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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

Hier finden Sie die retrodigitalisierten Fassungen der Ausgaben 1993 bis 2019 des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung (JHK).

Weitere Bände werden sukzessive online gestellt. Die aktuelle Printausgabe folgt jeweils zwei Jahre nach ihrem Erscheinen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung wurde 1993 von Hermann Weber (†) als internationales Forum zur Erforschung des Kommunismus als europäisches und globales Phänomen gegründet. Das Jahrbuch enthält Aufsätze, Miszellen, biografische Skizzen, Forschungsberichte sowie Dokumentationen und präsentiert auf diesem Weg einmal jährlich die neuesten Ergebnisse der internationalen Kommunismusforschung.

Seit 2004 wird das Jahrbuch im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben und erscheint aktuell im Berliner Metropol Verlag.

Herausgeber: Ulrich Mählert, Jörg Baberowski, Bernhard H. Bayerlein, Bernd Faulenbach, Peter Steinbach, Stefan Troebst, Manfred Wilke.

Wissenschaftlicher Beirat: Thomas Wegener Friis, Stefan Karner, Mark Kramer, Norman LaPorte, Krzysztof Ruchniewicz, Brigitte Studer, Krisztián Ungváry, Alexander Vatlin.

Bitte richten Sie Manuskriptangebote an die Redaktion: jhk[at]bundesstiftung-aufarbeitung.de

JHK - JHK 2019

Globale Herausforderung

Marxismus und Pluralismus im 21. Jahrhundert

JHK 2019 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 255-271 | Metropol Verlag

Autor/in: Kolja Lindner

1. Einleitung

Da die Frage des Eurozentrismus in den westlichen Geschichts- und Sozialwissenschaften seit etwa 20 Jahren vermehrt gestellt wird, bleibt auch das Werk von Karl Marx (1818–1883) nicht von ihr verschont. Trotz einer ganzen Bandbreite von Reaktionen überwiegt im marxistischen Lager eine mehr oder weniger differenzierte Zurückweisung der Eurozentrismuskritik, die durchaus Züge einer Abwehr trägt: Marx sei ein globaler Denker gewesen, der historischen Fortschritt in westlichen Ländern genauso wie an deren Peripherie analysiert und herbeigesehnt habe.[1]

Eine derartige Behauptung mag zwar nicht vollkommen falsch sein, krankt aber zunächst einmal daran, dass davon ausgegangen wird, es gebe einen »einheitlichen Marxʼschen Forschungs- und Darstellungsprozess«,[2] über den nur als Ganzen geurteilt werden könne. Zudem werden so eine Reihe von entscheidenden Fragen eskamotiert, die von postkolonialen und globalgeschichtlichen Ansätzen in puncto Eurozentrismus aufgeworfen wurden: Auf welche Quellen stützen sich die Einschätzungen europäischer Großdenker? Wie wird historischer Fortschritt gedacht und welchem Modell gehorcht er? Werden Einflüsse und Verflechtung in ihrer Multilateralität begriffen?

Ich werde im Folgenden zeigen, dass, wenn diese komplexen Fragen an das Marxʼsche Œuvre gestellt und ergebnisoffen diskutiert werden, sinnvoll über dessen Eurozentrismus geurteilt werden kann. Pauschal auf den eurozentrischen Diskurs des 19. Jahrhunderts[3] oder die Ambivalenz der Moderne zu verweisen,[4] illustriert dagegen einen Mangel an historischer Differenziertheit, an Verständigung über den Eurozentrismusbegriff und an Kenntnis des Marxʼschen Werkes. Seitens marxistischer Ansätze kann die Bereitschaft, sich auf die genannten Problematisierungen, die nicht aus einem marxistischen Diskurs herrühren – wenngleich es unter Globalhistorikerinnen bisweilen durchaus Marxisten gibt[5] –, einzulassen, in gewisser Weise als Lackmustest für Pluralismusfähigkeit gelten. Unter Pluralismus möchte ich dabei theoretische und politische Heterogenität, Mannigfaltigkeit und Prinzipienvielfalt verstehen und vertreten, dass aus seiner Anerkennung auch jene von epistemischen und normativen Konflikten resultiert, die nur im praktischen Streit, nicht aber durch Zwang gelöst werden können.[6]

Das Vorliegen einer differenzierten Eurozentrismusdiskussion begreife ich vor diesem Hintergrund als Ausweis von Theorieoffenheit marxistischer Ansätze. Umgekehrt erweist sich die Abwehr einer solchen Diskussion als Absage an ein Projekt kritischer Gesellschaftstheorie, das Einsichten der Marxʼschen Kritik der politischen Ökonomie, aber eben auch postkolonialer und globalhistorischer Ansätze sowie feministischer Thematisierungen in sich aufnimmt. Ich bin der Auffassung, dass Marx nur in einem solchen Rahmen heute ein Platz in den Geistes- und Sozialwissenschaften gemacht werden kann (und sollte), was ein genuin kritisches Verhältnis zu seinem Werk voraussetzt. Im Folgenden wird v. a. deutlich werden, dass in den meisten marxistischen Diskussionen nicht nur genau dieser Einsatz verschlafen wird, sondern damit eine neue Dogmatisierung Einzug hält, die u. a. einen fundamentalen Antipluralismus illustriert.

Ich werde im Folgenden zunächst einige Ausführungen zum Eurozentrismusbegriff und der – nicht nur diesbezüglichen – Heterogenität des Marxʼschen Werkes machen, bevor ich anschließend an ausgewählten Beispielen marxistischer Debattenbeiträge zeigen will, wie diese systematisch postkoloniale und globalhistorische Problematisierungen desartikulieren.

 

2. Der Eurozentrismus und das Marxʼsche Œuvre

Ein Problem der Debatte um den Marxʼschen Eurozentrismus besteht darin, dass weder aufseiten der Kritikerinnen noch aufseiten der Marx-Verteidiger in der Regel genauer bestimmt wird, was unter Eurozentrismus zu fassen sei. Daher gleicht die Auseinandersetzung oftmals einem Aneinandervorbeireden. Für manche kann so – bei Unterstellung einer Werkeinheit – der Stab über Marx gebrochen werden, da dieser ein »eurozentrisches Modell politischer Emanzipation […], welches die Erfahrungen kolonisierter Subjekte in nichtwestlichen Gesellschaften durchgängig ignoriert«,[7] vertreten habe. Anderen wiederum erscheint der Vorwurf des Eurozentrismus als »Mythos«,[8] da es möglich sei, eine »multilineare Perspektive«[9] bzw. eine »komplexe Darstellung der historischen Entwicklung«[10] im Marxʼschen Denken aufzuzeigen.

Um eine derartige Misskommunikation zwischen den beiden Lagern – einmal wird Eurozentrismus am Übergehen subalterner agency festgemacht, das andere Mal an der falschen Universalisierung eines bestimmten Entwicklungsmodells – zu vermeiden, möchte ich zunächst einmal festhalten, dass unter Eurozentrismus mitunter ganz unterschiedliche Dinge verstanden werden, die expliziert werden müssen. Soweit ich die Forschung überblicke, wird der Begriff von unterschiedlichen Autorinnen für vier verschiedene Zusammenhänge benutzt:

- Für einen spezifischen Ethnozentrismus, der westliche Gesellschaften allseits überlegen wähnt und sie somit zum Zentrum der Weltgeschichte und/oder des Denkens macht.[11]

- Für einen projektiven, »orientalistischen« Blick auf nichtwestliche Weltgegenden, der weniger mit realen Verhältnissen in diesen Regionen zu tun hat, als vielmehr mit »der europäisch-westlichen Erfahrung«[12] bzw. der ökonomischen, politischen, kulturellen und militärischen Dominanz, die der Westen über diese Regionen errichtet hat.

- Für ein Entwicklungsdenken, das die historische Entwicklung der westlichen Welt als globales Vorbild postuliert.[13]

- Für eine vor allem von globalgeschichtlichen Ansätzen herausgearbeitete Unterschlagung nichteuropäischer Geschichte, gegen die »Verflechtung und eine relationale Geschichte der Moderne«[14] gesetzt wird.

