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JHK 2009

Inhaltsverzeichnis

JHK 2009

Gescheiterte Revolution. In den russischen Archiven gehen die Uhren rückwärts

Markus Wehner

Anfang 2008 erhielten geschichtswissenschaftliche Institute und Fakultäten in Moskau einen Brief vom russischen Außenministerium. Dessen Planungsstab lud zu einem internen »runden Tisch« am 12. Februar ein. Das Thema: »Der Verfälschung der Geschichte zum Schaden Russlands entgegentreten – eine Aufgabe von gesamtstaatlicher Priorität«. Diskutiert werden solle, ob ein staatlicher Mechanismus geschaffen werden müsse, um gegen die »heutige Spirale der Fälschungen«, gegen eine Umschreibung der Geschichte, mit der Russland geschadet werden solle, vorzugehen. Dafür müsse man »Gegner und Verbündete« im Ausland identifizieren, zudem sollten allerlei Institutionen und Gruppen gewonnen werden, um der notwendigen Kampagne gegen die Geschichtsfälscher Schwung zu geben. Die Aufzählung reicht von »gemeinsamen Historikerkommissionen« über die Kriegsveteranen-Verbände bis hin zu den Russen im Ausland. Auch die Geschichtswissenschaft solle im Kampf gegen die Diskreditierung der russischen Geschichte eine Rolle spielen, nämlich die erwünschte »konterpropagandistische Arbeit« durch Informationen begleiten.1 Wie die Diskussion im russischen Außenministerium endete, ist dem Verfasser dieses Beitrags nicht bekannt. Unstrittig scheint jedoch, dass Geschichte in Russland heute auf neue Weise instrumentalisiert wird. Sie dient dazu, das Selbstbewusstsein einer Großmacht zu demonstrieren, sich in der wieder aufgeflammten Konfrontation mit dem Westen ideologisch zu behaupten, eigene politische und rechtliche Ansprüche zu untermauern oder unerwünschte Ansprüche anderer Staaten abzuwehren. Vor 15 Jahren waren die politischen Prioritäten andere. Russland öffnete sich damals nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes politisch, ökonomisch und kulturell dem Westen. Das Ende der Sowjetherrschaft veränderte auch den Blick der Russen auf die Vergangenheit ihres Landes – sie begannen, zunächst mittels der Publizistik und der Literatur, ihre eigene Geschichte neu kennenzulernen. Im Zuge dieser Neubewertung wurden die zuvor weitgehend verschlossenen russischen Archive geöffnet. Die Staatsführung unter Präsident Boris Jelzin war daran interessiert, die Geschichte der Sowjetdiktatur erforschen zu lassen, um die dadurch gewonnenen Erkenntnisse als Instrument gegen eine drohende politische Revanche einzusetzen. Gerade während des Prozesses gegen die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) vor dem russischen Verfassungsgericht im Jahr 1992 wurden zahlreiche brisante Dokumente aus den Parteiarchiven, den Archiven des KGB, des Außenministeriums und des Verteidigungsministeriums veröffentlicht. In den Lesesälen einstiger Parteiarchive herrschte Anfang und Mitte der Neunzigerjahre reges Treiben. Auf einmal war die geheime Welt der russischen Archive offen. Russische wie ausländische Historiker gruben in den gerade freigegebenen Akten der kommunistischen Epoche, nicht zuletzt der Stalin-Zeit, nach wissenschaftlichem Gold. Mit der Zeit, hoffte man, würden die vielen Rätsel und Geheimnisse der Sowjetgeschichte gelöst werden. Eine Archivrevolution, so meinten viele, hatte begonnen.2 Tatsächlich konnten liberal gesinnte Archivdirektoren in dieser revolutionären Aufbruchstimmung oft selbst entscheiden, ob ehemals geheime Bestände (und das war die ganz große Mehrheit) zugänglich gemacht werden sollten. Was ist aus dieser Revolution geworden? Wurde sie zu Ende gebracht, ist sie vertagt worden oder ist gar eine Konterrevolution im Gange? Wie ist die Lage in den russischen Archiven heute? Welche sind für Nutzer offen, welche weiter oder schon wieder geschlossen? Was bedeutet die Situation in den Archiven für die russische Geschichtswissenschaft und für die westliche Russland- und Kommunismusforschung? Haben sich die Kooperationsprojekte des Westens Früchte getragen? Und wie viel Einfluss kann die deutsche, europäische und internationale Wissenschaftskooperation mit Russland heute auf die Situation in den Archiven nehmen? Im Sommer 2008 hat der Verfasser in Moskau mit Archivdirektoren, Instituts- und Verlagsleitern und nicht zuletzt mit russischen Historikern, die in den Archiven forschen, über diese Fragen gesprochen. Auch deutsche Geschichtswissenschaftler, die in russischen Archiven gearbeitet haben oder dort arbeiten, gaben ihm über ihre Erfahrungen Auskunft. Nicht