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JHK 2002

Inhaltsverzeichnis

JHK 2002

Kommunismus-Probleme im »Jahrbuch Extremismus & Demokratie«

Werner Müller

Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E&D),9. Jg. 1997 – 13. Jg. 2001, Baden-Baden 1997–2001. Selbstverständlich muß das »Jahrbuch Extremismus & Demokratie« (E & D) hier nicht eingehender vorgestellt werden. Manche seiner Themengebiete sind mit denen des JHK verwandt, vieles führt dessen Fragestellungen bis in die Gegenwart fort und bereichert es damit um eine (im JHK nicht explizit intendierte) aktuelle Dimension. Einen breiten Raum nehmen in E & D jeweils Darstellungen und Analysen zu rechts- und linksextremistischen Aktivitäten des vorausgegangenen Berichtsjahres ein. Der Rezensionsteil ist breiter als im JHK und behandelt ausschließlich im Vorjahr erschienene Titel. Kurzum: beide »Jahrbücher« ergänzen einander – trotz oder vielleicht besser: wegen ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte. Bei aller sozial- und politikwissenschaftlicher Orientierung auf Fragen des Rechts- und Linksextremismus bleibt in E & D die historische Dimension der Kommunismus- und DDR-Forschung nicht ausgeklammert. So analysierte Hannelore Horn 1997 das Problem des Stalinismus.[1] Sie ging der Genese des Begriffs, den Erscheinungsformen, seinem möglichen »Sinn« nach, um dann breiter die Frage der Ursachen zu prüfen. In Übereinstimmung mit der Literatur hielt sie fest, daß der Begriff auf Trotzki zurückgeht, aber nur langsam in der westlichen Öffentlichkeit Fuß gefaßt habe. Leider überging sie dabei Otto Hoetzsch, der schon im Frühjahr 1930 diesen Terminus in die wissenschaftliche Debatte eingebracht hatte. Stalinismus als bloße Kennzeichnung einer Epoche erschien ihr unzureichend, da er die »systematische Markierung von Ursachen und Spezifika des Herrschaftssystems in den Hintergrund treten läßt« (S. 68). Sie benannte im Anschluß sechs Merkmale: einen »hypertroph zentralisierten und hierarchischen Staat«, eine »de facto ungewöhnliche Monopolisierung der Staatsmacht bei einer Person«, eine zuvor »in ihren Ausmaßen unbekannte Verstaatlichung und Bürokratisierung gesellschaftlichen Lebens«, den »weitgehendsten und erfolgreichsten Versuch, eine Gesellschaft total zu manipulieren«, massive »innergesellschaftliche Umwälzungen und Umstrukturierungen« und zuletzt ein System legaler Praktizierung willkürlichen Terrors »ohne Beachtung ethischer, rechtlicher und ideologischer Grenzen«. Hannelore Horn äußerte sich skeptisch gegenüber allen Versuchen, den Kern des Stalinismus rational (etwa als radikale Modernisierung) deuten zu wollen. Alles das mündete »in die Nähe eines erbärmlichen Unterfangens« (S. 77). Eine Antwort auf die Frage nach dessen Sinn müsse vielschichtig ausfallen. Die doppelte Dynamik einer »Machtsicherung um jeden Preis« und eines »eskalierenden Terrorsystems« zähle ebenso dazu wie die Ziele präventiver Disziplinierung und dauerhafter Stabilisierung. Die Frage nach den Ursachen des Stalinismus ist ein Schlüsselproblem. Hannelore Horn beleuchtete an dieser Stelle das Feld historisch-sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze. Die Ursachen-Zuschreibung unter Chruschtschow sah sie als extreme Personalisierung an, um die Partei und ihre Führer von Schuld und Mitschuld freizusprechen. Einen historischen oder sozialen Determinismus schätzte sie ebenso als unzulänglich ein wie die Beschränkung auf personelle Faktoren, organisatorisch-strukturelle Merkmale oder die Wirkungen der Ideologie. Sie plädierte letztlich für eine weit ausgefächerte und interdependente Analyse dieser unterschiedlichen Faktoren. Stalinismus war für Hannelore Horn ohne die Figur Stalins nicht denkbar, »ohne die legitimierenden und mobilisierenden Impulse einer auch interpretationsoffenen Ideologie oder ohne die spezifischen, unter Lenin entwickelten Systemstrukturen« (S. 94). Als »nicht plausibel« verwarf sie, daß »historisch-politische Kontinuitäten, ›unterentwickelte‹ sozio-ökonomische und kulturelle Determinanten sowie eine zernierte Gesellschaft unerläßliche Voraussetzungen« für den Aufstieg des Stalinismus bildeten. Er ist also kein Resultat von Rückständigkeit oder ein geographisch fixiertes Phänomen. Volker Kronenberg konfrontierte im Jahrgangsband 1998 die Deutungen des 20. Jahrhundert durch François Furet und Ernst Nolte.[2] Für Furet war die »ideologische Leidenschaft«, insbesondere in der kommunistischen Bewegung, ein zentrales Charakteristikum des 20. Jahrhundert. Unverzichtbar erschien ihm ferner das Diktum von der »historischen Notwendigkeit«, einer »Religion all derer, die keine andere haben« (S. 53). Die Wechselwirkung beider totalitärer Bewegungen sowie die Hinwendung des politischen Menschen zum »Wahnsinn« stellte eine der größten Herausforderungen für den Historiker dar. Der Bankrott des »revolutionären Messianismus« (S. 62) traf nach seiner Ansicht mehr die westeuropäische (im Kern dann doch wohl: die französische) Linke als die osteuropäischen Staatsparteien. Ihr Fundament war zerstört: »Was ist Geschichte, wenn auf den Kommunismus der Kapitalismus folgt?« (S. 70). Udo Baron widmete sich 1999 einem Problem, das insbesondere durch die vielfältigen Veröffentlichung von Hubertus Knabe aktuell geblieben ist und manche politische und publizistische Debatte nach sich gezogen hat: dem Einfluß der DDR-Staatsicherheit in der Bundesrepublik.[3]  Nach einer knappen Skizze der deutschlandpolitischen Positionen der Grünen und der Berliner Alternativen Liste analysiert Baron zunächst die Haltung der SED-Führung gegenüber diesem neuen politischen Phänomen. Die schablonenhafte Wahrnehmung der Parteielite musste zu zwiespältigen Urteilen führen, man meint »realistischere« und für die DDR »feindliche« Strömungen unterscheiden zu können (S. 56). Indes bleibt festzuhalten, dass die Politik der Grünen in der DDR-Führung »erhebliche Verwirrung« stiftete und »die Versuche der SED zur Instrumentalisierung [...] stets unterlief«. Vor ähnlichen Dilemmata stand das MfS. Es entwickelte einen »Maßnahmeplan« zur Einwirkung auf die Partei, setzte die üblichen Überwachungsmechanismen in Kraft, war aber letztlich mit der Beschränkung auf konspirative Methoden dem Prinzip der »Transparenz grüner Politik« nicht gewachsen. Nicht allein die Heterogenität grüner Deutschlandpolitik erschwerte das Geheimdienst-Geschäft, obwohl das MfS in der Bundestagsfraktion der Grünen ab 1983 über hochkarätige Informanten verfügte. Es gelang letztlich nur in geringem Maße, Kontakte zur unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung in der DDR zu unterbinden. So konnte das MfS die offene Demonstration einer Gruppe von Abgeordneten um Petra Kelly und Gerd Bastian im Mai 1983 auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin nicht verhindern. Aber die Haltung der Grünen selbst blieb ambivalent: man suchte auch Kontakte zur DDR-Führung. Im Oktober 1986 hob Mielke formell die Einreisesperre für Grünen-Vertreter in die DDR auf. »Widersprüchlichkeit, Geschichtslosigkeit, Desinteresse und Abneigung« (S. 76) kennzeichneten die Deutschlandpolitik der Grünen in der Phase des Zusammenbruchs der DDR. Zwei Ergebnisse sind bemerkenswert: Trotz beachtlicher Anstrengungen und erfolgreicher persönlicher »Vereinnahmungen« blieb die Steuerungskompetenz von MfS und SED gegenüber der Partei und ihrer Bundestagsfraktion eher bescheiden; umgekehrt hatte keine andere bundesdeutsche Partei »so intensive und langfristige Kontakte zu den oppositionellen Kreisen in der DDR aufgebaut und gepflegt wie die Grünen«. Im Jahre 2000 beleuchtete Gerd Koenen[4] über einen (auto-)biographischen Zugang die alte, aber immer noch weitgehend offene Frage: Warum fasziniert der Kommunismus?[5] Er, Aktivist der Studentenbewegung und des KBW, hielt fest, keinesfalls »Opfer einer überwältigend starken, ausstrahlenden kommunistischen ›Idee‹ oder ›Ideologie‹« gewesen zu sein. Auch seien Koenen und seine Weggefährten nicht von »einer starken Attraktion oder von raffinierten Einflußstrategien einer real vorhandenen kommunistischen Bewegung erfasst« worden (S. 32 f). Der Übergang zum Marxismus-Leninismus, »ob sowjetischer oder maoistischer Observanz«, folgte vielmehr einem Organisationsbedürfnis und dem Drang, »einen (natürlich imaginären) Anschluß an die Wirklichkeit und an eine reale Weltbewegung zu finden.« In der Konsequenz mündet diese Reflexion in der Forderung, daß eine »Entideologisierung« die erste Grundlage für ein Verständnis des Kommunismus zu sein habe. Der »real existierende Sozialismus« in Politik und Ökonomie habe sich aus den Lehren von Marx nicht herleiten lassen. Alle großen Doktrinen, vom Leninismus angefangen, seien im Gegenteil systembedingten Konstrukte gewesen, entworfen, um Herrschaftserringung und Machtausübung zu legitimieren. Die »nachträgliche Legitimation« und die »theoretische Improvisation« hält Koenen für das Signifikante der großen Ideologen. Kommunismus, in Anlehnung an frühere Arbeiten, versteht er summierend weniger als Ziel, denn als »radikale Methode  oder ein brachiales Mittel zur Erreichung von handfesten Zielen und Zwecken« (S. 41). Eine unumgängliche Neuinterpretation des Jahrhundertphänomens Kommunismus läßt diesem nur Platz als eine Reaktion auf die »eigentliche« Weltrevolution, die »Herstellung des kapitalistischen Weltmarktes«, sowie »Pluralisierung, Individualisierung und Säkularisierung«. Daraus entwickelte sich die  paranoiahafte »Verkennung der Realität« (S. 45), die zweifache Singularität von Stalinismus und Nationalsozialismus. Angesichts des schrankenloses Terrors Stalins, der nicht selektiv (wie der des Nationalsozialismus) war, hält Koenen dessen Regime für die größte Annäherung an den Begriff einer »totalitären Macht«. Die Utopie einer homogenen, entdifferenzierten Sowjetgesellschaft trug den Keim ihres Untergangs schon in sich: die »schiere Unfähigkeit, das Leben dieser allmählich sich regenerierenden, pluralisierenden und komplexer werdenden Gesellschaften noch weiterhin zu regeln« (S. 52). Im Jahrgangsband 2001 griff Alexander Straßner das Phänomen der »dritten Generation« der RAF auf.[6] Für diese Gruppe gilt der weitgehende Verzicht auf ideologisierende Grundlagen, auf das (so formulierte, aber immer eklektisch gewesene) Bekenntnis zu den Lehren von Marx, Engels, Marighella und Mao. Terror und Gewalt wurden nicht mehr camoufliert, sie waren offen zum Selbstzweck geworden. Das ging einher mit einer Isolierung, einer Abkopplung von einem sympathisierenden Umfeld, einer militärtechnischen und kriminellen Professionalisierung sowie dem Versuch, internationale Strukturen aufzubauen. Wenn man auch die beiden ersten Generationen der RAF als politische Gruppe einstuft, hing ihre dritte Generation einem »in völligen Realitätsverlust konstruierten Feindbild« (S. 71) an. Unter der unscheinbaren Überschrift »Dokumentation 2000« präsentiert Uwe Backes ein Interview mit Stéphane Courtois, dem Mitherausgeber des »Schwarzbuchs des Kommunismus« und Verfasser der z.T. heftig kritisierten Einleitung.[7] Nach einer knappen Skizze von Leben und Werk (immerhin hat Courtois eine beachtliche Zahl von Publikationen zur Geschichte der Résistance und der PCF vorzuweisen) und zur Rezeptionsgeschichte des »Schwarzbuches« konzentrierten sich Fragen und Antworten auf die Probleme des Vergleichs der großen Diktaturen und der Kommunismus-Forschung allgemein. Ein »intellektueller Klimawechsel«, so Courtois, habe die Debatte um vergleichende Analysen in Frankreich erneut möglich gemacht, sowohl Ernst Noltes »Europäischer Bürgerkrieg« als auch Eric Hobsbawms »Zeitalter« seien dann erst in französischer Übersetzung erschienen. Der Weg zu einer »leidenschaftslosen Betrachtung« des Kommunismus ist damit für ihn jedoch nicht geebnet. In der Tradition von Anni Kriegel erscheint ihm Lenin als Begründer und »Erfinder« des Totalitarismus; in historischer Rückschau habe dieser den Bürgerkrieg »als ständige Form der Politik und des Krieges« etabliert. Seine Rolle und Persönlichkeit seien »noch zu wenig beachtet«. Motivierend für Courtois wirkte vor allem die seit Anfang der 90er Jahre bestehende Chance, in Moskauer Archien zu arbeiten. Damit mußte »alles neu durchdacht, überprüft und teilweise revidiert« werden (S. 137) – in seinen Augen eine »dokumentarische Revolution«. Die Arbeit auf den Gebieten des sowjetischen Kommunismus, seiner internationalen Organisationen und der nationalen Parteien werden noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Ein Thema, das mit den Themenfeldern des JHK auf den ersten Blick nur indirekt verbunden scheint, sei nicht nur wegen seiner Aktualität hier vorgestellt. Es behandelt Reichweite und Grenzen des Widerstandes in Diktaturen und ist damit für die Geschichte des Kommunismus in besonderer Weise relevant. Der Chemnitzer Politikwissenschaftler Lothar Fritze, dessen wissenschaftlicher Lebensweg von der SED nachteilig beeinflußt wurde, hatte in seiner Antrittsvorlesung am Beispiel des Hitler-Attentäters Georg Elser nach den moralphilosophischen Grenzen und Verantwortlichkeiten des Widerstandes gefragt. Eine Resonanz, die den Rahmen des Sachverstandes, der Fairneß und der wissenschaftlich-seriösen Debatte vielfach überschritt, war die Folge. Im Jahrgang 2000 des »Jahrbuchs« wird diese Auseinandersetzung dokumentiert. Fritze hatte seine aus der Analyse des Widerstandes in der DDR gewonnenen Bewertungs-Maßstäbe auf Georg Elser übertragen und war zu der Schlußfolgerung gekommen, dessen Anschlag auf Hitler sei wegen der Gefährdung unbeteiligter Dritter moralisch fragwürdig gewesen. Politische Vorwürfe, um es »harmlos« zu formulieren, waren die Reaktion – der mildeste war noch, er trüge zur »Delegitimierung« des deutschen Widerstandes bei. Wiedergegeben werden hier sowohl der überarbeitete Text der umstrittenen (oder besser: umstritten gemachten) Antrittsvorlesung von Lothar Fritze, als auch einige (gewichtige) Stellungnahmen von Fachwissenschaftlern. So attestiert der Soziologe und Wissenschaftstheoretiker Hans Albert Lothar Fritze die Legitimität seiner Fragestellung. Der Historiker und Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz weist den Vorwurf des »Revisionismus« gegen Fritze zurück, rügt aber »die realitätsferne Konstruktion einer absolut gesicherten Ethik« und konstatiert zugleich »Mängel der Quellenrecherche«. Der Politikwissenschaftler Manfred Hättich konzediert der moralphilosophischen Analyse Fritzes wissenschaftliche Qualität. Unter weiteren Historikern überwog Skepsis. Klemens von Klemperer sah sich aus anderen Erwägungen durch Fritzes Darstellung in seinem positiven Urteil über Elser sogar bestätigt, Hartmut Mehringer zeigte sich irritiert, weil dieser moralisch und nicht historisch argumentiert hatte. Elser und seine Aktion seien nur aus ihrem konkreten Bedingungszusammenhang zu erklären. Der Mainzer Philosoph Norbert Hoerster stimmte Fritzes Methode einer normativen Beurteilung des Attentäters zu, der Autor habe die für eine solche Beurteilung infrage kommenden Prinzipien deutlich herausgearbeitet. Weitere Beiträge aus E & D tangieren die historische Kommunismusforschung. So behandelten die Herausgeber Uwe Backes und Eckhard Jesse 1997 das Problem der Rechts-Links-Unterscheidung, 1999 griff Brigitte Gress ein »klassisches« Thema auf, die Totalitarismus-Konzeption Hannah Arendts.[8] Abschließend sei noch darauf verwiesen, dass E & D in seiner Rubrik »Daten, Dokumente, Dossiers« aktuelle Materialien und Berichte zur heutigen Situation der »Nachfolgeparteien« bringt: zur PDS, zur DKP oder zu ihren »Nebenorganisationen«. Eine der weiteren Stärken dieses Jahrbuchs stellt die breite und systematische Erschließung der relevanten Literatur dar. Neben dem ausführlichen Besprechungsteil umfasst eine knappe kommentierte Bibliographie im Jahresband 2001 allein fast 20 Seiten. Dort werden in wenigen Zeilen Titel unterschiedlicher Provenienz vorgestellt wie etwa zur Tragödie des Austromarxismus (von Hermann Böhm), zu den Flüchtlingen und Vertriebenen in Sachsen 1945–1952 (von Stefan Donth), zur Philosophie in der DDR (von Guntolf Herzberg), eine Biographie über Alfred Fellisch (von Mike Schmeitzner), in der Weimarer Zeit sächsischer Ministerpräsident, nach 1945 Parteigänger der Kommunisten oder zu Ungarn 1956 (herausgegeben von Heiner Timmermann und Lásló Kiss). Diese – selbstverständlich – lückenhafte Skizze der Themen von E & D zeigt jedoch deutlich, wie nützlich dessen »Komplementärlektüre« zum JHK ist. Insbesondere Politik- und Sozialwissenschaftler werden zusätzlich den Wert der aktuellen Dokumentationen zu schätzen wissen. [1] Horn, Hannelore: Der Stalinismus, in: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard (Hrsg.): Jahrbuch Extremis­mus & Demokratie, Bd. 9 (1997), Baden-Baden 1997, S. 65–96. [2] Kronenberg, Volker: Rückblick auf das tragische Jahrhundert. Furet, Nolte und die Deutung des totalitären Zeitalters, ebenda, Bd. 10 (1998), S. 49–80. [3] Baron, Udo: Die Deutschlandpolitik der Grünen und das Ministerium für Staatssicherheit, ebenda, Bd. 11 (1999), S. 47–77. [4] Koenen, Gerd: Kommunismus – als Ideologie und als historische Praxis, ebenda, Bd. 12 (2000), S. 31–52. [5] Von Konrad Löw als Buchtitel übernommen: Löw, Konrad: Warum fasziniert der Kommunismus? Eine systematische Untersuchung, 4., überarb. u. erg. Aufl., München-New York-London-Paris 1985. [6] Straßner, Alexander: Die dritte Generation der »Rote Armee Fraktion« zwischen »Phantom« und Surrogat, in: Backes/Jesse, Jahrbuch (wie Anm. 1), Bd. 13 (2001), Baden-Baden 2001, S. 49–71. [7] Backes, Uwe: Dokumentation 2000, in: ebenda, S. 125–138. [8] Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Die Rechts-Links-Unterscheidung – Betrachtungen zu ihrer Ge­schichte, Logik, Leistungsfähigkeit und Problematik, Jahrbuch (wie Anm. 1), Bd. 9 (1997), S. 13–38; Gress, Brigitte: Genese politischer Urteilskraft im »Wind des Denkens« – Interpretations- und Innovationspotentiale der Totalitarismuskonzeption Hannah Arendts, ebenda, Bd. 11 (1999), S. 33–46.

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Neuerscheinungen zum britischen Kommunismus

Reiner Tosstorff

Davis, Mary: Sylvia Pankhurst. A Life in Radical Politics, London – Sterling, VA: Pluto Press, 1999, 157 Seiten. Wadsworth, Mark: Comrade Sak. Shapurji Saklatvala MP. A Political Biography, Leeds: Peepal Tree, 1998, 202 Seiten. Darlington, Ralph: The Political Trajectory of J. T. Murphy, Liverpool: Liverpool University Press, 1998, 316 Seiten. Murphy, Molly: Suffragette and Socialist, Salford: Institute of Social Research, 1998, 164 Seiten. McIlroy, John: New Light on Arthur Reade. Tracking Down Britain’s First Trotskyist, in: Revolutionary History, Jg. 8, Nr. 1, 2001, Seite 2–48. Croft, Andy (Hg.): A Weapon in the Struggle: the cultural history of the Communist Party of Great Britain, London – Sterling, VA: Pluto Press, 1998, 218 Seiten. Thorpe, Andrew: The British Communist Party and Moscow, 1920–43, Manchester: Manchester Univer-sity Press, 2000, 308 Seiten. Zweifellos ist die Kommunistische Partei Großbritanniens – im Unterschied zu manchen kontinentaleuropäischen – niemals eine wirklich politisch entscheidende Kraft gewesen, auch wenn sie in nicht wenigen Teilen der Gewerkschaftsbewegung und bei zahlreichen Intellektuellen über Rückhalt verfügte. Zudem gehörte sie zu denjenigen KPen, die sich im Gefolge und als Konsequenz des »realen Sozialismus« auflösten, auch wenn es kurioserweise seit 1991 einen Streit verschiedener Übrigbleibsel um den Namen gibt. Trotz allem ist das Interesse an ihrer Geschichte offensichtlich ungebrochen, ja die Zahl der über ihre Geschichte publizierten Arbeiten nimmt zu. Seit einigen Jahren wird von einer Arbeitsgruppe an der Universität Manchester, die ein umfangreiches biographisches (»prosopographisches«) Projekt zur Mitgliedschaft der KPGB durchführt, ein Newsletter herausgegeben, der davon zeugt.[1] Zwar liegt der von John McIlroy, Kevin Morgan und Alan Campbell auf Grundlage dieser Untersuchung angekündigte Band bei Abschluß dieser Literaturübersicht noch nicht vor. Doch gibt es bereits nach den vor mehreren Jahren erschienenen Biographien der beiden zentralen Führungspersönlichkeiten seit Mitte der zwanziger Jahre, Harry Pollitt und Rajani Palme Dutt (siehe die Besprechung in Jahrbuch für historische Kommunismusforschung, Bd. 1997), eine Reihe unabhängig davon erstellter Einzelbiographien. Auch wenn Sylvia Pankhurst nur vorübergehend zur britischen KP gehörte, ist ihr Name doch untrennbar mit den Gruppierungen wie den Kämpfen verknüpft, die zu ihrer Gründung führten. Darüber hinaus ist ihr Name noch am ehesten dafür bekannt, daß sie eines der Angriffsziele für Lenins heftige Polemiken gegen den »Linksradikalismus« der jungen kommunistischen Parteien Westeuropas darstellte. Dabei geben ihre zahllosen unermüdlichen Aktivitäten vor wie nach ihrer kommunistischen Phase einen guten Einblick in die »causes«, die das 20. Jahrhundert bewegten, wie ihr Sohn im Vorwort der von Mary Davis verfaßten Biographie schreibt. Sylvia Pankhurst wurde 1882 in einer Familie geboren, deren Name untrennbar mit dem Kampf um das Frauenwahlrecht verknüpft ist. Ihre Mutter war nach der Jahrhundertwende die Begründerin einer der wichtigsten Organisationen der Suffragetten. Dort war auch Sylvias Schwester aktiv, und sie selbst stieß nach ihrem Kunststudium dazu. Was sie allerdings von ihren Angehörigen unterschied, war die gleichzeitige Hinwendung zum Sozialismus (obwohl sich Teile der britischen Arbeiterbewegung mit dem Frauenwahlrecht sehr schwer taten). Dies brachte sie schließlich zum gleichzeitigen Bruch mit der Organisation wie mit ihrer Familie. Während Mutter und Schwester gewalttätige Straßenkämpfe provozierten, und die Gaslaternen und Schaufenster Londons nicht mehr vor ihren (Mittelklasse-)Aktivistinnen sicher waren, suchte Sylvia Pankhurst die Zusammenarbeit mit den Massenkämpfen des »industrial unrest« in jenen von Dangerfield klassisch beschriebenen Jahren am Vorabend des Weltkriegs. Folgerichtig konzentrierte sie sich auf die Agitation im Londoner East End. Als nach Kriegsausbruch Mutter und Schwester zu britischen Patriotinnen mutierten, für die nun die allgemeine Wehrpflicht wichtiger als das Wahlrecht war, radikalisierte sie sich weiter nach links. Aus ihrer Workers’ Suffrage Federation wurde die Workers’ Socialist Federation, ihre Zeitung Woman’s Dreadnought nannte sie in Workers’ Dreadnought um. Die russische Revolution und die bolschewistische Machteroberung fanden ihre begeisterte Unterstützung. Bei den Bemühungen um die Gründung einer britischen KP, die von den verschiedenen sozialistischen Gruppierungen des Landes verfolgt wurden, versuchte sie, die Protagonistenrolle einzunehmen, und stand dabei vor allem in engem Kontakt zu dem im Sommer 1919 eingerichteten Amsterdamer Büro der Kommunistischen Internationale. Auch ging sie im Sommer 1920 als Delegierte ihrer sich inzwischen Kommunistische Partei nennenden Gruppe zum zweiten Komintern-Kongress nach Moskau. Dort mußte sie jedoch erleben, daß ihre politischen Vorstellung von den Bolschewiki und besonders Lenin als »ultralinks« verurteilt wurden. Sie trat für Wahlboykott, Ablehnung eines Anschlusses an die Labour Party und schließlich noch für die Gründung revolutionärer Gewerkschaften ein. Zudem war sie mit der Umbenennung ihrer Organisation vorgeprescht. All das half Punkhurst nichts. Sie war gezwungen, sich an den Vereinigungsverhandlungen Anfang 1921 zu beteiligen. Doch kaum war die Einheitskonferenz abgehalten, bewirkte diese ihren Ausschluß. Sie hatte sich geweigert, ihre Zeitung der Partei zu unterstellen. In den nächsten drei-vier Jahren versuchte sie, eine eigene kleine Gruppe aufrechtzuerhalten, die in Kontakt mit ähnlichen Strömungen wie der KAPD oder später der Arbeiteropposition stand. Dann gab sie die Versuche zur Bildung einer revolutionären Partei auf und wandte sich, auf dieselbe unermüdliche Art, anderen Zielen zu: Antikolonialismus, Antirassismus und Antifaschismus, wobei ab 1936 die Solidarität mit Äthiopien ihr besonderes Engagement fand. Sie sollte schließlich die Verhältnisse unter Haile Selassi idealisieren und verbrachte ihre letzten Jahre von 1955 bis 1960 in Addis Abeba. Mary Davis hat mit erklärter Sympathie den Weg dieser lebenslangen Aktivistin nachgezeichnet. Es ist allerdings nicht die erste Biographie. Besonders die feministische Historiographie hat sich bereits mit ihren Jahren als Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht ausein­andergesetzt. Doch bemüht sich Davis um ein vollständiges Lebensbild, das Punkhurst in ihren verschiedenen Wendungen bis hin zu dem nicht mehr »revolutionär« geprägten letzten Lebensabschnitt beschreibt und ihre Widersprüche bei allem durchgängig erklärten Kampf auf der Seite der Unterdrückten nicht verschweigt. Entsprechend der wenigen Jahre, in denen sie erklärte Kommunistin war, nimmt diese Zeit nur einen kleinen Teil ein. Und bedauerlicherweise erfährt man so gut wie nichts über ihre Bemühungen um eine »ultralinke Internationale« zwischen 1921 und 1924. Die im wesentlichen der Chronologie folgende Arbeit beruht auf zeitgenössischen Publikationen, insbesondere auf den von Sylvia Pankhurst herausgegebenen Zeitungen, sowie auf Sekundärliteratur. Die im Literaturverzeichnis vorangestellten Hinweise auf Archivsammlungen, insbesondere auf ihren Nachlass im Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte, gaukeln da nur etwas vor, wovon man sich anhand der Fußnoten leicht überzeugen kann. Shapurji Saklatvala ist heute kaum noch bekannt. In der Selbstdarstellung der britischen KP wurde er von den späteren Ikonen der Volksfrontzeit wie Pollitt oder Gallacher ganz in den Hintergrund gedrängt. Aber auch z. B. Drachkovitch/Lazitch würdigen ihn in ihrem Biographical Dictionary of the Comintern mit keinem Eintrag. Er gelangte auch nicht durch das Hochdienen im Parteiapparat in eine Führungsposition. Es war eine Kombination eher zufälliger Faktoren, die ihn in den zwanziger Jahren in die für die Partei wichtige Einflußposition als Unterhausabgeordneter brachte. Das allerdings machte ihn zur damaligen Zeit zu einem der bekanntesten britischen Kommunisten. Zweifellos ist er mit dem, was er als Inder und damit Immigrant verkörperte, für diese Zeit als eine Ausnahmeerscheinung auf Seiten der britischen Linken insgesamt zu bezeichnen. Saklatvala wurde 1874 in Bombay in einer parsischen, eng mit den Tatas, der führenden indischen Industriellendynastie, verwandten Familie geboren. Entsprechend privilegiert aufgewachsen und ausgebildet, kam er nach Großbritannien, um dort für das Familiengeschäft zu arbeiten. Seine Enttäuschung über das Unvermögen der Liberalen, nach ihrem großen Wahlsieg im Jahre 1906 irgendwelche substantiellen Reformen für Indien einzuleiten, brachte ihn dazu, sich sozialistischen Strömungen zuzuwenden. Er wurde in der Independent Labour Party aktiv, wo er nach 1917 einer der Wortführer des pro-kommunistischen Flügels wurde. Seit 1921 Kommunist, gelang es ihm, im Jahre 1922 als Labour-Kandidat in Battersea im südwestlichen London aufgestellt und trotz heftiger Gegenkampagne mit rassistischen Untertönen als dritter Inder überhaupt in das Unterhaus gewählt zu werden. 1923 verlor er knapp, um ein Jahr darauf erneut mit Haaresbreite zu gewinnen. Auch diesmal wieder war er als Labour-Kandidat angetreten. Im Jahre 1926 allerdings schloß Labour alle Ortsgruppen, die sich nicht von den Kommunisten trennten, aus. Er wurde damit fraktionslos und repräsentierte als einzelner die KP im Unterhaus. Bei den nächsten Wahlen im Jahre 1929 wurde er mit deutlicher Mehrheit vom offiziellen Labour-Kandidaten geschlagen. (Erst 1935 sollte die KP wieder einen Unterhausabgeordneten bekommen.) Als Abgeordneter machte er sich schnell einen Namen. Dabei vertrat er nicht nur all die Punkte, für die die Partei im allgemeinen eintrat – vom Antimilitarismus bis hin zur Verteidigung der vielfältigen ökonomischen und sozialen Arbeiterforderungen. Ein besonderes Anliegen stellte für ihn die Lage in Indien dar. Er wirkte quasi als inoffizieller Abgeordneter seines Heimatlandes, das ansonsten nur noch einige wenige linke Labour-Abgeordnete ver­teidigten. Im Jahre 1927 besuchte er Indien und knüpfte direkte Kontakte zur indischen Nationalbewegung. Gandhi selbst stand er wegen dessen politischen Pazifismus und ökonomischen Lehren (»Selbstgenügsamkeit«) kritisch gegenüber. Auf den großen Zuspruch für Saklatvala in seiner Heimat reagierte die britische (konservative) Regierung, indem sie ihm eine weitere Einreise untersagte. Daran hielt auch die 1929 ins Amt gekommene Labour-Regierung fest. Bereits 1925 war ihm die Einreise in die USA im Rahmen einer Unterhausdelegation von der US-Regierung (mit Nachhilfe durch die britische Regierung) untersagt worden. Nach seiner Abwahl im Jahre 1929 wurde es still um Saklatvala. Zwar kandidierte er noch mehrere Male – bei Unterhausnachwahlen, für kommunale Vertretungen. Doch erhielt er nur noch wenige Stimmen. In der Partei war er nur infolge seines Abgeordnetenmandats in Führungspositionen gewählt worden. Darüber hinaus kam es sowohl wegen seines »großbürgerlichen« Hintergrunds – noch bis in die zwanziger Jahre hatte er für die Tatas gearbeitet – wie aufgrund seiner weiterhin gepflegten Beziehungen zur parsischen Kultur und Religion in der Partei mit ihrer spezifisch britischen »working-class culture« zu gelegentlicher Kritik. Zweifellos verbaute ihm das den Weg zu den üblichen Parteipositionen. Dies erklärt wohl auch, warum er in der Komintern keine zentrale Funktion bei der Anleitung der kommunistischen Bewegung Indiens spielte. Andererseits blieb er bis zu seinem Tod Anfang 1936 ein loyales, positiv zur Sowjetunion eingestelltes Parteimitglied. Seine unkritische Haltung machte er durch entsprechende Berichte nach seinen verschiedenen Reisen dorthin deutlich. Diese zeigen allerdings auch die Gründe für seine Einstellung an. Er war nicht aufgrund theoretischer Studien Marxist geworden – er galt im Gegenteil auf diesem Gebiet als nicht allzu gefestigt –, sondern wegen des Kampfs für Indiens Unabhängigkeit. Nur im Kommunismus sah er die Kraft, die sich diese Forderung international zu eigen gemacht hatte. Das führte ihn auch zur unkritischen Betrachtung der Verhältnisse in der Sowjetunion, insbesondere in Zentralasien, die sich für ihn positiv von der Lage in seiner Heimat abhoben. (Allerdings starb er »rechtzeitig« nicht nur vor den großen »Säuberungen«, sondern auch bevor die Sowjetunion die Forderung nach der Unabhängigkeit Indiens taktischen Bedürfnissen der Außenpolitik unterwarf.) Jedenfalls war es dieses »indische Motiv«, das für ihn auch jedwede Rückkehr zu Labour nach seinem Ausschluss unvorstellbar machte, obwohl es wohl einige entsprechende Angebote gab. Im Gegenteil wurde seine Polemik gegen Labour ab Mitte der zwanziger Jahre immer schärfer, und er hatte nicht umsonst die Wendung zum ultralinken Kurs ab 1928 öffentlich unterstützt. Übrigens äußerte er kein Wort der Kritik, als die Partei als Folge dieses Sektierertums Anfang der dreißiger in die absolute Bedeutungslosigkeit gedrückt wurde. Wadsworth liefert eine gut lesbare, eindringliche Lebensbeschreibung. Nach Skizzierung des persönlichen Hintergrundes werden kapitelweise sein Auftreten im Unterhaus, seine Beziehungen zum indischen Freiheitskampf, sein Verhältnis zur Komintern, sein Eintreten für die aus den Kolonien zugewanderten Immigranten und schließlich seine letzten Jahre ab 1929 beschrieben. Ein Anhang dokumentiert wichtige Unterhausreden, Korrespondenz mit Gandhi und alle Ergebnisse von Wahlen, bei denen er Kandidat war. Die Biographie beruht im wesentlichen auf zeitgenössischen Veröffentlichungen, insbesondere der Kommunistischen Partei, sowie auf staatlichen Archivdokumenten und Aussagen einiger Zeitzeugen. Leider wurden weder das KP- noch das Komintern-Archiv herangezogen. Das hätte sicher erlaubt, seine Stellung in der kommunistischen Organisation genauer zu beschreiben. Mit diesen Einschränkungen ist zweifellos ein interessantes Porträt gelungen. John Thomas (Jack) Murphy gehörte im Unterschied zu den Pankhurst und Saklatvala längere Jahre zum Führungskorps der Partei. In Sheffield 1888 in einer Arbeiterfamilie geboren, wurde er Metallarbeiter, nachdem seine frühen Ambitionen auf eine Tätigkeit in der Staatsverwaltung an der ökonomischen Situation seiner Familie gescheitert waren. Als aktiver Gewerkschafter kam er unter syndikalistischen Einfluß und wurde während des Ersten Weltkriegs einer der Wortführer der Shop Stewards-Bewegung. Obwohl als Syndikalist, wie er es auch in mehreren Veröffentlichungen vertrat, eigentlich Anhänger der Selbstorganisierung der Arbeiter und Gegner ihrer Unterordnung unter verbürokratisierte Partei- oder Gewerkschaftsapparate, wandte er sich dennoch den Bolschewiki zu. Schließlich hatten die Shop Stewards nach 1918 große Niederlagen erlitten, und die Bolschewiki verfügten nun einmal über das Prestige als »Revolutionäre der Tat«. Er wurde einer der Begründer der Roten Gewerkschafts-Internationale 1920/21. Die Forderung nach der Diktatur des Proletariats auf der Grundlage der Gewerkschaften und die Verteidigung der selbständigen Organisation der Arbeiterschaft schob er schnell beiseite und wurde einer der führenden Funktionäre der britischen KP. Als ihr Vertreter bei der Komintern in Moskau spielte er 1926-27 eine wichtige Rolle bei der Ausschaltung Trotzkis und Sinowjews und nach der Rückkehr bei der Durchsetzung der »Sozialfaschismus«-Politik. Obwohl also loyaler Stalinist, geriet er 1932 nach diversen Zusammenstößen über taktische Fragen mit dem zentralen Parteiführer Pollitt – zugrunde lag dem, dass Murphy letztlich die Kräfteverhältnisse etwas realistischer einschätzte – in eine unhaltbare Lage und trat überraschend für alle aus der Partei aus. Binnen weniger Wochen wurde er Labour-Mitglied. Dort nahm er schnell eine Führungsposition in der Socialist League, dem offiziellen linken Parteiflügel, ein. Ironischerweise folgte er dabei durchaus den Wendungen, die nun auch die KP einschlug, und das hieß ab 1934 die Volksfrontpolitik. Die Verteidigung der UdSSR blieb auch weiterhin eine Konstante seiner politischen Vorstellungen, auch wenn er jetzt nicht mehr hundertprozentig den entsprechenden Vorgaben folgen musste, und entsprechend sah er zwischen 1939 und 1941 den deutsch-sow­jetischen Vertrag wie ab 1941 die bedingungslose Unterstützung des Kriegs als gerechtfertigt an. Während er sich langsam aus der politischen Arbeit zurückzog, wurde er zunehmend als Publizist aktiv und verfaßte unter zahlreichen politischen Büchern eine Autobiographie mit interessanten Einzelheiten zur frühen Geschichte der britischen KP sowie eine mit voller Bewunderung geschriebene Stalin-Biographie. In den fünfziger Jahren wandte er sich zunehmend vom Marxismus ab, verstand sich allerdings in einem sehr allgemeinen Sinn weiterhin als links. Mehreren Historikern, die in dieser Zeit die Geschichte der britischen KP entdeckten und Pionierarbeiten dazu verfaßten, gab er wertvolle Ratschläge. Im Jahre 1965 starb er. Murphy war der typische Arbeiter-Autodidakt mit intellektuellen Ambitionen. Diesen hatte er mit einer beruflichen Karriere nicht nachkommen können. Dies ›kompensierte‹ er nicht nur durch breite Bildung aufgrund einer umfangreichen Lektüre, sondern auch durch seine umfangreiche politische Tätigkeit und damit verbundene Reisen. Kennzeichnend für seine politische Haltung war seine positive Einstellung zum Stalinismus weit über die Jahre seiner Parteimitgliedschaft hinaus. Dies war bei den Syndikalisten, die nach der Oktoberrevolution zum Kommunismus stießen, eher unüblich. Viele von ihnen wandten sich bereits Mitte der zwanziger Jahre nach Festigung der Herrschaft des Parteiapparats, verkörpert durch Stalin, ab. Doch vielleicht fehlte Murphy zu diesem Schritt etwa im Unterschied zu den Syndikali­sten aus den romanischen Ländern, auch die Beeinflussung durch heterodoxe Theoretiker, vor allem des Anarchismus. Ralph Darlington hat eine materialreiche Biographie vorgelegt, für die er nicht nur aus den zeitgenössischen Veröffentlichungen geschöpft hat, sondern auch aus zahlreichen Archivquellen aus Großbritannien sowie aus Moskau. So gelingt es ihm nicht nur, Murphys Lebensweg detailliert nachzuzeichnen, sondern auch die vielfältigen Bezüge zum jeweiligen politischen und sozialen Umfeld. Damit wird auch ein Stück Geschichte der britischen Linken in jenen Jahren aufgearbeitet. Leider sind die auf dem Kominternarchiv beruhenden Abschnitte sehr knapp gehalten und beschäftigen sich vor allem mit seinen auch nach außen hin bekannt gewordenen Aktivitäten im EKKI. Doch Drachkovitch/Lazitch verweisen darauf, daß er seit 1924 auch der Internationalen Kontrollkommission sowie der Leitung der Lenin-Schule angehörte. Dazu findet sich hier leider nichts. Zweifellos bleibt der private Murphy, sein Leben jenseits der Politik, aufgrund des Darlington vorliegenden Materials eher blass. Einige Hinweise darauf finden sich allerdings in einem autobiographischen Manuskript seiner Frau, das jetzt von Ralph Darlington herausgegeben wurde und seine Biographie gut ergänzt. Sie war Aktivistin der Suffragetten, als Murphy sie in Sheffield kennenlernte. Später ging sie nach London, wurde Krankenschwester und heiratete Murphy Ende 1920. Zweimal begleitete sie ihn nach Russland: 1921, als sie auch Lenin kennenlernte, und 1926–28. Weitere Abschnitte sind ihrem gemeinsamen Leben in London gewidmet. Einen ganz eigenständigen Schritt machte sie, als sie 1936 nach Bürgerkriegsbeginn als Krankenschwester nach Spanien ging. In der Partei war sie nicht aktiv, folgte aber den politischen Schritten ihres Mannes. Ihre Schilderungen geben einen Einblick in die Atmosphäre, in der er sich bewegte, z. B. bei seinen Aufenthalten in Sowjetrußland. Arthur Reade schließlich stellt in der Parteigeschichte nicht mehr als eine Episode dar, die allerdings insofern interessant ist, als er der erste Verteidiger Trotzkis in der britischen kommunistischen Bewegung war. Des weiteren repräsentierte er mit seinem bürgerlichen Hintergrund und als Oxford-Student nach dem Ersten Weltkrieg ein Milieu, das in dieser »proletarischen« Partei zwar nur eine Randbedeutung hatte, dem allerdings einige wichtige Parteiintellektuelle entstammten. Es war auch für die spätere Entwicklung von Belang, daß an den britischen Eliteuniversitäten nach Beginn der Volksfrontpolitik nicht nur Parteiaktivisten, sondern auch bedeutende Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes rekrutiert wurden. John McIlroy hat eine biographische Skizze über Reade aus zahlreichen verstreuten Informationen zusammengetragen. Nachdem er Oxford wegen seiner politischen Aktivitäten verlassen mußte, kam er 1922 nach London, wo er dem Distrikt-Parteikomitee angehörte sowie für das Labour Monthly arbeitete, mit dem die KP sich ein intellektuell anspruchsvolles Organ geschaffen hatte. Aufsehen erregte er, als er Ende 1924, als Trotzki zum zweiten Mal in der sowjetischen Partei scharf attackiert wurde, zu dessen Verteidigung auftrat. Der Parteiapparat reagierte sofort und isolierte ihn. Eine trotzkistische Opposition konnte sich nicht herausbilden. Er selbst zog die Schlussfolgerung daraus, das Land erst einmal für mehrere Jahre zu verlassen. Als er in den dreißiger Jahren zurückkehrte, hatte er sich vom Kommunismus/Trotzkismus längst abgewandt. Diese Episode stellt somit nur eine Fußnote in der Parteigeschichte dar. McIlroys Skizze ist insofern verdienstvoll, als sie das Bild der Auseinandersetzung um Trotzki in der Komintern wie dann von der Entstehung des britischen Trotzkismus komplettiert. Zwar folgten auf Reade erst einmal keine weiteren diesbezüglichen Bemühungen. Doch einer der damaligen Aktivisten der Jugendorganisation hatte nun einen ersten Eindruck erhalten, den er mehrere Jahre später wieder aufnahm, als er in der Sowjetunion auf der Lenin-Schule direkt mit dem Stalinismus konfrontiert wurde und nach der Rückkehr eine organisatorische Initiative ergriff.[2] Es ist schwierig, aus diesen drei Biographien, deren Erscheinen eine gewisse Zufälligkeit hat, so etwas wie eine Gesamtsumme zu ziehen. Dazu waren auch die persönlichen Hintergründe zu unterschiedlich, ebenso wie die Schlußfolgerungen, die sie aus den Erfahrungen mit der kommunistischen Mitgliedschaft zogen. Darüber hinaus sind alle drei sicher nicht repräsentativ für die sich weniger behend literarisch ausdrückende ›Arbeiterbasis‹. Zumindest auf einer sehr allgemeinen Ebene kann man jedoch feststellen, daß ihre Hinwendung zum Kommunismus, ihre persönliche Radikalisierung, aufgrund von politischen Sackgassen erfolgte, als die sie die Verweigerung ihrer Ambitionen im weitesten Sinne – Demokratisierung des Wahlrechts, sozialer Aufstieg, Unabhängigkeit Indiens – durch die »bürgerliche Gesellschaft« empfanden. Auf einem ganz anderen Feld bewegt sich der von dem Literaturhistoriker und Dichter Andy Croft herausgegebene Sammelband, der der »Kultur als Waffe im Kampf« – wie ein Parteislogan hieß – nachgeht. Elf Aufsätze beleuchten verschiedene, mit der Partei verbundene kulturelle Aktivitäten, im wesentlichen aus ihrer Hochzeit in den dreißiger und vierziger Jahren. Dabei sind nicht nur die Felder ganz unterschiedlich, erstrecken sich von klassischer Folk-Musik über grafisches Design bis hin zur Literatur und reichen damit von der »Hoch-« zur »Massenkultur«. Einige der Fallstudien diskutieren Aktivitäten, die im direkten Parteiauftrag ausgeführt wurden. Dies betrifft etwa die Bemühungen, dem Edinburgh-Festival ein »People’s Festival« gegenüberzustellen, oder die Organisierung von kulturellen Massenveranstaltungen. Dann wiederum geht es um das Verhältnis, um die »Parteilinie«, zu kulturellen Bereichen wie etwa dem Jazz und damit um das widersprüchliche Verhalten gegenüber amerikanisch geprägter Massenkultur. Schließlich werden einzelne Künstler dargestellt, die zunächst einmal ihrem eigenen Antrieb folgten, sich dabei aber mit den aus den Vorgaben des »sozialistischen Realismus« resultierenden Zwängen der Parteilinie arrangierten. Eine systematische Übersicht über die Kulturpolitik der KPGB wollte dieser Band also nicht liefern. Sie muss erst noch geschrieben werden. Daß ein deutlicher Widerspruch zwischen den emanzipatorischen Ansprüchen und den Parteizwängen existierte, gibt der Herausgeber gleich in seiner Einleitung ausdrücklich zu, obwohl man den Eindruck hat, man habe die übelsten Folgen stalinistischer Kulturpolitik, wie man sie aus der Historiographie anderer Parteien kennt, lieber erst einmal beiseite lassen wollen. Die Autorinnen und Autoren, darunter auch zwei Deutsche, stehen der von ihnen dargestellten kulturellen Hinterlassenschaft der Partei erklärtermaßen positiv gegenüber, wenn sie nicht sogar in der einen oder anderen Weise an ihrer Entstehung beteiligt waren. Zwar bemühten sich die hier dargestellten Künstler zumeist, den parteilichen Rahmen möglichst weit auszuschöpfen und auszudehnen, doch letztlich ist es ja kein Zufall, daß vieles von diesen Initiativen stecken blieb. Und nicht zuletzt brachen viele aus dem künstlerisch-intellektuellen Umfeld mit der Partei im großen Krisenjahr 1956, als die Widersprüche zwischen Emanzipation und Stalinismus nicht mehr länger verdrängt werden konnten. Wobei im engen Zusammenhang mit den politischen Zwängen steht, daß die britische KP es in den fünfziger Jahren auch nicht verstand, eine Brücke zur Kultur einer neu heranwachsenden Generation zu schlagen. Diese kulturellen Bewegungen hatten nun einmal wesentliche Impulse aus den USA erhalten und wurden nun einseitig mit dem »US-Imperialismus« identifiziert. Im übrigen gewinnt man den Eindruck, daß die Partei auf ihrem Höhepunkt den weit über den unmittelbaren politischen Einzugsbereich hinausgehenden kulturellen Einfluss in seiner Wirkungskraft letztlich überschätzte und sich damit für stärker hielt, als sie es tatsächlich war. Zweifellos ist die Arbeit von Andrew Thorpe die gewichtigste der hier vorzustellenden Veröffentlichungen. Dies nicht nur wegen ihres Umfangs. Zum einen ist sie das Ergebnis langjähriger Archivstudien insbesondere im KPGB-Archiv (heute im National Museum of Labour History in Manchester) und im Kominternarchiv. Vor allem aber geht sie nun einmal ausführlich der zentralen Fragestellung für die KPGB-Historiographie nach: der nach dem Verhältnis der Partei zu »Moskau«, wobei der Zeitraum von der Parteigründung bis zur Auflösung der Komintern reicht. Eine Unzahl an Fakten und Details werden darin ausgebreitet. Seine Darstellung folgt sehr eng dem Archivmaterial, etwa 80 bis 90 Prozent seiner Fußnoten sind nichts anderes als Verweise darauf, und so gelingt es ihm, ein sehr dichtes Abbild der gegenseitigen Beziehungen zu zeichnen. Vielfältige organisatorische Abläufe, interne Sitzungen, finanzielle Leistungen, personelle Entscheidungen werden dadurch sichtbar, von denen man bisher kaum oder gar nichts wußte, weil sie der Öffentlichkeit entzogen waren. Damit kann er das aus dem äußeren Auftritt der Partei gewonnenes Bild an vielen Stellen korrigieren, wenn er, um nur ein Beispiel anzuführen, auf die bedeutende Rolle von Campbell in der Parteiführung verweist, der gegenüber Pollitt in der bisherigen Historiographie im Hintergrund stand. Obwohl seine Arbeit unbestreitbar verdienstvoll ist und als unverzichtbarer Beitrag zur Geschichte des britischen Kommunismus gewertet werden muß, kommt er in den von ihm aus der Faktenaufbereitung und der Rekonstruktion zahlreicher Abläufe gezogenen Schlussfolgerungen zu teilweise fragwürdigen, durchaus auch im Gegensatz zu seiner Darstellung befindlichen Resultaten. Er meint nämlich herauslesen zu können, daß, im Gegensatz zu den meisten früheren Darstellungen, das Verhältnis zwischen der Partei und Moskau charakterisiert werden kann als »more of a partnership – albeit an equal one« (S. 4) Zu einer solchen Behauptung kann er jedoch nur kommen, indem er die Position, gegen die er polemisiert, aufs Karikaturhafte zuspitzt und etwa als »slaves of Moscow approach« bezeichnet. Dagegen kann er natürlich leicht die »importance of agency« stellen, die aber als Erklärung wenig taugt. Andererseits sieht er sich gezwungen, seine apodiktischen Aussagen einzugrenzen: »There is, indeed, material here to hearten those who wish to see the hidden hand of Moscow in most of the CPGB’s activities.« (S. 276.) Seine ganze Argumentation beruht auf Einschränkungen, zieht sich vielfach auf »aber doch« und »das heißt jedoch nicht« usw. zurück, statt Stringenz anzustreben.[3] Daß etwa bestimmte zentrale Wendungen in der Partei nur durch direkte Interventionen der Komintern zustande kamen, gibt Thorpe Anlaß zur Feststellung, deren Hervorhebung in der bisherigen Historiographie sei ein Zeichen dafür, daß es ›unterhalb‹ immer wieder Möglichkeiten zur Flexibilität gegeben habe. Seiner gewundenen Argumentationsweise folgend, muß er dem jedoch hinzufügen, daß verschiedene Parteiführer diese Flexibilität überschätzten. (S. 279) Auch daß er unter Verwendung zahlreicher Beispiele anführen kann, die Komintern habe neue Generallinien nicht einfach nur von außen übergestülpt, sondern dabei immer auf einzelne Sektoren sowohl in der Mitgliedschaft wie in der Führung setzen konnte, stärkt seine Position eigentlich nicht. Denn es gibt keinen Grund dafür anzunehmen, diese Sektoren hätten sich sonst so durchsetzen können. Gegen solche von ihm aufgebaute Pappkameraden kann Thorpe natürlich leicht anrennen – insbesondere mit dem vollen Gewicht umfangreicher Archivstudien, das erst einmal scheinbar jedem Kritiker den Wind aus den Segeln nimmt, obwohl noch abzuwarten ist, zu welchen Ergebnissen weitere Nachforschungen in den Archiven führen werden.[4] Bereits seit längerem gibt es Diskussionen über die Charakterisierung einzelner Kommunistischer Parteien, besonders zugespitzt in den USA, aber jüngst auch in Deutschland zum Weimarer Kommunismus. Anhänger der ›Autonomie‹-These, die die Partei aus ihrem ›Milieu‹ heraus verstehen wollen, stehen dabei denjenigen gegenüber, die die Partei als einen politischen Faktor vom Selbstverständnis wie von der Praxis betrachten, die sich nun einmal auf die Sowjetunion berief, daraus ihre Identität bezog, deshalb auch in vielfältiger Weise mit ihr verbunden war und durch dieses Verhältnis, das ein Abhängigkeitsverhältnis war, bestimmt wurde. Spätestens mit dem Erscheinen von Thorpes Buch hat diese Diskussion auch die Historiographie der britischen KP erreicht. Weitere Arbeiten, die in diese Richtung gehen, z. B. von Matthew Worley über die KPGB in der »ultralinken« Periode 1929–34, sind angekündigt. Entsprechende Gegenpositionen sind bezogen.[5] [1] Er ist inzwischen auch im Internet einschließlich aller bisher erschienenen Nummern zu finden: http://les1.man.ac.uk/chnn [2] Vgl. Harry Wicks, Keeping My Head: Memoirs of a British Bolshevik, London 1992, S. 42–45. [3] Ein anderes Beispiel für seine Methode, sich um klare und eindeutige Aussagen herumzu­drücken, immer wieder Einschränkungen zu machen und sich auf Unbestimmtheiten zurückzuziehen, ist etwa: »It would, then, be foolish to argue that the CPGB was autonomous of, and still less independent from, the CI in this period. But it would be equally fallacious to see it simply as a tool of Moscow without significant life of its own. Instead, the relationship was constantly being renegotiated and remade.« (S. 282) [4] Siehe etwa die kritischen Bemerkungen von John McIlroy zu einzelnen Behauptungen von Thorpe in seinem Aufsatz »Rehabilitating Communist Historiography. The Communist International, the Communist Party of Great Britain and Some Revisionist Historians«, in: Revolutionary History, Jg. 8, Nr. 1, 2001, S. 195–226. [5] Siehe vorige Anmerkung. McIlroy hat außerdem bisher schon eine Reihe von Aufsätzen und Beiträgen zu Sammelbänden – z. T. in Zusammenarbeit mit Alan Campbell – vorgelegt, die sich kritisch mit der Betriebs- und Gewerkschaftspolitik der KP und ihren politischen Vorgaben auseinandersetzen. – Für die ›Autonomie‹-These wiederum hat Nina Fishman, Autorin einer umfangreichen Arbeit über die KP-Gewerkschaftspolitik nach 1932 (siehe die Besprechung im Jahrbuch, Bd. 1997), kürzlich erst wieder eine Lanze zu brechen versucht: Sie stellte dem »essentialism«, d. h. dem Verständnis der KP als einer an Moskau orientierten stalinistischen Partei, eine »realistische« Interpretation gegenüber, da die KP spätestens mit der Volksfront ihre Politik an den realen Bedingungen in Großbritannien orientiert habe. Siehe ihre Bemerkungen »Essentalists and Realists: reflections on the historiography of the CPGB«, in: Communist History Network Newsletter, Nr. 11, Herbst 2001, S. 7–16.

JHK 2002

Die Wiener Internationale (1921–1923) als Anregerin einer Politik der Einheitsfront der organisierten Arbeiterbewegung

Avgust Lešnik

Der relativ langwierige Prozeß der Umstrukturierung innerhalb der europäischen Sozialdemokratie (im Rahmen der alten – der Zweiten Internationale) auf drei Grundlinien, die Rechte – das Zentrum – die Linke, manifestierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges[1] in der organisatorischen Umformung der einst formell einheitlichen sozialdemokratischen Bewegung in drei neue ideenpolitische Richtungen und Bewegungen: in die Zweite (die Berner)[2] und die Dritte (die Moskauer)[3] und etwas später in die Zweieinhalbte, (die Wiener)[4] Internationale. Während sich die Berner und die Wiener Internationale für einen friedlichen, legalen, parlamentarischen Weg der Machtgewinnung entschieden und in den Bedingungen des sukzessiven Stabilisierens des Kapitalismus ihre Reihen mit Arbeitern der entwickelten Länder Europas und Amerikas verstärkten[5], steuerte die Moskauer Internationale ihre Aktionen noch immer in der Richtung des Zerfalls des Kapitalismus auf einem revolutionären Weg und rechnete dabei mit dem kommunistisch orientierten Proletariat und den revolutionären Schichten auf dem Lande wie auch den antikolonialen nationalen Freiheitsbewegungen. Aber der Mißerfolg der Roten Armee vor Warschau und die Unterzeichnung des russisch-polnischen Waffenstillstandes in Riga im März 1921[6] bestätigten nur, wie illusorisch und haltlos die Behauptung war, daß es mit den Waffen der Roten Armee möglich ist, die sozialistische Revolution in die Länder Europas zu übertragen und sie dort zu verbreiten. Auch die Taktik der »21 Bedingungen für die Aufnahme in die KI«[7], deren Ziel eine endgültige ideelle Homogenisierung der internationalen Arbeiterbewegung unter der Leitung von Moskau war, entwickelte sich nicht nach dem Plan des 2. Kongresses der Komintern. Im Gipfel der KI wurde bis zum 3. Kongreß optimistisch damit gerechnet, daß die künstlich hervorgerufene Spaltung, die eine Differenzierung innerhalb der sozialistischen Parteien fördern und die Mehrheit der Arbeitermassen in die kommunistischen Reihen führen sollte, erfolgreich sein wird. Aber die Praxis der Spaltung zeigte, daß solche Prognosen, deren Realisierung nach der Meinung von Moskau den Erfolg der so gewünschten weltweiten sozialistischen Revolution bedingte, nicht dem realen Zustand in der Mehrheit der europäischen Länder entsprachen, auch nicht in Ländern, wo die revolutionäre Krise am tiefsten war. Der Bruch mit dem Reformismus verursachte in der Mehrheit der Fälle die Entfremdung der Arbeitermassen von den Kommunisten, vor allem im gewerkschaftlichen Sinne; die nationalen KPs wurden außer in seltenen Ausnahmen zu Minderheitsparteien (sektiererischen Parteien), die keinen bedeutenden Einfluß auf die gewerkschaftliche und politische Strategie des Proletariats hatten. Fernando Claudin widerspricht bzw. ergänzt aufgrund der Wahlergebnisse[8] die Behauptung von Rosenberg, »daß in den Jahren 1919 bis 1920 die Mehrheit der europäischen Arbeiter für die III. Internationale war«[9]. Diese Bewertung entspricht nicht, warnt Claudin, den oben angegebenen Zahlen und Resultaten der revolutionären Kämpfe, obwohl sie teilweise richtig ist. Breite Arbeitermassen sympathisierten mit der neuen Internationale, die in ihren Augen die russische Revolution darstellte, aber sie akzeptierten ihre Bewertungen der Lage und ihre Methoden nicht, vor allem nicht die 21 Bedingungen. Daran denkt zweifellos auch Rosenberg, als er sagt, daß Spaltungen, Ausschlüsse und Äußerungen gegen bedeutende Fraktionen in der Arbeiterklasse die Kommunisten wieder in die Minderheitslage gebracht hätten. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die ihre Reihen mit den Mitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) verstärkt hatte, die der III. Internationale nicht beitrat, war zahlenmäßig viel stärker als die Kommunisten. In Italien, Schweden, Dänemark, in den Niederlanden, Belgien, Österreich und in der Schweiz bekamen die Sozialdemokraten im Jahr 1921 wieder die unumstrittene Mehrheit. Die Kommunisten behielten die Mehrheit nur in Frankreich, in der Tschechoslowakei und in Norwegen. Die kommunistische Bewegung auf dem Balkan, in Ungarn und in Polen wurde mit Gewalt niedergeschlagen. Die Syndikalisten in Spanien, die die Mehrheit der Arbeiter hinter sich hatten, brachen alle Beziehungen mit der III. Internationale ab. Der Einfluß von Kommunisten außerhalb Europas war gering.[10] Als revolutionäre Versuche außerhalb der Sowjetunion scheiterten, wurde die reformistische Einstellung von sozialistischen und Gewerkschaftsführern – der Kampf um die Verbesserung der ökonomischen Lage des Proletariats, um den Achtstundentag, um Reformen u.ä. – für die Mehrheit der Arbeiter noch überzeugender; insbesondere, weil die Vorkriegserfahrungen den Arbeitern zeigten, daß ihre traditionellen Organisationen auf diesem Gebiet gute Resultate erzielen. Auf die veränderte Lage, die mit dem Jahr 1921 entstand – die Stabilisierung der revolutionären Welle auf der einen und die allmähliche Stabilisierung des Kapitalismus auf der anderen Seite –, reagierte die Komintern nicht adäquat, was aus den verabschiedeten Dokumenten und Richtlinien ihres 3. Kongresses hervorgeht,[11] denen zu entnehmen ist, daß sie noch weiter die Zusammenarbeit so mit der Zweiten, wie mit der Zweieinhalbten Internationale ablehnten. Neue sozialökonomische und ideell-politische Faktoren, die mit dem Jahr 1921 entstanden, wurden besonders von Lenin und Trotzki als eine Prognose verstanden, daß der revolutionäre Prozeß langwierig sein wird. Lenin betonte schon auf dem X. Kongreß der KPR(B) im März 1921 im »Bericht über die politische Arbeit des ZK«, daß ihre (Anm. bolschewistische) Rolle in der Weltrevolution keineswegs bedeute, daß sie mit einer bestimmten Frist rechne,[12] was viele Kommunisten überraschte. Noch konkreter war Lenin ein paar Tage später, als er auf dem allrussischen Kongreß der Verkehrsarbeiter seine Rede hielt und sagte, daß das, was in Europa heute nicht geschehen ist (Anm. Revolution), morgen geschehen kann, was nicht morgen geschieht, kann übermorgen geschehen, aber solche Perioden wie morgen und übermorgen bedeuten in der Weltgeschichte mindestens ein paar Jahre.[13] Auch in den »Thesen des Berichtes über die Taktik der KPR(B) auf dem 3. Kongreß der KI« zeigt sich die neue internationale Lage: »Auf diese Weise kam es zu einem, wenn auch äußerst unsicheren und unbeständigen, aber doch immerhin vorhandenen Gleichgewicht, bei dem die sozialistische Republik – wenn auch nicht auf lange Zeit – in der kapitalistischen Umzingelung existieren kann«.[14] Es war zu erwarten, daß die neuen, reellen Umstände, die ohne Zweifel ankündigten, daß die Frage der »baldigen« weltweiten Revolution auf eine spätere »günstigere« Zeit verschoben wird, einen entsprechenden Platz in den Dokumenten des Kongresses bekommen werden, auch wegen der veränderten taktischen Ansichten von Lenin in der Zeit vor dem 3. Kongreß. Trotzki befürwortete in dem Einführungsvortrag »Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen Aufgaben der Kommunistischen Internationale«[15] aufgrund seiner eigenen und Lenins Einschätzung der neu entstandenen Situation, das Verlangsamen des Tempos der Revolution; damit stellte er dem Kongreß die Frage nach der weiteren Perspektive des weltweiten revolutionären Prozesses: »Die Situation ist jetzt zur Zeit des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale nicht dieselbe, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Kongresses. Damals haben wir uns die große Perspektive aufgestellt und die große Linie gezeichnet, und haben gesagt: auf dieser Linie, in diesem Zeichen wirst du das Proletariat erfassen und in der Welt siegen. Ist es richtig geblieben? Vollkommen! In diesem großen Umfange ist es vollkommen richtig geblieben. Nur die Auf- und Abbewegungen dieser Linie hatten wir nicht vorgezeichnet und wir bemerken sie jetzt. Wir bemerken sie durch unsere Niederlagen und unsere Enttäuschungen und auch durch unsere großen Opfer, wie durch unsere irrtümlichen Aktionen, die in allen Ländern vorkamen; bei uns in Rußland in großem Umfange. Erst jetzt sehen und fühlen wir, daß wir nicht so unmittelbar nahe dem Endziel, der Eroberung der Macht der Weltrevolution stehen. Wir haben damals im Jahre 1919 uns gesagt: es ist die Frage von Monaten, und jetzt sagen wir, es ist die Frage vielleicht von Jahren. Wir wissen es nicht genau, aber wir wissen um so besser, daß die Entwicklung in diese Richtung geht, und daß wir während dieser Zeit in der ganzen Welt viel stärker geworden sind. Wir haben noch nicht die Mehrheit der Arbeiterklasse der gesamten Welt für uns. Wir haben aber einen viel größeren Teil, als wir vor ein oder zwei Jahren hatten. Nachdem wir diese Situation auch taktisch analysieren, was eine wichtige Aufgabe des Kongresses ist, müssen wir uns sagen: der Kampf wird vielleicht langwierig sein, wird nicht so fieberhaft, wie es wünschenswert wäre, vorwärtsschreiten, der Kampf wird höchst schwierig und opferreich sein. Wir sind durch die angehäuften Erfahrungen gewitzigt geworden. Wir werden in diesem Kampfe und durch den Kampf zu manövrieren verstehen. Wir werden nicht nur die eine mathematische Linie, sondern auch die wechselnde Situation für die reinrevolutionäre Linie einzusetzen wissen. Wir werden auch in der Zersetzung der kapitalistischen Klasse zu manövrieren verstehen, immer, um die Kräfte der Arbeiterschaft für die soziale Revolution zusammenzufassen. Ich glaube, daß unsere Erfolge, wie auch unsere Mißerfolge das bewiesen haben, daß nicht darin der Unterschied zwischen uns und den Sozialdemokraten und Unabhängigen besteht, daß wir gesagt hätten, wir werden die Revolution im Jahre 1919 machen, und sie uns geantwortet haben, die Revolution werde viel später kommen. Nicht darin besteht der Unterschied. Er besteht darin, daß die Sozialdemokratie und die Unabhängigen das Bürgertum gegen die Revolution in jeder Situation unterstützen, wir aber bereit sind und bereit bleiben, jede Situation, wie sie sich auch gestalten mag, für den revolutionären Angriff und für die Eroberung der politischen Macht auszunützen«.[16] Der Vortrag Trotzkis rief eine vehemente Reaktion hervor, und die Delegierten des 3. Kongresses begannen so zum ersten Mal eine umfassende Diskussion innerhalb der kommunistischen Bewegung über die Frage der Perspektive der Revolution. In der Diskussion widersprach und lehnte eine große Zahl von Delegierten, die als der Linksflügel des Kongresses bezeichnet werden können, die Thesen Trotzkis über die Verlangsamung des Tempos der Revolution und über die Notwendigkeit des Strebens nach der Gewinnung von breiten Arbeitermassen ab; sie forderten[17] die Änderung von vorgelegten Thesen, die sie den Dokumenten und den Richtlinien des 2. Kongresses gegenüber als widersprüchlich bezeichneten. Als Befürworterin von Trotzkis Thesen sprach K. Zetkin, die sich gegen jeglichen Schematismus in der Bewertung der Weltlage und gegen blinden Automatismus in dem Verstehen der Krise äußerte und für die Bildung und die Revolutionierung der Massen aufgrund der neuen Taktik eintrat.[18] Daß eine große Zahl die Position des Linkskurses vertrat, zeigten die Diskussionen von allen vorgelegten Dokumenten des Kongresses.[19] Die Diskussion zwischen Lenin und seinen Anhängern auf der einen und dem Linksflügel des Kongresses auf der anderen Seite verschärfte sich besonders bei Radeks Vortrag »Über die Taktik der KI«[20], der im Geiste der Linken vorgetragen wurde und teilweise auch Trotzkis Thesen widersprach. Der allgemeine Kurs des präsentierten Vortrags basierte auf irrealen Bewertungen und Forderungen nach einer unmittelbaren Aktion: »Die Kräfte der Weltrevolution wirken sich weiter aus, und wir stehen nicht vor einem Niedergang der Weltrevolution, sondern wir stehen vor der Sammlung der revolutionären Kräfte zu neuen Kämpfen«.[21] Radek wurde von der Linken unterstützt,[22] die auf einer offensiven Taktik als dem einzigen Weg der wahren revolutionären Politik insistierte; dabei vergaß die Linke völlig die wesentlichste Voraussetzung für das Erreichen von revolutionären Zielen, d.h. sie vergaß die Notwendigkeit, die Mehrheit der Arbeiterklasse für die kommunistischen Reihen zu gewinnen. Lenin nannte folgendes, um letzteres zu erhärten: »Terracini sagt, in Rußland haben wir gesiegt, obwohl die Partei so klein war. ...Wir waren in Rußland eine kleine Partei, aber wir hatten die Mehrheit in den Arbeiter- und Bauernräten im ganzen Lande. Wo haben sie das? Wir hatten mindestens die Hälfte der Armee, die damals zumindest 10 Millionen stark war. Haben sie die Mehrheit der Armee? Zeigen sie mir ein solches Land? Wenn diese Absichten des Genossen Terracini von drei Delegationen geteilt werden, dann ist etwas krank in der Internationale. ... Wir haben in Rußland gesiegt und so leicht gesiegt, weil wir unsere Revolution während des imperialistischen Krieges vorbereitet haben. Das ist die erste Bedingung. 10 Millionen Arbeiter und Bauern waren bei uns bewaffnet und unsere Losung war: sofort Frieden, koste es, was es wolle. Wir haben gesiegt, weil enorme Bauernmassen revolutionär gesinnt waren gegen den Großgrundbesitz.«[23] Lenin lehnte in der Fortsetzung der Diskussion aufgrund des mißlungenen revolutionären Versuches in Deutschland im März[24] und einer umfassenden Bewertung der Umstände, in denen das europäische revolutionäre Proletariat und seine Avantgarde arbeiteten, den »Avantirismus« der Linken mit der Warnung ab, daß diese mit ihren »offensiven Theorien und Aktionen« die unerläßlichen und langwierigen Vorbereitungsphasen einer Revolution umgehen will, dabei aber auch noch die Gefahr des rechten und zentristischen Opportunismus überschätzt: »Wenn der Kongress [...] gegen diese linken Dummheiten nicht entschlossen die Offensive durchführt, dann ist die Bewegung [Anm. die KI] zu Grunde gerichtet.«[25] Der Hang zum Linkskurs war nicht nur für die ausgesprochen linksorientierten Kurse in vielen Ländern charakteristisch, mit denen Lenin schon im Werk »Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus«[26] polemisierte, sondern dieser Kurs durchdrang im bestimmten Sinne die gesamte Komintern – von der Führungsstruktur bis zum breitesten Kreis ihrer Anhänger. Dieser irreale Optimismus, der von einem baldigen Ausbruch der sozialen Revolution, der Möglichkeit ihres endgültigen Sieges in einer kurzen Zeitspanne überzeugt war, manifestierte sich auf der einen Seite durch viele Proklamationen und Propagandatätigkeit des EKKI, auf der anderen Seite aber in der Überzeugung, daß die Passivität der Arbeiter in Westeuropa nur mit offensiven Mitteln und Methoden überwunden werden kann – mit Streiks, Aufständen und sogar Putschversuchen. Dieses Denken, das auf die Erhaltung der alten Taktik abzielte, die auf dem Ersten und Zweiten Kongreß der KI beschlossen worden war, war in vielen Führungen von europäischen kommunistischen Parteien und sogar im EKKI fest verwurzelt, was eine apriorische Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen Parteien und anderen reformistischen Organisationen, vor allem mit Gewerkschaften, zur Folge hatte. In diesem Kontext überschätzte die Linke, die eine Art Schutz auch im Avantgardismus der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) hatte, die sogenannte rechte Gefahr in der kommunistischen Bewegung und verbarg so bewußt ihre sektiererische Schwäche. Das Beharren der Linken auf der offensiven Taktik und ihre Unfähigkeit zu verstehen, daß die Revolution nicht geradlinig, sondern in einer Zickzacklinie voranschreitet, wie auch ihr scharfer Widerstand gegen die Umkehr der Komintern zur Taktik der »Einheitsfront«, war für Lenin ein Anstoß, sich »an den Rechtsflügel des Kongresses«[27] zu stellen. Dabei darf nicht übersehen werden, daß sich auch die führenden Bolschewiki in der Komintern in der Bewertung der Weltlage nicht einig waren, vor allem waren sie sich nicht in der weiteren Taktik der KI einig. Lenins »rechter« Orientierung – der Defensive und der Revision der vorangehenden Taktik – widersprach der Präsident der KI Sinowjew selbst, teilweise aber auch Radek und Bucharin. Sie traten für die radikale Linkstaktik der KI ein und widersprachen der geduldigen Politik der Massengewinnung und der opportunistischen Taktik der »Einheitsfront«. Der Standpunkt des Linksflügels hatte einen großen Einfluß darauf, daß die Politik der »Einheitsfront« keinen Platz in den »Thesen über die Taktik der KI«[28] bekam, die auf dem 3. Kongreß beschlossen wurden. Die »neue« taktische Orientierung der KI ging noch immer von der veralteten Bewertung aus, daß »sich in einer Reihe von Ländern die objektive Lage revolutionär zugespitzt hat. ... Der Gang der Weltrevolution wurde noch schleppender dank der Tatsache, daß starke Arbeiterorganisationen und Arbeiterparteien, nämlich die sozialdemokratischen Parteien wie die Gewerkschaften, die vom Proletariat gebildet worden sind zur Leitung seines Kampfes gegen die Bourgeoisie, die sich im Kriege verwandelt haben in die Organe der konterrevolutionären Beeinflussung und Bindung des Proletariats, in dieser Rolle auch nach der Beendigung des Krieges verblieben. Das machte der Weltbourgeoisie leicht, die Krisis der Demobilisationszeit zu überwinden, das erlaubte ihr, in der Zeit der Scheinprosperität des Jahres 1919/20 in der Arbeiterschaft neue Hoffnungen auf die Möglichkeit der Besserung ihrer Lage im Rahmen des Kapitalismus zu erwecken, was der Grund der Niederlage der Erhebung des Jahres 1919 und des verlangsamten Tempos der revolutionären Bewegung im Jahre 1919/20 war. [...] Die Sozialdemokratie, die jetzt in der Periode des Zusammenbruchs und Zerfalls des Kapitalismus, in der Zeit, wo der Kapitalismus nicht mehr imstande ist, den Arbeitern sogar das Leben satt gefütterter Sklaven zu sichern, das alte sozialdemokratische Programm der friedlichen Reformen aufstellt, der Reformen, die auf dem Boden, in dem Rahmen des bankrotten Kapitalismus mit friedlichen Mitteln durchgeführt werden sollen, betrügt bewußt die arbeitenden Massen. [...] Obwohl die Parteien des Zentrums und der Sozialdemokratie sich nur durch Phrasen unterscheiden, ist die Vereinigung der beiden Gruppen in eine Internationale einstweilen noch nicht erfolgt. [...] Die politische Wesens­gleichheit der Reformisten und der Zentristen findet ihren Ausdruck in der gemeinsamen Verteidigung der Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale, diesen letzten Bollwerkes der Weltbourgeoisie. [...] Die Kommunistische Internationale hat, wie bisher, den entscheidensten Kampf nicht nur gegen die 2. Internationale, gegen die Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale, sondern auch gegen die 2 1/2 Internationale zu führen. [...] Diesen Kampf kann sie siegreich zu Ende führen nur, indem sie jede zentristischen Tendenzen und Anwandlungen in ihren eigenen Reihen im Keime erstickt, nur indem sie in ihrer täglichen Praxis beweist, daß sie die Internationale der kommunistischen Tat und nicht die der kommunistischen Phrase und Theorie ist«.[29] Eine solche Reaktion der Linken kam nicht unerwartet, wenn man weiß, daß von den gerade gegründeten kommunistischen Parteien, die im Geiste der Spaltung mit den reformistischen »Verrätern« aufwuchsen, auf einmal verlangt wurde, mit denselben »Verrätern« eine gemeinsame Front zu bilden. Deswegen ist es nicht verwunderlich, daß die erste »große Wende« in der KI die inneren Konflikte vervielfachte und eine allgemeine Erscheinung des »Linkskurses« bewirkte, der die Taktik der »Einheitsfront« befürwortete (als einer Koalition von kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien). Die »große Wende« stellte auch die partiellen Ziele statt des direkten Zusammenbruches des Kapitalismus in den ersten Plan, was wieder die Wendung zum Reformismus, den Verrat an der Revolution und an den Prinzipien der KI zur Folge gehabt hätte. Die Taktik der »Einheitsfront«, die von der Wiener Internationale angeregt wurde, die bei ihrer Gründung für die Wiederherstellung der internationalen Arbeitereinheit eintrat, war als Verteidigungspolitik gedacht, mit der sich das Proletariat der immer stärker werdenden Offensive von Kapitaleigentümern und dem bourgeoisen Staat widersetzte. Sie beruhte auf der Erkenntnis, daß in den meisten kapitalistischen Ländern die Zahl von Anhängern der revolutionären Bewegung abnimmt, während der kapitalistische Gegenangriff, der die Spaltung in der internationalen Arbeiterbewegung gut nutzt und sich an den Lebensbedingungen der Arbeiter und zu der Gewinnung ihres gewerkschaftlichen und politischen Kampfes orientiert, immer mehr Anhänger gewinnt. Die Komintern bzw. ihr Exekutivkomitee (EK) waren sozusagen »gezwungen«, dem reellen Zustand der revolutionären Ebbe wie auch der Tatsache gegenüberzutreten, daß die Mehrheit des Proletariats noch weiter den reformistischen Parteien und Gewerkschaften treu blieb. Auf dem Plenum des EKKI im Dezember 1921 wurde zum ersten Mal konkreter über die mögliche praktische Zusammenarbeit der Arbeiterorganisationen aller Richtungen diskutiert – mit dem gemeinsamen Ziel des Kampfes gegen die kapitalistische Front.[30] In der aufgeregten Diskussion unterstützte die Mehrheit der Teilnehmer die taktische Richtung der KI, d.h. die Realisierung der »Einheitsfront«.[31] Im Rundschreiben, das der EKKI zusammen mit dem EK der Roten Gewerkschaftsinternationale an die Zentralkomitees schickte (Moskau, 1. Januar 1922)[32], schlug die Komintern ihren Mitgliedern aufgrund von beschlossenen Thesen des EKKI vor, das Abkommen mit den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen aller Richtungen, einschließlich der internationalen Abkommen, zu schließen: »Die Exekutive der Kommunistischen Internationale und der Roten Gewerkschaftsinternationale ist in drei Sitzungen zu der Überzeugung gekommen, daß die Weltlage des Proletariats die Zusammenfassung aller Kräfte des internationalen Proletariats erfordert, die Aufstellung einer einheitlichen Front aller sich auf das Proletariat stützenden Parteien, ohne Rücksicht auf die sie trennenden Gegensätze, wenn sie nur für die nächsten unaufschiebbaren Bedürfnisse des Proletariats gemeinsam kämpfen wollen.«[33] Auf der Sitzung des Büros der Zweieinhalbten Internationale /IASP/ in Berlin (am 14. und 15. Januar 1922) wurde nach der Diskussion über die Perspektive der »Einheitsfront« ein konkreter Vorschlag gestellt, den Weltkongreß einzuberufen. Im Aufruf, der an die Arbeiterparteien aller Länder gerichtet wurde, wurde vorgeschlagen, Ort, Zeitpunkt, Tagesordnung und Zulassungsbedingung für die Konferenz in konkreten Besprechungen zwischen den EKs aller drei Internationalen festzulegen.[34] Die Komintern reagierte auf den Vorschlag der Wiener Internationale sofort positiv.[35] Radek, der als Vertreter des EKKI zu dieser Zeit nach Berlin kam, führte darüber ausführliche Gespräche mit G. Ledebour, A. Crispien und F. Adler, in denen er sie darüber informierte, daß der Präsident des EKKI (G. Sinowjew) schon die Aktivitäten für die gemeinsame Konferenz beschloß; das EKKI verschickte an alle KPs Telegramme mit der Bitte, den Vorschlag der Wiener Arbeitsgemeinschaft zu beraten und ihn zu unterstützen, wie auch, daß sie ihre Delegierten für das Erweiterte Plenum des EKKI nennen sollen, auf dem der gemeinsame Standpunkt gegenüber der Konferenz der drei Internationalen gestaltet wird.[36] Auf dem Ersten Erweiterten Plenum des EKKI (Moskau, 24. Februar bis 4. März 1922)[37] wurde der Problematik der »Einheitsfront« große Aufmerksamkeit geschenkt. Nach dem Bericht von Radek über die Gespräche mit den Vertretern der Zweiten und der Zweieinhalbten Internationale über die gemeinsame Konferenz, stellte Sinowjew im Hauptreferat die Ansichten bezüglich der Taktik der Einheitsfront[38] dar; daraus kann der Pragmatismus in der Politik der KI erkannt werden: «Unsere Taktik der Einheitsfront ist nicht nur als eine Strategie gegen unsere Feinde gegeben. Gewiß, wir haben vollkommen das Recht und die Pflicht, gegen unsere Feinde strategische Pläne auszuarbeiten; die Einheitsfront aber ist durch die ganze historische Lage gegeben, durch die ganze Lage des Kapitalismus, durch seine wirtschaftliche und weltpolitische Lage und durch die Lage innerhalb der Arbeiterbewegung. Wenn es richtig ist, was ich Ihnen von der Politik der 2. und 2 1/2 Internationale gesagt habe, wenn es richtig ist, daß sie in der Zukunft eine Taktik der bewußten planmäßigen Spaltung der Gewerkschaften und der Arbeiterklasse vorbereiten; so folgt daraus unabwendbar unsere Taktik der Einheitsfront. So folgt daraus, daß wir eben aus diesen Ursachen und aus vielen anderen Ursachen planmäßig eine Gegenarbeit gegen diesen Plan der 2. Internationale in Angriff nehmen müssen«. Zugunsten des neuen Kurses und der Taktik sprachen auch Berichte von Delegierten der einzelnen Parteien. So berichteten A. Thalheimer und K. Zetkin auf dem Plenum über den Anstieg des Einflusses der KP Deutschlands, vor allem wegen der Benutzung der Taktik der Einheitsfront, während der französische Delegierte M. Cachin gestehen mußte, daß die Sektiererei eine Organisationskrise in der KP Frankreichs zur Folge hatte. Deswegen wurde in der Resolution über die französische Frage, die Trotzki vorlegte, der KPF geraten, in ihre Führung F. Loriot, A. Treint, A. Dunois und Vaillant wieder aufzunehmen und die Prinzipien der Einheitsfront zu akzeptieren. Während die Berichte der Delegierten zugunsten der Gestaltung der Einheitsfront im nationalen Rahmen sprachen, machte K. Zetkin in ihrem Referat »Über die Gefahr der neuen imperialistischen Kriege« das Plenum auf die breiten Dimensionen des Eintretens für die Einheitsfront des internationalen Proletariats aufmerksam; sie betonte, daß es gerade mit der Politik der Einheitsfront möglich, gleichzeitig aber auch notwendig ist, breite Arbeitermassen in den Kampf gegen die Kriegsgefahr und den Krieg systematisch zu integrieren.[39] Nach der Abstimmung technischer und inhaltlicher Natur trafen sich in Berlin vom 2. bis 5. April 1922 zum ersten (und zum letzten) Mal nach dem Jahr 1914 die höchsten Vertreter der EK der drei Internationalen[40] – der drei großen Fraktionen, die mit der Organisationsspaltung in der ehemaligen sozialen Demokratie (der Zweiten Internationale) entstanden. Auf dem Treffen, das den Namen »Die Konferenz der drei Exekutivkomitees« bekam, sollte die Möglichkeit des Schaffens einer einheitlichen Aktionsfront der Arbeiterparteien erforscht werden, was als ein Versuch der Überwindung von der Spaltung  bzw. als die Suche nach einem modus vivendi bezeichnet werden kann. Wenn wir aber nach den Standpunkten der gegenseitigen Zusammenarbeit urteilen, die auf den Treffen der Zweiten und der Wiener Internationale im Februar 1922 (Paris, Frankfurt), wie auch auf dem Erweiterten Plenum des EKKI in Moskau[41] besprochen wurden, dann ist es um so verständlicher, daß die Skepsis über den Erfolg der Konferenz berechtigt war. Die Diskussion auf der Konferenz, die sich in eine Diskussion von gegenseitigen Beschuldigungen und Verdächtigungen verwandelte, bestätigte den Verdacht, daß jede Seite mit ihren eigenen Interessen zur Konferenz kam, die auf der Konferenz zu einer gemeinsamen Politik geformt sein sollten: die Taktik der Einheitsfront sollte auf der einen Seite wirklich die Macht der Arbeiterklasse im Kampf gegen die bourgeoise Front stärken, andererseits sollte sie aber den Versuchen  der einzelnen Parteien »dienen«, ihren Vorrang und »ihre« Ideologien bei der ganzen Arbeitsbewegung durchzusetzen – was keiner der drei Seiten im Rahmen der selbständigen Politik je gelang. »Man ruft zur Vereinigung aller auf«, sagte E. Vandervelde, »man schlägt uns vor, die Einheitsfront herzustellen, aber man verhehlt nicht den Hintergedanken, uns, nachdem man uns umarmt hat, zu erwürgen oder zu vergiften«[42]. »Wenn man zum Beispiel erklärt, daß [...] Henderson, Vandervelde oder Longuet nur den Interessen der Bourgeoisie dienen – da ist es doch sonderbar, daß man denselben Männern vorschlägt, zur Verteidigung der proletarischen Interessen mitzuhelfen. [...] Wir sind Sozialverräter, wir sind Sozialpatrioten, wir sind Gelbe, wir sind Helfer der Bourgeoisie, von mir hat Sinowjew gesagt, daß ich Verbrechen begangen habe – und nichtsdestoweniger, trotzdem wir Verbrechen begangen haben, trotzdem wir Sozialverräter sind, haltet ihr es für nützlich, daß wir zusammen eine Konferenz abhalten!«[43] Radek antwortete ihm: »Ihr kamt zu dieser Konferenz, weil ihr mußtet, ihr wart das Instrument der Weltreaktion und ihr müßt jetzt, ob ihr wollt oder nicht, ein Instrument des Kampfes für die Interessen des Proletariats werden.«[44] Auf der Konferenz wurde besonders scharf der Widerspruch in der Auffassung der Politik der proletarischen Einheitsfront sichtbar, der Widerspruch zwischen dem Inhalt dieser Politik in den kapitalistischen Ländern und dem politischen Prozeß, der sich gleichzeitig in der Sowjetunion abspielte. Die sozialistischen Führer nutzten dieses »Paradox« geschickt aus: »Die KI hat sich zum Ziele gesetzt, alle proletarischen Parteien ohne Unterschied zur Bildung einer Einheitsfront gegen den Kapitalismus zu vereinigen und ihre ganze Tätigkeit in den Dienst dieser Aufgabe gestellt. [...] In Sowjetrußland sind unter der Diktatur der Kommunistischen Partei die Massen des arbeitenden Volkes aller politischen Rechte und aller gewerkschaftlichen Freiheit beraubt ...«[45], sagte im Namen der IASP P. Faure. Die Aussage von P. Faure wurde von O. Bauer ergänzt: »Auch wir betrachten es als schlechthin unmöglich, als unvereinbar mit dem Gedanken der proletarischen Einheitsfront, daß nicht das volle Bürgerrecht allen proletarischen und sozialistischen Parteien in Rußland gegeben wird.«[46] Die Diskussion auf der Konferenz zeigte den Vertretern der Komintern die Zweischneidigkeit der Politik der Einheitsfront: Auf der einen Seite kann ihre Taktik unter der Bedingung der Verschärfung des Klassenkampfes zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie den Zulauf der Massen aus den reformistischen in die kommunistischen Reihen fördern; auf der anderen Seite besteht aber die Gefahr, daß in den Bedingungen der revolutionären Ebbe die Sozialreformisten ihre Reihen mit der Kritik der russischen Revolution vom Aspekt der Gefährdung der Arbeiterdemokratie verstärken. In einer solchen mißtrauischen Atmosphäre, in der sich aus drei gegensätzlichen Seiten zwei bildeten, wurde auf der Konferenz nichts Bedeutendes beschlossen. Der einzige positive Beschluß war eine gemeinsame Deklaration[47] und die Ernennung des Neuner Komitees[48] – MacDonald, Vandervelde, Wels (die Zweite Internationale), F. Adler, Bracke, Crispien (die Wiener Internationale), K. Zetkin, Radek, Frossard (die Moskauer Internationale) –, einer Arbeitsgruppe, die den Arbeiterweltkongreß vorbereiten sollte, mit dem Ziel, die Einheitsfront als die Antwort auf die Drohung mit dem Krieg und auf die Offensive des Kapitalismus zu formieren. Zur Einberufung des Arbeiterweltkongresses kam es nicht, da die Delegation der KI (im Mai 1922) aus dem Neuner Komitee austrat und alle begonnene Aktivitäten abbrach.[49] Damit war das Schicksal der Berliner Konferenz als eines Versuches der Gestaltung der Politik der Einheitsfront endgültig besiegelt. Der IV. Kongreß der KI (5. November bis 5. Dezember 1922)[50] wiederholte und bestätigte in der Diskussion über die Taktik der Einheitsfront die Richtlinien, die schon auf der erwähnten Sitzung des EKKI am 18. Dezember 1921 beschlossen wurden.[51] Im Unterschied zu Diskussionen, die auf dem 3. Kongreß geführt wurden, stimmte jetzt die Mehrheit der Delegierten den Feststellungen der »Rechten« zu, die schon vor einem Jahr gemacht worden waren, daß das Kapital in der Offensive ist, daß die Arbeiterklasse Verteidigungspositionen angenommen hat, daß ihr Kampfgeist nachgibt und daß eine allgemeine Passivität zu spüren ist. Diese Trends mußten auch vom EKKI im Bericht über die Arbeit der KI zwischen dem 3. und dem 4. Kongreß zugegeben werden.[52] Während Sinowjew versuchte, diese Geständnisse mit der Behauptung, daß die internationale politische Situation noch immer revolutionär und daß der Kapitalismus für den Zusammenbruch reif sei, abzuschwächen,[53] meinte Radek, daß sich die Arbeiterbewegung in der sogenannten Zwischenphase, in der Phase zwischen zwei revolutionären Wellen befände.[54] Obwohl der Kongreß die defensive Natur der Einheitsfront betonte, gab er gleichzeitig zu verstehen, daß er die Vereinigung der Arbeiterbewegung für offensive Ziele bzw. für die Vorbereitung eines neuen revolutionären Aufstiegs nutzen will. Diese Ideen manifestierten sich in der Idee von einer Arbeiterregierung[55] und in der Unterstützung von der Bewegung der Arbeitersowjeten, die im Rahmen der »Thesen über die Taktik der KI« genauer ausgearbeitet wurden.[56] Die Bestimmung des Kongresses für die Taktik der Einheitsfront[57] verlangte unbedingt auch die Festsetzung der Beziehungen von kommunistischen Parteien gegenüber anderen Organisationen und Richtlinien in der internationalen Arbeiterbewegung: gegenüber Sozialdemokraten bzw. Sozialisten und mit ihnen verbundenen Gewerkschaften, gegenüber dem revolutionären Syndikalismus, dem Anarchismus und dem Anarchosyndikalismus. Der Kongreß bezog die Stellung, daß es notwendig ist, für eine gemeinsame proletarische Aktion »von oben« und »von unten« einzutreten, daß heißt, Arbeitermassen zur Abwehr gegen die Angriffe der Bourgeoisie aufzurufen und zu integrieren, ohne Rücksicht auf ihre politische oder gewerkschaftliche Bestimmung. Gleichzeitig sollten aber auch Kontakte mit Führungen von nichtkommunistischen Parteien, Vereinigungen und Gruppen nicht abgelehnt werden, sondern man sollte versuchen, mit ihnen über den gemeinsamen Widerstand gegen das aggressive Kapital zu diskutieren.[58] Natürlich war es illusorisch anzunehmen, daß eine solche Richtlinie, die sich zu allem Unglück von der sozialdemokratischen Auffassung der Einheitsfront auch noch inhaltlich unterschied, über Nacht Erfolg haben würde und daß auf beiden Seiten die ein paar Jahre alte Intoleranz zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten und zwischen roten und reformistischen Gewerkschaften überwunden sein mußte. Besonders, wenn wir in Betracht ziehen, daß der Kongreß noch weiter auf der linken Stellung beharrte: »Zwei Lager – zwei Gebiete. Auf der einen Seite steht die 2. Internationale, die Internationale Noskes, die Internationale der Sozialverräter, die Internationale der Verbrecher an der Sache der Arbeiterklasse, auf der anderen Seite steht unser Bruderverband der ganzen Welt, unsere Association der Arbeiter aller Länder, die als Kommunistische Internationale bezeichnet wird.« (Sinowjew).[59] In der Zeit zwischen dem 4. und dem 5. Kongreß der KI kam es zu mehreren inhaltlichen Rucken (vorläufige Stabilisierung des Kapitalismus, Sinken der revolutionären Krise, Vereinigung der Zweiten und der Zweieinhalbten Internationale, Niederlage des deutschen »Oktobers«, Wachsen der Fraktionskonflikte in der KPR/B/), die entscheidend die neue (zweite) Phase in der Entwicklung der Komintern bestimmten. Der 5. Kongreß der KI (Juni–Juli 1924)[60] wurde mit der neu entstandenen Lage konfrontiert und antwortete mit einem Linkskurs (»die Weltlage verschärft sich, die revolutionäre Situation dauert an«) und mit dem Prozeß der Bolschewisierung (= Stalinisierung)[61] der KI und ihrer Sektionen. In den veränderten Umständen bekam auch die Taktik der Einheitsfront, die jetzt zu einem nackten Mittel »der Agitation und Mobilisierung der Massen« wurde, im Vergleich mit dem 4. Kongreß der KI einen neuen Inhalt. Die Politik der Einheitsfront, die in »Thesen über die Taktik der KI« bestimmt wurde, sollte in erster Linie »von unten« (zu den Massen) verwendet werden, während sie »von oben« nur dort verwendet werden sollte, wo die Sozialdemokratie eine erhebliche Macht hatte. Die Taktik der Einheitsfront sollte also nur der Festigung von kommunistischen Positionen unter den Arbeitermassen dienen (um die Dominanz der kommunistischen Ideologie in der politischen und ökonomischen Organisation des Proletariats zu erreichen) und gleichzeitig sollte sie auch dem Entlarven von sozialistischen Führern und ihrer der Arbeiterklasse »feindlichen« Politik dienen. In diesem Kontext wurde auch jede Möglichkeit der Einigung mit den sozialistischen Parteien verworfen, was eine Zurückweisung der Gestaltung der »Arbeiterregierungen« wie auch der vorgesehenen Einigungen zwischen den kommunistischen und sozialistischen Parteien bedeutete.[62] In einer solchen Atmosphäre auf dem Kongreß klangen die Worte von N. Bucharin: »Ich erkenne gern an, daß dieser Standpunkt damals [Anm. 3. Kongreß der KI, 1921] von mir fehlerhaft war. [...] Wir sahen große Gefahren der Einheitsfronttaktik, und wir haben die Gefahren in Vergleich mit dem Nutzen, den die Taktik der Einheitsfront uns bringen könnte, überschätzt. Es ist auch wahr, daß Genosse Lenin die richtige Position hier im allgemeinen vertrat ...«[63], wie die eines Predigers in der Wüste.[64] Der Mißerfolg der Wiener Internationale, die Politik der Einheitsfront zu verwirklichen (diese wird in einem Jahrzehnt wieder aktuell werden, nach dem legalen Machtantritt von Hitler bzw. des deutschen Nazismus) und somit die organisatorische Spaltung zu überwinden, die der Weltkrieg in die organisierte sozialistische Arbeiterbewegung brachte, rückte sie der ideell nahen Berner Internationale näher. Mit der Vereinigung von beiden Internationalen auf dem Kongreß in Hamburg (am 21. Mai 1923)[65] in die Sozialistische Arbeiter-Internationale/SAI[66] wurde der Prozeß der Gruppierung der sozialistischen Kräfte auf zwei Grundformationen beendet – auf die kommunistische und die sozialdemokratische. Die Polarisierung war während der beiden Weltkriege so allumfassend, daß außerhalb bzw. neben diesen zwei Lagern keine bedeutenderen Arbeiterorganisationen und -bewegungen existierten. [1] Britovšek, Marjan: Revolucionarni idejni preobrat med prvo svetovno vojno [Der Umschwung in den Revolutionsideen während des Ersten Weltkrieges]. Ljubljana 1969; Blänsdorf, Agnes: Die Zweite Internationale und der Krieg. Die Diskussion über die internationale Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien 1914–1917. Stuttgart 1979; Kirby, David: War, Peace and Revolution. International Socialism at the crossroads 1914–1918. Aldershot 1986; Lešnik, Avgust: Razcep v mednarodnem socializmu 1914–1923 [Die Spaltung im internationalen Sozialismus 1914–1923]. Koper/Capodistria 1994. [2] Die II. Internationale 1918/1919. Protokolle, Memoranden, Berichte, Korrespondenzen. Hrsg. von Gerhard A. Ritter & Konrad von Zwehl, 2 Bde. Berlin-Bonn 1980; Sigel, Robert: Die Ge­schichte der Zweiten Internationale 1918–1923, 2 Bde. Darstellung, Dokumentation. Frankfurt/ New York 1986. [3] Komunistička internacionala. Stenogrami i dokumenti kongresa, 1–12 [Die Kommunistische Internationale. Protokolle und Dokumente, Bde. 1–12]. Beograd-Gornji Milanovac 1981–1983; Evans, John Lewis: The Communist International 1919–1943. Brooklyn 1973; Agosti, Aldo: Problemi di storia dell’Internazionale Comunista 1919–1943, 2 Bde. Torino 1974; Frank, Pierre: Geschichte der Kommunistischen Internationale 1919–1943, 2 Bde. Frankfurt 1981; Lešnik, Avgust: Tretja internacionala – Kominterna (Die Dritte Internationale – Komintern). Ljubljana 1988; Schumacher, Horst: Die Kommunistische Internationale 1919–1943. Berlin 1989; Broué, Pierre: Histoire de l'Internationale communiste 1919–1943. Paris 1997. [4] Protokoll der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Wien vom 22. bis 27. Februar 1921. Wien 1921 [Reprint: Berlin-Bonn 1978]; Steiner, Herbert: Die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (2 1/2 Internationale) 1921–1923. In: Annali della Fondazione Giangiacomo Feltrinelli XXIII. Milano 1983–84, S. 45-64. [5] Roy Medwedew gibt die Angaben für das Jahr 1928 an, in dem die Zahl der Mitglieder der KP in aller Welt rund 1 300 000 – davon 900 000 Mitglieder der KPR(B) – betrug, während die Parteien, die der Sozialistischen Arbeiter-Internationale/SAI angeschlossen waren, rund 6 500 000 Mitglieder hatten. Siehe: Medvedev, Roj: Lenjinizam i zapadni socializam. Zagreb 1986, S. 228 [Leninism and Western Socialism. London 1981]. [6] Die »Katastrophe« vor Warschau war vor allem deswegen so schmerzhaft, weil Moskau meinte, daß es dort zur Verbindung mit den deutschen Revolutionären kommen würde. Siehe Boffa, Giuseppe: Povijest Sovjetskog saveza [Geschichte der Sowjetunion], Bd. 1. Opatija 1985, S. 100. [7] Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bd. 2 (1981), S. 392–396; Der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August 1920 in Moskau. Hamburg 1921; Weber, Hermann: Die Kommu­nistische Internationale. Eine Dokumentation. Hannover 1966, S. 55–62. [8] Claudin, Fernando: Kriza komunističkog pokreta. Od Kominterne do Kominforma, Bd. 1. Zagreb 1988, S. 112 [La Crise du Mouvement Communiste. Du Komintern au Kominform. Paris 1972], gibt folgende Wahlergebnisse an. Die Angaben sind von Lazitsch, Branko: Lenin and the Comintern, Bd. 1. Stanford 1972, S. 249–259. Der Einfluß von Sozialisten und Kommunisten kann dem entnommen werden: Großbritannien     (1918)           Labouristen                                                            2 200 000                                 (1922)           Labouristen                                                            4 300 000 Deutschland          (1919)           Mehrheitssozialisten                                            11 500 000                                                       Unabhängige Sozialisten (Zentrum)                    2 300 000                                 (1920)           Mehrheitssozialisten                                              6 100 000                                                       Unabhängige Sozialisten (Zentrum)                    5 000 000                                                       Kommunisten                                                           400 000 Frankreich              (1919)           Sozialisten                                                               1 700 000                                 (1924)           Sozialisten                                                               1 700 000                                                       Kommunisten                                                           900 000 Italien                     (1919)           Sozialisten                                                               2 000 000                                 (1921)           Sozialisten (Serrati)                                                1 500 000                                                       Kommunisten                                                           300 000 Österreich              (1919)           Sozialisten                                                               1 200 000                                 (1920)           Sozialisten                                                               1 000 000                                                       Kommunisten                                                             22 000 [9] Rosenberg, Arthur: Geschichte des Bolschewismus. Berlin 1932, S. 249. [10] Claudin, Kriza komunističkog pokreta, S. 112–113. [11] Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale/Moskau, 22. Juni bis 12. Juli 1921. Hamburg 1921. [12] Lenin, V. I.: Dela [Werke], Bd. XXXIII. Beograd 1976, S. 304–321. [13] Lenin, V. I.: Izbrana dela [Ausgewählte Werke], Bd. IV. Ljubljana 1950, S. 484–485. [14] Thesen und Resolutionen des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Ham­burg 1921, S. 94. [15] Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 48–90. [16] Ebenda, S. 89–90. [17] Ebenda, S. 92–114. Gegen die Thesen Trotzkis opponierten die ultralinken Vertreter der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (A. Schwab/Sachs/B. Reichenbach/Seemann), der KP Deutschlands (A. Thalheimer/P. Fröhlich), der KP Ungarns (J. Pogany), der KP Polens (H. Brand/G. Lauer) und andere am stärksten. [18] Ebenda, S. 117–120. [19] Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bd. 3 (1981), S. 631–725. [20] Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 434–484. [21] Ebenda, S. 435. [22] Umberto Terracini legte im Namen von drei Delegationen (italienischen, deutschen und öster­reichischen) Ergänzungen zu Radeks Referat vor, im Sinne der Forderung der Annahme des »Linkskurses« (ebenda, S. 498–508). [23] Ebenda, S. 511–514. [24] Die »offensiv« gesinnte Zentrale der KPD bereitete am 27. März 1921 einen Generalstreik und einen bewaffneten Aufstand der Arbeiterschaft in Mitteldeutschland (Sachsen) vor, die sich auf den ganzen Staat ausbreiten sollten. Die »Märzaktion«, konzipiert auf einer irrealen Bewertung der Lage im Staat, war schlecht vorbereitet. Die preußische Polizei schlug am 31. März mit Gewalt den Generalstreik nieder, noch bevor sich dieser im ganzen Staat ausbreiten konnte. Sechstausend Beteiligte an der »Aktion« wurden festgenommen, davon wurden viertausend vorgeführt und vor dem Ausnahmegericht verurteilt. Mujbegović, Vera: Komunistička partija Nemačke 1918–1923 [Die Kommunistische Partei Deutschlands 1918–1923]. Beograd 1968, S. 268–281. Die Zentrale der KPD wurde nach der mißlungenen »Aktion« von allen Seiten scharf kritisiert. Neben der sozialdemokratischen Presse, die töste, daß »Moskau Tote braucht«, wurde die Stimme vom bisherigen Präsidenten der KPD, P. Levi, am lautesten, der im Februar aus der Zentrale austratt. Levi schob in der Broschüre, die er Anfang April veröffentlichte (Levi, Paul: Unser Weg. Wider den Putschismus. Berlin 1921), die ganze Schuld für die mißlungene »Märzaktion« dem EKKI und seinen Emissären zu, die er höhnisch »Turkestanen« nannte. Nach der Meinung von einigen Autoren war die »Märzaktion« ein direkter Versuch, das sowjetische Rußland vom Druck von Außen und von der schweren inneren Situation im Frühjahr 1921 zu befreien – der Aufstand in Kronstadt, der Generalstreik in Petro­grad, die Opposition in der KPR(B) –, während andere die »Märzaktion« als eine selbständige Tat der KPD verstehen. [25] Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 509. [26] Lenin, Izbrana dela (siehe Anm. 13), Bd. IV, S. 484–485. [27] Komunistička internacionala (siehe Anm. 19), XVIII (Vera Mujbegović im Vorwort). [28] Thesen und Resolutionen des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Ham­burg 1921, S. 32–63. [29] Ebenda, S. 32–33, S. 45, S. 62–63. [30] Die Proletarische Einheitsfront. Leitsätze über die Einheitsfront (Einstimmig angenommen vom EKKI am 28. Dezember 1921). In: Kommunistische Internationale 2/1922, 25 (Flug­schriften der Kommunistischen Internationale 12). [31] Gegen die neue Richtlinie, die Teilnahme der KI an der Konferenz der Arbeiterorganisationen aller Welt (der Dreiexekutivkonferenz) eingeschlossen, opponierten italienische, französische und spanische Vertreter. [32] Internationale Presse-Korrespondenz (Inprekorr) 2/1922. [33] Ebenda, S. 9. [34] Nachrichten der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (Wien) 2/1922. [35] Die Rote Fahne vom 17. Januar 1922 (Zentralorgan der KPD). Berlin 1922. [36] Kowalski, Werner: Die Berliner Dreiexekutivenkonferenz 1922. In: Wissenschaftliche Zeit­schrift, Universität Halle 2/1978, S. 20. [37] Die Taktik der Kommunistischen Internationale gegen die Offensive des Kapitals. Bericht über die Konferenz der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale, Moskau, vom 24. Februar bis 4. März 1922. Hamburg 1922. [38] Ebenda, S. 35–48. [39] Ebenda, S. 141–143. [40] Protokoll der Internationalen Konferenz der drei Internationalen Exekutivkomitees in Berlin vom 2. bis 5. April 1922 (Wien 1922), S. 4: Die II. Internationale vertraten: C. Huysmans, E. Vandervelde (Belgien), Stauning (Dänemark), O. Wels (Deutschland), H. Gosling, R. MacDonald, T. Shaw (England), Tseretelli (Georgien), W. N. Vliegen (Holland) und G. Moeller (Schweden); KI: K. Zetkin (Deutschland), L. O. Frossard, A. Rosmer (Frankreich), Bordiga (Italien), Katayama (Japan), Stojanowits, K. Novaković (Jugoslawien), Warski (Polen), N. Bucharin, K. Radek (Rußland) und B. Smeral (Tschechoslowakei); IASP: A. Crispien (Deutschland), R. C. Wallhead (England), P. Faure, J. Longuet (Frankreich), B. Kalnin (Lettland), F. Adler, O. Bauer (Öster­reich), J. Martow (Rußland), R. Grimm (Schweiz) und K. Čermak (Tschechoslowakei). Serrati nahm als Beobachter im Namen der PSI teil, die keiner Internationale angehörte. Den öffent­lichen Sitzungen wohnten Reporter der größten internationalen Zeitschriften bei; mit ihrer Hilfe wurden die Aktivisten gut über den Verlauf der Diskussion informiert. [41] Den präsentierten Stellungnahmen, Erwartungen und Motiven ist zu entnehmen, daß alte Gründe der Spaltung wie auch der Kampf um den Vorrang in der Arbeiterbewegung, so im nationalen wie im internationalen Maßstab, noch immer nicht vergessen waren; aber ohne Zweifel waren sich die Ansichten der Zweiten und der Wiener Internationale sehr ähnlich. Kowalski, Die Berliner Dreiexekutivenkonferenz (siehe Anm. 36), S. 20. [42] Vandervelde dachte dabei an die Feststellungen des EKKI, die auf der Konferenz von K. Zetkin vorgetragen wurden: a) da der Kapitalismus nicht mehr in der Lage ist, den Arbeitern den minimalen Standard zu sichern, sind die Arbeiter im Kampf um ihre konkreten Forderungen automatisch gezwungen, gegen die Bourgeoisie und ihren Staatsapparat zu kämpfen; b) reformistische Führer, Agenten der Bourgeoisie, sind gezwungen, ihre eigenen Interessen zu schützen, da sie keine Absicht haben, das Proletariat in den Kampf zu führen, nicht mal um für die mäßigsten Forderungen ihres Programms zu kämpfen. Protokoll der Internationalen Konfe­renz (siehe Anm. 40), S. 7–10. [43] Ebenda, S. 13. [44] Ebenda, S. 17–18. [45] Ebenda, S. 16. [46] Ebenda, S. 32–33. [47] In der Deklaration wurde das Bedürfnis nach der Zusammenarbeit und einem gemeinsamen Kampf um den Achtstundentag, gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Offensive des Kapitals geäußert [...] und es wurden Arbeitermassen aller Länder dazu aufgefordert, am 20. April oder 1. Mai, in der Zeit, in der die Konferenz der Repräsentanten des Kapitals in Genua (Anm. die Europäische Wirtschaftskonferenz, 10. April – 19. Mai 1922) stattfand, gemeinsame Demonstra­tionen zu organisieren, auf denen sie ihre ökonomischen und politischen Forderungen stellen sollten. (Ebenda, S. 47.) [48] Ebenda, S. 3. [49] Am 24. Mai 1922 gab das Exekutivkomitee der KI in Moskau eine Erklärung ab, in der es die Schuld am Scheitern der Berliner Konferenz den Vertretern der II. und 2 1/2 Internationale zuschreibt. Steiner, Die Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (siehe Anm. 4), S. 59. Die oben angegebene Äußerung erklärt nicht das rechte Motiv der Unterbrechung der Zusammenarbeit der KI mit der Zweiten und der Wiener Internationale, da es schon vor dem Beginn der Berliner Konferenz klar war, daß die Konferenz keinen wesentlichen Fortschritt bringen wird. Mehr sagt uns die Stellungnahme, die Karl Radek auf der Programmkommission des EKKI äußerte (im Juni 1922): »Wir unterscheiden uns von allen Arbeiterparteien nicht nur durch die Losung der Diktatur und der Räteregierung, sondern auch durch unsere Übergangs­forderungen. Während die Übergangsforderungen aller sozialdemokratischen Parteien nicht nur auf dem Boden des Kapitalismus verwirklicht werden sollen, sondern auch seiner Reform dienen, dienen unsere Forderungen dem Kampfe um die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse, um die Zertrümmerung des Kapitalismus. Dies muß zum Ausdruck kommen in unserem Übergangsprogramm.« Materialien zur Frage des Programms der Kommunistischen Interna­tionale. Moskau 1924, S. 12–13: K. Radek, Zur Frage des Programms der KI. [50] Protokoll des vierten Kongresses der Kommunistischen Internationale, Petrograd-Moskau vom 5. November bis 5. Dezember 1922. Hamburg 1923; Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bde. 4–5 (1981). [51] Ebenda, Bd. 5, S. 1019–1028. [52] Ebenda, Bd. 4, S. 29–34. [53] Ebenda, S. 55–56. [54] Ebenda, S. 55. Trotz großer Bemühungen mißlang es der KI, die zweite Welle der revolutio­nären Taten auszulösen. [55] »Eine solche Arbeiterregierung ist nur möglich, wenn sie aus dem Kampfe der Massen selbst geboren wird, sich auf kampffähige Arbeiterorgane stützt, die von den untersten Schichten der unterdrückten Arbeitermassen geschaffen werden. Auch eine Arbeiterregierung, die einer parlamentarischen Konstellation entspringt, die also rein parlamentarischen Ursprungs ist, kann den Anlaß zu einer Belebung der revolutionären Arbeiterbewegung geben. Es ist selbstverständlich, daß die Geburt einer wirklichen Arbeiterregierung und die weitere Aufrechterhaltung einer Regierung, die revolutionäre Politik betreibt, zum erbittertsten Kampf, eventuell zum Bürgerkrieg mit der Bourgeoisie führen muß. Schon der Versuch des Proletariats, eine solche Arbeiterregierung zu bilden, wird von vornherein auf den schärfsten Widerstand der Bourgeoisie stoßen. Die Losung der Arbeiterregierung ist daher geeignet, das Proletariat zusam­menzuschließen und revolutionäre Kämpfe auszulösen. Die Kommunisten müssen sich unter Umständen bereit erklären, zusammen mit nichtkommunistischen Arbeiterparteien und Arbeiter­organisationen eine Arbeiterregierung zu bilden. Sie können das aber nur dann tun, wenn Garan­tien dafür vorhanden sind, daß die Arbeiterregierung wirklich einen Kampf gegen das Bürgertum im oben angegebenen Sinne führen wird.« (Ebenda, Bd. 5, S. 1016.) [56] Ebenda, S. 1007–1018. [57] Der Kongreß bot in »Offener Brief. An die 2. Internationale und die Wiener Arbeitsgemein­schaft. An die Gewerkschaften aller Länder und die Haager Internationale Gewerkschafts- und Genossenschaftskonferenz!« die Zusammenarbeit an. (Ebenda, S. 1029–1033.) [58] Ebenda, S. 1014–1015. [59] Ebenda, Bd. 4, S. 6. [60] Komunistička internacionala (siehe Anm. 3), Bde. 6-7 (1982); Protokoll des fünften Kongresses der Kommunistischen Internationale, 17. Juni bis 8. Juli 1924 in Moskau, 2 Bde. Hamburg 1924. [61] Wenn wir über den Prozeß der »Bolschewisierung der KI« sprechen, müssen wir auf den inkonsequenten Gebrauch dieses Terminus aufmerksam machen. Es gab nicht wenige Autoren in der Vergangenheit, die die Urheberschaft der »Bolschewisierung der KI« ganz einfach und unkritisch Lenin zuschrieben, und nicht Stalin. An dieser Demagogie war der Präsident der EKKI G. Sinowjew schuld, da er sich auf dem 5. Kongreß der KI (im Juli 1924) zugunsten der Richtlinie des sogenannten »Linkskurses« – der neuen Periode in der Entwicklung der KI und ihrer Sektionen (der Stalinisierung!) – auf die Stellung des damals schon verstorbenen Lenins berief: »Bolschewisierung – das ist die Schaffung einer festgefügten, wie aus einem Stein gehauenen, zentralisierten Organisation, die harmonisch und brüderlich die Differenzen in ihren eigenen Reihen austrägt, wie es Lenin gelehrt hat« (ebenda, S. 508), gleichzeitig aber Lenins ausdrückliche Warnung, die er auf dem 3. Kongreß äußerte, verschwieg: »Wenn der Kongreß [...] gegen diese linken Dummheiten nicht entschlossen die Offensive durchführt, dann ist die Bewegung zu Grunde gerichtet.« Protokoll des III. Kongresses (siehe Anm. 11), S. 509. [62] Komunistička internacionala, (siehe Anm. 3), Bd. 7, S. 907–925. [63] Protokoll des fünften Kongresses (siehe Anm. 60), Bd. 1, S. 273. [64] Mehr darüber siehe Löwy, A. G.: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Bucharin: Vision des Kommunismus. Wien/Frankfurt/Zürich 1969. [65] Protokoll des Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Hamburg 21. bis 25. Mai 1923. Berlin 1923. [66] Panaccione, A.: Fonti per la storia della Internazionale Operaia e Socialista 1923–1940. In: Annali della Fondazione Giangiacomo Feltrinelli XXIII. Milano 1983/84, S. 3–44; Kowalski, Werner u.a.: Geschichte der Sozialistischen Arbeiter-Internationale 1923–1940. Berlin 1985.