Die besondere Schwierigkeit der Diskussion dieser verschiedenen Dimensionen des Eurozentrismus im Marxʼschen Œuvre rührt daher, dass dieses eben gerade kein monolithisches Gebilde ist, sondern eine beeindruckende intellektuelle Entwicklung dokumentiert, in der Eurozentrismen artikuliert, aber eben auch relativiert und überwunden werden.[15] Erschwert wird das Ganze durch die unterschiedlichsten professionellen, theoretischen oder politischen Zusammenhänge, in denen Marx seine Thesen und Argumente hervorbringt: das Schreiben journalistischer Texte, die Ausarbeitung der Kritik der politischen Ökonomie, die Auseinandersetzung mit dem irischen Antikolonialismus usw.

Bricht man nun mit der Vorstellung einer mehr oder weniger großen Einheit des Marxʼschen Œuvre, lässt sich feststellen, dass sich die meisten Eurozentrismen in jener Werkphase finden, die Urs Lindner als »historischen Materialismus« gefasst hat.[16] Dieser bestehe aus einem Konglomerat von geschichtsphilosophischen Annahmen, funktionalen Erklärungen und antiethischen Positionen. Entscheidend sei nun, dass dieser historische Materialismus keinesfalls als die – wie es in den realsozialistischen Parteidiktaturen vertreten wurde – Quintessenz der Marxʼschen Wissenschaft gelten könne, sondern vielmehr auf die Schaffensjahre 1846 bis 1859 reduziert werden müsse. Marx habe später deutlich Abstand von den in dieser Zeit vertretenen Positionen genommen und sich insbesondere mit seiner Kritik der politischen Ökonomie zu einer epistemologisch reflektierten, sozialtheoretisch reichhaltigen, empirisch gesättigten und normativ abgestützten, historischen Sozialwissenschaft aufgeschwungen.

Bestechend hat Urs Lindner die sich so vollziehende Überwindung verschiedener geschichtsphilosophischer Versatzstücke herausgearbeitet: des blinden Glaubens an das mit einer historischen Aufgabe ausgestattete Kollektivsubjekt Proletariat, das klassenreduktionistisch als wirkliche Triebkraft der Geschichte gilt, des technologischen Entwicklungsprimats, der sich aus dem Widerstreit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ergibt, und des eschatologischen Leitbilds einer postkapitalistischen Überflussgesellschaft. Weitere Forschungen haben auf eine Blickweitung ab den 1860er-Jahren insistiert, die maßgeblich mit Marx’ Beziehungen zu politischen Akteurinnen an der europäischen Peripherie zusammenhänge, etwa den irischen Unabhängigkeitskämpferinnen und den russischen Sozialrevolutionärinnen.[17] Und schließlich bekommt Marx spätestens in den 1870er-Jahren Zugang zu realitätsgerechter sozialwissenschaftlicher Literatur über nichtwestliche Weltgegenden, deren Rezeption zur Revision zentraler, vorher vertretener Thesen wie etwa der der Abwesenheit des Privateigentums an Grund und Boden (und damit einhergehend von Klassenspaltung und gesellschaftlicher Konfliktualität) in Asien führt.[18]

En passant sei bemerkt, dass es äußerst symptomatisch scheint, dass gerade diejenigen, die sich am stärksten genötigt sehen, Marx gegen die Kritik des Eurozentrismus in Schutz zu nehmen, genau mit jener Marx-Lesart auf Kriegsfuß stehen, die wohl am nachhaltigsten auf Brüche in seinem Denken hingewiesen hat, nämlich mit der von Louis Althusser vertretenen Interpretation.[19] So insistiert Kevin Anderson, dass seine »Diskussion von Veränderung und Entwicklung in Marx’ Werk wenig mit Versuchen zu tun hat, in seinem Denken ›epistemologische Brüche‹ auszumachen, wie sie am prominentesten von Louis Althussers strukturalistischem Marxismus identifiziert wurden«.[20] Und Neil Larsen vertritt: »Wie der Poststukturalismus ist der Postkolonialismus als theoretisches und kritisches Projekt nichtmarxistisch, wenngleich er sich selbst nicht direkt als antimarxistisch gibt. Er baut vielmehr auf einer bereits – vor allem durch Althusser – vollzogenen Marx-Lektüre auf.«[21] Ich bin der Auffassung, dass jenseits eines Dissenses mit den von Althusser vertretenen epistemologischen und antihumanistischen Positionen, die Abwehr seiner Thematisierung von einer Angst vor allzu großen Inkohärenzen im Marxʼschen Werk zeugt. Denn von deren Eingeständnis könnte ein Weg zur Identifikation theoretischer und politischer Abgründe führen, die Blaupausen für historische Verbrechen darstellen konnten – ein Gedanke, den etwa Kevin Anderson entschieden zurückweist: »Die Behauptung einer Verbindung zwischen Marx und dem Stalinismus ist meiner Ansicht nach […] nicht haltbar.«[22] Urs Lindner, der die genannten Unstimmigkeiten schonungsloser thematisiert, warnt dagegen, »die Frage, ob es in seinem [Marx’] Denken Seiten gibt, in denen Stalin schlummert, niemals leichtfertig ab[zu]tun«.[23]

 

2. Desartikulation postkolonialer und globalhistorischer Einsätze

Der Mangel an kritischer Distanz zum Marxʼschen Werk, von dem ein nicht geringer Teil der marxistischen Diskussion zeugt, lässt sich in der Debatte um dessen Eurozentrismus an der systematischen Desartikulation postkolonialer und globalhistorischer Einsätze festmachen. Ich möchte im Folgenden auf drei Zusammenhänge eingehen: die Frage der Quellen, die Konzeption historischen Fortschritts und die multilateralen Einflüsse und Verflechtungen.[24]

 

Quellen

Es ist erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit in der Debatte über Marx nach wie vor seinen Quellen (und damit zusammenhängend den Marxʼschen Exzerpten als den quellennahsten Texten) zuteil wird und wie wenig diese – wenngleich mitunter minutiös aufgelistet[25] – im Original gelesen werden. Dies scheint umso dringlicher, als z. B. »die englischen Darstellungen, auf die sich Marx berief, das Produkt kolonialer Fehler und Fehlinterpretationen« sind.[26]

Die wenigen Autoren, die sich dieser Aufgabe widmen, tun dies in der Regel, indem sie Marx’ Perspektive auf seine Quellen übernehmen – d. h. für den Zeitraum Mitte der 1840er- bis Ende der 1850er-Jahre die des »historischen Materialismus«. Mir ist nur eine einzige quellenkritische Arbeit bekannt, die zugleich die theoretische Kohärenz des Marxʼschen Blicks auf asiatische Gesellschaften problematisiert: Brendan O’Learys herausragende Monografie The Asiatic Mode of Production. Oriental Despotism, Historical Materialism and Indian History. Diese Untersuchung ist nun aber nicht nur bald 30 Jahre alt, sondern wird in der marxistischen Diskussion auch konsequent mit Ignoranz gestraft.

Wo marxistische Ansätze quellennah arbeiten, überwiegt eine überraschende Apologetik. So vertritt etwa Lucia Pradella in ihrer Untersuchung der Londoner Exzerpthefte der frühen 1850er-Jahre, dass Marx in diesen »die damals vorherrschende, dualistische Darstellung von West und Ost überwand und Voraussetzungen schuf, ein einheitliches Schema menschlicher Entwicklung zu erarbeiten«.[27] Dabei wird nicht nur behauptet, dass diese Aufzeichnungen »der weitverbreiteten Sicht widersprechen, dass Marx in den frühen 1850er-Jahren die orientalistische Auffassung einer Abwesenheit von Privateigentum an Land […] in Indien unkritisch übernommen« habe, und somit ein »neues Bewusstsein« unter Beweis stellte, das »eine wirkliche Wendung im Verständnis der Geschichte anzeigte«.[28] Vielmehr soll Marx derart auch »der Arbeit von zentralen indischen Historikern wie Ranajit Guha und [Partha] Chatterjee vorausgreifen«.[29]

