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JHK 2008

Inhaltsverzeichnis

JHK 2008

Stand und Perspektiven der historischen Kommunismusforschung. Protokoll eines internationalen Forschungskolloquiums am 17. April 2007 in Berlin

Stand und Perspektiven der historischen Kommunismusforschung waren Thema eines Rundtischgesprächs, das auf Initiative der Herausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 17. April 2007 in der Vertretung des Freistaates Thüringen beim Bund in Berlins Mitte stattfand. Anlass war die Präsentation der Ausgabe 2007 des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Bülent Bilmez (Türkei), Stefan Karner (Österreich), Norman LaPorte (Großbritannien), Krisztián Ungváry (Ungarn), Krzysztof Ruchniewicz (Polen), Brigitte Studer (Schweiz), Oldřich Tůma (Tschechien), Alexander Vatlin (Russland) und Thomas Wegener Friis (Dänemark) – allesamt Mitglieder des neu berufenen internationalen wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs – berichteten über Forschungstendenzen und -kontroversen in ihren Ländern. Moderiert wurde das Gespräch, zu dem namhafte Kolleginnen und Kollegen als Gäste und Mitdiskutanten eingeladen waren, von Ulrich Mählert. Das nachfolgende Protokoll der Diskussion wurde für die Veröffentlichung geringfügig bearbeitet und gekürzt. Dr. Ulrich Mählert: Ich möchte Sie alle recht herzlich im Namen des Herausgeberkreises und des Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung wie auch im Namen der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur begrüßen, in deren Auftrag das Jahrbuch seit 2004 erscheint. Wir haben in die Landesvertretung Thüringen zu einem Kolloquium eingeladen, um uns über aktuelle Tendenzen der Kommunismusforschung auszutauschen. Die Teilnehmer sind auf den unterschiedlichsten Feldern der Kommunismusforschung tätig, und wir freuen uns darauf, mit Ihnen diese Diskussion führen zu können. Das Ganze ist als ein informelles Rundtischgespräch geplant, es gibt kein Podium im klassischen Sinne. In der ersten Stunde sollen zunächst einmal die Beiräte des Jahrbuchs zu Wort kommen. Die Veranstaltung soll auch dazu dienen, das aktuelle Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung vorzustellen, dem wir eine möglichst große Verbreitung wünschen. Bei der Vorbereitung der heutigen Gesprächsrunde wurde mir die Disparität des Begriffs »Kommunismusforschung« wiederum deutlich. Wer vor 15 oder 20 Jahren gefragt worden wäre, was er unter Kommunismusforschung verstehe, hätte wohl zumeist die Erforschung der Geschichte des Kommunismus als Ideologie, als politische Bewegung, als Herrschaftsform oder aber als politische Opposition vor allem für die Zeit vor 1945 genannt – und ich vermute, viele würden heute noch eine ähnliche Antwort geben. Also angefangen vom Frühkommunismus, von der Geschichte des Marxismus, der Abspaltung von der Sozialdemokratie über die Oktoberrevolution, die Sowjetunion – und auch da vermutlich eher bis zum Beginn des Kriegs –, die Geschichte der Komintern, die Geschichte der kommunistischen Parteien und Bewegungen, natürlich auch die Geschichte des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. All diese Facetten der Kommunismusgeschichte hätte man vermutlich im Wesentlichen mit der traditionellen Kommunismusforschung verbunden. Demgegenüber wäre bis in die neunziger Jahre der Blick auf die real existierende Herrschaft des Kommunismus in Ostmitteleuropa nach 1945 vermutlich nur von einer Minderheit so ohne Weiteres der Kommunismusforschung zugeschrieben worden. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat hier ein Wandlungsprozess eingesetzt. Mit dem JHK wollen wir ganz bewusst diese Perspektiverweiterung befördern. Die Geschichte der kommunistischen Diktaturen in Ostmitteleuropa nach 1945 muss in die Geschichte der kommunistischen Bewegungen vor dieser Zäsur eingeordnet werden. Sie sind Teile des Ganzen. Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung soll die Plattform einer sich wandelnden Forschungslandschaft sein, die seit den friedlichen Revolutionen 1989 in Ostmitteleuropa und der damit einhergehenden »Archivrevolution« ungemein produktiv war und die am Anfang von Historisierungsprozessen steht, was die Zeit nach 1945 betrifft. Bei unserer heutigen Diskussionsrunde werden wir das Thema über die durch unsere Beiräte vertretenen Länder bzw. Sprachräume angehen. Mit Brigitte Studer, Nory LaPorte und Thomas Wegener Friis sind die Schweiz, Großbritannien und Dänemark vertreten – Länder, in denen der Kommunismus bzw. die kommunistische Bewegung zwar durchaus auf eine Tradition zurückblicken kann, jedoch nie eine wirklich prägende Kraft entfalten oder gar politische Herrschaft ausüben konnte. Demgegenüber waren die Kommunisten in Frankreich, das hier ebenfalls durch Brigitte Studer repräsentiert werden soll, über einen langen Zeitraum hinweg ein wichtiger politischer Faktor. Mit Deutschland und Österreich sind wiederum heute Länder vertreten, in denen es vor 1933 bzw. 1938 eine starke kommunistische Bewegung und nach 1945 ein sowjetisches Besatzungsregime, wenn auch von höchst unterschiedlicher Dauer und Qualität, gab. Polen, Tschechien und Ungarn, für die Krzysztof Ruchniewicz, Oldřich Tůma und Krisztián Ungváry stehen, sind Länder, in denen Kommunismusgeschichte vor allem mit der Diktaturgeschichte nach 1945 verbunden wird; selbst wenn es dort vor dem Zweiten Weltkrieg bereits – wenn auch unterschiedlich starke – kommunistische Bewegungen gegeben hat. Die historische Kommunismusforschung wird in den verschiedenen Ländern und Sprachräumen stark vom Erfahrungshintergrund der jeweiligen Gesellschaften geprägt. Natürlich blicken Forscher in postkommunistischen Staaten anders auf den Kommunismus, haben andere Interessen als Forscher in Westeuropa oder Nordamerika. Dort fällt eine historisierende Betrachtung des Kommunismus als einer sozialen Bewegung mit all ihren – zum Teil schrecklichen – Transformationen leichter. Die unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich nicht zuletzt aus den jeweiligen Forscherbiografien – was auch im Wissenschaftlichen Beirat des JHK deutlich wurde. Wir haben die Situation, dass der ungeheure Boom, den die Kommunismusforschung nach 1989 mit der Öffnung der Archive in Ostmitteleuropa erfahren hat, die Ergebnisse von vor 1989 zum Teil überlagert hat. Zeitweilig – und zu Recht – war Kommunismusforschung in den neunziger Jahren die wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung mit den Massenverbrechen im sowjetischen Stalinismus. Hier sei das Schwarzbuch in Erinnerung gerufen, das für große Debatten sorgte. Interessant scheint mir, dass die historische Kommunismusforschung stark von Personen geprägt wurde, die selbst einst Teil dieser Bewegung gewesen waren und mit ihr später gebrochen hatten. Nach 1989 war zumindest zeitweilig eine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit den »weißen Flecken« in der Kommunismusgeschichte durch Historiker in Ostmitteleuropa und in der DDR zu verzeichnen, die bis 1989 Geschichtswissenschaft im Dienste der führenden Partei betrieben hatten. Schließlich konnte man in den neunziger Jahren am Beispiel der Kommunismusforschung erleben, wie leicht zeithistorische Diskurse zu tagesaktuellen Kontroversen werden können. Manchmal erschien die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kommunismus wie eine Verlängerung des bis 1989 herrschenden Ost-West-Konflikts über das Jahr 1989 hinaus. Wer sich in den neunziger Jahren mit der DDR-Geschichte beschäftigte, wird sich noch gut (und schaudernd) an die Debatten darüber erinnern, wer überhaupt zu forschen und publizieren berechtigt ist, welche Deutungen und Lesarten akzeptabel sind etc. Was sind die Fragestellungen, die Perspektiven, die wir heute hier erörtern wollen? Wir wollen fragen: Wie entwickelte sich die Kommunismusforschung und auf welchem Stand ist sie? Wie es Frau Studer in einem Papier zur Vorbereitung umrissen hat: Ist sie noch immer eher die klassische Politikgeschichte, ist sie eher Institutionen- und Parteiengeschichte oder geht sie jetzt stärker in pluralistische geschichtliche Fragestellungen über, die Milieus, Kollektivbiografien und Ähnliches betreffen? Inwieweit ist das Jahr 1945 immer noch die große Wasserscheide, widmet sich die Forschung entweder Entwicklungen, die 1945 vermeintlich oder tatsächlich enden, oder solchen, die danach beginnen? Welche Bedeutung haben sozialgeschichtliche Ansätze? Welche Themen und Fragestellungen befinden sich im Ab-, welche im Aufschwung? Wie sieht die Archivsituation aus? Wer interessiert sich eigentlich für dieses Thema? Bevor in der ersten Runde die Beiräte zu Worte kommen, möchte ich jetzt Professor Weber bitten, ein paar Stichworte zum Stand und zu den Perspektiven der Kommunismusforschung in Deutschland zu geben. Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber: Ich werde lediglich ein paar Anmerkungen machen. Nicht nur, weil ich eben so höflich darum gebeten wurde, sondern auch, weil ich vor fünf Jahren in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte bereits den Versuch unternommen habe, die Kommunismusforschung speziell in Deutschland darzustellen. Außerdem sollten wir rasch zur Diskussion kommen. Entscheidend ist für mich – Ulrich Mählert hat sie zu Recht genannt – die alte Kommunismusforschung, oder besser gesagt, was wir als Kommunismusforschung verstanden haben: die Analyse der Entwicklung der kommunistischen Bewegung als einer radikal-sozialen Bewegung, ihre Ideologie, ihre Vorstellungswelt, die Art und Weise, wie sie später Herrschaftsmethoden entwickelt hat. Das ist in jüngster Zeit etwas in den Hintergrund getreten, auch in Deutschland, wo die Erforschung der SED-Diktatur sehr breiten Raum einnahm. Wichtig ist dabei, dass sich ab Mitte der neunziger Jahre (das sage ich auch als Zeitzeuge) der Schwerpunkt der gesamten Kommunismusforschung veränderte. Bereits vor dem Ende der kommunistischen Regime, noch während der »Perestrojka« gab es einen Paradigmenwechsel: Anstelle der Analyse der kommunistischen Bewegung oder der Herrschaftssysteme rückte nun der Terror in den Mittelpunkt der Forschungen. Eine Diskrepanz kam auf zwischen einerseits der Untersuchung des kommunistischen Terrors – ein Riesenfeld, wie sich gezeigt hat – und andererseits klassischen Studien zur traditionellen kommunistischen Bewegung. Während zum Terror beträchtlich publiziert wurde – im bereits genannten Schwarzbuch ist viel nachgewiesen worden, darunter zum Teil so Schreckliches, dass man sich nur schwer damit befassen kann –, ist auf dem Gebiet der eigentlichen, ursprünglichen Kommunismusforschung, also zur Bewegung, zur Ideologie, ein starker Rückgang zu verzeichnen. Die Aspekte Terror und diktatorische Herrschaftssysteme sind seither gut erforscht, doch bleiben die radikale soziale Bewegung und ihre Entwicklung insgesamt unterbelichtet. Das scheint sich in Deutschland im Moment wieder zu ändern. Erfreulicherweise beschäftigen sich jüngere Forscher auch wieder mit der Bewegung. Aber insgesamt stehen im Mittelpunkt (durch neu in den Archiven entdeckte Fakten) Darstellungen, wie der Terror tatsächlich ausgesehen hat. Diese gehen weit über das hinaus, was Forscher vorher feststellen konnten. Es bleibt dennoch notwendig, kommunistische Bewegungen, ihre Entwicklung als radikal-soziale Strömung, wieder stärker zu untersuchen. Das ist ein Anliegen des Jahrbuchs. Es bedeutet, den Kommunismus nicht auf Terror zu reduzieren, aber diesen Terror natürlich als Teil des Kommunismus zu sehen. Dazu gibt es zwei gegensätzliche Einschätzungen. Die einen tun so, als sei alles halb so schlimm gewesen, und die anderen sagen, es gab nur Terror. Beides ist in dieser Einseitigkeit falsch und muss berichtigt werden. Und da verweise ich auf das Jahrbuch. Es liegen jetzt 13 Bände vor, genau genommen 14, denn 2000 / 01 war ein Doppelband. Wenn man da reinschaut, dann sieht man, dass differenziert gearbeitet wurde. Die meisten, die hier sitzen, waren ja Autoren. Die Entwicklung hat dazu geführt, dass die Aspekte Terror und diktatorische Kommunismusherrschaft sehr viel breiter in der Literatur zu finden sind als die Geschichte der Bewegung. Ulrich Mählert hat heute Morgen in der Pressekonferenz zu Recht gesagt, dass es eigentlich immer noch keine Geschichte der SED gibt. Aber die SED war es, die die Diktatur in der DDR ausgeübt hat. Die Stasi war ja bekanntlich nur deren »Schild und Schwert«, wie sie sich nannte. Und wenn wir heute noch keine Gesamtgeschichte der SED haben, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, dann zeigt das, dass es selbst in dieser DDR-Forschung immer noch wesentliche Desiderate gibt und die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist. Mir scheint, als Fazit der bisherigen Forschung ist festzuhalten: Die Kommunismusforschung hat in den letzten 15 Jahren inhaltlich gute Fortschritte gemacht. Auch die personelle Neuformierung der Historiographie ist erfolgreich verlaufen. Es gab und gibt eine produktive Entwicklung der historischen Kommunismusforschung. Sie wurde auch vorangetrieben durch den Pluralismus in der Forschung. Wir haben erfreulicherweise nicht den bestimmenden »Mainstream«, sondern eine beeindruckende Vielfalt von Methoden und Bewertungen und daher günstige Voraussetzungen für eine innovative Fortentwicklung. Die Kommunismusforschung ist auch deshalb entwicklungsfähig, weil jetzt Archivmaterial vorhanden ist und man sich nicht, wie es früher der Fall war, mit veröffentlichten Unterlagen oder Zeitzeugenberichten begnügen muss. Ebenso gehört dazu, dass noch ausreichendes Interesse am Thema besteht. Die Forschung hat etliche Möglichkeiten, weiterzukommen, und sie hat dabei zweierlei zu beachten. Da ist einmal die Diskrepanz, der Unterschied zwischen DDR-Forschung und allgemeiner Kommunismusforschung. Die DDR-Forschung ist in Deutschland gut vorangekommen, es fehlt aber eine gewisse Koordinierung. Sie ist recht gut organisiert, dagegen kaum verknüpft mit den Forschungsanstrengungen zur deutschen kommunistischen Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg, zum Widerstand gegen Hitler, zur Kommunistischen Internationale. Noch wichtiger ist eine länderübergreifende Vernetzung. Wir versuchen in die Richtung zu steuern, doch die Realität der deutschen Kommunismusforschung ist, dass die Erforschung der Entwicklungsgeschichte der Bewegungen bis hin zur Komintern sehr im Schatten der DDR-Forschung steht. Das ist, glaube ich, nicht nur ein deutsches Problem. Das sieht anderswo ähnlich aus. Die zweite Voraussetzung dafür, dass diese Forschung Zukunft hat, ist die weitere wissenschaftliche Fundierung. Es sieht zwar heute besser aus, gemessen an dem, was Anfang der Neunziger alles so ins Kraut geschossen war. Aber es fehlt die Verbindung zu den sogenannten Mutterwissenschaften, insbesondere zur Zeitgeschichte. Der derzeit aktuelle Zugang zur Zeitgeschichte, etwa die Erinnerungskultur, kann auch für die Kommunismusforschung fruchtbar gemacht werden. Notwendig sind zudem klarere Differenzierungen, fundiertere Wertungen, die Berücksichtigung verschiedener Zeitperioden, der Rahmenbedingungen und der Motive der Akteure – kurzum, die gültigen Standards der Wissenschaft sind zu beachten. Es sollte nicht allzu schwer sein, diese Voraussetzungen zu erfüllen. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo absehbar ist, dass eine gewisse Historisierung des Kommunismus denkbar und möglich ist. Pauschal wurde das für die NS-Zeit ja schon relativ früh angesprochen. Damit ist nicht gemeint, die Schreckenszeit zu verharmlosen oder gar vergessen zu machen. Im Gegenteil, Historisierung bedeutet Einbettung in die Geschichte, heißt, Vorurteile, Schwarz-Weiß-Malerei, Emotionen ebenso zu überwinden wie Rechtfertigungen und Verzerrungen. Wahrscheinlich wird es nur so und erst dann möglich sein, die zentrale Frage zu beantworten, wieso die kommunistische Bewegung trotz des sowjetischen Beispiels und trotz des blutigen Terrors immer wieder in aller Welt neue Anhänger gefunden hat. Eine Historisierung hätte meiner Meinung nach zu prüfen, warum es möglich war, dass die kommunistische Bewegung auch in den Zeiten, in denen stalinistische Terrorregimes die schreckliche Realität zeigten, immer noch Massen von Mitgliedern, Massen von Funktionären gewinnen konnte. Das gilt nicht für alle, aber für viele Länder. Ich nenne nur Frankreich und Italien. Es gilt also, den Blick sowohl auf die Diktaturen und den Terror zu richten als auch auf die Frage der Traditionen. Und dann wird man sehr rasch merken: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen. Einer dieser Gründe ist mit Sicherheit das Gegenmodell, der Kapitalismus. Das kann Folgen für die Zukunft haben. Wenn dieser Kapitalismus sich so entwickeln sollte wie aktuell in Russland, wird er radikale Gegenströmungen auslösen. Dort soll es 400 Milliardäre geben, deren Reichtum genauso groß ist wie derjenige der gesamten übrigen Bevölkerung. Ob das, als der Zar und dann die Kerenski-Regierung gestürzt wurden und die Bolschewiki, die Kommunisten, an die Macht kamen, auch schon so fatal war, ist mir nicht bekannt. Aber es spricht dafür, dass der Kommunismus nicht eine ideologische Raffinesse von Einpeitschern gewesen ist, sondern dass es für sein Aufkommen reale Gründe gab. Als überzeugter Demokrat bin ich der Meinung, nur Demokratie kann eine Gesellschaft voranbringen. Wer soziale Gerechtigkeit will, der muss bei der Kommunismusforschung – da stimme ich Ulrich Mählert voll zu – den eigenen Standpunkt klar zeigen. Aber ich muss natürlich in der Beschreibung, in der Analyse in der Lage sein, objektiv an das Ganze heranzugehen. Das ist die Schwierigkeit, auf die ich hier noch einmal hinweisen will. Mir ist nicht bange, dass die positiven Forschungsergebnisse in den nächsten Jahren und vielleicht auch den nächsten Jahrzehnten ausgebaut werden. Es sind dabei jedoch einige Voraussetzungen zu erfüllen. Eine Historisierung wäre immer noch die große Chance. Es ist wohl 30 Jahre her, dass Martin Broszat die Historisierungsthese für den Nationalsozialismus aufgestellt hat. Wir haben es zwar immer noch nicht geschafft (das ist meine Meinung), doch wir haben uns sehr stark an die Historisierung der Nazidiktatur angenähert. Wenn es gelingt, in zehn oder zwanzig Jahren auf dem Gebiet der Kommunismusforschung ebenso weit zu sein, dann haben wir vielleicht alle mit unseren Beiträgen als Forscher, und auch ein kleines bisschen mit dem Jahrbuch, dazu beigetragen. Mählert: Vielen Dank, Hermann Weber. Ich möchte Alexander Vatlin jetzt nicht fragen, ob er einen der 400 Milliardäre kennt, der die Kommunismusforschung in Moskau finanzieren könnte, sondern ihn hier nur ganz kurz vorstellen. Alexander Vatlin feiert in diesem Jahr seinen 45. Geburtstag. Er hat 1987 an der Lomonossow-Universität in Moskau promoviert, hat sich 1998 habilitiert und ist dort heute Professor für Zeitgeschichte. Seine Themen waren immer die Komintern, die Säuberungen im Kommunismus, die Entwicklung der kommunistischen Bewegungen, das Verhältnis zu Deutschland, das Exil in der Sowjetunion. Er zählt zu den Kollegen, die wirklich von Anfang an dabei waren. Von 1988 bis 1991 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Geschichte der Komintern am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU gewesen. Er hat die heißeste Zeit erlebt, was die Öffnung der Archive betrifft: das Tilgen weißer Flecke. Allein darüber kann er mittlerweile als Zeitzeuge erzählen. Was uns interessiert: Welchen Stellenwert hat die historische Kommunismusforschung im heutigen Russland? In der Vorbereitung hat er eine kurze Anekdote zu diesem Thema aufgeschrieben. Bitte fang damit an und erzähl uns, ob es im heutigen Russland im universitären Raum überhaupt noch eine freie Auseinandersetzung mit diesem Thema gibt. Prof. Dr. Alexander Vatlin: Danke für diesen Hinweis, aber ich glaube, das wäre schon wieder ein Thema für die nächste Konferenz. Zur Kommunismusforschung in Russland: Ich meine, dieses Thema wäre, besonders für Russland, ein Projekt, dem auch von unserem Staat entsprechendes Interesse entgegengebracht werden sollte. Das Problem beginnt jedoch schon damit, dass wir keine Kommunismusforschung als Schwerpunkt an den Universitäten haben. Weiterhin ist die Situation in Russland ganz anders als für unsere Kollegen in anderen osteuropäischen Ländern, die auch eine kommunistische Phase gehabt haben. Was es jetzt an jeder Universität gibt, ist die Zeitgeschichte, und daneben haben wir die Heimatgeschichte, d. h. Geschichte Russlands. Damit verschwindet die kommunistische Epoche, der entsprechende Lehrstuhl heißt Heimatgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und weil die russische Revolution 17 Jahre nach dem Beginn des Jahrhunderts stattfand, ist die Sache besonders kompliziert. Was haben wir für strategische Perspektiven? Wir haben den Kommunismus als eine europäische Bewegung im 19. Jahrhundert. Dann teilt sich die Geschichte in eine »falsche« kommunistische Bewegung in Europa und eine »richtige« in Russland. »Falsch« in Eu-ropa, weil dort Erscheinungen wie Revisionismus, Opportunismus und sozialer Faschismus auftraten; »richtig« in Russland, weil hier ein Experiment gewagt wurde. Das war sozusagen der »Russische Weg« ins 20. Jahrhundert. Das war eine ideologische Strömung, die 1917 geboren wurde und auch 1991 in Russland nicht zugrunde ging, weil sie nicht wirklich eliminiert, sondern nur in den Hintergrund gedrängt wurde. Andererseits dient die Kommunismusforschung bei uns der Legitimierung von staatlichen Interessen in der heutigen Situation. Immer häufiger wird zum Beispiel Stalin als der erfolgreichste Politiker Russlands des vorigen Jahrhunderts genannt. Ich würde mir auch eine Historisierung wünschen, aber es gibt, glaube ich, bei uns kaum die Möglichkeit, an Historisierung zu denken, weil die russische Geschichte bis heute in den Dienst aller möglichen Interessen gestellt wird. Ich brauche wohl keine Beispiele dafür zu nennen, es ist zweifelsohne so. In unserer öffentlichen Meinung wird kommunistische Ideologie nur als schöne Verpackung rezipiert, die es der zentralen Macht ermöglicht hat, das Vielvölkerreich vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Dabei wird die Erweiterung der sowjetischen Einflusszone nach 1945 eher negativ bewertet, als Überdehnung, die den Kollaps nach sich gezogen hat. Durch die Konfrontation mit dem Westen und den Rüstungswettlauf ist demnach der national gefärbte Modernisierungsversuch zugrunde gegangen. Das ist wirklich das große Problem, diese Trennung zwischen staatlichen und nationalen Interessen und Gefühlen einerseits und Kommunismus als internationaler Entwicklung andererseits. Wer studiert bei uns Kommunismus als internationale Entwicklung? Wirklich niemand. Wenn ich nun trotzdem noch weiter über die russische Kommunismusforschung spreche, dann meine ich die Forschung zur Geschichte Sowjetrusslands, der Sowjetunion, als der Kommunismus ein Staatsgebilde war. Welche Tendenzen lassen sich nennen? Erstens: die Fragmentierung sowie der nicht vorhandene komparative Ansatz. Wir haben wirklich kein gemeinsames Bild von unserer Epoche, der Zeit zwischen 1917 und 1991. Was für die SED zutrifft, betrifft ebenso die KPdSU. Die Forscher sind entweder auf Revolutionsgeschichte spezialisiert oder auf den Stalinismus. Aber den Kommunismus übergreifend darzustellen oder gar mit osteuropäischen Ländern oder China und Kuba zu vergleichen, damit sind wir erst bei den Anfängen. Dabei würde ich mir wünschen, dass wir in zehn Jahren im Jahrbuch auch einen komparativen Ansatz vorweisen können. Das Interesse der Kommunismus- oder Sowjetunionforschung verteilt sich bei uns sehr ungleichmäßig auf die verschiedenen Probleme und Zeitperioden. Ich habe manchmal das Gefühl, wir sitzen in einer Zeitmaschine und sind gerade in der frühen Nachkriegsgeschichte angekommen. Die hat gerade ganz stark Konjunktur: Die Sowjetunion nach dem Krieg und ihre Einflussnahme auf Osteuropa, die Besatzungszeit in der späteren DDR, aber auch in Österreich – das alles ist jetzt ganz groß, und wir sind, wenn wir uns weiter diese Zeitmaschine denken, gerade im Jahr 1953. Obwohl wir das Jubiläum des XX. Parteitags hinter uns haben, ist es eigentlich zu früh gekommen. Die Geschichte der Entstalinisierung hat nur in einigen Ansätzen Forschungsinteresse hervorgerufen, hier fehlt auch ein Vergleich in Zusammenarbeit mit Kollegen aus ost- und mitteleuropäischen Ländern.Die spätere Zeit – die sogenannte Erstarrungsepoche – ist total unbelichtet. Das liegt vor allem an den Archivquellen, die Deklassifizierung der Breschnew-Dokumente kommt sehr schleppend voran. Genauso schade ist es, dass die dreißiger Jahre, die Terror-Jahre, die schlimmsten Jahre für Russland im 20. Jahrhundert, langsam in Vergessenheit geraten, sowohl in der historischen Forschung wie in der öffentlichen Meinung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Fragmentierung des Gesamtbilds der kommunistischen Epoche in Russland. Man sieht das, was man sehen will, und das ist einer Historisierung gerade entgegengesetzt. Man erforscht die Mikrogeschichte anhand eines Betriebs, einer Schule oder sonst was, was eigentlich kein schlechter Ansatz ist. Und mit dieser Mikrogeschichte kann man alles Mögliche untermauern. Das führt zu einer Pragmatisierung der Geschichtsforschung. Man kann aus diesen ganz kleinen Bausteinen entweder ein Mausoleum aufbauen oder die Basilius-Kathedrale, ganz nach dem jeweiligen politischen Interesse und dem Hintergrund des jeweiligen Forschers. Was ich positiv erwähnen möchte, ist: Wir betrachten den Kommunismus nicht mehr nur als Herrschaftspraxis oder als Repressionssystem, sondern nehmen zunehmend auch die mentale Geschichte des Kommunismus als gesellschaftliches System in den Blick und versuchen, die neuen Methoden der westlichen Geschichtsschreibung anzuwenden. Der Blick von oben wird durch den Blick von unten ergänzt, man versucht, die Rolle der sozialen Träger des Systems zu erforschen, z. B. die Veränderung der Lebensweise infolge der Industrialisierung und Urbanisierung oder den Einfluss der öffentlichen Meinung auf die Entscheidungen im Kreml. Es entstehen neue Biografien der führenden Kader, der Leute um Stalin, sie werden nicht als Machtmaschinen gesehen, sondern als Menschen mit eigenen Gefühlen, Interessen und Neigungen. Mithilfe neuer, etwa anthropologischer, kulturhistorischer Forschungsmethoden kommen die Forscher zu einem Bild der Epoche, das ihnen durch klassische Quellen verwehrt blieb. Durch diese »revisionistische« Wende bekommt das System in gewissem Sinne menschliche Züge, das schwarz-weiße Bild wird mehrfarbig. Es ist ein Schritt vorwärts im Vergleich zur Dämonisierung des Kommunismus, die wiederum zum Beispiel Anfang der neunziger Jahre politisch ihren Wert hatte. Mählert: Vielen Dank! Wir wollen jetzt den Blick weiter nach Westen, nämlich nach Ungarn richten. Krisztián Ungváry vertritt János M. Rainer, den Direktor des »Instituts für die Geschichte der Ungarischen Revolution in Budapest 1956«. Die Forschungsschwerpunkte des Kollegen Ungváry am Institut sind Militärgeschichte, die ungarische Staatssicherheit zwischen 1956 und 1990, Antisemitismus, Nationalismus und Zwangsemigration im 20. Jahrhundert. Die Zahl der Publikationen geht in die Hunderte. Wir haben in Deutschland im letzten Jahr durch den 50. Jahrestag des Aufstands von 1956 vergleichsweise viel über die ungarische Zeitgeschichte gehört und dadurch auch einiges über Institutionen, die sich mit Zeitgeschichte beschäftigen: Das »Haus des Terrors« ist zumindest in Kollegenkreisen als durchaus streitbare Institution bekannt. Man hat also mitbekommen, ohne es im Detail zu wissen, dass Zeitgeschichte in Ungarn auch Streitgeschichte ist, und sicher ist es so, dass gerade in den Ländern, die auf eine kommunistische Diktatur zurückblicken, die Perspektive auf die Kommunismusgeschichte eine andere ist als beispielsweise in Frankreich oder Großbritannien. Wie würden Sie die Kommunismusgeschichte in Ungarn in knappster Weise umreißen? Und welche politischen und kulturellen Hintergründe sind dabei besonders zu benennen? Dr. Krisztián Ungváry: Prof. Weber hat darauf hingewiesen, dass die Historisierung der Kommunismusforschung so eine Sache sei. Ich glaube, das ist in Ungarn das größte Problem der Kommunismusforschung. Hier findet Historisierung überhaupt nicht statt. Das beschränkt natürlich ganz extrem die Möglichkeiten des Forschers, solche Forschungsprojekte in der heutigen Politik durchzusetzen. Ich möchte betonen, dass das nicht unbedingt mit der jeweiligen Regierung zusammenhängt. Es geht in den Diskussionen weniger um allgemeine Fragestellungen zur Kommunismusforschung als vielmehr darum, herauszufinden, wer zur Stasi gehörte und wer IM war. Aber auch das wird nicht so gemacht, wie es in der Bundesrepublik mit der DDR möglich war. Die Politisierung zeigt sich auch in der Institutionslandschaft. Das »Terror-Haus« bspw. wird von Frau Mária Schmidt geleitet. Sie sagt ganz klar, es sei notwendig, neue Institutionen zu schaffen, wenn die alten aus mannigfaltigen Gründen nicht in der Lage sind, das Thema umfassend zu erforschen. Sie hat mit diesem Standpunkt durchaus Recht. Andererseits betreibt gerade das »Terror-Haus« gar keine Forschung. Es verlegt nicht einmal Jahrbücher, was sehr wünschenswert wäre. Es gibt drei Institutionen: das Politikgeschichtliche Institut, das aus dem Institut für Parteigeschichte der früheren Staatspartei (heute Sozialisten) hervorgegangen ist, die Institution von Frau Schmidt für die Fidesz und das erwähnte 1956er-Institut, das allerdings nicht von Parteien ins Leben gerufen, sondern in Paris gegründet wurde, also unabhängig von jeglichen ungarischen Regierungen. Ich glaube, ich habe damit die Probleme angedeutet. Wenn es in Deutschland keine Geschichte der SED zu lesen gibt, dann kämpfen die Ungarn mit dem gleichen Problem. Die führenden Persönlichkeiten der Staatspartei sitzen wieder in der Regierung, und es gibt keine Geschichte über ihre eigene Partei. Mählert: Wenn ich es richtig verstanden habe, beschränkt sich die ungarische Kommunismusforschung tatsächlich auf die kommunistische Diktatur nach 1945. Spielt der Zeitraum vor 1945 überhaupt keine Rolle? Ungváry: Ja, selbst die Zeit zwischen 1945 und 1956 wird nicht mehr so intensiv erforscht, aber was 1919 oder die frühere KP betrifft, darüber gibt es überhaupt nichts. Die Forschung über die Räterepublik ist gleich null – weil die Räterepublik ja schon früher erforscht wurde und sich die neueren Quellen, die für eine weitere Forschung notwendig sind, in Moskau befinden. Ungarische Forscher fahren kaum nach Russland, um nach Quellen zu forschen. Was auch noch wichtig ist: Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für diese Fragen. Was interessiert wen an der Räterepublik? Für die Antisemiten ist interessant, dass ihre Führer jüdischer Abstammung waren, für die Kommunisten ist interessant, dass nach der Räterepublik in der Zeit des Weißen Terrors soundso viele Menschen umgebracht wurden. Das ist so ungefähr das Niveau, und da hört es dann auch schon auf. Dr. Walter Süß: Wie sieht es mit der universitären Zeitgeschichtsforschung aus? Ungváry: An den Universitäten findet eine Kommunismusforschung nicht statt. Ein Beispiel kann ich aus meinem eigenen Studium erzählen. Das ist im Jahre 1998 passiert, und das ist ja noch nicht so lange her. Ich musste als ungarischer Stipendiat eine Schulung besuchen, die von dem früheren Leiter des Historischen Instituts abgehalten wurde, der inzwischen von uns gegangen ist. Er nahm mit uns die Geschichte Ungarns von 1945 bis 1948 durch, und wir mussten aus einem Text, der im Jahre 1955 erschienen ist, Passagen vorlesen. Die hat er dann kommentiert, denn er hatte dieses Buch 1955 mitgeschrieben. Das war die Unterrichtsstunde. Ich habe diese Veranstaltung aus verständlichen Gründen nur ein einziges Mal besucht. Aber unter solchen Umständen kann man ja nicht von einer historischen Kommunismusforschung an einem Lehrstuhl sprechen. Daran hat sich bis heute, auch was das Personal betrifft, nichts geändert, und das behindert natürlich auch die Erforschung dieses Themas. Mählert: Von Ungarn jetzt direkt nach Tschechien. Herr Tůma, in Ihrer Biografie ist interessanterweise zu lesen, dass Sie sich mit byzantinistischen Studien befasst haben. Und 1989, im Jahr des großen Umbruchs, als senior research fellow am »Institut für klassische Studien der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik« in Prag tätig waren. Von dort ging es 1992 an das neu gegründete »Institut für Zeitgeschichte«, dessen Direktor Sie seit 1998 sind. Also immerhin ein Sprung von mindestens anderthalb Jahrtausenden. Sie haben in Tschechien eine ähnliche Situation wie in Ungarn. Auch dort gab es eine kurze Phase von »guten« Kommunisten. Eine solche Unterscheidung wird man für Russland nicht so richtig hinbekommen und für die DDR-Geschichte nur mit den allergrößten Verbiegungen nachträglich konstruieren können. Aber mit Imre Nagy in Ungarn und mit dem »Prager Frühling« 1968 in der Tschechoslowakei gäbe es zumindest in diesen beiden Ländern die Möglichkeit, im Nachhinein von einer kurzen Phase des »liberalen« Sozialismus zu sprechen, dessen »hoffnungsvolle Ansätze« von Moskau zerschlagen wurden. Inwieweit spielen eigentlich Kontroversen, die aus der Bewertung von 1968 resultieren, in der aktuellen Debatte eine Rolle, und inwieweit dürfen wir im Hinblick auf das Jahr 2008 mit Kontroversen in der zeitgeschichtlichen Forschung Tschechiens rechnen? Dr. Oldřich Tůma: Das ist sehr interessant. 1990 / 91 und1992 war dies tatsächlich der Fall. Damals kam es in Bezug auf das Jahr 1968 zu Kontroversen. Viele der 68er, Dubček und andere, waren nach dem November 1989 in die Politik zurückgekehrt und von der neuen Rechtspartei kritisiert worden, und damit auch ihre Geschichte. In den Medien und im politischen Diskurs gab es in den neunziger Jahren eine Kontroverse zwischen diesen und anderen Kommunisten. Das ist jetzt vorbei. Und etwas Ähnliches geschah auch mit der Regimeopposition wie Charta 77 usw. Sie war auch nicht politisch zu instrumentalisieren. Diese aktuell-politische Debatte hatte auch etwas zu tun mit der Instrumentalisierung der Geschichte. Nach 30 Jahren hatten wir jetzt eine große Konferenz zur Charta 77, und mir scheint, dass die Debatte, die in den Medien und auch zwischen Historikern stattfand, ohne diese Politisierung verlief wie in Russland oder vielleicht auch in Ungarn. In unserem Fall ist es so, dass die Zeit des Kommunismus in der Tschechoslowakei mehr oder weniger identisch ist mit unserer Zeitgeschichte als solcher. Die tschechoslowakische Geschichte nach 1948 ist auch die Geschichte des Kommunismus. Zeithistorische Forschung im eigentlichen Sinne gibt es bei uns erst seit relativ kurzer Zeit, vor dem Jahr 1989 gab es sie fast überhaupt nicht. Im Unterschied zu Deutschland war die Zeitgeschichte ein Gegenstand von ideologischer und politischer Manipulation und Indoktrination, es gab auch keine ČSSR-Forschung oder KPČ-Forschung im Ausland, im Exil oder auch im Samisdat. Die Forschung, die in der Opposition und im Samisdat stattfand, bezog sich nur auf die neueste Geschichte. Wir hatten auch keinen Zugriff auf die Akten und Dokumente. Aber nach dem Umsturz im November 1989 gab es das Konzept, dass schnell eine Institution für Zeitgeschichte entstehen müsse. Es waren revolutionäre Zeiten! Von der Idee der historischen Kommission des bürgerlichen Forums Ende 1989 bis zur Entstehung des Instituts für Zeitgeschichte im Februar 1990 verstrichen nur wenige Wochen. Aber, wieder im Gegensatz zu Deutschland: Bei uns fehlten die Experten. In der Historiografie des Kommunismus gab es drei Generationen. Diejenigen, die professionell forschen konnten, kamen mit 60 Jahren aus dem Exil oder aus anderen Berufen zurück wie z. B. Karel Kaplan. Dann gab es die mittlere Generation, der z. B. ich angehöre: Leute, die Anfang der neunziger Jahre von anderen Gebieten zur Kommunismusforschung übergegangen sind. Und dann gab es die junge Generation: Leute mit einem normalen Hochschulabschluss und mit verschiedenen Möglichkeiten, aber auch mit verschiedenen Ansichten. So war es kein Wunder, dass sich die ersten Forschungsprojekte vor rund 15 Jahren auf die weißen Flecken in der politischen Geschichte konzentrierten, also z. B. auf die Machtübernahme 1948, auf den »Prager Frühling« von 1968, auf die folgende Opposition und dann auf die Revolution Ende der achtziger Jahre. Ein Schwerpunkt waren Dokumenteneditionen. Ende der neunziger Jahre setzte ein Nachdenken über weitere Themen ein, und so entstanden Projekte zur Kulturgeschichte, der Oral History, zu politischen Biografien der Funktionäre und der Dissidenten etc. Die Forschung über den kommunistischen Zeitraum der tschechischen Geschichte findet sich momentan an einer Wegscheide, scheint mir. In den letzten Jahren hat sich das Interesse der Medien an gewissen Aspekten dieser Geschichte wesentlich erhöht, wobei aber die Differenz des Vergangenheitsbilds zwischen den Medien und der Historiografie fast atemberaubend ist. Die Medien ignorieren vieles, und man muss als Historiker gleichsam immer wieder von Neuem beginnen. Das ist zweifellos mit der Entwicklung der politischen Szene verbunden, in der die Kommunistische Partei versucht, ihre politische Isolation, in der sie sich schon seit 17 Jahren befindet, zu überwinden. Wir haben heute in der Tschechischen Republik die Situation, dass die Sozialdemokratische Partei mehr oder weniger mit der Kommunistischen Partei zusammenarbeitet. In diesem Zusammenhang spielt die Instrumentalisierung der Geschichte eine Rolle. Es gibt jetzt von einigen Regierungspolitikern und Historikern Bemühungen zur Schaffung einer vom Staat kontrollierten großen Institution, die sich mit der Rolle der Repressionsorgane, insbesondere der Staatssicherheit und deren Akten, beschäftigen soll. Dieses neue Institut soll insbesondere das kriminelle Wesen des kommunistischen Regimes untersuchen und Verzeichnisse von Agenten und Offizieren der Staatssicherheit anlegen sowie die Rolle der Personen untersuchen, die im heutigen politischen Leben tätig sind. Die Regimeforschung ist zu einem permanenten Bestandteil der politischen Auseinandersetzung geworden, um damit die Kommunistische Partei, aber auch die Sozialdemokratische Partei zu diskreditieren. Eine andere Möglichkeit für unsere weitere Entwicklung ergibt sich aus der akademischen Diskussion, die darauf abzielt, ein genaueres Bild über das Funktionieren des Systems zu erhalten. Dabei geht es darum, zu erforschen, wie stark das System verwurzelt war, wie weit das Regime die Gesellschaft durchdringen konnte, und das nicht nur mit Repressionen. Auch hier gibt es Inspirationen aus der deutschen Historiografie, z. B. der Mikrogeschichte usw. Mit Ausnahme der Oral History gab es bisher keine Biografieforschung, es gab z. B. keine Biografie von Husak, Nowotny und anderen. Bisher reduzierte sich die Kommunismusforschung zu sehr auf das Täter-Opfer-Verhältnis. Zum Schluss einige Bemerkungen zur institutionellen Gewährleistung der Fachrichtung. Die Infrastruktur der Kommunismusforschung wird durch das »Institut für Zeitgeschichte« gesichert. Es gibt schon seit 17 Jahren eine Zeitschrift und Dokumentationen heraus. Für die Zukunft gibt es zwei Wege: eine Monopolisierung und Vereinheitlichung der Forschung im Rahmen einer zentralen Institution »Gedächtnis des Volkes« oder eine Diversifikation und Pluralität in verschiedenen Zentren an den Universitäten. Mählert: Vielen Dank. Jetzt geht es weiter nach Polen, zu unserem östlichen Nachbarn, der sich ja in der Aufarbeitung als extremistisches Land zu etablieren droht. Nachdem am Anfang der große Strich gezogen wurde und man sich offenbar gesellschaftlich darüber einig war, bestimmte Fragen gar nicht erst zu stellen, geschweige denn zu beantworten, liest man jetzt in den Zeitungen von neuen Lustrationsanläufen, von einer reichlich aufgeheizten Debatte. Gleichzeitig weiß ich von keinem anderen ostmitteleuropäischen Land außer Polen, dass es eine Initiative zur Gründung eines Museums namens »Stiftung Sozland« gibt – wobei die Gründer meinen, die junge Generation bekomme man nur mit so etwas wie Disneyworld ins Museum. So soll die Volksdemokratie nachvollziehbar gemacht werden in Form eines kommerziell betriebenen Museums. Es gibt offensichtlich eine höchst vielfältige Kommunismusforschung bzw. Auseinandersetzung mit der sogenannten Volksdemokratie in Polen, und ich bin jetzt gespannt darauf, wie Krysztof Ruchniewicz die gegenwärtigen Trends umreißt. Krysztof wurde 1967 geboren und leitet jetzt schon seit knapp fünf Jahren das damals neu gegründete »Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław«. Er hat auch den Lehrstuhl für Geschichte an diesem Zentrum inne und ist Mitglied der deutsch-polnischen Schulbuchkommission. Wie würdest du die heutige Kommunismusforschung in Polen charakterisieren? Dr. Krystof Ruchniewicz: Vielleicht als Einstieg etwas zur Erheiterung. Ein bekannter polnischer Dramatiker hat vor vielen Jahren einmal versucht, die Geschichte Polens in einem Satz zusammenzufassen. Dieser Satz lautete: »Im Jahre 966 wurden wir getauft, im Jahre 1792 wurden wir geteilt, aber der richtige Zirkus ging erst nach 1945 los.« Vor einer ähnlichen Aufgabe stehe ich jetzt auch, wenn ich daran denke, was Uli Mählert hier von mir fordert. Aber nun im Ernst. 1956 / 57 erschien ein Roman von einem Autor, der bis dahin als Stalinist galt, unter dem seltsamen Titel Mutter der Königin. Es ist die Geschichte einer Arbeiterfamilie, die in den dreißiger Jahren einsetzt und zunächst vom Kampf dieser Familie gegen das Piłsudski-Regime erzählt. Während des Zweiten Weltkriegs standen sie auf der richtigen, sprich kommunistischen Seite. Aber dann erfahren wir etwas Neues, etwas Interessantes, nämlich dass einer der Nachkommen der Familie den Krieg überlebt hat und dann im Knast sitzt mit einem Nazi – einem Offizier, der an der Bekämpfung des Ghetto-Aufstands teilgenommen hatte. Und dieser Nazi und der Kommunist führen nun in der Zelle ein Gespräch. Sie erzählen sich unterschiedliche Geschichten, bis es mit einem Mal auf den Punkt gebracht wird: An allem war die Partei schuld. Und so ist es auch in Polen nach 1956 gesehen worden: An allem, was nach 1945 passierte, war die Partei schuld. So könnte man sagen, dieser stalinistische Autor hat das für alle Polen auf den Punkt gebracht. Sicher, es gab bis 1989 alle möglichen Institute für die Geschichte der Arbeiterbewegung, und es gab entsprechende Zeitschriften wie z. B. Aus dem Feld des Kampfes. Alle diese Institute und Zeitschriften sind nach 1989 aufgelöst worden. Sie sind nicht wie in der DDR abgewickelt, sondern einfach aufgelöst worden. Einige dieser Forscher sind dann in privaten Hochschulen gelandet. Und einige sind nach wie vor tätig, de facto als Überbleibsel. Gleichzeitig aber setzte auch die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Impulse kamen von den Überlegungen der ersten Regimekritiker im Exil, die zunächst selber der Kommunistischen Partei angehört und sich dann von ihr gelöst hatten. Sie haben einige grundlegende Werke vorgelegt. Zu den Impulsen gehörten auch die Samisdat-Publikationen aus der Solidarność-Zeit, sie spielten eine große Rolle. Es ging um bestimmte Bereiche, die für die Nationalgeschichte von großer Bedeutung waren, vor allem um weiße Flecken und bisherige Tabuthemen, z. B. die Säuberungen in der polnischen Kommunistischen Partei in der Sowjetunion. Auch Arbeiten zum Hitler-Stalin-Pakt waren von größter Bedeutung für die Polen – sie betrachten ihn als die »vierte Teilung« Polens. Später hat man sich auch mit der Okkupation durch den Einzug der sowjetischen Truppen und mit den ersten Deportationen von Polen ins Landesinnere beschäftigt. So entstand langsam ein Bild nicht nur vom System selbst, sondern auch vom Terrorapparat, und man konnte jetzt auch von Dingen lesen, die bisher nicht bekannt gewesen waren bzw. nur in den Familien tradiert worden waren. In die Zeit nach der Erklärung des Ausnahmezustands fällt auch die Gründung der bekannten Initiative Charta, die bis heute existiert. Ihre Wurzeln hat sie schon in den achtziger Jahren als eine Bürgerinitiative von Laienhistorikern, die sich der Erforschung der weißen Flecken widmete. Sie gründeten damals nicht nur Zeitschriften, sondern veranstalteten auch verschiedene Wettbewerbe. Das hat dazu geführt, dass Charta gerade nach 1989, inzwischen zur Institution geworden, auch zu den ersten bürgerlichen Initiativen gehörte, die das andere Bild zeigten. Natürlich hat auch die Forschung in Polen von der Zäsur 1989 profitiert. Mit dem Wegfallen der Zensur und der Öffnung der Archive gab es wirklich neue Möglichkeiten. Und Arbeiten, die bisher entweder unter Pseudonym oder im Untergrund entstanden waren, konnten erst jetzt öffentlich erscheinen. Das beste Beispiel ist ein Buch über die Etablierung der kommunistischen Macht in Polen in den ersten Nachkriegsjahren. Es war zunächst in London gedruckt worden, später im Untergrund und schließlich in Polen 1989. Dieses Buch ist zwar langweilig, aber sehr detailliert und kenntnisreich. Es war lange Zeit eine der wichtigsten Grundlagen, um Wissen über die Anfänge des Regimes zu erhalten. Es war in Polen auch nicht notwendig, die Historischen Institute abzuwickeln. Der Großteil der dort beschäftigten Kollegen konnte seine Arbeit ungehindert fortsetzen. So ist auch zu erklären, dass in der ersten Phase, in den neunziger Jahren, sehr schnell sehr viele Arbeiten vorgelegt worden sind: zu den polnisch-sowjetischen Beziehungen, zur Situation in Polen nach dem Einmarsch der Roten Armee, zu den Deportationen usw. Man sieht aber eine bestimmte Tendenz: Gerade diese alte Kommunismusforschung ist nach und nach untergegangen bzw. wurde nicht mehr so stark berücksichtigt, wie das vordem war. Heute ist die Situation so, dass keiner sich mehr dafür interessiert; nur bei der ältesten Generation der Historiker kommt das noch ab und zu vor. Auch große Projekte wie ein Lexikon der polnischen Kommunisten, das noch vor 1989 auf die Beine gestellt werden sollte, sind nicht abgeschlossen worden. Sehr viele Projekte wurden nicht wieder aufgenommen oder wurden einfach abgebrochen. In den neunziger Jahren hat man sehr heiß über die vergangene Epoche diskutiert: Wie ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einzuordnen? Was war die Volksrepublik Polen? War das ein Teil polnischer Geschichte, oder war es eine fremde Geschichte? War Polen okkupiert oder war es selbstständig? Gab es Zeitabschnitte, in denen doch größere Freiheitsräume existiert haben? Diese Diskussionen dauern noch an. Sie sind wahrscheinlich deshalb nicht abgeschlossen, weil immer wieder neue Dinge zutage treten und neue Bereiche diskutiert werden, wie etwa neulich die Frage der Katholischen Kirche, die bisher in Polen eigentlich tabu war, weil die Kirche als Hort des Antikommunismus galt. Jetzt gibt es auch darüber eine Diskussion. Die Situation veränderte sich grundlegend im Jahre 1999 mit der Gründung des »Instituts für Nationales Gedenken«, das ist quasi unsere Gauck-Behörde, erweitert um die Aufgabe der staatsanwaltschaftlichen Verfolgung von Verbrechen an der polnischen Nation. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Aufbau des Instituts entwickelte es sich rasch zu einem der bedeutendsten Institute in ganz Polen. Es beschäftigt über 200 Historiker, die eine sehr detaillierte Forschung betreiben und einen riesigen Output an Veröffentlichungen haben. Es werden neben den Forschungen zum System jetzt auch und vor allem Forschungen zur Oppositionsgeschichte betrieben. Inzwischen liegen mehrere Lexika zur polnischen antikommunistischen Opposition vor. Da das Institut fünf regionale Filialen im Land besitzt, werden auch viele regionale Studien publiziert. Und da es auch über die Akten des Staatssicherheitsdienstes verfügt, ist zu erwarten, dass demnächst entsprechende Arbeiten veröffentlicht werden. Allerdings gibt es auch einige Schnellschüsse, die kaum wissenschaftlich untermauert sind. Sie erregen zwar großes Aufsehen, aber man fragt sich in der Tat ab und zu, ob sie wissenschaftlich gut genug sind. Ein Beispiel möchte ich nennen. Vor wenigen Tagen war ein Jahrestag der ersten Deportation von Polen in die Sowjetunion. Es wurde im 1. Fernsehprogramm erstens eine falsche Zahl genannt – es war von 1,5 bis 2 Millionen Menschen die Rede, wohingegen es in Wirklichkeit 200 000 bis 400 000 Menschen waren. Dann kam ein Zeitzeuge zu Wort, der beschrieb, wie schlimm das alles war, und dann folgte ein Historiker, der behauptete, dieses Thema sei nach wie vor unerforscht und dass es noch sehr viele Fragen gebe. Aber das stimmt so eben nicht, denn das sind längst erforschte Dinge. Ich möchte noch ein Problem ansprechen, das in unserem Kreis hier noch nicht erwähnt worden ist: die Geschichtspolitik. Der Umgang mit der Geschichte des Kommunismus wird zum Instrument der Geschichtspolitik gemacht, zu einem Machtinstrument überhaupt. Man sieht schon an dem letztgenannten Beispiel, wie die heutige Regierung von diesem Instrument auch Gebrauch macht. Mählert: Vielen Dank. Wir könnten uns jetzt ins Boot setzen und von Danzig nach Kopenhagen fahren. Wir setzen uns aber ins Flugzeug und fliegen nach Istanbul, wo Bülent Bilmez am Lehrstuhl zur Geschichte der modernen Türkei forscht und lehrt. Bülent hat sich mit der modernen osmanischen Geschichte beschäftigt, er hat in Ankara studiert und an der Humboldt-Universität promoviert. Und wir haben ihn sehr herzlich in unseren Beirat eingeladen, weil er nicht nur die Türkei in den Blick rücken kann, sondern auch Spezialist für Albanien ist, sich für südosteuropäische Geschichte interessiert und auch ein bisschen Persisch kann. Die Türkei kann auf keine ausgeprägte kommunistische Geschichte verweisen. Die Türkische Kommunistische Partei war praktisch zeit ihrer Existenz verboten. Die Anknüpfungspunkte für unsere Forschungsinteressen liegen nicht zuletzt darin, dass die TKP ihr Exil in Leipzig und in Ostberlin hatte. Interessant ist auch die jüngere Geschichte der linken Bewegung in der Türkei in den letzten 15 bis 20 Jahren. Der Umbruch des Jahres 1989 hat dort unter den Linken merkwürdige Transformationsprozesse angestoßen. Viele Protagonisten marschierten stramm nach rechts und finden sich heute in nationalchauvinistischen Milieus wieder. Bülent Bilmez wird uns jetzt ein paar Worte zu der sehr disparaten Forschungssituation zur Geschichte des Kommunismus in der Türkei sagen. Dr. Bülent Bilmez: Zuerst möchte ich erzählen, warum ich hier bin. Vorhin hatte Herr Vatlin gesagt, dass es in Russland den Begriff Kommunismusforschung gibt. Den gibt es in der Türkei auch, aber Forschung dazu gibt es leider kaum. Der Einzige, der wirklich dazu wissenschaftlich und akademisch geforscht und dem Thema seine akademische Karriere gewidmet hat, ist Herr Mete Tunçay, der Direktor unseres Departments. Er kann aber kein Deutsch – das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich wurde eingeladen, weil ich angefangen habe, mit Herrn Tunçay über die Geschichte der Linken in der Türkei zu arbeiten und weil ich einigermaßen Deutsch kann – ich habe in Berlin an der Humboldt-Universität promoviert. Das war aber vor mehr als zehn Jahren. Ich habe gleich danach für drei Jahre an einer albanischen Universität Geschichte auf Deutsch unterrichtet, aber in den letzten sechs Jahren habe ich kaum Gelegenheit gehabt, deutsch zu sprechen. Deswegen entschuldige ich mich gleich für mein schlechtes Deutsch. In der Türkei wird die Geschichte des Kommunismus eher zur Forschung über die Geschichte der Linken und die Geschichte der Arbeiterbewegung gerechnet. Deshalb würde man unter der »historischen Forschung zum Kommunismus« in der Türkei nicht nur die historische Forschung zu den kommunistischen (und sozialistischen) Bewegungen verstehen, sondern auch zur Arbeiterbewegung, zu den Gewerkschaften und zur Linken im Allgemeinen. Der Stand und die Perspektiven der historischen Forschung zu den kommunistischen Bewegungen in der Türkei könnten unter verschiedenen Aspekten diskutiert werden: a) Verschiedene Perioden der Bewegung als Fokus der Forschung b) Verschiedene Themen als Fokus der Forschung c) Wer betreibt diese Forschungen? Ich möchte hier ein paar Sachen über die Periodisierung der kommunistischen Geschichte in der Türkei erzählen, weil diese stark die Forschung beeinflusst: Die erste Periode wäre die Vorgeschichte der kommunistischen Bewegungen – die Anfänge der Linken und der Arbeiterbewegung im Osmanischen Reich bis 1919. Man kann kaum von einer wirklich sozialistischen / kommunistischen Bewegung in dieser Periode sprechen, und das erste Auftauchen von linken Ideen ist wissenschaftlich noch kaum studiert. Informationen darüber sind nur in den Einführungen oder den Kapiteln zur Vorgeschichte in den Büchern über die allgemeine Geschichte der Linken zu finden (z. B. von Aclan Sayılgan, Kerim Sadi [A. Cerrahoğlu], Mete Tunçay, Fethi Tevetoğlu, İlhan Darendelioğlu). Über die Geburt der kommunistischen Bewegung im Osmanischen Reich im 20. Jahrhundert und besonders über die Beziehungen zwischen den Kemalisten, den Gründern der türkischen Republik, und den Bolschewiken sowie über die Gründung der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP) in dieser Zeit wurde viel geschrieben (insbesondere von Mete Tunçay, Emel Akal, Feridun Kandemir, Rasih Nuri İleri und Kerim Sadi [A. Cerrahoğlu]). Dann kommt eine lange Zeit, wo alle kommunistischen oder linken Bewegungen verboten waren. Das ging bis in die sechziger Jahre. Man muss aber sagen, dass akademisch nicht viel darüber geforscht worden ist. Wie ich vorhin bereits gesagt habe, gibt es nicht viele wissenschaftliche Werke über die Geschichte der sozialistischen / kommunistischen Bewegung in dieser Zeit (1925 – 1960), sondern eher über die Geschichte der Moskau-orientierten TKP, die im Ausland aktiv war, und ihre (meistens illegalen) Zweige in der Türkei. Die Autoren sind vor allem Leute, die an dieser Bewegung selbst beteiligt waren und über ihre eigene Geschichte und damit eher biografische Werke geschrieben haben. Die nächste Periode (1960 – 1968) ist die der Aktivitäten der illegalen kommunistischen Bewegung im Ausland und der ersten kommunistischen Massenbewegungen mit verschiedenen Gruppen / Parteien, vornehmlich der Arbeiterpartei der Türkei (TİP), in einer demokratischen (und seit 1950 multiparteilichen) Türkei: In den sechziger Jahren war TİP sehr erfolgreich und stellte 16 Mitglieder im Parlament. Über diese Zeit wurde mehr geforscht. Dazu sind mehrere Monografien entstanden, und auch Materialien über diese Zeit wurden veröffentlicht (z. B. die Werke von Artun Ünsal, Mehmet Ali Aybar, Nihat Sargın und Sadun Aren). Die nächste Periode umfasst die siebziger Jahre – die Zeit der Splitterungen und Radikalisierung bis zum Militärputsch 1980. Es ist kaum möglich, mehr als nur ein oberflächliches Bild der verschiedenen Gruppierungen und Aktivitäten in der Phase von 1968 – 1980 zu zeichnen. Diese Periode war wirklich eine Zeit, in der es eine sehr starke kommunistische Massenbewegung gab, doch die TKP hatte sich nicht geöffnet und war daher ziemlich klein. Aber die maoistische und andere radikale kommunistische Bewegungen waren sehr stark. Die Geschichte all dieser Bewegungen, von denen viele immer noch illegal sind, ist schwer zu erzählen, denn sie sind noch nicht Geschichte geworden. Ich meine, man kann nicht von einer Historisierung dieses Themas sprechen: Diese Periode wird von vielen noch nicht als »Vergangenheit« gesehen. Es gibt darüber mittlerweile eine allmählich steigende Zahl von populären Werken (z. B. von Turan Feyzioğlu, Ergun Aydınoğlu and Hakkı Öznur). Die letzte Periode wäre die Zeit der linken Bewegungen unter dem Druck der fortdauernden Militärregimes in einer postmodernen Welt (1980 bis heute). Von einer Historisierung, also einer Geschichtsschreibung über diese Zeit kann noch nicht gesprochen werden. Ein Sonderfall ist die TKP: Sie hat sich nach 1989 aufgelöst und die »Stiftung zur Erforschung der Sozialgeschichte in der Türkei« (Türkiye Sosyal Tarih Araştırma Vakfı, TÜSTAV) gegründet. Das ist wirklich eine vorbildliche Entwicklung. Ehemalige KP-Mitglieder arbeiten dort, aber auch viele Akademiker. Dokumente aus verschiedenen Ländern und aus der Türkei, die natürlich nicht komplett sind, werden in Istanbul gesammelt. Das sind meist keine Originaldokumente, sondern Mikrofiches und kopierte Dokumente von Behörden, denn man kann dem türkischen Staat nicht so weit trauen, dass man davon ausgehen kann, dass die Originaldokumente immer zugänglich sein werden. Die Mehrheit dieser Materialien stammt aus dem International Institute of Social History in Amsterdam. Dort gibt es seit 1987 eine Abteilung über die Türkei, mit Materialien nicht nur über die TKP, sondern auch über andere kommunistische Bewegungen. Das sind allerdings nur Archive, in denen die Materialien gesammelt werden. Leider gibt es weder eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die diese Materialien systematisch bearbeitet, noch eine Institution – weder in Amsterdam noch in Istanbul –, wo man z. B. Doktoranden oder junge Akademiker zusammenbringen und motivieren kann, die darüber forschen. Da bleiben nur die Universitäten übrig – man könnte annehmen, dass sie sich mit dem Thema befassen. Es gibt aber an keiner Universität der Türkei eine Abteilung oder Forschungsgruppe, die über die Geschichte des Kommunismus wissenschaftlich arbeitet. Wir sprechen hier von den letzten ca. 80 Jahren, in denen die kommunistische Bewegung entstanden ist. Dazu erschienen bisher nur drei Monografien, die die Zeit bis zu den sechziger Jahren umfassen (von İlhan Darendelioğlu, Fethi Tevetoğlu und Aclan Sayılgan). Sie wurden von Antikommunisten geschrieben, die auch Zugang zu manchen Materialien der türkischen Polizei und des Geheimdiensts hatten. Ende der sechziger Jahre ist das Buch von Mete Tunçay herausgekommen, es ist immer noch das einzige wissenschaftliche Werk, in dem die Entstehung und Entwicklung der TKP und der Splitterungen dieser Partei im Detail beschrieben sind. Herr Tunçay hat später mehrere erweiterte und bearbeitete Ausgaben davon und weitere Artikel und Bücher mit zusätzlicher Information herausgebracht. Zum Schluss ist noch das Buch von einem Kommunisten, Kerim Sadi (A. Cerrahoğlu), als ein erfolgreiches Beispiel zu nennen, in dem neue Materialien und Erkenntnisse über die Geschichte der kommunistischen Bewegungen zu finden sind. Welche Tendenzen für die Zukunft gibt es? Ich würde sagen, es bestehen jetzt mehr Möglichkeiten, dass sich türkische Studierende und Doktoranden im Ausland auch für diese Themen interessieren. Es gibt in der Türkei jetzt auch eine unabhängige Stiftung für Sozialgeschichte (Türkiye Tarih Vakfı), die von Linken nach der Wende gegründet wurde – ich meine damit die türkische Wende, die Herr Mählert vorhin erwähnte, die ziemlich parallel zur Wende in Deutschland und Osteuropa stattfand. Dort betreiben jetzt mehrere junge Akademiker Forschung über die Geschichte der linken Bewegung. Was noch fehlt, ist eine Initiative zur Bildung einer akademischen Arbeitsgruppe. Junge türkische Akademiker nutzen jetzt auch insbesondere die Archive in Russland. In den letzten drei Jahren erschienen einige Bücher und Artikel, die auf solchen Materialien beruhen. Ich persönlich denke, es gibt durchaus eine Chance, dass man sich in der Türkei von den alten Denkmustern distanziert, über Kommunismusgeschichte als »unsere« Geschichte oder »ihre« Geschichte zu reden. Man könnte sie als ein Feld sehen, das mittlerweile von immer mehr Akademikern als ein normales Forschungsthema akzeptiert wird. Mählert: Vielen Dank. Wir werden jetzt weiter im Zickzack durch Europa schreiten. Von der Türkei direkt nach Schottland, wo Norman LaPorte an der University of Glamorgan lehrt und ganz im Sinne dessen, was Hermann Weber ganz zu Anfang unseres Seminars gesagt hat, antizyklisch forscht. Während sich in Deutschland alle Forscher auf die Geschichte der DDR konzentrierten und sich dabei gegenseitig die Archivbestände blockierten, ist er aus Schottland angereist, um die Geschichte der KPD in Sachsen zu erforschen, und hat mit diesem Thema wahrscheinlich gleichermaßen Verwunderung in Sachsen wie in Schottland erregt. Ich gebe ihm das Wort für einige Stichpunkte zum Thema historische Kommunismusforschung in Großbritannien. Dr. Norman LaPorte: Was ich sagen werde, behandelt vor allem die Forschungen zur britischen Partei. Wie gesagt: Mein eigentliches Thema ist die Deutsche Kommunistische Partei, aber da ich mit Kollegen zur vergleichenden Geschichte arbeite, kenne ich auch die Tendenzen der Historiografie über den Kommunismus in Großbritannien. Als Erstes möchte ich erwähnen, dass der Kommunismus in Großbritannien sehr unbedeutend für die nationale Geschichte war. Die KP hatte in der Zwischenkriegszeit vier Abgeordnete. Einige Führer, z. B. in Südwales oder in Schottland, hatten eine relativ starke Präsenz in den Gewerkschaften, besonders unter den Bergarbeitern, aber im Vergleich zu Deutschland war auch das nur gering und unbedeutend. Und deswegen gibt es keine spezielle wissenschaftliche Zeitschrift, in der Akademiker über die Geschichte des Kommunismus veröffentlichen können. Die dennoch veröffentlichten Beiträge erscheinen in ganz normalen wissenschaftlichen Journalen. Aber zurzeit gibt es richtig kräftige Debatten. Historiker stehen wirklich richtig auf Kriegsfuss miteinander, wenn es um die Positionen der Partei geht. War die Partei stalinisiert, oder folgte sie eher den inländischen Entwicklungen? Die Partei war eigentlich so winzig, dass einige Historiker sich sogar gezwungen fühlten, zu erklären, warum es sich dennoch lohnt, über die Geschichte des britischen Kommunismus zu schreiben. Die meisten dieser Historiker beschäftigen sich ansonsten mit der Geschichte der breiteren Arbeiterbewegung. Deshalb gibt es auch den Trend, die Kommunistische Partei als Teil der Arbeiterbewegung und als eine ganz normale Partei zu sehen. Das ist der Trend seit den achtziger Jahren, und an dieser Forschungsrichtung hat sich seitdem nichts geändert. Nach 1990, als die neuen Akten in Moskau zugänglich waren, entstand etwas, das ich als Revisionismus bezeichnen würde – als »Revisionismus von oben«: Man erforschte die Beziehungen zwischen Moskau und London. Es dauerte zehn Jahre nach Öffnung der neuen Quellen, bis der erste Band herauskam, in dem die Beziehungen der britischen Partei zur Komintern erforscht wurden. Andrew Thorpe ist ein Forscher, der das Parteiensystem untersucht hat. Er hat über die konservative, über die liberale Partei, die Labourpartei und auch über die kommunistische Partei geschrieben. Sein Buch folgte ganz dem Trend, indem er als Hauptthese vertrat, dass die Beziehung zu Moskau keine Einbahnstraße war. Es gab Fehler Moskaus, es gab Dialog und Verhandlungen. Und in der Folge kam dann die Meinung auf, die KP sei den inländischen Bedingungen gefolgt. Natürlich bin ich nicht dieser Meinung, aber das ist der Trend. Es gibt auch eine andere Art von Revisionismus, so eine Art »Revisionismus von unten«, eine soziale Geschichte des Kommunismus. In unserer englischen Kommunismusforschung wird der Kontrollmechanismus des demokratischen Zentralismus zwar erwähnt, die meisten Wissenschaftler setzen sich aber nicht gründlich damit auseinander, wie der demokratische Zentralismus als Kontrollmechanismus von stark zentralistischen Parteien funktioniert. Stattdessen heißt es immer, die Parteibasis macht eigentlich, was sie will. So wurden Wunschbilder beschrieben, etwa dass führende britische Kommunisten wie z. B. Harry Pollitt oder John Campbell die Bestrebungen nach Autonomie von Moskau unterstützt hätten. Aber das ging in die falsche Richtung und stimmt überhaupt nicht. Ich bin mit vielen dieser Leute befreundet. Wir sind ein ganz kleiner Kreis von Akademikern, aber ich möchte hier weiter keine Namen nennen, denn das wäre wie ein Angriff. So viel zum »Revisionismus von oben«, Parteigeschichte, und »Revisionismus von unten«, Sozialgeschichte. Zu den zentralen Fragestellungen, die die Forschung der vergangenen zwei Jahrzehnte bestimmten, zählte die Frage nach dem Grad der Unabhängigkeit der kommunistischen Bewegung in Großbritannien. 1980 gab es die erste bahnbrechende Studie von Stuart Macintyre Little Moscows: Communism and Working-Class Militancy in the Inter-War Britain. Das war ein Versuch, die Partei in einigen kleinen Bruchstücken, in Einzelheiten zu erforschen. Diese Richtung ähnelt der Erforschung der KPD in einzelnen Betrieben und Gewerkschaften. Ab Mitte der neunziger Jahre gab es über den Kommunismus in der Zwischenkriegsphase eine richtig starke Debatte, in der von den Historikern sehr unwissenschaftliche Begriffe verwendet wurden. Vor allem Trotzkisten, die es bei uns im Allgemeinen nicht so häufig gibt, die aber unter den Historikern vertreten sind, die sich mit der KPD-Geschichte beschäftigten, machten viel Krach. Meist treten zwei Historiker gegen diese Positionen auf – Alan Campbell und John McIlroy. Sie haben viele Aufsätze über den britischen Kommunismus veröffentlicht und haben nachgewiesen, dass die Befehle aus Moskau von den britischen kommunistischen Führern als normal betrachtet wurden. Manchmal waren zwar einige dagegen, aber letztendlich haben sie immer mitgemacht. Das gilt vor allem für Harry Pollitt. In den dreißiger Jahren hat die Partei viel Propaganda für eine stalinistische Diktatur gemacht. Und dabei erwähnten sie den Gulag, den Großen Terror oder den Hitler-Stalin-Pakt nicht, sondern ließen dies im Hintergrund. Sie wollten letztendlich eine stalinistische Diktatur in Großbritannien erreichen. Immer größere Aufmerksamkeit finden mentalitätsgeschichtliche sowie biografische Fragestellungen. Erwähnt sei ein riesengroßes Projekt an der Universität Manchester, das unter anderem von Dr. Kevin Morgan geleitet wird. Man versucht dort, die Debatte weiter in Richtung Kommunismus als einer Bewegung, die zwar Befehle aus Moskau entgegennahm, aber auch irgendwie zur Gesellschaft gehörte, zu bringen. Sie war in den Zwischenkriegsjahren auch eine radikale soziale Bewegung. Es wird auch versucht, die Identität dieser Bewegung herauszuarbeiten. Falls sich jemand für die neuere Geschichte ab 1945 interessiert: Da habe ich selbst das Thema der Beziehungen zwischen der britischen KP und der DDR untersucht. Was ich bemerkt habe, ist, dass auch die Eurokommunisten Interesse an der DDR hatten. Dass darüber hinaus der Kommunismus so in den Vordergrund getreten ist, war einigen Historikern zu verdanken. Der bekannteste Historiker unter uns ist Eric Hobsbawm. Ich denke, er hat faktisch niemals seine marxistische Prägung hinter sich gelassen. Zum Beispiel hat er neulich über den Spanischen Bürgerkrieg im Guardian geschrieben, und auch dieser Beitrag war etwas stalinistisch ausgerichtet. Diese Historiker haben das Journal Past and Present gegründet. Sie haben die Professionalisierung der Geschichtsschreibung weitergebracht. Es ist jetzt bei uns ein Top-Journal, und ich denke, es fördert das Bild, dass die Kommunisten unter uns ganz normale Leute sind, manchmal ein bisschen exzentrisch, aber sonst einfach englisch. Eine neue Generation von Forschern, die den Kalten Krieg nicht mehr erlebt hat und meiner Meinung nach die Bedeutung des Marxismus-Leninismus nicht versteht, beschäftigt sich mit dem Thema, was es bedeutet, Kommunist und englisch zu sein. Das finde ich nun wieder exzentrisch. Mählert: Wir springen jetzt auf der Karte nach Dänemark, und ich gebe Herrn Friis das Wort. Dr. Thomas Wegener Friis: Ich werde mich ganz kurz fassen. Ich sage etwas zur Kommunismusforschung ganz generell, denn die ist in Dänemark sehr lebendig, vor allem die nationale Kommunismusforschung, also die Forschung über die dänischen Kommunisten. Das ergibt sich einfach daraus, dass die Arbeitergeschichte und die Geschichte der Arbeiterbewegung in Dänemark doch einen sehr zentralen Platz einnehmen – dadurch, dass die Sozialdemokratie über 70 Jahre in der Politik völlig dominant war, dadurch, dass wir sehr starke Gewerkschaften hatten und dass linke Intellektuelle in der Universitätsforschung sehr dominant waren. Dazu kommt, dass unser Archivzugang, besonders zu linken Parteien, zu den Gewerkschaftsverbänden und den parteinahen Organisationen wie z. B. den Freundschaftsgesellschaften zur Sowjetunion oder zur DDR oder dem »Ständigen Komitee der Arbeiterkonferenz der Ostseeländer, Norwegens und Islands« in Dänemark sehr gut ist. Wir können also die Akten der Kommunisten und der Sozialdemokraten bis zur Mitte der neunziger Jahre einsehen. Das ist ein großer Vorteil. Die Kommunismusforschung in Dänemark kann man eigentlich in drei Gruppen einteilen. Die eine ist die Restgruppe der Osteuropaforscher der siebziger und achtziger Jahre – Experten, die sich mit Ostblockgeschichte beschäftigen. Dann haben wir eine Gruppe, die auf eine Tradition aus den sechziger bis achtziger Jahren aufbaut, die sich mit der Arbeiterbewegung als soziale Bewegung befasst. Und dann gibt es noch eine dritte, relativ neue Gruppe, die sich vor allem aus jüngeren Kollegen zusammensetzt, und das sind die, die sich mit Kommunismus im Rahmen des Kalten Kriegs befassen. Da geht es um die Verbindungen der dänischen Kommunisten zu den sozialistischen Ländern und um die schon erwähnten nahestehenden Organisationen. Es geht um die Spionage der sozialistischen Länder, die Außenpolitik der sozialistischen Länder gegenüber Dänemark und letztendlich auch um die Bekämpfung der Kommunisten in Dänemark. Dazu möchte ich ein kurzes Beispiel bringen, weil es zeigt, was Kommunismusforschung auch sein kann. Wir machen gerade ein Buch über den sozialdemokratischen Nachrichtendienst, den es lange Jahre gab – einen privaten Nachrichtendienst, der relativ eng mit staatlichen Organen zusammenarbeitete, die die vornehmliche Rolle hatten, die kommunistische Partei und die kommunistischen Verbände zu unterwandern. Ich glaube, auch das gehört zur Kommunismusforschung. Die Dominanz der Arbeiterbewegungsforschung zeigt sich auch darin, dass unsere wichtigste Zeitschrift für Zeitgeschichte zurzeit die Zeitschrift für die Geschichte der Arbeiterbewegung ist. Das wesentliche Problem der Kommunismusforschung in Dänemark sehe ich darin, dass der Horizont ein wenig fehlt. Sie haben es sicher bereits bemerkt: Ich habe jetzt schon mindestens 30-mal »Dänemark« gesagt. Es bleibt also immer im nationalen Rahmen. Es fehlt uns gewissermaßen der internationale Horizont und vor allem auch die Kooperation mit dem deutschen Raum. Mählert: Herzlichen Dank, Thomas Friis. Thomas Friis ist Jahrgang 1975 und vertritt damit quasi die nächste Generation unseres Jahrbuchs. Er ist Historiker und Netzwerkkoordinator des neu gegründeten »Zentrums für Studien des Kalten Krieges« an der süddänischen Universität Odense und hat 2003 seine Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und dessen Arbeit in Richtung Dänemark geschrieben. Wir kommen nun aber nach Österreich. Lieber Herr Karner, Sie leiten das »Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung«, und ich möchte Sie bitten, hier auf die unmittelbaren Kriegsfolgen für Österreich einzugehen, das ja ebenfalls in Besatzungszonen eingeteilt war, von denen eine von den Sowjets verwaltet wurde. Darüber hinaus interessieren uns natürlich die gesamten Aspekte der gegenwärtigen Kommunismusforschung in Österreich. Prof. Dr. Stefan Karner: Das ist nicht leicht für Österreich, weil wir tatsächlich eine Fülle von Initiativen und Ergebnissen haben, eine Fülle von Literatur. Etwas ist in Österreich bemerkenswert: Die Kommunistische Partei hat in Österreich in den parlamentarischen Vertretungen nie einen besonderen Stellenwert gehabt. In der Ersten Republik war sie überhaupt nicht präsent und in der Zweiten Republik nur über wenige Jahre; und dort auch nur mit vier bis fünf Abgeordneten. Und einen kommunistischen Minister gab es bei uns nur zwei Jahre, ehe er 1947 aus der Regierung ausgeschieden ist. Warum haben die Kommunisten bei uns nie richtig Fuß gefasst in der Ersten Republik? Das hing damit zusammen, dass die Sozialdemokraten die Rätebewegung, die es auch in Österreich gegeben hat, und zwar sehr stark – wie 1918 / 19 in Ungarn mit Béla Kun oder in Bayern usw. kalt geschluckt haben. Die Räte sind dann irgendwie kanalisiert worden, wie wir es sagen, zum Schluss sind sie in der Sowjetunion im Roten Terror gewesen, Hotel Lux usw., und dann sind sie zum Teil mit Hitlerdeutschland ausgetauscht worden. Nach dem Krieg sind sie teilweise als Trotzkisten noch einmal in die Sowjetunion gekommen. Das sind auch Forschungsthemen, die es bei uns gibt und die ich dann noch ansprechen werde. Die Rätebewegung ist bei uns ein neues Forschungsthema. Was noch weithin unbekannt ist an der Räteentwicklung 1918 / 19: 800 000 Österreicher haben bei den Räteparlamentswahlen mitgemacht, das war ein Drittel der Parlamentswähler. Das ist schon ziemlich viel. Österreich hat eine ziemlich lange Tradition der marxistischen Theorie, des Austro-Marxismus. Dazu gibt es eine Fülle von Arbeiten, aber auf die gehe ich nicht ein. Auf der anderen Seite gibt es in Ostösterreich, wie Herr Mählert schon einleitend gesagt hat, eine zehnjährige Erfahrung mit sowjetischer Herrschaft: die Besatzungszeit mit Demontagen, mit Ausbeutung, mit sowjetischem Eigentum – 450 Großbetriebe Österreichs waren sowjetisches Eigentum –, und es gibt natürlich auch schreckliche Schicksale, die auch in der politischen Arena sehr stark wirkten. Es gab Tausende nachgewiesene, amtlich dokumentierte Vergewaltigungen, aber die Dunkelziffer ist sicher viel größer. Auch die wirken nach. Dann gab es Menschenraub. Auf der anderen Seite fand in den sowjetischen Betrieben in diesen zehn Jahren natürlich eine gewerkschaftliche Mobilisierung statt, und es stellt sich immer die Frage: Wann wäre das denn gekippt, wenn es länger gedauert hätte? Wir wollen mal nicht so tun, als ob die Österreicher resistent dagegen gewesen wären. Da bin ich sehr, sehr vorsichtig. Wir haben in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung lange Jahre nur die Erste Republik gesehen. Wir haben uns lange Jahre anderen Dingen zugewendet. Warum? Weil wir in Österreich auch in der historischen Forschung eine sehr starke Westorientierung hatten, weil wir den Eisernen Vorhang lange als Grenze hatten und weil die Kommunisten eine kleine Partei waren und politisch kein besonderes Thema. Damit überspringe ich den riesigen Zeitraum bis etwa 1990. Ab 1990 haben wir neue Themen: Nun wurden die österreichische Emigration in die Sowjetunion, die politischen Stalin-Opfer und die Kriegsgefangenen erforscht. Wir haben, das möchte ich betonen, einen fragmentarischen Quellenzugang in Moskau, und wir haben eine teilweise Öffnung der russischen, ehemals sowjetischen Archive. Ich betone dieses »teilweise«. Sie kennen alle die Matrjoschka, und ich kenne die Archive ganz gut, aber ich weiß nicht, was noch alles drin ist. Das ist jetzt nicht nur so für die Öffentlichkeit gesagt, es ist tatsächlich so. Wer von ihnen war im KGB-Archiv? Nicht in der Lubjanka! Im Süden der Stadt, wie die Russen sagen. Aber man muss mal in die tatsächlichen Archive im Süden der Stadt kommen, dann wird man sehen, was dort ist. Wer war im Archiv des Generalstabs? Wer war in Podolsk? Zehn Hektar Archive! Man sagt, es sei alles offen. Da bin ich sehr vorsichtig. In Österreich beschäftigen sich Institutionen und private Forscher mit Kommunismusforschung. Es gibt staatliche und private Institutionen. Ich möchte diese kurz vorstellen, nur mit den Namen. Privat ist die Alfred Klahr Gesellschaft in Wien – ich verzichte darauf, alles vorzustellen, was dort erforscht wird. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Politik der KPÖ in der Nachkriegszeit, dazu gibt es Publikationen in großer Zahl. Ein zweites großes Forschungsthema der Alfred Klahr Gesellschaft ist der KP-Widerstand gegen den Nationalsozialismus, und schließlich ist die Nachkriegsjustiz zu nennen, die Täterforschung und darin impliziert auch die Opferforschung. Die Gesellschaft hat eine Publikationsreihe Quellen und Studien, die sich großen Interesses erfreut, und sie verwaltet das Archiv der KPÖ. Staatlich ist das Center Austria an der Universität in New Orleans. Dieses Center untersucht österreichische Zeitgeschichte, richtet den Blick aber in dem Zusammenhang auch nach Osteuropa. Es gibt die Publikationsreihe Contemporary Austrian Studies heraus. Dann möchte ich auf eine private Einrichtung kommen. Man kann noch nicht sagen, das ist eine Forschungseinrichtung, aber es wird vielleicht eine werden: die Erzdiözese Wien. Dort beschäftigt sich Frau Dr. Fenzl, eine ausgewiesene Historikerin, sehr stark mit der Ostpolitik des Vatikan, und zwar im Zusammenhang mit der Karl-König-Stiftung. Kardinal König war ein wesentlicher Mann der vatikanischen Ostpolitik der sechziger und siebziger Jahre. Das ist noch wenig erforscht. Was allgemein bekannt ist, ist die Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung in Linz, viele von uns waren dabei. Dann ist noch das »Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes« zu nennen: Wolfgang Neugebauer, Brigitte Bailer-Galanda und andere. Forschungsschwerpunkte sind Widerstand und Verfolgung, Gedenken und Mahnen, aber auch Österreicher im Exil – das macht Herr Dr. Barry McLoughlin, ein Landsmann von Herrn LaPorte – oder die Volksgerichtsbarkeit nach 1945. Ein aktuelles Forschungsprojekt ist ein Biographisches Handbuch der österreichischen Opfer des Stalinismus (bis 1945), unter anderem mit Hans Schafranek und Walter Szevera. Es gibt eine Publikationsreihe Österreicher im Exil und noch vieles andere mehr. Worauf ich hinweisen möchte: Die Republik hat aus den Restgeldern der Zwangsarbeiterentschädigung einen Fonds eingerichtet. Da ist Geld übrig geblieben in Österreich. Mit diesem Geld können wir forschen. Dieser »Zukunftsfonds der Republik Österreich« vergibt Projekte im weitesten Feld, zwar kleine, aber wichtige Anstoßprojekte, z. B. über die Situation der repatriierten Sowjetbürger nach 1945 in der Sowjetunion. Das ist ein ganz heißes Thema, aber das machen die. Staatlich ist dann das Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Es ist allgemein bekannt und macht relativ viel, aber das ist das Traditionelle, was wir schon gehört haben, eben auch gerade von meinem Vorredner, Herrn Friis. Man schreibt dort die Geschichte des Ostblocks. Dann haben wir staatlich noch die Institute für Zeitgeschichte – ich erwähne hier Innsbruck mit Prof. Rolf Steininger, aber auch mit Prof. Michael Gehler, der jetzt in Hildesheim ist. Die Institute für Zeitgeschichte in Wien, in Graz und Linz brauche ich jetzt nicht weiter zu beschreiben. Dann haben wir noch ein interessantes Projekt, in dem ich mit im Leitungsgremium bin: das »Haus der Geschichte der Republik Österreich«, das wir konzipieren und wo auch in der Vermittlung gerade diese Themen vorkommen werden. Wir haben sie ja bereits inhaltlich konzipiert. Und schließlich als Letztes – nur weil die Zeit es nicht anders ermöglicht – das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, auf das Herr Mählert bereits eingangs hingewiesen hat. Wir bemühen uns hier wirklich, ein paar Forschungsschwerpunkte durchzuziehen. Ausgegangen sind wir von der Kriegsgefangenenforschung, und zwar für Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Italien und für Österreich klarerweise. Inzwischen haben wir viel gemacht zur Zwangsarbeit, auch gemeinsam mit der österreichischen Historikerkommission. Wir untersuchen die sowjetische Besatzungszeit oder z. B. zusammen mit den Letten den lettischen Widerstand gegen die Sowjetherrschaft. Wir kooperieren viel mit den Weißrussen, und hier in Minsk mit dem weißrussischen KGB, was sehr interessant ist. Wir widmen uns Aspekten des Kalten Krieges, z. B. dem frühen Kalten Krieg oder aktuell dem »Prager Frühling« mit einem Projekt, das 2008 – hoffe ich – fertig sein wird. Wir machen Ausstellungen, die diese Themen entsprechend darstellen. Die Staatsvertragsausstellung hatte im Vorjahr immerhin 230 000 Besucher. Wir betreiben aber auch Lokalgeschichte usw. Aktuelle Forschungsprojekte sind zusätzlich die Besatzungswirtschaft, konkret die Mineralölverwaltung – Österreich hatte damals das drittgrößte Erdölvorkommen in Europa – und die sowjetische Strafjustiz in Österreich und in der Sowjetunion. Und etwas ganz Neues – dazu wird jetzt demnächst publiziert werden: die sowjetische Genforschung. Genforschung aber jetzt nicht aktuell bis 1990, sondern in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren am Beispiel der Pflanzengenetik. Vavilov ist der Hauptvertreter. Wir untersuchen auch die sowjetische Deutschlandpolitik. Zur Stalinnote erscheint jetzt ein Buch von Peter Ruggenthaler als Sonderband des Instituts für Zeitgeschichte, München. Wir haben auch selber einige Publikationsreihen. Insgesamt also ein buntes Bild, das Österreich auf dem Gebiet dieser Forschung bietet. Man könnte noch einiges über Tendenzen und Richtungen sagen, aber ich mache jetzt Schluss. Mählert: Herzlichen Dank, Herr Karner. Ich muss jetzt noch dazu sagen, dass er nicht nur das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung leitet, sondern bislang auch das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz. Angesichts dieser Forschungsbreite wundert es nicht, dass Herr Karner 1995 – so kann man es im Internet erfahren – österreichischer »Wissenschaftler des Jahres« geworden ist. Die Kollegen und Kolleginnen schauen nicht auf die Uhr in Gedanken an die Kaffeepause, sondern sie schauen jetzt gebannt auf Frau Studer und überlegen, wie man als Moderator so unhöflich sein kann, der einzigen Kollegin im Kreis des Beirates als Letzter die Möglichkeit zu geben, das Wort zu ergreifen, wenn die Konzentration am geringsten ist. Aber erstens bin ich davon überzeugt, dass man Ihnen, liebe Frau Studer, die größte Konzentration entgegenbringen wird. Und zweitens schien mir diese Reihenfolge auch deshalb sinnvoll, weil aus Ihrem Papier und unserem gestrigen Gespräch sehr deutlich wurde, dass in der Schweiz, wo man sich Lenins bereits 1917 entledigt hatte, die Historisierungstendenzen in Bezug auf die Kommunismusgeschichte ganz offenkundig viel weiter fortgeschritten sind als in den anderen Ländern. Frau Studer arbeitet zu Themen der Sozial- und Kulturgeschichte des Kommunismus und Stalinismus, zu Selbst und Subjektivität im Stalinismus sowie zur Historiografie des Stalinismus und Totalitarismus. Sie sind Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern, und ich möchte Sie bitten, vor der Pause zu umreißen, wie die historische Kommunismusforschung aussehen könnte, wenn die Schweiz das Vorbild wäre. Prof. Dr. Brigitte Studer: Ich dachte schon, die Reihenfolge wäre dadurch bedingt, dass die Schweiz halt doch nicht ganz zu Europa gehört. Ich möchte nicht nur über die Schweiz sprechen, sondern werde auch die französische Kommunismusforschung einbeziehen. Das hat inhaltliche und forschungspraktische Gründe. Nur über die Schweiz zu sprechen, wäre als Beitrag zu dünn, obschon wir heute hier nur wenig Zeit zur Verfügung haben. Allerdings wäre ein richtiger Forschungs-überblick über Frankreich dann auch schon wieder zu viel, denn die Kommunismusforschung in Frankreich ist seit Ende der Siebziger / Anfang der Achtziger äußerst produktiv und natürlich sehr viel breiter als in der Schweiz. Ich nenne ein paar Stichworte zur Kommunismusforschung in diesen beiden Ländern. Ich werde davon Abstand nehmen, einzelne Titel oder einzelne Forscher zu nennen, ich werde nur versuchen, eine Periodisierung vorzunehmen. Aber zuvor noch kurz zu den Orten, an denen geforscht wird: In der Schweiz gibt es kein universitäres Zentrum für Kommunismusforschung, wie man sich vielleicht auch denken kann. Die zu diesem Thema Forschenden sind an einer Hand abzuzählen, und es wird dort über den Kommunismus geforscht, wo diese Forschenden auch lehren. Es existiert außerdem eine Stiftung, die »Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung« in Zürich, die unabhängig von akademischen Kreisen auch Forschung zum Kommunismus betrieben hat und zum Teil noch betreibt. In Frankreich ist die Kommunismusforschung zweigeteilt. Die Spaltung hat sich durch das Schwarzbuch des Kommunismus ergeben. Es gibt sozusagen zwei Welten. Die eine Welt ist in der Nachfolge von Annie Kriegel um die Zeitschrift Communisme versammelt. Die zweite Seite der Kommunismusforschung ist um das Centre Malher gruppiert, das an der Universität Paris 1 (früher Sorbonne) situiert und mit weiteren Forschern in Nanterre und an der Universität Dijon vernetzt ist. Nun habe ich gesagt, dass die Zusammenarbeit der Schweiz mit Frankreich inhaltliche Gründe hat, aber auch forschungspraktische Gründe. Die meisten Forschungen in der Schweiz zum Kommunismus stehen in engem Zusammenhang mit der französischen Kommunismusforschung, und es gibt da verschiedene Forschungsverbünde. Wie hat sich die Kommunismusforschung nun in diesen beiden Ländern seit Öffnung der Archive in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt? Es gab in beiden Ländern schon vorher eine mehr oder weniger entwickelte Kommunismusforschung, in Frankreich freilich viel ausgeprägter als in der Schweiz. Aber ich konzentriere mich nun auf die Zeit nach 1992 / 1993, als die ersten Publikationen nach Öffnung der russischen Archive erschienen sind. Diese Jahre bilden meines Erachtens die erste Phase der Kommunismusforschung auf sowjetischer Quellenbasis, eine Phase, in der sehr viele Forschungen entstanden und publiziert wurden. Es war eine wirklich intensive Forschungsphase, aber auch eine Zeit heftiger Kontroversen, zudem mit großem Medieninteresse. Es gab nicht nur Arbeiten wissenschaftlichen Typs, sondern auch viele publizistische Veröffentlichungen. Die Erkenntnisinteressen waren jedoch sehr stark – ich sage das etwas schematisch – auf Lückenfüllung hin orientiert. Es ging in erster Linie darum, Fragen zu beantworten über Bereiche, über die man bislang nichts oder zu wenig wusste – so in Bezug auf die Parteien und Herrschaftsstrukturen, die Kominternstrukturen. Daneben ist über die wichtigen Personen intensiv biografisch gearbeitet worden, und es entstanden auch erste Forschungen zum Terror, aber es ging darin vorwiegend um Opferzahlen. Ich möchte diese erste Phase, vielleicht ein bisschen polemisch, als die sowjetische Phase der Kommunismusforschung bezeichnen, insofern als große Männer, Macht, Herrschaft und Institutionen bearbeitet wurden. Von den Gegenständen und auch von den Ansätzen her ist es, denke ich, eine Phase historistischer Geschichtsschreibung gewesen. Höhepunkt, oder vielleicht besser Wendepunkt dieser ersten Phase war das Schwarzbuch des Kommunismus, das die Forschungslandschaft gespalten und sehr viele Kontroversen provoziert hat. Aber das natürlich nicht nur in Frankreich und in der Schweiz. Und dann gibt es eine zweite Phase, die sich gegen Ende der neunziger Jahre entwickelt hat. Diese Phase dauert meines Erachtens bis heute an. Da ging es und geht es inhaltlich noch immer sehr stark um biografische Forschungen. Allerdings hat sich das Interesse etwas verschoben in Richtung kollektivbiografischer Forschung. Es sind auch einzelne Nachschlagelexika erschienen. Daneben ist das Thema Terror und Repressionen weiterhin ein wichtiger Forschungsbereich geblieben, aber das Erkenntnisinteresse und die Fragestellungen haben sich geändert. Es geht seither weniger um die Opferzahlen und die Personen als um die Mechanismen des Terrors, die Hintergründe des Terrors. Organisationsgeschichtlich hat sich das Interesse von den Hauptorganisationen – den Parteien, der Komintern – mehr zu Nebenorganisationen hin verschoben. Bearbeitet wurden nun auch kulturelle Interventionen, Aktionen und Orientierungen der kommunistischen Organisationen und Parteien. Und dann haben sich auch neue Thematiken entwickelt, insbesondere zu den Lebensbedingungen im Kommunismus. So wurde etwa gefragt, welche Erfahrungen die westeuropäischen Kommunisten, die in der Sowjetunion gelebt haben, gemacht haben. Ein wichtiges neues Thema bildete die Frage der kommunistischen oder stalinistischen Identität. Welche Faktoren und Einflüsse haben die Identitätsbildung orientiert, welche sozialen und kulturellen Praktiken haben die Lebenswelt Kommunismus geprägt, und welche Differenzierungen und Erfahrungen ergaben sich im internationalen Milieu der Komintern? (Diese Fragen stellen sich im Übrigen auch für die Phase nach 1945. Vor allem für die Nachkriegszeit gibt es allerdings bislang nur für die französische KP erste Forschungen.) Gab es vielleicht unterschiedliche Prägungen durch das jeweilige Milieu, durch das politische und kulturelle Leben des eigenen Landes? Oder waren die gemeinsamen politischen Interessen und die intensiven Transfers zwischen den beiden Ländern und den Organisationen stärker, dominierten die Verflechtungen, die sich dabei ergaben? Umgekehrt stellt sich die Frage der Aneignung von kulturellen Denkmustern aus der Sowjetunion in den kommunistischen Parteien in Frankreich und in der Schweiz. Hier hat sich eine methodologisch-konzeptionelle Verschiebung ergeben in Richtung einer kulturwissenschaftlich orientierten respektive einer sozialhistorisch und historisch-anthropologisch orientierten Geschichtsschreibung. Das zeigt sich sowohl in den Herangehensweisen an die Gegenstände als auch in den Fragenstellungen. Um es wiederum ein wenig schematisch auszudrücken: Man könnte sagen, dass wir jetzt in einer »annalistischen« Phase der Geschichtswissenschaft stehen, nicht mehr in der dritten, sondern der vierten Generation der »Annales«, nicht mehr in der mentalitätsgeschichtlichen, sondern in der kulturgeschichtlichen Phase. In dieser Phase hat sich die Herangehensweise von deskriptiven Verfahren weg und stärker in Richtung rekonstruktiver Verfahren verändert. Das war zum Teil auch dadurch bedingt, dass neue Quellen »entdeckt«, respektive alte Quellen erst kürzlich beachtet worden sind – Quellen, die man neu gelesen hat. Ich denke an die Quellen des Typus »Egodokumente«. Die Sowjetunion ist in dieser Hinsicht ein Spezialfall. Es finden sich nämlich nicht nur »klassische« Egodokumente wie Tagebücher und Korrespondenzen usw., die in den letzten Jahren zum Teil auch durch die russische, die osteuropäische Geschichte erschlossen worden sind, sondern auch spezifische Egodokumente wie die zahlreichen Dokumente aus den Parteisitzungen, aber auch aus Unternehmen: Gruppendiskussionen und Selbstberichte, Selbstkritiken, Autobiografien kollektiver Art. All diese Quellen sind in den letzten Jahren vermehrt genutzt worden. In diesem Sinne möchte ich auch sagen, dass das, was Hermann Weber eingangs angesprochen hat, nämlich die Notwendigkeit der Historisierung der Kommunismusforschung, ein Stück weit, meine ich, in der französischen und schweizerischen Kommunismusforschung umgesetzt worden ist. Auch mit der Intention, den Kommunismus stärker in die allgemeine Geschichte einzuschreiben, sozusagen als Spezialgebiet zu entgrenzen. Ob das wirklich gelungen ist, kann heute wohl nicht definitiv gesagt werden, aber ich denke, es hat sich doch etwas verändert. Ein Hinweis, dass es der historischen Kommunismusforschung zumindest in Ansätzen gelungen ist, aus ihrer selbst produzierten historiografischen Isolation auszubrechen, kann sicher darin gesehen werden, dass die kognitiv-theoretischen Bezüge der Kommunismusforschung sich auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Geschichtswissenschaft allgemein in Richtung einer mehr kulturwissenschaftlich orientierten Sozialgeschichte, einer erneuerten politischen Geschichte verändert haben, dass sich eine gewisse Verschiebung in der Betrachtungsweise politischer Organisationen, kommunistischer Organisationen ergeben hat. Mählert: Herzlichen Dank, Frau Studer. Herzlichen Dank an alle Referenten und Gäste, die jetzt schon über zwei Stunden mit gleichbleibender Konzentration den elf Beiträgen zugehört haben. Gestern hat der Herausgeberkreis getagt. Gegenstand der Beratung war nicht nur die Zukunft des Jahrbuchs, auch die inhaltlichen Perspektiven und die Zusammenarbeit mit dem neu gegründeten Beirat standen auf der Tagesordnung. Es gab auch weitere Personalien, die für das Jahrbuch von großer Bedeutung sind und die einerseits jemanden betreffen, der unmittelbar neben mir sitzt, und andererseits zwei Herren, die heute nicht hier sein können. Hermann Weber hat das Jahrbuch 1993 gegründet und hat es zu dem gemacht, was es heute ist. Er hat uns schon vor zwei Jahren gewarnt, dass er die Arbeit am Jahrbuch nicht so lange fortzusetzen gedenkt, bis die Leute sagen, jetzt sei es aber Zeit, dass er sich zurückzieht. Und so hat Hermann Weber entschieden, mit dieser Ausgabe aus dem Herausgeberkreis auszuscheiden. In der nächsten und allen weiteren Ausgaben des JHK wird dann an prominenter Stelle vermerkt, wer dieses Jahrbuch begründet hat. Und dort, wo jetzt noch u. a. sein Name steht, werden dann Peter Steinbach und Stefan Troebst als neue Mitherausgeber benannt sein. Wir freuen uns auf unsere neuen Mitstreiter im Herausgeberkreis und darauf, dass Hermann Weber unserer Arbeit weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. • Mählert: Wir sind jetzt im zweiten Teil des heutigen Nachmittags angelangt. Das Wort haben zuerst unsere Gäste. Es gibt eine Reihe von Kollegen, die bereits angekündigt haben, dass sie unter Umständen Anknüpfungspunkte nutzen wollen, um über Kommunismusforschung in anderen Regionen oder zu speziellen Themen etwas beizutragen. Herr Wilfried Jilge hat jetzt als Erster das Wort. Wilfried Jilge: Mein Name ist Wilfried Jilge. Ich komme vom »Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas« an der Universität Leipzig. Ich möchte anknüpfen an die Dinge, die zum Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung gesagt wurden, das sich ja – wenn ich es richtig verstanden habe – öffnen will für den osteuropäi-schen Kontext und die doch sehr unterschiedlichen Entwicklungen im postsowjetischen Raum in den Blick nehmen will. Wir haben ja eben von Herrn Vatlin eine Zusammenfassung gehört, und da ist mir doch aufgefallen – ich beschäftige mich vor allem mit der Aufarbeitung des Totalitarismus in der Ukraine –, dass es in den einzelnen postsozialistischen Ländern natürlich viele Ausgangsvoraussetzungen gibt, die ähnlich sind, aber dass die dortige historische Forschung beginnt, sich stark auszudifferenzieren. Was mir konkret am Herzen liegt, das sind Anknüpfungspunkte thematischer Art, die die DDR-Forschung oder die Frage der Aufarbeitung der Vergangenheit der DDR-Forschung unmittelbar thematisch mit einem Land wie z. B. der Ukraine verbindet. Beispielsweise die sehr unterschiedlich verlaufende regionale Aufarbeitung, die in der Ukraine keineswegs in einer Ost-West-Spaltung aufgeht, sondern sich in drei, vier Erinnerungsregionen des Landes ausdifferenziert und sich teilweise sehr kontrovers darstellt. Und hier bietet sich vielleicht ein Erfahrungsaustausch an, denn in gewisser Weise betrifft dieses Problem ja auch das vereinigte Deutschland. Der nächste Punkt betrifft den Dialog zwischen den Erinnerungskulturen. Wir haben ja eben noch gesagt, dass der Blick auf die einzelnen Länder und der Diskurs mit den dortigen Partnern vielleicht auch unsere Zugänge und Periodisierungen ändern wird. Und ich denke, wichtige Themen werden jetzt aufkommen, die die Erinnerung an den Totalitarismus auch im westlichen Europa verändern werden. In der Ukraine steht die Debatte über die eigene Vergangenheit sehr stark unter legitimationswissenschaftlichen Vorzeichen. Ein Beispiel ist die Debatte über die große Hungersnot 1932 / 1933. Die Forderung ukrainischer Historiker und Politiker (z. B. des Präsidenten) nach internationaler Anerkennung der Hungersnot als »Genozid am ukrainischen Volk« lässt sich jedoch nicht nur unter der Rubrik »interne Geschichtspolitik« verbuchen, sondern drückt auch das Bedürfnis nach größerer Anerkennung eigener totalitärer Erfahrung aus. Ich denke, dass dieses Thema auch über die Europäische Union, jetzt auch in Wissenschaftsprojekten gefördert, Teil unserer Debatte wird, so könnte ein Jahrbuch mit diesem Renommee auch ein Forum sein, um sich schon im Vorhinein – wenn die großen emotionalen Debatten vielleicht noch nicht ganz ausgebrochen sind und einen ernsthaften Dialog erschweren – mit diesen Fragen zu beschäftigen und Meinungen und Kontroversen abbilden. Denn es geht ja hier einerseits um Versuche der Konstruktion eines »ukrainischen Holocaust« oder osteuropäi-schen Holocaust, andererseits um eine zentrale Vernichtungserfahrung in der Geschichte des sowjetischen Staates, die in »westlichen Erinnerungskulturen« immer noch unterbelichtet ist. Mählert: Das ermuntert mich, hier ausdrücklich zu sagen, dass solche Texte natürlich willkommen sind. Weber: Es war ein spannendes Forum von Anfang an und es ist geradezu geschaffen für solche Dinge. Jilge: Also es geht nicht nur um die Diskussion von Kontroversen, sondern um eine stärkere wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas, aber auch um eine intensivere Auseinandersetzung mit den Forschungsleistungen osteuropäischer Kollegen wie z. B. der ukrainischen Historiker. Ich denke, da gibt es immer noch ein Defizit. Das Thema ist ja auch bei uns nicht ganz ohne geschichtspolitische Vorzeichen, und ich denke, es wird sehr wichtig werden. Dr. Jan Foitzik: Ich wollte generell auf die Spaltung aufmerksam machen, die in den Berichten erkennbar wurde. Im Grunde ist in Osteuropa die Kommunismusgeschichte in den Nationalgeschichten geronnen, während in Westeuropa ein kulturologischer Zugang zu dieser Geschichte dominiert. Wie kann man die beiden vereinen? Geht das? Wir haben die gleiche Diskussion in Deutschland. Die Richtungen entwickeln sich inzwischen unabhängig nebeneinander. Man könnte auch sagen, dass die alte Kommunismusgeschichte an der Vielzahl der Fakten in gewissem Sinne gescheitert ist. Wir kommen mit den Einzelphänomenen nicht zurecht und versuchen, das irgendwie theoretisch zu kompensieren. Diese theoretische Aufbereitung kann man vielleicht für die Schweiz und für Frankreich machen, wo es keine Brüche in der historischen Entwicklung gibt. Jedenfalls nicht solche starken oder existenziell bedeutsamen Brüche wie in Osteuropa. Die »westlichen« Methoden kann man nicht generell auf Osteuropa anwenden. Ja, aber wie bringt man die beiden Geschichten, die Kommunismusgeschichten, zusammen? Ist das möglich? Was ist nötig, um zu einer Verständigung zwischen den Schulen zu kommen? Sie werden jetzt vielleicht sagen, dass ich polemisieren will, wenn ich nur kurz rhetorisch frage: Wie kann man einen Osteuropäer dazu bringen, Baberowski zu lesen? Jilge: Ich möchte das nur noch einmal unterstreichen, denn es geht genau in meine Richtung. Ich würde nur massiv die These in Frage stellen, dass wir hier in Westeuropa mit den kulturologischen, metahistorischen Instrumenten herangehen, und in Osteuropa ist das alles schön Nationalgeschichte. Foitzik: Das meine ich nicht in dieser Entschiedenheit. In Tschechien spielt beispielsweise die französische Geschichtsdiskussion eine sehr große Rolle, und sie ist dort viel intensiver rezipiert worden als z. B. in Deutschland. Darin sehe ich das Problem – ein allgemeines, dass die einzelnen Forschungsrichtungen schon heute kaum miteinander kommunizieren können, und ein spezielles: Die Forschungslage ist äußerst komplex, und wir sollten sie hier nicht weiter zerbröseln. Dr. Wilfriede Otto: Ich begrüße, was Prof. Weber in Bezug auf die Vernetzung angesprochen hat. Das ist natürlich sehr schwierig im Konkreten. Für den Charakter des Jahrbuchs und dessen Ausstrahlungskraft müsste man überlegen, bei welchen Themen man Osten und Westen vergleichen könnte. Z. B. wenn man an die Parteienproblematik denkt. Da gibt es Grundzüge, die stimmen zwischen den West- und Ostparteien überein. Ich meine Themen, wo man solche Grundzüge und gleichzeitig Unterschiede herausarbeiten kann, um verständlich zu machen, wie was aufeinander einwirkte und in welcher Zeit. Das wäre meines Erachtens auch für die Aufbereitung weiterer Erkenntnisse in Bezug auf die Kommunismusforschung und ihre Ausstrahlungskraft auf Debatten wichtig. Es müsste allerdings bewusst angedacht und organisiert werden, wenn ich z. B. an die Beziehungen zwischen KPdSU und SED oder, wie jetzt hier erwähnt wurde, zwischen der DDR und Dänemark denke. Hier handelte es sich zwar um die staatliche Ebene, aber möglicherweise lassen sich auch Schwerpunktthemen für ein vergleichendes Herangehen finden. Die andere Sache, die ich sehr begrüße, ist der Blick auf die mentale Geschichte. Mein Eindruck aus verschiedenen Diskussionen ist, dass es Auffassungen gibt, die mentale Geschichte oder eine Historisierung der Kommunismusforschung pauschal als Ablenkungsmanöver verstehen. Warum? Da würde angeblich beschönigt, von Grundrichtungen oder von dieser oder jener Problematik abgelenkt. Ich denke, dem ist nicht so, weil es ein viel komplizierterer Vorgang ist, Prozessen konkret historisch nachzugehen und in diesem Sinne Grundelemente widerzuspiegeln, anstatt sich von vornherein auf bestimmte Thesen und Einschätzungen festzulegen. Mentale Forschungen und Historisierung erweitern das Blickfeld, lenken auf viel mehr Details und Widersprüchlichkeiten, für die man Erklärungen finden kann oder auch nicht, die man bewertend bzw. distanzierend behandeln kann. Insofern polemisiere ich gegen Meinungen, dass solche Forschungen eine Beschönigung der Vergangenheit, der ernsthaften Probleme der kommunistischen Bewegung und ihrer stalinistischen Entwicklung seien. Mein anderer Punkt ist eine Frage, die schon Prof. Weber aufgeworfen hat: Warum haben eigentlich die Massen trotz Terroropfern immer noch zu den kommunistischen Regimen gehalten? Das ist eine Kernfrage, die für die einzelnen Länder unterschiedlich zu beantworten ist und die vermutlich aus theoretischer Sicht und unter sozialen Aspekten betrachtet werden muss. Denn keine geschichtliche Entwicklung vollzieht sich ohne eine gewisse Berücksichtigung sozialer Belange. Mich bewegt diese Frage im Zusammenhang mit Personen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, sich aber nie lossagten – weder von der stalinisierten Kommunismusidee noch von der Partei. Eine Antwort darauf zu finden ist schwer, wenn man einen konkreten Fall untersucht. Könnte hier nicht auch eine Rolle gespielt haben, dass die Stalinisierung, der Stalinismus und alles, was unter diesem Begriff historisch zu fassen ist, eben auch deshalb wachsen konnte, weil sie auf dem Boden marxistischer Auffassungen standen, die im 19. Jahrhunderte geboren wurden, die mit der sozialen Grundidee zusammenhingen und einleuchtend waren aufgrund konkreter historischer Bedingungen? Die aber dann missbraucht und in stalinistische Dogmen transformiert wurden, denen ein marxistisches Mäntelchen umgehängt wurde, das die Menschen nach wie vor faszinierte, auch unter besonders repressiven Unterdrückungsbedingungen. Da ist für mich die Frage, ob eine gewisse Grundlage vorhanden war, die umgemünzt werden konnte und Menschen einfing, ohne die Stalin’sche Linie, das Stalin’sche Konzept nahtlos von Marx bzw. aus dem Kommunistischen Manifest herzuleiten. Mählert: Vielen Dank, Wilfriede Otto. Du hast eine Frage gestellt und auch gleich beantwortet. Oberst Dr. Winfried Heinemann: Ich würde jetzt inhaltlich in eine ganz andere Richtung gehen wollen und die Frage nach dem Kalten Krieg und die Frage der Sicherheitspolitik ansprechen. Ich stehe ja, wie man sieht, dafür. Ich fand das jetzt in zweierlei Hinsicht sehr interessant. Auf der einen Seite ist mir aufgefallen, dass eine ganze Reihe Beiträge eigentlich den Kalten Krieg nur so als Folie sehen, vor der sich Kommunismusgeschichte in irgendeiner Weise entwickelt und die eigentlich nur einen Hintergrund bildet, den man zur Not auch noch ausblenden kann. Das halte ich für ein bisschen problematisch, weil es ja auch die Frage ausblendet, ob vielleicht umgekehrt der Kalte Krieg auch die Frucht einer ideologischen Auseinandersetzung ist. Diese Frage, inwieweit es ein ideologisch begründeter Krieg war, der 50 Jahre angedauert hat, also die Georges-Soutou-These, die fällt in der sicherheitspolitischen Debatte – Herr Friis, ich weiß nicht, ob Sie mir da zustimmen würden, aber das ist so meine Konzeption – doch etwas hinten rüber in den letzten Jahren. Die sicherheitspolitische Debatte nähert sich mehr der These an, das sei eine geostrategische Auseinandersetzung, sie ist in meiner Wahrnehmung erstaunlich entideologisiert. Und da, finde ich, wäre es auch eine wichtige Aufgabe für das Jahrbuch, diese ideologische Dimension zumindest als offene Frage wieder einzubringen. Ich behaupte jetzt hier nicht, dass es eine rein ideologische Auseinandersetzung gewesen ist zwischen dem Kommunismus und der freien Welt. Aber die Frage, inwieweit es das eine und inwieweit es das andere gewesen ist, diese Frage muss immer wieder gestellt werden, und ein Jahrbuch, das sich die Kommunismusforschung als Schwerpunkt setzt, könnte sie immer wieder einmal stellen. Mählert: Wir haben das Glück, dass wir Martin Großheim in unserem Kreis haben, der, wie er mir gerade erzählte, über Bayern direkt aus Vietnam hierher gekommen ist und zu den wenigen Kollegen zählt, die sich mit der Zeitgeschichte des südostasiatischen Raums auskennen. Ich fände es ganz interessant, wenn Sie mal in Ergänzung dessen, was wir heute in den ersten zwei Stunden gehört haben, ein paar Stichpunkte geben würden, wie sich die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus dort eigentlich entwickelt. Dr. Martin Großheim: Vielen Dank. Also Vietnam ist natürlich insofern ein Sonderfall, als die Kommunistische Partei in Vietnam noch an der Macht ist. Aber es gibt in den letzten Jahren, um es genau zu sagen, in den letzten 20 Jahren ganz interessante Entwicklungen. Das hängt damit zusammen, dass Vietnam sich seit 1986 geöffnet hat. Seitdem finden in Vietnam Wirtschaftsreformen statt, ähnlich wie in China, nur etwas zeitversetzt. Die damit verbundene Öffnung des Landes hat zur Folge, dass ausländische Forscher in Vietnam auch bessere Forschungsbedingungen haben, sprich Zugang zu Archiven, und auch die Möglichkeit, mit Vietnamesen Interviews zu führen. Außerdem haben Vietnamforscher seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten auch Zugang zu den Archivbeständen in Moskau oder hier in Berlin. Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe von interessanten Biografien entstanden, wie beispielsweise die Biografie von Ho Chi Minh, die seine Rolle ganz neu bewertet. Oder, was jetzt vielleicht etwas mehr auf die Fragestellung Kalter Krieg eingeht, es gibt eine ganze Reihe neuer Studien über die Beziehungen zwischen Vietnam, oder besser gesagt Nordvietnam, und der Volksrepublik China während des Kalten Krieges. Und es gibt neue Studien über die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Nordvietnam vor dem Hintergrund des sowjetisch-chinesischen Konflikts. Darüber hinaus sind eine Reihe weiterer neuer Untersuchungen über innenpolitische Probleme in Vietnam erschienen. Als Beispiel sei hier 1956 genannt. Das war auch für Nordvietnam ein Schicksalsjahr, ein Krisenjahr, denn es gab dort auch so etwas Ähnliches wie die »100-Blumen-Bewegung« in China, die sogenannte Nhan-Van-Giai-Pham-Affäre, und es gab eine Landreform, die aus dem Ruder gelaufen ist. Dazu liegt jetzt auch eine ganze Reihe von neueren Untersuchungen vor, weil, wie ich vorhin schon gesagt habe, ausländische Forscher in Vietnam mittlerweile Interviews führen können und Zugang zu neuen Quellen haben. Vielleicht kurz zum Abschluss: Was die Forschung in Vietnam selber angeht, so muss man sagen, dass sich die vietnamesische Geschichtswissenschaft noch nicht an solche Tabuthemen heranwagt. Das hängt damit zusammen, dass es laut vietnamesischer Verfassung bzw. Strafgesetz unter Strafe steht, sogenannte revolutionäre Errungenschaften infrage zu stellen. Es ist also z. B. ein Straftatbestand, wenn historische Persönlichkeiten wie Ho Chi Minh angeschwärzt werden. Das kann sogar so weit gehen, dass es ein ganz eklatantes Tabu ist, wenn z. B. jemand behauptet, dass Ho Chi Minh verheiratet gewesen sei, weil die Legende eine andere ist. Es heißt, Ho Chi Minh habe sein ganzes Leben der vietnamesischen Revolution geopfert, aber Fakt ist, das wissen auch die meisten Vietnamesen, dass er mindestens einmal verheiratet war. In Vietnam kann man aber so etwas nicht offen sagen. Es gibt also immer noch Tabuthemen, ich habe ja schon das Stichwort 1956, die vietnamesische »100-Blumen-Bewegung«, genannt. Die Schriftsteller, die damals verhaftet bzw. mit einem Berufsverbot belegt wurden, sind mittlerweile wieder rehabilitiert, aber in der neuen vierbändigen vietnamesischen Geschichte, die bald herauskommt, findet man nach wie vor orthodoxe Darstellungen über diese Vorgänge. Da hat sich noch nichts Neues getan bzw. nur ganz wenig in Ansätzen. Das Bild ist also ambivalent: auf der einen Seite Neuentwicklungen in der Forschung über Vietnam im Ausland, auf der anderen Seite in Vietnam selbst nur ein ganz zaghafter Beginn. Mählert: Es hat sich Herr Luban zu Wort gemeldet. Ottokar Luban: Wir haben in China zwei Tagungen der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft gehabt, 1994 und 2004. Die Teilnehmer, die sowohl auf der ersten wie auf der zweiten Tagung dabei waren, haben den großen Gegensatz gespürt. Das zweite Mal gab es eine freie Diskussion. Das konnte auch im Rahmen der Zielsetzungen der chinesischen KP geschehen, die die Demokratisierung, in einem bestimmten Rahmen natürlich, offiziell im neuesten Programm als eine der wichtigsten Aufgaben proklamiert, vor allem auch als ein Mittel, um die Korruption zu bekämpfen. Im Rahmen dieser Tagung von 2004 wurde ganz offen alles, was mit Mao und der Kulturrevolution zu tun hatte, heftigst kritisiert. Die freie Diskussion war auch das Kennzeichen einer internationalen Konferenz im vergangenen Jahr an der Huanzhong Normal University von Wuhan, wo man sich stärker den nationalökonomischen Arbeiten Rosa Luxemburgs widmete. Es war dort auch festzustellen, dass die Auffassungen von Gramsci und Lukácz an den Universitäten, jedenfalls von Doktoranden und fortgeschrittenen Studenten, sehr intensiv untersucht werden und dass versucht wird, ihre Auffassungen mit der Ideologie der chinesischen KP zusammenzubringen. Hier besteht also eine Forschung über den europäischen Kommunismus, die sehr unorthodox ist, nicht in den erwarteten orthodoxen Bahnen verläuft. Und das alles unter der offiziellen Ägide des Parteiinstituts in Peking, das auch sehr frei damit umgeht. In den Gesprächen mit deren Vertretern wurde gleichzeitig deutlich, dass sie sich darüber im Klaren sind, dass in den einzelnen Provinzen die wissenschaftliche Diskussion ganz anders ablaufen kann, noch freier als in Peking am Parteiinstitut oder auch wesentlich eingeschränkter. Hier wäre es einmal sehr interessant, einen Überblick im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung zu geben. Mählert: Vielen Dank. Jetzt hat Walter Süß das Wort. Dr. Walter Süß: Ich habe eine Frage an die Kollegen (eine Kollegin ist ja wieder nicht mit dabei) aus den ehemals kommunistischen Staaten. Sie ist zwar zum Teil von Herrn Vatlin schon für Russland beantwortet worden, aber mich würde generell interessieren: Inwieweit gibt es eine Diskussion über diese zeitgeschichtlichen Aufarbeitungsinitiativen in den ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes? Gibt es da überhaupt ein Bedürfnis und Interesse? Vom Gegenstand her – soweit man Kommunismusforschung betreibt – wäre es schon methodisch zwingend, sich auf eine solche Diskussion einzulassen. Das heißt aber nicht, dass sie auch automatisch stattfindet. Wenn sie also nicht stattfindet, denke ich, könnte auch das Jahrbuch dazu zumindest einen Beitrag leisten. Ruchniewicz: Ich muss auch die Ansätze erwähnen, die es in den letzten Jahren gab, dass wir die Forschung über den Ostblock, die im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Ostblockstaatensystems steht, doch in etwas größerem Rahmen sehen. Genauso war das in Bezug auf die DDR. Da haben wir immer Probleme mit der deutschen Historiografie – der bundesdeutschen bzw. der der DDR – gehabt, die die DDR als innerdeutsche Angelegenheit gesehen hat, selbst noch in den 90er-Jahren. Damit tun wir uns nach wie vor schwer. Es hieß vorher Arbeiteraufstand und später Volksaufstand. Wir haben nach wie vor diesen Volksaufstand mehr oder weniger als Volksaufstand innerhalb des Ostblocks gesehen und nicht in dem deutschen Kontext. Zum Beispiel habe ich vor wenigen Jahren mit zwei anderen Kollegen über das widerständige Verhalten am Beispiel Polens im Vergleich mit der DDR und der Tschechoslowakei gearbeitet. Wir wollten ursprünglich auch Ungarn mit einbeziehen. Ich kannte damals Herrn Ungváry noch nicht, aber wir haben einen anderen Kollegen gefunden – János Tischler –, der sich sehr ausgiebig mit den polnisch-ungarischen Beziehungen beschäftigt hatte. Das Buch ist schon vor Jahren erschienen, aber ich kenne keine deutsche Zeitschrift, die darauf aufmerksam gemacht hat. Ich würde also sagen, dass sehr viele Vergleichsstudien gemacht worden sind. Allerdings gibt es, wenn man die deutsche Forschung nimmt, zwar inzwischen sehr viele bilaterale Studien zu den deutsch-polnischen Beziehungen oder besser den Beziehungen Polen-DDR. Auf dieser Konferenz haben wir heute auch schon davon gehört, auch von den Beziehungen DDR – Großbritannien, aber es gibt von der deutschen Seite wenig Ansätze, das im größeren Komplex zu sehen: von der deutschen Geschichte wegzugehen und sich auf den Ostblock zu konzentrieren, also die Vorgänge in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR als Teil des Ostblocks zu sehen. Darin sehe ich schon ein Problem, und das ist wahrscheinlich der Grund, warum wir nicht so gut kommunizieren können. Dazu kommt noch, dass man auf deutschen Tagungen auch erlebt, es gibt die sogenannten DDR-Spezialisten und es gibt Kollegen, die sich für die Geschichte Deutschlands interessieren. Aber die sprechen nicht miteinander. Das ist interessant zu beobachten. Das heißt, man redet sehr oft aneinander vorbei. Die DDR wurde nicht als Teil des Ostblocks gesehen – und da haben wir dann auch z. B. in Polen Probleme, polnische Kollegen zur Mitarbeit an solch einem geschichtlichen Thema bewegen zu können. Doch das Interesse ist vorhanden, und das Gespräch ist notwendig. Mählert: Erhart Neubert drängt es zu einem Zwischenruf. Dr. Erhart Neubert: Ja, Herr Ruchniewicz, das stimmt nicht ganz. Denn es gibt eine Buchveröffentlichung, die komparatistisch angelegt ist, wo die DDR-Geschichte und vor allem die Widerstandsgeschichte ausdrücklich in den osteuropäischen Kontext gestellt werden. Ich mache hier nochmals aufmerksam auf das Buch über die Rezeptionsgeschichte des 17. Juni, das wir mit Ilko-Sascha Kowalczuk zusammen gemacht haben. Da haben wir das ausdrücklich in den Kontext der osteuropäischen Aufstandsgeschichte seit 1945 gestellt. Ruchniewicz: Das habe ich mit meinen Kollegen gemacht, aber das hat kein deutscher Kollege gemacht. In Deutschland ist niemand auf die Idee gekommen, die polnischen Akten mit einzubeziehen und selber als Deutscher darüber zu forschen. Das ist der Unterschied. Deswegen habe ich den Text mit meinen Kollegen geschrieben. Nur ich meine, um jetzt auf der anderen Seite Verständnis zu wecken, Sie können weder Polnisch noch Ungarisch sprechen, und deswegen ist es ganz wichtig, dass man weg ist von der deutschen Geschichte und in die jeweilige nationale Geschichte geht und versucht, diese bilaterale bzw. multilaterale Schiene einfach stärker zu berücksichtigen. Das habe ich gemeint. Mählert: Welchen Band meinten Sie jetzt? Großheim: Den Band, den Kowalczuk über den Volksaufstand und zur Rezeption des kommunistischen Volksaufstands herausgegeben hat: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte. Das war ein Tagungsband, an dem ich auch mitgewirkt habe. Das haben Sie wahrscheinlich gemeint. Neubert: Nein, das ist kein Tagungsband, sondern es gibt eine Monografie, die ausdrücklich nur die Rezeptionsgeschichte behandelt. Wenn Sie da einmal hereinschauen, dann sehen Sie, dass das natürlich auch in diesen osteuropäischen Kontext hineingehört. Mählert: Es wurde jetzt ein Kardinalproblem unserer Forschungslandschaft angesprochen: das Sprachproblem. Viele DDR-Forscher sind kaum in der Lage, englische Diskussionen zu verfolgen, geschweige denn polnische oder tschechische. Das lässt sich zum Teil biografisch erklären. Auch die formalen russischen Kenntnisse sind nicht gut genug, um russische Beiträge ausreichend zur Kenntnis zu nehmen. Und dass dann wiederum in Ungarn, Tschechien und Polen die Sprachkompetenz besser entwickelt ist, hat natürlich auch mit der Größe der Länder zu tun. Aber Sascha Vatlin wollte noch einmal etwas zu dieser Zusammenarbeit sagen. Vatlin: Ich bedauere wirklich, dass wir diesen komparatistischen Ansatz zumindest im osteuropäischen Bereich nicht haben. Vielleicht einige Sätze dazu, warum das so ist. Ich würde sagen, in den gesellschaftlichen Initiativen der Aufarbeitung klappt es viel besser – Beispiel Memorial, Beispiel Karta –, für die Historiker ist es aber offensichtlich schwieriger. Wir haben auch mit osteuropäischen Kollegen unsere Probleme. Das gilt für die sowjetische und die russische Geschichtsschreibung. Stefan Karner hat gerade dieses Matrjoschka-Beispiel angeführt. Also jetzt entpuppt sich die Matrjoschka in eine andere Richtung, was das sowjetische Imperium betrifft. Die anderen Länder wechseln die Fronten, wenn man es stark vereinfacht, und die Matrjoschka wird einfach kleiner. Und viele Historiker – in Russland meine ich jetzt, ich spreche für die russischen Historiker – sind wirklich nicht in der Lage, diese Geschichte so schnell zu verarbeiten; gerade was ich über die Heimatgeschichte erzählt habe. Jetzt gibt es bei uns Streit bei Lehrstuhlbesetzungen: Was macht man mit den früheren Sowjetrepubliken? Welchem Forschungsschwerpunkt werden sie zugeordnet? Wo findet man jetzt die Ukraine, wo findet man jetzt Usbekistan? In dem Fall, über den ich gerade in der Pause gesprochen habe, wird bei uns der Lehrstuhl »Blischnije zarubeschje« eingeführt, wörtlich Lehrstuhl für »näheres Ausland«. Die ost-europäischen Länder liegen gerade dazwischen, zwischen näherem Ausland, d. h. früheren Sowjetrepubliken, und dem »richtigen« Westen. Was soll man sagen? Bei vielen Kollegen, gerade bei denen, die in der slawischen Abteilung arbeiten, gibt es gewisse Ressentiments. Unsere frühere Solidarität ist jetzt vorbei, es ist so eine Art Scheidungsprozess gewesen. Man muss das einfach erleben und überleben, und gerade die neuen nationalen Töne in den osteuropäischen Ländern stoßen bei manchem Kollegen auf eine gewisse Intoleranz – sagen wir es so. Es wird immer wieder polemisiert, und deshalb habe ich gesagt, dass es mit der Historisierung schwierig sein wird. Und Historiker haben immer das Problem, dass sie der Macht viel näher sind als die gesellschaftlichen Initiativen wie Memorial und viele, viele andere. Das ist der jetzige Standpunkt der russischen Historiker. Mählert: Herr Tůma wollte sich in dieser Sache noch äußern. Tůma: Sie haben von Sprachproblemen gesprochen. Deutsch ist mein Sprachproblem, aber ich will es versuchen. Vor zehn oder zwölf Jahren waren es vor allem amerikanische Wissenschaftler, die uns zusammenbrachten und multilaterale Kooperationen anbahnten. Jetzt tragen auch das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung und die Stiftung Aufarbeitung dazu bei, gemeinsame Projekte zu initiieren und die Forscher verschiedener Länder zusammenzubringen. Manchmal sind bilaterale Kooperationen geradezu unerlässlich; etwa wenn es darum geht, die Geschichte des Prager Frühlings zu erforschen. Das ist ohne Zusammenarbeit mit russischen Kollegen und Archivaren nicht möglich. Wir sammeln seit acht Jahren unsere Erfahrungen in einem solchen gemeinsamen Projekt. Geplant ist eine Dokumentenedition, aber dies gestaltet sich so kompliziert, und es geht so langsam voran – es kann passieren, dass zwei bis drei Jahre gar nichts passiert. Manchmal erscheint mir dann die Zusammenarbeit mit russischen Historikern und mit den dortigen Archiven wie ein permanenter Kleinkrieg. Ungváry: Ich habe inzwischen auch über die Frage nachgedacht, und in meinem Referat habe ich ja auch beschrieben, wie es bei uns um die Politisierung der Geschichtswissenschaft steht. Es ist ja um gewisse Diskrepanzen gegangen. Unsere Wissenschaft war einmal die freieste im Ostblock: In den achtziger Jahren oder Anfang der achtziger Jahre ist z. B. schon erörtert worden, dass das Horthy-Regime nicht faschistisch war. Selbst zu 1956 sind schon vor der Wende ganz unterschiedliche Bücher erschienen, und es gibt auch sicher sehr interessante und gute Sachen, die auf dem wissenschaftlichen Niveau des Westens waren, schon zur Wendezeit. Ich dachte darüber nach, warum und ab wann bei uns dann die Komparatistik fast zu 100 Prozent fehlt. Dass der Vergleich zur Tschechoslowakei oder zu Rumänien fehlt, mag auch an Sprachproblemen liegen. Wir sind zwar Nachbarn, aber trotzdem gibt es da bestimmte Probleme. Aber gerade die DDR-Forschung könnte ein Ansatzpunkt sein, denn es sprechen doch viele Ungarn Deutsch, und es gibt eigentlich auch Mittel, zumindest von deutscher Seite. Trotzdem ist das total untergegangen. Das geht so weit, dass es bei den 56er-Feierlichkeiten in Ungarn völlig unbekannt ist, dass in Berlin einige Jahre davor etwas passiert ist – und es ist deshalb völlig unbekannt, weil die Wissenschaftler darüber nie etwas geschrieben haben. Nicht einmal in einer Tageszeitung. Ich glaube, da kann das Jahrbuch sicher sehr viel beitragen, denn es müssen noch potenziell Leute in Ungarn vorhanden sein, die diese Komparatistik machen könnten. Wir haben nicht diese Strukturprobleme wie z. B. Bulgarien oder andere Länder, wo diese Forschungen nicht gediehen sind. Es gibt geschulte Leute, aber wir haben so etwas trotzdem nicht gemacht. Ich verstehe das auch nicht. Mählert: Ich glaube, im Hinblick auf komparatistische Perspektiven und die Zusammenarbeit zwischen den Ländern kann man das Glas entweder als halb voll oder als halb leer bezeichnen. Wenn man konkret darüber nachdenkt, kann man sehr viele Beispiele für bilaterale Zusammenarbeit nennen. Ich verweise nur auf das an der Uni Mannheim in den neunziger Jahren realisierte Projekt über Parteisäuberungen im Kommunismus, in dem wir mit Karel Kaplan, mit František Svátek und mit russischen Kollegen zusammengearbeitet haben. Denken Sie an die großen Konferenzen, die unter Federführung des IPN in den vergangenen Jahren organisiert wurden, über die Geschichte von Geheimdiensten im Kommunismus. Die Liste solcher Kooperationen würde recht lang werden, denken Sie allein an die vielen Veranstaltungen aus Anlass des 50. Jahrestags des Ungarnaufstands. Wahrscheinlich ist die Situation besser, als es jetzt einen Moment lang den Eindruck erweckte, als du dich zu Wort gemeldet hattest. Im Endeffekt gilt für komparatistische Perspektiven in diesem Forschungsfeld das Gleiche wie für alle komparatistischen Perspektiven. Sie sind schnell eingefordert, aber schwer realisiert. Ich möchte daran erinnern, wie wir in den neunziger Jahren in den Debatten über die Notwendigkeit gesprochen haben, auch mal einen Diktaturenvergleich zwischen dem Nationalsozialismus und der DDR zu machen. Das wurde im Großen und Ganzen ja bejaht, dass man das machen sollte, bei allen Unterschieden der Systeme. Aber wenn man mal genau hinschaut, wie viel im eigenen Sprachraum zu einem doch so naheliegenden Thema tatsächlich gemacht wurde, dann ist es doch ziemlich kläglich. Das zeigt einfach, dass komparatistische Ansätze nicht so stark verbreitet sind, wie man es sich wünscht und wie man es proklamiert. Und wenn es dann noch internationale Zusammenarbeit betrifft – das hat Herr Tůma schon gesagt –, kostet es eben in der Regel viel, viel Kraft. Es ist schon anstrengend genug, im eigenen Institut zusammenzuarbeiten – und umso mehr über die Landesgrenzen hinweg. Aber jetzt, glaube ich, sollten wir Herrn Hedeler die Möglichkeit geben, vielleicht ein neues Thema aufzugreifen. Dr. Wladislaw Hedeler: So neu ist das Thema nicht. Ich würde gerne auf die hier von vielen Kollegen angesprochene Öffnung der Archive zurückkommen, die als eine sehr positive Entwicklung wahrgenommen und eingeschätzt worden ist. Die Probleme und Schwierigkeit treten deutlicher hervor, wenn man nicht nur die Erfahrung der Arbeit in den russischen Metropolen, sondern auch die in der russischen Provinz einbezieht. In den letzten fünf Jahren habe ich in Archiven in Russland, aber auch in Kasachstan und in der Ukraine arbeiten können. Die Situation in der Ukraine und in Kasachstan ist ein Thema für sich. In der russischen Provinz wird man oft mit Bedingungen konfrontiert, die Forschung und Recherchen auf einem Stand, der dem der großen Moskauer Dokumenteneditionen nahekommt, unmöglich machen. Auch deswegen plädiere ich dafür, dass im Jahrbuch Berichten und Skizzen über die Forschungen und die Forschungsergebnisse in den russischen Regionen und den Nachfolgestaaten der GUS weiterhin ein wichtiger Stellenwert beigemessen und mit der guten, in den vorhergehenden Bänden gepflegten Tradition nicht gebrochen wird. Erinnert sei an die Berichte von Jan Foitzik und Elke Scherstjanoi über die Archivsituation in Russland. Forschungen zu vielen Themen, von denen hier heute die Rede war, finden in der russischen Provinz nicht oder nur in Ausnahmefällen statt. Diese Feststellung mündet u. a. in die beunruhigende Frage, wie lange wir von dem zehren können, was die Moskauer Kollegen in Gestalt der von Memorial besorgten Publikationen oder der von Alexander Jakowlew initiierten Reihe bis auf den heutigen Tag produziert haben. Irgendwann ist auch dieser Fundus erschöpft. Er bedarf der Ergänzung durch vor Ort recherchierte regionale Studien. Mählert: Ich habe zum jetzigen Zeitpunkt niemanden auf der Rednerliste stehen. Ich weiß aber, dass Bernhard Bayerlein mich vorhin gefragt hat, wann denn Wortmeldungen möglich sind. Hast du etwas auf dem Herzen? Dr. Bernhard H. Bayerlein: Ich habe eigentlich immer etwas auf dem Herzen. Wenn ich jetzt als Mitherausgeber des Jahrbuchs und vor allen Dingen in diesem Falle, auch in Bezug auf die letzte Frage, als Mitherausgeber des Internationalen Newsletter der Kommunismusforschung etwas sagen darf: Sicherlich ist die Archivsituation ambivalent, und unsere Aufgabe ist, sie auch in Zukunft in dieser Ambivalenz entsprechend zu spiegeln. Nur, was die Konsequenzen für die Historiografie angeht, würde ich doch schon eher für Foitzik Partei ergreifen, der vorhin die etwas provokante These aufgestellt hat, dass einfach so viele Sachen da sind, dass wir mit den Mitteln, d. h. auch mit bestimmten Methoden der Historiografie gar nicht mehr so richtig klar kommen mit dieser Fülle. Ich glaube, beide Aspekte sind wichtig. Was die Informationen angeht: Zumindest im International Newsletter haben wir uns ständig bemüht, über neue Archivprojekte zu berichten, und tun es auch weiterhin. Wir haben immerhin das größte internationale Kooperationsprojekt der Russischen Föderation auf internationaler Ebene mitinitiiert, die Komintern-Onlinedatenbank, die an fast allen Universitäten Deutschlands zugänglich ist. Sie ist zwar noch verbesserungsbedürftig, aber es ist ein erster Schritt. Um das jetzt nicht zu verlängern: Nur in der letzten, der laufenden Ausgabe haben wir einen Artikel von Herrn Koslow, dem Leiter des Komitees für Archivwesen der Russischen Föderation, abgedruckt, der zwar sehr amtsrussisch daherkommt, der aber eine positive Bilanz der russischsprachigen Editionen zieht, der sogenannten Archiveditionen. Er dokumentiert laut der Planungen die Archiveditionen in der russischen Föderation von 1992 bis 2005, also in einer sehr wichtigen Phase. Ich bitte Sie, das zur Hand zu nehmen – Sie werden feststellen, welche inhaltlichen Reserven man noch immer hat in Bezug auf einzelne Veröffentlichungen. Das ist auch ein Beitrag zu dem, was Alexander Vatlin gesagt hat: Es sind in diesem Zeitraum fast tausend Dokumenteneditionen erschienen, 980 ungefähr, wie Sie auch im Übrigen noch einmal in der entsprechenden russischen Spezialliteratur nachlesen können. Es ist also doch einiges passiert. Der zweite Punkt, auf den ich eingehen will, ist die Frage der vergleichenden Perspektive. Ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind, die Grundfragen des Kommunismus bzw. die historische Bilanz des Kommunismus, die Frage, was war der Kommunismus im 20. Jahrhundert, beantworten zu können oder zumindest einen Schritt in diese Richtung zu tun, wenn wir weiterhin diese internationale, vergleichende, transnationale Perspektive, auch mit allen Schwierigkeiten, die hier zum Ausdruck gekommen sind, verfolgen. Die Frage des kommunistischen Subjekts, der kommunistischen Struktur oder des kommunistischen Systems lässt sich meiner Meinung nach auf eine simple Formel reduzieren: Der Kommunismus war im Unterschied zu anderen Phänomenen des 20. Jahrhunderts eine kongenial internationale Bewegung. Und wenn uns dies aus dem Gesichtsfeld gerät, so wie es eben nationalgeschichtlich im Augenblick aufgrund bestimmter politischer Bedingungen außer Acht gelassen wird, werden wir weder was die kulturalistische noch die systemische Betrachtungsweise des Kommunismus angeht, die noch lange nicht am Ende ist und für deren Fortsetzung ich natürlich ganz vehement auch in meinen Publikationen plädiere, viel erreichen können. Diese Internationalität der kommunistischen Bewegung können wir auch mit soziologischen, Max Weber’schen idealtypischen Begriffen sehr wohl umschreiben – diese kommunistische Besonderheit, die sich bis hin auf die unterste Ebene widerspiegelt, die jedem Individuum, egal ob in der englischen kommunistischen Partei oder in der vietnamesischen, einen Platz zugewiesen hat im Rahmen eines internationalen Kosmos, der idealtypisch sehr wohl analysiert werden kann. Max Weber und auch Karl Marx haben dazu entsprechende Analyserahmen und Hilfsmittel entwickelt, um das Phänomen des Internationalismus als solches theoretisch zu durchdringen. Das wäre mein Plädoyer. Ich kann jetzt hier nicht in Einzelheiten gehen, ich versuche dies in meiner Habilitationsschrift aufzuzeigen. Insofern glaube ich, dass wir unter Beachtung dieser Gesichtspunkte und mit dem Versuch der Annäherung doch auf einem sehr guten Weg sind. Mählert: Thomas Friis hat das Wort. Friis: Ich wollte nur kurz auf Herrn Heinemann eingehen, und zwar auf die Frage der Entideologisierung. Das ist nicht unbedingt die Erfahrung bei uns. Diese Sichtweise auf den Kalten Krieg und auf den Kommunismus findet man besonders in einer bestimmten Gruppe, und zwar in der Gruppe der Sicherheitsexperten der achtziger Jahre. Es war damals eben die Mode, und das versucht man jetzt wieder zu beleben. Bei der neuen Geschichtsschreibung geht es eher in eine andere Richtung, und zwar dahin, dass man die Ideologisierung des Kalten Krieges im Inneren wie auch im Äußeren fokussiert, also auf jeden Fall bei uns, wodurch das Thema eigentlich auch viel relevanter wird. Da machen wir nicht nur Geschichte für Marginalgruppen, also sprich für Diplomaten zum Beispiel, sondern eine breitere Geschichte für die Bevölkerung. Was bedeutet jetzt der Kalte Krieg in den Betrieben oder in der öffentlichen Debatte? Und da sieht man eigentlich schon die Kommunismusforschung auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Auch im Äußeren, wenn wir jetzt die Verbindungen zwischen unserem Land und den sozialistischen Ländern betrachten, da blickt man auch eher nicht auf die staatliche Ebene, weil sich da relativ wenig bewegte. Die Positionen kannte man schon, und man hatte auch nicht die Hoffnung, dass sich da etwas großartig änderte. Deshalb guckt man darauf, was denn z. B. seitens der DDR gegenüber Parteien und Gruppen in der Bevölkerung passierte – sprich Verbesserung des Sozialismusbildes – und welche Versuche es gab, die Zusammenarbeit mit nongovernment groups zu verbessern. Ich glaube, das macht es auch wesentlicher für die breite Bevölkerung, und jedenfalls bei uns in den nordischen Ländern gibt es doch großes Interesse an Fragen des Kalten Kriegs. Man sucht eben Erklärungen für das, was man damals erlebt hat. Heinemann: Das ist nach meiner Wahrnehmung eher unterentwickelt in Deutschland. Ich habe den Eindruck, hier wird die Geschichte des Kalten Krieges weit überwiegend von den Sicherheitsexperten gemacht, die ihn in anderen Kategorien wahrnehmen. So ist das. Mählert: Das ist praktisch ein Appell für einen Forumsbeitrag im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. So war das doch gemeint? Hermann Weber steht hier als Letzter mit einem Schlussstatement. Weber: Ich bin froh und vor allem stolz auf unseren neuen Beirat, denn gemeinsam haben wir es verstanden, hier unser Gesichtsfeld etwas zu erweitern. Wer kennt schon Details über Vietnam? Ein Buch ist gerade herausgekommen, Heinz Schütte aus Paris schrieb über die frühe Phase einiger Deutscher beim Viet Minh, aber das sind Ausnahmen. Wir leben heute nicht nur in einer Informationsgesellschaft, sondern wir werden mit Informationen überschüttet, auch in der Wissenschaft. Wer kann schon von sich behaupten, dass er jedes wissenschaftlich wichtige Buch tatsächlich von vorn bis hinten lesen kann. Aus zeitlichen Gründen schaut man leider oftmals nur selektiv rein. Das bedeutet, dass man sich darüber klar sein muss, dass ein Jahrbuch Vor- und Nachteile hat. Der Vorteil ist, dass es einmal im Jahr herauskommt und damit überblicksartig diese und jene Analyse, Dokumente, konzentrierte Berichte bringen kann. Ein Nachteil ist, dass noch von so vielem anderen im Jahrbuch zu berichten wäre, so dass es ins Unermessliche ausgedehnt werden müsste, aber das geht ganz einfach nicht. In der Diskussion gab es einige sehr interessante Vorschläge, wie z. B. der Informationsaustausch zu verbessern ist. Herr Bayerlein hat ja auf den Newsletter verwiesen, dessen Aufgabe innerhalb des Jahrbuchs es ist, spezielle Mitteilungen zu bringen und auf Erfahrungen vor allem in anderen Ländern aufmerksam zu machen, und das können wir natürlich im Jahrbuch nicht noch einmal wiederholen. Es gibt feste Rubriken, die wir brauchen, sowie Schwerpunkte, die wir für das Jahrbuch jeweils setzen. Gestern haben wir uns im Beirat über die Schwerpunkte der nächsten Jahre verständigt. Und dann merkt man schon, dass Konzentration nötig ist, dies bedeutet, der Inhalt ist irgendwo zu begrenzen. Diese Arbeitsteilung muss natürlich beibehalten werden, reine Informationen gehören in den Newsletter. Doch ansonsten ist das Jahrbuch ein wissenschaftliches Projekt, in dem Diskussionen angeregt und Informationen verarbeitet werden und natürlich Analysen erfolgen. Ich will auch sagen, dass die Rolle dieses Periodikums nicht überschätzt werden sollte. Manchmal gibt es z. B. die Vorstellung, wenn das Jahrbuch die Komparatistik verstärkte, dann wären wir in der Wissenschaft viel weiter, dann könnten andere das auch machen. Aber solch einen Vorbildcharakter beanspruchten wir in den 14 Jahren nicht und werden das in den nächsten 14 Jahren vermutlich auch nicht tun können, wir müssen »auf dem Boden bleiben«. Doch ist das Besondere und das Schöne eines solchen Jahrbuchs: Mit ihm ist immer die Möglichkeit öffentlicher Diskussion gegeben. Deswegen verweise ich noch mal auf die Rubrik »Forum«, dieses Forum muss wieder verstärkt werden, um die Debatte weiterzuführen. Damit komme ich zum Inhaltlichen. Es sind hier mit Recht eine Reihe von Bemerkungen gemacht worden über die Kommunismusforschung und auch über Fragen des Inhalts dieser Kommunismusforschung. Was verstehen wir eigentlich unter Kommunismusforschung? Ulrich Mählert hat am Anfang schon gesagt, was »klassische« Kommunismusforschung hieß: die kommunistische Bewegung, ihre Entwicklung als Weltorganisation, die Komintern mit einzelnen Parteien, die Biografien ihrer handelnden Leute usw. Die Kommunismusforschung wurde inzwischen im Wesentlichen eine Analyse der Herrschaftssysteme, sie wird jetzt überlagert von der Untersuchung des kommunistischen, oder genauer gesagt des stalinistischen Terrors. Wie Kommunismusforschung generell zu definieren ist, das ist eine der Fragen, die im Forum des Jahrbuchs diskutiert werden könnten. Was versteht man tatsächlich unter dieser Forschung? Es sind hier viele Begriffe gefallen, aber diese schöne Begriffswelt! Das ist recht und gut, und über alles ist zu diskutieren. Ich bin ein altmodischer Mensch, bleibe lieber auf empirischem Boden und versuche, daraus theoretische Schlussfolgerungen zu ziehen. Derzeit zeigen sich in der Kommunismusforschung gerade bei den generellen Einschätzungen beträchtliche Probleme. Monokausale Erklärungen für komplexe Vorgänge mögen in der Öffentlichkeit »gefragt« sein, der Historiker hat tunlichst eine kritische Differenzierung vorzunehmen. Anstelle simpler Schwarz-Weiß-Malerei sind die »Grautöne«, die »Zwischentöne« nicht zu vernachlässigen. Die Wissenschaft muss sich deswegen vor der Vereinnahmung durch die Politik ebenso hüten wie vor der dem jeweiligen »Zeitgeist«. Wichtig für die Kommunismusforschung ist heute, dass wir wieder mehr zur Differenzierung gelangen. Und da komme ich auf Frau Ottos Frage zurück. Natürlich habe ich mir oft Gedanken gemacht, jedoch bis heute keine vernünftige Antwort gefunden, wie es möglich war (es war z. B. unser Thema, als Andreas Herbst und ich uns ans Biographische Handbuch der deutschen Kommunisten machten), dass eine Bewegung mehr ihrer eigenen Führer und Funktionäre umbrachte, als es ihre Feinde getan haben? Das ist eine Besonderheit des Stalinismus in der Geschichte, und die ist zu erklären. Woran liegt das? Mancher meint, das sei furchtbar schwer zu erklären, weil das Rationale – vor allem bei Stalin selber – mit dem Irrationalen verknüpft ist. Das ist zunächst eine empirische Tatsache, die ist festzuhalten. Dann ist zu versuchen, mit einer Analyse einen Schritt vorwärtszukommen. Das gilt wahrscheinlich für alle Gebiete, und da sind wir heute doch schon weit. Die eigentliche Kommunismusforschung in den verschiedenen erwähnten Bereichen ist noch einigermaßen überschaubar. Allerdings kommen die Sprachprobleme hinzu. Also ich gestehe, Ungarisch ist mir nach wie vor fremd, obwohl ich in Ungarn Freunde habe und wir miteinander über die alten Zeiten sprachen. Denn zum Glück konnten sie sehr gut Deutsch. Damit ist auf ein Problem hingewiesen – bleibt die Frage, welche Rolle und welche Mittel das Jahrbuch hat, um über diese Hürde zu springen. Die Hauptsprache ist Deutsch und daneben Englisch. Im Newsletter taucht auch schon immer häufiger Französisch auf. Aber wir müssen einsehen, mehr geht nicht. Es ist daher viel zu übersetzen, und es ist ein Fortschritt, dass wir inzwischen im Jahrbuch aus allen möglichen Sprachen Übersetzungen bringen können. Zurück zur Forschung. Ich meine, das Entscheidende ist in der Tat die Frage einer Historisierung. Ich bin nun nicht so naiv, zu glauben, dass wir in den nächsten zehn Jahren bereits eine Historisierung erreichen. Was heißt Historisierung? Es gibt den weiten Begriff schon lange, und was darunter alles verstanden wird, ist hier nicht zu diskutieren. Ich fasse ihn ganz im Sinne von Martin Broszat auf, der das für den Nationalsozialismus sinnvoll erarbeitet hat – ich kann das im Einzelnen hier nicht ausführen, aber klar ist, dass damit nicht an eine Verharmlosung, Verniedlichung oder Beschönigung des Schreckensregimes gedacht ist. Erforderlich ist vielmehr, das Ganze viel stärker zu differenzieren, wegzukommen von der Schwarzweißmalerei, die wir auch in der Wissenschaft haben. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Nötig ist die differenzierte Sicht, die aufgrund empirischer Belege Analysen erstellt. So ist die Historisierung des Kommunismus zu sehen, sie braucht noch eine Weile, aber sie ist erreichbar. Gerade bei der Historisierung ist ein zentraler Punkt zu klären: Wie war es möglich, dass der Kommunismus, selbst während der stalinistischen Barbarei, immer wieder so viele Anhänger fand in aller Welt? Bei der Anhängerschaft in den Diktaturen selbst waren Angst und Druck bestimmend oder Privilegien und ideologische Versprechungen. Aber im Westen gilt die gleiche Frage. In Deutschland bis 1933: Wieso wird die KPD drittstärkste Partei? In Frankreich und Italien gab es bedeutende KPen. Gleich nach 1945 existierten in Belgien, selbst in Luxemburg und anderswo starke KPen. Sie merken also schon, ich kann keine generelle Erklärung finden, sondern muss jeweils den Zeitabschnitt berücksichtigen. Gestatten Sie, dass ich versuche, dafür einige Beispiele zu bringen. Während der Weltwirtschaftskrise im Westen festigte Stalin seine schon damals barbarische Diktatur, gleichzeitig verkündete er aber den Fünfjahrplan. Massen von Bauern zogen in die Städte, neue Fabriken wurden errichtet. Im Westen ging es abwärts: In Deutschland war fast jeder Zweite arbeitslos, in Amerika herrschte die Katastrophe. Ja, ist es dann ein Wunder, wenn seinerzeit viele sagten: Das Zukunftsland ist die UdSSR, da geht es aufwärts, bei uns geht es abwärts. Das nutzte der kommunistischen Agitation, die vom »Vaterland der Werktätigen« sprach. Als der Nationalsozialismus in Deutschland herrschte, waren es die Intellektuellen, die erschraken und meinten, jetzt kommt die braune Barbarei, da muss man natürlich für Stalin sein. Während Stalin anfing, seine Barbarei zu praktizieren ab 1934, wurden manche Leute auf einem Auge blind. Viele – das kann man ja heute nachlesen – unter den Dichtern, den Künstlern, den Philosophen, ob ich Bloch oder Brecht oder wen auch immer nehme von den ganz großen Namen, kamen zum Schluss: Ich darf Stalin selbst jetzt nicht kritisieren, weil ich sonst Hitler unterstütze. Das ist natürlich eine absurde »Logik«, aber so dachte man damals, und ihre Folge war eine zunehmende Anhängerschaft, und sie schrien eben »Heil Moskau«. Das habe ich als kleiner Junge auch schon geschrien, weil mein Vater, ein kommunistischer Arbeiter, mich Ende 1932 mal zu einer Nazidemonstration mitnahm und mir eingeimpft hatte, was ich zu brüllen hatte: »Heil Moskau, Hitler ist ä Drecksau«. Das zeigt, es war auch immer die politische Gegenseite, die bei der Verteidigung von Stalins Diktatur eine Rolle spielte. Wir leben nicht im luftleeren Raum, es sind die Rahmenbedingungen zu prüfen, um zu erkennen, was die Stärke des Kommunismus in verschiedenen Zeiten ausmachte. 1945 schien der Stalinismus am Ende. War er aber nicht. Früher hatten die Kommunisten in Deutschland natürlich abgewehrt: Das ist Nazipropaganda, was die über die Stalin’sche Barbarei schreiben. Sie haben es einfach nicht glauben wollen. Als nach 1945 eine freie Presse mit Enthüllungen kam, hätten sie es doch merken müssen. Aber nein: Stalin stand als Sieger über Hitler glänzend da. Er galt nicht als der große Massenmörder, der er tatsächlich war, sondern als siegreicher Kriegsheld. Wobei wir heute wissen, auch das war Legende. Nach Stalins Tod kam die große Hoffnung: Jetzt ändert sich das System. Als Chruschtschow erklärte, was für ein Verbrecher Stalin war, glaubten viele, jetzt kommt die neue Zeit, wird der Kommunismus demokratischer. Erst nach der Zerschlagung der demokratischen Ansätze in der Tschechoslowakei 1968 äußerten kommunistische Intellektuelle grundsätzliche Kritik. Aber viele verwiesen auf die Kriegsgefahr: Inzwischen ist die Sowjetunion die zweite Weltmacht, und wir stehen am Rande eines Kriegs, eines Atomkriegs mit der Gefahr des Untergangs zumindest der Zivilisation. Darf man jetzt dauernd kritisieren? Wieder wurde der Stalinismus bagatellisiert. Es war nicht mehr die stalinistische Barbarei, aber es war eine harte Diktatur, und die wurde verharmlost. In Frankreich, Italien und anderen Ländern hatte diese Meinung eine Massenbasis. Was will ich damit sagen? Es gibt noch keine generalisierende These, warum in den schlimmsten Zeiten der Barbarei des Stalinismus immer neue Anhänger zum Kommunismus stießen. Es hing jedoch weniger von der (verleugneten) stalinistischen Barbarei ab als von den Realitäten in der nichtkommunistischen Welt. Für mich ist eine solche Antwort deshalb wichtig, weil daraus resultiert, dass das politische Versagen, selbst demokratischer Staaten, Parteien und Gesellschaften, sehr leicht ideologische Verwirrung stiften kann. Allerdings existiert ideologische Verwirrung bei den Kommunisten selbst. Was sich da in China als Kommunismus etabliert hat (in Marx’ Namen), dieser brutale Kapitalismus, ist nur ideologisch verbrämt. Auch das zeigt wieder die Gefahr der Demagogie – die war auch ein Teil des Stalinismus. Diese Gefahr gibt es nicht nur auf der sogenannten linken Seite. Übrigens war dieser Kommunismus gar nicht links, wie Sie in unserem Buch Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten nachlesen können. Wenn die sogenannte Linke abgewirtschaftet hat, kommt es, wenn die Demokratie nicht gefestigt ist, logischerweise zum Rechtsruck. Das mag zunächst mit unserem Jahrbuch wenig zu tun haben. Doch Wissenschaft lebt nicht im luftleeren Raum, und Kommunismuswissenschaft schon gar nicht. Sie muss neben der strengen Forschung, die versucht objektiv zu sein – alle wissen, reine Objektivität gibt es nicht, aber als Anspruch wenigstens –, immer die Frage stellen: In welchem Umfeld passiert dies? Hier war hochinteressant, was unsere Kollegen aus Osteuropa zu berichten wussten, wie die Geschichte des Kommunismus als Instrument der Tagespolitik wieder eine Rolle spielt. Das ist für uns Wissenschaftler ein Alarmzeichen, das Letzte, was Wissenschaft gebrauchen kann. Auch hier bedeutet Historisierung wegzukommen von jeder Instrumentalisierung. Das habe ich hier nicht näher ausgeführt und verweise noch einmal auf die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Forschung wird immer nur dann in Medien wie Fernsehen usw. wahrgenommen, wenn etwas Spektakuläres passiert. Leider ist es inzwischen auch in der Wissenschaft so. Sie müssen nur eine sensationelle These aufstellen, die unmöglich erscheint, das bringen dann die Medien, auch wenn sie als Wissenschaftler feststellen, das haben doch schon unsere Vorfahren in der Forschung längst dargestellt, das ist doch gar nichts Neues. Darin liegen unsere besonderen Schwierigkeiten, und daran können wir weder mit unseren Jahrbüchern noch anderen Forschungsorganen etwas ändern. Doch können wir mehr Druck machen, vor allem – das freut mich am meisten – wenn sich plötzlich wieder junge Wissenschaftler finden, die an dieser historischen Problematik Interesse haben. Nun noch zu einem anderem Punkt, nämlich der Frage, in welcher Reihenfolge und nach welcher Systematik Kommunismusforschung vorgeht. Natürlich ist es klar, dass auch hier zunächst nach wie vor die Herrschaftssysteme im Mittelpunkt stehen werden. Die Regime haben tiefe Spuren hinterlassen. Doch nicht nur die stalinistische Barbarei ist zu prüfen, sondern ebenso die sozialen und radikalen Bewegungen im Westen oder anderswo. Um das »Wesen« des Kommunismus einschätzen zu können, sind auch seine Geschichte als radikale Arbeiterbewegung sowie die Ideologie und die in ihr enthaltenen utopischen Elemente zu berücksichtigen. Eine andere Unterteilung »des Kommunismus« ist nötig. Unterschieden werden sollte zwischen dem Kommunismus als Teil der sozialen Bewegung, die eine »bessere Welt« schaffen will, und den herrschenden kommunistischen Regimen, die ihre bereits eroberte Macht mit allen Mitteln, nicht zuletzt des Terrors, halten, festigen und absichern wollten. Das wird folglich auch weiterhin einen Schwerpunkt im Jahrbuch bilden müssen. Der Terror bleibt im Vordergrund und ist nicht wegzudiskutieren. Wir können doch nicht so tun, als ob dieser Terror ein zweitrangiges Element der Herrschaft war. Dazu kommt die Ideologie. Ich bin dankbar, dass Sie den Begriff überhaupt wieder erwähnt haben. Sie war eine Stütze der stalinistischen Herrschaft. Bei der Frage, warum die Stalinisten Anhänger im Westen hatten, hatte natürlich die ideologische Vorstellung, die Verheißung eines besseren Lebens, große Bedeutung. Damit sind wir wieder bei der sozialen Bewegung – also mit anderen Worten der Geschichte kommunistischer Bewegungen und Parteien. Deren Entwicklungen wurden zum Teil lange vor 1989 aufgearbeitet, interessanterweise besonders in Amerika. Das ist so ein Witz der Weltgeschichte, dass da, wo der Kalte Krieg tobt, die Wissenschaftler Geschichtsbände vorlegen, die auch heute noch Bestand haben. Aber dann hat sich diese Forschung irgendwie aufgelöst und ist ab 1989 fast verschwunden. Die KPen haben ihre Historie selbst beschrieben und eigene Geschichtsdarstellungen herausgebracht. Die KPdSU war immer »Vorbild«. Bei der Forschung kann diese offizielle kommunistische Darstellung als reine Legitimationswissenschaft außer Betracht bleiben, auch wenn es z. B. zur KPdSU oder SED umfängliche Untersuchungen gab und andere Parteien ihre Geschichte skizzierten, etwa 1975 die KP Bulgariens. Noch 1991 kam in Peking die History of the Chinese Communist Party heraus. In der seriösen westlichen Forschung gab es einerseits die Untersuchungen der historischen Entwicklung der kommunistischen Bewegung weltweit (auch der Komintern) und der einzelnen Länder und andererseits der kommunistischen Systeme in den von kommunistischen Parteien beherrschten Staaten. Diese Kommunismusforschung, auf die man heute noch bauen kann, ist in Westeuropa und in Amerika entstanden. Nur sieht es inzwischen anders aus, und das hat auch mit diesem Fundus zu tun, mit den Archivalien. Nach dem Untergang des Kommunismus ist dieser zu einem historischen Forschungsgegenstand geworden. Dies beruht gegenwärtig auf zwei Voraussetzungen: dem beachtlichen Forschungsstand bis 1990 und den seither zugänglichen Archivalien mit früher geheim gehaltenen Materialien. Die Folge ist, dass in den letzten 15 Jahren eine riesige Zahl von Publikationen zum Thema Kommunismus erschien. Niemand, der sich mit Zeitgeschichte beschäftigt – ich auf jeden Fall nicht – wäre auf die Idee gekommen, noch zu erleben, dass man an Archive rankommt, die praktisch einen ganzen Staat wie z. B. die DDR vollständig erfassen. Und so kann man heute als Ergebnis erfreut feststellen, dass es eine Flut von Sachliteratur gibt. Und da kommt es jetzt darauf an, dafür zu sorgen – das wäre meines Erachtens eine der Aufgaben des Jahrbuchs – dass dies weiter so vernünftig läuft und etwas dazu beiträgt, zur Historisierung zu kommen. Unsere Zusammenkunft hat mir gezeigt, dass es richtig von mir war, als Herausgeber des Jahrbuchs ab nächstem Jahr auszuscheiden – denn ich kann sagen, das kriegt ihr gut hin, das ist jetzt so positiv angelaufen. Den nächsten 14 Bänden wünsche ich heute schon viel Glück und Erfolg. Ihnen allen danke ich sehr für Ihr Kommen. Für mich war es – und ich hoffe für Sie auch – eine hochinteressante Tagung. In der Kürze lag wirklich die Würze in diesem Falle. Und wir werden jetzt ja – das haben wir gestern besprochen – jedes Jahr eine Konferenz machen, an der der Beirat beteiligt ist. Diese Möglichkeit besteht, und sie zeigt den Vorteil dessen, dass wir von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und nicht mehr von der »armen« Universität Mannheim »gesponsert« werden. Mir bleibt nur zu sagen: Ich bedanke mich ganz herzlich.