JHK 2002

Die Außenpolitik der UdSSR und die sowjetisch-deutschen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit in der russischen Historiographie des letzten Jahrzehnts

Sergej Slutsch

Auf dem Weg der Bewältigung der totalitären Vergangenheit Die Außenpolitik der Sowjetunion blieb bis zu den frühen neunziger Jahren eine Art »heilige Kuh« der sowjetischen Historiographie. Diese Politik wurde als tadellos dargestellt, da sie ja, dem offiziellen Dogma zufolge, nicht von einzelnen Personen ausgearbeitet wurde, die sich, zumindest theoretisch, irren konnten, sondern von dem kollektiven Geist des Zentralkomitees der »fortschrittlichsten und bewährtesten politischen Partei«... Fehler waren also ausgeschlossen, Diskussionen ebenfalls. Besonders stark verfälscht wurde die Geschichte der sowjetisch-deutschen Beziehungen in den Jahren 1917–1941, paßte doch die tatsächliche Politik der so­wjetischen Führung in dieser Sphäre in keinerlei Weise in das durch die offizielle Propaganda und mehrere Generationen von Geschichtswissenschaftlern kreierte Bild des Sowjetstaates als konsequenter Kämpfer für den Frieden, der sich strikt an die Grundsätze des Völkerrechts hielt. Vor etwas mehr als zehn Jahren konnten sowjetische und dann auch russische Geschichtswissenschaftler endlich an die Erforschung der sowjetisch-deutschen Beziehungen in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen gehen. Um die Resultate ihrer Aktivitäten zu bewerten, werde ich den Zustand skizzieren, in dem sich die sowjetische Geschichtsschreibung zu diesem Problem zu jenem Zeitpunkt befunden hatte. Mit Ausnahme solcher propagandistisch wirksamen Themen wie der Brester Frieden oder der Vertrag von Rapallo gab es dazu nur wenige Beiträge, von Monographien ganz zu schweigen. Mehrere wichtige Probleme wurden in der sowjetischen Historiographie gänzlich ignoriert wie etwa die Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der Reichswehr, die Einmischung der UdSSR in die inneren Angelegenheiten der Weimarer Republik, insbesondere in der Vorbereitungsperiode des «Deutschen Oktobers» im Jahre 1923, die Stärkung des totalitär-repressiven Regimes in der UdSSR und dessen Einfluß auf die bilateralen Beziehungen, die Rolle Moskaus bei der Spaltung der Linkskräfte in Deutschland und die Machtergreifung durch Hitler, das Streben des Kreml nach Herstellung von Beziehungen zu Berlin in der zweiten Hälfte der 30er Jahre; der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt und seine geheimen Artikel und schließlich die mannigfaltigen Formen der Zusammenarbeit zwischen den beiden Regimes nach dem 23. August 1939. Sowjetische Geschichtsforscher durften diese Themen höchstens zu dem Zweck aufgreifen, um die »Lügen« der bürgerlichen Historiographie zu »entlarven«. So leugnete Igor Maximytschew, Verfasser der einzigen sowjetischen Monographie über die sowjetisch-deutschen Beziehungen in den Jahren 1933–1939 »Diplomatie des Friedens gegen Diplomatie des Krieges« (1981) absolut alles, was das eigentliche Gewebe der Annäherung von Moskau und Berlin bildete; in seiner Darstellung waren die permanenten Kontakte zwischen ihnen im Frühjahr und Sommer 1939 nichts weiter als eine Erfindung westlicher Spezialisten für psychologische Kriegführung gegen den Sozialismus; die Sowjetregierung hätte bis hin zum 23. August keinerlei Beschlüsse hinsichtlich eines Abkommens mit Deutschland gefaßt usw. In ebensolchem Geist gehalten war auch diе einzige sowjetische Monographie über die Außenpolitik der UdSSR 1939–1941: das Werk von Pawel Sewostjanow »Vor der großen Prüfung: Außenpolitik der UdSSR vor dem Großen Vaterländischen Krieg« (1981), der die Leser zu überzeugen suchte, vom ersten Tag des Zweiten Weltkrieges an hätte die sowjetische Außenpolitik nur ein einziges Ziel verfolgt – die Zurückweisung der deutschen Aggression und die Festigung der Verteidigungsfähigkeit des Landes. Der bekannteste und fruchtbarste offiziöse sowjetische Historiker und Experte für die Außenpolitik der UdSSR und die internationalen Beziehungen in den 30er Jahren war Vilnis Sipols. Über viele Jahre Mitarbeiter der Historisch-diplomatischen Verwaltung des Außenministeriums, der Zugang zu Archivdokumenten hatte, wußte er sehr wohl, wie die sowjetische Außenpolitik ausgearbeitet und umgesetzt wurde. Doch eben in seinen Büchern wird die Geschichte der internationalen Entwicklung im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges und die Rolle der UdSSR in diesem Prozeß in extrem verfälschter Form dargestellt. Leider blieben wegen der fehlenden Möglichkeiten für eine offene Diskussion in jener Periode nicht nur das letzte, sondern auch alle vorangehenden Worte aktiven Geschichtsfälschern vorbehalten. Erst in der Zeit der Perestroika wurde es erstmals möglich, eine Erforschung der Geschichte der Sowjetunion in Angriff zu nehmen, die auf Archivdokumenten basierte. Der Ende der 80er Jahre begonnene Prozeß der Überwindung der totalitären und der posttotalitären Vergangenheit in der Erforschung der Geschichte der sowjetischen Außenpolitik verlief indes schwierig, ja mitunter dramatisch. Selbst mit der Sanktion Michail Gorbatschows zur Überwindung der »weißen Flecken« in der Geschichtsforschung, die deren Forschungsfunktion und damit auch die Achtung gegenüber dem Dokument als Grundlage für beliebige Schlußfolgerungen, eine beliebige historische Studie wiederherstellte, interpretierten und korrigierten die »Generäle« der Geschichtswissenschaft die Weisungen des reformatorischen Teils der Führung des Landes auf ihre eigene Art und Weise. So belehrte der damalige Leiter des Bereichs Geschichte der Akademie der Wissenschaften, Sergej Tichwinski, im März 1987, die »wissenschaftliche Fundiertheit historischer Studien« dürfe »nicht allein auf die Quellenbasis reduziert werden«; ständige Beachtung sei auch einer »kreativen Anwendung der marxi­stisch-leninistischen Erkenntnistheorie mit ihrer dialektischen Methode zu widmen«. In dieser Situation waren die Orthodoxen bestrebt, neue Prozesse in der Erforschung der Außenpolitik der Sowjetunion unter ihre Kontrolle zu nehmen und steuerbar zu machen. Eine ausgesprochen negative Rolle in diesem Prozeß spielten der Parteifunktionär Valentin Falin und auch solche Geschichtswissenschaftler wie Oleg Rsheschewski, Vilnis Sipols und mehrere andere. Auf Betreiben dieser Personen wurde 1989–1991 sehr viel unternommen, um zu verhindern, daß die Erforschung der sowjetischen Außenpolitik im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges insgesamt und der sowjetisch-deutschen Beziehungen im besonderen die Unerschütterlichkeit der Feststellungen der 1948 durch Stalin persönlich redigierten Historischen Auskunft über »Geschichtsfälscher« verletzen würde. Sie sollte diese lediglich ein wenig korrigieren, und zwar durch Zulassung von Kritik an Stalin und Molotov sowie durch eine pseudomoralische Verurteilung der geheimen Abkommen mit dem Dritten Reich. Die Vervielfältigung derartiger Ansichten in vielen wissenschaftlichen periodischen Schriften war typisch für die Wende von den 80er zu den 90er Jahren. Um diesen Ansichten größeres Gewicht zu verleihen, wurde sogar in Windeseile die große und gut dokumentierte, jedoch entsprechend den Regeln der marxistischen Historiographie – von den Schlußfolgerungen zu den Fakten – geschriebene Monographie von Ingeborg Fleischhauer »Der Pakt« ins Russische übersetzt, die vom Sekretär des ZK der KPdSU Falin als »Musterwerk« bezeichnet wurde. Diesem aggressiven Konservatismus stand das Bestreben gegenüber, die Außenpolitik der UdSSR wissenschaftlich zu bewerten. Hier sollte auf die große Rolle hingewiesen werden, die in diesem Prozeß der leider im vorigen Jahr verstorbene Professor Michail Semirjaga gespielt hatte. Eben in seinen Beiträgen von Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre wurde anschaulich dargestellt, daß vor dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die Westmächte, sondern auch die Sowjetunion zur »Deformation der gesamten internationalen Situation« beigetragen hatten, indem sie die Entfesselung des Krieges erleichterte, und daß nach Ausbruch des Krieges der »sowjetische Faktor eine beachtliche destabilisierende Rolle in den internationalen Beziehungen« gespielt hatte. Das Buch von Michail Semirjaga »Geheimnisse der Stalinschen Diplomatie 1939–1941«, das 1992 nicht ohne Schwierigkeiten erscheinen konnte, enthielt erstmalig in der russischen Historiographie eine komplexe Untersuchung der Außenpolitik der UdSSR in einer Periode, als »Stalins Schritte nach dem Abschluß der Verträge vom August und September 1939 die Sowjetunion noch tiefer in den Sumpf einer Verschwörung mit Hitler hineinzogen und Voraussetzungen dafür schufen, mit ihm die Verantwortung für seine Verbrechen gegen die Welt zu teilen«. In diesen Jahren unternahmen auch mehrere Mitarbeiter des Instituts für Slawische Studien, des Instituts für Allgemeine Geschichte, des Instituts für Russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften und anderer Forschungszentren in ihren Beiträgen ernsthafte Versuche, die politische Krise vor Kriegsbeginn und die Rolle der so­wjetischen Außenpolitik in ihrer Entwicklung auf neue Art und Weise zu analysieren. Diese Veröffentlichungen schufen die Basis für die weitere Entwicklung der Forschungen in dieser Richtung. Unter dem Einfluß der sich drastisch verändernden gesellschaftspolitischen Situation setzte die Veröffentlichung von Dokumenten zur Vorgeschichte und zur Anfangsperiode des Zweiten Weltkrieges ein. Dieser Prozeß entwickelte sich recht zähflüssig. Es bedurfte einer speziellen Entscheidung des obersten gesetzgebenden Organs der Sowjetunion – des Kongresses der Volksdeputierten – für eine offizielle Anerkennung des Fakts der geheimen Abmachungen zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland 1939. Diese Entscheidung stieß auf beachtlichen Widerstand seitens der Orthodoxen. So erklärte Armeegeneral Machmud Garejev, derzeit Präsident der Akademie der Militärwissenschaften, im März 1991: »Die Entscheidung des Obersten Sowjets der UdSSR ist für die Wissenschaft kein Befehl. Die Verträge von 1939 sollten den Krieg abwenden«. Zu einem Wendepunkt im Prozeß der Veröffentlichung von Archivdokumenten und der Gewährleistung des Zugangs zu entsprechenden behördlichen Archiven wurde der Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 und der Abgang der Kommunisten als herrschende Partei vom politischen Schauplatz. In den zurückliegenden zehn Jahren erschienen in Rußland mehr als 50 Bände mit Dokumenten, die diese oder jene Aspekte der Außenpolitik der UdSSR beleuchten. Dies ist eine ganze Menge! Zwar nehmen Dokumente zu sowjetisch-deutschen Beziehungen in diesen Veröffentlichungen einen beachtlichen Platz ein, doch an ausschließlich diesen Beziehungen gewidmeten thematischen Sammelbänden erschienen nur drei: 1. Der Geist von Rapallo: Sowjetisch-deutsche Beziehungen 1925–1933 (1997), 2. Das faschistische Schwert wurde in der UdSSR geschmiedet: Die Rote Armee und die Reichswehr (1992), 3. Die UdSSR und die deutsche Frage. 1941–1949: Bd.1, 2. (1996, 2000). Dieser Fakt an sich bietet wohl keinen Anlaß zur Besorgnis. Gewisse Umstände machen es jedoch erforderlich, dieses Problem aus anderer Sicht zu betrachten. Seit Ende 1994 verringern sich mit fortschreitender Verschärfung der Geheimhaltungsregelungen Tempo und Umfang der Freigabe von Archivdokumenten permanent. Die Grundlage der Gesetzgebung über den Archivfonds und die Archive der Russischen Föderation, die die Regeln für den Zugang zu Archivdokumenten auf dem Stand der internationalen Normen festlegen und die vom Obersten Sowjet Rußlands bereits im Juli 1993 verabschiedet wurden, bleiben unwirksam: Ein präziser Mechanismus der Freigabe von Archivunterlagen existiert immer noch nicht. Ungeachtet des im Vergleich zu früher unwahrscheinlichen Fortschritts hinsichtlich der Arbeitsmöglichkeiten in vielen, wenn auch bei weitem nicht in allen russischen Archiven, beeinflußt die politische Konjunktur im Lande ernsthaft die Tätigkeit staatlicher und erst recht behördlicher Archive. Erneut eingeschränkt oder gar geschlossen ist der Zugang zu mehreren Fonds, die Anfang der 90er Jahre vollständig geöffnet worden waren. Erneut gelten wie auch in der sowjetischen Zeit verschiedene Stufen der Zulassung zu immer noch nicht freigegebenen Unterlagen. Als geheim eingestufte Archivunterlagen dürfen in wissenschaftlichen Studien nur mit entsprechender Genehmigung zitiert werden, ganz zu schweigen davon, daß der Inhaber einer entsprechenden Zulassung zu angeblich geheimen Unterlagen automatisch zum Geheimnisträger wird. In der Sowjetzeit bedeutete dieser Status sofort ein Reiseverbot; in Rußland ist dies vorerst noch nicht der Fall, aber wer weiß, wie sich die Situation weiter entwickeln wird ... Einige Schritte der Putin-Administration in dieser Richtung müssen einen zwangsläufig nachdenklich stimmen. So betrifft das in diesem Jahr vom Präsidenten bestätigte Konzept der »Informationssicherheit Rußlands«, auf dessen Basis eine entsprechende Verordnung der Akademie der Wissenschaften betreffend Benachrichtigung der Geheimdienste über alle Kontakte von Forschern mit ausländischen Kollegen, gemeinsame Projekte, Veröffentlichungen im Ausland usw. erlassen wurde, zunächst einmal vor allem den wissenschaftlich-technischen und den wirtschaftlichen Bereich. Im Bedarfsfall läßt sich jedoch beispielsweise die Veröffentlichung von Angaben zum militärwirtschaftlichen Potential der UdSSR vor dem Zweiten Weltkrieg auch als Preisgabe von »Militärgeheimnissen« interpretieren … Insgesamt fehlt bei der Erforschung der Außenpolitik der UdSSR und der sowjetisch-deutschen Beziehungen in den letzten Jahren ein durchdachtes Gesamtkonzept, das auf den durch die internationale Geschichtsforschung erzielten Resultaten basieren und durch einheimische Studien des letzten Jahrzehnts anhand der zugänglich gewordenen Archivunterlagen ergänzt würde. In dieser Situation ist auch eine Zersplitterung der Anstrengungen der wenigen Geschichtsforscher unvermeidlich, die sich mit Problemen der sowjetisch-deutschen Beziehungen befassen. Es ist nicht weiter verwunderlich, daß die Resultate, rein statistisch gesehen, recht bescheiden sind: Zur Geschichte der sowjetisch-deutschen Beziehungen in den Jahren der Weimarer Republik liegen einige Artikel und eine Monographie von Sergej Gorlov über die militärische Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und Deutschland vor. Besser bestellt ist es um die Erforschung der Periode von 1933 bis 1941 – hier existieren bereits einige zehn Beiträge, zwei Monographien – das Gemeinschaftswerk »Osteuropa zwischen Hitler und Stalin 1939–1941« und Lew Besymenskis »Hitler und Stalin vor dem Zusammenstoß«, die Dokumentarstudien von Oleg Wischlew »Vor dem 22. Juni 1941« und das Gemeinschaftswerk russischer und deutscher Geschichtsforscher »Rußland und Deutschland in Kriegs- und Friedensjahren, 1941–1995«, das im Rahmen eines durch die Mühlheimer Initiative realisierten Projekts auf Russisch und Deutsch erschienen ist. Nichtsdestotrotz sind die Fortschritte, die es in diesem Bereich in den letzten 10 bis 12 Jahren gegeben hat, recht beachtlich sowohl mit Blick auf die Einbeziehung neuer Dokumente in den wissenschaftlichen Umlauf als auch in bezug auf den allmählichen Aufbau einer adäquaten Vorstellung von der Außenpolitik der Sowjetunion. Heute sehen sich die russischen Historiker, die sich mit der sowjetischen Außenpolitik befassen, und ihre westlichen Kollegen mit recht ähnlichen Problemen konfrontiert. Der von Prof. Ludmila Thomas und Dr. Viktor Knoll (Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin) herausgegebene Studienband mit Beiträgen von Forschern aus verschiedenen Ländern beweist dies einmal mehr. Bei der Analyse der Determinanten und Strukturen der sowjetischen Außenpolitik fehlt häufig die Verbindung zu Charakter und Eigenart des herrschenden politischen Regimes, die Tätigkeit des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten (Narkomindel) und der Auslandsvertretungen wird oft außerhalb des Gesamtkontextes der internationalen Situation, der Zielsetzungen und Aktionen der sowjetischen Führung gegenüber anderen Ländern, vor allem den Großmächten und den unmittelbaren Nachbarn der UdSSR, betrachtet. Ohne Beachtung des Einflusses äußerer Umstände auf die Außenpolitik eines Staates bleibt jedoch die Vorstellung von den diese determinierenden Faktoren eindeutig unvollständig. Gleiches gilt für die inneren Determinanten der Außenpolitik, zu denen neben dem Charakter des politischen Regimes und der Struktur der Staatsmacht alle jene (geopolitische, wirtschaftliche, militärwirtschaftliche, außenwirtschaftliche und militärische) Faktoren zu zählen sind, die auf die eine oder andere Weise das Verhalten eines Staates auf dem außenpolitischen Schauplatz bestimmen. Bei der Bewertung der Resultate der Erforschung der Außenpolitik der UdSSR darf man jene bei weitem nicht immer günstigen Bedingungen unbeachtet lassen, unter denen die russischen Geschichtsforscher im Verlaufe dieses Jahrzehnts gearbeitet hatten. Der Zugang zu Archiven ist geöffnet, jedoch nicht zu allen, in mehreren Archiven ist der Zugang zu den Findbüchern gesperrt, und der Zugang zu den Unterlagen hängt in hohem Maße von der Haltung der Archivleitung ab; für Forscher existieren zwar keine Tabu-Themen, jedoch verwehren die existierenden Einschränkungen in den Archiven den Einblick in viele vorhandene Unterlagen; in Rußland existiert offiziell keine Zensur, doch bei weitem nicht jeder Artikel läßt sich in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen, bei der Ablehnung einer Veröffentlichung geben dabei keineswegs wissenschaftliche Kriterien, sondern die Haltung des Verfassers den Ausschlag, die Herausgabe eines Buches ist in dieser Hinsicht wesentlich einfacher – es muß nur die Finanzierung gesichert sein. Unter den Geschichtsforschern gewinnt die Abgrenzung an Bedeutung, die nicht von der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen wissenschaftlichen Schulen und Richtungen abhängt, sondern vorwiegend vom Prinzip der kritischen oder unkritischen Einstellung zur Geschichte der Sowjetunion im Allgemeinen und zu ihrer Außenpolitik im Besonderen. In einer Situation, da die russische Führung es anstrebt, ein positives Bild nicht nur des heutigen Rußlands, sondern auch seiner Vergangenheit zu kreieren und neue Geschichtslehrbücher zu schaffen, die diese Vergangenheit politisch »korrekt« darstellen sollen, ist es nur zu natürlich, daß dabei eben Historiker mit »Großmachteinstellung« bessere Möglichkeiten für die Einflußnahme auf ein breites Auditorium haben, und zwar auch vermittels der Medien. Diese aber vertieft die Kluft zwischen dem erzielten Niveau des historischen Wissens und den Möglichkeiten, dieses Wissen zum Bestandteil der allgemeinen Kultur der Bevölkerung Rußlands werden zu lassen.     Literaturhinweise – Сборники документов   ВКП(б), Коминтерн и Япония. 1917–1941 гг./Отв. ред. Г. Адибеков, Х. Вада. М.: РОССПЭН, 2001. 808 с. Восточная Европа в документах российских архивов 1944–1953 гг. Т.1: 1944–1948 гг./Отв. ред. Г.П. Мурашко. Москва; Новосибирск: Сибирский хронограф, 1997. 985 с. Восточная Европа в документах российских архивов 1944–1953 гг. Т.2.:1949–1953 гг./Отв. ред. Г.П. Мурашко. Москва; Новосибирск: Сибирский хронограф, 1998. 1004 с. Год кризиса, 1938–1939: Документы и материалы. В 2-х томах. Т.1. 29 сентября 1938 г. – 31 мая 1939 г//МИД СССР; Редкол.: Бондаренко А.П. и др. – М.: Политиздат, 1990. 555 с. Год кризиса, 1938–1939: Документы и материалы. В 2-х томах. 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JHK 2002

Der totale soziale Krieg. Auswirkungen der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952

Falco Werkentin

Einleitung [1]Heiner Müller sprach 1990 davon, daß »der Hauptproduktionszweig in stalinistischen Strukturen die Produktion von Staatsfeinden ist: dies hat im Stalinismus Vorrang vor der Schwerindustrie«.[2] Wenn diese These einer Illustration und eines Beweises bedarf, dann liefert der seit der 2. Parteikonferenz (9.–12. Juli 1952) radikal forcierte soziale Krieg der SED-Führung gegen die »eigene« Bevölkerung überzeugendes historisches Material. In keiner Phase der Geschichte der SBZ/DDR war das SED-System bei der Produktion von Staatsfeinden so erfolgreich wie in den Monaten zwischen Juli 1952 und dem Mai des folgenden Jahres. Und es ging, auch dies zeigen diese Monate, in der Tat zu Lasten der Schwer­industrie, deren in dieser Phase verstärkter Ausbau nach 10 Monaten gebremst werden mußte, so daß als einzig abrechenbarer Erfolg die Steigerung der Gefängnispopulation auf fast die doppelte Zahl an Häftlingen übrigblieb – gemessen an der Zahl der Insassen in Haftanstalten zum Zeitpunkt der triumphalen Verkündung der neuen Epoche in der Geschichte der DDR. Begleitet wurde diese Entwicklung von einem immensen Zuwachs an DDR-Bewohnern, die in die Bundesrepublik flohen, und einer sich von Monat zu Monat verschlechternden Versorgungslage. Die Folgen der 2. Parteikonferenz für die Bewohner der DDR zu schildern heißt nichts anderes, als die Vorgeschichte des 17. Juni 1953 zu skizzieren. Gleichwohl wird weitgehend übereinstimmend die 2. Parteikonferenz als ein Ereignis qualifiziert, das keineswegs eine qualitativ neue Entwicklung einleitete. Ob Staritz oder Scherstjanoi, ob Heitzer[3] oder die »Jungen Wilden« aus den 90er Jahren – wie Mitter und Kowalczuk[4] –: sie teilen im wesentlichen das Urteil, daß auf dieser Konferenz nur offizialisiert wurde, was zuvor – im Kern seit 1945 – in kaschierter Form bereits längst betrieben worden war – die »Revolution von oben«, die systematische Transformation gesellschaftlicher Strukturen und Eigentumsverhältnisse –, wenn bisher auch »ein wenig maskiert«, wie sich Ulbricht am 7. April 1952 im Gespräch mit Stalin äußerte.[5] Gemessen am Ausmaß der seit 1945 veränderten Eigentumsverhältnisse war das, was zwischen Juli 1952 und Mai des kommenden Jahres durchzusetzen versucht wurde, eher residual. Es war nur noch ein Arrondieren des sozialistischen Sektors in der Produktion und im Handel – mithin keine Zäsur. Nur soweit es die Sozialisierung des Handwerks, des Handels und des Bauernstandes in Form von Produktionsgenossenschaften betrifft, leitete die 2. Parteikonferenz eine neue Etappe ein, waren diese Sektoren doch zuvor von der Kollektivierung verschont geblieben – wenngleich nicht von Enteignungen.[6] Und dennoch bedeutete die auf der 2. Parteikonferenz verkündete und in den folgenden Monaten praktizierte Politik auch eine deutliche Zäsur. Während Stalin am 7. April 1952 noch davon sprach, »daß es auch jetzt nicht nötig sei, lauthals vom Sozialismus zu reden«[7], wurde drei Monate später, am 9. Juli, buchstäblich mit Pauken und Trompeten der Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe erklärt, und damit die bisherige Entwicklung als unumkehrbar deklariert und vor allem weiter beschleunigt. Zwar wurde an der Rhetorik nationaler Wiedervereinigung festgehalten, doch die Praxis dementierte allenthalben diese Propaganda. Betroffen waren nicht nur privater Handel und Gewerbe sowie der Bauernstand, der seit der 2. Parteikonferenz Objekt einer massiven Politik der Kollektivierung wurde. Vielmehr erklärte die Partei im Juli 1952 der gesamten Gesellschaft den sozialen Krieg, soweit sie nicht bereit war, enthusia­stisch den Aufbau des Sozialismus mitzutragen. Denn neben der neuen Enteignungswelle kämpfte die Partei wie nie zuvor auch um die ideologische Hegemonie. Ihren Ausdruck fand dies zum einen im Kirchenkampf – angesichts einer Bevölkerung, die sich bei der Volkszählung des Jahres 1950 zu 92,4 % für religiös gebunden erklärt hatte, allein schon ein Kampf gegen mehr als 9/10 der Bürger.[8] Ihm ist in diesem Band ein eigener Beitrag gewidmet. Zum anderen wurde die als »herrschende« verklärte Arbeiterklasse zunächst zum Objekt eines erziehungsdiktatorischen Zugriffs, sollte ihr doch mit dem im Oktober 1952 in Kraft tretenden »Gesetz zum Schutz des Volkseigentums« ein neues, zeitgemäßes Wertebewußtsein eingetrieben werden. Der anläßlich des 13. ZK-Plenums am 14. Mai 1953 verkündete Beschluß über eine allgemeine Normerhöhung um durchschnittlich »mindestens zehn Prozent« in der Industrie und im Baugewerbe, vom Ministerrat der DDR am 28. Mai mit Stichtag 30. Juni übernommen,[9] eröffnete schließlich eine weitere Front. Dieser erhebliche Angriff auf den Besitzstand der Arbeiterklasse vor dem Hintergrund massiver Versorgungsprobleme und Preiserhöhungen bei den Arbeiterrückfahrkarten, bei Schnaps und Kunsthonig, Marmelade, Textilien und Schuhen, löste schließlich die Rebellion am 17. Juni aus. Auch wer sich bisher nicht um Politik gekümmert und sich nur auf die mehr oder weniger kleinen äußerlichen Arrangements mit dem Regime eingelassen hatte, um ansonsten dem üblichen Tagewerk als Arbeiter oder als Handwerker, als Bauer oder kleiner Gewerbetreibender nachzugehen – spätestens seit der 2. Parteikonferenz kümmerte sich die Politik der SED so durchgreifend wie nie zuvor um nahezu jeden Bewohner, war nahezu jeder Bürger von der Eskalation des Klassenkampfes betroffen. Und selbst die Mitglieder der Partei, die gerade durch das Fegefeuer der Parteisäuberungen während der Jahre 1948–51 gegangen waren, hatten eine neue, innerparteiliche Inquisitionsgerichtsbarkeit mit gegebenenfalls mörderischen Konsequenzen zu befürchten – in den befreundeten Volksdemokratien bereits umgesetzt, in der DDR in Vorbereitung und mit den Parteibeschlüssen »Lehren aus dem Prozeß gegen das Verschwörerzentrum Slansky« vom 20. 12. 1952 und dem ZK-Beschluß vom 14. 5. 1953 über die Auswertung des Slansky Beschlusses drohend ausgemalt. Als einzige Möglichkeit, sich diesen Angriffen und Bedrohungen zu entziehen, blieb die Flucht. Von daher spiegeln die Flüchtlingszahlen und die soziale Gliederung der in die Bundesrepublik Fliehenden recht gut die Stufen der Eskalation dieser Revolution von oben wie auch die soziale Breite der von dieser Politik Betroffenen wider. Gemessen an der Zahl unmittelbar betroffener Bewohner war es ein weitaus umfassenderer sozialer Krieg gegen die Gesellschaft als in der Phase der Enteignung von Großbetrieben und Unternehmen zwischen 1945 und 1950. Darin liegt die mit der 2. Parteikonferenz begründete Zäsur. In Vorbereitung auf den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus: Der starke Staat Etwa 4 000 Delegierte und Gäste jubelten und klatschten frenetisch, als Walter Ulbricht am Nachmittag des 9. Juli in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle den Aufbau des Sozialismus als Tagesaufgabe annoncierte und dies als Vollstreckung des Willens der Volksmassen ausgab. Im Protokoll liest es sich so: »Sechstens: Die politischen und die ökonomischen Bedingungen sowie das Bewußtsein der Arbeiterklasse und der Mehrheit der Werktätigen sind so weit entwickelt, daß der Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe der DDR geworden ist. [...] Siebentens: Das Hauptinstrument bei der Schaffung der Grundlagen des Sozialismus ist die Staatsmacht.«[10] Damit war die Aufgabe gestellt, waren die Mittel definiert. Es galt, mit Hilfe der überragenden Organisations- und Repressionsfähigkeit des modernen Staates, begleitet von einer ideologischen Mobilisierung der Massen in immer neuen Kampagnen, gestützt auf die Kader der Partei und schließlich flankiert durch eine Atmosphäre des Terrors, Anschluß zu finden an die Entwicklung in den anderen Volksdemokratien. Wie bekannt, war erst am Tage zuvor die Zustimmung des Politbüros der KPdSU eingetroffen, dem eine Woche zuvor in Form eines Briefes des Politbüros der SED an Stalin der Entwurf von Ulbrichts Hauptreferat für die Parteikonferenz zugeleitet worden war.[11] Grundlinien der kommenden Politik waren allerdings bereits beim Moskau-Besuch einer SED-Delegation im April 1952 mit Stalin besprochen worden, darunter der von Wilhelm Pieck notierte Auftrag »Volksarmee schaffen – ohne Geschrei – Pazifistische Periode ist vorbei«[12]. Eine neue Werbekampagne für die Kasernierte Volkspolizei war bereits kurz zuvor, im März 1953, eingeleitet worden. Angesprochen wurde in Moskau auch die Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Allerdings gab Stalin zu diesem Zeitpunkt noch den Rat mit auf den Weg, »daß es auch jetzt nicht nötig ist, lauthals vom Sozialismus zu reden«[13]. Die Mittel, das vielfältige Waffenarsenal für den neuen Feldzug gegen die eigene Bevölkerung, hatte die SED bereits vor der 2. Parteikonferenz geplant, geschmiedet und ausgebaut. Nicht nur die Polizei und das im Aufbau befindliche MfS waren fest in den Händen der SED. Seit 1948 hatte sich die Zentrale Kontrollkommission (ZKK) mit ihren Länderkommissionen unter Leitung von Fritz Lange als »Task force« für systematische Enteignungswellen bewährt.[14] Mit Gründung der DDR wurde sie in Zentrale Kommission für Staatliche Kontrolle (ZKSK) umbenannt. Die Justiz verfügte inzwischen über genügend neu geschaffene Justizfunktionäre aus dem Kreis der Absolventen der Volksrichterlehrgänge; der Einfluß von Politikern der Blockparteien auf die Justiz war spätestens seit 1950 gebrochen, als in den Ländern mit Ausnahme Thüringens die Justizministerien aufgelöst und in Abteilungen beim Büro der jeweiligen Ministerpräsidenten umgewandelt wurden.[15] Diverse Beschlüsse des Politbüros und des Sekretariats des ZK zur Verbesserung der Arbeit der Justiz, unter anderem ausgelöst durch einen schier paranoid wirkenden Bericht des bereits genannten Fritz Lange über das Versagen der Justiz und ihre Funktionäre vom Sommer 1951,[16] bekräftigt und forciert durch Interventionen der sowjetischen Kontrollkommission (SKK) in Gestalt mehrfacher »Merkblätter«,[17] nahmen die Justiz stärker denn je zuvor unter »die Obhut« der Partei.[18] Die Haftanstalten waren inzwischen der 1950 bei der Hauptverwaltung der Deutschen Volkspolizei (HVDVP) neu gebildeten Verwaltung Strafvollzug unterstellt worden. Die traditionelle Stellung der Staatsanwälte gegenüber den Gerichten hatte sich weit zu Lasten der Gerichte verschoben. So verlangte bereits eine Rundverfügung von Justizminister Fechner (Nr. 105/50) vom August 1950, daß Richter im Regelfall dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft zu folgen hätten. Abschließend hieß es, daß es allen Gerichten aufgegeben sei, diese Verfügung in der praktischen Arbeit zu beachten.[19] Dies machte durchaus Sinn, erwiesen sich doch die Staatsanwälte, sowohl nach ihrer Parteizugehörigkeit – bereits am 1. April 1950 waren 86,0 % aller Staatsanwälte SED-Mitglieder, bei den Richtern hingegen nur 53,6 % [20] – wie nach ihrem praktischen Verhalten (im Gegensatz zur Gruppe der Richter gab es weitaus weniger republikflüchtige Staatsanwälte) als politisch zuverlässiger. Gleichwohl gab es auch mit ihnen Probleme.[21] Zwar schrieb das neue Staatsanwaltsgesetz vom Mai 1952 mit dem nach sowjetischem Vorbild eingefügten Auftrag der »Gesetzlichkeitsaufsicht« dieser Behörde formell eine gewisse Allkompetenz zu. Doch wurde die Position der Staatsanwaltschaft durch die des MfS eingeschränkt. Die Aufsicht über Untersuchungsvorgänge des MfS wie die über dessen eigene Haftanstalten durften nur vom Staatssicherheitsdienst bestätigte Staatsanwälte führen: Einblick in operative Vorgänge vor der Festnahme und in Handakten des MfS war ihnen verwehrt.[22] Dem Staatsanwalts-Gesetz[23] wie einem neuen Jugendgerichtsgesetz (JGG)[24] hatte die Volkskammer am 23. Mai 1952 zugestimmt. Analog zu einer JGG-Novelle, die die Nationalsozialisten 1943 in Kraft gesetzt hatten, um auch auf Jugendliche ihr mörderisches Erwachsenenstrafrecht anwenden zu können, eröffneten die §§ 24 und 33  JGG nunmehr auch den Justizfunktionären der DDR die Möglichkeit, Beschuldigte, die zur Tatzeit noch nicht das 18. Lebensjahr vollendet hatten, nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen.[25] Ende Mai 1952 besuchte eine zehnköpfige Justizdelegation unter Leitung von Hilde Benjamin 14 Tage die Sowjetunion. Auch eine Delegation des Ministeriums des Innern wurde in diesen Monaten in die Sowjetunion geschickt, um sich bei der dortigen Miliz sachkundig zu machen. Nicht nur bei den zuvor genannten Justizgesetzen orientierte sich die Partei am repressiven Instrumentarium der vorgängigen deutschen Diktatur. Mit der Sekretariats-»Direktive über Haus- und Straßenvertrauensleute« vom 18. 2. 1952 wurde die Nachbildung des Blockwart-Systems aus der Zeit der NS-Diktatur eingeleitet. Ein weiteres Instrument zur Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung, das im zeitlichen Umfeld der 2. Parteikonferenz auf den Weg gebracht wurde, war das System der Abschnittsbevollmächtigten der Volkpolizei (ABV) – pro 10 000 Einwohner ein ABV – sowie ein System freiwilliger Helfer der Volkspolizei.[26] Am 13. Mai 1952 billigte das Politbüro »Maßnahmen eines besonderen Regimes an der Demarkationslinie zwischen der DDR und Westdeutschland und im Küstengebiet«, die am 26. 5. 1952 veröffentlicht wurden und zu den bekannten Zwangsumsiedlungen an der innerdeutschen Grenze führten; noch vor der 2. Parteikonferenz wurde die Grenzpolizei dem MfS unterstellt. Der dramatische Anstieg der Zahl von Bewohnern, die aus dem Herrschaftsbereich der SED flohen – nicht nur von der SED, sondern auch von der sowjetischen Schutzmacht mit Sorge betrachtet –, ließ sich mit diesen Maßnahmen allerdings nicht eindämmen, solange die Berliner Sektorengrenzen offen waren. Vorbereitet und nach der 2. Parteikonferenz auf den Weg gebracht wurden schließlich ein Arbeitsdienst unter dem Namen »Dienst für Deutschland«[27] und die vormilitärische Ausbildung der Jugend durch die »Gesellschaft für Sport und Technik« (GST).[28] Auch diese im Fünfjahresplan nicht vorgesehenen Organisationen zur wehrpolitischen Vorbereitung der Jugend entzogen der Wirtschaft nicht nur Arbeitskräfte, sondern im Haushalt nicht eingeplante Millionen-Beträge.[29] Allerdings wurde der »Dienst für Deutschland« bereits im Frühjahr 1953 wieder aufgelöst. Innerhalb der SED hatten die Säuberungswellen mit den damit verbundenen Rotationen bei den Kadern dazu geführt, ein Klima blinder Ergebenheit gegenüber der Parteiführung zu verstärken. Je nachsichtiger die Partei gegen ehemalige Mitglieder der NSDAP und ihrer Massenorganisationen wurde, um so stärker galt ihr Mißtrauen ehemaligen Westemigranten und zeitweiligen Parteiabweichlern. Ergebnis waren ein massiver Austausch von Kadern und die Chance sozial ehrgeiziger neuer Genossen, durch absolute Folgsamkeit sozialen Aufstieg und Karriere zu sichern. Die Neuwahlen der Mitglieder der leitenden Parteiorgane auf Ebene der Grundorganisationen, der Kreise und Länder kurz vor der 2. Parteikonferenz führten im Ergebnis dazu, daß 40,9 Prozent aller SED-Sekretäre in den Ländern ausgetauscht wurden. Es wuchs in diesen Funktionen der Anteil junger SED-Mitglieder.[30] Die Blockparteien – jedenfalls, soweit es ihre hauptberuflichen Kader betraf – spielten zum Zeitpunkt der 2. Parteikonferenz als Hort zumindest begrenzter Opposition, wie zuletzt Otto Nuschkes Interventionsversuch anläßlich der sogenannten Waldheimer Kriegsverbrecherprozesse im Frühsommer 1950, keine Rolle mehr. Die im Herbst/Winter 1952 und im Frühjahr 1953 inszenierten Verhaftungen und Prozesse gegen prominente Blockpolitiker (so traf es u.a. den Handels- und Versorgungsminister Dr. Karl Hamann (LDPD) und den ersten Außenminister Georg Dertinger[31] (CDU)) waren nur noch eine triumphale Geste der Macht der SED gegenüber den Blockparteien, deren Führungen artig die Verhaftung leitender Parteimitglieder begrüßten. In der Summe: Seit dem 8. Plenum der SED im Februar 1952, auf dem die Einberufung der 2. Parteikonferenz beschlossen wurde, bis zum Juli 1952 stand die weitere Stärkung der administrativen/repressiven Strukturen im Zentrum der Politik der SED, d.h. der weitere Ausbau und die Perfektionierung der Herrschaftsapparate. Die auf der 2. Parteikonferenz verkündete Auflösung der Länder, mit der auch auf Ebene der Staatsorganisation das Prinzip des »demokratischen Zentralismus« endgültig durchgesetzt wurde, war ein gewisser Abschluß der Entwicklung zu einem starken, zentralistisch organisierten Staat, der nun hinreichend gerüstet schien, um als »Hauptinstrument beim Aufbau der Grundlagen des Sozialismus« zu wirken, d.h., um auf allen Ebenen den sozialen Krieg gegen nahezu die gesamte Bevölkerung zu führen. Drohend wurde dann auch in Übernahme einer viel zitierten These Stalins verkündet: »Es ist zu beachten, daß die Verschärfung des Klassenkampfes unvermeidlich ist und die Werktätigen den Widerstand der feindlichen Kräfte brechen müssen.«[32] Der Beschluß über die »freiwillige Vorbereitung des Sozialismus auf dem Lande« im Zuge des Aufbaus Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) – ebenfalls auf dieser Konferenz kundgetan – sowie die unverhüllte Bekundung, eine eigene Armee aufzubauen, rundeten die Anpassung der DDR an Entwicklungen in den anderen volksdemokratischen Ländern des sowjetischen Machtbereichs ab. Die Eskalation des Klassenkampfes von oben seit Juli 1952 Kaum waren die Teilnehmer der 2. Parteikonferenz abgereist, wurden die dort mitgeteilten Beschlüsse umgesetzt. Bereits am 23. Juli akklamierte die Volkskammer dem »Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe in den Ländern der DDR«. An die Stelle der bisherigen fünf Länder traten 14 Bezirke; Ostberlin wurde faktisch zum 15. Bezirk der DDR. In der »Richtlinie zur Zusammensetzung der Bezirks- und Kreistage« des Politbüros vom 15. Juli 1952 ist zu lesen: »Die SED muß in allen Bezirks- und Kreistagen die Mehrheit haben, was der führenden Rolle der Arbeiterklasse entspricht einschließlich der Sitze von Genossen in den Massenorganisationen.«[33] Mit der Länderauflösung verbunden war die territoriale Neuorganisation der SED. Soweit es die Justiz betraf, nutzte das Ministerium der Justiz als nun einzige Einstellungsbehörde die Gelegenheit, zum 1. September 1952 weitere 194 Richter durch Verzicht auf deren formelle Neueinstellung zu entlassen, »also de facto fast 10 % der gesamten Richterschaft«.[34] Auf Ebene der Bezirksgerichte (BG) hatte die Partei ihre personalpolitische Vorherrschaft zu 100 % gesichert – alle 14 BG-Direktoren waren SED-Mitglieder. Sie kamen – bis auf den Direktor des BG Dresden – zudem alle aus den Volksrichterlehrgängen.[35] Die Anstrengungen, das Justizsystem zu einer scharfen Waffe des Klassenkampfes, die Justizfunktionäre zu unerbittlichen Waffenträgern der Partei zu machen, setzten sich weit über den Juli 1952 hinaus fort. Erst die Verhaftungs- und Verurteilungsziffern im Frühjahr 1953 schienen die für die Justiz zuständigen SED-Genossen zu befriedigen. Mit der Länderauflösung war auch eine Umstrukturierung der Partei verbunden. Die bisherigen Landesleitungen beendeten am 1. August ihre Tätigkeit. Sie wurden in jedem Bezirk von einem sogenannten Organisationsbüro abgelöst, das bis zur Bestätigung der neuen Gremien (Bezirks- und Kreisleitungen) im Herbst 1952 provisorisch die Funktion der künftigen Bezirksleitungen übernahm. Zudem wurde der gesamte Parteiapparat personell verstärkt; ein Politbürobeschluß »über die Verbesserung der Arbeit der leitenden Organe der Partei und des Apparates des ZK« vom 11. November[36] leitete den Neuaufbau des gesamten ZK-Apparates ein. Ob der Apparat dadurch angesichts ständiger personeller Veränderungen und Umstrukturierungen tatsächlich effektiver wurde, ist indessen in Frage zu stellen. Am 2. Oktober 1952 akklamierte die Volkskammer mehreren neuen Justizgesetzen – darunter einem neuen Gerichtsverfassungsgesetz (GVG), in dem nun (§ 2) völlig unmaskiert deklariert wurde: »Die Rechtsprechung der Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik dient dem Aufbau des Sozialismus, der Einheit Deutschlands und dem Frieden.« [37] Angesichts der bereits eingeschliffenen Praxis war dies allerdings kaum mehr als ein klarstellender Programmsatz. Die am selben Tag verabschiedete Strafprozeßordnung[38] sollte einerseits zur Beschleunigung von Strafverfahren beitragen, indem den Richtern abverlangt wurde, nach Eingang der Anklageschrift innerhalb von vier Wochen die Hauptverhandlung anzusetzen und mit der Urteilsverkündung auch das schriftliche Urteil vorzulegen. Zum anderen hebelte sie mit § 14 faktisch das Prinzip des »gesetzlichen Richters« aus – eine Regelung, die später in die StPO des Jahres 1968 übernommen wurde. Der Paragraph besagte: »(3) örtlich zuständig ist auch das Gericht, in dessen Bereich der Beschuldigte auf Anordnung eines staatlichen Organs untergebracht ist.« Hier hatte man sich, wie bereits beim JGG vom Mai 1952, am Verfahrensrecht der nationalsozialistischen Diktatur orientiert; 1935 war eine entsprechende Regelung in die StPO übernommen worden. Diese Norm bot dem MfS die vielfach genutzte Möglichkeit, sich zum jeweiligen Zeitpunkt als besonders zuverlässig eingeschätzte Gerichte bzw. Richter für das angestrebte Urteil auszuwählen, indem Beschuldigte unabhängig vom ansonsten den Gerichtsstand begründenden Tatort in MfS-eigenen U-Haftanstalten untergebracht wurden, für die eine besonders zuverlässige IA-Strafkammer zuständig war. Genutzt wurde diese Regelung z.B. anläßlich der »Aktion Rose« an der Ostseeküste im Frühjahr 1953. Die im Rahmen dieser Aktion Festgenommenen wurden zentral in Bützow in U-Haft genommen und für Bützow besondere Strafkammern gebildet, obwohl im Prinzip die jeweiligen Kreisgerichte zuständig gewesen wären. Die Begründung: »Eine andere Regelung (Aburteilung in den jeweiligen Kreisen) hätte bedeutet, daß der Ausgang der Aktion gefährdet worden wäre.«[39] Für die unmittelbare Justizpraxis nach der 2. Parteikonferenz ungleich wichtiger war ein weiteres Gesetz, dem die Volkskammer am 2. Oktober 1952 zustimmen mußte – das »Gesetz zum Schutze des Volkseigentums und anderen gesellschaftlichen Eigentums (VESchG)«.[40] Justiz als Hebel zur Förderung der Arbeits- und Staatsdisziplin: Das »Gesetz zum Schutze des Volkseigentums und anderen gesellschaftlichen Eigentums«[41]   Der Grundtatbestand (§ 1) besagte: »Diebstahl, Unterschlagung oder ein sonstiges Beiseiteschaffen von staatlichem und genossenschaftlichem Eigentum oder von Eigentum gesellschaftlicher Organisationen werden mit Zuchthaus von einem bis fünf Jahren bestraft.« In Betriebsversammlungen und auf Lohnzetteln »popularisiert«, hatte es einen deutlich erziehungsdiktatorischen Charakter und diente dazu, mit terroristischer Gewalt der Bevölkerung – und wie sich alsbald zeigte, vor allem den Arbeitern – eine neue, sozialistische Eigentumsmoral beizubringen. Über die Erfolge im ersten Halbjahr nach Inkrafttreten des VESchG gab Generalstaatsanwalt Melsheimer im Mai 1953 Auskunft: Oktober             218 Verfahren mit   283 Personen November          506 Verfahren mit   745 Personen Dezember          966 Verfahren mit   1391 Personen Januar ’53       1344 Verfahren mit    1900 Personen Februar ’53     1593 Verfahren mit    2303 Personen März ’53         2391 Verfahren mit    3572 Personen            [42] Insg.:   10194 Personen Im April 1953 schaltete der Justizapparat um. Die Bezirksstaatsanwälte erhielten per Rundverfügung[43] die Anweisung, Verfahren nach dem VESchG bei Geringfügigkeit einzustellen. So extrem harte Urteile wie das folgende, das hier beispielhaft für unzählige andere Verurteilungen steht, die ab März 1953 plötzlich intern kritisiert wurden, sollten fortan ausgeschlossen werden: »Vom Kreisstaatsanwalt Rosslau wurden 2 Arbeiter auf Grund des Gesetzes zum Schutze des Volkseigentums angeklagt, weil sie aus einem offenen Eisenbahnwaggon je eine Weintraube (Rebe) entwendeten. – Urteil am 26.1.1953 1 Jahr Zuchthaus.«[44] Der Generalstaatsanwalt, die Abteilung Staatliche Verwaltung und Fedor D. Titow von der Rechtsabteilung der SKK hatten die Verfahren analysiert und waren zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: »Das bedeutet weiter, daß dann, wenn die Zahl der straffällig werdenden Personen in den kommenden Monaten nicht mehr ansteigt, am Ende des Jahres 1953 mehr als 40 000 Menschen wegen Verletzung des VESchG im Zuchthaus sitzen werden. Das ist schlechterdings untragbar.«[45] Zudem gab es ideologische Probleme. Es waren vor allem Arbeiter und kleine Bauern, die Opfer des VESchG geworden waren. In einer »vierten Etappe« sollte nun die »Anwendung des VESchG in neue Bahnen gelenkt und das Schwergewicht der Strafverfolgungspolitik von den Arbeitern und anderen Werktätigen abgelenkt und auf die böswilligen und besonders schädlichen Diebe am staatlichen und gesellschaftlichen Eigentum hingelenkt werden.«[46] Nicht nur die Anstrengungen zur personellen Verstärkung der nationalen Streitkräfte, auch die Justizpraxis entzog der Volkswirtschaft in ungeplanter Dimension wertvolle Arbeitskräfte. Strafrecht als Instrument der Kollektivierung der Landwirtschaft Als Ergebnis der Bodenreform gab es 1950 auf dem Gebiet der DDR nahezu 889 000 landwirtschaftliche Betriebe, davon ca. 95 % in privater Hand. Sie bewirtschafteten etwa 95 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Die Bodenreform, in deren Verlauf ca. 200 000 Neubauernhöfe mit Betriebsgrößen bis zu 10 ha gebildet worden waren, hatte dazu geführt, daß der Anteil der Kleinbauern an der Bauernschaft 1950 bei 73 % lag. Sie bewirtschafteten weniger als die Hälfte des Bodens. Sogenannte Mittelbauern mit Nutzflächen zwischen 10 und 20 ha besaßen ca. 29 % des Bodens, sogenannte Großbauern mit Nutzflächen zwischen 20 und 100 ha verfügten über knapp 29 %. Bis 1950 hatte sich die landwirtschaftliche Produktion so weit konsolidiert, daß in den wichtigsten Produktionsbereichen das Vorkriegsniveau erreicht worden war. Dies war in erster Linie ein Ergebnis von Leistungssteigerungen bei den Mittel- und Großbauern, während die kleinen Landwirte und Neubauern Probleme hatten und insbesondere Neubauern überproportional Höfe aufgaben – 1950 waren es 16 069 Höfe, 1951 14 250, 1952 13 587 von Neubauern verlassene Wirtschaften.[47] Unter dem Gesichtspunkt von Produktionssteigerungen gab es keinen Anlaß, nach der Bodenreform erneut die ländliche Sozialstruktur mit politischen Mitteln zu ändern. Doch waren neben dem gewerblichen Mittelstand die Landwirte die zweite große Gruppe selbständiger Produzenten, die bis zum Sommer 1952 noch nicht auf den sozialistischen Weg gebracht worden waren. Den Kampf gegen die starke soziale Stellung leistungsstarker Großbauern im Dorfe hatte die SED bereits zuvor, spätestens seit der 1. Parteikonferenz im Januar 1949 mit der Klage, »daß die demokratische Entwicklung auf dem Lande zu langsam vor sich geht«[48], eingeleitet. Alte Formen ländlicher Selbstorganisation – so das Raiffeisenwesen – waren bereits 1950 zer­schlagen worden. Seit der 2. Parteikonferenz ging es nicht mehr nur um die bereits eingeleitete soziale Liquidierung der Großbauern, sondern um die Kollektivierung der Klein- und Mittelbauern vor dem Hintergrund massiver Versorgungsprobleme mit Grundnahrungsmitteln. Einerseits wurde die LPG-Bildung mit einem umfangreichen Katalog von Maßnahmen »über die Vergünstigungen für die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften«, vom Politbüro am 19. Juli 1952 entschieden und Tage später als Regierungsbeschluß veröffentlicht,[49] befördert,  andererseits der sozialen Liquidierung der Großbauern, deren Beitritt in die LPG nicht vorgesehen war, kräftig mit administrativen und justitiellen Mitteln nachgeholfen. Klein- und Mittelbauern sollten zu sozialistischen Bauern umerzogen werden. Für Großbauern wurde keine Option eröffnet – die Politik zielte auf ihre Vernichtung als soziale Schicht, begründet mit dem Vorwurf der Sabotage. Trotz aller Förderung: Bis zum 31. 12. 1952 hatten sich erst 1906 LPGs mit 37 000 Mitgliedern gebildet, davon 19 725 Neu- und 2415 Altbauern, die lediglich 3,4 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschafteten.[50] Zu den Kuriositäten bei der Gründung von LPGs zählt, daß noch wenige Monate zuvor eine im später berühmt werdenden thüringischen Dorfe Merxleben gegründete »Liefergemeinschaft« von Neubauern auf Weisung der Partei wieder aufgelöst werden mußte.[51] Man duldete keine spontanen, von unten kommenden Entwicklungen, so sehr das Politbüro sich auch gern als bloßer Vollstrecker des Willens der werktätigen Massen präsentierte. Davon zeugen vielfältige Beschlüsse über einzuleitende Kampagnen, in denen jeweils Anweisung gegeben wird, entsprechende Forderungen der Massen zu organisieren.[52] Ende September 1952 schrieb Fritz Lange, Chef der in Enteignungskampagnen höchst erfahrenen ZKK/ZKSK, an den Leiter der Bezirksinspektion der ZKSK Frankfurt/Oder: »Man soll in erster Linie mit sabotierenden Großbauern dort anfangen, wo sich bereits Produktionsgenossenschaften befinden. Wenn das Gericht gegenüber solchen sabotierenden Großbauern Vermögenseinziehungen beschließt, kann das Land und das Inventar einer Produktionsgenossenschaft zugeteilt werden.«[53] Dahinter stand ein reales Problem: Die wachsende Zahl der von ihren Eigentümern respektive Nutzern verlassenen landwirtschaftlichen Betriebe. Zunehmend war es zum Problem geworden, für deren Bewirtschaftung eine Lösung zu finden. Sie wurden entweder volkseigenen Gütern zugeschlagen oder den Gemeinden zur landwirtschaftlichen Nutzung übergeben. Mit der »Verordnung über die Bewirtschaftung freier Betriebe und Flächen und die Schaffung von Betrieben der örtlichen Landwirtschaft« (ÖLG) vom 3. September 1953[54] wurde eine Übergangslösung für verlassene Betriebe praktiziert – ein Übergangsstadium zur Bildung weiterer Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Die Kollektivierung verlief keineswegs widerstandslos; selbst so manchem SED-Kader vor Ort war dieser plötzliche Schritt nicht einsichtig. Polizei, MfS und Justiz halfen kräftig nach. Die »Vorgänge bei der Gründung der LPG in Friedrichsaue, Kreis Seelow« im Herbst/Winter 1952 – hier hatten sich auch örtliche SED-Kader gegen eine LPG-Gründung ausgesprochen – beschäftigten wochenlang das Politbüro, Polizei, MfS und Justiz und fanden auch im »ND« einen breiten Niederschlag.[55] Das Ergebnis waren eine ständig ansteigende Welle der Flucht von Bauern in die Bundesrepublik sowie die kontinuierliche Zunahme der Zahl von Bauern in den Haftanstalten. Mochte auch die Flucht von Großbauern billigend in Kauf genommen werden – daß auch die besonders umworbenen Neu-, Klein- und Mittelbauern in erheblichem Umfang flohen, war kaum eingeplant. Zur Flucht von Bauern finden sich im Berichtswesen folgende Angaben: Tabelle: Flucht von Bauern 1952/53[56] Quartal/Monat            insg.    Großb. Mittelb.           Kleinb.            Neub. 1. Quartal ’52 455                                         2. Quartal ’52 573                                         3. Quartal ’52 1013                                       4. Quartal ’52 1981                                       September ’52            424      106      127      105      86 Oktober          526      247      102      91        86 November       643      295      96        101      151 Dezember       737      300      120      108      209 Jan. ’53           1089    514      175      193      207 Febr.    1955    1053    305      272      325 März    2641    1463    421      372      385 April    1945    1055    324      303      263 Mai      1408    727      257      251      173 Juni     2038    1061    393      333      251 Juli      281      89        73        52        67 Insgesamt schuf dieser Entzug landwirtschaftlicher Arbeitskräfte – und es flohen nicht nur die Besitzer der Höfe, sondern mit ihnen auch die mitarbeitenden Familienangehörigen – weitere Versorgungsprobleme, da mit der Flucht und Verhaftung auch unbestellte oder nicht abgeerntete landwirtschaftlichen Flächen zunahmen. Über den Beitrag der Justiz zur Erfüllung der »Hauptaufgabe« auf dem Lande seit August 1952 wußte die ZK-Abteilung Staatliche Verwaltung im April 1953 zu melden: »In der Zeit vom 1. 8. 1952 bis 31. 1. 1953 wurden in der Republik gegen Großbauern      583 Verfahren,  Mittelbauern   311 Verfahren,  Kleinbauern    353 Verfahren   durchgeführt.«[57] Und die Verurteilungen steigerten sich noch, nachdem das Politbüro am 3. März 1953 den Beschluß über die »Aufholung der Ablieferungsschulden aus dem Jahre 1952 und Maßnahmen zur Sicherung der Erfüllung der Erfassungs- und Aufkaufpläne im Jahre 1953« faßte.[58] Er enthielt unter anderem die Aufforderung an die Parteikader, in den Parteiversammlungen die Sabotage der Großbauern zu entlarven und verpflichtete Generalstaatsanwalt Melsheimer sowie die Bezirksstaatsanwälte, Arbeitsseminare mit allen Staatsanwälten zum Thema »Sicherung der Einhaltung der demokratischen Gesetzlichkeit in Erfassung und Aufkauf« durchzuführen. Gerügt wurde, daß Staatsanwaltschaften und Gerichte bei Strafverfahren gegen Großbauern diese in Schutz nehmen und die Rechtsabteilungen bei den Räten des Kreises in vielen Fällen die Verfahren verschleppen und so die Bestrafung der Saboteure in der Ablieferung verzögern würden. Für die Großbauern, in den Akten auch gern als »Kulaken« bezeichnet, blieb als Angebot: »Wenn Großbauern den Kreisräten ihren Besitz anbieten, so ist dieser anzunehmen. Nur in besonderen Fällen ist, wenn der Wunsch geäußert wird, 6 ha Boden durchschnittlicher Qualität zu behalten, diesem Wunsch nachzukommen, wenn der betreffende Großbauer kein republikfeindliches Element ist.«[59] Welcher Druck von den SED-Bezirksleitungen und den Verwaltungsstellen des Ministeriums der Justiz nach diesem Beschluß auf die Justizfunktionäre ausgeübt wurde, damit sich die Zahl verurteilter »Kulaken« erhöht, zeigt z.B. die Kritik an Kampfrad, Bezirksstaatsanwalt in Halle, der eine Massenverhaftung von 58 Großbauern allein im Kreis Querfurt für »unmöglich«[60] erklärte, und nur gegen 8 – 10 Großbauern Prozesse führen wollte. Neben den Großbauern nahmen Justiz und ZKSK nach der 2. Parteikonferenz sich insbesondere der Reste des privaten Landhandels an, soweit er nicht bereits in den Kampagnen gegen das Raiffeisengenossenschaftssystem zerschlagen worden war. Nachdem die Vorermittlungen abgeschlossen waren, stürzten sich am 4. Mai 1953 knapp 30 ZKSK-Mitarbeiter in Torgau, Gera, Salzwedel, Plauen, Bautzen und Freiberg, organisiert in 6 »Brigaden«, in den Kampf gegen private Landhändler, denen Monopolbildung, wirtschaftliche Verbindungen in die Bundesrepublik, illegale Kreditgeschäfte mit Bauern, Steuerverkürzungen etc. zum Vorwurf gemacht wurden. Mit Einleitung des Neuen Kurses im Juni 1953 wurden die bei dieser Aktion Verhafteten auf Veranlassung der ZKSK wieder aus der Haft entlassen.[61] Dies reihte sich ein in die Gesamtkampagne gegen den privaten Großhandel, die im Winter 1952 eingeleitet wurde. »Wenn wir nichts finden, sollen wir ihnen etwas unterschieben«: Die Liquidierung des privaten Großhandels und Transportgewerbes Ganz nach sowjetischem Vorbild wurden die massiven Versorgungsprobleme, die durch den verstärkten Rüstungs- und Militarisierungskurs der SED sowie durch die Kollektivierung und die Bemühungen um die soziale Liquidierung der Mittelschichten ausgelöst wurden, der Bevölkerung als Ergebnis sich steigernder Sabotagetätigkeit des Klassenfeindes in der Phase des Aufbaus des Sozialismus präsentiert. Presse und Justiz oblag es, durch die Lieferung entsprechender Szenarien die Bevölkerung von dieser Erklärung zu überzeugen. Ins Zentrum der Erklärung für Versorgungsprobleme gerieten neben den Großbauern der privatkapitalistische – aber auch der staatliche Großhandel. Denn auf der Suche nach Sündenböcken für die sich akkumulierenden wirtschaftlichen Probleme reichte es bei einer Volkswirtschaft, in der nach Angaben Walter Ulbrichts im Jahre 1952 bereits ca. 78,1 % der gesamten industriellen Bruttoproduktion von volkseigenen Betrieben erwirtschaftet wurde[62], offenbar nicht mehr aus, nur den privaten Sektor verantwortlich zu machen. Auch hier orientierte man sich am sowjetischen Vorbild. Fritz Lange, Chef der SKSK, bezog sich bei den von ihm gesteuerten Kampagnen explizit auf das sogenannte Ramsin-Verfahren, auch als Prozeß gegen die »Industrie-Partei« bekannt, das 1930 in der Sowjetunion geführt wurde und eine ganze Welle von Prozessen mit ähnlichen Vorwürfen auslöste. Die Prozesse galten alten Wirtschaftsfachleuten, Technikern und Wissenschaftlern in der staatlichen Industrie, denen der Vorwurf gemacht wurde, die ökonomische Entwicklung sabotiert und mit Unterstützung westlicher Mächte einen Umsturz in der Sowjetunion geplant zu haben.[63] Prominentestes Opfer der Kampagne wurde der LDPD-Blockpartei-Politiker Dr. Karl Hamann, Minister für Handel und Versorgung, der nach einem Bericht von Fritz Lange, den der Ministerrat am 15. Dezember 1952 »zur Kenntnis« nahm, zusammen mit anderen Mitarbeitern unter dem Vorwurf der »bewußten desorganisierenden Tätigkeit der Leitung des Ministeriums für Handel und Versorgung«, verhaftet wurde.[64] In der Presse wuchsen die Berichte über Sabotageprozesse, die Schädlinge im Handel betrafen; mit Schauprozessen in den Betrieben sollte die Bevölkerung davon überzeugt werden, daß die u.a. vom Ministerpräsidenten Grotewohl eingestandenen Probleme[65] Folge sabotierender Eingriffe von Großbauern,[66] privaten Großhändlern,[67] Funktionären der staatlichen Handelsorganisationen[68] und Mitarbeitern aus der Leitungsebene volkseigener Betriebe seien. Bereits im Juli 1952 verurteilte das Oberste Gericht unter Vorsitz Hilde Benjamins 7 leitende Mitarbeiter und Ingenieure des Martin-Hoop-Werks, ein Steinkohleschacht im Zwickauer Revier, unter dem Vorwurf der Sabotage, nachdem infolge eines Grubenbrands 48 Bergleute zu Tode gekommen waren.[69] Zur weiteren Propagierung der politischen Lehren dieses Prozesses wurden in der Folgezeit »150 Rededispositionen erstellt und 40 Kumpel als Referenten eingesetzt«.[70] In der Literatur bisher kaum angesprochen ist die im Dezember 1952 durch einen Befehl der Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei ausgelöste Kampagne zur Liquidierung des privaten Großhandels und Transportgewerbes, die bis zum Neuen Kurs fortgeführt wurde.[71] Zuvor war bereits im Kommuniqué der 10. ZK-Tagung vom 22. November 1952 vermeldet worden, daß die Schaffung der Grundlagen des Sozialismus »die Entwicklung des staatlichen und genossenschaftlichen Handels sowie den Kampf gegen jede Spekulation und Sabotage« erfordere.[72] Auf der Agenda des Politbüros stand der Großhandel erst seit dem 2. Dezember 1952.[73] Hier wurde dekretiert: »Die privatkapitalistischen Großhändler sind nach und nach zu verdrängen« und die ZKSK beauftragt, entsprechende Untersuchungen einzuleiten. Eingeschlossen ist hier bereits das private Speditionsgewerbe. Ein weiterer ausgefeilter Beschluß des Politbüros zur Liquidierung des Großhandels findet sich im Protokoll vom 20. Januar 1953.[74] Es wird Bezug genommen auf eine »Auswertung der Erfahrungen der Studiendelegation, die in der Sowjetunion war« und u.a. angewiesen: »Erforderlich ist ferner, schrittweise die Belieferung des privaten Großhandels einzustellen. Dabei sind folgende Methoden zur Anwendung zu bringen: Die Eintreibung der Steuerrückstände, verstärkte Maßnahmen der staatlichen Organe gegen Schieber und Saboteure und Aufkaufen von Einrichtungen.« Als weitere Maßnahmen wurden genannt, privaten Händlern Ware nur noch gegen sofortige Bezahlung auszuliefern, das Steuersystem für private Händler mit eigener Produktion, wie Bäcker und Fleischer, zu überprüfen, bei Verstößen gegen die Gesetze die Betriebe dem staatlichen und genossenschaftlichen Handel zu übergeben und schließlich die Molkereigenossenschaften in staatliche Hände zu überführen. Im zuvor angesprochenen Befehl 149/52 der HVdVP vom 2. Dezember 1952 heißt es: »Die II. Parteikonferenz der SED beschloß, mit dem planmäßigen Aufbau des Sozialismus in der DDR zu beginnen. In seinem Referat auf der 10. Tagung des ZK forderte der Generalsekretär der Partei, Genosse Walter Ulbricht, auf dem Gebiet der Warenverteilung u.a.  – die Entwicklung der staatlichen Handelsorganisationen, der Konsumgenossenschaften und der bäuerlichen Handelsorganisationen, – den entschiedenen Kampf gegen die Spekulanten, die als Großhändler oder Westberliner Schieber unseren Handel stören und damit die Versorgung der Bevölkerung gefährden, – Konzentration des Großhandels in den Händen der staatlichen Handelsorgane. Um dieser Forderung gerecht zu werden, ist die sofortige Einleitung wirksamer Maßnahmen zur Bekämpfung von Wirtschaftsverbrechen im privaten Großhandel notwendig. [...] I. Vorbereitung Im Bezirksmaßstab sind die Sekretäre der Bezirksleitungen der Partei, die Bezirksstaatsanwälte und die Sekretäre des Bezirksrates von der Einleitung der Maßnahmen zu verständigen. Mit dem Chef der BDVP und den Leitern der Abteilung S und VK ist wegen der Bereitstellung von Kräften von der Schutzpolizei und der Verkehrspolizei Rücksprache zu führen. [...] Die gleichen Rücksprachen sind in den Kreisen mit den Sekretären der Kreisleitungen der Partei, den Kreisstaatsanwälten und den Sekretären des Rates des Kreises zu führen. Auf den zu erwartenden erhöhten Bedarf an Funktionären, die zur Vermeidung von Versorgungsstörungen als Treuhänder mit der Weiterführung der Unternehmen, gegen deren Inhaber Strafverfahren eingeleitet werden, einzusetzen sind, sind die Sekretäre der Kreisleitungen der Partei in der Rücksprache besonders hinzuweisen.« Zum Einsatz kamen bei dieser DDR-weiten Kampagne u.a. erneut ca. 400 Schüler der »VP-Schule für Kriminalistik«, die sich bereits bei den Waldheimer Verfahren 1950 bewährt hatten und auch an der »Aktion Rose« beteiligt waren.[75] Wie die Akten zeigen, wurde auch die SKK über die Erfolge laufend informiert. War ursprünglich vorgesehen, innerhalb von drei Monaten den gesamten privaten Großhandel zu liquidieren,[76] so war die Aktion angesichts der Vielzahl privater Betriebe und der Weisung, den Betriebsinhabern Verbrechen nachzuweisen, die die Enteignung begründen sollten, noch im vollen Gang, als der »Neue Kurs« zu ihrem plötzlichen Ende führte. Denn auch ein Vorgehen nach der Devise »Wenn wir nichts finden, sollen wir ihnen etwas unterschieben«, wie sie der Leiter der Kriminalpolizei beim VP-Kreisamt Merseburg formulierte, erforderte einigen Aufwand.[77] Über den Umfang der Aktion gegen den Großhandel und davon betroffenen Branchen geben folgende Tabellen Auskunft. Tabelle: Gesamtzahl Betriebe:             13286 Überprüfte Betriebe   3091 Eingeleit. Verfahren   2103 Festnahmen    1677 Festgenommene Personen      2295 Gesamtzahl der in diesen Betrieben Beschäftigten        36164 Abverfügungen an StA          1750 Abgeurteilte Verfahren          607 Beschlagnahmte Vermögen   335364348      DM[78] Tabelle: Aufgliederung nach Branchen, gemeldete Unternehmen, davon überprüft, eingeleitete Verfahren Branche          Gemeldete Betriebe   Überprüfte Betriebe   Eingeleit. Verfahren Lebensmittel   826      328      193 Gemüse           414      112      58 Vieh    32        13        12 Fisch   55        20        11 Getreide          116      28        18 Genussmittel   797      186      124 Industriewaren           1957    176      113 Baustoff         341      89        69 Pharmazeutik  583      57        39 Holz    386      94        61 Papier  735      41        24 Getreide/Ölmühlen     789      262      156 Speditions- u. Fuhrunternehmen       2904    773      564 Großtankstellen          85        13        12 Eisenwaren     344      84        56 Brauereien      94        51        33 Kohlen            208      86        53 Mineralöl        71        14        9 Düngemittel/Saatgut  85        23        16 Elektrotechnik            238      32        23 Bier     286      49        25 Futtermittel     147      19        8 Sonstige          1793    541      426 Summe:           13286  3091    2103    [79] Erschrocken stellten die Funktionäre fest: »Bezugnehmend auf die jeweiligen Angestellten und die Beschäftigten der überprüften Unternehmen ist zu sagen, daß in den meisten Fällen festgestellt wurde, daß die Belegschaft die Einsetzung eines Treuhänders nicht begrüßte und vielfach mit dem Privateigentümer einverstanden war und so die teilweise durchgeführte Enteignung nicht einsah. [...] Bei der Firma Reifen-Müller in Schmöckwitz zeigte sich besonders stark, daß alle dort Beschäftigten zu ihrem ehemaligen Inhaber hielten. Dieser Standpunkt zeigte sich auch bei den faschistischen Provokationen am 17. 6. 1953 insofern, als daß der größte Teil mit in den Streik trat.«[80] Die »Aktion Rose« Diese Kampagne an der Ostseeküste im Frühjahr 1953 paßt sich in diese Entwicklung ein. Sie zählt inzwischen zu den bekanntesten Beutezügen der SED, so daß auf eine Skizzierung der Verfahrensweisen verzichtet werden kann.[81] Als Vorlauf ist die »Aktion Oberhof« zu sehen, die am 2. November 1950 begann und in deren Verlauf vor allem in Thüringen Hotel- und Pensionsbesitzer verhaftet und enteignet wurden.[82] An der »Aktion Rose« interessiert hier nur der »Ertrag«. Im Abschlußbericht konnte am 13. März gemeldet werden: »Insgesamt beschlagnahmte Objekte                        621 davon Hotels und Pensionen                         440 davon Wirtschaftsbetriebe, Gaststätten, Wohnhäuser, Grundstücke usw.                               181.«[83] Der Einheitswert aller Objekte wurde mit ca. 30 Mio. Mark beziffert. Der Gewinn aus beschlagnahmtem Bargeld, Konten und Schmuckstücken lag bei nahezu 2 Mio. Mark; über 100 Kraftfahrzeuge kamen hinzu. Befriedigt konstatierte Josef Streit: »Hinsichtlich der Vermögenseinziehung ist zu sagen, daß die gesetzlichen Möglichkeiten [...] konsequent ausgeschöpft wurden.«[84] In Untersuchungshaft kamen 447 Personen, von denen schließlich 400 zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen von einem bis zu zehn Jahren verurteilt wurden.[85] Durch Republikflucht konnten sich 219 Personen der Festnahme entziehen. Zu diesen Flüchtlingen gesellte sich ein für die »Aktion Rose« ausgewählter Richter. Scheinlösungen der Versorgungskrise: Steuer- und Preiserhöhungen Die mit der von Stalin eingeforderten forcierten militärischen Aufrüstung verschärften ökonomischen Probleme – im geltenden Fünfjahrplan waren weder die damit verbundenen Kosten noch der entsprechende materielle Bedarf an Bauten, Rüstungsmaterial, Personal etc. eingestellt – ließen sich nur, wenn überhaupt, lösen durch Einsparungen im Konsum der Bevölkerung, durch Steuererhöhungen und Einsparungen im Sozialversicherungswesen – so die Vorschläge der Sowjetischen Kontrollkommission im April 1952, die die zusätzlichen Kosten auf 1,5 Mrd. DM veranschlagte.[86] Die nach der 2. Parteikonferenz verschärfte Steuerpolitik und die radikale Praxis beim Eintreiben von Steuer- und Ablieferungsschulden, unter denen vor allem Bauern und die Mittelschichten zu leiden hatten, waren nicht nur politisch bewußt eingesetzte Klassenkampfinstrumente, sondern zugleich der verzweifelte Versuch, mit den selbst verursachten ökonomischen Problemen fertigzuwerden.[87] Seit September 1952 deklarierte das Politbüro ein ums andere Mal ein Sparsamkeitsregime.[88] Die seit Juli vorangetriebene Politik (Armeeaufbau, erhöhte Investitionen in der Schwerindustrie, Subventionierung der Kollektivierung der Landwirtschaft, Dienst für Deutschland etc.) verlangte zusätzliche Beträge, die kaum aufzutreiben waren – um so mehr, als zunächst die Arbeiterschaft nicht belastet werden sollte. Aufgebracht werden sollten sie vor allem von den bekämpften Mittelschichten, deren ökonomische Leistungskraft zur selben Zeit mit allen Mitteln gedrosselt wurde. Am 4. Februar 1953 veröffentlichte das »ND« auf der Titelseite einen Beschluß des ZK der SED über den »Feldzug für strenge Sparsamkeit«. Es war die Rede vom »Kampf um die Erhöhung der Normen«, von »nicht berechtigten Leistungen im Sozial- und Versicherungswesen«, von »ungerechtfertigten Steuervergünstigungen für private Unternehmer und Geschäftsleute«. Ein »Kommuniqué des Ministerrats« auf derselben Seite kündigte »Maßnahmen zur grundlegenden Reorganisation auf dem Gebiet des Handels und der Versorgung« an. Mit der »Verordnung zur Änderung der Einkommensbesteuerung« und der »Zweiten Handwerkssteuerverordnung« vom 5. März 1953 wurde zunächst die Einkommens- und Handwerkersteuer erhöht.[89] Die »Verordnung über die Her­ausnahme der freiwilligen Versicherungen aus der Sozialversicherung« vom 19. März 1953 führte dazu, daß Selbständige aus der allgemeinen Kranken- und Sozialversicherung ausgeschlossen wurden und sich nur noch zu erhöhten Prämien in einer neuen Versicherungsanstalt versichern konnten;[90] der »schaffenden Intelligenz« wurden mit der »Verordnung zur Änderung der Aufgaben des Förderungsausschusses für die deutsche Intelligenz« vom selben Tage zum 1. Mai 1953 verbilligte Sonderzuteilungen von Konsumgütern entzogen.[91] Es folgte die »Verordnung der Preise für Branntwein« vom 26. März 1953, die den Schnaps verteuerte[92]; die »Verordnung zur Aufhebung der Rationierung von Textilien und Schuhen« vom 9. April 1953 führte zu einer weiteren Preiserhöhung; mit der »Verordnung über die Neuregelung der Lebensmittelkartenversorgung« vom 9. April 1953 wurden zum 1. Mai d.J. allen Freiberuflern und Selbständigen, den in West-Berlin arbeitenden Grenzgängern, Hausbesitzern mit mehr als 4800 Mark Jahreseinkommen, Großbauern sowie deren Angehörigen die Lebensmittelkarten entzogen.[93] Gleichsam in einem Akt der Verzweiflung wurden mit entsprechenden Verordnungen vom 16. April 1953 auch noch die Preise für Kunsthonig und Marmelade angezogen.[94] Bereits am 17. März 1953 hatte das Politbüro entschieden, bisherige Fahrpreisermäßigungen ab 1. April aufzuheben, u.a. die bisher geltende Ermäßigung von 75 % für Arbeiterrückfahrkarten.[95] Immerhin wurde für Arbeiter-Monats- und Wochenkarten ein Rabatt von 80 % gewährt. Als wie sensibel diese Entscheidung erachtet wurde, zeigt ein Konvolut von 20 Blatt, das einzig und allein Festlegungen zur Popularisierung dieser Entscheidung enthält.[96] Während die Bevölkerung – nun einschließlich der »werktätigen Arbeiter und Bauern« – mit ständigen Preissteigerungen konfrontiert wurde, wußte das »ND« von zunehmenden Forderungen aus den Betrieben nach einer Normerhöhung zu berichten.[97] Die Justiz als Hebel der gesellschaftlichen Umwälzung »Die Regierung soll doch ein Gesetz erlassen und alles zum Volkseigentum erklären.« Mit diesen Worten versuchte 1960 in der Schlußphase der Zwangskollektivierung ein Bauer sich einer ihn bedrängenden Agitationsbrigade zu erwehren.[98] Die dahinterstehende Frage stellt sich gleichermaßen für das Jahr 1952. Warum wurden die Betriebe des gewerblichen Mittelstands nicht durch ein Enteignungs-Gesetz der volkseigenen Wirtschaft zugeschlagen, die Bauern nicht per Verordnung kollektiviert, sondern der vergleichsweise mühevolle und aufwendige Umweg genommen, Zehntausende Strafverfahren einzuleiten? Warum kein offenes Verbot der »Jungen Gemeinde« – gar der Religionsgemeinschaften? Hinweise darauf, daß ein solcher alternativer Weg intern überhaupt diskutiert worden wäre, lassen sich in den Überlieferungen des Parteiarchivs nicht finden. Neben deutschlandpolitischen Rücksichten war es wohl die Sowjetunion, die in dieser Phase das Vorbild für den einzig richtigen Weg beim Aufbau der Grundlagen des Sozialismus lieferte. Zudem: Enteignungen auf Grundlage eines Gesetzes oder die Kollektivierung der Landwirtschaft im Verordnungswege – ohne Gewalt und Terror hätte sich auch dieser Weg nicht durchsetzen lassen. So wurde seit der 2. Parteikonferenz eine Politik nur forciert, die bereits die Praxis der SED bei der Umge­staltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zuvor bestimmt hatte: Den »Gegner« für die innenpolitische Zuspitzung verantwortlich zu machen, ihm die Schuld aufzubürden für die ökonomischen Probleme und ihn unter Zuhilfenahme strafrechtlicher Formen moralisch zu diskreditieren. Die hier verfolgte taktische Devise hatte Ulbricht im Oktober 1948 so formuliert: »Wenn wir auch sagen: der Gegner hat den Klassenkampf verschärft, so haben wir selbstverständlich [...] ihn auch verschärft. In der Öffentlichkeit aber sagen wir, daß der Gegner ihn verschärft hat. Wir kämpfen sozusagen aus der Verteidigung gegen ihn, was etwas leichter ist.«[99] Der Beitrag der Justiz zum Aufbau des Sozialismus findet letztlich seinen Ausdruck in der Entwicklung der Zahl an Straf- und Untersuchungshäftlingen. Sie wuchs parallel von Kampagne zu Kampagne und erreichte im Mai 1953 (ohne Ost-Berlin) mit 61 400 Häftlingen ihren Höhepunkt. Tabelle: Häftlingszahlen (Straf- und U-Häftlinge) Zeitpunkt                    Anzahl 25. 7. 1952                 38092 29. 8. 1952                 44461 (davon 7532 U-Häftlinge) Okt. 1952                   (vorzeitige Entlassung von ca. 1600 Häftlingen)[100] 1. 1. 1953        ca.       48000/(49900 incl. Ost-Berlin) 1. 3. 1953        ca.       55000 1. 5. 1953        ca.       61400 10. 6. 1953                 61378 20. 6. 1953                 56663 [101] Ab Mai 1953 – noch vor Verkündung des Neuen Kurses – erfolgt eine teilweise Drosselung des Tempos, wie die Entwicklung der Häftlingszahlen zwischen dem 1. 5. 1953 und dem 10. 6. des Jahres zeigt. Auch die auf Weisung Moskaus[102] getroffene Entscheidung des Politbüros vom 26. Mai 1953,[103] zwar die bestehenden LPGs weiter zu fördern und zu festigen, jedoch ansonsten auf eine weitere Forcierung der Kollektivierung zu verzichten, deutet bereits diesen Kurswechsel an, bevor die Delegation des Politbüros Anfang Juni in Moskau den Beschluss über »Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der DDR« entgegennahm. Die Hauptlast der Verurteilungen lag bei den Kreisgerichten, die die Mehrzahl der Verfahren nach dem VESchG und den Wirtschaftsstrafgesetzen abzuurteilen hatten. Vor den Ersten, d.h. den politischen Strafsenaten der Bezirksgerichte kamen vor allem Verfahren nach Artikel 6 (Boykotthetze) zur Anklage. Auch hier zeigen die Neueingänge die sich von Quartal zu Quartal steigernde Repression. Tabelle: Neueingänge bei den 1. Strafsenaten der Bezirksgerichte 1952/1953             Verfahren                   Personen I. Quartal 1952           622      922 II. Quartal       821      1344 III. Quartal     997      1489 IV. Quartal     1114    1710 I. Quartal 1953           1527    2196    [104] Verfahren wegen des Vorwurfs von Verbrechen in der Zeit der Nazi-Diktatur waren bereits zur Qualité negligeable geworden. Vergleichsweise gering in diesen Monaten war auch die Zahl verurteilter kirchlicher Mitarbeiter – doch Bittgottesdienste und die Verlesung der Namen Verhafteter von der Kanzel verbreiteten in den Gemeinden das Gefühl der Bedrohung. Flucht als Ausweg Als Begleiterscheinung des »Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus« verschwanden nicht nur zehntausende Bürger in den Zuchthäusern – noch weitaus mehr DDR-Bewohner verschwanden ohne Abmeldung in die Bundesrepublik. Hinzu kamen für das Jahr 1952 ca. 17000, für das Jahr 1953 ca. 10800 legale Abwanderungen. Ein Vorstoß der SED-Führung Ende 1952, offensichtlich mit Unterstützung der sowjetischen Kontrollkommission, das Flüchtlingsproblem durch die Schließung der Berliner Sektorengrenzen zwischen Ost- und West-Berlin zu lösen, wurde am 2. Januar 1953 vom ZK der KPdSU verworfen.[105] Am 9. September 1952 installierte das Politbüro eigens eine Kommission, um »Vorschläge für Maßnahmen gegen Republikflucht und zur Werbung von Fachkräften in Westdeutschland« erarbeiten zu lassen.[106] Die von den DDR- und bundesdeutschen Behörden ermittelten Daten sind zwar nicht in absoluten Größenordnungen deckungsgleich, wohl aber stimmen sie im Trend überein. Dabei kann man davon ausgehen, daß die im bundesdeutschen Notaufnahmeverfahren ermittelten Daten realitätsnäher sind, sowohl was die Höhe betrifft als auch die zeitliche, monatliche Zuordnung.[107] Wie ernst die SED diesen ständigen Aderlaß nahm, zeigen das umfangreiche Berichtswesen zur Republikflucht und die unzähligen Analysen zur Flucht aus einzelnen Wirtschafts- und Verwaltungszweigen – eingeschlossen die Analysen zur Flucht von Mitgliedern der SED. Zugleich weisen die Überlieferungen aus der hier interessierenden Zeit aus, daß die SKK monatlich informiert wurde.[108] Tabelle: Flüchtlinge: Zählung DDR[109] und Bundesrepublik[110] 1952/53 Quartal/Monat            DDR   BRD 1. Quartal ’52 33022  36243 2. Quartal ’52 29083  35983 3. Quartal ’52 40174  56566 4. Quartal ’52 33709  [111]      53601 Insg. 1952:      135988            182393 Juli ’52                        15190 August                        18045 September                  23331 Oktober          11822  19475 November       13463  17156 Dezember                   16970 Jan. ’53           15488  22396 Febr.    29323  31631 März    39223  58605 April    36075  36695 Mai      27858  35484 Juni     37360  40381 Juli      11383  17260 Diese Fluchtbewegung schuf nicht nur Arbeitsmarktprobleme. Selbst SED-Genossen – nach DDR-Zählungen 7370 Mitglieder allein im Jahre 1953 – verließen heimlich das Land.[112] Zutreffend hielt Herrnstadt in seinen Notizen von der Politbürositzung am 6. Juni 1953 fest: »Jeder Flüchtling ein Propagandist gegen die SED.«[113] »Maßlos gequält und gepeinigt«: Resümee »Nee, nee, wenn die een’n fertig machen woll’n, denn machen se’t auf die eene oder andere Tour ... Sein Laden jing soweit nicht schlecht ... Privatwirtschaftlich!... So wat würjen se ab, früher oder später. Wat hab’n se ihn denn bewilligt? Ach Jott, et jing. Zwee Jahre. Wejen Steuerhinterziehung und Jefährdung des friedlichen Aufbaus im Jahr der großen Initiative. Aber sein Sämereigeschäft is hin ... Mit meinem Cousin sein’n Chef war doch ooch so wat. Sogar in de Zeitung stand der Betrieb, obwohl’t ’ne Privatfirma war. Aber denn wollt’n se’n doch wohl erledigen und schickten wejen Steuerrückstände. Stimmte. Er hatte welche. Aber nu kommt det Aber: aus seine Bücher jing hervor, daß det Sekretariat für Straßenwesen oder wie det heeßt, selber is säumig gewesen jejenüber ihn und hat’n mit Tausende sitzengelassen ... Na und nu? Wat ist nu? Ja, wat is nu? … Heute is et ’n volkseigener Betrieb. Und er? Zehn Jahre. Waldheim. Zuchthaus von wejen Sabotage! Denn muß er Otto’n treffen. Der hat fünfundzwanzig.« Nachzulesen ist dieses Gespräch zwischen Fahrgästen eines Busses, der im Sommer 1953 Brandenburgische Dörfer verbindet, in Hans Scholz’s 1955 in erster Auflage erschienenem Roman »Am grünen Strand der Spree«.[114] Besser als jeder wissenschaftliche Text vermitteln diese lakonischen Zeilen etwas von der Atmosphäre nach der 2. Parteikonferenz. Jahre später ist es der aus der DDR geflüchtete Autor Uwe Johnson, der sich an dieser ihn prägenden und quälenden Zeit aus der Perspektive ländlich/kleinstädtischer Abiturienten in immer neuen Anläufen abarbeitet.[115] Mit Zustimmung ihrer Schutzmacht hatte die SED in dieser Phase vor dem 17. Juni 1953 in einem voluntaristischen Gewaltakt das Land in die Katastrophe, zehntausende Bürger aber, soweit sie nicht geflüchtet waren, in die Bereitschaft zur politischen Rebellion getrieben, sobald Partei und Staat mit dem »Neuen Kurs« Schwäche zeigten. Entgegenkommen hatte die SED in dieser Phase nur gegenüber einer Gruppe gezeigt – der der ehemaligen Offiziere der Wehrmacht und »ehemaligen Mitglieder und Anhänger der Nazipartei«. Mit dem Gesetz über deren staatsbürgerlichen Rechte vom 2. Oktober 1952 waren die bis dahin geltenden Einschränkungen aufgehoben und das Gesetz mit erheblichem Aufwand popularisiert worden.[116] Ein Signal in gleicher Richtung war die im Oktober 1952 erfolgte vorzeitige Entlassung von ca. 600 in Waldheim und ca. 1000 von Sowjetischen Militärtribunalen Verurteilten – veranlaßt durch eine entsprechende sowjetische Weisung.[117] Dieses Integrationsangebot wurde verstanden. Im Winter 1953 waren DDR-weit ca. 25 % aller Mitglieder und Kandidaten der SED ehemalige Mitglieder der NSDAP und/oder ihrer Massenorganisationen[118], während von den im Zusammenhang mit dem 17. Juni verhafteten Personen nur ca. 10 % einst NS-Organisationen beigetreten waren.[119] Der verstärkte Aufbau einer Schwerindustrie erzeugte massive wirtschaftliche Disproportionalitäten, die Enteignungs- und Verhaftungsaktionen gegen den noch privatwirtschaftlich aktiven Mittelstand zerstörten ein für die Versorgung der Bevölkerung sowohl im Produktions- wie im Distributionssektor wichtiges Wirtschaftspotential. Mochten auch die stolz aufsummierten Millionenbeträge aus den einzelnen Beschlagnahmeaktionen gegen den Mittelstand, die Staatsbeute wurden, wie wirtschaftlich wertvolle Gewinne aussehen, so blieb es doch unproduktives, totes Kapital, sofern es nicht wirtschaftlich sachgerecht eingesetzt wurde. Dies gilt sowohl für landwirtschaftliche Nutzflächen und Betriebsmittel enteigneter und/oder in die Flucht getriebener Bauern wie auch für enteignete Betriebe in Produktion und Großhandel. Allenthalben fehlte es an Arbeitskräften, die entsprechendes Fachwissen hatten, um die »Beute« wirtschaftlich ertragreich zu nutzen. Angesichts der Sabotageprozesse sowie des Kirchen- und Kulturkampfes, der die bürgerliche administrative, wissenschaftliche und technische Intelligenz verschreckte und zumindest in Gegnerschaft, wenn nicht in die Flucht trieb, wirkt ein seit September 1952 vorbereiteter Beschluß[120] des Politbüros vom 6. Januar 1953 um so absurder, der vorsah, aus der Bundesrepublik dringend benötigte bürgerliche Fachleute abzuwerben.[121] Wirtschaftlich katastrophal war der Verlust an Arbeitskräften insgesamt. Der Anstieg der Häftlingszahlen innerhalb von 10 Monaten von ca. 37 000 auf ca. 64 000, also um 27 000 Personen; der Zuwachs des MfS-Personals von 1951 zu 1952 um ca. 7000 Mann auf ca. 12 000 sowie die personelle Aufstockung der Kasernierten Volkspolizei von ca. 53 000 im Frühjahr 1952 auf ca. 113 000 Mann Mitte 1953, d.h. ein Zuwachs um ca. 60 000 meist junger Facharbeiter[122] – all dies entzog der Wirtschaft dringend benötigte Arbeitskräfte. Zudem fehlte die Arbeitskraft jener, die im Berufsleben gestanden hatten und in die Flucht getrieben worden waren. Allein 1953 flohen nach DDR-Zählungen[123], deren Werte weit unter den Angaben der im bundesdeutschen Notaufnahmeverfahren erfaßten Flüchtlinge liegen: -           51069 Arbeiter aller Kategorien, -           12221 Bauern aller Kategorien, -           32326 Angestellte, -           3746    Handwerker und -           5179    Angehörige der Intelligenz -           104541            Personen insgesamt. Allein dieser vielfältig vermittelte, letztlich jedoch auf die Politik der SED zurückzuführende Arbeitskräfteentzug mußte sich verheerend auf die wirtschaftliche Situation auswirken. Die Politik des Politbüros, das zeigen unzählige Details, war von einem geradezu abenteuerlichen Voluntarismus geprägt, sei es z.B. der Versuch, die erheblichen Kosten für die Förderung der LPGs, die zu kürzen vorgeschlagen wurden, dadurch einzutreiben, daß stattdessen angewiesen wurde, »Die Eintreibung von Steuerrückständen der privaten Wirtschaft ist um 200 Mio. DM zu erhöhen«[124], sei es, Preiserhöhungen dadurch zu verschleiern, daß dekretiert wurde, die Produktion einfacherer Biersorten einzuschränken, um über den vermehrten Verkauf von Spezialbieren zu größeren Steuereinnahmen zu gelangen. Mit dem Versuch, im Wege puren dirigistischen Administrierens ökonomische Probleme zu lösen, setzte sich die Parteiführung souverän über alle Gesetze der Ökonomie hinweg. Der von der Parteiführung verordnete gleichzeitige Umbau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft führte zu einer riesigen »administrativen Störung«, an der gemessen alle Anstrengungen der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit«, mit gefälschten Briefen und Lebensmittelkarten »administrative Störungen« in der DDR zu erzeugen, dilettantisch waren.[125] Wie sehr das blinde Maß an politischer Repression das Faß zum Überlaufen gebracht hatte, zeigen bereits vor dem 17. Juni Demonstrationen vor Haftanstalten. Die zum Teil erfolgreichen Versuche am 17. Juni selbst, Gerichtsgebäude, Gefängnisse und MfS-Dienststellen zu stürmen, weisen aus, daß es bei der Rebellion am 17. Juni um weitaus mehr ging als nur um eine Rücknahme von Preis- und Normerhöhungen. [1] Für Hinweise und Anregungen danke ich Jutta Braun. [2] In: Zur Lage der Nation, Berlin 1990, S. 14. [3] Vgl. Heitzer, Heinz: Entscheidungen im Vorfeld der 2. Parteikonferenz der SED. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 34 (1992) 4, S. 18–32; Staritz, Dietrich: Die SED, Stalin und der »Aufbau des Sozialismus« in der DDR. In: Deutschland Archiv 24 (1991) 7, S. 686–700; Scherstjanoi, Elke: Die DDR im Frühjahr 1952. Sozialismuslosung und Kollektivierungsbeschluß in sowjetischer Perspektive. In: Deutschland Archiv 27 (1994) 4, S. 354–363 – siehe insb. das Resümee. [4] Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha/Mitter, Armin: Klassen und Schichten an der Schwelle zum Sozi­alismus. In: dies. u. Wolle, Stefan (Hg.): Der Tag X – 17. Juni 1953, Berlin 1995, S. 31–74, hier S. 34f. [5] Zitiert nach Wolkow, Wladimir K.: Die deutsche Frage aus Stalins Sicht (1947–1952). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 48 (2000) 1, S. 20–49, hier S. 46; vgl. die englische Übersetzung der Gesprächsprotokolle in Ostermann, Christian F.: Uprising in East Germany 1953, Budapest/New York 2001, Document Nr. 1 (S. 22ff.). [6] Als Ausnahme ist die Bildung volkseigener Güter zu nennen, die sehr viel früher eingeleitet wurde und die Zerschlagung traditioneller bäuerlicher Genossenschaften (Raiffeisenwesen). Vgl. Schöne, Jens: Das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen der SBZ/DDR 1945–1950/51. In: Kluge, Ulrich/Halder, Winfrid/Schlenker, Katja (Hg.): Zwischen Bodenreform und Kollektivierung, Stuttgart 2001, S. 157–176. [7] Zitiert nach Wolkow: Die deutsche Frage, S. 46. [8] Nachweis bei Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR, Frankfurt/M. 1996, 2. erweiterte Aufl., S. 104. [9] GBl. Nr. 72, S. 781f. [10] Zitiert nach »Dokumente der SED«, Bd. IV, Berlin (Ost) 1954, S. 70ff. [11] Wortlaut des Briefes des Politbüros an Stalin vom 2. Juli in: Staritz: Die SED, S. 698–699. [12] Vgl. Badstübner, Rolf/Loth, Wilfried (Hg.): Wilhelm Pieck – Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945–1953, Berlin 1994, S. 395. [13] Zitiert nach Wolkow: Die deutsche Frage, S. 46. [14] Braun, Jutta: Justizkorrektur in der Gründungs- und Frühphase der DDR. Die ZKK als Sonderbehörde im Auftrag der Parteiführung. In: Engelmann, Roger/Vollnhals, Clemens (Hg.): Justiz im Dienste der Parteiherrschaft, Berlin 1999, S. 115–132; zur Rolle der ZKK in Thüringen vgl. Weber, Petra: Justiz und Diktatur – Justizverwaltung und politische Strafjustiz in Thüringen 1945–1961, München 2000, Kapitel IV. [15] Vgl. Weber, Petra: Justiz, S. 253ff. [16] Verschiedene Fassungen vom »Bericht der ZKSK über die Verhältnisse in der Justiz der DDR« und Brief an Ulbricht vom 27. 06. 1952. In: BArch DC 1/2589. [17] Zum Stellenwert dieser Merkblätter vgl. Scherstjanoi, Elke: Das SKK-Statut: Zur Geschichte der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland 1949 bis 1953, München 1998, S. 68f. [18] Detailliert nachgezeichnet von Wentker, Hermann: Justiz in der SBZ/DDR 1945–1953, München 2001, hier Kap. IX: Vom Justizbeschluß der SED zum Neuen Kurs (1951–1953), S. 527ff. [19] Dok. in Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hg.): Unrecht als System, Bonn 1952, S. 78f. [20] BArch DP1-258, Bl. 221, Prozente eigene Berechnung. [21] Vgl. Gesamtbericht über die Überprüfung der StA (o.J., 1952). In: BArch SAPMO DY 30  IV 2/13/419; hier heißt es S. 1: »Im Land Brandenburg setzten sich in den letzten 10 Monaten 5 Staatsanwälte nach dem Westen ab und weitere 12 Staatsanwälte mußten wegen Untragbarkeit ausscheiden.« [22] Vgl. als frühes Dokument MfS, der Minister, 15. 5. 1952, Dienstanweisung Nr. 1/52, Betr: Befehl Nr. 74/52 vom 15. 5. 1952. In: Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewalt in Sachsen-Anhalt/Friedrich-Ebert-Stiftung/Konrad-Adenauer-Stiftung (Hg.): Die Steuerung der Justiz im SED-Staat, Magdeburg 1994; insgesamt zum Verhältnis Staatsanwaltschaft – MfS vgl. Vollnhals, Clemens: Nomenklatur und Kaderpolitik. Staatssicherheit und die Sicherung der DDR-Justiz. In: Deutschland Archiv 31 (1998) 2, S. 221–238. [23] Gesetz über die Staatsanwaltschaft der DDR vom 23. Mai 1952, GBl. Nr. 66, S. 408–410. [24] GBl. Nr. 66, S. 411–418. [25] § 24 besagte: »(1) Zur Sicherung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung und zum Schutze der Bürger ist unter den Voraussetzungen des § 4 Abs. 1 das allgemeine Strafrecht anzuwenden, wenn der Jugendliche des vollendeten oder versuchten Verbrechens des Mordes, der Vergewaltigung, der Sabotage oder eines Verbrechens, das gegen den Artikel 6 der Verfassung der DDR oder gegen das Gesetz zum Schutz des Friedens vom 15. Dezember 1950 gerichtet ist, oder der wiederholten Begehung schwerer Verbrechen schuldig ist. Auf Todesstrafe darf gegenüber Jugendlichen nicht erkannt werden.« Flankierend regelte § 33: »Für Personen, die zur Zeit der Tat jugendlich waren, zur Zeit der Erhebung der Anklage aber nicht mehr jugendlich sind, kann der Staatsanwalt die Zuständigkeit des Erwachsenengerichts dadurch begründen, daß er bei ihm Anklage erhebt.« [26] Politbürobeschluß vom 29. 7. 1952 und Anlage Nr. 3 zum Protokoll Nr. 123. In: BArch SAPMO DY 30  IV/2/2/223; die Anlage in: BArch SAPMO DY 30  NL 90/316. [27] Mit Beschluß des Politbüros vom 6. 5. 1952. In: BArch SAPMO DY 30  J IV/2/2/210. [28] Beschluß des Sekretariats vom 5. 5. 1952. In: BArch SAPMO DY 30  IV/2/3/287. [29] Siehe Diedrich, Torsten/ Wenzke, Rüdiger: Die getarnte Armee, Berlin 2001, S. 307f. Demnach kostete der Dienst für Deutschland 1952 69 Mio. DM, bis zur Auflösung 1953 nochmals 7,4 Mio. Die GST verschlang 1952 41,6 Mio., 1953 45,5 Mio. DM. [30] Nachweise bei Malycha, Andreas: Die SED – Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1963, Paderborn, München 2000, und Heitzer: Entscheidungen, S. 21f. [31] Siehe Neues Deutschland (ND), 17. 1. 53, S. 2 »Sekretariat der CDU zur Festnahme Dertingers«; ND, 22. 1. 53 »Demokratischer Block zum Fall Dertinger«; ND, 23. 1. 53 »CDU zieht Lehren aus Fall Dertinger«. [32] Protokoll der Verhandlungen der II. Parteikonferenz der SED, Berlin (Ost) 1952, S. 492. [33] Anlage 4. In: BArch SAPMO DY 30  J IV/2/2/220. [34] Lorenz, Thomas: Das Disziplinarrecht für Berufsrichter in der DDR von 1949 bis 1963. In: Rottleuthner, Hubert (Hg.): Steuerung der Justiz in der DDR, Köln 1994, S. 381. [35] Vgl. die Aufstellung der Direktoren der Bezirksgerichte. In: BArch DP1-S-0379, 1. Bestand, Bl. 161f. [36] Top 6 und Anl. 4. In: BArch SAPMO DY 30  IV 2/2/224. [37] GBl. Nr. 141, S. 983ff. [38] GBl. Nr. 142, S. 995ff. [39] Bezirksbehörde der VP Rostock, Einsatzleitung »Rose«, Abschlußbericht, 13. 3. 53. In: Vorpommersches Landesarchiv Greifswald, Rep. 201/1, Nr. 105. [40] GBl. Nr. 140, S. 982. [41] Ausführlich Werkentin, Falco: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht, Berlin 1997, 2. Aufl., S. 64ff. [42] GStA, Bemerkungen zum VESchG, 12. 5. 53. In: SAPMO BArch DY 30 IV 2/13/409. [43] Rundverfügung Nr. 13 vom 29. April 1950. [44] Abt. Staatliche Organe: Analyse vom 13. April 1953 über die Anwendung des Gesetzes zum Schutze des Volkseigentums. In: LHA Merseburg, SED BL Halle IV/2/3/607, Bl. 2–4. [45] GStA, Bemerkungen zum VESchG, 12. 5. 53. In: SAPMO BArch DY 30 IV 2/13/409. [46] Ebenda. [47] Bell, Wolfgang: Enteignungen in der Landwirtschaft der DDR nach 1949 und deren politische Hintergründe, Münster-Hiltrup 1992, Schriftenreihe des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Reihe A, H. 413, S. 16. [48] Protokoll der 1. Parteikonferenz der SED, Berlin (Ost) 1950, S. 212. [49] GBl. S. 619. [50] Bell, Enteignungen, S. 25. [51] Schier, Barbara: Die Ablieferungsgemeinschaft der Merxlebener Neubauern als Klassenkampfinstrument? In: Kluge/Halder/Schlenker (Hg.): Bodenreform, S. 213–228. [52] Siehe z.B. Anl. 10 (Plan zur Durchführung preispolitischer Maßnahmen) zum Politbüroprotokoll vom 9. 12. 1952 (SAPMO BArch DY 30 IV 2/2/252), in dem explizit das Einholen von zustimmenden Leserbriefen dekretiert wird; auf Ebene der Bezirksleitungen siehe Plan zur Durchführung preispolitischer Maßnahmen: »Es sind Zustimmungserklärungen einzuholen, Stimmen aus der Bevölkerung zu veröffentlichen.« In: Hinweise zur operativen Durchführung der Maßnahmen gegen den Handel, Potsdam 20. 1. 1953. In: LHA Brandenburg Rep. 530, Nr. 1223. [53] Fritz Lange an Leiter der Bezirksinspektion Frankfurt/Oder, 26. 9. 1952. In: BArch DC 1/6268. [54] GBl. Nr. 99, S. 983; vgl. auch Bell: Enteignungen, S. 64f. [55] Siehe Mitter, Armin: »Am 17. Juni haben die Arbeiter gestreikt, jetzt aber streiken die Bauern«. In: Kowalczuk/Mitter/Wolle: Tag X, S. 75–169, Titelseite ND 2. 11. 1952; zu diesen Auseinandersetzungen im Kreis Seelow auch Wentker: Justiz, S. 482. [56] Zusammengestellt aus diversen Angaben. In: BArch DO 1/11/961 und /962. [57] Bericht über die Tätigkeit der Justizorgane im Kampf gegen feindliche Tätigkeit, 8. 4. 53. In: SAPMO BArch DY 30 IV 2/13/409. [58] TOP 7, Anl. 5 und 6. In: SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2/265. [59] Ebenda, Beschluß zu TOP 9. [60] Siehe Protokoll Sekretariatssitzung BL Halle, 19. 3. 1953, Bericht über Stand der Erfassung und Einholung der Rückstände; und Abt. Staatliche Organe: Stellungnahme vom 16. 3. 1953 zum Bericht Kampfrad. In: LHA Merseburg, SED BL Halle IV/2/3/34. [61] Siehe den einschlägigen Aktenbestand in BArch DC 1/734. [62] Rede Ulbrichts auf der 11. ZK-Tagung am 7. 2. 1953. In: SAPMO BArch DY 30  IV 2/2.01/1. [63] Braun: ZKK, S. 124. [64] Vgl. ND, 18. 12. 1952: »Minister Dr. Hamann abberufen«; B-Ausg., 5. 1. 1953: »Dr. Hamann – bewußter Volksschädling«, und ND, 10. 1. 53 »Die Lehren aus dem Fall Hamann«. Im Mai 1954 verkündete das Oberste Gericht der DDR gegen Hamann eine lebenslange Haftstrafe, die wenige Wochen später, am 17. 6. 1954, in einem neuen Prozeß des Obersten Gerichts auf 15 Jahre reduziert wurde. Er sowie der ehemalige Staatssekretär im Handelsministerium, Paul Baender (SED), wurden 1956 vorzeitig entlassen. Siehe Beckert, Rudi: Die erste und letzte Instanz, Goldbach 1995, S. 114–144. [65] Siehe Grotewohl: »Über einige Fragen der Ernährung«. In: Tägl. Rundschau, 9. 12. 1952, S. 1f. [66] Siehe Tägl. Rundschau, 9. 11. 52, S. 2: »Saboteure unserer demokratischen Entwicklung trifft die volle Schärfe des Gesetzes«; ND, 17. 3. 53, S. 5: »Sabotage von Großbauern schonungslos aufdecken«. [67] Siehe ND, 29. 3. 1953, S. 3: »Prozeß gegen verbrecherische Großhändler in Rostock eröffnet«. [68] Siehe ND, 3. 1. 1952, S. 2: »Saboteure in der HO Thüringen abgeurteilt«; ND-Berlin-Ausg. 9. 1. 1953 – ein Bericht über ein Strafverfahren des Berliner Stadtgerichts gegen 24 Wirtschaftsverbrecher; und ND, 15. 3. 53: »Saboteure im staatlichen Einzelhandel erhielten gerechte Strafe«. [69] Siehe Tägl. Rundschau, 6. 6. 1952: »Gerichtliche Untersuchung des Zwickauer Grubenunglücks angeordnet«. [70] Bericht über den Zwickauer Prozess vom 3. bis 5. 7. 1952 und 8. 7. 52. In: SAPMO BArch DY 30  IV 2/13/408. Siehe auch Beckert: Instanz, S. 97–100. [71] MdI, HVdVP: Befehl 149/52, betr. Bekämpfung von Wirtschaftsverbrechen im privaten Großhandel, in privaten Fuhrunternehmen und in privaten Getreide- und Ölmühlen ..., 2. 12. 1952. In: BMI, Außenstelle Berlin, Referat Z3. [72] Vgl. Tägl. Rundschau, 23. 11. 1952, S. 1. [73] Top 11 u. Anl. 18, SAPMO BArch DY 30 IV 2/2/250. [74] Anl. 4 zum Protokoll, SED, ZK, 21. 1. 1953, Die Aufgaben des Handels ... In: SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2/258. [75] Siehe HA K, Bln, 2. 12. 52: Bekämpfung von Verbrechern im privaten Großhandel, in privaten Fuhrunternehmen und in privaten Getreide- und Ölmühlen; und VP-Schule für Kriminalistik Arnsdorf, 31. 1. 53, Bericht über den Einsatz nach Befehl 149/52. In: BArch DO 1/11/0/757. [76] Vgl. MfS, KD Naumburg, 8.12.1952, betr.: Bericht über den Befehl 149/52 der VP. In: LA Merseburg, SED-BL Halle IV/2/3/607. [77] Siehe MfS, KD Merseburg, 5. 12. 1952, betr.: Unterredung mit dem K-Leiter Maul. In: LA Merseburg, SED-BL Halle IV/2/3/607. [78] Aus BArch DO 1/11/0/757, Bl. 180. Die Tabelle ist undatiert. Da sie aber Daten aus einer Berliner Abschlußmeldung vom Juli 1953 enthält (Bl. 214–217), ist davon auszugehen, daß es sich um die Abschlußmeldung für alle Bezirke handelt. [79] Ebenda, Bl. 181. [80] Abschlußbericht Präsidium VP Berlin, 7. 7. 1953. In: BArch DO 1/11/0/757. [81] Siehe Werkentin: Ära Ulbricht, S. 59–68; Müller, Klaus: Die Lenkung der Strafjustiz durch die SED-Staats- und Parteiführung am Beispiel der Aktion »Rose«, Frankfurt/M. 1995. [82] Siehe Darstellung bei Weber, Petra: Justiz, S. 196–201. [83] Vgl. Bezirksbehörde VP Rostock, Einsatzleitung »Rose«, Abschlußbericht, 13. 3. 53. In: Vorpommersches Landesarchiv Greifswald, Rep. 201/1, Nr. 105. [84] Vgl. GStA, 2.5.53, Abschlußbericht, gez. Streit. In: SAPMO BArch DY 30  IV 2/13/409. [85] Ebenda, S. 16f. [86] Siehe Diedrich/Wenzke: Armee, S. 274. [87] Zu den ökonomischen Problemen siehe Foitzik, Jan: Berichte des Hohen Kommissars der UdSSR in Deutschland aus den Jahren 1953/1954. – Einleitung. In: Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« (12. Wahlperiode), hrsg. vom Deutschen Bundestag, Band II/2, S. 1350ff. [88] Siehe die Politbürositzungen vom 2. 9. 52; 14. 11. 52; 13. 1. 53; 17. 2. 53; 14. 4. 53. [89] GBl. Nr. 32, S. 392ff. [90] GBl. Nr. 39, S. 463ff. [91] GBl. Nr. 38, S. 455ff. [92] GBl. Nr. 40, S. 475f. [93] GBl. Nr. 48, S. 543. [94] GBl. Nr. 51, S. 569f. [95] TOP 14. In: SAPMO BArch DY 30  J IV 2/2/270. [96] Ebenda. [97] Siehe ND, 13. 3. 53 »Jetzt mit der Erhöhung der Arbeitsnormen beginnen«; ND, 19. 3. 53 »Arbeitsnormen richtig festlegen«, ND, 22. 3. 53 »Unsere Partei kämpft um technisch begründete Arbeitsnormen«, ND, 22. 3. 53 »Wir erhöhen unsere Normen freiwillig um 10 %«, ND, 26. 3. 53 »Weg mit den ungesunden Normen«. [98] HV Volkspolizei, Operativstab, Information Nr. 1/60, 18. 3. 60. In: SAPMO BArch DY 30 IV 2/13/367. [99] Zitiert nach Staritz: Die SED, S. 691. [100] Kommission zur Überprüfung der in Waldheim verurteilten Nazi- und Kriegsverbrecher, Abschlußbericht, 11. 9. 1952. In: SAPMO BArch DY 30  IV 2/13/432. [101] Zusammengestellt aus: MdI HA SV – Statistik, 26. 8. 1953, Bericht über Entwicklung des Gefangenenstandes. In: BArch DO 1/11/0/1578, Bl. 49–50; MdI, HA SV: Gefangenenstand 10. 6. 53. In: Ebenda, Bl. 82; MdI, HA SV: Gefangenenstand 20. 06. 53. In: Ebenda, Bl. 79. In diesen Berichten sind keine Zahlen aus Ost-Berlin enthalten! Für Ost-Berlin siehe UH. u. VA. Berlin I: Vollzugsstelle, 8. 01. 54, betr.: Jahresanalyse 1953. In: Ebenda, Bl. 36 – demnach Anfang 1953: 1.884 Häftlinge insg. [102] Scherstjanoi, Elke: »In 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben.« Vladimir Semenov und der 17. Juni 1953. In: Deutschland Archiv 31 (1998) 6, S. 907–937. [103] Anl. 8: Ulbricht-Schreiben, 21. 5. 1953, an die Bezirks- und Kreisleitungen: »Das ZK der SED lenkt die Aufmerksamkeit der Sekretäre .... darauf, daß die Hauptaufgabe in der angegebenen Etappe nicht darin besteht, die Zahl der Produktionsgenossenschaften zu erhöhen, sondern darin, die erreichten Erfolge in den bestehenden Genossenschaften zu festigen ...«. In: SAPMO BArch DY 30 J IV 2/2/282. [104] MdJ, HA II an SKK: Analyse der Rechtsprechung der 1. Strafsenate der BG – 31. 3. 1953. In: BArch DP 1/VA/256. [105] Vgl. Document Nr. 2 in Ostermann: Uprising, S. 43. [106] Top 7. In: SAPMO BArch DY 30 J IV/2/2/230. Vgl. z.B. Abt. Staatl. Verwaltung, Vorschläge für Maßnahmen gegen die Republikflucht ..., 25. 9. 1952, und: Richtlinien über Maßnahmen gegen die Republikflucht ..., 22. 12. 1952. In: SAPMO BArch DY 30 IV 2/13/393. [107] So wird im internen Berichtswesen u.a. das Problem der monatlichen Nachmeldungen diskutiert, da die Volkspolizei, die die Daten sammelte, häufig erst relativ spät von Fluchten erfuhr. Für die bundesdeutschen Daten gilt, daß nicht jeder DDR-Bewohner, der flüchtete, sich dem Notaufnahmeverfahren unterzog. [108] Erkennbar am Verteiler, an Anschreiben und an Tabellen, die zum Teil russische Beschriftungen haben. [109] Zusammengestellt aus diversen Angaben in BArch DO 1/11/961 und /962. [110] Es handelt sich um Anträge im Notaufnahmeverfahren; vgl. Heidemeyer, Helge: Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/1949–1961, Düsseldorf 1994, S. 338. [111] Ermittelt aus Angabe für Gesamtjahr 1952 abzüglich der Angaben für das 1.–3. Quartal 1952. [112] BArch DO 1/11/962. [113] Zitiert nach Scherstjanoi, Elke: »Wollen wir den Sozialismus?« – Dokumente aus der Sitzung des ZK der SED am 6. 6. 1953. In: BzG, 33 (1991), S. 671. [114] 1. Auflage Hamburg 1955, S. 240f. [115] Die von der Erzähltechnik unkomplizierteste Schilderung ist der erst nach seinem Tod verlegte Roman »Ingrid Babendererde, Reifeprüfung 1953«. [116] Gesetz über die staatsbürgerlichen Rechte der ehemaligen Offiziere der faschistischen Wehrmacht und der ehemaligen Mitglieder und Anhänger der Nazipartei vom 2. 10. 1952, GBl. Nr. 140, S. 981f.; siehe den Sekretariats-Beschluß vom 25. 9. 1952: Plan zur Aufklärung der Bevölkerung zum Gesetz über die Aufhebung der Beschränkungen für ehemalige Mitglieder der NSDAP. In: SAPMO BArch DY 30 IV/2/3/327. [117] Siehe Werkentin: Ära Ulbricht, S. 337ff. [118] Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: »Wir werden siegen, weil uns der große Stalin führt!« – Die SED zwischen Zwangsvereinigung und IV. Parteitag. In: Tag X, hier S. 237ff. [119] Siehe Werkentin: Ära Ulbricht, S. 147. [120] Vorschläge zum Bericht Republikflucht, Politbürositzung, 9. 9. 1953. In: SAPMO BArch DY 30  IV/2/2/230. [121] Maßnahmen gegen Republikflucht und zur Werbung von Fachkräften. In: SAPMO BArch DY 30 J IV/2/2/256. [122] Angaben aus Diedrich/Wenzke: Armee, S. 306. [123] BArch DO 1/11/962, Bl. 154. [124] Siehe Beschlüsse zu Top 2 (Staatshaushalt), Politbürositzung, 20. 1. 1953. In: SAPMO BArch DY 30 J IV/2/2/258. [125] Siehe Finn, Gerhard: Nichtstun ist Mord – Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit. Berlin, Bonn, Münstereifel 2000, S. 34ff.

JHK 2002

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2002

Barth, Bernd-Rainer, Sprachwissenschaftler, Berlin. Bayerlein, Bernhard H., Dr., Forschungsleiter, Lehrbeauftragter, Abteilung für iberische und lateinamerikanische Geschichte, Universität Köln, Ständiger Berater, Internationales Komitee für die Computarsierung des Komintern­archivs (IAR/Europarat). Besymenski, Lew, Journalist, Redakteur »Neue Zeit«, Moskau. Braun, Günter, Dr., wiss. Mitarbeiter am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Broué, Pierre, Prof. Dr. em., Institut für politische Studien, Universität Grenoble. Chaqueri, Cosroe, Prof. Dr., Hochschule für Sozialwissenschaften Paris. Dähn, Horst, Prof. Dr., Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart. Foitzik, Jan, Dr., wiss. Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München – Außenstelle Berlin. Galaktionov, Juri V., Dr., Leiter des Lehrstuhls für neuere und neueste Geschichte fremder Länder an der Staatsuniversität Kemerovo Gupta, Sobhanlal Datta, Dr., Forschungsprofessor und Lehrbeauftragter, Univer­sität Calcutta, Abteilung für Politikwissenschaft. Herbst, Andreas, Historiker, Berlin. Hodos, George Hermann, Prof. Dr., im Rajk-Prozeß verurteilt, ab 1956 in der Emigration in Österreich und in den USA; lebt in Sherman Oaks, CA. Ito, Narihiko, Prof. Dr. an der Universität Tokio. Kuljic, Todor, Prof. Dr. für politische und historische Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Jahn, Egbert, Prof. Dr., Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Jahn, Jürgen, Diplomgermanist, Berlin. Jakowlew, Alexander N., Prof. Dr., Historiker, Moskau. Lešnik, Avgust, Prof. Dr., Abteilung für Soziologie der Philosophischen Fakultät, Universität Ljubljana Lorenz, Richard, Prof. Dr., Professor für Osteuropäische Geschichte an der Gesamthochschule/Universität Kassel. Mählert, Ulrich, Dr., wiss. Referent an der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin. McCauley, Martin, Prof. Dr. für Sowjetische und Osteuropäische Studien an der Universität London. McMeekin, Sean, Ph. D., Berkeley, University of California, Berkeley Fellowship for Graduate Study. Mencl, Vojtĕch, Prof. Dr., Historiker, Prag. Müller, Werner, Prof. Dr., Professor an der Universität Rostock. Naimark, Norman M., Prof. Dr., Direktor des Zentrums für Russische und Osteuropäische Studien an der Stanford University. Richter, Heinz A., Prof. Dr., Historiker, Mannheim. Ruge, Wolfgang, Prof. Dr. Dr., früher Mitarbeiter (ab 1958 Forschungs­gruppenleiter) im Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, Berlin. Schlott, Wolfgang, Dr. habil., Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen. Slutsch, Sergej, Dr., Historiker, Moskau. Stergiou, Andreas, Dr., ehemaliger Doktorand an der Universität Mannheim, Volos (Griechenland). Studer, Brigitte, Prof. Dr., Professorin für Schweizer Geschichte in Verbindung mit neuester Allgemeiner Geschichte an der Universität Bern. Tischler, Carola, Dr., Historikerin an der Humboldt-Universität Berlin. Tosstorff, Reiner, Dr., Politologe, Mainz. Tutockin, Juri, Archivar am Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Forschungen Moskau. Voerman, Gerrit, Dr., Dokumentationszentrum für die politischen Parteien in den Niederlanden, Groningen. v. Waldenfels, Ernst, Journalist, Berlin. Weber, Hermann, Prof. Dr., em. Ordinarius für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim, Mitglied des Stiftungsrates »Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«. Werkentin, Falco, Dr., Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen Berlin. Wolikow, Serge, Prof. Dr., Professor für neuere Geschichte an der Universität Bourgogne, Dijon, Leiter des Dokumentations- und Forschungszentrums Geschichte der Arbeiterinternationalen (CNRS).

JHK 2002

Heinrich Wiatrek – Kommunist oder »Überläufer«?