Hier zeigt sich deutlich, dass allein die Einbeziehung von Marx’ Quellen zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Schaffens noch keine Garantie für einen Fortschritt in der Debatte um seinen Eurozentrismus darstellt. Es bedarf vielmehr einer umfassenden, kritischen Betrachtung des Gesamtwerkes – auf philologischer und auf theoretischer Ebene.[30] So lassen sich zahlreiche Belege finden, die eine Interpretation wie die genannte als marxistisches Wunschdenken entlarven. Zum Beispiel schreibt Marx 1853 an Engels, dass man »über die orientalische Städtebildung […] nichts Brillianteres, Anschaulicheres und Schlagenderes lesen [kann] als den alten François Bernier (neun Jahre Arzt von Aurangzeb): ›Voyages contenant la description des états du Grand Mogol etc.‹«.[31] »Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des Orients – er spricht von Türkei, Persien, Hindostan – darin, dass kein Privateigentum existiert. Dies ist der wirkliche clef selbst zum orientalischen Himmel.«[32] Und noch in den Manuskripten zur ökonomischen Theorie, die postum unter dem Titel Theorien über den Mehrwert ediert wurden, bezieht sich Marx in den frühen 1860er-Jahren auf »Dr. Bernier, der die indischen Städte mit Feldlagern vergleicht. Dies beruht also auf der Form des Grundeigentums in Asien«[33] – und dieses ist auch hier noch durch die Abwesenheit privater Träger charakterisiert, da es zugleich heißt: »Grundeigentümer (Staat in Asien)«.[34]

Während die Auffassung, Marx habe in den frühen 1850er-Jahren bereits die These der Abwesenheit des Privateigentums an Grund und Boden in Asien überwunden, also schlichtweg unhaltbar ist, ist seine Präsentation als differenzierter Vordenker postkolonialer Historiker schlichtweg impertinent. Anders als diese hat jener keine eigene historische Forschung zu den sozialen und politischen Verhältnissen auf dem Subkontinent angestellt, sondern bezog seine Informationen vielmehr aus zweiter Hand. Insbesondere in den 1850er-Jahren handelt es sich dabei um Quellen, die eine »imaginäre Erforschung des Orientalischen«[35] zum Ausdruck bringen, d. h. ein ganzes »Bündel von Bedürfnissen, Verdrängungen, Unterstellungen und Projektionen«,[36] die im subjektiven Gefühl westlicher Überlegenheit und der politisch-militärischen Dominanz des Westens wurzeln.[37] Am Ende seines Lebens gibt sich Marx diesen Quellen gegenüber auch dementsprechend kritisch: »D. engl. Esel brauchten immense Zeit um d. wirklichen Conditions d. Grundbesitzes in d. […] eroberten Kreise auch nur approximativ zu begreifen«, notiert er 1879.[38]

 

Forschrittskonzeption

Die Konzeption des historischen Fortschritts ist ein weiteres Feld, auf dem ein deutlicher Marxʼscher Positionswandel zu erkennen ist, dessen Konsequenzen von vielen Marxisten offenkundig nicht recht ermessen werden:[39] »Was die letzten 15 Jahre seines [Marx’] Werks auszeichnet, ist […], dass dieses Nachdenken [über soziale Transformation] nun in Form einer Kritik der Geschichtsphilosophie erfolgt, die mit dem historischen Materialismus auch dessen Eurozentrismus zurückweist.«[40]

So halte ich es für unbestreitbar, dass sich der späte Marx zu einer kontextsensiblen Analyse spezifischer historischer Entwicklungslinien aufschwingt, deren Ziel keinesfalls mehr durch geschichtsphilosophische Spekulation vorgegeben ist. Von diesem Wandel zeugt die in den Entwürfen des Briefes an die russische Sozialrevolutionärin Vera Zasulič von 1881 omnipräsente Betonung des jeweiligen »historischen Milieus«, in dem historische Veränderungen vor sich gingen.[41] Ebenso steht dafür die 1877 vorgenommene, explizite Klarstellung, dass die »historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa« im Kapitel zur sogenannten ursprünglichen Akkumulation im ersten Band des Kapitals nicht in »eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges« verwandelt werden könne, »der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden, um schließlich zu jener ökonomischen Formation zu gelangen, die mit dem größten Aufschwung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit die allseitigste Entwicklung des Menschen sichert«.[42]

Genauso wenig anfechtbar scheint mir allerdings, dass Marx zunächst keine eigenständigen Entwicklungsperspektiven nichtwestlicher Gesellschaften ausmacht. Das Beispiel Indien zeigt dies deutlich. Marx beurteilt in den 1850er-Jahren den englischen Kolonialismus auf dem Subkontinent als ambivalent, da er auf Basis orientalistischer Quellen die indische Gesellschaft als stagnierend wahrnimmt. England habe daher »in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien«.[43] Erneuerung, d. h. historischer Fortschritt, wird hier umstandslos mit einem bestimmten Entwicklungsmodell identifiziert: der »westlichen Gesellschaftsordnung«. Diese Konzeption ist geschichtsphilosophisch (im Zweifelsfall vollzieht sich der historische Masterplan gegen die Intentionen der Akteurinnen)[44] und technizistisch (es wird davon ausgegangen, dass die britische Kolonialherrschaft Produktivkräfte in Indien entwickelt, die der dortigen Bevölkerung unmittelbar zugute kommen könnten: Dampfmaschinen, Eisenbahnnetz etc.).

In marxistischen Ansätzen werden nun die Einsätze einer kritischen Problematisierung dieser Konzeption des historischen Fortschritts auf verschiedene Weise desartikuliert. So wird etwa behauptet, dass »Marx’ Passagen über die britische Herrschaft in Indien […] keine grundsätzlich eurozentrische Haltung ausdrücken […], sondern vielmehr seine – sicher fragliche – politische Analyse der spezifischen Bedingungen für die Entstehung einer einheitlichen nationalen Bewegung in Indien«.[45] Und schließlich bleibe selbst »die marxsche These von der transitorischen Notwendigkeit des Kapitalismus wahr: nicht im pedantischen Sinn, aber sie definiert Aufgaben«.[46] Der Kapitalismus sei eine »entfremdete Lösung von Entwicklungsproblemen«[47] – eine Auffassung, die »keine eurozentrische Ideologie [darstellt], obwohl die europäische Entwicklungsphase des Kapitalismus darin eine zentrale Stellung einnimmt«.[48] Die kolonialen Verwüstungen führen also keinesfalls dazu, die Annahme, »dass der Kapitalismus als historisches System einen Fortschritt gegenüber Systemen darstellt, die er zerstört oder transformiert«,[49] infrage zu stellen. Vielmehr wird hier der geschichtsphilosophischen Modernisierungstheorie des historischen Materialismus das Mäntelchen einer vielleicht nicht ganz zutreffenden, aber im Grunde doch richtigen, weil angeblich die Bedingungen für die Entstehung einer antikolonialen Bewegung fokussierenden Analyse oder gar einer besonderen dialektischen Denkleistung umgehangen. Insofern ist es keineswegs überzogen festzuhalten, dass ein derart evolutionistisch-objektivistischer Zugriff auf den Kolonialismus »geradezu symptomatisch für das Marxismusverständnis weiter Teile der großen Hauptströmungen in der alten Arbeiterbewegung« gewesen ist.[50] Paternalismus, Funktionalismus und Eurozentrismus treten anstelle eines Austauschs mit den Kolonisierten, ihren Erfahrungen und Organisationsprozessen.

Keine dieser marxistischen Verrenkungen scheint mir nun allerdings mit den Reflexionen des späten Marx kompatibel. Erstens durchschaut dieser den kolonialen Export der westlichen Gesellschaftsordnung als schlichtweg herrschaftlich motiviert. So heißt es 1879 bezüglich der Frage des Grundeigentums in Algerien beispielsweise: »D. französische Beutelust leuchtet sofort ein: War u. ist d. Regierung ursprünglicher Eigenthümer d. ganzen Landes, so unnöthig d. Ansprüche der arab. u. kabyl. Stämme auf diese od. jene Grundstücke anzuerkennen«.[51] Zweitens blamiert sich das angebliche kapitalistische Potenzial zur Lösung von Entwicklungsproblemen vollständig: »Was zum Beispiel Ostindien anbelangt, so ist es aller Welt […] nicht unbekannt, daß dort die gewaltsame Aufhebung des Gemeineigentums an Grund und Boden nur ein Akt des englischen Vandalismus war, der die Eingeborenen nicht nach vorn, sondern nach rückwärts stieß.«[52] Und drittens scheint mir beim späten Marx die Produktivkraftentwicklung hinter der kollektiven Organisation gesellschaftlicher Abhängigkeiten als Beurteilungskriterium von Fortschritt zurückzutreten. Die kommunistische Gesellschaft wird dementsprechend in der Kritik des Gothaer Programms von 1875 als Zustand charakterisiert, in dem »mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen [sind] und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen«.[53] Individuelle Entfaltung und kooperative Verfügung sind der Produktivkraftentwicklung hier ebenbürtig, wenn nicht sogar prioritär.