JHK 2008

Flucht über die Balkonmauer. Politische Biographie des Kommunisten Josef Schlaffer

Kurt Schilde

Josef Schlaffer gehört zu den Funktionären des Führungskorps der Kommunistischen Partei Deutschlands, die von Hermann Weber in Die Wandlung des deutschen Kommunismus vorgestellt werden. Er wird auch in dem von Weber mit Andreas Herbst publizierten Handbuch Deutsche Kommunisten berücksichtigt.1 An diese beiden Darstellungen knüpft diese politische Biographie an und führt sie punktuell fort. Es wird das Leben eines Mannes skizziert, dessen politische Biographie durch die deutsche Arbeiterbewegung und ihre Organisationen – die Sozialistische Arbeiterjugend und die Sozialdemokratische Partei, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, die Kommunistische Partei Deutschlands sowie die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – beeinflusst wurde. Als kommunistischer Politiker war Josef Schlaffer wiederholt in Führungspositionen zu finden. Dennoch sind von ihm nur wenige politisch bedeutsame öffentliche Äußerungen bekannt. Sie stimmen meist mit der jeweiligen Parteilinie überein. Schlaffer hat sich oft in Gefahr befunden – nicht nur verursacht durch Polizei und Justiz, sondern auch durch die eigenen Genossen – und konnte ihr manches Mal nur knapp entgehen. Eine Episode, die sein Sohn Kurt Schlaffer überliefert hat, ist exemplarisch für sein Leben: »Mein Vater […] konnte sich in der Nacht des Reichstagsbrandes nur durch die Flucht über unsere Balkonmauer der Verhaftung […] entziehen.«2 Georg Josef Schlaffer3 wird am 27. März 1891 in Kallmünz, Bezirksamt Burglengenfeld, bei Regensburg als Sohn des Gendarmeriewachtmeisters Josef Schlaffer und dessen Ehefrau Magdalene geboren, er hat vier jüngere Brüder: Anton wird 1893, Johann 1895, Aloysius 1896 und Heinrich 1903 geboren.4 Die Familie ist arm und leidet unter ihren schwierigen Verhältnissen. 19175 heiratet er die ein Jahr jüngere Maria Eichhammer, die ebenfalls aus Kallmünz stammt. Der erste Sohn, Kurt6, kommt 1919 zur Welt, zwei Jahre später der Sohn Rolf, beide in München. Die Ehe wird 1938 / 39 geschieden.7 Seit 1937 lebt Josef Schlaffer mit der sehr viel jüngeren Erna Lehmann zusammen, deren 1937 geborenen Sohn Alfred er als seinen Pflegesohn bezeichnet.8 Josef Schlaffer hat die Verbindung zu seiner bayerischen Heimat nie ganz verloren. So meldet der Kallmünzer Volksbote im November 1932: »Vergangenen Samstag weilte dahier der kommunistische Reichstagsabgeordnete und Führer verschiedener kommunistischer Organisationen Herr Josef Schlaffer, der es wohl von allen uns bekannten lebenden geborenen Kallmünzern, trotz seiner Jugend, am weitesten gebracht hat. Schlaffer ist der kommunistische Agitator, der auch bei seinen Gegnern die meisten Sympathien hat. Er steht vor einer Russlandreise und hat vorher noch seine Mutter und seine Kallmünzer Schulkameraden und Bekannten aufgesucht.«9 Von der Sozialdemokratischen zur Kommunistischen Partei Als Kind besucht Josef Schlaffer die Volksschule, absolviert anschließend eine Fortbildungsschule und ein Technikum. Er lernt bis 1907 in Regensburg Maschinenschlosser und tritt in den Deutschen Metallarbeiterverband ein. Er lebt und lernt in Kallmünz, Regensburg und Nürnberg.10 Nach Beendigung der Lehre geht der Sechzehnjährige auf Wanderschaft, 1909 wird der Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend. 191111 wird er zur Kaiserlichen Marine eingezogen und dort als Heizer eingesetzt. Während des ersten Weltkriegs dient er als Matrose auf einem Unterseeboot. Nach dem Matrosenaufstand 1918 wird er Vorsitzender des Soldatenrats einer U-Boot-Flottille, die in Brunsbüttelkoog (Schleswig-Holstein) stationiert ist – es ist seine erste Führungsposition. Er klettert schnell weiter nach oben und wird Vorsitzender des Soldatenrats von Brunsbüttel. Nach Bayern zurückgekehrt, arbeitet er als Maschinenbautechniker in der Münchner Eisenbahn-Hauptwerkstätte und wird Betriebsratsvorsitzender der städtischen Eisenbahnbetriebe. Seit 1910 gehört Schlaffer – neben seiner Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arbeiterjugend – der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, ab 1918 ist er auf dem linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) zu finden, der 1920 mit der KPD zur Vereinigten Kommunistischen Partei verschmolzen wird. Er engagiert sich im Roten Frontkämpferbund, in der Roten Hilfe Deutschlands und weiteren kommunistischen Organisationen.12 Josef Schlaffer ist einer der Kommunisten, die am 6. April 1924 in den Bayerischen Landtag gewählt werden, und avanciert zum Fraktionsvorsitzenden. Ihre »politische Sicht« auf die parlamentarische Demokratie demonstrieren die KPD-Abgeordneten am 3. Juni, als der neu gewählte Landtag zusammentritt: Sie spazieren »im Gänsemarsch quer durch den Sitzungssaal. Vor dem Tisch des Präsidenten heben sie die Faust und bringen Hochrufe auf die Partei, auf die politischen Gefangenen und die Kommunistische Internationale aus. Auch auf der Besuchertribüne stimmten Kommunisten in die Hochrufe mit ein.«13 Seit dem 9. Parteitag der KPD vom 7. bis 10. April 1924 in Frankfurt am Main gehört Schlaffer dem Zentralausschuss bzw. Zentralkomitee an, seinem Lebenslauf nach ununterbrochen bis zur »Brüsseler Konferenz« der KPD 1935.14 Im Juli 1924 fährt er als Delegierter des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale nach Moskau. Er wird regelmäßig wiedergewählt und übt diverse Funktionen aus. Im Februar 1926 schickt ihn die Partei erneut zur Komintern nach Moskau. Seit 1928 übt er als Parteisekretär15 unterschiedliche Funktionen in verschiedenen Regionen Deutschlands aus, unter anderem ist er von 1929 an Pol-Leiter in Württemberg. Wegen der Niederlage der KPD bei den Kommunalwahlen in Württemberg 1931 wird er im Januar 1932 vom ZK-Beauftragten Ulbricht abgesetzt.16 Von September 1930 bis November 1932 ist Josef Schlaffer für die KPD Mitglied des Deutschen Reichstags.17 Reichsleiter des Kampfbundes gegen den Faschismus Josef Schlaffer wird im September 1932 von Walter Ulbricht als Reichsleiter des Kampfbundes gegen den Faschismus nach Berlin geholt.18 In seinen Erinnerungen hält Schlaffer fest, dass »diese Organisation faktisch nur auf dem Papier bestand«.19 Als er die Leitung übernimmt, ist der Kampfbund politisch und organisatorisch »ein Sauhaufen«.20 Daran dürfte der im Juli 1932 von Schlaffer veröffentlichte Artikel »Wir greifen an!« in Die Fanfare, dem »Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands«, wenig geändert haben. Zweckoptimistisch schreibt er: »Wir sind in der Lage, haben die Mittel, kennen den Weg und sind stark genug den Faschismus zu schlagen. […] Aber nur gemeinsam, nur mit einander und nur zusammen, nicht gegen und ohne einander werden wir diesen Sieg erfechten.«21 Einen Monat darauf verkündet er als eine neue Strategie der »Abwehr gegen den faschistischen Mordterror« die »Aufgaben des roten Massenselbstschutzes im Kampf gegen den Faschismus«22 und fordert alle Antifaschisten auf, sich hier über alle parteipolitischen Grenzen hinweg zusammenzuschließen und gegen den Faschismus zu kämpfen. »Der Kampfbund unterstützte aktiv den Aufbau des Massenselbstschutzes der 1932 geschaffenen Antifaschistischen Aktion.«23 Zu Werbezwecken wird eine Schallplatte mit einem »Kampfaufruf der Reichsleitung des Kampfbundes«, vorgetragen vom »Reichsführer des Kampfbundes gegen den Faschismus, Kamerad Schlaffer, Berlin«, hergestellt: »Aus der kapitalistischen Sklaverei gibt es nur einen Ausweg: Das ist der Sozialismus!«24 Auf der Rückseite der Scheibe befindet sich das »Kampflied gegen den Faschismus«, gedichtet von Erich Weinert, komponiert von Hanns Eisler und gesungen von Ernst Busch. Pro Stück kostet die Platte zwei Reichsmark.25 Aber weder Rede noch Lied haben Erfolg. Der Kampfbund ist und bleibt ohne sonderlichen Einfluss, und Anfang Dezember 1932 wird Schlaffer die Reichsleitung wieder entzogen. Wie sein Vorgänger Hermann Remmele kann auch sein Nachfolger Oskar Müller wenig erreichen. In den folgenden zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft hat Schlaffer keine politische Führungsfunktion mehr inne. Immer wieder im Gefängnis Seit September 1932 lebt Josef Schlaffer in der »Weißen Stadt« in Berlin-Reinickendorf. Am Abend des 30. Januar 1933 beobachtet er in der Innenstadt den pompösen Fackelzug der Nationalsozialisten. Er trifft zufällig Hermann Remmele, es gelingt beiden, unterzutauchen. Nach dem Reichstagsbrand kann Schlaffer mit Hilfe seines Sohnes Kurt der geplanten Verhaftung entgehen.26 Damit gehört er zu den Mitgliedern des ZK der KPD, die zu Beginn der NS-Zeit noch in Freiheit sind. Das Glück ist jedoch nicht immer auf seiner Seite gewesen, denn er verbrachte eine lange Zeit seines Lebens im Gefängnis. Er selbst hat sich einmal als »der am meisten eingesperrte Gen[osse] unserer Partei«27 bezeichnet. Als er im Herbst 1925 im Strafvollstreckungsgefängnis München »wegen Hochverrats« einsitzt, plant er einen Ausbruch. Allerdings findet ein Aufseher in seiner Zelle verdächtige Spuren, und »Schlaffer gesteht zu, Vorbereitungen zu einem gewaltsamen Ausbruch aus seiner Zelle getroffen zu haben.«28 Es werden vier Sägen gefunden, die in Broten zu ihm gelangt waren. Sie sind aber ebenso unbrauchbar wie eine Eisen auflösende Säure zur Zerstörung des Zellengitters: »Eine Semmel, in der das Säurefläschchen verborgen war, wurde in der Zelle Schlaffers gefunden.«29 Nachdem er tagelang heimlich versucht hat, das Zellengitter zu zerstören, fertigt er eine Zeichnung an, nach der er eine funktionsfähige Säge bauen will. Detailliert wird in einem abgefangenen Kassiber beschrieben, welche Sägeblätter besorgt werden sollen und wie groß der Bügel der Säge sein soll: »Sicher bekommt Ihr diesen auch in einem Geschäft zu kaufen.«30 In einer Befragung zu seinen Ausbruchsbemühungen »führt der Gefangene an, er befinde sich in Notwehr, da seine Festhaltung ungesetzlich sei«.31 Als Disziplinarstrafe bekommt er 14 Tage Arrest. Arbeit, Bett und Bewegung im Freien werden ihm entzogen und seine Kost wird auf Wasser und Brot beschränkt. Illegalität und Legalität im Nationalsozialismus Zu Beginn der NS-Herrschaft lebt Schlaffer unter den falschen Namen Kurt Hagert und Oswald Jaeschke in Berlin in verschiedenen Quartieren. Er greift nicht auf Parteikontakte zurück, sondern auf Verbindungen seines Bruders Anton, der in Berlin-Neukölln eine Bäckerei und Konditorei betreibt. Eine Zeit lang lebt er zusammen mit Remmele in einer Hinterhauswohnung in der Charlottenburger Uhlandstrasse 24,32 dann in einem Quartier in der Reichenberger Straße 168 in Berlin-Kreuzberg,33 wo unter anderem auch Remmeles Sohn Helmut unterkommt.34 Obwohl er mit Haftbefehl gesucht wird, ist Schlaffer mit falschen Papieren als Kaufmann tätig. Gemeinsam mit einem Kompagnon vertreibt er ein von ihm erfundenes Mehl sparendes Backpulver. Er lebt bis Ende Mai 1935 in der Illegalität und versucht vergeblich, wieder Kontakt zur illegalen KPD zu bekommen,35 bis er »bei einem etwas leichtsinnigen Besuch in meiner früheren Wohnung«36 von der Gestapo verhaftet wird. Er kommt wieder frei, wird in der Folgezeit mehrmals erneut inhaftiert und jeweils wieder freigelassen; ein letztes Mal, als er nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 von der Aktion »Gewitter« erfasst wird – nach zwei Tagen im Gefängnis Alexanderplatz ist er wieder draußen. Bis Josef Schlaffer 1942 »als Sanitätspolizist beim Luftschutz«37 in Berlin-Tegel eingesetzt wird, arbeitet er in verschiedenen Berufen. In den zwölf Jahren der NS-Zeit lebt er insgesamt 28 Monate illegal und ist achteinhalb Monate inhaftiert. Im April 1945 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Präsidenten- und Direktorenposten in der sowjetischen Besatzungszone Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft arbeitet Josef Schlaffer in der sowjetischen Besatzungszone: »Nach meiner Entlassung im September 1945 meldete ich mich im neuen ZK der KPD bei Franz Dahlem, der wie früher die Org[anisations]abteilung der Partei und damit die Kaderabteilung der KPD wieder übernommen hatte. Mit Dahlem war ich gut befreundet. Dahlem schickte mich sofort zur sowjetischen Militärverwaltung nach Karlshorst. Dort wurde ich von General Gorochow beauftragt, eine neue Zentralverwaltung für die Umsiedlung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten östlich der Oder-Neiße-Linie zu bilden.«38 Vorher hat er bereits kurze Zeit im Hauptamt für Sozialwesen der Stadt Berlin in der Abteilung für Ausgewiesene und Heimkehrer Erfahrungen gesammelt.39 Er ist seit 1945 wieder Mitglied der KPD und wird nach der »Zwangsvereinigung« in die SED übernommen. Als Direktor – späterer Titel: Präsident – der Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler bekommt er nach zwölf Jahren Pause wieder eine führende Position. Die von ihm geleitete Zentralverwaltung betreut die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge – Umsiedler genannt. Er ist nur sehr kurze Zeit, vom 15. September bis 15. Dezember 1945, Präsident und wird nach Differenzen mit der Kommandantur-Dienstverwaltung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) entlassen. Diese führt alle Missstände auf Versagen der deutschen Behörden – also auf ihn – zurück.40 Nach dem Scheitern seines Engagements in der Flüchtlingsfrage betätigt er sich bis Ende 1947 als technischer Direktor der Industrieverwaltung Eisen und Metall von Brandenburg in Potsdam.41 Dort wird ihm allerdings bescheinigt: »Die Beurteilung endet mit der Feststellung, dass Sch[laffer] auf allen Gebieten versagt und nicht der Mensch ist, für den er sich hält.«42 Dann geht er als Direktor zum Volkseigenen Betrieb Hüttenwerk Hennigsdorf. Aber auch hier ist man nicht mit ihm zufrieden, er wird als »Phantast und schlechter Organisator« bezeichnet.43 Es stellt sich die Frage, was hinter diesen extrem negativen Beurteilungen steckt. Zu vermuten ist, dass parteipolitische Probleme ihre Ursache sind, wofür seine nächste und letzte Gefangennahme zu sprechen scheint. »Mysteriöse Verhaftung« Unter dieser Überschrift meldet Der Kurier: »Am 24. August 1948 war der frühere Direktor der Hüttenwerke Hennigsdorf, Joseph [sic] Schlaffer, vom Vorsitzenden der ›Deutschen‹ Wirtschaftskommission, Heinrich Rau, nach Hennigsdorf bestellt worden, um sein restliches Gehalt abzuholen. Dort wurde er auf Veranlassung des NKWD-Majors Poppow aus Nauen durch den deutschen Kriminalkommissar Beater verhaftet. […] Gründe der Verhaftung sind bisher noch nicht bekanntgegeben worden.«44 Die Gründe sind unklar geblieben. Erst nach über einem halben Jahr Freiheitsentzug kommt es am 14. März 1949 zur Entlassung.45 Schlaffers Lebensgefährtin bat unter anderem Geschke und Dahlem um Hilfe, doch offenbar setzten sich seine Freunde und Genossen nicht für ihn ein.46 Ausschluss aus der SED und Rehabilitierung Am 19. Januar 1949 wird Josef Schlaffer aus der SED ausgeschlossen. Es dauert bis Januar 1957, bis er von der Zentralen Partei-Kontrollkommission unter der Leitung von Hermann Matern parteipolitisch rehabilitiert wird. In der Begründung heißt es: »Eine bedeutende Rolle bei seinem Ausschluß aus der Partei spielte seine Verbindung zu der fraktionellen Gruppe Neumann / Remmele im Jahr 1932. Die erneute Überprüfung des Ausschlusses ergab, daß für eine Tätigkeit oder Verbindung des Gen. Schlaffer zur Gestapo keine Beweise vorliegen. Eine in den Jahren 1948 / 49 wegen dieser Vorwürfe erfolgte gerichtliche Untersuchung hatte ebenfalls keinerlei Ergebnisse. Die Verbindung des Gen. Schl. zur fraktionellen Gruppe Neumann / Remmele kann heute als Ausschlußgrund nicht mehr aufrechterhalten werden, da seit diesem Zeitpunkte rund 23 Jahre vergangen sind. Seit seinem Ausschluß hat Gen. Schl., der in Westberlin wohnhaft ist, an keiner gesellschaftspolitischen Arbeit teilgenommen. Er ist jedoch gegen die Partei in keiner Weise aufgetreten.«47 Lebensabend in Westberlin Josef Schlaffer verbringt die letzten Jahre seines Lebens in Westberlin. In seinem Haus in Reinickendorf erhält er wenige Wochen nach seiner Rehabilitation im Frühjahr 1957 Besuch vom »Sekretär des Bezirksvorstandes der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft«. Ernst Wiese will den Leser des Neuen Deutschland, der Einheit und des Neuen Weg für eine Funktion in der DSF gewinnen. Er unterbreitet ihm »den Vorschlag, doch die DSF Gruppe in Heiligensee zu übernehmen und diese wieder arbeitsfähig zu machen. Gen. Schlaffer antwortete wörtlich, das ist ein verlockender Gedanke, er will sich das einmal durch den Kopf gehen lassen.«48 Aber der Genosse hat offenbar kein Interesse an dieser »Führungsposition« und lässt nichts mehr von sich hören. Einer der wenigen Besucher ist im Herbst 1961 Hermann Weber: »Am Gartenzaun vor seinem kleinen Haus gab es keine Klingel, und als ich rüttelte, kamen zwei riesige Schäferhunde bellend angerannt.«49 Durch sie fühlt sich Schlaffer geschützt, der »Angst vor einer Entführung«50 hat. Später überlässt er dem Besucher Material über seine Lebensgeschichte und gibt im Briefwechsel einige den Historiker interessierende Informationen. Bis zu seinem Tod lebt Josef Schlaffer in der General-Barby-Straße 47 b. Er stirbt am 26. April 1964 an einem Herzinfarkt. Seine Beisetzung erfolgt auf dem Friedhof in der Sandhauser Straße in Heiligensee.51 1 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Bd. 2, Frankfurt a. M. 1969, S. 272–274; ders. / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 662–664. 2 Eidesstattliche Erklärung Kurt Schlaffers vom 3.7.1956, Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220319. 3 Laut Staatsangehörigkeits-Ausweis, Freistaat Bayern, vom 18. 5. 1931, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, Az. 14 a J 59 / 31 – Bd. 1, Bl. 60. 4 Siehe Schreiben des Standesamtes Kallmünz vom 27. März 2003 an den Verfasser. 5 Württembergisches Landgericht, Untersuchungssache gegen Josef Schlaffer, Befragung der persönlichen Verhältnisse am 30.4.1931, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, Az. 14 a J 59 / 31 – Bd. 1, Bl. 46 RS. 6 Kurt Schlaffer ist mein leiblicher Vater. Die Suche nach Informationen über ihn hat zur Entdeckung meines »roten Großvaters« geführt. 7 Von den Geschiedenen gibt es unterschiedliche Angaben. Josef Schlaffer nennt 1938, während Maria Schlaffer 1939 angibt. Siehe Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319. 8 Siehe ebenda. 9 Kallmünzer Volksbote 7 (1932), Nr. 46 vom 17. November 1932, S. 360. Hervorhebung im Original. Über die genannte Russlandreise konnten keine weiteren Informationen gefunden werden. Ich danke Erich Laßleben, Kallmünz, für den Hinweis. 10 Siehe die für Hermann Weber verfasste Biographie Josef Schlaffers vom 10. September 1956. Eine Kopie hat mir Professor Weber im Februar 2000 überlassen, wofür ich mich herzlich bedanke. 11 Württembergisches Landgericht (Anm. 5), Bl. 46 RS. 12 Siehe zu den Daten den Fragebogen zur Registrierung der Parteiarbeiter vom 14. 2. 1933, in: Rossijskij gosudarstvennyi archiv social’no-političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), Bestand 495, Verzeichnis 205, Akte 8196, Bl. 7 f. Der Fond 495 ist der Bestand des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Für die Einsicht danke ich Alexander Vatlin, Moskau. 13 Gerstenberg, Günther: Rosa Aschenbrenner – ein Leben für die Politik, München 1998, S. 19. 14 Siehe Biographie Schlaffers (Anm. 10), S. 8. 15 Württembergisches Landgericht (Anm. 5), Bl. 47. 16 Siehe Weber, Hermann: Aufbau und Fall einer Diktatur. Kritische Beiträge zur Geschichte der DDR, Köln 1991, S. 214. 17 Siehe Schumacher, Martin (Hrsg.): M. d. R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933–1945. Eine biographische Dokumentation, 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Aufl. Düsseldorf 1994, S. 422. 18 Siehe Schreiben Josef Schlaffers an Walter Ulbricht vom 28.1.1949, in: Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (im Folgenden: BStU), Archiv der Außenstelle Potsdam, KD PDM 2025, S. 56. 19 Zitiert nach der Biographie Schlaffers (Anm. 10), S. 23. 20 So die Formulierung in einem Schreiben »Betreff: Einwendungen – Kritik und Richtigstellungen zum Parteiverfahren der LKK Brandenburg vom 3. 5. 49 gegen mich in Potsdam« an das Polit-Büro bzw. das Sekretariat der SED vom 6. 6. 1949, S. 6. Eine Kopie dieses Schreibens hat mir Hermann Weber 2000 zur Verfügung gestellt. 21 Schlaffer, Josef: Wir greifen an!, in: Die Fanfare. Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands 3 (Juli 1932), H. 12. 22 Schlaffer, Josef: Aufgaben des roten Massenselbstschutzes im Kampf gegen den Faschismus, in: Die Fanfare. Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands 3 (August 1932), H. 13 / 1. 23 Doehler, Edgar: Beitrag: Kampfbund gegen den Faschismus (Kampfbund), unveröffentlichtes Manuskript, S. 2. Der Text war ursprünglich vorgesehen für ein Lexikon der Organisationen der Arbeiterklasse, welches Kurt Finker um 1985 herausgeben wollte. Ich danke Professor Finker für die Überlassung des Manuskripts. 24 Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, Wiesbaden, DRA-Nr. 2 803 724 und 2 925 479. Ich danke Herrn Georg Vorwerk, der mir eine Kopie dieser Aufnahmen zur Verfügung gestellt hat. 25 Siehe die Werbeanzeigen in: Die Fanfare. Organ der antifaschistischen Massenbewegung Deutschlands 3 (Juni 1932), H. 9 ff. 26 Siehe Funkspruch vom 28. Februar 1933, die Mitglieder des ZK der KPD festzunehmen. Faksimile in: Kühnrich, Heinz: Die KPD im Kampf gegen die faschistische Diktatur 1933 bis 1945, Berlin (Ost) 1983, S. 32 f. 27 Siehe Schreiben Schlaffers (Anm. 18), S. 62. 28 Protokoll einer Vernehmung von Schlaffer vom 23.10.1925, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, 14 a J 22 / 25, Bd. 10, Bl. 212. 29 Abschrift eines Kassibers, in: Bundesarchiv Berlin, R 3003, 14 a J 22 / 25, Bd. 10, Bl. 217. 30 Ebenda. 31 Protokoll einer Vernehmung von Schlaffer (Anm. 28), Bl. 212. 32 Siehe Schreiben Schlaffers (Anm. 18), S. 58. 33 Siehe Biographie Schlaffers (Anm. 10), Seitenzahl nicht lesbar. 34 Siehe Schreiben Schlaffers (Anm. 18), S. 58. 35 Siehe ebenda, S. 59. 36 Zitiert nach Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Bd. 2 (Anm. 1), S. 273. Die Angaben zur Haftzeit beruhen auf dem Schreiben »Zusammenstellende Angaben über meine Haftzeit«, das Schlaffer am 25. August 1949 für die Versicherungsanstalt Berlin anfertigte, in: Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319. 37 Zitiert nach einem Verhandlungsprotokoll des Entschädigungsamtes vom 12. September 1955, in: Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319. 38 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Bd. 2 (Anm. 1), S. 273. Siehe Schneider, Dieter Marc: Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler, in: Broszat, Martin / Weber, Hermann (Hrsg.): SBZ-Handbuch, München 1990, S. 239–243. 39 Siehe Wille, Manfred (Hrsg.): Die Vertriebenen in der SBZ / DDR. Dokumente. Bd. I: Ankunft und Aufnahme 1945, Wiesbaden 1996, S. 231. 40 Ebenda, S. 328. 41 Siehe Schreiben der Volkseigenen Betriebe Brandenburg an Schlaffer vom 15. 11. 1947, Entschädigungsamt Berlin, Akte Nr. 220 319. 42 Bericht der Hauptabteilung K, Referat K 5 vom 21.3.1949, in: BStU, MfS AS 566 / 67, S. 50. 43 Ebenda. 44 Zitiert nach BStU, Archiv der Außenstelle Potsdam, KD PDM 2025, S. 7. Zu Bruno Beater siehe Müller-Enbergs, Helmut / Wielgohs, Jan / Hoffmann, Dieter (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, Berlin 2000, S. 29. 45 Siehe BStU, Archiv der Außenstelle Potsdam, KD PDM 2025, S. 143. 46 Siehe Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Bd. 2 (Anm. 1), S. 274. 47 »Aus den Parteiunterlagen der B[ezirks]L[eitung] der Partei / BPKK«, in: BStU, Archiv der Zentralstelle, Nr. 22 / 67, S. 247–248 (handschriftlich). Bereits 1935 wurde Schlaffer bescheinigt, er »steigerte seine fraktionistische Einstellung bis hin zur offenen Parteifeindlichkeit«, so im Bericht von »Adam« vom 12. 2. 1935, in: RGASPI, Bestand 495, Verzeichnis 205, Akte 8196, Bl. 20. 48 »Betr.: Genosse Josef Schlaffer« (Berlin, den 19. 2. 1958), in: BStU, Archiv der Zentralstelle, Nr. 22 / 67, S. 250. 49 Weber, Hermann und Gerda: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 288. 50 Ebenda, S. 289. 51 Das Grab, in dem auch seine bereits 1956 verstorbene Lebensgefährtin Erna Lehmann und deren Mutter Emmy Noez beerdigt waren, befand sich in der Abt. 27, Reihe 16, Nr. 1+2. Das Nutzungsrecht für diese Grabstätte ist im Mai 1988 abgelaufen. Inzwischen wurde das Grab eingeebnet und die Stelle neu belegt.

JHK 2008

Stalinismus / Entstalinisierung als Geschichtstypus und Periodisierungsmerkmal. Anmerkungen zur semantischen Begriffsdifferenz

Jan Foitzik

I. Massenmedien bereiten die Schlagworte Totalitarismus, Stalinismus, Sowjetisierung, Entstalinisierung, Poststalinismus, Neostalinismus keine Schwierigkeiten. Offenbar taugen sie, wie auch etwa die Kurzformeln Trotzkismus, Titoismus oder Maoismus, zur allgemeinen Orientierung. Diese in die Umgangssprache eingegangenen Sprachkonventionen übernahm nach 1989/90 auch die postkommunistische Geschichtsschreibung. In der ersten Dekade nach 1990 wurde in Osteuropa Stalinismus noch mit »totalitäre Diktatur«, »totalitäres politisches System«, »bürokratisches Kommandosystem«, »autoritäres Regime« und vielem anderen mehr synonym benutzt. Die Argumente dafür lauteten, dass der Stalinismus mit dem sowjetischen System identisch sei und auch der Reformkommunismus eine Variante des Chruschtschow’schen Stalinismus sei; in Polen habe auch Gomułkas »polnischer Weg zum Sozialismus« ein »stalinistisches System« repräsentiert. In den letzten Jahren ist in der osteuropäischen Geschichtsschreibung jedoch eine Verengung der Begrifflichkeit auf die »westlichen Standards« zu beobachten. Unverkennbar ist dabei allerdings, dass die Termini inhaltlich national sehr unterschiedlich ausgelegt werden und generell bisweilen bittere Kritik an der im Westen ignorierten »semantischen Differenz« und »semantischen Toleranz« der Kategorien sowie an der analytischen Explorationsschwäche der dahinterstehenden Deutungsmodelle geübt wird. Doch massive Kritik an Konzepten der historischen Kommunismusforschung war schon vor einem Jahrzehnt vernehmbar. Jacques Rupnik monierte damals, dass es sich bei Begriffen wie Stalinismus, Sowjetisierung, Totalitarismus um deskriptive Klischees ohne analytische Prägnanz handle, um »subjektive« Begriffe, die auf einem Werturteil beruhen. Sie stünden nicht auf dem Fundament eines wissenschaftlichen Konzepts, das mit objektiven Kriterien beschrieben werden könne.1 Ähnlich argumentierte Manfred Hildermeier: Der Stalinismus sei ein weltanschaulich geprägtes und am stärksten von der Totalitarismustheorie beeinflusstes Konzept, das sich je nach Kontext ändere. Seine statische Konzeption lege den Schwerpunkt auf Herrschaftsverfassung und Regellosigkeit des Verfahrens, sie vernachlässige die historisch-genetische Dimension und ihre dynamischen Komponenten. Wiederholt konstatiert Hildermeier, dass vom Konzept desto weniger übrig geblieben sei, je genauer Empiriker und Spezialisten nachgefragt hätten.2 Es springt sofort ins Auge, dass alle kritisierten Aspekte ja selbst Gegenstand der Geschichtsschreibung sind, und auch die Lautstärke der Kritik sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Auseinandersetzung mit Modellen, Konzepten und Typologien in der Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert die Geschichte des Faches prägt, das sich auf diese Weise von anderen politik- und sozialwissenschaftlichen Fachdisziplinen abzugrenzen und eine eigene Methodologie zu entwickeln versucht.3 Allgemein gilt als unstrittig, dass der Terminus Stalinismus genetisch wertig belastet ist. Seine »Verwissenschaftlichung« im Westen basierte ursprünglich auf Trotzkis Deutung der Politik Stalins als »Deformation des Leninismus«, als »Sieg der Bürokratie über die Massen« in einem »totalitär bürokratischen Staat«.4 Trotz dieser genetischen Belastung entfaltete der Begriff historische Wirksamkeit, und dies, obwohl er nach 1956 semantisch gleich auf dreierlei Weise gefüllt war: kritisch in der westlichen Sprachdiktion, positiv in Osteuropa – zumindest bis 1956 als Bezeichnung für die theoretischen und praktischen »Lehren Stalins«5 und noch auf eine dritte Weise: In der UdSSR drückte das im Westen gebräuchliche Gegensatzpaar Stalinismus und Antistalinismus keinen Widerspruch aus. Stalin blieb, zumindest für Chruschtschow persönlich, der »vorbildliche Marxist-Leninist und Revolutionär«6, wie der jugoslawische Botschafter in Moskau bezeugte. Heute sind in Russland »Stalinist« und »Stalinismus« als wertneutrale Differenzierungsbegriffe in Gebrauch.7 Meistens kanalisieren sie nur politische und historische Leidenschaften, ohne sie zu verändern. Die Zahl der Apologeten Stalins scheint zu wachsen. Doch selbst ohne diese semantische Mehrdeutigkeit und Ambivalenz bleibt der Stalinismus als Deutungskonzept oder Periodisierungsmerkmal vage. In der Fachliteratur werden unterschiedliche chronologische Zäsuren angeboten: Der »sowjetische Stalinismus« begann 1921 mit der Einführung des Einparteien-Systems und dem innerparteilichen Oppositionsverbot (X. Parteitag), 1924 mit dem Tod Lenins, 1928/29 mit dem Anlaufen des ersten sowjetischen Fünfjahrplans bzw. mit der offiziellen Feier des 50. Geburtstages Stalins, 1930 (XVI. Parteitag) oder erst 1934 (XVII. Parteitag, der »Parteitag der Sieger«, »Kirow-Mord«). Mit Blick auf den internationalen Kommunismus wären auch die schon 1920 formulierten 21 »Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale« zu beachten, weil sie von den nationalen Parteien verlangten, sich der Internationale auf der Grundlage des »demokratischen Zentralismus« als unselbstständige Sektionen zu unterwerfen, einschließlich einer »strengen zentralen Kontrolle« ihrer Tätigkeit. Ähnlich unscharfe Zäsuren grenzen die Entstalinisierung ein. Für manche begann sie mit dem Tod Stalins 1953, sie beschränkte sich auf die geschichtspolitische Entsorgung singulärer personengebundener Ereignisse auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956,8 einige Autoren reduzieren sie auf die Jahre 1956–58,9 andere lassen sie mit der Absetzung Chruschtschows 1964 enden, um in die Phase des Breschnew’schen Neostalinismus überzugehen. Entstalinisierung kann sich aber auch auf den Zeitabschnitt »vom Tod des Tyrannen, unterdrückt durch das Oktober-Plenum (1964) des ZK der KPdSU [d. i. Chruschtschows Ablösung durch Breschnew], bis zur Intervention in der CSSR 1968« erstrecken.10 Oder sie kann sich sogar bis zum Zusammenbruch des Kommunismus hinziehen bzw. darüber hinaus.11 Ein nicht minder ausgefranstes Bild bietet die Behandlung des Stalinismus als Systemtypus. Hildermeier stellt fünf methodische Varianten des Stalinismus vor:12 Das politikgeschichtliche Konzept einer »Revolution von oben« (1) konkurriert mit der von der sozialhistorischen Forschung vertretenen Auffassung eines »Totalitarismus von unten« (2). Empirisch überholt sei ebenfalls die Vorstellung von einer totalen politischen und sozialen Kontrolle, stattdessen konstatiert man Wirrwarr oder ein »unterreguliertes« System (3). Auch der Terror war nicht zentralistisch organisiert, wie die klassische Totalitarismustheorie annahm (4). Stärkere Beachtung findet, konstatiert Hildermeier, ebenfalls die alltags- und mentalitätsgeschichtliche Sicht des Stalinismus (5). Das alte Konzept der »Revolution von außen«, ursprünglich als Bolschewisierung, Sowjetisierung und Stalinisierung vorgestellt, das die Übertragung des in der Sowjetunion entstandenen Ordnungsmodells und seiner Funktionsweisen auf andere Länder beinhaltet, bezieht Hildermeier nicht ein. In den baltischen Ländern etwa hat es heute eine herausragende Bedeutung, und auch in Polen wurde es zu Beginn der 1990er-Jahre – unter Einbeziehung der Folgen der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg – intensiv diskutiert. Insgesamt könnte man aus der Fachliteratur bestimmt einige Dutzend weitere historische und moderne Typenmodelle zusammentragen. Erwähnung verdient zumindest die extreme Deutung von Buldakow,13 der indirekt Kritik an den üblicherweise eurozentristischen Konzepten übt, indem er auf einen internen Konflikt zwischen »moslemischer« und »europäischer« Mentalität im System der soziokulturellen Spaltung zwischen Gesellschaft und Herrschaft insistiert. II. Das in der postkommunistischen Geschichtsschreibung Osteuropas feststellbare Unbehagen an westlichen Deutungskonzepten liegt – neben allgemeiner Kritik an der semantischen Differenz der im Westen verwendeten Begriffe14 – sicherlich zum einen in der spezifischen begriffsimmanenten Bedeutungsambivalenz begründet. Ausschlaggebend sind jedoch zum anderen wissenschaftspolitische Gründe, denn mehrheitlich wird der Kommunismus in Osteuropa als eine »historische Einheit« wahrgenommen, innerhalb derer die individuelle Handschrift seiner historischen Abschnitts- und epigonalen Unter-Führer zwar erkennbar, aber (noch) nicht systematisch erklärbar ist. Die erkenntnisleitenden Interessen der Geschichtsaufarbeitung bestimmen dort auch nicht typologische Modelle, sondern die Bewältigung unaufschiebbarer rechtlicher und politischer Probleme der Herrschaftslegitimation und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen der Diktatur. Daher geht man auch stärker ein auf die internationale institutionelle Dimension des Stalinismus als einer »Revolution von außen«, als einer »fremden Geschichte«. Hervorgehoben werden dabei etwa die »harten Formen« der militärischen Kommandostruktur des Warschauer Paktes. Doch bereits die nationale Problematik weist unmittelbar auf Variation und Inkongruenz der historischen Entwicklungsprozesse wie der Diskurse darüber hin. Die aktuelle Ost-West-Diskussion ist ebenfalls historisch durch die Kritik belastet, die in den 1970er-Jahren im osteuropäischen Untergrund an westlichen Konzepten geübt wurde. Ihre Argumentation verdient besonders deshalb noch heute Interesse, weil sie die »verschütteten« Konfliktlinien zwischen der lebenswirklichen und der akademischen Rezeption markiert. Gegen die Konzentration des westlichen Stalinismus-Konzepts auf den Terroraspekt wurde damals eingewandt, dass die Haupteigenschaft des »postterroristischen Totalitarismus« oder der »totalitären Normalität« in seiner Macht bestand, autonome soziale Aktionen permanent einzuschränken.15 Diese Macht bleibt auch dann »totalitär«, wenn die Repressionsformen sich ändern, weniger sichtbar oder nur als Bedrohungspotenz vorhanden sind. Oder in pointierter Form: Die politische Macht wird erst totalitär, wenn die terroristische Phase zu Ende ist und die Subjekte ihre Autonomie verloren haben. Naturgemäß ist das Thema emotional stark aufgeladen, und allein der Hinweis, dass in der polnischen Geschichtsdebatte 1989/90 kurzfristig das Schlagwort von der »zweiten deutschen Schuld«16 auftauchte (und mit der Wiedervereinigung wieder aus dem öffentlichen Raum verschwand), sollte genügen, um im Diskurszusammenhang an die historische Relevanz von Schonhaltung und Verdrängung zu erinnern. Vielfach reflektieren sie Einflüsse der Geschichtspolitik auf die Auseinandersetzung mit der erfahrenen Vergangenheit. Auch vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass der polnische Historiker Jerzy Holzer 1990 die Bezeichnung Stalinismus ablehnte, weil es sich lediglich um eine politische Kampfparole der regierenden Kommunisten gehandelt habe, die das von ihnen geschaffene System nicht als »authentischen Kommunismus«, als »Kommunismus als solchen«, sondern als fehlerhafte Entartung erkannten in dem Moment, als sie selbst von der Repression betroffen waren.17 Denn Entstalinisierung habe »nicht die Natur des Regimes verändert, sondern nur die Spielregeln zwischen Herrschaft und Gesellschaft«18, schrieb man in Russland. Die Institutionen des Systems blieben nach Stalins Tod stabil, meint konsequent auch der Pole Wojciech Roszkowski. Geändert hätten sich nur die Methoden der Machtausübung, nicht die Struktur der Machtmechanismen und ihre Legitimation. Die kommunistische Partei agierte weiterhin als einzige autonome Organisation in einem System, in dem ihr alle anderen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen untergeordnet waren. Der neue »Gesellschaftsvertrag« garantierte Sicherheit für Gehorsam und Unterwerfung, für Selbstzensur und Selbstkontrolle, die an die Stelle der zentralen Kontrolle traten.19 Eine typologische Differenz zwischen einer totalitären und einer posttotalitären Phase in nichtdemokratischen Systemen sei nicht in der Struktur der geschichtlichen Entwicklung zu entdecken, sondern auf die normativ-statische Definition von Idealtypen und Untersuchungskritierien zurückzuführen, argumentierte der tschechische Zeithistoriker Oldřich Tůma: »Der Unterschied zwischen dem Verlust des Lebens und des Arbeitsplatzes ist zwar ein existentieller, aber kein systematischer.«20 In der modernen russischen Historiographie lässt man Entstalinisierung, in russischer Diktion auch: Chruschtschow’sche »Reformation« als »administrative Mobilisierung«, »Modernisierung« oder »Liberalisierung« »von oben«, nur zur Beschreibung einer Etappe der Regression des Stalinismus gelten, spricht ihm also ebenfalls eigenständige typologische Merkmale ab. Zur Begründung wird darauf hingewiesen, dass die Degradation des Stalin’schen Systems in den 1950er- und 1960er-Jahren mit der grundsätzlichen Umkehrbarkeit der Chruschtschow’schen Reform unter Breschnew zu verbinden sei.21 Einen systemischen Unterschied zwischen Stalin und Chruschtschow sieht der russische Sozialhistoriker Axjutin auch deshalb nicht, weil er die Chruschtschow’sche Reform zur Modernisierung des Systems bei Beibehaltung der alten Regelungsfunktionen grundsätzlich auch Stalin zutraut.22 Neu waren vor dem Hintergrund eines beschleunigten gesellschaftlichen Wandels nur die Veränderungen in den Reaktionsweisen der gesellschaftlichen Gruppen auf die statische Herrschaftsform, die die frühere monolithische Einheit zugunsten eines sozialen Pluralismus aufgelöst und damit die Partei- und Staatskontrolle mittelbar geschwächt hätten.23 Ähnlich argumentiert Stefan Plaggenborg, wenn er resümiert: »Es ist deswegen gerechtfertigt, von einer stalinistischen Strukturkontinuität bis in die Zeit der Perestrojka hinein zu sprechen.« Und er fährt fort: »Der stalinistischen Strukturkontinuität entspricht deshalb als Parallelerscheinung die asynchrone Entstalinisierung.«24 In Osteuropa sind vereinzelt noch radikalere Stimmen zu vernehmen: Das nach dem sowjetischen Muster gestaltete politische System blieb danach im Grundsatz bis zum Ende der 1980er-Jahre axiomatisch gültig. Der unterschiedliche Grad der strukturellen Resistenz der »Peripherie« gegenüber dem »Zentrum«, die reale historische Dynamik und Vielgestaltigkeit der Binnengeschichte der nationalen Systeme wie auch der einzelnen historischen Phasen des Stalin’schen Ur-Modells selbst werden bei solchen Überlegungen nicht übersehen. Nur noch wenige Forscher isolieren den Stalinismus als singuläre, zeit- und personenbezogene sowie räumlich auf die UdSSR begrenzte historische Erscheinung. Stellvertretend sei Jörg Baberowski genannt, der den Stalinismus als »imperiales Phänomen« auf der Grundlage des Konflikts zwischen Modernisierung und Traditionalismus, zwischen Zentrum und Peripherie auf den exterminatorischen Terrorexzess reduziert.25 In der russischen Geschichtsschreibung wird der Terror nicht als konstitutiv für Stalins Herrschaft angesehen, weil er schon davor institutionalisiert worden war, und in Ostmitteleuropa sorgt zudem der Terror der deutschen Besatzungszeit für Probleme bei der Historisierung. Insgesamt vermitteln die Stalinismus-Debatten den Eindruck, dass sie als Projektionsflächen dienen. Historiker reiben sich kritisch an den als schillernd charakterisierten Konzepten und polieren auf diese Weise einzelne von deren zahlreichen Facetten. Dies begünstigt eine Verinselung der akademischen Jargone, die aus den frei gewordenen Quellenmassen scheinbar alle empirisch »belegt« werden können. Versteht man unter Typen aber nur »Merkmale, die einer Gruppe von Personen oder Dingen gemeinsam sind«, so funktionieren Typologien und Modelle in erster Linie als heuristische und ordnende Hilfsmittel zur Reduzierung der Komplexität der empirischen Einzelerscheinungen und transportieren nicht unmittelbar oder nicht gleich »die ganze« historische Wahrheit. Insofern ist die von Hermann Weber vorgenommene Unterscheidung zwischen »Stalinismus im engeren oder speziellen Sinne – dies war Willkürherrschaft und brutaler Terror« – und »Stalinismus in seiner weiteren oder allgemeineren Einschätzung als gesellschaftspolitisches System«, das bis zum Ende des SED-Staates 1989 existierte,26 allein deshalb sehr wertvoll, weil sie bestimmt und klar ist. III. Die unmittelbar evidenten gesellschaftlichen Auswirkungen des Zusammenbruchs des Kommunismus eröffnen vielfach neue Sichtweisen auf das historische Phänomen. In Ungarn fiel etwa die Selbstmordrate, die nach dem Trauma von 1956 drei Jahrzehnte an der Spitze der Weltstatistik stand, seit 1989 um ein Drittel27, allgemein stieg in Ostmitteleuropa nach 1989 die allgemeine Lebenserwartung deutlich. In Russland sank sie jedoch, und bei der Zahl der Selbstmorde führt heute Litauen die Weltstatistik an. Es geht hier aber nicht darum, auf »harte« soziale Folgen des Systemstresses aufmerksam zu machen, die schon in den 1980er-Jahren »informelle« oder sogar offizielle Diskursthemen waren, sondern auf die Tatsache, dass sich nicht nur die Vergangenheit heteronom präsentiert, sondern dies ebenso für die Gegenwart gilt. Dies schafft verschiedene gesellschaftliche Voraussetzungen und eine unterschiedliche Dringlichkeit für Geschichtsdiskurse. So fällt in der deutschen Diskussion schon aufgrund der westdeutschen semantischen Definitionsmacht einiges unter den Tisch und noch einiges mehr infolge des genetischen Kausalnexus zwischen der nationalsozialistischen und der kommunistischen Diktatur. Der nationalsozialistische Völkermord ließ sich in Deutschland (und auch in Österreich) als Tabu und »absoluter Zivilisationsbruch« einkapseln und sogar strafrechtlich bewehren, auf europäischer Ebene gelang dies jedoch nicht im gleichen Maße, und die osteuropäische Geschichtsschreibung kommt einfach nicht umhin, dieses Tabu zu berühren. Ein anderes Extrem stellt heute Russland dar, wo im Jahr 2007 in Befragungen 35 Prozent das »Sowjetsystem« für das am besten geeignete politische System halten28 und 47 Prozent der Bevölkerung Stalin eine »positive Rolle in der Geschichte Russlands« bescheinigen.29 Und was die zeitliche Perspektive der Transformation angeht, so wäre etwa daran zu erinnern, dass in Deutschland erst im Jahr 2007 die Entschädigung von Opfern politischer Verfolgung in der DDR beschlossen werden konnte, oder daran, dass die »Bewältigung der Folgen der ersten deutschen Diktatur« noch heute Gerichte und Öffentlichkeit beschäftigt. Hinsichtlich der zeitlichen Perspektive der Vergangenheitsbewältigung gilt es aber vor allem auf eine unterbelichtete oder sogar verdrängte Dimension des Stalinismus aufmerksam zu machen: auf den kulturellen oder auch gesellschaftlichen Stalinismus, wie die entsprechenden älteren Kampfausdrücke lauteten. Gemeint ist der »strukturelle Stalinismus«, der seinen Ausdruck fand im »Primat der Ideologie als institutionalisierter Lüge«, wie Jacques Rupnik formulierte30, oder sich im »kognitiven Privileg«31 der kommunistischen Partei als kognitiver Mechanismus manifestierte, in dem unter dem Begriff der Dienstbarkeit der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge verloren geht, der Mensch seine Subjektivität verliert. Auf seine sprachzerstörenden Wirkungen wurde schon sehr früh von Czesław Miłosz und immer wieder von Aleksander Wat, Leszek Kolakowski oder Václav Havel hingewiesen.32 Die Bewältigung des »Stalinismus« wird also noch einige Zeit dauern, denn die in der Gegenwart noch lebende Vergangenheit gebiert in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit noch immer neue semantische Kreuzungs- und Mutationsformen, sogar die Umgangssprache ist gleich mehrfach überformt worden. Sprachverwirrung wird sich auch deshalb nicht vermeiden lassen, weil historische Ereignisse in nationalen Quellen bisweilen eine völlig andere quantitative und qualitative Faktographie haben als in analogen so-wjetischen »Kontrollberichten«. Kommunikationsprobleme resultieren daraus, dass viele der im Westen üblichen fachwissenschaftlichen Termini nicht deckungsgleich in andere Fremdsprachen übersetzt werden können und oft schon im nationalen Sprachraum die Übernahme von Fachausdrücken aus anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu Missdeutungen führt. Erinnert sei nur an das Schicksal der von dem Soziologen Peter Christian Ludz vorgestellten soziolinguistischen »Immanenz-Theorie«, die von einigen Historikern in völliger Verkehrung der eigentlichen Intention als »neues Deutungskonzept« angenommen wurde. Der Weg zur Historisierung des Kommunismus wird also mit einem längeren Kommunikationsprozess verbunden sein. Sicher ist nur, dass er mit der positivistischen Kompilation empirischer Daten beginnen und ständig von ihr begleitet sein muss, offen bleibt, wie die nationalgeschichtlichen Deutungen in ein zivilisatorisches Gesamtkonzept eingefügt werden können. Auf typologische Hilfskonstruktionen, ob sie nun explizit vorgestellt oder nur implizit angewandt werden, kann dabei schon aus arbeitsökonomischen Gründen nicht verzichtet werden, um die Komplexität der empirischen Einzelbefunde beherrschen zu können. Die Methoden und Hilfsmittel der generalisierenden Geschichtsschreibung bleiben schließlich ebenfalls unmittelbar Gegenstand des Diskurses und nicht nur die Geschichte als isolierte nationale Erfahrung. 1 Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1996, S. 389–415, hier S. 391. 2 Siehe Hildermeier, Manfred: Interpretationen des Stalinismus, in: Historische Zeitschrift 264 (1997), S. 655–674. 3 Siehe dazu: Lessing, H.-U.: Typos, Typologie, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Band 10, Darmstadt 1998, Sp. 1587–1607, insbes. Sp. 1602 ff. 4 Siehe Trotzki, Leo: Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? Paris 1936. Auch der politische Emigrant aus der UdSSR G. P. Fedotow beispielsweise veröffentlichte 1936/37 in Paris Analysen, in denen von einer »Stalinschen Revolution gegen den Leninismus« (und Marxismus) etwa ab 1925, der Errichtung eines »persönlichen Regimes Stalins« und einer »Stalinokratie« die Rede ist, wobei die Ermordung Kirows im Dezember 1934 als zäsurbildend bezeichnet wird. Als Merkmale nannte Fedotow u. a. »die Erschießung von Parteimitgliedern« und »Liquidierung fiktiver politischer Opposition«. 5 Ob es sich beim Stalinismus genetisch auch um eine Eigenbezeichnung handelt, die etwa Mitte der 1930er-Jahre in der UdSSR entstanden ist und die sich in der Nachkriegszeit etwa bei Schdanow belegen lässt, ist wegen des Übersetzungsproblems nicht eindeutig zu belegen. Der Ausdruck wurde jedoch nicht öffentlich gebraucht. 6 In den Jahren 1956–58 betrachtete Chruschtschow die in Westeuropa und Jugoslawien gängigen Ausdrücke »Stalinist« und »Antistalinist« nicht als widersprüchlich und bezeichnete sich selbst als »Stalinisten«. Siehe Mićunović, Veljko: Moscow Diary, London 1980, hier insbes. S. 26, S. 168, S. 187, S. 196, S. 431. Zitat auf S. 196. 7 Nach 1991 bezeichneten sich auch frühere führende Opponenten der Gorbatschow-Politik vielfach als »Stalinisten«. Ob der Ausdruck rückwirkend angewandt wurde, ist nicht eindeutig feststellbar. 8 In systematischer Absicht könnte dazu auch die jugoslawische Entwicklung gezählt werden, denn dort wurde im Sommer 1948 kurzfristig eine »Entstalinisierung« geleistet. 9 So beispielsweise Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1), S. 391. 10 Tschuprinin, Sergei, in: Otepel 1953–62. Stranizi ruskoi, sowetskoi literatury [Tauwetter 1953 – 62. Seiten der russischen, sowjetischen Literatur], 3 Bde., Moskau 1989–1990, hier Bd. 1, S. 10. 11 Zu den »nationalen Amplituden« der »Entstalinisierung« in einzelnen ostmitteleuropäischen Ländern siehe Vykoukal, Jiří / Litera, Bohuslav / Tejchman, Miroslav: Východ. Vznik, vývoj a rozpad Sovětského bloku 1944–1989 [Der Osten. Entstehung, Entwicklung und Zusammenbruch des Sowjetblocks 1944–1989], Prag 2000, S. 297 f. 12 Hildermeier: Interpretationen des Stalinismus (Anm. 2), S. 655–674. 13 Buldakow, W. P.: XX wek rossijskoi istorii i postkommunistitscheskaja sowjetologia [Das XX. Jahrhundert der russischen Geschichte und die postkommunistische Sowjetologie], in: Bordjugow, G. A. (Hrsg.): Rossijskaja imperija, SSSR, Rossijskaja Federazija: Istorija odnoi strany? [Das Russische Imperium, die UdSSR, die Russische Föderation: Geschichte eines Landes?], Moskau 1993, S. 5–56. 14 So machte beispielsweise ein ungarischer Historiker im Zusammenhang mit der Zentrum-Peripherie-Diskussion darauf aufmerksam, dass »Plan« in der westlichen Begriffswelt eine andere Bedeutung habe als in der in Osteuropa gemachten empirischen Erfahrung. Hier bestand der tatsächliche Plan nicht aus einem »konkreten Schriftstück«, sondern aus der Summe vielzähliger Veränderungen und Modifikationen, die oft mit dem ursprünglichen »Schriftstück« nichts mehr gemein hatten. 15 Siehe dazu Mlynář, Zdeněk: Krize v sovětských systemech od Stalina ke Gorbačovi [Krisen in Sowjetsystemen von Stalin bis Gorbatschow], Prag 1991. 16 Es beinhaltete den Vorwurf, mangelnden Widerstand gegen den Kommunismus geleistet zu haben, meinte also nach »deutscher Rechnung« die »dritte Schuld«. Der Text wurde veröffentlicht, aus Diskretionsgründen wird aber auf den Beleg verzichtet. 17 Holzer, Jerzy: Solidarność 1980–1981. Geneza i historia [Solidarność 1980–1981. Entstehung und Geschichte], Warschau 1990. In den »neuen« Programmen der postkommunistischen »kommunistischen« Parteien wird das System bis zum Zusammenbruch 1989/91 in der Regel als »stalinistisch« apostrophiert. 18 So stellvertretend für viele: Koslow, Wladimir A./Mironienko, Sergei W. (Hrsg.): Kramola. Inakomyslije w SSSR pri Chruschtschewe i Breschnewe 1953–1982gg [Aufruhr. Andersdenkende in der UdSSR unter Chruschtschow und Breschnew in den Jahren 1953–1982], Moskau 2005, S. 29. 19 Siehe Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1), S. 397. 20 Tůma, Oldřich: Poznámka k typologii komunistických režimů [Bemerkung zur Typologie der kommunistischen Regime], in: Soudobé dějiny 3/4 (1997), S. 534–537, hier S. 537. 21 Siehe dazu: Affanasjew, Juri N. (Hrsg.): Sowjetskaja istoriografija [Die sowjetische Historiographie], Moskau 1996. 22 Axjutin, Juri: Chruschtschowskaja »ottepel« i osbschestwennyje nastrojenija w SSSR w 1953–1964gg [Das Chruschtschow’sche »Tauwetter« und gesellschaftliche Stimmungen in der UdSSR in den Jahren 1953– 64], Moskau 2004, S. 479. 23 Ebenda, S. 484. 24 Plaggenborg, Stefan: Sowjetische Geschichte nach Stalin, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 1/2 (2005); siehe auch: Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998. 25 Siehe u. a. Baberowski, Jörg: Stalinismus an der Peripherie: Das Beispiel Azerbajdžan, in: Hildermeier, Manfred (Hrsg.): Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung, München 1998, S. 307–335. 26 Weber, Hermann: Aufbau und Fall einer Diktatur, Köln 1991, S. 64 ff. 27 Ungarn hatte ab 1960 die höchste Selbstmordrate in der Weltstatistik. Siehe Valuch, Tibor: Magyarország társadalomtörténete a XX. század második felében [Die Sozialgeschichte Ungarns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts], Budapest 2001, S. 361. Siehe auch: Duval, Alexandre: Der Selbstmord in Europa, in: <http://www.arte.tv/de/suche/770118.html> am 20. Juni 2007. 28 Ein Viertel präferiert das »Putin’sche System« und 16 Prozent präferieren die Demokratie nach westlichem Vorbild. Die Angaben von 1600 Befragten stammen aus einer 2007 veröffentlichten Umfrage des unabhängigen russischen Levada Centers im Auftrag des EU-Russia Centers. 29 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. März 2005. 30 Rupnik, Jacques: Der Totalitarismus aus der Sicht des Ostens, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1), S. 398. 31 Kolakowski, Leszek, in: Urban, R. G. (Hrsg.): Stalinism: Its Impact on Russia and the World, London 1982, S. 250. 32 Hierzu beispielsweise Rupnik, Jaques, in: Jesse: Totalitarismus im 20. Jahrhundert (Anm. 1); Spiewak, Pawel (Hrsg.): Anti-Totalitarismus. Eine polnische Debatte, Frankfurt am Main 2003; sowie Havel, Václav: Versuch, in der Wahrheit zu leben. Von der Macht der Ohnmächtigen, Reinbek bei Hamburg 1980.

JHK 2008

Hermann Webers Konzept der »Stalinisierung« der KPD und der Komintern. Eine kritische Bewertung

Kevin MC Dermott

Im Jahre 1969 veröffentlichte Hermann Weber seine bahnbrechende Arbeit Die Wandlung des deutschen Kommunismus, die die Forschung zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und zur Kommunistischen Internationale (Komintern) revolutionierte.1 In dem umfangreichen zweibändigen Werk legte er die Theorie der »Stalinisierung« der KPD im Zeitraum von 1924 bis 1929 dar, ein Konzept, das alsbald zum Standard für viele westliche und, seit den Glasnost-Jahren, russische Forscher auf dem Gebiet des internationalen Kommunismus wurde. Bis auf den heutigen Tag findet es Nachhall: 2008 wird in Großbritannien eine Anthologie zum Thema Stalinisierung mit Beiträgen profilierter Historiker erscheinen.2 Dessen ungeachtet wurde Hermann Webers Interpretation kontrovers diskutiert und vielfach infrage gestellt, um ihre Grenzen aufzuzeigen. Dieser kurze Artikel versucht, die Stalinisierungstheorie zu erläutern, ihre zahlreichen Stärken zusammenzufassen sowie die Kritik an dieser Theorie angesichts jüngster archivalischer Entdeckungen und neuer Forschungsansätze zur KPD und Komintern zu bewerten. Im Wesentlichen suchte das Stalinisierungskonzept den Prozess zu erklären, durch den die KPD – und implizit auch alle anderen kommunistischen Parteien sowie die Komintern selbst – von einer relativ demokratischen und unabhängigen Massenorganisation, die unmittelbar aus der deutschen Arbeiterbewegung hervorgegangen war, in eine hierarchische, monolithische und geradezu militarisierte Organisation umgewandelt wurde, die ihren stalinistischen Gebietern in Moskau uneingeschränkt verbunden war und zunehmend den sowjetischen politischen und diplomatischen Interessen untergeordnet wurde. Wie Weber es im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007 formuliert: »Die von Rosa Luxemburg begründete radikal-marxistische Partei entwickelte sich zur stalinistischen Apparatpartei, zur Hilfstruppe der UdSSR Stalins. […] An die Stelle von Pluralismus, Selbstständigkeit, Diskussion und Autonomie traten Ergebenheit, Gläubigkeit, Disziplin und Gehorsam.«3 Bereits 1969 hatte Weber resümiert, die weitreichendste Bedeutung der Stalinisierung der KPD liege darin, dass sie »schließlich […] erst die ultralinke Politik 1929 bis 1933 [ermöglichte], die wesentlich zum Untergang der Weimarer Republik beitragen sollte«4. Erweitert man den Gedanken, dann hatte die Stalinisierung bedeutenden Anteil an der Machtergreifung der Nazis, indem sie Hürden für deren Aufstieg aus dem Weg räumte. Webers These, die wesentlich komplexer ist, als diese Kurzdarstellung nahelegt, wägt umsichtig endogene und exogene Fakten ab. Sie basiert auf vier Grundbedingungen, von denen zwei spezifisch für die Situation der KPD in den 1920er-Jahren sind und zwei allgemeinere Phänomene darstellen:5 • der Herrschaft des Apparats in modernen politischen Parteien; • den strukturellen und ideologischen Problemen der KPD, die nach einem eigenen Weg zwischen Sozialdemokratie und Syndikalismus suchte; • der zunehmenden Abhängigkeit der KPD – finanziell, ideologisch und organisa- torisch – von der Komintern und der Sowjetunion, die selbst durch den autoritären Charakter des aufkommenden Stalinismus deformiert wurden; • der Diskrepanz zwischen den revolutionären Zielen der KPD und dem nichtrevolu- tionären Kontext, in dem sie in den Jahren nach 1923 operierte. Der erste Gesichtspunkt ist Robert Michels’ These vom »eisernen Gesetz der Oligarchie« aus dem Jahre 1911 entlehnt. 6 Nach diesem Organisationsprinzip sind politische Parteien durch fortlaufende Bürokratisierung und die Tendenz zur Schwächung der einfachen Parteimitglieder und lokalen Funktionäre zugunsten des professionellen »Apparats« gekennzeichnet. Diese für moderne Industriegesellschaften typische Entwicklung schien ausgesprochen gut anwendbar auf die KPD mit ihrem enormen Zuwachs an Kadern, zentralen Institutionen und geheimen Netzwerken. Die Hauptschlussfolgerung war, dass die KPD trotz ihres Massencharakters und ihrer wachsenden Unterstützung durch die Wähler politisch im Grunde schwach war und die Formen ihres Aktivismus chronisch degenerierten. Der zweite Faktor charakterisiert treffend die relativ prekäre strukturelle und ideologische Position der KPD zwischen der zahlenmäßig stärkeren Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) mit ihrem Rückhalt in der qualifizierten Arbeiterschaft und ihrer fest verankerten »reformistischen« Praxis auf der einen Seite und der kleineren, aber dennoch starken syndikalistischen Bewegung auf der anderen Seite, die die revolutionäre Rhetorik der KPD in den Schatten zu stellen und deren radikalere Anhänger abzuwerben drohte. Angesichts dieses ideologischen und organisatorischen Dilemmas geriet der Apparat zum Instrument für die Schaffung der Parteieinheit und setzte diese mit geradezu militärischen Disziplinierungsmaßnahmen durch. Die dritte These ist in vielerlei Hinsicht zentral für Webers Konzept: In Anbetracht der wachsenden Zentralisierung, Bürokratisierung und »Bolschewisierung« der Komintern nach 1924 musste die KPD fast zwangsläufig in die selbstzerstörerischen innerparteilichen Machtkämpfe der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) verwickelt und stark vom aufkommenden »Stalinismus« beeinflusst werden, der die bolschewistische politische Kultur umgestaltete und ihr ein autoritäreres Gepräge gab. Zur gleichen Zeit führten die finanzielle Schwäche und das Unvermögen der KPD, eine proletarische Revolution zum Erfolg zu bringen, dazu, dass die Partei auf das sogenannte »Moskauer Gold« angewiesen war. Als Folge agierte die KPD im Laufe der 1920er-Jahre immer weniger autonom und wurde mehr und mehr von der politischen, organisatorischen und strategischen Führung durch Moskau abhängig. Der letzte Einflussfaktor beschreibt das Dilemma einer erklärtermaßen revolutionären Partei, die nach dem gescheiterten Umsturz im Herbst 1923 und der zögernden Stabilisierung des politischen und ökonomischen Systems der Weimarer Republik im Morast einer nicht-revolutionären Epoche feststeckte. Wie sollte man das Steuer ausrichten zwischen der ultralinken Scylla in Form des revolutionären Romantizismus, der die Partei von den arbeitenden Massen zu entfremden drohte, und der reformistischen Charybdis in Gestalt des Schulterschlusses mit den Sozialdemokraten in Gewerkschaften und anderen betrieblichen Vereinigungen, der die revolutionäre Kraft und Identität der Partei schwächte? Für die von massiver Fluktuation gezeichnete KPD war keine befriedigende indigene Lösung in Sicht. Ihre Mitglieder wurden dadurch zunehmend passiv, somit vom Parteiapparat abhängig und empfänglich für die Ausstrahlung der erfolgreichen bolschewistischen Revolutionäre. Für Weber bestand die entscheidende Folge dieser vier Entwicklungslinien in der extremen Abhängigkeit der KPD von der Sowjetunion und ihren stalinistischen Strukturen. In den späten 1920er-Jahren hatte sich eine hochgradig autoritäre stalinistische politische Kultur in der Partei durchgesetzt, die nun gänzlich der Herrschaft des Apparats anheimfiel. Dies bedeutete wiederum die Beschneidung der innerparteilichen Demokratie und die Unterdrückung unabhängigen Denkens. Das Endergebnis war eine starre Diktaturpartei7, die darüber hinaus 1933, vor allem infolge ihrer Stalinisierung, faktisch dezimiert war. Webers Konzept erwies sich als außerordentlich überzeugend. Weshalb? Weil es entscheidende Entwicklungen in der KPdSU, der KPD, der Komintern und der breiteren internationalen kommunistischen Bewegung greifbar machte. Selbst heute würden nur wenige Historiker, wenn überhaupt, das Ausmaß der Kontrolle der zentralen Kominterngremien durch die stalinistische Führung der KPdSU anzweifeln. Keine Innovation auf strategischer Ebene, organisatorische Initiative oder bedeutende personelle Veränderung konnte ohne die Zustimmung des Politbüros, und das bedeutete unweigerlich Stalin höchstpersönlich, verfügt werden.8 Darüber hinaus herrscht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass Strategien, Politik und Strukturen der nationalen kommunistischen Parteien zunehmend durch das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) in Moskau bestimmt wurden, das seinerseits unter dem wachsenden Einfluss seiner KPdSU-Delegation stand. Das deutlichste Beispiel ist die Etablierung des »Sozialfaschisten«-Kurses in den Jahren 1928/29. Danach war der Spielraum für selbstständiges Handeln und Denken massiv eingeschränkt, wenn nicht gar beseitigt. Es ist ebenfalls wahrscheinlich, dass die von den sowjetischen Behörden über die geheimen Kurierdienste der Komintern geleistete finanzielle Unterstützung viele Parteien zahlungsfähig hielt und eine weitere machtvolle Kontrollhandhabe Moskaus darstellte. Viele Dokumente, die seit der teilweisen Öffnung der KPdSU-Archive in den frühen 1990er-Jahren verfügbar sind, belegen die stalinistische Dominanz innerhalb der Komintern und somit der internationalen kommunistischen Bewegung insgesamt.9 Die positive Rezeption der Stalinisierungstheorie resultierte auch aus der Menge empirischer Belege, die Weber zu ihrer Untermauerung zusammengetragen hatte. Was Stalins persönliche Verstrickung in KPD-Angelegenheiten betrifft, verwies er auf die berüchtigte »Wittorf-Affäre« im Herbst 1928. Im September des Jahres beschloss das Zentralkomitee, Ernst Thälmann, einen überzeugten Stalinisten und loyalen Kominternjünger, seiner Funktion als Parteiführer zu entheben, da er die Unterschlagung von 3000 Mark in seinem Hamburger Parteibezirk durch dessen Leiter John Wittorf vertuscht hatte. Die Ausmaße dieses Skandals gingen jedoch weit über finanzielle Unregelmäßigkeiten hinaus. Thälmanns Amtsenthebung war Teil einer Kampagne gemäßigter KPD-Führer. Sie wollten der »ultralinken Wende« in der Komintern entgegenwirken, die man mit dem Schlagwort »sozialfaschistisch« und dem Kurs »Klasse gegen Klasse« verbindet. Dies stellte in der Tat einen Angriff auf die junge revolutionäre Strategie der Komintern und damit eine Bedrohung der stalinistischen Orthodoxie dar. Bemerkenswert ist, dass Stalin selbst schnellstens aktiv wurde, um die Entscheidung des Zentralkomitees rückgängig zu machen. Neue archivalische Dokumente belegen, dass der sowjetische Parteichef die offiziellen Wege in Komintern und KPD umging und stattdessen ein geheimes Netzwerk persönlicher Kontakte nutzte, das Wjatscheslaw Molotow, Ossip Pjatnitzki, Heinz Neumann, Hermann Remmele und Walter Ulbricht einschloss.10 Weber zufolge markieren die daraus resultierende einhellige Entscheidung für Thälmanns Wiedereinsetzung und der nachfolgende Ausschluss der »Rechten« und »Versöhnler« die letzte Stufe der Stalinisierung der KPD. Sie sicherten den Siegeszug der fatalen »Sozialfaschisten«-Rhetorik, welche nicht den Nazismus, sondern die Sozialdemokratie als Hauptfeind des Kommunismus darstellte. Doch schon lange vor dem »Thälmann-Skandal« hatte Moskau mit eiserner Hand Einfluss auf die internen politischen und Fraktionsangelegenheiten der KPD ausgeübt. Der fehlgeschlagene Aufstand in Sachsen und Hamburg im Oktober 1923 – der sogenannte »Deutsche Oktober« – wurde direkt von den sowjetischen Oberherren der Komintern angeregt und organisiert; die Beseitigung der »rechten« Führer Heinrich Brandler und August Thalheimer, die den Kopf für die schmachvolle Niederlage von 1923 hinhalten mussten, war sorgfältig von Grigori Sinowjew, dem damaligen Vorsitzenden der Komintern, inszeniert worden; die neuen »links orientierten« Führer Ruth Fischer, Arkadij Maslow und Thälmann schuldeten einen großen Teil ihrer Autorität in der Partei der Identifizierung mit der »Bolschewisierung« der Komintern, bevor die beiden Erstgenannten Stalins Feldzug gegen die »Sinowjewisten« in KPdSU und Komintern zum Opfer fielen; die »ultralinke« Fraktion der KPD um Werner Scholem, Arthur Rosenberg und Karl Korsch übte am unverhohlensten Kritik an der sowjetischen Dominanz in der Komintern, daraufhin wurden viele ihrer Mitglieder in den Jahren 1926 und 1927 ausgeschlossen; und Thälmanns Aufstieg zum Parteiführer war eine direkte Konsequenz seiner Pro-Komintern-Haltung und engen Bindung an die triumphierende stalinistische Fraktion in Moskau – er war »Stalins Mann«. Auch organisatorisch begann die KPD, die Eigenschaften einer »bolschewisierten« Partei anzunehmen. In den Jahren 1924 und 1925 startete das Exekutivkomitee der Komintern eine »Bolschewisierungskampagne«. Deren vordergründiges Ziel war es, die organisatorischen Strukturen der kommunistischen Parteien anhand des bolschewistischen Modells neu auszurichten; das heißt, sie sollten echte Massenparteien werden, mit Basis in den Betriebszellen und nicht in den Wohnorten. Fraktionen, abweichende Meinungen oder Gruppierungen erlaubte das Modell nicht. In Wirklichkeit bezeichnete die »Bolschewisierung« unter den Bedingungen der mittleren und späten 1920er-Jahre die zunehmende »Russifizierung« der Komintern und ihrer Mitgliedsparteien sowie die Schaffung streng zentralisierter und disziplinierter leninistischer Organisationen, die absolut loyal zur stalinistischen Mehrheit in der KPdSU standen.11 Dieser Prozess war in der KPD sicher einschneidender als in den anderen kommunistischen Parteien. Zum Beispiel existierte neben der offenen legalen Organisationsstruktur ein geheimes Netzwerk illegaler In7titutionen mit speziellen Funktionen. »Die Apparate […] (M-Apparat für die militärische Organisation, Z-Apparat für die Unterwanderung der Reichswehr, Kurierdienst usw.) unterstanden weitgehend dem EKKI in Moskau, aber auch durch sie verstärkten sich die Apparattendenzen in der KPD. Aus der Abhängigkeit der KPD von der Komintern und der KPdSU resultierte schließlich die kritiklose Übernahme stalinistischer Organisationspraktiken.«12 Zusammengefasst bedeutet dies: »Der hierarchische Zentralismus in der Partei verdrängte die traditionelle Demokratie.« Die Existenz aggressiver Organisationen wie des Roten Frontkämpferbunds sowie die Verherrlichung von Gewalt verdeutlichen die »Militarisierung der Bewegung«.13 Ein weiterer maßgeblicher Grund für die hohe Akzeptanz von Webers Analyse ist ihr komparatives Potenzial. Das Konzept der Stalinisierung ließ sich nicht nur auf die KPD beziehen, sondern auch auf die anderen kommunistischen Parteien, die Komintern und ihre diversen »Front«-Organisationen wie die Profintern, die Rote Gewerkschafts-Internationale (RGI). Die Ereignisse in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) sind hierfür bezeichnend. Wie in der KPD waren in der Zeit von Ende 1928 bis Anfang 1929 die amtierenden gemäßigten Parteiführer starkem Druck aus Moskau ausgesetzt. Sie wurden schließlich aus der Partei und den roten Gewerkschaften ausgeschlossen, um durch die »Jungs von Karlín« – Klement Gottwald, Rudolf Slánský und andere, die absolut loyal zu Stalin und dessen Fraktion innerhalb der KPdSU standen – ersetzt zu werden. Ähnliche Entwicklungen gab es in den kommunistischen Parteien der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens usw. Innerhalb der Komintern kulminierte der Stalinisierungsprozess 1928 / 1929 im Fall und in der Entfernung von Nikolai Bucharin und dessen Unterstützern vom »rechten Flügel«. Diese Entwicklung war eng mit den innerparteilichen Auseinandersetzungen in der KPdSU über die Zwangskollektivierung und die rasante Industrialisierung verknüpft. Die bedrohliche Atmosphäre im Kominternhauptquartier wurde treffend vom italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti charakterisiert, der Ende 1928, als er die folgenden Worte niederschrieb, ein zögerlicher Anhänger der neuen stalinistischen Linie war: »[...] das innere Regime der Komintern ist allgemein [...] schlecht und wird sich weiter verschlimmern. Die Auseinandersetzungen von Gruppierungen und Fraktionen nehmen zu und erstrecken sich auf alle Parteien. Die Entfesslung der Fraktionskämpfe bedeutet das Ende der innerparteilichen Demokratie. Diese Phänomene pervertieren die Entwicklung unserer Parteien und verhindern zugleich ein klares Verständnis der politischen Probleme.«14 Das alltägliche Management der Internationale hatte sich ebenfalls verschlechtert. Es wurde die Domäne hart arbeitender, doch intellektuell zweitrangiger Bolschewiken wie Dmitri Manuilski, Pjatnitzki, Otto Kuusinen und Alexander Losowski. Die bestimmenden Figuren blieben aber weiterhin Stalin, Molotow und andere sowjetische Politbüro-Leuchten. Es wäre kaum übertrieben zu behaupten, dass Ende 1929 die gesamte internationale kommunistische Bewegung »stalinisiert« war. Mit dem Aufkommen des »Stalinkults« in der UdSSR sollte es auch nicht mehr lange dauern, bis Kommunisten weltweit dem »Großen Führer« huldigen würden. Webers klar formulierter analytischer Bezugsrahmen schien diese Entwicklungen bewundernswert auf den Punkt zu bringen. Doch nicht alle Experten pflichteten dieser Theorie bei. Viele beurteilten die Ansicht, die Stalinisierung habe einer »demokratischen« und pluralistischen Anfangsphase der KPD brutal ein Ende gesetzt, skeptisch. Es wurde darauf hingewiesen, dass zentralistische Tendenzen, Säuberungen und intolerante Haltungen bereits vor dem Einsetzen des »Stalinismus« in der Partei vorherrschend waren. Die wichtigste Herausforderung stellte jedoch das Aufkommen der Sozialgeschichte in den 1970er- und 1980er-Jahren und deren Betonung der »Geschichte von unten« dar. Für die neuen Sozialhistoriker gehörte Webers Ansatz einer relativ veralteten »Geschichte von oben« an, die die große Politik, die parteiinternen Machtkämpfe und die Fähigkeit Moskaus, die Entwicklungen in den nationalen kommunistischen Parteien zu gestalten, überbewertete und die endogenen Quellen der kommunistischen Aktivitäten und Strategien unterschätzte. Die »Zentrum-Peripherie-Debatte« begann in der Kominternforschung Fuß zu fassen. Die Hauptaussage der neuen Denkrichtung bestand darin, dass kommunistische Parteien in spezifischen nationalen, regionalen und lokalen Kontexten operieren – in Kontexten also, die die Formulierung und Umsetzung von Strategien sowie die Reaktionen der Basis beeinflussen müssen. Dieser Auffassung nach war die Komintern bei Entscheidungen nur einer von vielen Einflussfaktoren, und nicht unbedingt der wichtigste. Der Bezugsrahmen einer »Geschichte von unten« wurde klar von Fraser Ottanelli in dessen Buch zur Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) in den 1930er- und 1940er-Jahren umrissen: »[...] die Aktivitäten der Partei konzentrierten sich auf ein endogenes Streben nach politischen Inhalten, Organisationsformen, Sprache und übergreifenden kulturellen Formen, die den Radikalismus der Kommunisten an die örtlichen Gegebenheiten und politischen Traditionen anpassen würden. [...] Der Kurs der CPUSA war [somit] sowohl durch die Suche nach einem politischen Kurs bestimmt, der sie zu einem integralen Bestandteil der Gesellschaft des Landes machen würde, als auch durch die Direktiven der Kommunistischen Internationale.«15 Die kommunistischen Parteien hätten nicht nur versucht, ihre Politik in diversen nationalen Gefügen jeweils spezifisch zu verankern. Ihre Politik sei auch längst nicht so katastrophal gewesen, wie sie die Weber’sche Argumentation darstellt. Dies gelte sogar für das »sozialfaschistische« Intermezzo, das bis dahin allgemein als eine Katastrophe für die KPD, die Komintern und all ihre Mitgliedsparteien angesehen wurde. Sozialhistoriker begründeten dies mit den vernünftigen Beweggründen und den Errungenschaften der kommunistischen Gewerkschaft und der sozialen und kulturellen Aktivitäten der Kommunisten in den frühen 1930er-Jahren. Die aus dem Boden schießenden Arbeiter- und Werkszeitungen, die Entstehung von proletarischen Theatern, Sport- und Freizeitgruppen sowie ihr Einsatz für die Interessen von Frauen und Jugendlichen hoben die Kommunisten, so wurde argumentiert, von ihren trägen und ideologisch kraftlosen sozialdemokratischen Rivalen ab. In bestimmten Kohlerevieren und Textilzentren in Wales und Schottland, den sogenannten »Little Moscows«, erlangten die Kommunisten aufgrund ihrer harten Arbeit und ihres Engagements gegen lokale Probleme und Missstände starken Rückhalt in der Bevölkerung.16 Die »Revolution« in der Sozialgeschichte hatte auch großen Einfluss auf die wissenschaftliche Forschung zur KPD. Unter den nicht-deutschen Wissenschaftlern veröffent-lichten James Wickham und Eric D. Weitz überzeugende Arbeiten, die bedeutende Defizite der Stalinisierungstheorie aufzeigten. Wickham entdeckte für die massive Konkurrenz zwischen KPD und SPD machtvolle endogene Ursachen jenseits des Drucks aus Moskau. Seit 1923/24 hatte die ökonomische Rationalisierung zu struktureller Arbeitslosigkeit und sozialer Fragmentierung in den urbanen Gegenden Deutschlands geführt. Die Mehrheit der arbeitslosen ungelernten Arbeiter stellte sich auf die Seite der KPD, während die erwerbstätigen Facharbeiter meist weiterhin loyal zur SPD standen. Überdies spielten offenbar Konflikte auf Gewerkschafts- und kommunaler Ebene die kommunistischen Arbeiter und Aktivisten gegen die sozialdemokratischen Funktionäre sowie die Justiz- und Sicherheitsbehörden aus. Die SPD als »Hauptfeind« anzusehen erschien so vielen radikalisierten desillusionierten Kommunisten gerechtfertigt.17 Weitz fügte eine neue Dimension hinzu: die Idee vom »politischen Raum«. Für ihn drängten Rationalisierung und hohe Arbeitslosigkeit die KPD vom Arbeitsplatz auf die Straßen. Diese »wurden zunehmend zum ausschlaggebenden Ort für das politische Engagement der KPD. Dort versammelte die Partei ihre Unterstützer in Demonstrationen und kämpferischen Zusammenstößen mit der Polizei, faschistischen Organisationen und sogar der Sozialdemokratischen Partei [...] sowie berufstätigen Arbeitern. [...] die Straßen [...] trugen zur Entstehung einer Parteikultur bei, die männliche Körperstärke als die ultimative revolutionäre Eigenschaft hochhielt.« Nach Weitz’ Ansicht halfen diese spezifisch deutschen Erfahrungen, die »Sozialfaschisten«-Linie unter den KPD-Mitgliedern zu etablieren. Weitz sieht in ihr die »logische Schlussfolgerung« aus der alten Feindseligkeit der KPD gegenüber der SPD.18 Endogene sozioökonomische und kulturelle Faktoren waren demnach für die Entwicklung der kommunistischen Parteipolitik genauso bedeutend wie die »Moskauer Zentrale«. Unlängst wandte Norman LaPorte in seiner detaillierten Untersuchung zur KPD in Sachsen einen, in seinen Worten, »post-revisionistischen« Ansatz an. Dieser versucht, die »Geschichte von oben« mit der »Geschichte von unten« zu verschmelzen, indem er zwischen der »Stalinisierung« der Partei per se und den einfachen Parteimitgliedern unterscheidet, die in ihrer unmittelbaren Umgebung verwurzelt blieben. LaPorte akzeptiert bereitwillig, dass »die Parteipolitik in Moskau formuliert wurde, die Positionen der Parteiführer vom Wohlwollen der Komintern abhängig waren und die Reorganisation der KPD nach dem Vorbild des bolschewistischen ›Demokratischen Zentralismus‹ Teil eines hierarchischen Kontrollsystems war. Jedoch konnte auf lokaler Ebene die breite Masse der Mitglieder zu keinem Zeitpunkt dazu gezwungen werden, einer politischen Linie zu folgen, die nicht imstande war, die Realitäten ihres eigenen spezifischen politischen Umfelds zu berücksichtigen.« In seiner Diskussion des Schlüsselproblems Fraktionalismus innerhalb der KPD, den er als organisierte lokale Antworten auf die zentralen Parteidirektiven definiert, argumentiert LaPorte, dass der Fraktionalismus in Sachsen »nicht einfach die aus Sowjetrussland importierten Debatten widerspiegelte, sondern eher von der Basis ausging in Opposition gegen unangemessene Verbote seitens der Zentrale«. In Sachsen verlief die Trennlinie zwischen denen, die die »Einheitsfront«-Taktik befürworteten und innerhalb der sozialdemokratischen Gremien arbeiten wollten, und jenen eingefleischten »Ultralinken«, die einen brudermörderischen Bürgerkrieg gegen die SPD anstrebten. LaPortes Meinung zufolge sind diese polarisierten Positionen mindestens ebenso sehr den sozioökonomischen Spezifika wie den Anweisungen aus Moskau geschuldet.19 Kurz gesagt stellen LaPortes Schlussfolgerungen eine maßvolle Kritik der Stalinisierungstheorie dar, indem sie die vielfältigen Reaktionen auf die Politik der Zentrale in der bedeutenden Industrieregion Sachsen rekonstruieren. Die schärfste Kritik an Webers Arbeit kommt jedoch aus seinem näheren Umfeld. Einige deutsche Historiker, die sich mit der Geschichte der KPD befassen, widersprechen der Stalinisierungstheorie ausdrücklich, insbesondere Klaus-Michael Mallmann.20 Seine Schlussfolgerungen beruhen hauptsächlich auf Material aus dem Saarland. Mallmann ficht in der Tat das gesamte Konzept an: Er wertet den Einfluss des kontrollierenden Arms Moskaus ab und charakterisiert den deutschen Kommunismus während der Weimarer Republik »als eine relativ autonome gesellschaftliche Massenbewegung, die ihre Wurzeln in einer Vielzahl lokaler Bedingungen hatte«.21 Während er einräumt, dass KPD und SPD in bestimmten Regionen eine Kluft trennte, identifizierte Mallmann ein von ihm so bezeichnetes »linksproletarisches Milieu«: eine Weiterführung der SPD-»Nischengesellschaft« der Wilhelminischen Ära, in der Kommunisten und Sozialdemokraten auf lokaler Ebene – in den Gewerkschaften, in Sport- und kulturellen Organisationen – über die Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiteten. Er lehnt damit die bis dahin einhellige Annahme einer konstanten binären Opposition zwischen KPD und SPD ab. Mallmanns umstrittenstes Ergebnis ist jedoch, dass das auf geteilten gesellschaftlichen Moralvorstellungen und einer klassenorientierten Ideologie basierende »linksproletarische Milieu« einen Raum für die kommunistische Basis schuf, in dem diese die zentralen Parteidirektiven neu interpretieren, die Politik an der Basis mitformen und somit den lokalen Bedingungen anpassen konnte. Diese Sichtweise suggeriert beinahe, dass die Diktate aus Moskau und Berlin im Grunde ignoriert werden konnten. Mallmanns Kritiker, unter ihnen kaum überraschend Hermann Weber, wiesen auf zahlreiche Fehler in seiner Analyse und der Verwendung von Quellen hin. Nicht zuletzt habe er übersehen, dass die »›demokratisch-zentralistische‹ Organisation der Partei maßgeblich dafür verantwortlich war, dass die Führung die Partei auf lokaler Ebene von Dissidenten säubern konnte«. Überdies wurde Mallmann vorgehalten, Beobachtungen zu pauschalisieren, die auf dem »Spezialfall« Saarland basierten und nach Meinung seiner Kritiker atypisch für den Rest Deutschlands waren.22 Hintergrund der Debatte um die »Stalinisierung« sind radikal unterschiedliche Auffassungen über Methoden der historischen Untersuchung und der Verwendung von Dokumenten. Sollte die Quintessenz der Vorkriegsgeschichte einer kommunistischen Partei vorrangig in ihrer Unterordnung unter die Vorgaben der Komintern und des sowjetischen Staats gesehen werden oder in ihrem Einsatz für national-, regional- und lokalpolitische Ziele? Waren diese Parteien so monolithisch zusammengeschweißt und hierarchisch geordnet, wie es die Stalinisierungstheorie nahelegt, oder gab es Handlungsspielraum für relativ autonome Bestrebungen »von unten«? Waren äußere politisch-ideologische Faktoren die Hauptdeterminanten der Parteipolitik oder endogene soziokulturelle Prozesse? Wie im Fall des historiografischen Dissens über das Wesen des stalinistischen Terrors23 suggerieren auch bezüglich der Meinungsverschiedenheiten über KPD und Komintern archivalische Quellen aus den Moskauer und Berliner Zentralen die Allgegenwart einer reibungslos funktionierenden Führung. Hingegen zeichnen regionale Überlieferungen ein Bild der Desorganisation, Konfusion und, vor allem, des Strebens nach lokalen Antworten auf lokale Probleme, selbst im Angesicht des Drucks aus der Zentrale. Nur eine detaillierte empirische Forschung auf allen Ebenen – zentral, regional und lokal – und nicht nur zur KPD kann die relative Bedeutung und das Erklärungspotenzial dieser beiden rivalisierenden Methodologien herausarbeiten. Die bleibende Stärke der Stalinisierungstheorie von Professor Weber liegt in ihrer überzeugenden Beschreibung wichtiger historischer Entwicklungen in den Zentren der Macht und ihrer gleichzeitigen Sensibilität für endogene Entwicklungen. Sie ist weiterhin das bestimmende Konzept für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der KPD und der Komintern in den 1920er- und 1930er-Jahren. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969. 2 LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew (Hrsg.): Stalinisation and Beyond: Problems in Communist History, 1917–53, Basingstoke (in Druck). In Anbetracht der internationalen Bedeutung von Webers Werk ist es umso erstaunlicher, dass dies die erste englischsprachige Studie zur Stalinisierungstheorie ist. 3 Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 221–244, hier S. 222 u. 234. 4 Weber: Die Wandlung (Anm. 1), S. 13 f. 5 Teile meiner Analyse von Webers vier Grundbedingungen wurden aus LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew: Stalinisation and Communist Historiography, in: LaPorte / Morgan / Worley: Stalinisation and Beyond (Anm. 2) entnommen. Ich danke den Autoren für die Erlaubnis, ihre Beiträge hier zu zitieren. 6 Siehe Michels, Robert: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig 1911. 7 Im Original deutsch. 8 Zu Stalins direkter Einflussnahme auf Kominternangelegenheiten siehe: Firsov, F. I.: Stalin i Komintern (Teil 1), in: Voprosy istorii 8 (1989), S. 3–23, sowie Firsov, F. I.: Stalin i Komintern (Teil 2), in: Voprosy istorii 9 (1989), S. 3–19. Siehe ebenfalls Banac, Ivo (Hrsg.): The Diary of Georgi Dimitrov, 1933–1949, New Haven/London 2003. 9 Für eine ausgeglichene Bewertung der archivalischen Entdeckungen siehe: Studer, Brigitte/Unfried, Berthold: At the Beginning of History: Visions of the Comintern after the Opening of the Archives, in: International Review of Social History 42 (1997), S. 419–446. 10 Für neue Dokumente und Kommentare zur Wittorf-Affäre siehe: Weber, Hermann/Bayerlein, Bernhard H. (Hrsg.): Der Thälmann-Skandal: Geheime Korrespondenz mit Stalin, Berlin 2003. 11 Für Details zum Thema »Bolschewisierung« siehe: McDermott, Kevin / Agnew, Jeremy: The Comintern: A History of International Communism from Lenin to Stalin, Basingstoke 1996, S. 41–58. 12 Weber: Die Stalinisierung der KPD (Anm. 3), S. 239. 13 Ebenda, S. 239, 241. 14 Zitiert in: Carr, E. H.: Foundations of a Planned Economy, 1926–1929, London 1976, Bd. 3, Teil II, S. 554. 15 Ottanelli, Fraser M.: The Communist Party of the United States: From the Depression to World War II, New Brunswick 1991, S. 4 f. 16 Für Details siehe: Worley, Matthew: Class against Class: The Communist Party in Britain between the Wars, London 2000; sowie Macintyre, Stuart: Little Moscows: Communism and Working-Class Militancy in Inter-War Britain, London 1980. 17 Wickham, James: Social Fascism and the Division of the Working-Class Movement: Workers and Political Parties in the Frankfurt Area 1929/1930, in: Capital and Class 7 (1979), S. 1–34; Wickham, James: Working-Class Movement and Working-Class Life: Frankfurt am Main during the Weimar Republic, Social History 8 (1983), S. 315–43. 18 Weitz, Eric D.: Creating German Communism, 1890–1990: From Popular Protests to Socialist State, Princeton 1997, S. 6–7 und 269 f.; siehe auch: Rosenhaft, Eve: Beating the Fascists? The German Communists and Political Violence, 1929–1933, Cambridge 1993. 19 LaPorte, Norman: The German Communist Party in Saxony, 1924–1933: Factionalism, Fratricide and Political Failure, Bern 2003, Zitate auf S. 31 f. und 361. 20 Mallmann, Klaus-Michael: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996. 21 LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew: Stalinisation and Communist Historiography, in: LaPorte / Morgan / Worley: Stalinisation and Beyond (Anm. 2). 22 Meine Zusammenfassung von Mallmanns Werk basiert weitestgehend auf: LaPorte: The German Communist Party (Anm. 18), S. 28–30. 23 Siehe: McLoughlin, Barry/McDermott, Kevin (Hrsg.): Stalin’s Terror: High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, Basingstoke 2003, S. 1–18; Ilič, Melanie (Hrsg.): Stalin’s Terror Revisited, Basingstoke 2006.