Andreas Herbst

[1] »Auch Heinrich Wiatrek, Kandidat des ZK der KPD, verübte Parteiverrat. Nachdem er im Mai 1941 in Kopenhagen verhaftet und dann nach Hamburg überführt worden war, machte er vor der Gestapo umfangreiche Aussagen. Die Nazis erhielten dadurch Einblicke in die illegale Tätigkeit der KPD und konnten weitere antifaschistische Widerstandskämpfer verhaften.«[2] Dieser dürftige Satz aus dem fünften Band der unter Leitung von Walter Ulbricht erarbeiteten, 1966 erschienenen »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« war auch schon beinahe alles, was man über Heinrich Wiatrek in der DDR erfahren konnte.[3] Die Frage nach dem Wie und Warum dieses »Verrats« hatte in den gängigen Darstellungen über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD keinen Platz.[4] Den ermordeten und überlebenden Widerstandskämpfern wurde nicht zu unrecht gedacht, allerdings gab es bei der Auswahl und Ehrung von Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus merkwürdige Irritationen.[5] Das 1972 in Kopenhagen von Carl Madsen herausgegebene Buch »Flüchtling 33«, welches auch ausführlich auf Wiatreks Wirken in Dänemark eingeht, wurde nicht ins Deutsche übersetzt.[6] Im Personenregister jenes Bandes, der weit bis in die siebziger Jahre als Standardwerk der SED zur Geschichte der deutschen Arbei­terbewegung für den Zeitraum 1933 bis 1945 galt, wurde bei Wiatrek nur sein Geburtsdatum angegeben. Ein Sterbedatum konnte auch der Mannheimer KPD-Forscher Hermann Weber nicht ermitteln, der 1969 in seinem zweiten Band über die Wandlung des deutschen Kommunismus erstmals biographische Angaben über Wiatrek veröffentlichte.[7] Nicht anders war es Jahre später im Handbuch der deutschsprachigen Emigration.[8] Wer war aber nun dieser Heinrich Wiatrek, der auch heute noch in der wissenschaftlichen Literatur, die sich der Geschichte des deutschen Kommunismus, der Kommunistischen Internationale und des antifaschistischen Widerstandes widmet, auftaucht?[9] Bis heute ist sein Schicksal ungeklärt. Wurde er tatsächlich von den Nazis hingerichtet, starb er während der Haft, oder überlebte er sogar? Grundlage für diese biographische Skizze sind in erster Linie die überlieferten Gestapo- und Justizakten aus der NS-Zeit im Bundesarchiv, umfangreiche Dokumente in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv und in anderen Archiven[10] sowie Gespräche mit Angehörigen.[11] Als fünftes von zehn Kindern wurde Heinrich Wiatrek als Sohn des Eisenbahnbeamten Karl Wiatrek und seiner Frau Johanna Wiatrek geborene Dombrowski am 1. Juli 1897 in Gleiwitz geboren. Sein Vater wie seine Mutter waren Landarbeiter auf einem Rittergut gewesen. Wegen einer Dienstbeschädigung, die er während der Militärzeit erlitten hatte, erhielt der Vater einen Anstellungsschein, wurde Eisenbahnbeamter und siedelte nach Gleiwitz über. Nach der Volksschule, die Heinrich Wiatrek mit guten Ergebnissen abschloß (besonders hatten es ihm die Fächer Geschichte, Geographie, Geometrie und Turnen angetan), begann er als ungelernter Arbeiter seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bis er sich im Sommer 1913 freiwillig zur Kaiserlichen Marine meldete. Er wurde am 15. Oktober 1913 eingezogen und in die Schiffsjugenddivision in Mürwik bei Flensburg eingereiht. Er selbst sprach später während seiner Vernehmungen bei der Gestapo von einem harten Dienst, der ihm aber gefiel. Bei Ausbruch des Krieges wurden alle Schiffsjungen zu Matrosen ernannt. Auf dem Linienschiff »Rheinland«, auf dem er seit Sommer 1915 war, nahm er an der Seeschlacht vor dem Skagerrak teil. Anschließend meldete er sich freiwillig zur U-Bootwaffe und war zuletzt Bootsmannsmaat mit 13 »Feindfahrten«. Im Dezember 1918 wurde er aus der Marine entlassen und erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse. Karl Mewis[12], der 1939/40 Leiter der Abschnittsleitung Mitte in Malmö bzw. Stockholm war, berichtete in seinen Memoiren, mit welcher Begeisterung Wiatrek noch 1932/33 – im Fünf-Mann-Zimmer auf der Leninschule in Moskau – über jene Jahre als U-Bootfahrer Begeisterung erzählte.[13] Nach dem Krieg arbeitete Wiatrek im Eisenbahnausbesserungswerk Gleiwitz; vergeblich bemühte er sich, als Praktikant im Kohlenbergbau eingestellt bzw. als Schüler einer Maschinenbauschule zugelassen zu werden. Auch seinen Wunsch, das Schlosserhandwerk zu erlernen, konnte er wegen des fortgeschrittenen Alters nicht mehr realisieren. So schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter oder Vertreter durch, bis er 1927 endgültig arbeitslos wurde. Wegen eines Herzleidens, das er sich als Soldat zugezogen hatte, wurde ihm 1927 eine 80prozentige Rente von etwa 90 RM monatlich bewilligt. Politisch betätigte sich Wiatrek zunächst nicht, sieht man von seinem Engagement in einem von ihm 1919 mitbegründeten bürgerlichen Sportverein in Gleiwitz ab. Wiatrek nahm als Mitglied dieses Sportvereins an den Abstimmungskämpfen im Rahmen des »Selbstschutzes Oberschlesien« und als Mitglied des »Verbandes heimattreuer Oberschlesier« teil und wurde zweimal von der polnischen Polizei festgenommen. Er war Träger des Orden »Schlesischer Adler« II. Klasse. 1922 trat er in die KPD ein und wurde bald Schriftführer bzw. im Dezember 1924 Leiter der Ortsgruppe Zernik in der Nähe von Gleiwitz. Nach der Eingemeindung seines Heimatortes Zernik in die Stadt Gleiwitz im Jahre 1927 wurde der 30jährige Stadtverordneter und Mitglied des Stadtrats. Die Bezirksleitung zog den politisch wachen Wiatrek des öfteren zu ihren Sitzungen heran. Am 13. 8. 1926 wurde Wiatrek erstmals in Gleiwitz von der Polizei verhört, als man KPD-Druckschriften  bei ihm gefunden hatte. Diese hätte ihm, so sagte er aus, der Parteiangestellte Wyschka[14] übergeben, er selbst übe keine Funktion mehr aus.[15] Nachdem er eigenmächtig den Stadtratsposten niederlegte, wurde er aus der Bezirksleitung ausgeschlossen. Ein halbes Jahr später war Wiatrek Kassierer des Roten Frontkämpfer Bundes Gau Oberschlesien, dem er 1925 beigetreten war. Nach einem vierwöchigen Kursus an der Reichsparteischule kehrte er nach Oberschlesien zurück und wurde hauptamtliches Mitglied der KPD-Bezirksleitung Oberschlesien und Kulturobmann.[16] Im Herbst 1929 wurde er als Abgeordneter in den oberschlesischen Provinziallandtag gewählt. Während der innerparteilichen Auseinandersetzungen mit den »Rechten« und den »Versöhnlern« soll er laut Herbert Wehner, der im Juli 1939 für die Kaderabteilung der Komintern eine »Charakteristik« Wiatreks verfaßte, »bei den Versöhnlern gestanden« haben.[17] Von 1930 bis Ende 1932 war er unter Fritz Selbmann[18] bzw. Paul Woytkowski[19] vertretungsweise Orgsekretär bzw. für das Ressort Agitation zuständig.[20] Zusätzlich leitete er die Ortsgruppe des Freidenkerverbandes Gleiwitz. Als er am 20. 10. 1930 wegen des Besitzes der Broschüren »Sowjetstern und Hakenkreuz« sowie »Kommunismus die einzige Rettung«, die bei ihm gefunden wurden, verhört wurde, gab er lediglich zu Protokoll, er lebe von seiner Militärrente (monatlich 94, 20 RM). Zu politischen Fragen verweigerte er jede Aussage. Wegen Differenzen zwischen Wiatrek und dem Bezirkssekretär Woytkowski entschied das Politbüro, Wiatrek aus Gleiwitz abzuziehen und auf die Leninschule nach Moskau zu schicken. Wiatrek fügte sich. Im November 1932 fuhr er unter dem Decknamen »Heinrich Kirsch« über Berlin, Tilsit und Dünaburg nach Moskau zu einem Lehrgang an die Internationale Leninschule. Er meldete sich bei der Leiterin Kirsanowa, bestand die Aufnahmeprüfung und war fast zwei Jahre an der Schule. Im September 1934 wurde Wiatrek von Georg Brückmann[21] (»Kadermüller«) nach Prag zu einem Treffen mit Hans Beimler[22] geschickt. Anschließend reiste er illegal nach Berlin und wurde von den Funktionären der Landesleitung vor die Wahl gestellt, als ZK-Instrukteur in den Bezirk Ruhr oder den Bezirk Niederrhein zu gehen. Wiatrek entschied sich für den Bezirk Niederrhein und kam Ende November 1934 in Düsseldorf an. Zunächst war er zweiter Mann (Org-Leiter), später Polleiter (Deckname »Stefan«).[23] Wiatrek, der u.a. mit Elli Schmidt[24] zusammenarbeitete, hielt enge Kontakte zu Adolf Rembte[25] und Käte Lübeck[26] in Berlin und zu Karl Mewis in Amsterdam. Dort traf er sich Ostern 1935 mit anderen in Deutschland illegal arbeitenden Funktionären und wurde von Franz Dahlem für die aktive Unterstützung der neuen Linie in der Einheitsfront gewonnen. Er erhielt die Aufforderung, sich nach Moskau zu begeben, um dort als Vertreter aus dem Reich Ulbricht und Pieck zu unterstützen. Sein Nachfolger wurde Waldemar Schmidt.[27] Wiatrek reiste von Amsterdam über mehrere skandinavische Länder nach Moskau, wo am 4. Juli 1935 eintraf, und nahm offiziell als Delegierter am VII. Weltkongress und anschließend an der »Brüsseler Konferenz« teil. In den Vorgesprächen der deutschen Delegation prallten noch einmal die gegensätzlichen politischen und persönlichen Haltungen der zwei Fraktionen innerhalb des Politbüros aufeinander. Bis zum Sommer 1934 hatte die Führung der KPD davor zurückgeschreckt, ihre bisherige Politik im Lichte der Niederlage von 1933 kritisch zu überprüfen. Gegen die von der Komintern geforderte Wende hin zu einer Politik der Einheitsfront gab es innerhalb des Politbüros starken Widerstand, der durch die Mitglieder Hermann Schubert, Wilhelm Florin, Fritz Schulte und anfangs auch Franz Dahlem[28] geäußert wurde. Erst nach der ZK-Tagung vom Januar 1935 und der Amsterdamer Konferenz Pfingsten 1935 wurde der neue Kurs eingeläutet.[29] Am Ende der »Brüsseler« Konferenz wurde Wiatrek für ihn völlig überraschend zum Kandidaten des ZK gewählt. Ihm wurde mitgeteilt, er werde nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern Referent im mitteleuropäischen Ländersekretariat des EKKI werden. Im November 1935 erhielt er wegen seines Lungenleidens durch die Komintern einen Erholungsplatz auf der Krim. Am Tag der Abreise zur Kur erklärte Anton Ackermann[30] dem erstaunten Wiatrek, er müsse nach seiner Rückkehr die Nachfolge Fritz Schultes als deutscher Parteivertreter in der Komintern übernehmen. Wiatreks Einwände gegen die Übernahme einer solchen Funktion wurden von Ackermann abgetan: »Du wirst das schon schaffen«. Im Januar 1936 begann er als »Fritz Weber« im Apparat der Komintern. In einer Atmosphäre der gegenseitigen Denunziationen übertrug man Wiatrek die Betreuung der deutschen Emigranten im allgemeinen sowie die Betreuung der deutschen Schüler der Westuniversität sowie des deutschen Sektors der Leninschule im besonderen. Im April 1936 hielt er einen Vortrag vor den Schülern des Westuniversität, sprach vor Emigranten in Leningrad, im Herbst 1936 besuchte er eine deutsche Bauernsiedlung in der Ukraine. Mit diesen Aufgaben war er, wie er bei den Vernehmungen durch die Gestapo später selbst aussagte, völlig überfordert. Bereits nach wenigen Monaten wurden Wiatrek einige der Funktionen wieder entzogen. Wiatrek gab später gegenüber der Gestapo an, er sei diesen Aufgaben nicht gewachsen gewesen und sein ungenügender Rückhalt bei den in Moskau weilenden KPD-Spitzenfunktionären habe auch dazu geführt, daß er selbst während der Prozesse 1936/37 als Trotzkist verdächtig wurde. Während einer Parteiversammlung kurz nach dem ersten Schauprozeß standen die Verbindungen der KPD zu Fritz David[31] auf der Tagesordnung. Als Heinrich Wiatrek beteuerte, auch die KPD sei vom »Genossen David« geschickt getäuscht worden, niemand habe geahnt, daß es sich um einen »Volksfeind« gehandelt habe, zog er sich damit den Zorn von Manuilskij zu. Er hatte das Sakrileg begangen, von David als einem »Genossen« zu sprechen. Da half es auch nicht mehr, daß er sich verstört berichtigte und vom »ehemaligen Genossen David« sprach. Er trat auch in anderen Versammlungen dafür ein, man solle erst das Verfahren abwarten, und erregte so Argwohn im Kominternapparat. Trotzdem wurde Wiatrek nicht verhaftet; der schwer Lungenleidende erhielt im Winter 1936/37 erneut eine Kur am Schwarzen Meer. Nach seiner Rückkehr nach Moskau entschied die deutsche Parteiführung, daß er nicht weiter als Parteivertreter bei der Komintern in Moskau arbeiten solle; sein Nachfolger wurde Dengel.[32] Wiatrek erhielt den Auftrag, als Leiter der KPD-Abschnittsleitung Nord nach Kopenhagen zu reisen. 1934 hatte die KPD begonnen, von »Grenzstellen« im benachbarten Ausland aus die illegale Parteiarbeit zu steuern. Ab 1937 wurden dies drei bis vier Personen starke Gruppen eingerichtet, die sogenannten Abschnittsleitungen (A. L.). Die für Norddeutschland zuständige Abschnittsleitung Nord hatte ihren Sitz in Kopenhagen.[33] Ihre Mitglieder fielen nach der Besetzung Dänemarks durch die Wehrmacht nahezu vollzählig in die Hände der Gestapo. Auf Weisung von Ulbricht sollte Wiatrek sich vor allem um Verbindungen ins Reich und weniger um die Emigranten vor Ort kümmern. Wiatrek, der seit 1935 mit Edith Stucke[34], der ehemaligen Frau des 1937 in Moskau verhafteten und später erschossenen Redakteurs der »Roten Fahne«, Friedrich Stucke[35], zusammenlebte, reiste am 23. 3. 1937 aus Moskau ab. Nach seiner Ankunft in Kopenhagen traf er sich mit dem Leiter der Abschnittsleitung Nord, Sepp Schwab (»Louis«)[36]. Die Leitung bestand zu jener Zeit aus Herbert Warnke[37], Paul Helms[38] und Walter Weidauer[39], weitere Mitarbeiter waren Kurt Granzow,[40] Walter Gollmick,[41], Wilhem Wittkowsky[42], der Kurier Wilhelm Boller[43]und der Instrukteur Karl Nieter[44]. Anfang 1938 beschloß das ZK-Sekretariat in Paris, Conrad Blenkle[45] zur Verstärkung der A. L. Nord nach Dänemark zu schicken. Ende Februar traf er in Kopenhagen mit Wiatrek zusammen. Das Aufgabengebiet der Abschnittsleitung Nord umfaßte das Reichsgebiet von Bremen bis Königsberg sowie die Emigration in den drei skandinavischen Ländern. Unter Leitung von Blenkle und Wiatrek, dem im April 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, wurde die Arbeit wegen des Fehlens ausreichender Verbindungen vor allem auf die wichtigsten deutschen Hafenstädte konzentriert. So wurde alles darangesetzt, die Instrukteursreisen nach Hamburg, Stettin, Danzig und Lübeck weiter abzusichern, um auf diesem Weg Informationen über die Stimmung in den Betrieben zu erhalten.[46] Für Hamburg waren zuletzt drei Instrukteure zuständig: Artur Mannbar[47], Karl Nieter und Waldemar Verner[48]. Für ihre Anleitung war Paul Helms verantwortlich. Die unreglmäßig erscheinende »Norddeutsche Tribüne« sowie zahlreiche Flugblätter und illegale Druckschriften gelangten durch Kuriere und skandinavische Seeleute ins Reich. Im August 1939 erlebte Wiatrek in Kopenhagen die völlige Verwirrung unter den deutschen kommunistischen Emigranten wegen des Hitler-Stalin-Paktes. Mit einigen seiner Mitarbeiter verfaßte er eine Stellungnahme, die den Freundschaftspakt begrüßte und sich gegen den »englisch-französischen Imperialismus« als Angreifer wandte. Nach Ausbruch des Krieges lehnte Wiatrek die Aufforderung von Mewis, der Leiter der Abschnittsleitung Zentrum war, nach Stockholm zu kommen und mit ihm gemeinsam nach Moskau zu fahren, ab. Die Abschnittsleitung Nord hatte wegen der durch den Kriegsausbruch und die Auswirkungen des Hitler-Stalin-Paktes entstandenen Irritationen ihre Arbeit vorläufig eingestellt. Anfang Dezember 1939 beriet die KPD-Führung in Moskau über die Möglichkeiten, unter Kriegsbedingungen die kommunistische Widerstandsarbeit in Deutschland anzuleiten. Es wurde beschlossen, die Abschnittsleitungen aufzulösen und in Stockholm eine Auslandsleitung zu schaffen. Mitte Januar 1940 fuhr Wiatrek mit Blenkle zu Mewis nach Stockholm, der aus Moskau die neuen Weisungen und die »politische Plattform« mitgebracht hatte. Man beriet über die Anweisung, daß auch in Kopenhagen eine Auslandsleitung zu bilden sei, der Mewis, Wiatrek und Wehner angehören sollten. Am 18. Januar 1940 kehrte Wiatrek nach Kopenhagen zurück; er traf sich mit den Instrukteuren und beriet mit ihnen die neue Situation. Zahlreiche weitere Mitarbeiter entband er von ihren unmittelbaren Aufgaben. Mit Blenkle, Helms, Nieter, Mannbar und Verner verblieb er in regelmäßigem Kontakt und gab Informationsblätter heraus, die sie auf der Grundlage von Sendungen des Moskauer Rundfunks und von Kominternzeitschriften zusammenstellten. Im Frühjahr 1940 erhielt er durch den dänischen KP-Vorsitzenden Larsen einen von Pieck stammenden Brief, der die Weisung enthielt, daß Mewis zur Verstärkung der illegalen Arbeit im Reich nach Berlin und Wiatrek nach Hamburg gehen sollte. Ob Richard Stahlmann[49] im November 1940 tatsächlich nach Stockholm entsandt wurde, um Wiatrek abzulösen, der wegen »defätistischen Verhaltens« von seinem Amt entbunden werden sollte, wie Mammach behauptet,[50] ist nicht belegt. Sicher ist, daß weder Wiatrek noch Mewis oder Wehner ins Reich fuhren. Einer erneuten Aufforderung, nach Stockholm zu kommen, folgte Wiatrek nicht. Ostern 1941 erhielt er schließlich die Weisung, die gesamte Arbeit einzustellen. Dies war eine Folge der sowjetischen Politik im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt, jegliche gegnerische Arbeit gegenüber Hitlerdeutschland einzustellen. Der Gestapo, insbesondere ihren Staatspolizeistellen in Kiel und in Stettin, war es in den Jahren 1936 bis 1938 mehrfach gelungen, Verbindungen der A. L. Nord ins Reich aufzudecken. Die Staatspolizeistelle Königsberg war durch V-Leute über die von Stockholm nach Königsberg ausgehenden Versuche informiert und überwachte sie ständig. Erst nach der Besetzung Dänemarks änderte sich dies. In Zusammenarbeit mit der dänischen Polizei wurde der Instrukteur Arthur Mannbar festgenommen und legte »nach längerem Leugnen ein Geständnis ab«.[51] Auch die im Frühjahr 1940 von Karl Mewis über Kopenhagen nach Deutschland entsandten Instrukteure Arthur Emmerlich[52] und Rudolf Hallmeyer[53], die den Auftrag hatten, alte Verbindungen zu aktivieren und isoliert voneinander operierende Gruppen zu einer festen Organisation zusammenzufassen, waren bereits ins Fahndungsnetz der Gestapo geraten. Hallmeyer, der Ende Juni 1940 mit einem dänischen Dampfer in Stettin ankam und ohne Zwischenfälle nach Berlin gelangte, wurde nach knapp achtwöchiger Arbeit Ende August 1940 verhaftet. Weitere von Mewis und Wiatrek nach Deutschland entsandte Instrukteure wie Johannes Müller[54] und Heinrich Schmeer[55] wurden verhaftet. Mittels systematischer Überwachung und mit Hilfe von V-Leuten, war es der Gestapo gelungen, tief in das Netz der A. L. Nord einzudringen. So war Karl Köhler, ein Kontaktmann der drei Instrukteure der A. L. Nord, von der Gestapo zur Zusammenarbeit erpreßt worden. Im Abschlußbericht der Gestapo über die A. L. Nord heißt es: » ... im Laufe des Jahres 1941 konnte dann die A. L. Nord in ihrer organisatorischen Zusammensetzung aufgerollt werden und ein großer Teil der Funktionäre festgenommen werden. Insgesamt wurden festgenommen: 13 Funktionäre der A. L. Nord, darunter der Abschnittsleiter, sowie der 2. und 3. Mann der Leitung. 19 Funktionäre und Mitglieder der Kopenhagener Parteigruppe (Parteiemigration). 23 Verbindungsleute oder diesem Kreis angehörende Personen.«[56] Während eines Treffens mit Helms und Nieter wurde Wiatrek am 19. Mai. 1941 in Kopenhagen verhaftet und wenig später zur Gestapo nach Hamburg überführt. Der Instrukteur der A. L. Nord Karl Köhler (»Kalli«) war mit der Gestapo nach Kopenhagen gefahren und hatte sie zum Treff geführt. Wie es in der Folgezeit dazu kam, daß der einstige Spitzenfunktionär der KPD zu einer der wichtigsten Auskunftspersonen für die Hamburger Gestapo wurde, kann nicht restlos aufgeklärt werden. Die ausgewerteten Vernehmungsprotokolle von Wiatrek sind reine »Ergebnisprotokolle«, sie enthalten in der Regel nichts über die Bedingungen, unter denen das Verhör geführt wurde und die Methoden, mit denen die Gestapo arbeitete (Drohungen, Erpressung, Mißhandlungen, aber auch Versprechungen). Auch sagen diese Protokolle, die den Festgenommenen später vorgehalten wurden,[57] nichts über den Wissenstand der Gestapo aus. Daß Wiatrek aufgrund des detaillierten Wissens der Gestapo über seine Tätigkeit an der Spitze der A. L. Nord jeglichen Widerstand aufgab und zusammenbrach, kann nur vermutet werden. Auch wenn er gegenüber seiner Schwester später behauptete, er sei nicht geschlagen worden, dürfte davon auszugehen sein, daß die Gestapo Wiatrek bei seiner Verhaftung in Kopenhagen mißhandelt hat.[58] Die Motive, die Wiatrek dazu veranlaßt haben, vor der Gestapo nicht nur auszusagen, sondern systematisch alle ihm bekannten Vorgänge zu benennen und Personen auszuliefern, waren sicher vielschichtig. Wiatrek war nicht in der Lage, im einzelnen zu unterscheiden, was die Gestapo wirklich wußte, was sie ahnte und was sie zu wissen vorgab. Auch wenn das nationalsozialistische Regime im Sommer 1941 auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, Wiatrek aufgrund seiner persönlichen Erlebnisse in der Sowjetunion desillusioniert war, die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und der Moskauer Zentrale sowie Mewis nachwirkten, kann nicht davon ausgegangen werden, daß er unmittelbar nach seiner Verhaftung ohne Druck anfing auszusagen. Wiatrek wurde wie andere Häftlinge zunächst einer »verschärften Vernehmung« unterzogen, das heißt gefoltert. Sechs Tage nach seiner Verhaftung wurde er von Kopenhagen nach Hamburg gebracht und von Gestapomitarbeitern in Empfang genommen, die, so schilderten nach 1945 überlebende Häftlinge, ihre Arbeit äußerst brutal versahen. Einer von ihnen war der Kriminal-Sekretär und SS-Untersturmführer Heinrich Teege. Der 1905 in Hamburg-Altona als Sohn eines Seemanns geborene Teege hatte nach der Volksschule Maschinenschlosser gelernt und sich 1924 zur Ordnungspolizei gemeldet, wo er bis April 1933 im Straßendienst war. Am 6. 4. 1933 wurde er zur Gestapo kommandiert, 1936 in das Beamtenverhältnis übernommen. Am 1. 5. 1937 trat er in die NSDAP ein.[59] Teege, der hauptsächlich Angelegenheiten der KPD bearbeitete, hatte sich wegen seiner Mißhandlungen einen besonderen Ruf erworben. 1935 wurde er offiziell Sachbearbeiter in der Abteilung IIA1 (IV1a1), Sachgebiet: »Bekämpfung des Kommunismus«. Ausgerüstet mit einem Stab von Mitarbeitern und umfassenden Informationen bearbeitete er hauptsächlich die dänische Emigration und Kominternfragen.[60] In welcher Verfassung Wiatrek Teege übergeben wurde, ist nicht bekannt; auszugehen ist aber davon, daß er körperlich und seelisch gebrochen war. Vermutlich versuchte der schwer kranke Wiatrek, der mehrere Blutstürze erlitten hatte, zunächst noch auf Zeit zu spielen, bekundete wie viele andere »Reue« und behauptete, sich längst innerlich vom Kommunismus abgewandt zu haben. Als ihm dann jedoch immer klarer bewußt wurde, wie aussichtslos seine Lage war, brach er zusammen. Die detaillierten Aussagen begannen Mitte September 1941, also erst mehrere Monate nach seiner Verhaftung. Teege, der durch intensive Beobachtung und durch V-Leute ein beachtliches Wissen über die Tätigkeit der A. L. Nord zusammengetragen hatte, fand in der Folgezeit Mittel und Wege, Wiatrek zu Aussagen über Vorgänge und Personen zu bewegen, so daß er im September 1943 einen detaillierten Abschlußbericht über die Abschnittsleitung Nord vorlegen konnte. Wiatrek wurde zu den Verhören aus dem Polizeigefängnis in Fuhlsbüttel in das Stadthaus, den Sitz der Hamburger Gestapo überführt und von Teege intensiv befragt. Mitte September 1941 beginnen also die Berichte über seinen persönlichen Werdegang, seine Aktivitäten innerhalb der KPD in Oberschlesien. Er berichtete über den Verlauf des VII. Weltkongresses und über die »Brüsseler Konferenz« sowie seine Tätigkeit als deutscher Vertreter bei der Komintern. Im Oktober 1941 sagte er zur Tätigkeit und zur personellen Zusammensetzung der Abschnittsleitung Nord wie auch über die personelle Zusammensetzung des ZK-Sekretariat in Paris bzw. in Moskau aus. Anfang November schilderte er sehr detailliert den Verlauf der »Berner Konferenz«, zu der er am 27. 1. 1939 von Kopenhagen mit dem Flugzeug direkt nach Paris geflogen war, von wo er nach einem Treffen mit Mewis und Emmerlich gemeinsam zum Tagungsort nach Draveil südlich von Paris gebracht wurde. Wiatrek berichtete ähnlich wie Knöchel der Gestapo sehr genau, wer aus Moskau und wer aus den anderen Emigrationsländern zur Konferenz angereist war. So war der Gestapo bekannt, daß nach Pieck als erster Diskussionsredner Paul Krautter[61] von der Abschnittsleitung Zentrum aus Amsterdam gesprochen hatte und wer auf der »Berner Konferenz« 1939 in das ZK gewählt worden war. Wiatrek zählte sie alle auf, einige auch mit Decknamen: Wilhelm Pieck, Wilhelm Florin, Herbert Wehner, Walter Ulbricht, Kunert, Philipp Dengel, Paul Merker (»Fuchs«), Franz Dahlem, Paul Bertz (»Helm«), Gerhart Eisler (»Gross«), Anton Ackermann, Irene Gärtner, Ernst Reinhardt, Johann Koplenig, Siegfried Rädel (»Friedrich«), Karl Mewis (»Arndt«), Wilhem Knöchel (»Alfred Schröder«), Heinrich Wiatrek (»Fritz Weber«). Wiatrek führte aus, daß seiner Erinnerung nach aus dem ZK der »Brüsseler Konferenz« Herman Nuding, Willi Münzenberg, Doberer und Heinrich Meyer ausgeschieden seien. Ob Josef Schwab, sein Vorgänger in der Leitung der A. L. Nord in das ZK gewählt worden oder ausgeschieden war, konnte er sich nicht entsinnen. Seiner Erinnerung nach hätten Florin, Wehner, Ulbricht, Kunert und Dengel nicht an der Konferenz teilgenommen, seien aber in Abwesenheit in das ZK gewählt worden.[62] Ende November 1942 fertigte Teege für den bevorstehenden Prozeß vor dem Volksgerichtshof den Schlußbericht an, in dem es heißt: »[...] Wiatrek ist ein Mann, der von der kommunistischen Idee überzeugt war und aus dieser Überzeugung heraus gehandelt hat. Er hat nach seiner Festnahme nie geleugnet, sondern von Anfang an für seine Tat eingestanden. Nur weigerte er sich, etwas über seine Mitarbeiter zu sagen. Bald nach seiner Festnahme ist Wiatrek nach Hamburg übergeführt worden und einige Wochen später zu der Überzeugung gebracht worden, daß es nicht im Interesse Deutschlands liegt, wenn der Kommunismus zur Macht gelangt. Als dann am 22. Juni 1941 der Krieg mit der SU ausbrach, bekannte er sich als Deutscher und versprach, alles tun zu wollen, um die illegale kommunistische Tätigkeit aufzudecken und die Weiterarbeit gegen das Reich zu verhindern. Es hat sich im Laufe der vergangenen 18 Monate, die Wiatrek hier nunmehr einsitzt, herausgestellt, daß es sich nicht um ein Lippenbekenntnis gehandelt hat, sondern um ehrliche Überzeugung. Zweimal fuhr Wiatrek mit uns nach Kopenhagen und ermöglichte die Festnahmen von Nieter, Helms und Blenkle. Es ist in erster Linie sein Verdienst, daß der Kopenhagener Apparat zerschlagen werden konnte und damit von dieser Seite eine Arbeit gegen das Reich unterbunden worden ist. Wiatrek hat ferner die hier einsitzenden Funktionäre beeinflußt, wahrheitsgemäße Angaben zu machen und hat durch seine Aussagen über illegal tätige Funktionäre der KPD und der Komintern überaus wertvolles Material geliefert. [...] Nach meinem Ermessen wird Wiatrek mit einem Todesurteil rechnen müssen. Vielleicht mildert sein Verhalten das Urteil oder gibt die Möglichkeit einer Begnadigung.« Bevor sein eigener Prozeß vor dem Volksgerichtshof stattfand, wurde Wiatrek als Zeuge der Anklage zu den Prozessen u. a. gegen Willi Grünert[63], Wilhelm Wittkowsky, Ernst Sasse[64] und Walter Weidauer[65] geladen. Überliefert sind Aussagen überlebender Häftlinge, die nach 1945 über Wiatreks Gestapomitarbeit informierten. So berichtete Willi Grünert im Oktober 1945 in Hamburg über das »Verhalten einiger Genossen« während seines Hochverratsprozesses vor dem Volksgerichtshof 1942 und gab an, Heinrich Wiatrek, Walter Weidauer, Paul Helms, Conrad Blenkle und Lothar Hofmann seien als Zeugen der Anklage aufgetreten und hätten ihn durch Aussagen belastet. Einige hätten ihn zuvor versucht zu überreden, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten. Ob tatsächlich alle von Grünert genannten KPD-Funktionäre unterschiedslos als Belastungszeugen der Anklage bezeichnet werden können, soll hier nicht weiter untersucht werden. Tatsache ist, daß die Gestapo ihre Häftlinge als Zeugen der Anklage zur Verfügung stellte, ob diese das wollten oder nicht. Lothar Hofmann,[66] ein enger Mitarbeiter Wiatreks, war ebenfalls am 19. Mai 1941 in Kopenhagen verhaftet und im Januar 1943 zum Tode verurteilt worden. Er wurde aber nicht hingerichtet, sondern stand der Hamburger Gestapo bei der Rekonstruktion ihrer bei einem Luftangriff im Juli 1943 zerstörten Personen- und Suchkartei zur Verfügung und überlebte. Hofmann, der sich nach der Befreiung nun selbst Vorwürfen der Kapitulation und des Verrats ausgesetzt sah, berichtete Ende Februar 1946 ausführlich über den Verrat seines ehemaligen Leiters Heinrich Wiatrek. Ihm gegenüber soll Wiatrek geäußert haben, er kämpfe um seinen Kopf und sei deswegen zur Zusammenarbeit bereit. Auch bestätigte Hofmann Wiatreks Fahrten mit der Gestapo nach Kopenhagen und dessen Mithilfe bei der Festnahme von Karl Nieter im Juli, von Paul Helms im Oktober und Conrad Blenkle im Dezember 1941. Im Januar 1943 wurde Wiatrek ausführlich über den Besuch der Leninschule befragt, wobei er sehr detailliert über den Ablauf des Unterrichts und die Kursanten berichtete. Eingehend verhörte man ihn auch zu seiner Tätigkeit als Leiter der illegalen KPD-BL Niederrhein in Düsseldorf. Die Untersuchungen waren im Frühjahr 1943 soweit abgeschlossen, daß man Anfang Mai 1943 Wiatrek von Hamburg nach Berlin zum Prozeß vor dem Volksgerichtshof überführte. Er kam in die Untersuchungshaftanstalt beim Kriminalgericht Berlin Alt-Moabit. Am 17. Mai 1943 begann vor dem 1. Senat des Volksgerichtshof in Berlin der Prozeß gegen Heinrich Wiatrek. Vorsitzender Richter war der Oberlandesgerichtsrat Dr. Franz Illner. Beisitzende Richter waren der Landesgerichtsdirektor Stier, SA-Brigadeführer Hauer, Kreisleiter Reinecke und SS-Oberführer Tscharmann.[67] Der Vertreter des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof, der Erste Staatsanwalt Wittmann, beantragte die Todesstrafe wegen »Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung«. Der Pflichtverteidiger, der Rechtsanwalt Ahlsdorf aus Berlin-Lichterfelde-Ost, beantragte eine Verurteilung auf der Grundlage des § 83, 91 6 zu lebenslangem Zuchthaus. Nach dem letzten Wort des Angeklagten lautete das Urteil: »Der Angeklage Heinrich Wiatrek hat vom Jahre 1934 bis Mai 1941 im Inland und auch vom sicheren Hinterhalt des Auslands kommunistische Wühlarbeit geleistet und hierdurch den Hochverrat gegen das Reich organisatorisch und agitatorisch vorbereitet. Durch seine Betätigung nach Ausbruch des Krieges hat er auch den Feind des Reiches begünstigt. Er wird daher zum Tode verurteilt.«[68] Es ist nicht überliefert, ob es bereits vorher eine Absprache zwischen höchsten Gestapo- und Justizstellen gab, die Vollstreckung des Todesurteils auszusetzen. Überliefert sind diverse Schriftsätze der Hamburger Gestapo an das Reichsju­stizministerium. Am 8. Juni 1943 reichte der Rechtsanwalt Ahlsdorff ein Gnadengesuch an den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ein. Bereits einen Tag vorher hatte der Vorstand der Untersuchungshaftanstalt beim Kriminalgericht Berlin Alt-Moabit an den Oberreichsanwalt geschrieben. »Der am 17. 5. 43 wegen Vorbereitung zum Hochverrat u.a. zum Tode verurteilte Metallarbeiter Heinrich Wiatrek, 46 Jahre alt, ledig, angeblich nicht vorbestraft, saß vom 8. bis 17. 5. 43 hier in Untersuchungshaft ein. Seine Führung und sein Fleiß gaben in dieser kurzen Zeit zur Beanstandung keinen Anlaß. Er machte auch kein Hehl daraus, daß er nur kommunistisch denken konnte und auch entsprechend geschult wurde. Sein Unrecht sieht er ein, auch daß er eine andere Strafe nicht verdient hat. Die erste Erleichterung will er gehabt haben, als er im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel erstmalig sein Herz ausschütten konnte. Von da ab will er erst den Einblick in das schönere Deutschland gewonnen haben. Jetzt steht er beschämt da und bedauert, daß er nicht eher sehend wurde. Das Urteil nahm er gefaßt auf. Obwohl er keine Gnade verdient, will er ein entsprechendes Gesuch einreichen. Hier sind Gnadengründe nicht in Erscheinung getreten.«[69] Nachdem bereits der SS-Sturmbannführer Lindow beim Reichsanwalt Barnickel in Sachen Wiatrek vorstellig geworden war, wandte sich die Berliner Gestapozentrale Ende August 1943 an den Oberreichsanwalt und befürwortete eine Begnadigung Wiatreks. In vier Punkten begründete die Gestapo ihren Antrag. »1. Wiatrek war Vertreter der Kommunistischen Partei Deutschlands in Moskau und stand mit dem Sekretariat des ZK der KPD in Paris in ständiger Verbindung. Seine Kenntnisse in sachlicher und personeller Hinsicht sind umfassend. W. hat durch sein offenes Geständnis und durch die Beeinflussung später festgenommener Funktionäre der KPD die Aufrollung und Lahmlegung der in den Nordstaaten befindlichen Zentren der illegalen KPD unterstützt. 2. Er hat im Auftrage der hiesigen Dienststelle wiederholt grundlegende Ausarbeitungen gefertigt, die für taktische und technische staatspolizeiliche Maßnahmen zur Grundlage genommen werden konnten. 3. Wiatrek ist wiederholt als Auskunftsperson benutzt worden. Als solche wird er in der Folgezeit weiterhin Dienste leisten müssen. 4. In besonderen Vorhaben – auch propagandistischer Art – wird Wiatrek von hier zur Mitarbeit herangezogen. Seine Kenntnisse und seine Willigkeit, die er selbst als eine »Umstellung« bezeichnet, lassen ihn brauchbar erscheinen.«[70] Abschließend wurde festgestellt, daß der Antrag auf reinen Zweckmäßigkeitserwägungen beruhe und im Falle einer Umwandlung der Todesstrafe der Vollzug der weiteren Haft der Hamburger Dienststelle zu übertragen sei. Wiatrek sollte in einem Konzentrationslager untergebracht werden, wo er zur ständigen Verfügung stehe.[71] Schließlich entschied der Reichsjustizminister Thierak am 6. 10. 1943, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, informierte aber den Oberreichsanwalt, die Vollstreckung des Todesurteils auf sechs Monate aussetzen und Wiatrek der Gestapo Hamburg zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich wurde er am 29. 10. 1943 vom Zuchthaus Brandenburg-Görden, wohin er nach der Urteilsverkündung gebracht worden war, nach Hamburg überführt. Ende März und Ende Oktober 1944 wandte sich die Hamburger Gestapo erneut an den Oberreichsanwalt mit der Bitte, die Vollstreckung der Todesstrafe an Wiatrek um weitere 6 oder 12 Monate auszusetzen und ihn zur Verfügung der Gestapo-Dienststelle im Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel zu belassen. Wörtlich hieß es in dem Schreiben: »Wiatrek hat gehalten, was von ihm erwartet wurde. Nicht nur, daß der Inhalt des anliegenden, dem RSHA erstatteten Berichts zum größten Teil von Wiatrek stammt, sind ihm zur Zeit wichtige Arbeiten übertragen worden, denen im Hinblick auf das durch Feindeinwirkung zerstörte Aktenmaterial besondere Bedeutung zukommt. Auch ist es ihm, wie in früheren Fällen, in letzter Zeit wieder gelungen, einige festgenommene Funktionäre zum Reden zu bringen und wertvolle Aussagen zu erlangen. Ich bitte zu erwägen, ob in absehbarer Zeit eine Umwandlung der Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe erfolgen kann. ... So sei es mit seiner Hilfe gelungen, weitere Inhaftierte zu Aussagen zu bewegen z. B. Jungclas. »Wenn sich herumspricht daß W. begnadigt wird, dann hat das Auswirkungen auf andere Festgenommene.«[72] Im November 1944 forderte Thierack einen Bericht über den Stand des Verfahrens und entschied am 16. Dezember, daß die Vollstreckung des Todesurteils auf weitere sechs Monate ausgesetzt wurde. Anfang Februar 1945 wurde Wiatrek von Hamburg-Fuhlsbüttel in die Untersuchungshaftanstalt Hamburg-Stadt überführt. Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof wies am 8. 2. 1945 den Vorstand der Haftanstalt entsprechend einer Anregung der Staatspolizeileitstelle Hamburg an, die Entfesselung der dort einsitzenden zum Tode verurteilten Lothar Hofmann, Paul Helms und Heinrich Wiatrek vorzunehmen. Noch am 26. 2. 1945 erkundigte sich die Berliner Gestapozentrale beim Volksgerichtshof, wie in der Angelegenheit Wiatrek weiterhin entschieden werde. Handschriftlich wurde vermerkt, daß der Reichsminister der Justiz durch Beschluß vom 16. September 1944 die Vollstreckung des Todesurteils auf weitere 6 Monate ausgesetzt hatte. Letzte Eintragungen stammen vom 15. März, vom 3. April und vom 18. April 1945. Am 23. April 1945 ordnete der Generalstaatsanwalt beim Hanseatischen Oberlandesgericht die Überstellung der in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg einsitzenden Ludwig Riess[73], Willi Reimers[74] und Heinrich Wiatrek an die Gestapo Hamburg an.[75] Überliefert ist, daß Wiatrek, Paul Helms, Lothar Hofmann und Ludwig Riess von der Gestapo 150,- Mark »Entlassungsgeld« erhalten haben sollen. Dieser als »Fluchtgeld« bezeichnete Betrag sollte ihnen helfen, sich der Verhaftung durch die Engländer zu entziehen.[76] Wo genau sich Heinrich Wiatrek in den Tagen nach dem Einmarsch der britischen Truppen in Hamburg aufhielt und wie er sich verhielt, ist nicht überliefert. Es ist anzunehmen, daß der Schwerkranke einfach untergetaucht ist. Mitte Juni 1945 kam sein Neffe Heinz Polewka aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg. Er erkundigte sich beim Einwohnermeldeamt nach dem Aufenthaltsort seines Onkels. Er fand ihn schwer krank bei einem ehemaligen Mithäftling und versprach ihm, sich um ihn zu kümmern. Nachdem Polewka in Gifhorn Arbeit gefunden hatte, bemühte er sich, seinen Onkel Heinrich Wiatrek zu sich zu holen. Für Wiatrek war der weitere Aufenthalt in Hamburg nun gefährlich geworden; überliefert sind Berichte, innerhalb der KZ-Häftlingsbetreuungstelle in Hamburg habe es Stimmen gegeben wie »der Wiatrek soll sich hier nicht blicken lassen«. Nachdem das Zentralkomitee in Berlin inzwischen einen Überblick hatte, wer den Gestapo-Terror, Zuchthaus und KZ-Haft überlebt hatte, trafen erste Anfragen bei der Hamburger Bezirksleitung ein.[77] Wiatrek, der schwer tbc-krank war, nahm Kontakt zu seinem Bruder Fritz auf, der inzwischen in Reichenbach im Vogtland aktiver KPD- und Gewerkschaftsfunktionär war.[78] Als Heinz Polewka im Spätsommer 1945 seinen Onkel nach Gifhorn holen wollte, war dieser nicht mehr in Hamburg. Wiatrek hatte sich auf den Weg nach Reichenbach gemacht und wohnte bis in den Herbst 1945 bei seinem Bruder Fritz.[79] Anfang Oktober 1945 kam Wiatreks Schwester Helene Polewka mit ihren Kindern Margarethe und Helmut aus Oberschlesien nach Reichenbach. Hier trafen sie auf einen schwerkranken, vom Tode gezeichneten Heinrich Wiatrek. Fritz Wiatrek hatte im Lungensanatorium Bad Reiboltsgrün nahe Auerbach, zwischen Rodewisch und Falkenstein, für seinen Bruder einen Platz organisiert. Die Nichte Margarethe Müller erinnerte sich, daß sie ihren Onkel auf dem anstrengenden Fußmarsch zum Bahnhof Auerbach begleitete, wo er dann von einem Krankenwagen abgeholt wurde. Heinrich Wiatrek verstarb wenige Stunden nach der Aufnahme in das Lungensantorium Bad Reiboldsgrün am 29. 10. 1945.[80] Übrigens gab es nach 1945 im polnischen Gliwice, dem ehemaligen Gleiwitz, eine ulica Henryka Wiatreka; 1974 wurde sie in ulica Dzierzynskiego umbenannt – nach dem Gründer der Tscheka: Heute heißt sie ulica Blogoswawionego Czeswawa und erinnert an einen Heiligen der polnischen katholischen Kirche.[81] Heinrich Wiatrek geriet als überzeugter kommunistischer Funktionär zunächst in die Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Parteiführung. Er erlebte die blutigen Säuberungen in der Sowjetunion. Er war nicht nur desillusioniert, sondern vom Ausmaß dieser Verbrechen überrascht und völlig verstört. Der Zufall wollte es, daß er nicht selbst vor die Erschießungskommandos des NKWD geriet, sondern zur illegalen Arbeit nach Dänemark geschickt wurde. Hier erlebte er den Hitler-Stalin-Pakt mit all seinen Auswirkungen für die Arbeit der von ihm geleiteten Abschnittsleitung Nord. Der Aufforderung, nach Moskau zu kommen, widersetzte er sich, arbeitete aber weiter gegen Nazideutschland. Wiatrek befand nach seiner Verhaftung in einer aussichtslosen Situation. Er war seelisch und körperlich zerstört und setzte in dieser für ihn aussichtslosen Situa­tion alles daran, seinen Kopf zu retten. Tatsache ist, daß Wiatrek systematisch über alle ihm bekannten Vorgänge berichtete und auch andere Personen aufforderte auszusagen. Es steht heutigen Generationen nicht an, Wiatrek wegen seiner Aussagen vor der Gestapo moralisch anzuklagen; doch gebietet es die Wahrheitspflicht, dies nicht zu verschweigen, gerade um, im Gegensatz zur Heroisierung der SED-Geschichtsschreibung, zu dokumentieren, daß Widerstandskämpfer Menschen aus Fleisch und Blut waren, die sich durch großen Mut auszeichneten, aber auch Ängste und Schwächen hatten. [1] Diese biographische Studie gehört zu den Ergebnissen der mehrjährigen Arbeit an dem Projekt »Biographisches Handbuch des deutschen Kommunismus 1919–1945« am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung unter Leitung von Hermann Weber. [2] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 5. Berlin 1966, S. 313. [3] So bei Mewis, Karl: Im Auftrag der Partei. Berlin 1971; Mammach, Klaus: Widerstand 1933–1945. Köln 1987, S. 43; Kruschel, Heinz: Der Mann mit den vielen Namen. Berlin 1975. [4] Zum Thema Verrat siehe: Mallmann, Klaus-Michael: Die V-Leute der Gestapo., S. 268 ff. In: Paul, Gerhard/Mallmann, Klaus-Michael: Die Gestapo. Mythos und Realität. Darmstadt 1995. [5] Exemplarisches Beispiel für diese Irritationen sind die Darstellungen in der DDR zu Wilhelm Knöchel. Siehe dazu Herlemann, Beatrix: Auf verlorenen Posten. Kommunistischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Die Knöchel-Organisation. Bonn 1986, S. 9ff.; siehe auch die Besprechung des 5. Bandes der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von Hermann Weber in: SBZ-Archiv Nr. 16/1966. [6] Madsen, Carl: Flygthing 33. Steiflys over Hitlers Danmark. Kopenhagen 1972. Siehe dazu auch ausführlich Scholz, Michael F.: »Skandinavische Erfahrungen erwünscht?« Nachexil und Reemigration. Die ehemaligen KPD-Emigranten in Skandinavien und ihr weiteres Schicksal in der SBZ/DDR. Stuttgart 2000, S. 291ff. [7] Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 5. Berlin 1966, S. 313; Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Frankfurt am Main 1969, Bd. II, S. 342., im folgenden Weber Bd. II. [8] Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte München und von der Resarch Foundation for Jewish Immigration, Inc. New York unter der Gesamtleitung von Werner Röder und Herbert A. Strauss. Bd. 1, S. 816/817 München u. a. 1980–1983 (künftig HBDE). [9] Müller, Reinhard: Die Akte Wehner. Moskau 1937 bis 1941. Berlin 1993; Tischler, Carola: Flucht in die Verfolgung. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil – 1933 bis 1945. Münster 1996. [10] Landeshauptarchiv Brandenburg, Abteilung Bornim, Landesarchiv Berlin [11] Bundesarchiv (künftig BArch.), Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ZC 15929 Heinrich Wiatrek (Untersuchung, Anklageschrift und Urteil, 15 Bände). An dieser Stelle sei ausdrücklich der Nichte und den Neffen Heinrich Wiatreks, Margarethe Müller, Heinz Polewka-Wunstorf und vor allem Helmut Polewka aus Berlin gedankt. Außerdem bedanke ich mich bei den Kollegen Michael F. Scholz/Visby, Ludwig Eiber/München und Rainer Sandvoß/Berlin für wertvolle Hin­weise. [12] Zu Karl Mewis siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 575 f. Berlin 2000. [13] Mewis, a. a. O., S. 277. [14] Arthur Wyschka (8. 1. 1894 – 8. 2. 1964) Geb. in Weimar, Sohn einer Arbeiterfamilie, Volksschule, Lehre und Arbeit als Schlosser in Hindenburg/Oberschlesien, 1912 Mitgl. der SPD, 1914 Soldat im I. Weltkrieg, Heizer auf einen Minenleger; 1918 Mitgl. des Spartakusbundes, 1919 der KPD, Mitgl. des Arbeiterrates bzw. Obmann eines Hüttenbetriebs der AG Borsigwerke, Vors. des Gesamtbetriebsrates zweier Steinkohlenbetriebe und des Hüttenwerkes AG Borsigwerke in Hindenburg/Oberschlesien; 1924–1933 Stadtverordneter, 1930–1933 Mitgl. des Stadtrates von Hindenburg, 1928–1933 Abgeordneter des Provinziallandtages Oberschlesien, 1924–1933 Mitgl. der KPD-BL Oberschlesien bzw. Schlesien; 1933 illegale Arbeit, Juni 1933 inhaftiert, KZ Esterwegen, 1935–1939 erneut inhaftiert, KZ Lichtenburg, Dachau und Buchenwald; 1939–1944 Arbeit als Werkzeugmacher in Berlin, 1944 erneut inhaftiert, bis 1945 KZ Sachsenhausen; 1945 Mitarbeiter im ZK der KPD, 1945/46 Leiter der Abteilung Kommunalwesen; 1946 Mitgl. der SED; 1946–1949 Leiter der Abt. Kommunalpolitik im Zentralsekr. des SED-PV; ab 1949 Angeh. des MfAA, 1950–1955 1. Sekr. bzw. Botschaftsrat und Leiter der Konsularabt. der DDR-Botschaft in Warschau; anschl. politischer Mitarbeiter im MfAA; 1946–1950 Mitgl. der ZRK der SED. [15] BArch. ZC 15929, Bd. 1. [16] Schmerbach, Günter: Der Kampf der KPD gegen Faschismus und Kriegsgefahr im Bezirk Oberschlesien 1932/33. Phil. Diss. Jena 1957; Friedrici, Hans Jürgen: Zur Entwicklung der neuen Strategie und Taktik der KPD und ihrer führenden Rolle im antifaschistischen Widerstandskampf. Dargestellt am Kampf der oberschlesischen Parteiorganisation und deutscher und polnischer Werktätiger gegen den Faschismus in den Jahren 1933–1938/39. Diss. Leipzig 1966. [17] Müller, Die Akte Wehner, S. 364f. [18] Zu Fritz Selbmann siehe Kurzbiographie in Wer war wer in der DDR?, S. 791f. [19] Paul Woytkowski (20. 12. 1892 – 14. 4. 1960) Geb. in Wollstein (Posen), Sohn eines Schneidermeisters, Volksschule in Berlin, Laufbursche, Lehre als Schlosser in Berlin-Lichtenberg, 1910 Mitgl. des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), ab Febr. 1911 Wanderschaft, u. a. in Gent/Belgien; Mai 1911 Entlassung, anschl. Arbeit in Brüssel, später in den Niederlanden, Rückkehr nach Essen/Ruhr, Funktionär des DMV, Sept. 1913 Mitgl. der SPD; während des Krieges Übertritt zur USPD, mit der linken USPD 1920 zur KPD. Org.- bzw. Polleiter im Stadtteil 30 in Essen, später auch Mitgl. der UBL Essen, Mitgl. der Fraktionsleitung des Metallarbeiterverbandes in Essen, 1922 Vors. der Fraktion der Metallarbeiter Ruhrgebiet und Niederrhein bis 1927; 1925 Reise nach Moskau, Teilnahme an der 6. Erweiterten Exekutivtagung, nach Rückkehr Leiter des KPD-UB Essen, bis 1928 Leiter UB Bochum, später in Hamm/Westfalen; Besuch der Leninschule; ab Febr. 1931 Polleiter Oberschlesien; ab Mai 1928 MdL Preußen, Oberschlesien; ab Febr. 1933 illegale Arbeit in Oberschlesien und Schlesien, anschl. in Magdeburg; April 1933 in Magdeburg verhaftet, bis April 1945 in Haft, u. a. KZ Sachsenhausen und Buchenwald; Juli 1945 bis Jan. 1946 Abteilungsleiter für Verwaltung und Wirtschaft bzw. Arbeit und Sozialfürsorge in der KPD-Landesleitung Thüringen; Mitbegr. des FDGB Thüringen; Febr. 1946 bis Sept. 1947 Leiter des KPD-Zonenbüro in Hamburg, Mitgl. des Zonenbeirates und der Parteileitung für die britische Zone; nach dem 2. Parteitag Entbindung von der Funktion in Hamburg und Übernahme der Leitung der Abt. Gewerkschaften in der SED-Landesleitung Thüringen; Aug. 1949 1. Vors. des FDGB-LV Thüringen; ab 1953 Vors. des Rates des Kreises Nordhausen. [20] BArch SAPMO Ry 1/I 2/4/37 Bestand ZK der KPD. Fragebögen von KPD-Funktionären (Registrierung leitender Parteifunktionäre Buchstabe M-Z) Bl. 57ff. [21] Georg Brückmann, (28. 11. 1903 – 1942) Geb. in Berlin, Schlosser, 1923 Mitgl. der KPD, Funktionär im Arbeitersport und im RFB, Dez. 1928 bis Dez. 1929 Org.-Leiter des 5. Verwaltungsbezirks der KPD in Berlin-Friedrichshain, anschl. Kassierer im KPD-Unterbezirk Ost. Nov. 1929 Abgeordn. in Berlin-Friedrichshain; Dez. 1930 Verurteilung durch das Reichsgericht zu einer Festungshaftstrafe, vor Haftantritt Flucht in die Sowjetunion; unter dem Parteinamen Albert Müller zunächst Mitarbeiter im Mitteleuropäischen Ländersekretariat der Komintern, später Kaderreferent für KPD-Angelegenheiten in der Personalabteilung der Komintern; Teilnahme als Beobachter des Mitteleuropäischen Sekretariats an der »Brüsseler Konferenz«; 1936 Mitgl. der Kommission zur Überprüfung der Politemigranten, Herbst 1938 Verhaftung durch NKWD, 7. 4. 1941 Verurteilung durch Sondertribunal des NKWD zu 8 Jahren Arbeitslager, Haft in den Lagern Kotlas und Workuta, 1942 im Arbeitslager verstorben. [22] Zu Hans Beimler siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 47. [23] Peukert, Detlev: Die KPD im Widerstand. Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945. Wuppertal 1980, S. 148ff. [24] Zu Elli Schmidt siehe Kurzbiographie in Wer war wer in der DDR?, S. 748. [25] Adolf Rembte (21. 7. 1902 – 4. 11. 1937) Geb. in Kirchsteinbig/Kreis Stormann in Schleswig-Holstein, Volksschule, Lehre als Bäcker, Gelegenheitsarbeiter, Anfang 1919 Mitgl. der SAJ, 1922 der KPD, Okt. 1923 aktive Teilnahme am Hamburger Aufstand, Verhaftung, März 1925 Verurteilung durch die außerordentliche Strafkammer in Altona wegen »Beihilfe zum Hochverrat« zu zwei Jahren und sechs Monaten Festungshaft, nach Amnestie ab 1926 zunächst Volontär, dann Red. an der HVZ, Einleitung eines Hochverratsverfahren, wegen seiner Abwesenheit vorläufig eingestellt, Juli 1928 endgültig eingestellt;  Mitte Nov. 1927–Frühjahr 1930 unter dem Decknamen »Ahrens« Kursant an der Internationalen Leninschule, anschl. Aspirantur am »Institut der Roten Professur« der AdW; Sommer 1931 Rückkehr nach Deutschland, Einsatz als Kursleiter und Lehrer an der Reichsparteischule Berlin-Fichtenau, Aug. 1931 Verhaftung in Stuttgart, Juni 1932 Verurteilung zu zwei Jahren Festung durch das Reichsgericht wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, Dez. 1932 Amnestie; anschl. Einsatz als Lehrer an der Reichsparteischule in Berlin-Fichtenau; ab Febr. 1933 illegal, Juni bis Dez. 1933 Polleiter der illegalen BL Halle-Merseburg, Nov. 1933 Flucht nach Berlin, ab Dez. 1933 Polleiter der illegalen BL Niederrhein in Düsseldorf, ab Juni 1934 Mitgl. der illegalen Landesleitung Berlin, Ende 1934 zu Konsultationen mit Pieck nach Moskau, er erhielt den Auftrag, die neue Linie des ZK nun auch in Berlin durchzuführen; über Zürich und Basel Anfang März 1935 nach Deutschland; 27. 3. 1935 Verhaftung in Berlin, Verurteilung zum Tode durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, hingerichtet am 4. 11. 1937 in Berlin-Plötzensee. [26] Käthe Lübeck (15. 2. 1907 – 23. 5. 1984) Geb. in Bremen als Käthe Fürst, Volksschule, Arbeiterin, kaufm. Lehre, Arbeit als Buchhalterin, Mitgl. des Zentralverband der Angestellten, 1922–1927 Mitgl. der SAJ und der SPD, 1927–1929 des KJVD, 1929 Mitgl. der KPD, Betriebsrätin in der Bremer Jutespinnerei; 1930/31 Abgeord­nete der Bürgerschaft Bremen, 1931 mit ihrem Mann Hans Lübeck nach Düsseldorf, Mitarbeite­rin in der RGO-BL, später nach Halle, Angest. beim Konsum in Halle, anschl. mit ihrem Mann nach Moskau; 1933 Rückkehr nach Deutschland zur illegalen Arbeit, Mitgl. der Landesleitung der KPD, 27. 3. 1935 zusammen mit Rembte, Stamm und Maddalena inhaftiert, 4. 6. 1937 wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, Haft im Zuchthaus Lübeck, 1940 bis 1942 im Zuchthaus Jauer, 1942 Internierungslager Grünberg/Schlesien, 1944 strafver­setzt ins Lager Schweidnitz, Febr. 1945 Evakuierungsmarsch Zuchthaus Waldheim, Arbeitslager OT, bis Mai 1945 erneut Zuchthaus Waldheim, Juni 1945 Rückkehr nach Bremen, 1945/46 Frauenleiterin der KPD-BL Bremen, 1946–1951 Abgeordnete der Bürgerschaft Bremen, zeitweilig Vizepräsidentin der Bürgerschaft; 1946 Delegierte zum 15. Reichsparteitag der KPD, Aug. 1946 bis Febr. 1948 Senatorin für Gesundheitswesen, (Erste Senatorin der Freien und Hansestadt Bremen); ab Jan. 1946 unter dem Namen Popall; Febr. 1952 Einleitung einer Kampagne gegen die Popalls, später Parteiverfahren mit dem Ziel des Ausschlusses, 2. 1. 1953 »Rüge« durch die Wohnparteigruppe in Bremen, die sich damit gegen einen Ausschluß stellte; bis 1956 Mitgl. der KPD, danach Austritt; 1967 Verzug mit der Familie in das Saarland, 1984 Rückkehr nach Bremen. [27] Zu Waldemar Schmidt siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 750. [28] Zu Dahlem, Florin, Schubert und Schulte siehe Weber, Bd. 2 und HBDE. [29] Ausführlicher dazu aus der Sicht eines Insiders: Wehner, Herbert: Zeugnis, Persönliche Notizen 1929–1942. Köln 1982. Und Duhnke, Horst: Die KPD von 1933 bis 1945. Köln 1972, S. 145ff. [30] Zu Anton Ackermann siehe Kurzbiographie in Wer war wer in der DDR?, S. 13. [31] David, Fritz (25. 10. 1897 – 24. 8. 1936) Geb. in Nowosibkow/Wilnaer Gegend als Ilja Krugljanski, Sohn eines jüdischen Lehrers. Ab 1916 in jüdischen sozialdemokratischen Zirkeln aktiv. Von Febr. 1917 bis 1920 Mitgl. der vereinigten Sozial­demokratischen Arbeiterpartei; David-Kruglianski arbeitete zunächst im Komintern-Apparat in Mos­kau, 1926 Delegierung zur Arbeit nach Deutschland. Von Mai 1926 bis Frühjahr 1927 Mitarbeiter in der kommunistischen Fraktion des Textilarbeiterverbandes, 1927/28 Mitarbeiter der Gewerk­schaftsabteilung des ZK und Leiter der Industriegruppe Leder sowie Mitglied der Zentrale der RGO. Sekr. der kommunistischen Gewerkschaftszeitschrift »Der Kampf«. Von Herbst 1928 bis Mitte 1932 Leiter der Gewerkschaftsred. der »Roten Fahne«. David-Kruglianski arbeitete 1932/33 im Sekr. des ZK der KPD (für Fragen der Theorie). März 1933 Abreise aus Berlin zur Komintern nach Moskau. Dort enger Mitarbeiter Piecks. David-Kruglianski entwarf wesentliche Teile der Resolution der »Brüsseler« Parteikonferenz 1935; er war schon zuvor aktiv am VII. Weltkongreß der Komintern beteiligt gewesen. David-Kruglianski war als Mitarbeiter von Gerhart Eisler in der Propabteilung des KPD-Auslandsekretariat in Paris vorgesehen, wurde jedoch kurz vor seiner Abreise 1936 vom NKWD verhaftet. Als angeblicher Trotzkist im Schauprozeß gegen Sinowjew u. a. im August 1936 vor Gericht gestellt. Die Anklage behauptete, er sei von Trotzki in die UdSSR geschickt worden, um Stalin umzubringen. Nachdem David das übliche »Geständnis« abgelegt hatte, wurde er am 24. Au­gust 1936 zum Tode verurteilt und hingerichtet. [32] Zu Philipp Dengel siehe Weber, Bd. 2 S. 94 f. und HBDE, S. 125. [33] Eiber, Ludwig: Arbeiteropposition auf Hamburger Werften. In: Ebbinghaus, Angelika/Linne, Karsten (Hg.): Kein abgeschlossenes Kapitel. Hamburg im »Dritten Reich«. Hamburg 1997, S. 449f. [34] Edith Stucke-Felgentreff (29. 8. 1903 – 20. 12. 1972) Geb. in Berlin als Edith Felgentreff, Tochter eines Gerichtssekretärs, Lyzeum und Oberlyzeum in Potsdam, Höhere Handelsschule, Stenotypistin in Dresden und Berlin, ab Okt. 1925 Stenotypistin in der Redaktion der »Roten Fahne« (Ausgabe B), später dort auch Hilfsredakteurin; ab 1929 Ange­stellte der sowjet. Handelsvertretung in Berlin, 1931 Stenotypistin und Kassiererin in der KPD-BL Halle-Merseburg, 1932 Stenotypistin im ZK der KPD und in der BL Berlin-Brandenburg; ab 14. 1. 1933 im Auftrag des ZK nach Moskau; bis Juni 1937 Stenotypistin beim EKKI, Sept./Okt. 1937 auf Beschluss des ZK zunächst illegal, dann legal nach Dänemark, Juni 1941 Internierung, anschl. Arbeit als Reinmachefrau, Febr. 1945 Rückkehr nach Deutschland, zeitweilige Gestapohaft in Potsdam; 1945/46 Mitarbeiterin der Abt. Agit/Prop. der KPD-BL Brandenburg bzw. SED-LV Brandenburg, ab Sept. 1946 Angest. der Personalverwaltung der IHK Brandenburg bzw. bis 1951 persönl. Referentin bei der IHK Brandenburg, ab 1954 persönl. Sekr. des Vors. des ZV der IG Eisenbahn. [35] Friedrich Stucke (4. 4. 1895 – 26. 10. 1937) Geb. in Bremen als Sohn des Schneiders und Mitbegründers der »Bremer Linksradikalen« Carl Stucke, Volksschule und Gymnasium, Studium; Mitgl. der KPD, Red. der »Roten Fahne«, nach 1933 Emigration in die Sowjetunion; zunächst Deutschlehrer am »Institut der Roten Professur«, 27. April 1937 verhaftet, 26. Oktober 1937 vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR wegen »Teilnahme an einer konterrevolutionären terroristischen Organisation« zum Tode durch Erschießen verurteilt. [36] Zu Sepp Schwab siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR? S. 779f. [37] Zu Herbert Warnke siehe Kurzbiographie in: Wer war wer?, S. 892. [38] Helms, Paul (13. 10. 1901 – 28. 2. 1958) Geb. in Hamburg, Dreher, 1919 Mitgl. der USPD, 1920 der KPD, 1932 Mitgl. der RGO-BL Wasserkante; ab 1933 illegale Arbeit, Verhaftung, 1934 Verurteilung wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 18 Monaten Zuchthaus; nach Entlassung illegale Arbeit in Hamburg, Sept. 1936 Emigration nach Dänemark, Mitgl. der Emigrationsleitung und der A. L. Nord; Mai 1941 Verhaftung, 9. 1. 1943 Verurteilung zum Tode durch den Volksgerichtshof; mehrmals Aufschub der Vollstreckung des Todesurteils, vermutlich wie Wiatrek und Hofmann »Auskunftsperson« der Hamburger Gestapo, April 1945 Entlassung, weiterer Lebensweg ungeklärt. [39] Zu Walter Weidauer siehe Kurzbiographie in: Wer war Wer in der DDR?, S. 897. [40] Zu Kurt Granzow siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 240. [41] Gollmick, Walter (4. 10. 1900 – 15. 2. 1945) Geb. in Berlin-Schöneberg, Realschule, kaufm. Lehre, anschließend kaufm. Angest. Nach der Revo­lution Mitgl. der FSJ, 1920 der KPD; zeitweilig Mitgl. der Reichszentrale des KJVD, dort zeitweise für die Agitproparbeit des KJVD verantwortlich; ab 1921 Stadtverordneter in Berlin. 1926 unter dem Pseud. »Kanzai« Redakteur in Suhl. 1927 Delegierter des Essener Parteitags, 1928 Agitpropsekretär der Bezirksleitung Ruhr in Essen., Anfang 1929 nach Berlin, Mitarbeiter in der Agitpropabteilung, bis 1933 im ZK verschiedene Funktionen; nach 1933 enger Mitarbeiter von John Schehr, bis zu dessen Verhaftung. 1934 Emigration, Grenzarbeit in Dänemark, Redakteur der von der Abschnittsleitung  Nord herausgegebenen »Norddeutschen Tribüne«, Deckname »Ingeborg « bzw. »Oskar«. Gollmick stellte sich nach der Besetzung Dänemarks 1940 der Polizei und wurde 1941 der Gestapo in Hamburg übergeben. In der Folgezeit war Gollmick wie Helms, Hoffmann, und Wiatrek Auskunftsperson der Hamburger Gestapo;  Mitte 1946 wandte sich die Ehefrau Gollmicks über das »Komitee Ehemaliger Konzentrations-Häftlinge und Politischer Gefangener« Holzminden/Nieder­sachsen an Wilhelm Pieck und bat um Unterstützung bei der Anerkennung als »Opfer des Faschis­mus«. Am 7. 9. 1946 wurde der KPD-BL Bremen vom Büro Pieck mitgeteilt, dass Gollmick in der Tat bis zum Jahre 1933 Mitarbeiter der Agitprop-Abteilung des Zentralkomitees der KPD war und in der Illegalität in Berlin in dieser Funktion noch weiter arbeitete. In der Emigration hat er in Paris und in Dänemark die verschiedensten Funktionen innegehabt. Widersprochen, wurde den Angaben der Ehefrau, daß Gollmick im Jahre 1937 in Hamburg wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er wurde vielmehr im Jahre 1940 bzw. 1941 in Kopenhagen von der Gestapo verhaftet und nach Hamburg gebracht, wo er »umfiel« und zu einem Agenten der Gestapo wurde. Wörtlich hieß es in dem Schreiben: »Er ist nach uns hier vorliegenden Mitteilungen im Jahre 1945 nicht von der SS in Hamburg ermordet worden, sondern hat nach dem Zusam­menbruch des Naziregimes Selbstmord begangen, da er nach dem von ihm verübten Verrat keinen anderen Ausweg gesehen hat.« Tatsächlich starb Gollmick am 15. Februar 1945 in Hamburg. [42] zu Wittkowski siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 927. [43] zu Wilhelm Boller siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 78. [44] zu Karl Nieter siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 533. [45] zu Conrad Blenkle siehe Weber, Bd. II, S. 78. [46] Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 92 vom 22. 4. 1938 (Liste 42). [47] Arthur Mannbar (18. 7. 1913) Geb. in Landweiler/Saar als Sohn eines Bergarbeiters, Grundschule und Gymnasium, kaufm. Lehre und Arbeit als Angest. in Dudweiler und in den Friedrichsthaler Eisenwerken, 1931 bis 1935 Expedient, Redaktionsvolontär bzw. Red. der »Arbeiter-Zeitung« (Organ der KPD in Saarbrücken), 1934 Mitgl. der KPD, 1935 bis 1940 illegale Arbeit als Instrukteur des ZK der KPD in Paris, Moskau und Kopenhagen, 1935 bis 1937 Kursant an der Internationalen Leninschule in Moskau, 1940 Verhaftung, 1942 Verurteilung wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu lebenslänglichem Zuchthaus, Haft im Zuchthaus Brandenburg-Görden; 1945 bis 1949 Leiter der Hauptabt. Nachrichten und Kommentator beim »Berliner Rundfunk«; 1946 Mitgl. der SED, 1947 Ausschluß aus der SED (wegen »Verhaltens in der U-Haft«, 1956 Wiederaufnahme in die SED), 1949 bis 1952 Leiter der Haupt­abteilung Tagesfragen beim Mitteldeutschen Rundfunk, Sender Leipzig, 1952/53 Redaktionsleiter beim Staatlichen Rundfunkkomitee in Leipzig; 1953 bis 1955 1. Red. beim ADN Leipzig; 1955 bis 1959 Chef vom Dienst ADN Ost-Berlin; 1959 bis 1964 Leiter der Auslandsredaktion bzw. Leiter der Basisredaktion ADN Ost-Berlin; 1964 bis 1969 Chefred. und Stellv. des Generaldir. des ADN; 1969 bis 1973 Chefred. des ADN, anschl. Mitarbeiter des ADN und Mitautor des Buches über den antifaschistischen Widerstandskampf im Zuchthaus Brandenburg. [48] Zu Paul Verner siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 873f. [49] Zu Richard Stahlmann siehe Kurzbiographie in: Wer war wer in der DDR?, S. 812f. [50] Mammach, S. 43. [51] Schlußbericht der Gestapo über die Abschnittsleitung Nord. In: BArch ZC 15929. [52] Zu Arthur Emmerlich siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 156. [53] Zu Rudolf Hallmeyer siehe Kurzbiographie in: HBDE, S. 266. [54] Müller, Johannes (Hans) (14. 7. 1912 – 7. 1. 1987) Geb. in Leipzig als Sohn eines Bäckers, Volksschule, Lehre und Arbeit als Buchdrucker, 1926 Mitgl. der Gewerkschaft, 1927 des KJVD, 1931 der KPD, KJVD-Stadtteilleiter, 1932 Mitgl. der KJVD-BL Sachsen, Bezirkskassierer; August–Dez. 1933 inhaftiert, KZ Colditz, nach Entlassung illegale Arbeit, 1934 Emigration in die CSR, Grenzkurier, ab Jan. 1937 Instrukteur des ZK in Berlin, Dez. 1937 zurück nach Frankreich, 1938/39 illegale Arbeit in Frankreich, Juli 1938 in Frankreich inhaftiert und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt; Jan. 1939 zusammen mit Paul Peschke über Brüssel-Kopen­hagen nach Malmö/Schweden, illegale Kurierfahrten nach Deutschland, Juli 1940 mit dem Dampfer »Nester« illegal nach Deutschland, bei der Ankunft in Hamburg am 22. 7. 1940 inhaftiert, Aug. 1941 Verurteilung zu lebenslanger Haft durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hoch­verrat«, 1941 bis 1943 Zuchthaus Brandenburg und Waldheim, 1943 bis 1945 Haft im KZ Mauthausen; 1945/46 Kadersekr. des KPD-UB Leipzig, 1946 Mitgl. der SED; März bis Juni 1946 Studium an der PHS in Liebenwalde, bis Nov. dort Assistent; Okt. 1946 bis Mai 1947 Leiter der Bezirks- bzw. Kreisparteischulen in Hartmannsdorf und Breitenfeld bei Leipzig, 1947 bis 1949 Stu­dium an der Univ. Leipzig, Diplom-Gesellschaftswissenschaftler; 1949 bis 1952 Abteilungsleiter bzw. stellv. Hauptabteilungsleiter. in der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) bzw. im Min. für Leichtindustrie bzw. im MdI; 1952 bis 1965 Sektorenleiter in der Abteilung Arbeitsbüro bzw. von 1965 bis 1981 politischer Mitarbeiter in der Westabt. des ZK; 1955/56 Studium an der PHS beim ZK der KPdSU; ab 1965 Mitgl. des Internat. Mauthausen-Komitees, ab 1970 Vors. der Lagerarbeits­gemeinschaft Mauthausen bei der Zentralltg. des Komitees der Antifaschist. Widerstandskämpfer. [55] Heinrich Schmeer (20. 3. 1906 – 7. 2. 1960) Geb. in Triberg/Baden, Volksschule, Bürogehilfe, Hoteldiener und Bauarbeiter; vor 1925 Mitgl. des KJVD, 1927/28 Leiter des KJVD-UB Torgau-Liebenwerder, anschl. Agit-Prop-Leiter KJVD-BL Halle-Merseburg; 1929 Mitgl. der KPD; ab 1932 Funktionär des Reichserwerbslosenausschusses für Jugend- und Arbeitsdienstfragen, 1933 illegale Arbeit, Verhaftung, April 1934 Verurteilung zu 2 ½ Jahren durch das Kammergericht Berlin wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, Haft im Zuchthaus Brandenburg, 1936 Entlassung, Emigration in die CSR, Instrukteur der KPD-Abschnittsleitung Zentrum für Berlin, (Deckname »Harry«) Okt. 1938 über Polen nach Kopenhagen, anschl. nach Göteburg; 1939 und 1940 illegale Einsätze als Instrukteur der A. L. Nord in Berlin, Aug. 1940 über Bremen nach Berlin mit dem Ziel des Aufbaus einer illegalen Parteileitung gemeinsam mit Willi Gall; illegale Arbeit in Berlin-Reinickendorf, 9. Sept. 1940 Verhaftung, schwere Misshandlungen, 28. Juli 1941 Verurteilung zu lebenslanger Haft durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, bis 1945 Haft im Zuchthaus Brandenburg; nach 1945 Mitarbeiter beim Berliner Rundfunk bzw. beim Staatlichen Rundfunkkomitee der DDR; 1946 Mitgl. der SED. [56] Bundesarchiv, Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ZC 15929, Bd. 4. [57] Eiber, Ludwig: Unter Führung des NSDAP-Gauleiters. Die Hamburger Staatspolizei (1933 bis 1937), S. 100ff., in: Paul/Mallmann, Die Gestapo. [58] Rohübersetzung eines Gespräches Carl Madsens, Dänemark, mit der Schwester von H. Wiatrek, Helene Polewka, in Ost-Berlin am 14. 11. 1970 in: SAPMO Sgy 30 1985. [59] Bundesarchiv Lichterfelde, Referat R 2 Pers. BDC Personalakte Heinrich Teege. [60] Teege wurde am 2. 6. 1949 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Vgl. Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg, Frankfurt/M. 1971, S. 131. Er verstarb am 22. Mai 1971 in Hamburg. (Auskunft des Bezirksamts Hamburg vom 4. 1. 2002). [61] Paul Krautter (22. 3. 1902 – 17. 8. 1961) Geb. in Berlin als Sohn eines Tischlers, Volksschule, Lehre und Arbeit als Installateur und Schwachstrommonteur, Mitgl. des DMV und der FSJ, Betriebsrat, Mitgl. der Branchenleitung der Elektromonteure, 1929 Mitgl. der KPD, ab 1930 hauptamtl. RGO-Funktionär, Sekr. Der RGO-Industrie­gruppe Metall, gleichzeitig Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern OMS; ab Febr. 1933 illeg. Arbeit, Nov. 1933 Emigration in die Schweiz, Febr. 1934 in die Sowjetunion, nachrichtendienstl. Spezialschulung, anschl. über die Schweiz nach Frankreich, Sekr. der Gruppe der gewerkschaftlich organisierten deutscher Arbeiter in der CGT, zeitweilig Leiter der A. L. Zentrum in Amsterdam; Sept. 1939 bis 1941 Internierungslager Le Vernet in Südfrankreich, anschl. über Algerien, 1941 nach Mexiko, Leitungsmitglied des Komitees »Freies Deutschland«, Juli 1946 Rückkehr nach Deutschland, Mitgl. der SED und des FDGB, zunächst Bezirksleiter der IG Metall in Berlin-Köpe­nick, 1948–1952 stellv. Vors. der IG Metall Groß-Berlin,1952–1958 Sekr. des ZV der IG Metall, 1958–1961 Sekr. der IG Metall im WGB in Prag bzw. Leiter der Abt. »Gewerkschaftseinheit« des ZV der IG Metall. [62] Tatsächlich sind auf der »Berner Konferenz« 17 Mitglieder und drei Kandidaten in das ZK gewählt worden: Anton Ackermann, Paul Bertz, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, Walter Hähnel, Wilhelm Knöchel, Paul Merker, Karl Mewis, Wilhelm Pieck, Siegfried Rädel, Elli Schmidt, Emil Svoboda, Ernst Thälmann, Walter Ulbricht, Herbert Wehner, Heinrich Wiatrek und als Vertreter der KPÖ Johann Kopeling. [63] Zu Grünert siehe Kurzbiographie in: Michael F. Scholz, a. a. O. S. 355. [64] Kurzbiographie zu Sasse siehe HBDE, S. 636 und Sandvoss, Rainer: Widerstand in Pankow und Reinickendorf; Berlin 1994, S. 259. Sasse soll unmittelbar nach der Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg an den Haftfolgen verstorben sein. [65] Überliefert ist auch die Tatsache, daß Wiatrek, Irene Wosikowski in Hamburg gegenübergestellt wurde und dem das Verhör führenden Gestapobeamten die von Woskiowski bisher hartnäckig verschwiegene Auskunft gab, daß sie Kursantin an der Leninschule gewesen sei. Siehe Schlußbericht der Gestapo Hamburg v. 13. 5. 1944, in: BStU Bd.-Nr. 478, Bl. 157. [66] Lothar Hofmann (16. 2. 1903 – 1989) Geb. in Leipzig als Sohn eines Lehrers, Volksschule und Gymnasium, Banklehre und Bankangest.; ab 1929 Angest. der sowjet. Handelsvertretung und Lehrer an der MASCH in Hamburg, 1929 Mitgl. der KPD, ab 1931 Angeh. des AM-Apparates; 1931/32 inhaftiert, Verurteilung zu vier Jah­ren Zuchthaus wegen Militärspionage, Dez. 1932 amnestiert; März 1933 Emigration nach Dänemark, bis Mai 1934 Grenzarbeit, anschl. Instrukteur im Saargebiet; Nov. 1934 bis Aug. 1935 Ausbildung an einer Militärschule in der Sowjetunion; 1936/37 Betriebsarbeiter in Moskau, anschl. nach Spanien, Arbeit in der Auslandsabt. des Servicio de Investigación Militar (SIM); Nov. 1938 Ausbürgerung, Mai 1939 nach Kopenhagen, Instrukteur der A. L. Nord, ab Nov. 1939 »zweiter Mann« der A. L. Nord; Mai 1941 Verhaftung, 5. 1. 1943 Verurteilung zum Tode durch den Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«; als sogenannte Auskunftsperson der Gestapo mehrmals Aufschub der Vollstreckung, 13. 2. 1945 Vollstreckungsanordnung; April 1945 Entlassung, Meldung bei der KPD-BL Hamburg, später Übersiedlung nach Dänemark, Mitarbeiter in einem Reisebüro, dort 1989 verstorben. [67] Oberlandesgerichtsrat Dr. Franz Illner, geb. 8. 5. 1904, war nach 1945 Landgerichtsdirektor beim Landgericht Mannheim; siehe: Braunbuch der Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Berlin (Ost) 1966, S. 382. Illner, Träger des Bundesverdienstkreuzes, verstarb im Juni 1988 in Mannheim. [68] Urteil in BArch, Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof ZC 15929 Bd. 5. [69] Ebenda. [70] Ebenda, Bd. 13. [71] Ebenda, Bd. 13. [72] Ebenda, Bd. 14. [73] Zu Ludwig Riess siehe Kurzbiographie in HBDE, S. 604. Nach seiner Verurteilung Überführung nach Hamburg, vermutlich wie Wiatrek und Hofmann Auskunftsperson der Gestapo in Hamburg. Nach Aussagen von Walter Hochmuth sei Riess Gestapospitzel geworden; siehe dazu Erklärungen von Hochmuth aus dem Jahre 1947 in seiner Kaderakte: SAPMO Dy 30 IV 2/11/v. 4931. [74] Wilhelm Reimers (7. 11. 1897 – 4. 2. 1982) Geb. in Hamburg-Altona, Volks- und Berufsschule, Maschinenbauer, 1916 bis 1918 Weltkriegsteilnehmer; 1919 Mitglied der USPD, 1922 der KPD; 1930 Geschäftsführer des KPD-Unter­nehmens »Norddeutscher Verlag, 1932 Leiter der Verlagszentrale der KPD in Berlin, ab 1933 illegale Arbeit als »Reichstechniker«, Emigration ins Saargebiet, Geschäftsführer der »Saar-Nahe-Druck AG«, einem von der KPD finanzierten Verlagsunternehmen. 1935 Flucht nach Frankreich, ab 1936 in Kopenhagen aktiv im antifaschistischen Widerstand, 1937 Aufenthalt in Moskau, Verhandlung vor der IKK der Komintern, 1938 Rückkehr nach Kopenhagen, 1940 Internierung, 1941 Verhaftung und Verurteilung durch den Volksgerichtshof zu zwölf Jahren Zuchthaus. 1945 Mitgl. der SPD; Journalist, Pressereferent, Gewerkschaftssekretär; 1955 bis 1964 Geschäftsführer der SPD-Zeitungen »Hamburger Echo« und »Hamburger Morgenpost«; 1949 bis 1957 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. [75] Häftlingsakte Heinrich Wiatrek, Staatsarchiv Hamburg, Rep 242 1 II – 10, Nr. 475. [76] SAPMO BY 1/142 KPD – Westzonen, Bl. 57ff. Nach Aussage von Paul Tastesen hat Hofmann die 150 Mark bei ihm abgeliefert, die anderen nicht. [77] Scholz, a. a. O. S. 71ff.; SAPMO Dy 30  IV 2/4/116, Bl. 166–171. [78] Fritz Wiatrek (24. 10. 1910 – 25. 5. 1982) Geb. in Gleiwitz/Oberschlesien als Sohn eines Eisenbahnschaffners, Volksschule, Steindrucker; 1927 KJVD und KPD, 1928 Mitglied der KJVD-BL Oberschlesien; nach 1933 illegale Arbeit, mehrmals inhaftiert; Juni 1945 Sekr. des FDGB in Reichenbach, Nov. 1945 bis Aug. 1947 Sekr. der KPD/SED in Reichenbach, Richterschule, 1950 bis 1966 Abteilungsleiter für Inneres beim Rat des Kreises Bad Schandau, ab 1966 Invalidenrentner. [79] Telefonische Auskunft von Heinz Polewka, Januar 2001. [80] Kopie der Sterbeurkunde ausgefertigt vom Standesamt Auerbach vom 23. 1. 2001. [81] Es war nicht möglich in Erfahrung zu bringen, wer die Umbenennung veranlaßte und warum sie erfolgte.

JHK 2002

Neue Studien zur Justizgeschichte der SBZ/DDR

Günter Braun

Weber, Petra: Justiz und Diktatur. Justizverwaltung und politische Strafjustiz in Thüringen 1945–1961. Veröffentlichungen zur SBZ-/DDR-Forschung im Institut für Zeitgeschichte. München: R. Oldenbourg Verlag, 2000 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Hg. vom Institut für Zeitgeschichte, Bd. 46), 574 Seiten.  Pohl, Dieter: Justiz in Brandenburg 1945–1955. Gleichschaltung und Anpassung. Veröffentlichungen zur SBZ-/DDR-Forschung im Institut für Zeitgeschichte. München: R. Oldenbourg Verlag, 2001 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Hg. vom Institut für Zeitgeschichte, Bd. 50), 414 Seiten. Wentker, Hermann: Justiz in der SBZ/DDR 1945–1953. Transformation und Rolle ihrer zentralen Institutionen. Veröffentlichungen zur SBZ-/DDR-Forschung im Institut für Zeitgeschichte. München: R. Oldenbourg Verlag, 2001 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Hg. vom Institut für Zeitgeschichte, Bd. 51), 647 Seiten. Mit der veränderten Archivsituation seit 1990 hat sich auch die Forschungslandschaft mit Blick auf das Justizwesen der SBZ/DDR grundlegend gewandelt. Der quasi uneingeschränkte Zugang zu den justizrelevanten Akten ostdeutscher Provenienz sowie ein unter dem Gesichtspunkt »Unrechtsstaat« gesteigertes Interesse am Gegenstand haben zu einer erheblich intensivierten wissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR-Justiz geführt. Auch die Berliner Außenstelle des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) widmete sich dem Thema im Rahmen eines Forschungsprojektes, das 1995 unter dem Titel »Die Errichtung der Klassenjustiz nach 1945 in der SBZ/DDR in diktaturvergleichender Perspektive« begonnen wurde. Die anzuzeigenden Bände sind Ergebnisse dieses Vorhabens, das viergliedrig angelegt war: Es ging um eine Analyse des Wandels der zentralen Institutionen, also der Deutschen Zentralverwaltung für Justiz (DJV) und des Justizministeriums der DDR (MdJ), um eine Darstellung des sich verändernden Justizwesens auf regionaler Ebene an den Beispielen der Länder Thüringen und Brandenburg (bzw. nach 1952 den dortigen Bezirken) sowie um eine Dokumentation über die »Volksrichter in der SBZ/DDR 1945 bis 1952«. Sie wurde bereits 1997 von Hermann Wentker vorgelegt. Im Zentrum dieser Studien steht der Transformationsprozeß von Justiz und Rechtsprechung sowie deren politische Instrumentalisierung in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands und der frühen DDR. »Vergleiche mit dem NS-System, aber ebenso mit der Sowjetunion und den Entwicklungen in den ostmitteleuropäischen Staaten zur historischen Einordnung und Bewertung« sollten, so skizziert IfZ-Chef Horst Möller ein weiteres Anliegen des Forschungsprojektes, »perspektivisch einbezogen werden« (gleichlautendes Vorwort in allen Bänden). Dabei war es den Bearbeitern durchaus freigestellt, in der Umsetzung des Forschungskonzeptes jeweils eigene Schwerpunkte zu setzen und unterschiedliche zeitliche Abgrenzungen vorzunehmen. So reicht die Darstellung von Wentker lediglich bis 1953, der dies damit begründet, daß »Gleichschaltung, Zentralisierung und Sowjetisierung [...] im Hinblick auf die Justizverwaltung, die Justizorganisation, das Ausbildungswesen, die Entfernung der Justizjuristen alter Schule und die Organisation des Strafvollzugs weitgehend abgeschlossen [waren]« (Wentker, S. 4). Pohls Analyse der brandenburgischen Justizentwicklung endet im Jahr 1955, das jedoch, so der Autor, »keine Zäsur im eigentlichen Sinne bildet« (Pohl, S. 4). Als Gründe für diese Periodisierung nennt Pohl das formale Ende der Besatzungsherrschaft, mit dem die sowjetische Justizkontrolle und die Tätigkeit der sowjetischen Militärtribunale aufhörten; außerdem seien die Steuerungsmechanismen in der Justiz etabliert gewesen. Daß sich die Justizpolitik der SED auch nach 1955 erheblich wandelte, räumt der Verfasser ein. Welche Kurskorrekturen etwa die Entstalinisierungsdebatte für die Justiz nach sich zog, erörtert Petra Weber, deren Untersuchung erst 1961 endet. Werden die beiden Regionalstudien hinsichtlich ihrer Problemstellung verglichen, sind ebenfalls deutliche Unterschiede festzuhalten. Dieter Pohl konzentriert sich auf die politische Geschichte der brandenburgischen Justiz, es geht ihm »weniger um die Rechtsgeschichte im besonderen oder um eine Gesellschaftsgeschichte des Rechts«. Wie konnte, so lautet seine zentrale Frage, »aus dem traditionellen Justizapparat des Landes ein Instrument der SED-Führung zur Durchsetzung ihrer justizpolitischen Prioritäten« werden? (Pohl, S. 1) Petra Weber gibt sich indessen mit einer Beschreibung der institutionellen und personellen Veränderungen des Justizapparates nicht zufrieden. Sie bezieht das »Spannungsfeld zwischen Rechtsnorm und Rechtspraxis« ausdrücklich mit ein, »was am besten in einem regional begrenzten Raum geleistet werden kann, wo Justizgeschichte und Lebenswirklichkeit miteinander verbunden, die Wahrnehmungsmuster der Menschen, die Aufschluß über Konsens und Ablehnung der Rechtsprechung und damit auch des politischen Systems durch die Bevölkerung geben, miteinbezogen werden können« (Weber, S. 6). Ein weiterer Punkt, in dem das Forschungskonzept ungleich eingelöst wird, betrifft den diktaturvergleichenden Ansatz. Während sich Petra Weber auf diese Fragestellung kaum einläßt, nimmt in Pohls Arbeit »Justiz in diktaturvergleichender Perspektive« ein eigenes Kapitel ein. Dabei geht er nicht nur auf die Rolle der NS-Justiz und das »Leitbild Sowjetjustiz« ein, sondern wirft auch einen »Blick auf die gut erforschte polnische Justiz mit ähnlichen Strukturbedingungen« (Pohl, S. 3). Den Vergleich der vier Justizsysteme schließt Pohl mit bemerkenswerten Überlegungen zu den »Universalia der Justiz in der Diktatur« ab (Pohl, S. 359) – hinsichtlich Zielsetzung, Organisation und Justizpraxis. Wentkers »diktaturvergleichende Überlegungen« (S. 584–605) befassen sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Justizwesen der DDR und dem des NS-Regimes. Er arbeitet »funktionale Äquivalente« heraus, die sich in beiden Fällen aus der Instrumentalisierung der Justiz für die politischen Absichten der Diktaturen ergaben. Die Unterschiede führt Wentker im wesentlichen auf die differierenden Entstehungs- und Ausgangsbedingungen zurück. Hier das Nazi-Regime, das sich auf die traditionellen Eliten sowie auf die Loyalität einer mehrheitlich antidemokratischen wie autoritären Juristenschaft stützen und den traditionellen Justizapparat sowie die Juristenausbildung im wesentlichen unverändert lassen konnte. Dort das unter sowjetischer Besatzungsherrschaft hervorgegangene und von der östlichen Hegemonialmacht abhängige SED-Regime, das im Gegensatz zur Hitler-Diktatur kaum auf den Konsens der Bevölkerung zu bauen vermochte. »Dies war«, so Wentker, »der herrschenden Staatspartei durchaus bewusst und hatte erhebliche Konsequenzen für das Rechts- und Justizwesen, das dazu neigte, den Unrechtscharakter zentraler Normen des politischen Strafrechts und die Eingriffe außerjustitieller Instanzen zu verschleiern. Ein Maßnahmestaat wie unter dem Nationalsozialismus konnte sich daher in dieser Form nicht etablieren; die verdeckte Repression des MfS in den Jahren nach dem Mauerbau stand zwar auch außerhalb der Gesetze, konnte sich aber nie so entfalten wie das Terrorregime des Dritten Reiches, das in der DDR ohne Parallele blieb« (Wentker, S. 604). Daß die Bearbeiter des Forschungsprojektes unterschiedliche Akzentsetzungen vorgenommen haben, ist durchaus legitim. Wünschenswert wäre es allerdings gewesen, wenn bei Fragestellungen und Bewertungen die im Vorhaben gegebene Verknüpfung stärker zum Vorschein käme. An Hinweisen auf kontroverse oder übereinstimmende Einschätzungen mangelt es ebenso wie an konkreten Bezügen zwischen der übergreifenden Studie Wentkers und den jeweiligen regionalhistorischen Darstellungen. Übereinstimmend wird von allen Autoren die Bruchlinie zwischen der Justizentwicklung unter Besatzungsbedingungen und der forcierten Transformation des Justizwesens in der SBZ um die Jahre 1947/48 gezogen. Unisono wird betont, daß die Rolle der Sowjetischen Militäradministration für die Innen- und Justizpolitik in den ersten Nachkriegsjahren kaum zu überschätzen ist. Während P. Weber den »Raum für föderale Eigenentwicklungen auf dem Gebiet der Justiz« als »von Anfang an eng begrenzt« einschätzt (Weber, S. 512), konstatiert D. Pohl für das Rechtswesen in Brandenburg eine verhältnismäßig eigenständige Entwicklung bis 1948, jedenfalls gegenüber der Deutschen Justizverwaltung. Diese Einschätzung deckt sich mit dem Urteil von H. Wentker, der den Gestaltungsspielraum der DJV-Spitze einerseits durch »die föderale Struktur der Justizverwaltung«, mehr aber noch durch die Abhängigkeit von der SMAD eingeschränkt sieht (Wentker, S. 574). Daß der Stellenwert der Justiz im politischen Machtgefüge der Besatzungsherrschaft eher gering war, man seitens der SMAD und KPD-/SED-Spitze auch aus blockpolitischen Erwägungen deshalb keine Pro­bleme sah, führende Funktionen in der Justizverwaltung zunächst ‚bürgerlichen’ Fachkräften zu überlassen, ist ebenfalls eine Interpretation, die alle Verfasser teilen. Diese moderate personalpolitische Linie sollte sich radikal ändern, seit 1948 das Ziel verfolgt wurde, die Justiz zu einem politischen Herrschaftsinstrument umzuformen. In allen vorliegenden Studien wird die Personalpolitik (»Säuberung«) als wichtigstes strategisches Mittel der »Gleichschaltung« angesehen. Nichtkommunistische Angehörige des höheren Dienstes wurden aus den Justizverwaltungen verdrängt und durch SED-Mitglieder ersetzt. Mit der Ausbildung von sogenannten Volksrichtern und deren Gleichstellung mit akademischen Richtern per SMAD-Befehl Nr. 193 (August 1947) war zudem die Entprofessionalisierung der Justizbehörden vorbereitet, die dann seit Frühjahr 1950 massiv betrieben wurde. Der parallel einsetzende institutionelle Umbau des Justizwesens zielte auf eine Vereinheitlichung und Zentralisierung. Die Regie in diesem Prozeß führte die deutsche Verwaltung des Innern. Den Landesjustizministerien wurde Anfang 1949 eine einheitliche Struktur verordnet, mit dem Entzug der Gesetzgebungsabteilung waren ihre Kompetenzen zugleich erheblich beschnitten worden. »Spätestens seit 1950«, so P. Weber in ihrer Analyse des thüringischen Rechtswesens, »fungierte das Erfurter Justizministerium nur noch als Justizverwal­tungsstelle, die neben den täglichen Routinearbeiten Kontrollaufgaben wahrnahm und Informationen an die Zentrale in Berlin zu liefern hatte« (Weber, S. 521). Im Unterschied zu Wentkers und Pohls Studien gliedert P. Weber ihre Darstellung des Transformationsprozesses in zwei Phasen auf: eine, die von 1948 bis 1950 reicht, in der auch die Tätigkeit des SED-Juristen Karl Schultes (Ende 1950 in den Westen geflüchtet) ausführlich dargelegt wird, und eine zweite von 1950 bis 1953. Dies ermöglicht ihr, ein Kapitel einzuflechten, in dem an zahlreichen, sehr anschaulichen Beispielen die Eingriffe der »politisierten« Justiz in Wirtschaft und Gesellschaft demonstriert werden. Diese Belege machen den Band von P. Weber über den wissenschaftlichen Anspruch hinaus interessant, allerdings geht der rote Faden dabei teilweise verloren – ein Problem, das bei Pohl und Wentker auch durch ihre Zusammenfassungen nicht bzw. weniger auftritt. Allen Projektergebnissen ist gemeinsam, daß sie durch die Fülle des vorgelegten und ausgewerteten Quellenmaterials überzeugen.

JHK 2002

Stalinismus und Widerstand in Polen – Die Affäre Lipski und die Neugründung der Kommunistischen Partei Polens

Bernhard H. Bayerlein

Eines der düstersten Kapitel der Stalinschen »Machttechnologie« (Foucault) betrifft die Geschichte Polens und der Kommunistischen Partei Polens in der Zwischenkriegszeit. Stalins Allianz mit Hitler als Präludium zum Zweiten Weltkrieg besiegelte auch die Unterjochung des polnischen Volkes mitsamt der in Polen lebenden nationalen Minderheiten (ausgenommen die deutsche Minderheit). Ostpolen war das Pfand der Allianz mit Hitler. Kurz zuvor wurde in einem beispiellosen Akt des Terrors und der Verstiegenheit politischer Herrschaft, an dem Dimitroff als Generalsekretär der Komintern seltsam unbeteiligt scheint, die KP Polens aufgelöst (»liquidiert«). Als vorgeschobene Begründung diente das Argument, sie sei in der Hand von »Provokateuren und Agenten«. Ein ähnliches Schicksal erlitten die Kommunistische Partei Westbelorußlands und die Kommunistische Partei der Westukraine. Dimitroff war für die Auflösung der Kommunistischen Partei Polens und die Massaker an polnischen Kommunisten mitverantwortlich. Die Auflösung dieser multinationalen Partei mit starkem ostjüdischen und ukrainischen Einfluß war Teil der Vorbereitungen des Stalin-Hitler-Pakts, der für die kommunistische Partei und die in die Zange der beiden Diktaturen genommene polnische Nation in ihrer staatlichen und historischen Gestalt ein gewaltsames Ende bedeutete. Stalin hatte ein Verdikt gefällt. Wie Dimitroff in seinen Tagebüchern authentisch überliefert, sprach Stalin in zynischer Weise Polen als eine Art kollektiv-krimineller Nation das Existenzrecht ab. Wie aufgrund neuerer polnischer und russischer Veröffentlichungen deutlicher wird[1], gab es in Polen einen Widerstand nicht nur gegen den Nationalsozialismus und die deutsche Besatzung, sondern auch gegen den in Moskau geplanten Vernichtungsfeldzug gegen die kommunistische Partei und ihre Mitglieder. Die folgende biographische Skizze beleuchtet die Affäre Lipski, die politische Biographie eines polnischen Kommunisten, der, wie sich nun herausstellt, diese doppelte Widerstandstradition verkörpert. Die multinationale und seit ihrer Gründung internationalistisch orientierte KP Polens[2] mit ihrer starken polnischen, jüdischen und ukrainischen (Ruthenen) Anhängerschaft[3] paßte in der Tat nicht in das politische Kalkül des »großen Hausherrn« (Chosjajn) in Moskau.[4] Ihre als »Auflösung« bürokratisch umschriebene Vernichtung endete mit der Ermordung Tausender kommunistischer Mitglieder und Kader, darunter fast aller 37 ZK-Mitglieder und der alten Führungsgarde, von denen die meisten in die Sowjetunion geflohen waren.[5] Darunter waren der über 60 Jahre alte Warski, ein Mitstreiter Rosa Luxemburgs, Maria Koszutska (Kostrzewa), der langjährige Generalsekretär Julian Leszynski (Lenski) und der Leiter der Bauerninternationale Tomasz Dabąl (Dombal). Ausnahmen waren die (insofern glücklicherweise) vom polnischen Militärregime inhaftierten Mitglieder wie der spätere Generalsekretär der PVAP[6], Władysław Gomułka. Das Vorgehen gegen die polnischen Kommunisten unterscheidet sich von den Mechanismen des Terrors, die gegen einzelne Personen oder ganze Gruppen von Mitarbeitern der Länderparteien oder der Komintern gerichtet waren. Es ging um die methodisch-systematische Auslöschung einer traditionellen Partei und damit zugleich einer spezifischen Denkart, einer Kultur des Denkens. Dem »Politozid« fielen Tausende zum Opfer.[7] Das durch polnische Historiker veröffentlichte Zahlenmaterial ergibt, daß von den 17 302 erfaßten Parteimitgliedern im Januar 1936 3817 als KPP-Emigranten in der Sowjetunion registriert waren. Von diesen knapp 4000 Personen, die nicht einmal die in die KPdSU (b) überführten enthielt, haben, wie Nazarewicz ermittelt hat, nicht mehr als 100 überlebt.[8] Parallel zum gezielten politischen Massenmord erfolgten in Abstimmung zwischen Stalin, Ježov und Berija die sogenannten »nationalen Operationen« zur »Zerschlagung der Spionage- und Sabotagegruppen«, die alle Polen betraf. Im Januar 1938 monierte Ježov, daß noch immer 20 000 bis 30 000 Polen in der Sowjetunion in Freiheit lebten. Bereits am 11. August 1937 hatte Ježov die Verhaftung aller Flüchtlinge aus Polen verfügt. Zirka 65 000 von insgesamt 134 519 Polen wurden daraufhin im Rahmen einer »außergerichtlichen und vereinfachten Prozedur« bis 1938/1939 abgeschlachtet.[9] Mechanismen einer Liquidierung Ein kleiner Kreis um Stalin, dem neben den Verantwortlichen des NKVD von der Komintern Dimitroff, Moskvin und Manuil'skij angehörten, brachte diesen Mechanismus in Gang, den wir im Rahmen der vorliegenden biographisch orientierten Skizze nur in seinen Hauptetappen umreißen können. Im November 1937 wurde in Moskau via Geheimbeschluß der KPdSU (b) die Liquidierung der KP Polens beschlossen.[10] In Dimitroffs Tagebüchern[11] findet sich unter dem 23. 11. 1937 folgender Eintrag: »In ›Wolynskoje‹. Man[uilski], Kuus[inen], Pieck (Beschluß über die Auflösung der Kommunistischen Partei Polens.).[12] Dimitroff sandte daraufhin den Entwurf einer Resolution des Präsidiums des EKKI an Stalin, er beabsichtigte, einen »offenen Brief« an die Mitgliedschaft der KP vorzubereiten, der den ungewöhnlichen Schritt »erklären« sollte. Doch ein solcher Brief wurde nie abgeschickt. Dafür schrieb am 2. 12. 1937 Stalin an Dimitroff, die Auflösung der KP Polens erfolge zwei Jahre zu spät. Sie müsse jetzt unbedingt durchgeführt werden.[13] Zugleich verstärkte sich der sowjetische Druck auf Polen. So beschloß das Politbüro des ZK der KPdSU (b) am 31. 1. 1938, daß polnische Überläufer, d. h. polnische Bürger, die auf der Flucht aus Polen die Grenze zur Sowjetunion illegal überschreiten, zu erschießen seien.[14] In der Kominternpresse war die Rede von einer erfolgreichen Unterwanderung der Partei durch »trotzki­stische Agenten« (Februar 1938).[15] Die blutige »Säuberung«, die allerdings wie eine »normale« Parteisäuberung »von unten« aussehen sollte, setzte im März 1938 ein. Am 8. 4. 1938 begann unter der Leitung des Bulgaren und Dimitroff-Vertrauten Anton Ivanov (Ps.: Bogdanov) und des Polen Bolesław Molojec in Paris und Spanien eine Initiativgruppe der Komintern, die Exilstrukturen der KP Polens (»Pariser Gruppe«) und die polnischen Freiwilligenverbände im spanischen Bürgerkrieg aufzulösen.[16] Die ersten polnischen Kommunisten wurden nach Moskau beordert, die meisten von ihnen dort exekutiert.[17] Auf Weisung Stalins an Dimitroff wurde der Beschluß und seine Ausführung geheimgehalten. Erst am 12. 7. 1938 wurde das Verfahren durch einen Beschluß des ZK der KP Polens (Veröffentlichung am 16. 8. 1938) zumindest notdürftig formalisiert (wie wir noch sehen werden, ist dieser Beschluß nicht einstimmig erfolgt). Am 29. 7. 1938 wurde in Moskau Pjatnickij erschossen; ebenso der langjährige Leiter des Mitteleuropäischen Ländersekretariats der Komintern (MELS), der Lette Knorin, und der Parteiführer Lénski als Angehöriger einer »rechtstrotzkistischen Antikominternorganisation«. Am 12. 7. 1938, also dem Tag, an dem die Fünfergruppe ohne Lipski die Auflösung beschloß, hatte dieser bereits ein Kommuniqué herausgegeben. Die Nachricht, die Komintern habe die Partei aufgelöst, wurde hierin als falsch bezeichnet.[18] Schließlich bequemte sich auch das formal höchste Gremium der Komintern zu einer Stellungnahme. Ein entsprechender nachträglicher Beschluß des Präsidiums des EKKI vom 16. 8. 1938 bleibt allerdings kryptisch. Er erfolgte in sogenannter fliegender Abstimmung unter sechs von 18 Mitgliedern (!) dieses ranghöchsten Leitungsorgans der Komintern (Kongresse waren schon längst abgeschafft). Unterzeichner waren neben Dimitroff Manuil'skij, der Geheimdienstverantwortliche Moskvin-Trilisser, der Finne Kuusinen, der Deutsche Florin und der Italiener Togliatti. Der streng geheime Beschluß der Komintern gegen »Spionage, Diversion und Provokation« liegt nun in polnischer und deutscher Sprache vor.[19] Dieser Beschluß löste einen weiteren in seiner Auswirkung brutalen Mechanismus aus. Von nun an wurde jede Person, die sich auf die Mitgliedschaft in der KP berief, automatisch zum »Provokateur«. Zur Umsetzung der Entscheidung wurde in Paris, das Durchgangsstation für hunderte polnischer Kommunisten und Freiwilliger des spanischen Bürgerkriegs war, eine von »Jean« (d. i. Anton Kosinarov Ivanov, Ps. Bogdanov) geleitete Troika eingesetzt, der als Mitglieder »Franc« (d. i. Jan Sobecki), »Chilek« (d. i. Chil Szraga) und »Kowacsek« (d. i. Stefan Duchlinski) angehörten.[20] In Polen selbst wurde zu diesem Zweck ein Fünferkomitee (»quintette«) eingesetzt, dem auch Lipski (Ps.: Lukacz) angehörte. Komintern und sowjetische Dienste ergänzten dieses Netzwerk. Lipskis antistalinistische Überzeugung Bisher kaum bekannt (und auch in den Dimitroff-Tagebüchern nicht notiert) ist, daß polnische Kommunisten gegen die Auflösung opponierten, ja den Moskauer Beschluß konterkarierten. Briefen aus dem Land zufolge gab es sogar zwei Gruppen, die sich gegen den Beschluß stellten, neben einer Gruppe von »Lukasz und anderen« (d. i. Lipski) auch die von »Zygmunt und anderen«.[21] Der ehemalige Parteisekretär Leon Lipski, ein Mitglied des polnischen Fünferkomitees, sprach sich kategorisch gegen die Auflösung aus, er ging (zu dieser Zeit noch) davon aus, daß die Komintern einen solchen Beschluß nicht gefaßt haben konnte. Der 1902 im Dabrowie Bassain geborene Lipski war mit 18 Jahren Mitglied der KP Polens, verantwortliche Funktionen nahm er zuerst als Sekretär des Stadtteilkomitees von Zaglebie, dann als Sekretär des Regionalkomitees Poznan und ebenso des Warschauer Regionalkomitees und schließlich 1937 als Leiter des nationalen Sekretariats ein. Er nahm am V. und VI. Parteikongreß teil. Seit 1933 war er in Moskau im Apparat der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) tätig, zwischen 1922 und 1938 verbrachte er sieben Jahre in polnischen Gefängnissen. Ab 1937 war er vermutlich unter den schwierigen Bedingungen in Polen wichtigster Parteifunktionär im Lande selbst. Lipski hatte zwei Brüder, Ludwig und Antoni, die als Mitglieder der KP Polens 1937 und 1938 vom NKVD verhaftet und erschossen wurden. Dies konnte er jedoch zu dieser Zeit nicht wissen, Stalins Geheimbefehle waren ihm ebensowenig bekannt. Nach Lipskis Ablehnung des Auflösungsbeschlusses kam die polnische Führungsgruppe ohne ihn zusammen und befolgte unterwürfig die Moskauer Vorgaben. Doch er gab sich nicht geschlagen, sammelte eine Reihe polnischer Kommunisten um sich, forderte Maßnahmen zum Schutz der polnischen Kommunisten vor der Repression in der Sowjetunion und rief zur Vorbereitung einer nationalen Konferenz der Partei auf, um den Mitgliedern zu ermöglichen, über die Auflösung abzustimmen.[22] Mit einigen Dutzend, vielleicht sogar mehr als hundert polnischen Kommunisten gründete er später trotz und gegen die Liquidierungspolitik Stalins und der Komintern eine (illegale) Kommunistische Partei Polens. Lipski verfaßte einen Appell gegen die Auflösung, in dem er u. a. auch den (inzwischen in Moskau erschossenen) Lénski gegen die Moskauer Beschuldigungen verteidigte. Insgesamt sei – so Lipski – die neue Kominternlinie fundamental gegen die Interessen einer kommunistischen Politik für Polen gerichtet. Gewisse Eintragungen in Dimitroffs Tagebuch lassen 1938 allerdings partielle Widersprüche in der Kominternpolitik erkennen, die noch nicht völlig auf das brutale Kalkül Stalins abgestellt war. So versuchte Dimitroff, als Reaktion auf das Münchner Abkommen gegen die Appeasement-Politik der westlichen Demokratien angesichts der Agressionspolitik Hitlers, die Position Polens zu stärken. Wohl letztmalig erhielt Polen damit im Rahmen einer antifaschistischen Strategie eine Funktion zugewiesen, bevor ihm Stalin die Existenzberechtigung kurzerhand absprach. Die Unabhängigkeit Polens – so Dimitroff – müsse geschützt werden. Zu diesem Zweck sollte Bogdanov schnellstens ins Land geschickt werden, die Initiativgruppe sei entsprechend anzuleiten. Verteidigung des unter dem Druck Hitlers stehenden Polen auf der einen Seite, Liquidierung der kommunistischen Partei auf der anderen. Als Folge dieses Spagats instruierte der »Steuermann der Komintern« (so hatte Stalin Dimitroff halbironisch tituliert) seine Sekretäre Manuil'skij und Moskvin folgendermaßen: »Einen Appell an die Arbeiterklasse wegen der Auflösung der kommunistischen Partei vorbereiten. Darauf hinweisen, daß die kommunistische Bewegung in Polen durch die Auflösung der kommunistischen Partei nicht liquidiert ist, sondern im Gegenteil nach der Vertreibung der Agenten der Defensive aus ihren Reihen Bedingungen für ihr wahres Wachstum und ihre Entwicklung entstehen.«[23] »Teufelspakt« zwischen Hitler und Stalin – Pfad zum Zweiten Weltkrieg Mit dem Stalin-Hitler-Pakt vom 20/21. 8. 1939, dem geheimen Zusatzprotokoll, das den Antifaschismus der Komintern definitiv ad acta legte, wurde die Liquidierung Polens und der Beginn des Zweiten Weltkriegs antizipiert. Zwei Tage nach der Bekanntgabe des Paktes erhielten die Kommunistischen Parteien neue Instruktionen für diese ungewohnte Situation. Sie sollten nun gegen den imperialistischen (in erster Linie durch den englischen Imperialismus drohenden Krieg (!) agitieren und zugleich die verräterische Politik der Sozialdemokratie denunzieren. Das (paranoiahafte) antisozialdemokratische und antiwestliche Leitmotiv hatte sich definitiv durchgesetzt, aller Realität zum Trotz. Dafür erntete der Kremlherr Goebbels Lob. Über einen Izvestija-Artikel Ždanovs, in dem England als »Kriegsbrandstifter« tituliert wurde, äußerte sich der nationalsozialistische Propagandaminister in seinem Tagebuch: »Er kommt uns im Augenblick außerordentlich zupaß und wird mit Dankbarkeit vermerkt. Die Russen haben bis jetzt alle Versprechungen gehalten.«[24] Der lange vorbereitete Krieg begann mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen am 1. 9. 1939. Angesichts »außergewöhn­licher Schwierigkeiten« und offensichtlicher Argumentationszwänge bat Dimitroff – wie er es in solchen Situationen immer tat – fünf Tage nach der Invasion Polens um ein Gespräch mit Stalin. Am 7. September erklärte ihm der »große Hausherr« des Kreml, es sei »nicht schlecht«, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte. Jeden Unterschied zwischen faschistischen und demokratischen Staaten erklärte er kurzerhand für Unsinn. Das Todesurteil für Polen war gesprochen. Unter solchen Bedingungen wirke sich auch das Verschwinden der polnischen Nation positiv aus: »Was ist Schlechtes daran, wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und die Bevölkerung ausdehnen.«[25] Am 17. 9. 1939 machte Stalin durch die Besetzung Ostpolens deutlich, was er im Gespräch mit Dimitroff gemeint hatte. Die Invasion, die nicht nur in der PPS[26] blankes Entsetzen hervorrief, wurde von der sowjetischen Regierung mit dem »Schutz von Leben und Eigentum der blutsverwandten Bevölkerung der Westukraine und Westbelorußlands« begründet.[27] De facto durfte es ein »Restpolen« nicht mehr geben. Zugleich gab die Komintern den Antifaschismus und die Volksfrontpolitik definitiv preis: »Die Kommunistischen Parteien, besonders Frankreichs, Englands, Belgiens und der Vereinigten Staaten Amerikas, welche im Gegensatz zu dieser Einstellung auftraten, müssen sofort ihre politische Linie ändern«[28], hieß es in den Komintern-Instruktionen. Lipskis Widerstand gegen Nationalsozialismus und Stalinismus Lipski hatte sich nach Kriegsausbruch bei der Armee gemeldet, doch als gerichtlich verurteilter Kommunist wurde er abgelehnt. Nach dem Schock des 17. September floh er nach Białystok. Dort wurde er nach offen vorgetragenen Aufforderungen an seine Landsleute, ins Land zurückzukehren und Widerstand zu leisten, vom NKVD verhaftet und in das Gefängnis Minsk verbracht. Vermutlich gelang ihm die Flucht, als die Gefangenen aufgrund des deutschen Vormarsches weiter nach Osten verlegt wurden. Er kehrte illegal nach Warschau zurück und öffnete aus Tarnungsgründen ein kleinen Laden. Mit Sczot Jerzy und Anselm Konstanty gründete er nun (vermutlich 1940 oder 1941)[29] die Kommunistische Partei Polens, die trotz deutscher Besatzung und Moskauer NKVD-Über­wachung eine literarisch-politische Monatszeitschrift mit dem Titel Lewą Marsz (Marschiere links) herausgab (nachgewiesen werden konnten die Ausgaben 2 bis 7 für den Zeitraum Dezember 1942 bis Dezember 1943, Chefredakteure waren Teofil Glowacki und Stanislaw Ryszard Dobrowolski).[30] In dieser Publikation wurden die Unterdrückung durch das NKVD sowie die linksradikale und prinzipienlose Politik der Komintern kritisch analysiert. Auch die Gründe für die ungerechtfertigte Auflösung der KP Polens wurden thematisiert. Angesichts der spezifischen außenpolitischen Interessen Moskaus könne eine eigene polnische Stimme im Namen des Kommunismus nur schaden. Außerdem trage die Einschätzung der internationalen Situation durch die Komintern mit ihren »Zickzacks« zur Deprimierung der polnischen Arbeiter bei. Es sei notwendig, im Kampf gegen die deutschen Besatzer eine selbstbestimmte, sowohl von inneren wie äußeren Einflüssen unabhängige sozialistisch-revolutionäre Partei zu schaffen, die die Arbeiter zum Kampf für die Unabhängigkeit Polens und den Sozialismus anleiten könne.[31] Die von Lipski neu gegründete KP Polens führte Widerstandsaktionen gegen die deutsche Besatzung durch. Wie die russischen Historiker Lebedeva und Narinskij schreiben, »intervenierte [sie] gegen die deutschen Eindringlinge und sprach sich für eine von Moskau unabhängige Politik der KP Polens aus. Die Besatzungsautoritäten sahen in ihr eine der für sie gefährlichsten Organisationen.«[32] Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion: Die Todesmaschinerie läuft weiter Über die kominternoffiziellen Aktivitäten in der Zwischenzeit liegen nur spärliche Informationen vor. Sicher ist, daß Dimitroff (wohl in Zusammenarbeit mit dem NKVD) das Schicksal der versprengten polnischen Kommunisten weiter verfolgte. In einem Beschluß des Organisationsbüros des ZK der KPdSU(b) war die Rede davon, daß er eine »Notiz […] über die ehemaligen polnischen politischen Gefangenen und die ehemaligen Mitglieder der KP und des KJV[33] Polens« verfaßt hatte. Für diese Notiz interessierte sich auch der Leiter des NKVD, der todbringenden Instanz par excellence. Das Organisationsbüro forderte Dimitroff am 20. 8. 1940 auf, diese Notiz »Gen. Berija zur Prüfung vorzulegen«.[34] Zwar war die Welle der Massenverhaftungen abgeebbt, doch wurden auch weiterhin »verdächtige« Personen, darunter nicht nur Lipski, sondern auch der Dichter Władysław Broniewski und die Schriftsteller Aleksander Wat und Marian Czuchnowski von sowjetischen Behörden verfolgt.[35] Nach der Wende des Jahres 1941 wurde die sowjetische Politik erneut fundamental umgestellt. Stalin hatte bis zum Tag des Überfalls auf die Sowjetunion gezögert, die Zusammenarbeit mit Hitler aufzugeben. Eines seiner Hauptaugenmerke galt nun wiederum Polen, um das durch die Liquiderung der KP geschaffene Vakuum aufzufüllen. Zu diesem Zweck erfolgte unter Dimitroffs Anleitung der Aufbau der PPR (Polnische Arbeiterpartei)[36] als Partei neuen Typs, die mit Waffen, Personal und Geld unterstützt wurde. Allerdings gelang es nicht, die Beziehungen zur Exilregierung von Władysław Sikorski[37] zu stabilisieren (»Katyn«).[38] Ein Krisenzeichen für die PPR war die Ermordung ihres ersten Parteiführers Nowotko und die anschließende Exekutierung seines Stellvertreters Molojec durch die verbliebenen Parteiführer, über die Dimitroff erst nach Vollzug informiert wurde. In seinem Buch über die polnische Volksarmee hat Ryszard Nazarewicz auch Quellen des antikommunistischen Nachrichtendienstes der polnischen Armee auswerten können, die Aufschluß über die Tätigkeit Lipskis nach der deutschen Invasion der Sowjetunion geben. In einem Bericht vom 18. 4. 1942 wird Lipski als »einer der wichtigsten kommunistischen Führer vor dem Krieg« bezeichnet. Eine Rede auf einer Versammlung des Warschauer Straßenbahnpersonals wird folgendermaßen zitiert: »Die gesamte Bauernbewegung und die Intelligenz müssen sich vereinen im Kampf gegen den Nationalsozialismus und zur Unterstützung der Sowjetunion. […] Aus diesem Grund muß man den russischen Fallschirmspringern und den Kriegsgefangenen helfen, Guerilla-Abteilungen zu bilden, militärische Ziele zu zerstören usw. Es handelt sich um einen gemeinsamen Kampf zur Befreiung der Menschheit […]«[39] Seit Herbst/Winter 1941 wurden verstärkt sogenannte Initiativgruppen (zum Aufbau der Polnischen Arbeiterpartei) mit konkreten Aufträgen hinter die Linien nach Polen entsandt. Nowotko, Molojec und Finder waren Mitglieder der ersten Parteigruppe, die nach einem Gespräch mit Dimitroff am 29. 8. 1941 die provisorische Führung einer neuen Arbeiterpartei innerhalb des Landes schaffen und mit einem kommunistischen Programm ausgestattet, jedoch formal nicht mit der Komintern verbunden sein sollte. Ende Dezember trafen Nowotko, Finder und Molojec zur Formierung der PPR ein.[40] Im Laufe des Jahres 1942 folgten systematischere Instruktionen für eine gezielte Partisanentaktik und einen (wenn auch sehr vorsichtigen) Aufbau der neuen Partei.[41] Die Nachricht über die Ermordung Nowotkos angeblich auf Anordnung von Bołesław Molojec (am 28. 11. 1942) so­wie wiederum dessen Ermordung durch die Freunde Nowotkos hat Dimitroff sichtlich schockiert. Bis heute sind die Hintergründe dieses Dramas in den Spitzen des polnischen Widerstands nicht geklärt.[42] Während diese Ereignisse in den Dimitroff-Tagebüchern relativ breit notiert werden, bleibt Lipski ungenannt. Die Einträge aus den Jahren 1942 beziehen sich auf die Kontakte zu Finder und betreffen den Partisanenkampf und das Programm der Arbeiterpartei, das Dimitroff scharf kritisiert hat. Die militärische Abwehr berichtete derweil aus dem Generalgouvernement über eine kämpfende oppositionelle Gruppe unter Lipski, die sich den Namen Kommunistische Partei Polens gegeben habe. Lipski soll versucht haben, Mitglied der PAP zu werden, doch aufgrund der seinerzeitigen Appelle gegen die Auflösung der KP Polens durch die Komintern sei er nicht zugelassen worden.[43] Dimitroff wurde von den höchsten Spitzen des NKVD über den Fall Lipski informiert,[44] was die Vermutung nahelegt, daß Lipski und seine Organisation auch für die nach Stalingrad erneut geänderten Planungen Stalins eine Gefahr darstellten. Der mit seinem Namen verbundene Affront gegen die sowjetische Politik konnte nicht ungesühnt bleiben. Am 28. 2. 1943 wandte sich Pavel Fitin, der Leiter der Auslandsabteilung des NKVD, schriftlich an Dimitroff und informierte ihn recht ausführlich über Lipski. Seine Sicht über dessen Aktivitäten gab er folgendermaßen wieder: Lipski habe unter der Bezeichnung Kommunistische Partei Polens eine »antisowjetische Organisation« gegründet, die eine Zeitung Lewą Marzs herausgebe und gegen die Komintern eine ausschließlich polnische Arbeiterpartei gründen wolle, die den Kampf gegen eine mögliche sowjetische Okkupation führen solle. Fitin fuhr fort: »Die Deutschen halten diese Organisation für eine der ihnen am feindlichsten gesinnten. Lipski und seine Gruppe nehmen gegenüber der Regierung Sikorski eine feindliche Haltung ein, obwohl sie ihn offiziell anerkennen, denn sie streben an, nach dem Krieg ihre eigene Regierung zu bilden.«[45] Lipski habe sich im Jahre 1938 mit einem Appell an die ehemaligen Mitglieder der KP Polens gerichtet, in dem er dazu aufforderte, die Entscheidung der Komintern, die Partei aufzulösen, nicht umzusetzen. Dimitroff lieferte Fitin am 6. 3. 1943 seinerseits negative Einschätzungen von Lipski, die wohl aus dem Kaderarsenal der Komintern stammten. Lipski sei – so hieß es – als Trinker (!) und moralisch unzuverlässiges Element bekannt. Bei den Genossen genieße er keinerlei Autorität, die Partei, die Komintern und das NKVD hätten zahlreiche ihn »entlarvende Denunziationen« erhalten.[46] Unschwer läßt sich erkennen, daß es sich bei der Replik Dimitroffs de facto um eine Zustimmung zur physischen Liquidierung Lipskis handelte. Das »politische« Urteil sprach Pawel Finder in Polen – es erschien somit als Ergebnis eines innerparteilichen Meinungsbildungsprozesses. Ein erster Vorschlag, Lipski bei der Gestapo zu denunzieren, wurde nicht umgesetzt. Es wäre dann schwierig gewesen, ihn post mortem als Gestapo-Agenten darzustellen. Eine am 19. 3. 1943 über Polen abgesprungene Gruppe der russischen Dienste nahm in Warschau Kontakt mit Finder[47] auf, u. a., um die Modalitäten der »Behandlung« Lipskis festzulegen. Am 21. Juni 1943 schließlich drangen drei Angehörige der »Gwardia Ludowa«[48], des bewaffneten Teils der im Januar 1942 rekonstituierten Polnischen Arbeiterpartei (PPR), in den Laden ein, den Lipski in Warschau unter dem Namen Stanislas Lebkowski betrieb, und ermordeten entsprechend ihrem Auftrag einen »Gestapoagenten«, bei dem es sich um Lipski handelte.[49] Leiter der Gruppe soll Franciszek Józwiak gewesen sein.[50] Zu dieser Version will allerdings nicht unbedingt passen, daß der vermeintliche Mörder, Franciszek Prozel, selbst wenige Wochen später von der Gestapo ermordet wurde, nachdem er vermutlich als Mitwisser denunziert worden war. Zwischenzeitlich hatte sich ein für die kommunistische Bewegung und den gesamten polnischen Widerstand folgenreicher Bruch zwischen sowjetisch beeinflußtem und nationalem Widerstand vollzogen. Im April 1943 drangen Informationen über das »Massaker von Katyn« an die Öffentlichkeit. Stalin hatte durch einen Beschluß des Politbüros der KPdSU(b) vom 5. 3. 1940 die Ermordung von 15 000 Angehörigen der polnischen Armee und Polizisten (und darüber hinaus von 11 000 Gefangenen) verfügt.[51] Die verbliebenen Familienangehörigen wur­den nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Auch die Komintern war an der Konterpropaganda-Kampagne beteiligt. Wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, übernahm Dimitroff gemeinsam mit der polnischen Rundfunkredaktion in Moskau persönlich die Durchführung einer Kampagne gegen das, was er als »faschistische Provokation« bezeichnete.[52] Nach Bekanntwerden des Massakers, das zum Bruch zwischen der Exilregierung und der sowjetischen Regierung führte, war Dimitroff für die Konterpropaganda der Komintern zuständig. Er versandte entsprechende Instruktionen an die kommunistischen Parteien, in denen er dazu aufforderte, gegen diese »Kampagne im Zusammenhang mit der faschistischen Provokation über die angeblich von der Sowjetmacht umgebrachten polnischen Offiziere in Smolensk«, entschieden einzuschreiten. Über die Ermordung Lipskis wurden die höchsten sowjetischen Stellen und Stalin selbst unterrichtet. Am 9. 7. 1943 übermittelte Dimitroff schriftlich an Stalin, Molotov, Ščerbakov und Merkulov eine chiffrierte Nachricht des ZK der Polnischen Arbeiterpartei, daß das polnische ZK seine Liquidierung als feindlicher Agent beschlossen habe. Dimitroff führte weiter aus: »Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Lukasz Lipski sich durch seine Aktivität der Sabotage unter den Parteimitgliedern wie durch seine öffentlichen Interventionen gegen die Partei in der Presse und in den Versammlungen vollständig als Agent des Faschismus entlarvt hat, der für uns äußerst gefährlich ist, hat das Zentralkomitee beschlossen, ihn zu liquidieren. Dieser Beschuß ist bereits ausgeführt worden. Uns scheint es für den Augenblick nicht ratsam, diese Tatsache publik zu machen.«[53] Aufschlußreich ist auch, daß keine der Lipski betreffenden Ereignisse von Dimitroff als Tagebuchnotiz aufgeschrieben wurden. Lipski wurde am 8. 11. 1963 durch die Kontrollkommission der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei rehabilitiert – seine Opposition gegen den tragischen Beschluß der Parteiauflösung sei, wie es in dem Beschluß hieß, seiner tiefen Verbindung zur Partei geschuldet, es gebe keinerlei Grundlage, die politische Position des Genossen Lipski zu disqualifizieren. Unter welchen konkreten Umständen er ermordet wurde, wurde allerdings nicht gesagt. Kurzbiographien erwähnter Personen [54] Dabal (Dombal), Tomasz. Ps.: Chlopski, Tomasz, Ordon, Lasowiak, Niezlomny, Tegeborski, Debur. 1890 Sobów – 1938 Sowjetunion. Polnischer Sozialist, später sowjetischer und Kominternfunktionär. Leiter der Bauerninternationale. 1920 Mitglied der KP Polens. Kommunistischer Abgeordneter im Sejm. 1921–1923 inhaftiert. Nach seiner Freilassung in die Sowjetunion. Dort führend in der Bauerninternationale (Krestintern) bis 1929, wegen seiner Haltung in der Bauernfrage in Lateinamerika kritisiert (Mexiko). 1932–1934 Mitglied des ZK der KP Weißrußlands. Opfer der Stalinschen Säuberungen als angebliches Mitglied des polnischen Nachrichtendienstes. Finder, Pawel. 17. 9. 1904 Leszcyny, Bielsko-Biala – 26. 7. 1944 Warschau. Ps.: Fritz, Fryc, Fred, Brunon, Mrowiec, Pawel, Paul, Reynot, Robert, Ryszard, Jan Wysocki. Funktionär der polnischen, österreichischen und deutschen Arbeiterbewegung. Seit 1922 Mitglied der KP Österreichs. 1928 aus Frankreich ausgewiesen und nach Polen zurückgekehrt. Seit 1930 Sekretär der KP Polens. Im Herbst 1933 Mitglied des ZK der KP Polens. Leiter des Warschauer Parteikomitees, als solcher Vorgänger Lipskis. Ging 1939 in die von der UdSSR besetzten polnischen Gebiete. Mitarbeiter der MOPR. Seit Juli 1941 in Moskau. Mitbegründer der PPR. Einsatz im Rahmen der Initiativgrupppe in Warschau. 1943 von der Gestapo verhaftet, in das Gefängnis Pawiak gebracht und später erschossen. Fitin, Pavel Michailovič. 1907 Osogino, Gouvernement Tobolsk – 1971 Moskau. Russischer Kommunist und Geheimdienstoffizier. 1920–1927 in einer Verbrauchergenossenschaft tätig, danach Komsomolfunktionär. 1928–1931 Hochschulstudium. 1934–1935 Armeedienst, 1936–1938 Journalist und Redakteur im Landwirtschaftsverlag. Seit März 1938 Studium an der Zentralen Schule des NKVD in Moskau, Mitarbeiter des NKVD, 1938–1939 als Nachfolger von Dekanozov Leiter der 5. Abteilung der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, 1939–1946 Leiter der 5. Verwaltung im Volkskommissariat Staatssicherheit, bis 1947 Stellvertretender Bevollmächtigter des Ministeriums für Staatssicherheit der UdSSR in Deutschland, 1947 bis November 1953 Führungsmitglied des NKVD im Gebiet Sverdlovsk bzw. der Kasachischen SSR. In Unehren entlassen. Seit 1959 für die VOKS tätig. Ivanov, Anton Kosinarov. Ps.: Bogdanov, Ivan Borisovič; Luka; Spiridon; Stareca; Anton. 26. 10. 1884 Koprivčica – 23. 7. 1942 Sofia. Bulgarischer Kommunist, Komintern-Emissär. Vertrauter Dimitroffs. Metallarbeiter. 1904 Mitglied der Tesnjaki (Engherzige), dem linken Flügel der Bulgarischen Sozialistischen Partei in Varna. 1907–1919 Sekretär der Metallarbeiter-Föderation. 1918 Parteisekretär in Sofia (nach DTB 1919 Parteimitglied). 1919 Parlamentsmitglied, 1919–1920 des Hohen Parteirates, November 1920 Mitbegründer der Gewerkschaftlichen Balkan-Föderation. 1922 Mitglied des ZK der BKP(b), im September 1923 Leiter des Revolutionären Aufstandskomitees in Sofia. Nach der Niederlage Verhaftung und Inhaftierung bis 1925. Im sowjetischen Exil seit 1925, Mitglied des Exekutivkomitees der RGI 1928–1930, zugleich als technischer Sekretär für das Auslandsbüro der KPB(b) tätig. Nach dem VII. Weltkongreß der Komintern von Dimitroff mit wichtigen politischen Missionen betraut, 1938–1941 stellvertretender Parteivorsitzender, im Kominternauftrag zur Auflösung der Auslandsorganisationen der KP Polens nach Paris (»Pariser Gruppe«) und Spanien (Internationale Brigaden, Bataillon Dąbrowski) unter Ps. Bogdanov und Jean. Dezember 1940 illegal nach Bulgarien zurückgekehrt, dort Mitglied des PB. Verhaftung durch die Polizei im April 1942, zum Tode verurteilt und erschossen. Knorin, Vil'gel'm Georgijevič. 17.(29.) 8. 1890 Ligatne – 29. 7. 1938 Sowjetunion. Ps.: Sokolik. Lettischer Kommunist, hoher Funktionär der Komintern und der KPdSU(b). Sohn einer lettischen Bauernfamilie. 1910 Mitglied der sozialdemokratischen Partei Lettlands. Vor dem Ersten Weltkrieg Übertritt zu den Bolschewiki. Während der Oktoberrevolution in der zaristischen Armee. Im Februar 1917 Mitbegründer, im Mai 1917 Sekretär des Sowjets in Minsk. Mitglied des ZK der KP(b) Belorußlands. 1922–1925 Mitarbeit im ZK der KPR(b). Leiter der Informationsabteilung, danach der Agitprop-Abteilung im Moskauer Komitee der KPR(b). 1927/28 Sekretär des ZK der KP Belorußlands. 1928–1925 Sekretär des EKKI, 1929 Leiter des Mitteleuropäischen Ländersekretariats (MELS) in Moskau. 1932 am Institut der Roten Professur Direktor des Instituts für Parteigeschichte. Als Sekretär des EKKI abgesetzt. 1935 stellvertr. Abteilungsleiter im ZK der KPdSU(b). Juni 1937 Parteiausschluß, September 1937 Verhaftung. Nach Schnellverfahren erschossen. Kostrzewa, Wera (Kostrszewa). Ursprünglich: Maria Koszutska. 2. 2. 1876 – 9. 7. 1939. Ps.: Kocheva. Olga Schwager; Facetka, Wera, M. Zboinska. Polnische Sozialistin und Kommunistin, Opfer Stalins. Als Jugendliche bereits in der Sozialistischen Partei Polens aktiv, auf ihrem linken Flügel. Nimmt 1905 und 1906 an den revolutionären Ereignissen teil. Seit Bestehen Mitglied des ZK der KP Polens. Zeitweise in der Bauerninternationale tätig, wurde zweimal von Stalin abberufen – 1924/1925 nach Stalins Leitung der polnischen Kommission und 1929 auf dem VI. ZK-Plenum. Seit 1930 in der Sowjetunion, dort verhaftet und 1939 im Gefängnis exekutiert. Leński, Julian (Ps.). Ursprünglich: Leszczyński, Julian. 8. 1. 1889 Plock, Polen – 21. 9. 1937 in der Sowjetunion »liquidiert«. Ps.: G. Julin, Kalina, Laskowski, André Dubois. Polnischer Kommunist, 1925–1937 Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern, 1930–1935 Generalsekretär der KP Polens. Arbeiterfamilie, 1905 Mitglied der SDKPiL, Studium in Krakau, 1913 Treffen mit Lenin, zwangsexiliert zusammen mit Dzierżyński, in Rußland Teilnahme an der Oktoberrevolution, dann im Nationalitätenkommissariat der russischen Partei. Lektor an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens, anschl. im Kominternauftrag u. a. in Frankreich 1925 (als Mg. des ZK der KP Frankreichs). Mitglied des ZK des PB der KP Polens (1925), von Stalin und der Komintern gefördert, des EKKI, später auch des Präsidiums. 1929–1937 Generalsekretär, nahm an allen Weltkongressen und den meisten EKKI-Plena teil. 1930–1935 in Moskau, 1936 Leiter des Auslandsbüros der KP Polens (Paris). Nach Moskau zitiert, am 17. 6. 1937 »bei Jezov« (Dimitroff-Tagebücher), vom NKVD verhaftet, angeklagt und erschossen. Broué legt nahe, daß er mit Bela Kun oppositionell zusammengearbeitet hat. Das angebliche Komplott von Leński und Neumann (»Anti-Kominternblock«) diente als Grundlage, um im großen Stil gegen die Komin­tern-Kader vorzugehen. Sein Ausschluß als »Volksfeind« wird erst am 3. 7. 1938 vom Präsidium des EKKI bestätigt. Die biographische Notiz von Peter Huber in: J. Gotovitch, M. Narinskij u. a.: Komintern: L'histoire et les hommes, Paris, Leséditions ouvrières, 2001, 390 ist ungenau und irreführend. Maßgebliche Quellen (bspw. Broué) bleiben ungenannt. Manuil'skij, Dimitrij Zacharovič, 21. 9. 1883 Svjatec – 22. 2. 1959 Kiev. Ukrainischer und sowjetischer Kommunist. 1903 Mitglied der SDAPR, 1907 Emigration nach Frankreich, 1917 Rückkehr nach Rußland, 1923–1939 Mitglied des ZK der KPdSU(b), seit 1924 des Präsidiums des EKKI, 1928–1943 Sekretär des EKKI, 1928/29 Leiter des WEB, 1929–1933 exponierteste Figur der Komintern. Als Sekretär und Stellvertreter Dimitroffs nach 1935 u. a. für die Kaderabteilung zuständig – leitete mit Moskvin die Säuberungen innerhalb der Komintern, steuerte auch die Repression gegen Emigranten. 1943/44 Mitarbeiter der politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, 1946–1953 stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats. 1953 aus Krankheitsgründen von seinen Funktionen entbunden. Merkulov, Vsevolod Nikolaevič. 1895 Sakataly, Kaukasus – 23. 12. 1953 Moskau. Sowjetischer Kommunist, hoher Staats- und Geheimdienstfunktionär. Seit 1921 im Apparat der OGPU. 1931–1934 Mitarbeiter Berijas im ZK der KP(b) Georgiens, seit September 1938 Führungsmitglied des NKVD der UdSSR. 1943–1945 Volkskommissar für Staatssicherheit, 1947–1953 Minister für Außenhandel bzw. Staatskontrolle. Am 22. 5. 1953 auf Beschluß des Ministerrates der UdSSR für vier Monate aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt, am 18. 9. 1953 verhaftet. Am 23. 12. 1953 von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt und erschossen. Molojec, Bronisław (Bolesław). Ps.: Edward; Edwards. 1909 – 29. 12. 1942. Polnischer Kommunist. 1929 Mitglied der KP Polens. Exil in der Sowjetunion. 1937 verhaftet, vermutlich aufgrund einer Intervention Dimitroffs gerettet. Danach diverse Tätigkeit für die sowjetischen Dienste, u. a. in Frankreich (Unterstützung der KJI) und im spanischen Bürgerkrieg u. a. im Bataillon Dimitroff, Kaderabteilung in Albacete, Chef des Dąbrowski-Batallions, Sekretär der Parteiorganisation der Brigaden, Parteiarbeit an der Ebro-Front, Batallionsschef während des Rückzugs, stellvertretender Brigadechef, Chef der Verteidigung am Ebro, nach dem Rückzug Chef der internationalen Kräfte der 35. Division. 1938 Mitglied der »Pariser Gruppe« zur »Säuberung« der polnischen Kommunisten im westlichen Ausland. Rückkehr in die Sowjetunion, dort Angehöriger des Komitees zur Gründung einer Polnischen Arbeiterpartei. Im Dezember als Mitglied der Initiativgruppe per Fallschirm über Polen abgesetzt. Neubegründer der PPR, beschuldigte dessen Vorsitzenden Nowotko der Zusammenarbeit mit der Gestapo. Nach der Ermordung Nowotkos auf Beschluß der restlichen Führung selbst als »Verräter« umgebracht. Nowotko, Marceli. 8. 8. 1893 – 28. 11. 1942. Ps.: Max, Marian, Stary. Funktionär der KP Polens und der PPR. Seit 1918 in der kommunistischen Bewegung. 1939–1941 Emigrant in der UdSSR. Gehörte mit Molojec und Finder zur im Dezember 1941 von Moskau aus nach Polen entsandten Initiativgruppe zur Gründung der PPR. 1941 Erster Sekretär des ZK der PPR. Unter ungeklärten Umständen erschossen. Pjatnickij, Iosif Aronovič. Ursprünglicher Name: Iosif Aronovič Tarsis. 18. 1. 1882 Vil'komir bei Kaunas – 30. 10. 1939 Moskau. Sozialdemokrat und Bolschewik lettischer Herkunft, später ZK-Mitglied der KP Rußlands und Organisationschef der Komintern. Schneider. 1898 Mitglied der RSDAP, 1903 Bolschewik, aktiv beim Transport der Iskra nach Rußland, 1905 Mitglied des Parteikomitees in Odessa, 1917 Sekretär des Parteikomitees in Moskau, 1921 Sekretär des EKKI, 1927 und 1934 ins ZK der RKP(b) gewählt (bis 1937). Bis 1935 die bestinformierte Person über die Komintern, zuständig für die gesamte Organisation in Moskau wie im Ausland und Mitglied des Präsidiums, verantwortlich für die Abteilung für internationale Verbindungen (OMS) und den illegalen Verbindungsapparat. 1938 inhaftiert, Stalin ließ ihn als deutschen Spion denunzieren, Tod im Gefängnis. Sikorsky, Władysław. 1881–1943. Polnischer General und Politiker. 1939–1943 Premier der polnischen Exilregierung. Trilisser, Michail. Ursprünglich: Meier Abramovič. Ps.: Moskvin. 1883 – 2. 6. 1940 (offizielles Todesdatum des NKVD). Russe, »Alter Bolschewik«, später hoher Funktionär der GPU bzw. des NKVD und zugleich Kominternfunktionär. Parteimitglied 1901. Wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit in Katorga verurteilt. Ab 1921 diverse Kominterntätigkeiten, zuerst in der Abteilung für internationale Verbindungen. Trat bereits 1923 als Funktionär der GPU gegen die Opposition in der RKP(b) auf. 1926–1930 stellvertretender Leiter der Auslandsabteilung der OGPU, mit Jagoda 2. Mann der GPU hinter Mensinskij. Bereits 1925 Angehöriger einer Mandatprüfungskommission des EKKI. Aufgrund von Beschönigungen in der Biographie Jagodas bzw. »Rechtsabweichung« von Stalin aus dem Amt entlassen. 1931–1934 stellvertretender Volkskommissar der Arbeiter- und Bauerninspektion. Wurde Pjatnickij als oberstem Organisationschef der Komintern beigegeben, was Jagoda immer dann zu tun pflegte, wenn leitende Personen ausgetauscht werden sollten (Orlov). Ab 1935 Nachfolger Pjatnickijs als Leiter der OMS, verantwortlich für die Kaderabteilung des EKKI. 1939 verhaftet. Warski-Warszawski, Adolf. 1868 Warschau – 1937 Sowjetunion. Ps.: Czerniawski, Jerzy, Jerzynski, Michalowski. Polnischer Sozialdemokrat, Veteran des polnischen Kommunismus und Angehöriger der Komintern. 1889 Mitbegründer der Union der polnischen Arbeiter, später der SDPPL. 1906 Mitglied des ZK der SDPPL, als Gegner der Burgfriedenspolitik ihr Vertreter auf den Konferenzen von Zimmerwald 1915 und Kienthal 1916. 1916–1917 in Deutschland inhaftiert. Anhänger der Oktoberrevolution, 1918 Begründer (mit Walecki und Kostrzewa) der KP Polens, 1923 und 1927 Mitglied des ZK, 1922 Mitglied der EKKI-Delegation auf der Konferenz der Exekutiven der Komintern, der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien und der Londoner Internationale in Berlin, im Präsidium des IV. Weltkongresses der Komintern 1922, nahm Anfang 1924 an den Präsidiumssitzungen des EKKI zur Bilanz des Deutschen Oktober teil, wurde (mit Walecki und Kostrzewa) von der Parteiführung ausgeschlossen, weil er sich gegen das Vorgehen der russischen Parteiführung in Sachen Deutscher Oktober und für die Kritik Trockijs ausgesprochen hatte. 1926 Vorsitzender der Kommunistischen Fraktion im Sejm. 1929 Flucht nach Rußland, arbeitete im Marx-Engels-Institut. Während der Stalinschen Säuberungen umgekommen. [1] Während das Thema nach der Publikation erster Dokumente durch die russischen Historiker Lebedeva und Narinskij zunächst kaum Beachtung fand, wurde es vor kurzem vom polnischen Historiker Ryszard Nazarewicz vertieft und daraufhin von französischen Historikern aufgegriffen. So bspw.: Dziewanowski, M. K.: The Communist Party of Poland. An Outline of History, Cambridge Mass., Harvard University Press, 2nd Ed. 1959. XII. 419 S. (Russian Research Center Studies. 32). Der Fall Lipski wurde u. a. in folgenden Veröffentlichungen erwähnt: Lebedeva, Natal'ja/Mitzner, Piotr: Wyrok na odstępcę, Karta, Warschau (1994), 22, S. 69–91; Lebedeva, Natal'ja/Narinskij, Michail (Hrsg.): Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna. Rossijskaja Akademija Nauk. Instityt Vseobščej Istorii, Gosudarstvennaja Archivnaja Služba Rossii, Rossijskij Centr Chranenija i Izučenija Dokumentov Novejšej Istorii. 2 Bde. Moskva, Pamjatniki Istoričeskoj Mysli. Bd 1: Do 22 Ijunja 1941 g., 1994, 554 S.; Bd 2: Posle 22 Ijunja 1941 g., 1998, 594 S.; Nazarewicz, Ryszard: Armia Ludowa. Dylematy i dramaty, Warschau 2. Aufl. 2000 (1. Aufl. Armii Ludowej dylematy i dramaty, wydawnictwo: Oficyna Drukarska, 1998). Ryszard Nazarewicz ist ehemaliger Widerstandskämpfer und Historiker des Widerstandes der polnischen Linken gegen die faschistische Okkupation und die Unterdrückung durch den Stalinismus (Siehe die Rezension von Werner Röhr, in: Bulletin für Faschismus und Weltkriegsforschung (1999), 13, 108). Außer in Rußland und in Polen selbst wurde der Fall Lipski bisher vor allem in Frankreich (durch Jean Jacques Marie und Pierre Broué) rezipiert. Siehe: Le »non« de Léon Vikenti Lipski (1943), Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 99–105; »Léon Vikenti Lipski – fondateur du PC polonais indépendant«, ibid. (1998), 4, S. 139–143; Nazarewicz, Ryszard: Le massacre des communistes polonais. L'affaire Léon Lipsi, Cahiers Léon Trotsky, Grenoble (2001), 73, S. 85–96. In deutscher Sprache siehe die wichtige, allerdings nur schwer zugängliche Broschüre: Nazarewicz, Ryszard: Die Vernichtung der KP Polens im Lichte der Akten des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (Redaktion: Eva Seeber und Manfred Neuhaus), Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 1998. 53 S. [2] Komunistyczna Partia Polski, gegründet am 16. 12. 1918 als Komunistyczna Partia Robotnicza Polski. Zur Geschichte der KP Polens siehe: Kowalski, Józef: Komunistyczna Partia Polski 1935–1939, Warschau 1975; Cimek/Lucjan Kieszynski: Komunistyczna Partia Polski 1918–1938, Warschau 1984; Czubinski, Lucjan: Komunistyczna Partia Polski 1918–1938, Warschau 1985. Maciszewski, Jarema (ed.): Tragedia Komunistycznej Partii Polski, Warszawa, Ksiazka i Wiedza, 1989. 239 pp. [3] Siehe hierzu: Holzer, Jerzy: Zwischen Nationaler Gebundenheit und übernationaler Klassensolidarität. Die Multinationale Arbeiterbewegung im polnischen Staat 1918–1939, Paper, Masch., o. O., o. J. 43 S. [4] Mentalstrukturen und Handlungsmaxime Stalins auf dem Gebiet der internationalen Politik werden in den Dimitroff-Tagebüchern deutlicher. [5] Neben dem zitierten Werk Tragedia KPP gibt R. Nazarewicz an neuerer Spezialliteratur zur Stalinschen Repression gegen Polen und die KP Polens an: Kieszynski, Lucjan: Represje stalinowskie w ZSSR wobec dzialaczy polskiego ruchu robotniczego. In: Oblicza lewicky. Losy idei i ludzi, Warschau 1992, S. 293–357; System Zbrodni, in: Niezalezne pismo historyczne, Karta, Warschau (1993), 11, S. 3–24; Pietrow, Nikita: Polska operacja NKWD, ibid., S. 24–45. [6] Polska Zjednoczona Partia Robotnicza (PZPR). Gegründet 15. 12. 1948 als Vereinigung von PPS und PPR. [7] Die neueren empirischen Aufarbeitungen dieses Komplexes (siehe zu den polnischen Quellen weiter unten) stützen sich in großen Teilen auf die Dimitroff-Tagebücher. Siehe: Firsov, F. I/ Jażborovskaja, I. S.: Komintern i Kommunističeskaja partija Pol'ši [»The Comintern and the Communist Party of Poland«], Voprosy Istorii KPSS (1988), 11, S. 20–35; 12, S. 40–55; Firsov, F. I.: »Mechanism of power realization in the Comintern« . In: Centenaire Jules Humbert-Droz, Colloque sur l'Internationale Communiste, La Chaux-de-Fonds, Fondation Jules Humbert-Droz, 1992. 565 S., S. 449–466; Broué, Pierre: Histoire de l'Internationale Communiste, Paris, Fayard, 1997. 1120 S., besonders S. 707–733. [8] Ryszard Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens, S. 7. [9] Siehe mit entsprechenden Quellenangaben: Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens, S. 9. [10] Am 28. 11. 1937 (Siehe: R. Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 87 – vermutlich jedoch früher). [11] Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933–1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein. Aus dem Russischen und Bulgarischen von Wladislaw Hedeler und Birgit Schliewenz. 2 Bde. Bd. II.: Kommentare und Materialien zu den Tagebüchern 1933–1943. Herausgegeben von Bernhard H. Bayerlein und Wladislaw Hedeler unter Mitarbeit von Birgit Schliewenz und Maria Matschuk. Berlin 2000, 712 und 773 S. [12] Dimitroff: Tagebücher 1933–1944, I, S. 167. [13] Ibid., II, S. 104f. [14] Ibid., S. 108. [15] L'Internationale communiste, février 1938. [16] Nazarewicz, R.: Le massacre des communistes polonais, S. 87; der zitiert: Maciszewski, Jarema (Red.)/Cimek, Henryk/Firsow, Friedrich/Jazborowska, Inessa/Kieszczynski, Lucjan/Nazare­wicz, Ryszard (Eds.): Tragedia Komunistycznej Partii Polski, Warschau 1989. [17] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, II, S. 112. [18] RGASPI 425/125/40, 19–24. Zit. in: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 88. [19] Siehe: Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens, S. 33–37. [20] Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 88. [21] Ibid., 89. [22] Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 102f. [23] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, 178. Vgl. erneut den Eintrag vom 30. 9. 1938, hier letztmals im Rahmen einer geplanten internationalen Beratung kommunistischer Parteien in Paris mit einer Vertretung der KP Polens. [24] Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands, hrsg. und bearb. von Elke Fröhlich, Teil I, Aufzeichnungen 1923–1941, Bd. VII, München 1998, S. 145f. [25] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, S. 273. [26] Polska Partia Socjalistyczna (PPS), Polnische Sozialistische Partei. Gegründet am 17.–23. 10. 1892. [27] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, II, S. 144. [28] Ibid., I, S. 275. [29] Nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen vor der Gründung der PPR im Januar 1942. [30] Lewa Marsz. Czasopismo spoleczno-literackie. [31] Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 93. [32] Lebedeva/Narinskij: Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna, II, S. 384. [33] KJV: Kommunistischer Jugendverband. [34] Dimitroff: Tagebücher, 1933–1943, I, S. 300. [35] Zu Aleksandr Wat siehe die Rezension seines Erinnerungsbuches von Schlott, Wolfgang, in: The International Newsletter of Communist Studies (2002), der zusammen mit dem Jahrbuch erscheint. [36] Polska Partia Robotnicza (PPR). Polnische Arbeiterpartei. Gegründet am 5. 1. 1942 mit der ausdrücklichen Weisung des EKKI, die KP Polens nicht wieder aufzubauen.   [38] Zum Fall Katyn und zur Rolle Dimitroffs siehe weiter unten. [39] Nach Dokumenten aus dem Archiwum Akt Nowych (AAN) zit. in: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 91. [40] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, S. 463. [41] Ibid., S. 556. [42] Siehe hierzu: Ryszard Nazarewicz: Zabóstwo Marcelego Nowotki w swietle dokumentow z lat 1942–1943, Warschau 1990; id.: Die Vernichtung der KP Polens, S. 22f. [43] Zit. aus: Lebedeva/Mitzner: Wyrok na odstępcę, Karta, in: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 91. [44] Cahiers du mouvement ouvrier, S. 104f. [45] Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 105. [46] Ibid., S. 105. [47] Gomułka zufolge habe sich Finder ihm gegenüber als der Urheber des Mordbefehls decouvriert. Es gibt auch abweichende Darstellungen. Siehe: Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 94. [48] Gwardia Ludowa (»Volksgarde«). Im Frühjahr 1942 von der PPR gegründete bewaffnete Abteilung, die sich im Januar 1944 trotz ihrer zahlenmäßig geringeren Stärke gegenüber der Armja Krajowa (»Volksarmee«) nach der Vereinigung mit den Milizen der linken sozialistischen Partei als Armja Ludowa durchsetzen konnte. [49] Ryszard Nazarewicz: Armia Ludowa, dylematy i dramaty, 1998, zit. in: Le cas de Léon Lipski, Cahiers du mouvement ouvrier, Paris (1999), 6, S. 101–105. [50] Ryszard Nazarewicz: Le massacre des communistes polonais, S. 86. [51] Nazarewicz erwähnt zusätzlich einen von Stalin unterzeichneten Erschießungsbefehl für 25 700 polnische Offiziere und Beamte, die in russischen Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern einsaßen (Nazarewicz: Die Vernichtung der KP Polens). Zum Gesamtkomplex siehe: Pichoja, Rudolf et al. (Hrsg.): Katyn. Plenniki neob’javlennoj vojny. Dokumenty i materialy, Moskau, 1997. [52] Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, I, 681. [53] Lebedeva, N./Narinskij, M.: Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna, II, 383–384 (RGASPI 495/74/424, S. 34–35). [54] Zu den polnischen und russischen Biographien siehe u. a.: Tych, Feliks (Red.): Museum Historii Polskiego Ruchu Rewolucyjnego: Slownik Biograficzny Dzialaczy Polskiego Ruchu Robotniczego. Bd. I, A–D, Bd. II, E–J; Bd. III, K, Redaktor Naczelny: Feliks Tych, Warszawa, Ksiazka i Wiedza, 1978. 679 S., 1987. 751 S.; 1992 (Bd. III); Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, II. Zu den deutschen Biographien siehe u. a.: NDB; Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. 2 Bde., Frankfurt am Main 1969, Bd. II. Allgemein bekannte Personen (Berija, Dimitroff, Gomułka, Molotov, Pieck, Stalin und Togliatti) wurden nicht aufgenommen.