Der für die Desartikulation kritischer Problematisierungen der eurozentrischen Konzeption des historischen Fortschritts, die Marx mit dem historischen Materialismus zum Ausdruck bringt, vielleicht symptomatischste Verteidigungsversuch lässt sich besichtigen, wenn marxistische Autoren den auf Basis problematischer Quellen formulierten Begriff der asiatischen Produktionsweise als Ausweis geschichtstheoretischer Differenziertheit Marxens in Stellung zu bringen versuchen. Dieser einmalig verwendete Begriff[54] hat sich trotz des eine gewisse Unsicherheit illustrierenden Schwankens, das Marx in seiner Ökonomiekritik angesichts der Theoretisierung asiatischer Gesellschaften erkennen lässt,[55] als Bezeichnung für seine »asiatische Konzeption«[56] durchgesetzt. Diese findet sich auch noch in verschiedenen Texten zur Kritik der politischen Ökonomie, in deren Ausarbeitung Marx zwar den historischen Materialismus cum grano salis überwindet, aber einzelne seiner Elemente fortschleppt. E. San Juan behauptet nun etwa, dass der Begriff der asiatischen Produktionsweise »als ein heuristisches Werkzeug funktioniert, das Marx einsetzte, um teleologischen Determinismus oder evolutionären Monismus aus seinen spekulativen Instrumenten historischer Analyse zu beseitigen«.[57] Ferner halten Mohamed Fayçal Touati und Jean-Numa Ducange Marx zugute, »die in Zur Kritik der politischen Ökonomie angezeigte Vorstellung einer ›asiatischen Produktionsweise‹« entwickelt zu haben, »die es verbietet, alle Weltgegenden schematisch in eine gleiche, lineare Geschichte einzufügen«.[58] Hier wird schlichtweg Orientalismus gegen westliches Entwicklungsdenken ausgespielt – und, wie sich mit Perry Anderson festhalten lässt, einer differenzierten Eurozentrismusdiskussion ein Bärendienst erwiesen: »Die asiatische Entwicklung kann keinesfalls mit einer einzigen Kategorie gefasst werden, die übrig bleibt, nachdem die Grundsätze europäischer Entwicklung festgeschrieben wurden. Jede ernsthafte theoretische Ergründung des historischen Geschehens außerhalb des feudalen Europas wird […] zu einer konkreten und akkuraten Typologie seiner eigenständigen Gesellschaftsformationen und Staatensysteme fortschreiten müssen, die ihre immensen Struktur- und Entwicklungsunterschiede anerkennt. Einzig in der Nacht unserer Unwissenheit werden alle fremden Formen grau.«[59]

 

Verflechtungsgeschichte

Zentrales Anliegen globalgeschichtlicher Ansätze ist, die Bedeutung außereuropäischer Geschichte für die Entstehung der Moderne zu rehabilitieren und Verflechtungen multilateral, d. h. wirklich global zu begreifen. Folgt man bestimmten marxistischen Interpretationen, ist sich Marx dieses Einsatzes seit den frühen 1850er-Jahren bewusst und formuliert eine kosmopolitische Revolutionskonzeption: »Marx hat die Handlungsfähigkeit [agency] von kolonisierten und unterdrückten Völkern erkannt, die zu dieser Zeit von den meisten bürgerlichen Denkern bestritten wurde – ein in der postkolonialen Kritik von Marx offen heruntergespielter, wenn nicht sogar vollständig ignorierter Aspekt. Vier Jahre später [1857] kam es tatsächlich zur ersten einheitlichen antikolonialen Bewegung in Indien, wodurch Marx’ Analyse teilweise bestätigt wurde. […] Marx unterstützte sie und die chinesische Taiping-Revolution bedingungslos und betrachtete beide als Teil eines allgemeinen Aufstands der ›großen asiatischen Nationen‹ gegen den britischen Kolonialismus. Dabei wurde nahegelegt, dass diese Bewegungen Reaktionen in Europa hervorrufen könnten und so die Entwicklung zur Krise und die Möglichkeit eines revolutionären Ausgangs beschleunigt werden könnten. Die Ausdehnung des Weltmarkts schuf das Fundament für die sich wechselseitig verstärkenden Kämpfe auf internationaler Ebene.«[60] Marx und mit ihm Engels hätten so eine »globale Interdependenz der revolutionären Bewegung«[61] konstatiert.

Agency bezeichnet gemeinhin ein Agieren, mit dem eine komplexe Integrationsleistung von Dispositionen aus der Vergangenheit, für die Zukunft geplanten Projekten und (bewertender) Anpassung an momentane Kontingenzen vollzogen wird.[62] Ein derart kreatives Potenzial wird den Aufbrüchen in nichtwestlichen Weltgegenden in Marx’ frühen Analysen nun aber gerade nicht zugeschrieben. Vielmehr erscheinen diese als minderwertige Formen bzw. als einfache Wiederholungen westlicher Modelle, wie Marx und Engels in einem Text aus dem Jahr 1850 unumwunden zu Protokoll geben: »Der chinesische Sozialismus mag sich nun freilich zum europäischen verhalten wie die chinesische Philosophie zur Hegelschen. Es ist aber immer ein ergötzliches Faktum, daß das älteste und unerschütterlichste Reich der Erde durch die Kattunballen der englischen Bourgeois in acht Jahren an den Vorabend einer gesellschaftlichen Umwälzung gebracht worden ist, die jedenfalls die bedeutendsten Resultate für die Zivilisation haben muß. Wenn unsere europäischen Reaktionäre auf ihrer demnächst bevorstehenden Flucht durch Asien endlich an der chinesischen Mauer ankommen, an den Pforten, die zu dem Hort der Urreaktion und des Urkonservatismus führen, wer weiß, ob sie nicht darauf die Überschrift lesen: République chinoise. Liberté, Egalité, Fraternité.«[63]

Ferner betrachtet Marx den Taiping-Aufstand 1962 als ein »lebende[s] Fossil«,[64] der in seinen Zielen keine Eigenständigkeit gegenüber der westlichen Moderne beanspruchen könne: »Originell an dieser chinesischen Revolution sind in der Tat nur ihre Träger. Sie sind sich keiner Aufgabe bewußt, den Dynastiewechsel abgerechnet. Sie haben keine Schlagworte. Sie sind ein noch größerer Greuel für die Volksmasse als für die alten Herrscher. Ihre Bestimmung scheint keine andere, als dem konservativen Marasmus gegenüber die Zerstörung in grotesk abscheulichen Formen, die Zerstörung ohne irgendeinen Keim der Neubildung geltend zu machen.«[65]

So wenig der Marx des historischen Materialismus revolutionäre Eigenständigkeit in nichtwestlichen Weltgegenden ausmacht, so wenig kann bei ihm von der Annahme einer wirklichen globalen Interdependenz revolutionärer Prozesse gesprochen werden. Zweifellos wirft er die Frage auf, wie, »nachdem England die Revolution über China gebracht hat, […] diese Revolution mit der Zeit auf England und – über England – auf Europa zurückwirken wird«.[66] Aber der entscheidende Punkt ist, dass diese Rückwirkung allein ökonomisch sein soll, d. h. eine Handels- und Finanzkrise produziere, die dann gegebenenfalls eine politische Revolution nach sich ziehe, keinesfalls aber, wie Lucia Pradella behauptet, als »Beziehung zwischen dem proletarischen Kampf in der Metropole und den antikolonialen Bewegungen in den Kolonien« gedacht wird.[67] So heißt es bei Marx im Kontext der Taiping-Revolte: »Unter diesen Umständen, da der britische Handel den größeren Teil des normalen Wirtschaftszyklus bereits durchlaufen hat, darf man getrost voraussagen, daß die chinesische Revolution den Funken in das übervolle Pulverfaß des gegenwärtigen industriellen Systems schleudern und die seit langem heranreifende allgemeine Krise zum Ausbruch bringen wird, der dann beim Übergreifen auf das Ausland politische Revolutionen auf dem Kontinent unmittelbar folgen werden.«[68]