JHK 2008

Der Kreml und die Machtkämpfe in der SED-Führung 1953–1958

Gerhard Wettig

Hintergrund und Fragestellung Als die politische Opposition in den Volksdemokratien und in der SBZ ausgeschaltet war, ging die Verfolgung weiter. Sie richtete sich nunmehr gegen kommunistische Funktionäre. Während die unteren, teils auch mittleren Ränge von für unzuverlässig erachtetem Personal gesäubert wurden, sahen sich höhere Kader, vor allem oberste Führungsmitglieder, massiven Anklagen ausgesetzt. Stalin bestimmte in allen diesen Fällen Anschuldigung, Vorgehen und Urteil.1 Die Informationen, auf die er sich stützte, kamen aus dem Zentralen Parteiapparat in Moskau und/oder gingen auf Denunziationen auswärtiger Spitzenfunktionäre zurück, die sich ihrer Rivalen entledigen wollten. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 und weiteren Entwicklungen wie dem 17. Juni wurden die vorbereiteten Säuberungen und Schauprozesse abgeblasen. Die internen Machtkämpfe in Mittel- und Osteuropa waren damit nicht zu Ende. Ihr Ausgang hing weiter vom Kreml ab, für den fortan nicht mehr die Zuschreibung zurückliegenden »Verrats«, sondern der Vorwurf aktueller Verfehlungen maßgebend war. In der DDR entzündeten sich die innerparteilichen Konflikte an Ulbricht, der mit harter Politik, eigenmächtig-arrogantem Führungsstil und dem Streben nach alleiniger Herrschaft sowohl in der SED als auch im Kreml immer wieder Ablehnung hervorrief. Seine Widersacher waren Spitzenfunktionäre, die eine andere politische Sozialisation erfahren hatten. Wilhelm Zaisser, Rudolf Herrnstadt und Ernst Wollweber waren zwar »Moskau-Kader« wie Ulbricht, hatten aber in der UdSSR nicht im Parteiapparat, sondern im Geheimdienst gearbeitet. Herrnstadt war unter anderem Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes und des Generalstabes der UdSSR gewesen. Zaisser hatte sich große Verdienste als geheimdienstlicher Emissär in China in den Zwanzigerjahren, als »General Gomez« in Spanien und Lehrer an sowjetischen Antifa-Schulen erworben. Er wurde statt des Ulbricht eng verbundenen Erich Mielke, der die Konstituierung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Januar 1950 maßgeblich mit vorbereitet hatte, an dessen Spitze gestellt. Als Vertrauensmann des Kreml trat er Ulbricht mit großem Selbstbewusstsein und mehrfach deutlich artikulierter Kritik gegenüber. Franz Dahlem, Leiter des Sekretariats für Organisations- und Kaderpolitik, der nach dem Parteisekretariat wichtigsten Position, hatte, ehe ihn Hitlers Geheimpolizei 1942 in Haft nahm, in Frankreich Aufträge des Kreml ausgeführt. Als früheres Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale verfügte er über eigene Autorität in der Partei; mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (hinter der das Gewicht der einflussreichen Spanienkämpfer stand) hatte er eine Machtbasis, die unabhängig vom Parteiapparat war. Alle diese Spitzenfunktionäre standen mithin selbst in enger Verbindung zur Besatzungsmacht; manche hatten in Anerkennung ihrer Verdienste die sowjetische Staatsbürgerschaft erhalten. Karl Schirdewan konnte sich zwar nicht auf alte Kontakte zur UdSSR stützen, blickte aber als in Deutschland gebliebener und inhaftierter Altkommunist ebenfalls auf eine andere Biographie zurück als Ulbricht. Diese Konstellation war kein Zufall. Von Anfang an war der Kreml darauf bedacht gewesen, kein Machtmonopol in der seine Politik exekutierenden Partei zuzulassen. Unter anderem sollte ein System der Gegengewichte die Kontrolle über die SED sichern. Gemäß Stalins Praxis in der UdSSR, Rivalitäten unter den leitenden Apparatschiki zu fördern, um sie in maximale Abhängigkeit zu versetzen, wurden Ulbricht Leute zur Seite gestellt, die nicht nur aufgrund der ihnen zugewiesenen Positionen, sondern auch aufgrund ihrer Vorprägungen in Gegensatz zu ihm standen. Besonders erwünscht waren dabei persönliche Spannungen zum ostdeutschen Parteichef. In den Studien über die internen Konflikte in der SED fehlt bisher eine systematische Untersuchung der Frage, wie die sowjetische Führung auf deren Verlauf einwirkte und zu welchen Resultaten das führte. Das zu klären, ist das Ziel der folgenden Ausführungen. Dabei wird insbesondere herauszufinden sein, wie es kommt, dass Ulbricht, der immer wieder den Unmut auch maßgeblicher Kremlpolitiker auf sich zog, dennoch den Sieg über seine Rivalen davontrug. Die Ausschaltung Dahlems Der Schauprozess gegen den ungarischen Spitzenfunktionär Lászlo Rajk Ende 1949 wurde zum Ausgangspunkt der Machtkämpfe in der SED. Vom ZK-Sekretariat der KPdSU war zunächst Parteichef Mátyás Rákosi der Illoyalität verdächtigt worden, doch dieser hatte daraufhin seinen Hauptrivalen Rajk wegen Verrats an der sowjetischen Sache denunziert. Als Kronzeugen für diese dem Kreml zuerst wenig einleuchtende Umkehrung der Anschuldigung benannte er Noël Field, der während der NS-Zeit für eine religiöse amerikanische Hilfsorganisation von der Schweiz aus kommunistische Emigranten in Westeuropa betreut hatte (was die Rote Hilfe in Moskau gerne akzeptiert hatte). Als er nach dem Krieg seine berufliche Existenz im Westen verlor, suchte er seine Kontakte für einen Neubeginn in Osteuropa zu nutzen. Seine Verbindungen zu vielen dortigen Spitzenfunktionären aufgrund der ihnen früher gebotenen Hilfe ließen seine »Entlarvung« als Agent der USA bestens geeignet scheinen, zahllose Parteikader des Verrats zu zeihen. Auf Rákosis Betreiben und mit Zustimmung sowjetischer Geheimdienstoffiziere in Budapest2 wurde Field im Mai 1949 in Prag festgenommen und an Ungarn ausgeliefert. In Verhören wurde er zu der Falschaussage3 veranlasst, führende Kommunisten für den amerikanischen Geheimdienst angeworben zu haben.4 Das erste Opfer war Rajk, der im Dezember 1949 mit einer Reihe von Mitangeklagten zum Tode verurteilt wurde. Stalin, der nach Titos Abfall überall nationalistische Tendenzen vermutete, verlangte Fortsetzungen. Rákosi sorgte zusammen mit dem sowjetischen Geheimdienst dafür, dass die Verfolgung durch neue Geständnisse Fields und durch ihn Belasteter weiter ausgedehnt wurde.5 In der SBZ/DDR drang die Besatzungsmacht schon seit 1948 auf Ausmerzung aller noch unbekannten »Verräter«. Ulbricht ließ prominente Funktionäre verhaften und bereitete einen Schauprozess vor.6 Mielkes Untersuchungsorganen gelang es jedoch nicht, die nötigen Geständnisse zu erwirken. Die sowjetische Seite leitete daraufhin im März 1951 mit eigenem Personal verschärfte Ermittlungen und Repressionen ein.7 Eine neue Phase der Verfolgung in der SED begann im November 1951 mit Anklage und Todesurteil gegen Parteichef Rudolf Slánský und andere prominente Prager Kommunisten aufgrund von »Geständnissen« Fields und durch ihn belasteter Funktionäre. Politbüromitglied Paul Merker, der dabei genannt worden war, wurde verhaftet. SKK-Funktionär Vladimir Semenov verlangte die »Entlarvung« weiterer Feinde in der Partei. Auch in der DDR müsse ein Schauprozess stattfinden. Dies forderte der Kreml bis zu Stalins Tod immer wieder als »Lehre aus dem Fall Slánský«.8 Nun geriet Ulbricht analog zu seinem Prager Pendant in das Visier der sowjetischen Sicherheitsorgane.9 Wie Rákosi wendete er die Verfolgung von sich ab auf einen Rivalen: Franz Dahlem. Dieser genoss aber aufgrund jahrzehntelanger Geheimdiensttätigkeit für die UdSSR Vertrauen im Kreml; zudem war er 1945 als Gegengewicht zu Ulbricht in die Parteiführung berufen worden. Dem SED-Chef kam jedoch zustatten, dass Dahlem als überzeugter Antifaschist 1939 zunächst nicht mit dem Hitler-Stalin-Pakt einverstanden gewesen war, dann als Leiter der kommunistischen Emigration in Paris Anweisungen der Regierung befolgt hatte und später als deren Gefangener der Gestapo übergeben wurde.10 Zwar gab es keine Aussagen, die Dahlem (dem Stalin 1945 in Moskau ausdrücklich Loyalität bescheinigt hatte) mit Field assoziierten, doch genügte – zumal angesichts seiner jüdischen Herkunft – der Hinweis, nach dem Krieg habe er diesen bei dem Bemühen unterstützt, in Osteuropa Fuß zu fassen. Ulbricht konnte Dahlem so des Verrats zugunsten der USA beschuldigen und einen Schauprozess vorbereiten. Um sich zu wehren, richtete Dahlem Anfang Januar 1953 ein Schreiben an Semenov. Er hielt sich an das ungeschriebene Gesetz, die Schuld nie der sowjetischen Parteiführung zu geben, und erklärte daher nicht, dass sein Verhalten in Frankreich, von seiner ersten Reaktion auf den Pakt mit Hitler abgesehen, Instruktionen aus Moskau entsprochen hatte. Er machte stattdessen seine seinerzeit »schwierige Lage« geltend, räumte frühere »unrichtige Handlungen« ein, bezeichnete das negative Urteil darüber als »notwendig und richtig« und versicherte, er wolle vor der Partei »offen und selbstkritisch« zu seinen »schweren politischen Fehlern« Stellung nehmen. Einige der gegen ihn angeführten Gründe seien ihm jedoch unklar. Zum Erweis seiner Rechtschaffenheit führte er an, dass er nach der Befreiung aus deutschem Konzentrationslager 1945 als Erstes nach Moskau geflogen sei, um sich dort wegen seines früheren Verhaltens zu beraten. Auch jetzt suche er bei den sowjetischen Genossen Rat: Wie könne er die »schwierige Aufgabe« (seiner Verteidigung) als Kommunist und im Interesse der Partei am besten lösen?11 Semenov ignorierte den Brief. Ulbricht konnte die Verfolgung ungehindert fortsetzen. Der parteiinterne Hinweis auf das Schicksal Slánskýs schreckte alle SED-Funktionäre davon ab, sich mit Dahlem zu solidarisieren. Am 17. März 1953 beschloss das Politbüro einstimmig eine Untersuchung. Die damit verbundene Suspendierung von allen Funktionen nahm Dahlem die Möglichkeit zur Verteidigung. Nachdem auf der 13. Tagung des ZK am 14. Mai die Anklage bestätigt worden war, wandte er sich an das Präsidium der KPdSU. Der Vorwurf sei unbegründet, er habe »in der Vergangenheit eine feindliche Verbindung mit dem amerikanischen Agenten Noël Field gehabt«. Er sei zutiefst daran interessiert, dass die vorgesehene »Untersuchung rasch und auf sorgfältigste Weise durchgeführt« werde und sich so die Haltlosigkeit der Anschuldigungen herausstelle. Angesichts der Methoden bei den Vernehmungen könne er freilich nicht mehr an eine objektive Untersuchung glauben. Im Interesse der Partei, das mit seinen eigenen Interessen als deren Mitglied zusammenfalle, bitte er darum, sowjetische Genossen als Beobachter abzuordnen, ihnen das Recht zu seiner Befragung zu geben und ihm Gespräche mit ihnen zu ermöglichen. Dahlem begründete sein Ersuchen damit, dass er dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale angehört, lange Zeit die sowjetische Staatsbürgerschaft besessen, fast 40 Jahre als Parteisekretär in führenden Positionen gewirkt und weithin Aufgaben im Kader- und Verteidigungsbereich, in der Westarbeit und auf dem Feld der internationalen Verbindungen wahrgenommen habe. Da von Semenov keine Antwort gekommen sei, sehe er sich dazu veranlasst, seine Bitte unmittelbar an das Parteipräsidium in Moskau zu richten.12 Sie wurde kurz abgelehnt. Daher konnte Ulbricht seinen Rivalen auf der 15. ZK-Tagung der SED Mitte Juli 1953 endgültig ausschalten. Der zunächst geplante Schauprozess nach Prager Vorbild fand jedoch nicht statt. Nach dem 17. Juni hielt die sowjetische Führung eine derartige Veranstaltung nicht mehr für opportun.13 Wie man die Dinge im Apparat der KPdSU sah, zeigt ein internes Papier der zuständigen ZK-Abteilung vom Herbst: Dahlem habe nach dem abschließenden Schuldspruch »zahlreiche denunziatorische Briefe« an verschiedene Instanzen der DDR und an das Hochkommissariat gerichtet, »alle der unrichtigen Beurteilung seines Falles beschuldigt und gedroht«, »sich in dieser Frage an die internationale Juristenorganisation zu wenden«. Dieses Negativurteil über Dahlem solle Ulbricht und Semenov zur Kenntnis gebracht werden.14 Es dürfte nicht zuletzt auf den Einfluss Aleksandr Korotkovs zurückgehen, der aufgrund enger Ostberliner Zusammenarbeit in der frühen Nachkriegszeit Ulbricht freundschaftlich verbunden war und mittlerweile eine wichtige Rolle in der sowjetischen Auslandsaufklärung, vor allem in der Berichterstattung über die DDR, spielte. Ulbrichts Bedrängnis und Sieg im Sommer 1953 Noch bevor das letzte Wort über Dahlem gesprochen war, sah Ulbricht seine Position in Frage gestellt. Nach Stalins Tod war die Unzufriedenheit der Bevölkerung in Ost- und Mitteleuropa mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen deutlich zutage getreten. Im Mai 1953 kam es in Pilsen zu offenem Aufruhr. Die Machthaber stellten die Lage mit Waffengewalt wieder her, doch war der Kreml über die Entwicklungen in der DDR und in Ungarn zunehmend besorgt. Mit Blick auf Ostdeutschland machte das sowjetische Parteipräsidium in Ulbrichts Kurs des forcierten Sozialismus eine entscheidende Ursache für die sich anbahnende Krise aus; es beschloss, diese Politik zu widerrufen, und oktroyierte der Ostberliner Führung Anfang Juni den »Neuen Kurs«.15 Als die Mitglieder des SED-Politbüros daraufhin die Modalitäten erörterten, kritisierten fast alle den Parteichef heftig, ließen aber offen, welche personellen Konsequenzen sie ziehen wollten. Wie es schien, hielten sie Ulbricht für weiterhin notwendig, suchten aber seine Macht irgendwie zu begrenzen und ihn dauerhaft auf einen Reformkurs zu verpflichten. Zur Klärung, welche Änderungen nötig seien, setzte man Kommissionen ein. Herrnstadt übernahm den Auftrag, eine Liste von Desiderata auszuarbeiten und zur Diskussion zu stellen. Die Vertagung bindender Beschlüsse ist angesichts des politischen Rückenwinds aus Moskau schwer zu verstehen. Zwar wussten die Kritiker nicht, wie negativ man sich im Kreml zu Ulbricht und seiner Politik geäußert hatte,16 doch ließen das sowjetische Dokument über den »Neuen Kurs« und Semenovs Drängen auf einen sofortigen drastischen Politikwechsel17 dessen Sympathien deutlich erkennen. Dazu kam das Vertrauen, das die Hauptwidersacher des Parteichefs in Moskau genossen.18 Durch den 17. Juni änderte sich die sowjetische Haltung nicht. Eine Woche später empfahl Semenov, der ein feines Gespür für die politische Wetterlage im Kreml hatte, zusammen mit Marschall Sokolovskij und Pavel Judin am Ende eines Berichts über den Aufstand, Ulbricht die Funktion des stellvertretenden Ministerpräsidenten zu nehmen. Er solle sich auf die Arbeit im ZK-Apparat konzentrieren, dem allein die Behandlung von Parteiangelegenheiten zugedacht war. In der Regierung als dem eigentlichen Machtzentrum sollten die Ministerien des Innern und für Staatssicherheit nach sowjetischem Vorbild vereinigt werden.19 Das entsprach Berijas Vorstellungen, dessen Abgesandte nach Ostberlin gekommen waren, um die Fusion mit den Leitern des MfS zu erörtern. Dabei war klar, dass Zaisser an die Spitze gestellt werden sollte.20 Der Sturz Berijas am 26. Juni machte nicht nur dieses Vorhaben hinfällig. Es setzte auch ein allgemeiner politischer Umschwung ein. Schon vorher hatte die amtliche sowjetische These, der Aufstand in der DDR sei kein spontanes Geschehen, sondern ein auf westliche Anstiftung zurückzuführender »faschistischer Putsch« gewesen, Zaissers Autorität geschwächt. Die Annahme, es habe ein geheimes Aktionszentrum des Feindes in der DDR gegeben, das die Staatssicherheitsorgane zu entdecken versäumt hätten, ließ ihn als Versager erscheinen. Er stimmte zwar der These aus propagandistischen Motiven zu, veranlasste aber seine Leute zur Suche nach Beweisen dafür, dass der Vorwurf gegen das MfS unberechtigt sei. Die Ursache des Aufstandes liege vielmehr in Fehlern des Parteiapparats.21 Zaisser geriet unter Druck, als in Moskau sein funktionales Pendant und faktischer Vorgesetzter entmachtet und des Verrats an der UdSSR und der DDR (die angeblich dem Westen ausgeliefert werden sollte) beschuldigt wurde. Erklärte sich das Versagen am 17. Juni vielleicht damit, dass er mit Berija unter einer Decke steckte? Zaisser war sich freilich der akuten Gefahr nicht bewusst, ehe er durch die offizielle Unterrichtung einer nach Moskau gebetenen SED-Delegation am 9. Juli Kenntnis von der Anklage gegen Berija erhielt. Ulbricht dagegen erfuhr rasch davon – entweder durch Moskauer Kontakte (wie Korotkov) oder über Semenov (der die eingeleitete Entwicklung ahnen mochte, als in seinem Büro zwei Vertrauensleute Berijas festgenommen wurden). Der SED-Chef erkannte sofort, dass ihm die Anklage gegen Berija die Chance bot, Zaisser als Komplizen dieses »Verräters« zu denunzieren. Es war aber nicht einfach, die Sieger im Kreml von Zaissers Schuld zu überzeugen. Hilfreich war, dass Berija zum Zeitpunkt des Juni-Aufstandes eine Reorganisation der sowjetischen Sicherheitsorgane in Ostberlin eingeleitet und wichtige Geheimdienstkader nach Moskau zurückberufen hatte. Das wurde ihm nun als absichtliche Schwächung der Sicherheitskräfte und Förderung des »faschistischen Putschversuchs« ausgelegt.22 Da lag es nahe, Zaissers angebliches Versäumnis, die Aufstandsvorbereitungen des Westens in der DDR aufzudecken, damit in Zusammenhang zu bringen. Ulbricht dürfte sich auch der Thesen bedient haben, die er später auf dem 15. ZK-Plenum vortrug: Zwischen Zaisser und dem »Verräter« Dahlem habe es ein enges Einvernehmen gegeben; das Faktum der – angeblich ihm gegenüber verheimlichten, tatsächlich jedoch in Mielkes Beisein geführten – Gespräche Zaissers mit zwei »Sonderbeauftragte[n] von Berija« zeige deren Verschwörungscharakter; zwischen den Positionen Zaissers, Berijas und Churchills (der sich für ein demokratisch wiedervereinigtes neutrales Deutschland ausgesprochen hatte) bestehe eine »nicht zufällige« völlige Übereinstimmung.23 Den Quellen ist nicht zu entnehmen, wie sich der Haltungswechsel im Kreml vollzog. Sicher erscheint, dass Ulbrichts Verbindungen in Moskau, vielleicht auch Semenov (bei dem sich auffallend früh ein Positionswandel abzeichnete), eine wichtige Rolle spielten. Ulbrichts Mann im MfS, Mielke, dem Zaisser die operativen Dinge überließ, könnte seine Arbeitskontakte zu den »Tschekisten« der UdSSR genutzt haben. Wie aus sowjetischen Akten hervorgeht, fälschte er Dokumente, um den Verrat seines Ministers zu beweisen.24 Else Zaisser hatte den Eindruck, dass die Behauptung, ihr Mann habe »den Kapitalismus wiederherstellen wollen« und »kein Vertrauen zur Sowjetunion gehabt«, von Mielke »konstruiert« wurde.25 Obwohl Hermann Matern die parteiamtliche Verurteilung Zaissers formuliert hatte, musste er gegenüber dessen Frau zugeben, dass es keine sicheren Beweise gab.26 Möglicherweise lag der Haltung Moskaus weniger gemutmaßte Verratsabsicht als die Sorge zugrunde, Zaisser wolle in der Frage der deutschen Einheit allzu weit gehen.27 Nach dem 17. Juni schien es angebracht, in Ostberlin einen Mann zu haben, dessen unbedingtes Eintreten für das Regime außer Zweifel stand – und das war Ulbricht. Dieser legte ab Anfang Juli in den Führungsgremien der SED wachsende Zuversicht an den Tag, ohne freilich seine Trümpfe aufzudecken. Seine Kritiker merkten erst später, dass sich darin – ebenso wie in einer gegen Zaisser gerichteten scharfen Äußerung Semenovs – ein Wandel der sowjetischen Haltung ankündigte.28 Erst nach der Unterrichtung der SED-Führung durch den Kreml wandte sich Ulbricht offen gegen seine Kritiker und wischte ihre Argumente mit dem Hinweis weg, Moskau stehe hinter ihm.29 Die Vorwürfe gegen Zaisser wurden durch die These, er habe mit Herrnstadt eine »Fraktion« gebildet, auf diesen ausgedehnt. Der Gebrauch dieses Terminus bedeutete zudem, dass parteifeindliche Ziele verfolgt worden waren. Daher seien beide nicht nur ungeeignet, politische Funktionen wahrzunehmen, sondern auch der Parteimitgliedschaft nicht würdig. Durch den darauf gegründeten Schuldspruch Mitte Juli brachte Ulbricht die Kritik zum Schweigen und entledigte sich seines mächtigsten Rivalen. Er musste sich aber dem Verlangen des Kreml beugen, die Machtbalance in den Leitungsgremien auch künftig zu wahren. Er wurde von diesem dazu veranlasst, Schirdewan in der Nachfolge Dahlems mit dem Sekretariat für Kaderfragen zu betrauen und ins Politbüro aufzunehmen. Nicht Mielke, sondern Wollweber, der in den Dreißigerjahren als Agent der UdSSR Sabotageakte im Westen verübt hatte, wurde zum Leiter der Staatssicherheitsorgane bestellt. Ulbrichts Versuch, diese durch ein Statut der uneingeschränkten Kontrolle seines Parteisekretariats zu unterwerfen, scheiterte am Einspruch des Ostberliner KGB-Residenten, Evgenij Pitovranov.30 Ulbrichts Auseinandersetzung mit Schirdewan und Wollweber In den folgenden Jahren erlangte Ulbricht durch Gefolgsleute die Mehrheit im Politbüro und bemühte sich zunächst, primär Grotewohl als früheren Sozialdemokraten von öffentlichem Gewicht auszuschalten. Dessen Rückhalt in Moskau veranlasste ihn dann aber, das Bemühen einzustellen.31 Das schwächte jedoch seine Position kaum: Grotewohl schreckte davor zurück, dem SED-Chef entgegenzutreten, sobald es ernst wurde. Einen weiteren Rivalen sah Ulbricht in Wollweber. Ende 1954 suchte er Pitovranov von dessen mangelnder Fähigkeit zur Leitung der Sicherheitsorgane und von der Notwendigkeit seiner Ersetzung zu überzeugen, fand aber kein Gehör.32 Sein Hauptrivale wurde Schirdewan, der sich als reformerische Alternative zu profilieren suchte und dabei fest mit Moskauer Rückhalt gerechnet zu haben scheint.33 Nach Chruščevs Rede gegen Stalin auf dem XX. Parteitag erhielt er Auftrieb durch heftige innerparteiliche Kritik an Ulbrichts bagatellisierender Reaktion und die Zustimmung des Kremlchefs hierzu.34 In der Führungsfrage wartete er, wie es scheint, auf eine Entscheidung in Moskau. Im Herbst 1956 ergriff Ulbricht angesichts der Geschehnisse in Polen und Ungarn die Initiative. Mit einer Kombination aus Sozialpolitik und »Maßnahmen zur Unterdrückung konterrevolutionärer Aktionen« hielt er die DDR ruhig.35 Zur gleichen Zeit änderten sich die Prioritäten im Kreml. Durch den Ungarn-Aufstand sah sich Chruščev zu der internen Äußerung bewogen, man hätte doch lieber einige Leute rechtzeitig einsperren sollen.36 Er stellte seine bisherige Sympathie für die Befürworter einer milderen Politik wie Schirdewan und Wollweber unter den Vorbehalt, man müsse wachsam sein gegenüber denjenigen, »die unter der Maske der Freundschaft und unter dem Banner des Kampfes für den Sozialismus versuchen, die sozialistischen Reihen zu zersetzen, und damit bewusst oder unbewusst den Interessen des Imperialismus dienen, deren Ziel es ist, die revolutionären Kräfte zu zerschlagen«.37 Wie die nächsten Jahre zeigen sollten, wollte er die kommunistischen Regime in seinem Machtbereich nicht zuletzt dadurch festigen, dass er ihnen die Regelung ihrer inneren Angelegenheiten so weit wie möglich selbst überließ. Vor diesem Hintergrund wandte sich Ulbricht zunächst gegen Wollweber als Schirdewans innerparteiliche Stütze. Der Beschluss über die Maßnahmen gegen die »konterrevolutionäre« Gefahr sah ein einheitliches Kommando über die einzusetzenden Kräfte vor, das diesem als Befehlshaber des stärksten Teils, der MfS-Einheiten, zufiel. Als Wollweber einen Einsatz auch der Betriebskampfgruppen ablehnte, setzte der SED-Chef sich nicht nur durch, sondern erreichte auch, dass alle vorgesehenen Truppen einschließlich derjenigen des MfS dem Innenminister zugeordnet wurden. Er warf Wollweber fehlende Entschlossenheit gegenüber den Staatsfeinden vor, griff an ihm vorbei auf Unterlagen der Staatssicherheit zu, leitete gegen sein Votum den Prozess gegen Wolfgang Harich ein und erklärte ihn zum bloß ausführenden Instrument. Auf diese Provokationen hin verbot Wollweber nach Erörterung mit den sowjetischen Beratern im MfS, die zwar Bedenken geäußert, aber keinen Einspruch erhoben hatten, seinen Mitarbeitern eigene dienstliche Kontakte mit der Parteispitze.38 Im folgenden Konflikt war er zum Nachgeben genötigt und konnte nur mit Mühe sein Gesicht wahren. Ende 1956 war die Lage im Politbüro so gespannt, dass Mikojan nach Ostberlin kam, um sich ein Bild des Konflikts zu machen.39 Es folgte eine Einladung der SED-Führung nach Moskau vom 4. bis 10. Januar 1957. Wie sich Schirdewan erinnert, überraschte Grotewohl vor der entscheidenden Unterredung seine Kollegen mit der Mitteilung, Mikojan habe ihn gefragt, ob man sich denn nicht untereinander verständigen könne. Auch an der Spitze der UdSSR habe man interne Probleme und wolle nicht noch durch solche der SED belas-tet werden. Daraufhin sei er (Schirdewan) mit einem Diskussionsverzicht einverstanden gewesen. Im folgenden Gespräch jedoch habe Chruščev die Führungsfrage von sich aus angesprochen und sei über das folgende betretene Schweigen sehr verwundert gewesen. Seine Nachfrage habe Ulbricht mit dem Hinweis abgeschnitten, man wolle die Differenzen selbst klären.40 Anscheinend gab es aus Moskau weiter Kritik an Ulbricht,41 doch gewiss keine Parteinahme zugunsten seiner Opponenten. Wollte Chruščev, der sich im Juni 1957 gegen seine Gegner in der Führung durchsetzte, auch in der DDR klare, nicht durch ein Hin und Her an der Spitze in Frage gestellte Verhältnisse? Das würde erklären, wieso er Ulbricht trotz aller Vorbehalte als »bewährten Führer« und »treuen Kämpfer für Demokratie und Sozialismus« lobte und mit Genugtuung feststellte, dass die SED-Führung alle Versuche zur Revision leninistischer Grundsätze entschieden abgewehrt habe.42 Im ersten Halbjahr 1957 wurden die Vertreter der UdSSR aus Ostberlin abberufen, die Schirdewan und Wollweber unterstützt und Ulbricht Paroli geboten hatten: Am 20. Februar wurde Botschafter Puškin durch Michail Pervuchin ersetzt;43 Ende Juni trat an die Stelle von KGB-Resident Pitovranov Ulbrichts alter Freund Korotkov.44 Mit dessen Rückhalt demontierte der SED-Chef beide innerparteiliche Gegner systematisch. Dass deren Niederlage bevorstand, wurde deutlich, als er im Herbst Schirdewan von einer Moskau-Reise ausschloss und ihm damit nicht nur die Gelegenheit zu Gesprächen mit der sowjetischen Seite nahm, sondern auch aller Welt zeigte, dass er nicht mehr zur Führung gehörte. 1 Luks, Leonid: Zum Stalinischen Antisemitismus – Brüche und Widersprüche, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1997, S. 44 (zum Slánský-Prozess); Noskova, A. F.: Moskva i vostočnaja Evropa. Stanovlenie političeskich režimov sovetskogo tipa. 1949–1953. Očerki istorii, Moskau 2002, S. 515–519 (detaillierte Angaben insbesondere zum Prozess gegen Trajčo Kostov in Sofia im September 1949). Noskovas Ausführungen beruhen auf Akten des Außenministeriums in Moskau. 2 Rákosi konnte die Notwendigkeit, Field als Feind der UdSSR in Gewahrsam zu nehmen, damit begründen, dass dieser 1943 die Arbeit für den sowjetischen Geheimdienst abgelehnt hatte (für den er in den Dreißigerjahren tätig gewesen war). 3 Im November 1954 gab die ungarische Regierung Fields Entlassung aus der Haft bekannt mit der Begründung, die Beschuldigungen hätten sich als haltlos erwiesen. 4 Noskova, Moskva (Anm. 1), S. 519–527, S. 537 f. 5 Ebenda, S. 527–537. 6 Weber, Hermann: Warum fand in der DDR kein Schauprozess statt?, in: Foitzik, Jan u. a. (Hrsg.): Das Jahr 1953. Ereignisse und Auswirkungen, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung o.J. [2004], S. 70–80; Bordjugow, Gennadij: Das ZK der KPdSU(B), die SMAD und die SED (1945–1951), in: Weber, Hermann/Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, S. 301–308. 7 Bauer, Leo: »Die Partei hat immer recht«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament«, 4.7.1956, S. 412– 414. 8 Weber: Warum (Anm. 6), S. 80–85; Weber, Hermann: Einleitung, in: Weber/Mählert: Terror (Anm. 6), S. 26–31; Mählert, Ulrich: »Die Partei hat immer recht!« Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED (1948–1953), ebenda, S. 429–438. 9 Aussage Honeckers in: Andert, Reinhold/Herzberg, Wolfgang: Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör, Berlin–Weimar 1990, S. 232, bestätigt durch den Bericht von Leo Bauer (Anm. 7), S. 414. 10 Schumann, Frank (Hrsg.): Anton Ackermann. Der deutsche Weg zum Sozialismus. Selbstzeugnisse und Dokumente eines Patrioten, Berlin 2005, S. 84 f., S. 253–255. Vgl. Bayerlein, Bernhard H./Narinski, Mikhail/Studer, Brigitte/Wolikow, Serge (Hrsg.): Moscou–Paris–Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern (1939–1941), Paris 2003, S. 45–57. 11 Franz Dahlem an V. S. Semenov (russ. Übersetzung), 5. 1. 1953, Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii (Russisches Staatsarchiv für Zeitgeschichte, fortan RGANI), 5, 28, 59, Bl. 4 f. 12 Franz Dahlem an das Präsidium des ZK der KPdSU (russ. Übersetzung), 1.4.1953, RGANI, 5, 28, 59, Bl. 194 f. 13 Siehe Beschluss des SED-Politbüros vom 22.7.1953, wiedergegeben in: Otto, Wilfriede: Die SED im Juni 1953. Interne Dokumente, Berlin 2003, S. 285 f. 14 I. Vinogradov/Ivan Kabin an Michail A. Suslov, 7.10.1953, RGANI, 5, 28, 59, Bl. 196. 15 Text bei Otto: Die SED (Anm. 13), S. 38–43. 16 Kramer, Mark: The Early Post-Stalin Succession Struggle and Upheavals in East-Central Europe (Part I), in: Journal of Cold War Studies, 1. Jg., H. 1 (Winter 1999), S. 23–27; Rodovič, Jurij f.: Germanskaja problema v 1945–1955gg. i pozicija SSSR. Koncepcija i istoričeskaja praktika, Tula 1997, S. 135–141. 17 Herrnstadt, Rudolf: Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953, hrsg., eingel. und bearb. von Nadja Stultz-Herrnstadt, Reinbek 1991, S. 74. 18 Helmut Müller-Enbergs: »Der Tag X hat nicht stattgefunden«. Wirken und Sturz Wilhelm Zaissers (1945–1953), in: Roger Engelmann/Ilko-Sascha Kowalczuk (Hrsg.): Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005, S. 147–150. 19 Memorandum von Vasilij Sokolovskij/Vladimir Semenov/Pavel Judin, 24.6.1953, in: Christian F. Ostermann (Hrsg.): Uprising in East Germany. The Cold War, the German Question, and the First Major Upheaval Behind the Iron Curtain, Budapest/New York 2001, S. 281 f. 20 Wilhelm Zaisser an Otto Grotewohl, 13.7.1953, in: Otto: Die SED (Anm. 13), S. 250 f. 21 Protokoll der erweiterten Kreisleitungssitzung [des MfS] am 19.8.1953, BStU, MfS, SED-KL 236, Bl. 25; Müller-Enbergs: »Der Tag X hat nicht stattgefunden« (Anm. 18), S. 167 f. 22 Bailey, George/Kondraschow, Sergej A./Murphy, David E.: Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 206–209; Kondraschow, Sergej: Die Ereignisse des Jahres 1953 und deren Bewertung von Aufklärungsdiensten, in: Timmermann, Heiner (Hrsg.): Juni 1953 in Deutschland, Münster 2003, S. 29. 23 Schlusswort W. Ulbrichts, 26.7.1953, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden SAPMO-BArch), DY 30/IV 2/1/120, Bl. 186, 182, 184. Die beiden Emissäre Berijas waren zu Beratungen über eine Fusion von Innen- und Staatssicherheitsministerium nach Ostberlin gekommen, an denen auch Mielke beteiligt war. Von einer Geheimhaltung gegenüber Ulbricht konnte daher keine Rede sein. 24 Filitov, Aleksej M.: Germanskij vopros – ot raskola k ob-edineniju, Moskau 1995, S. 155. 25 Russische Zusammenfassung ihres Memorandums an den V. SED-Parteitag, 10.6.1958, RGANI, 5, 49, 94, Bl. 66. 26 Else Zaisser an Nikita S. Chruščev, 10.6.1958, RGANI, 5, 49, 94, Bl. 96. 27 Auf sowjetische Vorbehalte gegenüber der Verratsthese könnte hindeuten, dass Ulbricht Zaisser nicht direkten Verrat, sondern nur »kapitulantenhafte Politik« vorwarf, die in der Konsequenz zur Wiedervereinigung unter kapitalistischen Bedingungen geführt hätte. 28 Siehe die Unterlagen über die Sitzungen des SED-Politbüros am 3. und 8.7.1953, in: Otto: Die SED (Anm. 13), S. 237–244; Herrnstadt: Das Herrnstadt-Dokument (Anm. 17), S. 97–130, S. 136–139. 29 Schirdewan, Karl: Aufstand gegen Ulbricht. Im Kampf um politische Kurskorrektur, Berlin 1994, S. 59. 30 Engelmann, Roger: Diener zweier Herren. Das Verhältnis der Staatssicherheit zur SED und den sowjetischen Beratern 1950–1959, in: Suckut, Siegfried/Süß, Walter (Hrsg.): Staatspartei und Staatssicherheit. Zum Verhältnis von SED und MfS, Berlin 1997, S. 55–58; Bailey/Kondraschow/Murphy, Der Krieg der Geheimdienste (Anm. 22), S. 187. 31 Schirdewan: Aufstand (Anm. 29), S. 98 f.; Prokop, Siegfried: 1956 – DDR am Scheideweg. Opposition und neue Konzepte der Intelligenz, Berlin 2006, S. 121; Bailey/Kondraschow/Murphy: Der Krieg der Geheimdienste (Anm. 22), S. 457. 32 Ebenda, S. 387 f. 33 Grieder, Peter: Eine unabhängige britische Sicht auf die Konflikte im SED-Politbüro 1956–1958, in: Klein, Thomas/Otto, Wilfriede/Grieder, Peter: Visionen, Repression und Opposition in der SED (1949–1989), Teil II, Frankfurt/Oder 1997, S. 589 f.; Brandt, Heinz: Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West, Frankfurt/Main 1985, S. 328. 34 Schirdewan, Karl: Ein Jahrhundert Leben. Erinnerungen, Visionen, Autobiographie, Berlin 1998, S. 256. 35 Beschlüsse des SED-Politbüros, 8.11.1956, SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/511, Bl. 5–16. 36 Schirdewan: Aufstand (Anm. 29), S. 256. 37 Interview N. S. Chruschtschows zum Jahreswechsel, in: Neues Deutschland, 1.1.1957. 38 Amos, Heike: Politik und Organisation der SED-Zentrale 1949–1963, Münster 2003, S. 463– 469; Wollweber, Ernst: Aus Erinnerungen. Ein Porträt Walter Ulbrichts, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiter-bewegung, 3/1990, S. 366–369; Engelmann, Roger: Ernst Wollweber (1898–1967). Chefsaboteur der Sowjets und Zuchtmeister der Stasi, in: Krüger, Dieter/Wagner, Armin (Hrsg.): Konspiration als Beruf. Deutsche Geheimdienstchefs im Kalten Krieg, Berlin 2003, S. 200–204. 39 Schirdewan: Aufstand (Anm. 29), S. 114 f. 40 Ebenda, S. 122 f. 41 Schirdewan: Ein Jahrhundert (Anm. 34), S. 254 f.; Wollweber: Aus Erinnerungen (Anm. 38), S. 374 f.; Falin, Valentin: Politische Erinnerungen, München 1993, S. 335. 42 Jänicke, Martin: Der dritte Weg. Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953, Köln 1964, S. 88 (Anm. 90). 43 Meldung in: Neues Deutschland, 21. 2. 1957. Zu Puškins Haltung siehe Ju. V. Andropov an das ZK der KPdSU, 30.1.1958, RGANI, 5, 49, 76 (rolik 8873), o. Bl.; Aus den persönlichen Tagebüchern des sowjetischen Diplomaten V. S. Semenov, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 2/2004, S. 255. 44 Fricke, Karl Wilhelm / Engelmann, Roger: »Konzentrierte Schläge«. Staatssicherheitsaktionen und politi-sche Prozesse in der DDR 1953–1956, Berlin 1998, S. 235; Kiselev, A. V.: Stalinskij favorit s Ljubjanki, Sankt-Petersburg 2003, S. 103 f.; Bailey/Kondraschow/Murphy: Der Krieg der Geheimdienste (Anm. 22), S. 388 f.; Otto, Wilfriede: Erich Mielke – Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000, S. 237 f., 280 f.; Engelmann, Roger/Schumann, Silke: Kurs auf die entwickelte Diktatur. Walter Ulbricht, die Entmachtung Ernst Wollwebers und die Neuausrichtung des Staatssicherheitsdienstes 1956/57, in: BF informiert, 1/1995, S. 15.

JHK 2008

Der Rote Frontkämpfer und der militante Gewerkschafter: Konstruktionen der proletarischen Führerfigur in Deutschland und Großbritannien

Norman LaPorte / Kevin Morgan

1 Nichtdeutschen Lesern begegnet der Name Hermann Weber am häufigsten in Verbindung mit der Stalinisierungstheorie, die erstmals in seinem bahnbrechenden Werk Wandlung des deutschen Kommunismus aus dem Jahre 1969 veröffentlicht wurde. Wie jedes historische Konzept wurde die Stalinisierungstheorie durch ihre Entstehungszeit geprägt. Nicht selten wird sie mit den Trennlinien des Kalten Krieges identifiziert, die die desaströsen Folgen der stalinistischen Politik in Deutschland besonders schmerzhaft spürbar machten. Als wir kürzlich über einen neuen internationalen Sammelband zur Kominternperiode diskutierten, an dem wir als Autoren beteiligt sind, trat die Stalinisierung als ein gestaltendes Moment hervor, dessen analytische Implikationen nicht annähernd erschöpft sind.2 Insbesondere eröffnen die Stringenz und die Präzision des Modells einer vergleichenden Forschung, die über die spezifische Situation Deutschlands hinausblickt, Möglichkeiten, die Reichweite, Intensität und Periodisierung der beabsichtigten Gleichschaltung der Komintern in unterschiedlichsten Kontexten zu analysieren. Ein Gesichtspunkt, der in Webers ursprünglichem Konzept nur eine marginale Rolle spielt, ist der für die stalinistische Partei charakteristische Führungskult. Dies ist verständlich, denn obgleich sich der Stalinkult in den 1920er-Jahren bereits ankündigte, wird seine volle Ausprägung selbst für die UdSSR gewöhnlich auf das Jahr 1929 oder sogar später datiert.3 Wenn man unter Stalinisierung die Generalisierung des sowjetischen Modells sowie die politische Unterordnung der kommunistischen Parteien versteht, werden die Führungskulte weniger mit dem Stalinisierungsprozess verknüpft, den Weber im Zeitraum von 1924 bis 1929 verortet, als vielmehr mit dessen Kulmination in vollständig stalinisierten Parteien in den 1930er- und 1940er-Jahren. In dieser Phase brachte auch die Komintern in der Gestalt Dimitroffs eine Galionsfigur hervor, die unter den farblosen Funktionären der 1920er-Jahre ihresgleichen suchte. Als Figuren wie Dimitroff an der Spitze der Nachkriegs-volksdemokratien installiert wurden, erreichte der mimetische Kult einen Höhepunkt. Die jüngsten Debatten um die stalinistische Führung haben sich insbesondere auf diese spätere Periode konzentriert.4 Führungskulte werden bisher eher als Ausdruck, Stütze und Legitimierung der stalinisierten Partei untersucht, weniger als eines der Instrumente zur Verankerung ihrer charakteristischen Machtstrukturen. Zu dieser Thematik gibt es umfangreiche Literatur, insbesondere über Maurice Thorez und die KPF (Kommunistische Partei Frankreichs), die in vielerlei Hinsicht beispielhaft für den Volksfront-Stalinismus sind5 – jedoch nicht über die KPD, die in dem von Weber skizzierten Stalinisierungszeitraum eine ähnlich exemplarische Rolle spielte. Dessen ungeachtet kann gerade in Deutschland, in der Figur des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, eine der frühesten Manifestationen des Phänomens nachgewiesen werden. Anhand von Thälmann und dem Generalsekretär der CPGB (Communist Party of Great Britain / Kommunistische Partei Großbritanniens) Harry Pollitt, den man als eine Art britisches Pendant zu ihm betrachten kann, versuchen wir derzeit, einige Aspekte der Stalinisierung vergleichend zu untersuchen. Ein Ziel besteht darin herauszuarbeiten, inwieweit die von Weber herausgestellten politischen Charakteristika allgemeine Imperative kommunistischer Politik widerspiegeln und inwieweit sie von gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Spezifika des deutschen Kommunismus geprägt sind. Ein weiteres Ziel ist es nachzuprüfen, ob die Stalinisierung lediglich die Übernahme eines russischen oder bolschewistischen Modells bedeutete oder ob sie ebenso Ausdruck der Dominanz von strategischen Perspektiven und Formen der Mobilisierung innerhalb der Komintern war, die in den 1920er-Jahren auf Deutschland fokussiert waren. Die Stalinisierung, wie auch der Bolschewismus, war keineswegs nur ein russisches Phänomen, sondern wurde ebenfalls durch transnationale Einflüsse und das internationale politische Umfeld geformt, am stärksten zweifellos durch Deutschland – besonders durch das Organisationsmodell der Vorkriegssozialdemokratie und die Zentralität von Weimar-Deutschland für eine zukünftige europäische Revolution. Mit Sicherheit ist die Stalinisierung der CPGB ab 1929 nur schwer von der im Vergleich deutlich größeren symbolischen, ideologischen und organisatorischen Macht zu trennen, derer sich die KPD zu dieser Zeit erfreute. Trotz der Unterordnung der KPD unter Moskau war die Stalinisierung in mancher Hinsicht ein Zeichen für die herausragende Stellung der KPD unter den nichtregierenden kommunistischen Parteien. Dementsprechend stellten jedoch der Niedergang und die Diskreditierung dieses Vorbilds – nach 1923 und nachdrücklicher nach 1933 – auch viele Wesensmerkmale dieses Modells kommunistischer Politik stark infrage. Im Folgenden diskutieren wir diese Themen im Hinblick auf die beiden Spitzenorganisationen, mit denen Thälmann und Pollitt hauptsächlich identifiziert wurden: den Roten Frontkämpferbund (RFB) und das National Minority Movement (NMM). Dies bietet sich für einen direkten synchronischen Vergleich an, da das fünfjährige Bestehen des RFB fast genau mit Pollitts Amtszeit als Generalsekretär des NMM zusammenfiel und zu der Periode zählt, in der nach Weber die Stalinisierung stattfand. Andererseits wurde Pollitt erst gegen Ende dieser Periode Generalsekretär seiner Partei und erst nach Thälmanns Inhaftierung durch die Nazis zum Gegenstand eines einsetzenden Führungskults. Die zeitliche Dimension, die man so in den Vergleich einführt, ermöglicht die Überlegung, inwieweit das Stalinisierungsnarrativ auf die veränderten politischen Prioritäten und den dezimierten Kominternapparat der späten 1930er-Jahre anwendbar ist. In der kritischen Betrachtung seines Vier-Punkte-Modells der Stalinisierung gestand Weber kürzlich angesichts nun verfügbarer Dokumente der Abhängigkeit von Moskau ein noch größeres Gewicht zu, und bezüglich einer Reihe von Schlüsselfragen liegt er damit sicher richtig.6 Vergleichend betrachtet bleibt jedoch der vierte und am wenigsten bedeutsame seiner Erklärungsfaktoren – die Rolle der jeweiligen nationalen Bedingungen für die Entfaltung des Stalinismus – zentral für die Erklärung der unterschiedlichen Gesichter, die der Kommunismus in den verschiedenen politischen Kontexten zeigte, bis hin zu so existentiellen Variablen wie kontinuierlicher Legalität und systematischer Unterdrückung. »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft« Wenn eine Institution den militanten und aggressiven Charakter des Weimarer Kommunismus verkörperte, dann war dies der RFB.7 Er wurde im Juli / August 1924 als legale Organisation gegründet, die die »Proletarischen Hundertschaften« ersetzen sollte. Diese hatten eine herausragende Rolle während der turbulenten Ereignisse des vorangegangenen Herbstes gespielt. Ein Auslöser war die Gründung des Reichsbanner-Bundes, einer von der SPD dominierten republikanischen »Verteidigungsorganisation«. Ein weiterer war die regelmäßige Demonstration von Stärke seitens der extremen Rechten in Form der sogenannten »Deutschen Tage«. Die Zusammenstöße mit dem Staat erreichten mit dem Tod von acht kommunistischen Demonstranten in Halle im Mai 1924 einen dramatischen Höhepunkt. Nicht nur die Polarisierung, sondern auch die Militarisierung der politischen Kultur in der Weimarer Republik begünstigte das unerschütterliche Vertrauen in Gewalt als legitimes Mittel des politischen Kampfes. Selbst in den Jahren der sogenannten »relativen Stabilisierung« marschierten junge Männer in Uniform durch die Straßen, um ihre lokale Macht zu demonstrieren. Wenn Kolonnen dieser »politischen Soldaten« aufeinandertrafen, waren Schlägereien, bisweilen mit tödlichem Ausgang, an der Tagesordnung. Jede große politische Bewegung hatte ihre paramilitärische Organisation; es erstaunt nicht, dass die KPD mit ihrem Bekenntnis zum revolutionären Klassenkampf keine Ausnahme darstellte. Innerhalb der Parteiführung widersetzten sich dennoch einige der Gründung des RFB aus antimilitaristischen Gründen.8 Ruth Fischer wurde, nach ihrer Absetzung als exponierteste KPD-Führerin im Herbst 1925, von Sinowjew bestraft, weil sie sich über das »Soldatspielen« lustig gemacht hatte.9 Thälmann andererseits fühlte sich sowohl politisch als auch charakterlich zu genau solch einem Politikstil hingezogen. Thälmann, der seine politische Karriere als Gelegenheitsarbeiter im Hamburger Hafen begonnen hatte, war zu keinem Zeitpunkt ein aktiver Gegner des Ersten Weltkriegs. Seine Unzufriedenheit mit der Sozialdemokratie setzte erst nach dem Ende des Kriegs ein. Auch wurde er, im Gegensatz zur offiziellen Mythologie, nicht als Kommunist erzogen. Sein Vater war vielmehr ein Mitglied diverser bürgerlicher und militärischer Organisationen, Thälmann selbst hatte an der Westfront gekämpft und das Eiserne Kreuz erhalten. Enttäuscht von der Sozialdemokratie nach der fälschlicherweise sogenannten deutschen Revolution, gehörte er zu denjenigen, die ihren Weg zum Kommunismus über die abtrünnige USPD fanden. Sein untheoretischer und aggressiver Ultraradikalismus fand bei Teilen der kommunistischen Basis starken Widerhall. Nachdem Moskau auf ihn aufmerksam geworden war, berief man Thälmann im Februar 1925 zum Vorsitzenden des RFB, der dabei war, sich zur wichtigsten paramilitärischen Organisation der KPD mit fast 100 000 Mitgliedern zu entwickeln. Sechs Monate später wurde er, nach Fischers Absetzung, Vorsitzender der KPD. Fortan verschmolzen die beiden Rollen miteinander: Der Kämpfer, den Thälmann als Parteiführer darstellte, wurde untrennbar vom RFB-Führer. Dass diese Bewegung in Deutschland solche Bedeutung erlangte, lässt sich zum Teil auf die gesellschaftlichen Veränderungen zurückführen. Als viele Opfer der intensivierten Rationalisierung und strukturellen Arbeitslosigkeit dem RFB beitraten, zwang der zunehmende Ausschluss der KPD aus den Betrieben und den Gewerkschaften die Partei auf die Straße, die am einfachsten zugängliche Bühne des politischen Kampfes. Der RFB hatte entscheidenden Anteil an der Mobilisierung von vor allem jungen, männlichen und ungelernten Unterstützern für Kampf- und Demonstrationsformen, die auf die Feind-Freund-Dichotomie der Kriegsjahre zurückgingen.10 Mit Musikzügen und Fackelumzügen erinnerte er an Jahrestage wie den der Russischen Revolution, der Gründung der Roten Armee, des Ausbruchs des imperialistischen Krieges oder der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht – all dies diente dazu, den Bruch mit der Sozialdemokratie zu unterstreichen.11 Thälmann verkörperte diese Haltung. Im personalisierten Präsidentschaftswahlkampf von 1925 wurde er als die »eiserne rote Faust« dargestellt, welche die Feinde der Arbeiter zerschmettern würde.12 Seine viel gerühmte Rolle im sogenannten »Hamburger Aufstand« von 1923 hatte großen Anteil an dieser Konstruktion. Thälmann beschrieb ungeniert die Situation des RFB als den »Beginn, unsere Waffen zu polieren […] für den großen Tag der befreienden Revolution«.13 Sich als der »militärische Befehlshaber« der Bewegung präsentierend, mit der RFB-üblichen Leninmütze, feldgrüner Uniformjacke und Reithosen, leitete er Massenkundgebungen, die mit Trommelwirbel und in Megaphone gebrüllten politischen Slogans eröffnet wurden. Wenn Aufmärsche in Thälmanns dramatischem Auftritt gipfelten, riss dieser sich, getragen von der »starken Faust« des RFB, in einer routinierten Inszenierung die Krawatte vom Hemd, und jedes Wort traf »wie ein Faustschlag«.14 Ein anderer Höhepunkt im Parteikalender war die jährliche RFB-Kundgebung in Berlin: eine öffentliche Zurschaustellung kommunistischer Stärke, die mehr als 50 000 Teilnehmer anzog und deren militaristische Ausrichtung 1926 durch den Auftritt von mehr als 21 000 »Frontkämpfern« in militärischer Formation unterstrichen wurde.15 Neben diesen größeren Spektakeln stand der RFB Mitte der 1920er-Jahre im Zentrum der politischen Kampagnen der KPD, von Agitprop-Gruppen, die aufs Land geschickt wurden, bis zur Verteidigung der Straßen gegen nationalistische paramilitärische Organisationen. Das Ziel war, »die Faschisten zu schlagen, wo man sie traf«, wie der damalige Slogan lautete. Damit akkumulierte Thälmann so viel symbolisches Kapital, dass ihm der RFB selbst während seiner Führungskrise 1928 großzügig Rückendeckung bot.16 Infolge des aufgeheizten politischen Klimas in den späten 1920er-Jahren gestalteten sich die Zusammenstöße zwischen dem RFB und den »feindlichen« Formationen zunehmend gewalttätig. Die RFB-Kundgebung im Jahr 1928 endete in einer bis spät in die Nacht andauernden Schlacht mit dem Stahlhelm und der Polizei, an der 3000 Personen beteiligt waren.17 Im darauffolgenden Jahr führten die Gefechte am 1. Mai in Berlin zu mehr als 30 Toten – die Severing-Regierung nutzte diese Chance, den RFB zu verbieten. Für die Kommunisten war dies eine große symbolische Niederlage. Die Nachfolgeorganisation des RFB, der Kampfbund gegen den Faschismus, übte niemals die gleiche militaristische Faszination aus. Trotzdem war es gelungen, erfolgreich ein prägendes Image und Ethos des deutschen Kommunismus zu etablieren. Zwei Jahre später brachte der britische Daily Worker zum Antikriegstag auf seiner Titelseite ein Foto, das die nun illegalen Roten Frontkämpfer in militärischer Formation und mit geballter Faust zeigte. »Wir sind bereit«, so die Bildunterschrift, »das sowjetische Deutschland gegen den imperialistischen Krieg zu verteidigen!«18 Aus britischer Perspektive kann man die Bedeutung solcher Bilder kaum überbewerten. Über verschiedene direkte Formen der Anleitung und Überwachung hinaus war die KPD ein politisches Vorbild, das stark die unzufriedenen jüngeren Kommunisten ansprach. Sie übernahmen den Gruß mit geballter Faust, Zusammenstöße mit der Polizei waren ihnen willkommen. In ruhigeren Momenten lasen sie Bücher wie Barricades in Berlin oder Storm over the Ruhr in Ermangelung einer eigenen »proletarischen« Literatur.19 Nur die ganz Jungen zogen Uniformen in Erwägung, aber die Botschaften aus dem Ausland beflügelten sie. »Wir waren uns sicher, dass der großdeutsche Staat […] der Partei in den Schoß fallen würde«, erinnerte sich ein Kommunist in seinen Memoiren und verweist damit auf das Image der Roten Frontkämpfer in der Parteipresse.20 Als Deutschland stattdessen Hitler in den Schoß fiel, saß der Schock tief. »Ein Kamerad aus Deutschland hatte mir erst im […] Februar gesagt, dass der Faschismus in Deutschland niemals siegen kann […], dass die Arbeiterbewegung niemals unterdrückt werden könnte«, so der Generalsekretär Pollitt im März 1933. Die Prägung, die die CPGB durch Pollitt erfahren sollte, ist stark durch seine Korrektur dieser Auffassung gekennzeichnet. »Ertränkt die Blackshirts in einem Meer organisierter Aktivität« Während eines kommunistischen Spektakels in der Londoner Empress Hall sechs Jahre später wurden 9000 Zuschauer Zeuge von Pollitts triumphalem Einzug; er trat nicht kostümiert auf wie seine radikalen Vorläufer, entfaltete aber seine »ganze heroische Präsenz« als die Krönung der Sehnsüchte des britischen Volkes in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da Labour durch parlamentarische Arithmetik zu scheinbarer Passivität verurteilt war, schien Pollitt eine militantere und engagiertere Antwort auf die Herausforderungen durch Faschismus und Krieg zu verkörpern. Noch 1934 hatte ihn Rajani Palme Dutt gedrängt, die »ganze Thälmann’sche Haltung« als Personifikation kommunistischer Führung in diesem Kampf zu übernehmen. Mit Auftritten wie dem in der Empress Hall schien Pollitt dies erreicht zu haben.21 Was die Thälmann’sche Haltung erforderte, war jedoch ein gänzlich anderer Führungsstil, der den unterschiedlichen Erfahrungen und Möglichkeiten Pollitts nicht entsprach. Während beide Parteiführer die für Bolschewisten unumgängliche Voraussetzung einer proletarischen Herkunft teilten, war Pollitt weit mehr als Thälmann in den Werten und Strukturen der organisierten Arbeiterbewegung verwurzelt. Von Haus aus Sozialist, von Beruf Kesselschmied, erinnerte er sich noch lange an die Einweihung in die exklusivste aller Handwerkskünste – daran, »dass er nun eins war mit all den Männern, die stark und fachlich erfahren waren, und dass er nun Seite an Seite mit ihnen an der Werkbank stehen würde«.22 Pollitt engagierte sich nur begrenzt für die Revolution, die das Ziel einer Minderheit war, aufgrund seines Gespürs für die Wichtigkeit des Zusammenschlusses mit der Mehrheit der Arbeiterklasse, die dieses Engagement erst in der Zukunft teilen würde. Dies wird durch seine Mitwirkung im National Minority Movement illustriert. Das NMM wurde wie der RFB im August 1924 gegründet. Es war ebenfalls eine Bewegung von vorwiegend jungen, männlichen Arbeiterklasseaktivisten, deren Archetyp Pollitt verkörperte. An diesem Punkt jedoch endet die Ähnlichkeit. Wie der Name suggeriert, war es das Ziel des NMM, Militante innerhalb der existierenden Bewegung zu mobilisieren, nicht, diese von ihr abzuspalten. Pollitt gestand später aus diesem Grund seine Abneigung gegen das deutsche Muster einer »revolutionären gewerkschaftlichen Opposition« ein. Anstatt eine Masse von individuellen Mitgliedern zu versammeln, bildete das NMM Fraktionen innerhalb bestehender Gewerkschaften und Parteien. Seine Konferenzen, die auf Delegiertenbasis organisiert wurden, folgten den etablierten gewerkschaftlichen Konventionen. Eine war die anständige Kleidung der qualifizierten Arbeiter, die Pollitt, der sich niemals seine Krawatte heruntergerissen hätte, immer stolz trug. Eine weitere war die geteilte Verantwortung für die Führung der Partei, sodass stets Pollitt und der alterfahrene NMM-Vorsitzende Tom Mann im Licht der Öffentlichkeit standen. Mann war, wie Pollitt, Metallfacharbeiter. Ingenieure bildeten die größte Berufsgruppe unter den NMM-Führungskräften und auf den frühen Zusammenkünften. Dies ist ebenfalls auf die Erfahrungen im Krieg zurückzuführen – jedoch nicht auf die an der Front, sondern auf gemeinsame Erlebnisse während des »Krieges in den Produktionsbetrieben«, die die zutiefst zivile Haltung der Mehrheit der CPGB-Gründergeneration prägten. Der Ort dieser Politik waren nicht die Straßen, sondern die Gewerkschaftsverbände und Fabriken; der Erfolg des NMM wurde an der Kampfbereitschaft der Gewerkschaften gemessen. »Nicht als außen stehende, grölende, kleine, inoffizielle Organe«, beschrieb Pollitt ihre Rolle, »sondern als gut organisierter, interner und integraler Bestandteil der Bewegung, der alle Kanäle der gewerkschaftlichen Maschinerie und Organisation nutzt«.23 Obgleich der NMM der Exklusivität und Unterteilung der etablierten Gewerkschaften kritisch gegenüberstand, musste er große Zugeständnisse machen im Hinblick auf gemeinsame Werte, Konventionen und Formen des Kampfes. Pollitt versuchte zumeist, rituelle Formen der Konfrontation zu vermeiden, und bemühte sich stattdessen um symbolische Formen des Zusammenschlusses.24 Er warnte ausdrücklich vor persönlichen Angriffen auf politische Gegner. Als ein bekennender rechter Funktionär des TUC (Trades Union Congress) den Organisator der Clydeside-Unruhen Willie Gallacher abmahnte, weil dieser einen solchen Ton anschlug, entschuldigte sich Gallacher wortreich und versprach, »keinen weiteren Anlass zur Beschwerde« zu geben.25 Als der gleiche Funktionär Pollitt eine Unterredung verweigerte, erinnerte dieser ihn an eine Versammlung im Jahre 1912, bei der beide als Redner aufgetreten waren – und erreichte prompt sein Ziel.26 In Reden und Aufsätzen benutzte Pollitt die gängige Anrede Mister, selbst wenn er Gewerkschaftsführer als Verräter beschuldigte. Bis 1927 nahm er an den Konferenzen des TUC und der Labour-Partei als Delegierter der Kesselschmiede teil und wurde allgemein herzlich willkommen geheißen, trotz seiner manchmal extremen Äußerungen.27 Der Londoner Korrespondent der SPD drückte sein Erstaunen über die »unverbindliche Zuneigung« zu den kommunistischen Delegierten aus.28 Walter Citrine, ein weiterer TUC-Funktionär und leidenschaftlicher Antikommunist, milderte seine feindseligen Betrachtungen in seiner Autobiographie durch eine unverhohlene Hommage an Pollitts Anstand und politische Intelligenz ab – »außer, wenn das kommunistische Dogma [ihn] verwirrte«.29 Das kommunistische Dogma verwirrte ihn oft, und manchmal tat es das unbarmherzig. Dennoch unterschieden sich die Räume, die dem britischen Kommunismus zur Verfügung standen, und die Kultur, in der er sich formierte, deutlich von den Gegebenheiten in Deutschland. Symptomatisch dafür war das Anglo-Russian Joint Advisory Committee (ARJAC), dessen Gründung zeitlich mit den ersten Jahren der NMM zusammenfiel. Durch den umfassenden Einheitsdiskurs des Komitees wurden die sowjetischen Gewerkschaften von den britischen Gewerkschaftern akzeptiert. Als Citrine sie anhielt, sich zu waschen und bessere Kleidung anzuziehen, bevor sie vor dem TUC ihre Reden hielten, taten sie dies und waren zweifellos sehr von den guten Ergebnissen angetan, die sie so leicht erzielt hatten. Deutsche Gewerkschafter reagierten, wie auch andere auf dem Kontinent, mit Zorn und Ungläubigkeit.30 Für die Kommunisten allerdings symbolisierte der Wechsel in den 1920er-Jahren von links nach rechts und wieder zurück in mancher Hinsicht genau die Verlagerung von Deutschland nach Großbritannien als unmittelbare strategische Priorität und Schlachtfeld. Anders als Thälmann verband Pollitt diese umfangreicheren Verantwortlichkeiten nicht mit der Führung seiner Partei. 1929, als er für eine solche Position vorgeschlagen wurde, hatte sich der ARJAC in gegenseitigen Schuldzuweisungen aufgerieben und aufgelöst. Kommunisten wie Pollitt hatten keine Delegiertenanrechte auf den Konferenzen der Arbeiterbewegung. Pollitt war nun der Verfechter einer unabhängigen kommunistischen Führung, der in den Wahlen von 1929 gegen Labour-Führer MacDonald antrat. Die Funktionen, denen Pollitt jetzt nachkommen musste, verlangten andere Qualitäten, von denen die Akzeptanz der internationalen Disziplin die wichtigste war. Auf dem ersten Parteikongress, dessen Vorsitz er innehatte, war die eigentliche Leitfigur Walter Ulbricht. Man stimmte überein, dass dies entmutigend war, denn die Methoden, die in Deutschland einige Resonanz fanden, stießen kaum auf Zuspruch in Großbritannien. Im darauffolgenden Jahr sank die Mitgliederzahl der CPGB auf den historischen Tiefstand von 2500. Wenn Pollitt und seine Partei in der Folge ihre Stellung zurückgewannen, so geschah dies durch den Einsatz von Strategien, die eine Rückkehr zur organisierten Arbeiterschaft, zur Souveränität der Gewerkschaften und der Legitimität ihrer Verhaltenscodes darstellten. Als Mosleys Blackshirts nach 1933 versuchten, Hitlers Erfolge in Großbritannien zu wiederholen, wurden auch die britischen Kommunisten mit dem brutalen Kampf um den öffentlichen Raum konfrontiert. Viele von ihnen, insbesondere in den jüdischen Bezirken, wollten die Faschisten schlagen, wo sie sie trafen, und übernahmen den Slogan auf lokaler Ebene.31 Pollitts Instinkt jedoch war gegen eine Reduzierung des Antifaschismus auf das, was er als Prügeleien in den Straßen betrachtete. Für die erste große Londoner Gegendemonstration im September 1934 gaben die Kommunisten aus diesem Grund eine andere Losung heraus: »Ertränkt die Blackshirts in einem Meer organisierter Aktivität der Arbeiterklasse.«32 Die Demonstration, die weitgehend ohne Vorfälle verlief, war ein triumphaler Erfolg, und der Slogan wurde im ganzen Land aufgegriffen. Selbst die sogenannte »Schlacht in der Cable Street«, bei der es keine Toten gab, hatte den Charakter einer Volkskundgebung, die erst durch das Eingreifen von Polizei und Faschisten zur körperlichen Auseinandersetzung geriet. Durch die starke Arbeiterbewegung und eine relativ unbedeutende faschistische Bewegung konnte eine einflussreiche kommunistische Präsenz in Großbritannien erst etabliert werden, als die CPGB sich am politischen und kulturellen Mainstream orientierte. Pollitt legte Wert darauf, in seiner Autobiographie Serving My Time (1940), in der diese Haltung geradezu klassisch zum Ausdruck kommt, sowohl seine Ablehnung des Slogans »Rotfront!« und des Arbeitergrußes mit geballter Faust zu erwähnen, als auch seine Akzeptanz der Konventionen des politischen Lebens in Großbritannien zu betonen. Überlegungen Im Rahmen dieses kurzen Essays können wir hier lediglich auf die potenzielle Bedeutung des von uns verfolgten Forschungsansatzes hinweisen. In einem weiteren Artikel zum Vergleich von Thälmann und Pollitt haben wir gezeigt, wie Pollitts Verankerung in der Welt der Arbeiterorganisationen, illustriert durch seine Rolle im National Minority Movement, ihn mit persönlichem politischem Kapital und einer Klassenidentität versorgte, die nicht auf seine Identität als Kommunist zu reduzieren war. Da er sich darauf in parteiinternen Debatten stützte und sich seine öffentliche Person, die er über die winzige Parteibasis hinaus repräsentierte, daraus speiste, schlagen wir vor, Pollitt als eine Art Mobilisierungsfigur zu betrachten. Thälmann andererseits wird richtigerweise als eine kommunistische Integrationsfigur angesehen.33 Es ist unbestreitbar, dass die KPD besonders aufgrund des Aufstiegs der Nazis versuchte, sich durch die Entwicklung einer Art Führerkult34 mit einem eigenen »starken Mann« als Führerfigur auszustatten. Trotzdem bestand in der stark fraktionalisierten Welt des deutschen Kommunismus, die zentral für Webers Erklärung der Stalinisierung ist, die wirkliche Bedeutung von Thälmanns Führung darin, dass sie gleichermaßen Triumph und Überwindung des Dissenses durch die eindeutige Herrschaft von Stalins Epigonen versprach. Wie der RFB selbst, so diente Thälmanns Führung dazu, die Anhänger der Partei zu sammeln. Sie war jedoch nicht sehr erfolgreich in der Erweiterung ihres Einflusses. Während man bei Pollitt vielfach beobachtete, dass seine Glaubwürdigkeit die seiner Partei übertraf, erzielte Thälmann in den Präsidentschaftswahlen von 1925 und 1932 schlechtere Wahlergebnisse als seine Partei in vergleichbaren Wahlkämpfen. Wenn die wichtigste Aufgabe des Führungskults eher in der Mobilisierung als in der Integration bestand, gab es keinen wesentlichen Grund, diesen auf ein einzelnes Individuum zu fokussieren. In Pollitts Fall wurde nicht nur das Beiwerk eines solchen Kults, inklusive eines beispielhaften Parteilebens, mit anderen führenden Kommunisten geteilt, sondern Pollitt wurde selbst nach seiner Absetzung als Generalsekretär zur Zeit des Hitler-Stalin-Pakts gefördert.35 Verstärkt in den Jahren vor dem Pakt, allerdings nicht danach, versorgte die breite Glaubwürdigkeit, die Pollitt in der Labour-Bewegung genoss, ihn ebenfalls mit einer entscheidenden psychologischen Ressource, die sich in der außerordentlichen Offenheit innerhalb der Parteiführung widerspiegelte.36 Deren Höhepunkt bildete Pollitts Auflehnung gegen die veränderte Kominternhaltung während des Kriegs, als er energisch das Verschwinden des Internationalismus aus den sowjetischen Äußerungen beklagte. Es mag seinem späteren Aufstieg in die Parteiführung oder den Privilegien, die er als Generalsekretär geltend machte, oder dem persönlichen Kapital, das er in diese Stellung einbrachte, geschuldet sein, dass Pollitt zu eindrucksvollen Posen fähig war, für die die Führerfigur Thälmann keine Entsprechung bot. Es wird deutlich, dass die diachronische Dimension ein entscheidender Faktor in jeglichem sinnvollen Vergleich zwischen diesen beiden Parteiführern und ihren Parteien sein muss. Ob als Ursache oder Wirkung, der weniger umstrittene Charakter des britischen Kommunismus kann nicht getrennt von seinen höchst erfolgreichen Rekrutierungsjahren während der Volksfront betrachtet werden; so wie der unerbittliche und kämpferische Charakter des deutschen Kommunismus sowohl die Atmosphäre des schwelenden Bürgerkriegs während der Weimarer Jahre widerspiegelte, wie er auch gleichzeitig zu ihr beitrug. Der Vergleich von Thälmann und Pollitt bringt somit wichtige Unterschiede zwischen den verschiedenen politischen Kulturen zum Vorschein, in denen diese beispielhaften Parteibiographien konstruiert wurden. Andererseits ist die bloße Existenz solch klar artikulierter Führerkulte für die allgemeine politische Kultur des Stalinismus bezeichnend. In ihrem vor einigen Jahren erschienenen Vergleich von Stalinismus und Nationalsozialismus bevorzugten Ian Kershaw und Moshe Lewin das Konzept des »common ground« [Gemeinsamkeiten; gemeinsame Basis] gegenüber dem von »sameness« [Gleichheit].37 Die Stalinisierung gehörte zu den Gemeinsamkeiten in der Entwicklung des internationalen Kommunismus in den 1920er-Jahren. Der Stalinisierungsprozess verlief jedoch nicht einheitlich und stellt für sich genommen nur einen Teilaspekt kommunistischer Politik dar. Eine gründliche vergleichende Forschung sollte diese Gemeinsamkeit berücksichtigen, jedoch daraus nicht auf »Gleichheit« schließen. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Die Autoren möchten der British Academy und dem Barry Amiel and Norman Melburn Trust für die Förderung von Forschungsprojekten danken, auf denen dieser Artikel basiert. 2 LaPorte, Norman / Morgan, Kevin / Worley, Matthew (Hrsg.): Bolshevisation, Stalinisation and Beyond, Basingstoke 2008 (in Druck). 3 Siehe z. B. Brandenberger, David: Stalin as Symbol: A case study of the cult of personality and its construction, in: Davies, Sarah / Harris, James (Hrsg.): Stalin: A New History, Cambridge 2005, S. 249–270. 4 Siehe z. B. Apor, Balasz / Behrends, Jan C. / Jones, Polly / Rees, Arfon (Hrsg.): The leader cult in communist dictatorships. Stalin and the Eastern Bloc, Basingstoke 2004. 5 In der umfangreichen Literatur siehe z. B.: Sirot, Stéphane: Maurice Thorez, Paris 2000; Pennetier Claude / Pudal, Bernard: Stalinisme, culte ouvrier et culte des dirigeants, in: Dreyfus, Michel / Groppo, Bruno / Ingerflom, Claudio-Sergio / Lew, Roland / Pennetier, Claude / Pudal, Bernard / Wolikow, Serge (Hrsg.): Le siècle des communismes, Paris 2000, S. 369–376. 6 Siehe Webers Beitrag in LaPorte / Morgan / Worley: Bolshevisation, Stalinisation and Beyond (Anm. 2). 7 Für Darstellungen zu Thälmanns Beziehung zum RFB siehe Levine-Meyer, Rosa: Inside German Communism, London 1977, S. 71–72; Fischer, Ruth: Stalin and German Communism, Cambridge / Mass. 1948, S. 606 ff. 8 Schuster, Kurt G. P.: Der Rote Frontkämpferbund 1924–1929, Düsseldorf 1975, S. 23 ff. 9 Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung (im Folgenden RKO): Bericht, 26. Januar 1926, in: Bundesarchiv Berlin (im Folgenden BArch), R 1507 / 103, Bl. 8f. 10 Reuter, Gerd: KPD-Politik in der Weimarer Republik, Hannover 1982, S. 104 ff. 11 Siehe Ehls, Marie-Luise: Protest und Propaganda: Demonstrationen in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik, Berlin 1977, S. 310 ff. 12 Schuster: Der Rote Frontkämpferbund (Anm. 8), S. 57 f. 13 RKO: Bericht, 20. Februar 1929 und 1. April 1926, in: BArch, R 1507 / 149–151, Bl. 77 und 104 f. 14 Buber-Neumann, Margarete: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, München 2002, S. 108 ff.; Reuter: KPD-Politik (Anm. 10), S. 93. 15 Schuster: Der Rote Frontkämpferbund (Anm. 8), S. 41 ff. 16 Der RFB zum »Fall Thälmann«, in: Die Rote Front (Oktober 1928), S. 1. 17 RKO: Bericht, 19. Juni 1928, in: BArch, R 1507, Bl. 18. 18 Daily Worker vom 1. August 1931. 19 Im Original: Neukrantz, Klaus: Barrikaden am Wedding, Berlin 1931; Marchwitza, Hans: Sturm auf Essen, Berlin 1930. Die englischen Übersetzungen der Romane wurden im »Partei«-Verlag Martin Lawrence veröffentlicht. 20 Hyde, Douglas: I Believed, London 1951, S. 55. 21 Wallis, Mick: Heirs to the Pageant: Mass Spectacle and the Popular Front, in: Croft, Andy (Hrsg.): A Weapon in the Struggle, London 1998, S. 61–63; Rajani Palme Dutt an Harry Pollitt, 20. Juli 1934, in: Dutt-Papers, British Library, Cup 1262 K4. 22 Pollitt, in: Acland, Richard (Hrsg.): Why I am a Democrat, London 1939, S. 138. 23 Pollitt, Harry: The Edinburgh congress, in: Labour Monthly (Oktober 1927), S. 592. 24 Inprecorr, 15. Oktober 1925, S. 1099 f. 25 Willie Gallacher an Fred Bramley, 23. Januar 1924, in: TUC-Archiv, Universität Warwick, 292 / 270 / 1. 26 Pollitt, Harry: Serving My Time, London 1941, S. 51. 27 Siehe z. B. Wilkinson, Ellen in: Lansbury’s Labour Weekly vom 16. Oktober 1926. 28 Wertheimer, Egon: Portrait of the Labour Party, London 1929. 29 Citrine, Walter: Men and Work, London 1964, S. 267 ff. 30 Zu diesem Thema siehe Morgan, Kevin: Workers of All Countries? Syndicalism, Internationalism and the Lost World of A. A. Purcell, London (in Druck). 31 Für entgegengesetzte Ansichten siehe Piratin, Phil: Our Flag Stays Red, London 1948; Jacobs, Joe: Out of the Ghetto, London 1978. 32 Siehe Hutt, Allen: The Post-War History of the British Working Class, London 1937, S. 257. 33 Es ist eine der klassischen Funktionen charismatischer Führung, gespaltenen oder unbeständigen Gesellschaften oder Parteien eine Integrationsfigur anzubieten. Eine weitere Funktion ist es, eine Mobilisierungsfigur zu stellen, um Unterstützung für ein Regime oder Regierungssystem zu sammeln oder den Konkurrenzkampf zwischen Parteien zu personalisieren. Obwohl jeder kommunistische Führungskult eine Kombination aus beidem war, war Thälmann stärker als Pollitt eine Integrationsfigur. Pollitt hingegen war eher eine Mobilisierungsfigur, denn sein wichtigster Beitrag zum britischen Kommunismus war nicht, dessen Zusammenhalt zu stärken, sondern dessen politische Glaubwürdigkeit. Siehe LaPorte, Norman / Morgan, Kevin: »Kings among their subjects?« Ernst Thälmann, Harry Pollitt and the leadership cult as stalinization, in: LaPorte / Morgan / Worley (Hrsg.): Bolshevisation, Stalinisation and Beyond (Anm. 2). 34 Im Original deutsch. 35 Für eine kontrastierende Betrachtung der Situation in Frankreich siehe Morgan, Kevin: Ainsi pour Gallacher? Quelques regards sur la construction de la vie communiste modèle en Grande Bretagne, in: Communisme 87 (2006), S. 29–46. 36 Für eine Diskussion des politischen Kapitals und der kritischen Distanz in Bezug auf Pollitt siehe Morgan, Kevin: Labour Legends and Russian Gold. Bolshevism and the British Left, Teil I, London 2006, S. 246–255. 37 Kershaw, Ian / Lewin, Moshe: Introduction: The regimes and their dictators: Perspectives of comparison, in: dies. (Hrsg.): Stalinism and Nazism: Dictatorships in Comparison, Cambridge 1997, S. 4 f.

JHK 2008

Das einzige Vaterland des Proletariats - die Sowjetunion: Ob gut oder schlecht, sie ist mein Land!

Jerzy Holzer

Die Haltung der kommunistischen Bewegung gegenüber der Sowjetunion kam viele Jahre dem Axiom nahe: »Our country, right or wrong« (Carl Schurz, 1899). Wann tauchte eigentlich die Formel von der Sowjetunion als Vaterland aller Kommunisten und des gesamten internationalen Proletariats auf? Schon während des Gründungskongresses der Komintern mangelte es nicht an Erklärungen, die die bolschewistische Hegemonie anerkannten oder sie postulierten. Die finnischen Kommunisten Sirola und Kuusinen betrachteten Sowjetrussland als Vorbild für alle Kommunisten; Kuusinen sah in ihm die Idee der Kommunistischen Internationale bereits verwirklicht. Der französische Delegierte Sadoul prognostizierte, Russisch werde zur gemeinsamen Sprache des internationalen Kommunismus. Der österreichische Delegierte Steinhardt (Deckname Gruber) verkündete, die russischen Kommunisten hätten eine neue Epoche der Weltgeschichte eröffnet.1 Solche stark emotional gefärbten Äußerungen kamen allerdings gerade nicht von den russischen Genossen. Die These von einer Musterrolle Russlands tauchte erst wenige Wochen vor dem 2. Kominternkongress in Lenins Schrift »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit des Kommunismus« und während des 2. Kominternkongresses im Referat des Vorsitzenden Sinowjew auf. Er betrachtete die Partei als ein Heiligtum und verkündete, darin solle »die Arbeiterklasse der ganzen Welt der russischen folgen«.2 Diese Idee war Ausdruck der Überzeugung, das bolschewistische Parteimodell sei für einen siegreichen Vormarsch des Kommunismus unentbehrlich. Während jenes Kongresses im Juli und August 1920 kam es zu regelrechten Liebeserklärungen an Sowjetrussland und die Bolschewiken, auch von Personen, die früher oder später die Reihen der kommunistischen Bewegung verlassen sollten. Rosmer erklärte im Namen der französischen Delegation, dass in Sowjetrussland »für die gemeinsame Sache der ganzen Welt gerungen und gestorben wird«. Seratti beantragte, einen Appell an die Rote Armee zu richten, der u. a. den Satz enthielt: »Ihr kämpft nicht nur für die Interessen Sowjetrusslands, sondern auch für die Interessen der ganzen werktätigen Menschheit, für die Kommunistische Internationale.«3 Ebenso emphatisch wie die Reden waren die Berichte einzelner schon existierender oder in Gründung befindlicher Parteien. In einem der Berichte dürfte die Formel »das Vaterland des Proletariats« geprägt worden sein. Die jugoslawischen Kommunisten können für sich in Anspruch nehmen, sie erstmals verwendet zu haben. Sie beendeten ihren Bericht mit Rufen, unter anderem der Exklamation: »Es lebe die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, das erste Vaterland des internationalen Proletariats.«4 Ob dies eine bewusste Polemik gegen die Ideologie der Nationalstaaten war, welche gerade ihre Blütezeit erlebte, lässt sich schwer sagen. Die Formel der jugoslawischen Kommunisten fand jedoch zunächst keinen Widerhall. Im Allgemeinen bedeuteten damals solche Liebeserklärungen an Russland noch nicht, dass die Furcht vor einer Unterwerfung der internationalen kommunistischen Bewegung durch die Bolschewiken verschwunden war. Es dauerte noch mehrere Jahre, bis in der Komintern bezüglich der Bewertung der Rolle der Sowjetunion Übereinstimmung herrschte. Es ist bekannt, dass die Kominterngründung selbst gewisse Kontroversen hervorrief. Besonders die deutschen Kommunisten befürchteten, die Komintern könnte zu einer Dominanz der Interessen von Bolschewiken, die in ihrem Lande schon die Macht im Staate ausübten, führen.5 Während des 2. Kongresses der Komintern äußerten sich der niederländische Delegierte Wijnkoop und der Deutsche Levi kritisch zur Beibehaltung ihres Sitzes in Moskau.6 Später wurden solche Stimmen auch deshalb immer seltener, weil die eher kritischen kommunistischen Parteiführer entweder selbst die Partei verließen oder unter Moskauer Druck ausgeschlossen wurden. Als Beispiel kann die Situation in der polnischen Partei dienen. Einerseits enthielt eine Resolution über die internationale Lage, welche die 1. Konferenz der Kommunistischen Arbeiterpartei Polens im April 1920 billigte, die Formel »Sowjetrussland, Bahnbrecher der Arbeiterrevolution«.7 Andererseits beschuldigte während der 3. Konferenz dieser Partei im April 1922 das bisherige ZK-Mitglied Władysław Kowalski Sowjetrussland, es wolle der Komintern seine Interessen aufzwingen. Obwohl er stark kritisiert wurde, durfte er weiter in der Partei bleiben.8 Zu einem Haltungswandel in dieser Frage kam es, als in der internationalen kommunistischen Bewegung klar anerkannt wurde, dass diese vorrangig den Interessen des sowjetischen Staates dienen sollte, weil dadurch langfristig Interessen der gesamten Komintern bzw. – wie man es entsprechend der Ideologie formulierte – des Weltproletariats realisiert würden. Weber sieht in Bucharin den Initiator dieser These, Humbert-Droz schreibt Sinowjew diese Rolle zu. Beide berufen sich auf die Referate des 4. Kongresses der Komintern im November 1922.9 Ganz sicher wurde die These den anderen Kommunisten von den russischen nicht nur aufgezwungen. Die europäische Revolution war im ersten Anlauf gescheitert, und für einen neuen, hoffentlich baldigen, brauchte man eine feste Basis. In dieser Hinsicht waren russische und andere Kommunisten ähnlicher Meinung. Während des 5. Kongresses der Komintern im Juni und Juli 1924 wurde zwar nicht die Formel vom sowjetischen Vaterland, aber die ebenso emotionale vom Heimatland vielfach ausgesprochen. Der deutsche Delegierte Geschke sagte, dass jeder Delegierte »hier nach Rußland, nach Moskau, nach seinem Heimatland kommt«, dass er »entsandt wird von dem revolutionären Proletariat nach seiner Heimatstadt, nach Moskau« und »daß er mit seinem Leben einsteht für sein Heimatland, für Sowjetrußland«. Die erweiterte Exekutive fasste gleich nach dem Kongress auf Antrag von Thälmann einen Beschluss, in dem die Rote Armee als »der Schild der Unterdrückten und das Schwert der Enterbten« bezeichnet wurde.10 Immerhin verhinderten die Emotionen nicht, dass Thalheimer, der kritisierte und abgeschobene Führer der deutschen Kommunisten, auftrat und indirekt die Hegemonie der Bolschewiken in der Komintern kritisierte. Er erkannte zwar die führende Rolle der russischen Partei an, widersprach jedoch der Entmündigung der westeuropäischen Parteien mit dem Argument, er könne sich »nicht vorstellen, daß Parteien, die sozusagen noch den Gummilutscher im Munde haben, im Westen die Revolution machen werden, sondern sie müssen vom Kinderalter ins Mannesalter übergehen«.11 Sogar noch Anfang 1926, während einer Sitzung der Kominternexekutive, widersetzte sich (übrigens in seinem letzten Auftritt vor dem Auschluss aus der kommunistischen Bewegung) der Führer der italienischen Kommunisten Bordiga der Hegemonie der russischen Partei.12 Nach dem 4. Kominternkongress findet sich erstaunlicherweise mehrere Jahre lang in keinem Text der führenden polnischen Kommunisten die Formel von der Sowjetunion als Vaterland oder Heimatland des Proletariats. Es gab verschiedene Deklarationen über die Musterrolle und »Mission« der Sowjetunion, aber gerade die Formulierung, die bei den Kommunisten in anderen Ländern schon üblich war, fehlte.13 Man könnte annehmen, dass sich alle der Meinung der sogenannten Rechten, mit Koszutska als Führerin, anschlossen, die die polnische Unabhängigkeit betonten und an den polnischen Patriotismus appellierten. Doch damals steuerten zeitweise Vertreter einer anderen Gruppe, die sogenannten Linken, die Partei, und auch sie vermieden in den Parteidokumenten solche Formeln. Wahrscheinlich wollten weder die Rechten noch die Linken, oder jedenfalls kaum jemand von ihnen, in interne Streitereien der Bolschewiken hineingezogen werden, und manche sympathisierten sogar mit den oppositionellen Fraktionen der sowjetischen Partei. Vermutlich nahmen die polnischen Kommunisten auch Rücksicht auf die außerordentliche Sensibilität der Bevölkerung, wenn es um die Unabhängigkeit des Landes ging, und auf die Stärke des polnischen Patriotismus. Sie sahen eben doch einen Widerspruch zwischen den Ideen eines nationalen Vaterlandes und eines »Vaterlandes des Weltproletariats«. In den offiziellen Publikationen der Komintern wurde die Losung »Das internationale Proletariat verteidigt sein Vaterland« erst im Mai 1927 gebraucht, und zwar in Thesen der Exekutive über die Kriegsgefahr.14 In offiziellen Dokumenten der Kommunistischen Partei Polens war zum ersten Mal im September 1927, im Beschluss über die Hauptaufgaben der Partei, von der »Verteidigung der Sowjetunion als des internationalen proletarischen Vaterlandes« die Rede.15 Eine ähnliche Formulierung findet sich im Beschluss des 6. Plenums des ZK der Partei vom August 1929: Man müsse »eine unlösbare Verbindung zwischen der Verteidigung des Vaterlandes des internationalen Proletariats – der Sowjetunion – und dem Kampf um die lebenswichtigsten Interessen der polnischen arbeitenden Massen aufzeigen«.16 Auch in den Beschlüssen des 5. Parteitages der KPP im September 1930 taucht die Losung von der Sowjetunion als Vaterland des Proletariats auf.17 Im Programm der Komintern, beschlossen auf dem 6. Kongress im Sommer 1928, wurde die Sowjetunion als das »wahre Vaterland des Proletariats« proklamiert: »In der Sowjetunion erkämpft sich das Proletariat zum erstenmal in der Geschichte sein Vaterland. [...] Die Sowjetunion ist das wahre Vaterland des Proletariats, die festeste Stütze seiner Errungenschaften und der Hauptfaktor seiner internationalen Befreiung; das verpflichtet das internationale Proletariat, dem sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion zum Erfolge zu verhelfen und das Land der proletarischen Diktatur mit allen Mitteln gegen die Angriffe der kapitalistischen Mächte zu verteidigen.«18 In der polnischen Partei griff Julian Brun als Erster diese Losung auf. In der 1929 publizierten Broschüre »Was verteidigen wir?« verwendete er in der Einführung die traditionelle Formel, und im Schlusswort nannte er die Sowjetunion das »einzige Vaterland der Arbeiter und Bauern der ganzen Welt«.19 In die offiziellen Dokumente der Partei fand diese Formulierung erst während des 6. Parteitages im November 1932 Eingang. Im damaligen Programmentwurf hieß es, die Sowjetunion sei »das einzige Vaterland des Proletariats, das einzige Vaterland aller Unterdrückten und Ausgebeuteten«.20 Dass dieser Sowjet-Patriotismus mehr als nur eine Parole war, davon zeugen die Erinnerungen des ehemaligen österreichischen Kommunisten Ernst Fischer. Er beschreibt seine Ankunft in der Sowjetunion 1934 mit den Worten: »Wir kommen nicht als Gäste, wir kommen als Menschen, die ihre Heimat besuchen.«21 Beide Formulierungen, sowohl die gemäßigtere als auch die extreme, verschwanden jedoch seit 1935 wieder aus den offiziellen kommunistischen Dokumenten. Wegen der neuen politischen Linie der Volksfront ging es darum, den Kampf gegen den Faschismus und die Verteidigung der Unabhängigkeit des eigenen Landes zu betonen. Das eigene Land existierte wieder als Vaterland. Die Sowjetunion wurde besonders häufig als ein Hort bezeichnet – Hort des internationalen Proletariats, des Friedens oder der Freiheit.22 In Polen betonten die Kommunisten auch die Rolle der Sowjetunion als Verteidiger der polnischen Unabhängigkeit.23 Schon anachronistisch wirkte ein Text von Brun, der im August 1935, die Verhandlungen des 7. Kongresses der Komintern und die proklamierte Linie der Volksfront rekapitulierend, schrieb: »Dort spürten die führenden Kämpfer des Weltproletariats aus allen Nationen und Rassen vollkommen die lebendige Wahrheit und die historische Bedeutung der Worte: die Sowjetunion – das Vaterland des internationalen Proletariats.«24 Andererseits waren der sowjetische Quasipatriotismus und die mit ihm eng verbundene Stalinverehrung in den kommunistischen Parteien bereits tief verwurzelt, selbst wenn aus taktischen Gründen die Formel vom sowjetischen Vaterland nicht weiter verkündet wurde. Historiker sollten aber auch nach den Gründen für eine solche Beziehung zu Sowjet-russland und später zur Sowjetunion fragen, nach den Gründen für einen sowjetischen Patriotismus, den man bei vielen kommunistischen Intellektuellen und Politikern wahrnehmen konnte. Mehrere Faktoren, so scheint es, spielten dabei eine Rolle, die größte Bedeutung hatten die folgenden drei: Am wichtigsten war eine eigenartige, um nicht zu sagen manichäische Weltvorstellung: Das Gute kämpft gegen das Böse, und der Weg führt in eine wunderbare Zukunft, selbst wenn dabei Fehler oder sogar Verbrechen vorkommen. Der zweite Faktor war die organisatorische und finanzielle Abhängigkeit der kommunistischen Bewegung von der Sowjetunion. Schließlich wurde die geradezu hagiographische Einstellung zur Sowjetunion instrumentalisiert, sowohl in der Zeit vor Stalins Diktatur als auch besonders unter seiner Herrschaft. Diese drei Aspekte sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden. Schon seit dem November 1917 war das Verhältnis der internationalen kommunistischen Bewegung (oder ihrer Vorgänger) zu Sowjetrussland und später zur Sowjetunion von dem Eindruck geprägt, dass sich die Welt oder Europa polarisierten. Die Bolschewiken wurden als »die Unseren« betrachtet, mit einer besonderen Schuld ihnen gegenüber, weil sie die schwere Last eines Protagonisten der Weltrevolution auf sich genommmen hatten. Anfänglich stand das nicht im Widerspruch zu kritischen Ansichten über manche bolschewistische Aktivitäten, aber es gab zumindest Befürchtungen wegen negativer Auswirkungen öffentlicher Kritik. Wie man das komplizierte Schicksal des Rosa-Luxemburg-Textes über die russische Revolution auch beurteilen mag: Es scheint unbestreitbar zu sein, dass sie befürchtete, damit Sowjetrussland zu schaden, und deswegen die Veröffentlichung vermied.25 Aus solchen Vorbehalten resultieren wohl auch die bereits häufig interpretierten Äußerungen Maria Koszutskas während der Sitzung der Polnischen Kommission des 5. Kongresses der Komintern im Jahre 1924. Meistens richtete sich besonderes Augenmerk auf ihren Widerspruch gegen die damals angewandten Methoden der Bolschewisierung. Hier interessiert aber mehr, wie Koszutska die Notwendigkeit der Unterordnung gegenüber den Bolschewiken begründete: »Wenn die Sache auf des Messers Schneide stünde, wenn ihr den Arbeitern in Polen sagtet, sie sollten zwischen euch und uns wählen, was, denkt ihr, würden wir dann tun? Eben, uns bliebe nichts anderes übrig, als ihnen zu sagen, sie sollten mit euch gehen. [...] Jede ernstere Dissonanz, jeder Streit mit der russischen Partei und dem russischen ZK bedeutet für die Partei eine große ideologische Gefahr und muß auf starken Widerstand stoßen, weil wir in einem durch die Bourgeoisie und Versöhnler verursachten Klima glühenden Hasses gegen Sowjetrussland handeln.«26 Der während der Säuberungen ermordete führende deutsche Kommunist Heinz Neumann hatte im Februar 1922 in einem Artikel in der »Kommunistischen Internationale« verkündet: »das Schicksal Sowjetrußlands ist das Schicksal des Weltproletariats«.27 Er hat seine Meinung nicht geändert. Noch im Jahre 1934 erklärte er, »daß er sich trotz aller Zweifel, trotz aller Kritik an der Linie der Komintern nach dem Scheitern seiner Opposition unterwerfen müsse, sonst werde er zum Feind der Sowjetunion, der einzigen wahrhaft antifaschistischen Macht in der Welt«.28 Ähnlich äußerte sich damals auch Ernst Fischer: »Die Sowjetunion ist, so gut oder schlecht sie sein mag, das einzige Land des Sozialismus, jeder Schlag gegen sie ist ein Schlag gegen den Sozialismus.«29 Nachdem er sich von der kommunistischen Bewegung gelöst hatte, schrieb der langjährige schweizerische Politiker Jules Humbert-Droz seine Erinnerungen. Selbst unter diesen Umständen verzichtete er auf Kritik an der Sowjetunion: »La Révolution russe, malgré sa dégénérescence bureaucratique et ses difficultés intérieures, restait l’événement le plus considérable du siècle [...]. Pouvais-je critiquer la dégénérescence de l’URSS de l’extérieur, en livrant des arguments à la contre-révolution et à laq meute des chacals réactionnaires aux chausses de la Révolution russe?«30 Stellvertretend für jene Kommunisten, die der Überzeugung waren, dass die Gründung des sowjetischen Staates eine epochale Bedeutung hatte, seien hier Georg Lukács und Ernst Fischer zitiert. Lukács schrieb, dass »das russische Volk – als erstes in der Welt – aus der Vorgeschichte der Menschheit heraustritt und […] ihre wahre Geschichte, den Sozialismus, beginnt«31. Ernst Fischer erinnerte sich an den Beginn der Zwanzigerjahre, als er selbst noch linker Sozialist war: »Was dort in Moskau geschah, war die Zukunft, die Antwort, nicht nur die politische des Sozialismus, sondern das Ganze, das andere, die Erneuerung aus dem Grunde unseres Herzens.« Er zitiert auch aus einem Artikel, den er im Januar 1930 geschrieben hatte: »Das Werk der Revolution – lebt, wächst, entfaltet sich riesenhaft, und ob das im Namen Trotzkis oder im Namen Stalins geschieht – das ist für die Arbeiterklasse nicht das Entscheidende.«32 Vielleicht am schockierendsten sind die Äußerungen von zwei kommunistischen »Häretikern«, Heinrich Brandler und Isaac Deutscher, in ihrer Korrespondenz im Laufe der Fünfzigerjahre. Deutscher schrieb 1953 an Brandler: »The only credit which one must and ought to give Stalinism is that it has been creating in Russia and in the countries of the Soviet orbit the material and organizational preconditions of socialism.« In einem Brief von Brandler an Deutscher heißt es 1955: »Wir [Brandler und Thalheimer – JH] sahen darin ein unvermeidliches Durchgangsstadium, in dem nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen, sondern auch der sozialistische Mensch geschaffen wurde, der die Bürokratie überflüssig macht.« Ein Jahr später schrieb Brandler in einem Brief an den dänischen Sozialisten Boserup über seine Erfahrungen in der Sowjetunion: »Das machte mir die Gedanken zum Axiom, daß solange die Grundlagen der Oktoberrevolution – Vergesellschaftung der Produktionsmittel und ihre planmäßige Anwendung – nicht beseitigt werden, alle Fehler, auch die vermeidbaren Grausamkeiten, letzten Endes die Grundmauern der S. U. festigen und den sozialistischen Mensch herausbilden, ohne den es keine sozialistische Produktion gibt.«33 Doch sollte auch die finanzielle Abhängigkeit der kommunistischen Parteien von der Moskauer Zentrale berücksichtigt werden. Im Bericht der Exekutive der Komintern zu deren 2. Kongress stand: »Schon während der ersten Sitzung der Kommunistischen Internationale wurde festgestellt, daß jede Partei und Organisation, welche an der III. Internationale teilnimmt, der Exekutive der Internationale entsprechende Beiträge bezahlen sollte. Während dieser ersten Sitzung, an der mehrere Genossen aus verschiedenen Ländern teilnahmen, beschloß man jedoch, sich an die Russische Kommunistische Partei zu wenden mit dem Vorschlag, sie sollte momentan die Hauptlast der Kosten, welche im Zusammenhang mit der Tätigkeit der Exekutive stehen, übernehmen. [...] Die Russische Kommunistische Partei betrachtete es als ihre Ehrenverpflichtung, diesen Vorschlag anzunehmen.« Aus dem Bericht geht im Weiteren klar hervor, dass nicht nur die Kominternexekutive, sondern auch die einzelnen Parteien für die Tätigkeit in ihren Ländern finanzielle Hilfe bekamen.34 Sinowjew sprach dies in seiner Schlussrede auf dem 2. Kongress nochmals an: »Wir wünschen unseren Genossen Mut zu diesem Kampfe, und wir bitten sie, in den schweren Augenblicken daran zu denken, daß die Sowjetrepublik bereit ist, alles, was sie besitzt, mit ihnen zu teilen. Die Kommunistische Partei Rußlands hält es für ihre Ehrenpflicht, allen Brüderparteien mit allem, was sie hat, zu Hilfe zu kommen.«35 Schließlich sei darauf verwiesen, dass die Charakterisierung der Sowjetunion als »das Vaterland des Proletariats« oder »das einzige Vaterland des Proletariats« ideologisch instrumentalisiert wurde, um die internationale kommunistische Bewegung von der Moskauer Zentrale abhängig zu machen. Sie gehörte also zu einem ideologischen Zwangskorsett. Als auf dieses Instrument aus taktischen Gründen verzichtet wurde, schien es politisch nicht mehr erforderlich. Der Grad der Abhängigkeit war so hoch, dass die sowjetische Partei scheinbar die Situation völlig beherrschte. Erst mehr als ein Jahrzehnt später, nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges in Jugoslawien, und dann nach der Entstehung der zweiten kommunistischen Großmacht in China erwies sich diese Annahme als falsch. 1 Der I. Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis zum 19. März 1919, Hamburg 1921, S. 33, 62, 98, 104. 2 Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August 1920 in Moskau, Hamburg 1921, S. 75. 3 Ebenda, S. 40–42. 4 Berichte zum Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1921, S. 161. 5 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Bd. 1, Frankfurt 1969, S. 29. 6 Lazitch, Branko / Drachkovitch, Milorad M.: Lenin and the Comintern, v. 1, Stanford 1972, S. 194. Siehe auch Der Zweite Kongress (Anm. 2), S. 583 (Rede von Wijnkoop). 7 KPP. Uchwały i rezolucje [KPP. Beschlüsse und Resolutionen], Bd. 1, Warszawa 1953, S. 89. Diese Publikation ist reich an Auslassungen und Fälschungen, sie betreffen jedoch nicht die ausgewählten Zitate. 8 Koszutska, Maria / Kostrzewa, Wera: Pisma i przemówienia [Schriften und Reden], Bd. 2, Warszawa 1961, S. 37. Siehe auch ein Brieffragment der Kominternexekutive an die polnische Partei vom Dezember 1922 r., KPP, Bd. 1, S. 181. 9 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 5), S. 33; Humbert-Droz, Jules: De Lenine à Staline. Dix ans au service de l’Internationale Communiste 1921–1931, Neuchâtel 1971, S. 126. 10 Protokoll des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, Bd. 1 [Hamburg 1924], Erlangen 1971 (Reprint), S. 25 f., 381, 1045. 11 Ebenda, S. 241. 12 Buber-Neumann, Margarete: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967, S. 164. 13 Koszutska, Maria / Kostrzewa, Wera: Pisma i przemówienia, Bd. 3, Warszawa 1962, S. 32, 177, 419; KPP, Uchwały i rezolucje, Bd. 2, Warszawa 1955, S. 257. Siehe auch Nollau, Günther: Die Internationale. Wurzeln und Erscheinungsformen des proletarischen Internationalismus, Köln 1959, S. 70. 14 Weber, Hermann: Kommunistische Bewegung und realsozialistischer Staat. Beiträge zum deutschen und internationalen Kommunismus, Köln 1988, S. 231. 15 KPP, Bd. 2 (Anm. 13), S. 437. 16 Ebenda, S. 527. 17 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3, Warszawa 1956, S. 158. 18 Programm der Kommunistischen Internationale, angenommen vom VI. Weltkongress am 1. September 1928 in Moskau, Hamburg / Berlin 1928, S. 67, 69. 19 Brun, Julian: Pisma wybrane [Ausgewählte Schriften], Bd. II, Warszawa 1956, S. 5, 12. 20 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3 (Anm. 17), S. 400. 21 Fischer, Ernst: Erinnerungen und Reflexionen, Hamburg 1969, S. 291. 22 KPP. Uchwały i rezolucje, Bd. 3 (Anm. 17), S. 639. 23 Ebenda, S. 534 f., 549, 565; Leński, Julian: O Front Ludowy w Polsce 1934–1937. Publicystyka [Über die Volksfront in Polen 1934–1937. Publizistik], Warszawa 1956, S. 145, 223. 24 Brun: Pisma wybrane, Bd. 2 (Anm. 19), S. 347. 25 Siehe Nettl, Peter: Rosa Luxemburg, Köln / Berlin 1965, S. 680; Badia, Gilbert: Rosa Luxemburg. Journaliste, Polémiste, Révolutionnaire, Paris 1975, S. 288 f. 26 Koszutska: Pisma i przemówienia, Bd. 2 (Anm. 8), S. 296. 27 Zitiert nach Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution (Anm. 12), S. 68. 28 Ebenda, S. 407. 29 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen (Anm. 21), S. 300. 30 Humbert-Droz: De Lenine à Staline (Anm. 9), S. 461. 31 Zitat nach Fetscher, Iring: Von Marx zur Sowjetideologie, IX. Aufl., Frankfurt a. M. 1963, S. 135. 32 Fischer: Erinnerungen und Reflexionen (Anm. 21), S. 115, 228. 33 Weber, Hermann (Hrsg.): Unabhängige Kommunisten. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Brandler und Isaac Deutscher 1949 bis 1967, Berlin 1981, S. 90, 144, 255. 34 Dokumenty z historii III Międzynarodówki Komunistycznej [Dokumente aus der Geschichte der III. Kommunistischen Internationale], Heft 2, Warszawa 1962 , S. 108 f. 35 Berichte zum Zweiten Kongreß (Anm. 4), S. 13.

JHK 2008

Jiří Pelikán: Die Wandlung eines tschechischen Kommunisten

Manfred Wilke

Jiří Pelikán wohnte im römischen Exil direkt am Pantheon, dem Zeugnis antiker Baukunst, das zugleich bis heute an den Untergang des römischen Weltreichs erinnert. Der junge Zar Iwan der Schreckliche sagt in Sergej Eisensteins gleichnamigen Film: »Moskau ist das dritte Rom, und ein viertes wird es nicht geben!« Dieses dritte Rom hat das Leben des tschechischen Kommunisten Jiří Pelikán entscheidend geprägt. In seiner Jugend setzte er seine Hoffnung auf diese Bastion der Weltrevolution und sah in ihr den Garanten der sozialistischen Zukunft der Menschheit. Später gehörte Pelikán zu den tschechischen und slowakischen Reformkommunisten, die das in der ČSSR herrschende sowjetische Sozialismus-Modell verändern wollten. Sie wollten der Allmacht des kommunistischen Parteiapparates über Staat und Gesellschaft Grenzen setzen. Die militärische Intervention von fünf Armeen des Warschauer Pakts unterdrückte gewaltsam diese Selbstreform und zugleich das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen und Slowaken. Nach dem 21. August 1968 bekämpfte Pelikán die Kommunistische Partei der Sowjetunion und trug damit aktiv zum Ende der Sowjetunion bei. Von der Wandlung dieses Kommunisten im Kontext der Zäsuren der Geschichte seines Landes handelt dieser Beitrag: Kommunist wurde er aus Protest gegen den Verrat der westlichen Demokratien an seinem Land 1938, seine Trennung von der KPTsch erfolgte im Kampf um das Selbstbestimmungsrecht seiner Partei und seines Landes gegen Moskau nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1968. I. Ein Thema im wissenschaftlichen Werk von Hermann Weber ist die Wandlung des Kommunismus. Sie betraf die Partei und die Menschen, die ihr folgten. Webers Standardwerk behandelt die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik.1 Er beschrieb präzise die politischen und personellen Brüche der KPD, die als Sektion der Kommunistischen Internationale erst »bolschewisiert« und dann »stalinisiert« wurde. Am Ende der ersten Republik hatte sich in der KPD ein Generationswechsel vollzogen. Schon zehn Jahre nach ihrer Gründung waren die Angehörigen der Generation, die 1918 mit der Sozialdemokratie brach, nur noch vereinzelt in Führungspositionen zu finden. Viele von ihnen hatten die Partei verlassen oder waren ausgeschlossen worden. Bis 1953 waren die Linienwechsel in KPD und SED auch immer mit »Parteisäuberungen« verbunden, sie gehörten zum Ritual einer stalinistischen Partei. Erst mit der Entstalinisierung – der nächsten, grundlegenden Wandlung im Weltkommunismus – wurde diese Praxis in der SED eingeschränkt. Hermann Weber konzentrierte sich vor allem auf die Geschichte des Kommunismus in Deutschland. Seine Arbeit kann aber auch zur Analyse der Entwicklung der KPTsch (Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei) beitragen, wie die 1968 von ihm publizierte Geschichte der DDR2 zeigt, die vor der Niederschlagung des Prager Frühlings erschien. In ihr setzte er sich auch mit den Folgen der Entstalinisierung für den SED-Staat auseinander. Auf die Beschlüsse des XX. Parteitags der KPdSU 1956 reagierte die SED-Spitze nicht mehr einheitlich. Hinter den Kulissen bahnte sich ein Machtkampf innerhalb ihrer Führung an. In der Partei nahmen die Stimmen zu, die die Ablösung von Walter Ulbricht als Erster Sekretär des ZK der SED forderten. In der zweiten Hälfte der 50er-Jahre war es damit in der DDR zu Entwicklungen gekommen, die sich in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre in der ČSSR wiederholten. Beide Male wurde die Forderung nach einer Reform der Partei und der Zentralverwaltungswirtschaft erhoben. In beiden Staaten wurden intellektuelle und künstlerische Freiheit, die Rehabilitierung der Opfer stalinistischer Repressionen und Rechtssicherheit eingefordert. In der DDR gewann Ulbricht 1956 / 57 den innerparteilichen Machtkampf und zerschlug nach der Niederlage der ungarischen Revolution auch die intellektuelle Opposition in der DDR. Anders entwickelte sich die Situation in der ČSSR der 60er-Jahre. Webers Geschichte der DDR erschien im Vorfeld der Ostverträge der Bundesrepublik, als um die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik heftig gestritten wurde. Der Autor war für eine neue Ostpolitik und die Anerkennung des SED-Staates und begründete seine Position mit der Hoffnung auf die Wandlungsfähigkeit des Kommunismus. Er schrieb: »Wir sollten den Kommunismus erkennen als ein sich wandelndes Phänomen unserer Welt. Wir müssen einsehen, dass der Kommunismus von heute nicht mehr identisch ist mit dem der Stalin-Ära. Er ist sicherlich auch in Zukunft Wandlungen unterworfen. Auch im deutschen Kommunismus stehen sich zwei Welten gegenüber, personifiziert etwa durch den demokratischen Kommunisten Havemann und den stalinistischen Kommunisten Fröhlich.3 Gelingt es den Kräften, die den demokratischen Kommunismus wollen, sich durchzusetzen, werden die Probleme für den Westen zwar nicht einfacher, aber das Leben der Menschen im Osten wird leichter.«4 Weber konstatierte, dass die Kräfte eines reformerischen Kommunismus noch schwach waren, aber er hoffte, dass sie nach dem Stalinismus mehr Rücksicht nehmen würden auf die Wünsche der Bürger. Die Demokratisierung des Kommunismus, speziell in der DDR, hätte nach Weber Folgendes bedeutet: »Die Massen erhalten Selbstbestimmung, das Monopol der Einheitspartei wird gebrochen und den Staatsbürgern werden die vollen Grundrechte zugestanden.«5 All diese Probleme waren für Pelikán 1968 Gegenstand praktischer Politik. Sein Handeln war bestimmt vom Kampf mit den stalinistischen Kommunisten, den er und seinesgleichen am 21. August verloren. II. Jiří Pelikán wurde 1939 als 16-jähriger Schüler Kommunist. Er trat in eine illegale Partei im »Protektorat Böhmen und Mähren« ein. 1938 hatten Großbritannien und Frankreich in München ihren tschechoslowakischen Verbündeten Hitlers Eroberungspolitik ausgeliefert. Die Hoffnung vieler Tschechen richtete sich nach dieser Enttäuschung auf die Sowjetunion, diese schien aber mit Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes die Souveränität der Tschechen und Slowaken ebenfalls aufzugeben. Der Krieg des Deutschen Reiches gegen Polen schuf eine neue Konstellation. Pelikáns älterer Bruder erklärte ihm nun den »klugen Schachzug« Stalins, der die Sowjetunion durch den Pakt mit Hitler aus dem Krieg der Westmächte gegen Deutschland herausgehalten habe. Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941 beseitigte alle Zweifel, dass Moskau die Tschechoslowakei befreien würde. 1940 wurde Jiří nach dem Verteilen von Flugblättern verhaftet, seit 1942 lebte er illegal. Seine Eltern wurden als Geiseln festgenommen, die Mutter starb in einem deutschen Lager. Auch sein Bruder wurde verhaftet, der ihn das Glaubensbekenntnis stalinistischer Kommunisten gelehrt hatte: »Die Partei ist Träger der kollektiven Vernunft, sie weiß mehr als irgendjemand sonst. Vergiss nicht, dass Intellektuelle sich gern von anderen abheben. Doch um ein guter Revolutionär zu sein, muss man diesen Wunsch, sich von anderen zu unterscheiden, aus seinem Herzen reißen. Höre also auf, dir mehr Fragen zu stellen als die anderen, und akzeptiere die Entscheidung der Partei.«6 Ab der Befreiung seines Landes von der deutschen Okkupation war Jiří Pelikán Parteifunktionär: In seiner Heimatstadt Olmütz baute er den Jugendverband der KPTsch auf, dann ging er zum Studium nach Prag und wurde dort Präsident des Nationalen Studentenbundes. Von 1948 bis 1951 war er zugleich Vorsitzender der KPTsch-Hochschulorganisation in Prag. In dieser Funktion war Pelikán aktiv an der kommunistischen Machtübernahme im Jahre 1948 beteiligt. Er war an der Karlsuniversität verantwortlich »für das, was in den Fakultäten vorging. Die Studenten hatten hier eine Art ›Sowjet‹ gegründet, ein Aktionskomitee, das über die Berufung und Abberufung der Professoren sowie über die Säuberung unter den Studenten entschied.«7 Zu dieser Zeit war Antonín Novotný Sekretär der KPTsch-Bezirksleitung von Prag und Pelikáns Vorgesetzter. 1948 wurde Pelikán der jüngste Abgeordnete in der Nationalversammlung, der er bis 1969 angehörte. 1953 wurde er Generalsekretär und 1955 Präsident des Internationalen Studentenbundes, diese Funktion übte er bis 1963 aus. Danach wurde er Generaldirektor des tschechoslowakischen Fernsehens und Mitglied der ideologischen Kommission beim ZK der KPTsch. Der Konflikt Stalins mit Jugoslawien, die darauf folgenden politischen Prozesse gegen führende Kommunisten in Ungarn und der Tschechoslowakei nach 1948 – am Schauprozess gegen den früheren Generalsekretär der KPTsch Rudolf Slánský in Prag 1952 nahm er als Zuschauer teil – und schließlich der XX. Parteitag der KPdSU 1956 waren Ereignisse, die bei Pelikán Fragen bezüglich der Parteigeschichte und Zweifel am Wahrheitsmonopol der kommunistischen Ideologie auslösten. Nach der Verurteilung Stalins durch Nikita S. Chruschtschow stellte sich für die Kommunisten in der ČSSR die Frage der Rehabilitierung der vom eigenen Sicherheitsapparat verfolgten und getöteten Genossen. Damit stand die Partei vor einem moralisch-politischen Problem, das auch Pelikán betraf. Als seinerzeit die eigenen Genossen in die Parteisäuberungen gerieten, hatte sich keine Hand zu ihrer Verteidigung gerührt. Pelikán zählte als Nachwuchskader nicht allein zu den Zeugen des Terrors, der die KPTsch damals prägte, sein Aufstieg fand in seinem Schatten statt. In seinen Erinnerungen berichtet er, dass Antonin Novotný, 1951 zum ZK-Sekretär aufgestiegen, persönlich seine Teilnahme als Zuschauer im Slánský-Prozess organisierte.8 Pelikán erlebte die Demütigungen des früheren Generalsekretärs der KPTsch Rudolf Slánský und seiner Mitangeklagten durch den Generalstaatsanwalt mit.9 Die meisten Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nach Stalins Tod 1953 begann in Prag quälend langsam die Überprüfung der Urteile der politischen Prozesse, und es kam zu ersten Rehabilitierungen. Die aus dem öffentlichen Leben Verschwundenen kehrten zurück. 1956 begegnete Pelikán Arthur London,10 einem der wenigen Überlebenden des Slánský-Prozesses. Auf Pelikáns Fragen verwies London zunächst auf das Schweigegebot, das er bei seiner Entlassung unterschreiben musste, um ihm dann schließlich doch noch zu antworten. In Pelikáns Erinnerungen steht darüber zu lesen, London habe ihm die »Technik der Prozesse« dargelegt, »das ganze Räderwerk«.11 Wie sehr Pelikán von diesem Teil seiner Parteigeschichte umgetrieben war, zeigte sich im Exil nach 1969. Er publizierte die geheimen parteiinternen Untersuchungsberichte über die Prozesse gegen Funktionäre der KPTsch und deren selektive und halbherzige Rehabilitierung durch die Partei.12 III. Um das gesellschaftliche und politische Gewicht der Rehabilitierungen und der Wiedergutmachung des geschehenen Unrechts zu ermessen, muss man sein Ausmaß kennen: Es traf nach 1948 Widerstandskämpfer mit westlicher Orientierung, Geistliche und Gläubige, Bauern, die sich gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft wehrten, ebenso wie Mitglieder der kommunistischen Partei. »Insgesamt wurden über 200 000 Personen in Haft genommen, 190 Todesurteile gefällt und davon 148 vollzogen […]. Mehr als 2 Millionen Menschen wurden in diesen Jahren in der Tschechoslowakei Opfer von Willkürakten.«13 Diese Repressionen konzentrierten sich auf wenige Jahre, Stalins Tod beendete sie auch in der ČSR. Ihre Schrecken gruben sich aber tief ins Bewusstsein der Bevölkerung ein. Zu den ersten Debatten und Reformen 1968 gehörte die Rehabilitierung der Opfer politischer Willkürherrschaft. Sowohl die öffentliche Auseinandersetzung als auch die Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen im Parlament unterschieden diesen Vorgang von der üblichen Praxis im sozialistischen Lager.14 Der DDR-Botschafter in Prag, Peter Florin, vermeldete am 10. März 1968 nach Berlin: »Unter dem Motto ›Kampf gegen den Konservatismus‹ und für eine uferlose ›Demokratie‹ wird offen die Absetzung des Präsidenten der Republik, des Ministers für Nationale Verteidigung, des Vorsitzenden der Gewerkschaften u. a. Genossen gefordert. Die Bevölkerung wird systematisch aufgewiegelt in Briefen an die Parteiführung (die alle veröffentlicht werden) und auf andere Art und Weise diesen Forderungen einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dabei spielt die Forderung nach Rehabilitierung aller in der Vergangenheit abgelehnten Personen und die Bestrafung der Schuldigen für die Ablehnung eine wachsende Rolle […]. Neu ist, dass in diesem Zusammenhang bereits Forderungen laut werden, an Stelle der gegenwärtig führenden Genossen rehabilitierte Personen einzusetzen«.15 Der Prager Frühling ging somit auch mit einer innerparteilichen Auseinandersetzung zwischen kommunistischen Opfern und stalinistischen Tätern einher. Auf dem Januar-Plenum des ZK der KPTsch 1968 wurde deren Erster Sekretär Novotný zum Rücktritt von seiner Parteifunktion gezwungen, weil er in die Verbrechen der fünfziger Jahre involviert gewesen war. Novotný blieb zunächst Staatspräsident. Sein Nachfolger an der KPTsch-Spitze wurde der Erste Sekretär der slowakischen KP, Alexander Dubček. Einer der entschiedensten Befürworter dieses Wechsels war der Präsident der Nationalversammlung Josef Smrkovský. Seine Rede war vom Gespür für die historische Stunde getragen. Für ihn stand die entscheidende Weichenstellung in seiner Partei an, der er seit 37 Jahren angehörte. Im Verlauf seiner Rede erinnerte er auch an fünf Tage im August 1954, die ihn selbst betrafen: »Das war mehr als ein Jahr nach dem Tode Stalins und der Verurteilung Berijas, wo ich nach 31/2 jähriger Untersuchungshaft darauf wartete, ob der Staatsanwalt vor Gericht die vorgeschlagene Todesstrafe für mich durchsetzen wird. Damals wurde bei uns noch hingerichtet.«16 Er forderte, der Personenkult an der Spitze der Partei müsse ebenso ein Ende haben wie die Praxis der selektiven Rehabilitierung. Welche Hoffnungen Kommunisten wie Smrkovský damals mit ihrer Politik verbanden, drückten sie in einem Versprechen aus: Sozialismus mit menschlichem Gesicht. Der im April 1968 berufene Innenminister Josef Pavel zählte zu jenen Rehabilitierten, die nun Regierungsverantwortung im Reformprozess übernahmen. Pavel, Absolvent der Lenin-Schule in Moskau, Kommandeur der tschechoslowakischen Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg, 1947 / 48 Leiter der Sicherheitsabteilung beim ZK der KPTsch, war 1951 als stellvertretender Innenminister verhaftet und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden, 1955 wurde er frei gelassen. Empört notierte eine Delegation des DDR-Innenministeriums nach einem Gespräch mit ihm im Juni 1968: »Er selbst sieht weder im westdeutschen Imperialismus noch in den antisozialistischen Kräften in der ČSSR, sondern in den eigenen Fehlern eine ernste Gefahr.«17 Nach der Besetzung des Landes wurde Pavel abgesetzt und 1970 aus der KPTsch ausgeschlossen. IV. Auf Veranlassung von Dubček wurde am 4. März in der ČSSR die Zensur abgeschafft. Mit dieser folgenreichsten innenpolitischen Entscheidung erkannte die neue Parteiführung die bereits entstandene von der Partei unabhängige Öffentlichkeit an. Sie hob die Parteikontrolle über die Presse und die elektronischen Medien auf. Für Jan Pauer wandelte sich mit diesem Schritt die öffentliche Meinung zu einer kritischen Instanz, »der sich die politische Herrschaft fortan verantworten musste.«18 Dies sah DDR-Botschafter Florin in seinem Bericht ähnlich, als er den Verlust des Meinungsmonopols der KPTsch nach Berlin meldete und konstatierte: »Die Presse im allgemeinen, zumindest die zentrale Presse, der Fernsehfunk, der Rundfunk, [die Nachrichtenagentur] CTK und einer Reihe Zeitschriften befinden sich in den Händen der gegnerischen Kräfte.«19 In den Reformen des Prager Frühlings kulminierte eine Entwicklung, die nach dem Tod Stalins begonnen hatte, das »Tauwetter« in Kunst und Kultur. Die erste Periode wurde von oben gleichsam per Dekret in Form der Entstalinisierung verordnet. Auf kulturellem Gebiet geschah vieles, »was noch kurz zuvor undenkbar erschienen wäre. Nach und nach trat der Mensch auf, in der Literatur, im Theater, im Film, in der gesellschaftlichen Sphäre. Die Geschichte wurde nicht mehr mit Resolutionen geschrieben, die Philosophen konnten öffentlich und in den Universitäten über die herrschende Ideologie – allerdings nur in diesem Rahmen – diskutieren.«20 Antonín J. Liehm, der zu den publizistischen Wegbereitern dieses Frühlings gehört, fasst die Ergebnisse des gesellschaftlichen Prozesses in der These zusammen, dass man in der ČSSR zehn Jahre gebraucht habe, um die »Ideologie, ihre Dogmen und Hüter«21 zu besiegen. Die Schriftsteller und Künstler handelten in diesem poststalinistischen Tauwetter auf eigene Verantwortung und nicht mehr im Auftrag der Partei. Die Werke, die in diesen sechziger Jahren im »sozialistischen Lager« entstanden, erstaunten damals die Welt und repräsentieren einen großen Moment europäischer Kulturgeschichte. Es war diese – auch kulturelle – Freiheit, die der stalinistisch sozialisierte DDR-Botschafter Florin als Beginn der »Konterrevolution« wahrnahm. In seinem Weltbild konstruierte er ein gegnerisches Zentrum, das die »Konterrevolution« lenkte und zu deren Mitgliedern er auch Pelikán zählte: »Eindeutig wird sichtbar, dass die gegnerischen Kräfte zentral gesteuert werden. Wahrscheinlich besteht sowohl ein offenes Zentrum als auch ein illegales Zentrum. Zu den Persönlichkeiten des offenen Zentrums sind heute schon zu zählen Smrkovsky (Mitglied des ZK der KPTsch und Minister für Forstwirtschaft), Sik (Mitglied des ZK), Goldstücker (Prof. der Karlsuniversität und Vorsitzender des Schriftstellerverbandes), Pelikan (Direktor des staatlichen Fernsehens), Kohout (Schriftsteller) […]. Bisher entwickelt sich die Lage so, wie am Vorabend des konterrevolutionären Putsches 1956 in Ungarn.«22 Vor den Panzern kam das Wort »Konterrevolution«, aus dem der Einsatzbefehl erwuchs – Florin war einer der Schreibtischtäter, die es lieferten. Im April verabschiedete die KPTsch ihr Aktionsprogramm, in dem sie die Parteikonzeption veränderte. Ausdrücklich verurteilte sie die falsche These, »die Partei sei das Instrument der Diktatur des Proletariats«.23 Damit niemand missverstand, was damit gemeint war, hieß es ausdrücklich: »Das Ziel der Partei ist nicht, zum universellen Verwalter der Gesellschaft zu werden, alle Organisationen und jeden Schritt im sozialen Leben an ihre Direktive zu binden.«24 Für die SED gab damit die KPTsch ihren Charakter als marxistisch-leninistische Partei auf. Die bulgarische KP informierte die SED im April, dass im ZK der KPTsch und ihrem Präsidium ein »›zweites Zentrum‹ existiert, das in der Tat die Lage in seinen Händen hat und lenkt«.25 Der Terminus »zweites Zentrum« behauptet die Existenz einer Verschwörung in der Spitze der KPTsch, und er weckt Erinnerungen an den zweiten Moskauer Schauprozess von 1937. Die Bulgaren behaupteten, der Kern dieser Gruppe bestehe aus Juden, geleitet, so glaubten sie, werde sie von František Kriegel. Pelikán wurde ihr ebenso zugerechnet wie Smrkovský und Ota Šik, der Planer der Wirtschaftsreformen. Damit standen die Schuldigen an der Entwicklung in der ČSSR für die regierenden Parteien der fünf Warschauer- Pakt-Staaten bereits fest, deren Armeen im August einmarschierten.26 V. Die Entscheidung, mit Truppen des Warschauer Pakts in der ČSSR die »Konterrevolution« von außen zu stoppen, fiel im Grundsatz auf der gemeinsamen Tagung der Partei- und Staatsführungen der Sowjetunion, Bulgariens, Polens, Ungarns und der DDR am 14. Juli in Warschau. Breschnew erklärte, »das Land sei im Stadium der Konterrevolution und verlasse das sozialistische Lager«.27 Bei allem, was folgte, setzten die »Warschauer Fünf« auf die – euphemistisch formuliert – »gesunden Kräfte« innerhalb der KPTsch-Führung, d. h. den konservativen Flügel der Partei unter Führung von Vasil Bil’ak, dem Nachfolger von Dubček als Erster Sekretär der slowakischen KP, der im Präsidium der KPTsch noch immer die Mehrheit hatte. Am 17. August gab das Politbüro der KPdSU den Militärs grünes Licht für den Einmarsch. Einen Tag später versammelten sich die Parteiführungen aus Bulgarien, Ungarn, Polen und der DDR in Moskau, um diese Entscheidung zu beraten. Leonid I. Breschnew informierte auf diesem geheimen Gipfeltreffen über den Ablauf der Operation. Sie hatte einen militärischen und einen politischen Teil, für dessen Gelingen die »gesunden Kräfte« in Prag verantwortlich waren.28 Der Plan war einfach: Auf der Tagung des KPTsch-Präsidiums sollte sich die konservative Mehrheit am Abend des 20. August die sowjetische Kritik an der politischen Entwicklung in der ČSSR zu eigen machen, die angelaufene Intervention als »brüderliche Hilfe« zur Rettung des Sozialismus begrüßen und die Führung von Partei und Regierung übernehmen. Bereits am Nachmittag des 20. August setzte – wie es Jan Pauer schildert – die Phase der aktiven Vorbereitung der Intervention ein. Der stellvertretende Innenminister und Chef des Staatssicherheitsdienstes beauftragte Oberstleutnant Rypl, »eine Reihe profilierter Reformpolitiker (Pavel, Kriegel, Smrkovský, Šik, Císař,29 Pelikán u. a.) in ›Schutzhaft‹ zu nehmen […]. Die Verhaftungsformel lautete: ›Im Namen der revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung‹.«30 Mit dieser Formel wurden in den Morgenstunden des 21. August auch Dubček und Ministerpräsident Oldřich Černík festgenommen, ohne »auf die gleiche Feindstufe« wie die Radikalreformer gestellt zu werden. Dubček sollte als Kommunist behandelt werden, dessen Willensschwäche von »Feinden des Sozialismus« ausgenutzt wurde.31 Der Plan der Moskautreuen, die Parteiführung zu übernehmen, scheiterte. Statt den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes zu begrüßen, beschloss das Präsidium mit sieben gegen vier Stimmen einen von ZK-Sekretär Zdeněk Mlynář verfassten Aufruf, in dem die Intervention verurteilt wurde. Das Präsidium forderte die Bürger auf, den einmarschierenden Truppen keinen Widerstand zu leisten, da die Verteidigung der Grenze »unmöglich« sei. Die Intervention selbst stehe im Widerspruch »zu den grundsätzlichen Prinzipien der Beziehungen zwischen sozialistischen Staaten« und sei eine Verletzung »der Grundnormen des Völkerrechts«.32 Dieser Aufruf wurde vom tschechoslowakischen Rundfunk am 21. August um 1:00 Uhr ausgestrahlt. Den prosowjetischen Kräften war es nicht gelungen, Rundfunk und Fernsehen in ihre Gewalt zu bekommen. Pelikán berichtete: »Die Journalisten und besonders die Techniker im Rundfunk spielten in dieser Nacht eine entscheidende Rolle. Wenn es den Verrätern gelungen wäre, ihren ›Appell‹ auszustrahlen und somit den Anschein zu erwecken, als drücke er die Meinung der Parteiführung aus, hätte das unser Land und sogar das Ausland in große Verwirrung gestürzt.«33 Der Rundfunk informierte das Land, dass seine Führer nach Moskau entführt wurden, und entwickelte sich zum Organisator des Widerstandes des ganzen Volkes gegen die Okkupation. Pelikán fragt zu Recht: »Welches Schicksal hätte Dubček und seine Genossen erwartet, wenn es den Sowjets gelungen wäre, in Prag eine ›Revolutionsregierung‹ unter Indra34 einzusetzen? Wäre ihnen dasselbe Los zuteil geworden wie einem Imre Nagy oder Slánský?«35 VI. Pelikán schreibt, Dubček hätte erst am 20. August, als die Truppen die Grenze überschritten hatten, begriffen, »dass die Sowjetunion dabei war, den Versuch einer Erneuerung des Sozialismus im Keim zu ersticken«.36 Er protestierte »in großer Würde«, aber er brachte nicht den Mut auf, sich der sowjetischen Partei entgegenzustellen, »er beugte sich. Das zeigt, wie stark diese Unterwerfung unter die Sowjetunion in der Mentalität der Kommunisten verankert ist.«37 Pelikán selbst war gewillt, diese Nabelschnur zu Moskau nun zu durchtrennen. Er tat dies auf dem XIV. Parteitag38, dessen bereits gewählte Delegierte über den Rundfunk nach Prag einberufen worden waren und am 22. August im Arbeitervorort Vysocany zusammentraten. »So etwas hatte es in der Geschichte der kommunistischen Bewegung noch niemals gegeben: Dass der Parteitag einer regierenden kommunistischen Partei in einem sozialistischen Land, der ordnungsgemäß nach dem Parteistatut einberufen worden war, im Untergrund tagen musste, weil die Panzer eines anderen sozialistischen Landes ihn daran hinderten, öffentlich zusammenzutreten.«39 Vor den Delegierten umriss Pelikán die Aufgaben, die der Parteitag zu lösen hatte: »Ich glaube, wir sind verpflichtet, zwei Dinge zu tun. Erstens bekannt zu geben, dass der Parteitag zusammengetreten ist und dass er die legale Vertretung der Partei darstellt, und kurz zu dieser Situation Stellung zu nehmen. Zu Ruhe aufrufen, aber auch zu Entschlossenheit und Einheit. Und zweitens glaube ich, gerade in dieser Lage warten die Menschen darauf, wer ihr Sprecher ist. In dieser Zeit, da die Handlungsfähigkeit der Regierung paralysiert ist und der Staatspräsident nicht handeln kann, da, so glaube ich, ist es nötig, dass dieser Parteitag ein Zentralkomitee wählt, das so zusammengesetzt ist, dass es maximal dem heutigen Denken der Mehrheit der Parteimitglieder oder der Delegierten entspricht.«40 Die Wahl war entscheidend, um zu verhindern, dass »eine Schattenregierung oder ein Schat-ten-ZK«41 gebildet wurde, wie es in der sowjetischen Botschaft zeitgleich versucht wurde. Der Parteitag wählte ein neues ZK ohne Kollaborateure und bestätigte das Mandat von Dubček und den anderen internierten Parteiführern. Er forderte ihre Freilassung und »den Abzug der fremden Truppen«.42 Das neu gewählte ZK nahm seine Führungsaufgabe wahr und warnte Partei und Volk, »dass die Okkupanten nun versuchen würden, Verräter aus den Reihen einiger ehemaliger Funktionäre anzuwerben.«43 Der Generalstreik im Lande, dieser Parteitag, die internationale Reaktion und die völlige Isolierung der prosowjetischen Funktionäre zwang die sowjetische Führung, über den Ausweg aus der entstandenen Lage mit Dubček zu verhandeln. Die Internierten wurden in Moskau nun wieder als führende Funktionäre einer »Bruderpartei« behandelt. Die Moskauer Verhandlungen wurden am 26. August mit der Unterzeichnung eines 15 Punkte umfassenden Rahmenabkommens abgeschlossen. Allein František Kriegel verweigerte auf der tschechoslowakischen Seite seine Unterschrift. Punkt zwei betraf die Annullierung des XIV. Parteitags und Punkt sieben, der auf Verlangen des polnischen Parteichefs Władisław Gomułka eingeführt worden war, betraf den Schutz der prosowjetischen Fraktion: »Die Vertreter der KPTsch erklären, dass kein Parteifunktionär, der für eine Stärkung des Sozialismus gegen antisozialistische Kräfte und für freundschaftliche Beziehungen zur UdSSR gekämpft habe, deswegen aus Funktionen entfernt oder gar Repressionen ausgesetzt werden darf«.44 Die Anwesenheit fremder Truppen wurde akzeptiert und die Massenmedien erneut der Kontrolle der Partei unterworfen. In der Sache war dieser Vertrag ein sowjetisches Diktat. Es war die Tragik von Dubček, dem Idol der Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht, dass er nun, darauf hoffend, das Schlimmste zu verhindern, begann, die Macht des Parteiapparates zu restaurieren. Die Restauration begann mit der Plenarsitzung des alten Zentralkomitees am 31. August, auf der die KPTsch das Moskauer Diktat umzusetzen begann, einschließlich der geforderten Kaderveränderungen. Pelikán und Hejzlar wurden sofort ihrer Funktionen enthoben, die Zensur wurde erneut eingeführt. Noch während der Sitzung des Zentralkomitees bekam Pelikán seine Kaderbeurteilung durch Breschnew mitgeteilt: »Breschnew ist wütend auf dich und auf den Direktor des Rundfunks, Hejzlar, auch auf den Genossen Pavel, den Innenminister und den Außenminister Hájek, der vor der UNO unsere Sache verteidigt hat. Ihr müsst also einen Monat Urlaub nehmen, dann werden wir weitersehen.«45 Auf Beschluss der Parteiführung sollte Pelikán Diplomat werden und als Botschaftsrat an die Botschaft in Rom gehen. In dieser Phase des Übergangs wollte er Dubček keine Schwierigkeiten bereiten und nahm an. Den Schmerz, sein Land auf lange Zeit verlassen zu müssen, hat er in seinen Erinnerungen festgehalten. VII. Am 17. April 1969 löste Gustáv Husák Dubček an der Spitze der Partei ab, am 20. August machte er die Verurteilung der sowjetischen Intervention durch die KPTsch rückgängig. Der Kurs der »Normalisierung« und der »Säuberung« der Partei, des Staatsapparates und der gesellschaftlichen Institutionen wie z. B. der Gewerkschaften von Anhängern des Prager Frühlings begann. Pelikán wurde nach Prag zurückbeordert, er entschied sich für das Exil. Am 1. Oktober 1969 publizierte er in der Londoner Times seine Erklärung, warum er nicht nach Prag zurückgekehrt war. Wenige Tage später wurde er vom Sekretariat des ZK der KPTsch aus der Partei ausgeschlossen. »Ein seltsames Zusammentreffen, denn das geschah am 30. Oktober 1969, also genau 30 Jahre nach meinem Eintritt in die KPTsch. Ich hatte nicht mehr dieselben Gefühle wie die Kommunisten der fünfziger Jahre, für die der Verlust des Parteiausweises dem Verlust ihrer Person und des Sinnes in ihrem Leben gleichkam. Denn ich spürte bereits, dass ich mich mit dieser deformierten Partei nicht mehr identifizieren konnte […]. Mein Platz war außerhalb dieser Partei – bei den 500 000 ausgeschlossenen Kommunisten, – also in der sozialistischen Opposition, wo ich den ›Prager Frühling‹ gegen die immer ungeheuerlicher werdenden Verleumdungen verteidigen konnte.«46 Im Februar 1970 wurde Pelikán die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft entzogen. Um die Freiheit seines Landes gegen die deutsche Okkupation zu verteidigen, war er Kommunist geworden, die sowjetische von 1968 zwang ihn zum Bruch. 1 Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, 2 Bde., Frankfurt am Main 1969; siehe auch ders. / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten, Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; sowie Weber, Hermann: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 221–244. 2 Weber, Hermann: Von der SBZ zur DDR 1945–1968, Hannover 1968. 3 Paul Fröhlich (1913–1970) war 1. Sekretär der Bezirksleitung Leipzig der SED von 1952 bis 1970, ab 1963 Mitglied des Politbüros des ZK der SED. 4 Weber: Von der SBZ zur DDR (Anm. 2), S. 239. 5 Ebenda, S. 240. 6 Pelikán, Jiří: Ein Frühling, der nie zu Ende geht. Erinnerungen eines Prager Kommunisten, Frankfurt a. M. 1975, S. 82 f. 7 Ebenda, S. 76. 8 Siehe Hodos, George Hermann: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungen in Osteuropa 1948–1954, Berlin 2001, S. 182 ff. 9 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 108 ff. 10 Arthur London, Spanienkämpfer, Mitglied der französischen Résistance, wurde 1951 als stellvertretender Außenminister verhaftet und hat den Ablauf des Prozesses beschrieben: Ich gestehe. Der Prozess um Rudolf Slánský, Hamburg 1970. 11 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 156. 12 Siehe Pelikán, Jiří (Hrsg.): Das unterdrückte Dossier. Bericht der Kommission des ZK der KPC über politische Prozesse und ›Rehabilitierungen‹ in der Tschechoslowakei, Wien 1970 sowie ders. (Hrsg.): Pervertierte Justiz, Wien 1972. 13 Prieß, Lutz / Kural, Vaclav / Wilke, Manfred: Die SED und der »Prager Frühling« 1968, Berlin 1996, S. 27. 14 Siehe Pauer, Jan: Prag 1968. Der Einmarsch des Warschauer Paktes, Bremen 1995, S. 25. 15 Florin, Peter: Zur gegenwärtigen Situation in der ČSSR – 10. März 1968, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 303616, S. 2. 16 Rede des Genossen Josef Smrkovský auf der Plenarsitzung des ZK der KPTsch vom 3. bis 5. Januar 1968, in: SAPMO-BArch, DY 303616, S. 1. Die internationale Abteilung des ZK der SED legte diese deutsche Übersetzung Walter Ulbricht am 1. Februar vor und dieser entschied, sie an die Mitglieder des Politbüros zu verteilen. 17 Prieß / Kural / Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« (Anm. 13), S. 150. 18 Pauer: Der Einmarsch (Anm. 14), S. 25 f. 19 Florin: Zur gegenwärtigen Situation in der ČSSR (Anm. 15), S. 4. 20 Liehm, Antonin J.: Vom Tauwetter zu den sechziger Jahren, unveröffentlichtes Manuskript 2007, S. 2 f. 21 Ebenda, S. 3. 22 Florin: Zur gegenwärtigen Situation in der ČSSR (Anm. 15), S. 5. 23 Zitiert nach: Hejzlar, Zdenek: Reformkommunismus. Zur Geschichte der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Köln 1976, S. 194. 24 Ebenda. 25 Prieß / Kural / Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« (Anm. 13), S. 113. 26 Zwei Divisionen der NVA wurden mobilisiert, aber nicht eingesetzt. Es war eine Moskauer Entscheidung, gegen die die SED-Spitze protestierte. 27 Prieß / Kural / Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« (Anm. 13), S. 190. 28 Siehe ebenda, S. 235 f. 29 Čestmír Císař war 1968 Sekretär des ZK der KPTsch und Präsident des Tschechischen Nationalrats. 30 Pauer: Der Einmarsch (Anm. 14), S. 235 f. 31 Siehe ebenda, S. 236. 32 Mitteilung des ZK der KPTsch: An das gesamte Volk der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, in: Marx, Werner / Wagenlehner, Günther (Hrsg.): Das tschechische Schwarzbuch. Die Tage vom 20.–27. August 1968, Stuttgart 1969, S. 16. 33 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 270. 34 Alois Indra, Sekretär des ZK der KPTsch, gehörte zusammen mit Bilak und Drahmir Kolder zu den Organisatoren der pro-sowjetischen Kräfte im Präsidium, er stimmte wie die anderen gegen den Aufruf am 20. August 1968. 35 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 271. 36 Ebenda, S. 102. 37 Ebenda, S. 103. 38 Er sollte im September 1961 stattfinden. 39 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 275. 40 Pelikán, Jiří (Hrsg.): Panzer überrollen den Parteitag. Protokoll und Dokumente des XIV. Parteitags der KPTsch am 22. August 1968, Wien 1969, S. 47. 41 Ebenda, S. 47. 42 Ebenda, S. 102. 43 Ebenda, S. 108. 44 Pauer: Der Einmarsch (Anm. 14), S. 330. 45 Pelikán: Ein Frühling (Anm. 6), S. 283. 46 Ebenda, S. 293 f.

