975, S. 157–168. 10 Siehe Grant M. Adibekov: Das Kominform und Stalins Neuordnung Europas, Frankfurt a. M. 2002, S. 59–86. 11 Ausführungen von G. M. Malenkov, 22. September 1947, wiedergegeben in: Giuliano Procacci (Hg.): The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947 / 1948 / 1949 (zweisprachige Ausgabe des russischen Originaltexts mit englischer Übersetzung), Mailand 1994, S. 64–94. Alle Zitate im vorliegenden Beitrag wurden vom Autor übersetzt. 12 Ausführungen von A. A. Ždanov, 25. September 1947, ebd., S. 216–250. 13 Ebd., S. 248–251. 14 Bericht von J. Duclos an die Führung der KPF (in russischer Übersetzung), wiedergegeben in: V. S. Lel’čuk / E. I. Pivovar: SSSR i cholodnaja vojna [Die UdSSR und der Kalte Krieg], Moskau 1995, S. 85. 15 Sowjetische Aufzeichnung über das Gespräch I. V. Stalin – M. Thorez, 18. November 1947, wiedergegeben in: Istoričeskij archiv 1 / 1996, S. 5 f. 16 Bericht von J. Duclos an die Führung der KPF (Anm. 14), S. 85. 17 Gespräch I. V. Stalin – M. Thorez, 18. November 1947 (Anm. 15), S. 6–21. 18 Pons: Stalin, Togliatti, and the Origins (Anm. 5), S. 18–21. 19 Ebd., S. 23 f. 20 Diese Vorstellung hatte Stalin in den Zwanzigerjahren entwickelt. Im Blick darauf hatte er 1939 Hitler durch Abschluss des Nichtangriffspakts zum Aggressionskrieg ermutigt und, nachdem seine Rechnung 1941 nicht aufgegangen war, dennoch darauf gehofft, dass der zunehmende Stress des Krieges das deutsche Proletariat zum Aufstand gegen das kapitalistische System veranlassen werde. Nach 1945 hielt er daran fest, dass sich dessen im Zweiten Weltkrieg nur regional in Osteuropa herbeigeführter Zusammenbruch in einem dritten Weltkrieg vollenden werde. Siehe u.a. Rede Stalins in seinem Moskauer Wahlkreis, 9. Februar 1946, in: Pravda vom 10. Februar 1946; Ausführungen Stalins auf dem XIX. Parteitag der KPdSU, 2. Oktober 1952, in: Pravda vom 3. Oktober 1952. 21 Pons: Stalin, Togliatti, and the Origins (Anm. 5), S. 20 f. 22 Pravda vom 7. Januar 1949. 23 Deklaration des Weltfriedenskongresses, 26. April 1949, in: Pravda vom 27. Januar 1949. 24 Siehe Leonid Gibianskii: The Last Conference of the Cominform, in: Procacci: The Cominform (Anm. 11), S. 651; Adibekov: Das Kominform (Anm. 10), S. 198–201. Text der Protokolle der 3. Kominform-Konferenz in: Procacci: The Cominform (Anm. 11), S. 671–1003. 25 Irwin M. Wall: French Communism in the Era of Stalin. The Quest for Unity and Integration, 1945–1962, Westport / CT, London 1983, S. 97. 26 Siehe Vojtech Mastny: NATO in the Beholder’s Eye: Soviet Perceptions and Policies, 1949–56. Working Paper of the Cold War International History Project No. 35, Washington, D. C. 2002, S. 10. 27 Siehe N. I. Egorova: Evropejskaja bezopasnost’ i ugroza NATO v ocenkach stalinskogo rukovodstva [Die europäische Sicherheit und die Bedrohung durch die NATO in der Bewertung der Stalin-Führung], in: Čubar’jan, Stalinskoe desjatiletie (Anm. 2), S. 68 f.; Edvard Radzinsky: Stalin. The First In-Depth Biography Based on Explosive New Documents from Russia’s Secret Archives, London 1996, S. 551; Helmut Müller-Enbergs: Wirken und Sturz Wilhelm Zaissers, in: Roger Engelmann (Hg.): Volkserhebung gegen den SED-Staat, Göttingen 2005, S. 157 f. 28 Siehe Pons: Stalin, Togliatti, and the Origins (Anm. 5), S. 24 f.; Adibekov: Das Kominform (Anm. 10), S. 304–318; rückblickende Darlegungen von Togliattis Lebensgefährtin Leonilde Jotti und seiner Parteifreunde Giorgio Amendola, Pietro Secchia und Alessandro Natta (in deutscher Übersetzung) in: Osteuropa 10 / 1970, S. A 703–718. 29 Siehe insbes. A. F. Noskova: Moskva i vostočnja Evropa. Postanovlenie političeskich režimov sovetskogo tipa, 1949–1953. Očerki istorii [Moskau und Osteuropa. Die Etablierung politischer Regime des sowjetischen Typs 1949–1953. Geschichtliche Umrisse], Moskau 2002. Siehe auch Ulrich Mählert: Der »Fall Lohagen« und der Machtkampf im SED-Politbüro zur Jahreswende 1951 / 52, in: JHK 2008, S. 131–145. 30 Siehe A. V. Pyžikov: Poslednie mesjacy diktatora (1952–1953 gody) [Die letzten Monate des Diktators (1952–1953)], in: Otečestvennaja istorija 2 / 2002, S. 152–158; A. A. Danilov / A. V. Pyžikov: Roždenie sverchderžavy. SSSR v poslevoennye gody [Die Entstehung einer Supermacht. Die UdSSR in den Nachkriegsjahren], Moskau 2001, S. 195–276; Ju. N. Žukov: Bor’ba za vlast’ v rukovodstve SSSR v 1945–1952 godach [Der Machtkampf in der Führung der UdSSR 1945–1952], in: Voprosy istorii 1 / 1995, S. 23–29; R. A. Medvedev: Oni okružali Stalina [Sie umgaben Stalin], Moskau 1990. 31 Siehe Gerhard Wettig: Stalins Aufrüstungsbeschluss. Die Moskauer Beratungen mit den Parteichefs und Verteidigungsministern der »Volksdemokratien« vom 9. bis 12. Januar 1951 (mit rumänischem Protokoll), in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4 / 2005, S. 635–650. 32 Stalin während eines informellen Gesprächs im engen Kreis mit Tito und zwei anderen Führern der jugoslawischen KP am 11. April 1945 oder kurz danach, wiedergegeben in: Milovan Djilas: Gespräche mit Stalin, Frankfurt a. M. 1962, S. 146.

JHK 2010

Die Streiks in Westeuropa im Jahr 1947: Eine Neubewertung angesichts neuer und alter Belege

Matteo Lodevole

Die Phasen sozialer Unruhen, die in Frankreich und Italien in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auftraten, sind häufig als »revolutionäre« Reflexe ausgelegt worden. Am stärks­ten empfunden wurde die Furcht vor einer »kommunistischen Revolution« in Westeuropa, wahrscheinlich als die Welle von Streiks im Herbst 1947 über beide Länder rollte. Diese gewalttätigen Streiks, die nur wenige Wochen nach der ersten Kominform-Konferenz ausbrachen, verliehen den europäischen Kommunisten das Image der jakobinischen Aufständischen, das ihnen noch jahrelang anhaften sollte.1 Konservative Historiker haben diese Streikwelle oft als den Beginn der Ausführung eines Plans der Kommunisten gewertet, die westlichen Regierungen durch die Mobilisierung der Massen in die Knie zu zwingen. Aus ihrer Sicht wurde dieser Plan auf der Kominform-Konferenz im September 1947 beschlossen. Die Gründung des Kominform und die Herausgabe von Direktiven wurden als Vorläufer eines möglichen Angriffs betrachtet: ein vorbereitendes Programm, das darauf ausgelegt war, einen feindseligen Westen, der durch wirtschaftliche Probleme ohnehin schon zerrissen war, weiter zu zerrütten und zu schwächen.2 Diese orthodoxe These wird nunmehr auch von neokonservativen Wissenschaftlern vertreten, die behaupten, dass sich die kommunistische Strategie nach der ersten Kominform-Konferenz in Richtung Förderung einer offenen Konfrontation und revolutionärer Aktionen gegen örtliche Regierungen verlagerte.3 Dem entgegensetzt vertreten andere die Auffassung, dass Weisungen, die vom Kominform erteilt wurden, eher ein Zeichen für einen Rückzug als für eine Verlagerung in Richtung Offensive waren.4 Allerdings herrscht historisch gesehen Konsens darüber, die letzten Monate des Jahres 1947 als Wendepunkte in der Geschichte des Kalten Krieges zu betrachten und als genau den Moment, an dem die Strategie der Kommunisten sich tatsächlich verlagerte. In Analysen dieser Art herrscht nicht immer Einigkeit darüber, welches das entscheidende Element war, das für den Wechsel in der Strategie der Kommunisten sorgte: Einige verweisen auf das aggressive Wesen der Weisungen des Kominform, während andere die Notwendigkeit der Eindämmung der amerikanischen Präsenz in Europa und insbesondere des Marshall-Plans hervorheben. Durch die hier vorgenommene Konzentration auf die gewerkschaftlichen Strategien der Kommunisten anstatt auf die allgemeine Parteigeschichte, wie es häufig in der einschlägigen Literatur auf diesem Gebiet geschieht, ist es möglich nachzuvollziehen, ob diese Auslegung der Ereignisse ergänzt werden kann. Was war letztendlich das Ziel der Streikbewegung in Frankreich und Italien? War es tatsächlich kennzeichnend für eine Veränderung im Verhalten der Kommunisten? Archivquellen Die Frage des Zugangs zu Archivunterlagen aus der Zeit des Kalten Krieges und deren Aussagekraft ist für Historiker sicherlich von besonderer Bedeutung.5 Die interessantesten Unterlagen, die für diesen Beitrag genutzt wurden, stammen aus dem französischen Nationalarchiv (Centre d’Accueil et de Recherche des Archives Nationales, CARAN), das in jüngster Zeit eine Reihe von Akten zur Verfügung gestellt hat, um eine Analyse der Zeit des Kalten Krieges zu ermöglichen.6 Außerdem gelang es, für diesen Beitrag eine gründliche Untersuchung der Unterlagen von Vincent Auriol, dem Präsidenten der Republik von 1947 bis 1954, durchzuführen. Dies wurde durch eine Reihe von Ausnahmegenehmigungen (dérogations) zur Umgehung der restriktiven Regelung der Sperrfrist von 60 Jahren, der Unterlagen aus dem Geschäftsbereich des Präsidenten in Frankreich unterliegen, möglich. Von höchster Bedeutung waren hierbei die Berichte, die Auriol von den französischen Geheimdiensten und insbesondere vom Auslandsgeheimdienst Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionage (SDECE) erhielt.7 Diese Dokumente vermitteln einen tiefen Einblick in die Aktivitäten der Kommunisten in Westeuropa und tragen dazu bei, endlich die von Auriol diesbezüglich in seinen Memoiren erstellte, oberflächliche Zusammenfassung näher zu beleuchten.8 Diese Berichte der Nachrichtendienste werden nicht nur neben Dokumenten aus anderen französischen Quellen erörtert, sondern auch mit italienischen Dokumenten verglichen. Die Unterlagen, die in den Archiven der französischen und italienischen Kommunistischen Partei (die Mitte der Neunzigerjahre geöffnet wurden) zur Verfügung stehen, sowie die der Gewerkschaften (Confédération générale du travail [CGT] und Confederazione Generale Italiana del Lavoro [CGIL]), haben sich darüber hinaus für den Autor beim Verfassen diesen Beitrags als äußerst hilfreich erwiesen. Auf diese Weise soll eine Argumentation entwickelt werden, die auf dem Vergleich unterschiedlicher Quellen aus verschiedenen Archiven aufbaut. Dank einer Reihe sowjetischer Unterlagen, die erst jetzt veröffentlicht wurden, ist es nun möglich, die Richtigkeit der Informationen, die in den europäischen Archiven gesammelt wurden, weiter zu verifizieren.9 Schließlich liefern die Protokolle der Kominform-Konferenzen, die nun ebenfalls publiziert wurden, den notwendigen Rahmen für diese Arbeit.10 Die Kombination all dieser Materialien im Rahmen eines multinationalen und archivübergreifenden Ansatzes macht es möglich, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Kalte Krieg in Westeuropa auf der innerstaatlichen und außerdiplomatischen Ebene geführt wurde. Ein Aufruf zur Revolution? Die Streikwelle, die im Herbst 1947 Frankreich und Italien überrollte, bedeutete eine dras­tische Veränderung des Tons verglichen mit der Atmosphäre der Zusammenarbeit, die in den vorangegangenen zwei Jahren in beiden Ländern geherrscht hatte. Seit dem Ende des Krieges hatten die Kommunisten in der Tat eine kooperative Haltung gegenüber den anderen Parteien in den Koaltionsregierungen beider Länder angenommen. Die Ereignisse der vergangenen Monate (die kämpferische Truman-Doktrin, die Entlassung von Ministern der Parti communiste français (PCF) und der Partito Comunista Italiano (PCI) aus den Landesregierungen sowie die Verkündung des Marshall-Plans) waren von den Kommunisten als bewusst aggressive Handlungen und Teil einer Kampagne interpretiert worden, die von den Vereinigten Staaten in Gang gesetzt wurde, um ihren Einfluss auf Europa zu festigen.11 Die Kommunisten im Westen sollten eine angemessene Antwort finden. Aber waren die Streiks von 1947 ein unmissverständliches Zeichen einer Veränderung in Richtung einer offenen Konfrontation? War der Wunsch, mit der Strategie der Zusammenarbeit zu brechen und den Westen mittels einer aggressiven und gegen die Regierung gerichteten Haltung herauszufordern, das oberste Ziel der Kommunisten? Einige Historiker vertreten die Auffassung, dass die Kommunisten schnell und mit Nachdruck auf die Nachkriegspolitik des Westens sowie auf die aggressive Linie, die vom Kominform vorgegeben worden war, reagierten. Auf der Konferenz der neun kommunistischen Parteien in Szklarska Poręba (Polen) vom 22. bis 29. September 1947 stellten Malenkov und Ždanov die neue Linie vor. Sie verzichteten auf die Sprache der Allianz der Kriegszeit und ersetzten sie durch eine vehemente und rückhaltlose Attacke gegen die westliche Welt.12 Die Unterlagen, die in den Archiven der europäischen kommunistischen Parteien und Gewerkschaften zum Vorschein kamen, werfen ein neues Licht auf die Umsetzung dieser Weisungen und auf ihre tatsächliche Bedeutung. Sie zeigen, dass die Führung des Kominforms weder »die Möglichkeit eines Klassenkampfes« in Erwägung zog, noch die Absicht hatte, zur Bildung einer militanten Volksfront von unten aufzustacheln, »die bereit ist, die radikalsten sozialistischen Maßnahmen in möglichst kurzer Zeit mittels Streiks oder gar bewaffnetem Kampf umzusetzen«.13 In Frankreich sah sich die PCF aufgrund der Weltlage und der Streiks in den Renault-Werken, die im Frühjahr 1947 stattfanden, gezwungen, ihre Taktik einige Wochen vor der Kominform-Konferenz zu überdenken. Anfang September hatte die Partei ihren Massenorganisationen und insbesondere den Gewerkschaften besondere Aufmerksamkeit gewidmet.14 Auf der Konferenz des Zentralkomitees vom 12. bis 13. Sep­tember herrschte eindeutig das Gefühl vor, dass es nach dem Angriff, den die Partei mit der Entlassung ihrer Minister aus der Regierung im Mai erlebt hatte, zu einem weiteren Angriff gegen die CGT kommen würde. Dennoch betonte der Parteivorsitzende der PCF, Maurice Thorez, die Notwendigkeit, auch weiterhin jeglichen eventuellen Zusammenbruch sowie die Ausrufung eines Generalstreiks, der zu »anarchosyndikalistischen Abweichungen, der Eskalation einer unkontrollierbaren Massenmobilisierung und zu eventuellen Ausbrüchen von Gewalt«15 hätte führen können, unter Kontrolle zu halten. Auch wenn viele vom Gegenteil ausgingen, änderte sich diese Haltung nach der Kominform-Konferenz nicht. Sie wurde sogar von Stalin selbst bei einem Gespräch mit Thorez im November auf dem Höhepunkt der Streikbewegung bestätigt.16 Stalin stand der Art und Weise, wie die PCF die Streiks handhabte, und insbesondere der Erklärung Monmousseaus zugunsten eines Streiks äußerst kritisch gegenüber. Der Kampf gegen den Marshall-Plan sei richtig, aber die Mobilisierung der Massen sollte nicht in einer zu scharfen Sprache erfolgen: Eine offene Konfrontation würde nur den Gemäßigten in die Hände spielen.17 Bei seiner Rückkehr nach Frankreich stellte Thorez mit Nachdruck fest, dass das, was bisher geschehen sei, absurd sei: »Statt den Schwerpunkt auf örtliche Angriffe zu legen, haben die Linken die Bewegung ausgeweitet und die Partei in eine schwierige Lage gebracht. Es ist notwendig, zu der Strategie von 1944 zurückzukehren: im Schatten auf den Feind zu warten und den Angriffsplan zu organisieren, der erst ausgeführt werden soll, wenn er fertig ist«.18 Thorez vertrat diesen Standpunkt auch anlässlich einer Konferenz des Parlamentsausschusses der Kommunistischen Partei am 5. Dezember. Er stellte fest, dass einige Genossen »fälschlicherweise an die Möglichkeit einer Revolution« geglaubt hätten. »Die Strategie der Sabotage, die wir verfolgt haben, um die Amerikaner einzuschüchtern, droht uns in einen Bürgerkrieg und einen Weltkrieg zu führen. Sie wird aufgegeben werden müssen«.19 Thorez’ Ansicht wird durch weitere Belege, die inhaltlich in dieselbe Richtung gehen, gestützt. So pocht Marcel Cachin in seinen Carnets [Tagebüchern] auf einer notwendigen Korrektur der kommunistischen Strategie in Richtung weniger aggressiver Standpunkte, da dies die einzige Chance sei, eine vollständige Niederlage zu vermeiden.20 Die Ausbrüche von Gewalt auf der Straße standen nicht im Einklang mit einer tatsächlichen Änderung der Parteistrategie. Anhand der untersuchten Dokumente wird ersichtlich, wie die Parteiführung auch weiterhin ihre Basis zur Mäßigung aufforderte. Offenbar sorgte die Mehrdeutigkeit von Ždanovs Intervention im Rahmen seiner Rede auf der Konferenz in Szklarska Poręba für erhebliche Verunsicherung bezüglich der Zielsetzungen und Ziele des Kominform und beschleunigte die Spaltung in eine gemäßigte Mehrheit und eine radikale Minderheit unter den europäischen Kommunisten.21 Die Analyse der Situation in Italien bestätigt diese These. Die Frage danach, in welcher Form der Kampf geführt werden solle, wurde in dieser gesamten Zeit weiter erörtert.22 Schon im Juni 1947 hatte Togliatti betont, dass das vorrangige Ziel der PCI der Kampf gegen die politische Isolation sei. Zwei wesentliche Gefahren waren es, mit denen die Partei damals konfrontiert wurde: Eine schwache Position würde möglicherweise eine Entmutigung der Massen und einen Rückschlag für die Partei bedeuten, während eine zu starke Tendenz in Richtung Klassenkampf die Verbindungen zur Mittelklasse, die im Land so zahlreich vertreten war und einen entscheidenden Faktor darstellte, zerstören könnte. Es war erforderlich, »die Partei sowie die Massen daran zu hindern, dass sie eine Haltung einnehmen, die eventuell zu einem bewaffneten Aufstand führen könnte. Wenngleich sich der Schwerpunkt unseres politischen Handelns im Hinblick auf Propaganda, Agitation und sämtliche sonstigen Manifestationen ändern muss, darf es nicht unseren nationalen und einigenden Charakter verlieren.«23 Nach der Kominform-Konferenz wurde Luigi Longo anlässlich einer Tagung des Führungsgremiums der PCI vom 7.–10. Oktober gefragt, ob die PCI und die Gewerkschaften auch weiterhin dem demokratischen Umfeld verpflichtet bleiben müssten. Er antwortete, dass er persönlich gegen eine allzu radikale Auslegung der empfangenen Weisungen sei. Wenngleich man die Möglichkeit einiger weniger vereinzelter Episoden der Gewalt nicht ausschließen könne, solle dies nicht die Zielsetzung der Partei sein: »Das wäre nur Propaganda und kein echter politischer Kampf.«24 Eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der tatsächlichen Bedeutung der empfangenen Weisungen lässt sich auch aus den Protokollen der Gespräche zwischen dem Vorsitzenden der PCI, Pietro Secchia, mit Ždanov und Stalin im Dezember jenes Jahres in Moskau entnehmen. Hier beschrieb Secchia die Lage in Italien und das Potenzial der Streikbewegung. Er sagte, dass die Arbeitermassen offensichtlich positiv auf die Anstiftung zum Kampf reagieren würden und möglicherweise bereit seien, den Kampf zu verschärfen. Die Situation könne nicht mehr viel länger ohne eine unvermeidliche Radikalisierung aufrecht erhalten werden.25 Es müsse jetzt eine Entscheidung getroffen werden, ob man den Kampf bis auf das Niveau eines Aufstandes eskalieren lassen solle. Stalins Antwort war deutlich: »Dies ist nicht die Zeit, um eine Linie in Richtung Aufstand zu verfolgen. Wir müssen jedoch bereit sein, falls der Feind angreift«.26 Secchia schloss daraus, dass, obwohl der Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus richtig sei, es ebenso notwendig sei, die Gefolgsleute der Partei davon abzuhalten, sich in Form subversiver gesellschaftlicher Störungen zu betätigen, die zu einem Bürgerkrieg führen könnten.27 Von den Kommunisten im Westen wurde nicht erwartet, dass sie die Dinge auf die Spitze trieben.28 Die Option einer Revolution war nicht vorgesehen. Togliatti hatte dies bereits im September sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Warnung, die er Longo und Reale gegenüber aussprach, bevor sie zu der Konferenz abreisten, ist allseits bekannt: »Wenn sie uns dafür kritisieren, dass wir nicht die Macht ergreifen oder weil wir uns aus der Regierung haben hinauswerfen lassen, sagt ihnen, dass wir Italien nicht zu einem zweiten Griechenland werden lassen können.«29 Togliatti bekräftigte diese Aussage nach der Konferenz: »Wir sollten nicht der Psychose der verpassten Chancen zum Opfer fallen.«30 Er wiederholte dies in noch deutlicheren Worten anlässlich eines Gesprächs mit dem sowjetischen Botschafter Kost’lev Anfang 1948, nachdem der Westen eine gemeinsame Erklärung hinsichtlich der Rückgabe des Freien Territoriums Triest abgegeben hatte. Bei dieser Gelegenheit stellte Togliatti fest, dass er die Möglichkeit eines bewaffneten Aufstandes in Norditalien nicht ausschließen könne und bat die Sowjetunion um Stellungnahme hinsichtlich der Aussichten eines solchen Aufstands. Allerdings brachte er deutlich zum Ausdruck, dass die PCI selbst im Falle einer günstigen Einschätzung von sowjetischer Seite aktive Schritte nur in Ausnahmefällen einleiten würde. Molotov stimmte ihm zu und bestätigte die Linie, die von Secchia einige Monate zuvor zum Ausdruck gebracht worden war, derzufolge ein kommunistischer Aufstand zu diesem Zeitpunkt höchst unangebracht sei.31 Ende des Jahres stellte Togliatti fest, dass, sollte die Gefahr eines offenen Krieges in Europa oder auf der Welt bestehen, eine angemessene Antwort unmittelbar erfolgen würde: »Aber zurzeit sind wir mit einer solchen Situation nicht konfrontiert.«32 Daraus folgt, dass das Übermaß an Legalismus, für das die französischen und italienischen Kommunisten bei der ersten Kominform-Konferenz kritisiert wurden, nicht bedeutete, dass sie nun versuchen sollten, die Macht mit illegalen Mitteln zu ergreifen.33 Sowohl in europäischen als auch in sowjetischen Quellen wird bestätigt, dass die westlichen Parteien als Ergebnis der Kominform-Konferenz weiterhin eine Linie der Ablehnung einer »aggressiven Revolution« verfolgten. Wenn dies der Fall war, warum wurden die westlichen Parteien dann bei der ersten Kominform-Konferenz so scharf kritisiert? Und was war letztendlich das Ziel der Streiks im Herbst 1947? Das Ziel der Streiks Es wird das Argument vorgebracht, dass PCF und PCI sowohl von der russischen als auch von der jugoslawischen Delegation hart kritisiert wurden, »weil sie nicht revolutionär genug gewesen sind«: Sie hätten es versäumt, den Vorteil, den die Résistance zum Zeitpunkt der Befreiung erzielt habe, auszunutzen und mit ausreichender Gewalt auf ihre Verdrängung aus den Regierungen zu reagieren.34 In aktuelleren Arbeiten wird darauf beharrt, dass die rechtmäßige Strategie, die von den westlichen Parteien vor der Kominform-Konferenz noch verfolgt wurde, von Ždanov vollkommen abgelehnt wurde. Er bezeichnete sie angesichts der Bedingungen, die durch die neue Weltlage geschaffen worden waren, als »veraltet«.35 Di Biaggio behauptet, dass Kardeljs Rede bei der Kominform-Konferenz »eine ausdrückliche Aufforderung gewesen ist, die vollständige Kontrolle über den Staatsapparat mit Gewalt zu übernehmen und den Weg der Legalität zu verlassen, den die kommunistischen Parteien bis dahin im Allgemeinen formal beschritten haben«.36 Die neuen Unterlagen, die in den kommunistischen Archiven zum Vorschein kamen, sowie eine gründliche Lektüre der Kominform-Protokolle lassen erkennen, dass die Reaktion von sowjetischer Seite auf die Verdrängung der kommunistischen Parteien aus den Regierungen Frankreichs und Italiens von entscheidender Bedeutung für die Diskussion auf der ersten Kominform-Konferenz war.37 Die westlichen Parteien wurden natürlich für die zu gemäßigte Taktik, die sie bis dahin gewählt hatten, und dafür, dass sie nur auf den parlamentarischen Kampf gesetzt hatten, kritisiert. Sie wurden allerdings nicht dafür angegriffen, dass sie sich auch weiterhin dem Ziel verpflichtet fühlten, Wählerstimmen für sich zu gewinnen und wieder zurück in die Regierungen ihrer Länder zu gelangen. Vielmehr blieb dies eine der wesentlichen Zielsetzungen der Streikbewegung. Die Bedeutung, die der Kreml der Koalitions-Strategie beimaß, schien seit der Verdrängung der Kommunisten aus den Regierungen im Mai jenes Jahres klar geworden zu sein. Unmittelbar nach dem Ereignis bat Ždanov Stalin um die Erlaubnis, ein dringendes Schreiben an Thorez zu schicken, um herauszufinden, was in Frankreich passiert war und welche Motive die Partei geleitet hatten.38 Ein neues Dokument zeigt, dass Molotov in der Nacht des 28. Juni mit einem der bedeutendsten Führer der PCF, Laurent Casanova, sprach und der Partei Vorwürfe wegen ihrer »Ungeschicktheit« machte. Die PCF müsse nun »alles tun, um so schnell wie möglich wieder in die Regierung zurückzukehren«.39 Djilas bekräftigte diese Haltung, als er den Vertreter der PCF, Duclos, bei der Kominform-Konferenz im September angriff. Der jugoslawische Delegierte sagte, dass die Streiks, die im Frühjahr ihren Lauf genommen hatten, nicht massiv genug gewesen seien, um die Kommunisten in die Regierung zurückzubringen, und dass sie zu schnell abgeebbt seien, sobald der französische Premierminister Paul Ramadier die Forderungen der Arbeiter teilweise erfüllt habe.40 Nach ihrer Rückkehr aus Polen pochten die französischen Delegierten darauf, dass die Zielsetzung der Partei eine »Regierung der demokratischen Union sein müsse, in der die Arbeiterklasse und ihre Kommunistische Partei letzten Endes eine entscheidende Rolle spielen«.41 Im Januar 1948 bekräftigte der Vorsitzende der CGT, Benoît Frachon, noch einmal diese Haltung: »Wir sind – und bleiben eine Regierungspartei, eine Partei, die sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Land bewusst ist. (…) Wir sind auch weiterhin der Auffassung, dass die beste Perspektive für Frankreich der fortdauernde Verbleib einer demokratischen Regierung der weitreichenden nationalen Einheit im Amt ist. (…) Wir halten auch weiterhin dieselbe Bereitschaft zur Herbeiführung einer Union aller Kräfte der Arbeiterklasse und der demokratischen Kräfte aufrecht. Wir haben uns nicht geändert und wir werden uns nicht ändern.«42 Diese Haltung war in Italien noch ausgeprägter. Die PCI engagierte sich weiterhin aktiv für die Wiederaufnahme der Koalitionsstrategie – zumindest bis zu den Wahlen im April 1948. Am Vorabend der Kominform-Konferenz eröffnete Togliatti seine Ausführungen bei der Sitzung des Präsidiums der PCI mit einer Analyse der politischen Lage und der Agitationsaktivitäten der Arbeiter, die gerade im Land ihren Lauf nahmen. Er wies darauf hin, dass die Mobilisierung der Massen folgende Zielsetzung haben müsse: »Eine Regierungsumbildung« oder zumindest die Vermeidung einer Mitte-Links-Koalition, durch die die Kommunisten isoliert würden.43 Ein paar Tage nach seiner Rückkehr von der Kominform-Konferenz stellte Longo fest, dass »der Fehler der PCI darin bestanden hätte, die Verdrängung aus der Regierung als eine innenpolitische Frage zu betrachten. Wir müssen dafür kämpfen und uns darum bemühen, wieder in die Regierung zurückzukehren. (…) Wir sollten keine Angst davor haben, sofortige Neuwahlen zu beantragen.«44 Eine ausführlichere Erläuterung der Ziele der Streikbewegung gab Togliatti anlässlich der Sitzung des Zentralkomitees der Partei im November: »Die Zielsetzung der PCI bleibt dieselbe, die wir hatten, als wir begannen, 1944 in Italien frei zu reden: Progressive Demokratie. Wir werden diesen Kampf verstärken und ausweiten – und ihn mit einer besseren Taktik führen, als wir es bisher getan haben. Die bisherige wurde hauptsächlich durch die ständige Bedrohung bestimmt, die sich durch die Präsenz alliierter Truppen, der reaktionären Kräfte, die sie vertreten, und die Schwäche der demokratischen Parteien ergab. Wir brauchen eine breite Front demokratischer Kräfte.«45 Im Mittelpunkt der Kritik des Kominform an der PCI stand die Unfähigkeit der italienischen Kommunisten, in der Koalitionsregierung zu verbleiben.46 Daher wurde der Schwerpunkt der Angriffe gegen die PCF und die PCI mehr auf die Taktik gelegt, die sie angewandt hatten, als auf die Zielsetzungen, die sie verfolgt hatten. Für beide Parteien war und blieb das Endziel die Beteiligung an der jeweiligen Staatsregierung. Allerdings schienen sich die europäischen Führer unmittelbar nach der Kominform-Konferenz in Bezug auf die Bedeutung der empfangenen Weisungen unsicher zu sein. Insbesondere hatte die Kominform-Konferenz keinen eindeutigen Hinweis darauf geliefert, ob die Kommunisten des Westens ihren »parlamentarischen Weg« weiter verfolgen sollten.47 Die Gespräche mit Stalin in den darauffolgenden Wochen und die anschließenden Parteidebatten trugen jedoch dazu bei, das Endziel sowie die Strategie, die die europäischen Parteien nun verfolgen sollten, zu klären. Dies kann als eine »dualistische Strategie« definiert werden, bei der inner- und außerparlamentarische Taktiken miteinander abgestimmt wurden. Um ihre Position in den Regierungen, die sie verloren hatten, wiederzugewinnen und ihre Präsenz im Parlament zu verstärken, mussten die Kommunisten des Westens die legale Strategie, die sie bis dahin verfolgt hatten, mit einer Intensivierung der Massenmobilisierung aus dem Parlament heraus kombinieren. Letzteres durfte jedoch nicht auf einem allzu militanten Niveau erfolgen oder unerwünschte Erscheinungen gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen hervorrufen.48 Die Kritik an den westlichen Parteien kann daher nur in eingeschränktem Maß als Folge einer wesentlichen Neuausrichtung der Strategie der Kommunisten gelten.49 Es scheint vielmehr, als sei mit der vieldeutigen Botschaft, resultierend aus der Kombination einer weichen und einer harten Linie, wie sie von der sowjetischen und der jugoslawischen Delegation bei der Kominform-Konferenz vertreten wurde, beabsichtigt worden, den europäischen Genossen ein allgemeines Alarmsignal zu geben: Die Gefahr eines »westlichen Expansionismus« war real. Trotz dieser Gefahr, bedeutete die rasante Entwicklung der Ereignisse in Frankreich und Italien weder »einen Linksruck in der Gesamtstrategie der Kommunisten« noch »eine Änderung ihrer endgültigen Zielsetzungen im Westen«.50 Ebensowenig bedeutete die Etablierung des Kominform, dass sich Stalin die Kritik Jugoslawiens an der Volksfront zu­eigen gemacht hatte.51 Die westlichen Kommunisten hatten ihre Hoffnungen nicht aufgegeben, ihre Positionen in den Regierungen ihrer Länder zu behaupten.52 Vielmehr waren die Streiks ein verzweifelter – und sicherlich kontraproduktiver – Versuch, den die Kommunisten unternahmen, um ihre Chancen auf eine künftige Rückkehr in eine Koalitionsregierung nicht zu untergraben. Die westeuropäischen Parteien hielten weiter daran fest, über die Wahlurne an die Macht zu gelangen. Erst mit der Unterzeichnung der westlichen Militärbündnisse 1948 / 49 und nach der Wahlniederlage am 18. April 1948 schwand diese Hoffnung endgültig.53 Dieser Argumentation entspricht auch, dass Stalin auf dem Höhepunkt der politischen Spannungen in Italien vor den Wahlen im April 1948 der PCI entsprechende Finanzmittel zur Unterstützung der Wahlkampagne gewährt hatte – nicht für eine aufrührerische Radikalisierung des Kampfes, davon riet er ausdrücklich ab.54 Nach der dramatischen Niederlage, die die PCI erlitten hatte, stellte Togliatti fest, dass »die weitere Existenz der Front gefährdet gewesen wäre, wenn die Partei nach den Wahlen eine uneingeschränkt offensive Vorgehensweise des Handelns verfolgt hätte«.55 Allerdings sollte diese Verlagerung des Schwerpunktes auf die Mäßigung nicht mit bestimmten wohlwollenden Auslegungen kommunis­tischer Absichten verwechselt werden, man wolle »endlich loyal« mit dem Westen zusammenarbeiten.56 Eine »echt kooperative« und eine »koalitionistische« Haltung sind zwei verschiedene Dinge. Wie bereits von Mark festgestellt wurde, »bedeutet es, eine falsche Antinomie aufzustellen«, wenn man fragt, ob die Kommunisten nach einem Vormarsch in Europa oder nach einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit den Alliierten strebten. Sie »wollten beides, und die Strategie der nationalen Front war das Vehikel für eine vorübergehende Angleichung von Zielen, die letztendlich miteinander in Konflikt standen«.57 Mit der Linie des Kominform war nicht beabsichtigt, eine neue Phase einer revolutionären Expansion im Westen einzuleiten.58 Dennoch kann man nicht sagen, dass das Kominform keineswegs für die Mobilisierung der Massen oder dafür verantwortlich war, dass die westlichen Parteien auf »sämtliche Sonderwege zum Sozialismus« verzichtet hatten.59 Ihr Wunsch, in die Regierungen ihrer Länder zurückzukehren und schließlich über die Volksfront an die Macht zu gelangen, war real. Daher war es ihre Absicht, die Unterstützung europäischer politischer Parteien und Gewerkschaften durch die Amerikaner mittels des Marshall-Plans zu untergraben. Der Kampf gegen den Marshall-Plan Es gibt keinen Zweifel daran, dass aus kommunistischer Sicht Amerikas zunehmende Präsenz, die in Europa mit dem Europäischen Wiederaufbauprogramm (European Recovery Program) ihren Höhepunkt erreichte, ganz offensichtlich mehr als nur einen Versuch darstellte, einen anti-sowjetischen Block aufzubauen. Nach der Verkündung der Zwei-Lager-Theorie auf der Kominform-Konferenz verlagerte sich die Aufmerksamkeit der europäischen Kommunisten von der nationalen Lage auf die Weltlage. Für die Kommunisten in Frankreich hatte nun der Kampf gegen sämtliche Unterstützer einer amerikanischen Einmischung im Land Priorität. Die parti américain wurde zu einem der Hauptgegner der Streikbewegung. Das erste Ziel der kommunistischen Arbeiter war die sozialistische Splittergruppe innerhalb des Gewerkschaftsbundes: die abtrünnigen Gruppierungen der CGT, die sich schließlich unter dem Namen Force Ouvrière zusammenfanden.60 Der kommunistische Widerstand gegen die reaktionären Kräfte nahm zu, als ein neues Gesetz das Streikrecht erheblich einschränkte.61 Dies wurde als eine der Taktiken angesehen, die vom »anti-demokratischen Block« angewandt werde, um das Lager der Kommunisten zu schwächen.62 Auf dem Höhepunkt der Streikwelle legte man den Schwerpunkt einer Diskussion, die am 21. Oktober 1947 innerhalb des Verwaltungsrats der CGT stattfand, mehr auf die Einmischung der Amerikaner in Frankreich und die Auswirkungen des Marshall-Plans als auf den alltäglichen Kampf, der sich im Land entwickelte.63 Bei der Sitzung des Comité Confédéral National (CCN) der CGT am 13. November griff der Generalsekretär der Gewerkschaft, Benoît Frachon, die amerikanische Außenpolitik scharf an und kritisierte insbesondere den »Truman-Marshall-Plan« und den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands.64 Bei seiner Rückkehr von einem Treffen mit Stalin im November erklärte Thorez, dass die Streikbewegung nun zweierlei Zielsetzungen verfolge: »Druck auf die Londoner Außenministerkonferenz auszuüben, um eine Einigung über die Bedingungen für Friedensverträge mit Deutschland und Österreich zu erzielen und die Vereinigten Staaten davon abzulenken, den Marshall-Plan in Frankreich umzusetzen«.65 Wenngleich es gelang, mit dem Kampf gegen den wirtschaftlichen Vormarsch des Marshall-Plans relativ flexibel umzugehen, blieb die »kämpferische Truman-Doktrin« im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Kommunisten. Mit der Unterzeichnung des Brüsseler Pakts im März 1948, investierten die Kommunisten nach und nach den größten Teil ihrer Energie in den Kampf gegen die amerikanische Militärpolitik. Bereits im Oktober 1947 hatte Thorez offengelegt, dass die Vereinigten Staaten infolge der Truman-Doktrin im Rahmen ihres expansionistischen Angriffs in erster Linie militärische Mittel nutzten. So wurden in Friedenszeiten für den Einsatz gegen die Sowjetunion und die neudemokratischen Länder zahlreiche Luftwaffen- und Marinestützpunkte errichtet.66 Die Rolle der italienischen Gewerkschaften bei der Unterstützung des Kampfes gegen den amerikanischen Imperialismus und den Marshall-Plan war zwangsläufig eine andere. Hier arbeiteten die Kommunisten in einem Gewerkschaftsbund mit den Sozialisten und den Christdemokraten zusammen. Der Kampf gegen den Marshall-Plan konnte daher nicht offen thematisiert werden. Gewerkschaftsführer Giuseppe Di Vittorio zog es vor, jegliche Diskussion über den Plan so weit wie möglich hinauszuzögern, um die »Einheit der Arbeiterschaft aufrecht zu erhalten«. Offiziell behauptete er, dass das Lager der Kommunisten »den Marshall-Plan weder unterstützt noch ablehnt. Wir sind für Hilfen für Länder, die vom Krieg zerstört wurden«. Erst später ging er auf die unvermeidbare Situation der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten ein, die durch die Akzeptanz des Marshall-Plans und die damit verbundene Hilfe entstehen würde.67 Diese gemäßigte Haltung deckte sich nicht mit dem Ansehen, das die Partei für sich in Anspruch nahm. Auf der Sitzung des Zentralkomitees der PCI vom 11.–12. November 1947 hatte Togliatti noch die führende Rolle, die die Vereinigten Staaten innerhalb des Imperialistischen Blocks spielten, kritisiert: Damit werde eine koordinierte diplomatische, politische und militärische Offensive geführt. Aufgrund seiner geopolitischen Lage im Zentrum des Mittelmeerraums und seiner Nähe zu Jugoslawien sei Italien eines der bevorzugten Ziele der amerikanischen Streitkräfte. Diese wollten Italien als Brückenkopf nutzen, um die neudemokratischen Länder und die Sowjetunion anzugreifen. Die wirtschaftliche Offensive, die mittels des Marshall-Plans durchgeführt werde, sei eine weitere Vorgehensweise, um das wirtschaftliche und politische Leben in Europa unter Kontrolle zu bringen.68 Italiens prekäre wirtschaftliche Lage und sein dringender Bedarf an Krediten und Lebensmittellieferungen biete eine einmalige Chance für die Ausbreitung des imperialistischen Zugriffs.69 Die Führer der PCI waren sich dessen bewusst, dass zahlreiche Italiener der Auffassung waren, dass nur die Vereinigten Staaten dem Land helfen könnten, während die Sowjetunion nicht über die materiellen Möglichkeiten verfüge, dasselbe zu tun.70 Secchia brachte dieses Problem während seines Besuchs in Moskau im Dezember 1947 zur Sprache, als er betonte, dass die PCI sowohl mit einem innenpolitischen Gegner, nämlich den Christdemokraten, als auch einem außenpolitischen, nämlich dem amerikanischen Expansionismus, konfrontiert sei.71 Was den nationalen politischen Kampf anbelangte, so sollte der Kampf gegen den Marshall-Plan keine gewaltsame Form annehmen.72 Dies war Teil der insgesamt gemäßigten Haltung, auf die sich Stalin und die westeuropäischen Führer verständigt hatten.73 An dieser Strategie änderte sich zwischen 1947 und 1948 nichts. Aufgabe der westlichen Parteien blieb es, »Widerstand gegen die expansionistischen und aggressiven imperialistischen Pläne auf jeglichem Gebiet zu leisten: staatlich, politisch, wirtschaftlich und ideologisch«.74 Strategisch erfolgten ihre Aktivitäten nach einer Vorgehensweise »innerhalb und außerhalb des Parlaments« und dienten dem Versuch, mit Unterstützung seitens der Gewerkschaften und weiterer Massenorganisationen für eine starke »Volksmacht« zu sorgen.75 Hauptziel war es, alle möglichen Kräfte zu mobilisieren, um die amerikanischen Führer zur Vernunft zu bringen und sie zu zwingen, zur Politik von Jalta zurückzukehren. Dies würde die kommunistischen Parteien des Westens in die Lage versetzen, zur Politik der nationalen Einheit zurückzukehren, wie sie bis 1947 von ihnen verfolgt worden war: dem parlamentarischen Weg zum Sozialismus. Fazit Der Aufruf zur Mobilisierung der Massen, der seitens des Kominform mit Nachdruck an Frankreich und Italien gerichtet wurde, lief nicht auf die Wiederaufnahme der Revolutionsstrategie hinaus, die darauf abzielte, die Macht gewaltsam zu ergreifen. Vielmehr wurden wesentliche Schritte im Hinblick auf die fortlaufende Anpassung der kommunistischen Strategien an eine im Wesentlichen nicht revolutionäre Wirklichkeit unternommen. Togliatti und Thorez verfolgten gemäßigte Strategien, indem sie so lange wie möglich einer koalitionistischen Strategie verpflichtet blieben – mit der Vorstellung, den kommunistischen Einfluss im Westen zu erhöhen. Stalin beschwor sie, sich auf keinerlei Abenteuer einzulassen; der Einsatz der kämpferischeren und radikaleren Gruppierung der Arbeiter­bewegung wurde beständig vermieden. Gemäß Edward H. Carr »strebten« die kommunis­tischen Gewerkschaften »danach, den Staat für ihre Zwecke zu nutzen, und nicht danach, ihn zu zerstören«.76 Wie sollte dann diese Frage beantwortet werden: »Wie kam es, dass eine derart provokative Politik verfolgt wurde?«77 Als sie aus den nationalen Regierungen verdrängt worden waren, waren die westlichen Parteien nicht mehr in der Lage, die koalitionistische Strategie, die sie bis dahin verfolgt hatten, in vollem Umfang umzusetzen. Also kehrten sie zur Strategie der Streiks zurück. Ziel der Wiederaufnahme einer militanteren Taktik war es, Druck auf den Westen auszu­üben, um dafür zu sorgen, dass die kommunistischen Parteien wieder in die Koalitionsregierungen aufgenommen wurden. Es gab einen Plan, aber er war und blieb ein gemäßigter. Was 1947 geschah, war kein Strategiewechsel, sondern eine improvisierte taktische Anpassung an die neue Lage, die sich durch die Verdrängung aus der Regierung ergab. Wenngleich diese Anpassung einen provokativen Charakter hatte, geschah sie letztendlich nur als eine Reaktion. Der kommunistische Handlungsplan musste sich zwangsläufig im Mai 1947 von dem langfristigen Plan der »progressiven Demokratie« in Richtung des kurzfristigen, vagen und improvisierten Rückgriffs auf die Mobilisierung der Massen ändern. Dadurch, dass die kommunistische Bewegung mal mit einer gemäßigten Mehrheit, dann wieder mit einer radikalen Minderheit gleichgesetzt wurde, sah sich mancher Autor dazu veranlasst, Absichten und Ziele einiger Vertreter auf die Bewegung allgemein zu übertragen. Dies scheint ein wesentlicher Fehler zu sein, da von ein paar vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die radikale Gruppierung der Bewegung nicht in der Führung, sondern auf der Ebene der Basis vertreten war. Massenaufstände wurden von der Parteiführung entweder unterdrückt (1944–1946) oder teilweise zugelassen (nach 1947). In beiden Fällen kamen die aufständischen Reflexe »von unten«. Als 1949 die westlichen Parteien versuchten, dieselbe Art der Mobilisierung »von oben« im Namen des Kampfes für den Frieden zu schüren, reagierte die Basis nicht so positiv. Die Intensität, die die Strategien zur Massenmobilisierung im Westen entwickeln sollten, wurde von den Vertretern sowohl der französichen als auch der italienischen Partei fortwährend mit Stalin erörtert. Allerdings führten Maßnahmen und Andeutungen von sowjetischer Seite häufig zu Ungewissheit, und die europäischen Führer mussten auf eine Art »kommunistisches kollektives Bewusstsein« zurückgreifen, um deren tatsächliche Bedeutung zu entschlüsseln. Ihre verwirrte Reaktion auf die Weisungen des Kominform zeigt, dass die Weisungen, die von Moskau formuliert wurden, häufig so unklar waren, dass sich grundsätzlich zahlreiche Arten von Schlussfolgerungen rechtfertigen ließen. Zu dieser Zeit scheint der Kreml die Rolle eines Impulsgebers gespielt zu haben, der allgemeine und vage Anweisungen erteilt, während es Aufgabe der westlichen Parteien war, sich mit deren taktischer Umsetzung zu befassen. Es bestätigt sich nach wie vor, dass »die Umsetzung der allgemeinen Linie, die von oben vorgegeben wurde, zwangsläufig verschiedene taktische Herangehensweisen an eine bestimmte Frage ermöglichte, die gravierende Auswirkungen auf die Ausrichtung der Politik insgesamt mit sich bringen konnten«.78 Dies bedeutet jedoch nicht, dass man sich die traditionelle Vorstellung von den »nationalen Wegen zum Sozialismus« als solche zueigen machen kann. Die Unterordnung der PCF und der PCI unter sowjetische Weisungen ist viel zu offensichtlich. Allerdings sollte dies im Fall der westlichen Parteien nicht als blinder Gehorsam gegenüber einem Tyrannen verstanden, sondern vielmehr im größeren Rahmen des gemeinsamen Festhaltens an der Internationalen Kommunistischen Bewegung eingeordnet werden.79 Beide Parteien empfingen die gleichen gemäßigten Weisungen im Hinblick auf die nationalen Gegebenheiten. Die Gewerkschaften und andere Frontorganisationen waren die wichtigsten Handlungsinstrumente. Wenngleich die Lage in Frankreich im Vergleich zu der in Italien anscheinend aussichtsreicher und für eine rasantere Entwicklung bereit gewesen sein mag, unterschieden sich die Taktiken, die in den beiden Ländern umgesetzt wurden, nicht durchgängig. Der Vergleich zwischen dem französischen und dem italienischen Fall hat de facto eher eine einheitliche Herangehensweise an operative Fragen ergeben. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundesprachenamt 1 Siehe Ronald Tiersky: French Communism 1920–1972, New York 1974, S. 173 f. 2 Siehe Franz Borkenau: European Communism, New York 1953, S. 523 f. 3 Siehe Elena Aga-Rossi / Victor Zaslavsky: Togliatti e Stalin. Il PCI e la politica estera staliniana negli archivi di Mosca [Togliatti und Stalin. Die PCI und Stalins Außenpolitik in den Moskauer Archiven], Bologna 1997, S. 27; Douglas J. Macdonald: Communist bloc expansion in the early Cold War. Challenging Realism, refuting Revisionism, in: International Security (Winter 1995 / 1996), Bd. 20, H. 3, S. 164. 4 Siehe Silvio Pons: Stalin, Togliatti, and the Origins of the Cold War in Europe, in: Journal of Cold War Studies 3 (Frühjahr 2001), H. 2, S. 26; Tiersky: French Communism (Anm. 1), S. 173. 5 Siehe Jonathan Haslam: Collecting and Assembling pieces of the Jigsaw. Coping with Cold War Archives, in: Cold War History 3 (April 2004), H. 4, S. 140. 6 Siehe N. Piers Ludlow: No Longer a Closed Shop: Post-1945 Research in the French Archives, in: Cold War History 1 (Oktober 2001), H. 2, S. 158–163. 7 Für eine Untersuchung der einzelnen Dienststellen, von denen die nachrichtendienstlichen Berichte in Frankreich zusammengestellt wurden, siehe Douglas Porch: The French Secret Services: From the Dreyfus Affair to the Gulf War, Oxford 1997. 8 Siehe Pierre Nora u. a. (Hg.): Vincent Auriol. Journal du septennat [Tagebuch einer Amtszeit], Paris 1970–1978. 9 Siehe Francesca Gori / Silvio Pons: Dagli Archivi di Mosca. L’URSS, il Cominform e il PCI, 1943–1951 [Aus Moskaus Archiven. Die UdSSR, das Kominform und die PCI, 1943–1951], Rom 1998. 10 Siehe Giuliano Procacci (Hg.): The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947 / 1948 / 1949, Mailand 1994. 11 Siehe William I. Hitchcock: The Struggle for Europe. The history of the Continent since 1945, London 2003, S. 88. 12 Siehe Anna Di Biagio: The establishment of the Cominform, in: Procacci (Hg.): The Cominform (Anm. 10), S. 32 ff. 13 Dieser Standpunkt wird von Geoffrey Swain unterstützt: The Cominform. Tito’s International?, in: The Historical Journal 35 (1992), H. 3, S. 641–663. 14 Archives du Parti Communiste Français (im Folgenden: APCF), 261 J 4 / 4 : 1947, Bureau Politique vom 4. September 1947. 15 APCF, 261 J 2 / 17, Zentralkomitee, Versammlung am 12. und 13. September 1947 in Aubervilliers. 16 Allgemeine Informationen über die Konferenz gab es bereits in der Zeitung L’Humanité vom 30. November / 1. Dezember 1947, S. 1. 17 Siehe Michail M. Narinskij: L’entretien entre Maurice Thorez et Joseph Staline du 18 novembre 1947 [Das Gespräch zwischen Maurice Thorez und Iosif Stalin am 18. November 1947], in: Communisme (1996), H. 45 / 46, S. 31–54. 18 Centre d’accueil et de recherche des Archives nationales (im Folgenden: CARAN), 4 AG 85, L’Ambassade de la rue de Grenelle devant les grèves en France [Die Botschaft in der Rue de Grenelle vor den Streiks in Frankreich], 8. Dezember 1947. 19 CARAN, 4 AG 85, Réunion du groupe parlementaire communiste le 5 Décembre, 6 Décembre 1947 [Sitzung der kommunistischen Fraktion am 5. und 6. Dezember 1947]. 20 Siehe Denis Peschanski (Hg.): Marcel Cachin. Carnets 1906–1947 [Tagebücher], Band IV: 1935–1947, Paris 1997, S. 1182. 21 Siehe Pons: Stalin, Togliatti (Anm. 4), S. 18. 22 Siehe Aga-Rossi / Zaslavsky: Togliatti e Stalin (Anm. 3), S. 227–240. 23 Fondazione Instituto Gramsci: Partito Comunista Italiano (im Folgenden: FIG-APCI), Fondo Mosca, Direzione, Busta 272: Verbale riunione direzione del Partito [Sitzungsprotokoll der Parteiführung], 3.–5. Juni 1947. 24 Ebd., 7.–10. Oktober 1947. 25 Siehe Documento n. 19: Sulla tattica del Partito comunista italiano nel periodo attuale (dicembre 1947) [Über die gegenwärtige Taktik der Kommunistischen Partei Italiens (Dezember 1947)], in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 9), S. 282–288. 26 Ebd., Documento n. 20: Resoconto del colloquio tra Secchia e Stalin, 14 dicembre 1947 [Bericht über das Treffen zwischen Secchia und Stalin, 14. Dezember 1947], S. 289–293. 27 Siehe ebd. Documento n. 21: Comunicazione di Secchia alla Sezione di politica estera del CC della VKP(b), 16 dicembre 1947 [Mitteilung Secchias an die außenpolitische Abteilung des Zentralkomitees der Sowjetischen Partei, 16. Dezember 1947] S. 303. 28 Adam B. Ulam: Titoism and the Cominform, Cambridge 1952, S. 85. 29 Eugenio Reale: Nascita del Cominform [Die Geburtsstunde des Kominform], Mailand 1958, S. 17. 30 FIG-APCI, Fondo Mosca, Direzione, Busta 272 (Anm. 24). 31 Siehe Silvio Pons: A challenge let drop: Soviet foreign policy, the Cominform and the Italian Communist Party, 1947–1948, in: Francesca Gori / Silvio Pons: The Soviet Union and Europe in the Cold War. 1943–1953, London 1996, S. 259. 32 Documento n. 19: Sulla tattica del Partito comunista italiano, in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 25), S. 283 f. 33 Siehe Adam B. Ulam: Expansion and Coexistence. The history of Soviet foreign policy. 1917–1967, London 1968, S. 438 u. 449. 34 Siehe Lilly Marcou: Le Kominform: Le communisme de guerre froide [Das Kominform: Der Kommunismus im Kalten Krieg], Paris 1977, S. 39–72. 35 Siehe Scott D. Parish / Michail M. Narinskij: New Evidence in the Soviet rejection of the Marshall Plan, 1947: Two Reports, CWIHP, Working Paper No. 9, Woodrow Wilson Center Press, Washington 1994, S. 34 f. 36 Di Biaggio: The establishment (Anm. 12), S. 32. 37 Siehe Natalia I. Egorova: Stalin’s foreign policy and the Cominform, in: Gori / Pons: The Soviet Union and Europe (Anm. 31), S. 197. 38 Siehe Vladislav Zubok / Constantine Pleshakow: Inside the Kremlin’s Cold War. From Stalin to Khrushchev, Cambridge 1996, S. 129. 39 CARAN, 4 AG 85: Par la voix de M. Molotov, les sovjets désapprouvent la maladresse dont firent preuve les communistes a l’occasion du dernier remaniement ministériel, 30 juin 1947 [Molotov zufolge missbilligten die Sowjets die Ungeschicktheit, die die Kommunisten bei der letzten Kabinettsumbildung an den Tag legten, 30. Juni 1947]. Molotov schildert diese Episode nicht in seinen Memoiren. Siehe Felix Chuev: Molotov remembers. Inside Kremlin Politics, Chicago 1993. 40 Siehe Procacci: The Cominform (Anm. 10), S. 253 ff. 41 L’Humanité vom 3. Oktober 1947. 42 Dans la lutte, la classe ouvrière de France accroît ses forces et consolide son organisation (entretien avec Benoît Frachon, Secrétaire Général de la Confédération Général) [Im Kampf verstärkt die Arbeiterklasse Frankreichs ihre Kräfte und stärkt ihre Organisation (Gespräch mit Benoît Frachon, Generalsekretär des Allgemeinen Gewerkschaftsbunds Confédération Général)], in: Pour une paix durable, pour une démocratie populaire!, 1 janvier 1948. 43 Siehe FIG-APCI, Fondo Mosca, Direzione, Busta 272: Verbale riunione direzione del Partito [Sitzungsprotokoll der Parteiführung], 17. September 1947. 44 FIG-APCI, Fondo Mosca, Direzione, Busta 272: 7.–10. Oktober 1947 (Anm. 24). 45 FIG-APCI, Comitato Centrale [Zentralkomitee], 11–13 novembre 1947, Busta 039, Fascicoli 552–558. 46 Siehe Donald Sassoon: The strategy of the Italian Communist Party, London 1981, S. 63. 47 Siehe Pons: Stalin, Togliatti (Anm. 4), S. 19. 48 Siehe Documento n. 21: Comunicazione di Secchia, in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 27), S. 298. 49 Siehe Pons: A challenge let drop (Anm. 31), S. 246. 50 Georges-Henri Soutou: Georges Bidault et la construction européenne. 1944–1954 [Georges Bedault und der europäische Aufbau], in: Revue d’Histoire Diplomatique 105 (1991), H. 3 / 4, S. 275–278. 51 Dieser Standpunkt wird von Geoffrey Swain unterstützt: The Cominform. Tito’s International? (Anm. 13). 52 Siehe Marcou: Le Kominform (Anm. 34), S. 39–72; Ennio Di Nolfo: The United States and Italian Communism 1942–1946, in: Journal of Italian History 1 (1978), S. 74–94. 53 Siehe Pietro Di Loreto: Togliatti e la »doppiezza«. Il PCI tra democrazia e insurrezione. 1944–1949 [Togliatti und der »Widerspruch«. Die PCI zwischen Demokratie und Aufruhr. 1944–1949], Bologna 1991, S. 235. 54 Siehe Documento n. 20: Resoconto del colloquio tra Secchia e Stalin, in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 26), S. 289–293. 55 FIG-APCI, Fondo Mosca, Direzione, Busta 199: Verbale riunione direzione del Partito [Sitzungsprotokoll der Parteiführung], 24.–25. Mai 1948. 56 Siehe Irwin M. Wall: French Communism in the Era of Stalin: The Quest for Unity and Integration. 1945–1962, Westport 1983, S. 67. 57 Eduard Mark: Revolution by Degrees. Stalin’s National-Front Strategy for Europe, 1941–1947, Cold War International History Project, Working Paper Nr. 31, Februar 2001, S. 7. 58 Siehe Heinz Timmermann: The Cominform effects on Soviet Foreign Policy, in: Studies in Comparative Communism (Frühjahr 1985), H. 1, S. 6. 59 Siehe ebd., S. 11. 60 Siehe APCF, 261 J 5 / 4: 1947, Sekretariat, 4. November 1947. 61 Siehe Archivio Storico CGIL (im Folgenden: ASCGIL), Notiziario della CGIL [CGIL Bulletin], anno I, n. 17, S. 22. 62 Siehe Institut d’Histoire Sociale CGT (im Folgenden: IHS-CGT), Comité Central Nationale, Sitzung vom 4.–6. Januar 1948. 63 Siehe IHS-CGT, Commission administrative, Sitzung vom 21. Oktober 1947. 64 Siehe IHS-CGT, Comité Confédéral National, Sitzung vom 13. November 1947. 65 CARAN, 4 AG 85, Réunion du groupe parlementaire communiste le 5 Décembre, 6 Décembre 1947 [Sitzung des kommunistischen Parlamentsausschusses am 5. und 6. Dezember 1947]. 66 Siehe APCF, 261 J 2 / 18, Comité central, réunion du 29 et 30 octobre 1947 à Paris, 120 rue Lafayette [Zentralkomitee, Sitzung am 29. und 30. Oktober 1947 in Paris, 120 Rue Lafayette]. 67 Siehe ASCGIL, Organi dirigenti, Comitati direttivi [Führende Organe, Vorstände], vol. V, verbale del 28–30 dicembre 1947, [Bd. V, Protokoll vom 28.–30. Dezember 1947]. 68 Siehe FIG-APCI, Comitato Centrale [Zentralkomitee], 11–13 novembre 1947, Busta 039, Fascicolo 537. 69 Siehe FIG-APCI, Fondo Mosca, Materiali Cominform [Moskauer Bestand, Material zum Kominform], Busta 192, Fascicolo 03989. 70 Siehe Documento n. 18: Resoconto del colloquio tra Zdhanov e Secchia [Bericht über das Treffen zwischen Ždanov und Secchia], 12. Dezember 1947, in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 9), S. 279. 71 Siehe Documento n. 19: Sulla tattica del Partito comunista italiano nel periodo attuale [dicembre 1947], ebd. (Anm. 25), S. 282. 72 Siehe FIG-APCI, Fondo Mosca, Materiali Cominform [Moskauer Bestand, Material zum Kominform], Busta 192, Fascicolo 320-03988 / 03990, n. d. (ohne Datum). 73 Siehe Documento n. 20: Resoconto del colloquio tra Secchia e Stalin, in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 26), S. 289–293. 74 FIG-APCI, Comitato Centrale [Zentralkomitee], 11–13 novembre 1947, Busta 039, Fascicolo 538. 75 Siehe Documento n. 19: Sulla tattica del Partito comunista italiano nel periodo attuale [dicembre 1947], in: Gori / Pons: Dagli Archivi di Mosca (Anm. 25), S. 283 f. 76 Edward H. Carr: Two currents in World Labour, in: Foreign Affairs 25 (1946 / 47), H. 1 / 4, S. 72. 77 Jonathan Haslam: Soviet Policy towards Western Europe, in: George W. Breslauer / Philip E. Tetlock: Learning in US and Soviet foreign policy, Oxford 1991, S. 470. 78 Jonathan Haslam: Russian Archival Revelations and our understanding of the Cold War, in: Diplomatic History 21 (Frühjahr 1997), H. 2, S. 221. 79 Marc Lazar: La strategia del PCF e del PCI dal 1944 al 1947: acquisizioni della ricerca e problemi irrisolti [Die Strategie von PCF und PCI von 1944 bis 1947: Neue Forschungsergebniss und ungelöste Fragen], in: Elena Aga-Rossi / Gaetano Quagliariello (Hg.): L’altra faccia della luna. I rapporti tra PCI, PCF e Unione Sovietica [Das verborgene Gesicht des Mondes. Die Beziehungen zwischen PCI, PCF und der Sowjetunion], Bologna 1997, S. 85.

JHK 2010

»Das macht das stärkste Ross kaputt.« Willi Münzenbergs Abrechnung mit dem Apparat der Komintern und ein Moskauer Drehbuch für den Amsterdamer Kongress 1932