Drei eurozentrische Blickverengungen Marxens lassen die Vorstellung, er diagnostiziere bereits in den 1850er-Jahren global interdependente Kämpfe der Ausgebeuteten und Unterdrückten als marxistische Wunschvorstellung erscheinen. Erstens wird in seiner Analyse des indischen Sepoy-Aufstandes Widerstand gegen Kolonisierung »erst möglich aufgrund der durch den Kolonisierungsprozeß angestoßenen Innovationen, nicht aber in der Kontinuität der Klassenkämpfe des kolonisierten Landes selbst oder aufgrund einer spezifischen, durch traditionale Verhältnisse und die revolutionierende Wirkung des eindringenden Kapitalismus geschaffenen Struktur«.[69] Zweitens interessiert sich Marx für die chinesische Taiping-Revolte »vorrangig in ihrer Funktion für die Revolutionen in Europa […]; die sozialen Ursachen und Auswirkungen für China bleiben dagegen sekundär«.[70] Und drittens schreibt Marx den Aufständen in Asien lediglich eine »unterstützende […] Rolle für einen revolutionären Umbruch in Europa«,[71] aber keinen eigenen Beitrag für eine globale Revolution zu: »Der eurozentrische und objektivistische Zugriff bleibt zwar, wird aber ein Stück gelockert, indem die kapitalistischen Peripherien immerhin Stimulanzien zu einer Geschichte beizusteuern vermögen, die nach wie vor in ihrem Kern in Europa geschrieben wird. Die Rebellion der Taiping in China seit 1850 wie auch der Sepoy in Indien 1857 bilden nach Marx den Hintergrund ökonomischer Stockungen und Krisen im Welthandel und könnten darüber vermitteltete Revolutionen in England, Frankreich oder Deutschland befördern«, halten Stefan Kalmring und Andreas Nowak daher zu Recht fest.[72] Mit all diesen Blickverengungen schlagen Marx und mit ihm die apologetischen marxistischen Positionen eine zentrale eurozentrismuskritische Erkenntnis der Globalgeschichte in den Wind, nämlich, dass »die ideologischen und politischen Konflikte […] ein globales Ausmaß erreicht [hatten], bevor ökonomische Uniformitäten in großen Teilen der Welt entstanden waren«.[73]

Der entscheidende Erkenntnisfortschritt in Marx’ und Engels’ Analysen, mit denen sie sich langsam auf das Differenzierungsniveau der Globalgeschichte vorarbeiten, erfolgt im Kontext ihrer Analysen der britischen Kolonisierung Irlands, wie Gilbert Achcar herausgearbeitet hat: »Hier gab es keine vergleichbaren objektiven eurozentrisch-epistemologischen Beschränkungen, wie sie ihre ursprüngliche Wahrnehmung nichteuropäischer Gesellschaften beeinträchtigt hatte. Marx und Engels waren keinesfalls im Bann ethnozentrischer Repräsentation der englisch-irischen Beziehungen. Weder hatten sie Sprachschwierigkeiten beim Zugang zu den irischen Quellen, noch entbehrten sie des direkten Zugangs zu Irland selbst, das Engels 1856 bereiste. Da sie in keinerlei subjektivem Eurozentrismus im Sinne eines Ethnozentrismus befangen waren, führte ihre politische Sympathie für die irische Sache […] sie auch zu einer radikalen Veränderung ihrer Auffassung über die Auswirkungen des europäischen Kolonialismus auf nichteuropäische Gesellschaften. So lieferte Irland den Schlüssel zu Indien und Algerien.«[74]

Entscheidend sind an dieser Perspektivänderung drei Dinge. Erstens interessiert sich Marx detailliert für die Auswirkungen der britischen Kolonialherrschaft auf Irland. Sozialwissenschaftlich informiert analysiert er, wie englische Unterdrückung und Raubbau funktionieren.[75] Marx erfasst nun Multilateralität und zeichnet so das Bild einer von England dominierten, internationalen Artikulation von Produktionsweisen. Irland, so heißt es dementsprechend im ersten Band des Kapitals, sei »ein durch einen breiten Wassergraben abgezäunter Agrikulturdistrikt Englands, dem es Korn, Wolle, Vieh, industrielle und militärische Rekruten liefert«.[76] Zweitens: Wenngleich Marx im vorliegenden Zusammenhang v.a. die Frage umtreibt, »wie das Gesetz kapitalistischer Akkumulation die irische Landwirtschaft nachhaltig in die Entwicklung des Kapitalismus in England integriert«,[77] resultiert aus seinen Analysen ein Verständnis des Kolonialismus, das vollkommen mit den geschichtsphilosophischen Heilserwartungen der 1850er-Jahre bricht. Statt von der Erfüllung einer Menschheitsbestimmung durch die Einführung einer westlichen Gesellschaftsordnung auszugehen, analysiert Marx, wie sich durch Kolonisierung eine asymmetrische Weltmarktintegration der betroffenen Gebiete vollzieht. Dieser Prozess ist gleichbedeutend mit Unterentwicklung und verhindert gerade die Etablierung einer mit den westlichen Ländern vergleichbaren kapitalistischen Produktionsweise. Drittens unterscheiden sich die politischen Schlussfolgerungen, die nun gezogen werden, insofern Marx in seinen Irlandanalysen begann, »die Probleme der Revolution in den Zentren und in den Kolonien sehr viel stärker in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu sehen als zuvor – ohne dies allerdings theoretisch wirklich auszuarbeiten«.[78] Er konstatiert eine politische und nicht nur ökonomische Rückwirkung des Aufbruchs in den Kolonien auf die Metropole. So schreibt Marx im März 1870 an seine Tochter Laura und ihren Ehemann Paul Lafargue: »Um die soziale Entwicklung Europas zu beschleunigen, muss man die Katastrophe des offiziellen England beschleunigen. Dazu muss man den Schlag in Irland führen. Das ist sein schwächster Punkt. Wenn Irland verloren ist, ist das britische ›Empire‹ dahin, und der Klassenkampf in England, bis jetzt schläfrig und schleppend, wird heftige Formen annehmen. Doch England ist die Metropole des Landlordismus und des Kapitalismus in der ganzen Welt.«[79]

Und wenig später heißt es in einem Brief an die Organisatoren der nordamerikanischen Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation Sigfrid Meyer und August Vogt: »Ich bin nach jahrelanger Beschäftigung mit der irischen Frage zu dem Resultat gekommen, dass der entscheidende Schlag gegen die herrschenden Klassen in England (und er ist entscheidend für die Arbeiterbewegung all over the world) nicht in England, sondern nur in Irland geführt werden kann.«[80]

Nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch bleibt das Zentrum der Marxʼschen Reflexionen England, aber an seinen Rändern existieren nicht einfach nur tote Fossile. Vielmehr glaubt Marx nun, wie Ellen Hazelkorn festhält, dass »der irische Nationalismus den Schlüssel für gesellschaftliche Reformen beinhaltet«.[81] Die irische Unabhängigkeit erscheint Marx hier »entgegen seiner früheren, mehr fortschrittsgläubigen Position, der zufolge eine Arbeiterrevolution in England der irischen Unabhängigkeit vorausgehen müsse, als eine Voraussetzung für eine sozialistische Umwälzung in England«.[82] Es ist genau diese Position, die Marx und Engels gut zehn Jahre später angesichts der sozialrevolutionären Umtriebe in Russland erneut aufrufen. Nun wird eine Interaktion zwischen verschiedenen Weltgegenden im Medium des Politischen in Betracht gezogen: »Wird die russische Revolution das Signal einer proletarischen Revolution im Westen, so daß beide einander ergänzen, so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen.«[83]

 

3. Conclusio

Auf Marx’ Revolutionshoffnung und sein Interesse für Internationales zu verweisen, um ihn aus der Schusslinie der Eurozentrismuskritik zu bringen, kann vor dem Hintergrund der hier gemachten Ausführungen nicht nur als wenig überzeugend gelten. Überdies wird mit derartigen Verteidigungsstrategien konsequent das Niveau postkolonialer und globalgeschichtlicher Problematisierungen unterschritten sowie einem geschichtsphilosophischen und technizistischen »Nightmare Marxism«[84] zugearbeitet oder zumindest großzügig über die Ambivalenzen im Marxʼschen Werk hinweggegangen.[85] Schließlich erweist sich so, dass es um die Theorieoffenheit vieler marxistischer Ansätze nicht allzu gut bestellt ist. Politische Differenzen, wie sie sich in der Konfrontation zwischen postkolonialen bzw. globalgeschichtlichen Ansätzen auf der einen Seite und marxistischen Diskussionen auf der anderen Seite bisweilen ausdrücken, können, wie vor langer Zeit bereits Norman Geras zu Recht festhielt, nicht »durch die Autorität eines höheren Wissens beigelegt werden«.[86] Vielmehr müssen sie in praktischer Auseinandersetzung bzw. Diskussion entschieden werden. Solange sich marxistische Ansätze nicht auf solche Auseinandersetzungen einlassen, illustrieren sie nicht nur ein prekäres Verhältnis zum Pluralismus, sondern auch ihre Tendenz zur »bürokratischen und autoritären Lösung«,[87] mit der die realsozialistischen Parteidiktaturen Widerspruch bisweilen im Blut ertränkt haben. Die Behauptung einer Verbindung zwischen einem bestimmten Marxismus und einem politischen Autoritarismus ist meiner Ansicht nach unbestreitbar.