JHK 2008

Editorial

1993, im selben Jahr, in dem sich der Nestor der historischen Kommunismus- und DDR-Forschung in Deutschland, der Mannheimer Zeithistoriker und Politikwissenschaftler Professor Dr. Dr. h. c. Hermann Weber, emeritieren ließ, erschien die erste Ausgabe des von ihm an der Universität Mannheim begründeten Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung (JHK). Unter seiner Ägide wurde das Jahrbuch rasch zu dem wichtigsten deutschsprachigen Forum einer international und interdisziplinär ausgerichteten Forschung über die Geschichte der kommunistischen Bewegungen, Parteien und Regime im 20. Jahrhundert. Diese Forschungslandschaft hatte durch die Öffnung der Archive in Russland und den anderen ostmitteleuropäischen Staaten, für die sich Hermann Weber dezidiert und erfolgreich eingesetzt hatte, starken Auftrieb und wichtige Impulse erhalten. Seit 1993 sind im Jahrbuch auf nunmehr gut 6500 Druckseiten rund 500 Abhandlungen, Miszellen, biographische Skizzen, Quellendokumentationen, Forschungsberichte und Rezensionen erschienen. Sie berührten nicht nur die großen, sondern ebenso oftmals übersehene, »kleine« Ereignisse der Kommunismusgeschichte. Immer wieder wurden neben prominenten auch unbekanntere Akteure und Funktionäre in den Blick genommen; die Studien beschränkten sich dabei keineswegs auf Deutschland und die Sowjetunion. Wer die Jahrbücher zur Hand nimmt, betritt eine Forschungslandschaft, die sich seit der ersten Ausgabe gleichermaßen im Hinblick auf Zeiten und Räume weitet. Die Beiträge spannen einen Bogen von den Anfängen der kommunistischen Bewegung, die im Völkergemetzel des Ersten Weltkriegs ihren Ausgang nahm, bis zum Ende des »kurzen« 20. Jahrhunderts, als überwiegend friedlich verlaufende Revolutionen die im Namen des »realen Sozialismus« herrschenden Diktaturen überwanden. Zugleich öffnen die Artikel die Augen für die höchst unterschiedlichen Ausformungen, die diese Bewegung in jenen gut sieben Jahrzehnten kennzeichneten. Die Jahrbücher erschließen die Geschichte des Kommunismus in ihrer ganzen Ambivalenz. Aus unterschiedlichsten Perspektiven versuchen viele Beiträge zu beleuchten, wie der Kommunismus Legitimation totalitärer Regime in der Sowjetunion, in ihren »Satellitenstaaten« oder auch auf dem asiatischen Kontinent sein konnte, deren Opfer viele Millionen zählen. Andere Texte zeigen, dass die kommunistische Bewegung andernorts und bisweilen gleichzeitig emanzipatorische politische Ziele verfolgen konnte, die Intellektuelle und Arbeiter gleichermaßen in ihren Bann zogen und im Kampf gegen soziale und politische Ungerechtigkeit einten. Auf welche Weise dieser emanzipatorische Impetus schließlich fast immer und überall von Ideologien und »Ismen« im Namen eines Stalin, Mao oder von deren Epigonen zersetzt, überformt und ausgeschaltet wurde, durchzieht als zentrale Fragestellung die Jahrbücher wie ein roter Faden. Immer wieder aufs Neue beleuchtet das Jahrbuch, wie aus einer emanzipatorischen Idee und aus leidenschaftlichen Revolutionären, die die Arbeiterklasse von Ausbeutung befreien wollten, Stalinisten, Bürokraten, Menschenschinder und auch -mörder wurden und wie dieselben kommunistischen Funktionäre, die vor dem »Klassenfeind« Heldenmut bewiesen, sich wenig später bedingungslos einer Parteilinie unterwarfen. Und immer wieder lenkt das Jahrbuch die Aufmerksamkeit auf die innerkommunistische Opposition und den Widerstand gegen den Stalinismus, der von diesem mit unerbittlicher Härte bekämpft und liquidiert wurde. All dies sind Fragen, die Hermann Weber als Begründer des Jahrbuchs, der mittlerweile auf ein halbes Jahrhundert eigene Kommunismusforschung zurückblickt, nicht loslassen. Hermann Webers gesamtes publizistisches und wissenschaftliches Wirken war und ist »darauf gerichtet, der Quasi-Annexion der Geschichte der modernen sozialen Bewegungen durch die Stalinisten und Poststalinisten zu widersprechen, die ›Säuberung‹ der Vergangenheit aufzudecken und auf diese Weise einen grundlegenden, niemals aufzuhebenden Widerspruch des kommunistischen Etatismus ins öffentliche Bewusstsein zu heben«, wie es Peter Brandt unlängst so treffend formulierte. Hermann Weber hat mit der Veröffentlichung des Jahrbuchs 2007 sein Ausscheiden aus dessen Herausgeberkreis erklärt. In den Jahren zuvor hatte er die Zukunft seines Jahrbuches gesichert, indem er die materielle Verantwortung in die Hände der Bundesstiftung Aufarbeitung legte und jüngere Kollegen für die Herausgeberschaft gewinnen konnte. Die Herausgeber des Jahrbuchs wie auch die Bundesstiftung Aufarbeitung kamen rasch überein, das JHK 2008 seinem Begründer zu widmen, der im August des Erscheinungsjahres seinen 80. Geburtstag feiern wird. Für das Jahrbuch 2008 haben 35 namhafte Historikerinnen und Historiker aus dem In- und Ausland Beiträge verfasst, die auf vielfältige Weise die verschiedenen »Lebensthemen« Hermann Webers aufgreifen und fortschreiben. Allein sieben Artikel widmen sich der Geschichte der Komintern und der kommunistischen Bewegung in der Vorkriegszeit. Die sowjetische Hegemonialpolitik in der Nachkriegszeit, die Transformation der SED zur stalinistischen Staatspartei sowie Fragen der DDR-Geschichte werden in acht Studien thematisiert. Zu beiden Themenkomplexen hat Hermann Weber seit den fünfziger Jahren bahnbrechende Abhandlungen vorgelegt, die bis heute Bestand haben. Seine Weiterentwicklung der »Stalinisierungsthese« der kommunistischen Bewegung seit Ende der zwanziger Jahre zu einem grundlegenden Konzept der Analyse bestimmt die historische Kommunismusforschung bis in die Gegenwart, wie der dritte Themenblock des Jahrbuchs deutlich macht. Hier finden sich sechs Beiträge, die sich direkt und indirekt mit Webers Erklärungsansätzen auseinandersetzen und diese fortschreiben. Dass die Auseinandersetzung mit der Kommunismusgeschichte stets eine politische Dimension in sich trug – und weiter trägt –, zeigen sowohl der Artikel, der Hermann Webers Rolle in der bundesdeutschen DDR-Forschung gewidmet ist, als auch jener, der die aktuelle geschichtsrevisionistische Offensive ehemaliger MfS-Kader beschreibt. Die in der Rubrik Forum publizierten zeithistorischen Essays resümieren die Geschichte des deutschen Kommunismus und dessen Wechselverhältnis zur Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis in die Gegenwart. Auch im Jahrbuch 2008 nimmt der biographische Zugang zur Geschichte mit acht (kollektiv-)biographischen Studien wieder breiten Raum ein. Nicht von ungefähr behandeln vier der Beiträge politische Lebenswege, die in der kommunistischen Bewegung ihren Ausgang nahmen und in der Sozialdemokratie ihren Abschluss fanden, ist doch der Begründer des Jahrbuchs eben diesen Weg gegangen. Vier biographische Skizzen sind den Opfern der kommunistischen Säuberungen gewidmet, denen Hermann Weber schon immer große Aufmerksamkeit schenkte. Der von Mitherausgeber Bernhard H. Bayerlein herausgegebene Internationale Newsletter der Kommunismusforschung informiert wie gewohnt über Neuerscheinungen, Konferenzen und aktuelle Forschungsvorhaben. Eine ausführlichere Fassung des Newsletters findet sich zudem als Online-Zeitschrift im Internet. Die Herausgeber danken den Autorinnen und Autoren des Jahrbuches 2008 für ihre instruktiven Beiträge. Dank gilt auch den internationalen Beiräten des Jahrbuches, die seine Erarbeitung engagiert befördert haben. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat auch 2007 / 2008 die finanziellen Voraussetzungen für das Jahrbuch geschaffen, das wiederum mit Mitteln der Hermann-Weber-Stiftung (Mannheim) sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung (Berlin) finanziell unterstützt wurde. Allen Institutionen sei hiermit herzlich und ausdrücklich gedankt! Unser Dank geht auch an Heiko Hänsel, der das Jahrbuch bis einschließlich der Ausgabe 2007 als Redakteur fachkundig betreute und sich nun neuen beruflichen Aufgaben zugewandt hat. Das Lektorat des JHK 2008 wurde von Karin Jaeger exzellent besorgt, die dabei von der Lektorin des Aufbau-Verlags, Maria Matschuk, mit weit mehr Engagement begleitet wurde, als dies im heutigen Verlagsgewerbe sonst üblich ist. Den Satz des Jahrbuchs übernahm Thomas Klemm in Leipzig. Ihnen allen sei hier ausdrücklich gedankt. Vor allem möchten die Herausgeber jedoch Hermann Weber ihren großen Respekt und Dank bekunden – er gilt einem halben Jahrhundert engagierten Forschens und Lehrens auf den Gebieten Kommunismus- und DDR-Forschung! Hermann Weber hat dieses Feld wie kein anderer geprägt, ein außergewöhnliches wissenschaftliches Oeuvre und mit dem Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung ein Forum geschaffen, das auch in Zukunft garantiert, dass die Forschungen seines Gründers weiterwirken und noch lange aufgegriffen werden. Die Herausgeber sind sich der Aufgabe bewusst, die eingeschlagenen Pfade zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Die Herausgeber, Beiräte, Autorinnen und Autoren des Jahrbuchs wie auch die Unterzeichner der Tabula Gratulatoria am Ende dieses Bandes sind dem Wissenschaftler und dem Menschen Hermann Weber auf unterschiedlichste Weise verbunden. Sie alle wünschen ihm eine glückliche Vollendung seines 80. Lebensjahres und ihm und seiner Frau Gerda alles erdenklich Gute, anhaltende Gesundheit und Schaffensfreude! Berlin, den 20. Dezember 2007 Die Herausgeber

JHK 2008

Tabula Gratulatoria und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2008

Gunther Adler, Berlin Prof. Dr. Hans Albert, Heidelberg Wolfgang Alles, Speyer Prof. Dr. Helmut Altrichter, Erlangen Thomas und Vera Ammer, Euskirchen / Flamersheim Gerd Andres MdB, Hannover Prof. Dr. Werner T. Angress, Berlin Dr. Kerstin Armborst, Mainz Prof. Dr. Hans-Wolfgang Arndt, Mannheim Prof. Dr. Rolf Badstübner, Berlin Dr. Peter Barker, Reading Bernd-Rainer Barth, Berlin Dr. Bernhard H. Bayerlein, Köln Dr. Klaus J. Becker, Ludwigshafen Michael Beleites, Dresden Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf, Bonn Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier, Dresden Asst. Prof. Dr. Bülent Bilmez, Istanbul Marianne Birthler, Berlin Dr. Lars Björlin, Huddinge Prof. Dr. Dr. em. Wilhelm Bleek,Toronto Prof. Dr. Peter Bohley, Tübingen Prof. Dr. Alfred Bohnen, Osthofen Marcel Bois, Hamburg Prof. Dr. Bernd Bonwetsch, Moskau Prof. Dr. Ulrich Borsdorf, Essen Prof. Dr. Beatrix Bouvier, Trier Prof. Dr. Werner Bramke, Leipzig Prof. Dr. Peter Brandt, Hagen PD Dr. Ulf Brunnbauer, Berlin Dr. Matthias Buchholz, Berlin Dr. Günter Buchstab, Sankt Augustin Prof. Dr. Michael Buckmiller, Hannover Dr. Klaus Burkhardt, Amman Prof. Dr. Clemens Burrichter, Berlin Prof. Dr. Helmut Dahmer, Wien Prof. Dr. Horst Dähn, Berlin Dr. Barbara Distel, Dachau Prof. Dr. Dieter Dowe, Bonn Prof. Dr. Rainer Eckert, Leipzig Oberst Dr. Hans Gotthard Ehlert, Potsdam Prof. Dr. Wolfgang Eichwede, Bremen Jan Emendörfer, Rostock Dr. Heinrich Eppe, Kirchberg / Jagst Rainer Eppelmann, Berlin Prof. Dr. Walter Euchner, Göttingen Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Bochum Dr. Jean-François Fayet, Genf Dr. Tilman P. Fichter, Berlin-Charlottenburg Prof. Dr. Helmut Fleischer, Hambüren Dr. Jan Foitzik, Berlin Dr. h. c. Karl Wilhelm Fricke, Köln Dr. Thomas Wegener Friis, Odense Prof. Dr. Alexander Gallus, Rostock Staatssekretär a. D. Prof. Dr. Hansjörg Geiger, Berlin Dr. h. c. Ralph Giordano, Köln Iris Gleicke MdB, Schleusingen Dr. Hans-Georg Golz, Bonn Prof. Dr. Helga Grebing, Göttingen Dr. Robert Grünbaum, Berlin Prof. Dr. Antonia Grunenberg, Oldenburg Hans-Joachim Hacker, Schwerin Heiko Hänsel, Berlin Dirk Hansen, Lüneburg Prof. Dr. Heiko Haumann, Basel PhD John Earl Haynes, Washington, DC Helen Heberer MdL, Mannheim Manfred Heckenauer, Berlin Dr. Wladislaw Hedeler, Berlin PD Dr. Siegfried Heimann, Berlin Dr. Thomas Heimann, Speyer Prof. Dr. Manfred Heinemann, Hannover Oberst Dr. Winfried Heinemann, Potsdam Hans-Otto Hemmer, Berlin Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke, Dresden Andreas Herbst, Berlin Prof. Dr. Günther Heydemann, Leipzig PD Dr. Götz Hillig, Marburg Stephan Hilsberg, Berlin Prof. Dr. Jürgen Hofmann, Berlin Dres. Brigitte und Klaus Hohlfeld, Mannheim Prof. Dr. Jerzy Holzer, Warszawa Dr. Gunter Holzweißig, Kleinmachnow Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber, Berlin Christian W. Hübel, Mannheim Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Bonn Dr. Jens Hüttmann, Berlin Prof. Dr. Martin Irle, Weinheim Ursula Irle-Böhnisch, Weinheim Prof. Dr. Narihiko Ito, Kamakura-City Lutz Jahre, Mannheim Prof. Dr. Eckhard Jesse, Chemnitz Prof. Dr. Ralph Jessen, Köln Matthias Jung, Mannheim Gustav Just, Prenden Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Max Kaase, Berlin Friedrich P. Kahlenberg, Boppard Josef Kaiser, Ludwigshafen Dr. Anna Kaminsky, Berlin Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, Graz Dr. Hans-Georg Kiera, Niestetal Staatsrätin Dr. Kerstin Kießler, Berlin Prof. Makio Kimura, Kagoshima Prof. Dr. Endre Kiss, Budapest Staatssekretärin Barbara Kisseler, Berlin Prof. Dr. Dr. h. c. Fritz Klein, Berlin Rainer E. Klemke, Berlin Prof. Dr. Christoph Kleßmann, Potsdam Silke Klewin, Bautzen Prof. Dr. Volkhard Knigge, Weimar-Buchenwald Dr. Manfred Koch, Karlsruhe-Pfinztal Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jürgen Kocka, Berlin Dr. Gerd Koenen, Frankfurt a. M. Prof. Dr. Eberhard Kolb, Bad Kreuznach Klaus Kordon, Berlin Bürgermeister a. D. Hans Koschnick, Bremen Hartmut Koschyk, Berlin Dr. Till Kössler, München Dr. Paul Koszuszeck, Frankfurt Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, Berlin Christine Krauss, Berlin Dr. Günter Kröber, Leipzig Eberhard Kuhrt, Berlin Dr. Johannes L. Kuppe, Bad Honnef Dr. Ursula Langkau-Alex, Amsterdam Dr. Norman LaPorte, Pontypridd Dr. Peter Joachim Lapp, Ölsen Dr. Hannes Leidinger, Wien Prof. Dr. Michael Lemke, Berlin Dr. Annette Leo, Berlin Prof. Dr. h. c. Wolfgang Leonhard, Manderscheid / Eifel Dr. Wolfgang Levermann, Hannover PD Dr. Thomas Lindenberger, Potsdam Christoph Links, Berlin Dr. h. c. Erich Loest, Leipzig Prof. Dr. Siegfried Lokatis, Leipzig Prof. Dr. Einhart Lorenz, Oslo Prof. Dr. Wilfried Loth, Essen Ottokar Luban, Berlin Bernd Lüdkemeier, Magdeburg Leonid Luks, Eichstätt Dr. Ulrich Mählert, Berlin Dr. Andreas Malycha, Berlin Lothar Mark, Berlin und Mannheim Prof. Dr. Inge Marszolek, Bremen Prof. Dr. Peter Maser, Bad Kösen Prof. Dr. Martin McCauley, London Dr. Kevin McDermott, Sheffield Markus Meckel MdB, Berlin Prof. Dr. Vojtech Mencl, Praha Dr. jur. Wilhelm Mensing, Bonn Dr. Gerhard Mersmann, Mannheim Prof. Dr. Sigrid Meuschel, Leipzig Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Möller, München Dr. Kevin Morgan, Manchester Dr. Verena Moritz, Wien Prof. Dr. Günter Morsch, Oranienburg Jörn Mothes, Schwerin Dr. Fred Mrotzek, Rostock Reinhard Müller, Hamburg Prof. Dr. Dres. h. c. Walter Müller, Mannheim Prof. Dr. Werner Müller, Dannstadt-Schauernheim Prof. Dr. Wolfgang C. Müller, Mannheim Dr. Helmut Müller-Enbergs, Berlin Dr. Helmut Münch, Mannheim Prof. Norman M. Naimark, PhD, Stanford Dr. Detlef Nakath, Potsdam Dr. Ehrhart Neubert, Erfurt Hildigund Neubert, Erfurt Prof. Dr. Gottfried Niedhart, Mannheim Dr. Ulrich Nieß, Mannheim Dr. Ingeborg Nikitopoulos, Mannheim Bischof Axel Noack, Magdeburg Günter Nooke, Berlin Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Oberreuter, Tutzing / Passau Dr. Marc-Dietrich Ohse, Hannover Fred S. Oldenburg, Köln Dr. Wilfriede Otto, Berlin Prof. Dr. Hans Ottomeyer, Berlin Martin-Michael Passauer, Berlin Prof. Dr. Andreas E. Pehnke, Greifswald Prof. Dr. Ulrich Pfeil, Saint Étienne Dr. Alexander von Plato, Stade Gerd Poppe, Berlin Ulrike Poppe, Berlin Dr. Heinrich Potthoff, Königswinter Prof. Dr. Jacques Poumet, Lyon Bürgermeister Lothar Quast, Mannheim Dr. Hermann Rappe, Hannover Prof. Dr. Lutz R. Reuter, Hamburg Dr. Manfred Rexin, Berlin Prof. Dr. Klaus-Georg Riegel, Trier Prof. Dr. Berthold Rittberger, Mannheim Prof. Dr. Rupprecht Rohr, Mutterstadt Dr. Sabine Roß, Berlin Dr. Heidi Roth, Leipzig Dr. Krzystof Ruchniewicz, Wroclaw Dr. Michael Rudloff, Leipzig Dr. Hermann Rudolph, Berlin PD Dr. Karsten Rudolph, MdL, Bochum Dr. Peter Ruggenthaler, Graz Prof. Dr. Akira Saitô, Saitama-Ken (†) Prof. Dr. Hermann Schäfer, Berlin Dr. Annette Schavan, Berlin Dr. Joachim Scherrieble, Marienborn Dr. Dieter Schiffmann, Mainz Dr. Kurt Schilde, Siegen Prof. Dr. Axel Schildt, Hamburg Dr. Mike Schmeitzner, Dresden Staatssekretär André Schmitz, Berlin Hubertus Schmoldt, Hannover Prof. Dr. Michael Schneider, Bonn Prof. Dr. Klaus Schönhoven, Reichenberg Michael Schröder, Mannheim Prof. Dr. Richard Schröder, Blankenfelde Dr. Jörn Schütrumpf, Berlin Dr. Peter Schütt, Hamburg Werner Schulz, Berlin Prof. Dr. Gesine Schwan, Berlin Rolf Schwanitz, Plauen Dr. Thomas A. Seidel, Erfurt Dr. Michael Seidl, Freiburg Prof. Dr. Wolfgang Seiffert, Hamburg Jörg Siegmund, München Dr. Henryk Skrzypczak, Berlin Prof. Dr. Hartmut Soell, Heidelberg Renate und Heribert Späh, Mannheim Prof. Dr. Rainer Specht, Schriesheim Ilse Spittmann-Rühle, Köln Staatssekretär Martin Stadelmaier, Mainz Prof. Dr. Peter Steinbach, Karlsruhe Prof. Dr. Rolf Steininger, Innsbruck Gerd-Rüdiger Stephan, Berlin / Johannesburg Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte Prof. Dr. Brigitte Studer, Bern Dr. Siegfried Suckut, Berlin Dr. Frantisek Svátek, Praha Prof. Dr. Gábor Szekely, Budapest Prof. Dr. Klaus Tenfelde, Bochum Dr. h. c. Wolfgang Thierse, Berlin Dr. Heinz Timmermann, Köln PD Dr. Reiner Tosstorff, Cardiff Prof. Dr. Stefan Troebst, Berlin Dr. Helmut Trotnow, Berlin Dr. Oldrich Tuma, Praha Prof. Dr. Feliks Tych, Warszawa Prof. Dr. Alexander Jurjewitsch Vatlin, Moskau Prof. Dr. Hans-Joachim Veen, Weimar Siegfried Vergin, Mannheim Werner Vitt, Isernhagen Dr. Gerrit Voerman, Groningen Dr. Bernhard Vogel, Berlin / Sankt Augustin Dr. Hans-Jochen Vogel, München Dr. h. c. Jürgen Walter, Neustadt Prof. Dr. Hartmut Weber, Koblenz / Berlin Dr. Konstanze Wegner, Mannheim Reinhard Weißhuhn, Berlin Prof. Gert Weisskirchen, Berlin Prof. Dr. Hermann Wentker, Berlin Dr. Rüdiger Wenzke, Potsdam Prof. Dr. Gerhard Werle, Berlin Dr. Gerhard Wettig, Kommen Oberbürgermeister a. D. Gerhard Widder, Mannheim Prof. Dr. Irmgard Wilharm, Hannover Prof. Dr. Manfred Wilke, Berlin Prof. Dr. Heinrich August Winkler, Berlin Klaus Wolfram, Berlin Prof. Dr. Samon Yamamoto, Kokkaido Uwe Ziegler, Berlin Prof. Dr. Klaus Ziemer, Warschau Rainer Zunder, Dortmund Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2008 Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist, tätig am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), lebt in Köln. Veröffentlichungen u. a.: Hrsg.: Archives de Jules Humbert-Droz, Amsterdam 1983 – 2001; Hrsg.: Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Mithrsg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Mithrsg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Mithrsg.: Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003; Der Verräter, Stalin, bist Du! Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939 – 1941, Berlin 2008; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung; Hrsg.: The International Newsletter of Communist Studies. Lars Björlin Geboren 1940 in Stockholm. Einer Promotion entsprechender Hochschulabschluss 1971, danach bis 1983 Lektor im Fach Geschichte an der Universität Stockholm. Bis 1999 Mitarbeiter verschiedener Archive in Stockholm, u. a. 1994 – 1999 am Stockholmer Reichsarchiv im Rahmen des Forschungsprojekts »Schweden in russischen Archiven«. Bis Juni 2007 Lektor und Forscher an der Hochschule Södertörn in Huddinge bei Stockholm. Forschungsberichte und Publikationen u. a.: Arbeiterbewegung und Sprache, Stockholm 1996; Schweden in russischen Archiven. Verzeichnis russischer Quellen zur schwedischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Teil I und II, Stockholm 1999 (zusammen mit Helene Carlbäck); H. Blomqvist & L. Ekdahl (Hrsg.): Der Kommunismus, Bedrohung und Versprechen. Die Arbeiterbewegung im Schatten der Sowjetunion 1917 – 1991, 2003 (alle schwedisch). Marcel Bois M. A., geb. 1978 in Bonn, 1998 bis 2004 Studium der Geschichtswissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Konstanz und Hamburg, seit 2004 Promotion an der Universität Hamburg zum Thema »Gegen Hitler und Stalin. Linksoppositionelle Kommunisten in der Weimarer Republik«; seit 2005 Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, im Februar 2007 Forschungsaufenthalt an der Harvard University, Cambridge, Ma., USA. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von 360 Grad. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft. Veröffentlichungen u. a.: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 6. Jg., 2007, H. 2, S. 33 – 46 (zusammen mit Florian Wilde). Bernd Bonwetsch Prof. Dr. Dr. h.c. mult., geb. 1940, seit 1980 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum (zurzeit beurlaubt), 2003 Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts Moskau, Arbeiten zur russischen und sowjetischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Veröffentlichungen u. a.: Die russische Revolution 1917, Darmstadt 1991; Mithrsg.: Sowjetische Politik in der SBZ 1945 – 1949, Bonn 1998; Mithrsg.: The People’s War. Responses to World War II in the Soviet Union, Urbana 2002; Stalin und die Vorbereitung des 3. Parteitags der SED, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 51 (2003), H. 4, S. 575 – 607; Mithrsg.: Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005. Horst Dähn Prof. Dr., geb. 1941, 1973 Promotion, 1981 Habilitation, seit 1987 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart; langjährige Mitarbeit am früheren Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim, seit 1994 ehrenamtlicher Leiter des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Das politische System der DDR, Berlin 1985; Die Rolle der Kirchen in der DDR, München 1993; Mithrsg.: Luther und die DDR, Berlin 1996; Mithrsg.: Staat und Kirchen in der DDR, Frankfurt a. M. u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker-Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992 bis 1998 Mitglied der Enquêtekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989 / 90, Essen 2001; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Jean-François Fayet Dr. Litt., Master Assistent an der Universität Genf, geb. 1965 in Genf, Studium der politischen Geschichte am Institut d’Études Politiques de Paris, der Anthropologie an der Universität Paris VIII und der sowjetischen Geschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, EHESS Paris. Veröffentli-chungen u. a..: Karl Radek (1885 – 1939): biographie politique, Bern, 2004; »Paul Levi and the Turning Point of 1921: Bolshevik Emissaries and International Discipline in the Time of Lenin«, in: Norman LaPorte, Matthew Worley & Kevin Morgan (Hrsg.), Stalinisation and beyond: Problems in the History of International Communism, Basingstoke 2008; »The VOKS: The third dimension of the Soviet foreign policy«, in: Jessica C. E. Gienow-Hecht & Mark C. Donfried (Hrsg.), Searching for a Cultural Diplomacy, Oxford, New York 2008, S. 32 – 53; Mithrsg.: Archives d’histoire, histoires d’archives, Lausanne 2006; Cahiers d’histoire du mouvement ouvrier, n°23: Les solidarités internationales, Lausanne 2007; Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse, Zürich 2008. Jan Foitzik Dr. phil., geb. 1948, 1976 bis 1978 am Institut für Zeitgeschichte München, 1978 bis 1993 an der Universität Mannheim (Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR), seit 1994 am Institut für Zeitgeschichte München und Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen den Fronten. Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 – 1939 / 40 unter besonderer Berücksichtigung des Exils, Bonn 1986; Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945 – 1949, Berlin 1999; Hrsg.: Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953 – 1956, Paderborn 2001; Mithrsg.: Begegnungen in Workuta, 2. Aufl. Leipzig 2003; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Karl Wilhelm Fricke Dr. h.c., geb. 1929, Publizist. 1955 nach kritischer Berichterstattung über die DDR vom MfS aus Westberlin entführt. Nach seiner Haftentlassung aus Bautzen wirkte er ab 1959 als freier Journalist und Publizist zunächst in Hamburg. Von 1970 bis 1994 Leitender Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. In den 1990er-Jahren sachverständiges Mitglied der beiden Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur, Vorsitzender des Beirats der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und des Fachbeirats Gesellschaftliche Aufarbeitung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u .a.: Warten auf Gerechtigkeit. Kommunistische Säuberungen und Rehabilitierungen, Köln 1971; Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945 – 1968, Köln 1979; Die DDR-Staatssicherheit. Entwicklung, Strukturen, Aktionsfelder, Köln 1989; Akten-Einsicht. Rekonstruktion einer politischen Verfolgung, Berlin 1996; Der Wahrheit verpflichtet – Texte aus fünf Jahrzehnten zur Geschichte der DDR, Berlin 2000. Wladislaw Hedeler Dr. phil., geb. 1953, Historiker, Übersetzer und Publizist. Arbeiten zur Geschichte der KPdSU(b) und der Komintern. Veröffentlichungen u. a.: Übersetzer (mit Birgit Schliewenz): Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933 – 1943. Hrsg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000; mit Nadja Rosenblum: 1940 – Stalins glückliches Jahr, Berlin 2001; Hrsg.: Stalinscher Terror 1934 – 41, Berlin 2002; Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung, Berlin 2003; Übersetzer: Alexander Vatlin: Tatort Kunzewo. Opfer und Täter des Stalinschen Terrors 1937 / 38, Berlin 2003; Mithrsg.: Nikolai Bucharin: Philosophische Arabesken. Dialektische Skizzen, Berlin 2005. Andreas Herbst Jahrgang 1955, Diplom-Historiker. 1977 – 82 Studium der Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, bis 1990 wissenschaftlicher Assistent / Oberassistent am Museum für Deutsche Geschichte, danach Mitarbeiter der Historischen Kommission zu Berlin bzw. der Stiftung Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung e.V., bis 2001 Mitarbeiter am Forschungsprojekt »Biographisches Handbuch des deutschen Kommunismus 1918 – 1945« an der Universität Mannheim, seit 2001 Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Publikationen: Mithrsg.: So funktionierte die DDR, 3 Bde., Hamburg 1994 ; Mithrsg.: Die SED. Geschichte – Organisation – Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997; Mithrsg.: Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch, Berlin 2002; mit Hermann Weber: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; Mithrsg.: Wer war wer in der DDR?, Berlin 2006. Jerzy Holzer Prof. Dr., geb. 1930 in Warschau, 1950 – 1954 Studium der Geschichte, 1960 Promotion, 1969 Habilitation. Assistent, Dozent, 1989 – 2000 Professor am Historischen Institut der Universität Warschau. Seit 1989 auch am Institut für Politische Studien, Polnische Akademie der Wissenschaften, bis 2006 Leiter der Abt. für Deutschlandforschung, 2000 – 2004 Direktor. Mehrmals Gastprofessor in Deutschland, Visiting Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin 1984 / 85 und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen Wien 1990 / 91. 1977 – 1989 in der polnischen demokratischen Opposition aktiv. 1989 – 1994 Ko-Vorsitzender im Forum Polen–Deutschland. Veröffentlichungen u. a.: Parteien und Massen. Politische Krise in Deutschland 1928 – 1930, Wiesbaden 1970; Solidarność 1980 – 1981, illegal Warschau 1984 (deutsch: München 1985); Der Kommunismus in Europa, Frankfurt 1998; Polen und Europa, Bonn 2007; Europa der großen Kriege (Warschau, im Druck). Jens Hüttmann Dr. phil, geb. 1975 in Hamburg; 1995 bis 2001 Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und VWL an der Universität Leipzig, von 2003 bis 2005 Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft, 2007 Promotion. Von 2001 bis 2007 Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg, seit 2007 Mitarbeiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Projektbüro »20 Jahre friedliche Revolution«. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg. DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, Berlin 2004; Mithrsg. Bildung und Wissenschaft in Wittenberg nach 1945, Wittenberg 2004; DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung vor und seit 1989, Berlin 2008. Stefan Karner Prof. Dr., geb. 1952, Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz / Wien / Klagenfurt, Österreichischer Vorsitzender der Österreichisch-Slowenischen Historikerkommission. Veröffentlichungen u. a.: Die Steiermark im Dritten Reich 1938 – 1945. Aspekte ihrer politischen, wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Entwicklung, 3. Aufl. Graz 1994; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941 – 1956, Wien / München 1995; Die deutschsprachige Volksgruppe in Slowenien 1939 – 1997, Klagenfurt / Ljubljana / Wien 1998; Mithrsg.: Kalter Krieg. Beiträge zur Ost-West-Konfrontation 1945 bis 1990, Graz 2002. Christoph Kleßmann Prof. Dr. phil, geb. 1938. Studium der Geschichte, Klassischen Philologie und Politik in Göttingen, München und Tübingen. 1967 bis 1970 wiss. Mitarbeiter des Ostkollegs, Köln; 1970 bis 1976 wiss. Assistent an der Ruhr-Universität Bochum; 1977 bis 1992 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld, seit 1993 an der Universität Potsdam. Von 1996 bis 2004 Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Potsdam. Veröffentlichungen u. a.: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870 – 1945, Göttingen 1978; Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945 – 1955, 5., erw. Aufl. Bonn 1991; Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955 – 1970, 2., erw. Aufl. Bonn 1998; Hrsg. mit B. Stöver: 1953 – Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa, Köln 1999; Hrsg.: The Divided Past, Oxford 2001; Wiedervereinigung und neue Geschichtsschreibung (korean.), Seoul 2004; Arbeiter im »Arbeiterstaat« DDR, Bonn 2007; Zahlreiche Aufsätze zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ilko-Sascha Kowalczuk Dr. phil., geb. 1967, Studium der Geschichte in Berlin, 1995 bis 1998 Mitglied der Enquetekommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit«, 1998 bis 2000 Mitarbeiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstands und der Opposition in der DDR, Berlin 1995; Legitimation eines neuen Staates. Parteiarbeiter an der historischen Front. Geschichtswissenschaft in der SBZ / DDR 1945 bis 1961, Berlin 1997; Roter Stern über Deutschland. Sowjetische Truppen in der DDR, Berlin 2001; Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ / DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003. Norman LaPorte PhD (Stirling), geb. 1964 in Edinburgh. Seit 2000 Fellow in History an der Universität Glamorgan in Wales. Veröffentlichungen u. a.: The German Communist Party in Saxony, 1924 – 1933, Bern 2003; Hrsg. (mit Stefan Berger): The Other Germany. Perceptions and Influence in British-East German Relations, 1945 – 1990, 2005; Hrsg. (mit Stefan Berger): Friendly Enemies. Britain and the GDR, 1945 – 90, Oxford, im Druck; Hrsg. (mit Kevin Morgan und Matthew Worley): Bolshevism, Stalinism and the Comintern: Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008. Mitglied des Wiss. Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung; Mitglied des Beirats von Socialist History; Mithrsg.: Communist History Network Newsletter. Hannes Leidinger Dr., geb. 1969, studierte Geschichte, Archäologie und Ur- und Frühgeschichte, Lehrtätigkeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Veröffentlichungen u. a.: Netzwerke der Weltrevolution. Die Auswirkungen der Kriegsgefangenen-Heimkehrer-Problematik auf die Entwicklung der kommunistischen Bewegung in Mittel- und Osteuropa (Dissertation), Wien 2001; mit Verena Moritz: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917 – 1920, Wien u. a. 2003; mit Verena Moritz: Russisches Wien. Begegnungen aus vier Jahrhunderten, Wien u. a.. 2004. Ottokar Luban geb. 1937, Berlin; Studium der Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Sonderpädagogik an der Päda-gogischen Hochschule Berlin-Lankwitz und der Freien Universität Berlin; Lehrer, Sonderschullehrer (pens.); (ehrenamtl.) Sekretär der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft; Veröffentlichungen zum Kreis um Rosa Luxemburg, z.B. biografische Studien zu Mathilde Jacob, Leo Jogiches, Fanny Jezierska-Thomas (1993, 1995, 2002, 2003); »Rosa Luxemburg und die KPD-Führung im Januaraufstand 1919« (1999), 2004 auch auf Englisch: »Rosa at a Loss«; eigene Beiträge und Mitherausgeberschaft: Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs, Berlin 2002; China entdeckt Rosa Luxemburg, Berlin 2007; detaillierte Angaben sowie weitere Veröffentlichungen unter: http://freenet-homepage.de/Ottokar.Luban Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987 bis 1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus, seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Die Freie Deutsche Jugend 1945 – 1949, Paderborn 1995; Hrsg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Mithrsg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Kevin McDermott Senior Lecturer für Zeitgeschichte an der Universität Sheffield in England. Publikationen zur Geschichte der tschechischen Gewerkschaftsbewegung, der Komintern und des Stalinismus, u. a.: Koautor: The Comintern: A History of International Communism from Lenin to Stalin, Macmillan 1996; Mithrsg.: Stalin’s Terror: High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, Palgrave 2003; Mithrsg.: Revolution and Resistance in Eastern Europe: Challenges to Communist Rule, Berg 2006; Stalin: Revolutionary in an Era of War, Palgrave 2006. McDermott arbeitet derzeit an einem Buch über den stalinistischen Terror in Osteuropa und recherchiert für eine Monographie über die Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Kevin Morgan Dr. phil., geb. 1961 in Birmingham, 1979 bis 1987 Studium der Politik und Geschichte an der Universität Manchester; Professor für Politik und Zeitgeschichte an der Universität Manchester. Veröffentlichungen u. a.: Against fascism and war: ruptures and continuities in British communist politics 1935 – 41, Manchester 1989; Harry Pollitt, Manchester 1993; Labour Legends and Russian Gold: Bolshevism and the British Left (Bd. 1), London 2006; The Webbs and Soviet Communism: Bolshevism and the British Left (Bd. 2), London 2006; mit Gidon Cohen und Andrew Flinn: Communists and British Society 1920 – 90, London 2007; 1999 – 2005 Hrsg.: Socialist History; 1996 – 2007 Hrsg. bzw. Mithrsg.: Communist History Network Newsletter; Mitglied des Beirats von 20th Century British History, International Newsletter of Communist Studies und Socialist History. Verena Moritz Dr., geb. 1969, Geschichts- und Slawistikstudium, Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen allen Fronten. Die russischen Kriegsgefangenen in Österreich im Spannungsfeld von Nutzen und Bedrohung 1914 – 1921 (Dissertation), Wien 2001; mit Hannes Leidinger: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917 – 1920, Wien 2003; mit Hannes Leidinger: Russisches Wien. Begegnungen aus vier Jahrhunderten, Wien 2004. Reinhard Müller geb. 1944 in Chotischau, 1966 – 1974 Studium der Geschichte, Germanistik und Soziologie in München, Regensburg und Hamburg, bis 1989 Mitarbeiter in der Ernst Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg, seit 1991 wiss. Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, Arbeitsbereich: Theorie und Geschichte der Gewalt. Veröffentlichungen: Hrsg.: Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek 1991; Die Akte Wehner – Moskau 1937 – 1941, Berlin 1993; mit Jakov Rokitjanskij: Krasnyi dissident: akademik Rjasanov – opponent Lenina, žertva Stalina, Moskau 1996; Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004; Aufsätze über stalinistischen Terror, Komintern und KPD, Exil deutscher Schriftsteller, Walter Benjamin u. a.. Bibliographie: www.his-online.de Werner Müller Prof. Dr., geb. 1946, 1976 Promotion in Bonn, 1977 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hochschulassistent in Mannheim, 1986 Habilitation, seit 1994 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Rostock. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des deutschen Kommunismus, der DDR, von Parteien und Gewerkschaften. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964 bis 1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984 bis 1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Mithrsg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin / München 2000; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Wilfriede Otto Dr. phil., geb. 1933, Studium der Geschichte an der Universität Leipzig, dort 1957 bis 1964 wiss. Assistentin, 1964 bis 1991 wiss. Mitarbeiterin am Institut für Marxismus-Leninismus (seit 1990 Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung), seit 1991 freischaffende Historikerin. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Visionen. Repression und Opposition in der SED 1949 – 1989, Frankfurt (Oder) 1996; Erich Mielke. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000; Die SED im Juni 1953. Interne Dokumente, Berlin 2003. Andreas Eckhard Pehnke geb. 1957, Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Leipzig, 1984 Promotion, 1990 Habilitation mit Reformpädagogik-Themen, war als Erziehungswissenschaftler zunächst in Leipzig, Berlin und Halle / S. tätig, bevor er 1993 auf den o. g. Lehrstuhl an der Universität seiner Geburtsstadt Greifswald berufen wurde. Veröffentlichungen vor allem zum didaktisch-methodischen Gehalt der historischen Reformpädagogik und deren Rezeption in den internationalen Schulreformbestrebungen bis in die Gegenwart sowie zum Transformationsprozess in der deutschen Pädagogik, u. a.: Reformpädagogik aus Schülersicht. Dokumente eines spektakulären Chemnitzer Schulversuchs der Weimarer Republik [Bd. 43 der Grundlagen der Schulpädagogik], Baltmannsweiler 2002; »Ich gehöre auf die Zonengrenze!« Der sächsische Reformpädagoge und Heimatforscher Kurt Schumann (1885–1970), Beucha (bei Leipzig) 2004. Peter Ruggenthaler Dr. phil., geb. 1976, Studium der Geschichte und Slawistik in Graz und St. Petersburg, seit 1998 Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, Promotion 2003, Veröffentlichungen u. a.: Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde: Sowjetische Österreich-Politik 1945 bis 1953 / 55, in: Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx (Hrsg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945 – 1955. Beiträge. Graz / Wien / München 2005, S. 649 – 726; mit Stefan Karner: Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft auf dem Gebiet des heutigen Österreich 1939 – 1945, Wien / München 2004. Kurt Schilde Dr. phil., geb. 1947 in Berlin-Weißensee, 1972 bis 1975 Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1975 bis 1981 Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin, 1981 bis 1986, 1991 / 92 sowie 1994 bis 1997 freischaffender Sozialhistoriker, als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig von 1987 bis 1990 sowie 1993 / 94 in Berliner Heimatmuseen, 1991 / 92 in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 1997 bis 1999 im Zentrum für Antisemitismusforschung, 1999 bis 2005 an der Universität Siegen. 1994 Promotion in Neuerer Geschichte an der Technischen Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Kampfname Ruth Fischer. Wandlungen einer deutschen Kommunistin, Frankfurt a. M., 1995; Die Rote Hilfe – die Geschichte der internationalen kommunistischen »Wohlfahrtsorganisation« und ihrer sozialen Aktivitäten in Deutschland (1921 – 1941), Opladen 2003 (beides mit Sabine Hering). Mike Schmeitzner Dr. phil., geb. 1968 in Dresden, 1988 – 1994 Studium der Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaft an PH und TU Dresden, 1994 Magister Artium, 1994 – 1997 Graduiertenstipendiat der FES, 1999 Promotion, seit 1998 wiss. Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Veröffentlichungen u. a.: Alfred Fellisch 1884 – 1973. Eine politische Biographie, Köln / Weimar / Wien, 2000; Schulen der Diktatur. Die Kaderausbildung der KPD / SED in Sachsen 1945 – 1952, Dresden, 2001; mit Stefan Donth: Die Partei der Diktaturdurchsetzung. KPD / SED in Sachsen 1945 – 1952, Köln / Weimar / Wien 2002; Im Schatten der FDJ. Die »Junge Union« in Sachsen 1945 – 1950, Göttingen 2004 (mit einem autobiographischen Essay von Wolfgang Marcus); Mithrsg.: Von Macht und Ohnmacht. Sächsische Ministerpräsidenten im Zeitalter der Extreme 1919 – 1952, Beucha 2006; Mithrsg.: Sowjetisierung oder Neutralität? Optionen sowjetischer Besatzungspolitik am Beispiel Deutschlands und Österreichs 1945 – 1955, Göttingen 2006; Hrsg.: Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007. Klaus Schönhoven Prof. Dr. phil., geb. 1942 in Würzburg, 1963 – 1971 Studium der Geschichte, Germanistik und Politischen Wissenschaft, 1971 Promotion, 1979 Habilitation, 1984 – 2007 Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Veröffentlichungen u. a.: Expansion und Konzentration. Studien zur Entwicklung der Freien Gewerkschaften im Wilhelminischen Deutschland 1890 – 1914, Stuttgart 1980; Die deutschen Gewerkschaften, Frankfurt a. M. 1987; Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989; Arbeiterbewegung und soziale Demokratie in Deutschland, Bonn 2002; Wendejahre. Die SPD in der Zeit der Großen Koalition 1966 – 1969, Bonn 1969; Mithrsg.: Sozialismus und Kommunismus im Wandel, Köln 1993; Mithrsg.: Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), Wissenschaftlicher Leiter der Zentralen Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Lexikon des Widerstandes 1933 – 1945, 2. Aufl. München 1998; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithrsg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Mithrsg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933 – 1945 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004. Brigitte Studer Prof. Dr., seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Studium (dt. und frz.) der Schweizer Geschichte, Neueren Geschichte und Anglistik an der Universität Freiburg, 2001 – 2004 Visiting Professor an der University of Strathclyde, Glasgow. Veröffentlichungen u. a.: mit Berthold Unfried: Der stalinistische Parteikader. Identitätsstiftende Praktiken und Diskurse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Köln, Weimar, Wien 2001; mit Bernhard H. Bayerlein, Mikhaïl Narinski und Serge Wolikow: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern (1939 – 1941), Paris 2003; Hrsg. (mit Heiko Haumann): Stalinistische Subjekte, Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern, 1929 – 1953, Zürich 2006. Siegfried Suckut Dr. rer. pol., geb. 1945, 1964 – 66 Panzerjägerlehrkompanie 70, Münster, Leutnant. Studium der Politischen Wissenschaft in West-Berlin und Hannover, 1978 Promotion, 1978 – 92 wiss. Mitarbeiter am Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR, Universität Mannheim. Forschungsprojekte zur Geschichte der Ost-CDU, zur DDR-Frühgeschichte und zur Entwicklung des Parteiensystems in der DDR. 1992 Mitbegründer der Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Fachbereichsleiter, 1997– 2005 Leiter der Abteilung. Zurzeit Projekt zu den Meldungen der Stasi an die SED-Führung in den 70er-Jahren. Veröffentlichungen vor allem zur Betriebsrätebewegung in der SBZ, zur Geschichte der Blockparteien und zur Funktion des MfS in der DDR, zuletzt: Hrsg. (mit Jürgen Weber): Stasi-Akten zwischen Politik und Zeitgeschichte. Eine Zwischenbilanz, München 2003. Gábor Székely Prof. Dr., geb. 1942 in Budapest, 1961 bis 1966 Studium der Geschichte, Russischen Sprache und Literatur, 1966 – 2000 Mitarbeiter des Instituts für Parteigeschichte (später Institut der Geschichte der Politik), Budapest, Dozent an der József-Attila-Universität, Szeged, seit 2000 Prof. an der Eötvös-Lóránd-Universität, Budapest. Seit 1974 Teilnahme an den Konferenzen der ITH (Linz) und an Komintern-Projekten (Amsterdam, Moskau, Budapest), 1978 – 1989 Mitglied der deutsch-ungarischen Historikerkommission. Veröffentlichungen u. a.: Béke és háború. A nemzetközi békeszervezetek története (Frieden und Krieg. Die Geschichte der internationalen Friedensorganisationen 1814 – 1996). Napvilág Kiadó 1998. Profintern-krónika (Profintern – eine Chronik). Népszava 1982. A Komintern és a fasizmus, 1921 – 1929, Kossuth Könyvkiadó 1980. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Studium der Geschichte, Slawistik, Balkanologie und Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie an den Universitäten in Tübingen, Sofia (Bulgarien), Skopje (Jugoslawien, heute Makedonien) und an der Indiana University in Bloomington USA, 1984 Promotion zum Thema »Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922 – 1930. Die ›Innere Makedonische Revolutionäre Organisation‹ in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italien«, 1995 Habilitation mit dem Thema »Handelskontrolle – ›Derivation‹ – Eindämmung. Schwedische Moskaupolitik 1617 – 1661«. Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, stellv. Direktor des GWZO Leipzig, Veröffentlichungen u. a.: Das makedonische Jahrhundert, München 2007; Postkommunistische Erinnerungskulturen im östlichen Europa, Wrocław 2005; mit Farimah Daftary: Radical Ethnic Movements in Contemporary Europe, New York, Oxford 2003. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962, Studium der Geschichte, Aspirantur und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Moderne Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität, 1988 bis 1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Geschichte der Komintern am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, 1997 Dozent am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität, 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. Professor an der Lomonossow-Universität. Veröffentlichungen u. a.: Die Komintern 1919 – 1929, Mainz 1993; Mithrsg.: Das erste Tribunal. Das Moskauer Parteiverfahren gegen Brandler, Thalheimer und Radek, Mainz 1993; Germanija v XX. veke (Deutschland im 20. Jahrhundert), Moskau 2002; Mithrsg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Tatort Kunzewo. Opfer und Täter des Stalinschen Terrors 1937 / 38, Berlin 2003; Mithrsg.: Piggi Foxy and the Sword of Revolution. Bolshevik Self-Portraits, New Haven / London 2006. Gerhard Wettig Dr. phil., geb. 1934 in Gelnhausen, 1966 bis 1999 zunächst Referent, dann Leiter des Forschungsbereichs Außen- und Sicherheitspolitik am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, 1990 bis 1999 Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Außenpolitik, 1998 bis 2003 Mitglied der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Zahlreiche Veröffentlichungen über die sowjetische Deutschland-Politik seit dem Zweiten Weltkrieg, über die innerdeutschen Beziehungen in der Zeit der nationalen Spaltung und über Probleme des Kalten Kriegs in Europa. Jüngste Veröffentlichungen: Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschland-Politik 1945 bis 1955, München 1999; Chruschtschows Berlin-Krise 1958 – 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976 bis 1980 Wiss. Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU. 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Bundestagsenquete-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen. Veröffentlichungen u. a.: Mithrsg.: Entstalinisierung. Der 20. Parteitag und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977; Mithrsg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980 / 81, Berlin 1995; Hrsg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006. Mithrsg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.

JHK 2008

Max Kosler – Ein Kämpfer gegen Antisemitismus und ideologische Zwänge

Andreas Pehnke

Am 9. Dezember 1882 erblickte Maximilian Kosler als Sohn eines Schneidermeisters in Dresden das Licht der Welt. Nach dem Besuch der Katholischen Bürgerschule und des Katholischen Progymnasiums in Dresden wählte er einen für Arbeiter- und Handwerkersöhne damals naheliegenden Weg des Aufstiegs: 1903 absolvierte er das Katholische Lehrerseminar in Bautzen, um sodann als Volksschullehrer in den Dresdner Schuldienst zu treten. In den folgenden drei Dekaden unterrichtete er – lediglich unfreiwillig unterbrochen durch seine Weltkriegsteilnahme 1914–18 – an der 31. Dresdner Volksschule. Kosler war vielseitig interessiert und stets bemüht, sein Wissen zu erweitern. So war er 1909 als Gasthörer an der Sorbonne und der Alliance Française in Paris eingeschrieben sowie einige Semester an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt. 1918 / 19 zählte er zu den Mitbegründern der DDP (Deutschen Demokratischen Partei) in Dresden, deren örtlichem Parteivorstand er bald angehörte. 1926 wechselte er zur SPD. Max Kosler entwickelte ein breites gesellschaftliches Engagement: Er gehörte unter anderem der Liga für Menschenrechte und der Deutschen Friedensgesellschaft an, zudem war er Mitbegründer und erster technischer Gauführer des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Ostsachsen. Zuvörderst aber ist es sein leidenschaftliches Eintreten gegen den Antisemitismus, das dazu anhält, diesen außergewöhnlichen Pädagogen vor dem Vergessen zu bewahren. Koslers Kampf gegen den Antisemitismus in der Weimarer Republik Während der Weimarer Republik stieß Kosler zu jenen Männern christlichen Glaubens – nicht selten führende Persönlichkeiten im politischen und kommunalen Leben ihrer Zeit, in Wissenschaft, Kunst und Literatur, Handel und Industrie –, die sich seit 1890 im »Verein zur Abwehr des Antisemitismus« zusammengeschlossen hatten. Als Mitglied des Reichsausschusses, Mitherausgeber der Vereinszeitschrift Mitteilungen (seit 1925 Abwehrblätter) und Gründungsvorsitzender des Dresdner Ortsvereins setzte sich Kosler dafür ein, antisemitische Lügen wissenschaftlich fundiert zu widerlegen. Neben dem Versuch, antisemitische Demagogen zu demaskieren, ging es ihm auch darum, Kenntnisse über das Wesen des Judentums, seine Geschichte und Religion sowie über die enge Verbundenheit der deutschen Juden mit Deutschland und seiner Kultur zu verbreiten. Auf der Hauptversammlung des Abwehrvereins im Jahr 1921 forderte Kosler die Verbandsmitglieder dazu auf, dafür Sorge zu tragen, »dass Ihre politischen Parteien zu einem klaren Bekenntnis gegen den Antisemitismus kommen und dieses Bekenntnis in der Öffentlichkeit bekannt geben«1. Kosler ging mit gutem Beispiel voran, konnte er doch im selben Jahr seinen Ortsverband nicht nur über einen Anstieg der Mitgliederzahl informieren, sondern auch berichten, dass der Bremer Parteitag der Demokraten eine von ihm angeregte »Resolution gegen den ›Rassen‹- und Klassenkampf« angenommen habe, »die die kommende Gesetzgebung zum Schutze der Republik auch zu einem guten Teil in den Dienst unserer Bestrebungen zu stellen geeignet ist und namentlich mit der Hakenkreuzelei in den Schulen aufräumen wird«.2 Seit Anfang der 1920er-Jahre hatte sich Kosler als sächsische Führungspersönlichkeit des Abwehrvereins vor allem dem Kampf gegen das Vordringen antisemitischer und / oder nationalsozialistischer Propaganda im Bildungswesen – von der Volksschule bis zu den Hochschulen – verschrieben.3 So forderte er vom sächsischen Kultusministerium wiederholt gesetzliche Regelungen, die eine gleichberechtigte Aufnahme jüdischer Schüler an Privatschulen erreichen und die Werbung mit Nazisymbolen in den Bildungseinrichtungen verbieten sollten.4 Es bereitete Kosler zunehmend Sorgen, dass die Weimarer Verfassung zwar die Gleichberechtigung der Juden proklamierte, die Republik jedoch Hetze und Terror gegen sie duldete. 1922 erschien in den Mitteilungen des Abwehrvereins eine Werbeanzeige für eine von Kosler verfasste Broschüre mit dem Titel »Deutschlands Jugend rette Deutschlands Zukunft!«. Der Autor komme darin, so heißt es in der Anzeige, »einem tiefgefühlten Bedürfnisse entgegen, denn gerade die Jugend, die zu einem nicht unbeträchtlichen Teile von gewissenlosen Leuten durch das Gift des Antisemitismus verseucht worden ist, bedarf dringend der Aufklärung, um sie auf den rechten Weg zurückzuführen. In keineswegs trockenem Lehrton werden hier die hauptsächlichsten antisemitischen Lügen und Verdrehungen in objektiver Form dargetan. Diese Sachkenntnis und eine zu Herzen gehende Sprache zeichnet das Werkchen aus.«5 Vergeblich stemmten sich die Mitglieder des Abwehrvereins in den letzten Jahren der Weimarer Demokratie in ihren Schriften sowie öffentlichen Veranstaltungen gegen die nazistische Propaganda mit ihrem unverhohlenen Antisemitismus. Max Kosler warb auf zahlreichen Kundgebungen in Sachsen sowie in Hamburg, Stettin, Halle / Saale, Mainz und Wiesbaden als Redner für ein harmonisches deutsch-jüdisches Zusammenleben. Er erinnerte sich 1947, dass er in der Zeit kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten »im erhöhten Maße durch die SA belästigt und verfolgt« wurde und deshalb für Veranstaltungen des Vereins häufig »erhöhten Polizeischutz zugebilligt bekommen musste«.6 Die letzte Jahreshauptversammlung des Abwehrvereins fand – nicht zuletzt durch Koslers Bemühungen – am 23. Juni 1932 im Dresdner Belvedere statt. Sie wurde von antisemitischen Zwischenrufen aus einer Gruppe gestört, die ihre Zugehörigkeit zur NSDAP lautstark deutlich machte.7 Ausgrenzung in der Nazidiktatur Es wird kaum überraschen, dass der Abwehrverein nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten umgehend verboten wurde. Führende Persönlichkeiten des Vereins, darunter Max Kosler und das Mitglied des Reichsausschusses Walter Goetz, der als Leipziger Universitätsprofessor auf der Dresdner Versammlung eines der Hauptreferate zum Thema »Antisemitismus im neuen Deutschen Reich« gehalten hatte, wurden noch vor dem »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 aus »politischen Gründen« aus dem öffentlichen Dienst entfernt.8 Max Kosler war, wie er selbst schrieb, »der erste Lehrer, der sofort nach der Machtergreifung aus dem Amt gejagt wurde und dann in Haft kam«:9 Ab März 1933 war er für sechs Monate im Dresdner »Hilfs-KZ« Mathildenstraße inhaftiert. Später übernahm er die Wirtschaftsberater-Praxis seines jüdischen Freundes Dr. Hans Henry Pohly, die Kosler elf Jahre führen sollte. Nachdem Pohly anfangs noch als Angestellter bei Kosler fungiert hatte, emigrierte er angesichts des anhaltenden Naziterrors in die USA. Wegen seiner fortwährenden Unterstützung verfolgter jüdischer Bürger wurde Kosler 1939 erneut in Gestapohaft genommen. Im Rückblick auf die Naziära schrieb er 1947: »Ich half den Juden, die die Absicht hatten, ins Ausland zu entweichen, zu ihrem Fortkommen und versteckte Teile ihres Vermögens. Für die Familie Schänker erzwang ich die Herausgabe des Geldes, das ihnen 1938 abgenommen wurde. Die Rechtsanwälte Herzfeld und Conradi sowie die Familien Jacobi, Apt, Pohly, Elb und Joachimsthal habe ich mit meinem Abwehrkampf unterstützen können. Kein Wunder, wenn die Nazi-Verbrecher der Gestapo Müller, Schmidt, Köhler, Weser und Clemens mich besonders aufs Korn genommen hatten. Im Jahre 1939 wurde ich beschuldigt, in Verbindung mit den ins Ausland entwichenen Juden zu stehen und in meinem Büro wurde auch meine diesbezügliche Korrespondenz bei der Haussuchung durch die Gestapo beschlagnahmt. An diesem Tag wurde ich auch wieder verhaftet und im Polizeipräsidium durch den Verbrecher Weser in unverantwortlicher Weise beschimpft und misshandelt.«10 Übernahme bildungspolitischer Verantwortung nach Kriegsende Im Mai 1945 wurde Max Kosler zum Schulrat für Dresden-Stadt-Ost berufen. Im Juni gehörte er zu den Gründern der Dresdner SPD und wurde einen Monat später zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Seine berufliche Aufgabe war es, die Wiederaufnahme des Schulbetriebes in seiner schwer zerstörten Vaterstadt zu organisieren. Darüber hinaus hatte er an der Entnazifizierung der Lehrerschaft mitzuwirken; schließlich war der größte Teil der Pädagogen Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen gewesen. Zwar hatte es keine Zwangsmitgliedschaft gegeben, aber der Druck auf die Lehrerschaft war so groß gewesen, dass man sich ihm nur in Nebenfächern entziehen konnte oder wenn man schwerwiegende Benachteiligungen in Kauf nahm.11 Die Entnazifizierungsverfahren erhitzten die Gemüter der sächsischen Pädagogen, denn die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit und der Beurteilung der Rolle des Lehrkörpers in der Zeit des Nationalsozialismus betraf die meisten persönlich. Kosler forderte diesbezüglich eine differenzierte Bewertung. Anders sein Vorgesetzter, Ministerialdirektor Schneller, der eine besonders radikale Säuberung des Lehrkörpers beförderte.12 Die von der Verwaltung ausgelösten Entlassungswellen gingen nach Koslers Ansicht weit über die Festlegungen sowohl des Potsdamer Abkommens als auch der damals für Sachsen zuständigen sowjetischen Bildungsoffiziere sowie die der Lehrergewerkschaft hinaus.13 Als es Max Kosler auf der Bezirksschulrätekonferenz am 11. / 12. September 1945 in Dresden wagte, sensiblere Überprüfungsmechanismen zur Nazivergangenheit der Lehrerschaft anzumahnen, sah er sich mit Vorwürfen konfrontiert, sich den Anordnungen der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) widersetzt und die Besatzungsmacht beleidigt zu haben. Fortan galt er für die Apparatschiks um Schneller als Feind bzw. Reaktionär.14 Welche Folgen das für Kosler hatte, sei beispielhaft an einem Konflikt mit dem Dresdner Ortsausschuss »Opfer des Faschismus« (OdF) illustriert: »Am 4. Februar 1947 wurde mir eröffnet, ich hätte mich für den Pg. [Parteigenossen] Dr. Nobe eingesetzt. Ein solcher Einsatz für einen ehemaligen Pg. sei für ein OdF unerhört, meine Streichung von der Liste der OdF sei deshalb eine Selbstverständlichkeit. Ich konnte Herrn Hilse [Leiter der OdF-Stelle Bautzner Str.] nicht davon überzeugen, dass mein Einsatz für Herrn Nobe im Zuge der allgemeinen Beurteilung der sog. nominellen Mitläufer der NSDAP durchaus verständlich sei, weshalb ich versuchte, persönlich von der Kommission gehört zu werden. – Zum Fall selbst: Nobe [vormals Reichsbahnabteilungspräsident] ist mir von Jugend auf bekannt. Es war mir bekannt, dass ihm im Jahre 1938 durch die Reichsleitung der NSDAP amtlich eröffnet worden war, er wäre von Beförderungen ausgeschlossen, weil er sich nur scheinbar der NSDAP angeschlossen hätte, im übrigen nicht als Nationalsozialist anerkannt wäre. Diese negative Beurteilung des Herrn Nobe konnte mich durchaus ermutigen, ihm die Erlangung seiner Altersrente durch meine Fürsprache zu ermöglichen. Wie mir bekannt ist, ist ihm diese Altersrente auch auf Beschluss der Antifa zugebilligt worden, ohne dass meine Fürsprache berücksichtigt wurde. [...] Ich glaube nicht, dass aus dieser Sache eine Berechtigung abgeleitet werden könnte, mich aus der Liste zu streichen; denn in meiner amtlichen Eigenschaft als Kreisschulrat sind durch meine Hände zahlreiche Befürwortungen für ehemalige Pg.s gegangen, die von namhaften politischen Persönlichkeiten – die ebenso bei Ihnen registriert sind – ausgestellt worden sind.«15 Auch nach dem Krieg kämpfte Kosler weiter gegen antisemitische Tendenzen. So entgegnete er auf der Schulratskonferenz vom 3. bis 5. Februar 1948 in Dresden-Wachwitz Schneller, der ein Grundsatzreferat zum Thema »Die politische Bildung der Lehrerschaft« hielt, in der öffentlichen Diskussion: »Wer glaubt, dass sich der Antisemitismus in der Lehrerschaft kaum bemerkbar macht, irrt sich. [...] Gerade dem Lehrer müsste klar gemacht werden, dass er gegen diese Einstellung kämpfen muss. Ein großer Teil der Neulehrer ist durch die nazistische Erziehung gegangen und mit Schlagwörtern gefüttert worden. Es ist klar, dass da etwas hängen bleibt. Einer unserer Punkte muss die systematische Bekämpfung des Antisemitismus sein.«16 Kompromisslos ehrlich setzte sich Kosler als Schulrat stets für fachliche und pädagogische Kompetenz ein; ideologische Propaganda, zumal in parteipolitischer Verengung, ließ er niemals als Ersatz gelten. Mit seiner Abneigung gegen Beamtenborniertheit, fachliche Inkompetenz und Machtarroganz zog er nicht selten den Zorn von Funktionären auf sich. Unter anderem war es für die Apparatschiks nicht tolerierbar, dass Kosler die durch die SED gelenkte sogenannte Prämienverteilung öffentlich zu kritisieren wagte. In einem Bericht vom 30. Januar 1948 wurde er wie folgt zitiert: »Die sog. Prämienverteilung ist eine durchaus amtliche Angelegenheit, nicht die Angelegenheit irgendeiner Partei. Die Beurteilung, wer die Prämien zu erhalten hat, muss man schon den dazu berufenen staatlichen Angestellten, in diesem Falle den Kreisschulräten überlassen. Diese sind für ihre Maßnahmen lediglich der Landesregierung bzw. ihrem Minister und indirekt der SMA [Sowjetischen Militäradministration] Rechenschaft schuldig. Ich darf annehmen, dass es sich schon überall herumgesprochen hat, dass wir in einem demokratischen Staat leben, der entsprechend den in unserem eigenen Verfassungsentwurf niedergelegten Grundsätzen regiert werden sollte. [...] Ich erkläre deshalb schon heute, dass ich in Zukunft keinerlei Anfragen dieser Art, die sich in meine Amtsführung hineinmischen, beantworten werde, wenn ich erkenne, dass nur persönliche und keine sachlichen Interessen vorliegen. Die Art Genossen, die nur derartige Sorgen über Geben und Nehmen haben, sollen sich nicht hinter der Parteizugehörigkeit verstecken, sondern lieber ihre Kraft dazu verwenden, unsere großen politischen Aufgaben und Ziele dem Erfolg zuzuführen. Ich jedenfalls lehne ein für allemal Methoden ab, die lebhaft an gewisse nazistische Schnüffelgewohnheiten aus der glücklicherweise überwundenen Hitlerzeit erinnern.«17 Mit diktatorischen Mitteln erneut ausgegrenzt und vollkommen isoliert Längst war Kosler nicht nur ins Visier der Stalinisten geraten. Es ist ein Bericht der Dresdner Informationsabteilung der SMA vom 5. Juli 1948 überliefert, in dem ihm neben antisowjetischer Propaganda vorgeworfen wurde, dass er sich gegen Vorschriften der Partei wehre, gegen die neuen Lehrer stelle und für die Wiedereinstellung faschistischer Altlehrer plädiere.18 Nach fortwährenden Konflikten mit der Parteikontrollkommission der SED eröffnete diese im Januar 1948 ein spektakuläres Parteiausschlussverfahren gegen Kosler. Am 14. Juli 1948 wurde er schließlich genötigt, sein Pensionsgesuch einzureichen, in dem er unter anderem feststellte, »dass er einem Drucke weiche, weil man ihm in verleumderischer Weise unterstelle, er habe bei verschiedenen Anlässen eine russenfeindliche Haltung bewiesen«19. Seit März 1948 waren geheimdienstliche Prüfverfahren gegen Kosler initiiert worden. So erstellte der Sachbearbeiter Stiller vom Dresdner Kriminalamt folgende »Charakteristik« über ihn: »Von der SED ist der Ausschluss gegen Kosler ausgesprochen worden, aber noch nicht bestätigt. Und zwar wurde der Ausschluss beantragt wegen parteischädigendem Verhalten (Verbindung mit dem Westen, Schumacher). Der Ausschluss ist noch nicht bestätigt, weil sich einflussreiche Leute, die diesen Leuten nahe stehen und selbst Mitglieder der Partei sind, für ihn einsetzen (Dölitzsch).«20 Am 17. März 1948 wurde folgender Bericht über einen »Hausbesuch« bei Kosler verfasst: »Nach genauer Überprüfung in seiner Wohnung und der etwa halbstündigen Unterhaltung habe ich den Eindruck gewonnen, dass K. als Aristokrat anzusprechen ist. In seinem Bücherschrank befinden sich mehrere Bände marxistischer Literatur: z. B. Marx, Engels, Stalin usw. Er liest die Sächsische Zeitung. Eine Feststellung durch leises Abtasten, ob er den Tagesspiegel liest, konnte nicht erörtert werden. K. gibt Dienstag und Freitag in der Woche Sprechstunden. In der Unterhaltung auf politischem Gebiet mit ihm selbst – zumal ich die heutigen Verhältnisse ihm gegenüber kritisierte – war er verschwiegen und ging nicht darauf ein. Er zeigte Zurückhaltung. Irgendwelche Bilder oder Fotos in der Wohnung, die einen Anhaltspunkt geben konnten, waren nicht festzustellen.«21 Schließlich wurde am 14. Oktober 1948 »ein Verfahren nach Befehl 201 eingeleitet, da Kosler in dringendem Verdacht der Verbreitung von tendenziösen Gerüchten, die den Frieden des deutschen Volkes gefährden, steht«. Bereits am folgenden Tag wurde dem Dresdner Kriminalamt der Befehl erteilt, Koslers »abgehende und eingehende Post vertraulich zu überprüfen«. Am 18. November wurde gar angeordnet, Kosler ständig zu überwachen. Eine öffentliche Hetzkampagne gegen ihn sowie weitere aus der Partei entfernte Pädagogen präsentierte die Sächsische Zeitung in ihrer Ausgabe vom 23. November 1948.22 Doch zunächst sollten sich Koslers parteiinterne Gegner trotz des Kesseltreibens gegen ihn mit dem Parteiverfahren nicht durchsetzen können. Er hatte Fürsprecher nicht nur in der Dresdner SED-Spitze, sondern auch in der sächsischen Landesregierung. Zu seinen engsten Weggefährten und zugleich früheren Leidensgenossen während der Nazihaft zählten Arno Haufe, Symbolfigur für die Bewahrung sozialdemokratischer Traditionen in Sachsen in Krisenzeiten, der sächsische Ministerpräsident Rudolf Friedrichs, Erwin Hartsch, von 1946 bis 1948 sächsischer Volksbildungsminister, und nicht zuletzt Koslers unmittelbarer Vorgesetzter, der Stadtschulrat Clemens Dölitzsch. Der anfängliche Widerstand gegen die Kampagne gegen Kosler wurde dann aber im Rahmen der zunehmenden Stalinisierung der SED im Jahre 1948 zerschlagen. Begünstigt wurde dies dadurch, dass einige der Persönlichkeiten, die Kosler anfangs noch schützen konnten, isoliert worden oder verstorben waren: Haufe wurde im Sommer 1948 zu 25 Jahren Zwangsarbeit im sowjetischen Gulag verurteilt, Friedrichs, der sich noch gegenüber dem Ortsausschuss der OdF für Kosler eingesetzt hatte, verstarb überraschend im Juni 1947, und Hartsch erlag im August 1948 einem Krebsleiden. Dölitzsch hatte über die freiwillige Pensionierung seines Freundes »sein tiefstes Bedauern ausgedrückt«.23 Im Bericht über den nun möglich gewordenen Parteiausschluss Koslers wurde zwar bestätigt, dass er als »langjähriger Genosse zweifellos auf fachlich schulischem Gebiet eine gute Arbeit geleistet habe, aber als verantwortlicher Funktionär durch seine dauernde die Partei diskriminierende Haltung und Stellungnahmen das Ansehen der Partei erheblich geschädigt hat und politisch einen Standpunkt vertritt, der mit den Grundsätzen und Zielen nicht im Einklang steht«.24 In Berichten der Dresdner Informationsabteilung der SMA vom 26. August, 9. September sowie 2. Oktober 1948 wurde konstatiert, dass es nach dem Ausschluss Koslers an der Parteibasis versäumt worden sei, die Richtigkeit dieser Maßnahme zu erläutern. So seien viele SED-Mitglieder aus der Partei ausgetreten.25 Doch mit der beruflichen und politischen Isolierung Koslers gab sich das Heer der Bürokraten nicht zufrieden; er sollte alsbald auch noch seiner Freiheit beraubt werden. Am 29. Dezember 1948 wurde er festgenommen, nachdem er am 15. November 1948 ausgerechnet wegen seines lebenslangen Engagements für die Versöhnung zwischen den Juden und den Deutschen angezeigt worden war: »Herr Kosler hat es [als ehemaliger Rechtsbeistand] verstanden, das beschlagnahmte Vermögen von Verfolgten und ihrer Lebensmöglichkeit in Deutschland beraubter Juden zu verwalten und zu seinen Gunsten unter Ausübung von Erpressung mit diesen Vermögenswerten gearbeitet und spekuliert, indem er [1938] das Vermögen des geflüchteten jüdischen Unternehmers David Gleicher für seine Spekulationen genutzt und nicht das Geld für die in Dresden gelassene Freundin und deren Sohn Siegfried Schönbach verwendet hat«, hieß es in der Anklageschrift. Der Angeklagte wurde mit Haftbefehl vom 31. Dezember 1948 in Untersuchungshaft genommen, weil »Verdunkelungs- und Fluchtgefahr« bestehe. Bereits am 13. Januar 1949 mussten Koslers Häscher nach der Anhörung einhellig entlastender Zeugenaussagen konstatieren: »Die Belastungen gegen Kosler, welche auf Grund der Aussagen der Zeugin Köhler, geb. Schönbach, gegeben waren, werden von der Zeugin widerrufen. Die Glaubwürdigkeit dieser Zeugin ist als fragwürdig zu bezeichnen. Auf Grund vorliegender Ermittlungen dürfte eine weitere Inhaftierung von Kosler nicht aufrecht zu erhalten sein.« Daraufhin wurde am 17. Januar 1949 folgende Aktennotiz gefertigt: »Auf Anordnung der LKPA [Landes-kriminalpolizeiabteilung] Sachsen, Dezernat K 5, ist der Vorgang Kosler einzustellen, da dem Beschuldigten eine Nutznießerschaft an dem Vermögen des Kaufmanns David Gleicher vorläufig nicht nachzuweisen ist. Kosler bleibt weiterhin in Haft, er ist der SMA zu überstellen.« Schließlich wurde Kosler »auf Veranlassung der SMA am 26. Januar 1949 der SMA-Dienststelle Dresden, Bautzner Straße 116, zugeführt«.26 Er wurde sodann nach Artikel 58, Absatz 10 (Teil 2), des Strafgesetzbuches der Russischen Sozialistischen Förderativen Sowjetrepublik vom 22. November 1926 wegen »antisowjetischer Tätigkeit« zu 25 Jahren Freiheitsentzug im Arbeits- und Besserungslager (mit Einziehung des Vermögens) verurteilt. Für Max Kosler öffneten sich die Bautzner Zuchthaustore im Rahmen einer Amnestie nach fünf Jahren: Am 16. Januar 1954 wurde er entlassen, zumal er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes arbeitsunfähig war.27 Er folgte seiner Ehefrau Maria (1886 –1965) in den Westen. Sie war nach seiner Inhaftierung wiederholt vom NKWD vorgeladen und verhört worden und hatte sich schließlich 1949 in Westberlin in Sicherheit gebracht.28 Das Ehepaar zog nach Waldkraiburg in Bayern. Dort verstarb Max Kosler am 14. Juni 1966. Seine Rehabilitation durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Förderation steht noch aus. 1 Stenografischer Bericht in den Mitteilungen 31 (1921), H. 21 / 22, S. 125–131 und S. 133–136, hier S. 135 f. 2 Mitteilungen 32 (1922), H. 1, S. 7. 3 Im wirtschaftlich und kulturell besonders entwickelten Sachsen mit einem vergleichsweise geringen Anteil jüdischer Bevölkerung entstand ein außergewöhnlich aggressiver Antisemitismus. Siehe dazu ausführlich: Ephraim Carlebach Stiftung & Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Antisemitismus in Sachsen im 19. und 20. Jahrhundert, Dresden 2004. 4 Siehe Koslers ministerielle Korrespondenz, in: Stadtarchiv Dresden, Schulamt, 2.3.20: Antisemitismus in der Schule, Nr. 42. 5 Mitteilungen 32 (1922), H. 19, S. 106. Eine neuerliche Titelanzeige findet sich ebenda, H. 22 / 23 vom 30. November 1922, S. 120. 6 Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, BT & RB DD, VdN-Akten, Nr. 4049, Bl. 6 / 7. 7 Siehe: Die antisemitische Gefahr. Bericht über die Dresdner Tagung des Abwehrvereins, in: Abwehrblätter 42 (1932), H. 7, S. 145–147. 8 Siehe Weigand, Wolf Volker: Walter Wilhelm Goetz. Eine biografische Studie über den Historiker, Politiker und Publizisten, Boppard am Rhein 1992, S. 312 f. 9 VdN-Akte (Anm. 7). 10 VdN-Akte (Anm. 7). Siehe zum Gestapokommissar Weser, den Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern als »Spucker« bezeichnete und ihn neben dem »Schläger« Clemens zu den in Dresdner Judenhäusern besonders gefürchteten »Hauptbestien« zählte: Klemperer, Viktor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1942–1945, Bd. 2, hrsg. von Walter Nowojski, Berlin 1995, S. 293 f. 11 Siehe Petzold, Joachim: Die Entnazifizierung der sächsischen Lehrerschaft 1945, in: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Historische DDR-Forschung. Aufsätze und Studien, Berlin 1993, S. 87–103, hier S. 88. 12 Wilhelm Schneller (1894–1973), bis 1933 KPD-Stadtverordneter in Leipzig, gehörte zu jenen Radikalisten in der KPD bzw. in der SED, die schon 1945 mit dafür gesorgt hatten, dass selbst nur durch ihre nominelle Mitgliedschaft in NS-Organisationen belastete Pädagogen, darunter viele ehemalige Sozialdemokraten, aus den Schulen vertrieben wurden. Schneller selbst hatte sich nicht am Widerstand gegen das Naziregime beteiligt, brüstete sich aber gerne mit dem Märtyrertod seines Bruders Ernst (*1890), der im Oktober 1944 im KZ Sachsenhausen umgebracht worden war. 13 Siehe dazu ausführlich Mebus, Sylvia: Zur Entwicklung der Lehrerausbildung in der SBZ / DDR 1945 bis 1959 am Beispiel Dresdens, Frankfurt am Main 1999, insbes. S. 69. 14 Siehe Petzold: Die Entnazifizierung (Anm. 11), S. 95. 15 VdN-Akte (Anm. 7), Bl. 6 / 7. 16 Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 11401: LRS & MfV, Nr. 518. Wie stark der Antisemitismus sogar in der Parteiführung verhaftet war, lässt die durch sie veranlasste Überprüfung der VVN-Mitglieder seit Juli 1949 erkennen, denn die zahlenmäßig größte Gruppe der Aberkennungen waren die rassisch verfolgten Juden. Siehe Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung von NS-Opfern. Zur Anerkennungs- und Entschädigungsdebatte in der SBZ 1945 bis 1949, in: Kocka: Historische DDR-Forschung (Anm. 11), S. 105–127. 17 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, ZA 3247 / 54, Objekt 12. 18 Siehe den Bericht an Kusminov vom 5. Juli 1948, in: Staatsarchiv der Russischen Förderation Moskau [im Folgenden: GARF], SMAD-Bestand, f. 7212, o. 1, d. 227. 19 Zit. aus dem Protokoll der Schulleitersitzung vom 16. Juli 1948, in: Stadtarchiv Dresden, Bestand 4.1.13 (Dezernat Volksbildung), Nr. 22, Bl. 65 RS. 20 Siehe Anm. 17. 21 Ebenda. 22 Siehe zu den Angaben des vorstehenden Abschnitts ebenda, ZD 270/56, Nr. 12. 23 Siehe Anm.19. Auch Dölitzsch reichte im Mai 1950 sein Pensionsgesuch ein. 24 Siehe Anm. 17. 25 Siehe GARF, SMAD-Bestand, Bericht an Abramow vom 26. August 1948, f. 7212, o. 1, d. 244; Bericht an Tjulpanov vom 9. September 1948, f. 7212, o. 1, d. 244; Bericht an Kusminov vom 2. Oktober 1948, f. 7212, o. 1, d. 229. 26 Siehe zu den Angaben des vorstehenden Abschnitts Anm. 17. 27 Anm. 25, Bl. 31 und 32. 28 Archiv der sozialen Demokratie, SPD-Ostbüro aus 505: Flüchtlingsakte Maria & Max Kosler.

JHK 2008

Zwischen Sozialdemokratie und Bolschewismus - Der schwedische Politiker Zeth Höglund

Lars Björlin

Einführung Als Zeth Höglund im Herbst 1950 im Alter von 66 Jahren die öffentliche Bühne verließ, war er in der schwedischen und internationalen Arbeiterbewegung fast 50 Jahre lang politisch aktiv gewesen. In der schwedischen Arbeiterbewegung hatte er in diesen Jahren eine Reihe von Führungsposten innegehabt: in der sozialdemokratischen Jugendbewegung, in den sozialdemokratischen, linkssozialistischen und kommunistischen Parteien und ihren lokalen Organisationen sowie in mehreren Zeitungen. Er war außerdem mehrmals Mitglied des schwedischen Reichstags gewesen. Als Finanzstadtrat von Stockholm schloss er seine politische Laufbahn ab. Zeth Höglund gehört zu jener Gruppe schwedischer Politiker, die nicht nur aufgrund ihrer Rolle in der nationalen Arbeiterbewegung, sondern auch infolge eines starken internationalen Engagements große Aufmerksamkeit erfahren hat. Höglund hatte sich innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung früh links positioniert. Von 1910 an war er Führungsmitglied der Sozialistischen Jugendinternationale. Er nahm am oppositionellen Treffen der sozialistischen Gruppen im September 1915 in Zimmerwald teil und wirkte 1919 daran mit, die schwedische linkssozialistische Bewegung in die Kommunistische Internationale (KI) zu führen. Als Vorsitzender der Schwedischen Kommunistischen Partei: Sektion der Dritten Internationale war er zu Beginn der 1920er-Jahre kurze Zeit Mitglied des Exekutivkomitees der KI mit Sitz in Moskau. Nachdem er 1924 als »Renegat« aus der KI ausgeschlossen worden war, kehrte er wenig später zur Sozialdemokratie zurück. Zeth Höglunds politische Laufbahn mag auf den ersten Blick inkonsequent erscheinen, vielleicht sogar haltlos. Seine Position ist aber nicht einzigartig: Mehrere international beachtete skandinavische Linkspolitiker bewegten sich in jener Zeit im politischen Raum zwischen der reformistischen Sozialdemokratie und dem Bolschewismus, etwa Ernst Christiansen in Dänemark und Martin Tranmæl in Norwegen, die später in ihren Heimatländern führende Politiker wurden. Man findet solche politischen Biographien auch in den großen Arbeiterparteien in Europa, zum Beispiel beim jungen Anton Pannekoek,1 dem jungen Willi Münzenberg2, dem jungen Karl Liebknecht3, bei Paul Levi4 und führenden Gestalten in der deutschen USPD. Die bisherige Forschung zu Zeth Höglund berücksichtigt meist zu wenig den zeitgenössischen Kontext, sie bietet vorwiegend Ex-post-Erklärungen.5 Seine Rolle in den linkssozialistischen und kommunistischen Bewegungen in Schweden ist Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gewesen, die aber, abgesehen von der Forschung Alexander Kans, hauptsächlich von schwedischem Quellenmaterial ausgeht.6 Die Akten zu den schwedischen politischen Bewegungen links der Sozialdemokratie in den russischen, deutschen und nordischen Archiven sind noch nicht in vollem Umfang herangezogen worden. In diesem Aufsatz möchte ich die Motive hinter Zeth Höglunds politischer Wegwahl bis Mitte der 1920er-Jahre beleuchten, mit besonderem Schwerpunkt auf der Zeit bis 1917. Wie kann man Höglunds politische Positionen charakterisieren? War er ein revolutionärer Politiker, der rastlos neue Machtpositionen suchte, als sich seine politischen Ziele innerhalb der Sozialdemokratie als unerreichbar erwiesen? Was führte ihn über die linkssozialistische Bewegung in die kommunistische Weltbewegung? Und welche Motive trieben ihn zum Jahreswechsel 1925 / 26 zurück in die Sozialdemokratische Partei Schwedens? Demokratie, Parlamentarismus und Antimilitarismus Als Zeth Höglund in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in die Politik eintrat sowie seine journalistische Laufbahn innerhalb der schwedischen Arbeiterbewegung begann, hatte die sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Schweden ihre Aufbau- und Agitationsphase gerade überwunden. Die SAP (Sveriges Socialdemokratiska Arbetareparti / Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens) hatte sich mit der kapitalistischen Gesellschaft arrangiert, das parlamentarische System war akzeptiert, die Partei war auf dem Weg in eine Phase der größeren gesellschaftlichen Verantwortung. Ihre Mitgliederzahl stieg: Beim Parteitag 1905 waren es fast 70 000, zehn Jahre später bereits 114 450 Mitglieder. Bei der Wahl zur Zweiten Kammer des schwedischen Reichstags im September 1905 ließen die Stimmenzahlen die sozialdemokratische Gruppe im Reichstag auf 13 Personen anwachsen. Die Stärke der Sozialdemokratie lässt sich auch an der steigenden Zahl der Mitglieder der Gewerkschaftsbewegung ablesen.7 Mit der zunehmenden Unterstützung verloren die Aktionsformen aus der Phase der außerparlamentarischen Agitation bald an Bedeutung. Die Themen Demokratie, Parlamentarismus und Wohlfahrt rückten in den Vordergrund. Die Reformpolitik im Schwedischen Reichstag ergänzte den Streik als politisches Instrument, um ihn später in immer größerem Ausmaß zu ersetzen.8 Organisation und Arbeitsformen der Partei wurden auf das parlamentarische System abgestimmt.9 Damit waren die linken Organisationen innerhalb der Sozialdemokratie gezwungen, sich anzupassen oder die Partei zu verlassen. Die früheste Jugendorganisation innerhalb der SAP, die sogenannten Jungsozialisten, wurde wegen ihrer politischen Propaganda in zwei Etappen – 1906 und 1908 – aus der Partei gedrängt. Aber bereits bevor diese anarchistisch inspirierte Gruppe die SAP verließ, hatte der Sozialdemokratische Jugendverband Schwedens (Sveriges Socialdemokratiska Ungdomsförbund / SDUF), gegründet 1903, eine deutlichere Linkspolitik signalisiert, als sie die sozialdemokratische Parteiführung im Parlament in enger Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Linken vertrat.10 Zeth Höglund begann seine politische Karriere im SDUF. Er machte sich bald einen Namen als streitbare und charismatische Führergestalt, auch über die Landesgrenzen hinaus. In der politischen Agitation propagierte er früh eine republikanische Staatsform und ein parlamentarisches Einkammersystem, basierend auf allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen. Diese Standpunkte waren auch im sozialdemokratischen Parteiprogramm verankert,11 es fällt jedoch auf, dass Höglund ihnen schon früh eine höhere Dringlichkeit als seinerzeit üblich gab. Die großen Themen des Parteiprogramms sollten auf längere Sicht im Rahmen der parlamentarischen Zusammenarbeit zwischen SAP und bürgerlicher Linken umgesetzt werden. Höglund betonte dagegen ihre tagespolitische Relevanz und drängte darauf, sie schon in der nahen Zukunft zu verwirklichen. Mit diesem politischen Profil wurden er und die Gruppe junger Sozialdemokraten, die er um sich versammelte, zu einer Bedrohung für die Zusammenarbeit zwischen der SAP und der bürgerlichen Linken. Die zunehmenden außenpolitischen Spannungen und die wachsenden nationalistischen Strömungen waren der Ausgangspunkt jenes Antimilitarismus, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch die schwedische sozialdemokratische Jugendbewegung prägte. Unbestritten spielte Karl Liebknechts Buch Militarismus und Antimilitarismus, 1908 ins Schwedische übersetzt, für den Jugendverband eine wichtige Rolle. In der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte indessen die antimilitaristische Agitation innerhalb der Arbeiterbewegung für die SAP auf innenpolitischer eine größere Bedeutung als auf außenpolitischer Ebene. Bei seinem Kongress im Sommer 1905 brachte der Jugendverband einen antimilitaristischen Aufruf in Umlauf – »Nieder mit den Waffen« –, für den Zeth Höglund die Verantwortung übernahm. Es war ein Beitrag im Kampf gegen den drohenden Krieg zwischen Schweden und Norwegen, seit man von norwegischer Seite eine Auflösung der seit 1814 bestehenden Union zwischen beiden Ländern gefordert hatte. Die schwedische Arbeiterbewegung unterstützte die Auflösung der Union in friedlicher Form, als Verantwortlicher für den Aufruf wurde Höglund jedoch zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er im Herbst 1906 absaß.12 Der Kampf gegen den Militarismus und die Armee war an und für sich kein neuer Programmpunkt in der sozialdemokratischen Agitation. Die Konsequenzen des Vorstoßes des Jugendverbandes im Sommer 1905 hingen vielmehr damit zusammen, dass Schweden in diesem Herbst seine erste liberale Regierung erhielt. Da diese im Rahmen des parlamentarischen Systems von der SAP Unterstützung erwartete, wurde der laute Antimilitarismus des sozialdemokratischen Linksflügels zu einer Bedrohung nicht nur für den Zusammenhalt der SAP, sondern auch für die regierende bürgerliche linke Partei, die Liberale Sammlungspartei (Liberala Samlingspartiet). Deren Rechtsflügel kämpfte für die Verteidigung des Landes. Wenn der Linksflügel der Sozialdemokratie seinen Antimilitarismus nicht zurückschraubte, konnte er die Voraussetzungen der liberalen Regierung untergraben und damit wichtige Reformen verzögern, nicht zuletzt die Umsetzung von Demokratie und allgemeinem Wahlrecht. Vor diesem Hintergrund wurden, wie bereits erwähnt, die Jungsozialisten aus der SAP getrieben, und vor ebendiesem Hintergrund war der Standpunkt, den Zeth Höglund vertrat, ein unerwünschter, fast bedrohlicher Aspekt in der innenpolitischen Debatte Schwedens.13 Zeth Höglund kam dennoch schnell voran, im Herbst 1909 wurde er Vorsitzender des sozialdemokratischen Jugendverbands. Gleichzeitig behielt er seinen Posten als Chefredakteur der Zeitung Stormklockan (»Sturmglocke«), die er selbst seit dem vorausgehenden Jahr herausgab – trotz der Missbilligung mehrerer Mitglieder der Verbandsleitung. Die Gegensätze innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung verstärkten sich zu dieser Zeit, in vielen Arbeiterparteien wandten sich radikale gegen die dominierenden reformistischen Gruppierungen. Stormklockan wurde in Schweden das Organ der Opposition auf der innenpolitischen Bühne. Höglund vertrat eine Politik, die auf einer Linie mit dem Parteiprogramm lag, einschließlich der seit dem Parteitag von 1908 geltenden Haltung zur Militärfrage, die auf die Abrüstung der schwedischen Armee zielte. Das parlamentarische System hielt er für ein wichtiges politisches Instrument in der Situation, in der sich die schwedische Arbeiterklasse befand. Die parlamentarischen Arbeitsformen schlossen aber in seinem Konzept außerparlamentarische Aktionen nicht aus, um radikale Lösungen in der Politik zu befördern. Mit dem Jugendverband als organisatorischer Basis schuf Höglund nach und nach ein Netzwerk, von dem ausgehend die wachsende Linksopposition innerhalb der schwedischen Arbeiterbewegung arbeiten konnte. Gleichzeitig bahnte er sich seinen Weg zu leitenden Funktionen in der SAP. Hier war er während einer Kongressperiode (1908–1911) Teil der Parteiführung, und in einem kurzen Zeitraum nahm er eine leitende Position beim Hauptorgan der Partei Socialdemokraten (»Der Sozialdemokrat«) ein. 1913 weitete er sein politisches Engagement auf die parlamentarische Bühne aus, er wurde in die beschluss-fassende Versammlung der Stadt Stockholm gewählt. 1915 erhielt er einen Sitz in der Zweiten Kammer des Reichstags. Der Jugendkongress im Herbst 1909, bei dem Höglund zum Vorsitzenden gewählt wurde, erwies sich als Wendepunkt in der politischen Entwicklung des Jugendverbands. Statt interner Organisationsfragen stellte der Verband einige für die sozialdemokratische Bewegung wichtige innenpolitische Fragen in den Vordergrund. Es wurde betont, dass man die sozialdemokratische Politik stärker am Programm der SAP orientieren wollte, als man es bei der Parteileitung und der Fraktion im Parlament beobachtete. Die Verfassungsfrage mit der Forderung nach einer Republik und einem Einkammersystem wurde diskutiert, ebenso sozialpolitische Themen, unter anderem die Arbeitslosigkeit, Importzölle, die Alkoholpolitik sowie die Rolle der Religion in Schule und Ausbildung. Man debattierte darüber, wie die Möglichkeiten der Arbeiterklasse verbessert werden könnten, auf die Politik Einfluss zu nehmen und bessere Lebensbedingungen zu erhalten. Für die SAP waren die wichtigsten Themen indessen die Verteidigung des Landes und die Frage, ob und unter welchen Bedingungen sie Teil einer Regierung gemeinsam mit einer bürgerlichen Partei sein könnte. Die entsprechenden Forderungen der Sozialdemokratie wurden in das sozialdemokratische Parteiprogramm aufgenommen. Während die Parteiführung bei vielen dieser Fragen allerdings nicht nach unmittelbaren Lösungen suchte, brachten Zeth Höglund und die Linksopposition sie in die Tagespolitik ein. Eine mögliche Regierungsbeteiligung der SAP war seit dem Parteitag 1908 aktuell gewesen. Aber erst beim Parteitag im Herbst 1914 war die Führung der SAP bereit, vor der kommenden Regierungsbildung mit der bürgerlichen Linken Verhandlungen über Sachfragen zu führen. Die Gespräche erbrachten allerdings keine konkreten Resultate. Eine Zusammenarbeit wurde unter Verweis auf den Weltkrieg auf die Zukunft verschoben.14 Erst im Herbst 1917 traten die Sozialdemokraten in eine sozial-liberale Koalitionsregierung ein. Die parlamentarische Staatsform war zu diesem Zeitpunkt in der schwedischen Arbeiterbewegung gut etabliert. Auch die Opposition innerhalb der Partei sah den Parlamentarismus als ein wichtiges Instrument, um Reformen zu erreichen, die die Arbeiterklasse stärkten. Zeth Höglund argumentierte kraftvoll für die parlamentarische Staatsform, er wurde selbst 1915 Mitglied des Reichstags, wenn auch nicht in erster Linie, um Reformpolitik zu betreiben, sondern um »von innen« die Linie der Partei nach links zu verschieben.15 Eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie schien ihm indessen nicht erstrebenswert. Die SAP war nach der Wahl zur zweiten Kammer des Reichstags im Herbst 1914 noch immer eine Partei in der Minderheit, der Anzahl der Mandate in beiden Kammern nach. Sozialdemokratische Mitwirkung in der Regierung, so argumentierte Höglund, setzte Kompromisse mit dem bürgerlichen Regierungspartner voraus. Unter dieser Prämisse könnte die SAP nicht ihre eigene Politik verfolgen, die Resultate, nach denen man strebte, würden ausbleiben, und die Partei würde riskieren, ihre Wähler zu enttäuschen. In diesen Diskussionen spielte die Verteidigungsfrage eine sehr bedeutende Rolle. Im Herbst 1913 hatte Zeth Höglund gemeinsam mit dem Sekretär der SAP Fredrik Ström und dem sprachkundigen Slawisten Hannes Sjöld eine Broschüre mit dem Titel Das befestigte Armenhaus, mit großer Wahrscheinlichkeit inspiriert von Karl Liebknechts Militarismus und Antimilitarismus, herausgegeben, eine Kampfschrift gegen den Militarismus. In den Diskussionen um eine sozialdemokratische Regierungsbeteiligung konstatierte der Parteivorsitzende Hjalmar Branting, wolle man »die Partei außer Spiel setzen und aus taktischer Sicht alles verlieren«, d. h. jede Möglichkeit zur politischen Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Linken vertun, dann könne man dem antimilitaristischen Standpunkt des Jugendverbandes folgen.16 Dessen Agitation gab der bürgerlichen Presse die Möglichkeit, der sozialdemokratischen Parteiführung eine Art Ultimatum zu stellen: So machte beispielsweise die bürgerliche Zeitung Dagens Nyheter, die der Liberalen Sammlungspartei nahestand, geltend, dass eine politische Zusammenarbeit zwischen der Sozialdemokratie und der bürgerlichen Linken eine klare Abgrenzung gegenüber der Linken innerhalb der SAP erfordere. Die Vorstöße der bürgerlichen Linkspresse können kaum anders gedeutet werden als eine Aufforderung an die sozialdemokratische Führung, mit ihrem Linksflügel ins Gericht zu gehen. In Zeth Höglunds Konzept war der Militarismus indessen kein taktischer Spielstein in der inneren Tagespolitik. Er sah in ihm eine tragende Säule der kapitalistischen Gesellschaft. Damit in der Klassengesellschaft eine durchgreifende Veränderung zugunsten der Arbeiterklasse zustande kommen konnte, war es aus Höglunds Sicht notwendig, die Macht der Armee in der Gesellschaft einzuschränken. Befürchtungen, dass seine antimilitaristischen Vorstöße auch in der Jugendbewegung Probleme hervorrufen könnten,17 hinderten ihn nicht daran, seine politische Linie weiter zu verfolgen. Auf der internationalen Bühne Zeth Höglund führte bis 1914 eine kraftvolle Agitation gegen den Militarismus, so kraftvoll, dass sie zuweilen von seinen Gesinnungsgenossen als hemmend für die selbstständige Entwicklung des Jugendverbandes angesehen wurde. Im Spätherbst des Jahres wirkte Höglund daran mit, den Kampf gegen den Militarismus auf eine stabilere Grundlage zu stellen, indem er die Aktivitäten des schwedischen Jugendverbandes mit der antimilitaristischen Agitation der dänischen und norwegischen Jugendverbände zusammenführte, um dann Verbindung mit der Sozialistischen Jugendinternationale aufzunehmen. Der Kriegsausbruch schränkte jedoch die Möglichkeiten ein, innerhalb der Zweiten Internationale Kontakte zwischen den nationalen sozialdemokratischen Parteien aufzubauen. Die Internationale löste sich zwar nicht auf, verpuppte sich aber gewissermaßen. Zeth Höglund gehörte zu jenen, die sich früh dafür aussprachen, die Internationale wieder aufzubauen. Er wollte eine rekonstruierte Internationale sehen, »weit umfassender und stärker als zuvor«.18 Der Aufbau einer neuen Internationale wurde in Debatten wiederholt gefordert, auch vonseiten russischer Politiker.19 Diese frühen Äußerungen zielten kaum auf jene Internationale, die im März 1919 unter der Führung der russischen Bolschewisten Form annahm. Fredrik Ström, 1915 noch Sekretär der SAP und Zeth Höglunds Freund und Gesinnungsgenosse, sprach etwa von der Notwendigkeit einer neuen Internationale, mit festerer Organisation als die alte, mit Statuten, Richtlinien und einem einheitlichen Programm, das unter anderem einen »Kampfplan, der darauf zielte, Krieg zu verhindern«, enthalten sollte sowie eine einheitliche und »kräftigere Führung«.20 Deren radikalen Charakter wollte Ström betonen, indem er seinen Vorschlag einer neuen Internationale mit dem Namen Karl Liebknecht verknüpfte, mit der deutschen Parteiopposition. Die neue Internationale sollte ein internationaler antimilitaristischer Zusammenschluss sein. Bereits im Herbst 1914 wurde indessen aus einer anderen Richtung die Initiative ergriffen, um innerhalb der Jugendinternationale wieder eine funktionierende internationale Zusammenarbeit zustande zu bringen: In Bern fanden im Frühjahr 1915 die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz und die Internationale Sozialistische Jugendkonferenz statt, beide mit dem Ziel, Voraussetzungen für Frieden zu schaffen. Ihre Organisation wird Willi Münzenberg, mit Unterstützung der schweizerischen sozialdemokratischen Jugendbewegung, zugeschrieben. Zum gleichen Zeitpunkt, im Spätherbst 1914, wurde die internationale Zusammenarbeit auch in Skandinavien diskutiert, in der Führung des dänischen Jugendverbandes in Kopenhagen. Dessen Vorsitzender Ernst Christiansen nahm gemeinsam mit dem schwedischen und dem norwegischen Verband Kontakt mit Robert Danneberg, dem Sekretär der Sozialistischen Jugendinternationale in Wien, auf, um eine internationale Jugendkonferenz anzuregen.21 Danneberg wies den Vorschlag ab, informierte aber gleichzeitig über die Arbeit Willi Münzenbergs in Wien. Christiansens Initiative wurde beim Kongress der skandinavischen Jugendverbände in Stockholm in den letzten Dezembertagen 1914 verankert. Der skandinavische Vorschlag wurde zeitgleich mit der Einladung der sozialistischen Jugendbewegung in der Schweiz zu einer Konferenz in Bern versandt, die vorläufig für Mai 1915 geplant war.22 Die beiden Initiativen, neues Leben in die internationale sozialistische Zusammenarbeit zu bringen, wurden bald gebündelt und mündeten in die internationale Jugendkonferenz in Bern im März 1915.23 Zeth Höglund, der zusammen mit Hannes Sköld angemeldet war, konnte aufgrund eines kurzfristig aufgekommenen Streits innerhalb der SAP-Fraktion im Reichstag allerdings nicht teilnehmen. Die Bolschewiki unter Lenin, noch im Schweizer Exil, waren über die Konferenzpläne gut informiert, Münzenberg und Lenin standen in engem Kontakt.24 Offenbar versuchte Lenin, die Pläne in eine radikale Richtung zu treiben. Er suchte den Kontakt zu radikaleren Gruppierungen innerhalb der nationalen Parteien. Neben Münzenberg nahm er Kontakt zu Serrati in Italien auf, gleichzeitig bat er Alexander Schljapnikow, zu diesem Zeitpunkt in Schweden aktiv, mit Zeth Höglund in Verbindung zu treten. Lenin wollte wissen, ob es ideo-logische Berührungspunkte zwischen den Bolschewiki und der schwedischen Opposition gab. Schljapnikow sollte Höglund den Gedanken vortragen, den herrschenden Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln.25 Es ist anzunehmen, dass Schljapnikow Höglund aufsuchte, um dieses bemerkenswerte Ersuchen zu diskutieren. Es deutet allerdings nichts darauf hin, dass Lenin bei Höglund Berührungspunkte hätte finden können, denn diesem ging es um einen innenpolitischen und internationalen Kampf gegen Militarismus und Krieg. Lenin und der Kreis um ihn hatten im Vorfeld der Konferenz der Jugendinternationale mit ihrem Vorschlag keinen Erfolg gehabt, unmittelbar den Grundstein für eine Dritte Internationale zu legen.26 Im Juli 1915 nahm Lenin deshalb Kontakt mit Alexandra Kollontai in Kristiania (heute Oslo) auf. Durch Schljapnikow wusste er, dass man von ihr Sympathien erwarten durfte. Eine zweite und entscheidende Konferenz stehe bevor, und die Standpunkte, die er vertrete, fänden Gehör, schrieb Lenin in einem Brief an Kollontai. Sie wurde gebeten, Kontakt mit den linken Gruppen in Schweden und Norwegen aufzunehmen und zu versuchen, diese für das »Handlungsprogramm« zu gewinnen, das Lenin ihr zugeschickt hatte: Es forderte die bedingungslose Verurteilung der »Sozialchauvinisten und Opportunisten« und ein revolutionäres Aktionsprogramm – ob man es nun Bürgerkrieg oder revolutionäre Massenaktion nenne, spiele keine Rolle, schrieb Lenin. Im dritten Punkt wurde gefordert, die Vaterlandsverteidigung abzulehnen.27 Am 28. Juli behandelte die Führung des schwedischen Jugendverbandes eine »vertrauliche Anfrage«, an einer Konferenz in Bern teilzunehmen. Die Einladung kam von der »Leningruppe« in Petrograd. Der Gedanke hinter der geplanten internationalen sozialistischen Konferenz war, die »soz.dem. Linksrichtungen in verschiedenen Ländern und […] der internationalen Jugendbewegung« zu versammeln, um eine »gemeinsame Plattform für den Kampf gegen den Krieg, den Chauvinismus und den Militarismus zu vereinbaren sowie die Richtlinien für die neue Internationale zu diskutieren«. Zeth Höglund fuhr nach Kristiania, um mit der Führung des norwegischen Jugendverbandes und »anderen anwesenden Repräsentanten« über eine gemeinsame Repräsentation in Bern zu beraten.28 Die vorsichtige Formulierung zielt auf Alexandra Kollontai, die Höglund Anfang August traf. Offenbar konnte Kollontai Höglund überzeugen, sich hinter Lenins Programmpunkte zu stellen.29 In der Sache muss es für Zeth Höglund möglich gewesen sein, die Punkte 1 und 3 des »Handlungsprogramms« zu akzeptieren. Es bleibt jedoch die Frage, auf welcher Basis sich die Repräsentanten Skandinaviens hinter Lenin und den Bolschewiki, hinter dem Programm der sogenannten Zimmerwalder Linken sammelten. Eine Antwort kann hier nur angedeutet werden. Die Zimmerwaldbewegung soll hier nicht näher behandelt werden, ihre Geschichte ist bekannt. Es soll jedoch kurz auf die Diskussion eingegangen werden, die über die Teilnahme der skandinavischen Jugendverbände in Zimmerwald und die weitere Funktion der Zimmerwaldbewegung für den SDUF und die Linksopposition innerhalb der SAP geführt wurde. Zeth Höglund verließ Schweden gemeinsam mit dem schwedischen Redakteur Ture Nerman, der den norwegischen Jugendverband vertrat, bereits, bevor die Führung des SDUF beschlossen hatte, sich bei der Konferenz in Bern repräsentieren zu lassen. Die beiden Skandinavier schlossen sich dem Kreis um Lenin und die Bolschewiki an. Aber welche Rolle spielten sie bei den Gesprächen in Zimmerwald? Ture Nerman behauptete 1924, zu einem Zeitpunkt, als Höglund bereits wieder aus der kommunistischen Weltbewegung herausmanövriert wurde, die beiden hätten sich nur die Gespräche angehört, still und zurückhaltend. Eine eigene Auffassung darüber, wie die internationale Arbeit gegen den Krieg organisiert werden sollte, scheinen sie nicht präsentiert zu haben.30 Auch sollte keiner von ihnen als Lenins Mitstreiter in der konkreten Politik in Erscheinung treten. Als Höglund nach Schweden zurückkehrte, war er über Überlegungen zu Revolution und Bürgerkrieg gut informiert,31 er präsentierte jedoch das Programm der Zimmerwalder Linken nie in der Zeitung des Jugendverbandes. Nur das Manifest, das die Mehrheit erarbeitet hatte, war am 25. September in der Stormklokkan zu lesen, einmütig angenommen, wie Höglund in einem Kommentar schreibt. In seiner Agitation im Herbst 1915 streifte er bei einigen Gelegenheiten Standpunkte der Zimmerwaldbewegung, jedoch in abgeschwächter Form, an die Debatte innerhalb der SAP angepasst.32 Beim zweiten Kongress der Zimmerwaldbewegung im Februar 1916 wurden die skandinavischen Jugendverbände vom norwegischen Bevollmächtigten Eugen Olausen vertreten. Aber auch die Resolutio-nen von Kienthal fanden keinen großen Widerhall bei der schwedischen Arbeiterbewegung. Es ist fraglich, ob die Resolutionen der Zimmerwaldbewegung zu jenem Zeitpunkt innerhalb der schwedischen Linksopposition überhaupt eine Rolle spielten. Im Frühjahr 1916 drohte die Einheit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Schweden zu zerbrechen. Als Abgeordneter hatte Zeth Höglund im Frühjahr 1915 im Reichstag die Monarchie scharf angegriffen, indem er forderte, die Apanage des Königshauses einzuschränken. Er sah in der Monarchie eine undemokratische Institution, die zugunsten einer republikanischen Staatsform abgeschafft werden sollte. Dass Höglund gegen die in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion üblichen Formen der Debattenführung verstieß, vertiefte die Gegensätze innerhalb der Sozialdemokratie. Als unmittelbare Folge seines Vorstoßes wurden innerhalb der Fraktion die Möglichkeiten eingeschränkt, frei individuelle Standpunkte in der Kammer vortragen zu können. Das Bekanntwerden des Programms der Konferenz in Zimmerwald nach dem 25. September trieb die Gegensätze auf die Spitze. Der Jugendverband lud auf nationaler und internationaler Ebene zu einer größeren Arbeiterkonferenz am 18. und 19. März 1916 ein, um in Bezug auf Militarismus und schwedischen Kriegsaktivismus Stellung zu beziehen. Ziel war, soweit man es anhand des zugänglichen Quellenmaterials beurteilen kann, zusammen mit der SAP, der Führung der schwedischen Gewerkschaftsbewegung Landsorganisationen (LO) und weiteren Organisationen der Bedrohung entgegenzutreten, dass Schweden in den Krieg gezogen werden könnte. Aus innenpolitischen und internen parteipolitischen Gründen lehnte die Parteiführung jegliche Zusammenarbeit ab. Es stellt sich die Frage, ob dieser Kongress, der später Friedenskongress genannt wurde, nicht zu den internationalen Versuchen gezählt werden kann, die Arbeiterklasse gegen Militarismus und Krieg zu mobilisieren, in einer Linie mit den in Bern, Zimmerwald und Kienthal gefassten Beschlüssen. Die Annahme einer Kontinuität zwischen den drei internationalen Konferenzen und dem Friedenskongress wird dadurch untermauert, dass sowohl die Führung der UI als auch das Exekutivorgan der Zimmerwaldbewegung, die Internationale Sozialistische Kommission, eingeladen waren und sich beim Kongress vertreten ließen, ebenso Abgesandte aus Dänemark und Norwegen.33 Es gab, soweit man das heute beurteilen kann, auch außerhalb des SDUF eine merkbare Stimmung gegen Militarismus und Krieg. Doch als die beiden Hauptorganisationen – SAP und LO – es ablehnten, am Kongress teilzunehmen, handelten die Organisatoren unprofessionell. In einem »geheimen« Rundbrief wurden die Organisationen der Arbeiterbewegung dazu eingeladen, sich beim Kongress repräsentieren zu lassen. Der Rundbrief wurde bekannt, und der Kongress vertiefte so die Gegensätze innerhalb der Arbeiterbewegung. Hier ist nicht genug Platz, um die Debatte während der zwei Kongresstage näher zu untersuchen. Man kann indessen konstatieren, dass unter den 240 Repräsentanten die Ansichten breit gefächert waren. Indem man darauf verwies, wie Parlamentsfraktionen radikaler Gruppierungen und Parteien in Europa in Fragen der jeweiligen Landesverteidigung und des Militarismus agierten, gab man der schwedischen sozialdemokratischen Reichstagsfraktion eine klare Anweisung, wie sie mit diesen Fragen auch in Schweden umgehen sollte – es wurde internationalem Klassenkampf und Völkerverbrüderung das Wort geredet. Höglund, selbst Mitglied des Reichstags, verteidigte seinen im Herbst 1915 eingenommenen Standpunkt, dass außerparlamentarische Mittel ausprobiert, etwa Streik als politische Waffe diskutiert werden müssten. »Frieden um jeden Preis!« lautete die Botschaft des Kongresses. Die außerparlamentarische Massenaktion wurde als ein Mittel, Kriegsplänen zu begegnen, gebilligt. Der Kongress einigte sich zudem darauf, dass die Aktionen gegen den Militarismus auch deutlich zugespitzteren Charakter annehmen könnten als bisher. Es muss betont werden, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass man mit diesem Friedenskongress darauf zielte, die SAP zu spalten. Höglunds Absicht war es vielmehr, die Partei von innen zu erobern. Dass die Linksopposition in der Reichstagsfraktion zu Diskussionen einlud, eine selbstständige Gruppe innerhalb der Partei zu bilden,34 und dass seit Mai 1916 die von der Opposition geführte Zeitung Politiken (»Die Politik«) herauskam, während sich gleichzeitig die Opposition vor dem nahenden Parteitag konstituierte,35 zeigt indess, dass diese Taktik stärker organisierter Formen bedurfte. Zeth Höglunds Politik bis zur Spaltung der SAP im Februar 1917 war in der schwedischen Innenpolitik verankert. Von einer revolutionären Politik im Lenin’schen Sinne kann nicht gesprochen werden, Höglunds Ansichten lagen vielmehr links im sozialdemokratischen Feld. Er wollte die SAP von innen erobern, ihre Organisation und politische Struktur beibehalten, strebte also eine Organisation mit starker zentraler Führung an. Die nach der Spaltung der SAP gegründete lose strukturierte SSV (Sveriges Socialdemokratiska Vänsterparti / Schwedens Sozialdemokratische Linkspartei) scheint für ihn nie eine tragfähige politische Alternative gewesen zu sein. Er orientierte sich nach der Parteispaltung recht schnell in die bolschewistische Richtung.36 In Höglunds politischer Orientierung von 1919 an gibt es indessen einige interessante Punkte, die möglicherweise der Sicht auf ihn als einen »Heimatbolschewiken« einige Nuancen hinzufügen könnten. Sie sollen hier kurz angedeutet werden. Auf diesem Gebiet ist die Forschung noch nicht abgeschlossen. Zeth Höglund war ein überzeugter Anhänger der Zimmerwaldbewegung – auch, nachdem diese formell bei der Konstituierung der Kommunistischen Internationale im März 1919 aufgelöst worden war. Einige undeutliche Formulierungen in einem Brief von Angelica Balabanova, der Sekretärin der sozialistischen Kommission, die formal die Zimmerwaldbewegung in die Komintern einführte, an Zeth Höglund lassen ahnen, dass Balabanova beim Konstituierenden Kongress der KI andere Motive vorschwebten.37 Gab es da den Gedanken, eine stärker am Westen orientierte Einstellung zu formen und die führende Rolle der Bolschewiken in der neuen Internationale einzuschränken? Bei der skandinavischen Arbeiterkonferenz im Dezember 1919 plädierte Höglund für einen breiten skandinavischen Anschluss an die KI. Er wollte, wie er es ausdrückte, »alle revolutionären Kräfte […] um die nächste Forderung einer proletarischen Diktatur versammelt« sehen, »und damit eine Zusammenarbeit zwischen unseren unterschiedlichen Richtungen auf den Weg bringen«.38 In den Erklärungsentwürfen bezüglich »der skandinavischen Arbeiterorganisationen und der Weltrevolution«, die Höglund vorzog, wurde ein Anschluss an die Dritte Internationale vorgeschlagen mit einem kleinen, aber bedeutenden Vorbehalt: »als Wegweiser für die kommende Tätigkeit der revolutionären skandinavischen Arbeiterklasse«.39 Es ging also nicht um eine Unterwerfung unter die KI. Als die 21 Bedingungen für eine Mitgliedschaft in der KI im Spätsommer 1921 in Schweden bekannt wurden, erklärte Höglund, dass er nicht bereit sei, sie zu akzeptieren. Es war in seinen Augen völlig inakzeptabel, die Macht über die eigene Organisation, die Macht, die eigene Politik zu formen, abzutreten – eine Auffassung, die die Führung der DNA (Det Norske Arbejderparti / Norwegische Arbeiterpartei) teilte, eine der wenigen großen Parteien in der KI. Es stand früh fest, dass die schwedische SSV (seit 1921 umbenannt in Schwedische Kommunistische Partei: Sektion der Kommunistischen Internationale) und die norwegische DNA jeden Gedanken an eine Unterordnung unter das Exekutivkomitee der Komintern nach den 21 Bedingungen für eine Mitgliedschaft ablehnten.40 Das führte wiederum dazu, dass Höglund selbst und sein norwegischer Kollege Martin Tranmæl früh Gegenstand einer eingehenden Untersuchung durch die KI wurden.41 Angesichts dessen stellt sich natürlich die Frage, warum Zeth Höglund, der die grundlegenden Bedingungen für eine Mitgliedschaft in der Komintern nie akzeptierte, trotzdem entschied, die schwedische kommunistische Politik innerhalb der KI zu führen. Die materiellen Zuschüsse für die schwedische Partei waren bedeutend,42 und Höglund hatte eine Zeit lang eine herausgehobene Position im skandinavischen Sekretariat der KI. Seine starke politische Stellung in Skandinavien bedingte vermutlich auch, dass man vonseiten der KI versuchte, ihn in der kommunistischen Weltbewegung zu halten. Zeth Höglund positionierte sich indessen rechts innerhalb der kommunistischen Weltbewegung. Seine Zeit in der KI war kurz. Seinem Versuch, einen Kommunismus auf Schwedisch zu formen, wurde in Moskau entgegengearbeitet, er endete in einem langen Konflikt mit der KI-Führung. Im August 1924 wurde Höglund aus der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen.43 Nur drei Wochen nach dem Bruch mit der KI gründete er gemeinsam mit weiteren aus der KI Ausgeschlossenen eine neue Partei. Knapp zwei Jahre konnte die neue kommunistische Partei arbeiten, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, »alle kommunistischen Arbeiter auf dem Grunde des Kommunismus« zu versammeln. Die SKP(h) (Schwedische Kommunistische Partei [Höglund]) war jedoch aus dem Konflikt mit der Komintern zu zerrissen hervorgegangen. Hinter Höglund versammelte sich nur eine Minderheit der ehemaligen Parteimitglieder, und seine Politik verlor weiter an Unterstützung, als die Mitgliederzahlen der SKP(h) kontinuierlich sanken. Zudem musste die Partei ohne finanzielle Unterstützung aus Moskau auskommen. Die Finanzierung der neuen Zeitung Den Nya Politiken (Die neue Politik) sowie weitere ökonomische Probleme, die mit der Abspaltung zusammenhingen, wurden zu einer schweren Belastung. Die Partei war zu schwach, um neue Mitglieder zu erobern und sich auf innenpolitischer Ebene als Alternative zur SAP zu positionieren. Höglunds Versuche, eine skandinavische und internationale Zusammenarbeit zu etablieren, waren erfolglos. Die SKP(h) stand zwischen den beiden Internationalen und wurde langsam zermahlen. Zeth Höglund muss angesichts dieser äußeren Umstände seine politischen Einflussmöglichkeiten schrumpfen gesehen haben. Sein Kampf, eine selbstständige schwedische kommunistische Partei zu organisieren, hatte in eine Sackgasse geführt. Im August 1925 verhandelte er mit der SAP über eine Wiedervereinigung der beiden Parteien. Eins seiner Motive dafür war sicher, dass er keine andere Wahl zu haben meinte. Er konnte nicht nach Moskau zurückkehren, diese Tür hatte sich geschlossen: In den Augen Moskaus war Höglund ein Renegat. Die eigene Partei hatte weder die Kraft noch die Mittel, um eine neue Organisation aufzubauen und den Kampf gegen die SAP aufzunehmen. In dieser Situation war die SAP für ihn die einzige Möglichkeit, seine politische Karriere fortzusetzen. Zum Jahreswechsel 1925 / 26 kehrte Zeth Höglund zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zurück. Innerhalb kurzer Zeit etablierte er sich wieder im linken Flügel der schwedischen Sozialdemokratie. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Bock, Hans Manfred: Anton Pannekoek in der Vorkriegs-Sozialdemokratie, in: Pozzoli, Claudio (Hrsg.): Die Linke in der Sozialdemokratie, Frankfurt a. M. 1975, S. 103 ff. 2 McMeekin, Sean: The Red Millionaire. A Political Biography of Willi Münzenberg, Moscow’s Secret Propaganda Tsar in the West, New Haven 2003, Kap. 2. 3 Trotnow, Helmut: Karl Liebknecht. Eine politische Biographie, Köln 1980, Kap. 3 und 4. 4 Beradt, Charlotte: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969; dies. (Hrsg.): Paul Levi. Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie. Schriften, Aufsätze, Reden und Briefe, Frankfurt a. M. 1969. 5 Für eine allgemeine Beurteilung der Forschungslage über die linkssozialistische Bewegung, innerhalb derer Zeth Höglund eine herausgehobene Rolle spielte, siehe Tomas Jonsson: »Att anpassa sig efter det möjliga«. Utsugningsbegreppet och SAP:s ideologiska förändringar 1911–1944 [»Sich den Möglichkeiten anpassen«. Der Begriff der Ausbeutung und die ideologischen Veränderungen der SAP 1911–1944], Göteborg 2000, S. 103 ff. Siehe auch z. B. Lindgren, John: Per Albin i svensk demokrati [Per Albin (Hansson) in der schwedischen Demokratie], Stockholm 1950; Lindblom, Tage: Den socialdemokratiska ungdomsrörelsen i Sverige. En historik [Die sozialdemokratische Jugendbewegung in Schweden. Eine geschichtliche Übersicht], Stockholm 1945. 6 Gröning, Lotta: Vägen till makten. SAP: s organisation och dess betydelse för den politiska verksamheten 1900–1933 [Der Weg zur Macht. Die Organisation der SAP und ihre Bedeutung für die politische Arbeit 1900–1933], Uppsala 1988, insbesondere Kapitel 5; Schmidt, Werner: Kommunismens rötter i första världskrigets historiska rum. En studie kring arbetarrörelsens misslyckande [Die Wurzeln des Kommunismus im historischen Raum des Ersten Weltkriegs. Eine Studie über das Scheitern der Arbeiterbewegung], Stockholm 1996, insbesondere Kapitel 5 f.; Bolin, Jan: Parti av ny typ? Skapandet av ett svenskt kommunistiskt parti 1917–1933 [Partei neuen Typs? Die Schaffung einer schwedischen kommunistischen Partei 1917–1933], Stockholm 2004. Aleksander Kan schildert in seiner großartigen Arbeit »Hemmabolsjevikerna. Den svenska socialdemokratin, ryska bolsjeviker och mensjevikerna under världskriget och revolutionsåren 1914–1920« [Die Heimatbolschewiken. Die schwedische Sozialdemokratie, russische Bolschewiken und Menschewiken während des Weltkriegs und der Revolutionsjahre 1914–1920], Stockholm 2005, seine Forschungen über die Beziehungen zwischen schwedischer und russischer Arbeiterbewegung während der Kriegsjahre und weiter bis 1920. Seine These von den immer besseren Verbindungen zwischen schwedischer und russischer Arbeiterbewegung und dem schwedischen Linkssozialismus als »Hausbolschewismus«, als schwedischer Außenposten in Skandinavien für die russischen Bolschewiken, habe ich in anderem Zusammenhang diskutiert. Siehe meine Rezension in Arbetarhistoria [Arbeitergeschichte] 30 (2006), H. 1, S. 48–50. Zeth Höglunds Rolle in der schwedischen kommunistischen Bewegung im Zeitraum von 1921 bis 1924 hat Erland F. Josephson in der Arbeit »SKP och Komintern 1921–1924. Motsättningar inom Sveriges Kommunistiska Parti och dess relationer till den Kommunistiska Internationalen« [SKP und Komintern 1921–1924. Gegensätze innerhalb Schwedens Kommunistischer Partei und ihre Beziehungen zur Kommunistischen Internationale], Uppsala 1976, erörtert. Josephson engagierte sich seinerzeit sehr dafür, neues Quellenmaterial zur Problematik heranzuziehen, die russischen Archive waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht zugänglich. In seiner Studie konzentriert er sich indessen auf die internen Gegensätze, die tiefer liegenden Gründe für die Konflikte bleiben weitgehend unbeachtet. 7 Gröning: Vägen till makten (Anm. 6), S. 43. 8 Jonsson: »Att anpassa sig efter det möjliga« (Anm. 5), S. 45 ff. 9 Gröning: Vägen till makten (Anm. 6), S. 22 f. 10 Siehe z. B. verschiedene Beiträge in der Zeitung der SDUF, Fram [Vorwärts], 1903–1906. 11 Zu den sozialdemokratischen Parteiprogrammen von 1897 bis 1905 siehe Socialdemokratins program 1897–1990 [Die Programme der Sozialdemokratie 1897–1990], hrsg. vom Arbetarrörelsens Arkiv och bibliotek [Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung], Stockholm (im Folgenden: ArAB) 2001, S. 11 ff. 12 Isaksson, Anders: Per Albin. Vägen mot folkhemmet [Per Albin. Der Weg zum Volksheim], Stockholm1985, S. 68 ff. 13 Siehe Gröning: Vägen till makten (Anm. 6), S. 148 ff. 14 Östberg, Kjell: Byråkrati och reformism. En studie av svensk socialdemokratis politiska och sociala integrering fram till första världskriget [Bürokratie und Reformismus. Eine Studie zur politischen und sozialen Integration schwedischer Sozialdemokratie bis zum Ersten Weltkrieg], Lund 1990, S. 310 ff. 15 Z. Höglund an T. Nerman 1914, in: ArAB, T. Nermans arkiv. 16 Protokoll der sozialdemokratischen Zeitungsleitung vom 15. Oktober 1913, in: ArAB, Socialdemokratens arkiv. 17 K. Kilbom an F. Ström 1912, in: F. Ströms arkiv, Universitätsbibliothek Göteborg. 18 Stormklockan vom 12. September 1914. Im Herbst 1915, zurück vom Kongress in Zimmerwald, sprach Höglund, wahrscheinlich inspiriert von den Stellungnahmen der sogenannten Zimmerwalder Linken, von einer neuen Internationale, der »dritten Internationale«. 19 Siehe Kollontay, Alexandra: Kriget och våra närmaste uppgifter [Der Krieg und unsere nächstliegenden Aufgaben], in: Försvarsnihilisten [Der Verteidigungsnihilist] vom November 1914. 20 Stormklockan vom 21. August 1915. 21 Sozialdemokratischer Jugendverband in Dänemark. Verhandlungsprotokoll 28. 11. 1914, 22. 12. 1914, 4. 1. 1915, in: Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv / Bibliothek und Archiv der Arbeiterbewegung (im Folgenden: ABA), Kopenhagen. 22 E. Christiansen an R. Danneberg 1. 12. 1914, in: Archiv der Jugendinternationale, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis IISG, Amsterdam; Sozialdemokratischer Jugendverband in Dänemark. Verhandlungsprotokoll 28. 11. 1914, 22. 12. 1914, 4. 1. 1915, in: ABA. 23 E. Christiansen an R. Danneberg 1. 12. 1914, in: Archiv der Jugendinternationale, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis IISG, Amsterdam. Willi Münzenberg spricht davon, dass die ersten Versuche, die internationale Arbeit wieder aufzunehmen, bereits im Oktober 1914 unternommen wurden. Siehe Münzenberg, Willi: Die dritte Front. Berlin 1930, S. 154. 24 McMeekin: The Red Millionaire (Anm. 2), S. 27 ff. 25 V. I. Lenin an A. Schlojapnikov 27. 10. 1914, in: Lenin, Vladimir I.: Werke, Bde. 1–40, Berlin 1961, hier Bd. 21. 26 »Sie ist nicht tot!« Bericht über die internationale Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen. Abgehalten zu Bern am 4., 5. und 6. April 1915, in: Schweizerisches Sozialarchiv Zürich, Ar 5.40.2. 27 V. I. Lenin an A. Kollontai, 26. 7. 1915, in: Lenin, Wladimir I.: Briefe, Bd. 4, August 1914 – Oktober 1917, Berlin 1967, hier: Brief Nr. 99. 28 SDUF VU-Protokoll 28. 7. 1915, in: ArAB, Archiv des SDUF. 29 In Jugend-Internationale Nr. 1 von 1915 schrieb Alexandra Kollontai über die Rolle der Jugend in der neuen Internationale, die gebildet werden sollte, und die drei Punkte, die Lenin ihr präsentiert hatte, kehren in leicht modifizierter Form im Artikel wieder. 30 Nerman, Ture: Fem friska [Fünf Gesunde], Stockholm 1924, S. 323 ff. Nerman schildert das Geschehen leicht ironisch. Er sah jedoch auch dessen Bedeutung; die Tatsache, an einem historischen Augenblick teilzuhaben. 31 In Höglunds Archiv (in ArAB, Stockholm) habe ich seinerzeit sein Exemplar von Lenins und Sinowjews Schrift »Sozialismus und Krieg« gefunden, der Schrift, die bei der Konferenz in Zimmerwald ausgeteilt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Höglund sie unmittelbar gelesen hat. Sein Exemplar ist mit Unterstreichungen versehen. 32 Siehe z. B. Örebro-Kuriren vom 25. Oktober 1925. 33 Über den Rahmen der Konferenz siehe Elgemyr, Göran: Arbetarfredskongressen i Stockholm 1916 [Der Arbeiterfriedenskongress in Stockholm 1916], Lund 1974. 34 Björlin, Lars: I Vänstersocialismen och kommunism 1916–1924 [In Linkssozialismus und Kommunismus 1916–1924], in: Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek [Mitteilungen aus Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung], 1983. 35 Socialdemokratiska Vänsteroppositionens protokoll [Protokolle der sozialdemokratischen Linksopposition] 1916–1917, in: Zeth Höglunds arkiv. Bei Familie Höglund, Stockholm. 36 Schmidt: Kommunismens rötter (Anm. 6), S. 169 ff. 37 A. Blabanova an Z. Höglund 14. 3. 1919, in: ArAB, Z. Höglunds Archiv. A. Kan hat bereits auf diesen Brief aufmerksam gemacht. Siehe A. Kan: »I Kremls tjänst«, in: Arbetarhistoria [Arbeitergeschichte] 108 (2003), H. 4, S. 51–53 sowie meinen Kommentar: Björlin, Lars: I Kremls tjänst. En kommentar, in: Arbetarhistoria 109–110 (2004), H. 1–2, S. 84–86. 38 Protokoll, fört vid de revolutionära skandinaviska arbetarorganisationernas första kongress i Stockholm den 8–10 december 1919 [Protokoll, geführt während des ersten Kongresses der revolutionären skandinavischen Arbeiterorganisationen vom 8. bis 10. Dezember 1919], 1920, S. 16 ff, Zitat S. 18. 39 Ebenda, S. 20. 40 K. Grepp an F. Ström 18.9.1920, in: F. Ströms Archiv, Universitätsbibliothek Göteborg. 41 Siehe z. B. den Bericht des finnischen Kommunisten Allan Wallenius an Lenin aus Schweden im Sommer 1921 über Höglund und die Politik, die diesem nachgesagt wurde, in: A. Wallenius Personalakte, Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte [RGASPI], Moskau. Siehe auch RGASPI, f. 5 op. 3 d. 102. 42 Björlin, Lars: Russisk Guld i svensk kommunisme [Russisches Gold im schwedischen Kommunismus], in: Thing, Morten: (Hrsg.): Guldet fra Moskva. Finansieringen af de nordiske kommunistpartier 1917–1990 [Das Gold aus Moskau. Die Finanzierung der nordischen kommunistischen Parteien 1917–1990], Kopenhagen 2001, S. 42 ff. 43 Björlin, Lars: Röd skandinavism i Komintern [Roter Skandinavismus in der Komintern], in: Arbetarhistoria [Arbeitergeschichte] 69 (1994), H. 1. Zeth Höglund (1884 – 1956)