Reinhard Müller

Auch die neuere Forschung konnte die jahrelangen internen Querelen Willi Münzenbergs mit Moskauer Emissären und die Auseinandersetzungen mit Funktionären des Komintern-Apparats nicht ausreichend beleuchten. Dies ist nicht zuletzt dem immer noch mangelnden Zugang zu wichtigen Beständen des Komintern-Archivs geschuldet. Sowohl für eine Biografie Münzenbergs1 wie auch für die Rekonstruktion der von Münzenberg initiierten »Massenorganisationen« und Bewegungen, seines Verlags- und Zeitungsimpe­ri­ums sollten der Pjatnickij-Fond2 und die Dimitrov-Bestände3 im Russischen Staats­archiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI) herangezogen werden. Dabei liefern nicht nur die ausführlichen Berichte des Komintern-Emissärs Šmeral neue Einblicke in Münzenbergs Pariser Exil und die Politik der Volksfront,4 sondern auch die umfangreiche Kaderakte Münzenbergs5 und seine an Stalin gerichteten Briefe im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation. Dieses war der westlichen Forschung, wie auch das Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes, allerdings bisher weitgehend verschlossen. Im Moskauer »Sonderarchiv« blieben auch zahlreiche Münzenberg betreffende Dokumente des »Deuxième Bureau« von der Forschung ungenutzt. Sie wurden 1939 von der Gestapo in Paris beschlagnahmt und inzwischen teilweise wieder an Frankreich zurückgegeben. Ebenfalls 1939 in Paris beschlagnahmt wurde der Redaktionsbestand der von Münzenberg herausgegebenen Zeitschrift Die Zukunft, der sich jetzt im Moskauer Staatsarchiv für Literatur und Kunst findet. Das Berliner Archiv der Stiftung Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv enthält neben einer von Wilhelm Pieck in Moskau angelegten »Münzenberg-Akte«6 und den Nachlässen von Pieck und Ulbricht auch bereits 1988 / 89 ausgewählte Fotokopien aus dem Moskauer Komintern-Archiv.7 Für seine Münzenberg-Biografie8 nutzte Sean McMeekin in Moskauer Archiven allenfalls ausgewählte Bestände des RGASPI, die inzwischen auch bei comintern-online zugänglich sind.9 Diese selektiven Quellen liefern zwar wichtige Hintergründe zum »Moskauer Gold«, die über die verstreuten Hinweise von Babette Gross10 hinausgehen und dementieren allzu romantisierende Darstellungen des Münzenberg-Konzerns.11 Ausgeklammert werden dabei jedoch die politischen Differenzen mit der KPD-Führung, die Münzenbergs relative Autonomie und enge Anbindung an die Komintern permanent verfolgten. So sah sich Münzenberg nach der Ausschaltung von Heinz Neumann gezwungen, eine devote Unterwerfungs- und Kapitulationserklärung zu verfassen.12 Eine KPD-Kommission, der auch Herbert Wehner angehörte, untersuchte im November 1932 den eigenständigen Vertrieb von Zigaretten durch die Internationale Arbeiterhilfe (IAH).13 Ein durchsichtiger Vorwand, um Münzenbergs Autonomie gegenüber dem ZK einzuschränken. Während Münzenberg sich auf eine Abmachung mit »russischen Genossen« zur Steigerung des Tabakexports aus der Sowjetunion berief, hielt es Thälmann bereits für einen Skandal, dass »ohne unsere Zustimmung Bilder von Stalin, Molotow, Woroschilow, Thälmann, Klara Zetkin den Zigaretten beigelegt wurden«.14 Die »leidige Zigarettenfrage« und nicht etwa die faschistische Gefahr war Anlass für Münzenberg, einen vierseitigen Brief an Thälmann zu verfassen und ein ausführliches Memorandum anzukündigen.15 Nicht nur die internen Invektiven des ZK der KPD relativieren das öffentliche Bild Münzenbergs als mächtigen Medienmogul und nahezu autonom agierenden Impresario von Kongressen und Bewegungen. Sein überbordendes Selbstbewusstsein und sein rastloser Gründungseifer mussten zwangsläufig mit dem Apparat der Komintern-Bürokratie kollidieren. Viele Beobachtungen von Babette Gross finden in dem hier abgedruckten Beschwerdebrief Münzenbergs an den Sekretär des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) Osip Pjatnickij16 ihre Entsprechung (siehe Dokument 1). McMeekins Meinung, dass Paris Münzenberg 1933 als Himmel auf Erden erscheinen musste, wird jedoch durch diesen Brief dementiert.17 Die in Dokument 2 von der Komintern im Befehlston abgefassten »Direktiven für die innere Kommission für die Leitung des Antikriegsprozesses« geben Aufschluss über die politischen Vorgaben, organisatorischen und personellen Anweisungen der Politkommission des EKKI und des Komintern-Apparates für den Amsterdamer »Weltkongress gegen den imperialistischen Krieg« (1932). In seinem Brief an Pjatnickij (siehe Dokument 1) beklagt sich Münzenberg, dass er zwar die Initiative für den Kongress entwickeln durfte, aber schnell durch »faktische Sekretäre« wie Alfred Kurella von allen Sitzungen und Entscheidungen ausgeschlossen wurde. Als Gebrauchsmuster findet sich diese Komintern-Direktive in zahlreichen kommunis­tisch dominierten Kongressen und Friedensbewegungen18 wieder bis hin zum »Weltkongress der Kämpfer für den Frieden« (1949) und zum »Krefelder Appell« (1984). Kongresse, Appelle und Bewegungen wurden scheinbar überparteilich inszeniert, und als Aushängeschilder dienten jeweils gutgläubige Prominente und langjährige »fellow traveller«, die ins Präsidium des Kongresses gewählt werden sollten. Die eigentlichen Entscheidungen wurden jedoch von einer »inneren Kommission« und der »geschäftsführenden Kommission« vorbereitet und gefällt. Bei der Besetzung der »geschäftsführenden Kommission« galt es, »unbedingt« die Mehrheit zu sichern. Die personelle Zusammensetzung des vom Kongress zu wählenden »ständigen Komitees« sollte von der »inneren Kommission« ebenso bestimmt werden wie das zukünftige Sekretariat eines Büros. Durch die »vollendete Meis­terschaft der Inszenierung« (Babette Gross) sollten sowohl die Finanzierung wie auch die politische Instrumentalisierung durch die Moskauer Komintern abgeschirmt werden. Eine Inszenierung, die auch in den Berichten an die Moskauer Auftraggeber ausführlich als Weltbewegung beschrieben wurde.19 Kritische Zeitgenossen hinterfragten diese Inszenierungen jedoch, und dies kann nun auch durch Einsicht in die hier abgedruckten Dokumente geleistet werden.20 Dokument 1 Brief Willi Münzenbergs an Osip Pjatnickij21 20. Juli 1933 Lieber Genosse! Diesen Brief wollte ich vor zwei Jahren schreiben, dann vor einem Jahre, dann bestimmt vor drei Monaten. Ich habe es immer verschoben, da ich im Allgemeinen vom Briefeschreiben nicht viel halte. Aber jetzt, wo durch meine lange Abwesenheit von dort22 sich verschiedene Fragen gehäuft haben, wo ein Freund fährt, dem ich den Brief mitgeben kann und wo ich mich an die Vorwürfe von Lenin am III. Kongress erinnere, dass ich ihm nicht früher geschrieben habe, entschloss ich mich, Ihnen diesen Brief zu senden. Ich kenne niemanden außer X23, dem ich einen solchen Brief schreiben würde und von dem ich die Gewissheit habe, dass er ihn so entgegennehmen wird, wie er gemeint ist. Irgendjemanden24 in der Welt muss man einmal ohne Reserve und Zurückhaltung seine Meinung sagen können. Das können für mich nur Sie sein. In diesem Briefe will ich nichts schreiben über allgemeine und ideologische Fragen und nicht über taktische Probleme der kommunistischen Bewegung. Sie wissen, dass ich gerade in taktischen Fragen sehr oft differenziert25 habe von der Leitung der kommunistischen Partei, aber auch – ich erinnere nur an die Jugendfrage im Jahre 1921 – von der Komintern.26 Trotz dieser Differenzierungen in taktischen Fragen war für mich, seitdem ich im Jahre 1914 mit der Leningruppe in der Schweiz zusammenging, die Disziplin und die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe das ausschlaggebende und wird es bleiben. Ich bin heute mehr denn je von der Richtigkeit meiner Auffassung in der Jugendfrage im Jahre 1921 tief überzeugt. Ich bin gewiss, dass die Ablehnung meiner Linie damals – nicht vom Jugendkongress, denn dort hatte ich ja bekanntlich die Mehrheit, sondern von der Politkommission – und besonders die in den darauf folgenden Jahren außerordentlich extreme, doktrinäre, dogmatische, steife, starre, formale Propaganda wesentlich daran Schuld ist, dass die breiten Massen der Jugendlichen, die wir während des Krieges gesammelt hatten, der kommunis­tischen Bewegung verloren gingen und dass sie dem Nationalsozialismus und dem Chauvinismus als leichte Beute zufielen. Es ist charakteristisch, dass in Deutschland diejenigen, die am häufigsten übergegangen sind und von der chauvinistischen Welle mitgerissen wurden, Jugendliche sind, während es umgekehrt während des Krieges die Jugend war, die sich zuerst gegen den Krieg sammelte und wirklich große Massenbewegungen, wie z. B. bei den internationalen Jugendtagen durchführen konnte. Ich bin tief überzeugt, dass der damalige Knick in der proletarischen kommunis­tischen Jugendbewegung viel Schuld an diesem Verlust der Jugend für den Kommunismus trägt, denn was wir heute in den westeuropäischen Ländern haben, sind nicht mehr als die kümmerlichen Ansätze. Das war für mich die herbste Enttäuschung meines Lebens, die Lenin zu mildern versuchte, indem auf sein persönliches Eingreifen ich in der Jugendexekutive verblieb und mit der Gründung der IAH betraut wurde.27 Ich erinnere nur an diese Stunden, die mich politisch und seelisch am schwers­ten trafen, weil ich damals keine Minute geschwankt habe in meiner restlosen Verbundenheit mit der bolschewistischen Partei und mit Moskau. Ich habe wegen dieses schlimmsten Schlages, der mich treffen konnte, in diesen Stunden nicht eine Minute den Kopf hängen lassen und bin, wie Sie wissen, losgegangen, um die Hilfsaktion für die Wolgadeutschen zu organisieren. Das wird immer so sein. Auch in den letzten Jahren habe ich wiederholt in taktischen Fragen stark differenziert. Es gibt dort verschiedene Freunde, die vorübergehend, hauptsächlich 1929 / 30 in Deutschland waren, die mir bestätigten, dass ich die faschistische Entwicklung in Deutschland signalisiert habe. Sie werden sich erinnern, dass ich bereits im Jahre 1923 ein besonderes Büro mit einer besonderen Zeitung28 zum Studium der nationalsozialistischen Fragen geschaffen hatte und diese Frage gestellt habe. Ich habe hier differenziert besonders mit meinem mir kameradschaftlich sehr nahe stehenden Freunde H. N.29, aber auch mit der parteioffiziellen Terminologie, wie sie besonders in der Tagesagitation zum Ausdruck kam und dies speziell um die Jahreswende 1933, wo gesagt wurde, dass die national-sozialistische Gefahr für Deutschland überwunden sei. Besondere Differenzen bestanden, wie sie wissen, in der Frage der Massenpropaganda und der Mittel und Methoden einer solchen Propaganda. Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass ich in diesen Auffassungen absolut und hundertprozentig Recht gehabt habe. Die sonst erfindungsreichen Propagandisten des Dritten Reiches greifen auf die »Welt am Abend«, auf die »AIZ« [Arbeiter-Illustrierte-Zeitung], auf unsere Filmbeispiele zurück, auf die Art und Methoden, wie wir unsere Feste und Massenaktionen organisiert haben, die mir in parteioffiziellen Kreisen den Verruf des amerikanischen Schreiers eingebracht haben. Ich erinnere mich mit einer außerordentlichen Dankbarkeit, dass Sie es waren, mit wenigen Freunden dort, die mir überhaupt diese Arbeit ermöglicht hatten, aber an Ort und Stelle musste ich diese Arbeit gegen den Widerspruch und die Erschwerung der offiziellen Partei und ihres Apparates durchführen. Ihnen kann ich sagen, dass ich in den ersten Stunden nach der Reichstagsbrandgeschichte, aber besonders nach den Lobeshymnen auf die unvergleichliche Propagandatätigkeit von Goebbels und Konsorten geradezu eine körperliche Wut darüber empfand. Ich fühlte, dass, wenn man mir nicht Steine in den Weg geschmissen hätte, mir die Freiheiten in den eigenen Reihen gegeben hätte, die die nationalsozialistischen Propagandisten in ihren Reihen haben, ich mich jeden Tag mit ihnen gemessen hätte und bereit bin, mich morgen mit ihnen zu messen. Ich habe mich bei all diesen taktischen Differenzen, die seit 1921 gewesen sind, ständig unterworfen, nicht pro forma und mit leeren Beteuerungen, sondern: die Mehrheit hatte entschieden, die Linie ist eine andere, als ich glaube, dass sie sein muss, und ich habe, das muss Freund und Feind in der Bewegung mir zugeben, diese meine Meinung zurückgestellt und mich immer mit ganzer Kraft für die aktive Arbeit eingesetzt. Ich weiß sehr gut, dass ich mich in verschiedenen Fragen geirrt habe und dass ich in anderen Fragen, wie z. B. in der Jugendfrage, der Frage der Einschätzung des deutschen Faschismus, der Frage der Mittel und Methoden der Massenarbeit, Recht habe, aber über alle diese Fragen stand bei mir, steht bei mir, und wird bei mir immer stehen die zügelloseste Arbeitsgier in der Bewegung und ich schreibe diesen Brief an Sie, lieber Genosse, heute nicht, um Ihnen irgendwelche Bedenken oder Bauchschmerzen über politische und taktische Fragen mitzuteilen, sondern ich wende mich heute an Sie als einen Freund, vielleicht den objektivsten und deshalb gerechtesten Freund seit Lenins Tod, weil heute Zustände bei uns einzureißen drohen, die einfach die Arbeit, unberücksichtigt von taktischen Einstellungen, die rein praktische Arbeit für die Bewegung drohen unmöglich zu machen. Ich weiß nicht, ob Sie in einer ruhigen Stunde die Möglichkeit hatten, die Entwicklung der Kaders und der einzelnen Personen in der KI [Komintern] seit 1919 an sich vorüberziehen zu lassen, wie ich das auf meinen Irrfahrten von Deutschland nach hier getan habe. Dabei drängte sich bei mir die Feststellung auf, dass wir, und dies besonders in den letzten Jahren, eigentlich keine starken, aus der Jugend emporgewachsenen Persönlichkeiten entwickelt haben, weder auf dem theoretischen noch auf dem politischen Gebiete, noch auf den Gebieten der Agitation, der Organisation und der Propaganda. Ich glaube, und zu dieser Feststellung kommt eine Überprüfung meiner Tätigkeit – bei der größten Ruhe und bei der größten Nüchternheit – dass die Schuld nicht nur darin liegt, dass nicht genügend starke Persönlichkeiten vorhanden sind, die sich entwickeln könnten, sondern auch daran, dass, vielleicht ohne Ihr Wissen, und davon bin ich sogar überzeugt, dass diese Tatsache mit bedingt wird durch die Schwere und besondere Kompliziertheit des Apparates. Darüber will ich heute schreiben, und wenn ich dabei meine eigenen Erfahrungen besonders mitsprechen lasse, dann nicht, weil ich meine Frage für eine interessante Frage halte – auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an und auch nicht darauf, ob einer mehr oder weniger leisten darf, sondern deshalb, weil sie für mich die lebendigste ist und weil ich weiß, dass das wirklich ist, was ich schreibe. Aber ich wiederhole, dass das, was ich erlebt habe und woran ich seit Jahren leide, keine Frage von mir ist, sondern eine Frage von hunderten und hunderten kräftiger, talentierter, arbeitswilliger, begeisterter und bis zum Tode treu ergebener Genossen der kommunistischen Bewegung. Deshalb schreibe ich Ihnen diesen Brief und deshalb schildere ich Ihnen einige meiner Erlebnisse und Erfahrungen. Ich schreibe Ihnen, weil ich hoffe, dass diese Schilderung mithelfen wird, eine Überprüfung der Arbeitsweise unserer Bewegung vorzunehmen und um hunderten, zur Arbeit drängenden Genossen eine gewisse Bewegungsmöglichkeit in der Entfaltung einer eigenen Initiative zu geben. Ich will nicht alle Fälle aufzählen und alle Erlebnisse, die ich gehabt habe, um diese These zu beweisen, dass die Schwere des Apparates und die Art, wie er arbeitet, nicht die Initiative fördert, sondern sie ihn lähmt und tötet und damit auch die Bewegung schädigt. Ich will nur einige dafür klassische Beispiele für diese meine These schildern. Die antiimperialistische Liga. Die ersten Vorschläge zur Schaffung dieser Liga reichte ich Ihnen um die Mitte des Jahres 1926 ein. Die ersten Vorschläge wurden sehr skeptisch und zurückhaltend beurteilt. Ich entwickelte eine eigene Initiative, ohne, das gestehe ich heute, besondere Vollmachten und Mandate dazu zu haben. Erst nachdem sich im Winter 1926 die Konturen des kommenden Kongresses abzeichneten, wurde festgestellt, dass ich mit einer Unterstützung von dort rechnen kann und später wurden mir auch Helfer und Ratgeber zur Verfügung gestellt. Nachdem schon alles organisiert, alles vereinbart war, nachdem indische Delegierte sich zum ersten Male mit Vertretern der europäischen Arbeiterbewegung treffen wollten, nachdem eine Delegation von China unterwegs war und andere Delegierte ihre Reise angetreten hatten, kam plötzlich die Order, den Kongress zu verschieben.30 Ich gestehe, dass ich damals diese Order nicht befolgt habe und durchgesetzt habe, dass der Kongress zur festgesetzten Stunde eröffnet und durchgeführt wurde. Der Besuch und Verlauf des Kongresses in Brüssel war so überwältigend, dass ich damals nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, sondern dass man später festgestellt hat, dass diese Linie richtig war. Der Kongress war ein großer Erfolg. Damit war die ganze Frage der Kolonialpropaganda und der antiimperialistischen Propaganda im Weltmaßstab aufgerollt. Auf dem Kominternkongress wurde das untersucht und bestätigt und das wurde auch festgestellt und bestätigt in andern Resolutionen. Es ging nur ungefähr ein halbes Jahr und dann wurde durch irgendwelche Einflüsse des Apparates die zentrale Stellung, die ich von den ersten Initiativschritten bis zum Kongress hatte und eine kurze Zeit nach dem Kongress hatte, aufgehoben. Ich wurde nicht gerade abgesetzt, aber ich war jetzt nur noch ein Teil, einer von Vieren oder Fünf, die damals dafür bestimmt worden sind. Da ich auch noch andere Arbeiten zu erfüllen hatte, war es mir unmöglich, mich in tägliche Kämpfe mit den zur Leitung bestimmten Freunden einzulassen und meine Arbeit in dieser Liga musste verkümmern. Es kam der Frankfurter Kongress, eine letzte große Demonstration der Liga. Die Durchführung dieses Kongresses führte zu einer weiteren Verschärfung der Auffassung über die Leitung der Liga und nach dem Frankfurter Kongress war ich wohl noch formal Generalsekretär, aber faktisch, wie Sie wissen, dies nur noch dem Namen nach. Die faktischen Sekretäre wurden geschickt, ohne dass man mit mir gesprochen hatte. Diese Sekretäre haben dann in der Liga gearbeitet, ohne mich zu fragen, ohne sich mit mir zu verständigen, sie haben politisch, organisatorisch und finanziell disponiert wie sie wollten, sie erhielten sämtliche Zuschriften, sämtliche andere Zustellungen31 usw.. Sie haben mich wiederholt gestellt wegen meiner Liga, einer Organisation in der ich seit 1929 nichts mehr beeinflussen konnte. Erst als man die Wirkung dieser Sache sah, entschloss man sich im Januar 1933 den Zustand von vor dem Brüsseler Kongress wieder herzustellen und mich allein dafür verantwortlich zu machen. Es war zu spät, die deutschen Ereignisse kamen, und ich ging hierher. Man hatte mir dort Instruktionen, Hilfe und jede Unterstützung versprochen, man hatte das nicht gehalten. Ich habe dann vorgeschlagen, das ganze Sekretariat zu verlegen, man hatte dem zugestimmt, ohne dann aber das neue Sekretariat in die neue Lage zu setzen, seine Arbeit aufzunehmen. Aber auch hier hatte man wiederum beschlossen gehabt, ich bleibe Generalsekretär und nur das faktische Sekretariat32 geht nach England, ich hatte wiederum gebeten, überhaupt von dieser Arbeit befreit zu werden oder aber solche Voraussetzungen zu schaffen, dass seine Initiative entwickelt und wirklich fruchtbare Arbeit entfaltet werden kann. Diesem Vorschlag hat man geglaubt nicht zustimmen zu können, es kam nun diese Teilung wieder: drüben gelte ich weiter als Verantwortlicher, in Wirklichkeit habe ich gar nichts mit der Sache zu tun. Derartige Zustände halte ich für ungesund und für die Bewegung schädlich. Eine Einzelheit, die aber typisch ist. Im Herbst 1932 hatte ich vorgeschlagen und den Plan eines Antikriegskongresses in Shanghai entwickelt. Sie erinnern sich, dass zuerst wenig Interesse vorhanden war und dass erst, nachdem Barbusse mit einem Freunde gesprochen hatte, das Interesse wesentlich wuchs und entsprechende Beschlüsse gefasst wurden. Durch verschiedene Faktoren hat sich dann, die ursprünglich im Frühjahr geplante Reise bis in die letzten Wochen verschoben. Vor vier Wochen wurde in der strengsten Weise gefordert, die rascheste Beschleunigung dieser Delegation nach Shanghai und eine besondere Verpflichtung, ein englisches Mitglied zu gewinnen, das nun ja auch mitgefahren ist. Ich habe alles getan, um diesen Mann zu gewinnen und auf Grund von verschiedenen Erfahrungen, die der Mann in unserer gemeinsamen Arbeit machte, gewann er ein starkes persönliches Vertrauen, gab schließlich dem Vorschlage nach und erklärte sich zur Mitfahrt bereit. Ich telegrafierte, dass unter den Verhältnissen in China, die besonders in den letzten Wochen außerordentliche Veränderungen erfahren hatten, es ratsam sei, gewisse Vorbereitungen zu treffen und erhielt als Antwort, dass diese Vorbereitungen nicht erforderlich seien, dass alle Maßnahmen getroffen sind und dass die Leute abfahren können. Ich drahtete, dass die Leute sich in mehreren Sitzungen zusammengefunden hätten, dass ein Programm aufgestellt sei, und dass sie am 14. Juli abfahren würden. Zwei Tage vor diesem Abreisetermin erhielt ich plötzlich aus heiterem Himmel ein Telegramm: nicht fahren. Das Telegramm ist gleichzeitig an zwei weitere Freunde gerichtet, um das kategorische der Forderung zu unterstreichen. Die Leute, besonders der englische Freund waren unterdessen in Marseille. Ich telegrafiere »Wir schicken Vaillant.«33 Wir teilen mit, dass auf Grund der chinesischen Verhältnisse die Reise verschoben werden müsse. Der englische Freund setzte sich telefonisch mit den japanischen und chinesischen Gesandtschaften in Verbindung, die ihm beruhigende Erklärungen und Erklärungen für die Sicherheit der Delegation geben. Die Delegation beschließt zu fahren. Ein Tag nach ihrer Abreise kommt ein Telegramm, in dem mitgeteilt wird, dass, wenn die Leute Visen haben, sie abfahren können. Warum um alles in der Welt musste durch dieses Durcheinander das kaum geschaffene Vertrauen zwischen diesem Manne, uns und besonders mir, gefährdet werden. Aber genug mit der Liga. Den Zustand der Organisation kennen Sie und die Tatsache, dass wiederholt über ihre Liquidation gesprochen wurde, enthebt mich jeder weiteren Feststellung. Was ich hier feststellen muss ist, dass mir seit 1929 effektiv und faktisch die Möglichkeit genommen war, die Initiative zu entwickeln, die ich einsetzen konnte, um die Organisation im Jahre 1927 zu schaffen. Ein anderes Beispiel, das noch näher liegt: die Amsterdamer Antikriegsbewegung.34 Die ersten Vorschläge habe ich eingereicht im Frühjahr 1932. Gleichzeitig organisierte ich den Aufruf ›Romain Rolland und Henri Barbusse‹. Die Sache kam in Fluss. Bis kurz vor dem Kongress hatte ich die Vollmachten und es war möglich eine solche Initiative zu entwickeln, dass es zu dem Kongress kam, den Sie kennen. Kurz vor dem Kongress, einige Wochen vorher, wurde die Initiative gefesselt. Man gab mir eine Kommission. Diese Kommission beschloss gegen meinen Protest nach Amsterdam zu gehen. Dafür dass ich mich als einziger damals der Mehrheit fügte, wollten Sie mir später das bekannte Telegramm schicken. In Paris wäre der Kongress doppelt so stark gewesen und hätte eine dreifache Wirkung gehabt, aber auch in Amsterdam wurde er zu dem stärksten Einheitskongress, den wir seit Kriegsende hatten. Bis zum Kongress selbst konnte ich noch eine relativ eigene Initiative entwickeln. Nach dem Kongress war damit Schluss. Ich wurde, wie sich dort ein Freund ausdrückte, »einer der Berater«, das Schwergewicht wurde auf andere Freunde gelegt und andere Freunde wurden mit der internen Leitung bestimmt. Trotzdem macht man mich, – freilich, ohne mir das offiziell mitzuteilen, sodass ich noch nicht einmal dagegen protestieren kann, – für die verschiedenen Entwicklungsphasen in der Amsterdamer Antikriegsbewegung verantwortlich. Ein hierher zurückgekehrter Freund unterrichtete mich u. a. davon, dass dort geraunt wird, dass ich Schuld sei an der plötzlichen Namensänderung der Bewegung und an der Zusammenlegung der antifaschistischen und der Antikriegskomitees.35 Ich nehme an, dass alle beteiligten Freunde, wie Barbusse, Jerram36 und Kurella37 nicht zögern werden, einer derartigen Verdrehung und Entstellung der Tatsachen entgegenzutreten. Ich stelle fest, a. dass ich, seitdem ich hier bin, höchstens zu 2 bis 3 Sitzungen zugezogen wurde und da diese Sitzungen keine Resultate gezeitigt haben, hat man kein Verlangen, solche Sitzungen zu forcieren. b. dass mich niemand gefragt hat, niemand meine Einwilligung eingeholt, niemand mit mir gesprochen hat, über die Namensänderung der Amsterdamer Bewegung und dass die Namensänderung ohne mein Zutun von dem Sekretariat der Amsterdamer Bewegung beschlossen wurde, dem ich nicht angehöre. c. Dasselbe trifft zu für die Beschlüsse über die Zusammenlegung der antifaschis­tischen- mit den Antikriegskomitees.38 Niemand hat mich gefragt, niemand hat mich informiert. Ich war selber so überrascht, wie jemand in Berlin, drüben oder in New York. Das ist die Tatsache, das ist die Wahrheit. Trotzdem lässt man dort aus leicht erkenntlichen, vielleicht fraktionellen Gründen Gerüchte verbreiten, dass ich der große Schieber hinter den Kulissen bin, und diese ganze Sache von mir geschoben sei. Es hat keine Sitzung stattgefunden, zu der ich eingeladen war, die sich mit der Jugendfrage beschäftigt hat. Trotzdem erhielt ich ein Telegramm, dass der Jugendkongress auf den 1. Oktober verschoben werden muss. Ich war nie zu einer Sitzung hinzugezogen, wo über den Jugendkongress verhandelt und wo über die Frage des Termins gesprochen wurde. Man beschließt dort Personenänderungen, man ändert die zentrale Figur, man schaltet die alte zentrale Figur, die den Kongress gemacht hat, aus, und plötzlich, ein halbes Jahr später, macht man die gleiche Figur verantwortlich für alles, was irgendwo geschehen ist. Das sind ungesunde Methoden, die die Arbeitsentwicklung hemmen und zerstören müssen. Ein anderes Kapitel: der Antifaschistische Kongress. Ende März erhalte ich Nachricht, erreicht mich der erste Brief mit der Mitteilung über die Organisierung des Antifaschistischen Kongresses, ein wüster, unerhörter unqualifizierter Schimpfbrief, wie ich ihn in meinem Leben noch nicht erhalten habe. Einige Wochen später habe ich eine heftige Auseinandersetzung mit dem für die Organisierung des Kongresses verantwortlichen und damit beauftragten Genossen K.39 mit dem Resultate, dass nicht nur ich, sondern eine große internationale Organisation von jeder weiteren Mitarbeit an dem Kongress ausgeschlossen wird. Es ist schon ein Skandal, dass wegen einer Auseinandersetzung, bei der mir, wie ich heute noch tief überzeugt bin, das bitterste Unrecht seit Jahren geschehen ist, ich als einer der bekanntesten Antifaschisten, der von der deutschen Bourgeoisie mit Recht oder Unrecht, als einer der stärksten Träger des antifaschistischen Kampfes und als aktiver Kämpfer gegen den Faschismus in der Presse bezeichnet und verfolgt wird, vollkommen ausgeschaltet bin von jeder Sitzung, ausgeschaltet bin von jeder Besprechung, sogar von der Teilnahme am Kongress, so ist es ein unverzeihlicher politischer Skandal, dass eine Organisation wie die IAH, nur deshalb, weil ich ihr Sekretär bin und mit einem der Organisatoren des Antifaschistischen Kongresses eine Auseinandersetzung hatte, auf dem Kongress wie Dreck behandelt wurde. Alle andern Organisationen hatten Redner, durften den Kongress offiziell begrüßen, der IAH wurde das verweigert. Für die andern Organisationen wurden Resolutionen angenommen, für die IAH wurde das verweigert. In den angenommenen Beschlüssen spielt eine Hauptfrage die Organisierung von Streiks gegen den Faschismus und die Unterstützung dieser Streiks, eine Aufgabe, die eine spezifische und historische Aufgabe der IAH ist. In den Thesen davon kein Wort, wird der Name der IAH nie erwähnt, während die Rote Hilfe mehrmals erwähnt ist. Die IAH wird zu keiner internen Sitzung oder andern Sitzungen hinzugezogen. In den Körperschaften sind Vertreter der verschiedensten Organisationen. Die R. H. [Rote Hilfe] hat allein 3 oder 4. Die IAH ist weder im erweiterten noch im engeren Ausschuss vertreten. Alle politischen Gründe, alle Beschlüsse der Komintern und ihrer Kongresse verpflichten alle Organisationen und alle Genossen für die größte und stärkste Unterstützung der IAH, und wegen einer persönlichen Auseinandersetzung wird geduldet, dass an dem entscheidenden Schnittpunkt der kommunistischen Tätigkeit und Aktion im antifaschistischen Kampfe durch einen Mann diese Organisation vollkommen ausgeschaltet wird. Lieber Genosse, das sind Methoden, die ungesund, die unerträglich sind und nicht nur jede Arbeitskraft des einzelnen zerstören, sondern die Bewegung überhaupt und auf das Schwerste politisch und in ihrer Entwicklung schädigen. Und doch geschieht es, und niemand korrigiert es das, und eine derartige Sache reiht sich an die andere. Ein anderer Fall. Auf meine Anfrage im Januar teilen Sie mir mit: bleiben bis zur letzten Stunde, vorbereiten die Übersiedlung und dann draußen weiter arbeiten. In den entscheidenden Tagen steigert die faschistische Presse ihre Hetze gegen mich ins Maßlose. Ich bin in Süddeutschland. Ich versuche mich zu halten, solange das möglich ist. Die faschistische Propaganda macht mich verantwortlich für die ganzen angeblichen Provokationsdokumente, für Brunnenvergiftungen, Geiselmorde und der Teufel weiß noch wofür. Ich bin verantwortlich für die Überführung wichtiger Organisationen und Unternehmungen. Ich entschließe mich nach der Überführung auf den Frontabschnitt zu gehen, den Sie bestimmen. Ich gehe also nach dem Ausland, so schwer wie ich selten einen Weg gegangen bin, trotzdem mir alle Vernunftgründe sagen, es ist richtig, das Gefühl sträubt sich dagegen. Ich kann nicht, das Gefühl wird immer wieder lebendig; die andern sind drüben, du bist hier. Ich finde nur ein Mittel, um darüber hinwegzukommen: die fieberhafteste, gesteigertste Arbeitsleistung, die nur möglich ist. Ich versuche das Maximum von Agitation zur Unterstützung unserer deutschen Freunde zu organisieren, ich versuche die ins Ausland geflüchteten Leute zusammenzufassen. Es ist niemand hier außer mir. Ich versuche Komitees zu schaffen, Geld aufzubringen, weil niemand dazu die Hände rührt und es gelingt tatsächlich, die erste Welle von draußen zu erzeugen. Da nach wenigen Wochen, kommen die Kommissionen, die Unterkommissionen, die Subkommissionen, die Beauftragten, die Unterbeauftragten, stellen fest, dass die Initiative natürlich gut sei, aber man darf sie nicht ausüben. Initiative wird in Resolutionen gefordert, aber man darf sie nicht entwickeln, wenn die kompetenten Stellen sie nicht entwickeln. Im ersten größten Aufschwung der Bewegung funkt man dazwischen, zerstört hunderte von Verbindungen, verbietet weitere Initiative, beschwert sich, droht mit Verfahren, richtet Briefe nach dort40, sendet Kuriere nach dort, telegrafiert jeden Tag, dass hier ein Mensch sitzt, der zuviel arbeitet und zuviel Initiative hat. Typisch dafür ist das Geschick des Versuches, nichtproletarische Kreise für die finanzielle Hilfeleistung zu organisieren. Für mich war es von der ersten Stunde klar, dass es nur möglich war, größere Geldmittel aus nichtproletarischen Kreisen zu schaffen, genau wie 1921 für Rußland, später für den englischen Bergarbeiterstreik usw.. Mein strategischer Plan ist, um einen proletarischen Kern breite Gruppen von Intellektuellen, Kleinbürgern, Mittelschichten usw. zu gruppieren. In einem Lande finde ich Verständnis und Unterstützung: England. Es gelingt das nach meinem Verständnis vorbildlichste Hilfskomitee für die Opfer des Faschismus zu schaffen. Das Komitee hat bis jetzt außergewöhnlich gute Propaganda entwickelt, veranstaltet Riesenkundgebungen, wie sie seit dem Generalstreik nicht mehr waren, hat eine ganz große Presse »Manchester Guardian«, »Daily Herald« u. a. beeinflusst, die Demonstration gegen Rosenberg41 organisiert und veranlasst die Interpellationen im Oberhaus und Unterhaus, gibt als erstes Komitee Geld aus dem Lande nach Deutschland, hat bisher rund 80.000 ffrs. aufgebracht und ist nach den Erklärungen von Pollitt42 eine außergewöhnlich starke Hilfe für die Entwicklung der Einheitsfrontbewegung in England. In dieser gleichen Linie wurde versucht in Frankreich, in Holland, in andern Ländern zu arbeiten. Weil der Plan richtig ist, erheben sich wieder Widerstände. Teilweise wie in der Schweiz, wurde die Entwicklung einer solchen Arbeit vernichtet und unmöglich gemacht, aber dort wo wir diese Komitees nicht geschaffen haben, wurden sie auch von andern Organisationen nicht geschaffen. Der Kampf um die Komitees geht weiter, der Kampf darüber, wer helfen darf und wer nicht helfen darf und nimmt nahezu groteske Formen an.43 Die Vertreter der Partei verlangen mit Recht, mehr für die Kinder und mehr Kinder aus Deutschland herauszuholen. Wir gaben darauf an die Rote Hilfe 8.500.– ffrs., damit sie aus Deutschland Kinder schicken kann. Die von der Partei geforderte so nützliche Aktion, die sich auch für die Rote Hilfe nur günstig auswirken kann, wird beantwortet mit einem Protest nach drüben. Ich erhalte eine Mitteilung von Misiano,44 dass wir uns in solche Sachen nicht hineinzumischen haben. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ein anderer Fall: Wir erhalten Instruktionen und Befehle, dass in der Zeit vom 17. bis 25. Juni eine Sammelwoche der Roten Hilfe durchgeführt wird. Wir werden besonders darauf aufmerksam gemacht, dass wir mit allen Kräften die Rote Hilfe zu unterstützen haben und keine eigenen Sammlungen durchführen dürfen. Auf Grund dieser Instruktionen und nach den Verhandlungen der Dreier-Kommission schicken wir Instruktionen an unsere IAH-Organisationen, dass sie in dieser Woche keine eigenen Veranstaltungen machen, keine eigenen Sammlungen durchführen und dass sie die Rote Hilfe mit allen Kräften unterstützen sollen. Die IAH-Organisationen und Gruppen sammeln in dieser Woche auf den Listen der Roten Hilfe, verkaufen ihre Marken und Broschüren. Ich schicke diese Direktiven herüber. Man stellt fest, dass alles richtig ist. Plötzlich erhalte ich heute ein Telegramm, indem ich aufgefordert werde, innerhalb von 5 Tagen mitzuteilen, die Durchführung der internationalen Woche für die Opfer des deutschen Faschismus, mit den genauen Angaben der Sammelergebnisse, und welche Summen an die Rote Hilfe abgeführt sind, trotzdem bekannt ist, dass wir überhaupt keine Sammelwoche gemacht haben, sondern gemäß den Instruktionen und Befehlen die Rote Hilfe unterstützt haben, denn nur sie hat in dieser Woche für die deutschen Emigranten und Gefangenen gesammelt. Eine andere Frage: Der Gegen-Prozeß. Im März treffe ich hier den Freund M.,45 und der mir u. a. Ihren persönlichen Wunsch übermittelt, mit Hilfe von Romain Rolland einen Gegen-Prozeß zu organisieren. Ich nehme mich mit Eifer der Sache an. Es gelingt zehn der bekanntesten Juristen der Welt zu bekommen. Die ganze Presse wird aufmerksam. Der Gegen-Prozeß rückt in den Mittelpunkt des ganzen öffentlichen Interesses. Wiederholt wird das von drüben bestätigt. Genaue Instruktionen kommen. Es wird eine Dreier-Kommission von drüben eingesetzt, die intern alles führen soll. In dieser Dreier-Kommission wird alles bis auf die letzte Zeile und das letzte Flugblatt besprochen. Da bekommt die Rote Hilfe plötzlich ein Telegramm, einen gleichen Gegen-Prozeß wie in Haag in Paris zu organisieren. Die Leute müssen sich natürlich an die gleichen Juristen wenden und die Juristen halten uns entweder für wahnsinnig oder für Hochstapler. Und so geht das fort. Wir haben erreicht, dass in England, in Spanien, in Holland tausende führende Intellektuelle, die uns bisher absolut fern standen, zum ersten mal für eine Aktion gewonnen wurden und aktiv arbeiten und jeden Tag hat man nichts anderes zu tun als alle Angriffe abzuwehren, damit die Komitees nicht auseinander gehauen und zerschlagen werden. 90 % aller Kraft braucht man, um die Störungen abzuwehren und nur 10 % bleiben, um weiter nach draußen zu arbeiten. Das macht das stärkste Ross kaputt. So kann man nicht mehr arbeiten. Ein anderer Fall: Als erstes Komitee bringt das von uns geschaffene englische Komitee 300 Pfund auf. Wie eine Mär verbreitet sich diese Nachricht. Mit dem englischen Komitee sind alle Vereinbarungen getroffen, die garantieren, dass das englische Komitee vor der englischen Arbeiterschaft und Öffentlichkeit beweisen kann, dass die Gelder unparteiisch an Familien verhafteter Kommunisten und Sozialisten verteilt werden. Trotzdem kommt nach England eine Vertreterin der KPD mit Auftrage, das Geld zu holen. Wenige Wochen später, kommt die zweite Delegierte, Maria Reese mit dem gleichen Auftrag und behauptet, dafür auch ein Mandat der Politkommission zu haben. Wenige Tage später kommt die dritte Delegierte, die Frau von dem Roten Hilfe-Sekretär Koska, Berlin. Wenige Tage darauf kommt der zweite Sekretär der Roten Hilfe, Miller,46 der das Geld holen will. Es ist klar, dass auf diese Weise das stärkste Misstrauen lebendig wird und wertvolle Arbeit zerstört wird. Über die Finanzfrage der Komitees berichte ich separat. Es genügt hier festzustellen, dass die von uns geschaffenen Komitees bisher rund 100.000.– ffrs. aufgebracht haben, die restlos für ihre Aufgaben, die Unterstützung der politischen Gefangenen und Emigranten und große Teile davon über die Rote Hilfe eingesetzt wurden und werden. Wir haben in diesem Falle nicht 1% Organisationsspesen verrechnet, sondern alle Reisen, Delegationen, Apparatunkosten usw. auf unser Konto genommen und dafür rund 20.000 ffrs. Gelder der IAH-Kasse verwendet. Wir haben darüber der dafür von der Politkommission47 eingesetzten und für diese Frage einzig und allein verantwortlichen Kommission eingehend berichtet und ihr alle Unterlagen gegeben. Es bedeutet unabsehbaren Schaden, wenn trotz dieser klaren Verhältnisse, Kameraden wie Maria Reese48 in London die Sekretärin des Hilfskomitees fragt, ob ihr bekannt sei, aus welchen Mitteln die Angestellten der IAH in Paris bezahlt würden. Die parteilosen und sozialistischen Mitglieder des englischen Komitees, haben in scharfer Weise gegen die Anzapfung protestiert und Leute wie Ellen Wilkinson haben mit Betonung erklärt, dass sie Münzenberg für einen der gerissensten kommunistischen Macher halte, doch sei sie fest überzeugt, dass auch der letzte Schilling der gesammelten Gelder restlos für seine Aufgaben, also für die Opfer des Faschismus Verwendung findet. Die sozialistischen Führer müssen hier also unqualifizierte Angriffe von beauftragten Vertretern von drüben, zurückweisen. Genug. Je mehr ich schreibe, umso mehr Neues, geradezu unglaubliches Material fällt mir ein. Ich schenke es mir. Nur noch eine Sache. Der Kampf gegen die Unternehmen:49 Sie wissen, dass dieser Kampf mit einer Leidenschaft, mit einer Zähigkeit, und mit der Aufbietung von Parteienergien betrieben wurde, die wahrlich einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Ohne ihre Hilfe hätte man überhaupt diese Arbeit nicht machen können. Ich glaubte, dass wenigstens nach den Vorgängen in Deutschland der Kampf aufhören würde, wo unter den denkbar schwierigsten polizeilichen, finanziellen und organisatorischen Verhältnissen, mit Druckereien in zwei bis drei Ländern, mit außergewöhnlichen Transportschwierigkeiten, gearbeitet werden muss. Ich habe mich getäuscht. Der Kampf gegen die Unternehmen wird heute noch weiter geführt. Niemand kann dabei etwas gewinnen. Nur die Bewegung kann verlieren, aber man führt diesen Kampf nur, um zu beweisen, dass Münzenberg nichts Besseres leisten kann. Welche geradezu ungeheuerliche Schärfe dieser Kampf annimmt, darüber informiert Sie beiliegender Brief, den der Ihnen und besonders auch Bela K.50 bekannte radikale Schriftsteller von Brentano51 an einen Pariser Freund geschrieben hat. Die in diesem Brief gemachten Mitteilungen waren für mich so ungeheuerlich, das ich lange gezögert habe, den Brief weiterzugeben und ich gebe ihn erst heute weiter, nachdem ich von anderer Seite eine Bestätigung über die Richtigkeit der in dem Briefe aufgestellten Behauptungen erhalten habe, und meine Frau das in dem Brief erwähnte Zirkular selbst einsehen konnte. Aus diesem Briefe von Brentano ergeben sich folgende Tatsachen. Kurz nach dem Reichstagsbrand, haben die 3 Versöhnler52 Humbert-Droz, Otto Heller und Robert Volk53 den wegen trotzkistischen Abweichungen aus der Komintern ausgeschlossenen Tranquilli54 aufgesucht, der in Zürich mit Unterstützung sozialdemokratischer Kreise eine Monatsschrift »Information« herausgibt, und der unter dem Namen Silone einen ausgezeichneten geradezu vorbildlichen antifaschistischen Roman geschrieben hat. Die 3 Versöhnler haben Tranquilli erklärt, dass jetzt eine neue Welle kommt und dass sie an die Macht kommen. Von ihm haben sie die Zurverfügungstellung seines Blattes verlangt und ihm dafür versprochen, ihn in die Partei aufzunehmen und ihn in die neue italienische Leitung vorzuschlagen. Tranquilli hat zugesagt. Es sind mehrere Artikel von Heller unter einem Pseudonym erschienen und es ging ein Zirkular heraus von dem Vertreter des Kominternverlages an die Litstellen, dass in Zukunft nicht mehr »Unsere Zeit« vertrieben werden sollte, die mit der trotzkistischen »Weltbühne« auf eine Stufe gestellt wurde, sondern in Zukunft nur noch die »Informationen«. Bald aber kam es zum Krach. Heller versuchte Tranquilli von der redaktionellen Stelle zu verdrängen. Dann kam es zum Bruch. Tranquilli hat heute noch Artikel von Heller, die er unter Pseudonym geschrieben hat und die sich gegen die Gewerkschaftslinie der Komintern aussprechen. Nach dem Bruch proklamierten die Versöhnler den Boykott der »Information« und taten ihren Mitverschwörer Tranquilli in Acht und Bann. Die Universum-Bücherei, die u. a. Werke von Schiller, Heine und Goethe herausgebracht hat, hatte unterdessen den Roman Silones übernommen, der auch von dem Komintern-Verlag für andere Übersetzungen erworben wurde. Daraufhin organisierten die Versöhnler und der von ihnen beeinflusste Leiter der Parteilitstelle, Bickel in Zürich, ein offizielles Schreiben des ZK der Schweizerischen Partei, in dem gedroht wurde, einen Massenboykott gegen die AIZ durchzuführen und Anzeige bei der Komintern zu erstatten, wenn der Roman von uns vertrieben würde. Die schweizerische Partei und ihr Litvertrieb, ein Spielball bei den Manövern einer Versöhnlergruppe. Um das Durcheinander voll zu machen, kommt einige Wochen später ein Vertreter der KPD nach der Schweiz mit dem Auftrag, ein überparteiliches Komitee zu bilden. Der Mann ist begeistert, als er einen ausgezeichneten Mann gefunden hat, der über alle Intellektuelle verfügt, der das Zentrum einer solchen Bewegung sein könnte und sein muss: Silone. Also geschehen vor wenigen Wochen, im Jahre 1933 in der schweizerischen Sektion der KI. Ein anderer Fall: Wir führen den erbittertsten Kampf gegen die faschistische »Welt am Abend« und öffentlich und in der Presse gegen einen Verräter, der seine Sache mitmacht, um seine Wohnung zu retten. Wir strengen zivilrechtliche und strafrechtliche Prozesse an usw.. In diesem Moment erreicht uns die Nachricht, dass in Berlin eine neue »Arbeiter Bilder Zeitung« unter dem Namen »ABZ«55 erscheinen soll. Der ursprünglich geplante Name »AIZ« war von der Staatspolizei verboten worden, weil man dadurch eine Behinderung der Verfolgung der heute schon zu Tausenden nach Deutschland gebrachten wirklichen »AIZ« befürchtete. Diese Bilder-Zeitung ist eine ausgesprochen faschistische Bilderzeitung, genau wie die »Welt am Abend«, von den gleichen Hintermännern gemacht, von den gleichen faschistischen Staatsministern zugelassen. An dieser Zeitung arbeiten eine Reihe der besten Parteifunktionäre und Instrukteure vom Wedding mit, wie ihnen gesagt wurde, auf Beschluss des ZK der KPD. Alle unsere Versuche drüber Klarheit zu schaffen, eine Verständigung zu erreichen, ein gemeinsames Vorgehen zu sichern, sind gescheitert. Es ist klar, dass wenn es sich bewahrheiten sollte, wofür verschiedenes u. a. auch ein Bericht des Genossen Holm56 spricht, dass das ZK der KPD aus irgendwelchen Gründen seinen Funktionären erlaubt hat, mitzuarbeiten, und das begünstigt, dass dann unser Kampf gegen die faschistische »Welt am Abend« außerordentlich erschwert ist.57 Trotz aller Schwierigkeiten ist es uns gelungen, was Sie uns durch Ma.58 übermitteln ließen, einen großen Teil des »Konzerns« wieder aufzubauen. Die »AIZ« erscheint [in der] deutschen [Ausgabe] regelmäßig. Jetzt wird eine tschechische Ausgabe vorbereitet, in Frankreich erscheint 14 tägig »Regards«, vorbereitet wird eine Nummmer in Spanien. »Unsere Zeit« erscheint weiter, trotz des Zirkulars an die Litstellen und komm.[unistischen] Buchhandlungen in der Schweiz, mit einer Auflage von 6000. Vorläufig erscheint der »Gegenangriff«, dessen Auflage von Nummer zu Nummer steigt, die heute 16.000 erreicht hat. Der »Gegenangriff« wird ab 1. September wöchentlich erscheinen und zwar in 2 Ausgaben: der Ausgabe a), die in Paris gedruckt wird und die Ausgabe b), die in Prag gedruckt wird. Aber meine Hauptarbeit habe ich in den letzten Wochen und Monaten konzentriert auf die Mitarbeit bei der Herstellung eines »Braunbuches über Reichstagsbrand und Hitlerterror«.59 Das Buch ist jetzt in der Maschine, wird ca. 400 Seiten umfassen, in 8 Tagen ausgeliefert werden und in rascher Folge englisch in England und Amerika, französisch, holländisch, schwedisch und spanisch erscheinen. Das Buch hat sicher politische und literarische Schwächen, aber es ist einzigartig in der Zusammenstellung des Materials, das durch seine Fülle einfach erdrückt. Die Gegner reagieren heute schon. Der »Völkische Beobachter« hat seit einer Woche fortgesetzt Artikel dagegen gebracht, gegen einen der hauptbeteiligten Mitarbeiter, Otto Katz,60 erschien gestern ein Artikel mit einer unverhüllten und klaren Aufforderung zum Mord. Die größten englischen Blätter »Manches­ter Guardian«, »Daily Herald« und viele darüber hinaus, haben das Buch bereits vorangekündigt. Große Konferenzen haben stattgefunden und ich glaube, dass das Buch nicht nur ein starker literarischer, sondern ein noch stärkerer ideologischer Erfolg werden wird. Verschiedene Teile werden sofort als Massenbroschüre erscheinen. Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne mit einem Wort meine Stellung innerhalb der Partei zu präzisieren. Ich habe Ihnen persönlich vor ungefähr Jahresfrist die Erklärung abgegeben, und später wiederholt, dass ich mich nicht fraktionell betätigen werde. Sie haben mir geglaubt. Ich kann Ihnen heute nur sagen, dass ich mein Wort gehalten habe. Ich habe in einer neuen Erklärung Ende des letzten Jahres auf dem Z. K. als einen meiner Fehler festgestellt, dass ich zu lange geglaubt habe, durch Verhandlungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Spitze der Weddinger Parteizentrale vermitteln zu können. Ein Fehler, der mit verursacht wurde dadurch, dass ich durch Gespräche die ich mit verschiedenen Genossen, auch mit Teddy führte, die Meinung gewann, dass diese Verhandlungen nicht ungern gesehen werden. Ich habe, was Sie auch in Ihren Gesprächen mit mir als eine Selbstverständlichkeit bezeichneten, auch später noch meine Verbindungen und Korrespondenzen mit einzelnen Freunden aufrecht erhalten und ich glaube, dass ich ein wesentliches Teil dazu beigetragen habe, Entgleisungen von verschiedenen Freunden zu verhindern, die sie vielleicht noch weiter vom Zentrum der Parteiarbeit entfernt hätten, wie das heute schon der Fall ist. Lieber Genosse, der Brief ist länger geworden als ich ursprünglich disponiert und geglaubt hatte und ich habe ihn nach ungefähr 12 Seiten nur im Telegrammstil weitergeführt. Aber ich glaube, dass die wenigen Beispiele, die ich Ihnen so kurz gedrängt mitteilen musste, wiederholt sich hundertfach und in anderer Form bei anderen Genossen. Das beweist, dass irgendwie die inneren Arbeitsmethoden, das Verhältnis des Apparates zu den einzelnen Genossen, die Frage der Verantwortlichkeit, die Frage des Rechtes der Initiative, ich möchte sagen, der Pflicht zur Initiative festgestellt und geregelt werden müssen. Diese Arbeitsmethoden können nicht andauern. Dürfen nicht weiter bleiben, weil sie hunderte vielleicht tausende jüngerer, aktiverer, arbeitswilliger Kräfte einfach in der Entwicklung und überhaupt an einer fruchtbaren Arbeit behindern. Noch einmal: Es geht nicht um mich. Ich gebe nur diese Beispiele, weil ich sie selbst erlebt habe. aber da ich sehe, wer nachwächst, und sehe welche Persönlichkeiten auf den einzelnen Frontabschnitten wirken und schaffen, bin ich überzeugt, dass ähnliche schlechte Erfahrungen hunderte anderer Mitarbeiter machen. Deshalb schreibe ich Ihnen. Und ich will mit diesem Briefe weiter gar nichts bezwecken. Ich will keine größere Beachtung, als ich bisher gefunden habe. Ich will keine irgendwelche repräsentative Feststellung. Wenn ich auch nicht verstehe, dass Ihre Kommission der Zetkinschriften dort beschließt, dass ein kurzer Nachruf von mir, der in der ganzen Presse gestanden hat, von nur einer Druckseite, in einer Broschüre wegbleiben soll, die Klara nach letzten Besprechungen mit mir geschrieben hat und die in unserm Verlage erscheint. Aber das sind Kleinigkeiten. Das ist eine ganz sekundäre Sache. Ich möchte nur eines erreichen, dass mir und hundert andern, die arbeiten wollen und arbeiten können, die Möglichkeiten zur Arbeit gegeben werden. Dass sie alle ganz und mit aller Kraft für unsere Bewegung und für die proletarische Revolution arbeiten dürfen, ohne dass man versucht ihnen dreimal täglich die Knochen zu brechen. Mit dem Ausdruck der festesten und unverbrüchlichsten Waffenkameradschaft bin ich und verbleibe ich Willi [handschr.] P. S. Zu dem Kapitel »Antifaschistischer Kongress« noch ein kurzer Nachtrag. Es wurden drüben längere Ausführungsbestimmungen über die Zusammenarbeit der Amsterdamer und antifaschistischen Bewegung angenommen. Ich habe davon nur zufällig gehört. Trotzdem ich Mitglied der leitenden Fraktion der Amsterdamer Bewegung bin, wurden mir die Richtlinien nicht zugestellt. Es wurde darin beschlossen, dass gemeinsame Sitzungen zwischen diesen leitenden Fraktionen stattfinden. Ich wurde nicht eingeladen. Die eingeladenen Freunde des Amsterdamer Büros haben protestiert. Ich habe auch zur zweiten Sitzung keine Einladung erhalten. Dokument 2 Drehbuch der Komintern für den Amsterdamer Kongress (1932)61 6. 7. [1932] Streng vertraulich Direktiven für die innere Kommission für die Leitung des Antikriegskongresses. 1) Zur Leitung der kommunistischen Delegierten des Antikriegskongresses sowie des Kongresses selbst wird folgende innere Kommission eingesetzt: Ein Mitglied des Polbüros der K.P.D. als Vorsitzender (zu bestimmen ist vom Polbüro der KPD); Sekretäre: Münzenberg und Walecki; Mitglieder: zwei Mitglieder der Delegation aus der S.U.; Heckert (RGI), Duclos (Frankreich), Vertreter der KP Englands, der KP der Tschechoslowakei, der USA; De Visser (KP Holland), Helmuth (Vertreter der EBF), Braun (RGI). 2) Das Präsidium des Kongresses soll aus 76 Mitgliedern bestehen aus Vertretern der Literatur, der Wissenschaft, aus Arbeitervertretern, aus Vertretern der nationalen Komitees. Ins Präsidium soll eine entsprechende Zahl der Delegierten aus den kolonialen Ländern und Frauen und Jugenddelegierten gewählt werden. Das Präsidium soll eine geschäftsführende Kommission wählen, welche die Geschäfte des Kongresses in Verbindung mit der inneren Kommission führt. In der geschäftsführenden Kommission soll die Mehrheit unbedingt gesichert werden. In die geschäftsführende Kommission sollen ungefähr folgende Delegierte vorgeschlagen werden: Romain Rolland, Barbusse, Gorki, Tom Mann, Münzenberg, Beguschewitsch, Nejedli und zwei uns nahe stehende Arbeiter. 3) Kalendarischer Plan der weiteren Vorbereitung: Am 24. August Sitzung der inneren Kommission zur Führung des Kongresses; am 25. VIII. Sitzg. des offiziellen Büros des Initiativkomitees, am 26. VIII. Sitzg. des erweiterten Initiativkomitees mit den Vertretern der nationalen Komitees, Referentenbesprechung und Pressebesprechung; am 27. VIII. Eröffnung des Kongresses. Tagungszeit 27. und 28. VIII. 1932. Im Falle, dass es politisch und organisatorisch notwendig ist, kann die Tagung am 29. VIII. fortgesetzt werden. 4) Das Büro des Initiativkomitees soll vom 26. VIII. an eine zeitweilige Mandatsprüfungskommission in Amsterdam einsetzen, welche erst auf dem Kongress bestätigt wird. Die provisorische Mandatsprüfungskommission erteilt für gewählte Delegierte Mandate, für Einzelpersonen Legitimationskarten, die dann von der gewählten Mandatskommission gegen Mandate ausgetauscht werden. Die Parteien, deren Länder eine größere Anzahl von Delegierten schicken, sollen bis zum 26. VIII. einen Bevollmächtigten nach Amsterdam schicken, welcher nach Anweisung des Gen. Münzenberg der Mandatsprüfungskommission in ihrer Arbeit behilflich sein soll. Diese Direktive wird der K.P. Deutschlands, Frankreichs, der Tschechoslowakei telegrafisch mitgeteilt. 5) Es wird vorgeschlagen, dass der Kongress von Romain Rolland eröffnet und das Hauptreferat von Henry (!, R. M.) Barbusse gehalten wird. Als erster Redner soll Maxim Gorki auftreten und dann abwechselnd die führenden Intellektuellen der Hauptländer und Arbeiter besonders aus der Rüstungsindustrie, der chemischen Industrie, des Seetransportes, aus der Veteranenbewegung der USA, gewesene Kriegsteilnehmer etc.. Auf eventuelle Angriffe sozialdemokratischer, anarchistischer, pazifistischer und Renegatengruppen sollen in erster Reihe die Genossen Smeral und Münzenberg, ein deutscher und ein französischer Arbeiter antworten. Genosse Cachin soll sich für eine Begrüßungsrede von Seiten der K. I. vorbereiten, ob sie gehalten wird, wird die Politkommission später entscheiden. Genosse Katayama wird wohl zum Kongress fahren, der tschechischen Partei mitgeteilt, dass Gen. Smeral durch eine untere Massenorganisation zu dem Kongress delegiert werden soll. 6) Das durch den Kongress zu wählende ständige Komitee gegen den imperialistischen Krieg und die militärische Intervention soll aus 60 bis 70 Delegierten mit Heranziehung der Vertreter aller teilnehmenden Länder, der Frauen und der Jugend zusammengestellt werden. Die Liste soll von dem Inneren Komitee ausgearbeitet werden und das ständige Komitee gegen den imperialistischen Krieg und die militärische Intervention soll ein Büro aus 11 bis 16 Mitgliedern wählen, dessen Sitz in Paris sein soll. Die ständige Arbeit des Büros soll durch ein Sekretariat geführt werden, bestehend aus drei Mitgliedern, welche von der innern Kommission noch vor dem Kongress zur Bestätigung vorgeschlagen werden sollen. Als einer der Sekretäre wird Barbusse vorgeschlagen. 7) Das Manifest des Kongresses soll von allen Teilnehmern unterschrieben werden. Das Protokoll der Verhandlungen soll stenografisch aufgenommen werden; über die Veröffentlichung des Protokolls soll später entschieden werden. 8) Der holländischen Partei wird vorgeschlagen, in Amsterdam und anderen holländischen Städten und Industrieorten Demonstrationen zu veranstalten. 9) Die kommunistische Internationale soll eine Erklärung zum Abschluss an den Kongress vorbereiten, die Innere Kommission entscheidet nach der Notwendigkeit, ob diese Anschlusserklärung veröffentlicht werden soll. 10) Besondere Konferenzen (Gewerkschaften, Frauen, Kriegsteilnehmer, Studenten, Ärzte etc.) sollen durch die Innere Kommission sorgfältig vorbereitet werden. Für die Konferenz der Gewerkschaftler tragen noch die Genossen Heckert, Schwernik und Braun die besondere Verantwortung. Auf diesen Konferenzen sollen im Geiste des Manifestes des Internationalen Antikriegskongresses entsprechend konkrete Resolutionen über die Aufgaben der Bekämpfung des imperialistischen Krieges angenommen werden, die zuvor von der Kommission geprüft sind. 1 Kurzbiografien Münzenbergs in: Hermann Weber / Andreas Herbst (Hg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, überarb. und stark erweiterte Aufl. Berlin 2008, S. 622 ff.; Reinhard Müller: Willi Münzenberg, in: Manfred Asendorf / Rolf von Bockel (Hg.): Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. Ein Lexikon, Stuttgart,Weimar 1997, S. 439 ff. 2 Siehe Rossijskij gosudarstvennij archiv social’noj i političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), F. 495, op. 19. 3 Siehe RGASPI, F. 495, op. 73 u. op. 74. 4 Abschlussbericht abgedruckt in: Reinhard Müller: Bericht des Komintern-Emissärs Bohumir Šmeral über seinen Pariser Aufenthalt 1937, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 9, München 1991, S. 236–261. 5 Siehe RGASPI, F. 495, op. 205, d. 7000. 6 Nahezu ausschließliche Quelle bei Harald Wessel: Münzenbergs Ende: ein deutscher Kommunist im Widerstand gegen Hitler und Stalin, die Jahre 1933 bis 1940, Berlin 1991. 7 Herangezogen z. B. bei Tania Schlie: Alles für die Einheit. Zur politischen Biographie Willi Münzenbergs (1936–1940), Mag. Arbeit, Hamburg 1990; dies.: Der »Fall Münzenberg« in den Akten von KPD und Komintern, in: Tania Schlie / Simone Roche (Hg.): Willi Münzenberg (1889–1940). Ein deutscher Kommunist im Spannungsfeld zwischen Stalinismus und Antifaschismus, Frankfurt a. M. 1995, S. 195–203; Ursula Langkau-Alex: Deutsche Volksfront 1932–1939: Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau, Bd. 1–3, Berlin 2004–2005. 8 Siehe Sean McMeekin: The Red Millionaire. A Political Biography of Willi Münzenberg. Moscow’s Secret Propaganda Tsar in the West, New Haven, London 2003. 9 Benutzt wurden von McMeekin die Bestände der Internationalen Arbeiterhilfe. Siehe dazu RGASPI, F. 538 und F. 495, op. 60, Kommission des EKKI zur Führung der Kampagnen gegen Krieg und Faschismus (Antikriegskommission) unter Leitung von Bela Kun. 10 Gross berichtet, dass »über Münzenbergs Apparat« für den Amsterdamer Kongress 38 000 Dollar ausgegeben wurden, die dann bei Pjatnickij in Moskau abgerechnet wurden. Siehe in: Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie (= Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Bd. 14 / 15), Stuttgart 1967, S. 240. 11 Siehe Rolf Surmann: Die Münzenberg-Legende: Zur Publizistik der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung 1921–1933, Köln 1983. 12 Siehe Münzenberg an das Sekretariat des ZK der KPD, 3. November 1932, in: RGASPI, F. 495, op. 19, d. 526, Bl. 180–181. 13 Siehe Aussprache mit dem Genossen Münzenberg, 11. November 1932, in: RGASPI, F. 495, op. 19, d. 526, Bl. 160–163. 14 Thälmann an Pjatnickij, 13. November 1932, in: RGASPI, F. 495, op. 292, d. 61, Bl. 164. 15 Siehe Münzenberg an Thälmann, 12. November 1932, in: RGASPI, F. 495, op. 292, d. 61, Bl. 147–149. 16 Nach dem IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale war Pjatnickij Mitglied des Organisationsbüros und der Budgetkommission; 1923–1935 Mitglied des EKKI und des Sekretariats; als Vorsitzender des Org.büros des EKKI zuständig u. a. für Finanz- und Personalfragen; »graue Eminenz« der Komintern; 1935 von seinen Funktionen in der Komintern abgelöst, dann in das ZK der KPdSU als Leiter der Politisch-Administrativen Abteilung abgeschoben; am 7. Juli 1937 verhaftet; nach barbarischer Folter als Leiter der »faschistischen und Spionageorganisation der Trotzkisten und Rechten in der Komintern« am 28. Juli 1938 zum Tode verurteilt und erschossen. Siehe Reinhard Müller: Der Fall des Antikomintern-Blocks – ein vierter Moskauer Schauprozeß?, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 1996, S. 187–214; Vladimir Pjatnickij: Zagovor protiv Stalina [Verschwörung gegen Stalin], Moskau 1998. 17 Siehe Sean McMeekin: The Red Millionaire (Anm. 8), S. 264. 18 Siehe Michel Dreyfus: Willi Münzenberg und die Massenorganisationen der Komintern (1923–1936), in: Schlie / Roche (Hg.): Willi Münzenberg (Anm. 7), S. 125–139; Yves Santamaria: D’ Amsterdam à Stockholm 1932–1952: Deux générations dans la »Lutte pour la Paix« [Von Amsterdam nach Stockholm 1932–1952: Zwei Generationen im »Kampf für den Frieden« ], in: Communisme 2004, H. 78 / 79, S. 177–188. 19 Siehe Bilanz des ersten Jahres der Amsterdamer Bewegung, in: RGASPI, 495, op. 60, d. 242, Bl. 64–79. 20 Siehe auch den vertraulichen Bericht von Bohumir Šmeral vom 21. April 1933, der als Komintern-Vertreter aus Paris über das Amsterdamer Komitee berichtet, in: RGASPI, F. 495, op. 19, d. 329, Bl. 107–115. 21 Münzenbergs Brief war 1993 der Kaderakte (RGASPI, F. 495, op. 205, d. 7000) lose beigelegt und durch eine Vollmacht des Sohnes von Babette Gross zugänglich. In der neugeordneten Kaderakte Münzenbergs fehlt dieses Dokument. Fotokopie des Briefes siehe Sammlung Willi Münzenberg, Archiv Hamburger Institut für Sozialforschung. Der Adressat des Briefs ist zwar nicht genannt, wurde aber aus einem ähnlichen Beschwerdebrief Münzenbergs an Pjatnickij vom 3. Januar 1935 erschlossen, in: RGASPI, F. 495, op. 19, d. 337, Bl. 4–9. 22 dort, gemeint ist Moskau. 23 X, gemeint ist hier Stalin. 24 [Anmerkung der Redaktion: Grammatikalische Ungenauigkeiten wurden grundsätzlich aus dem Dokument übernommen und nicht berichtigt.] 25 differenziert, gemeint ist hier differiert. 26 Münzenberg unterlag 1921 im Kampf um die Selbstständigkeit der Jugendinternationale; der Sitz der Jugendinternationale wurde von Berlin nach Moskau verlegt. Siehe Gross: Willi Münzenberg (Anm. 10), S. 115–124; zur Sicht der Komintern siehe Alfred Kurella: Gründung und Aufbau der Kommunistischen Jugendinternationale, Berlin 1929. 27 Siehe Willi Münzenberg: Solidarität. 10 Jahre internat. Arbeiterhilfe 1921–1931, Berlin 1931; Gross: Willi Münzenberg (Anm. 10), S. 125–131. 28 Die Zeitschrift »Chronik des Faschismus« erschien 1923. 29 D. i. Heinz Neumann. Zur Biographie siehe Reinhard Müller: Heinz Neumanns Bußrituale – auch ein Nachtrag zum Protokoll der »Brüsseler Konferenz« der KPD, in: JHK 2008, S. 319–328. 30 Siehe Mustafa Haikal: Willi Münzenberg und die »Liga gegen den Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit«, in: Schlie / Roche (Hg.): Willi Münzenberg (Anm. 7), S. 141–153. 31 Gemeint sind hier finanzielle Zuwendungen. 32 Kurt Sauerland, seit 1923 Mitglied der KPD, 1923 bis 1927 im illegalen Nachrichtendienst der KPD, 1929–1931 Mitglied des Sekretariats der IAH, Redakteur des »Roten Aufbau«; veröffentlichte 1932 das von der KPD kritisierte Buch »Der dialektische Materialismus«, im März 1933 Emigration nach Paris, Redakteur von »Unsere Zeit«, dann als Sekretär der Liga gegen den Imperialismus nach London, im August 1934 nach Moskau, Komintern-Mitarbeiter bei Bela Kun; am 15. Mai 1937 verhaftet, am 22. März 1938 als Mitglied der »illegalen trotzkistischen Neumann-Remmele-Gruppe« zum Tode verurteilt und erschossen. 33 Paul Vaillant-Couturier, Anwalt und Schriftsteller, 1920 Mitglied der KP Frankreichs (im Folgenden: KPF), 1926–1929 Chefredakteur der »Humanité«, 1929 Rückzug aus Parteiämtern, 1935 erneut Chefredakteur der »Humanité«. 34 Siehe dazu Jocelyne Prézeau: Zur Bewegung Amsterdam-Pleyel am Beispiel der französischen Sektion (1932–1936), in: Sigrid Bock / Wolfgang Klein / Dietrich Scholze (Hg.): Die Waffen nieder! Schriftsteller in den Friedensbewegungen des 20. Jahrhunderts, Berlin 1989, S.184–192; Yves Santamaria: L’enfant du malheur: le Parti communiste francais dans la lutte pour la paix (1914–1947) [Kind des Unglücks: Die Kommunistische Partei Frankreichs im Kampf für den Frieden], Paris 2002. Allenfalls die Schauseite wird geschildert bei Rosemarie Schumann: Amsterdam 1932: der Weltkongreß gegen den imperialistischen Krieg, Berlin 1989. 35 Zur Zusammenlegung und Umbenennung in »Weltkomitee gegen Krieg und Faschismus« siehe Ursula Langkau-Alex: Deutsche Volksfront 1932–1939, Bd. 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront, Berlin 2004, S. 96 ff. 36 Guy Meredith Jerram, 1921 Mitglied der KPF, seit 1933 Sekretär der französischen Sektion der Amsterdam-Pleyel-Bewegung. 37 D. i. Alfred Kurella. Zu seiner Biographie siehe Reinhard Müller (Hg.): Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991, S. 64 f. 38 Jetzt »Weltkomitee gegen Krieg und Faschismus«. 39 Alfred Kurella, seit September 1932 Sekretär des »Internationalen Komitees zu Kampf gegen den imperialistischen Krieg« von der Komintern mit der »Reorganisation« beauftragt, notierte 1936 in Moskau: »Im Sommer 1933 hatte ich schwere Gegensätze mit dem Bevollmächtigten des EKKI für die Vorbereitung des Antifa-Kongresses, Karolski, über die Anwendung der Direktiven des EKKI (Wahl des Kongressortes, soziale Zusammensetzung, Trennung oder Verbindung der Fragen Krieg und Faschismus). Ich warf ihm damals direkt ›Schädlingsarbeit‹ vor. Im Juli vertrat ich mit der ganzen Fraktion des Int. Komitees und mit dem Pol.Büro der KPFr. den Standpunkt der Verschmelzung der Antikriegs- und Antifa-Bewegung, was im damaligen Augenblick den letzten Direktiven des EKKI widersprach. In beiden Fällen wurde der von mir vertretene Standpunkt später als richtig anerkannt. Für wiederholtes selbstständiges den Direktiven des EKKI widersprechendes Handeln wurde ich aber von diesem Posten abberufen.« Siehe RGASPI, F. 495, op. 205, d. 6339, (I), Bl. 353. 40 dort, gemeint ist Moskau. 41 Der Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP Alfred Rosenberg besuchte im Mai 1933 England. 42 Harry Pollitt, seit 1929 Generalsekretär der KP Großbritanniens, Mitglied des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. 43 Siehe ergänzender Bericht »Über die Schwierigkeiten unserer Zusammenarbeit mit dem Hilfskomitee«, in: RGASPI, F.495, op. 60, d. 242a, Bl. 184-203. 44 Francesco Misiano, 1922–1924 zusammen mit Münzenberg in der Leitung der IAH, 1924–1935 Leiter der russischen Sektion der IAH in Moskau. 45 Nicht ermittelt. 46 Joseph Miller, 1932 Organisationssekretär der Roten Hilfe Deutschlands, 1933 Auslandsvertretung der Internationalen Roten Hilfe in Frankreich. 47 Politische Kommission des EKKI. 48 Maria Reese trat von der SPD zur KPD über und war bis 1933 Reichstagsabgeordnete der KPD, dann NS-Propagandistin. 49 Münzenberg meint hier seine Verlage, Zeitungen und Zeitschriften. 50 D. i. Bela Kun, Mitbegründer der KP Ungarns und Führer der ungarischen Räterepublik; 1924–1929 Leiter der Agitprop-Abteilung des EKKI, seit September 1933 im EKKI verantwortlich für das Weltkomitee gegen Krieg und Faschismus, verhaftet am 28. Juni 1937 und als einer der Führer des »Antikomintern-Blocks« erschossen. 51 Bernard von Brentano plante zusammen mit Bertolt Brecht und Walter Benjamin 1932 die Herausgabe einer Zeitschrift »Kritik und Krise«, emigrierte 1933 in die Schweiz. 52 Zur Geschichte der Versöhnler siehe Bernhard H. Bayerlein: Die unbekannte Geschichte der »Versöhnler« in der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Partei Deutschlands. Kein Randproblem der historischen Kommunisforschung, in: Avgust Lešnik: Kriza socialnih idej: Britovškov zbornik; a festschrift for Marjan Britovšek [Krise der sozialen Idee: Britovškov Sammelband, eine Festschrift für Marjan Britovšek], Ljubljana 1996, S. 321–340. 53 D. i. Karl Volk, zur Biografie siehe Reinhard Müller: Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004, S. 301. 54 Ignazio Silone trat 1931 aus der KP Italiens aus und lebte als Schriftsteller in der Schweiz; er lieferte Informationen für die faschistische Geheimpolizei. 55 Von der A B Z erschienen 1933 in Berlin mindestens 32 Nummern. Titelseite, Layout und Fotomontagen waren nach dem Vorbild der AIZ und John Heartfields gestaltet. 56 D. i. Hans Holm. 57 In einer Mitteilung »Betr. Frage der A.B.Z.« beschwerte sich Münzenberg, dass die Herausgabe der A.B.Z. »mit Einverständnis der Parteizentrale« erfolgte. Münzenberg bittet Pjatnickij um Klärung der Frage, da dieser Frontwechsel ohne Rücksprache mit ihm stattgefunden habe. Siehe RGASPI, F. 495, op. 19, d. 329, Bl. 157. 58 Dimitrij Manuil’skij, Sekretär des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. 59 Zum Braunbuch siehe jetzt Anson Rabinbach: Staging Antifascism: The Brown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror, in: New German Critique 103 35 (2008), H. 1, S. 97–126. 60 Otto Katz, einer der Hauptmitarbeiter am Braunbuch; zur Biografie siehe Reinhard Müller: Der Fall des Genossen Otto Katz. Ein unbekannter Brief Piscators, in: Die Gazette (2006), H. 10, S. 81–85; Anson Rabinbach: Von Hollywood an den Galgen. Die Verfolgung und Ermordung des Otto Katz, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Bd. 2 (2008), H. 1, S. 24–36. 61 Siehe Direktiven für die Innere Kommission für die Leitung des Antikriegskongresses, 6. Juli 1932, RGASPI, F. 495, op. 19, d. 329, Bl. 123-125. Aus Platzgründen finden sich hier keine weiterführenden Fußnoten. 

JHK 2010

Archivalische Forschung und einschlägige Studien zur Geschichtsschreibung über den Spanischen Bürgerkrieg seit dem Tod Francos

Stephen Schwartz

Der Zufall wollte es, dass auf den Untergang der kommunistischen Regime und die in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts begonnene (in einigen Fällen vorübergehende) Öffnung ihrer Archive in Spanien unerwarteterweise zwar ein ähnlicher, doch besser organisierter, umfassenderer und gründlicherer Prozess der Offenlegung der Dokumente folgte, im Vergleich etwa zum russischen Vorgehen. Dies gilt auch für Unterlagen mit Bezug auf den Bürgerkrieg 1936–1939, in dem der Kommunismus eine zentrale Rolle gespielt hatte. Als General Francisco Franco 1975 starb, verschwand die von ihm erschaffene Diktatur im Zuge des unter König Juan Carlos betriebenen Übergangs zur Demokratie praktisch unmittelbar. Offenlegung, Veröffentlichung und Studium des Archivmaterials konnten allerdings nicht sofort mit Neuauflagen und Publikationen neuer Arbeiten zur Geschichte der radikalen Republikaner in Spanien, einschließlich der anarchosyndikalistischen Bewegung CNT-FAI (Confederación Nacional del Trabajo-Federación Anarquista Ibérica, Nationalbund der Arbeit-Iberische Anarchistische Föderation), der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (Partido Socialista Obrero Español, PSOE), der Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (Partido Obrero de Unificación Marxista, POUM) und der Republikanischen Linken Kataloniens (Esquerra Republicana de Catalunya, ERC), Schritt halten. Die brauchbarsten spanischen Archivveröffentlichungen und historiografischen Arbeiten der jüngeren Zeit kreisten in erster Linie um diese Parteien. Im Vergleich dazu wurde in Spanien wenig Neues zur »offiziellen« Kommunistischen Partei Spaniens (Partido Comunista de España, PCE) geschrieben. Abgesehen von der Dokumentation der Beziehungen zwischen der PCE und ihrem wichtigsten linken Gegenspieler, der POUM, die sich selbst als kommunisitisch, aber antistalinistisch betrachtete, kam das Archivmaterial über die PCE in der Regel aus russischen Beständen. Und auch wenn die Freigabe dieses Materials limitiert war, war es doch von außergewöhnlichem Wert. Ein zunächst in englischer, dann in spanischer Sprache veröffentlichter Einzelband sowjetischer Aufzeichnungen zum Spanischen Bürgerkrieg, Spain Betrayed,1 leistete einen wesentlichen Beitrag zu neuen Sichtweisen über diesen Krieg. Der Spanische Bürgerkrieg in der Geschichte der Linken Schon als Franco starb, schätzte man, dass der Spanische Bürgerkrieg zu einem der beständigsten und – was die Zahl der wissenschaftlichen, literarischen und sonstigen einschlägigen Arbeiten anbetraf – ergiebigsten geschichtlichen Themen des 20. Jahrhunderts geworden war. Zu jener Zeit gab es bereits zahlreiche Veröffentlichungen von Originaldokumenten, und auch im 21. Jahrhundert erscheinen zumeist auf Sekundärquellen basierende neue analytische Arbeiten in vielen Sprachen. Diese Bestandsaufnahme berücksichtigt nur die herausragenden Arbeiten, die hauptsächlich auf bisher unzugänglichem Archivmaterial beruhen oder bislang unbekannte Quellen vorstellen und sich mit dem Kommunismus, der POUM und anderen radikalen Kräften des Konfliktes befassen. Die interessantesten Neuauflagen, neuen Arbeiten und Archivmaterialien wurden bisher zur POUM veröffentlicht. Von 1937 bis 1975 war in Spanien nur wenig Nennenswertes zu den linken Parteien publiziert worden; im Ausland, abgesehen von einigen Publikationen in Frankreich, speziell zur POUM und ihren Standpunkten so gut wie gar nichts. Die Kommunisten und Anarchisten hatten hingegen während der Franco-Ära umfangreiche Druck­aktivitäten in zahlreichen ausländischen Staaten einschließlich den USA und Großbritannien unterstützt, die auf die landeseigene Öffentlichkeit sowie die eigenen Anhänger abzielten. Die PSOE und die katalanische Linke hatten, mit Ausnahme von Zeitschriften für Emigranten und Denkschriften für ihre eigene Wählerschaft, nie außerhalb Spaniens und ihrer Diaspora – Frankreich und Lateinamerika – veröffentlicht. Das Fehlen verlässlichen Quellenmaterials über die POUM erwies sich als besonders problematisch. Die POUM, ihre politische Haltung sowie ihr Platz in der spanischen und katalanischen Arbeiterklasse und in der Geschichte des Bürgerkrieges hatten sich zu einem Hauptthema im Rahmen politischer, historiografischer und öffentlicher Diskussionen über den Krieg entwickelt. Der Grund dafür lag nicht allein im Verlauf der Ereignisse, sondern auch in den zu Papier gebrachten Beobachtungen von drei Ausländern: George Orwell, Franz Borkenau und Gerald Brenan.2 Auch wenn Orwell, Borkenau und Brenan nicht die Verantwortung dafür zugeschrieben werden kann, hatten sich drei politische Standard­mythen über die POUM herausgebildet. Der erste, durch Sympathisanten der Sowjetunion geäußerte Mythos bestand darin, dass es sich um eine kleine trotzkistische Sekte handele, wie es sie auch in vielen anderen Ländern gab, während die POUM in Wahrheit zu den großen politischen Kräften in Katalonien gehörte und dort einen weit stärkeren Einfluss ausübte als die PCE. Die zweite, von Trotzkisten vorgebrachte Legende besagte, dass die Kader der POUM im Zuge der Unterdrückung der Partei durch die Regierung 1937 gemeinsam mit Anarchosyndikalisten von sowjetisch gesteuerten Agenten »niedergemetzelt« worden seien. Tragischerweise wurde der Mitbegründer der POUM, Andreu Nin i Pérez (1892–1937), ein prominenter katalanischer Schriftsteller und Conseller de Justicia (Justizminister) in der revolutionären katalanischen Generalitat (Regionalregierung) des Jahres 1936, von Stalinisten ermordet. Die Berufung eines vermeintlichen reuelosen »Trotzkisten« in das Justizressort Kataloniens zu Beginn der schlimmsten Moskauer Säuberungsprozesse war eine machtvolle Zurückweisung der Forderungen der russischen Behörden und muss von der stalinistischen Führung mit besonderem Entsetzen aufgenommen worden sein. Obwohl die POUM offiziell keine trotzkistische Partei war, stand sie durch den von ihr vertretenen Antistalinismus der trotzkistischen Bewegung sehr nahe: Einige Trotzkisten kämpften in ihren Reihen, und die Partei prangerte Trockij bzw. dessen Gefolgsleute nicht in stalinistischer Manier an. Doch die komplette Liste von Mitgliedern der POUM, Trotzkisten und Anarchisten, die innerhalb Spaniens getötet oder entführt und anderenorts von Kommunisten umgebracht worden waren, umfasste wahrscheinlich nicht mehr als 30 Personen. Die Behauptung der Trotzkisten, dass Mitglieder der POUM und Anarchisten unterschiedslos in großer Zahl ermordet worden seien, scheint den Groll darüber widerzuspiegeln, dass die POUM den politischen Rat Trockijs und seiner wenigen spanischen und internationalen Gefolgsleute zurückgewiesen hatte. Von viel größerer Bedeutung ist jedoch, dass sowohl die POUM als zweifellos auch die anarchistische Bewegung tief in Katalonien verwurzelt waren und nicht so leicht aus dem Weg geräumt werden konnten. Der dritte, nach wie vor kolportierte historische Irrtum ist der Glaube, dass Nin, zwischen 1921 und 1930 selbst ein sowjetischer Funktionär, »Sekretär« Leon Trockijs gewesen sei, als dieser als politischer Verantwortungsträger aktiv war, oder in irgendeiner Weise dessen Stab angehört habe.3 Nin bekleidete einen hohen Posten in der Roten Gewerkschafts-Internationale (Profintern) und übte Funktionen in den führenden Strukturen der Kommu­nistischen Internationale (KI) und der Kommunistischen Partei Spaniens aus. Während der internen Kämpfe in der Russischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki) wurde er Mitglied der Internationalen Kommission des Oppositionellen Zentrums. Er arbeitete jedoch weder direkt mit Trockij zusammen, noch unter dessen Führung. Victor Serge erinnerte sich: »In Moskau wirkte ich gemeinsam mit [Grigorij] Sinovevs Sprecher [Mojsej Markovič] Charitonov, Fritz Wolf (der bald aufgab, was ihn nicht davor bewahrte, 1937 erschossen zu werden), Andrés Nin, dem Bulgaren Lebedev (bzw. Stepanov, ein heimlicher Oppositioneller, der uns verriet und später während der Revolution in Spanien als Agent der Komintern arbeitete)4 und zwei oder drei weiteren Kämpfern, deren Namen ich vergessen habe, in der vom Oppositionellen Zentrum errichteten Internationalen Kommission.«5 Die Herabstufung Nins, der als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Revolution galt, auf eine Trockij nachgeordnete bürokratische Position spiegelt die Ignoranz der ausländischen Autoren wider, die nichts von seiner bereits vor der Abreise nach Russland erlangten Bedeutung sowohl im journalistischen Bereich als auch im Arbeitermilieu Kataloniens wissen. Der vor noch nicht allzu langer Zeit verstorbene Autor Pere Pagès (1916–2003), bekannt unter dem Namen Víctor Alba und mein Mentor beim Verfassen der Arbeiten über die POUM,6 setzte sich mit schier unerschöpflicher Energie für die »Rehabilitierung« der Partei ein, indem er sogar im Katalonien der späten Franco-Ära Bücher über sie veröffentlichte. Deshalb überrascht es nicht, dass nach Francos Tod auf Albas Betreiben hin 1977 / 78 zwei der ersten Bände mit Originaldokumenten über die POUM veröffentlicht wurden. Der erste war La Nueva Era [Die neue Ära],7 eine Sammlung von Artikeln einer revolutionären, antistalinistischen Zeitschrift, die zwischen 1930 und 1936 in Spanien gedruckt worden war. Von noch größerem Wert jedoch war ein Kompendium aller während des Bürgerkrieges erstellten Grundsatzdokumente zu Theorie und Politik der POUM, das den Titel La Revolución española en la práctica [Die Spanische Revolution in der Praxis] trug.8 Dieses Buch lieferte den Historikern nach vielen Jahren die ersten Primärquellen zu den Aktivitäten der Partei während des Bürgerkrieges. Die Öffnung der spanischen Archive Die offizielle Veröffentlichung des Archivmaterials ging allerdings langsamer vonstatten. Im Gegensatz zu früheren kommunistischen Regierungen herrschte unter der Regierung nach Franco zwar keine »Staatsräson« mehr, welche die Öffnung der überwiegenden Zahl der Bestände, insbesondere jener zum Bürgerkrieg, blockiert hätte. Die Strukturierung und Aufbereitung der Dokumente für wissenschaftliche Zwecke wurde jedoch mit bewundernswerter Gründlichkeit, Professionalität und Transparenz durchgeführt und beschäftigte die Archivare daher über einen verhältnismäßig langen Zeitraum hinweg. Einige Archive waren dennoch Gegenstand kontroverser Diskussionen. So hatte die Regierung Franco zum Beispiel zur Unterstützung einer umfangreichen gerichtlichen Untersuchung und Anklage gegen die Linke wegen verschiedener Verbrechen im Bürgerkrieg ein Generalarchiv des Spanischen Bürgerkrieges in Salamanca eingerichtet, das ebenfalls Beweismaterial enthielt, welches in einzelnen Anklagefällen auch nach dem Krieg gegen Oppositionelle verwendet wurde. Darüber hinaus, umfasste das Archiv in Salamanca die Archive der Generalitat de Catalunya, die, wie auch andere republikanische Quellen, zu Kriegsende von den Siegern beschlagnahmt worden waren. Die Generalitat verlangte die Rückgabe dieser Quellen, und nach einem etwa 20 Jahre dauernden Prozess, in dem sowohl die Stadtverwaltung Salamancas als auch die konservative Volkspartei gegen die Ausgliederung der Sammlung opponierten, wurde der Transfer der Materialien von Salamanca nach Barcelona 2006 durchgeführt.9 Andere Institutionen schalteten sich in die Debatte ein, die durch eine Entscheidung im Rahmen der spanischen Rechtsordnung schließlich beigelegt wurde. Zu ihnen gehörten die Nachfolger der katalanischen Sektion der PCE, heute Initiative für Katalonien Grüne (Iniciativa per Catalunya Verds, ICV), die für eine Rückgabe des gesamten Textkorpus in Salamanca an die ursprünglichen Besitzer eintraten. Die CNT protestierte; sie wollte, dass ihre Dokumente nicht an die Generalitat, sondern an die anarchistische Organisation zurückgegeben werden. Und die jüdische Gemeinde Barcelonas, deren Archive 1939 ebenfalls beschlagnahmt worden waren, beanspruchte die Dokumente ebenfalls für sich selbst und lehnte die Rückgabe an die Generalitat ab. Während die verschiedenen Interessengruppen über den Verbleib der Archive im Widerstreit standen, wurden keine Versuche bekannt, Wissenschaftler von der freien Nutzung abzuhalten, wie dies in Russland der Fall gewesen war. Jedoch blieben offizielle Akten über Exekutionen durch Franquisten im Verlauf des Bürgerkrieges bislang verschlossen, während Akten der Geheimpolizei zu Säuberungsaktionen während der Stalin-Ära an die Familienangehörigen der russischen Opfer übergeben wurden – eine Ende der Fünfzigerjahre in der Sowjetunion begonnene Praxis. Material über die in jüngerer Zeit durchgeführte Überwachung von Anarchisten, baskischen Extremisten und anderen, immer noch als Staatsfeinde angesehenen Gruppen wurde in Spanien nicht offengelegt, eine Vorgehensweise, die von jener in anderen Ländern, wie z. B. in Deutschland und im ehemaligen Jugoslawien, abweicht. Hier wurden Dossiers über die Rekrutierung von Informanten und die Observierung von Dissidenten des Kommunismus der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht und sogar, wie im ehemaligen Jugoslawien, gedruckt und zum Kauf angeboten. Daneben wurden einige Archive, die sich im Ausland im Besitz linker Gruppen befanden, an Universitäten und Stiftungen in Spanien übergeben. So erhielt z. B. das Centre d’Estudis Històrics Internacionals (CEHI, Zentrum für internationale historische Studien) der Universität von Barcelona eine beachtliche Sammlung von Dokumenten über die POUM und weihte sogar einen Maurín-Nin-Saal ein, der den bedeutendsten Gründern der Partei gewidmet ist.10 In diesem Rahmen fand 1988 ein bedeutendes Ereignis statt: Das CEHI empfing vom Archivo Histórico Nacional (Nationalen Historischen Archiv) in Madrid das Dossier der republikanischen Behörden zum Prozess gegen die POUM-Führung (Nin gehörte nicht mehr dazu, er war vor dem Prozess ermordet worden), der 1937 vor dem Sondergericht für Spionage und Hochverrat geführt worden war. Das Sondergericht war 1937 eilig von den Behörden der Spanischen Republik eingesetzt worden. Die Führer der POUM wurden angeklagt, 1937 angeblich die als »Maiereignisse« bekannten Unruhen in Barcelona (die in Orwells Mein Katalonien aus der Warte eines Augenzeugen beschrieben werden) mit dem Ziel einer Militärrevolte provoziert zu haben. Außerdem wurde ihnen vorgeworfen, von der Aragón-Front desertiert zu sein, um die Proteste in Barcelona zu unterstützen. Weitere Anklagen lauteten auf subversive Propaganda, illegalen Besitz geheimer militärischer Informationen, rechtswidrigen Waffenbesitz und -handel in der Absicht, einen Aufstand vorzubereiten, Schmuggel von Geld und Wertgegenständen nach Frankreich, Nutzung von Geheimcodes sowie Pflege von Beziehungen und Kontakten zu verdächtigen Ausländern. Einige der Anklagepapiere lesen sich so, als seien sie unmittelbar aus ähnlichen Dokumenten der Moskauer Säuberungsprozesse entnommen worden. Das an das CEHI übergebene Dossier enthielt auch Transkriptionen der Verhöre Nins während seiner Haft sowie Material der Gerichtsverhandlung von 1938 gegen den POUM-Kommandeur Josep Rovira i Canals (1902–1968), der der Illoyalität in denselben Punkten angeklagt wurde, die bereits im Prozess 1937 behandelt worden waren, und zahlreiche ergänzende Vermerke der geheimen polizeilichen Ermittler über die POUM. Beweise dafür, wer Nin getötet hat oder wo seine Leiche begraben wurde, fanden sich nicht.11 Der sensationellste Eintrag, den das Dossier enthielt, waren Notizen der Ermittler über George Orwell (geb. Eric Blair und im Dokument als »Enric«, die katalanische Form von »Henry«, bezeichnet) und seine Frau Eileen Blair. In seinem Buch Mein Katalonien hatte Orwell die Verfolgung durch Agenten der spanischen Geheimpolizei in Barcelona mit eher unbeschwerten Worten beschrieben. Die im Dossier über die POUM gefundenen Notizen offenbarten jedoch, dass die Ermittlungen gegen das Ehepaar Blair alles andere als harmlos gewesen waren. Die anonymen Ermittler beschrieben Eric und Eileen Blair als »ausgesprochene Trotzkisten«, was sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gewesen sind, sowie als Verbindungsagenten zwischen der britischen Independent Labour Party und der POUM, was ebenfalls nicht stimmt.12 Ohne weitere Erklärung enthält das Dokument schließlich die Anmerkung »Verbindung mit Moskau«. Daraus folgt eindeutig: Orwell war ein wichtiges Zielobjekt und wäre wahrscheinlich ermordet oder entführt und nach Russland verschleppt worden, wenn man ihn gefangen genommen hätte. Er befand sich in sehr viel größerer Gefahr, als er jemals zugegeben hat, oder vielleicht war er sich des Ausmaßes der Gefahr, der er ausgesetzt war, auch gar nicht bewusst. Die Entdeckung des Dokuments über Orwell sorgte für eine kleine Sensation in den britischen Medien. Die auf dem Dossier über die POUM basierende Druckausgabe mit dem Titel El Proceso del POUM [Der Prozess gegen die POUM] umfasst 578 Seiten und ist unvollständig.13 Ermittlungsnotizen über andere Ausländer waren Bestandteil des Dokumententransfers, wurden allerdings nicht veröffentlicht. Dennoch war und ist der Band eine unverzichtbare Quelle für Historiker, die sich mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandersetzen sowie für Biografen Orwells. Die Hinterlassenschaften »Munis’« Als Franco starb, waren neben Nin, Maurin und Rovira sowie anderen, die in den Jahren 1937 / 38 vor Gericht gestellt worden waren, auch die meisten der verbliebenen POUM-Führer tot. Víctor Alba, obschon mutiger und beharrlicher Verteidiger des Ansehens der Partei, hatte innerhalb der POUM-Jugendbewegung sowie in Bezug auf seine Bemühungen im journalistischen Bereich während des Bürgerkrieges eine vergleichsweise eher unbedeutende Rolle gespielt. Doch zwei in den POUM-Prozess involvierte energische und streitbare Persönlichkeiten überlebten und veröffentlichten weiterhin Kommentare zu den historischen Ereignissen: Juan Andrade Rodríguez (1898–1981) und Manuel Fernández Grandizo Martínez (1912–1989), Letzterer bekannt unter dem Pseudonym »G. Munis«. Andrade war Mitglied des Exekutivkomitees der POUM und prominenter Sympathisant Trockijs. Er stellte einige lesenswerte, auf Primärquellen beruhende Werke zusammen, die posthum veröffentlicht worden sind.14 Fernández Grandizo, alias Munis, wurde in Mexiko geboren. Er wuchs jedoch in der ärmlichen Region Extremadura auf – dem einzigen Teil Spaniens, in dem vor dem Bürgerkrieg der Trotzkismus die dominierende politische Richtung gewesen war. Im Krieg war er der Führer der offiziellen spanischen trotzkistischen Gruppe Sección bolchevique-leninista de España (SBLE, Bolschewistisch-Leninistische Sektion), die weniger als ein Dutzend Mitglieder hatte. Während der »Maiereignisse« verteilten sie, so Orwell, Flugblätter an den Barrikaden der Demonstranten. Fernández Grandizo trat im Verfahren gegen die POUM 1937 als Zeuge auf und erklärte, dass die SBLE der POUM nicht angeschlossen gewesen sei. Er und mehrere Mitglieder seiner Gruppe wurden 1938 in Barcelona wegen des Mordes an dem Russen Lev Narvič, der sich in die POUM eingeschleust und bei der Festnahme von Nin und ihren anderen Führern geholfen hatte, vor Gericht gestellt. In Wirklichkeit war Narvič bei einem Racheakt der POUM getötet worden. Doch Munis und seine Kameraden wurden schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt, nachdem man sie zuvor unter außergewöhnlich schlechten Haftbedingungen festgehalten hatte. Sie blieben bis zur Besetzung Barcelonas durch die Truppen Francos inhaftiert und konnten schließlich zusammen mit vielen Tausend anderen Anarchisten, Anhängern der POUM und weiteren Revolutionären nach Frankreich fliehen. Fernández Grandizo kehrte als Munis in seine mexikanische Heimat zurück und hielt bei der Beerdigung Trockijs 1940 die Hauptrede. 1948 veröffentlichte er einen polemischen Band über das Versagen der spanischen Revolutionäre: Jalones de derrota, promesa de victoria: España 1930–1939 [Zeichen der Niederlage, Aussicht auf den Sieg. Spanien 1930–1939]. Diese unvollständige und undokumentierte, dennoch außergewöhnliche Arbeit wurde während der Franco-Ära in Frankreich neu aufgelegt und nach dem Tod des Diktators auch in Spanien erneut gedruckt und veröffentlicht.15 Munis stand der gesamten Riege der radikalen Führer im Krieg äußerst kritisch gegenüber. Er zollte der anarchistischen CNT-FAI als der einzig bedeutenden revolutionären Arbeiterbewegung Europas Respekt, auch wenn er dies aus marxistischer Blickrichtung tat. Seine energische Militanz und ein aus seiner Beteiligung an den »Maiereignissen« herrührendes gewisses Prestige sowie der unendliche Strom veröffentlichter Kommentare zum Zeitgeschehen machten sein Werk in der Übergangszeit nach dem Tod Francos für junge Spanier und eine Reihe radikaler Ausländer attraktiv. Noch immer werden seine Artikel in Spanien in Buchform veröffentlicht. In den letzten Schriften vor seinem Tod kritisierte er Gorbatschow als falschen Reformer.16 Munis’ Fall ist einzigartig: Er war der letzte Revolutionär des Bürgerkrieges, der sich in traditioneller und kompromisslos marxistischer Ausdrucksweise aktiv zu aktuellen Fragen äußerte. Anarchistisches Dokumentationsmaterial Neben den Quellen zur POUM und zu den Trotzkisten tauchte nach Francos Tod noch eine viel größere Sammlung anarchistischer Dokumentationen auf. Besonders ein Band aus dieser Masse von Büchern und Artikeln ist von einzigartigem Wert. Er befasst sich auf ungewöhnliche Weise und äußerst spezifisch mit der Rekrutierung marokkanischer Freiwilliger durch Francos nationalistische Truppen, die auf dem früheren Dienst des antirevolutionären Führers im damals von Spanien besetzten Gebiet Marokkos basierte. Ein in der Geschichtsschreibung über den Bürgerkrieg weitgehend unberücksichtigter Umstand ist, dass die radikaleren Anhänger der Spanischen Republik – Anarchisten, antistalinistische Kommunisten und katalanische Nationalisten – ernsthaft über die Unterstützung eines nationalen Aufstandes in Marokko nachdachten. Dadurch sollte es Franco erschwert werden, marokkanische Truppen zu rekrutieren. Die katalanische Linke zeigte besonderes Interesse, da ihre Region seit Jahrzehnten durch die radikale Opposition gegen das militärische Engagement Spaniens in Marokko erschüttert worden war. Der kürzlich verstorbene Abel Paz (Pseudo­nym von Diego Camacho Escámez, 1921–2009), einer der führenden zeitgenössischen Historiker, der sich mit dem spanischen Anarchismus auseinandersetzte, durchsuchte offizielle katalanische Archive und Archive radikal linker Gruppen, um zu zeigen, mit welcher Ernsthaftigkeit die spanischen Revolutionäre eine Rebellion in Marokko zu provozieren versucht hatten. Im Jahre 2000 veröffentlichte er La Cuestión de Marruecos y la República Española [Die Marokko-Frage und die Spanische Republik].17 Er berichtete, dass Simone Weil, die damals mit den radikalen Linken sympathisierende französische Philosophin, bei Ausbruch des Bürgerkrieges nach Spanien gegangen war und erfuhr, dass es in Marokko zu Zusammenstößen zwischen den Legionen Francos und der einheimischen Bevölkerung gekommen war. Daraufhin ermunterte sie den französischen Anarcho­syndikalisten Robert Louzon, der in Nordafrika gelebt hatte (und auch dem frühen Mitglied der Kommunis­tischen Partei Frankreichs Piere Monatte sowie Albert Camus nahestand), nach Fez zu gehen und die Lage zu erkunden. Dort angekommen, arrangierten Louzon und der französische Trotzkist David Rousset ein Treffen mit dem nationalistischen Marokkanischen Aktions­komitee. Die Marokkaner reisten anschließend nach Barcelona, wo sie ergebnislose Verhandlungen vorrangig mit den Anarchisten führten, an denen über das Zentral­komitee der Milizen jedoch auch die POUM und der französische Trotzkist Jean Rous beteiligt waren. Das Zentralkomitee der Milizen war eine den (sowjetischen) Arbeiterräten ähnliche Institution, die in der frühen Phase des revolutionären Katalonien die eigentliche Macht ausübte. Paz machte jedoch auch deutlich, dass die spanische anarchistische Bewegung seit Beginn der Zwanzigerjahre eine Variante der bolschewistischen Vision einer Weltrevolution entworfen hatte. Es wurde argumentiert, dass Spanien das einzige Land in Europa sei, in dem der Anarchismus die Linke dominiere. Um den Sieg der Revolution in ihrer Heimat zu sichern, gebe es deshalb als einziges Mittel nur die Möglichkeit, einen Aufstand in Nord­afrika zu unterstützen. Das wohl Interessanteste an diesem Vorhaben ist die Tatsache, dass die spanischen Anarchisten zwar für ihre unversöhnliche Opposition gegen die katholische Kirche bekannt waren, ihre Irreligiosität jedoch nicht als Hindernis für eine Annäherung an die Muslime des Maghreb ansahen. In diesem Punkt waren die Anarchisten sicherlich idea­listischer und vielleicht auch pragmatischer als die sowjetischen Kommunisten, die in den von ihnen regierten moslemischen Ländern antireligiöse Propaganda verbreiteten. Franco gewann jedoch den Krieg, und die ultraradikalen Experimente in Nordafrika kamen zu einem Ende – zumindest diejenigen, die mit westlichen Gesellschaftsideologien verbunden waren. Bücher und Filme Im Zuge der archivalischen Forschung und einschlägiger Studien nach dem Tod Francos wurden neben Büchern auch Dokumentationen für Film und Fernsehen produziert. Nach einer offiziellen Anfrage der katalanischen Kommunisten reiste ein Team von Journa­listen des katalanischen öffentlichen Fernsehsenders TV3 für Nachforschungen nach Russ­land und besuchte die Archive der Kommunistischen Internationale, um auf diese Weise an einschlägige Informationen über den Tod Andreu Nins zu gelangen. Das Ergebnis war die 1992 zur besten Sendezeit ausgestrahlte Dokumentation Operació Nikolai [Operation Nikolai].18 Vier Jahre später wurde die ähnliche, aber längere Dokumentation Asaltando los Cielos [Die Himmel stürmen] im spanischen Staatsfernsehen gesendet, in der das Leben von Jaume Raimón Mercader del Río, des Attentäters Trockijs, eingehend betrachtet wurde. Daneben wurden Interviews mit spanischen Exilkommunisten in Russland gezeigt.19 Beide Ausstrahlungen hatten verheerende Auswirkungen auf das Ansehen der spanischen Kommunisten, da sie deren Verantwortung für zwei der berüchtigtsten politischen Attentate in der Geschichte des 20. Jahrhunderts offenlegten. In Operació Nikolai wurde Nins guter Ruf als katalanischer Schriftsteller wiederhergestellt, und sowjetische Agenten wurden eindeutig als Verursacher der Niederlage der revolutionären Bewegung auf republikanischer Seite im Bürgerkrieg ausgemacht. Die Namen der Agenten, die Nin getötet hatten, wurden jedoch nicht genannt. Asaltando los Cielos hingegen beschrieb, welch schreckliche Folgen der Dienst bei der sowjetischen Geheimpolizei für die Familie Mercader hatte, und zeigte das Leiden spanischer Emigranten in Russland, die wegen angeblicher antisowjetischer Aktivitäten in Arbeitslager verbannt worden waren. Neben der Freigabe der Dossiers über den Prozess gegen die POUM und der Ausstrahlung von Operació Nikolai bewerkstelligte die 1987 (50 Jahre nach der Ermordung Nins) geschaffene Fundación Andreu Nin (FAN) ein umfangreiches akademisches und publizistisches Programm. Die Stiftung betreibt auch eine Internetseite mit einem monatlichen Bulletin.20 Die FAN verfolgt die Verfügbarkeit von archivalischen Quellen und die kontinuierliche Veröffentlichung von Dokumenten, Memoiren und wissenschaftlichen Arbeiten über die Bewegung. Anhaltendes Interesse an der Geschichte des Bürgerkrieges beweist auch die Veröffentlichung eines Touristenführers durch die FAN, in dem die wichtigsten Schauplätze revolutionären Handelns während des Konfliktes beschrieben werden.21 Außerhalb Spaniens wurde von dem schottischen Anarchisten Stuart Christie, einem ehemaligen politischen Gefangenen in Spanien, ein auf englisch publizierender Verlag gegründet, der sich der Bewahrung des historischen Gedächtnisses in Bezug auf den spanischen Anarchismus verschrieben hat. Christies wichtigste Leistung ist die Veröffentlichung der Übersetzung der dreibändigen vollständigen Bürgerkriegsgeschichte der CNT des herausragenden anarchistischen Chronisten Josep Peirats Valls (1908–1989), dessen Gesamtwerk wegen seiner Transparenz und seines Primärquellenbezugs von besonderem Wert ist. 22 (Peirats’ Schriftstücke befinden sich im Besitz des Amsterdamer International Institute for Social History.) All diese Werke sowie neue Analysen zum Schicksal der Spanischen Republik, von denen einige auf archivalischer Forschung basieren und im Weiteren noch besprochen werden, konnten jedoch nicht die Wirkung erzielen, die ein einzelner Band mit Dokumenten, die vom Staatlichen Russischen Militärarchiv und vom Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften freigegeben wurden, hatte. Ergänzt wurden diese Dokumente durch eine Sammlung von Nachrichten des russischen Geheimdienstes, die von den Briten abgefangen und decodiert wurden und unter der Bezeichnung »Mask« bekannt sind. Das zu Beginn dieses Beitrags erwähnte Werk Spain Betrayed: The Soviet Union in the Spanish Civil War wurde von den amerikanischen Historikern Ronald Radosh und Mary R. Habeck in Zusammenarbeit mit dem russischen Experten Grigorij Sevostianov herausgegeben. In den USA wurde es im Rahmen der Reihe Annals of Communism veröffentlicht und erschien ebenfalls in Spanien. Es markiert eine wahre Revolution in den Studien über den Bürgerkrieg. Das Werk ist das einzige in der Reihe Annals of Communism, das eine spürbare Wirkung außerhalb der Vereinigten Staaten gezeigt hat.23 Spain Betrayed umfasst 538 Seiten mit Dokumenten und Kurzkommentaren in englischer Sprache, die zuverlässiges Quellenmaterial zu nahezu jeder wichtigen Frage hinsichtlich der sowjetischen Beziehungen zur Spanischen Republik während des Bürgerkrieges liefern. Zu den Texten gehört auch eine Direktive der Kommunistischen Internationale in Moskau an die spanischen Kommunisten, die unmittelbar mit dem am 17. Juli 1936 gegen die Republik begonnenen Militäraufstand ausgegeben wurde. Die erste Nachricht dieser Art, die an die PCE gesandt wurde und zu Beginn des Buches abgedruckt ist, bringt Licht in die umstrittenste Frage der Geschichte des Bürgerkrieges: Welche Absichten hegte die sowjetische Regierung gegenüber ihren anarchistischen und sonstigen Konkurrenten in der spanischen revolutionären Bewegung? Von Moskau hieß es dazu, dass die Anarchisten – die damals gegenüber einigen Tausend spanischen Kommunisten zwei Millionen Mitglieder zählten – als »Streikbrecher im Kampf gegen den Faschismus in der Arbeiterklasse«24 denunziert werden würden, wenn sich die anarchistische Führung den von den spanischen Kommunisten aufgestellten Forderungen nach Vereinigung verweigern sollte. Diese unverblümte Sprache widerlegt in dramatischer und endgültiger Weise die langjährigen Behauptungen der spanischen Kommunisten und ihrer Apologeten, dass die Kommunisten für eine wohlwollende Einheit in der Volksfront (Frente Popular) mit dem alleinigen Ziel eines republikanischen Sieges eintraten. Es ist jedoch anzumerken, dass sich die anarchistische CNT vor dem Krieg nicht der Volksfront anschloss und die sehr große und radikale Spanische Sozialistische Arbeiterpartei, trotz ihrer Unterschrift unter das Wahlbündnis mit der Volksfront 1936, eine auf der Grundlage ihres Wahlerfolgs mögliche Regierungsbeteiligung ablehnte. Die POUM war in die Volksfront einbezogen worden und gewann für ihren Mitbegründer Maurín von Barcelona aus einen Sitz in den Cortes (nationales Parlament). Paradoxerweise wurde Maurín jedoch zu Kriegsbeginn hinter Francos Linien gefangen genommen und eingesperrt.25 Spain Betrayed enthüllt weiter, dass der Führer der Kommunistischen Internationale, Georgi Dimitrov, die Kommunisten weniger als eine Woche nach dem Triumph der Linken in den wichtigsten spanischen Städten Barcelona, Madrid und Bilbao – in denen die revolutionäre Euphorie die Massen berauschte – dazu aufrief, radikale Maßnahmen in Spanien zu verhindern. Dadurch sollten die Volksfrontregierungen in Frankreich und Belgien unterstützt werden, die auf der Integrität der bürgerlichen Ordnung aufbauten. Während improvisierte linke Milizen bereits aus Barcelona zur Front in Aragón aufgebrochen waren, forderte Dimitrov den Erhalt einer ordentlichen republikanischen Armee. Seit der Veröffentlichung der Werke von Orwell und Borkenau, welche die Politik der Kommunisten als konterrevolutionär beschrieben, haben diese Aspekte der Politik der sowjetischen und spanischen Kommunisten eine zentrale Rolle in der historischen Debatte über das Schicksal der Republik gespielt. Die in Spain Betrayed enthaltenen Dokumente umreißen auch den Hintergrund für die späte Entscheidung Stalins, die spanische Linke direkt mit Waffen und »Beratern« zu unterstützen – eine Unterstützung, die erst im September 1936 eingeleitet wurde. In derselben Sammlung finden sich darüber hinaus Berichte der wichtigsten Persönlichkeiten der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale, die nach Spanien gereist waren, wie der Schriftsteller Ilja Ehrenburg (1891–1967), der französische KI-Funktionär André Marty (1886–1956), der Offizier des militärischen Geheimdienstes (GRU) Vladimir Gorev, der führende bolschewistische Aktivist, Diplomat und frühere Trotzkist Vladimir Antonov-Ovseenko (1883–1939), der Militärattaché Iosif Ratner sowie der Wirtschaftsverwalter Artur Staševskij (1890–1937). Die für eine größere Leserschaft inner- und außerhalb Spaniens beeindruckendsten Enthüllungen des Bandes betreffen allerdings das Schicksal der Internationalen Brigaden (IB), der sowjetisch rekrutierten bewaffneten Verbände, die zur Verstärkung der republikanischen Armee nach Spanien entsandt worden waren. In Spain Betrayed wird deutlich, dass Stalins Säuberungsapparat auch auf die IB ausgedehnt worden war. Ein Satz über die XIII. Internationale Brigade sticht aus einem Mitte 1937 nach Moskau gesendeten anonymen vertraulichen Bericht hervor: »Diese Brigade wurde nicht vernichtet, sie wurde ermordet.«26 In einem Ende 1937 nach Moskau übersandten, detaillierten freimütigen Bericht von außergewöhnlicher Länge enthüllte der Agent des militärischen Nachrichtendienstes Mosche Salmanowitsch (Manfred) Stern, bekannt als der in der kommunistischen Propaganda weltweit viel gerühmte »General Kléber«, bevor er nach Moskau zurückgerufen wurde und im Zuge der Säuberungsaktionen verschwand, dass die ein großes Freiwilligen-Kontingent vom Balkan umfassende XIII. Internationale Brigade »von der Front floh«. Das Urteil der sowjetischen Offiziere in Spanien über die XIII. Brigade war Gegenstand von Debatten in Memoiren und geschichtswissenschaftlichen Arbeiten vor dem Tod Francos; es wurde gesagt, dass viele aus den Reihen der XIII. Brigade hingerichtet worden seien.27 Anfang 1938 übermittelte der polnische Kommunist und Offizier der sowjetischen Armee Karol Waclaw Świerczewski (1897–1947), in Spanien unter dem weitverbreiteten klichka bzw. unter dem Decknamen »Walter« bekannt, einen Bericht nach Moskau, in dem er sich äußerst kritisch über die IB äußerte. Świerczewski bestätigte, dass Truppen der IB im Kampf von Brunete Mitte 1937 einer »allgemeinen Panik verfielen und flohen«.28 Die XII. Internationale Brigade wurde auf Befehl der spanischen Führung aufgelöst. Świerczewskis Angaben zufolge waren die französischen Freiwilligen demoralisiert, undiszipliniert und schmutzig. Die Deutschen waren in einem etwas besseren Zustand, doch »erkannten oder sahen sie das Ausmaß der Auflösung nicht«.29 Das polnische Brigadepersonal hielt seine Waffen nicht sauber, benutzte die Bajonette als Zeltstangen und fraternisierte in nicht akzeptabler Weise mit den spanischen Truppen, die von den Polen »unkameradschaftlich« behandelt wurden. Die Briten und Kanadier schienen nicht zu wissen, wie man die Waffen in einem ordentlichen Zustand hielt. Eine von Świerczewski inspizierte spanische kommunis­tische Brigade unterschied sich so stark von den Truppen der IB, dass der sowjetische Kommandeur zugab, »peinlich berührt zu sein«. Er bemerkte weiter: »Wir Internationalisten führen unser eigenes, isoliertes Leben […] Die Spanier lassen wir selten in unsere Mitte.«30 An die Briten und Amerikaner wurden amerikanische Zigaretten verteilt, wohingegen die Spanier keinen Tabak erhielten. Die ausländischen Brigaden bekamen eigene, ausgezeichnete Verpflegung, die Spanier jedoch nicht, und die ärztliche Einrichtung der IB im südöstlich von Madrid gelegenen Albacete behandelte nur Ausländer. Fahnenflucht war unter den ausländischen IB verbreiteter als unter den spanischen, doch blieb sie bei Ersteren straffrei. Gleichzeitig stellte Świerczewski offen fest: »Die Internationalisten hatten, und haben, vollständige, absolute Macht, obwohl der Prozentsatz der Spanier in der Mehrheit der Brigaden und Einheiten die beeindruckende Marke von 60–80 Prozent erreicht hat.«31 Ein zweiter von Świerczewski verfasster Bericht wurde Mitte 1938 nach Moskau übermittelt. Darin beschreibt der sowjetische Offizier die zunehmende Zahl »internationaler« Fahnenflucht, die Unzufriedenheit der Spanier über die Anwesenheit der Ausländer und über angebliche Sabotage. Świerczewski hatte sich die hysterische Sprache der Ankläger der Moskauer Prozesse zu eigen gemacht und verbreitete, es gebe eine weitreichende Konspiration von Faschisten, »Trotzkisten« und ausländischen Agenten in den Reihen der linken Truppen. Diese Enthüllungen über die IB, deren Heldenmut und Selbstlosigkeit jahrzehntelang in glühenden Farben gerühmt worden waren, waren ein harter Schlag für das Image der Sowjets und anderer Kommunisten im Bürgerkrieg. Dies lag nicht zuletzt daran, dass vieles davon von Świerczewski aufgedeckt wurde, der nach dem Zweiten Weltkrieg stellvertretender Verteidigungsminister des polnischen kommunistischen Regimes wurde und durch seine Offenheit Glaubwürdigkeit sowie Moskaus langjährige Zustimmung besaß. Schließlich enthält Spain Betrayed ein Dokument, das für viele Spanier den noch immer andauernden historischen Streit über die »Maiereignisse« von 1937 gelöst hat. Ein nur wenige Wochen vor den Maikämpfen abgefasster anonymer Bericht, der mit der Billigung Dimitrovs an General Kliment Efremovič Vorošilov (1881–1969) gesendet worden war, beschrieb die wachsende Polarisierung zwischen Kommunisten und linken Nichtkommunisten. In dem Bericht wurde den Kommunisten empfohlen, nicht auf das Umschlagen der Krise in eine direkte Konfrontation zu warten, sondern es vielmehr zu »beschleunigen und gegebenenfalls zu provozieren«.32 Dies wurde insbesondere von katalanischen Historikern – und nicht allein von den Verteidigern der Anarchisten und der POUM – als Beweis dafür interpretiert, dass die »Maiereignisse« das Ergebnis eines gezielten Plans der Kommu­nisten waren, der auf den höchsten Ebenen des Kremls konzipiert worden war. Zusammenfassend betrachtet, wird mit Spain Betrayed vollständig das historiografische Gebäude zerstört, auf dem die Verteidigung des Verhaltens der spanischen Kommunisten im Bürgerkrieg aufgebaut worden war. Der Band gibt den kritischen Autoren recht, die, beginnend mit Orwell, die sowjetische Regierung beschuldigt hatten, die republikanische Sache zu untergraben. Die Komintern in Lateinamerika Da sie Spanisch sprachen, wurden viele lateinamerikanische Agenten der Kommunistischen Internationale während des Krieges auf die iberische Halbinsel geschickt. 2004 gaben die russischen Historiker Lazar und Victor Chejfec, Vater und Sohn, mit Unterstützung des Schweizer Historikers Peter Huber den Band La Internacional Comunista y América Latina, 1919–1943: Diccionario Biográfico [Die Kommunistische Internationale und Lateinamerika, 1919–1943. Biografisches Lexikon] in Russland und der Schweiz heraus.33 In weiten Teilen auf der archivalischen Forschung von Lazar und Victor Chejfec in Russ­land basierend, enthüllt dieses Buch, dass Andreu Nin, nachdem er nach Moskau gegangen war, unter den kommunistischen Führern Lateinamerikas große Beliebtheit erlangt hatte und als Kreml-Experte Gruppen unter dem Dach der Komintern von Mexiko bis Argentinien überwachte. Viele weitere faszinierende Persönlichkeiten tauchen in Lazar Chejfecs, Victor Chejfecs und Peter Hubers Universum der bolschewistischen Kolonialisierung Lateinamerikas auf. Der unglaubliche Josef Romualdevič Griguliavicius wurde 1913 zu Zeiten des Zaren in eine karäische Familie – Mitglieder einer heterodoxen jüdischen Sekte – in Litauen hineingeboren und starb 1988 in Moskau. Er erwarb einen Abschluss an der Sorbonne, veröffentlichte kommunistische Magazine in polnischer Sprache, befreite in Brasilien kommunistische Führer aus dem Gefängnis und arbeitete in Spanien als sowjetischer Auftragsmörder, der mit der Ermordung Nins in Zusammenhang gebracht wurde. Er war nach Russland zurückgeschickt worden, bevor er in die westliche Hemisphäre zurückkehrte, um Hilfestellung beim Mord an Trockij zu leisten. Seine Aufgabe bestand darin, sowohl in Kalifornien als auch in Mexiko Unterstützernetzwerke für die Mörder einzurichten. Nach dem Mord an Trockij floh Grigulevič, so sein bekannterer Name, nach Kalifornien. Sein spionagetechnisches Handwerkszeug und insbesondere seine Fähigkeit, sich selbst neu zu erfinden, sind so schillernd, dass sie zugleich Zweifel aufkommen lassen. Nach dem Ende des II. Weltkrieges wurde er unter Verwendung einer falschen Identität vom linken, aber antikommunistischen Regime Costa Ricas zum Botschafter im Vatikan und in Jugoslawien ernannt. Er nutzte diesen Posten, um Titos Ermordung vorzubereiten, die jedoch nie zur Ausführung kam. 1950 kehrte er nach Russland zurück, wo er einen akademischen Posten annahm. Mit Arbeiten zur Geschichte der sowjetischen Spionage hat Grigulevič es zu später Prominenz gebracht. Im selben Jahr, in dem Lazar Chejfecs, Victor Chejfecs und Peter Hubers Werk veröffentlicht wurde, gab die costa-ricanische Journalistin Marjorie Ross eine Biografie über Grigulevič heraus.34 Weitere Neuveröffentlichungen Einige weitere nach dem Tod Francos veröffentlichte Bücher aus der Bibliografie zum Spa­nischen Bürgerkrieg verdienen besondere Beachtung. Zwei herausragende Bände befassen sich mit einem Dauerthema, das von den über den Konflikt schreibenden Autoren in zunehmendem Maße aufgegriffen wird: den »Maiereignissen«. Der erste Band wurde 2003 in Barcelona gedruckt und befasst sich mit der Rolle der viel zitierten and wenig verstandenen anarchistischen Gruppierung Amigos de Durruti [Freunde Durrutis], die auch von Orwell erwähnt wurde. Die Freunde Durrutis wurden als wichtigster Knotenpunkt der antikommu­nistischen Militanz in der CNT-FAI angesehen. Ihr Führer war der Journalist Santiago María (Jaume) Balius Mir (1904–1980). Viel Spekulatives wurde in verschiedenen Sprachen über diese Gruppe gedruckt, doch abgesehen von ihrer eigenen Zeitschrift El Amigo del Pueblo [Freund des Volkes], ihrem »Manifest« Hacía una nueva revolución [Einer neuen Revolution entgegen] und einer kleinen Zahl von Interviews mit Balius gibt es wenige zuverlässige Belege. In seinem Buch La revolución traicionada [Die verratene Revolution] legt der junge anarchistische, situationistische Ansichten vertretende Schriftsteller Miquel Amorós eine vollständige Biografie von Balius vor, die ebenfalls eine unverzichtbare Quelle für die Geschichtsschreibung über den Bürgerkrieg darstellt.35 Amorós griff dabei auf sämtliche relevanten Archive inner- und außerhalb Spaniens zurück. Balius war ein Kind der Mittelklasse und studierte Medizin, als er an Kinderlähmung erkrankte. Er, die radikale anarchis­tische Persönlichkeit, und sein Freund, der militärische Führer der POUM Josep Rovira, zwei der bemerkenswertesten und von ihren Anhängern in guter Erinnerung gehaltenen, obschon zweitrangigen und weniger erforschten Persönlichkeiten des Bürgerkrieges, hatten ihr politisches Leben in der Estat Català begonnen, dem wichtigsten für die katalanische Unabhängigkeit kämpfenden nationalistischen Kader. Estat Català nimmt, ebenso wie viele nationalistische Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, im öffentlichen Gedächtnis Kataloniens einen festen und angesehenen Platz ein. Von Balius stammt die ungewöhnliche Aussage, dass das Proletariat und die Bourgeoisie in jedem Land getrennte Nationen bildeten. Doch die Bewegung driftete während der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts nach rechts ab, wurde nach den Ereignissen 1936 aus der Regionalregierung der Generalitat ausgeschlossen und von den Anarchisten, der POUM und den Kommunisten gleichermaßen als Feind angesehen. Ihre als Faschisten bezeichneten Führer flohen nach Frankreich. Balius und Rovira bewegten sich immer mehr auf den von Maurín geführten Bloc Obrer i Camperol (BOC, Arbeiter- und Bauernblock) zu, einen Vorgänger der POUM, auch wenn sich Balius schließlich fest der CNT-FAI anschloss. Einen neuen und bedeutenden Zugang zur Bibliografie des Spanischen Bürgerkrieges stellt eine unlängst erschienene Sammlung von Briefen der amerikanischen Trotzkistin und POUM-Aktivistin Lois Cusick Orr (1917–1980) dar, die mit ergänzendem Material von ihrem Ehemann Charles Orr veröffentlicht und von Gerd-Rainer Horn, einem Historiker von der Universität Warwick, herausgegeben worden ist.36 Lois Orr, eine strenge Marxistin, lehnte den katalanischen Nationalismus ab, und wurde dabei auch beleidigend, vorzugsweise einhergehend mit einer provinziell-amerikanischen Attitüde. Sie arbeitete in der englischsprachigen Presse- und Hörfunkabteilung der POUM. Zwischen dem 27. und 30. September 1936 schrieb sie einen Brief an ihre Familie in den USA, in dem sie erklärte, dass sämtliche Post aus der Spanischen Republik ins Ausland vermutlich der Zensur unterliege. Die POUM umgehe die Zensur, indem sie zweimal wöchentlich ein Fahrzeug nach Frankreich schicke, um den dortigen Postdienst in Anspruch zu nehmen. In einem Satz, der deutlich ihre Vorahnung von der totalitären Zukunft des Kommunismus und dessen Zusammenbruch widerspiegelte und gleichzeitig die dadurch bewirkten Gefühle offenbarte, schrieb Lois Cusick Orr: »[Die] POUM glaubt nicht an Zensur.«37 Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Siehe Ronald Radosh / Mary R. Habeck / Grigory Sevostianov: Spain Betrayed: The Soviet Union in the Spanish Civil War, New Haven 2001; für die spanische Version siehe dies.: España Traicionada. Stalin y la Guerra Civil, Madrid 2002. 2 Siehe George Orwell: Homage to Catalonia, London 1938, Nachdruck und Übersetzung in mehreren Auflagen [dt. Mein Katalonien]; Franz Borkenau: The Spanish Cockpit. An Eye-Witness Account of the Political and Social Conflicts of the Spanish Civil War, London 1937 [Kampfplatz Spanien. Politische und soziale Konflikte im Spanischen Bürgerkrieg. Ein Augenzeugenbericht, Stuttgart 1986]; Gerald Brenan: The Spanish Labyrinth, Cambridge /U. K. 1943 [Spanische Revolution, Berlin 1973]. 3 Siehe z. B. Bertrand M. Patenaude: Stalin’s Nemesis, London 2009. 4 Stepanov, geb. Stoyan Mineff (1891–1959), auch unter dem Namen Stefanov bekannt, wurde während seiner Zeit als führender Vertreter der Komintern in Spanien der revolutionäre Deckname »Moreno« (»dunkelbraun«) gegeben. Siehe dazu die nicht immer verlässliche Arbeit von Branko M. Lazić / Milorad M. Drachkovitch: Biographical Dictionary of the Comintern, 2. Aufl. Stanford 1986. 5 Victor Serge: Memoirs of a Revolutionary, London 1963, S. 216. 6 Siehe Víctor Alba / Stephen Schwartz: Spanish Marxism versus Soviet Communism: A History of the P.O.U.M., New Brunswick, NJ 1988. 7 Víctor Alba (Hg.): La Nueva Era [Die neue Ära], Madrid 1977. 8 Víctor Alba (Hg.): La Revolución española en la práctica [Die Spanische Revolution in der Praxis], Madrid 1978. 9 Siehe dazu folgende Nachricht von einem unbekannten Verfasser: »Els papers de Salamanca són ja a Barcelona, segons el Ministeri de Cultura« [»Laut Kulturministerium befinden sich die Unterlagen aus Salamanca nun in Barcelona«], in: Europa Press (Madrid) vom 31. Januar 2006. 10 Joaquím Maurín Juliá (1896–1973), früherer Funktionär der Kommunistischen Internationale, war zusammen mit Nin Mitbegründer der POUM. Siehe dazu den gedruckten CEHI-Katalog: História del POUM. Documents per el seu estudi [Die Geschichte der POUM. Studienmaterial], Barcelona 1985. 11 Es ist darauf hinzuweisen, dass die Justiz der Spanischen Republik die Angeklagten sowohl in der Hauptverhandlung gegen die POUM als auch im Prozess gegen Rovira des »Hochverrats und der Spionage« nicht schuldig befand, sie jedoch zu geringen Strafen für die Beteiligung an den »Maiereignissen« verurteilte. Auch wenn einige Historiker die Ansicht vertreten, die Russen hätten die Spanische Republik vollständig übernommen, wurden beträchtliche Teile des Staates von ihnen nicht kontrolliert. Die milden Urteile gegen die Führer der POUM veranschaulichen diesen Umstand: In Russland oder in anderen, vollständig von Russland dominierten Staaten wären sie hingerichtet worden. 12 Siehe dazu Víctor Alba / Marisa Ardevol u. a. (Hg.): El Proceso del POUM: Documentos Judiciales y Policiales [Der Prozess gegen die POUM. Gerichtliche und polizeiliche Unterlagen.], Barcelona 1989, S. 75. 13 Ebd. 14 Siehe z. B. Juan Andrade: Notas sobre la Guerra civil [Bemerkungen zum Spanischen Bürgerkrieg], Madrid o. J. [1986?]. 15 G. Munis: Jalones de derrota, promesa de victoria: España 1930–39 [Zeichen der Niederlage, Aussicht auf den Sieg: Spanien 1930–1939], Madrid 1977. 16 Siehe G. Munis: Revolución y contrarevolución en Rusia [Revolution und Gegenrevolution in Russland], Llerena 1999; ders.: Internacionalismo, sindicatos, organización de clase [Internationalismus, Gewerkschaften, Klassenorganisation], Llerena 2009. 17 Abel Paz: La Cuestión de Marruecos y la República Española [Die Marokko-Frage und die Spanische Republik], Madrid 2000. 18 M. Dolors Genovès (Regie) / Llibert Ferri (Recherche / Drehbuch): Operació Nikolai [Operation Nikolai], Barcelona 1992 (Dokumentarfilm). 19 Javier Rioyo / José Luis López-Linares (Regie): Asaltando los Cielos [Die Himmel stürmen], Madrid 1996 (Dokumentarfilm). 20 www.fundanin.com. 21 Eladi Romero: Itinerarios de la guerra civil española. Guía del viajero curioso [Zu den Schauplätzen des Spanischen Bürgerkrieges. Ein Reiseführer für Neugierige], Barcelona 2001. 22 José Peirats: The CNT in the Spanish Revolution, 3 Bde., Hastings 2001, 2003, 2006. 23 Radosh / Habeck / Sevostianov: Spain Betrayed (Anm. 1). Eine Auswahl von abgefangenen Nachrichten (»Mask« intercepts) findet sich in Nigel West: Mask: MI5’s Penetration of the Communist Party of Great Britain, New York 2005. 24 Radosh / Habeck / Sevostianov: Spain Betrayed (Anm. 1), S. 8. 25 Nähere Informationen zu den internen Strukturen in der Volksfront standen den ausländischen Historikern vor 1975 fast nur dank der zitierten Arbeiten Munis’ zur Verfügung. 26 Radosh / Habeck / Sevostianov: Spain Betrayed (Anm. 1), S. 243. 27 Zur XIII. Internationalen Brigade siehe Stephen Schwartz: Sarajevo Rose: A Balkan Jewish Notebook, London 2005. 28 Radosh / Habeck / Sevostianov: Spain Betrayed (Anm. 1), S. 437. 29 Ebd., S. 444. 30 Ebd., S. 453. 31 Ebd., S. 450. 32 Ebd., S. 194. 33 Lazar Jeifets / Victor Jeifets / Peter Huber (Hg.): La Internacional Comunista y América Latina, 1919–1943: Diccionario Biográfico [Die Kommunistische Internationale und Lateinamerika, 1919–1943. Biografisches Lexikon], Moskau, Genf 2004. 34 Marjorie Ross: El secreto encanto de la KGB: Las cinco vidas de Iósif Griguliévich [Das geheime Spiel des KGB: Die fünf Leben des Josef Grigulevič], San José 2004. 35 Miquel Amorós: La revolución traicionada [Die verratene Revolution], Barcelona 2003. 36 Lois Orr mit Charles Orr, hg. von Gerd-Rainer Horn: Letters from Barcelona, London 2009. Zum Ehepaar Orr siehe auch Alba / Schwartz: Spanish Marxism (Anm. 6). 37 Orr / Orr: Letters from Barcelona (Anm. 36), S. 72.