Damit ist aber keinesfalls das letzte Wort über Marx gesprochen. Im Gegenteil: Wenn postkoloniale Theoretikerinnen mit der Zitation einzelner, problematischer Stellen meinen, Marx als solchen erledigen zu können, verkennen sie insbesondere den innovativen Charakter der Kritik der politischen Ökonomie. Im Rahmen von deren Ausarbeitung stößt Marx mit seiner Verknüpfung von epistemischer Kritik der klassischen politischen Ökonomie, sozialwissenschaftlicher Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise und normativer Kritik der kapitalistischen Vergesellschaftung wissenschaftlich und ethisch in neue Sphären vor und gibt entscheidende theoretische und politische Impulse, die sich keinesfalls erledigt haben.[88] Diese werden im 21. Jahrhundert umso stärker zur Geltung kommen können, je mehr sie mit anderen herrschaftskritischen Ansätzen in den Geistes- und Sozialwissenschaften verbunden werden.

 


[1] Die Undifferenziertheit, mit der postkoloniale Ansätze bisweilen ihre Marx-Kritik vortragen haben, hat zweifellos zu dieser Abwehrhaltung beigetragen. So behauptet etwa Edward Said in seiner zum Klassiker avancierten Orientalismus-Studie, dass Marx »keine Ausnahme« im Diskurs der rassistischen Orientalisierung der nichtwestlichen Welt darstelle (Edward Said: Orientalismus, 1. dt. Neuauflage Frankfurt a. M. 2009, S. 182). Und Ramón Grosfoguel meint, Marx partizipiere an einem »epistemischen Rassismus, demzufolge der Zugang zur Universalität das Privileg einer einzigen Epistemologie sei, die der westlichen philosophischen Tradition entstammt« (Ramón Grosfoguel: Vers une décolonisation des »uni-versalismes« occidentaux: le »pluri-versalisme décolonial«, d’Aimé Césaire aux zapatistes [Auf dem Weg zu einer Dekolonisierung der westlichen »Uni-Versalismen«: »dekolonialer Pluri-Versalismus«, von Aimé Césaire bis zu den Zapatistas], in: Nicolas Bancel u. a. [Hg.]: Ruptures postcoloniales. Les nouveaux visages de la société française [Postkoloniale Brüche. Die neuen Gesichter der französischen Gesellschaft], 1. Aufl. Paris 2010, S. 119–138, hier S. 129 [Übers. K. L.]).

[2] Klaus-Dieter Block/Ehrenfried Galander: Zur inhaltlichen und methodologischen Einordnung der Kolonien in die Marxsche politische Ökonomie, in: Marx-Engels-Jahrbuch 12 (1990), S. 252–272, hier S. 253.

[3] »Marx seinen Eurozentrismus vorzuwerfen, heißt in gewisser Weise, ihm vorzuwerfen, im 19. Jahrhundert gelebt zu haben« (Enzo Traverso: Mélancolie de gauche. La force d’une tradition cachée [XIXe–XXIe siècle] [Linke Melancholie. Die Kraft einer verborgenen Tradition (19. bis 21. Jahrhundert)], 1. Aufl. Paris 2016, S. 147 [Übers. K. L.]).

[4] »In Rechnung zu stellen, dass seine [Marx’] erkenntnistheoretische Position in der äußerst widersprüchlichen Natur der Moderne selbst wurzelt, ist eine gangbarere Option, als zwischen einem eurozentrischen und einem nichteurozentrischen Marx zu wählen.« Manuela Boatcă: The Many Non-Wests. Marx’s Global Modernity and the Coloniality of Labor, in: Rahel Jaeggi/Daniel Loick (Hg.): Karl Marx – Perspektiven der Gesellschaftskritik, Deutsche Zeitschrift für Philosophie Sonderband 34 (2013), S. 209–225, hier S. 213 (Übers. K. L.).

[5] Mit dem grammatischen Genusproblem werde ich im vorliegenden Text wie folgt umgehen: Wo in gemischtgeschlechtlichen Gruppen quantitative oder qualitative Männerdominanz besteht, verwende ich das männliche Geschlecht. Wo die Dominanz nicht so eindeutig ist, in der Krise steckt oder bekämpft wird, gebrauche ich die weibliche Form. Bei Zitaten übernehme ich grundsätzlich die von ihren Autorinnen verwandte Schreibweise.

[6] Siehe für einen derartigen Pluralismusbegriff Hans Jörg Sandkühler: Pluralismus, in: ders. (Hg.): Enzyklopädie Philosophie Bd. 2, 1. Aufl. Hamburg 2010, S. 2057–2066, hier S. 2058.

[7] María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie, 2. Aufl. Bielfeld 2015, S. 167.

[8] August Nimtz: The Eurocentric Marx and Engels and other related myths, in: Crystal Bartolovich/Neil Lazarus (Hg.): Marxism, Modernity, and Postcolonial Studies, 1. Aufl. Cambridge 2002, S. 65–80 (Übers. K. L.).

[9] Kevin B. Anderson: Marx at the Margins. On Nationalism, Ethnicity, and Non-Western Societies, 1. Aufl. Chicago/London 2010, S. 154 (Übers. K. L.).

[10] Ebd., S. 156 (Übers. K. L.).

[11] Siehe z. B. Gerhard Hauck: Die Gesellschaftstheorie und ihr Anderes. Wider den Eurozentrismus der Sozialwissenschaften, 1. Aufl. Münster 2003.

[12] Said: Orientalismus (Anm. 1), S. 9.

[13] So z. B. Gunter Willing: Eurozentrismus, in: Wolfgang F. Haug (Hg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 3, 1. Aufl. Hamburg/Berlin 1997, Sp. 1023–1032.

[14] Sebastian Conrad/Andreas Eckert: Globalgeschichte, Globalisierung, multiple Modernen: Zur Geschichtsschreibung der modernen Welt, in: Sebastian Conrad/Andreas Eckert/Ulrike Freitag (Hg.): Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, 1. Aufl. Frankfurt a. M./New York 2007, S. 7–49, hier S. 7.

[15] Für eine ausführliche Diskussion von Artikulation und Überwindung der vier hier genannten Elemente im Marxʼschen Diskurs siehe Kolja Lindner: Eurozentrismus bei Marx. Marx-Debatte und Postcolonial Studies im Dialog, in: Werner Bonefeld/Michael Heinrich (Hg.): Kapital & Kritik. Nach der »neuen« Marx-Lektüre, 1. Aufl. Hamburg 2011, S. 93–129.

[16] Siehe Urs Lindner: Marx und die Philosophie. Wissenschaftlicher Realismus, ethischer Perfektionismus und kritische Sozialtheorie, 1. Aufl. Stuttgart 2013, S. 186–213.

[17] Siehe Jürgen Herres: Marx und Engels über Irland. Ein Überblick. Artikel, Briefe, Manuskripte und Schriften, in: Marx-Engels-Jahrbuch (2011), S. 12–27 und Teodor Shanin (Hg.): Late Marx and the Russian Road. Marx and »the peripheries of capitalism«, 1. Aufl. New York 1983.