JHK 2008

»Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Skizze über einen ungeklärten Begriff der Nachkriegsepoche

Bernd Faulenbach

»Antikommunismus« gehört sicherlich zu den umstrittensten Begriffen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei bezieht sich die Auseinandersetzung sowohl darauf, was unter Antikommunismus zu verstehen ist, als auch auf die Bewertung des jeweils so Bezeichneten. Der Ausdruck »Antikommunismus« umfasst sehr unterschiedliche Phänomene, die lediglich das »Anti« gemeinsam zu haben scheinen: Sie richten sich gegen den Kommunismus, wobei dieser meist als Sowjetkommunismus gefasst worden ist. Doch diese Ablehnung kann pauschal oder differenziert, emotional oder rational begründet sein und sich mit sehr unterschiedlichen Positionen verbinden. Formen des Antikommunismus, die spezifische eigene Interessen verfolgen, können sogar selbst den Charakter einer Ideologie annehmen. In den 70er- und 80er-Jahren wurden Phänomene, die man unter dem Begriff »Antikommunismus« fasst, in den öffentlichen Diskursen in der Bundesrepublik Deutschland und in anderen westlichen Ländern zunehmend negativ konnotiert. Die durch das Ende des Sowjetkommunismus entstandene veränderte weltpolitische Konstellation macht nicht nur eine neue Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und seinen verschiedenen Varianten nötig – sie ist inzwischen vielfältig im Gange –, sondern auch eine neuerliche Beschäftigung mit den verschiedenen Ausprägungen des Antikommunismus. Dazu einige skizzenhafte Überlegungen, die das Forschungsproblem umreißen sollen. I Der Antitotalitarismus der frühen Nachkriegszeit, der im Grundgesetz der Bundesrepublik seinen Niederschlag fand, war gleichermaßen gegen den Nationalsozialismus wie gegen den Kommunismus gerichtet. Die unmittelbare Gefährdung schien allerdings bald vorrangig vom Kommunismus Stalins auszugehen, deshalb war der Antitotalitarismus vor allem ein Antikommunismus. Manche Beobachter schreiben ihm geradezu den Charakter einer »staatsreligiösen Weltanschauung« zu,1 was indes noch einmal genauer auszuleuchten wäre. Gleichzeitig wurde in der SBZ / DDR der Antifaschismus neben bzw. verbunden mit dem Marxismus-Leninismus zur Ideologie ausgebaut. So könnte man sagen, dass Antifaschismus und Antikommunismus in der Nachkriegszeit in mancher Hinsicht als Gegenbegriffe zu betrachten sind. Während sich der Antifaschismus gegen den Faschismus und sein Erbe wandte, richtete sich der Antikommunismus gegen die kommunistischen Bewegungen und Systeme.2 Beide Haltungen waren auf komplizierte Weise miteinander verschränkt: Dem Antifaschismus wurde oft eine Nähe zu kommunistischen Bewegungen, dem Antikommunismus eine zu rechten Bewegungen unterstellt. Im Westen wurde der Antifaschismus linker Provenienz zunehmend an den Rand gedrängt und ein gegen Faschismus und Kommunismus gerichteter Antitotalitarismus proklamiert. Im Osten aber waren Personen und Gruppen, die sich gegen den Kommunismus wandten, brutaler Verfolgung ausgesetzt. Die schwierige Wechselbeziehung bedarf einer näheren Ausleuchtung in der wissenschaftlichen Diskussion. Eine mögliche Hypothese könnte sein, dass der Antikommunismus in den Nachkriegsjahren im Westen eine dem Antifaschismus im Osten in mancher Hinsicht vergleichbare Funktion hatte. II Antikommunismus war in den 50er-Jahren und darüber hinaus in den politischen Führungsgruppen und in der öffentlichen Meinung der westlichen Länder die vorherrschende Haltung, sie wurde stark gefördert durch die Expansion des sowjetischen Herrschaftsbereichs und durch die stalinistische Politik der Sowjetunion und der kommunistischen Parteien, deren terroristische Komponente in der Nachkriegszeit unübersehbar war. Der Antikommunismus nahm dabei nationale Einfärbungen an, wie etwa die Kampagne des amerikanischen Senators McCarthy zeigt, die »unamerikanische« Umtriebe verfolgte. Die antikommunistische Haltung der Nachkriegszeit war außen- und sicherheitspolitisch gegen die Sowjetunion und das kommunistische Lager, innenpolitisch aber gegen die kommunistischen Parteien und mit ihnen – vermeintlich oder realiter – sympathisierende Gruppen gerichtet. »Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau« – dieses CDU-Wahlplakat richtete sich 1953 keineswegs nur gegen die Kommunisten, vielmehr auch gegen die Sozialdemokraten. Diese sollten in die Nähe der Kommunisten gerückt werden, obwohl die SPD zu diesem Zeitpunkt nur noch bedingt eine marxistische Partei war, an ihrer antikommunistischen Haltung kein Zweifel sein konnte und sie im kommunistischen Herrschaftsbereich verfolgt wurde. Teilweise war Antikommunismus während der 50er-Jahre eine Einstellung, die sich gegen jede gesellschaftsverändernde Politik wendete.3 Zugleich war er in Deutschland nicht selten amalgamiert mit einer Haltung, in der die antibolschewistische Politik des Nationalsozialismus ebenso weiterwirkte wie eine spezifische Verarbeitung von Kriegserfahrungen im Osten oder von Erfahrungen der Menschen in SBZ und DDR. Der gemeinsame »Antikommunismus« verband so entschiedene Demokraten und frühere NS-Anhänger, die sich der Demokratie anpassten. Der »bürgerliche« Antikommunismus der Nachkriegszeit ist bisher nur unzureichend erforscht und dargestellt worden. III Der sozialdemokratische Antikommunismus hatte seine Wurzeln in der Weimarer Zeit, als die KPD sich mit der parlamentarischen Republik nicht abfinden wollte und die Sozialdemokraten als Sozialfaschisten attackierte.4 Nach dem Zweiten Weltkrieg sah Kurt Schumacher, die dominierende Persönlichkeit der SPD in der damaligen Zeit, in der KPD lediglich eine Hilfstruppe sowjetischer Außenpolitik.5 Zudem waren Sozialdemokraten, die ihre Identität in SBZ und DDR zu wahren suchten, der Verfolgung durch die Besatzungsmacht und die SED-Organe ausgesetzt. »Sozialdemokratismus« wurde hier kriminalisiert – eine Erfahrung, die die Sozialdemokraten in ihrer antikommunistischen Haltung bestätigten.6 Es war nicht vorrangig die Eigentumsfrage, sondern der Gegensatz von Demokratie und Diktatur sowie die Bindung der Kommunisten an die Sowjetunion (gerade auch in der Stalinzeit), die die Sozialdemokraten von den Kommunisten trennte und den Antikommunismus der SPD nährte. Dieser unterschied sich von dem bürgerlichen insofern, als er eine gesellschaftsverändernde Politik nicht ausschloss. Als einer der besonders entschiedenen Gegner der Kommunisten trat in der Nachkriegszeit Herbert Wehner auf, der selbst Kommunist gewesen war und sich in einem schmerzhaften Prozess von seinen früheren Überzeugungen gelöst hatte. Er berief sich in seiner Ablehnung des Kommunismus auf diese Erfahrung: »Glaubt einem Gebrannten.« Auf einer Bildungsveranstaltung im Oktober 1946 erklärte er: »Derjenige, der nur die deutschen Erfahrungen hat, hat vom Totalitarismus nur 49 % erfahren. Wenn er 100 % erfahren will, muß er die 51 % des russischen Totalitarismus kennenlernen.«7 Ungeachtet seiner in den 50er- und 60er-Jahren dezidiert antikommunistischen Positionen wurde Wehner wegen seiner Vergangenheit häufig massiv, teilweise kampagnenartig, attackiert. Dabei wurde ihm vielfach unterstellt, dass er im Kern Kommunist geblieben sei. Der Antikommunismus der SPD hinderte bürgerliche Kräfte nicht, die Sozialdemokratie in die Nähe der Kommunisten zu rücken. IV In der Nachkriegszeit gab es mancherlei antikommunistische Organisationen in Westdeutschland und Westberlin. Eine besondere Rolle spielte der »Kongreß für kulturelle Freiheit«, der von US-amerikanischer Seite gefördert wurde. Mit der in Deutschland erscheinenden Zeitschrift »Der Monat« bot er linken, jedoch sowjetkritischen Intellektuellen ein Forum. In ihm spielten – neben sozialdemokratischen Politikern wie Carlo Schmid und Willy Brandt – Intellektuelle eine Rolle, die Kommunisten gewesen waren, doch ihre Erfahrungen mit dem Stalinismus gemacht hatten und – als »Renegaten«8 – zu seinen Feinden geworden waren. Zu den prominenten Repräsentanten dieser Gruppe gehörten Arthur Koestler und Margarete Buber-Neumann, die Autorin des Buches »Gefangene bei Stalin und Hitler«, die unermüdlich über Jahrzehnte über den Kommunismus aufzuklären suchte und schließlich selbst die neue Ostpolitik Willy Brandts heftig bekämpfte.9 Durch Michael Hochgeschwenders Arbeit Freiheit in der Offensive? ist der Kongreß für kulturelle Freiheit gut aufgearbeitet.10 V Kritik am »Antikommunismus« gab es die ganze Nachkriegszeit über. Naturgemäß attackierten die Kommunisten ihre Gegner und hatten einen gewissen Erfolg damit, Antikommunismus mit Reaktion, Klassenherrschaft, Kaltem Krieg usw. zu identifizieren. Zweifellos versuchten Parteigänger der Kommunisten, Kritik an der sowjetischen und allgemein an kommunistischer Politik durch den Antikommunismus-Vorwurf zu diskreditieren. Tatsächlich bot der Antikommunismus durchaus Ansatzpunkte für Kritik, etwa wenn er mit ausgesprochen rechten Positionen verknüpft war, die nicht alle innerhalb des demokratischen Verfassungsbogens lagen. Nicht nur Kommunisten und ihre Sympathisanten, sondern auch Linksliberale und unabhängige Köpfe im Umfeld der Sozialdemokratie kritisierten seit den 50er-Jahren den Antikommunismus. Aus der Sicht Gustav Heinemanns und seiner Anhänger in der GVP lief während der 50er-Jahre der Antikommunismus Gefahr, durch Übereifer in der Ausgrenzung von Kommunisten und auch in der Praxis, mit der das KPD-Verbot durchgesetzt wurde, elementare demokratische Rechte zu verletzen.11 Vertretern des Antikommunismus wurde, verstärkt seit den 60er-Jahren, eine Diffamierung linken Denkens, pauschale Verurteilung des Kommunismus und Verkennung des ursprünglich humanen Kerns des Kommunismus vorgeworfen. Es wäre interessant, diese im Laufe der 60er-Jahre wachsende Kritik am Antikommunismus einmal im Zusammenhang darzustellen. VI Eine neue Konstellation entstand in Deutschland, als im Kontext der Anpassung an europäische Trends 1968 die Wiedergründung der kommunistischen Partei ermöglicht wurde, die sich als DKP formal auf den Boden des Grundgesetzes stellte. Die neue Ostpolitik, die gegen den Widerstand der CDU / CSU und von größeren Teilen der Öffentlichkeit, nicht zuletzt der Springer-Presse, durchgesetzt wurde, zielte ein verändertes Verhältnis zu den kommunistischen Ländern Osteuropas an. Mit ihnen wurden Verträge im beiderseitigen Interesse abgeschlossen, was westlicherseits die Nebenabsicht einschloss, Reformen der kommunistischen Systeme zu fördern.12 Die entschieden antikommunistischen Kräfte – u. a. wesentliche Teile der CDU / CSU, die Vertriebenenorganisationen und die konservative Presse – haben diese Politik als Unterwerfung unter die kommunistische Politik attackiert und die sozial-liberale Koalition, insbesondere aber Willy Brandt, Herbert Wehner und Egon Bahr erbittert bekämpft. Antikommunistische Positionen bildeten den emotionalen Hintergrund für eine Opposition, die es 1972 ihrem Vorsitzenden Rainer Barzel schwer machte, mit der Regierung die aus seiner Sicht nötigen Kompromisse über die Ostverträge zu schließen. Antikommunismus wurde somit in den frühen 70er-Jahren erneut eine bedeutsame Komponente der politischen Auseinandersetzung, die insbesondere auf die Sozialdemokratie zielte. Die Parole »Freiheit statt Sozialismus« in den Bundestagswahlkämpfen versuchte den Antikommunismus zu instrumentalisieren, um Wähler zu Gunsten der CDU / CSU zu mobilisieren. Die Auseinandersetzung um die Ostverträge ist alles in allem gut aufgearbeitet, die antikommunistische Strömung bedürfte jedoch einer genaueren Ausleuchtung. Die Position der sozialdemokratischen Führung wurde in dieser Zeit insofern schwierig, als sie sich nicht nur mit Kritik von rechts, sondern auch von links auseinandersetzen musste. VII Innerhalb der Sozialdemokratie kam es in den frühen 70er-Jahren zu teils heftigen Auseinandersetzungen. Unter anderem zur Absicherung der neuen Ostpolitik setzte die Parteiführung 1971 einen Beschluss durch, mit dem sich die SPD klar von kommunistischen Positionen, von Teilen der radikalen Studentenbewegung und den sich nun herausbildenden K-Gruppen abgrenzte. Darin wurde erneut der Gegensatz in der Demokratiefrage herausgearbeitet; die kommunistischen Parteien galten weiterhin als Repräsentanten bzw. Verfechter totalitärer Diktatur.13 Teile der Jusos und der Linken liefen geradezu Sturm gegen diesen Abgrenzungsbeschluss. Der Antikommunismus hatte aus ihrer Sicht jede konsequent sozialistische Politik in der Bundesrepublik unmöglich gemacht. Jetzt galt nicht nur die Zurückdrängung des Antikommunismus als progressiv, sondern manche sahen sogar im Bündnis mit kommunistischen Gruppen eine Voraussetzung sozialistischer Politik – eine Position, die auf heftigen Widerspruch der großen Mehrheit der Partei stieß und Parteiausschlussverfahren zur Konsequenz hatte. Auf der anderen Seite gab es aber auch innerparteiliche Kritik namentlich von Mitarbeitern und Anhängern des früheren Ostbüros und der Vertriebenenorganisationen. Diese unübersichtlichen Auseinandersetzungen sind nur teilweise aufgearbeitet.14 VIII Die westliche DDR-Forschung machte seit den 60er-Jahren wesentliche Fortschritte; die politisch-gesellschaftliche Realität im SED-Staat wurde nun wesentlich präziser analysiert. Dies lockerte das bisherige DDR-Bild auf und förderte eine kritische Beurteilung des Antikommunismus. Insbesondere im akademischen Bereich wurde »Antikommunismus« so seit den 60er-Jahren ein Begriff, der eine überholte oder ideologische Haltung kennzeichnete. Sicherlich bejahte man dabei in der Regel nicht die kommunistische Herrschaftspraxis, wollte jedoch die real-sozialistischen Systeme differenziert betrachten, was sich teilweise mit dem politischen Ziel verband, durch den Aufbau von Beziehungen im Kontext der Entspannungspolitik sogar zu deren Veränderung beizutragen. Die Kritik am Antikommunismus nahm im Laufe der Zeit ihrerseits gelegentlich dogmatische Züge an. Sie zeigte hier und da die Tendenz, die Schattenseiten der kommunistischen Systeme in den Hintergrund zu stellen, sie mitunter sogar auszublenden. Es ist eine Aufgabe künftiger Forschung, den Weg von der Zurückdrängung antikommunistischer Positionen bzw. ihrer Auflockerung durch eine differenziertere Sicht zu einer selbst wieder klischeehaften Kritik am Antikommunismus seit den 60er-Jahren nachzuzeichnen. Allerdings gab es neben dem Anti-Antikommunismus eben doch auch Versuche, Formen einer geregelten Auseinandersetzung mit den Kommunisten zu finden. Das 1987 vorgelegte sogenannte Streitpapier von SPD und SED (Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit) ist dafür das herausragende Beispiel. Es ging aus der Sicht von Antikommunisten in der Anerkennung der Gleichrangigkeit kommunistischer Positionen und Friedensfähigkeit entschieden zu weit.15 Es spricht vieles für die These, dass der Abbau der scharfen Ost-West-Konfrontation, eben auch die Zurückdrängung des Antikommunismus, die Erosion der kommunistischen Systeme, die zu ihrer Legitimation ein Feindbild brauchten, stark gefördert hat. Demnach wäre es gerade nicht der militante Antikommunismus, der den Kommunismus in Osteuropa überwunden hat, sondern die Entspannungspolitik mit ihrer partiellen Zusammenarbeit über die Systemgrenzen hinweg. IX In bestimmten Bereichen gewannen seit den 70er-Jahren DKP-orientierte, häufig die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) vertretende Kräfte beachtlichen Einfluss. Dies gilt insbesondere für die Gewerkschaften und ihr kulturelles Umfeld, wobei manche Einzelgewerkschaft stärker, manche schwächer betroffen war. Dieser Trend wurde nicht nur auf der Rechten, sondern auch innerhalb der undogmatischen Linken nachdrücklich kritisiert. So publizierte 1980 Ossip Karl Flechtheim u. a. als Taschenbuch unter dem Titel Der Marsch der DKP durch die Institutionen. Sowjetkommunistische Einflußstrategien und Ideologien eine scharfe Auseinandersetzung mit dieser Richtung.16 Unübersehbar gab es nicht nur einen rechten, sondern auch einen linken Antikommunismus, der sich gegen den Kommunismus Moskauer Prägung wandte. Eine monographische Studie dieser Richtung steht noch aus. *** Die Umwälzung 1989 / 90 und das Ende der kommunistischen Systeme, auch die Beschäftigung mit den von ihnen verübten Verbrechen und der Rolle der Staatssicherheitssysteme, haben nicht nur die Schattenseiten der Geschichte des Kommunismus in den Blick gerückt, sondern auch den Antikommunismus erneut stimuliert. Überpointiert kann man von einem Antikommunismus nach dem Ende des Kommunismus, von einem postmortalen Antikommunismus sprechen. Allerdings lässt sich fragen, ob das totalitäre Denken tatsächlich endgültig an sein Ende gekommen ist. Jedenfalls hat sich ein antitotalitärer Konsens herausgebildet, in den Konsequenzen aus der Geschichte des Kommunismus eingegangen sind.17 Heftig war nach 1990 die Kritik am Anti-Antikommunismus seit den 60er-Jahren, der pauschalisierend als Verharmlosung und Schönfärberei gewertet wurde.18 Die relative Berechtigung der Kritik an bestimmten Erscheinungsformen des Antikommunismus der Nachkriegszeit wurde dabei nicht gesehen, die Kritik am Anti-Antikommunismus wurde teilweise ihrerseits extrem zugespitzt und ungerechtfertigt auf große Teile der DDR-Forschung ausgedehnt. Inzwischen sollte die wissenschaftliche Diskussion in der Lage sein, Kommunismus, Antikommunismus und auch Anti-Antikommunismus zu historisieren. Der Philosoph Paul Ricœur hat formuliert: »Urteil und Strafe sind Sache des Richters; der Kampf gegen das Vergessen und für eine wahrhafte Erinnerung ist Sache des Bürgers; dem Historiker bleibt es vorbehalten, zu verstehen, ohne zu verurteilen und ohne zu entschuldigen.«19 Bezogen auf den Kommunismus, den Antikommunismus und den Anti-Antikommunismus, so ist deutlich geworden, haben die Historiker noch viel Arbeit vor sich. Es ist genauer zu bestimmen, was »Antikommunismus« jeweils war bzw. ist, wie der situative Kontext aussah und welche Interessen mit dem Antikommunismus verbunden waren, inwieweit Antikommunismus also primär Auseinandersetzung mit kommunistischer Politik oder aber Ideologie war. Am Ende der Diskussion könnte eine Typologie des Antikommunismus stehen. 1 Formulierung bei Jürgen Leinemann: Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, München 2006, S. 115. 2 Siehe Furet, François: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München / Zürich 1995, S. 273 ff. 3 Siehe dazu: Vilmar, Fritz: Antikommunismus. In: Meyer, Thomas u. a. (Hrsg.): Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 30. 4 Siehe Faulenbach, Bernd: Zur Rolle von Totalitarismus- und Sozialfaschismus-Theorien im Verhältnis von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004, S. 98–110. 5 Siehe dazu: Schumacher, Kurt: Reden – Schriften – Korrespondenzen 1945–1952. Hrsg. von Willy Albrecht. Berlin / Bonn 1985; Merseburger, Peter: Der schwierige Deutsche. Kurt Schumacher. Eine Biographie, Stuttgart 1995, insbes. S. 240 ff. 6 Siehe dazu Bouvier, Beatrix: Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR 1945–1953, Bonn 1996. 7 Wehner, Herbert: Selbstbestimmung und Selbstkritik. Erfahrungen und Gedanken eines Deutschen. Hrsg. von August Hermann Leugers-Scherzberg, Köln 1994, S. 252. Siehe auch Faulenbach, Bernd: Der Umgang mit Emigrationserfahrungen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit – die Beispiele Margarete Buber-Neumann und Herbert Wehner, in: Kolloquium der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Berlin 2006. Demnächst in den Berichten der deutsch-russischen Historikerkommission. 8 Siehe Rohrwasser, Michael: Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten, Stuttgart 1991. 9 Siehe Buber-Neumann, Margarete: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel, 2. Aufl., Berlin 1997; dies.: Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit, Berlin 1999. Dazu Wissmann, Anja: Erinnerung und Neuanfang. In: apropos Margarete Buber-Neumann, Frankfurt a. M. 2001, S. 92–98. 10 Hochgeschwender, Michael: Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998. 11 Posser, Dieter: Anwalt im Kalten Krieg. Deutsche Geschichte in politischen Prozessen 1951–1968, Bonn 2000; Weber, Hermann und Gerda: Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 140 ff. 12 Siehe dazu Niedhart, Gottfried: Revisionistische Elemente und die Initiierung friedlichen Wandels in der neuen Ostpolitik 1969–1974, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 233–266. 13 Zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Kommunismus. Entschließung des Parteirates am 26. 2. 1971. Abgedruckt in: SPD-Jahrbuch 1970–1972, Bonn o. J., S. 557–564. 14 Siehe dazu Gebauer, Annekatrin: Der Richtungsstreit in der SPD. Seeheimer Kreis und Neue Linke im innerparteilichen Machtkampf. Wiesbaden 2005; Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Köln 2001. 15 Der Titel des Papieres lautete: Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit. Siehe dazu Miller, Susanne: Die Gespräche der Grundwertekommission der SPD mit der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und das »gemeinsame Papier«, in: Rudolph, Karsten / Wickert, Christl (Hrsg.): Geschichte als Möglichkeit. Über die Chancen von Demokratie. Festschrift Helga Grebing. Essen 1995, S. 354–368; Giebeler, Karl / Geisel, Alfred (Hrsg.): Das SPD-SED-Dialogpapier. Ist mit der Ideologie auch der Streit erledigt? Bad Boll 2003. 16 Flechtheim, Ossip K. / Rudzio, Wolfgang / Vilmar, Fritz / Wilke, Manfred: Der Marsch der DKP durch die Institutionen. Sowjetmarxistische Einflußstrategien und Ideologien, Frankfurt a. M. 1980. 17 Zum Begriff des »antitotalitären Konsenses« siehe Jürgen Habermas: Die Bedeutung der Aufarbeitung der beiden Diktaturen für die demokratische Kultur in Deutschland, in: Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur«, Baden-Baden 1995, S. 686–694. 18 Siehe Hacker, Jens: Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen, Berlin, Frankfurt a. M. 1992. 19 Ricœur, Paul: L’écriture de l’histoire et la représentation du passé. In: Annales. Histoire, Sciences Sociales 55 (2000), H. 4, S. 731–747, hier S. 744. Zitiert nach François, Etienne: Meistererzählungen und Dammbrüche. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwischen Nationalisierung und Universalisierung, in: Flacke, Monika (Hrsg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Bd. I. Mainz 2004, S. 13–28, hier S. 25.

JHK 2008

Außenseiter, Aufsteiger, Absteiger. Vom Angehörigen der Funktionselite zum »Funktionshäftling«. Eine biographische Studie

Ilko-Sascha Kowalczuk

Anfang Juli 1989, es ist ein kühler Tag, hin und wieder setzt Nieselregen ein. Die Temperaturen erreichen kaum 16 Grad. Im Norden Ost-Berlins steigen Franz Kniffel1 (Anfang 60), seine Ehefrau Mireille (Mitte 40) und deren minderjähriger Sohn in ihr Auto. Ihr Ziel: die Schweiz. Sie gehören zu den 125 000 »Antragsstellern«, die die Statistik für das Jahr 1989 ausweist. Bis September können knapp 40 000 die DDR verlassen. Hinzu kommen bis zum 9. November eine Viertelmillion Flüchtlinge, die 1989 glaubten, die DDR für immer hinter sich gelassen zu haben. Kniffels Reise ist sorgfältig geplant und vorbereitet. Er und seine Frau sind mit dem SED-Regime fertig. Als sie gegen 16 Uhr an die Grenze zur ČSSR kommen, werden sie rasch abgefertigt. Ein paar Stunden später geschieht es ähnlich an der Grenze nach Österreich. Was die Reisenden nicht wissen können: Das Ministerium für Staatssicherheit hat zuvor dafür gesorgt, dass keine Kontrollen erfolgen. Erich Honecker genehmigte persönlich Mitte April 1989 ihre Ausreise. Noch einen Tag vor ihrem Aufbruch notiert ein ranghoher MfS-Offizier, die Kniffels seien so »diskreditiert«, dass sie im Ausland unmöglich »feindlich« gegen die DDR auftreten könnten. Mit dem Verlassen der DDR wollen sie einen Lebensabschnitt beenden und hoffen, in der Freiheit neu beginnen zu können. Kindheit im Nationalsozialismus – Jugend in der Nachkriegszeit Geboren wird Franz Kniffel Ende der zwanziger Jahre in Westfalen. Die Nationalsozialisten schließen 1934 die Arztpraxis des jüdischen Vaters. Franz ist als kleiner Junge antisemitischen Diskriminierungen ausgesetzt, Spielgefährten wenden sich von ihm ab. Seine Mutter, die keine Jüdin ist, schickt ihn 1938 nach Schweden. Vier Jahre bleibt er in der Emigration, weitgehend auf sich selbst gestellt. 1942 muss er nach Deutschland zurückkehren. Im Sommer 1944 rekrutiert ihn die Organisation Todt. Unter einem Vorwand erreicht er es, Weihnachten bei seiner Mutter und Großmutter verbringen zu können. Kniffel kehrt aus dem Kurzurlaub nicht zurück, sondern versteckt sich bis zum Kriegsende an verschiedenen Orten. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen bedeutet für Franz Kniffel eine echte Befreiung. Die Erfahrungen von Isolation, Verfolgung, Emigration, Demütigung und Ausgeschlossensein bewirken, dass er in den nachfolgenden Jahrzehnten nach außen hin scheinbar angepasst Karriere macht und dabei innerlich doch unabhängig bleibt. Die ihn umgebende Umwelt betrachtet ihn als einen unverbesserlichen Individualisten, eine Einschätzung, die im kollektivistischen Anstaltsstaat schnell in neuerliche Isolation münden kann. Kniffel wiederum verhält sich zu seiner Umwelt distanziert. Nach seinen Erfahrungen bis 1945 sind für ihn Grenzen – und davon gibt es in der DDR im doppelten Wortsinne mehr als genug – unerträglich. Zunächst kämpft auch Franz Kniffel mit den schwierigen Lebensumständen der Nachkriegszeit, von seinem Vater fehlt zudem jedes Lebenszeichen. Neben den Versuchen, den komplizierten Alltag zu bewältigen, beginnt er, sich politisch zu engagieren. 1946 trifft er seinen Vater wieder, der eine Odyssee durch verschiedene Länder und Lager überlebt hat und nun am Neuaufbau mitwirken will. Als Mitglied der SED versucht der Vater sich einzubringen. 1950 flüchten Vater und Mutter in die Bundesrepublik, sie befürchten neuerliche Verfolgungen. Franz Kniffel beginnt 1948 an einer Universität zu studieren, 1946 ist er bereits der FDJ und 1947 der SED beigetreten. Diese Mitgliedschaften entspringen weniger ideologischen Überzeugungen als vielmehr dem Wunsch, Gemeinschaften anzugehören. Er bekleidet ideologische Funktionen an der Universität und absolviert Lehrgänge der SED. Sein geisteswissenschaftliches Studium schließt er 1952 ab. Das Studium ist noch nicht von jener marxistisch-leninistischen Ausrichtung geprägt, wie sie nur wenig später üblich sein sollte. Kniffels wichtigste Lehrer aber sind größtenteils aus dem Exil zurückgekehrte Kommunisten. Franz Kniffel bereitet sich auf eine wissenschaftliche Karriere vor. Er promoviert, habilitiert sich, wird Dozent und schließlich Lehrstuhlinhaber. Wissenschaftlich bewegt er sich im Rahmen dessen, was zu dieser Zeit in der DDR junge Geisteswissenschaftler produzieren. Zeitzeugen erinnern sich aber, dass Kniffels Lehrveranstaltungen nicht von jener doktrinären Enge geprägt waren, die sonst so typisch war. Er spielt sich weder als Parteitechnokrat noch als kommunistischer Ideologiepolizist auf. Zu seiner Beliebtheit bei den Studierenden trägt bei, dass er sich weltoffen verhält, andere Meinungen zulässt und akzeptiert und zudem modisch gekleidet ist. Dass er Abstand wahrt und Distanzen kultiviert, stört die meisten Studierenden nicht, viele seiner Kollegen legen ihm dies jedoch als arrogant aus. Ein Student erinnert sich, dass er, als er Anfang der siebziger Jahre aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde, noch eine Prüfung bei Kniffel hatte. Der Student war mit seinen Gedanken woanders. Kniffel hörte sich das Gestammel ruhig an und meinte, das sei alles sehr gut gewesen. Dem Studenten ist nicht bekannt, ob Kniffel etwas von seinem Schicksal wusste, er hat es aber als Solidaritätsgeste empfunden – eine Geste, die nicht nur dieser Student Kniffel zutraute, die aber eher singulär denn typisch für die Universität war. Ein denkwürdiges politisches Statement gibt Franz Kniffel nach der gescheiterten Revolution vom 17. Juni 1953 ab. Das ist eines der wenigen »offiziellen« Dokumente, die seine politische Haltung dokumentieren. Die meisten anderen wurden mit geheimpolizeilichen Überwachungsmethoden gewonnen, entstammen offiziellen Versammlungen oder Einlassungen, die unter Zwangsumständen erfolgten. Kurz nach dem 17. Juni schreibt Kniffel einen langen Brief an Ministerpräsident Otto Grotewohl. Obwohl Kniffel die offizielle Rede vom »faschistischen Putschversuch« aufgreift, stellt sein Schreiben eine schonungslose Abrechnung mit den Verhältnissen in der DDR und dem Gebaren der SED dar. Die Regierungsmethoden bezeichnet er als unwürdig. Im Einzelnen listet er viele gesellschaftliche Verhältnisse auf, die er als inakzeptabel brandmarkt. Dennoch sieht Kniffel in der DDR das bessere Deutschland. Fluchtgedanken kommen ihm nicht in den Sinn. Aufstieg: Eine ungewöhnliche Karriere – Universität, MfS, Weltreisen Im Januar 1957 werden er und seine Frau, die er im Studium kennengelernt hat, von der HV A (Hauptverwaltung Aufklärung) des MfS als GM (Geheime Mitarbeiter) geworben. Sie unterstehen direkt Markus Wolf. Diese Verbindung hält bis zum Mauerbau 1961, die Tätigkeit für das MfS dauert mit einigen Unterbrechungen zwei Jahrzehnte an. Kniffel schreibt eine Verpflichtungserklärung. Seine Berichte sind mit einem Decknamen gezeichnet. Neben einigen unbedeutenden Berichten über die Universität erstreckt sich seine GM-Tätigkeit vor allem auf die »Westarbeit«. Seine Verpflichtung ist mit dem Ziel verbunden, ihn als MfS-Werber einzusetzen. Die Unterlagen beinhalten keine Angaben darüber, was er als GM bis 1961 tatsächlich getan hat bzw. welche Aufgaben er übertragen bekam. Franz Kniffel ist ein leidenschaftlicher Sporttaucher mit Ambitionen zur Tiefseetaucherei. Das ist ein Hobby, das sich in der DDR nicht verwirklichen lässt. Kniffel findet Mittel und Wege, dies mit der Hilfe des Kulturbundes, anderer Verbände und von Verlagen als kulturpolitische und sportjournalistische Aktivitäten dennoch zu bewerkstelligen. Dabei spielen seine MfS-Verbindungen ebenso nur eine marginale Rolle wie direkte SED-Eingriffe. Es sind halb privat, halb staatlich finanzierte Unternehmungen, die Kniffel als gesellschaftspolitisch relevant anzupreisen versteht. Zunächst organisiert er Ende der fünfziger Jahre eine mehrwöchige Tauchexpedition in die Sowjetunion. Das Interesse daran in der DDR-Bevölkerung bleibt begrenzt, eine einige Jahre später, nach dem Mauerbau organisierte weitere Expedition findet hingegen großen Anklang. Fast ein Jahr lang kann Kniffel mit einer kleinen Crew seinem Hobby an verschiedenen Orten Mittelamerikas nachgehen und agiert dabei offiziell als Kulturfunktionär der DDR. Diese Tour prägt Kniffels Leben entscheidend. Als er zurückkommt, trennt sich seine Frau von ihm. Kurze Zeit später heiratet er erneut. Diese Ehe hält nur wenige Monate. Kniffel lebt nun einige Jahre fast einem Bohemien gleich. Durch seine zweite Frau schließt er Bekanntschaft mit oppositionellen Künstlern und Intellektuellen. Dem MfS bleibt das nicht verborgen. Er wird als GM reaktiviert und soll über diese Personenkreise berichten. Dem kommt er nicht nach, geschickt zieht er sich immer wieder aus der Affäre, bis das MfS ihn wieder in Ruhe lässt. Die Bekanntschaft mit diesen Intellektuellen bleibt eine Episode. Weniger episodenhaft sind seine Ausflüge in die weite Welt. Noch in Mittelamerika überlegt er, dort zu bleiben und an einer Universität zu arbeiten, nicht als Flüchtling, sondern als DDR-Bürger. Das ist nicht möglich. Nach seiner Rückkehr in die DDR finden die Schilderungen seiner Abenteuer ein großes Publikum. Bücher, zahlreiche Beiträge und Artikelserien in Tages- und Wochenzeitungen flankieren mehrere Radiosendungen und vor allem eine erfolgreiche Fernsehserie. Er hält über 100 Lichtbildvorträge, die wohl auch bei Teilen seines Publikums die Sehnsucht nach Überwindung der Grenzen bedienen. Anders als seine Zuhörerinnen und Zuhörer kann er Ende der sechziger Jahre erneut eine Expedition unternehmen. Diesmal geht es nach Indien. Wieder liebäugelt er mit dem Gedanken, an einer dortigen Universität zu bleiben, und wiederum fährt er schweren Herzens zurück, um auch diese Reise publizistisch breit auszuwerten. Seine Wissenschaftskollegen zeigen sich neidisch, seine Popularität lässt seinen Beliebtheitsgrad im Kollegenkreis absinken. Nach der Rückkehr aus Asien heiratet er nun Kathrin. Auch seine Berufung zum Professor und gelegentliche Auslandsreisen verhindern nicht, dass er sich wünscht, längere Zeit ins Ausland zu gehen. Ab Mitte der sechziger Jahre kann er offiziell in die Bundesrepublik reisen. Im Rahmen der Westarbeit des ZK der SED hält er mehrfach Vorträge, die HV A wird erneut auf ihn aufmerksam. Anfang der 1970er-Jahre intensiviert sich deshalb die Zusammenarbeit mit dem MfS, es kommt zu einer neuerlichen Verpflichtungserklärung. So wie seine erste weiß auch seine dritte Frau von seiner IM-Tätigkeit. Auch wenn Kniffel gelegentlich über die Universität berichtet, so liegt doch sein Haupteinsatzgebiet in der »Westarbeit«. Er liefert Analysen und Ausarbeitungen, wobei unklar ist, ob er diese exklusiv für das MfS anfertigte oder ob sie im Rahmen seiner offiziellen Forschungs- und Parteiarbeit entstanden. Kniffel selbst mag diese Zusammenarbeit als notwendiges Übel betrachtet haben, er wird kaum ein Selbstbild als »Agent« oder »Spitzel« gehabt haben, auch wenn er vom MfS finanziell belohnt wurde. Seine Erfahrungen als Verfolgter des NS-Regimes lassen ihn noch immer glauben, die DDR sei der deutsche Staat, in dem die »richtigen historischen Lehren« gezogen worden seien. Karrierehöhepunkt: Aus der ostdeutschen Provinz auf die große Bühne der Weltdiplomatie Der im Dezember 1972 in Kraft gesetzte deutsch-deutsche Grundlagenvertrag verändert Kniffels Lebensperspektiven unmittelbar. Der Grundlagenvertrag impliziert keine völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, er überwindet aber die Hallstein-Doktrin und macht es anderen Staaten möglich, zur DDR diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Dies geschieht in einem rasanten Tempo, aus einem politischen Paria wird buchstäblich über Nacht ein gleichberechtigter Partner. Die DDR wird 1973 nicht nur gleichzeitig mit der Bundesrepublik Mitglied der UNO, sie tritt auch vielen UN-Spezialorganisationen bei. Die DDR sieht sich vor die Aufgabe gestellt, binnen kurzer Zeit Diplomaten zu rekrutieren, die sie in etwa 100 neue Botschaften und zahlreiche internationale Organisationen entsenden muss. Für Franz Kniffel stellt sich diese Situation als persönlicher Glücksfall dar. Sprachgewandt, erfahren in längeren Auslandsaufenthalten, vertraut mit ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen, einen bildungsbürgerlichen Hintergrund aufweisend, politisch die SED und ihre Ideologie vertretend, dem MfS geheim verbunden und nicht zuletzt so auftretend, dass er auf internationalem Parkett nicht als Vertreter der kommunistischen Betonkopffraktion wahrgenommen werden würde, ist er wiederum ein Glücksfall für die kommunistische Kaderpolitik. So treffen sich Kniffels Ambitionen, außerhalb der Universität, möglichst im Ausland, zu arbeiten, mit den staatlichen Erfordernissen, geeignete Kader für die neuen außenpolitischen Aufgaben zu gewinnen. Er bewirbt sich in Absprache mit dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, dem MfS und der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED mit Erfolg für einen ranghohen Posten in einer UN-Spezialorganisation. Zum Jahresbeginn 1975 nimmt er seine Tätigkeit in Genf auf. Die HV A versucht noch, ihn für den Auslandseinsatz zu instruieren, aber die Zeit ist zu knapp, sodass er lediglich eine dürftige Basisausbildung für Agenten im »Operationsgebiet« erhält. Er wird in der Schweiz keiner HV-A-Gruppe angeschlossen, sondern hat lediglich Kontakt mit einem für ihn zuständigen Residenten. Franz Kniffel kann nach Genf seine Ehefrau und seine Tochter mitnehmen. Das Aufgabenfeld erweist sich als komplex und kompliziert. Es dauert einige Monate, ehe er sich eingearbeitet und eingelebt hat. Die UN-Organisation ist recht schnell mit dem weltweiten Wirken ihres Funktionärs sehr zufrieden. Kniffel und seine Frau genießen zudem das Leben im Westen mit vielen willkommenen Begleiterscheinungen. Die Welt ist klein für einen internationalen Spitzenbeamten, die Kontinente scheinen zusammenzurücken, Grenzen sind Probleme anderer. Das bleibt der »DDR-Kolonie«, wie die DDR-Mitarbeiter von Botschaften und anderen Einrichtungen im Ausland genannt wurden, nicht verborgen. Die geforderte Beteiligung an den auch im westlichen Ausland üblichen Parteiritualen lässt beim Ehepaar Kniffel zu wünschen übrig. Offenbar schätzen sie die Freiheit so sehr, dass sie nicht einmal mehr Lust verspüren, wenigstens einige Stunden in der Woche in der Botschaft DDR-Alltag zu spielen. Die Kniffels wohnen nicht in einer zugewiesenen Neubaukasernenwohnung, sondern ziehen mehrfach um, bis sie in einer Vorortvilla ein Domizil finden, das ihren gehobenen Ansprüchen entspricht. Sie verfügen über zwei Autos, sodass beide mobil und immer weniger kontrollierbar sind. Das Tuscheln in der »DDR-Kolonie« über diesen für DDR-Bürger ungewöhnlichen Lebensstil können sie kaum überhört haben, es stört sie aber offenbar nicht. Miteinander sprechen sie nie offen über eine Nicht-Rückkehr. Franz Kniffel will kein Verräter sein, er glaubt immer noch an die Potenzen des Sozialismus. Am liebsten wäre ihnen, ihr Aufenthalt wäre offiziell zeitlich unbegrenzt, sodass sie jederzeit besuchsweise in die DDR einreisen und zugleich ihr eigentliches Leben in Freiheit verbringen könnten. Kniffels Zusammenarbeit mit dem MfS gestaltet sich kompliziert. Seine MfS-Auftraggeber sind unzufrieden mit seinen geheimdienstlichen Tätigkeiten, und auch die sowjetischen Funktionäre und Geheimdienstoffiziere misstrauen Kniffel. Er ist ihnen zu »verbürgerlicht«, tritt auf wie ein westlicher Diplomat und lässt »Klassenverbundenheit« vermissen. Den KSZE-Prozess beurteile er anders als vorgegeben, die sozialistischen Staaten würden nun mit Problemen konfrontiert, die hausgemacht seien. Mehrfach beschweren sie sich bei anderen DDR-Funktionären und bei MfS-Offizieren. Die haben aber auch kaum noch Einfluss auf Kniffel. Immer wieder entzieht er sich ihren Aufträgen und Ansinnen mit dem Argument, er schaffe es zeitlich nicht. Einmal entgegnet er, er könne nicht »drei Herren« gleichzeitig dienen. Damit wertet er die MfS-Tätigkeit gegenüber der UN-Spezialorganisation und den Aufträgen der SED ab, was seinen Führungsoffizier veranlasst, ihm die Zusammenarbeit aufzukündigen. Kniffel lehnt das ab, was das MfS als »Treueschwur« akzeptiert. Wahrscheinlich glaubt Kniffel, ohne die Rückendeckung des MfS würde er aus Genf abgezogen werden. Tatsächlich gibt es immer wieder solche Überlegungen, aber diese werden vom Außenministerium, nicht vom MfS angestellt. Ab 1978 gibt es keine geheimdienstlichen Kontakte mehr zwischen dem MfS und Kniffel. Die Tragödie beginnt: Im Visier des MfS In diktatorischen Staaten mit dem Ansinnen, alles wissen und steuern zu wollen und jede individuelle und gesellschaftliche Regung als politisch relevant zu deuten, gibt es keine Privatsphäre im eigentlichen Sinne. Wie die überlieferten Akten totalitär verfasster Staaten immer wieder zeigen, ist Privatismus dort individuell zwar erlebbar, aber nicht garantiert und schon gar nicht so zu entfalten, dass er sich gegen die Herrschaftsansprüche der Machthabenden behaupten könnte. Die »Nischengesellschaft« hat es in geschlossenen Gesellschaften nie gegeben. Viele Menschen aber mögen empfunden haben, in einer »Nische« zu leben. Viele glaubten an diesen Schutzraum, der sie wenigstens partiell den Anmaßungen der Herrschenden entzog. Das ist erwähnenswert, weil SED und ihr MfS bei Bedarf, und der war groß und permanent gegeben, das Private zum Öffentlichen machten. Wobei »öffentlich« in diesem System zumeist nicht hieß, Öffentlichkeit herzustellen. Vielmehr war oftmals »öffentlich«, was politisch, ideologisch, geheimpolizeilich, letztlich strafrechtlich genutzt und dementsprechend instrumentalisiert werden konnte. Das Interesse des MfS für das Private entsprang keinem uninspirierten Voyeurismus, sondern war Teil eines perfiden Überwachungssystems. Dieses war von der Wahnvorstellung geprägt, sogar Dinge wissen zu können, noch bevor der Überwachte selbst darauf kam. Der geheimpolizeiliche »lautlose Terror« (Jürgen Fuchs), die Zersetzung von Seelen und Körpern, sollte die Gleichschaltung der Gesellschaft absichern – »effektiv« und »erfolgsorientiert«. Das »Private«, diese unbedingt schutzwürdigen Interessen, begegnet uns nicht selten in geheimpolizeilichen Akten als politisch Monströses. Darüber schreiben Historiker unbefangen, wenn die schutzwürdigen Interessen juristisch belanglos sind. In der wissenschaftlichen Zeitgeschichte ist nicht der berühmte Zeitzeuge der größte Feind des Historikers, sondern der Jurist und seine Adepten. Das ist kein Plädoyer gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder gegen schutzwürdige Interessen. Es ist aber ein Hinweis auf ein Dilemma, vor dem Historiker, die sich zeitgeschichtlich betätigen, nicht selten stehen. Franz Kniffel und seine Familie werden zu Opfern des SED-Regimes nicht wegen konkreter Handlungen, nicht einmal wegen ihrer zunehmenden Distanz zum System, sondern wegen ihrer ganz privaten Probleme, die das MfS und die SED diktaturtypisch nutzen. Im Frühsommer 1979 fährt Kniffel seine Ehefrau zur Erholung ans Meer. Der Vielbeschäftigte lässt sie ein paar Tage dort allein. Sie lernt Horst Puppe kennen, einen etwas undurchsichtigen Geschäftsmann aus Stuttgart. Er ist gleich mehrfach aus der DDR geflüchtet: zuerst noch vor dem Mauerbau, er kehrte jedoch zurück; dann nochmals nach dem Mauerbau, und wieder kam er zurück. Das MfS nahm ihn fest, er saß eine Zeit lang im Gefängnis. Anschließend geht er zurück ins Schwabenland, nunmehr offiziell, wo er sich in einer kommerziellen Fluchthelferorganisation betätigt. Im Osten biedert er sich mehrfach dem MfS an, indem er buchstäblich an der MfS-Pforte in Ost-Berlin bimmelt und um Mitarbeit fleht. Die Genossen vom MfS trauen dem »Selbstanbieter« nicht. Mehrfach arbeitet er zwar aktiv für das MfS, aber ein Restargwohn bleibt stets. Das MfS vermutet, Puppe wolle mit ihm im Auftrag seiner Fluchthelferorganisation zusammenarbeiten. Ob es so war, lässt sich aus den Akten nicht belegen. Es ist möglich, aber dann wären einige Pannen nebst Festnahmen durch das MfS von Puppes Syndikat in Kauf genommen worden, was die Sache in keinem besseren Licht erscheinen ließe. Dem MfS erschien Puppe zu undurchsichtig, weshalb er ab 1977/78 dort eindeutig als »Feind« firmierte. Die Liaison von Puppe und Kathrin Kniffel bleibt keine einmalige Episode. Sie schreibt nach einem ersten mündlichen Eingeständnis ihrem Mann einen Brief ins ferne Asien, wo er sich aufhält, und beteuert ihre Liebe zu ihm. Er glaubt ihr. Sie brauche aber ein letztes Treffen, so Kathrin, um sich von Puppe befreien zu können. Also nutzt das Ehepaar Kniffel eine Fahrt von Genf mit dem eigenen PKW in die DDR, um Kathrin, wie es im MfS-Jargon heißt, dem Horst »zuzuführen«: Franz Kniffel fährt seine Ehefrau zu einer Raststätte in der Bundesrepublik, wo er sie, wieder MfS-Jargon, dem Puppe »übergibt«. Kathrin Kniffel und Horst Puppe fahren nach Stuttgart. Am Abend lädt Horst Kathrin in ein Restaurant ein. Als sie dort ankommt, sitzt neben Puppe bereits ein Dr. Brill, ein Mitarbeiter des BND, wie er Kathrin selbst anvertraut. Der nimmt an, dass Puppe MfS-Agent sei. Aber er glaubt auch, dass die Kniffels vom Kommunismus genug haben. Damit liegt er zwar richtig, aber Kathrin Kniffel will deshalb noch lange nichts mit dem BND zu tun haben. Das sagt sie auch, steht auf und geht. In Genf erzählt sie ihrem Mann von dieser Geschichte. Der ist erbost, aber aus Erfahrung ist er angstvoll genug, um zu wissen, dies dürfe nicht gemeldet werden. Dann wäre sein Einsatz sofort und unwiderruflich beendet. Das Ehepaar schwört Stillschweigen. Der BND gibt aber nicht so schnell auf. Es kommt nun auch in Genf zu Telefongesprächen mit Kathrin Kniffel, auch zu einem direkten Kontakt mit BND-Vertretern. Franz ist nie dabei, mit dem BND will er nichts zu tun haben. Seine Frau auch nicht, aber Puppe geht ihr nicht aus den Kopf. Also tut sie einmal, worum dieser sie bittet. Sie kontaktiert einen Freund von Puppe, den dieser schon fast 20 Jahre kennt. Es ist Rainer Gär, ein Künstler aus dem Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg. Dieser Mann ist eine Weltberühmtheit in seiner Szene, außerhalb dieser ist er unbekannt. Mehrfach schmieden Puppe und Gär Pläne, wie Puppes Organisation ihn »rausschaffen« könne. Es kommt immer etwas dazwischen. Ende 1979 wird ein neuer Plan entwickelt. Kathrin Kniffel ist gerade in Ost-Berlin. Sie trifft sich mit Rainer Gär und sagt ihm, er solle sich an einem Tag Mitte Januar 1980 in einem Hotel in Sofia aufhalten. Aus Genf schreibt sie ihm dann noch eine Karte: Sie bedauere, dass sie vergessen habe, ihm Geld zu geben. Wahrscheinlich hat sie es absichtlich unterlassen. Die Fluchtorganisation steht längst im Fokus des MfS. Immer wieder gelingt es diesem, einzelne IM zu platzieren oder Fluchtwillige als IM anzuwerben. Um die MfS-Aktivitäten nicht zu dekonspirieren, lässt die Geheimpolizei immer wieder Fluchten zu, obwohl sie genau weiß, was wann und wie ablaufen wird. Rainer Gärs Fluchtabsichten werden verraten. Ein IM aus dem Bezirk Rostock gibt die notwendigen Informationen. Als Gär am Flughafen Schönefeld ankommt, um nach Sofia zu fliegen, wird er beim Check-in verhaftet. Noch bei seiner ersten Vernehmung bei der Polizei gesteht er alles. Das MfS nimmt auch seine Lebensgefährtin vorläufig fest, die von den Fluchtabsichten wusste, selbst aber nicht fliehen wollte. Bei ihrer zweiten Vernehmung erzählt sie, dass ihr Freund Rainer ein paar Mal Besuch von einer Frau namens »Katja« hatte. Diese sei DDR-Bürgerin, lebe aber in Genf, wo ihr Mann einen hohen Posten habe, und habe von den Fluchtabsichten gewusst. Es dauert ein, zwei Tage, bis im MfS diese Information auf den Schreibtischen der Leiter der HV A, der Hauptabteilung (HA) II (Spionageabwehr) und des Ministerbüros landet. Die Alarmglocken schrillen. Rainer Gär und seine Freundin werden wenige Tage nach ihrer Verhaftung bzw. Festnahme »entlassen«, das gegen Gär angestrebte Verfahren wird niedergeschlagen – und beide werden »freiwillig« in ein konspiratives Objekt des MfS (HA II) in Fürstenwalde gebracht. Dort bleiben sie ein Vierteljahr, ohne dass irgendein Angehöriger weiß, wo sie sich befinden. Fingierte Briefe werden geschrieben, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die beiden werden immer wieder zu Puppe und »Katja« befragt, deren wahre Identität sich schnell herausstellt, es handelt sich um Kathrin Kniffel. Gär und seine Freundin reden, sie wissen nicht viel, aber es reicht, um den Verdacht aufkommen zu lassen, Kathrin und Franz Kniffel seien vom BND angeworben worden. Gär und seine Freundin kommen im April frei. Er ist zuvor als IM angeworben worden und berichtet bis 1989 ausführlich und intensiv. Er wird zugleich überwacht, sein Telefon wird ebenso abgehört wie seine Wohnung. Seine Berichte sind deckungsgleich mit den Abhörprotokollen. Viel erbringt Gärs IM-Arbeit nicht, weil er über seinen Bekanntenkreis schweigt. Das hindert ihn nicht daran, sowohl künstlerische Werke für eine Kirche in Ost-Berlin als auch eine sehr gut dotierte Arbeit für das MfS anzufertigen. An zwei Stellen in den Akten gibt es vage Hinweise, dass der HV A seit dem Frühsommer 1979 bekannt war, dass Kathrin Kniffel mit Horst Puppe Kontakt hatte. Was hinter den MfS-Kulissen wirklich ablief und bekannt war, lässt sich anhand der Aktenlage nicht vollständig verifizieren. Es gibt nur einen Hinweis von Kathrin Kniffel: Als sie Puppe erstmals am Strand erblickte, glaubte sie als seine Begleiterin eine Frau zu erkennen, die sie aus der DDR-Botschaft kannte. Deren Mann war Resident des MfS in der Schweiz. Ob es wirklich dessen Ehefrau war, kann weder Kathrin Kniffel hundertprozentig bestätigen, noch gibt es in den überlieferten Akten dafür Hinweise. Dies würde aber erklären, warum die HV A im März 1980 behauptet, sie hätte erste Erkenntnisse über die Verbindung von Puppe zu Kathrin Kniffel im Frühsommer 1979 gewonnen. Eine Tätigkeit von Puppe für das MfS zu diesem Zeitpunkt kann ausgeschlossen werden. Es ist aber auch möglich, dass die HV A dies im Frühjahr 1980 nur behauptete, um intern nicht als völlig ahnungslos in diesem Fall mit erheblichen internationalen Folgen zu gelten. Absturz: Die Tragödie nimmt ihren Lauf Die Strategen der HV A und der HA II ersinnen einen Plan, Franz Kniffel und seine Ehefrau unter einem Vorwand in die DDR zu holen. Das Außenministerium und das SED-Politbüro sind eingeweiht und stimmen in einer »Grundsatzentscheidung« dem Vorgehen zu. Der Plan geht nicht ganz auf, Franz fährt zwar widerwillig, aber Kathrin begleitet ihn nicht. So wird er nach einem konstruierten dienstlichen Termin im Außenministerium von zwei MfS-Mitarbeitern höflich gebeten, zu einem Gespräch mitzukommen. Das MfS plant nicht, Franz Kniffel zu verhaften. Er wird mit den Vorwürfen konfrontiert, die er bestreitet. Weder er noch seine Frau hätten irgendwelche BND-Kontakte. Er spricht mit dem Selbstbewusstsein eines internationalen Diplomaten. Dann zeigen ihm die Offiziere die Postkarte von Kathrin an Rainer Gär. Franz Kniffel ist fassungslos. Er »vereinbart« mit dem MfS eine fingierte Krankheit. Das Ziel besteht darin, Kathrin in die DDR zu holen. Man sichert ihm keine Straffreiheit zu, aber seiner Frau. Nach Aktenlage waren dies keine hohlen Worte. Kniffel wird ins Regierungskrankenhaus eingeliefert. Dort hat er einige Tage Bewegungsfreiheit, sein Zimmer wird aber ebenso abgehört wie seine Telefonleitung. Seine Schwiegermutter darf ihn besuchen und berichtet dann seiner Frau, Franz sei krank, sie müsse zu ihm kommen. Die Schwiegermutter weiß, was gespielt wird, denn sie selbst wird mehrere Tage in einem MfS-Objekt in Motzen festgehalten. Auch Franz Kniffel hat das wahre Spiel durchschaut. Er verlässt mehrfach das Krankenhaus, sucht eine öffentliche Telefonzelle auf und sagt seiner Frau, alles sei fingiert, sie solle unter keinen Umständen, was auch immer zukünftig von ihm zu hören sei, in die DDR zurückkommen. Sie könne ihm nur von Genf aus helfen. Zugleich schickt er an vier Adressen in der Schweiz Briefe, die seinem Chef vorgelegt werden sollen. Er hofft, wenigstens ein Brief würde ankommen. Darin schreibt er, dass er vom MfS festgehalten werde, aber niemals seine Stelle in Genf aufgeben werde, egal was in der nächsten Zeit für »offizielle« Schreiben, auch mit seiner Unterschrift, in Genf ankämen. Kniffel weiß um seinen Status als Beamter einer UN-Spezialorganisation. Ähnliche Fälle in der Vergangenheit lösten sich zumeist glimpflich. Auch seine Frau weiß dies. Es geht darum durchzuhalten. Die DDR muss nachgeben, alles andere würde mit einem erheblichen internationalen Gesichtsverlust einhergehen. Da auch dem MfS von Anfang an klar ist, dass weder Franz Kniffel noch seine Ehefrau BND-Agenten sind, räumt man ihm diese merkwürdige Bewegungsfreiheit ein. Markus Wolf ruft Franz Kniffel im Krankenzimmer an und ermuntert ihn, alles zu sagen, die Sache würde glimpflich ausgehen. Wichtig sei nur, dass seine Frau auch zurückkäme. Die denkt aber nach den Telefonaten gar nicht daran. Wenige Tage nach Kniffels Festsetzung wird in ihr Haus eingebrochen. Die Polizei nimmt an, dies sei vom MfS ausgegangen. Beweise gibt es nicht. Kathrin Kniffel lebt in Angst, eine Entführung durch das MfS sei nicht ausgeschlossen. Sie taucht unter. Die vielen, noch heute bewegenden Telefongespräche, die sie in den folgenden Monaten mit ihrer Mutter führt, führt sie von öffentlichen Telefonen aus. Die erste Zeit wohnt Kathrin bei Nachbarn, dann bei Bekannten und schließlich in einer neuen Wohnung. Finanzielle Sorgen hat sie nicht, weil die UN-Organisation Kniffels Gehalt weiterzahlt. Die Postkontrolle des MfS versagt gründlich. Alle vier Briefe von Kniffel gelangen in den Westen. Anders als geplant, kommen allerdings nicht alle bei seinem Chef an, der solche Fälle gewohnt diplomatisch-diskret behandelt. Ein Adressat gibt den Brief nicht im Büro des Direktors ab. Stattdessen informiert er das Regionalbüro einer Menschenrechtsorganisation, das nun wieder – entgegen der eigenen Regel – nichts Besseres zu tun hat, als den Brief einer Tageszeitung zu geben, die daraus eine Story macht. Nur wenig später geben diese Nachricht viele Zeitungen weltweit wieder. Im MfS sind die Genossen entsetzt. Sie hatten Kniffel vertraut, er ihnen nicht. Aus dem Krankenhaus zunächst noch in ein konspiratives MfS-Objekt verfrachtet, wird Kniffel zehn Tage nach seiner Festsetzung förmlich verhaftet und in ein Untersuchungsgefängnis gebracht. Er braucht vier Tage, um zu begreifen, dass ihm nun eine hohe Haftstrafe droht – wegen Agententätigkeit, Duldung von Agententätigkeit, Nichtmeldung von Agententätigkeit. Alle paar Minuten geht nachts das Licht an, alle paar Minuten ist das scheppernde Geräusch zu hören, wenn das Metall am Spion bewegt wird. Der Häftling hat auf dem Rücken mit den Händen auf der Bettdecke zu »schlafen«. Diese Folter bricht Körper und Seele vieler Häftlinge, sie lässt auch Franz Kniffel reden und reden, schreiben und schreiben. Im Sinne der Anklage hat er zwar nichts zu sagen, aber er erzählt Details seines Lebens und schreibt darüber mit einer Emsigkeit, die nur jemand aufbringt, der seinen Kopf retten will. Zunehmend konzentriert sich seine Wut auf seine Ehefrau. Er sieht sich mehr als Opfer seiner Frau denn des Systems. Zumindest vorübergehend scheint dieses gewonnen zu haben. Hauptziel des MfS ist es, Kathrin Kniffel nach Ost-Berlin zu holen. Im Ohr hat sie immer die Warnung ihres Mannes: Egal, was du hören wirst, komme nicht zurück. Das beherzigt sie auch dann noch, als ihr Mann im Knast längst das Gegenteil will. Woher soll sie auch wissen, dass sie straffrei geblieben wäre und womöglich ihren Mann vor einer Haftstrafe gerettet hätte? Woher soll sie wissen, dass ihr Mann jetzt tatsächlich ihre Rückkehr wünschte? Sie lebt verzweifelt und isoliert in Genf, er sitzt verzweifelt und isoliert in seiner Zelle beim MfS und verliert mehr und mehr jeden Glauben an seine Frau. Die private Krise wird zur lebensbestimmenden Tragödie. Der Fall Kniffel schlägt derweil international hohe Wellen. Die UN-Organisation sieht sich in ihrem Selbstverständnis bedroht. Resolution folgt auf Resolution, die DDR gerät international in eine prekäre Situation. Vereinbarte Konferenzen in der DDR werden abgesagt. Diplomatische Verhandlungen verlaufen ergebnislos. Die UN-Organisation beharrt auf ihrer Position, Kniffel müsse in Genf die Sache erklären. Die DDR wiederum sagt, dies käme nicht in Frage, da Kniffel gegen DDR-Recht verstoßen habe und deshalb in der DDR zur Verantwortung gezogen werden müsse. Kniffel bleibt UN-Beamter und sitzt zugleich in MfS-Haft. MfS-Unterhändler, die als Rechtsanwälte oder Diplomaten arbeiten, versuchen in Genf UN-Beamte davon zu überzeugen, dass Kniffels Ehefrau mit ihrer Rückkehr in die DDR Franz Kniffel aus der Bredouille bringen könnte. Vergebens, keiner glaubt ihnen im Westen. Tatsächlich musste zu diesem Zeitpunkt Franz schon allein deshalb verurteilt werden, um den Anschein zu wahren, seine skandalöse Verhaftung sei irgendwie rechtens. Mitte August 1980 wird Franz Kniffel zu drei Jahren Gefängnis wegen Unterlassung einer Anzeige (§ 225 StGB) in Verbindung mit § 98 (Spionage) und ungesetzlicher Verbindungsaufnahme (§ 219) verurteilt. Bereits im Mai war Kniffel aus der SED ausgeschlossen worden – Monate vor seiner strafrechtlichen Verurteilung. Wie konstruiert dieses Urteil ist, zeigt sich nicht nur an dem verhältnismäßig geringen Strafmaß. Die ganze Angelegenheit benötigt keine weitere strafhistorische Bewertung angesichts des Umstandes, dass eine Woche vor Prozessbeginn MfS-Minister Mielke nicht nur das Strafmaß bestätigt, sondern ebenso den Vorschlag abzeichnet, dass Kniffel relativ schnell auf Bewährung freikommen und dann entsprechend seiner Qualifikation in der DDR eine Arbeitsstelle erhalten solle. Er dürfe nicht mehr lehren, behalte aber seinen Professorentitel. Allen mit dem Fall befassten Geheimpolizisten, Juristen und SED-Funktionären bis hin ins Außenministerium, SED-Politbüro und selbst der Universität ist bewusst, dass weder Kniffel noch seine Frau mit dem BND zusammengearbeitet haben. Franz Kniffel wird aus höheren Erwägungen verurteilt, wird zum Opfer des Regimes, zu einem in neuem Wortsinne kommunistischen »Funktionshäftling«. Eine zerstörte Biographie Franz Kniffel ist so enttäuscht von seiner Ehefrau, dass er im Januar erklärt, keine Briefe von ihr mehr erhalten zu wollen, und jeden Kontakt zu ihr ablehnt. Im Sommer 1981 wird das Ehepaar in Abwesenheit geschieden. Kathrin steht dennoch zu ihrem Mann, weil sie glaubt, dies geschehe alles nur auf Druck des MfS hin. Kniffel selbst wendet sich mehrfach an den Direktor der UN-Organisation und erklärt, dass er sein Arbeitsrechtsverhältnis kündige. Dieser lehnt jeweils mit dem Hinweis ab, dies könne nur am Sitz der Organisation erfolgen. Im Oktober 1981 beschließen Markus Wolf, Günther Kratsch (Leiter der HA II) und Erich Mielke, dass Kniffels Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Er beginnt in einem Forschungsinstitut zu arbeiten, wo er sich nie richtig einleben wird. Das MfS überwacht ihn weiterhin lückenlos. Er ist sehr ängstlich, selbst seine Telefongespräche mit Kathrin, mit der er nun wieder mehrfach Kontakt hat, bespricht er zuvor mit MfS-Offizieren. Er will keine neuen Fehler machen. Zum Jahresende fährt er allein in den Winterurlaub. Er traut niemandem. Nur mit einer Frau lässt er sich auf Gespräche ein. Das MfS hat sie als IM auf ihn angesetzt. Ihre Berichte zeigen, dass er mit dem Staat DDR endgültig fertig ist. In einem anderen IM-Bericht über ihn ist die Einschätzung zu lesen, dass er den Osten viel schlimmer als den Westen finde, dass er einen »Sozialismus« anstrebe, wie er in Schweden, der Schweiz oder Frankreich herrsche. Die DDR sei nicht verbesserungsfähig. Der Kommunismus sei von A bis Z verrottet, die Fehler hätten 1917 begonnen. Es deutet sich zudem an, was im Juli 1982 ein anderer IM explizit berichtet: Kniffel will die DDR verlassen. Im August 1982 geschieht, woran weder Franz Kniffel noch das MfS glaubten: Kathrin kehrt in die DDR zurück. Kurz zuvor hatte sie ihren Vater, der überraschend besuchsweise in die Bundesrepublik fahren durfte, an der Nordsee getroffen. Als sie sich verabschieden, kommt es zu einer herzzerreißenden Szene zwischen Großvater und Enkelin. Kathrin Kniffel ruft ihren Rechtsanwalt in Ost-Berlin an: Er solle alles arrangieren, sie käme noch heute zurück. Dieser versucht, sie davon abzuhalten. Ihr Mann wolle von ihr nichts mehr wissen. Sie lässt sich nicht umstimmen. Der Anwalt sagt, wenn sie kommen wolle, dann solle sie kommen. Ihr würde Straffreiheit garantiert. In den folgenden Stunden fährt sie mit ihrem Auto immer wieder auf den Grenzübergang zu, dreht kurz vor Erreichen des Kontrollpunktes um und fährt wieder Dutzende Kilometer zurück. Das geht so stundenlang. Schließlich rollt sie über die innerdeutsche Grenze, wo sie bereits erwartet wird. Das MfS eskortiert Kathrins Wagen zu Franz Kniffel. Der hatte nicht nur längst jede Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgegeben, sondern mit Kathrin auch innerlich gebrochen. Die ersten Worte, die sie von Franz hört, lauten: »Was willst Du denn hier?« Eine Welt bricht zusammen, die Rückkehr stellt sich als neuerlicher Fehler heraus. Nun ist auch sie wieder »wohnhaft« in der DDR, kann die Grenzen nicht mehr überwinden, ist eingeschlossen und unglücklich. Wochenlang wird Kathrin täglich vom MfS befragt, aber sie kann jeden Tag nach Hause, das nicht mehr ihr Heim ist. Franz Kniffel verschließt sich gegenüber allen und jedem, und wenn er sich einmal öffnet, wie einer Kollegin am Institut gegenüber, dann wird er neuerlich ans MfS verraten. Die Ehe mit Kathrin ist unwiderruflich vorbei. Schließlich findet Franz Kniffel neuen persönlichen Halt in Mireille, einer Frau, die auch ein Verfolgungsschicksal zu tragen hat. Nach der Heirat 1985 kann sie ihre Forschungsarbeiten nicht mehr fortsetzen. Die Ausreise aus der DDR erscheint immer logischer. Als sie ihnen schließlich gestattet wird, steht die DDR kurz vor ihrem historischen Aus. Die Tragik dieser Biographien ist mit dem Mauerfall nicht beendet. Doch das wäre bereits eine andere Geschichte. Auch wenn die rekonstruierte Geschichte selbst singulär sein dürfte, die sichtbar gewordenen Herrschaftstechniken waren ebenso systemtypisch wie das Verhalten einzelner Personen in der Diktatur. Der Blick auf eine einzelne Biographie bewahrt zugleich davor, in der Diktaturanalyse mit simplen Mustern wie »böse« und »gut« oder »Täter« und »Opfer« zu agieren. Das mag geschichtspolitisch seine Berechtigung haben, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung sind solche manichäistischen Perspektiven wenig erkenntnisfördernd. Die meisten Biographien sind von Brüchen gekennzeichnet, so war etwa fast niemand zeitlebens Widerständler oder Oppositioneller. Zu Opposition und Widerstand war es biographisch oft ein weiter Weg, und oft genug gab es Momente der Schwäche, des Zweifels. Dies galt ebenso für Menschen, die sich dem System verbunden fühlten. Auch bei ihnen konnte die Überzeugung in kritische Distanz bis hin zu innerer oder offener Ablehnung umschlagen. Dass dabei zum Teil Repressionen und Verfolgungen die Systemablehnung verstärkten, ist banal und oft behauptet worden, hier ist es in einem besonderen Fall aufgezeigt worden. Franz Kniffel war kein Oppositioneller, er übte keinen Widerstand aus. Nach den NS-Erfahrungen sah er im Kommunismusexperiment den richtigen Versuch, eine neue Gesellschaft zu etablieren. Er konnte rasch Karriere machen, genoss ungewöhnliche Privilegien, war viele Jahre als IM des MfS tätig – eine geradezu mustergültige Kaderbiographie, die keine Anzeichen eines tiefen Sturzes beinhaltete. Ist diese Biographie schon bis zur Verhaftung interessant, so erfährt sie für Historiker ihre besondere Brisanz gerade dadurch, dass ein Systemträger aufgrund einer privaten Affäre so tief fällt, dass er buchstäblich über Nacht ohne eigenes Zutun zum Opfer des Systems wird. Diese Biographie zeigt so in ihrer Gesamtheit eine widersprüchliche Diktaturrealität, die oft genug von Analysen der großen Politik oder »eindeutig« konstruierter Biographien eher verschleiert denn konturiert wird. Franz Kniffels Leben und einzelne Lebensentscheidungen mögen die Leser unterschiedlich bewerten. Gewiss können etwa seine langjährige IM-Tätigkeit oder auch seine publizistischen Arbeiten in der DDR nicht aus der Perspektive seiner späteren Verhaftung und Verurteilung interpretiert werden. Aber ebenso wäre es wiederum problematisch, seine NS-Erfahrungen als Hintergrund seiner Parteinahme nicht zu berücksichtigen. Will man die Diktaturmechanismen begreifen, will man verstehen, warum so viele Menschen den Verlockungen der Diktatur erlagen, so erweisen sich biographische Annäherungen als sehr hilfreich. Die hier vorgelegte Skizze ist ein solcher Versuch der Annäherung, die sich gerade nicht Oral-History-Methoden bedient, nicht nach den Erfahrungen, Erinnerungs- und Verarbeitungsmustern fragt, sondern historische Prozesse, Machtmechanismen und individuelle Verhaltensmuster historisch zu rekonstruieren versucht. Aus vielen solcher exemplarischen Mosaiksteine lassen sich dereinst eventuell vielschichtige und mehrdimensionale Bilder zeichnen, die auch Nachgeborenen noch die Brutalität der Diktaturrealität vermitteln und vor allem veranschaulichen. Diese Skizze bietet keine neuen Erkenntnisse über Herrschaftsstrukturen und keine neuen Metaerklärungen an, sie liefert aber »Fleisch« für eine zu schreibende Diktaturgeschichte, um Herrschaft, Macht und Alltag plastisch rekonstruieren zu können. Vielleicht kann sich »Franz Kniffel« doch noch einmal dazu aufraffen, seine Geschichte selbst zu erzählen. Denn sie ist in Wirklichkeit spannender, widersprüchlicher und tragischer, als sie hier skizziert werden konnte. Sie zeigt exemplarisch, über die Biographie hinaus, dass Diktaturgeschichte nicht nur über einen Ansatz rekonstruierbar und erklärbar ist, sondern gerade in der Verschränkung mehrerer Perspektiven, etwa von Herrschafts-, Biographie- und Alltagsgeschichte, zur vollen Entfaltung gelangt. Die Vergangenheit ist in der Gegenwart lebendig, lebendiger als zumeist vermutet und wahrgenommen. 1 Alle Namen wurden geändert; wesentliche Orte und einzelne Sachverhalte verfremde ich, um Rückschlüsse auf reale Personen zu verhindern. Bei meinen Recherchen habe ich einen »Operativen Vorgang« (13 Bände), drei »Untersuchungsvorgänge« (14 und je 3 Bände), etwa 20 IM-Vorgänge und 80 andere Akteneinheiten unterschiedlicher MfS-Abteilungen sowie mehrere Stunden Tonmaterial ausgewertet. Außerdem zog ich Material aus dem SED-Archiv (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv) heran. Weil ich die Anonymität der Personen ausdrücklich wahren möchte (und muss), ist dies auch die einzige Fußnote im Text. Würde ich Quellen angeben, würde diese Anonymität sofort durchbrochen sein. Das mag wissenschaftlich ungewöhnlich sein, ist aber juristisch (und moralisch) nicht anders zu handhaben. Vielleicht stößt der Beitrag nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner Form eine Debatte an über die mannigfaltigen Begrenzungen, die wissenschaftlicher Zeitgeschichtsschreibung auferlegt sind.

JHK 2008

Erinnerung an einen gescheiterten Schauprozess in der DDR

Wilfriede Otto

Die Welle stalinistischer Schauprozesse in Osteuropa Ende der Vierziger- und Anfang der Fünfzigerjahre ist hinreichend beschrieben. Unbeantwortet ist jedoch nach wie vor die Frage, weshalb im Gegensatz zu den Szenarien in Budapest und Prag ein solcher Prozess in der DDR ausblieb – obgleich die feste Absicht der SED und des Kremls außer Frage steht. Kurt Müller, 2. Vorsitzender der westdeutschen KPD und Bundestagsabgeordneter, Erica Glaser-Wallach, Noel Fields Pflegetochter, und Leo Bauer, Chefredakteur des Deutschlandsenders, war bei ihren Vernehmungen mit einem »großen deutschen Prozeß« 1951 gedroht worden.1 Zu Recht galt das Interesse Hermann Webers wiederholt dieser Problematik. Als Gründe für das Ausbleiben des Prozesses werden meist »zeitliche Verzögerung bei der Erpressung von Geständnissen, die sowjetische Deutschlandpolitik und de[r] Tod Stalins« genannt, wie Weber resümierte.2 Von Gennadij Bordjugow, Karel Kaplan, Rolf Badstübner und Wilfried Loth sowie von Wladimir Wolkow3 veröffentlichte Dokumente geben gleichfalls Aufschluss über diese Jahre, flächendeckende Belege der russischen Sicht fehlen allerdings. Neue Archivdokumente veranlassen zu der These, dass weder die deutsche Frage noch Stalins Tod das Scheitern eines Schauprozesses in der DDR verursachten,4 sondern die Zurückhaltung Wilhelm Piecks und Zufälle in der Geschichte. Politische Besonderheiten in der DDR Die Situation der SED / DDR unterschied sich erheblich von derjenigen der Volksdemokratien. Zugereiste sowjetische Prozessberater waren nicht vonnöten. Die Spezifik der Befehlsgewalt der SMAD (Sowjetischen Militäradministration), die zugleich sowjetische Machtinteressen bediente, muss nicht begründet werden. Aus diesem Machtverhältnis konnte die SED-Führung nicht aus- oder abweichen, zugleich herrschte ein erhebliches Maß an Übereinstimmung vor allem hinsichtlich des Parteiverständnisses. Die von der SMAD mit Druck forcierte Entwicklung der SED zur »Partei neuen Typs« nach Stalin’scher Doktrin ließ sich zwar nicht ganz so schnell durchsetzen wie erwartet, konnte aber ohne eine Preisgabe des eigenen Machtverständnisses der SED-Führung auch nicht abgewendet werden. Selbst unter den flexibleren Bedingungen der SKK (Sowjetischen Kontrollkommission), die eine kontrollierende Parallelregierung mit Sondervollmachten verkörperte, blieb der Befehlston konstant. Nach wie vor wurden alle Grundsatzfragen durch das letzte Wort Stalins in den Gesprächen mit den Spitzenfunktionären Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht in Moskau entschieden. Ob in Moskau oder Berlin verhandelt wurde, immer hatte die SED-Führung ausführliche Papiere über die SKK an das Politbüro der KPdSU zu übermitteln. Das mahnte der politische Berater Wladimir Semjonow etwa am 12. Dezember 1949 bei Wilhelm Pieck an. Noch deutlicher zeigt dies ein Brief Walter Ulbrichts. Aus seinem Urlaub schrieb er am 1. August 1952 an Otto Schön, Sekretär des Sekretariats des Politbüros: »Ich hatte vergessen, Dir wegen der Post nach Karlshorst Bescheid zu sagen. Inbezug auf die Entwürfe für Politbüro oder Politbüro-Beschlüsse, die dem Chef nach K. [Karlshorst] geschickt werden, bereite bitte alles vor und laß Gen. Grotewohl das Begleitschreiben unterschreiben. Aus der Ablage der Allg Abt. [Allgemeinen Abteilung] ersiehst Du, wie diese Korresp. erledigt wird.«5 Die geheime Allgemeine Abteilung arbeitete auf Weisung des Parteivorsitzenden Wilhelm Pieck, später Walter Ulbrichts, und bildete die Schaltstelle zur SKK und zum Zentralkomitee der KPdSU. Direkte Vorgaben erhielt Wilhelm Pieck vom Vorsitzenden der SKK Armeegeneral Wassili Tschuikow und von dessen Politischem Berater Botschafter Wladimir Semjonow. Als Semjonow am 24. Dezember 1949 eine unzulängliche Auswertung der Rajk-Kostoff-Prozesse rügte und die politische Linie der SED anzweifelte, beschwerte er sich auch darüber, dass »Charakteristiken sehr säumig oder gar nicht«6 herausgegeben würden. Während seines Kuraufenthalts in Barwicha bei Moskau notierte Pieck, dass er am 20. April 1950 »ferner von Smirnow (?), Moriganow (?)7 wegen Ausschluß von Müller«8 besucht wurde, wobei es sich nur um den in die DDR gelockten und am 22. März 1950 verhafteten Kurt Müller handeln konnte. Pieck, Grotewohl, Ulbricht und Oelßner als Dolmetscher stimmten am 4. Mai während einer Besprechung im Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU die Dokumente für den III. Parteitag der SED (20.–24. Juli 1950) ab. Eine radikale Direktive erhielt Wilhelm Pieck am 3. Juli 1950 von Armeegeneral Tschuikow, Semjonow, dem Stellvertretenden Vorsitzenden der SKK Iwan Semischastnow und dem Stellvertretenden Vorsitzenden Oberst Semen Dawydow, der seit dem 17. März 1950 verdeckt als Bevollmächtigter des MGB arbeitete. Pieck hielt in seinen Notizen unter Punkt 3 die Stichworte »Frage der Zusammensetzung des ZK u. PB [Politbüro] – Personell – ob Uneinigkeit im Kopf [Politbüro]«9 fest. Das heißt, am 3. Juli war klar, dass Westremigrant und Politbüromitglied Paul Merker nicht wieder in das neue Politbüro gewählt würde. Das Stichwort »Uneinigkeit« deutet auf einen gewissen Widerstand im Politbüro hin. In der intern bearbeiteten Entschließung vom August 1950, worauf noch eingegangen wird, heißt es dazu: »Bis zum III. Parteitag waren in der Parteiführung versöhnlerische Tendenzen gegenüber solchen Funktionären vorhanden, die in der Vergangenheit ernste Fehler begangen hatten.«10 Unter Punkt 6 notierte Pieck: »Untersuchungen über parteifeindl. Elemente – Staatssicherheit Zaisser – PKK [Parteikontrollkommission] Matern – Information an Kopf – Direktiven an beide Institutionen«.11 Diese Maßgabe ist wohl unschwer so zu verstehen, dass die Vorbereitungen für einen Prozess endlich anlaufen sollten. Auch inoffiziell war der über siebzigjährige Pieck wichtigster Ansprechpartner besonders für Tschuikow und seinen Stellvertreter Semischastnow, für Semjonow und dessen Stellvertreter Iljitschow sowie für den Leiter der Abteilung für Information Oberst Kijatkin. Pieck war ein Mann mit außerordentlich reichen Erfahrungen, der offenbar großen Respekt genoss. Ehemals Mitglied des Politischen Sekretariats des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), hatte er die Zeit des Großen Terrors unter Stalin miterlebt, war letzter Vorsitzender der KPD, paritätischer Chef der SED und Präsident der DDR und galt immer als ein Mensch des Vermittelns und Ausgleichs. Bei der DDR-Gründung war er sich dessen bewusst, dass sie durch die Unterstützung der Sowjetregierung und insbesondere Stalins ermöglicht wurde und dass er aus diesem Rahmen nicht heraustreten konnte. Seine alljährlich geführten Vormerkkalender12 vermitteln den Eindruck eines »belagerten« und zugleich kommunikativen Vertrauensmannes. Darin täglich festgehaltene Kürzel dürfen zwar nicht ohne Abgleichen interpretiert werden, lassen aber politische Vorentscheidungen erahnen – vor allem bei Terminen in Karlshorst und in Piecks Wohnsitz, Majakowskiring 29 in Berlin-Niederschönhausen. In den Eintragungen von 1950 liest man, dass zwei SED-Funktionäre, die sich bedrängt fühlten, Pieck um Hilfe baten – Lex Ende (29. 3. und 14. 6. 1950) und Willi Kreikemeyer (31. 3. und 12. 4. 1950).13 Insbesondere vor oder nach Sitzungen des Politbüros der SED beziehungsweise Plenen des Zentralkomitees finden sich Einträge. Kürzel wie »Köva(o)s« (6. 10. 1949), »Ungarn« (12. 3. 1951) oder »PB [Politbüro]Bericht ungarische Delegation« (14. 12. 1951)14 verlocken natürlich zu Spekulationen bezüglich Informationen über den Rajk-Prozess. Der Name »Köva(o)s« könnte sich auf den ungarischen Kaderchef Kovács beziehen, zumal Mátyás Rákosi bei seiner Befragung 1962 gestand, dass er den Bruderparteien »Aussagen« der Angeklagten hatte zustellen lassen.15 Am 27. Mai 1950 empfing Pieck unter anderem aus der ČSR den stellvertretenden Finanzminister Otto Fischl mit Frau und den Leiter der internationalen Abteilung des Sekretariats des Zentralkomitees der KPČ Bedřich Geminder mit Frau, die etwa ein Jahr später ihre Funktionen gegen Zuchthaus eintauschen mussten. Eindeutiger liest sich eine Notiz für den 11. bis 13. März 1952 im Vorfeld des Slánský-Prozesses über den Empfang einer Delegation mit Klement Gottwald, Außenminister Viliam Široký und Karol Bacilek, dem Minister für nationale Sicherheit. Privatbesuche leistete sich allerdings auch Semjonow beim Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser, beim Chefredakteur des Zentralorgans Neues Deutschland Rudolf Herrnstadt, beim Generalsekretär des Zentralkomitees der SED Walter Ulbricht und beim Ministerpräsidenten Otto Grotewohl.16 Im Unterschied zu den Geheimdiensten im Ostblock, die bereits 1948 gegründet worden waren, konnte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erst nach der Gründung der DDR Anfang Februar 1950 gesetzlich aus der Taufe gehoben werden. An seiner Seite agierte ein Bevollmächtigter des MGB (Ministerium für Staatssicherheit der UdSSR) und ein Chefberater mit Team. Der erste Minister Wilhelm Zaisser war unter dem Namen »General Gómez« aus dem Spanienkrieg bekannt und besaß das Vertrauen Wilhelm Piecks und Moskaus. Als Mitglied des Politbüros und der Hoheit des MGB Unterstellter war er über alles informiert. Er trug die allgemeine politische Verantwortung auch für die Vorbereitung eines Tribunals. Nach der Aktenlage mischte er sich hier aber nicht ein, sondern überließ dies seinem beflissenen Staatssekretär Erich Mielke. Aufschlussreich ist eine maschinenschriftliche Notiz von Mielke an Ulbricht vom 26. August 1950: »Soeben wurde die Französin W a l l a c h, geboren[e] Glaser festgenommen. Sie kam ohne gültige Ausweispapiere in die Halle und wurde beim Verlassen derselben festgehalten. Auf Befragen gab sie an, L. B. [Leo Bauer] vom Rundfunk sprechen zu wollen«. Mit unverkennbarer Handschrift ist angemerkt: »Unbedingt festhalten, gründlich vernehmen. U [Ulbricht]«.17 Noel Fields Pflegetochter Erica Glaser-Wallach ließ Zaisser, der sie in Spanien als fünfzehnjährige Schwester im Krankenhaus für Interbrigadisten kennengelernt hatte, über Mielke »grüßen«. Bei dieser Gelegenheit dachte sie an die Rettung ihres Vaters, der in Spanien unter Spionageverdacht gestanden hatte, durch Zaisser.18 In dem seit März 1950 bestehenden vorläufigen Untersuchungsgefängnis des MfS in der Berliner Albrechtstraße herrschte vorübergehend für einige Häftlinge eine etwas »lockere« Atmosphäre, an die sich auch Erica Wallach erinnerte. Namen von Verhafteten wurden bekannt, ebenso der SED-Beschluss zum Rajk-Prozess sowie Berichte über den Prozess. Dem bereitete Mielke ein Ende und stellte am 12. Oktober 1950 Strafantrag gegen zwei Wachleute. Beide wurden im Dezember 1950 verurteilt.19 Erpressungsversuche bei Vernehmungen von deutscher und sowjetischer Seite sowie psychologischen und physischen Druck während der Haft erlebten die Häftlinge auch beim MfS, sie unterschieden sich aber wohl vom teuflischen Vorgehen unter dem Rákosi-Regime.20 Die Annahme, dass die Deutschlandpolitik der Sowjetunion, insbesondere ihre Offerten von 1950 bis Anfang 1952, und die entsprechende Politik der SED die Inszenierung eines ersten Prozesses bremste, ist nicht gänzlich überzeugend, denn die sowjetischen Konzepte für Europa waren in sich widersprüchlich. Sie waren von der Propagierung unvereinbarer Ziele und von Mehrgleisigkeit geprägt.21 Die Indoktrination der SED seit 1948 und die Übernahme der Kominform-Beschlüsse mit den hypertrophen trotzkistischen und titoistisch-faschistischen Feindbildern zogen zudem eigentlich eher eine Verstärkung des Drucks nach sich. Ein besonders brutaler Fall war die Festnahme des genannten West-Kommunisten Kurt Müller, der trotz seiner elfjährigen KZ-Haft für einen Schauprozess ausgesucht worden war. Ein neuer Akzent, der den zweiten Anlauf einer Prozessvorbereitung ab Ende 1952 beeinflusste, kam beim Besuch einer Delegation mit Pieck, Grotewohl, Ulbricht und Oelßner im März / April 1952 in Moskau ins Spiel, als Stalins Forderung nach massiver Aufrüstung und Grenzsicherung der DDR durch die überraschende Aussage ergänzt wurde: »Auch sie müssen ihren eigenen Staat gründen.«22 Der Wink auf Zweistaatlichkeit zog gesellschaftlich problematische Konsequenzen nach sich und verführte vermutlich auch dazu, selbst 1952 unbedingt einen großen Prozess inszenieren zu wollen. Unfreiwilliger Abbruch der ersten Initiative Mátyás Rákosi setzte den Idealisten Noel Field als »amerikanischen Spion« auf das Schachbrett,23 um Stalins Verdacht von sich ab- und auf andere »Widersacher« hinzulenken; er gab ihm einen Treibriemen in die Hand, der auch in der SED weiterlaufen konnte. Das Field-Phantom kaschierte über die Konstruktion von parteifeindlichen »trotzkistischen«, »titoistischen«, »imperialistischen Agenturen« einen innerparteilichen Terror. Die bereits erwähnte sowjetische Kritik an einer zögerlichen Auswertung des Budapester Prozesses gegen László Rajk war ungerechtfertigt. Nach der Veröffentlichung der Anklageschrift vom 6. September 1949 in der ungarischen Presse titelte Neues Deutschland am 13. September, bereits vor dem Prozessbeginn: »Das Ende einer Verschwörung gegen Ungarn«, »Agenten Titos und der USA«, »Vom Polizeispitzel zum Tito-Agenten« usw. lauteten die Überschriften bis zum 28. September.24 Am 23. September wurde eine »Aussage« des Angeklagten Tibor Szönyi gedruckt, dass »Noel H. Field sich mit der Anwerbung von Agenten aus der Mitte der tschechoslowakischen, deutschen, polnischen und anderen Emigranten befasste«.25 Im sogenannten Protokollband des Prozesses war dann konkret von einer deutschen trotzkistischen Gruppe und ihrem angeblichen Leiter mit dem unbekannten Namen »Politzer« die Rede.26 Doch schon die Zeitungsmeldung war ausreichend, um gegen ohnehin bekannte Westemigranten die politische Inquisition anlaufen zu lassen. Franz Dahlem, Politbüromitglied und Kaderchef, holte Notizen aus dem Jahre 1947 und Berichte ehemaliger Emigranten hervor, die seit 1945 / 46 vorlagen, und überreichte sie nach Rücksprache mit Ulbricht am 3. Oktober dem Vorsitzenden der ZPKK (Zentralen Parteikontrollkommission) Hermann Matern mit dem Hinweis auf Verbindungen Fields zur Emigration in der Schweiz, in Frankreich und Mexiko.27 Einen Tag später forderte Matern alle SED-Kreisleitungen schriftlich auf, Berichte ihrer Westemigranten nach Berlin zu senden. Im Laufe des Monats verfassten bereits eine Reihe SED-Funktionäre Erklärungen über ihre Exilzeit. Überraschend beschloss das Politbüro am 18. Oktober, Franz Dahlem von seiner Verantwortung für Kaderfragen zu »befreien«; sie fiel nun Walter Ulbricht zu.28 Am gleichen Tag wurde entschieden, alle führenden Funktionäre, die in westlicher Emigration oder länger als drei Monate in westlicher oder jugoslawischer Kriegsgefangenschaft gewesen waren, durch die Parteikontrollkommissionen zu überprüfen. In der ZPKK fehlte am 21. Oktober der Hinweis auf Verbindungen zu Rajk und Field nicht, aber »kein Genosse hat[te] das Recht darüber draußen zu diskutieren«.29 Matern informierte am 24. Oktober Ulbricht über das »bisher zusammengetragene Material«, das auf eine »ernste Sache« hinwies, und schlug die Bildung einer Sonderkommission vor.30 Etwa am 18. November nahm die zentrale Sonderkommission unter Leitung Materns ihre geheime Arbeit auf. Sie erhielt von der Kaderabteilung Personalakten. Franz Dahlem besprach »Notizen für Charakteristiken [zu KPD-Funktionären] mit [den] Freunden«,31 wie sowjetische Offiziere intern genannt wurden. Rákosis Strategie wirkte sich allerdings schon vor Prozessende auch in der SED aus. Der Kaderchef der Ungarischen Partei der Werktätigen Tibor Szönyi, der im Auftrag Rákosis seit Januar 1949 observiert wurde, besuchte Ende Januar die 1. Parteikonferenz der SED. Nach seiner Rückkehr erreichte er, dass ein 1948 beantragtes Einreisevisum der in der DDR lebenden Ungarin Ibolya Steinberger plötzlich genehmigt wurde. Die ehemalige Schweizer Emigrantin Steinberger, die im Februar zu ihrer Mutter nach Budapest reiste, wurde dort in der Wohnung des Freundes András Kálmán am 28. Mai 1949 verhaftet,32 zehn Tage nach der Festnahme Szönyis. Ihren Ehemann Bernhard Steinberger griffen sich sowjetische Organe am 9. Juni 1949 in Leipzig. Steinberger hatte zum KPD-Exil in der Schweiz gehört. In der sowjetischen Haftanstalt in Hohenschönhausen befand er sich nur in den Händen sowjetischer Offiziere, wurde pausenlos verhört, »körperlich mißhandelt, einige Male geschlagen und getreten«, um seine »Verbrechen« zu gestehen. 1989 berichtete er: »[Ich kam] der Aufforderung, meinen Lebenslauf und meine Kontakte lückenlos darzustellen, peinlichst genau nach, um so zur Klarstellung der Wahrheit beizutragen. Viel später erst ist mir klar geworden, dass ich damit zum Auslöser einer Verhaftungslawine geworden sein könnte. Ich habe niemals irgendwelche Geständnisse gemacht.«33 Dokumente bestätigen, dass sich alle von der ZPKK zu Berichten aufgeforderten oder inhaftierten Funktionäre bei den von ihnen verlangten Niederschriften wie Steinberger verhielten. Obwohl bis in das Jahr 1950 hinein die Überprüfung von Parteimitgliedern im Gange war, vor der Field-Sonderkommission inquisitorische Befragungen stattfanden, die Partei Hunderte Mitglieder verlor und regelrecht durchgerüttelt wurde,34 übten die sowjetischen Organe weiter Druck aus, sogar auf die ZPKK. Armeegeneral Tschuikow und der stellvertretende politische Berater Iljitschew fragten Hermann Matern am 19. April 1950 nach den im Zusammenhang mit dem Rajk-Prozess aus Budapest übermittelten »Signalen« über »trotzkistische« Verbindungen deutscher Kommunisten.35 Laut Protokoll des Dolmetschers über diese Beratung wusste Matern nichts von »Signalen«, informierte jedoch darüber, dass vorliegende Erklärungen der ZPKK noch nicht zugänglich seien. Offensichtlich hatte Erich Mielke den ersten Zugriff darauf. An diese Bedrängnis Materns, die sich auch auf die westdeutsche KPD auswirkte,36 erinnerte sich ein enger Mitarbeiter. Ihm habe er 1951 anvertraut: der »General drückt auf mich«; selbst Semjonow sei »wegen Merker da gewesen[...], weil Wilhelm Pieck bei seiner Meinung bliebe«.37 Auch einen Mitarbeiter der Westkommission beim Zentralkomitee der SED ließ Matern wissen: der »General drückt in der Field-Sache auf mich«.38 Kurz vor dem III. Parteitag der SED, am 18. Juli 1950, legte die ZPKK dem Politbüro einen Bericht mit einem Katalog von Parteistrafen vor. Ohne konkret darauf einzugehen, forderte Wilhelm Pieck zwei Tage später auf dem Parteitag, gegen die Wühlarbeit von Trotzkisten, Titoisten und anderen Agenten des Imperialismus in den eigenen Reihen höchst wachsam zu sein. Er informierte darüber, dass die ZPKK die deutsche Emigration in der Schweiz und in Frankreich untersucht hatte. Obwohl das Politbüro am 22. August in Abwesenheit von Matern und Zaisser und das Plenum des Zentralkomitees am 24. August nun der Direktive Tschuikows an Pieck vom 3. Juli folgten und Funktionäre zum Abschuss freigaben, lief das Szenario nicht glatt. Das Politbüro unterbreitete die Vorlage der ZPKK dem 2. Plenum. Wilhelm Pieck mahnte für die Diskussion, die schwierige Lage der Emigranten zu berücksichtigen und nicht »Fehler«, sondern nur »Verrätereien« zu erörtern. Demgegenüber verlangte Ulbricht, den Zusammenhang zur Feindtätigkeit in der DDR herzustellen; Mielke drängte, die ganze Vorlage zu »verschärfen«. Pieck blieb nach wie vor zurückhaltend in Bezug auf Paul Merker und Franz Dahlem.39 Er erwähnte weder Aktennotizen noch den Brief von Merker und Dahlem an Geminder vom November 1948 mit der Bitte, Field zu unterstützen. Der Brief war in Piecks Sekretariat von seiner Tochter Elly Winter geschrieben worden und erlangte später im Slánský-Prozess höchsten Stellenwert.40 Auch die Anfrage von Dahlem an Elly Winter vom 31. Januar 1949, »ob und wann das Schreiben in der Angelegenheit Field nach Karlshorst weitergegeben wurde, damit die Sache weiter verfolgt werden kann«, kam nicht zur Sprache.41 Letztlich musste aber auch Pieck an Mielke den Auftrag erteilen, »ermitteln zu helfen«.42 Die am 1. September 1950 veröffentlichte Erklärung des Zentralkomitees und der ZPKK zu den Verbindungen ehemaliger deutscher politischer Emigranten zu Noel H. Field wurde dem 2. Plenum zugeschrieben, war jedoch vom Politbüro am 29. August noch verändert worden. Ergänzte Abschnitte weiteten die Anklage gegen das französische Exil wegen dessen Haltung zum Hitler-Stalin-Pakt 1939 und wegen der Field-Kontakte aus. Die Warnung, dass die Untersuchung weitergeführt werde, richtete sich präventiv gegen Paul Merker und Franz Dahlem. Von den sechs aus der SED ausgeschlossenen Funktionären kamen drei sofort in Haft (Leo Bauer und Bruno Goldhammer sowie Willi Kreikemeyer als »zentrale Figur« der Verbindungen zu Field). Die Frage, welche Rolle ungarische »Geständnisse« gegen deutsche Kommunisten spielten, ist nicht eindeutig zu beantworten. Nachweislich liegen eine »Aufzeichnung« Noel Fields über Erica Glaser und Leo Bauer vom 21. Oktober 194943 und »Deutsche Personen betreffende, von den Inhaftierten der Rajk-Affäre gemachte Aussagen«44 in Form von Protokollauszügen vor. Die von der ungarischen Sicherheit erpressten und manipulierten Aussagen von sieben Inhaftierten (Ilona Kojsza, Ibolya Steinberger, Iván Földi, George Hodos, Ferenc Vági, Tibor Szönyi, András Kálmán) involvierten sechs deutsche Personen (Lena von Fischer, Emil Zoller, Bernhard Steinberger, Bruno Goldhammer, Fräulein Boritzer und einen Fritz Sterling – das war Fritz Sperling).45 Goldhammer, von Vági, Szönyi und Kálmán (28. 5., 4. 7., 27. 7., 4. 8.) wegen des Kontakts zu Noel Field und Allan Dulles im Schweizer Exil erwähnt,46 sollte nach eigenem Erinnern an Ungarn ausgeliefert werden, was jedoch nicht geschah. Ein Indiz für entsprechende Planungen könnte Ulbrichts Entscheidung vom 14. April 1950 sein, auf Wunsch des Politbüros »mit einigen Genossen zur Besprechung bestimmter Fragen« nach Budapest zu fahren.47 Otto Grotewohl stimmte am 15. April zu, und Ulbricht trat, nach seinem Taschenkalender zu urteilen, tatsächlich am 15. April um 2.00 Uhr nachts seine Reise an. Wie in anderen Fällen war Mielke sicher sein ungenannter Reisebegleiter. Eventuell wurde auch während des Besuchs von Mátyás Rákosi, seinem Stellvertreter Ernö Gerö und anderen Regierungsvertretern im Oktober 1952 ein Auszug aus dem ungarischen Gesamtbericht über die Emigrantengruppen übergeben. Von den dort aufgeführten neun deutschen Namen waren Paul Bertz und Willi Kreikemeyer 1950 in den Tod getrieben worden, Erica Wallach, Bruno Goldhammer und Leo Bauer befanden sich seit Mitte 1951 in sowjetischer Hand. Von den anderen vier Personen (Maria Weiterer, Paul Merker, Wolfgang Langhoff, Hans Teubner) war Merker der Gefährdetste.48 Mitte 1951 war faktisch keine Basis mehr für einen Prozess vorhanden, weil die »Hauptverdächtigen« fehlten. Kurt Müller saß seit August 1950 im Gefängnis des MWD (sowjetischen Innenministeriums) in Berlin-Karlshorst. Vier Funktionäre der westdeutschen KPD wurden in MfS-Haft festgehalten. Die Unwilligkeit der Verhafteten, sich als Agenten zu bekennen, und Piecks politische Vorsicht bewirkten einen Aufschub. Obgleich es an potenziell Verdächtigen nicht fehlte, konnte das MfS nicht weiter zugreifen, wohl weil deutschlandpolitische Interessen der Sowjetunion mehr Gewicht erhalten hatten. Unklar ist, in welcher Weise sich die Ablösung des MGB-Bevollmächtigten Oberst Dawydow durch Generalmajor Michail Kawersnew im November 1951 ausgewirkt haben könnte.49 Neuer Anlauf und Scheitern der letzten Initiative Zeitgenössisches Unwissen über die Persönlichkeit Field, erfolterte Geständnisse und der Einfluss einer Atmosphäre des Kalten Krieges konnten in der Folgezeit die hinter den Prozessen stehenden machtpolitischen Interessen nicht verdecken. Nachdem seit Januar 1951 die große Parteiüberprüfung so gut wie beendet und die Verhaftung Rudolf Slánskýs Ende November 1951 bekannt geworden war, schien sich erneut eine Gelegenheit für einen Schauprozess zu bieten. Schon im Mai 1952 wurden die Materialien vom Oktober 1949 nochmals aufbereitet, dazu kam ein Brief von Erica Wallach an Dahlem.50 Walter Ulbricht schloss auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 nicht aus, »aus dem abgrundtiefen Verrat der Tito-Clique und aus der verbrecherischen Tätigkeit der Slánský-Gruppe in der Tschechoslowakei, der Gomulka-Gruppe in Polen und aus dem Fall Luca, Georgescu und Anna Pauker in Rumänien« zu lernen,51 es seien noch nicht alle »feindlichen Elemente« ausfindig gemacht worden. Matern appellierte an die Staatssicherheit, dies zu tun. Es entstand ein verästeltes Szenario eines raschen Anlaufs zu einer neuen Prozessvorbereitung. Während Wilhelm Pieck im Schlusswort der 10. Tagung des Zentralkomitees (20.–22. November 1952) nur auf den im Neuen Deutschland veröffentlichten Teil der Anklage gegen Slánský aufmerksam machte, wurde noch während der Rundfunkübertragungen am 24. November 1952 der jüdische Kommunist Hans Schrecker, kommissarischer Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, in Leipzig festgenommen. Unter dem Stichwort »Geheim« beauftragte das Politbüro am 25. November »die Organe der Staatssicherheit, unverzüglich die Untersuchung darüber durchzuführen«,52 da Schrecker Verbindungen zu Merker, Eisler und anderen hatte. Zu untersuchen war gleichzeitig, wer André Simone bei seinen Reisen durch die Ostzone begleitet und welche Freundschaften der frühere Botschafter der ČSR Otto Fischl gepflegt hatte. Da Sicherheitsminister Zaisser erkrankt war (bis 6. Januar 1953), erhielt Staatssekretär Mielke vom Politbüro den Auftrag. Am 30. November verhaftete das MfS den im Slánský-Prozess genannten »Trotzkisten« Paul Merker, der jedoch bereits im August 1950 aus der SED ausgeschlossen worden war. Diese Hatz sollte endlich auch an den bekannten Funktionär der internationalen kommunistischen Bewegung Franz Dahlem heranführen.53 Eine am 2. Dezember vom Politbüro eingesetzte Kommission mit Matern, Ulbricht und dem Berliner SED-Bezirkssekretär Hans Jendretzky, der bald wieder ausschied, bereitete eine Stellungnahme vor. Das Papier stand am 16. Dezember erstmals zur Diskussion. Zugleich wurde das MfS verpflichtet, das in seinen Händen befindliche Material der Kommission zu übergeben. In Abwesenheit von Dahlem und Matern, die dienstlich verhindert waren, bestätigte das Politbüro am 20. Dezember eine Stellungnahme, die veröffentlicht werden sollte. Obwohl das Dokument »Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky« als Beschluss des Zentralkomitees firmierte, hatte kein Plenum stattgefunden. Das bis zum 2. Januar 1953 noch gravierend veränderte Dokument erschien erst am 4. Januar 1953 im Neuen Deutschland und wurde auf einem Plenum im Mai 1953 bestätigt. Die Ausweitung der Vorwürfe bis zum Zionismus als »Agentur des amerikanischen Imperialismus« und zur Agententätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst deckte sich mit einer bewusst markierten Reihenfolge der Beschuldigten: Paul Merker, Kurt Müller, Fritz Sperling und die Auslandsleitung der KPD in Paris, womit Dahlem und wiederum Merker gemeint waren. Der vom ehemaligen sowjetischen Chefankläger Wyschinski abgeschaute Stil verriet die Handschrift Ulbrichts, und die Übernahme des antisemitischen Feindbildes aus Prag traf nicht nur die Verhafteten hart, sondern löste auch eine antisemitische Welle gegen die Jüdische Gemeinde und andere jüdische Funktionäre in der DDR aus. Dem Kontext der Zeit entsprechend, entwickelten sich seit dem Jahreswechsel 1952 / 53 bis in das Frühjahr innere Krisenerscheinungen und eine regelrechte politische Psychose. Es scheint, dass Ulbricht, ähnlich wie Rákosi, mit einem Sprung nach vorn Gefahren von sich abzulenken suchte. Semjonow hatte im Herbst 1952 einen kritischen Brief über ihn an Stalin geschrieben und im Oktober mit diesem darüber gesprochen.54 Semjonow glaubte auch nicht, dass der amerikanische Geheimdienst »die kommunistische Partei eines so wichtigen Landes« ausgelassen haben könnte,55 wie er Herrnstadt wissen ließ. Stalin übte Kritik an der Arbeit des MGB in der DDR, und der MGB-Bevollmächtigte Kawersnew übermittelte nach Moskau eine offizielle Kritik an der operativen Arbeit des MfS.56 Hoch angesiedelte Quellen in der SED informierten das MGB über die explosive Stimmung, wie der Deutschlandkenner Sergej Kondraschow wusste. Eine von Ulbricht im März 1953 veranlasste neue administrative Säuberung der Apparate von Partei, Regierung, Wirtschaft und gesellschaftlichen Organisationen von »feindlichen Elementen« grenzte an einen Ausnahmezustand. Sowohl Ulbrichts forcierter Kurs57 als auch das Stalin’sche Aufrüstungsdiktat für die DDR führten nach dem Tod des Diktators im März letztlich zu der sowjetischen Direktive vom 2. Juni 1953, die eine scharfe Kurskorrektur für die DDR vorgab. Das brachte Ulbricht noch mehr in Bedrängnis – im Politbüro und an der Basis der Gesellschaft. Während der Abwesenheit des politischen Beraters Semjonow, der gegen Ende April wegen kritischer Debatten zur Lage in der DDR nach Moskau gerufen wurde und erst Anfang Juni zurückkehrte, spitzte sich die Lage für den verhafteten Merker, aber auch für Dahlem und Zaisser zu. Am 14. Mai 1953 fasste das Zentralkomitee einen erneuten Beschluss zum »Verschwörerzentrum Slánský«, der einer Kampfansage an die Partei glich und die »Fünfte Kolonne« in der ganzen Gesellschaft suchte. Bereits tote Funktionäre wie Lex Ende und Willi Kreikemeyer sowie in Haft sitzende wie Leo Bauer und Bruno Goldhammer wurden zu Verrätern gestempelt, Paul Merker als Agent des US-Imperialismus denunziert und Franz Dahlem der Blindheit gegenüber Versuchen imperialistischer Agenten geziehen. Nun rückte auch der von Dahlem und Merker an Geminder gerichtete Brief vom November 1948 ins Zentrum. Dahlem wurde aus allen Führungsgremien der SED ausgeschlossen, die Untersuchung sollte weitergeführt werden. Einige andere Funktionäre verloren ihre Parteimitgliedschaft oder erhielten Parteistrafen. Wenig später, am 28. Mai 1953, desavouierte Ulbricht in einer Rede auf der Parteiaktivtagung des MfS den abwesenden Zaisser durch eine massive Kritik an der Arbeit des Ministeriums. Ähnlich hektisch verliefen die Ermittlungen in der Zentrale des MfS. Hans Schrecker war als angeblicher langjähriger Agent imperialistischer Geheimdienste festgenommen worden. Aufgrund seiner antifaschistischen Solidaritätsarbeit in Prag, Paris und London lieferte seine erste durchgängige Vernehmung am 25. / 26. November 1952 eine Vielzahl an Namen und Kontakten.58 Der Bericht zählte 40 Namen auf, unter anderem Ludvik Frejka, André Simone, Vladimir Clementis und Evžen Löbl, über die in Prag gerade geurteilt wurde, sowie Paul Merker, Franz Dahlem, Leo Bauer und Wilhelm Koenen. Der Fall Schrecker war offensichtlich Anlass dafür, dass bereits Ende Dezember 1952 Staatssekretär Mielke, der stellvertretende Leiter der Untersuchungsabteilung und ein Übersetzer das Ministerium der nationalen Sicherheit in Prag aufsuchten.59 Die tschechischen Partner warteten mit einem Neujahrgeschenk auf: Von elf Verhafteten waren von Mai 1951 bis September 1952 Aussagen über 28 deutsche Personen erpresst worden. Diese wurden vom 29. Dezember 1952 bis 2. Januar 1953 in Prag übersetzt und konnten die Akte Schrecker füllen.60 Zu den Aussagenden gehörten u. a. der verhaftete Sicherheitsminister Osvald Závodsky, Geminder, Simone und Slánský. Sie hatten sich unter anderem über Bauer, Merker, Dahlem, W. Koenen, Herrnstadt, Eisler und Schrecker geäußert. Details können hier nicht ausgeführt werden, doch im Fokus standen besonders Zusammentreffen mit Field, Bekanntschaften im Exil, Begegnungen nach 1945, das Stichwort Trotzkist und ein Bezug zu Slánský. Erfragt hatte man auch den Brief von Merker und Dahlem 1948 an Geminder wegen Field und Begegnungen von Leo Bauer und Rudolf Herrnstadt während deren Kur in den Karpaten 1948. Übereinstimmungen mit dem gedruckten »Protokoll« des Prozesses gibt es nicht, mit Ausnahme der Nennung von Willi Münzenberg bei dem Verhör von Simone und von Merker im Verhör von Geminder. Auszüge aus den »Protokollen« Geminders vom Februar 1952 und Závodskys vom Juli 1951 über Merker reicherten dessen Akte an.61 Das MfS verfügte dadurch über Stoff für weitere Verhöre, aber nicht über Beweise. Nun befasste sich das MfS auch mit Briefen von Merker an Pieck und Ulbricht. Hermann Matern gab für das Verhör mit Merker vor, dass »die Frage der Juden«, die »antisowjetische Linie« und »sein Eintreten für Noel Field«62 beachtet werden sollten. Der belastende Brief von Merker und Dahlem an Geminder von 1948 lag nun vor, abgezeichnet von Šváb und Geminder.63 Im September 1953 reiste der stellvertretende Leiter für Untersuchung beim MfS erneut nach Prag. Das Ergebnis waren vier weitere übersetzte und beglaubigte Niederschriften von Zeugenaussagen zu Merker und sieben zu Schrecker, darunter von den Verurteilten London und Löbl, die erneut verhört wurden. Wesentliche Tatsachen konnten jedoch nicht mehr aufgedeckt werden, wie der Abschlussbericht vom 29. September vermerkt. Politische Ruhe kehrte dennoch nicht ein, denn das Abgelten von Altschulden der kommunistischen Bewegung und politischer Rivalitäten setzte sich fort. Neben dem verhafteten Merker als potenzieller Träger eines politischen Sensationsprozesses und dem höchst gefärdeten Dahlem, der sich in seiner Bedrängnis an Zaisser, an Semjonow und Tschuikow sowie nach Moskau wandte, wurde die neue Verdachtsgruppe Zaisser / Herrnstadt / Dahlem konstruiert.64 Semjonow meinte schon im Juni 1953, Zaisser sei erledigt, und ließ Ende Juli Herrnstadt fallen. Der intrigenhafte Ausschluss Zaissers und Herrnstadts aus dem Zentralkomitee Ende Juli 1953, zunehmende Beschuldigungen gegen sie und die Suggestion, ihre »parteifeindliche fraktionelle Tätigkeit« würde der politischen Position des Verbrechers Berija entsprechen, lässt Herrnstadts Furcht vor einem »Prozeß in der Art des Rajk- oder Kostoffprozesses«65 nicht ganz abwegig erscheinen. Herrnstadt wurde beobachtet; Zaisser erhielt wie Slánský, dem man eine fingierte Geheimdienstnachricht untergeschoben hatte, ebenfalls ein »Hilfsangebot« aus der Schweiz. Hauptgrund für den anderen Verlauf in der DDR war sicher, dass der Machtkampf im Kreml gegen Berija entschieden war und sich das politische Kräftespiel veränderte. Seit Herbst 1953 mussten die DDR-Organe mit den »Fieldisten« alleine aufräumen. Das schlug sich in Geheimprozessen mit sieben rechtswidrigen Einzelverfahren von April 1954 bis März 1955 gegen Merker nieder. Das Ergebnis seit 1950 blieb bitter genug: Vier schwer belastete Kandidaten waren tot (Paul Bertz, Willi Kreikemeyer, Rudolf Feistmann, Lex Ende), vier landeten bis 1955 im Gulag (Erica Wallach, Leo Bauer, Kurt Müller, Bernhard Steinberger), sieben Personen erhielten mehrjährige Strafen (Bruno Goldhammer, Paul Merker, Hans Schrecker, Familie Schlotterbeck, Fritz Sperling, Ewald Kaiser), drei Funktionäre verbrachten Jahre und Monate ohne Urteil in MfS-Haft (Alfred Drögemüller, Wilhelm Prinz, Rudolf Zuckermann) und zwei erlebten eine Zwangsisolierung (Erich Jungmann, Werner Schwarze). Nicht zu vergessen sind zahlreiche Abberufungen und erzwungene Arbeitsplatz- und Ortswechsel sowie die Folgen für die Familien. Franz Dahlem kommt das Verdienst zu, dass er sich bis zu seinem Tode für eine Aufklärung des Komplotts einsetzte und beim Schreiben seiner Memoiren 1971 auch Kontakt zu Herta Field aufnahm, den Maria Weiterer vermittelt hatte. In einem Briefwechsel mit Helene Baumgarten, die mit Field befreundet gewesen war, erfuhr er von dem früheren »Wunsch des Genossen Noel Field, die DDR zu besuchen« (er starb 1970). Dahlem blieb jedoch zurückhaltend. Er schrieb im Juni 1971: »Die Ereignisse in der DDR in diesem Zusammenhang sind noch zu frisch und es wäre unzweckmäßig gewesen, um dem Gegner keine Veranlassung zur Aufrollung dieses Falles zu geben.«66 1 Siehe Wallach, Erica: Licht um Mitternacht. Fünf Jahre in der Welt der Verfemten, München 1969, S. 181; Müller, Kurt: Ein historisches Dokument aus dem Jahre 1956. Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« (1990), H. 11, S. 16 ff; Bauer, Leo: »Die Partei hat immer recht«, in: ebenda (1956), H. 27, S. 409. 2 Weber, Hermann: Schauprozeß-Vorbereitungen in der DDR, in: Weber, Hermann / Mählert, Ulrich (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, S. 459. 3 Siehe Bordjugow, Gennadij: Das ZK der KPdSU (B), die Sowjetische Militäradministration in Deutschland und die SED (1945–1951), in: Weber / Mählert: Terror (Anm. 2), S. 283–349; Kaplan, Karel / Svátek, František: Die politischen Säuberungen in der KPČ, in: ebenda, S. 487–599; Badstübner, Rolf / Loth, Wilfried: Wilhelm Pieck – Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945–1953, Berlin 1994; Neubert, Harald (Hrsg.): Stalin wollte ein anderes Europa. Moskaus Außenpolitik 1940 bis 1998 und die Folgen. Eine Dokumentation von Wladimir K. Wolkow, Berlin 2003. 4 Für Hinweise zu diesem Beitrag bedanke ich mich bei Sylyia Gräfe von der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, bei Dr. Gerhard Wettig und Dr. Andreas Malycha. 5 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30 / 3290 / Bd. 1. 6 Besprechung am 24. 12. 1949 um 5 Uhr mit Semjonow, in: Badstübner / Loth: Wilhelm Pieck (Anm. 3), S. 321. 7 Der Name Smirnow könnte auf einen Mitarbeiter der SKK verweisen. 8 Ablauf der Reise nach Moskau (Pieck und Tochter Elly, Otto Winzer und Frau) in: Badstübner / Loth: Wilhelm Pieck (Anm. 3), S. 344. 9 Ebenda, S. 351. 10 Erklärung des Zentralkomitees und der Zentralen Parteikontrollkommission zu den Verbindungen ehemaliger deutscher politischer Emigranten zu dem Leiter des Unitarian Service Committee Noel H. Field, in: Dokumente der SED. Beschlüsse und Erklärungen des Parteivorstandes, des Zentralkomitees sowie seines Politbüros und seines Sekretariats (im Folgenden: Dokumente der SED), Bd. III, Berlin 1952, S. 212. 11 Badstübner / Loth: Wilhelm Pieck (Anm. 3), S. 351. Unterstreichungen nach dem Original. 12 Siehe SAPMO-BArch, NY 4036 / 27. 13 Kreikemeyer ersuchte um Genehmigung des Antrags seiner französischen Frau, ihre Eltern in Frankreich besuchen zu können, der vom Zentralsekretariat der SED abgelehnt worden war. Siehe Schreiben Kreikemeyer an Pieck, 31. 3. 1950, in: Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (im Folgenden: BStU), MfS-AU/658/90, Bl. 21 f. 14 Offiziell tagte das Politbüro am 13. und 16. Dezember und laut Protokoll ohne Bezugnahme auf die Delegation. 15 Siehe Otto, Wilfriede: Was »damals normal war« – Bericht an das Zentralkomitee über eine Befragung von Mátyás Rákosi, Ernö Gerö und István Kovács, in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik 13 (2001), H. 1. 16 Siehe Hirsch, Rudolf: Der 17. Juni und der Machtkampf in Moskau, in: Neues Deutschland vom 17. November 1992, S. 14. 17 Siehe BStU, MfS-AU/107/90, Bl. 4. Erica Wallach war von Paris nach Berlin gelockt worden. Als sie Bauer im Funkhaus nicht antraf, von Frau Goldhammer an das Zentralhaus der Einheit verwiesen wurde und von dort an das Funkstudio in der Werner-Seelenbinder-Halle, in der ein Kongress der Nationalen Front tagte, verwickelte man sie bei ihrer Frage nach Bauer in ein Gespräch. Frau Glaser wurde auf den nächsten Tag vertröstet und nach dem Verlassen des Gebäudes verhaftet. Siehe Bericht über die Festnahme der Erica Glaser, in: BStU, MfS-AU/107/90, Bl. 6 f. 18 Siehe Wallach: Licht um Mitternacht (Anm. 1), S. 79–82. 19 Siehe BStU, MfS-BdL/Dok., Nr. 000011, Bl. 1 f.; BStU, MfS-AU/10/51, Bd. 1, Bl. 1; BStU, MfS-AU/10/51, Bd. 2, Bl. 4–37. 20 Siehe Szász, Béla: Freiwillige für den Galgen. Die Geschichte eines Schauprozesses, Nördlingen 1986. 21 Siehe Wettig, Gerhard: Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschlandpolitik 1945–1955, München 1999, S. 168–234. 22 Bonwetsch, Bernd / Kudrjašov, Sergej: Stalin und die II. Parteikonferenz der SED. Ein Besuch der SED-Führung in Moskau, 31. März–8. April 1952, und seine Folgen (Dokumentation), in: Zarusky, Jürgen (Hrsg.): Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung, München 2006, S. 173–206, hier S. 199. 23 Siehe Barth, Bernd-Rainer / Schweizer, Werner (Hrsg.): Der Fall Noel Field. Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa, Bd. 1: Gefängnisjahre 1949–1954, Berlin 2005; dies.: Der Fall Noel Field. Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa, Bd. 2: Asyl in Ungarn 1954–1957, Berlin 2007; Kießling, Wolfgang: Partner im »Narrenparadies«. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker, Berlin 1994. 24 Siehe Neues Deutschland vom 15., 17., 18., 20., 22., 23., 28. September 1949. 25 Randolph Churchills Mission in den kroatischen Bergen, in: Neues Deutschland vom 23. September 1949, S. 4. 26 Siehe László Rajk und Komplicen vor dem Volksgericht, Berlin 1949, S. 183, 202. 27 Siehe Anlagen zum Schreiben vom 3. 10. 49, in: SAPMO-BArch, DY 30/ IV 2/4/106, Bl. 192. 28 Siehe SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/2/51 Bl. 3. 29 Protokoll der Sitzung der ZPKK mit den Vorsitzenden der Landes-Partei-Kontrollkommissionen am 21. 10. 1949, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/437, S. 27. 30 An das Kleine Sekretariat Gen. Ulbricht Betr.: Field-Angelegenheit, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/106, Bl. 265 f. 31 Handschriftliche Notiz Franz Dahlem, ohne Datum, in: SAPMO-BArch, NY 4072/213, Bl. 79. 32 Ibolya Steinberger wurde 1953 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie wurde 1955 entlassen und kehrte 1956 in die DDR zurück. 33 Kopie des Schreibens von Dr. Bernhard Steinberger an den Verlag Neue Zürcher Zeitung, 19. 4. 1989, S. 1–8, hier S. 3 f. Für das Überlassen der Kopie danke ich dem Christoph Links Verlag. Steinberger erhielt im November 1950 ein Urteil des Sondergerichts Moskau über 15 Jahre Arbeitslager. Er traf im Februar 1951 in Workuta ein, 1955 wurde er entlassen. 34 Siehe Klein, Thomas / Otto, Wilfriede / Grieder, Peter: Visionen. Repression und Opposition in der SED (1949–1989), 2., überarb. Aufl. Frankfurt (Oder) 1997, S. 15–35, 189–213; Mählert, Ulrich: »Die Partei hat immer recht!« Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED (1948–1953), in: Weber / Mählert: Terror (Anm. 2), S. 351–457, hier S. 384–417; Malycha, Andreas: Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1953, Paderborn 2000, S. 356–447; Klein, Thomas: »Für die Einheit und Reinheit der Partei«. Die innerparteilichen Kontrollorgane der SED in der Ära Ulbricht, Köln 2002, S. 129–152. 35 Siehe Bordjugow: Das ZK der KPdSU (B) (Anm. 3), S. 304 f. 36 Ebenda, S. 305 f., 337–340. 37 Interview der Autorin mit Heinz Juch, Berlin, 28. 3. 2001. Privatarchiv der Autorin. 38 Interview der Autorin mit Bruno Haid, Berlin, 28. 12. 1990. Privatarchiv der Autorin. 39 Pieck muss die solidarische Stellungnahme Merkers zu Field vom 26. November 1946, die auch Dahlem erhalten hatte, sowie die für ihn direkt bestimmte Aktennotiz zu Field vom 30. Oktober 1948 bekannt gewesen sein. Siehe SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/106; BStU, MfS-AU/192/56, Bd. 5, Beiakte, Bl. 50– 52, 56. 40 Siehe Brief Dahlem und Merker an Geminder, 8. 11. 1948, in: BStU, MfS-AU/192/56, Bd. 5, Beiakte, Bl. 57. 41 Der Brief war weitergeleitet worden. Auf Anfrage von Ulbricht im April 1953 wurde von der KPČ das Schreiben, das Karel Šváb und Bedřich Geminder abgezeichnet hatten, im Juni übermittelt. Siehe BStU, MfS-AU/192/56, Bd. 5, Beiakte, Bl. 57. 42 Stenographische Niederschrift der 2. Tagung des ZK der SED, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/1/86, Bl. 125. 43 Siehe BStU, MfS-AU 541/53, Bd. 1, Bl. 4. 44 BStU, MfS-AU 169/54, Bl. 326, 386–388. 45 Fräulein Boritzer soll Vertreterin einer jüdischen Hilfsorganisation gewesen sein. 46 Siehe BStU, MfS-AU/169/54, Bl. 386 f. 47 Hausmitteilung von Walter Ulbricht an Otto Grotewohl, 14. 4. 1950, in: SAPMO-BArch, NY 4182/1261. 48 Siehe: Budapest, 27. August 1952, Aktennotiz in der Angelegenheit Noel H. Field, in: Barth / Schweizer: Der Fall Noel Field, Bd. 1 (Anm. 23), S. 113–129, hier S. 123 f. 49 Die Ablösung von Dawydow durch Kawersnew erfolgte nach dem Herauslösen des MGB aus dem MWD und damit aus der Verantwortung Berijas. Sie wurde im März 1953 wieder korrigiert. 50 Siehe: Zur Erläuterung der übergebenen Materialien, 24.5.1952, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/106. 51 Walter Ulbricht: Die gegenwärtige Lage und die neuen Aufgaben der SED, in: Protokoll der Verhandlungen der II. Parteikonferenz der SED 9. bis 12. Juli 1952 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Berlin 1952, S. 151. 52 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/2/249, Bl. 8. 53 Zu der sich entwickelnden Dahlem-Problematik siehe den Beitrag von Gerhard Wettig in diesem Band. 54 Siehe Semjonow, Wladimir S.: Von Stalin bis Gorbatschow. Ein halbes Jahrhundert in diplomatischer Mission. 1939–1991, Berlin 1995, S. 276–278. 55 Rudolf Herrnstadt an W. S. Semjonow, 28. 11. 1962, in: Herrnstadt, Rudolf: Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953, hrsg., eingel. und bearb. von Nadja Stulz-Herrnstadt, Hamburg 1990, S. 273. 56 Siehe Semjonow: Von Stalin bis Gorbatschow (Anm. 54), S. 279–281; Bailey, George / Kondraschow, Sergej A. / Murphy, David E.: Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 178 f., 214. 57 Siehe auch den Beitrag von Ulrich Mählert in diesem Band. 58 Siehe: Bericht über die erste Vernehmung des Straschitz-Schrecker, Hans, am 25. und 26. November 1952, in: BStU, MfS-AU/305/54, Bd. 1, Bl. 15–23. 59 Siehe Kaplan/Svátek: Die politischen Säuberungen (Anm. 3), S. 591. Kaplan erwähnt hier erstmals eine Reise von MfS-Offizieren nach Prag und datiert sie auf etwa Jahresmitte 1953. Dieses Datum könnte eine Verwechslung sein, da im MfS-Archiv zwei Reisen aktenkundig sind: vom Dezember 1952 / Januar 1953 und September 1953. 60 Siehe: Vernehmungsauszüge vom Ministerium der nationalen Sicherheit, in: BStU, MfS-AU/305/54, Bd. 8, Bl. 1–79. 61 Siehe: Vernehmungsauszüge vom Ministerium der nationalen Sicherheit, in: BStU, MfS-AU/192/56/ Bd. 3, Beiakten, Bl. 80–83. 62 Siehe Aktennotiz über Rücksprache des MfS mit Matern, 10.9.1953, in: BStU, MfS-AU/541/53, Bd. 1, Bl. 3. 63 Siehe BStU, MfS-AU/192/56, Bd. 5, Beiakte, Bl. 57. 64 Zaisser und Herrnstadt wurde bei den Vernehmungen in der ZPKK unterstellt, Franz Dahlem in ihre »Pläne« einbezogen zu haben. 65 Herrnstadt: Das Herrnstadt-Dokument (Anm. 55), S. 273. 66 Dahlem an Helene Baumgarten, 9. 6. 1971; in: SAPMO-BArch, DY 30 / 9979, Bl. 133.