JHK 2010

Die unvollendete Vergangenheit: Über den Umgang mit der kommunistischen Geschichte im heutigen Russland

Alexander Vatlin

Ungewisse Vergangenheit Die Vergangenheit lässt sich nicht vorhersehen, folgt sie doch den Änderungen der offiziellen Parteilinie – solche Witze machten wir damals in der Sowjetunion. Wir waren noch sehr jung, spürten aber bereits, dass man uns eine fiktive, märchenhafte Geschichte erzählte, deren Tenor noch von Stalins Kurzem Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) bestimmt wurde. Die Gesellschaft war inzwischen erwachsen geworden und reagierte auf solche Märchen mit einem müden Lächeln. Sie äußerte ihre Unzufriedenheit mit der Staatsmacht, die die Sprache der Wahrheit nicht beherrschte, und suchte nach alternativen Informationsquellen über die eigene Vergangenheit. Diese Haltung teilte auch jener Teil der Elite, der gemerkt hatte, in welcher Sackgasse sich das sowjetische Modell des Sozialismus befand. Die »Aufdeckung der historischen Wahrheit« und die »Beseitigung der weißen Flecken unserer Vergangenheit« wurden zu zentralen Bestandteilen von Gorbatschows Perestroika. Das setzte enorme gesellschaftliche Energien frei. Die Menschen glaubten an die Bereitschaft der Staatsmacht, auf die Märchen zu verzichten und einen ehrlichen Dialog zu führen. Die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert avancierte zum populärsten Thema dieser Auseinandersetzung. Die Auflagen der sich mit ihr befassenden Zeitschriften lagen bei annähernd hunderttausend Exemplaren. In dieser kurzen Zeitspanne fühlte sich jeder denkende Mensch als Historiker. Und die Historiker wurden zu »Herrschern der Gedanken«, zu Propheten, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft zu sehen vermochten. Das war eine Zeit der glanzvollen Illusionen. Wir dachten – so wie einst die großen Historiker im 19. Jahrhundert –, dass es genüge, die Vergangenheit zu »entdecken«, so wie Reisende eine neue Insel entdecken. Dann hätten wir zwar mit dieser Vergangenheit leben müssen, aber nicht mehr in ihr. Die zwei Jahrzehnte seit dem Zusammenbruch der Parteidiktatur haben uns eines Besseren belehrt. Die Geschichte war ihren selbst ernannten Priestern wieder einmal überlegen. Bald wurde offenkundig, dass eine einheitliche Perspektive auf die Vergangenheit nicht möglich ist. Es existiert kein alternatives, »wahres« und allein gültiges Gegenbild zum offiziellen und deswegen verzerrten Bild der Vergangenheit, das uns durch die kommunis­tische Ideologie aufgezwungen wurde. Das Projekt der »Erziehung durch die Vergangenheit« erlitt genauso schnell wie das Projekt des Aufbaus einer »strahlenden Zukunft« eine Niederlage. Unsere Geschichte wurde nun nicht mehr von oben aufgezwungen, sondern, ähnlich anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, zunehmend privatisiert. Sie lässt sich jedoch genauso schlecht vorhersehen wie zuvor. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Vergangenheit aus dem kollektiven Bewusstsein der russischen Bürger verschwunden ist. Sie hat sich vielmehr transformiert, in viele Teilchen aufgelöst, die sich in den Köpfen zu unterschiedlichen Bildern zusammensetzen. Im Weiteren sollen einige wichtige Tendenzen bezüglich dieser Bilder beleuchtet werden. Glorreiche Revolution oder bolschewistischer Putsch? Den Hauptgrund für viele Verzerrungen in der Haltung des heutigen Russlands gegenüber der eigenen Geschichte sehe ich weniger in der Dämonisierung der sowjetischen Vergangenheit als vielmehr in der Idealisierung der vorsowjetischen Zeit. Zar Nikolaus II. wird nicht mehr mit dem »Blutsonntag« assoziiert, an dem die Armee im Januar 1905 auf eine friedliche Demonstration schoss, und ebenso wenig mit dem archaischen politischen System, der volksfremden aristokratischen Elite und zwei verlorenen Kriegen. Nein, er wurde von der Kirche zu einem Heiligen erklärt und ist für einen bedeutenden Teil der russischen Bürger zu einer Ikone geworden. Dieser Kult entspricht in mancher Hinsicht dem politischen Interesse der heutigen Staatsmacht, die ein Symbol für einen »Sonderweg« sucht, der sich vom westlichen bzw. europäischen Weg abgrenzen lässt – ein Symbol für ein patriarchales Russland, das weder von politischen Schlammschlachten noch von den Versuchungen der Konsumgesellschaft tangiert sein soll. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Popularität verschwörungstheoretischer Deutungen der russischen Revolution von 1917 – Machenschaften der Entente-Botschafter, deutsches Geld, jüdische Verschwörung. Wer solche Versionen vehement verteidigt, scheint zu vergessen, dass eine Revolution stets die Ultima Ratio des Geschichtsprozesses bleibt, wenn alle andere Mittel erschöpft sind.1 Das zaristische Ancien Régime hatte genug Zeit, dem sozialen Ausbruch durch tief greifende Reformen zuvorzukommen. Der Weltkrieg war keine Ursache, sondern lediglich ein Katalysator für die Revolution – das zaristische Russland war noch nicht auf einem Entwicklungsstand angelangt, der es einem Staat ermöglicht, Kriege eines solchen Ausmaßes und unter einer solchen Spannung zu führen. Der Bolschewismus als politisches Regime war eine brutale Antwort auf das brutale Zeitalter, dessen Kind er war.2 Er war zugleich eine Negation des Ancien Régime und der Revolution, sodass ein Vergleich mit den französischen Jakobinern angemessen erscheint.3 Die naheliegende Anerkennung der Tatsache, dass der Bolschewismus »Fleisch vom Fleische« der Geschichte Russlands war und keineswegs ein exotisches, von außerhalb in den russischen Boden eingepflanztes Gewächs, soll weder zu seiner Verharmlosung noch zu seiner Glorifizierung verleiten! Einen solchen Vorwurf verdienen links orientierte Historiker, die weiterhin von zwei russischen Revolutionen 1917 ausgehen: Die erste soll eine liberale Revolution nach westlichem Vorbild gewesen sein, weswegen sie zum Scheitern verdammt gewesen und im völligen Chaos, im Zusammenbruch des ganzen Staatsapparats gemündet sei. Die zweite, die Große Oktoberrevolution, habe hingegen nationalen und schöpferischen Charakter gehabt und (wenn auch nur für eine kurze Periode) zu einer wahren Volksherrschaft, zur Errichtung eines »Staates neuen Typs« geführt. Diese Geschichtsauffassung, die von den meisten Historikern der älteren Generation geteilt wird, weist drei gravierende Mängel auf. Erstens löst sie die bolschewistische Etappe der russischen Revolution aus dem historischen Kontext: Ohne allgemeine Kriegsmüdigkeit, ohne leere Worte der Provisorischen Regierung, ohne wilde Landbesetzungen durch die Bauern im Sommer 1917 hätte sich in den unteren sozialen Schichten nicht die Energie formieren können, die Lenins Partei auf die Bühne der Geschichte gebracht hat. Die politische Agitation sprach von den sozialistischen Inhalten der Oktoberrevolution und verbreitete (mit durchschlagendem Erfolg) die entsprechenden Bilder einer »strahlenden Zukunft«. Aber auf der Ebene der Wissenschaft konnte und kann keine Rede von einem sozialistischen Charakter des Oktober-Umsturzes sein. Kautsky und seine Mitstreiter haben im Zuge der deutschen Novemberrevolution die These vertreten, man könne keine Ruinen sozialisieren. Freilich gab es im agrarisch geprägten Russland im Großen und Ganzen weder Ruinen, die der Sozialisierung wert gewesen wären, noch eine Gesellschaft, die der Selbstverwaltung fähig gewesen wäre. Wer wollte wirklich eine parlamentarische Demokratie, wer versuchte im Januar 1918, die Verfassunggebende Versammlung zu schützen? Eine Handvoll Petrograder Studenten, die von den Matrosen mit ein paar Schüssen auseinandergetrieben wurden. Genau diese Matrosen mit ihrer berühmten Parole »Anarchie ist die Mutter der Ordnung« (die übrigens auch heute noch bei Jugendlichen populär ist) schienen zunächst zu Symbolen des neuen politischen Regimes zu werden. Allerdings haben die Anhänger der Anarchie, der Enteignungen und der Willkür schon bald zu spüren bekommen, dass ihre Tage gezählt waren. Die Bolschewiki hatten es geschafft, die Situation unter Kontrolle zu bringen, indem sie auf die demokratischen Elemente des eigenen Programms verzichteten. Sie begannen sogar umgehend damit, den straffen Repressionsapparat wiederaufzubauen. Nicht allen ist bekannt, dass die berühmte Tscheka, die »Außerordentliche Kommission für den Kampf gegen die Konterrevolution«, auf der Basis der Ochranka aufgebaut wurde – der zaristischen politischen Polizei. Die im bürgerlichen Europa etablierten Kategorien können die Ereignisse von 1917 nicht adäquat beschreiben. Es handelte sich weder um die »Pioniere des Sozialismus« noch um eine »Demokratie neuen Typs«, sondern um ein autoritäres politisches Regime, das Russland aus einer Jahrhunderte andauernden Rückständigkeit lösen und seinen Rang einer Großmacht erhalten wollte. Die Menschen in den unteren ebenso wie den oberen Rängen der russischen Gesellschaft hatten die »Freiheit« satt, die mit Pogromen und Plünderungen verknüpft wurde, sie sehnten sich nach einer »starken Hand«, und somit konnte sich diese Hand auch durchsetzen. Der zweite Mangel der auf zwei Revolutionen bestehenden Geschichtsauffassung ist ihr elitärer Charakter. Wir sehen eine beinahe nietzscheanische Unterteilung der Gesellschaft in den Helden und die Masse. Lenin erscheint als der Messias, der fast vom Himmel gekommen ist (bzw. durch das ganze sich im Krieg befindende Europa reiste), um das Volk auf den rechten Weg zu bringen, ihm die »eisernen Gesetze der Geschichte« beizubringen. Tatsächlich verwerfen die Verfechter dieser Meinung die von ihnen scheinbar übernommene marxistische These von der entscheidenden Rolle der Volksmassen in der Geschichte. Es wird außer Acht gelassen, dass sich die Bolschewiki stets den Launen der Menge, allen voran der Soldaten, angepasst und die Schlüsselforderungen anderer Parteien (die Aufteilung anstatt der Nationalisierung von Grundbesitz) übernommen haben. Warum sind solche Auffassungen – die auch auf Stalin bezogen werden – so populär? Weil die Vorstellung vom »freien Willen« eines Helden, eines Modernisierers, durch und durch mit den Launen der gegenwärtigen Staatsmacht harmoniert, die von der »gelenkten Demokratie« redet und sich dabei in Richtung eines bürokratisch-autoritären Regimes entwickelt. Drittens schafft die Geschichtsauffassung der »alten Linken« im heutigen Russland künstlich einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem revolutionären Bolschewismus und der sich zu Beginn der Dreißigerjahre etablierenden Diktatur der Parteibürokratie. Niemand will qualitative Unterschiede zwischen Lenin und Stalin, ihren Ansichten und Führungsstilen nivellieren. Aber Stalin als Lenins schlimmsten Feind, als »Totengräber des Sozialismus« und Ähnliches darzustellen bedeutet, die historische Analyse durch apriorische Schemata zu ersetzen, die ihren Ursprung in Programmpapieren der Anti-Stalin-Opposition der Zwanzigerjahre haben und später in der bekannten Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU weiterentwickelt wurden. Wenn wir vom Stalinismus als einheitlichem System reden wollen, das alle Bereiche des öffentlichen und politischen Lebens umfasste (und bis heute nicht restlos der Vergangenheit angehört), dürfen wir nicht vergessen, dass dieses System nicht einfach über Nacht entstanden ist. Leider wird das Geschichtsbewusstsein der russischen Bürger immer noch von der Neigung zu »einfachen Erklärungen« geprägt. Das betrifft nicht nur die Verteidiger der sowjetischen Vergangenheit, sondern auch ihre Ankläger. Wenn Lenin wahlweise als deutscher Spion oder als ignoranter »Westler« dargestellt wird, gilt Stalin bei ihnen als »asiatischer Despot«, der das ihm unterworfene Volk einer neuen mongolischen Fremdherrschaft ausgesetzt hat. Seine georgische Herkunft, sein kaukasisches Temperament und »weiße Flecken« in der Biografie (die Anschuldigungen, er sei Agent der Ochranka gewesen) fördern solche Spekulationen zusätzlich. Stalin und Stalinismus Die Haltung gegenüber Stalin (Tyrann oder Held) und seinem Regime (Stalinismus oder Sozialismus) war und bleibt die wichtigste Trennlinie im Geschichtsbewusstsein heutiger russischer Bürger. Die Geschichtswissenschaftler können diese oder jene Argumente anführen, immer neue diese Epoche betreffende Quellensammlungen publizieren – es bleibt vergebens. Die Haltung gegenüber Stalin ist, wie ein Kollege treffend anmerkte, eine Frage des Glaubens, nicht des Wissens. Auf den ersten Blick machen die 25 Jahre seiner Alleinherrschaft (1929–1953) nicht so viel vom »russischen Jahrhundert« aus. Die Gründung und der Zusammenbruch der Sowjetunion, der erste bemannte Raumflug, nukleare Aufrüstung und vieles mehr sind darin nicht eingeschlossen. Dennoch ist es Stalins Epoche, die unsere neueste Geschichte dominiert. Hier ist praktisch alles versammelt, was für die einen Erfolge und Errungenschaften und für die anderen Katastrophen und Verbrechen bedeutet. Einige Zahlen aus aktuellen Meinungsumfragen: 42 Prozent der russischen Bürger meinten 2008, Stalin sei genau die Figur, die das Land heute bräuchte. Unter den Menschen über 60 gehören mehr als zwei Drittel zu seinen Anhängern. Eine andere Umfrage, 2005, im Jahr des 60. Jubiläums des Sieges über Nazi-Deutschland durchgeführt, stellte fest, dass 37 Prozent kein neues Stalin-Denkmal im Zusammenhang mit diesem Datum wünschten. 29 Prozent erklärten, ihnen sei es egal, und weitere 29 Prozent unterstützten das Monument für den »Führer der Völker«.4 Der Gerechtigkeit halber soll angemerkt werden, dass über die Hälfte der jungen russischen Bürger wiederum die Idee eines Denkmals für die Opfer des Stalin-Regimes unterstützen. Dies ist ein weiteres Paradox unserer Zeit.5 Die Assoziation von Stalin mit dem Sieg über Deutschland nährt die andauernden Diskussionen über die Rückumbenennung von Wolgograd in Stalingrad. Nicht unerwähnt bleiben darf das Projekt des staatlichen Fernsehkanals »Rossija«, eine historische Persönlichkeit zu wählen, mit der unser Land identifiziert werden kann. Nachdem Stalin in den Zuschauerabstimmungen deutlich vorne lag, wurde die Sendung umgestaltet. Aber auch nachdem die Organisatoren die Möglichkeit bekommen hatten, in den Abstimmungsprozess einzugreifen, kam der »Führer aller fortschrittlichen Menschen« bei der Endauszählung auf den zweiten Platz. An dieser Stelle sollen die zentralen Fragen formuliert werden, die den Streit in der russischen Gesellschaft über den Stalinismus bestimmen: 1. Wie stark war die Kontinuität der Lenin’schen und der Stalin’schen Periode in der sowjetischen Geschichte? Diese Frage habe ich schon oben beantwortet. 2. War der Stalinismus Ausdruck einer gesamteuropäischen Tendenz (Totalitarismus, Zeitalter der Diktaturen) oder Ausdruck der zivilisatorischen Rückständigkeit Russlands (oder, als positive Variante, ihrer »Auserwähltheit«)? In dieser Fragestellung spiegelt sich die alte Diskussion innerhalb der russischen Intelligenz, »Westler« versus »Slawophile«, wider, in welche Richtung sich das Land entwickeln soll. 3. Bot das Stalin-Regime trotz seiner Brutalität und Schwerfälligkeit nicht doch eine optimale Antwort auf die Herausforderungen, vor denen Russland Mitte des 20. Jahrhunderts stand? Die Vertreter dieser Meinung zitieren gerne ein vermeintliches Churchill-Diktum: »Stalin fand Russland mit einem Holzpflug vor und ließ es mit einer Atombombe zurück.«6 Außerdem beziehen sie sich gerne auf die Arbeiten westlicher Politikwissenschaftler zu Besonderheiten der autoritären, aufholenden Modernisierung. 4. Inwiefern ist von einem besonderen oder aber einem »gewöhnlichen« Charakter von Stalins Verbrechen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts auszugehen – des Zeitalters der Extreme, wie es von Eric Hobsbawm bezeichnet wurde? Die Rede ist in erster Linie vom System der totalen Überwachung und des präventiven Terrors, das sich gegen Unschuldige richtete, und natürlich vom Gulag, auf dem die Wirtschaft des Stalinismus gründete. Konkrete Vergleiche mit europäischen und anderen Ländern führen zu gegensätzlichen Urteilen. Manchmal hört man, Stalin sei zu seinem Volk viel schlimmer als Hitler gewesen. Oder umgekehrt, er sei nichts gegen Mao Tse Tung, der in China heute noch verehrt wird. Mit dieser Frage befasse ich mich später ausführlicher. 5. Und schließlich eine Frage, die für die heutigen Probleme unmittelbar relevant ist: Warf der Stalinismus Russland zurück, brachte er ein »neues Mittelalter« mit sich, sodass wir das 20. Jahrhundert noch einmal durchleben müssen (M. Gefter: »Stalin ist erst gestern gestorben«)? Oder ist die gegensätzliche Position besser begründet: Russland wurde von Stalins Peitsche in die Modernität getrieben; ja, es war eine schreckliche Zeit, aber nun ist sie vorbei, und wir haben uns längst und für immer der negativen Elemente des Regimes (Terror, Ideokratie, Bevormundung, Eliminierung der persönlichen Rechte, aggressive Außenpolitik) entledigt? Nicht jede dieser Fragen kann hier detailliert beantwortet werden. Ich beschränke mich auf einige allgemeine Anmerkungen. Die Auseinandersetzungen werden größtenteils nicht unter Historikern ausgetragen (obwohl sie auch unter ihnen nicht selten sind), sondern innerhalb der Parteiprominenz (etwa durch eine Initiative der Partei Jabloko vom März 2009 zur strafrechtlichen Verfolgung der Leugnung stalinistischer Verbrechen) sowie von Künstlern. Die eine oder andere Sicht auf Stalins Zeitalter wird in Filmen bekannter Regis­seure (wie »Die Sonne, die uns täuscht« von Nikita Michalkow oder die Serie »Jagd auf Berija«, die gerade vom ersten staatlichen Fernsehkanal mit großem Erfolg ausgestrahlt wurde) und in bedeutenden Werken der Gegenwartsliteratur vertreten. Die Bewertung Stalins ist zudem zum wichtigsten Kampffeld im »Krieg der Lehrbücher« geworden, der seit einigen Jahren tobt. In einem vom Bildungsministerium protegierten Lehrerhandbuch (noch nicht in einem Schulbuch für Kinder) ist davon die Rede, dass der sowjetische Führer vor allem ein »effizienter Manager« sowohl in Bezug auf die Wirtschaft als auch im Bereich der Staatsstrukturen gewesen sei, da er es geschafft habe, die Sowjetunion als Erbin des Russischen Zarenreiches zu erhalten und sogar zu erweitern. Die Autoren haben dabei wieder einmal das Zitat mit dem Holzpflug und der Atombombe angeführt, ohne sich die Mühe zu machen, die Quelle zu überprüfen! Die andere Seite hält dagegen, dass man einen Menschen nicht positiv bewerten könne, der die Schuld am Tod von Millionen Menschen trage, die in den meisten Fällen nicht einmal seine politischen oder ideologischen Gegner waren. Das stimmt, aber nur zum Teil. Wenn eine Bilanz einer gesamten Epoche gezogen werden soll, kann man nicht »entweder – oder« sagen, besonders wenn es um die schulische oder politische Bildung geht. Wissenschaftliche Forschung muss auf vereinfachte Einschätzungen wie »schwarz –weiß«, »gut–böse« verzichten, gerade wenn sie eine Grundlage für moralische Urteile liefert. »Die sowjetische Zivilisation wurde auf eine Kette der Verbrechen reduziert«, meint der dem Kreml nahestehende Politikwissenschaftler Gleb Pawlowskij. Alle Historiker ad hoc zu politischen Bildnern werden zu lassen ist unmöglich, obwohl wir in der Sowjetunion genau diese Rolle gespielt haben. Ich bin für die »Historisierung« der Vergangenheit, das heißt für die Anerkennung ihres besonderen und einmaligen Charakters. Wir können und sollen nicht über die Geschichte richten, sondern umgekehrt die Fehler der Generationen vor uns zu vermeiden lernen. Dafür ist es notwendig, die Vergangenheit zu kennen, unter anderem die Zahlen der Toten im Gulag und an der deutsch-sowjetischen Front. Selbstverständlich spielen die Überzeugungen des Historikers bei der Wahl des Forschungsthemas und bei den Schlussfolgerungen eine große Rolle. Trotzdem bleibt es seine Aufgabe, sich an die Wahrheit heranzuarbeiten, statt über die Vergangenheit auf die eine oder andere Weise zu urteilen. Man könnte es mit der Arbeit eines Arztes vergleichen, der eine Diagnose stellt, aber die Freude oder die Trauer den Verwandten des Kranken überlassen sollte. Kommen wir auf die These zurück, Stalin sei ein »effizienter Manager« gewesen. Vielleicht ist sie nicht besonders glücklich formuliert, aber sie sagt eigentlich nur aus, dass das von ihm aufgebaute System funktioniert hat. Ob ein auf der freien Marktwirtschaft und liberalen Werten beruhendes System in einem noch sehr altväterlich geprägten Land arbeitsfähig gewesen wäre, bleibt fraglich. Als Historiker sollte man ein kontrafaktisches Modell aufbauen7 – wie es zum Beispiel jene amerikanischen Historiker getan haben, die sich fragten, wie sich die USA im 19. Jahrhundert ohne Eisenbahn entwickelt hätten. Bezogen auf das Russland des 20. Jahrhunderts kann diese Frage wie folgt formuliert werden: Hätte das Land eine forcierte Industrialisierung ohne den Gulag schaffen können? Inzwischen gibt es genug Informationen, auf die sich eine solche Analyse stützen könnte, vor allem die in den letzten Jahren herausgegebenen sieben Bände zur Geschichte des Gulag.8 Auf der Grundlage der von Geschichtswissenschaftlern gesammelten und kommentierten Daten kommt der Bevollmächtigte für Menschenrechte beim Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Lukin zu dem Schluss: »Diese Edition handelt von einem zweiten Bürgerkrieg, in dem ein bedeutender Teil der sowjetischen Bevölkerung vom politischen Regime vernichtet wurde«.9 Das ist das moralische Urteil eines Politikers. Aber es gibt auch Einschätzungen von Historikern, die weit weniger empört formuliert sind, gleichwohl aber deutlich machen, wie wirtschaftlich ineffizient der Gulag war – er versorgte praktisch nur sich selbst und zerfraß das Land, höhlte es von innen aus. Der Gulag raubte die besten Wissenschaftler und qualifiziertesten Arbeitskräfte, zwang sie, mit der Hacke und dem Spaten zu arbeiten, er kostete Hunderttausende von Leben für sinnlose Projekte, die schon in den ersten Monaten nach Stalins Tod gestoppt wurden (wie ein Unterwassertunnel zur Insel Sachalin). »Memorial« – eine unabhängige Menschenrechts- und Bildungsorganisation, die während Gorbatschows Perestroika gegründet wurde – versucht in ihrer Tätigkeit, die wissenschaftlichen Einschätzungen des Stalinismus mit den moralischen zu verbinden. Ich meine hier vor allem die Herausgabe der Quellensammlungen zur Planung und Durchführung der Verfolgungen. Dazu gehören die Publikation der Erschießungslisten, die von Stalin persönlich und seinen Mitstreitern unterschrieben wurden (sie enthalten 44 500 Namen),10 und die Erstellung einer Datenbank, in der zurzeit die Namen von 2,5 Millionen Verfolgten erfasst sind (ohne die Ukraine und die baltischen Staaten). Leider muss man konstatieren, dass diese Arbeit praktisch kein öffentliches Interesse findet – »das gegenwärtige historische Wissen über den Großen Terror und das öffentliche Gedächtnis fallen deutlich auseinander«. 1989 zählten 39 Prozent der Befragten die Verfolgungen unter Stalin zu den bedeutsamsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts in Russland (genauer belegten diese den dritten Platz). 1999 sind von den 39 Prozent nur elf geblieben. Unter den jungen Menschen sagten lediglich zwei Prozent, dass sie genug über die Verfolgungen von 1937 / 1938 wissen; zwei Drittel meinten, sie »wissen wenig oder gar nichts«.11 Nach Meinung von Arsenij Roginskij, dem Vorsitzenden von Memorial, versuchen die heutigen Machthaber, »die Erinnerung an den politischen Terror an den Rand des Bewusstseins zu verdrängen«.12 Ich würde keine so deutlichen Schuldzuweisungen vorbringen. Die heutige Jugend, mit der ich zu tun habe, will einfach nichts mit einer solchen Vergangenheit zu tun haben – »Ich habe genug davon!«, »Es reicht jetzt!«, »Wollen wir über was anderes reden?« Wie soll man da eine aktive Mitarbeit in diesem Bereich erwarten, eine Beteiligung an der Rekonstruktion der historischen Erinnerungen an die Verfolgungen unter Stalin? Dabei gibt es noch mehr als genug zu tun. Gegenwärtig ist nur circa ein Viertel aller Erschießungsorte und Massengräber aus den Jahren des »Großen Terrors« bekannt. Die weitere Suche bleibt die Aufgabe engagierter Einzelpersonen. Der Staat befasst sich damit faktisch überhaupt nicht. Das bedeutet, dass die Angehörigen weiterhin nicht wissen, wo ihre Väter und Großväter bestattet sind. All das führt dazu, dass eine Seite der sowjetischen Geschichte immer wieder eine andere Seite verdrängt, statt sich zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen. Dies erinnert an den Schüler, der eine Seite aus seinem Heft herausreißt, wenn er mit der Note unzufrieden ist. Es ist eine gefährliche Tendenz, die zur kollektiven Amnesie führt, zum Verlust des historischen Gedächtnisses. Das umso mehr, weil gerade der »Große Vaterländische Krieg« gegen Nazi-Deutschland im öffentlichen Bewusstsein die »gute« Vergangenheit ist, die die »böse« verdrängt. Der Krieg als Objekt der Geschichtspolitik seitens der Staatsmacht und der Gesellschaft verdient eine gesonderte Betrachtung, die in diesem Beitrag nicht möglich ist. Diktaturenvergleich: politische Waffe oder Forschungsinstrument? Das Problem des Vergleichs ist für das russische historische Gedächtnis sogar noch aktueller als für die Europäer. »Bei uns haben sich eindeutige politische und moralische Bewertungen des Nazismus allgemeingültig etabliert«, so der Historiker Oleg Chlewnjuk. »Die Haltung gegenüber dem Stalinismus ist dagegen so offen, dass sogar seine Apologetik möglich erscheint. Vor diesem Hintergrund stellt eine mittelbare Bewertung des Stalinismus – durch seinen Vergleich mit dem Nazismus, durch das Aufzeigen ihrer Gemeinsamkeiten – die wirksamste Methode seiner Verurteilung dar. Das macht das Problem eines solchen Vergleichs in Russland politisch höchst brisant.«13 Wissenschaftler haben in dieser Hinsicht mittlerweile wichtige Ergebnisse vorzuweisen. Vor allem ist ein solcher Vergleich nicht mehr mit einem persönlichen Risiko bzw. Wagnis für einen Dozenten, der einen entsprechenden Kurs anbieten will, verbunden. Es werden Konferenzen durchgeführt, vergleichende Sammelbände herausgegeben, wobei ein politikwissenschaftlicher Ansatz, das Totalitarismusmodell, weithin dominiert.14 Kurz zusammengefasst: In Bezug auf manche Dimensionen stellte sich das stalinis­tische Regime sogar als noch totalitärer als das nationalsozialistische heraus. Das betrifft die herausragende Rolle des Führers, das Ausmaß des »Terrors gegen die eigenen Leute«, den Verzicht auf den sozialen Kompromiss zur Konsolidierung des Regimes. Gleichzeitig wird betont, dass der Stalinismus und der Nationalsozialismus auf der Ebene der Strukturen und Mechanismen der Bekämpfung innerer und äußerer Feinde viel gemeinsam hatten. Ein vollständiges Bild wurde natürlich noch nicht gezeichnet. Traditionell konzentrieren sich die Forscher auf die politischen Verfolgungen, aber eine nicht geringere Rolle spielten die Bekämpfung der Kriminalität, die Vereinheitlichung der Lebensweise oder die Jugendpolitik. Schließlich ist die Anerkennung der Tatsache von großer Bedeutung, dass sich beide Regime in der Vorkriegszeit – von verschiedenen Startpositionen aus – angenähert, Erfahrungen ausgetauscht und einander in gewissem Maß beeinflusst haben. Das wird von neuesten Untersuchungen westlicher Forscher bestätigt.15 Das größte Potenzial des Diktaturenvergleichs liegt meines Erachtens nicht in der Gegenüberstellung von Stalins und Hitlers Verbrechen. Vielmehr sollte die Geschichte der DDR und der UdSSR nach Stalin Gegenstand vergleichender Analyse sein. So kann man fragen, inwieweit die ostdeutschen Kommunisten Willensvollstrecker oder Marionetten des Kremls gewesen sind, und in welchem Ausmaß sie selbst, orientiert am sowjetischen Vorbild, das politische System im eigenen Land aufgebaut haben. Hier kann man auf die Geschichte des Verhältnisses zwischen KPD und Komintern zurückgreifen,16 aber auch auf das System der informellen politischen Loyalität im »Dritten Reich«, dessen Prinzip vom englischen Hitler-Biografen Ian Kershaw als »dem Führer entgegenarbeiten« bezeichnet wurde.17 Natürlich bietet die DDR keinen idealen Vergleichsfall – sie war eine »Diktatur im Gewächshaus«, die von der Anwesenheit der sowjetischen Armee abhing und eine Sonderform von Reparationszahlungen durch Ostdeutschland darstellte. Außerdem waren die Spielräume ihrer politischen Führer in Bezug auf die eigene Strategie und Taktik beschränkt. In der Sowjetunion der Nachkriegszeit hat sich die »Generallinie der Partei« mehr als einmal drastisch geändert; die letzte dieser Änderungen war Gorbatschows Perestroika. Die Machthaber der DDR hatten eine solche Freiheit nicht, die Nachahmungsmuster waren ihnen von außen vorgegeben. Meines Erachtens hat es ohnehin keinen Sinn, von nationalstaatlichen Diktaturen im Osteuropa der Nachkriegszeit zu sprechen. Stattdessen sollte von den jeweiligen nationalen Ausprägungen einer einzigen kommunistischen Diktatur in dieser Region die Rede sein. Des Weiteren wäre es interessant, das »postdiktatorische Syndrom« der Bevölkerungen der UdSSR und der DDR zu vergleichen – zweier Länder, die nicht mehr auf der Karte Europas zu finden sind. Einerseits sehen wir ähnliche Prozesse der Verklärung der kommunistischen Vergangenheit, wenn die Menschen versuchen, sich an die neue, ungewohnte, für viele von ihnen ungünstige Umwelt anzupassen. Die Bewertung der vergangenen Ereignisse ändert sich in einer solchen Situation unter dem Einfluss der neuen, negativen oder positiven, Erfahrungen auf der kollektiven sowie individuellen Ebene. Andererseits bezieht sich die DDR-»Ostalgie« vor allem auf die »Normalität« und Geborgenheit des damaligen Lebens, in erster Linie auf die Alltagserfahrungen sowie auf Konsumgüter. Anders sieht es in Russland aus. Nicht der »Trabi«, der »Rondo«-Kaffee oder die »Club-Cola« ist hier Kult, sondern die politische Weltkarte, auf der der sowjetische Einflussbereich und unsere Verbündeten auf allen Kontinenten eingezeichnet sind. Der Vergleich der europäischen Diktaturen im 20. Jahrhundert hat großes Erkenntnis­potenzial, aber auch seine Haken. Die Historiker sagen immer wieder: »Vergleichen heißt nicht gleichsetzen.« Jedoch birgt ein Vergleich die Gefahr der »einfachen Lösungen«, hinter denen sich oft diese oder jene politischen Vorlieben verstecken. Hier sei nur kurz an den »Historikerstreit« in der Bundesrepublik erinnert, der noch vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems stattfand. Die Diskussion darüber, wer zuerst war, wer schlimmer war und wer mehr Menschen umgebracht hat, bleibt außerhalb des Rahmens des wissenschaftlichen historischen Diskurses, auch wenn dieses Feld immer neue Früchte trägt (erinnern wir uns an die Diskussion um das Schwarzbuch des Kommunismus in den Neunzigerjahren). Sowjetische oder russische Geschichte? Parallel zur Privatisierung der Vergangenheit auf der Ebene des individuellen Gedächtnisses, sozialer Gruppen oder politischer Strömungen, die eingangs erwähnt wurde, findet zugleich ihre Nationalisierung statt. Es handelt sich dabei nicht um einen Gegenprozess zur Privatisierung, sondern um die Herausbildung neuer Geschichtsdoktrinen in den postsowjetischen Staaten. Die Historiker dieser Staaten nehmen den Auftrag »der Macht« wahr und erfüllen ihn mit minimalem Aufwand. Das Ergebnis sieht wie folgt aus: Alles Schlimme in der Geschichte dieses oder jenes Volkes wird durch die äußeren Einflüsse erklärt, vor allem durch die russische Expansion, alles Gute dagegen – durch die nationalen Einwirkungen. Besonders deutlich kommt dies in den baltischen Staaten zum Ausdruck. Die ganzen positiven Momente der Nachkriegsgeschichte werden auf den Widerstand gegen die sowjetische Besatzung reduziert. Dass unter dieser Besatzung Schulen und Betriebe gebaut wurden, dass das Lebensniveau stieg (und übrigens höher als im sowjetischen Durchschnitt war), bleibt der breiten Öffentlichkeit fremd. Hauptsache, der Gründungsmythos – »Wir waren Opfer von zwei Diktaturen« – bleibt unantastbar. Dieser Ansatz bildete die Grundlage für die Herausbildung des Geschichtsbewusstseins in vielen postsowjetischen Staaten. Nicht nur die drei baltischen Länder, sondern auch die Ukraine will besetzt gewesen sein. Erinnert man sich an die historischen Fakten, so wird klar, dass dieser Teil des Russischen Reichs während des Bürgerkriegs von sich selbst besetzt war, nämlich von der ukrainischen Roten Armee. Solche Vereinfachungen entlassen aus der Verantwortung für die Vergangenheit und begründen Ansprüche an die Nachbarn. An dieser Stelle sei nur auf die Erklärung des »Holodomor« von 1932 / 1933 zum Genozid am ukrainischen Volk verwiesen. Die Hungersnot, der mehrere Millionen Menschen in fast allen Regionen der UdSSR zum Opfer gefallen sind, wird nicht als konkretes historisches Ereignis untersucht, als Ausdruck der Ineffizienz und Menschenfeindlichkeit des stalinistischen Systems. Stattdessen wird ein weit hergeholter Vergleich mit dem Holocaust als Politik der Vernichtung einer ethnischen Gemeinschaft gezogen. Das erinnert wiederum an die Formulierungen des Nürnberger Tribunals von den »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Also wird Russland aufgefordert, auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Wohin kann das führen? Zu neuen Feindbildern, zur Entfremdung zweier einander nahen slawischen Völker, zweier Nachbarn in Europa. Allerdings wird ja nicht umsonst oft gesagt, dass die nächsten Verwandten die ärgsten Feinde abgeben. Versuche, der Aufspaltung des gemeinsamen historischen Gedächtnisses entgegenzuwirken, werden eher von gesellschaftlichen denn von staatlichen Akteuren unternommen. So vertritt Memorial die Meinung, dass die Erinnerung an den Stalin-Terror als ein Integrationsfaktor für den postsowjetischen Raum dienen könnte. Aber heute hat jedes exsowjetisches Land ein eigenes Museum der Verfolgungen, das die jeweilige nationale Tragödie ins Zentrum stellt. Die Historiker hätten indes die Möglichkeit, gemeinsam ein zusammenfassendes Werk zur Geschichte des »Großen Terrors« zu schreiben – ein solches Buch existiert bisher interessanterweise noch nicht. Die Idee eines zwischenstaatlichen Programms zum Gedenken an die Opfer des Stalinismus stößt bei den Staatschefs in den postsowjetischen Ländern auf taube Ohren. In Wirklichkeit ist es nicht möglich, zwischen der nationalen und der staatlichen Dimension der sowjetischen Geschichte zu unterscheiden. Sind die Lagerinsassen etwa nur Nichtrussen gewesen, die von Russen bewacht wurden? Eine solche Behauptung wäre eine Beleidigung der Geschichte und der Opfer! Oder eine andere, positiv formulierte Frage: Welche Völker der Sowjetunion haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen, und welche haben ihn verloren? Wiederum ein Nonsens! Wir waren zusammen, und wir wurden durch ein politisches System zusammengebracht, über das ein hartes Urteil der Geschichte schon gefallen ist. Ist das etwa nicht genug? Erinnern wir uns einfach an den enormen Preis dieses Sieges und wie er dem Volk, allen Völkern des Landes weggenommen wurde, damit die Staatsmacht sich unter den Bedingungen einer neuen Konfrontation sicher fühlen konnte. Es bringt nichts, Angst zu schüren und Schreckensbilder zu malen. Die Geschichte der Völker kann nicht von der Geschichte der Staaten getrennt werden. Weder die eine noch die andere kann mit nur einer Farbe gezeichnet werden. Die jungen Menschen fragen, wenn sie von der »dunklen Vergangenheit« erzählt bekommen, ob es in unserer Geschichte auch etwas Gutes gab, oder nur Blut, Gewalt und Angst. Natürlich gab es in der Vergangenheit, gibt es heute und wird es auch morgen noch Gutes geben! Ich erlaube mir daran zu erinnern, dass der Sputnik nicht im Gulag gebaut wurde! Wie geht es weiter? Die russische Staatsmacht spielt seit einigen Jahren eine wachsende Rolle bei der Deutung der Vergangenheit. Die Siege der Großmacht, nicht nur die militärischen, werden hoch gelobt. Das Bild Russlands, »von Feinden umgeben« und von »destruktiven Kräften«, den Agenten westlicher Interessen, von innen angegriffen, hat wieder Konjunktur. Ich sehe darin weniger eine ausgereifte politische Linie, vielmehr eine Probe aufs Exempel, auf die seitens der Gesellschaft ziemlich aggressiv reagiert wird. Als zentrale Protagonis­ten in diesem Bereich treten vor allem Schriftsteller, Journalisten, sogar Rechtsanwälte, aber auch bekannte Vertreter der demokratischen Bewegung der Neunzigerjahre auf. Die professionellen Historiker ziehen sich demgegenüber zunehmend in ihren Elfenbeinturm zurück, in dem sie sich ungestört mit dem Sammeln unzähliger Fakten beschäftigen können. Sogar gute wissenschaftliche Bücher, die weiterhin erscheinen, werden lediglich von wenigen Hundert Menschen gelesen. »Dass ein halbwegs seriöses geschichts­wissenschaftliches Buch eine Chance hätte, zu einem öffentlichen Ereignis zu werden, ist heute unvorstellbar« – leider ist diesen Worten des »Polittechnologen« Gleb Pawlowskij nichts entgegenzusetzen.18 Das ist auch ein Erbe der sowjetischen Zeit – die Ergebnisse historischer Forschungen wurden vorgegeben, sie wurden in der offiziellen Ideologie und in konkreten politischen Entscheidungen dargestellt, und die Aufgabe der Wissenschaftler bestand lediglich darin, diese Schlussfolgerungen durch Fakten aus zuverlässigen Quellen zu »untermauern«. Gegenwärtig können die zu »Opfern der Vergangenheit« gewordenen Historiker in zwei Gruppen unterteilt werden. Die ersten neigen zum puren Positivismus und meinen, die Vergangenheit ausschließlich durch das Sammeln und Klassifizieren von Fakten verstehen zu können. Theorien sind in ihren Augen irreführend und schädlich für die Geschichtswissenschaft. Sie sind in der klaren Mehrheit, daher werden in Russland heute so viele Dokumentensammlungen ohne angemessenen Sachkommentar veröffentlicht – die Quellen sollen für sich sprechen. Die zweite Kategorie erwartet von der Staatsmacht irgendeine »Leitlinie«, um ihr enthusiastisch zu folgen. Mitte der Neunzigerjahre wurde Jelzin gezwungen, die Notwendigkeit einer »nationalen Idee« anzuerkennen, obwohl daraus zum Glück nichts geworden ist. Die Historiker dieser Art würde ich als »Moralisten« bezeichnen, weil sie gerne auf solche Begriffe wie Patriotismus, staatsbürgerliche Erziehung, Kampf gegen die feindliche Umgebung Russlands und Ähnliches zurückgreifen. Sieht man jedoch genauer hin, so stellt sich heraus, dass für diese Historiker nicht die Suche nach Gemeinsamkeiten oder die Synthese allgemeingültiger Werte (die das neue Russland wirklich braucht) den Vorrang hat, sondern der traditionelle Kampf um die Behauptung der eigenen Position, um das Recht, diese anderen aufzuzwingen – im Rahmen eines Lehrstuhls, eines Instituts, eines ganzen Landes. Wenig überraschend ist, dass die Historiker dieses Schlags sich aktiv an die Staatsstrukturen wenden und von ihnen ein »Machtwort« in Bezug auf die Vergangenheit einfordern. Und die Staatsmacht kann solche Forderungen nicht verhallen lassen. Im Mai dieses Jahres rief ein Erlass des Präsidenten eine Kommission ins Leben, die den Versuchen entgegenwirken soll, die Geschichte zum Nachteil Russlands zu »verfälschen«. Ihr gehören lediglich drei Geschichtswissenschaftler an, aber über 20 Vertreter verschiedener Behörden. Dass die Tätigkeit der Kommission im Erlass nur sehr vage beschrieben wird, beunruhigt am meisten. Im Internet wird sie schon als »Kommission zur Verfälschung der Geschichte zum Vorteil des Kremls« bezeichnet.19 In Internetblogs wird gefragt, »ob man beispielsweise den Ministerpräsidenten Wladimir Putin dafür zur Rechenschaft ziehen kann, dass er ausgerechnet den Zerfall der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat, wo doch die Russische Föderation als unabhängiger Staat gerade aus diesem Zerfall hervorgegangen ist? […] Eine solche Behauptung eines Amtsträgers kann zum Schaden Russ­lands sein. Aber Wladimir Putin kann hier auch Recht haben. Das betont zusätzlich die Absurdität des Erlasses von Dmitrij Medwedew, denn auch in der Geschichtswissenschaft ist Freiheit besser als Unfreiheit.«20 Als Gegenargument fordern Vertreter der Geschichtswissenschaft und der Öffentlichkeit: Wenn ihr die Verfälschungen bekämpfen wollt, solltet ihr zunächst die eigene Sicht auf die Geschichte darstellen, von der wir ausgehen könnten. Um die Wahrheit über die Vergangenheit bzw. über ihre traurigsten Episoden zu erzählen, sollten die Archive uneingeschränkt geöffnet werden. Bisher haben die nach Dokumenten zur sowjetischen Geschichte suchenden Historiker mit immer größeren bürokratischen Hürden zu tun. Wir sind gezwungen, auf das Erscheinen der »kaiserlich genehmigten« Quellensammlungen zu warten, die auf der Grundlage des Archivs des Präsidenten der Russischen Föderation, der Archive des FSB, des Auslandsgeheimdienstes und des Außenministeriums vorbereitet werden. Zu allen diesen Archiven hat ein gewöhnlicher Historiker, geschweige denn ein Journalist, faktisch keinen Zugang. Sollte er doch bis ins Archiv vordringen und konkrete Dokumente bestellen wollen, die er nutzen möchte, wird ihm gesagt, es gehe nicht, sie befänden sich im Freigabeprozess. Dieser Begriff hat eine wahrlich orwellsche Bedeutung entwickelt, denn in der Praxis bedeutet er langjährige Unzugänglichkeit der entsprechenden Archivmaterialien. Dem deutschen Journalisten und Historiker Markus Wehner ist recht zu geben: Die Archivrevolution hat nicht stattgefunden.21 Das gegenwärtige Kokettieren der Staatsmacht mit der »glorreichen Vergangenheit« dient zwar dem pragmatischen Ziel, die linke Wählerschaft für sich zu gewinnen, die traditionell für die Kommunisten stimmt. Dennoch kann es in der Zukunft zu ernsthaften Problemen führen. »Die heutige Jugend, die sich die Sowjetunion als eine Art Mythos, eine schöne Legende, ein Ideal der sozialen Gleichheit und des allgemeinen Wohlstandes vorstellt, wird begeistert die Idee des Wiederaufbaus des alten Modells unterstützen, da sie in ihr nur positive Eigenschaften sieht.«22 Die praktische Umsetzung dieser Idee ist heutzutage unrealistisch, die Anzahl der Menschen, die den Zusammenbruch der Sowjetunion bedauern, sinkt kontinuierlich. Aber die Mobilisierung des Sowjetmythos selbst kann den gesellschaftlich aktiven Teil der Bevölkerung von der Lösung realer Probleme ablenken, obwohl es in Russland mehr als genug zu tun gibt. Das andere Extrem, in das die Vertreter der schwachen russischen Opposition fallen, ist genauso wenig fruchtbar. Erstens fordern sie, die Leugnung des verbrecherischen Charakters des stalinistischen Systems strafrechtlich zu verfolgen. Zweitens wollen sie eine Zwangsdemokratisierung des öffentlichen Bewusstseins nach dem Vorbild der Entnazifizierung in Deutschland nach 1945 oder der Aufarbeitung der SED-Diktatur nach 1990. Das würde aber eine unkritische Übernahme des europäischen Modells der Vergangenheitsbewältigung bedeuten, das sich unter ganz anderen Bedingungen durchgesetzt hat. Am deutschen, jetzt europäischen Wesen soll die Welt genesen? Ich finde dieses Modell nicht einwandfrei, besonders wenn es zu einer Waffe der Bürokraten, selbst der zivilisiertesten unter ihnen, wird. Die Forderung, die Diktatur europaweit in denselben Worten und am selben Tag (23. August) zu verurteilen und die gleichen Lehrbücher zu lesen, verlangt einen grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Konsens in Bezug auf die Beurteilung der Diktaturen. Ein solcher Konsens existiert in Russland nicht. Die Durchführung solcher Pflichtveranstaltungen der politischen Bildung würde auf die meisten russischen Bürger wirken wie der Aufruf, regelmäßig das Vaterunser zu beten oder fünfmal am Tag das islamische Gebet zu verrichten. Wenn jemand keine innere Überzeugung besitzt, hilft auch das endlose Wiederholen von Wahrheiten nicht weiter. Am Ende bleibt bei jungen Menschen nichts davon im Kopf hängen; vielmehr ist spontaner Widerstand gegen die geistige Bevormundung zu erwarten. Die Historiker haben einen anderen, komplizierteren, aber wirkungsvolleren Weg des Wertewandels anzubieten – die Menschen selbst die Vergangenheit begreifen zu lassen, ihnen keine vereinheitlichten Wertungen vorzugeben. Wir Historiker müssen Wissensbausteine liefern, eigene Wertungen bzw. Deutungen anbieten; wir müssen innerhalb der Zunft kontrovers diskutieren und schließlich darauf hoffen, dass unsere Leistung von der Öffentlichkeit überhaupt bemerkt werden wird. Letztendlich muss die russische Gesellschaft selbst den Weg zur eigenen Vergangenheit finden. Die Historiker mögen dabei gute und erfahrene Lotsen sein und sich davor hüten, nach Direktiven von oben oder von außen zu handeln. Übersetzt von Tatiana Golova 1 * Bei diesem Text handelt es sich um eine im Vergleich zur Originalversion leicht veränderte Neufassung. Originalveröffentlichung erscheint in: Eckhard Dittrich / Thomas Großbölting / Sascha Möbius / Rüdiger Schmidt (Hg.): Das Ende des Kommunismus. Die Überwindung der Diktaturen in Europa und ihre Folgen?, Essen: Klartext Verlag, 2010. 1 »Revolution gleicht dem Tod, sie ist ein Durchgang durch den Tod, der eine unvermeidliche Folge der Sünde ist … In der Revolution werden die bösen Kräfte, die Unrecht tun, vor Gericht gestellt, aber die sie richtenden Kräfte tun selbst Böses; in der Revolution wird auch das Gute durch die Kräfte des Bösen verwirklicht, da die guten Kräfte es nicht geschafft haben, ihr Gutes in der Geschichte zu realisieren« (N. A. Berdjaew: Istoki i smysl russkogo kommunisma, Moskau 1990, S. 108; Übersetzung von Tatiana Golova). 2 Siehe W. P. Buldakow: Krasnaja smuta. Priroda i posledstwija revoljuzionnogo nasilija, Moskau 1997. 3 Tamara Kondratieva: Bolcheviks et Jacobins. Itinéraire des analogies, Paris 1989. 4 http://news.bbc.co.uk / hi / russian / russia / newsid_4319000 / 4319535.stm. 5 www.manwb.ru / articles / world_today / contemporary / Stalin_MendelGerber. 6 In Wirklichkeit stammt dieses Zitat, wie russische Internetnutzer herausgefunden haben, aus den frühen Fünfzigerjahren und ist von Isaac Deutscher. Churchill hat nichts dergleichen gesagt (http://fat-yankey.livejournal.com / 69167.html). 7 W. A. Nechamkin: Kontrfaktitscheskie issledowanija w istoritscheskom posnanii: genesis, metodologija, Moskau 2006. 8 Istorija stalinskogo Gulaga. Konez 1920-ch – perwaja polovina 1950-ch godov [Die Geschichte von Stalins Gulag. Von Ende der Zwanzigerjahre bis zur ersten Hälfte der Fünfzigerjahre] (История сталинского Гулага. Конец 1920-х – первая половина 1950-х годов), 7 Bde., Moskau 2004. 9 Nach Angaben der Organisation »Memorial« beträgt die Gesamtzahl der in der Sowjetunion politisch Verfolgten 13 Millionen Menschen. Davon sind sieben Millionen Opfer der gerichtlichen und außergerichtlichen Verurteilungen geworden, fünf Millionen sind verbannte Kulaken und Angehörige der kollektiven Kollaboration mit dem deutschen Faschismus beschuldigter Völker, und drei Millionen wurden nach nicht politischen Anklagepunkten verurteilt (Diebstahl sozialistischen Eigentums, Verletzung der Arbeitsdisziplin) (www.gorby.ru / rubrs.asp?art_id=25785&rubr_id=646&page=1). Der Historiker Oleg Chlewnjuk spricht von 52 Millionen Urteilen (u. a. wiederholten) und einer Million Erschossenen zwischen 1930 und 1952. 10 http://stalin.memo.ru / images / intro.htm. 11 Die Zitate und Zahlen sind den Beiträgen bei der von der Gorbachev Foundation im September 2007 organisierten Konferenz zum 60. Jahrestag des »Großen Terrors« entnommen (www.gorby.ru / rubrs.asp?art_id=25788&rubr_id=646&). 12 Ebd. 13 Oleg Chlewnjuk: nicht veröffentlichter Vortrag beim Deutschen Historischen Institut in Moskau vom 5. Mai 2009. 14 Siehe detailliert bei W. P. Ljubin: Preodolenie proschlogo: Spory o totalitarisme. Analititscheskij obsor, Moskau 2004. 15 Michael Geyer / Sheila Fitzpatrick (Hg.): Beyond totalitarianism: Stalinism and Nazism compared, New York 2009. 16 Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928–1933, München 2007. 17 Ian Kershaw: Hitler 1936–45: Nemesis, Harmondsworth (Mddx.) 2000. 18 Gleb Pawlowskij: »Plocho s pamjatju – plocho s politikoj« (www.rodon.org/society-081225125946). 19 http://gazeta.ru / column / novoprudsky / 3175336.shtml. 20 http://n-zlobin.livejournal.com / 23940.html. 21 Markus Wehner: Gescheiterte Revolution. In den russischen Archiven gehen die Uhren rückwärts, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2009, S. 377–390. 22 T. J. Timofeewa: Opyt diktatury i stremlenie k porjadku w sowremennoj Rossii: nostalgija ili woswrasch­tschenie?, in: Germanija i Rossija: Sobytija, obrasy, ljudi. Vypusk 6, Woronesch 2008, S. 143.

JHK 2010

Die Bedeutung des Judentums und des Holocaust in der Identitätskonstruktion dreier jüdischer Kommunisten in der frühen DDR - Alexander Abusch, Helmut Eschwege und Leo Zuckermann