JHK 2002

Gefahr der Aktenvernichtung

Hermann Weber

Im Laufe der elf Jahre seit der deutschen Vereinigung und zwölf Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur ist die Forschung zur Geschichte der DDR sehr gut vorangekommen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens ist seit 1990 die Einsicht in die »geheimen« schriftlichen Hinterlassenschaften der SED-Herrschaft möglich. Damit besteht für Historiker die einmalige Chance, Akten sämtlicher Bereiche der DDR von ihrer Entstehung bis zu ihrem Untergang einzusehen und auszuwerten. Und die Öffnung der Archive begünstigte seitdem geradezu eine Flut von Veröffentlichungen zur DDR-Geschichte. Zweitens gab es bereits vor 1990 wichtige und vielfältige Untersuchungen zur DDR. Allerdings haben die zahlreichen Publikationen von DDR-Historikern über die eigene Geschichte bis 1989 kaum Bestand, sind meist Makulatur. Denn die DDR-Geschichtswissenschaft sollte dem SED-Regime historische Legitimität verschaffen, ihre »Parteilichkeit« führte zu Legenden, Verzerrungen, Fälschungen. Hingegen hat die westliche Zeitgeschichtsforschung auch ohne Zugang zu den DDR-Archiven gültige Aussagen publiziert, beispielsweise über die Etappen der SED-Diktatur, ihre Kontinuitäten und Wandlungen, über die Herrschaftsstrukturen sowie über Mechanismen der Machtausübung (Ideologie, Terror, Neutralisierung) usw. Zu vielen Feldern der Politik und Gesellschaft, zum Parteiensystem mit dem Demokratischen Block oder über den Regierungsapparat, zu Wirtschaft, Recht, Kultur, Wissenschaft, Verfolgung von Regimegegnern und -kritikern, Medien usw. liegen Veröffentlichungen vor. Somit gab es beim Zusammenbruch der DDR einen lückenhaften, aber doch respektablen Forschungsstand. Durch die Öffnung der DDR-Archive, insbesondere der SED bei der Stiftung der Parteien und Massenorganisation der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) und der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit bei der sogenannten Gauck-Behörde, kam die Erforschung der DDR-Geschichte erheblich voran, weil nun sowohl Hintergründe als auch Details genau zu erforschen waren. Der Deutsche Bundestag hat die Notwendigkeit der Aufklärung früh erkannt und 1992 und erneut 1995 Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eingesetzt. Schon die erste Enquete-Kommission hat die Bedeutung der Akten, deren Sicherung und völlige Zugänglichkeit für den Prozeß der Aufarbeitung der Geschichte der DDR mit allem Nachdruck festgestellt.[1] Die zweite Enquete-Kommission gab konkrete Handlungsempfehlungen.[2] Außerdem wurde die Asymmetrie kritisiert, die dadurch hervorgerufen wird, daß für Akten im Westen die 30-Jahre-Sperre besteht, während DDR-Akten frei zugänglich sind. Eine weiterhin zentrale Forderung bleibt es daher, der Wissenschaft Einsicht insbesondere in die archivierten Überlieferungen der westdeutschen Parteien, des Bundeskanzleramtes, des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen und auch des Verfassungsschutzes und des BND für die Zeit bis 1989/90 zu gestatten. Doch mit einem Berliner Richterspruch vom Juli 2001 ist eine neue Situation entstanden, weil nunmehr für die Wissenschaft Akten gesperrt werden sollen. Und dies hat ausgerechnet ein Historiker provoziert. Ex-Bundeskanzler Kohls Klage gegen die bisherige Praxis der Behörde, Unterlagen des MfS zu Personen der Zeitgeschichte sowohl der Wissenschaft als auch den Medien zugänglich zu machen, endete vor Gericht mit einem fatalen Urteil. Schon im Vorfeld des Prozesses gab es heftige Debatten über einen erschwerten Zugang zu den Akten. Bereits im Januar 2001 hatten zahlreiche in- und ausländische Wissenschaftler in einem vom Westberliner Historiker Jochen Staadt initiierten »Offenen Brief an den Innenausschuß des Bundestages und die Fraktionen« vor geplanten Verschlechterungen für die Einsicht in die Stasi-Akten gewarnt: »Das Stasiunterlagengesetz hat sich seit neun Jahren bewährt [...] Die rechtsstaatwidrige und illegale Informationsgewinnung ist die Natur der Sache, der das Stasiunterlagengesetz Rechnung zu tragen hatte [...] Erst die umfassende Aus­einandersetzung mit dem vom DDR-Staatssicherheitsdienst hinterlassenen Schriftgut hat die bislang in der deutschen Geschichte einmalige rasche zeitgeschichtliche Aufarbeitung des untergegangenen Regimes möglich gemacht. Das Stasiunterlagengesetz hat die mutige, von der Bürgerrechtsbewegung der DDR gewollte und von der frei gewählten DDR-Volkskammer auf den Weg gebrachte Entscheidung zur raschen und umfassenden Aufklärung des im Auftrag der SED verübten Unrechts in Rechtsform gebracht. [...] Es wäre ein fatales Zeichen, wenn jetzt auf dem Verordnungsweg oder durch eine Gesetzesänderung die Grundvoraussetzungen der historischen Aufarbeitung des SED-Regimes verändert würden. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stasimachenschaften gilt heute vielen Ländern Osteuropas als Vorbild und in der westlichen Welt als ein überzeugender Schritt des wiedervereinigten Deutschland zur Aufklärung der Diktaturfolgen. [...] Wir appellieren an Sie als Abgeordnete des Deutschen Bundestages, die Uhr der historischen und öffentlichen Auseinandersetzung mit dem SED-Unrecht nicht zurückzudrehen.« Der Forschung haben die Richtlinien vom März 2001 gegenüber der bisherigen Praxis der Akteneinsicht Erschwernisse gebracht. In der Öffentlichkeit erweckte dies aber nur geringes Interesse.[3] Von seiten der Wissenschaft wurde bereits damals klargestellt, daß für die Aufarbeitung alle MfS-Überlieferungen (einschließlich der »Telefonmitschnitte«) zugänglich bleiben müssen. Schließlich ist darauf zu verweisen, daß die meisten Forscher die Stasi-Akten sehr verantwortungsvoll auswerteten. Doch das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts ging weit über die Befürchtungen vom Frühjahr hinaus. Denn im Kern besagte das Urteil, es sei nicht nur dem Persönlichkeitsschutz »Betroffener« und »Dritter« Vorrang vor allen anderen Zielen des Gesetzes einzuräumen, sondern zudem müsse »hingenommen« werden, daß der Zugang zu Informationen »über Personen der Zeitgeschichte« für Forschung und Medien »in einem erheblichen Umfang ausgeschlossen« wird. Im Klartext bedeutet dies letztlich, für die Forschung soll die Einsicht in Stasi-Akten über Personen weitgehend eingeschränkt werden. Sogar DDR-Funktionäre müßten nach dieser Rechtsauslegung – vorausgesetzt, sie arbeiteten nicht für die Stasi – der Herausgabe ihrer Akten zustimmen, selbst diese blieben dann im allgemeinen für die Forschung verschlossen. Damit behindert das Berliner Urteil aber die Intention des Gesetzes und dessen zehnjähriger Anwendung. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat es klar gesagt: »Entgegen der Auffassung der Richter wollte der Gesetzgeber die bisherige Praxis. Aufklärung ist der Hauptzweck des Gesetzes.«[4] Ohne den Zugang zu den Unterlagen der Stasi zu Personen der Zeitgeschichte, seien es nun Politiker, Künstler, Sportler, Journalisten oder Bürgerrechtler, kann eine gründliche Analyse nicht erfolgen, wird also die Aufklärung und damit die Aufarbeitung der DDR-Geschichte gefährdet. Falls der Bundestag seine bisherige Auffassung beibehält (und er hatte schließlich zwei Enquete-Kommissionen parteiübergreifend eingesetzt, die den Vorrang der Aufklärung herausstellten), dann muß er das Stasi-Unterlagengesetz dahingehend präzisieren, daß der Wissenschaft alle Akten zweifelsfrei sofort wieder zur Verfügung stehen. Das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts muß indes noch unter einem anderen Gesichtspunkt bewertet werden. Für die Forschung und damit für die Aufarbeitung der SED-Diktatur könnte der Richterspruch auch insofern eine Kata­strophe bedeuten, weil er für die 2003 drohende Aktenvernichtung von Stasi-Unterlagen weitere Argumente liefert. Mit der These, Kohl sei als »Opfer« der Stasi zu schützen, hat das Gericht den Opfer-Begriff aufgeweicht. Eine Gleichstellung der Politiker, deren Telefongespräche abgehört wurden, mit tatsächlichen Opfern, die im DDR-Gefängnis drangsaliert wurden, ist nicht einleuchtend. Brisanter ist indes, daß »Opfer« (ja sogar »Dritte«) nunmehr die Möglichkeit erhalten sollen, ihre Akten löschen oder vernichten zu lassen. Und dazu gehörten nach der Urteilsauslegung auch Personen der Zeitgeschichte. Bei den bisherigen Diskussionen ging fast unter, daß im Jahre 2003 immer noch eine umfassende Aktenvernichtung droht. In dieser Frage hatte das Bürgerkomitee Leipzig die Öffentlichkeit 1998 gerade noch rechtzeitig alarmiert. Es waren nämlich bereits Vorbereitungen getroffen geworden, um nach § 14 des Stasi-Unterlagengesetzes eine »Anonymisierung« von Originalakten des MfS ab 1. Januar 1999 durchzuführen. Hinter dieser harmlos klingenden »Anonymisierung« stand die Gefahr einer Schwärzung, sogar einer »Löschung« von Dokumenten. Im ursprünglichen interfraktionellen Gesetzentwurf vom 12. Juni 1991 fehlte diese Passage, sie wurde erst wenige Wochen vor Inkrafttreten des Gesetzes noch eingefügt. Laut dieser Einfügung konnten »Anonymisierung und Löschung personenbezogener Informationen über Betroffene und Dritte« auf deren Antrag hin erfolgen, ausgeschlossen blieben nur Mitarbeiter und IM des MfS. Und es heißt sogar (§ 14,4), »ist eine Anonymisierung nicht möglich, tritt an die Stelle der Anonymisierung die Vernichtung der Unterlage«. Erlaubt werden sollte also durch Schwärzung der Originale oder direkte »Entsorgung«, daß unwiederbringliche zeitgeschichtliche Archivalien endgültig vernichtet würden. Da sowohl Opfer, nämlich Betroffene, als auch »Dritte« dies beantragen können, käme das – so seinerzeit das Leipziger Bürgerkomitee – »einer bisher nie dagewesenen Vernichtung von für die Zeitgeschichtsforschung wichtigen Akten gleich«. Der in der deutschen Geschichte damit einmalige Vorgang massenhafter Vernichtung von Archivalien wurde allerdings zunächst verhindert. Nach Protesten von Bürgerrechtlern und Wissenschaftlern reagierte der Bundestag rasch, er hat noch im Dezember 1998 die »Anonymisierung« um vier Jahre bis zum 1. Januar 2003 hinausgeschoben. Falls aber das Gesetz nicht verändert wird, steht die Aktenvernichtung Anfang 2003 an. Es ist also höchste Zeit, zu handeln. Im übrigen bleibt festzuhalten, daß in den Aktenkopien, die der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, alles Private schon immer geschwärzt ist. Durch oft übermäßige Schwärzungen (bei vielen anderen Archiven genügen entsprechende Verpflichtungen zum Datenschutz) ist die Forschung mit den MfS-Akten ohnehin ziemlich erschwert. Aber Schwärzungen erfolgten bisher nur auf den Kopien, die Originale blieben der Nachwelt in den Archiven unbeschädigt erhalten. Und das muß im Interesse der Aufarbeitung beibehalten werden. Die Bemerkung im Gesetzestext (§ 14, 2.2.), die Anonymisierung unterbleibe, »soweit die Information für die Forschung zur politischen und historischen Aufarbeitung erforderlich ist«, wirkt fast zynisch. Erfolgt die als »Anonymisierung« bezeichnete Vernichtung von Originalakten, dann könnte in 20 oder 30 Jahren kein Wissenschaftler mehr aktengestützt forschen. Denn wer kann sich heute anmaßen, bei Anträgen »Dritter« zu entscheiden, was in Jahrzehnten für die Forschung »erforderlich« ist und somit im Original nicht geschwärzt werden darf? Nur die Abschaffung der »Anonymisierungs«-Möglichkeit in § 14 sowie die klare Festlegung, daß im Interesse der Aufklärung und der wissenschaftlichen Aufarbeitung wie seit zehn Jahren auch zukünftig Informationen zu Personen der Zeitgeschichte zur Verfügung stehen, können ein Desaster für die Forschung verhindern. Daher ist die Bitte der Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Marianne Birthler, an den Präsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, voll zu unterstützen, das Parlament möge mit einer »eindeutigen Formulierung« präzisieren, wie weit die Aufklärung gehen soll. Schließlich war und ist Aufklärung der »Hauptzweck des Gesetzes«. Um die längst noch nicht beendete Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und der deutschen Geschichte gerade im Bereich Unterdrückung und Verfolgung durch das MfS weiterhin fortsetzen zu können, sind alle Wissenschaftler aufgerufen, sich gegen die geplante »Anonymisierung«, d.h. Vernichtung von Akten ab 2003 an den Bundestag zu wenden. Der Gesetzgeber bleibt aufgefordert, die knappe Zeit bis zum Ende der Legislaturperiode zu nutzen, um § 14 des Stasi-Unterlagengesetzes zu ändern bzw. abzuschaffen, damit es 2003 zu keiner Löschung von Originalakten kommt. Falls das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts rechtskräftig werden sollte, ist zu präzisieren, daß die Aufklärung und die Aufarbeitung der SED-Diktatur Priorität haben. Im Sinne der Intention von 1991 sollten auch die Akten von Personen der Zeitgeschichte wie bisher für Forschungszwecke zugänglich bleiben. [1] Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«. Hrsg. vom Deutschen Bundestag, neun Bände in 18 Teilbänden, Frankfurt/M.-Baden-Baden 1995, Bd. I, S. 647ff.; Ingrun Drechsler u.a. (Hrsg.): Getrennte Vergangenheit – gemeinsame Zukunft. Ausgewählte Dokumente, Zeitzeugenberichte und Diskussionen der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« in vier Bänden. München 1997, Bd. IV, S. 126ff. [2] Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit«, Hrsg. vom Deutschen Bundestag, acht Bände in 14 Teilbänden. Frankfurt/M.-Baden-Baden 1999, Bd. I, S. 553ff. [3] Vgl. die Darstellung von Marianne Birthler und die Replik von Manfred Wilke vom 21. bzw. 30. April 2001 im Tagesspiegel, Berlin. [4] Berliner Zeitung vom 6. Juli 2001.

JHK 2002

Im Kampf gegen »den westdeutschen Imperialismus«: Die Politik der SED im Mittelmeerraum

Andreas Stergiou

Einleitung  Auch bei nur oberflächlicher Betrachtung der geographischen Lage Griechenlands und Zyperns wird klar, daß diese zwei Länder in alle Kriegspläne des West-Ost-Konflikts einbezogen werden mußten. Jenseits der Dardanellen, am Schnittpunkt dreier Kontinente liegend und weit ins Mittelmeer hineinragend, konnte die Möglichkeit starker Einflußnahme auf die Innen- und Außenpolitik dieser Länder nicht nur in militärischer, sondern auch in politischer Hinsicht eine äußerst vorteilhafte Lage schaffen. Die Amerikaner hatten bereits seit Ende der vierziger Jahren im Rahmen des Marshall-Plans und der Truman-Doktrin ihre Kontrolle über Griechenland und die Türkei erstmals erhalten und somit das zeitliche Rennen zur Erlangung dieser Einflußmöglichkeiten für sich entscheiden können. Mit dem Eintritt dieser Länder ins NATO-Bündnis im Jahre 1952 vermochten sie ihre militärische Position in dieser Region auszubauen. Politisch jedoch sollte der Antagonismus zwischen den beiden Supermächten noch jahrzehnte lang offen bleiben. Die Gründe dafür bestanden in der politischen und ökonomischen Instabilität der drei dort liegenden Länder (Türkei, Griechenland, Zypern) und vor allem in der hohlen Kohärenz des NATO-Südostflügels. Denn seine reibungslose Funktion setzte eine einvernehmliche Zusammenarbeit zwischen zwei Alliierten, Athen und Ankara, voraus. Gerade aber diese griechisch-türkische bilaterale Kooperation warf für die NATO hauptsächlich wegen des Zypernkonflikts seit den fünfziger Jahren eine Reihe von Problemen auf, die das traditionell problembeladene Verhältnis zwischen diesen Völkern noch mehr belasteten. Die mit dem Istanbuler Pogrom vom 6. September 1955 gegen die dort lebende griechische Minderheit aufgerissene alte Kluft zwischen Griechen und Türken, der den provisorischen Rückzug der griechischen Mitglieder aus dem NATO-Stab in Izmir nach sich zog, war die erste Kraftprobe. Wiederholt zutage getretene Spannungen in den nächsten Jahrzehnten ließen den Konflikt noch mehr eskalieren und 1974 anläßlich der türkischen Invasion in Zypern zum einseitigen Beschluß der Athener Regierung kulminieren, die Mitarbeit Griechenlands in der NATO weitgehend einzustellen. In das Zypernproblem mischte sich auch der Unmut der Griechen, weshalb das ärmste Mitglied der Allianz vierzig Prozent seines Haushalts für Verteidigung und NATO ausgeben mußte. Gleichzeitig erlitten die wichtigsten militärischen Partner Griechenlands, Bonn, Washington und London, einen erheblichen Popularitätsverlust in der griechischen Gesellschaft: Bonn auf Grund seiner strikten Neutralität im Konflikt, Washington und London wegen ihrer völlig ablehnenden Haltung zum nationalen Begehren der griechischen Zyprioten nach Anschluß an das Mutterland, das seinen vorläufigen Höhepunkt im Unabhängigkeitskrieg 1955–1959 gegen die britische Kolonialmacht erreichte. Da der griechische Nachkriegsstaat dazu innenpolitisch und wirtschaftlich instabil war, entstand im Ostblock sehr schnell der Eindruck, Griechenland sei »the weakest link« der Allianz.[1] Bald erkannte die zu diesem Zeitpunkt äußerst aktive sowjetische Diplomatie, damals unter der Leitung des seit 1953 amtierenden Sowjetbotschafters in Athen, M.G. Sergejew, die Bedeutung des Zypernproblems für die Kohärenz und Verteidigung des westlichen Bündnisses. Ihre Einschätzung, daß sich die griechische Regierung bei einer Zuspitzung der Krise gezwungen sehen könnte, dem innenpolitischen antiwestlichen Druck nachzugeben und sich in der einen oder anderen Form von der NATO abzusetzen, war nicht weit entfernt von der Realität.[2] Moskaus Werben um Athen teilte sich rasch dem gesamten Ostblock mit[3], dessen Partner beharrlich Fäden nach Griechenland zu spinnen versuchten. Als bester Repräsentant der Sowjetpolitik erwies sich die »Kryptodiplomatie« (d.h. die notgedrungen inoffizielle Diplomatie) Ostberlins im griechischen Raum. Die Bemühungen der DDR deckten sich zum Teil mit den Interessen Moskaus, zum anderen aber waren sie auf eigene politische und ökonomische Zielsetzungen zurückzuführen, die sich im beschränkten diplomatischen Spielraum Ostberlins in den fünfziger Jahren abzuzeichnen begannen. Fundamentales Ziel der DDR-Diplomatie zu dieser Zeit war bekanntlich, sich international selbständig präsentieren und die diplomatische Hallstein-Blockade durch die BRD durchbrechen zu können. Zur Verwirklichung dieses Ziels fing man im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten (MFAA) Anfang der fünfziger Jahre an, Länder ins Visier zu nehmen, in denen man glaubte, Einfluß nehmen und sukzessive die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorbereiten zu können. Am besten eigneten sich dafür unbedeutende Staaten der dritten Welt. Doch mehr ins Gewicht fielen kapitalistische Länder des eigenen europäischen Kontinents. Vor diesem Hintergrund konzipierte man im MFAA eine diplomatische Strategie, wonach die neutralen Länder Europas zuerst in Angriff genommen werden sollten, d.h., man sah in diesen Ländern gute Chancen, diplomatische Kontakte zu knüpfen. Dabei handelte es sich um die Schweiz, Finnland[4] und später auch Zypern nach seiner Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1960. Das erhöhte Interesse der DDR-Diplomatie galt insbesondere zwei NATO-Staaten, Mitgliedern des gegnerischen Systems, mit denen man glaubte, Sonderbeziehungen aufnehmen zu können: Island wegen seiner kulanten Haltung bei dem Travelboard-Abkommen der NATO[5] und Griechenland. Letzterer Staat geriet ins Visier des MFAA wegen seiner prekären Situation in der NATO-Allianz, die die Pläne des gesamten Ostblocks begünstigte und wegen eines Staatsvertrags mit der DDR, des Handelsabkommens von 1953, das als ein Grundstein für spätere diplomatische Beziehungen betrachtet wurde. Auf Grund dieses Abkommens, das einen flagranten Verstoß seitens der Griechen gegen die COCOM-Bestimmungen darstellte, gelang es der DDR sogar eine der ersten Handelsvertretungen in der westlichen Welt in Athen zu errichten. Man ging also davon aus, daß eine Einflußnahme in Griechenland möglich sei. Wir sind heute in der Lage[6] die Feststellung zu machen, daß bei der Rollenverteilung innerhalb des Warschauer Pakts in den fünfziger und sechziger Jahren Bukarest und Sofia die Aufgabe zufiel, die griechische Öffentlichkeit psychologisch mit Friedens­initiativen, wie der Schaffung einer atomfreien Zone auf dem Balkan, zu beschäftigen, wohingegen die DDR den zusätzlichen Auftrag hatte, im Rahmen ihrer Möglichkeiten den dominanten bundesdeutschen politisch-ökonomischen Einfluß auf allen Ebenen zu verringern. Da jedoch die DDR völkerrechtlich von der griechischen Regierung nicht anerkannt worden war, verlegte sie sich erstmals auf den Ausbau von Handelsbeziehungen. Doch die Effektivität des Unternehmens bedarf der Rolle der SED, der die »missionsartige Aufgabe« zukam, eine sehr beliebte außenpolitische Praxis der DDR in die Tat umzusetzen[7], nämlich Beziehungen und Kontakte diverser Art zu politisch nahestehenden Parteien der Region bzw. zu von ihnen kontrollierten Gewerkschaften und Organisationen anzuknüpfen, um sie später zu diplomatischen Beziehungen umzufunktionieren. In zweiter Linie sollten auch Anstrengungen unternommen werden, sich in der innenpolitischen Sphäre jener Länder, hauptsächlich in der Medienwelt, Mittelsleute (Pressure Groups) aufzutreiben, um mittels der öffentlichen Meinung kurzfristige Ziele propagandistischer Natur zu erreichen. Allerdings waren damals die politischen Voraussetzungen dort vorhanden, die derartige Aktivitäten erlaubten. Es ist das Anliegen dieses Beitrags, die Formen aufzuzeigen, die diese Tätigkeit der SED in Griechenland und Zypern von den fünfziger bis zum Ende der achtziger Jahre hinein annahm. Die Darstellung basiert zum größten Teil auf bisher unausgewertetem Archivmaterial und Zeitzeugenaussagen, die der Verfasser im Rahmen seiner Dissertation in fünf Ländern (Griechenland, Deutschland, Zypern, England und Belgien) gesammelt hat. Wie aus dem Diktat des Bedarfs eine ideologische Konformität wurde Die erste und Hauptorganisation, die die SED als Vehikel ihrer Aktivitäten im Ostmittelmeerraum ansah, war die Kommunistische Partei Griechenlands KKE. Die Ansätze ihrer Beziehung gehen auf die Zeit des griechischen Bürgerkrieges 1946–1949 zurück, der im Anschluß an den zweiten Weltkrieg und die deutsche Okkupation ausbrach. Der griechische Bürgerkrieg hat seine Wurzeln in der politischen polarisierenden Atmosphäre, die noch vor dem Abzug der deutschen Truppen aus Griechenland im Oktober 1944 zwischen den rivalisierenden Widerstandsgruppen herrschte. Zu diesem Zeitpunkt waren die linken Resistancegruppen zahlenmäßig viel größer und viel populärer als die rechten. Sie waren jedoch viel heterogener und genossen im Gegensatz zu den rechten Widerstandsgruppen nicht die Unterstützung der probritischen Exilregierung Griechenlands und natürlich der britischen Truppen, die nach dem Krieg zusammen mit der Regierung wieder ins Land eilten. Aus diesem Grund gelang es den Rechten sehr schnell, die Oberhand im Nachkriegsgriechenland zu gewinnen und sich bei dem anbahnenden Krieg eine bessere Ausgangslage zu verschaffen. Nachdem 1947 die Amerikaner die Briten als Schutzmacht des politischen Establishments in Griechenland abgelöst und sich in den Bürgerkrieg aktiv eingemischt hatten, war die innergriechische Fehde für die Linken aussichtslos geworden. Doch in dieser für die KKE heißen und äußerst kritischen Phase der militärischen Auseinandersetzungen 1948/1949 erklärte sich die SED mit den griechischen »Antifaschisten« solidarisch. 1948 beschloß das Zentralkomitee der SED, ein Hilfskomitee für das »Demokratische Griechenland« bzw. für die griechischen Kommunisten zu gründen. Es sollte Geld- und Sachspenden sowie humanitäre Hilfe für die Partisanenarmee im griechischen Bürgerkrieg aufbringen. Bis 1949 gelang es der SED, den griechischen Genossen ansehnliche materielle Hilfe zur Verfügung zu stellen.[8] Von größerer Bedeutung jedoch war, daß die Sowjetische Besatzungszone und spätere DDR rund 1300 Kinder aufnahm, die die griechischen Kommunisten im Rahmen der Operation »Paidomazoma« aus den umkämpften Gebieten herausgebracht und in den Ostblock geschickt hatten. Ihr Aufenthalt in Ostdeutschland sollte eigentlich provisorischen Charakter haben. Da aber die Kommunisten den Bürgerkrieg verloren und ins Exil mußten, blieben sie über Jahrzehnte hinweg in der DDR. Aus den Kindern wurden mit Hilfe der SED qualifizierte Arbeiter, Wissenschaftler und nicht selten auch Parteifunktionäre. Aber trotz großer Bemühungen konnten weder die SED noch die KP Griechenlands (KKE) »sozialistische internationalistische Musterbürger«, Kämpfer für die Sache des Weltkommunismus zuerst in der DDR und später in Griechenland schaffen. Manche von ihnen politisierten sich in der SED und stellten sich in den Dienste des Proletarischen Internationalismus. Das bedeutete, daß sie direkt oder indirekt die Errungenschaften des »ersten Deutschen Staates der Arbeiter und der Bauern auf der Welt« in Griechenland propagierten. Die meisten blieben jedoch unpolitisch und fern von den Parteien. Einige von ihnen verließen sogar schon als Kinder die DDR, während andere nach ihrem Bildungsabschluß die verlockenderen Berufsangebote Westdeutschlands vorzogen und nach Westberlin übersiedelten.[9] Somit setzte eine »brüderliche« Kooperation zwischen der SED und der KKE ein, die mit der Zeit konkretere Formen annahm. Den Eckstein ihrer Beziehungen bildeten, wie beschrieben, die Bemühungen des Ostblocks, in dieser Region politisch und ökonomisch Fuß zu fassen. Doch aus eigener Kraft konnte die KKE in den fünfziger Jahren nur ganz wenig in dieser Hinsicht bewirken. Gleich nach der Niederlage der Kommunisten im Sommer 1949 im griechischen Bürgerkrieg mußte die Partei zusammen mit einem großen Teil ihrer Anhängerschaft das Land verlassen und sich auf eine 25 Jahre währende Wanderschaft machen. Provisorischer Sitz der KKE-Führung wurde Bukarest. In Griechenland wiederum wurde der Staat der Sieger aufgebaut, in dem der Antikommunismus zu einer alle sozialen Ebenen durchziehenden Staatsideologie erhoben wurde. Alle diejenigen, die im Verdacht standen, dem Kommunismus gefolgt zu sein, wurden Verfolgungsobjekte. Spezielle »Umerziehungslager«, die von den Wohnverhältnissen her nur in wenigen Punkten den klassischen Konzentrationslagern nachstanden, waren eine äußerst beliebte Methode des Staates, die Linken wieder zu »nationalgesinnten« Bürgern zu machen. Kommunistische Aktivitäten konnten nur im Hintergrund stattfinden. Sie wurden von einem Inlandspolitbüro organisiert, die eine Art zweiter Führung der KKE darstellte. Dank ihrer illegalen Hilfe konnte jedoch im Jahre 1951 von gemäßigten Sozialisten (ehemaligen Resistance-Kämpfern) eine linke Partei, die Einheitliche Demokratische Linke (EDA), gegründet werden. Diese neue Partei entwickelte sich rasch zu einer Sammelbewegung aller linken und progressiven Kräfte, der sich natürlich auch alle in Griechenland der Verfolgung entgangenen Kommunisten anschlossen. Die meisten von ihnen waren jedoch nach wie vor weisungsabhängig von der KKE.[10] Die Exilführung der KKE erhielt dadurch eine willkommene Gelegenheit, ihre Arbeit mit Hilfe der EDA auch auf legaler Ebene in Griechenland fortzuführen. Der neuen EDA-Partei wiederum fehlte es an Organisation und finanzieller Unterstützung, um sich in der extrem feindlichen politischen Landschaft Griechenlands überhaupt behaupten zu können. So ließ sie sich in hohem Maße zum Sprachrohr der illegalen KKE machen. Dies wiederum sollte sich später als große Schwäche erweisen: Da die Exilführung dadurch ihre Präsenz immer deutlicher machte, um ihren Hegemonieanspruch über die gesamte linke Anhängerschaft aufrechtzuerhalten, konnte die hysterische antikommunistische Propaganda der Regierung gegen die EDA leichter aktiv werden. Angesichts des Umstands, daß die EDA eine Reaktion auf das ganze politische System der neugriechischen Gesellschaft war, bemühten sich die Staatsbehörden immer wieder, Anknüpfungspunkte zu finden, um die legale EDA mit der verbotenen KKE in Verbindung zu bringen.[11] Dennoch erlebte die EDA einen rasanten Zuwachs an Mitgliedern und vor allem an Wählern. Bis 1956 war es der EDA gelungen, politisch »salonfähig« zu werden, indem sie sich an einem Wahlbündnis der Opposition mit der Volkspartei und einigen Parteien des Zentrums beteiligte, wodurch sie 18 von 300 Parlamentssitzen errang. Die EDA hatte es fünf Jahre nach ihrer Gründung geschafft, ihre Isolierung zu durchbrechen und zu einer maßgeblichen politischen Kraft zu werden.[12] Alle kommunistischen Parteien West- und Osteuropas, die Beziehungen zur KKE unterhielten, pflegten auch ein gutes Verhältnis zur EDA. Denn sie war diejenige Partei, die im Endeffekt als eine zugelassene und im Parlament vertretene Partei imstande war, etwas an der inneren politischen Entwicklung Griechenlands zu ändern. Im Besitz dieser Macht wurde die EDA in Griechenland zur Vertreterin der Ostblock-Belange.[13] Die ostdeutschen Genossen ließen ebenfalls keine Chance verstreichen, ihre eigenen politischen und ökonomischen Interessen durch die EDA kundzutun. Dies subsumierte sich unter der Bezeichnung »antiimperialistischer Feldzug«, was nichts anderes als die Unterminierung der ökonomischen und politischen Dominanz des »legitimen Vertreters« der deutschen Nation in Griechenland, der Bundesrepublik, war. Tatsächlich vermochte die Bonner Außenpolitik in den fünfziger Jahren ein überraschend gutes politisch-ökonomisches Verhältnis zu Griechenland aufzubauen. Auf der ökonomischen Ebene kam dieses partnerschaftliche Verhältnis vor allem durch zahlreiche deutsche Investitionen in den griechischen Wiederaufbau zustande. Der Handel zwischen beiden Ländern wurde derart ausgedehnt (1962 kamen 18% der Gesamtimporte Griechenlands aus der BRD und 19% der griechischen Exporte gingen dorthin), daß die Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, nach Einschätzungen der DDR-Handelsvertreter in Griechenland, den ersten Platz im Export und den zweiten im Import hinter den USA besaß.[14] Diese außerordentlich guten Beziehungen wirkten sich exemplarisch auf etliche politische Entscheidungen Athens im Betrachtungszeitraum, wie sein Verhältnis zu Kernforderungen der Bonner Außenpolitik und bei der »Bereinigung der Kriegsfolgen« (Kriegsverbrecherverfolgung), aus. Tatsächlich legte die griechische politische Elite (Hof, griechische Regierung) eine außerordentliche Bereitwilligkeit an den Tag, den Alleinvertretungsanspruch des westdeutschen Staates anzuerkennen und die internationale Position der BRD zu stärken. In diesem Sinne plädierte Athen in der Geburtsphase der Bonner Außenpolitik vehement für die Westintegration der Bundesrepublik in die NATO und den Europarat.[15] Von großer Tragweite war jedoch die »nachsichtige« Haltung der griechischen Justiz zu deutschen Kriegsverbrechern (z.B. General Alexander Andrae[16]) nach dem Krieg. Im Juni 1956 einigten sich beide Seiten auf eine Vereinbarung, die die griechische Regierung verpflichtete, alle Kriegsverbrecherverfahren und Fahndungsmaßnahmen gegen die beschuldigten deutschen Staatsangehörigen bis zur Eröffnung deutscher Ermittlungsverfahren einzustellen und die Akten über rund 700 von Deutschen begangene Kriegsverbrechen und ähnliche Delikte der Bundesregierung zu übergeben.[17] Als sehr kulant erwiesen sich die Griechen auch bei der Entschädigung der Opfer zweier berüchtigter Massaker an der Zivilbevölkerung der Dörfer Distomo und Kalavrita, die deutsche Truppen in Griechenland während der Okkupation verübt hatten.[18] Einen im Geiste ähnlichen Verlauf nahm die sich über Jahre hinschleppende Diskussion über Wiedergutmachung und Reparationen, obwohl die griechische Regierung mit einer Note im Herbst 1956[19] Wiedergutmachungsleistungen von der Bundesrepublik einforderte.[20] Nicht einmal die durch einen Zufall entstandene Merten-Affäre konnte die griechisch-westdeutschen Beziehungen nachhaltig stören. Als am 26. April 1957 der Berliner Rechtsanwalt und Ex-Wehrmachtsoffizier Dr. Max Merten als freiwilliger Zeuge in einem privatrechtlichen Verfahren gegen seinen ehemaligen Chefdolmetscher Meissner in Griechenland erschien, konnte niemand ahnen, daß er von den griechischen Behörden mit der Beschuldigung festgenommen würde, als ehemaliger Chef der deutschen Militärverwaltung in Makedonien maßgeblich an Deportationen und Hinrichtungen von Juden beteiligt gewesen zu sein.[21] Sehr hoch schlugen jedoch die Wellen in Griechenland und Deutschland, als Merten in seiner Haft plötzlich ein Foto mit angeblichen griechischen Komplizen aus der Besatzungszeit entdeckte, das ihm half, einige Vorkommnisse aus jener Zeit in sein Gedächtnis zurückzurufen. Die auf dem Foto abgelichteten Personen waren der griechische Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis, der Innenminister Demetrios Makris und seine Frau Doxoula Makris, die ihn damals mit Informationen über Juden versorgt haben sollten. Laut Merten seien sie anschließend mit Mitteln aus dem beschlagnahmten jüdischen Vermögen entlohnt worden.[22] Daraufhin gerieten die Dinge in Bewegung. Nach zwei griechischen Abolitionsgesetzen 1958 und 1960, womit auf die Verfolgung von Kriegsverbrechern erneut verzichtet wurde,[23] konnte Merten 1960 in die BRD abgeschoben werden, wo die Ermittlungen gegen ihn nach einigen Jahren eingestellt wurden. Dies alles waren in den Augen der DDR-Leute Zeichen der westdeutschen »imperialistischen Politik«. Von der ostdeutschen Handelsvertretung in Griechenland aus, des halboffiziellen »Organs« des DDR-Staatswesens[24] in Athen, hofften die DDR-Emissäre mit Hilfe ihres vielfältigen propagandistischen Instru­mentariums »die wahren Ziele und die Rolle des westdeutschen Imperialis­mus auch in Griechenland mit allen möglichen Mitteln zu entlarven«. Jener »antiimperialistische Feldzug« der DDR wäre jedoch zu dem Zeitpunkt ge­scheitert, wenn sich die griechischen Genossen der EDA ihn nicht auf ihre Fahnen (Programma Palis) geschrieben hätten. Diese Bemühungen der DDR fielen nämlich in den fünfziger und sechziger Jahren mit dem Ringen der EDA zusammen, in der vom Antikommunismus geprägten politischen Landschaft Griechenlands das seit dem Ende des Bürgerkriegs kompromittierte Ansehen der linken Kräfte wiederherzustellen. Sehr schnell kam eine gegenseitige Hilfeleistung zwischen beiden Parteien zustande, die EDA und KKE finanzielle Unterstützung für ihren Agitationsapparat[25] (Druckmaschinen, Ausstattungsmaterial) und der SED politische Unterstützung brachte. Nicht nur die in Griechenland erscheinenden Zeitungen sondern auch die in der DDR griechischsprachige Zeitschrift Pyrsos finanzierte die SED damals, sie finanzierte auch die Redakteurstellen. Die miteinander verflochtenen theoretischen Presseorgane der KKE und der EDA wurden jedoch nicht nur mit maschineller Ausrüstung und Geld versorgt, sondern auch mit Materialien, welche in der Propaganda-Abteilung des Außenministeriums der DDR angefertigt worden waren, und die die linksstehenden Zeitungen (Avgi, Anexartitos Typos) als Grundlage für ihre Artikel über die DDR zu verwenden hatten. Das Ergebnis dieser ergiebigen Kooperation war – wie dies wörtlich im Archiv der SED steht[26] – die bedingungslose Unterstützung der Außenpolitik der DDR und der anderen sozialistischen Länder in Griechenland. Die SED honorierte diese bedingungslose Unterstützung vielfältig. Sie erleichterte nämlich die illegale Arbeit der Bruderpartei, indem sie es vom Boden der DDR aus ermöglichte, kommunistische Kader illegal über Frankreich nach Griechenland zu befördern.[27] Das Staatsgebiet der DDR war prädestiniert für diese Vorgehensweise der griechischen Genossen, weil sie, falls so etwas aufgedeckt würde, als ein nichtanerkannter Staat von keiner europäischen Regierung offiziell zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Außerdem stand sowohl den EDA- und KKE-Genossen aus Griechenland als auch denen, die in der DDR aufgewachsen waren (Pädomazoma-Kinder), eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen an den DDR-Universitäten zu. Von großer Tragweite für das Fortbestehen der kommunistischen Bewegung in Griechenland war auch die direkte finanzielle Hilfe der SED an die Parteiorganisationen der KKE und der EDA in den fünfziger Jahren. Da mehrere zehntausend griechische Genossen den Repressalien des Staatsmechanismus ausgesetzt waren und ihnen meistens über Jahre hinaus jeglicher Zugang zu einer Erwerbsquelle verwehrt war, waren sie auf unmittelbare finanzielle Unterstützung durch die Partei angewiesen. Andere wiederum bedurften wegen ihrer illegalen Arbeit und langen Inhaftierung permanent sorgfältiger medizinischer Behandlung. Hin und wieder kamen Bitten in der Parteizentrale der SED an, die entweder spezifische Therapien oder Erholungsurlaub für EDA-Kader beantragten.[28] Zu diesem Zweck wurden spezielle »Ehrenfonds« eingerichtet[29], von denen regelmäßig Devisen nach Griechenland flossen.[30] 1951 wurden von Mitgliedern der KKE mit der Unterstützung der SED zwei Kommissionen gebildet, deren Aufgabe es war, zum einen die Spenden zu organisieren sowie die Gelder zentral zusammenzufassen und zum anderen agitatorische Arbeit auf diesem Gebiet zu leisten. Ab April 1951 wurden die vielen einzelnen Summen, die an verschiedenen Orten bei den dortigen Gruppen vorhanden waren, auf ein Konto der Deutschen Notenbank in Radebeul zusammengezogen.[31] Im Gegenzug leisteten beide Parteien eine gezielte und geschickte propagandistische Arbeit zu Gunsten von SED und DDR. Die linke Agitation nahm verschiedene Formen an; sie folgte im Großen und Ganzen einem bestimmten Muster. In offiziellen Veröffentlichungen[32] verklärte man einerseits die wirtschaftlichen Erfolge der DDR und unterstrich andererseits den elenden Zustand der griechischen Agrarproduzenten, das wachsende Handelsdefizit und die ökonomische Rückständigkeit Griechenlands, die auf Grund der Beteiligung des Landes an der EWG entstanden sei (der Assoziierungsvertrag zwischen Griechenland und der EWG wurde 1961 abgeschlossen und trat im November 1962 in Kraft). Die kommunistischen Kreise wußten ganz genau, worunter die Bauern litten, und verpaßten keine Chance, sich auf die unbarmherzige Regierung einzuschießen. Darüber hinaus pflegten sie die Regierung gegenüber den Amerikanern und den »Neonazis« (Bonner Regierung) als kriecherisch und servil zu denunzieren. Wasser auf die Mühlen der oppositionellen Agitation gossen in dieser Hinsicht folgende unübersehbare Tatsachen: Während der Kauf von Tabak und anderen Agrarprodukten durch den Westen stark nachließ, erklärte sich der Ostblock, insbesondere die DDR bereit, den Restbestand des Tabaks, der mittlerweile ein riesiges Ausmaß angenommen hatte und sich auf zehntausende von Tonnen belief, zu übernehmen. Selbst die europäischen NATO-Partner Griechenlands, darunter der beste Handelspartner Griechenlands, die Bundesrepublik, zogen es in kühler Abschätzung ihrer Interessen vor, Tabak von den Ostblockländern zu kaufen, weil er einfach billiger war.[33] Als nächstes zeichnete man in sehr dunklen Farben die Blockadepolitik der BRD, die »im krassen Gegensatz zur politischen Praxis der DDR stünde«. »Die konsequent ausgestreckte Hand der Hilfe und der Freundschaft« der DDR habe sich nicht zuletzt in der ausgeglichenen Handelsbilanz zwischen beiden Staaten niedergeschlagen. Schließlich wurden sehr behutsam besondere Probleme der griechischen Wirtschaft angesprochen. Die Lösung dieser Probleme war »zufälligerweise«[34] mit konkreten Interessen der DDR in Griechenland identisch. Im Parlament verfolgten gleichzeitig die EDA-Abgeordneten und andere oppositionelle Politiker (hauptsächlich des politischen Zentrums) dieselben Interessen durch Anfragen zu den »brennenden Problemen« des Landes.[35] Selbstverständlich beinhalteten ihre Vorschläge eine mögliche Unterstützung der DDR zur Überwindung dieser Probleme. Die Verfasser jener Artikel waren meistens zuvor in der DDR zu Besuch gewesen und unterließen aus diesem Grund nicht, wo auch immer sie es konnten, ihre positiven Reiseeindrücke zu schildern und »wie sehr sie beeindruckt von den Erfolgen der Arbeiterklasse im aller ersten deutschen Staat der Arbeiter und Bauern waren«. Diese Artikel handelten meistens »von den erreichten Erfolgen« auf Sektoren, die für die außenwirtschaftlichen Beziehungen der DDR relevant waren (landwirtschaftlicher Sektor, Telekommunikationswesen usw.).[36] Die Gegenleistung für diese »positiven« Artikel ging, was die einzelnen Personen angeht, manchmal über den Genuß eines opulent gestalteten Aufenthaltes in Ostdeutschland weit hinaus.[37] Von den »DDR-Freunden«, die nicht selten auch im konservativen Lager[38] re­krutiert wurden, erhoffte man sich Aktionen (Artikel oder Vorträge), die darauf abzielten, in einer mit der Zeit stärker ritualisierten Weise[39] die »am Aufbau von Beziehungen mit allen Staaten interessierte DDR-Außenpolitik« dem »kleinen Mann« in Griechenland nahezubringen. Nachdem diese erste Botschaft klar und deutlich vermittelt worden war, stellte man die »Friedenspolitik« der DDR, die mittlerweile den »Faschismus« und »Militarismus« ausgerottet habe, vergleichend der Politik Bonns gegenüber, in der »Revanchismus und die Eroberungssucht« verwurzelt seien. Die Effektivität dieses Unternehmens sicherten nicht zuletzt die Rückblenden auf die deutsche Besatzungszeit und die Nazi-Grausamkeiten ab, die sich von der mangelhaften Aufklärung einiger Kriegsverbrecher-Affären und der halbherzigen Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus nährten.[40] Selbstverständlich kamen die jeweiligen Autoren solcher Hetzblätter nicht zu Überlegungen über einen möglichen Anteil der DDR an jenen heiklen Fragen. Das MFAA pflegte, wenn die Gäste in der DDR auf solche »abwegige Ideen« kamen, ihnen deutlich zu machen, daß sie ihre Aufmerksamkeit anderen Fragen schenken sollten.[41] Fruchtbaren Boden lieferte vor diesem Hintergrund der DDR-Agitation die schlagzeilenträchtige »Merten-Affäre«, die die griechische Öffentlichkeit drei Jahre lang beschäftigte. Die DDR befand sich im Vergleich zu allen anderen Ostblockstaaten als Mitstreiterin der EDA in einem erheblichem Vorteil, weil auf ihrem Boden einschlägige Archivalien über den Fall verfügbar waren. Sehr aufschlußreich ist die Korrespondenz zwischen der EDA und der SED im Zeitraum zwischen 1958 und 1960, als die Angelegenheit die Gemüter in Griechenland erhitzte. Wie sich aus der Archivlage ergibt, bewies die EDA bei ihrer »Entlarvungskampagne« gegen die Kriegsverbrecher ein äußerst reges Interesse an der Vergangenheit dieser Personen, was sich nicht zuletzt durch ihre wiederholten Petitionsbriefe an die SED und Besuche EDA-Abgeordneter (P. Mavromatis, K. Pyromaglou) in der DDR bestätigt.[42] Der Zweck dieser Bemühungen war, wie ganz klar in den Archivalien steht, Material über Kriegsverbrecher zu sammeln, darunter auch über Merten, die »Gewaltakte in Griechenland ausgeführt hatten und jetzt in Westdeutschland wieder in Positionen sind«.[43] Das Material sollte anschließend der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Über den Verlauf der Nachforschungen wurde auch die sowjetische Botschaft informiert, die in Gesprächen mit der Handelsvertretung Instruktionen gab, wann es am günstigsten sei, unter Ausnutzung der Merten-Angelegenheit der griechischen Regierung gewisse Forderungen zu stellen.[44] Eine andere, nicht so populäre, aber weniger komplizierte propagandistische Praxis, auf die Existenz des zweiten deutschen Staates aufmerksam zu machen, bildeten die sogenannten Friedens-, Kultur- und Humanitäts-Aktionen der DDR, die sie konsequent seit Mitte der fünfziger Jahre verfolgte. In die Bandbreite dieses »internationalistischen Engagements« gehörten die Hilfe für Erdbebenopfer[45], die Organisierung diverser kultureller Veranstaltungen (Filmwochen, Vorträge usw.)[46] – meistens durch den EDA-Parteiapparat – die Unterstützung bzw. die Herausgabe von griechischsprachigen Dissertationen und Forschungsprojekten aller Art[47], sowie die Gründung von DDR-freundlichen Vereinen wie der »Freundschaftsgesellschaft Griechenland – DDR«, deren Präsident ein Mitglied der EDA, Dr. J. Imbriotis, war. [48] Solange die EDA das politische Establishment nicht direkt bedrohte, interessierten sich wenige im Ausland und Inland für den Widerhall dieser Attacken. Als jedoch bei den Parlamentswahlen von 1958 die »kommunistische EDA« von einer Splitterpartei zur stärksten Oppositionspartei Griechenlands wurde, fing man sowohl in der griechischen Regierung als auch in der westdeutschen Botschaft an, nach den Ursachen für den so günstigen Wahlausgang der EDA zu suchen.  Plötzlich stellte man fest, daß die Unzufriedenheit der Bevölkerung kein Produkt der kommunistischen Phantasie war, sondern aus der realen Wirtschaftslage resultierte. Aus diesem Grund galt es, wirtschafts- und handelspolitische Fragen in den Vordergrund zu stellen. Auf einmal fiel es den westdeutschen Diplomaten in Athen leichter, auf die dringenden Bitten der griechischen Regierung, »die Bundesregierung möge die Möglichkeit einer Einfuhr von 500 000 Tonnen unverkauften griechischen Weizens prüfen«, einzugehen. Obwohl der Import griechischen Weizens mit dem deutschen Einfuhrplan dieses Jahres nicht vereinbar war und Qualität und Preis des griechischen Weizens keineswegs den deutschen Wünschen entsprachen, hielt es die deutsche Botschaft in Athen »nicht nur aus handelspolitischen, sondern auch aus politischen Gründen für geboten«, im Rahmen eines Dreiecksgeschäftes in Kombination mit amerikanischem Weizen gegen den Austausch von deutschen Industrieerzeugnissen die Einfuhr griechischen Weizens doch noch zu ermöglichen. [49] Die Zypernfrage Ein Thema, das sich besonders für Agitation und antiwestdeutsche Politik bot, war das sogenannte Zypernproblem. Zutreffenderweise erkannten die Kryptodiplomaten Ostberlins sehr früh die Achillesferse der Bonner Diplomatie in Bezug auf den Zypernkonflikt.[50] Anders als die Bundesrepublik, die seit dem ersten Aufflammen des Konflikts 1955 konsequent eine strikt neutrale Haltung beherzigte, entschied sich die DDR sowohl während des Unabhängigkeitskriegs gegen die britische Kolonialherrschaft 1955–1959 als auch bei allen türkisch-griechischen Auseinandersetzungen in den sechziger Jahren für die griechisch-zypriotische Seite. Damit folgte sie dem Beispiel der Sowjetunion.[51] Dies kann man in einem Aktenvermerk der europäischen Abteilung der SED über die Vorschläge Gromykos zur Lösung der Zypernfrage im Jahre 1965 deutlich nachlesen: »Alle Stellungnahmen der DDR haben stets die gleiche Grundlinie wie die UdSSR verfolgt und die NATO-feindliche Politik der Regierung Makarios unterstützt. In der Frage der Minderheit der Türken wurde jedoch ebenfalls die völkerrechtlich vertretbare Linie der Regierung Makarios unterstützt, ohne darauf jedoch ausführlich einzugehen. Es muß berücksichtigt werden, daß die türkischen Extremisten in Zypern und ihre Aktionen zum Vorwand für Aggressions- und Interventionsakte der Türkei genommen wurden«.[52] Die DDR sah ihrerseits in jener massiven Parteinahme Moskaus[53] für die griechisch-zypriotische Regierung eine Möglichkeit, den Konflikt für eigene politische Ziele zu nutzen. Zypern rückte sofort nach der Gründung der Republik in den höchsten Prioritätsrang der »Länderliste« des MFAA auf. Dies war nicht nur auf die sowjetische Politik zurückzuführen, sondern auch darauf, daß der zypriotische Staat nicht dem NATO-Bündnis angehörte (Zypern wurde sogar in den sechziger Jahren Mitglied der »Bewegung der Unabhängigen Staaten«), also nicht den bekannten diskriminierenden Vorgaben unterworfen war. Dies bedeutete, daß weder einer Aufnahme diplomatischer Beziehungen noch einer Reihe anderen Tätigkeiten der DDR nennenswerte Hindernisse im Weg standen. Daher avancierte die Insel rasch nach Prag zum zweiten »Anknüpfungsort« für Kontakte der DDR zu dritten Ländern. Während Prag das »Zentrum« für die Kontakte zu entwickelten Ländern war, bildete Zypern das für die Kontakte zu Entwicklungsländern »zuständige Zentrum« der DDR.[54] Als der erste Präsident der Republik Zypern, Makarios, kurz nach der Unabhängigkeitserklärung 1960 dem Westen zu verstehen gab, er sei nicht bereit, eine ähnliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten Zyperns wie in Griechenland zu dulden, intensivierte Ostberlin wieder durch den SED-Apparat für internationale Verbindungen seine Bemühungen, im Einklang mit der Politik Moskaus durch eine Parteinahme politische Erfolge zu erzielen. Wie im Fall Griechenland hoffte Ostberlin darauf, dort eine günstige Ausgangsposition für später folgende Beziehungen auf staatlicher Ebene zu schaffen. Auftrieb gab den Hoffnungen der Ostdeutschen der äußerst eindrucksvolle Erfolg der Kommunistischen Partei Zyperns AKEL, die bei sämtlichen Wahlen seit der Gründung der Republik 1960 bis heute ständig mehr als 30% der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Deswegen formierte sich in ähnlicher Weise wie in Griechenland in den sechziger Jahren auch auf Zypern eine sehr enge Verbindung der SED zur AKEL und den unzähligen ihr nahestehenden Organisationen. Seit 1960 kam im Rahmen der kommunistischen Solidarität jährlich in die DDR eine Anzahl Jugendlicher, die exklusiv auf Kosten der DDR Fachausbildungen oder diverse für die zypriotische Wirtschaft wichtige Studiengänge absolvierte. Diese jungen Leute waren sowohl griechisch-zypriotische als auch türkisch-zypriotische Studenten und konnten meistens mit Sonderbedingungen rechnen.[55] Es wurde meistens von ihnen erwartet, daß sie nach ihrem Studienabschluß auf der Insel für die DDR werben sollten. Auf ihre Initiative geht die Veröffentlichung mehrerer für die DDR positiver Artikel in der dominanten AKEL-Parteipresse zurück, die sie für die zypriotische »fortschrittliche« Presse übersetzten, sowie die Gründung der Freundesgesellschaft DDR-Zypern im Jahre 1966. [56] Die Beziehungen zwischen den Parteien gingen freilich darüber weit hinaus und erfaßten ein breiteres politisch-ökonomisches Spektrum, das vom Handel zwischen Parteifirmen und der DDR[57] bis hin zur offensichtlichen propagandistischen Arbeit zu Gunsten der DDR reichte. Die Auslandpropaganda entwickelte sich entweder über die Gewerkschaftsorganisationen der AKEL, die in Verbindung zu FDGB und VdGB standen,[58] oder direkt über die AKEL, die verschiedene Prominente auf der Insel zu kontaktieren versuchte, um den zweiten deutschen Staat im Kontrast zur BRD positiv herauszustreichen. Eine solche Aktion stellt die Bildung eines Komitees für die Anerkennung der DDR gegen Ende der sechziger Jahre dar. Diese Verbindungen der Kommunistischen Partei, der ältesten und am besten organisierten politischen Struktur Zyperns, nämlich, ermöglichten es der DDR, einige aufsehenerregende wirtschaftliche und politische Erfolge zu erzielen. Tatsächlich gelang es Ostberlin, mit dem Standort Zypern zum zweiten Mal[59] in der westlichen Welt eine mit konsularischen und verstärkten Handelsrechten ausgestattete Handelsmission zu errichten.[60] Dies ist um so bemerkenswerter, als die zypriotische Regierung kurz nach ihrer Bildung allein die Bundesrepublik diplomatisch anerkannte. Man kann sogar davon ausgehen, daß die Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern schneller als 1972 erfolgt wäre, wenn Nikosia nicht um eine sehr »verfängliche Eventualität« gefürchtet hätte, die einer Anerkennung der DDR ständig im Wege stand. Die Regierung, erklärten die Zyprioten den DDR-Vertretern, dürfe auf keinen Fall einen Präzedenzfall schaffen, indem sie offiziell anerkannte, daß ein Staat zweigeteilt würde. Dies würde den separatistischen Ambitionen der türkischen Seite Auftrieb geben und die Gefahr einer Spaltung der Inselrepublik erhöhen. [61] Die »internationalistische Brüderschaft« auf dem Prüfstand: Die KKE-Spaltung und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und der griechischen Militärjunta 1968 traten die Beziehungen zwischen den griechischen und den ostdeutschen Kommunisten in eine neue Phase ein. Die Existenz zweier Machtzentren in der griechischen linken Bewegung, des Inlandsbüros und der EDA auf der einen Seite und der Exilführung auf der anderen, sorgte in den fünfziger und sechziger Jahren für heftige Fraktionskämpfe, die in einer Spaltung der KKE im Jahre 1968 gipfelten. Die moskautreue Exilführung empfand den politischen Kurs der Inlandsgenossen als eine Bedrohung ihrer Position. Vor allem betrachtete sie die Annäherungen der EDA an den Eurokommunismus, die vom Inlandsbüro der KKE unterstützt wurden, als eine unzulässige ideologische Abweichung vom sowjetischen ideologischen Sozialismusmodell. Nach einem turbulenten Plenum in Budapest im Februar 1968 vermochte die Exilführung mit sowjetischer Hilfe den Parteiausschluß der »Dissidenten« mit dem Vorwurf durchzusetzen, sie hätten durch ihre revisionistische Fraktionstätigkeit der Partei geschadet.[62] Die Revisionisten reagierten prompt. Sie fuhren nach Bukarest, wo sich die Residenz der Parteiführung und der Propagandaapparat befanden und beschlagnahmten das für die Kommunisten heilige Parteiarchiv. Anschließend besetzten sie das Parteisprachrohr, den Rundfunksender »Die Stimme der Wahrheit«, und legten dem kommunistischen Publikum in Griechenland und Osteuropa ihre eigene Interpretation über die Entwicklung des Plenums vor. Dabei konnten sie mit der Hilfe der rumänischen KP rechnen. Die Rumänen, die unter der Führung Ceauşescus seit 1965 einen Kollisionskurs zur KPdSU steuerten, erhielten dadurch eine willkommene Gelegenheit, sich stellvertretend der Macht Moskaus zu widersetzen und unterstützten alle Aktionen der Revisionisten. Mit rumänischer Hilfe konnten sich letztere zu einer eigenen kommunistischen Partei (KKEex.) konstituieren. Die beiden Parteien bemühten sich von da an darum, sich exklusiv als die rechtmäßigen Vertreter der griechischen kommunistischen Bewegung zu präsentieren und lieferten sich einen erbitterten Konkurrenzkampf, der auf Jahre hinaus anhielt.[63] Die Spaltung der griechischen Kommunisten, die quer durch alle KKE- und EDA-Organisationen ging, war ein Ereignis von großer Tragweite, da sie während der griechischen Militärdiktatur (1967–1974) erfolgte und eine Zersplitterung jener Kräfte hervorrief, die auf Grund ihrer Tradition einen aktiven Widerstand gegen die Junta hätten leisten können. Jedenfalls war die Periode zwischen Mitte 1968 und Anfang 1970 für die Exilführung eine Zeit der Verzweiflung. Die Luft in Bukarest wurde für die moskautreuen griechischen Kommunisten durch das »antikameradschaftliche« Gebaren der KPR »zu knapp«. In Griechenland war der Parteimechanismus nach dem Putsch völlig demontiert worden. Die Kommunisten stellten das Hauptobjekt der faschistischen Wut dar. Die aufopfernde Tätigkeit der wenigen Mitglieder, die noch nicht verhaftet worden waren, war durch die Spaltung schwer gehandikapt. Für die moskautreue KKE stellten sich zu diesem Zeitpunkt zwei dringende Aufgaben. Es galt, erstens die Parteizentrale auf sicheren Boden zu verlagern und zweitens so schnell wie möglich einen neuen Rundfunksender aufzubauen, um den Kontakt mit ihrer Anhängerschaft wiederherstellen zu können. In diesen schwierigen Momenten kam den griechischen Genossen noch einmal die SED zur Hilfe. Dort sollte sich jener Teil der KP-Führung ansiedeln, der für die politische Aufklärung der Kader und die Parteipropaganda verantwortlich war (Kathotigisi tou Kommatos). Es sollte auch der Rundfunksender der KKE, die Stimme der Partei nach außen, wiederaufgebaut werden. Ein Teil des Mechanismus mußte aus praktischen und formellen Gründen weiterhin in Bukarest lokalisiert bleiben.[64] Die DDR war damals zu dieser Aufgabe prädestiniert, weil sie außer Albanien die einzige Volksdemokratie war, zu der Griechenland keinerlei diplomatische Beziehungen unterhielt. Dies bedeutete, daß sie nicht in Gefahr geriet, ihr Verhältnis zum griechischen offiziellen Staat zu gefährden, indem sie dem Staatsfeind Nr.1 der griechischen Nation Unterkunft gewährte. Die Ansiedlung des Eckpfeilers der griechischen KP in der DDR war zu diesem Zeitpunkt trotzdem mit großem Aufwand und erheblichem politischen Risiko verbunden und bildete unter den damaligen Verhältnissen für die DDR und die SED eine Überforderung. Um ihr Gesicht in der kommunistischen Weltgemeinschaft wahren zu können, mußte sich damals die SED mit dem »orthodoxen« Flügel solidarisieren. Dies war jedoch ein Rückschlag für ihren diplomatischen Kampf, in dieser Region Fuß zu fassen.[65] Der Grund war, daß die DDR im gleichen Zeitraum eine Normalisierung ihrer Beziehungen zur griechischen Militärjunta anvisierte! Die Machtübernahme der Obristen in Griechenland im April 1967 überraschte Bonn und Ostberlin gleichermaßen. Während anfänglich in der BRD nur SPD-Politiker ihre Proteste gegen das faschistische Regime bekundeten, ging die DDR als Staat mit scharfen offiziellen Erklärungen[66] voll in die Offensive. Während sich jedoch die Beziehungen zwischen Athen und Bonn nach der Übernahme der Regierungsverantwortung von Willy Brandt 1969 rasch verschlechterten,[67] fingen die schärfsten Antikommunisten Europas an, bedeutende Wirtschaftskontakte zu Ostberlin zu knüpfen. In seiner Neujahrsbotschaft 1970 befand Junta-Chef Papadopoulos, daß »der Kommunismus keine große Gefahr zu sein scheint«. Erstmals nach zweijähriger Unterbrechung beschickten die Griechen die Leipziger Messe mit 150 Ausstellern. Handelskammerpräsident Ioannis Kannelopoulos bezeichnete Griechenlands Beziehungen zur DDR zwar als »eigenartig«, forderte aber gleichzeitig: »Wir müssen größere Mengen ostdeutscher Produkte kaufen.«[68] Die allmähliche Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen verstärkte in beiden Ländern bald den Wunsch nach Normalisierung auch der politischen Beziehungen. Der im Dezember 1972 unterzeichnete Grundlagenvertrag zwischen den zwei deutschen Staaten und die Aufhebung der Hallstein-Doktrin, die eine Anerkennungswelle gegenüber der DDR ermöglichten, lieferten diesem Wunsch auch die diplomatische Grundlage. Anfang 1973 hielt das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten der DDR die Bedingungen für den Aufbau von Beziehungen zum Athener Regime für reif. Auf seine Vorlage hin beschloß das Politbüro des Zentralkomitees der SED am 23. Januar 1973 allen ideologischen und politischen Hemmungen zum Trotz, umfassende Verhandlungen über die Herstellung di­plomatischer Beziehungen zu Griechenland vorzubereiten und alle sich daraus ergebenen Maßnahmen zu veranlassen.[69] Einige Wochen zuvor war der orthodoxe Flügel der KKE (KKEex.) über den sich anbahnenden Aufbau diplomatischer Beziehungen der DDR zur Athener Junta unterrichtet worden. Am 14. April 1973 empfing Erich Honecker eine Delegation unter der Leitung des neugewählten Generalsekretärs der Partei, Charilaos Florakis.[70] Dabei wurden die Griechen einer eigenartigen und dehnbaren Interpretation des »proletarischen Internationalismus« belehrt. Die Interventionsmöglichkeiten der griechischen KP gegen die Entscheidung ihrer Schutzpa­trons waren natürlich sehr beschränkt. Als Konzession der SED gegenüber den Einwendungen der Bruderpartei, die sicherlich geäußert wurden, könnte gewertet werden, daß die DDR mit dem Austausch von Botschaftern bis zum Zeitpunkt nach der Wiederherstellung der Demokratie in Griechenland wartete.[71] Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und den griechischen Faschisten war ein harter Schlag für das Gemüt der griechischen Genossen.[72] Ostberlin ließ in der Tat eine alte, in schwierigen Zeiten geschmiedete Freundschaft in den Hintergrund treten, um dem Diktat der kühlen Vernunft Rechnung zu tragen. Die DDR verhielt sich diesseits der politischen Legalität und jenseits der ideologischen und moralischen Integrität. Sie gab den Primat der Politik auf seltsame Weise preis. Es war nicht der ökonomische Profit, den sie diesmal opferte, um ihre politischen Ziele zu erlangen, sondern ihre eigene Stütze, die Partei, die zwei Jahrzehnte lang diesem Zweck gedient hatte. Die griechischen Kommunisten in den Gefängnissen waren sich dieser Realität bewußt, schwiegen aber. Als eine Conspiration de Silence charakterisierte der spätere Generalsekretär der KKE und damals inhaftierte Gr. Farakos diese Haltung der Kommunisten. Alle versuchten sich mit der Erklärung der Führung abzufinden, die Kooperation zwischen der Junta und sozialistischen Demokratien diene nur dem Ziel, sie auf dem internationalen Parkett zu stärken, um später den Kampf gegen den kapitalistischen Feind fortführen zu können. Den Parteimitgliedern wurde eingehämmert, daß Moskau auf diese Weise den amerikanischen Einfluß in dieser Region viel effektiver zurückdrängen könne. Die griechischen Kommunisten hatten indessen keine andere Wahl, als diese Entscheidung Ostberlins zu akzeptieren. Finanziell völlig auf die »Bruderpartei« der SED gestellt, war die KKE gezwungen, nicht nur die Aufnahme nicht anzuzweifeln, sondern auch zu begrüßen,[73] um den Eindruck zu vermitteln, es habe sich um einen einvernehmlichen Beschluß gehandelt. Die Periode nach der Militärjunta Das Jahr 1974 brachte für Griechenland zwei Ereignisse von erdrutschartiger Bedeutung. Das eine war der Sturz des Militärregimes und das zweite die türkische völkerrechtswidrige Invasion auf Zypern, die eine de facto Teilung der Insel nach sich zog. Beide Vorkommnisse kamen den Zielen der DDR in dieser Region zugute. Die Rückkehr der Demokratie wurde von der Wiederlegalisierung der kommunistischen Parteien begleitet. Die KKE war endlich imstande, vollständig die Rolle zu übernehmen, die für die ostdeutschen Interessen in der Region von Belang war. Die großzügige finanzielle und politische Unterstützung der SED an die KKE in ihrem Kampf mit den Revisionisten um den Alleinvertretungsanspruch im linken Spektrum half den griechischen Genossen, das antikameradschaftliche Verhalten der Ostdeutschen in Vergessenheit geraten zu lassen. Das Organisationsvermögen der griechischen Kommunisten aus der Zeit der Illegalität machte sich auch in der Zeit der legalen Existenz bezahlt. Bereits in den siebziger Jahren konnte die KKE dank der Tageszeitung Rizospastis und der Monatszeitschrift KOMEP auf eine kompakte Presseunterstützung stolz sein. Das Interesse der DDR galt nach wie vor dem Energie- und Telekommunikationsbereich (Braunkohleerschließung in Ptolemais, Materialbestellungen der nationalen Telekommunikationsgesellschaft Griechenlands OTE u.a.). Sowohl in der Parteipresse[74] und der KOMEP in verschiedenen Publikationen der Politemigranten in der DDR[75] als auch auf nunmehr parlamentarischer Ebene versuchte man, die Erfolge der DDR auf diesen Gebieten zu popularisieren und den vor der griechischen Junta unterbreiteten ostdeutschen Offerten neue Attraktivität zu verleihen. In der Zypernfrage bemühte sich die DDR auch weiter, sich in Zusammenhang mit den dramatischen politischen Entwicklungen im Mittelmeerraum vom Jahre 1974 Reputation zu verschaffen und daraus möglichst viel politisches Kapital zu schlagen. In den offiziellen Erklärungen der DDR-Regierung[76] zur türki­schen Invasion versuchte man in Ostberlin das Konfliktpotential im Rahmen seines »antiimperialistischen« Engagements zu instrumentalisieren. Mit sehr ge­färbten Worten und emotionsbeladenen Vorwürfen wurde die »NATO-Intervention« angeprangert und die Forderung nach der »unverzüglichen und restlosen Entfernung des Militärpersonals von Zypern als vordringliche Maßnahme zur Beseitigung der Aggression« zum Ausdruck gebracht. Unterstützt wurde natürlich diese Kampagne vom Presseapparat der KKE, der die anti-okzidentalen Ressentiments sehr erfolgreich für seine Zwecke benutzte. Dieser populistischen Taktik bediente sich indessen effektiver ein neuer Faktor im griechischen politischen Geschehen. Dieser Faktor hieß Andreas Papandreou, der seine von ihm gegründete und autoritär angeführte Sozialistische Partei Griechenlands PASOK nach einem siebenjährigen (1974–1981) fulminanten politischen Werdegang an die Macht führte. 1981 gewann die PASOK die Parlamentswahlen mit großer Mehrheit und bildete zum ersten Mal in der neu­griechischen Geschichte eine sozialistische Regierung. Mit demagogischen Postulaten hatte dieser charismatische Rhetoriker in diesen sieben Jahren sämtliche antiamerikanischen Gefühle des griechischen Kleinmannes zu Parteizwecken instrumentalisiert und die große Mehrheit des Kleinbürgertums für sich gewinnen können. Damit errang er nicht nur das Votum der griechischen Kleinbürger, sondern auch die Sympathie der Ostblockländer, die nunmehr in ihm das trojanische Pferd sahen, den NATO-Ostflügel zu stören. In einer falschen Einschätzung der wirklichen Intentionen Papandreous richteten die Ostblockstaaten ihre Griechenlandpolitik nicht so sehr auf die Bruderpartei aus, sondern auf deren sozialistischen Kontrahenten, die PASOK. Die KKE mußte wieder der »proletarisch internationalistischen« Gunst der SED entbehren. Stützen konnte sich die SED dabei auf die Außenpolitik der PASOK. Da Papandreou bald nach seinem Aufstieg an die Macht in das Kreuzfeuer der innerparteilichen Kritik für seine uneingelösten Versprechen geriet, durch die der Sozialismus in Griechenland verwirklicht werden sollte, suchte er aus der innenpolitischen Logik immer wieder die dazu »passenden« außenpolitischen Konstellationen heraus, um den Gegenbeweis erbringen und damit das gestörte ideologische Gleichgewicht wiederherstellen zu können.[77] Obwohl er entgegen manchen griechischen Erwartungen und westlichen Befürchtungen[78] weder den Rückzug aus der NATO noch den aus der EG durchsetzte, wie er vor den Wahlen angekündigt hatte, baute Papandreou vor allem die Beziehungen zur Sowjetunion und der DDR weiter aus. Durch Verträge, offizielle Besuche und Moskaufreundliche Stellungnahmen erlangte der griechische Premierminister nicht nur die Gunst der Ostblockländer, sondern konnte auch innenpolitisch den Eindruck vermitteln, er praktiziere eine absolut eigenständige, auf den nationalen Interessen basierende Außenpolitik.[79] Griechenland wurde bald das NATO-Land, mit dem die DDR in den achtziger Jahren die meisten Staatsbesuche austauschte. Außer den zahlreichen gegenseitigen Ministerbesuchen stattete Papandreou der DDR zwei Staatsbesuche (im Juli 1984 und im Januar 1988) ab. Mit Christos Sartzetakis reiste im September 1986 erstmals ein Staatsoberhaupt eines NATO-Landes zu einer offiziellen Visite in die DDR.[80] Parallel fanden zahlreiche Treffen zwischen der PASOK und der SED statt, bei deren Kommuniques stets »die volle Übereinstimmung in wichtigen Fragen der Weltpolitik« bekundet wurde.[81] Das freundschaftliche Verhältnis zwischen beiden Parteien und Ländern entwickelte sich so gut, daß Honecker seinen Staatsbesuch in Griechenland mitten in der Wahlkampagne der PASOK im Frühling 1985 unternehmen wollte. Nur auf massiven Druck der griechischen kommunistischen Genossen hin konnte der Staatsbesuch Honeckers auf die Zeit nach den Wahlen verschoben werden.[82] Aufgrund dieser Treffen, in deren gemeinsamen Mitteilungen fast immer der griechische Standpunkt nicht nur im Hinblick auf den Zypernkonflikt, sondern auch in Bezug auf die griechisch-türkischen Differenzen in der Ägäis voll übernommen wurde,[83] vermochte die SED gleichzeitig zwei Ziele zu errreichen. Zum einen verschaffte sie sich internationale Anerkennung und Reputation und zum anderen schaffte sie es, sich im krassen Gegensatz zu der neutralen Politik Bonns unter die Länder zu positionieren, die eine klare griechenlandfreundliche Stellung zu den griechisch-türkischen Auseinandersetzungen bezogen. Allerdings verspielte Athen dadurch das diplomatische Vertrauen der Bundesrepublik. Die »linksradikal« anmutenden Eskapaden der griechischen Diplomatie hatten bereits seit dem Machtantritt Papandreous nicht selten den deutschen Diplomaten Angst vor dem Verlust der traditionell dominanten politisch-ökonomischen Stellung der BRD in Griechenland eingejagt. Griechenland war zwar nicht der einzige NATO-Staat, welcher der in den achtziger Jahren gestarteten Westoffensive der DDR so bereitwillig entgegenkam und seine Beziehungen zur ihr so sprunghaft verbesserte, aber der einzige NATO- und EG-Partner, der nicht im Vorfeld jedes Vorstoßes Bonn konsultierte. Als dann die Griechen, um den Solidaritätsaktionen Ostberlins in der Auseinandersetzung Athen–Ankara entgegenzukommen, in der Frage der Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa eine kategorische Ablehnung an den Tag legten, einer Frage, die sogar in der innenpolitischen Kontroverse der BRD für Aufruhr gesorgt hatte, begannen sich in Bonn turkophile Reaktionen abzuzeichnen.[84] Es mußte der Zusammenbruch der DDR und der Sturz Papandreous im gleichen Jahr stattfinden, damit mancher Diplomat in Bonn das Vertrauen zu den unberechenbaren Griechen wiederherstellen konnte. Der neue konservative Premierminister Griechenlands, K. Mitsotakis, begann dann seine erste Europatour mit einem Besuch in Bonn, wo er seinen Staatskollegen und ideologischen »Genossen« Helmut Kohl traf. [1] Fleischer, Hagen: Postwar Relations between Greece and the two German States: A Reevaluation in the Light of German Unification. In: The Southeast European Yearbook 1991, Athen 1992, S. 166. [2] Höpker, Wolfang: Griechenland im Blickfeld Moskaus. In: Osteuropa, 7/10 (Oktober 1957), S. 724. [3] Ebenda, S. 725. [4] Siehe hierzu die sehr interessante Analyse von Putensen, Dörte: Im Konfliktfeld zwischen Ost und West. Finnland, der Kalte Krieg und die Deutsche Frage (1947–1973). Berlin 2000. [5] Island verlangte von den ostdeutschen Diplomaten nicht, sich vor dem Alliierten-Travelboard auszuweisen und dabei die diskriminierende Bezeichnung in ihren Reiseunterlagen Presumed German zu akzeptieren. Die Griechen hielten sich zwar formell daran, in der Praxis aber sahen sie meistens darüber hinweg und ließen die Ostdeutschen mit ihrer eigenen Identität nach Griechenland einreisen. [6] Dies wird unter anderem in einem Gespräch zwischen dem ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft in Berlin, Genosse Tolstow, und dem Leiter der europäischen Abteilung des MFAA, Genosse Plaschke, vom 15. 12. 1964 kenntlich: MFAA, A 184–5, »Gespräch über die Entwicklung der Beziehung der DDR zu Griechenland und Zypern«, sowie in einem Bericht der europäischen Abteilung des MFAA zur Vorbereitung geeigneter Maßnahmen für die weitere Unterstützung Zyperns und die Entwicklung der zweiseitigen Beziehungen vom 11. 3. 1964: MFAA, A 12890, »Beziehungen zu Zypern«. Siehe auch Fleischer, Hagen: Vom Kalten Krieg zur »Neuen Ordnung«: Der Faktor Griechenland in der deutschen Außenpolitik«. In: Thetis 3, Mannheim (1996), S. 302. [7] Siehe Kuppe, Johannes: 7 Phasen. In: Jacobsen, Hans-Adolf u.a. (Hg.): Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR. München/Wien 1979, S. 175ff. [8] Archiv Moderner Sozialer Geschichte in Athen (von nun an als ASKI zitiert) Archivbereich 180 und Stiftung Archiv der Parteien und der Massenorganisationen der DDR (von nun an als SAPMO zitiert): DY 16/1044 und DY 34/20147. [9] Repräsentativ siehe SAPMO: DY 16/1044 und DY 34 13/398/2870 und ASKI: Archivbereich 127. [10] Kyrkos, Leonidas: Anatreptika. Athen 1995, S. 165–166. [11] Farakos, Grigoris: Anamniseis kai Stochasmoi. Athen 1993, S. 106–108. [12] Nikolakopoulos, Ilias: Kommata kai Ekloges stin Ellada. Athen 1995. S. 422ff. (Die beste Wahlanalyse, die bisher vorliegt). [13] Caucig, Franz von: Griechenland durchschaut die Offerten des Ostens. In: Außenpolitik 12/3 (1961), S. 210. [14] Siehe Kontogeorgis, Georgios: Die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Griechenland und der BRD. In: Institut for Balkan Studies (Hg.): Griechenland und die BRD im Rahmen Nachkriegseuropas S. 54–55; Kiesewetter, Bruno: Die Wirtschaftsbeziehungen der Südosteuropastaaten zur Bundesrepublik Deutschland und zur sogenannten DDR. In: Vogel, Rudolf (Hg.): Wirtschaft und Gesellschaft Südosteuropas. München 1961, S. 91–92 und die Analysen der DDR-Vertretung in Griechenland: MFAA, A 632-6, »Bericht über die Beziehung zu Griechenland vom 30. 9. 1957«. [15] MFAA, A 4568, »Zur Haltung Griechenlands in der Deutschlandfrage« und Fleischer, Hagen: Der Neubeginn in den deutsch-griechischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit. In: Institute for Balkan Studies (Hg.): Griechenland und die BRD im Rahmen Nachkriegseuropas. Thessaloniki 1991. [16] Der Ex-Kommandant von Kreta war zu viermal »lebenslänglich« verurteilt worden. [17] Lazaridou, Olga: Von der Krise zur Normalität. Die Deutsch-griechischen Beziehungen unter besonderer Berücksichtung der politischen und wirtschaftlichen Grundlagen (1949–1958). Diss., Bonn, 1992. S. 252–253 und Der Spiegel (22. 5. 1957), »Die Falle der Fandung«, S. 16. [18] Siehe hierzu Der Spiegel, (1/1998) »Blutbad in Bergstädtchen« und den Beitrag von Spiliotis, Sophia: Der Fall Merten und die deutsch-griechische ›Aufarbeitung‹ der Besatzungsherrschaft in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges. In: Giebeler, Karl/Richter, Heinz A./Stuppe­rich, Reinhard (Hg.): Versöhnung ohne Wahrheit. Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg. Mannheim, Möhnesee 2001, S. 68–77. [19] Der Spiegel, ebenda. [20] Fleischer, Der Neubeginn, S. 101ff. [21] Der Spiegel »Die Falle der Fahndung«, S. 16. Nach dem letzten Kenntnisstand soll Merten in vielen Fällen das Gegenteil bewirkt haben, nämlich die Flucht vieler Juden nach Spanien ermöglicht haben. [22] Der Spiegel vom 28. 9. 1960. [23] Katris, Ioannis: I Gennisi tou Neofaschismou stin Ellada. Athen. 1974 S. 102–103. [24] Zu der Rolle und Funktion der Handelsvertretung in Athen siehe Stergiou, Andreas: Im Spagat zwischen Solidarität und Realpolitik. Mannheim 2001, S. 66 ff. [25] SAPMO, DY 30 IVA 2/20/498, Brief des ZK der SED an das ZK der KKE vom 22. 7. 1964. [26] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252, Abteilung Agitation und Propaganda, »Aktenvermerk über die Tageszeitungen Avgi und Anexartitos Typos vom 19. 10. 1960«. [27] ASKI Archivbereich 127, 7/14/1. [28] Ein Beispiel in: SAPMO, DY IV 2/20/252a, »Anfrage der KKE an das ZK der SED vom 24. 2. 1960 bezüglich der EDA-Mitglieder: G. Tzavellas, G. Grigoriou, G. Tsiboukidis, Chr. Margetidis, K. Evstradiadis und K. Gemelos«. [29] Diese waren eine Art von Stiftungen, die sehr oft in der DDR anzutreffen waren und lediglich bestimmten Zwecken dienten, wie der Unterstützung revolutionärer Bewegungen in der dritten Welt u.a. [30] SAPMO, DY 30 IV 2/20/251, »Anfrage des ZK der KKE an das ZK der SED vom 20. 12. 1956«. [31] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252a, »Bezirksrevisionskommission der SED in Dresden«, Protokoll der Überprüfung der Einnahmen und Ausgaben aus den Spenden für die Unterstützung verhafteter griechischer Genossen und deren Angehörigen vom 29. 8. 1959«. [32] Einige markante Beispiele sind folgende Artikel: KKE, Episima Keimena, Bd. VII. Athen, 1995, S. 409–412 und 416–419; Raos, Christos: To Proto Germaniko Kratos. In: Neos Kosmos, Bukarest, 9/11(1957), S. 72–75; Nikolaidis Menios: Oi Oikonimikes Epitychies tis Laikodimokratikis Germanias. In: Neos Kosmos, Bukarest, 16:10 (1964), S. 1348–1350; Georgiou, Thanasis: Sta Eikosachronatis DDR. In: Neos Kosmos, Bukarest 21/10 (1970), S. 62–70; Idem: Sta 25 Chronia Iparxis tis DDR. In: Neos Kosmos, Bukarest 24/12 (1973), S. 51–60; Idem: Griechenland und die beiden deutschen Staaten. In: Deutsche Außenpolitik, Ostberlin, 9/10 (1964), S. 970–973; Alexiou S./Giousios: Oi Scheseis tis L. D. Germanias kai Elladas. In: Elliniki Aristera, Athen, Nr. 15 (1964), S. 65–71; Dimitriou Dimitrios: To Epeisodio Ramler kai oi Scheseis mas me tin L.D.G. In: Elliniki Aristera, Athen, Nr. 31 (1966), S. 42–48; Kyriazis Giannis: I Politiki  ton Diakriseon se Varos tis Laokratikis Dimokratias tis Germanias. In: Neos Kosmos, Bukarest 16/3 (1964), S. 50–56. [33] Caucig, Griechenland durchschaut, S. 210–211. [34] Die EDA-Abgeordneten waren, im Vergleich zu den Abgeordneten der anderen Parteien, »eingeweihter« in solchen Fragen, da sie sich bei ihrem Aufenthalt in der DDR eines Sonderprogramms erfreuten, im Rahmen dessen sie meistens auch Leute des Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel konsultierten, siehe SAPMO, DY 30 IV 2/20/251, »Vermerk über den Besuch einer parlamentarischen Gruppe der EDA, bestehend aus J. Evangelidis (Mitglied des Präsidiums der EDA, Spezialist für örtliche Verwaltung), N. Kapnissis (Mitglied des Präsidiums der EDA), J. Papadimitriou (Mitglied des Präsidiums der EDA, verantwortlich für Gewerkschaftsarbeit), S. Glinglis (Vertreter einer großen landwirtschaftlichen Genossenschaft), M. Christogeorgos und Papageorgiou in der DDR vom 31. 3. 1960«. Ein sehr aufschlußreiches Beispiel diese »Kooperation« kann in folgender Akte nachgelesen werden: SAPMO, DY 30 IV 2/20/253, »Bericht vom 12. 9. 1959 über ein Gespräch zwischen dem politischen Vertreter der DDR in der Kammervertretung Geyer und dem starken Mann der EDA I. Iliou«. Aus dem Gespräch läßt sich erkennen, daß Iliou sehr vertraut mit den Schwierigkeiten der Handelsbeziehung DDR-Griechenland war, zu deren Überwindung er gern Vorschläge unterbreitete. Ein Diskussionsthema war auch, wie man die Nachwirkungen der Martha-Affäre aus dem Weg räumen konnte. [35] Zeitung der Diskussionen im griechischen Parlament vom 15. 9. 1959, S. 1901ff., Rede des EDA-Abgeordneten M. Kyrkos, S. 1911ff., Rede der EDA und Zentrums-Abgeordneten Efremidis, Alamanis und Merkouris in Bezug auf den Vorschlag der DDR, eine Zuckerverarbeitungsindustrie in Griechenland zu errichten. Zeitung der Diskussionen im griechischen Parlament, 14. 1. 1963, »Antwort des Sicherheitsministers auf eine Anfrage zweier Abgeordneten der EDA über die Existenz einer griechischen Militärmission in Westberlin« und Akten der Parlamentarischen Diskussionen vom 13. 7. 1965. Die EDA-Abgeordneten beklagten sich insbesondere über Diskriminierungen der griechischen Regierung gegenüber der DDR und direkte Einmischungen der BRD in die inneren Angelegenheiten Griechenlands. [36] Siehe SAPMO, DY 30 IV 2/20/500 (Vertrauliche Dienstsache), »Information über den Studienaufenthalt von Johann und Rosa Imbriotis aus Griechenland in der Zeit vom 25. 7. bis 10. 8. 1963« und MFAA, A 12491, passim. [37] Einige scheinen sich nicht nur aus ihrer ideologischen Zuneigung heraus engagiert zu haben. Ein Beispiel war K. Kyrkos, führender Funktionär der Demokratischen Union, einer der EDA nahestehenden politischen Organisation, Direktor der »progressiven Zeitung« Anexartitos Typos. Er z.B. äußerte gegenüber den DDR-Leuten wiederholt den Wunsch, als Gegenleistung für seine Hilfeleistungen (positive Artikel über die DDR, Versorgung von Genossen mit Visa, Kundtun von verschiedenen Forderungen der DDR bei griechischen Ministern u.a.) eine Zeitungsdruckerei mit günstigen Zahlungsbedingungen zu erhalten: SAPMO, DY 30 IV 2/20/253 (Vertraulich), »Bericht über die zu einigen griechischen Zeitungen aufgenommenen Verbindungen vom 23. 9. 1960« und MFAA, A 12479/213, »Brief von Kyrkos an den Stellvertreter des Ministers für auswärtige Angelegenheiten, König«. [38] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252, Abteilung Agitation und Propaganda, »Aktenvermerk über die Zeitungen Avgi und Anexartitos Typos vom 19. 10. 1960«. [39] Siehe Dimitriou Dimitrios: To Episodio Ramler kai oi Scheseis mas me tin LDG. In: Elliniki Aristera, Athen Nr. 21, Februar 1966, S. 47. [40] Ein markantes Beispiel bildet die Rede des EDA-Abgeordneten, Svolos, im Sonderausschuß des griechischen Parlaments am 21. 10. 1959, S. 2334: »Wie ist es möglich, daß die Menschen, die zu der Generation gehörten, die Angst und Schrecken der nazistischen Besatzung erlebt haben, Tag für Tag und Stunde um Stunde, und die Unmenschlichkeit der Eroberer, in ihrer schrecklichsten Gestalt erduldeten [...], ihre Unterschrift unter dieses Gesetzeswerk gesetzt haben, zu Gunsten einer zweifelhaften Freundschaft gegenüber einem Land, das uns keine Gewähr für seine freundschaftlichen Gefühle bietet und die nicht begreifen, daß sie durch ihre Unterschrift unsere nationale Würde mit Füßen treten.« Hierzu auch Spiliotis, Der Fall Merten. [41] Siehe den Fall Savopoulos in MFAA, A 12480, »Aktennotiz über ein Gespräch mit dem Botschafter der UdSSR am 15. 10. 1959«. [42] SAPMO, DY 30 IV 2/20/251, »Brief (Manuskript) von Mavromatis an die SED vom 18. 12. 1958« und »Aktenvermerk vom 22. 12. 1958« und DY 30 IV 2/20/252a, »Aktenvermerk über ein Gespräch zwischen dem Genossen Matern und dem griechischen Abgeordneten Pyromaglou am 16. 11. 1959«. [43] SAPMO, DY 30 IV 2/20/252a, ebenda. [44] MFAA, A 12498, »Aktennotiz über einen Besuch des Gen. Dietrich in der sowjetischen Botschaft«. [45] MFAA, A 12482, »Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes der DDR für die Erdbebenopfer auf Santorin am 20. 7. 1956«. Es handelte sich um eine Barspende in Höhe von 20 000 Mark. [46] MFAA, A 12478, »Über die Veranstaltung einer Filmwoche«. [47] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/500, (Vertrauliche Dienstsachen), »Quartalarbeitsplan IV/1962«. [48] MFAA, A 12512. [49] Bundesarchiv, Bundeskanzleramt, B 136/3629, Botschaft in Athen »Vermerk über den griechischen Weizenüberschuss« vom 13. Juni. 1958. [50] MFAA, A 12512 und A 632–636, »Bericht über die Beziehung zu Griechenland vom 30. 9. 57«. [51] Während A. Can Özren in seiner sehr interessanten Analyse »Die BRD und die DDR und die Zypernkrise 1963/64«, Thetis 5/6 (1999), S. 461-472, zum gleichen Schluß kommt, führt er das fälschlicherweise auf die AKEL zurück, die einen geeigneten Partner für die DDR dargestellt habe. Dies entspricht aber nicht der Realität, denn die AKEL verstand sich in ihrer gesamten Geschichte als eine gesamtzypriotische Partei. Nicht zuletzt dank dieser Haltung verlor sie in den fünfziger und sechziger Jahren viele türkische Mitglieder, die durch die türkischen Nationalisten der TMT oder die EOKA entweder verfolgt oder sogar ermordet wurden. Darüber hinaus profi­tierten von der ostdeutschen Hilfe (siehe weiter unten) nicht nur griechisch-zypriotische, sondern auch türkisch-zypriotische Mitglieder der AKEL und ihrer Organisationen. [52] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/541 (vertrauliche Dienstsache), »Bemerkungen zu den Ausführungen des sowjetischen Außenministers Gromyko zur Lösungen der Zypernfrage«. [53] Das sowjetische Interesse wird unter anderem in einem Gespräch zwischen dem ersten Sekretär der sowjetischen Botschaft in Berlin, Genossen Tolstow, und dem Leiter der europäischen Abteilung des MFAA, Genossen Plaschke, vom 15. 12. 1964 kenntlich: MFAA, A 184–5, »Gespräch über die Entwicklung der Beziehung der DDR zu Griechenland und Zypern«, sowie in einem Bericht der europäischen Abteilung des MFAA zur Vorbereitung geeigneter Maßnahmen für die weitere Unterstützung Zyperns und die Entwicklung der zweiseitigen Beziehungen vom 11. 3. 1964: MFAA, A 12890, »Beziehungen zu Zypern«. In beiden Fällen brachten die Sowjets klar und deutlich zum Ausdruck, daß die Sowjetunion ein sehr großes Interesse an der DDR-Rolle in dem Konflikt hatte. [54] Die Informationen stammen von G. Uhlrich (Quelle des Außenministeriums der DDR). [55] Interview mit dem damaligen Zuständigen für die Internationalen Verbindungen, Mitglied des ZK der AKEL, D. Christofinis sowie zwei damaligen zypriotischen Studenten Pambos Chatzicharalambous, der mit einem AKEL-Stipendium Chemie studierte und promovierte sowie Chri­stos Tsiattalos, der durch ein Stipendium der VdGB (Vereinigung der Gegenseitigen Bauernhilfe) Landwirtschaft ebenfalls studieren und promovieren konnte. [56] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/537. [57] Mehrere solche Fälle sind nachzulesen in: SAPMO, DY 30 IV A 2/20/537. [58] Siehe Aktenvermerk »Zu den Beziehungen DDR – Griechenland und Zypern im Jahre 1962«, in: SAPMO, DY 30 IV A 2/20/500. [59] Plate, Bernard von: Sonderprobleme gegenüber der Türkei und Zypern. In: Jacobsen u.a. (Hg.): Drei Jahrzehnte, S. 688. Von Plate behauptet, es sei das erste Mal. Dies ist aber falsch, weil Plate damals keine Einsicht in die Archivbestände der DDR nehmen konnte. [60] Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1954, Bd. XII, S. 1107ff. [61] SAPMO, DY 30 IV A 2/20/540, »Übersicht über die Entwicklungen der Beziehungen zwischen der DDR und Zypern in den Jahren 1967/68«. [62] Vgl. Vournas, Tasos: I Diaspasi tou KKE. Athen 1983. [63] Siehe dazu Theodorakis, Mikis (Hg.): Dimokratiki kai Synkentrotiki Aristera. Athen 1976, S. 243–252. [64] Interview mit dem Leiter der historischen Abteilung der KKE, Christos Tzitzilonis. [65] Die Informationen stammen von Uhlrich G. (Quelle des Außenministeriums der ehemaligen DDR). [66] Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1968. Bd. XV, S. 878ff. [67] Bundesarchiv, Bundeskanzleramt, B 136/3629. Der Ordner enthält zahlreiche Proteste des griechischen Botschafters in Bonn, Kyrou, wegen offener Unterstützung griechischer Widerständler durch die Massenorganisationen der SPD. [68] Der Spiegel vom 20. April 1970, »Beweis im Kassiber« und vom 15. März 1971, »Ari hilft«. [69] SAPMO, Protokoll der Sitzung des Politbüros der SED am 23. Januar 1973. [70] Das ist die Ansicht von Fink, Hans-Jürgen: Westeuropa. In: Jacobsen et. al.: Drei Jahrzehnte, S. 534–535 und des Verfassers, der auch der spätere Generalsekretär der KKE, Grigoris Farakos, in einem Gespräch mit dem Verfasser zustimmte. [71] H.-J. Fink, ebenda. [72] Afinian V., Kontis V u.a. (Hg.): Oi Scheseis KKE kai KKSE. Thessaloniki 1999, S. 209–214 und 217–220. [73] Das sagte der damalige Generalsekretär der Partei, Ch. Florakis, in einem Interview mit dem Verfasser. [74] Siehe Ausgabe der Parteizeitung Rizospastis vom 22. 10. 1974, und Artikel von Adamides, Michalis: 25 Chronia Kataktiseon sti GLD. In: KOMEP (Parteizeitschrift), Athen, Januar 1975. [75] Tsachourides, A: I Anaptixi tis Ilektrenergias stin Ellada kai oi Provlepomenes Exelixeis. In: Symposium Ellinon Epistimonon sti LDG. Dresden 1975, S. 165ff. [76] Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1975. Bd. XXII, S. 697–699. [77] Siehe hierzu Wenturis, Nikolaus: Griechenland und die Europäische Gemeinschaft. Tübingen 1990, S. 112. [78] Schlegel, Dietrich: Papandreou, ein Mehr an Berechenbarkeit. In: Außenpolitik, 33/4 (1982), S. 418. [79] Siehe hierzu, Rozakis, Christos: I Exoteriki Politik stin Dekaetia tou Ogdonta. In: Bastias, Georgios u.a. (Hg): Istoria tou Ellinikou Ethnous. Athen 1978, S. 384ff., und Tsardanidis, Chara­lambos: I Exoteriki Politiki tou PASOK. In: Spourdalakis, Michalis (Hg.): PASOK: Komma, Kratos, Koinonia. Athen 1998, S. 298ff. [80] Neues Deutschland vom 15. und 16. September 1986. [81] Siehe Stergiou, Andreas: Im Spagat, S. 152ff. [82] Interview mit dem damaligen Korrespondenten der KKE-Zeitung Rizospastis in Ostberlin, Thanasis Georgiou, und dem damaligen Parteivertreter in Ostberlin, Kiriakos Polichronidis. [83] Siehe Dokumente zur Außenpolitik der DDR. Berlin (Ost) 1985/86. Bd. XXXII, S. 497–500, Bd. XXXIII, S. 530–533. [84] Siehe hierzu, Fleischer, Post War Relations, S. 170–171 und ders., Vom Kalten Krieg zur neuen Ordnung, S. 307.

JHK 2002

Über die Vorbereitung der Schauprozesse in Osteuropa

George Hermann Hodos

Bekanntlich ist das Grundkonzept der Schauprozesse aus dem Konflikt Josef Stalins mit Jozip Broz Tito hervorgegangen. Ihr Ziel war, die Ansteckungsgefahr des jugoslawischen Präzedenzfalles im Keim zu ersticken. Es gibt guten Grund anzunehmen, daß Stalin um den Jahreswechsel 1948/49 das in den 30er Jahren bewährte Mittel der Schauprozesse nur auf Bulgarien und Ungarn, zwei Nachbarn Jugoslawiens, beschränkt hat. In den beiden anderen Nachbarstaaten war das auf Stalin zurückgehende Konzept eines friedlichen nationalen Weges zum Sozialismus bereits durch den russischen Weg ersetzt worden. In Rumänien wurde der »nationalistische Abweichler« Lucreţiu Pătrăşcanu schon im April 1948 verhaftet, noch vor dem Höhepunkt des Stalin-Tito-Konflikts. In der Tschechoslowakei führte der Putsch Klement Gottwalds im November 1948 zur Ersetzung der volksdemokratischen Koalitionsstruktur durch die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei. Auch in Polen schien die Ansteckungsgefahr gebannt zu sein, im Juni wurden die Exponenten des polnischen Weges mit Władysław Gomułka an der Spitze politisch kaltgestellt. Der für Frühjahr 1949 geplante Kostow-Prozeß in Bulgarien[1] und der zur gleichen Zeit vorbereitete Rajk-Prozeß in Ungarn[2] lieferten die erfolterten »Beweise« für die Agententätigkeit Titos und seiner in die Führungselite eingeschleusten imperialistischen Mitverschwörer. Doch im Laufe der folgenden Jahre wurden die Prozesse auf die gesamte ostmitteleuropäische Machtsphäre der Sowjetunion ausgeweitet. Das Grundkonzept hatte sich geändert, der Schwerpunkt verschob sich von Tito zu den jüdisch-israelischen Verschwörern. Jetzt saßen Moskauer Emigranten neben den Westemigranten – was bisher tabu war – auf der Anklagebank. Auf die öffentlichen Aufführungen der Greuelgeschichten folgten Geheimprozesse. Viele Faktoren spielten bei der Änderung des ursprünglich uniformen Konzeptes eine Rolle: die Eigendynamik der Prozesse, die Welt- und Sowjetpolitik, lokale Eigenheiten, die zunehmende Paranoia des alternden Stalin, der Übereifer der sowjetischen Berater. Aber auch persönliche Interessen einzelner Parteiführer drückten den Schauprozessen ihren Stempel auf. Machtgier, Ehrgeiz, Angst und Mut waren die Motive, die einige lokale Stalinisten veranlaßten, den Schauprozessen eine Richtung zu geben, die nicht im Moskauer Drehbuch stand. Stalins Gefolgsleuten ging es darum, ihre eigene Position zu stärken, den Terror eigenmächtig vorwärtszutreiben oder ihn, im Gegenteil, zu bremsen, ja ihn sogar zu verhindern. Wenden wir uns zuerst Gheorghe Gheorghiu-Dej zu. Noch bevor es ein Drehbuch für den in Rumänien geplanten Schauprozeß gab, bevor Tito exkommuniziert wurde, kam Gheorghiu-Dej Stalin und Lawrenti Berija zuvor und nutzte die Gelegenheit, seinen populären Konkurrenten und Anwärter auf das Amt des Generalsekretärs Pătrăşcanu im April 1948 zu verhaften und ihn zum ersten titoistischen Agenten im sowjetischen Machtbereich zu erklären. Im August 1949 bekam er von Mátyás Rákosi eine in Vorbereitung auf den Rajk-Prozeß erfolterte Liste mit den Namen rumänischer »titoistisch-imperialistischer Agenten«. Doch Gheorghiu-Dej tat nichts, um die Denunzierten zu verhaften, er wollte, trotz sowjetischen Drucks, selber bestimmen, wer in einem »rumänischen Rajk-Prozeß« liquidiert werden sollte. Als Moskau 1950/51 die Hexenjagd auf Interbrigadisten, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten, anordnete, wählte Gheorghiu-Dej die Opfer aus, schützte seine Anhänger gegen den Druck der Sowjetberater und entfernte nur jene aus führenden Positionen, die der von ihm gefürchteten Pauker-Fraktion nahestanden – doch auch in diesem Falle veranlaßte er nur in Ausnahmefällen ihre Verhaftung. Auf gleiche selektive Weise manipulierte er ein Jahr später die nächste, nunmehr antisemitische Kampagne, die von den Sowjetberatern initiiert worden war. Die beiden prominenten Juden im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Rumäniens, der Chefideologe Leonte Răutu und der Agitprop-Mann Iosif Chişinewski, blieben unangetastet. Im Sommer 1952, als die antisemitische Hetze dem vorzubereitenden Slánský-Prozeß[3] eine neue Wendung gab, begann er seine Intrigen gegen die langjährige Vertrauensperson Moskaus Ana Pauker – die Tochter eines Rabbiners war – und veranlaßte kurz vor Stalins Tod die Verhaftung Paukers und ihrer Verbündeten, die ihm seit langem auf seinem Weg zur uneingeschränkten Macht hinderlich waren. Gheorghiu-Dej war ein Mann mit zwei Gesichtern. Je nachdem, ob sie seinen Machtinteressen dienten oder im Wege standen, befolgte er die Sowjetdirektiven und trieb die Schauprozesse voran oder entzog sich ihnen. Sein Ziel war die Alleinherrschaft und Beseitigung aller potentiellen Rivalen in Rumänien. 1944 denunzierte er den damaligen Generalsekretär der Partei Ştefan Foriş beim NKWD-Abgesandten als Polizeispitzel und errang auf diese Weise dessen Posten. Zwei Jahre später, als Schauprozesse noch nicht an der Tagesordnung waren, ließ er Foriş ohne Prozeß vom Chef des Parteisicherheitsdienstes mit einer Eisenstange totschlagen. 1948 gelang Gheorghiu-Dej die Verhaftung seines Konkurrenten Pătrăşcanu. Nach sechs Jahren Haft wurde Pătrăşcanu in einem Geheimprozeß 1954 zum Tode verurteilt und hingerichtet. 1953 räumte Gheorghiu-Dej das letzte Hindernis zur absoluten Macht aus dem Weg. Nur Stalin hinderte ihn daran, die bereits verhaftete Ana Pauker, die einstige Stütze Moskaus in Rumänien, dem Henker auszuliefern. Auf die Rolle Paukers werden wir noch zurückkommen. Mátyás Rákosi trieb den Rajk-Prozeß mit immer wieder neuen Erfindungen voran. Die von Rákosi vorgegebenen und daraufhin den Verhafteten unter Folter abgepreßten Geständnisse waren sogar dem Chef der sowjetischen Berater General Michail Iljitsch Belkin zu unglaubhaft. Oft, aber vergeblich drang er darauf, diese Phantasieprodukte fallenzulassen. Rákosi wurde auf diese Weise auch zum denunziatorischen Antreiber der anderen Parteiführer in Ost- und Mitteleuropa, die in Zugzwang gerieten, ebenfalls Schauprozesse zu veranstalten, denn jeder wollte als der beste, wachsamste und treueste Schüler Stalins gelten. Rákosi ließ die Verhafteten ausführliche Lebensläufe schreiben, in denen sie ihre politischen und persönlichen Kontakte zu Kommunisten in den Exilländern Frankreich, England, der Schweiz, in Nord- und Südamerika offenlegen mußten, verlangte Auskünfte über Interbrigadisten, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Dann erklärte er sie in verleumderischer Weise zu imperialistischen Agenten und zu Verschwörern, die im Auftrag des Westens den Sturz des sozialistischen Systems vorbereiteten. Die derart politisch umgedeuteten Namen – alle Betroffenen galten als bereits überführte Spione – leitete er weiter an Bolesław Bierut in Warschau, Gheorghe Gheorghiu-Dej in Bukarest, Walter Ulbricht in Ost-Berlin. Diese Funktion als Initiator und Inspirator ist der Grund, weshalb ich auf ihn ausführlicher eingehen möchte. In letzter Zeit sind Dokumente aus dem Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation veröffentlicht worden, die diese Rolle beleuchten.[4] Kurz vor der Inszenierung des Rajk-Prozesses begann Rákosi seine Karriere als Denunziant. Listen mit Namen polnischer »titoistisch-imperialistischer Agenten« wurden nach Warschau geschickt, eine Liste mit Namen entlarvter rumänischer Spanienkämpfer ging nach Bukarest, eine mit Namen deutscher »Fieldisten« und »amerikanischer Spione« nach Ost-Berlin. Die umfangreichsten Denunziationen betrafen die Tschechoslowakei. Am 21. Mai 1949, inmitten der Vernehmungen der in Budapest Verhafteten, fuhr Rákosi nach Prag und übergab Gottwald eine Liste mit annähernd 50 Namen. Wie der im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation aufbewahrte Bericht bezeugt, den sein mit ihm in Prag weilender Bruder Zoltán Biró verfaßte, blieb diese Mission erfolglos. Die Liste rief nur Mißtrauen und Gereiztheit hervor. Ich habe den Eindruck, daß die Genossen Gottwald und Rudolf Slánský die internationale Bedeutung der in Ungarn entlarvten Verschwörung unterschätzten und meinten, die Führung der ungarischen Kommunistischen Partei wolle sie in irgendeine peinliche, verdächtige Sache verwickeln, um ihre eigene Lage zu erleichtern. Sie glaubten nicht daran, daß, wie Genosse Gottwald bemerkte, alte, verdiente Parteimitglieder zu Agenten werden könnten. László Rajk wurde am 30. Mai 1949 verhaftet und hatte noch kein umfassendes »Geständnis« abgelegt, als Rákosi im Juli Zawolski, einem sowjetischen Mitarbeiter der Kominform in Budapest, seine Version anbot, die eindeutig für Stalins Ohr bestimmt war. »Genosse Rákosi gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß ein zentral geleitetes, aus Parteimitgliedern bestehendes und von den Imperialisten angeworbenes Agentennetzwerk in allen volksdemokratischen Ländern, vor allem in der Tschechoslowakei, am Werk ist, um die sozialistische Ordnung zu stürzen. Als Beispiele erwähnte er mir gegenüber«, schrieb Zawolski, »ohne sie beim Namen zu nennen, die beiden Stellvertreter des Außenministers Vladimir Clementis, den Chefredakteur des Zentralorgans Rude Právo und den Sekretär des Genossen Gottwald.« Am 3. September 1949 begann Rákosi erneut, Gottwald zu bedrängen. In einem langen Brief, der nunmehr schon 65 Namen enthielt, warf er ihm vor, aus dem Fall Noël Field keine Konsequenzen zu ziehen. Er schrieb unter anderem: »In Eurer Volksdemokratie ist ja die Zahl der Personen, die nach dem Krieg aus westlicher Emigration zurückgekehrt sind, viel größer als bei uns, und ihre Rolle ist entsprechend auch viel bedeutender. Wir sind sehr beunruhigt über die Tatsache, daß diese Leute, die zu Recht der Spionage für die amerikanischen Imperialisten verdächtig sind, so hohe Positionen in der Tschechoslowakei einnehmen.« Diese Auszüge sind aus den Büchern und Artikeln von Karel Kaplan bekannt. Weitere Teile veröffentlichte vor kurzem das Moskauer Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation. »Angesichts der russischen Erfahrungen von 1936 haben wir die Geständnisse der verhafteten Spione mit großer Vorsicht behandelt. Wir haben keinen einzigen Fall gefunden, wo Verhaftete aus provokatorischer Absicht einen Unschuldigen in die Sache hineinziehen wollten ... Ich betone all dies, um Dir zu versichern, daß es keinen Grund gibt anzunehmen, daß die Informationen bezüglich der Tschechoslowakei nicht der Wahrheit entsprächen.« Das schrieb Rákosi, der tagtäglich den Vernehmern vorschrieb, welche phantastischen Märchen sie aus den Verhafteten herausfoltern müssen. Doch Gottwald zögerte noch immer, er meinte, der Druck komme ja aus Budapest und nicht aus Moskau. Erst der Rajk-Prozeß machte ihm klar, daß hinter der Hexenjagd Stalin stehen müsse und die Tschechoslowakei sich nicht heraushalten kann. Gottwald kapitulierte, ließ die kleine, politisch bedeutungslose Gruppe der Bekannten Fields verhaften und lud am 16. September Sowjetberater ein, um die Untersuchung in altbewährte Hände zu legen. Er brauchte die Ermahnungen Rákosis nicht mehr. Rákosi wollte seine Stelle als Fernberater Stalins nicht verlieren. Anfang 1950 berichtete ein Sowjetberater in Budapest seinem Minister für Staatssicherheit Wiktor Semjonowitsch Abakumow: »In den Gesprächen mit Genossen Rákosi wich dieser immer wieder von Ungarn ab und gab seiner Besorgnis über die Probleme anderer kommunistischer Parteien Ausdruck. Er sagte, die Situation in der Tschechoslowakei sei immer noch sehr schlecht, es säßen dort solche Spione im Zentralkomitee wie Innenminister Václav Nosek, der Slowake Koloman Mošković und andere. Die Genossen Gottwald und Slánský seien unentschlossen und bekundeten Liberalismus gegenüber den feindlichen Elementen in der Partei. Es würde ihnen nicht schaden, meinte er, von den Ungarn zu lernen, wie man den Feind zerschmettert.« Wenige Tage später sagte Rákosi zu Zawolski: »Ich habe alles versucht und erklärte auch in persönlichen Gesprächen dem Genossen Gottwald, daß in der Regierung und Parteiführung Spione und Provokateure Unterschlupf finden. Doch die tschechoslowakischen Freunde reagieren überhaupt nicht auf unsere Informationen. Wir übergaben belastendes Material über Außenminister Clementis, Verteidigungsminister Ludvík Svoboda und Innenminister Nosek, aber gegen sie sind keine Maßnahmen ergriffen worden.« Um sicherzugehen, daß Stalin von seinen Diensten erfährt, übergab Rákosi anläßlich seines Besuches in Moskau im Januar 1951 dem Zentralkomitee einen Bericht mit den gleichen Beschuldigungen gegen die drei Minister, die er als Agenten des britischen Secret Service bezeichnete. Wie groß der Einfluß Rákosis auf die Ausbreitung des Terrors war, ist schwer zu ermitteln. Auf jeden Fall half er durch seine Denunziationen mit, die Prager, Warschauer und Ost-Berliner Schauprozesse in Gang zu setzen. Auf eigene Faust, vom Ehrgeiz getrieben, den Terror aus Ungarn in die anderen Vasallenstaaten weiterzutreiben. Im August 1962 zog das Zentralkomitee der ungarischen Partei die folgende Bilanz: »Im Zusammenhang mit dem Rajk-Prozeß lieferte Rákosi den Bruderparteien belastendes Material über 353 Tschechoslowaken, 71 Österreicher, 40 Deutsche, 33 Rumänen sowie sowjetische, polnische, bulgarische, englische, französische, italienische und Schweizer Bürger, insgesamt 526 zu Unrecht beschuldigte Genossen.« Rákosi war das herausragende Beispiel für die lokalen Parteiführer, die den Gang der von Moskau angeordneten Schauprozesse beschleunigt und verschärft haben. Sein Eifer übertraf bei weitem die gelehrige Rolle Gottwalds, Wylko Tscherwenkows oder Ulbrichts. Aber es gab auch Gegenbeispiele – stalinistische Kommunistenführer, die den Mut aufbrachten, den Terror zu bremsen, Moskaus Befehlen auszuweichen. Das war in Polen der Fall, wo sich die Führung noch gut an die fast vollständige Vernichtung der polnischen Parteikader während der Stalinschen Säuberungen der 30er Jahre erinnerte. Es dauerte eine Weile, bis das in den ersten Nachkriegsjahren unterdrückte Trauma wieder zum Vorschein kam. Noch im Juni 1948 folgte das Zentralkomitee der Partei bereitwillig dem Befehl Stalins, die politische Kaltstellung von Gomułka zu orchestrieren. Im September 1949 erhielt Generalsekretär Bierut den Brief Rákosis mit den von Field erfolterten 12 Namen polnischer Kommunisten und ließ sie alle verhaften. Als Stalin im August 1951 die Abhaltung eines polnischen Rajk-Prozesses mit Gomułka als Hauptangeklagtem forderte, wurde dieser zwar verhaftet, aber Bierut wußte, daß bald darauf seine engsten Mitarbeiter, vielleicht er selber, neben Gomułka auf der Anklagebank sitzen würden. Schließlich gehörte Bierut zu der Handvoll jener Glücklichen, die den Stalinschen Terror überlebt hatten. Bierut, Sicherheitschef Jakub Berman und ein Teil der Parteiführung begannen eine stille Verschwörung, um den Gomułka-Prozeß zu sabotieren. Es gelang ihnen, mit allerlei Ausreden und Versprechungen an die Adresse Moskaus, den Beginn des Prozesses anderthalb Jahre in die Länge zu ziehen. Im März 1953 starb Stalin. Sein Tod rettete Gomułka und den von Berija für den Schauprozeß ausgewählten Kommunisten das Leben. Bierut und Gottwald gingen entgegengesetzte Wege. Während Gottwald nach anfänglichem kurzem Zögern zum Mitmacher wurde, verweigerte Bierut im entscheidenden Augenblick die Teilnahme. Die Einzelheiten der polnischen Ausnahme sind bekannt, ich muß hier nicht weiter darauf eingehen. Weitgehend unbekannt und falsch interpretiert wird die Rolle von Ana Pauker und ihr Versuch, den rumänischen Rajk-Prozeß zu verhindern. In der einschlägigen politischen Literatur wird sie in der Regel als die Stimme Moskaus in Bukarest, als sture Stalinistin dargestellt. Doch die neueren Forschungen ergeben ein viel differenzierteres und widerspruchsvolles Bild. Ohne Zweifel war sie eine Stalinistin, aber stur war sie nicht, und sie hatte durchaus den Mut, mit eigenem Kopf zu denken. Ana Pauker war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Rumäniens. Ein Jahr darauf, 1922, wurde sie in das Zentralkomitee gewählt. Nach ihrer Verhaftung in Rumänien erfuhr sie 1936, daß ihr Mann Marcel, Mitarbeiter der Komintern, Stalins Säuberungsterror zum Opfer gefallen ist. 1940 ging sie in die UdSSR, leitete hier das Auslandsbüro der rumänischen Partei. Sie arbeitete mit Georgi Dimitroff, mit dem Sekretär des EKKI Dmitrij Sacharowitsch Manuilski und mit dem Sekretär des ZK der KPdSU(B) Georgi Maximiljanowitsch Malenkow zusammen. Eine enge Freundschaft verband sie mit Molotows Frau Polina Semjonowna Shemtschushina. 1945 kehrte Pauker als Mitglied des Sekretariats des Politbüros der KP Rumäniens nach Bukarest zurück. Sie genoß das volle Vertrauen ihrer sowjetischen Freunde. Bald nach ihrer Rückkehr bildeten sich zwei Fraktionen in der Partei, die eine, die sogenannte inländische, geführt vom Generalsekretär Gheorghiu-Dej, die andere, die der »Moskowiten«, mit Pauker und ihrem Mitarbeiter im Auslandsbüro, Vasile Luca, damals Finanzminister. Ihnen schloß sich bald auch Innenmini­ster Teohari Georgescu an. Noch mißtraute Stalin Gheorghiu-Dej, besonders nachdem der rumänische Sicherheitschef Emil Bodnaras, ein alter NKWD-Agent, dem Sekretär des ZK der KPdSU(B) Michail Andrejewitsch Suslow 1947 einen kritischen Bericht gesandt hatte. Daraus ging hervor, daß Gheorghiu-Dej die Konfrontation mit Pauker und ihren Freunden suchte, seine Beziehungen zu den anglo-amerikanischen Vertretern in Bukarest viel zu weit gehen würden, er von der sowjetischen Linie abweiche und die Kriegsreparationszahlungen an die Sowjetunion für die schlechte Wirtschaftslage Rumäniens verantwortlich mache. Moskau sah in Pauker eine zuverlässige Stütze. Der Rückendeckung ihrer hochrangigen Freunde sicher, geriet Ana Pauker bald in Konflikt nicht nur mit Gheorghiu-Dej, sondern auch mit den sowjetischen Beratern in Bukarest. Denn sie widersetzte sich der Forderung nach überstürzter Kollektivierung der Landwirtschaft und forcierter Industrialisierung, sie war gegen eine Deportation von »kapitalistischen Ausbeutern« und gegen die Verhaftung der Führer der nazifeindlichen Vorkriegsparteien. Pauker befürwortete die Integration demokratischer Schichten in das sozialistische System und stimmte der unbeschränkten Auswanderung der Juden nach Palästina zu. Sie war fraglos eine treue Stalinistin, hatte aber eine eigene Meinung über die besten Methoden und das zweckmäßigste Vorgehen für eine sozialistische Umgestaltung Rumäniens, und sie hatte auch die Courage, ihre Meinung zu vertreten. Uns interessiert hier jedoch vor allem die Rolle Ana Paukers in der Vorbereitung eines »rumänischen Rajk-Prozesses« mit Pătrăşcanu als dem Hauptangeklagten. Ende 1944 war der Rechtsanwalt Lucreţiu Pătrăşcanu der populärste Kommunistenführer in Rumänien und zugleich in den Augen von Gheorghiu-Dej der gefährlichste Konkurrent für den Posten des Generalsekretärs. Pătrăşcanus Ansehen in der Öffentlichkeit, seine Beliebtheit und Achtung bei den Studenten, den Intellektuellen und den demokratischen Koalitionsparteien der Über­gangsperiode hinderten Gheorghiu-Dej daran, diesen Konkurrenten sofort aus dem Wege zu räumen. Schließlich hatte Pătrăşcanu, der vor dem Krieg zeitweise, zwischen zwei Verhaftungen, in Moskau in der Komintern tätig war, als Repräsentant der Kommunistischen Partei während des Putsches vom August 1944 den Sturz Ion Antonescus erzwungen und Rumänien an der Seite der Sowjet­union in den Krieg gegen Deutschland geführt. Als Justizminister war er der einzige Vertreter der Kommunistischen Partei im ersten Nachkriegskabinett. Gheorghiu-Dej betrachtete Pătrăşcanu von Anfang an mit großem Mißtrauen, das auch Stalin teilte. Pătrăşcanus undogmatischer Intellekt erschien Gheorghiu-Dej als »bourgeoise Arroganz«, seine Zusammenarbeit mit den Koalitionsparteien als Kapitulation vor dem Klassenfeind. Die zunehmende Spannung zwischen Stalin und Tito bot ihm den Anlaß, offen gegen Pătrăşcanu vorzugehen. Er war ein idealer Opferkandidat zur Zeit der beginnenden Hexenjagd auf nationalistische, potentiell sowjetfeindliche Kräfte. Im Dezember 1947 wies Stalin das rumänische Politbüro an, Pătrăşcanus Verbindung zu den Führern der bürgerlichen Parteien zu untersuchen, im Februar des nächsten Jahres wurde Pătrăşcanu von Gheorghiu-Dej des Nationalismus beschuldigt. Gheorghiu-Dej warf Pătrăşcanu vor, unter den Einfluß der Bourgeoisie geraten zu sein. Er ließ ihn aus dem ZK ausschließen und aus dem Justizministerium entfernen. Weiter konnte er nicht gehen; die Machtposition Paukers und das Vertrauen, das Moskau ihr entgegenbrachte, standen dem im Wege. Pauker war in der Zwischenkriegszeit eng mit Pătrăşcanu verbunden, sie schätzte seinen Intellekt sowie seinen Mut als Verteidiger verhafteter Kommuni­sten. Pauker und Pătrăşcanu waren die einzigen in der Parteiführung, die sich 1938 geweigert hatten, Paukers hingerichteten Mann, der Weisung Moskaus folgend, zum feindlichen Agenten zu erklären. Nach dem Krieg versuchte sie hinter den Kulissen, Pătrăşcanu gegen die Intrigen von Gheorghiu-Dej zu verteidigen, auch wenn sie seine nationalistischen Äußerungen in der Öffentlichkeit kritisierte. Am 27. März 1948 schrieb Stalin den ersten Brief an Tito, in dem er der jugoslawischen Parteiführung Antimarxismus und Feindschaft gegenüber der UdSSR vorwarf, und der Briefwechsel dauerte noch an, als Gheorghiu-Dej mit gutem Spürsinn die Chance nutzte und Pătrăşcanu am 28. April vom Sicherheitsdienst der Partei festnehmen ließ. In einer Geheimvilla begann unter der Leitung des Innenministers Georgescu, Paukers Schützling und Verbündeten, das Verhör. Pauker konnte die Verhaftung nicht verhindern, aber ihr Einfluß war ausschlaggebend dafür, daß es zu einer ehrlichen Untersuchung kam, ohne fabrizierte Anklagen und Folterungen. Pătrăşcanu weigerte sich, irgendeine falsche Beschuldigung zuzugeben. Trotz Drohungen der Anhänger von Gheorghiu-Dej in der Parteiuntersuchungskommission gelang es nicht, Pătrăşcanu zu einem Geständnis irgendeiner kriminellen Tätigkeit zu bewegen. Nach 17 Monaten Vernehmungen meldete Georgescu dem Politbüro, Pătrăşcanu habe zwar politische Fehler eingestanden, doch hinreichende Beweise für eine Verurteilung habe die Kommission nicht finden können. Der Herbst 1949 brachte die Wendung. Anfang September reiste Gheorghiu-Dej nach Budapest und bat Rákosi, im bevorstehenden Rajk-Prozeß auch den Namen Pătrăşcanus zu erwähnen. Rákosi übergab ihm eine seiner berüchtigten Listen, diesmal mit Namen von Rumänen, und am 17. September »gestand« der ehemalige Geschäftsträger der jugoslawischen Gesandtschaft in Budapest Lázár Brankov im Rajk-Prozeß, daß Pătrăşcanu, der ebenfalls die Tito-Linie vertrat, in Rumänien Titos Pläne verwirklichen wollte.[5] Ana Pauker hatte scheinbar keine Möglichkeit mehr, Pătrăşcanu zu retten. Auf Stalins Drängen wurde sein Fall Georgescu entzogen. Pătrăşcanu wurde ins Gefängnis der Staatssicherheit überstellt, die Untersuchung nahmen die sowjetischen Berater in die Hand, wobei sie sich von der Direktive aus Moskau leiten ließen, endlich den Beweis zu erbringen, daß Pătrăşcanu ein Agent Titos und des britischen Geheimdienstes war. Dutzende Kommunisten aus Pătrăşcanus Freundeskreis wurden verhaftet, um mit ihnen einen »rumänischen Rajk-Prozeß« vorzubereiten. Doch acht Monate später, im Mai 1950, wurde die Führung der Untersuchung plötzlich vom Staatssicherheitsdienst wieder dem Innenministerium übergeben, die »Geständnisse« wurden zurückgezogen, der allgemeine Druck ließ nach. Mitte 1951 meldete Georgescu, er sei überzeugt, daß es für einen Strafprozeß keine Grundlage gäbe. Was hinter dieser Kursänderung steckte, wurde erst kurz vor Ana Paukers Verhaftung klar, als der sowjetische Chefberater Alexander Sacharowski in einem an Gheorghiu-Dej gerichteten Memorandum Pauker beschuldigte, sie habe mit Hilfe von Georgescu die Untersuchung im Fall Pătrăşcanu sabotiert. Bald aber wurde von Moskau eine neue Lage geschaffen. Im September 1951 erfuhr Gheorghiu-Dej, daß Stalin einwilligte, die Säuberung mit Pauker, Luca und Georgescu zu beginnen. Die politische Hexenjagd gegen die drei Widersacher begann zeitgleich mit der Vorbereitung des Slánský-Prozesses in Prag und sollte in einen »rumänischen Slánský-Prozeß« münden. Als Hauptangeklagte in diesem Prozeß sollten Pauker, Luca und Georgescu fungieren. Eine Wiederholung des Rajk-Prozesses war nicht mehr aktuell, der Anti-Titoismus wurde vom Antisemitismus verdrängt. Im Zuge der von Moskau lancierten antisemitischen Welle wurde aus der Jüdin und bisherigen Vertrauensperson Pauker eine in Stalins Augen Verdächtige. Im März 1952 verloren alle drei ihre Ministerposten, Luca wurde aus dem ZK ausgeschlossen, Pauker in die Provinz abgeschoben. Im August 1952 wurde Luca verhaftet, und ein neues Team von Untersuchungsführern nahm die Vernehmungen von Pătrăşcanu und seiner Mithäftlinge auf. Nun wurde nach einem neuen Drehbuch gearbeitet, das brutale Folterungen einschloß. Die »Geständnisse« häuften sich, der Prozeß sollte im Frühjahr 1953 beginnen. Am 18. Februar 1953 wurden Pauker und Georgescu verhaftet. Am 5. März, 15 Tage später, starb Stalin und rettete auf diese Weise Pauker das Leben. Sie wurde zwei Monate später auf Intervention von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow freigelassen und wurde zu einer Unperson. Sie lebte praktisch unter Hausarrest, völlig isoliert von der Außenwelt. Als Politbüromitglied Alexandru Moghioros sie im Mai 1953 besuchte und ihr vom Tod Stalins berichtete, brach sie in Tränen aus. »Weine nicht, Ana«, sagte er zu ihr. »Wäre er noch am Leben, wärest Du jetzt tot.« Über ihren Tod am 3. Juni 1960 berichteten die rumänischen Zeitungen nicht. Gheorghiu-Dej jedoch führte den Stalinschen Terror im Alleingang zu Ende. Die Entstalinisierung lag schon in der Luft, in Ungarn wurde bereits die Forderung nach einer Revision des Rajk-Prozesses laut, Rákosis Macht war bedroht. Wenn Gheorghiu-Dej politisch überleben wollte, gab es für ihn keinen Weg zurück. Berija beorderte die Gruppe der sowjetischen Berater zurück, die Verbliebenen betonten, nichts mit der Angelegenheit zu tun zu haben. Der von Gheorghiu-Dej fabrizierte Prozeß gegen Luca fand im Oktober statt und endete mit dem Todesurteil, das in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Im März 1954 wurde das Drehbuch nach Moskau geschickt. Anstatt es gutzuheißen, schickte Malenkow es mit der Bemerkung zurück »Das ist Eure Sache«. Pătrăşcanu wurde am 16. April 1954 zum Tode verurteilt und in der gleichen Nacht mit einem Schuß durch das Guckloch in der Zellentür erschossen. Georgescu kam nicht vor Gericht; er wurde im März 1956, einen Monat nach dem 20. Parteitag der KPdSU, aus der Haft entlassen. Luca starb im Juli 1963 im Gefängnis. Überarbeiteter Vortrag von George Hermann Hodos während der Vorstellung des Buches "Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948-1954" am 8. Juni 2001 im Verein Helle Panke zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V. [1] Traitscho Kostoff und seine Gruppe. Berlin 1951. [2] László Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht. Berlin 1950. [3] Prozeß gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit Rudolf Slánský an der Spitze. Prag 1953. [4] »Videl, kak voznikaet kul’t ličnosti«. Mat’jaš Rakoši o Staline i o sebe [Ich habe gesehen, wie Personenkult entsteht. Mátyás Rákosi über Stalin und über sich selbst]. In: Istočnik, 1997, 1, S. 111–140. [5] László Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht, S. 155.

