DDR von A-Z, Band 1985

Maoismus (1985)

 

 

Siehe auch die Jahre 1975 1979


 

Lehre Mao Tse-tungs (1893–1976), des langjährigen ideologischen und maßgeblichen politischen Führers der KP Chinas. Mao wurde bis zum Ende der 50er Jahre zu den „klassischen Theoretikern“ des Marxismus-Leninismus gerechnet. In der DDR galten bestimmte Erfahrungen aus der Entwicklung der Volksrepublik China als vorbildlich (z.B. staatliche Beteiligung an privaten Industriebetrieben, Kommissionsverträge mit privaten Einzelhändlern).

 

Seit dem Bruch zwischen der KP Chinas und der KPdSU — in seinen ideologischen Dimensionen sichtbar geworden in dem „Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ des ZK der KP Chinas — gilt der M. für die Vertreter des sowjetischen Marxismus-Leninismus als „antileninistisch“ und „antisowjetisch“. Als „hauptsächliche Wesenszüge“ des M. werden aus dieser Sicht genannt: Nationalismus, Sinozentrismus (China als Mittelpunkt der Welt), „militanter Großmachtchauvinismus“ (China als einzige, weltbeherrschende Großmacht im Ergebnis eines neuen Weltkrieges), Antisowjetismus (Kleines politisches Wörterbuch, 3., überarb. Aufl., Berlin [Ost] 1978, S. 545 f.). Der M. sei „eklektisch“, er vereine in sich: Elemente der traditionellen chinesischen Philosophie (Konfuzianismus) und Sozialutopie, Ideen des Anarchismus und Trotzkismus, aus dem Zusammenhang gelöste Begriffe des Marxismus-Leninismus usw.

 

Die Auseinandersetzung zwischen dem Marxismus-Leninismus sowjetischer Richtung mit dem M. erfährt ihre Zuspitzung nicht zuletzt durch deren unterschiedliche weltpolitische Strategien. Dem M. wird in Veröffentlichungen in der DDR vorgeworfen, er bewerte die verschiedenen Staaten mit ihren unterschiedlichen politischen Systemen nicht „klassenmäßig“, sondern unter „geopolitischen“ Gesichtspunkten. Der M. unterscheide zwischen der „ersten Welt“ (USA; SU), der „zweiten“ (europäische sozialistische und kapitalistische Industriestaaten) sowie der „dritten“ (Entwicklungsländer einschließlich Chinas). Die „dritte Welt“ mit ihren Bauernmassen stelle für den M. die eigentliche weltrevolutionäre Kraft dar, die sich gegen die „erste“ und in dieser vor allem gegen die Sowjetunion richte. Die „zweite Welt“ bilde eine zu differenzierende und für den Kampf gegen die „erste“ zu gewinnende Zwischenzone (Geschichte der sozialistischen Gemeinschaft, Berlin [Ost] 1981, S. 307).


 

Fundstelle: DDR Handbuch. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Köln 1985: S. 853


 

Information

Dieser Lexikoneintrag stammt aus einer Serie von Handbüchern, die zwischen 1953 und 1985 in Westdeutschland vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (ab 1969 Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen) herausgegeben worden sind.

Der Lexikoneintrag spiegelt den westdeutschen Forschungsstand zum Thema sowie die offiziöse bundesdeutsche Sicht auf das Thema im Erscheinungszeitraum wider.

Ausführliche Informationen zu den Handbüchern finden Sie hier.