[18] Das entscheidende Dokument, das diese Entwicklung dokumentiert, sind auch noch über 40 Jahre nach ihrer Veröffentlichung die von Hans-Peter Harstick unter dem Titel »Karl Marx über Formen vorkapitalistischer Produktion. Vergleichende Studien zur Geschichte des Grundeigentums 1879–1880« (1. Aufl. Frankfurt a. M./New York 1977) edierten Exzerpte. Zu nennen sind außerdem die von Lawrence Krader als »Die ethnologischen Exzerpthefte« (1. Aufl. Frankfurt a. M. 1976) herausgegebenen Notizen, die allerdings mit deutlich größerer Vorsicht zu genießen sind (siehe Erhard Lucas: Der späte Marx und die Ethnologie. Zu Lawrence Kraders Edition der Exzerpte 1880–1882, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 26 [1975], Nr. 4, S. 386–402). Weitere Arbeiten aus dem Nachlass, insbesondere die sogenannten Chronologischen Auszüge, ein umfassendes Konvolut zur Weltgeschichte aus den Jahren 1881/82, harren derweil immer noch der Veröffentlichung (siehe Michael R. Krätke: Marx und die Weltgeschichte, in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge [2014/15], S. 133–177).

[19] Siehe Louis Althusser: Pour Marx [Für Marx], 4. Aufl. Paris 2005.

[20] Anderson: Marx at the Margins (Anm. 9), S. 253 (Übers. K. L.). Gilbert Achcar zeigt, dass Althussers Interpretation ein starkes Argument gegen Saids umstandslose Zuordnung Marxens zum orientalistischen Narrativ bietet, der Anderson allemal genauso kritisch gegenübersteht wie Althusser selbst: Orientalismus sei »als Essentialismus philosophisch und methodisch tief im Idealismus verwurzelt«, mit dem Marx gerade durch den von Althusser herausgearbeiteten epistemologischen Einschnitt gebrochen habe (Gilbert Achcar: Marx, Engels and »Orientalism«: On Marx’s Epistemological Revolution, in: ders.: Marxism, Orientalism, Cosmopolitism, 1. Aufl. London 2013, S. 68–102, hier S. 74 [Übers. K. L.]).

[21] Neil Larsen: Marxism, postcolonialism, and The Eighteenth Brumaire, in: Bartolovich/Lazarus: Marxism (Anm. 8), S. 204–220, hier S. 205 (Übers. K. L.).

[22] Kevin B. Anderson: Marx an den Rändern. Vom Eurozentrismus zur globalen Revolution, in: Felix Wemheuer (Hg.): Marx und der Globale Süden, 1. Aufl. Köln 2016, S. 32–55, hier S. 35.

[23] Lindner: Marx und die Philosophie (Anm. 16), S. 211.

[24] Für eine ausführliche Literaturdiskussion siehe Kolja Lindner: Eurocentrisme, postcolonialisme et marxisme : nouveaux regards? [Eurozentrismus, Postkolonialismus und Marxismus: Neue Perspektiven?], in: Raisons Politiques. Revue de théorie politique 63 (2016), S. 161–177.

[25] Siehe Lutfi Sunar: Marx and Weber on Oriental Societies. In the Shadow of Western Modernity, 1. Aufl. Surrey/Burlington 2014, S. 35–42.

[26] Perry Anderson: Lineages of the Absolutist State, 1. Aufl. London 1974, S. 488 (Übers. K. L.).

[27] Lucia Pradella: Globalisation and the Critique of Political Economy. New insights from Marx’s writings, 1. Aufl. Abingdon/New York 2015, S. 121 (Übers. K. L.). Es ist übrigens hochgradig symptomatisch, wie stark Pradellas Thesen denen aus der DDR-Marxforschung ähneln, in der kritische Zugriffe in der Regel als »bürgerliche Wissenschaft« verunglimpft wurden (siehe z. B. Block/Galander: Zur inhaltlichen und methodologischen Einordnung der Kolonien, oder Ehrenfried Galander: Ist die Marxsche Theorie eurozentrisch? Zur methodologischen Bedeutung der »Londoner Hefte 1850–1853« für die Analyse außereuropäischer Gebiete und ihrer Einbeziehung in die Totalitätsbetrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung, in: Burchard Brentjes/Hans-Joachim Peuke [Hg.]: Wissenschaftsbeziehungen zwischen Halle und Indien in Tradition und Gegenwart, 1. Aufl. Halle 1987, S. 67–79).

[28] Pradella: Globalisation (Anm. 27), S. 121 (Übers. K. L.).

[29] Ebd. (Übers. K. L.).

[30] Eine gewisse Art Marx-Philologie kämpft seit jeher mit diesem Problem; siehe Kolja Lindner: The German Debate on the Monetary Theory of Value: Considerations on Jan Hoff’s »Kritik der Klassischen Politischen Ökonomie«, in: Science & Society. A Journal of Marxist Thought and Analysis 72 (2008), Nr. 4, S. 402–414.

[31] Marx-Engels-Werke (im Folgenden: MEW), Bd. 28, 1. Aufl. Berlin 1963, S. 252.

[32] Ebd., S. 254 (Hervorhebung im Original).

[33] Karl Marx: Theorien über den Mehrwert. Dritter Teil, in: MEW, Bd. 26.3, 1. Aufl. Berlin 1968, S. 428 (Hervorhebung im Original). Zum Zusammenhang von Feldlagern und Grundeigentum heißt es bei Bernier: »Der König ist der alleinige und einzige Besitzer allen Grund und Bodens des Königreiches, woraus sich mit einer gewissen notwendigen Folgerichtigkeit ergibt, dass eine ganze Hauptstadt wie Dehli oder Agra fast ausschließlich vom Militär lebt und daher gezwungen ist, dem König zu folgen, wenn er für einige Zeit ins Feld zieht« (François Bernier: Voyage dans les États du Grand Mogol [Reise in das Reich des Großmoguls], 1. franz. Neuauflage Paris 1981, S. 160).

[34] Marx: Theorien über den Mehrwert. Dritter Teil (Anm. 33), S. 412.

[35] Said: Orientalismus (Anm. 1), S. 17.

[36] Ebd.

[37] Ich bin dem Orientalismus der Marxʼschen Quellen detailliert am Beispiel François Berniers nachgegangen; siehe Lindner: Eurozentrismus bei Marx (Anm. 15), S. 99–105. Brendan O’Leary: The Asiatic Mode of Production. Oriental Despotism, Historical Materialism and Indian History, 1. Aufl. Oxford/Cambridge Mass. 1989, S. 147–150 bietet einen Überblick über die verschiedenen Quellen, auf die Marx und Engels zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens ihre Einschätzungen Indiens stützten.

[38] Karl Marx: Exzerpte aus M.M. Kovaleskij: Obščinnoe zemlevladenie (Der Gemeindelandbesitz), in: Harstick: Karl Marx über Formen vorkapitalistischer Produktion (Anm. 18), S. 21–109, hier S. 84.

[39] Anders in der Forschung zu internationalen Beziehungen, wo Marx stärker entwicklungstheoretisch problematisiert wurde; siehe Ulrich Menzel: Karl Marx (1818–1883). Die drei Entwicklungstheorien des Karl Marx, in: Entwicklung und Zusammenarbeit 41 (2000), Nr. 1, S. 8–11.

[40] Lindner: Marx und die Philosophie (Anm. 16), S. 360.

[41] Siehe Karl Marx: Entwürfe einer Antwort auf den Brief von V. I. Sassulitsch, in: MEW, Bd. 19, 1. Aufl. Berlin 1962, S. 384–406.

[42] Karl Marx: Brief an die Redaktion der »Otetschestwennyje Sapiski«, in: MEW, Bd. 19, S. 107–112, hier S. 111.

[43] Karl Marx: Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, in: MEW, Bd. 9, 1. Aufl. Berlin 1960, S. 220–226, hier S. 221.

[44] Die Präsenz der Vorstellung einer Hegelʼschen »List der Vernunft« in der Geschichte ist unbestreitbar, etwa wenn Marx schreibt: »Gewiß war schnödester Eigennutz die einzige Triebfeder Englands, als es eine soziale Revolution in Indien auslöste, und die Art, wie es seine Interessen durchsetzte, war stupid. Aber nicht das ist hier die Frage. Die Frage ist, ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien. Wenn nicht, so war England, welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewußte Werkzeug der Geschichte, indem es diese Revolution zuwege brachte« (Karl Marx: Die britische Herrschaft in Indien, in: MEW, Bd. 9 [Anm. 43], S. 127–133, hier S. 133).