JHK 2002

»Wenn die Schatten sprechen ...«

Lew Besymenski

Bei der Aufarbeitung des Kommunismus spielen die Quellen eine wichtige Rolle. Die Öffnung der Archive in den letzten zehn Jahren verlief zwar nicht problemlos, aber inzwischen sind viele Hinterlassenschaften zugänglich. Daher konnten auch Quellenveröffentlichungen erfolgen, die hoch einzuschätzen sind. Dies gilt besonders für die Dimitroff-Tagebücher, die ja im allgemeinen gewürdigt wurden. Aber an der Edition wurde auch Kritik geübt. Zu Unrecht. Das Foto auf dem Einband der Tagebücher zeigt Dimitroff im Gespräch mit Josef Stalin und weist sogleich auf die Figuren der Weltgeschichte, über die der Leser am präzisesten Aufschluß erhält. Die eigentliche Sensation dieser Edition sind die von Dimitroff mit stenographischer Akribie notierten Äußerungen Stalins. Obwohl dessen Schriften millionenfach verlegt wurden, sein Porträt weltweit bekannt ist und die Literatur über ihn Bibliotheken füllt, erscheint er in mancher Hinsicht noch immer mysteriös. In Dimitroffs Tagebüchern kommt Stalin selbst zu Wort. Nun wissen wir: Stalin hat Dimitroff (nicht Viktor Suworow) die wahren Ziele des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 anvertraut: »Wir können manövrieren, eine Seite gegen die andere aufbringen, damit sie sich noch stärker in die Haare kriegen. Der Nichtangriffsvertrag hilft Deutschland in gewissem Maße. Der nächste Schritt ist der, die andere Seite anzuspornen.« (7. 9. 1939) Und ihm hat Stalin erklärt, er sei bereit, diese hinterlistige Politik »bis zum bitteren Ende« weiterzuführen. So verkündete der Kreml-Herrscher Dimitroff im November 1940, nach der Rückkehr Molotows aus Berlin, er werde dem bulgarischen Zaren Boris einen Beistandspakt vorschlagen, Gebietsansprüche Bulgariens unterstützen und dem Land Wirtschaftshilfe gewähren, damit die Rote Flotte die Meerengen kontrollieren könne. »Bei Abschluß des Beistandspakts haben wir nicht nur keine Einwände gegen einen Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt, sondern wir selbst werden diesem Pakt beitreten.« (25. 11. 1940) Nebenbei eine Warnung an die Türkei: »Wir werden die Türken nach Asien zurücktreiben. Was ist das, die Türkei? Dort leben zwei Millionen Georgier, anderthalb Millionen Armenier, eine Million Kurden usw.« Russische Historiker werten diese Äußerungen Stalins als einen wichtigen Hinweis zur Einschätzung der weiteren Pläne der UdSSR in Europa und Asien. Zugleich sind sie ein Beispiel des seltsamen Vertrauens, das Stalin dem Generalsekretär der Komintern entgegenbrachte. Der Diktator hat ihm und anderen engen Mitstreitern häufig große Umschwünge seiner Politik bei Empfängen, Gelagen oder in »Privatgesprächen« angekündigt, um zu testen, wie sie darauf reagieren. Dies gilt zum Beispiel für seine Abkehr von der Weltrevolution und die Hinwendung zum imperialen Rußland. So verkündete Stalin am 7. 11. 1937 in einem Toast während des Mittagessens nach der Demonstration auf dem Roten Platz den verblüfften Kadern: »Die russischen Zaren haben viel Schlechtes getan. Sie haben das Volk ausgeraubt und geknechtet. Sie führten Kriege und eroberten Territorien im Interesse der Gutsherren. Aber eine große Sache haben sie vorzuweisen: Sie haben ein Riesenreich zusammengezimmert – bis nach Kamtschatka. Wir haben diesen Staat als Erben erhalten. Und wir Bolschewiki haben diesen Staat erstmals gefestigt.« Ehrlich gesagt: Wir in Moskau haben seinerzeit Stalins Intention nicht erkannt. In Berlin hatte man das Abwenden von der Weltrevolution hingegen registriert. Während seiner langen Herrschaft hätte sich Stalin auch zum Zaren ausrufen lassen können. Nicht von ungefähr resümierte er in einem Trinkspruch am 28. 1. 1945: »Vielleicht machen wir einen Fehler, wenn wir meinen, die Sowjet­form sei die einzige, die zum Sozialismus führt. Es hat sich gezeigt, daß die Sowjetform die beste ist, aber durchaus nicht die einzige. Es gibt möglicherweise auch andere Formen – die demokratische Republik und unter bestimmten Verhältnissen sogar die konstitutionelle Monarchie ...« Gottseidank blieb Rußland das letztere unter Stalin erspart. Damals, 1937, hatten Stalins Worte eine praktische Bedeutung. Stalin meinte, die Einheit und Existenz des ererbten Zarenreiches sei durch Feinde gefährdet: »Und wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei es auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten.« Die Anwesenden (und die Mitarbeiter der Komintern) wußten, was diese Worte bedeuteten. Aber kein Wort dagegen! Dimitroffs Tagebuch dokumentiert genau, wie zielgerichtet sich der große Kommunist von der Komintern abwandte. Dieser Prozeß begann, als die Organisation mit dem sowjetischen Nachrichtendienst enge Verbindungen knüpfte. Schon in den 20er Jahren (noch vor Dimitroff) rekrutierte man die besten sowjetischen Nachrichtendienstler aus den Reihen der Illegalen der Komintern (z. B. die vom berühmten Komintern-Mann Arnold Deutsch gewonnenen »Fünf aus Cambridge«). Fortan ließen sich diese Profis von den Interessen der Sowjetmacht leiten. Aber nicht nur auf dem Gebiet erhielten die Staatsinteressen der UdSSR Vorrang, wie folgende Formulierung Stalins vom 21. 1. 1940 zeigt: »Die Weltrevolution als einheitlicher Akt – ist Blödsinn. Sie spielt sich zu unterschiedlichen Zeilen in unterschiedlichen Ländern ab. Auch die Handlungen der Roten Armee stehen mit der Weltrevolution in Beziehung.« (Die deutsche Übersetzung dieses Satzes ist nicht ganz korrekt. Für Stalin sind die Handlungen der Roten Armee »ein Werk der Weltrevolution«.) Wenn man bedenkt, daß diese Worte in einer Analyse des finnischen Winterkriegs (1939/1940) fallen, wird die Idee Stalins völlig klar: Wahre Revolution – nur durch den Einmarsch der Roten Armee (siehe die baltischen Staaten!). Der Verzicht auf revolutionäre Ziele offenbart sich am deutlichsten in der Absicht Stalins, die Komintern im Frühjahr 1941 als Konzession an Hitler aufzulösen und nicht erst zwei Jahre später als Zugeständnis an die Alliierten. In diesem Punkt muß die Kominterngeschichte von den Chronisten neugeschrieben werden. Das Tagebuch ist eine Stalin-Quelle ohnegleichen. Man kann darin vieles lesen, was in keinem Geschichtsbuch steht: die Reden Stalins 1940 nach dem Finnlandkrieg, die berühmte Rede vor den Absolventen der Militärakademien am 5. Mai 1941, die Wiedergabe mehrerer interner Gespräche (und Berichten von Gelagen!) der höchsten Chargen der KPdSU, einschließlich Stalins. Und selbstverständlich auch der Komintern! Fazit: In seinem Tagebuch erscheint Dimitroff als getreuer Schatten Stalins, seine Identifizierung mit Stalins Äußerungen ist nicht gespielt. Auch die scharfe Kritik des Diktators z. B. an der bulgarisch-jugoslawischen Föderation hat Dimitroff schweigend angenommen und kommentarlos notiert. Es wird gewiß Versuche geben, Kontroversen zwischen Stalin und Dimitroff aus dem Text herauszulesen; doch solche Bemühungen sind vergeblich. Allenfalls kann man einen inneren Protest Dimitroffs annehmen, wenn er Stalins Antwort auf Ribbentrops Wünsche zu seinem 60. Geburtstag am 24. 12. 39 zitiert: »Ich danke Ihnen, Herr Minister, für die Glückwünsche. Die mit Blut besiegelte Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion hat alle Aussicht, langandauernd und beständig zu werden.« Die innere Tragödie dieses bulgarischen Politikers bestand meines Erachtens darin, so tief an Stalin zu glauben, daß er wirklich keinen Zweifel an ihm aufkomen ließ. Übrigens war dies auch sein Glück, was er freilich nicht verstand. Die Edition endet mit der Auflösung der Komintern im Juni 1943. Dimitroffs Aufzeichnungen bis zum Februar 1949 sollten auch publiziert werden – hoffentlich mit gleicher Genauigkeit und wissenschaftlicher Ehrlichkeit. Dimitroffs Tagebücher sind gewiß kein Krimi. Aber was ist schon Agatha Christie im Vergleich zu den Demiurgen des 20. Jahrhunderts?

JHK 2002

Zum Stand der historischen Aufarbeitung des jugoslawischen Sozialismus

Todor Kuljic

Vorbemerkung   Der nachfolgende Beitrag wurde für das Kolloquium »Zum Stand der historischen Aufarbeitung kommunistischer Diktaturen« verfaßt, das vom 29. November bis 1. Dezember 2001 in Berlin-Lichterfelde das Institut für Zeitgeschichte München, Außenstelle Berlin, mit Unterstützung der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Vertretern aus vierzehn europäischen Ländern veranstaltet hat.[1] Der Bericht über die Problematik der serbischen Geschichtsaufarbeitung soll in einer größeren Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden, weil er sich auf den ersten Blick durch seine Radikalität und besondere Akzentsetzung von anderen Länderberichten unterscheidet, zugleich aber den Eindruck vermittelt, daß bei der Explosion des jugoslawischen Kommunismus Spaltungselemente sichtbar wurden, die in anderen Ländern entweder tatsächlich fehlen oder aber in der Diskussion bisher nicht hinreichend beachtet werden. Bei aller Spezifik der Lage der Geschichtsschreibung im ehemaligen Jugoslawien eröffnet dieser Beitrag damit möglicherweise den Blick auf innere Probleme der Diskussion in anderen postkommunistischen Ländern, indem er Fragen aufwirft, die anderswo nicht öffentlich behandelt werden. Selbstverständlich stellt der Autor seine eigene Meinung vor. Für Außenstehende war es gleichwohl neu, daß die Geschichtsschreibungen in anderen ex-jugoslawischen Staaten mit ähnlichen Fragen beschäftigt zu sein scheinen. Dabei wird durchaus realisiert, daß auch evidente Unterschiede zwischen einzelnen Ländern bestehen. So stieß beispielsweise in der Diskussion des Beitrags die Meinung des Autors, das jugoslawische Modell des Vielvölker-Sozialismus sei durch eine politische Manipulation »von oben« »unten« zur Explosion gebracht worden, auf Widerspruch und wurde unter Hinweis auf die demokratische Wahllegitimation der damaligen Führung als eine »verschwörungstheoretische Konstruktion« zurückgewiesen. Insgesamt verdient der post-jugoslawische Diskurs über die Erinnerungsarbeit nicht nur wegen seiner methodologischen Aspekte, sondern auch im Hinblick auf die postsowjetische Aufarbeitungsdiskussion in Russland Beachtung und Interesse. Der Autor legte den Text in deutscher Sprache vor. Obwohl er für deutsche Leser nicht in allen Aspekten verständlich sein dürfte, wurde der Beitrag wegen seines unmittelbaren dokumentarischen Wertes nur zurückhaltend redaktionell bearbeitet. Jan Foitzik Mehr als zehn Jahren sind seit dem Zusammenbruch des Einparteien-Sozialismus vergangen. In dieser Zeit spielte auch die akademische Geschichtswissenschaft eine aktive Rolle bei der Vermittlung der politisch gewünschten historischen Identität. Doch trotz der neuen Möglichkeiten nach der Epochenwende von 1989 befindet sich die wissenschaftliche Aufarbeitung des jugoslawischen Sozialismus noch immer in einem Verwirrungszustand ohne entwickelte theoretische und methodische Ansätze, die eine nüchterne Beurteilung der eigenen Vergangenheit ermöglichen könnten. Die Verwirrung ist keineswegs durch eine produktive Gegenüberstellung verschiedener Urteile über den Sozialismus gekennzeichnet, sondern durch eine Vielzahl pauschaler Sozialismuskritiken ohne klare Kriterien, die eine differenzierte Debatte und einen rationalen Minimalkonsens ermöglichen. Der Nachahmungscharakter der jugoslawischen Sozialwissenschaften führt unweigerlich zu einer Verschiebung der Interpretation zentraler Aspekte der eigenen Geschichte in westlicher Richtung. Wir wollen wie der Westen sein, deswegen identifizieren wir alles, was wir schätzen, mit dem Westen. Die Perspektive des Westens wird zum Mittelpunkt, von dem aus die Geschichte interpretiert wird, auch unsere eigene Geschichte (Smolar 2000). Es soll gezeigt werden, wie im Kontext des globalen Umbruchs (chaotische Reorganisation der Sozialismusforschung, sprachliche Erneuerung, die Konstruktion neuer Begriffe und Theorien) die lokalen Gegebenheiten in Jugoslawien aussehen. Zwei miteinander verbundene Prozesse charakterisieren die neue Orientierung der Sozialwissenschaften: das anfängliche Enttabuisierungsinteresse und die schnelle Konversion der Wissenschaftler. Eine kritische Bilanz der Aufarbeitung des Sozialismus in der jugoslawischen Soziologie ist schon geleistet worden (Ilic 1998). Es mangelt aber noch an einer Darstellung dieses Prozesses in der Geschichtswissenschaft. Hier sollen drei Probleme erörtert werden: erstens der all­gemeine Charakter der Vergangenheitsbewältigung in Jugoslawien, zweitens die Konstruktion neuer Helden, Opfer und Täter sowie drittens die Rolle der Historiographie in diesem Prozeß. Es handelt sich um einen Rückblick auf die neokonservative und neoliberale Geschichtsrevision der letzten zehn Jahre, der die Frage nach einer möglichen Verschiebung der kulturellen Hegemonie im jugoslawischen politischen Spektrum beinhaltet, bezogen vor allem auf die Geschichtspolitik.   Vergangenheitsbewältigung in Jugoslawien Die veränderte Einschätzung des Sozialismus hat auch in Jugoslawien ihre Ursache zum einen in den »blinden Flecken« der kommunistischen Historiographie, zum anderen in den Interessen und der strategischen Option der politischen Eliten und ihrer Vergangenheitspolitik. Die schnelle Zerstörung von Erinnerung kann man mit Herrschaftstechnik, aber nicht weniger auch mit dem Interesse an der Schaffung einer neuen postkommunistischen Identität erklären. Je heftiger die soziale Krise ist, desto stärker ist die Vergangenheitsbewältigung auch sozial bedingt. In »normalen« Staaten kann man relativ nüchtern die sozialistische Vergangenheit beurteilen. Die neuen Balkan-Staaten stellen aber noch keine »normalen« Gesellschaften dar. Es herrscht noch immer eine konfliktreiche Kleinstaaterei (gar ohne feste Grenzen), die mit starken nationalen Traumatisierungen belastet ist, was auch die Beurteilung des Sozialismus verzerrt. Die in der kommunistischen Ära betriebene Tabuisierung historischer Konflikte zwischen den jugoslawischen Volksgruppen hat deren bewußte öffentliche Aufarbeitung verhindert. Das hat eine prekäre Reaktivierung früherer Ängste und unbewältigter schmerzlicher Verluste durch heutige Probleme begünstigt. Aber es ist keineswegs, wie viele Analytiker des Balkans behaupten, vor allem eine unbewältigte Vergangenheit, die die gegenwärtigen Konflikte auflädt. Es sind vielmehr vor allem die unbewältigten Probleme der Gegenwart, die eine Regression in die Vergangenheit hervorbringen (Vinnai 1999). Insgesamt gesehen ist die Aufarbeitung der Vergangenheit in den letzten zehn Jahren in Jugoslawien mehr das Ergebnis von nichtwissenschaftlichen Zielsetzungen als eine akademische Angelegenheit. Die Vergangenheitsbewältigung geht in die Geschichtspolitik über, d. h. in den zielbewußten Versuch, politische Entscheidungen historisch zu legitimieren und gegen Kritik zu immunisieren (Steinbach 1999). Es ist auffallend, wie leicht serbische Intellektuelle ihre erkenntnisleitenden Interessen außerwissenschaftlichen Zielen opfern. In Zeiten eines radikalen sozialen Wandels kann die Geschichtswissenschaft viel zum Legitimitätsglauben an die neue Ordnung beitragen. In Jugoslawien, wo die Geschichtserinnerungen sehr stark waren, hatte auch die kommunistische Ideologie starke historische Fundamente. Das Regime Milošević hat die heutige geschichtspolitische Wendung vorbereitet, obwohl dieser Prozeß in serbischen Geschichtslehrbüchern etwas langsamer vor sich ging als in anderen ex-jugoslawischen Republiken. Denn die Bedeutung der Geschichtsdeutung im Postsozialismus sinkt nicht, sondern umgekehrt: sie wächst. Während früher die Apologie des Sozialismus im Zentrum stand, bildet heute die Kritik des Sozialismus die Basis für mannigfaltige Interessen und Identitäten. In der jugoslawischen Öffentlichkeit herrschten zehn Jahre Antitotalitarismus und Antikommunismus und als Legitimationsgrundlage der wiederbelebte Nationalismus, Chauvinismus und Faschismus. Es gibt mehrere Ursachen, weshalb Antikommunismus und Antitotalitarismus die bequemsten Legitimationskonzepte der heutigen Konvertiten bilden. Im Exkurs »Über die Treue« hatte Georg Simmel gezeigt, welche extremen Formen der Beweis der »neuen« Treue annehmen kann. Je heißer die Hoffnungen im Sozialismus waren, desto größer war die Verzweiflung danach. Je oberflächlicher die wissenschafts­politische Stellung durchdacht war, desto leichter fiel die Konversion. Und je stärker das Bewußtsein über die Gefährdung der eigenen Nation ist, desto intensiver wird die Kritik der verschiedenen Arten von Kosmopolitismus und Internationalismus (Marxismus, Jugoslawismus, usw.) betrieben. Die Intensität der Konversion kann man auch als Funktion des schlechten Gewissens der Historiker beziehungsweise der früheren kommunistischen Herrschaft deuten. Es lassen sich jedoch auch Beweise für die gegenseitige These finden: Die früheren Dissidenten sind nämlich auch heute die heftigsten Kritiker des Sozialismus. Die Realität der postkommunistischen Historiographie ist kompliziert, und es ist nicht leicht, ihre Opfer und Täter auseinanderzuhalten. Die Beurteilung des Sozialismus hängt noch immer mehr von nationalen Überzeugungen als von der sozialen Stellung oder der allgemeinen politischen Einstellung ab. Zwar wird im Alltag der Sozialismus noch immer an der individuellen Lebenssituation mit dem Postsozialismus verglichen und beurteilt. Aber der Nationalismus verdrängt stets diesen spontanen Vergleich der schlechten Gegenwartslage mit der relativ stabilen sozialen Lage im Sozialismus, so daß noch immer der kommunistische Internationalismus als Hauptschuldiger für den realen oder angeblichen nationalen Niedergang beklagt wird. Es herrscht eine Art der Befangenheit, in der sich die Selbstwahrnehmung des nationalen Unglücks in Form eines nationalistischen Antitotalitarismus ausdrückt. Der nationalindifferente Kommunismus gilt als der wichtigste Gegenpol zur neuen Identität, die vor allem im Nationalismus verankert ist. Der Sozialismus wird als Feind der Nation denunziert. Erst an zweiter Stelle wird das antidemokratische Einparteiensystem kritisiert. Der autoritäre nationale Staat gilt als dem demokratischen Vielvölkerbund überlegen. Es besteht aber ein Unterschied zwischen Bevölkerung und Intellektuellen. Die Bevölkerung beurteilt den Sozialismus eher nach der Perzeption der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Lage, die Intellektuellen nach der Perzeption der politischen und nationalen Lage. Jede Krise verbindet die Perzeption der nationalen Lage mit der Perzeption der sozialen Lage, wobei es nicht schwierig ist, den Schuldvorwurf auf den vergangenen Sozialismus zu lenken. Das Sozialismusbild ist nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Intellektuellen verzerrt. Der Balkan-Raum ist explosiv: Der Chauvinismus strömte von oben hinein und explodierte unten. Der permanente Kriegszustand schafft keine günstige Voraussetzung für eine reale Beurteilung des Sozialismus, weil die Vergangenheitsbewältigung schon an der Quelle verzerrt ist. Es gibt keinen differenzierten Blick auf den Sozialismus, der auf dem Balkan fast fünfzig Friedensjahre ermöglichte. Statt dessen herrscht eine dämonisierende Vergangenheitsbewältigung (mit einem übersteigerten Beweis der »neuen Treue« bei ehemaligen Kommunisten). Die Vergangenheitsbewältigung hat nicht zur friedlichen Lösung innergesellschaftlicher Konflikte beigetragen. Die pauschale Verurteilung des Sozialismus als totalitäres nationalfeindliches System zerstörte viele supranationale Kompromißmöglichkeiten. Die gesellschaftspolitische Situation während der neunziger Jahre begünstigte einen historiographischen Extremismus. Außerwissenschaftliche Einflüsse engten die Bandbreite für eine differenzierte Interpretation des Sozialismus ein. Anstatt die realen Funktionsmechanismen des jugoslawischen Sozialismus ernsthaft zu untersuchen, wurde die gesamte Sozialismusetappe im Grunde zum »tragischen Fehler« erklärt. Den Hintergrund bildeten oft mehr oder weniger explizite Verschwörungstheorien. Nach dieser Theorie seien Serben Sieger in Kriegen, aber Verlierer im Frieden. Mit Hilfe des manipulierten Nationalismus vermischen sich leicht Gewinner und Verlierer der Transformation in einem einheitlichen »patriotischen« Block. Im Augenblick sind der arme und der reiche Volksgenosse Brüder, nicht wie früher der arme serbische und kroatische Arbeiter. »Brüderlichkeit und Einheit« waren im Sozialismus soziale, heute sind sie biologisch gefaßte Integrationseinheiten. Das neue Epochenbewußtsein änderte nicht nur das Bild von Opfern und Tätern, sondern auch ihre Substanz. Auf dem Balkan triumphiert heute Biologie über die soziale Solidarität. Im Bürgerkrieg war diese Umdrehung offensichtlich (Colovic 1994). In diesem Ausnahmenzustand wird die Verantwortung des Sozialismus weder in ökonomischen noch in demokratischen, sondern vor allem in nationalen Fragen stark betont. Der sozialistische Internationalismus sei an der nationalen Katastrophe schuldig (bei Serben wie bei Kroaten und Slowenen, weniger stark ausgeprägt bei Mazedoniern und Montenegrinern).Tito ist noch immer populär in Mazedonien, im muslimischen Bosnien, aber nicht bei Serben oder bei Kroaten. Von Slowenen wird er einfach ignoriert. Die staatspolitische Bedeutung des Tito-Kults ist mit der Zerstörung Jugoslawiens verschwunden. In der Historiographie ist die Verbindung von Amnestie und Amnesie kompliziert, weil die Disqualifizierung von Personen, Gruppen oder des Systems überhaupt auch mit der Rechtfertigung verschiedener Interessen und Identitäten verbunden ist. Es scheint daß zwischen Amnestie und Amnesie viele die Konversion als Ausweg gewählt haben (Smolar 2000).   Neue Helden, Opfer und Täter Die Vergangenheitsbewältigung ist in Jugoslawien nach den Gesetzen der heutigen westlichen Mediengesellschaft konstruiert: Opfer – Täter, Schuld – Unschuld, Demokratie – Totalitarismus. Es gibt keine Vorsicht in der antitotalitären Rhetorik und keinen Vorbehalt, z.B. daß Titos Sozialismus etwas anderes war als die osteuropäische Zentralkaderverwaltung. Die Aufarbeitung des Sozialismus kennt keine Nuancen. Nicht ohne Grund sprechen B. Geremek über den »blinden Antikommunismus«, A. Michnik über den »Antikommunismus mit bolschewistischem Gesicht«, W. Wippermann über den »nekrophilen Antikommunismus«. Der Antikommunismus ist eine der bequemsten intellektuellen Haltungen der postkommunistischen Ära. Er entspricht einem neuen moralischen und politischen Konformismus, der seinen Ausdruck in einem stereotypen und konven­tionellen Pathos der Denunziation der totalitären Vergangenheit findet (D. Barbu). Es muß unterstrichen werden, daß ein wichtiger Unterschied zwischen dem Antikommunismus des Kalten Krieges und dem heutigen besteht. Der letztere ist ohne Konversion nicht begreifbar. Anders gesagt: Die Antikommunisten jüngsten Datums schließen den Kommunismus aus der eigenen Vergangenheit aus und stellen sich als Opfer des Sozialismus dar. Diese Metamorphose folgt nicht nur aus verändertem Epochenbewußtsein, sondern ist meistens, auch bei Intellektuellen, mit neuen Interessenlagen verknüpft. Die Konversion ist nämlich heute ein wichtiger Kanal des sozialen Aufstiegs. Aber diese Wendung veranschaulicht eigentlich auch die Unmöglichkeit der Formulierung der Schuldproblematik. Denn wenn alle Opfer sind, gibt es keine Täter. Außerdem dient bei vielen Intellektuellen die Flucht in die Nation zur eleganten Loslösung von jeglicher persönlicher sozialistischer Schuld und Verantwortung. Zwar sind, psychologisch gesehen, die erwähnten Prozesse sehr oft mit falschem Bewußtsein belastet, nämlich mit der dogmatischen Erklärung, daß ich zwar formal Kommunist gewesen sei, aber im Grunde war ich immer ein »innerer Dissident«. Doch das ist eine nachträgliche Rechtfertigung und Rationalisierung, die nur das elementare Selbstwertgefühl zum Ausdruck bringt. Die Geschichte des Kadersozialismus wird somit nicht befragt, sondern pauschal denunziert, sie wird nicht untersucht, sondern verurteilt. In der heutigen politischen Instrumentalisierung der Vergangenheit »begeben wir uns in einen Zyklus der memorativen Wiederholung, der die (reale) Erinnerung an Vergangenes verdeckt« (Freud). Es ist schon zur Trivialität geworden, daß die Verarbeitung des Sozialismus bei vielen Intellektuellen ohne Verarbeitung der eigenen Biographie stattfindet. Mit der Aufarbeitung der Vergangenheit will man einen Schlußstrich unter die Vergangenheit ziehen und es womöglich aus der Erinnerung selbst wegwischen (Adorno). In Jugoslawien geht die Vergangenheitsbewältigung im Sinne Adornos vor sich. Es herrscht nicht der Wunsch nach einem Schlußstrich unter der Geschichte des Sozialismus vor, sondern nach einem Schlußstrich unter der eigenen kommunistischen Vergangenheit. Die Berücksichtigung der Geschichte im aktuellen Verhalten der Intellektuellen geschieht oft nicht spontan, sondern reaktiv, aus Erinnerung an die eigene zerrissene Biographie, d. h. an die eigene Verwicklung in die frühere Rechtfertigung des Sozialismus. Die frühere eigene Glorifizierung der Rolle Titos und der Partei erzeugt heute Schamgefühle, aber auch Abwehrverhalten. Die starke Kluft zwischen der linken Vergangenheit und der rechten Gegenwart schafft fast spontan eine Art des Abwehrverhaltens. Denn das explizite Bekenntnis zum früheren kommunistischen Teil der Biographie könnte zu ausgeprägten Schuldgefühlen und zur Selbstverleugnung führen. In Abwehrreaktionen gezeigte, aber nicht geäußerte Schamgefühle versuchen die Konvertiten durch einen übersteigerten Antikommunismus (als Beweis der »neuen Treue«) zu bewältigen. Es  existiert aber auch eine andere Art des indifferenten Verhältnisses zur eigenen Vergangenheit. Dies ist zu berücksichtigen, es reicht jedoch für eine Erklärung des skizzierten Abwehrverhaltens bzw. der ihm zugrundeliegenden Schuld- und Schamgefühle nicht aus. Die neue nationale Identität bildet ebenfalls eine wichtige Grundlage für das beobachtete Abwehrverhalten und kommt teilweise als Erklärung für jene »hartnäckige Aufklärungsresistenz« gegen den vielschichtigen Bezug auf die sozialistische Vergangenheit in Betracht. Die Tilgung der Erinnerung ist besonders akut, aber gleichzeitig auch verständlich bei den Intellektuellen, die heute eine aktive politische Rolle spielen, und sie stellt sich als eine pragmatische Leistung in Sinne des »kommunikativen Schweigens« dar. Im Unterschied zum Bezug auf den Faschismus ist bei der Verarbeitung des Sozialismus in der allgemeinen politischen Kultur Jugoslawiens keineswegs der »Primat der Schuld« gegeben. Es herrscht vielmehr eine pauschale Kritik des Sozialismus ohne eigene Schuldübernahme als Mitläufer oder als Parteimitglied. Bei den Intellektuellen ist das »Klima von Schuld« unpersönlich, weil alle verwickelt waren. Es scheint, daß eine bloße Ignoranz der Vergangenheit herrscht. Aber die antikommunistische Märtyrologie kann nicht ignoriert werden. Die antikommunistische Vergangenheit wurde zum wichtigsten persönlichen politischen Kapital. Bei den heutigen politischen Führern wird die unkommuni­stische Vergangenheit hervorgehoben, weil sie ihm die Legitimität des Opfers und einen moralisch überlegenen Status der Gedenkelite verleiht (Kostunica, Djindjic). Die bewiesene antikommunistische Vergangenheit ist eine wichtige Legitimationsbasis des neuen halbcharismatischen Status des »alten Kämpfers«. Es mag paradox klingen, aber die neuen Konvertiten sind eben deshalb sehr treue Vasallen der neuen Eliten geworden, weil ihre Vergangenheit bekannt ist. Sie pflegen eine spezifische Loyalität gegenüber den neuen Herren eben wegen der eigenen unpopulären Vergangenheit und bilden heute sicherere Stützpunkte der neuen Herrschaft als jene ohne kommunistische Vergangenheit. Simmel hatte diese Erscheinung eine »übersteigende Treue der Renegaten« genannt. In Jugoslawien wird dies vor allem bei den neuesten Konvertiten sichtbar, die im Jahr 2000 zu den neuen Herrschaftseliten übergegangen sind. Es klingt paradox, aber Konvertitentreue ist die Basis der heutigen Kaderverwaltung in Jugoslawien. Bei der heutigen politischen Mobilität handelt es sich um einen Kampf um den Status der Totalitarismusopfer im allgemeinen Klima einer Opfermoral. Die neue Moral ist pragmatisch. Nach ihren Regeln gibt es kein Gedenken an die Opfer ohne direkte Prätention auf Entschädigung. Jede Öffentlichkeit geht mit Opfern sensibel um. Man glaubt mehr den Opfern als den Neutralen, weil Opfer als erprobte Erlöser gelten. Die universelle Märtyrologie des postkommunistischen Antikommunismus ist im Grunde manipulativ. Auch in der Historiographie fällt dies auf. Das Ergebnis der neuen Vergangenheitspolitik in Jugoslawien ist eine neue »Fragmentarisierung der Geschichte« (Steinbach, Höpken). Neue Opfer und Helden vernebeln wichtige Teile der Geschichtserinnerung, weil die neue ethnokratische Perspektive zur einseitigen Ausblendung der sozialen Dimension der Geschichte führte. Die offizielle Geschichtsschreibung mit neuen Erinnerungen ist zur Waffe geworden. In der neuen obsessiven Erinnerungskultur war der Sozialismus das erste Opfer. Man kann gar von einer Mythologisierung der kommunistischen Untaten sprechen, d. h. über die Instrumentalisierung einer fixierten Interpretation der Vergangenheit für die Identität eines politischen Kollektivs. Es handelt sich noch immer um eine undifferenzierte Stilisierung der Kommunisten und Titos zu tödlichen Feinden der Serben und der Demokratie. Die Erinnerung an den »nationenfeindlichen Sozialismus« war besonders in den Jahren 1990 bis 1995 eine Waffe gegen den Vielvölkerstaat. Milošević’ Regime kontrollierte zwar die Geschichtsbücher, aber das Regime war nicht imstande, die ganze Historiographie zu kontrollieren. In der serbischen Historiographie offenbarte sich die schnell schwindende Kraft der linken Ideologien. Das zeigen auch die zerrissenen Biographien der heutigen Historiker auf: Einerseits die Doktorarbeiten aus dem »sozialistischen Zeitalter« und aktuelle antikommunistische Bücher anderseits. Die Kontroverse zwischen dem früheren Jugoslawismus und dem heutigen Na­tionalismus vertieft diese Kluft noch mehr. Zur Überwindung der Konversion sind gleich Rationalisierungsversuche entstanden nach den Formeln: »Ich war nie ein wahrer Kommunist« oder »Obwohl formal Kommunist, war ich innerer Dissident und Opfer« usw. Die Konversion von links nach rechts ist zwar ein global­europäisches Phänomen, aber in Jugoslawien verlief die Wandlung der führenden Historiker dramatischer (Petranovic, Djuretic, Gligorijevic usw.). Neben den turbulenten politischen Umständen ist ein wichtiger innerwissenschaftlicher Grund für die schnelle Konversion der Historiker wahrscheinlich in der narrativen Geschichtsvermittlung ohne theoriegeschichtlichen Hintergrund zu sehen. In der Ereignisgeschichte geht die Konversion leichter vor sich als in der Strukturgeschichte. Das heutige Didaktik-Modell beruht auf Verarbeitungsformen, die sich noch immer auf den archetypischen Gegensatz von Gut und Böse, Täter und Opfer, Schuld und Unschuld, »meine Nation« und andere stützen. Das Modell der »Opferdidaktik« (kommunistischer Totalitarismus contra ethnokratischer Liberalismus) und das Modell der »Stunde Null«, wonach die wahrhafte Geschichte angeblich 1990 in Kroatien oder im Oktober 2000 in Serbien beginnt, können als Antworten auf den neuen Legitimationsbedarf verstanden werden. Der ethnokratische Liberalismus vereinigt den neuen westlichen Kurs mit dem alten konfessionellen Nationalismus, was viele Spannungen zwischen Separatismus und neuen Globalisierungsimpulsen erzeugt. In der serbischen Historiographie gelten noch immer Konflikte als historische Wendepunkte: Kriege, Aufstände, Schlachten und Säuberungen. Doch auf dem Balkan waren lange Friedensabschnitte, z. B. jener zwischen 1945 und 1990, weit mehr »wirklich historisch« als die dramatischen nationalistischen Konflikte. Im Rahmen der Kriegsrhetorik und des traditionellen Verständnisses des Historischen wurde hingegen die konfliktlose Sozialismusetappe als unhistorisch oder einfach als totalitär stigmatisiert. Im traditionellen Sinne noch immer als historisch gelten die Helden der zahllosen Rebellionen oder jetzt die nationalistischen Massen, wie in der »Oktoberrevolution von 2000«. Als historisch relevant gelten nicht konfliktlose Zeitalter, sondern Parteien oder Bünde, ihre spektakulären Schlachten, Niederlagen oder Siege. Konflikte stehen im Mittelpunkt, nicht das wenig spektakuläre, aber reale Leben vieler einzelner, d. h. die Geschichte von unten. Vorweg muß darauf hingewiesen werden, daß die Beziehung zum Sozialismus nicht eine evolutionäre Entwicklung prägt, sondern ein äußerst konfliktreicher Transformationsprozeß mit starken politischen Belastungen auch der Intellektuellen. Hier ist mehr die Rede von der Wissenschaftskultur der Transformationsperiode und über die Evaluierung ihrer politischen Belastung. Vielleicht wird aber zuviel von einer Historiographie verlangt, die mit unlösbaren Staatsproblemem konfrontiert ist, wenn von ihr eine differenzierte Beurteilung des Sozialismus gefordert wird. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Tito ist beim alten Milovan Djilas sichtbar (ähnlich wie bei Slavko Milosavleski und Todor Kuljic). Natürlich muß gefragt werden, ob die Voraussetzungen für eine sachliche Beurteilung der Vergangenheit heute günstig sind. Der permanente Kriegs- und Gefährdungszustand schafft verschiedene leidenschaftliche Verzerrungen. Außerdem gibt es heute in den jugoslawischen Sozialwissenschaften keine notwendige Konkurrenz der Perspektiven: z.B. für eine Betrachtung des Sozialismus aus einer sympathisierenden Binnenperspektive und einer, die den Sozialismus als Fremdes analysiert. Was der heutigen Aufarbeitung fehlt, ist der Blick auf den Sozialismus aus der Perspektive eines anderen Epochen- und Geschichtsbewußtseins, d. h. einer Perspektive, als die Linke im Weltmaßstab mehr bedeutete als heute. Deshalb gibt es keine bedeutende hermeneutische alltagsgeschichtliche Strömung. Höpkens Analyse der jugoslawischen Vergangenheitspolitik (Höpken 1999) ist interessant und relevant, aber sie stellt nur eine ideologiekritische Perspektive vor. Der Sozialismus ist bei Höpken tief im Politischen verankert. Demgegenüber sieht das Bild des jugoslawischen Sozialismus anders aus, wenn man die Alltagsperspektive einschließt und ihn aus der Perspektive einer kontextuellen Einbettung in das Klima des »Kalten Krieges« betrachtet, als die Linke einen stärkeren Anteil am Zeitgeist hatte als heute. Ohne Konzentration auf Kontexte und die Möglichkeiten des Augenblicks ist aber eine differenzierte Beurteilung unmöglich. Der Sozialismus ermöglichte auf dem Balkan fast fünfzig Jahre unvorstellbaren Friedens, was einem anderen System kaum gelungen wäre, die sozialistische Selbstverwaltung war auf unteren Ebenen eine reale unmittelbare Demokratie, es herrschte eine relativ stabile soziale Sicherheit und ein Egalitarismus ohne scharfe soziale und nationale Konflikte. Das Ansehen Titos und Jugoslawiens war unverhältnismäßig groß in einer Epoche, in der der Sozialismus einen wichtigen Teil des Epochenbewußtseins bildete. Außerdem waren der jugoslawische Antifaschismus und Antistalinismus nicht bloße ideologisch-manipulative Formeln, sondern reale Tatsachen, die ein spezifisches und exklusives Staatsbewußtsein schufen. Deshalb sollte man den jugoslawischen Sozialismus auf der makroanalytischen Ebene auch auf der Grundlage modernisierungstheoretischer Überlegungen zu erklären versuchen, als autoritäre Form der Modernisierung auf dem explosiven Balkan. Es ist nicht verwunderlich, daß heute der ethnokratische Liberalismus einerseits und antinationalistische Totalitarismustheorien (die Sozialismus und Nationalismus als verwandte oder gleiche Kolektivismusarten betrachten) anderseits differenzierte Erinnerungen an den Sozialismus verdrängen. Überall in Osteuropa betrachtet der Antitotalitarismus alle Gerechtigkeitsfragen als durch den Rechtsstaat auf universalistische Weise lösbar und ignoriert dabei die Rolle des Sozialstaats. Es ist zu einer Umformulierung der Kapitalismuskritik in eine Totalitarismuskritik gekommen, die gleichermaßen Faschismus wie Sozialismus treffen könnte. Die verfolgte Nation trat an die Stelle des Proletariats als Paradigma des leidenden Menschentums. Seit dem Ende des »real existierenden Sozialismus«, der den universellen Triumph des Kapitalismus mit sich brachte, tendieren ehemals kritische Intellektuelle dazu, das Jasagen zu üben, es triumphiert der »real existierende Opportunismus«. Das Ende des Staatssozialismus hat keineswegs nur in Osteuropa weitreichende moralische Zusammenbrüche ausgelöst. Es hat insgeheim auch die westliche Kultur entscheidend verändert, weil dieses Ende den Glauben, daß das Bestehende grundlegend verändert werden kann, entscheidend geschwächt hat. Wo aber der Glaube an etwas fehlt, daß das Bestehende auf etwas anderes hin transzendieren kann, ist wahrscheinlich keine wirkliche Moralität mehr möglich, es bleibt nur das Mitmachen übrig (Vinnai 1999). Die Totalitarismustheorie bildet die verspätete Hintergrundideologie und eine bequeme Wissenschaftskultur der jugoslawischen Intellektuellen in der Transformationsperiode. Sie wird zwar auf verschiedene Weise akzentuiert: Bei einigen steht der totalitäre Marxismus im Vordergrund, bei anderen der totalitäre Nationalismus, bei dritten der totalitäre jugoslawische Vielvölkerstaat. Es handelt sich aber keineswegs um die systematische Anwendung totalitarismustheoretischer Ansätze zum Vergleich verschiedener Systeme. Es handelt sich um einen stigmatisierenden Antitotalitarismus. Doch überall dort, wo antitotalitäre Rhetorik herrscht, gibt es keine Nuancen. In dem identifizierenden und stigmatisierenden antitotalitären Klima können gar nicht konstruktive Ansätze der Totalitarismustheorie genutzt werden. Nicht ein differenzierter, sondern ein pauschaler Antitotalitarismus bildet den Identitätskern der verschiedenen ideenpolitischen Strömungen des neuen »intellektuellen Lagers«, das auch die wissenschaftliche Aufarbeitung des jugoslawischen Sozialismus determiniert. Der Antitotalitarismus schuf einen neuen Rahmen für den Umgang mit der Vergangenheit: Er unterminierte die Sozialgeschichte und favorisierte die Politikgeschichte, die leicht in Verschwörungstheorien übergehen kann (V. Krestic, D. Cosic). Er beseitigte alte und oktroyierte neue Opfer (Nation statt Arbeitsklasse) und Täter (Kommu­nismus statt Kapitalismus), belebte den Konservatismus verschiedener Prägung, rehabilitierte den Faschismus und seine Kollaborateure (D. Subotic, V. Kostunica), erneuerte den Monarchismus und romantische dynastische Geschichtsschreibung (R. Ljusic, B. Gligorijevic) usw. Unter den Intellektuellen sind in zwei unterschiedlichen Wellen mehr oder weniger konstruierte Opfer entstanden, die neue Einseitigkeiten schaffen und leicht zu rezipieren sind: Die erste Welle bildeten Titos Opfer nach 1990 und die zweite die Opfer von Milošević seit 2000. Der Wiedergewinn von tabuisierter Geschichte, mit neuem Opferbewußtsein begründet, endet oft im Extrem. Bei der heutigen nationalkonservativen Umdeutung der Vergangenheit liegt eine große Verschiebung beim Umgang mit dem Faschismus. Die notwendige Voraussetzung für die heutige nationalistische Aufarbeitung des Sozialismus bildet die Blockierung der Aufarbeitung der eigenen faschistischen Vergangenheit. Seit 1990 ist der Antifaschismus in die geschichtspolitische Defensive geraten. Die »vergessenen Opfer« sind nicht nur eine Folge historischer Unkenntnis, sondern die Entdeckung einer bewußten neuen Vergangenheitspolitik. Die jugoslawische Historiographie beweist noch einmal den Satz von Walter Benjamin, daß jede herrschende Geschichte eine «Geschichte der Sieger« ist, die nur ihre eigenen Opfer thematisiert. Die postso­zialistische Historiographie hat neue Sensibilität für die Mythen der nationalen Vergangenheit entwickelt. Der Sozialismus wurde auch wegen des Vergessens der Nation beklagt. Es ist normal, daß eine ethnisch, kulturell und sozial gespaltene Gesellschaft in der Transformationsperiode auch in der Geschichte nach Bindekräften sucht. Der Antifaschismus war ein wichtiges Kohärenzelement in Titos Jugoslawien, aber auch ein kommunistisches ideologisches Herrschaftsmittel. Der Antifaschismus, die Erinnerung an Partisanenkampf und Titos Personenkult dienten nicht nur zur systempolitischen Loyalitätssicherung, sondern auch zur Festigung der Staatseinheit. Nach 1990 wurde die Geschichte Jugoslawiens und des Zweiten Weltkriegs in den neuen Balkanstaaten in unterschiedlichem Umfang revidiert. Jugoslawien wurde schnell aus einer natürlichen in einer unnatürliche Gemeinschaft verwandelt. Der Antifaschismus ist schnell nationalistisch geworden. Die Helden sind nicht mehr die Partisanen, sondern »nationale Patrioten«, auch Kollaborateure. Das Erinnerungssystem schafft mit Hilfe der neuen Historiographie neue historische Identität und eine neue Organisation des Hasses. Die Erosion der alten Vergangenheitspolitik geht noch immer im Zeichen des »Emanzipationsnationalismus« vor sich. Heute werden mit Recht die »weißen Flecken« der kommunistischen Historiographie kritisiert. Aber bei der Aufarbeitung des Sozialismus sind heute gleich »gelbe Flecken« entstanden, die mit Blindheit gegenüber Tatsachen verbunden sind. Der »gelbe Fleck« verbindet die Schärfe des Sehens mit der Blindheit gegenüber gewissen Tatsachen (K. Wojciechowski, K. Mannheim). Bei der heutigen Vergangenheitsverzerrung sind z. B. die evidenten Modernisierungsinhalte des jugoslawischen Sozialismus aus dem Blickfeld verschwunden und üben keinerlei Einfluß auf die Wahrnehmung der Vergangenheit aus, die von der nationalen und antitotalitären Mentalität geprägt ist (Obradovic, Perisic). Es ist eine Erinnerungskultur entstanden, in der Sozialismuskritik salonfähig ist. Die Beseitigung von »weißen Flecken« ist durch neue Untersuchungen möglich, aber die Beseitigung der »gelben Flecken« ist schwieriger, weil sie sich gegen den Zeitgeist richtet. Für die »weißen Flecken« ist die kommunistische Historiographie verantwortlich, für die »gelben« aber der heutige nationalistische und antitotalitäre Konformismus. Das kommunistische dichotome Schema von Revolution und Konterrevolu­tion ist aufgehoben und von neuen Schemata verdrängt: Patrioten – Verräter, Mondialisten – demokratische Nationalisten, Totalitarismus – Demokratie, Kommunisten gegen alle anderen. Neue historische Kontinuitäten und Linien sind nicht mehr sozial, sondern national konstruiert und mit verschiedenen Verschwörungstheorien verbunden. Die kommunistische Partei wurde aus einer Befreiungsrolle in eine totalitäre Kraft überführt, das um Titos Kult zentrierte Vergangenheitsbild ist dämonisiert, die Opfer des Kommunismus (Nationalisten und Kollaborateure) sind heute die wahren Patrioten. Diese Umkehrung hat auch einen tieferen Sinn. Die frühere Erinnerung an Partisanenkampf vermittelte gewünschte Werte wie Internationalismus und »Brüderlichkeit und Einheit«, so daß das kommunistische Parteimonopol eine zwar autoritäre, aber eine spezifische Art des Kosmopolitismus auf dem Balkan geschaffen hatte. Der Sozialismus war gewissermaßen im 20. Jahrhundert eine Globalisierungskraft auf dem explosiven Balkan. Heute dagegen sind Versuche aktuell, nach Furets Modell Titos Sozialismus zu denunzieren, d. h. durch die Verneinung des kommunistischen Antifaschismus, der angeblich verbrecherisch und totalitär war. Die Diskreditierung des kommunistischen antinationalistischen jugoslawischen Antifaschismus steht im Zentrum revisionistischer Geschichtspolitik. Die Verdrängung des jugoslawischen Antifaschismus schafft heute den Raum für nationale Exklusivität und für Sezessionismus. Zwar ist eine Form des konventionellen Antifaschismus geblieben (die überall in Europa unstrittig ist), verschwunden ist aber die tiefere »überbalkanische« nationalismusfeindliche Antifaschismuskomponente. Etwas ähnliches geschah mit Tito. Die Kroaten negieren seine nationale und kommunistische Politik, versuchen aber seine große Weltreputation zu nutzen. In Zagreb trägt eine Straße noch immer Titos Namen, in Belgrad keine. Die Stilisierung des Tito-Kults stützte sich früher auf die bolschewistische, aber auch auf die balkanische Tradition des supraethnischen Übervaters (Helden- und Befreiungstopoi). Nach 1990 wurde Tito als totalitärer Bolschewist und als gefährlicher Internationalist schnell dämonisiert. Beide Tendenzen kann man in der Historiographie beobachten, d.h. die bloße Dämonisierung ohne distanzierte und differenzierte Beurteilung. Nach 1990 wurde Titos Antifaschismus und Antistalinismus in großem Tempo desavouiert. Im Unterschied zu Ungarn, wo der antisowjetische Aufstand von 1956 zu einer neuen Legitimationsbasis geworden ist, hat in Jugoslawien der Antistalinismus von 1948 jede Bedeutung verloren. Titos Antistalinismus hatte keine nationalen Töne und kann heute nicht instrumentalisiert werden. Der Nationalismus brauchte hier neue Erinnerungspunkte. Nur in Serbien war der Antifaschismus bis zum Jahr 2000 offiziell noch immer ein wichtiger Erinnerungspunkt. Der linksorientierte Antifaschismus und der Antistalinismus wurden in anderen neuen Balkanstaaten schnell vergessen. Die akademische Historiographie dient auch zur Schaffung neuer offizieller Erinnerungsbilder und zur Stärkung der politischen Loyalität. Solange sich die Misere der jugoslawischen Arbeitsgesellschaft noch als die Misere eines überlebten sozialistischen Modells behandeln ließ, hatten die Liebhaber von Demokratie und Marktwirtschaft keinerlei Problem damit, einen Zusammenhang zwischen der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Titos Jugoslawien und dem Aufkeimen des Nationalismus herzustellen (Lohoff 1996). Tito und Milošević werden dabei unkritisch identifiziert, und der ganze Zeitraum von 1945 bis 2000 wird heute fälschlicherweise als kommunistisch bezeichnet. Das antitotalitäre Denken sieht keine Unterschiede zwischen Tito und Milošević. Es soll aber nicht vergessen werden, daß die Innen- und Außenpolitik bei Tito und Milošević im Grunde verschieden waren. Milošević führte politischen Pluralismus ein, obwohl er persönlich sehr autoritär war. Tito dagegen verteidigte immer das Einparteiensystem, aber persönlich war er relativ kollegial. Titos Kult war offiziell sanktioniert, Milošević’ nicht. Der erste war in seiner Zeit supranationaler Führer und ein weltberühmter Staatsmann, der gar eine Art von Weltpolitik trieb, der andere ein provinzieller nationaler Führer und Hasardpolitiker, der nur wegen seines irrationellen Trotzes gegen die Welt bekannt geworden ist. Also ist die Gleichung zwischen der supranationalen und der nationalistischen Linken falsch (Kuljic 1998). Die heutige offizielle serbische Identifizierung Titos mit Milošević ist funktional, weil die neueste selektive Erinnerung und das in nationalstabilisierender Absicht kalkulierende Vergessen eine neue »Null-Stunde« (2000) zu oktroyieren versucht.   Die Rolle der Historiographie In Jugoslawien wurde keine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur eingerichtet, der bis 2000 ausgebliebene Elitenwechsel wurde zwar häufig kritisiert, aber auch danach wurde keine serbische »Gauck-Behörde« ins Leben gerufen. An den Universitäten beschäftigen sich weiterhin dieselben Professoren mit der Zeitgeschichte, die schon vor 1990, damals unter Kontrolle des Bundes der Kommunisten, Forschung betrieben haben. Sie haben nur den Inhalt ihrer Erzählungen verändert, an die Stelle der Arbeiterselbstverwaltung ist das nationale Interesse getreten. Was offenbar eine jugoslawische Besonderheit in der Aufarbeitung des Sozialismus ausmacht, ist, daß der belebte Nationalismus äußerst rasch die radikale Konversion von links nach rechts normalisierte. Die absolute Priorität der nationalen Interessen klärt den vergangenheitspolitischen Revisionismus der heutigen serbischen Historiographie. In dem Maße nämlich, wie der revanchistische Nationalismus in der Kontinuität der Geschichte verortet wurde, blieb der Sozialismus für das serbische Selbstverständnis nur ein bloßer Totalitarismus. Die weitgehende Tilgung der Erinnerung an die relativ stabile soziale und nationale Sicherheit (als alle Serben in einem Staat lebten) wird unter dem Vorzeichen des Antitotalitarismus in gewisser Weise zur offiziellen Geschichtspolitik. Insgesamt gesehen hatte die jugoslawische Historiographie, früher wie heute, mehr affektive als kognitive Wirkung bei der Beschäftigung mit der komplizierten und ambivalenten Aufgabe, Staatsintegration und Sezessionismus, Krieg und Frieden zu rechtfertigen. Sie hatte immer eine identitätsstiftende Wirkung, früher eine stabilisierende (antifaschistischer Jugoslawismus), heute eine explosive (antitotalitärer Nationalismus). Wegen der Integrationsleistung und der Wirkung auf die Stiftung der nationalen Identität sind die Erinnerungen an frühere Kriege leicht zu Elementen der politischen Mobilisierung geworden, natürlich auf Kosten einer differenzierten wissenschaftlichen Analyse. Das Erinnerungsdiktat war früher wie heute stark, verschieden sind nur die Folgen. Einen Rückblick auf die Rolle der Historiographie im jugoslawischen Sozialismus präsentierten die Belgrader Historiker Stankovic und Dimic 1996. Im Sozialismus handelte es sich um verordnete supranationale Erinnerung (mit »kommunikativem Beschweigen« der früheren ethnischen Kriege), im Postsozialismus um eine explosive Kombinierung manipulativ gelenkter und spontaner nationalistischer Befreiungserinnerungen. Im Sozialismus wurde die Zeitgeschichtsschreibung von Parteikadern kontrolliert, heute existiert zwar keine Parteikontrolle, aber die Einseitigkeiten sind nicht weniger geworden. Auf eine andere Weise ist heute der überparteiliche Nationalismus als neuer Konformismus verbindlich geworden. Obwohl heute der Raum für pluralistische Deutungsmuster offen ist, hat die jugoslawische Historiographie diese Chance größtenteils noch nicht genutzt, weil andere Politisierungsarten stark sind. Der aktuelle ethnische antilinke Konformismus gibt den Grundton der serbischen Historiographie an. Besonders auffallend ist die Klerikalisierung des ethnischen Diskurses und die Kirchenmärtyrologie. Das neue Geschichtsbild ist wie früher noch immer auf dualistische, oft manichäische Weise konstruiert, aber heute mit neuen Helden, Opfern und Tätern. Im Unterschied zu der früheren kommunistischen Historiographie (in der der Kampf gegen den Nationalismus der eigenen Nation im Vordergrund stand), kann man heute bei der kroatischen und serbischen Historiographie fast keine kritische Stellung gegenüber der Rolle der eigener Nation oder der Kollektivschuldthese treffen. Statt dessen herrscht noch immer vorwiegend der blinde Patriotismus, der immer das eigene Volk zum Opfer macht. Mit der oben beschriebenen selektiven Geschichtsaufarbeitung kann man keinen rationalen Umgang mit der Vergangenheit haben. Es bleibt nur die Legende über die nationale Größe und über die helle und stolze Nationalgeschichte. Bei uns gibt es noch keinen »Historikerstreit«. Statt dessen ist noch immer die restaurative Normalisierung des Nationalstaats mit Hilfe der Hervorhebung der Verbrechen der anderen und der Unschuld der eigenen Opfer aktuell. Dies erinnert an die Erinnerungskultur des 19. Jahrhunderts. Eine Historiographie, die auf dem organisierten Vergessen beruht, kann nicht zur Vergangenheitsbewältigung gelangen, d. h. zur Erklärung von Ursachen irrationaler Konflikte und Ausrottungsmaßnahmen. Diese Tendenz verstärkt der Umstand, daß die Vergangenheitsbewältigung in Jugoslawien einen sichtbar provinziellen Ton hat. Nur wenige Intellektuelle, die den Sozialismus untersuchen, beherrschen Fremdsprachen. So handelt es sich meistens um ein neues Lesen schon bekannter archivalischer Materialien, jetzt mit »neuen Brillen«. Früher waren die lichten Seiten des Sozialismus interessant, heute die dunklen. Nur eine Minderheit aus der alten und mittleren Historikergenerationen folgt den alten Untersuchungsprioritäten (Antifaschismus und Partisanenkampf). Ein Teil der Historiker versucht die monarchistische Tschetnik-Bewegung zu rehabilitieren. Die Diskreditierung des kommunistischen Antifaschismus steht im Zentrum revisionistischer Geschichtspolitik. So entstand die revisionistische These, daß D. Mihajlovic und nicht Tito der erste Antifaschist auf Balkan war (K. Nikolic) oder daß M. Nedic und D. Ljotic keine Kollaborateure, sondern Patrioten waren (D. Medakovic, D. Subotic). Dieser Revisionismus hat mehr politische als wissenschaftliche Resonanz. Tabuzonen und »weiße Flecken« der kommunistischen Historiographie stehen im Mittelpunkt. Ein neues Untersuchungsfeld bilden Titos Verbrechen (K. Nikolic, V. Gudac, Z. Janjetovic), Terror (Goli otok–Literatur) und vor allem die kommunistische Nationalitätenpolitik, die angeblich katastrophal war (V. Djuretic, V. Krestic). Aus den Opfern von gestern (Kommunisten) sind nun nationale Verräter oder sowjetische Agenten geworden. Der Partisanenkampf wurde im nationalistischen Sinne umgedeutet. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wurde deutlich »entjugoslawisiert« und nationalisiert. In den Schulbüchern fand eine Säuberung von Internationalismus statt, dessen Motto »Brüderlichkeit und Einheit« lautete. Es erscheint verständlich, daß die neohermeneutischen Positionen heuristisch die Aufmerksamkeit der historischen Forschung auf eine bisher »vergessene Geschichte« lenken. In der jugoslawischen Historiographie sind auf der Ebene der soziokulturellen Evolution nicht Verdrängte, Fremde und Marginalisierte Gegenstand der »vergessenen Geschichte« wie im Bereich der eigenen Lebensgeschichte, sondern vor allem ehemalige kommunistische Gegner. Damit erhält auch die »vergessene Geschichte« eine aktive politische Rolle. In Serbien wird Titos Politik größtenteils als antiserbisch betrachtet (V. Djuretic, B. Petranovic), neutrale Urteile über Tito sind in der Minderheit (D. Petrovic, S. Cvetkovic, M. Vasic, V. Glisic). Das ehemalige Institut für neuere serbische Geschichte mit Latinka Perovic an der Spitze, dessen Gebäude während des NATO-Angriffs zerstört wurde, bildete eine Ausnahme im globalen nationalistischen Kurs der Historiographie. Auch einige Forschungen von Titos Außenpolitik sind neutral (D. Bogetic, L. Dimic, D. Tripkovic, D. Borozan). Heute sind aber nicht Titos Erfolge (in der Wirtschaft, Diplomatie und im Inland bei der Sicherung des nationalen Friedens), sondern Titos Opfer aktuell. Die serbische Historiographie hatte eine auffallende Wendung von Titos Glorifizierung zur Dämonisierung Titos gemacht. Diese Wendung ist unter Historikern salonfähig geworden. So wie es richtig ist, den Antifaschismus zu den zentralen Elementen der kommunistischen Geschichtspolitik zu zählen, so falsch wäre es, die kommunistische Politik als antiserbisch zu betrachten (wie es z.B. pauschal die historische Abteilung in der serbischen Akademie der Wissenschaft tut). Es überwiegt noch immer eine selektive narrative Geschichtsschreibung ohne eine entwickelte Struktur- oder Alltagsgeschichte. Die Analysen gehen nur selten über eine Ereignischronologie hinaus. Eine etwas andere Stellung nimmt die junge Historikergeneration ein, die nicht durch den Kommunismus belastet ist. Bei einigen jungen Historikern machten sich in den letzten Jahren alltagsgeschichtlich und kulturanthropologisch orientierte Forschungsansätze bemerkbar (M. Ristovic, P. Markovic, L. Dimic, M. Mitrovic), aber sie sind theoretisch und methodisch noch nicht entwickelt (siehe die Zeitschrift »Godisnjak za socijalnu istoriju«). Die Wirtschaftsgeschichte (S. Djurovic), Sozialgeschichte (M. Isic, Z. Jovanovic) und Kirchengeschichte im Sozialismus (R. Radic, N. Zutic, D. Zivojinovic) stecken auch noch in Ansätzen. Die Frage nach der methodischen Vermittlung von narrativer, struktureller und kultureller Dimension der Kommunismusforschung ist noch gar nicht gestellt. Dies gilt noch mehr für die Frage nach den serbischen nationalistischen Vorurteilen und Hemmnissen in der Geschichtsschreibung. Die oben erwähnten leidenschaftlichen »außertheoretischen« Faktoren der historischen Forschung hemmen die historische Wahrheitssuche. Gegenüber den verschiedenen Formen des Reduktionismus ist die Gesellschaftsgeschichte des jugoslawischen Sozialismus besser zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären mit einer Kombination aus der Begrifflichkeit und den Interpretationsmethoden der Modernisierungs­theorie, der Hermeneutik und einiger Ansätze der Totalitarismustheorien. Jede einseitige Interpretation wäre Reduktionismus. Der jugoslawische Sozialismus war keine homogene und statische Ganzheit, sondern eine Abfolge und Überlagerung verschiedenen Phasen, die analytisch rekonstruiert werden müssen. In allen Phasen gilt nicht die gleiche Priorität der Interpretationsmethoden. Für die erste Phase 1945 bis 1952 erscheint die politische Überdetermination wichtig, für die zweite 1952 bis 1980 Marktwerte, Konsumgesellschaft und Kulturpluralismus, in der dritten Phase 1980 bis 1990 ist der latente politische Pluralismus mit mehr oder weniger offenen Konflikten zwischen Republiken und Nationen auffallend. Der Alltag des Sozialismus, das Leben der kleinen Leute (Arbeit, Freizeit, Wohnung, Reisen) kann man nicht mit Totalitarismustheorien beschreiben und erklären. Zwar ist die Geschichte von unten (Mikrohistorie) auch von der Politik abhängig, aber sie besitzt auch einen eigenen relativ unabhängigen Rhythmus, der keineswegs mit der Makrogeschichte identisch ist. Es ist fraglich, ob der in seinem Epochenbewußtsein verwurzelte junge Historiker überhaupt die sozialistische Alltäglichkeit hermeneutisch verstehen kann wie jener, der sie mitgelebt hatte. Außerdem ist es in der Krise psychologisch viel leichter, die Identifikation mit den Opfern des Sozialismus vorzubereiten als ein differenziertes und vielschichtiges Sozialismusbild vorzustellen, denn keine Krise duldet Nuancen oder neutrale Einstellung. Im Unterschied z.B. zu Ungarn, wo auf die weiche Diktatur und den sanften Übergang eine milde Vergangenheitsbewältigung folgte, folgte in Jugoslawien auf die noch weichere Tito-Diktatur ein heftiger Bürgerkrieg und eine kämpferische Vergangenheitsbewältigung. Ein besserer Beweis dafür, daß die Vergangenheitsbewältigung mehr von der postsozialistischen Gelegenheit als von der sozialistischen Erfahrung abhängt, ist kaum zu finden. Anderseits: Im Unterschied zu den Russen, die sich insgesamt eher als Opfer der heutigen Zeit, der Politik des Westens oder von Verschwörungen der Eliten empfinden, ist in Jugoslawien die Erinnerung an den Sozialismus mit dem tragischen Vielvölkerstaat verbunden. Während in Rußland gegenüber der Vergangenheit Schweigen herrscht, oft mit einem Gefühl des Stolzes verbunden, herrscht bei den Serben, die sich heute als Verlierer fühlen, Zorn gegen andere sezessionistische Republiken. Im nationalistischen Diskurs ist das Freund-Feind-Schema noch ausgeprägter. Das verzerrte Sozialismusbild hat eine wichtige Funktion: Es hemmt eine innergesellschaftliche Auseinandersetzung um die Schuld am Bürgerkrieg in Jugosla­wien der neunziger Jahre. Die Mechanismen der Verdrängung des serbischen Faschismus und der Kollaboration 1941–45 sind eng mit Mechanismen der Tilgung der Schuld der eigenen Nation im Bürgerkrieg 1991–95 verbunden. In diesem Kontext wurde der Sozialismus als der Hauptschuldige entdeckt. Zur Zerstörung von Erinnerungen (J. Perels) treten jene Abwehrmechanismen, die die sozialistischen Errungenschaften verkleinern. Dazu kommt die Verharmlosung der Verbrechen von nationalkonservativen (Tschetniks) und faschistischen (»Zbor«) Bewegungen in Serbien (Nikolic). Die weitgehende Tilgung der Erinnerung an die faschistische Kollaboration und den serbischen Faschismus ist unter dem Vorzeichen eines neuen Patriotismus salonfähig geworden. In diesem Sinne wurde der Hitler-Verbündete M. Nedic als kommunistisches Opfer amnestiert. Die früher unumstrittene Tatsache, daß der jugoslawische Sozialismus etwas anderes war als der Lagersozialismus, ignorieren die neuen Totalitarismustheorien. Noch weniger aktuell ist die Tatsache, daß Titos Jugoslawien, solange es existierte, nie den allgemeinen Modernisierungspfad verlassen hatte und in diesem Teil des Balkanraums das erste moderne Staatsgebilde gewesen ist (Hobsbawn, Lohoff, Kuljic). Die nachholende Modernisierung war zwar autoritär und blockiert, aber sie verlief ohne nationale Konflikte. Die einseitigen Forschungsrichtungen ignorieren diese Modernisierungsergebnisse, überschätzen ungerechtfertigt die Kraft der Politik und unterschätzen die spezifische Unabhängigkeit der Gesellschaftsdynamik. Solche Interpretationsmuster mögen zwar Elemente der Wahrheit enthalten, sie werden aber der besonderen historischen und sozialen Konstellation des jugoslawischen Sozialismus keineswegs gerecht. Die Entwick­lungsdynamik des jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus verstehen, be­deutet die Abkehr vom Monopol einer Forschungsrichtung und die Kombination komplexerer interdisziplinärer Interpretationskonzepte. Aber dafür bilden stabile und krisenlose außertheoretische Bedingungen die notwendige Voraussetzung. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Vergangenheit in Jugoslawien ist noch nicht abgeschlossen. Heute können wir nur über eine Zwischenbilanz reden. Die Interessenlagen selbst tangieren das Gedenken an den Sozialismus. Eine andere Gedächtniskultur und Opferidentifikation kann auch ein anderes Verständnis des Sozialismus erlauben und eine andere Haltung zur Vergangenheit hervorbringen. Noch immer gibt es keine angemessene Distanz zu politischen Bezügen. Von Interessenlagen künftiger Generationen als einzigartigen Erfahrungs- und Erinnerungsgemeinschaften (P. Nora, H. Bude) hängt eine kollektive Geschichtsrekonstruktion ab. Mit dem Generationswechsel ändern die Opfer, die Schuldfrage und somit auch die Erinnerung ihren Status. Wegen fortschreitender Globalisierung muß die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung des multinationalen und multikulturellen Sozialismus schon jetzt auch die veränderte Mentalität der E-mail-Generation in Betracht ziehen. Ob die Beruhigung der nationalen Gegensätze (vor allem zwischen Serben und Kroaten) zu einem Zugewinn an Rationalität im Umgang mit dem Vielvölkerstaatssozialismus führt, bleibt abzuwarten. 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JHK 2002

Deutsche Facharbeiter und Emigranten in der Sowjetunion der dreißiger Jahre

Carola Tischler

Dehl, Oleg/Barck, Simone/Mussienko, Natalia/Plener, Ulla (Hg.): Verratene Ideale. Zur Geschichte deutscher Emigranten in der Sowjetunion in den 30er Jahren. Berlin 2000. Kaiser, Gerhard: Rußlandfahrer. Aus dem Wald in die Welt. Facharbeiter aus dem Thüringer Wald in der UdSSR 1930-1965. Tessin 2000. Mensing, Wilhelm (in Zusammenarbeit mit Peter Erler): Von der Ruhr in den GULag. Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet. Essen 2001. Žuravlev, Sergej: »Malen’kie ljudi« i »bol’šaja istorija«. Inostrancy moskovskogo Elektrozavoda v sovetskom obščestve 1920-ch – 1930-ch gg. [»Kleine Leute« und »Große Politik«. Ausländer des Moskauer Elektrowerkes in der sowjetischen Gesellschaft der zwanziger und dreißiger Jahre]. Moskva 2000. Vor über zehn Jahren, im August 1991, versuchte ein Notstandskomitee, den amtierenden Generalsekretär der KPdSU Gorbacev abzusetzen, um den Zerfall der Sowjetunion aufzuhalten. Die drei baltischen Republiken sowie Georgien, Armenien und Moldawien hatten bereits ihre Unabhängigkeit proklamiert. Der Putsch scheiterte, aber gerade aufgrund dieses Versuchs zerbröckelte die Einheit des Landes und die Herrschaft der KPdSU noch rasanter. Schon im Herbst des gleichen Jahres erhielten Forscher, die nicht Mitglied der KPdSU oder einer befreundeten Bruderpartei waren, Zutritt zu den Papieren eines der Moskauer Parteiarchive. In diesem Archiv, vormals Institut für Marxismus-Leninismus und inzwischen Russisches Staatliches Archiv für sozial-politische Geschichte genannt (russ. abgekürzt RGASPI), befindet sich auch der umfangreiche Dokumentennachlaß der Kommunistischen Internationale. Zahlreiche Kommunismusforscher aus aller Welt haben sich seitdem auf den Weg gemacht, um hauptsächlich dort den Entwicklungen der internationalen Arbeiterbewegung, den Strukturen der Apparate, aber auch und vor allem den Spuren der Beteiligten nachzugehen. Eine beachtliche Anzahl Bücher und Aufsätze förderten seitdem neue Details und neue Einschätzungen zutage. Die vier im folgenden vorzustellenden Neuerscheinungen sind thematisch eng verwandt. Alle handeln von dem Schicksal deutscher Facharbeiter oder politischer Emigranten in der Sowjetunion unter Stalin, ein Gebiet, das in der historischen Kommunismusforschung in Deutschland bis zu den erwähnten Ereignissen die meisten Leerstellen aufwies. Einiges wurde in Fortführung von Hermann Webers grundlegenden Forschungen dazu inzwischen veröffentlicht. Es wird daher auch zu fragen sein, inwieweit bisheriges Wissen durch diese Arbeiten ergänzt oder bereichert wird. Hinter dem aus drei Teilen bestehenden Buch »Verratene Ideale« verbirgt sich die Übersetzung einer russischen Dissertation über deutsche Emigranten in der Sowjetunion, eine Darstellung des vom NKWD konstruierten Falles einer »Hitlerjugend« sowie ein Abschnitt über die Deutsche Zentral-Zeitung. Im ersten Teil kommt Oleg Dehl, Chefredakteur der Moskauer zweisprachigen Zeitung »Neues Leben«, zu Wort, dessen Arbeit 1997 unter dem Titel »Von Illusionen zur Tragödie. Deutsche Emigranten in der UdSSR in den dreißiger Jahren« auf Russisch publiziert wurde. Auszüge auf Deutsch erschienen bereits 1996 in drei Nummern der genannten Moskauer Zeitung bzw. in »Utopie kreativ«.[1] Die vorliegende Übersetzung wurde um einige Passagen der 1995 verteidigten Dissertation sowie um einen erweiterten Literaturbericht zu Beginn ergänzt. Unter der Bezeichnung Emigranten summiert Dehl sowohl die deutschen Facharbeiter, die zu Beginn des ersten Fünfjahrplanes von der Sowjetunion angeworben wurden, als auch die politischen Flüchtlinge nach Hitlers Machtantritt. Daß die Facharbeiter als (Wirtschafts-)Emigranten mit den Hitlerflüchtlingen zusammen betrachtet werden, hat durchaus seine Berechtigung. Viele von ihnen, Mitglieder der KPD, fühlten sich nach 1933 als Exilanten und wurden von den deutschen Behörden auch so betrachtet. Zum anderen machte die sowjetische Seite in der Behandlung der Deutschen keinen Unterschied. Dehl beginnt seine Ausführungen mit der Anwerbung deutscher Spezialisten durch sowjetische Stellen wie des Obersten Volkswirtschaftsrates, aber auch durch Vertreter verschiedener Volkskommissariate sowie einzelner Betriebe in Deutschland. Bis 1932 hatten sich etwa 11 000 deutsche Arbeiter, mit Familienmitgliedern etwa 17 000, in der Sowjetunion eingefunden. Deutsche stellten damit das Übergewicht der schätzungsweise 20 000 angeworbenen Ausländer-Spezialisten. Von ihnen fuhren aber eine ganze Reihe nach einigen Wochen bzw. Monaten wieder nach Deutschland zurück. Als Grund dafür nennt Dehl vor allem Mängel bei der Anwerbung. Den Deutschen wurden zu viele Versprechungen gemacht, die die UdSSR nicht einhalten konnte. Gründe für die Reemigration waren Dehl zufolge unbefriedigende Lebensverhältnisse, niedriger Lohn, ungenügende Lebensmittelversorgung, Brachliegen von Erfahrung und Qualifikation sowie psychologische Probleme im Verhältnis zu russischen Arbeitern und Verwaltungsstellen (S. 62). Er weist zu Recht darauf hin, daß politische oder ideologische Faktoren zumindest bis 1934 keine oder nur eine untergeordnete Rolle für die Rückkehr spielten. Dagegen wird die Frage der Staatsbürgerschaft, d. h. der Druck seitens sowjetischer Behörden, Ausländer zur Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft zu bewegen oder sie des Landes zu verweisen, nur am Rande gestreift, obwohl dieser Faktor schon Anfang der dreißiger Jahre immer bestimmender wurde. In dem Kapitel über die Politemigranten stützt sich Dehl vor allem auf die Akten der Internationalen Roten Hilfe (IRH). Diese Nebenorganisation der Komintern war für die Legitimierung und Betreuung der Politemigranten zuständig. Deshalb bietet sich ein solcher Zugang an. Als alleinige Quelle reichen die Bestände der IRH jedoch nicht aus, zumal dort eingehende Briefe in der Hauptsache Beschwerdebriefe waren. So kommt er zu einem Bild der restriktiven Asylpolitik, der endlosen bürokratischen Schwierigkeiten, der Enttäuschung der Deutschen über die Lebensbedingungen in der UdSSR und vor allem der Verfolgung und (teilweisen) Ausrottung der politischen Emigration. Das ist zwar alles auch richtig, wirft aber im Endeffekt mehr Fragen auf als beantwortet werden. Zu viele andere Wege wurden von deutschen Emigranten bestritten, um Unter- und Auskommen in der Sowjetunion zu finden. Durch die Komprimierung der Geschehnisse auf rund dreißig Seiten kann eine Einordnung der Vorgänge in die Entwicklung der sowjetischen Geschichte nicht stattfinden, so daß ein mit dieser Geschichte nicht vertrauter Leser den Eindruck erlangen muß, der Stalinsche Terror richtete sich vor allem gegen die deutschen Kommunisten. Eine Fußnote (S. 89) führt dagegen an, daß im Jahr 1940 von acht Millionen Registrierkarten des GULag 4000 ausländischen Staatsangehörigen zugeordnet werden können, also etwa 0,05 Prozent. Unter den 4000 Ausländern waren Deutsche sicher in großer, aber nicht in überwiegender Zahl vertreten. Die Frage des Warum stellt sich mit einem solchen Blickwinkel in ganz anderer Art und Weise. Der der Studie neu angegliederte Quellenanhang weist zehn Dokumente auf, die den Terror thematisieren: offizielle Verfügungen, Auszüge aus NKWD-Akten, private Briefe und ein Bericht an die deutsche Parteiführung. Sie enthalten kaum neue Informationen, bieten aber in ihrer Anschaulichkeit einen erschreckenden Einblick in die Welt des Terrors. Der dritte Teil des Sammelbandes ist der Deutschen Zentral-Zeitung, einem wichtigen Publikationsorgan für Sowjetdeutsche und in den dreißiger Jahren zunehmend für deutsche Facharbeiter und Politemigranten, gewidmet. Auch hier ist der von Oleg Dehl erarbeitete Teil im wesentlichen eine Wiederholung der bereits an anderer Stelle publizierten Artikel »Zur Geschichte der DZZ, ihrer Chefredakteure und ihrer Mitarbeiter«.[2] Es handelt sich dabei um einen Überblick über die Entwicklung der Zeitung von ihren Anfängen 1926 bis zur Einstellung der Arbeit im Juli 1939, kurz vor Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes. Die neun Chefredakteure, die die Zeitung verantworteten, werden in biographischen Portraits vorgestellt, soweit Informationen über sie zu eruieren waren. Und schließlich listet Dehl 42 Mitarbeiter der Zeitung auf, die in den dreißiger Jahren Opfer der Stalinschen Repressionen wurden. Dies setzt das Bemühen fort, das am Beginn der Forschung in diesem Bereich stand: die Opfer aus ihrer Anonymität herauszuholen, ihrer zu erinnern und ihnen ein wenn auch noch so kurzes biographisches Gesicht zu geben. Die von Simone Barck mit einer informativen Einleitung versehene Bibliographie der literarisch-publizistischen Beiträge deutschsprachiger Autoren in der Deutschen Zentral-Zeitung (1933–1939) ist im Unterschied zu den übrigen Teilen des Buches in der Tat ein originärer Beitrag. Die Zusammenstellung, 1963 in Moskau entstanden, ist ein taugliches und bisher sehr schwer zugängliches[3] Hilfsmittel, das nun dank dieser Publikation leicht genutzt werden kann. Geordnet nach Autoren werden literaturrelevante Zeitungsartikel mit Datum und Nummernangabe der Zeitung aufgelistet. Ergänzt wird die Aufstellung durch bibliographische Hinweise auf die Betätigung der deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung revolutionärer Schriftsteller (IVRS), die Arbeit der sowjetdeutschen Schriftsteller sowie allgemeine antifaschistische Schriftstellertätigkeit und Fragen der deutschen Kultur in der So­wjetunion. Auch wenn die Bibliographie keineswegs vollständig ist – in ihr spiegeln sich, worauf Barck hinweist, sowohl die Repressionen der 30er Jahre als auch die Entstalinisierungsbemühungen und deren Stillstand zu Beginn der 60er Jahre –, so verschafft sie doch einen guten Überblick über die Arbeit des antifaschistischen Schriftstellerexils in der Sowjetunion. Der mittlere Teil des Buches handelt von Hintergründen und Folgen einer NKWD-Fälschung aus dem Jahr 1938, die unter dem Namen Hitlerjugend in die Literatur eingegangen ist. In diese Verhaftungsaktion waren über 70 Personen – Söhne von Emigranten, ausländischen Facharbeitern bzw. Ingenieuren und Rußlanddeutschen – involviert. Über die Hälfte der Beschuldigten wurde erschossen, die meisten der übrigen zu langjähriger Lagerhaft verurteilt. Mittlerweile hat sich dieser Fall zu einem Paradebeispiel in der Forschung über den Terror an den Deutschen entwickelt. Er zeigt auf, wie aufgrund von ZK-Direktiven Beschuldigungen konstruiert, wie Geständnisse herausgeprügelt und wie durch Verhöre die geforderten Planziffern an Verhafteten erreicht wurden. Erstmals in der Moskauer Zeitung »Neues Leben« 1994 veröffentlicht, im »Neuen Deutschland« 1995 aufgegriffen, in den »Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung« 1996 wiederholt, im »Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands« 1999 verarbeitet, vom gleichen Autor in einer Buchpublikation und in einem weiteren Aufsatz verwendet[4], schließlich in mehreren Büchern angesprochen, wirft die Aufnahme in den Sammelband doch die Frage auf, ob dies ein Beleg dafür ist, daß nach diesem gut dokumentierten Fall keine weiteren Akten aus den NKWD-Beständen mehr zur Verfügung gestellt werden. Die vorliegende Publikation präsentiert dazu neue Dokumente (vor allem Hilfebriefe von Angehörigen Verhafteter und Unterstützungsschreiben von Pieck an sowjetische Stellen), einige korrigierte Daten und etwas neue Formulierungen, aber eigentlich keine neuen Erkenntnisse. Dem Anliegen der Publikation, das Ulla Plener in ihrem Nachwort formuliert, nämlich »das einzelne Menschenschicksal im Räderwerk der real ablaufenden Geschichte dieser Bewegung [gemeint ist der Parteikommunismus] ins Blickfeld zu rücken« (S. 365), wird das Buch ohne Einschränkung gerecht. Als Zusammenschau verstreuter Einzelveröffentlichungen ist es für Leser, die sich neu mit dem Thema befassen, ein erleichternder Einstieg. Die im Nachwort angebotenen Erklärungen für die Vorgänge sind, was die Entwicklung des Kommunismus betrifft, klar und überzeugend dargelegt. Ohne Zweifel ist die »Persönlichkeitsnegation im Parteikommunismus«, die Betrachtung des Menschen als Kader und die Unterordnung des Einzelnen unter die Kaderpolitik (wobei dabei zu fragen ist, welchen Sinn die Ausrottung der Kader für den Kommunismus hatte), ein wichtiger von Plener angesprochener Aspekt. Dennoch ist der Stalinsche Terror – sowohl was die Opfer als auch was die Täter anlangt – keine reine »Parteiangelegenheit«. Weitere Aspekte, die in der russischen und sowjetischen Geschichte wurzeln, müssen zumindest mit berücksichtigt werden, seien sie wirtschaftlicher (nachholende Modernisierung), ideengeschichtlicher (fehlende Aufklärung) oder kulturgeschichtlicher (Umgang mit dem Tod) Art. Einen regionalgeschichtlichen Ansatz wählten die Autoren der beiden folgenden Untersuchungen. »Rußlandfahrer. Aus dem Wald in die Welt« heißt Gerhard Kaisers Buch, das von Facharbeitern aus dem Thüringer Wald handelt. Verdienstvoll ist diese Publikation schon deshalb, weil es neben der Veröffentlichung von Dehl über das Thema Facharbeiter in der Sowjetunion bisher nur relativ wenig Literatur dazu gibt. Der Autor, selbst aus dem Thüringischen stammend, ermittelte immerhin die Zahl von 113 Thüringern, die auf der Suche nach Arbeit und Auskommen zu Beginn der dreißiger Jahre ihr Glück im Vaterland der Werktätigen suchten. Einige von ihnen hat er befragt, deren Erinnerungsberichte gelesen, in Archiven gestöbert und die neueste – auch russische Literatur – berücksichtigt. In chronologisch angelegten Kapiteln rekonstruiert er die verschiedenen Stationen der Arbeitsemigranten: von den schwierigen Arbeitsbedingungen bzw. der Arbeitslosigkeit in der deutschen Heimat über den Entschluß und die Realisierung, in die UdSSR zu fahren, zu den ersten Eindrücken und Eingewöhnungsproblemen in dem doch fremden Land. Die Alltagsprobleme, aber auch die Arbeitsumstände werden dabei anschaulich geschildert. Zur Anschaulichkeit tragen auch einige abgedruckte Dokumente sowie die zahlreichen Photos bei, die der Autor – in Nachlässen gefunden oder mit eigener Kamera fotografiert – dem Text beigefügt hat. Schließlich werden der Große Terror, das Leben in den sowjetischen Lagern und der »große Krieg«, womit aber nicht der deutsch-sowjetische, sondern der spanische Bürgerkrieg gemeint ist, thematisiert. Im Schlußkapitel wird über die Rückkehr der Überlebenden, die bis ins Jahr 1960 reichte, berichtet. Auch Kaiser will mit seinem Buch den Menschen eine Stimme geben, eine Möglichkeit, nicht nur ihre positiven – wie in der DDR üblich – sondern auch ihre negativen Erlebnisse in der UdSSR zu schildern. Da jedoch zu den verschiedenen Themen, die angesprochen werden, unterschiedliches Material vorlag, wirken die Erzählstränge über die einzelnen Schicksale uneinheitlich, splitterhaft. Wenn man über den weiteren Lebensweg etwas erfahren möchte, bricht der Strang ab, und ein neues Leben kommt zu Wort. Auch werden persönliche Erklärungen offensichtlich unkritisch übernommen. Die Darstellung, daß eine Tbc-kranke Rußlandrückkehrerin »nicht gründlich oder bewußt falsch von einer Nazi-Ärztin behandelt wurde und verstarb« (S. 197/198), hört sich doch sehr nach einer Familienlegende an. Verdeutlichen mag dies auch ein längeres Zitat aus dem Epilog, dessen Pathos jedoch nicht das ganze Buch durchzieht. Dort heißt es unter anderem: »Sie [die Rußlandfahrer aus dem Thüringer Wald, CT] arbeiteten in modernen Fabriken und auf freiem Feld oder als Waldarbeiter, erwiesen sich – ungeachtet aller Widrigkeiten denen sie sich aussetzten oder ausgesetzt wurden – als standhaft. Keine und keiner ging jemals von der Fahne. Sie zeigten sich auf jedem Platz, auf den sie das von ihnen gewählte Leben stellte, in Betrieben und an der Front aufopferungsvoll, uneigennützig, selbstlos. Ihr Leben und ihr Kampf verdienen kritischen Respekt. Sie haben sich jederzeit solidarisch verhalten, niemals bereichert, niemals jemanden ausgebeutet oder ihre Entscheidungsbefugnisse mißbraucht, sich allzeit mit ihrer Erfahrung, ihrem Wissen, ihrem Können eingesetzt für die große Alternative, der sie lebten.« (S. 205/206) Ein wahrhaft mutiges Urteil angesichts des selektiven Materials, das zur Verfügung stand. Und eines, das getrost angezweifelt werden kann. Wer ist schon immer selbstlos, solidarisch, immer standhaft? Auch ein Opfer nicht. Quellenkritischer in seiner Herangehensweise und ausgewogener im Urteil ist die Studie von Wilhelm Mensing, der sich mit den Opfern des Stalinschen Terrors aus dem Ruhrgebiet beschäftigt hat. Dabei war für ihn nicht der Geburtsort das entscheidende Kriterium für die Aufnahme in das Buch, sondern das Faktum, daß der Betreffende lange Jahre vor oder auch nach dem Aufenthalt in der UdSSR im Ruhrgebiet gelebt hat. Auch Mensing »will dem Gedenken bestimmter, mit Namen benannter Menschen dienen« (S. 16), deshalb stehen auch bei ihm die Biographien im Mittelpunkt der Darstellung. Seine Informationen bezog er zum überwiegenden Teil aus den Befragungen von Rußlandrückkehrern durch die Gestapo. Diese Protokolle sind im Archiv des Auswärtigen Amtes erhalten. Ergänzend recherchierte er in einigen zentralen Archiven, zum Beispiel beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln (vgl. S. 120 Anm. 7, im Quellenverzeichnis taucht dieser Hinweis nicht mehr auf), wo er beschlagnahmte Parteiunterlagen der KPD einsah. Auch zahlreiche regionale Archive,  Melde- und Standesämter wurden von ihm konsultiert und eine Reihe von Personalunterlagen aus russischen Archiven standen ihm zur Verfügung. Das Buch von Mensing enthält drei Abschnitte. Im ersten Teil werden in elf Kapiteln die Grundfragen, die bei der Auswanderung deutscher Facharbeiter aus dem Ruhrgebiet in die UdSSR eine Rolle spielen, dargelegt. Dabei kommen die hier immer wieder behandelten Fragen wie Arbeitsanwerbung, Emigration nach 1933, Arbeits- und Lebensbedingungen in der Sowjetunion, rechtliche Probleme mit der deutschen oder der sowjetischen Staatsbürgerschaft, der Terror von der Parteisäuberung bis zum Tod durch Erschießen sowie die Ausweisungen und die spätere Rückkehr nach Deutschland zur Sprache. Ein eigenes Kapitel ist den Rehabilitierungen gewidmet. Mensing bekennt in seinen einleitenden Bemerkungen zu diesem Teil, daß er keinen eigenen Beitrag zu diesen Forschungen leisten will (S. 18). Aber es gelingt ihm, durch seine genaue Quellenarbeit doch eine Reihe interessanter und unbekannter Einzelheiten zu benennen, die wertvolle Ergänzungen zu den bisherigen Arbeiten sind. Er weist beispielsweise darauf hin, daß für einige Facharbeiter die Überführung in die sowjetische Partei von der Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft abhängig gemacht wurde, ein Verfahren, daß in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre noch nicht üblich war und im Zusammenhang mit der neuen Verfassung 1936 und dem Bestreben, eine homogene Gesellschaft zu schaffen, gesehen werden muß. Auch die Erzählung einer ausgewiesenen Ehefrau eines Verhafteten, sie habe ihrem Mann Essen ins Gefängnis bringen und seine Wäsche zum Waschen mit nach Hause nehmen dürfen, findet sich in der Memoirenliteratur bisher nicht. Die inoffiziellen Verhandlungen der Deutschen Botschaft Moskau mit sowjetischen Stellen, den 1936 verhafteten Ingenieur Emil Stickling gegen Thälmann auszutauschen, waren bereits bekannt. Gegen Stickling wurde die Höchststrafe verhängt aber nicht vollstreckt, was wahrscheinlich mit diesen Verhandlungen zusammenhing. Mensing nennt aber außerdem noch Wilhelm Gesthuysen, Franz Winter und Fritz Baltes, bei denen die Todesstrafe nicht vollzogen wurde. Auch wenn er keinen Nachweis darüber hat, ob sie in die Gespräche des Botschafters von der Schulenburg einbezogen wurden, so ist doch dieser Tatbestand der Erwähnung wert. Mensing ist sich durchaus bewußt, daß die Rückkehreraussagen mit Vorsicht betrachtet werden müssen (wie bei Arthur Plüter, S. 60/61). Auch Unklarheiten der Quellen, wie der Ausschluß aus der KPD, selbst wenn der Betreffende schon längst Mitglied der russischen Partei war, werden benannt und nicht übergangen. Verschiedene Meinungen in der Literatur, beispielsweise zum Ausmaß der Verantwortung der KPD-Führung für den Terror, werden diskutiert und nicht nivelliert. Alles das gehört zu den Vorzügen dieser Arbeit. Die meiste Arbeit aber hat der Autor auf das sicher nicht einfache Zusammentragen biographischer Informationen verwendet. Davon zeugt der zweite Abschnitt. Vier Personen bzw. Familien werden aufgrund einer aussagekräftigen Quellenlage ausführlich dargestellt. Dabei handelt es sich um den Arbeiterschriftsteller Willi Harzheim, den ungarischen Kommunisten Arnold Klein, die Textilzeichnerin Irene Berger-Marsmann und den Jungkommunisten Gustav Sobottka jun. Alle vier starben in Haft, drei in sowjetischer und der vierte, Arnold Klein, nach Auslieferung in deutscher. Daran schließt sich eine Liste mit 186 aus dem Ruhrgebiet stammenden Personen an, die in der UdSSR verfolgt wurden. Die Angaben umfassen durchschnittlich ein bis anderthalb Druckseiten, wobei auch knappere oder ausführlichere Biographien vorkommen. Hier entschied sich der Autor zu einer vollständigen Nennung seiner mit viel Aufwand recherchierten Informationen zuungunsten einer sym­metrischen Angleichung an ein bestimmtes Schema. Wie diffizil das Zusammentragen gewesen sein muß, davon zeugt das Nachweisverzeichnis zu diesem Abschnitt, das aus Platzgründen aus dem Buch verbannt wurde. Unter der Internetadresse des Verlages (www.klartext-verlag.de) sind diese Quellennachweise zu finden. Nach Ansicht dieser 49 Seiten umfassenden Datei kann man dieses gegenwärtig noch ungewöhnliche Vorgehen des Verlags nachvollziehen. Sicherlich wird es in Zukunft immer häufiger geschehen, daß aus Kostengründen Fußnoten und Quellennachweise ins Netz abgelegt werden. Ob diese Entwicklung gutzuheißen ist, mag dahingestellt sein. Es kann dazu führen, daß darauf immer weniger Sorgfalt verwandt wird. Bei Mensing ist das nicht der Fall, im Gegenteil. Da er seine Nachweise äußerst akribisch auflistet, ist eine sehr umfangreiche Übersicht entstanden. Der dritte Abschnitt besteht aus einem Dokumentenanhang, einem Namensverzeichnis, einer Übersicht der Personen geordnet nach ihrer Herkunft aus dem Ruhrgebiet, einer Findhilfe zu den Ortsnamen, die in den Quellentexten immer wieder auftauchten, sowie dem Literatur- und Abkürzungsverzeichnis und einem Abbildungsnachweis. Nicht ganz verständlich ist, warum ausgerechnet die beiden nachgedruckten Dokumente – ein Auszug aus dem Strafgesetzbuch von 1926 und ein Abschnitt aus einem Sitzungsprotokoll des Zentralkomitees der VKP(b) von 1938 – ausgewählt wurden. Das Thema der deutschen Facharbeiter greift auch der Moskauer Historiker Sergej Žuravlev in seiner Publikation auf. Sein im Jahr 2000 im Verlag Rosspen erschienenes Buch ist ein bedeutender Schritt, der den Stillstand der Forschung aufbricht. Die fehlende Einordnung in historische Entwicklungen der Sowjetunion, die zum Teil in den vorhergehenden Publikationen vermißt wurde, wird hier in überreichem Maße geboten. Was Žuravlevs Untersuchung auszeichnet, ist sowohl die enorme Quellenauswertung Moskauer und amerikanischer Archive als auch die breite Rezeption internationaler Forschungsliteratur. Er orientiert sich an einem sozialgeschichtlichen Ansatz in Kombination mit Alltagsgeschichte, den er auf seinen Gegenstand – die Ausländer des Moskauer Elektrowerkes in der sowjetischen Gesellschaft der 20er und 30er Jahre – anwendet. Auch er nähert sich dem Thema wie die vorangegangenen Bücher mittels Biographien, die jedoch in den gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet werden. Die Untersuchung über die Ausländer in Moskau beginnt er mit einer Darstellung der Entwicklung der sowjetischen Elektroindustrie, genauer der Glühbirnenherstellung. Er kann dabei überraschende Einzelheiten aufdecken, beispielsweise die Entwicklung des Sozialrevolutionärs Grigorij Ivanovič Semenov, der an dem Kaplan-Attentat auf Lenin 1919 beteiligt war und nach seiner Konvertierung zu den Bolschewiki Anfang der 20er Jahre in Berlin Wirtschaftsspionage bezüglich der Wolframgewinnung betrieben hat. Er und andere Russen knüpften Verbindungen zu den deutschen Arbeitern Julius Hoffmann, Emil Deibel, Willi Koch, Franz Geisler und Hans Ohlrich, die – bei AEG und Osram tätig – aus politischer Sympathie mit der UdSSR Informationen weitergaben, ohne sich, Zuravlev zufolge, ihrer Einbindung in das sowjetische Spionagenetz bewußt zu sein. Koch, Geisler und Ohlrich kamen alle nach Zeiten der Arbeitslosigkeit bzw. politischer Verfolgung in Deutschland Mitte der zwanziger Jahre nach Moskau und arbeiteten dort in einem Werk zur Gewinnung von Wolfram. Dieses Werk ging in das Elektrowerk über, und somit bildeten die drei die Keimzelle einer Kolonie ausländischer Arbeiter, die zu Beginn der dreißiger Jahre von der UdSSR angeworben wurden. Das riesige Elektrokombinat wurde Ende 1927 nicht nur durch die Angliederung der Wolframgewinnung, sondern auch durch die Zusammenlegung der Moskauer Lampenfabrik, der Werke zur Herstellung der Elektroausrüstung von Transformatoren, Scheinwerfern, Röhren und Kraftfahrzeugen gegründet. Die Zahl der Beschäftigten wuchs von 2000 bei Gründung auf 24000 im Jahre 1933. Gab es schon Anfang 1926 einen geheimen Vertrag zwischen Glavelektro und AEG über die technische Zusammenarbeit, so steigerten sich die Abmachungen mit ausländischen Firmen – vor allem mit deutschen und amerikanischen – von 25 im Jahre 1928 auf 104 im März 1930. Der Aufbau der Elektroindustrie in der jungen Sowjetunion geschah nicht nur mit Hilfe von ausländischen Lizenzen und dem Können angeworbener Spezialisten, sondern weiterhin durch Wirtschaftsspionage und offizielle Reisen sowjetischer Ingenieure in den Westen. Allein in den 18 Monaten von Januar 1929 bis Juni 1930 hielten sich mehr als tausend sowjetische Spezialisten in den USA auf, was eine nicht unbeträchtliche Belastung des staatlichen Valutabudgets gewesen war. Dennoch war die Zahl der ausländischen Spezialisten, die in die UdSSR fuhren, ungleich höher. Die Gruppe der ausländischen Arbeiter betrug im Spitzenjahr 1932 allein im Elektrowerk ungefähr 180 Personen. Diese Kolonie, zu der noch die Familienangehörigen gezählt werden müssen, war damit das größte Kollektiv dieser Art in der hauptstädtischen Region. Die ausländischen Arbeiter gingen besonders enthusiastisch und ehrgeizig an die Arbeit. Überdurchschnittlich viele Erfindungen und Verbesserungsvorschläge für die Arbeitsabläufe stammten von ihnen. Daraus resultierte auch eine der größten Enttäuschungen der »Gastarbeiter«. Denn sie mußten meist nach kurzer Zeit erkennen, daß ihre Vorschläge den Bürokratentod gestorben waren. Auch die Zahl der Bestarbeiter war außergewöhnlich hoch. Die Eingewöhnung in die so andere Wirklichkeit der jungen Sowjetunion fiel den Ausländern, die sich im Falle des Elektrowerk fast gänzlich aus Deutschen zusammensetzten, deutlich einfacher, wenn sie mit der gesamten Familie übergesiedelt waren. Der Autor behandelt ausführlich Fragen der Entlohnung, die in Zusammenhang mit der Einführung der Akkordarbeit 1931 und der vollständigen Einstellung von Valutalöhnen 1933 betrachtet werden, Fragen der Wohnsituation, der Ausländerversorgung, des Arbeitsklimas – wohlgemerkt immer im Kontext der sowjetischen Entwicklung und im Vergleich zu der Lage der sowjetischen Arbeiter. Dank der Auswertung des reichhaltigen Fabrikarchivs kann der Autor sehr konkret werden: ob es sich um Streitigkeiten zwischen den Wohnparteien handelt, um den Versuch einiger Deutscher im Wohnhaus der Facharbeiter die Kaninchenzucht zu etablieren oder um Handgreiflichkeiten am Arbeitsplatz. Auch die Auflösung der Ausländerkolonie wird von Žuravlev beschrieben. Einerseits erfolgte sie durch die – freiwillige oder erzwungene – Rückkehr nach Deutschland, andererseits durch die Verhaftungen des NKWD. Die Gründe für die Rückkehr waren mannigfaltig: Auslaufen des Vertrages, Streichung der Valutabezüge, Krankheit, Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, Weigerung der Familie, in die UdSSR nachzukommen oder ähnliches. Aus den Kaderakten des Betriebes konnte Žuravlev ersehen, daß der Anstoß zur Rückkehr vielfach von den Ehefrauen ausging. Was die Verhaftungen angeht, so stützt sich der Autor einerseits auf die einzelnen Untersuchungsakten verschiedener Ausländer und andererseits auf sogenannte Alben, die im NKWD verfertigt wurden. In ihnen sind außer dem Namen kurze biographische Angaben, Kurzzusammenfassungen aus dem Untersuchungsverfahren und das Urteil enthalten. Žuravlev konnte acht solcher Alben mit mehreren hundert Angaben zu Ausländern aus Moskau und Umgebung auswerten. Ergebnis dieser Durchsicht ist, daß nicht nur Angehörige aus Rüstungsbetrieben, wie es der Befehl 00439 vom 25. Juli 1937 (übrigens abgedruckt bei Dehl, S. 109f.) vorsah, verhaftet wurden, sondern auch eine ganze Reihe ausländischer Arbeiter, deren Betriebe nichts mit Rüstungsaufgaben zu tun hatten. Außerdem wurden in einzelnen Betrieben Fälle konstruiert, bei deren Ausführung keine Logik – zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen Betriebscharakteristik und Strafmaß – zu erkennen war. Betriebe, in denen ein hoher Ausländeranteil anzutreffen war, bedeuteten auch für sowjetische Arbeiter ein erhöhtes Risiko, da dann Sowjetbürger mit ausländischer Herkunft, einem ausländischen Familiennamen oder mit früheren Aufenthalten im Ausland eher in Operationen gegen die Ausländer hineingezogen werden konnten. Und schließlich stellt er fest, daß unter allen Kategorien von repressierten Deutschen (Rußlanddeutsche, Politemigranten, Reichsdeutsche) während des Großen Terrors zahlenmäßig die ausländischen Arbeiter, die die sowjetische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, am meisten betroffen waren. Auch kann er anhand der Untersuchungsakten festmachen, daß die Wahrscheinlichkeit einer Verhaftung stieg, je aktiver der Ausländer an politischer Arbeit teilgenommen hatte und je größer sein Bekanntenkreis war. Unter den Opfern, aus deren Verhaftungsakten Teile zitiert werden, finden sich auch die anfangs genannten Hans Ohlrich und Willi Koch wieder. Für die Frauen der ausländischen Arbeiter zeigten die Organe des NKWD kein übergroßes Interesse, obwohl antisowjetische Strömungen unter ihnen durchaus bekannt waren. Wenn Frauen verhaftet wurden, dann häufiger Arbeiterinnen als Hausfrauen. Daß der Christoph-Links-Verlag eine Übersetzung des Buches herausbringen will, ist für den deutschen Buchmarkt ein großer Gewinn. Ein Personenregister, wie es bei solchen Arbeiten mit biographischen Zugängen eigentlich notwendig ist, wäre wünschenswert. Die drei hier besprochenen deutschsprachigen Bücher sind dankenswerterweise damit ausgestattet. Was unterscheidet die besprochenen Bücher voneinander? Ob Zufall oder nicht, die Arbeiten der deutschen Autoren (wobei Oleg Dehl als Rußlanddeutscher in diesem Fall zu ihnen gezählt wird) betonen den Terror und die Leiden der Deutschen, der russische Autor den Arbeits- und Lebensalltag in ihrer sowjetischen Umgebung. Dabei handelt es sich aber um zwei Seiten einer Medaille: beide spiegeln die Doppelgesichtigkeit des Stalinismus wider. Auch wenn die Erforschung des Terrors in den Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion die Veröffentlichungen beherrschte, so sind doch viele Äußerungen und Entscheidungen der Emigranten und Facharbeiter nicht nachvollziehbar, vernachlässigt man die Untersuchung des normalen Alltags. Auch die Deutschen wurden in ihm vom Enthusiasmus der Stalinzeit angesteckt. Wie könnte die Forschung auf diesem Gebiet weitergehen? Sinnvoll erscheint eine kommentierte Dokumentenedition, die die verschiedenen Themenfelder in ihrer Breite abdeckt, und die dem Wildwuchs der Quellenanhänge ein Ende bereiten sollte. Auch ein biographisches Handbuch zum deutschen bzw. deutschsprachigen Exil, das die in den letzten zehn Jahren verstreuten Informationen bündelt, könnte ein Gewinn sein. Zu bedenken wäre, nicht nur die repressierten, sondern alle Personen aufzunehmen, da die vorhandenen Nachschlagewerke teils fehler-, teils lückenhaft sind. Allerdings ist zu fragen, ob ein solches Handbuch ohne einen ungehinderten Zugang zu den Personalakten der deutschen Vertretung bei der Komintern nicht ein Torso bliebe. Auch Einzelbiographien werden das Bild über die Deutschen in der Sowjetunion vervollständigen. Und nach wie vor gibt es zu verschiedenen Arbeitsfeldern und Institutionen – trotz einer Reihe neuer Studien und Dokumentenbände[5] – nur allgemeine Angaben. Dafür wäre eine Quellenauswertung, wie sie Žuravlev in beispielhafter Form für das Elektrowerk durchexerziert hat, notwendig. [1] Vgl. Neues Leben, Moskau, 1996 (H. 5., H. 6., H. 7.); Utopie kreativ, Berlin, 75 (1996), S. 48–63. [2] Vgl. Neues Leben vom 11. 5. 1996. [3] Außer den Archivexemplaren im Archiv des Instituts für Weltliteratur der Akademie der Wissenschaften in Moskau sowie im Archiv der Akademie der Künste Berlin, das Barck als Vorlage diente, befindet sich in der Bibliothek der Exilliteratur in der Hamburger Staatsbibliothek ein xerokopiertes Exemplar. [4] Vgl. Neues Leben vom 27. 7./3. 8./10. 8. 1994. – Neues Deutschland vom 28. 8. 1995. – Dehl, Holger/Mussienko, Natalija: »Hitlerjugend« in der UdSSR? Zu Hintergründen und Folgen einer NKWD-Fälschung 1938. In: BzG, Berlin, 1996. – Schafranek, Hans: Am Beispiel der Moskauer Hitler-Jugend (1938). Mechanismen des Terrors der stalinistischen Geheimpolizei NKWD. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien, 1999. – Schafranek, Hans unter Mitarbeit von Natalja Mussijenko: Kinderheim No. 6. Österreichische und deutsche Kinder im sowjetischen Exil. Wien 1998. – Schafranek, Hans: Kontingentierte »Volksfeinde« und »Agenturarbeit«. Verfolgungsmechanismen der stalinistischen Geheimpolizei NKWD am Beispiel der fiktiven »Hitler-Jugend« in Moskau (1938) und der »antisowjetischen Gruppe von Kindern repressierter Eltern« (1940). Mit einem Dokumentenanhang. In: IWK, Berlin, 2001, 1. [5] Agde, Günter: Kämpfer. Biographie eines Films und seiner Macher. Berlin 2001. – Diezel, Peter (Hg.): »Hier brauchen sie uns nicht.« Maxim Vallentin und das deutschsprachige Exiltheater in der Sowjetunion 1935–1937. Berlin 2000. – Morré, Jörg: Hinter den Kulissen des Nationalkomitees. Das Institut 99 in Moskau und die Deutschlandpolitik der UdSSR 1943–1946. München 2001. – Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001. – Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (1931–1941). Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge. Sonderband 3. Berlin/Hamburg 2001.