Ulrike Breitsprecher

Der Artikel fragt nach der Identitätsentwicklung jüdischer Kommunisten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg dafür entschieden, sich in der DDR aktiv am Aufbau eines sozialistischen deutschen Staates zu beteiligen. Ihre Identitätskonstruktion war von zwei Brüchen geprägt. Der erste Bruch entstand durch den Antisemitismus der Nationalsozialisten, der zweite durch die strukturell antisemitischen Parteiverfahren in der frühen DDR. Beide resultieren aus der unfreiwilligen Zuweisung zum Judentum: Es kann angenommen werden, dass nicht nur die jeweiligen faktischen Bedrohungen und Repressionen, sondern auch insbesondere die damit einhergehende Brandmarkung als Juden entscheidende Folgen für die Identitätsentwicklung der Betroffenen gehabt haben müssen, da diese sich mit einer politischen Idee identifizierten, die Religion als überflüssig erachtete. In dieser Arbeit wird es um das Spannungsverhältnis zwischen sich vermeintlich ausschließender jüdischer und kommunistischer Identität gehen. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich die Forschung bisher nicht mit Identitätsproblemen von Kommunisten aus jüdischen Elternhäusern in den Gründerjahren der DDR beschäftigt. Nachschlagewerke wie Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945 oder Wer war wer in der DDR?1 geben zwar einen Überblick über die Biografien zahlreicher deutscher Kommunisten, dort findet sich jedoch keine Analyse der Motive und Intentionen hinter den beschriebenen Entscheidungen und Handlungen. Oft konzentriert sich die Forschung auf kulturelle und religiöse Traditionen des Judentums und deren Fortführung in der DDR oder auf die antizionistischen Parteisäuberungen bis 1953. Hierbei wird jedoch meist nicht versucht, jüdische Herkunft und sozialistische Überzeugungen der Betroffenen mitein­ander in Beziehung zu setzen. Eine Arbeit bildet allerdings eine Ausnahme. Karin Hartewig betrachtet in ihrem Buch Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR2 einzelne Biografien im Kontext von Parteistrukturen und politischen Prämissen wie dem staatlichen Antifaschismus sowie des kollektiven Gedächtnisses. Sie misst der Individualität der einzelnen Biografien dabei jedoch eher wenig Raum zu. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Biografien von Alexander Abusch, Leo Zuckermann und Helmut Eschwege. Abusch, Zuckermann und Eschwege treten hier exemplarisch für eine Generation jüdischer Kommunisten auf, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft auf Widerstände stieß und diese mit einer Hinwendung zu kommunistischen Ideen aufzulösen versuchte. Alle drei Protagonisten kamen sehr früh mit sozialistischen und kommunistischen Ideen in Berührung. Unter deren Einfluss distanzierten sie sich vom Judentum und entschieden sich für ein Engagement in emanzipatorischen Gruppen; die Abwendung vom jüdischen Umfeld und von den Familien fiel dabei unterschiedlich radikal aus. Eine weitere Gemeinsamkeit war die Flucht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins westliche Ausland, während viele andere Kommunisten ins Exil nach Moskau gingen. Nach Kriegsende entschieden sich alle drei, in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) zurückzukehren. Trotz dieser Gemeinsamkeiten reagierten sie auf Konflikte in der frühen DDR, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vonseiten der SED konstruiert wurden, sehr unterschiedlich. Folgende Themen in den Biografien von Abusch, Zuckermann und Eschwege sollen näher untersucht werden: die frühe Politisierung in der Zeit der Weimarer Republik und der damit einhergehende Bruch mit dem jüdischen Elternhaus, ihre Erfahrungen mit dem Antisemitismus der Nationalsozialisten, die Zeit des Exils sowie die Motive für die Entscheidung, sich in dem unter sowjetischer Kontrolle stehenden Teil Deutschlands niederzulassen. Anschließend werden die Reaktionen von Abusch, Zuckermann und Eschwege auf die gegen sie angestrengten Parteiausschlussverfahren näher untersucht und zu ihrem Verhältnis zum Judentum in Beziehung gesetzt. Zur Methodik Die Identität von Personen setzt sich allgemein aus einer subjektiven Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibungen zusammen, die beiden Aspekte sind nicht immer klar voneinander zu trennen. Sogar wenn sich jemand beispielsweise selbst nicht als Jude versteht, ist davon auszugehen, dass sich die Sozialisierung in einem jüdischen Elternhaus oder die nationalsozialistische Verfolgung auf seine Persönlichkeitsbildung und damit auf seine Identität auswirkt. Zudem ist zu beachten, dass nicht pauschal von jüdischer Identität gesprochen werden kann, sondern zwischen religiösem Judentum und Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Kultur unterschieden werden muss. Den drei Protagonisten dieses Beitrags wurde durch den antisemitischen Terror der Natio­nal­sozialisten sowie später durch die Parteiausschlussverfahren der SED (mehr oder weniger) gegen ihren Willen eine jüdische Identität zugeschrieben, wodurch sie ihre kommunistische Identität infrage gestellt sahen. Je radikaler ihre Abwendung vom Judentum stattgefunden hatte, desto intensiver wandten sie sich sozialistischen Ideen zu und desto konsequenter hielten sie an diesen fest. Diese Thesen sollten an den individuellen Identitätskonstruktionen nachvollzogen werden können. Es ist sinnvoll, dabei auf die vergleichende Biografieforschung zurückzugreifen, denn dadurch können Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Handeln von Subjekten aus der gleichen sozialen und kulturellen Gruppe, d. h. von Menschen mit ähnlichen Biografien und gesellschaftlichen Einflussfaktoren, herausgearbeitet und erklärt werden. Die Biografien sollen mithilfe des Ansatzes der Psychohistorie analysiert werden, die in Deutschland nicht sehr verbreitet ist, jedoch einen konstruktiven Beitrag für die vergleichende Biografieforschung leisten kann. Die Verbindung von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse ist dann fruchtbar, wenn das Individuum im Mittelpunkt der Forschung steht, aber auf Grundlage seiner Sozialisation Aussagen über Generation und Gesellschaft getroffen werden sollen.3 Die Psychohistorie sieht alle Quellen, seien es persönliche oder für die Öffentlichkeit bestimmte, als gleichermaßen relevant für die Analyse einer Persönlichkeit an. Die einzelnen Persönlichkeiten werden wiederum als Repräsentanten einer Gruppe angesehen, weshalb aus ihren Biografien Aussagen über gesellschaftliche Verfasstheiten abgeleitet werden können. Die Analyse der Einzelpersonen soll so Anhaltspunkte für die Erklärung von Widersprüchen und Brüchen in den Biografien der gesamten Bezugsgruppe liefern, die aus gesellschaftlichen Prozessen resultieren. Das Zusammenspiel zwischen äußeren Ereignissen und der inneren, psychischen Verarbeitung im Subjekt kann dabei viele für die historische Forschung relevante Erkenntnisse bringen. Um Aussagen über die Gruppe der jüdischen Kommunisten in der frühen DDR treffen zu können, werden die Biografien an bestimmten Punkten verglichen, die oben bereits benannt wurden.4 Dieser Artikel versucht einen Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus bis zur frühen DDR zu spannen, da nur so die Reaktionen der Betroffenen auf den Parteiausschluss erklärbar werden. Die Quellengrundlage bilden autobiografische Dokumente wie die Bücher Mit offenem Visier von Alexander Abusch oder Fremd unter meinesgleichen von Helmut Eschwege5 sowie die reichlich vorhandenen Artikel, Stellungnahmen und politischen Äußerungen der Protagonisten im Zuge der Parteiausschlussverfahren. Darüber hinaus wurde der umfangreiche Aktenbestand verschiedener Parteistellen und Kommissionen ausgewertet. Jugend zwischen Judentum und kommunistischen Ideen Alexander Abusch wurde am 14. März 1902 in Krakau als Sohn eines jüdischen Kutschers und Altmetallhändlers geboren. Seine Mutter war Hausiererin. Er wuchs in Nürnberg, im Arbeiterviertel Gostenhof auf, und absolvierte von 1916 bis 1919 eine Lehre zum kaufmännischen Angestellten. Bereits mit 16 Jahren trat Abusch der Freien Sozialistischen Jugend und ein Jahr darauf der KPD bei. Seine frühe Politisierung ist wahrscheinlich auf seine sozialdemokratische Umgebung sowie auf die ärmlichen Verhältnisse zurückzuführen, in denen er aufwuchs. Schon bald übernahm er journalistische Tätigkeiten und arbeitete an diversen sozialistischen und kommunistischen Arbeiterzeitungen mit. Auch innerhalb der KPD, zu deren linkem Flügel er gehörte, arbeitete er an Publikationen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte er nach Paris. Dort war er ebenfalls für mehrere Zeitungen tätig und ab 1939 Mitglied der KPD-Leitung in Paris, später in Toulouse. Abusch setzte (wie auch sein Genosse Zuckermann) sehr stark auf Aufklärung als politisches Mittel gegen die Nazis, die Veröffentlichung von Büchern und Zeitschriften bildete für ihn die wichtigste Agitationsmaßnahme. Bei Alexander Abusch finden sich kaum persönliche Aussagen über seine Jugend. Nicht einmal in seiner Autobiografie stößt man auf Anhaltspunkte für seine jüdische Herkunft. In einem Schreiben an die Zentrale Parteikommission (ZPKK) wird sie nur am Rande erwähnt: »Mein Vater war parteilos: er hatte sich zwar in seiner Jugend für die Sozialdemokratie eingesetzt, war aber später dem Einfluß seiner frommen jüdischen Familie völlig erlegen. […] [Handschriftliche Notiz: Infolge politischer Differenzen mußte ich mein Elternhaus verlassen.]«6 Bei Abusch standen immer politische Aspekte im Vordergrund, seine Person verschwand dahinter. Er definierte sich allein über seine kommunistische Überzeugung, seiner jüdischen Herkunft maß er kaum Bedeutung bei. Wie er in einem Schreiben vom November 1950 im Zuge der Vernehmungen beim Parteiausschlussverfahren erwähnt, »hatte ich – seit ich als Lehrling beim Januarstreik 1918 in die Arbeiterbewegung eintrat, nachdem ich mich unter schweren häuslichen Kämpfen vom Einfluss des Judentums freimachte – mich nie wieder für jüdische Fragen interessiert«.7 Im Gegensatz zu Abusch erfuhr Leo Zuckermann eine recht späte kommunistische Politisierung, und er löste sich auch nie so radikal von seinem Elternhaus. Zuckermann wurde am 25. Juni 1908 in Lublin geboren und wuchs in kleinbürgerlichen und etwas gesicherteren Verhältnissen auf als Abusch. Seine Eltern waren nicht sonderlich religiös, begriffen sich jedoch durchaus als Juden.8 Auch wenn Zuckermann sich bereits während seiner Schulzeit für Politik interessierte, engagierte er sich erst während des Studiums in sozialdemokratischen Verbänden. Leo Zuckermanns Eltern mussten vor Pogromen aus Russland flüchten. Auch später wurde der Familie nicht nur der antisemitische Gehalt der nationalsozialistischen Ideologie durch den Reichstagsbrand vor Augen gehalten, sondern sie bekamen auch die baldige Rechtlosigkeit der Juden in Deutschland zu spüren, als sie sich den Erpressungsversuchen eines Radioverkäufers ausgesetzt sahen, der seine Mitgliedschaft in der SA nutzte, um angeblich ausstehende Gelder einzutreiben. Zuckermann wurde 1924 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. 1927 trat er der SPD bei und wechselte 1928 zur KPD – dennoch verlor er nie den Bezug zum Judentum. Bereits zu dieser Zeit spielten zionistische Themen in seinem Leben eine Rolle; so besuchte er Veranstaltungen eines Vereins, der sich für die Besiedlung Palästinas oder des sowjetischen Gebiets Birobidshan einsetzte.9 Helmut Eschwege wurde am 10. Juli 1913 in Hannover geboren. Seine Eltern waren streng religiös und zogen 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach Hamburg, damit ihre Kinder dort eine jüdische Schule besuchen konnten. Eschwege ging auf die Talmud-Tora-Schule, später auf eine Realschule. Um den bürgerlichen Lebensstandard der Familie aufrechterhalten zu können, wurde sein Vater Vertreter einer Versicherungsgesellschaft. 1929 begann der Sohn eine dreijährige kaufmännische Lehre und trat gleichzeitig, ohne Wissen des Vaters, in die Sozialistische Arbeiterjugend und das Reichsbanner ein. Kurze Zeit später wurde er Mitglied der SPD und blieb dies bis zu ihrem Verbot. Seinen Eintritt in die SPD verstand er als Protest gegen seine familiäre Herkunft: »Zu den Gründen, die mich zur SPD führten, rechne ich die orthodoxe Haltung meines Elternhauses, die mich abstieß. Eine andere Erfahrung, die mich in jene Richtung drängte, stammte aus meiner Wohn­gegend in Hamburg, in welcher der Faschismus die Juden tagtäglich bedrohte. Nur gemeinsam mit anderen Randgruppen, dazu gehörten in dem Viertel Sozialdemokraten und Kommunisten, konnten sich die jüdischen Jugendlichen hier behaupten.«10 Mehrere andere Aussagen Eschweges machen jedoch deutlich, dass er die jüdische Gemeinschaft auch als einen gewissen Schutz gegen die feindliche Umwelt begriff und dem kulturellen Zusammenhalt durchaus etwas Positives abgewinnen konnte.11 Wie Leo Zuckermann entschied sich Helmut Eschwege nie aufgrund seines kommunistischen Denkens gegen das Judentum, sondern hielt immer Kontakt zu jüdischen oder zionistischen Organisationen. Exil und Rückkehr Vor 1933 lebten in Deutschland eine halbe Million Juden. Die Kommunisten unter ihnen waren während der NS-Herrschaft einer doppelten Verfolgung ausgesetzt, wegen ihrer Abstammung und wegen ihrer politischen Einstellung. Viele jüdische Kommunisten suchten in der Sowjetunion, manche auch im westlichen Exil Zuflucht (sehr viele kommunistische Westexilanten waren jüdischer Herkunft12). Abusch, der bereits 1933 nach Paris geflohen war, reiste 1941 nach Mexiko aus. Im selben Jahr ging auch Zuckermann dorthin ins Exil. Beide hatte es eigentlich nach Moskau gezogen, aber sie mussten jede Möglichkeit nutzen, um den Nazis zu entfliehen, nachdem ihnen die Flucht aus einem französischen Internierungslager gelungen war. Teilweise waren Entscheidungen innerhalb der KPD-Strukturen verantwortlich, teilweise entschied die Verfügbarkeit eines Visums, in welches Land sich die jüdischen Kommunisten retten konnten. Eschwege emigrierte nach dem Besuch einer Siedlerschule der jüdischen Gemeinde 1934 mithilfe linkszionistischer Gruppen über Dänemark nach Tallin, wo er zwei Jahre in einer Art Kibbuz verbrachte. Im Mai 1937 konnte er über die Schweiz nach Palästina einreisen und folgte damit seinen beiden jüngeren Brüdern. Trotz seiner kommunistischen Überzeugung war Eschwege im Exil politisch weniger aktiv als Abusch und Zuckermann. Abusch wurde Chefredakteur der Exilzeitschrift Freies Deutschland und schrieb das Buch Irrweg einer Nation,13 eine Auseinandersetzung mit der deutschen Nation. Auch Zuckermann setzte seine politische Arbeit gegen die Verbrechen der Nazis journalistisch fort und war in Mexiko nicht nur in KPD-Kreise, sondern auch in jüdische Gruppen wie die Menorah, eine Gruppe für deutschsprachige Flüchtlinge, eingegliedert. Nach Kriegsende stellte sich für die deutschen Exilanten in aller Welt die Frage nach dem Verbleib in der Fremde oder der Rückkehr nach Deutschland, in das Land der Mörder. Die Entscheidung zur Übersiedlung in den Teil Deutschlands, der unter sowjetischer Besatzung stand, wurde meist geprägt durch zwei wichtige Motive. Zum einen hofften viele auf eine bessere Zukunft in einer sozialistischen Gesellschaft ohne Antisemitismus (und ohne Assimilation). Zum anderen verstanden sich manche Rückkehrer als Patrioten: Sie wollten auf diesem Weg das Land verteidigen bzw. wiedererrichten, dessen Kultur auch die Emanzipation der Juden ermöglicht hatte. Schon die Exil-Zeitschrift in Mexiko Freies Deutschland hatte etwa die Aufgabe gehabt, »eine überzeugende Verteidigung der deutschen humanistischen Kultur«14 zu leisten. »So arbeitete die Zeitschrift für das Wesentliche: nicht ein Wort, nicht einen Klang, nicht eine Farbe in der deutschen Kultur den Faschisten zu überlassen.«15 Für die Kommunisten im Exil stand außer Frage, dass man beim Aufbau des Sozialismus in Deutschland an die Politik der KPD der Weimarer Republik anknüpfen würde.16 Nicht nur die sozialen Unterschiede sollten in der neuen Gesellschaft nivelliert werden, sondern auch die konfessionellen. Die Idee eines sozialistischen Deutschland speiste sich also aus der Vergangenheit – dem Antifaschismus – wie auch aus dem Glauben an die soziale und kulturelle Gleichstellung aller Menschen in der Zukunft. Die Zahl der jüdischen Exilanten, die in die SBZ übersiedelten, ist schwer zu ermitteln. Die Angaben der Forschung gehen hier auseinander, weil sich nicht alle als »rassisch Verfolgte«, sondern viele als »Opfer des Faschismus« anerkennen ließen; man geht jedoch von circa 8000–9000 Juden und Jüdinnen aus, die sich, meist aus politischen Gründen, in der SBZ und in Berlin niederließen.17 Kurz nach der Staatsgründung waren etwa 1500 Personen in den jüdischen Gemeinden der DDR registriert, aber man schätzt, dass zeitweise zehnmal so viele Juden und Jüdinnen in Ostdeutschland lebten.18 Demnach war die Mehrheit der Juden in der frühen DDR Kommunisten, die sich nicht in den jüdischen Gemeinden registrieren ließen. Dies spricht für eine Ablösung vom Judentum, um mögliche Identitätskonflikte in der neuen sozialistischen Gesellschaftsform zu vermeiden. Helmut Eschwege ließ sich im September 1946 im sozialistischen Teil Deutschlands nieder. Diese Entscheidung begründete er mit seinem Vertrauen auf den »Willen der Arbeiterparteien in der damaligen Ostzone, das Potsdamer Abkommen über die Entnazifizierung und Bekämpfung der Rassenhetze in die Tat umzusetzen«.19 Er hoffte auf ein Ende jeglicher antisemitischer Diskriminierung: »Mit dem Sieg des Sozialismus wird auch in der viertausendjährigen Geschichte des jüdischen Volks ein neues Blatt aufgeschlagen. Die Periode der grausamen Verfolgung durch die herrschenden Klassen ist zu Ende gegangen. Das Zeitalter der endgültigen Emanzipation, der brüderlichen Solidarität, ist angebrochen.«20 Auch bei Leo Zuckermann, der seit Juli 1947 in der SBZ lebte, war der Aufbau des Sozialismus ganz eng mit der Vorstellung verknüpft, dass nur diese Gesellschaftsform neuen Antisemitismus unmöglich mache. Im Dezember 1947 benannte er »eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den Jahren der Verfolgung«: »Das Schicksal des jüdischen Volkes ist untrennbar mit der Demokratisierung der Welt verknüpft. […] Je mehr diese Erkenntnis Allgemeingut der deutschen Juden und des jüdischen Volkes überhaupt werde, desto weniger besteht die Gefahr, dass ein zweites Mal Reaktion und Faschismus uns in einem falschen Gefühl der Sicherheit überraschen werde.«21 Kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland hatte er am 27. Mai 1946 an Franz Dahlem geschrieben: »Fast alle Freunde, die hier nach Mexiko gekommen sind, brennen darauf, moeglichst bald zurueckzukommen und an der Aufbauarbeit teilzunehmen. Alles, was wir waehrend unseren Aufenthaltes hier gemacht haben, um unseren Teil am Kampfe gegen den Faschismus beizutragen, erscheint jetzt als eine Angelegenheit zweiter Ordnung, da die Hirne sich bereits bei Euch in Berlin befinden.«22 Weniger patriotisch formulierte es Alexander Abusch, der im Sommer 1946 aus Mexiko nach Berlin zurückkehrte, dennoch weisen auch seine Sätze auf die Bedeutung des Sozialismus in der Identitätskonstruktion hin: »Doch je näher der Sieg über Hitler heranrückte, desto mehr drangen wir darauf, daß sie [die Kommunisten im Exil, U. B.] sich auch durch eigene nationale Parteiorganisationen auf ihre Arbeit im Heimatland vorbereiten sollten. […] Wir wußten, wofür die Partei gekämpft hatte und nun im Krieg, in Illegalität und Exil weiterkämpfte. Karl Liebknechts und unser eigenes ›Trotz alledem!‹ machte es für uns selbstverständlich, daß wir bald, nicht erst in weiter Ferne, auf das deutsche Kampffeld zurückkehren würden.«23 Für die Antifaschisten und Kommunisten war es eine Selbstverständlichkeit, dass zur Idee einer besseren Welt und Gesellschaft auch die entsprechende Praxis gehörte. Der Aufbau eines sozialistischen Staates erschien als eine Antwort auf die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. (Nicht-)Auseinandersetzung mit jüdischen Themen Alexander Abusch erwähnt in seiner Autobiografie die jüdischen Opfer des Holocaust nur an zwei Stellen. Über seine Überfahrt nach Mexiko 1941 schreibt er: »Die meisten Passagiere waren ältere Frauen und Männer – Juden, die direkt aus Deutschland kamen. Mit ihnen war die Atmosphäre des ›Dritten Reiches‹ da.«24 Es ist hier eine klare Distanzierung zu erkennen: Diese Art der Verfolgung, der Antisemitismus, schien nichts mit ihm zu tun zu haben, der seine jüdische Identität hinter sich gelassen hatte und als verfolgter Kommunist geflohen war. Der Holocaust hatte keinerlei Auswirkungen auf seine Identität. Einige Seiten weiter beschreibt Abusch, wie er nach dem Krieg von den Vernichtungslagern hörte, in denen Juden aus ganz Europa ermordet wurden. Er zeigt sich als Antifaschist davon sehr betroffen, äußert aber kein spezielles Mitleid aufgrund seiner eigenen jüdischen Herkunft. Seine Eltern, deren Tod indirekt durch den Antisemitismus der Nazis verschuldet wurde, erwähnt er nur in einem der analysierten Dokumente, und wieder stellt er keine Verbindung zwischen seiner Person und dem Judentum her: »Meine Eltern starben einen ›natürlichen‹ Tod, nachdem ihnen die Nazis 1938 ihre Wohnung völlig zerstört hatten: meine Mutter starb wenige Wochen später an einem Herzleiden, mein Vater ein Jahr später.«25 In den ausgewerteten Quellen äußert sich Abusch generell nur sehr selten zu jüdischen Themen oder zu den vielen jüdischen Opfern des Nationalsozialismus; und wenn, dann distanziert er sich von jüdischen und zionistischen Organisationen, mit welchen er zur Zeit des Exils in Verbindung stand. Leo Zuckermann war im Exil in Mexiko, bis es zu Auseinandersetzungen mit Paul Merker kam, in die politische Arbeit der Bewegung Freies Deutschland eingebunden. Auch pflegte er Kontakt zu einer jiddischen Sprachgruppe der mexikanischen KP und war Mitglied der Menorah. Als er in einem Verhör durch die ZPKK am 11. November 1950 nach seiner Motivation dafür gefragt wurde, antwortete er: »Es war die damalige Zeit der Judenverfolgung, um gewissermaßen die Solidarität zu zeigen.«26 Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trat Zuckermann in die jüdische Gemeinde ein. Dies begründete er so: Natürlich war ich weder religiös, noch etwas ähnliches geworden. Jedoch hatten mich die Judenmassaker der Nazis zusätzlich zu den anderen Gräueln, die Ausrottung vieler Verwandten und Bekannten, aufgewühlt. Als ich nach meiner Rückkehr nicht nur eine weit verbreitete Interesselosigkeit der Bevölkerung gegenüber diesen Massenvernichtungen, sondern sogar offen antisemitischen Stimmungen trotz aller Ereignisse begegnete und auf der anderen Seite die aus den Lagern zurückkommenden kennenlernte, tat ich diesen Schritt, weil ich nicht daran dachte, meine jüdische Abstammung zu leugnen. Da der Beitritt nicht mit der Abgabe eines religiösen Bekenntnisses verbunden war, hielt ich dies in der damaligen Situation für einen Solidaritätsakt mit den jüdischen Verfolgten.27 Leo Zuckermann engagierte sich sehr für eine Wiedergutmachung für die jüdischen Opfer und setzte sich auch für einen israelischen Staat ein. Mehrere Quellen belegen dieses Engagement.28 Das Assimilationskonzept erachtete er als gescheitert: »Der Faschismus […] lieferte den geschichtlichen Beweis, dass es trotz aller Postulate auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keine Assimilation unter den gegebenen Bedingungen gibt und keine Lösung der jüdischen Probleme in diesem Rahmen möglich ist.«29 Das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen und die Erkenntnis, dass die deutsche Bevölkerung sich daran durchaus beteiligt hatte und Mitschuld trug, ließ manche jüdische und nichtjüdische Kommunisten als Konsequenz »die Entfaltung jüdischen Eigenlebens«30 fordern. Juden sollten eine Unterstützung zur Wiederherstellung ihres sozialen, religiösen und kulturellen Lebens erhalten. Damit war auch eine materielle Entschädigung gemeint. Das Assimilationskonzept wurde jedoch nur kurze Zeit unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verbrechen infrage gestellt, und nur wenige machten sich für ein eigenständiges jüdisches Leben in der DDR stark.31 Zu ihnen kann neben Leo Zuckermann auch Helmut Eschwege gezählt werden. Auch er wandte sich gegen das Konzept der Assimilation: Ich weiß, daß heute eine Anzahl von Genossen unserer Partei sich als völlig assimiliert betrachten, darunter befinden sich viele, die Angst haben, daß ihnen aus dem Bekenntnis zum jüdischen Volk, mit dem sie noch gestern gemeinsam gelitten haben, Nachteile erwachsen könnten. Ich bin stolz auf meine Nationalität und auf mein Volk und empfinde es, solange ich nicht eines Besseren belehrt werde, als eine Schande, mich dem Beschluß der Sonderkommission [bei einer SED-Mitgliederüberprüfung wurde es Eschwege verweigert, als Herkunft ›Jude‹ einzutragen, U. B.] unterworfen zu haben, zumal dafür keine marxistische Begründung gefunden wurde.32 Die Begründung seiner Position, die er in mehreren Texten verwendet, ist sehr interessant, weil sie verdeutlicht, dass sich für ihn die Gesellschaftsform des Sozialismus und das Judentum nicht ausschließen.33 Wie Zuckermann trat auch Eschwege in die jüdische Gemeinde ein, und auch er begründete sein Verhältnis zum Judentum geschichtlich: »Ich trug in die Rubrik der Nationalität ›Jude‹ ein, weil ich mich nach allem, was ich erlebt hatte, als solcher fühlte. […] Dreimal gab ich diese Karte zurück, und verlangte die Eintragung als Jude, weil ich nicht gewillt war, die Herkunft meiner Eltern zu leugnen. Die vierte Aussprache nervte mich so, daß ich schließlich unterschrieb, deutscher Nationalität zu sein.«34 Auch wenn der Betrachtungszeitraum meiner Arbeit mit dem Jahr 1953 schließt, sei an dieser Stelle erwähnt, dass Eschwege sich sein Leben lang mit jüdischen Themen auseinandersetzte und dazu publizierte. Zum einen widmete er sich als Historiker der jüdischen Geschichte, zum anderen verteidigte er den Staat Israel und seine Politik, welche von der antizionistisch eingestellten DDR und UdSSR immer wieder scharf angegriffen wurde. Bei Alexander Abusch finden sich keinerlei Bemerkungen oder Positionen zu Themen wie Assimilation oder Entschädigung. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass er eine völlige Aufhebung der Religionen oder zumindest deren Unterordnung unter die Utopie Sozialismus befürwortete. Seine Verbundenheit mit der deutschen Kultur und der Wunsch nach einer neuen Gesellschaftsform ließen sich nicht durch das Verbrechen an den europäischen Juden irritieren. Das ambivalente Verhältnis der DDR zu ihren jüdischen Bürgern Die Gedenkpolitik der DDR und der Umgang mit den jüdischen Gemeinden in den späten Vierziger- und den Fünfzigerjahren verdeutlichen, dass die DDR an einer besonderen Förderung jüdischen Lebens nicht interessiert war.35 Darüber hinaus fanden Juden als Opfergruppe im Selbstverständnis des antifaschistischen Staates nur wenig Platz; sie blieben im Geschichtsbild der DDR Opfer zweiter Klasse.36 Wie die Biografien von Abusch, Zuckermann und Eschwege zeigen, reagierten die jüdischen Kommunisten auf diese Haltung der DDR und deren Auswirkungen auf Politik und Alltag sehr unterschiedlich. Noch vor der Staatsgründung der DDR wurde die ZPKK geschaffen, welche die politische Konformität der Parteimitglieder überwachen sollte. Ein Sonderausschuss dieser Instanz sollte alle ehemaligen Exilanten aus den westlichen Ländern überprüfen, denn diese standen unter Generalverdacht, vom »imperialistischen Feind« als Agenten angeworben worden zu sein. Die Betroffenen, meist jüdischer Abstammung, sollten aus führenden Partei- und Staatsämtern entlassen werden. In vielen anderen Staaten, die unter dem Einfluss der KPdSU standen, kam es zu Schauprozessen gegen vermeintliche Parteigegner.37 Sehr häufig traf es auch dort jüdische Bürger, und die Argumentationsweise der Organe erwies sich als nicht nur strukturell antisemitisch. Dass es in der DDR so weit nicht kam, lag sicherlich an der Sonderstellung des jungen Staates, der lange als Bindeglied zwischen Ost und West fungierte.38 Das »Freund-Feind-Schema« in der antiimperialistischen Ideologie des Marxismus-Leninismus und der Anti­zionismus der DDR trugen jedoch dazu bei, dass die Parteiverfahren auch in der DDR antisemitisch konnotiert waren. Besonders deutlich wird dies bei der näheren Betrachtung des Dokuments »Lehren aus dem Prozeß gegen das Verschwörungszentrum Slansky«, welches im Dezember 1952 vom Zentralkomitee der SED beschlossen wurde und sich gegen den Westexilanten Paul Merker richtete. In dem Dokument wird vor Spionen in den Reihen der Partei gewarnt, und die Parteisäuberungen werden damit gerechtfertigt, dass es nicht zu einer »Ausplünderung Deutschlands« durch »jüdische Monopolkapitalisten« kommen dürfe. Es galt den sozialistischen Staat gegen Imperialismus und Kosmopolitismus bzw. Zionismus zu schützen. Die Gleichsetzung von jüdischer Herkunft mit dem Kapitalismus und dem vermeintlich wurzellosen und antinationalen Kosmopolitismus ist eine klar antisemitische Argumentations- und Denkstruktur. Der Autor des Schreibens, der ZPKK-Vorsitzende Hermann Matern, machte das Dokument zudem unkritisierbar, indem er den Vorwurf des Antisemitismus als Taktik der Feinde der DDR diskreditierte. Nicht nur der Sprachgebrauch löste ein Klima der Verunsicherung und Angst unter den jüdischen Bürgern und Genossen aus, sondern diese hatten auch unter realen Repressionen zu leiden. Es gab Parteiausschlüsse, Kündigungen von Arbeitsstellen und Parteiposten sowie eine Durchsuchung aller jüdischen Gemeinden. Viele Gemeindevorsteher sahen sich genötigt, in den Westen zu fliehen.39 Mit dem Tod Stalins 1953 – hier endet der Betrachtungszeitraum dieser Analyse – änderte sich die Politik der KPdSU und damit auch die der SED. Die antisemitisch konnotierten Parteisäuberungsverfahren nahmen ein Ende. Für die Betroffenen blieben die politischen Umstände prekär, aber die akute Gefahr durch Verfolgung oder Verurteilung war vorüber, und der lange Weg der Wiederaufnahme in die SED begann. Reaktionen auf die Parteiausschlussverfahren Alexander Abusch war nach seiner Rückkehr aus Mexiko Mitglied des Präsidialrats des Kulturbunds und Chefredakteur der Weltbühne geworden. Seit 1948 war er Mitglied der Deutschen Wirtschaftskommission, seit 1949 hauptamtlicher Mitarbeiter im Zentralkomitee der SED. Im Zuge des Parteiausschlussverfahrens wurde er im Juli 1950 all seiner Ämter enthoben, da er mit Paul Merker im Exil zusammengearbeitet hatte. Nach all den Jahren der Flucht und des Exils bezeichnete Abusch den Verlust seiner politischen Ämter in der DDR als »die schwierigste Situation« seines Lebens.40 Seine politische Isolation dauerte circa ein Jahr. In dieser Phase bis zu seiner Wiederaufnahme in den Kreis der Partei versuchte er alles, um sich vom Verdacht der Spionagetätigkeit und der Parteiuntreue freizumachen und seine Bereitschaft zur Unterwerfung unter die Maßgaben der Partei zu demonstrieren. Er schrieb lange Berichte über seine Tätigkeiten in Mexiko, distanzierte sich von der Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen, übte Selbstkritik und war auch bereit, seine früheren Genossen zu denunzieren.41 In einem unveröffentlichten Kapitel seiner Autobiografie Mit offenem Visier gibt er eine eigene Aussage in einem Gespräch mit Hermann Matern wider: »Ich kann nicht glauben, daß die Genossen Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Hermann Matern, die mich so lange kennen, nicht dafür sorgen werden, daß dieses irrtümliche Verfahren gegen mich schnell beendet wird. Mein Glaube an unsere Partei ist durch nichts zu erschüttern. Du kannst das als stoisch oder als pathetisch auffassen; es ist ehrlich von mir gemeint.«42 In Abuschs Berichten findet sich an keiner Stelle auch nur die leiseste Kritik an den Methoden der Partei oder der ZPKK. Die Idee des Sozialismus erforderte Opfer, und er war bereit, diese zu erbringen.43 Abusch konnte sich eher Hoffnung auf Wiederaufnahme in die Parteielite machen als Zuckermann und Eschwege, da er sich nie zu jüdischen Fragen wie der Restitution der NS-Opfer oder dem Assimilationskonzept geäußert und damit die Linie der Partei nicht verlassen hatte. Nach einem Jahr politischer Isolation konnte er in die Kulturpolitik zurückkehren. Er wurde wieder Präsidialmitglied im Kulturbund und Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbands. Seine weitere Karriere verlief erfolgreich, bis er 1958 sogar Mitglied der Volkskammer wurde. Unter anderem war er ab 1951 auch inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) für die Bereiche Trotzkismus und Emigration.44 Leo Zuckermann war nach seiner Rückkehr aus dem Exil Hauptreferent im Zentralsekretariat der SED geworden, wo er mehrere Abteilungen leitete. Nach der Staatsgründung der DDR wurde er Chef der Präsidialkanzlei. Sein Engagement in der Menorah und der Eintritt in die jüdische Gemeinde machten ihn jedoch verdächtig, für den feindlichen Westen zu arbeiten. Die Überprüfung der ehemaligen Westexilanten bewog ihn dazu, von seinem Amt zurückzutreten. Als Zuckermann ins Visier der ZPKK geriet, revidierte er darüber hinaus manche seiner politischen Positionen und Bewertungen früherer Entscheidungen: »Rückblickend muss ich sagen, daß diese Handlung [gemeint ist sein Beitritt zur Jüdischen Gemeinde zu Berlin nach der Rückkehr aus Mexiko, U. B.] eine falsche, sentimentale Reaktion war. Ich will sie keineswegs entschuldigen, aber doch dadurch verständlich machen, daß ich aus einer ostjüdischen Familie stamme, in der jüdisch und russisch gesprochen wurde, in der gewisse jüdische Traditionen und nationale Reste viel stärker vorhanden waren, als dies bei den Juden in Deutschland der Fall war. Die inzwischen in der DDR zurückgelegte gesellschaftliche Entwicklung hat auch dieses Problem gelöst.«45 Anfangs hoffte er, mit dem Rücktritt von seiner Funktionärsposition der Verfolgung zu entkommen. Als Begründung gab er dabei an, er habe »unter dem tiefen Eindruck der nazistischen Judenverfolgung […] Fehler gemacht – wie z. B. nach meiner Rückkehr Beitritt zur jüdischen Gemeinde –, die meinen Verbleib in unmittelbarer Nähe des Parteivorsitzenden und Staatspräsidenten sowie der Regierung nicht gestatten«.46 Wie bei Abusch findet sich hier das Moment der Selbstkritik, und auch Zuckermann war bereit, sich von seinen ehemaligen Genossen aus der Zeit des Exils zu distanzieren, was für Paul Merker fatale Folgen hatte. Leo Zuckermann floh im Juni 1951 erneut nach Mexiko. Ob er dies aus Angst vor einer drohenden Verhaftung tat oder weil er den Glauben an den neuen sozialistischen Staat verloren hatte, bleibt unklar. Helmut Eschwege hatte 1947 mit der Rückführung von Literatur aus jüdischen Beständen, die die Nationalsozialisten geraubt hatten, begonnen. Ab 1948 leitete er in Dresden die von ihm aufgebaute Bibliothek und war Mitarbeiter im Landesvorstand der SED, um ein historisches Archiv der Arbeiterbewegung zu erstellen. 1952 wurde er Abteilungsleiter des Museums für Deutsche Geschichte in Berlin. 1953 wurde er im Zuge der Parteiverfahren als »Zionist« aus der SED ausgeschlossen; im Jahr darauf wurde er wieder in die Partei aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten verlor Eschwege immer wieder Anstellungen aufgrund seines Interesses für jüdische Fragen. Zudem wurden ihm in den Anfangsjahren der DDR Auslandsaufenthalte, gerade Reisen nach Israel zu seiner Mutter, verwehrt. Wahrscheinlich aus taktischen Gründen wurde auch er IM beim MfS. Er konnte später ins westliche Ausland reisen und wurde zum wichtigsten Berichterstatter über das Judentum und Israel. Insgesamt wurde Eschwege dreimal aus der SED ausgeschlossen, jedoch nur zweimal rehabilitiert. Er hielt an seiner Konsequenz aus dem Holocaust fest, dass das Postulat einer Unvereinbarkeit von Judentum und Marxismus-Leninismus ein Fehler der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Staaten sei und nicht in der Idee des Sozialismus begründet liege. Trotz aller Kritik an der DDR und ihrem Umgang mit dem Judentum blieb er offenbar diesem Staat und der sozialistischen Idee treu. Zwischen 1964 und 1966 bemühte sich Eschwege wiederholt, jedoch erfolglos um die erneute SED-Parteimitgliedschaft. Fazit Die Lebensläufe ähneln sich sowohl in der Jugend mit einer frühen Politisierung und einer gewissen Distanzierung vom religiösen Judentum als auch hinsichtlich der Flucht in ein westliches Exilland sowie der Entscheidung zur Rückkehr und der daran geknüpften Hoffnungen. Auf Grundlage eines psychohistorischen Ansatzes war es möglich zu zeigen, dass die sehr frühe politische Sozialisation und die gleichzeitige Entfremdung vom Judentum weitreichende Bedeutung für den Verlauf der Biografien hatte. Für die einzelnen Protagonisten konnte anhand verschiedener Quellen nachgezeichnet werden, warum sie in den sozialistischen Teil Deutschlands gingen und weshalb sie ihre jeweiligen politischen Positionen vertraten. Der Eintritt in die Arbeiterbewegung und das Bekenntnis zum Sozialismus waren bei allen drei Personen eine Reaktion auf Erfahrungen mit Antisemitismus und eine Ungleichbehandlung im Vergleich mit ihren christlichen Mitbürgern. Die beginnende Politisierung war nicht bei allen dreien in gleichem Maße mit einer willentlichen Abkehr vom Judentum verbunden. Bei Leo Zuckermann beispielsweise, der nicht aus einem orthodox religiösen Elternhaus stammte, begann die sozialistische Politisierung in der Studienzeit, und er musste sich nicht so radikal von seinen Eltern abwenden, wie es Alexander Abusch angab. Die frühe Politisierung und Distanzierung von der jüdischen Herkunft erklären die sehr großen Hoffnungen, die alle drei an den Aufbau einer sozialistischen deutschen Gesellschaft knüpften. Gerade bei Eschwege und Zuckermann wird deutlich, dass ihre Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft auch das Verschwinden von jeglichem Antisemitismus beinhaltete. Ihre Erwartungen an die neue Gesellschaftsordnung führten zu einer Unterordnung persönlicher Ansichten und Werte unter die Politik und die Vorgaben der SED und ihrer ausführenden Organe. Zuckermann und Eschwege ergriffen nach dem Zweiten Weltkrieg die Option einer Rückbesinnung auf das Judentum. Der Holocaust bekam so für beide identitätsstiftende Funktion: Sie wandten sich dem Judentum in Form einer Solidarisierung wieder deutlicher zu und setzten sich für jüdische Belange ein. Beide hielten auch nicht so uneingeschränkt an den Ideen und Idealen der DDR fest wie Abusch, dessen Bruch mit dem Judentum sich radikaler vollzogen hatte. In seiner Biografie spielte die Vernichtung der europäischen Juden keine besondere Rolle. Bei ihm war die Ersatzidentifikation mit der Idee des Sozialismus, später in Form der DDR, so stark, dass er ihr alles unterordnete. Zuckermann und Eschwege taten dies dagegen nur bedingt, da sie das Judentum als zweites Identitätsmoment hatten. Eschwege suchte am stärksten die Konfrontation mit dem Staat, was unter anderem an seiner vergleichsweise niedrigen gesellschaftlichen Position gelegen haben dürfte. Aus der Betrachtung der drei Biografien lässt sich die Hypothese ableiten, dass Personen, die sich schon früh und radikal vom jüdischen Leben abgewandt hatten, bei einer späteren Stigmatisierung als Jude meist sehr konsequent an ihrer Identität als Kommunist und am Konzept der gesellschaftlichen Assimilation festhielten. Andere jüdische Kommunisten dieser Generation, die sich weniger radikal vom Judentum gelöst hatten, dürften dagegen oft einen neuen Bezug zur jüdischen Tradition gefunden haben. Es ist zu vermuten, dass dies tendenziell für viele jüdische Kommunisten in der frühen DDR gilt. 1 Hermann Weber / Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; Helmut Müller-Enbergs / Jan Wielgohs / Dieter Hoffmann / Andreas Herbst (Hg.): Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 4. Aufl. Berlin 2006. 2 Siehe Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln, Weimar, Wien 2000. 3 Siehe Edgar Weiß: Die Bedeutung der Psychoanalyse in der biographischen Forschung, in: Hedwig Röckelein (Hg.): Biographie als Geschichte, Tübingen 1993, S. 63–88, hier S. 65. Zu diesem Thema auch zu empfehlen: Hans-Ulrich Wehler: Vorwort, in: ders. (Hg.): Geschichte und Psychoanalyse, Köln 1971, S. 7 f. 4 Siehe Hedwig Röckelein: Der Beitrag der psychohistorischen Methode zur »neuen historischen Biographie«, in: dies.: Biographie als Geschichte (Anm. 3), S. 17–38. 5 Alexander Abusch: Mit offenem Visier. Memoiren, Berlin 1986; Helmut Eschwege: Fremd unter meinesgleichen. Erinnerungen eines Dresdner Juden, Berlin 1991. 6 »Ergänzungen zu meinen mündlichen Aussagen vom 10. 11. 1950«, 12. 11. 1950, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30 / IV 2 / 11 / v. 5250, Bl. 157. 7 Ebd., DY 30/IV 2 /4 111, Bl. 43 [Hervorhebung im Original]. 8 Die Familie Zuckermann wird von Wolfgang Kießling in seinem Buch »Absturz in den Kalten Krieg« folgendermaßen beschrieben: »Die Eltern waren keine strenggläubigen Juden. Sie sympathisierten mit der Sozial­demokratie. Zwei Brüder der Sophie Maus [Mutter von Leo Zuckermann, U. B.] gehörten später der KPD an.« (Wolfgang Kießling: Absturz in den Kalten Krieg. Rudolf und Leo Zuckermanns Leben zwischen nazistischer Verfolgung, Emigration und stalinistischer Verfolgung [= Hefte zur DDR-Geschichte 57], Berlin 1999, S. 9). 9 Siehe ebd., S. 9 f. sowie den Artikel »Leo Zuckermann«, in: Müller-Enbergs u. a.: Wer war wer in der DDR? (Anm. 1), S. 956 f., hier S. 956. 10 Eschwege: Fremd (Anm. 5), S. 18. 11 »Da es einen starken Zusammenhalt in der jüdischen Gemeinde gab, war die Arbeitslosigkeit bei den Juden nicht so stark ausgeprägt wie bei den Deutschen. Kinder und Jugendliche waren in jüdischen Jugendgruppen organisiert. Erst nach der Berufsausbildung schlossen wir uns nichtjüdischen, uns weltanschaulich nahestehenden deutschen Organisationen an.« (Helmut Eschwege: Die unorthodoxe Sicht der jüdischen Geschichte in der DDR, in: Robin Ostow (Hg.): Jüdisches Leben, Frankfurt a. M. 1988, S. 167–188, hier S. 169). »Anfeindungen, Schlägereien zwischen uns und nicht-jüdischen Schülern erlebte ich nur zu oft. Weder auf der Straße noch auf Sportplätzen waren wir vor Schmähworten und antijüdischen Liedern sicher. Immer eine Minderheit darstellend, lernten wir es bald, uns gegen mehrere Schüler zur Wehr zu setzen und die anderen in die Flucht zu treiben.« (Eschwege: Fremd [Anm. 5], S. 16). 12 Hartewig: Zurückgekehrt (Anm. 2), S. 6. 13 Alexander Abusch: Irrweg einer Nation. Ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte, Mexiko-Stadt 1945. 14 Abusch: Mit offenem Visier (Anm. 5), S. 50. 15 Ebd., S. 60. 16 »Durch den Kampf gegen die allgemeine Ungerechtigkeit von Klasse zu Klasse wird auch Juden als Juden Gerechtigkeit gesichert […] durch die Anwendung allgemeiner Prinzipien gesellschaftlichen Umbaus und allgemeiner Gerechtigkeit finden sie ihre Sicherheit.« (Arnold Zweig, zit. nach Mario Keßler: Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklungen bis 1967 [= Zeithistorische Studien, Bd. 6], Berlin 1995, S. 31). 17 Siehe Monika Richarz: Juden in der BRD und in der DDR seit 1945, in: Micha Brumlik (Hg.): Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945, Frankfurt a. M. 1988, S. 13–30, hier S. 16–21; Hartewig: Zurückgekehrt (Anm. 2), S. 2 f. 18 Erica Burgauer: Jüdisches Leben in Deutschland 1945–1990, Zürich 1992, S. 112. Die hohe Fluktuation der Displaced Persons und erneute Abwanderung nach der wiederkehrenden Angst vor antisemitischer Stimmung erschweren genaue Angaben. 19 Eschwege: Fremd (Anm. 5), S. 50. 20 Eschwege in der Einleitung seines Buchs »Kennzeichen J«, Berlin 1966, zit. nach Peter Maser: Helmut Eschwege. Ein Historiker in der DDR, in: Horch und Guck 4 (2003), S. 21 ff., hier S. 21. 21 SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 4 / 112, Bl. 378–380. 22 Ebd., DY 30 / IV 2 / 11 / v. 5248, Bl. 80. 23 Abusch: Mit offenem Visier (Anm. 5), S. 99 f. 24 Ebd., S. 11. 25 SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 11 / v. 5250, Bl. 159. 26 Ebd., DY 30 / IV 2 / 4 112, Bl. 424. 27 Ebd., DY 30 / IV 2 / 11 / v. 5248, Bl. 107 f. 28 Siehe u. a. eine zitierte Äußerung Zuckermanns bei Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Verfolgung im geteilten Deutschland, Berlin 1998, S. 111. Zudem hat Zuckermann in einem Artikel in der Zeitung »Die Weltbühne« auf die lange Tradition des jüdischen Widerstands hingewiesen und sich damit gegen ein einseitiges Bild des jüdischen Opfers gewehrt: Leo Zuckermann: »Liebe Weltbühne!«, in: Die Weltbühne (1948) H. 1 / 2, S. 91 f. Siehe dazu auch einen weiteren Beitrag Zuckermanns in: Die Weltbühne (1948), H. 17, S. 431. 29 SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 4 / 112, Bl. 378–380, hier Bl. 379. 30 Siegbert Kahn in seinem Buch »Antisemitismus und Rassenhetze. Eine Übersicht über ihre Entwicklung in Deutschland«, zit. nach Keßler: Die SED und die Juden (Anm. 16), S. 36. 31 Die Thematisierung von Antisemitismus in der deutschen Geschichte sowie die Benennung von antisemitischen Tendenzen der Arbeiterbewegung war in der SBZ bzw. DDR im Allgemeinen eher selten und nur in der unmittelbaren Nachkriegszeit möglich. 32 Zitat aus einem Beschwerdebrief vom 4. 8. 1951, in: Eschwege: Fremd (Anm. 5), S. 66. 33 In seinem Text »Verketzerung Israels und der Juden in der DDR« stützt Eschwege seine Argumentation sogar auf Lenin, der die Juden auch als eigene Nation anerkannt habe, in: Horch und Guck 4 (2003), S. 26–29. 34 Eschwege: Fremd (Anm. 5), S. 66. Ferner: »Bereits in Hannover, meiner Geburtsstadt, war ich als Kind jüdischer Eltern automatisch Mitglied der jüdischen Gemeinde, und es war für mich eine Selbstverständlichkeit, mich nach Ankunft in Deutschland 1946 sofort bei der örtlichen Gemeinde in Dresden anzumelden, die von Leo Löwenkopf geleitet wurde, zu dieser Zeit eine hochgeachtete Person im Lande.« Ebd., S. 152. 35 Siehe Jutta Illichmann: Die DDR und die Juden, Frankfurt a. M. 1997, S. 183. 36 Siehe Olaf Groehler: Juden als vom Nationalsozialismus Verfolgte zweiter Klasse, in: ders. / Mario Keßler: Die SED-Politik, der Antifaschismus und die Juden in der SBZ und der frühen DDR (= Hefte zur DDR-Geschichte 26), Berlin 1995, S. 8–14 sowie Thomas Haury: Antisemitismus von links, Hamburg 2002, S. 309. 37 Siehe ebd., S. 330–338 sowie Thomas Haury: »Zionistenverfolgung« durch die SED?, in: Horch und Guck 4 (2003), S. 14–17, hier S. 14. 38 Siehe Georg Hermann Hodos: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Ostdeutschland 1948–1954, Berlin 2001, S. 246 ff. sowie Keßler: Die SED und die Juden (Anm. 16), S. 245. 39 Haury: »Zionistenverfolgung« (Anm. 37), S. 14 ff. 40 In einem Brief von 1950 an Walter Ulbricht, siehe die Personalakte Abuschs in: Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), MfS AIM 5079 / 56, BStU 000035. 41 »Ich war niemals in meinem Leben ein persönlicher Vertrauter oder auch nur ein persönlicher Freund Merkers […] Merker verschwieg der Parteigruppe und ebenso mir seine wirkliche politische Rolle in Frankreich und seine Zusammenarbeit mit Field. […] Ich wusste natürlich auch nichts von den zionistischen Machenschaften Merkers nach seiner Rückkehr in Berlin.« BStU, 5079 / 56, Bl. 000050–000051. 42 SAPMO-BArch, Sg Y 30 / 1084 / 3, Bl. 355–380 (Manuskriptseiten 295–316a). 43 »Unsere Partei muß für jeden Genossen das Höchste sein. Wer des Namens eines Mitglieds der Partei der Arbeiterklasse würdig sein will, muß seine eigenen Fehler schonungslos bis zu ihren Wurzeln klarlegen und ohne Selbstzufriedenheit immer aufs Neue aus den Beschlüssen der Partei lernen.« Aus »Meine Fehler in Mexiko und ihre aktuellen Lehren«, einem wahrscheinlich 1953 entstandenen Schreiben Abuschs (BStU, 5079 / 56, Bl. 000082). 44 Illichmann: Die DDR (Anm. 35), S. 90. 45 SAPMO-BArch, DY 30 / IV 2 / 11 / v. 5248, Bl. 107 f. 46 Ebd., DY 30 / IV 2 / 11 / v. 5248, Bl. 50.

JHK 2010

Togliatti, der Frieden, die Katholiken

Aldo Agosti

Auf dem Weg zum Dialog: »Das ist die Revolution, die die menschliche Zivilisation durch das Christentum erfahren hat.« Togliattis Interesse an der katholischen Welt – ihren politischen Organisationsformen und der Kirche als Institution – zieht sich durch sein gesamtes Denken. Man erinnere sich nur an die wichtigen Aufsätze, die er am Anfang seiner politischen Laufbahn zwischen 1921–1922 dem Partito Popolare (PPI, Italienische Volkspartei)1 widmete. Auch zu Zeiten des Faschismus nimmt dieses Interesse nicht ab, was diverse Artikel in der vom Partito Comunista Italiano (PCI, Kommunistische Partei Italiens) in Paris veröffentlichten Zeitschrift Lo Stato operaio [Der Arbeiterstaat] bezeugen.2 Dieses Interesse scheint jedoch nicht mit einer möglichen Annäherung an die Katholiken in der Friedensfrage zusammenzuhängen. In seinen Ansprachen, die zwischen 1941 und 1944 von Radio Milano Libertà aus Moskau übertragen wurden und in denen sich Togliatti direkt an die katholische Welt wendet, was ohnehin nur selten vorkam, beschränkt er sich meistens darauf, auf den Beitritt zur antifaschistischen nationalen Volksfront zu drängen. Teilweise verknüpfte er diese Forderung, wie bespielsweise in der Ansprache vom 6. April 1942, mit einem offensichtlich etwas gezwungenen Bezug auf die Aussagen des Papstes: »Seit der Papst es ausgesprochen hat, haben die Katholiken begriffen, dass die Kirche diesen Krieg und die, die ihn entfesselt haben, verurteilt. Dass sie einen gerechten Frieden will, einen Frieden, der auf der Freiheit und Unabhängigkeit aller Völker basiert.«3 Schon in einem Streit mit dem Journalisten Mario Missiroli im Oktober 1941 zeichnet sich ein gewisses Interesse Togliattis ab, indem er sich auf eine allgemeine Solidarität derjenigen mit der UdSSR beruft, die durch den Nationalsozialismus bedroht sind, »einerlei, ob Demokraten, Liberale oder Katholiken […]. Diese Solidarität ist tief in der Tatsache verwurzelt, dass sowohl die Experimente des sozialistischen Aufbaus in Russ­land, wie auch Demokratie und Liberalismus Flüsse sind, die derselben Quelle entspringen, und diese gemeinsame Quelle ist die Ablehnung der heidnischen Barbarei, ist also die Revolution, die die menschliche Zivilisation durch das Christentum erfahren hat.«4 Die Berufung auf die menschliche Zivilisation stellt einen bedeutenden Präzedenzfall mit Blick auf seine späteren Aussagen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren dar, sollte jedoch nicht dazu verleiten, den Kontext aus den Augen zu verlieren: Die Verteidigung des kulturellen Erbes und der Werte, wie sie Togliatti während des Zweiten Weltkriegs versteht, konnte nur durch einen bis zum Ende ausgefochtenen Krieg gesichert werden. Dennoch stellte gerade in Italien die Losung des Friedens, die so eng mit der Niederschlagung des Faschismus verknüpft war, eine bedeutende Möglichkeit der Annäherung mit denjenigen Katholiken dar, die ihr Schicksal nicht bis ins Letzte von dem der Diktatur abhängig machen wollten. Doch die außerordentlichen Veränderungen, mit denen sich die Menschheit durch den Einsatz nuklearer Energie für militärische Zwecke konfrontiert sah, bewegten den Anführer des PCI dazu, seine Überlegungen auch auf andere Gebiete auszudehnen. Als die Vereinigten Staaten 1945 mit dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki eine Botschaft aussendeten, die sich gleichermaßen an die Feinde wie an die russischen »Verbündeten« richtete, ahnte der Anführer der italienischen Kommunisten bereits, dass das atomare Geheimnis früher oder später auch anderen zugänglich sein würde. Damit wäre einer atomaren Aufrüstung der Weg geebnet, die das Risiko verheerender Kriege erhöhte. Gleichzeitig würde diese aber dazu führen, dass »der Krieg den Charakter eines Kampfes verlieren und zur blinden Zerstörung jeglicher Spur zivilisierter Strukturen« führen würde: »Ein Krieg, in dem in großem Umfang Waffen eingesetzt würden wie diejenigen, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten, würde damit enden, dass sich große Teile der Erdoberfläche in unbewohnbare Wüsten verwandeln würden, wenn nicht sogar die vollständige Zerstörung aller Länder, die wir bis heute noch zivilisiert nennen, [bevorstünde].«5 Nach Meinung des PCI-Generalsekretärs hatte diese einschneidende Veränderung zur Folge, dass es in den internationalen Beziehungen keine Kriegsführung mehr geben durfte. Gleichzeitig könne der Sozialismus aber auch nur mit einer Aussicht auf Frieden bestehen – wodurch der Sozialismus zur einzigen Alternative gegen den »Tod« der Menschheit wurde. Das waren keine oberflächlichen oder leichtfertigen Aussagen. Die Ereignisse, durch die sie ausgelöst worden waren, waren derart weitreichend, dass sie sich tief in Togliattis Denken eingruben. Er würde sie nie wieder aus den Augen verlieren und machte das zweite zentrale Thema seines Denkens daran fest: den Dialog mit der katholischen »Welt«. Dieser Dialog stand seit dem Sturz des Faschismus im Mittelpunkt seines Interesses. Am 26. November 1943 waren im Moskauer Säulensaal die Meinungen über die Parteien, die wieder auf der politischen Bühne Italiens aufgetaucht waren, noch bruchstückhaft und von der Unvollständigkeit der Informationen geprägt. Doch schon damals erkannte man die Bedeutung der Democrazia Cristiana (DC, Christliche Demokratie). Togliatti sah ihre Parteibasis »hauptsächlich in den Bauern und den katholischen Organisationen«. Ihre programmatische Absicht bestand seiner Ansicht nach darin, sich »für die Republik und den Wiederaufbau des Landes auf einer demokratischen Basis« einzusetzen. Dabei war er sich ebenso der Einflussnahme der »reaktionären katholischen Kreise« auf diesen Prozess bewusst.6 Mit Togliattis Rückkehr nach Italien im März 1944 strebt der PCI mit Entschlossenheit die Teilnahme an einer Regierung der Nationalen Einheit an, in der die DC zunehmend an Einfluss gewann. Sehr schnell entwickelte Togliatti ein vollkommenes Misstrauen gegen den Partito Liberale Italiano (PLI, Liberale Partei Italiens), den er als Sammelpunkt aller konservativen und potenziell reaktionären Interessen ausmachte. Er erkannte eine wachsende Bedeutung der anderen »Massenparteien«, namentlich des Partito Socialista Italiano (PSI, Sozialistische Partei Italiens) und der DC. Das antifaschis­tische Aktionsbündnis, das PCI und PSI miteinander verband, wurde als Ausgangspunkt für eine größere Allianz gesehen: »Das Problem der Einheit […] hat einen weitaus umfassenderen Aspekt, der sich nicht nur auf das Proletariat beschränkt, sondern das gesamte Volk betrifft«, bekräftigt Togliatti in einer wichtigen Rede am 9. Juli 1944 in Rom. »Wir wissen, dass sich unter den Anhängern der christlich-demokratischen Partei Massen von Arbeitern, Bauern, Intellektuellen, jungen Menschen finden, die im Grunde dieselben Ziele anstreben wie wir, denn sie wollen, genau wie wir auch, ein demokratisches Italien, das die Forderungen der Arbeiterklassen erfüllt […] Wir sind als Kommunistische Partei und Verbündete der Sozialistischen Partei bereit, ein Aktionsbündnis mit der Democrazia Cristiana zu bilden, das zum Ziel haben soll, dass die großen Massen der Kommunisten und die großen Massen der Katholiken gemeinsam für ein Programm kämpfen, das die wirtschaftliche, politische und soziale Erneuerung Italiens voranbringt.«7 Dieser Vorschlag wurde in den kommenden Monaten mehrfach wiederholt: Der Ge­ne­ral­sekretär des PCI war offenbar der Ansicht, dass nur die geschlossene Einheit der drei großen Massenparteien, die Ausdruck der tiefen Kraft der italienischen Gesellschaft waren, zu einer demokratischen Transformation des Landes führen und somit auch die vollständige Legitimation des PCI garantieren könne. Er war der Meinung, dass die Kräfte des ehemaligen vorfaschistischen Liberalismus, wenn auch in verändertem Maß, die Bezugspunkte für die moderate und konservative Achse wären. Aus dieser Perspektive erschien die DC als Partei der »katholischen Bauernmassen«, die »unter dem Faschismus gelitten haben, den Faschismus ebenso hassen wie wir«,8 objektiv gesehen als fortschrittlich. Diese Auffassung fand jedoch nur begrenzt Gültigkeit, entsprang sie doch der etwas vereinfachenden Gleichsetzung der DC mit ihrer angeblich sozialen Basis aus Bauern und der Unterschätzung, wie wichtig der Katholizismus für das städtische Bürgertum war. Überbewertet wurde hingegen der Handlungsspielraum, den der kirchliche Apparat, der hinter der DC stand, der katholischen Partei einräumen würde. Zudem gingen von der Kirche widersprüchliche Signale aus. Während die Kurie den Partito della sinistra cristiana (Christliche Partei der Linken)9 verdammte, versicherte der stellvertretende Staatssekretär des Vatikans, Monsignore Giovanni Montini, dem damaligen Unterstaatssekretär des Äußeren und engem Mitarbeiter Togliattis Eugenio Reale, dass »der Vatikan nie die Unvereinbarkeit von katholischem Glauben und einer Mitgliedschaft in einer Linkspartei erklärt hat. Ein Katholik kann sehr wohl einer sozialistischen oder kommunistischen Partei angehören«. Monsignore Montini schlug seinem Gesprächspartner sogar ein Treffen zwischen »Ihrer Heiligkeit und dem Oberhaupt Eurer Partei, die heutzutage einen so großen Einfluss in Italien hat«, vor.10 Außerdem wurde diese Aussicht auf Kooperation mit der katholischen Welt durch das einer persönlichen Freundschaft ähnelnde sehr enge Verhältnis untermauert, das Togliatti seit 1944 mit dem obersten Intellektuellen der »katholischen Kommunisten«, Franco Rodano, verband. Dieses wurde durch häufige Kontakte zu Don Giuseppe De Luca, einer weiteren einflussreichen Persönlichkeit aus Vatikankreisen, noch gefestigt. Während der nationalen Einheitsregierung unter Ferruccio Parri in den Monaten nach der Befreiung Norditaliens nahmen die Kommunisten eine entschieden kritischere Haltung gegenüber der DC ein. Im Juli schrieb Togliatti sogar: »Unter der Führung von De Gasperi steht zu befürchten, dass die Entwicklung nicht wie bei Don Sturzo, sondern à la Salazar und à la Dollfuß verlaufen wird, will sagen, in Richtung der besonderen Form des klerikalen Totalitarismus.«11 Togliatti war demnach nicht besonders begeistert von der Präsidentschaft De Gasperis, der an die Macht gekommen war nachdem die Regierung Parri durch die fehlende Unterstützung des PLI gestürzt worden war. Trotzdem erschien ihm der abschließende Ausgang der Krise, gerade mit der DC und De Gasperi als »Oberhaupt einer Massenpartei«, wie ein Beweis dafür, dass »die Demokratie in Italien schon eine ziemlich solide Basis [hat], die nicht so leicht zu erschüttern ist«. Nach den Wahlen für die Verfassungsgebende Versammlung, würden PCI und PSI »zweifellos an der Spitze eines der stärksten Wahlbündnisse [stehen] und die politische Einigung mit der Democrazia Cristiana kann zur Stabilitätsachse einer republikanischen Regierung werden.«12 Doch diese Vorhersage traf nicht ein, denn die DC errang nach den Wahlen am 2. Juni 1946 nur die relative Mehrheit und De Gasperi bildete seine zweite Regierung unter wachsenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen. Togliatti war noch immer davon überzeugt, dass die DC trotz allem eine reformatorische Partei bleiben würde und daher nicht gewillt wäre, die stark rückwärtsgewandten Vorstöße der Wirtschaftsmächte zu unterstützen. Die Meinung, gerade um De Gasperis Partei herum könne, fern jeglicher diktatorischer Regierungsformen und entschlossen, das soziale Gleichgewicht in keinster Weise zu stören, erneut das Projekt der moderaten kapitalistischen Restauration entstehen, setzte sich in der Parteispitze des PCI nur langsam durch. Togliatti bemühte sich daher redlich, den Dialog mit der DC und der Kirche aufrecht zu erhalten, doch die Regierungszusammenarbeit der drei Massenparteien befand sich bereits in der Krise. Sie war von zahlreichen Faktoren geschwächt worden: Auf der einen Seite gab es die stufenweise Verschlechterung der internationalen Lage mit der Bildung harter Fronten und auf der anderen die katastrophale wirtschaftliche und soziale Lage im Land, die es den Kommunisten schwer machte, die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen zu verteidigen und die Unzufriedenheit der schwächsten Bevölkerungsgruppen zu besänftigen. Auch spürte die DC, die die Entstehung großer gemäßigter Strömungen immer stärker fürchtete, zunehmend den Druck der Kirche, die Koalition mit den linksgerichteten Parteien aufzugeben. Bis zum Schluss hoffte der PCI, dass die ursprünglichen Gründe für die Bildung der antifaschistischen Einheit stärker wiegen würden als die Auslöser für diese Spannungen und zeigte sich auf mehreren Gebieten kooperativ. Anders als der PSI und andere weltliche Kräfte, befürwortete er ohne zu zögern im März 1947 die Aufnahme der 1929 zwischen dem faschistischen Staat und der katholischen Kirche geschlossenen Lateranverträge in die Verfassung. Begründet wurde diese Entscheidung mit der Sorge, Italien könne an religiösen Fragestellungen zerbrechen. Doch im Mai 1947 trat De Gasperi zurück, nachdem er erklärt hatte, dass er – in Anbetracht des bedrohlichen Anstiegs der Inflation – eine Regierung ohne die Unterstützung der »vierten Partei«, also der stärksten wirtschaftlichen Interessenvertretung des Landes, nicht mehr für möglich hielt. Nach einer kurzen Krise bildete er eine neue Regierung – diesmal ohne Kommunisten und Sozialisten. Die schwere Zeit des Kalten Krieges Der Ausschluss der linken Parteien aus der Regierung rief keine traumatischen Gegenschläge hervor, und die Verfassung der italienischen Republik konnte mit breiter Mehrheit angenommen werden. Die zähe Anstrengung, die der PCI in der Verfassungsgebenden Versammlung unternommen hatte, um gemeinsam mit den Parteien des nationalen Befreiungskomitees einen »Staatsentwurf« zu entwickeln, erwies sich von äußerster Bedeutung. Viele Jahre stand die Verteidigung und Umsetzung der Verfassung im Zentrum des politischen Kampfes in Italien. Auch bei den gesellschaftlichen Kämpfen der Sozialisten ging es hauptsächlich um die programmatischen Normen der Verfassung: Für den PCI war sie als politische Legitimation wichtiger als das Bestreben, sie als ungesetzmäßig erklären zu lassen. Plötzlich aber befand sich der PCI in einer schwierigen isolierten Position: Durch den Beginn des Kalten Krieges gab es für die Partei keine andere Möglichkeit mehr, als sich ohne zu zögern auf die Seite der UdSSR zu stellen, wollte sie ihre Identität als kommunistische Partei nicht infrage stellen. Die DC hingegen war zwischenzeitlich zum vertrauenswürdigsten Gesprächspartner der Vereinigten Staaten geworden und strebte einen wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau Italiens an, der sich – zumindest teilweise – an den Kriterien des Marshallplans orientierte. Das politische Klima im Land wies auf eine direkte Konfrontation hin. Schon während des Wahlkampfs zu den ersten Parlamentswahlen kam es zu harten Auseinandersetzungen. PCI und PSI entschieden, sich als Listenbündnis mit der Bezeichnung Fronte democratico popolare (Demokratische Volksfront) aufstellen zu lassen, konnten jedoch keinen Vorteil aus dieser Entscheidung ziehen. Darüber hinaus fügten sie sich erheblichen Schaden zu, indem sie den Gewaltakt der tschechoslowakischen Kommunisten im Februar 1948 unterstützten. Infolge dessen hatten diese sich von den moderaten Kräften der Regierungskoalition befreit, die bis dato in Prag noch überlebt hatten. Der Wahlsieg der DC am 18. April 1948 war niederschmetternd. Fast ebenso deutlich war die schwere Niederlage von PCI und PSI, die zusammen 31,7 Prozent der Stimmen erhielten. Somit hatte jede Partei für sich acht Prozent weniger als im Wahljahr 1946 erringen können. Jenseits der legitimen Anschuldigungen der Linken gegen das Kreuzzug-Klima der Wahlkampagne und ihrer offensichtlichen Beeinflussung durch die Kirche und die Vereinigten Staaten von Amerika, brachte das Wahlergebnis eine deutliche Erkenntnis: Die Politik der Linken verfehlte ihre Wirkung auf gesellschaftlicher Ebene. Die Expansionsmöglichkeiten und die Vormachtstellung der Christdemokraten und der katholischen Kirche im städtischen und ländlichen Mittelstand, wurden durch die erwiesenermaßen große Eignung des PCI zur Massenbewegung nicht entscheidend beeinträchtigt. Ab diesem Augenblick und bis zu seiner Auflösung als kommunistische Partei, gelang es dem PCI nicht mehr, Regierungspartei zu werden. Das Aktionsbündnis mit den Sozia­listen hatte bis 1953 Bestand, und der PCI zog sich auf Parlamentsebene selbst in der Phase der härtesten Konfrontation nie auf eine reine Blockadeposition zurückzog. Aber seine Möglichkeiten auf außen- und innenpolitischer sowie wirtschaftlicher Ebene »Politik zu machen« und Einfluss auf die Regierungen christdemokratischer Prägung zu nehmen, waren während der gesamten ersten Legislaturperiode (1948–1953) äußerst eingeschränkt. Als die Regierung De Gasperi den Beitritt Italiens zum Nordatlantikpakt beschloss und der Einrichtung von NATO-Stützpunkten auf italienischem Gebiet zustimmte, schien sich das Blatt zu wenden. Diese Entscheidungen trafen nicht nur bei den Kommunisten und ihren sozialistischen Alliierten auf Ablehnung, sondern weckten auch bei einigen Mehrheitsvertretern Vorbehalte und führten zum offenen Widerstand. Die Wunden des Krieges waren noch zu frisch, als dass der Beitritt zu einer militärischen Allianz, wenn auch nur zu Verteidigungszwecken, in großen Kreisen der öffentlichen Meinungsbildung der linken Wählerschaft nicht zu Unbehagen geführt hätte. Der massive Einsatz des PCI im Kampf gegen einen Atomkrieg, wenn auch gekennzeichnet von einer klaren Parteilichkeit zugunsten der Sowjetunion, hatte auch Auswirkungen in Teilbereichen der Kirche und der »terza forza« [Dritte Kraft, d. h. Gruppe aus Sozialdemokraten, Republikanern und Linksliberalen]. Dies wurde besonders anlässlich der Unterschriftenkampagne zugunsten des Stockholmer Appells, in dem Atomwaffen geächtet werden sollten und die vom Ständigen Komitee des Weltkongresses der Kämpfer für den Frieden (dem späteren Weltfriedensrat) initiiert worden war, deutlich. Es handelte sich, nach den Worten Gozzinis und Martinellis um »einen Ausbruch aus den Mauern der eigenen Zitadelle«,13 dem ersten bedeutenden seit dem Ausschluss aus der Regierung. Dennoch war Togliatti seit dem Zusammenbruch der postfaschistischen Allparteienregierungen und dem Beginn des Kalten Krieges zunehmend davon überzeugt, dass in der universalistischen Auffassung der katholischen Kirche die Wurzel für einen natürlichen Pazifismus läge. Somit sei dieser als eine Grundeinstellung der katholischen Welt zu sehen. Im politischen Lager, das hinter ihm stand, rief diese Auffassung Widersprüche hervor. In seiner Parlamentsrede gegen die Unterzeichnung des Nordatlantikpakts am 15. März 1949 berief er sich erstmals direkt und ausdrücklich auf diesen Aspekt. Er erklärte, dass er sich nie »übermäßige Hoffnung« gemacht hätte, dass die katholische Partei durchgreifende soziale Reformen durchsetzen würde. Ebenso gab er aber zu, dass er sich von ihrer Vorrangstellung im italienischen politischen Leben eine »wohltuende Wirkung« auf eine »zunehmend universalistische Tradition« der Kirche versprach. Angesichts der Entscheidung von Premierminister De Gasperi, den Nordatlantikpakt zu unterzeichnen, beteuerte er: »Ihr seid dabei, gegen eure eigenen Traditionen zu handeln, gegen die Erwartungen, die die undifferenzierten Massen desjenigen Standes an euch richten, der noch keine politische Bildung genießt, aber größtenteils eine Politik will, die den häuslichen Frieden und den Frieden des ganzen Landes sichert. Ihr seid dabei, das Vertrauen, dass diese Parteien am 18. April in eure Partei gesetzt haben, zu verraten.«14 Natürlich spürte das kommunistische Oberhaupt das Unbehagen eines großen Teils der katholischen Welt und selbst das der DC gegen die Entscheidung, sich als Land, das gerade einen gewaltigen Krieg hinter sich hatte, einem Militärpakt zu verpflichten. Durch die massive Friedenskampagne, die die Partei in den kommenden Jahren auf die Beine stellen sollte, verstärkte sie dieses Unbehagen weiter. Auch wenn die Angriffe gegen die Kirche als Institution nach der vom Santo Uffizio am 12. Juli 1949 vorgeschlagenen Exkommunikation der Kommunisten zunahmen, wurde – getragen von der allgemeinen Notwendigkeit, den Frieden zu verteidigen – noch immer jede Möglichkeit der Annäherung mit den Katholiken der Basisorganisationen gesucht. Auf der Ebene, die wir heute »medial« nennen würden, konnten bedeutende Erfolge erzielt werden. Man denke nur daran, dass der christdemokratische Vorsitzende der Abgeordnetenkammer Giovanni Gronchi zu den Unterzeichnern des Stockholmer Appells gehörte. Wie bereits erwähnt, löste der »Aufruf zum Pazifismus bei den ersten ›christlichen Avantgarden‹, die das existenzielle Wiedererlangen der religiösen Dimension im Auge hatten, einen bedeutenden Impuls«15 aus. Zu ihnen gehörten Intellektuelle, wie Mario Gozzini, Nando Fabro, Pietro Scoppola, die später, unter dem Pontifikat von Johannes XXIII., im Dialog zwischen Katholiken und Kommunisten eine entscheidende Rolle spielen sollten. Natürlich gelang es dem PCI nicht, auch wegen der eindeutig sowjetophilen Parteilichkeit seiner Position, der politischen Einheit der Katholiken bedeutende Risse zuzufügen. Die zwangsläufige Hochachtung vor den sehr viel starreren Vorgaben des Kominform zu Krieg und Frieden, und die harten ideologischen Polemiken, die die schwersten Jahre des Kalten Krieges kennzeichneten, bewegten Togliatti dazu, die aufwühlenden Fragestellungen seiner frühen Überlegungen, die lange Zeit nur das Stadium von Entwürfen hatten, nicht weiterzuverfolgen. »Aufgabe zur Rettung der Menschheit« Erst nach Stalins Tod und der Unterzeichnung des Waffenstillstands im Koreakrieg, also am Ende jener Epoche, in der der Tanz der Menschheit am Rand des Abgrunds in einer universalen Katastrophe zu enden drohte, schienen die Voraussetzungen günstiger. Dazu trugen die sich abzeichnende internationale Entspannung unter der bevorstehenden Amtsübernahme Eisenhowers, die ersten diplomatischen Schritte der sowjetischen »kollegialen Führung« und die Aufhebung der italienischen legge truffa16 bei. Im Januar 1954 saßen die Außenminister der vier Mächte erstmals nach fünf Jahren anlässlich der Berliner Konferenz wieder zusammen an einem Tisch, um über den Friedensvertrag mit Deutschland zu verhandeln. Obwohl keine Übereinkunft getroffen werden konnte, blieb Spielraum für weitere Treffen: Im April fand in Genf eine Konferenz statt, in der eine stabile Lösung für den Frieden in Asien verhandelt werden sollte und bei der erstmals Vertreter der Volksrepublik China anwesend waren. Togliatti verfolgte diese internationalen Entwicklungen mit der gewohnten Aufmerksamkeit. Er war bereit, sich der »Diplomatie der Koexistenz«, die die Sowjets in jenen Tagen im großen Stil propagierten, zu bedienen, um die stehenden Wasser der italienischen Politik in Wallung zu bringen. Malenkov hatte am 13. März in einer Rede klar und deutlich bekräftigt, dass ein Atomkrieg »das Ende der Menschheit« bedeuten würde. Einen Monat danach, am 12. April, ergriff Togliatti das Wort bei einem Treffen des PCI-Zentralkomitees und entwickelte die These des sowjetischen Oberhaupts auf dramatische Weise weiter. Durch den Einsatz von »hochmodernen Massenvernichtungsinstrumenten« in Form von nuklearen und thermonuklearen Bomben wäre, so betonte er, »die vollständige Vernichtung jeglicher Lebensform« zu befürchten. Die Menschheit stehe vor der Entscheidung, ob sie diesen fatalen Weg weitergehen wolle oder ob sie bereit wäre, andere Wege zu finden. Dabei fügte er in einer ungewöhnlichen und wenig »marxistisch-leninistischen« Terminologie hinzu, dass das Gebiet, das es zu diesem Zweck zu erkunden gelte, »das Gebiet der menschlichen Beziehungen zwischen den heute existierenden menschlichen Gruppierungen« sei und dass diese Erkundung »mit gänzlich neuer Geistes­haltung« erfolgen müsse, »weil die Fragestellung, der wir uns stellen müssen, neu und in dieser Form noch nie dagewesen ist«. Ebenso neu war auch die Herangehensweise, die er vorschlug: Angesichts der Problematik eines Atomkriegs gab es seiner Meinung nach »eine vollkommen gegensätzliche Haltung der beiden existierenden Lager«, also zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Er machte deutlich, dass er die sowjetische Haltung für schlüssiger hielt, da sie den Frieden verteidigte. Togliatti betonte, dass es mittlerweile »zahlreiche gemäßigte Haltungen gab, die der amerikanischen widersprachen«, wobei er die englische, französische und indische erwähnte. Das Ziel war, »jede erdenkliche Anstrengung zu unterstützen, um eine tödliche Gefahr abzuwenden«. Um dieses Ziel zu erreichen, um eine große, weltumspannende Bewegung gegen die nukleare Selbstzerstörung der Menschheit auf die Beine zu stellen, war es notwendig, dass diese pluralistisch wäre und aus der eigenen Mitte gelenkt würde, dass sie weder soziale noch kulturelle oder ideologische Diskriminierungen vornähme. Die Adresse, an die sich dieser Appell in Italien richtete, war eindeutig: »Uns, die wir im Herzen eines kapitalistischen und von reaktionären Kräften geführten Staats leben, muss klar sein, dass die Ausrichtung der großen katholischen Massen von ganz entscheidender Bedeutung sein kann.« Diese »Welt«, die bisweilen der kommunistischen Welt entgegengesetzt und bisweilen mit ihr verflochten war, war in jedem Fall aber eine bewegliche und komplexe Welt, mit der man durch einen einzigen Nenner, eine einzige Ausrichtung untrennbar verbunden war: Togliatti rief seine Partei auf, über die reaktionäre und antikommunis­tische Spitze der Kurie hinwegzusehen. Es gelte vielmehr, die dynamischen Fortschrittsbewegungen zu beobachten, die auch in jener Welt stattfanden und auf die man sich beziehen könne. Es gehe, jenseits der unterschiedlichen philosophischen und religiösen Überzeugungen, um die gemeinsamen Bedürfnisse, die durch »die tiefsten Erschütterungen, die die menschliche Seele in dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung erlebt«, entstanden waren. Auf dieser Grundlage wurde eine »Aufgabe zur Rettung der Menschheit, bei der die kommunistische und katholische Welt dieselben Ziele haben und durch eine Zusammenarbeit erreichen können« erkennbar. Togliatti gab sich nicht der Illusion hin, vor einer leichten Aufgabe zu stehen: »Schon allein aufgrund der Art und Weise, wie die katholische Welt organisiert und geführt wird.« Aber er beharrte auf der Tatsache, dass es »zwischen der Masse, die die Basis der organisierten katholischen Welt bildet und den kommunistischen und sozialistischen Massen mehr Berührungspunkte gibt als in den Kadern, von denen sie regiert werden, von ihren Führungsspitzen ganz zu schweigen«. Dieses Mal schien sein Vorschlag nicht sic et simpliciter auf eine erneute Variation des Themas der traditionellen kommunistischen Auffassung von Allianzen hinauszulaufen. Schließlich ging es nicht nur darum, den von den eigenen Organisationen und Anfüh­rern verblendeten Massen »die Augen zu öffnen«. Vielmehr stand im Vordergrund, diffuse Gefühle zu bündeln, die über die ideologische Zugehörigkeit und die soziale Verortung hinausgingen und sie einem einzigen Ziel zu unterstellen: »Wir verlangen von der katholischen Welt nicht, sie solle aufhören, die katholische Welt zu sein. […]. Wir suchen […] die gegenseitige Verständigung, insbesondere derart, dass begreifbar wird, dass heutzutage eine Aufgabe zur Rettung der Menschheit besteht, bei der die kommunistische und katholische Welt dieselben Ziele haben und diese durch eine Zusammenarbeit erreichen können.«17 Das Treffen endete mit einer vorsorglichen Widerlegung der vorhersehbaren Kritikpunkte, die seine Stellungnahme in der Führungsgruppe des PCI hätte hervorrufen können: »Ich stimme in keinster Weise mit der Meinung überein, dass der Beginn der Regierung Scelba18 und die Rückkehr zu einer Regierungsposition des sanfedis-­ ta19 die Perspektiven der Aktionsbündnisse, die wir bisher schon auf den Weg gebracht haben, beendeten.«20 Sein Appell wurde mit einem gewissen Unbehagen der kommunis­tischen Parteiführung aufgenommen. Nach Aussage von Giorgio Amendola, »schnellte Secchia, der am Tisch der Vorsitzenden des Zentralkomitees neben mir saß, hoch und brummte: ›Erst ging es um ›Klassen‹, dann ums ›Vaterland‹, jetzt reden wir über die ›Menschheit‹ […], wo soll das denn enden?‹«.21 Secchia war es auch, der Togliatti einige Monate später darauf hinwies, dass seine Rede nicht nur wegen ihrer »Einstellung« (die einigen »nicht marxistisch korrekt« erschien) kritisiert worden war, sondern auch, weil sie »unabgesprochen, ohne vorherige Diskussion« gehalten worden war.22 Es scheint angebracht, daran zu erinnern, dass Pietro Secchia, der damals noch den überaus wichtigen Posten des Vizesekretärs der Partei innehatte, sich bereits mehrfach von der Linie Togliattis distanziert hatte, die er für zu »moderat« hielt. Nach der Desertion eines Mitarbeiters, der mit einer großen Geldsumme und wichtigen Geheimdokumenten ins Ausland geflohen war, wurde Secchia im Januar 1955 aus der Parteiführung ausgeschlossen und die Position des Vizesekretärs mit Giorgio Amendola besetzt, der viel eher auf Togliattis Linie war.23 Außerhalb der Partei fand die Rede Togliattis sofort ein beachtliches Echo. Auf politischer Ebene erlitt er jedoch einen Rückschlag, der sicher nicht sonderlich ermutigend war. Abgesehen von einigen Persönlichkeiten, wie beispielsweise Don Primo Mazzolari, war die Reaktion in kirchlichen Kreisen von offener Feindseligkeit geprägt und die Mahnung des PCI-Sekretärs wurde als der erneute Beweis dafür gesehen, dass seine Manöver von rein instrumentellem Charakter waren, wie eine »Falle«, mit der er den Zusammenhalt der katholischen Welt unterminieren wollte. Kurz, die Zeit war noch nicht reif. Trotzdem blieben die beiden Hauptpfeiler, Gegnerschaft gegen den Krieg und Dialog mit der katholischen Welt, in der Politik des PCI fest verankert, besonders in Togliattis Vision der Fünfzigerjahre, aber auch darüber hinaus bis zu seinem Tod 1964. Die Rede des PCI-Generalsekretärs am 20. März 1963 in Bergamo kann gewissermaßen als Schlusspunkt dieses Weges gesehen werden. Sie begründet eine ideelle Weiterführung und eine Anpassung an die politische Lage der frühen Sechzigerjahre sowie eine Aktualisierung des neun Jahre zuvor gemachten Vorschlags, in einen Dialog einzutreten. In der Zwischenzeit hatte sich vieles verändert. Jahre des Wandels In einem Zeitraum von nur wenigen Jahren, der sich fast mit der dritten Legislaturperiode der italienischen Republik (1958–1963) deckt, hatte ein schneller und stürmischer wirtschaftlicher und sozialer Wandlungsprozess das Gesicht des Landes verändert. Über 900 000 Menschen waren aus dem Süden in andere Regionen des Landes, insbesondere den Norden, gezogen. Italien war nicht mehr länger vorwiegend ein Land der Bauern und war im Begriff, zu einem der am stärksten industrialisierten westlichen Länder zu werden. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate erreichte während dieser fünf Jahre einen in Italien nie zuvor erreichten Wert von 6,3 Prozent. Die industrielle Produktion hatte sich mehr als verdoppelt und die Produktivität war um das Eineinhalbfache gestiegen, auch wenn die Gehälter stagnierten. Parallel veränderten sich der Lebensstil, die Gebräuche, die Zusammensetzung gesellschaftlicher Gruppierungen und die Weltanschauung der Bevölkerung drastisch und mit rasender Geschwindigkeit. Der PCI hatte, nicht anders als die übrigen italienischen politischen Kräfte, einige Schwierigkeiten, mit den strukturellen Veränderungen der Gesellschaft Schritt zu halten und die überkommenen politischen Modelle, in deren Mittelpunkt die Ideologien standen, umzusetzen. Die Modelle gerieten in die Krise. Auch das politische Gleichgewicht hatte sich verändert: 1962 hatte nach einem langen und kontrastreichen Reifungsprozess die Phase der sogenannten Mitte-Links-Regierungen begonnen, anfangs mit Unterstützung der Sozialisten, später mit deren aktiver Regierungsteilnahme. Die Position der Kommunisten in dieser neuen Situation, die zu einem Bruch des Aktionsbündnisses mit dem PSI führte, lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Es sei aber daran erinnert, dass sich der PCI nicht auf eine rein präjudizielle Oppositionshaltung zurückzog – zumindest nicht von vorneherein – und sich bei den reformatorischen Vorstößen eher wie ein »kritischer Stachel« verhielt. Der Mitte-Links-Bewegung gab er sogar einen gewissen Vertrauensvorschuss. Dieser schlug sich auch in konkreten Maßnahmen nieder, wie beispielsweise der Zustimmung zur Schulreform und der Verstaatlichung der Elektroindustrie. Auch als der Vorstoß der Sozialisten in die Exekutive die konservativen Strömungen innerhalb der DC dazu bewegte, die Umsetzung des Programms aufzuschieben und zu bremsen, versuchte der PCI die direkte Konfrontation zu vermeiden. Niemals nutzte er seinen Stimmenanteil im Parlament und die Disziplin innerhalb der Gruppe dazu, wichtige Programmpunkte der Legislative zu blockieren. Gleichzeitig konnten die Kommunisten die gesellschaftlichen Räume für sich nutzen, die sich durch die Auflösung der für die Fünfzigerjahre in Italien so charakteristischen konformistischen Grundhaltung ergaben. Der PCI beabsichtigte nicht, sich direkt gegen die Modernisierungsprozesse in der italienischen Gesellschaft zu stellen. Vielmehr wollte er deren grundlegende Verzerrungen und Mängel aufzeigen. Damit gewann er die Zustimmung eines bunt gemischten sozialen Lagers, das zwar in der Minderheit, aber in der politischen und kulturellen Szene sehr gegenwärtig und aktiv war: Es handelte sich in erster Linie um Arbeiter und Einwanderer, aber auch Mitglieder des Mittelstands und der Intellektuellen waren darunter. Dank des mit dem Ende des Kalten Krieges einhergehenden ideologischen Zusammenbruchs wurden die Kommunisten nicht mehr im selben Maß durch die öffentliche Meinung diskriminiert wie zuvor. Dazu trugen ebenso das durch die Mitte-Links-Bewegung herrschende entspanntere Klima in Italien bei sowie die Wende der Kirche, die besonders von der letzten Phase des Pontifikats von Johannes XXIII. geprägt war. Sicher hatte auch Togliatti sich verändert. Rückblickend kann der Übergang von den Fünfziger- in die Sechzigerjahre als ein wichtiger Augenblick in seiner intellektuellen Biografie gelten. Dieser Übergang fällt mit seinem wachsenden Bewusstsein dafür zusammen, dass er nicht nur Zeuge eines entscheidenden politischen Wandel war, sondern eines Wendepunkts, an dem sich die italienische Gesellschaft befand. Dieser erforderte eine angemessene Auseinandersetzung mit den neu entstandenen Problemen, wenn auch unter Bekräftigung der politischen Linie und der politischen Motivation. Dieses Bewusstsein spiegelte sich nur teilweise in der Überarbeitung und Aktualisierung der Kategorien zur Wirtschafts- und Sozialanalyse der italienischen Realität und der allgemeinen kapitalistischen Welt wider. Hier kam der PCI insgesamt nur zögerlich voran. Aber auf einem allgemeineren, einem – wenn man so will – abstrakteren Gebiet, das man »Weltphilosophie« nennen könnte, lässt sich in den Überlegungen des kommunistischen Oberhaupts Italiens das Erwachen einer intellektuellen Neugier und eine Art aufrichtige, tiefe Beunruhigung feststellen. Auf die Fragen, die der Übergang von einem Jahrzehnt zum nächsten, den er für entscheidend hielt, aufwarf, versuchte Togliatti der neuen Generation eine »organische Vision«, ein »Weltbild« zu bieten. Gleichzeitig schien sich in ihm, wie bereits angemerkt, die Überzeugung zu festigen, »dass die Realität mittlerweile zu komplex geworden ist, um von jedwedem Weltbild dominiert zu werden, das sich als in sich geschlossene Doktrin versteht«.24 Togliattis Rede in Bergamo war deutlicher Ausdruck seiner Beunruhigung: Eine Unruhe, die auch durch das internationale Klima geschürt wurde, das entstanden war, nachdem die beiden Supermächte ihren vielleicht schwersten Konflikt (die kubanische Raketenkrise im Oktober 1962) überwunden hatten. Der Ausbruch eines Dritten Weltkriegs hatte einige Tage wie ein sich bewahrheitender Albtraum gewirkt. Hinzu kam, dass der Konflikt während einer für die Kommunisten schwierigen Wahlkampagne ausgetragen wurde. Es ging um mehr, vielleicht bedeutend mehr als früher: Für den PCI schien das Risiko hoch, im Fall einer Niederlage politisch an den Rand gedrängt zu werden. Jetzt, da dieses Risiko von einem politisch weniger geschlossenen System ausging, wirkte es umso heimtückischer. Pacem in terris – »eines der großen Rechtspapiere des 20. Jahrhunderts« Andererseits gab es schon damals viele Stimmen, die darauf hinwiesen, dass Togliatti seine Bergamo-Rede nur wenige Tage nachdem Johannes XXIII. mit einer bisher noch nie dagewesenen Geste den sowjetischen Journalisten Adžubej, Direktor der Isvestija und Schwager von Chruščëv, freundschaftlich im Vatikan empfangen hatte, gehalten hatte. Darüber hinaus gab der Papst die bisher innovativste Enzyklika Pacem in terris [Über den Frieden auf Erden] nur wenige Wochen später heraus. Togliatti hatte den Kontakt zum Vatikan, den er, wie bereits erwähnt, seit 1944 über Franco Rodano und Don Giuseppe De Luca aufgebaut hatte, nie ganz abreißen lassen. Dafür steht, dass er sich im November 1961 mit De Luca dafür eingesetzt hatte, dass Chruščëv dem Papst einen Geburtstagsgruß zur Vollendung seines achtzigsten Geburtstags zukommen ließ.25 Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass er über den ausnehmend herzlichen Verlauf des Gesprächs zwischen dem Papst und Adžubej informiert war, über das von den oppositionellen Kräften innerhalb der Kurie nichts veröffentlicht worden war. Es erscheint außerdem gesichert, dass er die Ausrichtung der neuen päpstlichen Enzyklika zumindest in groben Zügen kannte.26 Daher liegt es nahe, dass er mit seiner Rede, die er zudem in der Hauptstadt jener Provinz, aus der der Pontifex stammte und die als die wahre Kapitale eines besonderen gesellschaftlichen Katholizismus galt, dem illustren Ansprechpartner ein Zeichen übermitteln wollte. In der Bergamo-Rede werden auf gewisse Weise die grundlegenden historisch-politischen Themen der Pacem in terris aus marxistisch-laizistischer Perspektive angesprochen. Es erscheint daher sinnvoll, die wichtigsten Punkte dieses Dokuments noch einmal kurz zusammenzufassen, das zurecht als »eines der großen Rechtspapiere des zwanzigsten Jahrhunderts, ein maßgeblicher und feierlicher Bestandteil des ›anderen zwanzigsten Jahrhunderts‹, eines Jahrhunderts, dass nicht nur aus Kriegen und Massakern bestand, sondern aus den kollektiven Versuchen, einen möglichen Frieden zu bauen«,27 bezeichnet worden ist. Mit jener Enzyklika legt die Kirche die Kultur des Feindes und die Kreuzzugs-Mentalität ab. Sie erkennt an, dass die realen Bewegungen der Menschen, von welcher Doktrin auch immer ausgelöst, sich »auf die geschichtlichen Situationen« auswirken, die sich ihrerseits entwickeln und dadurch in Richtung »auch tiefgreifender Veränderungen« gehen konnten. An dieser Stelle kam die für die damalige Mentalität modernste und »skandalöseste« Fragestellung ins Spiel: »Wer könnte übrigens leugnen, dass sich in solchen Bewegungen, soweit sie sich den Gesetzen einer geordneten Vernunft anpassen und die gerechten Forderungen der menschlichen Person berücksichtigen, etwas Gutes und Anerkennenswertes finden kann?«.28 Es handelte sich um eine explizite Öffnung für einen möglichen Dialog mit der kommunistischen Welt und ihren Bewegungen, auch wenn aus Vorsicht darauf hingewiesen wurde, dass nur »die Tugend der Klugheit« darüber entscheiden könne, wie viel Annäherung und Begegnung in der Praxis möglich sein würden. Es handelte sich nicht – und das muss betont werden – um eine allgemeine Bekundung von »Pazifismus«. Ein Großteil der Enzyklika behandelt die »Bedingungen« für den Frieden, der am ehesten erreicht werden könne, indem man die universellen, unantastbaren, unveräußerlichen Menschenrechte respektiere. Die gesamte Enzyklika ist von einer »positiven« Vorstellung des Friedens durchzogen, der nicht als reine Abwesenheit des Krieges oder einfache Abrüstung verstanden wird, sondern sich hauptsächlich auf die Konstruktion einer neuen sozialen Ordnung gründet, die durch Rechte verankert wird. Es wird davon ausgegangen, dass drei Phänomene die Moderne charakterisieren: »Vor allem stellt man den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der Arbeiterklasse fest«, die im Lauf der Zeit erst wirtschaftliche, dann politische und schließlich kulturelle Rechte eingefordert hat und heutzutage verlangt, »als Menschen in allen Bereichen menschlicher Gemeinschaft« mit »Verstand und Freiheit« ausgestattet und nicht »von anderen ausgebeutet« zu werden. Ein weiteres Phänomen ist der Eintritt der Frau ins öffentliche Leben, »die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewusst wird und weit davon entfernt [ist], sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen«. Und schließlich das dritte Phänomen, dass davon zeugt, »dass die ganze Menschheitsfamilie im sozialen wie im politischen Leben eine völlig neue Gestalt angenommen hat« und keine Völker mehr akzeptiert, »die über andere herrschen, noch solche, die unter fremder Herrschaft stehen«. Es gibt keine »von Natur aus überlegenen oder unterlegenen politischen Gemeinschaften, da alle mit der gleichen Würde der Natur ausgezeichnet sind«. Es ist nicht zulässig, dass politische Gemeinschaften sich »auf Kosten anderer entwickeln«. Erst nachdem ausführlich das Thema Abrüstung behandelt wurde, wird der Frieden thematisiert. Die gigantischen Aufrüstungsbestrebungen werden damit begründet, dass »unter den gegenwärtigen Umständen der Friede nur durch das Gleichgewicht der Rüstungen gesichert werden kann«. Daher »befinden sich die Völker beständig in Furcht, wie vor einem Sturm, der jeden Augenblick mit erschreckender Gewalt losbrechen kann«. Aber »Gerechtigkeit, gesunde Vernunft und Rücksicht auf die Menschenwürde [fordern] dringend, dass der allgemeine Rüstungswettlauf aufhört […]; dass Atomwaffen verboten werden; und dass endlich alle auf Grund von Vereinbarungen zu einer entsprechenden Abrüstung mit wirksamer gegenseitiger Kontrolle gelangen«. Wahrer Friede kann nur durch »gegenseitiges Vertrauen« geschaffen werden, ein Ziel, das »von den Gesetzen der gesunden Vernunft befohlen wird«. Togliattis Rede in Bergamo 1964 Durch die Auseinandersetzung mit einem derart weitreichenden Dokument wollte Togliatti – mit Bezug auf einige dort auf ihn erhellend wirkende Begrifflichkeiten, die theologischen und doktrinären Zusammenhänge und natürlich die behandelten Themen selbst – seinen Willen kundtun, den Dialog erschöpfend fortzuführen. Er wollte beweisen, dass die kommunistische Kultur, die nach den philosophischen Maßstäben der Kirche als »falsch« anzusehen war, auf »säkularem« Gebiet in der Lage war, eine Bewegung zur Schaffung einer Gesellschaft in Gang zu setzen, in der »das Schicksal der Menschen« auch mit den authentischsten religiösen Bestrebungen vereinbar war. Gleichzeitig ist wahrscheinlich, dass Togliatti sich der päpstlichen Argumentation, die seiner eigenen Überzeugung größtenteils entsprach, auch deshalb bedienen wollte, um die Meinung der »kommunistischen Welt« und ihrer besonders wichtigen inneren Divisionen – denn hier wurde das Urteil über den Krieg gefällt – zu beeinflussen. 29 Ein Thema, auf das Togliatti in der Bergamo-Rede immer wieder zurückkommt, betrifft »die Begegnung von Katholiken und Kommunisten« – aber auf eine Weise, die weit über den Rahmen politischer Belange hinausging: »Worum es geht, ist das Verhältnis, aber insbesondere auch die Begegnung von Kommunisten und Katholiken, nicht nur in der unmittelbaren Gegenwart, sondern langfristig gesehen und aus einer Perspektive, die sich ergeben kann, wenn man die tiefgreifenden Veränderungen betrachtet, die gegenwärtig unter unser aller Augen stattfinden und auch diejenigen mit einbezieht, die sich gerade in der Entstehung befinden und sich mit einer nicht von allen erkannten Schnelligkeit realisieren werden.«30 Die Veränderungen, auf die das kommunistische Oberhaupt anspielte, betrafen den in Wirklichkeit stürmischen Wandlungsprozess, der in den Naturwissenschaften, der Kultur, den Sitten und Gebräuchen in einzelnen Nationen und auf internationaler Ebene stattfand. Angesichts dieser neuen und innovativen Prozesse konnte sich keine moderne Kultur mit den eigenen konsolidierten Sicherheiten zufrieden geben – weder die kommunistische, noch die katholische: »Die katholische Welt kann sich nicht verschließen vor den neuen Dimensionen der Welt mit ihrem Verhältnis der Staaten untereinander, der Führung wirtschaftlicher Aktivitäten, der Bestätigung und Eroberung neuen demokratischen Lebens, der Entstehung einer Gesellschaft und einer Menschheit, die eine neue Lebensform erreicht haben, in der jede Form der Ausbeutung beendet ist und die auf Arbeit, sozialer Gleichstellung, der vielfältigen freien Entwicklung des Menschen als Person basiert«. In dieser aktualisierten Version seines Interesses an der katholischen Welt werden also die Grenzen des vorgeschlagenen Dialogs stark erweitert und geraten auf wenig erprobtes und auch unwegsames Gelände. Dabei geht es nicht nur um das übliche Thema, den Krieg zu bekämpfen, auch wenn dies weiterhin von zentraler und grundlegender Bedeutung war, sondern auch um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das Demokratieverständnis und das Verhältnis zwischen Glauben und Sozialismus. Dies alles, um schließlich beim wichtigsten Thema überhaupt anzugelangen, das mit allen anderen in Verbindung steht: dem »Schicksal der Menschheit«. Zwar geschieht dies aus einer weltlichen Perspektive heraus, aber mit der Fähigkeit, den Beitrag desjenigen anzuerkennen, der im Rahmen und aus der Sichtweise der Transzendenz handelt (und im übrigen denselben Respekt und dieselbe Anerkennung einfordert). Auch die erst drei Monate zuvor während der Sitzung des Zentralkomitees vom 25. bis 27. Februar 1963 gemachten Andeutungen gingen in dieselbe Richtung. In seiner Rede hatte Togliatti festgestellt, dass er in dem vielschichtigen Fragenkomplex »neuer Art, neuer Qualität, mit neuen Inhalten«, der die intensive kollektive Mobilisierung eines gärenden Landes auslöste, die Forderung einer Gesellschaft ausmachte, die »auf organische, systematische, ordentliche Weise durch entsprechende Entscheidungen« geführt werden will, »und nicht der Anarchie […] der kapitalistischen Produktion, die allein durch den Profit gelenkt wird, überlassen werden sollte«.31 Die harmonische und wohlgeordnete Gesellschaft ist ein in Togliattis politischer Kultur32 tief verwurzeltes Motiv, das aber bedeutsamerweise erst wenige Wochen zuvor durch diesen feierlichen und eindringlichen Appell an die katholische Welt wieder aufgenommen worden war. Und dennoch versuchte er zu Beginn einer trotz der Vertrauensbeteuerungen für den PCI äußerst ungewissen politischen Zeit, die ihn dazu zwang, die eigenen politischen Bündnisse in neuem Licht zu betrachten, erneut eine Brücke zu dieser katholischen Welt zu schlagen, die immer zu den Themen gezählt hatte, die im Zentrum seines Interesses standen. Wieder geht Togliatti von der beängstigenden Feststellung aus, dass durch die Entwicklung von Nuklearwaffen der Krieg zum »möglichen Selbstmord für alle wird: Aller Menschen und all ihrer Zivilisationen«.33 Daher müssen »alle politischen Ziele und die Zielsetzungen der öffentlichen, aber auch der privaten Moral« neu überdacht werden. Togliatti fand ungewöhnliche Hinweise darauf, was ihm als »das Schicksal der Menschheit« in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft erschien, in der »durch die Einförmigkeit der Techniken eine künstliche Einförmigkeit des menschlichen Lebens entsteht und diese Einförmigkeit langsam auch in [das] Bewusstsein [der Menschen] eindringt, ihnen den Mut nimmt und zu einer Selbstentfremdung führt, sie in ihren Unternehmungen, ihrer Entscheidungs- und Entwicklungsfreiheit einschränkt und unterdrückt«. Der »Einsamkeit des modernen Menschen, der, auch wenn er über alle Güter der Welt verfügen kann, sich nicht mehr mit den anderen Menschen verständigen kann und sich als Insasse eines Kerkers fühlt, aus dem er nicht mehr herauskommt«, stellt Togliatti als einzige mögliche Alternative die Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft gegenüber. Aber – und darin liegt die größte Neuigkeit – diese Gesellschaft trägt diesmal nicht die konkreten, wie sehr auch immer nachempfundenen Züge der im Siebenjahresplan und in der Errichtung des Kommunismus entworfenen UdSSR, sondern die etwas vagen Züge einer Utopie: Es handelt sich um eine Gesellschaft, die eher von Mounier34 als von Lenin entworfen scheint, in der »der Mensch nicht mehr alleine ist und die Menschheit durch die vielfältige Entwicklung der Person eines jeden Menschen und seiner kontinuierlichen organischen Teilnahme an einer Gemeinschaftsarbeit zu einer wirklich lebendigen Einheit heranwächst«. Togliatti ist der Ansicht, dass die katholische Welt sich dieser neuen Dimension der weltumspannenden Problematik nicht verschließen könne: »Es ist nicht wahr – bekräftigt er –, dass ein religiöses Bewusstsein verhindert, diese Aufgaben und diese Perspektive zu verstehen und anzunehmen. Im Gegenteil, […] das Streben nach einer sozialistischen Gesellschaft kann sich nicht nur in Menschen mit religiösem Glauben Bahn brechen, es kann sogar, angesichts der dramatischen Probleme der gegenwärtigen Welt, durch das religiöse Bewusstsein gefördert werden.«35 Ein Bruch und eine Brücke Es ist wichtig zu betonen, dass Togliatti dieses Mal die Realität nicht einfach mit den eigenen Wünschen gleichsetzte. Die Tür, an die er solange geklopft hatte, war endlich aufgegangen. Auch wenn die Nachfolger von Papst Johannes XXIII. nicht immer voll und ganz seiner Meinung waren, würde der Dialog über die großen Themen der Menschheit zwischen Kommunisten und italienischen Katholiken nie wieder abreißen. Das Thema des »universellen Gemeinwohls«, das im Zentrum der Pacem in terris gestanden hatte, sorgte für einen festen Zusammenhalt. Sicher fiel, wie schon angemerkt, »dieser beginnende Dialog oder besser ›die gegenseitige Wertschätzung‹«36 mitten in einen Wahlkampf, in dem die DC die Karte des Antikommunismus voll ausspielte und sich, mit dem vollen Einverständnis der Bischöfe, nicht nur den Anstrengungen von Johannes XXIII. und des Konzils gegenüber verschloss, sondern ihr Möglichstes tat, jegliche Bemühungen zu zerstören. Das Wahlergebnis vom 28. April 1963 belohnte dieses Verhalten jedoch nicht. Die DC verlor über vier Prozentpunkte und fiel von 42,4 Prozent auf 38,3 Prozent. Nach Aussage aller Beobachter war das bedeutendste und überraschendste Wahlergebnis das des PCI, der es von 22,7 Prozent auf 25,3 Prozent schaffte und damit einen Stimmenzuwachs von über einer Million verzeichnen konnte. Es scheint daher angemessen festzuhalten, dass die möglicherweise ergebnisreichste und langlebigste Intuition des späten Togliatti – zum Nutzen aller durch Öffnung gegenüber der katholischen Welt gemeinsam einen neuerlichen Krieg zu verhindern – nicht auf taube Ohren traf und ein Erbe hinterließ, dessen Bedeutung man bald erkannte. In der Mauer, die in Italien nach 1947 die kommunistische von der katholischen Welt getrennt hatte, war ein Loch entstanden. Dieses Loch wurde noch größer, als die 68er Jugend- und Studentenbewegung eine kleine, aber wichtige Minderheit der Katholiken bei der Wiederentdeckung von Themen evangelischen Ursprungs zu Gemeinschaft, Gleichstellung und Pazifismus einband. Eine Art »Diaspora«-Effekt im Wahlverhalten der Katholiken zugunsten der linken Parteien, einschließlich der Kommunisten, setzte ein. Andererseits verlor der PCI, auch wenn er den Gärungsprozess in der katholischen Welt aufmerksam beobachtete und ihn gerne auffangen wollte, die zentrale Rolle der DC im politischen System Italiens nicht aus den Augen. So hart der Gegensatz zwischen PCI und DC bezüglich Außen- oder Wirtschaftspolitik auch sein mochte, in der DC und der Veränderung ihres inneren Gleichgewichts erkannte man den Dreh- und Angelpunkt für eine mögliche Deblockade des politischen Systems in Italien. Diese konnte durch den »historischen Kompromiss« erreicht werden, den die Parteien im Herbst 1973 zur Verteidigung der Demokratie schlossen und den der PCI-Generalsekretär Enrico Berlinguer nach den tiefen Emotionen, die der Staatsstreich General Pinochets in Chile hervorgerufen hatte, in einer Reihe von Artikeln entwarf. Grundlegend ging es dabei um die »Notwendigkeit nicht nur breiter sozialer Allianzen, sondern auch eines Systems politischer Beziehungen, das eine Annäherung und eine Zusammenarbeit aller demokratischen und Volks-Kräfte bis hin zur Bildung einer politischen Allianz derselben ermöglicht«37. Nach Meinung Berlinguers durften Kommunisten und Sozialisten nicht darauf hoffen, das Land mit einer 51-prozentigen oder knapp darüber liegenden Mehrheit zu regieren. Er hielt es vielmehr für möglich, die Democrazia Cristiana, die sich selbst nicht als »ahistorische Kategorie«, »sondern sogar als äußerst vielschichtige und wandelbare Realität« sehen sollte, zu überzeugen, zur Verteidigung der republikanischen Institutionen mit den Linken zu kollaborieren. Diese erste Fassung des »historischen Kompromisses«, in der die Gefahr einer Destabilisierung und ein Rückfall Italiens in eine autoritäre politische Situation durchaus gesehen werden, stand zweifellos für eine vorrangig defensive Haltung. Erst später, insbesondere nach 1974, sollte Berlinguer den »historischen Kompromiss« um weitere, ambitioniertere Inhalte ergänzen und als mögliche Schnittstelle zwischen der solidaristischen Tradition der katholischen Bewegung und dem kommunistischen Aktionsbündnis sehen, durch die eine stufenweise Überwindung des Kapitalismus mittels Einführung von »Elementen des Sozialismus« in die Wirtschaft erreicht werden könnte. Er sollte darüber hinaus auch ein völlig anderes Entwicklungsmodell vorstellen, das nicht das grenzenlose Wachstum der Güterproduktion vorsah, sondern hauptsächlich die Befriedigung qualitativer Ansprüche auf höchstem Niveau (Ausbildung, Bildung, Kultur) und ein für die globale Umwelt verträgliches Wachstum. Der Vorschlag führte vorrangig dazu, dass der PCI nach etlichen Jahren in der Versenkung wieder im Mittelpunkt der politischen Szene stand. Auch wenn er sehr bald damit zurechtkommen musste, dass einige der Faktoren, die als feste Größen behandelt worden waren, sich gerade im Umbruch befanden, war es doch ein Erfolg, der ganz auf Togliattis Vorarbeit und seinen strategischen Entscheidungen gründete. Aus dem Italienischen von Myriam Alfano 1 Palmiro Togliatti: Opere (hg. von Ernesto Ragionieri), Bd. I, 1917–1926, Rom 1967, hieraus insbesondere die Aufsätze über die Jahre 1922 und 1923. Die Italienische Volkspartei (im Folgenden: PPI) wurde 1919 mit dem Ziel gegründet, für die bis dahin noch parteilosen katholischen Massen eine politische Vertretung zu schaffen. Sie wurde von Papst Benedikt XV. autorisiert. Damit fiel das seit der Gründung des Einheitsstaats bestehende Verbot, die Katholiken in das politische System Italiens einzubeziehen. Ziel des Parteigründers des PPI, des Geistlichen Luigi Sturzo, war es, eine demokratische und konfessionsfreie Partei mit einem in vielerlei Hinsicht progressiven und reformatorischen Programm zu schaffen. Bei den Wahlen 1919 errang die Partei 100 Sitze in der Abgeordnetenkammer. Die Unterstützung einer radikalen Agrarreform brachte ihr die Unterstützung eines Großteils der bäuerlichen Bevölkerung. Die Anhänger des PPI kamen aber aus allen gesellschaftlichen Schichten und die Partei konnte auf die Unterstützung sowohl der Institutionen zählen, die vom Großbürgertum und der Mittelschicht kontrolliert wurden (Banken, Zeitungen), als auch der Organisationen der katholischen Volksbewegung (Kooperativen, sindacati bianchi). Nach der Machtübernahme durch die Faschisten war der PPI – dem Antisozialismus und dem populis­tischen Nationalismus gegenüber aufgeschlossen – Mitglied der ersten Mussolini-Regierung. 1923 sprach sich sein Kongress jedoch mehrheitlich gegen den Faschismus aus. Don Sturzo verlor die Unterstützung des neuen Papstes Pius XI. und war 1924 gezwungen, ins Exil zu gehen. 1926 wurde die Partei aufgelöst. Ihr Erbe trat in den Vierzigerjahren die Democrazia Cristiana (Christliche Demokratie, im Folgenden: DC) an, der viele der ehemaligen PPI-Mitglieder angehörten. 2 Es verwundert, dass im Corso sugli avversari [Kurs über die Feinde], der 1935 für die italienischen Schüler der Lenin-Schule in Moskau abgehalten wurde (eher bekannt unter der Bezeichnung Lezioni sul Fascismo und unter diesem Titel auch als Lektionen über den Faschismus ins Deutsche übersetzt, Frankfurt a. M. 1977), keine Lektion zu den Katholiken zu finden ist. Tatsächlich scheinen einige Kapitel zu fehlen, obwohl kürzlich, zusätzlich zu den 1970 von Ernesto Ragionieri wiederaufgefundenen, zwei weitere Lektionen aufgetaucht sind (beide über die Sozialdemokratie), und es ist nicht unwahrscheinlich, dass von den nach wie vor fehlenden eine auch von den katholischen Organisationen handelt. 1935 zählten diese für Togliatti sicher zum Kreis der »Feinde«. 3 Palmiro Togliatti: Da chi sono diretti certi vescovi? [Von wem werden manche Bischöfe geleitet?], in: Da Radio Milano Libertà, Rom 1974, S. 138. 4 Palmiro Togliatti: Missiroli e i cattolici d’America [Missiroli und die Katholiken in Amerika], in: ebd., S. 34. 5 O il socialismo o la morte [Sozialismus oder Tod], in: Rinascità (1945), H. 7 / 8. Der Autor des Textes wird nicht genannt, der Stil und die Inhalte lassen aber vermuten, wer ihn verfasst hat. Siehe dazu Luigi Cortesi: Un articolo dell’agosto 1945 su Rinascità, attribuibile a Togliatti [Ein Artikel vom August 1945 in der Rinascità, der Togliatti zugeschrieben werden kann], in: Giano (Mai / August 1989), H. 2. 6 Palmiro Togliatti: L’Italia e la guerra contro la Germania hitleriana [Italien und der Krieg gegen Hitler-Deutschland], in: ders.: Opere, Bd. IV, 2, Rom 1979, S. 381. 7 Palmiro Togliatti: Per la libertà d’Italia, per la creazione di un vero regime democratico [Für die Freiheit Italiens, für die Schaffung eines wirklich demokratischen Regimes], in: Luciano Gruppi (Hg.): Opere, Bd. V, Rom 1984, S. 73. 8 Palmiro Togliatti: Politica comunista (discorso di Napoli dell’ 11 aprile 1944) [Kommunistische Politik (Rede in Neapel vom 11. April 1944)], Rom 1945, S. 25. 9 Die Christliche Partei der Linken, die aus der Bewegung kommunistischer Katholiken hervorgegangen war, spielte in der Resistenza besonders in den Städten Rom, Mailand und Turin eine entscheidende Rolle. Im Dezember 1945 beschloss sie, sich aufzulösen, was auch eine Folge der expliziten Verdammung durch die Kurie war. Viele ihrer Mitglieder traten der PCI bei. 10 Die Zusammenfassung des Gesprächs zwischen Reale und Montini wurde von Giuseppe Vacca und Roberto Gualtieri in der Unità vom 26. März 1993 veröffentlicht. 11 Palmiro Togliatti: Il malcontento di De Gasperi [De Gasperis Unzufriedenheit], in: L’Unità vom 8. Juli 1945. 12 Interview in: L’Unità vom 11. Dezember 1945. 13 Giovanni Gozzini / Renzo Martinelli: Storia del Partito comunista italiano. Dall’attentato a Togliatti all’VIII. Congresso [Geschichte der Komunistischen Partei Italiens. Vom Attentat auf Togliatti bis zum VIII. Kongress], Turin 1998, S. 177. 14 Palmiro Togliatti: Sull’adesione al Patto Atlantico [Über den Beitritt zum Nordatlantikpakt], in: Discorsi parlamentari [Parlamentsreden], Bd. 1, Camera Dei Deputati [Abgeordnetenkammer], Rom 1984, S. 426. 15 Gozzini / Martinelli: Storia del Partito comunista italiano (Anm. 13), S. 174. 16 Das Mehrheitswahlgesetz, das am 29. März 1953 endgültig verabschiedet worden war, wurde von der Opposition als »legge truffa« [Betrugsgesetz] denunziert. Es sah vor, dass die Partei oder die Koalition, die über 50 Prozent der Stimmen erhielt, Anspruch auf 66 Prozent der Sitze hatte. Bei den Wahlen vom 7. Juni 1953 verfehlten die DC und ihre »verwandten« Parteien die benötigte Mehrheit um nur wenige Zehntelprozentpunkte denkbar knapp. Die »legge truffa« fand daher keine Anwendung und wurde wenige Monate später aufgehoben. 17 Palmiro Togliatti: Per un accordo tra communisti e cattolici per salvare la civiltà umana [Für eine Einigung von Kommunisten und Katholiken zur Rettung der Menschheit], in: Gruppi (Hg.): Opere, Bd. V (Anm. 7), S. 839. Auch die vorangegangenen Zitate sind diesem Band entnommen. 18 Die Regierung unter dem Vorsitz des DC-Wortführers Mario Scelba, zu der Christdemokraten, Sozial­demokraten und Liberale gehörten, trat am 10. Februar 1954 ihr Amt an. Scelba war in den vorangegangen Regierungen De Gasperis Innenmister gewesen und war bei der Linken wegen der rücksichtslos harten Unterdrückung öffentlicher Kundgebungen verhasst. 19 »sanfedista« steht in der italienischen politischen Terminologie als Synonym für »reaktionär« und »klerikal« und wird von den Kommunisten als Bezeichnung für die Scelba-Regierung benutzt. Ursprünglich bezeichnete »sanfedista« die Bewegung mit dem Namen Esercito della Santa Fede in Nostro Signore Gesù Cristo [Armee des Heiligen Glaubens an unseren Herrn Jesus Christus], die im Jahr 1799 in einigen Regionen Süditaliens unter dem Kommando des Kardinals Fabrizio Ruffo entstanden war. Es handelte sich um bewaffnete Truppen, die sich größtenteils aus Bauern rekrutierten und von der Kirche unterstützt wurden. Sie trugen zum Scheitern der Neapolitanischen Republik und zur Rückkehr der Bourbonen auf den Thron von Neapel bei. 20 Togliatti: Per un accordo tra comunisti e cattolici (Anm. 17), S. 842. 21 Giorgio Amendola: Il rinnovamento del PCI [Die Erneuerung des PCI], Interview von Renato Nicolai, Rom 1978, S. 54. 22 Siehe den Briefwechsel zwischen Secchia und Togliatti vom 16. November 1954, heute im Archivio Pietro Secchia 1945–1973, Feltrinelli, Milano 1979, S. 673 f. 23 Albertina Vittoria: Storia del PCI. 1921–1991 [Geschichte des PCI. 1921–1991], Rom 2006, S. 78 f. 24 Paolo Spriano: Dopo il 1956 [Nach 1956], in: Critica marxista (Juli–Oktober 1984), H. 4 / 5, S. 212. 25 Aldo Agosti: Palmiro Togliatti, Turin 1996, S. 539 u. 625. 26 Nach Aussage von Alceste Santini im Artikel »Così il Vaticano aprì ai comunisti« [So öffnete sich der Vatikan den Kommunisten], in: Il Nuovo vom 3. November 2000, hatte Togliatti durch Monsignore Pietro Pavan bereits im Vorfeld die Ausrichtung der Enzyklika erfahren. Dieser hatte sie ihm über Franco Rodano zukommen lassen. 27 Gianpasquale Santomassimo: Alienum est a ratione. La Pacem in Terris quarant’anni dopo. [Alienum est a ratione. Die Pacem in Terris vierzig Jahre später], in: Passato e Presente 60 (2003), S. 13. 28 Dieses Zitat und die nachfolgenden sind der Enzyklika unter folgendem Link entnommen: www.uibk.ac.at / theol / leseraum / texte / 333.html, ges. am 28. Januar 2010. 29 Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der russischen und chinesischen Kommunistischen Partei hatten Anfang 1963 zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Briefwechseln zwischen den beiden Parteien geführt: Siehe Paolo Calzini / Enrica Collotti Pischel (Hg.): Coesistenza e rivoluzione. Documenti della disputa cino-sovietica [Koexistenz und Revolution. Dokumente der Auseinandersetzung zwischen China und Russland], Turin 1964. 30 Dieses und die folgenden Zitate sind entnommen: Palmiro Togliatti: Il destino dell’uomo [Das Schicksal der Menschen], in: Luciano Gruppi (Hg.): Opere, Bd. VI, S. 697–710. 31 Palmiro Togliatti: Un PCI più forte, una sinistra unita contro il prepotere della DC [Ein stärkerer PCI, eine vereinte Linke gegen die Vormachtstellung der DC], Rom 1964. 32 Siehe auch die Anmerkungen von Claudio Pavone: Un Togliatti mal trattato [Ein schlecht behandelter Togliatti] in: L’Indice (1985), H. 1, S. 13 f.; wieder aufgenommen von Marcello Flores / Nicola Gallerano: Sul PCI. Un’ interpretazione storica [Über den PCI. Eine geschichtliche Interpretation], Bologna 1992, S. 119 f. 33 Dieses und die folgenden Zitate sind entnommen: Togliatti: Il destino dell’uomo (Anm. 30), S. 699–706. 34 Der französische Philosoph Emmanuel Mounier (1905–1950), Schüler von Henri Bergson und Jaques Maritain, gründete 1932 die Zeitschrift »Esprit«, die in der Bewegung der Intellektuellen zwischen den beiden Kriegen eine wichtige Rolle spielte. Seine philosophische Denkrichtung ist als »gemeinschaftlicher Personalismus« bekannt und entspricht einer Art christlichem Humanismus. Darin werden offen einige Aspekte des Kapitalismus kritisiert und es wird versucht, eine Brücke zwischen Christentum und Sozialismus zu schlagen. Sein Verhältnis zur Kurie war oft schwierig, auch wenn es nie zu einem Bruch kam. Siehe Gerd-Rainer Horn: Western European Liberation Theology 1924–1959. The First Wave, Oxford 2008. 35 Ebd., S. 707. 36 Sandro Magister: La politica vaticana [Die Politik des Vatikans], Rom 1979, S. 292. 37 Enrico Berlinguer: Riflessioni sull’Italia dopo i fatti del Cile [Gedanken zu Italien angesichts der chilenischen Ereignisse], in: Antonio Tatò (Hg.): La »questione comunista«, Rom 1975, S. 609–639.