JHK 2008

Vergessene Kommunisten. Die »Weddinger Opposition« der KPD

Marcel Bois

Die Anfang 1919 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) vollzog bis zum Ende der Weimarer Republik einen fundamentalen Wandel. Sie entwickelte sich von einer demokratischen und diskussionsfreudigen Organisation zu einer vollständig entdemokratisierten, vom Apparat bürokratisch beherrschten Partei. Politische Konflikte wurden nicht mehr politisch, sondern organisatorisch »gelöst«. Oppositionelle erfuhren Repressionen, wurden mit Redeverboten belegt oder vom Zentralkomitee (ZK) kurzerhand aus der Partei ausgeschlossen. Damit einher ging eine ideologische Erstarrung. Wurden in der Frühphase politische Positionen immer wieder aufs Neue geprüft und debattiert, so verwandelten sie sich nun in Dogmen: Die Sowjetunion wurde »zum heiligen Land stilisiert, Marx, Engels, Lenin […] wie Religionsstifter verehrt«.1 Sehr treffend hat Hermann Weber diese Entwicklung bereits in den Sechzigerjahren als »Stalinisierung« bezeichnet und sie auch in den folgenden Jahrzehnten ausführlich analysiert.2 Es handelte sich hierbei um keinen widerspruchslosen Prozess. Vielmehr entwickelten sich zwischen 1924 und 1929 etwa ein Dutzend Gruppen und Fraktionen in der Partei, von denen die meisten gegen die Entdemokratisierung und für eine Rückkehr zur »alten KPD« kämpften. Während der Großteil dieser innerparteilichen Strömungen mittlerweile relativ gut erforscht ist,3 wurde eine Gruppe bisher in der Historiographie des deutschen Kommunismus nahezu ignoriert: die nach dem Berliner Bezirk benannte »Weddinger Opposition«. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Gruppe zeitweise eine der stärksten innerparteilichen Fraktionen darstellte. Forschungsstand Bestenfalls werden die Weddinger in Abhandlungen zur KPD-Geschichte am Rande erwähnt. In Webers Standardwerk über die Stalinisierung der KPD oder Rüdiger Zimmermanns Arbeit über den Leninbund etwa finden sich lediglich einzelne verstreute Hinweise.4 Hans Schafranek liefert in seiner Kurt-Landau-Biographie eine skizzenhafte Darstellung der Spätphase der Fraktion.5 Kurze Abrisse über die Gruppen der Weddinger Opposition in der Pfalz und in Westsachsen sind zudem in den KPD-Regionalstudien von Klaus J. Becker und Norman LaPorte zu finden.6 So gilt heute weiterhin, was Schafranek bereits vor 20 Jahren konstatierte: »Nach wie vor stellt die durchgängige und systematische Erforschung der Weddinger Opposition […] ein Desiderat der zeitgeschichtlichen Forschung über linksoppositionelle Strömungen in Deutschland dar.«7 Weshalb die Forschung gerade die Weddinger vernachlässigt hat, darüber kann nur spekuliert werden. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass die Gruppe – im Gegensatz etwa zu den Trotzkisten oder der KPO – keine über das Ende der Weimarer Republik hinausreichende politische Traditionslinie begründet hat.8 Zudem haben sich ihre Mitglieder auch nicht – wie etwa die Oppositionellen Karl Korsch oder August Thalheimer – durch theoretische Schriften einen Namen gemacht. Eine weitere Ursache ist möglicherweise in der ehemals schlechten Quellenlage zu suchen. Diese hat sich jedoch mit Öffnung der DDR-Archive deutlich verbessert, sodass heute eine umfassende Aufarbeitung der Geschichte der Weddinger Opposition möglich ist. Eine solche kann an dieser Stelle aus Platzgründen selbstverständlich nicht geleistet werden.9 Vielmehr soll hier ein kurzer, thesenhafter Überblick über die teils sehr verworrene Geschichte der Gruppe gegeben werden, um einer Fachleserschaft die »vergessenen Kommunisten« der Weddinger Opposition bekannt zu machen. Hochburgen Pfalz und Wedding Die Weddinger Opposition entstand 1924 als Teil des ultralinken Flügels der KPD, zu dem sich auch führende Mitglieder der Partei wie Karl Korsch, Ernst Schwarz und Iwan Katz zählten. Anfang 1926 konstituierte sie sich als eigenständige Fraktion innerhalb der Partei.10 Ihre Hochburgen hatte sie im Bezirk Pfalz und dem Berliner Verwaltungsbezirk Wedding. Hier stellte sie jeweils über einen längeren Zeitraum die lokale Parteiführung. Aber auch aus Niedersachsen, aus Bielefeld sowie aus anderen Berliner Bezirken ist eine starke Anhängerschaft der Opposition überliefert – ebenso aus Westsachsen. Di e dortige Gruppe um Arthur Vogt und ein Teil der Berliner um den aus Bielefeld stammenden Wilhelm Kötter trennten sich jedoch bereits im September 1926 von den Weddingern und agierten in der Folge eigenständig.11 Die bekanntesten Vertreter der Weddinger Opposition waren die Pfälzer Max Frenzel und Hans Weber. Frenzel war Hauptorganisator der Weddinger in der Pfalz und verantwortlicher Redakteur des Fraktionsorgans Der Pionier. Webers Rolle war es hingegen, die Opposition zusammenzuhalten. Als Mitglied des ZK lebte er einige Zeit in Berlin und stellte von dort die Verbindung zu seinem Pfälzer Heimatbezirk her. Aufgrund seiner exponierten Stellung wurden die Weddinger häufig auch als »Weber-Gruppe« bezeichnet. Laut Hermann Weber verfügte die Weddinger Opposition zeitweilig über »erheblichen Anhang in der KPD«.12 Genaue Mitgliederzahlen sind allerdings nur schwer rekonstruierbar. So ist lediglich bekannt, dass die Fraktion 1926 bei den verschiedenen Verwaltungsbezirksversammlungen in Berlin elf Prozent der Delegierten stellte.13 Hierbei muss jedoch bedacht werden, dass Berlin eine ihrer Hochburgen war und dieser Anteil mit Sicherheit nicht auf die Reichsebene übertragen werden kann. Für diese ist vielmehr aus dem Jahr 1927 die nicht gesicherte Zahl von 3000 Anhängern überliefert.14 Auffällig ist, dass die Weddinger innerhalb der ultralinken Opposition eine gewisse Sonderrolle einnahmen. Während jene sich hauptsächlich aus Intellektuellen in Führungspositionen der KPD – wie Werner Scholem, Iwan Katz oder Karl Korsch – rekrutierte, verfügten die Weddinger über eine starke Verankerung in der Arbeiterschaft. Deutlich wurde dies etwa im Ludwigshafener BASF-Streik 1924, als ihre pfälzischen Aktivisten einen lokalen Konkurrenzverband zu den Freien Gewerkschaften aufbauten, der über 10000 Mitglieder zählte.15 Hinzu kamen bei der Herausbildung ihrer Hochburgen lokale Besonderheiten. Folgt man etwa LaPorte, so war der Einfluss der Weddinger in Westsachsen dadurch bedingt, dass es im Bezirk traditionell eine sehr starke SPD gab, die aber jegliche Zusammenarbeit mit den Kommunisten ablehnte. Den »ultralinken«, SPD-feindlichen Weddingern spielte diese Tatsache natürlich in die Hände.16 Gegner der Stalinisierung Wie eingangs beschrieben, verstanden sich die Mitglieder der Weddinger Opposition als Gegner der innerparteilichen Stalinisierung. In den Diskussionen um die Entdemokratisierung der KPD verwiesen sie immer wieder auf die Entwicklungen in der Sowjetunion und verfolgten intensiv die Fraktionsauseinandersetzungen in der dortigen KP. Diese hatten im Frühjahr 1926 mit dem Zusammenschluss von Grigori Sinowjew, Leo Kamenew, Leo Trotzki und vielen anderen »alten Bolschewiki« zur »Vereinigten Opposition« gegen die Stalin-Führung einen Höhepunkt erreicht. Die Vereinigte Opposition kritisierte den Bürokratismus in Staat und Partei, forderte eine Stärkung der Arbeiterdemokratie und eine die soziale Lage der Bevölkerung verbessernde Industrialisierung. Zudem stellte sie sich gegen Stalins These, es sei möglich, den Sozialismus in einem einzigen – zudem wirtschaftlich rückständigen – Land aufzubauen.17 Die Weddinger Opposition solidarisierte sich mit der Opposition in der Sowjetunion und forderte ihre eigene Parteiführung auf, die Diskussion zur »russischen Frage« zuzulassen.18 Sie verlangte die »Herstellung der vollen Parteidemokratie durch die Wahrung der Diskussionsfreiheit in Wort und Schrift sowie die Wiederaufnahme aller ausgeschlossenen Genossen.«19 Im September 1926 ging sie gemeinsam mit anderen linken Fraktionen mit einer breit angelegten »Erklärung zur russischen Frage« an die Parteiöffentlichkeit.20 Sie konstatierten: »Das Zentralkomitee der KPD hat bis jetzt geglaubt, die Lage in der KPD und in der Komintern mit organisatorischen Mitteln meistern zu können. Aber die Gegensätze sind so zugespitzt wie noch nie. Der Opposition steht die Parteipresse überhaupt nicht mehr zur Verfügung.« Unter der Losung »Zurück zu Lenin, zum wirklich echten, unverfälschten Leninismus« forderten sie eine offene Diskussion innerhalb der Partei.21 Die Deklaration wurde von knapp 700 Parteifunktionären unterzeichnet und machte deutlich, dass die Opposition zu diesem Zeitpunkt einen nicht unerheblichen Teil der Parteibasis repräsentierte. Unter den Unterstützern befanden sich nicht nur mehrere Reichs- und Landtagsabgeordnete, sondern mit Hans Weber und Hugo Urbahns sogar zwei Mitglieder des Zentralkomitees der Partei. Auch wenn für die KPD-Führung die als »Brief der 700« bekannt gewordene Erklärung nicht mehr als eine »antibolschewistische Schmähschrift« und einen »verbrecherischen Spaltungsversuch«22 darstellte, so ging sie doch auf die dort aufgestellte Forderung ein und ließ zumindest kurzfristig die innerparteiliche Diskussion über die russische Frage zu.23 Zugleich verstärkte sie aber die Repressionen gegen die Oppositionellen. Innerhalb weniger Monate wurden viele prominente Linke wie Hugo Urbahns, Anton Grylewicz und Werner Scholem aus der KPD ausgeschlossen. Insgesamt mussten bis März 1927 knapp 1300 Funktionäre die Partei verlassen.24 »Das Gesicht der Partei zugewandt« Die Ausschlusswelle zwang die linksoppositionellen Kommunisten dazu, sich verbindlicher zu organisieren. Schon Ende 1926 hatte eine Reichskonferenz der linken Opposition eine Reichsleitung gewählt und die Herausgabe eines vierzehntägigen Mitteilungsblattes beschlossen. Im Gegensatz zur zunehmend entdemokratisierten Partei wurde die Opposition zu dieser Zeit »eine der Hochburgen der politischen Diskussion«.25 Zur ersten öffentlichen Veranstaltung, welche die innerparteiliche Opposition im Mai 1927 organisierte, erschienen 2000 Personen.26 Im März 1928 entschlossen sich die Linken schließlich, eine eigenständige Organisation zu gründen: den »Leninbund«. Tatsächlich wies diese neue Formation »von allen linken Oppositionsgruppen die meisten prominenten Namen« auf.27 Auch die Weddinger hatten sich im Vorfeld an den Diskussionen um die Neugründung beteiligt. Letztendlich blieben sie der Vereinigung jedoch fern, weil sie fürchteten, dass die Gründung den Versuch darstellen könnte, eine zweite kommunistische Partei aufzubauen. Als die Mitglieder des Leninbundes sich dafür entschieden, bei den kommenden Reichstagswahlen mit eigenen Listen – also gegen die KPD – anzutreten, fühlten sich die Weddinger in ihrer Einschätzung bestätigt. Sie hingegen ließen »ihr Gesicht […] voll und ganz der Partei zugewendet, in der sie aller Degeneration zum Trotz nach wie vor die ›revolutionären proletarischen Kerntruppen‹ vereinigt sah[en]«28. So agierten sie zwar weiterhin als Fraktion innerhalb der KPD, doch ging nach der Ausschaltung der anderen linken Oppositionsgruppen auch ihr Einfluss deutlich zurück. Zum Jahreswechsel 1927/28 gelang es dem ZK schließlich, die Opposition aus den lokalen Leitungen in Berlin-Wedding und der Pfalz auszuschließen. Im Januar 1928 entließ die Parteiführung den Oppositionellen Fritz Baumgärtner als politischen Leiter und Sekretär des Bezirks Pfalz wegen »parteifeindlicher Handlungen« und nahm so die letzte Festung der Weddinger ein.29 Einmal aus den lokalen Führungen gedrängt, zeigte die Weddinger Opposition deutliche Auflösungserscheinungen. Ein Teil ihrer Anhänger – darunter ihre beiden ZK-Mitglieder – schwenkte auf die Linie der Parteiführung ein. Ein anderer Teil verabschiedete sich frustriert in die politische Passivität. Nur ein kleiner letzter Teil agierte weiter als Weddinger Opposition. Laut Becker verfügte die Pfälzer Gruppe 1928 nur noch über knapp 160 Mitglieder.30 Mit der gleichzeitigen Rückkehr Hans Webers nach Speyer verschlechterte sich zudem ihr Kontakt zur Berliner Gruppe. Festung in der Partei Dennoch ist es bemerkenswert, dass sich die Fraktion so lange in der Partei halten konnte. Noch zur Zeit des Essener Parteitages im März 1927, als bereits nahezu die gesamte linke Opposition aus der KPD ausgeschlossen war, saßen die Weddinger weiterhin fest im Sattel. Der Parteitag hatte zwar mehrheitlich eine Resolution verabschiedet, in der betont wurde, dass der »Hauptfeind in der jetzigen Phase der Parteientwicklung […] die kleinbürgerlich-liquidatorische Abweichung unter ›linker‹ Maske [ist], die in den verschiedenen ultralinken Gruppen von Katz bis Weber […] ihre politische und organisatorische Verkörperung findet«.31 Dennoch wurden mit Adolf Betz und Max Gerbig zwei Vertreter der Weddinger ins ZK gewählt. Zwar hatte sich die Parteiführung schon zuvor darum bemüht, den Einfluss der Weddinger innerhalb der Partei zurückzudrängen. Beispielsweise beabsichtigte sie im Frühjahr 1926, ihre innerparteilichen Gegner durch einen taktischen Schachzug zu schwächen: Sie löste den von den Weddingern dominierten Bezirk Pfalz auf und überführte diesen in den Bezirk Baden. Unter dem Druck der Parteibasis und beeinflusst durch die Tatsache, dass auch in Baden zunehmend eine starke Opposition auftrat, machte das ZK den Zusammenschluss jedoch bald wieder rückgängig.32 Selbst als Baumgärtner im Januar 1928 als Bezirksleiter abgesetzt worden war, stand die Majorität der Pfälzer Mitgliedschaft hinter den Oppositionellen. So solidarisierten sich mehrere Unterbezirkskonferenzen, Ortsgruppen- und auch Betriebszellenversammlungen mit Baumgärtner.33 Als die Ausgeschlossenen wenige Monate später zur Bezirkstagswahl als »Alte Kommunistische Partei« antraten, konnten sie mehr als doppelt so viele Kandidaten wie die KPD auf ihrer Liste vereinen.34 Ähnliches gilt offenbar für Berlin. So war noch im April 1928 – fünf Monate nachdem dort Weber und Riese aus der Unterbezirksleitung ausgeschieden waren – im Lagebericht des Polizeipräsidiums zu lesen: »Die Darstellung der ›Roten Fahne‹, als ob die Weddinger Opposition zerschlagen sei, ist also falsch.«35 Dass sich die Weddinger vergleichsweise lange in der Partei halten konnten, hatte verschiedene Gründe. Die bereits erwähnte Verankerung in der lokalen Arbeiterschaft ist hierbei sicher nicht zu unterschätzen. Folgt man Schafranek, dann gab es in gewisser Hinsicht eine Wechselwirkung zwischen dieser Verankerung und der Standhaftigkeit in den innerparteilichen Auseinandersetzungen: »Die ungemein zähe und verbissene Verteidigung ihrer pfälzischen Hochburg gegen die wiederholten Versuche des stalinistischen Parteiapparats, eine mit überwältigender Mehrheit gewählte Bezirksleitung durch kommissarische Eingriffe und andere Formen bürokratischer Repression in die Knie zu zwingen, mobilisierte ein erhebliches Widerstandspotential und dürfte auch nicht ohne Eindruck auf etliche ›unentschiedene‹ Parteimitglieder geblieben sein.«36 Zudem hat Weber darauf hingewiesen, dass die Weddinger in den innerparteilichen Auseinandersetzungen »äußerst vorsichtig [operierten], um der ZK-Führung keine Handhabe für Repressalien zu bieten«37. Gleichzeitig habe diese Taktik aber auch zur Schwächung der Opposition beigetragen. Annäherung an den Trotzkismus In den wenigen Jahren ihrer Existenz vollzog die Weddinger Opposition einen deutlichen politischen Wandel. Zunächst fühlte sich die Gruppe dem »ultralinken« Flügel der KPD zugehörig. Zu dieser Zeit vertraten die Weddinger radikale und nicht selten realitätsferne Positionen. So gingen ihre Mitglieder 1927 davon aus, dass sich die Weimarer Gesellschaft in einer »objektiv revolutionären Situation« befände.38 Eine Zusammenarbeit der Partei mit der SPD lehnten sie fundamental ab. Hans Weber sprach sich etwa im Vorfeld der Reichspräsidentenwahl 1925 deutlich gegen einen gemeinsamen Arbeiterkandidaten von SPD und KPD aus.39 Den gemeinsamen Volksentscheid von Kommunisten und Sozialdemokraten zur Fürstenenteignung kritisierten die Weddinger als »parlamentarisch«. Der KPD-Führung warfen sie vor, die Radikalisierung der Arbeiterklasse zu unterschätzen und die Massen der SPD zu überlassen. Zudem drängten sie zeitweise darauf, dass Kommunisten eigenständige Gewerkschaften aufbauen müssten.40 Diese politische Orientierung muss letztendlich als ein Grund für das Scheitern der Weddinger in den innerparteilichen Auseinandersetzungen angesehen werden. So distanzierten sie sich gerade in den Jahren 1925/26 von vielen Parteimitgliedern, die zwar ebenfalls die innerparteiliche Entdemokratisierung kritisierten, aber den Einheitsfront-Kurs der Parteiführung durchaus unterstützten. Ab 1926 begannen die Weddinger, sich von ihren ultralinken Positionen sukzessive zu entfernen – vor allem als die KPD ihrerseits ab 1928/29 auf einen von Moskau vorgegebenen ultralinken Kurs einschwenkte. Während Stalin und die KPD-Führung die Sozialdemokratie nun zum »Hauptfeind« erklärten und deren Mitglieder als »Sozialfaschisten« diffamierten, folgten die Weddinger den Einschätzungen Leo Trotzkis. Dieser vertrat den zur offiziellen Kominternlinie gegensätzlichen Standpunkt, die KPD müsse um jeden Preis eine »Einheitsfront« mit der SPD anstreben, um die faschistische Machtübernahme zu verhindern.41 In der KPD war der ehemals führende Bolschewik im Zuge der Stalinisierung zur »Unperson« geworden. Auch die Weddinger hatten ihn lange Zeit verschmäht: »Erst als die Trotzkisten mit den Leningradern [um Sinowjew] einen Block bildeten, hörte Trockij auf, für die deutschen Linken ein Schreckgespenst zu sein.«42 Als später die Vereinigte Opposition in der Sowjetunion zerbrach, näherten sich die Weddinger Trotzki weiter an.43 Die Gruppe ließ sich über Kuriere Materialien der russischen Opposition zukommen, übersetzte diese und verbreitete sie vor Ort. Weber fungierte als deutscher Herausgeber einer Trotzki-Broschüre über die Komintern, und die Pfälzer Gruppe verteilte einen Brief Trotzkis an russische Arbeiter als Flugblatt in einer Auflage von 10 000 Stück.44 Auch andere deutsche linksoppositionelle Kommunisten standen in den Jahren 1928/29 mit Trotzki in Kontakt – so etwa der linke Flügel des Leninbundes um Anton Grylewicz. Hintergrund hierfür war, dass sich der sowjetische Exilant zu dieser Zeit verstärkt darum bemühte, eine Opposition zur Stalin-Fraktion auf internationaler Ebene aufzubauen. Um die Kräfte in Deutschland zusammenzuziehen, sandte er 1929 den Österreicher Kurt Landau nach Berlin.45 Diesem gelang es, die untereinander zerstrittenen Oppositionsgruppen zu einigen, und so gründeten schließlich im März 1930 die verbliebenen Weddinger gemeinsam mit den Grylewicz-Leuten die »Vereinigte Linke Opposition der KPD (Bolschewiki-Leninisten)« (VLO). Ebenfalls an der Gründung dieser ersten trotzkistischen Organisation in Deutschland beteiligt waren die kleine Gruppe »Bolschewistische Einheit« sowie die ehemalige Vogt-Gruppe der Weddinger Opposition.46 Verglichen mit dem intellektuellen Einfluss, den Trotzki in den nächsten Jahren aus-üben sollte, blieb die neu gegründete Organisation erfolglos. Von wenigen lokalen Ausnahmen abgesehen, gelang es ihr zu keinem Zeitpunkt, auf die weitere Entwicklung der KPD einzuwirken. Die Gründung der VLO bedeutete zudem das organisatorische Ende der Weddinger Opposition – jener Fraktion, der dies in der Vergangenheit zumindest zeitweilig gelungen war.47 1 Koch-Baumgarten, Sigrid: Einleitung, in: Flechtheim, Ossip K.: Die KPD in der Weimarer Republik, Hamburg 1986, S. 9–54, hier S. 39. 2 So u. a. in Weber, Hermann: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969 (im Folgenden ist ausschließlich Bd. 1 zitiert). Auch heute hält er an der Wandlungsthese fest: ders.: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 221–244. Fundamental in Frage gestellt wird die Stalinisierungstheorie hingegen von Mallmann, Klaus-Michael: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Dortmund 1996, S. 54–83. Siehe zu dieser Kontroverse auch: Wirsching, Andreas: »Stalinisierung« oder entideo-logisierte »Nischengesellschaft«? Alte Einsichten und neue Thesen zum Charakter der KPD in der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 449–466; LaPorte, Norman: ›Stalinization‹ and its Limits in the Saxon KPD, 1925–28, in: European History Quarterly 31 (2001), S. 549–590; Bois, Marcel / Wilde, Florian: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Demokratie«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 6 (2007), H. 2, S. 33–46. 3 Hier seien nur einige Studien exemplarisch genannt: Zimmermann, Rüdiger: Der Leninbund. Linke Kommunisten in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1978; Alles, Wolfgang: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930, Frankfurt a. M. 1987; Schüle, Annegret: »Für die Arbeitereinheitsfront zur Abwehr des Faschismus«. Trotzkismus in Deutschland bis 1933, Köln 1989; Langels, Otto: Die ultralinke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Zur Geschichte und Theorie der KPD-Opposition (Linke KPD), der Entschiedenen Linken, der Gruppe »Kommunistische Politik« und des Deutschen Industrie-Verbandes in den Jahren 1924 bis 1928, Frankfurt a. M. 1984; Bergmann, Theodor: »Gegen den Strom«. Die Geschichte der Kommunistischen-Partei-Opposition, Hamburg 1987; Tjaden, Karl Hermann: Struktur und Funktion der »KPD-Opposition« (KPO). Eine organisationssoziologische Untersuchung zur »Rechts«-Opposition im Kommunismus zur Zeit der Weimarer Republik, Meisenheim am Glan 1964. 4 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 84, 144, 149–52, 156–58, 162–66, 170–171, 173, 177, 180–182, 184; Zimmermann: Der Leninbund (Anm. 3), S. 62–65, 83–85, 97 – 102, 125, 175, 177. In Weber, Hermann (Hrsg.): Der deutsche Kommunismus. Dokumente, Köln und Berlin 1963, S. 278–80 ist ein Auszug der »Plattform der Weddinger Opposition« von 1926 abgedruckt. 5 Schafranek, Hans: Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein österreichischer Kommunist als Opfer der stalinistischen Geheimpolizei, Wien 1988, S. 192–199. 6 Becker, Klaus J.: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946–1956, Mainz 2001, S. 20–56; LaPorte, Norman: The German Communist Party in Saxony, 1924–1933. Factionalism, Fratricide and Political Failure, Bern 2003. 7 Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau (Anm. 5), S. 192. 8 So wurde die noch heute existierende »Gruppe Arbeiterpolitik« 1947 von ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) gegründet. Ebenso entstanden in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Kleingruppen, die sich auf Trotzki beriefen. 9 Diese Forschungslücke versuche ich derzeit mit meiner Dissertationsschrift (»Gegen Hitler und Stalin. Linksoppositionelle Kommunisten in der Weimarer Republik«) zu schließen. 10 Zum konstituierenden Treffen 1926 siehe: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), RY 1, I 2/3/64, Bl. 445. Zum Ursprung der Gruppe: Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 84, Anm. 150. 11 Hierzu: LaPorte: The German Communist Party in Saxony (Anm. 6), S. 153; Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 165. 12 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 156. 13 Ebenda, S. 157. 14 Bundesarchiv (im Folgenden: BArch) Berlin, R 1507/1064, Bl. 101. Schafranek hält die Zahl – ohne dies zu begründen – für übertrieben; vgl. ders.: Das kurze Leben des Kurt Landau (Anm. 5), S. 311, Anm. 211. 15 Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz (Anm. 6), S. 31. Zum BASF-Streik 1924 siehe auch Weber, Hans: Einige Erinnerungen aus meinem politischen Leben und Wirken, in: Stadtarchiv Ludwigshafen (im Folgenden: StaLu), Mappe 153: Gedächtnisprotokolle. 16 LaPorte: ›Stalinization‹ and its Limits (Anm. 2), S. 551. 17 Broué, Pierre: Zur Geschichte der Linken Opposition (1923–1928), in: Trotzki, Leo: Schriften, Bd. 3.1: Linke Opposition und IV. Internationale (1923–1926), hrsg. von Helmut Dahmer u. a., Hamburg 1997, S. 9–22. 18 Siehe z. B.: Material zur Delegiertenkonferenz des 3. Verwaltungsbezirks (Wedding) am 18. November 1927, in: Trotsky-Archive, Hougthon Library, Harvard University, Cambridge, Ma. (im Folgenden: TA Harvard), bMS Russ 13, T-1055. 19 Diskussionsartikel der Weddinger Opposition, in: Der Pionier. Mitteilungsblatt, hrsg. von der Bezirksleitung der KPD, Bezirk Pfalz, November 1927, S. 1–5, hier S. 5. 20 BArch Berlin, R 1507/1063g, Bl. 103 f., 106–139. Broué: Zur Geschichte der Linken Opposition (Anm. 17), S. 17, meint, Initiator der Erklärung sei Werner Scholem gewesen. Siehe auch: Die Weddinger Opposition zur Erklärung Kötters, in: BArch Berlin, R 1507/1063f, Bl. 278. Hiernach haben die Weddinger den »Brief der 700« veranlasst. Zuvor hatten die beiden Gruppen folgende Broschüre herausgebracht: Einiges Material zur russischen Frage. Memorandum der Weddinger Opposition und der »Urbahns-Gruppe«, o. O., o. J. [1926], in: BArch Berlin, R 1507/1063g, Bl. 242. 21 BArch Berlin, R 1507/1063g, Bl. 106, 117. 22 Rote Fahne, 17. September 1926. 23 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 163. 24 Fischer, Ruth: Stalin und der deutsche Kommunismus, Bd. 2, Berlin 1991, S. 267. Siehe auch Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 178 f. 25 Broué, Pierre: Die deutsche Linke und die russische Opposition 1926–1928, in: Schüle: Trotzkismus in Deutschland bis 1933 (Anm. 3), S. 7–34, hier S. 17. 26 Rundschreiben Urbahns-Gruppe, 22. Mai 1927, in: SAPMO-BArch, RY 1, I 3/1-2/64, Bl. 99–101. 27 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 184. 28 Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau (Anm. 5), S. 194. 29 Brief des ZK an die BL der Pfalz, [12. Januar 1928], in: SAPMO-BArch, RY 1, I 3/25/9, Bl. 170 f. 30 Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz (Anm. 6), S. 42. 31 Die Ergebnisse der Parteidiskussion und die innerparteilichen Aufgaben. Resolution des Essener Parteitags der KPD, 2.–7. März 1927, in: Reuter, Elke / Hedeler, Wladislaw / Helas, Horst / Kinner, Klaus (Hrsg.): Luxemburg oder Stalin. Schaltjahr 1928 – Die KPD am Scheideweg. Eine kommentierte Dokumentation, Berlin 2003, S. 15–20, hier S. 17. 32 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 165. 33 SAPMO-BArch, RY 1, I 3/25/10, Bl. 3–5, 7, 8, 39, 54, 79, 92–94, 105, 106. 34 Bekanntmachung über die Wahlvorschläge für die Bezirkstagswahl, Ludwigshafen am Rhein, 11. Mai 1928, in: StaLu, Pl 1928/5. 35 Auszug aus dem Lagebericht des Polizeipräsidiums, Abt. IA, Berlin vom April 1928, in: Staatsarchiv Bremen, 4,65-511, Bl. 41–42, hier Bl. 42. 36 Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau (Anm. 5), S. 193. 37 Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 2), S. 150. 38 Weber, Hans u. a.: Die Neuorientierung der Komintern. Das Ergebnis der VII. Erweiterten Exekutive, in: Die Internationale 10 (1. Februar 1927), H. 2/3, S. 83–86, hier S. 85. 39 Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz (Anm. 6), S. 34. 40 Zu den Positionen der Gruppe: Plattform der Weddinger Opposition. Eine Kritik der Kommunistischen Internationale, in: BArch Berlin, R 1507/1063g, Bl. 235a/236a; Resolution der Weddinger Opposition zum Bezirksparteitag Berlin-Brandenburg [1927], in: SAPMO-BArch, RY 1, I/1-2/32, Bl. 316–322. 41 Siehe hierzu Trotzki, Leo: Schriften über Deutschland, hrsg. von Helmut Dahmer, Frankfurt a. M. 1971. 42 Zimmermann: Der Leninbund (Anm. 3), S. 62. 43 Siehe auch: Brief Hans Weber an Leo Trotzki, 1. April 1929, in: TA Harvard, bMS Russ 13.1, 5839. 44 Trotzki, Leo: Die Internationale Revolution und die Kommunistische Internationale, hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Hans Weber, Berlin 1929; Brief Hans Weber an Leo Trotzki, 21. April 1929, in: TA Harvard, bMS Russ 13.1, 5840. 45 Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau (Anm. 5), S. 167. 46 Engelhardt, Falk: Entwicklung und Politik der trotzkistischen Linksopposition in Leipzig ab 1924, überarbeitete Magisterarbeit, Chemnitz 2006, S. 37. 47 Während der NS-Zeit taucht die Weddinger Opposition in Berlin noch einmal auf, als ihre ehemaligen Mitglieder als Widerstandsgruppe »Funke« firmieren; Sandvoß, Hans-Reiner: Die »andere« Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin 2007, S. 186.

JHK 2008

Eine internationale Sprache für die Weltrevolution? Die Komintern und die Esperanto-Frage

Jean-François Fayet

»›Proletarier aller Länder, vereinigt euch‹, so der Aufruf von Marx. Die esperantistischen Kommunisten fügen hinzu: Um sich zu vereinigen, müssen sie sich verstehen können, und Esperanto ist dieses zur Verständigung notwendige Mittel.«1 »Unsere Lage weist tragikomische Züge auf: Einerseits wird anerkannt, dass wir wertvolle Arbeit im Sinne der kommunistischen Internationale leisten – wir werden im Übrigen aufgrund dieser Arbeit von den Faschisten und der Polizei als ›Hilfssektion der III. Internationale‹ verfolgt –, andererseits gesteht man uns keine konkrete Abteilung und Unterstützung zu, denn niemand will Verantwortung für ideologische Belange der proletarischen Esperantisten-Bewegung übernehmen.«2 Einleitung Das Jahr 1917 war für die Esperantisten Russlands ein Jahr der Hoffnung, trotz des Todes Ludwik Lejser Zamenhofs, der 30 Jahre zuvor in Warschau das Erste Buch (Unua Libro) seiner Lingvo Internacia (internationalen Sprache, LI) unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto (Doktor der Hoffnung) veröffentlicht hatte.3 Die Ereignisse von 1917 erschienen den zahlreichen Esperantisten Russlands nach Jahrzehnten der Zensur, Polizeischikanen und Isolierung, die durch den Krieg noch verstärkt wurden, wie ein Glücksfall. Denn obwohl die Sprache in Russland aufgekommen war, hatte Esperanto sehr schnell Misstrauen und offene Feindschaft beim Regime hervorgerufen – nicht zuletzt aufgrund des Interesses, das ihm Leo Tolstoj und, nach der Revolution von 1905, verschiedene politische, gegen den Zar gerichtete Strömungen entgegenbrachten.4 Ohne selbst Bolschewiki zu sein, begrüßten deshalb viele Esperantisten die Verkündung des Friedensdekrets durch den Rat der Volkskommissare. Sie sahen sich auch in Einklang mit dem proklamierten Internationalismus der neuen Machthaber. Die Übereinstimmung der Ziele von Esperantisten und Kommunisten erschien so natürlich, dass in den ersten Jahren des neuen Regimes Gerüchte über die offizielle Einführung von Esperanto im sowjetischen Russland kursierten. Während des Bürgerkriegs entstand eine Vielzahl von esperantistischen Gruppen, insbesondere bei den internationalistischen Bataillonen5 und den Transportarbeitern. Bestärkt durch diese Begeisterung begannen die Esperanto-Vereinigungen, Anfragen an verschiedene Volkskommissariate zu richten. Anfänglich boten sie meist lediglich Unterstützung an, die esperantistische Gesellschaft Moskau schlug etwa dem Volkskommissariat für Auswärtiges (NKID) vor, ein Übersetzungsbüro für Esperanto zu eröffnen.6 Mit der Zeit wurden die Eingaben fordernder und bedrängten die Kommunistische Internationale (KI), Bedingungen für einen effektiven proletarischen Internationalismus zu schaffen: »Wir erwarten vom Kongress der III. Internationale, dass er seiner Aufgabe angemessen handelt und dass anlässlich des 3. Jahrestages der Großen Oktoberrevolution im roten Russland, dem Vaterland der kommunistischen Revolution und des Esperanto, auf die Frage nach einer internationalen Sprache nicht durch eine platonische Sympathie-Erklärung, sondern mit konkreten Maßnahmen zur Umsetzung geantwortet wird.«7 1919 hatte sich die Esperantista Sekcio de Komunista Internacio (Esperantistische Sektion der Kommunistischen Internationale, ESKI) konstituiert. Deren Statuten erklärten, dass »die internationale Sprache eine Forderung und eine Folge der internationalen Bewegung des Proletariats« sei und sie allein »das Mittel für wirkungsvolle Beziehungen mit den revolutionären Massen verschiedener Länder« werden könne.8 Für die esperantistischen Kommunisten sollte die LI also das bevorzugte »Instrument« für die Verbreitung der Weltrevolution werden, was ein konkretes Engagement der III. Internationale voraussetzte. Im Vorfeld des zweiten Kongresses der KI verstärkte die ESKI die Aufrufe in dieser Richtung und machte darauf aufmerksam, dass es die Diskussionen verlängere und, was noch schwerer wiege, verfälsche, »wenn die Delegierten verschiedener Länder sich wie Freunde verstehen«9, während der Sitzungen aber auf Übersetzer zurückzugreifen sei.10 Vor allem war die Übersetzungsfrage untrennbar verbunden mit der Dominanz polyglotter Intellektueller im Apparat der Internationale, die von den Esperantisten kritisiert wurde. Von der Kritik an den Intellektuellen, die »durch die Beherrschung einiger Sprachen für sich beanspruchen könnten, die KI zu führen«11, gingen die Esperantisten zur Kritik an der Führung der kommunistischen Bewegung über, indem sie mit Worten, die an die Arbeiteropposition erinnerten, darauf verwiesen, dass »die Anführer den Massen und nicht die Massen den Anführern folgen«12 sollten. Hinter der – anscheinend sekundären – Frage der LI13 stand demnach die Frage nach der Kontrolle des internationalen Kommunismus. Aber diese berührte zu sehr den Kern der proklamierten Ideale der Bewegung, um Gegenstand offener Debatten zu werden. Die Strategie der KI-Exekutive den Esperantisten gegenüber würde von nun an darin bestehen, auf vielfältige Weise deren Arbeit zu blockieren und so die Einführung einer LI innerhalb der internationalen kommunistischen Bewegung zu verhindern, ohne jemals offiziell Esperanto oder die Esperantisten zu verurteilen. Die Kommission zur Einführung einer internationalen Hilfssprache in der KI Als die Anfrage der russischen Esperantisten bei der KI vom Vertreter des CNT (Confederación Nacional del Trabajo) Nuñez Pestaña (1886–1938) und durch einen von 23 ausländischen Delegierten unterzeichneten Brief aufgegriffen wurde, die die Exekutive der KI aufforderten, »sich dieser Frage anzunehmen«14, geriet das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) in Verlegenheit. Es ließ sechs Monate verstreichen, bevor es am 12. Januar 1921 die Schaffung einer Kommission zur Einführung einer LI in der KI ankündigte.15 Die genaue Betrachtung der Kommissionsmitglieder und vor allem der Frage, die sie beantworten sollten, lässt die Falle erahnen, die damit den Esperantisten gestellt wurde. Der Auftrag der Kommission bestand darin, in Erfahrung zu bringen, ob »die Einführung einer LI [ohne expliziten Verweis auf Esperanto] schon praktisch möglich ist« und wie ihre Anwendung erreicht werden könne. Esperanto war weder der erste noch der einzige Versuch, eine internationale Hilfssprache zu schaffen. Hunderte von internationalen Sprachen, darunter das berühmte, 1879 von Martin Schleyer erfundene Volapük, waren vom Ende des 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert entstanden, allerdings hatte Esperanto innerhalb weniger Jahre alle konkurrierenden Systeme verdrängt. Lediglich Ido, das mit einigen Veränderungen im Alphabet und in den Wortableitungen auf Esperanto basierte, behielt weiterhin einflussreiche Anhänger. Obwohl es – gerade in Russland – nicht sehr viele Idisten gab,16 waren diese, durch die Gunst des Sekretariats von Zinov’ev, sehr stark in der Kommission vertreten. Der Vorsitz wurde Jószef Pogány (1886–1937) anvertraut. Als Volkskommissar der kurzlebigen Räterepublik Ungarns hatte er bei der Akademie in Budapest eine Studie über die Einführung einer LI an Schulen in Auftrag gegeben, die mit einer Empfehlung zugunsten von Ido abgeschlossen wurde.17 Da er aber von Februar 1921 an nach Deutschland geschickt worden war, konnte sich Pogány nicht an der Arbeit der Kommission beteiligen. Ihr Sekretär war der Idist Hans Itschner (1887–1962). Er war 1920 nach Russland geflohen, um der Strafverfolgung in der Schweiz wegen revolutionärer Umtriebe zu entkommen, und arbeitete zu jener Zeit als Übersetzer beim EKKI.18 Schließlich nahm die Kommission Henri Guilbeaux (1884–1938) auf, einen polyglotten Schriftsteller und Journalisten, den Lenin nach Russland eingeladen und gebeten hatte, seine Rede auf dem 2. Kongress der KI vom Deutschen ins Französische zu übersetzen. Das Fehlen von Dokumenten die Arbeit der Kommission betreffend, das Verschwinden von zwei Mitgliedernamen19 und vor allem die Tatsache, dass ihr Vorsitzender während der gesamten Zeit auf Mission in Deutschland war, lassen Zweifel an ihrer Arbeit aufkommen. Aber schon aufgrund ihrer Zusammensetzung war es schwer vorstellbar, dass die Kommission zugunsten von Esperanto Position beziehen würde. Ihr einziger Bericht, datiert vom Juni 1921, erklärte , dass die LI von »großem Nutzen für die Arbeit der KI« sein könne und dass »einige der bestehenden Projekte, wie Esperanto und Ido, allen praktischen Erfordernissen der internationalen Kommunikation gerecht werden können«. Ohne Partei zu ergreifen merkte die Kommission jedoch an, dass »sehr große Schwierigkeiten«, vorwiegend ideologischer Art, dem »tatsächlichen Gebrauch der Hilfssprache« noch entgegenstünden und dass in dieser Hinsicht systematische Propagandaanstrengungen notwendig seien. Zuvor müsse aber erst geklärt werden, »ob wirklich zu rechtfertigen ist, dass derartige Anstrengungen unternommen werden« und ob es denkbar sei, dass »in einem Zeitraum von drei bis vier Jahren von der Phase der Propaganda für das eine oder andere LI-System zur praktischen und allgemeinen Anwendung des endgültig beschlossenen Systems übergegangen werden kann«. Die Kommission schob ihre Entscheidung hinaus, indem sie die Kommunistischen Parteien und vor allem die der KI angegliederten Massenorganisationen aufforderte, in der LI-Frage Position zu beziehen.20 Mehrere Organisationen bekundeten Interesse an dieser Frage und sprachen sich in der Tat für Esperanto aus – so die Internationale der Kriegsopfer und der ehemaligen Frontkämpfer, der internationale Verband der Transportarbeiter21, der British Trade-Union Congress22 –, während u. a. die KP der Tschechoslowakei, Luxemburgs, Mexikos, die Sportintern23 für Ido Partei ergriffen und andere wiederum für – Englisch24 votierten! Dieser Abstimmungsprozess, dessen Ende nicht genau festgelegt war, und weitere Manipulationen des EKKI sollten zur Verschärfung der Rivalität zwischen den beiden Gruppen führen. Die esperantistische Sektion der KI (ESKI) wurde, ohne viel Aufhebens darum zu machen, von den kommunistischen Machthabern im Dezember 1921 aufgelöst, während das Sekretariat der Komunista Ido-Federuro Internaciona (= Internationaler Kommunistischer Ido-Verband, Kifintern25) Fritz I. Milter (1890–1938) übertragen wurde, einem Esten, der seit 1905 Bolschewik war und für die Informationsabteilung der Tscheka und das Büro für internationale Beziehungen der KI arbeitete, und 1922 von Paris nach Moskau in Räumlichkeiten der KI verlegt wurde! Dadurch bestärkt, starteten die Idisten mit Unterstützung des Kommissionssekretärs eine regelrechte Kampagne in kommunistischen Kreisen und erweckten mit Hilfe offiziell wirkender Dokumente den Eindruck, die Kommission habe sich für Ido ausgesprochen. Gestützt auf diese vorgeblichen »Empfehlungen der Kommission« kündigte W. Münzenberg an, die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH) werde sich für Ido einsetzen.26 Auf Beschwerden von Esperantisten antwortete M. Rákosi im Namen des EKKI mit einem Dementi: Die Kommission sei aufgelöst worden, nachdem sie ihre Dokumente dem Exekutivkomitee übergeben habe. Dieses habe bislang keine Entscheidung getroffen. Doch einige Monate später wurden die Esperantisten ihrerseits aufgerufen, der Verleumdungskampagne gegen die von der Kommission geleistete Arbeit ein Ende zu setzen! Die Idisten warfen den Esperantisten vor, eine »bürgerliche Bewegung« und dabei »konservativ« und »anarchistisch« zu sein,27 während die Esperantisten in ihren Rivalen »Spalter« sahen, die es »auszuschalten« gelte.28 Da es die lähmenden Folgen dieses Bruderkriegs einkalkulierte, sah das EKKI ganz bewusst davon ab, direkt einzugreifen, und beschränkte sich auf die episodische Abgabe zurückhaltender Dementis und vage Aufrufe zur Einheit, später zur Vereinigung beider Gruppen. Indem es so die Gegensätze zwischen den Esperantisten und den eigentlich »viel weniger einflussreichen Idisten«29 instrumentalisierte, konnte es das Problem der Einführung einer LI »auf Eis legen«, ohne dafür offen die Verantwortung übernehmen zu müssen. Die Situation der Esperantisten war in der Schwebe: Einerseits erhielten sie Unterstützung von Persönlichkeiten wie I. Erenburg, L. B. Krasin, S. Katayama30, dem georgischen Linguisten N. I. Marr31 und in den dreißiger Jahren von S. A. Lozovskij32, D. Z. Manuil’skij33 und H. Barbusse. Auf der anderen Seite fehlte ihnen jedoch Rückhalt durch die Institutionen. Anlässlich ihres 6.34 und des 7. und letzten Kongresses richteten sie weiterhin Aufrufe an die KI. Aber zu keinem Zeitpunkt haben eine zentrale Instanz der KI oder einer ihrer Führer in der LI-Frage offiziell Position bezogen. Stets hieß es, es handle sich um eine »Frage von sekundärer Bedeutung«, es sei niemand »kompetent« und es liege »keine Entscheidung der KPDSU« vor.35 Die Esperantisten waren, nach eigener Aussage, in einem »Teufelskreis« gefangen: »im Ausland warten alle auf eine Entscheidung aus der UdSSR, und hier heißt es, die LI müsse zuerst von den ausländischen Massen getragen werden«.36 Esperanto im Klassenkampf Lokale Arbeiter-Esperanto-Vereinigungen, genannt Laboristaj Esperanto-Asocioj (LEA), waren vor dem Krieg in Schweden, Großbritannien, Deutschland37, Frankreich, Ungarn und in den Niederlanden entstanden.38 Auch mehrere internationale Organisationen, darunter die 1906 in Paris gegründete Internacia Asocio Paco-Libereco (= Internationale Vereinigung für Frieden und Freiheit) und die Organisation Liberiga Stelo (= Befreiungsstern),39 hatten sich vor dem Krieg darum bemüht, Esperanto in den internationalistischen Arbeiterkreisen zu verbreiten. Aber die Mehrheit der esperantistischen Arbeiter war in der neutralen Bewegung verblieben, der 1908 in Genf von Hector Hodler mit dem Einverständnis Zamenhofs gegründeten Universala Esperanto Asocio (= Universelle Esperanto-Vereinigung, UEA), in der sie zwei Drittel der Mitglieder stellten und eine eigene Laborista Fako (= Arbeiter-Sektion) bildeten. Der Erste Weltkrieg unterbrach den Differenzierungsprozess der internationalen esperantistischen Arbeiterbewegung. Erst im Umkreis von Eugène Adam, genannt Lanti (1879–1947),40 einem französischen Tischler, der zunächst Anarchist war und sich 1917 den Bolschewiki anschloss, kam 1919 erneut die Idee einer internationalen esperantistischen Proletarierorganisation auf. Als Redakteur der Zeitschrift Le travailleur espérantiste, später Esperantista Laboristo (= Der esperantistische Arbeiter), des Organs des Liberiga Stelo, entwickelte Lanti unter dem Pseudonym Sennaciulo (= der keine Nationalität hat) seine Vorstellung von einer »anationalen« und antikapitalistischen esperantistischen Arbeiterbewegung, was den Bruch mit den neutralen Esperantisten der UEA unausweichlich werden ließ. Als Sprache der Revolution sollte Esperanto die Arbeiter aus ihren nationalen, aber auch parteilichen Strukturen befreien. Dies führte zwangsläufig zu Differenzen mit den sowjetischen Genossen der Sovjetlanda Esperanta Unuigho (SEU), der Esperantisten-Union sowjetischer Länder, später Republiken, die 1921 unter Maßgabe programmatischer Loyalität gegenüber der Sowjetmacht gegründet wurde. Im August 1921 spalteten sich 79 revolutionäre Esperantisten aus 15 Staaten – darunter Lanti –, die zum 13. Kongress nach Prag gekommen waren, von der UEA ab und gründeten die Sennacieca Asocio Tutmonda (= Anationale Weltvereinigung, SAT), eine Vereinigung, die die Anwendung einer LI für Klassenkampfziele des Weltproletariats zum Ziel hatte und das Prinzip einer überparteilichen revolutionären Organisation zugrunde legte.41 Kein einziger sowjetischer Vertreter hatte am Gründungskongress der SAT teilgenommen, aber im August 1922 war Lanti für drei Wochen ins sowjetische Russland gereist, wo er von einem Kreis aktiver SEU-Mitglieder, darunter dem Präsidenten Ernest V. Dresen (1892–1937)42, empfangen wurde.43 Lanti traf auch das Mitglied des Exekutivkomitees Rákosi, der ihm das Fehlen einer Entscheidung der KI in der LI-Frage bestätigte und ihn vor den Esperantisten warnte, von denen »viele Konterrevolutionäre sind«. Er scheint nach seiner Rückkehr die Zukunft der UdSSR pessimistisch beurteilt zu haben, und die Meinungsverschiedenheiten mit Dresen sollten ihre künftigen Beziehungen prägen. Dass die SAT auf dem Prinzip des individuellen Beitritts beruhte, schränkte das Gewicht der SEU ein, die auf Grund ihrer Mitgliederzahl die Führungsrolle in der Bewegung für sich hätte beanspruchen können. Dresen und mit ihm die sowjetische Führung warfen Lanti vor allem den überparteilichen Charakter seiner Organisation vor. Lanti zeigte sich seinerseits erstaunt darüber, dass Dresen nach der Zerschlagung der neutralen esperantistischen Gruppen in der UdSSR im Ausland weiter mit der UEA zusammenarbeiten wollte, während die SAT seit 1922 beschlossen hatte, die doppelte Mitgliedschaft zu verbieten. Abgesehen von taktischen Divergenzen, waren die beiden Organisationen auch aus soziologischer Sicht sehr verschieden. Die SAT war eine proletarische Organisation, deren Gründer aus dem revolutionären Syndikalismus hervorgegangen waren, während die SEU eine Bewegung ohne Bezug zu den Massen war und sich »aus Intellektuellen oder Halbintellektuellen« zusammensetzte.44 Dennoch begünstigten die Verabschiedung und die Bestätigung der Einheitsfront auf dem 3., 4. und 5. Kongress der KI einige Jahre lang die Koexistenz der Positionen der beiden Organisationen. Die SEU forderte im März 1923 die esperantistischen Kommunisten in der ganzen Welt auf, der SAT beizutreten, und Dresen hielt auf dem 3. Kongress in Kassel (1923) eine begeisterte Rede. Schnell wurde ein Großteil der Aktivitäten der SAT, den Vorstellungen Dresens entsprechend, der Kontrolle der Leipziger Kommunisten unterstellt. Die Verwaltung der SAT wurde einem Parteilosen, Lerchner, übertragen. Dieser arbeitete jedoch eng mit Norbert Barthelmess zusammen, einem aktiven KPD-Mitglied und seit 1924 Chefredakteur der Wochenschrift Sennaciulo, ebenso mit Otto Bässler, dem Sekretär der kommunistischen Fraktion, der auch den Pressedienst der SAT leitete, und mit F. C. Richter, ebenfalls Mitglied der kommunistischen Fraktion. Somit enthielten die Veröffentlichungen der SAT viele »rein kommunistische«, aber »keinen einzigen antikommunistischen Artikel«.45 Dass die SAT-Presse so auf Linie gebracht wurde, führte zu einem starken Rückgang der Abonnements und zu Spannungen innerhalb der Leitung. Eine anarchistische Gruppe spaltete sich ab, um die Organisation Tutmonda Ligo de Esperantistoj Senstatanoj (= Weltunion esperantistischer Anarchisten) zu gründen.46 Da man befürch-tete, eine Reihe von Spaltungen werde zu einem Einflussverlust der Kommunisten bei den esperantistischen Massen führen, wurde die Redaktion des Sennaciulo schließlich einer Gruppe übertragen, die die unterschiedlichen Strömungen repräsentierte. Die Zeitschrift blieb jedoch – dank der Aktivität der kommunistischen Parteigänger – genauso kommunistisch, wie sie es zur Zeit von Barthelmess war. Der wachsende Einfluss der Kommunisten spiegelte sich in vielen Bereichen wider: 1924 mussten bei den Kongressen der SAT die rein esperantistischen Hymnen – La Espero (= Die Hoffnung) und Fratoj al sun (= Brüder zur Sonne) La Internacio (der Internationale) weichen. Und die Parolen des politischen Programmentwurfs, der auf dem 5. Kongress in Wien (1925) ausgearbeitet wurde, glichen stark denen der KI. In dem Bestreben, diese kommunistische Ausrichtung noch zu verstärken, rief Dresen die SAT auf, ihren 6. Kongress (1926) in Leningrad abzuhalten, einige Tage nach dem Kongress der SEU. Die Esperantisten wurden sogar eingeladen, sich im folgenden Jahr in der UdSSR einigen Tausend ausländischen Delegierten anzuschließen, die eine Erkundungsreise aus Anlass des 10. Jahrestages der Oktoberrevolution unternahmen, die im 1. Kongress der Freunde der Sowjetunion (FSU) ihren Abschluss fand. Der FSU-Kongress steckte deutlich die Grenzen ab, die das EKKI und die sowjetischen Organisationen den Esperantisten setzen wollten. Die Esperantisten hatten angesichts von Übersetzungsschwierigkeiten aufgrund der Anwesenheit von Delegierten aus 43 Ländern einmal mehr eine Petition in Umlauf gebracht, in der sie die Einführung von Esperanto forderten. Diese brachte es in zwei Tagen auf 250 Unterschriften – ein Viertel der Delegierten – und wurde dem Präsidium weitergeleitet, aber nie dem Kongress zur Beratung vorgelegt!47 Wie die Agitprop-Abteilung des EKKI ab 1925 verlautbaren ließ, war »die Frage heute nicht so sehr die einer Anerkennung einer LI, als vielmehr die organisatorische Angleichung und Kontrolle ihrer Arbeit durch uns«.48 Die führenden Kommunisten hatten ihre Meinung zur Frage der Einführung einer LI nicht geändert – was sie nicht daran hinderte, sich der esperantistischen Bewegung zu Propagandazwecken zu bedienen. Von der kommunistischen Fraktion zur Internacio de Proleta Esperantistaro Es grenzt an Ironie, dass die kommunistische Fraktion – O. Bässler, N. Barthelmess, F. C. Richter, E. Lanti und L. Revo49 – von Lanti 1923 gegründet worden war, um in ihr die Diskussion über einen möglichen Beitritt der SAT zur III. Internationale zu begrenzen.50 Später agierte diese Fraktion, der es gelungen war, in der SAT »alle Leitungspositionen zu besetzen«51 und die Kongressresolutionen und Zeitschrifteninhalte zu kontrollieren, jedoch trotz wiederholter Anfragen ohne jede Unterstützung oder Direktive des EKKI. Für das Führungsorgan der KI war die SAT nur eine von vielen sogenannten kulturellen Arbeiter- und Massenorganisationen zur »Gewinnung der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung für die Ziele der Kommunistischen Parteien«.52 Mehrere Jahre lang gelang es der SAT durch die mal von oben, mal von unten durchgesetzte Taktik der Einheitsfront, in ihrer Organisation Sozialdemokraten (35 Prozent der Mitglieder), Parteilose (20 Prozent) und Kommunisten (45 Prozent) zu vereinen. Doch als die KI 1928 auf ihrem 6. Kongress die Taktik »Klasse gegen Klasse« beschloss und sich die Parole vom »Sozialfaschismus« durchsetzte, bekam die esperantistische Arbeiterbewegung, wie alle anderen überparteilichen Arbeiterorganisationen, die Spaltungsbemühungen ihrer kommunistischen Fraktion zu spüren. Der 8. SAT-Kongress in Göteborg, nur wenige Wochen nach dem der KI, war von ersten Spaltungsdrohungen begleitet. In seiner Rede betonte Dresen, dass »vielleicht ein Zeitpunkt kommen wird, da wir die SAT verlassen müssen, oder alle Anhänger anderer Strömungen die SAT verlassen werden«. Lantis Antwort erfolgte in Form eines Zusatzes zu den Statuten, in dem daran erinnert wurde, dass »die SAT, die keine Organisation mit dem Charakter einer politischen Partei ist«, davon ausgehe, dass »ihre Mitglieder sich verständnisvoll und tolerant den politischen und philosophischen Systemen gegenüber zeigen, auf die sich die verschiedenen im Klassenkampf aktiven Arbeiterparteien und gewerkschaftlichen Bewegungen stützen«.53 Dieser erste Schlagabtausch führte zur Zersplitterung der kommunistischen Fraktion. Nach Revo54, der in der UdSSR die Niederlage der von Trockij und Zinov’ev angeführten Vereinigten Opposition erlebt hatte, verließen Lanti und N. Barthelmess, gefolgt von L. Glodeau (1891–1956), einem weiteren Gründungsmitglied der SAT, ihre jeweilige KP oder wurden ausgeschlossen. So war im Ergebnis des 9. Kongresses von Leipzig (1929) die Führung der SAT nach den Worten Dresens unter die Kontrolle »rechter Opportunisten« geraten.55 Der auf internationaler Ebene vorübergehend gestoppte Aufspaltungsprozess weitete sich nunmehr ausgehend von den nationalen proletarischen Esperantisten-Verbänden aus. Nach der SEU, die 192856 16 000 Mitglieder meldete, war die zweitwichtigste Organisation die Laborista Esperanto-Asocio por la Germanlingvaj Regionoj (= Arbeiter-Esperanto-Bund für die deutschen Sprachgebiete, LEAGR), die 1930 4000 in 206 Gruppen unterteilte Mitglieder zählte.57 Nach dem Jahreskongress von Essen im April 1930 gelangte der Kommunist W. Wildebrand aus Berlin in die Führungsspitze der LEAGR, während O. Bässler, der neue Sekretär der kommunistischen Fraktion der SAT, die Redaktion ihres Organs Arbeiter-Esperantist übernahm. Die Sowjets erhöhten den Druck, indem sie allen nationalen Organisationen empfahlen, »dem deutschen Beispiel zu folgen«58, und vor allem indem sie das Vermögen der SAT in der UdSSR, etwa 15000 Reichsmark aus Mitgliedsbeiträgen und Zeitschriftenabonnements, einfroren, unter dem Vorwand modifizierter Regeln für den Geldtransfer ins Ausland.59 Von nun an organisierten sich die Kommunisten, deren Ziel die Schaffung einer »neuen revolutionären Esperanto-Vereinigung« war, autonom innerhalb der SAT. Im Oktober 1930 erschien in Berlin unter Leitung von József Batta, einem ehemaligen IAH-Mitar-beiter, den Dresen mit dem Einverständnis des EKKI60 nach Deutschland geschickt hatte, die erste Nummer ihrer Zeitschrift Internaciisto (= Internationalist). Im darauffolgenden Monat wurde in Leipzig, unter der Leitung von W. Kampfrad, eine Verlagskooperative für revolutionäre Esperanto-Literatur gegründet (= Eldon-Kooperativo por Revolucia Esperanto-Literaturo, EKRELO), die deutsche Filiale des SEU-Verlags, die neben Werken über Esperanto auch außerhalb der UdSSR, »hinter der Fassade eines neutralen Verlags«61, Texte von Stalin, Molotov, Radek u. a. in Esperanto vertreiben sollte. Die Kommunisten riefen zudem dazu auf, den Sennaciulo und andere SAT-Publikationen zu boykottieren, die in der UdSSR bereits verboten waren. Diese Entwicklung führte im Frühjahr 1931 zum Ausschluss der Kommunisten O. Bässler, J. Batta, W. Kampfrad, H. Muravkin, F. C. Richter, W. Wildebrandt und F. Wolff aus der SAT. Als sich die übrige kommunistische Minderheit beim 11. Kongress in Amsterdam aus der Bewegung zurückzog, stand die SAT, die mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren hatte, am Rande des Bankrotts. Im August 1932 wurde in Berlin die Internacio de Proleta Esperantistaro (Internationale der proletarischen Esperantisten, IPE) gegründet. Dank des kollektiven Beitritts der Einzel-LEA der Sowjetunion, Deutschlands, Bulgariens, Japans und der Vereinigten Staaten, bald gefolgt von Sektionen in China, Großbritannien, Belgien, Frankreich, der Tschechoslowakei, den Niederlanden und anderen lokalen Gruppen, nahm diese für sich in Anspruch, 18 000 Proletarier aus 18 Ländern mit mehr als 30 Zeitschriften zu repräsentieren.62 Aber kaum ein halbes Jahr nach ihrer Gründung verlor sie aufgrund der Machtergreifung Hitlers ihre wichtigste nationale Sektion außerhalb der UdSSR, ihr Internationales Büro in Berlin und ihr internationales Verlagszentrum in Leipzig. In einem an die KI gesandten Bericht schrieb Dresen im März 1933, dass die deutsche Organisation und die Zeitschrift Arbeiter-Esperantist seit Januar verboten waren und dass »die politische Situation in Deutschland so ist, dass jede Kontaktmöglichkeit mit Moskau ausgeschlossen ist. […] Maßnahmen zur Rettung wichtiger Dokumente wurden getroffen, aber die reguläre Arbeit ist von neuen Schlägen bedroht. […] Die Schnelligkeit, mit der das neue Regime in Deutschland Fuß fasste, hat uns die Möglichkeit genommen, den Umzug des Zentrums vorzubereiten.«63 Nach der Verhaftung Kampfrads im März 1933 im Leipziger EKRELO-Verlag entschied die IPE, den Redakteur August Schwenk nach Amsterdam zu schicken, um ein Ersatzsekretariat und ein neues Zentrum für den Literaturvertrieb einzurichten. Die stärkste Sektion in Europa war von nun an die Fédération française des espérantistes prolétariens (Französischer Verband proletarischer Esperantisten, FEP), aber dem IPE-Sekretär zufolge »war sie in organisatorischer und finanzieller Hinsicht zu schwach, um die Führungsrolle in der Bewegung einzunehmen«.64 Mit dem Eintreffen Herbert Muravkins vom Berliner internationalen Büro in der UdSSR wurde in Moskau ein »provisorisches« IPE-Büro eröffnet, das im Jahr darauf nach Leningrad umzog und in dem neben Muravkin die sowjetischen Mitglieder des Exekutivkomitees der IPE vertreten waren. Seit 1933 wurde zudem die Zeitung der SEU Sur Posteno (= Auf dem Posten) anstelle der Zeitschrift Internaciisto zum Organ der IPE. Die Leitung des internationalen Pressedienstes der IPE wurde ebenso wie »die technische Hilfe für die UdSSR«65 der von KP-Funktionären geleiteten englischen Sektion übertragen. Der Vertrieb der EKRELO-Publikationen wurde jetzt direkt von der UdSSR aus organisiert, außer für Korrespondenten faschistischer Länder, die über Frankreich gehen mussten. Dieser »geordnete Rückzug« der IPE-Aktivitäten auf das Gebiet der UdSSR wurde im folgenden Jahr noch durch die Verhaftung der führenden Persönlichkeiten der proletarischen Esperanto-Vereine in Japan, China und der Mehrzahl der Staaten Mitteleuropas und des Balkans verstärkt, wo die esperantistischen Verbände oft als Tarnung für kommunistische Organisationen dienten.66 Nicht einmal zwei Jahre nach ihrer Gründung stützte sich die IPE somit fast ausschließlich auf die Hilfe sowjetischer Esperantisten. Nun führte allerdings die SEU, die dramatische Einbrüche in der Mitgliederzahl während des ersten Fünfjahrplans hinnehmen musste67, nach eigenem Eingeständnis »die Existenz eines Enterbten«. Nicht nur dass die SEU keine finanzielle Unterstützung bekam, sie war auch von der Papierverteilung ausgeschlossen worden, was ihre verlegerische Aktivität nahezu zum Erliegen brachte.68 Im März 1934 hatte Dresen daher Manuil’skij, den Sprecher der KPdSU im EKKI, gebeten, »uns [der IPE] die nötigen Mittel zu geben, um Ihnen [der KI] nützlich zu sein«.69 Das Präsidium der KI beschloss in seiner Sitzung vom 15. Mai 1934, die Arbeit der IPE zu unterstützen, das kam jedoch nur in einer Direktive zum Ausdruck, in der die Kommunistischen Parteien aufgefordert wurden, bei der Bildung kommunistischer Fraktionen »die esperantistischen Organisationen zu benutzen [sic]«!70 Die IPE erhielt keine materielle Hilfe als Gegenleistung. Anstelle eines geplanten 2. Kongresses in Moskau organisierte sie daher im August 1934 eine internationale Konferenz in Lille, an der weder die Vertreter der SEU, die seit 1929 nicht mehr auf einem Kongress im Ausland zugegen gewesen waren, noch Muravkin, der das provisorische Büro der IPE leitete, teilnahmen.71 Ein sowjetischer Gewerkschaftsfunktionär schlug die Auflösung der IPE vor.72 Seinem Antrag folgten die 70 Teilnehmer, vorwiegend Kommunisten aus Westeuropa, jedoch nicht, sondern sie verfassten eine Resolution, in der sie die mangelnde Ernsthaftigkeit der sowjetischen Genossen kritisierten. Dieser Ablauf schien sich im August 1935 beim 2. Kongress, der in Antwerpen stattfand – wieder in Abwesenheit von Sowjetvertretern und Muravkin – fast zu wiederholen. Diesmal setzten aber die Delegierten selbst die Frage der Wiedervereinigung der esperantistischen Arbeiterbewegung auf die Tagesordnung. Die durch Abwesenheit und Untätigkeit der SEU hervorgerufenen Spannungen und Verärgerungen wuchsen. Die Delegierten kritisierten das unregelmäßige Erscheinen des IPE-Organs Sur Posteno und beklagten die Nichteinhaltung von finanziellen Zusagen durch die SEU. »Tatsache ist«, schrieb M. Boubou, Sekretär der FEP, »dass die IPE, die für die Verteidigung der UdSSR gegründet wurde und lebt, dabei ist, an den fehlenden internationalen Aktivitäten der sowjetischen Genossen zu sterben.«73 Im August 1937, auf ihrem 3. Kongress in Paris, erklärte die IPE, sie habe keinen Kontakt mehr mit dem Leningrader Sekretariat und ihrer Kenntnis nach übe die SEU keine organisierte Tätigkeit mehr aus. »Wir müssen eingestehen«, so A. Schwenk vom internationalen Sekretariat in Amsterdam, der mittlerweile nach Frankreich geflohen war, »dass unsere sowjetischen Genossen Schwierigkeiten haben, über die wir Vermutungen anstellen können, aber keine Informationen haben.«74 Schluss Von Beginn an war offensichtlich, dass es bei dem Projekt Zamenhofs um mehr ging als nur die Verbreitung eines praktischen Mittels der internationalen Kommunikation, nämlich um ein Ideal universeller Brüderlichkeit, welches die Esperantisten »die innere Idee« ihrer Sprache nannten. Wenngleich in laizistischer und proletarischer Form, hatte Lanti dieses Ideal in seiner Doktrin des Sennaciismo festgeschrieben. In den Augen der führenden Figuren der SAT war der Anationalismus der Arbeiter synonym mit dem proletarischen Internationalismus der Kommunisten, zumindest bevor sich dieser offen mit der bedingungslosen Verteidigung der UdSSR, als »Vaterland des Proletariats«, identifizierte. Eine Broschüre der SAT von 1928, in der Lanti die Theorie seiner Sennaciismo-Doktrin entwickelte, ließ jedoch noch vor der Spaltung 1931 die Unvereinbarkeit der beiden Formen des Internationalismus offen zutage treten. Im Gegensatz zu den »Renegaten« der SAT verkörperte die IPE den »proletarischen Internationalismus« in seiner stalinistischsten Ausrichtung. Aber die Verbissenheit, mit der die sowjetischen Esperantisten die »innere Idee« verurteilten und »eine marxistische Theorie der internationalen Sprache ausarbeiten«75 wollten, bereitete den Verdächtigungen, die sie bei der Führung der KI auslösten, keineswegs ein Ende. Manuil’skij hatte 1934 bei einer Präsidiumssitzung der KI vorgeschlagen, erneut die Frage nach der praktischen Anwendung der LI zu stellen. B. Bortnowski-Bronkowski (1894–1938) »wandte sich dagegen, indem er erklärte, das EKKI könne nicht für die Ideologie der IPE einstehen, da niemand diese Sprache verstehe und ihre Probleme begreife«.76 Die LI war problematisch, weil sie »niemand« unter den kommunistischen Führern verstand, das bedeutete: Der Machtapparat konnte den Inhalt der in Esperanto ausgetauschten Informationen nicht kontrollieren. Der Informationsaustausch im Rahmen der »Supranation«, die vom internationalen Netzwerk der Proletaj Esperanto-Korespondantoj (Proletarische Esperanto-Korrespondenten, PEK) gebildet wurde, machte den Hauptanteil der Aktivitäten der esperantistischen Bewegung aus. Solange die Situation der sowjetischen Arbeiter sich im Vergleich zu der ihrer Genossen in Westeuropa, die von Inflation und Arbeitslosigkeit betroffen waren, verbesserte, hatten die sowjetischen Machthaber zu propagandistischen Zwecken die Korrespondenz sowjetischer Esperantisten mit denen im Ausland gefördert. Als aber die dramatischen Auswirkungen der überstürzten Industrialisierung und Zwangskollektivierung in der Bevölkerung spürbar wurden, zeigte sie sich besorgt angesichts dieses internationalen Netzwerks, das sowjetischen Staatsangehörigen außerhalb jeder Überwachung Austausch mit dem Ausland ermöglichte. 1932 wurden daher die internationalen Korrespondenzen in Form von kollektiven Korrespondenzen reorganisiert, was einem Verbot individuellen Austauschs gleichkam und die PEK der direkten Aufsicht der SEU unterstellte. Doch selbst innerhalb dieser Restriktionen, denen sich anzuschließen die SAT sich weigerte und die auch die Kritik esperantistischer Kommunisten im Westen auf den Plan riefen, blieben die PEK Grund zur Sorge für den Machtapparat. So schrieb A. S. Ščerbakov, Verantwortlicher für Kulturarbeit beim ZK der KPdSU, 1936 in einem der SEU gewidmeten Bericht, dass esperantistische Zellen »in einigen Kriegsfabriken und, was wichtiger ist, Verteidigungsbetrieben, zum Beispiel in Sebastopol, Leningrad und Moskau organisiert« wurden. »Die Arbeit der esperantistischen Zellen in diesen Betrieben bedarf einer genauen Überwachung, besonders bei ihren Verbindungsaktivitäten mit dem Ausland.«77 Denselben Berichterstatter beunruhigte, dass »die Korrespondenz sowjetischer Esperantisten mit dem Ausland ein relativ großes Ausmaß angenommen hat«, besonders in den Grenzregionen zu Weißrussland und der Ukraine. Zwar sei es Aufgabe der SEU, diesen Austausch zu überprüfen, doch wegen der Desorganisation ihrer Lokalsektionen sei dieser »ohne jede Kontrolle«, und viele sowjetische Esperantisten tauschten sich weiterhin individuell mit Anhängern der SAT aus. Die KPdSU vertraute den Mitgliedern der SEU zudem nicht, »deren Stand und soziale Herkunft nicht überprüft worden sind und über deren Sprachkenntnisse wir ebenso wenig wissen wie über ihre politische Eignung«.78 Die kommunistischen Esperantisten nährten selbst noch das Misstrauen der sowjetischen Machthaber, indem sie den zuständigen Stellen die zahlreichen Fälle »von Klassenfeinden, die Esperanto benutzten, um sich mit feindlichen Kreisen im Ausland in Verbindung zu setzen«, meldeten.79 Die SEU richtete weiterhin Aufrufe an die Instanzen der KI, welche sie schon automatisch an das ZK der KPdSU verwiesen, das wiederum eine Stellungnahme mit der Begründung verweigerte, die Frage betreffe in erster Linie die Komintern.80 Erschöpft von diesem Pingpong-Spiel, das seit »mehr als 14 Jahren« andauerte, verfassten Dresen und Muravkin im März 1936 ihren wahrscheinlich letzten Brief an Stalin: »Es scheint uns – angesichts ihres Nutzens, insbesondere für die Verteidigung der UdSSR –, dass die SEU sich in einer wenn nicht besseren, so doch wenigstens im Vergleich mit den Arbeitsbedingungen kapitalistischer Länder normalen Lage befinden sollte. Die Situation ist jedoch so, dass unsere Feinde im Ausland beginnen, Parallelen zwischen den Arbeitsbedingungen der Esperantisten in der UdSSR und im faschistischen Deutschland zu ziehen.« In Anbetracht der Tatsache, dass es »politisch inakzeptabel [ist], dass in der UdSSR eine Organisation mit Verbindungen zum Ausland besteht, die zugleich offiziell ist und deren Situation halb legal ist«, forderten sie abschließend ihren Adressaten auf, »die Lösung unserer Fragen nicht länger auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben«!81 Die Antwort kam in Form eines neuen Vorschlags, ausgearbeitet vom Präsidium des EKKI: Vom Sekretariat der SEU wurde »die formelle Auflösung der IPE« gefordert, deren internationales Verlagsbüro nach Paris verlegt werden sollte, während sich die nationalen Sektionen mit den neutralen, der UEA angegliederten Esperantisten-Organisationen vereinen sollten.82 Nachdem er den Vorschlag als »unpassend«83 beurteilt hatte, trat Dresen im August 1936 von seinem Posten an der Spitze der SEU zurück. Verhaftet am 17. April 1937, unter Anklage gestellt wegen Spionage und konterrevolutionärer Aktivität, wurde er am 27. Oktober 1937 erschossen. Nach der Mehrheit der Führungspersönlichkeiten der SEU waren die an der Basis aktiven Mitglieder an der Reihe sowie zahlreiche ausländische Esperantisten, die in die UdSSR geflüchtet waren, wie J. Batta und H. Muravkin. Dieses tragische Schicksal betraf allerdings nichts nur die Esperantisten, es ereilte auch ihre »Rivalen«, die »polyglotten Intellektuellen« der Komintern, die aufgrund ihrer vielen Kontakte mit dem Ausland angeklagt wurden. Die SEU, die nach einer im Sur Posteno im Februar 1938 erschienenen Information ihre Arbeit auf »neuen Grundlagen« fortsetzte, verzeichnete sogar eine gewisse Intensivierung ihrer Aktivitäten während des Spanienkriegs und erließ noch im September 1938 einen Aufruf zur Einheit auf der minimalen gemeinsamen Grundlage des Kampfs »gegen den Faschismus, für den Frieden und die Demokratie«. Im Oktober 1938 wurde ein Rundschreiben verbreitet, in dem erneut die kommunistischen Esperantisten aufgerufen wurden, die IPE aufzulösen, doch die Mehrheit der Sektionen und der Mitglieder an der Basis waren dagegen. Die IPE ließ noch drei Ausgaben ihrer Zeitschrift erscheinen, bevor der Stalin-Hitler-Pakt und der Beginn des Zweiten Weltkriegs der kommunistischen Esperantisten-Organisation den Gnadenstoß versetzten – ohne allerdings der Aktivität ihrer Mitglieder ein Ende zu bereiten.84 1 A. Lanti, November 1924, in: Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte, Moskau (im Folgenden: RGASPI) 495/99/70, 71. 2 H. Muravkin an D. Manuil’skij, 1934, in: RGASPI 495/99/84, 26. 3 Centassi, René/Masson, Henri: L’homme qui a défié Babel. Ludwik Lejzer Zamenhof, Paris 2001, S. 113 f. 4 Tutanova, A. S.: Samoderžavie i obščestvennye organizacii v Rossii. 1905–1917 gody, Tambov, Izd. Deržavina, 2002, S. 239 f. 5 RGASPI 495/99/66, 18. 6 RGASPI 495/99/66, 7. 7 RGASPI 495/99/66, 27 f. 8 RGASPI 495/99/66, 6–12. 9 RGASPI 495/99/66, 13. 10 Seit ihrem 2. Kongress, der 217 Delegierte aus 37 Ländern versammelte, war die KI tatsächlich mit dem Übersetzungsproblem konfrontiert. Die wichtigsten Dokumente wurden in vier verschiedenen Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch – vorgelegt, doch die Beiträge wurden nicht simultan gedolmetscht, was die Diskussionsmöglichkeiten einschränkte. Oft waren Übersetzungen, die Unterbrechungen nicht berücksichtigten, lediglich Zusammenfassungen, während manche Übersetzer – wie Angelica Balabanoff (Ma vie rebelle, Paris 1981, S. 267) – ohne Notizen und länger als der Redner sprachen, was Zweifel an der Authentizität der Übersetzung aufkommen ließ (Humbert-Droz, Jules: Mon évolution du tolstoïsme au communisme. 1891–1921, Neuchâtel 1969, S. 365). Es kam bald auch zu Fällen, in denen die Exekutive verdächtigt wurde, die Übersetzung eines Redebeitrags auf Kosten eines anderen aus Tendenzgründen begünstigt zu haben. Nach dem 5. Kongress (1924) wurde statt Deutsch Russisch als Komintern-Sprache immer wichtiger und einer der Schlüssel, um im Apparat aufzusteigen. Die offiziellen Sprachen der Kominform waren Russisch und Französisch, aber mit Ausnahme des Franzosen trugen alle Delegierten der ersten Sitzung ihre Berichte auf Russisch vor! Procacci, Guliano (Hrsg.): The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947/1948/1949, Mailand 1994, S. 41, 423. 11 RGASPI 495/99/66, 8. 12 RGASPI 495/99/66, 27 f. 13 Sie wird übrigens – außerhalb esperantistischer Kreise– in Arbeiten zur Geschichte des Kommunismus nie erwähnt. Siehe Markov, Anne-Sophie: Le mouvement international des travailleurs espérantistes, 1918 – 1939 (Magisterarbeit), Université de Versailles/Saint-Quentin-en-Yvelines 1999; Samodaj, Vladimir: Ne nur legendoj, ne nur pri SEJM. Homoj kai epizodoj, Moskau 1999; Bronstejn, Mikaelo: Legendoj pri SEJM, Moskau 1998; Schwarz, Adolf: Survoje al Internacio de Proleta Esperantistaro. Faktoj, dokumentoj, rememoroj, Sofia 1992; Lins, Ulrich: Die gefährliche Sprache: Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin, Gerlingen 1988. 14 RGASPI 495/99/66, 24. 15 RGASPI 495/99/67, 2. 16 Ido hatte 25 Prozent der Führer der Bewegung, dagegen nur 3 bis 4 Prozent der Gesamtzahl der Esperantisten überzeugt. 17 Archives de la Bibliothèque de documentation internationale et contemporaine (BDIC), Nanterre, Frankreich, F. Delta 1487: Emancipanta Stelo, Les Soviets et la langue internationale, S. 3. 18 Jost, Hans-Ulrich: Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914–1918, Bern 1973, S. 117–120. 19 In ihrer ersten Fassung waren in der Kommission auch Wach und Krilenko vertreten, doch ihre Namen tauchten nie wieder auf. 20 RGASPI 495/99/67, 21. 21 RGASPI 495/99/70, 13. 22 RGASPI 495/99/75, 22. 23 RGASPI 495/99/68, 4. 24 RGASPI 495/99/70, 3. 25 Die 1922 auf dem 2. Kongress der internationalen Idisten-Organisation Emancipanta Stelo (Gründungskongress 1921 in Wien) gegründete Kifintern gab von 1922 bis 1924 die Zeitschrift Nia Standardo heraus; Forster, Peter G.: The Esperanto Movement, Den Haag, Paris u. a. 1982, S. 194. 26 Die Weltsprache im Dienste der Russlandhilfe, in: Sowjetrussland im Bild, Nr. 11, 1922. 27 RGASPI 495/30/168, 14 und 33–35. 28 RGASPI 495/99/78, 1. 29 RGASPI 495/30/168, 14. 30 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 145. 31 Laurat, Lucien: Staline, la linguistique et l’impérialisme russe, Paris 1951, S. 26. 32 RGASPI 495/99/85, 10. 33 RGASPI 495/99/84, 12. 34 RGASPI 495/99/78, 16–22. 35 RGASPI 495/99/85, 10. 36 RGASPI 495/99/84, 26. 37 Noltenius, Rainer (Hrsg.): Den Arbeitern aller Länder eine Sprache! Illustrierte Geschichte der Arbeiter-Esperanto-Bewegung (= Informationen des Fritz-Hüser-Instituts 37/93), Dortmund 1993, S. 33–43; Glier, Willi / Weissbach, Willy/Müller, Alfred/Conrad, Max: Zur Geschichte der Arbeiter-Esperanto-Bewegung im Bezirk Erzgebirge-Vogtland 1907–1933, Karl-Marx-Stadt 1976, S. 8 und 13. 38 Forster: The Esperanto Movement (Anm. 25), S. 189. 39 Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 10–13. 40 Sein Ruf als Häretiker und seine Daueropposition in den Versammlungen verhalfen ihm zum Pseudonym »l’Anti«, aus dem in Esperanto Lanti (= der dagegen ist) wurde. Seine Lebensgefährtin, die Suffragette Ellen Kate Limouzin (1879–1950), war eine Tante von George Orwell. 41 Mitgliederzahl der SAT: 1922: 1064, 1926: 2960, 1927: 5216, 1929: 6500 (Lins: Die gefährliche Sprache [Anm. 13], S. 141 f.). 42 Nach seinem Ingenieurabschluss am Polytechnischen Institut Sankt Petersburg hatte Dresen verschiedene Posten in der neuen sowjetischen Verwaltung und in der Roten Armee inne. Er arbeitete auch für das NKID und das Komitee für ein neues Alphabet und lehrte dann als Professor an der Moskauer Staatlichen Universität sowie am Institut für KfZ-Mechanik. 43 Markov, Le mouvement international (Anm. 13), S. 83. 44 Hervé Guiheneuf, Un ouvrier intellectuel d’origine anarchiste en URSS: le cas d’Yvon (Robert Guiheneuf 1899–1986), Diss. Université Paris X, Nanterre 1995, S. 57 f. und 86. 45 RGASPI 495/99/70, 55. 46 Forster: The Esperanto Movement (Anm. 25), S. 195. 47 Gosudarst’vennyj Archiv Rossijskoj Federacii (GARF) 5383/8/26, 4, 12. 48 RGASPI 495/30/168, 4. 49 Es handelt sich um Othon (Otto) Maschl (1898–1973), einen österreichischen Kommunisten, der 1920 nach Frankreich gekommen war und dann in Moskau als Übersetzer, als Professor an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens (Kommunističeskij Universitet Trudjaščichsja Vostoka / KUTV) und unter dem Pseudonym Revo (= Traum) als Humanité-Korrespondent arbeitete. 50 Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 100. 51 RGASPI 495/99/70, 55 52 RGASPI 495/30/243, 95. 53 Zit. nach Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 105 f. 54 Nach dem Verlassen der UdSSR ließ sich Revo in Paris nieder, wo er unter dem Namen L. Laurat mit B. Souvarine und P. Naville zusammenarbeitete. 55 RGASPI 495/99/80, 4. 56 RGASPI 495/99/86, 42. 57 Glier et al.: Zur Geschichte der Arbeiter-Esperanto-Bewegung (Anm. 37), S. 9. 58 RGASPI 495/99/80, 4. 59 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 170 f. 60 RGASPI 495/99/80, 6. 61 RGASPI 495/99/82, 18 f. 62 RGASPI 495/99/83, 12. 63 RGASPI 495/99/83, 1. 64 RGASPI 495/99/83, 14. 65 RGASPI 495/99/86, 55. 66 RGASPI 495/99/84, 16. 67 Von 16 000 im Jahr 1928 waren sie auf 3200 1932 gesunken. RGASPI 495/99/86, 42. 68 RGASPI 495/99/86, 45. 69 RGASPI 495/99/84, 12. 70 RGASPI 495/99/84, 41. 71 RGASPI 495/99/86, 25. 72 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 180. 73 RGASPI 495/99/87, 37. 74 Markov: Le mouvement international (Anm. 13), S. 197. 75 RGASPI 495/99/84, 18. 76 RGASPI 495/99/85, 10. 77 RGASPI 495/99/87, 6. 78 RGASPI 495/99/87, 7. 79 RGASPI 495/99/86, 45 f. 80 RGASPI 495/99/85, 10. 81 RGASPI 495/99/87, 51–53. 82 RGASPI 495/30/1157, 18–22. 83 RGASPI 495/30/1157, 6. 84 Lins: Die gefährliche Sprache (Anm. 13), S. 183–185.

JHK 2008

Unteroffiziere der Revolution. Zum Schicksal von Kursanten der M-Schule der Kommunistischen Internationale

Andreas Herbst

In Bakovka im Landkreis Kunzewo, 30 Kilometer westlich von Moskau, an der Minskoje Chaussee befand sich von Ende der Zwanziger- bis Mitte der Dreißigerjahre die legendäre Militärschule des geheimen Nachrichtenapparats der Kommunistischen Internationale. Sie lag, wie sich Franz Feuchtwanger1, 1933/34 Kursant der M-Schule, erinnert, »inmitten eines ausgedehnten, teilweise bewaldeten Geländes, das mit Stacheldraht umzäunt war, auf dem später die Waffen- und Gefechtsübungen abgehalten wurden.«2 Bereits 1924 / 25 absolvierten deutsche Kommunisten wie Jakob Boulanger, Joseph Gutsche, Artur Illner [d. i. Richard Stahlmann], Hans Kippenberger, Gustav König, Heinz Neumann, Albert Schreiner, Klaus Überbrück und Wilhelm Zaisser militärpolitische Lehrgänge in Moskau. Ende 1929 erfolgte eine Reaktivierung dieser Ausbildung. Der erste Lehrgang fand dann im ersten Halbjahr 1930 statt. Offiziell unterstanden die Lehrgänge der Komintern, anzunehmen ist aber, dass sie unter der Regie des sowjetischen Militärgeheimdienstes liefen und vorrangig der Ausbildung von Militärspezialisten für bürgerkriegsähnliche Konfliktsituationen dienten.3 Leiter der Schule war der finnische Kommunist Tuure Valdemar Lehén,4 ab 1932 dann Wilhelm Zaisser. Feuchtwanger schreibt in seinen Erinnerungen an den militärpolitischen Apparat, der Unterricht an der Militärschule der Komintern sei mehr darauf ausgerichtet gewesen, linientreue »Unteroffiziere« auszubilden als mit den Bedingungen ihres künftigen Einsatzortes vertraute Spezialisten.5 Er fährt fort: »Von den Teilnehmern der zwischen 1931 und Anfang 1933 abgeschlossenen Lehrgänge fand lediglich ein verhältnismässig kleiner Bruchteil dann dort sein Unterkommen. Einigen ehemaligen Schülern begegnete ich auf verschiedenen Posten im Karl-Liebknecht-Haus, anderen auf der [M-] Schule, wo sie nunmehr als Instrukteure beschäftigt wurden, manche dürften auch von der Komintern übernommen und anderweitig eingesetzt worden sein. Vom Apparat aus gesehen versickerte der in Moskau geschulte Kader.«6 Auch Hans Kippenberger, der Leiter des Antimilitaristischen Apparats (AM-Apparat), schätzte 1935 die fachliche Ausbildung als zum Teil perspektivlos ein, hob aber die politische und charakterliche Prägung der Kursanten durch das System der Schule hervor.7 Der vorliegende Beitrag widmet sich dem Schicksal einiger Kursanten dieser Militärschule der Kommunistischen Internationale, die bisher noch nicht im Mittelpunkt biografischer Forschungen standen. Bereits 1982 veröffentlichte Beatrix Herlemann in der IWK auf der Basis von überlieferten Gestapo-Unterlagen, NS-Justizakten sowie Literaturrecherchen und Berichten von Zeitzeugen einen aufschlussreichen Aufsatz über den deutschsprachigen Bereich an den Kaderschulen der Kommunistischen Internationale. Dabei ging sie auch der Entwicklung der Militärpolitischen Schule und dem Schicksal ihrer Kursanten kursorisch nach.8 Doch erst seit 1990 ist es möglich, über den AM-Apparat quellengestützter zu schreiben und detaillierter die Lebenswege einstiger Kursanten der M-Schule zu verfolgen.9 Eine im Bundesarchiv überlieferte Liste mit den Namen von 121 Kursanten war Ausgangspunkt meiner langjährigen und immer noch andauernden Recherchen.10 Diese Liste gehört zu einer umfangreichen Aktenüberlieferung des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof im Verfahren gegen den KPD-Spitzenfunktionär Heinrich Wiatrek aus dem Jahre 1943.11 Sie umfasst neben den Namen Geburtsdaten und -orte, Berufsbezeichnungen, Parteimitgliedsdaten, Funktionen im AM-Apparat, den jeweiligen Kurs sowie den Schuldecknamen und enthält im Anhang auch Fotos einiger Kursanten. Bei den 121 Personen – es waren ausschließlich Männer – handelt es sich um deutsche Kommunisten, die von 1930 bis 1934 an insgesamt sechs Lehrgängen in Moskau teilnahmen.12 Für die Authentizität der Liste spricht u. a. die Tatsache, dass von all jenen aufgeführten Kursanten, die nach 1945 in der DDR bzw. in der Bundesrepublik für die SED bzw. KPD / DKP aktiv waren, bestätigende Aussagen über ihre Teilnahme an Lehrgängen der M-Schule vorliegen.13 Beim Vergleich der Liste mit Angaben, die Hans Kippenberger Ende 1935 in seinem Bericht über den AM-Apparat an das Politbüro machte, fallen Unterschiede hinsichtlich der Teilnehmerzahl und der Jahresangaben auf, die aber für den vorliegenden Beitrag unwesentlich sind.14 Wie gelangte die Gestapo an dieses brisante Material? Hierzu liegt u. a. die zeitgenössische Schilderung der Geheimen Staatspolizei von Mitte Februar 1934 vor.15 Neben dem in der Literatur ausführlich geschilderten Verrat des einstigen KPD-Funktionärs und AM-Apparat-Insiders Alfred Kattner16 sowie den späteren Aussagen von Dünow, Langowski, Priewe u. a. führten bereits zuvor grobe Verstöße gegen die Konspiration zur Entdeckung wichtiger Archivunterlagen des AM-Apparats.17 So berichtete Änne Kerff, unter dem Decknamen »Lore« enge Mitarbeiterin (und Lebensgefährtin) von Hans Kippenberger, dass etwa dessen unmittelbar nach dem Reichstagsbrand erfolgte Anweisung, alle Abwehrarchive sofort zu vernichten, nicht ausgeführt worden sei. Im Zusammenhang mit den Festnahmen von Hermann Dünow und Karl Langowski sowie später von Rudolf Schwarz, Albert Priewe, Karl Schuster und Arthur Lange gelangte die Gestapo schließlich in den Besitz von Unterlagen des Abwehrarchivs und Materialien der Passabteilung. »Dort müssen auch die Dokumente mit den Fotos der neuen (letzten) Schüler zur militärpol. Schule drin gewesen sein, die man später auch Martin Schmidt vorgelegt hatte«, bemerkt Änne Kerff.18 Auch Paul Gräf, Kursant der M-Schule 1929 und 1932 /33, berichtete, dass die Gestapo ihm in den Verhören diverse Unterlagen und Fotos vorlegte. Da die Liste der Kursanten undatiert ist, aber der Anklage beim Volksgerichtshof gegen Heinrich Wiatrek beiliegt, kann davon ausgegangen werden, dass sie bis Anfang der Vierzigerjahre fortlaufend ergänzt wurde. Die Ergänzungen stammen aus Verhören, in denen die Gestapo die Festgenommenen direkt auf ihre Ausbildung an der M-Schule ansprach. Einige versuchten diese zu leugnen, andere sagten aus, sie seien an der Leninschule bzw. an der »Kommunistischen Universität der Völker des Westens« gewesen, wieder andere gaben den Umstand nach verschärften Vernehmungen, also Folter, zu.19 Die beiden jüngsten Kursanten (Jahrgang 1911) waren Rudolf Lehmann und Leon Roth, der älteste war Franz Schubert, geboren 1893. Ein Viertel der Lehrgangsteilnehmer war vor 1900 geboren und hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Die Mehrheit der Kursanten waren einfache Arbeiter, andere waren Bäcker, Buchdrucker, Elektromonteure, Former, Maurer, Schlosser und kaufmännische Angestellte, dazu kamen fünf Redakteure und Schriftleiter, zwei Studenten (Walter Muth und Franz Feuchtwanger) und nicht wenige hauptamtliche Parteiarbeiter, die bereits Funktionen im AM-Apparat ausübten. Von den 121 Kursanten sind nach gegenwärtigem Stand der Recherchen 28 Opfer des NS-Regimes20 geworden, neun kamen in den stalinistischen »Säuberungen« um.21 Von denen, die Zuchthaus und Konzentrationslager überlebten, gehörten mehr als ein Drittel nach 1945 wieder der KPD / SED bzw. der KPD / DKP an. Über das Schicksal einiger Kursanten konnten trotz umfangreicher Recherchen keine Angaben ermittelt werden.22 Teilnehmer des ersten Lehrgangs waren: Franz Bauer, Alfred Bethmann, Theodor Bottländer, Hermann Dünow, Hermann Gartmann, Paul Gräf, Jonny de Graaf, Lucian Iltis, Johann Liebers, Viktor Prieß, Willi von der Reith, Karl Rosteck, Johann Schäberle, Fritz Schmidtke, Georg Schmitt, Karl Schuster, Paul Tastesen, Johann Wenzel, Eugen Wicker und Wilhelm Willendorf. Franz Bauer starb 1937 im KZ Dachau, Karl Rosteck, 1934 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, kam als Angehöriger eines Minenräumkommandos 1944 in Gelsenkirchen-Buer ums Leben. Johann Liebers und Georg Schmitt wurden dagegen Opfer der stalinistischen »Säuberungen« in der Sowjetunion. Johann Wenzel, dem Funker des legendären »Grand Chef« der Roten Kapelle Leopold Trepper, gelang die Flucht aus deutscher Haft, er wurde aber dann in der Sowjetunion zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ein ähnliches Schicksal erlitt Viktor Prieß. Eugen Wicker, der einstige Gauführer der Roten Jungfront und Leiter des AM-Apparats der BL (Bezirksleitung) Württemberg, wurde zum V-Mann der Gestapo. Nach 1945 erhielt er deswegen eine Zuchthausstrafe. Eine schillernde Vita hatte Jonny de Graaf. Um seinen weiteren Lebensweg ranken sich unbewiesene Spekulationen. Er soll bereits Mitte der Dreißigerjahre vom britischen Geheimdienst MI6 angeworben worden sein und umgehend über Aktivitäten des Kominternapparats berichtet haben. Außerdem wurde er verdächtigt, Arthur Ewert und Luis Carlos Prestes in Brasilien verraten zu haben. Später in Großbritannien und Kanada im Einsatz, wurde er während des Krieges Angehöriger der britischen Armee, kehrte 1945 nach Deutschland zurück und fungierte als Verbindungsoffizier der britischen Armee zum Entnazifizierungsausschuss in Bad Oeynhausen. Zuletzt lebte er in Kanada, wo er sich fortan de Graff nannte und als »Russlandexperte« galt. Als er am 2. Dezember 1980 in Brockville, Ontario starb, hatte er es zu einem gewissen Reichtum gebracht.23 Unbekannt ist das Schicksal von Theodor Bottländer, der 1932 Leiter des »Aufbruch-Arbeitskreises« war. Im September 1933 verhaftet, soll er sich später von der Gestapo mit dem Ziel anwerben lassen haben, Informationen aus der Führung der KPD in Erfahrung zu bringen und weiterzugeben. In der Zeitschrift »Internationale« erschienen 1938 zwei Artikel, die vor Bottländer warnten. Nach Erinnerungen von Hermann Dünow soll dieser 1945 in britischer Uniform aufgetaucht sein. Auch der Mannheimer Lucian Iltis, der unter dem Decknamen »Willy« das Ressort »Republikanische Organisationen« leitete und später Nachfolger des Abwehr-Reichsleiters Rudolf Schwarz wurde, ging in die Emigration. Er brach später die Verbindungen zur KPD ab und lebte nach 1945 im Elsass. Hermann Dünow und Hermann Gartmann blieben nach 1945 ihrem nachrichtendienstlichen Ressort treu. Willi von der Reith, Paul Tastesen und Wilhelm Willendorf wurden dagegen wieder KPD-Funktionäre in Hamburg. Karl Schuster, nach 1945 im Verwaltungsapparat der SBZ, war zuletzt Angestellter beim Rat des Stadtbezirks Berlin-Köpenick. Einen schweren Lebensweg hatte Paul Gräf, über den Hans Kippenberger 1935 schrieb: »Bekannter Funktionär der BL Hessen-Frankfurt (Agitprop). Gut geschult, beweglich und zuverlässig. Persönlich mutig und ein guter Genosse.« Gräf, von Beruf Porzellanformer, Kriegsfreiwilliger und Ende 1916 schwer verwundet, schloss sich nach dem Krieg in Karlsruhe dem Porzellanarbeiterverband an und trat 1922 in die KPD ein. 1923 musste er bereits wegen »Zersetzungsarbeit« unter der Polizei aus Karlsruhe flüchten, lebte anschließend illegal in Mannheim und Frankfurt / Main und arbeitete bis zur Amnestie 1928 als Redakteur der »Arbeiter-Zeitung« und Mitarbeiter der BL Hessen-Frankfurt. 1929 zur M-Schule nach Moskau delegiert, gehörte er ab 1930 dem zentralen AM-Apparat an. 1931 übernahm er die Leitung der AM-Arbeit im Bezirk Niederrhein. Ende 1932 wurde er erneut nach Moskau entsandt, er war dort Hilfslektor an der M-Schule. Im April 1933 kehrte er zurück nach Deutschland und übernahm die Leitung der AM-Arbeit für Berlin-Brandenburg. Nachdem er am 24. Oktober 1933 festgenommen worden war, konnte er seine AM-Tätigkeit verschleiern und wurde deshalb am 25. Januar 1934 vom Kammergericht Berlin nur zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Durch Aussagen eines früheren Mitkursanten flog Gräfes wahre Funktion jedoch noch während der Haft auf. Er wurde im Sommer 1936 in die Prinz-Albrecht-Straße geholt und nach seiner AM-Tätigkeit befragt. »Als ich abstritt, gab man mir ›Bedenkzeit‹ in der Gestapo und legte mir dann eine solche Fülle von belastenden Material (Protokolle, Geständnisse und beschlagnahmtes bzw. aufgefundenes Material, Fotos usw.) vor, dass ich bei der zweiten Vorführung ein Geständnis ablegte.« Die Gestapo drohte ihm mit einem neuen Verfahren, behielt ihn nach der Strafverbüßung in »Quarantäne« und nutzte ihn, wie viele andere Wehrlose, um Auskünfte zu erhalten: »In dieser Zeit wurde ich laufend vernommen und meine Aussagen überprüft, u. a. auch meine Tätigkeit vor 1933 im Bezirk Niederrhein und Mittelrhein, wobei soviel mir noch erinnerlich ist auch Gestapobeamte aus diesen Gebieten zur Vernehmung anwesend waren. Eine große Rolle spielte dabei in Berliner Archiven hochgegangenes Material, des Nachrichtendienstes im rheinisch westfälischen Industriegebiet, das man mir anzuhängen versuchte.«24Der Versuch, ihn als V-Mann in die Tschechoslowakei zu schicken, scheiterte an seinem schweren Magen- und Hautleiden. Nach seiner Entlassung kehrte er nach Thüringen zurück und arbeitete als Porzellanmaler und Zeichner. 1940 zur Wehrmacht einberufen, war er im Mai 1945 kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und wurde bald darauf KPD / SED-Funktionär in Thüringen. 1951 geriet er in die sogenannte Parteiüberprüfung, wurde zunächst »nur« von seiner Funktion entbunden und arbeitete dann bei der Zeitung »Das Volk« in Erfurt. Im Herbst 1952 schloss ihn die Bezirksparteikontrollkommission (BPKK) Erfurt wegen »Feigheit« und als »Verräter der Arbeiterklasse« aus der SED aus. Seinen Widerspruch wies die Zentrale Parteikontrollkommission (ZPKK) im Oktober 1953 ab, außerdem entzog man ihm den Status eines »Verfolgten des Naziregimes«! Gräf arbeitete zuletzt als Chemigraph in der Druckerei »Fortschritt« und war Sportinstrukteur der SED-Bezirkszeitung »Das Volk«. Anfang 1959 wurde er zwar wieder in die SED aufgenommen, seinen Antrag auf Anerkennung seiner Parteimitgliedschaft ab 1922 lehnte die ZPKK aber ab. Paul Gräf starb 1979 in Gräfenthal.25 Anders als Franz Feuchtwanger, der im Rückblick die Qualität der Ausbildung an der M-Schule kritisch einschätzte,26 sah Rudolf Lehmann, wie Feuchtwanger Ende 1933 Kursant, bei sich selbst mangelnde Voraussetzungen und fehlende politische Reife. So schreibt er in einem Lebenslauf vom Januar 1952: »Im September [1933] bestellte mich die Partei, der Genosse Brüderlein, damals noch echt, und brachte mich mit einem Berliner Genossen zusammen. Später erfuhr ich, dass es der Genosse Schwarz war, der mit Jonny Scheer [Schehr], Eugen Schönhaar und Steinfurth ermordet wurde. Ich erhielt den Auftrag zu einer militärpolitischen Schule nach Moskau zu fahren. In Berlin lag ich sechs Wochen auf Eis, erhielt meine Papiere und fuhr vor Weihnachten 1933 über Riga nach Moskau. 30 km westl. der Stadt in Barkowka waren wir untergebracht. Ich gehörte auch hier wieder zu den jüngsten, war noch dazu ein Sachse, die in der illegalen Arbeit wegen des Dialekts nicht gut angesehen waren, und stellte fest, dass die anderen Genossen in ihrer politischen Reife viel weiter waren als ich. Ich kam mir dort neben einigen anderen Genossen recht kümmerlich vor. […] Die Schule sollte 6 Monate gehen, wurde aber vorzeitig abgebrochen, da die Kräfte gebraucht wurden. Ich hatte das Gefühl, das man nicht recht wusste, was man mit mir und etwa 8 –10 anderen Genossen anfangen sollte, denn wir wurden zunächst nicht eingesetzt. Wir siedelten nach Moskau und wurden auf einige Betriebe aufgeteilt.«27 Rudolf Lehmann kehrte im September 1934 nach Deutschland zurück, arbeitete u. a. mit Fiete Dettmann in Leipzig illegal und wurde später in Magdeburg und Breslau eingesetzt. Er flog durch Verrat im Juni 1936 in Friedland auf, wurde festgenommen und im Mai 1937 zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zuletzt Funktionshäftling im KZ Mauthausen, konnte er überleben und war ab 1945 Funktionär der KPD bzw. ab 1946 der SED in Sachsen, zuletzt Sekretär der SED-Kreisleitung Schwarzenberg. Im Herbst 1952 wurde er durch die BPKK wegen »unwürdigen Verhaltens im KZ« seiner Funktion enthoben – er soll angeblich als »Kapo« Häftlinge geschlagen haben – und bekam eine Parteistrafe, die aber 1954 wieder gelöscht wurde. Später im Verwaltungsapparat tätig, erhielt er noch zahlreiche staatliche Auszeichnungen. Im September 1979 starb Rudolf Lehmann in Leipzig. Philipp Wallendorf, von dem bisher angenommen wurde, er wäre ebenfalls ein Opfer der »Säuberungen«, überlebte eine mehrjährige Lagerhaft. Wallendorf, 1899 in Weinheim / Bergstraße geboren, war Lederarbeiter. Noch 1918 zum Militärdienst eingezogen, blieb er bis 1920 Soldat. Er arbeitete dann wieder in verschiedenen Lederfabriken, war u. a. Betriebsrat in den Weinheimer Lederwerken Hirsch, trat 1923 in die KPD ein und avancierte zu ihrem örtlichen Spitzenfunktionär. 1930 in den Stadtrat gewählt, kandidierte er im Juli 1932 für den Reichstag. Im Bezirk Baden-Pfalz gehörte er dem AM-Apparat an und trug den Parteinamen »Hermann Sonntag«. Nach der Teilnahme am V. Kursus der M-Schule in Moskau 1932 / 33 (Schuldeckname »Richard«), kehrte er im Mai 1933 nach Deutschland zurück. Er erhielt u. a. von Hans Kippenberger den Auftrag, Kontakt zu Rosa Thälmann zu halten, und war, wie er selbst schreibt, in Gegenmaßnahmen zum Reichstagsbrandprozess eingebunden.28 Er flüchtete dann zunächst in die Niederlande, lebte dort unter dem Namen »de Waal« und reiste im Juni 1935 in die Sowjetunion. Im August 1935 wurde er im Auftrag von Wilhelm Pieck nach Danzig geschickt, um der dortigen Parteileitung Anweisungen und Geld zu überbringen. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion besuchte er die Leninschule und arbeitete anschließend als Lederarbeiter in einer Fabrik in der Nähe von Moskau. Im Februar 1937 erhielt er die sowjetische Staatsbürgerschaft, doch schon zehn Monate später wurde er zusammen mit seiner Frau Anna vom NKWD festgenommen. Im Januar 1939 wegen angeblicher Spionage zu 5 Jahren verurteilt, kam er in ein Lager bei Archangelsk. Nach der Entlassung aus dem Lager wurde er als Invalide anerkannt, später arbeitete er als Schlosser. Zunächst hatte er die Absicht, in die DDR zurückzukehren, er schrieb zu diesem Zweck an Wilhelm Pieck, blieb aber dann wohl aus familiären Gründen in der Sowjetunion. Er wandte sich an Nikita S. Chruschtschow und erhielt später eine Sonderrente.29 Am 23. März 1957 wurde er strafrechtlich rehabilitiert und lebte bis zu seinem Tod in der UdSSR. Auf die Frage der vom Politbüro eingesetzten Kommisson »Wie kommt es, dass so viele Schüler dieser Schulen zu Verrätern wurden?« schrieb Hans Kippenberger 1935 in dem erwähnten Bericht, ihm fehlten die Unterlagen für eine statistische Untersuchung, ob der Prozentsatz an Verrätern unter den ehemaligen Schülern der MP-Schule ungewöhnlich hoch sei. Ihm selbst seien »nur einige Fälle von Verrätern bekannt, unter ehemaligen Militärschülern«. Auch hob er ausdrücklich die besondere Härte der Verfolgung von Mitarbeitern des AM-Apparats durch die Gestapo hervor: »Ohne die Genossen, die sich vor der Gestapo schlecht verhielten, entschuldigen zu wollen, muss ich aber doch auf die Tatsache hinweisen, dass Genossen, von denen der Gestapo die Zugehörigkeit zum Apparat bekannt war, besonders stark unter Druck gesetzt wurden. Der grösste Teil der Schüler von den letzten Schulen ist verhaftet. Viele von ihnen erhielten ausserordentlich hohe Zuchthausstrafen, noch nach dem alten milderen Strafgesetz. Eine Reihe von Genossen wurden zu Tode gefoltert, weil sie keine Aussagen machen, andere aus Rachegelüsten ermordet.«30 Zu denen, die sich »schlecht verhalten« haben, zählte Kippenberger neben Hermann Dünow und Karl Langowski auch Karl Blödorn und Michael Klause. Auf die beiden Letztgenannten soll hier abschließend eingegangen werden. Karl Blödorn, geboren 1906 in Stettin, Sohn eines Maurers, brach nach der Schule die Bäckerlehre ab und fuhr als Schiffsjunge bzw. Schiffskoch bis 1929 zur See. Seit 1927 Mitglied des KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands), ab 1929 der KPD, arbeitete er zunächst als Kassierer der Zelle »Schiffahrt«. Im Frühjahr 1930 wurde er Organisationsleiter, ein Jahr später Polleiter eines Stettiner Stadtteils. 1932 absolvierte er unter dem Schulnamen »Theodor Silber« die M-Schule in Bakowka. Nach seiner Rückkehr übernahm er von Friedrich Wetzel die Leitung des AM-Ressorts der von Werner Kraus geführten Bezirksleitung Pommern.31 Nach seiner Festnahme im Juli 1933 in Stettin versuchte er dies zunächst abzustreiten. Die überlieferten Gestapo-Verhörprotokolle lesen sich so bürokratisch trocken, dass man fast vergisst, was Verhöre bei der Gestapo bedeuten konnten: »Dem Angesch. wurde vorgehalten, dass bestimmte Personen ausgesagt hätten, er sei ab Januar 1932 etwa 6 Monate zu einem Kursus auf einer Militärschule in Moskau gewesen. Der Angeschuldigte erklärte darauf: Ich bin auf keiner Schule für militärische oder politische Zwecke im Ausland gewesen. Dass ich in Russland gewesen bin, will ich gar nicht bestreiten. Ich bin ja doch Schiffskoch gewesen und bin als solcher natürlich auch nach Russland in Häfen gekommen. 1924 habe ich einmal 3 Monate in Leningrad im Krankenhaus gelegen. […] Ich hatte immer meinen ordnungsgemässen Pass auf meinen richtigen Namen gehabt. Der Bezirksleiter Kraus hat mich etwa im Herbst 1931 einmal aufgefordert, Arbeiten einzureichen zur Prüfung, ob ich für einen Lehrgang auf der Reichsparteischule geeignet sei. Ich musste auch einen Personalbogen ausfüllen und 3 Passbilder von mit miteinschicken. Ich hatte alles zusammen eingeschickt, habe eine Antwort aber nicht erhalten. Ich habe Kraus dann später gefragt, was aus der Sache geworden sei, er sagte zu mir, ich solle nur noch warten, ich würde noch Bescheid kriegen.« Dann heißt es im Protokoll weiter: »Nach nochmaligem eindrücklichen Vorhalt [Hervor-hebung A. H.]: Ich will jetzt zugeben, dass ich von Januar 1932 bis Juni oder Juli 1932, insgesamt 6 Monate in Moskau auf einer militärpolitischen Schule gewesen bin. Dieser Lehrgang war ausschließlich für deutsche Kommunisten eingerichtet. Ob auch für andere Ausländer solche Lehrgänge bestanden, kann ich nicht sagen. Die Lehrgänge wurden mit den größten Vorsichtsmaßregeln abgehalten, Wir waren in einem Haus in einem grossen Garten an der Peripherie von Moskau untergebracht. Wir durften dieses Gartengelände nicht verlassen, hatten also keine Ausgangserlaubnis in die Stadt. Der Kursus bestand auch etwa aus 40 Teilnehmern. Ab und an erhielten wir im Hause Filmvorführungen, so z. B. den Potemkinfilm und ›Der Weg ins Leben‹, ich glaube auch ›Sturm über Asien‹ habe ich gesehen.«32 Schließlich wechselte Blödorn die Seiten und avancierte neben dem Ex-Polleiter Werner Kraus zum Top-V-Mann der Gestapo. Noch in einem Schreiben aus dem Jahre 1937 heißt es: »Blödorn ist im vergangenen Jahr von Gollnow nach Berlin überführt worden, wo er erneut zur Aufklärung von schwebenden Hochverratsverfahren mit Erfolg verwendet worden ist. Seine Angaben haben sich bei späteren Nachprüfungen in allen Punkten als richtig erwiesen, so dass an seiner inneren Umkehr kein Zweifel mehr besteht. Dieselbe Haltung hat Blödorn bereits im Jahre 1933 eingenommen. Lediglich durch seine Angaben war es möglich, die gesamte illegale Bezirksleitung KPD Pommern zu zerschlagen, diejenige der Provinz Ostpreußen aufzurollen und anschließend in die Landesleitung der KPD in Berlin einzudringen. Blödorn war, wie ihm zugesichert worden war, auf freiem Fuß gelassen worden. Er hat dann lange erfolgreich für die Stapo Stettin gearbeitet, ohne dass er den Versuch unternommen hat, ins Ausland zu flüchten, was ihm in der Hafenstadt Stettin ohne weiteres leicht möglich gewesen wäre.«33 Erst durch die spektakuläre Flucht von Hermann Matern, Friedrich Wetzel und Bruno Retzlaw-Kresse aus dem Gerichtsgefängnis in Altdamm endete für Blödorn die Freizügigkeit, die ihm nicht von der NS-Justiz, sondern von der Gestapo Stettin gewährt worden war. Am 15. Dezember 1934 wurde er zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, jedoch im April 1938 durch einen Gnadenerlass Hitlers früher entlassen. Er arbeitete später als Schweißer bei einer Stettiner Tiefbaufirma. Nach 1945 lebte er in Hamburg. Ein wieder anderer Fall ist der des Michael Klause, dessen Person in Verbindung mit dem Prozess gegen Albert Kuntz u. a. steht, in dem es um die mögliche Beteiligung an der Erschießung zweier Polizeioffiziere am 9. August 1931 am Berliner Bülowplatz ging.34 Michael Klause, 1895 in Mischana in Russland geboren, war vier Jahre alt, als sich seine Eltern als Landwirte in Deutsch-Rhode in der Provinz Posen niederließen. Nach der Volksschule war er als Arbeiter tätig, und 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Er kämpfte an verschiedenen Fronten, kam im November 1916 zu einem Sturmbataillon, wurde wiederholt schwer verwundet und zum Unteroffizier befördert. Nach dem Krieg Metallarbeiter und Hilfsmonteur, trat er 1922 in die KPD ein und begann ab 1923 für den Geheimapparat der KPD zu arbeiten. Er war Kurier, wurde im Herbst 1923 verhaftet und blieb bis September 1925 in Untersuchungshaft. Sein Verfahren wurde aufgrund einer Amnestie eingestellt. Als Anhänger der »Weddinger Opposition« trat er 1926 in den RFB (Roten Frontkämpferbund) ein und übernahm dessen Leitung im Bezirk Berlin-Wedding. Im Herbst 1928 zunächst wegen oppositioneller Einstellung aus der KPD ausgeschlossen, besaß Klause jedoch die Protektion des M-Leiters der BL Berlin-Brandenburg, Joseph Gutsche. Der setzte nicht nur Klauses Wiederaufnahme in die Partei und dessen Mitarbeit im Ordnerdienst durch, sondern sorgte auch dafür, dass sein Schützling 1930 / 31 zur M-Schule nach Moskau geschickt wurde.35 Michael Klause hat ganz eigene Erinnerungen an die Schule. In seinem im Zuchthaus geschriebenen Lebenslauf heißt es: »Daraufhin trat ich am 5. März 1930 eine erste Fahrt nach Moskau an. Ich tat dies um so lieber als 1) ich glaubte auf diese Weise die wahren Verhältnisse in der S.U. persönlich kennen zu lernen und 2) meine Familie durch die von der Partei gezahlte Unterstützung von monatlich 150-- RM jeder materiellen Sorge enthoben war.« Anschließend übernahm Klause die Leitung des Partei-Selbstschutzes (PSS) für ganz Berlin. Offiziell arbeitete er bei der Sowjetischen Handelsvertretung. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Polizistenmord am 9. August 1931 schied er aus der Handelsvertretung und dem PSS aus und wurde Mitarbeiter im Verlag »Die Rote Fahne«. In Kippenbergers Bericht über den AM-Apparat heißt es über Klause: »Als Anfang 1931 von der Berliner BL ein Genosse für den PSS (Parteiselbstschutz) gestellt werden sollte, schlug sie [die BL] Klause vor, der bald von der M-Schule zurückkehren würde. Die Schulcharakteristik war gut und Klause wurde mit der Organisierung des PSS beauftragt. Nach wenigen Monaten schon stellte sich seine völlige Untauglichkeit für diesen Auftrag heraus. (In der Zwischenzeit lag die Bülowaffäre.) Klause war nicht nur ein im Grunde unpolitisches Element, sondern auch persönlich feige und entsprach nicht einmal den üblichen Vorstellungen eines militanten Typs.«36 Klause wurde am 16. Juli 1933 festgenommen und am 19. Juni 1934 vom Schwurgericht I beim Landgericht Berlin wegen »gemeinschaftlichen Mordes und Begünstigung« zum Tode verurteilt. Da er umfangreiche Aussagen gemacht hatte und im Prozess vor allem Hans Kippenberger, Heinz Neumann und Albert Kuntz belastete, begnadigte Hitler ihn am 2. Mai 1935 zu lebenslanger Zuchthausstrafe. Ins Zuchthaus Luckau überführt, wurde er von den einstigen politischen Weggefährten wegen seiner Aussagen boykottiert und schikaniert. Aus den im Landesarchiv Berlin überlieferten Eingaben Klauses an die NS-Justizbehörden spricht ein vereinsamter Mensch, der völlig mit seinen kommunistischen Idealen und Überzeugungen gebrochen hat. Er hoffte auf seine vorzeitige Entlassung, hatte aber zugleich – unter Hinweis auf den Fall des vom »Apparat« liquidierten Kattner – Angst vor der »Feme«. Statt entlassen zu werden, wurde Klause jedoch im Februar 1939 in das Zuchthaus Brandenburg-Görden verlegt, im November 1941 holte ihn die Gestapo nach Berlin. Er sollte vor der Staatsanwaltschaft Berlin in weiteren Verfahren als Auskunftsperson und Zeuge aussagen. Klause glaubte nun nicht mehr an eine vorzeitige Beendigung seiner Kerkerzeit und verübte am 7. Februar 1942 in seiner Zelle im Gefängnis Plötzensee Selbstmord. 37 Auch für die Kursanten der M-Schlue gilt, was Hermann Weber über die Bandbreite der kommunistischen Funktionäre schreibt: »Unter den Kadern befanden sich immer aufrechte Idealisten, unerschrockene Streiter für eine bessere Welt, integre Personen, aber auch ihnen war nichts Menschliches fremd. Daneben wirkten allerlei fanatische Revoluzzer, kompromisslose Radikalinskis, verwegene Abenteurer, korrumpierte Egoisten, rücksichtslose Gewaltmenschen und zynische Karrieristen und selbst brutale Rabauken.«38 Nicht wenige der von der Gestapo festgenommenen Kursanten befanden sich in einer aussichtslosen Situation. Sie waren brutalen Verhören ausgesetzt, in denen sie nicht unterscheiden konnten, was die Gestapo wirklich über sie wusste, was sie nur ahnte oder zu wissen vorgab. So berichtete z. B. Walter Muth über den Druck der Verhöre: »Nach den üblichen Misshandlungen im Gestapo-Haus Prinz-Albrecht-Straße, wurde ich auch zum Fenster hinausgehalten, ich wurde zum Erschiessen gegen die Wand gestellt, war Tag und Nacht in Fesseln, wurde des Nachts durch einen Scheinwerfer wachgehalten.«39 Karl Tuttas, Kursant der M-Schule 1933 / 34, berichtet in seinen Lebenserinnerungen Ähnliches: »Ein Handtuch wurde mir von hinten über den Mund gezogen. Die Luft abgeschnürt. Den Kopf zogen sie in den Nacken zurück, hielten Hände und Füße fest, drückten mich auf einen Tisch. Es hagelte Schläge mit dem Ochsenziemer.«40 Unter der Folter brachen viele zusammen und berichteten ausführlich über alle ihnen bekannten Vorgänge und Personen. Andere wandten sich während der Haft von ihren kommunistischen Idealen ab, forderten Mitgefangene auf auszusagen und dienten den NS-Ermittlungsbehörden als Auskunftspersonen, ja in nicht wenigen Fällen sogar als V-Männer. Andere Häftlinge wiederum widerstanden dem physischen und psychischen Druck, einige verübten Selbstmord oder wurden in der Haft ermordet.41 Es steht heutigen Generationen kaum an, Wehrlose für Aussagen vor der Gestapo anzuklagen, die in einer beispiellosen Ausnahmesituation geschahen. Die Wahrheitspflicht gebietet jedoch, die Fakten nicht zu verschweigen, gerade um im Gegensatz zur Heroisierung der »realsozialistischen« Geschichtsschreibung zu dokumentieren, dass es um fehlbare Menschen ging, Menschen aus Fleisch und Blut, mit all ihren Ängsten, Schwächen und Zweifeln, aber auch mit sehr viel Mut. 1 Zu Feuchtwanger und anderen Kursanten der M-Schule siehe auch deren Kurzbiografien in Weber, Hermann / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten, Berlin 2004; weitere Biografien enthält die 2008 erscheinende erweiterte und korrigierte Ausgabe. 2 Feuchtwanger, Franz: Der militärpolitische Apparat der KPD in den Jahren 1928 –1935. Erinnerungen, in: IWK 1981, Heft 4, S. 514. 3 Kaufmann, Bernd u. a.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919–1937, Berlin 1993, S. 190 ff. 4 Der 1893 geborene Tischlersohn verbrachte seine Kindheit in Jämsänkoski, nach dem Abitur arbeitete er als Journalist und studierte ab 1915 an der Universität Helsinki. Er gehörte dem sozialdemokratischen Jugendverband an, nahm am Bürgerkrieg teil und war Sekretär der »Revolutionären Volksdelegation«. Kurz vor der Niederlage der Revolution floh Lehén nach Russland und gehörte im August 1918 zu den Mitbegründern der KPFi. Bis Mitte der Zwanzigerjahre Offizier der Roten Armee, Absolvent der Militär-Akademie. Anschließend Mitarbeiter der Komintern. Unter dem Decknamen »Alfred Langer« Mitarbeiter der Orgabteilung, soll er bereits 1923 als Emissär in Deutschland tätig gewesen sein. Später Leiter der M-Schule der Komintern und Lehrer an der Leninschule in Moskau. 1939 Innenminister in der kurzlebigen Terijoki-Regierung, danach Mitarbeiter im Staatsverlag der Finno-Karelischen SSR. 1940 / 41 erster Rektor der Universität Petrosawodsk. Er gehörte dem Obersten Sowjets der UdSSR und der Finno-Karelischen SSR an. Im Krieg Redakteur einer Frontzeitung, kehrte er 1946 nach Finnland zurück und leitete den Verlag der KPFi Kansankulttuuri, blieb aber weiterhin ein wichtiger und einflussreicher Parteifunktionär. Er war zeitweise mit Hertta Kuusinen, der Tochter von Otto Kuusinen verheiratet. Im Oktober 1976 starb er in Helsinki. 5 Feuchtwanger: Der militärpolitische Apparat der KPD (Anm. 2), S. 485 – 533. 6 Ebenda, S. 531 7 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), RY 1 / 88 Bl. 145. 8 Herlemann, Beatrix: Der Deutschsprachige Bereich an den Kaderschulen der Kommunistischen Internationale, in: IWK 1982, Heft 2, S. 205 – 229. 9 Siehe Kaufmann u. a., Der Nachrichtendienst der KPD (Anm. 3); Tischler, Carola: Flucht in die Verfolgung. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil 1933 bis 1945, Münster 1996; Gilensen, Viktor: Die Komintern und die »Organisation M.« in Deutschland in den Jahren 1923 –1925, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte (1999), Heft 1; Mensing, Wilhelm: Vertrauensleute kommunistischer Herkunft bei Gestapo und NS-Nachrichtendiensten am Beispiel von Rhein und Ruhr, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004, S. 111 ff.; ders.: »Bekämpft, gesucht, benutzt«. Zur Geschichte der Gestapo-V-Leute und »Gestapo-Agenten«, in: Zeitung des Forschungsverbundes SED-Staat der FU Berlin (ZdF) 17 (2004); Sandvoß, Hans Rainer: Die andere Reichshauptstadt, Berlin 2007, hier bes. S. 388 ff.; Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1). 10 BArch, ZC 15 929, Bd. 16. Für Hilfe bei den Recherchen danke ich besonders den Mitarbeitern des Bundesarchivs S. Gräfe, A. Grunwald, S. Nestler, B. Reußner, G. Ulrich und T. Zarwel, vom Landesarchiv Berlin M. Schmidt und B. Welzing, vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv L. Person, vom Sächsischen Staatsarchiv Leipzig A. Brekle und vom Thüringischen Staatsarchiv Meiningen N. Moczarski. Meinem Kollegen H.-R. Sandvoß gilt mein besonderer Dank, außerdem danke ich A. Vatlin / Moskau, W. Hedeler und J. Mayer, beide Berlin, D. Nelles / Wuppertal, Jouko Jokisalo / Oulo und W. Mensing / Bonn für ihre Hilfe bei den Recherchen und für Auskünfte. 11 Heinrich Wiatrek – Kommunist oder »Überläufer«, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Berlin 2002, S. 336 – 357. 12 In der Literatur gibt es unterschiedliche Angaben darüber, wie stark die Lehrgänge besetzt waren; so schreibt Bernd Kaufmann, dass am ersten Lehrgang 36 Kursanten teilnahmen; die Liste dazu enthält aber nur 20 Namen. Karl Blödorn und Friedrich Wetzel sprechen in ihren Vernehmungen von 40 Teilnehmern in ihren Lehrgängen. 13 So von Alfred Adolph, Franz Blume, Hermann Dünow, Heinrich Fomferra, Hermann Gartmann, Paul Gräf, Willy Hans, Karl Horn, Willi Kaiser, Karl Langowski, Rudolf Lehmann, Konrad Mannshardt, August Mayer, Walter Muth, Otto Niebergall, Karl Plesse, Julius Schätzle, Ernst Schilling, Martin Schmidt, Arno Schönherr, Karl Schuster, Richard Staimer, Heinrich Studer, Stanislaus Switalla, Hermann Totzki, Karl Tuttas und Willy Zimmerlich. 14 SAPMO-BArch, RY 1 / 88 Bl. 18. 15 Stand der kommunistischen und marxistischen Bewegung Anfang 1934. Hrsg. vom Geheimen Staatspolizeiamt, Berlin, Februar 1934, S. 11 ff. 16 Sassning, Ronald: Thälmann, Wehner, Kattner, Mielke. Schwierige Wahrheiten, in: Utopie kreativ, April 2000, Heft 114. 17 Sassning, Ronald: Thälmann, Dünow, Wehner, Mewis – Bilder mit Radierungen. Vom Kippenberger-Apparat zum IM-System Mielkes, in: Utopie kreativ, Mai – Juni 2000, Heft 115 /116. Grundmann, Siegfried: Richard Großkopf und die kommunistische Paßfälscherorganisation, in: IWK 2004, Heft 4, S. 423 – 464. 18 SAPMO-BArch, SgY 39 1940 Erinnerungen von Christina Kjossewa (d. i. Änne Kerff), Bl. 220. 19 BArch, ZC 5291 Bd. 4, Bl. 61– 63 Vernehmung von Friedrich Wetzel, Bl. 67– 69 Vernehmung von Karl Blödorn; siehe auch die Schilderung von Verhören durch Bruno Retzlaw-Kresse, der als Mitarbeiter von Karl Blödorn in Berlin verhaftet wurde, in: Illegalität – Kerker – Exil. Erinnerungen aus dem antifaschistischen Kampf, Berlin 1980, S. 66 ff. 20 Wilhelm Bahnik, Alfred Bartel, Franz Bauer, Max Becher, Michael Blöth, Heinrich Bohne, Albert Denz, Rudolf Dietze, Walter Ehlen, Theophil Faller, Willi Glatzer, Kurt Granzow, Walter Griesbach, Theodor Hespers, Willi Illner, Ewald Jahnen, Michael Kaczmierzak, Otto Koll, Werner Kowalski, Erich Küsel, Innocens Rehm, Karl Rosteck, Kurt Schadrowski, Heinrich Reichelt, Christian Robbens, Rudolf Schwarz, Josef Steidle und Wilhelm Tebarth. 21 Johann Liebers, Rudolf Margies, Wilhelm Marker, Wilhelm Peschky, Emil Pietzuch, Erwin Riess, Leon Roth, Georg Schmitt und Franz Schubert. 22 Z. B. Kurt Banse, Otto Fabian, Theodor Harsmann, Fritz Kießling, Otto Raimann, Johann Schäberle, Friedrich Schlupp, Willi Thomas, Ferdinand Voetter. Für weitere Hinweise zum Schicksal der Kursanten ist der Autor sehr dankbar. 23 Waack, William: Die vergessene Revolution. Olga Benario und die deutsche Revolte in Rio, Berlin 1994; Smith, Michael: Foley. The spy who saved 10 000 jews, London 1999 sowie schriftliche Mitteilung von Wilhelm Mensing vom 4. 1. 2006. 24 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/11 / v. 2971. 25 SED-Kaderakte Paul Gräf im Thüringischen Staatsarchiv Meiningen. 26 Siehe Feuchtwanger: Der militärpolitische Apparat (Anm. 2). 27 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, SED SamKa, Nr. 266 Kaderakte Rudolf Lehmann. 28 Kaufmann u. a., Der Nachrichtendienst der KPD (Anm. 3), S. 323 f. 29 Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI), 495-205-7232, Kaderakte P. Wallendorf. Dank auch an die Stadtarchive in Weinheim und Viernheim. 30 SAPMO-BArch, RY 1 / 88 Bl. 348. 31 Kurzbiografie in Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 405 f. 32 BArch, ZC 5291 Bd. 4, Bl. 68 f. 33 BArch, ZC 5291 Bd. 9, Bl. 6 RS. 34 Otto, Wilfriede: Erich Mielke – Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000, S. 37 ff.; Jochen von Lang: Erich Mielke. Eine deutsche Karriere, Berlin 1991. 35 Schmeitzner, Mike: Ein deutscher Tschekist der ersten Stunde: Sepp Gutsche und der Aufbau der Sicherheitsapparate in der SBZ / DDR, in: Timmermann, Heiner (Hrsg.): Das war die DDR. DDR-Forschung im Fadenkreuz von Herrschaft, Außenbeziehungen, Kultur und Souveränität, Münster 2004, S. 167–197. 36 SAPMO-BArch, RY 1 / 88, Bl. 148 f. 37 LAB A Rep 358-02, Nr. 157 176 und 15 177 (Gnadenheft Michael Klause, Sterbeurkunde). Irrtümlich schreibt Jochen von Lang, dass sich Klauses Spur als Angehöriger der SS-Bewährungseinheit Dirlwanger im April 1943 am Mittelabschnitt der Ostfront verliert (Erich Mielke, Anm. 34, S. 38). Auch Götz Aly irrt, wenn er schreibt, dass Klause am 7. 2. 1942 in Plötzensee hingerichtet wurde. Siehe Aly: Der Jahrhundertprozeß. Erich Mielke, die Morde auf dem Berliner Bülowplatz und die deutsche Strafjustiz. In: Jansen, Christian / Niethammer, Lutz / Weisbrod, Bernd (Hrsg.): Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1995, S. 549 – 563, hier S. 562. 38 Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 29 f. 39 SAPMO-BArch, SgY 30/0665, Bl. 32. 40 Tuttas, Karl: Einer von jenen. Erinnerungen, Halle / Leipzig 1980, S. 223. 41 U. a. Michael Blöth, Willi Illner, Ewald Jahnen und Kurt Schadrowski.