JHK 2002

Erstveröffentlichung von Rosa Luxemburgs Schrift »Sklaverei«

Narihiko Ito

I. Die Forschung über Rosa Luxemburg hat seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems einen Neuaufschwung erlebt: Es wurden weitere Schriften der Revolutionärin entdeckt oder identifiziert; profunde Kenner haben neue Biographien bzw. Einzelstudien zu Rosa Luxemburgs Leben und Werk vorgelegt, die Fehl- und Vorurteile früherer Darstellungen korrigieren. Die folgende Übersicht informiert über neuentdeckte oder erst kürzlich identifizierte Schriften Rosa Luxemburgs, die in den Gesammelten Werken, die in den siebziger Jahren im Dietz Verlag Berlin erschienen, noch nicht enthalten sein konnten.[1] Im Jahr 1991 hat Feliks Tych ein unveröffentlichtes Manuskript von Rosa Luxemburg zur Lage in der russischen Sozialdemokratie (1911)[2] und drei unbekannte Briefe Rosa Luxemburgs über die Oktoberrevolution (1918)[3] publiziert und kommentiert. Die Schrift zur Situation der russischen Sozialdemokratie erklärt die Bedeutung und den Hintergrund einer Beratung, die vom 10. bis 17. Juni 1911 in Paris stattfand, um die Spaltung der RSDRP zu vermeiden. Die Teilnehmer waren jene acht Mitglieder des ZK der RSDRP, die sich im Ausland aufhielten: Feliks Dzierżyński und Leo Jogiches von der SDKPiL, Vladimir I. Lenin, Aleksei I. Rykov und Grigori E. Zinov’ev für die Bolschewiki, Bolis E. Gol‘dmann-Gorew für die Menschewiki, Michail I.Goldmann-Liber als Vertreter des Bund und M. V. Ozolin-Martyn als Vertreter der Lettischen Sozialdemokratie. Dieses an die Mitglieder der SDKPiL und an die anderen Parteien der Zweiten Internationale gerichtete »Credo« wurde seinerzeit nicht gedruckt, weil kurz nach der Niederschrift klar wurde, daß sich ein Bruch in der RSDRP nicht mehr vermeiden ließ.[4] Aus heutiger Sicht bildet der Text, wie Feliks Tych bemerkt, »ein wichtiges Glied zwischen Rosa Luxemburgs beiden Hauptarbeiten über die Politik Lenins und der bolschewistischen Partei: den 1904 verfaßten »Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie« und der 1918 entstandenen Arbeit »Zur russischen Revolution«. Er eröffnet »neue Erkenntnismomente für eine Erforschung der politischen Philosophie der polnisch-deutschen Revolutionärin«.[5] In zwei Briefen an Julian Marchlewski von Ende Juli oder August 1918 und vom 30. September 1918 sowie in einem Brief an Stefan Bratman-Brodowski vom 3. September 1918 informierte Rosa Luxemburg ihre polnischen Kampfgefährten in Moskau prononciert über ihre Kritik an der Politik Lenins und der Bolschewiki, die sie im bis dahin niemandem bekannten Manuskript »Zur russischen Revolution« formuliert hatte.[6]   II. Ein drittes wichtiges Dokument Rosa Luxemburgs, über das erst in den neunziger Jahren berichtet worden ist, sind Notizen, die sie gleichzeitig mit dem Manuskript »Zur russischen Revolution« im Gefängnis niedergeschrieben hat: Es ist ein Fragment zur Geschichte der I. und II. Internationale und zu Problemen der Nachkriegszeit (1918). Dieses Fragment ist ein handschriftliches Original, »teils mit Bleistift und teils mit Tinte auf drei Sorten Papier geschrieben und umfaßt 32 Blatt«. Es wurde im Archiv des Instituts für Marxismus-Leninismus aufbewahrt, dessen Bestände nach der Wiedervereinigung Deutschlands in die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv in Berlin (SAPMO-BArch) eingingen.[7] Annelies Laschitza hat in ihrer Luxemburg-Biographie »Im Lebensrausch, trotz alledem« die längeren zusammenhängenden Passagen aus dem zum Teil mit stichwortartigen, mit Streichungen und Fragen versehenen Manuskript zitiert.[8]   Auf der ersten Seite hatte Rosa Luxemburg notiert: »Intern. u. ihre Geschichte 1.     1864. 2.     1889.   Maifeier. Instanzen Vorstellung, dass der ›Parteitag‹ entscheidet. ›Instanzen‹. ›Statut‹. (Zivil-Prozess) Legalität. Entscheidung[en] können nicht Instanzen oder Parteitag treffen, sondern nur die Volksmasse u. Volksbewegung u. zwar auf internationaler Basis. Friede. ›Nach dem Kriege‹ der Parteitag. Aussichten der Sozd. nach dem Kriege, Ruin des Christent. (?) (Ideologie d. Zentrums), des Liberalismus, des Militarismus (Keine Entscheidung des Kriegssozialismus, Trotz Sieg). Vergl. mit 1871.«   Rosa Luxemburg hat in diesem Fragment die Geschichte der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie seit der Ersten Internationale kritisch betrachtet und die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg prognostiziert. Mir scheint, sie sah den Streit um die Hegemonie im asiatisch-pazifischen Raum zwischen den USA und Japan und den amerikanisch-japanischen Krieg (1941–1945) voraus. Zum Beispiel schreibt sie: »4. Friedensproblem, Abrüstung. Rüstungskapital gerade das mächtigste im Kriege geworden. Der ganze im Krieg vergeudete Reichtum ist dort akkumuliert worden! England u. Amerika haben sich erst den Milit. geschaffen. Japan als Lieferant enorm gewachsen. Technik des Militarismus verträgt jetzt keinen ›Kleinbetrieb‹. ›Ein bißchen Militarismus‹ ist ebenso [un]möglich wie ›ein bißchen Anarchie‹ in der Produktion. Dasselbe Rüstungskapital ist jetzt (direkt u. durch die Banken) der Hauptgläubiger des Staates. Auch politisch ist Militarismus jetzt Trumpf, gerade in den Ver. Staaten, in Wilsons Hause. Aufteilung der Türkei. Aufteilung der deutschen Kolonien. Abfindung Japans. Gewaltige Verschiebung der Machtverh. Neue Konkurrenzen: Engl. u. Amer., Engl., Amer. u. Japan. Aus alledem nur ein Ausweg: Sozialismus!«[9]   III. Im September 1980 habe ich gemeinsam mit Professor Gilbert Badia (Frankreich), Professor Feliks Tych (Polen), Herrn Theo Pinkus (Schweiz) und anderen Wissenschaftlern die Internationale Rosa-Luxemburg-Forschungsgesell­schaft in Zürich gegründet. Die meisten Mitglieder der Gesellschaft kannten sich von der im September 1973 vom italienischen Senator Lelio Basso einberufenen Rosa-Luxemburg-Tagung in Reggio Emilia (Norditalien). Ende Dezember 1979 hatte die sowjetische Armee plötzlich Afghanistan besetzt. Dadurch wurde der Kalte Krieg noch weiter vertieft. Angesichts dieser kritischen Situation schien es mir sinnvoll, ein Netzwerk zwischen den Rosa-Luxemburg-Forschern aufzubauen. Die Gesellschaft sollte 1. Möglichkeiten bieten, Forschungsergebnisse und Meinungen über Rosa Luxemburg frei auszutauschen, 2. die Demokratisierung des realexistierenden Sozialismus fördern, 3. kritische Standpunkte zum kapitalistischen System bündeln, und 4. den »Kalten Krieg« in der Wissenschaft überwinden helfen. Weitere Tagungen fanden im September 1981 in Linz (Österreich) statt, im Mai 1983 in Paris, im August 1985 in Hamburg (damals hat die Gesellschaft ihren Namen in »Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft« geändert) und im Januar 1989 in West-Berlin. Nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 und der Auflösung der Sowjetunion tagte die Gesellschaft in Tokio (November 1991), in Beijing (November 1994), in Warschau (September 1996), in Chicago (Mai 1998), in Tampere, Finnland (September 1998) und in Berlin (Januar 1999). Zum 20. Geburtstag der Gesellschaft kamen die Mitglieder im September 2000 wieder in Zürich zusammen.[10] Auf der Züricher Tagung haben wir unseren Plan vorgestellt, im Verlauf von acht bis zehn Jahren in einer 15-bändigen Ausgabe die Gesammelten Werke Rosa Luxemburgs auf japanisch zu editieren. Seit Erscheinen der letzten fünfbändigen Luxemburg-Ausgabe in Berlin sind fast 30 Jahre vergangen. Es liegen beachtliche neue Forschungsergebnisse vor, und die Geschehnisse in der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts verlangen nach neuen Antworten auf Fragen an Rosa Luxemburgs Leben und Werk, deren Rezeption und Aktualitätsbezug. Dabei können wir die Chance wahrnehmen, sämtliche bisher unveröffentlichte polnische Schriften, die seit langem als Band 6 der in Berlin herausgegebenen Werkausgabe vorgesehen und von Feliks Tych vorbereitet worden sind, chronologisch in die geplanten 15 Bände zu integrieren.   IV. Eine solche Werkausgabe erfordert die Kooperation der Rosa-Luxemburg-For­scher aus aller Welt. Darum habe ich mit dem Chef des japanischen Verlags, Herrn Hashimoto, auf der Züricher Tagung alle gebeten, uns über bisher unbekannte Schriften Rosa Luxemburgs zu informieren. Ottokar Luban gab dort bekannt, daß er folgende 9 Artikel aus der »Sozialdemokratischen Korrespondenz« August – Dezember 1914 als Artikel Rosa Luxemburgs identifiziert hat. (1)    Die alte Wahrheit (18. 8. 1914) (2)    Partei und Vaterland (22. 8. 1914) (3)    Die Alternative (27. 8. 1914) (4)    Das Friedensgestade (1. 9. 1914) (5)    Der letzte Krieg (13. 9. 1914) (6)    Der Philister und sein Sieg (8. 10. 1914) (7)    Eine verhängnisvolle Parole (24. 10. 1914) (8)    Halbaffen (6. 11. 1914) (9)    Treffliche Worte (30. 11. 1914) Die »Sozialdemokratische Korrespondenz« wurde am 27. Dezember 1913 von Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Julian Karski-Marchlewski gegründet. Mathilde Jacob hat sie hergestellt und herausgegeben. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden die Beiträge am Kopf mit den Initialen des Autors wie R. L., F. M. oder J. K. gezeichnet. Da nach Ausbruch des Krieges wegen der Zensur alle Artikel anonym gedruckt wurden, war es schwierig, den Verfasser zu identifizieren. Eine Bekannte Mathilde Jacobs schenkte Ottokar Luban eine Sammlung der »Sozialdemokratischen Korrespondenz«. In diesem Exemplar waren (vermutlich von Mathilde Jacob) die Initialen der Autoren notiert worden. Dadurch konnte Luban die oben genannten Artikel Rosa Luxemburgs identifizieren. Annelies Laschitza hat uns viele Texte übergeben, die nach Abschluß der Gesammelten Werke in 5 Bänden von ihr, Mitarbeitern der Redaktion dieser Ausgabe und der »Gesammelten Briefe« sowie den Historikern Harald Koth, Leipzig, und Bernd Florath, Berlin, als Schriften Rosa Luxemburgs identifiziert worden sind. Die ersten vier Dokumente hat Harald Koth identifiziert: (1)    Über die Aufgaben des Parteitages. (30. VIII. 1899. Leipziger Volkszeitung, Nr. 200. 1. Beilage). (2)    Die Arbeiterklasse und ihre bürgerlichen Freunde (18. IV. 1902. Leipziger Volkszeitung. Nr. 88. 1. Beilage). (3)    Sozialreform und soziale Revolution (5. VI. 1902, Leipziger Volkszeitung. Nr. 152). (4)    Am Tage nach der sozialen Revolution (12. VII. 1902, Leipziger Volkszeitung. Nr. 158).[11] Die folgenden Dokumente haben Rosa-Luxemburg-Editoren des ehemaligen Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED für einen künftigen Ergänzungsband gesammelt bzw. autorisiert. (5)    Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongreß vom 6. bis 12. August 1893 in Zürich. Rede zur Verteidigung des Mandate. (Socjaldemokracja Krilestwa Polskiego i Litwy. Materialy i dokumenty, Bd. 1/1. (1893–1897). Warschau 1957, S. 88/89). (6)   Polnische Sozialdemokratie und Nationalität. Erwiderung (26. I. 1895, »Arbeiterstimme« (Zürich), Nr. 8.). (7)    Die Gründer der polnischen Arbeiterbewegung. Eine Erinnerung (1. II. 1896. »Arbeiterstimme« (Zürich), Nr. 10.). (8)    Erklärung (25. X. 1899, Leipziger Volkszeitung, Nr. 248) (9)    Die Affäre Dreyfus und der Fall Millerand. Antwort auf eine »internationale Umfrage«. Rosa Luxemburg: Le socialisme en France. (1898–1912), Paris 1971, S. 81–85. (10)   Resolution der Posener Parteiorganisation (3. IV. 1900, Vorwärts, Nr. 78). (11)   Rede zur Verteidigung der Mandate der SDKPiL. Compte rendu sténographique non officiel de la version française du cinquième Congrès Socialiste International tenu à Paris du 23 au 27 Septembre 1900, Paris 1901, S. 43–46. (12)   Rede über den Völkerfrieden, den Militarismus und die stehenden Heere. Compte rendu sténographique non officiel de la version française du cinquième Congrès Socialiste International tenu à Paris du 23 au 27 Septembre 1900, Paris 1901, S. 181–185. (13)   Resolution (2. II. 1902, Vorwärts (Berlin), Nr. 28). (14)   Notiz (Die Neue Zeit, 19. Jg. 1900/01, Zweiter Band, S. 218–220). (15)   Der russische Terroristen-Prozeß (19. IV. 1904, Vorwärts, Nr. 91). (16)   Maimetzeleien in Rußland (2. V. 1905, Vorwärts, Nr. 101a). (17)   Blutiger Mai (3. V. 1905, Vorwärts, Nr. 102). (18)   Die Revolution in Rußland (4. V. 1905, Vorwärts, Nr. 103). (19)   Der Mord in Warschau (7. V. 1905, Vorwärts, Nr. 106). (20)   Aufruf (18. V. 1905, Vorwärts, Nr. 115). (21)   Eine Riesendemonstration in Lodz (31. V. 1905, Vorwärts, Nr. 126). (22)   Streikrevolution in Lodz (24. VI. 1905, Vorwärts, Nr. 145). (23)   Die Straßenschlacht in Lodz (25. VI. 1905, Vorwärts, Nr. 146). (24)   Unsere Aufgabe (1. XI. 1905, Vorwärts, Nr. 256). (25)   Das neue Verfassungsmanifest Nikolaus’ des Letzten (1. XI. 1905, Vorwärts, Nr. 256). (26)   Das Pulver trocken, das Schwert geschliffen (2. XI. 1905, Vorwärts, Nr. 257). (27)   Kannegießereien (2. XI. 1905, Vorwärts, Nr. 257).[12] (28)   Der politische Massenstreik (16. XI. 1905, Hamburger Echo, Nr. 269). (29)   Resolution gegen die Todesstrafe. Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Kopenhagen. 28. August bis 3. September 1910, Berlin 1910, S. 16/17. (30)   Erklärung. Huitième Congrès Socialiste International tenu à Copenhague du 28 août au 3 Septembre 1910. Compte rendu analytique publié par le Secrétariat du Bureau Socialiste International, Gand 1911, S. 208. (31)   Befremdende Kampfmethoden (14. XII. 1910, Vorwärts, Nr. 292). (32)   Noch einmal: die reichsländische Verfassung (2. VI. 1911, Leipziger Volkszeitung, Nr. 125). (33)  Antrag gegen die Kolonialpolitik. International review of social history, volume xxx – 1985 -part 1, S. 14. (34)   Der Massenstreik vor dem Reichstag (14. XI. 1911, Leipziger Volkszeitung, Nr. 264). (35)   Aus dem russischen Parteileben (30. III. 1912, Vorwärts, Nr. 76).  (36)   Ein Riesenkampf in Lodz (12. VII. 1913, Vorwärts, Nr. 175). (37)   Unser Kampf gegen Kasernenroheit (7. VI. 1914, Vorwärts, Nr. 152). (38)   Maigedanken (Die Gleichheit, 26. Jg. 1916, Nr. 16). (39)   Noch ein Opfer! (22. XI. 1918, Die Rote Fahne, Nr. 7).   V. Die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn hat 1995 begonnen, die deutschen Schriften und Dokumente im Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte (ehemaliges zentrales Parteiarchiv im Institut für Marxismus und Leninismus) in Moskau auf Mikrofilmen aufzunehmen. Eine Kopie der Mikrofilme des Rosa-Luxemburg-Nachlasses in Moskau befindet sich in Bonn, wo ich sie gelesen habe und feststellte, daß die folgenden Artikel von Rosa Luxemburg geschrieben wurden: (1)    Revisionistisches Allerlei (5. 5. 1902, Leipziger Volkszeitung) (2)    Der tote Lassalle (13. 5. 1902, Leipziger Volkszeitung) (3)    Schillerfeier und Sozialdemokratie (9. 5. 1905, Sächsische Arbeiter-Zeitung) (4)    Ein Opfer des weissen Terrors (11. 9. 1905, Leipziger Volkszeitung) (5)    Die zaristische Verfassung, gemildert durch den Massenmord (3. 11. 1905, Vorwärts, Nr. 258) (6)    Nach dem Bankrott des Absolutismus (11. 11. 1905, Vorwärts, Nr. 265) (7)    Der Belagerungszustand in Polen (17. 11. 1905, Vorwärts, Nr. 270)[13] (8)    Rede über die Frage von Gebärstreik (26. 8. 1913, Leipziger Volkszeitung) Darüber hinaus glaube ich, daß Rosa Luxemburg höchstwahrscheinlich die folgenden 11 Artikel verfaßt hat. Da ich die Autorschaft leider noch nicht identifizieren kann, bitte ich die Leser herzlich, mich zu informieren, falls sie mehr darüber wissen. (1)    Politischer Fetischismus (8. 4. 1902, Leipzig) (2)    Politische Übersicht. Ein politisches Attentat (16. 4. 1902, Leipzig) (3)    Ein Memento an den Absolutismus (17. 4. 1902, Leipzig) (4)    Der neue Glaube (30. 4. 1902, Leipzig) (5)    Der letzte Axthieb (30. 5. 1902, Leipzig) (6)    Proletariat und Religion (17. 5. 1902, Leipzig) (7)    Revisionisten und Zolltarif (20. 5. 1902, Leipzig) (8)    Flottwellsche Politik (23. 5. 1902, Leipzig) (9)    Der Maulkorb des Philisters (29. 5. 1902, Leipzig) (10)   Politik und Gewalt (3. 6. 1902, Leipzig) (11)   Revisionistische Manieren (12. 6. 1902, Leipzig) Rosa Luxemburg unterrichtete seit 1907 in der Parteischule der SPD. Im Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte werden folgende fünf Texte und eine Notiz aufbewahrt: (1)    Sklaverei (28 Seiten). (2)    Mittelalter. Feudalismus. Entwicklung der Städte (72 Seiten).[14] (3)    Praktische Nationalökonomie. über 2. Band des »Kapital« von Marx (35 Seiten). (4)    Praktische Nationalökonomie. über 3. Band des »Kapital« von Marx (18 Seiten). (5)    Geschichte der Nationalökonomie (5 Seiten). (6)    Über die Lohnfondstheorie (6 Seiten).   Die ersten fünf Dokumente sind mit einer Schreibmaschine mit violettem Farbband geschrieben. Meiner Vermutung nach besorgte die Abschrift Rosi Wolfstein, als durch Adolf Warski und Clara Zetkin mit den Arbeiten zu der von der KPD und dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale 1921 beschlossenen und von Lenin 1922 ausdrücklich geforderten Herausgabe der Werke Rosa Luxemburgs begonnen wurde, deren Redakteur Paul Frölich war. Von den neun konzipierten Bänden erschienen 1923 bis 1928 drei.[15] Rosi Wolfstein war Schülerin der Parteischule der deutschen Sozialdemokratie in Berlin gewesen und hat später Paul Frölich geheiratet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie an der Ausgabe der Werke Rosa Luxemburgs mitgearbeitet hat. Vermutlich stammt der folgende Kommentar der letzen Seite des Dokumentes »Mittelalter. Feudalismus. Entwicklung der Städte« von ihr: »Dieses lange Literaturverzeichnis muss, ehe es benutzt wird, auf seine Richtigkeit hin nachgeprüft werden. Einige Bücherangaben sind mangelhaft und offenbar nicht genau. Ich habe es, wie ich mich besinne und wie aus einer Spur im Stenogramm hervorgeht, von einem anderen Schüler bekommen. Meine beiden eigenen Verzeichnisse auf Seite 28 und Seite 100 sind, glaube ich, genauer, aber einige der hier angegebenen Bücher fehlen dort. Auch ist es möglich, dass in meinem Text noch weitere Bücherangaben verstreut sind, was man kontrollieren muss.«[16] Vielleicht müssen auch noch weitere Vergleiche und Recherchen angestellt werden.   VI. Die Texte »Sklaverei« bis zur »Geschichte der Nationalökonomie« sind höchstwahrscheinlich die Dokumente von (oder aus?!) Rosa Luxemburgs Vorlesungen in der Parteischule. Die während des Kriegs im Gefängnis entstandene »Einführung in die Nationalökonomie« geht bekanntlich zum Teil auf Rosa Luxemburgs Vorlesungen zurück. Frappant sind viele Ähnlichkeiten zwischen den 5 Schriften und der »Einführung in die Nationalökonomie«. Trotzdem sind sie inhaltlich nicht gleich. Die 5 Schriften sind sehr interessant, weil wir uns somit ihre Vorlesung lebendig vorstellen können. Besonders das hier erstmals abgedruckte Dokument über »Sklaverei«. Eingangs weist Rosa Luxemburg darauf hin, daß die Sklaverei »die älteste Form der Klassenherrschaft und der ökonomischen Ausbeutung« sei, und kritisiert Friedrich Engels Ausführung im »Anti-Dühring«, daß »nachdem das Privateigentum aufkam, die Möglichkeit geschaffen war, eine oder mehrere fremde Arbeitskräfte zu beschäftigen«.[17] »Diese Erklärung« könne »genauer genommen nicht genügen«: »Wir brauchen nicht, wie Engels, die Ausbeutung erst hinter die Entstehung des Privateigentums zu setzen. Die Markgenossenschaft selbst lässt Raum für Ausbeutung und Knechtung. Das Aufpfropfen einer fremden Markgenossenschaft auf eine andere erlaubt und schafft ein Ausbeutung- und Knechtungs-Verhältnis nach aussen hin. (Die Mark verbirgt zwar den Kommunismus nach innen, aber nicht nach aussen.) Ein Beispiel dafür ist das Inka-Reich. Das  Inkareich lehrt überdies noch ein anderes: Trotzdem die Eroberer, die Inkas, selbst in Markgenossenschaften zusammenlebten, finden wir bei ihnen schon 4 herrschende Geschlechter, deren Vertreter an der Spitze der Provinzen standen, in die das Land eingeteilt war. Die Inkas hatten schon ein stehendes Heer notwendig zur Aufrechterhaltung der Eroberung. Es gab also schon eine gewisse Aristokratie innerhalb der Mark.« Rosa Luxemburg schlußfolgert, daß die Sklaverei nicht, wie Engels meinte, nach der Entstehung des Privateigentums eingeführt wurde, sondern umgekehrt: Sie sei durch den Streit (Krieg) zwischen den Markgenossenschaften als ein Ausbeutungs- und Knechtungs-Verhältnis geschaffen worden. Daraus habe sich die Klassenherrschaft innerhalb der Markgenossenschaft entwickelt, und der Kommunismus sei von innen zerstört worden. In ihrer »Einführung in die Nationalökonomie« erläutert Rosa Luxemburg das Problem ausführlicher: »Der primitive Stand der Landwirtschaft gestattete damals keine größere Kultur als die einer Dorfmark, und damit steckte sie dem Spielraum der Interessensolidarität ganz enge Schranken. Und dieselbe mangelhafte Entwicklung der Produktivität der Arbeit war es endlich, die zugleich auch den periodischen Interessengegensatz zwischen den einzelnen sozialen Verbänden hervorbrachte und damit die rohe Gewalt als das einzige Mittel, diesen Gegensatz zu lösen. Der Krieg war damit als ständige Methode der Lösung von Interessenkonflikten zwischen sozialen Gemeinwesen geschaffen.«[18] Sie schreibt weiter: »Diese eigentümliche Struktur ist deshalb wichtig, weil sie uns den Schlüssel zum Verständnis einer ganzen Reihe ähnlicher Gebilde im klassischen Altertum, namentlich an der Schwelle der griechischen Geschichte, bietet.«[19] Der Text »Sklaverei« belegt, daß Rosa Luxemburg in ihrer Vorlesung die Auflösung der Markgenossenschaft und den Zusammenbruch ihres Kommunismus auf den Krieg zwischen ihnen und das daraus resultierende Eroberungs- und Knechtungs-Verhältnis (Sklaverei) unter ihnen zurückführte. Die dort formulierte Darstellung der Entwicklung der Sklaverei ist zugleich eine kurze, klare und lebendige Beschreibung der griechischen und römischen Geschichte im Altertum. Auch Karl Kautsky schrieb in »Ursprung des Christentums« (1908) über die Sklaverei im Altertum. Im Schluß des Dokuments »Sklaverei« wird Kautskys Standpunkt mit dem Rosa Luxemburgs verglichen: »Kautsky beleuchtet darin die Rolle der Sklaven ein wenig anders als Rosa Luxemburg. Er fasst die Sklaverei ausschliesslich auf als eine Form des Verfalls und des Rückschritts; das kommt daher, weil er die römische Sklaverei im Auge hat.« Nach meiner Vermutung ist der Autor Adolf Warski oder Paul Frölich, weil er sie Genossin Luxemburg nennt: »In ihrer Ansicht über die Sklaverei stimmt Genossin Luxemburg mit Marx und Engels überein.«   VII. Die Notiz »Über die Lohnfondstheorie« hat einen ganz anderen Charakter als die oben genannten Schriften. Aus dem Beginn könnte man schließen, daß sie für die Vorbereitung eines Buches angefertigt wurde: 1.     Der Inhalt der Lohnfondstheorie. Ihre gew. Verbindung mit der Bevölkerungstheorie.* 2.     Ihre Verbreitung. Adam Smith-Bentham * (Say) 3.     Ihre historische Berechtigung (Kleinmeister, Mittelalter) 4.     Ihr wahrer sozialer Kern (Abhängigkeit des Schicksals der Arbeiter vom Kapital) 5.     a)     das eherne Lohngesetz von Ricardo-Lassalle b)     Bentham 6.     Die Kritik der Lohnfondstheorie a)     Tompson b)     Herman c)     Rodbertus d)     Thorton e)     Sismondi f)     Prof. Wolf 7.     Kritik dieser Kritiken Im Allgemeinen: Nicht durch Abstrahierung von den bestehenden Ein­richtungen läßt es sich widerlegen. Umgekehrt. 8.     Marx über Lohnfondstheorie. Marx über ehernes Lohngesetz. 9.     Kritik von Professor Wolf Marx gegenüber. 10.    Antwort.   Von »Ihre« bis »Bevölkerungstheorie« ist leicht gestrichen. * »Bentham« ist leicht gestrichen. Es folgen 6 Seiten, die den Inhalt eines Buches zusammenfassend erklären. Der Text endet mit der Erklärung der Kritik von Prof. Wolf, danach schreibt der Abschreiber: »Hier bricht das Manuskript ab«.   Schluß In die neue japanische Ausgabe der Gesammelten Werke werden wir nicht nur diese und weitere[20] neuentdeckte bzw. neuidentifizierte deutsche, sondern auch sämtliche polnische Schriften Rosa Luxemburgs aufnehmen. Für die Unterstützung unseres Vorhabens möchte ich mich bei Annelies Laschitza, Ottokar Luban und Feliks Tych bedanken. Dem Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte in Moskau und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn danke ich sehr herzlich für die Genehmigung zur Erstveröffentlichung des Textes »Sklaverei«. [1] Vgl. hierzu Annelies Laschitzas Vorbemerkung zur 6. Auflage von Band 4 der Gesammelten Werke (Berlin 2000). Dies.: Zum Umgang mit Rosa Luxemburg in Vergangenheit und Gegenwart. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 33. Jahrgang, Berlin, 1991, Heft 4. Rosa Luxemburg. Breslauer Gefängnismanuskripte zur Russischen Revolution. Textkritische Ausgabe. Manuskriptdruck. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 2/2001. Im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. hrsg. von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus. [2] Tych, Feliks: Ein unveröffentlichtes Manuskript von Rosa Luxemburg zur Lage in der russischen Sozialdemokratie (1911). In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), 27. Jahrgang, September 1991, Heft 3, S. 339–357. [3] Tych, Feliks: Drei unbekannte Briefe Rosa Luxemburgs über die Oktoberrevolution. In: Ebenda, S. 357–366. [4] Tych, Ein unveröffentlichtes Manuskript, S. 339. [5] Ebenda, S. 342–343. Die beiden Hauptarbeiten sind abgedruckt in: Gesammelte Werke. Bd. 1/2, 7., überarbeitete Aufl., Berlin 2000 sowie Bd. 4, 6., überarbeitete Aufl., Berlin 2002. [6] Diese Briefe sind abgedruckt im Band 6 der Gesammelten Briefe, hrsg. von Annelies Laschitza, Berlin 1993, S. 205–211. [7] SAPMO-BArch, NY 4002/75. [8] Vgl. Laschitza, Annelies: Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biographie. Berlin 1996, S. 580–583. [9] Laschitza, Im Lebensrausch, trotz alledem, S. 582f. Noch ausführlicher referierte Annelies Laschitza über das Manuskript auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Tagung in Warschau im September 1996. Vgl. über ein Fragment von Rosa Luxemburg zur Geschichte der I. und II. Internationale. In: Bergmann, Theodor/Haible, Wolfgang (Hrsg.): Reform – Demokratie – Revolution. Zur Aktualität von Rosa Luxemburg. Hamburg 1997. Supplement der Zeitschrift »Sozialismus«, 5/1997, S. 42–50. [10] Bisherige Veröffentlichungen: Weill, Claude/Badia, Gilbert (Hrsg.): Rosa Luxemburg aujourd’hui, Paris 1986 [Konferenz in Paris 1983]. – Die Linie Luxemburg-Gramsci. Zur Aktualität und Historizität marxistischen Denkens. Berlin/Hamburg 1989, Argument-Sonderband 159 [Konferenz in Hamburg 1985]. – Internationales Rosa Luxemburg Symposium Tokio [1991]. Tokio 1994 (japan.). – Bergmann, Theodor/Rojahn, Jürgen/Weber, Fritz (Hrsg.): Die Freiheit der Andersdenkenden. Rosa Luxemburg und das Problem der Demokratie. Hamburg 1995 [Konferenz in Beijing 1994]. – Bergmann, Theodor/Haible, Wolfgang (Hrsg.): Reform – Demokratie – Revolution. Zur Aktualität von Rosa Luxemburg. Hamburg 1997. Supplement der Zeitschrift »Sozialismus«, 5/1997 [Konferenz in Warschau 1996]. – Vgl. auch Laschitza, Annelies: Die Welt ist so schön bei allem Graus. Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs. Rosa Luxemburg Stiftung, Leipzig 1998. [11] Vgl. Leipziger Reden und Schriften Rosa Luxemburgs. In: Rosa-Luxemburg-Forschungs­berichte, Heft 1/2001, hrsg. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. [12] Bei den Artikeln aus dem »Vorwärts« vom 1. und 2. November 1905 (25, 26) gibt es Übereinstimmung zwischen Recherchen, die Georg Adler und Bernd Florath unabhängig voneinander angestellt haben. Vgl. Bernd Florath, »Es ist eine Lust zu leben!«: Rosa Luxemburg als Redakteurin des sozialdemokratischen »Vorwärts« über die russische Revolution 1905. In: Lesarten marxistischer Theorie [zusammengestellt von Wladislaw Hedeler. Hrsg.: »Helle Panke« zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V.]. Berlin 1996, S. 37–48. Florath gibt zu überlegen, ob nicht auch die meisten Meldungen zu Ereignissen, die im »Vorwärts« im November/Dezember 1905 über die russische Revolution abgedruckt wurden, aus der Feder Rosa Luxemburgs stammen. [13] Für die Feststellung der Autorschaft zu 4–7 sprechen auch Ermittlungsergebnisse von Georg Adler und Bernd Florath. [14] Vgl. SAPMO-BArch, Berlin, NY 4002/16; die unter (1) und (2) angeführten 100 Seiten werden als »Redaktionsunterlagen« bezeichnet. [15] Vgl. Laschitza, Annelies: Zum Umgang mit Rosa Luxemburg in Vergangenheit und Gegenwart. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 33. Jahrgang, 1991, Heft 4, S. 442–451. [16] SAPMO-BArch, NY 4002/16, B. 99. [17] Engels schreibt im »Anti-Dühring«: »Das Privateigentum tritt überhaupt in der Geschichte keineswegs auf als Ergebnis des Raubs und der Gewalt. Im Gegenteil. Es besteht schon, wenn auch unter Beschränkung auf gewisse Gegenstände, in der uralten naturwüchsigen Gemeinde aller Kulturvölker. Es entwickelt sich bereits innerhalb dieser Gemeinden, zunächst im Austausch mit Fremden, zur Form der Waare. Je mehr die Erzeugnisse der Gemeinde Waarenform annehmen, d. h. je weniger von ihnen zum eignen Gebrauch des Produzenten, und je mehr sie zum Zweck des Austausches produziert werden, je mehr der Austausch auch im Innern der Gemeinde die ursprüngliche naturwüchsige Arbeitsteilung verdrängt, desto ungleicher wird die alte Gemeinschaft des Bodenbesitzes untergraben, desto rascher treibt das Gemeinwesen seiner Auflösung in ein Dorf von Parzellenbauern entgegen.« (Friedrich Engels, »Anti-Dühring« in: Marx, Karl/Engels, Friedrich: Gesamtausgabe (MEGA). Erste Abteilung Werke. Artikel, Ent­würfe, Band 27, S. 353–354.) [18] Luxemburg, Rosa: Einführung in die Nationalökonomie. In: Gesammelte Werke. Band 5, Berlin 1975, S. 660. [19] Ebenda, S. 661. [20] Zum Beispiel noch weit über ein Dutzend Artikel aus »Der Kampf. Sozialdemokratisches Propaganda-Organ«, Duisburg, von denen ich 1979 sieben in Kopie der Redaktion der »Gesammelten Werke in fünf Bänden« übergeben habe und von denen 14 in der Bibliographie von Jadwiga Kaczanowska und Feliks Tych erfaßt sind, müssen noch endgültig autorisiert werden. Da einige von ihnen in der Franz-Mehring-Ausgabe, Bd. 15, hrsg. von Josef Schleifstein, Berlin 1966, abgedruckt sind, besteht bei diesen Artikeln noch quellenkritischer Klärungsbedarf.

JHK 2002

Erinnerung an Bernhard Steinberger

Jürgen Jahn

Bernhard Steinberger kommt aus einem assimilierten jüdischen Elternhaus. Sein Vater, Dr. Max Steinberger, war Staatsanwalt am Landesgericht in München; er stirbt zwei Wochen nach der Geburt des Sohnes. Die Mutter heiratet nach dem Ersten Weltkrieg ein zweites Mal, läßt sich aber nach zehnjähriger unglücklicher Ehe in den dreißiger Jahren scheiden. Der Sohn besucht die Volksschule (1924–1928) und das Neue Realgymnasium (1928–1934) und geht – nach einem halbjährigen Volontariat in einer Autoreparaturwerkstatt – im Ertelwerk München in die Lehre als Feinmechaniker. Der Lehrling denkt an ein Ingenieurstudium; er ist ein begeisterter und geschickter Modellflugzeugbauer und möchte am liebsten Luftfahrttechniker oder Flugzeugkonstrukteur werden. Solch ein Berufswunsch erweist sich in Hitler-Deutschland rasch als Illusion: Als das Werk, das geodätische Instrumente herstellt, in die Regie der Wehrmacht übergeht und die Belegschaft vereidigt wird, muß Steinberger als Jude den Betrieb verlassen; immerhin erhält er ein gutes Abschlußzeugnis. So emigriert der Achtzehnjährige im Juli 1936 nach Mailand; die Mutter und die fünf Jahre jüngere Schwester folgen nach. Im November findet er eine illegale, schlecht bezahlte Anstellung als Zeichner, dann als Konstrukteur in einer Fabrik für Hausbaumaschinen; zum Oktober 1937 wechselt er in eine behördlich genehmigte Stellung als Konstrukteur bei einer Firma für Straßenbaumaschinen und Traktoren, die den Unterhalt der kleinen Familie sichert. Als jedoch am 1. September 1938 auch in Italien antisemitische Gesetze erlassen werden, emigriert Steinberger in die Schweiz, die noch keinen Visumzwang eingeführt hat. Am 2. September 1938 langt er in Zürich an, Mitte des Monats kommen Mutter und Schwester nach. Sie werden von der Jüdischen Flüchtlingshilfe unterstützt, als »tolerierten Emigranten« ist ihnen aber Arbeitssuche und -aufnahme untersagt. Steinberger nutzt die Zeit, um sich weiterzubilden, hört und experimentiert 1938/39 zwei Semester am Photographischen Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule, nimmt 1939/40 an einem Metallarbeiterkurs der Stadt Zürich teil und ist häufiger Besucher der Zentralstelle für soziale Literatur (Sozialarchiv). Hier lernt er seine spätere erste Frau kennen, eine Bibliothekarin, die der illegalen schweizerischen KP angehört. (Die Ehe scheitert allerdings bereits nach einem halben Jahr.) Hier liest er auch die Wochenzeitschrift »Aufbau« der schweizerischen Religiösen Sozialisten, bei denen er sich etwa ein Jahr engagiert. Ihr Leiter, der Theologe Prof. Dr. Leonhard Ragaz, ein überzeugter Pazifist, setzt sich energisch für die Belange der Emigranten ein. Nach Kriegsausbruch treffen harte Zwangsmaßnahmen der Bundesregierung die Emigranten: Sie werden in Arbeitslagern interniert, in denen vor allem in den ersten Jahren krude Verhältnisse herrschen. Steinberger wird im Juli 1940 in das Emigrantenlager Tamius (Graubünden) eingewiesen – es ist das erste von sechs, die er bis Kriegsende durchläuft. Zweimal erhält er Arbeitsbewilligungen als Konstrukteur für insgesamt 18 Monate. In den Lagerjahren gewinnt er engen Kontakt zu deutschen Kommunisten und betätigt sich engagiert an den diversen Aktivitäten der KPD: so bei Bemühungen, die Situation der Emigrées in den Lagern zu verbessern, bei der Gründung der sehr erfolgreichen Kulturgemeinschaft der Emigranten in Zürich e.V., aber auch bei der Organisation von Parteizellen und später von Gruppen der Bewegung Freies Deutschland in den Lagern. Für diese vielseitige politische und kulturelle Arbeit wird er auf der Zürcher Delegiertenkonferenz der KPD im Februar 1945 rückwirkend (seit 1940) in die Partei aufgenommen. Im September 1945 wird Steinberger nach München repatriiert und übernimmt im Auftrag der KP Bayern bald die Leitung des Wirtschaftsamtes »B« im Landkreis Wasserburg/Inn, später (ca. Mai 1946) wird er Kreissekretär der KP Wasserburg/Inn und leitet außerdem die Abteilung Wirtschaft und Kommunales in der Landesleitung der KP Bayern. Im darauffolgenden Jahr delegiert die Landesleitung ihn zum Studium der Wirtschaftswissenschaften an die Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig mit dem Ziel, daß er nach Studien­abschluß im Vorstand der KPD als Wirtschaftsfachmann tätig wird. Im Mai 1947 zieht Steinberger mit seiner zweiten Frau Ibolya Steinberger (Heirat 1946) und seinem kleinen Sohn nach Leipzig. Er studiert bei Prof. Dr. Fritz Behrens, der ihn schätzt und fördert. Über die Leipziger Jahre schrieb Steinberger später: »Meine Zeit in Leipzig [...] war zweifellos die schönste meines Lebens, so schwer auch hier die materielle Lage (Ernährung und Heizung) war.«[1] Er bereitet sich zügig auf das Staatsexamen vor und arbeitet bereits an der Dissertation, als beide, Mann und Frau, als unschuldige Opfer in den Sog der Noel-H.-Field/ László-Rajk-Affäre geraten. Ibolya Steinberger trifft es zuerst. Sie war 1940 in die Schweiz gegangen, zwar nicht als Emigrantin, aber um sich den zunehmend faschistoider werdenden Verhältnissen ihrer Heimat zu entziehen, hatte in einem Mangelberuf, als Haus- und Kindermädchen, ein Unterkommen gefunden und war 1943 Mitglied der KPU geworden. Im Jahre 1949 wird sie (nach einem dreimonatigen Aufenthalt bei ihrer Mutter in Felsönána, die ihren knapp zweieinhalb Jahre alten Enkel kennenlernt und ihn dann quasi als Vollwaise weitere sechs Jahre betreut) am 28. Mai 1949 vor der Ausreise in Budapest verhaftet und der Spionage verdächtigt. Ein Artikel von Georg Markos, den für sein Institut zu besorgen sie ihr Mann telegrafisch gebeten hatte (»Über die Wirkung der verstaatlichten Industrie im ungarischen Dreijahresplan«) und den sie in ihrem Ausweis mit sich führt, wird ihr zum Verhängnis: Sie sei Kurier ihres Mannes, der seinerseits im Dienste der Amerikaner (Noel H. Field) stehe. Wie sich später erweist, ist der Artikel öffentlich zugänglich und enthält kein geheimes Datenmaterial. Aber das Konstrukt einer Spionageverbindung Ungarn – SBZ – Schweiz paßt den ungarischen Vernehmern sehr gut ins vorgegebene politische Konzept. In einem »Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit«[2] unterschreibt I. Steinberger ein falsches Geständnis, das sie zwei Wochen später vor sowjetischen Sicherheitsoffizieren widerruft. Das hat keinerlei Folgen. Im Gegenteil: Ende Oktober präsentieren ihr die Ungarn drei falsche Zeugen, unter ihnen István Stolte, den der MWD aus Westdeutschland in die SBZ gelockt, verhaftet und dann nach Ungarn überstellt hat (dieser widerruft 1954 seine Falschaussage). Man preßt Frau Steinberger durch massive Drohungen – »Ob sie Mann und Kind jemals lebend wiedersehen wolle?« – ein zweites falsches Geständnis ab, das sie in dem Bewußtsein unterschreibt, niemanden außer sich selbst zu belasten, und »interniert« sie im April 1950 »für kurze Zeit«.[3] Tatsächlich verbringt sie in Kistarcsa dreidreiviertel Jahre, davon über ein Jahr in Einzelhaft. Erst am 21. August 1953 wird ihr die – drei oder vier Zeilen umfassende – Anklageschrift verlesen. Die Beschuldigung lautet: Spionage für die Amerikaner. Acht Tage später wird I. Steinberger zu acht Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der bereits verbüßten viereinviertel Jahre U-Haft und Internierung verurteilt. Im Frauengefängnis Kalocsa verbringt sie ein weiteres Jahr. Bei Geheimverhören im Juli/ August 1954 sagt man ihr, daß sie unschuldig sei und demnächst freikomme. Noch im August wird sie nach Budapest übergeführt, aber die Revision läßt auf sich warten: Ende Oktober verlegt man sie ins Budapester Sammelgefängnis, wo sie »ohne Verhör ein halbes Jahr in Einzelhaft unter beispiellos unwürdigen Bedingungen« zubringt: »Keine Schreiberlaubnis, ungeheizte Zelle, erfrorene Hände und Füße, offene schwärende Wunden und [...] überdies magenkrank.«[4] Am 4. Mai 1955 wird I. Steinberger per Amnestie (!) nach Felsönána zu ihrer Mutter und ihrem inzwischen achteinhalb Jahre alten Sohn entlassen; ihr Gewicht beträgt 35 kg. Bis zum Jahresende 1955 erfährt sie von amtlichen ungarischen Stellen, daß eine Revision ihrer Verurteilung vorbereitet wird – aber bis zu ihrer Abreise nach Berlin (2./3. März 1956) tut sich nichts. Erst am 4. Oktober 1956 spricht das Oberste Gericht der VR Ungarn sie per Beschluß Nr. B. Eln. Tan. 001353/1956/2 von der Anklage »wegen Fehlens eines Straftatbestandes« (»wegen Mangels an Delikt«) frei und rehabilitiert sie. Dieser Beschluß wird ihr schriftlich aber erst im Jahre 1960 in der Ungarischen Botschaft unter der Hand ausgehändigt.  Ihr Mann wird wenige Tage nach ihr am 9. Juni 1949 von Angehörigen des MWD in Leipzig verhaftet und noch in der Nacht nach Berlin-Hohenschön­hausen in die zentrale sowjetische Untersuchungshaftanstalt (das sog. U-Boot) gebracht. Über die Behandlung, die er dort erfährt, schrieb er im April 1989: »Nach meiner Einlieferung [...] wurde ich ohne Pause verhört: ich solle meine Verbrechen gestehen, meine Frau habe schon gestanden. Ich wurde körperlich mißhandelt, einige Male geschlagen und getreten, aber selten und immer unterhalb der Widerstandsschwelle. Wesentlich schwerer wogen Schlafmangel und das Gezwungensein, Schreie Geschlagener in Nebenräumen mit anhören zu müssen.«[5] Steinberger lernt begreifen, daß seine Verhaftung kein Versehen, kein Irrtum untergeordneter Chargen ist, sondern eiskalt berechnetes und geplantes Teilstück einer politischen Prozeßmaschinerie, der Hunderte von Existenzen zum Opfer fielen. Die Anklageschrift von einer knappen halben Seite beschuldigt ihn, »Spionage und Sabotage zugunsten einer imperialistischen Macht, gerichtet gegen die Sowjetunion, die Volksdemokratien und die Sowjetische Besatzungszone«, begangen zu haben. Der ebenso groteske wie absurde Vorwurf wird konstruiert aus der Bekanntschaft Steinbergers mit der ungarischen KP-Gruppe in Zürich (so mit Tibor Szönyi, für den Steinberger noch eine Ehrenerklärung abgibt, als dieser zusammen mit László Rajk in Budapest schon längst verurteilt und gehängt worden ist) und aus seinen Kontakten zum Unitarian Service Committee (Leiter: Noel H. Field). Das USC hatte Steinberger die Übernahme der Kosten eines In­genieurstudiums zugesichert, aber die Berner Regierung erteilte ihm keine Studienbewilligung, so daß sich die Unterstützung durch das USC auf drei bescheidene Zuschüsse beschränkte (für die Reise nach Bern 1943, für den Besuch eines Nachkriegskurses für ausländische Akademiker im Sommer 1945 und für die Ausreise nach Deutschland). Das USC aber gilt den Sowjets als getarnte amerikanische Spionagezentrale, und damit ist der »Fall« Steinberger für die Untersuchungsführer erledigt. So sehr sich Steinberger bemüht, durch genaue Darstellung seines Lebenslaufs und seiner Schweizer Kontakte die Unwahrheit der Anschuldigungen zu erweisen, und obwohl er nie ein Geständnis ablegt, kann er den Gang der Untersuchung nicht beeinflussen. Im November 1950 – nach anderthalb Jahren U-Haft – wird er aus der Zelle geholt, und ein sowjetischer Offizier teilt ihm mit, daß das Ferntribunal Moskau auf 15 Jahre Arbeitslager erkannt habe – es ist ein Administrativbescheid wie viele: ohne Gerichtsverfahren, ohne Zeugen, ohne Beweise, ohne Verteidiger. Während Frau Steinberger im »Internierungslager« Kistarcsa vergeblich auf eine Entscheidung wartet, tritt ihr Mann am 25. Dezember 1950 von Berlin aus die Fahrt in die SU an; der Transport trifft am 1. Februar 1951 in Workuta, ASSR der Komi, ein. Steinberger wird dem Lager 9, Schacht Nr. 8, zugeteilt, für die Arbeit über Tage. »Entkräftung infolge Zellenhaft und Sprachunkenntnis ließen mich die erste Zeit nur unter Aufbietung aller Kräfte ertragen, dies um so mehr, als die objektiven Verhältnisse im Lager damals noch wenig gut waren. Seelisch kam der ideologische und rassische Gegensatz (meine jüdische Herkunft) hinzu, ein Gegensatz, der allmählich an Schärfe verlor, ohne je zu verschwinden. Ich akklimati­sierte mich, begann Russisch zu verstehen und lernte die physische Arbeit meistern. Mit Ausnahme des letzten halben Jahres (infolge Unfalls) habe ich immer schwerere körperliche Arbeiten bei jedem Wetter verrichtet und bin durch sie physisch und moralisch intakt geblieben.«[6] Im Lager gewinnt Steinberger ein realistisches Bild vom inneren Zustand der Sowjetgesellschaft unter Stalin; um so mehr Hoffnung setzt er nach Stalins Tod auf eine grundlegende Erneuerung aller Lebensbereiche unter Chruschtschow, Bulganin und Malenkow. Am 1. April 1954 reicht er ein Gesuch um Neuaufnahme seines Verfahrens beim ZK der KPdSU ein, das die Lagerleitung unterschlägt. Im Mai 1955 schreibt er eine Beschwerde an Nikita S. Chruschtschow persönlich und an die ZPKK der KPdSU, aber noch ehe die von dort beauftragte Militärstaatsanwaltschaft ihre Tätigkeit aufnimmt, wird Steinberger Ende September 1955 im Gefolge der Adenauer-Initiative als »amnestierter Kriegsverbrecher« (!) entlassen und trifft am 10. Oktober in Fürstenwalde ein. Bereits am 31. Oktober beantragt er bei der ZPKK der SED seine vollständige parteiliche Rehabilitierung, erreicht aber zunächst nur die berufliche Absicherung. Sein Antrag auf Aufnahme in die planmäßige Aspirantur beim Staatssekretär für das Hochschulwesen Prof. Dr. Gerhard Harig wird unterstützt, und mit Wirkung vom 1. April 1956 ist Steinberger Aspirant am Institut für Wirtschaftswissenschaften an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Sein Betreuer: Prof. Dr. Fritz Behrens, stellv. Direktor des Instituts; sein Thema: »Planung und Arbeitsproduktivität« – ein zentraler, politökonomisch höchst brisanter (und bis zum Ende der DDR unbewältigter) Forschungsgegenstand. Steinberger stürzt sich in die Arbeit, betreibt bald Fallstudien in volkseigenen Betrieben und entdeckt dabei gravierende Probleme in der Produktionssphäre wie im Exporthandel. Die politische Rehabilitierung indes zieht sich hin, man begegnet dem Ehepaar mit kränkender Zurückhaltung, und erst am 14. Juli 1956 bestätigt ein Beschluß der ZPKK die Mitgliedschaft der Eheleute seit 1945, was sie wiederum als Demütigung empfinden. Noch am 7. Oktober protestieren sie gemeinsam bei der ZPKK gegen diese Festlegung; aber wenige Monate später werden sie aus der SED ausgeschlossen. Am 29. November 1956, gut ein Jahr nach seiner Heimkehr, wird Steinberger als Angehöriger der sogenannten »Harich-Gruppe« (Dr. Wolfgang Harich, Manfred Hertwig, Steinberger und Irene Giersch) von der Staatssicherheit verhaftet und zum zweiten Mal in die Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert. Das »Einverständnis« dazu hatte das Politbüro bereits am 27. November erteilt. Harichs gefährlich dilettantische Aktivitäten sind schon länger von der Staatssicherheit observiert worden, spätestens seit seinem Vortrag beim sowjetischen Botschafter Puschkin (24. 10.). Auch Steinberger geriet dabei ins Blickfeld. Ein Auskunftsbericht der Hauptabteilung (HA) V über ihn vom 28. November enthält Berichte eines Geheimen Informators (GI) »Walter« (vermutlich ein Teilnehmer des Aspirantenseminars) vom 31. 10. und 16. 11., aber auch den Hinweis, daß ihn »die Gruppe Harich« (d.i. also Hertwig und Harich) für geeignet halte, »das wirtschaftswissenschaftliche Programm auszuarbeiten«. Auch das Telefonat Steinbergers mit seiner Frau aus Harichs Wohnung (am 22. 11.), in dem er sie bittet, »an einer Besprechung teilzunehmen«, ist dokumentiert (Abhörmaßnahme der Abteilung »O«).[7] Steinberger ist Harich vor der Verhaftung nur zweimal begegnet. Hertwig, Redaktionssekretär der »Deutschen Zeitschrift für Philosophie«, hatte Harich auf den Politökonomen Steinberger aufmerksam gemacht und diesen zum 22. November zu Harich eingeladen. Im Verlauf des Nachmittags und Abends entwikkelt Harich den beiden das Konzept seines politischen Reformprogramms und spricht auch über die Varianten, es in die Öffentlichkeit zu bringen, falls das ZK (als erster Adressat) es ablehne, zu ihm Stellung zu nehmen. Steinberger erklärt sich auf die Bitte Harichs bereit, den Entwurf des Grundsatzprogramms, den Harich in den nächsten Tagen fertigstellen wolle, »kritisch durchzuarbeiten und speziell den wirtschaftlichen Teil, soweit erforderlich, auszuarbeiten«. Steinberger besteht an diesem Abend auch auf Geheimhaltung gegenüber Dritten, besonders am Telefon, da Harich glaubt, sein Telefon werde abgehört. Am 25. November kommt Harich in die Wohnung Steinbergers und übergibt ihm den Entwurf des Reformprogramms zur Kritik und Überarbeitung. Tatsächlich hat Steinberger den Entwurf nicht überarbeitet und in den Tagen bis zur Verhaftung wahrscheinlich nicht einmal gelesen. Er war, beeinflußt durch seinen Freund Richard Wolf, auch schwankend geworden, ob er sich an Harichs »Aben­teurerei« (so Wolf) überhaupt beteiligen solle. Für den Prozeß und das Urteil gegen Steinberger hat das alles keinerlei Bedeutung: Er wird am 9. März 1957 vom Obersten Gericht der DDR nach Artikel 6 der Verfassung wegen »Boykotthetze« zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Dem Prozeß gehen zwischen dem 29. 11. 1956 und dem 14. 2. 1957 41 protokollierte Vernehmungen voraus (die erste dauert in der Nacht der Verhaftung von 20.30 Uhr bis 4 morgens); außerdem muß Steinberger nicht nur wie Hertwig einen Lebenslauf verfassen (1. 1. 1957), sondern auch eine »Rechenschaftslegung über meine geistige Entwicklung bis heute« (4.–9. 1. 1957); sie umfaßt 43 1,5zeilige Maschinenseiten. Der psychische Druck, unter dem Steinberger die ganze Zeit steht, bewirkt, daß auch er die verlangte »Reue« zeigt – sie gehört seit Bucharin zum Ritual der Terrorprozesse –, aber sie bleibt sehr ambivalent: »Ich bin mir darüber im klaren, daß mich die Verhaftung davor bewahrt hat, durch politische Aktionen gegen die DDR zu handeln. Es steht fest, daß ich – auch wenn ich mit Harich gebrochen hätte, was eben nicht feststand – meine oppositionelle Haltung deshalb nicht aufgegeben hätte.«[8] Diese Aussage kann man auch gegen den Strich lesen, und dann besagt sie: Ich habe nicht gegen die DDR gehandelt, und ich kann meine kritische Haltung gegenüber Partei und Staat nicht aufgeben. Diese Ambivalenz hat Steinbergers weiteres Leben bestimmt: Er blieb der Sache des Sozialismus verbunden, auch wenn seine kritische Haltung gegenüber dem »realen Sozialismus« sich in den späteren Jahren immer stärker ausprägte, bis er endgültig begriff, daß eine Partei, die einen Reformer als Revisionisten verketzerte, nichts von ihm wissen wollte. In der Vernehmung vom 8. Dezember 1956 und in der ihm abgezwungenen »Rechenschaftslegung...« legt Steinberger im übrigen auch die Grundgedanken seiner Vorstellungen von einer Reform der Planwirtschaft dar – mit der Kritik am bürokratisch-administrativen Planungssystem, dem Konzept einer Selbstverwaltung der Betriebe und der Orientierung auf das Wertgesetz stimmen sie weitgehend mit den Theorien seines Chefs Prof. Dr. Fritz Behrens überein, der 1957 ihretwegen als »wirtschaftstheoretischer Revisionist« gemaßregelt und aller seiner Ämter enthoben wird. Man könnte meinen, daß mit der Verurteilung des Schülers auch der Lehrer getroffen werden soll. Steinberger wird in das Strafarbeitslager Berlin-Hohenschönhausen übergeführt (4. April 1957). Sein Strafvollzugs-Überwachungsheft enthält die Verfügung des Staatsanwalts Jahnke vom gleichen Tage: »Strafe muß verbüßt werden.«[9] Eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach zwei Jahren, wie sonst üblich, wird also von vornherein ausgeschlossen. Wenig später erhält Steinberger jedoch die Genehmigung zu wissenschaftlicher Tätigkeit und arbeitet Lektionen und Studien zur politischen Ökonomie für die Abt. Wissenschaft beim ZK und das Institut für Wirtschaftswissenschaften (DAW) aus. Steinberger möchte auch sein Forschungs- und Dissertationsthema weiter bearbeiten und beantragt deshalb einen wissenschaftlichen Konsultanten (Erich Mielke handschriftlich am 4. 7. 1957: »einverstanden«[10]). Der Betreuer, Dr. Herbert Neumann aus der Abt. Wissenschaft, lenkt Steinberger auf ein strikt theoretisches Thema (»Wachstumsgesetze der sozialistischen erweiterten Reproduktion«), das keinen Kontakt mit Betrieben erfordert. Aber diese Sonderbedingungen erhält Steinberger nicht umsonst: Er wird von Dezember 1957 an bis Oktober 1960 als Kammeragent (KA) tätig, d.h., er verfaßt als Kontaktperson unter seinem Namen insgesamt 24 Berichte für die Anstaltsleitung, in denen er vorwiegend über Diskussionen, Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und Unzufriedenheiten unter den Mithäftlingen informiert; er ent­wickelt auch gerechtere Arbeitsnormen für die Lagerinsassen. Damit gibt sich die Staatssicherheit aber nicht zufrieden. Die HA I/7/II (Spionageabwehr in der NVA) gewinnt ihn für eine spezielle Aktion: Er soll einen bereits als Spion verurteilten NVA-Offizier »aufklären« und »entlarven« helfen. Steinberger gibt am 3. Januar 1958 eine Verpflichtungserklärung[11] ab und wählt den Decknamen »Fritz Schwarz«. Aber bereits am 14. Januar teilt er dem Führungsoffizier mit, daß er nicht bereit sei, die »Rolle eines Achtgroschenjungen zu spielen«[12] und seine (sozialistische) Überzeugung zu verleugnen. Trotzdem wird er noch am 1. April zum Geheimen Informator (GI) umregistriert. Da er aber die »gestellten Forderungen« nicht erfüllt, beschließt die HA I am 23. Juli 1958 das »Abbrechen der Verbindung«.[13] Am 26. November 1960, zwei Tage vor Haftende, wird Steinberger per Gnadenerweis des Staatsrates der DDR aus der Haft entlassen. Für diese besondere »Gnade« muß Steinberger eine vorgedruckte »Verpflichtung« unterschreiben: »Ich werde mich des Gnadenerweises des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik durch ehrliche Arbeit würdig erweisen und verpflichte mich, die Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik einzuhalten.«[14] Vier Wochen zuvor, am 24. Oktober 1960, gibt Steinberger eine zweite Verpflichtungserklärung ab; sie lautet: »Es erscheint mir als staatsbürgerliche Selbstverständlichkeit, mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten, und dies um so mehr, als ich mich gegen den Staat vergangen habe und dies, solange ich leben werde, bereuen wer­de. Die mit dieser Tätigkeit verbundene Pflicht, über alles und gegen Jedermann zu schweigen, werde ich unverbrüchlich wahren. Ich wähle den Decknamen Fritz. Bernhard Steinberger«[15] Der Werbung gehen vier lange Gespräche voraus, in denen der künftige Führungsoffizier (FO), ein Leutnant Enderlein von der HA V/2/II, Steinberger in­formiert, er müsse nach seiner Entlassung damit rechnen, daß ihn Vertreter des oppositionellen Zentrums »Der dritte Weg« aufsuchen, um ihn zur Mitarbeit zu gewinnen oder zur Republikflucht zu bewegen. Solche Annäherungen habe er zu melden. (Um sicherzugehen, läßt die Staatssicherheit im Januar/Februar 1961 Steinbergers Telefon abhören.) Aber die erwarteten direkten Kontakte, etwa von Manfred Hertwig, bleiben aus, und Steinberger kann in der Folgezeit nur unverfängliche private Grußpost von Hertwig vorweisen. Im Jahre 1965 berichtet Steinberger zweimal über politische Gespräche mit einem Hamburger Journali­sten, der Grüße von Hertwig bestellt. Im übrigen verhält er sich gegenüber dem Interesse des MfS an Personen sehr zurückhaltend: Er betont in den zahlreichen Treffs immer wieder, daß er seine Überzeugungen nicht verraten wolle noch könne (damit ist er für operative Aufgaben unbrauchbar) und daß er keine Charakteristiken über Personen abgebe, die er von früher kenne, weil er sie womöglich »in ein falsches Licht« setze, da sie ja »inzwischen ihre Meinung geändert haben könnten«.[16] Oder er gibt an, daß er selbst zu viele ideologische Unklarheiten habe, um über die anderer zu berichten. Wenn Steinberger sich – in Ausnahmefällen – zu Personen seines Umfeldes äußert, dann nicht negativ oder gar denunziatorisch. So stellt er (1960) dem ihm gut bekannten (von der SED gemaßregelten und abgesetzten) Werkleiter des VEB Motorenwerk Zschopau ein hervorragendes charakterliches, berufliches und politisches Zeugnis aus; 1961 nimmt er in einem Bericht den Kaderleiter der Hochschule für Ökonomie vor ungerechtfertigten Vorwürfen seiner ZPO in Schutz. Im übrigen benutzt Steinberger die Treffs mit dem FO mehr und mehr dazu, seine persönlichen Probleme darzulegen und zu debattieren und in größter Offenheit über politische und ideologische Probleme zu sprechen, die ihn beschäftigen und beunruhigen. Natürlich kann der FO keine überzeugenden Antworten geben. Das führt dazu, daß Steinberger in den regelmäßig angefertigten Auskunftsberichten und Einschätzungen sowie in den Berichten anderer GI als hartnäckiger und unverbesserlicher »Revisionist« und Abweichler erscheint, der es freilich nach seinen harten Erfahrungen vermeiden wird, über eine oppositionelle Grundhaltung hinauszugehen. Da der Einsatz in Richtung »Dritter Weg« keine Ergebnisse zeitigt, wird der GI »Fritz« vermutlich 1963 an die Abteilung XX/6 der Bezirksverwaltung (BV) Groß-Berlin (damals noch innerhalb des MfS) überstellt, als Sicherungs-GI an der Hochschule für Ökonomie; aber auch hier funktioniert er nicht, da er personenbezogene Aufträge ablehnt. Am 3. April 1964 attestiert ihm sein Führungsoffizier: »Der GI vertritt in vielen Positionen die Plattform von Havemann. In seiner Ideologie nähert er sich immer mehr dem Klassengegner. Er erkennt viele Dinge nicht. [...] Mit dem GI müssen ständig ideologische Auseinandersetzungen geführt werden.«[17] Seit 1967 besteht nur noch ein »loser Kontakt«; er dient dazu, zu erfahren, wie Steinberger über bestimmte politische Ereignisse denkt. So erfährt das MfS 1968 auch Steinbergers ablehnende Haltung zur Invasion des Warschauer Paktes in der ČSSR. Am 17. Februar 1969 verfügt die Abteilung XX die Einstellung und Archivierung des »IM-Vorganges«. Nach der Entlassung aus der Haft ist Steinberger interimistisch im VEB Elektro-Mechanik Berlin als TAN-Bearbeiter, bald als TAN-Gruppenleiter tätig, bis über seine Berufswünsche entschieden worden ist. Seine Arbeit über »Wachstumsgesetze der sozialistischen erweiterten Reproduktion« wird von seinem Konsultanten wie vom Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen als Nachweis der Eignung für wissenschaftliche Tätigkeit anerkannt, und ihm wird geraten, sich an der Hochschule für Ökonomie Berlin-Karlshorst zu bewerben. Mit Zustimmung der Abt. Wissenschaft und des Staatssekretariats wird er zum 16. Juni 1961 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Insti­tut für Volkswirtschaftsplanung eingestellt. Einer beruflichen Normalität steht allerdings das Urteil vom 9. März 1957 im Wege, nach dem Steinberger »weder im öffentlichen Dienst noch in leitenden Stellungen im wirtschaftlichen und kul­turellen Leben tätig sein« darf. Daher bittet er am 2. September 1961 die Generalstaatsanwaltschaft der DDR um »Erlaß der Sühnemaßnahmen«, den ihm die Gnadenkommission von Groß-Berlin am 13. September gewährt, das aktive und passive Wahlrecht eingeschlossen. Zwei Jahre später, am 20. Januar 1963, wendet sich Steinberger an die Generalstaatsanwaltschaft mit der Bitte um Straftilgung. In einer ausführlichen Begründung geht er auch darauf ein, daß er im Zentralorgan der SED, im »Neuen Deutschland«, am 1. Dezember 1957 öffentlich verleumdet worden ist (er sei wegen Vergehens gegen den Frieden bereits vorbestraft) – eine Demütigung, die er wohl nie ganz verwunden hat. Erst am 16. Mai teilt ihm die Oberste Staatsanwaltschaft mit, daß die Verurteilung »am 9. Mai 1963 im Strafregister getilgt wor­den ist« – aber dazu muß erst die HA IX (Untersuchungsorgan) ihr Einverständnis erteilen, und Mielke zeichnet deren Stellungnahme vom 2. Februar 1963 mit seinem »einverstanden« am 4. Februar persönlich ab.[18] Am gleichen Tag, an dem Steinberger um Straftilgung ersucht, richtet er auch ein Gesuch an den Staatsrat der DDR um »Wiedergutmachung wegen 6 1/3 Jah­ren unschuldig verbüßter Haft und Verlust sämtlicher Habe in Zusammenhang mit der Affäre Rajk in der VR Ungarn 1949«. Im März 1958 hatte Frau Steinberger durch ihren Rechtsanwalt den Bescheid der Stadt Leipzig erhalten, daß ihre per Leihvertrag überlassenen Möbel wieder zurückgenommen worden seien, über den Verbleib weiterer vorhandener Gegenstände jedoch »nichts festzustellen« sei. Mit anderen Worten: Hausrat, Bücher, Kleidung, alle persönlichen Dokumente sind unauffindbar geworden – als hätte es eine Familie Steinberger in Leipzig nie gegeben. Das Gesuch reicht Steinberger übrigens ein, obwohl ihm der FO davon abrät: er habe jeden Anspruch auf Rehabilitierung und Wiedergutmachung für die 1949–1955 unschuldig erlittene Haft durch seine »feindlichen Handlungen gegen die DDR«[19] verwirkt. Als ihn am 18. April 1963 die Mitteilung des Staatssekretariats erreicht, daß es mit seinem »Einsatz in der Lehrtätigkeit einverstanden« ist, zieht Steinberger – nach einer Debatte in der Hochschule – am 24. April den Antrag definitiv zurück: »Ich will nicht verhehlen, daß mir der Entschluß, den Schlußstrich unter die Geschehnisse 1949–1955 auf diese Weise zu ziehen, schwer gefallen ist. Das Verlangen, mit der Partei, der ich mich zugehörig fühle, in Übereinstimmung zu stehen, gab jedoch den Ausschlag.« Eine solche Übereinstimmung erweist sich als doppelte Illusion: Steinbergers kritische Vorbehalte gegenüber der Parteiführung unter Ulbricht und Honecker erhalten in den Folgejahren grundsätzlichen Charakter; zum anderen läßt ihn die ZPKK Ende der 60er Jahre wissen, daß sein Ausschluß endgültig ist. Weitere Demütigungen bleiben nicht aus: Steinberger stellt 1963 den ersten An­trag auf Wiederanerkennung als Verfolgter des Naziregimes, aber erst im Dezember 1967 wird sie ihm gewährt. Im Februar 1964 muß er eine Forschungsarbeit für die Staatliche Plankommission abbrechen; nach einer Beschwerde beim Staatsrat der DDR wird ihm eine zweijährige Vertragsforschung für das Ökonomische Forschungsinstitut der Staatlichen Plankommission zugewiesen: »Volkswirtschaftliche Bilanzierung und langfristige Planung der Arbeitskräfte«. Daraus entsteht zunächst ein Studienmaterial für das Fernstudium (1966), später gemeinsam mit Rolf Naumann die Dissertation »Grundlagen der prognostischen und perspektivischen zentralen Arbeitskräfte- und Bildungsplanung«, mit der Steinberger am 19. September 1967 summa cum laude zum Dr. rer. oec. promoviert, mit fünfzig Jahren. Unter dem Titel »Arbeitskräfte- und Bildungsplanung« erscheint die überarbeitete Gemeinschaftsarbeit 1969 im Verlag Die Wirtschaft. Zum 1. Juni 1970 zum Hochschuldozenten für Sozialistische Volkswirtschaft berufen, konzentriert sich Steinberger in den Jahren bis zur Rente (1977) ganz auf die Lehrtätigkeit; dem Thema einer geplanten Habilschrift (1974) wird nicht zu­gestimmt. In der Zeit der politischen Wende unterstützt Steinberger als Berater das Neue Forum Berlin. Am 15. Januar 1990 beantragt er beim Obersten Gericht der DDR die »Revision der Urteile gegen Harich, Steinberger und Hertwig« und faßt noch einmal seine Reformvorstellungen des Jahres 1956 zusammen, deren Ziel eine entstalinisierte sozialistische Partei und ein demokratischer Staat waren: »Ablösung derjenigen Mitglieder der Parteiführungen und des Staatsapparates, die für die Übertragung des Stalinkurses auf die DDR hauptverantwortlich waren; Herstellung der innerparteilichen Demokratie; Umwandlung der Volkskammer in ein demokratisches Parlament; Wiederherstellung der Rechtssicherheit; Demokratisierung des kulturellen Lebens; Dezentralisierung der Wirtschaftsleitung, Auflösung überflüssiger Ministerien, Übergang zu einer allgemeinen Perspektivplanung; Neuorientierung der Mittelstandspolitik; Einstellung jeder Zwangskollek­tivierung.« Das Oberste Gericht der DDR kassiert am 28. März 1990 das Urteil von 1957. Eine späte Genugtuung, die freilich nichts an den Verletzungen und Demütigungen ändern kann, die Bernhard und Ibolya Steinberger im Laufe ihres Lebens erfahren und erdulden mußten. Alle im einzelnen nicht per Anmerkung belegten Fakten, Daten und Zitate entstammen Unterlagen und Dokumenten, die mir Frau Ibolya Steinberger und ihr Sohn Bernhard zur Verfügung stellten, denen ich dafür besonderen Dank schulde. [1] Steinberger, Bernhard: Rechenschaftslegung über meine geistige Entwicklung bis heute (4.–9. 1. 1957). In: BStU/ZA, MfS AU 89/57, BA Bd. 5, S.292 [Seitenangaben stets nach BStU-Zählung]. [2] Ibolya Steinberger an die Zentrale Parteikontrollkommission, 27. 6. 1956, S. 3. [3] Ebenda, S. 5. [4] Ebenda, S. 8. [5] Bernhard Steinberger an den Verlag Neue Züricher Zeitung, 19. 4. 1989, S. 3. [6] Bernhard Steinberger, Darstellung meines Falles, 31. 10. 1955, S. 8. [7] HA V, Auskunftsbericht über Steinberger, Bernhard, 28. 11. 1956. In: BStU/ZA, MfS AU 89/57, BA Bd. 5, S. 2-3. [8] Steinberger, Rechenschaftslegung... In: BStU/ZA, MfS AU 89/57, BA Bd. 5, S. 324. [9] Verfügung des Staatsanwalts Jahnke vom 4. 4. 1957. In: BStU/ZA, MfS AU 89/57, HA/GA Bd. 10 (Strafvollzugs-Überwachungsheft), S. 1. [10] HA V/6 an HA IX, 4. 6. 1957. In: BStU/ZA, MfS AU 89/57, BA Bd. 5, S. 488. [11] BStU/ZA, MfS AIM 1172/65, Teil I (Personalakte), Bd. 1, S. 14. [12] HA I/7/II, Bericht vom 15. 1. 1958. In: MfS AIM 1172/65, Teil I, Bd. 1, S. 24. [13] HA I/7/II, Abschlußbericht vom 23. 7. 1958. In: MfS AIM 1172/65, Teil I, Bd. 1, S. 29 und 30. [14] Bernhard Steinberger, Verpflichtung zum Gnadenerlaß, 26. 11. 1960. In: BStU/ZA, MfS AU 89/57, HA/GA Bd. 10, S. 22. [15] BStU/ZA, MfS AIM 1172/65, Teil I, Bd. 1, S. 166. [16] HA V/2/II, Treffbericht vom 2. 11. 1960. In: BStU/ZA, MfS AIM 1172/65, Teil II (Arbeits- und Berichtsakte), Bd. 1, S. 79. [17] Abt. XX/6, Treffbericht vom 3. 4. 1964. In: BStU/ZA, MfS AIM 1172/65, Teil II, Bd. 2, S. 33. [18] BStU/ZA, MfS AU 523/90 (Effekten), S. 66 und 65. [19] HA V/2, Treffbericht vom 21.7.1961. In: BStU/ZA, AIM 1172/65, Teil II, Bd. 1, S. 236.

JHK 2002

The Greek Communist Party and the Communist International

Heinz A. Richter

Economic and social conditions of the development of the Greek Communist movement As in all other countries the specific features of the Greek social system and the conditions of the country’s economy had a distinctive influence on the beginnings of the Labour movement. The following table gives an idea of the economic conditions prevailing in Greece.[1] 186118701879190719201928primary sector agriculture74,074,869,966,370,068,3secondary sector industry/ craft10,010,311,812,813,114,7tertiary sector16,014,918,320,916,017,0trade/banking/traffic6,16,37,311,19,210,7private services3,93,85,23,42,21,9army & public service4,43,43,93,22,01,5professions1,61,41,93,22,62,9 But even this table[2] is misleading to a certain degree because the secondary sec­tor includes people working in tiniest shops. In 1920 there were 34.892 industrial enterprises of which 31 987 had less than 5 workers. 2413 »factories« occupied between 6 and 25 workers and 492 more than 26 workers. According to west European standard this could hardly be called industry. Greece was an agricul­tural country with some trade.[3] The urbanisation process continued. Until 1920 the growth of Greek towns had been caused by the usual migration from the countryside to the towns. The living conditions in Athens and Piraeus were intolerable. In 1920 five to six people shared one room. But this was idyllic compared with the catastrophical conditions two years later when one and a half million refugees from Asia Minor poured into the country. Within a very short time the population of Athen/Piraeus almost doubled (1920: 453 042; 1928: 802 000). Almost needless to say that the infrastructure of the capital could not keep pace with this development. Most of the town dwellers had no jobs and tried to make a living with casual work. In 1928 thirty nine per cent of the refugees were without a job. A totally unjust tax system hit the poor especially hard: forty two per cent of the income of a peasant or worker family were devoured by indirect taxes. In 1939 the yearly per capita income of a Greek amounted to 75 $; in Great Britain the comparative figure was 469 $. Greece was one of the poorest countries of Europe between the wars. Politically Greece was unstable as well. In 1909 the old political system had be­come so thoroughly rotten that a kind of Young Turk Rebellion took place in the armed forces. This rebellion is known as the Revolution of Goudi. The officers were clever enough not to try to run the country themselves and called the liberal politician Eleftherios Venizelos to the fore. In 1910 and 1911 Venizelos reformed the Greek state, i. e. he modernised outdated structures and updated the constitution. Beginning social unrest was channeled by creating paternalistic unions and bringing them under the tutelage of the liberal party. During the First World War the country was deeply split. The king wanted to side with the Middle Powers, and Venizelos strongly believed in the ultimate victory of the Entente. Venizelos was right and in the peace treaty of Svres he won a big portion of Asia Minor for Greece. Unfortunately his royalist successor gambled away his gains: He started a war against Kemal Atatürk’s resurgent Turkey without allies and lost it. The price was paid by the Greeks of Asia Minor. 1.5 million of them were driven out of land their ancestors had occupied 2500 years ago. Greece now became a republic. But this republic was even more unstable than the Weimar Republic. Governments rarely survived a few months. There were coups and short lived dictatorships. The electorate was called to the polls seven times between 1924 and 1936. During the same period there were two plebiscites on the form of government. The electoral system was changed in each election. In 1935 the monarchy was restored by a fraudulent plebiscite and 1936 a fascist dictatorship[4] was erected by King Georg II and General Ioannis Metaxas. The most astonishing feature of this period, however, was that not even the Asia Minor Catastrophe was able to destroy the old two party system which had come into being during the First World War. Even the refugees did not turn radical or communist and voted against the bourgeois parties which had created the disaster. And the refugees became and remained the staunchest supporters of Venizelos. This brings us to a feature of the Greek political system which is totally strange to Europeans. When the modern Greek state was created in 1832 it inherited and developed political structures alien to Europe, i.e. Greece generated her own specific political culture.[5] In the context of this study one of its multi-faceted features is of major interest: Greece’s clientelistic system. The roots of this custom reach back into the time of the Ottoman Empire. During the 400 years of Turkish rule it became »customary for the local notable to intercede with the authorities on behalf of his fellow citizens. This role gave added prestige, power, and wealth; the villagers gained a sponsor and security. There was some reciprocity, since it was recognized that the notable had a call on the service or loyalty of those for whom he did favors. Conversely, the notable had an obligation to protect the interests of those who entered into this relationship [...]«.[6] In the last resort this system served to protect the individual and his family against extra-community forces, i. e. against infringements by Ottoman power bearers. However, after 1821 this system’s character changed radically. From now on clientelism was used to tie the individual to the political system. The previous »patron-protectors« began to involve themselves in politics as party leaders and soon found that their clientelistic networks could be used for exerting political power. The client’s original desire for physical security gave way to the aspiration for social protection or promotion. The patrons soon discovered that they were able to grant favours to their clients and in turn would gain their votes. Thus in the 19th century a highly sophisticated system of favoritism, nepotism, patronage and favors or rousfetia (fulfilment of voters’ wishes by legal or illegal means) was created which kept the clientele together. At the same time many patrons detected that there were others more powerful. Therefore they subordinated themselves to these and became part of their clientelistic network. At the beginning of the 20th century two rivalling clientelistic pyramids existed which vaguely resembled European conservatives and liberals. The state machinery became the object of the patrons’ exploitative greed: job haggling and horse-trading, corruption, log-rolling manoeuvres and spoils system ruined the administration, judiciary and military. The parties which resulted from this system of »political procuring« as it was characterized by a deputy towards the end of the 19th century did not know any party program, organisation or congresses let alone internal democracy. The party bosses were the absolute overlords of their organisations. Conflicts within a party led to the splitting of whole clientelistic networks and in the last resort to factionalisation. According to the success or failure of a party leader his clientele grew or shrank. Accordingly, the Greek voter did not vote for the policy of a party but against the party which had not done him the expected favour (rousfeti). The population growth which slowly led to an urbanisation of the country did almost not touch this system. Not even when the process of industrialisation, accompanied by capitalist exploitation showed the first obstacles, was the system shaken noticeably. In fact, the exploited sought remedy from their patrons. The idea to turn against them did not come into their minds. It needed the Great Depression and the political crisis towards the end of the (Venizelist) republic to deliver a first blow to the system. The fascist dictatorship between 1936 and 1941 beheaded and paralysed the clientelistic networks by arresting and deporting the patrons. The bewildered clients were left alone and started to look for new guidance. The occupation of Greece by the Axis powers created a political vacuum which was filled by the Greek communist party offering leadership in the resistance struggle against the invaders. Individuals and whole clientelistic networks shifted their loyalty to the new organisations promising a brighter future. The only political factor totally alien to this system was the Greek Communist Party (Kommounistiko Komma Elladas; KKE) which introduced unknown elements of European political culture such as party programme or party discipline and, above all, could offer no rousfetia. When investigating the history of the Greek Communist Party six distinctly different periods seem to be discernible between its founding in 1918 and the dissolution of the Comintern in 1943. They may be characterized by the following headings: Convulsions of birth, 1918–1920; factional strives 1920–1924; bolshevisation, 1924–1931; intervention of the Comintern and subsequent stalinisation, 1931–1936; struggle for survival against the fascist dictatorship of Metaxas, 1936–1941; resistance and development towards a mass movement, 1941–1944.   Available Sources Until 1974 research on the history of KKE was seriously impeded by the fact that the party had been outlawed since December 1947. Most party publications after the end of the Civil War (1949) appeared somewhere in Eastern Europe under the name »Political and Literary Editions« (Politikes kai Logotechnikes Ekdoseis). Few found their way into Greece and almost none into a public library. During the colonels’ dictatorship (1967–1974) all public libraries were thoroughly purged from the few remaining leftist books. Nowhere in Greece were sources published by KKE legally obtainable. Material dealing with the interwar period did not exist at all. It had been banned and burned during Metaxas’ dictatorship (1936–1940) and the little which may have had survived the onslaught of the secret police had disappeared after 1947. Only with great difficulty was it possible to trace some private collections and to obtain admission to them. The party’s archives were inaccessible because they were located somewhere in Eastern Europe, most probably in Bucharest. When KKE in the 1960s was preparing a series of documentations parts of the archives were moved to Skopje. Alekos Papapanagiotou who worked in the Institute of National History (Arhiv na Instituta za Nationalna Istorija) at the University of Skopje was chosen as the official party historian and editor of the »Official Documents« (Episima Keimena) series dealing with World War II and the Civil War. When the party split in 1968 he sided with the Euro-Communist wing (KKEes). Freed from control by the orthodox mandarins, he began to publish broadly in a scholarly way taking up even very controversial issues especially of the Civil War period.[7] His Episima Keimena volume of the war years was so embarassing for the orthodox wing that they decided to publish their version as well.[8] After 1974 he prepared the Civil War volume of the series but it was never published. Apparently the contents were still too embarassing for some leading Euro-Communists. Over the years Papapanagiotou had built up a huge archive in Skopje containing all sorts of material. When he died in the late 70s the archive disappeared but it re-surfaced in 1991. It is now part of the ASKI (Archeia Synchronis Koinonikis Istorias – Archives for Modern and Social History) Foundation closely linked to EAR, the party succeeding the KKEes. ASKI is open to scholars. It even publishes a journal which has the same name as the foundation. A few years ago KKE set up an institute of Marxist studies (Kentron Marxistikon Erevnon) in Athens where most of the reprinted material is available. Controversial and sensitive material, however, will be searched for in vain by researchers. Though the party’s archives were moved to Greece they are not accessible to scholars. The standard excuse is that the material is being restored because a few years ago heavy rains drowned much of the archives situated in the basement of the Central Committee building. There are a few private collections containing communist sources which are difficult of access. Government sources – especially police records – exist but are in bad order and may only be consulted after 50 years, if at all. Since 1990/92, after the opening of the Moscow archives the source situation regarding the early history of KKE has improved considerably. Scholars may consult most of the archives of Komintern and individual communist parties; some groups of sources, however, remain closed. KKE-Documents, files of the Greek EKKI representation and cadre folders can be found in the RGASPI (Rossiskij Gosudarstvennij Archiv Socialno-Politiceskoj Istorii – Russian State Archiv for Social-Political History). Another important source on Komintern policy are the published diaries of Dimitroff.[9] Despite these impediments the primary source situation as far as official party documentation is concerned in reality has not been bad – provided the publications could be traced.[10] Secondary sources such as memoirs and reminiscences dealing with the period until 1931 are scarce.[11] For the years to the Second World War their number is meagre.[12] The resistance period, however, is characterised by abundancy.[13] Scholarly research on a communist or leftist topic in Greece proper before 1974 was non-existent for two reasons: Official historians considered contemporary history (Zeitgeschichte) as current politics and therefore as unscholarly and the Greek state did everything possible to discourage research and historiography in this field.[14] It inspired, however, the publication of pseudo-scholarly studies on KKE which were scarcely more than pieces of anti-communist propaganda.[15] The same purpose was served by publishing accounts of KKE-renegades.[16] But in our context they are irrelevant. Research outside Greece was arid. In the US there appeared a monograph on the history of SEKE/KKE which regrettably was written from an extreme cold war position.[17] Another American study scrutinized the Greek trade union movement.[18] The development of social question in the 19th and 20th century was the topic of a study published in the Federal Republic of Germany.[19] The first account of the party’s history from a KKE-point of view appeared in 1945 when secretary general Nikos Zachariadis made a first effort to interpret KKE’s history.[20] The first concise official party chronicle appeared in 1952[21] and was soon followed by a lengthier history.[22] The next effort at a party history was made by KKE in 1978.[23] All of them were rather uncritical and reflected scarcely more than the prevailing ideo­logical position at the time. After 1974 the situation changed radically. Immediately after the fall of the military junta the Karamalis government legalised KKE. The taboo, which had hindered research for decades, fell. During the ensuing years a kind of literary explosion took place in Greece: memoirs, reminiscences, articles, monographs and all kinds of reprints appeared in ever increasing numbers. The focus, however, was on the time of the National Resistance. The earlier period was still paid little attention to by historical researchers, but since most of the earlier party documentations and histories were reproduced the source situation improved considerably. The fact that since 1968 there had been two communist parties in Greece (the orthodox KKE and the Eurocommunist KKE esoterikou) furthered research as well because KEs published documentations based on parts of the party’s archives which often diverged substantially. Unfortunately, however, these revealing discrepancies deal with the late resistance period and the beginning of the civil war. But there are a few memoirs of members of the Eurocommunist KKE which prove helpful in our context. In 1984 the present author published the first and so far only comprehensive bibliography on Greek communism, socialism and trade unionism[24] which lists more than 1700 titles dealing with this topic. The entries dealing with the history of KKE until 1941, however, scarcely exceed 120. These include party documents, monographs, memoirs, biographies, articles in periodicals, essays in books, dissertations, and pamphlets. In 1974 an Unit journalist with intimate knowledge of KKE, Antonio Solaro, presented a story of KKE from a Euro-communist position. Despite lack of sources Solaro’s account was a valuable contribution as it shed light on certain controversial episodes of the party’s past.[25] The multi-volume history by Katsoulis on the other hand is written from a position very close to KKE and methodologically it is scarcely more than a compilation of well known party documents linked by accompanying text.[26] However, even after 1974 historical research by non-communist historians dea­ling with the period under consideration has been scarce. The pre-history of KKE was analyzed by a Greek-American his­to­ri­an.[27] Panagiotis Noutsos’ multivolume work on Greek socialist thinking is a bonanza for scholars researching the early history of SEKE/KKE.[28] Elefantis’ account[29] of the interwar period is another noteworthy exception, though, strictly speaking, it is not a party history. The studies of Matthias Esche,[30] Hagen Fleischer,[31] und Christophe Chiclet[32] contain a wealth of information about the history of KKE during the Axis occupation, the Dekemvriana and the Civil War but do not touch the earlier period. The story of KKE from its foundation to the Meraxas dictatorship is still waiting for its historian. The KKE-Comintern connection was treated in German by me in a general way[33] and thoroughly by a Russian scholar.[34]   Convulsions of Birth, 1918–1920 The Greek Communist Party was founded in November 1918 as Socialist Workers’ Party of Greece (Sosialistiko Ergatiko Komma Elladas; SEKE). The foundation of SEKE in November 1918 came about as an aftermath of the First Panhellenic Trades Union Congress in October 1918. Provoked by labour unrest in 1911 the liberal government of Eleftherios Venizelos had established a system of paterna­listic control over the emerging tiny unions by introducing the French organisation system (bourse du travail). Right from the beginning the Worker Centres became part of the Venizelist party clientele network. In 1914 the right to form a union was established and simultaneously control by the state and the Venizelist party increased. Nevertheless socialist ideas spread among the unions. But until the end of the First World War Greek trades unions remained local and extremely fragmented. During the First Congress three political trends were discernible: The so-called reformists adhered to the Venizelist paternalistic system and opposed any political activity by the unions. The two other groups represented the right- and left-wing of the socialist trend. They propagated class struggle and rejected any state intervention. As the socialists had the majority in the congress the statutes of the General Trade Unions League (Geniki Synomospondia Ergaton Elladas; GSEE) bore their handwriting. Despite this initial success the original fragmentation continued. Due to the state-imposed election procedure of delegates to GSEE congresses the creation of mini-unions was encouraged which in turn became an easy prey of the rival political parties. This in turn introduced all the negative features of the clientele system into the unions. Thus the GSEE-unions assumed the character of unofficial state unions. By 1936 the Greek unions counted several hundred. Inspired by the October Revolution Greek socialists decided to found a nation-wide party. Until that date there had been few isolated socialist groups. The strongest was the Socialist Federation of Thessaloniki founded by Jewish intellectuals which before the First World War had been in contact with the Second International. Some days after the First GSEE-congress few unionists and left intellectuals founded SEKE. They were idealistic leftists and their knowledge of socialism was limited. Accordingly the programmatic resolutions were a colourful mixture of marxist and liberal concepts combined with Wilsonian idealism.[35] When in March 1919 the Comintern was created trouble began. The left- wingers in the SEKE leadership demanded the severing of all contacts with the Second International and entry into the Comintern. In May the Party Council (Symvoulio tou Kommatos) found a compromise which postponed the split for the time being: Contacts with the Second International were to be broken off and it was decided to get in touch with the Comintern. The final decision of adherance would be taken by the 2nd Party Congress. Despite this compromise the bickering continued. In September during another meeting of the Party Council the left-wing majority decided to enter the Balkan Federation of Socialist Parties which a few months ago had joined the Comintern. As this verdict anticipated the resolutions of the 2nd Congress the social-democratic president of SEKE, Aristos Arvanitis, resigned and left the party. The Party Council further decided to establish contact with the Comintern. The story of this first abortive mission to Moscow would easily form an ideal film plot but is much too long to be retold in this context.[36] In April 1920 the 2nd SEKE Congress convened. Since the Communist faction controlled the majority of the delegates the decision to enter the Comintern was taken almost unanimously. According to the report of the Central Committee (CC) SEKE counted approximately 1000 members and the youth movement about 500. The Congress further decided to change the party’s name into SEKE (K) [Kommounistiko]. This decision caused the resignation of many leading socialist oriented members with their clientele from the party and a split of the GSEE. The reformists created their own GSEE and within the left GSEE two factions developed which soon became absorbed in ideological infights. The Greek union movement was de facto paralyzed.   Factional Strives 1920–1924 In summer 1920 the 2nd Congress of the Comintern put up the notorious 21 conditions of adherence. When these became known in Greece they almost led to a split in SEKE (K) as a considerable number of party members refused to submit to the leadership of the Comintern. In September 1920 the Comintern accepted SEKE (K) as a member of the – in the meantime renamed – Communist Balkan Federation. Thus at the end of 1920 SEKE (K) was only an indirect member of the Comintern. At the same time it became clear that the Balkan Federation would have a say in all matters of the Greek party. Internally the party stood before severe struggles. In early 1921 three factions fought for the control over SEKE (K). The extreme left (N. Sargologos) propagated a revolutionary course. The »centre« (N. Dimitratos) demanded cooperation with the Venizelists and the dropping of any revolutionary activity. The »right« (G. Georgiadis, Giannis Kordatos, Avraam Benarogia, P. Dimitratos) steered a more socialdemocratic course. Still another line was propagated by the owner of the party’s newspaper, Giannis Petsopoulos. In order to overcome the conflict a delegation was sent to the 3rd Comintern Congress which took place in June 1921. The Greek delegation was allowed to participate in the congress but no leading representative of the Comintern received them. They met the Comintern responsible for the Balkans (Christian Rakovski) and the Secretary General of the Bulgarian party (Vasil Kolarov). When the Greeks asked for admission to the Comintern they were told to purge their party from all dissidents and to accept the 21 conditions. Clearly the Comintern did not trust the Greeks since they were no proletarians but obviously intellectuals. The delegation returned to Greece with a lot of propaganda material but little financial help.[37] In the meantime the Greek-Turkish war was reaching its climax. SEKE (K) organised an anti-war campaign which provoked repressive measures by the Greek government (Gounaris). In February 1922 the party’s »centre« and »right« staged a coup: they called together the first panhellenic party conference which was not provided for by the charter. As many from the »left« were at the front the moderates had a majority and waved through a social-democratic platform (participation in elections and parliament). From now, on the party would consider the Comintern resolutions as historical documents, which might serve SEKE (K) as orientation on the specific Greek way towards socialism.[38] Kordatos was elected secretary of the CC. The taking over by the moderates led to renewed factional strife among the rank and file which even reached the members at the front in Asia Minor. In May 1922 the Executive Bureau of the Communist Balkan Federation met in Sofia. The Secretary General of the Bulgarian Party, Vasil Kolarov, tabled a resolution for the autonomy of Macedonia and Thrace otherwise the Bulgarian refugees resulting from the treaty of Neuilly would side with IMRO.[39] With this demand the Bulgarian party took over positions of the bourgeois parties aiming at the creation of a greater Bulgaria. The representative of SEKE (K), Petsopoulos, managed with great difficulties to hinder the passing of this resolution for the time being.[40] However, the Greek embassy in Sofia learned about the affair and informed the Athens government. Thus when Petsopoulos returned to Athens he and the whole SEKE (K) leadership was arrested. During the ensuing months the Greek-Turkish war ended in the »Asia Minor Catastrophe« and the population exchange between Greece and Turkey agreed upon within the framework of the Lausanne peace treaty. In November 1922 the 2nd Extraordinary SEKE (K) Congress convened. The »left« majority reversed the decisions of the party conference by reinforcing the decisions of the 2nd congress. A new CC and CC-secretary (Sargologos) were elected. Despite this, factional strives continued in 1923. Dissidents were fired, new members especially from Asia Minor joined the party. Among them were Serafeim Maximos who belonged to the International Worker’ Union of the Comintern and Pantelis Pouliopoulos who would become CC-Secretary and was later denounced as a Trotskyist. In May 1923 the first Comintern emissary (Andrej Pestkovsky, CC-member of CPSU) appeared in Athens to assist in overcoming the factional strives. Neither he nor the election congress in September 1923 succeeded. Some comrades were thrown out of the party because of right-wing deviation and Sargologos was replaced by T. Apostolidis but the infights continued. In December 1923 SEKE (K) received an almost lethal blow. At that time the 6th Conference of the Balkan Federation took place in Moscow. Since the last meeting of the Federation the Bulgarians had secured the assistance of Dimitrij Manuilskij and Christian Rakovski from the Comintern leadership. Thus, when the conference began, the Greek delegate (Sargologos) and the Yugoslav were asked to agree to a resolution demanding an independent Macedonia and Thrace. The Yugoslav flatly rejected this. Sargologos, who had no instructions, was blackmailed by the Russians into accepting it. When he returned to Athens he was violently attacked. Totally frustrated and desillusioned he emigrated to the United States.[41] The CC was split. Rizospastis editor Kordatos railed against the resolution: The slogan for an autonomous Macedonia and Thrace lacked any basis. Macedonia had been divided into three parts and the Greek section (after the population ex­change) was populated almost homogenously by Greeks. Perhaps the slogan was useful for the Bulgarian party but it certainly damaged the Greek. They were not ready to ruin the Greek party in order to correct the mistakes of the Bulgarian party.[42] Maximos held the opinion that the Comintern resolutions had to be obeyed. CC-Secretary Apostolidis steered a neutral course. It was decided to bring the whole matter once more before the Comintern. Comintern’s demand for Macedonian autonomy was based on wrong information dating from the time before the Balkan Wars. In 1923 Greek Macedonia was inhabited by an overwhelming Greek majority. By the population exchange of the Lausanne Treaty the Turks living in Macedonia had left the country and Greeks from Anatolia had been settled there. There remained two minorities:  The Aromunes living in the area north of Serres and in the Pindus mountains and a Slav speaking group spreading from the Yugoslav border towards Kozani. The Aromunes were of Greek descent but spoke a language of their own related to Rumanian. Though the Slav minority spoke a West-Bulgarian dialect they were more attached to Yugoslavia than to Bulgaria, a fact which they shared with the »Macedonians« around Skopje. The only Bulgarian speaking minority in Greece were the Muslim Pomaks living in the Rhodope mountains in Western Thrace, but they were neither Bulgarians nor Slavs.[43] The Macedonia policy of the Comintern intensified the factional strives within SEKE (K). In February 1924 the Party Council met and replaced the so far leader­ship by a committee (Kordatos, Apostolidis, Maximos). Its task was to purge the party from all opportunists (Socialdemocrats) and extremists (Trotskyists). In the months to follow the »deviationists« left the party or were expelled and founded their own organisations. These, however, degenerated quickly into sectarian groups which did not play any role in Greek politics.[44]   Bolshevization, 1924–1931 In June 1924 the 5th Comintern Congress massively critisised the Greeks and Yugoslavs for their attitude towards the Macedonian question. When the Greek delegates (Pouliopoulos, Maximos) gave in, the Congress decided that the matter would be settled by the 7th Balkan Federation Conference which was to take place after the end of the Comintern Congress.[45] There the Bulgarian scored full success. The position of the Yugoslav and Greek parties was denounced as right deviationist and liquidarist. Pouliopoulos and Maximos surrendered and signed the resolution. Knowing that pushing through this decision in the Greek party would lead to a major controversy they asked for moral assistance from the other CPs. This aid was granted, indeed. In spring 1924 Greece and the Soviet Union had reestablished diplomatic relations. In June the first Soviet ambassador (A. M. Ustinov) appeared in Athens to be followed by further diplomatic personnel and a number of graduates from the Communist University of the Workers of the East (Kommunisticheskij Universitet Trudyashchaya Vostoka; KUTV; 1921–1952). Western European communists were trained in the party high school at Sverdlovsk, but as the Soviets considered Greece an Eastern country Greek communists received their training at KUTV. The KUTVists as the graduates were called in party jargon were mostly Greeks who had grown up in Russia or Greeks from Asia Minor who had found their way to the Soviet Union after the Asia Minor Catastrophe. Among them was Nikos Zachariadis who would later become Secretary General of KKE. The Soviet embassy asked SEKE (K) to employ the KUTVists in party work. The SEKE (K) leadership did this, though reluctantly, since they did not trust their loyalty. They were right: These cadres felt loyalty only to their masters in Moscow. Soon they monopolised the contacts with the Soviet embassy and thus controlled the material aid flowing from Moscow to Athens.[46] When the Macedonia resolution became known to the party members it created an uproar. In order to quell this the Comintern in November 1924 sent two emissaries to the 3rd Extraordinary Congress of SEKE (K): Manuilskij and the Secretary General of the Czechoslovak party and member of the Comintern Executive Committee, Richard Smeral. This congress constitutes a milestone in the history of the party. SEKE (K) was renamend KKE, the 21 conditions werde accepted and the organisational structure was remodelled according to the CPSU pattern, i.e. the cell system was introduced. With massive help from the Comintern emissaries the Macedonian policy of the Comintern was enforced.[47] Pouliopoulos was elected new CC-Secretary. But even then KKE hesitated to align itself publicly with this policy. When the first article appeared in Rizospastis many members left KKE and in early 1925 after a further article the Greek government had KKE’s leadership arrested and brought to court for treason. However, before the trials began the Pangalos dictatorship was established and KKE was outlawed. Clumsy management of the trials offered the accused the chance for propaganda in which they were assisted by an international press campaign organised by the Comintern which presented them as political martyrs.[48] Pangalos’ anti-communist campaign played into the hands of the KUTVists: As most of the old party leaders were arrested the KUTVists’ influence grew: they had been trained for illegality and thus many of them managed to escape the persecution of the police and soon controlled large sections of the party. After the fall of the Pangalos dictatorship in August 1926 the conflict with the KUTVists began. CC Secretary Pouliopoulos resigned from his post and attacked the Macedonian policy: It ruined the party and ought to be given up. Equally ca­la­mitous in his eyes was the growing influence of the KUTVists. They did not take root in the party and only aimed at bringing it under Moscow’s control. In the general elections of 7 December 1926 KKE received 41 982 votes (4.38 %) and according to the proportional voting system applied, 10 deputies. In the previous elections (December 1923) under the majority system and politically totally different conditions SEKE (K) had won roughly 10 000 votes but no deputy. The increase of votes was caused by three factors: As the proportional system was applied the Greek voter did not waste his ballot if he voted for KKE. The repressive measures of the dictatorship provoked a protest reaction against the old clientelistic parties and finally in the election campaign KKE did not mention the Macedonian problem. In the meantime Pouliopoulos continued his attacks. During an enlarged CC meeting in mid December 1926 the KUTVists accused him of liquidarism. Pou­liopoulos countered: the Macedonian policy would have serious consequences for the labour movement in Greece. It was unacceptable that any international institution decreed the course of the various parties. In each country there were specific conditions. This was clearly a Trotskyte position and the KUTVists had him condemned for factionalism and liquidarism. In February 1927 Kordatos sided with Pouliopoulos: The Macedonian policy and not the persecutions of the Greek government had delivered the coup de grâce to KKE. The Greek workers considered the Greek communists as allies of Bulgarian chauvinism. Kordatos and Pouliopoulos were right: In March 1927 KKE counted 860 members.[49] Despite this distressing situation the fights between the factions continued. During the 3rd Party Congress in March 1927 three factions became discernible: The »liquidarists« around Pouliopoulos which had the support of the deputies demanded the dropping of the Macedonian policy. They wanted the building of an efficient cadre structure prior to the enlargement of the mass basis. The KUTVists assisted by the Comintern emissary and member of the CC of KPD, Hermann Remmele, aimed at sacking the »petit bourgeois intellectuals« and wanted to create a mass basis which they could control more easily. The »centrists« around Maximos took an opportunistic position. Thus the KUTVists gained a partial victory. The Macedonian policy was declared obligatory and it was decided to open the party for the mass influx of workers. These, however, showed rather little interest since KKE could offer no rousfetia. If the Comintern faction did not score full success it was due to the KKE deputies who threatened to lay down their mandates if the KUTVists tried to purge the »liquidarists«. In August 1927 the crisis reached its climax. Pouliopoulos attacked the KUTVists from the front by condemning Stalin’s policy of socialism in one country as anti-marxist and anti-leninist and openly sided with Trotsky, Sinoviev and Kamenev. The Stalinist Politbureau from which the »centrists« had resigned in June fired him from the party and had his expulsion confirmed by the Comintern.[50] Now the KUTVists turned against the »centrists« around Maximos. The Comintern asked him to come to Moscow what he wisely refused. In November 1927 the KKE Politbureau accused him of factionalism. But they hesitated to sack him directly since this would have meant the loss of deputies as well. The Stalinist had found a better way: They started a campaign for the autonomy of Macedonia. The Greek government promptly lifted the parliamen­tary immunity of KKE’s deputies and sent them for trial. Though they were soon released they lost control over their followers and the KUTVists were able to expel them from the CC at a meeting in February 1928. The Comintern agreed. At the same time it was planned to create a purely communist union. In the elections of 19 August 1928 KKE mustered 14 325 votes (1.41 %) but since the majority system was applied no seat. The drop in votes was caused by a variety of factors. The Macedonian policy surely played a major role but more important was the return of Venizelos to active political life. On the other hand under the majority system any vote for KKE was a forlorn vote. Therefore, many left voters transferred their votes to the liberals whence moreover there might come rousfetia. Despite this election defeat the purges continued. In December 1928 the 4th Party Congress attended by a Comintern delegation sacked all former deputies save one (Kostas Theos). The new Stalinist leadership under A. Chaitas approved the measures taken by the Comintern and the Soviet government against Trotsky. The Comintern emissary in turn congratulated KKE for the successful purge of the party. The ensuing two years were the blackest in the history of KKE. In February 1929 KKE founded – as planned – the communist union federation (Enotiko GSEE; EGSEE; United GSEE) which institutionalised the split of the Greek labour movement and made it easier for the Greek government to persecute the communist unionists and reinforce state control over the non-communist unions. In March 1929 the Venizelos government introduced a bill (Idionymo law – sui generis law) which made agitation against the social order a crime. In Juli it became a law. Though KKE denounced this law as fascist and the Comintern mobilised Europe’s public opinion against the dictatorial situation in Greece the repressive measures of Venizelos were rather mild, scarcely more than administrative hindrances to the party’s work. If the KKE’s star sank to its lowest this was not caused by the goverment’s persecutions but by the continuation of the internal strife. The quarrels were not about ideological differences but about personal rivalries in the top leadership. The 4th Congress had demanded an increase of membership to 5000. Instead the number shrank. In March 1930 KKE had 170 members in Athens and in red Piraeus only 70. The total membership was below 1500. Not even when the world economic crisis hit Greece could KKE attract new members: When in August 1931 an anti-war demonstration which had been prepared for weeks took place only 150 persons showed up. Quite rightly this period of KKE’s history is called the time of unprincipled opportunism. The Comintern had watched these fights with growing displeasure. In June 1929 a Comintern emissary tried in vain to lead KKE back to the »right« way. In January 1930 during the 3rd plenum communist deputy of the Reichstag and emissary of the Comintern, Ernst Grube, made another attempt to overcome the personal feuds. But the squabbles continued. Two groups were discernible which accused each other as responsible for the decline of the party: the Stalinist clique around Chaitas and a less orthodox and more nationally oriented circle around Theos and Georgios Siantos. In August 1931 the Greek police tried to arrest KKE’s leaders. Though Chaitas was arrested he managed to escape to Moscow where in 1935, he was executed as a Trotskyist. Siantos had left for Moscow before the police raid. When Theos was caught in September KKE was leaderless.   Intervention of the Comintern and Stalinization, 1931–1936 In view of this desolate situation the Comintern decided to intervene directly into the internal affairs of KKE. In November 1931 a Comintern resolution analysed the situation in Greece and made it known that the party had a new leadership.[51] In December the 4th Plenum met and in the presence of a Comintern emissary (Henryk Walecki of the Polish CP) the new leadership under the KUTVist Nikos Zachariadis was established. As Zachariadis led the party until 1956 a few words about his career seem useful. Zachariadis was born in Adrianople (Edirne) in 1903 as son of petit bourgeois parents. As his father often changed his place of work he grew up in various towns of Ottoman Turkey. His formal education consisted of four years of primary school and one year of High School. From 1919 on he worked in the Istanbul docks and later as a Black Sea sailor. During this time he got in touch with the local unions. In 1923 he joined the CP of Turkey and was sent to KUTV. In 1924 the Comintern sent him to Greece. Between 1924 and 1929 he held various posts in the communist youth movement OKNE (Omospondia Kommounistikon Neolaion Elladas; Federation of Communist Youth of Greece) and KKE. Several short stays in prison interupted his activities. In 1929 he left Greece to be trained as a cadre in the Soviet Union until 1931. Zachariadis was an absolute henchman of Stalin.[52] The new leadership promised to follow all the instructions of the Comintern. Indeed, during the ensuing two years the organisational structure of KKE was remodelled on the Bolshevik model. In July 1932 the 1st Panhellenic Organisa­tional Conference declared the factory cell as the basis of the party. In August a conference on union questions took place. In the September 1932 elections KKE received 58 223 votes (4.97 %) and, as the proportional system was applied, won 10 deputies. KKE rejoiced and attributed the success to the competent leadership of Zachariadis. This was exaggerated of course. The true reason for the gains was that the Greek voters had turned against Venizelos’ liberal party which had proved incapable and unwilling to cope with the disastrous effects of the Great Depression on Greece. They voted for the conservative Populists or for the smaller progressive parties among which was KKE. The new KKE deputies were all staunch supporters of the Stalinist line. Towards the end of 1932 the economic situation deteriorated rapidly. The two big bourgeois parties were unable to form a stable government therefore new elections were held in March 1933. Despite the application of the majority system KKE received 52 958 votes (4.64 %) but no seat in parliament. The effects of the Depression had obviously paralysed some of the old clientelistic mechanism and thus the KKE electorate stabilised. During the following years KKE played a totally passive role in Greek politics. It was preoccupied with reorganising itself. The most important event for the development of the party was the 6th Plenum of January 1934 which laid down the ideological line which would be valid until 1945. Since until then KKE had not worked out any party program (the first official program was to be formulated in 1961) the basis of thought was the Comintern resolution of November 1931 which was quoted at length in the relevant document.[53] According to the resolution Greece belonged to that number of countries which were on the road towards capitalism. In their agriculture, however, there still remained important semi-feudal elements. In these countries, before the socialist revolution could be carried through, the bourgeois revolution must first be completed. But it was possible that this transformation process could quickly evolve into a socialist revolution. So far the 6th Plenum document reproduced the Comintern resolution correctly but then its authors blurred the matter when they described the manner and evolution of the transformation process. Evidently elements of the Comintern resolution were mixed up with KKE’s own concepts in a way which shows that they had not a very clear idea what it was all about: »The hegemony of the proletariat in the bourgeois-democratic revolution, won in the struggles leading to victorious revolution and safeguarded in the form of rule by soviets, with the active cooperation of the international proletariat, will ensure the rapid transition from bourgeois-democratic to socialist revolution. Government by workers’ and peasants’ soviets which in the first stage of the revolution will achieve the revolutionary-democratic dictatorship of the working class and the peasantry in the form of soviets, will now become the government of the dictatorship of the proletariat.«[54] In other words, KKE hoped to to complete the bourgeois-democratic revolution by a radical-democratic system of government, a system of soviets somewhat resembling the workers’, peasants’ and soldiers’ soviets in Russia in 1905 and 1917 or in Germany at the end of 1918. This means that in 1934 KKE rejected the parliamentary system and preferred the radical-democratic, Leninist system of democracy by soviets. A piece of self-criticism by the 6th Plenum sheds an interesting light on the social composition of KKE. Only 44 % of the rank and file were workers and among them no more than 9.1 % factory workers. 44 of the 590 party cells were factory cells. Obviously the overwhelming majority of KKE’s members stemmed from the petit bourgeoisie. In the local elections in February 1934 KKE scored its first great success. Di­mitrios Partsalidis was the first communist elected mayor of Greece in Kavalla. In May, however, the government unseated him under the accusation that he had turned the town hall into a communist stronghold. The 5th party congress in March 1934 ratified the course of the 6th Plenum and pro­pagated the Comintern slogan of establishing an antifascist popular front. The still-provisional leadership around Zachariadis was made permanent. Obviously KKE was well on the way towards Bolshevik unity. Finally the congress accepted a party constitution which was modelled after the CPSU statute and soon developed into an instrument to discipline dissenting party members. In the months until the abortive coup d’etat of March 1935 KKE tried to mend the union connection but met with deep distrust by the other trends. At the same time it tried to prepare the mass basis for a general strike in case of a military take over. In vain – Greek workers refused to join KKE. Thus KKE had to confine itself mainly to the role of an onlooker. The 3rd Plenum of April 1935 complained bitterly that the party had no chance to influence developments. But the same Plenum received the Comintern’s permission to change the slogan of Macedonian autonomy into »full equality of all minorities within the Greek state«. Thus one of KKE’s handicaps was removed. The elections of June 1935 were boycotted by the Venizelist parties because the ruling Royalists were going to rig them thoroughly. KKE did not join the boycott and thus won 98 699 votes (9.59 %) but no seat in parliament due to the majority system applied. This success was caused mainly by two factors: Firstly, many Venizelists were not ready to succumb to the royalists passively and thus voted KKE out of protest. Secondly, the Venizelist clientelistic network was beginning to disintegrate and many disillusioned Venizelist followers shifted their loyalty to KKE. The new Macedonian policy probably did not have much influence on the voters. The electoral success filled KKE with new self-confidence. The 3rd Organisa­tional Conference obliged the party to work for the establishment of an anti-fascist popular front. The efforts to improve the relationship to GSEE were intensified but still received a cool reception. The 4th Plenum in September 1935 ratified the decisions of the 7th Comintern congress about the popular front strategy and elected Zachariadis Secretary General of KKE. In December 1935 the 6th Party Congress took place. With pride the leader­ship sta­ted that all delegates were workers. However, no words were wasted on the com­position of the rank and file. In best Stalinist manner the delegates approved unanimously the work of the CC since the last congress. Obviously Stalinism had been successfully implanted. In order to alter the social composition of the party in favour of the workers the congress decided to found a peasant party (Agrotiko Komma Elladas; AKE) which was to organise the popular front in the country side. Until the Second World War AKE was a typical communist controlled front party without any attractivity to the peasantry. AKE’s time came during the occupation when it became one of the parties active in the Greek Resistance. More important for KKE, however, was the introduction of the personality cult surrounding the Secretary General. A later leading cadre, Pavlos Nefeloudis remembers: »The Sixth Party Congress can be seen as the Party Congress which implanted and fostered personality cult in Greece. To all the defects which characterised the internal functioning of our party from its birth there was now added a new evil, the cult of one person, of the person of the leader [...] They began to weave the legend of the ›omniscient‹ [panexypnos], the great theoretician, the heroic leader [...] It is he who has created the new party strategy for a bourgeois revolution based on deep study and scientific analysis of the Greek situation. He it is who inspired the Resolutions of the Sixth Party Congress for a united Peasant Party. He is the great conspirator, the phantom whom the Security Police cannot catch.«[55] But this was only the beginning. A few years later one of Zachariadis’ henchmen stated: »The party is Zachariadis and Zachariadis is the party.«[56] In October 1935 the Greek monarchy was restored by a fraudulent and unfree plebiscite. The returning king, however, insisted on correct elections in January 1936. KKE campaigned as popular front and won 73 411 votes (5.76 %) and 15 deputies. The drop in votes in comparison to the June 1935 elections by more 25 000 was caused by the return of the protest voters to the liberal parties. The relatively high number of votes comprised without any doubt still a great number of protest voters. Membership of KKE in 1936 was well under 10 000[57] and even these were not seasoned communists in the sense that they were adherents of the teachings of Marx and Lenin or Stalin. Most of them were people who were dissatisfied by the existing clientelistic system and wanted social reforms. The hard core of KKE were the KUTVists and a few hundred staunch supporters, altogether less than one thousand. The electoral success of KKE, however, soon gained disproportionate weight since the conservative and the liberal camps had come out of the elections with almost equal strength (Venizelist 141 seats, Antivenizelists 143 seats). Thus neither of them was able to form a government on their own. Since they had been on hostile terms for years a coalition government in the bourgeois camp was precluded. So con­servatives and liberals began bargaining with the popular front in order to win their votes to form a minority government; a coalition with KKE was precluded, of course. A deal with the conservatives was blocked by the military. The negotiations with the liberals were more success­ful and ended in the conclusion of a mutually-satisfying agreement. At the decisive moment, however, the leader of the liberals, Sofoulis, did not have the courage to face the furious attacks of the conservatives in parliament and ducked out. KKE took revenge by revealing the contents of the negotiations with both parties. This and growing labour unrest offered the Greek right-wing politicians a unique chance to conjure up the communist danger.   The Struggle for Survival – the Fascist Dictatorship of Metaxas, 1936–1941 The strike wave which passed over Greece in spring 1936 was not the work of the communists. In 1935 mounting misery of the working population caused the socialist unions to dissolve their organisations and its members returned to the Venizelist controlled GSEE. As the Venizelists had been ousted from government the liberals approved strikes since these would bring the conservatives into trouble. From January 1936 on the base organisations of communist EGSEE increasingly participated in the strikes. The government reacted with brutal repression the anticlimax of which was the 9 May demonstration in Thessaloniki where the police actually killed 12 and wounded 300. Ensuing protest strikes spread all over Greece. Prime Minister Metaxas cleverly used these to increase the communistophobia of the Greek bourgeoisie to hysteria. In July the GSEE-leadership agreed to organise a nationwide strike together with the communist unions on 5 August. Though the danger of a communist takeover existed only in the frenzied minds of fanatical anti-communists Metaxas and the King used this as an excuse to establish a dictatorship on 4 August 1936. One of the main characteristics of the fascist[58] regime of the 4th of August was its anti-communism. Accordingly the communists became the first victims of the regime’s repressive measures. Up to November 1936 the secret police had arrested 1330 »communists«. The definition of a communist was left to the police and they discovered »Venizelo-Communists«, »Populo-Communists«, »Anglo-Communists«, or »Gallo-Communists«. In other words, whoever was not prominent enough to be branded as a communist was denounced as one, jailed or banned to an island. Towards the end of 1936 the prisons were so overcrowded that the authorities established a concentration camp for communists in the former fortress of Akronafplia. Similar camps were established on Aigina and Corfu. The dictatorship did not confine itself simply to incarcerating the communists but subjected them to a »re-education program« which should lead them back to the right way. The methods applied to obtain the declarations of repentence (dilosis metanoias) recalled the most sinister procedures of the Inquisition and included all kinds of torture. When the victim signed such a declaration in which he condemned Communism and praised the dictator it was published and he was set free. Nevertheless he was branded as a former communist which on the one hand led to his isolation in society and on the other hand made his former comrades break off any contact with him. Until 1939 the secret police collected over 45 000 such declarations. This figure, however, does not reflect the real number of KKE-members but the zeal of the hunters. In the beginning the KKE-leadership tried to direct the party out of jail but this soon proved to be a hopeless enterprise. The still free (second rank) cadres and members had difficulties enough to avoid arrest and were not able to do any underground work. In order to confuse the rank-and-file of KKE even more, secret police minister Konstantinos Maniadakis had some renegades and under cover secret police agents form a CC and even edit a Rizospastis. To keep up appearance the police persecuted the distribution of the fake Rizospastis as well. The bogus CC which became known as the provisional leadership (prosorini diikisi) managed to get in contact with true KKE cells whereby the cell’s members were exposed to persecution. Until 1940 less than 1000 KKE-cadres and members resisted the onslaught of the regime and did not sign a dilosis. Since the prisons and concentration camps were overcrowded the regime could not isolate the communists and they taught the other inmates their message thus turning the prisons into communist smithies where future cadres were forged.[59] If Metaxas did not succed in destroying KKE he was succesful in ruining the clientelistic networks of the conservatives and liberals. As most of their clients had internally never identified themselves with the clientelistic system but had used it out of sheer destitution it was easily wiped out. Many of the former clients hated the fascist system but as their former masters showed only little readiness to fight against it they looked for new leaders. Thus KKE as a resistance organisation gained an attraction which it would never have gained if the old setup had continued. KKE became the bearer of hope for all those who wanted to fight fascism. In February 1939 Siantos who had managed to escape from his exile island called together a few leading cadres who had not been arrested for a meeting which became known as the 5th Plenum of the CC. Analysing the national and international situation they came to the following conclusion: »Our party fights to secure the independence and integrity of Greece, but at the same time it announces that the greater enemy of our independence and of the integrity of our country is in Athens – the monarchofascist dictatorship.«[60] The fight against the internal enemy had priority. Sometime in the course of July 1939 the Comintern corrected this position: »Your country is being threatened by the fascist Axis and especially by Italian fascism which is very active in the Balkans. The first duty of KKE is to defend the independence of your country. As long as the Metaxas government is fighting against the same danger, there is no reason for you to give priority to its overthrow.«[61] Siantos and Zachariadis complied and reoriented KKE’s propaganda accordingly. A few KKE leaders (Ktistakis, Papagiannis), however, were taken aback by this Comintern volte face. They did not understand that the Comintern had since long degenerated into an instrument of Soviet foreign policy and at this particular period Soviet foreign policy was trying to build a dam against fascist expansion in the Balkans at all cost. Zachariadis and Siantos were of the opinion that the security of the Soviet Union had priority. After the conclusion of the Hitler-Stalin-Pact and the change of the Comintern line to ending this imperialist war they kept a low profile whereas the other group (Ktistakis, Papagiannis) switched to the Comintern’s line and demanded a revision of priorities. Thus it was now they who staunchly supported the Comintern’s policy whereby lastly they became tools of Axis propaganda. Mussolini’s attack on Greece on 28 October 1940 complicated the situation even more. In a letter of 31 October 1940 Zachariadis took an absolute nationalistic position as regards the war against Italy.[62] Though he apparently knew about the Comintern directive of September 1939,[63] he dismissed it deliberately and returned to the Comintern position of July 1939. His underlying motives for this step are subject to speculation. However, when the Greek army succeeded in pushing the Italians far back into Albania, Zachariadis in a second letter[64] dated 26 November 1940, took a position halfway between his first letter and the September 1939 Comintern directive. He denounced the Greek advance as an imperialist war which served only the interest of Britain. The British should leave the country and the war should be stopped and an armistice effected through the good offices of the Soviet Union.[65] When on orders of Security Minister Maniadakis the publication of the second letter was prohibited Zachariadis made another effort. On 15 January 1941 he wrote a third letter. In it he again condemned the Albanian war as a fascist war of conquest and complained that Metaxas had not sought the mediation of the Soviet Union. The continuation of the war only served the Greek plutocrats and British imperialism. Therefore Metaxas remained the main enemy of the people and of the country. His overthrow was the primary target. Army and people should join in an effort to establish an anti-Fascist, anti-plutocratic, popular regime.[66] Luckily for Zachariadis this letter, too, was not published. It might have ruined the positive impression the first letter had created among the rank-and-file and the Greek people in general and Zachariadis’ appeal to the army to overthrow the regime at a moment when the Greek nation was fighting for survival might have had similarly disastrous consequences as the Macedonian policy.   Resistance and Development towards a Mass Movement, 1941–1944 In April 1941 Hitler’s troops conquered Greece. The invasion scattered the remaining residues of the clientelistic networks. But in the Albanian campaign and in the battles against the Germans the people had developed a new men­ta­lity. They had learned that things did not have to be accepted passively; even superior forces could be resisted. The victories against the Italians were victories of the people and not victories of its defeatist leadership.[67] And this will to resist was not broken by the occupation. Spontaneously in summer 1941 the first resistance groups came into being. The old elites had no part in this. As they could not expect to lead the resistance in the old clientelistic way they decided to sit the occupation out. Only few younger intellectuals and a number of democratic and republican minded officers and the few remaining communists were ready and had the expertise to organise and lead the spontaneous resistance. The communists who had survived the dictatorship in illegality numbered 200 and in the chaos of the first days of the occupation a few hundred others managed to escape from prisons and camps. Zachariadis was taken over by the Gestapo and sent to Dachau where he remained until the end of the war. Thus when the Greek communists reorganized themselves they were no longer under the lead of the international professional revolutionary Zachariadis nor under Komintern tutelage. Their new leader, the »national« communist Siantos was a different type. True, he was a communist but also a Greek, as a communist he fought for a socially just postwar society and as a Greek he longed for freedom. Since no new Comintern instructions had arrived in the meantime during the first days of the German occupation KKE showed signs of uncertainty which line to follow. But when the Germans attacked the Soviet Union on 22 June 1941 KKE caught step again. The 6th Plenum which met a few days later appealed to members of the two communist groups to set aside their disagreements and contribute to the reconstruction of the party. The basic duty of each communist was it to organise the struggle for the defence of the Soviet Union and for the overthrow of the foreign Fascist yoke. The communists must help the people to survive, organise the resistance against the invaders and explain that only a government of the workers and peasants could permanently free Greece from foreign dependence and internal exploitation.[68] This resolution which was not influenced by any Comintern directives repeated the old slogan of the defense of the Soviet Union but oriented the party towards resistance. In the 7th Plenum of September 1941 and the 8th Plenum of January 1942 – still without any guidance from the Comintern – the CC though still paying lip service to the defence of the Soviet Union changed priorities. The struggle for national liberation became the primary aim and only after this was achieved could the establishment of a different social system be thought of. The resistance struggle would be organised on the broadest possible popular basis. The story of this ensuing development has been well researched.[69] Thus we can confine ourselves to registering the developments of interest in our context. In September 1941 KKE founded EAM (Ethniko Apeleftherotiko Metopo; Natio­nal Liberation Front). The horrible famine during the first occupation winter (1941/42) once more showed the masses that they were abandoned by their up to now leaders. Help came mainly from a suborganisation of EAM called EA (Ethniki Allilengi; National Solidarity) which saved thousands by feeding them. Within the next three years EAM developed into a mass organisation. In half a dozen suborganisations EAM allegedly recruited about 1.5 of 7.5 million Greeks. Its members came from all classes and strata of society. Enemies and critics then and later denounced EAM and its suborganisations as communist front organisations. According to them KKE built up EAM in order to erect the dictatorship of the proletariat after the war. It is true that KKE played a major role in creating, organising and leading of EAM but EAM never became a creature of KKE. In the leadership of EAM besides the communists there were a number of progressive and left personalities and former leaders of small leftist clientelistic networks. The rank-and-file was similarly heterogeneous: Great parts originated from the former liberal clientele who shifted their loyalty temporarily to EAM. Others were simply patriots who wanted to free their country and again others dreamed of social reform. And there were the few »true« communists who followed their leaders unconditionally. Though KKE had placed its cadres in all decisive posts their number was far too small to control the mass organisation of EAM and to keep it on the track of communist orthodoxy. The communists within EAM who had been KKE members before the dictatorship counted less than 800. But most of these were – as it was already stated – not seasoned communists but people wanting reform. The KUTVists were just a handful without any guidance by the Comintern.[70] With growing success and expanding membership numbers the influence of KKE cadres decreased. One of the reasons for the dwindling control of KKE over the movement was that in the liberated areas EAM developed new forms of political expression of will whose main features were open discussion and free voting, in other words, grass roots democracy. At the same time KKE encountered mass entry of new members. Up to the end of the occupation KKE membership had expanded to about 200 000. These new members were no disciplined cadres and ideologically staunch communists but humans who wanted social reforms and a new democratic republican postwar Greece and by no means a return to the prewar clientelistic system. Roughly half of them were of peasant origin. The influx of new members of course changed the character of KKE as well. Out of a monolithic leninist-stalinist sect a mass party evolved in which pluralism of opinions and strifes between its various wings were normal. In other words, KKE was undergoing a process towards a heterogeneous, democratic, socialist mass party with strong populist features. Among the new members, of course, were not only idealists. EAM and KKE benefited from the clientelistic thinking of the Greeks. The new organisations attracted the masses because they showed perspectives the old parties had never offered. This development was facilitated because the links with the Comintern had been broken and the KUTVists had lost control over the movement. The war-time KKE leader Siantos despite his KUTV training allowed himself to be carried away by the new spirit from communist orthodoxy and steered a course which may be characterised as democratic socialist with strong national features. A Greek way towards socialism and national independence began to loom on the horizon. A revolutionary takeover in the form of the dictatorship of the proletariat was out of the question.[71] This development, however, was stopped in 1944 first by a Soviet and then by a Bri­tish intervention. Since summer 1943 EAM had increasingly met with opposition from the British government which saw its traditional role as protecting power endangered by the developments in Greece. In order to stop EAM’s course towards independence the British and the Soviet governments in May 1944 agreed upon tem­porary spheres of interests. (In October 1944 these were made permanent in the notorious percentage agreement.) The Soviets honoured British readiness to acknowledge the Soviet sphere by sending a Soviet military mission to ELAS who de­manded a more compromising attitude towards the British. Though the Com­in­tern had been dissolved a year before the Greeks complied and thus paved the way towards the British intervention in December 1944 which destroyed everything what the resistance had built up and brought about a complete reversion of forces which triggered a development leading directly to the civil war from 1946 to 1949.[72] During this period KKE was shrunk from a mass party to a cadre party of Stalinist type, a process which was analysed elsewhere.[73] Conclusion The developments of the Comintern and of KKE are asymmetrical. When the first was flowering the latter was scarcely more than a sectarian group in Greek political life. The reasons for this underdevelopment of the Greek labour movement were exogenous and endogenous. The external impediment for KKE’s development was the Comintern policy itself. By enforcing the pro-Bulgarian Macedonian policy upon KKE it branded the Greek communists as anti-national and discredited them in the eyes of the Greek electorate. As long as KKE could be stigmatised as traitorous it did not have the slightest chance to play any role in the political life of the country. Among the internal factors contributing to the delay the predominantly agrarian character of Greek economic life proved to be the major obstacle. The second impediment for KKE was the specific political culture of the country and especially its clientelistic system which prevented the intrusion of communist or socialist ideas into the lower social strata. This allegiance towards the leaders of the clientelistic networks could not even be shaken by the Asia Minor Catastrophe: Even the refugees voted for a clientelistic party i.e. for the liberals of Venizelos. It needed the social shock of the Great Depression to seriously weaken the hold of the bosses. For the first time KKE attracted a greater number of voters. Most of them, however, did not vote communist out of conviction but out of protest. The party’s attractivity did not increase and this the more so since from 1931 it was stalinised. Before this became visible the Metaxas dictatorship was established. This paralysed the traditional political clientelism. Though KKE was decimated it survived the persecutions. Paradoxically enough, it was the Axis occupation of Greece which removed the external and internal encumbrances for KKE and brought the breakthrough. [1] Nikolinakos, Marios: Materialien zur kapitalistischen Entwicklung Griechenlands, Teil 1, In: Das Argument, 12 (1970 2/3), p. 213. [2] Parts of this table are reproduced in Panagiotis Noutsos, Greece, In: van Linden, Marcel and Rojahn, Jürgen (eds.): The Formation of Labour Movements 1870–1914. An International Perspective. Leiden/New York, 1990, Vol. I, p. 440. [3] The general setback of the trends noticeable after 1907 in all three sectors was caused by the Balkan Wars by which Greece's national territory increased by 68 per cent and the population by 67. But these gains were agrarian and thus slowed down the development towards industrialisation. [4] On the fascist character of the regime see note 58 of this paper. [5] Richter, Heinz: Zwischen Tradition und Moderne: Die politische Kultur Griechenlands. In: Reichel, Peter (Hg.): Politische Kultur in Westeuropa, Bürger und Staaten in der Europäischen Gemeinschaft. Bonn, 1984, pp. 145–166. [6] Legg, Keith R.: Politics in Modern Greece. Stanford, 1969, p. 34. [7] See Richter, Heinz A.: Greece and Cyprus since 1920. Bibliography of Contemporary History. Heidelberg, 1984, pp. 275, 278ff., 310. [8] See footnote 10. [9] Bayerlein, Bernhard H. (ed.): Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933–1943. 2 Vols. Berlin, 2000, pp. 712, 773; Greek edition: Kousinopolous, Spyros (ed.): Georgi Dimitrov. Selides apo to aporrito imerologio. Athens 1999. [10] In 1947 KKE published its first two volume documentation dealing with the period from the party’s foundation until the intervention of the Comintern: KKE (ed): To KKE apo to 1918 eos to 1931. Vol 1: To KKE apo to 1918 eos to 1925. Athens, 1947 and To KKE apo to 1918 eos to 1931. Vol 2: To KKE apo to 1926 eos to 1931. Athens, 1947. The crucial period of stalinisation was covered by another volume: KKE (ed): Pente Chronia Agones 1931–1936. Athens, 1936. This volume was reprinted as KKE (ed): Pente Chronia Agones 1931–1936. Athens, 1946. Yet another book deals with the years 1935 to 1945: KKE (ed): Deka Chronia Agones 1935–1945. Athens, 1945; reprint in Athens in 1977 by Poreia. In 1953, after the end of the Civil War KKE published a source book for the years 1931 to 1952: KKE (ed): To KKE apo to 1931 eos to 1952. Vasika Dokoumenta. 1953. In 1958 the first comprehensive documentation of the party history was published: KKE (ed): Saranta Chronia tou KKE, 1918–1958. Epilogi Dokoumenton. 1958. A reprint edition appeared in 1964 allegedly in Athens. In the 1960s KKE published a documen­tary series covering the period to the Second World War: KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 1: 1918–1924. 1964; this volume was reprinted in Athens in 1974 by Synchroni Epochi. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 2: 1925–1928. 1965; reprint in Athens in 1974 by Synchroni Epochi. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 3: 1929–1933. 1966; reprint in Athens in 1974 by Synchroni Epochi. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 4: 1934–1940. 1968. This series of documentation will be quoted as: Episima Keimena. For the resistance period there are two volumes of this series, one published by  KKE Esoterikou and the other by KKE: KKE esoterikou (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 5: 1940–1945. Rome, 1973; reprint in Athens in 1974. KKE (ed): To Kommounistiko Komma tis Elladas. Episima Keimena. Vol. 5: 1940–1945 (Athens, 1981). Of course most of the documentations appearing after 1974 are compilations and reproductions of earlier editions but they are obtainable whereas most of the earlier documentations have vanished. [11] The most important are the memoirs of two former party secretaries: Benarogia, Avraam: I Proti Stadiodromia tou Ellinikou Proletariatou. Athens, 1975; Stavridis, Eleftherios: Ta Paraskinia tou KKE. Airetai to Parapetasma tou KKE apo tis Idryseos tou mechri ton Symmoritopolemon. Athens, 1953. Some information my be gathered from A. Stinas: Anamniseis. 60 Chronia kato apo ti Simasia ths Sosialistikis Epanastasis, 2 vols. Athens, 1977. [12] Only the more important ones are mentioned. Bartziotas, Vasilis: Ki’Astrapse Fos i Akronafplia! Athens, 1977 and Stis Fylakes kai tis Exories. Athens, 1978; Manousakas, Giannis: O Chalasmos. Apo to Chorio stin Akronafplia. Athens, 1978 and Akronafplia. Thrylos kai Pragmatikotita. Athens, 1975; Michelidis, Dimitrios: O Skliros Dromos. Ena Chroniko pou Apokathista tin Alitheia sto Diastima tis Paranomioas tou KKE kata tin 4i Avgoustou. Athens, 1983; Nefeloudis, Pavlos: Stis Piges tis Kakodaimonias. Ta Vathytera Aitia tis Diaspasis tou KKE. Athens, 1979; Nefeloudis, Vasilis A.: Martyries 1906–1938. Athens, 1984; Palaiologopoulos, Mitsos: Ellines Antifasistes Ethelontes ston Ispaniko Emfylio Polemo. Athens, 1977; Partsalidis, Avra: Anamniseis apo ti Zoi tis OKNE. Athens, 1976; Someritis, Stratis: I Megali Kampi. Martyries – Anamniseis 1924–1974, Vol 1: Apo ti Dimokratia sto Fasismo 1924–1941. Athens, 1975. [13] See Richter: Greece and Cyprus, pp. 104–116, 276f. [14] Richter, Heinz A.: Aspekte der griechischen Zeitgeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 14/15 (1. April 1988), pp. 25–35. [15] See Pavlopoulos, Athanasios: Istoria tou Kommounismou en Elladi. Athens, 1967. [16] See Papakonstantinou, Theofylaktos: Anatomia tis Epanastaseos. Athens, 1952. [17] Kousoulas, D. George: Revolution and Defeat. The Story of the Greek Communist Party. London, New York, 1965. [18] Jecchinis, Christos: Trade Unionism in Greece. A Study in Political Paternalism. Chicago, 1967. [19] Mathiopoulos, Basil P.: Die Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in Griechen­land, 1821–1961. Hannover, 1961. [20] Zachariadis, Nikos: Theseis gia tin Istoria tou KKE. Athens, 1945. Reprinted in Eastern Europe 1950 and in Athens in 1975 by Gnoseis. [21] KKE (ed.): Chroniko tou Agona, 1878–1951. Dokoumenta kai ylika apo tin Istoria tou Laikou mas Kinimatos. 1952. Its author was Vasilis Bartziotas. It was reprinted in Athens in 1975 by Na Ypiretoume to Lao. [22] KKE (ed): Voithimata gia tin Istoria tou KKE. 1952. Reprint in Athens in 1975 by Ekdoseis tou Laou and in 1978 by Koinonikes Ekdoseis. The author was again Vasilis Bartziotas. [23] KKE (ed): Exinta Chronia Agonon kai Thyseon. Vol 1: 1918–1945. Athens, 1978. [24] Richter, Heinz A.: Greek Communism, Socialism and Trade Unionism. In: Richter, Heinz A.: Greece and Cyprus since 1920, pp. 263–325. [25] Solaro, Antonio: Storia del Partito Communista Greca. Milano, 1974. Greek edition: Istoria tou Kommounistikou Komma Elladas. Athens, 1977. [26] Katsoulis, Giorgis: Istoria tou KKE, 7 vols. Athens, 1976–78. [27] Leon, George B.: The Greek Socialist Movement and the First World War. New York, 1976; Greek edition: To Elliniko Sosialistiko Kinima kata ton Proto Pankosmio Polemo. Athen, 1978; a short version is: The Greek Labour Movement and the Bourgeois State, 1910–1920. In: The Journal of the Hellenic Diaspora, 4 (Winter 1978 4), pp. 5–29. [28] Noutsos, Panagiotis: I sosialistiki skepsi stin Ellada apo to 1875 os to 1974, 3 vols. Athens, 1990–92. [29] Elefantis, Angelos G.: I Epangelia tis Adynatis Epanastasis. KKE kai Astismos ston Mesopo­lemo. Athens 1976. [30] Esche, Matthias: Die Kommunistische Partei Griechenlands 1941–1949. München, 1982. [31] Fleischer, Hagen: Im Kreuzschatten der Mächte. Griechenland 1941–1944. 2 Vols. = Studien Zur Geschichte Südosteuropas Nr. 2 . Frankfurt, 1986. [32] Chiclet, Christophe: Les Communistes Grecs Dans la Guerre. Paris, 1987. [33] See Richter, Heinz A.: Griechenland im Zwanzigsten Jahrhundert, Vol I, Megali Idea – Republik – Diktatur. Köln, 1990. [34] Ulunian, Artiom A.: Kommunisticeskaja Partija Gretsii. Aktual’Nie Voprosi Ideologii i Vnutrennei Istorii 3 Vols. Moskow, 1992–4; Idem, The Communist Party of Greece and the Comintern. Evaluations, Instructions and Subordination. In: Rees, Tim/Thorpe, Andrew (eds.): International Communism and the Communist International. Manchester, 1998, pp. 187–204. [35] The documents of the founding congress may be found in: Episima Keimena, I, pp. 3–13. [36] See Stavridis: Paraskinia, pp. 129ff; Gkourvits, Lew: Orion Alexakis. Athens, 1979; Ulunian: Communist Party, p. 189. The story on page 188 that a 16 years old Zachariadis was one of the leading figures of International Unity of Workers in Constantinople lacks credibility. Obviously the author did not always crosscheck the Comintern sources with Greek evidence. [37] Stavridis: Paraskinia, p. 32. [38] Episima Keimena, I, p. 213. [39] On the Macedonia Policy of Komintern see Zila, L. I. and Popovskij, V. T.: Makedonskij Vopros v Dokumentach Kominterna, Vol. 1, Part 1, 1923–1925. Skopje, 1999; a good account of the whole problem is Sfetas, Spyridon: Makedonien und interbalkanische Beziehungen 1920–1924. München, 1992; later developments are described in: idem: Die Autonomiebewegungen der Slawophonen im Jahre 1944, die KKE und die Sicherung der Griechisch-Jugoslawischen Grenze. In: Thetis 3 (1996), pp. 21–230. [40] Petsopoulos, Giannis: Ta Pragmatika Aitia tis Diagrafis mou apo to KKE. Athen, 1946, p. 47 and Benarogia: I Proti Stadidromia, p. 156. [41] Stavridis: Paraskinia, pp. 175–180. [42] Kofos, B.: Nationalism and Communism in Macedonia. Thessaloniki, 1964, p. 74; the following book contains some interesting information despite the fact that it was written from a Cold War position: Naltsas, Christoforos: To Makedoniko Zitima Kai i Sovjetiki Politiki. Thessaloniki, 1954. [43] Richter, Heinz A.: Friede in der Ägäis? Zypern –Ägäis – Minderheiten. Köln, 1989. [44] There were two main directions: the Socialdemocrats (Menschevists) and the Trotskyists or Archive-Marxists (Archeio Marxistes). Whereas the former vegetated on a very low level, the Trotskyists had some impact on the country’s history as suppliers of progressive ideas. The Trotzkyists were called Archeio-Marxists because they published a journal with this name. In 1931 they were officially recognized as the Greek section of the International Left Opposition (ILO). Allegedly they had 2000 members but this number seems very exaggerated. See Alexander, Robert J.: International Trotskyism1929–1985. A Documented Analysis of the Movement. Durham, London, 1991, p. 501. Further details are found in Nikilopoulos, Theodoros: I ali opsi tou ellinikou ergatikou kinimatos (1918–1930). Athens, 1983. In 1934 the Archive-Marxists left ILO but since 1928 there was another Trotskyist group, the Spartakos Group, publishing a journal with this name. Its leader was Pantelis Pouliopoulos, the purged former Secretary General of KKE. This group had 75 members in 1932. During the Dictatorship of Metaxas and the Axis Occupation the Trotskyists were persecuted but survived. During the Dekemvriana (the December 1944 events), and the ensuing Greek Civil War, however, they came under the attack of KKE and many were killed. See Panagiotis Noutsos: Sozialpolitische Theorie und Geschichtsschreibung. Ioannina, 1993, p. 75 and idem, Säuberungen innerhalb der griechischen KP (1931 bis 1956). Ibidem, pp. 73–78. [45] Rothschild, Joseph: The Communist Party of Bulgaria. Origins and Developments 1883–1936. New York, 1959, p. 236f. [46] Zapantis, Andrew L.: Greek Soviet Relations, 1917–1941. New York, 1982, pp. 169ff. It is interesting that the comrades of the Communist Party of Cyprus (KKK – Kommounistiko Komma Kyprou) were sent to the »western« cadre school. See Heinz Richter: Die Kommunistische Partei Zyperns (KKK) 1926–1944. In: Thetis, 3 (1996), pp. 207–216. [47] Episima Keimena, I, pp. 513–518. [48] Komintern itself was rather ill briefed on the situation in Greece in 1926. Its Russian representative Korzokov, who became a member of KKE’s Politbureau under the pseudonym Eftichiadis, reported that General Kondylis and Colonel shared left ideals. Ulunian: Communist Party, p. 196.  It was Kondylis who organized the restoration of the Monarchy in 1935 by a coup d’état and during the Axis occupation Zervas was a kind of Greek Michailovic. [49] Rothschild: Communist Party, p. 238; Kofos: Nationalism, p. 81. [50] To KKE apo to 1931, II, p. 220. [51] Pente Chronia Agones, p. 13–26. [52] Stavridis: Paraskinia, p. 477. [53] The text of the Comintern resolution may be found in: Episima Keimena, III, p. 294–306; the text of the 6th Plenum of January 1934 is reproduced in Episima Keimena, IV, pp. 13ff. [54] Episima Keimena, IV, p. 24f. [55] Nefeloudis: Stis Piges tis Kakodaimonias, p. 107. [56] Zografos, Zizis: Provlimata Schetika me to Esokommatiko mas Kathestos. In: Neos Kosmos (December 1956), p. 48. [57] Richter, Heinz A.: Griechenland im Zwanzigsten Jahrhundert, Band 1: Megali Idea – Republik – Diktatur. Köln, 1990, p. 196. [58] For the discussion about the character of the regime see Richter, Heinz: Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution 1936–1946. Frankfurt 1973, pp. 54–67 and Griechenland im Zwanzigsten Jahrhundert, pp. 201–205 by the same author. [59] See Bartziotas’ reminiscences mentioned in note 12. [60] Episima Keimena, IV, p. 463. [61] Deka Chronia Agones, p. 140. [62] The letter was eagerly published by the Greek authorities in the press of the time. It may be found in: Episima Keimena, [KKE esoterikou], V, p. 16. [63] John C. Loulis: The Greek Communist Party 1940–1944. London, 1982, p. 8. [64] Text in: Episima Keimena [KKE esoterikou], V, p. 22f. [65] The second letter was neither published by the Greek authorities nor by KKE at the time being. [66] Ibidem, p. 32. [67] The former commander of the British Military Mission with the Greek partisans judged: »In the Albanian Campaign it was the people of Greece who fought and did so splendidly against the enemy inspite of the regular Army. The regular army was shamed into fighting by the will of the people. The people advanced inspite of the senior regular Army officers who where directed largely by Metaxas himself, rather than the Greek C.-in-C. were not only unwilling to fight and incompetent but had not the spirit to lead the Greek Army against the invader.« Quoted from E. C. W. Myers, Inside Greece. A Review. Unprinted manuscript in the possession of the author. [68] Deka Chronia Agones, p. 120f. [69] See Richter: Greece and Cyprus, pp. 104–116, 276ff. and the introduction to this article. [70] From an entry in Dimitrov’s diary of 26. December 1943 we learn that Comintern had only very vague ideas about the Greek Résistance. Therefore Dimitrov asked Tito, who was in contact with EAM/ELAS, to inform him about the size of the armed forces, the areas of activity and the organizations supporting it. Cf. Ulunian: Communist Party, p. 202. [71] This topic has been discussed for years. The first who stated clearly and authoritatively that KKE had not aimed at an armed uprising and a takeover was the former Secretary General of EAM: Chatzis, Thanasis: I nikifora epanastasi pou chathike (1941–1945) 3 vols. Athens, 1977–1979; more recently the former Secretary General of KKE Farakos: Farakos, Grigoris: O ELAS kai i Exousia. 2 vols. Athens, 2000. [72] Richter, Heinz A.: The Battle of Athens and the Role of the British. In: Sarafis, Marion (ed.): Greece: From Resistance to Civil War. Nottingham, 1980, pp. 78–90 [73] Idem: Die griechische kommunistische Partei (KKE) 1944–1947: Von der Massenpartei zur Kaderpartei. In: Staritz, Dietrich and Weber, Hermann (eds.): Einheitsfront, Einheitspartei. Kommunisten und Sozialdemokraten in Ost- und Westeuropa 1944–1948. Köln, 1989, pp. 453–468; idem: Die Entwicklung der Griechischen Linken 1918–1996. In: Moreau, Patrick/Lazar, Marc/Hirscher, Gerhard (eds.): Der Kommunismus in Westeuropa. Landsberg, 1998, pp. 131–166.