JHK 2010

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2010

Aldo Agosti Prof., geb. 1943, 1973–2008 Lehrtätigkeit an der Universität Turin, Italien, Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte sozialistischer und kommunistischer Bewegungen in Italien und der Welt. Veröffentlichungen u. a.: La Terza Internazionale. Storia documentaria, 3 Bde., Rom 1974–1979; Togliatti, 2. Aufl. Turin 2003; Storia del PCI, Rom, Bari 2000; Bandiere rosse. Un profilo storico dei comunismi europei, Rom 1999; Hg.: Enciclopedia della sinistra europea, Rom 2000; Mitglied verschiedener Herausgebergremien italienischer und anderer Magazine zur Geschichte (darunter Studi storici, Segle XX, Twentieth Century Communism); Mithg.: Passato e Presente. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Gleb J. Albert M. A., geb. 1981, Studium in Köln und Krakau, 2005–2009 wissenschaftliche Hilfskraft am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (Universität Mannheim); z. Zt. Promotion an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (Universität Bielefeld) zum Thema »Repräsentationen und Praktiken des revolutionären Internationalismus in der frühen Sowjetgesellschaft, 1917–1927« (Betreuer: Prof. Dr. Thomas Welskopp, Prof. Dr. Klaus Gestwa). Mithg.: The International Newsletter of Communist Studies. Heike Amos Dr. phil., geb. 1962 in Berlin, Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Leipzig, 1987 Promotion in Leipzig zur DDR-Geschichte und anschließend wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität, 1990–1992 verwaltungswissenschaftliches Aufbaustudium an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, dann bis 2005 Forschungsreferentin am Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung Speyer, 2005–2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin, seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte, Abteilung Berlin. Zuletzt publiziert: Die Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1990, München 2009. Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), seit 2009 Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF), Potsdam; tätig u. a. für transnationale Projekte der Archiverschließung und Vernetzung, z. B. The International Committee for the Computerization of Comintern Archives (INCOMKA); Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Archives de Jules Humbert-Droz, Amsterdam 1983–2001; Hg.: Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Mithg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Mithg.: Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003; »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin 2008; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung; Hg.: The International Newsletter of Communist Studies. Bülent Bilmez Assistent Prof. Dr., geb. 1964, 1982–1988 Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Middle East Technical University, Ankara, Türkei, 1998 Promotion am Institut für Moderne Vorderasienstudien, Humboldt-Universität zu Berlin. 1996–1998 Lehrbeauftragter am Institut für Turkologie an der Freien Universität Berlin; 1998–2001 Gastprofessor an der Alexander Xhuvani Universität, Elbasan, Albanien, 2000–2004 Assistent Professor am Fachbereich Geschichte an der Yeditepe Universität, Istanbul, Türkei, 2004–2005 Honorary Research Fellow an der School of Slavonic and East European Studies, University College London, Großbritannien. Seit 2005 am Fachbereich Geschichte an der Bilgi University Istanbul, Türkei. Veröffentlichungen u. a.: A Contested Nation-Builder: Şemseddin Sami Frashëri (1850–1904) and the Construction of Albanian and Turkish Nations, in: Diana Mishkova (Hg.): We, the People. Politics of National Peculiarity in Southeastern Europe, Budapest 2008, S. 341–371; European Investments in the Ottoman Empire, 1850–1914, in: Ralf Roth / Günter Dinbohl (Hg.): Across the Borders. Finan­cing the World’s Railways in the Nineteenth and Twentieth Centuries, Hants, Burlington 2008, S. 183–206. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Marcel Bois M. A., geb. 1978 in Bonn, 1998–2004 Studium der Geschichtswissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Konstanz und Hamburg, derzeit Promotion an der Universität Hamburg zum Thema »Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die Linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik«; 2005–2008 Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, im Februar 2007 Forschungsaufenthalt an der Harvard University, USA. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von 360 Grad. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft. Veröffentlichungen u. a.: Vergessene Kommunisten. Die »Weddinger Opposition« der KPD, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008, S. 58–67; Clara Zetkin und die Stalinisierung von KPD und Komintern, in: Ulla Plener (Hg.): Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen, Berlin 2008, S. 149–156; »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 6 (2007), H. 2, S. 33–46 (mit Florian Wilde). Ulrike Breitsprecher M. A. phil., geb. 1982, 2002–2008 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig und für die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«. Charlotta Brylla Fil. dr., geb. 1968 in Uppsala, 1988–1994 Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und Ideengeschichte in Uppsala und Stockholm, 2003 Promotion in Germanistik an der Universität Stockholm. Seit 2004 Mitarbeiterin von zwei interdisziplinären Forschungsprojekten an der Södertörns högskola, Stockholm, über die deutsch-schwedischen Beziehungen 1933–1945 und im Kalten Krieg. 2006–2008 Postdoc-Stipendiatin des Riksbankens Jubileumsfond am Nordeuropa-Institut, Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Die schwedische Rezeption zentraler Begriffe der deutschen Frühromantik. Schlüsselwortanalysen zu den Zeitschriften Athenäum und Phosphoros, Stockholm 2003; hg. mit Birgitta Almgren / Frank-Michael Kirsch: Bilder i kontrast. Interkulturella processer Sverige / Tyskland i skuggan av nazismen 1933–1945 [Bilder im Kontrast. Interkulturelle Prozesse Schweden / Deutschland im Schatten des Nationalsozialismus], Aalborg 2005. Horst Dähn Prof. Dr., geb. 1941, 1973 Promotion, 1981 Habilitation. Seit 1987 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart; langjährige Mitarbeit am früheren Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim; seit 1994 ehrenamtlicher Leiter des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Das politische System der DDR, Berlin 1985; Die Rolle der Kirchen in der DDR, München 1993; Mithg.: Luther und die DDR, Berlin 1996; Mithg.: Staat und Kirchen in der DDR, Frankfurt a. M. u. a. 2003; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Lena Darabeygi Geb. 1980 in Teheran, Iran, Rechtsreferendarin, Doktorandin bei Priv.-Doz. Dr. Thomas Henne. 2003–2007 Referentin im Autonomen AusländerInnenreferat der Universität Frankfurt a. M. (AStA). 2007 Erstes Juristisches Staatsexamen. 2007–2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für mittelalterliche und neuere Rechtsgeschichte und Zivilrecht (Prof. Dr. Albrecht Cordes M. A.) an der Universität Frankfurt a. M; Forschungsschwerpunkt: Neueste Rechtsgeschichte. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker-Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992–1998 Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989 / 90, Essen 2001; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. John Earl Haynes Historiker bei der Library of Congress / Manuscript Division. 1978 Ph. D. an der University of Minnesota. Veröffentlichungen als Autor / Koautor u. a.: Spies: The Rise and Fall of the KGB in America, New Haven 2009; Early Cold War Spies: the Espionage Trials that Shaped American Politics, New York 2006; In Denial: Historians, Communism and Espionage, San Francisco 2002; Venona: Decoding Soviet Espionage in America, New York 1999; The Soviet World of American Communism, New York 1998; Red Scare or Red Menace? American Communism and Anticommunism in the Cold War Era, Chicago 1996; The Secret World of American Communism, New York 1995. Online-Herausgeber von H-HOAC und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Peter Huber PD Dr. phil., geb. 1954 in Zürich, 1975–1984 Studium der Geschichte, Romanistik und Philosophie, 1986 Promotion. Ab 1989 Mitarbeiter bei mehreren Forschungsprojekten, insbesondere zum Schicksal der Schweizer in der Sowjetunion (1991–1993), zum Apparat der Komintern (1994–1996) und zum Spanischen Bürgerkrieg (1997–1999). Seit 1998 Privatdozent für Zeitgeschichte an der Universität Basel; von 1999–2003 Forschungsleiter eines an der Universität Hannover angesiedelten Projekts: »Biografisches Handbuch der Komintern«. Veröffentlichungen u. a.: Stalins Schatten in die Schweiz. Schweizer Kommunisten in Moskau: Gefangene und Verteidiger der Komintern, Zürich 1994; Mithg.: La Suisse et l’Espagne. De la République à Franco (1936–1946), Lausanne 2001; Mithg.: La Internacional comunista y América Latina: Diccionario biográfico, Genf, Moskau 2004; Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich 2009. Vaïos Kalogrias Geb. 1974 in Karlsruhe, 1993–2001 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte sowie Literaturwissenschaft an der Universität Fridericiana zu Karlsruhe (TH), 2006 Promotion im Fach Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Forschungsgebiete: die Zeit der deutschen Okkupation (1941–1944) und des Bürgerkriegs in Griechenland (1946–1949). Veröffentlichungen (in deutscher Sprache): Makedonien 1941–1944: Okkupation, Widerstand, Kollaboration, Mainz, Ruhpolding 2008; Widerstand und Kollaboration in Zentralmakedonien (1941–1944), in: Thetis (2007), H. 13 / 14, S. 244–249 (mit Stratos Dordanas); Deutsche Polizeibehörden im besetzten Griechenland, 1941–1944, in: Wolfgang Schulte (Hg.): Die Polizei im NS-Staat. Beiträge eines internationalen Symposiums an der deutschen Hochschule der Polizei in Münster, Frankfurt a. M. 2009, S. 425–449. Stefan Karner geb. 1952, Univ.-Prof. Dr., Historiker, Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagen­furt; stellv. Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates; Co-Vorsitzender der österreichisch-russischen sowie der österreichisch-slowenischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; Wissenschaftlicher Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008 / 09 (gemeinsam mit Lorenz Mikoletzky); Wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien, München 2005; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien, München 1995. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Endre Kiss Prof. Dr., geb. 1947 in Debrecen, Ungarn, Professor am Lehrstuhl für Philosophiegeschichte der Philosophischen Fakultät der Universität Eötvös in Budapest; seit 2005 auch Professor für Germanistik an der Universität-Gesamthochschule Kodolányi, Székesfehérvár; seit 2008 Professor für Theoretische Andragogik an der West-Ungarischen Universität (Sopron-Szombathely). Humboldt-Stipendiat. 1999 Gründer des Postmoderne-Zentrums Budapest / Székesfehérvár. Veröffentlichungen u. a.: Against New Metaphysics, Cuxhaven, Dartford 1996; Zur Rekonstruktion der präsentistischen Rationalität Mittel-Europas, Cuxhaven, Dartford 1998; Monetarista globalizáció és posztszocialista rendszerváltás [Monetaristische Globalisation und postsozialistischer Systemwechsel], Budapest 2002; Friedrich Nietzsche evilági filozófiája [Friedrich Nietzsches diesseitige Philosophie], Budapest 2005; in Arbeit: philosophische Marx-Monographie. Norman H. LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964, Historiker, seit 2000 an der Universität Glamorgan (Süd-Wales). Veröffentlichungen u. a.: The German Communist Party in Saxony, Oxford, Bern 2003; Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley / Kevin Morgan); Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger). Mitbegründer: Twentieth Century Communism: a journal of international history (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Matteo Lodevole Doktorand am Churchill College, University of Cambridge und Jemolo Fellow am Nuffield College, University of Oxford. Rechercheaufenthalte in Berlin und Washington D. C., als Gaststudent an der Humboldt-Universität zu Berlin und der George Washington University. Stipendiat verschiedener internationaler Institutionen, darunter: Deutscher Akademischer Austausch Dienst, the George C. Marshall Foundation and the JFK Library (USA), the Royal Historical Society (UK), the British Academy and the Accademia Nazionale dei Lincei (UK / Italy). Forschungsschwerpunkte: Internationaler Kommunismus zu Beginn des Kalten Kriegs mit Schwerpunkt Arbeiterbewegung. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987–1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995; Hg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Michael Mayer Dr. phil., geb. 1974, 1996–2002 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Kommuniktationswissenschaften sowie Volkswirtschaftslehre an der Universität Mainz, der Université de Paris IV – Sorbonne sowie der Universität München; 2002–2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität München; 2003–2007 binationale Promotion an der Universität München und der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) Paris; 1999–2002 und 2003–2006 Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung; seit Januar 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, Abteilung im Auswärtigen Amt; Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam und Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung. Veröffentlichungen u. a.: Staaten als Täter. Ministerialbürokratie und »Judenpolitik« in NS-Deutschland und Vichy-Frankreich. Ein Vergleich, München 2010; Hg. im Auftrag des Auswärtigen Amts vom Institut für Zeitgeschichte: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1978, München 2009; Mithg.: Deformation der Gesellschaft. Neue Forschungen zum Nationalsozialismus, Berlin 2008. Reinhard Müller Geb. 1944 in Chotischau, 1966–1974 Studium der Geschichte, Germanistik und Soziologie in München, Regensburg und Hamburg, bis 1989 Mitarbeiter in der Ernst Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg, seit 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, Arbeitsbereich: Theorie und Geschichte der Gewalt. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991; Die Akte Wehner – Moskau 1937–1941, Berlin 1993; mit Jakov Rokitjanskij: Krasnyi dissident: akademik Rjasanov – opponent Lenina, žertva Stalina, Moskau 1996; Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004; Aufsätze über stalinistischen Terror, Komintern und KPD, Exil deutscher Schriftsteller, Walter Benjamin u. a. Bibliographie: www.his-online.de. Helmut Müller-Enbergs Dipl.-Pol., Dr. phil., geb. 1960 in Haltern, 1986–1989 Studium der Politologie, Soziologie und Philosophie in Münster und Berlin, 1989–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, 1990–1992 Pressesprecher der Fraktion Bündnis 90 im Landtag Brandenburg, seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), 2004 Referatsleiter beim Landesamt für Verfassungsschutz in Brandenburg, 2003–2005 Leiter der Forschungsgruppe »Rosenholz« in der BStU, 2008 / 09 Gastprofessor an der Syddansk-Universitet (Dänemark). Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Teil 1–3, Berlin 1996 / 1998 / 2008; Mithg.: Das Gesicht dem Westen zu. DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003; Mithg.: Rechts und Links der Demokratie, Potsdam 2004; Mithg.: Rosenholz. Eine Quellenkritik, Berlin 2007; Mithg.: Intelligence-Service Psychology, Frankfurt a. M. 2008; Mithg.: Sicherheit in Organisationen, Frankfurt a. M. 2009; Mithg.: Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, 2 Bde., 5. Aufl. Berlin 2010. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964–1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984–1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin, München 2000; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989 / 90, 2. Aufl. München 2009; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Klaus-Georg Riegel Prof. Dr., geb. 1943, Prof. für Soziologie an der Universität Trier (1988–2007). Forschungsschwerpunkte: Kultursoziologie, Modernisierungstheorien und Politische Religionen. Veröffentlichungen zum Marxismus-Leninismus als Politischer Religion u. a.: Transplanting the Political Religion of Marxism-Leninism to China: The Case of the Sun Yat-sen University in Moscow (1925–1930), in: K.-H. Pohl (Hg.): Chinese Thought in a Global Context, Leiden 1999, S. 327–358; Rituals of Confession within Communities of virtuosi: An Interpretation of the Stalinist Criticism and Self-criticism in the Perspective of Max Weber’s Sociology of Religion, in: Totalitarian Movements and Political Religions 6 (2005), H. 1, S. 97–126; Marxism-Leninism as Political Religion, in: Hans Maier / Michael Schäfer (Hg.): Totalitarianism and Political Religions, Bd. II, London 2007, S. 61–112. Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław, Polen, Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944 / 45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy Brandt Zentrums für Deutschland und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am gleichen Zentrum; Veröffentlichungen: Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005; »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Stephen Schwartz Geb. 1948, Publizist, Executive Director des Center for Islamic Pluralism in Washington, D. C. Veröffentlichungen u. a. in: The New York Times, The Wall Street Journal, The Weekly Standard und The Spectator. Buchveröffentlichungen u. a.: Brotherhood of the Sea: A History of the Sailors’ Union of the Pacific, New Brunswick, NJ 1986; Spanish Marxism vs. Soviet Communism: A History of the POUM (hg. und überarb. mit Víctor Alba), New Brunswick, NJ 1988; Kosovo: Background to a War, London 2000; The Two Faces of Islam: The House of Sa’ud from Tradition to Terror, New York 2002; The Other Islam: Sufism and the Road to Global Harmony, New York 2008. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), Wissenschaftlicher Leiter der Zentralen Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Barbara Stelzl-Marx Mag. Dr. phil., geb. 1971, Studium der Geschichte, Anglistik / Amerikanistik und Slawistik in Graz, Oxford, Volgograd und an der Stanford University; 2005–2008 APART-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; seit 2002 stellvertretende Institutsleiterin und seit 1993 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz; 1999–2000 Erwin Schrödinger Post-Doc Stipendiatin des FWF bei Memorial Moskau. Seit 2008 Koordinatorin des internationalen Forschungsprojekts »Der Wiener Gipfel 1961«. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat am »Centre for World War II Studies«, University of Birmingham; Schriftführerin der Österreichisch-Russischen Historikerkommission. Forschungsschwerpunkte: Sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955; »Besatzungskinder«; Kalter Krieg; Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus; Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit im Dritten Reich und in der Sowjetunion. Brigitte Studer Prof. Dr., Studium der Geschichte und Anglistik in Freiburg / Fribourg, Lausanne und Paris, Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei verschiedenen Forschungsprojekten an den Universitäten Lausanne und Basel; Lehrbeauftragte an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001–2004 Visiting Professor in Glasgow. 2001–2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001–2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du département des Sciences de l'Homme et de la Société, Conseil National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der 68er-Bewegung in der Schweiz. Verschiedene Publikationen zur historischen Kommunismusforschung und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Studium der Geschichte, Slawistik, Balkanologie und Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie an den Universitäten in Tübingen, Sofia (Bulgarien), Skopje (Jugoslawien, heute Makedonien) und an der Indiana University in Bloomington, USA; 1984 Promotion zum Thema »Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922–1930. Die ›Innere Makedonische Revolutionäre Organisation‹ in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italien«, 1995 Habilitation mit dem Thema »Handelskontrolle – ›Derivation‹ – Eindämmung. Schwedische Moskaupolitik 1617–1661«. Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, stellv. Direktor des GWZO Leipzig, Veröffentlichungen u. a.: Das makedonische Jahrhundert, München 2007; Postkommunistische Erinnerungskulturen im östlichen Europa, Wrocław 2005; Radical Ethnic Movements in Contemporary Europe, New York, Oxford 2003 (mit Farimah Daftary), Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Oldřich Tůma Dr., geb. 1950, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik; Forschungsschwerpunkt: Nachkriegsgeschichte der Tschechoslowakei; Themen seiner aktuellen Forschungsarbeit: Die Tschechoslowakei im Kalten Krieg, der Prager Frühling und die tschechoslowakische Gesellschaft 1969–1989 sowie der Umbruch von 1989 in Mitteleuropa. Jüngste Veröffentlichung u. a.: Mithg.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. Dokumente. Pražskaja vesna. Meždunarodnyj krizisnyj 1968g. 2. Dokumenty (=Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. Sonderband 9 / 2), Köln, Weimar, Wien 2008 (mit Stefan Karner u. a.). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Krisztián Ungváry Ph. D., geb. 1969, Studium in Budapest, Jena und Freiburg / Breisgau. Promotion 1998 zum Thema Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956 (Budapest); Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Veröffentlichungen u. a.: Die Schlacht um Budapest, München 1999; Ungarn und der Zweite Weltkrieg (in ungarischer Sprache), Budapest 2005; Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990 (in ungarischer Sprache, zusammen mit Gábor Tabajdi), Budapest 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad, Turkmenien, 1979–1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 dortiger Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Gerrit Voerman Dr. phil., geb. 1957, Historiker, Direktor des Dokumentationszentrums für Niederländische Politische Parteien an der Universität Groningen. 1977–1985 Studium an der Universität Groningen, Promotion 2001. Regelmäßige Veröffentlichungen zum Thema »Politische Parteien in den Niederlanden« u. a.: De meridiaan van Moskou. De CPN en de Communistische Internationale 1919–1930, Amsterdam, Antwerpen 2001 (Dissertation); Ko­autor: Verloren illusie, geslaagde fusie? GroenLinks in historisch en politicologisch perspectief, Leiden 1999; Koautor: Om de stembus. Verkiezingsaffiches 1918–1998, Amsterdam 2002; Koautor: Handelsreiziger in revoluties. Fré Meis (1921–1992), Zutphen 2002; in Arbeit: Geschichte der Socialistische Partij. Hermann Weber Prof. Dr. Dr. h. c., geb. 1928, 1943 / 44 Lehrerbildungsanstalt, 1945 KPD-Mitglied, 1947–1949 SED-Parteihochschule Karl-Marx, Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung bis zur Absetzung durch Erich Honecker, 1954 Ausschluss aus der KPD, seit 1955 Mitglied der SPD, 1964–1968 Studium in Marburg und Mannheim, 1968 Promotion, 1970 Habilitation, seit 1973 Professor, 1975–1993 Ordinarius, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim bis zur Emeritierung 1993, seit 1981 Leiter des Forschungsschwerpunktes DDR-Geschichte an der Universität Mannheim. Veröffentlichungen u. a.: Ulbricht fälscht Geschichte, Köln 1964; Die Wandlung des deutschen Kommunismus, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969; Das Prinzip links, Hannover 1973; Hauptfeind Sozialdemokratie, Düsseldorf 1982; Geschichte der DDR, München 1985; mit Gerda Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002; Mithg.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; mit Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006. Begründer und bis 2008 Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Thomas Wegener Friis Dr. phil., geb. 1975, Historiker und Netzwerkkoordinator des neu gegründeten Zentrums für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2000 M. A. in Geschichte an der Süddänischen Universität, 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003–2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 Forschungsmitarbeiter an der Süddänischen Universität, seit 2010 Vorstandsmitglied des Dänischen Arbeitermuseums mit Archiv und Bibliothek zur Arbeiterbewegung, seit 2001 Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, seit 2005 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejder­historie, seit 2004 Mitinhaber des Friis Verlags; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Gerhard Wettig Dr. phil., geb. 1934 in Gelnhausen, 1966–1999 zunächst Referent, dann Leiter des Forschungsbereichs Außen- und Sicherheitspolitik am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, 1990–1999 Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Außenpolitik, 1998–2003 Mitglied der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Zahlreiche Veröffentlichungen über die sowjetische Deutschland-Politik seit dem Zweiten Weltkrieg, über die innerdeutschen Beziehungen in der Zeit der nationalen Spaltung und über Probleme des Kalten Kriegs in Europa. Veröffentlichungen u. a.: Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschland-Politik 1945 bis 1955, München 1999; Chruschtschows Berlin-Krise 1958–1963. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006; Stalin and the Cold War in Europe. The Emergence and Development of East-West Conflict, 1939–1953, Boulder, CO 2008. Florian Wilde M. A., geboren 1977 in Kiel, 1998–2005 Studium der Geschichtswissenschaft und Politologie an den Universi­täten Hamburg und Florenz, derzeit Promotion an der Universität Hamburg zu »Ernst Meyer – vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie«; seit 2006 Stipendiat der Rosa-Luxem-burg-Stiftung. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976–1980 Wissenschaftlicher Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU. 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977; Mithg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980 / 81, Berlin 1995; Hg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006, Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Victor Zaslavsky 1937–2009. Zuletzt Professor für Soziologie und Direktor des Center for Transition Studies an der Luiss Guido Carli Universität in Rom; Mithg. des Magazins Ventunesimo secolo. Zuvor Lehrtätigkeiten an der Universität von Leningrad, der Memorial University in Kanada, der University of California – Berkeley sowie der Stanford University, USA; außerdem an den Universitäten von Venedig, Florenz, Neapel und Bergamo. Autor zahlreicher Veröffentlichungen, darunter: The Neo-Stalinist State. Class, Ethnicity, and Consensus in Soviet Society, New York 1994; Lo stalinismo e la sinistra italiana, Mailand 2004; Togliatti e Stalin, Bologna 1997 (Neuaufl. 2006) (mit Elena Aga-Rossi); Klassensäuberung. Das Massaker von Katyń, Berlin 2007; ausgezeichnet mit verschiedenen Preisen, darunter: Premio Acqui Storia (1998 für Togliatti e Stalin), Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken (2008 für Klassensäuberung), Ignazio Silone International Prize (posthum Dezember 2009).

JHK 2010

Die Finanzierung der Kommunistischen Partei Italiens durch die Sowjetunion

Victor Zaslavsky

Seit 1919, dem Jahr der Gründung der Dritten Internationale mit Sitz in Moskau, finanzierte die bolschewistische Partei die internationale kommunistische Bewegung. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die sowjetische Führung einen besonderen Fonds zur Unterstützung ausländischer kommunistischer Parteien und anderer linker Organisati­onen ein. Der vorliegende Aufsatz analysiert die Finanzierung der Partito Comunista Itali­ano (PCI, Kommunistische Partei Italiens), der größten und einflussreichsten kommunistischen Partei Westeuropas, durch die Sowjetunion von der Nachkriegszeit bis zur Auflösung der UdSSR Ende 1991. Gianni Cervetti, der bis in die frühen Achtzigerjahre eine wichtige Position in der Verwaltung der PCI innehatte, hat ganz richtig festgestellt, dass die finanzielle Verbindung zwischen der PCI und der KPdSU nicht vollständig geheim bleiben konnte, obgleich die »Existenz dieser Beziehung außerhalb der Partei offiziell stets abgestritten wurde und intern ausschließlich dem Parteisekretär und der Person, die sich persönlich darum kümmerte, bekannt war«.1 Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem die sogenannte Archivrevolution folgte, bekamen Historiker plötzlich Zugang zu einer großen Menge von Dokumenten, die die Finanzierung der westlichen kommunistischen Parteien durch die Sowjetunion nunmehr nachvollziehbar machen. Dieser Aufsatz stützt sich auf umfangreiches Dokumentenmaterial, das sich im Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation (Archiv vnešnej politiki Rossijskoj Federacii, AVP RF), im Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte (Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii, RGASPI), im Russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte (Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii, RGANI) und im Archiv der Hoover Institution on War, Revolution and Peace (HIA) befindet. Letzteres hat dank seiner Zusammenarbeit mit russischen Archiven eine große Sammlung von Dokumenten über die sowjetische Staatspartei auf Mikrofilm anlegen können, darunter wichtiges Material über die Finanzierung der westlichen kommunistischen Parteien. Außerdem hat der Autor dieses Aufsatzes einige Jahre als Berater der Commissione Stragi gewirkt, eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Terrorismus in Italien, und hatte so Zugang zu deren umfassender Materialsammlung zur Finanzierung der politischen Kräfte Italiens durch die Sowjetunion. In den Jahren 1992 und 1993 schickte der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation infolge eines internationalen Rechtshilfeersuchens umfangreiches Material an die italienische Staatsanwaltschaft. Darin sind einerseits die direkten Finanzmittel aus der UdSSR für die PCI dokumentiert, andererseits die Handelserleichterungen für einige Import-Export-Firmen, die an die PCI gebunden waren und über die indirekt Geld an die Partei transferiert wurde.2 Zwischen dem Kriegsende und dem Jahr 1948 flossen noch keine regelmäßigen festen Finanzhilfen der Sowjetunion an die PCI, nur gelegentlich ließ man ihr beträchtliche Summen für besondere Zwecke zukommen. Man denke zum Beispiel an den Ankauf von 20 000 Tonnen Zitrusfrüchten, den Stalin telefonisch zur Finanzierung des Parteiorgans L’Unità bewilligte.3 Die PCI-Führer hatten sowjetischen Diplomaten mehrfach mitgeteilt, dass die finanzielle Situation der Partei »sehr schwierig ist, besonders im Vergleich mit den Christdemokraten, die große Summen vom Vatikan und von den Alliierten erhalten«.4 Dessen ungeachtet herrschte jedoch in Moskau die Überzeugung, die damalige Regierungsbeteiligung der italienischen und der französischen kommunistischen Partei garantiere diesen die Nutzung der Ressourcen der eigenen Staaten. Die Abschottung der Sowjetunion von der Weltwirtschaft, die den Umtausch von Rubel in ausländische Währung unmöglich machte, stand der Ausstattung der westlichen kommunistischen Parteien mit Finanzmitteln oft im Wege, was eine Auszahlung in Naturalien nahelegte. Wie aus einem Brief hervorgeht, den Sergej Michajlov, ein hoher Funktionär im Außenministerium, am 19. Mai 1947 an den stellvertretenden Außenminister Andrej Vyšinski schrieb, sandte man zum Beispiel zweieinhalb Tonnen kostbarer Pelze »an die Adresse der sowjetischen Botschaft in Italien (um keine Einfuhrerlaubnis beantragen und keinen Einfuhrzoll für Luxusgüter bezahlen zu müssen), die dann an die Handelsvertretung weitergeleitet und ohne Registrierung verkauft würden«. Der Erlös des Pelzschmuggels war für die PCI bestimmt. Da es sich bereits um die dritte Fuhre dieser Art handelte, hielt Michajlov es für angebracht, solchen Handelsgeschäften ein Ende zu setzen, »denn früher oder später würden sie unerwünschte Konsequenzen nach sich ziehen (eine antisowjetische Kampagne in der rechten Presse und so weiter)«.5 Diese Praxis wurde schließlich von Molotov untersagt, sodass Andrej Ždanov antwortete: »die Nutzung von Fellen ist verboten«,6 als Pietro Secchia am 12. Dezember 1947 Geld oder Waren für 600 000 Dollar verlangte (das entsprach damals 350 Millionen Lire). Damit sollte das Papier für die Parteizeitung bezahlt und »Zeitungen aus dem unabhängigen und demokratischen Lager« unterstützt werden. Die Episode endete mit der Entscheidung Stalins während eines Gesprächs mit Secchia am 14. Dezember, dass die Summe bewilligt und sofort »in zwei Säcken« mit Dollars übergeben werden solle.7 Das Geld wurde über Jugoslawien geschickt, wie es schon bei verschiedenen anderen Hilfszahlungen geschehen war.8 Nach dem Ausscheiden der PCI aus der italienischen Regierung im Mai 1947 musste das System der sowjetischen Unterstützungsleistungen geändert werden. Für die Oppositionsarbeit brauchte die PCI einen Parteiapparat aus professionellen Vollzeitfunktionären und daher einen regelmäßigen und institutionalisierten Zufluss von Ressourcen. Dies erforderte eine Intensivierung ihrer finanziellen Unterstützung durch die Sowjetunion. Die eigens für die Finanzierung der PCI entwickelte Lösung sah vor, die italienisch-sowjetischen Handelsbeziehungen zu nutzen. Auf diese Idee war Matteo Secchia, Vertrauensmann des Kremls und Bruder des zweiten Mannes der PCI, Pietro Secchia, gekommen, als die Partei für den Wahlkampf 1948 Geldmittel benötigte. In einem Gespräch mit Michail Kostylev, dem sowjetischen Botschafter in Rom, beklagte sich Matteo Secchia darüber, dass die Sozialistische Partei Italiens (Partito Socialista Italiano, PSI) der PCI die ganze Ausgabenlast aufbürde und nicht einmal in der Lage sei, für sich selbst aufzukommen. Er schlug vor, die Geldtransfers an die PCI an die bevorstehenden Handelsabkommen zwischen Italien und der UdSSR zu knüpfen. Dabei sollte es darum gehen, »einige zuverlässige Unternehmer und Geschäftsleute dazu zu überreden, die Erlöse ihrer Geschäfte in die Parteikasse zu zahlen, um deren finanzielle Situation zu verbessern. [...] Bis jetzt haben tüchtige kommunistische Kaufleute lieber ihre Geschäfte für sich selbst gemacht und nur gelegentlich kleinere Beiträge in die Kasse eingezahlt.« Secchia hob weiter die Schwierigkeiten der PCI hervor, »eine ausgeglichene Bilanz zu erlangen [...]. Außerdem haben sich in der Vergangenheit einige kommunistische Minis­ter, zum Beispiel Scoccimarro, zu brav gezeigt und hatten offenbar wenig Neigung zu Initiativen, die die Situation der Parteikasse verbessern könnten.«9 Kostylev stellte es so dar: »Secchia spielte darauf an, dass man ja einen Teil der Verträge unserer Handelsvertretung in Italien mit Unternehmen und Unternehmern schließen könne, die der PCI helfen oder in ihrem Interesse arbeiten würden. Ich antwortete, dafür sei es notwendig, in den Reihen der PCI kompetente Leute zu haben, die die italienisch-sowjetischen Handelsbeziehungen kennen und denen die Führungsebene Vertrauen schenke.«10 Dieses Verfahren hatte umgehend Erfolg, und schon gegen Mitte des Jahres 1949 war die Bilanz der Partei dank der Aktivitäten im Import-Export-Geschäft stabil in den schwarzen Zahlen; die defizitäre Lage des Vorjahrs hatte sich ins Gegenteil verkehrt.11 Diese simple Methode, der PCI oder einzelnen ihrer Strömungen finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen, wurde in den kommenden Jahrzehnten in ihren Grundzügen beibehalten. So waren um das Jahr 1950 zwei Hauptkanäle geschaffen, durch die die Unterstützungszahlungen der Sowjetunion an die PCI gelangten: direkte Gelder vom Zentralkomitee der KPdSU sowie eine Art »Steuer«, die italienische Unternehmen mit Handelsbeziehungen zur UdSSR an die Parteikasse zahlen mussten. Von 1948 an erhielten die kommunistischen Führer und Aktivisten darüber hinaus eine Art fringe benefits in Form regelmäßiger Sachleistungen. Eine entsprechende Anfrage richtete der PCI-Vertreter Giuliano Pajetta an das Kominform. Anlässlich eines Gesprächs in der sowjetischen Botschaft in Rom fragte er an, ob »die Möglichkeit besteht, einige PCI-Führer zum Urlaub in Ferienorte der UdSSR zu schicken, wie es für die Führungsriegen der anderen verbrüderten kommunistischen Parteien gängige Praxis ist«.12 Seine Bitte war erfolgreich, sodass viele PCI-Funktionäre über Jahrzehnte hinweg ihren Urlaub kostenlos in Ferienimmobilien des Zentralkomitees der KPdSU in verschiedenen Regionen der UdSSR, etwa auf der Krim oder im Kaukasus, verbringen konnten. Auf das Jahr 1950 geht die Einrichtung eines speziellen Fonds für die finanzielle Unterstützung von kommunistischen Parteien und anderen ausländischen »Arbeiterorganisationen der Linken« zurück, der zu Beginn gänzlich von der Sowjetunion getragen wurde.13 Einige Monate später schlug die Außenpolitische Kommission des Zentralkomitees der KPdSU vor, ihn in einen »Internationalen Gewerkschaftsfonds zur Unterstützung linker Arbeiterorganisationen« umzuwandeln, in dessen Finanzierung auch andere Ostblockländer eingebunden sein sollten.14 Im April 1950 bewilligte der Moskauer Gipfel die Einrichtung dieses Fonds beim rumänischen Gewerkschaftsrat, der zu 50 Prozent von den Sowjets, zu zehn Prozent von der Kommunistischen Partei Chinas und zu jeweils acht Prozent von den kommunistischen bzw. sozialistischen Parteien der DDR, Polens, Ungarns, der Tschechoslowakei und Rumäniens getragen wurde. Die Gelder waren auf einem Spezialkonto der Sowjetischen Zentralbank deponiert, und das letzte Wort über die Höhe der Beiträge der kommunistischen Parteien Osteuropas und Chinas hatte stets das Politbüro der KPdSU. Die sowjetischen Führer kontrollierten, dass die Beiträge zum festgelegten Zeitpunkt geleistet wurden, und mahnten säumige Zahler umgehend und mit Nachdruck. In außergewöhnlichen Situationen, etwa als es 1956 »nicht opportun« schien, von der ungarischen Partei ihren Beitrag einzufordern, erhöhte die Sowjetunion zum Ausgleich den eigenen und den chinesischen Anteil.15 Von Beginn an stießen jedoch sowjetische Versuche, die kommunistischen Parteien des Ostblocks zur Erhöhung ihrer Beiträge zu drängen, auf passiven, aber zähen Widerstand der politischen Führungen dieser Länder. Sie argumentierten, es sei ihnen objektiv unmöglich, den Forderungen nachzukommen. Das Ergebnis war, dass der sowjetische Anteil von anfänglich 40–50 nach und nach auf 80 oder sogar 85 Prozent des jährlichen Fondsbudgets stieg. Die Summen, die die einzelnen Parteien pro Jahr erhielten, vermitteln sowohl eine Vorstellung von ihren Bedürfnissen als auch von der Wichtigkeit, die ihnen die sowjetische Führung im jeweiligen Moment zumaß. Von Anfang an wurde der Löwenanteil der Gelder auf vier westliche kommunistische Parteien – die französische, italienische, österreichische und finnische – verteilt.16 So bekam in der zweiten Jahreshälfte 1950 die Kommunistische Partei Frankreichs (Parti communiste français, PCF) 600 000 Dollar aus dem Fonds, die finnische KP 87 400 und die österreichische 100 000 Dollar. Die PCI erhielt 1950 insgesamt 400 000 Dollar, hinzu kamen noch Zahlungen von 100 000 Dollar an die Sozialistische Partei Italiens (Partito Socialista Italiano, PSI) und von 40 000 Dollar an die Kommunistische Partei des Freien Territoriums Triest (Partito Comunista del Terri­torio Libero di Trieste).17 Im folgenden Jahr wurden die Zahlungen an die PCI leicht erhöht; 1953 bekam sie 1,5 Millionen Dollar und damit erstmals mehr als die französische Bruderpartei mit 1,2 Millionen. Mit der Zeit wurde der Unterschied immer größer, weil die Gelder an die PCF für einen gewissen Zeitraum auf die genannten 1,2 Millionen Dollar jährlich begrenzt blieben, wohingegen die an die PCI und die kommunistisch kontrollierten italienischen Gewerkschaften (Confederazione Generale Italiana del Lavoro) bezahlte Summe stetig stieg. Die Zahl der Begünstigten wuchs immer weiter an, womit es auch zunehmend schwieriger wurde, die Transaktionen geheim zu halten. 1955 unterstützte der Fonds 26 Parteien und Organisationen im Ausland. Das Zentralkomitee mahnte bei den Verantwortlichen für die Beziehungen zu den ausländischen kommunistischen Parteien die Notwendigkeit an, »bei der Übermittlung von Finanzhilfen an kommunistische Parteien vorsichtiger zu sein, besonders an jene, die keine erprobten und zuverlässigen Verbindungskanäle haben, und dort, wo die Regierungen von der finanziellen Unterstützung Kenntnis erlangen könnten«.18 PCF und PCI besaßen natürlich diese »erprobten und zuverlässigen Verbindungskanäle«, daher schlug der Verantwortliche im Politbüro für die Verbindungen zu den ausländischen KPen, Boris Ponomarev, vor, auch die Geldtransfers an diverse andere Parteien über die PCI und die PCF laufen zu lassen. Die PCI würde dabei für die Übermittlung der Moskauer Finanzhilfen an die Kommunistische Partei Triest, die PSI und die Partei der Arbeit der Schweiz verantwortlich sein, während die PCF den Transfer der sowjetischen Gelder an die kommunistischen Parteien Großbritanniens, Belgiens, Portugals, der Niederlande und Luxemburgs organisieren sollte.19 Dieser Vorschlag wurde jedoch nicht angenommen, und in den Folgejahren lag die Verantwortung für die Geldtransfers beim KGB.20 Die Turbulenzen des Jahres 1956 – der XX. Parteitags der KPdSU und die tief greifende Krise der osteuropäischen Länder, die in der gewaltsamen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands im Oktober / November gipfelte – hatten keine unmittelbaren Auswirkungen auf die sowjetische Finanzierung der italienischen Parteien und Gewerkschaften. Die Finanzhilfen für 1957, die wie üblich zu Jahresbeginn angewiesen wurden, lagen insgesamt betrachtet etwa auf Vorjahresniveau. Die Mittel für die PCI waren allerdings um 27 Prozent gestiegen, die für die PSI fielen hingegen um ein Drittel geringer aus. Im Jahr darauf wurde die PSI dafür bestraft, dass ihr Führer Pietro Nenni auf dem Parteikongress im Februar 1957 in Venedig gegen die PCI polemisiert und behauptet hatte, die Diktatur des Proletariats bedeute nichts anderes als die Diktatur einer Partei oder einer Person. Die PCI erhielt deshalb 3,75 Millionen Dollar (gegenüber weiterhin 1,2 Millionen für die PCF), während die Finanzierung der PSI eingestellt wurde. Von diesem Moment an unterstützte die Sowjetunion nur noch jene Mitglieder oder Vertreter der PSI finanziell, die sich als »Parteilinke« ausgezeichnet hatten, indem sie die Politik der Zusammenarbeit mit der PCI unterstützten und die sowjetische Außenpolitik verteidigten. Analysiert man die Entwicklung, die die Parteienfinanzierung durch den Internationalen Gewerkschaftsfonds nahm, so wird deutlich, dass in der Ära Chruščëv ebenso wie unter Stalin der größte Teil der Zahlungen an die kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs ging.21 Die PCI blieb für die KPdSU die wichtigste kommunistische Partei des Westens, ihr kamen zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Fondsgelder zu – das Drei- bis Dreieinhalbfache der Zahlungen an die PCF. Gegen Ende der Regierungszeit Chruščëvs verlagerte sich der Schwerpunkt der sowjetischen Außenpolitik immer mehr auf die Unterstützung von Bewegungen in der Dritten Welt. Die Anzahl der Nutznießer des Fonds erhöhte sich von anfänglich 20–22 auf 70–85. Im Jahr 1961 leistete die Kommunistische Partei Chinas ihre letzte Zahlung an den Fonds, danach musste die Sowjetunion ihren eigenen Beitrag von zunächst 55–60 Prozent so weit aufstocken, dass sie 85 Prozent der Ausgaben decken konnte. 1964 unterstützte der Fonds 85 und im Jahr darauf 72 Parteien und linke Organisationen mit einer Gesamtsumme von 15,35 bzw. 15,75 Millionen Dollar.22 Die Verwendung der Fondsgelder in den Sechzigerjahren illustriert ein Bericht von 1965, der beleuchtet, wie diese von der Regierung Brežnev in dessen erstem Amtsjahr zwischen den verschiedenen Parteien aufgeteilt wurden.23 Er zeigt, dass die sowjetische Führung der innenpolitischen Situation Italiens besondere Aufmerksamkeit widmete. In der Tat gingen in diesem Jahr 43 Prozent der Summe, 6,77 Millionen Dollar, an italienische Parteien und Persönlichkeiten, wobei 83 Prozent davon direkt der PCI zukamen. 1966 blieben die sowjetischen Zahlungen an die italienischen Kommunisten praktisch unverändert. Das einzig Neue war, dass die PSI nun endgültig von der Liste der Begünstigten gestrichen war und dafür die Kommunistische Partei San Marinos (Partito Comunista Sammarinese) mit der bescheidenen Summe von 15 000 Dollar aufgenommen wurde.24 1969 gab es erstmals Konflikte zwischen der sowjetischen Außenpolitik und der Haltung der PCI, die durch die Krise in der Tschechoslowakei ausgelöst wurden. Die PCI sprach sich gegen die Besetzung der Tschechoslowakei, den Sturz der Regierung Dubček und die Einsetzung des Husák-Regimes aus. Die Divergenzen gingen so weit, dass die sowjetische Führung beschloss, die Finanzierung als Druckmittel einzusetzen. Im Sinne einer Politik von Zuckerbrot und Peitsche stellte das Politbüro der PCI zunächst eine merkliche Erhöhung des finanziellen Zuschusses in Aussicht. So wurden in der ersten Jahreshälfte 3,7 Millionen Dollar ausbezahlt, am Ende des Jahres sollten es mehr als sieben Millionen sein. Dann folgte die »Bestrafung«, weil sich die Partei von der sowjetischen Haltung zur tschechoslowakischen Frage distanziert hatte, und es blieb bei den anfänglichen 3,7 Millionen Dollar für das ganze Jahr. Außerdem regte der ehemalige KGB-Chef Aleksandr Šelepin bei der Abstimmung über die Finanzierung für das Jahr 1970 an, die schon auf die Hälfte reduzierte Summe für die italienische KP nochmals herabzusetzen.25 Der Vorschlag wurde jedoch nicht angenommen, und die Mittel für die PCI blieben 1970 und 1971 auf dem Niveau von 1969. Bis 1972 war der Bruch zwischen KPdSU und PCI allerdings schon wieder gekittet, und die Finanzhilfe wurde auf 5,2 Millionen Dollar aufgestockt. Angesichts der Teilnahme der PCI an den vorgezogenen Wahlen im Mai 1972 hielt ihre Führung diese Summe jedoch für nicht ausreichend. Ihr Generalsekretär Luigi Longo bat Brežnev in zwei chiffrierten Telegrammen (vom 6. und 28. März) um einen weiteren Zuschuss. Ponomarev informierte das Zentralkomitee darüber, dass Longo »ein zweites Mal um eine weitere Finanzhilfe über drei Millionen Dollar für Ausgaben in Zusammenhang mit der Wahlkampfteilnahme der PCI bittet. Für das Jahr 1972 wurden der PCI bereits 5,2 Millionen Dollar übermittelt, dann weitere 500 000 Dollar für den Wahlkampf auf einen Antrag der PCI-Führung hin.«26 Brežnevs Antwort an Longo zeigte die Schwierigkeiten der Sowjet­union, den sich häufenden Anfragen der Bruderparteien nachzukommen: »Wir verstehen die Problematik im Augenblick einer solchen Kampagne und die Notwendigkeit intensiver Aktionen, die Ihre Partei durchführen muss, um bei den Wahlen Erfolg zu haben und die reaktionären Kräfte zu bekämpfen. Wie Genosse Longo weiß, haben wir der PCI bereits eine zusätzliche finanzielle Unterstützung von 500 000 Dollar für den Wahlkampf zukommen lassen, was in diesem Jahr zu einer Gesamtsumme von 5,7 Millionen Dollar führt. Auf Ihr Ansuchen hin haben wir unsere Möglichkeiten geprüft und beschlossen, der PCI zusätzlich die Summe von 500 000 Dollar zukommen zu lassen. Im Moment verfügen wir leider nicht über weitere Mittel.«27 Von 1973 bis zum Ende der Siebzigerjahre war die PCI die einzige italienische Partei – abgesehen von der kleinen Kommunistischen Partei San Marinos –, die jedes Jahr finanzielle Unterstützung durch den Internationalen Gewerkschaftsfonds erhielt (plus einen ergänzenden Beitrag direkt von der KPdSU). Insgesamt übermittelte der Fonds der PCI-Führung zwischen 1973 und 1979 Finanzmittel in Höhe von 32–33 Millionen Dollar. Außerdem sollte die Praxis, weitere Hilfen direkt in Moskau einzufordern, fortgeführt werden. So beantragte und erhielt Enrico Berlinguer im März 1973 eine zusätzliche Summe von 800 000 Dollar direkt vom Zentralkomitee der KPdSU. Im April 1974 verlangte die PCI-Führung weitere zwei Millionen Dollar für die Teilnahme am Referendum im Mai 1974, mit dem Argument, eine solche Abstimmung sei ebenso wichtig wie politische Wahlen.28 Der Bitte wurde zur Hälfte entsprochen. Gegen Mitte der Siebzigerjahre zeigte sich die sowjetische Führung durch den neuen Kurs der kommunistischen Parteien Spaniens, Italiens und Frankreichs alarmiert und beunruhigt. Deren als »Eurokommunismus« bekannt gewordene Haltung umfasste eine moderate Kritik an der Sowjetunion, um vor der Öffentlichkeit der jeweiligen Länder die eigene Unabhängigkeit vom Kreml zu demonstrieren. Anatoli Černjaev, damals Funktionär der Abteilung für internationale Politik und Wirtschaft des Zentralkomitees der KPdSU und später ein enger Mitarbeiter Gorbačëvs, referiert in seinen Memoiren die Diskussion innerhalb des Politbüros über den Eurokommunismus. Man stand diesem dort äußerst ablehnend gegenüber; von KGB-Chef Andropov wurde er als »unverschämter Revisionismus und Opportunismus« bezeichnet. Černjaev berichtet von Ausrufen verschiedener sowjetischer Führungspersönlichkeiten wie »Was erlauben die sich!« oder »Wir bezahlen weiter, als sei nichts geschehen!«, gefolgt von der Forderung, einfach »die Kasse zu schließen«. Am Ende wurde jedoch der Vorschlag des Verantwortlichen für Ideologiefragen, Michail Suslov, angenommen, »den vom Eurokommunismus infizierten kommunistischen Parteien gegenüber eine langfristige politische Strategie auszuarbeiten«.29 Und so flossen die Gelder weiter. Als Berlinguer im Mai 1976 um zusätzliche Zahlung von einer Million Dollar für die Wahlkampagne bat und im Juli noch einmal dieselbe Summe verlangte, billigte das Zentralkomitee der PCI für das Jahr 1976 1,5 Millionen Dollar als außerplanmäßige Hilfe zu.30 In seinem Buch L’oro di Mosca berichtet Gianni Cervetti, dass die PCI unter Enrico Berlinguer versuchte, sich nach und nach von den Sowjets zu lösen, nachdem im April 1974 das Gesetz über die öffentliche Finanzierung der Parteien verabschiedet worden war. Gemäß Cervetti war die Unabhängigkeit der PCI von der sowjetischen Finanzierung – ob sie nun aus dem Fonds oder vom Zentralkomitee der KPdSU stammte – bis Anfang der Achtzigerjahre abgeschlossen. »Jedenfalls wurde damals – mit kleineren Verzögerungen aus technischen Gründen – dieser Verbindung und dieser Praxis ein Ende gesetzt, die es schon seit undenklichen Zeiten gab, nämlich seit den Tagen der Kommunistischen Internationale und damit in Italien auch seit dem antifaschistischen Untergrundkampf.«31 Diese Aussage muss jedoch korrigiert werden: Nur die sogenannten direkten Finanzierungen wurden eingestellt, also diejenigen Gelder, die von der KPdSU an die Parteiführung der PCI gingen. In der Tat datieren die letzten Empfangsbescheinigungen mit den Unterschriften der für die finanziellen Beziehungen mit der UdSSR verantwortlichen PCI-Vertreter vom November / Dezember 1979. Die Zahlungen an verschiedene prosowjetische Strömungen und an die defizitären kommunistischen Presseorgane wie auch die indirekten Hilfen über die sogenannten Handelskanäle dauerten dagegen aus nicht immer transparenten Gründen bis zum Ende des Sowjetregimes an. Als es auf die Achtzigerjahre zuging, wurde die Sowjetunion von einer tiefen und sich zusehends verschlimmernden sozioökonomischen Krise erfasst, die ihre Kapazität zur finanziellen Unterstützung der ausländischen kommunistischen Parteien einschränkte. Auch konnte die sowjetische Führung immer weniger Druck auf die Satellitenstaaten ausüben, was dazu führte, dass die osteuropäischen kommunistischen Regierungsparteien nach und nach ihre Beitragszahlungen an den Fonds einstellten. Bereits 1972 hatte Rumänien unter Ceauşescu seinen Anteil nur nach »wiederholten Aufforderungen und einem persönlichen Mahnschreiben von Brežnev«32 geleistet. 1973 setzte die Kommunis­tische Partei Rumäniens ihren Beitrag aus33 und zahlte von 1977 an gar nicht mehr in den Fonds ein.34 Die polnische Partei folgte ihrem Beispiel. Ponomarev schrieb in einem Brief an das Zentralkomitee vom 24. Dezember 1980, dass »die polnische Partei im Jahr 1980 wegen der Lage im Land ihren Beitrag an den Fonds nicht geleistet hat und ihn aller Wahrscheinlichkeit nach auch im nächsten Jahr nicht leisten kann«.35 Somit wurde der Erhalt des Fonds immer belastender für die Sowjetunion, die in den Achtzigerjahren nicht mehr in der Lage war, den zunehmenden Anfragen nach finanzieller Unterstützung durch die diversen ausländischen kommunistischen Parteien zu entsprechen. Sie hoffte, den Mangel an direkten finanziellen Hilfen durch Zuschüsse kompensieren zu können, die durch die »Kanäle der Handelsorganisationen«36 verteilt werden sollten. In der Amtsperiode Brežnevs wurde die Entwicklung des Außenhandels zum Katalysator für die grassierende Korruption.37 Verhandlungen zwischen ausländischen Firmen, die mit kommunistischen Parteien in Verbindung standen, und Vertretern sowjetischer Ministerien wurden in einer Atmosphäre totaler Geheimhaltung geführt, Vereinbarungen traf man vertraulich und ohne irgendwelche Formalitäten. Unter diesen Bedingungen lernten die sowjetischen Funktionäre von den ausländischen Partnern – Experten auf diesem Gebiet –, wie man Gewinne versteckt und Steuern umgeht. In einem kuriosen, vom Minister der Handelsmarine und dem Präsidenten der sowjetischen Außenhandelsbank unterzeichneten Brief vom 5. August 1977 informierten hohe Funktionäre das Zentralkomitee über die Vereinbarung zwischen dem Ministerium und einer italienischen Firma, die »Eigentum der Kommunistischen Partei ist und von der PCI kontrolliert wird«. Sie berichteten insbesondere, »die Italiener wollen nicht, dass ihr Gewinn versteuert wird, sodass sie ihn der PCI zur Verfügung stellen können«. Nach der Beschreibung eines komplizierten Systems des Geldtransfers schlossen die sowjetischen Funktionäre – mit offensichtlicher Anerkennung –, dass »die vorgeschlagene Transaktion weder den italienischen noch den sowjetischen Finanzgesetzen entspricht, ihre Durchführung, wie sie von der italienischen Delegation vorgeschlagen wurde, aber dennoch möglich erscheint«.38 Das Ansinnen der »italienischen Freunde«, das von der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees unterstützt wurde, wurde vom Politbüro positiv beschieden.39 In diesem Klima dienten die Handelsabkommen zwischen von ausländischen kommunistischen Parteien kontrollierten Firmen und sowjetischen Organisationen oft auch als Möglichkeit, Gelder auf Privatkonten zu transferieren. Bereits um die Mitte der Siebzigerjahre waren einige der höchsten sowjetischen Führer, wie Brežnev und sein Umfeld, in Korruption verwickelt, während andere, die nicht korrupt waren, die Aktivitäten der Funktionäre aus den mit dem Außenhandel befassten Ministerien nicht mehr beeinflussen konnten. So besaß das Politbüro gegen Ende der Siebzigerjahre nicht mehr die volle Kontrolle über den Umfang des Handels und über die Vertragskonditionen zwischen den mit den ausländischen kommunistischen Parteien verbundenen Firmen und den verschiedenen sowjetischen Ministerien.40 Die Prozesse, die während der kurzen Regierungszeit Andropovs gegen mit dem Außenhandel befasste Funktionäre geführt wurden, zeigen, wie verbreitet Handelsbeziehungen waren, die der persönlichen Bereicherung dienten. Während der Amtszeit Gorbačëvs bestärkten die Vorzeichen eines drohenden Zusammenbruchs die Bestrebungen, die Finanzierung der ausländischen kommunistischen Parteien geheim zu halten. Die Verlagerung des Vermögens der KPdSU und anderer kommunistischer Parteien von »Volksdemokratien« ins Ausland, die über von diesen kontrollierte Gesellschaften und Strukturen vollzogen wurde, wurde besonders in den Jahren 1989 bis 1991 intensiviert. Dies illustriert zum Beispiel ein Beschlussdokument der KPdSU-Führung, dessen Titel für sich spricht: »Die Überführung des SED-Vermögens ins Ausland über die Konten des sowjetisch-zypriotischen Joint Ventures Putnik.«41 Die Dokumentation der sowjetischen Zahlungen über die »Handelskanäle« in den Achtzigerjahren ist weder systematisch noch erschöpfend, denn die Finanzierungsaktivitäten wurden ja äußerst vertraulich behandelt. Wie der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation dazu anmerkte, wurde »der Umfang der Dokumente […] auf ein Minimum reduziert«.42 Außerdem befinden sich viele wichtige Dokumente noch in den Archiven diverser Ministerien der ehemaligen Sowjetunion, jetzt Ministerien der Russischen Föderation, die als Dienstarchive angesehen werden und nur für die Mitarbeiter zugänglich sind, nicht aber für Wissenschaftler. Einige Dokumente wurden auch während der turbulenten letzten Jahre der Sowjetunion vernichtet, während andere von den russischen Geheimdiensten, den Erben des KGB, aufbewahrt werden. Nichtsdestotrotz liefern die zugänglichen Dokumente einige bezeichnende Beispiele für die Methoden und für den Umfang der verteilten Finanzressourcen. Gemäß den sowjetischen Quellen übernahm in den Achtzigerjahren Armando Cossutta die Rolle des Hauptvermittlers. Cossutta führte laut Ponomarev »die gesunden Kräfte der Kommunistischen Partei« an, gemeint ist die prosowjetische Strömung innerhalb der PCI. Die Briefe Ponomarevs an das Zentralkomitee der KPdSU aus den Jahren 1982 und 1983 zeigen beispielhaft die Praxis der Finanzierung über die Handelskanäle. So schrieb er am 28. Mai 1982 unter anderem: »Bei unserer Arbeit in Italien hat es sich als notwendig erwiesen, diejenigen politischen Kräfte materiell zu unterstützen, die gegenüber der Sowjetunion freundschaftlich und kooperativ eingestellt sind. Es geht unseren Freunden um den Erwerb der Verlagsgesellschaft Paese Sera. In diesem Zusammenhang bittet das Mitglied der PCI-Führung, Genosse Cossutta, [...] den Ankauf von 300 000 Tonnen sowjetischen Erdöls und 100 000 Tonnen Diesel zu einem Vorzugspreis zu genehmigen, wobei eine Provision von zwölf Dollar pro Tonne Erdöl und zehn Dollar pro Tonne Diesel garantiert werden soll, was eine Gesamtsumme von 4,6 Millionen Dollar ergibt.«43 Ein Schreiben Ponomarevs vom 17. Januar 1983 gibt weiteren Aufschluss über den Erwerb der Zeitung Paese Sera: »Der Übergang dieser bekannten italienischen Tageszeitung in die Hände des Genossen Cossutta und seiner Freunde, alles Personen, die eine marxistisch-leninistische Position vertreten und der UdSSR in Freundschaft verbunden sind, garantiert bei diesem Presseorgan eine korrekte Interpretation der Innen- und Außenpolitik der UdSSR sowie die Verbreitung der Errungenschaften des Realsozialismus und der weltweiten und der italienischen kommunistischen Arbeiterbewegung, was auch in anderen kapitalistischen Ländern ein breites Echo auslösen könnte.« Die dafür notwendigen Mittel könne man »über eine normale Handelstransaktion über 600 000 Tonnen Erdöl und 150 000 Tonnen Diesel in konvertierbarer Währung« gewinnen, »jedoch zu günstigen Konditionen, das heißt mit einem gewissen Preisnachlass (von etwa einem Prozent) und mit einem möglichst langen Zahlungsziel: drei bis vier Monate statt der üblichen 30 Tage«.44 Der Kreml behielt seine Anstrengungen, die öffentliche Meinung in Italien zu beeinflussen, bis zum Ende der Existenz der UdSSR bei. Man unterstützte die dem sowjetischen Regime gegenüber positiv eingestellten Kräfte und finanzierte neue Presseorgane, die bereitwillig prosowjetische Positionen vertraten. So unterstrich 1985 der Vizedirektor der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees, Vadim Zagladin, die Notwendigkeit, einer neuen italienischen Zeitschrift einen Finanzierungszuschuss zu gewähren: »1984 kam in Italien die Zeitschrift Il nuovo spettatore [Der neue Beobachter] auf den Markt, die vom ehemaligen Berater Enrico Berlinguers, Antonio Tatò, geführt wird. Die bisher publizierten sechs Ausgaben zeigen, dass die Redaktion bei internationalen Fragen versucht, eine objektive Haltung einzunehmen, d. h. sowohl die Außenpolitik als auch die innere Situation der UdSSR auf eine für uns positive Weise zu interpretieren. Die Redaktion übt massive Kritik an der Politik der Vereinigten Staaten und an der proamerikanischen Haltung verschiedener westeuropäischer Staaten.«45 Auf die gleiche Weise rechtfertigte Ponomarev die finanzielle Unterstützung der Zeitschrift Orizzonti [Horizonte], die der Cossutta-Strömung nahestand: »Das Ziel der Zeitschrift ist es, aktiv der Sozialdemokratisierung der PCI entgegenzutreten, gesunde Kräfte im Innern der Partei zu mobilisieren, die deren kommunistischen Charakter erhalten und den Prinzipien des Klassenkampfs und des proletarischen Internationalismus treu bleiben wollen. Was die Außenpolitik angeht, so verfolgt die Zeitschrift konsequent die Linie, die Friedens­initiativen der Sowjetunion und der Länder des sozialistischen Blocks zu unterstützen und den aggressiven Charakter der Politik der Vereinigten Staaten und der NATO zu demaskieren.«46 Diese interne Korrespondenz des Zentralkomitees zeigt, wie sehr sich die sowjetische Führung in das politische Leben Italiens einmischte. Sie demonstriert auch deren Willen, selbst in Zeiten einer schweren und sich weiter verstärkenden sozioökonomischen Krise Millionen von Dollar zu investieren, um sich die absolute Treue ihrer Verbündeten zu sichern. Diejenigen Quellen, die sich auf die Finanzhilfen in der Zeit Gorbačëvs beziehen, zeigen auch, wie die Unterstützungsempfänger durch Erpressung Druck auf die sowjetische Führung ausübten, um sich weiter der Zahlungen zu versichern. In dieser Hinsicht sind die Briefe des neuen Mitglieds des Politbüros Anatoli Dobrynin an das Zentralkomitee aus dem Jahr 1986 aufschlussreich. Dobrynin war zuvor mehrere Jahrzehnte lang sowjetischer Botschafter in Washington gewesen und löste beim Amtsantritt Gorbačëvs den altgedienten Ponomarev als Verantwortlicher für die Beziehungen zu den ausländischen kommunistischen Parteien ab. In einem ersten Schreiben vom April 1986 informierte er Gorbačëv darüber, dass Cossutta »eine Änderung der Form der Unterstützung seiner Gruppe« vonseiten der Sowjetunion wünsche. Gemäß Dobrynin hatte Cossutta den Kreml gebeten, zu einer »indirekten Finanzierung überzugehen, zum Beispiel einem prozentualen Anteil bei Verträgen zwischen den italienischen und ausländischen Firmen, die mit der Sowjetunion Handelsbeziehungen unterhalten und sich wegen einer Vermittlung an Cossutta wenden«. Außerdem verlange Cossutta einen außerordentlichen Zuschuss, um die Zeitschrift am Leben zu erhalten, denn »wenn wir die Schulden nicht begleichen und den Angestellten ihre Bezahlung nicht garantieren können, würde dies unvermeidlich zu einer juristischen Auseinandersetzung führen (in der unsere geheime Finanzierung der Zeitschrift beinahe unvermeidlich offengelegt würde) und einen großen politischen Skandal nach sich ziehen«.47 Mit solchen Aussichten konfrontiert, stimmte Gorbačëv der geforderten Zahlung zu. Der folgende Brief von Dobrynin vom 31. Dezember 1986 zeigt, mit wie viel erpresserischem Potenzial Cossuttas Gruppierung den Sowjets einen weiteren Zuschuss zu entreißen versuchte: »Das Mitglied des Zentralkomitees der PCI, der Genosse A. Cossutta, der eine marxistisch-leninistische Auffassung vertritt, hat beim Zentralkomitee der KPdSU eine Bitte um eine finanzielle Sonderhilfe eingereicht, infolge des Urteils des römischen Gerichts, das zur Tilgung der von der Tageszeitung Paese Sera in den Jahren 1982 / 1983 angesammelten Schulden verpflichtet. [...] Das Gericht beschloss, die Schuldsumme von den Eigentümern einzuziehen. Die Kommunistische Partei muss demnach 3,5 Milliarden, und M. Benedetti, der letzte Eigentümer, 900 Millionen Lire bezahlen. Benedetti verfügt nicht über eine solche Summe. Nach den Worten Cossuttas droht ihm eine Gefängnisstrafe, aber schlimmer noch, so schreibt Cossutta: Es könnten ›skandalöse Offenbarungen über die Organisationen und Personen, deren Anweisungen Benedetti ausführte‹, durchsickern. Angesichts der drängenden Notwendigkeit, eine solche Eventualität zu vermeiden, halten wir es für angebracht, in diesem absoluten Sonderfall der Bitte des Genossen A. Cossutta nachzukommen.«48 Auch diesmal wurde Cossuttas Anliegen stattgegeben. Die unaufhaltsame ökonomische Krise der Sowjetunion und der wachsende Druck durch die immer noch steigenden Zahlungen an die traditionellen Empfänger, die der Kreml als revolutionäre Parteien und Befreiungsbewegungen anerkannt hatte, brachten die Gorbačëv-Regierung in Bedrängnis. So wurde die Internationale Abteilung des Zentralkomitees aufgefordert, die Modalitäten der Unterstützung sowie Möglichkeiten neuer Finanzierungsquellen für die »Bruderparteien« zu prüfen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung, die sich auf Daten des Ministeriums für Außenhandel, des KGB und der Vertreter von Unternehmen der kommunistischen Parteien in Moskau stützten, wurden von Dobrynin in drei Schlussfolgerungen zusammengefasst.49 Erstens: Die Aktivität des Internationalen Fonds zur Unterstützung der Arbeiterorganisationen der Linken konnte aus folgenden Gründen nicht eingestellt werden: »Die Parteien, die über einen langen Zeitraum regelmäßig durch den Fonds unterstützt wurden, zählen auf die Beibehaltung dieser Form von Solidarität. Für einige von ihnen, in erster Linie die illegalen, stellt der Beitrag des Fonds die einzige Finanzierungsquelle ihrer Aktivitäten dar; andere decken damit einen Großteil der Ausgaben für ihre organisatorische, politische und ideologische Arbeit (die Presse und andere Publikationen inbegriffen). Die Abschaffung dieser Hilfe würde für eine große Zahl der unterstützten Parteien einen nicht kompensierbaren Verlust bedeuten, der sich unvermeidlich negativ auf ihre Aktivitäten auswirken würde. Gerade jene Parteien, die eigene Firmen, Handelsunternehmen und Vermittlungsagenturen besitzen, würden sich so vor die Notwendigkeit gestellt sehen, einige wichtige Formen ihrer politischen Arbeit einzuschränken, was ihr Gewicht und ihre Fähigkeit verringern würde, auf gesellschaftlich-politische Prozesse in ihren Ländern einwirken zu können.« Zweitens, so schrieb Dobrynin »ist unter den aktuellen Bedingungen die Möglichkeit, die Hilfen zu modifizieren, indem man sie über die Kanäle der von den Bruderparteien kontrollierten Handelsunternehmen laufen lässt, nur für eine sehr begrenzte Zahl von Parteien zu verwirklichen. Viele derartige Unternehmen sind ökonomisch schwach und defizitär und haben nur begrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten und Verbindungen. Nur die Unternehmen einiger Bruderparteien, wie der französischen, zypriotischen, griechischen und portugiesischen, sind in der Lage, eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den sowjetischen Außenhandelsorganisationen zu entwickeln.« Dobrynin schloss, dass eine Umwandlung der direkten finanziellen Unterstützung in über den Außenhandel vermittelte Hilfen für den Großteil der Nutznießer des Fonds »aufgrund des Fehlens von Handelsunternehmen schlichtweg nicht vorgeschlagen werden kann«. Drittens bekräftigte er, dass die kommunistischen Parteien mehr denn je finanzieller Unterstützung bedürften, aufgrund der »zunehmenden Komplexität der Bedingungen, unter denen sie agieren; der drängenden Notwendigkeit, die organisatorische, ideologische und politische Arbeit zu verstärken; und wegen der laufenden Abwertung des amerikanischen Dollars und der unaufhaltsamen Inflation in allen nichtsozialistischen Ländern«. Der konstruktive Teil von Dobrynins Brief erstaunt dadurch, dass dort nur spärliche Vorschläge zur Abhilfe gemacht werden. Er fasst sie in drei Punkten zusammen: Man solle künftig den Beitrag der KPdSU an den Internationalen Fonds nicht in Dollar berechnen, sondern in einer fiktiven Währungseinheit, die nicht der Inflation unterliege; man solle weiterhin Möglichkeiten prüfen, andere Kanäle als die direkte Finanzierung für die Hilfen zu nutzen; und man solle vorschlagen, einen geheimen Meinungsaustausch zwischen den Führern der sozialistischen Länder über das Problem der Unterstützung der Bruderparteien zu organisieren. Es ist schwer zu sagen, ob Dobrynin, ein Veteran der sowjetischen Diplomatie, den bevorstehenden Zusammenbruch des Sowjetimperiums ahnte. Doch in Ton und Inhalt seiner Vorschläge klingt die Nutzlosigkeit dieser Anstrengungen durch. In der Tat waren es Ende November 1987 noch genau zwei Jahre bis zum Fall der Berliner Mauer. Auf der anderen Seite stellte die außerordentliche Trägheit der sowjetischen Bürokratie sicher, dass die Finanzierung der ausländischen kommunistischen Parteien noch nach dem Mauerfall weiterging. Insbesondere das sowjetische Interesse an der italienischen Politik blieb bestehen, und die Subventionierung bestimmter politischer Kräfte und Strömungen sowie Handels- und Vermittlungsunternehmen wurde bis zum Zusammenbruch des Regimes und zur Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 beibehalten. Schlussfolgerungen Diese Untersuchung der Finanzierung der PCI durch die Sowjetunion, die sich auf zuvor nicht verfügbare Archivquellen stützt, ist der Ausgangspunkt einer komplexen historischen Rekonstruktion der jahrzehntelangen Praxis der Sowjetunion, die PCI zu finanzieren. Die Historikern heute zugänglichen Dokumente enthalten so gut wie definitive Daten zur direkten Finanzierung – durch in Dollar bereitgestellte und vom Politbüro der KPdSU genehmigte Gelder – verschiedener prosowjetischer Kräfte in Italien während des Kalten Krieges. Was die indirekte Finanzierung angeht, das heißt jene, die über Gefälligkeitspreise, Provisionen und andere derartige Praktiken erfolgte und über Handelsunternehmen und Vermittlungsagenturen abgewickelt wurde, die von kommunistischen Parteien kontrolliert wurden, ist das Recherchefeld dagegen noch kaum bearbeitet. Vergleicht man die beiden Varianten finanzieller Unterstützung, so kommt man zu dem Schluss, dass bei einigen kommunistischen Parteien, wie der italienischen, französischen, griechischen, zypriotischen und portugiesischen, die indirekten Hilfen und Subventionen die direkten um ein Mehrfaches überstiegen. Die aktuell einsehbaren Quellen gestatten es jedoch nicht, die Gesamtsummen der indirekten Hilfen abzuschätzen, und lassen keine Aussage darüber zu, in welchem Maße sie der Partei selbst zugute kamen, um die übliche Bandbreite politischer Aktivitäten zu subventionieren, und welcher Anteil für das Funktionieren der Unternehmen verwendet wurde, für die Löhne der Angestellten oder die persönliche Bereicherung von Mittelsmännern. Außerdem wurde auch noch nicht der Versuch unternommen, die verwickelte Ge­­schichte der Bewegung der Kämpfer für den Frieden zu erhellen, die unter Stalins Führung initiiert, organisiert und finanziert wurde.50 Der finanzielle Aufwand der Sowjet­union zur Aufrechterhaltung der riesigen Bürokratiemaschinerie derer, die sowohl in den westlichen Ländern als auch in der Sowjetunion hauptberuflich den Kampf für den Frieden führten, war enorm. Er beinhaltete immense Ausgaben für die Organisation regelmäßiger Weltkongresse für den Frieden und für den Unterhalt einer dauerhaften bürokratischen Struktur in Gestalt des Ständigen Komitees der Kämpfer für den Frieden. Es hatte die Aufgabe, die Aktivitäten verschiedener internationaler Organisationen wie der internationalen Gewerkschaftsverbände oder der Demokratischen Frauenföderation, die ebenfalls auf Initiative und mit finanzieller Unterstützung der Sowjetunion geschaffen worden waren, zu koordinieren und zu finanzieren.51 Ein beträchtlicher Teil der Gelder für die Bewegung der Kämpfer für den Frieden ging an westliche kommunistische Parteien und bildete einen gesonderten dritten Kanal, über den diese Parteien Hilfen aus der Sowjetunion erhielten. Eine historische Untersuchung der Rolle der UdSSR bei der Förderung und Finanzierung der antiamerikanischen Friedensbewegung – insbesondere die Rekonstruktion des dichten Beziehungsnetzes zwischen ihren westlichen Organisatoren und den Führern in Moskau – steht noch aus. Die bisher zur Verfügung stehenden Dokumente erlauben jedoch, zu einer historischen Bewertung der Auswirkungen der sowjetischen Finanzhilfen an die Kommunisten bzw. die diversen prosowjetischen Kräfte auf das politische System Italiens zu kommen. Ich will hier keine pauschale Synthese formulieren, sondern mich auf diejenigen Konsequenzen dieser Praxis beschränken, die mir am wichtigsten erscheinen. Wie schon angemerkt, gehen die sowjetischen Finanzhilfen an die italienischen Kommunisten, chronologisch betrachtet, auf die Jahre der Komintern zurück und stellen die Fortführung einer Politik der »Klassensolidarität« und der Unterstützung revolutionärer Kräfte dar, wie sie von der Komintern seit Anfang der Zwanzigerjahre kultiviert wurde. Die finanzielle Unterstützung der antikommunistischen Parteien Italiens, in erster Linie der Democrazia Cristiana (Christdemokratische Partei, DC), in der frühen Nachkriegszeit war zweifellos eine Antwort der USA auf die sowjetische Provokation. Diese chronologische Betrachtung darf nicht so interpretiert werden, als wolle sie die Verantwortung für den Ausbruch des Kalten Krieges einer der Konfliktparteien zuschreiben, aber auch nicht als Versuch, die Finanzierung der rivalisierenden Parteien Italiens durch die Sowjetunion bzw. die Vereinigten Staaten lediglich als Abfolge von Herausforderungen und Antworten bzw. Aktionen und Reaktionen der beiden Supermächte zu interpretieren und sie so auf die gleiche Stufe zu stellen. Der amerikanische Historiker John Lewis Gaddis hat zu Recht die »unglückliche Tendenz, die auf die Theorie der internationalen Beziehungen zurückgeht«, beklagt, »sich in einer Weltsicht einzuschließen, die allen größeren Regimes die gleiche Legitimität und die mehr oder weniger gleiche Respektabilität zuschreibt, und dabei deren Wurzeln und die Methoden, mit denen sie ihre Macht aufrechterhalten, unberücksichtigt zu lassen«.52 Diese Tradition hat dazu geführt, dass Politik und Verhalten totalitärer und demokratischer Regime als gleichwertig betrachtet werden, ohne Rücksicht auf die radikalen Unterschiede zwischen den politischen Systemen, den Methoden zur Konsensbildung und den außenpolitischen Zielen. Der Einsatz von Finanzmitteln zur Förderung eines demokratischen Mehrparteiensystems verlangt nach einer radikal anderen historischen Bewertung als derjenige zur Etablierung eines von einem totalitären System abhängigen Einparteienstaats. Ein weiterer Unterschied zwischen den amerikanischen und den sowjetischen Finanzhilfen besteht in ihrer Dauer. Erstere waren zeitlich begrenzt, denn nachdem das italienische Produktivsystem gestärkt war, ersetzten die Regierungsparteien sie großteils durch interne Quellen, während Letztere in unterschiedlichen Formen mindestens bis zum Fall der Berliner Mauer fortgeführt wurden. Die PCI könnte sich ins Guinness-Buch der Rekorde eintragen lassen als diejenige Partei, die großzügiger und länger als jede andere europäische oder amerikanische Partei des 20. Jahrhunderts von einer ausländischen Macht finanziert wurde. Auch wenn man die radikal unterschiedliche Wertigkeit der amerikanischen und sowjetischen Finanzierung der italienischen Parteien für die demokratische Zukunft des Landes anerkennt, darf man nicht die schwerwiegenden Folgen dieser Praxis für die Demokratie vergessen. Die Finanzierung der politischen Kräfte Italiens von außen hat eine tiefgreifende Umwälzung des gesamten demokratischen Prozesses mit sich gebracht. Der Wille des Volkes wurde verdreht und verfälscht, weil grundsätzliche Parameter der repräsentativen Demokratie – der Organisationsgrad und der Erfolg der Mobilisierung der Bürger und der Parteienwerbung – größtenteils von ausländischen und illegalen Ressourcen abhingen. Die Finanzierung von außen hat auch das italienische Parteiensystem sehr stark geprägt, denn die Stimmenverteilung und das politische Gewicht einer jeden Partei wurden jahrzehntelang von ausländischem Geld und schwarzen Kassen beeinflusst. Dank der Finanzhilfen der Sowjetunion konnte die PCI viele Funktionäre bezahlen, von deren Arbeit wiederum die Massenmobilisierung und die Wahlbeteiligung abhingen. Die parteieigene Presse und ihre Verlage waren ebenso lang durch großzügige sowjetische Beiträge subventioniert. Die Parteien, die solche Unterstützung von außen nicht zur Verfügung hatten, mussten Meinungsparteien mit einer begrenzten Anzahl von Mitgliedern bleiben oder sich, wenn sie mit den »subventionierten« Parteien Schritt halten wollten, interne Ressourcen suchen. Korruption und Unmoral, missbräuchliche Verwendung öffentlicher Gelder und Bürokratisierung der Massenparteien mit einem unverhältnismäßigen Anwachsen ihres Apparats waren unvermeidliche Folgen. Das unkontrollierte und unkontrollierbare Fließen von Geldern führte zu einem Klima diffuser Illegalität. In seinem Buch Soldi & partiti [Geld und Parteien] analysiert der Historiker Massimo Teodori, wie diese Illegalität in den Neunzigerjahren die italienische Politik auf den Kopf gestellt hat. Er kommt zu dem Schluss, dass »die Einzigartigkeit des Falls Italien in der Tatsache besteht, dass nie zuvor in der westlichen Welt ein politisches Regime unter dem Gewicht illegaler Parteienfinanzierung zusammengebrochen ist, und dies als Folge des beharrlichen Widerstands der herrschenden Klasse, eine ehrliche öffentliche Auseinandersetzung zu führen.«53 Das Schweigen der Regierung zur sowjetischen Finanzierung ermöglichte es den politischen Kräften im Italien der Nachkriegszeit, sich trotz ausgeprägter Gegensätze mehr oder weniger friedlich miteinander zu arrangieren. Ein Kompromiss, bei dem die politische Stabilität darauf basiert, den Bürgern Informationen vorzuenthalten und eine demokratische Auseinandersetzung zu unterdrücken, hat jedoch seinen Preis. Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als habe jener Innenminister, der dazu riet, das Geld aus Moskau ungehindert nach Italien kommen zu lassen, ein nationales Interesse gewahrt, denn die beachtlichen Summen bedeuteten, dass man dem Volk Arbeitsplätze schenken konnte. Doch ergibt eine intensivere Analyse, dass die verbreitete Illegalität, in die jahrelang Politiker, Unternehmer, Finanziers und Parteifunktionäre verstrickt waren, auch unangenehme Folgen hatte. Die schweigende Akzeptanz oder gar Billigung der Praxis der Finanzierung durch die Sowjetunion verwandelte sich in eine Schwächung des Staatssinns und der nationalen Identität. Das Schweigen schuf uneingestandene Komplizenschaften, formte die Angewohnheit, Verbindungen zwischen italienischen Bürgern und KGB-Agenten zu ignorieren, und machte es schwieriger, im Land einen antitotalitären Konsens zu schaffen. Aus dem Italienischen von Birgitta Höpken 1 Gianni Cervetti: L’oro di Mosca. La testimonianza di un protagonista [Das Moskauer Gold. Zeugnis eines Protagonisten], Mailand 1993, S. 11. 2 Diese Dokumentation findet sich im Archivio Commissione Stragi, Fondo della Procura russa / Archiv der Commissione Stragi, Bestand der russischen Staatsanwaltschaft (im Folgenden: ACS PR). 3 Laut E. Reale, zit. in: Giorgio Bocca: Palmiro Togliatti, Roma, Bari 1973, S. 482. 4 Bericht über die Unterredung zwischen dem sowjetischen Botschafter Michail Kostylev und dem Mitglied des Parteivorstandes der PCI Edoardo D’Onofrio vom 28. Dezember 1946, in: Archiv vnešnej politiki Rossijs­koj Federacii / Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation (im Folgenden: AVP RF), f. 06, op. 9, d. 810, pap. 54, S. 144. 5 Sergej Michajlov an Andrej Vyšinski, 19. Mai 1947, in: AVP RF, f. 098, op. 30, d. 29, pap. 172. 6 Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii / Staatliches Archiv für Gesellschafts- und Politikgeschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 77, op. 3, d. 93, S. 85 f. 7 Siehe Protokoll der Unterredung zwischen Stalin und Pietro Secchia, in: Istochnik (1993), H. 5–6, S. 123–126. 8 Der amerikanische Konsul in Florenz, Reed, an das State Department, 15. Juni 1950, in der Mikrofilm-Edition »Italy, International affairs 1950–1954. Confidential U. S. State Department Central Files«, reel 8, S. 585–588. 9 Michail Kostylev – Matteo Secchia, 6. März 1948, in: AVP RF, f. 098, op. 31, d. 14, pap. 179, S. 170 f. 10 Ebd., S. 171. 11 Der Sekretär der sowjetischen Botschaft in Rom, Grigori Bogemski – Matteo Secchia, 23. Mai 1949, in: AVPRF, f. 09, op. 32, d. 7, pap. 193, S. 93. 12 Grigori Bogemski – Giuliano Pajetta, 30. Juni 1948, AVPRF, f. 098, op. 31, d. 11, pap. 179, S. 120. 13 Hoover Institution Archives (im Folgenden: HIA), f. 89, file 38, doc. 22. 14 Brief des Vorsitzenden der außenpolitischen Kommission V. Grigorian an Stalin vom 24. Juni 1950, in: HIA, f. 89, file 38, doc. 23, S. 3 ff. 15 HIA, f. 89, file 38, doc. 19, S. 5. 16 Für einen Gesamtüberblick über die jährlichen Zahlungen der Sowjetunion an die ausländischen kommunistischen Parteien siehe Victor Zaslavsky: I finanziamenti sovietici alle forze politiche italiane di sinistra [Die Finanzierung der politischen Kräfte der Linken in Italien durch die Sowjetunion], in: Nuova Storia Contemporanea [Neue Zeitgeschichte] (1999), H. 6, S. 29–54 und Valerio Riva (mit Francesco Bigazzi): Oro da Mosca [Gold aus Moskau], Mailand 1999. 17 HIA, f. 89, file 38, doc. 24, S. 1. 18 Ebd., doc. 33, S. 4. 19 Brief von Boris Ponomarev an das ZK der KPdSU vom 27. Januar 1956, in: ebd., S. 5. 20 Protokoll der Präsidiumssitzung des ZK der KPdSU vom 6. Dezember 1956, in: HIA, f. 89, file 38, doc. 19, S. 2. 21 Siehe ebd., doc. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 25. 22 Ebd., doc. 7. 23 Ebd., doc. 8 und doc. 31. 24 Ebd., doc. 9. 25 Siehe ebd., doc. n. 12, S. 4. 26 Brief von Boris Ponomarev an das ZK vom 29. März 1972, in: ACS PR, doc. n. 2. 27 ACS PR, doc. n. 3. 28 Im Brief an das ZK vom 13. April 1974 fasste Boris Ponomarev die Argumentation der PCI-Führung zusammen: »Anhand von Informationen, die der rechte Flügel der italienischen Christdemokraten besitzt, will er das Referendum dazu nutzen, den demokratischen Kräften, insbesondere der PCI, einen harten Schlag zu versetzen und damit die politische Achse in Italien nach rechts zu verschieben und zukünftig im Land eine Regierung der ›eisernen Faust‹ zu installieren, die innen- wie außenpolitisch einen reaktionäreren und NATO-freundlichen Kurs einschlagen würde.«, in: ACS PR, doc. n. 12. 3. 29 Anatoli Černjaev: Moya zhizn e moe vremya, Moskau 1995, S. 343. 30 ACS PR, doc. n. 16, 17, 18 31 Cervetti: L’oro di Mosca (Anm. 1), S. 97. 32 HIA, f. 89, op. 38, doc. 39, S. 1. 33 Ebd., doc. 40, S. 2. 34 Ebd., doc. 44, S. 1; doc. 46, S. 1. 35 Ebd., doc. 47, S. 1. 36 Brief von Anatoli Dobrynin an das Zentralkomitee der KPdSU vom 21. November 1987, in: HIA, f. 89, op. 38. 37 Siehe Ken Jowitt: New World Disorder. The Leninist Extinction, Berkeley 1992. 38 Dokument »Mare« der Allgemeinen Abteilung des Zentralkomitees der KPdSU, in: ACS PR, d. 2052. 39 Der Vizedirektor der Internationalen Abteilung Vadim Zagladin an das Zentralkomitee vom 12. August 1977, in: ACS PR, d. 19. 40 Cervetti berichtet von einer in diesem Kontext bedeutungsvollen Episode. Während eines Treffens mit Ponomarev im Januar 1978 sagte dieser, wir könnten »ganz ruhig sein, auch weil wir immer von dieser Quote aus dem Erdgasvertrag Gebrauch machen können«. Überrascht antwortete Cervetti, er habe dieses Geld niemals verlangt bzw. erhalten und könne dasselbe auch von seinen Mitarbeitern sagen. An diesem Punkt »zeigte sich Ponomarev erstaunt und rief aus: ›Ja aber, wo ist es dann hingekommen?‹ Ich erwiderte, ich hätte in dieser Sache noch nie Sicheres gewusst, sondern mir seien nur vage Andeutungen bekannt.« Cervetti: L’oro di Mosca (Anm. 1), S. 95. 41 HIA, f. 89, op. 8, doc. 25. 42 Brief von Staatsanwalt Valentin Stepankov an den Staatsanwalt der Republik Italien Ugo Giudiceandrea vom 5. Juni 1992, in: ACS PR. 43 Boris Ponomarev: Sulla prestazione di aituo materiale gli amici italiani [Über die materielle Unterstützung unserer italienischen Freunde], 28. Mai 1982, in: ACS PR, doc. n. 26. 44 Boris Ponomarev an das ZK der KPdSU, 17. Januar 1983, in: ACS PR, doc. n. 27. 45 HIA, f. 89, op. 15, doc. 15. 46 Boris Ponomarev an das ZK der KPdSU, 17. Januar 1983, in: ACS PR, doc. n. 27. 47 Anatoli Dobrynin an Michail Gorbačëv, April 1986, in: ACS PR, doc. n. 28. 48 Anatoli Dobrynin an das ZK der KPdSU, 31. Dezember 1986, in: ACS PR, doc. n. 24. 49 Anatoli Dobrynin: Die Frage der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, 21. November 1987, in: HIA, 89, op. 38, doc. 54. 50 L. Gibianski: Kominform v zenite aktivnosti, in: G. Adibekov u. a. (Hg.): Sovescjanija Kominforma. 1947, 1948, 1949. Dokumenty i materialy, Moskau 1998, S. 518. 51 Victor Zaslavsky: L’antiamericanismo organizzato nell’Unione Sovietica staliniana [Der organisierte Antiamerikanismus in der stalinistischen Sowjetunion], in: Piero Craveri / Gaetano Quagliariello (Hg.): L’antiamericanismo in Italia e in Europa nel secondo dopoguerra [Der Antiamerikanismus in Italien und Europa nach dem Zweiten Weltkrieg], Soveria Mannelli 2004. 52 John Lewis Gaddis: The Tragedy of Cold War History, in: Diplomatic History 17 (1993), H. 1, S. 1–16, hier S. 8. 53 Massimo Teodori: Soldi & partiti. Quanto costa la democrazia in Italia? [Geld und Parteien. Was kostet die Demokratie in Italien?], Mailand 1999, S. 22.