JHK 2008

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

The International Newsletter of Communist Studies Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung La newsletter internationale des recherches sur le communisme Международный бюллетень исторических исследований коммунизма Vol. XIV (2008), no 21. Edited by Bernhard H. Bayerlein. Published by The European Workshop of Communist Studies With support of The Mannheim Centre for European Social Research (MZES), University of Mannheim, Germany. ISSN Y503-1060. ISSN 1862-698X (for the Online Edition). Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Mannheim / Cologne. Assistant Editor: Gleb Albert, Mannheim / Cologne. Editorial Board / Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Leonid Babicenko (Moscow), Claus Baumgart (Leipzig) Douaiado@aol.com, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris) Khosrow.Shakeri@ehess.fr, Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr, Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch, Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, José Gotovitch (Brussels) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sobhanlal@dataone.in, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic (Belgrade) todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si; Roland Lewin (Grenoble) infodoc@iep.upmf-grenoble.fr, Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) jlbnovoa@hotmail.com, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, José Pacheco Pereira (Lisbon / Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt / Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Geneva) mvuilleu@cui.unige.ch, Markus Wehner (Berlin), Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) rolf.woersd@gmx.de Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Rein van der Leeuw, Amsterdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris / Berlin; Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68 131 Mannheim, Germany Postal Address: Arnulfstraße 14, 50937 Köln / Cologne, Germany Phone / Fax: 0049 / (0)221-42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de / bernhard.bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Homepage: http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Communist Studies Newsletter / Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter Table of Contents Section I: The Newsletter of the Newsletters. Communist Studies – New Issues – Selected Items. Section II: News on Archives, Fonds and Institutions. • New Archival Portals, Archives and Libraries in Russia, the Baltic States, Italy, Belgium and the United Kingdom. • Heiner Bröckermann, Potsdam: Digitalisierungsprojekt der Protokolle des Nationalen Verteidigungsrates der DDR 1960 – 1989. Section III: Research Projects, Books and Doctoral Dissertations – Work in Progress. • Kasper Braskén, Turku: Internationale Arbeiterhilfe and Comintern in Weimar Germany as a Network of Mutual Dependence? A Research Report. • Anne Hartmann, Bochum: »Ich kam, ich sah, ich werde schreiben«. Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Eine Dokumentation. • Alix Heiniger, Genève: Comités »Freies Deutschland« à l’Ouest, résistance et exil allemands contre le Nazisme. Doctoral Thesis. • Laura Polexe, Freiburg: Freundschaft und Netzwerke am Beispiel der Sozialdemokraten Rumäniens, Russlands und der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts. Dissertationsprojekt. • Kristene Unsworth, Seattle: Identifying the Enemy. Social Categorization and National Security Policy. PhD-Project. • Holger Weiss, Turku: Anglophone West African Radicals and the Comintern Connection. Report on a Research Project. • Gerben Zaagsma, Florence: Jewish-Born Volunteers in the Spanish Civil War. PhD-Project. • Russian and International Doctoral Theses, New Research and Documentary Projects. Section IV: Biographical, Regional and Institutional Studies. IV.1: Biographical Materials and Studies. • Holger Weiss, Turku: E.A. Richards alias I.T.A. Wallace-Johnson? Some Notes About the Identity of West African Radicals. • Sonia Combe, Nanterre: Die DDR-Forschung in Frankreich vor der Wende (1979–1989). Ein Zeitzeugenbericht. • Bernhard H. Bayerlein, Mannheim: Frauenschicksale im internationalen Kommunismus. Einige biographische Anmerkungen. IV.2: Regional Materials and Studies. • Avgust Lešnik, Ljubljana: The Sovjet-Yugoslav Conflict of 1948 − A Conflict Between Two Different Doctrines of Socialism? • Rolf Woersdoerfer, Darmstadt: Partisanenkrieg und nationale Frage in Istrien. Das Ende des Giovanni-Zol-Bataillons. IV.3: Institutional Materials and Studies. • Andreas Stergiou, Iraklio: Machtergreifung und Machtbesitz mit demokratischen Mitteln. Der Fall der Zypriotischen Kommunistischen Partei AKEL. Section V: New Publications – Reviews and Reports. • Weber, Hermann; Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin, Ch. Links Verlag, 2006. 480 S. (Bernhard H. Bayerlein und Gleb Albert). V.1: Reviews. • Anderson, Kevin B.; Hudis, Peter (eds.): The Rosa Luxemburg Reader, New York, Monthly Review Press, 2004. (Ottokar Luban, Berlin). • Barth, Bernd-Rainer; Schweizer, Werner (eds.): Der Fall Noel Field – Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa. Asyl in Ungarn 1954–1957. Bd. II, Berlin, BasisDruck, 2007. (Wilfriede Otto, Berlin). • Dam’e, Vadim V.; Savina, I. S., Marianna B. Korčagina (eds.): Vlast’ i obščestvo v predstavlenii levych obščestvenno-političeskich dviženij, Moskva, IVI RAN, 2005. (Gleb Albert, Mannheim). • Gorny, Yosef: Converging Alternatives. The Bund and the Zionist Labor Movement. 1897–1985, Albany, State University of New York Press, 2006. (Frank Wolff, Köln). • Hürtgen, Renate: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln / Wien, Böhlau Verlag, 2005. (Mathieu Denis, Berlin / Montreal). • Ito, Narihiko (ed.): China entdeckt Rosa Luxemburg. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Guangzhou am 21./22. November 2004, Berlin, Dietz, 2007. (Eckhard Müller, Berlin). • Kuljić, Todor: Kultura sećanja. Teorijska objašnjenja upotrebe prošlosti na zapadnom Balkanu, Beograd, Čigoja štampa, 2006. (Avgust Lešnik, Ljubljana). • Rizman, Rudolf Martin: Uncertain Path. Democratic Transition and Consolidation in Slovenia, College Station, Texas A&M University Press, 2006. (Avgust Lešnik, Ljubljana). • Studer / Haumann; Hellbeck; Unfried: Neue Publikationen zur »Ego-Histoire« des Stalinismus. (Klaus-Georg Riegel, Trier). • Tănase, Stelian: Clienţii lu’ tanti Varvara. Istorii clandestine, Bucureşti, Humanitas, 2005. (Laura Polexe, Freiburg / Basel). V.2: Presentations and Publishers’ Announcements. Section VI: Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2007–2008. VI.1: Inventory Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2007–2008. VI.2: Meeting Reports. Section VII: International Bibliography of Communist Studies. Issue 2007. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert. Section VIII: International Article Bibliography on Communist Studies and Related Topics (Journals, Yearbooks, Bulletins). Issue 2007. Edited by Gleb Albert and Bernhard H. Bayerlein. Section IX: Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies. Section X: Cultural and Artistic Performances Concerning History of Communism. Section XI: Discussions, Debates and Historical Controversies. Section XII: Miscellanea. Section I: The Newsletter of the Newsletters. Communist Studies – New Issues – Selected Items. Communist History Network Newsletter, Manchester, U. K. http://les1.man.ac.uk/chnn No 20, Autumn 2006 Editors’ Introduction. Announcements: • Amiel Melburn Trust Internet Archive. • Identity And Self-Representation In European Communist Life Histories. • Tom Wintringham’s Poems. • Raphael Samuel and the Lost Worlds of Twentieth-Century Politics. • Linz 2005 Conference Proceedings. Thesis Report: Muzaffar Ahmad, Calcutta, and Socialist Politics, 1913–1929, Suchetana Chattopadhyay. Features: The Crises of 1956, Fifty Years On. • 'The Ultimate Sanction of Democracy': Peter Cadogan, Marxism, the CPGB and the Crisis of 1956. • 'The SF was conceived by the uprising in Hungary', Gert Petersen interviewed by Steve Parsons. • French Memories of 1956, edited interviews by Gavin Bowd. • Budapest’s House of Terror (Archie Potts). Features: 'Revisionist' Bernstein in Hindsight (Jörn Janssen) • A Short Course of Stalinism: Finns at the International Lenin School, Moscow, 1926–1938 (Joni Krekola). Reviews: • New works in the study of stalinism (Kevin Morgan). Correspondence: Der Thälmann Skandal [I] (Mike Jones) • Der Thälmann Skandal [II] (Norman LaPorte). Obituary: • Dr Neil Rafeek, 17 November 1960 – 8 April 2006 (Arthur McIvor). No 21, Spring 2007 Editors’ Introduction. Announcements: • Communisme – Special Issue On CPGB. • Social Democrat and British Socialist Index. • Chile Solidarity Campaign Research. • Bert Ramelson Biography. • C L R James and the Black Jacobins. • National Political Cultures and the Wider World. • Presse Communiste. • Writing in Opposition: The European Left and Democracy in the Twentieth Century and Beyond. • Syndicalism and Revolutionary Trade Unionism. Work in Progress: 'Children of the Red Flag' (Elke Side-Weesjes) • A new biography of Eugen (Jeno) Varga (1879–1964) (Andre Mommen). Reports: The French Communist Party and 1956 (Gavin Bowd) • Budapest’s Statue Park (Archie Potts). Reviews: Bolshevism and the British Left (Stefan Berger). • The Lost World of British Communism (Julian Mischi). • Forgotten Biography of Ernst Thälmann (Norman LaPorte). • The German Revolution 1917–1923 (David Renton). Estudos sobre o Comunismo: Notas, Artigos, Investigações sobre o Comunismo, os Movimentos Radicais e a Oposição. Editor: José Pacheco Pereira, Lisbon, Portugal. http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com This Newsletter Blog is an experimental version as a result of the fusion of José Pacheco Pereira’s Biography of Álvaro Cunhal and »Estudos sobre o Comunismo« (Versão 2) (see: http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt/). The blog contains the following categories: • Arquivos, Bibliotecas, Fundos. • Biblio-grafia. • Biografia de Álvaro Cunhal. • Biografias / Vidas. • Censura. • Colóquios, conferências, debates. • Estudos. • Estudos locais. • Extrema-esquerda – História. • Fontes. • Guerra colonial – Colonialismo, Anti-Colonialismo. • Iconografia. • Movimento comunista internacional. • Museus. • Notas. • Notas de investigação. • Organizações – PCP. • Publicações especializadas. • Recensões críticas. • Repressão. • Revista Estudos sobre o Comunismo. • Vários. Among the recent entries: • Seminário Comunismos (2007/2008): História, Poética, Política e Teoria. Organização: Centro de Estudos de História Contemporânea Portuguesa do ISCTE. Coordenação: João Arsénio Nunes e José Neves. Apoios: ISCTE | Edições 70 | Le Monde Diplomatique – Edição Portuguesa | Fundação para a Ciência e a Tecnologia. • Quarenta anos ao Lado de Luiz Carlos Prestes (Maria Prestes) (CES, Coimbra, 16 de Julho). • 2/Julho/2007. Seminário do Núcleo de Estudos de Democracia, Cidadania Multicultural e Participação. Meu Companheiro: Quarenta anos ao lado de Luiz Carlos Prestes (Maria Prestes), 16 de julho de 2007, 15:00h, Sala de Seminários do CES. • Música Moderna ou Música Proletária? Os Debates no meio musical soviético (1917–1931). 4 de Junho de 2007, ISCTE, Lisboa. Com Manuel Deniz Silva (Investigador do Instituto de EtnoMusicologia da Universidade Nova de Lisboa). • Comunismo e Guerra de Espanha em discussão no ISCTE, Lisboa. 30 de Maio 2007. Conferência de Daniel Kowalsky. • Conversas sobre História. A Polícia Política de Salazar. FNAC, Lisboa. 2 de Maio de 2007 (Irene Pimentel). • Tese de doutoramento de Irene Pimentel sobre a PIDE/DGS – 23 de Janeiro 2007, Faculdade de Ciências Sociais e Humanas da Universidade Nova de Lisboa: A Política Internacional da Defesa do Estado. Direcção Geral de Segurança (PIDE/DGS). História da Polícia Politica do Estado Novo. • Homenagem a José de Sousa no Muséu da República e da Resistencia, Lisboa, 4 de Janeiro 2007. • Centenário do Nascimento de Emídio Santana, Lisboa, 26 de Outubro 2006. H-NET Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington DC, US. www.h-net.org/~hoac This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Boletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina, Buenos Aires, Argentina. www.cedinci.org Nº 8 Volver. • A los socios y amigos del CeDInCI. • Juan Carlos Portantiero (1934–2007). • Apareció Políticas de la Memoria nº 6/7. • Novedades editoriales. • Convocatoria a las IV Jornadas de Historia de las Izquierdas del CeDInCI. • Muestra en nuestra Sala de exposiciones. • Microfilmación. • Novedades de nuestro Archivo. • Diccionarios biográficos en el CeDInCI. • Donaciones, canjes y adquisiciones. • Próxima aparición: Catálogo de Revistas culturales argentinas. London Socialist Historians Group Newsletter. London Socialist Historians Group, London, U. K. www.londonsocialisthistorians.org Issue 29: Autumn 2007 Articles: Keith Flett, Useful History? Review of Alistair Campbell, The Blair Years. • Douglas McNeill, Barker, Ford, Gibbon: Reading Against the War. • Keith Flett, review of Malcolm Chase, Chartism: A new History. • Ian Birchall, review of Keith Flett (editor), 1956 and All That. • Dominic Alexandre, review of Chris Wickham, Framing the Middle Ages: Europe and the Mediterranean, 400 – 800. • David Renton, review of Harry Ratner, A Socialist at War. Seminars, Meetings and Conferences: New Socialist Approaches to History, Autumn 2007 programme. • Marxism and Political Economy: one-day conference organized by »International socialism«. • A. L. Morton Lecture, organised by the Socialist History Society. • Heritage Open Day, organised by the Working Class Movement Library. • Battle of Lewisham Commemorative Walk. • Monty Johnson Memorial Meeting. Call for Papers: Seventy Years of the Black Jacobins. Announcement: Holding Fire, a play by Jack Shepherd. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. Issues published: Issue 3/2006 (Newsletter und Projekte) Issue 1/2007 (Newsletter und Projekte). For the contents of Deutschland Archiv see: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften. Section II: News on Archives, Fonds and Institutions. European Resistance Archive – New Internet Source on Oral History of Anti-Nazi Resistance. In May 2007, a consortium of political, trade union and historical organisations, led by an »understanding of European history, for which the resistance against fascism and Nazism played a constitutional role«, launched an online project which might turn into one of the most interesting web-sources on oral history. The European Resistance Archive (http://www.resistance-archive.org/) features video interviews with protagonists of European anti-nazi resistance from Poland, Slovenia, Austria, Italy, Germany and France – with more countries yet to be covered. Each country is represented by an interactive map, showing the most important locations of resistance and repression. The ideological spectre of the witnesses is wide: from Christians and Polish soldiers of the Armija Krajowa to Social Democrats and Communists, like Erwin Schulz from Arbeitersportverein Fichte, Lucien Decastel and Vincent Pascucci from the Jeunesse Communiste, Anita Malavasa from the Garibaldi-Brigade »Antonio Gramsci« or Giacomina Castagnetti and Lidia Valeriani of the Soccorso Rosso. Up to now, there are 20 video interviews of remarkable length – each one around one hour, directly viewable through an integrated web player and featuring selectable subtitles. There is a possibility to browse the interviews by key words, they are also available as bilingual transcripts, making them quotable sources for scholars. Socialists and Anarchists in Russia After 1917. New Web-Portal. The Russian civil rights association »Memorial«, which is best known for its active contribution to the exposure of Stalinist crimes, has now stepped into a historical terrain quite unusual in post-Soviet context. Its new web-portal »Rossijskie socialisty i anarchisty posle Oktjabrja 1917 goda« (»Russian Socialists and Anarchists after October 1917«, http://socialist.memo.ru/) deals with left-wing non-Bolshevik politicians and revolutionaries, and their resistance against Bolshevik rule. The portal, maintained by a team around Konstantin Morozov (an acknowledged historian of the SR movement), focusses on Mensheviks, Socialist Revolutionaries (SR) and Anarchists. In addition to a biographical encyclopedia, a photo archive and a section of digitized documents, the portal offers an immense amount of full-text publications – books and articles by the historical protagonists (often very rare and nearly impossible to find elsewhere) as well as scholarly monographs, articles and bibliographies on various subjects of the field. The portal functions not only as a source of information, but also as a communication tool within the growing community of Russian scholars dealing with the history of the non-Bolshevik Left. The site’s forum is frequently used to share information on new conferences and publications, a discussion section features concise articles on historiographical controversies and debates. Initiatives du Centre des archives communistes de Belgique. Le CARCOB (Centre des Archives Communistes en Belgique a.s.b.l.), une association reconnue par la Communauté Française de Belgique comme institution d’archives privées, est le dépositaire contractuel des archives du Parti Communiste de Belgique (PCB) de 1922 à 1991. Il est également le dépositaire des copies microfilmées des archives belges du Komintern, offertes à l’époque par le PCUS au PCB, sur la base du choix opéré en 1986 et 1987 par un historien belge, mais transmises sous une cotation spécifique dont la concordance aux inventaires libérés depuis n’a pu être à ce jour établie avec précision. Le CARCOB gère également de nombreux fonds émanant de militants et de dirigeants du PCB et des Jeunesses Communistes. Il mène une politique de recherche systématique d’archives nouvelles auprès des anciens militants. Une très riche bibliothèque (dont le catalogue est en cours de numérisation) réunit toutes les publications du PCB et des mouvements apparentés ainsi que les journaux et périodiques. Une photothèque numérisée est également à la disposition des chercheurs. Parmi les richesses particulières et fréquemment consultées, la série des dossiers de la Commission de Contrôle politique offre une source prosopographique remarquable. Une documentation spécifique concerne l’action du Parti Communiste en direction de l’ex-colonie du Congo. Le CARCOB a publié quelques catalogues et quelques ouvrages consacrés à l’histoire du PCB. Un aperçu des fonds et des publications est accessible par son site http://users.skynet.be/carcob/. Un accord de coopération le lie au DACOB (Documentatie- en archiefcentrum van de communistische beweging) qui relève de la Communauté flamande et partage le même immeuble. Le CARCOB prépare pour les prochains mois un colloque sur les dissidences à l’Est et l’action menée par les divers comités de solidarité avec elles, sous la coordination de Jean-Marie Chauvier, ancien correspondant du Drapeau Rouge à Moscou et collaborateur du Monde Diplomatique. Il a également lancé une enquête pour reconstituer l’histoire de la Jeunesse Communiste de Belgique qui doit déboucher sur un colloque belge et international en 2008. Il prépare par ailleurs une exposition qui mettra en valeur les affiches communistes et anticommunistes. Par ailleurs, le Centre d’histoire et de sociologie des Gauches de l’Université Libre de Bruxelles (ULB) vient de faire paraître le volume des actes du colloque organisé en 2005: Anne Morelli et José Gotovitch (dir.), Contester dans un pays prospère. L’extrême gauche en Belgique et au Canada Bruxelles, Peter Lang, 2007 (www.peterlang.com). KGB in the Baltic States: New Documents Online. Researchers from Estonia, Latvia and Lithuania have launched, initiated by the Genocide and Resistance Research Centre of Lithuania, an internet portal dedicated to the activity of the NKVD-NKGB-KGB on the territory of the Baltic States. The website, reachable as http://kgbdocuments.eu, features digitized archival documents from 1940 to 1991. Archivi del Novecento – la memoria in rete, Italia. Una lettura degli archivi in senso orizzontale, con la possibilità di creare metacollezioni di consultazione e di lavoro per superare la frantumazione e la dispersione della documentazione sulla storia del Novecento: è questa la spinta al progressivo allargamento della rete di istituti che, mossi dalla logica della cooperazione, abbracciano il progetto Archivi del Novecento. Nato nel 1991 come iniziativa culturale, divenuto nel 1994 un programma informatico, Archivi del Novecento è approdato su internet nel 2003. Dopo quattordici anni, dai quindici istituti iniziali si è arrivati ai cinquantacinque che attualmente stanno riversando il proprio patrimonio documentario nella banca dati comune che può essere consultata on-line all’indirizzo www.archividelnovecento.it. For this presentation see: Antonia Liguori: Archivi del Novecento. Una rete di 55 Istituti per valorizzare la memoria, in: Storia e futuro. Rivista di storiografia, ed. on-line (www.storiaefuturo.com), novembre 2006. N.B.: Among the Institutions participating are the Fondazione Bettino Craxi, the Fondazione Giovanni Gentile as well as the Fondazione Istituto Gramsci hosting the Archives of the Communist Party of Italy. IALHI Papers Online. The International Association of Labour History Institutions (IALHI) has held its 38th Annual Conference in Rome on 5–8 September 2007. The papers from this conference are downloadable at www.ialhi.org/iconf-07-papers.php. The topics deal with labour movement archives in several countries. MI5 Opens Documents on George Orwell. In September 2007, the MI5 released their files on George Orwell to the public. The files, available for free download at the U K National Archives under http://www.nationalarchives.gov.uk/releases/2007/september/communists.htm, show that the Secret Service had an eye on the famous writer from 1929 until his death in 1950 as a suspected communist sympathisant, yet did not take any action against him and even protected Orwell against the police who also had suspicions on him. A police officer reported on Orwell in 1942, assuming that the writer »has advanced Communist views, and several of his Indian friends say that they have often seen him at Communist meetings. He dresses in a bohemian fashion both at his office and in his leisure hours«. The MI5, after this, rang the policeman to counteract that view. It is remarkable that the surveillance of Orwell has not been cancelled even after the release of Animal Farm and 1984. The MI5 files contain, apart from reports on Orwell’s activities, a copy of his passport papers and original passport photographs. Declassifying Russian Archive Documents – a Rosarchiv Point of View. In the recent issue of the Russian history journal Novaja i novejšaja istorija, Tat’jana F. Pavlova, a staff member of the Federal Russian Archive Agency (Rosarchiv), gives a report on the declassifying process in Russian state archives in the period between 1991 and 2006. In addition to a brief rundown of declassification acitivites in the past decade, the author gives some important details on the present situation. The »Commission for the Declassification of CPSU Documents«, founded in 1994 and having declassified over 100 000 files, had been dissolved in 2001 and replaced with an »Inter-Department Commission for the Protection of State Secrets«. Responding to the recent controversy about an »archival conterrevolution« in Russia (see: INCS Online (2007), p. 201), Pavlova states that »neither the Rosarchiv and the Federal Archives are active participants in the process of the declassification of earlier classified material, nor can they influence the extent, tempo and technologies of declassifying archival material« (p. 90). Concerning the narrowing of the archival opening process, as assumed by critics, Pavlova counteracts that assumption by questioning the declassifying process of the early 1990s: according to her, during that period many documents had been declassified without a previous expertise, thus many declassifications had to be revised. Pavlova also sheds light on the forthcoming activity of the »Inter-Department Commission«: According to the official plan, among the archival materials to be declassified until 2010 are to be found documents of the Council of Ministers of the USSR, conferences of foreign Communist parties 1956–1988 and files of the Central Comittee of the CPSU. Pavlova, Tat’jana F.: Rassekrečivanie dokumentov v gosudarstvennych archivach RF. 1991–2006 gody. In: Novaja i novejšaja istorija (2007), 4, p. 86–92. Neue Dokumentenpublikation aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Ludwig Biewer (Leiter des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes Berlin) und Rainer Blasius (Historiker und F. A. Z. -Mitarbeiter) haben 25 Dokumente aus dem Archiv ausgewählt und kommentiert, welche die deutsche Politik und ihre Akteure in der Zeit zwischen 1871 und 1990 beleuchten. Die Materialien wurden ursprünglich für eine Serie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zusammengestellt. Biewer, Ludwig; Blasius, Rainer (eds.): In den Akten, in der Welt. Ein Streifzug durch das Politische Archiv des Auswärtigen Amts, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007. 144 p. Archives communistes et post-communistes. Deux colloques en France (voir les programmes dans INCS ONLINE (2008), 21). • Ouverture des archives et écriture de l’histoire dans les sociétés post-communistes, 4 et 5 octobre 2007, Université de Paris 10, Nanterre. Organisé par la Structure Fédérative de Recherche de la BDIC et Sonia Combe (Département Archives et Recherche/BDIC), Paul Gradvohl (Nancy), Antoine Marès (Paris 1), Jean-Charles Szurek (Paris 10). Participations: Charles Kecskeméti (ancien secrétaire général du Conseil International des Archives), Bernhard H. Bayerlein (Mannheim), Sergueï Krasilnikov, (Russie), Orgest Azizaj (Albanie), Ioan Dragan (Roumanie), Geoffroy Géraud (Slovénie), Lajos Körmendy (Hongrie), Thomas Lindenberger (Potsdam), Tchavdar Marinov (Sofia), Krzysztof Persak (Varsovie), Viktoria Prozorova (France/Russie), Pavol Šalamon (Budapest), Andrea Petö (Budapest), Muriel Blaive (Vienne), Duane Huguenin (Paris), Dariusz Jarosz (Varsovie), Françoise Mayer (Montpellier), Guillaume Mouralis (Paris), Krzysztof Pomian (Bruxelles), Jean-François Fayet (Genève), Bruno Groppo (Paris). • 4 et 5 octobre 2007. Journées d’étude »Un siècle de communisme : des recherches à l’épreuve des archives«. Organisée par la Maison des Sciences de l’homme, Université de Bourgogne, les Archives de France, le Centre Georges Chevrier (UMR 5605), Dijon. Coordination : Xavier Vigna, Serge Wolikow, Jean Vigreux. Participations: Philipe Rosset, Pascal Even (Archives de France); François-Xavier Nérard (Dijon), José Gotovitch (Bruxelles), Robert Menchérini (Aix-Marseille), Marion Veyssière (Paris), Christian Oppetit (Paris), Sylvain Boulouque (Reims), Jacques Girault, Guillaume Nahon, Pascal Carreau, Frédérick Genevée (Paris); David François (Dijon); Aurélien Durr, Romain Ducoulombier, Claude Pennetier (Paris); Bernhard H. Bayerlein (Mannheim); Christine Pétillat, Ségolène Barbiche, Sébastien Nadiras, Frédérique Matonti (Paris); Alexandre Courban (Dijon); Sylvie Zaidman, Bernard Pudal (Paris), Marie-Cécile Bouju, Michèle Rault, Gauthier Mergey (Ivry); Catherine Bensadek (Paris). Grimsted, Hoogewoud, Ketelaar: New book on Nazi and Soviet Archival Plunder. During the Second World War Nazi agencies plundered Europe’s archival heritage – from key documentation of military intelligence to trade-union records, files of Masonic lodges and Jewish Communities, to personal papers of prominent individuals. With the end of the war, the Red Army found some of the Nazi hideouts. As a consequence, many of Europe’s captured archives were seized a second time and rushed to Moscow, where they remained secret for almost half a century. Since 1991, negotiations took place and some archival returns were finalized, including archives in France, Belgium, the Netherlands and Luxembourg, as well as papers from Vienna to the Rothschild family. In the first part of this book, American historian and archival specialist Patricia Kennedy Grimsted reveals the story of the dramatic fate of those records in Nazi and Soviet hands and the post-1991 battle within Russia over their restitution. The second part of the volume brings together for the first time reports on these twice-plundered archives from each country, written by key persons who took part in their return from Russia. Detailed listings of the returned holdings and their present location are included. Grimsted, Patricia; Hoogewoud, F.J.; Eric Ketelaar (eds.): Returned from Russia. Nazi Archival Plunder in Western Europe and Recent Restitution Issues, Builth Wells, Institute of Art and Law, 2007. Die ehemalige Bibliothek des Instituts der Roten Professur in Moskau und ihre deutschsprachigen Bestände. In einem bereits 2003 erschienenen Sammelband über die Staatliche Öffentliche Historische Bibliothek Russlands in Moskau hat Prof. Dr. Gottfried Kratz, Dozent an der Moskauer Universität für Kultur und Kunst (MGUKI), einen umfassenden Beitrag über die Bibliothek des ehemaligen »Instituts der Roten Professur« (IKP) als zentralen Bestandteil der Historischen Bibliothek veröffentlicht (S. 22–97). Seine Studie ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zur Erschließung deutschsprachiger Literatur russischer Verlage in der Historischen Bibliothek, das 1996 – 1997 mit Hilfe der Thyssen-Stiftung und der Kulturstiftung der Länder durchgeführt wurde (Schätzungen zufolge wurden in der Zeit von Zar Peter I. bis zum Ende der Sowjetunion ca. 50 000 deutschsprachige Titel publiziert). 1938 hatte der Rat der Volkskommissare beschlossen, die Bestände der Historischen Bibliothek des Historischen Museums mit den Bibliotheken der Institute der Roten Professur (IKP) zusammenzulegen, wodurch die Staatliche Öffentliche Historische Bibliothek Russlands als Spezialbibliothek entstand. Deren Geschichte beschreibt Michail Afanas’ev in diesem schön illustrierten Band. Fischer, Joachim; Wethnann, Gabriele (eds.): Deutschsprachige Bücher in der Moskauer Historischen Bibliothek, Berlin, Kulturstiftung der Länder, Fritz Thyssen-Stiftung, 2003. 135 p. (Kulturstiftung der Länder. PATRIMONIA. 266). Siehe auch die Rezension von Peter Vodosek unter http://www.bibliothek-saur.de/preprint/2004/vodosek.pdf. Heiner Bröckermann, Militärgeschichtliches Forschungsamt Potsdam: Digitalisierungsprojekt der Protokolle des Nationalen Verteidigungsrates der DDR 1960 – 1989. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) erstellt in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv und dem Institut für Zeitgeschichte München – Berlin eine Website mit den digitalisierten Akten der Protokolle des Nationalen Verteidigungsrates der DDR von 1960 bis 1989. Nach einer Testphase ab November 2007 wird das Projekt im Frühjahr 2008 der Öffentlichkeit präsentiert. Es wird von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Die bis Anfang 1990 streng geheimen Akten des Nationalen Verteidigungsrates (NVR) der DDR sind für dessen Erforschung als Schlüsselinstrument der Sicherheits- und Militärpolitik der SED von entscheidender Bedeutung. Die Protokolle seiner Sitzungen dokumentieren neben den eigentlichen militärischen Sicherheits- und Verteidigungsanstrengungen des SED-Regimes die umfassende Militarisierung von Staat und Gesellschaft in der DDR und erlauben auch einen Blick auf die NATO von außen. Ferner spiegeln die Dokumente den Aufbau des Warschauer Paktes als Instrument zur Wahrung der sowjetischen Hegemonial- und Sicherheitsinteressen in Osteuropa wider. Sie ermöglichen somit tiefe Einblicke in entscheidende Dimensionen des ostdeutschen und des sowjetischen Herrschaftssystems. Nach Ansicht der Projektpartner sollten die Akten des NVR der DDR Wissenschaftlern in aller Welt sowie einer breiteren, interessierten Fachöffentlichkeit ohne Beschränkung zugänglich gemacht werden, da sie für die Erforschung der Sicherheits- und Militärpolitik von SED, Warschauer Pakt und UdSSR von essentieller Bedeutung sind. Die Veröffentlichung der mehr als 20 000 Blatt umfassenden Sitzungsprotokolle des NVR von 1960 bis 1989 nebst Anlagen im Publikationsmedium Internet bietet dafür die Voraussetzung. Wissenschaftler in Osteuropa, deren einzige Quelle aus Mangel an Finanzen zumeist das Internet ist, bekommen so einen unbeschränkten und vergleichsweise kostengünstigen Zugang zu historisch bedeutenden Aktenbeständen, die auch für die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte ihrer eigenen Staaten von erheblicher Bedeutung sein können und es zugleich ermöglichen, Besonderheiten der von Westeuropa nach 1945 teilweise abgekoppelten gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Osteuropas besser zu verstehen. Zudem sollen ehemalige Ostblockstaaten angeregt werden, ebenfalls ihre Akten für die Wissenschaft besser zugänglich zu machen. Auf der Internetplattform des Projekts wird ein Bereich für die ehemaligen Staaten des Warschauer Vertrags Albanien, Bulgarien, Polen, Rumänien, Tschechoslowakei, Sowjetunion und Ungarn geschaffen, der Forschern aus diesen Ländern die Möglichkeit eröffnet, über die Verteidigungsräte ihrer Länder und den Verbleib der dazugehörigen Akten zu informieren. Hierbei wirken z. B. die international anerkannten Professoren Andrzej Paczkowski für Polen und Jordan Baev für Bulgarien mit. Section III: Research Projects, Books and Doctoral Dissertations – Work in Progress. Kasper Braskén, Åbo Akademi University, Turku (Finland): Internationale Arbeiterhilfe and Comintern in Weimar Germany as a Network of Mutual Dependence? A Research Report (Doctoral Thesis). Between the two world wars the Internationale Arbeiterhilfe (IAH) developed under the auspices of the Communist International from a solidarity movement into a vast mass organisation with its nucleus in Weimar Germany. The IAH became a significant organisation not only in Germany, but also on a global scale, ranging from Central Europe, the Nordic countries and Russia to America, China, Japan, Australia and South Africa. The German IAH-section was however the most important of them all, and this evidence motivates a delimitation of the subject to the German context. The aim of my research is to examine critically the IAH as an organisation and its development within the German left, its transformation into a mass organisation and its network with the Comintern, 1921–1935. The IAH was officially non-committed in party politics, or überparteilich as it was called, and strove to unite the entire working class and its sympathisers under the utopian dream of international solidarity. In confidence the communist leaders within the IAH upheld intensive contact with Moscow, although the IAH’s public image sustained the notion of an intellectually free leftist forum. A systematic analysis of the IAH’s organisational development and the network created between the German IAH-section and Comintern has not yet been presented and fundamental questions remain unanswered. Previous research does not reflect the empirical knowledge concerning the IAH or the organisation’s networks made possible by the opening of the Moscow and Berlin archives. The only exception consists of the IAH’s legendary leader Willi Münzenberg, although the judgements may be regarded as very problematic.1 To overcome the empirical problem my research will be based on extensive source material from the Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI, Moscow) and the Bundesarchiv (SAPMO-BArch, Berlin). Since academic research cannot reduce itself merely to a source – based reconstruction, the work is intensely connected to the theoretical problem of perspective. Instead of emphasising the hierarchical structure of the IAH, the aim of my research is to utilise a network approach as a means to eliminate the breach between the historical persons and the grand structures of society. In contrast to traditional organisational theory the network perspective strives for an investigation not only of the highest leadership, but also of the organisation itself and the networks below it. The hypothesis of my doctoral thesis is that the categorisation of the IAH into the front organisation paradigm should be superseded by a correlation of the IAH with the concept of Non Governmental Organisations and new solidarity movements. This perspective combines the national and international contexts, and therefore puts emphasis on the mutual dependence between the IAH and Comintern, highlighting the complex networks and the contemporary actors of the time. The IAH was built in order to extend concrete aid to workers in despair and to promote universal ideas of solidarity through an innovative media apparatus. It is of central significance, how and why the IAH managed to affect millions of workers and intellectuals before its ultimate failure. The research concerning the IAH is connected to, and an integral part of the grand scientific disputes concerning German and international leftist radicalism and utopian aspirations between the two world wars. Simultaneously, it deals with Willi Münzenberg, his character and his vast networking activities with communists, leftists and intellectuals of the time. The research is carried out in close collaboration with my supervisor Professor Holger Weiss and researcher Fredrik Petersson. Further information about the project and the Comintern research at Åbo Akademi University in Finland can be found at http://web.abo.fi/fak/hf/hist/forsk_komintern_work.htm. Anne Hartmann, Lotman-Institut, Ruhr-Universität Bochum (Germany): »Ich kam, ich sah, ich werde schreiben«. Lion Feuchtwanger, Moskau 1937. Eine Dokumentation. Lion Feuchtwangers schmales Buch Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde hat bei seinem Erscheinen heftige Proteste ausgelöst und gilt bis heute als skandalös. Das Buch dient als beschämendes Zeugnis für die Verblendung, ja den Verrat der Intellektuellen, schließt es doch mit einem dreifachen »Ja« zur Sowjetunion, das Stalin und die Schauprozesse einbezieht. Da sich alle Aufmerksamkeit auf das Ideologieprodukt Reisebericht konzentrierte, trat Feuchtwangers Aufenthalt als konkretes Ereignis völlig in den Hintergrund. Er soll in dem Projekt so minutiös und facettenreich wie möglich rekonstruiert werden. Lion Feuchtwangers Sowjetunionreise war lange geplant, kam aber erst im Dezember 1936 / Januar 1937 zustande, d. h. kurz nach Erscheinen von André Gides distanziertem Russlandbuch Retour de l’U. R.S.S. und während des sogenannten zweiten Trotzkistenprozesses gegen Karl Radek, Georgi Pjatakow u. a. Die »Widerlegung« von Gides Buch, das Interview, das Stalin Feuchtwanger am 8. Januar 1937 gewährte, und die Beobachtungen im Gerichtssaal stehen im Mittelpunkt von Moskau 1937. Hintergrund aller Wertungen des in die Emigration getriebenen Schriftstellers ist indes die welthistorische Gegenüberstellung von nationalsozialistischer »Barbarei« und dem sowjetischen Reich der »Vernunft«. Politische Faktoren bestimmten auch die Rezeption: Als der Reisebericht im Frühsommer 1937 im Amsterdamer Querido-Verlag erschien (noch im selben Jahr wurde eine russische Ausgabe in 200 000 Exemplaren aufgelegt), zeigten sich auch Freunde wie Arnold Zweig enttäuscht. In der Exilpresse wurde Feuchtwanger deshalb heftig angegriffen (so von Leopold Schwarzschild und Kurt Hiller); die Rechtfertigungen (besonders von Ernst Bloch) trugen nicht dazu bei, den Streit zu entschärfen, sondern machten das Scheitern der Volksfront und den Bruch innerhalb der Emigration nur umso deutlicher. Moskau 1937 blieb ein irritierender Fremdkörper in Feuchtwangers Werkbiographie und Grund dafür, dass ihm die US-Behörden die amerikanische Staatsbürgerschaft verweigerten. Trotz mancher Zweifel und Vorbehalte bekennt sich Feuchtwanger in seinem Reisebericht entschlossen zur UdSSR und ihren Zukunftsversprechen. Dabei belegen die Rechenschaftsberichte der sowjetischen Dolmetscherin sowie Aufzeichnungen von Zeitzeugen Feuchtwangers durchaus kritische Haltung während seines Aufenthalts, ein Widerspruch, der zunächst nicht aufzulösen, sondern zu rekonstruieren ist: Das Projekt will zu einer »dichten Beschreibung« der Reise gelangen und deren Vorbereitung, Durchführung, Auswertung und Resonanz anhand damaliger Veröffentlichungen und unpublizierter Materialien (deutsche und russische Tagebücher, Archiv-Dokumente, Briefe, Memoiren, Zeitungsartikel, Rezensionen usw.) dokumentieren und kommentieren. Diese Annäherung verspricht neue Erkenntnisse über die Eindrücke, die der Schriftsteller im Verlauf der Reise gewann, über das, was er sah, was er öffentlich machte bzw. retuschierte oder überging. Ein einleitender Essay wird der Frage nachgehen, warum Feuchtwanger sein besseres Wissen verschwieg bzw. ob und wie Moskau 1937 neu zu lesen wäre. Alix Heiniger, Université de Genève (Switzerland): Comités »Freies Deutschland« à l’Ouest, résistance et exil allemands contre le Nazisme. Doctoral Thesis.2 Les mouvements »Freies Deutschland« à l’Ouest sont fondés en août et septembre 1943, après la fondation du »Nationalkomitee ›Freies Deutschland‹« (NKFD) en juillet par les membres de la direction en exil du Parti communiste allemand (KPD) et des militaires allemands prisonniers de guerre. D’autres comités pour une Allemagne libre et indépendante émergent dans les mois qui suivent la création du NKFD sur le continent américain et européen. Il y a des comités en Grande-Bretagne, au Mexique, au Chili et même en Grèce. Il semble que les groupes d’exilés communistes aient compris la création du NKFD comme un mot d’ordre à appliquer là où ils se trouvaient. Voir : Gottfried Hamacher (dir.), Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland«. Kurzbiografien, Berlin, Karl Dietz Verlag, 2005. Cette recherche se limitera aux comités »Freies Deutschland« fondés en France, Belgique, Luxembourg et Suisse. Ce choix se justifie par plusieurs raisons. D’abord parce que l’histoire des militantes, militants et de l’organisation de »Freies Deutschland« dans ces quatre pays est liée. Pour certains communistes allemands, initialement réfugiés en France, la Suisse a servi de position de repli et pour une partie des militants, elle était une étape sur le chemin du retour en Allemagne. Deuxièmement, la France, la Belgique et le Luxembourg ne peuvent être séparés dans l’étude car la direction communiste les envisage comme une seule aire géographique pour leurs activités. Enfin, les organisations dans ces quatre pays sont les moins bien étudiées.3 Le NKFD à Moscou a déjà suscité une abondante littérature dans les deux Allemagnes ainsi qu’après leur réunification.4 Dans ce travail, ne seront traités les liens qu’il entretient avec les autres comités et les influences qu’il a pu avoir sur ces derniers. Comme son grand frère d’Union soviétique, le Comité »Allemagne Libre« pour l’Ouest (CALPO) est fondé par des cadres du KPD qui représentent la direction du parti en zone ouest, c’est-à-dire, la France, la Belgique et le Luxembourg. Le comité en Suisse est aussi fondé par des communistes allemands exilés, dont une partie est internée dans un camp de travail pour émigrants. Mais les différentes organisations ne limitent pas les membres aux seuls communistes, elles ont pour but de rassembler tous les opposants au nazisme dans une stratégie de front commun. Dans le manifeste fondateur du NKFD, repris par les autres comités, l’organisation se définit comme une union de tous les antifascistes opposants au IIIe Reich, ayant pour buts la chute du national-socialisme, une fin rapide de la guerre et l’instauration d’un gouvernement démocratique et indépendant en Allemagne en bonne entente avec les autres démocraties et l’U. R. S. S. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Laura Polexe, DFG-Graduiertenkolleg 1288, Freiburg / Basel (Germany – Switzerland): Freundschaft und Netzwerke am Beispiel der Sozialdemokraten Rumäniens, Russlands und der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts. Dissertationsprojekt. Anfang des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der Sozialdemokraten und Revolutionäre in Rumänien und Russland verfolgt wurden, kam den Netzwerken und Verbindungen zum westlichen Europa, insbesondere zur Schweiz, eine äußerst wichtige Bedeutung zu. Aufgabe meines Dissertationsprojekts soll es sein, die Lebenswelten und Beziehungen rumänischer, russischer und schweizerischer Sozialdemokraten aus dem Blickwinkel der Freundschaft, unter besonderer Berücksichtigung der Netzwerke, in denen sie agierten, zu beschreiben und zu analysieren. Die Kategorie »Netzwerk« dient dabei dazu, Strukturen persönlicher Beziehungen und deren Wirkungen für (politisches) Handeln herauszuarbeiten, die in traditionellen Arbeiten nicht ausreichend gewürdigt wurden. Die Beschreibung von Kommunika-tionsprozessen einzelner rumänischer, russischer und schweizerischer Sozialdemokraten mit ihrer sozialen Umwelt, von Wechselwirkungen mit der Umgebung, den materiellen Bedingungen, den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen und den vorherrschenden Ideologien soll deren Lebenswelten aus der Akteurs-perspektive rekonstruieren. Denn durch die Analyse der kommunikativen Handlungen und Diskurse der Akteure über nationale Grenzen hinweg erschließen sich soziale Strukturen sowie politische Systeme und Geschehnisse. Die Art von Beziehungen, die Rolle, die Funktion und das Verständnis von Freundschaft, die Frage nach den Praktiken innerhalb dieser Beziehungen, nach dem Selbstverständnis der Akteure, nach Sinnbildung und Kommunikationsprozessen sowie das Zusammenwirken von Freundschaft und Patronage innerhalb des sozialdemokratischen Netzwerks sollen thematisiert werden. Gibt es eine spezifisch sozialdemokratisch-revolutionäre Form der Freundschaft, mit einer eigenen Semantik und mit eigenen Ritualen, die sich von »bürgerlichen« Formen unterscheidet? Besondere Beachtung soll Christian Rakovskij finden, der eine zentrale Position im Netzwerk der osteuropäischen Sozialdemokratie innehatte. Rakovskij war mit Constantin Dobrogeanu-Gherea, Lev Trockij, Angelika Balabanova, V. I. Lenin, Robert Grimm, Alexander Helphant »Parvus«, Karl Kautsky u.v.m. gut bekannt oder befreundet und gilt als einer der Mitorganisatoren der »Zimmerwalder Konferenz« 1915. Die vielfältigen Beziehungen zwischen den russischen, rumänischen und schweizerischen Sozialdemokraten sollen sichtbar gemacht und untersucht werden, um zusätzlich die Frage nach dem Einfluss westlicher Ideen auf die osteuropäische Arbeiterbewegung und umgekehrt zu berücksichtigen. Es ist das Ziel dieses Projekts, einen Beitrag zur Arbeitergeschichte Osteuropas und der Schweiz zu leisten – durch die Betrachtung und Analyse vergangener Realitäten, Diskurse und Erfahrungen aus der Perspektive der Akteure und die Anwendung der Kategorien Freundschaft und Netzwerk als Schlüssel zum Sozialen und zur Ebene der Kommunikation. Kristene Unsworth, University of Washington, Seattle (USA): Identifying the Enemy. Social Categorization and National Security Policy. PhD-Project. We use categorization to make sense of our world, to identify what we recognize and what is unfamiliar. Classification schemes used by government officials to determine potential threats to national security have also been based on these immediate types of categorizations. This dissertation project focuses on how personal information is categorized and used to identify threat. The driving hypothesis of the research asks if, on a broad scale, we assume a certain ideological background and a concern for security based within that ideology. Will we see social categorizations that are ultimately oppressive, and must the use of these categorizations result in excessive exercises of power? Historically, perhaps two of the most well organized and pervasive systems of data collection were those conducted under the auspices of the Ministry for State Security (MfS) in the former German Democratic Republic, whose primary goal was to »know everything about everyone«, and in the United States, the McCarthy era has the dubious honor of being defined by excessive use of surveillance and false accusations to protect an ideology that many in the government at that time felt was threatened. This dissertation will examine the process of social categorization through a critical discourse analysis of terms used by the Ministry for State Security and defined in Das Wörterbuch der Staatssicherheit.5 The genealogy of these terms, between contemporary use and bureaucratic function, will be compared with similar terms used in the United States by the un-American Activities Commission created during the McCarthy era to identify potential threats to US national security.6 The primary focus of this research is not to examine the effects of social categorization on individuals but to begin to understand the process by which categories that are used to identify threat or difference at an individual level are also implemented at the level of government policy where their use is far reaching both in practice and effect. Holger Weiss, Åbo Akademi University, Turku (Finland): Anglophone West African Radicals and the Comintern Connection. Report on a Reseach Project by the Research Director. The political history of African articulation of criticism of the colonial state and the colonial economy is usually analyzed in the context of Panafricanism or in a national perspective. The combination of the two perspectives has hitherto resulted in a general narrative highlighting of the achievements and ›grand story‹ of the generation of African intellectuals, trade unionists, independence activists and key political actors in the various independence movements. Such a narrative puts emphasis on the post-1945 era, i.e., one that started with the 1945 Fifth Pan-African Congress in Manchester. However, present at the 1945 Congress were also representatives of an earlier generation of African political activists, such as George Padmore, Isaac Theophilius Akunna Wallace-Johnson and Bankole Awoonor Renner. One factor that combined these three activists was their previous engagement with various left-wing front organizations connected to or under the auspices of the Comintern during the 1920s and 1930s. Although the existence of such links has been known and has been discussed both by the colonial authorities and contemporary researchers, the overall picture is still superficial as previous research either regarded the Comintern-connection as a mere episode in the nationalist awakening in Africa or portrayed it as an unsuccessful attempt by the Comintern and the Bolsheviks to infiltrate Africa. Both perspectives are not totally wrong: there were never many Africans who had direct links with Moscow, and Comintern infiltration was never successful. However, as this study will argue, such a backwards-reading of history somewhat distorts the relative intensity of networks that were planned to be established – and, eventually, did exist, though only for a short period. Thus, instead of treating the Comintern-link as a failed story in the overall development of African nationalism between 1925 and 1940, this study will use an actor-oriented and forward-looking perspective in which connections with communist and radical movements are discussed as one rational option by those engaged. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Gerben Zaagsma, European University Institute, Florence: Jewish-born volunteers in the Spanish Civil War. PhD-Project. This project focuses on the symbolic meaning of the participation of volunteers with a Jewish background in the International Brigades during the Spanish Civil War (1936–1939). The thesis is divided in two parts: 1) An analysis of the existing historiography on the participation of volunteers of Jewish extraction in the Spanish Civil War focussing especially on the sensibilities that form this body of historiography, its agenda and the way ideological concerns have shaped the writings of certain authors. This entails a reconstruction of the ›debate‹ among various actors in Europe, Israel and the United States, and an exploration of its place within the wider debate on Jewish resistance against fascism and nazism, as the participation of ›Jewish volunteers‹ in the Spanish Civil War is often inscribed into a larger Jewish resistance narrative that aims to counter the myth of Jewish non-resistance in the face of the Holocaust. In addition to historiography some attention is also paid to the post-war Yiddish press and initiatives taken by Jewish veterans in order to commemorate their experiences and those of former comrades, in the form of monuments and special meetings. Thus, the various ways in which the participation of ›Jewish volunteers‹ have been confronted and evaluated, and through which they have been and are still remembered, are highlighted. 2) A case study on Jewish communists in Paris and an analysis of the way in which they dealt with the Spanish Civil War as reflected in their newspaper, Naye Prese. The choice for this group stems from their involvement in the creation of the Jewish Naftali Botwin company in December 1937 as part of the 13th Polish Dombrowski Brigade. The aim here is twofold. Of course this case study serves to test a number of assumptions about the role and motivation of Jewish volunteers prevalent in the existing historiography. More importantly, however, it is a case study to look at the relationship between Jews and the Left in the 1930s, a specific prism to study the various uses and constructions of Jewishness among Jewish leftists, especifically Jews in the communist movement: after all, the involvement of Parisian Jewish communists in the formation of the Naftali Botwin company and its use among Parisian Jews as a symbol of the Jewish struggle against fascism and antisemitism, raises questions about the strategies and allegiances of this particular group of communists of Jewish descent. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Internationales Netzwerk zur vergleichenden Erforschung der totalitären Bewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/ Das ZIMOS an der Katholischen Universität Eichstätt plant ein »Internationales Netzwerk« zur vergleichenden Erforschung des Bolschewismus und des Nationalsozialismus. Folgende laufende bzw. geplante Projekte sollen in das Netzwerk einbezogen werden: 1. Zur politisch-ideologischen Genese und Entwicklung des Bolschewismus und des Nationalsozialismus (Leonid Luks, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt). 2. Endkampf und Endzustand. Chiliastische Elemente in der stalinistischen und der nationalsozialistischen Ideologie und Ästhetik (Alexei Rybakov, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt). 3. Fedor Stepuns Analyse des Bolschewismus und des Nationalsozialismus (Vladimir Kantor, Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau). 4. Die Rolle des Militärs im stalinistischen und im nationalsozialistischen Regime (Gytis Gudaitis, Vilnius/Eichstätt). 5. Der antitotalitäre Widerstand – das Dritte Reich und die stalinistische Sowjetunion im Vergleich (Aleksandr Vatlin, Moskauer Staatsuniversität – MGU). 6. Sowjetische Kriegsgefangene im Dritten Reich und deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion – ein Vergleich (Boris Chavkin, Moskau – Mitherausgeber der Zeitschrift Nowaja i nowejschaja istorija). 7. Zwischen Machtkalkül und Ideologie – zur Doppelgleisigkeit der sowjetischen und der nationalsozialis-tischen Außenpolitik (Karsten Ruppert, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und Leonid Luks). 8. Die nationalsozialistische und die stalinistische Kriegswirtschaft (Frank Zschaler, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, und N. N. –  dieses Projekt befindet sich in der Planungsphase). 9. Die Ideologie der postsowjetischen KPRF in historischer und vergleichender Perspektive (Andreas Umland, Jena / Kiew). 10. Politische Justiz unter Lenin, Stalin und Hitler. Vergleichende Untersuchungen zur Herrschafts- und Rechtspraxis in der Sowjetunion und im Dritten Reich (Jürgen Zarusky, Institut für Zeitgeschichte, München). Das Netzwerk ist auch für andere Projekte, die sich mit der vergleichenden Erforschung der totalitären Diktaturen rechter und linker Prägung befassen, offen. Dissertations on Communism-related topics at Russian universities in the years 2006–2007. Compiled on the basis of the journal Otečestvennaja Istorija. • Abylgaziev, Igor’ I.: Vzaimootnošenija SSSR, Kitaja i Mongolii v 20-ch – načale 30-ch godov XX v. Problemy internacional’noj solidarnosti. (Russian Academy of Economics »G. N. Plechanov«). [The relations of the USSR, China and Mongolia in the 1920s and the beginning of the 1930s. Problems of international solidarity]. • Astanina, Larisa V.: Mežnacional’nye otnošenija v Sovetskoj Rossii i formirovanie gosudarstvennoj nacional’noj politiki (1917–1936 gg.). (Moscow Pedagogical State University). [Relations between nationalities in the Soviet Union and the forming of a state nationalities policy. 1917–1936]. • Bystrova, Nina E.: SSSR i formirovanie voenno-blokovogo protivostojanija v Evrope. 1945–1955 gg. (Institute of Russian History, Russian Academy of Science). [The USSR and the forming of military block confrontation in Europe 1945–1955]. • Černyševa, Anna V.: Mechanizm gosudarstvennogo upravlenija derevnej v 1920-e godu. (Russian Academy of State Service at the President of the RF). [The mechanism of state control over the village in the 1920s]. • Čurakov, Dimitrij O.: Rabočie Rossii i stanovlenie sovetskoj gosudarstvennosti. Pričiny, dinamika i metody preodolenija rabočego protesta. Konec 1917–1918 god. (Moscow Pedagogical State University). [Workers of Russia and the beginning of Soviet rule. Reasons, dynamics and methods of overcoming workers’ protest. Late 1917–1918]. • Dam’e, Vadim V.: Meždunarodnoe sindikalistskoe dviženie i sozdanie Berlinskogo internacionala profsojuzov. 1918–1923 gg. (Moscow State University »M. V. Lomonosov«). [The international syndicalist movement and the foundation of the Berlin international of trade-unions. 1918–1923]. • Gorlov, Vladimir N.: Žiliščnoe stroitel’stvo v Moskve kak sociokul’turnaja problema. 1953–1991 gg. (Moscow Region State University). [Housebuilding in Moscow as a socio-cultural problem. 1953–1991]. • Kozlova, Irina E.: Istoričeskaja pamjat’ rossijskogo krest’janstva v XX veke. (Samara State University). [Historical memory of the Russian peasantry in the 20th century]. • Maslova, Irina I.: Ėvoljucija veroispovednoj politiki sovetskogo gosudarstva i dejatel’nosti Russkoj pravoslavnoj cerkvi. 1959–1991 gg. (Moscow Pedagogical State University). [The evolution of confession politics of the Soviet state and of the activity of the Russian Orthodox Church 1959–1991]. • Nadeždina, Vera A.: Gosudarstvennaja social’naja politika na Južnom Urale v gody nėpa. 1921–1929 gg. (Russian Academy of State Service at the President of the RF). [The state’s social politics in South Ural in the years of the NEP. 1921–1929]. • Savin, Valerij A.: Gosudarstvennye archivy RSFSR v 1918–1941 gg. Formirovanie, organizacija, kommunikacija, upravlenie. (Samara State University). [State archives of the RSFSR 1918–1941. Formation, organisation, communication, administration]. • Sokolov, Aleksandr S.: Finansovaja politika Sovetskogo gosudarstva v gody nėpa. 1921–1929 gg. (Moscow State University »M. V. Lomonosov«). [The financial politics of the Soviet state in the years of the NEP. 1921–1929]. • Tkačev, Veniamin I.: Formirovanie mechanizma partijnoj vlasti v sovetskoj političeskoj sisteme. Oktjabr’ 1917–1930-e gody. Na materialach Povolž’ja. (Saratov State Social-Economical University). [The forming of the mechanism of party rule in Soviet politics. October 1917–1930s. On the materials of the Volga region]. • Trutu, Vladimir P.: Kazačestvo Rossii v period revoljucij 1917 goda i na načal’nom ėtape Graždanskoj vojny. (Rostov State University). [The Cossacks of Russia in the period of the 1917 revolutions and the beginning of the Civil War]. »Sozialfürsorge im Staatssozialismus« – Call for Papers. Vom 23. bis 24. November 2007 hat an der Universität Siegen unter Leitung von Frau Prof. Dr. Sabine Hering die Fachtagung »Sozialfürsorge im Staatssozialismus« stattgefunden. Der Sammelband mit den Tagungsbeiträgen und weiteren Aufsätzen zum Thema wird im Herbst 2008 erscheinen. Wer etwas dazu beitragen möchte, wende sich bitte an: Hering@rektorat.uni-siegen.de »Archivare und Bibliothekare der Arbeiterbewegung« – ein biographisches Projekt. Der Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin plant, eine »Sammlung von Porträts« von Archivaren und Bibliothekaren der Arbeiterbewegung zusammenzustellen. Die Lebensgeschichten sollen in die »jeweilige historische Situation der Bewegung« eingeordnet werden. Interessierte werden gebeten, sich an d.goldbeck@web.de zu wenden. Projektabschluss Joachim Schröder »Internationalismus nach dem Krieg«. Die Dissertation »Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten« von Joachim Schröder (siehe: INCS 2007, S. 468 / INCS Online 2007, S. 42) ist nun als Monographie erhältlich: Schröder, Joachim: Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehung zwischen deutschen und französischen Kommunisten 1918–1923, Essen, Klartext, 2007. 400 S. Nationalism and Communism in Hungary. New Research Project. Dr. Martin Mevius has received a Veni grant from the NWO (Netherlands Organisation for Scientific Research) for his research on nationalism and communism in Hungary. He is conducting this research at the University of Amsterdam. The project runs from 2007 to 2011. His study concerns attempts by communist parties in Eastern Europe to establish themselves as national parties. In this they did not succeed. They were seen as »agents of Moscow« and were unconvincing patriots. In theory, communist regimes were supremely placed to »manufacture consent«: communist parties exercised unprecedented control over both the instruments of power and the media. But why then did they fail so spectacularly at gaining popular support? Two historiographical trends form the basis for this inquiry into the popular legitimacy of communist parties. First, recent studies on the relationship between nationalism and communism. Second, the social and cultural histories of especially Soviet communism, published since the 1980s. Hungary is used as a test case. Mevius will examine political decision making by Hungarian and Soviet leaders through detailed archival research. The impact these decisions had on the population will also be looked at, presenting a view from the Kremlin to the Hungarian peasant village. Developments in neighbouring countries will be touched upon in order to give the research broader relevance. Though this research is a case study, it is not a case by itself. By looking at the rulers, one can explain the motives, fears and hopes of communist leaders when emitting national propaganda. By looking at the ruled, the extent of their success can be measured. The result should be a publication that will provide new insight in the politics and societies of communist Eastern Europe. It should help explain the extent to which popular nationalism contributed to the downfall of communism in 1989, and, more fundamentally, make it possible to draw conclusions on the nature of totalitarian control. Mixed doctoral theses 2006–2007. • Chaullet, Fabienne (Dijon) : L’exposition internationale du surréalisme de 1938. • Demian, Angela (Paris) : La nation impossible? Identité collective et construction nationale en République de Moldova. • Di Maggio, Marco (Dijon) : L’eurocommunisme : à travers le rapport entre intellectuels et le parti communiste français dans les années 70. • Kirtchik, Olessia (Paris) : La question agraire en Russie au croisement du pouvoir et des sciences économiques : acteurs et discours (1929–2005). • Marinov, Tchavdar (Sofia) : L’Impasse du passé. La construction de l’identité nationale macédonienne et le conflit politico-historiographique entre la Bulgarie et la Macédoine. Tchmarinov@gmail.com • Nour Mahad, Ahmed (Dijon) : La gauche française et le fait colonial africain. • Renaud, Marie-Florence (Dijon) : Mémoires du franquisme et de la deuxième guerre mondiale. Leur transmission par la pédagogie scolaire en Espagne et en France. • Sumpf, Alexandre (Toulouse) : Le visage vers la campagne. Les bolcheviks et l’éducation politique de la paysannerie dans les années 1920. Section IV: Biographical, Regional and Institutional Studies. IV.1: Biographical Materials and Studies. Holger Weiss, Åbo Akademi University, Turku (Finland): E.A. Richards alias I.T.A. Wallace-Johnson? Some Notes about the Identity of West African Radicals. In 1927, the League Against Imperialism (LAI) was in contact with a certain E. A. Richards, who introduced himself as President of the Sierra Leone Railway Workers. Interestingly, E. A. Richards is said to be one of Isaac Theophilis Akkunna Wallace-Johnson’s (1894–1965) aliases, another being Wal(ter) Daniels.7 However, whether E. A. Richards in fact was Wallace-Johnson has puzzled historians.8 According to Edward T. Wilson, Richards alias Wallace-Johnson was blacklisted by the British colonial government in Sierra Leone having organized a strike there in 1926, went to sea and appeared in 1927 at the first conference of the LAI in Brussels.9 However, it is highly questionable whether Richards / Wallace-Johnson ever attended the February Brussels Conference: neither of the names is listed among the participants of that conference. On the other hand, Richards was certainly invited to the meeting of the General Council, i.e., the Second Brussels Conference, in December 1927. Further, Spitzer and Denzer argue that Wallace-Johnson, using the alias E. A. Richards, attended the First International Trade Union Conference of Negro Workers held in Hamburg in July 1930.10 As will be seen below, this assumption, too, is dubious. The problem of identification is connected to a larger subject, the Comintern network in West Africa. The documentation about a planned LAI West African secretariat is scanty. Before the 1927 December Congress, Louis Gibarti (alias Laszlo Dobos, secretary of the LAI) had sent a plan for action to Moscow. The schedule included a proposal to activate West African labour unions in an attempt to launch a campaign against ›Amsterdam‹, i. e. the International Unions influenced by Social Democrats and the Socialist International. Richards and the Sierra Leone Railway Workers were the only persons/organizations mentioned. It was also suggested by Gibarti that the African labour unions, namely those in Sierra Leone, the Gold Coast, Mozambique and South Africa, could be grouped under the umbrella of an African Labour Union.11 Another report – no author, most probably written soon after the 1927 December Congress – reveals that some of the proposed structural changes had been put forward at the Congress. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Sonia Combe, BDIC, Université de Nanterre (France): Die DDR-Forschung in Frankreich vor der Wende (1979–1989). Ein Zeitzeugenbericht. In dem persönlichen Erfahrungsbericht wird die Nützlichkeit »fremder« Blicke auf die nationale Geschichte am Beispiel der DDR-Forschung in Frankreich vor der »Wende« problematisiert. Anhand Pierre Bourdieus »analyse réflexive«, bei der es um das Verständnis für die Bedingungen intellektueller Produktion geht, wird ausgeführt, wie ideologisierte Sichtweisen (bspw. die Totalitarismustheorie) verhinderten, das Ende der DDR vorherzusehen. Vor allem, wenn es um die »eigene« Nationalgeschichte geht, ist der einzelne Autor nicht vor der Verinnerlichung der herrschenden Muster in der öffentlichen Meinung gefeit. So akzeptierte schließlich auch die Autorin, dass die französische Zeitung Libération im Juni 1989 den Abdruck eines Artikel ablehnte, in welchem sie aufgrund ihrer persönlichen Beobachtungen und Kontakte in der DDR die Symptome aufführte, die das Ende des Regimes ankündigten. Sie hatte Verbindungen zu intellektuellen Ost-Berliner Kreisen, in denen in Anlehnung an den Schriftsteller Volker Braun von der »Untergangsgesellschaft« gesprochen wurde. Der Tenor ihres Artikels passte jedoch nicht in vorherrschende ideologische Muster. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Bernhard H. Bayerlein, MZES, Universität Mannheim (Germany): Frauenschicksale im internationalen Kommunismus. Einige biographische Anmerkungen. Anhand der Biographien der im Rahmen des Internationalen Frauensekretariats, der Frauenabteilung der Komintern sowie der Zentralkomitees der kommunistischen Parteien tätigen Frauen sollen einige in früheren Artikeln geäußerte Hypothesen über das Schicksal der Frauenbewegung überprüft werden (siehe B. H. Bayerlein: Zwischen Internationale und Gulag. Präliminarien zur Geschichte der internationalen Frauenbewegung 1919–1945. In: INCS XII (2006), 19, S. 27–47 und id.: Zu Aufbau und Destruktion einer Fraueninternationale. Das Internationale Frauensekretariat der Komintern und die Frauenabteilung des EKKI. In: Ibid. XIII (2007), 20, S. 102–104). Dabei wäre anhand der Lebensbeispiele von neben Clara Zetkin, Kirsanova, Kollontaj oder Aino Kuusinen vielfach vergessenen, bemerkenswerten Frauen wie Marthe Bigot, Edith Schumann, Rosa Bloch, Lucie Colliard, Marguerite Faussecave, Varsenika D. Kasparova, Zinaida Lilina, Henriette Roland-Holst, Hanna Malm oder Dora Montefiore die Vermutung empirisch zu überprüfen, inwiefern das Engagement eines großen (und noch genauer zu bestimmenden) Teils der Akteurinnen der ersten Frauengeneration des internationalen Kommunismus sie zum Bruch mit dem Stalinismus und in vielen Fällen zum politischen Widerstand gegen ihn führte, oftmals unter Einsatz ihres Lebens. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ In the online edition, the following additional items are featured in this rubric: • An analysis of the Comintern cadres in Latin America by Katya Vladimirof, Kennesaw State University, US. • Extracts from the unpublished childhood memoirs of the late Fritz N. Platten, the son of the Swiss communist Fritz Platten. • Extracts from the unpublished memoirs of Berta Ploščanskaja, ECCI and Profintern employee, dealing with the Great Purges. IV.2: Regional Materials and Studies. Avgust Lešnik, University of Ljubljana (Slovenia): The Soviet-Yugoslav Conflict of 1948 − A Conflict Between Two Different Doctrines of Socialism? The present study deals with the causes and the consequences of the Yugoslav conflict with the Soviet Union in the time of the Cominform (1948–56). The Yugoslav and the Soviet concepts of socialist development were identical until the conflict with the Cominform (totalitarianism). The conflict arose only after the Yugoslav state and party leadership had refused to play an imposed subordinate role in its political and economic relationship with the Soviets. In this connection we must not overlook the fact that – unlike other socialist states – Yugoslavia was militarily, politically and otherwise independent from the Soviet Union. The imposed conflict, therefore, compelled Yugoslavia to search for its own way, which eventually led to the workers’ selfmanagement (1950). The Communist Party of Yugoslavia, despite its new programme (1952), did not give up its power and its leading role in the newly proclaimed selfmanagement society. In this way the newly formed socialist system could not break away from the Stalinist framework. The specific of the ›Yugoslav neostalinism‹ was in its transition from a totalitarian into an authoritarian system (Titoism). Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Rolf Wörsdörfer, Technische Hochschule Darmstadt (Germany): Partisanenkrieg und nationale Frage in Istrien: Das Ende des Giovanni-Zol-Bataillons (1943/44). Nach dem Zusammenbruch der italienischen Verwaltung, dem darauf folgenden Aufstand der Bauern und der Partisanen in Istrien und seiner Niederschlagung durch die deutsche Besatzung im September / Oktober 1943 waren die Halbinsel Istrien und der sich an sie anschließende Tschitschenboden ein besonders gefährliches Terrain für die Partisaneneinheiten geworden.12 Trotzdem kämpften italienisch und slowenisch orientierte Partisanenkommandanten zusammen mit dem entsprechend orientierten Teil ihrer Mannschaften um größtmöglichen Einfluss innerhalb des Widerstands. Die Auflösung des unter italienischer Führung stehenden Giovanni-Zol-Bataillons nach den Erschießungen italienischer Partisanen durch den slowenisch-kroatischen Istrski Odred im April 1944 ist neben den Ereignissen von Porzus in Ostfriaul, wo kommunistische Partisanen 1945 unter den Angehörigen der nichtkommunistischen Brigata Osoppo ein Blutbad anrichteten, ein besonders eklatanter Fall von Gewaltanwendung innerhalb des Lagers der antifaschistischen Partisanen. Anders als in Friaul, wo es sich um eine Abrechnung zwischen kommunistischen und antikommunistischen Kämpfern italienischer Orientierung handelte, waren in Istrien die Beziehungen zwischen italienischen und slowenischen Partisanen unmittelbar belastet, und zwar in einem doppelten Sinne: Zum einen konkurrierten verschiedene nationalkommunistisch definierte Partisanenkommandos miteinander, zum anderen war das Verhältnis zwischen den italienischen Kommandeuren und Kommissaren auf der einen und den einfachen slowenischen Partisanen (Mannschaftsdienstgraden) auf der anderen Seite konfliktreich (innerhalb derselben Partisaneneinheit). Den Ereignissen kommt auch deshalb eine spezifische Bedeutung zu, weil sie mit der Auflösung des Giovanni-Zol-Bataillons einhergingen, der letzten, relativ nahe bei Triest operierenden Partisanengruppe, die unter italienischer Führung stand; dies hatte fatale Folgen für das Kräfteverhältnis zwischen den nationalen Komponenten in Triest selbst. Die Ereignisse, die der Auflösung des Giovanni-Zol-Bataillons vorausgingen, können helfen, einen großen Teil der Schwierigkeiten zu verstehen, die sich im gemischtsprachigen Gebiet vor der Partisanenbewegung auftürmten. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ IV.3: Institutional Studies. Andreas Stergiou, Fakultät für Politik, Universität Kreta, Iraklio (Greece): Machtergreifung und Machtbesitz mit demokratischen Mitteln. Der Fall der zypriotischen kommunistischen Partei AKEL. Die Fortschrittliche Partei des Arbeitenden Volkes (AKEL) – unter diesem Namen ist die zypriotische kommunistische Partei bekannt – ist die älteste politische Partei Zyperns und die erfolgreichste marxistische Partei des Westens. Ihre Wurzeln gehen auf die zwanziger Jahre zurück, als sie unter dem Namen Kommunistische Partei Zyperns ins Leben gerufen wurde, aus der sich im Jahre 1941 die AKEL entwickelte. Die AKEL hatte in den folgenden Jahrzehnten nicht zuletzt aufgrund ihrer moderaten innenpolitischen Haltung so großen Erfolg, dass sie allmählich zur wichtigsten Partei der Mittelmeerinsel aufstieg. Das Paradoxe daran ist, dass dieser Erfolg weder die Folge einer sowjetischen Einmischung noch das Ergebnis einer Revolution war, obwohl sich die Partei nach außen hin stets einer orthodoxen marxistisch-leninistischen Rhetorik bediente und sich konsequent moskautreu verhielt. Innenpolitisch vermittelte die AKEL dagegen das Bild einer fest etablierten, staatstragenden Partei. Aufgrund ihrer konzilianten Haltung gegenüber den anderen Parteien und ihres moderaten Regierungsverhaltens während zahlreicher Amtszeiten erarbeitete sie sich das für kommunistische Parteien seltene Image eines in sozialökonomischen Fragen administrativ sehr kompetenten politischen Akteurs. Als entscheidender Faktor für die große Popularität der Partei erwies sich ihr Orga­ni­sationsnetz, das sich traditionell auf alle Bereiche und Schichten der zypriotischen Gesellschaft erstreckt. Dies ermöglichte den Kommunisten, sowohl anhaltend neue Parteimitglieder zu rekrutieren als auch rein sozialökonomische Ziele zu verfolgen. Für viele Beobachter ließe sich die AKEL daher eher als eine sozialdemokratische, mit den Traditionen der Dritten Internationale ummantelte kommunistische Partei charakterisieren. Nach Meinung des Verfassers handelt es sich jedoch vielmehr um eine Partei mit einem Gespür für die herrschenden Tendenzen in der öffentlichen Meinung, sodass es nicht abwegig wäre, die AKEL als eine im opportunistischen Sinne sehr kompetente Partei zu bezeichnen. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ In the online edition, the following additional items are featured in this rubric: • An overview of the Comintern publishing houses and press • A description of the Comintern’s »Trojan horse« tactics by Bernhard H. Bayerlein, Mannheim University, Germany. Section V: New Publications – Reviews and Reports. Weber, Hermann; Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin, Ch. Links Verlag, 2006. 480 S. (Bernhard H. Bayerlein und Gleb Albert). Der erste, 2002 erschienene Erinnerungsband Hermann Webers schildert unter dem Titel Damals, als ich Wunderlich hieß den Bruch des jungen Kommunisten (»Wunderlich« war sein Deckname als Kursant der SED-Parteihochschule) mit dem Stalinismus und seine Entwicklung zum kritischen Sozialisten während der beiden ersten Lebensjahrzehnte.13 Markante Episoden aus den folgenden 50 Jahren hat der Begründer des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung gemeinsam mit seiner Frau Gerda im zweiten Band seiner Erinnerungen beschrieben. Sie tragen den Titel Leben nach dem »Prinzip Links« und berichten über die Suche nach einem »dritten Weg« zwischen Stalinismus und Kapitalismus, das Engagement in der Wissenschaft, das ihn zum Nestor der deutschen Kommunismusforschung machte, die Karriere als Hochschullehrer an der Universität Mannheim, die vielfältigen (und durchaus erfolgreichen) Bestrebungen, die Archive des Kommunismus zu retten und nicht zuletzt die Dispute und Auseinandersetzungen mit (ehemaligen) DDR-Historikern vor und nach der deutschen Vereinigung. Mit den folgenden Auszügen aus dem Medienecho zu seinem neuesten – und persönlichsten – Buch schließt sich die Newsletter-Redaktion der Ehrung des Jubilars an. Dabei gilt es hervorzuheben, dass Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, der 2008 seinen achtzigsten Geburtstag feiert, weiterhin in zentralen Foren wissenschaftlicher Forschung tätig ist, nicht zuletzt als deutscher Leiter des Arbeitsschwerpunkts »Die Kommunistische Internationale und die deutsch-russischen Beziehungen« der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen (Berlin / Moskau). Seit 2003 sind in diesem Rahmen mehrere für die Beziehungsgeschichte des deutschen Kommunismus wesentliche Dokumentenveröffentlichungen erschienen, für das Jahr 2008 ist der Abschluss einer Grundlagenedition »Deutschland und die Komintern / Die Komintern und Deutschland 1919–1943« vorgesehen. Der Dank an Hermann Weber für die Unterstützung des International Newsletter ist verbunden mit dem Respekt vor seiner Leistung in der historisch-politischen Grundlagenforschung über die kommunistische Bewegung in Deutschland, deren zentrale Ergebnisse durch die Öffnung der Archive in Ost und West erhärtet worden sind. So kommentiert Wilhelm Fricke im Deutschlandfunk: »Das Buch von Hermann und Gerda Weber ist Autobiographie, Erinnerung, Zeitzeugenbericht und historische Analyse. Eine ehrliche Lebensbilanz, gewiss nicht frei von selbstgefälligen Zügen, wie sie Memoiren häufig aufweisen. Aber fraglos hat Hermann Weber auch Grund genug, auf seine Lebensleistung stolz zu sein. Sorgfältige Recherchen und Quellennachweise, Auszüge aus Stasi-Akten und anderen Dokumenten qualifizieren das Buch als validen Beitrag zur Zeitgeschichte und zur Historie des organisierten Kommunismus. Dabei blieben die beiden Webers ungeachtet allen Wandels ihrem Prinzip treu, dem ›Prinzip Links‹.«14 Jens Hüttmann schreibt in seiner Rezension: »All dies ist spannend erzählt, manche Passagen lesen sich wie ein Krimi. Aber mehr noch: Die Weber’schen Erinnerungen lenken die Aufmerksamkeit auf einen kritischen Punkt, der für die Historisierung der Bundesrepublik von zentraler Bedeutung ist: Bei aller Produktivität der seit längerem stattfindenden öffentlichen Auseinandersetzungen mit den ›68ern‹ kann heutzutage der Eindruck entstehen, die Linke in der Bundesrepublik sei erst mit der Studentenbewegung entstanden. Aber vor der ›Neuen Linken‹ gab es längst eine ›Alte Linke‹, die mittlerweile in Vergessenheit zu geraten scheint: ›Diese deutsche Linke hatte nichts mit den sich links drapierenden stalinistischen Kommunisten zu tun, sondern stand in der Tradition der klassischen demokratischen Arbeiterbewegung. Sie erstrebte einen demokratischen Sozialismus, trat ein für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Die meisten unterstützten in den 50er Jahren die Parole ‚Weder Ost noch West‘. In der breit gefächerten – wenn auch zahlenmäßig nur kleinen – Linken gab es keine einheitliche Programmatik, nur ansatzweise politische Strategien und kaum feste organisatorische Bindungen. […] Wir redeten uns die Köpfe heiß über die Aufgaben der Linken, suchten einen ‚dritten Weg‘ jenseits von Kommunismus und restaurativem Kapitalismus.‹ [...]Der Bruch mit der Partei bedeutete nie den Bruch mit den marxistischen Überzeugungen, aus denen die Webers heute ihr Leitbild ableiten: Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Geblieben ist außerdem ihr Lebensthema: Wie konnte eine emanzipatorische Sozialbewegung zum bürokratischen Terrorsystem verkommen?«15 Peter Brandt, Hochschullehrer und ältester Sohn Willy Brandts, würdigt in Utopie kreativ Hermann Weber und seine »Frau Gerda, mit der er über ein halbes Jahrhundert in Liebe und geistiger Eintracht verbunden ist«, als »eine Ausnahmeerscheinung, die aus einer anderen Epoche in die Gegenwart hineinragt. Weber, der im Jahr 2008 achtzig Jahre alt wird, macht sich in seinem jüngsten Buch fast leitmotivisch die bange Frage Heinrich Brandlers zu eigen: ›Bin ich verrückt, oder ist die Welt verrückt?‹ Es mag Hermann und Gerda Weber eine Genugtuung sein, dass nach den Exzessen des Imperialismus und der Weltanschauungsdiktaturen im 20. Jahrhundert sowie der globalen Entgrenzung des Marktkapitalismus an der Wende zum 21. Jahrhundert auch unter Jüngeren die Stimmen wieder zunehmen, die darauf abheben, es sei höchste Zeit, die ver-rückte Welt geradezurücken. Denn die Webers verstehen sich nach wie vor als demokratische Sozialisten in der Tradition der Arbeiterbewegung einschließlich ihres marxistischen Strangs.«16 Webers wissenschaftliches Streben charakterisiert Peter Brandt wie folgt: »In gewisser Weise ist das gesamte publizistische und wissenschaftliche Wirken Hermann Webers (sofern es dem Kommunismus galt, daneben entstanden Editionen und Darstellungen zur Gewerkschafts-, SPD- und Widerstandsgeschichte) darauf gerichtet, der Quasi-Annexion der Geschichte der modernen sozialen Bewegungen durch die Stalinisten und Poststalinisten zu widersprechen, die ›Säuberung‹ der Vergangenheit aufzudecken und auf diese Weise einen grundlegenden, niemals aufzuhebenden Widerspruch des kommunistischen Etatismus ins öffentliche Bewusstsein zu heben.«17 V.1: Reviews. Anderson, Kevin B.; Hudis, Peter (eds.): The Rosa Luxemburg Reader, New York, Monthly Review Press, 2004. 447 p. (Rezensiert von Ottokar Luban, Berlin). Es ist bemerkenswert, dass in den USA solch ein voluminöser, anspruchsvoller Rosa-Luxemburg-Auswahlband erscheinen kann und – nach Informationen der Herausgeber – in den ersten Jahren bereits mehrere tausend Mal verkauft werden konnte. Hier wird eine gute Zusammenstellung der wichtigsten Werke Luxemburgs – darunter erstmals in englischer Übersetzung ihr sog. »Credo« von 1911 – zusammen mit ausgewählten Briefen vorgelegt. Der ausführlichen Einleitung (24 S.) merkt man an, dass hier zwei fundierte Marx-Kenner am Werke sind. Der von Rosa Luxemburg in ihren Briefen als »Credo« bezeichnete Text lag bisher nur in einer aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzten Version gedruckt vor: Feliks Tych: Ein unveröffentlichtes Manuskript von Rosa Luxemburg zur Lage in der russischen Sozialdemokratie (1911), in: IWK – Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 27. Jg. (1991), H. 3, S. 339–357. Feliks Tych hatte das Originalmanuskript im damaligen ZPA des IML Moskau, heute RGASPI, entdeckt. Erfreulich, dass sowohl in der Einleitung wie in den Texten zwei Komplexe stark berücksichtigt werden: zum einen mehrere ökonomische Arbeiten Rosa Luxemburgs, die in den letzten Jahren auch Gegenstand von Referaten und Diskussionen bei Konferenzen in China, Italien und Japan waren,18 zum anderen wird Luxemburgs Beitrag zur feministischen Bewegung anhand einiger Reden und Schriften verdeutlicht, wobei die Herausgeber sich durchaus davor hüten, Luxemburgs Rolle auf diesem Gebiet zu überschätzen. Zur ökonomischen Thematik wurden längere Auszüge aus der Akkumulation des Kapitals und aus der Einführung in die Nationalökonomie sowie zwei Aufsätze aufgenommen, zur feministischen Thematik ihre Ansprache an die internationale sozialistische Frauenkonferenz von 1907 sowie drei Aufsätze. Der Band enthält – in einigen Fällen auszugsweise – einen Großteil der wichtigen Schriften Rosa Luxemburgs, sodass der Leser einen umfassenden Einblick in ihr Werk sowie – zusammen mit den Briefen – in die Persönlichkeit Rosa Luxemburgs bekommt. Die Auswahl verdeutlicht ihre verschiedenen Seiten: die brillant formulierende, engagiert und zugleich sachlich überzeugend argumentierende Publizistin, die polemische Agitatorin und – in den Briefen – die menschlich einfühlsame Freundin. Damit stellt der Band das englischsprachige Standardwerk für die Rosa-Luxemburg-Forschung dar. Die Herausgeber planen – als mehrjähriges Projekt – zusammen mit weiteren Kollegen aus den USA die Publikation der Gesammelten Werke Rosa Luxemburgs auf Englisch. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Barth, Bernd-Rainer; Schweizer, Werner (eds.): Der Fall Noel Field – Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa. Asyl in Ungarn 1954–1957. Bd. II, Berlin, BasisDruck, 2007. (Rezensiert von Wilfriede Otto, Berlin). Dem 2003 erschienenen ersten Band über den »Fall Noel Field« ist 2007 der Band 2 mit Dossiers aus den Jahren 1954 bis 1960 gefolgt. Der Historiker Bernd-Rainer Barth (Berlin) und der Filmautor Werner Schweizer (Zürich) dokumentieren das Asyl von Herta und Noel Field in Ungarn, ihren Kampf um Rehabilitierung sowie die in den politischen Führungsebenen der Volksdemokratien entstandenen Friktionen ob der zerstörten Agenten-Legende über den freundlichen Amerikaner. Der umfangreiche Anhang enthält u. a. die Kurzbiographien der in beiden Bänden vorgestellten wichtigsten Akteure und Register. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Dam’e, Vadim V.; Savina, I. S., Marianna B. Korčagina (eds.): Vlast’ i obščestvo v predstavlenii levych obščestvenno-političeskich dviženij, Moskva, IVI RAN, 2005. 297 p. (Rezensiert von Gleb Albert, Mannheim). In der vorliegenden Aufsatzsammlung des Moskauer Instituts für Allgemeine Geschichte widmen sich Historiker mehrerer Generationen der Frage nach dem Verhältnis linker Bewegungen zu Macht und Gesellschaft in Theorie und Praxis. Der Band umfasst eine große ideologische und zeitliche Spannbreite – von Austromarxisten und der SPD über die französische Studentenbewegung bis hin zu anarcho-syndikalistischen Bewegungen und der Komintern. Geographisch sind die Fallbeispiele ebenfalls breit gefächert, einige Studien zeichnen sich auch durch einen transnationalen Blick aus. Im Kontext der russischen Historiographie ist der Sammelband als Teil eines Paradigmenwechsels zu sehen, weg von sowjetischen und antisowjetischen Geschichtsschablonen und hin zu einer Geschichtsschreibung linker Bewegungen sine ira et studio. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Gorny, Yosef: Converging Alternatives. The Bund and the Zionist Labor Movement. 1897–1985, Albany, State University of New York Press, 2006, 309 p. (Rezensiert von Frank Wolff, Köln). Sowohl der Bundismus als auch der sozialistische Zionismus konnten ihre spezifischen Forderungen im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht umsetzen. Gorny beginnt sein Buch daher bildstark mit der Beschreibung einer bundistischen Gedenkfeier, der er 1999 in New York beiwohnte. In den gesungenen Liedern erkannte er jedoch Motive und Melodien des sozialistischen Zionismus wieder. Sind die Parallelen und Divergenzen auch historiographisch nachzeichenbar? Wie verhalten sich die beiden nationalen Modelle zueinander? Gorny setzt sich zum Ziel, eine Lücke zu füllen, indem er beide teilweise konkurrierenden, teilweise kooperierenden Bewegungen vergleichend von den Gründerjahren im späten Zarenreich bis zur Perestroika untersucht. Dieser Ansatz ist bemerkenswert, weil er sowohl die beiden vermeintlichen Pole Bundismus und Zionismus gemeinsam ins Visier nimmt, als auch einen weiten Bogen über den Holocaust hinaus spannt und somit Kontinuitäten im Bruch nachspüren kann. Gorny möchte die nationalen Programme und deren Umsetzung gegenüberstellen. Die Rezension reflektiert diesen Ansatz kritisch, sowohl in Bezug auf die wissenschaftlichen Ergebnisse als auch auf die persönlichen Implikationen des Autors. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni–mannheim.de/projekte/incs/ Hürtgen, Renate: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln / Wien, Böhlau Verlag, 2005. 356 p. (Reviewed by Mathieu Denis, Berlin / Montréal). Over the past decade, Renate Hürtgen has established herself as one of the foremost specialists on employment and labor in the German Democratic Republic (GDR). In her first monograph the author focuses on the function and power of the trade unions’ Vertrauensleute, or shop floor representatives, the lowest echelon in the East German union structures. Of all trade union officials, she claims, the shop floor representatives were the closest to the average worker’s experience, which »makes them so useful in depicting the daily life at the workplace« (p. 189). Her book is in fact as much about them as it is about the relationships between the regime and the working population. While the spotlight focuses on the former, light is also shed on the latter: the structures of repressive measures at the workplace, the industrial social policy, gender issues at work, the options available to defend workers’ interests through the official channels, and the various forms of industrial conflicts. Renate Hürtgen’s book is captivating and develops an original perspective on many aspects of GDR labor and employment. Her strong theses never rely on one single outlook on the realities depicted, as different periods and sectors are looked at, and commonalities and differences between them stressed. In fact, the opposite criticism could be made: the abundance of details blur the main argument which sometimes is lost, until she returns to reiterate it in a few short sentences. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Ito, Narihiko (ed.): China entdeckt Rosa Luxemburg. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Guangzhou am 21./22. November 2004, Berlin, Dietz, 2007. 158 S. (Rezensiert von Eckhard Müller, Berlin). Seit 1981 haben Rosa Luxemburgs politisches Wirken und ihre Schriften stete Beachtung in China gefunden. Die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft hielt im November 2004 – 10 Jahre nach einer Tagung in Beijing – in Guangzhou (Kanton), Südchina, eine Konferenz mit dem Hauptthema »Rosa Luxemburgs Demokratievorstellungen« ab. Mitveranstalter waren das Institut für Weltsozialismus beim ZK der KP Chinas in Beijing, Universitäten aus Guangzhou sowie die Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. Einen Bericht über diese Tagung und eine Konferenz in Moskau gab Narihiko Ito, Präsident der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung des Jahres 2006. [Siehe auch den Konferenzbericht zur Tagung der Gesellschaft in Tokio 2007.] Der Tagungsband präsentiert Beiträge von 17 Geisteswissenschaftlern aus China, Deutschland, Indien, Japan, Norwegen, Österreich, Russland und den USA. Wenngleich im Mittelpunkt das Lebenswerk Rosa Luxemburgs und theoretische Fragen rund um das Thema Demokratie stehen, beziehen sich die Mehrzahl der Vorträge explizit auf aktuelle politische und ökonomische Entwicklungsprobleme der Modernisierung des Gastgeberlandes. Denn die Demokratisierung der KP Chinas und des politischen Systems der VR China gehören zu den proklamierten vordringlichen Aufgaben bei den politischen und ökonomischen Reformbestrebungen. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Kuljić, Todor: Kultura sećanja. Teorijska objašnjenja upotrebe prošlosti na zapadnom Balkanu [Memory Culture. Theoretical Explanations of the Use of the Past in the West Balkans], Beograd, Čigoja štampa, 2006. 355 p. (Reviewed by Avgust Lešnik, Ljubljana). The central research problem of the book by Todor Kuljić19 is the memory culture in the West Balkans. The author draws the attention to the conflicting cognitive value of the presented interpretations of the use of the past. Is the past a construction which integrates a group, a deliberate means of ruling, a symbol of pursued values or contents which moderate a necessary sense? The interpretations which have shown that the representations of the past are an important means of ruling are underlined as the most penetrating because the memory culture consolidates authorities and gives a social significance. The mobilizing role of the past is here explained most significantly. Ideology does not demolish knowledge about the past by cognitive criteria, but in a utilitarian way. Interests always arrange the relations between the public memory and oblivion as well as the ways of using memorized contents, while ideologies (which especially Marxists payed attention to), by showing specific as general, present the selective use of the past as authentic and non-distorted. To put it roughly: what is not useful for the ruling groups is forgotten. The power of memory is due to a possibility to impose successfully on an individual the belief of belonging to a community sharing collective memories, which strives to display its own interests as common ones. It is shown how normative memory in the form of myths and parahistoriography moderates the identity and justifies the power easily. The essence of a critical memory culture is to decipher the causes of imposing and acce­pting a distorted past of this kind. In attaining this objective the ideology critique approach is estimated as the most fruitful. Although less critical, some useful aspects of constructivism, hermeneutics and symbolism are not rejected. Despite a principal scepticism about postmodernism, when analyzing the use of the past the relation between deconstruction and ideology critique is not reduced to a mutually exclusive one. The focus lies on the possibility of their mutual completing. This book by Prof. Todor Kuljić (Faculty of Arts in Belgrade, Department of Sociology) is undoubtedly a pioneer work in the research field of memory culture, but hithertho neglected in the West Balkans’ historiography. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Rizman, Rudolf Martin: Uncertain Path. Democratic Transition and Consolidation in Slovenia, College Station, Texas A&M University Press, 2006. 240 p. (Reviewed by Avgust Lešnik, Ljubljana). This case study, in six chapters, offers a detailed sociological explanation for the emergence of independent statehood and democracy in Slovenia after the collapse of the Communist regime and within the global context of the third wave of democratization (1974–1990). The primary aim of this work is to identify, link, and thoroughly examine those salient factors and processes that were or are still crucial in determining the two phases of democratic transformation in Slovenia: transition (initiation) and consolidation (habituation). After the theoretical introduction the author discusses in chapter one (»From a People to a Nation State«) the role of various factors, both domestic and international, that led to the break-up of the Yugoslav state and its Communist system, and offers an explanation for the emergence of an independent Slovenia. The second chapter (»The Emergence of Political Pluralism«) analyses the centrality of civil society in undermining the political viability and legitimacy of the party state. In the third chapter (»Intellectuals and Politics«) the author examines the different roles that intellectuals played in the authoritarian political realm. The fourth chapter (»The Church and Religion after Communism«) discusses the difficult relationship between the Church and state, the Church and society, and Catholicism and democracy, respectively. The fifth chapter (»The Radical Right Challenge«) examines the most immediate threats to the newly established democracy, coming from the various extremist political factions, and gives an attempt to identify their social profile and international context. In the final chapter six (»In Lieu of a Conclusion: Towards Democratic Consolidation«) the internationally recognized author presents the major findings of the study and locates the Slovene pattern of democratization within Eastern and Central European and third wave contexts, illuminating new research challenges. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Studer / Haumann, Hellbeck, Unfried: Neue Veröffentlichungen zur »Ego-Histoire« des Stalinismus. (Klaus-Georg Riegel, Trier). • Studer, Brigitte; Haumann, Heiko (eds.): Stalinistische Subjekte. Stalinist Subjects. Sujets staliniens. Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern. 1929–1953, Zürich, Chronos, 2006. 556 S. • Hellbeck, Jochen: Revolution on My Mind. Writing a Diary Under Stalin, Cambridge/MA., Harvard University Press, 2006. 460 p. • Unfried, Berthold: »Ich bekenne«. Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik, Frankfurt am Main, Campus, 2006. 385 S. (Studien zur historischen Sozialwissenschaft. 31). Der Titel des von Studer und Haumann edierten Sammelbandes Stalinistische Subjekte signalisiert einen Paradigmenwechsel in der Beschreibung und Analyse des Stalinismus im Zeitraum von 1929 bis 1953. Die gesellschaftliche Realität des Stalinismus wird nicht mehr durch die totalitarismustheoretische Perspektive erfasst. Die Stalinistischen Subjekte werden nicht als passives Objekt des totalitären Zugriffes behandelt, sondern äußern sich selbst in autobiographischen Zeugnissen, die von Tagebüchern bis zu Kaderakten mit ihren Fragebögen, Charakteristiken, Lebensläufen und Kritik- und Selbstkritikäußerungen reichen und einen Einblick in die »positive stalinistische Hermeneutik des Selbst« (S. 22) gewähren sollen, wie Brigitte Studer in ihrer programmatischen Einleitung schreibt. Der Sammelband ist in die Abschnitte »Gesellschaftliche Mobilisierung und individuelle Reaktionen«, »Partei, Selbst und Terror«, »Führungsmechanismen des Parteiapparates«, »Repräsentationen der Macht und ihre Verhandlung«, »Gewalterfahrung und Identität« unterteilt. Insbesonders die Beiträge von Yves Cohen, Brigitte Studer, Igal Halfin und Claude Pennetier / Bernard Pudal im Abschnitt »Partei, Selbst und Terror« sind dem Theorieparadigma Foucaults verpflichtet, in den untersuchten Ego-Dokumenten die »stalinistische Form von Subjektivität« (S. 16), so Studer, aufzuspüren. Auch Jochen Hellbeck folgt dieser Foucault’schen Hermeneutik, wenn er in den untersuchten Tagebüchern die eschatologischen Sedimente des stalinistischen Modernitätshorizonts bei den Tagebuchschreiber/innen aufspürt. Interessant sind besonders die Passagen, in denen Hellbeck anhand von Tagebucheintragungen den beschwerlichen Weg der moralischen Selbstkultivierung von stalinistischen Gläubigen im Prozess ihrer qualvollen Heilssuche dokumentiert. Das Tagebuch dient hier nicht als privater Innenraum der Selbsterforschung, sondern als Laboratorium einer stalinistischen Identität, welche die Tugenden des stalinistischen Aktivisten, des Neuen Menschen, prämiert. Leider werden die terroristischen Rahmenbedingungen des Stalinismus nicht als konstitutiver Bestandteil dieser moralischen Selbstkultivierung erlösungsbedürftiger stalinistischer Gläubiger gesondert thematisiert, obgleich die Topoi des stalinistischen Herrschaftsdikurses oft spiegelbildlich in den Tagebüchern erscheinen. Die Schriften Max Webers, der in diesem Sinne die individuelle Heilssuche im institutionellen Rahmen der Heilsprämien spendenden Sekte eindrucksvoll untersucht hat, hätten sich für die Analyse dieser Form der Verklammerung von Privatheit und Öffentlichkeit als Alternative zur Foucault’schen Zauberhermeneutik angeboten. Auch Berthold Unfried möchte in seinem Vergleich der katholischen Beichte und der sowjetischen Selbstkritik einen bestimmten Typus sowjetischer Subjektivierung herausarbeiten, welcher sich von der westlichen Form der Subjektivierung, einer Individualität als gelebter und erfahrener Freiheit, erheblich unterscheidet. Selbstkritik und Parteibiographie werden von Unfried »als hauptsächliche institutionalisierte Praktiken diskursiver Subjektivierung beschrieben« (S. 160). Ob Foucault sich diesem Urteil anschließen würde, ist fraglich. Vielleicht würde er eher von der Formierung eines sujet d’obéissance, eines Gehorsamssubjektes, sprechen, »das den allgemeinen und ausgeklügelten Prozeduren irgendeiner Macht unterworfen ist«.20 Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Tănase, Stelian: Clienţii lu’ tanti Varvara. Istorii clandestine [Tante Varvaras Kunden. Untergrundgeschichten], Bucureşti, Humanitas, 2005. 511 p. (Laura Polexe, Freiburg / Basel). Schon das Eingangszitat aus Dostojevskis Dämonen macht auf das Thema des Buches in eindrücklicher Weise aufmerksam. (»Bei ihm überwacht jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven, und in ihrem Sklavendasein sind sie einander gleich.«) Der rumänische Publizist, Schriftsteller und Politikwissenschaftler Stelian Tănase hat es sich nämlich – wieder einmal, nach seinem gefeierten Buch über Eliten zur Zeit von Gheorghe Gheorghiu-Dej – zum Anliegen gemacht, über ein dunkles Kapitel der rumänischen Zwischenkriegszeit zu berichten. Sekundäres Ziel bleibt aber die Provokation, der Appell an das Gewissen der heutigen rumänischen Gesellschaft, sich doch mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Der Titel, provokativ gewählt, klingt zuerst nach Freudenhaus, entpuppt sich aber als kommunistisches Codewort für den Sicherheits- und Polizeidienst der Zeit. Auch das Inhaltsverzeichnis (18 Kapitel) weist darauf hin, dass Tănase politisch-existenzielle Untergrundgeschichten schreibt, über Intellektuelle der Zwischenkriegszeit, die in einer fiktiven Welt gefangen waren. Das Buch wurde Mitte Mai 2005 in spektakulärer Atmosphäre in Bukarest vorgestellt, mit einem Hauch kommunistischer Ikonographie und Intonation der Internationale. Es sollte ein erster Eindruck einer Welt sein, die gerade nicht durch Offenheit gekennzeichnet war, wie Tănase mit seinem Buch unterstreicht, sondern durch ein fast undurchschaubares Spinnennetz illegaler kommunistischer Konspiration. Der Kampf im Verborgenen, die unabhängig voneinander agierenden Zellen sowie die leitenden Persönlichkeiten unterzieht der Autor einer ebenso systematischen Analyse wie die Verbindungen zum sowjetischen und – ja, das gab es auch – zum rumänischen Geheimdienst. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ In the online edition, the following publications are additionally reviewed: • Benser, Günter (ed.): Älter ist nicht alt genug. Henryk Skrzypczak. Festschrift zum 80. Geburtstag, Berlin, Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2007. 199 S. (Ottokar Luban, Internationale Luxemburg Gesellschaft, Berlin). • Groppo, Bruno; Unfried, Berthold (eds.): Gesichter in der Menge. Kollektivbiographische Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Leipzig, Akademische Verlagsanstalt, 2006. 221 S. (ITH-Tagungsberichte. 40). (Frank Wolff, Universität Köln). • Groys, Boris; Hagemeister, Michael (eds.): Die neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus dem Russischen von Dagmar Kassek, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2005. 688 S. / Groys, Boris; Hansen-Löve, Aage A. (eds.): Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2005. 777 S. • Leffler, Melvyn P.: For the Soul of Mankind. The United States, the Soviet Union and the Cold War, New York, Hill & Wang, 2007 / Zubok, Vladislav: A Failed Empire. The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev, Chapel Hill, The University of North Carolina Press, 2007. • Schmeitzner, Mike: Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007. 405 S. (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. 34). • Sophie Coeuré: La mémoire spoliée. Les archives des Français, butin de guerre nazie puis soviétique, Paris, Payot, 2007, 270 p. (Jean-François Fayet, Université de Genève). V.2: Presentations and Publishers’ Announcements. Bracke, Maud: Which Socialism, Whose Détente? West European Communism and the Czechoslovak Crisis of 1968, Budapest / New York, Central European University Press, 2007. 425 p. This study analyzes the impact of the Czechoslovak crisis of 1968 – the Prague Spring, the Soviet-led invasion of the country in August of that year and the subsequent process of re-alignment and »normalization« – on the two most influential communist parties of Western Europe, the Italian PCI and the French PCF. It links these events to the broader issues that these parties were facing: the question of revolution or reform, the legacy of Stalinism, and the contradictions of Soviet-aligned »internationalism«. These key problems were situated in different contexts: the rise of East-West detente, crisis and division in the Soviet-aligned communist world, and the rapid modernization of West European societies and economies. This work sheds new light on a crucial phase in the history of the West European Left, and particularly on the complex ways in which Cold War developments impacted on it. The research is based on the study of large archive collections, particularly the internal records of various European communist parties. Poeze, Harry A.: Verguisd en vergeten. Tan Malaka, de linkse beweging en de Indonesische Revolutie. 1945–1949 [Vilified and forgotten. Tan Malaka, the Left and the Indonesian Revolution. 1945–1949], Leiden, KITLV Press, 2007. XVIII+VI+VI+2194 p. (Series Verhandlingen. 250). After the proclamation of Indonesian independence on August 17, 1945, veteran nationalist leader Tan Malaka was able to step out into the open after more than twenty years of illegally promulgating his communist, anti-Stalinist, ideals. It took only a few months before he had set up a popular front, Persatoean Perdjoeangan, which united at large the organizations opposed to the diplomatic course of the Republik Indonesia led by Soekarno, Hatta, Sjahrir and Amir Sjarifoeddin. Soekarno’s prestige and internal disunity were the factors resulting in the end of the popular front in March 1946. Tan Malaka was imprisoned, and released only in 1948. He was the scapegoat for a coup in July 1946. While in jail he wrote his memoirs and a certain number of pamphlets, but he had hardly any influence on politics, in which he differed from communists loyal to Moscow. It was only when this group of communists lost its hold on the government and radicalized under the influence of Moeso (who returned from Moscow), that Tan Malaka was released. Moeso was involved in the Madiun revolt, after which Tan Malaka set up an alternative communist party, the Partai Murba, in November 1948. After the second Dutch military action in December 1948 he became the leader of a guerrilla group. In February of 1949 he was shot to death during an internal Indonesian conflict. Tan Malaka’s life and death are enshrouded by mysteries. Most of these, like the circumstances (how, where and when) of his assassination, are cleared up in this book, based on many years of research. Tan Malaka’s activities and thinking cannot be considered isolated from the politics of the Republik and the competing leftist groups. That is why Soekarno plays a leading part in this book which analyses extensively the emergence and the course of the Madiun revolt, putting forward new views on many other central moments of the revolt. Its long epilogue details the highlights and the weak points of Tan Malaka’s brainchild, Partai Murba – and its heritage as well as Tan Malaka’s historical standing from 1950 to the present. Only nowadays, the vilification and oblivion around Tan Malaka have ceased, and he can take his place as a political thinker and historical figure.21   Neuerscheinung: »Stalins großer Bluff?« Der Streit um die Stalin-Note endgültig entschieden? (Aus der Ankündigung des Oldenbourg-Verlags:) Viele Zeitgenossen hielten die seit 1949 bestehenden zwei deutschen Staaten für kurzfristige Provisorien. Das Jahr 1952 schien eine Chance der Wiedervereinigung zu bieten, doch am Ende stand die Vertiefung der Spaltung. Seit mehr als fünf Jahrzehnten wird darüber debattiert, ob der in der Stalin-Note vom 10. März 1952 enthaltene Vorschlag eines vereinten und neutralisierten Deutschland eine realistische Alternative war. Die Akten der sowjetischen Führungsspitze, die Peter Ruggenthaler zu dieser Frage erstmals ausgewertet hat, geben eine eindeutige Antwort: Stalins Einigungsangebot war nicht ernst gemeint, sondern ein Störmanöver gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Selbst gegenüber Österreich war die Sowjetunion bis zum Ende der »Notenschlacht« nicht zu einer Neutralisierungspolitik bereit. Stalin und der SED ging es von Anfang an um die Konsolidierung der DDR. Der jahrzehntelange Streit um die Stalin-Note ist mit der vorliegenden Dokumentation entschieden. Inhalt: Vorwort, Einleitung, I. Die Entstehungsgeschichte der Stalin-Note, II. Der österreichische »Kurzvertrag« vom 13. März 1952 und die deutsche Frage. III. Zur sowjetischen Deutschlandpolitik nach der Stalin-Note, Dokumentenverzeichnis (abgedruckt werden 141 Dokumente bzw. Dokumentenauszüge), Zeittafel, Abkürzungen, Quellen und Literatur. Personenregister. Ruggenthaler, Peter (ed.): Stalins großer Bluff. Die Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung, München, Oldenbourg, 2007. 256 p. (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 95).22 Deutschland entdeckt Varlam Šalamov. Zu einem Editionsprojekt und einer Aufsatzsammlung. Die Erzählungen von Varlam Šalamov (1907–1982) gehören zu den beeindruckendsten Zeugnissen des stalinistischen Terrors und Lagersystems und gleichzeitig zu den brillantesten (und den vielleicht am meisten unterschätzten) russischen Prosawerken des 20. Jahrhunderts. Die lakonische Sprache Šalamovs lässt sich stilistisch am ehesten mit den frühen Erzählungen Andrej Platonovs vergleichen – und im Gegensatz zu anderen literarischen Chronisten des Gulag muss Šalamov nicht in Pathos und Sensationalismus verfallen, um das Lager in seinem gesamten Schrecken zu erfassen: »Schalamow beschwört den Schrecken nicht. Er nennt ihn nicht beim Namen. Er versucht nie, ihn einzufangen. Er kreist ihn ein.«23 Šalamov, ein Priestersohn, nahm als Student Anteil an der linken innerparteilichen Opposition in der VKP(b)24 und wurde 1929 verhaftet, weil er Lenins Testament illegal zu verbreiten versuchte. Die nächsten 24 Jahre verbrachte er fast durchgängig in Gefängnissen und Lagern, davon viele Jahre in berüchtigten Goldbergwerken am sibirischen Kolyma-Fluss. Die auf seinen Erlebnissen in dieser Region beruhenden Erzählungen aus Kolyma stellen das wohl bekannteste Werk des Schriftstellers dar, der sich als Lyriker und Essayist ebenfalls hervortat. Der ehrenvollen Aufgabe, sein Werk auch an den deutschen Leser, der im Gegensatz zum französischen25 damit kaum vertraut ist, heranzuführen, übernimmt nun der Verlag »Matthes & Seitz Berlin«, der 2007 mit dem ersten Band der Erzählungen aus Kolyma ein umfangreiches Editionsvorhaben einläutete. In den nächsten Jahren soll nach und nach Šalamovs Gesamtwerk erscheinen.26 Als Šalamov 1982 vollkommen entkräftet nach der Zwangseinweisung in einer sowjetischen Nervenklinik starb,27 war er von fast allen vergessen. Politisch war er in der post-stalinistischen Sowjetunion ein Einzelgänger, und seine von ihm selbst als »Nicht-Literatur« postulierte Dokumentarprosa blieb von der literarischen Welt unverstanden. Mit dem Dilemma der Šalamov-Rezeption, aber auch mit historischen Hintergründen der von ihm beschriebenen Sachverhalte sowie der Interaktion Šalamovs mit anderen Protagonisten oppositioneller Literatur wie Solženicyn setzt sich eine Sonderausgabe der Zeitschrift Osteuropa (6 / 2007) auseinander. In einem äußerst lobenswerten kollektiven Kraftakt befassen sich namhafte Historiker, Philosophen und Literaturwissenschaftler (Michail Ryklin, Anne Hartmann, Wladislaw Hedeler und viele andere) erschöpfend mit den mannigfaltigen Aspekten des Gulag-Systems und des Lebens, des Wirkens und der Rezeption des vergessenen Literaten. Zusätzlich werden zahlreiche Erzählfragmente und Briefe Šalamovs publiziert, die das Bild abrunden. Der deutsche Leser sollte darüber hinaus den Brief Šalamovs an die GPU, geschrieben unmittelbar nach seiner Verhaftung 1929 und ein entscheidendes Dokument zum politischen Standpunkt des Dichters,28 kennenlernen, der hier nicht abgedruckt wurde. Es bleibt zu hoffen, dass durch die geplante Edition des Gesamtwerks sowie den von der Zeitschrift Osteuropa gelegten Grundstein deutschsprachiger Šalamov-Forschung die Auseinandersetzung mit diesem außergewöhnlichen Schriftsteller und Dissidenten neuen Auftrieb bekommt. Die Beschäftigung mit dem Werk Šalamovs stärkt seine Wahrnehmung als kritische und authentische Stimme des Gulag29 und führt zwangsläufig zu einer Pluralisierung des nahezu monolithischen, weitgehend von Solženicyn dominierten literarischen Gulag-Diskurses. (Gleb Albert, Universität Mannheim) Schalamow, Warlam: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma I, Berlin, Matthes & Seitz Berlin, 2007. 256 S. / Sapper, Manfred; Weichsel, Volker; Huterer, Andrea (eds.): Das Lager schreiben. Varlam Šalamov und die Aufarbeitung des Gulag, Berlin, BWV, 2007, 440 S. + CD. (= Osteuropa [2007], 6). Section VI: Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2007–2008. VI.1: Meetings, Conferences and Events Concerning Communist Studies 2007–2008.30 Past Meetings in 2007. • Aberdeen, U. K., 4 – 6 January 2007: XXXIII Annual Conference BASEES Study Group on the Russian Revolution, University of Aberdeen. http://www.basees.org.uk/sgrusrev.html • Tartu, Estonia, 11 – 14 January 2007: Memory from Transnational Perspectives. Agency, Practices and Mediations, University of Tartu. http://www.ut.ee/memory2007 • Berlin, Germany, 13 January 2007: XII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz, Mensa der Technischen Universität Berlin, Hardenbergstraße. http://www.rosa-luxemburg-konferenz.de • Bochum, Germany, 25 – 27 January 2007: Approaching European History from Southeast European Perspectives. Comparing Social Movements and Social Change in the 19th and 20th Centuries, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. sabine.rutar@ruhr-uni-bochum.de • Melbourne, Australia, 29 – 30 January 2007: 8th Biennial Conference of the Australasian Association for Communist and Post-Communist Studies, University of Melbourne. Millicent.Vladivglover@arts.monash.edu.au, lth@politics.unimelb.edu.au (Prof. Lesley Holmes). • London, U. K., 3 February 2007: Conference: The Cold War, Institute of Historical Research, London Socialist Historians Group, Senate House, Malet St, London, WC1E 7HU. http://www.londonsocialisthistorians.org • Genshagen, Germany, 9 – 10 February 2007: Der kalte Krieg. Deutsch-französisch-polnische Tagung für Geschichtslehrer und Historiker, Berlin-Brandenburgisches Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa / Stiftung Genshagen. http://www.bbi-genshagen.de • New York, USA, 23 March 2007: The History of the US Communist Party, Tamiment Library, Center for the United States and the Cold War. Michael.Nash@nyu.edu • New Haven, CT, USA: 23 – 25 March 2007: Dissertation Development Workshop: Violence in Eurasia: Historical and Contemporary Approaches, Eurasia Program, Social Science Research Council, Yale University. eurasia@ssrc.org • Tokio, Japan, 1 – 2 April 2007: International Rosa Luxemburg Society Conference, Chuo University. • Ksiaz, Poland, 10 – 12 April 2007: Weder Ost noch West. Intellektuelle in Europa im Zeitalter der Blockkonfrontation (1945 – 1989), Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam), Europäisches Zentrum (Ksiaz), Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden), Masaryk-Universität (Brno), Ksiaz (Polen). euv42109@student.euv-frankfurt-o.de • Potsdam, Germany, 13 – 14 April 2007: Geschichte(n) der Globalisierung. Historische Perspektiven im 20. Jahrhundert, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Caen, France, 16 May 2007: Repression et persecution en France de 1940 à 1945, CRHQ Université de Caen. http://www.crhq.cnrs.fr/atelier-sgm.html • Durham, NC, USA, 17 May 2007: The Labor and Working Class History Association. Conference at Duke University. www.lawcha.edu • Budapest, Hungary, 18 – 20 May 2007: New Histories of Politics. Topics, Theories, and Methods in the History of Politics Beyond Great Events and Great Men, Central European University Budapest. http://www.hist.ceu.hu/conferences/graceh • Paris, France, 21 – 22 May 2007: Politische Praxis kommunistischer Parteien in Westeuropa und den Volksdemokratien, Deutsch-französische Gruppe für vergleichende Sozialgeschichte (Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin), Fakultät für Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld, Centre de recherches historiques (EHESS/CNRS), Fondation Maison des Sciences de l’Homme, Paris. • Honolulu, Hawaii, 30 May – 2 June 2007: 6th Annual Hawaii International Conference on Social Sciences, University of Louisville – Center for Sustainable Urban Neighborhoods, Waikiki Beach Marriott Resort & Spa, Honolulu Hawaii, USA. www.hicsocial.org • Graz, Austria, 31 May – 2 June 2007: Die UdSSR, Österreich und die internationale Krise 1968, Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau. • Berlin, Germany, 1 – 2 June 2007: VI. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. 90 Jahre danach. Die Linke und ihr »revolutionäres Erbe«, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, »Helle Panke« zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur. • Hannover, Germany, 1 – 2 July 2007: Avantgarden und Politik. Jahrestagung der Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), Prof. Dr. Lutz Hieber, PD Dr. Stephan Moebius, Sprengel Museum Hannover. • Berlin, Germany, 3 – 4 July 2007: Das Lager als menschliche Grenzerfahrung. Varlam Šalamov (1907 – 1982) zum Gedenken, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. osteuropa@dgo-online.org • Melbourne, Australia, 4 – 6 July 2007: 10th National Labour History Conference, Australian Society for the Study of Labour History, University of Melbourne. http://asslh.org.au/melbourne • Sofia, Bulgaria, 5 – 7 July 2007: Political Culture and Cultural Politics in Central and South East Europe, 1850 – 1950, Institute of Balkan Studies with the Bulgarian Academy of Sciences. Research Group in European Urban Culture, Newcastle, U. K., Sofia Dobrinka Parusheva. clio_dp@yahoo.co.uk • Hamburg, Germany, 5 – 7 September 2007: Politics of Fear in the Cold War. Part IV of a Conference Series »Between ›Total War‹ and ›Small Wars‹: Studies in the Societal History of the Cold War«, Hamburg Institute for Social Research. uta.balbier@his-online.de. • Rome, Italy, 5 – 8 September 2007: IALHI Conference 2007, Consiglio Nazionale Economia e Lavoro (CNEL). http://www.ialhi.org/conferences.php • Szklarska Poreba, Poland, 26 – 29 September 2007: International scholarly conference »The Communist Movement, 1944 to 1956«, Institute of National Remembrance, Warsaw. anna.piekarska@ipn.gov.pl • Dijon, France, 4 – 5 October 2007: Un siècle de communisme. Des recherches à l’épreuve des archives, Centre Georges Chevrier, MSH de Dijon, Direction des Archives de France. http://tristan.u-bourgogne.fr/UMR5605/manifestations/07_08/07_10_4-5.html • Marburg, Germany, 11 – 13 October 2007: Der Führer im Europa des 20. Jahrhunderts: Forschungen zu Kult und Herrschaft der Führer-Regime in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Analysen, Konzepte und Vergleiche, Herder-Institut e.V., Universität Tübingen (Osteurop. Geschichte), Marburg. http://www.herder-institut.de • Leipzig, Germany, 15 – 17 October 2007: Hungersnot in der Ukraine, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Umweltbibliothek Großhennersdorf, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. • Leipzig, Germany, 19 – 20 October 2007: VII. Rosa-Luxemburg-Konferenz. »Militarismus und Antimilitarismus«. Gegen den Krieg als Mittel der Politik. Aktuelle und historische Dimensionen von Karl Liebknechts Schrift anlässlich des 100. Jahrestages ihres Erscheinens, Plenarsaal des Bundesverwaltungsgerichts. • Ul’janovsk, Russia, 24 – 25 October 2007: 1917 god v zerkale istorii, Muzej-memorial V. I. Lenina. http://socialist.memo.ru/forum/index.php?showtopic=839 • London, U. K., 9 – 11 November 2007: Historical Materialism Conference, School of Oriental and African Studies, London. http://mercury.soas.ac.uk/hm/conference2007.htm • Buenos Aires, Argentina, 14 – 16 November 2007: Prensa política, revistas culturales y emprendimientos editoriales de las izquierdas latinoamericanas, Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina. http://www.cedinci.org • Vienna, Austria, 18 November 2007: Transnational networks. Contributions to the history of »Globalisation«, International Conference of Labour and Social History (ITH), Institute for Economic and Social History of the University of Vienna, Society for Social History, Renner Institute Vienna. http://www.ith.or.at/konf_e/43z_index_e.htm • Heidelberg, Germany, 21 – 23 November 2007: Diktaturüberwindung in Europa. Neue nationale und transnationale Perspektiven, Akademie der Wissenschaften, Heidelberg. http://www.grako-zeitgeschichte.uni-hd.de • Heidelberg, Germany, 22 – 24 November 2007: The »Establishment« Responds – The Institutional and Social Impact of Protest Movements During and After the Cold War, Heidelberg Center for American Studies (HCA), University of Heidelberg. http://www.protest-research.eu • Madrid, Spain, 22 – 24 November 2007: II Congreso de Historia del PCE. De la resistencia antifranquista a la creación de IU. Un enfoque social, UCM, Madrid. http://www.fim.org.es • Paris, France, 23 November 2007: Les intellectuels et le communisme en 1947 entre guerre et guerre froide. Journée d’études à l’occasion du 60° anniversaire de la disparition de Jean-Richard Bloch, l’Association Études Jean Richard Bloch, Département d’histoire de l’École normale supérieure. http://www.etudes-jean-richard-bloch.org • Mannheim, Germany, 24 November 2007: Holodomor 1932–33. Politik der Vernichtung. Der Hungermassenmord in der Ukraine, Bundesakademie für Wehrverwaltung und Wehrtechnik, Mannheim. • Odense, Denmark, 13 – 16 December 2007: Der Sozialismus im Ostseeraum, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Nordischer Lehrstuhl der Universität Greifswald, Zentrum für Kaltekriegsstudien der Süddänischen Universität. twfriis@hist.sdu.dk • Vienna, Austria, 13 – 16 December 2007: Workshop: Utopien, Menschenrechte und Geschlecht im Europa des 20. Jahrhunderts, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien in Verbindung mit dem Freud Museum, Wien und Cooper Union, New York, Wien. Ort: Freud-Museum, Wien. (Konzept: Prof. Dr. Atina Grossmann, Cooper Union, New York und Prof. Dr. Carola Sachse, Universität Wien.) irene.maria.leitner@univie.ac.at. • Paris, France, 17 December 2007: The Legacy and Memory of Communism in Europe, European Network on Contemporary History (GDRE-CNRS). Meetings in 2008. • Melbourne, Australia, 8 February 2008: 1968 – Forty Years On. A symposium to mark the fortieth anniversary of the events of 1968, School of Historical Studies, Monash University. http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=158670 • Cardiff, U. K., 9 – 10 February 2008: The Spanish Civil War. History, Memory, Representation, Welsh Centre for International Affairs. Deadline: 30. 11. 2007. scwconference08@googlemail.com • Bremen, Germany, 22 – 23 February 2008: Das Jahr 1968 aus der Sicht der Gesellschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas, Stiftung Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. www.stiftung-sozialgeschichte.de • Lisbon, Portugal, 26 February – 1 March 2008: European Social Sciences History Conference, IISG Amsterdam, University of Lisbon. http://www.iisg.nl/esshc/2008.php • Rotterdam, The Netherlands, 27 – 29 March 2008: Social History Society Annual Conference 2008, Social History Society Lancaster, Erasmus University Rotterdam. http://www.socialhistory.org.uk/annualconference.htm • Washington DC, USA, 28 – 29 March 2008: Modernization as a Global Project. American, Soviet, and European Approaches, German Historical Institute Washington. Deadline: 22. 10. 2007. unger@ghi-dc.org • Potsdam, Germany, 11 – 12 April 2008: Wendepunkte. Biographien und historische Umbrüche im 20. Jahrhundert, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Deadline: 15. 1. 2008. doktorandenforum@zzf-pdm.de • Wuhan, China, 14 – 16 April 2008: The Experience of Occupation. 1931 – 1949, Chinese National Committee for the Study of the Second World War, University of Wuhan. Deadline: 31. 10. 2007. gmuc@ihtp.cnrs.fr • Paris, France, 15 – 17 April 2008: Images et sons de mai 68 (1968 – 2008). Colloque international, Centre d’histoire culturelle des sociétés contemporaines (Université de Versailles Saint-Quentin), Institut national de l’audiovisuel (INA), Laboratoire Communication et politique (CNRS), Institut national de l’audiovisuel. Deadline: 1. 7. 2007. http://www.ialhi.org/news/i0702_8.php • Bern / Lausanne, Switzerland, 2 – 3 May 2008: Die 1968er Bewegung in der Schweiz. Eine historische Perspektive, Universität Bern, Université de Lausanne. Deadline: 31. 12. 2007. JanickMarina.Schaufelbuehl@unil.ch • Jena, Germany, 17 May 2008: Samisdat und Öffentlichkeit. Kommunikation und Wahrnehmung der Opposition in den 70er und 80er Jahren in der DDR, Thüringer Archiv für Zeitgeschichte »Matthias Domaschk«. Deadline: 1. 11. 2007. http://www.thueraz.de • Ghent, Belgium, 29 – 31 May 2008: Conference of the European Network for Avant-Garde and Modernism Studies, Ghent University. Deadline: 1. 11. 2007. http://www.eam-europe.ugent.be • Canterbury, U. K., 8 – 10 July 2008: Justifying War. Propaganda, Politics and War in the Modern Age, School of History, University of Kent at Canterbury and Department of History, University of Durham. Deadline: 10. 12. 2007. http://www.kent.ac.uk/history • Berlin, Germany, 10 – 11 July 2008: Socialist InterNationalism. Envisioning and Experiencing Nationalism and Internationalism in the Soviet Union. 1945 – 1990, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte. Deadline: 21. 12. 2007. maike.lehmann@web.de • Kuala Lumpur, Malaysia, 21 – 27 July 2008: 16th International Congress on Archives. Archives, Governance and Development. Mapping Future Society. International Council on Archives, Paris. • Prague, Czech Republic, 18 – 25 August 2008: Confronting Cold War Conformity – Peace and Protest Cultures in Europe. 1945 – 1989, Heidelberg Center for American Studies, The Charles University Prague. http://www.protest-research.eu • Leicestershire, U. K., 4 – 6 September 2008: 1st Anarchist Studies Network Conference, Loughborough University. http://www.anarchist-studies-network.org.uk • Johannesburg, South Africa, 5 – 8 September 2008: Labour Crossings. World, Work and History, University of the Witwatersrand, Johannesburg. Deadline: 15. 1. 2008. http://web.wits.ac.za/Academic/Humanities/SocialSciences/HistoryWorkshop • Linz, Austria, 11 – 14 September 2008: 44th Linz Conference. 1968 – A view of the protest movements 40 years after, from a global perspective / 1968 – Ein Blick auf die Protestbewegungen 40 Jahre danach aus globaler Perspektive, Bildungshaus Jägermayrhof, Römerstraße 98, A-4020 Linz. Submission Deadline: 31. 10. 2007. http://www.ith.or.at/konf_e/44_ueberblick_e.htm • Dresden, Germany, 30 September – 3 October 2008: 47. Deutscher Historikertag, Institut für Geschichte der TU Dresden. http://www.vhd.gwdg.de/ • London, U. K., 7 – 9 November 2008: The Marxist Historians of the Russian Revolution Founding Meeting, Historical Materialism Conference, University of London. kevinj.murphy@umb.edu VI.2: Meeting Reports, Programs and Announcements. Die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft an der Chuo-Universität in Tokio, 1. und 2. April 2007. Konferenzbericht von Ottokar Luban, Berlin. Nach den Konferenzen 2004 in Guangzhou, Südchina,31 und 2006 in Wuhan, wo ökonomische Fragen und Probleme im Zentrum standen, tagte die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft (IRLG) wieder in Fernost, und zwar am 1. und 2. April 2007 an der Chuo-Universität in Tokio. Es sprachen sechs Referentinnen und Referenten aus China, zwei aus Indien, einer aus den USA, elf aus Europa und – erstmals – zwei aus Südamerika. Da damit das Programm erschöpfend ausgefüllt war, begnügten sich die gastgebenden japanischen Forscherinnen und Forscher mit der Moderation und Kommentierung der Konferenzabschnitte. Die Themen waren äußerst vielgestaltig. Sie reichten von Luxemburgs »Analysis of Imperialism and her contribution to the critique of political economy« (Michael R. Krätke, Universität Amsterdam) über den aktuellen Stand der Luxemburg-Forschung in China (Wang Xuedong, China), und Untersuchungen zum Sozialismus-, Demokratie- und Revolutionsbegriff (Sobhanlal Datta Gupta, Indien; Pablo Slavin, Argentinien; Ulla Plener, Deutschland; Tania Storlokken, Norwegen) bis zu Fragen der Anbindung an die Gegenwart – »Die Aktualität von Rosa Luxemburgs Ideen unter einem brasilianischen Gesichtspunkt« (Isabel Loureiro, Brasilien) –, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Breiten Raum nahm das Thema »Globalisierung« ein, so im Referat von Gyorgy Szell (Deutschland) »Rosa Luxemburg und der globalisierte Kapitalismus heute«, von He Ping (China) »Rosa Luxemburg’s ›Accumulation of Capital‹ and China« oder von William A. Pelz (USA) »Another Luxemburgism is possible – Rosa and Radical Socialist Transformation«. Dass noch neue Entdeckungen in den Archiven zu machen sind, stellte sich bei den Forschungen zu einer japanischen [!] Gesamtausgabe der Werke Rosa Luxemburgs heraus, wie die japanischen Kollegen Narihiko Ito und Masaru Kobayashi der Konferenz berichten konnten. Die Beiträge der Tagung sind auf einer Website einzusehen: http://www-bunken.tamacc.chuo-u.ac.jp/rosa_confe2007/program.htm . Die nächste Konferenz der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft soll im Januar 2009 in Berlin stattfinden. Internationale wissenschaftliche Konferenz »Die kommunistische Bewegung in den Jahren 1944–1956«, 26.–29. 9. 2007. Szklarska Poreba, Polen. Konferenzthemen: 1. Die kommunistischen Parteien in Mittel- und Osteuropa in der Zeit der Machtergreifung 1944–1948. 2. Die kommunistischen Parteien in Mittel- und Osteuropa in den Jahren 1919 – 1956. 3. Die kommunistischen Parteien im Westen 1944 – 1956. 4. Die inneren Verhältnisse in der kommunistischen Weltbewegung 1944–1956. Kontakt: anna.piekarska@ipn.gov.pl / www.ipn.gov.pl Marxist Historians of the Russian Revolution Founding Meeting. The Marxist Historians of the Russian Revolution will hold their founding meeting in conjunction with the Historical Materialism Conference, November 7–9, 2008 at the University of London. Those interested in participating in this group should contact Kevin Murphy at kevinj.murphy@umb.edu. Workshop / Call for Papers – »Nationalism and Communism«, Eastern European History and Eastern European Studies, University of Amsterdam, 25 April 2008. After the fall of the Berlin Wall in 1989 nationalism suddenly resurfaced in Eastern Europe, or so the common wisdom goes. This implies communism and nationalism have little to do with each other. In reality, the communist regimes of Europe all flew the national flag in order to gain popular legitimacy. After 1948, the People’s Republics of Central and Eastern Europe constructed the state ideology of »Socialist Patriotism«, a conscious blend of national and socialist imagery. Parties presented themselves as heirs to national traditions, and as guardians of national interests. They appropriated national symbols and heroes, and pursued »national« policies whenever possible. A practical is goal to take first steps towards the organization of a larger workshop on this topic in 2009. This is to culminate in an edited volume on nationalism and communism. Please send proposals for papers (max. 400 words) to m.mevius@uva.nl before 15 February 2008. Section VII. International Bibliography of Communist Studies. Issue 2007. Internationale Bibliographie der historischen Kommunismusforschung. Bibliographie internationale des recherches sur le communisme. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb Albert. The International Bibliography of Communist Studies, Issue 2007, for reasons of space, could not be integrated in this paper edition. In The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21, http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/, you can find a directory of books, covering more than 600 titles from over 36 different countries on more than 22 pages. The countries covered are listed below. The numbers of bibliographic entries in parenthesis give an approximative comparative impression on the impact of communist studies on a worldwide scale. You are kindly requested to complete this international bibliography and to send in new titles. We are also looking for more correspondents for the different countries. Algeria (1) Argentina (7) Austria (11) Belarus (2) Belgium (4) Brasil (9) Bulgaria (2) Canada (1) Chile (3) China (?) Czech Republic (6) Denmark (3) Egypt (?) Estonia (8) Finland (6) France (61) Germany (121) Hungary (6) India (4) Italy (47) Ireland (2) Israel (?) Japan (1+?) Kazakhstan (1) Korea (?) Latvia (1) Lithuania (2) Mexico (7) The Netherlands (4) Norway (2) Pakistan (?) Peru (3) Poland (8) Portugal (13) Russia (100) Spain (68) Sweden (1) Switzerland (5) Ukraine (4) United Kingdom (33) United States of America (48) Vietnam (?) Section VIII. International Article Bibliography on Communist Studies and Related Topics (Journals, Yearbooks, Bulletins). Issue 2007. Internationale Artikelbibliographie der historischen Kommunismusforschung. Bibliographie internationale d’articles concernant les recherches sur le communisme. Edited by Gleb Albert and Bernhard H. Bayerlein. In the online issue of the newsletter, you can find a directory of periodicals, featuring over 250 titles from over 25 different countries, as well as a selected bibliography of journal articles on Communism and related topics. Amongst others, the following journals have been consulted: Acta Slavica Iaponica (Japan) • Aden. Paul Nizan et les années trente. (France) • American Communist History (USA) • Anarchist Studies (U. K.) • Brood & Rozen (Belgium) • Bulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch. (France) • Cahiers d’histoire (France) • Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung (Germany) • Cahiers du monde russe (France) • Cahiers du mouvement ouvrier (France) • Cold War History (U. K.) • Communisme (France) • Critique. Journal of Socialist Theory (U. K.) • Dzieje Najnowsze (Poland) • East European Quarterly (USA) • Europe-Asia Studies (U. K.) • European History Quarterly (U. K.) • European Review of History / Revue Européenne d’Histoire (U. K. / France) • Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (Germany) • Geschichte und Gesellschaft (Germany) • Halbjahresschrift für Südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik (Berlin, Germany) • Histoire et Liberté (France) • Historical Materialism (Netherlands) • Iberoamericana (Germany) • International Labor and Working-Class History (U. K.) • International Newsletter of Communist Studies Online (Germany) • Istoričeskij Archiv (Russia) • Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Germany) • Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (Germany) • Jahrbücher für Geschichte Osteuropas (Germany) • Journal of Cold War Studies (USA) • Journal of Communist Studies and Transition Politics (U. K.) • Journal of Contemporary History (U. K.) • Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History (USA) • Labor History (USA) • Memoria e Ricerca (Italy) • Novaja i Novejšaja Istorija (Russia) • Novyj Istoričeskij Vestnik (Russia) • Osteuropa (Germany) • Otečestvennaja Istorija (Russia) • Otečestvennye Archivy (Russia) • Passato e Presente (Italy) • Post-Soviet Affairs (USA) • Políticas de la Memoria (Argentina) • Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien (Germany) • Przegląd Historyczny (Poland) • Radical History Review (USA) • Revolutionary Russia (U. K.) • Russian Review (USA) • Slavic Review (USA) • Slavonic & East European Review (U. K.) • Slovanský Přehled (Czech Republic) • Studia z dziejów Rosji i Europy Środkowo-Wschodniej (Poland) • Századok (Hungary) • Tokovi Istorije (Serbia) • Totalitarian Movements and Political Religions (U. K.) • Twentieth Century British History (U. K.) • Ukrajins’kyj Istoryčnyj Žurnal (Ukraine) • Utopie kreativ (Germany) • Vingtième siècle. Revue d’Histoire (France) • Voenno-istoričeskij Žurnal (Russia) • Voprosy Istorii (Russia) • vorgänge (Germany) • Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (Germany) • Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Germany). Consult the full-length bibliography in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. http://www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Section IX. Directory of Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies. The Directory of Internet Resources, listing over 100 links to e-newsletters, portals, online bibliographies, research communities, discussion lists etc., can be consulted in The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/. Section X. Cultural and Artistic Performances Concerning the History of Communism. French-German TV Special on the October Revolution. Between October 31 and November 21, 2007, the French-German TV station ARTE broadcasted a series of documentary and film contributions to commemorate the 90th anniversary of the October Revolution. The series featured two documentations dealing with the history of Communism: a documentary about Leon Trotsky, containing previously unseen archival film footage as well as commentaries by acknowledged historians of Communism, including Jean-Jacques Marie, Alexander Vatlin, Anne Applebaum and Nicolas Werth; and a documentary on the revolutions of 1917 with commentaries by Marc Ferro, Jutta Scherrer and a few other historians. In connection with the Trotsky documentary, the ARTE homepage hosts an exclusive essay by Jean-Jacques Marie, »Trotski, la fabrique de l’ennemi public numéro 1 / Leo Trotzki oder wie man sich einen Volksfeind Nr. 1 bastelt«. It can be read online in German and in French at: • http://www.arte.tv/fr/histoire-societe/histoire/Tabous-de-l-histoire/Russie_2F-URSS--avec-Jean-Jacques-Marie/1060086.html • http://www.arte.tv/de/geschichte-gesellschaft/geschichte/Tabus-der-Geschichte/Russland_2F-UDSSR--Leo-Trotzki/1060088.html. New Novel on Norman Bethune. The Canadian author Dennis Bock has published a novel dealing with the life of Norman Bethune, a Canadian communist and physician most known for his involvement in the Chinese revolution. Bethune, member of the Communist Party of Canada since 1935, also fought for the Republic in Spain, where he developed several progressive medical techniques for blood transfusion and battlefield surgery. He had to leave Spain because of (most likely Communist Party-originated) accusations of espionage. He then joined the Communist Party of China in its fight against Japanese invaders and died 1939 from a blood poisoning, contracted while performing surgery. As one of the few Westerners Bethune posthumously became a hero in Mao’s China. Bock, Dennis: The Communist’s Daughter, New York, Knopf, 2007. 287 p. Radiofeature: Ehemalige Gulag-Häftlinge in der DDR. In Kooperation mit der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen produzierte das Deutschlandradio, Köln, eine Sendung über die Rückkehr von Gulag-Häftlingen in die DDR, die am 26. 4. 2007 ausgestrahlt wurde. Die Zeitzeugen-Interviews geben Aufschluss über die Bedingungen, denen die Rückkehrer ausgesetzt waren, sowie über die staatlich und gesellschaftlich fundierten Tabus, die mit der erlittenen Gulag-Haft verbunden waren. Das komplette Transkript der Sendung ist online unter www.dradio.de/download/66645/ abrufbar. Filmdokumentation »Feindbilder. Die Fotos und Videos der Stasi«. Die Dokumentation von Holger Kulick, die anhand von zahlreichen Filmausschnitten, Fotos und Interviews einen Einblick in die Funktionsmechanismen des DDR-Geheimdienstes und den Alltag im Überwachungsstaat gibt, ist nun auf DVD erhältlich. Als Bonusmaterial werden ein 50-minütiges Interview mit dem aus der DDR ausgebürgerten Sänger Wolf Biermann sowie didaktische Materialien mitgeliefert. Die DVD wird mit Unterstützung der BStU, des Westdeutschen Rundfunks und des Matthias-Domaschk-Archivs herausgegeben und kann für 6 € unter www.bpb.de/publikationen/9KSWMK,0,Feindbilder.html erworben werden. »Black Book«: Niederländischer Widerstand im Film. Der gefeierte niederländische Hollywood-Regisseur Paul Verheuven (Basic Instinct, Showgirls) hat in seinem aktuellen Film Zwartboek (Schwarzbuch), einer deutsch-niederländischen Produktion, den kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung in seinem Heimatland als Kulisse für ein fiktives Liebesdrama herangezogen. Die jüdische Sängerin Rachel Stein schließt sich einer Widerstandszelle an, nachdem sie einen Fluchtversuch als Einzige überlebt hat. Sie gibt sich als Ellis aus, und die Widerstandsgruppe beauftragt sie, sich mit einem hohen SS-Offizier einzulassen, um gefangene Widerstandskämpfer zu befreien. Die Aktion fliegt auf, sowohl die Gefährten als auch die Deutschen geben ihr dafür die Schuld. Ellis taucht unter und wartet mit dem SS-Mann das Ende des Krieges ab. Doch es gibt für sie kein Happy End. Der Film hinterfragt zahlreiche Mythen um den Widerstand in Holland im Allgemeinen und den kommunistischen im Besonderen. Offizielle Website: www.zwartboekdefilm.nl »Penn Sardines« – Die Geschichte der Sardinenarbeiterinnen in der Bretagne und ihres erfolgreichen Streiks. Penn Sardines ist ein 2004 in Frankreich gesendeter Fernsehfilm, der als »herrliches soziales Fresko« (Télé 7 jours) auf dem Festival von Saint-Tropez den Preis für die beste Darstellerin, die beste Musik sowie die besten Lichteffekte erhielt. Er erzählt die Liebesbeziehung der Vorarbeiterin Jeanne Le Meur mit Paul Thirion, dem aus Paris in die Bretagne entsandten Vertreter des Gewerkschaftsbunds CGTU, in Zeiten sozialer Krise, Ausbeutung und des erfolgreichen Streiks der »Sardinières« im Hafen von Douarnenez im Jahre 1924. Der vom kommunistischen Bürgermeister Le Dantec unterstützte Streik wurde seinerzeit auch dadurch international bekannt, dass die Frauen ein Solidaritätstelegramm des Staatspräsidenten der Sowjetunion, Michail Kalinin, erhielten. Der zarte und fast lyrische Film blendet die politischen Hintergründe weitgehend aus und konzentriert sich auf die sozialen Milieus und zwischenmenschlichen Konflikte. Regie: Marc Rivière. Produzent: Claude Fléouter. Mit Charlotte Valandrey, Jean Marie Winling und Marie Pillet. Als DVD erhältlich. Einige Fotosequenzen siehe: www.aoura.com/pennsardin.htm Section XI. Discussions, Debates and Historical Controversies. Geschichtsaufarbeitung in Spanien: Gesetz der historischen Erinnerung verabschiedet. Mehr als 30 Jahre nach dem Tode Francos und fast 70 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs hat in Spanien die staatliche Aufarbeitung der Diktatur begonnen. Am 31. Oktober 2007 verabschiedeten die Cortes in Madrid das umstrittene »Gesetz der historische Erinnerung« (»Ley de la Memoria Histórica / Ley de extensión de derechos a los afectados por la Guerra Civil y la dictadura«), das die Rehabilitierung von Opfern des spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur erleichtern soll und die Diktatur Francos offiziell verurteilt. Während die konservative Opposition das Gesetz kritisierte, weil es alte Wunden wieder aufreiße, charakterisierten Opferverbände die im Gesetz erklärte »moralische und juristische Rehabiliterung« als juristisch wirkungslos. Sie forderten die Null-und-Nichtig-Erklärung der Todesurteile, Verurteilungen, Zwangsarbeits- und anderer repressiver Maßnahmen des Regimes. Durch das Gesetz wird die Exhumierung von Massengräbern genauso gefördert wie die Schaffung eines Dokumentationszentrums der Historischen Erinnerung in Salamanca, in die das Generalarchiv des Spanischen Bürgerkriegs (Archivo Histórico Nacional / Sección Guerra Civil) zukünftig integriert werden soll. Section XII. Miscellanea. Nachrufe Am 26. Juni 2007 ist Lev Aleksandrovič Bezymenskij in Moskau gestorben. Der am 30. Dezember 1920 als Sohn des Dichters Aleksandr Bezymenskij in Kasan geborene russische Autor, Historiker und Journalist begleitete im Zweiten Weltkrieg u. a. als Dolmetscher und Aufklärungsoffizier die Marschälle Žukov und Rokossovskij. 1943 war er in Stalingrad Dolmetscher bei der Vernehmung des deutschen Oberbefehlshabers Paulus. Nach dem Krieg wurde er Historiker und Journalist. Er schrieb mehrere Bücher über den Zweiten Weltkrieg, die deutsch-sowjetischen Beziehungen und über Raoul Wallenberg. 1999 erhielt er eine Professur für Militärgeschichte an der Akademie für Militärwissenschaften in Moskau, er arbeitete für die Moskauer Zeitschrift Novoe Vremja. Sein letztes in Deutschland erschienenes Buch (Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren, Berlin, Aufbau Taschenbuch Verlag, 2004, Reihe: Archive des Kommunismus. Pfade des XX. Jahrhunderts, 1) konnte aufgrund neuer Archivdokumente zahlreiche Geheimnisse der Stalin’schen Deutschlandpolitik enthüllen. Die Herausgeber gedenken des Autors des Jahrbuchs für historische Kommunismusforschung. Professor Dr. Akira Saitô ist am 7. Dezember 2007 verstorben. Der in Tokio am 6. Juni 1944 Geborene studierte in seiner Heimatstadt an der Waseda-Universität Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Er wirkte zunächst als Wissenschaftlicher Assistent, dann für mehr als zwei Jahrzehnte als Professor an der Meiji-Universität in Tokio. Akira Saitô war der Geschichte der sozialen Bewegung in Deutschland zeit seines Lebens eng verbunden. Er promovierte 1978 an der Meiji-Universität mit einer (leider ungedruckten) Dissertation zum Thema: die KPD und Paul Levi (in japanischer Sprache). Die Geschichte des deutschen Kommunismus, die Rolle der Frauen im deutschen Sozialismus und Kommunismus sowie die Sozialgeschichte der DDR bildeten die Schwerpunkte in seinen Forschungen und in der akademischen Lehre. Akira Saitô verstand es hervorragend, diese Themen Studierenden aus einem völlig anderen Kulturkreis zu vermitteln. Regelmäßig zu Forschungsaufenthalten in Deutschland, regte er unter seinen Schülern eine Reihe von Arbeiten zur Geschichte des deutschen Kommunismus und der DDR an. Saitô zählte zu den Autoren des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung und war seinem Begründer Hermann Weber freundschaftlich verbunden, dessen Geschichte der DDR er in japanischer Sprache herausgab. Seine jüngste Untersuchung: Konsumleben und Frauen. Ein Aspekt der deutschen Sozialgeschichte 1920 – 1970, in Tokio im Jahre 2007 erschienen, sollte seine letzte größere Publikation werden. 1 Especially referring to Stephen Koch, Double Lives. Stalin, Willi Münzenberg and the seduction of the intellectuals (Enigma Books, New York 2004) and Sean McMeekin, The Red Millionaire. A Political Biography of Willi Münzenberg, Moscow’s Secret Propaganda Tsar in the West (Yale University Press 2003). For a critical summary see: Michael Scammell, ›The Mystery of Willi Münzenberg‹, The New York Review of Books (3 November 2005), p. 32–35. 2 Thèse déposée à la Faculté des Lettres de l’Université de Genève en mars 2007, sous la direction de la Professeure Sandrine Kott. 3 Il existe une thèse de doctorat rédigée en RDA sur le comité »Freies Deutschland« actif en France, Belgique et Luxembourg : Karlheinz Pech, An der Seite der Résistance. Die Bewegung Freies Deutschland für den Westen in Frankreich (1943 – 1945), Berlin, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik (VEB), 1974. (2e édition 1987). Le livre paraît en 1974, une année après la sortie du livre édité par Dora Schaul, Resistance : Erinnerungen deutscher Antifaschisten, Berlin, Dietz Verlag, 1973. Sur le mouvement en Suisse, les seuls ouvrages disponibles sont les mémoires des membres de »Freies Deutschland« : Karl Hans Bergmann, Die Bewegung »Freies Deutschland« in der Schweiz, 1943 – 1945, Munich, 1974 ; Hans Teubner, Exilland Schweiz, Dokumentarischer Bericht über den Kampf emigrierter deutscher Kommunisten 1933 – 1945, Berlin, 1975; Paul Meuter, »Lebenserinnerungen eines Solinger Kommunisten«, avec une introduction de Ralf Rogge. In Solinger Archivheft n. 5, Solingen, 1992. 4 Je ne cite que les ouvrages les plus récents: Gerd R. Ueberschär (éd.), Das Nationalkomitee »Freies Deutschland« und der Bund Deutscher Offiziere, Francfort-sur-le-Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1996. Bodo Scheurig, Verräter oder Patrioten, Das Nationalkomitee »Freies Deutschland« und der Bund deutscher Offiziere in der Sowjetunion 1943 – 54, Berlin, Popyläen, 1993. Heike Bungert, Das Nationalkomitee und der Westen : Die Reaktion der Westalliierten auf das NKFD und die Freien Deutschen Bewegungen 1943–1948, Stuttgart, Steiner, 1997. 5 Suckut, S. (ed.), Das Wörterbuch der Staatssicherheit: Definitionen zur »politisch-operativen Arbeit«. 1996, Ch. Links: Berlin. 6 Rausch, S. A., McCarthyism and Eisenhower’s State Department, 1953–1961, in History. 2000, University of Washington: Seattle, WA. p. 231; Rader, M., False witness. 1969, Seattle / London: University of Washington Press; Williams, D. J., »Without understanding«: The FBI and political surveillance, 1908–1941, in Department of History. 1981, University of New Hampshire, Ann Arbor, MI. 7 The most detailed biographical outline on I.T.A. Wallace-Johnson’s early years, i.e. while he was politically active in Sierra Leone (before 1926/7), Nigeria (1930–1931, 1933) and the Gold Coast (1934–1937), is provided by Leo Spitzer and LaRay Denzer, »I.T.A. Wallace-Johnson and the West African Youth League«, International Journal of African Historical Studies 6:3, 1973. 8 In fact, little is known about I.T.A. Wallace-Johnson’s whereabouts between 1927 and 1930. See further Spitzer and Denzer 1973; Edward T. Wilson, Russia and Black Africa before World War II, New York & London: Holmes & Meier Publishers 1974; Kevin Shillington, Encyclopedia of African History, Volume 3 (2005). 9 Wilson 1974, 361 fn. 197. Wilson seems to rely his argument on Richards alias Wallace-Johnson on a paragraph in James Ford’s Economic Struggle of Negro Workers (New York 1930). Wilson also claims that it was at this gathering that Wallace-Johnson first came into contact with the Soviets and was invited to visit Russia in late 1927. 10 Spitzer and Denzer 1973, 419. James R. Hooker (Black Revolutionary. George Padmore’s Path from Communism to Pan-Africanism, New York: Praeger 1967, 51), Wilson (1974, 243) and Barbara Bush (Imperialism, Race and Resistance: Africa and Britain 1919–1945, London and New York: Routledge 1999, 289 fn 90) also claim that Wallace-Johnson attended the 1930 Hamburg Conference. According to David Kimble (A Political History of Ghana: The Rise of Gold Coast Nationalism, 1850–1928, London: Oxford University Press 1963, 549) Wallace-Johnson also participated at the Sixth World Congress of the Comintern in 1928 in Moscow, although he gives no references for this claim. It seems very unlikely that he did so. 11 RGASPI 542/1/10, fol. 27–34, Report »Politische und organisatorische Auswertung der Tagung des Generalrates (sic) am 6. Dezember 1927« by Gibarti as LAI secretary. 12 Vgl. Rolf Wörsdörfer, Krisenherd Adria 1915–1955. Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum, Paderborn 2004, S. 401–405 und die dort zitierte Literatur. 13 Hermann Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin, Aufbau-Verlag, 2002. 445 S. 14 Wilhem Fricke: Memoiren zu zweit. Hermann und Gerda Webers »Leben nach dem ›Prinzip Links‹«, Deutschlandfunk, 4. 12. 2006. 15 Jens Hüttmann: Rezension zu: Weber, Hermann; Weber, Gerda: Leben nach dem »Prinzip Links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006. In: H-Soz-u-Kult, 16. 4. 2007. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-030 16 Peter Brandt: Vorbildliches Leben nach dem »Prinzip links«. Hermann und Gerda Webers Erinnerungen, UTOPIE kreativ, H. 203 (September 2007), S. 851–859. 17 Ebenda, S. 857. 18 16.–18. Dezember 2004, Università degli Studi di Bergamo, Italien; School of Philosophy and Institute of Marxist Philosophy of Wuhan University, Wuhan, China, 20.–22. März 2006; Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft: Chuo-Universität, Tokio, 1./2. April 2007 (hierzu: http://www-bunken.tamacc.chuo-u.ac.jp/rosa_confe2007/index.htm). Konferenzbände sind geplant. 19 Selected publications: Fascism − A Sociological-Historical Study /1978, 1987/, Theories on Totalitarianism /1983/, Bureaucracy and Cadre’s Administration /1989/, Forms of Personal Power /1994/, Tito − A Sociological-Historical Study /1998, 2005/ (See review in: The International Newsletter of Communist Studies, Vol. IX (2003), no 16, pp. 425–428), Mastering the Past. Causes and Ways of Changing the Image of the History at the End of the 20th Century /2002/ (See review in: The International Newsletter of Communist Studies Online, Vol. X (2004), no 17, pp. 64–67). 20 Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1976, S. 167. 21 Harry A. Poeze is the director of KITLV Press. He has written an extensive monograph about Tan Malaka’s life before 1945. A thoroughly revised edition of this book will be published in a few years. 22 Peter Ruggenthaler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, Österreich. 23 Widmann, Arno: Zwei Katzen und der tote Bär. In: Perlentaucher, 19.12.2003, www.perlentaucher.de/artikel/1303.html 24 Siehe u. a.: Vasil’ev, Mark: Varlam Šalamov i vnutripartijnaja bor’ba 20-ch godov. In: Skepsis. Naučno-prosvetitel’skij zurnal, http://scepsis.ru/library/id_542.html 25 Chalamov, Varlam: Récits de la Kolyma. Traduit du russe par Sophie Benech, Catherine Fournier, Luba Jurgenson. Préface de Luba Jurgenson. Postface de Michel Heller, Lagrasse, Editions Verdier, Collection »Slovo«, 2003. 1515 p. 26 Mehr Informationen über den Autor und den Editionsplan findet man unter www.warlamschalamow.de 27 Zusammenfassend siehe: Kak ver izbavljaetsja ot svidetelja. Smert’ Varlama Šalamova v »Chronike tekuščich sobytij«. In: Polit.ru, 18.6.2007, www.polit.ru/dossie/2007/06/18/shalamov.html 28 Russische Erstpublikation von Irina Sirotinskaja in Znamja (2001), 6, S. 135 f. Französische Publikation in Cahiers du mouvement ouvrier (2002), 17, S. 47–50. 29 Den wertvollen Beitrag Šalamovs zur Gulag-Überlieferung hat Jean-Jacques Marie im Kontrast zu Solženicyn gewürdigt. Siehe: Marie, Jean-Jacques: Der Widerstand der Trotzkisten im Gulag 1936 bis 1938. Der Hungerstreik und das Massaker in Vorkuta. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2007), S. 117–136. 30 Additional information and links may be consulted through specific websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. • H-Net Academic Announcements (http://www.h-net.msu.edu/announce/). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (http://www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History, WWW Virtual Library Labour History (http://www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/). 31 Ito, Narihiko (ed.): China entdeckt Rosa Luxemburg. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Guangzhou am 21./22. November 2004, Berlin, Dietz, 2007. 158 S.