JHK 2002

Editorial

Vor zehn Jahren begannen die Planungen für das erste Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Das Jahrbuch sollte die zeithistorische Auseinandersetzung nicht nur mit der kommunistischen Herrschaftsgeschichte als Forum begleiten: Die Historie dieser politischen Bewegung als solcher wurde zum Gegenstand dieser mittlerweile eingeführten Publikation. Die besondere Aufmerksamkeit gilt auch heute den zuständigen Archiven, die ein Ausgangspunkt für die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit sind. Aufgrund der Präsentation der Forschungsergebnisse und ihrer breiten Diskussion hat sich das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung als Publikationsforum bewährt. Seine Erweiterung durch den International Newsletter of Communist Studies (INCS) informiert über Neuerscheinungen, interessante Archive, laufende Projekte und Tagungen zur internationalen Kommunismusforschung. Die bewährte Struktur, neben allgemeinen Abhandlungen und Miszellen im »Forum« dezidiert neue Diskussionen aufzugreifen und im Abschnitt »Biographien« Schicksale von Kommunisten näher zu beleuchten, wird im Jahrbuch 2002 fortgeführt. Die Herausgeber sind nach wie vor bestrebt, neue Quellen und Dokumente im Jahrbuch vorzustellen. Besonders hervorzuheben ist diesmal die Erstveröffentlichung eines Textes von Rosa Luxemburg über die »Sklaverei«, die der renommierte Luxemburg-Forscher Nahiriko Ito kommentiert. Über die Thematik der Schauprozesse, die vor fünfzig Jahren die kommunistische Welt in Atem hielten, informiert George H. Hodos in seinem einleitenden Artikel. Rainer Barth liefert mit seiner Beschreibung der »Lebensbeichte« Noel Fields neue Einblicke, die auf ungarischen Quellen beruhen. Einen weiteren Themen-Schwerpunkt bildet die zweite Parteikonferenz der SED vom 9. bis 12. Juli 1952 und ihre Auswirkungen auf die Innenpolitik der DDR. Falco Werkentin beleuchtet die Folgen der Konferenz für die staatliche Justiz, Horst Dähn erörtert, welche politischen Folgen die »planmäßige Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR« für die Kirche hatte. Gerade in heutiger Zeit, da es immer noch Schwierigkeiten mit Archiven gibt, ist auf die Bedeutung der Akten für das breite Spektrum der Kommunismusforschung hinzuweisen. Die Aufmerksamkeit gilt daher der »Gefahr der Aktenvernichtung«, die eine weitere Arbeit der internationalen Forschung gefährdet und von Hermann Weber in dem gleichnamigen Artikel dargestellt wird. Er geht dabei auch auf die Auswirkungen des Urteils im Falle Helmut Kohl ein. Die Artikel von Heinz Richter und Andreas Stergiou widmen sich der kommunistischen Bewegung Griechenlands am Beispiel der Beziehungen zwischen der griechischen KP und der Komintern bzw. der SED. Zum Abschluß möchte die Redaktion auf ihre Präsentation des Jahrbuchs für hi­storische Kommunismusforschung (JHK) und des International Newsletter of Communist Studies (INCS) unter der Adresse http://www.mzes.uni-mannheim.de/pro­jekte/JHK-news/ hinweisen. Hier findet sich ein aktueller Überblick über die dortigen Publikationen seit der Erstausgabe im Jahr 1993, nützliche Adressen zur Subskription und zur Bestellung von einzelnen Artikeln sowie internationale Links im Internet. Seit neuestem ist auf der Homepage ebenfalls eine Online-Ausgabe des International Newsletter erreichbar. Die HerausgeberBerlin, im April 2002      Hinweis zur Transkription Die Transkription der im Jahrbuch zitierten russischsprachigen Literatur sowie anderer osteuropäischer Sprachen liegt ebenso in der Verantwortung der Autoren wie die Schreibweise der Orts- und Personennamen. Sie insgesamt zu vereinheitlichen, würde für Herausgeber und Redaktion einen nicht vertretbaren Zeitaufwand erfordern.

JHK 2002

Österreicher im Exil bis 1945

Jan Foitzik

McLoughlin, Barry/Schafranek, Hans/Szevera, Walter: Aufbruch-Hoffnung-Endstation. Österreicherinnen und Österreicher in der Sowjetunion 1925–1945. Verlag für Gesellschaftskritik Wien 1997, 717 Seiten.  Österreicher im Exil, Sowjetunion 1934–1945. Eine Dokumentation. Hg.: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitung, Auswahl und Bearbeitung: Barry McLoughlin, Hans Schafranek, Verlag Deuticke Wien 1999, 798 Seiten.  Schafranek, Hans unter Mitarbeit von Natalja Mussijenko: Kinderheim No 6. Österreichische und deutsche Kinder im sowjetischen Exil. Döcker Verlag Wien 1998, 251 Seiten. Schon ab 1924 richteten österreichische Arbeitslose, inspiriert durch das Erlebnis der Kriegsgefangenschaft in Rußland, ihre Hoffnungen auf die Sowjetunion, aber erst 1925/26 durften erste Jugend- und Arbeiterdelegationen das ferne Land aufsuchen. 1926 verließen dann 210 Kolonisten mit finanzieller Unterstützung der österreichischen Regierung Wien, um auf einer 25 Quadratkilometer großen Siedlung neu anzufangen. Innerhalb eines Jahres halbierte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Siedler und bald mußte das ganze Experiment aufgegeben werden. Derlei Fakten sind neu. Eine zweite Emigrationswelle löste die Weltwirtschaftskrise aus. Auf ihrem Höhepunkt 1931 verzeichnet die Statistik 1262 österreichische Arbeitsemigranten in die Sowjetunion und bis 1933 machte das Land für einige Jahre dem klassischen Auswanderungsland USA den ersten Rang streitig. 1932 waren etwa 50 Prozent der damals in der UdSSR registrierten 42 230 »Gastarbeiter« Deutsche und Österreicher. Bereits 1933 ließ das sowjetische Interesse an ausländischen Fachkräften allerdings stark nach. 1934 fanden in der UdSSR 750 politisch verfolgte Schutzbündler Aufnahme. Da die mei­sten von ihnen Facharbeiter waren, befanden sie sich zunächst in einer privilegierten Position. Doch mit Einstellung des Subventionslohnes verschlechterte sich ab 1935 infolge allgemeiner arbeitsmarktpolitischer Neuerungen ihre soziale Lage, bald trat ein verstärkter Assimilationsdruck hinzu. Zwischen 1934 und 1941 kehrten 220 Schutzbündler freiwillig nach Österreich zurück, weitere 160 gingen nach Spanien. Die Bilanz weist ferner mindestens 190 vom NKWD Verhaftete und 100 ungeklärte Schicksale auf. Insgesamt wurde von den 400 in der Sowjetunion verbliebenen Schutzbündlern nach 1935 mehr als die Hälfte verhaftet, die meisten 1938. 30 von ihnen wurden nachweislich erschossen, 46 lieferte man in den Jahren 1939–41 an die Gestapo aus. 600 Österreicher befanden sich zwischen 1933 und 1945 im GULAG. Von den 717 in den Jahren 1935/36 in der Sowjetunion erfassten KPÖ-Mitgliedern waren in den Jahren 1926–1934 55 und danach bis 1938 100–120 Schüler der Lenin-Schule. Auf der Kominternschule in Kuschnarenkowo machte Hans Schafranek 25 Österreicher aus. Einen Sonderfall der politischen Emigration stellten 105 Kinder von Opfern des Februar-Aufstands: Das älteste 17, das jüngste drei Jahre alt, die zwischen Oktober 1934 und August 1939 zusammen mit 10 deutschen Kindern von 12 Erziehern im Moskauer Kinderheim Nr. 6 betreut wurden. Zwischen 1935 und 1941 kehrten mindestens 27 Kinder nach Österreich zurück, bei einigen weiteren ist dies unklar.  Auf der Grundlage eines intensiven Studiums traditioneller Quellen vornehmlich aus ehemals sowjetischen, aber auch aus österreichischen und deutschen Verwaltungsregistraturen sowie auf der Basis umfangreicher lebensgeschichtlicher Interviews mit Betroffenen und Zeitzeugen dokumentieren und kolorieren die einschlägig ausgewiesenen Autoren die Gruppengeschichte des österreichischen Exils in der UdSSR. Zwei Fragestellungen stehen im Zentrum der durch individuelle und kollektive Fallanalysen in die Tiefe der Entwicklungen vordringenden Gesamtschau: Zum einen die ökonomische, soziale und kulturelle Situation der Emigranten und zum anderen die Mechanismen der politischen Verfolgung des Stalinismus. In der mit Sorgfalt und mit Liebe zum Detail betriebenen Recherche stellt sich stellenweise der Eindruck ein, die Österreicher wären tatsächlich eine »charmante Abart der Deutschen«, wie sie der hochrangige Komintern-Funktionär Manuilsky noch 1942 auf »politisch inkorrekte Weise« bezeichnete. Ein großer Vorzug der drei Bände besteht zweifellos darin, daß sie die Schicksale der österreichischen Emigranten in die allgemeine soziale und politische Entwicklung in der UdSSR einbinden. Damit vermeiden sie den Eindruck von einer besonderen oder gar einmaligen Lage der politischen Emigration. Detailtreue, menschliche Wärme wie angemessene Zurückhaltung im Kommentar schaffen Raum, um sich über die schlaglichtartig beleuchtete innersowjetische Lage Gedanken machen zu können. Dies kann zur Folge haben, daß der Leser an einigen Stellen »hängenbleibt«, sich vor Entsetzen ungläubig fragt, ob die Zeitzeugen subjektiv überzeichnen oder die Autoren vereinfachen. Oder auch ob nur unser Wissen über die konkreten ökonomischen und sozialen Lebensumstände der Russen in der damaligen Zeit so schlecht ist. Letzteres scheint der Fall zu sein. Generell konstatieren die Autoren eine in den Jahren 1937–41 schnell fortschreitende Gleichstellung der Emigranten mit sowjetischen Arbeitern, deren Folgen sich 1940–41 infolge politischer Zersetzung und der schwierigen Lebenssituation verschärfen. Die Verhaftungen in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre und Evakuierungsmaßnahmen nach Kriegsausbruch zerstörten die noch vorhandenen Gruppenbindungen weitgehend: Das »Exil zweiter Potenz« zerstreute 1941 österreichische Emigranten auf 25 Evakuierungsorte in der UdSSR. Der privilegierte Schriftsteller fand eine »Oase der Sattheit« vor, zur gleichen Zeit litt die Ehefrau eines Verhafteten unter Hungerödemen und Typhusangst. Einzelschicksale führten in die Arbeitsarmee oder als Antifa-Instrukteur in Kriegsgefangenenlager; Familien wurden in alle Windrichtungen zerschlagen: Der eine verhungerte im Straflager, der andere in der Freiheit, ein Dritter starb den Heldentod eines sowjetischen Fallschirmagenten in Polen. In GULAG-Straflagern konnte die Lebensmittelversorgung besser sein als in der Freiheit, und russische Bergarbeiter fristeten laut Zeugen ihr Dasein unter schlechteren Bedingungen als feindliche Kriegsgefangene. Egalisierung durch unvorstellbares materielles und psychisches Elend. Persönliche Querelen wegen schlechter Laune und allgemeine Mißstimmung, das Abfangen persönlicher Briefe als »Kollektiveigentum« – in dieser Atmosphäre wurden persönliche Aversionen zu politischen Abweichungen stilisiert und Meckerei zum »Trotzkismus«. Die Selbstauslöschung der Privatsphäre und der Persönlichkeit gingen dem Terror voran, heißt es an einer Stelle. Das materielle Elend infolge der sich nach 1933/34 rapide verschlechternden wirtschaftlichen Situation und der erhöhte politische Anpassungsdruck waren älter als die »Spionomanie« des Systems, die 1937/38 den Höhepunkt erreichte. Im Dokumentenband sind nach systematischen Gesichtspunkten in fünf Abschnitten 664 schriftliche Dokumente sowie weiteres Bildmaterial zusammengestellt, die die beiden Monographien vertiefen. Besondere Beachtung verdienen jene Teile, die den Lebensverhältnissen in der UdSSR gewidmet sind. Das vorgestellte Material provoziert weitergehende Fragen. Nicht nur solche nach dem Wert von »Antistalinismus«, wenn belegt wird, daß die KPÖ nach 1955 Informationen über Familienangehörige vorsätzlich unterdrückte, die von sowjetischen Gerichten bereits rehabilitiert worden waren, sondern überhaupt nach der Notwendigkeit einer umfassender Sicht des Alltags im totalitären System der Sowjetunion. Selten wurde die skurrile »Banalität« des Stalinismus so eindringlich und so direkt vor Augen geführt, wie in diesen drei Bänden. Die angewandte Methode des lebensgeschichtlichen Interviews und der individuellen wie kollektiven biographischen Fallanalyse erscheint unverzichtbar, um irrationale moralische Blockaden zu lösen, die die historische Analyse behindern. Ohne dieses Hintergrundwissen bleibt es für viele schlicht unvorstellbar, daß in den Jahren 1935–41 in der Sowjetunion tagtäglich etwa 3.000 Menschen aus politischen Gründen erschossen worden sind. Wenn man aber bedenkt, daß an jedem Tag des Krieges gegen Deutschland doppelt so viele sowjetische Soldaten das Leben verloren, erscheint vieles plausibel, was zunächst unglaublich zu sein scheint.

JHK 2002

Sklaverei

Rosa Luxemburg

Die Tendenz der Markgenossenschaft ist es, sich zu zersetzen und neuen Verhältnissen Platz zu machen, wenn das auch überall je nach dem Milieu unter anderen Bedingungen und anderen Folgen vor sich geht. Die älteste Form, die sich nach der Markgenossenschaft einwurzelt – mehr oder weniger in der alten Welt – ist die Sklaverei, die älteste Form der Klassenherrschaft und der ökonomischen Ausbeutung. Engels sagt in seinem Anti-Dühring (S. 162-195) dass, nachdem das Privateigentum aufkam, die Möglichkeit geschaffen war, eine oder mehrere fremde Arbeitskräfte zu beschäftigen. Das eigene Gemeinwesen und der Verband, dem es angehörte, lieferte keine überschüssigen Arbeitskräfte. Aber der Krieg lieferte sie; die Kriegsgefangenen, die bisher erschlagen, ja noch früher verspeist worden waren, wurden jetzt als Arbeitskräfte verwendet. (Siehe Anti-Dühring S. 188-189). Diese Erklärung kann uns genauer genommen nicht genügen. Über die Tatsachen der Sklavenwirtschaft und ihre Entstehung sind wir leider viel zu mangelhaft orientiert. Bis in die neueste Zeit hinein gibt es unter den bürgerlichen Forschern Streitigkeiten über die Bedeutung, die Ausdehnung der Sklaverei und die Art und Weise ihrer Entstehung. Wir sind mehr oder weniger auf Hypothesen angewiesen. Es ist notwendig, dass man sich die historische Entstehungsweise der Sklaverei aus der Markgenossenschaft und der Gentilverfassung heraus vorstellt. Wenn wir danach suchen, wo die Mark und die Gens uns schon die ältesten Formen der Ausbeutung und Knechtung zeigen, so werden wir zwar zunächst nicht auf die Sklaverei kommen, aber auf andere Formen, die uns vielleicht zu ihr hinführen. Wir brauchen nicht, wie Engels, die Ausbeutung erst hinter die Entstehung des Privateigentums zu setzen. Die Markgenossenschaft selbst lässt Raum für Ausbeutung und Knechtung. Das Aufpfropfen einer fremden Markgenossenschaft auf eine andere erlaubt und schafft ein Ausbeutungs- und Knechtungs-Verhältnis nach aussen hin. (Die Mark verbürgt zwar den Kommunismus nach innen, aber nicht nach aussen.) Ein Beispiel dafür ist das Inka-Reich. Das Inkareich lehrt überdies noch ein anderes: Trotzdem die Eroberer, die Inkas, selbst in Markgenossenschaften zusammenlebten, finden wir bei ihnen schon 4 herrschende Geschlechter, deren Vertreter an der Spitze der 4 Provinzen standen, in die das Land eingeteilt war. Die Inkas hatten schon ein stehendes Heer notwendig zur Aufrechterhaltung der Eroberung. Es gab also schon eine gewisse Aristokratie innerhalb der Mark. Wie ist die entstanden? Die vier Geschlechter werden die Eroberung in die Hand genommen haben. Diese vier Geschlechter hätten wahrscheinlich immer mehr eine besondere Stellung eingenommen, wenn nicht die spanische Eroberung diesem Prozess ein Ende gemacht hätte. Ähnliche Beispiele, dass sich..................... Mark verträgt, haben wir noch mehrere. Z. B.: Das älteste historische Zeugnis von der Insel  K r e t a  ist, dass sie von Doriern erobert wurde. Die Dorier waren einer der Hauptstämme der Griechen. Die Eroberung fand in vorhistorischer Zeit statt. Wer auf Kreta wohnte, wissen wir nicht. Die eroberte Bevölkerung auf Kreta musste den ganzen Ertrag ihrer Äcker abzüglich des für sie und ihre Familien erforderlichen Unterhalts abliefern an die Eroberer. Aus diesen Abgaben der unterjochten kretischen Bevölkerung wurden die Kosten der gemeinsamen Ma[h]lzeiten der Freien bestimmt. (bestritten). Daraus ergibt sich, dass die Dorier im Kommunismus lebten. Ein Beispiel, dass sich die Markgenossenschaft sehr wohl mit der Ausbeutung anderer Marken verträgt. Das Land gehörte weiter der kretischen Bevölkerung, sie hatte nur die Abgaben zu leisten. (Die griechische Sage von dem Minotaurus, der die Jünglinge und Jungfrauen fraß, erklärt sich daraus, dass die Unterworfenen den Eroberern auch Jünglinge und Jungfrauen liefern mussten, ebenso wie die Keshua-Stämme im Inkareich.) Ähnliche Verhältnisse gab es noch sonst wo in Griechenland. In Thessalien wurden die früheren Einwohner, die vor den Griechen dort wohnten, von den Äoliern unterworfen und zu höheren Zinsbauern herabgedruckt. Sie hatten einen Namen, der „arme Leute“ bedeutete. Ursprünglich war dieser einer ihrer Volksnamen. Die ............. sind von ........... nach Kleinasien eingewandert, haben Bithynien erobert und sich die dortigen Einwohner gleichfalls unterworfen und sich zinspflichtig gemacht. Das interessanteste und reifste Beispiel aber ist Sparta selbst. In Sparta finden wir noch sehr starke Überlieferungen der Gentil-Verfassung. Die Spartaner haben die unterworfene Bauernbevölkerung der Heloten als Staatssklaven verwendet. Sie wurden vom Staate, d.h. von der Markgenossenschaft, den Einzelnen überlassen. Die Einzelnen durften aber die Sklaven nicht töten oder nach auswärts verkaufen, weil die Sklaven Gemeineigentum waren. Die Heloten bebauten die Ackerlose der Spartaner und mussten einen festen Ertrag abliefern. Was sie darüber hinaus gewannen, gehörte ihnen. Das Land aber gehörte den Spartanern. Es war ihnen von diesen genommen worden, und sie arbeiteten also auf einem ihnen nun fremden Lande, das ihnen vordem gehört hatte. Sie waren auch kriegspflichtig. Die Spartaner heirateten auch die Helotinnen. Die Kinder aus solchen Ehen waren, wenn sie spartanisch erzogen wurden, nicht nur frei, sondern auch Bürger. Die Erziehung gab also dafür den Ausschlag. Sie hießen: Mothaken = Mischlinge. Ausser den Spartanern und Heloten gab es in Sparta noch eine Bevölkerung, die Periöken, d.h.: um die Stadt wohnende (daher das Wort Peripherie). Die Periöken waren politisch ohne Rechte, aber persönlich frei. Die Spartaner lebten noch in der Gens. Innerhalb der Gens war die Heirat verboten, es bestand das Gentil-Erbrecht, d.h. das Vermögen blieb in der Gens. Die Heirat innerhalb der Gens war nur den Erbinnen erlaubt, damit das Vermögen innerhalb der Gens blieb. Aus den Abgaben der Heloten wurde in Sparta ein kommunistischer Haushalt geführt. Die kommunistischen Ma[h]lzeiten[1] in Sparta werden von bürgerlichen Historikern meist ausgelegt als militärische Klubma[h]lzeiten. Was ist der Unterschied zwischen Kreta und Sparta? In Kreta war das Land Eigentum der Einwohner geblieben, auch nach der Eroberung durch die Dorier, die nur Abgaben von den Eroberten forderten. In Sparta wurde den Heloten das Land von den Spartanern genommen und die Heloten gezwungen, dieses Land für die Spartaner zu bearbeiten. Die Heloten konnten nur dann exi­stieren, wenn sie ihren Herrn und dadurch sich selbst ernährten. Sie wurden von der Markgenossenschaft der Spartaner im ganzen beherrscht und den Einzelnen zugeteilt, wurden also wie eine Sache behandelt. Sie dienen also als Arbeitskraft auf fremden Boden. Sie haben keinen eigenen sozialen Zusammenhalt mehr, sind eingegliedert in die Markgenossenschaft der Spartaner. Aber sie sind nicht ein aktiver Teil der Mark der Spartaner, sondern nur die Arbeitskräfte ihrer Ausbeuter. Sie haben keinen Boden mehr, der die wirtschaftliche Grundlage ihres sozialen Zusammenhangs war. Sie können nur Spartaner werden, wenn sie Kinder von Spartanern mit Helotinnen sind, und wenn sie als solche spartanisch erzogen werden, ausser dem kann nur Auszeichnung i[m] Kriegsdienst sie zu vollberechtigten Gliedern der spartanischen Mark machen. Sie sind also schon Sklaven, sie leben in einem Klassenstaat. Wenn wir die Peruaner, Kreta und Sparta nebeneinander stellen, so müssen wir als ältere Formen die in Peru und Kreta setzen und als jüngere Form die spartanische. In Peru und Kreta sind die Eroberten noch keine Sklaven. Sie sind Markgenossen wie früher. Es herrscht dort noch keine Klassenherrschaft, keine Klassengesellschaft. Eine Klassengesellschaft ist die Gliederung von Klassen innerhalb einer Gesellschaft. In Peru und Kreta aber handelt es sich um die Ausbeutung einer Gesellschaft durch eine andere Gesellschaft. Die Heloten aber gehören mit den Spartanern in einen sozialen Verband. Darum leben sie in einer Klassengesellschaft. Die Sklaverei beschleunigt die Auflösung des kommunistischen Verbandes und geht Hand in Hand mit dem Aufkommen des Privateigentums. Das steht im Widerspruch zu Engels, der die Sklaverei erst nach dem Privateigentum entstehen lässt. Die Sklaverei trat natürlich auch in verschiedenen Phasen auf, je nach dem Entwicklungsgrad der betreffenden Gesellschaft. Der erste Beginn der Sklaverei ist eine Art Fronverhältnis. Der Kommunismus wird weitergeführt, nur gewisse Abgaben müssen geleistet werden. Das wirkt zersetzend auf die Eroberten, wie die Eroberer. Auf späterer Stufe wird den Eroberten das Land entzogen, es tritt schon Sklaverei ein. Aber die Eroberten werden noch kommunistisch ausgebeutet. Dann Zersetzung des Kommunismus. Aufkommen des Privateigentums. Dadurch werden auch die Sklaven Privateigentum. Während vorher die Sklaven nicht getötet und verkauft werden durften, weil sie Gemeineigentum waren, darf, wenn das Privateigentum aufkommt, der Einzelne mit dem Sklaven tun, was er will. Die Ausbeutung einer Mark durch die andere wirkt auf die ausbeutende Mark zersetzend, das zeigen schon die Inkas. Der Zersetzungsprozess wird beschleunigt. Zuerst findet die Eroberung statt, dann findet eine Umänderung der Organisation statt. Um sie zu befestigen, entwickelt sich ein gewisser Stand, das Militär; dadurch Ungleichheit in der Mark. Die Vorsteherschaft entwickelt sich schneller, wo Eroberungen und Kriege vorkommen. Die Entwicklung der Sklaverei bei den Griechen Zu der Zeit, wo die Griechen in die Geschichte eintreten, befinden sie sich in dem Zustand einer zersetzten Gens. Zwar sind noch starke Überbleibsel der Gentil-Verfassung da, aber immerhin besteht schon ein bäuerliches Privateigentum und freies Verfügungsrecht über das Land. Der Bauernstand steckt schon in starker Verschuldung. Neben ihm gibt es einen Adel. Seine Ansätze sind schon in der Gentil-Verfassung zu finden. Die Adligen sind die Nachkommen der Inhaber der öffentlichen Ämter in der Gentil-Verfassung: Markvorsteher, Hirten usw. Sie werden in der Mark hauptsächlich erhalten aus der ungeteilten Mark und legen mit der Zeit immer mehr und mehr Beschlag auf sie. Dadurch erhalten sie grössere Güter, und mit dem Aufkommen der Erblichkeit der Ämter werden sie mehr und mehr eine Masse, die von der Masse der Bauern erhalten wird. So entsteht der Kleinadel, der schon Vorrechte und Güter hat. Die früheren Markgenossen sind schon die verschuldeten Bauern, die Abgaben leisten müssen an den Adel. Die Verhältnisse wurden sehr beeinflusst durch die Kultur des Orients, die älter und weiter gediehen war. Um alle Geschehnisse in der antiken Welt, in Griechenland und Rom, verstehen zu können, muss überhaupt der Einfluss des Orients in Betracht gezogen werden, also Vorderasien, Assyrien, Babylonien, Aegypten und Phönizien. Die Historiker und Prähistoriker betonen den Einfluss Vorderasiens sehr stark. Die Kriegstechnik des Orients zumal hat vor allem grossen Einfluss gehabt. Die Kriegswagen der Griechen stammen aus Vorderasien. Namentlich ausschlaggebend war der Warenaustausch mit dem Orient. Es waren Luxuswaren zur Verfeinerung der Lebensweise, die ausgetauscht wurden. Sie herbeizuholen, war der Zweck des Austauschs. Denn in den alten Reichen war schon keine starke Differenzierung der Klassen eingetreten; die oberen Schichten lebten sehr luxuriös. In Griechenland bestand bereits im 10., 9. Jahrhundert vor Christi eine starke Zersetzung innerhalb der Gesellschaft. Der Austausch mit dem Orient führte zu zweierlei: 1. gab er dem Adel Anreiz, verschiedene Produkte herstellen zu lassen, die er für Luxuswaren aus dem Orient eintauschen konnte. Dazu gehörten Öl, Wein und Metalle. 2. verbreitete sich im Zusammenhang mit dem Austausch anstatt der früheren Naturalwirtschaft eine Geldwirtschaft, denn aus dem Orient kommt als Austauschmittel Metall. Bei der Naturalwirtschaft werden alle Produkte nur für den Lebensunterhalt erzeugt und zwar hauptsächlich von den Menschen selbst, die sie verzehren, abgeben oder austauschen. Der Markvorsteher erhielt zu seiner Erhaltung Lebensmittel. Nun, da er sich in den Adel verwandelt hatte und die Geldwirtschaft aufkam, mussten die öffentlichen Abgaben in Geld, in Naturalien entrichtet werden. Das verursacht, dass die Bauernwirtschaft immer mehr in Schulden [gegenüber][2] grösseren Grundbesitzern verfällt. Zur Zeit Homers, etwa der gleichen Zeit wie die Zeit der Völkerwanderung bei den Germanen, überwog in Griechenland noch die Viehzucht über den Landbau, der [damals] schon bedeutend war. Der Adel nahm in dieser Zeit, nach Homer zu schließen, noch selbst an der Produktion teil. Er stellte die Krieger, er hatte den Austausch mit dem Orient in der Hand. Das lässt sich auch aus der Mark ableiten. Die Mark hatte auch schon einen Austausch, aber ausserhalb, nicht in ihren eigenen Grenzen. Die Mark als Ganzes tauschte aus. Da die Mark als solche aber den Austausch nicht führen konnte, so ergab sich, dass die natürlichen öffentlichen Ämter zugleich die natürlichen öffentlichen Organe des Austauschs waren. Und aus diesen öffentlichen Organen wurde ja später der Adel. Als Sitze des herrschenden Kriegsadels gab es schon Burgen, also eine ständige Einrichtung des Militarismus. Die Burgbauten waren Fronarbeiten des umgebenden Landvolks. Je mehr die früheren Ämter in der Mark erblich wurden, je mehr wuchsen die Abgaben der Bauern. Statt Geld hatten sie nun Fronarbeiten zu leisten. Es waren dies Fronarbeiten, weil sie ja nicht mehr für ein gewähltes Organ geleistet wurden. Ein historisch überkommenes, verkehrtes Verhältnis von ehemals. Die Verfeinerung der Lebensweise des Adels führte zu einer immer größeren Scheidung zwischen ihm und den Bauern. Es entstand auf der einen Seite die Masse der Bauern, die alle Arbeit leistete, auf der andern Seite das kleine Häuflein adliger Familien, die nur das Kriegswesen und den zur Hebung ihrer Lebensweise bestimmten Austausch als ihre Beschäftigung ansahen. Der Adel hört schliesslich auf, am Produktionsprozess teilzunehmen. Das steigert die Lebensweise noch mehr. Aus dieser Steigerung wieder ergibt sich ein grösserer Austausch, und damit er ermöglicht wird, muss die Produktion danach eingerichtet werden. Der passive Handel geht in den aktiven Handel über. Das heißt, während der Adel früher nur den Überschuss über die Konsumtion zum Austausch brachte, lässt er jetzt auf seinen Gütern mehr Austauschprodukte herstellen: Öl, Wein, Metalle. Die werden ausgetauscht gegen feines Linnen, Wohlgerüche, Purpur usw. Mit de[m] zunehmenden Handel kommt Metall immer mehr in Gebrauch. Die Bauern müssen mehr und mehr ihre Abgaben in Geld liefern, sie geraten mehr und mehr in Verschuldung. Das führt zur Einrichtung der Schuldsklaverei. Bauern, die ihre Abgaben nicht leisten können, verwandeln sich in Sklaven, die dem Adel auf Tod und Leben überantwortet sind und alles, was sie arbeiten, für ihn arbeiten müssen. Im Zusammenhang damit bildet sich eine neue soziale Form heraus, die antike Stadt. Das war der Umkreis, in dem der Adel wohnte. Er hatte in der Stadt Häuser und ausserhalb der Stadt seine Güter. In der Stadt wohnen, das bedeutete, dass man nicht am Produktionsprozess teilnahm, denn der Acker lag auswärts, der damals noch die Hauptquelle war. Um in der Stadt leben zu können, war es notwendig, dass der Adel Handwerker um sich herum hatte und städtische Händler, die für ihn den Austausch vermittelten; ausserdem gehörten dazu eine ganze Reihe von persönlichen Bedienten. Hier erst entwickelt sich die Grundlage der eigentlichen Sklaverei, wie wir sie nachher in Griechenland sehen. Schon bei Homer Spuren der Sklaverei, nur in adligen Familien und in geringer Zahl. In dieser ersten Phase der Sklaverei überwiegt das weibliche Element. Sklavinnen werden benutzt als Kebsweiber, Ammen, Mägde im Hause, die neben der Hausfrau und unter ihrer Leitung arbeiten. Dann kommt mit dem Verfall des Bauernstandes die Schuldsklaverei hinzu. Diese Verhältnisse führen im 6. Jahrhundert schon zu Revolutionen in Griechenland. Der ruinierte Bauernstand rebelliert und verlangt Neueinteilung des Grund und Bodens, eine utopische Forderung, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollte. Wenn auch dieser Ruf in der Solonischen Revolution 594 unerhört verhallen musste, so hat die Rebellion doch eins herbeigeführt: die Aufhebung der Schuldsklaverei. (Siehe im „Ploetz“.) (Solon war der Gesetzgeber, solonische Revolution ist hier aufzufassen als Umwälzung.) Aus diesen Verhältnissen ist der frappante Zug der Geschichte in Griechenland zu erklären, dass dort die Klassenherrschaft die originelle Form der Herrschaft der Stadt über das Land annahm. Zugleich mit dem Adel entwickeln sich Sklaverei und Handel. Nachdem die Sklaverei zunächst zur persönlichen Bedienung eingeführt worden war, musste der Adel mit der Steigerung seiner Lebensweise dazu kommen, Sklaven zu kaufen, um durch sie Austauschprodukte herstellen zu lassen. In Griechenland sehen wir zum ersten Mal, dass bestimmte Werkstätten hergerichtet wurden, in denen Sklaven Austauschprodukte herstellten. Verwendung von Sklaven auf Oel- und Weinplantagen und massenhafte Verwendung von Sklaven in den Bergwerken. Die Sklaven treten direkt als Konkurrenten der proletarisierten Bauern auf, die eventuell auf den grossen Gütern des Adels Verwendung finden könnten. Im Bergwerk wurde die freie Arbeit gänzlich durch Sklavenarbeit verdrängt. Zunächst verrichteten die fronenden Bauern auch die Handwerksarbeit für den Adel. Mit der Verfeinerung der Bedürfnisse aber genügen sie nicht mehr; es bilden sich Spezialisten heraus, die viel feinere Arbeit im Handwerk leisten. Schliesslich wird der freie Handwerker massenhaft durch Sklaven verdrängt. So sehen wir denn in Griechenland, namentlich in Attika, dass reiche Griechen ganze Werkstätten errichten, in denen Sklaven Produkte  für den Austausch herstellen. Demosthenes, der Vater des berühmten Redners, hatte eine Werkstätte, in der 30 Sklaven als Schwertfeger-Waffenschmiede unter Aufsicht arbeiteten. Infolge der solonischen Revolution wurde nicht nur die Schuldsklaverei abgeschafft, sondern auch die Kriegspflicht der Bauern eingeführt. Sie wurden sozusagen zu vollberechtigten Bürgern. Das trug aber bei den gegebenen Verhältnissen zur noch rapideren Zersetzung der Bauern bei. Denn mit der Entwicklung des Handels, der in Griechenland zum großen Teil Seehandel ist, kam eine Handels- und eine Kriegsflotte auf. Dadurch grosse Militärlasten auf dem ganzen Volk. Die Lasten zur Kriegsflotte war eine der stärksten Lasten der Bauern. Nachdem die Schuldsklaverei abgeschafft worden war, wurden die Kriegsgefangenen immer mehr das Material für die Sklaverei. Später, im 7. Jahrhundert, mehr und mehr die Kaufsklaverei. Die Kaufsklaven waren die Völker, die um das Schwarze Meer herum wohnten. Zum Teil auch stammten sie aus wenig kultivierten Gegenden aus dem Westen, dem heutigen Spanien, heutigen Gallien. Die Griechen hatten dort nämlich überall Kolonien. Die Kolonisation war eine der Ursachen des Bauernverfalls. Wo eine Masse von Griechen einen Fleck eroberten, namentlich war es immer am Ufer des Meeres, da gründeten sie sich fest mit ihren Einrichtungen, und es wurde eine griechische Stadt. So war Chios, eine Insel, eine griechische Kolonie; hier war ein grosser Austauschmarkt für Sklaven. Namentlich massenhaft war die Sklavenwirtschaft in Zentren, wo sich grosse Bergwerke und Plantagen befanden, also auf Sizilien und in Attika (Attika ist Athen mit einem gewissen Umkreis), in Korinth und anderen. Nach der solonischen Revolution gab es also: gefangene, gekaufte und im Hause geborene Sklaven. Angaben über die Größe der Sklaverei Die Frage nach der Grösse der Sklaverei in Griechenland und überhaupt in der alten Welt ist ein Streitpunkt unter den Gelehrten, den Oekonomen und Historikern. Rodbertus hat sich verdient gemacht durch die Schilderung der alten griechischen Eukenwirtschaft (Eukus ist das Haus, die Familie, zusammen mit Knechten, Mägden und Sklaven). Er hat durch diese Schilderung den Eindruck hervorgerufen, dass das gesamte ökonomische Leben in der Alten Welt auf der Sklavenarbeit beruhte. Diese Auffassung akzeptierte Professor Bücher, nach dem die erste Phase der ökonomischen Entwicklung die geschlossene Hauswirtschaft ist, auf der Sklavenarbeit basierend. Nach Bücher hat diese Hauswirtschaft bis zum Mittelalter geherrscht. Gegen diese Auffassung hat sich in der letzten Zeit sehr scharf Professor Eduard Meyer erhoben. Zwei Schriften von ihm sind empfehlenswert: 1. Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums. Ein Vortrag, 1895. 2. Die Sklaverei im Altertum. 1898. Die erstere Schrift hat Kautsky im „Ursprung des Christentums“ mehrfach zitiert. Dann ist im Handwörterbuch der Staatswissenschaften in mehreren Artikeln von Professor Eduard Meyer (unter „Bevölkerung im Altertum“) seine Ansicht niedergelegt. Bei Professor Eduard Meyer ist leider das entgegengesetzte Extrem eingetreten. Er weist hauptsächlich nach, dass die Sklaverei ziemlich geringe Bedeutung im Altertum hatte, und stützt seine Einschätzung darauf, dass die Anzahl der Sklaven der Anzahl der Freien entweder gleich oder noch geringer als diese war (ausgenommen geringe Epochen). Diese seine Begründung ist nicht stichhaltig. In der heutigen Gesellschaft herrscht kapitalistische Produktion. In ihr stehen die Industriearbeiter. Die Landarbeiter, die kleinen Handwerker, die Schicht der gebildeten Berufe usw. gehören nicht zu ihnen. Aber sie, die Indu­striearbeiter, prägen ihre Existenzbedingungen auch immer mehr den anderen Schichten auf. Nach ihnen ist die heutige Gesellschaft gestaltet, und doch sind sie die Minderheit der Bevölkerung. So können auch die Sklaven die Minderheit der Bevölkerung gewesen sein, und doch kann das gesamte ökonomische Leben der alten Welt auf ihnen geruht haben. Nicht die Zahlen sind massgebend, sondern die Gesamtsumme der Tendenzen, die sich daraus ergeben, ist massgebend. ([...][3] Eduard Bernstein kam nach der Volkszählung von 1905 auch damit an, dass er sagte, es existieren noch so und so viele Handwerker, Gewerbetreibende usw. Aber das besagt nichts dagegen, dass das Proletariat der Unterbau der heutigen Gesellschaft ist. Mit Zahlen darf man da nicht kommen.) Die ersten genauen Angaben über die Arbeit der Sklaven haben wir namentlich aus dem 5. Jahrhundert, aus Perikles Zeiten, der 444-429 lebte. Er stand vor in Attika und hatte grossen Einfluss. Damals gab es in Attika nach den neuesten Berechnungen von Beloch 130-150.000 Freie, 100.000 Sklaven. Die Gesamtbevölkerung ganz Griechenlands betrug 2.250.000. Darunter zählte Beloch 850.000 Sklaven zu derselben Perikles’schen Zeit. Professor Meyer hat die Zahlen noch revidiert. Nach ihm kommen um das Jahr 431, zu der Perikles’schen Zeit, in Attika: 170.000 Freie, Metöken, die Nachkommen der Bürger mit den Sklaven, Mischlinge, und 150.000 Sklaven. (Das heutige [...] Griechenland hat über 2 Mill. Einwohner, ist also ungefähr stabil geblieben.) Nachher verschärfen sich die Verhältnisse in Griechenland, nach der Periklesschen Zeit Wendepunkt. 431-404 vor Christi der Peloponnesische Krieg zwischen Sparta und Athen. In diesem Krieg ging eine kolossale Masse der freien Bauern zugrunde, weil sie ja die Infanterie ausmachten. Nachher nimmt die Sklaverei noch mehr zu. Für Attika im 4. Jahrhundert, 317-307, die folgende Statistik: 90.000 freie Bürger, 40.000 Metoken, 400.000 Sklaven. Diese Zahlen werden von Professor Meyer nicht bestritten, die beweisen, dass nach dem Krieg die Anzahl der Sklaven die der anderen Bevölkerung übertrafen. Er sagt nur, vorher sei das nicht gewesen und auch dann nicht in ganz Griechenland, sondern nur in einigen Zen­tren. Übrigens spricht Professor Meyer von Industrie und Fabriken in Griechenland, ein typisch bürgerlicher Zug. Nun, wo die Sklaven so überhand nahmen, wurden sie nicht nur im Handwerk, Bergwerk und auf den Plantagen verwendet, sondern sehr stark zu persönlichen Diensten. Sklaven wurden zu dem Gut eines freien Bürgers gehörig betrachtet. Einzelne Bürger besaßen 50, andere aber auch 1000 Sklaven. Es wird im 4. Jahrhundert zur Mode, dass ein Freier keinen Schritt in der Stadt tut, ohne vor und hinter sich eine Schar von Sklaven zu haben. Als in Athen die Stutzer aufkamen, trugen die Sklaven für die Stutzer Stühle mit, liessen den Herrn aller paar Schritte niedersitzen und verscheuchten ihm durch Wedeln die Hitze. (wedelten ihm Kühlung zu). Sehr stark kommen durch Aristoteles (geboren 384 vor Christi gestorben 322 v. Chr.) die Zeitverhältnisse, die Ansichten der damaligen Zeit zum Ausdruck. In seinem Werk „Die Politik“, das aus 8 Büchern besteht, schreibt er: „Das ist erst ein vollständiger Haushalt, der aus Sklaven und Freien besteht.“ Aus dem Buch I der „Politik“: „Die Wissenschaft des Herrn reduziert sich darauf, seine Sklaven richtig zu gebrauchen. Er ist der Herr, nicht weil er der Eigentümer eines Menschen ist, sondern weil er sich seiner Sache bedient. Der Sklave bildet einen Teil des Reichtums der Familie. Aus dem Buch III der „Politik“: „Die Natur selbst hat die Sklaverei geschaffen. Tiere teilen sich in männliche und weibliche. Das Männliche ist das Vollkommenere, es herrscht. Das weibliche ist unvollkommen, es gehorcht. Nun, es gibt im Menschengeschlecht Individuen, die anderen ebenso untergeordnet sind, wie der Leib der Seele, wie das Tier dem Menschen. Das sind jene Wesen, die nur zur körperlichen Arbeit taugen, und die zu nichts Vollkommenerem geeignet sind. Diese Individuen sind von der Natur zur Sklaverei bestimmt, weil es für sie nichts Besseres gibt, als zu gehorchen. Besteht denn in der Tat ein so grosser Unterschied zwischen dem Sklaven und dem Tiere? Ihre Dienste gleichen einander, nur durch ihren Körper sind sie uns nützlich. Aus diesen Prinzipien können wir schliessen, dass die Natur Menschen für die Freiheit und andere für die Sklaverei geschaffen hat, dass es nützlich und gerecht ist, dass der Sklave gehorcht.“ Es herrschte ein vollständiger Bruch zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. Nach Aristoteles hat die Natur die Sklaven geschaffen, und die physische Arbeit, die Grundlage der Produktion, ist nach ihm auch die Grundlage der Unfreiheit. Die freien Bauern waren zugleich Mitglieder der Gesellschaft, zugleich Bürger, nahmen noch an vielen öffentlichen Angelegenheiten teil. Mit der Zeit kommt auf, dass jeder Adlige in der Stadt wohnen und seine Hauptbeschäftigung sein muss, sich mit Staatsgeschäften zu befassen, abgesehen von der Beschäftigung mit Wissenschaft, Kunst, Kriegsdienst. Die Bauern werden proletarisiert, finden nirgends Arbeit, weil überall Sklaven sind. Sie werden überflüssig, zählen nicht. Der Sklave hat als Fremder gar keine Möglichkeit, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen. Er hat keine öffentlichen Pflichten. Deshalb volles Verfügungsrecht des Herrn über ihn; weil keine Bürgerrechte, kein Schutz des Staates. Wenn auch die Sklaven die weniger Zahlreichen waren, sie waren doch die Hauptsache. Sie proletarisierten die Bauern. Trennung des geistigen Lebens vom Produktionsprozess. Das sind die Früchte der Sklaverei. Daraus musste sich der Verfall der griechischen Gesellschaft ebenso wie der römischen ergeben. ______________ Schlussfolgerungen: In Griechenland führte die Sklaverei die Trennung des Wissens vom Produktionsprozess herbei. Vorher war das Wissen nicht von der Arbeit in der Produktion getrennt. Das Wissen wurde gemeinschaftlich gesammelt in der Produktion. Alle arbeiteten, und alle arbeiteten zusammen. Wissen war immer notwendig. Um einen Stein zu behauen, um Werkzeuge herzustellen, dazu waren naturwissenschaftliche Kenntnisse notwendig; um die Einteilung in der Mark vorzunehmen, dazu gehörte schon eine Menge Wissen. Die nächste Form ist, dass das Wissen bei den Priestern ruht. Sie durften, so in Indien, nicht am Ackerbau teilnehmen. Dadurch gewannen sie Zeit zu ausgedehnterer geistiger Arbeit. Die war notwendig, um z. B. im Orient die grossen Wasserleitungen, die Kanalisation zu leiten, die nicht von einer Mark ausgeführt wurden, sondern von mehreren. Die Priester hatten innige Fühlung mit der Natur, schon weil sie den Kultus zu versehen hatten, der ja damals ein Naturkult war. Die nächste Form, in der das Wissen sich von der Produktion trennte, war die Sklaverei. Und zwar fand in ihr gleich eine vollständige Scheidung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit statt. Das kam der Wissenschaft und der Kunst zugute. Sie konnten jetzt, ohne an die Produktion gebunden zu sein, frei in der Luft schweben, der Zeit vorauseilen. Die Kunst gelang in Griechenland zu einer Blüte, die bis heute nicht erreicht worden ist. Aristoteles hatte ohne die Sklaverei nie das werden können, was er war. In allem, was es heute gibt, knüpfen wir an die antike griechische Welt an, an Aristoteles. In diesem Sinne können wir sagen: Ohne die Sklaverei gäbe es keinen Sozialismus. Auch dem Produktionsprozess kam das Wissen noch zugute. Der Ausschluss der Sklaven vom geistigen Leben führte natürlich auch dazu, dass die Herrschenden Gesetze gaben, die natürlich ihrem Interesse dienten, aber von den Sklaven mitgehalten werden mussten, obwohl sie nicht an dem Zustandekommen beteiligt waren. Viel anders ist es ja heute noch nicht. Es herrschte also und gab Gesetze eine Klasse, die gar nicht am Produktionsprozess teilnahm. Diejenigen, die alle Werte schufen, mussten sich ihr fügen. In der sozialistischen Gesellschaft wird das Wissen Gemeingut aller sein. Alle Arbeitenden werden das Wissen haben. Die Sklaverei in Rom. Die Geschichte der römischen Sklaverei ist eine spätere, als die der griechischen, wie auch die ganze römische Geschichte eine spätere ist. Rom wurde erst im 8. Jahrhundert v. Chr. gegründet. In Griechenland reicht die vorhistorische Homerische Zeit bis ins 10., 11. Jahrhundert v. Chr., wo ja schon die Sklaverei, wenn auch nur in geringem Umfang, bestand. Rom übernahm sozusagen die Sklaverei von Griechenland; sie tritt daher in Rom auch schon fertiger auf. Im allgemeinen unterscheiden wir 3 Perioden der Sklaverei in Rom: Die erste reicht bis zu den punischen Kriegen, also bis ins 3. Jahrhundert v. Chr.; die zweite von den punischen Kriegen bis zur Kaiserzeit, das ist kurz vor und kurz nach Chr. Geburt; im 1. Jahrhundert; die dritte vom 1. Jahrhundert, d.i. von der Zeit um Chr. Geb. bis zum Verfall des römischen Reiches. In der ersten Periode ist der Typus des wirtschaftlichen Lebens in Italien die Bauernwirtschaft. Es ist freilich schon ein Adel vorhanden, ein grösserer adliger Grundbesitz, Differenzierung ist schon da. Adel und Bauern leiten wir, wie in Griechenland, aus der Mark ab; die Bauern sind frühere Markgenossen, der Adel diejenigen, die in der Mark die öffentlichen Aemter inne hatten. Die Produktionsweise auf dem adligen Gut unterscheidet sich fast gar nicht von der auf dem bäuerlichen Gut, der Unterschied liegt nur im Umfang. Zur wirtschaftlichen Umwälzung sind noch keine grösseren Grundlagen vorhanden. Die Sklaverei ist in dieser ersten Periode schon eingeführt, aber noch in beschränktem Umfang. Auf dem adligen Grundbesitz gibt es etwas mehr Sklaven, auf dem bäuerlichen weniger. Manche ärmeren Bauern haben auch gar keine Sklaven. Die Sklaven sind hier noch ländliche Arbeiter. Da die Bauernwirtschaft der Typus der Verhältnisse ist (es wurden nur die Bedürfnisse befriedigt), so ist dadurch ein gewisser patriarchalischer Zustand auch bei den Sklaven gegeben. Sie arbeiten bei einem Bauern neben seiner Familie, bei den Adligen oder den Pächtern neben den anderen Ackersknechten. (Die Adligen gaben vielfach Land in Pacht, das wurde wie das bäuerliche Land bearbeitet.) Die Sklaven werden also als landwirtschaftliche Arbeiter neben den Freien, zusammen mit den Freien beschäftigt. Es sind meistens schon gekaufte Sklaven. Sie werden meist mit 20 Jahren gekauft; wenn sie alt und krank werden, werden sie meist zu billigen Preisen verkauft. Der Grundbesitz eines Adligen hiess in der ersten Periode in Rom: Villa rustica, d.h. Landgut. Es bestand gewöhnlich aus einem Wohnhaus für den Villicus, den landwirtschaftlichen Leiter des Betriebs, einen Beamten des Gutes. Er hat zusammen mit den Sklaven ein Wohnhaus. Daneben Viehställe, Speicher usw. Für den Herrn wurde oft ein besonderes [...] gebaut. Alle Sklaven in einem solchen Betriebe bekamen periodisch und in bestimmten Mengen alle Lebensmittel. Kleider und Schuhe wurden gewöhnlich auf dem Markte gekauft. Jeden Monat bekamen sie ein Mass Weizen, (Roggen und Hafer waren damals noch unbekannt,) und jeder musste sich dieses [im] Haus selbst mahlen. Ausserdem Salz, Oliven, gesalzene Fische, Wein und Oel. Sie lebten also in der ersten Zeit so, dass wir sie nicht bedauern können. Ein und dasselbe gehörte zum Leben der Sklaven, der Bauern und mit wenigen Unterschieden auch des Adels. Neben dem Villicus gab es eine Villa, die Wirtschafterin, die für das gesamte Gesinde das Essen kochte, und alle nahmen ihre Mahlzeit gemeinsam ein. Etwa fluchtverdächtige Sklaven oder solche, die sich ernstlich vergangen hatten, wurden gefesselt und zur Strafe in unterirdische Verliesse gelassen, aber das war in der ersten Periode nur Ausnahme und geschah nur in Fällen von Verschuldung der Sklaven. Der Sohn der Familie wurde damals oft in derselben Weise bestraft wie der Sklave. Beide standen unter der unbeschränkten Gewalt des Familienvaters. Bei grösseren Arbeiten, die eine Anhäufung grösserer Arbeitskräfte in kurzer Zeit erforderten, reichten die Sklaven nicht aus, und es wurden freie Tagelöhner hinzugenommen, die mit den Sklaven die Arbeit erledigten, z. B. bei der Ernte. Olivenlese und Weinlese wurden gleichfalls gewöhnlich freien Unternehmern mit Sklaven übergeben; d.h., es gab solche, die die Erledigung solcher Arbeiten übernahmen, und sie brachten eigene Sklaven mit. Dafür kriegten sie ihre Entschädigung. Im allgemeinen war die Ernährung und Behandlung der Sklaven eine gute. An Feiertagen wurden sie von der Arbeit befreit. Und da sie in Rom zur Familie gehörten, so nahmen sie an den religiösen Kulten, den Familienkulten teil. (Es gab in Rom nicht nur Staatsgötter, sondern jede Familie hatte auch ihre Hausgötter.) Zweite Periode. Im Schosse der römischen Gesellschaft treten tiefe Umwälzungen um das 3. Jahrhundert ein. Es beginnt der Kampf um die Bildung des Weltreichs Rom. Er wird eingeleitet durch eine endlose Reihe von Kriegen. Wendepunkt sind die punischen Kriege. Fast kein Jahr vergeht ohne Krieg. Zunächst die punischen Kriege mit Karthago. Der 3. Krieg, der mit dem Siege endete, war 146 beendet. Dann beginnen gleichzeitig mazedonische Kriege. (Mazedonien war damals ein Teil Griechenlands im Norden.) Drei mazedonische Kriege: der erste                                                               215 – 205             der zweite                                                            200 – 197             der dritte                                                              171 – 168. Dann fast gleichzeitig ein Krieg mit Antiochas und Syrien, in Asien, südöstlich von Kleinasien, 192–189. Dann der griechische Krieg mit dem [Aetorischen] Bund 146, also gleichzeitig mit dem 3. punischen. Dann der Krieg in Spanien, die Unterwerfung Spaniens, 143-133. Dann folgt der Krieg mit Numidien, liegt in Afrika (im Atlas von Putzger, 1909, Seite 3a, östlicher Teil der alten Welt), 111-105 v. Chr. Ein Krieg mit Cimbern und Teutonen, 113-101 (Atlas von Putzger Seite 9 im Norden). Ein Krieg mit dem pontischen Königreich in Kleinasien, 88-64 (Atlas v. Putzger Seite 9 im östl. Teil). Mit Kelten, gallischer Krieg, im heutigen Frankreich, 58-51. Darauf die sogenannten alexandrinischen Kriege in Aegypten im 30. Jahr v. Chr. Geb. Das ist die Zeit, die die 2. Periode in der römischen Sklaverei umfasst. Ein Knäuel von Kriegen in immer weiterem Umfang, ein Zusammenstoss der griechisch-römischen Kultur mit allen umwohnenden zurückgebliebenen Völkerschaften. Alle diese Kriege waren siegreich für Rom. Sie endeten mit der Gründung des römischen Reiches, Verwandlung aller dieser Länder in römische Provinzen, Tributpflicht, mit der Einführung des römischen Rechts dort. Die Bauern waren das grosse Material in den Kriegen. Sie waren die Soldaten. Das brachte den völligen Verfall der bäuerlichen Wirtschaft mit sich, und die war der Eckstein des ganzen ökonomischen Lebens des Landes. Es werden der bäuerlichen Wirtschaft die Arbeitskräfte entzogen und ihr eine ungeheure Steuerlast aufgebürdet. Denn die Führung der Kriege erforderte Geldmittel, die das römische Reich durch Steuern aufbrachte; sie fielen auf die bäuerliche Wirtschaft. Diese beiden Wirkungen zeitigen die erste Phase der 2. Periode: den Ruin der bäuerlichen Wirtschaft und die Bildung des Grossgrundbesitzes. Die letztere kommt dadurch zustande, dass die Grossgrundbesitzer die Bauern von ihrem Eigentum trennen, wenn sie ihre Schulden nicht zahlen können. Da dem freien Bauern der eigene Boden unter den Füssen fortgezogen wurde, so hätte er zur Arbeitskraft des Grossgrundbesitzers werden können, da er aber ständig unter der Drohung stand, in den Krieg gerufen zu werden, so ist es für den Grossgrundbesitzer, – auch wo er die Möglichkeit hat, freie Bauern einzustellen –, unbequem, ihn zu nehmen. Auch in den Pausen des Krieges stand der Bauer unter der Gefahr der Einberufung. Einerseits verliert der Bauer den eigenen Boden, und andererseits wird er für die Grossgrundbesitzer als Arbeitskraft zu unbequem. Ausserdem verringert sich die Zahl der freien Bauern durch die Kriege bedeutend, so dass sie für die Grossgrundbesitzer gar nicht mehr ausgereicht hätten. Die Grossgrundbesitzer müssen also mehr Sklaven einstellen. Die liefern die Kriege in Massen. Die unaufhörliche Kriegführung endete durchweg mit der Unterjochung neuer grosser Provinzen. Die besiegten Völkerschaften wurden in römische Untertanen verwandelt und mussten Abgaben leisten, Steuern, zum Teil in Geld, zum Teil in Naturalien. Die letzteren bestanden vor allem in Getreide. Man beginnt, das überseeische Getreide einzuführen. Kornkammern Roms sind: Afrika, Sizilien und Spanien. Der römische Staat verwendet das Getreide vor allem für die Erhaltung des Heeres; das römische Heer wird ausschliesslich mit ausländischem Getreide ernährt. Die Ausplünderung der fremden Provinzen brachte immer mehr Getreide in das Land, als das Heer brauchte. Dieses Getreide verkaufte der Staat zu Spottpreisen. Das inländische Getreide wurde bald überflüssig, der römische Bauer fand keinen Absatz mehr für sein Getreide. Er wurde zum Proletarier. (Proles: Einer, der viel Kinder zeugt.) Was machen die Bauern? Die eigene Wirtschaft haben sie verloren, die Grossgrundbesitzer beschäftigen Sklaven. Die Grossgrundbesitzer lassen alles, was sie brauchen, entweder von den Sklaven herstellen oder beziehen es aus den Provinzen. Die völlig existenzlosen Bauern strömten nach Rom, und zwar war Rom damals die Stadt, das Zentrum, das zugleich politisches Zentrum war. Sie strömten dahin, um vom Staate Exi­stenzmittel zu verlangen. Diese Bauern sind zugleich freie Bürger. (Rom ist Republik, es hatte die gleiche Revolution durchgemacht wie Griechenland.) Der Adel bediente sich dieses Proletariats in seinen eigenen inneren Kämpfen. Es hatte politische Rechte und Einfluss auf den Staat. Dieses Proletariat musste erhalten werden, denn sonst wäre es eine ständige Gefahr für Rom gewesen. Es übernachtete buchstäblich auf den Strassen Roms. Es wird auf dem römischen Markt von Staatswegen an Proletarier Getreide verteilt, gleichfalls überseeisches Getreide. Diese Einfuhr des Getreides aus den Provinzen hatte also grosse Bedeutung. Auf Grund dieser Verhältnisse hat Sismondi in seiner Untersuchung der römischen Verhältnisse den klassischen Ausspruch getan: „Es gab in Rom ein Proletariat wie heutzutage. Aber während das heutige Proletariat die Gesellschaft erhält, hat sich das römische Proletariat von der Gesellschaft erhalten lassen.“ Das ist der Unterschied zwischen dem Proletariat von heute und von damals. Endlich kommt noch ein Moment zu denen hinzu, die auf die bäuerliche Wirtschaft her­einbrachen, um sie aus der Welt zu schaffen. Das ist die rapide Entwicklung der Geldwirtschaft. Durch den Zusammenstoss mit den orientalischen Ländern entwickelte sich die Geldwirtschaft in Rom sehr schnell. Der römische Staat fördert sie mit allen Kräften, indem er alle grösseren staatlichen Unternehmungen, z. B. auch die Erhebung von Steuern, nicht durch eigene Leute betreibt, sondern sie reichen Leuten in Pacht gibt, die dem Staate sofort eine Pauschalsumme zahlen mussten. Sie durften die Steuern noch erhöhen, wenn sie nur dem Staate gleich eine bestimmte Summe ablieferten. Die Geldwirtschaft war damals für die reichen Leute eine ebenso ergiebige Quelle, wie es heute die Staatspapiere sind. Im 2. Jahrhundert gab es schon reiche Bankiers, die dem Staate Geld vorschossen, wenn es nötig war, und die Geldgeschäfte besorgten. Die Ruinierung der bäuerlichen Wirtschaft in ein paar Jahrhunderten ging natürlich nicht ohne Kampf und Widerstand der Bauern vor sich. Im 2. Jahrhundert v. Chr. Geb. grosse Revolutionen der Bauern, ein Schrei nach Neueinteilung der Ländereien, und zwar der Staatsländereien. (Das sind die im Namen des Staates als öffentliche Ländereien eingenommenen Gemeindeländereien, ungeteilten Ländereien, Almenden.) Wodurch scheiterte diese Forderung? Nicht bloss durch das Aufkaufen der Güter durch den Adel, sondern auch dadurch, dass der Adel die Staatsländereien in Bebauung genommen hatte. Der Adel begann, sich grosse Staatsdomänen zu Spottpreisen schenken zu lassen, und da er herrschte, war ihm das nicht unmöglich. Die Domänen gingen wirklich an ihn über und liessen den Grossgrundbesitz noch wachsen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren zu weit vorgeschritten, daher war die Forderung der Bauern eine rückschrittliche. Sie hatten genau dieselben Bestrebungen wie die heutigen Mittelständler. Es gab erschütternde Revolutionen des proletarisierten Bauerntums in Rom um diese Ländereien. Die berühmteste darunter ist die Gracchus’sche Revolution 133-121. Gajus und Tiberius Gracchus, zwei Brüder aus dem höchsten Adel, stellten sich an die Spitze dieser Revolution. Tiberius Gracchus hielt dabei eine berühmte Rede vor dem Senat: „Die Tiere Italiens haben ihren Unterschlupf und ihr Lager. Aber die, welche für Italien kämpfen und sterben, können nichts ihr eigen nennen als Luft und Licht. Heimatlos müssen sie mit Weib und Kind umherirren, und die Feldherren lügen, wenn sie vor der Schlacht sie auffordern, für ihre ererbten Gräber und Heiligtümer zu kämpfen. Denn keiner hat mehr ein väterliches Heiligtum oder ein Ahnengrab von all den Scharen römischer Krieger. Sondern sie, die man Herren der Welt nennt, kämpfen für den Reichtum und das Prassen fremder Leute, während sie selbst auch nicht eine Erdscholle besitzen.“ Die beiden Gracchen suchten durch eine bestimmte Reform die Sache zu erledigen. Sie forderten die Zuweisung von Staatsländereien an die Bauern, eine rein utopische Maßnahme. Tiberius Gracchus drückte 134 v. Chr. ein Gesetz durch, das die Zurücknahme der Domänen von dem Adel und ihre Aufteilung in Bauerngüter zu 30 Morgen festlegte, die zu mässigem Zins an einzelne proletarisierte Bauern gegeben werden sollten. Das Resultat war, dass Tiberius mit 300 seiner Anhänger vom Adel und dessen Anhängern ermordet wurde. Sein Bruder Gajus stellte sich darauf an die Spitze der Bewegung und suchte die Reform noch weiter zu treiben, da die Massnahme von Tiberius die kolossale Proletarisierung nicht aufheben konnte. Auch die verpachteten Domänen wurden in Bauernkolonien verwandelt. Dann führte er die kostenlose Verteilung von Getreide durch, um die umherliegenden (obdachlosen?) Proletarier zu ernähren. Auch in den überseeischen Kolonien wurden Bauernkolonien eingerichtet. Darin aber lag der Bankerott der Bauern, denn das zeigt, dass man im eigenen Lande es nicht zurückführen konnte, dass die Bauern auf eigener Scholle sassen. Ein gewaltiger Widerstand des Adels darauf; Gajus musste fliehen und gab sich selbst auf der Flucht den Tod. Darauf scheiterte die ganze Reform. Professor Meyer sagt: Diese Reform hat leider nur Revolutionen hervorgerufen, indem die beiden Gracchen ermordet wurden und die Reform scheiterte. Die agrarischen Revolutionen haben nur zu Erschütterungen im Staate geführt und keine Abänderungen hervorgebracht. Schon seit Jahrhunderten wurde durch Gesetze dagegen angekämpft, dass die freien Arbeiter immer mehr durch Sklaven verdrängt wurden. 367 v. Chr. ein Gesetz, das die Gutsbesitzer zu verpflichten suchte, eine den Sklaven entsprechende Zahl der Freien zu verwenden. Zu Cäsars Zeiten, im 1. Jahrhundert, also 4 Jahrhunderte nach jenem Gesetz, ein neues Gesetz, durch das die Grossgrundbesitzer verpflichtet werden sollten, wenigstens ein Drittel Freier einzustellen. Das hatte natürlich keine Aussicht auf Erfolg. Die ökonomischen Verhältnisse waren stärker als das Gesetz. Der Bauer war noch ein Bürger mit Rechten und Pflichten, der Sklave war eine ausschliessliche Arbeitskraft. So ging es mit den Gesetzen in Rom wie mit allen Gesetzen, die sich gegen die ökonomische Entwicklung stemmen; sie blieben toter Buchstabe. Ein Beweis dafür ist, dass nach vier Jahrhunderten das neue Gesetz kam. Zum Schluss haben wir die grosse Masse der proletarisierten Bauern im Staate ohne jede Verwendung. Sie blieben bis zur letzten Periode. Zunächst verschwindet die Form der kleinen Pacht, die dafür massgebend war, dass der Grossgrundbesitz wirtschaftlich noch an die Methoden der bäuerlichen Wirtschaft gebunden war. Jetzt haben wir Grosskultur, und zwar deshalb, weil jetzt grosse Massen verfügbarer Arbeitskräfte vorhanden waren. Da aus den Provinzen das Getreide eingeführt wird, so wird die Produktion von Getreide eingeschränkt. Der Getreidebau wird verdrängt hauptsächlich durch die Viehzucht, durch Weinkultur und Olivenkultur. Es wird jetzt für den Handel produziert, nicht mehr wie früher in der bäuerlichen Wirtschaft für den eigenen Bedarf. Die Viehzucht ergab Wolle; sie wurde, weil auch für den Handel, in denkbar grösstem Massstab betrieben. Kleine Güter, die früher für Getreide bestimmt waren, wurden zusammen in grosse Gebiete für die Viehzucht umgewandelt. Genau so wurde der Wein- und Olivenbau betrieben. Es bilden sich die Latifundien, die die andere Seite des Zusammenbruchs der bäuerlichen Wirtschaft sind. Sie werden selbstverständlich durch Sklaven bewirtschaftet. Es bilden sich grössere Kolonnen von Sklaven unter Aufsehern und gänzliche Trennung ihrer Lebensweise von der der Herren. Der Herr wohnt in Rom, hat aber auf dem Land noch ein Landhaus. Auf den Landgütern werden namentlich entwickelt: Grosse Gartenkulturen, Ziergärten, weil Blumen zur luxuriösen Lebensweise in Rom gehörten; luxuriöse Geflügelzucht (Pfauenzungen und Nachtigallenzungen), Obstkulturen in ausgesuchtester Weise, gleichfalls im Grossen betrieben und für die eigenen Konsumtionsbedürfnisse. Vorwiegend aber tritt eine Verödung und Entvölkerung des ganzen Landes durch die Wein- und Olivenplantagen ein, eine sehr ungenügende Entwicklung des Handwerks, nur zur Befriedigung der Bedürfnisse und für Werkzeuge, sonst wird alles aus Kleinasien eingeführt, auch die besten Werkzeuge werden von dort bezogen. Wo früher 100-150 Bauernwirtschaften waren, bestand jetzt ein Latifundium, von 50 Sklaven bearbeitet. Die Sklaven waren unverheiratet, durften sich nicht verheiraten. Die Bauern wurden entweder als Soldaten in allen möglichen Ländern verwendet oder lebten als beschäftigungsloses Proletariat in Rom. Blieb schliesslich noch die reiche Klasse und der Adel (Mommsen und Meyer sprechen immer von römischen Kapitalisten; sie verstehen darunter einfach reiche Leute.) In Rom, der späteren Periode als der griechischen, war sozusagen keine Funktion für diese Klasse da. Griechenland wurde politisch von Rom unterjocht, aber geistig herrschte es bis ins Mittelalter. Die griechische Philosophie, Kunst, alles, was auf dem Boden der antiken Sklavenwirtschaft zu erreichen war, hatte Griechenland bereits vollendet. Rom hatte sich das nur anzueignen. Rom lebte daher sozusagen als Schmarotzer. Deshalb lösen sich die herrschenden Klassen in Rom auch von der geistigen Arbeit vollständig los. In der 2. Periode sind die Sklaven schon nicht bloß die Arbeitskräfte auf den Gütern, sondern sie übernehmen auch in der Stadt alle Funktionen, auch die geistigen. Sklaven sind Bankhalter, Buchhalter, Lehrer, Künstler, Schauspieler, Tänzer, Musikanten, Architekten. Es gab keinen Zweig des öffentlichen Lebens, der nicht von Sklaven verrichtet wurde. Dass sie die intelligenten Berufe ausfüllen konnten, lag daran, dass sie vielfach aus Kriegsgefangenen bestanden, die aus kulturell entwickelten Ländern stammten und vorher freie Bürger waren. Es waren z.B. sehr viele ehemalige adlige griechische Geschlechter später als Sklaven in Rom. Für die Arbeit auf den Plantagen nahm man zurückgebliebenere Völkerschaften, in der Stadt die intelligenten. Rom kommt zu der Konsequenz: Alles, was Arbeit ist, ist Sklavenarbeit, sowohl körperliche wie geistige. In Griechenland war nur die körperliche Arbeit Sklavenarbeit. So ist in Rom die Konsequenz der Entwicklung so weit gegangen: Auf der einen Seite wird die Masse der Bauern überflüssig für den Produktionsprozess, auf der anderen begibt sich die herrschende Klasse aller Arbeit. So lebte in Rom schliesslich die ganze Gesellschaft tatsächlich von den Sklaven und Unterjochten. Das Getreide kam aus Sizilien, und dort war der Betrieb schon durch die Karthager in Sklavenarbeit verwandelt, und das trieb die Römer auf die äusserste Spitze. Nun musste natürlich auch in der Lebenslage der Sklaven eine Aenderung eintreten. Sie sind jetzt vollständig reduziert auf die nackte Arbeitskraft. Sie sind in der Landwirtschaft eine Arbeitskraft, die für die Zwecke des Handels verwendet wird. Die ganze Gestaltung geht dahin, das äusserst Mögliche aus den Sklaven heraus zu schlagen. Es ist zu unterscheiden zwischen den Sklaven in den Bergwerken und Plantagen und denen in der Stadt. Während sie in der Stadt die eigentliche Intelligenz und die Kultur in Rom darstellten, verfielen sie auf dem flachen Lande ..., wurden regelmäßig gekettet mit Peitschen auf die Arbeit getrieben und zur Nacht in unterirdische Verliesse eingesperrt. Man brandmarkte sie auf die Stirn, damit man sie als Sklaven erkannte. Aus dem Gelass wurden sie nur hinausgeführt, um auf die Arbeit getrieben zu werden. Verheiraten durften sie sich nicht. Das war jene Periode, wo sie gänzlich die freie Arbeit verdrängt haben und auch für die Ausfuhr arbeiteten. Diese Verhältnisse mussten zu Aufständen der Sklaven führen, gerade weil die Sklaven vorher Freie waren. Im 2. Jahrhundert wird Rom erschüttert durch gewaltige Sklavenaufstände. 184 v. Chr. ein Sklavenaufstand in Apulien. Bei der Unterdrückung dieses Aufstandes wurden 7000 Sklaven getötet. Im Jahre 195 v. Chr. ein grosser Aufstand in Etrurien. Bei diesem Aufstand gab es förmliche Schlachten mit römischen Heeren. Im Jahre 197 in Latium, wo auch Rom liegt. Später beginnen die bedrohendsten sizilianischen Aufstände. In den Jahren 143-141 ein gewaltiger Aufstand, an dem 7000 bewaffnete Sklaven teilnahmen. Auch hier kam es zu förmlichen Schlachten. Nach der Unterdrückung wurden 20.000 Sklaven gekreuzigt. Im Jahre 130 wieder eine Reihe von Aufständen in Italien, wobei 4.600 Sklaven hingerichtet wurden. Im Jahre 113 der zweite sizilianische Sklavenaufstand, der zwei Jahre dauerte. Im Jahre 73 der dritte sizilianische Sklavenaufstand mit dem berühmten Spartakus an der Spitze. Dann in Griechenland in Attika Aufstände der Sklaven. Hier werden sie so rebellisch, dass sie nur mit Waffen zur Arbeit getrieben werden. Dritte Periode. Im ersten Jahrhundert nach Christi beginnt die 3. Periode in der Geschichte der römischen Sklaverei. Wir brauchen nur die Konsequenzen der vorhergegangenen Entwicklung zu ziehen, um das Bild vor uns zu haben. Die Sklaven bestanden aus Kriegsgefangenen. Aber die Folge der Kriege war die Gründung des Weltreichs. Nun war für die Kriege eine Grenze gestellt. Als sie erreicht war, versiegte die Zufuhr von Kriegsgefangenen aus den Ländern. Gleichzeitig wurden die Bauern, die die ökonomische Basis der römischen Weltherrschaft waren, und die für die Kriege notwendig waren, vernichtet oder ruiniert. Wir haben den Zusammenbruch der Bauernwirtschaft gesehen. Das Bauerntum verwandelt sich aus einem Stand, der auf eigener Scholle sitzt und Interesse am Staate hat, zu einer Masse, die nur als Kanonenfutter im Interesse des Adels dient. Zum Kriege gehört nicht nur eine gewisse Anzahl von Soldaten mit Waffen, sondern ein gewisses Interesse an den Kriegen. Der verlumpte Bauer verlor die moralische und physische Kraft. Mit dem Verfall des Bauerntums sinkt die Ernährung. Im 2. Jahrhundert verschwindet aus der Nahrung der Bauern Fleisch und Milch. Infolgedessen sind immer weniger von ihnen waffenfähig. Es beginnt das Werbeheer. Fremde, barbarische, hauptsächlich germanische Völker werden angeworben. So sehen wir, dass die Germanen gegen römische Untertanen in den Krieg als Geworbene geführt werden. Sämtliche Völker und Länder sind im römischen Heere vertreten. Nur die Feldherren sind Römer. Es muss sich rächen, dass nur fremde, zusammengelaufene Leute den Krieg führen. Sie bekommen schliesslich eine grosse Macht, und sie wurden es, die schliesslich die Kaiser auf den Thron setzten. Sie setzen einen Kaiser auf den Thron, der ihnen imponiert hatte, weil er ungeheure Massen von Schweiss abzusondern verstand. Das ist eine schöne Illustration auf die Heiligkeit des Kaisertums. Das waren die letzten Konsequenzen der fremden Werbeheere. Was ergab sich daraus für die Latifundienwirtschaft und die Sklaven selbst? Vor allem: In der Sklaverei selbst trat ein Umschwung ein. Die in der zweiten Periode übliche Behandlung wurde unmöglich. Da die Sklaven nicht mehr aus jedem Kriege frisch zu haben waren, mussten sie anders geschätzt werden. Seit dem 1. Jahrhundert tritt daher eine viel mildere Form der Sklaverei ein. Es heisst immer, das Christentum habe das herbeigeführt. Es ist ausschliesslich Folge der Tatsache, dass eine jede solche Arbeitskraft nun geschätzt wurde, weil man keinen Überfluss mehr hatte. Jetzt musste man gestatten, dass die Sklaven sich verheirateten, damit sie sich vermehrten. Schon diese Tatsache bedingt eine bessere Lebenshaltung der Sklaven. Ein Sklave muss anders behandelt werden, wenn er selbst eine Familie hat, wenn er Kinder besitzt; er muss so viel bekommen, dass er die Kinder erhalten kann. Die Hauptsache auf den Latifundien war vorher vor allem die Viehzucht, Wein und Olivenöl. Das Getreide wurde eingeführt. Man kann aber nicht immer von Getreide leben, das anderen fortgenommen wird, die dadurch verkommen. Das geht nicht. Durch diese Ausnutzung verkamen die Unterjochten. Je mehr Proletariat sich in Rom ansammelte, je mehr es notwendig war, die Soldaten reichlich zu bedenken, je mehr man das Proletariat durch Geschenke im Zug halten musste, umsomehr musste man die Fremden in den unterjochten Provinzen auspressen. Das führte zum Verfall der unterjochten Bevölkerung, so dass die Getreidezufuhr versiegte. So musste Rom zum Getreidebau zurückkehren. Die Viehstrecken wurden in Getreidefelder umgewandelt. Die Latifundien waren mit Sklavenkräften betrieben worden. Der Getreidebau war jedoch mit der bisherigen Sklavenarbeit nicht möglich. Erstens war die Anzahl der Sklaven zu gering, zweitens waren sie auf Wein- und Olivenbau eingedrillt. Der Getreidebau aber bedeutete eine Rückkehr zu einer höheren intensiven Kulturform. So kam die Rückkehr zur kleinbäuerlichen Bewirtschaftung. Die Latifundien wurden in einzelne Parzellen geteilt, die teils an Sklaven mit Familien, teils an freie Bauern gegeben wurden gegen gewisse Abgaben, zumeist Abgaben in Naturalien; denn es war ja den vorher existenzlosen Bauern zunächst unmöglich, Geld zu zahlen. Dafür erhielten die die Pacht Uebernehmenden Schutz gegen Kriege usw. Also Rückkehr in eine Art Frondienst. In Rom hieß das Kolonat. (Davon können wir im Mittelalter die ersten Anfänge der Fronwirtschaft ableiten.) Noch eine andere Notwendigkeit zwang zur Rückkehr zum Kolonat. Die Ernährung der Sklaven war zu mangelhaft. Für die Wirtschaft selbst musste sich ergeben, dass das Interesse der Sklaven an der Arbeit immer geringer wurde. Hier ist wieder ein sehr belehrendes Beispiel: Es ist ein Irrtum, anzunehmen, man brauche nur die Macht in der Hand zu haben, um die Kraft ausbeuten zu können, ohne dass es sich selbst an dem Ausbeuter rächt. In Rom war das Resultat ein gänzliches Versagen der Arbeitskraft. Z.B. die Sklaven im Bergbau ......................    Die geistige Kraft der Ausgebeuteten brach durch die Ausbeutung. Hier musste der Produktionsprozess brechen, weil die Arbeitskraft durch die Ausbeutung ruiniert wurde. Noch so primitive Arbeit durch die Sklaven konnte nie ohne Werkzeuge verrichtet werden. Die Verhältnisse brachten es mit sich, dass die Sklaven einen furchtbaren Hass gegen die Werkzeuge hegten. Sie zerstörten die Werkzeuge und das Material zur Arbeit. Es wurde ein solcher Hass zwischen der lebendigen Arbeitskraft und den toten Produktionsmitteln geschaffen, dass ein ständiger Krieg zwischen ihnen herrschte. Die Sklaven entwickelten sich allmählich zu den teuersten und unbequemsten Produktionskräften und wurden dazu immer seltener. Also zusammengenommen: Die Sklavenwirtschaft hat durch sich selbst abgewirtschaftet. Das ist so in der Hauptsache der Schluss, in den sich der Kreis der historischen Entwicklung der Sklaverei im römischen Reich schliesst. Überall eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen. Das zeigt, dass nicht erst die Germanen es zur Zerstörung brachten. Rom war bereits eine fertige Beute für die fremden Eroberer, nachdem es solche Konsequenzen aus der Entwicklung gezogen hatte. Welche Fortschritte hat die Sklaverei gezeitigt? Die griechisch-römische Kultur ist etwas Ganzes, wenn wir auch die Gestaltungen unterscheiden. 1. Die Sklaverei hat die Trennung der geistigen von der körperlichen Arbeit durchgeführt. Das ist bis heute so geblieben, ist eine grundlegende Tatsache für die ganze Weiterentwicklung der Klassengesellschaft. Ohne sie wäre die geistige Entwicklung von heute nicht möglich. In Griechenland ist diese grundlegende Tatsache als Unterschied zwischen Freien und Sklaven geschaffen worden und hat dann verschiedene Formen angenommen. Sie ist aber durch das römische Reich mit fortererbt. Das Christentum entstand im römischen Reich (Rom dabei nicht als Staat genommen). Ohne die griechische Philosophie wäre es nicht entstanden, sie ist eine der Hauptwurzeln des Christentums. Und die griechische Philosophie beruhte auf der Sklavenarbeit. Und da das Christentum sozusagen das Vermächtnis des alten römischen Reiches an die ganze Neuzeit geworden ist: Ohne Christentum, das durch die Sklaverei erzeugt wurde, wäre das Mittelalter und der Kapitalismus nicht zu denken, nicht die moderne Gruppierung der Klassen, und ohne diese ist der Sozialismus nicht denkbar. Erst die sozialistische Umwälzung wird die letzten Reste dieses Vermächtnisses aus Rom vernichten. (Das Christentum ist sozusagen ein Beweis dafür, dass Rom sich auf Griechenland stützt.) Der Staat als Gewalt einer Klassengesellschaft ist auf dem Boden der Sklaverei in Griechenland entstanden, und in Rom sahen wir die Fortsetzung bis zum Aeussersten. Der staatliche Apparat wurde in Rom viel ausgedehnter und entwickelter. Ein Beweis dafür ist die Gründung des römischen Weltreichs. In Griechenland waren die führenden Staaten Sparta und Athen, und das sind Städte; also nur ein kleiner Umfang an Land. In Rom aber die Zusammenfassung vieler Länder, die als Provinzen Roms unter dieselben bindenden Rechtsnormen gestellt wurden wie die Römer. Zum ersten Mal eine Zusammenfassung eines so ungeheuren Reiches, regiert von einem Zentrum her und einheitlich. Es musste aus ökonomischen Ursachen zerfallen, nicht aus Mangel an politischen Einrichtungen. Eine solche einheitliche Organisation ist ein gewaltiger Fortschritt. Auch hierin hat das römische Reich viel gewaltigere Konsequenzen gezogen als Griechenland. [In Griechenland entstand durch die Sklaverei eine Verfeinerung des Handwerks, wie sie ohne sie nicht möglich gewesen wäre. In Rom ist im Gegenteil das Handwerk in eine gewisse Rückbildung getreten. Nur die rohesten Werkzeuge zum eigenen Gebrauch wurden von den Sklaven oder Bauern produziert, alle feineren wurden aus den unterjochten Ländern eingeführt. In dieser Beziehung brachte die römische Sklaverei also keinen Fortschritt.][4] Warum konnten die Sklaven nicht als Arbeitskraft für eine höhere Kultur im Sinne einer Grosskultur ausreichen? .... Da die Sklaven schon die rohesten Werkzeuge zerstörten, wie konnte man ihnen bessere geben? Es wurden zuletzt nur ganz grobe Produktionsmittel benutzt. Die Sklavenarbeit selbst war hier ein Hemmschuh des technischen Fortschritts. Die innere Tendenz der Sklaverei ist, sich bis zur Zerstörung der Arbeitskraft zu entwickeln. Auch heute ist das so. Der drastischste Ausdruck ist der ständige Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit. Aber andere Umstände bringen es mit sich, dass der Bestand der kapitalistischen Gesellschaft selbst es erfordert, dass das nicht geschieht. Sonst würde eine Sterblichkeit eintreten, die die Gesellschaft zerstören würde. In den Südstaaten der Vereinigten Staaten Nordamerikas wurde durch die Einführung der Baumwoll-, Zucker- und Reisplantagen die Ausbeutung auf rein kapitalistischer Basis so weit getrieben, dass die Sklaven durchschnittlich in 7 Jahren zu Tode gerieben wurden. Das ist der Beweis dafür, dass auch der Kapitalismus die Tendenz hat, die Arbeitskraft zu vernichten. Da diese Tendenz zur Vernichtung der Arbeitskraft in der Sklaverei bestand, so ist damit gegeben, dass die wirtschaftliche Entwicklung nicht weiter schritt. Die Sklavenaufstände sind die ersten welthistorischen gewaltigen Klassenkämpfe gegen die Ausbeuter. Nicht die freien Bauern, nicht die Proletarier in Rom. Diese Aufstände waren (in Sizilien 70 000 Sklaven) völlig resultatlos. Sie wurden geschlagen von dem elenden verfaulten Rom. Die Sklaven wollten zurückkehren in die Heimat, sich gänzlich loslösen von der Gesellschaft. Sie hatten nur insoweit teilweise Erfolg, dass sie entliefen, zum Teil in ihre Heimat, zum Teil wurden sie zu Räuberbanden, Seeräubern. Die Sklavenaufstände blieben ergebnislos, weil sich ihre Forderungen nicht auf die Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung stützten. Die wirtschaftliche Entwicklung war damals in eine Sackgasse geraten. Der Verfall des römischen Reiches hat im genauesten Sinn, dass es zu den Formen zurückkehren musste, die vorher existierten. Deshalb sind die Aufstände der Sklaven aussichtslos gewesen. Diese wirtschaftliche Form erschöpft sich selbst. Die wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht keine höhere Form. Man darf die grossen Züge nicht vergessen, die Rom trotz seines Verfalls zeitigte. Das gesamte geistige Leben wurde wie das materielle in Rom konzentriert. Die Götter aller unterjochten Völker wurden nach Rom geschleppt, so dass dort auch eine Konzentration aller Religionskulte stattfand. Das römische Reich fiel im wörtlichen Sinne in die Barbarei zurück. Erst etwa im 10. Jahrhundert n. Chr. beginnt der Handel in Italien sich wieder zu heben. Sobald im Mittelalter die Klassenscheidung der neuen germanischen, auf dem Boden Roms entstandenen Gesellschaft gediehen war, so dass sie aufnahmefähig für die höhere geistige Bildung war, knüpfte man an die griechische Bildung an; die Zeit der Renaissance, der Humanisten. Nichts ist von Rom an geistiger Kultur verloren gegangen. Das Christentum hat die Germanen aus der Barbarei gerissen. Trotzdem die Germanen das römische Reich in Stücke schlugen, übernahmen sie doch geistig das Christentum. Und dieses Christentum war vorbereitet durch das römische Reich; es hatte politisch die Basis für eine Weltrevolution vorbereitet. Das Handwerk erlebt in Griechenland eine Verfeinerung, wie sie ohne die Sklaverei nicht möglich gewesen wäre. In Rom aber wurde es durch den Weltverkehr im Gegenteil in eine gewisse Rückbildung gedrängt. Nur die rohesten Werkzeuge zum eigenen Gebrauch wurden von den Sklaven oder Bauern produziert, alle feineren wurden aus den unterjochten Ländern eingeführt. In dieser Beziehung brachte die römische Sklaverei also keinen Fortschritt. Ein Fortschritt war die Ausbildung der Gärtnerei. Auch heute noch gründen wir auf ihr. Auch heute noch ist die Gärtnerei dazu da, wie in Rom, zur Verfeinerung der Lebensweise der Herrschenden zu dienen. Die Viehzucht nahm grösseren Umfang an. Aber zu ihr wurden die rohesten Schichten der Sklaven verwendet. Sie waren es auch, die zuerst die Aufstände machten, weil sie ganz auf sich angewiesen waren. Die Viehzucht wurde sehr extensiv, sehr roh betrieben, es kam hauptsächlich auf die Masse an. Der Ackerbau wurde durch die Viehzucht zurückgedrängt, das ist ein Rückschritt. In Rom fängt die Sklaverei an, direkt rückschrittlich zu wirken. Die Geflügelzucht dagegen war ein Fortschritt. Die Bewirtschaftung der grossen Güter ist vorbildlich gewesen. In den Villen Karls des Grossen haben wir Produkte der bestimmten Fortschritte in der Agrarkultur, die Rom in seiner Sklavenwirtschaft erreicht hat. Rom hat also sowohl fortschrittlich wie rückschrittlich gewirkt. Auch im Orient gab es Sklaverei, aber sie ist mehr oder weniger dort in den anfänglichen Stadien geblieben. Und soweit sie gediehen war, wurde sie durch Eroberungen zerstört. Entwickelt wurde die Sklaverei zuerst in Griechenland und Rom. Literatur zur »Sklaverei«. Dietzgen: Wesen der menschlichen Kopfarbeit. Vorländer: Geschichte der Philosophie. Engels: Eugen Dührings Umwälzung der Wirtschaft. Eduard Beyer: Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums, Ein Vortrag, 1895. Eduard Beyer: Die Skalverei im Altertum, 1898. Eduard Beyer: Mehrer Artikel im »Handwörterburch der Staatswissenschaften« unter »Bevölkerung im Altertum«. Kautsky: Vorläufer des neueren Sozialismus. Erster Band: Plato. Kautsky: Ursprung des Christentums.[5] Engels: Feuerbach und der Ausgang der klassischen Philosophie. Beloch: Griechische Geschichte. Prof. Bücher: Entstehung der Volkswirtschaft. Mommsen: Römische Geschichte. (Ist das Fundamentalwerk) Prof. Max Weber: Im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften“ unter „Agrarverhältnisse“ Paul Ernst: Artikel über „Griechenlands Geschichte“ oder „Griechische Sklaverei“ in der „Neuen Zeit“, 11. Jahrgang, 2. Band. (Wahrscheinlich 1894 oder 1893) Kinderbeilage der „Gleichheit“: Nr. 13, Nr. 14, Nr. 15, Jahrgang 1908/09: „Aus der römischen Geschichte“. Kinderbeilage der „Gleichheit“: (? ? Nr.): „Der Sklavenaufstand in Sizilien“                 (Beides entweder von Rosa oder von Clara.) [1] In eckigen Klammern stehende Buchstaben oder Wörter stellen Korrekturen durch den Verlag dar, die einem besseren Verständnis dienen sollen. Sie sind als solche gekennzeichnet, um den Text möglichst authentisch erscheinen zu lassen. [2] Unlesbare Stelle in der Vorlage; sinngemäße Ergänzung. [3] Im Original »Genosse« durchgestrichen. [4] Diese in eckige Klammern gesetzte Passage ist in der uns verfügbaren Vorlage durchgestrichen. Vgl. außerdem eine inhaltlich ähnliche Passage weiter unten. [5] Zu Kautsky „Ursprung des Christentums“: Kautsky beleuchtet darin die Rolle der Sklaven ein wenig anders als Rosa Luxemburg. Er fasst die Sklaverei ausschliesslich auf als eine Norm des Verfalls und des Rückschritts; das kommt daher, weil er die römische Sklaverei im Auge hat. Entscheidend aber in der Weltgeschichte ist die griechische Sklaverei. Die römische Geschichte kann nur betrachtet werden als Fortsetzung der griechischen. In ihrer Ansicht über die Sklaverei stimmt die Genossin Luxemburg mit Marx und Engels überein, nämlich in der Ansicht, dass die Sklaverei Ausgangspunkt wichtiger Fortschritte ist.

JHK 2002

Brandler und der deutsche Kommunismus

Hermann Weber

Becker, Jens: Heinrich Brandler. Eine politischen Biographie, Hamburg 2001, VSA-Verlag, 511 Seiten. Gruppe MAGMA: »...denn Angriff ist die beste Verteidigung«. Die KPD zwischen Revolution und Faschismus, Bonn 2001, Pahl-Rugenstein Verlag, 295 Seiten. Das Links-rechts-Schema in der Politik war innerhalb der KPD der Weimarer Republik besonders ausgeprägt. Die Fraktionenkämpfe in dieser Partei wurden vor allem in den zwanziger Jahren fast nur unter dem Gesichtspunkt geführt, die jeweils »rechten« oder »linken« gegnerischen Gruppen in der Partei anzugreifen, zu besiegen und möglichst aus deren Reihen zu entfernen. Dies besonders, nachdem durch die Stalinisierung der Komintern, der KPdSU und auch der KPD »rechte« oder »linke« Abweichungen von der politischen Generallinie als Parteifeinde diffamiert wurden. Ein Blick auf die Protagonisten der kommunistischen Bewegung wie auf Führer solcher »Rechtskommunisten« oder »Linkskommunisten« zeigt allerdings, daß dieses Schema selbstverständlich eine Vereinfachung war, die inneren Streitigkeiten durchaus andere Beweggründe hatten. Der Prototyp des Rechtskommunismus, Nikolai Bucharin, bekam erst durch Stalins »Linkswendung« von 1928 diese Etikettierung, denn immerhin war er 1918 bei der Auseinandersetzung mit Lenin noch der Führer der »linken« Kommunisten. Ähnlich sah es in Deutschland aus, wo Heinrich Brandler bis heute als Kopf der »Rechtskommunisten« gilt. In den Debatten um die März-Aktion 1921 und die »Offensivtheorie« stand Brandler aber gegen Paul Levi auf dem »linken« Flügel. Biographische Untersuchungen können zur Erhellung der Rolle des Rechts-links-Musters in der KPD beitragen, unterschiedliche politische Strategien erklären und damit zugleich Einblicke in die Entwicklung des Kommunismus ermöglichen. Die vorliegende Biographie Brandlers von Jens Becker ist dafür geradezu beispielhaft. Während in den beiden letzten Jahren relativ wenig über die KPD der Weimarer Republik publiziert wurde,[1] finden interessante kommunistische Persönlichkeiten jedoch wieder Interesse.[2] Und so ist es auch zu dieser »überfälligen Untersuchung« (Klaus Fritzsche in der Vorbemerkung zu Jens Becker) gekommen, einem Standardwerk über den »rechten« Kommunisten Heinrich Brandler (1881–1967). Im Lebensweg Brandlers, eines Führers der Arbeiterbewegung, der in seinen politischen Aktivitäten meist »zwischen allen Stühlen« saß, widerspiegeln sich zahlreiche Probleme der Arbeiterbewegung. Und Becker hat es verstanden, anhand der Biographie Brandlers diese Zeit spannend zu beschreiben. Das war vor allem möglich, weil ihm bisher geheimes Archivmaterial zur Verfügung stand. Insbesondere konnte Becker relevante Akten aus dem Komintern-Archiv in Moskau benutzen. Das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis belegt, daß der Autor an Hand vieler weiterer Archivalien und durch gründliche Auswertung des Forschungsstandes Brandlers politischen Weg quellengesättigt beschreibt. Darüber hinaus gelang es Becker, die Entwicklung der Arbeiterbewegung und des deutschen Kommunismus über Jahrzehnte hinweg nachzuzeichnen. Dies leistet er (außer in der Einleitung und in einem »Fazit«) in acht Kapiteln. Zunächst werden Brandlers »Erfahrungen in der Vorkriegssozialdemokratie« beschrieben. Schon in der Jugend im nordböhmischen Warnsdorf, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, zeigt sich das politische Interesse Brandlers. Als er neun Jahre alt war, starb sein Vater, und wie dieser erlernte Heinrich Brandler das Maurerhandwerk. Becker schildert nicht nur die schwere Jugend Brandlers, sondern auch die Folgen seines Arbeitsunfalls, dessen »fatales Resultat« ihn äußerlich zeitlebens prägte: »Ein Buckel und eine riesenhaft breite Schulter«, und aus diesem verkrüppelten Körper ragte »ein Kopf von außerordentlicher Kraft in Form und Ausdruck« hervor. Genau das war auch mein Eindruck, als ich den weit über 70jährigen Brandler in den fünfziger Jahren kennenlernte und Anfang der 60er hin und wieder traf (und mit ihm korrespondierte).[3] Die Arbeiterbewegung hat Brandler früh geprägt. Mit 16 Jahren trat er bereits der Gewerkschaft bei, dann begann er seine dreijährige Wanderung durch Europa. 1901 ließ er sich in Hamburg nieder, wo er Mitglied und rasch Funktionär der Sozialdemokratie wurde. Er stand auf dem linken Flügel und verkörperte bald jenen Typus des Arbeiterführers, der selbst aus dem proletarischen Milieu kam und sich »von der Pike« auf für die Interessen der Arbeiter einsetzte. Brandler verstand sich immer als Praktiker, doch zugleich trieb ihn – wie damals die meisten Linken – ein wahrer Bildungshunger, und gegenüber theoretischen Problemen war er immer offen. Becker vermittelt anschaulich, daß sich Brandler neben seinen gewerkschaftlichen Aktivitäten (1914 wurde er hauptamtlicher Sekretär des Bauarbeiterverbandes in Chemnitz) vor allem in der Arbeiterfortbildung engagierte. Im nächsten Kapitel geht Becker der politischen Entwicklung Brandlers im Ersten Weltkrieg nach. Als Internationalist wandte sich Brandler gegen die »Vaterlandsverteidigung« und die Kriegspolitik der SPD, und er wurde durch den Krieg radikalisiert. Für ihn war die veränderte Haltung der Sozialdemokratie, die Burgfriedenspolitik, eine Katastrophe, die ihn auch persönlich traf. Wie bei vielen Sozialisten bestimmte dieses Ereignis Brandlers weiteren Lebensweg, er wurde Kommunist. Brandlers politische Tätigkeit in der KPD, insbesondere seine Rolle als Parteivorsitzender 1921 bis 1923 (dieses Kapitel umfaßt 125 Seiten mit knapp 1000 Anmerkungen!) beschreibt Becker bis ins Detail. Da diese Zeit hier im »Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung« in den Grundlinien bereits von Jens Becker und Harald Jentsch dargelegt wurde,[4] braucht auf Einzelheiten nicht noch einmal eingegangen werden. Becker schildert Brandlers Leben und Wirken objektiv und mit Sympathie, ohne jedoch apologetisch zu sein. Er erfüllt seinen eigenen Anspruch, nicht nur eine Forschungslücke zu schließen, sondern auch »einem wichtigen, besonders in der kommunistischen Bewegung umstrittenen Akteur historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«, voll und ganz. Und damit gelingt es dem Autor, anhand der Biographie Brandlers die unterschiedlichen Phasen der KPD und der KPO der Weimarer Republik, in der Emigration und im Widerstand gegen Hitler differenziert, kritisch und einsichtig vorzustellen. In der stalinistischen KPD sah Brandler, der »sperrige und widerspruchsvolle« politische Mensch (Becker in seinem Fazit), für sich keinen Platz. Brandler war zwar selbst doktrinär und partiell intolerant, hat den Stalinismus in seiner Tragweite verkannt und teilweise sogar beschönigt, Becker zeigt ihn dennoch als einen selbständigen »Marxisten und Revolutionär« und »Ketzer im marxistisch-leninistischen Kommunismus, der dafür die Exkommunikation auf sich nahm«. Da Brandler sich – anders als sein späterer Nachfolger Thälmann[5] – Stalins Anweisungen nicht willenlos unterwerfen wollte und nicht zum Opportunisten und Karrieristen wurde, konnte er ab 1928 nur noch in kleinen Gruppen wirken. Die »Reinigung« der KPD von »rechten« Kommunisten wie Brandler und auch von Linkskommunisten, ja überhaupt von unabhängigen Strömungen und Personen im Rahmen ihrer »Bolschewisierung« – genauer gesagt ihrer Stalinisierung – in den zwanziger Jahren war eng verknüpft mit ihrer Einbindung in die Kommunistische Internationale. Da dort zunehmend die russischen Bolschewiki und dann Stalin bestimmten, ist die Entwicklung der KPD als »Sektion« der Komintern nur im Kontext mit der Politik Moskaus zu verstehen. Darauf wird auch in einem Buch über die KPD »Zwischen Revolution und Faschismus« verwiesen. Vergißt man die großspurige Ankündigung des Verlags[6], es handele sich um eine »Monographie mit Handbuch-Charakter«, so ist es ein interessanter Versuch, einige Probleme der KPD zu erörtern. Die fünf Autoren, in den sechziger Jahren geboren und etwa so alt wie Jens Becker, geben der Rolle von dessen Helden Brandler allerdings keinen Raum. Das Buch will einen »Überblick über das politische Profil wie über die Faschismusanalyse der KPD im Rahmen der Weimarer Republik« liefern. In einem zweiten Teil »wird danach gefragt, was für die Partei die Kategorie Volk bedeutete, wie sie zu Nationalismus und Antisemitismus sowie zur Frauenbewegung stand«. Ein großes Programm, das »MAGMA«, die fünf männlichen Autoren (M. Grzzegorczky, A. Bodden, G. Jäger, M. Aschmoneit und A. Feuer­herdt) nach eigener Angabe zunächst in einem Jahr erarbeiten wollten, doch brauchten sie dann schließlich fünf. Ihre Darstellung berücksichtigt den Forschungsstand, eigene Archivarbeit ist nicht erkennbar. Die Einschätzungen der Autoren sind keineswegs unkritisch, sie schreiben, ihre Kritik an der KPD sei »stellenweise schonungslos«, aber ihr Respekt gelte »uneingeschränkt denjenigen, die Widerstand gegen den deutschen Faschismus leisteten«, und dies »zum Teil noch heute« tun. Damit wird klar, MAGMA beansprucht nicht, eine weitere wissenschaftliche Untersuchung zur KPD vorzulegen, sondern will die Partei eher unter politischen Gesichtspunkten prüfen. Auf gewisse Brüche in der Gliederung, verkürzte oder unausgeglichene Wertungen usw. ist kritisch hinzuweisen. Da das Buch offensichtlich für ein breiteres Publikum geschrieben ist, bleibt zu fragen, warum die Autoren von einigen Personen (neben Ulbricht, Pieck oder Münzenberg, auch Brüning oder Schleicher) Lebensdaten anführen, von anderen (eben Brandler, aber auch Thälmann) nicht. Leider fehlt (wie übrigens auch bei Becker) ein Personenregister. Am Schluß stellen MAGMA in einem »Fazit« fünf Thesen auf. Dabei wird hervorgehoben, daß die KPD über einen »unzulänglichen Faschismusbegriff« verfügte. Das erscheint jedoch bei den verheerenden Faschismus-Thesen (»So­zialfaschismus«, Bezeichnung aller Gegner der KPD, selbst der Brandlerschen KPO, als Faschisten) stark untertrieben. Die Verfasser verweisen zu Recht darauf, daß es sich genaugenommen um die »Faschismusanalyse« der Komintern handelte, und sie charakterisieren die KPD als eine patriotische Partei, die überdies selbst nach 1945 noch »bei ihrem nationalistischen Muster« verharrte. Gegenüber der Untersuchung von Becker, in der große Mengen Quellen erschlossen wurden und die so die wissenschaftliche Aufarbeitung des deutschen Kommunismus voranbringt, beschränkt sich die Gruppe MAGMA darauf, anhand bisheriger Veröffentlichungen neue (nicht unbedingt originelle) Überlegungen einzubringen. Beide Bücher beweisen indes, daß auf einem derzeit fast vernachlässigten Gebiet der Kommunismus-Forschung weiterhin gearbeitet wird. Seit der Öffnung der östlichen Archive dominieren nämlich die Darstellungen über den Kommunismus als Terrorregime. Immer häufiger werden neue, schreckliche Seiten, insbesondere des Stalinistischen Terrors der dreißiger Jahre, untersucht.[7] So notwendig zusätzliche Enthüllungen über kommunistische Regime als Terror-Systeme sind, so darf doch die Untersuchung der anderen Seite nicht übergangen werden: der Kommunismus war auch eine radikale, soziale Bewegung, die ursprünglich aus der Arbeiterbewegung entstanden war, dann allerdings durch die Stalinisierung bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde. Das sollte heute nicht aus dem Blick geraten, und insofern sind Werke wie das von Becker, aber selbst Darstellungen wie die der Gruppe MAGMA (bei allen Unterschieden) wichtige und nützliche Veröffentlichungen. [1] Vgl. Kinner, Klaus: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität. Band 1, Die Weimarer Zeit. Berlin 1999. Wirsching, Andreas: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg. Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918–1933/39. Berlin und Paris im Vergleich. München 1999. Vgl. auch Keßler, Mario: Heroische Illusion und Stalin-Terror. Beiträge zur Kommunismusforschung. Hamburg 1999. [2] Ullrich, Volker: Der ruhelose Rebell. Karl Plättner 1893–1945. Eine Biographie. München 2000. Vgl. dazu meine Besprechung „Pfemfert, Plättner und Hoelz“ in Deutschland Archiv, 34. Jahrg. 2001, S. 485ff. [3] Vgl. Weber, Hermann (Hrsg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949–1967. Berlin 1981, S. 252ff. [4] Becker, Jens und Harald Jentsch: Heinrich Brandler – biographische Skizze bis 1924, JHK 1996; Berlin 1996, S. 273–295 sowie Dies. Heinrich Brandler – biographische Skizze 1927–1967, JHK 1998, Berlin 1998, S. 305–329. [5] Vgl. Dazu jetzt Montheath, Peter (Hrsg.): Ernst Thälmann. Mensch und Mythos. Atlanta GA, Amsterdam 2000. [6] Der Pahl-Rugenstein Verlag hat außer diesem Band zur KPD in Weimar auch eine englische Untersuchung zum Widerstand der KPD vorgelegt: Merson, Allan: Kommunistischer Widerstand in Nazideutschland. Vorwort Peter Gingold, Bonn, 310 Seiten. [7] Vgl. jetzt Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001.

JHK 2002

Zum Schicksal eines sowjetischen Sammelbandes gegen die faschistische Ideologie 1935/36: Unbekannte Briefe an N. I. Bucharin und K. B. Radek

Juri V. Galaktionov

*Die Frage nach dem Wesen des Faschismus hat von Anfang an nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker und Publizisten gefesselt. Deshalb überrascht es nicht, daß an der Wiege der Erforschung des deutschen Faschismus in der Sowjetunion auch solche Persönlichkeiten wie G. E. Sinowjew, N. I. Bucharin und K. B. Radek gestanden haben. Nachstehend werden einige Dokumente wiedergegeben, die vom Verfasser im Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften gefunden wurden und die mit den Namen Bucharins und Radeks verbunden sind. Zunächst sind einige Bemerkungen darüber angebracht, in welchem Zusammenhang diese Dokumente entstanden. Die Kommunistische Akademie, seit 1918, vor ihrer Vereinigung mit der Akademie der Wissenschaften der UdSSR 1936, eine der Höheren Lehr- und Forschungsanstalten der Sowjetunion, beabsichtigte während des 2. Fünfjahrplans (1933–1937) eine Reihe von großen Arbeiten über den Faschismus zu veröffentlichen. Im Rahmen dieser Vorhaben sollte das Institut für Philosophie der Kommunistischen Akademie eine zweibändige Aufsatzsammlung zur Ideologie des Faschismus herausbringen. Die Arbeiten an dem Band begannen im Sommer 1934. Das ursprüngliche Verzeichnis der Autoren umfaßte rund 30 Namen, und die Redaktion stand in einem ausgedehnten Schriftwechsel mit den ins Auge gefaßten Personen. Im Archiv sind Durchschriften von Schreiben an P. Togliatti (Ercoli), B. Kun, W. Knorin u.a.m. erhalten geblieben. So heißt es z.B. in einem Brief von Anfang 1935 an den damaligen Helden des antifaschistischen Kampfes, G. Dimitrow: »Lieber Genosse Dimitrow! Das Institut für Philosophie an der Kommunistischen Akademie bereitet ein großes antifaschistisches Sammelwerk zur ›Ideologie des Faschismus‹ in 2 Bänden vor. Zur Arbeit an diesem Sammelband werden von uns Philosophen, Biologen, Soziologen und Publizisten aus der Reihe der besten theoretischen Kader der Sowjetunion herangezogen – über 30 Genossen. Die beiden Bände werden im Mai 1935 zum Druck gegeben werden. Wir bitten Sie dringend, den einleitenden Beitrag zu diesem Sammelband zu schreiben, beispielsweise unter dem Titel ›Probleme des Kampfes mit dem Faschismus auf dem VII. Kongreß der Komintern‹. Der Umfang des Beitrags steht in Ihrem Belieben. Der Plan des Sammelbandes liegt bei. Mit kommunistischem Gruß, Der Stellv. Vors. der Kommunistischen Akademie und Direktor des Instituts für Philosophie«.[1] Offensichtlich hielt Dimitrow Anfang 1935 andere Aufgaben für wichtiger, nicht zuletzt die Vorbereitung des VII. Kominternkongresses, und sagte ab. Ebenso sagte W. Knorin unter Hinweis auf seine Belastung mit der Vorbereitung des Kongresses ab.[2] Ercoli beteiligte sich ungeachtet dessen, daß er für den Kongreß eine Rede zur Gefahr eines neuen Weltkrieges vorbereitete, an der Redigierung einiger Beiträge.[3] Einen eigenen Beitrag hat allerdings auch er nicht vorgelegt. Die Leitung des Instituts für Philosophie und das Redaktionskollegium des Sammelwerks wandten sich auch zweimal schriftlich an N. I. Bucharin. Nachstehend folgt der Wortlaut der Briefe, der erste vollständig, der zweite mit geringfügigen Kürzungen: »Lieber Nikolaj Ivanovic! Der größte Teil der Beiträge für den antifaschistischen Sammelband des Instituts zur ›Ideologie des Faschismus‹ ist bereits fertig. Von Ihnen steht noch der Aufsatz ›Marxismus-Leninismus und Faschismus‹ im Umfang von 2 Druckbögen aus. Wir bitten Sie dringend um Abgabe bis zum 10. März. Es wäre wünschenswert, daß Sie nicht nur mit dem Nationalsozialismus, sondern auch mit dem Klerikalfaschismus und nach Möglichkeit auch mit dem italienischen Faschismus abrechneten. Wir erwarten von Ihnen eine treffende und boshafte Arbeit, die nicht nur auf hohem theoretischen Niveau steht, sondern auch scharf und polemisch in der Form ist. Es wäre sehr wünschenswert, daß Sie in der Zeit vom 10.–15. März Ihren öffentlichen Vortrag über den Faschismus im großen Saal der Kommunistischen Akademie vor einer qualifizierten Zuhörerschaft halten könnten. 19/II-35. M. Mitin, S. Novikov«.[4] Drei Monate später schreibt der Redakteur des Bandes, M. Kammari, einen zweiten Brief: »23/V-35. An Gen. Bucharin. Geehrter Nikolaj Ivanovic! [...] Da von den anderen Autoren fast alle Beiträge eingegangen sind [...] und ihre Redigierung begonnen hat, wenden wir uns wegen des versprochenen Aufsatzes an Sie. Die äußerste Frist für die Ablieferung Ihres Beitrages ist der 5/VI. d. J. [...] 14 Beiträge liegen schon vor, und wir können das Erscheinen des Bandes nicht länger hinauszögern [...] Wir hoffen, daß wir von Ihnen ein glänzendes, scharfes politisches Pamphlet gegen den Faschismus erhalten, das die Wucht des kombinierten, kollektiven Schlages gegen die Ideologie des Faschismus außerordentlich erhöht. Darauf, daß gerade ein solcher Schlag zusätzlich zu den Attacken nötig ist, die von Zeitungen und Zeitschriften unternommen werden, brauche ich Sie nicht hinzuweisen. Angesichts dieser Tatsache, aber auch angesichts Ihrer gewaltigen Belastung bitten wir Sie für den Fall, daß Sie aus Überlastungsgründen keinen neuen Aufsatz schreiben können, Material aus Ihren Aufsätzen zu diesem Thema zu verwenden, z.B. den Aufsatz aus der ›Izvestija‹ vom 1/V. d. J. Er würde sich bei äußerst geringfügiger Überarbeitung sehr für das Thema unseres Sammelbandes eignen [...] M. Kammari.«[5] Den Vortrag hat Bucharin, soweit uns bekannt, nicht gehalten. In dem Inhaltsverzeichnis, das die Redaktion des Sammelbandes am 15. August dem Staatsverlag für Sozialökonomische Literatur SOCEKGIZ vorlegte, tauchte der Name Bucharins ebenfalls nicht auf. Die Frage ist: Warum nicht? Das läßt sich heute kaum noch mit Sicherheit feststellen. Immerhin hat Bucharin 1935 und im ersten Halbjahr 1936 in der »Izvestija« Dutzende von Artikeln mit Analysen des Faschismus veröffentlicht, ferner den Aufsatz »Imperialismus und Kommunismus«, der in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs erschien. Und im April 1936 hielt er in Paris einen glänzenden antifaschistischen Vortrag zu demselben Thema. Der Biograph Bucharins, Stephen Cohen, ist der Auffassung, daß Bucharin jede nur mögliche Gelegenheit zu nutzen versuchte, um den verbrecherischen Charakter des Faschismus – und zugleich des Stalinismus – aufzudecken.[6] Warum hat er dann aber nicht diese große Gelegenheit genutzt? Die Redaktion des Bandes gab z.B. dem Akademiemitglied A. M. Deborin die Möglichkeit, einen Beitrag über die »Ideologie des Faschismus« im Umfang von 65 Seiten zu veröffentlichen. Man sollte annehmen, daß das Akademiemitglied N. I. Bucharin sogar noch mehr Raum zur Verfügung gestellt bekommen hätte. Warum also kein Beitrag von Bucharin? Die Frage muß offenbleiben. Ebenso unbefriedigend ist die Antwort auf die Frage, warum auch Karl Radek keinen Beitrag zu dem Band geliefert hat. Schließlich galt er damals als einer der führenden Theoretiker der Komintern zu Fragen des Faschismus und leitete 1935 das Büro für internationale Information des ZK der KPdSU(b), nachdem er aus der Verbannung zurückgekehrt war und den Stalinschen Olymp wieder erklommen hatte. Dank seiner Stellung verfügte er über die besten Voraussetzungen für die Analyse des Faschismus und nutzte sie auch, um sich über den Faschismus – hauptsächlich den deutschen – zu äußern. Bis zu seiner Verhaftung 1936 veröffentlichte er Dutzende von Aufsätzen und Pamphleten zu diesem Thema. Nachstehend sei, mit geringfügigen Kürzungen, der Brief M. Kammaris wiedergegeben, in dem dieser K. Radek auffordert, seine Verpflichtungen einzuhalten: »23/V-35. Lieber Genosse Radek! Obwohl wir Ihre telephonische Absage, einen Beitrag für den Band ›Ideologie des Faschismus‹ zu schreiben, erhalten haben, wenden wir uns erneut an Sie, denn es handelt sich doch um eine ›einseitige‹ Verletzung, wenn auch nicht eines Abkommens, so doch in jedem Fall Ihres Versprechens. Hier die Gründe, weshalb wir Ihnen eine ›nichtoffizielle Note‹ schreiben: Sie sind einer derjenigen Autoren, die mit uns keinen Kollektivvertrag, d. h. einen Vertrag über den Aufsatz geschlossen haben. Wir haben Ihrer Zusage vertraut, und Sie sind jetzt zum ›Aggressor‹ geworden. Ohne Ihren Beitrag kann der Band nicht erscheinen. Denn wie kann ein Band über den Faschismus erscheinen, in dem Ihr Aufsatz ›Über den Platz des Faschismus in der Geschichte‹ fehlt? Denn irgendeinen Platz in der Geschichte haben sie doch ›eingenommen‹. Hitler glaubt sogar, daß er bereits in das ›Pantheon der Geschichte‹ eingegangen sei. Er schreibt: ›Beschmutze nicht die Stufen dieses großen Gebäudes, denn auf den Stufen des Pantheons der Geschichte schreiten nicht Leisetreter, sondern nur Helden‹[7] (›Mein Kampf‹). Man braucht nicht genauer darauf einzugehen, welcher Platz den Faschisten im Pantheon der Geschichte zukommt und daß sie alle diejenigen, die sich bereits dort befinden, zu den ›Leisetretern‹ rechnen und hinauswerfen können! Sie sehen, dass es ohne Ihren Aufsatz einfach nicht geht. Geben Sie uns Ihr Pamphlet, und Sie brauchen nicht zwei Wochen zu sitzen (wie Sie uns sagten), um einen Aufsatz herzugeben. Wir verlangen von Ihnen keinen ›philosophischen Traktat‹ über die Faschisten, noch dazu in der ›geometrischen Methode Spinozas‹ dargelegt. [...] Geben Sie in dem Beitrag einige solcher Charakteristiken einiger der ›Führer‹ des Faschismus (Hitler, Rosenberg und Göring – wenn Sie sich nicht scheuen, die Flitterwochen Görings zu stören), wie Sie sie dem ›Wiederauferstandenen Ludendorff‹ gegeben haben. Das wäre vortrefflich. Denn Gelächter ist vernichtender als eine philosophische Kritik. Ich habe für den Band den Beitrag ›Philosophische Mythen über Helden und Heldentum‹ geschrieben und habe schon versucht, ihre philosophischen Mythen der Kritik zu unterziehen. Aber das ist es nicht. [...] Aber zwei bis drei der Helden und Führer ›darzustellen‹ – das wäre vortrefflich, da hätten Sie auch die Karten in der Hand: Wir, die Philosophen, sind hier hilflos. Sie wissen doch: Die Philosophen verwandeln Menschen in eine ›Kategorie‹, so wie der Engländer (Ricardo) Menschen in ›Hüte‹ verwandelt und der Deutsche (Hegel) ›Hüte in Ideen‹. In was Sie die Helden und Führer des Faschismus verwandeln, wenn sie sich daran machen werden, zu schreiben, vermag ich schwer zu sagen, aber Pilsudski haben Sie m. E. über die Maßen gelobt, und Ludendorff haben sie vermutlich ein bißchen mehr in einen Hut verwandelt, als er es verdient. [...] Geben Sie eine vergleichende Charakteristik Hitlers und Pilsudskis, und Sie haben einen schönen Beitrag für unseren Band. Wenn nötig, kann der Titel verändert werden. Bevor Sie uns noch einmal absagen, bedenken Sie alle Folgen der Absage, auch die, daß wir Ihnen hartnäckig weiter ›Noten‹ schicken werden, solange wir nicht Ihre Zustimmung erreicht haben. [...]. Wir werden in zwei Tagen wegen einer Antwort anrufen. Die Frist ist endgültig: 5/VI. d. J. Mit kommunistischem Gruß, M. Kammari. P. S.: Ich hatte den Brief geschrieben und sah dann Ihren Aufsatz in der ›Izvestija‹ vom 23/V. d. J., fast genau das, was wir von Ihnen für den Band brauchen. MK.«[8] Die Arbeit an dem Sammelband ging das ganze Jahr 1935 weiter. Die Zahl der Autoren wurde reduziert, im Grunde wurden die Beiträge »ausgesondert«, die nicht direkt den Nationalsozialismus betrafen. Nach dem VII. Kongreß der Komintern, im August 1935, sandte die Redaktion den Autoren die Beiträge zur Überarbeitung zurück. Der Titel des Bandes erhielt nach mehrfachen Änderungen seine endgültige Gestalt auf der Sitzung des Redaktionskollegiums vom 14. Dezember 1935. Das Buch wurde gedruckt, es wurde sogar gutes Papier zur Verfügung gestellt, die Auflage wurde allerdings auf 20 000 reduziert, der Titel im letzten Moment noch einmal umgeändert in: »Gegen das Dunkelmännertum und die Demagogie des Faschismus«. Moskau 1936, 336 Seiten. Dieser Band, insbesondere der erwähnte Beitrag A. M. Deborins und das Buch von H. Günther[9], dessen Aufsatz nicht in den Band aufgenommen wurde, sind wohl die bedeutendsten Untersuchungen der Nazi-Ideologie ihrer Zeit gewesen und haben in mancher Hinsicht ihre wissenschaftliche Bedeutung bis heute nicht eingebüßt. *Übersetzt von Bernd Bonwetsch [1] Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), f. 355, op. 5, d. 78, l. 190. [2] Ebenda, l. 81. [3] Ebenda, l. 11, 13. [4] Ebenda, l. 153. [5] Ebenda, l. 87. [6] Cohen, Stephen F. [S. Koen]: Bucharin. Politiceskaja biografija. Moskau 1988, S. 428–436. [7] Rückübersetzt. [8] Archiv der RAN, f. 355, op. 5, d. 78, l. 88–89. [9] Günther, Hans: Der Herren eigener Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus. Moskau/ Leningrad, Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, 1935. 226 S.