JHK 2010

Die KKE und der Bürgerkrieg in Griechenland 1946–1949

VaIos Kalogrias

Bis heute stellt der Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 das größte Trauma der modernen griechischen Geschichte dar. Die Kommunistische Partei Griechenlands (Koμμoυνιστικό Kόμμα Eλλάδας, KKE), die sich während der deutschen Besetzung zur Massenpartei und zum Hauptträger des Widerstands entwickelt hatte, probte nach der Befreiung Ende 1944 den bewaffneten Aufstand. Dieser einzige kommunistische Aufstand im Nachkriegseuropa soll im Folgenden im Kontext der politischen Entwicklung in Osteuropa betrachtet werden. Sein Erfolg bzw. Misserfolg hing nicht unwesentlich von der Bereitschaft der Sowjetunion und der neu geschaffenen kommunistischen Regime auf dem Balkan ab, der KKE politische und militärische Hilfe zu gewähren. Deren Haltung und Handeln gegenüber den griechischen Genossen offenbarte die unterschiedlichen Auffassungen und Interessen der verschiedenen kommunistischen Parteien. Innerhalb des »befreiten Territoriums« der KKE im gebirgigen Hinterland fanden zudem Entwicklungen statt, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt überall im stalinistischen Osteuropa abspielten, insbesondere die Verfolgung politischer und ideologischer Feinde in den eigenen Reihen. In zahllosen Memoiren, Tagebuch-Editionen und Monografien sind verschiedene Aspekte der Geschichte der KKE inzwischen historisch aufgearbeitet worden. Die Beziehungen zu ihren Genossen in den kommunistischen Staaten Osteuropas sind jedoch weitgehend unerforscht geblieben.1 Dafür gibt es zwei wichtige Gründe: Zum einen hatten griechische Historiker vor dem Ende der Sowjetunion keinen Zugang zu den Parteiarchiven der Ostblockländer. Zum anderen unterschätzten sie seit den Siebzigerjahren deren Einfluss auf den Verlauf des Bürgerkriegs. Stattdessen richteten sie ihr Augenmerk auf die Analyse der »britisch-amerikanischen Intervention«, die als dessen Hauptauslöser angesehen wurde.2 Ältere Werke, die während der »antikommunistischen Ära«, der Zeit vor der Wiederherstellung der Demokratie 1974, erschienen waren und die politische wie militärische Abhängigkeit der KKE von den im Entstehen begriffenen »volksdemokratischen« Regimen auf dem Balkan hervor­hoben, wurden als Produkte antikommunistischer Propaganda abgelehnt und gerieten bald in Vergessen­heit.3 Ebenfalls in den Hintergrund getreten ist die Bereitschaft der KKE-Führung, gegen ihre politischen und ideologischen Kontrahenten – auch innerhalb der eigenen Reihen – Gewalt auszu­üben. Der »rote Terror« im Griechenland der Okkupations- und der Bürgerkriegszeit ist für die griechische Linke bis heute ein Tabuthema, eine Diskussion darüber begann erst nach der Veröffentlichung eines Aufsatzes des Politikwissenschaftlers Stathis Kalyvas im Jahr 2000.4 Seine provokante These, die Gewalt der KKE sei zentral gesteuert und bürokratisch organisiert gewesen und sei nicht auf den »Revolutionselan« einiger weniger »Fanatiker« zurückzuführen, blieb nicht unwidersprochen. Die darauffolgende Auseinandersetzung über Ursachen und Formen des »roten Terrors« führte zwar zu heftigen Debatten, befreite aber auch den wissenschaftlichen Diskurs von ideologischen Klischees und Stereotypen und gab der historischen Forschung neue Impulse.5 Gestützt auf neu gewonnene Erkenntnisse der letzten Jahre wird in diesem Beitrag zum einen versucht, die fundamentale Bedeutung der osteuropäischen kommunistischen Parteien – vor allem Jugoslawiens, Albaniens und Bulgariens – für den Erfolg des kommunis­tischen Aufstands in Griechenland herauszustellen. Zum anderen soll die Gewalttätigkeit der KKE untersucht werden. Auch wenn dabei zu beachten ist, dass die Gewaltbereitschaft einer revolutionären Partei in einem Bürgerkrieg generell weitaus größer ist als in Friedenszeiten, sind dennoch gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Bürgerkriegsgewalt der griechischen Kommunisten und der staatlich verordneten Gewalt in den kommunistisch regierten Ländern Osteuropas zu konstatieren. Die KKE vor der deutschen Besatzung Die KKE ist die älteste heute noch aktive politische Partei Griechenlands. Bis zur militärischen Besetzung Griechenlands durch deutsche Truppen im April 1941 spielte sie allerdings keine große politische Rolle. Sie wurde im November 1918 von links orientierten idealis­tischen Intellektuellen als Sozialistische Arbeiterpartei Griechenlands (Σοσιαλιστικό Εργατικό Κόμμα Ελλάδας, SEKE) ins Leben gerufen. Seit ihrem III. Außerordentlichen Parteitag im Dezember 1924 nannte sie sich Kommunistische Partei Griechenlands / Griechische Sektion der Komintern (Κομμουνιστικό Κόμμα Ελλάδας / Ελληνικό Τμήμα Κομμουνιστικής Διεθνούς, KKE / ETKD). Auf diesem Parteitag akzeptierten die Delegierten die 21 Bedingungen der Komintern sowie deren Forderung nach Autonomie der nordgriechischen Provinzen Makedonien und Thrakien. Letzteres brachte der Partei den Vorwurf des »nationalen Verrats« ein, erleichterte die Begründung administrativer Maßnahmen der bürgerlichen Regierungen gegen ihre politische Tätigkeit und isolierte sie von der breiten Masse des Volkes. Die Makedonienpolitik der KKE-Führung wurde auch innerhalb der Partei zum Gegenstand von Kritik. Die Befürworter einer »nationalen Linie« wurden aber alsbald von den Komintern-Anhängern verdrängt, welche die internationale Verpflichtung der Partei zur »proletarischen Solidarität« durchsetzen konnten.6 Angesichts der internen Divergenzen und Spaltungstendenzen war die KKE nicht in der Lage, von den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs zu profitieren und politische Erfolge zu verbuchen. Sie vermochte zum Beispiel nicht, die circa 1,5 Millionen griechischen Flüchtlinge zu erreichen, die 1923 /24 nach der Niederlage im Krieg gegen die Türkei aus Klein­asien gekommen waren und ein elendes Dasein in den Städten führten. Obwohl die offizielle nationale Ideologie des griechischen Staates, der Traum von der Wiederaufrichtung des byzantinischen Reiches (die »Große Idee«), nach der »kleinasiatischen Katastrophe« – der verheerenden Niederlage des griechischen Heeres in der Türkei 1922 – schwere Risse bekam, blieb der Einfluss des Marxismus in Griechenland sehr begrenzt. Die politische Szene beherrschten nach wie vor die bürgerlichen Akteure, die Liberalen und die royalistische Volkspartei.7 Die überragende Dominanz des bürgerlichen Lagers wurde in den Parlamentswahlen der Zwischenkriegszeit mit aller Deutlichkeit bestätigt.8 Verantwortlich für die mangelnde politische Bedeutung der KKE waren zum großen Teil die erbitterten Fraktionskämpfe. Als »Rechtsabweichler«, »Opportunisten« und »Trotzkisten« diffamiert, wurden führende Mitglieder wie der gegen die Makedonienpolitik polemisierende ehemalige Generalsekretär (1921–1924), der marxistische Historiker Ioannis Kordatos, aus der Partei ausgeschlossen. Erst als der in Moskau geschulte Stalinist Nikos Zachariadis nach Intervention der Komintern im Dezember 1931 zum Parteichef gekürt wurde, war die Phase der ideo­logischen Wirren und parteiinternen Auseinandersetzungen beendet.9 Der 1903 in Adrianopel (heute Edirne) geborene Zachariadis war in Kleinasien aufgewachsen und hatte als Hafenarbeiter in Konstantinopel und später als Seemann auf Schwarzmeerschiffen gearbeitet. 1923 war er der Kommunistischen Partei der Türkei beigetreten, kurze Zeit später hatte er die sowjetische Parteihochschule KUTV besucht. Im Auftrag der Komintern war Zachariadis 1924 nach Griechenland gekommen, wo er verschiedene Posten in der Föderation der Kommunistischen Jugend Griechenlands (Ομοσπονδία Κομμουνιστικών Νεολαιών Ελλάδας, OKNE) bekleidete. 1929 bis 1931 absolvierte er eine Kaderausbildung in der Sowjetunion.10 Ähnlich wie Zachariadis stammten auch viele andere Kader der KKE aus Kleinasien und bestritten ihren Lebensunterhalt als Arbeiter. Sie bildeten die neue moskautreue Führung der Partei. Unter der straffen Leitung des neuen Generalsekretärs wurde die KKE in den nächsten Jahren zu einer streng monolithischen Kaderpartei stalinistischen Typs umgeformt. Auch ein Perso­nenkult um Zachariadis setzte nun ein. Auf dem V. Parteitag im März 1934 wurde die sogenannte Volksfrontpolitik beschlossen und auf dem ΙΙΙ. Plenum des Zentralkomitees (ZK) im April 1935 die Parole »Autonomes Makedonien« zugunsten einer Politik der »völligen Gleichheit aller Minderheiten« innerhalb des griechischen Staatswesens aufgegeben. Diese Entscheidungen führten zusammen mit der Weltwirtschaftskrise dazu, dass sich viele von den alten Parteien enttäuschte Wähler der KKE zuwandten. Da es in Griechenland keine sozialdemokratische Bewegung von Bedeutung gab, avancierte die KKE zum bedeutendsten Sprachrohr der Linken. Bei den Wahlen am 28. Januar 1936 erhielt sie 5,76 Prozent der Stimmen und 15 Parla­mentssitze.11 Am 4. August 1936 etablierte General Ioannis Metaxas seine rechtsautoritäre Diktatur. Er beschwor die »kommunistische Gefahr« und gewann die Zustimmung des griechischen Königshauses. Dies verhinderte den weiteren Aufstieg der KKE. Die Partei zählte zu den unversöhnlichsten Feinden des sogenannten Regimes vom 4. August und litt enorm unter systematischen Verfolgungen. Innerhalb kürzester Zeit wurden etwa 1000 Mitglieder sowie ein Teil der Parteileitung, darunter auch Zachariadis, verhaftet. Der Parteiapparat der KKE wurde größtenteils zerschlagen; nur einzelne Gruppen entkamen den Verhaftungen und konnten sich in der Illegalität behaupten. Bis Herbst 1940 befanden sich etwa 2000 Kommunisten in Gefängnissen oder auf Verbannungsinseln. Die Parteizeitung Rizospastis (Der Radikale) wurde verboten, ebenso Druck, Verkauf und Verteilung linker Literatur.12 Dem berüchtigten Sicherheitsminis­ter Konstantinos Maniadakis, der Vertreter seiner Geheim­polizei in NS-Deutschland ausbilden ließ, gelang es, seine Agenten in Spitzenpositionen der KKE einzuschleusen und sogar ein Zentralkomitee mit eigener Parteizeitung aufzustellen. Unter den im Untergrund agierenden Mitgliedern herrschten deshalb große Verwirrung und tiefes Misstrauen.13 Aufstieg der KKE Die deutsche Besetzung Griechenlands im April 1941 und der damit verbundene rasche Zusammenbruch der Metaxas-Diktatur brachten ein politisches Vakuum mit sich, das den einzigartigen Aufstieg der KKE begünstigte. Unter der deutschen, italienischen und bulgarischen Okkupation wuchs die kleine Partei zur einflussreichsten Massenbewegung im besetzten Land an. Zählte die KKE 1936 nur 14 000 Mitglieder, so waren es Ende 1944 350 000.14 Diese kamen aus allen Schichten der Bevölkerung. Die in den Wirren der ersten Besatzungsmonate freigelassenen oder entflohenen Kommunisten15 stellten bald die Einheit der Partei wieder her. Nach einer kurzen Reorganisa­tionsphase entwarf die KKE unter dem Eindruck des deutschen Überfalls auf die Sowjet­union ihre neue politische Linie: Kampf gegen die Besatzer und die griechischen Kollaborationsregierungen sowie Unterstützung und Verteidigung der Sowjetunion. Das Endziel der Partei, eine »Volksdemokratie« nach sowjetischem Vorbild zu errichten, wurde dabei nicht aufgegeben. Im August 1941 erschien erstmals während der Okkupation wieder der vom ZK illegal herausgegebene Rizospastis.16 Während die alten Parteien eher in Auflösung begriffen waren, konnten die Kommunisten beim Aufbau der Résistance auf ihre langjährige Erfahrung im Untergrund zurückgreifen und wiesen dabei enorme Opferbereitschaft auf. Sie gründeten die stärkste politische Widerstandsbewegung, die Nationale Befreiungsfront (Εθνικό Απελευθερωτικό Μέτωπο, EAM), und stellten mit der überregionalen Griechischen Volksbefreiungsarmee (Ελληνικός Λαϊκός Απελευθερωτικός Στρατός, ELAS) die effektivste Guerillastreitmacht auf. Trotz dieser Erfolge zeigte sich die Sowjetunion an der KKE nicht besonders interessiert; Grund war die seit dem 19. Jahrhundert andauernde politische und wirtschaftliche britische Vormachtstellung in Griechenland, die von Stalin nicht infrage gestellt wurde. Zwischen Moskau und den griechischen Kommunisten gab es daher während der Okkupation keine direkte Verbindung.17 Dies ermöglichte der KKE, einen relativ unabhängigen Kurs einzuschlagen und gemäß der »Volksfrontpolitik« der Dreißigerjahre eine eher »patriotische« Linie zu verfolgen. »Brüderliche« Kontakte pflegte sie zu den kommunis­tischen Parteien Jugoslawiens und Albaniens. Allerdings trübten Streitigkeiten über nationale und territoriale Fragen – etwa über den Status der slawischsprachigen Minderheit in West­makedonien – das Verhältnis unter den Genossen.18 Der Guerillakampf der ELAS gegen die Besatzungsmächte ging mit der Etablierung eines »Gegenstaats« durch die EAM einher. Als die ELAS ab dem Frühjahr 1943 weite Teile des Landes, etwa Thessalien und Westmakedonien, kontrollierte, schaffte die EAM in den »befreiten« Gebirgsregionen die örtlichen Institutionen der Kollaborationsregierungen ab und errichtete neue Verwaltungsstrukturen.19 Die ELAS wiederum übernahm in diesem sogenannten »Freien Griechenland« »Ordnungsaufgaben« und erhob Steuern. Guerillagerichte traten zusammen, um »Verbrecher« zu verurteilen, zivile Angelegenheiten wurden lokalen »Volksversammlungen« und »Volksgerichten« überlassen. Unter den wachsamen Augen der KKE bildeten diese die höchsten Gremien einer von den Kommunisten selbst viel gepriesenen »kommunalen Selbstverwaltung«.20 Tatsächlich war das »Freie Griechenland« die Vorstufe einer stalinistischen »Volksdemokratie«.21 Die KKE stand an der Spitze des EAM-Staats, sie übte die politische Macht aus und besaß das Informationsmonopol. Die ELAS konsolidierte als ihr bewaffneter Arm den Herrschaftsanspruch der Partei. Kritische Stimmen wurden zum Schweigen gebracht und politische Gegner als »Volksfeinde« und »Kollaborateure« verfolgt. Bewaffnete Widerstandsgruppen bürgerlicher Armeeoffiziere (zum Beispiel das »Evzonen-Regiment 5 / 42« des liberalen Obersts Dimitris Psarros) wurden gewaltsam aufgelöst, ihre führenden Köpfe ermordet oder vertrieben. Auch sogenannte Trotzkisten und die seit 1924 unabhängig agierenden »Archäomarxisten« litten unter dem Machtdiktat der KKE. Ihre Verfolgung erreichte in der Endphase der Okkupation und während der Dekemvriana, der Schlacht um Athen zwischen der ELAS und regierungstreuen und britischen Truppen im Dezember 1944, ihren Höhepunkt. Vor allem in Athen führte die KKE zahlreiche Hinrichtungen durch, ein prominentes Beispiel ist die Ermordung von Kitsos Maltezos, dem charismatischen Anführer der national gesinnten Studenten, am 1. Februar 1944.22 Der geheime Terrorapparat der KKE, die »Organisation zum Schutz des Volkskampfes« (Οργάνωση Προστασίας Λαϊκού Αγώνα, OPLA), perfektionierte das System der Ermordung politischer und ideologischer Feinde und soll unmittelbar nach der Befreiung im Oktober 1944 600 Trotzkisten, Abtrünnige der KKE und Anarchisten umgebracht haben.23 Machtkampf nach dem Abzug der Besatzungstruppen Nach dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen im Oktober 1944 bereitete sich die KKE auf einen Machtkampf vor. Im Dezember intervenierte das britische Militär und verhinderte einen Sieg der kommunistischen Aufständischen in Athen. Die demoralisierte ELAS nahm bei ihrem Rückzug Tausende von Geiseln; viele von ihnen wurden exekutiert, darunter die bekannte Theaterschauspielerin Eleni Papadaki. Gemäß dem »Prozentabkommen« von Moskau im Oktober 1944 mischte sich Stalin in die griechischen Ereignisse nicht ein. Auch die in Jugoslawien, Bulgarien und Albanien an die Macht gekommenen kommunistischen Parteien gewährten der ELAS keine militärische Unterstützung. Der bulgarische KP-Chef Georgi Dimitrov teilte den griechischen Genossen mit, Jugoslawien und Bulgarien könnten ihnen aufgrund der internationalen Lage keinen militärischen Beistand leisten. Sie sollten ihre Kräfte bewahren und auf einen günstigeren Zeitpunkt warten, um ihr »demokratisches Programm« zu verwirklichen.24 Nach der militärischen Niederlage der ELAS unterzeichnete die KKE im Februar 1945 das Abkommen von Varkiza, das die Demobilisierung der ELAS anordnete und die Freilassung aller von ihr inhaftierten Geiseln regelte. Außerdem sah das Abkommen ein Plebiszit über die konstitutionelle Frage und die Durchführung freier Wahlen zum frühestmöglichen Zeitpunkt vor. Ferner garantierte es die Sicherung der Grundrechte, die Schaffung einer nationalen Armee nach dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht und die Entfernung von Kollaborateuren aus dem öffentlichen Dienst, der Polizei und der Gendarmerie. Alle politischen Verbrechen während der Dekemvriana wurden amnestiert.25 Der Friedensvertrag erweckte den Anschein eines politischen Neubeginns. Doch die Beendigung der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen stellte sich als unmöglich heraus. Zachariadis schrieb später, das Varkiza-Abkommen habe eine notwendige »Pause« ermöglicht, die der KKE Zeit verschaffen sollte.26 Wahrscheinlich aus diesem Grund ließ die KKE-Führung einen Teil der Waffen der ELAS in geheimen Waffenlagern verstecken. Das Varkiza-Abkommen garantierte zwar die freie politische Entfaltung der KKE im bürgerlichen Nachkriegsstaat, unter den damaligen Bedingungen aber hatte die Partei kaum Chancen, sich politisch zu betätigen. Ihre Anhänger wurden von Polizei und Gendarmerie verhaftet und von rechtsextremen paramilitärischen Gruppen wie der »Chi« (X) terrorisiert. Bis Dezember 1945 wurden 48 956 Mitglieder von EAM und ELAS strafrechtlich verfolgt, die Entlassung von Kollaborateuren aus dem Staatsapparat jedoch blieb weitgehend aus. Die Regierung war nicht in der Lage, sich Autorität zu verschaffen und der willkürlichen Gewalt antikommunistischer Organisationen ein Ende zu setzen. Aufgrund zunehmender Repressionen sahen sich Zehntausende ehemaliger ELAS-Mitglieder gezwungen, Griechenland zu verlassen und in die kommunistischen Balkanstaaten zu fliehen. Tito hatte sich bereit erklärt, unbewaffneten griechischen Flüchtlingen in Jugoslawien politisches Asyl zu gewähren.27 Allein im Januar und Februar 1945 überquerten etwa 3000 Elasites die Grenzen nach Jugoslawien und Albanien,28 viele von ihnen im Auftrag der KKE.29 Das Partei-ZK in Athen schwankte zwischen einer friedlichen und einer revolutionären Reaktion. In dieser Situation wurde bekannt, dass der 1941 nach Dachau deportierte Zachariadis noch am Leben war. Am 29. Mai kehrte der frühere Generalsekretär der KKE nach Griechenland zurück und übernahm wieder die Leitung der Partei. Zachariadis, von der Parteibasis wie ein Messias verehrt, sollte die schwere Krise beenden, die Fehler der Vergangenheit korrigieren und das angeschlagene Prestige der KKE wiederherstellen.30 Die von Zachariadis in der folgenden Zeit abgegebenen Erklärungen deuteten auf eine Eskalation hin. Zunächst forderte er den Abzug der in Griechenland stationierten britischen Truppen und verteidigte die sogenannten Selbstschutzgruppen, die aus ehemaligen Angehörigen der ELAS bestanden und rechtsextremer Gewalt entgegentreten sollten. Diese Gruppen hatten zwar nicht das Ziel, eine »Volksdemokratie« zu errichten, spielten aber eine wichtige Rolle im aufkommenden Bürgerkrieg.31 1945 wurde die Gesamtzahl ihrer Mitglieder auf 3000 geschätzt. Offiziell wurden sie von der KKE nicht anerkannt, inoffiziell erhielten sie aber Unterstützung und Informationen über die Bewegungen der Sicherheitskräfte.32 Beim II. Plenum des ZK vom 12. bis 15. Februar 1946 trat Zachariadis dafür ein, über die »Selbstverteidigung« den bewaffneten Kampf gegen den »Monarchofaschismus«, also gegen den bürgerlichen Staat, vorzubereiten. Nach Ansicht des Parteiführers schuf die Existenz der »Volksdemokratien« in den Staaten nördlich von Griechenland ideale Bedingungen für den Erfolg einer sozialistischen Revolution.33 Das II. ZK-Plenum stellte einen tiefen Einschnitt in der Parteigeschichte dar, dennoch ist in der Bürgerkriegsforschung umstritten, ob der Generalsekretär der KKE zu diesem Zeitpunkt wirklich die Etablierung eines kommunistischen Regimes im Sinn hatte. Es ist nicht auszuschließen, dass Zachariadis zunächst nur Druck auf die Regierung ausüben wollte, um politische Zugeständnisse zu erreichen.34 Nicht vergessen werden darf die sowjetische Haltung: Obwohl Moskau militärische Aktionen nur in begrenztem Umfang befürwortete, stand die Sowjetunion der bewaffneten Tätigkeit der KKE nicht gleichgültig oder ablehnend gegenüber. Gegen die Tätigkeit der »Selbstschutzgruppen« hatte die sowjetische Führung nichts einzuwenden, sie bestand jedoch zugleich auf einer Beteiligung der KKE am parlamentarischen Leben.35 Die explosive Lage in Griechenland kam ihr nicht ungelegen, da die britische Außenpolitik mit einem neuen Unruheherd auf der internationalen Bühne konfrontiert wurde. Für den bevorstehenden Kampf strebte die KKE an, internationale Unterstützung zu gewinnen. Am Rande des Parteitags der tschechischen und slowakischen Kommunisten in Prag Ende Februar / Anfang März 1946 führte Zachariadis Gespräche mit Delegierten anderer kommunis­tischer Parteien. Die französischen und italienischen Kommunisten lehnten den Gedanken des bewaffneten Kampfs in Griechenland ab und traten für eine Beteiligung der KKE an den Parlamentswahlen Ende März ein, die tschechischen Genossen dagegen versprachen Waffenlieferungen. Die Vertreter der KPdSU und der bulgarischen KP rieten Zachariadis zu großer Vorsicht. Nur die jugoslawischen Kommunisten sicherten ihm bei einem Besuch in Belgrad tatkräftige Unterstützung zu.36 Als Gegenleistung erwarteten sie vermutlich, dass im Fall einer erfolgreichen Machtergreifung der KKE die makedonischen Gebiete Griechenlands in die jugoslawische »Volksrepublik Mazedonien« eingegliedert werden würden.37 Ob die KKE schon 1946 einer solchen Lösung der Makedonischen Frage zugestimmt hätte, ist allerdings fraglich. Nach einem persönlichen Treffen mit Stalin im April wurde Zachariadis schließlich sowjetische Militärhilfe in Aussicht gestellt.38 Offiziell vermied Stalin aber jegliche Einmischung in den bevorstehenden Bürgerkrieg. Beginn des Guerillakampfs Überzeugt von der Unmöglichkeit eines »friedlichen Übergangs zum Sozialismus« – vor allem wegen der britischen »Vormundschaft« –, steuerte die KKE auf eine bewaffnete Konfrontation zu. Trotz sowjetischer Empfehlungen boykottierte sie die Parlamentswahlen vom 31. März 1946 und demonstrierte damit ihre Ablehnung des parlamentarischen Systems. Die Wahlen wurden von einer Alliierten-Kommission überwacht, die aus Vertretern der USA, Großbritanniens und Frankreichs bestand. Die Sowjetunion hatte sich geweigert, sich zu beteiligen. Um eine Einmischung des Westens in ihren Einflussbereich zu verhindern, wollte sie vermeiden, dass ähnliche Kommissionen für Rumänien oder Bulgarien gebildet würden.39 Am Vorabend der Wahlen fand der erste Überfall einer kommunistischen Guerillaeinheit statt, und zwar auf das Dorf Litochoro im Olympgebiet, mit dem Ziel, die lokale Einheit der Gendarmerie zu entwaffnen und aufzulösen. Die Operation verlief erfolgreich; einige Gendarmen wurden getötet, Waffen und Lebensmittel erbeutet.40 Diese Aktion hatte Zachariadis selbst angeordnet, offiziell übernahm die KKE jedoch nicht die Verantwortung.41 Weder in der kommunistischen noch in der bürgerlichen Presse wurde dem Vorfall besondere Bedeutung zugemessen.42 In der Retrospektive aber – vor allem in den Memoiren kommunistischer Führungsmitglieder – wurde er als Auftakt des Guerillakriegs der KKE bezeichnet.43 Nach dem Überfall auf Litochoro fanden weitere bewaffnete Aktionen statt, in Makedonien und Thessalien bildeten sich neue Guerillaeinheiten. Die Existenz dieser Einheiten machte den Aufbau einer zentralen Leitung erforderlich. Mitte Juli 1946 beauftragte Zachariadis das ZK-Mitglied Markos Vafeiadis, die Aktionen der Guerillas zu koordinieren. Diese sollten gegen die paramilitärischen Organisationen der Rechten operieren, aber Zusammenstöße mit der Armee vermeiden.44 Auch Giannis Ioannidis, zweiter Mann in der Parteihierarchie und Mitglied des Politbüros des ZK, schrieb in einem Bericht am 25. August, das Ziel des Guerillakampfs sei nicht der offene Aufstand. Man wolle nur den Briten das Leben schwer machen und die Moral der KKE-Mitglieder stärken. Ioannidis wies ferner auf die Notwendigkeit einer Unterstützung durch die Sowjetunion, durch Jugoslawien und Albanien hin.45 Die KKE-Spitze war sich darüber im Klaren, dass der bewaffnete Kampf ohne die Hilfe der »Bruderparteien« zum Scheitern verurteilt war. In einem Schreiben vom 17. September 1946 bat das KKE-Mitglied Petros Roussos die Sowjetunion um militärische Hilfe und die Entsendung von Lebensmitteln und Medikamenten. Die KKE beabsichtige, so Roussos, die Zahl der Guerillas in den nächsten Monaten auf 20 000 zu erhöhen.46 Nach dem Plebiszit vom 1. September, bei dem sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung für die Rückkehr des Königs Georg II. aus dem Exil ausgesprochen hatte, nahmen die bewaffneten Aktivitäten der Guerillas zu.47 Die KKE gab das Konzept des »begrenzten Kampfs« allmählich auf, was der Chef der bulgarischen KP mit klaren Worten kritisierte: In einem Schreiben an die KKE-Führung erklärte Dimitrov, dass die internationale Lage und der anstehende Winter eine Eskalation der militärischen Handlungen seitens der KKE unmöglich machten. Deshalb hätten die griechischen Kommunisten keine massive Unterstützung durch die »Volksdemokratien« zu erwarten.48 Die KKE aber setzte ihre intensiven Kampfvorbereitungen fort. Die bislang unabhängig voneinander operierenden Guerillaeinheiten begannen ihre Tätigkeit zu koordinieren. In Thessalien, Makedonien und Thrakien entstanden Provinzhauptquartiere. Am 28. Oktober 1946 gründeten Vafeiadis, ehemaliger Tabakarbeiter und früherer Chef der ELAS in Makedonien, und die früheren militärischen Anführer (Kapetanioi) der ELAS Kissavos, Kikitsas und Lassanis das Generalhauptquartier (Geniko Archigeio, im Folgenden GHQ) der Guerilla­streitkräfte. Ende Dezember wurden alle Guerillaeinheiten in der Demokratischen Armee Griechenlands (Δημοκρατικός Στρατός Ελλάδας, DSE) vereinigt.49 Auffallend ist, dass die Kapetanioi (Καπετάνιοι) in der Entstehungsphase der DSE eine wichtigere Rolle als die politischen Kader spielten.50 Bald jedoch gewannen die stalinistischen Parteidogmatiker die Oberhand. Die DSE war der militärische Arm der KKE. Sie kämpfte nach eigenem Verständnis für die Verteidigung der »nationalen Unabhängigkeit« und die Errichtung einer »Volksdemokratie«. Ihre Gründung signalisierte den Beginn des Bürgerkriegs. Nun ging es nicht mehr um den Schutz verfolgter Griechen, sondern es wurde die Systemfrage gestellt. Unter dem Namen »General Markos« wurde Vafeiadis Oberbefehlshaber der Demokratischen Armee. Er stand an der Spitze des GHQ, das Politbüromitglied Ioannidis fungierte als sein politischer Berater.51 Die KKE-Zentrale in Athen allerdings distanzierte sich öffentlich von den Aufständischen, da sie ein Verbot der Partei vermeiden wollte. Die Strategie der DSE sah vor, kleine Dörfer zu überfallen, die Gendarmerieposten aufzureiben und »Volksfeinde« zu bestrafen.52 Zachariadis hatte gegenüber General Markos erklärt, die KKE sei nach wie vor an einer friedlichen Lösung des inneren Problems interessiert.53 In der Praxis jedoch ging die DSE daran, »befreite Zonen« zu schaffen, und kontrollierte schließlich ein geschlossenes Territorium in den Bergen von der albanischen Grenze bis zum Olympmassiv. Damit knüpfte sie an die Politik der ELAS aus der Okkupations­zeit an. Es gelang ihr, die Verkehrsverbindungen zwischen Westmakedonien und Thessalien nachhaltig zu stören. Alles deutete darauf hin, dass die Guerillas planten, die nördlichen Provinzen vom restlichen Griechenland abzutrennen. Britische Offiziere befürchteten die Proklamation eines separaten kommunis­tischen Staats im griechischen Norden.54 Bemühen um Gründung eines separaten kommunistischen Staats Operationsbasis der DSE war das Grammosgebirge zwischen Albanien, Jugoslawien und Griechenland. Geschützt durch die beiden »Volksdemokratien« im Norden, entstand hier der sogenannte Staat von Grammos55 mit eigener Verwaltung. Damit verfügte die KKE über ein eigenes »Staatsterritorium«, das de facto hinter dem Eisernen Vorhang lag. Die griechische Grenze zu den benachbarten »Volksdemokratien« existierte praktisch nicht mehr. Die britischen Ängste vor der Schaffung eines kommunistischen Nordgriechenlands waren gerechtfertigt. Im April 1947 ausgearbeitete politische und militärische Pläne der KKE sahen die Eroberung von Thessaloniki und die Errichtung einer »freien Zone« in Makedonien und Thrakien vor. In einem vertraulichen Brief von Ioannidis an Markos am 17. April wurden diese Pläne bestätigt.56 Danach sollte Thessaloniki die Hauptstadt eines kommunistischen Staates im Norden – mit Jugoslawien als Rückendeckung – werden. In einem Schreiben an Tito vom 22. April führte Zachariadis aus, Makedonien und Thrakien seien in wirtschaftlicher, politischer, nationaler, militärischer und geografischer Hinsicht der schwache Punkt des »Monarchofaschismus«, an dem die DSE diesen entscheidend bekämpfen könne.57 Die separatistischen Ziele der KKE fanden die Zustimmung von Tito und Stalin. Zachariadis traf sich im April mit Tito in Belgrad, im Mai sah er Stalin in Moskau.58 Beide Staatschefs waren jedoch bemüht, ihr ohnehin vorsichtiges Engagement für die griechischen Aufständischen vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Unter strenger Geheimhaltung wurden Waffenlieferungen für die DSE aus Albanien, Jugoslawien und Bulgarien organisiert. Die griechischen Guerillas nutzten das Territorium dieser drei Länder auch als Rückzugsgebiet, was das Handeln der Regierungsstreitkräfte enorm erschwerte, denn diese durften den Boden der kommunistischen Nachbarländer nicht betreten. Die drei benachbarten »Volksdemokratien« versprachen der DSE in einem von Stalin abgesegneten Abkommen vom August 1947 in Bled (Slowenien), militärische Ausbildungslager für Offiziere und einfache Mitglieder der DSE sowie Krankenhäuser für verwundete Guerillas zur Verfügung zu stellen. Die albanische Regierung sicherte der DSE zudem die Benutzung maritimer Stützpunkte auf ihrem Territorium zu.59 Die Unterstützung der DSE durch die benachbarten »Volksdemokratien« ließ sich auf Dauer jedoch nicht verbergen und führte zu internationalen Verwicklungen. Im Zuge der Truman-­Doktrin vom 12. März 1947 engagierten sich die USA politisch und wirtschaftlich in Griechen­land mit dem Ziel, eine kommunistische Machtübernahme zu verhindern und einer sowjetischen Expansion gen Süden Einhalt zu gebieten.60 Dies trug dazu bei, dass die griechischen Regierungen den Kampf gegen die kommunistischen Guerillas noch entschlossener als zuvor führten. US-Truppen nahmen am griechischen Bürgerkrieg jedoch nicht teil.61 Die KKE war nach wie vor nicht zu einem Kompromiss mit den bürgerlichen Kräften bereit. Ende Juni 1947 tat ein KKE-Vertreter, Porfyrogennis, auf dem XI. Parteitag der französischen KP in Straßburg die Absicht seiner Partei kund, einen eigenen Staat mit eigener Regierung und eigener Armee in Nordgriechenland zu gründen. Die Ausbreitung der DSE, so Porfyrogennis, führe zwangsläufig zur »Entstehung eines freien demokratischen Griechenland mit einer eigenen Regierung und einer eigenen staatlichen Struktur«. Dafür seien die geografischen, militärischen, politischen und psychologischen Voraussetzungen gegeben. Die Gründung eines eigenen Staats werde der KKE wahrscheinlich ermöglichen, diplomatische Beziehungen zu den Ostblockländern aufzunehmen.62 Beunruhigt von dieser Entwicklung, befürchteten das bürgerliche Lager sowie breite Teile der Bevölkerung die Anerkennung einer kommunistischen Regierung durch die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten sowie die Spaltung Griechenlands in einen monarchistisch geprägten Süden und einen kommunistisch regierten Norden.63 Die Pläne der KKE waren der sowjetischen Führung bekannt,64 vermutlich lag der Partei sogar Moskaus Einverständnis vor. Am 15. August 1947 gab der im Juli eingerichtete Rundfunk des Freien Griechenland (Ραδιοφωνικός Σταθμός Ελευθέρας Ελλάδας, RSEE), der Sender der DSE in Belgrad, bekannt, das GHQ der DSE habe beschlossen, die Leitung der Verwaltung in den »befreiten« Gebieten bis zur Konstitution einer »demokratischen Regierung« zu übernehmen. Zugleich ließ das GHQ verlauten, die königliche Dynastie sei gestürzt und Griechenland werde Republik. Verschiedene Dekrete sahen den Abbau der »Privilegien« ausländischer Unternehmen, den Schutz nationaler Minderheiten und die Einführung einer »kommunalen Selbstverwaltung« vor. Zudem übernahm das GHQ außenpolitische Funktionen. In einem Memorandum vom 5. September verlangte General Markos für eine Delegation des GHQ das Recht, als offizielle Vertretung des »Freien Griechenland« vor der Vollversammlung der UNO sprechen zu dürfen.65 Dies hätte die internationale Anerkennung des DSE-Staats bedeutet. Markos’ Antrag wurde jedoch nicht diskutiert. Am 24. Dezember 1947 rief die KKE eine provisorische Regierung ins Leben. Der RSEE gab die Gründung der Provisorischen Demokratischen Regierung des Freien Griechenland bekannt. Minis­terpräsident und Kriegsminister war General Markos, stellvertretender Minis­terpräsident und Innenminister Ioannidis. Zachariadis bekleidete keinen Ministerposten, aber seine engsten Vertrauten, Dimitris Vlandas und Georgios Bardziotas, gehörten der Regierung an. Die ausschließlich aus Kommunisten bestehende Führung wollte eine »Volksjustiz« installieren, Banken und Schwerindustrie verstaatlichen und Agrarreformen durchführen. Außenpolitisch plante sie, freundschaftliche Beziehungen zu anderen demokratischen Staaten zu unterhalten. Nach diesem Schritt wurde die KKE auf Beschluss der Athener Regierung im Land offiziell verboten. Das nach der Okkupation wieder legal herausgegebene Parteiblatt Rizospastis durfte nicht länger erscheinen.66 Militärische Rückschläge und außenpolitische Probleme Die Proklamation der Provisorischen Demokratischen Regierung bewies allen Zweiflern den kommunistischen Charakter des Aufstands.67 Die USA und Großbritannien warnten die kommunistischen Staaten in Osteuropa – vor allem Jugoslawien – vor einer Anerkennung des aufständischen Regimes. Am 30. Dezember 1947 verurteilten die USA offiziell die Bildung von Markos’ Regierung, da sie das griechische Volk nicht vertrete.68 Angesichts der US-amerikanischen Entschlossenheit hielten sich die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten mit einer offiziellen Anerkennung zurück, was die KKE zutiefst enttäuschte. Nach einem gescheiterten Versuch der DSE, die Stadt Konitza an der griechisch-albanischen Grenze zu besetzen, blieb die Provisorische Demokratische Regierung ohne Sitz. Die Niederlage in Konitza markierte eine Wende. Auf politischem Gebiet blieb eine diplomatische Anerkennung durch die Sowjetunion aus, die vielleicht das militärische Eingreifen der »Volksdemokratien« in den griechischen Bürgerkrieg ermöglicht hätte. In militärischer Hinsicht zeigte sich, dass die DSE nicht in der Lage war, isolierte urbane Zentren zu »befreien« und besetzt zu halten.69 Trotz der politischen und militärischen Rückschläge für die KKE beharrte Zachariadis darauf, den Kampf um die Befreiung Griechenlands vom »Monarchofaschismus« unvermindert fortzuführen. Nach seinen Vorstellungen sollte die DSE in den »befreiten Zonen« Nordgriechenlands in eine reguläre Armee umgewandelt werden, das »Freie Griechenland« gegen die Regierungsarmee verteidigen und dessen Gebiet Richtung Süden erweitern. Um die Einhaltung der Parteilinie zu überwachen, sollten den militärischen Kommandeuren politische Kommissare zur Seite gestellt werden. Diese sollten etwa für die ideologische Schulung der Guerillas und die Beziehungen zur Zivilbevölkerung zuständig sein. Die Aufgaben der militärischen Kommandeure sollten sich auf die Leitung der militärischen Opera­tionen beschränken.70 Entsprechend diesen Vorgaben wurde die DSE reorganisiert. Markos, der Bedenken äußerte, musste zusehen, wie die Autorität der alten Kapetanioi unterminiert wurde. Seine engsten Mitarbeiter Kikitsas, Lassanis und Kissavos wurden aus dem GHQ entfernt; die Stunde der politischen Kommissare hatte geschlagen. Mitte April 1948 formierte sich der »Höhere Kriegsrat« als neues Führungsorgan der DSE. In ihm saßen unter anderem Zachariadis selbst und seine Getreuen Bardziotas und Gousias; Bardziotas war zugleich politischer Kommissar im GHQ. Auf diese Weise übernahm die militärisch unerfahrene Gruppe um Zachariadis das Kommando der DSE.71 Statt militärischer Qualitäten waren nun politische Loyalitäten gefragt. Zur schwierigen militärischen Lage gesellten sich internationale Verwicklungen. Am 28. Juni 1948 wurde Jugoslawien aus dem Kominform ausgeschlossen. Der Bruch zwischen Tito und Stalin stellte die KKE vor große Schwierigkeiten: Einerseits war sie auf jugoslawische Hilfe angewiesen, andererseits konnte sie auf die Unterstützung der Sowjetunion nicht verzichten. Schließlich übernahm das Politbüro auf dem IV. Plenum des ZK am 28. Juli die Resolution des Kominform und verurteilte die Haltung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Dieser Beschluss wurde jedoch geheimgehalten, um die militärische Hilfe Jugoslawiens nicht zu verlieren.72 Kein Führungsmitglied der KKE stellte sich offen gegen Titos Verurteilung. Angesichts von Titos »Verrat« suchte Moskau die große Abhängigkeit der KKE von Jugoslawien zu verringern. Andere »Volksdemokratien« übernahmen deshalb einen Teil der Unterstützung für die DSE. Am 8. September 1948 trafen sich in Warschau Delegationen aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien mit den KKE-Abgesandten Giannis Ioannidis und Petros Roussos. Die Repräsentanten der kommunistischen Länder garantierten der DSE ihre weitere Unterstützung. Zudem wurde vereinbart, eine »Spezielle Kommission« zur Koordination von Waffenlieferungen mit Sitz in Warschau zu schaffen. Weitere Gespräche fanden am 20. / 21. Januar 1949 in Prag und am 15. / 16. Februar desselben Jahres in Budapest statt. Die Hilfe der vier genannten Länder lief – mit Wissen der Sowjetunion – im Oktober 1948 an und wurde bis September 1949 fortgesetzt. Insgesamt fanden zwölf streng geheime Schiffstransporte mit Kriegsmaterial, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe von Polen nach Durres (Albanien) statt, die die KKE über die Berge zumindest teilweise erreichte. Auch per Flugzeug kam Unterstützung für die Guerillas der DSE.73 Inzwischen nahmen die Divergenzen zwischen Zachariadis und Markos zu. Neben Meinungsverschiedenheiten über Fragen der Kriegsführung störte Zachariadis Markos’ enorme Popularität bei den Guerillas. Im Gegensatz zum Generalsekretär der KKE war Markos auch außerhalb Griechenlands bekannt; er galt als militärischer Kopf des Aufstands und war bei ausländischen Journalisten ein gefragter Interviewpartner. Am 20. August 1948 – während heftige Kämpfe zwischen der DSE und der Regierungsarmee im Grammosgebirge ausgetragen wurden – verließ Markos auf Zachariadis’ Befehl das GHQ und ging nach Albanien. Mit der Diagnose einer »psychischen Erkrankung« wurde er in ein sowjetisches Sanatorium eingeliefert.74 Er blieb noch einige Zeit Mitglied des Politbüros des ZK und Ministerpräsident der Provisorischen Demokratischen Regierung. Markos’ »Verbrechen« bestanden darin, den Wahlboykott vom 31. März 1946 als Fehler bezeichnet und die militärische Strategie der »offenen Schlachten« kritisiert zu haben.75 Entgegen manchen Behauptungen war Markos kein »Titoist«, also kein Anhänger eines »nationalen Kommunismus«. Wegen »rechtsopportunistischer Abweichung« wurde er schließlich aus der KKE ausgeschlossen. Dieser Beschluss wurde nicht veröffentlicht. Die offizielle Begründung lautete, er habe aus »gesundheitlichen Gründen« seine Ämter niederlegen müssen. Neben Markos wurden noch weitere Mitglieder des ZK, etwa Thanasis Chatzis, der ehemalige Generalsekretär der EAM, aus der Partei ausgeschlossen.76 Zahlreiche Mitglieder der KKE fielen aufgrund der schweren militärischen Niederlagen der DSE in Ungnade, Markos war nur das bekannteste Beispiel. Allein wegen seines hohen Ansehens kam er mit dem Leben davon. Einer seiner Weggefährten jedoch hatte nicht das gleiche Glück. Am 20. August 1948 wurde Georgios Giannoulis, der militärische Kommandeur der 102. Brigade, hingerichtet. Angeblich hatte er Verrat begangen und strategisch wichtige Stellungen im Grammosgebirge verlassen. Seine Ermordung erfolgte auf Geheiß der Parteispitze und vermutlich ohne Gerichtsverfahren.77 Wegen seiner Zugehörigkeit zu einer natio­nalistischen Guerillaeinheit 1942 hatte er stets im Verdacht gestanden, kein linientreuer Kommunist zu sein. Dies und die große Beliebtheit, derer er sich bei seiner Truppe erfreute, dürften wichtige Gründe für seine Exekution gewesen sein. Im letzten Bürgerkriegsjahr sollen insgesamt 180 Offiziere und einfache Mitglieder der DSE als »verdächtige Agenten« von der KKE verfolgt worden sein.78 Genaue Zahlen über die ermordeten Kämpfer der Guerillabewegung liegen nicht vor. Die massiven »Säuberungen« in den eigenen Reihen, die in den Okkupationsjahren ihren Anfang genommen hatten, erreichten gegen Ende des Bürgerkriegs ihren Höhepunkt. Kurz bevor die griechische Armee eine große Offensive gegen die Hauptstreitmacht der DSE im Grammosmassiv einleitete, brach Jugoslawien seine Beziehungen zur KKE ab. Überzeugt von der prosowjetischen Haltung der griechischen Kommunisten, befahl Tito am 23. Juli 1949 die Schließung der griechisch-jugoslawischen Grenze und stellte die militärische Hilfe für die DSE ein. Der in Belgrad stationierte Sender RSEE wurde nach Bukarest verlegt, und die griechischen Guerillas durften jugoslawisches Territorium nicht mehr als Rückzugsgebiet nutzen. Zugleich suchte Tito das Verhältnis zum Regime in Athen zu verbessern, da sein Land im Fall eines militärischen Siegs der DSE mit einem feindlichen kommunistischen Staat im Süden konfrontiert würde79 – staatliche Interessen hatten strikte Priori­tät vor ideologischen Überlegungen. Die Antwort der KKE ließ nicht lange auf sich warten. In einer Erklärung des ZK vom 30. Juli wurde Tito als »Judas der demokratischen Weltbewegung« diffamiert. Im offiziellen Organ des Kominform Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie erschien am 1. August ein Artikel von Zachariadis unter dem bezeichnenden Titel »Das Stilett Titos sticht hinterrücks das volksdemokratische Griechenland«. Darin verbreitete der Parteiführer – kurz vor dem endgültigen Untergang seiner revolutionären Armee – eine Art Dolchstoßlegende. Titos »Verrat«, so argumentierte Zachariadis, sei die Ursache für die schwierige Lage der DSE.80 Das Ende des Bürgerkriegs Tatsächlich hatte Titos Entscheidung keinen Einfluss mehr auf das Kriegsgeschehen in Griechenland. Nach der Niederlage der DSE Ende August 1949 flüchteten mehrere Tausend Guerillas nach Albanien und in andere kommunistische Länder. Im osteuropäischen Exil, wo die KKE einen Apparat mit eigenen Kontrollmechanismen aufbaute, wurden alte Rechnungen beglichen. Führende Parteimitglieder wie Dimitris Partsalidis, Chrysa Chatzivasileiou und Kostas Karagiorgis, die in den vorangegangenen Jahren Zachariadis’ Linie teilweise angezweifelt hatten, wurden aus der KKE ausgeschlossen. Durch »Säuberungen« sicherte Zachariadis seine Machtposition innerhalb der Partei ab. Die Niederlage im Bürgerkrieg wurde den militärischen Kommandeuren der DSE zur Last gelegt. Sie wurden als »Klassenfeinde« angeklagt und unter Gewaltanwendung gezwungen, sich selbst als »Verräter« zu bezichtigen.81 Karagiorgis, der ehemalige Chefredakteur des Rizospastis, wurde zum Beispiel in Bukarest von Mitgliedern des Sicherheitsdiensts der KKE und der Securitate verhaftet. Schwer erkrankt starb er 1954 in einem Gefängnis.82 Doch auch die Tage der Parteiführung waren gezählt. Auf dem VI. Plenum des ZK im März 1956 fielen Zachariadis und seine Gefolgsleute dem Entstalinisierungsprozess zum Opfer, Markos hingegen wurde rehabilitiert.83 Während Zachariadis in den Siebzigerjahren im sibirischen Exil Selbstmord beging, kehrte Markos nach dem Sturz der Obristen-Diktatur 1974 nach Griechenland zurück. Bevor er in den Neunzigerjahren starb, konnte er noch als Abgeordneter der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Πανελλήνιο Σοσιαλιστικό Κίνημα, PASOK) ins griechische Parlament einziehen, das er als Ministerpräsident der Provisorischen Demokratischen Regierung im Bürgerkrieg einst bekämpft hatte. In seinen umstrittenen Memoiren wirkt der Mythos von der »verlorenen siegreichen Revolution«84 bis heute fort. Die Befreiung der Bürgerkriegsgeschichte von diesem Mythos stellt eine noch immer ungelöste Aufgabe der historischen Forschung in Griechenland dar. 1 Eine wichtige Ausnahme stellt die Dissertation von Irène Lagani dar: Les rapports de la Grèce avec ses voisins balkaniques de 1941 à 1949 [Das Verhältnis zwischen Griechenland und seinen Nachbarländern auf dem Balkan von 1941 bis 1949], Paris 1985. 2 Polymeris Voglis: Ξανά στο προσκήνιο ο πόλεμος των ιστορικών για τα γεγονότα του 40 [Der erneute Krieg der Historiker über die Ereignisse der Vierzigerjahre], in: »Ta Nea« vom 10. Januar 2009. 3 Siehe z. B. das Buch des Literaten und ehemaligen Herausgebers der bürgerlichen Athener Zeitung »Estia«, Achilleas A. Kyrou: Η συνωμοσία εναντίον της Μακεδονίας 1940–1949 [Die Verschwörung gegen Makedonien 1940–1949], Athen 1950. Trotz antikommunistischer Polemik liefern solche Werke viele wichtige Informationen über die Entwicklung der kommunistischen Bewegung. 4 Stathis N. Kalyvas: Red Terror: Leftist Violence during the Οccupation, in: Mark Mazower (Hg.): After the War Was Over. Reconstructing the Family, Nation and State in Greece, 1943–1960, Princeton 2000, S. 142–182. 5 Siehe hierzu die Beiträge zum Thema in der Athener Tageszeitung »Ta Nea« nach der Veröffentlichung eines Grundsatzartikels von Stathis Kalyvas und Nikos Maradzidis über »neue Tendenzen in der griechischen Bürgerkriegshistoriografie« [Νέες τάσεις στη μελέτη του εμφυλίου πολέμου] am 21. März 2004. 6 Evangelos Kofos: Nationalism and Communism in Macedonia, Thessaloniki 1964, S. 74 u. 80. 7 Heinz Richter: Die griechische Kommunistische Partei (KKE) 1944–1947: Von der Massenpartei zur Kaderpartei, in: Dietrich Staritz / Hermann Weber (Hg.): Einheitsfront, Einheitspartei. Kommunisten und Sozialdemokraten in Ost- und Westeuropa, 1944–1948, Köln 1989, S. 453–468, hier S. 454; Haris Vlavianos: Greece, 1941–1949: From Resistance to Civil War. The Strategy of the Greek Communist Party, New York 1992, S. 7. 8 Die Wahlen vom 7. November 1926 hatten einen eindeutigen Sieg der bürgerlichen Parteien zum Ergebnis. Heinz A. Richter: Griechenland im 20. Jahrhundert. Megali Idea – Republik – Diktatur 1900–1940, Bd. 1, Köln 1990, S. 111 f. 9 Panagiotis Noutsos: »Säuberungen« innerhalb der griechischen KP (1931 bis 1956), in: Hermann Weber /Dietrich Staritz (Hg.): Kommunisten verfolgen Kommunisten. Stalinistischer Terror und »Säuberungen« in den Kommunistischen Parteien Europas seit den dreißiger Jahren, Berlin 1993, S. 487–491, hier S. 487. 10 Richter: Griechenland (Anm. 8), S. 192. 11 Ebd., S. 194–197. 12 Siehe ebd., S. 217 f.; Matthias Esche: Die Kommunistische Partei Griechenlands 1941–1949. Ein Beitrag zur Politik der KKE vom Beginn der Resistance bis zum Ende des Bürgerkriegs, München, Wien 1982, S. 28–41. 13 Dimitri Kitsikis: Populism, Eurocommunism and the KKE, in: Michael Waller / Meindert Fennema (Hg.): Communist Parties in Western Europe. Decline or Adaptation?, Oxford 1988, S. 96–113, hier S. 99. Vlavianos: Greece (Anm. 7), S. 15 f. 14 Kitsikis: Populism (Anm. 13), S. 99. 15 Zachariadis wurde von den Deutschen ins Konzentrationslager Dachau deportiert. 16 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 42–53. 17 Peter J. Stavrakis: Moscow and Greek Communism 1944–1949, New York 1989, S. 11. 18 Kofos: Nationalism (Anm. 6), S. 121–128. 19 Nikos Maradzidis: »Το κράτος του Γράμμου«: Όψεις της κομμουνιστικής εξουσίας στην Ελλάδα, 1943–1949 [»Der Staat von Grammos«: Facetten der kommunistischen Herrschaft in Griechenland, 1943–1949], in: Ioannis Mourelos / Iakovos D. Michailidis (Bearb.): Ο ελληνικός Εμφύλιος Πόλεμος. Μια αποτίμηση. Πολιτικές, ιδεολογικές, ιστοριογραφικές προεκτάσεις [Der griechische Bürgerkrieg. Eine Bewertung. Politische, ideologische, historiografische Aspekte], Athen 2007, S. 77–95. 20 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 83 f. 21 Ilios Giannakakis: Οι Έλληνες θύματα του κομμουνισμού [Die Griechen – Opfer des Kommunismus], in: Stephane Courtois u.a. (Hg.): Η Μαύρη Βίβλος του Κομμουνισμού. Εγκλήματα, τρομοκρατία, καταστολή [Das Schwarzbuch des Kommunismus. Verbrechen, Terror, Unterdrückung], Athen 2001, S. 353–367, hier S. 354. 22 Zu Maltezos siehe Petros St. Makris-Staikos: Κίτσος Μαλτέζος. Ο αγαπημένος των Θεών [Kitsos Maltezos. Der Liebling der Götter], Athen 2000. 23 Noutsos: »Säuberungen« (Anm. 9), S. 488 u. 490. 24 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 188 f.; B. Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική και το ελληνικό πρόβλημα: 1945–1949 [Die angloamerikanische Politik und das griechische Problem: 1945–1949], Thessaloniki 1984, S. 46; Stavrakis: Moscow (Anm. 17), S. 52. 25 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 201; Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 56. 26 Basilis Kondis / Spyridon Sfetas (Bearb.): Εμφύλιος Πόλεμος. Έγγραφα απο τα γιουγκοσλαβικά και βουλγαρικά αρχεία [Bürgerkrieg. Dokumente aus den jugoslawischen und bulgarischen Archiven], 2. Aufl. Thessaloniki 2000, S. 187. 27 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 202 f. u. 205; Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 57. 28 Edgar O’ Ballance: The Greek Civil War 1944–1949, London 1966, S. 113. 29 Ioannou S. Koliopoulou: Λεηλασία Φρονημάτων. Το Μακεδονικό Ζήτημα στην περίοδο του Εμφυλίου Πολέμου (1945–1949) στη Δυτική Μακεδονία [Geplünderte Loyalitäten. Die Makedonische Frage während des Bürgerkriegs (1945–1949) in Westmakedonien], Bd. 2, Thessaloniki 1995, S. 58. 30 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 213 f.; Richter: Die griechische Kommunistische Partei (Anm. 7), S. 464. 31 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 219. 32 David H. Close / Thanos Veremis: The Military Struggle, 1945–9, in: David H. Close (Hg.): The Greek Civil War, 1943–1950. Studies of Polarization, London, New York 1993, S. 97–128, hier S. 97 f. 33 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 228; Kondis / Sfetas: Emfylios (Anm. 26), S. 21 f. 34 Ole L. Smith: The Greek Communist Party, 1945–9, in: Close: The Greek Civil War (Anm. 32), S. 129–155, hier S. 137. 35 Stavrakis: Moscow (Anm. 17), S. 90. 36 Im Frühjahr 1946 befanden sich 25 000 griechische Kommunisten auf jugoslawischem Boden (siehe Kofos: Nationalism [Anm. 6], S. 166; Koliopoulou: Λεηλασία [Anm. 29], S. 113 f.). Während seines Aufenthalts in Jugoslawien besuchte Zachariadis ein griechisches Flüchtlingslager in der ehemals von Deutschen bewohnten Stadt Bulkes nördlich von Belgrad, in dem etwa 4500 Mitglieder von EAM und ELAS lebten, die nach der Niederlage geflüchtet waren. In Bulkes bildeten sie eine kleine kommunistische Gemeinde, die weitgehend politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie genoss. Die Gesetze des jugoslawischen Staats galten dort nicht, vielmehr stand Bulkes, eine Art »siebte Republik« Jugoslawiens, unter der strengen Aufsicht der KKE. Dreimal wöchentlich erschien die Zeitung »Stimme von Bulkes«. In der Stadt gab es eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Akademie zur Ausbildung von Offizieren, einen Buchladen, ein Theater, ein Kino und sogar ein Waisenhaus. Dieser kommunistische »Miniaturstaat« besaß sogar eine eigene Währung und verfügte über ein Konzentrationslager auf einer Donauinsel, wo unliebsame Genossen verschwanden. Leiter von Bulkes war Michalis Pektasidis, ein ehemaliges Mitglied der OPLA. Er führte ein Terrorregime und verschwand unter ungeklärten Umständen im November 1948. Ab Herbst 1947 diente Bulkes hauptsächlich als Verbannungsort für »unzuverlässige« KKE-Mitglieder. Lager mit ähnlicher Funktion entstanden auch in Albanien und Bulgarien. Zum Lager Bulkes siehe Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 243; Milan Ristovic: Το πείραμα Μπούλκες. Η »Ελληνική Δημοκρατία«στη Γιουγκοσλαβία 1945–1949 [Das Experiment Bulkes. Die »Griechische Republik« in Jugoslawien 1945–1949], Thessaloniki 2006, S. 24 ff., 31 u. 88; Giannakakis: Οι Έλληνες (Anm. 21), S. 354, 361 u. 363; Alexandros L. Zaousis: Η τραγική αναμέτρηση (1945–1949). Ο μύθος και η αλήθεια [Die tragische Auseinandersetzung (1945–1949). Mythos und Wirklichkeit], Bd. 1, Athen 1996, S. 95–99. 37 Kofos: Nationalism (Anm. 6), S. 167; Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 243; Vlavianos: Greece (Anm. 7), S. 225; Stavrakis: Moscow (Anm. 17), S. 109; Tasos Vournas: Ιστορία της Νεώτερης και Σύγχρονης Ελλάδας. Ο Εμφύλιος [Geschichte des Neueren und Neuesten Griechenlands. Der Bürgerkrieg], Bd. 4, 6. Aufl. Athen 2004, S. 27. 38 Vlavianos: Greece (Anm. 7), S. 225; Stavrakis: Moscow (Anm. 17), S. 109; Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 139. 39 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 235. 40 Ebd., S. 242. 41 Close / Veremis: The Military Struggle (Anm. 32), S. 100. 42 C. M. Woodhouse: The Struggle for Greece 1941–1949, London 1976, S. 169 f. 43 Dimitris Vlandas: Ημερολόγιο 1947–1949 [Tagebuch 1947–1949], 2. Aufl. Athen 2007, S. 316. 44 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 249. 45 Kondis / Sfetas: Εμφύλιος (Anm. 26), S. 50 ff. 46 Ebd., S. 53 f. 47 Ebd., S. 55. 48 Smith: The Greek Communist Party (Anm. 34), S. 140. 49 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 250; Vlavianos: Greece (Anm. 7), S. 234; Close / Veremis: The Military Struggle (Anm. 32), S. 101. 50 O’Ballance: The Greek Civil War (Anm. 28), S. 121. 51 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 251. 52 O’Ballance: The Greek Civil War (Anm. 28), S. 128. 53 Stavrakis: Moscow (Anm. 17), S. 137. 54 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 252. 55 Zur kommunistischen Herrschaftsform des »Staates von Grammos« siehe Maradzidis: »Το κράτος του Γράμμου« (Anm. 19), S. 77–95. 56 Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 276; Kondis / Sfetas: Εμφύλιος (Anm. 26), S. 60 f. 57 Ebd., S. 62–65. 58 Smith: The Greek Communist Party (Anm. 34), S. 141. 59 Nikos Maradzidis: Ο ΔΣΕ και οι Λαϊκές Δημοκρατίες [Die DSE und die Volksdemokratien], Vortrag auf der Konferenz »Η δεκαετία του ’40. Μια κριτική αποτίμηση« [Die 1940er-Jahre. Eine kritische Bewertung], Kavala, 2.–5. Juli 2009. An dieser Stelle möchte ich Herrn Maradzidis danken, dass er mir sein unveröffentlichtes Manuskript zur Verfügung gestellt hat. 60 O’Ballance: The Greek Civil War (Anm. 28), S. 141; Esche; Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 269. 61 Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 318. 62 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 272; Vournas: Εμφύλιος (Anm. 37), S. 150 f.; Kondis / Sfetas: Εμφύλιος (Anm. 26), S. 24 f. 63 Vlavianos: Greece (Anm. 7), S. 240. 64 Stavrakis: Moscow (Anm. 17), S. 151. 65 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 277 f. 66 O’Ballance: Civil War (Anm. 28), S. 155; Woodhouse: The Struggle (Anm. 42), S. 218; Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 286 f.; Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 314 f. 67 Vournas: Εμφύλιος (Anm. 37), S. 247 f. 68 Kondis: Η αγγλοαμερικανική πολιτική (Anm. 24), S. 319 f.; Kondis / Sfetas: Εμφύλιος (Anm. 26), S. 25. 69 D. Zafeiropoulou: Ο αντισυμμοριακός αγών 1945–1949 [Der Anti-Bandenkrieg 1945–1949], Athen 1956, S. 317. 70 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 292 f. 71 Ebd., S. 294 f. 72 Ebd., S. 301 f. 73 Der KKE-Experte Nikos Maradzidis, der Parteiquellen aus osteuropäischen Archiven ausgewertet hat, nennt exakte Zahlen über die Höhe der militärischen und finanziellen Hilfe der kommunistischen Staaten für die DSE. So kann er belegen, dass der Aufstand der KKE ohne die tatkräftige Unterstützung der »Volksdemokratien« undenkbar gewesen wäre. Siehe Maradzidis: ΔΣΕ (Anm. 59). 74 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 304. 75 Kofos: Nationalism (Anm. 6), S. 178; Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 309 ff.; Zaousis: Η τραγική αναμέτρηση (Anm. 36), S. 91 f. u. 94; Vlandas: Ημερολόγιο (Anm. 43), S. 248 f. 76 Kofos: Nationalism (Anm. 6), S. 178; Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 314 f. 77 Ebd., S. 307 f.; Vournas: Εμφύλιος (Anm. 37), S. 233; Vlandas: Ημερολόγιο (Anm. 43), S. 212 f. 78 Ebd., S. 96. 79 Kofos: Nationalism (Anm. 6), S. 184 u. 204; Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 335. 80 Ebd., S. 335 f.; Vournas: Εμφύλιος (Anm. 37), S. 318. 81 Esche: Die Kommunistische Partei (Anm. 12), S. 342 f.; Noutsos: »Säuberungen« (Anm. 9), S. 488. 82 Giannakakis: Οι Έλληνες (Anm. 21), S. 366. 83 Woodhouse: The Struggle (Anm. 42), S. 287. 84 So der gleichnamige Titel des Buchs des ehemaligen Generalsekretärs der EAM Thanasis Chatzis: Η νικηφόρα επανάσταση που χάθηκε (Γεγονότα – αναμνήσεις – σκέψεις) [Die siegreiche Revolution, die verlorenging (Ereignisse – Erinnerungen – Gedanken)], 3 Bde., Athen 1977.