JHK 2008

Béla Kun, György Lukács, Imre Nagy und die Säuberungen in Moskau

Gabor Székely

 Am Rande einer Diskussion  Im April 2004 fand in Hannover eine internationale Konferenz mit dem Titel »Die Kommunistische Internationale. Personen, Apparate und Strukturen« statt. Die meisten Historiker, die sich auf die Geschichte der Komintern spezialisiert haben, nahmen daran teil. Das größte Interesse fanden bei den Forschern aus verschiedenen Ländern, die mit der Thematik vertraut waren, offenbar neuere Sammelbände über Personen, die für die Komintern arbeiteten. Ich präsentierte meine Studie Hungarians in the Comintern1 und beteiligte mich an der Diskussion, die sich über die Beziehung zwischen NKWD (Narodny Komissariat Wnutrennich Del / Volkskommissariat für Inneres) und Komintern entwickelte, insbesondere über die Berichte Herbert Wehners für das NKWD sowie Wehners Verantwortung. Es wurden zwei divergente Ansichten vertreten, die eine durch Hermann Weber, die andere durch Reinhard Müller und dessen Arbeit zu Wehner.2 Anhand des verfügbaren Materials zu den ungarischen Erfahrungen unterstützte ich Webers Standpunkt. Ich teilte seine Auffassung, dass bei der Bewertung Herbert Wehners die zeitgenössischen Umstände nicht genug Berücksichtigung erfahren. Anhand einer detaillierten Auflistung Hunderter Dokumente und der Beschreibung der Schicksale zahlloser Menschen zeichnet Müller ein Bild von Terror und Entwürdigung. Dabei bleibt er jedoch an der Oberfläche, denn der wesentliche Punkt, der Grund, weshalb sich Menschen unter diesen Umständen so verhalten haben, wird nicht untersucht. Es werden nur die bloßen Fakten präsentiert, die Ereignisse beschrieben und einige »Verräter« verdammt sowie behauptet, dass diese selbst zu ihrem Untergang und dem ihrer Landsleute beigetragen hätten. Im Gegensatz zu dieser Meinung, und in Übereinstimmung mit Weber, vertrete ich die Ansicht, dass die unablässig diskutierten beiden wichtigsten Standpunkte nicht die richtigen Aspekte in den Mittelpunkt stellen. Die eine Seite betont, dass die Henker jederzeit zu Opfern werden konnten und umgekehrt. Die andere ist der Meinung, dass das Opfer seine Hinrichtung oder die Deportation in den GULag hinausschieben konnte, indem es ein falsches Geständnis ablegte oder bereit war, falsche Anschuldigungen zu erheben. Beide stehen im Widerspruch zu dem Hauptgrund, aus dem diese Schauprozesse veranlasst wurden. Es ist eine groteske Verzerrung der Geschichte, dass nach einem halben Jahrhundert die Fälle Herbert Wehner und Imre Nagy in das aktuelle politische Kreuzfeuer geraten sind. Während der Wahlen im Jahre 1994 wurde Wehner wegen seines früheren Handelns in Moskau scharf kritisiert,3 zweifellos zum Schaden der SPD. Im Fall Imre Nagys, der von 1953 bis 1955 sowie während des Aufstands von 1956 Premierminister Ungarns war und 1958 hingerichtet wurde, dauert die Kontroverse über dessen Moskauer Aktivitäten unvermindert an. Die Dokumente aus der Zeit seines Exils wurden nach Ungarn geschickt, um den Anti-Reform-Flügel der Partei darin zu unterstützen, die demokratische Umwandlung der ungarischen Regierung aufzuhalten oder sogar zu Fall zu bringen.4 Während der Diskussionen auf der Konferenz in Hannover war meine Hauptthese – die meine Forschung überzeugend stützt –, dass Geständnisse den Inhaftierten weder halfen noch eine Erschwernis für sie darstellten. Es spielte keine Rolle, ob jemand die erfundenen Anschuldigungen gestand oder nicht. Dies war denjenigen, die sich für oder gegen ein Geständnis entschieden, bekannt. Ihnen war klar, dass, während man sie aufforderte oder zwang zu gestehen, anderswo über ihr Schicksal entschieden wurde und diese Entscheidung oftmals bereits gefallen war. Wir wissen, dass Geständnisse nur geringe Auswirkungen hatten und nur dann manchmal etwas veränderten, wenn der Beschuldigte vor Gericht gestellt wurde. Dies war selten der Fall, und nur »akzeptable« Geständnisse und Untersuchungsberichte nahm man in die Gerichtsakten auf. Die erfundenen Anklagepunkte bestimmten das Schicksal der Beschuldigten. Die belastenden Dokumente, Geständnisse, Untersuchungsberichte und andere Beweismittel waren bloße Formalitäten. Wir wissen, dass die Verurteilungen nicht auf den Geständnissen basierten. Es war genau umgekehrt: Die Geständnisse wurden auf vorher beschlossene Anklagepunkte zugeschnitten.5 Es ist ebenfalls bekannt, dass nur eine kleine Minderheit der Opfer überhaupt einen Prozess bekam. Nach unseren Informationen wurde von den Tausenden ungarischer Opfer, die hingerichtet oder deportiert wurden, nur eines vor Gericht gestellt und bekam einen Anwalt zugewiesen. Es handelte sich um László Rudas, einen bekannten Philosophen, der nicht verurteilt wurde und die Zeit in Moskau überlebte. Die große Mehrheit bekam keinen Prozess. Eine »Troika«, eine aus drei Mitgliedern bestehende »Spezialkommission« des NKWD, entschied über deren Schicksal. Die Betreffenden wurden entweder in den GULag geschickt oder durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Eine ähnliche Militärkommission war für Armeeangehörige zuständig. Das Kollegium für Militärstraf-sachen am Obersten Gericht der UdSSR befasste sich mit hochrangigen Militärs. Schuld-eingeständnisse hatten keinen Einfluss auf die Entscheidungen der »Spezialkommissionen«. Häufig fanden die Menschen erst dann heraus, dass sie verurteilt waren, wenn sie vor einem Erschießungskommando standen oder man ihnen befahl, sich zur Deportation in den GULag zu melden.6 In Ungarn ist viel über den Ablauf der Schauprozesse oder genauer über diese »konzeptuellen« Verfahren geschrieben worden. Wir kennen die Umstände und die Vorgänge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verhaftung führten. Es war in praktisch jedem Fall möglich, die Gründe für die Inhaftierung des Einzelnen offenzulegen. Darüber hinaus waren wir in den meisten Fällen in der Lage, die jeweiligen erfundenen Anklagepunkte gegen die NKWD-Opfer aufzudecken. Der Terror war insofern irrational, als die Opfer keine Spione, Mörder oder ausländischen Agenten waren; selbst unbedeutende Polizeiinformanten waren nur selten unter ihnen. Im Kontext der Zeit jedoch war er durchaus rational, denn Stalins Herrschaft benötigte konkrete innere und äußere Feinde, um zu beweisen, dass der Klassenkampf andauerte und sich weiter verschärfte. Dies war ein elementarer Aspekt des politischen Systems. Es war insbesondere erforderlich, kontinuierlich innere Feinde zu entlarven, die das sowjetische System stürzen wollten. Dies war notwendig, um die politische Spannung und die uneingeschränkte Autorität des Regimes aufrechtzuerhalten. Die Verschwörungen und Verschwörer mussten irgendwo »hervorgezaubert« werden. Seit Mitte der 1930er-Jahre war dies die Hauptmission des NKWD. Sie wurde mit methodischer Präzision durchgeführt, der Ablauf folgte einer Choreographie. Der erste Schritt bestand darin, eine Liste mit Empfehlungen zu erstellen, auf der diejenigen standen, die man verhaften wollte. Auf der Liste war auch jeweils bereits die vorgesehene Kategorie vermerkt. In der ersten Kategorie waren diejenigen erfasst, die sofort zu verhaften und, nach einer Überprüfung, zu erschießen waren. Die zweite Kategorie listete diejenigen auf, die als weniger aktiv eingestuft wurden und zu 8 bis 10 Jahren Haft oder Arbeitslager verurteilt werden sollten. Die Listen wurden vom Chef des NKWD, Nikolai Jeschow, persönlich genehmigt. Er bestimmte auch, wie viele Personen auf jeder Liste in jeder Kategorie stehen sollten. Es war möglich, Leute zu rekategorisieren und so von einer Gruppe in die andere zu schieben.7 Für die Betroffenen schien der Selektionsprozess keine rationale Basis zu haben, als geschehe er aus einer Laune heraus. Den ungarischen Emigranten war es unmöglich herauszufinden, wodurch man die Aufmerksamkeit des NKWD erregte und weshalb man verhaftet, angeklagt und schuldig gesprochen wurde. Sie wussten nicht, welche Auswirkungen – wenn überhaupt – Schuldeingeständnisse oder andere an das NKWD gelieferte Informationen auf den Verlauf der Ereignisse hatten. Welche Folgen dies für das Gewissen der Betroffenen hatte, ist eine andere Frage. Vielfach war ein und dieselbe Person zugleich Ankläger und Angeklagter. In jedem Fall war sie jedoch ein Opfer der Säuberungen und nicht derjenige, der sie durchführte. Die Stalin’schen Säuberungen und ihre ungarischen Opfer Es ist allgemein bekannt, dass der Zweck der ersten Welle der Säuberungen darin bestand, die »führende alte Garde der Bolschewiki« auszulöschen. In der ungarischen Parteiführung gab es nur vier Personen, die zu dieser Gruppe gerechnet werden konnten: Béla Kun (1886–1938), der Gründer der Kommunistischen Partei Ungarns, der international anerkannte Philosoph György Lukács (1885–1971), Mátyás Rákosi (1892–1971), Sekretär der Komintern in der ersten Hälfte der 1920er-Jahre und einer der Führer der Kommunistischen Partei Ungarns, sowie der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Jenő (Eugen) Varga (1879–1964). Alle vier waren Weggefährten Lenins. Die Sterbedaten zeigen, dass alle außer Béla Kun die Ära der »konzeptuellen« Verfolgung überlebten. Béla Kun – eine Symbolfigur der internationalen Arbeiterbewegung Béla Kun war die mit Abstand respektierteste Gestalt unter ihnen. Er war einer der Gründer der Komintern8 und der Kommunistischen Partei Ungarns. Er war der Führer der Ungarischen Sowjetrepublik, die vier Monate existierte, länger als jede andere in Europa. Er war der Anführer des bewaffneten Widerstandes gegen die Entente-Kräfte sowie ein respektierter Verbündeter und Diskussionspartner Lenins. Aus diesen Gründen musste er, gemäß der den Säuberungen zugrunde liegenden Idee, liquidiert werden. Der Umstand, dass zwischen Kun und Stalin niemals eine Feindschaft existiert hatte, machte keinen Unterschied; vielmehr verdeutlicht er den rigiden Charakter der Säuberungen. Ihre Wege haben sich nie gekreuzt. Die Situation war nicht die gleiche wie bei Sinowjew, Kamenew, Bucharin und Radek. Von Historikern wird nur selten hervorgehoben, dass Stalin die Säuberungen keineswegs aus persönlichen Motiven etablierte und durchführte. Im Fall der alten Bolschewiki war nur eines von Bedeutung: Es durfte keiner, der Einfluss hatte und möglicherweise die Autorität des sowjetischen Systems destabilisieren konnte, am Leben bleiben. Stalin war der Meinung, dass diese Personen für die »Sache« liquidiert werden mussten. Er glaubte, sie würden seine Machtposition, die er mit der Macht des sowjetischen Staates und den hart erkämpften Errungenschaften der Revolution gleichsetzte, unterminieren. Natürlich wusste er, dass sie keine Terroristen oder Agenten einer ausländischen Macht waren. Sie waren seine ehemaligen Kameraden oder sogar Freunde (Bucharin). Er betrachtete sie dennoch als »illegale Organisatoren der Konterrevolution«. Und nicht nur sie, sondern ebenso ihre Verbündeten und Freunde. Je höher eine Person in der Organisation angesiedelt war und je mehr Beziehungen sie hatte, umso weiter spannte man das Netz. Béla Kun war ein unabhängiger Denker mit vielen Beziehungen. Der Prozess seines Ausschlusses begann bereits im Sommer 1935, zur Zeit des VII. Komintern-Kongresses. Kun wurde nicht in das Präsidium berufen. Im Jahr darauf, am 5. September 1936, wurde er auf der Zusammenkunft des Zentralkomitees des Politbüros all seiner offiziellen Funktionen enthoben. Er wurde beschuldigt, eine »Kampagne gegen die Leitprinzipien und die Führung der Komintern« sowie Maßnahmen zur Zersetzung der Emigrantengemeinschaft unternommen zu haben. Diese Anklagepunkte rechtfertigten keine Hinrichtung – möglicherweise empfahlen Dimitroff und Manuilski die weniger schweren Anschuldigungen. Kun antwortete Dimitroff zwei Tage später. Er wies die Anklage zurück, obgleich er seine Enthebung von den offiziellen Ämtern akzeptierte. Er beendete seinen Brief mit folgenden Worten: »Ich bitte Dich, mir zu glauben, dass ich mir Dein Vertrauen, egal welche Aufgabe Du mir überträgst, verdienen werde, sodass es Dir möglich sein wird, mich wieder mit den ungarischen und internationalen Angelegenheiten zu betrauen.«9 Wahrscheinlich wurde zu diesem Zeitpunkt entschieden, ihn zu verhaften, obwohl er zum Direktor eines einflussreichen Verlags, des Verlags Gesellschaft und Ökonomie (SZOCEKGIZ), ernannt worden war. Die einzige offene Frage war, auf welcher Grundlage er verhaftet werden sollte. Wir wissen, dass ihm ursprünglich öffentlich der Prozess gemacht werden sollte. Jedoch passte sein Fall weder zu Sinowjew noch zu Bucharin. Schon seit den 1920er-Jahren gab es zwischen ihm und beiden scharfe Differenzen. Die Befehle waren jedoch deutlich, und so wurde entschieden, gegen ihn wegen eines Vergehens der Kategorie eins Anklage zu erheben. Er wurde schließlich am 29. Juni 1937 verhaftet. Bei den anfänglichen Befragungen war noch nicht entschieden, wessen er angeklagt werden sollte, aber dass er hingerichtet werden sollte, war bereits beschlossene Sache. Dies wird durch detaillierte Dokumente belegt. Daraus können wir ersehen, dass er dazu gebracht wurde zuzugeben, der Führer »einer illegalen konterrevolutionären Gruppierung« zu sein, zu deren Mitgliedern unter anderem seine Frau sowie der bekannte kommunistische Autor Antal Hidas zählten. Weil man für ihn keinen Part in den bereits geplanten Schauprozessen finden konnte und den Plan aufgegeben hatte, ihn separat vor Gericht zu stellen, schoss man ihn einfach in den Kopf.10 Ein ähnliches Schicksal erfuhren diejenigen, die er genannt hatte; einige von ihnen wurden in den GULag geschickt, egal ob sie andere mit hineinzogen oder nicht. Unter ihnen findet sich der Dichter und Schriftsteller József Lengyel, der ebenfalls im Kun-Prozess angeklagt war. Aus seinem Geständnis vom 8. September 1938 – nach Kuns Hinrichtung – können wir die Fragen der Vernehmer ableiten: 1. Wer hat dich überredet, bei der konterrevolutionären Verschwörung mitzumachen? 2. Worin bestand deine Aufgabe als Journalist? 3. Wer waren die Anführer der Verschwörung? 4. Mit welchen Methoden sicherte Kun seine führende Rolle? 5. Was waren die Ziele der Verschwörung? 6. Was waren seine konkreten terroristischen Aufgaben? Lengyel nannte einige Namen (insgesamt 19), räumte seine Schuld aber nur zum Teil ein. Interessant sind die letzten Worte seines Geständnisses: »Ich halte mich nicht für einen üblen Sünder. Ich würde mich gern bemühen und beweisen, dass mich mehr die Umstände zu einem Sünder gemacht haben als feindliche Absichten.«11 György Lukács – eine bizarre Geschichte In einer autobiographischen Skizze schrieb György Lukács, international eher bekannt unter dem Namen Georg Lukács, es sei nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass er während der »Großen Kadersäuberungen« nicht verhaftet und nach seiner Verhaftung im Jahre 1941 nicht getötet wurde. Wir konnten über diesen Fall Genaueres herausfinden, auch wenn die Dokumente nur teilweise zugänglich waren.12 Für die aktuelle Diskussion liefern diese Unterlagen wichtige Daten. Lukács wurde am 29. Juli 1941 verhaftet, eine Woche nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion. In der Lubjanka wurden mehrere Anklageversionen gegen ihn verfasst, deren Kern der erste Abschnitt des Paragraphen 58 war: Spionage und Verrat, die Strafe dafür war Tod durch Erschießen. Später wurde der Vorwurf – wahrscheinlich wegen einiger Bittgesuche – in »feindliche Aktivitäten in Emigrantenkreisen« umgewandelt. Die mögliche Strafe dafür war »nur« der GULag. Da die Vernehmer nicht in der Lage waren, ihre Vorwürfe auf die bei Lukács selbst konfiszierten Dokumente zu gründen, zwangen sie einen ungarischen Emigranten, gegen ihn auszusagen. Das Verfahren war vollkommen absurd. Lukács und andere bewiesen, dass er diese Person niemals zuvor getroffen hatte. Die Gegenüberstellung wurde abgesagt, weil der »unbrauchbare« Zeuge bereits während der Untersuchung gegen Lukács erschossen worden war. Wissenschaftler, die mit den Umständen nicht sehr vertraut sind, könnten dies als Beweis für die Bedeutung von Geständnissen werten, da scheinbar der Zusammenbruch der Anklage zu Lukács’ Entkommen führte. Aber das Gegenteil ist der Fall! Diese Geschichte beweist gerade die Bedeutungslosigkeit von Geständnissen: Die Anklagepunkte gegen ihn waren nicht weniger begründet als die gegen Sinowjew, Bucharin oder Radek, was Lukács sehr genau wusste. Des Weiteren ist aus dem Geständnis von István Timár, einem ungarischen Sozialdemokraten, der die Grenze im Sommer 1940 überquerte, ersichtlich, dass dieser Lukács, auf Empfehlung eines kommunistischen Kameraden, in Moskau kontaktieren wollte. In dem vom NKWD erwirkten Geständnis war nur ein »winziger Punkt« falsch: dass Timár von der ungarischen Polizei geschickt wurde und seine Aufgabe darin bestand, Lukács als Moskauer Vertreter jener Polizei zu kontaktieren und ihn bei seinen Spionageaktivitäten zu unterstützen. Ähnliche Geschichten waren hinlänglich aus den Moskauer Prozessen bekannt. Lukács wusste anscheinend, dass der Fakt, Timár nicht zu kennen, nicht ausreichen würde, um der Anklage zu entgehen. Er hatte sehr viel Glück –  wie er später schrieb –, dass die Vernehmer ihn nicht in eine Situation drängen wollten, in der er alles unterschrieben und alle Punkte der Anklage zugegeben hätte. Er machte sich keine Illusionen und wusste, dass sowohl Sinowjew als auch Bucharin sowie später die meisten ungarischen Staatsbürger auf Grundlage ihrer eigenen Geständnisse verurteilt wurden, und alle wurden darüber hinaus gezwungen, die Namen anderer zu nennen. Unter seinen engen Freunden geschah dies im Fall des hingerichteten Béla Kun sowie bei József Kelen, dem Volkskomissar der Ungarischen Räterepublik,13 Lajos Magyar, dem China-Experten der Komintern, dem Schriftsteller Frigyes Karikás, der im GULag ums Leben kam, oder Gyula Sas, alias Giulio Aquila, einem Kollegen von Willi Münzenberg und Autor der ersten Faschismus-Analyse. Lukács hatte schon während der Moskauer Prozesse das Wesentliche der Situation erkannt. Er nahm die Gefahr wahr und suchte nach Möglichkeiten zu überleben. Lukács war unter den ersten, die öffentlich und pathetisch Sinowjew und Kamenew denunzierten – natürlich erst zehn Tage nach dem Ende des Prozesses. Des Weiteren veröffentlichte er einen Artikel in der bedeutenden Zeitschrift Literaturnaja Gaseta, in dem er der Protesterklärung der Sozialistischen Internationale widersprach. Der Titel seines Artikels, der erst nach der Hinrichtung von Sinowjew und Kamenew veröffentlicht wurde, lautete »Schande den Verrätern«. Gleichzeitig jedoch nahm er einige inhaftierte Personen in Schutz, obwohl er sich der Gefahr durch solche Aktionen bewusst war. Unter den von ihm Verteidigten war der Schriftsteller Andor Gábor (der später freigelassen wurde)14 sowie József Kelen, in dessen Angelegenheit er persönlich die Lubjanka aufsuchte – allerdings erfolglos.15 Auch Reinhard Müller untersucht in seinem Buch Lukács’ Verhaftung unter dem Vorwurf der Spionagetätigkeit im Jahre 1941, er beschreibt jedoch nicht die tatsächlichen Zusammenhänge. Nach wenigen einleitenden Zeilen zitiert Müller vorwurfsvoll eine längere Textpassage, in der Lukács – trotz allem, suggeriert Müller – die sowjetische Verfassung als den Sieg der Freiheit und des befreiten Volkes preist.16 Diese hymnischen Sätze von Lukács waren allerdings fünf Jahre früher, im Juni 1936, vor der Zeit des Großen Terrors veröffentlicht worden – zwischen Aufsätzen von anderen Kadern, die alle auf positive Veränderungen durch die Verfassung hofften. Selbst wenn er dies später geschrieben hätte, dann nicht aus Heuchelei. Dies werde ich detailliert in der Zusammenfassung ausführen. Imre Nagy – Henker oder Opfer? Die nachträgliche feierliche Beisetzung des kommunistischen Premierministers Imre Nagy, der 1958 im Auftrag János Kádárs hingerichtet und in einem anonymen Grab bestattet wurde, stellte ein richtungsweisendes Moment für das sich verändernde ungarische System dar. Kádár ertrug den Druck nicht und verstarb am gleichen Tag, dem 6. Juli 1989, an dem das Gericht Imre Nagy rehabilitierte. In jenen Tagen traf in Budapest ein Dossier zu den Aktivitäten Imre Nagys als Agent ein, das von Wladimir A. Krjutschkow, dem Chef des KGB, verfasst worden war. Von ungarischer Seite hatte man um diese Materialien gebeten, und das Politbüro der KPdSU hatte dem Versand zugestimmt.17 Die Dokumente wurden von Károly Grósz, dem Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP), im September 1989 der Öffentlichkeit präsentiert. Ziel dessen war, den Einfluss derjenigen zu brechen, die einen Systemwechsel forderten und das Andenken Imre Nagys hochhielten. Was aber war der Inhalt des Dossiers? Die Dokumente beweisen, dass Nagy seit 1933 unter dem Namen »Wolodja« Agent der OGPU (Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung), der sowjetischen Geheimpolizei, war und Berichte über seine Bekannten anfertigte. In diesen Berichten soll er ca. 150 Namen erwähnt und die meisten dieser Personen antisowjetischer oder sogar terroristischer Aktivitäten bezichtigt haben. Unter den Dokumenten findet sich allerdings kein einziger von Imre Nagy persönlich verfasster Bericht, der solche Anschuldigungen enthält. Bei den meisten Dokumenten handelt es sich um Berichte von NKWD-Funktionären über die Aktivitäten von »Wolodja«. Eines der letzten Dokumente ist das kompromittierendste: Es enthält ca. 200 Namen von Personen, die, so die Berichtverfasser, durch Nagys Beitrag zum Tode oder zur Deportation verurteilt wurden. Dieses Dokument wurde beinahe zweifelsfrei erst 1989 geschrieben. Jenseits der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über den Ursprung der Dokumente – welche davon echt und zeitgenössisch sind und bei welchen es sich um Fälschungen18 handelt – ist, vom Standpunkt unserer jüngsten Untersuchungen betrachtet, nur eine Frage von Bedeutung: War Imre Nagy wirklich für das tragische Schicksal von 200 Menschen verantwortlich? Es gilt als sicher, dass Nagy, wie alle Moskauer Emigranten, einschließlich Wehner, bereit war, mit dem NKWD zu kooperieren, wenn er dazu aufgefordert, oder brutaler, wenn er gefangen genommen wurde. Sie sahen in dieser Organisation, oder vielmehr in der Hauptverwaltung für Staatssicherheit (GUGB) des NKWD, die Faust des Kommunismus, die den Feind zerschlägt – selbst wenn der Schlag manchmal das Ziel verfehlte. Die Gefangenen versuchten, ihre Vernehmer davon zu überzeugen, die vormals Einflussreichen wandten sich sogar an Stalin. Diejenigen, die sich über die Situation im Klaren waren, wählten eine subtilere Taktik. Präventiv »folgten sie der Linie« und verfassten leidenschaftliche Berichte oder Darstellungen über die »Verräter«, wussten aber sehr genau, dass sie damit das Schicksal der Beschuldigten nicht weiter verschlimmern konnten. Es ist unmöglich, dass sie im Fall Sinowjew, im Fall Kamenew oder Bucharin nicht wussten: die Anklagepunkte waren erfunden. Anders war allerdings die Situation für die, die selbst hineingezogen oder inhaftiert wurden. Der Fall Imre Nagy ist ein gutes Beispiel dafür. Laut einem Dokument aus dem Dossier wurde Nagy in der Nacht zum 4. März 1938 inhaftiert und drei Tage später freigelassen. Es gibt kein Dokument über die Ereignisse dieser wenigen Tage, nur einige kurze Sätze darüber, dass Nagy früher »schon interessante Informationen über die antisowjetischen Aktivitäten zahlreicher Mitglieder der ungarischen Emigration« geliefert habe und durch das wohlwollende Gesuch von Hauptmann Altman, dem Chef einer anderen GUGB-Abteilung des NKWD, freigekommen sei. Imre Nagy, der unter permanenter Beobachtung stand, verfasste während und nach seiner Inhaftierung wieder Berichte. An der Spitze seiner Listen standen selbst 1940 noch die Namen von bereits hingerichteten ungarischen Kommunistenführern: Béla Kun, Frigyes Karikás, Lajos Magyar und andere. Er wollte diesen Aufgaben jedoch entfliehen und hatte damit Erfolg, als er 1941 in die Armee eintrat. Zusammenfassung Die Dokumente beweisen, dass sich sowohl die Informanten als auch diejenigen, die sich schuldig bekannten, in einer Zwickmühle, einer Art »Menschenfalle« befanden. Die Verhaftungen im Lande zeigten ihnen, dass die ungarische Polizei ihre Agenten in die illegale Partei einschmuggeln konnte. (Einer von ihnen wurde mit Hilfe der OGPU identifiziert: József Oancz kam nach Moskau, um 1930 am Kongress der ungarischen Partei teilzunehmen.) In den Fraktionskämpfen glaubte eine große Zahl von Kommunisten, dass sie von Spionen umzingelt waren. Sie wollten die Partei von Verrätern säubern und sahen die Folgen nicht voraus. Den ersten Schritt machte Béla Kun, der sich mit Hilfe des ungarischen NKWD-Obersts Béla Bíró gegen die jungen Delegierten aus Ungarn stellte, weil diese seine Politik kritisierten.19 Nach 1936 änderte sich die Situation, und die Falle schnappte zu. Jeder wurde zu einem potenziellen Opfer. Dies bestimmte ihre Psyche und ihr Leben stark. Sie wussten sehr gut – wie in Hunderten von ungarischen Memoiren zu lesen ist – ,20 dass die schwarze Limousine jeden von ihnen abholen konnte. Niemand war sicher, und genau das war die Essenz des Stalin’schen Systems. Den Emigranten war dies seit den Jahren 1937 / 1938 klar. Selbst die Feinde aus den Fraktionskämpfen versuchten nur solche Personen zu erwähnen, deren Situation sich nicht weiter verschlechtern konnte. Uns ist kein einziger Fall bekannt, in dem der Beschuldigte nicht wusste, dass sein inhaftierter »Ankläger« in derselben Falle saß. Diejenigen, die weitsichtiger waren – Kun, Lukács, Nagy –, erkannten sogar, dass sie nach und nach zu Marionetten Stalins werden würden. Ihr Schicksal und das ihrer Kameraden hing nicht von Geständnissen ab – entscheidend war der Plan, die Vorgabe, die es zu erfüllen galt. Sie wussten, dass der Plan von Stalin vorgegeben wurde und dass die Verhaftungen und Hinrichtungen der wahren Bolschewiken keine Zufälle waren. Sie verstanden, was sich dem normalen Emigranten nicht erschloss: Stalin glaubte fest, dass die Denker der alten Lenin’schen Garde »objektiv« zu seinen Feinden würden. Darüber hinaus war er der Ansicht, dass die Feinde in den alten Brigaden und in seiner eigenen Partei die gefährlichsten waren und ihre Liquidierung seine Aufgabe als der große Führer der russischen und der Weltrevolution war. Kun und Lukács konnten sich an einen Artikel Stalins erinnern, der 1924 in der Zeitschrift Bolschewik erschien. Darin behauptete Stalin, dass »die Sozialdemokratie der objektiv gemäßigtere Flügel des Faschismus« sei.21 Demzufolge war die Sozialdemokratie, wie der Faschismus, Knecht des Kapitalismus und Imperialismus und musste genauso leidenschaftlich bekämpft werden. Die Theorie von der Verschärfung des Klassenkampfes geriet zur Grundlage der Intensivierung und Ausweitung des Terrors. Für diejenigen, die im Zentrum des Terrors standen, war die Möglichkeit zu entfliehen durch das Glück bestimmt und nicht durch Geständnisse, Ankläger und Zeugen. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Jahn. 1 Székely, Gabor: Hungarians in the Comintern, Manuskript, Budapest / Hannover 2004. Die englische Version des Textes findet sich unter <www.szekely.fw.hu>. 2 Müller, Reinhard: Die Akte Wehner. Moskau 1937 bis 1941, Berlin 1993. 3 Siehe Weber, Hermann: Immer wieder Legenden über Herbert Wehner, in: Mengersen, Oliver v. / Friese, Matthias / Kempter, Klaus / Lauterer, Heide-Marie / Schober, Volker (Hrsg.): Personen – soziale Bewegungen – Parteien. Beiträge zur neuesten Geschichte, Heidelberg 2004, S. 146–148. 4 Rainer, János M.: Nagy Imre. Politikai életrajz vol. I. 1956-os Intézet, Budapest 1996, S. 200 [dt.: Imre Nagy – Vom Stalinisten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstands. Eine politische Biographie 1896 – 1958. Paderborn 2006]. Wir wissen nicht genau, wer diese Dokumente im Sommer 1989 anforderte. Da die Transaktion von Wladimir Krjutschkow, dem Leiter des KGB, genehmigt wurde, war möglicherweise Kàroly Gròsz, Generalsekretär der MSZMP [Magyar Szocialista Munkáspárt, Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei] der Unterzeichner. (Der Reformist Reszö Nyers, Vorsitzender der Partei, wusste nichts über die Anfrage und wurde von Gròsz über die Dokumente informiert.) Archiv des Instituts für Politikgeschichte Budapest (im Folgenden PIL), 960. f. 1. öe. 1.l. 5 Illés, László: KGB akták vallomása a magyar írói sorsokról, in: Üzenet Thermopüléből, Budapest 1999, S. 104 f. 6 Petrák, Katalin: Magyarok a Szovjetunióban 1922–1945. Politikatörténeti Füzetek, Budapest 2000, S. 282 f. 7 Der Chef des NKWD, Nikolai Iwanowitsch Jeschow, genehmigte in seiner Anordnung Nr. 00447 vom 30. Juli 1937 die Verhaftung von 4000 Menschen der ersten und 10 000 der zweiten Kategorie durch die Leningrader Abteilung des NKWD. Dies war nach dem 7. August 1937 das Szenario für die landesweiten Verhaftungen. Siehe Leningradsky Martirolog 1937 – 38, Bd. 1, St. Petersburg 1995, S. 41–44. 8 Es ist nicht allgemein bekannt, dass Kun zu den Mitbegründern der Komintern gehörte. Sein programmatischer Artikel »Future International« wurde am 3. Februar 1918 in der Prawda veröffentlicht. Siehe Székely, Gábor: Kun Béla a Kominternben, in: Kun Béláról. Tanulmányok, Budapest 1988, S. 484. 9 PIL, 500. f. 4 / 9. 10 Über die Hinrichtung Kuns wurde kein Kommuniqué veröffentlicht. Der ungarische Botschafter in Moskau, Mihály Jungerth-Arnóthy, berichtete 1939, dass Kun zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In den offiziellen Rehabilitierungsunterlagen wird der 9. August 1938 als Hinrichtungsdatum genannt. Hidas und seine Familie konnten erst Mitte der 1950er-Jahre, nach der Rehabilitierung Kuns, nach Ungarn zurückkehren. Petrák: Magyarok a Szovjetunióban (Anm. 6), S. 294. 11 Memorial, f. op. 4. d. 73079. Lengyel wurde in den GULag geschickt. Erst 1955 wurde er rehabilitiert und konnte nach Ungarn zurückkehren. 12 Diese Dokumente wurden zuerst auf Russisch veröffentlicht und später auf Ungarisch vervollständigt. Russisch: Besedi na Lubjanke. Sledstwennoje dielo Djordja Lukatscha. Materiali k biografii, Moskau 2001. Ungarisch: Vallatás a Ljubljankán. Lukács György vizsgálati iratai. Életrajzi dokumentumok, Budapest: Argumentum – Lukács Archivum 2002, S. 247. 13 Nach dem Zusammenbruch der Räterepublik wurde Kelen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Selbst Albert Einstein protestierte gegen dieses Urteil. Kelen wurde 1922 im Rahmen eines ungarisch-sowjetischen Gefangenenaustausches freigelassen. 1938 wurde er in Moskau verhaftet und hingerichtet. 14 Vallatás a Ljubljankán (Anm. 12), S. 277. 15 Ebenda, S. 10. 16 Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001, S. 23. 17 Rainer: Nagy Imre (Anm. 4), S. 200. 18 PIL, 960. f. 1–10. In seinem oben zitierten Buch (Anm. 4) analysiert János M. Rainer Dokumente, die auf anderen Quellen basieren. Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesen Dokumenten um Originale. 19 Kun sah in ihnen Spione. Der 27-jährige Parteifunktionär Sándor Szerényi wurde 1933 festgenommen. Er überlebte den GULag und starb im April 2007 in Budapest im Alter von 102 Jahren. Béla Bíró teilte bald das Schicksal Kuns. 20 Am Institut für die Geschichte der Partei in Budapest arbeitete lange vor dem Zeitalter der Oral History eine »Gruppe zur Sammlung von Lebenserinnerungen«. Sie veröffentlichte 14 umfangreiche Bände mit Biographien (Tanuságtevők) – sie sind ein wenig oberflächlich, geben jedoch die Ereignisse gut wieder. 21 Bolschewik, 1924, Nr. 11, S. 9.

JHK 2008

Proletarische Diktatur oder freiheitliche Demokratie? Die Wandlungen des Curt Geyer

Mike Schmeitzner

Trotz seiner Bedeutung als »Wanderer zwischen den Welten« innerhalb der Weimarer Linken, seiner für die Frühzeit der Weimarer Republik so bedeutenden Autobiographie und seiner programmatischen Impulse nach 1933 ist Curt Geyer (1891–1967) nur wenigen Historikern ein Begriff geblieben. Lediglich Hermann Weber und Rainer Behring haben immer wieder Anläufe unternommen, ihn dem Vergessen zu entreißen.1 Dabei hatte der Politiker als Revolutionsführer 1918/19, als USPD-Funktionär, Mitbegründer der vereinigten KPD und der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (KAG) und nicht zuletzt auch als einer der glänzendsten Journalisten und Buchautoren zu den bekanntesten Linken der Weimarer Zeit gezählt. Im Folgenden soll seine Wandlung vom intransigenten Anhänger einer „Diktatur des Proletariats“ zum Verfechter der parlamentarischen Demokratie, ja sogar zu einem Totalitarismuskritiker par excellence im Vordergrund stehen. Wie also wurde aus dem Feuerkopf der »Weltrevolution« ein demokratischer Sozialist? Stand dahinter eigene Erkenntnis oder nur politischer Opportunismus? Der Sohn des bekannten sächsischen Reichstagsabgeordneten, SPD-Politikers und Zigarrenfabrikanten Friedrich Geyer kam in den Genuss einer gediegenen Ausbildung. Auf den Besuch der Bürgerschule, der Real- und Oberrealschule folgte 1911 das Studium der Geschichte und Volkswirtschaft an der Universität Leipzig, das Geyer im Juni 1914 mit der Promotion über Politische Parteien und öffentliche Meinung während der Revolution in Sachsen 1848/49 abschloss. Bereits in dieser Zeit und verstärkt während seines Redaktionsvolontariats bei der sozialdemokratischen Leipziger Volkszeitung (LVZ) entwickelte er sich zum vielseitig belesenen Verfechter der Marx’schen Orthodoxie. Diese Grundüberzeugung und ein starker Hang zum Volontarismus führten ihn als Redakteur verschiedener fränkischer sozialdemokratischer Zeitungen früh in das Lager der SPD-Linken und der USPD. Wegen seiner »Linksabweichung« und seiner pazifistischen Haltung wurde er noch 1917 vom SPD-Parteivorstand als Redakteur des Fränkischen Volksfreunds in Würzburg entlassen. In der USPD-Hochburg Leipzig fand er als Redakteur der LVZ eine neue berufliche Existenz; hier avancierte der gerade 27-Jährige schnell zu einem der bekanntesten radikalen linken Funktionäre.2 Der Durchbruch zum politischen Führer gelang Geyer allerdings erst nach Beginn der Novemberrevolution. Auch wenn er zuerst noch keine herausragende Position bekleidete, zeigt die Aufstellung der USPD-Kandidaten für die Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 eindrücklich seine neue innerparteiliche Stellung: Friedrich Geyer, der schon dem alten Reichstag angehört hatte, kam wieder auf Platz eins der Liste. Dies war nicht erstaunlich, dass aber dessen Sohn den langjährigen Bezirksvorsitzenden der Partei, den als gemäßigt und bedächtig geltenden Richard Lipinski, vom zweiten Listenplatz verdrängte, durfte schon als Sensation gelten3 und sagt etwas aus über die revolutionäre Massenstimmung dieser Wochen, und auch über das rhetorische Talent des 27-Jährigen, der – angesichts der sowjetrussischen Erfahrungen – die Revolution in eindeutig rätesozialistische Bahnen treiben wollte. Die Leipziger USPD schien damals fest in den Händen der Familie Geyer: Vater und Sohn waren seit dem 19. Januar 1919 Abgeordnete der Nationalversammlung, Curts Frau Anna, die ihm in intellektueller und rhetorischer Begabung kaum nachstand, bekleidete seit den Wahlen zur sächsischen Volkskammer (2. Februar 1919) ebenfalls ein Mandat. Ende Februar 1919 avancierte Curt Geyer noch zusätzlich zum Vorsitzenden des engeren Leipziger Arbeiter- und Soldaten-Rates. Es gab jedoch zwei Hürden, die den Geyers, vor allem Curt, im Weg standen: Da war einerseits das ältere Parteiestablishment, das – geprägt vom kautskyanischen Attentismus – immer noch eher eine Kombination von Parlamentarismus und Rätesystem anstrebte als eine räteorganisierte Diktatur des Proletariats. Ein Weitertreiben der Revolution und die politische und ökonomische Ausschaltung des Bürgertums stand nicht auf seiner Agenda und schon gar nicht auf derjenigen der mehrheitssozialistischen Landesregierung in Dresden, die – andererseits – zu einer militärischen Lösung entschlossen war. Insofern war die Radikalisierung der Sozialisierungs- und Streikbewegung, die jüngere Führer der USPD wie Curt Geyer und Paul Böttcher seit März 1919 in Leipzig betrieben, ein Vabanque-Spiel, das nur mit einer breiten Solidaritätsbewegung in Mitteldeutschland zu einem revolutionären Erfolg hätte geführt werden können. Der Zusammenbruch der Leipziger »Räte-Republik« und die widerstandslose Besetzung der Stadt durch Regierungstruppen General Maerckers im Mai 1919 besiegelten das Ende der revolutionären Phase.4 Obwohl Curt Geyers Traum von der Räterepublik gescheitert war (nach Ansicht des amerikanischen Historikers Sean Dobson hatte er durch sein zögerliches Verhalten sogar entscheidenden Anteil daran5), glaubte der 28-Jährige keineswegs an eine endgültige Befriedung der revolutionären Stimmung. Die blutigen Zusammenstöße vor dem Berliner Reichstag im Januar 1920 und die Kämpfe während des Kapp-Putsches drei Monate später bestärkten ihn darin. Und auch der Vormarsch der radikalen Kräfte in der USPD beförderte seine Hoffnung, dass Deutschland vor neuen revolutionären Kämpfen stünde und die USPD zur entscheidenden Kraft der Arbeiterbewegung heranwachsen würde. Obgleich sich eine solche Entwicklung tatsächlich abzuzeichnen begann und die USPD bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 fast zu den Mehrheitssozialisten aufschließen konnte, dachte die Leipziger USPD-Führung nach ihrer Mai-Niederlage nicht daran, sich auf neue revolutionäre Abenteuer einzulassen. In diesem Punkt hatte sich bis Ende 1919 eine deutliche Differenz zwischen der Leipziger Organisation der USPD und der Reichspartei herauskristallisiert, die immer stärker einen radikalen Kurs verfolgte. Geyer selbst gehörte in Leipzig wie auf Reichsebene zu jenen Führern der Partei, die sich weiterhin in einer »Revolutionsepoche« wähnten und deshalb die »Diktatur des Proletariats« als »Gegenwartsforderung« postulierten. Seiner Meinung nach hatte sich die USPD als »revolutionäre Kampfpartei« von »opportunistischen Tendenzen« zu trennen, da für »Kompromisse« kein Platz mehr sei. In der von Marx definitorisch begründeten und von Lenin als Herzstück proletarischer Herrschaft verstandenen »Diktatur des Proletariats« sah er die »notwendige Vorbedingung für die Verwirklichung des Sozialismus«, wie sie bereits die »Programmatische Kundgebung« der USPD im März 1919 beschrieben hatte. Anders als gemäßigte USPD-Vertreter wie Karl Kautsky oder Richard Lipinski verstand Geyer allerdings die Diktatur nicht als eine von der Mehrheit des Volkes oder wenigstens der Mehrheit der Arbeiterschaft getragene Herrschaft: Man könne eine Revolution nicht erst dann beginnen lassen, wenn die Mehrheit der Arbeiterschaft hinter ihr steht.6 In einem Leitartikel für die LVZ, der auch in der Zeitschrift Die Kommunistische Internationale, dem Sprachrohr der im März 1919 gegründeten Moskauer Institution, nachgedruckt wurde,7 beschrieb Geyer seine Interpretation der »Diktatur des Proletariats«: »Ist aber einmal die offene Revolution da, so ist die einzige Möglichkeit, sie zum Erfolg zu führen, die Diktatur des Proletariats, sei es zunächst auch nur eine Minderheit des Proletariats. Revolutionen sind noch nie durch große Mehrheiten, sondern immer durch entschlossene Minderheiten geführt worden. Nur im revolutionären Kampf, nur durch die Anwendung der Diktatur, durch die entschlossene Ausnutzung des Erfolges können die Vorderreihen des kämpfenden Proletariats die Mehrheit mit sich reißen.«8 Die an Lenin erinnernde Avantgarde-Theorie und die für Geyer feststehende »vorrevolutionäre« Situation in Deutschland schlossen eine Beteiligung an Parlamentswahlen oder gar an Regierungen mit der MSPD kategorisch aus. Die USPD habe in »bürgerlichen Parlamenten nichts zu suchen«; sie dürfe auch keine Regierungsbündnisse mit den Rechtssozialisten eingehen, da diese »nichts anderes als eine bürgerliche Reformpartei«, ja sogar eine »bürgerlich-kapitalistische Partei« sei.9 Eine Synthese aus Rätesystem und bürgerlichem Parlamentarismus müsse abgelehnt, stattdessen die reine Räteherrschaft begründet werden. Aus Geyers und Böttchers Sicht gab es seit Spätsommer 1919 nur eine Alternative: den Anschluss an die Kommunistische Internationale in Moskau. Die beiden jungen Leipziger Führer konnten sich jedoch in der eigenen Regionalorganisation nicht durchsetzen. Die Mehrheit der Leipziger Parteifunktionäre war weder bereit, einen Anschluss an die Moskauer Komintern zu tolerieren, noch auf ein Regierungsbündnis mit der MSPD zu verzichten, da doch beide Parteien gerade in Sachsen über eine absolute parlamentarische Mehrheit verfügten. In einer Urabstimmung der Leipziger Mitglieder mussten sich Geyer und Böttcher im Herbst 1919 knapp geschlagen geben.10 Zwar vermochte Geyer auf dem außerordentlichen USPD-Reichsparteitag Anfang Dezember 1919 gegen die gemäßigten Leipziger zu triumphieren und gemeinsam mit jüngeren Führern wie Walter Stoecker ein neues Aktionsprogramm zu beeinflussen, das stärker seiner politisch-programmatischen Sicht entsprach.11 Dennoch hatte die Leipziger Niederlage für ihn Konsequenzen: Nach heftigen Rückzugsgefechten verließ Geyer im ersten Halbjahr 1920 die Redaktion der LVZ und übernahm die viel radikalere Hamburger Volkszeitung der USPD als Chefredakteur. In den folgenden Monaten zählte er zu den reichsweit einflussreichsten Verfechtern einer kommunistischen Transformation der USPD. Auf der Reichskonferenz in Berlin Anfang September 1920 forderte der 29-Jährige in gewohnt apodiktischer Form den Anschluss an die Komintern; älteren USPD-Führern wie Wilhelm Dittmann warf er mit argumentativem Rückgriff auf Lenin und Trotzki vor, der »Zuspitzung der politischen Verhältnisse« auszuweichen, die »gegenwärtige Situation für ungünstig für den Entscheidungskampf hinzustellen« und so die »Machteroberung des Proletariats« und dessen Diktatur aufschieben zu wollen.12 Wie Geyer dort die 21 Beitrittsbedingungen der Komintern und den erhofften künftigen Einfluss der USPD in diesem Gremium bewertete, das zeugt von einem hohen Maß an revolutionärer Illusion. Ohne auch nur ansatzweise auf die Bedingungen einzugehen, erklärte er, in der »Epoche des Bürgerkrieges« und der »aktiven, proletarischen Weltpolitik« seien die von Moskau diktierten Bedingungen eine »Kampfesnotwendigkeit für die proletarischen Parteien«, ja eine »historische Notwendigkeit der Weltrevolution«. Den darin geforderten Ausschluss der gemäßigten innerparteilichen Kräfte kommentierte er mit dem Hinweis, dass eine »sachliche Reinigung unserer Partei« notwendig sei. Er persönlich finde es »richtig, dass eine jede Partei, die sich heute unter solchen Bedingungen der dritten Internationale anschließt, ein Stück ihrer Autonomie, ein Stück ihrer Selbstständigkeit aufgibt«.13 Auf empörte Zwischenrufe von Delegierten, dass doch die Partei mit dieser Unterwerfung »sich selbst« aufgebe, antwortete Geyer mit der ihm eigenen revolutionären Zuversicht: »Dafür aber, werte Genossen, gewinnen Sie auf der anderen Seite durch die Vertretung im Exekutivkomitee nicht nur Einfluss auf die eigene Taktik, sondern Einfluss zugleich auf die Taktik der Parteien, die der dritten Internationale angeschlossen sind.« Nach einem erneuten Zuruf »Sind Sie so naiv oder geben Sie sich so naiv?« verstieg sich Geyer sogar zu der Feststellung, wenn die USPD als »große führende deutsche Massenpartei der dritten Internationale« Mitglied der Komintern geworden sei, werde »das Schwergewicht des Exekutivkomitees von Moskau nach Berlin wandern« [!]; so wie »heute bereits das Schwergewicht der Weltrevolution von Russland nach Deutschland gewandert ist«. Es ist schwer zu beurteilen, ob Geyer daran wirklich glaubte, oder ob er lediglich wankelmütige Delegierte beeinflussen wollte. Einen Teil der (gemäßigten) Delegierten, die diese Verkündigungen mit »Heiterkeit« und »Gelächter« quittierten, hatte er allerdings nicht erreichen können.14 Eine völlige Unterordnung der USPD unter die Moskauer Komintern-Regie scheint er nicht befürwortet zu haben; die Hoffnung auf ein Berliner statt ein Moskauer Revolutionszentrum spricht jedenfalls für diese Annahme. Auf dem Hallenser Reichsparteitag der USPD Mitte Oktober 1920, der die Entscheidung über den Komintern-Anschluss bringen sollte, sprach Geyer auffälligerweise nicht. Obwohl er – laut Selbststilisierung in seinen Erinnerungen – als der »weitaus beste und geschickteste Redner« der linken Gruppe galt,15 habe er sich zurückgehalten, weil er erstens als Hassfigur des gemäßigten USPD-Flügels kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen wollte und zweitens bereits damals »düsterer Ahnungen voll« über die spätere Stellung der USPD innerhalb der Komintern gewesen sein will.16 Seine wenig glückliche Rede auf der Reichskonferenz in Berlin und der weitaus wichtigere Auftritt Grigori Sinowjews, des Generalsekretärs der Komintern, dürften für diese Entscheidung wohl ebenfalls maßgeblich gewesen sein. Die Mehrheit der Delegierten entschied sich bekanntermaßen für die 21 Bedingungen und damit für den Anschluss an die Komintern; die linke Führung konnte jedoch die Mehrheit der Mitglieder nicht für den folgenden Zusammenschluss mit der wesentlich kleineren KPD gewinnen. Curt Geyer, der einen nicht geringen Beitrag zur Spaltung der Massenpartei USPD geleistet hatte, avancierte zu einem der fünf Mitglieder des ZK der linken USPD und Wochen später der vereinigten KPD (VKPD).17 In der neuen Partei musste Geyer schon nach wenigen Monaten erkennen, dass seine Vorstellung von der Verschiebung des Machtzentrums von Moskau nach Berlin reine Illusion gewesen war. Statt Einfluss auf die Entscheidungen der Komintern-Zentrale zu erlangen, sahen sich Geyer, Däumig, Düwell, aber auch der VKPD-Vorsitzende Paul Levi, der intellektuelle Nachlassverwalter Rosa Luxemburgs, mit einer immer stärkeren Bolschewisierungsstrategie der Komintern konfrontiert. Dieser hatten sie nichts oder nur wenig entgegenzusetzen, da die Moskauer Zentrale aufgrund ihrer finanziellen und materiellen Ressourcen fast beliebig in die Zuständigkeit der Partei einzugreifen vermochte. Als Geyer im Frühjahr 1921 für drei Monate als Vertreter der VKPD-Zentrale zum Exekutivbüro der Komintern nach Moskau entsandt wurde, erlebte er sein persönliches Damaskus: die Formierung eines diktatorisch-zentralistischen Herrschaftssystems, das sich von den Vorstellungen der von Geyer verehrten Rosa Luxemburg immer weiter entfernte, die blutige Niederschlagung des Kronstadter Aufstandes, einen X. Parteitag der Bolschewiki, der ein Fraktionsverbot innerhalb der Partei festlegte und die unübersehbaren Folgen des »Kriegskommunismus« mit einer »Neuen Ökonomischen Politik« einzudämmen versuchte, und schließlich die Zumutung an Geyer selbst, einen Putsch in Deutschland mit in die Wege zu leiten, um von der eigenen tiefen Krise abzulenken.18 Zurück in Deutschland, sah sich Geyer einer veränderten Situation gegenüber: Die Führung der VKPD war angesichts ihrer vergeblichen Versuche, die eigene Autonomie und die anderer westeuropäischer sozialistischer Parteien zu bewahren und den von der Komintern beschlossenen deutschen Aufstand abzuwenden, zurückgetreten. Seine Sympathien für die ausgeschiedenen Levi, Däumig und Braß und deren politische Vorstellungen ließen Geyer endgültig zu der Erkenntnis kommen, dass sein Traum von der »Weltrevolution« mit dieser Komintern und der eigenen deutschen Partei nicht zu verwirklichen war. Geyers Votum gegen die März-Aktion war auch der Erkenntnis geschuldet, dass die Zeit für eine erfolgreiche deutsche Revolution vorbei war. Anfang Mai 1921 wurde er genauso zum Rücktritt aus der Zentrale gezwungen wie vordem Levi; als er im Sommer 1921 in der von Levi herausgegeben Zeitschrift Unser Weg veröffentlichte, erfolgte sein Parteiausschluss.19 Mit seiner weiteren politischen Entwicklung über Levis KAG, den gemeinsamen Wiedereintritt in die Rest-USPD (Februar 1922) und schließlich in die vereinigte SPD (September 1922) ging freilich kein abrupter weltanschaulicher Stellungswechsel einher. Geyers Überwindung des linken Radikalismus, seine Hinwendung zum demokratischen Sozialismus und – noch weitergehend – die Ablehnung der Marx’schen Orthodoxie nahm mehrere Jahre in Anspruch und fand wohl ihren Abschluss mit der Veröffentlichung seines Werkes Führer und Masse in der Demokratie (1926). Geyers Abfall vom Radikalismus lässt sich bereits vor dem Erscheinen seines entsprechenden Buches (1923) anhand mehrerer Artikel für die Zeitschrift Unser Weg verfolgen. Schon im Sommer 1921 war seine Ernüchterung angesichts der ausgebliebenen »Weltrevolution« deutlich zu spüren: Der Vormarsch der gegenrevolutionären Kräfte (vor allem in Bayern) veranlasste Geyer dazu, sich nicht mehr auf den »Sieg der Arbeiterklasse auf der ganzen Linie« zu versteifen, sondern die Niederringung der Reaktion als einen Schritt »auf dem Wege zur Diktatur des Proletariats« zu betrachten.20 Zwei Monate später, nach dem Festhalten der neuen VKPD-Führung an »Offensivtheorie« und »Anarchismus«, sprach er bereits von der Existenzaufgabe der kommunistischen Partei. Ihre Beschlüsse müssten notwendigerweise »zum Verbluten aktiver, revolutionärer Proletarier, losgelöst von den Massen« führen. Angesichts der Vorstöße des Unternehmertums sei die »Geschlossenheit« des Proletariats das oberste Gebot, um sich selbst zu behaupten [!].21 Gerade weil Geyer erkannte, dass das Proletariat immer mehr in die »Defensive« geriet, plädierte er Ende 1921 sogar erstmals für eine »sozialistische Regierung« als »Schutzwall der proletarischen Massen«, die er 1919 noch vehement abgelehnt hatte.22 Nachdem der ehemalige VKPD-Funktionär nun selbst eine neue Ära der Sammlung (statt immer neuer Spaltungen) verkündet und Anfang 1922 eine Befreiung »aus den Fesseln des Dogmatismus« und von der »starren Auffassung absoluter Gesetzmäßigkeiten auf dem Gebiet der Natur wie der Gesellschaft« gefordert hatte,23 legte er 1923 sein Buch Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung24 vor, das nicht nur einen »soziologischen Versuch« darstellte, sondern auch einen Selbstversuch, nämlich eine Analyse der eigenen radikalen »Erhitzung«.25 Als deren wesentliche Elemente nannte Geyer die Adaption sowjetrussischer Revolutionsvorstellungen, die »radikalisierende Wirkung des Anfangserfolges«, die »Idee der Weltrevolution, die Einschätzung der Massenaktion als des einzigen Hebels des gesellschaftlichen Fortschrittes, die Verwerfung der praktischen Tätigkeit«, den »Ruf nach der Offensive« und schließlich die »Flucht in das Dogma der Weltrevolution«. Er machte aber auch das »geschlossene System der radikalen Doktrin«, den Glauben an die »absolute Wahrheit« und die Überzeugung, dass die »Entwicklung der sozialen Welt sich durch den Umschlag der bürgerlichen Ordnung in die sozialistische vollziehen werde«, für den Radikalismus verantwortlich.26 Mit dieser Analyse hatte Geyer einen Gutteil der Marx’schen Orthodoxie überwunden und sich grundsätzlich auf reformsozialistisches Terrain vorgewagt. Ja, mehr noch: Als er 1924 die wiedererstarkte Macht der deutschen Konzerne und ihre kriegerische Revisionsbereitschaft konstatierte, zog er folgende Konsequenz: »Staatskontrolle der großen Konzerne, Dienstbarmachung ihres Reichtums für den Staat, gerechte, unter sozialem Gesichtspunkt geführte Finanzpolitik, Sorge für Kultur und Wohlfahrt der arbeitenden Massen, Bereitschaft zur internationalen Verständigung«. Statt einer »Diktatur des Proletariats« rückte nun die »Idee der Freiheit und der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit« in den Vordergrund seiner Überlegungen.27 Solche Vorstellungen dürften auch durch seine Tätigkeit als Abgeordneter des Reichstags (1920–1924) mit veranlasst worden sein. In seiner 1924 beginnenden Redakteurstätigkeit für den Vorwärts, das Zentralorgan der SPD,28 trat er endgültig auf den Boden der sozialen Demokratie und der deutlicheren Marx-Revision. Als 1926 Geyers Buch Führer und Masse in der Demokratie erschien, reagierten einstige Freunde und Weggefährten, die ebenfalls den »langen Marsch« durch die Parteiinstitutionen angetreten hatten, allerdings mit wachsender Skepsis. Nicht nur, dass Geyers Bruch mit der Marx’schen Orthodoxie nun vollends zum Vorschein kam und erstmals ethisch-sozialistische Überlegungen dominierten – das im parteieigenen Dietz-Verlag veröffentlichte Werk war zugleich der erste Band der neuen Reihe »Schriften zur Zeit«, die von ethischen Sozialisten wie Gustav Radbruch, Karl Bröger und August Rathmann herausgegeben wurde. Bernhard Düwell, Geyers einstiger Freund aus USPD, VKPD, KAG und Unser Weg, attackierte dessen Bekenntnis zur Demokratie und zur staatspolitischen Verantwortung der SPD sowie seine Kritik an der »intransigenten Oppositionspolitik« der innerparteilichen Linkssozialisten29 scharf. Da war vom »plötzlich so ministerialisierenden Freund«, vom Marxtöter und auch vom »Büßer« die Rede, »der sich im Fegefeuer begnadeter Vernunft fühlt und dreimal wehe über die schreckliche Vergangenheit und ihre Sünden schreit«.30 Gewiss hatte sich Geyer für jene angreifbar gemacht, die gleichfalls 1922 in die Reihen der vereinigten SPD zurückgefunden hatten, aber wie Bernhard Düwell keinesfalls das marxistische Dogma aufzugeben bereit waren. Ihnen musste der nunmehrige Vorwärts-Redakteur als besonders eifriger Renegat erscheinen, gerade weil er als früherer USPD-Funktionär nun für eine Relativierung des Marxismus eintrat.31 Wie richtig Geyer jedoch mit seinen Ansichten lag, zeigte bald die Tragödie der von der SPD und ihrem »demokratischen Führer« Hermann Müller gelenkten Großen Koalition im Reich (1928–1930), die fast vom ersten Tag an von den innerparteilichen Linkssozialisten mit kompromisslosem orthodox-marxistischem Glaubenseifer bekämpft wurde.32 In der noch größeren Tragödie, die sich für die deutsche Sozialdemokratie und das deutsche Volk seit 1933 abspielte, sollte Geyer eine innerparteiliche Bedeutung zukommen, die seine frühe Wirkung (1919/21) deutlich übertraf. Gemeint ist seine Schlüsselstellung im Prager Exilvorstand der SPD (SOPADE), zuerst als Redakteur des Neuen Vorwärts und ab 1935 (nach dem Ausscheiden Friedrichs Stampfers) als Chefredakteur (bis 1940).33 Mit seinen zahlreichen Artikeln und Schriften avancierte Geyer zumindest in der ersten Phase der Emigration neben Rudolph Hilferding zu einem der maßgeblichen »Vordenker« der Exil-Sozialdemokratie, wie Rainer Behring jüngst zu Recht betonte.34 Noch 1933 begann Curt Geyer mit zwei Schriften in der SOPADE-Reihe »Probleme des Sozialismus« Akzente zu setzen und den programmatischen Kurs des Prager Exilvorstandes zu bestimmen. In Revolution gegen Hitler und Volk in Ketten machte er deutlich, dass »der Faschismus national zum Untergang Deutschlands führen muss, dass er Volk und Land in die Katastrophe stürzt«. Die Weltanschauung des Nationalsozialismus – die »kriegerische Grundauffassung« und die »faschistische Ideologie vom totalen Staat« – sei die »geistige Vorbereitung zum Kriege«, deshalb müsse die deutsche Opposition den Sturz der »nationalsozialistischen Despotie« herbeiführen. Allerdings dürfe dieser nicht mit der Einführung eines bolschewistischen Systems verknüpft werden. An die Stelle des faschistischen dürfe nicht das »bolschewistische Arbeiterzuchthaus« treten und damit lediglich die »Vorzeichen der Sklaverei« vertauscht werden. Anders als die Kommunisten müssten die Sozialdemokraten in ihrem Widerstand gegen Hitler darauf abzielen, die »Fesseln der Sklaverei abzuwerfen und die Freiheit wieder zu erobern«.35 Mit dieser grundsätzlichen Positionierung setzte sich Geyer spätestens 1934 in Widerspruch zu zeitweilig stärker werdenden Tendenzen innerhalb des sozialdemokratischen Exils und der sozialdemokratischen Illegalität. Nach dem Scheitern der Weimarer Republik und ihrer wesentlichen demokratischen Stütze, der SPD, forderten sogar illegale Kreise in zuvor nicht gerade als linkssozialistisch bekannten Parteibezirken die Errichtung einer »Diktatur des Proletariats« und einen rücksichtslosen Kampf gegen Bürgertum und Kirche.36 Analoge Vorstellungen formulierte ein Teil der SOPADE, vornehmlich der »Arbeitskreis Revolutionäre Sozialisten«, in einer »Plattform« noch im Herbst 1934.37 Gerade weil Geyer zwischen 1919 und 1921 zu den glühendsten Verfechtern einer »Diktatur des Proletariats« gezählt hatte und erst durch die Berührung mit den Moskauer Realitäten zur Einsicht gebracht worden war, sah er sich nun zu einer weithin sichtbaren Entgegnung aufgerufen. Der Schlüsselsatz in der »Plattform«, wonach die »geeinte revolutionäre Partei« die »Trägerin der Diktatur« werde, »unter deren Führung die von Werktätigen gewählten Räte die Macht ausüben«, ließ ihn zu dem Ergebnis kommen, dass hier der »Weg der Verwirrung« und der Vergangenheitsfixierung beschritten werde. Die »Plattform« verwische die »tiefgehenden ideellen Unterschiede zwischen dem demokratischen Sozialismus und dem Kommunismus russischer Prägung«; sie sei eine »glatte Kapitulation vor dem kommunistischen Programm«. In seinen von den »Plattform«-Verfassern heftig bekämpften Ausführungen38 erinnerte er daran, dass aus solchen programmatischen Vorstellungen in Russland »mit Notwendigkeit erst der Cäsarismus eines Zentralkomitees und später der Cäsarismus eines einzelnen« hervorgegangen sei. Aus der »Diktatur des Proletariats« habe sich die »Diktatur eines roten Zaren« entwickelt, daraus ergebe sich eine »geschichtliche Warnung [...] für alle, die heute der Demokratie abschwören, um die Diktatur des Proletariats und die Räteherrschaft anzubeten«.39 Dass die »Plattform«-Positionen im Exil keine Mehrheit fanden, dafür sorgten nicht zuletzt die Moskauer Prozesse und Säuberungswellen, die Geyer als Chefredakteur fundamentaler Kritik unterzog. In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre erblickte er in der »Idee der Freiheit«, im »Freiheitswillen« und »Freiheitskampf« gegen Hitler und Stalin den stärksten Antrieb sozialdemokratischer Widerstandshaltung.40 In seiner Schrift Die Partei der Freiheit, die 1939 erschien, konzipierte er die Sozialdemokratie als politische Kraft, die an die Stelle der nationalsozialistischen Despotie die »uneingeschränkteste breiteste Demokratie, die Freiheit der öffentlichen Meinung« setzen müsse. Sie habe gegen die »Totalitätsidee« und jede Form der Diktatur zu kämpfen. Das »System der Totalität« solle von einem »Mehrparteiensystem abgelöst« werden; dabei gehe es um die »Sammlung der deutschen Opposition zum Kampfe für die Wiederherstellung der Grundlagen der europäischen Zivilisation in Deutschland«. Für die Revitalisierung eines »orthodoxen Marxismus« oder einer »proletarischen Diktaturpartei« sei kein Platz mehr, gerade weil das »totale System« in der »bisherigen Geschichtskonstruktion des Marxismus nicht vorgesehen war und auch dort nicht hineinpasste«.41 Mit diesen Vorstellungen war der vormalige Räterevolutionär seiner eigenen Partei um genau 20 Jahre vorausgeeilt. Dass Geyer trotz seiner »Vordenker«-Funktion in der Nachkriegssozialdemokratie keine Rolle mehr spielte und auch als Wegbereiter des Godesberger Programms der SPD (1959) ausfiel, war auf innersozialdemokratische Auseinandersetzungen im Londoner Exil zurückzuführen, die sein Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie allerdings nicht berührten. Als Kritiker eines organisatorischen Bündnisses mit linkssozialistischen Gruppen machte er sogar 1941 gegen einen sozialdemokratischen Linksruck Front. Der Bruch mit der SOPADE kam ein Jahr später an einem anderen Punkt: Im März 1942 stellten Geyer und fünf weitere frühere SPD-Funktionäre in einer Erklärung den »deutschen aggressiven Nationalismus« als die »mächtigste politische Kraft im deutschen Volk« dar und prangerten eine vorgebliche »nationalistische Tendenz« in der deutschen Sozialdemokratie seit 1914 an.42 Mit dieser – sehr weitreichenden – Interpretation der jüngsten deutschen Geschichte und Hitlers »Zustimmungsdiktatur« lösten sie zugleich die Bande zur Exil-SPD, die doch für sich selbst in Anspruch nahm, das »andere Deutschland« zu verkörpern. Die engen Kontakte zu Lord Vansittart, dem britischen »Deutschenhasser« par excellence, taten ein Übriges zur Isolierung der sechs SPD-Dissidenten. Nach dem Krieg kritisierte Geyer von London aus die nationale Haltung der West-SPD Kurt Schumachers. Sie sei mehr eine »nationale Widerstandsbewegung als eine Partei, die im Zusammenwirken mit den Alliierten eine Politik im Interesse des Volkes betreibe«. Das »selbst verschuldete Dilemma der Sozialdemokraten bestehe darin, dass sie, um Mehrheitspartei zu werden, der nationalistischen Stimmung in der Bevölkerung immer nachgeben« werde.43 Geyer zog daraus eigene Konsequenzen und nahm schließlich die britische Staatsbürgerschaft an. Als London-Korrespondent arbeitete er lange – von 1947 bis 1963 –  für die Süddeutsche Zeitung. 1 Zur aktuellen Auseinandersetzung siehe Weber, Hermann / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 243 f.; Rainer Behring: Option für den Westen. Rudolf Hilferding, Curt Geyer und der antitotalitäre Konsens. In: Schmeitzner, Mike (Hrsg.), Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007, S. 135–160. 2 Zur Entwicklung des jungen Geyer siehe die – allerdings hagiographisch geprägten – Memoiren: Curt Geyer: Die revolutionäre Illusion. Zur Geschichte des linken Flügels der USPD, hrsg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, mit einem Vorwort von Robert F. Wheeler, Stuttgart 1976. 3 Das Ergebnis war mit 235 zu 232 knapper als von Geyer angegeben. Siehe Wheeler, Robert F.: Vorwort: Curt Geyer und die USPD. In: ebd., S. 20. 4 Zur revolutionären Entwicklung in Leipzig und Sachsen seit der Jahreswende 1918/19 siehe Rudolph, Karsten: Die sächsische Sozialdemokratie vom Kaiserreich zur Republik 1871–1923, Köln 1995, S. 217 ff. 5 Siehe vor allem die Kapitel »Geyer’s Intentions« und »The impending Invasion of Leipzig« in: Dobson, Sean: Authority and Upheaval in Leipzig 1910–1920. The Story of a Relationship, New York 2001, S. 257–261. 6 Geyer, Curt: Zur Reichskonferenz. In: Leipziger Volkszeitung vom 6. 9. 1919. 7 Geyer, Curt: Die Unabhängige Sozialdemokratie Deutschlands und die Diktatur des Proletariats. In: Die Kommunistische Internationale. Organ des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, November / Dezember 1919, Nr. 7/8, S. 58–63. 8 Geyer: Zur Reichskonferenz (Anm. 6). 9 So Geyer auf dem außerordentlichen Landesparteitag der USPD Sachsens am 10./11. August 1919. In: Dowe, Dieter (Hrsg.): Protokolle der Landesversammlungen der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Sachsens 1919–1922, Berlin / Bonn 1979, S. 101. 10 Siehe Wheeler: Vorwort (Anm. 3), S. 14. 11 Auf dem außerordentlichen Reichsparteitag der USPD vom 30. 11. bis 6. 12. 1919 gehörte Geyer neben Stoecker u. a. zur Redaktionskommission, die den Programmentwurf bearbeitete. Im Programm selbst wurde nun die Zertrümmerung des bürgerlichen Staates und die Aufrichtung einer Diktatur des Proletariats gefordert. Siehe Aktionsprogramm der USPD, beschlossen auf dem außerordentlichen Parteitag in Leipzig 1919. In: Dowe, Dieter / Klotzbach, Kurt (Hrsg.): Programmatische Dokumente der deutschen Sozialdemokratie, Bonn 2004, S. 182 f. 12 Protokoll der Reichskonferenz der USPD vom 1. bis 3. September 1920, Berlin 1920, S. 77. 13 Ebd., S. 78 f. 14 Ebd., S. 79. Zu den Intentionen Geyers auf der Reichskonferenz im Rückblick: Geyer, Die revolutionäre Illusion (Anm. 2), S. 215. 15 Ebd., S. 224. 16 Ebd., S. 223 f. 17 Siehe Wheeler, Robert F.: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt a. M. 1975, S. 259 ff.; Wheeler: Vorwort (Anm. 3), S. 17 ff. 18 Siehe Geyers ausführliche und plastische Schilderung seiner Moskauer Eindrücke in: Geyer: Die revolutionäre Illusion (Anm. 2), S. 250–277. 19 Siehe Wheeler: Vorwort (Anm. 3), S. 18. 20 Geyer, Curt: Zur inneren Politik. In: Unser Weg 3 (1921), H. 5, S. 133–137, hier S. 134 f. 21 Ders.: Das Jena der VKPD. In: ebd., H. 10, S. 272–275, hier S. 274. 22 Ders.: Partei von heute oder von übermorgen? Zur Frage der sozialistischen Regierung. In: ebd., H. 15, S. 426–432, hier S. 429. 23 Ders.: Naturgesetz und gesellschaftliches Gesetz. In: ebd. 4 (1922), H. 3/4, S. 65–70, hier S. 70. 24 Geyer, Curt: Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung. Jena 1923. 25 In das Widmungsexemplar für den politischen Weggefährten Reinhold Schönlank aus Halle schrieb Geyer: »Reinhold Schönlank zur Erinnerung an gemeinsamen jungen Radikalismus«. Ich danke meinem Kollegen Dr. Michael Rudloff für den Hinweis auf das in seinem Besitz befindliche Widmungsexemplar. 26 Geyer: Der Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 24), S. 35, 49, 53 u. 77. 27 Ders.: Drei Verderber Deutschlands. Ein Beitrag zur Geschichte Deutschlands und der Reparationsfrage von 1920 bis 1924, Berlin 1924, S. 229 f. 28 Geyer »komplettierte« ab 1924 das Innenressort des Vorwärts, dem seit 1922 auch ehemalige politische Weggefährten aus der KPD und KAG wie Ernst Reuter angehörten. Siehe Hermann Schueler: Trotz alledem. Der Vorwärts – Chronist des anderen Deutschland, Berlin 2006, S. 375. 29 Geyer, Curt: Führer und Masse in der Demokratie, Berlin 1926, S. 3 ff., 125 ff. 30 Düwell, Bernhard: Demokratischer Führer oder Führerfaschismus? In: Chemnitzer Volksstimme vom 7. 8. 1926. 31 Mit Blick auf das wieder stärker marxistisch geprägte Programm von Heidelberg (1925) monierte Geyer z. B. das dort nur lieblos abgelegte Bekenntnis zur politischen Demokratie. Siehe Geyer: Führer und Masse in der Demokratie (Anm. 29), S. 3. 32 Siehe u. a. Protokoll über die Verhandlungen der Landesversammlung der sächsischen SPD in Leipzig am 12. / 13.1.1929, Dresden 1929, S. 12 ff., 28 f., 33 ff. 33 Andere zeitliche Zuordnungen und die immer wieder behauptete Kooptation Geyers in den Exil-Vorstand der SPD entsprechen nicht den Tatsachen. Siehe Buchholz, Marlis / Rother, Bernd (Hrsg.): Der Parteivorstand der SPD im Exil. Protokolle der Sopade 1933–1940 (Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 15), Bonn 1995, S. XIX, XXV. 34 Behring: Option für den Westen (Anm. 1), S. 143. Schueler (Trotz alledem, Anm. 28, S. 539) kommentiert dagegen in seiner Vorwärts-Geschichte Geyers Redaktionsarbeit nach 1933 mit einem einzigen [!] lapidaren Satz: »Mit Stampfer, der immer mehr politische Aufgaben übernahm, besorgte alsbald in steigendem Maße Curt Geyer die Redaktion des Neuen Vorwärts.« 35 Zit. nach Behring: Option für den Westen (Anm. 1), S. 140 f. 36 Siehe z. B. die Berichte von Vertretern aus den Bezirken Pfalz, Baden, Württemberg, Hessen-Offenbach in: Bericht über die Neunkirchner Konferenz vom 2. bis 4. Juni 1934. In: Buchholz / Rother: Der Parteivorstand der SPD im Exil (Anm. 33), S. 439–454, hier S. 441 ff. 37 Der Weg zum sozialistischen Deutschland. Eine Plattform für die Einheitsfront. Zur Diskussion gestellt von einem Arbeitskreis revolutionärer Sozialisten. In: Zeitschrift für Sozialismus 1 (1934), H. 12/13, S. 375–409. 38 In einer SOPADE-Vorstandssitzung versuchten die Vorstandsmitglieder und »Plattform«-Verfasser Karl Böchel und Siegfried Aufhäuser, Geyers Artikel, der unmittelbar nach der »Plattform« abgedruckt werden sollte (und auch wurde), zu hintertreiben. Der entschlossene Widerstand Siegfried Crummernels, Friedrichs Stampfers und Otto Wels’ verhinderte dies. Siehe Protokoll der Parteivorstandssitzung am 19. Oktober 1934. In: Buchholz / Rother: Der Parteivorstand der SPD im Exil (Anm. 33), S. 65–74, hier S. 73 f. 39 Geyer, Curt: Der Weg zur Verwirrung. Arbeitervereinigung durch Unklarheit? In: Zeitschrift für Sozialismus 1 (1934), H. 12/13, S. 409–422, hier S. 409 u. 415. 40 Klinger, Max [Curt Geyer]: Gegen die Diktatur der Lüge. In: Neuer Vorwärts Nr. 210 vom 20. 6. 1937; ders.: Gesundungsprozess. Die Renaissance des Freiheitswillens. In: ebd. Nr. 218 vom 15. 8. 1937. 41 Geyer, Curt: Die Partei der Freiheit [1939]. In: Klotzbach, Kurt (Hrsg.), Drei Schriften aus dem Exil, Bonn 1974, S. 303 u. 354. 42 Später, Jörg: Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902–1945, Göttingen 2003, S. 289. 43 Zit. nach: ebd., S. 420.

JHK 2008

Arbeit am Selbst im Arbeiterstaat. Neue Quellen des Stalinismus und ihre Deutung

Brigitte Studer

Der Begriff »Kommunismus« umfasst mehrere Dimensionen, welche von der Geschichtswissenschaft unterschiedlich stark akzentuiert worden sind. Das Hauptgewicht historischer Darstellungen lag lange auf der Betrachtung von Kommunismus als Herrschaftsform, als politische Bewegung und als Weltanschauung. Erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist die Dimension des Kommunismus als Lebenswelt und als Gesellschaftsform, in welcher »Arbeit am Selbst« zu den allgemeinen kulturellen Normen zählte, hinzugekommen. Diese perspektivische Erweiterung verdankt sich mindestens zwei Faktoren: zum einen der »archivalischen Revolution« und der Entdeckung neuer Quellen, zum andern der historiographischen Erneuerung mit neuen Ansätzen und Fragestellungen. Diese Kombination von historischen Ereignissen (der Zusammenbruch der Sowjetunion und die partielle Öffnung der Archive) und binnenwissenschaftlichen Perspektiven-, ja Paradigmenwechseln dürfte ausschlaggebend gewesen sein für die Entwicklung eines neuen Ansatzes – man kann ihn als »Subjektivitätsansatz« bezeichnen. Dabei ergab sich eine konzeptuelle und inhaltliche Annäherung zwischen einzelnen Feldern der historischen Kommunismusforschung und der osteuropäischen Geschichte, die in erster Linie über eine gemeinsame Quellengattung, in zweiter über eine ähnliche Problemstellung und vergleichbare Methoden vermittelt wurde. Ich möchte im Folgenden zuerst kurz die erwähnten Quellen einführen und anschließend diskutieren, wie diese erschlossen, also gelesen und gedeutet werden können. Ich werde dabei auch eigene Recherchen einbeziehen und mich auf die Stalinzeit der 1930er-Jahre konzentrieren. Sprechen über sich selbst unter Stalin Die abrupte Öffnung der Archive nach 1991 brachte viele neue Erkenntnisse, die größte Überraschung dürfte aber wohl die »Enthüllung« zahlreicher Tagebücher gebracht haben. Teils bis heute gilt nämlich die Annahme, die Verschriftlichung privater Tatsachen und Meinungen sei angesichts der allgegenwärtigen Bespitzelung gefährlich, das Tagebuchführen unter sowjetischen Verhältnissen entsprechend unüblich gewesen.1 Neue Quellen autobiographischer, teils auch biographischer Art kamen erst allmählich zum Vorschein. Zudem dauerte es etliche Jahre, bis sich die historische Forschung intensiv mit den Deutungsproblemen auseinanderzusetzen begann, welche diese mit sich brachten. 1995 veröffentlichten Véronique Garros, Natalija Korenewskaja und Thomas Lahusen Auszüge aus rund einem Dutzend Tagebüchern von Sowjetmenschen aus sehr unterschiedlichen Milieus, blieben jedoch eine historiographische Einordnung dieser Dokumente schuldig.2 Ein Jahr später provozierte Jochen Hellbeck mit der Publikation des Tagebuchs von Stepan Podlubnyj großes Aufehen.3 Ein einfacher Mensch, ein Mann aus dem Volk, ein simpler, wenn auch ambitionierter Sowjetbürger hatte Tag für Tag seine letztlich gescheiterten Bemühungen notiert, sich dem bolschewistischen Wertesystem anzupassen und ein »guter Stalinist« zu werden. Seither häufen sich die Veröffentlichungen von Tagebüchern, aber auch Autobiographien und Memoiren aus der Stalinzeit. Doch das ist nur die eine Seite des Tableaus. In der Tat hielten die russischen Archive, wie sich schnell zeigen sollte, nicht nur Tagebücher und Autobiographien als Quellenmaterial bereit. Eine Reihe weiterer Ego-Dokumente kam zum Vorschein.4 Da gibt es zum Beispiel einen regen schriftlichen Austausch zwischen der Bevölkerung und der Administration: Briefe an die Pravda, an Stalin, ans ZK, an Ämter; es finden sich Eingaben, Klagen, Denunziationen. Diese asymmetrische Kommunikationsstruktur ist im Grunde vormodern herrschaftsorientiert; ihre Zeugnisse weisen, abgesehen vom jeweiligen Kontext, eine gewisse Ähnlichkeit mit den Lettres de cachet aus dem Ancien Régime auf, den Bittschriften an den König, die Arlette Farge und Michel Foucault zusammen herausgegeben haben.5 Als modern kann hingegen der vom bolschewistischen Regime bereits in den frühen 1920er-Jahren mit dem System der Arbeiterkorrespondenten (rabkor) initiierte Appell an den Einzelnen zur Stellungnahme und Berichterstattung über eigene Erfahrungen bezeichnet werden. Diese partizipative Kommunikationsform zwischen dem Regime und den Staatsbürgern und -bürgerinnen war zweifellos in ihrer Funktion ambivalent, diente sie doch auch einer offiziellen Informationsbeschaffung zu Kontroll- und Lenkungszwecken. Sie beleuchtet aber einen Grundzug der bolschewistischen Herrschaftspraxis, den Stalin Ende der 1920er-Jahre stark ausbauen und institutionalisieren sollte: die Aufforderung an die Individuen, über sich selbst zu sprechen und zu schreiben. Diese offizielle Förderung des Sprechens über das Selbst in einer Reihe von Partei- und anderen Organisationspraktiken hat – für die Historikerinnen und Historiker ein seltener Glücksfall – zahlreiche Quellen hinterlassen, Quellen, die Ego-Dokumente neuer Art darstellen. Es handelt sich erstens um Dokumente, die in Kaderdossiers enthalten waren, um Fragebogen zur eigenen Person und um Parteiautobiographien, mündliche oder schriftliche Selbstdarstellungen, die auf Geheiß der Partei (oder einer anderen Organisation) und meist nach einem vorgegebenen Raster gefertigt wurden. Zweitens sind zahlreiche stenographierte Sitzungsprotokolle – teils handschriftlich, teils maschinengeschrieben – überliefert, in denen unterschiedlichste Fragen erörtert werden. Sie entstanden im Rahmen von Partei- und Zellensitzungen, von Produktionsberatungen im Betrieb oder von Gruppenversammlungen eines Schülerkollektivs. Ihre Entstehungsorte waren also neben der sowjetischen Partei auch Industriebetriebe sowie staatliche Verwaltungs- und Bildungsinstitutionen, etwa internationale Kaderschulen. Sie dienten der Erörterung von Problemen der Produktivitätssteigerung oder von Zielsetzungen und Methoden der Kaderausbildung, aber auch der Bilanzierung von Planzielen oder der Säuberung. Je nachdem nahmen sie die Form einer Selbstkritik oder eines Selbstberichts an, Praktiken, in denen eine Gruppe oder ab Mitte der 1930er-Jahre öfters eine Einzelperson dem Kollektiv über ihre »Fehler« oder dann ihre »Produktionsziele« Rede und Antwort zu stehen hatte. Am Ende dieser Evaluationsverfahren wurde die Person von den anderen beurteilt oder verurteilt. Reinhard Müller hat im deutschen Sprachraum als erster mit solchen Quellen gearbeitet. Seine Beispiele stammen aus Kaderakten deutscher Kommunisten. Besonders eindrücklich war seine Veröffentlichung des Stenogramms einer geschlossenen Parteiversammlung deutschsprachiger Schriftsteller 1936 in Moskau wenige Tage nach dem ersten Schauprozess.6 In dem mehrhundertseitigen Dokument äußern sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Reihe nach wiederholt zu ihren »Verfehlungen« und »Abweichungen« und versuchen teils durch die Anklage und Denunziation anderer der Säuberung zu entkommen. Vor allem mit Parteiautobiographien französischer Kommunisten haben die beiden Historiker und Soziologen Claude Pennetier und Bernard Pudal gearbeitet, die der Frage nach den individuellen Handlungsspielräumen gegenüber der Partei im Rahmen der verordneten Selbstbeschreibung nachgegangen sind.7 Zusammen mit Berthold Unfried habe ich mich selbst für die Materialien der Selbstkritik- und Selbstberichtssitzungen an den internationalen Kaderschulen in Moskau und in den Parteigruppen der Komintern interessiert8 – Sitzungen, in denen zum Beispiel gesagt wurde: »[Genossen,] ich habe ein ganz unzulässiges Verhalten an den Tag gelegt, und das Verhalten in der Gruppe ist das Resultat. Schon lange trug ich diese Stimmungen mit mir herum. Gen. Beutling sprach mit mir darüber, ich habe aber keine vernünftigen Schlussfolgerungen gezogen. Ich habe mir jetzt vorgenommen, ordentliche Produktionsarbeit und gesellschaftliche Arbeit zu leisten und nicht mehr das schwarze Schaf zu sein.«9 Neue Quellen und ihre Narration Wie kommt es, dass ein System, in diesem Fall ein Parteistaat, so viel von seinen Bürgerinnen und Bürgern erfahren wollte? Was wollten die Machthaber überhaupt wissen? Was erzählten die Menschen? Was nicht? Weshalb sprachen sie generell bereitwillig über sich selbst? In welchen Situationen taten sie das? Und: Was erfährt dabei die Historikerin / der Historiker? Was sagen diese Quellen über das Sowjetsystem oder in unserem Fall über den Stalinismus der 1930er-Jahre? Die Geschichtswissenschaft, respektive die Gruppe der Historikerinnen und Historiker, die mit solchen Quellen arbeiten, hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem theoretischen und methodischen Problem befasst, wie mit diesen Quellen umzugehen sei, wie sie gedeutet werden sollen. Oder anders formuliert, welche Geschichte ihnen gegeben werden kann, welche Narration zu ihnen passt. Zu den Charakteristika der geschichtswissenschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre gehört neben einer vermehrten Theorieorientiertheit und der Interessenverlagerung zu kollektiven und individuellen Sinnproduktionen wohl noch stärker die erhöhte Methodenreflexion. Dazu zählt auch die Beachtung des Entstehungskontextes einer Quelle auf materieller, struktureller, intellektueller und kognitiver Ebene. Quellen sind bekanntlich nicht einfach ein Abbild vergangener sozialer Realitäten, die uns Fakten liefern. Quellen haben selbst eine Geschichte. Sie müssen in ihren Aussagen kontextualisiert, und ihre Herstellung muss reflektiert werden. Die erwähnten Quellen verweisen auf eine Reihe von Situationen, in denen die Einzelperson im Vordergrund steht; was sie denkt, was sie tut (getan hat), was sie sagt: Das Individuum hat über sich, seine politischen Haltungen, seine Aussagen, sein Privatleben zu informieren. Dies heißt jedoch immer auch, über sich zu erzählen, also seiner Darstellung eine möglichst große Kohärenz zu geben. Die erwähnten Textsorten oder Ego-Dokumente können als institutionelle Selbstzeugnisse bezeichnet werden, die es in anderer Form auch in anderen Gesellschaften gab (so zum Beispiel in Form des Gerichtsverhörs), die jedoch in dieser Dichte und vor allem in einem solchen Kontext für den Stalinismus spezifisch sein dürften. Die Selbstthematisierung geschah in direkter Auseinandersetzung mit dem Kollektiv, mit den anderen historischen Akteuren. Das unterscheidet diese Situationen in gewisser Hinsicht vom Tagebuch oder von der Autobiographie, in welchen die Gesellschaft oder die anderen als Hintergrundfolie, als internalisierte Norm und als positive oder negative Projektionsfläche für den eigenen Identitätsentwurf dienen, nicht aber in direkter Konfrontation oder im interpersonell vermittelten kommunikativen Austausch mit dem Sprechenden stehen. Andererseits: Wenn sich auch die Formen in der Unmittelbarkeit des Dialogs zwischen Individuum und System unterscheiden, handelt es sich sowohl bei den hier relevanten Formen des Tagebuchs und der Autobiographie als auch beim Selbstbericht und der Selbstkritik doch um Praktiken, in denen die Machtträger die einzelne Person mustern und diese ihrerseits mehr oder weniger freiwillig über sich selbst Auskunft gibt. Man ist also weit entfernt vom totalitaristischen Modell eines allmächtigen Staats- und Polizeiapparats ohne Menschen, der sich nicht um seine Bürger kümmert und sich für diese nicht interessiert. Wie also lassen sich die in diesen Quellen zum Ausdruck kommenden Situationen  historiographisch erschließen? Welche Erkenntnisse sind daraus zu ziehen? Eine dem Totalitarismusansatz verpflichtete Lektüre sah in den beschriebenen Formen des Sprechens über sich selbst ein Unterwerfungsritual, in welchem die Allmacht des Partei- oder Staatsapparats gesichert wurde. In den zugrunde liegenden Situationen ortete sie das Bemühen um totale Kontrolle, dessen Finalität das Auslöschen jeglicher individueller Regung war. Eine solche Interpretation war zweifellos Ergebnis des von diesem Ansatz modellierten starr hierarchischen Verhältnisses von Staat und Bürgern. Sie lässt sich aber auch auf die Tatsache zurückführen, dass vor der Archivöffnung nur die Praxis der Säuberung, die damit assoziierte sowjetische Selbstthematisierungsform der Selbstkritik sowie die in den Schauprozessen formulierte öffentliche Beichte bekannt waren. Dokumentarische Quellen dazu waren aber eher spärlich vorhanden. Jedenfalls war es kaum möglich, daraus Serien zu bilden. Für den sogenannten revisionistischen Ansatz, wie die sich in den 1970er-Jahren etablierende amerikanische Sozialgeschichte bezeichnet wurde, galten hingegen die Säuberungen als Ort, wo um Interessen gestritten wurde, oder als Herrschaftsinstrument, das mehr »von unten« denn »von oben« genutzt wurde. Die offiziellen Personenfragebögen und die institutionellen Autobiographien betrachtete er als Mittel zur Bestimmung sozialer Herkunft (»Klasse«) durch die Parteibehörden und die staatliche Verwaltung – wozu sie in der Tat auch dienten –, nicht aber als kommunikativen Vorgang zwischen Behörden und Individuum, in welchem auch Letzteres Akteur war. Es gibt für die Interpretationen beider Ansätze plausible Argumente und Belege. Der Anspruch des stalinistischen Regimes war unbestreitbar insofern totalitär, als das Individuum bis in jedes Detail kontrolliert und überwacht werden sollte. Andererseits haben sich genügend Beispiele finden lassen, die zeigen, dass lokaler Klientelismus oder individueller Opportunismus und taktisches Geschick die Repression des zentralen Parteiapparats abwenden konnten. Neuere sozialwissenschaftliche und historiographische Ansätze, die mehr oder weniger direkt mit dem linguistic, dem cultural und neuerdings dem pragmatic turn in Zusammenhang stehen und eine Rezentrierung des Individuums postulieren, haben allerdings eine neue Problemstellung entwickelt: Sie befassen sich damit, wie kollektive Deutungen und Vorstellungswelten entstehen und mit der persönlichen Erfahrung sowie der subjektiven Wahrnehmung und Sinngebung verknüpft sind. Damit hat sich der Fokus zum einen auf Identitätskonstruktionen und die Formung, ja Konstituierung des Selbst, zum anderen auf die Nutzung individueller Verhaltensrepertoires und strategischen Handelns verschoben. Diese und andere Ansätze und Debatten, die im Rahmen allgemeiner historiographischer Erneuerungen zu situieren sind, haben in den letzten Jahren die Geschichtsforschung angeregt. Identitäts- und Subjektivitätsproblematiken haben einen starken Auftrieb erlebt. Dies trifft auch für Forschungen über die Entwicklung des »stalinistischen Menschen« zu, sei es in der Sowjetunion, sei es in westlichen kommunistischen Parteien. In Bezug auf die Sowjetgesellschaft ist allerdings ganz besonders evident, dass diese Prozesse nicht allein von autonomen Subjekten vollzogen werden, wie sie die Aufklärungsphilosophie entworfen hat und die Politik des Liberalismus vertritt. Auf der anderen Seite schließen historiographische Ansätze, die sich für Subjektivierungsprozesse interessieren, selbstredend auch diejenigen Interpretationen aus, die dem menschlichen Handeln und Willen keinen Platz einräumen. Plausibler erscheint da die foucaultsche Ambivalenz der Subjektivierung als Unterwerfungsprozess einerseits, als Faszinations-, Verzauberungs- oder Blendungsakt andererseits.10 Welcher Handlungs- und Entscheidungsspielraum nun allerdings dem Einzelnen zugeschrieben wird, wie letztlich das Verhältnis von Individuum und System konzipiert wird, kann und muss hier nicht behandelt werden.11 Es lässt sich höchstens sagen, dass in den letzten Jahren wohl so etwas wie ein Konsens herrscht, dass dieses Verhältnis co-konstruktiv ist. Darüber hinaus bestehen weiterhin Differenzen, ob die Integration der Parteimitglieder und im weiteren Sinne der Sowjetbürger sowie deren Aneignung offizieller Leitbilder, Normen, Konventionen und Werte taktischer Art oder eher Ausdruck genuiner Überzeugung waren. Stellvertretend für diese unterschiedlichen Positionen sei hier die kritische Stellungnahme von Igal Halfin und Jochen Hellbeck zu Stephen Kotkins Ausdeutung seines Konzepts des »speaking bolshevik« verwiesen.12 Werden damit nur Anpassungsprozesse beschrieben – so die Meinung der beiden –, sitzt der Historiker der Illusion eines präformierten stabilen Subjekts auf, das sich gegen die Ansprüche der bolschewistischen Ideologie zur Wehr setzt respektive diese pro forma übernimmt. Einer solchen Konzeption setzen sie die konstruktivistische Sichtweise entgegen, gemäß welcher das Subjekt erst über die Sprache des Regimes geformt wird. Für die aus den russischen Archiven geförderten Selbstzeugnisse ist der von der Diskursanalyse hervorgehobene historische Zusammenhang zwischen Macht und Text ein zentraler Ausgangspunkt. Auf Grundlage dieser methodologischen Prämisse können die erwähnten Quellen als Ausdruck und Produkt der Struktur und Logik der stalinistischen Machtverhältnisse gelesen werden. Dazu ist es nötig, diejenigen sprachlichen Register zu identifizieren, die jedem Kontext spezifisch sind. Ferner sind die Regeln zu rekonstruieren, welche die Darstellung, die Diskursivierung und Verschriftlichung der Tatsachen und Ereignisse strukturieren. Wichtige methodologische Anregungen lassen sich aus der Geschichte der Kriminalität gewinnen, welche mit Gerichtsakten als Quelle auf eine vergleichbare Textsorte zurückgreift. Diese erlauben den Zugriff auf eine Situation, in welcher sich im Laufe der Falluntersuchung und des Gerichtsprozesses unterschiedliche Zeugen sowie Darstellungen oder Deutungen eines Geschehens gegenüberstehen. Jeder historische Akteur wählt eine Narration und folgt in seiner Aussage einer gewissen Rationalität. Am Schluss muss jedoch – so will es die Logik der Gerichtssituation – eine möglichst widerspruchsfreie oder jedenfalls hierarchisch aufgebaute Erzählung stehen. Wenn zu Beginn die »Tatsache« noch weitgehend undefiniert ist, so wird sie im Urteilsspruch als »Delikt« oder eben als Freispruch festgeschrieben. Wie die Gerichtsquellen können Quellen von Selbstkritik- oder Selbstberichtssitzungen als Protokoll einer Interaktion, als Kommunikationsprozess, ja als Handlung betrachtet werden. Sie sind Reflex einer Realität, die gerade erst entsteht. Dies geschieht nicht regellos, sondern entsprechend der prozeduralen Logik der Institution – sei es nun das Gericht oder die kommunistische Partei – einerseits, der Handlungslogik, also der Strategien der Akteure – sei es der Prozessparteien und der Gesetzesvertreter oder der Parteimitglieder und -verantwortlichen – andererseits. Im Vergleich zu Gerichtsakten weisen die sowjetischen Quellen, um die es hier geht, allerdings auch Besonderheiten auf. So waren die Rollen zwischen den Beteiligten oft nicht eindeutig verteilt, ein Ankläger konnte plötzlich zum Angeklagten werden. Die institutionellen Regeln konnten sich zudem in den 1930er-Jahren abrupt und für sämtliche Beteiligte unerwartet ändern. Die neuen Ego-Dokumente aus der Stalinzeit der 1930er-Jahre erlauben, so ist zu folgern, eine mehrschichtige Lektüre. Zweifellos können sie als Erstes – folgt man teils Martin Schaffners Typologie13 – unter der Voraussetzung von genügend quellenkritischer Sorgfalt als Faktenlieferanten, als ungeordnete »Datenbank« genutzt werden. Sie können zweitens als normative Texte interpretiert werden, als mehr oder weniger getrübter Spiegel der Erwartungen der Partei als Institution an ihre Mitgl