JHK 2002

Die Lebensbeichte eines Quäker-Kommunisten: Zum Brief des geheimen Gefangenen Noel H. Field aus dem Staatssicherheitsgefängnis in Budapest an das Zentralkomitee der KPdSU vom März 1954

Bernd-Rainer Barth

[1] Die Field-Affäre Die Affäre um den Amerikaner Noel Field, mit der im Herbst 1949 die Serie osteuropäischer Schauprozesse und stalinistischer »Säuberungen« eingeleitet wurde, umgibt auch mehr als fünfzig Jahre nach den Ereignissen immer noch ein Gespinst aus Geheimnissen, Halbwahrheiten und Spekulationen. Im Sommer des Jahres 1949 – mitten im Kalten Krieg – war unter mysteriösen Umständen eine amerikanische Familie spurlos hinter dem »Eisernen Vorhang« verschwunden. Zunächst war im Mai 1949 der ehemalige europäische Leiter des amerikanischen Flüchtlingshilfswerkes »Unitarian Service Committee«, Noel Field, in Prag verschwunden. Als seine Frau Herta K. Field und sein Bruder Hermann mit Nachforschungen beginnen, erleiden sie im August 1949 dasselbe Schicksal. Vier Monate später, im September 1949, tauchte der Name Noel Field wieder auf: losgelöst von der realen Person wurde er im Budapester Rajk-Prozeß,– später auch in den »Parteisäuberungen« in Warschau, Ost-Berlin (in der Affäre um Paul Merker und andere) bzw. im Herbst 1952 im Schauprozeß gegen Rudolf Slansky in Prag – zur Fiktion des »amerikanischen Meisterspions« aufgebaut, der sich bereits während des Zweiten Weltkrieges in die kommunistische Bewegung eingeschlichen habe. Die Verbindungen kommunistischer Emigranten zum Spionage-Phantom Noel Field wurden im Budapester »Musterprozeß« gegen den ehemaligen ungarischen Außenminister László Rajk zum Bindeglied zwischen imperialistischer und titoistischer Unterwanderung des kommunistischen Lagers.[2] Die in den Schauprozeßkonstruktionen aufscheinende Logik der »Kontaktschuld« produzierte im weiteren Verlauf immer neue Opfer. Wie die Verfasserin der einzigen Field-Biographie,[3] Flora Lewis, treffend schrieb, war Noel Field »so etwas wie der Träger eines unsichtbaren, heimtückischen Bazillus gewesen, den er unwissentlich auf alle übertrug, die in seine Nähe kamen. Die Befallenen gaben die Krankheit unabsichtlich weiter, und der Name Field wurde ein Synonym für Angst.«[4] Noel Field selbst trat jedoch in keinem der Prozesse als Angeklagter oder Zeuge auf. Bereits vor seinem Verschwinden in Prag waren im Westen Meldungen aufgetaucht, Noel Field sei vermutlich Kommunist, möglicherweise sogar ein sow­jetischer Agent – was den »Fall Field« noch verwirrender machte. Sein Name, bei den vom Nationalsozialismus Verfolgten einst Symbol für Hilfe und Solidarität, wurde nun mit Verrat und Spionage verbunden. Noel Fields ehemaliger Kollege im State Department, der Leiter des OSS für Zentral-Europa in Bern (ab Herbst 1942) und spätere CIA-Direktor, Allen Dulles, als dessen »rechte Hand« Noel Field von der kommunistischen Propaganda in den Schauprozessen präsentiert wurde, beschrieb die Field-Affäre zwanzig Jahre nach den Ereignissen als eines der ungelösten Rätsel des Kalten Krieges: »Der Fall der verschwundenen Fields ist noch immer von einem Schleier des Geheimnisses umgeben, und es ist durchaus möglich, daß man niemals die volle Wahrheit erfahren wird. Die Hauptfigur dieser Geschichte, ein Amerikaner aus guter Familie und von hervorragender Erziehung, ist Noel Field, der vor dem Zweiten Weltkrieg zeitweilig im amerikanischen State Department, später auch im Völkerbund tätig war. Während des Krieges war er in der Schweiz, und arbeitete kurze Zeit für den OSS in Bern. Er kannte viele Kommunisten und linksgerichtete Emigranten, mit denen die Aliierten in jener Zeit im gemeinsamen Kampf gegen Hitler standen.« Auf die Schauprozesse in Budapest und Prag eingehend schreibt der pensionierte CIA-Direktor weiter: »In diesen Prozessen wurde Field als amerikanischer Spion ›entlarvt‹, obwohl ich sicher bin, daß er ein sowjetischer Agent gewesen ist.«[5] Wer war Noel Field nun wirklich? Ein Überläufer, ein Doppelagent? Ein sowjetischer Aufklärer oder »eine Art Spezialist für Fragen der Arbeiterbewegung im amerikanischen Spionageapparat in der Schweiz«?[6] Ein weltfremder Idealist, ein »nicht sehr intelligenter Quäker-Kommunist«?[7] Antworten auf diese Fragen sind jetzt in den Archiven in Budapest zu finden: im umfangreichen Nachlaß von Noel und Herta Field[8] sowie in den Archivbeständen[9] der ungarischen Staatssicherheitsbehörde ÁVH[10] bzw. des ungarischen Innenministeriums.[11] Noel Fields »Brief an die Partei« Der hier erstmals publizierte Brief des Häftlings Noel Field an das Zentralkomitee der KPdSU kann als eines der Schlüsseldokumente in der komplizierten Field-Affäre angesehen werden, deren Hintergrund und Verlauf hier nur angedeutet werden kann.[12] Seit Fields Verhaftung in Prag im Mai 1949 ist dieser Brief mit seinen vier Beilagen die erste umfassende und wahrheitsgetreue Darstellung der eigenen Lebensgeschichte.[13] Nach mehr als viereinhalb Jahren Isolationshaft im Gewahrsam der ungarischen Staatssicherheit konnte der Häftling Noel Field hier erstmals seinen »Parteilebenslauf«[14] niederschreiben, der zumindest frei ist von den Verzerrungen der Prozeßkonstruktionen. Wie auch der Fußnotenapparat zeigt, wird Fields Darstellung der Fakten durch zahlreiche andere Quellen belegt. Auch seine späteren Aussagen – die fast alle überprüfbar sind – zeichnen sich durch einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit aus. Der »Brief an die Partei«, wie Field das Dokument später mehrfach nennt, bietet – zusammen mit weiteren Quellen aus dem Bestand der Untersuchungsakten des ungarischen Staatssicherheitsdienstes zum »Fall Rajk«[15] – wesentliche neue Erkenntnisse für die verworrene Vorgeschichte des Prozesses gegen »László Rajk und Komplizen«.[16] Da dieser Schauprozeß von Stalin und Rákosi als »Musterprozeß« für entsprechend inszenierte Folge-Prozesse in den anderen Volksdemokratien konzipiert war, kommt der Genesis dieses Prozesses, an deren Anfang die Verhaftung Noel Fields stand, eine besondere Bedeutung zu. Erschwert wird die Rekonstruktion, Darstellung und Bewertung der ungarischen Prozesse durch die schwierige Quellenlage. Da die für die Prozesse politisch Verantwortlichen in Ungarn (Mátyás Rákosi, Mihály Farkas, Ernö Gerö, János Kádár) über einen langen Zeitraum erfolgreich ihre Spuren verwischen konnten und aus den ehemaligen sowjetischen Archiven bisher kein relevantes Dokument zu diesem Komplex freigegeben wurde, bilden die sogenannten Revisions- bzw. Untersuchungsakten der Betroffenen, die späteren Rehabilitierungsbeschlüsse und die über mehrere Archive verstreuten Abschriften vernichteter Verhörprotokolle die wesentliche Quellengrundlage für die Rekonstruktion der Prozeßgeschichten. Die Kádár-Führung hatte nach 1956 einen seltsamen politischen Kompromiß gleichsam mit sich selbst geschlossen: Er lief darauf hinaus, daß die betroffenen Opfer des stalinistischen Terrors zwar rehabilitiert wurden, nicht jedoch ihre Akten. So verfügte ein Politbürobeschluß vom Herbst 1959 die schrittweise Vernichtung aller Unterlagen, welche sogenannte »konzeptionelle Elemente«[17] enthielten. Bis in die sechziger Jahre hinein wurden so fast alle Originale der Verhörprotokolle, Tonbandabschriften und die erfolterten »Geständnisse« vernichtet – so auch die meisten Unterlagen im Fall Noel Field aus der Zeit 1949/1950.[18] Auf die biographischen Fakten des ungewöhnlichen Lebens von Noel Field soll hier nicht weiter eingegangen werden, da der Brief selbst eine »kurze politisch-ideologische Autobiographie« enthält, in der die in Fields Augen wesentlichen Momente zur Beurteilung seiner Angelegenheit geschildert werden. Hier soll nur auf die Vorgeschichte des Briefes, den unmittelbaren Kontext sowie die Folgen eingegangen werden. Noel Field sah sich nach Kriegsende zunehmenden Verdächtigungen und drohender Verfolgung in den USA ausgesetzt.[19] Nach seiner politisch motivierten Entlassung aus dem von ihm als sein Lebenswerk betrachteten »Unitarian Service Committee« trug er sich immer stärker mit dem Gedanken, für sich und seine Frau eine neue Existenz in Osteuropa aufzubauen. Berichte über diese Absicht gelangten auf verschiedenen Kanälen nach Moskau und Budapest. Wie aus ungarischen Quellen ersichtlich, wurde Mátyás Rákosi Ende 1948 bzw. Anfang 1949 aktiv, nachdem ihm Meldungen der ungarischen Militäraufklärung aus der Schweiz in die Hände gelangt waren, die besagten, Noel Field sei vermutlich ein amerikanischer Agent, der bereits während des Krieges mit Allen Dulles zusammengearbeitet habe.[20] Vermutlich erst zu diesem Zeitpunkt wurde die Konzeption vom »Superagenten« Noel Field geboren – ob hierbei die sowjetischen Regisseure (Stalin, Viktor S. Abakumow) oder ihre ungarischen Schüler (Mátyás Rákosi, Mihály Farkas) die Initiatoren waren, wird – wenn überhaupt – erst nach einer weitergehenden Öffnung russischer Archive zu klären sein. Noel Field selbst hatte sich bereits bei den polnischen und tschechischen Behörden mit seinen Bemühungen um eine Aufenthaltsgenehmigung verdächtig gemacht. Bei seinem Aufenthalt in Warschau im September 1948 hatte er in einem Brief an das Politbüromitglied Jakub Bermann seine komplizierte Situation beschrieben und um deren Abklärung gebeten.[21] Im gleichen Monat reiste er nach Prag, wurde dort von der tschechoslowakischen Geheimpolizei (StB) unter Beobachtung gestellt und im November 1948 als »spionageverdächtige Person« verhaftet.[22] Im Verhör gab er sich jedoch als sowjetischer »Kundschafter« zu erkennen, woraufhin ihn die überraschten StB-Offizieren wieder freiließen, und er im Dezember 1948 in den Westen zurückkehren konnte. In Ost-Berlin hatten inzwischen – auf Wunsch Noel Fields – Paul Merker und Franz Dahlem bei den sowjetischen Behörden vorgefühlt, ob ein Aufenthalt und Arbeitsmöglichkeiten für ihn in der sowjetischen Besatzungszone möglich wären – sie waren jedoch ohne Antwort geblieben. Am 5. Mai 1949 war Noel Field von Paris[23] nach Prag geflogen und im Hotel »Pallace« abgestiegen, aus dem er am Nachmittag des 11. Mai spurlos verschwand. Wie aus den Akten der ungarischen Staatssicherheit hervorgeht, war Noel Field im Zuge einer »operativen Kombination« der tschechischen Staatssicherheitsorgane am Abend des 11. Mai 1949 auf einer Prager Vorortstraße »unter konspirativen Umständen« verhaftet worden. Er wurde – wie es rückblickend in einem Bericht der ungarischen Staatssicherheit vom 5. November 1954 heißt, »an Ort und Stelle dem ehemaligen Oberst der Staatssicherheit Ernö Szücs übergeben, der ihn noch am selben Tag im Auto nach Budapest beförderte. Im Auto wurde Noel Field mit Chloroform betäubt und in bewußtlosem Zustand befördert.«[24] Noel Field wurde in Budapest zunächst im Keller der ÁVH-Zentrale (Andrássy út 60) als anonymer Geheimgefangener festgehalten, verhört und – nachdem er sich geweigert hatte, sich und andere kommunistische Emigranten als »amerikanische Agenten« zu bezeichnen – schwer gefoltert. Nach einigen Tagen wurde er in ein konspiratives Objekt, eine Villa in der Eötvös út auf dem Schwabenberg in Buda, gebracht. In dieser streng abgeschirmten Villa, wo die Gefangenen in Anwesenheit der Führungsspitze der ÁVH (Gábor Péter, Ernö Szücs u.a.) bzw. der Partei (Verteidigungsminister Mihály Farkas, Innenminister János Kádár) sowie hochrangiger sowjetischer Geheimdienstoffiziere (einer Gruppe um General Michail Iljitsch Bjelkin)[25] verhört und schwersten Folterungen ausgesetzt waren, befanden sich kurz darauf auch der am 18. Mai verhaftete Kaderchef der ungarischen Partei, Tibor Szönyi, mehrere Mitglieder der sogenannten »schweizer Gruppe«, sowie der am 30. Mai verhaftete Außenminister László Rajk und andere prominente Gefangene, die hier auf den geplanten antititoistischen Schauprozeß vorbereitet wurden.[26] In welchem Zustand sich Noel Field in dieser Zeit befand, schildert der überlebende Mithäftling Iván Földi in einer Zeugenaussage vom September 1956. Zunächst sei er seinem Freund Tibor Szönyi gegenübergestellt worden, der so verändert gewesen sei, daß er ihn anfangs nicht erkannt habe: »[...] er war bis zur Unkenntlichkeit durch Schläge entstellt, sein Gesicht war völlig zusammengeschrumpft, er hatte ein völlig kleines, runzeliges Gesicht, er ging in Gummischuhen, offenbar waren auch seine Füße zerschlagen. Dann zeigte man mir für einige Minuten Noel Field, der genau den gleichen Anblick bot. Dann wurde ich im selben Haus hinunter in einen Bunker geführt, an dessen Wand ich eine Aufschrift sah, von zwei Kreuzen begrenzt: Noel Field lebte von dann bis dann. Das hatte offensichtlich Noel Field geschrieben, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte.«[27] Die letzten zehn Tage des Juni 1949 befand sich Field vorübergehend in sowjetischem Gewahrsam, in einem NKWD-Objekt in Budapest, wo er offenbar nicht gefoltert wurde. Anschließend kam er erneut in den Keller der konspirativen Villa. Nachdem er seine unter der Folter erpreßten »Geständnisse« widerrufen hatte – und trotz weiteren Drucks bei dieser Haltung blieb –, wurde sein Fall etwa Mitte Juli 1949 vom Rajk-Komplex getrennt bzw. aus der unmittelbaren Prozeßvorbereitung herausgenommen. Am 11. Oktober 1949 wurde er in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in der Conti utca überführt. Er sowie seine am 26. August 1949 ebenfalls aus Prag entführte Frau, Herta K. Field, wurden im ÁVH-Gefängnis unter den Namen »János Földes« (eine ungarische Entsprechung seines Namens, etwa: »Johannes Feld«) und »János Földesné« (etwa: »Frau von Johannes Feld«) geführt. Noel Field befand sich fünfeinhalb Jahre lang – bis auf zwei kurze Unterbrechungen, als ihm »Kammeragenten« in die Zelle gesetzt wurden – in streng isolierter Einzelhaft. Er erfuhr nichts von dem, was sich außerhalb der Gefängnismauern abspielte. Er wurde bis 1951 noch sporadisch von ungarischen ÁVH-Offizieren (sowie einmal von einem polnischen Staatssicherheitsoffizier – dem späteren Überläufer Jozef Swiatlo) zu verschiedenen Einzelfragen verhört.[28] Dabei führte er einen hoffnungslosen Kampf gegen die einseitig verteilte Definitionsmacht, was im Parteiinteresse als »Wahrheit« zu gelten habe. So heißt es in einem der wenigen überlieferten Berichte aus dieser Periode: »Während seiner Vernehmung legte Field eine ähnliche Haltung an den Tag, wie er sie schon bisher gezeigt hat. Er war bemüht, sich selbstsicher zu geben und betonte, an seiner Haltung werde sich nichts ändern. Seit August 1949 sage er nur noch ›die Wahrheit‹, und dabei werde er bleiben. Er sei kein Spion, er sei auch kein Spion gewesen, und er sei nicht bereit, mit falschen Geständnissen unschuldige Menschen ins Verderben zu stürzen. Das betonte er mindestens zwanzig Mal, und als ich ihn fragte, warum er schauspielere, wie lange er gebraucht habe, dies einzustudieren, antwortete er mir, er sei gezwungen gewesen in kompakten Sätzen seine ›Wahrheit‹ einzustudieren, weil wir ihm nicht erlaubten, sich auszusprechen, weil wir auf die vollständige Wahrheit nicht neugierig seien. Er brachte auch vor, wir könnten mit ihm nichts anfangen, deshalb beschäftigten wir uns mit ihm auch nicht methodisch«.[29] Ab Juli 1951 wurden diese Befragungen jedoch abgebrochen, und Field blieb bis zum Sommer 1954 ohne jedes Verhör in streng isolierter Einzelhaft. Nach Stalins Tod und als Folge des im Juni 1953 in Ungarn eingeführten »Neuen Kurses« mit Imre Nagy als neuem Ministerpräsidenten, begannen – wenn auch immer wieder von den konservativen Kräften um Rákosi gebremst – die Überprüfungen der in den ungarischen Schauprozessen Verurteilten bzw. Verhafteten.[30] So erklären sich die immer wieder auftretenden Verzögerungen bei der erneuten Untersuchung der »Angelegenheit Noel Field«. Die Erlaubnis zum Schreiben des folgenden Briefes hatte sich Noel Field durch Selbstmorddrohungen und Hungerstreiks im Herbst 1953 erkämpft. Unmittelbare Reaktion darauf war ein für Noel Field überraschender Besuch einer von ihm nicht näher bezeichneten Person, die ihn am 1. Dezember 1953 in seiner Zelle im Staatssicherheitsgefängnis in der Conti utca aufsuchte. Bei diesem Anlaß wurde ihm mitgeteilt, daß »die Partei eine Untersuchung in seinem Fall einleiten werde.« Verhöre würden noch vor dem Februar 1954 beginnen. Am 16. Januar 1954 wurde ihm mitgeteilt, daß dem von ihm geäußerten Wunsch, einen Brief an die Partei zu schreiben, entsprochen werde. Am 17. März erhielt er die Schreiberlaubnis und reichte am 24. März 1954 den folgenden »Brief an die Partei« ein. Als nach weiteren vier Wochen keinerlei Reaktion erfolgt, wandte er sich in tiefer Verzweiflung »An die Behörden«: [...] Ist mein Brief an die zuständigen Parteistellen weitergeleitet worden? Wird er von diesen Stellen geprüft? Kann ich in absehbarer Zukunft auf eine Antwort rechnen? Wenn mir vorgeworfen wird, daß ich zu ungeduldig sei, so antworte ich wie folgt: Ich habe schon beinahe fünf Jahre lang gewartet. In dieser Zeit habe ich unendliche, unmenschliche Qualen erduldet. Die menschliche Leidensfähigkeit hat ihre Grenzen. Ich habe diese Grenze erreicht. Wenn ich zehn Jahre jünger und gesund wäre, so könnte ich mich weiter gedulden. Aber ich bin in diesen fünf Jahren um mindestens 15 Jahre gealtert. Und ich bin krank. Seit Jahren entwickelt sich ein schleichendes Leiden und die Schmerzen haben in jüngster Zeit einen Grad erreicht, der mich zu allem anderen noch zur Schlaflosigkeit verurteilt. Ich bin nicht gewillt, langsam dahin zu siechen. Ärztlich ist mir offenbar nicht mehr zu helfen. Ich bin deshalb entschlossen, mich selbst zu erlösen. Dazu bin ich sowohl als Mensch, wie auch als Kommunist berechtigt, denn ich habe durch meinen Brief vom 18.-24. März meine letzte und heiligste Parteipflicht erfüllt.         Budapest, den 22. April 1954           Noel H. Field«.[31] Die konkrete Überprüfung seines Falls begann erst Mitte Mai 1954 mit der Ausarbeitung eines Plans zum Untersuchungsvorgang des »OSS-Agenten Noel H. Field«.[32] Das erste Verhör fand am 15. Juni 1954 statt, dem sich in dichter Folge »eigenhändige biographische Aussagen« Fields (teilweise auf eigene Initiative) zu verschiedenen Personen und Themen anschlossen, sowie abwechselnd weitere Verhöre. Diese teilweise euphorisch anmutende Phase, in der sich das Mitteilungsbedürfnis des schwer traumatisierten Häftlings Bahn brach, wurde jedoch durch eine schockartige Ernüchterung unterbrochen. Anfang August 1954 wurde ihm aus Andeutungen seines Vernehmers schlagartig bewußt, daß seinen bisherigen Aussagen und Niederschriften keinerlei Glauben geschenkt wird. In einer »Erklärung« an die Untersuchungsbehörden vom 4. August schreibt Noel Field daraufhin: »Da ich mich über die im Jahre 1949 angewandten Verhörmethoden mehrmals beklagt habe, so möchte ich hier ausdrücklich betonen, daß die neuen Verhöre zu den alten in erfreulichem Kontrast stehen, und daß alle bisherigen Protokolle von mustergültiger Objektivität sind. [...] Im Verlauf der Verhöre sind aber – besonders in letzter Zeit – eine Anzahl von Bemerkungen gefallen (ich verweise als letztes Beispiel auf die heutige Behauptung, OSS und USC seien eigentlich dasselbe),[33] die mir immer deutlicher klargemacht haben, daß – wenn auch die Methoden von 1949 verurteilt werden – doch alle wesentlichen und grundsätzlichen Resultate dieser Methode voll und ganz bestätigt werden sollen, und daß daran prinzipiell nicht zu rütteln ist. Alle meine Aussagen werden damit entwertet und virtuell zu schamlosen Lügen erklärt. Dadurch werden, von meinem Standpunkt aus, die meisten weiteren Verhöre sinnlos. Ich bin selbstverständlich nach wie vor bereit, auf alle Fragen Antwort zu geben. Ich bin aber ebenso bereit, wenn die Behörden damit einverstanden sind, auf weitere Verhöre zu verzichten, und das Urteil über meinen Fall der Geschichte anzuvertrauen. Denn auch mit meinem Tode wird mein Fall noch nicht endgültig erledigt sein. Die Zeit wird kommen, sei es in 10 oder 20 oder mehr Jahren, da man aufgrund von neuem Material, mein hiesiges Archiv (besonders meinen Brief[34] und meine eigenhändigen Aussagen – die sogenannten »Romane«), mit neuen Augen ansehen wird. Dann wird man des längst verstorbenen amerikanischen Kommunisten in ganz anderer Weise gedenken.«[35] Die Freilassung des Ehepaars Field am 17. November 1954 war dann auch nicht die Folge einer gründlichen, vorurteilsfreien Untersuchung, an deren Ende sich die Unschuld der Inhaftierten herausgestellt hatte – sondern die Folge des spektakulären öffentlichen Auftritts des polnischen Überläufers Józef Swiatlo im September 1954.[36] Von ihm, der persönlich Noels Bruder Hermann im August 1949 in Warschau verhaftet hatte, erfuhr die Weltöffentlichkeit vom Schicksal der verschwundenen Fields. Der polnische Parteichef Boleslaw Bierut, der bereits am 25. Oktober 1954 Hermann Fields Entlassung veranlaßt hatte, drängte daraufhin – in Absprache mit der sowjetischen Parteiführung – den in einem Moskauer Sanatorium kränkelnden Rákosi, die Fields unverzüglich freizulassen.[37] Editorische Notiz: Der Text ist die wortgetreue Wiedergabe des Originals, lediglich sinnentstellende Fehler und falsche Schreibweisen von Personennamen wurden korrigiert. Fehlende Worte stehen in eckigen Klammern. Grundlage des Textes ist das handschriftliche deutsche Original, 65 Seiten, Tinte, welches sich verstreut in den (erst nachträglich – in den sechziger Jahren – zusammengestellten) Untersuchungsakten der ungarischen Staatssicherheitsbehörde ÁVH bzw. des ungarischen Innenministeriums zum Vorgang Noel Field befindet. Diese Unterlagen stammen aus der Historischen Registratur des ungarischen Innenministeriums und werden seit 1996 im Archiv des »Amtes für Geschichte« (Történeti Hivatal) in Budapest aufbewahrt (TH-Archiv). Die Seite 1 des Briefes (»Vorbemerkung«) befindet sich in: TH-Archiv, Untersuchungsakte Noel H. Field, I/107-c (V-142755/3), Bl. 92; die Seiten 2–13: »Brief An das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sovietunion«, vom 18. 3. 1954 in: TH-Archiv, I/107-i (V-142755/9), Bl. 59–70; die Seiten 14–68, »Anlagen I.- IV.«, vom 18.–22.3.1954, maschinenschriftliche Abschrift und handschriftliches deutsches Original, Tinte, in: TH-Archiv, I/107-c (V-142755/3), Bl. 138–158. Überliefert sind auch eine russische und zwei ungarische Übersetzungen dieses Briefes. Einige schwer lesbare Stellen im Original konnten anhand der ungarischen Übersetzungen eindeutig rekonstruiert werden. Die Lebensbeichte des Noel Haviland Field Der Brief des geheimen Gefangenen Noel H. Field aus dem Staatssicherheitsgefängnis in Budapest an das Zentralkomitee der KPdSU vom März 1954.[38]   1. [Blatt][39] Vorbemerkung             1. Ich entschuldige mich im Voraus für die schlechte Handschrift. Ich werde mich bemühen, möglichst leserlich zu schreiben. Da ich aber seit über 3 Jahren keine Feder oder Bleistift in der Hand gehabt habe, bin ich mir des Schreibens völlig entwöhnt[40]. Es würde sich in der Zukunft allseitig lohnen, wenn man mir ermöglichen könnte, mit der Schreibmaschine zu schreiben, da ich ein ausgebildeter Stenotypist bin. (An der allmählichen Verdickung der Schrift ist die Feder schuld.)[41]             2. Man hat mir freigestellt, in jeder beliebigen Sprache[42] zu schreiben; obwohl ich des Englischen kundiger bin, habe ich mich entschlossen, auf deutsch zu schreiben, weil ich meine Gedankenarbeit in Bezug auf das Thema meiner Aufzeichnungen hauptsächlich in der deutschen Sprache durchgeführt habe.             3. Allfällige Korrekturen und Streichungen werde ich so durchführen, daß das ursprünglich Geschriebene noch deutlich zu lesen ist.             4. Ich betrachte mich als eidlich verpflichtet, die Wahrheit zu schreiben und als den schwersten Sanktionen unterworfen für jede bewusste Unwahrheit. Sofern ich Dinge niederschreibe, über die ich, sei es aus mangelnden Gedächtnis oder mangelnder Kenntnis, nicht sicher bin, werde ich dies durch das Wort "vermutlich" oder durch einen entsprechenden Ausdruck kennzeichnen.             5. Die nachfolgenden Aufzeichnungen bestehen aus einem Brief und vier Anlagen: Brief S. 2–13; Anlagen, S. 13–64.             6. Falls, nach Niederschrift einer Seite, es sich als nötig erweist, den einen oder anderen Punkt zu erweitern, so werde ich mir erlauben – wenn unten kein Platz für eine Anmerkung ist – ein Addendum (mit entsprechendem Hinweis) auf der Rückseite beizufügen.             7. Den Brief selbst werde ich möglichst kurz fassen, unter Betonung prinzipieller Fragen. Das hauptsächliche Tatsachenmaterial wird sich in den Beilagen befinden, auch hier werde ich versuchen, mich so kurz wie möglich zu fassen; obwohl ich versuchen werde, schon früher Geschriebenes (1949–51)[43] nicht zu wiederholen, werden sich gewisse Wiederholungen nicht vermeiden lassen, besonders wo die Zusammenhänge an sich richtige Tatsachen in falschem Licht erscheinen liessen. 2. [Blatt][44] Brief An das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sovietunion[45] Budapest, den 18. III. 1954. Werte Genossen:             Als langjähriger Kommunist, – Sympathisant seit etwa 1925, aktiver parteiloser Kommunist seit etwa 1931–2, Mitglied der Partei (U.S.A.*[46]) seit 1936[47] –, erlaube ich mir Ihnen folgenden Brief mit vier Anlagen zu unterbreiten. Ich schreibe in einem Budapester Gefängnis, in welchem ich mich seit dem 11. Oktober 1949 in isolierter Geheimhaft befinde (ohne Verurteilung)[48].             Der Zweck dieses Schreibens ist nicht meine Befreiung. Denn erstens ist mein Leben (im weiteren Sinne) derart zerstört, daß die "Freiheit" – im Alter von 50 Jahren – nur noch wenig Verlockendes bietet. Und zweitens (und das ist das Entscheidende) bin ich mir wohl bewusst, daß die volle Wahrheit über meinen "Fall" unter den bestehenden internationalen Bedingungen nicht an die Öffentlichkeit (besonders die feindliche) dringen darf, da sie nur den Imperialisten und Kriegstreibern von Nutzen sein kann. Als Kommunist wäre es meine selbstverständliche Pflicht, in der Öffentlichkeit zu schweigen, aber es ist klar, daß die Partei sich in einer so gefährlichen Sache nicht auf mein garantieloses Ehrenwort verlassen kann und darf, (besonders nach meinem Verhalten zu Anfang Juli 1949, worüber Ausführlicheres weiter unten).             Das Ziel dieses Schreibens ist: Erstens, die Partei zu bitten – demütig [,] aber inständig zu bitten – eine durchgreifende, gründliche, vorurteilslose Untersuchung und Revision des Falles "Field und Genossen" anzuordnen, um im Parteiinteresse die Wahrheit eindeutig festzustellen und allen noch lebenden und zu Unrecht bestraften oder verdächtigten Genossen (meinen früheren Freunden und Mitarbeitern) die Rückkehr ins Parteileben zu ermöglichen.             Zweitens, durch entsprechende Massnahmen (es wäre meinerseits eine Anmassung, mich darüber konkret auszusprechen) eine Wiederholung ähnlicher Fälle möglichst zu vermeiden. ___________________________________________ [Anmerkung Noel Fields am unteren Seitenrand:] * Formeller Beitritt 1938, retroaktiv um 2 Jahre, in Moskau über die amerikanische Sektion des Exekutivkomitees der Komintern; bestätigt im Frühjahr 1943. 3. [Blatt] Und drittens, sei es zu meinen Lebzeiten oder wenigstens nach meinem Tode, meine Parteiehre und meinen kommunistischen Ruf wiederherzustellen, soweit es sich um die Zeit vor dem Sommer 1949 handelt. Was mein Verhalten[49] während jenes Sommers betrifft, so bin ich mir meiner Schuld zutiefst bewusst und unterwerfe mich im Voraus und rückhaltlos dem Urteil der Partei. Über diese Schuld werde ich im zweiten Teil dieses Briefes sprechen. 1. Kurzer historischer Rückblick.             Nach 6-jähriger Tätigkeit als europäischer Leiter des amerikanischen Flüchtlingshilfswerkes "Unitarian Service Committee" (im weiteren Verlauf dieses Schreibens als "USC" bezeichnet), wurde ich im September 1947 wegen Verdachts kommunistischer Tätigkeit entlassen (über meine USC-Arbeit siehe Anlage N° 2) und blieb von da an bis zu meiner Verhaftung arbeitslos. Auf Grund meiner aus der USC-Zeit stammenden Beziehungen in den volksdemokratischen Staaten und meines eigenen Interesses an diesen neuen Staaten, versuchte ich mir eine neue Lebensgrundlage zu schaffen, indem ich mich zu einem Sachverständigen des europäischen Ostens ausbildete, in der Hoffnung, mein Wissen der sich damals entwickelnden Fortschrittspartei (Henry Wallace[50]) als Reporter zur Verfügung zu stellen (über meine diesbezüglichen Bemühungen, Erfolge und Mißerfolge, siehe die vierte Anlage). In diesem Zusammenhang verbrachte ich den Sommer und Herbst 1948 in Polen und der Tschechoslovakei[51]. Im Oktober – ich war zu jener Zeit in Prag – brach gegen mich in Amerika plötzlich ein vom "Congresskomitee gegen unamerikanische Umtriebe"[52] losgelassener Pressesturm[53] gegen mich aus, der alle meine Pläne über den Haufen warf und mich (nach Rücksprache mit verschiedenen Genossen) veranlaßte, mich vorläufig öffentlich "mäuschenstill" zu verhalten und das Abflauen des Sturmes abzuwarten. Ich bemühte mich erfolgreich um eine Aufenthaltsbewilligung in Prag als politischer Emigrant und kam – nach Auflösung meines Genfer Haushalts –  Anfang Mai endgültig nach Prag[54]. Meine Frau sollte mir in einigen Wochen folgen. (Über diese ganze Periode siehe Anlage 4). Ich erwartete täglich einen Ruf, mich mit Hilfe der deutschen Partei[55] 4. [Blatt] und der sovietischen Behörden (SMA[56]) nach Berlin zu begeben, um meine Parteilage und künftige Arbeit, sowie die sich häufenden Verdächtigungen[57] gegen mich, abzuklären.             Statt dessen, wurde ich am 11. Mai auf offener Straße überfallen und in einem Automobil heimlich nach Budapest gebracht[58], wo ich im Verlauf mehrmonatiger Verhöre beschuldigt wurde, ein amerikanischer Spion zu sein, gewissermaßen die "linke" Hand von Allen Dulles[59], mit der Aufgabe, unter dem USC-Aushängeschild Agenten unter der kommunistischen Arbeiterbewegung zu werben, besonders für die Zersetzungsarbeit in den Volksdemokratien. Das Hauptziel der Verhöre war nicht so sehr, mich selbst zu überführen (meine Schuld wurde als feststehend vorausgenommen), sondern mich –  objektiv –  zum Denunzianten meiner "Agenten" zu machen, d.h. meiner Freunde und Bekannten innerhalb der Partei. Da in den Augen der Untersuchungsbehörden meine Rolle als Spionage-Anwerber [...][60] feststand, so genügte jeder nähere Kontakte mit mir als Verdachtsmoment. Durch meine USC-Arbeit war ich mit Dutzenden von Genossen der verschiedensten Länder in Freundschafts- oder Arbeitsbeziehungen getreten. Von meiner Schuld oder Unschuld hing deshalb das Schicksal von 50-100 Genossen ab, von denen der größte Teil im Osten lebte und arbeitete, teils in verantwortlichen Partei- oder Staatsstellen.             In dieser schwierigen Lage, versagte ich vollkommen. Ich hatte mich bis dahin für einen loyalen, ergebenen und zuverlässigen Genossen gehalten, mit moralischem Mut und "Zivilcourage". Aber in einer Beziehung hatte ich schon öfters selbstkritische Bedenken gehabt: Ich hatte noch nie für meine Überzeugungen physisch leiden müssen; dabei hatte ich schon seit frühester Kindheit eine krankhafte Todesfurcht. Um es klar auszusprechen: ich war ein physischer Feigling. Dazu kam eine althergebrachte Schüchternheit in persönlichen und sozialen Beziehungen ("Lampenfieber"), die mir unter anderem das öffentliche Reden – auch im kleinen Kreise – unmöglich machten. Es gab noch andere Faktoren meines Charakters, die mitspielten, aber ich will nicht 5. [Blatt] weiter darüber sprechen, da es mir nicht darum zu tun ist, mein Benehmen in den entscheidenden Wochen des Sommers 1949 zu entschuldigen. Tatsache ist, daß ich unter immer sich verschärfendem terroristischem Druck (von Knüppelschlägen bis zu "Hungerkuren") mehr und mehr von der Wahrheit abgedrängt wurde (vom behördlichen Standpunkt aus gesehen, mehr und mehr von der Lüge zur Wahrheit!), und daß ich schließlich einen völligen moralischen Zusammenbruch erlitt, während dessen ich überhaupt nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte und die furchtbarsten Unwahrheiten nicht nur aussprach (und schrieb), sondern teils auch selbst glaubte.[61]             Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten zu verlieren. Die von mir geschriebenen oder unterzeichneten Hunderte von Seiten[62] sprechen darüber eine traurige, beschämende Sprache. Mir ekelt heute vor mir selber, wenn ich an die verschiedenen "Selbstkritiken" denke, die ich damals schrieb, und die in der Hauptsache nichts als stiefelleckende Selbsterniedrigungen waren, ohne jeden Wahrheitsgehalt. Ich erinnere mich, z.B., daß ich mich des "Ehrgeizes" bezichtigte, wobei ich behauptete, ich hätte mich aus ambitiösen Gründen an die "Parteigrößen" herangemacht, u.s.w. Dabei weiß jeder, der mich kennt, daß der mangelnde Ehrgeiz eine Besonderheit meines Temperaments war und daß – aber ich bin vom Thema abgekommen und bitte diesen Ausbruch zu entschuldigen. Ich kehre zur historischen Übersicht zurück:             Im Spätsommer begann ich mich langsam – viel zu langsam – von meinem Zusammenbruch zu erholen und machte wiederholte, aber erfolglose Versuche, meine falschen Aussagen zu korrigieren[63]. Verhöre fanden von Anfang August an immer seltener statt und am 11. Oktober wurde ich schließlich in meinen jetzigen Aufenthaltsort[64] überführt. Während der ersten beiden Jahre (bis Juli 1951) wurde ich noch von Zeit zu Zeit (aber immer seltener) besucht, wobei es sich mit wenigen Ausnahmen nicht um Verhöre, sondern um kurze Gespräche handelte, die nichts ergaben, außer daß ich 6. [Blatt] jedesmal und immer nachdrücklicher meine Unschuld und die Unschuld der anderen Genossen betonte[65]. Ich bat erfolglos um die Möglichkeit schriftlicher Äusserung, nahm aber am 2. oder 3. August 1950 die Gelegenheit wahr, um in zwei kurzen Erklärungen[66] die grundsätzliche Wahrheit festzulegen, und 2. die hauptsächlichsten von mir begangenen Unwahrheiten zu denunzieren. (Die grundsätzliche Wahrheit über meine Unschuld und die Unschuld der Genossen hatte ich schon im Mai 1949 in einer Erklärung niedergeschrieben, die nicht erhalten geblieben ist, da sie vor meinen Augen zerrissen wurde.) Erst heute habe ich die Erlaubnis zum Schreiben bekommen. Ich betone dies nicht als Klage, sondern um mein bisheriges Schweigen zu erklären.             Was aus den anderen Genossen geworden ist, weiß ich nicht, vermute aber, daß viele von ihnen mein Schicksal, oder ein ähnliches, teilen. Ich nehme an, daß sie die Wahrheit gesprochen haben, – denn es handelte sich zumeist um kampferfahrene Genossen, die sicherlich nicht feige waren, wie ich. Aber ich war schließlich der "Chef"[,] und solange meine Schuld, mein Verrat feststeht, d.h., solange ich als die "linke" Hand von Dulles gelte, solange steht jeder, der mit mir befreundet war oder sogar mit mir zusammen arbeitete, im Verdacht. 2. Prinzipielle Erklärung, Analyse und Selbstkritik.             Ich erkläre hiermit feierlich – und ich betone, daß ich mich als unter Eid stehend betrachte –,             1. daß ich seit über 20 Jahren loyaler, ergebener, aktiver Kommunist bin, der mehr als einmal sein Leben für die Partei riskiert hat;             2. daß ich nie – weder direkt noch indirekt, offiziell noch inoffiziell – ein Spion oder Spionageagent war, oder für den amerikanischen oder einen anderen feindlichen Geheimdienst gearbeitet habe, oder Werbedienste geleistet habe; (siehe Anlage 3)[67] 7. [Blatt]             3. daß, meines Wissens, die Genossen, die mit mir befreundet waren oder mit mir gearbeitet haben, loyale, ergebene Kommunisten waren, die jedes Ansinnen, für den Feind zu arbeiten, mit Selbstverständlichkeit und Entrüstung abgelehnt hätten;             4. daß jeder Kontakt meinerseits mit Dulles oder [dem] OSS[68] im Auftrag und im Interesse der Partei stattfand (*)[69];             5. daß, meines Wissens, das Gleiche sich auf andere Genossen bezieht, – zum Beispiel auf Erica Glaser[70], die im Auftrag der Partei und unter ständiger Parteikontrolle in [dem] OSS arbeitete (2. Hälfte 1945) und dort der Partei unschätzbare Dienste leistete[71];             6. daß alle Aussagen meinerseits, die mit dem Obigen nicht in Einklang stehen, falsch sind – gleichgültig ob es sich damals, zur Zeit meiner geistigen Umnachtung, um bewusste oder unbewusste Lügen handelte.             Ich bin mir der ganzen Schwere und Verantwortung für obige Erklärung bewusst. Es geht hier nicht um Relatives, sondern um Absolutes. Es geht nicht darum, ob ich oder andere Genossen mehr oder weniger schuldig sind; es geht um meine und ihre völlige Unschuld; mehr noch, es geht darum, daß wir Kommunisten sind und nicht Verräter (ich spreche jetzt nicht von meinem Benehmen im Sommer 1949). Ein Kommunist kann nicht mehr oder weniger Spion, Verräter sein. Wenn ich auch nur ein Hundertstel, ein Tausend­stel der mir vorgeworfenen Verbrechen begangen hätte, so wäre ich ein Verräter und verdiente das Schicksal eines Verräters. Aber ich habe es nicht getan.             Fehler habe ich begangen, ja; vielleicht mehr Fehler, als ich [...][72]weiss. Aber es waren die Fehler eines bewussten und loyalen Kommunisten, nicht die Handlungen eines Verräters. Über einige 8. [Blatt] solche Fehler werde ich in der zweiten Anlage berichten. Sie waren in der Hauptsache das Resultat meiner großen administrativen Unerfahrenheit (als ich die USC-Leitung übernahm, hatte ich mein bisheriges Leben als untergeordneter "Sesselhocker" ohne Verantwortung verbracht, [...][73] mehr mit Papier als mit Menschen in Kontakt) und meiner schon erwähnten krankhaften Schüchternheit. Ich will meine Fehler nicht beschönigen; aber sie gehören ins Gebiet der kommunistischen Selbstkritik vor den zuständigen Parteibehörden, und nicht ins Gebiet der Kriminalbehörden.             Wie konnte es nun zu einem für mich und vermutlich auch für manche meiner Freunde so tragischen Ausgang kommen? War der Verdacht gegen mich berechtigt, war meine Verhaftung berechtigt, waren die Terrormaßnahmen gegen mich berechtigt? Auf alle drei Fragen antworte ich "ja". Ich stand unter schwerstem Verdacht – ich war mir dessen selbst bewusst und suchte schon seit Jahren um Abklärung, besonders seit meiner Entlassung von USC. 1. Ich bin Amerikaner; 2. ich stamme aus dem Bürgertum; 3. ich arbeitete 10 Jahre lang im Auswärtigen Amt (State Department); 4. ich war vier Jahre lang Völkerbundsbeamter; 5. ich war sechs Jahre lang Leiter einer kirchlichen Hilfsorganisation (und daß die christliche "Philanthropie" sich auch auf Spionagearbeit ausdehnt, ist notorisch); 6. ich stand mit Dutzenden teils führenden Genossen in Beziehung; 7. ich arbeitete in Genf, einem Spionagezentrum; 8. ich stand mit Dulles und mit [dem] OSS in Kontakt (Ende 1942 bis Anfang 1945); 9. der Leiter des Lissabonner Büros von USC und frühere Generaldirektor von USC[74] war OSS-Mitarbeiter; 10. nach meiner Entlassung schnüffelte ich Monate lang in Polen und Tsch.[echo]-Sl.[owakei] herum und sammelte "Material", das ich nie verwertete; 11. ich wurde zwar Jahre lang von offiziellen und privaten (imperialistischen und trotzkistischen) Stellen 9. [Blatt] verdächtigt und verfolgt, aber nie verhaftet, was damit erklärt werden könnte (allerdings nur zur Not und an den Haaren herbeigezogen), daß es sich um eine Finte handelte, um mir auf der "Linken" Vertrauen zu sichern; 12. mehrere "Genossen", mit denen ich in Beziehung stand, waren abgeschwenkt oder zu direkten Verrätern geworden (Humbert-Droz[75]; Massing[76] und Gumperz[77]). (*)[78] (Siehe Addendum auf der Gegenseite)[79]             Angesichts dieser Tatsachen, waren nicht nur meine Verhaftung, sondern auch die Anwendung aller zum Ziele führenden Massnahmen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht der Behörden. Ich habe die Berechtigung des Terrors im Klassenkampf (wenn auch gelegentlich mit inneren Hemmungen, die aus meiner pazifistisch-idealistischen Vergangenheit stammten) immer verteidigt, und darf mich nicht beklagen, wenn ich nun auch "dran glauben" musste. Gerade mein Fall aber weist immerhin darauf hin, daß zwar Schuldige durch Terror zur Wahrheit [...][80], gelegentlich aber auch Unschuldige (wenn sie schwach sind) zur Lüge gezwungen werden können; dies nur nebenbei, und nicht als Kritik.             Eine gründliche und unerbittliche Untersuchung war besonders in einer Zeit des verschärften Abwehrkampfes gegen das imperialistische Lager notwendig, [...][81] angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß ein Eindringen in Parteikreise mit Hilfe von "linken" Agenten für den Feind von größtem Nutzen sein musste und ich in mancher Beziehung ein geradezu ideales "Subjekt" für eine solche Arbeit darstellte! Meine Kritik an den Behörden bezieht sich auf die spätere Periode, nach dem 11. Oktober 1949, als man – wenigstens so musste es mir erscheinen – die weitere Untersuchung abbrach und mich zum Schweigen verurteilte. Aber 10. [Blatt] ich will mich hierüber nicht auslassen, sondern sofort zu meiner Rolle in dieser tragischen Entwicklung übergehen. Ich habe (gegen meine Absicht) schon im vorhergehenden Kapitel darüber gesprochen. Ich will hier nur noch einmal betonen, daß ich durch mein Verhalten – meine Verwirrung, meine Ängstlichkeit, meine Feigheit, meine teils falschen, teils irreführenden Aussagen – eine schwere Mitschuld gegenüber den Genossen und der Partei auf mich geladen habe. Ob ich diese Schuld durch meine seitherigen Leiden wenigstens teilweise abgebüsst habe, überlasse ich dem Urteil der Partei.             Angesichts der Tatsache, daß die Protokolle und anderen Dokumente des Sommers 1949 ein reiches und zum großen Teil richtiges faktisches Material enthalten, ist es nötig hervorzuheben, daß meine Unwahrheiten sich größtenteils nicht auf direkte, positive Lügen beziehen, sondern im Verschweigen der Wahrheit bestehen. Fakten sind an sich neutral; sie können, je nach der Zusammenstellung und der Interpretation, der Lüge oder der Wahrheit dienen. Indem ich auf Hunderten von Seiten, aus Angst vor der Wahrheit (teils auch aus taktischen Gründen des "Zeitgewinns"), diese einzige Wahrheit – nämlich meine und der Genossen Unschuld – immer wieder unterschlug, habe ich den Genossen und der Partei schwer geschadet. Gerade weil der Verdacht gegen mich so überzeugend war, war es meine heilige Pflicht, ohne Rücksicht auf Terror, immer und immer wieder die Wahrheit zu betonen, kein Dokument zu unterzeichnen, das diese Wahrheit nicht enthielt, sich lieber totschlagen zu lassen, als auch nur eine unwahre Silbe zu äussern. Die Taktik des Zeitgewinns (sofern man bei meiner Demoralisierung 11. [Blatt] überhaupt von "Taktik" sprechen kann) hat sich in der Folge als Fehlrechnung und Bumerang erwiesen. Fünf Jahre schon kaue ich an diesem "Zeitgewinn", der schrecklicher ist als der Tod. Ein Kommunist muß sich gegenüber den eigenen Behörden, wenn sie im Irrtum sind, ebenso tapfer verhalten, wie gegenüber dem Feind; denn jede Irreführung der Eigenen ist so verräterisch, wie das "Ausplaudern" vor dem Feind. Darüber bin ich mir heute im Klaren; früher hatte ich darüber nicht nachgedacht, denn die Möglichkeit dessen, was mir im Sommer 1949 geschah, war mir nie eingefallen.             Ich komme zum Schluß. Noch einmal: ich erwarte weder die Befreiung[,] noch etwa gar, daß die Partei meine unbewiesenen Unschuldserklärungen für bare Münze hinnimmt. Davon kann keine Rede sein. Meine einzige Hoffnung ist, daß meine Worte dazu führen können, daß der ganze Fall aufs neue und gründlicher als bisher untersucht wird, unter Teilnahme von Parteivertretern, und mit der festen Entschlossenheit, die Wahrheit, ohne Rücksicht auf frühere Ansichten und Beschlüsse, mit völliger Klarheit festzustellen.                                                                        Mit kommunistischem Gruß,                                                                                   Noel H. Field[82]             Eben sehe ich, daß ich in Bezug auf meine Schuld einen sehr wichtigen Punkt ausgelassen habe. Ich erlaube mir, ihn hier nachzutragen, obwohl er eigentlich zu Seite 10 gehört:             Am 6. Juli 1949, – zur Zeit meiner tiefsten moralischen Verwirrung – ließ ich mich durch einen (vermutlich zu diesem Zweck) in meine Zelle gesetzten Mitgefangenen (einem Titoagenten und früheren Spanienkämpfer) dazu überreden, einen Zettel an die amerikanische Botschaft zu schreiben und durch einen mit ihm befreundeten Wächter (ebenfalls ″Spanienkämpfer″) hinauszuschmuggeln.[83] 12. [Blatt] Der Wortlaut war, soweit ich mich entsinne, wie folgt[84]: "Streng vertraulich an den Botschafter, oder in seiner Abwesenheit an den Chargé oder an Mr. Dudka."             "Der Unterzeichnete, amerikanischer Staatsbürger, mit Pass von Dudka[85] in Prag am (?) November ausgestellt[86], erklärt, daß das Folgende der Wahrheit entspricht:             Am 11. Mai wurde ich in Prag überfallen (gekidnapt) und nach Budapest verschleppt, wo ich mich im Kerker befinde und, unter Anwendung von Methoden des "dritten Grades" (*)[87] (einschließlich Schlägen und Hunger), der ungeheuerlichen Beschuldigung unterworfen werde, ein wichtiger Spion gegen den Osten zu sein. Ich bitte dringend um direkte Intervention. Meine Frau, die sich in Genf befand, soll ebenfalls verhaftet sein[88]. – Noel Field.             Referenzen: Allen Dulles, 1942-5; John Carter Vincent, amerikanischer Gesandter in Bern."                                                            __________                Später wurde mir vorgeworfen, es handle sich um einen Zettel an meine "Auftraggeber". Dies ist natürlich unrichtig. Man bezog sich dabei auf den Alternativ-Adressaten Dudka. Dies war der frühere Passbeamte in Prag, der mir ein halbes Jahr vorher einen neuen Pass ausstellte und den ich ausschließlich zu diesem Zweck aufgesucht hatte; bis dahin hatte ich nie von ihm gehört und sah ihn auch nie wieder. Während der Verhöre im Mai hatte man mir mitgeteilt, daß er sich jetzt in Budapest befinde[89]. Die Tatsache aber bleibt bestehen: Ich habe versucht, mich um Hilfe an die U.S.A. Botschaft zu wenden. Lange Zeit hielt ich diese Handlung für eine zwar äusserst dumme, aber nicht schlechte Handlung. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ein Ertrinkender sich auch an jeden morschen Strohhalm klammert. Heute denke ich anders: Es ist mir klar, daß ich damals innerlich meine bürgerliche Vergangenheit noch nicht völlig überwunden hatte, und daß ich in höchster Not unwillkürlich meinen einstigen "Ernährer" anrief. Ein Kommunist darf so nicht handeln. [Addendum: Siehe Gegenseite.][90] 13. [Blatt] Der Brief ist [...][91] länger geworden, als beabsichtigt. Ich bitte um Entschuldigung, und werde versuchen, die Beilagen kürzer und sachlicher zu fassen.                                                                                   Mit kommunistischem Gruß,                                                                                               Noel H. Field                                                                                                                       18. III. 54. Vier Beilagen: I. Kurze politisch-ideologische Autobiographie. (Seite 13-25) II. Meine Arbeit in USC. (Seite 26-44) III. Meine Beziehungen  zu Dulles und [dem] OSS. (S. 45-59) IV. Die Periode meiner Arbeitslosigkeit, Sept. 1947 bis Mai 1949. (Seite 59-64)                                                            ______________                                                                  I. Kurze politisch-ideologische Autobiographie.             Ich bin am 23. Januar 1904 in London als Sohn eines gebürtigen Amerikaners und einer englischen Mutter geboren. Mein Vater[92] stammte aus mittleren bürgerlichen Kreisen (kaufmännisch), meine Mutter[93] aus etwas reicheren Handelskreisen (Kolonialhandel).             Mein Vater selbst war "aus der Art geschlagen": reiner Intellektueller, Idealist, Pazifist, ohne Ehrgeiz, ganz der Wissenschaft hingegeben und mit einer Geldverachtung, die seine Familie gelegentlich in Not brachte. Ich nenne diese Eigenschaften, weil Vater als altmodischer Pater familias alles daran setzte, um seine Kinder – besonders mich, seinen Erstgeborenen – im gleichen Geiste zu erziehen, und weil ich diesen Einfluß bis heute verspüre (sowohl positiv, wie negativ). Politisch war er links-liberal, religiös-sozialistisch eingestellt und hatte für den Kommunismus (er starb 1921) kein Verständnis. Trotzdem bin ich der Ansicht, daß sein Einfluß unbewusst zum Kommunismus hinführte. Es ist immerhin bezeichnend, daß wenige Jahre nach seinem Tode seine ganze Familie – jeder unabhängig vom anderen – zum Kommunismus überging: Zuerst ich selbst, dann mein Bruder[94], dann meine Schwester[95], und schließlich meine Mutter (im Alter von 60 Jahren)[96]. 14. [Blatt]             Über meine Familie habe ich im Februar (März?) 1950 ausführlich berichtet[97], und zwar – soweit ich mich erinnere – faktisch richtig, obwohl in der Interpretation ich auch damals noch immer gehemmt war durch eine noch aus der Zeit meines Zusammenbruchs stammende Tendenz zu falscher Selbstkritik (die ich auch auf die mit mir verbundenen Menschen übertrug). So wurde z.B. mein Memorandum über meinen Vater als ein "Geständnis" meinerseits ausgelegt, daß "auch" mein Vater schon ein "Spion" gewesen sei. Diese Auslegung ist selbstverständlich [...][98] falsch. Wahr daran ist nur, daß mein Vater, als überzeugter Pazifist, auch während des Krieges (1914-18) seine Beziehungen zu Pazifisten des "Feindlagers" nicht abbrach und sich aktiv um den Frieden bemühte. Wahr ist ferner, daß er für kurze Zeit (2 – 3 Monate ?) im Jahre 1919 diplomatischer Vertreter der amerik.[anischen] Friedensdelegation in München war. In der Propaganda ist es sicherlich angebracht, den Begriff "Diplomat" mit dem Begriff "Spion" zu identifizieren, zumal[,] da beide Funktionen sich häufig verbinden. Bei der Bestimmung der Rolle von einzelnen Persönlichkeiten, zumal in Kriminalfällen, ist aber eine genauere Begriffsbestimmung unerläßlich. Bitte, wenn ein Staatsbeamter automatisch ein "Spion" ist, so war auch ich einer, und ein Kommunist, der in Staatsdiensten steht, ist automatisch ein Verräter. Ich kann aber nicht glauben, daß dies wirklich die Ansicht der Partei ist. – Ich habe mich hier wieder zu einem Exkurs verleiten lassen und muß mich wiederum entschuldigen. Es ist nicht meine normale Arbeitsweise, – mit sorgfältigen Konzepten, Plänen und Entwürfen, aber meine Lage erlaubt mir keine solche methodische Arbeit, alles kommt aus dem Kopf direkt aufs Papier und die erste Niederschrift ist gleichzeitig die endgültige. Unter diesen Umständen darf ich vielleicht auf Nachsicht hoffen, wenigstens was die Form dieser Aufzeichnungen betrifft.                                                ____________________ 15. [Blatt] 1. Kindheit Meine Kindheit und Jugend bis zu meinem 19. Jahr (1922) verbrachte ich in Zürich (wo mein Vater ein von ihm begründetes wissenschaftliches Institut leitete), mit gelegentlichen Sommerbesuchen bei den Großeltern in England und 2 Jahren in Lugano (1915-16), bedingt durch Geldnot. Ich war ein außerordentlich verträumtes, mädchenhaftes Kind, das ganz in sich zurückgezogen und in "Wachträumen" lebte und jeden Kontakt mit den Altersgenossen mied (außer mit meiner künftigen Frau, meiner Schulkameradin[99]). Meine Kinderjahre wurden mir teilweise zur Hölle durch eine pathologische Todesfurcht, die mir die Schlaflosigkeit zur Gewohnheit machte und mich durch mein ganzes Leben verfolgte. (*)[100]             Der Tod meines wie einen Heiligen verehrten Vaters, als ich 17 Jahre alt war[101], brachte eine andere fatale Charaktereigenschaft in den Vordergrund: eine Tendenz zu übertriebener, selbstquälerischer Selbstkritik: Ich überzeugte mich (entgegen aller ärztlichen Befunde), daß ich am Tode meines Vaters schuld sei und daß ich dieses Verbrechen dadurch sühnen müsse, daß ich ein "Heiliger" werde und mein Leben dem Dienst an den Mitmenschen widmen müsse. Dies war der eigentliche Ursprung meiner ganzen späteren Entwicklung. Die erste praktische Auswirkung war die pazifistische Tätigkeit (Gründung – kurz nach dem Tode des Vaters – eines "Weltfriedensbundes der Jugend"). Nach der Übersiedlung der Familie, 1922, nach Amerika (Cambridge bei Boston) und während meiner Universitätsjahre, setzte ich diese Tätigkeit in bescheidenerem Rahmen fort (Fellowship of Youth for Peace). Im Kontakt mit teils anarchistisch, teils kommunistisch gesinnten Mitgliedern dieser Organisation, begann sich in mir langsam die Überzeugung zu entwickeln, daß der Weltfrieden ohne eine soziale Umwälzung nicht gesichert werden kann, und ich begann marxistische Literatur zu lesen und marxistische Zirkel und Versammlungen zu besuchen. 16. [Blatt] 2. Washingtoner Periode             Mein Pazifismus behielt aber noch längere Zeit die Oberhand, sodaß ich – aus rein pazifistischen Motiven – im Jahre 1926 meine Laufbahn als State Department Beamter antrat, wo ich (eben auf Grund meiner Weltanschauung) das Referat für Völkerbundsfragen und später für Abrüstungsfragen erhielt. Dabei hielten sich meine Frau (die ich 1925 geheiratet hatte) und ich völlig fern vom diplomatisch-sozialen Leben in Washington. Wir bezogen eine kleine Wohnung fern vom Beamtenquartier, hatten weder Dienstmagd noch Auto, und wenn wir Kollegen einluden, war meine Frau Köchin, Serviertochter und Empfangsdame zugleich. In dieser Beziehung stellten wir ein Unikum dar, und es war mir bald klar, daß eine solche Verachtung der sozialen Pflichten auf längere Sicht jede einigermaßen "brillante" Karriere verunmöglichen musste. Das kümmerte uns aber wenig, da uns jeder Ehrgeiz und jedes materielle Streben fremd waren.             Dazu kam, daß meine Erlebnisse im State Department,  die Entwicklung der internationalen Lage, meine Lektüre, meine persönlichen Kontakte außerhalb des Amtes (Teilnahme an einem "internationalen Freundschaftsklub", mit Negerstudenten, u.s.w.) mich mehr und mehr nach links trieb. Der damals zu Ende gehende "Sacco-Vanzetti"-Fall[102] spielte in meiner Entwicklung eine große Rolle. Zu Anfang der dreißiger Jahre begann ich mich an verschiedenen Aktionen zu beteiligen: Arbeitslosendemonstrationen, Streik- und Hungermärsche, Versammlungen des Studentenbundes, u.s.w. Unsere Wohnung wurde allmählich zu einem Ort, wo sich Teilnehmer zu solchen Anlässen treffen und besprechen konnten, gelegentlich auch als Nachtquartier. Ich organisierte eine Kundgebung von streikenden Textilarbeitern zu Ehren von Henry Barbusse[103], beteiligte mich am Kampf der Hungerdemonstranten gegen die Truppen General McArthurs[104], u.s.w. – 17. [Blatt] all dies natürlich heimlich und ohne Wissen meiner State Department-Kollegen.             Verdächtigungen gegen mich begannen zwar schon zur Zeit meines Eintritts in Staatsdienste, aber es gelang mir, sie durch äußerlich "korrektes" Verhalten und durch meinen "Eifer" in der amtlichen Arbeit, allmählich zum Schweigen zu bringen. Es kam zu gelegentlichen "Alarmen" – einmal entledigte ich mich zum Beispiel meiner ganzen marxistischen Bücherei, weil man mir das Gerücht zutrug, ein Congress-Komité (Vorgänger des berüchtigten "Dies-Committee"[105]) sei hinter mir her. Aber es waren falsche Alarme – jedenfalls kam es zu keiner offenen Aktion gegen mich. Meine Kollegen betrachteten mich lächelnd als "naiven Idealisten", der im Völkerbundsreferat gut zu gebrauchen war und dem man seine "Jugendsünden" gern verzeiht.             Wann wurde ich zum Kommunisten? Es ist schwer, dies zu bestimmen. Meine zehn Jahre in Washington stellten die grundlegende Periode dar in meiner allmählichen Entwicklung vom pazifistischen Idealisten zum militanten Kommunisten. Es gab Sprünge nach vorn, es gab Rückschläge. Meine damaligen Tagebücher sind voll von Auseinandersetzungen mit mir selbst in diesen Fragen. Das Haupthemmnis war der tief verwurzelte Pazifismus. Ein weiteres Hemmnis waren meine kleinbürgerlichen Begriffe von Loyalität und Ehre, die es mir schwer machten, "die Hand zu beissen, die mich ernährte". Dieses letzte Hemmnis drängte mich immer stärker dahin, den Staatsdienst zu verlassen und eine Arbeit zu suchen, in der ich durch meine Loyalitätsbegriffe weniger berührt würde. Dies spielte denn auch eine wichtige Rolle bei meinem Eintritt in das Völkerbundssekretariat, zu dem ich nicht die geringste Loyalitätsverpflichtung mehr empfand. Zu dieser Zeit (1936) hatte ich allerdings meine alten diesbezüglichen Hemmungen schon in der 18. [Blatt] Hauptsache überwunden; aber den Entschluß, das State Department zu verlassen, hatte ich schon im Jahre 1934 gefasst.             Im Jahre 1933 (dem ersten Jahre unter Roosevelt), befreundete ich mich mit den beiden Washingtoner Vertretern des Zentralorgans der Partei[106] und begann, ihnen Informationen zu übermitteln, gelegentlich auch selbst Artikel zu schreiben (natürlich ohne Unterschrift). Mit Hilfe dieser beiden begann ich auch die Möglichkeit eines illegalen Beitritts zur Partei zu sondieren. Im folgenden Jahre wurden diese Bemühungen unterbrochen durch meine Bekanntschaft mit 2 Vertretern eines sovjetischen Dienstes[107]. Beide haben später Verrat geübt und sind seit 1946 zu meinen Todfeinden geworden (denen ich, letzten Endes, mein jetziges Schicksal verdanke[108]). Über die damit (1934) beginnende Periode werde ich hier nur soweit berichten, als es für das Verständnis meiner Entwicklung unerläßlich ist; an anderer Stelle, habe ich eingehend berichtet[109]. Ich denke, ich darf die Namen der beiden zukünftigen Verräter nennen, – die Zeit meines Arbeitskontaktes mit ihnen liegt schon 20 Jahre zurück: sie hießen Paul Massing und Hede Gumperz[110]. Ihre Vorschläge an mich setzten mich – wegen der schon genannten Hemmung – in großen inneren Konflikt; dazu kam noch ein läppischer Versuch, mich durch das "Geschenk" eines Autos fügiger zu machen, wodurch meine Entwicklung um fast ein Jahr verzögert wurde. Erst 1935 begann ich regelmäßig zu arbeiten[111] (natürlich ohne Auto). Von einem Parteibeitritt konnte nicht mehr die Rede sein; im Gegenteil, ich mußte alle Parteikontakte abbrechen. Kurz darauf erfolgte meine Übersiedlung nach Genf (Mai 1936). [Addendum auf Gegenseite][112] _____________________ [Rückseite von Seite 18 – BRB:]             Addendum zu Seite 18, unten:                         Von etwa Mitte 1935 an arbeitete ich rückhaltlos und bedingungslos, ohne in der Praxis den Überresten meines bürgerlichen "Gewissens" das geringste Gehör zu schenken und trotzdem vier aufeinanderfolgende Vorgesetzte Verrat übten[113]. Die Reise (1938[114]) in die Sovjet Union und die Parteiaufnahme waren dafür die Anerkennung. _____________________             Angesichts gewisser Beschuldigungen möchte ich hier mit allem Nachdruck betonen, daß ich während meiner ganzen 10 Jahre im State Department niemals wissentlich mit einem Agenten des Geheimdienstes zusammenkam. Ich wusste vage, daß ein solcher Dienst existiert, hatte aber keine Ahnung, wo er zu finden sei[115]. 19. [Blatt] 3. Genfer Periode, Parteizugehörigkeit.             Meine Arbeit als Mitglied der Abrüstungssektion des Völkerbundes ist politisch von keinem Interesse. Ich habe darüber im Februar oder März 1950 berichtet[116] und ich glaube, es bleibt nichts hinzu zu fügen. Meine gelegentlichen Kontakte mit Vertretern des amerikanischen Konsulats waren durch diese Arbeit bedingt und hatten nur technische Bedeutung. Selbstverständlich setzte ich, besonders in der ersten Zeit, auch meinen persönlich-sozialen Kontakt mit meinen früheren Kollegen vom Konsulat fort.[117]             Für meine ideologische Entwicklung waren die Völkerbundsjahre eine sehr günstige Zeit. Meine politische Arbeit beschränkte sich auf den Kontakt mit Massing und Gumperz und ihren Nachfolgern. Das friedliche, nicht sehr angespannte Leben in unserem Chalét auf dem Lande[118], mit Gartenarbeit und viel Lektüre, begünstigte das endgültige Austragen aller inneren "seelischen" Konflikte, die Festigung meiner Überzeugung, die Bereitschaft und den Willen zum bedingungslosen Einsatz. Die Reise in die Sovietunion (1938) und die darauf folgende Zeit im republikanischen Spanien[119] unterstützten diese Entwicklung, die gekrönt wurde durch den Beitritt zur Partei. (Über Spanien habe ich im Februar-März 1950 eingehend berichtet[120]).             Über den Beitritt zur Partei[121] ist folgendes zu sagen: Kurz vor unserer Abreise aus Moskau wurde uns die Wahl freigestellt, in die sovietische oder die amerikanische Partei einzutreten, mit retroaktiver Wirkung um zwei Jahre in Anerkennung unserer Arbeit. Meine Frau und ich wählten die amerikanische Partei und schrieben dahingehende Anträge[122]. Über die endgültige Aufnahme, Parteinamen, Beiträge, Arbeit, u.s.w., sollte uns später an einer bestimmten Adresse Mitteilung gemacht werden[123]. Dieser Kontakt gelang nicht, und erst Anfang 1943 erhielten wir endlich die mündliche Bestätigung, daß alles in Ordnung sei. Aber auch dieser Kontakt[124] wiederholte sich nicht; der mit dem Vertreter abgemachte nächste Treff wurde von diesem nicht 20. [Blatt] eingehalten. Er hatte mit mir die Frage meiner zukünftigen Arbeit besprochen[125]. Da es sich um eine grundlegende Umstellung meiner damaligen USC-Arbeit handelte, bat ich mir eine kurze Bedenkzeit aus und schrieb (nach Rücksprache mit meinem politischen Leiter Paul Bertz[126]) einen chiffrierten Brief[127] an das Exekutivkomité der Komintern, in welchem ich meine derzeitige Arbeit [...][128] und die großen Schwierigkeiten einer radikalen Änderung beschrieb, und um einen endgültigen Bescheid bat, dem ich mich nach bestem Vermögen unterordnen würde. Den Brief wollte ich beim Treff zur Weiterleitung übergeben. [...][129] Der Treff fand, wie gesagt, nicht statt, und kurz darauf wurde die Komintern aufgelöst[130]. Den Brief verwahrte ich an geheimer Stelle[131] bis zum Frühjahr 1949, als ich ihn auf das Drängen meiner Frau vernichtete, da sein Inhalt, falls er in feindliche Hände gelangte, tatsächlich äußerst kompromittierend war. Angesichts dessen, was seither geschehen ist, ist die Vernichtung dieses Briefes natürlich ein großes Unglück. Über seine Existenz und seinen Inhalt kann Maria Weiterer[132] Zeugnis ablegen, da sie mir bei seiner Abfassung half und ihn chiffrierte[133].             Ich habe hier weit über die Völkerbundzeit hinausgegriffen, und es ist wohl am besten, wenn ich das ganze Problem meiner Parteimitgliedschaft zu Ende behandle: Nach meiner Rückkehr aus der Sovietunion, wartete ich etwa 2 Jahre ab und versuchte dann (1940) über den damaligen Parteileiter Humbert-Droz eine Bestätigung meiner Mitgliedschaft zu erlangen. Er versprach, sich mit Dimitroff in Verbindung zu setzen, und teilte mir später mit, daß alles in Ordnung sei[134] und daß er die Verantwortung übernehme, mich als illegales Mitglied unter dem Namen 21. [Blatt] Richard Wolf in die schweizerische Partei aufzunehmen, – was denn auch geschah[135]. Nach der Ersetzung von Humbert-Droz durch Hofmaier[136], wandte ich mich an diesen; er teilte mir aber mit, H.-D. habe ohne Zustimmung des Z.K. gehandelt und meine Aufnahme sei ungültig, obwohl die Partei weiterhin bereit sei, mit mir als Sympathisanten zusammen zu arbeiten.             Ich besprach meine Lage auch mit meiner engsten politischen Beraterin, Maria Weiterer, in Marseille (wohin ich im Frühjahr 1941 übersiedelte), und, auf ihr Anraten, auch mit Paul Merker[137], der mir versprach, nach seiner geplanten Übersiedlung nach Moskau (via Mexico) zu versuchen, die Sache ins Reine zu bringen. Schließlich entschloß sich, im Jahre 1942, Paul Bertz, meine sehr komplizierte Lage durch zeitweilige Aufnahme in die deutsche Partei zu erleichtern, und bereitete dafür eine parteimäßige Untersuchung vor, die schließlich fallen gelassen wurde, als ich 1943, wie schon gesagt, die Bestätigung aus Moskau erhielt.             Diese nur mündliche Bestätigung konnte mir natürlich auf die Dauer nicht helfen. Solange ich arbeitete, machte ich mir wenig Sorgen. Die Genossen, die mich kannten, betrachteten mich auf Grund meiner praktischen Arbeit als vollwertigen Genossen, und meine sich immer mehr ausdehnende Parteiarbeit im USC (siehe die nächste Beilage) erlitt durch die Unklarheit meiner Mitgliedschaft keinen Schaden. Nur darum war es mir zu tun. Nach meiner Entlassung[138] und bei dem Versuch unter neuen Genossen, die mich nicht kannten, neue Arbeit zu finden, wirkte sich meine Parteilage katastrophal aus. In Polen und der Tsch.[echo]-Sl.[owakei] begegnete man mir verständlicherweise mit offenem Mißtrauen. Ich wurde mehr und mehr verzweifelt und versuchte krampfhaft 22. [Blatt] (allzu krampfhaft) eine Abklärung herbeizuführen. In Warschau übergab ich schließlich (nach anderen vergeblichen Versuchen) im September 1948 ein vertrauliches Schreiben an Jakub Berman[139] (über seine Sekretärin Anna Duracz[140]), der mir aber nichts versprechen konnte.             Auch der nach Berlin zurückgekehrte Paul Merker nahm sich meines Falles an. Ich hatte ihn im Dezember 1945 in Mexico besucht und er hatte mir geraten, über die Abklärung meiner Mitgliedschaft mit dem (später ausgeschlossenen) Max Bedacht[141] in New York zu sprechen, was ich auch, ohne Resultat, tat. Nunmehr teilte mir im September 1948 der zu Besuch in Prag weilende Leo Bauer[142] mit, daß Merker sich weiterhin für mich interessiere und daß er mich nach Berlin zu bringen plane, um meine ganze Vergangenheit und meine Zukunft grundlegend zu untersuchen und abzuklären. Der bald darauf ausbrechende Pressefeldzug gegen mich in Amerika machte meine Lage noch schwieriger und ich drängte in mehreren Briefen nach Berlin (einen davon durch Vermittlung der tschechischen Gesandtschaft in Bern) um schleunige Organisierung meiner Reise. Die Berliner Reise stand noch im Mai 1949 auf der Tagesordnung. Statt dessen fand die Reise nach Budapest statt.             Habe ich in dieser ganzen Angelegenheit richtig gehandelt? Ich will es nicht behaupten. Meine Lage war zweifellos schwierig und eine Abklärung auf normale Weise fast unmöglich, da meine Parteiarbeit durch eine nicht mehr existierende Organisation (Komintern) stattgefunden hatte. Auch jetzt ist es mir nicht klar, wie ich hätte handeln sollen. Daß ich in meinen Bemühungen (besonders im Jahre 1948) an viel zu viele Türen klopfte und dabei mehrere unerlaubte Indiskretionen beging, gebe ich zu. Nach dem Beginn des Presseangriffs 23. [Blatt] verlor ich vollends den Kopf und bestürmte meine Freunde in Prag und Berlin um Hilfe. Als ich von dem Angriff gegen mich[143] erfuhr (ich glaube es war am 17. Oktober), sollte ich 2 Tage später nach Genf verreisen, um meinen dort ausgestellten Pass zu erneuern; ich war überzeugt, daß das Genfer Konsulat dies verweigern würde, und entschloß mich deshalb, ohne gültigen Pass in Prag zu bleiben. Auf Anraten meines amerikanischen Bekannten George Wheeler[144], der selbst vom selben Congresskomité angegriffen worden war und trotzdem vom Passbeamten in Prag, Dudka, einen neuen Pass erhalten hatte, begab ich mich schließlich Anfang November mit meinem abgelaufenen Pass zu Dudka, der mir zu meiner Überraschung ohne Schwierigkeit und ohne von der Pressekampagne zu sprechen, einen neuen Pass ausstellte[145], mit dem ich dann nach Genf zurückkehrte, um meine dortigen Angelegenheiten zu liquidieren und definitiv nach Prag überzusiedeln. Durch diese unerwartete Lösung des Passproblems erschien natürlich meine vorherige Kopflosigkeit in doppelt ungünstigem Licht. So schwer auch meine Lage war, es ist mir heute klar, daß ich als langjähriger Kommunist mich unter keinen Umständen der Hysterie hingeben durfte. Ich sehe meine damaligen Fehler ein und lege sie dem Parteiurteil vor. ______________             Ich nehme den "Völkerbundsfaden" dort, wo ich ihn auf Seite 19 abbrach, wieder auf:             Im Sommer 1940 wurde ich unerwartet vom Völkerbund entlassen, wahrscheinlich auf Betreiben des State Department. Meine Beziehungen zu meinen früheren Kollegen hatten sich stark verschlechtert. Im "Dies Comittee" war ich öffentlich angegriffen worden[146]. Bei einem Besuch in Washington im Sommer 1939 wurde ich von mehreren Ex-Kollegen sehr kühl und mit gelegentlichen Insinuationen empfangen. Einige Tage vor meiner Entlassung aus dem Völkerbund, hatte der amerikanische Konsul 24. [Blatt] ein längeres Privatgespräch mit meinem Chef[147]. Ich bewarb mich nacheinander um mehrere neue Stellungen, die alle zuerst als fast sicher versprochen wurden und dann plötzlich mysteriös versagten (Internationales Arbeitsamt; Berater des neuen Gouverneurs der Philippinen; amerikan. Rotes Kreuz). Wie ich später vom Direktor des Arbeitsamtes und von meinem Washingtoner Freund Duggan[148] erfuhr, fielen alle diese Stellungen durch Intervention des State Department ins Wasser (wegen "Verdachts kommunistischer Tätigkeit"). Im Frühjahr 1941 wurde mir durch den mir bis dahin unbekannten Dr. Joy[149] vom neugegründeten USC die Stelle als Leiter des eben eröffneten Marseiller USC-Büros angeboten (er hatte durch einen YMCA-Vertreter[150] aus Genf erfahren, daß ich Arbeit suche). Ich nahm sofort an und nahm im März meine neue Arbeit in Marseille auf.             Diese neue Arbeit stellte einen radikalen Umschwung in meinem Leben dar. Ich betrachte sie als die Krönung meines ganzen Lebens, als die Verwirklichung langjähriger halbbewusster Ziele und Tendenzen. Die Völkerbundszeit war dazu die Vorbereitung. Materiell stellte sie (die Völkerbundszeit) den Höhepunkt meines Lebens und des Lebens meiner Frau dar. Wir hatten zum ersten und letzten Mal ein Haus für uns und sogar eine Dienstmagd; wir hatten 2 Autos und konnten fast nach Belieben in der Welt herumgondeln – von Baku bis Madrid. USC war, besonders zu Anfang, der materielle Tiefpunkt: wir hatten kein Salär, sondern mussten mit möglichst geringen Unkosten auskommen[151]. In Marseille lebten wir in einem verwanzten, schmutzigen Zimmer, litten Hunger, arbeiteten auch an Sonn- und Feiertagen. Später lebten wir auch in Genf bis Anfang 1947 in 25. [Blatt] einem kleinen Zimmer in einem der billigsten Genfer Pensionen. Und doch: es war die beste Zeit unseres Lebens. Zum ersten Mal vereinigte sich meine reguläre Arbeit mit meiner Parteiarbeit; letztere nahm einen immer größeren Anteil an meiner Zeit; ich lebte und handelte mehr und mehr ganz als Kommunist, ohne innere Hemmungen, ganz in der Arbeit aufgehend, und desto glücklicher, je schwieriger sie war. Ich hatte das Bewußtsein, wertvolle Arbeit im antifaschistischen Kampf und in der Rettung und Erhaltung unserer Kader zu leisten. Und zum ersten Mal konnte meine Frau vollwertig mit mir zusammen arbeiten, als meine engste Mitarbeiterin und vertrauteste Genossin.             Aus all diesen Gründen, und wegen der zentralen Stellung meiner USC-Zeit in der Beurteilung meines "Falles" – widme ich diesem Kapitel meines Lebens eine besondere Anlage (Nummer 2). Über die darauffolgende [...][152] Zeit berichte ich kurz in Anlage 4.             An dieser Stelle – da ich eben von meiner Frau gesprochen habe – möchte ich nur noch kurz erklären, warum wir keine Kinder hatten. Am Anfang unserer Ehe handelte es sich um das gewohnte Verschieben von Seiten junger Leute, die das Leben genießen wollten. Etwas später kam noch die Furcht vor Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit eventueller politischer Verfolgung hinzu. Schließlich spielte aber die prinzipielle Frage die Hauptrolle: Wir hatten immer wieder gesehen, wie einzelne uns bekannte Genossen beim Erscheinen von Kindern politisch vorsichtiger und zurückhaltender wurden, und manchmal sogar aus der Arbeit ausschieden. Wir wollten eine solche Entwicklung vermeiden und träumten statt von Kindern mehr und mehr vom Kampf Seite an Seite. Und die USC-Zeit gab uns recht. Hätten wir Kinder gehabt, wäre diese Zeit unmöglich gewesen.                                                                                   Noel H. Field  19. III. 54 1. [Blatt] [Seite] 26 II. Meine Arbeit im Unitarian Service Committee (USC). 1. Allgemeines. Als ich Ende März 1941 in Marseille von dem etwa 60-jährigen unitarischen Pfarrer, Charles Joy, ein dunkles, ungeheiztes Büro in einem Schiffsutensilienladen am alten Hafen[153] übernahm, mit einem jugendlichen Griechen, der nur wenig englisch sprach, als einzigem Angestellten, konnte ich natürlich kaum ahnen, was die Zukunft bieten würde. Immerhin erkannte ich sogleich gewisse Möglichkeiten, die ganz von mir selbst abhängen würden. Denn am Schluß unseres einleitenden Gesprächs (er verreiste gleich am nächsten Tag nach Lissabon, wo er das neugegründete USC-Büro für Hilfe an spanischen Flüchtlingen leitete), holte Joy buchstäblich ein Bündel Banknoten aus seiner Tasche, warf sie mir hin, und sagte: "So! Helfen sie also den Flüchtlingen! Wie, das ist Ihre Sache. Schicken Sie uns Berichte so oft es geht; wir werden Ihnen so viel Geld schicken, wie möglich; wieviel, das kann ich nicht voraussagen, das hängt von den Ergebnissen unserer Sammelarbeit in Amerika ab."             Der Gedanke lag sofort nahe, zu versuchen, das USC als Aushängeschild für eine Art "Rote Hilfe" auszunützen. Eine Reihe von objektiven Faktoren, die ich natürlich erst im Verlauf der Zeit kennen lernte, begünstigten diese Möglichkeit: Es handelte sich um eine neue, noch unerfahrene und fast mittellose Organisation, eingesetzt von der Assoziation Unitarischer Kirchen in Amerika, auf Initiative einiger antifaschistisch gesinnter Pfarrer, die im Verlauf einer Europareise Zeugen des Hitlereinmarsches in die Tschechoslovakei gewesen waren. Die unitarischen Kirchen Amerikas (ganz anders als die ungarischen Unitarier) bildeten eine lose Vereinigung am extremen linken Flügel der amerikanischen Kirchen. Sie wurden zu den offiziellen protestantischen Vereinigungen (z.B. YMCA) nicht zugelassen, sondern als judaïsierende Häretiker betrachtet. Viele führende Unitarier standen auch politisch weit links, es gab eine Reihe von Sympathisanten unter ihnen und mehrere Parteimitglieder. 2. [Blatt] [Seite] 27 Ein führendes Mitglied der Bostoner Zentrale war Parteimitglied (ich vergesse seinen Namen), der Redakteur der offiziellen unitarischen Monatsschrift[154] war Kommunist (ob Parteimitglied, weiß ich nicht) und hieß Stephen Fritchman[155]. Im Bostoner Stab des USC gab es mehrere Sympathisanten, und der Leiter der Jugendsektion und der Hilfsarbeit in Amerika selbst (besonders unter den Negern), John Finley, war Parteimitglied. Die unitarische Jugendbewegung war kommunistisch eingestellt; eine ihrer Leiterinnen war Frances Danon, später Sekretärin des Weltjugendbundes. Der erste Generaldirektor, Dexter[156], gab sich lange Zeit für einen Sympathisanten aus, arbeitete aber später (als Direktor in Lissabon) nach [dem] Eintritt Amerikas in den Krieg für [das] OSS und trat nach Kriegsende immer mehr als offener Antikommunist auf. Sein Nachfolger, Dr. Joy, war ein liberaler Wirrkopf, der leicht zu beeinflussen war, und der, unter dem Einfluß von Madame Tempi[157] (Pariser Leiterin von USC und Genossin), in den Jahren 1945-6 eine starke Linksentwicklung durchmachte (hierüber später noch einige Worte).             Natürlich gab es bei den Unitariern und auch in der USC-Zentrale Reaktionäre, aber sie waren in der Roosevelt-Zeit in der Minderheit. Nach dem Einsetzen der Truman-Reaktion, gingen auch sie zum Angriff über und siegten 1946-7 auf der ganzen Linie, beginnend mit der Entlassung von Fritchman und Joy; die Wirkung dieses Sieges auf das USC in Europa verzögerte sich um etwa ein Jahr, aber 1947-1948 hatte auch hier die Reaktion gesiegt und das ganze von mir und meinen Mitarbeitern errichtete Gebäude stürzte zusammen. [Siehe Addendum auf [der] Gegenseite.][158] ____________________________________________________ [Rückseite von Seite 27 – BRB:]             Addendum zu Seite 27:             Eine wichtige Rolle in diesem Kampf spielten 2 sozialdemokratische Stabsmitglieder des USC in Amerika: Henry Müller (Leiter des USC Warenlagers und deutscher Abstammung) und Dr. Papinek (Leiter der Kinderhilfe, Österreicher). Sie lebten in New York, wo alle anderen Organisationen ihre Zentren hatten, und dienten als Transmissionsriemen zwischen den New Yorker Trotzkisten (insbesondere Sheba Strunsky[159]) und den Bostoner Reaktionären. Der ganze interne Kampf der Unitarier bildet überhaupt ein interessantes Beispiel des gemeinsamen Kampfes (mit verteilten Rollen) von Trotzkisten und Reaktionären gegen Kommunisten. ______________________________________________             Im Gegensatz zu den Quäkern, die allen helfen wollten, nahm das Bostoner USC von Anfang an eine prinzipiell antifaschistische Hilfstätigkeit an. Unter meinem Druck wurde die Politik dahingehend spezifiziert, daß das USC prinzipiell 3. [Blatt] [Seite] 28 allen antifaschistischen Flüchtlingen, ohne Ausschluß der Kommunisten, helfen solle, daß es aber (wegen der geringen Geldmittel) praktisch vor allem denjenigen helfen solle, die von keiner anderen Organisation Hilfe bekamen. Da gerade die Kommunisten zu dieser Kategorie gehörten, gab mir diese Politik die Möglichkeit, die "Rote Hilfe" mehr und mehr zu entwickeln unter dem Vorwand der Betreuung von "Nichtbetreuten".             Die einzige andere amerikanische Hilfsorganisation, die sich auf Hilfe an politischen Flüchtlingen konzentrierte (und in Europa arbeitete) war das von den Trotzkisten gegründete "Emergency Rescue Committee" ("Emerescue"), später "International Relief and Rescue Comittee ("IRRC")[160], in Frankreich einfach als "Comité Americain"[161] bekannt, was oft zu Verwechslungen mit dem "Comité Unitarian" führte. Dieses Comité befolgte das Prinzip "Hilfe an alle [...][162] politischen Flüchtlinge, ausgenommen Kommunisten". USC und IRRC waren ungefähr gleich stark. Es ist kein Wunder, daß beide, sowohl in Amerika, wie besonders in Europa, sich immer mehr befeindeten. Der Sieg der Reaktionäre im USC war gleichzeitig der Sieg des trotzkistischen IRRC über das kommunistische USC in Europa.             Der Hauptfaktor, der den Aufbau einer roten Hilfsarbeit erleichterte, war das kriegsbedingte Fehlen jedes normalen Kontaktes mit der Zentrale in Boston (ich werde diese Zentrale des Weiteren einfach mit "Boston" bezeichnen; die meiner Leitung unterstehende Organisation in Europa einfach mit "USC"). Schon in der Marseiller Zeit wurde der Briefverkehr immer schwieriger, und nach der Totalbesetzung und meiner Flucht nach Genf hörte er bis zur Befreiung Frankreichs völlig auf. Der Telegrammverkehr war unchiffriert und konnte sich in der Hauptsache nur mit technischen Fragen befassen. So war ich 4. [Blatt] [Seite] 29 während des Krieges in der glücklichen Lage, immer größere Geldsummen zu empfangen und immer weniger Rechenschaft über deren Verausgabung geben zu müssen! Nach dem Kriege änderte sich dies allmählich (und so lange man mir vertraute‚ nur sehr langsam) und wir mussten zu immer raffinierteren Tarnungsmanövern übergehen, die Boston gegenüber leidlich genügten, aber von den ebenso raffinierten Trotzkisten leicht durchschaut wurden, was uns schließlich zu Fall brachte.             Die Geldquellen des USC waren: a. in Amerika: 1. die Sammlungen innerhalb der unitarischen Kirche; 2. öffentliche Sammelaktionen; 3. das Joint Antifascist Committee (eine unter Parteikontrolle stehende Organisation, die ich dazu bewog, USC als Treuhänder zu benutzen)(*)[163]; 4. gelegentliche Beiträge anderer Organisationen (z.B. das Hilfskomitee für Hilfe an Frankreich); b. in der Schweiz: verschiedene Organisationen der äußersten Linken (Central Sanitaire Suisse; Verein zur Unterstützung von Flüchtlingen in Südfrankreich – ein von der deutschen Partei ins Leben gerufenes Organ; Naturfreunde). Aus staatlichen Quellen erhielten wir einen einmaligen Beitrag (1000 Dollar) vom "War Refugee Board", einem von Roosevelt eingesetzten Organ zur Hilfe an Juden im besetzten Gebiet. Von [dem] OSS oder irgend einem anderen Geheimdienst erhielt USC keinen Cent (der Beitrag von Dulles – siehe nächste Anlage – war an mich persönlich und ging nicht durch unser Budget). Eine von Dexter im Sommer 1942 angekündigte Summe von [dem] OSS (ich glaube es handelte sich um fünf oder 10 Tausend Dollar) wurde nie erhalten, sei es aus technischen Gründen, sei es[,] weil Dexter (ein gleichzeitig sehr ungebildeter und eingebildeter Mensch, den man in offiziellen Kreisen nicht ernst nahm) sich Illusionen machte; sei es, weil ich unterdessen die OSS-Mitarbeit abgelehnt hatte. [Addendum auf [der] Gegenseite.] [Rückseite von Seite 29 – BRB:] ____________________________             Addendum zum letzten Satz auf Seite 29:             Inwieweit Dexter für sein Lissabonner Büro (1942-44) OSS-Zuwendungen erhielt, weiß ich nicht. Das dortige Büro stand bis 1946 völlig ausserhalb meiner Einflußsphäre. Auch nachher war die Verbindung Boston-Lissabon enger als mit Genf, und ich beschränkte meine Interventionen in der Hauptsache darauf, die Stellung der langjährigen, schon von Joy eingesetzten Mitarbeiterin, Maria Oppenheimer, zu stützen und zu stärken, die anscheinend Sympathisantin war, das Wohlwollen der spanischen Partei genoß, und mit den portugiesischen und amerikanischen Behörden auf Kriegsfuß stand. ____________________________ 5. [Blatt] [Seite] 30             Unser Budget wuchs mit einigen Schwankungen fast beständig an und erreichte 1946 den Höhepunkt (mehrere Hunderttausend Dollar, ich kann mich nicht mehr an die Summe erinnern). Dann setzte ein scharfer Rückgang ein, Hand in Hand mit der Reaktion. Aus dem kleinen Marseiller Büro mit ein bis 2 Angestellten entwickelte sich eine große Organisation, mit Zentralbüro in Genf, Hauptfiliale in Paris (mehr als die Hälfte des Gesamtbudgets entfiel auf Frankreich), und Filialen in Deutschland, Österreich, Polen, Tschechoslovakei, Ungarn und Portugal (das Lissabonner Büro bestand seit 1941 oder sogar 1940, wurde aber direkt von Boston aus geleitet und wurde mir erst 1946 unterstellt). Wir hatten (1945-46) gegen Hundert Mitarbeiter, davon die Hälfte in Frankreich. Das Entscheidende aber war: der größte Teil der materiellen Hilfsmittel wurde zur Unterstützung von Genossen, vor allem von Kadern verwandt. Mindestens die Hälfte des ganzen Stabes und mindestens drei Viertel des leitenden Personals bestand aus Genossen. USC war weitgehend zu einer "roten Hilfe" geworden.             Ich will kein Loblied auf mich selbst singen. Ohne die Hilfe der Partei und der Genossen wäre ein solches Resultat nie erreicht worden. Aber mit diesem Resultat steht und fällt mein Lebenswerk. Für das Erreichte, ob gut, ob schlecht, trage ich die Verantwortung. Ich bin heute besser denn je überzeugt, daß es gut war.             Fehler habe ich begangen, zweifellos schwere, – vor allem in der Personalpolitik. Ich meine damit mein Handeln in Bezug auf ungeeignete Mitarbeiter. Meine mangelnde admini­strative Erfahrung und besonders meine schon erwähnte Schüchternheit und Befangenheit, vor allem Frauen gegenüber (und fast alle Mitarbeiter waren Frauen), machten es mir besonders schwer, scharf zu kritisieren, Befehle zu erteilen, und – vor allem – Mitarbeiter zu entlassen. In dieser Beziehung war ich ein sehr schlechter "Direktor". Wenn ich auch in der 6. [Blatt][Seite] 31 übergroßen Mehrzahl von loyalen und aufopfernden Mitarbeitern umgeben war, so gab es doch einige Fälle von Unfähigkeit oder mangelnder Loyalität, die wegen meiner Schwäche viel zu lange geduldet wurden und Schaden verursachten. Ich denke dabei in erster Linie an 3 Fälle: Dr. Zimmer[164] (mit Frau) in Marseille; Hélèn Héroys und Luise Berg in Genf.             Dr. Zimmer war an sich ein ziemlich schwacher Mensch und mit ihm allein wäre ich fertig geworden (er war Leiter unserer medizinischen Arbeit). Aber seinen Frau war ausserordentlich ehrgeizig und willensstark, und führte einen hartnäckigen Kampf um die Stellung ihres Mannes (und sich selbst) zu fördern. Ich war diesem Ansturm nicht gewachsen[,] und wenn ich nicht ganz unterlag, so hauptsächlich durch die Hilfe meiner Frau. Immerhin kam es zu der lächerlichen Situation, daß Zimmer, der in einer großen Villa mit Auto lebte und nur halbtags bei uns angestellt war (während er seine Privatpraxis weiterführte) ein höheres Gehalt bezog, als meine Frau und ich (in Form unserer Unkosten)[,] und daß er sich gelegentlich in Dinge einmischte, die ihn nichts angingen (einige Fälle von "ärztlicher" Unterstützung, die keineswegs nur ärztlich waren; unter diesen Fällen befand sich auch ein bekannter Renegat der deutschen K.P.). Politisch war all dies während meiner Marseiller Zeit von geringer Bedeutung. Nach der Totalbesetzung arbeitete er (anscheinend tapfer) für die Widerstandsbewegung, stand aber gleichzeitig mit [dem] OSS in Beziehung; Dexter hatte ihn, ohne mein Wissen, im Herbst 1942 angeworben, was ich erst 1945 bei meinem Besuch in Marseille erfuhr. Er wollte nunmehr (1945) unbedingt als Marseiller Vertreter von USC anerkannt werden und erst nach mehrmonatigen, langwierigen Kämpfen gelang es mir, mit Hilfe unserer Pariser Leiterin Jo Tempi, ihn endgültig auszuschalten (mit [dem] OSS stand er 1945 nicht mehr in Beziehung). An seine Stelle trat die amerikanische Genossin Irene Spiegel, die das Marseiller Büro 2 Jahre lang leitete. [Siehe Gegenseite!] ___________________________________________ [Rückseite von Seite 31 – BRB:] Korrektur vom 22. März 1954             Mein Bericht auf den Seiten 31-33 ist in Bezug auf die Héroys in wesentlichen Punkten falsch. Mein Gedächtnis hat mich getäuscht[,] und mein Fehler stellt sich als nicht ganz so schwer heraus, wie ich glaubte, obschon schwer genug.             Es handelt sich darum, daß ich Héroys unmöglich schon im Jahre 1944, sondern frühe­stens vom Sommer 1945 an für USC-Arbeit benützt habe, das heisst nach Kriegsende und nachdem der Postverkehr mit Boston schon längere Zeit bestand (denn Boston beklagte sich über die Mangelhaftigkeit unserer Berichte). Ich kannte Héroys schon lange (durch ihre Freundin Berg) und das Gespräch in Bezug auf die Vlassov Armee (siehe Addendum zu Seite 32) fand lange vor ihrer Mitarbeit statt. Ihre Versicherung, daß sie ihre Spionagetätigkeit abgebrochen habe, gab sie mir im Zusammenhang mit der Möglichkeit ihrer Arbeit für USC ab.             Der Satz (am Schluß meiner Ausführungen auf S. 33), daß eine englische Agentin mit meinem Wissen für USC arbeitete, ist also übertrieben und muß etwa so formuliert werden:  Ich benützte zur gelegentlichen Mitarbeit eine Frau, von der ich wusste, daß sie während des Krieges eine englische Agentin gewesen war, und zwar auf ihre zweifelhafte Versicherung hin, daß dies jetzt nicht mehr der Fall sei.             Ich sage "gelegentliche Mitarbeit", denn sie wurde von Fall zu Fall benutzt und pro abgeliefertem Bericht bezahlt. Es stimmt nicht, daß sie in Frankreich "mehrmals" für uns herumreiste (wie ich auf Seite 32 schrieb). Sie machte 2 Besuche in unserem Erholungsheim jenseits der Grenze bei Genf und war 2 mal in Paris (auf der Hin- und Rückreise nach und von England), wobei Tempi sich weigerte, ihr die Pariser Arbeit zu zeigen. Sie schrieb im Ganzen 4 Reportagen, alle anderen Berichte basierten auf Gesprächen mit USC-Vertretern, die Genf besuchten, und auf der Übersetzung und Bearbeitung von schriftlichen Berichten unserer Filialen.                                                            ________________ ___________________________________________             Ernsterer Natur war mein Fehler in Bezug auf Héroys und Berg.  (BERG, nicht zu verwechseln mit BERTZ!) Letztere war eine ausgezeichnete 7. [Blatt][Seite] 32 Sekretärin, die englisch und französisch gleichermaßen beherrschte und die ich Anfang 1944 anstellte, als ich 4 Monate lang krank im Augenspital lag, während gleichzeitig unsere Arbeit mit Riesensprüngen anwuchs. [...][165] Ende 1944 begann ich auch ihre Freundin Héroys (Schriftstellerin, ebenfalls französisch und englisch) für die Abfassung von sentimentalen Propagandaberichten zu benutzen, da Boston immer dringender für die Sammelaktionen danach verlangte. Die Berichte von Héroys wurden in Boston enthusiastisch aufgenommen, und immer neue Berichte wurden verlangt. Bald aber vermutete ich und erhielt später auch die Bestätigung aus ihrem eigenen Munde, daß Héroys mit dem englischen Geheimdienst in Kontakt stehe. (*)[166]             Statt beide Frauen – oder zumindest Héroys – zu entlassen, beließ ich sie "vorläufig" auf ihrem Posten, während meine Frau und ich ständig nach Ersatz suchten, – aber nicht fanden. Unterdessen sorgte ich dafür, daß weder Berg noch Héroys in unsere politische Arbeit Einsicht erhielten, und behielt alles kompromittierende Material unter Schloß und Riegel in meinem Privatbüro. Berg hatte auch wirklich nur mit technisch-administrativen Fragen zu tun. Héroys dagegen machte für ihre Reportagen mehrere Besuche bei einzelnen unser Unternehmungen in Frankreich, wobei die Genossen dort gewarnt wurden[,] und sie von unseren eigentlichen Parteiunternehmungen (z.B. spanisches Spital und Erholungsheim) ferngehalten wurde. Im Frühjahr 1947 reiste sie nach Wien, um der Eröffnung unserer Zahnklinik für Opfer des Faschismus beizuwohnen, mit dem Auftrag, sofort nachher nach Genf zurückzukehren zur Berichterstattung. Statt dessen blieb sie wochenlang aus und Elsie Haus (unsere Vertreterin in Wien) teilte mir später mit, daß sie sich in antisovietischen Kreisen herumgetrieben habe. Erst jetzt schlug ich zu und befahl ihr, mit der schnellsten Abfassung ihres Berichts ihre Arbeit für uns zu beenden. Von dieser [Fortsetzung hinter dem Addendum – BRB] [Rückseite von Seite 32 – BRB:] [Dieses Addendum ist unrichtig; siehe Korrektur auf der Rückseite von S. 31][167]             Addendum zu Seite 32. Diese Mitteilung machte sie mir Anfang 1945, als ich meine zweite Reise (*)[168] nach dem befreiten Frankreich antrat. Sie wünschte, wenn ich mich recht erinnere, daß ich für sie zu erfahren versuche, was die politische Einstellung der gefangenen, oder vielmehr, zu den Alliierten geflüchteten Mitgliedern der sogenannten "Vlassov-Armee" (von den Faschisten zum Militärdienst gezwungene Sovietbürger) sei. Ich lehnte natürlich ab.             Später – nach Kriegsende – teilte sie mir ehrenwörtlich mit, daß sie keinerlei Beziehungen mehr zum Geheimdienst mehr habe, und daß sie für die Labour Partei arbeiten würde. Sie reiste tatsächlich für die Wahlen nach England und machte später für die Labour Regierung Propaganda. Wie weit ihrem Ehrenwort zu glauben war, lasse ich dahingestellt. Ich schreibe es nur als Faktum und nicht zu meiner Entlastung. [24. III. 54: Ich betone, daß die richtige Darstellung diejenige auf der Rückseite von Seite 31 ist.][169] ________________________________ [Ende des Addendum auf der Rückseite von Seite 32 – BRB] _________________________________ 8. [Blatt][Seite] 33 Zeit an intrigierte sie offen und heimlich gegen mich und half bei meinem bald darauf erfolgenden Sturz. Die Berg wurde von Boston zu meiner Nachfolgerin in Genf gewählt, aber es gelang mir diesen Beschluss rückgängig zu machen und die völlig loyale (aber nicht kommunistische) Frau Matthey an ihre Stelle zu setzen. Berg, die von dieser Aktion wusste, ging damit ebenfalls ins Lager meiner persönlichen Feinde über.             Ich glaube, es sollte berücksichtigt werden, daß meine Lage eine schwierige war. In einer "roten Hilfe" hatten beide Frauen natürlich keinen Platz. Nach außen handelte es sich aber um eine bürgerliche Organisation, dazu noch um eine amerikanische, und es war nicht leicht, einen nach außen – besonders gegenüber Boston – stichhaltigen Grund zur Entlassung zu finden, besonders, wenn die technische Arbeit dabei schwer leiden musste. Aber, wenn dies auch ein entlastendes Moment ist, – ich kann mich der Tatsache nicht verschließen, daß eine englische Agentin mit meinem Wissen im USC mitarbeitete, und daß ich einen sehr schweren Fehler beging, indem ich nicht schnell und radikal durchgriff. (*)[170]             In den folgenden Seiten, gehe ich auf einige politisch wichtige Einzelheiten der USC-Arbeit ein.             2. Marseiller Periode (März 1941 – November 1942).             Während dieser Zeit handelte es sich in erster Linie um den Aufbau des offiziellen Prestiges von USC als Aushängeschild; die rote Hilfe nahm deshalb quantitativ den 2. Platz ein, obwohl ihr prozentualer Anteil ständig wuchs. Als junges und noch kleines Hilfswerk, verlagerte sich die offizielle Arbeit absichtlich auf ein grossteils noch unberührtes Spezialgebiet, nämlich die ärztliche und zahnärztliche Hilfe in den Lagern und unter den freilebenden Flüchtlingen (Poliklinik und Zahntechnikum in Marseille mit Filialen in den Lagern). Innerhalb eines Jahres gelang es mir, USC zur anerkannten Organisation für ärztliche Hilfe zu machen und ich erhielt dafür vom internationalen Roten Kreuz in Genf große Gratiszuwendungen von Medikamenten, 9. [Blatt][Seite] 34 deren Wert unser damaliges Budget um ein Mehrfaches überstieg. Durch häufige Reisen in die Schweiz, baute ich auch dort das USC-Prestige auf, was später bei der Gründung des Genfer Zentralbüros von Bedeutung war.             Kurz nach meinem Eintreffen in Marseille, machte ich einen ersten Besuch in der Schweiz, und teilte der schweizerischen Parteileitung meine Ideen über die weitere Arbeit mit (ich war damals Mitglied der K.P. Schweiz – siehe erster Anhang). Diese verwies mich an den Leiter der Centrale Sanitaire Suisse[171], den Genossen Hans von Fischer[172], der mir eine Liste von hilfsbedürftigen Genossen in den südfranzösischen Lagern übergab, und dabei besonders auf die in Marseille internierten Maria Weiterer (Witwe von Siegfried Rädel[173]) und Hilde – ich erinnere mich nicht an den Namen[174], – Witwe eines bekannten in Hamburg hingerichteten Genossen[175]) hinwies. Mit diesen setzte ich mich gleich nach meiner Rückkehr in Verbindung. Nachdem sie aus der Schweiz Bestätigung meiner Aussagen erhalten hatte[176], wurde Maria Weiterer – bis zu ihrer von mir organisierten Flucht in die Schweiz (sie stand auf der Auslieferungsliste nach Deutschland) und später wieder nach meiner eigenen Flucht nach Genf – zu meiner und meiner Frau engsten politischen Beraterin. Sie vermittelte mir den Kontakt mit den in der Nähe von Marseille in tiefster Illegalität lebenden Paul Merker (dem ich später die Ausreise nach Mexiko unter falschem Namen vermittelte[177]). Als ständiger Parteikontakt in der täglichen Arbeit wurde zuerst die legal lebende Henny Stibi[178] und nach ihrer Abreise nach Mexiko, der ebenfalls legale Willi Kreikemeyer[179] bestimmt. Um mich besser zu sichern, wurde vereinbart, daß der Kontakt mit den anderen nationalen Gruppen durch Stibi oder Kreikemeyer stattfinden solle. Eine Ausnahme bildeten die Spanier, die ihren Vertreter Felix Llanos [Llanos][180] als USC-Mitarbeiter bestimmten; er arbeitete in unserem Büro bis zu seiner Verhaftung (Sommer 1942 ?). So ist es gekommen, daß meine 10. [Blatt][Seite] 35 Arbeit in Marseille und später in Genf (in geringerem Maße) vor allem unter der Leitung der deutschen Partei stattfand. Mit [Henny] Stibi und später mit Kreikemeyer kam ich fast täglich zusammen und beriet mich mit ihnen in allen Fragen der politischen Hilfsarbeit.             Auf Einzelheiten hier einzugehen, würde zu weit führen. Es handelte sich grundsätzlich um Kaderschutzarbeit[181]. Die materielle Hilfe bildete nur einen Teil. Als Beispiel nenne ich meinen Kontakt mit einer Frau in der Präfektur[182], die mir heimlich Informationen übermittelte über Genossen, die auf der geheimen Auslieferungsliste standen oder sonst von der Gestapo gesucht wurden.             Bei meinen Reisen in die Schweiz, vermittelte ich Courierdienste für die deutsche und die spanische Partei. Durch den deutschen Parteivertreter in Genf, Leo Bauer, wurde ich mit dem illegal in Basel lebenden Parteileiter Paul Bertz verbunden, der bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland im Frühjahr 1945 mein eigentlicher Parteileiter wurde, wenigstens was deutsche und allgemein politische Fragen betraf. Ich diente als Courier zwischen ihm und Merker und dann Kreikemeyer. Nach meiner Flucht in die Schweiz, wurde dieser nach mehrmonatigem Unterbruch wiederum durch mich vermittelt, mit Hilfe von Courieren der französischen Widerstandsbewegung, und dauerte bis zu Befreiung von Paris.             Ich möchte mich nicht brüsten, aber da ich schon von meiner physischen Feigheit gesprochen habe, ist es nur gerecht, wenn ich darauf hinweise, daß meine Courierarbeit nicht ungefährlich war: der Grenzposten stand unter Kontrolle eines Gestapobeamten, der mich fast jedesmal von französischen Gendarmen auskleiden ließ. Was mich rettete war der Haß dieser Gendarmen gegen die Gestapo. Soweit möglich, trug ich die Informationen im Kopf. Es kam aber auch vor, daß das Futter meines Anzugs mit Dokumenten auf Seidenpapier vollgenäht war. Nun, es war selbstverständliche Pflicht. Ich meine nur: Vor dem Feind bin ich nicht völlig ohne Mut gewesen. 11. [Blatt][Seite] 36             In der Nacht vom 10.-11. November 1942 flohen meine Frau und ich nordwärts, während die deutsche Armee nach Süden marschierte. Als wir die Grenzstation am Morgen erreichten, war sie schon besetzt. Erst nachts gelang es uns, mit Hilfe der Widerstandsbewegung, an einer entlegenen Stelle über die Grenze zu rennen, ein ankommender Wagen der SS beleuchtete uns im Moment des Übertritts mit seinen Scheinwerfern.             3. Genfer Periode des Aufstieg (1943 – 1946).             In Genf galt es, beinahe wieder von vorne anzufangen. Der Kontakt mit Frankreich war abgerissen, die Hilfe für Flüchtlinge in der Schweiz noch nicht begonnen, und es brauchte fast ein Jahr[,] um neue Grundlagen zu schaffen. Dann aber ging die Arbeit rasch vorwärts[,] und zur gegenwärtigen Hilfsarbeit gesellte sich das Planen von Nachkriegsarbeit in den befreiten Ländern. Parteitechnisch änderte sich die Arbeit vor allem dadurch, daß ich – gemäß der anderen Lage in der Schweiz – mit jeder nationalen Parteigruppe gesondert in Verbindung trat; d.h., jede Parteigruppe ernannte – nach Rücksprache mit der schweizerischen Partei – einen (oder höchstens 2) Vertreter, um mit mir zusammen zu arbeiten. Daraus entwickelte sich eine Art nationaler Gruppenhilfe: Ich teilte, mehr oder weniger nach der Gruppenstärke, einen erheblichen Teil des Budgets nach einzelnen Gruppen auf, übergab das Geld dem jeweiligen Vertrauensmann und erhielt von ihm Abrechnungen und Berichte über die Verwendung (zu offizieller Benutzung); über die tatsächliche Verwendung des Geldes konnte man sich gelegentlich ein gegenseitiges Augenzwinkern erlauben. Ich will damit nicht besagen, daß das Geld nicht – wenigstens in den meisten Fällen – für Hilfs­zwecke (im Rahmen der Partei) verwendet wurde, sondern nur: 1. daß die Tatsache getarnt werden mußte, daß es sich um eine "rote" Hilfe handelte; 2. daß ich den Genossen volles Vertrauen schenkte, und ihre Berichte und Abrechnungen als bare Münze hinnahm, ohne irgendwelche Kontrolle durchzuführen. Gerade darin sah ich meine Hauptaufgabe: gewissermaßen den "Dummen" zu spielen und als eine Art Schild zwischen den Genossen und dem USC zu stehen. 12. [Blatt][Seite] 37 Bei weitem nicht alle Genossen, mit denen ich – besonders später in Frankreich – zu tun hatte, wussten, daß ich Kommunist bin. Unsere französische Leiterin Herta ("Jo") Tempi, mit einem Stab von mehreren Dutzend Genossen, stellte mich gegenüber den meisten als amerikanischen Dummkopf dar, den man leicht betrügen konnte, und unsere erweiterten Stabssitzungen waren in dieser Beziehung manchmal höchst amüsant.             In der Schweiz war es mein Ziel, mich mit einer Reihe von zuverlässigen Genossen zu umgeben, die nicht als USC-Stabsmitglieder, sondern als Parteivertreter die Hilfsarbeit mit dem USC-Geld durchführen würden. (Es ist zu bedenken, daß die Partei während des Krieges verboten war[183][,] und jede Parteitätigkeit mit Gefängnis bestraft wurde). Aus diesem Grunde hatte ich in meinem Genfer Stab (außer meiner Frau) auch keine Genossen; während unserer halbjährigen Abwesenheit in Amerika (1945-46) wurden wir durch die schweizerische Genossin, Elsie Haus, vertreten.             Unter den Fragen, die ich bei der Gruppenhilfe stillschweigend im Dunkeln ließ, waren unter anderem solche: ob die Hilfe tatsächlich (wie die "Quittungen" bezeugten) an notleidende Genossen in der Schweiz – oder eher an kämpfende Genossen jenseits der Grenze ging; ob für Nahrungsmittel und Kleider – oder etwa für Ausrüstung von Partisanen in Norditalien, – u.s.w. Es kam auch vor (aber nur selten), daß mit meinem Wissen Geldsummen für rein politische Zwecke verwendet wurden (z.B., Propagandatätigkeit der ungarischen Parteigruppe). Meistens lehnte ich solche rein politische Hilfe ab, weil sie die ganze Arbeit zu sehr gefährdete (Beispiel: ich lehnte ein Gesuch der schweizerischen Partei ab, ihr zu helfen, das Parteiorgan – ich glaube es hieß "Vorwärts" – aus Finanznöten zu retten; ob ich hierin richtig gehandelt habe, wage ich nicht zu entscheiden).             Einige Worte in Bezug auf die deutsche Gruppenhilfe: Ich bin dafür von deutschen Genossen schwer kritisiert worden, aber ich bin noch heute überzeugt, daß ich nicht anders handeln durfte, als ich es tat. Es war für mich als amerikanischen Genossen, unbedingte Pflicht, mich 13. [Blatt][Seite] 38 nicht in die internen Konflikte anderer Parteien einzumischen. Ein solcher Konflikt bestand in der deutschen Parteigruppe, und zwar hauptsächlich zwischen der völlig illegal lebenden Leitung (Paul Bertz) und der mehr oder weniger legal lebenden Gruppe, die sich um das "Freie Deutschland" scharte[184]. Paul Bertz war für mich der rechtmäßige Chef, vor allem bestätigt durch Paul Merker. Solange Merker, oder eine ähnliche höhere Instanz, mich nicht anwies, Bertz zu verlassen, musste Bertz mein Leiter bleiben, ganz unabhängig vom internen Streit; meine eigenen Ansichten durften dabei keine Rolle spielen (ich war nicht immer mit Bertz einverstanden[,] und wir haben uns oft gestritten; aber seine Befehle waren für mich verpflichtend). Bei der Hilfe an die deutsche Gruppe hielt ich mich deshalb streng an die Anweisungen von Bertz (bis zu seiner Abreise) und das Geld für die deutschen Genossen ging zum größten Teil durch seine Hände. Die andere Gruppe versuchte mich mehrmals von Bertz abzuspalten, und verlangte sogar einmal von mir, zu einem geheimen Treff in einer Kleinstadt zu kommen[185]: ich habe den Treff nicht eingehalten. Im übrigen setzte ich meine kameradschaftlichen Beziehungen zu einzelnen Mitgliedern und Leitern dieser Opposition fort und arbeitete, nach der Abreise von Bertz[186], mit ihnen zusammen (Langhoff[187], Teubner[188]). Ich spreche von dieser ganzen Angelegenheit nur deshalb, weil ich vermute (bitte, es ist nur eine Vermutung), daß die damals entstandene Kritik und sogar Feindschaft gegen mich (der sich auch Hans von Fischer von der CSS[189] und besonders seine deutsche Frau[190] anschloß) eine gewisse Rolle in der Genesis meines jetzigen Wohnsitzes gespielt hat.             Auch einige Worte zur jugoslavischen Gruppenhilfe: in den Verhören wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich die Titogruppe unterstützte. Aber ich bitte, – es handelte sich doch um die Jahre 1943-44, als die jugoslavische Partei (außer der sovietischen Partei) bei allen Kommunisten als Kampfpartei den höchsten Ruf und die größte Liebe genoß. Woher sollte ich, ein kleiner Genosse, voraussehen, daß diese Partei vier Jahre später aus der Gemeinschaft der Bruderparteien ausgestoßen sein würde? Ja, meine Hilfe an die jugoslavische Gruppe 14. [Blatt][Seite] 39 war verhältnismäßig groß; aber auch die Gruppe selbst war groß, und dazu noch besonders bedrängt: von den Behörden und der Polizei, von der jugosl.[awischen] Gesandtschaft, von ihren eigenen Landsleuten (der Mihailovic Gruppe[191]). Was aus meinem hauptsächlichen Vertrauensmann, Mischa Lompar[192], geworden ist, weiß ich nicht, aber ich nehme an, daß er bei Tito verblieb (sein jüngerer Bruder war[,] glaube ich[,] Adjutant bei Tito). Auch ist mir eine vage Erinnerung geblieben, daß er mir einmal in irgend einem Zusammenhang sagte, daß er "Dulles kenne" (mehr sagte er nicht).             Einen wichtigen Teil der Gruppenhilfe bildeten die illegalen und äußerst geheimen Geldsendungen nach Frankreich für die deutschen Genossen und für Spanienkämpfer; das ganze Geld ging durch Vermittlung der französischen Widerstandsbewegung an Kreikemeyer[193], zuerst in Marseille, später in Paris. Ich erinnere mich nicht an die Gesamtsumme, aber sie überstieg, wenn ich nicht irre, 100 Tausend Schweizer Franken (einschließlich die berüchtigten 2 Tausend Dollar (8,000 Franken) von Dulles). Kreikemeyer hat darüber eine genaue Abrechnung an die Partei gemacht[194], desgleichen Paul Bertz (auf Grund meiner Angaben); die Ziffern können, nach Umrechnung des jeweiligen (illegalen) Kurses leicht verglichen werden.             Neben der Gruppenhilfe bestand noch eine ausgedehnte Individualhilfe, sowohl für Genossen, wie für Nichtgenossen; erstere auf Grund von Empfehlungen der jeweiligen Parteigruppe. Dies war das besondere Arbeitsgebiet meiner Frau.             Auf Grund des in der Schweiz aufgebauten Prestiges, das in keinem Verhältnis zur Größe der Organisation stand, gelang es mir mehrmals, bei gemeinsamen Aktionen der verschiedenen Hilfswerke, diese in einem für die Partei günstigen Sinn umzubiegen. So gelang es mir, bei der Schaffung des Zürcher Schulungskurses für Nachkriegshilfe, die Leitung einer Genossin zuzuspielen (Elsie Haus). Resultat: im ersten Kurs unter (wenn ich nicht irre) etwa 40 Teilnehmern, drei oder vier Genossen (darunter Alfred Häsler[195], Tonia Lechtman[196], Paula Acker-Löffler[197]); im zweiten Kurs, beinahe die Hälfte Genossen (bei völliger Illegalität der Partei!)[198]. Später: die Koordinationsstelle für Flüchtlingshilfe[199], geleitet von Alfred Häsler und Dora Staudinger[200] (beides Genossen), aus der dann die 15. [Blatt][Seite] 40 berühmte Auskunftsstelle hervorging, für die Häsler ins Gefängnis kam[201]. Mein Einsatz zugunsten von Häsler, als im Jahre 1944 eine Gruppe von Kursteilnehmern (bestehend aus Trotzkisten und Reaktionären) seinen Ausschluß verlangte, stellt den Ausgangspunkt des offenen Kampfes der Trotzkisten gegen mich und gegen [das] USC dar.             Mit der Befreiung von Paris im August 1944 begann der Wiederaufbau der USC-Arbeit in Frankreich auf enorm erweiterter Basis. Schon mehrere Monate vor der Befreiung hatte ich, auf Grund einer Empfehlung der deutschen Parteileitung in Paris, durch einen mit synthetischer Tinte beschriebenen Zettel, die Genossin Jo Tempi zur "Direktorin für Frankreich" ernannt (um den Plänen Bostons zuvorzukommen und ein "fait accompli" zu schaffen). Jo (Herta) Tempi war die Frau des in einem deutschen Konzlager sitzenden Werner Jurr[202] (1947 gestorben); nach ihrer Flucht aus Deutschland (vor dem Kriege) hatte sie durch eine Scheinehe den Namen Tempi und das französische Bürgertum[203] erlangt. Sie war Mitglied der französischen Partei und aktiver Teilnehmer an der Widerstandsbewegung. Ich wa