JHK 2010

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

The International Newsletter of Communist Studies Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung La newsletter internationale des recherches sur le communisme Международный бюллетень исторических исследований коммунизма La Newsletter Internacional de Estudios sobre el Comunismo A Newsletter Internacional de Estudos sobre o Comunismo VOL. XVI (2010), NO 23. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies With support of The Mannheim Centre for European Social Research (MZES), University of Mannheim, Germany. ISSN Y503-1060. ISSN 1862-698X (for the Online Edition). Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Mannheim / Cologne / Potsdam. Junior Editor: Gleb J. Albert, Bielefeld (gleb.albert@uni-bielefeld.de). Editorial Board / Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris) Khosrow.Shakeri@ehess.fr, Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muen-chen.de, José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sobhanlal@dataone.in, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic (Belgrade) todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Manfred Mugrauer (Wien) manfred@mugrauer@reflex.at, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) jlbnovoa@hotmail.com, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Jérémie Tamiatto (Pa­ris) jeremietamiatto@gmail.com, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Ber­lin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Frank Wolff (Bielefeld) wolff@bundism.net, Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) rolf.woersd@gmx.de Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek †, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Potsdam / Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris / Berlin; Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68 131 Mannheim, Germany Fellow: Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam, Germany. Postal Address: Arnulfstraße 14, 50937 Köln / Cologne, Germany Phone / Fax: 0049 / (0)221-42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de / bernhard.bayerlein@mzes.uni-mannheim.de / bayerlein@zzf-pdm.de Homepage: www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Communist Studies Newsletter / Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter Table of Contents I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New issues. Selected Items. II. News on Archives, Fonds and Institutions. • New Declassifications in Russian Archives 2009. • News on Journals. • Berlin: Archiv der Internationalen Brigaden im Bundesarchiv einsehbar. • St. Petersburg: Autobiography of Kirov’s Assassin Declassified. • Paris: Encounter with Nikita Petrov, Memorial. • Assassination of Radek and Sokol’nikov: Document Published in French. • Pobeda 1941–1945. Russian Photo Archives on World War II. • Fundação Amílcar Cabral / Fundação Mário Soares: Memory of the Tarrafal Concentration Camp in Cape Verde. • Recently Published in France: A Guide to the Comintern Archives. • Neue Online-Ausstellung würdigt politische Häftlinge des KZ Oranienburg. • Zum Stand des KGB-Aktenzugangs (Christian Booß, Berlin). • Berlin: Verfilmung, Digitalisierung, Indexierung und Herausgabe von SMAD-Dokumenten aus den Beständen des Russischen Staatsarchivs. • Copenhagen: The Workers’ Museum & The Labour Movement’s Library and Archive. III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress. • Jens Gieseke, Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam, Germany): SED-Geschichte zwischen Mauerbau und Mauerfall. Gesellschaftsgeschichte einer kommunistischen Staatspartei. • Andreas Malycha, Institut für Zeitgeschichte (Munich-Berlin, Germany): Kurzpräsentation zum Projekt »SED-Geschichte zwischen Mauerbau und Mauerfall«. • Germany and the Comintern (1919–1943). Deutschland und die Komintern. Ein Editionsprojekt im Rahmen der deutsch-russischen Historikerkommission. • Deutsch-russische Erschließung von Komintern-Archivbeständen. • Thorsten Pomian, Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf, Germany): »Bäuerlicher Alltag im Zeichen von Nationalitätenpolitik, Kollektivierung und Terror. Die Deutschen in der Sowjetukraine 1924–1939« (Dissertationsprojekt). • Ulrich Eumann / Jascha März, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Cologne, Germany): Netzwerke des Widerstands in Köln 1933–1945. IV. Materials and Studies. V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews. V.1 Reviews. V.2 Presentations and Announcements. • Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx (eds.): Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau 1950–1953. Unter Mitartbeit von Daniela Almer, Wien-München, Böhlau, Oldenbourg, 2009. 676 p. (Kriegsfolgen-Forschung. 5). • Sobhanlal Datta Gupta (ed.): The Ryutin Platform. Stalin and the Crisis of Proletarian Dictatorship. Platform of the »Union of Marxists-Leninists«. Translated by Pranab Ghosh and Susmita Bhattacharya from the original Russian, Kolkata, Seribaan, 2010 (forthcoming). • Sonia Combe (ed.), in cooperation with Paul Gradvohl / Charles Kecskeméti / Antoine Marès / Jean-Charles Szurek: Archives et histoire dans les sociétés post-communistes, Paris, La Découverte 2009, 332 p. (Collection Recherches). • Łukasz Kamiński / Krzysztof Persak / Jens Gieseke (eds.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944–1991, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. 420 p. (Wissenschaftliche Reihe der BStU. 33). • John Earl Haynes / Harvey Klehr / Alexander Vassiliev: Spies. The Rise and Fall of the KGB in America, New Haven, Yale University Press, 2009. LIII, 650 p. • Peter Huber / Ralph Hug (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. 478 p. V.3 Books Sent in for Review. VI. Meetings and Conferences concerning Communist Studies 2009–2011. VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2009. VIII. Periodicals / Serials on Communist Studies. VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2009. VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. IX. Internet Resources. Websites relevant for Communist Studies. X. Communist History in Culture, Art and Media • Russian Radio Programme on Stalinism: In the Name of Stalin. • Exhibitions on the History of Communism, 2009–2010. • Exhibition »Això és la guerra!«: Robert Capa, Gerda Taro and the »Mexican Suitcase«. • Mezhrabpom Film Reissued on DVD: »Miss Mend«. • DVD: … nicht der Rede wert? Die Ermordung der Lehrerin Bian Zhongyun am Beginn der Kulturrevolution. • The History Film Festival of Pessac: »Once upon a time: Communism« (»Il était une fois: le communisme«). XI. Discussions, Debates, Historical Controversies. • Ralph Hug (St. Gallen, Switzerland): Schweizer Spanienfreiwillige voll rehabilitiert. • Soviet History in Debate: Power and History in Russia 2009. XII. Miscellanea. • Nachruf: Prof. Dr. habil. Ryszard Nazarewicz 1921–2008. • Errata. Editorial Note Due to problems of space and major obligations of the editors, this paper version of The International Newsletter of Communist Studies includes only the information-related sections, saving all thematical contributions (essays, reviews) as well as the bibliographies for the online edition, available in mid-2010 at: www.mzes.uni-mann-heim.de/projekte/incs. Section I.The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New issues. Selected Items. Communist History Network Newsletter, Manchester, U. K. » www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn The first issue of Twentieth Century Communism: a journal of international history has been published by Lawrence & Wishart in the spring of 2009. Twentieth Century Communism is edited by the four editors of the CHNN, and publication of the Newsletter ceases with Issue 22 (Spring 2008) in favour of the new journal. See the CHNN website for more information. Estudos sobre o Comunismo: Notas, Artigos, Investigações sobre o Comunismo, os Movimentos Radicais e a Oposição. Editor: José Pacheco Pereira, Lisbon, Portugal. » http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com This Newsletter Blog is an experimental version as a result of the fusion of José Pacheco Pereira’s Biography of Álvaro Cunhal and »Estudos sobre o Comunismo« (Versão2) (see: http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt). The blog contains the following categories: • Arquivos, Bibliotecas, Fundos. • Biblio­grafia. • Biografia de Álvaro Cunhal. • Biografias / Vidas. • Censura. • Colóquios, conferências, debates. • Estudos. • Estudos locais. • Extrema-esquerda – História. • Fontes. • Guerra colonial – Colonialismo, Anti-Colonialismo. • Iconografia. • Movimento comunista internacional. • Museus. • Notas. • Notas de investigação. • Organizações – PCP. • Publicações especializadas. • Recensões críticas. • Re-pres­são. • Revista Estudos sobre o Comunismo. • Vários. Contributions to: jppereira@gmail.com Some contributions in 2009: Publicações do PS na clandestinidade e no exílio (1) • »Cinco minutos anti-comunistas« na Emissora Nacional (Carta da União Nacional, 1936) • Informação sobre as manifestações do fim da II Guerra Mundial no Porto (11 de maio de 1945) • Livros e revistas que pertenceram a Manuel Sertório • um relatório da PVDE respeitante à sua acção entre 1932 e 1938 • Informação »confidencial« sobre as actividades da oposição em Marrocos (1944) • Informação de uma conversa »muito confidencial« com Henrique Galvão (18 de maio de 1935) • Novos livros para a história da oposição • Imprensa clandestina do PCP: »O Camponês« • Imprensa clandestina do PCP: »O Soldado Vermelho« (1935) • Manifesto da Aliança Liberal Portuguesa (New Bedford, 1938) • Documentos internacionais sobre a repressão em Portugal (1935) • Arquivo da União Socialista: »Tópicos principais do programa político-nacional …« • Arquivo e papéis de Joaquim Barros de Sousa • Jose Pacheco Pereira: Em memória da Stella [Piteira Santos]. H-NET Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington DC, USA. » www.h-net.org/~hoac This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. London Socialist Historians Group Newsletter. London Socialist Historians Group, London, U. K. » http://londonsocialisthistorians.blogspot.com Spring / Lent 2009: Keith Flett: Barack Obama and the History Men • Other views on Obama • Review: Richard Greenman, Beware of Vegetarian Sharks (Ian Birchall) • Richard Ascough: The Devil’s Whore • Review: John Charlton, Hidden Chains (Keith Flett) • Work in Progress: The Management of Decline. The Case of the Jute Industry in Dundee • Neil Faulkner: Britain, the Outbreak of the First World War, and the Role of the Individual in History. Summer 2009: Keith Flett: Tolpuddle in the Archives • Review: Understanding the History of the Minder’s Strike (Keith Flett) • Keith Flett: British Jobs, British Workers, and Labour History • Ian Birchall: »To Awaken Robes­pierre is to Awaken History« • Review: Frank Henderson, Life on the Track (Ian Birchall) • Review: Colin Waugh, PLEBS (Alan Woodward). Autumn 2009: Keith Flett: Engles Today • Bob Dent: Hungary 1930. In Search of the Missing Plaque • Orbituary: John Saville (Keith Flett, David Renton) • Review: Janine Booth, Guilty and Proud of it • Review: Ian Goodyer, Crisis Music (Dave Renton). Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. Section II. News on Archives, Fonds and Institutions. New Declassifications in Russian Archives 2009. Volume 10 (2009) of the declassification bulletin issued by Russia’s Federal Archival Agency gives an overview of a multitude of declassified files in Russian state archives. The following declassifications might be of interest for studies on Communism: • The Archive of the President of the Russian Federation (APRF) has declassified VKP(b) / CPSU materials on agricultural, rabfak and university matters, as well as rather selective parts of Leonid Brezhnev’s personal fonds. • The Russian State Archive of Contemporary History (RGANI) has declassified materials of meetings of Communist and Workers’ Parties in Moscow 1956–1988; miscellaneous materials of the CPSU, such as reports on crime, sabotage and social unrest in the USSR; reports from the USSR embassy in West Germany on contacts with various politicians (including Egon Bahr and Herbert Mies), reports from Soviet embassies in the GDR, North Korea and the CSSR; as well as various other materials that might turn out crucial for Cold War history as well as the social and cultural history of the Soviet Union. • The State Archive of the Russian Federation (GARF) has declassified materials of the Council of People’s Commissars, the Council of Ministers, the Council on Labor and Defense, and other state institutions of the USSR, mostly on defense questions; materials on Soviet-Korean relations; and, perhaps most intriguing, the archive of the radio station located at the Soviet embassy in Trapezunt (now Trabzon), Turkey, 1920–1922. • The Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) has declassified selected VKP(b) materials on the famine of 1932–1933 and World War 2, as well as materials from the personal fonds of Andrei Andreev, Lazar’ Kaganovich and Georgii Malenkov. • The Russian State Military Archive (RGVA) declassified vast materials on Soviet border patrol troops from 1918 until the mid-60s. For a detailed report on the declassified files (in Russian), see: www.rusarchives.ru/secret/bul10/index.shtml. News on Journals. • In the last International Newsletter, a new British annual journal on the history of Communism, Twentieth Century Communism, was announced. In June 2009, the first issue came out, concentrating on leader cults within Communism. For the table of contents and calls for papers for future issues, see www.lwbooks.co.uk/journals/ twentiethcenturycommunism. • The Archiv für Sozialgeschichte (Archive of Social History), one of Germany’s most reknown scholarly periodicals focussing on social history and particularly the history of social movements, has published a vast number of essays and materials on the history of Communism over the years since its foundation in 1961. Now the complete journal is retro-digitized (except for the last three volumes) and browsable / searchable for free at the website of the social-democratic Friedrich Ebert Foundation, the editor of the journal. For the digitized issues, see http://library.fes.de/afs-online. • UTOPIE kreativ, the historical-political journal of the Rosa Luxemburg Foundation, has been issued for the last time in December 2008. Thus, one of the most important historical periodicals affilia­ted with Germany’s political Left has ceased to exist. The Foundation started the publication of LuXemburg instead (www.zeitschrift-luxemburg.de), yet it seems to have a much less historical focus than its predecessor. • East European Quarterly, a journal issued by the University of Colorado, has ceased publication as well. It had included numerous essays relevant for the history of Communism. All back issues are still available, as are the monographs. If you are interested in obtaining a back issue or monograph, contact Prof. Emeritus Stephen Fischer-Galati at: eepublications@msn.com. • Otechestvennaia istoriia, one of Russia’s leading historical journals, issued by the Institute of Russian History of the Academy of Sciences and known as Istoriia SSSR before 1990, has been renamed into Rossiiskaia istoriia since the beginning of 2009. • Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), founded in 1965 by Henryk Skrzypczak and being one of the main German journals on the history of the labor movement, ceased publication at the Otto-Suhr-Institut (FU Berlin), and moved to the IISG in Amsterdam, as announced in a circular letter dated June 11, 2008. Berlin: Archiv der Internationalen Brigaden im Bundesarchiv einsehbar. Die von der Vereinigung zur Förderung des Archivwesens e.V. betriebene Digitalisierung des im Moskauer RGASPI (fonds 545 op. 1, 2). aufbewahrten Archivs der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg (der International Newsletter berichtete) ist abgeschlossen. Eine Verlinkung der Images im Internet steht noch aus, dies wurde jedoch von der russischen Firma RusAR zugesagt. Die Digitalisate sind jedoch bereits im Benutzersaal des Bundesarchivs in Berlin-Lichtenfelde einsehbar. Für die Öffnungszeiten siehe www.bundesarchiv.de. St. Petersburg: Autobiography of Kirov’s Assassin Declassified. A 56-pages autobiographical account of Leonid Nikolaev, a rank-and-file Communist who shot Leningrad’s VCP(b) Secretary Sergei Kirov on 1st December 1934, has been declassified by the FSB archives and is being prepared for publication by the Sergei Kirov Museum in St. Petersburg (http://kirovmuseum.spb.ru). The head of the museum, Tat’iana Sukharnikova, told the public on the occasion of the 75th anniversary of the assassination that Nikolaev’s motive has been revenge for his unemployment and thus had no political background (see www.lenta.ru/news/2009/12/01/kirov). The murder of Kirov, through its instrumentalisation, is considered the catalyst of the Great Purges in the Soviet Union. Paris: Encounter with Nikita Petrov, Memorial. The National French Association of the Maisons des sciences de l’homme, in cooperation with the École des hautes études en sciences sociales, organized an encounter with the Russian historian and Memorial activist Nikita Petrov, which took place on 10th December 2009. It has been accompanied with the screening of a documentary film on Memorial and its activities. Assassination of Radek and Sokol’nikov: Document Published in French. In a documentary appendix to his biography of KGB head Ivan Serov (Ivan Serov. Pervyi predsedatel’ KGB, Moskva, Materik, 2005), Nikita Petrov published an internal report written by Serov in 1956, which confirms that the Bolshevik oppositionists Karl Radek and Grigorii Sokol’nikov were murdered by NKVD agents infiltrated into the prison because they talked too much about their trial. In 2009, the report was translated into French and published in Cahiers du Mouvement Ouvrier, N° 43. The issue can be obtained at www.trotsky.com.fr. Pobeda 1941–1945. Russian Photo Archives on World War II. The Russian archival portal »Arkhivy Rossii« (www.rusarchives.ru) has launched a sub-portal called The Victory: 1941–1945 (Pobeda. 1941–1945). It is available online at http://victory.rusarchives.ru, and contains 1638 photographic documents on World War II from a Soviet perspective, digitized with the participation of over 100 federal and regional archives in Russia. Eventhough the site’s primary aim seems to underline the victorious engagement of the Soviet Union in World War II, and despite the topical categorisation, it is a highly valuable resource, since it not only puts online previously unknown WWII visual sources, but also states the exact archival signature with each photo, making the documents fully citeable in scholarly research. Thus the site may be considered a finding aid on WWII photography in Russian archives. Fundação Amílcar Cabral / Fundação Mário Soares: Memory of the Tarrafal Concentration Camp in Cape Verde. In the context of the organization of an International Symposium about the Portuguese concentration camp of Tarrafal (28. 4 .–1. 5. 2009), the Mario Soares Foundation and the Amilcar Cabral Foundation opened a combined website publishing online the principal items, documents and illustrations of the exposition opened in Tarrafal at this occasion. The exposition was opened by the Premier of Cape Verde, José Maria Neves, who asked for a joined effort to convince the UNESCO to recognize the camp as »patrimony of mankind«. The »camp of the slow death« (»campo de morte lenta«) was situated at the island of Santiago and created under the Portuguese dictator Salazar. In a first period from 1936 to 1954 it was mainly directed against Portuguese antifascists and from 1961 to 1974 against the members of the liberation movements of Angola, Guinea-Bissau and Cape Verde. Among the 32 who died in the camp were anarchists and communists, like the general secretary of the Communist party, Bento Gonçalves. The most important illegal resistance group within the prisoners was the »Organização Comunista Prisional« (OCP, controlled by the Communist Party of Portugal), followed by the »Organização Libertária Prisional« (OLP). The duty of memory is described as the main aim of the website: »Moreover, the understanding of the importance of the historical legacy now evoked demands the consolidation of a museological project in Tarrafal – that preserves and keeps alive the memory of the common fight of the peoples from Portugal, Angola, Guinea-Bissau and Cape Verde, that must be extended to the other countries of the CPLP [Community of Countries of Portuguese Language]. From the Utopia Generations to the Duty of Memory, it matters to reinforce the Ideals and Principles that must guide Citizenship and Human Rights in our de2mocratic societies.« See www.fmsoares.pt/aeb/dossier15/default.asp for more information. Recently Published in France: A Guide to the Comintern Archives. The University of Burgundy released a guide presenting the Archives of the Communist International hosted by RGASPI in Moscow. This vade mecum is especially orientated to be a pathfinder to the digitised fonds of the Comintern Archives within the framework of the European and International INCOMKA initiative (»The International Committee for the Digitisation of the Comintern Archives«) which may be consulted in France at the National Archives (Paris and Fontainebleau) and the Institute of Contemporary History at the University of Burgundy. In Germany these digitals (about 1.3 mio. pages) can be consulted by every German resident within the framework of a national licence agreement between the Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) and the Comintern Online database(www.comintern-online.com). The book contains a foreword by the general director of the French National Archives, Martine de Boisdeffre, an introduction by Christian Oppetit from the aforementioned archive, and an extensive article summing up the history of the Communist International by Serge Wolikow. The short description of the individual fonds and »opisi« gives details about the description level, the period covered, the volume, the RGASPI and INCOMKA specifications, some characteristics of the provenance history and the organisational structure, the outlined content, the languages used in the documents, and the existing finding aids. Serge Wolikow / Alexandre Courban / David François / Christian Oppetit: Guide des archives de l’Internationale communiste, Paris-Dijon, Archives nationales, Maison des sciences de l’homme, 2009. 336 p. ISBN: 978-2-86000-338-4. The book may be ordered for the price of 20 euro at: Université de Bourgogne: UMR CNRS Ub 5605/IHC, 2, boulevard Gabriel, 21000 Dijon. Neue Online-Ausstellung würdigt politische Häftlinge des KZ Oranienburg. In Zusammenarbeit mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und den Landesarchiven von Brandenburg und Berlin sowie dem Bundesarchiv haben Studierende eines Projektkurses des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin eine Internet-Ausstellung mit dem Titel »Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg« erstellt. An dem von den Professoren Siegfried Mielke und Günter Morsch geleiteten Projekt haben 20 Studierende und Wissenschaftler rund zwei Jahre lang gearbeitet. Die Ausstellung kann ab sofort auf der Website der Gedenkstättenstiftung unter www.stiftung-bg.de/kz-oranienburg besucht werden. Den narrativen Rahmen dieser Ausstellung, in deren Mittelpunkt mehr als 200 Biografien politischer Häftlinge stehen, bildet die Schrift »Oranienburg« (1934) des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Gerhart Seger. Durch seinen Bericht, den er nach seiner Flucht aus dem Lager veröffentlichte, wurde das Wort »Oranienburg« international zum Synonym für den Terror der Nationalsozialisten. Neben der biografischen Darstellung prominenter politischer Häftlinge wie Friedrich Ebert jr., Ernst Heilmann, Kurt Magnus und Erich Mühsam werden auch die Lebensgeschichten von weniger bekannten politisch Verfolgten, vor allem Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftern, präsentiert. Viele von ihnen gerieten nach dem Reichstagsbrand vom 28. Februar 1933 in die Terrorwelle der Nationalsozialisten und wurden als politische Gegner unter menschenunwürdigen Verhältnissen zusammengepfercht und misshandelt. In einer ehemaligen Brauerei mitten in der Kleinstadt vor den Toren Berlins richtete die örtliche SA am 21. März 1933, dem »Tag von Potsdam«, das erste Konzentrationslager in Preußen ein und hielt bis zu dessen Auflösung am 14. Juli 1934 etwa 3000 Menschen gefangen. Mindestens 16 Häftlinge überlebten den grausamen KZ-Alltag nicht. In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 ermordeten die Nationalsozialisten den anarchistischen Schriftsteller und Politiker Erich Mühsam. Zum Stand des KGB-Aktenzugangs. Nach dem gescheiterten Augustputsch von 1991 öffnete der Präsident der Russischen Föderation per »Ukas« die Partei- und Staatsakten, also auch die des KGB. Der euphorisch als Aktenrevolution beschriebene Vorgang zielte keineswegs vorrangig auf die Geschichtsaufarbeitung ab. Es ging auch um ein KGB-Reformprojekt. Die Nachfolger des marxistisch-leninistischen Apparates sollten von ihrem alten stalinistischen Gedächtnis getrennt werden, um auf Basis neuer Vorgaben mit neuem Aufgabenprofil ihre Tätigkeit fortzusetzen. Die alten Akten sollten in die staatliche Archivverwaltung übergehen. Das war kein Freibrief zur Aktenöffnung, vielmehr sollte eine Kommission über die Desekretierung der Akten entscheiden. Seither ist viel über das Rollback geschrieben worden, das auch andere, ehemals sowjetische Archivbestände betrifft. Übersehen wurde zumeist, dass in der späten Jelzin-Phase der Ukas von 1991 schlicht kassiert wurde. Der FSB (Federalnaja Sluschba Besopasnosti Rossijskoj Federazii, wörtlich: Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation) und die anderen Nachfolgeinstitutionen des früheren KGB sind inzwischen von der Abgabepflicht befreit. Dieses einem Aktenstaatsstreich der Präsidialadministration gleichkommende Verfahren war nicht primär gegen die Historiker gerichtet als vielmehr Ausdruck einer Restauration des Apparates. Die damit verbundenen Erschwernisse für die historische Forschung sind sozusagen ein Kollateralschaden. Das vollkommene »Scheitern« der (Akten-)Revolution zu verkünden, hieße jedoch, die nach wie vor möglichen Aktenzugänge zu übersehen. Christian Booß, Berlin Ein Dokumentenanhang mit der deutschen Fassung der entsprechenden Verordnungen wird in The International Newsletter of Communist Studies Online (2010) veröffentlicht. Berlin: Verfilmung, Digitalisierung, Indexierung und Herausgabe von SMAD-Dokumenten aus den Beständen des Russischen Staatsarchivs. Im Rahmen des von der Volkswagenstiftung finanzierten Gemeinschaftsprojekts »Verfilmung, Digitalisierung, Indexierung und Herausgabe von SMAD-Dokumenten aus den Beständen des Russischen Staatsarchivs« (Kooperationspartner: Russisches Staatsarchiv (Moskau), Bundesarchiv (Berlin), Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) und University of North Carolina (Chapel Hill)) ist beabsichtigt, eine zweibändige russischsprachige und eine einbändige deutschsprachige Dokumentation zum Thema »Die Wirtschaftspolitik der SMAD 1945–1949« herauszugeben. Das als Fondsedition konzipierte Vorhaben verfolgt das Ziel, anhand ausgewählter Praxisfelder der sowjetischen Wirtschaftspolitik in der SBZ Organisation und Arbeitsweise der SMAD zu dokumentieren, wobei insbesondere folgende thematische Schwerpunkte Berücksichtigung finden sollen: Reparationen, Aufbau und Entwicklung der deutschen zivilen Industrie, Landwirtschaft (Bodenreform), Handel und Versorgung, Verkehrswesen, Außen- und Interzonenhandel, Finanzen (Währungsreform). Darüber hinaus soll die Einbindung der sowjetischen Besatzungsorgane in Deutschland in das Beziehungsgeflecht der wirtschaftspolitisch relevanten Strukturen der UdSSR (Staatliches Verteidigungskomitee, Ministerrat / Ministerien, Rote Armee) verdeutlicht und ihr Verhältnis zu den entsprechenden deutschen Stellen dargestellt werden. Projektbearbeiter am ZZF ist Dr. Viktor Knoll, seitens des Bundesarchivs werden die Dokumente von Dr. Kai von Jena betreut. Weitere Informationen sind erhältlich unter www.zzf-pdm.de/site/mid__2932/ModeID__0/EhPageID__208/410/default.aspx und www.bundesarchiv.de/aktuelles/projekte/00001/index.html. Copenhagen: The Workers’ Museum & The Labour Movement’s Library and Archive. The Labour Movement’s Library and Archive is the main archive in Denmark for the Danish communist movement. Besides literature, papers, periodicals, posters, photos and banners, it possesses archival fonds on the Danish Communist Party (DKP), the youth (DKU), many local branches, many peace and solidarity organisations and a huge number of leading communists. The last six years »Communism in Denmark« has been a focus subject –  in regard to collecting, organizing, making finding aids, promoting collections and exhibitions. At the moment the institution is preparing the next yearbook which has DKP’s history (–1989) as theme. There will be contributions from seven experts on Danish communism. Arbejdermuseet & Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv The Workers’ Museum & The Labour Movement’s Library and Archive Rømersgade 22, DK-1362 København K, Danmark Tel: +45 / 33 93 25 75 • Fax: +45 / 33 14 52 58 Section III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress. Jens Gieseke, Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam, Germany): » SED-Geschichte zwischen Mauerbau und Mauerfall. Gesellschaftsgeschichte einer kommu­nistischen Staatspartei. Das hier vorzustellende Projekt wird im Rahmen des Stipendienprogramms »SED-Geschichte« der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Die Gesellschaftsgeschichte der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) steht im Fokus des vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena durchgeführten Forschungsprojekts. Im Zentrum der Analyse stehen die soziale Praxis ihrer Herrschaftsausübung und deren historischer Wandel im staatssozialistischen System der DDR. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Phase der DDR-Geschichte von 1961 bis 1989 / 90. Ziel des Vorhabens ist eine quellengesättigte Würdigung der Staatspartei SED als Hauptsäule der kommunistischen Diktatur, die ihren totalitären Herrschaftsanspruch über lange Zeit durchsetzte und schließlich unter dem Druck der Gegenkräfte für Modernisierung und Demokratisierung scheiterte. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Untersuchung der SED als politischer Institution und als allgegenwärtiger Herrschaftsinstanz im gesellschaftlichen Leben. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die – vor allem in komparatistischen Studien zum Kommunismus als historischer Formation – herausgearbeitete Erkenntnis, dass die staatssozialistische Gesellschaftsformation in ihrer poststalinistischen Ausprägung ein politisches System und eine Gesellschaftsordnung hervorgebracht hat, die sich vom vorausgegangenen stalinistischen Typus in einer Reihe von Merkmalen unterschieden. Die monolithische Gesamtstruktur des Systems mit der Staatspartei als Kern verfestigte sich, doch das Regime löste die terroristische Mobilisierung durch andere Herrschaftsmodi ab. Zum Poststalinismus gehörte ferner der fürsorgediktatorische Paternalismus der kommunistischen Partei als gesellschaftlicher Integrations- und Kontrollstrategie, in der die Parteiinstanzen als Steuerungs-, Kontroll- und Vermittlungsinstitutionen auf vielfältige Weise Präsenz und Kompetenz zu erweisen hatten. Die besondere Position der DDR als »halber« Staat in der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges verschärfte zudem den Druck, sich den Anforderungen westlicher Modernität und Lebensweise in Ökonomie und gesellschaftlichem Leben zu stellen. An dieses Szenarium einer späten Variante der Weltanschauungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts schließt sich eine Fülle von Fragen zur Funktionsweise der Staatspartei SED darin an. Das Gesamtprojekt unter Leitung von Dr. Jens Gieseke ist untergliedert in mehrere aufeinander abgestimmte Teilstudien, die sowohl die innerparteiliche Entwicklung der SED als Kader- und Massenorganisation, als auch ihre Rolle und Position in der DDR-Gesellschaft untersuchen: In Teilprojekt 1 »Der Apparat des Zentralkomitees – das Regierungszentrum der DDR. Politik- und Gesellschaftssteuerung als Problem des Staatssozialismus (1963–1989)« (Dr. Rüdiger Bergien, Potsdam) wird die Arbeitsweise und Position des Apparates des Zentralkomitees als Exekutivorgan der Parteiführung und faktischer Regierungszentrale untersucht. Dabei soll einerseits die systemtypische Grundstruktur des ZK-Apparates mit seinen Querschnittsfunktionen (Kadernomenklaturen, Instrukteursprinzip, Parteiinformationen usw.) und deren Wirkung auf Entscheidungsprozesse im historischen Wandel analysiert werden, andererseits anhand von Fallstudien die Funktionen der Fachabteilungen als Scharnierstellen für die Beratung und Entscheidungsvorbereitung der zuständigen ZK-Sekretäre bzw. des Politbüros sowie die Vorbereitung und Um- und Durchsetzung von entsprechenden Beschlüssen gegenüber den nachgeordneten staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen herausgearbeitet werden. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwieweit dem ZK-Apparat eine eigenständige Rolle als Policy-Akteur zwischen Politbüro und Gesellschaft im Spannungsfeld von totalitärem Allmachtsanspruch und Überdehnung der Steuerungsfähigkeiten unter den Bedingungen des funktional entdifferenzierten politischen Systems der DDR zukam. Das Teilprojekt 2 »Die SED im Territorium. Parteipräsenz und regionale Herrschaftspraxis« (Andrea Bahr, Potsdam) beschäftigt sich mit der »mittleren« Ebene des Partei- und Regierungsapparates, den Bezirks- und Kreisleitungen der SED, und ihrer Rolle als Herrschaftsinstanzen vor Ort. Diese hatte den Anspruch einer umfassenden Steuerung und Kontrolle des ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens im Territorium in die Praxis umzusetzen und dabei zwangsläufig inmitten einer Fülle von Zwängen, gegensätzlichen Anforderungen und Interessen zu agieren. Das Hauptgewicht liegt dabei auf dem Zusammenspiel (bzw. der Auseinandersetzung) mit den anderen Akteuren auf übergeordneten Ebenen und innerhalb des Territoriums. Damit soll die genaue Funktion und Position der SED-Parteileitungen und -apparate im Ensemble dieser Akteure bestimmt werden. Als Fallstudie wird dabei der Kreis Brandenburg / Havel bearbeitet. Das Teilprojekt 3 »Arbeitermythos und Staatspartei. Zusammensetzung und Rekrutierung von Mitgliederschaft und Funktionärskörper (1961–1989)« (Sandra Meenzen, Jena) widmet sich der Mitglieder- und Funktionärsstruktur der SED. Im Vordergrund stehen Fragestellungen der Mitgliedersoziologie, also die Zusammensetzung nach Kriterien von sozialer und politischer Herkunft, Geschlechterverteilung und Generationenbildung. Zu behandeln ist in diesem Zusammenhang die klassische Frage nach dem Realitätsgehalt und den Folgen des Anspruchs, eine »Arbeiter«-partei zu sein, und zugleich die Ausprägung und Entwicklung der SED als Staatspartei, insbesondere hinsichtlich ihres inneren Profils und ihrer Reproduktionsmechanismen. Ziel des Vorhabens ist es, statistische Grunddaten für eine differenzierte Schichtung sozialmoralischer Milieus innerhalb der nach Millionen zählenden Mitgliederschaft und ihren jeweiligen Haltungen und Wertorientierungen zu gewinnen. Ferner wird als Teilprojekt 4 eine Untersuchung zum Wandel des Parteilebens der SED als Ursache und Ausdruck der Finalitätskrise der DDR »›Wo ein Genosse ist, da ist die Partei!‹ – der innere Zerfall der SED 1979–1989« (Sabine Pannen, Potsdam) durchgeführt. Dieses Projekt zielt auf die Selbstwahrnehmungen sowie die Praxis des Parteilebens mit seinen integrierenden und disziplinierenden Facetten in dieser letzten Phase des Staatssozialismus. Mit einer solchen »Basis«-Studie soll der praktische Stellenwert der Massenpartei im sozialen Leben analysiert werden. Dies umfasst die Bedeutung von Mitgliederversammlungen, Parteilehrjahr, Parteiaufträgen, Parteistrafen und andere Ritualen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die soziopolitische Distinktionskraft der Parteizugehörigkeit gelegt. Das Projekt »Gesellschaftsgeschichte der SED« wird 2009 bis 2011 vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena durchgeführt. Das Projekt ist im ZZF Teil der Abteilung I »Kommunismus und Gesellschaft«. Für weitere Auskünfte: gieseke@zzf-pdm.de Andreas Malycha, Institut für Zeitgeschichte (Munich-Berlin, Germany): » Kurzpräsentation zum Projekt »SED-Geschichte zwischen Mauerbau und Mauerfall«. Das Forschungsvorhaben wird im Rahmen des Stipendienprogramms »Die SED-Geschichte zwischen Mauerbau und Mauerfall« der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur durchgeführt. Es ist als Verbundprojekt des Instituts für Zeitgeschichte München / Berlin mit der Universität Leipzig (Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte, Prof. Dr. Günther Heydemann), der Technischen Universität Chemnitz (Lehrstuhl für Politische Systeme und Politische Institutionen, Prof. Dr. Eckhard Jesse) konzipiert. Eng kooperiert wird überdies mit der Charité Berlin (Institut für Geschichte der Medizin, Forschungsschwerpunkt Zeitgeschichte, PD Dr. Sabine Schleiermacher). Die Koordination des Forschungsverbundes liegt beim Institut für Zeitgeschichte München / Berlin. Am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin werden zwei Themen bearbeitet: Mit dem von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderten und von Dr. Andreas Malycha bearbeiteten Thema »Die SED zwischen Mauerbau und Mauerfall. Strukturen, Eliten und Konflikte (1961–1989 / 90)« wird ein Blick in das strukturelle Innenleben und die Auseinandersetzungen im inneren Machtzirkel der SED geworfen. Dabei werden innerparteiliche Konflikte und Entscheidungsabläufe auf verschiedenen Organisationsebenen, insbesondere auf der zentralen Ebene, die politisch-soziale Entwicklung der Mitgliedschaft sowie das Verhältnis von Parteizentrale und Bezirksebene für den Zeitraum von 1961 bis 1989 / 90 in den Mittelpunkt gestellt. Ziel ist eine zusammenhängende Darstellung organisationspolitischer und interner machtpolitischer Aspekte der Geschichte der Staatspartei SED. Das von der DFG geförderte und von Dr. Heike Amos bearbeitete Projekt »Der zentrale SED-Apparat und die ›Arbeit nach Westdeutschland bzw. nach der BRD‹ 1961 bis 1989« befasst sich mit Zielen, Aktivitäten, Ergebnissen und Wertungen der Deutschlandpolitik der SED-Führung im Zeitraum zwischen Mauerbau und Mauerfall. Ziel ist es, die politischen Interaktions-, Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zur Deutschlandpolitik in den SED-Spitzengremien Politbüro und ZK-Sekretariat zu analysieren sowie das institutionelle, strukturelle und personelle Netzwerk der für die sogenannte Westarbeit zuständigen Gremien im Apparat des Zentralkomitees der SED auf der zentralen Ebene offenzulegen. Im Rahmen zweier Promotionsstipendien der Stiftung Aufarbeitung stehen die Bezirke Halle und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) als regionale Vergleichsstudien im Mittelpunkt. An ausgewählten Beispielen sollen auch hier wichtige Säulen der SED-Herrschaft sowie Funktionszusammenhänge diktatorischer Herrschaft in der DDR aufgezeigt werden. Die zwei Dissertationen untersuchen Fragestellungen zu folgenden Problemen: »Politikspielräume und Interessenkonflikte im Bezirk und Kreis: Die Wohnungspolitik der SED im Bezirk Halle von 1961 bis 1989« (Kathy Hannemann, Universität Leipzig) und: »SED und MfS. Das Verhältnis der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt und der MfS-Bezirksverwaltung von 1961 bis 1989« (Gunter Gerick, Technische Universität Chemnitz). Die Untersuchungen zu den Bezirken Halle und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) auf den genannten Feldern sollen das Verhältnis von zentralen Entscheidungen der SED-Führung, ihrer Umsetzung auf Bezirksebene und sich möglicherweise aus diesem Spannungsverhältnis ergebende Spielräume für regional interessengeleitetes Handeln beleuchten. Diese Einzelstudien tragen zur Aufhellung von Strukturen, Funktionen und Funktionswandel regionaler Mittelinstanzen bei. Die tatsächliche Reichweite totalitärer Steuerungsabsichten wird auch in einem Forschungsprojekt zum Einfluss der SED an der Berliner Charité analysiert, das von PD Dr. Sabine Schleiermacher, Forschungsschwerpunkt Zeitgeschichte am dortigen Institut für Geschichte der Medizin, bearbeitet wird. Am Beispiel einer exponierten medizinischen Forschungs-, Lehr- und Gesundheitseinrichtung soll der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss zentrale und örtliche SED-Leitungen auf Grundsatzentscheidungen in Forschung, Lehre und Gesundheitsbetreuung hatten. Da es sich um eine auf den ersten Blick politikferne Einrichtung handelte, erscheint eine enge Kooperation mit diesem Vorhaben besonders sinnvoll. Es geht insgesamt nicht darum, die Geschichte der SED zwischen Mauerbau und Mauerfall umfassend im Hinblick auf ihre Steuerungsfunktion für die unterschiedlichsten Politikfelder zu analysieren. Die innere Struktur und das »Innenleben« der Partei sollen mit den zentralen Elementen der Steuerungs- und Kontrollmechanismen hinsichtlich des Staatsapparates verbunden werden, um die diktatorische Herrschaftsausübung der Partei in ihrer ganzen Komplexität aufzeigen zu können. Die in dem Forschungsvorhaben miteinander verbundenen Projekte greifen somit zentrale Themen der Forschung auf, die sich einerseits auf die »Grenzen der Diktatur« und andererseits auf die »Durchherrschung« der Gesellschaft und den gesellschaftspolitischen Gestaltungsanspruch der SED beziehen. Diese Untersuchungen zur Geschichte der SED bilden daher zentrale Bestandteile einer Geschichte des von ihr mit sowjetischer Unterstützung errichteten Herrschafts- und Gesellschaftssystems, da sie der Frage nach der tatsächlichen Reichweite totalitärer Machtansprüche nachgehen. Andreas Malycha (andreas.malycha@charite.de). » Germany and the Comintern (1919–1943). Deutschland und die Komintern. Ein Editions­- projekt im Rahmen der deutsch-russischen Historikerkommission. Die Erforschung der Kommunistischen Internationale (Komintern, 1919–1943) wird als ein Untersuchungsschwerpunkt der 1998 gegründeten Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen (»deutsch-russische Historikerkommission«) realisiert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Weber und Prof. Dr. Jakov Drabkin werden in diesem Rahmen am Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim und am Institut für allgemeine Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation, Moskau, die Geschichte der Komintern und ihre Auswirkung auf die kommunistischen Parteien (besonders Westeuropas und der KPD als »Sektionen« der Komintern) im gesamten Zeitraum 1919–1943 untersucht. Im Rahmen des Gesamtvorhabens konnten bisher drei der vier Teilprojekte verwirklicht und jeweils mit Buchpublikationen abgeschlossen werden: Teilprojekt 1: Der Thälmann-Skandal 1928 / 1929 und die Stalinisierung des deutschen und internationalen Kommunismus. Teilprojekt 2: Der deutsche Oktober 1923. Ein Revolutionsplan für Europa und sein Scheitern. Teilprojekt 3: Komintern und Kommunistische Parteien, Stalin-Hitler-Pakt und Zweiter Weltkrieg (1939–1943). Unter dem Titel »Deutschland und die Komintern / Die Komintern und Deutschland« behandelt das vierte und zugleich übergreifende Teilprojekt die vielfach gebrochene Beziehungeschichte zwischen der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der Komintern erstmals in systematischer Weise auf Grundlage der infolge der Archivöffnung vorliegenden neuen Dokumente u.a. in Moskau, Berlin und Paris, für den gesamten Zeitraum von 1918 bis 1943. Seitens der Mitarbeiter Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert werden zurzeit die abschließenden Arbeiten am Manuskript dieser als Generaledition konzipierten Veröffentlichung vorgenommen, das anläßlich eines Kolloquiums 2010 in Berlin übergeben werden soll. Im Rahmen der Bearbeitung wurde neben der Erschließung neu deklassifizierter Fonds und weiterer archivalischer Quellen in den Moskauer Archiven auch die Überprüfung von ca. 1000 deutschlandbezogenen und für die Beziehungen zwischen KPD, Komintern und die deutsch-sowjetischen Beziehungen relevanten geheimen Beschlüsse des russischen / sowjetischen Politbüros im Zeitraum bis 1943 zur selektiven Publikation vorgenommen. Die Anzahl der zu publizierenden Dokumente beläuft sich auf über 530, das Manuskript hat einen Umfang von ca. 1450 Seiten. Den Dokumenten werden ausführliche, die KPD-Geschichte problematisierende und quellenkritische Einleitungen von Hermann Weber, Jakov Drabkin und Bernhard H. Bayerlein vorangestellt. Siehe hierzu: Bernhard H. Bayerlein: Die Komintern und ihre Bedeutung für die deutsch-russischen Beziehungen, Mitteilungen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Nr. 2, 2005, S. 106–119. » Deutsch-russische Erschließung von Komintern-Archivbeständen. Im Rahmen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen (»deutsch-russische Historikerkommission«) erfolgen im Jahre 2010 Vorarbeiten für ein deutsch-russisches Erschließungsprojekt der Sekretariatsbestände Osip Pjatnickij und Georgi Dimitrov im RGASPI. Die Trägerschaft für das Projekt, in dessen Rahmen eine Machbarkeitsstudie erstellt wird, liegt bei der Vereinigung zur Förderung des Archivwesens e.V. mit Sitz in Koblenz, der unter anderem das Bundesarchiv Koblenz-Berlin, das Schweizerische Bundesarchiv und die Direction des Archives de France angehören. Thorsten Pomian, Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf, Germany): » »Bäuerlicher Alltag im Zeichen von Nationalitätenpolitik, Kollektivierung und Terror. Die Deutschen in der Sowjetukraine 1924–1939« (Dissertationsprojekt). 1926 lebten in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik rund 400 000 Deutsche; die große Mehrheit von ihnen in einem dörflichen Umfeld »auf dem flachen Land«. Die Politik der sowjetischen Obrigkeit gegenüber den nationalen Minderheiten war ab der Mitte der Zwanzigerjahre vom Paradigma der »Einwurzelung« (korenizacija) bestimmt. Durch »nationale Kader« sollten die Angehörigen der nationalen Minderheiten in den sozialistischen Staat eingebunden werden. Zudem wurden ab 1924 »nationale« Dorfsowjets und Rayons gebildet, deren Bewohner zumindest formale Autonomierechte genossen und in denen vier Fünftel aller Ukrainedeutschen lebten. Deshalb stehen diese »nationalen Verwaltungsgebiete« im Mittelpunkt des hier dargestellten Forschungsvorhabens, das sich in drei thematisch-chronologisch definierte Abschnitte aufteilt: • Die Zeit der – in Anlehnung an Terry Martin – »affirmativen« Nationalitätenpolitik von der Mitte der Zwanzigerjahre bis zum »großen Umbruch« 1929. • Der Zeitraum von 1929 bis 1933, der im Zeichen von Zwangskollektivierung, Entkulakisierung und Hungersnot stand. • Die Phase der Abkehr vom Prinzip der korenizacija hin zu einer Wahrnehmung der Deutschen als innere Feinde, die in den »nationalen Operationen« des Großen Terrors und schließlich auch in der formalen Aufhebung der nationalen Verwaltungsgebiete 1939 ihren Ausdruck fand. Die Leitfrage lautet hierbei: Wie wirkte sich die Politik der Zentrale auf den bäuerlichen Alltag aus? Welche Folgen brachten Entscheidungen der Zentrale für die dörflichen Lebenswelten der Deutschen in der Ukraine mit sich? Dabei soll das Hauptaugenmerk auf kollektiven Verhaltensweisen liegen, deren ganze Bandbreite zwischen Anpassung und Widerstand auf der Basis von Quellen vor allem aus den lokalen und regionalen Institutionen der Hauptsiedlungsgebiete der Ukrainedeutschen herausgearbeitet werden soll. Im vertikalen Schnitt durch die Verwaltungsebenen werden Implementierung und Auswirkung der staatlichen Politik verdeutlicht. Anhand der Interaktion der verschiedenen Ebenen der Exekutive und des Parteiapparats soll die Umsetzung von Beschlüssen »von oben« und deren Auswirkungen auf den Alltag der deutschen Bevölkerung verdeutlicht werden. Ulrich Eumann / Jascha März, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Cologne, Germany): » Netzwerke des Widerstands in Köln 1933–1945. Wenn auch die Zahl der Personen, die zwischen 1933 und 1945 den Nationalsozialismus aktiv bekämpften, gemessen an der Reichsbevölkerung verschwindend gering war, kommt man bei der Erforschung des Widerstandes in einer Millionenstadt wie Köln doch schnell auf mehrere tausend Personen mit mehreren zehntausend Verbindungen zwischen ihnen. Die traditionelle historiographische Methode ist mit der analytischen Durchdringung von solch großen Personennetzwerken vollkommen überfordert. Nur mithilfe der sozialwissenschaftlichen Social Network Analysis (SNA) und den während ihrer 30-jährigen Geschichte entwickelten Methoden und Software-Programmen kann man derart große Personenverbände intellektuell in den Griff bekommen. Das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln wird daher im Rahmen seines Forschungsprojektes über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus – der auch in Köln vorrangig von der Arbeiter­bewegung und darin wiederum vorrangig von der KPD und ihren Nebenorganisationen getragen wurde – ausgiebig Gebrauch von der SNA machen. www.nsdok.de Section IV. Materials and Studies. Materials and studies will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2010). Section V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews. V.1 Reviews. Reviews will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2010). V.2 Presentations and Announcements. Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx (eds.): » Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau 1950–1953. Unter Mitartbeit von Daniela Almer, Wien–München, Böhlau, Oldenbourg, 2009. 676 p. (Kriegsfolgen-Forschung. 5). Auf dem Donskoe Friedhof in Moskau liegen 104 der letzten Stalin-Opfer aus Österreich. Sie waren noch in den letzten drei Jahren des Stalin-Regimes in Moskau erschossen worden. In geheimen Transporten in die Sowjetunion verschleppt, hatte man sie für einige Wochen im größten Moskauer Gefängnis festgehalten und danach hingerichtet. Das häufigste Todesurteil lautete »antisowjetische Spionage«. Bisher geheime Strafprozessakten aus dem einstigen KGB-Archiv, Gerichtsbescheide aus dem russischen Staatsarchiv und die Gnadengesuche der Hingerichteten selbst ermöglichen erstmals eine Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Besatzungszeit in Österreich. Das von internationalen Fachleuten verfasste Buch gibt den Hingerichteten ihren Namen und ihr Gesicht zurück. Mit Beiträgen von Dieter Bacher, Vasilij Christoforov, Frank Drauschke, Andreas Hilger, Walter M. Iber, Harald Knoll, Ol’ga Lavinskaja, Nikita Petrov, Edith Petschnigg, Arsenij Roginskij, Barbara Stelzl-Marx und Tessa Szyszkowitz sowie einem Geleitwort von Botschafter Martin Vukovich.  Erhältlich im Buchhandel oder direkt bei: www.boehlau.at/978-3-205-78281-0.html zum Preis von € 39,80. Sobhanlal Datta Gupta (ed.): » The Ryutin Platform. Stalin and the Crisis of Proletarian Dictatorship. Platform of the »Union of Marxists-Leninists«. Translated by Pranab Ghosh and Susmita Bhattacharya from the origi- nal Russian, Kolkata, Seribaan, 2010 (forthcoming). The full text of the Ryutin Platform (»Stalin and the Crisis of Proletarian Dictatorship«), authored under the banner of the »Union of Marxists-Leninists« in 1932, was published for the first time in five parts in Izvestiia TsK KPSS, Nos. 8–12, 1990 under the authority of the Central Committee of the Communist Party of the Soviet Union. The English translation has been made from this Russian text. The footnotes, provided by the Central Committee at the time of its publication, have been omitted, because most of them are concerned with technical details. It is to be kept in mind that the original manuscript of the Ryutin Platform has never been found or preserved. The published Russian text corresponds to the certified typescript of the manuscript kept in the archives, as evident in the official declaration of authentication given at the end of the document. Although this declaration does not figure in the published text, the photocopy of the last page of the document, reproduced from Rehabilitatsiia: Politicheskie Protsessy 30-50-kh godov (Moscow: Izdatel’stvo politicheskoi literatury 1991), confirms it. Contents: Abbreviations; A Note on the Translated Text; Preface; Editor’s Introduction; The Ryutin Platform (Stalin and the Crisis of Proletarian Dictatorship): Platform of the »Union of Marxists-Leninists«; Index. What follows is an extract of the publication: II: Stalin as an Unprincipled Intriguer. In the post-Lenin years, in theoretical understanding Stalin proved himself completely worthless, although in combining politics with intrigue he showed remarkable talent. After the death of Lenin he became an insolent person with every passing year. Carefully at the beginning and subsequently all the more boldly, he threw off from himself the mask of a modest old Bolshevik; forced to carry the heavy burden of the General Secretary he more and more clearly showed aspiration to make his way to the pantheon of great people without shrinking from any means whatsoever. Already the jubilee celebration on the occasion of his fiftieth year was converted into a real coronation of his Tsardom. Thousands of most foul and vile, grovelling and cringing resolutions of greetings, emerging out of a mass drill, concocted by party trade unions and Soviet apparatuses, addressed to »the dear leader«, »the best pupil of Lenin«, the genius of a theoretician, poured in; tens of articles came out in Pravda in which many authors declared themselves as pupils of Stalin, as for example, Voroshilov, who proclaimed Stalin as the greatest theoretician, etc. – such was the basic background of the jubilee. Ultimately, to any Bolshevik, not yet lost, this is all shame for the Party. […] IV: Stalin as a Leader and a Theoretician. […] To place the name of Stalin along side the names of Marx, Engels, Lenin – this means to scoff at Marx, Engels and Lenin; it means scoffing at the proletariat, it means losing all shame and crossing all limits of meanness. To place the name of Lenin alongside the name of Stalin – this makes no difference but placing the Mount Elbrus alongside a heap of dung – to place the works of Marx, Engels and Lenin alongside the »works« of Stalin – this is like placing the works of great composers like Beethoven, Mozart, Wagner and others alongside the music of road-side organ players [of the streets]. Lenin was a leader and not a dictator; Stalin, on the contrary, is a dictator but not a leader. Proletarian revolution needs a good leader of the party. Without a leader there cannot be a Proletarian Leninist party but the proletarian revolution does not need dictators. The party and the proletariat must struggle even against the most »excellent« dictators, degeneration of the leaders into dictators and regeneration of even the most proletarian dictator. […] »Work« on canonisation of Stalin, in a grandiose measure, was taken up. People of all ranks, in a bid to serve the leader, chose to try to beat each other in the sphere of socialist competition and every walk of life. Theoretical articles in the journals were converted into pieces that simply solicited promotion in service and motivated understanding of political loyalty to Stalin. The Party machine precisely fulfils the »orders«. […] In his works what is to be found is not any rich theoretical baggage but only the ability and skill to hide his wretchedness. That this was just so, that we have before us a theoretician, who is a crow in peacock’s feathers – we shall demonstrate it on the most important theoretical questions. Sonia Combe (ed.), in cooperation with Paul Gradvohl / Charles Kecskeméti / Antoine Marès / Jean- Charles Szurek: » Archives et histoire dans les sociétés post-communistes, Paris, La Découverte, 2009. 332 p. (Collection Recherches). As a result of an international conference organized by the Bibliothèque de documentation internationale et contemporaine (BDIC) of the University of Paris Ouest Nanterre – La Défense and the Reserch Center of Cultures and Literatures in Central and Eastern Europe (CERCLE), this collective publication contains the achievements of a number of researchers who give an appreciation of the impact of the opening of the archives – partial and disparate depending on the different countries and the producing structures. Like the Hoover Institution in Stanford the BDIC was founded as a »Cold War library« for the purpose of Soviet Studies; thus it gathered a lot of materials and documents of this period. The book contains an introduction by Sonia Combe (»From Sovietology to the history of the Soviet world«). The first part »Access to Archives« includes a thematical and statistical overwiew by Charles Kecskeméti (»Accesst to Archives: An appraisal« (p. 21–31) and an article by Victoria Prozorova-Thomas (»Access to Soviet Archives: The difficulties of the past, the contradictions of the present«, p. 33–63). In part II (»Historiographical contributions«), two articles concern the private archives and the diaries (Bernhard H. Bayerlein: »The history of Communism through the correspondence and the diaries of Georgi Dimitroff and Ivan Maiiski« (p. 67–91); Jean-François Fayet: »From source to object of history: an outline history of the personnel files in the archival centers.«) Four contributions deal with the functioning of the »People’s Democracies«: Antoine Marès: »Archives and the study of foreign policy of the People’s Democracies«; Irina Gidan: »How to write today the history of Romanian diplomacy of the Communist years?«; Pierre Jardin: »New archives, new history: The foreign policy of GDR«; Maria Pasztor: »The international policy of Poland seen through the archives«. Five contributions deal with the relations between the State-party and society: Paul Gradvohl: »State-party and society: New readings«; Sergueei Krasilnikov: »Marginal groups of Stalinist society«; Dariusz Jarosz: »A socio-political history of meat in the People’s Republic of Poland«; Andrea Petö: »Meat and questionaries: New sources for the writing of history«; Muriel Blaive: »The opening of the archives of a communist political police. The Czech case from Zdena Salivarová to Milan Kundera«. Four contributions form the section »The Shoah in the East«: Jean-Charles Szurek: »The Shoah in the East: New contributions, new questions«; Antonella Salomoni: »The Jewish resistance in the USSR during World War II«; Diane Afoumado: »The Shoah in Ukraine: New problems«; Krzysztof Persak: »Beyond Jedwabne«. Another four contributions can be found in the final section III (»The opening of the archives and the instrumentalisation of the past«): Sonia Combe: »Scholarly and political use of the past«; Thomas Lindenberger: »Police files and German social history« (interview); Mona Foscolo: »Between revelation and manipulation: the challenge of Bulgarian archives«; Krysztof Persak: »Change and public use of Polish historiography of the second half of XXth Century«; Orgest Azizaf: »Political and epistemological challenges of the archives in post-communist Albania«. Łukasz Kamiński / Krzysztof Persak / Jens Gieseke (eds.): » Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944–1991, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. 420 p. (Wissenschaftliche Reihe der BStU. 33). NKVD-KGB-KDS-MfS-Bezpiek-Securitate-StB-AVH: Die Geheimpolizeien des Sowjetblocks stehen für unendliches Leid und die Starre eines ideologisch geprägten Systems. Sie hinterließen Zehntausende von Toten und Millionen politischer Gefangener und Verfolgter. Erst nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus wurde es möglich, ihre geheime Geschichte offen zu legen. Das Handbuch der kommu­nistischen Geheimdienste ist ein Kompendium dieser Forschung. In der erweiterten deutschen Ausgabe dieses Standardwerks analysiert ein internationales Team von ausgewiesenen Experten erstmals die Sicherheitsapparate aller Länder des Ostblocks in Europa. Auf breiter Quellenbasis stellen 14 Autoren aus 7 Ländern die Geheimpolizeien in ihrer historischen Entwicklung vor und porträtieren sie bis ins Detail. Neben Apparat, Personal und Etat beleuchten sie die Verflechtung in den politischen Hierarchien, die Stoßrichtungen und Methoden der Verfolgung sowie ihre Opfer. Kurzbiografien der führenden Geheimpolizisten und ein Fotoblock mit Bilddokumenten aus allen Ländern runden das Handbuch ab. Der Band ist das erste große Kooperationsprojekt der Aufarbeitungsinstitutionen in Ostmitteleuropa, initiiert vom polnischen Institut für Nationales Gedenken (IPN). Er präsentiert die immensen Fortschritte in der Erforschung der geheimen Verfolgungsapparate von KGB und Securitate bis zur polnischen SB und zur ostdeutschen Stasi. Damit ist eine Basis geschaffen für die umfassende vergleichende Betrachtung dieser dunkelsten Seite des sowjetischen Machtbereichs in Europa. Contributors: Jordan Baev (Sofia), Petr Blažek (Prag), Dennis Delatant (London / Amsterdam), Antoni Dudek (Krakau), Jens Gieseke (Berlin), Kostadin Grozev (Sofia), Andreas Hilger (Hamburg), Andrzej Paczkowski (Warschau), Gabor Tabajdi (Budapest), Krisztián Ungváry (Budapest), Nicolas Werth (Paris) und Pavel Žažek (Prag). www.v-r.de/en/items/1001001666 John Earl Haynes / Harvey Klehr / Alexander Vassiliev: » Spies. The Rise and Fall of the KGB in America, New Haven, Yale University Press, 2009. LIII, 650 p. From 1993 to 1996, former KGB officer Alexander Vassiliev was permitted unique access to Stalin-era records of Soviet intelligence operations against the United States. Vassiliev had unprecedented access to documents written when the events they describe were occurring or shortly afterward – that is, contemporaneous accounts of the successes and failures of the KGB, written by the KGB itself. Years later, living in Britain, Vassiliev retrieved his extensive notebooks of transcribed documents from Moscow. In his introduction to Spies, Vassiliev tells the story of the notebooks and his own extraordinary life. With these notebooks, John Earl Haynes and Harvey Klehr have meticulously constructed a new, sometimes shocking, historical account. In their preface, Haynes and Klehr describe how they learned of Vassiliev’s notebooks and recognized its significance, based on their work with KGB and other archival materials for their previous books Venona: Decoding Soviet Espionage in America, The Secret World of American Communism, and The Soviet World of American Communism. As Haynes and Klehr note, Vassiliev’s notebooks – which, in their more than 1115 pages, transcribe, quote, extract, and summarize several thousand KGB documents – provide researchers with abundant material that offers both internal corroboration and ample bases for corroboration with independent sources. Despite all that has appeared the past decade, the Vassiliev notebooks offer the most complete look at Soviet espionage in America we have yet had or will obtain until the day, likely far off, when the Russian authorities open the KGB archives for independent research. […] Spies portrays the difficulties of managing sources whose weaknesses, quirks, and sexual behavior often required KGB officers to act as social workers and counselors. The documents open windows into the KGB’s methods: detailed instructions about contacting sources, passwords and recognition signals, and other aspects of espionage tradecraft. The material also demonstrates how pressures from Moscow sometimes sabotaged the work of KGB stations in America and how the Soviet espionage networks were ultimately destroyed. Spies unfolds this history in riveting detail – the most complete account of Soviet espionage in the United States to date. (From the publisher’s press info) Peter Huber / Ralph Hug (eds.): » Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. 478 p. Etwa 800 Freiwillige aus der Schweiz nahmen trotz Behördenverbot am Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) teil. Im historischen Gedächtnis der Schweiz blieben sie lange vergessen: Zumeist der Arbeiterbewegung entstammend, kämpften sie in den revolutionären Milizen oder in den Internationalen Brigaden gegen die drohende Diktatur von General Franco und für die Freiheit der Republik. Das vorliegende biografische Handbuch bringt erstmals vollständig Licht in diese kollektive Bewegung unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg. In rund 700 Kurzbiografien wird anhand des umfangreichen Aktenmaterials aus Moskauer und Schweizer Archiven das soziale und politische Profil der Freiwilligen rekonstruiert. Im Kaleidoskop unterschiedlichster Lebensläufe und Schicksale entsteht ein eindrückliches Panorama des Spanienkriegs, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägte. Eine ausführliche Einleitung zum Spanischen Bürgerkrieg, zu den internationalen Freiwilligen und zum Profil der Schweizer zeigt den historischen Rahmen und macht das Buch zu einem unverzichtbaren Grundlagenwerk. (From the publisher’s press info) V.3 Books Sent In For Review The following books are available for review. If you are interested to review any of the titles in the International Newsletter, please contact the editorial staff, also including information about yourself. Feel free to contact us if you have review suggestions for books which are not listed here. • Bürgi, Markus / König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009. 250 p. • Caillat, Michel / Cerutti, Mauro / Fayet, Jean-François / Roulin, Stéphanie (eds.): Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse. Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich, Chronos, 2008. 368 p. • Čubar’jan, Aleksandr O.: Kanun tragedii. Stalin i meždunarodnyj krizis. Sentjabr’ 1939–ijun’ 1942 goda, Moskva, Nauka, 2008. 475 p. • Eisfeld, Alfred (ed.): Von der Autonomiegründung zur Verbannung und Entrechtung. Die Jahre 1918 und 1941 bis 1948 in der Geschichte der Deutschen in Russland, Stuttgart, Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., 2008. 287 p. • Ensikat, Peter: Populäre DDR-Irrtümer. Ein Lexikon, Berlin, Edition q, 2008. 239 p. • Flügge, Manfred: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie, Berlin, Aufbau, 2008. 422 p. • Hoeres, Peter: Die Kultur von Weimar. Durchbruch der Moderne, Berlin, be.bra Verlag, 2008. 189 p. (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. 5). • Huber, Peter / Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. 478 p. • Junge, Mark / Bordjugov, Gennadij / Rol’f Binner: Vertikal’ bol’šogo terrora. Istorija operacij po prikazu NKVD N° 00447, Moskva, Novyj Chronograf, 2008. 778 p. • Kaiser, Gerd: »Auf Leben und Tod«. Stille Helden im antifaschistischen Widerstand. 1923–1945, Berlin, Edition Bodoni, 2007. 542 p. • Kamiński, Łukasz / Persak, Krzysztof / Gieseke, Jens (eds.): Handbuch der kommunistischen Geheim­dienste in Osteuropa. 1944–1991, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. 583 p. (Analysen und Dokumente. 33). • Karner, Stefan / Selemenev, Vjačeslav (eds.): Österreicher und Sudetendeutsche vor sowjeti­schen Militär- und Strafgerichten in Weißrussland 1945–1950. Avstrijcy i sudetskie nemcy pered sovetski­mi voennymi tribunalami v Belarusi. 1945–1950 gg., Graz, Verein z. Förderung d. Forschung v. Folgen nach Konflikten u. Kriegen, 2007. 727 p. (Kriegsfolgen-Forschung. 10). • Keep, John L. H. / Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. 328 p. (Istorija stalinizma). • Killian, Herbert: Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien, Berndorf, Kral Verlag, 2008. 220 p. • Neves, José: Comunismo e nacionalismo em Portugal. Política, cultura e história no século XX, Lisboa, Tinta-da-China, 2008. 502 p. • Richter, Hedwig: Die DDR, Paderborn, Ferdinand Schöningh, 2009. 116 p. (UTB Profile). • Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009. 341 p. • Žáček, Pavel / Faulenbach, Bernd / Ulrich Mählert (eds.): Die Tschechoslowakei 1945 / 48 bis 1989. Studien zu kommunistischer Herrschaft und Repression, Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, 2008. 239 p. • Zeuske, Michael: Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas, Zürich, Rotpunktverlag, 2008. 619 p. Section VI. Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2009–2011.1 Past meetings and conferences 2009 • Berlin, Germany, 16–17 January 2009: 16th International Rosa Luxemburg Conference, International Rosa Luxemburg Society, Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. • Duisburg-Essen, Germany, 19 January 2009: »Rivals of the Twentieth Century«. USSR and USA. Two Geopolitical Powers in Competition, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen. • Basel, Switzerland, 22–24 January 2009: Cosmic enthusiasm. The cultural impact of space exploration on the Soviet Union and Eastern Europe since the 1950’s, University of Basel. • Bochum, Germany, 29–31 January 2009: Revolution und Arbeiterbewegung 1918–1920, Institut für soziale Bewegungen (Bochum) in cooperation with Hans-Böckler-Stiftung and Heinrich-Kaufmann-Stiftung Bochum. • Hyderabad, India, 29–31 January 2009: International Conference on Media, Culture and Ideology, Osmania University Centre for International Programmes. • Leipzig, Germany, 5–6 February 2009: ›Gerontokraten‹ oder ›Helden des Rückzugs‹? Die kommunistischen Parteiführungen Mittel- und Osteuropas 1989. Internationales Symposium, Polnisches Institut Leipzig, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO); Zeitgeschichtliches Forum Leipzig und Projektgruppe »Remembering Communism« am Institut für Slavistik der Universität Leipzig Leipzig. • Berlin, Germany, 18–20 February 2009: Die deutsche Frage in der SBZ und DDR, Deutsche Gesellschaft e.V. – Bundesstiftung Aufarbeitung – Berliner Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR Berlin. • Marburg, Germany, 19–20 February 2009: Forschungen zu Stalinismus und Entstalinisierung – Kulturwissenschaftliche Disziplinen im Dialog, Herder-Institut Marburg. • Kassel, Germany, 20–21 February 2009: Forschungskolloquium »Geschichtspolitik«, Arbeitskreis »Politik und Geschichte« in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft. www.uni-stuttgart.de/soz/avps/pug • Winnipeg, Canada, 12–14 March 2009: World History and Historical Materialism, Interdisciplinary Research Circle on Globalization and Cosmopolitanism, Department of History at the University of Manitoba. www.umanitoba.ca/faculties/arts/history/research_circle/events.htm • Minsk, Belarus, 13–14 March 2009: Belarus zwischen Ost und West. Von der polnisch-litauischen Union zum russisch-sowjetischen Imperium, Ludwig-Maximilians-Unversität München, Internationales Bildungs- und Begegnungswerk Minsk, Belarus State University Minsk. • Oxford, U. K., 15 March 2009: Cultural Creation of »Russian Reality«, St Anthony’s College, Oxford. • Florence and Montecatine Terme, Italy, 25–28 March 2009: Workers’ Struggles and Nationalist Movements in the Arab World. 1900–present, European University Institute Robert Schuman Centre for Advanced Studies. • Cambridge, U. K., 28–30 March 2009: British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES) Annual Conference, Fitzwilliam College. www.basees.org.uk/conference.shtml • Bochum, Germany, 2–4 April 2009: Theoretische Ansätze und Konzepte der Sozialen Bewegungs-Forschung in den Geschichtswissenschaften, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. Haus der Geschichte des Ruhrgebiets. www.ruhr-uni-bochum.de/isb • Loveno di Menaggio, Italy, 19–21 April 2009: Vom Eurokommunismus zur sozialen Demokratie / Dall’eurocomunismo alla socialdemocrazia, Fondazione Istituto Gramsci, Friedrich-Ebert-Stiftung, Centro Italo-Tedesco per l’Eccelenza Europea Villa Vigoni. • Geneva, Switzerland, 15–16 May 2009: Transnational social policies, reformist networks and the International Labour Organization 1900–1980, Université Genève. • Konstanz, 15–16 May 2009: Widerstand – Gewalt – Mythos. Partisanenbewegungen im europäischen Vergleich, Kulturwissenschaftliches Kolleg, Universität Konstanz. • Magdeburg, 15–16 May 2009: 20 Jahre Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Kommu­nismus in Asien, Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg in der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Kulturhistorisches Museum Magdeburg. • New Jersey, USA, 15–17 May 2009: Totalitarian Laughter. Cultures of the Comic under Socialism, Princeton Institute for International and Regional Studies. • Metz, France, 26 May 2009: Socialists and The Great War. Careers, networks, experiences. 1914–1918, University of Metz, Fondation Jean Jaurès. • Dubai, United Arab Emirates, 30 May–1 June 2009: Second Global Studies Conference, University of Illinois, Urbana, USA, Zayed University, Dubai, United Arab Emirates. www.globalstudiesconference.com • Fontainebleau, France, 11 June 2009: Autour des archives de l’Internationale communiste. La France et le mouvement communiste 1919–1943. Nouveaux outils, nouvelles archives, Université de Bourgogne, Archives nationales, Site de Fontainebleau. • Gießen, Germany, 18–20 June 2009: 1989 in Zentraleuropa als transnationales Diskurs- und Medienereignis, Gießener Zentrum Östliches Europa, Graduiertenkolleg »Transnationale Medien­ereignisse«, Herder-Institut Marburg, Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen, Justus-Liebig-Universität Gießen. • Dublin, Ireland, 13–16 July 2009: Spanish Civil War and its Immediate Aftermath Conference, Department of Hispanic Studies, Dr Susana Bayó Belenguer, Trinity College. • Kyiv, Ukraine, 27–31 July 2009: 4th Changing Europe Summer School »Civil Society in Central and Eastern Europe before and after the End of Socialism«, Research Centre for East European Studies at the University of Bremen in cooperation with the EU Institute for Security Studies at the National University of »Kyiv-Mohyla Academy« with funding from the Volkswagen Foundation, National University of »Kyiv-Mohyla Academy«. www.changing-europe.de • Leipzig, Germany, 21–23 August 2009: Der Hitler-Stalin-Pakt 1939. Grenzverschiebungen, Verfolgung, Deportationen und die Erinnerungskultur im östlichen Europa, Moldova-Institut Leip­zig e.V. • Berlin, Germany, 28 August 2009: Symposium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. www.2i.westhost.com/bg/0_21.html • Linz, Austria, 10–13 September 2009: Grenzenüberschreitende Arbeitergeschichte. Konzepte und Erkundungen / Labour History beyond Borders. Concepts and Explorations, International Conference of Labour and Social History (ITH) Linz. www.ith.or.at • Wrocław, Poland, 16–20 September 2009: 1939 – Hitler, Stalin und das östliche Europa, Stiftung EVZ, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig. • New York, USA, 24 September 2009: Alexander Vassiliev’s Notebooks and the Documentation of Soviet Intelligence Activities in the United States during the Stalin Era, New York University, Center for the United States and the Cold War, Tamiment Library. • Bratislava, Slovakia, 30 September–2 October 2009: Persecution of Churches in the Communist Countries in Central and Eastern Europe, Nation’s Memory Institute (Slovakia); The Institute of National Remembrance (Poland); The Institute for the Study of Totalitarian Regimes (Czech Republic); The Institute for the History of the 1956 Hungarian Revolution (Hungary). • Bucharest, Romania, 1–3 October 2009: Remembering Communism. Theoretical Approaches to the Memory on Communism, Institute of Slavic Studies of the University of Leipzig in cooperation with the Museum of the Romanian Peasant, Bucharest. • Washington D.C., USA, 8–11 October 2009: Rethinking the 1918 / 19 Revolution, German Studies Association Conference. • Smolensk, Russia, 9–11 October 2009: History of Stalinism. Repressions of the Soviet Province, Smolensk State University, ROSSPEN, Yeltsin Foundation e.a. www.rosspen.su/ru/stalin2/programma2 • Leipzig, Germany, 14–16 October 2009: 1989 in a Global Perspective, Global and European Studies Institute. • London, U. K., 16–17 October 2009: 1989–2009. The East European revolutions in perspective, Debatte – Journal of Contemporary Central and Eastern Europe, London. www.tandf.co.uk/journals/titles/0965156X.asp • Detroit, USA, 22–24 October 2009: North American Labor History Conference 2009, McGregor Conference Center on the campus of Wayne State University. http://nalhc.wayne.edu • Cluj-Napoca, Romania, 22–23 October 2009: Rethinking Violence in Communist Dictatorships in East Central Europe, Institute of Oral History; Department of Contemporary History and Inter­national Relations, Babeş-Bolyai-University of Cluj-Napoca; Research Group »Socialist Dictatorship as a World of Meaning« at Institute of Contemporary History Prague & Centre for Contemporary History Potsdam. • Hamburg, Germany, 29–30 October 2009: Stalin and Stalinism. Roadmaps for Future Research, Hamburger Institut für Sozialforschung. www.his-online.de/veranstaltungen/details/1321.html • Exeter, U. K., 9–11 November 2009: The Cultural and Literary Meaning of the Spanish Political Exile of 1939, Francisco Largo Caballero Foundation, University of Exeter. • Boston, USA, 12–15 November 2009: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass • Soria, Spain, 12–19 November 2009: III Semana de la Memoria Histórica y los Derechos Humanos, Archivo Guerra Exilio, Asociación Soriana Recuerdo y Dignidad. • Dijon, France, 18–20 November 2009: Les lieux de mémoire victimaire en Europe (XVIe–XXIe siècles), Centre Georges Chevrier, Université de Bourgogne. • Santander, Spain, 19–21 November 2009: II congreso del exilio republicano en Cantabria, Fundacion Bruno Alonso, Gobierno de Cantabria, Obra Social Caja Cantabria. • Berlin, Germany, 19–21 November 2009: Kunst und das kommunistische Europa, 1945–1989 – Zu einer transnationalen Geschichte / L’art et l’Europe communiste, 1945–1989 – Pour une histoire transnationale, Centre Marc Bloch, Berlin, Universität Leipzig, Deutsches Historisches Museum, Deutsch-Französische Hochschule Berlin. • Prague, Czech Republic, 19–21 November 2009: Dropping, Maintaining and Breaking the Iron Curtain. The Cold War and East-Central Europe Twenty Years Later, Institute of Contemporary History – Academy of Sciences of the Czech Republic. • Hanover, Germany, 20–29 November 2009: Postmoderne hinter dem eisernen Vorhang? Internationales Symposium anlässlich des 75. Geburtstags von Alfred Schnittke, Hochschule für Musik und Theater Hannover. • Paris, France, 23–27 November 2009: Semaine franco-russe de l’université Paris Ouest-Nanterre – La défense, www.u-paris10.fr/semainefrancorusse • Chemnitz, Germany, 26–28 November 2009: DDR – ČS(S)R 1949–1989. Eine Beziehungsgeschichte am Anfang, TU Chemnitz, Europäische Regionalgeschichte; Dialog mit Böhmen e.V., Greiz. • Bochum, Germany, 26–28 November 2009: Die Erfahrung der Freiheit. Auf dem Weg zu einer Kulturgeschichte der Europäischen Revolution, Institut für Deutschlandforschung, Ruhr-Universität Bochum. • Reading, U. K., 27 November 2009: Listening to the Listener. Popular Reception of Western Cold War Propaganda, School of Languages and European Studies, University of Reading. • Sofia, Bulgaria, 28–29 November 2009: The Totalitarianisms of the 20th Century in Comparative Perspective. Do New Realities Challenge Traditional Conceptions?, Institute for Studies of the Recent Past. http://minaloto.org • Paris, France, 1–2 December 2009: Les territoires du communisme. Élus locaux, politiques publiques et sociabilités militantes. Journées d’études interdisciplinaires, Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne. • Madrid, Spain, 1–4 December 2009: Setenta años del exilio de 1939. Argentina, Cuba, Francia, Uruguay y México, Sociedad Estatal de Conmemoraciones Culturales, Universidad Nacional de Educación a Distancia, Fundación F. Largo Caballero e.a., Círculo de Bellas Artes. www.circulobellasartes.com/ag_humanidades.php?ele=123 • New York, USA, 4–5 December 2009: The International Workshop on Lysenkoism, CUNY Graduate Center, Harriman Institute, Columbia University. • Duisburg, Germany, 11–12 December 2009: Jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus? Zur Problemgeschichte, Programmatik und Aktualität des Linkssozialismus, Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW. • Moscow, Russia, 14–16 December 2009: Jewish Studies in the Soviet Union, Center for Biblical and Jewish Studies at Russian State University for the Humanities, Moscow. • Paris, France, 16 December 2009: Journée Maitron 2009, Centre d’histoire sociale du XXe siècle. http://biosoc.univ-paris1.fr/spip.php?article248 Meetings and conferences 2010–2011 • Los Angeles, USA, 17–21 March 2010: Socialist Cinema from Eisenstein to Chavez. Society for Cinema & Media Studies 2010 Conference. www.cmstudies.org • Dehli, India, 18–20 March 2010: 8th International Conference of Labour History. Association of Indian Labour Historians (AILH, VVGiri National Labour Institute (VVGNLI). www.ith.or.at/partner_e/call_ailh2010_e.htm • Lille, France, 19–20 March 2010: George Orwell. A Political Conscience of the XXth Century, University of Lille III. • Paris, France, 23–24 March 2010: Pratiques de pouvoir, violences et contestations à l’Est. De l’empire russe au démantèlement de l’URSS et du bloc communiste (xixe – xxie siècles), Journées doctorales, EHESS. Submission deadline: 8. 1. 2010. doctorales.2009@gmail.com • Ghent, Belgium, 13–16 April 2010: 8th European Social Science History Conference. www.iisg.nl/esshc • Chicago, USA, 1 May 2010: A Century+ of May Days. Labor and Social struggles. International Conference, Institute of Working Class History. www.mayday2010.info • Grenoble, France, 20–21 May 2010: Le sport dans les presses communistes au XXe siècle. Journée d’étude, Université de Grenoble (UFR-STAPS). www.histoiredesmedias.com / Journee-d-etude-Le-sport-dans-les.html. • Leuven, Belgium, 21–22 May 2010: The Transnationality of Social Movements, Free University of Brussels, Catholic University of Leuven. • Cologne, Germany, 10–13 June 2010: Revolución 2.0: El Ciclo de Revoluciones Ibéricas y América Latina. Revolution 2.0: Iberischer Revolutionszyklus und Lateinamerika. The Iberian Cycle of Revolutions and Latin America. International Conference at the occasion of the 200th anniversary of the revolutions of Independence in Spanish America and the 80th anniversary of Manfred Kossok. Conveners: Michael Zeuske (U Köln; Lamprecht-Gesellschaft) / Matthias Middell (U Leipzig; ENIUGH) / Albert Manke (U Köln). michael.zeuske@uni-koeln.de • St. Petersburg, Russia, 15–19 June 2010: History and Subjectivity in Russia, Rutgers University, St. Petersburg Institute of History, Russian Academy of Sciences, European University of St. Petersburg. Submission deadline: 1. 3. 2010. hellbeck@rutgers.edu • Linz, Austria, 9–12 September 2010: 46th ITH Conference. Labour Movements and Social Movements in Global Memory. www.ith.or.at/konf_e/zyklus_2010-2012_e.htm • Wrocław, Poland, 21–23 October 2010: The World towards Solidarity Movement 1980–1989, Instytut Pamieci Narodowej. Submission deadline: 30.4.2010. anna.piekarska@ipn.gov.pl • Lisbon, Portugal, 17–19 March 2011: Strikes and Social Conflicts in the Twentieth Century, The Institute of Contemporary History (New University of Lisbon), the International Institute of Social History (Amsterdam), The Archive Edgard Leuenroth (Unicamp / Brasil) e.a. Submission deadline: 30. 7. 2010. ihc@fcsh.unl.pt • Munich, Germany, 12–14 November 2010: Netzwerke des Exils. Künstlerische Verflechtungen, interdisziplinärer Austausch und Patronage nach 1933, Center for Advanced Studies der LMU München. Deadline: 20. 12. 2009. karin.wimmer@kunstgeschichte.uni-muenchen.de • Los Angeles, USA, 18–21 November 2010: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass/convention/2010-cfp.pdf • Washington D.C., USA, 17–20 November 2011: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass Section VII.The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2009. The International Bibliography will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2010). Section VIII. Periodicals / Serials on Communist Studies. VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2009 The International Bibliography of Journal Articles will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2010). VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. This directory lists 219 periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for completing and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Title and URL Country Category A nemzetközi munkásmozgalom történetéböl. Hungary Journal Ab Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space. www.abimperio.net Russia / USA Journal Acta Slavica Iaponica. http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.html Japan Journal Actuel Marx. http://netx.u-paris10.fr/actuelmarx France Journal Aden. Paul Nizan et les années trente. http://paul.nizan.free.fr/aden6.htm France Journal Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. www.stiftung-aufarbeitung.de Germany E-Newsletter American Communist History. www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.html USA Journal Anarchist Studies. www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/current.html U. K. Journal Annali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli. www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annals Italy Journal Anthropology of East Europe Review. http://condor.depaul.edu/~rrotenbe/aeer USA Journal Arbeiderhistorie. Årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek. www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htm Norway Journal Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. www.sozialgeschichte-bremen.de Germany Journal Arbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik. www.sfah.dk/arbhist.htm Denmark Journal Arbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek. www.arbetarhistoria.se Sweden Journal Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit. wobarchiv@gmx.de Germany Journal Archiv für Sozialgeschichte. www.fes.de/afs-online Germany Journal Archivar. Zeitschrift für Archivwesen. www.archive.nrw.de/archivar Germany E-Journal Arkiv för studier i arbetarrörelsens historia. www.arkiv.nu Sweden Journal Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung Germany Journal Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. www.marxforschung.de Germany Journal Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis. www.flwi.ugent.be/btng-rbhc/en Belgium Journal Berlin-Brandenburger Forum Osteuropa. Rundbrief. www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm#bb Germany E-Newsletter Bibliotheksbrief. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. www.bundesarchiv.de Germany E-Newsletter Blätter für deutsche und internationale Politik. www.blaetter.de Germany Journal Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder. www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.de Germany Journal Boletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina. www.cedinci.org Argentina E-Newsletter Bollettino dell’Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia. www.vponline.it/riviste/000072 Italy Journal Brood & Rozen. Tijdschrift voor de Geschiedenis van Sociale Bewegingen. www.brood-en-rozen.be Belgium Journal Bulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau. www.dhi-moskau.de Russia Journal Bulletin du CEGES/SOMA Berichtenblad. www.cegesoma.be Belgium E-Newsletter Bulletin du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches. www.ulb.ac.be/is/chsg Belgium Newsletter Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. www.edition-organon.de/bulletin_fuer_faschismusforschung.htm Germany Journal Bulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch. www.etudes-jean-richard-bloch.org France Journal Cahiers Charles Fourier. www.charlesfourier.fr France Journal Cahiers d’histoire. Revue d’histoire critique. www.espaces-marx.eu.org France Journal Cahiers d’histoire du mouvement ouvrier. http://barthes.ens.fr/clio/revues/assoc/mouvementouvrier.html Switzerland Journal Cahiers d’Histoire du Temps présent. Bijdragen tot de Eigentijdse Geschiedenis. www.cegesoma.be Belgium Journal Cahiers du monde russe. http://monderusse.revues.org France Journal Cahiers du mouvement ouvrier. www.trotsky.com.fr France Journal Cahiers Léon Trotsky [ceased publication]. l.aujame@chello.fr France Journal Cahiers Marxistes. www.ulb.ac.be/socio/cmarx Belgium Journal Caietele Echinox. www.phantasma.ro Romania Journal Central Asian Survey. www.tandf.co.uk/journals/carfax/02634937.html U. K. Journal Central Europe. www.maney.co.uk/journals/centraleurope U. K. Journal Central European History. http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CCC U. K. Journal The China Quarterly. www.journals.cambridge.org/jid_CQY U. K. Journal Cold War History. www.lse.ac.uk/collections/CWSC/coldWarHistoryJournal U. K. / USA Journal Cold War International History Project Electronic Bulletin. www.wilsoncenter.org USA E-Journal Cold War International History Project Working Papers. www.wilsoncenter.org USA Journal Communisme. France Journal Communist and Post-communist Studies. www.elsevier.com/locate/postcomstud USA Journal Communist History Network Newsletter [ceased publication]. www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn U. K. E-Newsletter Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung. www.comparativ.net Germany Journal Comparative Studies in Society and History. http://journals.cambridge.org/jid_CSS U. K. Journal Critica marxista. Analisi e contribuzioni per ripensare la sinistra. www.criticamarxista.net Italy Journal Critique. Journal of Socialist Theory. www.critiquejournal.net U. K. Journal Deutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland. www.wbv.de/deutschlandarchiv Germany Journal Die Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst. www.edition-nautilus.de Germany Journal Dissidences [former Bulletin de liaison des études sur les mouvements révolutionnaires]. www.dissidences.net France Journal Divinatio. http://mshs-sofia.com Bulgaria Journal Dzieje Najnowsze. www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=5 Poland Jornal East European Politics & Societies. http://eep.sagepub.com USA Journal East European Quarterly [ceased publication]. www.colorado.edu/history/about/journals.html USA Journal Estudos sobre o Comunismo. http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt Portugal E-Newsletter Europe Asia Studies. www.tandf.co.uk/journals/carfax/09668136.html U. K. Journal European Review of History / Revue Europeenne d’Histoire. www.tandf.co.uk/journals/titles/13507486.html U. K. /France Journal Exilforschung. Ein Internationales Jahrbuch. www.exilforschung.de Germany Journal Exilios y migraciones ibéricas en el siglo XX. Éxils et migrations ibériques au XXe siècle. Spain Journal EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft. www.exit-online.org Germany Journal Film History. http://muse.jhu.edu/journals/film_history USA Journal Filmblatt. www.filmblatt.de Germany Journal Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte. http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forum/index.htm Germany Journal Geschichte und Gesellschaft. www.v-r.de/de/zeitschriften/500007 Germany Journal Guerres mondiales et conflits contemporains. www.puf.com/wiki/Guerres_mondiales_et_conflits_contemporains France Journal Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik. http://halbjahresschrift.blogspot.com Germany Journal Histoire et Liberté. France Journal Histoire sociale – Social history. www.utpjournals.com/hssh/hssh.html Canada Journal Historia Actual On-Line. www.historia-actual.com Spain E-Journal Historical Materialism. http://mercury.soas.ac.uk/hm U. K. / The Netherlands Journal Historische Literatur. www.steiner-verlag.de/HistLit Germany Journal H-HOAC Historians of American Communism Newsletter. www.h-net.org/~hoac USA E-Newsletter Iberoamericana. América Latina. España. Portugal. www.iberoamericana.de Germany Journal ICCEES International Newsletter, International Council for Central and East European Studies. www.iccees.org/Newsletter.html Germany Newsletter The Indian Economic and Social History Review. http://ier.sagepub.com India / U. K. Journal Intermarium. www.ece.columbia.edu/research/intermarium Poland /USA E-Journal International Labor and Working-Class History. www.ilwch.rutgers.edu U. K. Journal The International Newsletter of Communist Studies. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Germany Newsletter The International Newsletter of Communist Studies Online. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Germany E-Journal International Review of Social History. www.iisg.nl/irsh The Netherlands Journal Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. www.iwk-online.de Germany Journal Istočnikovedčeskie issledovanija. www.igh.ru Russia Journal Istoričeskij Archiv. www.rosspen.su/ru/archive/istarch Russia Journal Istorija. Lietuvos aukštųjų mokyklų mokslo darbai. www.vpu.lt/index.php?1830576658 Lithuania Journal Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. www.lukacs-gesellschaft.de/frame_jahrbuch.html Germany Journal Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de Germany Journal Jahrbuch für historische Kommunismusforschung. www.stiftung-aufarbeitung.de/publikationen/ jahrbuch.php Germany Journal Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. www.steiner-verlag.de/JGO Germany Journal Journal of Baltic Studies. http://depts.washington.edu/aabs/publications-journal.html U. K. Journal Journal of Cold War Studies. http://muse.jhu.edu/journals/journal_of_cold_war_studies USA Journal Journal of Communist Studies and Transition Politics. www.tandf.co.uk/journals/titles/13523279.asp U. K. Journal Journal of Contemporary History. http://jch.sagepub.com U. K. Journal Journal of Modern European History. www.chbeck.de/trefferliste.aspx?toc=3434 Germany Journal The Journal of Slavic Military Studies. www.tandf.co.uk/journals/fslv USA Journal Journal of Southeast European and Black Sea Studies. www.tandf.co.uk/journals/titles/14683857.asp U. K. Journal Journal of Balkan and Near Eastern Studies [formerly Journal of Southern Europe and the Balkans]. www.tandf.co.uk/journals/carfax/14613190.html U. K. Journal Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft. www.krisis.org Germany Journal Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History. www.slavica.com/journals/kritika/kritika.html USA Journal Kunstiteaduslikke Uurimusi. http://ktu.artun.ee Estonia Journal La Lettre d’Espaces Marx. www.espaces-marx.eu.org France Newsletter Labnet List. Labour Movement. listserv@iisg.nl The Netherlands E-Discussion List Labour. Le Travail. www.cclh.ca/llt Canada Journal Labor History. www.informaworld.com/smpp/title~content= t713436999 USA Journal Labor History. www.asslh.com/journal Australia Journal Labour History Review. www.ingenta.com/journals/browse/maney/lhr U. K. Journal Latin American Perspectives. www.latinamericanperspectives.com USA Journal Latinoamerikanskij istoričeskij al’manach. www.igh.ru Russia Journal Le Mouvement social. http://mouvement-social.univ-paris1.fr France Journal Left history. www.yorku.ca/lefthist U. K. Journal Les Cahiers d’ADIAMOS. www.codhos.asso.fr/Adiamos.htm France Journal Les Cahiers du C.E.R.M.T.R.I. www.trotsky.com.fr France Journal Lettre du Centre d’études slaves. www.etudes-slaves.paris4.sorbonne.fr France Newsletter L’homme et la société. www.editions-harmattan.fr/index.asp?navig=catalogue&obj=revue&no=20 France Journal Marx-Engels-Jahrbuch [formerly: MEGA-Studien]. www.bbaw.de Germany Journal Marx-Engels-Marxismus-Forschung. www.cpm.ll.ehime-u.ac.jp/AkamacHomePage/MEMA/MEMA.html Japan Journal Matériaux pour l’histoire de notre temps. www.persee.fr/listIssues.do?key=mat France Journal Memoria e Ricerca. www.istitutodatini.it/biblio/riviste/l-n/mem-ric2.htm Italy Journal Mir istorii. Rossiskij elektronnyj žurnal. www.historia.ru Russia E-Journal Mitteilungen des Förderkreises, Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.fabgab.de/mitteilungen.htm Germany Journal Mitteilungen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen Germany Journal Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen Bochum. www.ruhr-uni-bochum.de/iga/isb/isb-hauptframe/mitteilungsheft/mitteilheft.htm Germany Journal Mundos do Trabalho. www.ifch.unicamp.br/mundosdotrabalho Brazil Journal Nationalities Papers. www.tandf.co.uk/journals/cnap USA Journal Naučno-informacionnyj bjulleten’ RGASPI [ceased publication]. www.rusarchives.ru/federal/rgaspi/nsa1.shtml#1.1.3 Russia Newsletter The NEP Era. Soviet Russia 1921-28. www.d.umn.edu/cla/NEPera USA Journal Neprikosnovennyj zapas. http://magazines.russ.ru/nz Russia Journal New Left Review. www.newleftreview.org USA Journal New Political Science. A Journal of Politics & Culture. www.tandf.co.uk/journals/carfax/07393148.html USA Journal Newsletter Social Science in Eastern Europe. www.gesis.org/en/publications/magazines/newsletter_eastern_europe Germany Newsletter North West Labour History. www.workershistory.org U. K. Journal Novaja i novejšaja istorija. Russia Journal Novyj istoričeskij vestnik. www.nivestnik.ru Russia Journal Nuevo Topo. Revista de historia y pensamiento crítico. http://nuevotopo.wordpress.com Argentina Journal O Olho da História. www.oolhodahistoria.org Brazil Journal Osteuropa. http://osteuropa.dgo-online.org Germany Journal Otečestvennye Archivy. www.rusarchives.ru/publication/otecharh Russia Journal Passato e presente. www.francoangeli.it/riviste/sommario.asp?IDRivista=98 Italy Journal Perseu. História, Memória e Política. http://www2.fpa.org.br/portal/modules/news/index.php?storytopic=1725 Brazil Journal Perspektiven ds. www.perspektiven-ds.de Germany Journal Plurale. Zeitschrift für Denkversionen. www.plurale-zeitschriftfuerdenkversionen.de Germany Journal Políticas de la Memoria. Anuário de investigación del Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina. www.cedinci.org Argentina Journal Post-Soviet Affairs. www.bellpub.com/psa/index.html USA Journal Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien. www.zzf-pdm.de/site/332/default.aspx Germany Juournal PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. www.prokla.de Germany Journal Przegląd Historyczny. www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=15 Poland Journal Quaderno di storia contemporanea. Rivista semestrale dell’Istituto per la storia della resistenza e della società contemporanea in provincia di Alessandria. Italy Journal Quaderni di storia. www.edizionidedalo.it/site/riviste-attive.php?categories_id=30&attive=1 Italy Journal Quaderni Pietro Tresso, Centro Studi Pietro Tresso, Italy [formerly: Quaderni del Centro Pietro Tresso series]. p.casciola@tiscalinet.it Italy Journal Quaderni storici. www.mulino.it/edizioni/riviste Italy Journal Radical History Review. http://chnm.gmu.edu/rhr/rhr.htm USA Journal Recherche socialiste. www.lours.org France Journal Res Publica. Belgian Journal of Political Science. www.respublica.be Belgium Journal Rethinking Marxism. A Journal of Economics, Culture & Society. www.informaworld.com/smpp/ title~content=t713395221 Revolutionary History. www.revolutionaryhistory.co.uk U. K. Journal Revolutionary Russia. www.tandf.co.uk/journals/titles/09546545.asp U. K. Journal Revue française de science politique. www.afsp.msh-paris.fr/publi/rfsp/rfsp.html France Journal Ricerche di storia politica. www.arsp.it Italy Journal Rocznik Polsko-Niemiecki / Deutsch-Polnisches Jahrbuch. http://isppan.waw.pl/redinfo/rpn.htm Poland Journal Rossijskaja istorija [formerly: Otečestvennaja istorija]. Russia Journal Rundbrief. Willi-Bredel-Gesellschaft. Geschichtswerkstatt. www.bredelgesellschaft.de Germany Journal Russian History. Histoire russe. www.ingentaconnect.com/content/brill/ruhi USA Journal The Russian Review. www.russianreview.org USA Journal Russian Social Science Review. A Journal of Translations. www.mesharpe.com/mall/results1.asp?ACR=rss USA Journal Russian Studies in History. A Journal of Translations. www.mesharpe.com/mall/results1.asp?ACR=rsh USA Journal Science and Society. A Journal of Marxist Thought and Analysis. www.scienceandsociety.com USA Journal Sehepunkte. Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften. www.sehepunkte.de Germany E-Journal Slavic Review. American Quarterly of Russian, Eurasian and East European Studies. www.slavicreview.uiuc.edu USA Journal The Slavonic and East European Review. www.mhra.org.uk/Publications/Journals/seer.html U. K. Journal Slovanský Přehled. www.hiu.cas.cz/cs/nakladatelstvi/ periodika/slovansky-prehled.ep Czech Rep. Journal Social History. www.tandf.co.uk/journals/routledge/03071022.html U. K. Journal Socialist History. www.socialist-history-journal.org.uk U. K. Journal Società e storia. www.francoangeli.it/riviste/sommario.asp?IDRivista=50 Italy Journal Soudobé dějiny. www.usd.cas.cz/en/pages/en-soudobe-dejiny Czech Rep. Journal South Eastern European Politics Online. www.seep.ceu.hu Hungary E-Journal The Soviet and Post-Soviet Review. www.brill.nl/spsr The Netherlands Journal Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts [ceased publication]. www.stiftung-sozialgeschichte.de Germany Journal Spagna contemporanea. www.spagnacontemporanea.it Italy Journal Storica. Italy Journal Studi storici. Rivista trimestrale dell’Istituto Gramsci. http://web.tiscali.it/studistorici Italy Journal Studia Historyczne. www.pan-krakow.pl Poland Journal Studia z dziejów Rosji i Europy Środkowo-Wschodniej. www.semper.pl/sdr.html Poland Journal Studies in East European Thought. www.springer.com/philosophy/political+philosophy/journal/11212 Switzerland / The Netherlands Journal Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung. www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/ olb/de/1.c.335320.de Germany Journal Südostforschungen. Internationale Zeitschrift für Geschichte, Kultur und Landeskunde Südosteuropas. www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/ olb/de/1.c.335321.de Germany Journal Svobodnaia mysl’-XXI. www.postindustrial.net Russia Journal Századok. www.szazadok.hu Hungary Journal Territoires contemporains. Bulletin de l’ICH Dijon. France Newsletter Thesis Eleven. Critical Theory and Historical Sociology. http://the.sagepub.com Australia Journal Tijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis. www.tseg.nl Belgium Journal Tokovi Istorije. www.inisbgd.co.rs/celo/publikacije.htm Serbia Journal Totalitarian Movements and Political Religions. www.tandf.co.uk/journals/titles/14690764.asp U. K. Journal Totalitarismus und Demokratie / Totalitarianism and Democracy. www.hait.tu-dresden.de/td Germany Journal Transit. Europäische Revue. www.iwm.at/transit.htm Austria Journal Twentieth Century British History. http://tcbh.oxfordjournals.org U. K. Journal Ukrajins’kyi Istoryčnyi žurnal. Ukraine Journal Utopian Studies Journal [ceased publication]. www.utoronto.ca/utopia/journal/index.html Canada Journal UTOPIE kreativ [ceased publication]. www.rosalux.de/cms/index.php?id=uk Germany Journal Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. www.vierteljahrshefte.de Germany Journal Vingtième siècle. Revue d’histoire. www.pressesdesciencespo.fr/revues/vingtimesiclerevuedhist France Journal Vlaams Marxistisch Tijdschrift. www.democratisch-links.be/vmt Belgium Journal Voenno-istoričeskij žurnal. www.mil.ru/info/1068/11278/11845/index.shtml Russia Journal Voprosy istorii. Russia Journal vorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik. http://vorgaenge.humanistische-union.de Germany Journal Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik. www.widerspruch.ch Switzerland Journal Zeithistorische Forschungen. www.zeithistorische-forschungen.de Germany Journal / E-Journal Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat. http://web.fu-berlin.de/fsed Germany Journal Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. www.metropol-verlag.de/pp/zfg/zfg.htm Germany Journal Zeitschrift für Ideengeschichte. www.z-i-g.de Germany Journal Zeitschrift für Slavistik. www.uni-potsdam.de/u/slavistik/slav_reihen/zfslav/zfsld.htm Germany Journal Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft. www.spw.de Germany Journal Žurnal issledovanij social’noj politiki. www.jsps.ru Russia Journal Section IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies. Online Newsletters, Discussion Groups and Weblogs Title URL Aktuelles aus der DDR-Forschung, Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Anarchists in the Gulag. http://gulaganarchists.wordpress.com Boletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina, Buenos Aires, Argentina. www.cedinci.org Bücherkoffer aus Moskau, Bielefeld, Germany. http://buecherkoffer.blogspot.com Communist History Network, Manchester, U. K. www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn Estudos sobre o Comunismo, Portugal. http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com H-Net Discussion Network: H-HOAC. History of American American Communism. www.h-net.org/~hoac H-Net Discussion Network: H-Labor. www.h-net.org/~labor H-Net Discussion Network: H-Russia www.h-net.org/~russia International Newsletter of Communist Studies Online, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Mannheim, Germany. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Labnet List. Labour Movement. listserv@iisg.nl LAWCHA. Mailinglist of the Labor and Working Class History Association. www.lawcha.org London Socialist Historians Group Newsletter. www.londonsocialisthistorians.org Twentieth Century Communism Weblog. http://c20c.wordpress.com Resources Title URL 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte, Munich, Germany. http://mdzx.bib-bvb.de/cocoon/1000dok 1937 god, Memorial, Moscow, Russia. Documents and materials on the Great Terror. www.memo.ru/history/y1937/1937.htm American Communism and Anticommunism. A Historian’s Bibliography and Guide to the Literature, John Earl Haynes, Washington D.C., USA. www.johnearlhaynes.org/page94.html Annals of Communism. Yale University Press. Contains online document publications. www.yale.edu/annals Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR. Enthält Tageschroniken, Karten, Materialien, ein Forum, Veranstaltungen, Dokumentationen (Videoclips u.a.) und einen Newsletter. www.17juni53.de ArcheoBiblioBase: Archives in Russia. English-language site about central and local archives in Russia. www.iisg.nl/~abb ArcheoBiblioBase: Archives in Ukraine, Ukrainian Research Institute, Harvard University, USA. www.huri.harvard.edu/abb_grimsted Archivgut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Bundesarchiv, Koblenz-Berlin, Germany. www.bundesarchiv.de/sed-fdgb-netzwerk Archivi del Novecento, BAICRSistemaCultura, Rome, Italy. www.archividelnovecento.it Archivy Belarusi. Official site of the archival adminstration of Belarus. http://archives.gov.by Archivy Rossii. Archives in Russia. Joint-venture site of Rosarchiv and NGOs, covering all news and matters of Russian archives. Also features online publications of articles from journal »Otečestvennye Archivy«. www.rusarchives.ru Bălgarskijat komunizăm. Kritičeski izsledvanija. Bulgarian webportal on Communist Studies. www.red.cas.bg Bibliographie zur Geschichte des deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur 1938–1945, Karl Heinz Roth. www.stiftung-sozialgeschichte.de/index.php?selection=63 Bibliothek deutscher Kämpfer für den Sozialismus. www.deutsche-kommunisten.de Bundism.net. A Network Dedicated to Research on the Jewish Labor Bund. www.bundism.net Central and Eastern European Online Library. www.ceeol.com Center for Working-Class Studies, Youngstown State University, USA. www.as.ysu.edu/~cwcs Centre d’Etudes et de Recherches sur les Mouvements Trotskyste et Révolutionnaires Internationaux, Paris, France. www.trotsky.com.fr Centre des Archives Communistes en Belgique. http://users.skynet.be/carcob Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales (CEDOBI), Universidad de Castilla-La Mancha, Spain. www.brigadasinternacionales.uclm.es Centro de Documentação 25 de Abril, Coimbra, Portugal. www.uc.pt/cd25a Clio-online. Fachportal für die Geschichtswissenschaften. www.clio-online.de Clio-online Findmittelkatalog. http://findmittel.clio-online.de/site/lang__de/40208221/default.aspx Cold War International History Project, Woodrow Wilson International Center, Washington DC, USA. Contains huge quantities of digitized and systematically arranged Cold War documents. www.wilsoncenter.org/cwihp Collectif Smolny. Collectif d’édition des introuvables du mouvement ouvrier. www.collectif-smolny.org Comintern-Online Electronic Archives. www.comintern-online.com »Communism« – An exhibition of highlights from the Monash University Library Rare Books Collection, Victoria, Australia. Illustrated virtual catalogue. www.lib.monash.edu/exhibitions/communism CPGB Bibliography, Dave Cope. www.amielandmelburn.org.uk/cpgb_biblio/searchfrset.htm Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus – DadA. http://projekte.free.de/dada Dictionary of Labour Biography, University of York, U. K. www.york.ac.uk/res/dlb Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, Oranienburg-Berlin, Germany. www.stiftung-bg.de/kz-oranienburg Die Rote Fahne, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany. Main newspaper of the CPG, digitized issues 1918–1919 and 1928–1933. http://digital-b.staatsbibliothek-berlin.de/digitale_bibliothek/digital.php?id=50&gruppe=zeitung Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod. Online-Edition der von H. Altrichter editierten Quellensammlung. http://mdz.bib-bvb.de/digbib/sowjetunion/sw1 English Language Sources – 1945–1989. Communism, Revisionism, Dissident Movements, Cornell University – Institute for European Studies, Ithaca, USA. www.einaudi.cornell.edu/europe/integrated_history/category.asp?id=79 Filmarchives Online. Finding Moving Images In European Collections, Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main. www.filmarchives-online.eu Fondazione Istituto Gramsci, Rome, Italy. Includes inventories of the Gramsci archives. www.gramsci.it Fonds Thorez-Vermeersch, Archives communales d’Ivry-sur-Seine, France. www.fonds-thorez.ivry94.fr geschichte.transnational. Fachforum zur Geschichte des kulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt. http://geschichte-transnational.clio-online.net Guia da história das esquerdas brasileiras, Universidad Federal Rio de Janeiro, Brasil. www.ifcs.ufrj.br/~rfcastro/gheb.htm Guide Books to Russian Archives, East View Inc., Minneapolis, USA. http://guides.eastview.com GULAG – Das Lagersystem der Sowjetunion, Memorial e.V., Berlin, Germany. http://gulag.memorial.de H-Net Humanities & Social Sciences Online Discussion Network. www.h-net.org H-Soz-u-Kult, Germany. Internet-Forum des H-Net. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. Communication and Information Services for Historians. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de Harvard Project on Cold War Studies, Harvard University, USA. Contains some digitized documents. www.fas.harvard.edu/~hpcws Hoover Institution, Stanford University, USA. http://www-hoover.stanford.edu IG Spanienfreiwillige, St. Gallen, Switzerland. www.spanienfreiwillige.ch International Association of Labour History Institutions. www.ialhi.org International Institute of Social History, Amsterdam, The Netherlands. www.iisg.nl Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, Tokio-Berlin, Japan-Germany. www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de Internet Modern History Sourcebooks Socialism. www.fordham.edu/halsall/mod/modsbook33.html Title URL Italians in the Gulag. Informational, biographical and bibliographical ressource on the Italian victims of the Soviet camp system, by the Fondazione Feltrinelli (Milan) and the Memorial association (Moscow). www.gulag-italia.it Kansan Arkisto, Helsinki, Finland. Archive features the files of the Communist Party of Finland. www.kansanarkisto.fi KGB in the Baltic States: Documents and Researches, Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimo centras, Vilnius, Lithuania. http://kgbdocuments.eu Klassiker des Marxismus-Leninismus. www.mlwerke.de Knowledge Base Social Sciences in Eastern Europe. Designed to provide an ongoing overview of the development of social sciences in Central and Eastern Europe. www.cee-socialscience.net Kurasje – Council Communist Archive. International ressource on the history of Council Communism. www.kurasje.org/arksys/archset.htm Libertarian Communist Library. Historical essays on Libertarian Communism. http://libcom.org/history Labour History News Service. http://labourhistory.net Labour History Serials Service. http://serials.labourhistory.net Marxists Internet Archive. www.marxists.org Memorial Association, Russia. Russian association dedicated to the defendance of human rights and the commemoration of the victims of Stalinism. www.memo.ru Ottokar Luban, Berlin, Germany. www.ottokar-luban--rosa-luxemburg-forschung.de Pobeda 1941–1945, Moscow, Russia. Photos on WWII from Russian archives. http://victory.rusarchives.ru Politischer Zeitschriften-Samisdat der DDR, TU Dresden, Germany. http://141.30.190.245:8080/uwb/digbib/mitte Rossijskie socialisty i anarchisty posle Oktjabrja 1917 goda, Memorial, Moscow, Russia. http://socialist.memo.ru Russian and East European Network Information Center, University of Texas, Austin, USA. http://reenic.utexas.edu Soviet Jewish Culture. Recovering Jewish Daily Life in the Soviet Union Before the Holocaust. www.sovietjewishculture.org Stalin – Werke und Texte im Internet. www.stalinwerke.de Stalin-Era Research and Archives Project, University of Toronto, Canada. www.utoronto.ca/ceres/serap The Complete Works of George Orwell. www.george-orwell.org The International Brigades. www.interbrigades.com The Truth about Kronstadt. Online ressource featuring the completely digitized Kronstadt Izvestija. http://www-personal.umich.edu/~mhuey UNESCO Archives Portal. An international gateway to information for archivists and archives users. www.unesco.org/webworld/portal_archives Verzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Freddy Litten, Munich, Germany. www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm Virtual Gulag Museum. Multilanguage resource on all museums and collections featuring Gulag history, including photos of exhibits. http://gulagmuseum.org Virtual Library Labor History. www.iisg.nl/~w3vl Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa. www.vifaost.de Yale Russian Archive Project, Yale University, USA. www.yale.edu/rusarch/archive.html Zeitgeschichte-online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany. www.zeitgeschichte-online.de Žurnal’nyj zal. Online archive of Russian humanities periodicals. http://magazines.russ.ru Section X. Communist history in Culture, Art and Media. Russian Radio Programme on Stalinism: » »In the Name of Stalin« Since September 2008 Ekho Moskvy, a prominent off-mainstream Russian radio station, runs a history programme dedicated to the Stalin era and problems of Stalinism under the title of Imenem Stalins [In the Name of Stalin]. In cooperation with ROSSPEN and the Boris El’tsin Foundation, the programme invites reknown historians for extensive interviews (around 40 minutes each) on single aspects of Stalinism, also letting them answer questions from listeners. The transcripts of the large interviews (in Russian) as well as the audio recordings are available on the radio station’s website. The following complete list of all episodes of the programme exemplifies the variety of topics and persons. Date Topic Historian Link 6 . 9 . 2008 Nikolai Ezhov Nikita Petrov www.echo.msk.ru/programs/staliname/538136-echo 13. 9. 2008 Stalin – A Born Revolutionary? Sergei Mironenko www.echo.msk.ru/programs/staliname/539803-echo 20. 9. 2008 Famine or Holodomor? Viktor Kondrashin www.echo.msk.ru/programs/staliname/540954-echo 27. 9. 2008 The Kremlin and the Baltics Elena Zubkova www.echo.msk.ru/programs/staliname/542605-echo 4. 10. 2008 Moscow and Eastern Europe Tat’iana Volokitina www.echo.msk.ru/programs/staliname/543979-echo 11. 10. 2008 The Political Control of Soviet Radio Tat’iana Goriaeva www.echo.msk.ru/programs/staliname/545251-echo 18. 10. 2008 GULAG: The Economy of Forced Labor Leonid Borodkin www.echo.msk.ru/programs/staliname/546702-echo 25. 10. 2008 Remembering Stalinism Arsenii Roginskii www.echo.msk.ru/programs/staliname/548351-echo 1. 11. 2008 The Political History of Stalinism Oleg Khlevniuk www.echo.msk.ru/programs/staliname/549720-echo 8. 11. 2008 Stalin Against »Cosmopolitans« Gennadii Kostyrchenko www.echo.msk.ru/programs/staliname/551813-echo 15. 11. 2008 Isaak Babel’ Reinhard Krumm www.echo.msk.ru/programs/staliname/553040-echo 22. 11. 2008 The Syndrome of Katyn Inessa Iazhborovskaia www.echo.msk.ru/programs/staliname/554756-echo 29. 11. 2008 The Comintern: Ideas, Decisions, Fates Aleksandr Vatlin www.echo.msk.ru/programs/staliname/556055-echo 6. 12. 2008 The History of Stalinism: Results and Problems of Research Hélène Carrère d’Encausse, Sergei Mironenko, Andrei Sorokin www.echo.msk.ru/programs/staliname/557577-echo 13. 12. 2008 Stalin and Mass Repression Vladimir Khaustov www.echo.msk.ru/programs/staliname/559174-echo 20. 12. 2008 Behind the Facade of Stalin Era Opulence Elena Osokina www.echo.msk.ru/programs/staliname/560383-echo 27. 12. 2008 Stalinism in Eastern Europe through Russian Historians’ Perspective Galina Murashko, Al’bina Noskova www.echo.msk.ru/programs/staliname/561961-echo 3. 1. 2009 Wherein Lies Stalin’s »Effectiveness«? Edvard Radzinskii www.echo.msk.ru/programs/staliname/563067-echo 10. 1. 2009 Collectivisation and the Red Army Nonna Tarkhova www.echo.msk.ru/programs/staliname/564534-echo 17. 1. 2009 Soviet Everyday Life and Mass Consciousness in the 20s and 30s Igor’ Orlov, Aleksandr Livshin www.echo.msk.ru/programs/staliname/566469-echo 24. 1. 2009 Stalin and the National Questions Tamara Krasovitskaia www.echo.msk.ru/programs/staliname/567945-echo 31. 1. 2009 The Youth’s Memory of Stalin Irina Shcherbakova www.echo.msk.ru/programs/staliname/568958-echo 7. 2. 2009 The Great Terror: What Do Western Historians Say? Lennart Samuelson www.echo.msk.ru/programs/staliname/570239-echo 14. 2. 2009 The Red Uprising: Origins and Effects of Revolutionary Violence Vladimir Buldakov www.echo.msk.ru/programs/staliname/572003-echo 21. 2. 2009 Stalinism Today Marietta Chudakova www.echo.msk.ru/programs/staliname/573886-echo 28. 2. 2009 NEP and Its Destruction Iurii Goland www.echo.msk.ru/programs/staliname/574765-echo 7. 3. 2009 German Historians on the Stalin Era Wladislaw Hedeler www.echo.msk.ru/programs/staliname/576770-echo 14. 3. 2009 Territorial Problems at the End of WWII Leonid Gibianskii www.echo.msk.ru/programs/staliname/578020-echo 21. 3. 2009 Mass Tourism in the Stalin Era Igor’ Orlov www.echo.msk.ru/programs/staliname/579594-echo 28. 3. 2009 Stalin, Ivan the Terrible and Other Heroes of History Boris Ilizarov www.echo.msk.ru/programs/staliname/580902-echo 4. 4. 2009 Stalin’s Policy of State Repression Nicolas Werth www.echo.msk.ru/programs/staliname/582884-echo 11. 4. 2009 Witnesses of Stalinism Alena Kozlova, Irina Ostrovskaia www.echo.msk.ru/programs/staliname/584547-echo 18. 4. 2009 Heritage of Stalin’s National Policy in Modern Russians’ Consciousness Leokadiia Drobizheva www.echo.msk.ru/programs/staliname/585523-echo 25. 4. 2009 Children and Childhood in the Stalin Era Tat’iana Smirnova, Sergei Zhuravlev www.echo.msk.ru/programs/staliname/587486-echo 2. 5. 2009 Stalin and His Minions Aleksei Simonov www.echo.msk.ru/programs/staliname/588832-echo 9. 5. 2009 Stalin and the Great Patriotic War Aleksandr Daniel www.echo.msk.ru/programs/staliname/589840-echo 16. 5. 2009 Stalin and the Intelligentsiia Benedikt Sarnov www.echo.msk.ru/programs/staliname/591838-echo 23. 5. 2009 Myths and Legends of the Stalin Era: What Did We Get As Heritage? Nikita Sokolov www.echo.msk.ru/programs/staliname/593410-echo 30. 5. 2009 Stalin Against the Peasants: Politics, Practice, Price Sergei Krasil’nikov www.echo.msk.ru/programs/staliname/594569-echo 6. 6. 2009 Stalin as Diplomat and Foreign Policy Strategist Vladimir Pechatnov www.echo.msk.ru/programs/staliname/596115-echo 13. 6. 2009 Stalin’s Institutions and Modern Russia Maksim Trudoliubov www.echo.msk.ru/programs/staliname/598074-echo 20. 6. 2009 Stalin and the NKVD Nikita Petrov www.echo.msk.ru/programs/staliname/599968-echo 27. 6. 2009 Stalin and Germany Aleksei Filitov www.echo.msk.ru/programs/staliname/601360-echo 4. 7. 2009 Stalin and The Beginning of the Great Patriotic War Sergei Kudriashov www.echo.msk.ru/programs/staliname/602468-echo 11. 7. 2009 Eastern Europe Between Hitler and Stalin Leonid Gibianskii www.echo.msk.ru/programs/staliname/604515-echo 18. 7. 2009 Collaborationists in the Great Patriotic War Sergei Kudriashov www.echo.msk.ru/programs/staliname/605761-echo 25. 7. 2009 The »Doctor’s Plot«: A Witness View Natal’ia Rappoport www.echo.msk.ru/programs/staliname/607367-echo 1. 8. 2009 The Prerevolutionary Period of Stalin’s Life Ol’ga Edel’man www.echo.msk.ru/programs/staliname/609248-echo 8. 8. 2009 The Katyn Syndrome: Dimensions and Results Inessa Iazhborovskaia www.echo.msk.ru/programs/staliname/610651-echo 15. 8. 2009 The Political Manipulation of Historical Memory Boris Dolgin www.echo.msk.ru/programs/staliname/612491-echo 22. 8. 2009 The Molotov-Ribbentrop-Pact Sergei Sluch www.echo.msk.ru/programs/staliname/613969-echo 29. 8. 2009 The Role of Soviet Youth in the Formative Period of Stalin’s Regime Corinna Kuhr-Korolev www.echo.msk.ru/programs/staliname/615705-echo 5. 9. 2009 The GULAG During the War Leonid Borodkin www.echo.msk.ru/programs/staliname/617161-echo 12. 9. 2009 The Victims of Stalinism: Mass Liberation and Rehabilitation Marc Elie www.echo.msk.ru/programs/staliname/619055-echo 19. 9. 2009 The Historical Heritage of Stalin’s Epoch Aleksei Kara-Murza www.echo.msk.ru/programs/staliname/620506-echo 26. 9. 2009 Everyday Life in the GULAG Iurii Brodskii www.echo.msk.ru/programs/staliname/622116-echo 3. 10. 2009 The Sphere of Leisure as Phenomenon of the Stalinist Regime Katharina Kucher www.echo.msk.ru/programs/staliname/623487-echo 10. 10. 2009 The Warsaw Uprising 1944 Al’bina Noskova www.echo.msk.ru/programs/staliname/625403-echo 17. 10. 2009 Repressed Church Bells Anna Bondarenko www.echo.msk.ru/programs/staliname/627213-echo 24. 10. 2009 Iosif Stalin: The Last Years Oleg Khlevniuk www.echo.msk.ru/programs/staliname/628849-echo 31. 10. 2009 Repressed Statistics Alain Blum www.echo.msk.ru/programs/staliname/630084-echo 7. 11. 2009 Foreigners in the Soviet Union Sergei Zhuravlev www.echo.msk.ru/programs/staliname/631760-echo 14. 11. 2009 Russia and Germany in 20th Century Aleksandr Vatlin www.echo.msk.ru/programs/staliname/633339-echo 21. 11. 2009 Kirov’s Murder Iakov Rokitianskii www.echo.msk.ru/programs/staliname/635737-echo 28. 11. 2009 Stalin and Stalinism in Contemporary Publications Andrei Sorokin www.echo.msk.ru/programs/staliname/636959-echo Exhibitions on the History of Communism, 2009–2010. • Montreuil, France, 28 March 2009–3 January 2010: Le don des militants. Les objets du commu­nisme, Musée de l’Histoire vivante. www.museehistoirevivante.com • Moscow, Russian Federation, 29 April–28 June 2009: K 60-letiiu Soveta ekonomicheskoi vzaimopomoshchi, Vystavochnyi zal federal’nykh gosudarstvennykh arkhivov. • Shanghai, China, 29 June–10 August 2009: Henk Sneevliet, alias Maring (1883–1942). Mind and Heart for Revolutionary Socialism in Europe and Asia. In Commemoration of the 126th Anniversary of the Birth of Sneevliet, Memorial Hall of the First National Congress of the Communist Party of China. www.iisg.nl/collections/sneevliet • Barcelona, Spain, 7 July–27 September 2009: »Això és la guerra!« Robert Capa en acció & Gerda Taro, Museu Nacional d’Art de Catalunya, International Center of Photography. www.mnac.cat • Moscow, Russian Federation, 22 July–20 September 2009: Atomnyi proekt v SSSR. K 60-letiiu ispytaniia pervoli atomnoi bomby, Vystavochnyi zal federal’nykh gosudarstvennykh arkhivov. • Zurich, Switzerland, 18 August–19 December 2009: Theo Pinkus. Buchhändler, Kommunist, Querdenker, Zentralbibliothek Zürich. www.zb.uzh.ch/ • Frankfurt am Main, Germany, 17 September 2009–10 January 2010: Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland, Jüdisches Museum Frankfurt am Main. www.juedischesmuseum.de/wechselausstellungen/frankfurter_schule.html • Rotterdam, The Netherlands, 10 October 2009–3 January 2010: This is War! Robert Capa at Work & Gerda Taro, Nederlands Fotomuseum. www.nederlandsfotomuseum.nl • Paris, France, 21 October–31 December 2009: Berlin. L’effacement des traces. 1989–2009, Musée d’histoire contemporaine – BDIC, Hotel National des Invalides. www.bdic.fr/index.php?option=com_eventlist&view=details&id=10&Itemid=68 • Cologne, Germany, 23 October 2009–31 January 2010: Politische Bilder. Sowjetische Fotografien. Die Sammlung Daniela Mrázkowá, Museum Ludwig. www.museenkoeln.de/museum-ludwig/default.asp?s=1727 • Brussels, Belgium, 7 November 2009–14 February 2010: Exhibition of Chinese propaganda posters from the collections of IISG and Stefan Landsberger, Europalia. http://chineseposters.net/news/europalia.php • Amsterdam, The Netherlands, 9 November 2009–28 February 2010: 1989. Einde van een tijdperk /End of an era, Persmuseum. www.persmuseum.nl • Moscow, Russian Federation, 7 December 2009–15 January 2010: Sotsialisticheskii lager’. Epilog. 1989 god v Central’noi I Vostochnoi Evrope v arkhivnykh dokumentakh, Vystavochnyi zal Kul’turnogo, nauchnogo I informatsionnogo tsentra Vengerskoi Respubliki v Moskve. www.rusarchives.ru/evants/exhibitions/epilogue.shtml • Moscow, Russian Federation, 30 March–6 June 2010: Sovetskoe obshchestvo i voina 1941–1945 gg. Vystavka dokumentov i fotomaterialov, Vystavochnyi zal federal’nykh gosudarstvennykh arkhivov. Exhibition: » »Això és la guerra!«: Robert Capa, Gerda Taro and the »Mexican Suitcase«. Under the title »Això és la guerra! Robert Capa en acció« (»This is War! Robert Capa in Action«), the Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC) and the International Center of Photography (ICP), New York, organized an exposition of Robert Capa’s fotographies of the Spanish Civil War (July 6 to September 27 2009). A parallel smaller exposition showed a collection of photos by Gerda Taro. This first major retrospective contained also some works of their fellow photojournalist David Seymour (»Chim«). The fotos of the American Robert Capa, born in Budapest as Endre Ernő Friedmann (1913–1954), who studied fotography at the Deutsche Hochschule für Politik in Berlin before he emigrated from Germany, were published in the most important illustrated magazines. The title of the exhibition has been taken from the article published on December 3rd 1938 in the British magazine Picture Post, with Capa’s images of the Battle of the River Segre. Among his works were exposed fotos like Death of a Republican Militiaman (1936), The Battle of the River Segre (1938) and Refugees in Barcelona (1939) and also some documents about the Sino-Japanese War and World War II (D-Day 1944, The Liberation of Leipzig 1945). Hitherto unpublished photographs and three contact sheets from one of his most dramatic series taken at the Battle of the River Segre in November 1938 were part of the material found in what is known as the »Mexican suitcase«, recovered in Mexico in 2007. Sharing the room with this show, the MNAC was also exhibiting Gerda Taro, the first major retrospective dedicated to this German photojournalist. Taro, born Gerta Pohorylle in Stuttgart 1910 in a Jewish trader family coming from East Galicia, who was Capa’s collaborator and lover. The images of Gerda Taro were reproduced widely in the French left-wing press, incorporated elements typical of the »New Vision«, a movement appearing in Germany around 1920, along with a physical and emotional proximity to the subject. In July 1937, while she was covering the decisive battle for Brunete, she was killed under the tracks of a Republican tank. The MNAC was host to the two exhibitions in 2009, on the occasion of the 70th anniversary of the end of the Spanish Civil War. The exhibition has been accompanied by lectures and conferences e.a. by Cynthia Young and Kristen Lubben from the International Center of Photography and the projection of the film »La sombra del iceberg. Una autopsia de la mítica fotografía de Robert Capa ›el miliciano muerto‹« (»The shadow of the iceberg. An autopsy of Robert Capa’s legendary photograph ›Death of a militiaman‹«) (76 mins, Spanish with subtitles). Currently a debate is going on whether Capa’s photo of the century »Death of a Militiaman« was in fact staged and not the photo of a real scene. See for the two contrasting opinions: Richard Whelan: Això és la guerra! Robert Capa en acció, Barcelona, Museo Nacional De Arte De Cataluña, 2009; José Manuel Susperregi: Sombras de la fotografía. Los enigmas desvelados, Universidad Vasca, 2009. On October 10, 2009, the exhibition moved to the Nederlands Fotomuseum in Rotterdam, where it stayed until January 3 2010. Mezhrabpom Film Reissued on DVD: » »Miss Mend« From the publisher’s announcement: »Flicker Alley, in collaboration with Blackhawk Films and Turner Classic Movies, is proud to present the astonishing Miss Mend, a 1926 three-part serial / adventure film from Soviet directors Boris Barnet and Fedor Ozep. Widely regarded by the official Soviet press of the time as a prime example of shameless ›Western-style‹ entertainment, the serial was nevertheless hugely popular, becoming one of the most successful Soviet films of the 1920s. Miss Mend is an energetic, fast-moving serial which opens a window on the phenomenon of Soviet Americanism and reveals a little-known side of early Soviet cinema. This new edition was mastered in high definition from superb original 35mm elements produced by David Shepard and Jeffery Masino, with digital restoration and editing being carried out by Eric Lange of Lobster Films, Paris. Featuring a ‘dream cast’ of 1920s Soviet films stars and special bonus features by film historians Ana Olenina and Maxim Pozdorovkin.« (www.flickeralley.com/fat_missmend_01.html). DVD: » … nicht der Rede wert? Die Ermordung der Lehrerin Bian Zhongyun am Beginn der Kulturrevolution. In Form einer CD, DVD und eines Begleitheftes wird die Geschichte von Bian Zhongyun erzählt, Lehrerin und Vizedirektorin am Pekinger Mädchengymnasium, die am 5. August 1966 zu Beginn der Kulturrevolution von ihren eigenen Schülerinnen zu Tode geprügelt wurde. Dabei handelt es sich beim Pekinger Mädchengymnasium nicht um irgendeine Schule, sondern um diejenige, an der hauptsächlich die Töchter hoher Parteikader unterrichtet wurden. Dieser erste Mord gilt als Auftakt des »Roten August«. Innerhalb eines Monats wurden über 1700 »rechte Elemente« im Namen der Kulturrevolution von Schüler/innen und Student/innen erschlagen. Der Dokumentarfilm und die dazugehörige CD erzählen auch die Geschichte der Hinterbliebenen und über ihren Umgang mit den Ereignissen, ihren Einsatz für die strafrechtliche Verfolgung der Geschehnisse und ihr Bemühen um die Dokumentation und Veröffentlichung. Informiert wird zudem über den heutigen öffentlichen Umgang mit den Vorgängen während der Kulturevolution. … nicht der Rede wert? Die Ermordung der Lehrerin Bian Zhongyun am Beginn der Kulturrevolution. Berichte von Wolfgang und Susanne Schwiedrzik und ein Film von Hu Jie. In Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk, Neckargemünd und Wien: Edition Mnemosyne, Verlag für alte Hüte und neue Medien 2009. The History Film Festival of Pessac: » »Once upon a time: Communism« (»Il était une fois : le communisme«). From 9 to 16 November 2009, the International Film Festival of Pessac took place in a small town near Bordeaux, dedicated to the history of Communism, at the occasion of the joint 20th jubilee of the festival and the Fall of the Berlin Wall. The programme contained more than fifty fictional and documentary films, among them the classics like Oktiabr’ by Sergei M. Eizenshtein (1925), Ninotchka by Ernst Lubitsch (1939), Quand passent les cigognes by Mikhail Kalatozov (1957), L’Aveu by Costa-Gavras (1969), Otac na službenom putu by Emir Kusturica (1985), but also Good Bye Lenin! by Wolfgang Becker (2002), La Maison haute by Pavel Lounguine (2003) and Katyn by Andrzej Wajda (2007). The geographical subjects covered were Asia, Cuba, Central Europe and the Balcans, Eastern Europe, France, Spain and the Soviet Union. As official award in the category »fiction«, the festival honoured Vincere (2009), a film by Marco Bellocchio about the young (and socialist) Mussolini. The student joury award was given to Whisper with the Wind/Sirta la gal ba (2009) of the Iranian director Shahram Alidi and the public award to the French film Liberté by Tony Gatlif (about the destiny of a group of Roma in Vichy France). In the cate­gory »documentaries« the award of the official jury went to L’Important c’est de rester vivant by Roshane Saidnattar (France 2009), a film denouncing the crimes of the Red Khmer; the high school award went to 1946, Automne Allemand by Michael Gaumnitz (France 2009) which tells the story of a Swedish antifascist writer visiting Germany devastated by the allied bombardments. The public award went to Cona’cris la révolution orpheline by Gilles Nivet (France 2009) showing the astonishing victorious revolution of the people of Guinea in 2007 and the subsequent repression. The »Pope Clément Award« was given to the Russian documentary filmmaker and president of the joury Iosif Pasternak. The film festival gave place to important debates within a huge programme of conferences, workshops and roundtables under participance of historians, filmmakers and journalists about historiographical and filmographical aspects of the history of Communism, among them Krzysztof Pomian, Daniel Vernet, Natacha Laurent, Isabel Perez Montalbán, Jean Mondot, Jean-Claude Bonnet, Anne-Marie Cocula, Catherine Lisak, Enrique Lister, Annette Wieviorka, Bernard Lecomte, Andreï Gratchev, Jean-Jacques Becker, Claude Cabanes, Stéphane Courtois, Denis Peschanski, Régis Debray, Jean-Charles Asselain, Allain Glykos, Pascal Duris, Valérie Hannin, Emmanuel Droit, Nadège Ragaru, Jean Lacouture, Jean-Noël Jeanneney, François-Guillaume Lorrain, Jean Crépu, Jacqueline de Proyat, Antonin Liehm, Christophe Luzet, Bernhard H. Bayerlein, Manuel Maria Carrilho, Monica Fioravanzo, Josep Maria Marti Font, Pierre Verluise, Alain Krivine, Marc Lazar, Cyril Buffet, Sonia Combe, Radu Portocala, Laurent Rucker, Marie Pierre Rey, Claude Aziza, Johann Chapoutot, Sylvain Boulouque, Olivia Gomolinski, Pierre-Henri Deleau, Eduardo Lamora, Igor Minaev and Jean-Luc Domenach. The Festival of Pessac 2010 will be devoted to the end of colonialism. See: www.cinema-histoire-pessac.com Section XI.Discussions, Debates, Historical Controversies. Ralph Hug, (St. Gallen, Switzerland): » Schweizer Spanienfreiwillige voll rehabilitiert. In der Schweiz ist am 1. September 2009 das Bundesgesetz über die Rehabilitierung der Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) in Kraft getreten. Der Erlass wurde im März 2009 vom Parlament gegen die Stimmen der Rechten genehmigt. Er legt die kollektive Aufhebung aller Strafurteile und Administrativentscheide gegen Personen fest, die wegen ihres Einsatzes für Freiheit und Demokratie auf der republikanischen Seite rechtlich zur Verantwortung gezogen wurden. Damit sind die rund 800 Schweizer Spanienkämpfer sieben Jahrzehnte nach den Ereignissen voll rehabilitiert. Die Schweiz war jener demokratische Staat, der die Spanienfreiwilligen am konsequentesten verfolgt und am härtesten bestraft hat. Die Spanienkämpfer mussten sich vor dem Militärgericht wegen fremdem Kriegsdienst (Art. 94 des schweizerischen Militärstrafgesetzes) verantworten. Der Eintritt in fremde Armeen ist in der Schweiz seit 1927 (und heute noch) verboten. Eine von der Linken geforderte Amnestie wurde 1939 abgelehnt. Insgesamt wurden 420 Strafurteile gefällt, dazu kommen noch einige Dutzend weitere Urteile von Zivilgerichten gegen Personen meist aus dem Umfeld der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS), die sich in der Transithilfe für durchreisende Spanienkämpfer aus Mittel- und Osteuropa betätigt hatten. Das Bundesgesetz lässt den damals mit mehreren Monaten Gefängnis Bestraften durch eine symbolische Entkriminalisierung Gerechtigkeit widerfahren, wenn auch in den meisten Fällen bloß posthum. Zurzeit leben in der Schweiz gerade noch fünf Spanienkämpfer. Eine Entschädigung für das erlittene Unrecht ist nicht vorgesehen. Es handelt sich somit um eine formaljuristische Rehabilitierung, in der aber der Umschwung in der öffentlichen Deutung des Spanischen Bürgerkriegs zum Ausdruck kommt. Bis in die 1970er-Jahre waren die Spanienkämpfer als Kommunisten verfemt und blieben sowohl im öffentlichen Bewusstsein als auch in der Historiografie unbeachtet. Mehrere Rehabilitierungsversuche auf politischer Ebene scheiterten. Erst die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Kapitels des helvetischen Antifaschismus und die Gründung einer »Interessengemeinschaft Spanienfreiwillige« im Jahr 2007 durch Historiker und Nachkommen legten den Grundstein für den nunmehr erfolgten Durchbruch. Das letzte Beispiel eines Rehabilitierungsaktes erfolgte zuvor in Luxemburg, das im Jahr 2003 ein entsprechendes Verbotsgesetz gegen Spanienfreiwillige aus dem Jahr 1937 aufgehoben hat. Erinnerungspolitisch hinkt die Schweiz anderen westeuropäischen Ländern wie Frankreich oder Holland hinterher, die ihre Spanienkämpfer schon längst amnestiert bzw. rehabilitiert und lebendige Erinnerungskulturen entfaltet haben. Anderseits ist die Eidgenossenschaft Ländern wie Deutschland und Österreich voraus, die sich bis jetzt nicht zu staatlichen Anerkennungsgesten gegenüber den Personen durchgerungen haben, die sich kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auf der iberischen Halbinsel dem europäischen Faschismus entgegengestellt haben. Den Wortlaut des Bundesgesetzes über die Rehabilitierung der Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg siehe www.admin.ch/ch/d/sr/3/321.1.de.pdf. Die Parlamentsdebatte siehe www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4806/ 284915/d_n_4806_284915_285114.htm. Eine aktuelle Liste aller Schweizer Spanienkämpfer sowie Literatur- und Quellenangaben siehe www.spanienfreiwillige.ch. » Soviet History in Debate: Power and History in Russia 2009. In February 2009, the Russian Minister of Emergency Situations, Sergei Shoigu, suggested the creation of a legal mechanism to prevent the denial of the Soviet Union’s role in the defeat of Nazi Germany in World War II. In a speech infront of WWII veterans, he justified his suggestion by referring to European countries having laws against the denial of the Holocaust.2 While liberal observers were wondering who of sound mind would deny the obvious, the Russian government was indeed taking steps in that direction. On 7 May 2009, two days before the Victory celebrations in Russia, President Dmitrii Medvedev in his blog claimed to see a rise of »increasingly aggressive« »historical falsifications« concerning the »Great Patriotic War«.3 A week later, on 15 May 2009, the President issued an order to found a »Commission of the Russian Federation to Counter Attempts to Falsify History to the Detriment of Russia’s Interests« with the task of monitoring such attempts and drawing up proposals for counter-measures. A list of members was presented at the same time, the majority being not historians, but representatives of the state’s institutions, including the army and the FSB.4 While Russian bookstores indeed carry plenty of Stalinist historical falsifications, observers agree that they will not be the subject of the new commission – it is rather coined as a tool of discipline against critical interpretations of post-WWII Soviet politics and occupation in East-Central Europe and the Baltic states, also considering the concurrent legislation projects against the »rehabilitation of Nazism (…) in the former territories of the Soviet Union«.5 While significant reactions of institutions outside Russia were largely missing,6 the scientific community inside and outside Russia reacted overwhelmingly negative. The Russian Memorial association published a harsh statement against the commission,7 and British historian Orlando Figes is quoted saying: »They’re idiots if they think they can change the discussion of Soviet history internationally (…) But they can make it hard for Russian historians to teach and publish. It’s like we’re back to the old days.«8 Up to now, the Commission did not manage to pursue any meaningful action, and at the same time it seems that the wind might change again considering Russia’s treatment of its Stalinist past. On 30 October 2009, the official day of remembrance for victims of political repression, President Medvedev held a new speech on his blog, calling for remembrance of the victims of Stalin’s terror. He explicitly condemned not only the »falsifications« of the results of WWII, but also justifications of Stalinist terror, and repudiated the popular thesis of the human losses by terror and repression being justified by the country’s progress.9 It is not yet forseeable how this statement of the nominal head of state will affect Russian historical policy, yet it already seemed to have brought Prime Minister Vladimir Putin under pressure to act: during a question time on 3 December 2009, he considered Stalin’s repressions inacceptable, eventhough he explicitely abstained from passing a judgement on the dictator.10 Section XII.Miscellanea. Nachruf » Prof. Dr. habil. Ryszard Nazarewicz 1921–2008 Der polnische Historiker Ryszard Nazarewicz ist, wie uns erst jetzt bekannt wurde, am 22. Dezember 2008 in Warschau verstorben – wenige Wochen nach Vollendung seines 87. Lebensjahres. Er hat nach der Emeritierung noch Jahrzehnte gearbeitet und bis ins hohe Alter seine Forschungsergebnisse und seinen Lebensinhalt gegen Angriffe polnischer Antikommunisten und Chauvinisten verteidigt. Geboren am 11. Oktober 1921 in Lwów, hatte der junge polnische Jude gerade sein Abitur gemacht, als sein Land überfallen wurde. Nazarewicz schloss sich der Widerstandsbewegung an, wurde Kommunist und trat in die Volksgarde ein, die keine Hemmungen hatte, jüdische Kämpfer zu rekrutieren. Bis zur Befreiung kämpfte Ryszard Nazarewicz in den Reihen der Volksgarde, ab 1944 Volksarmee, als Partisan gegen die deutschen Okkupanten, vor allem im Westen Polens. Nach Befreiung und Bürgerkrieg gab Nazarewicz, inzwischen Oberst, die militärische Karriere auf und begann Geschichte zu studieren. Kämpfte er vorher bewaffnet gegen den deutschen Faschismus, machte er nun diesen Teil der jüngsten polnischen Geschichte zu seinem Forschungsthema. Er promovierte bei Czesław Madajczyk über den Widerstandskampf der Polnischen Arbeiterpartei und der Volksgarde im Raum Częstochowa-Piotrków. Nach der Habilitation 1977 wurde er zum Professor für Geschichte der polnischen Arbeiterbewegung an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei berufen, an der er bis zu deren Auflösung und seiner Berentung arbeitete. Nazarewicz war ein sehr gründlicher und gewissenhafter Forscher, seine Arbeiten sind beachtlich und zuverlässig quellengestützt. Gegenstände seiner Arbeiten waren zum einen der Kampf polnischer Widerstandsbewegungen gegen die deutschen Okkupanten und zum anderen die Geschichte der Polnischen Arbeiterpartei und ihrer Volksgarde/Volksarmee. Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk ist »Drogi do wyzwolenia« [Wege zur Befreiung] von 1979, in dem er die politischen Konzeptionen der Parteien des Londoner Lagers für ein befreites Nachkriegspolen untersuchte. Das Buch hat die Anlage zu einem internationalen Standardwerk, wurde es jedoch nicht – die Jahre 1980/81 verhinderten eine breitere Rezeption. Das Buch ist bisher nicht ins Deutsche übersetzt, seine Ergebnisse sind weiterhin gültig, auch hat kein anderer Forscher sich je an die Sache gewagt. In den letzten Jahren veröffentlichte Nazarewicz Bücher zur inneren Entwicklung der Volksgarde/Volksarmee und zu den Beziehungen der Kommunistischen Internationale zur Kommunistischen Partei Polens bzw. zur Polnischen Arbeiterpartei. Er war Mitglied der gemeinsamen Kommission polnischer und sowjetischer Parteihistoriker, die Gorbatschow und Jaruzelski berufen hatten, um die »weißen Flecken« in den Beziehungen beider Völker zu untersuchen. Die aufwendige Kommissionsarbeit scheiterte schließlich am beschränkten Zugang zu den Quellen sowjetischer Archive. Eine Bibliographie seiner bis dahin erschienenen Schriften veröffentlichte das Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung 2002 in Heft 18. Nach seiner Emeritierung wirkte Nazarewicz viele Jahre in der Adam-Próchnik-Gesellschaft, die in Warschau linke Historiker vereinigt. Er übernahm leitende Funktionen in der Vereinigung der ehemaligen Kämpfer der Volksarmee und redigierte zeitweise deren Blatt. In Deutschland war er Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, hielt auf deren Konferenzen Vorträge. In deutscher Sprache veröffentliche Nazarewicz mehrere Aufsätze in Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, im Jahrbuch für Geschichte, im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2003) und im Bulletin zur Faschismus und Weltkriegsforschung (Nr. 7, 21) sowie in mehreren Sammelbänden, wie z. B. in Der Krieg vor dem Krieg (Hamburg 2001) über Polen am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Werner Röhr, Berlin » Errata. Im International Newsletter of Communist Studies Online (2009) fehlte auf S. 40 (Fn. 2) sowie auf S. 360 bei der Erwähnung des biographischen Handbuchs Die Schweizer Spanienfreiwilligen (siehe Präsentation in der vorliegenden Ausgabe) der Hinweis auf die Mitautorschaft von Ralph Hug. Wir bitten dies zu entschuldigen. 1 Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. • H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de). 2 See e. g.: »An anti-denial law of our own«, RT Politics, 24. 2. 2009, http://rt.com/Politics/2009-02-24/An_anti-denial_law_of_our_own.html [last consulted: 5. 12. 2009]. 3 Dmitrii Medvedev: »O Velikoi Otechestvennoi Voine, istoricheskoi istine i o nashei pamiati«, blog.kremlin.ru, 7. 5. 2009, http://blog.kremlin.ru/post/11/transcript [last consulted: 5. 12. 2009]. 4 »Ukaz Prezidenta Rossiiskoi Federatsii O Komissii pri Prezidente Rossiiskoi Federatsii po protivodeistviiu popytkam fal’sifikatsii istorii v ushcherb interesam Rossii«, 15. 5. 2009, http://document.kremlin.ru/doc.asp?ID=52421 [last consulted: 5. 12. 2009]. 5 Comp. e.g. Sonja Margolina: »Der Präventivschlag. Russland werkelt auch unter Medwedew weiter an seiner revisionistischen Geschichtspolitik«, Neue Zürcher Zeitung, 27. 5. 2009, www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/der_praeventivschlag_1.2630863.html [last consulted: 5. 12. 2009]. 6 See the statements by the European Parliament and the German »Petersburg Dialogue« at www.europarl.europa.eu/sides/getAllAnswers.do?reference=P-2009-3771&language=EN and www.petersburger-dialog.de/zivilgesellschaft-09 [last consulted: 5. 12. 2009]. 7 www.memo.ru/2009/05/22/komissia.htm [last consulted: 5. 12. 2009].  8 Andrew Osborn: »Medvedev Creates History Commission«, The Wall Street Journal, 21. 5. 2009, http://online.wsj.com/article/SB124277297306236553.html [last consulted: 5. 12. 2009]. 9 Dmitrii Medvedev: »Pamiat’ o natsional’nykh tragediiakh tak zhe sviashchenna, kak pamiat’ o pobedakh«, blog.kremlin.ru, 30. 10. 2009, http://blog.kremlin.ru/post/35/transcript [last consulted: 5. 12. 2009]. 10 »Putin otkazalsia odnoznachno otsenivat’ Stalina«, Lenta.ru, 3. 12. 2009, www.lenta.ru/news/2009/12/03/stalin/ [last consulted: 5.12.2009].