[45] Pradella: Globalisation (Anm. 27), S. 171 (Übers. K. L., Hervorhebung im Original).

[46] Wolfgang F. Haug: Marxismus, Dritte Welt und das Problem des Eurozentrismus, in: ders.: Pluraler Marxismus. Beiträge zur politischen Kultur, Bd. 2, 1. Aufl. Berlin 1987, S. 197–215, hier S. 212.

[47] Ebd., S. 213.

[48] Ebd., S. 215.

[49] Immanuel Wallerstein: Der historische Kapitalismus, 1. Aufl. Berlin 1984, S. 86.

[50]

Stefan Kalmring/Andreas Nowak: Marx über den Kolonialismus. Kolonialismus und antikolonialer Widerstand als Lernprozess und Erkenntnisbewegung, in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung 85 (2011), www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/47.marx-ueber-den-kolonialismus.html (ges. am 18. Dezember 2018).

[51] Marx: Exzerpte aus M. M. Kovaleskij (Anm. 18), S. 101.

[52] Marx: Entwürfe einer Antwort (Anm. 41), S. 402.

[53] Karl Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, in: MEW, Bd. 19, S. 15–32, hier S. 21.

[54] Siehe Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd. 13, Berlin 1961, S. 3–160, hier S. 9.

[55] So wird das »asiatische Gemeinwesen« bisweilen auch als »naturwüchsiger Kommunismus« (MEW, Bd. 26.3, S. 414) identifiziert.

[56] Mit Reinhart Kößler kann diese Konzeption wie folgt zusammengefasst werden: »Der Staatsapparat übernimmt Funktionen, welche für die materielle Reproduktion der einzelnen Produzenten bzw. ihrer Gemeinden notwendig sind, von ihnen aber nicht allein geleistet und auch nicht organisatorisch bewältig werden können; derartige Kooperation großen Stils erfordert vor allem die Bewässerungswirtschaft in den klassischen Flußkulturen und der Schutz vor Überschwemmungen. Der Staatsapparat ist zentralisiert mit einem vater- oder gottähnlich überhöhten Despoten an der Spitze als Vermittler der gesellschaftlichen Einheit. Die Ausbeutung erfolgt durch die im Staat als Bürokratie organisierte herrschende Klasse in der Form einer Steuer, die mit der Bodenrente zusammenfällt auf der Grundlage des staatlichen Eigentums an Grund und Boden, welches Privateigentum ausschließt; die zumeist bäuerlichen Produzenten sind in voneinander isolierten Gemeinden organisiert; die gesellschaftliche Stagnation ergibt sich aus der Notwendigkeit, den funktionalen despotischen Staatsapparat auch nach dessen Kollaps immer wieder herzustellen und aus den geringeren Entwicklungsmöglichkeiten von auf dem Warentausch beruhenden städtischen Siedlungen angesichts der staatlichen Übermacht.« Reinhart Kößler: Dritte Internationale und Bauernrevolution. Die Herausbildung des sowjetischen Marxismus in der Debatte um die »asiatische« Produktionsweise, 1. Aufl. Frankfurt a. M./New York 1982, S. 19 f.

[57] E. San Juan: The Poverty of Postcolonialism, in: Pretexts: literary and cultural studies 11 (2002), Nr. 1, S. 57–74, hier S. 63 (Übers. K. L.).

[58] Mohamed Fayçal Touati/Jean-Numa Ducange: Marx, l’histoire et les révolutions [Marx, die Geschichte und die Revolutionen], 1. Aufl. Montreuil 2010, S. 102 (Übers. K. L.).

[59] Anderson: Lineages (Anm. 26), S. 548 f. (Übers. K. L.).

[60] Lucia Pradella: Imperialism and Capitalist Development in Marx’s »Capital«, in: Historical Materialism 21 (2013), Nr. 2, S. 117–147, hier S. 133 f. (Übers. K. L., Hervorhebung im Original).

[61] Nimtz: The Eurocentric Marx (Anm. 8), S. 68.

[62] Siehe Mustafa Emirbayer/Ann Mische: What Is Agency?, in: American Journal of Sociology 103 (1998), Nr. 4, S. 962–1023.

[63] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, in: MEW, Bd. 7, 1. Aufl. Berlin 1960, S. 213–225, hier S. 222.

[64] Karl Marx: Chinesisches, in: MEW, Bd. 15, 1. Aufl. Berlin 1961, S. 514–516, hier S. 514.

[65] Ebd.

[66] Karl Marx: Die Revolution in China und Europa, in: MEW, Bd. 9 (Anm. 43), S. 95–102, hier S. 97.

[67] Pradella: Globalisation (Anm. 27), S. 120 (Übers. K. L.).

[68] Marx: Die Revolution (Anm. 66), S. 100.

[69] Kößler: Dritte Internationale und Bauernrevolution (Anm. 56), S. 147.

[70] Mechthild Leutner: Chinesische Revolution, in: Wolfgang F. Haug (Hg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 2, 1. Aufl. Hamburg 1995, Sp. 480–487, hier Sp. 481 f.

[71] Bastiaan Wielenga: Indische Frage, in: Wolfgang F. Haug (Hg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 6.II, 1. Aufl. Hamburg 2004, Sp. 903–918, hier Sp. 905.

[72] Kalmring/Nowak: Marx über den Kolonialismus (Anm. 50).

[73] Christopher A. Bayly: Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780–1914, 1. Aufl. Frankfurt a. M./New York 2006, S. 20 (Hervorhebung im Original).

[74] Achcar: Marx, Engels and »Orientalism« (Anm. 20), S. 91 (Übers. K. L.).

[75] Siehe Karl Marx: Entwurf einer nicht gehaltenen Rede zur irischen Frage, in: MEW, Bd. 16, 1. Aufl. Berlin 1962, S. 439–444 und Karl Marx: Entwurf eines Vortrages zur irischen Frage, gehalten im Deutschen Bildungsverein für Arbeiter in London am 16. Dezember 1867, ebd., S. 445–458.

[76] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals, in: MEW, Bd. 23, 1. Aufl. Berlin 1962, S. 730. Siehe zur Analyse Irlands im Kontext der Kritik der politischen Ökonomie auch Ellen Hazelkorn: »Capital« and the Irish Question, in: Science & Society. An Independent Journal of Marxism 44 (1980), Nr. 3, S. 326–356.

[77] Ellen Hazelkorn: Some problems with Marx’s theory of capitalist penetration into agriculture: the case of Ireland, in: Economy and Society 10 (1981), Nr. 3, S. 284–315, hier S. 288 (Übers. K. L.).

[78] Gerhard Hauck: Kolonialismus, in: Wolfgang F. Haug (Hg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 7/II, 1. Aufl. Hamburg 2010, Sp. 1159–1166, hier Sp. 1161.

[79] MEW, Bd. 32, 1. Aufl. Berlin 1965, S. 656.

[80] Ebd., S. 667 (Hervorhebung im Original).

[81] Hazelkorn: Some problems (Anm. 77), S. 305 (Übers. K. L.).

[82] Anderson: Marx at the Margins (Anm. 9), S. 180 (Übers. K. L.).

[83] Karl Marx: Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des »Manifests der Kommunistischen Partei«, in: MEW, Bd. 19, S. 295 f., hier S. 296.

[84] O’Leary: The Asiatic Mode of Production (Anm. 37), S. 34.

[85] Von einem solchen Vorgehen zeugen auch insgesamt differenzierte marxistische Auseinandersetzungen mit postkolonialer Theorie, wie etwa Vivek Chibbers 2013 veröffentlichte Monografie »Postcolonial Theory and the Specter of Capital«; siehe Kolja Lindner: Théorie postcoloniale et le spectre de Marx. A propos du marxisme de Vivek Chibber [Postkoloniale Theorie und das Marx-Gespenst. Über Vivek Chibbers Marxismus], in: Actuel Marx 62 (2017), S. 110–123.

[86] Geras Norman: Classical Marxism and Proletarian Representation, in: New Left Review 125 (1981), S. 75–89, hier S. 83 (Übers. K. L.).

[87] Ebd., S. 85 (Übers. K. L.).

[88] Siehe Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, 1. Neuaufl. Münster 1999 und Lindner: Marx und die Philosophie (Anm. 16), S. 273–358.

Kurzbiografie

Abstract

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