JHK 2010

Das Jahr 1989 feiern, heißt auch, sich an 1939 zu erinnern! Eine Erklärung zum 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts am 23. August

In diesen Wochen und Monaten erinnern sich die Menschen in ganz Europa an die Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Ostmitteleuropa vor 20 Jahren. Festveranstaltungen und Konferenzen, Ausstellungen und Filme rufen den Bürgermut der Vielen in Erinnerung, die mit ihrem friedlichen Protest nicht nur die Diktaturen überwanden, sondern auch die Voraussetzungen für die Errichtung der Demokratie und für die Überwindung der europäischen und deutschen Teilung schufen. Am Beginn dieser Teilung und der mehr als vier Jahrzehnte währenden kommunistischen Herrschaft in Ostmitteleuropa stand der Zweite Weltkrieg. Und so erinnern wir mit Scham und Trauer an den 1. September vor 70 Jahren, als das nationalsozialistische Deutschland Polen überfiel. Acht Tage zuvor hatten Deutschland und die Sowjetunion den unseligen »Hitler-Stalin-Pakt« abgeschlossen, mit dem die beiden totalitären Diktaturen das Baltikum und Polen, Finnland und Rumänien unter sich aufteilten. Der Überfall auf Polen durch Deutschland und die Sowjetunion im September 1939 war der Auftakt zu einem beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Mit diesem Krieg brachte Deutschland unermessliches Leid über seine Nachbarn in ganz Europa, namentlich in Polen und schließlich auch in der Sowjetunion. Nach der Befreiung Europas und Deutschlands vom Nationalsozialismus hofften die Menschen in allen europäischen Ländern auf eine Zukunft in Freiheit und Demokratie. Doch diese Hoffnung wurde für viele bitter enttäuscht. In den von Krieg und Naziherrschaft geschwächten ostmitteleuropäischen Staaten und in einem Teil Deutschlands setzte die Sowjetunion neue diktatorische Regime durch: mit verheerenden Folgen für die Gesellschaften, für Wirtschaft und Kultur und für zahllose Menschen, die als politische Gegner verfolgt wurden oder ihr Leben verloren, weil sie den Machthabern im Wege standen. Und so tragen die Deutschen nicht nur schwer an ihrer Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden, die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma, Homosexueller, Behinderter, als asozial Stigmatisierter und politisch Andersdenkender sowie der Abermillionen Menschen, die dem Krieg zum Opfer fielen. Uns ist zudem schmerzlich bewusst, dass es ohne den von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg weder die kommunistischen Diktaturen in Ostmitteleuropa noch die Teilung des Kontinents und Deutschlands gegeben hätte. Wenn wir heute, im Jahre 2009, auf die Geschichte Europas und Deutschlands im 20. Jahrhundert zurückblicken, dann tun wir dies eingedenk des nationalsozialistischen Unheils, und wir sind froh, dass Deutschland heute ein gleichberechtigtes und geachtetes Mitglied der europäischen Völkerfamilie ist. Mit Dankbarkeit und Respekt denken wir zugleich an die Menschen, die in den vier Jahrzehnten nach 1945 unter hohem persönlichen Risiko immer wieder den Mut aufbrachten, die kommunistischen Diktatoren herauszufordern und für Freiheit und Demokratie einzutreten. Nicht wenige bezahlten für ihren Mut mit dem Leben. Die Aufstände und Freiheitsbewegungen in der DDR, in Ungarn, in der Tschechoslowakei und immer wieder in Polen haben die Hoffnung der Menschen auf Freiheit und Demokratie über die Jahrzehnte aufrechterhalten. Wir werden nicht vergessen, dass es vor allem Polen waren, die für ihre und unsere Freiheit als erste Breschen in das kommunistische Machtsystem geschlagen haben. Wir danken zugleich den Anhängern der tschechoslowakischen Charta 77, die uns ermutigt haben, in der Wahrheit zu leben. Wir erinnern auch all jene, die in Ungarn den Weg zur Demokratie frei machten und im Sommer 1989 den Eisernen Vorhang öffneten. Sowjetische Dissidenten haben sich lange vor Glasnost und Perestroika für die Wahrung der Menschenrechte eingesetzt. Und schließlich danken wir – und nicht zuletzt – jenen im Westen, die sich nie mit dem Eisernen Vorhang und den kommunistischen Diktaturen abgefunden, auf die Einhaltung der Menschenrechte gedrungen und die Opposition gegen die Regime unterstützt haben. Mit ihren friedlichen Revolutionen gewannen die Völker Ostmitteleuropas ihre Freiheit, ihre staatliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung wieder, die sie fünf Jahrzehnte zuvor verloren hatten. Diese Revolutionen waren die entscheidende Voraussetzung, um die europäische und die deutsche Teilung zu überwinden. Als wir nach der Überwindung der SED-Diktatur den Weg zur Deutschen Einheit beschritten, war uns das Vertrauen unserer europäischen Nachbarn ein kostbares Geschenk. Als Folge der friedlichen Revolutionen können nun alle Deutschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in Freiheit und Demokratie, in Wohlstand, in anerkannten Grenzen und in wechselseitiger Achtung und Freundschaft mit ihren Nachbarn leben. Wie das Jahr 1939 ist 1989 – wenn auch auf gegensätzliche Weise – zum europäischen Schicksalsjahr geworden. Ein freies und demokratisches Europa muss sich seiner Geschichte bewusst sein. Es braucht die Erinnerung an die kommunistische Ära und an ihre Überwindung. Ein erster Schritt ist getan: Im April hat sich das Europäische Parlament erstmalig zu dieser Verantwortung bekannt. Dieser Weg ist weiter zu gehen: Europa braucht eine aktive, verantwortungsbewusste Erinnerungskultur, die die nachwachsenden Generationen für neu aufkommende autoritäre und diktatorische Entwicklungen sensi­bilisiert. Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU) (Berlin), Dr. h. c. Joachim Gauck, Gegen Vergessen – Für Demokratie (Berlin), Dr. Anna Kaminsky, v. i. S. d. P., Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Dik­tatur (Berlin), Hans Altendorf, BStU (Berlin), Dr. Andreas H. Apelt, Deutsche Gesellschaft (Berlin), Prof. Dr.Jörg Baberowski, Humboldt-Universität zu Berlin (Berlin), Prof. Dr. Arnulf Baring, Historiker, Publizist (Berlin), Michael Beleites, Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen (Dresden), Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Chris­toph Bergner, Bundesministerium des Innern (Berlin), Prof. Dr. Dieter Bingen, Deutsches. Polen-Institut (Darmstadt), Wolfgang Börnsen (Bönstrup) MdB, Schleswig-Holstein, Staatssekretär a. D. Klaus Bölling, Publizist (Berlin), Dr. Martin Böttger, BStU (Berlin), Heidi Bohley, Verein Zeit-Geschichte(n) (Halle / Saale), Hansgeorg Bräutigam, Richter i. R. (Berlin), Dr. Matthias Buchholz, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Dr. Karl Corino, Journalist, Literaturkritiker (Tübingen), Michael Cramer, Mitglied des Europaparlaments (Berlin), Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister a. D., Gegen Vergessen – Für Demokratie (Berlin), Dr. Lothar Dittmer, Körber-Stiftung (Hamburg), Dr. Klaus von Dohnany, Bundesminister und Erster Bürgermeister a. D. (Hamburg), Prof. Dr. Jost Dülffer, Universität zu Köln (Köln), Prof. Dr. Rainer Eckert, Zeitgeschichtliches Forum (Leipzig), Oberst Dr. Hans Ehlert, Militärgeschichtliches Forschungsamt (Potsdam), Ruth Ellerbrock, Landeszentrale für politische Bildung Berlin (Berlin), Jürgen Engert, Journalist (Berlin), Rainer Eppelmann, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Prof. Wieland Förster, Künstler (Oranienburg), Annemarie Franke, Stiftung Kreisau (Breslau), Dr. h. c. Karl Wilhelm Fricke, Publizist (Köln), Ralf Fücks, Heinrich-Böll-Stiftung (Berlin), Christian Führer, Pfarrer i. R. (Leipzig), Prof. Dr. Hansjörg Geiger, Staatssekretär a. D. (Berlin), Prof. Ines Geipel, Schriftstellerin (Berlin), Ute Gramm, Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt e.V. (Magdeburg), Prof. Hans Hendrik Grimmling, Maler (Berlin), Dr. Robert Grünbaum, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Prof. Monika Grütters, MdB, Stiftung Brandenburger Tor (Berlin), Martin Gutzeit, Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (Berlin), Dr. Helge Heidemeyer, BStU (Berlin), Oberst Dr. Winfried Heinemann, Militärgeschichtliches Forschungsamt (Potsdam), Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel, Bank of America (Berlin), Prof. Dr. Günter Heydemann, Universität Leipzig (Leipzig), Helga Hirsch, Publizistin (Berlin), Jan Hoesch, Roger Loewig Gesellschaft e.V. (Berlin), Irmtraut und Siegfried Hollitzer, Bürgerkomitee Leipzig e.V. (Leipzig), Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Bonn), Dr. Jens Hüttmann, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Maybrit Illner, Journalistin (Berlin), Prof. Dr. Hartmut Jäckel, Historiker (Berlin), Martin Jankowski, Schriftsteller (Berlin), Margot Jann, Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen (Teltow), Dr. Karsten Jedlitschka, BStU (Berlin), Günter Jeschonnek, Regisseur und Autor (Berlin), Prof. Dr. Ralf Jessen, Historiker (Köln), Dr. Carlo Jordan, Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße (Berlin), Matthias Jung, Wahlforscher (Mannheim), Prof. Dr. Friedrich P. Kahlenberg, Archivar (Boppard), Siegfried T. Kasparick, Amt. Bischof in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (Wittenberg), Bettina Kielhorn, Beratungsstelle »Gegenwind« (Berlin), Dr. Axel Klausmeier, Stiftung Berliner Mauer (Berlin), Prof. Dr. Christoph Kleßmann, Historiker (Potsdam), Freya Klier, Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin (Berlin), Uwe Kolbe, Schriftsteller (Berlin), Klaus Kordon, Schriftsteller (Berlin), Hartmut Koschyk, MdB, Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag (Goldkronach), Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, BStU (Berlin), Dr. Günter Kröber, Rechtsanwalt (Leipzig), Thomas Krüger, Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn), Angelika Krüger-Leißner, MdB, Filmpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion (Berlin), Dr. Hanna-Renate Laurien, Senatorin a. D. (Berlin), Dr. Peter Lautzas, Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (Mainz), Robert Lebegern, Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth (Mödlareuth), Doris Liebermann, Publizistin (Berlin), Dr. h. c. Erich Loest, Schriftsteller (Leipzig), Bernd Lüdkemeier, Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt (Magdeburg), Dr. Ulrich Mählert, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Prof. Dr. Peter Maser, Historiker (Bad Kösen), Markus Meckel, MdB, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Möller, Institut für Zeitgeschichte (München), Helmut Morsbach, DEFA-Stiftung (Berlin), Jörn Mothes, Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin), Dr. Daniela Münkel, BStU (Berlin), Dr. Ehrhart Neubert, Historiker (Erfurt), Hildigund Neubert, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (Erfurt), Uwe Neumärker, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Berlin), Prof. Dr. Paul Nolte, FU Berlin (Berlin), Günter Nooke, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung (Berlin), Dr. Marc-Dietrich Ohse, Deutschland Archiv (Hannover), Hans-Joachim Otto, MdB, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages (Frankfurt am Main), Marita Pagels-Heineking, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (Schwerin), Martin-Michael Passauer, Generalsuperintendent a. D. (Berlin), Prof. Dr. Alexander von Plato, Historiker (Stade), Gerd Poppe, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Ulrike Poppe, Evangelische Akademie zu Berlin (Berlin), Lutz Rathenow, Schriftsteller (Berlin), Steffen Reiche, MdB, Mitglied des Bundestagsausschuss für Kultur und Medien (Potsdam), Prof. Dr. Dr. h. c. Gerhard A. Ritter, Historiker (Berlin), Dr. Volker Rodekamp, Stadtgeschichtliches Museum (Leipzig), Prof. Lea Rosh, Kommunikation und Medien GmbH (Berlin), Dr. Sabine Roß, Bundesstiftung Aufarbeitung (Berlin), Robert Rückel, DDR-Museum (Berlin), Prof. Dr. Reinhard Rürup, Historiker (Berlin), Dr. habil. Jürgen Runge, Halle (Saale), Günter Saathoff, Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (Berlin), Birgit Salamon, BStU (Berlin), Dr. Manfred Sapper, Zeitschrift Osteuropa (Berlin), Christoph Schaefgen, Generalstaatsanwalt a. D. (Berlin), Wolfgang Schenk, Hauptschullehrer i.R. (Berlin), Dr. Dieter Schiffmann, Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (Mainz), Eva Schlichenmaier-Schenk, Studienrätin (Berlin), Franz-Josef Schlichting, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Erfurt), Cornelia Schmalz-Jacobsen, Gegen Vergessen – Für Demokratie (Berlin), Jochen Schmidt, Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin), Dr. Jürgen Schmude, Bundesminister a. D. (Moers), Peter Schneider, Schriftsteller (Berlin), Andreas Schönfelder, Umweltbibliothek (Großhennersdorf), Prof. Dr. Richard Schröder, Humboldt Universität zu Berlin (Berlin), Werner Schulz, Mitglied des Europaparlaments (Berlin), Uwe Schwabe, Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. (Leipzig), Ulrich Schwarz, Journalist (Berlin), Dr. Hannes Schwenger, Autor (Berlin), Dr. h. c. Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Bundesminister a. D. (Berlin), Tom Sello, Robert Havemann-Gesellschaft (Berlin), Ilse Spittmann-Rühle, Journalistin (Köln), Friede Springer, Verlegerin (Berlin), Prof. Dr. Peter Steinbach, Universität Mannheim (Mannheim), Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte, Europäische Akademie Berlin (Berlin), Dr. Walter Süß, BStU (Berlin), Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a. D. (Berlin), Wolfgang Templin, Publizist (Berlin), Joachim Trenkner, Journalist (Berlin), Prof. Dr. Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (Leipzig), Prof. Dr. Johannes Tuchel, Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Berlin), Prof. Dr. Hans-Joachim Veen, Stiftung Ettersberg (Weimar), Friedrich Veitl, Verleger (Berlin), Siegfried Vergin, Politiker (Mannheim), Prof. Dr. Bernhard Vogel, Konrad-Adenauer-Stiftung (St. Augustin), Dr. Hans-Jochen Vogel, Gegen Vergessen – Für Demokratie (München), Jürgen Wahl, Publizist, ehem. Vorsitzender des AK Ostfragen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Bonn), Christoph Waitz, MdB, Deutscher Bundestag (Berlin), Rainer Wagner, Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (Berlin), Joachim Walther, Schriftsteller (Berlin), Matthias Waschitschka, Verein Zeit-Geschichte(n) (Halle), Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Weber, Universität Mannheim (Mannheim), Konrad Weiß, Publizist (Berlin), Reinhard Weißhuhn, Robert-Havemann-Gesellschaft (Berlin), Dr. Gerhard Wettig, Historiker (Kommen), Wolfgang Wieland, MdB, Sprecher für Innere Sicherheit der grünen Fraktion (Berlin), Prof. Dr. Manfred Wilke, Historiker (Berlin), Prof. Dr. Heinrich August Winkler, Humboldt-Universität zu Berlin (Berlin), Hans-Eberhard Zahn, Bund Freiheit der Wissenschaft (Berlin) Die Erklärung wurde am 20. August 2009 veröffentlicht und findet sich in deutscher, englischer, russischer, polnischer, tschechischer und ungarischer Sprache auf der Website www.23august1939.de. V. i. S. d. P.: Dr. Anna Kaminsky, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße 5, 10117 Berlin, buero@stiftung-aufarbeitung.de 

JHK 2010

Ideologie, Kontrolle, Repression. Als sowjetischer Besatzungssoldat im Westen

Barbara Stelzl-Marx

Die Welt kannte noch keine Armee wie unsere Sowjetische Armee. Za čest’ Rodiny am 1. Juni 1955 Sowjetmenschen außerhalb der Grenzen der UdSSR konfrontierten den Sowjetkommunismus mit einem grundsätzlichen Problem. Ihre unmittelbaren Erfahrungen mit dem Kapitalismus bargen die Gefahr »politisch-ideologischer Diversion« in sich. Schließlich zielten die »Imperialisten«, so die kommunistische Sicht, darauf ab, ihre »bürgerliche Ideologie« in die sozialistischen Länder einzuschleusen, dort im Sozialismus »fremde und feindliche Lebens- und Verhaltensweisen« zu verbreiten, so die Grundlagen der Gesellschaft zu unterminieren und die sozialistische Ordnung ›sturmreif‹ zu machen. Kontakte zum Westen waren bei der sowjetischen Führung aber auch aus einem weiteren Grund unerwünscht: Man befürchtete insgeheim, beim Vergleich der unterschiedlichen Systeme auf der Lebensebene unvorteilhaft abzuschneiden. Konnte dank gesteuerter Information und Propaganda die Illusion der höchsten Gesellschaftsordnung im Inland aufrechterhalten werden, so war dies außerhalb des direkten Einflussbereichs nicht mehr möglich. Im Gegenteil: Hier drohte der homo sovieticus ein Opfer der »psychologischen Kriegsführung des Imperialismus gegen den Sozialismus« bzw. einfach seiner persönlichen Erfahrungen zu werden. Hetze, Fälschung, Rufmord, Terror, Einschüchterung, Diversion, Spionage, Sabotage und Korruption galten dabei als Methoden der »parasitären Ordnung des Kapitalismus«.1 Jene sowjetischen Personen, die während des Zweiten Weltkriegs unter deutsche Besatzung oder in Kriegsgefangenschaft geraten oder zur Zwangsarbeit ins »Dritte Reich« verschleppt worden waren, betrachtete man daher mit Argwohn. Der – meist unfreiwillige – Kontakt mit dem Feind hatte sie zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. »Filtration« durch den Geheimdienst und Repressionen bis zum Zerfall der UdSSR waren die Folge. Durch den »Großen Vaterländischen Krieg« blickte jedoch noch eine weitere Kategorie von Sowjetmenschen über den kommunistischen Tellerrand hinaus: die Soldaten. Die Tatsache, dass sich durch den Vormarsch der Roten Armee ab 1944 Hunderttausende2 sowjetische Militärangehörige außerhalb des Territoriums der UdSSR befanden und mit westlichen Kulturen in Kontakt kamen, beunruhigte den Kreml. Bereits vor Kriegsende wurde deshalb die erzieherische Arbeit unter den Militärangehörigen seitens des umfangreichen politischen Apparats der Streitkräfte, einer sowjetischen Besonderheit, verstärkt. Sie hatte die Erziehung der Soldaten zu »hoher politischer Wachsamkeit« zum Ziel, die Steigerung der militärischen Disziplin, die Stärkung des »politisch-moralischen Zustands« sowie die Optimierung der Kenntnisse der Offiziere über ihre Mannschaftssoldaten. Mit dem Ende der Kampfhandlungen gewannen aus Sicht der Politabteilungen diese Bereiche noch an Bedeutung. Denn durch den dauerhaften Aufenthalt der Truppen an ihren Stationierungsorten ergaben sich für einzelne Militärangehörige »günstige Bedingungen«, mit der einheimischen Bevölkerung, aber auch mit westalliierten Besatzungs­angehörigen in Kontakt zu treten. Dies, so die Befürchtung von sowjetischer Seite, »konnte zweifelsohne dazu führen, dass einzelne Soldaten unter feindlichen Einfluss gerieten«. Daher ergriffen Kommandos und Politabteilungen »eine ganze Reihe von Maßnahmen« zur Verhinderung von Diversion.3 Ein Kulturschock, ausgelöst durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Kapitalismus, war trotzdem häufig nicht zu verhindern. Kulturschock: Das Aufeinanderprallen von Kommunismus und Kapitalismus Im Januar 1946 klagte der in Österreich stationierte Michail M. Žil’cov, ein Leutnant des NKVD, in einem Offizierskasino, die Sowjetunion würde Europa niemals »ein- und überholen«. In Österreich gebe es in jedem Haus Strom, während die sowjetischen Dörfer vermutlich nie elektrifiziert werden würden. Desillusioniert konstatierte der aus bäuerlichem Milieu stammende 27-Jährige: »Hier [in Österreich] gibt es Lüster, luxuriöse Häuser, Kleidung, während meine Familie Hunger leidet und nichts anzuziehen hat.« Auch mit seiner Verpflegung zeigte er sich unzufrieden: »Sieger, und in der Kantine essen wir Zwieback. Aber Rumänien und Österreich füttern wir mit Brot.«4 Žil’covs Lobpreisungen der »kapitalistischen Ordnung«5 blieben nicht ungestraft. Die Politabteilung der NKVD-Truppen der Zentralen Gruppe der Streitkräfte wertete seine Zweifel an der »Überlegenheit des sowjetischen Systems« als Folge »seines mangelhaften politischen Wissens und seiner ideologischen Zurückgebliebenheit«. Sie veranlasste umgehend eine »parteiliche Untersuchung« durch die Abteilung für Gegenspionage SMERŠ und ließ ihn seiner militärischen Funktion entheben. Die Parteikommission bei der Politabteilung des Regiments schloss den Besatzungssoldaten aus der VKP(b) aus. Zugleich wurden die Offiziere in seinem Bataillon über die »Gefährlichkeit der Aussagen Žil’covs« und die Gründe, die ihn »vom Weg abkommen hatten lassen«, aufgeklärt.6 Der geschilderte Vorfall ist ein besonders prägnantes Beispiel für die Reaktion sowjetischer Besatzungssoldaten auf die erstmalige Berührung mit dem Westen, die sie Defizite der kommunistischen Lebens- und Gesellschaftsordnung erkennen und kritisieren ließ. Schmerzlich mussten viele erfahren, dass der Lebensstandard im Land des ehemaligen Feindes weit über jenem in der Heimat lag. Das wesentlich wohlhabendere Leben in Österreich unterschied sich drastisch von der den Soldaten bekannten sowjetischen Realität, aber auch von dem Bild, das ihnen Stalins Propagandamaschinerie eingehämmert hatte. Diese Diskrepanz empfanden die »Sieger« vielfach als persönliche Niederlage, die zugleich Zweifel am kommunistischen System weckte. Die Soldaten gingen sehr unterschiedlich mit dem »wahren Gesicht« des Kapitalismus um. Manche wurden neidisch, andere neugierig, wieder andere empfanden hauptsächlich Wut. Gerade die halb naive, halb neidvolle Bewunderung für die Vorteile des Kapitalismus erschien aus Moskauer Sicht gefährlich,7 die sowjetische Führung reagierte sensibel auf derartige Äußerungen, die einen tief gehenden Kulturschock erahnen ließen. Schließlich maß sie jeglicher Kritik am kommunistischen System, aber auch Regelverstößen und selbst eigentlich »nur« strafrechtlich relevanten Vergehen eine politische Tragweite zu. Dabei machte man – wie im Fall von Žil’cov – nicht tatsächliche Probleme der sowjetischen Nachkriegswirtschaft für etwaige Zweifel am System verantwortlich, sondern gab der ideologischen und politischen Wankelmütigkeit der betreffenden Person die Schuld. Die Überlegenheit des Kommunismus durfte – gerade vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges – weder infrage gestellt noch durch das Fehlverhalten Einzelner im Ausland diskreditiert werden. Aus ideologischen Gründen, aber auch als Sicherheitsmaßnahme galten somit engere Kontakte mit der ortsansässigen Bevölkerung und insbesondere auch mit den Westalliierten als unerwünscht. Erlag jemand den Versuchungen des Westens, führte dies – wie bei Žil’cov – zu Repressionen. Kontakt zu den Westalliierten im Schatten des Kalten Krieges Besonders bedrohlich fand Moskau den unmittelbaren Kontakt zu den Westalliierten, der sich vor allem durch die gemeinsame Besetzung Wiens ergab. Obwohl die Supermächte später im Kalten Krieg auf Jahrzehnte hinaus verfeindet sein sollten, schienen die Soldaten zunächst Freundschaft schließen zu wollen. Die wechselseitige Anziehung beruhte auf Respekt, Dankbarkeit und Neugierde. Amerikaner bewunderten die Trinkfreudigkeit, Musikalität und Herzlichkeit der »Russen«. Rotarmisten fanden ihrerseits Gefallen am Blues und Jazz, an Rasierklingen, amerikanischen Zigaretten und bunt verpackten Kaugummis. Amerika begann, gefährlich attraktiv zu wirken.8 Doch die Zeit der herzlichen Umarmungen von GIs und sowjetischen Soldaten – wie sie in Bronze gegossen aus Erlauf und ähnlich aus Torgau überliefert sind – war nur allzu rasch vorbei. Bald nach Kriegsende fielen Schatten des neuen Konflikts auch auf die in Österreich stationierten Truppen. Zwar arbeiteten die USA, Großbritannien, Frankreich und die UdSSR vorerst noch zusammen und halfen einander beim Nachschub oder bei der dringlichen Repatriierung von Displaced Persons. Doch unter der Oberfläche kriselte es bereits. Das Verhältnis zwischen den Besatzungsmächten verschob sich zunehmend von anfänglicher Kooperation – etwa in Fragen der Rückführung ehemaliger Kriegsgefangener – in Richtung Konfrontation. Das direkte Aufeinanderprallen zweier Welten und zweier Systeme bedeutete in den Augen Moskaus in erster Linie eine Herausforderung – sowohl hinsichtlich der ideologischen Überzeugung der einzelnen Sowjetbürger als auch bezüglich der Wahrung von Militär- und Staatgeheimnissen. Bereits Anfang Juni 1945, als die sogenannte »Vienna-Mission«9 der drei Westalliierten begann, beobachteten die Sowjets diese argwöhnisch: Stadtkommandant Blagodatov richtete NKVD-Generalmajor Pavlov die persönliche Anordnung Tolbuchins aus, die Delegation dürfe weder Wien verlassen noch irgendwohin fahren, »wo sie nichts verloren hätte«.10 Wenig später hatte sich das Misstrauen noch verstärkt. Über die »Haltung der Alliierten zur Roten Armee« im August 1945 wusste die Spionageabwehr SMERŠ unter anderem zu berichten, die Amerikaner sammelten Informationen über Verhaftungen österreichischer Zivilisten durch die Sowjets. Der Geheimbericht unterstellte ihnen, diese Angaben »bei den bevorstehenden Verhandlungen der Regierungen der Alliierten gegen die Russen verwenden« zu wollen. Auch die Briten seien an kompromittierenden Auskünften über die Rote Armee – etwa über Vergewaltigungen, Plünderungen und andere Übergriffe – interessiert.11 Umgekehrt zeigte sich die sowjetische Seite über Verfehlungen der Westalliierten geradezu erfreut und verbreitete diese ihrerseits in einschlägigen Medien. Den eigenen Soldaten führte man die Disziplinlosigkeit der »Imperialisten« als abschreckendes Beispiel vor Augen: »In den Armeen der kapitalistischen Länder kann weder von Ehre noch von Würde die Rede sein. […] Wohin auch immer die Armeen der Imperialisten gingen, überall traten sie als Eroberer und Diebe, als Folterknechte und Unterdrücker der Völker, als Feind ihrer Freiheit auf.« Und weiter: »Von ihren Regierungen und Kommandos aufgestachelt, trinken amerikanische, britische und französische Soldaten wie Offiziere, sie beleidigen die einheimische Bevölkerung, bringen vollkommen unschuldige Menschen um, randalieren in der Öffentlichkeit.«12 Besonders eng war der Kontakt bei der gemeinsamen Arbeit im Alliierten Rat. Daher wies die Leitung des SČSK (Sowjetischer Teil der Alliierten Kommission für Österreich) all ihre Mitarbeiter streng an, »im Verhältnis zu den Alliierten äußerste Wachsamkeit und Vorsicht walten zu lassen und nicht den Versuchen der Alliierten, mit unseren Leuten besonders ›freundschaftliche‹, über rein dienstliche Notwendigkeiten hinausgehende Beziehungen einzugehen, zu erliegen«.13 Offensichtlich sorgte man sich nicht nur um die Wahrung von Geheimnissen, sondern auch um die Zuverlässigkeit der Mitarbeiter in puncto Ideologie. In dieselbe Kerbe schlug auch die Armeezeitung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte mit dem programmatischen Titel Za čest’ Rodiny (»Für die Ehre der Heimat«), die etwa mahnte: »Die sowjetischen Soldaten dürfen niemals vergessen, dass auf dem Territorium ausländischer Staaten und besonders in Österreich Feinde der Sowjetunion tätig sind – Spione, übrig gebliebene Nationalsozialisten [wörtlich: Hitleristen], Agenten amerikanischer, englischer und anderer Nachrichtendienste. Die feindliche Aufklärung ist an den Stationierungsorten unserer Truppen am aktivsten; sie versucht, unsere Leute in einen Sumpf moralischer Verkommenheit zu ziehen. Jeder Soldat muss an die Raffiniertheit und Arglist der ausländischen Spionagedienste denken und muss stets auf der Hut sein.«14 Die generelle Skepsis gegenüber dem Westen hatte auch direkte Auswirkungen auf die weitere Karriere jener sowjetischen Staatsangehörigen, die dort gearbeitet und gelebt hatten. Manche Spezialisten, die in die Sowjetunion zurückkehrten, waren an ihrem früheren Arbeitsplatz unerwünscht. Im Juni 1949 beschwerte sich Oberst Merkulov, der Leiter der GUSIMZ (Hauptverwaltung des sowjetischen Eigentums im Ausland), direkt bei Stalin, dass die zuständigen Ministerien und Behörden sich sowohl weigerten, neue Spezialisten für die Arbeit im Ausland bereitzustellen, als auch in einigen Fällen nicht bereit waren, jene Mitarbeiter, die einen Auslandseinsatz hinter sich hatten, wieder zu beschäftigen – und dies, »obwohl sie die notwendigen Qualifikationen und genügend Arbeitserfahrung aufwiesen«. Daraus ergaben sich einerseits ein Arbeitskräftemangel bei diversen Einrichtungen der GUSIMZ, andererseits Schwierigkeiten, eine Beschäftigung für Spezialisten mit Auslandserfahrung zu finden.15 Die politische Tragweite von Vergehen »Die Ehre und Würde des sowjetischen Kämpfers besteht nicht nur darin, dass er ein Bürger des weltweit ersten sozialistischen Staates ist, sondern auch darin, dass er ein Soldat der Sowjetischen Armee, der mächtigsten, kultiviertesten, edelsten Armee der Welt, der Armee der Befreiung ist. Die Welt kannte noch keine Armee wie unsere Sowjetische Armee«,16 skandierte Za čest’ Rodiny im Juni 1955. Diesem hohen Anspruch wurden jedoch die in Österreich stationierten sowjetischen Besatzungstruppen, an die diese Worte adressiert waren, häufig nicht gerecht. Nicht nur österreichische, sondern auch sowjetische zeitgenössische Dokumente sprechen von »zahlreichen Fällen von Undiszipliniertheit und Rechtsübertretungen seitens sowjetischer Soldaten«.17 Schon allein aus politisch-ideologischer Sicht war Disziplinlosigkeit sowjetischer Armeeangehöriger – besonders im Ausland – schwer tolerierbar: »Wer gegen die militärische Disziplin verstößt, der verübt das schwerste Verbrechen an der Heimat, am Volk«, ermahnte man die Soldaten.18 Der Sowjetsoldat sollte dem Image der UdSSR im Westen nicht schaden. Diszipliniertheit galt als »sittliche Qualität der sozialistischen Persönlichkeit«, die erst den »hohen Grad von Bewusstsein und Organisiertheit« ermögliche, der »für den allmählichen Übergang zum Kommunismus notwendig« sei.19 Selten kamen derartige Überlegungen so explizit zum Ausdruck wie in der folgenden Passage aus der Zeitung der CGV (Central’naja gruppa vojsk, Zentrale Gruppe der Streitkräfte): »Jedes, sogar ein auf den ersten Blick noch so unbedeutendes Vergehen, das ein sowjetischer Militärangehöriger unter den Bedingungen des Einsatzes unserer Truppen im Ausland begeht, erlangt politischen Charakter, schadet den Staatsinteressen der Sowjetunion, bringt unsere Armee, das Land in der Augen der einheimischen Bevölkerung in Misskredit und spielt somit dem Feind in die Hände.« Die Disziplin hatte sich in allem zu äußern: darin, wie der einzelne Soldat die Befehle seiner Vorgesetzten erfüllte, wie er salutierte, wie er gekleidet war und wie er sich verhielt.20 Konnte ein Vergehen nachgewiesen werden, führte dies – gerade auch vor diesem politischen Hintergrund – zu harten Strafen wie Gefängnishaft, der Einweisung in ein Arbeitsbesserungslager des GULAG oder sogar dem Tod. Dabei kam die politische Dimension besonders dann zum Tragen, wenn ein Verbrechen durch »reaktionäre Sensationsmeldungen«21 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen hatte. Ein Beispiel dafür ist die am 3. November 1946 im Wiener Prater verübte Vergewaltigung zweier Österreicherinnen, bei der eine der Frauen ermordet, die andere schwer verletzt wurde. In mehreren Artikeln widmete sich unter anderem die Arbeiter-Zeitung dem Verbrechen, »das an Bestialität viele andere in den Schatten stellt und alle öffentliche Unsicherheit im grellsten Licht zeigt«.22 Wenig später informierte TASS-Korrespondent G. N. Moločkovskij die Abteilung für Propaganda und Agitation des ZK der VKP(b) nicht nur über mehrere »Fälle von disziplinlosem Verhalten« sowjetischer Soldaten, sondern auch über »unangebrachte Milde« bei deren Ahndung: »Ein schlechtes Licht auf unsere Truppen wirft auch die Tatsache, dass von den fünf verurteilten Tätern, die eine aufsehenerregende Vergewaltigung mit Mord im Prater verübt hatten, erst einer erschossen wurde. Hier liegt eine klare Unterqualifizierung der politischen Tragweite dieser Tat vor.«23 Maßnahmen zur Verhinderung von Diversion Das Verhalten, das Armeeangehörige an den Tag legten, entsprach teilweise keineswegs dem offiziellen Bild des »ruhmreichen Befreiers«. Die sowjetische Führung versuchte auf verschiedenen Ebenen, die Diversion ihrer Truppen zu verhindern und die Disziplin zu stärken. Eine möglichst straffe Freizeitgestaltung gehörte ebenso dazu wie politisch-mora­lische Schulungen, Überprüfungen der Kader und der Einsatz von Partei- und Komsomolorganisationen in der Armee. Dabei kam die unter Stalin systemimmanente Praxis gegenseitiger Bespitzelung und Denunziation auch in Österreich zur Anwendung. Der erwähnte Žil’cov etwa – selbst seit 1939 Mitglied der NKVD-Truppen – wurde offensichtlich von mindestens einem seiner Geheimdienstkollegen bei den Vorgesetzten angezeigt. Er hatte nämlich seine »negativen« Äußerungen keineswegs öffentlich, sondern im Rahmen eines informellen Mittagessens im Offizierskasino getätigt. Griffen all diese Maßnahmen nicht, führte dies – zumindest theoretisch – zu unterschiedlichen Repressalien und Strafen. Kultur- und Freizeitangebot Ein Maßnahmenbündel zur Aufrechterhaltung von Moral und Disziplin stellte eine möglichst sinnvolle Freizeitgestaltung dar. So wurden sowjetische Filme aus Moskau geliefert und in eigenen Kinos gezeigt. Opernensembles, Balletttruppen und Rotarmisten-Orchester aus der Sowjetunion besuchten die Besatzungszone und gaben Vorstellungen für ein gemischtes österreichisch-sowjetisches Publikum. Zeitungen und Literatur wurden gleichfalls zur Bekämpfung der Langeweile zur Verfügung gestellt. Freie Tage sollten möglichst ausgefüllt sein. Besonderen Wert legte man außerdem auf Massensport (besonders Schießsport), Wettkämpfe und Brettspiele wie Schach und Dame. Aber auch Fußball, Volleyball, »Knüttelspiele« (gorodki) und andere Disziplinen wurden von den Politabteilungen gezielt gefördert, um die Militärangehörigen von »schädlicher Freizeitbeschäftigung« abzuhalten.24 In Graz brachten Rotarmisten etwa einen »verwahrlosten Park« in Ordnung, indem sie einen Sportplatz mit Fußballfeld, Laufbahnen und verschiedenen Turngeräten anlegten. Zufrieden erklärte der Leiter der Politabteilung: »Der Park und der Sportplatz erweisen sich für die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere als idealer Ort zur Freizeitgestaltung.«25 Ein Artikel in der Österreichischen Zeitung, dem Sprachrohr der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich, zeigt Armeeangehörige beim Handballspiel (»Sport stählt den Körper«), bei einem Besuch des Wiener Zoos, auf »Wildentenjagd in der Freizeit«, beim Schachspielen zur »geistigen Entspannung« oder im Leseraum einer Kaserne. Geografieunterricht, Zeitungslektüre nach einem »ausgedehnten Übungsflug« und militärische Schulungen (»Ein Frontkämpfer lehrt die Handhabung eines Masch­i­nengewehrs«) rundeten das aus sowjetischer Sicht ideale Bild über »Die Rote Armee im Frieden« ab.26 Wie so oft klafften aber auch in diesem Bereich die Befehle bzw. Berichte der Politabteilungen und die Realität auseinander. Im sowjetischen System der gegenseitigen Überwachung und Denunziation sickerten über verschiedene Wege entsprechende Informationen durch. So beschwerte sich die Politabteilung des 17. NKVD-Grenzregiments über »ernste Mängel in der Literatur über die politische Weltlage, die Partei sowie bei Hilfsmaterialien zum Studium des Kurzen Lehrgangs der Geschichte der VKP(b)«. Bereits seit einem Monat habe das Regiment weder Partei- noch Militärzeitungen und auch keine Kinofilme erhalten. Seit geraumer Zeit träfen keine Briefe mehr ein. Diese Probleme seien dringend zu lösen, so das Resümee.27 Politisch-moralische Schulung Die Rote (bzw. ab 1946: Sowjetische) Armee war eine politische Armee. Von Anfang an wurde sie als Hauptwaffe im revolutionären Kampf der bolschewistischen Partei ein­gesetzt. Dabei verlangte die Kommunistische Partei, dass die Loyalität zu ihr noch vor der Treue zur russischen Heimat kam. Unterstützung erfuhr sie durch die politische Verwaltung der Armee, die die Militärangehörigen zu überzeugten Kommunisten erziehen sollte. Sie ließ die im Ausland eingesetzten Sowjetbürger laufend politisch schulen und plante, diese politisch-erzieherische Arbeit innerhalb der Truppen weiter zu intensivieren. In keinem anderen Land der Welt wurde ihr eine derart große Bedeutung beigemessen wie in der Sowjetunion. Mit ihrer Hilfe sollten folgende Ziele erreicht werden: Hebung von Moral und Disziplin; Erziehung zur Tapferkeit im Kampf durch die Orientierung an Kriegshelden; systematische Erzeugung von Hass gegenüber dem (möglichen) Feind; Erzeugung von »grenzenloser Liebe und Hingabe zur sozialistischen Heimat und zur Partei Lenins-Stalins«; Wachsamkeit gegenüber Spionen sowie kulturelle und sportliche Betätigung zur Hebung von Moral und Unterstützung der Kampfausbildung.28 Eine der Hauptmethoden der sowjetischen Politoffiziere war der politische Unterricht. Die Wahl der Themen, die »am besten ausgebildete Genossen« dem Mannschaftsstamm über Vorträge und Gespräche näherbringen sollten, verweist unter anderem auf zwei der größten Probleme, die der Kulturschock in Österreich mit sich brachte: auf Zweifel am kommunistischen System und, daraus resultierend, den Wunsch, im Westen zu bleiben. Die Titel der entsprechenden Schulungen lauteten bezeichnenderweise »Vorteile des sowjetischen Wirtschaftssystems gegenüber dem kapitalistischen«, »Quellen von Kraft und Macht unserer Heimat«, »Vaterlandsverrat ist das schwerste Verbrechen« oder »Wie das sowjetische Gesetz Vaterlandsverrat bestraft«.29 Generell sollte die Kenntnis des Marxismus-Leninismus vertieft sowie Zweck und Ziel der Besetzung Österreichs vermittelt werden. Dazu sollte insbesondere auch das Studium von Stalins Schriften über den Zweiten Weltkrieg sowie den Sieg über Deutschland und Japan oder seines Befehls anlässlich des 1. Mai 1945 beitragen.30 Bereits mit Kriegsende begann man, Offiziere mit dem Stalin’schen Standardwerk Ge­­schichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), bekannt als der Kurze Lehrgang, vertraut zu machen. Ob diese Lektüre tatsächlich etwas zur Moral der Truppen beitragen konnte, bleibt offen; doch die Offiziere waren auf diese Weise wenigs­tens beschäftigt. Von der Langwierigkeit dieses Pflichtstudiums zeugt der folgende Bericht: »Die Behandlung des ersten Kapitels des ›Kurzen Lehrgangs‹ wurde [im Mai] zur Gänze abgeschlossen; im Juni gingen die Offiziere zum Studium des zweiten Kapitels über.«31 Bei anschließenden Kolloquien stellte sich heraus, wer sich eingehender mit dieser »marxistisch-leninistischen Lehre« auseinandergesetzt hatte und wer nicht. »Schwache Kenntnisse haben Oberleutnant Sergienko, Hauptmann Šitichin und andere«, lautete das Ergebnis einer Überprüfung.32 Man kann davon ausgehen, dass die Soldaten aller Rangklassen die obligatorische politische Unterweisung nicht besonders mochten oder sie sogar ablehnten. Oft bestand die Schulung aus einer trockenen Wiederholung von allgemein bekannten Fakten und dem eintönigen Vorlesen von Zitaten. Allerdings mussten die Unterweisungen der Politoffiziere als wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zumindest erduldet werden. Der mangelnde Enthusiasmus der Teilnehmer kommt in den Politberichten freilich kaum explizit zum Ausdruck. Doch allein der Appell, die Politoffiziere möchten sich bemühen, »den Unterricht in allen Disziplinen für Soldaten und Sergeanten interessant zu machen«, spricht für sich.33 Überprüfung der Kader Ein weiterer Versuch, »den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin« in den eigenen Reihen zu verbessern, waren die Überwachung und Überprüfung der Kader, die vor allem in den Aufgabenbereich des NKVD und der SMERŠ fielen. Doch auch die Partei- und Komsomolorganisationen kamen dabei zum Einsatz. »Feindliche« und »politisch zweifelhafte« Personen waren zu »isolieren«.34 Die Mitarbeiter der Politabteilung, die Offiziere sowie die Partei- und Komsomolorgane wurden eigens darin unterwiesen, wie sie ihrerseits den Personalstand zu überprüfen und politisch zu schulen hatten. Dafür legten die Kommandeure der Unterabteilungen Hefte mit Aufzeichnungen über die jeweilige soziale Herkunft der Untergebenen an. Besonders interessierte man sich für Parteimitglieder und für jene Personen, die auf deutsch besetztem Territorium gelebt hatten. Um die Überprüfung zu forcieren, wurden bei Disziplinarverstößen Einzelgespräche geführt. Außerdem erhielt das gesamte Personal Informationen zum Thema »Der persönliche Kontakt zu ausländischen Bürgern stellt ein Verbrechen an der Heimat dar«.35 Die Parteimitglieder forderte man zu »hoher revolutionärer Wachsamkeit« auf. Sie galten als die »Augen und Ohren des Kommandos«. Ehemalige Kriegsgefangene, Personen, die unter deutscher Besatzung gelebt hatten, und »andere fragwürdige Elemente« sollten aus den Einheiten ausgeschlossen werden.36 Die Mitarbeiter der NKVD-Politabteilung überprüften zugleich, wie genau wieder­um die zuständigen Offiziere über ihre Untergebenen Bescheid wussten, und holten über die Organe der Partei und des NKVD an den Wohnorten des Personalstands Informationen ein. Beispielsweise brachte die Politabteilung des 128. NKVD-Grenzregiments über eines der Bezirkskomitees der KP(b) in Erfahrung, dass ein in Österreich stationierter Sergeant Choral’skij während der deutschen Besatzung der Ukraine aus der Roten Armee desertiert, in seinen Heimatort geflohen und später vom NKVD verhaftet worden war. Diese Auskünfte leitete die Politabteilung wiederum an den Bevollmächtigten der SMERŠ im zuständigen Regiment weiter.37 Offiziere, die sich bei der Kontrolle ihrer Männer nicht kooperativ zeigten, waren ihrerseits streng zur Verantwortung zu ziehen.38 Partei und Komsomol Gerade im Ausland widmete man dem Verhalten von Partei- und Komsomolmitgliedern besondere Aufmerksamkeit. Diese sollten – zumindest theoretisch – den übrigen Armeeangehörigen als leuchtende Vorbilder dienen. So unterschied man bei der Ana­lyse des politisch-moralischen Zustands sowie der Disziplin der Truppen nicht nur nach militärischem Rang (Offiziere – Unteroffiziere – Mannschaftsdienstgrade), sondern auch nach Parteizugehörigkeit (Kommunisten – Komsomolzen – Parteilose). Generell führten »parteiwidriges Verhalten, mangelnder Diensteifer und weitere für einen Kommunisten schmähliche Handlungen« zu parteilichen Maßregelungen. Zuständig war dafür die jeweilige Parteikommission der Politabteilung der Truppe.39 Gegenüber Hauptmann Vorob’ev, einem Mitglied der VKP(b), sprach die Parteikommission des 17. Grenzregiments einen »strengen Verweis« aus, da er »mehrfach intime Kontakte mit Frauen aus Jugoslawien und Ungarn geschlossen und häufig getrunken« habe. Das Prozedere wiederholte sich bei einem anderen Kommunisten wegen »Trunkenheit und Kontakten zu politisch zweifelhaften Frauen«.40 Die »Schuldigen« mussten versprechen, sich zu bessern und ihre Vergehen nicht zu wiederholen.41 Als noch »parteiwidriger« galt offensichtlich das Auftreten einer Geschlechtskrankheit. Das Parteibüro des 40. NKVD-Schützenregiments schloss unter anderem einen Offizier namens Cyganko im Sommer 1945 aus der VKP(b) aus, die Gründe lauteten: »mangelnder Arbeitseifer, systematische Trunksucht und moralische, geschlechtliche Haltlosigkeit, die bei ihm zu einer Geschlechtskrankheit geführt hatte«. Diese Form der Strafe setzten die Parteikommissionen auch bei wiederholter Trunksucht in Kombination mit der Infizierung mit einer Geschlechtskrankheit durch den Kontakt zu »politisch zweifelhaften Frauen« ein.42 Trotz der permanenten Schulung und Überprüfung kam es laufend zu »Verstößen gegen die militärische Disziplin«, wie etwa der Leiter des 336. Grenzregiments Ende 1945 kritisierte.43 Dies galt umso mehr als Misserfolg der Komsomolarbeit, als sich besonders die Komsomolzen durch Aktivität, Diszipliniertheit und Gehorsam gegenüber der Partei auszeichnen sollten. Doch offensichtlich war es gerade im Ausland schwer, ein ›Musterkomsomolze‹ mit Vorbildwirkung zu werden. Resümee Das Leben im Westen führte sowjetischen Besatzungssoldaten den Widerspruch zwischen den Verheißungen der marxistisch-leninistischen Theorie und der Praxis der Stalin’schen Diktatur besonders deutlich vor Augen.44 Manche reagierten darauf mit Zweifel am Kommunismus, andere durch Disziplinlosigkeit oder mit dem Wunsch zu desertieren. Dabei maß Moskau den unterschiedlichen Vergehen – mit einem gewissen Recht – stets eine politische Dimension bei, diskreditierten derartige Vorfälle doch das Ansehen der Sowjetunion im Ausland. Zur Verhinderung »politisch-ideologischer Diversion« wurden diverse Maßnahmen eingesetzt, deren Erfolg allerdings – vor allem in der ersten Zeit nach Kriegsende – überschaubar blieb. Die Trias aus Ideologie, Kontrolle und Repression konnte Hunderttausende sowjetische Militärangehörige nicht davon abhalten, ein westliches Land mit all seinen Versuchungen und Vorzügen persönlich kennenzulernen. 1 Begriffszitate aus Waltraud Böhm u. a. (Hg.): Kleines politisches Wörterbuch, 3., überarbeitete Aufl. Berlin 1978, S. 360 f. u. 732 f. Herrn Prof. Dr. Manfred Wilke, Berlin, danke ich herzlich für seine wertvollen Anregungen zu diesem Artikel. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden im Rahmen von APART (Austrian Programme for Advanced Reserach and Technology), einem Programm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Cluster Geschichte, durchgeführt. 2 Allein an der Befreiung Österreichs waren rund 400 000 Rotarmisten beteiligt. Für Herbst 1945 wird die Stärke der sowjetischen Besatzungstruppen in Ost-Österreich auf 180 000 bis 200 000 Personen geschätzt. Zehn Jahre später waren hier immer noch rund 40 000 sowjetische Armeeangehörige, 7600 Mitglieder von Offiziersfamilien und 2400 sowjetische Arbeiter sowie Zivilbedienstete stationiert. Siehe Barbara Stelzl-Marx: Freier und Befreier. Zum Beziehungsgeflecht zwischen sowjetischen Besatzungssoldaten und österreichischen Frauen, in: Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx (Hg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Beiträge, Graz, Wien, München 2005, S. 421–448, hier S. 421 f. 3 Bericht des Leiters der Politabteilung des 37. NKVD-Grenzregiments, Major Smirnov, an den Leiter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über den politisch-moralischen Zustand der Truppen 1945, 25. 8. 1945, in: Rossijskij Gosudarstvennyj Voennyj Archiv / Russisches Staatliches Militärarchiv (im Folgenden: RGVA), F. 32906, op. 1, d. 152, S. 75–87. 4 Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der Truppen, Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Skladkevič, über antisowjetische Aussagen eines NKVD-Leutnants, 30. 1. 1946, in: RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 63 f., hier S. 63. 5 Ebd. 6 Ebd., S. 63 f. 7 Siehe Catherine Merridale: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939 bis 1945. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl, Frankfurt a. M. 2006,