alle Gesprächspartner wollen hier genannt werden. Der Leiter des staatlichen russischen Archivdiensts »Rosarchiv«, Wladimir Petrowitsch Koslow, hat ein persönlich zugesagtes Interview kurzfristig aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. Nachdem er es mehrfach verschoben hatte, war es laut Koslow nicht möglich, in der noch verbleibenden Zeit von zwei Tagen rechtzeitig einen »Passierschein« (propusk) für sein Amtsgebäude auszustellen. Am Rande des Abgrunds So sehr diese Absage als eine Ausflucht gewertet werden muss, ist sie doch typisch für das, was russische wie ausländische Nutzer oft als absurde Welt der Archive erleben. Undurchsichtige Regeln, überbordender Bürokratismus, fehlende Informationen, mittler-weile auch eingeschränkte Öffnungszeiten und überhöhte Preise gehören zu den Gründen für die regelmäßigen Klagen darüber, dass es sich in den russischen Archiven so schwer gewinnbringend arbeiten lasse. Die Arbeitsbedingungen haben – zumindest auch – mit dem jeweiligen Zustand und der personellen Ausstattung zu tun. Im Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte (Rossijskij gosudarstvennyj archiv social‘no-politic(v)eskoj istorii, RGASPI) sind die technischen Mitarbeiter im Durchschnitt 68 Jahre alt, fast zwei Drittel der Stellen unbesetzt. Die dort tätigen Wissenschaftler sind im Durchschnitt 60 Jahre alt. Jüngere Leute arbeiten hier nicht mehr, denn von umgerechnet 200–300 Euro im Monat kann man in Moskau schon lange nicht mehr leben – viele Berufsanfänger verdienen heute das Zehnfache. Absolventen des Moskauer Instituts für Geschichte und Archivwesen, die früher den Kernbestand des wissenschaftlichen Personals stellten, fingen deshalb heute nicht mehr in den Archiven an, sagt Larissa Rogowaja, die stellvertretende Direktorin des Staatsarchivs der Russischen Föderation (Gosudarstvennyj archiv Rossijskoj Federacii, GARF). Im GARF, das vor einigen Jahren seinen Lesesaal grundlegend modernisiert hat und als eher nutzerfreundlich und demokratisch gilt, arbeiten noch immer viele Forscher. Andere Archive dämmern mehr vor sich hin, es kommen nur noch wenige Nutzer, darunter immer weniger Ausländer. »Irgendwann wird das Personal fehlen, um das Archivwesen aufrechtzuerhalten«, sagt der Geschichtsprofessor Kyrill Anderson, bis zum Sommer 2008 Direktor des RGASPI (er wurde wegen eines Konflikts mit Rosarchiv-Chef Koslow entlassen). Tatsächlich stehen viele Archive heute aufgrund fehlender Gelder am Rande des Abgrunds. Das gilt auch für manche Museen und Bibliotheken, aber die Lage in den Archiven erscheint noch dramatischer. Die Bürokratie fordert zahlreiche Abgaben, von der Gebühr für die Feuerwehr bis zum Erwerb einer Lizenz zur Aufbewahrung geheimer Dokumente, die der Inlandsgeheimdienst FSB vergibt. Zugleich nimmt die Zahl lukrativer gemeinsamer Projekte mit dem Ausland ab. Um die Einnahmen zu erhöhen, werden die Nutzer zur Kasse gebeten, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes über Gebühr. Ausländische Forscher trifft dies besonders, denn sie zahlen für Kopien mehr als ihre russischen Kollegen – im Moskauer Staatlichen Militärarchiv (Rossijskij gosudarstvennyj voennyj archiv, RGVA), zum dem auch das »Sonderarchiv« mit seinen deutschen Beute-Akten gehört, etwa dreimal so viel. Wer seine Kopien schnell braucht, muss noch tiefer in die Tasche greifen. Für jede kopierte Seite eines Dokuments nehmen Moskauer Archive von Ausländern mittlerweile zwischen zwei und vier Euro. Historiker, die auf Dokumente aus der Zarenzeit angewiesen sind, erleben bereits seit fünf Jahren ein Trauerspiel – sie kommen an die Akten nicht heran, weil das Russische Historische Staatsarchiv (Rossijskij gosudarstvennyj istoričeskij archiv, RGIA) in Sankt Petersburg geschlossen ist. Der Grund war zunächst, dass es in ein neues Gebäude umziehen sollte. Nachdem dies nun mit reichlicher Verzögerung geschehen ist, wurde es noch nicht wiedereröffnet, weil angeblich nicht genug Mitarbeiter für einen geregelten Betrieb vorhanden sind. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück Die beschriebenen Schwierigkeiten ermüden die Archivnutzer. Ihnen hilft nur langer Atem, freundliche Beharrlichkeit und – bei Forschern aus dem Westen – die Unterstützung russischer Archiv-Veteranen und erfahrener Wissenschaftler, ohne die sie nur schwer vorankommen werden. Ein noch größeres Hindernis für eine erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit ist allerdings, dass viele ehemals nutzbare Akten mittlerweile wieder als geheim eingestuft worden sind oder aber trotz offizieller Freigabe faktisch unzugänglich bleiben. Oft bekommt man die benötigten Findbücher nicht, oder Dokumente, die darin als zugänglich bezeichnet sind, werden de facto nicht ausgegeben. Manchmal heißt es, sie seien für Monate »zum Scannen«. Oder sie seien noch in einem Zustand, der eine Ausgabe verbietet. Oder sie seien noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Überprüfen lässt sich das in der Regel nicht. Oft wird auch gar keine Begründung gegeben. Aus dem Komintern-Archiv im RGASPI sind zwar viele Dokumente durch ein Gemein-schaftsprojekt mit westlichen Institutionen im Internet verfügbar gemacht worden.3 Aber gerade die Schlüsseldokumente fehlen in dem Online-Projekt; auch im Archiv selbst sind sie für den gemeinen Nutzer heute wieder unzugänglich. Das gilt etwa für die Akten der Budgetkommission oder der Kaderabteilung (darunter auch die Akten berühmter deutscher Politemigranten wie Walter Ulbricht oder Erich Mielke). Ohne diese Bestände sind aber Fragen zur Lenkung und Finanzierung der ausländischen kommunistischen Parteien durch Moskau und damit ihrer Abhängigkeit von den sowjetischen Staatsfinanzen ebenso wenig zu klären wie zu wichtigen Entscheidungsprozessen in der Komintern-Spitze. Gesperrt bleiben auch die Akten der »Abteilung für internationale Verbindungen« (OMS) oder die chiffrierten Telegramme. »Man hat einfach die Dokumente der Kategorie B freigegeben, und die westlichen Partner haben es versäumt, sich vorher Zusicherungen für die Kategorie A geben zu lassen«, sagt ein Forscher über das Comintern-online-Projekt, an dem sich unter anderen der Europarat, der Europäische Archivrat und das Bundesarchiv beteiligten. Tatsächlich schränkt es den Wert eines solch großen Projekts ein, wenn wichtige Dokumentenbestände nicht darin aufgenommen werden.4 Doch immerhin gewährt die Datenbank nunmehr unkomplizierten Zugang zu 1,3 Millionen Dokumentenseiten aus dem Kominternbestand. Derweil erklärt die Archivleitung des RGASPI die Sperrung ganzer Bestände der Komintern mit dem aberwitzigen Beschluss von oben, alle fremdsprachigen Dokumente müssten zunächst übersetzt werden – andernfalls sei eine Bewertung und Freigabe nicht möglich. Das freilich ist bei Tausenden in Deutsch, Englisch, Französisch und anderen Sprachen verfassten Archivseiten kaum zu leisten. Man habe sich inzwischen zwar auf kurze Inhaltsangaben auf Russisch geeinigt – aber auch das erfordere Personal und Geld, das kaum zur Verfügung stehe, heißt es. Auch der Archivnachlass Stalins im RGASPI kann nicht in Gänze eingesehen werden, Gleiches gilt für die Originalprotokolle des Politbüros. Die Akten wurden aus dem »Präsidentenarchiv«, dem einstigen Archiv Stalins und des Politbüros, abgegeben und müssten nun eigentlich allen Nutzern offenstehen. Dass dem nicht so ist, wird damit begründet, dass einzelne Seiten für geheim erklärt worden seien – oft nur eine oder zwei in einer 200-seitigen Akte. Für die Anfertigung von Kopien fehle indes das Geld. So bleiben 200 Akten zu. Inwieweit solche offiziellen Begründungen stichhaltig sind, ist für Außenstehende kaum zu überprüfen. Viele russische Archivmitarbeiter und -nutzer bezeichnen sie jedoch als Vorwände, die der jeweiligen Archivleitung ermöglichten, die wichtigsten Akten aus ihren Beständen in eigenen Projekten zu »vergolden«, statt sie der wissenschaftlichen Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Denn wenn alles offen ist, kommt niemand mehr mit Projekten zu den Archivdirektoren. Die aber suchen Sponsoren für ihre Institutionen. Back in the USSR Wie die Zustände in den Archiven sind, hängt also in hohem Maße von deren jeweiligen Direktoren ab. Diese sehen sich allerdings heute hohem Druck und weitaus stärkerer Kontrolle ausgesetzt als früher – durch Rosarchiv, den Inlandsgeheimdienst FSB oder die Präsidialverwaltung selbst. Das wird besonders deutlich in der Frage der Freigabe geheimer Dokumente, die das russische Archivwesen seit dem Übergang von der Sowjetunion zur Russischen Föderation begleitet. Seit sieben Jahren treibt in dieser Angelegenheit eine »Interministerielle Kommission zum Schutz des Staatsgeheimnisses« ihr Unwesen, die vom damaligen Präsidenten Wladimir Putin durch den Erlass Nr. 627 gegründet wurde. Eigentlich wäre es die Aufgabe dieser Kommission, die ihre ineffektiven Vorgängergremien ersetzen sollte, Archivakten aus der Sowjetzeit freizugeben. Doch in der Praxis tut sie eher das Gegenteil. Hatte die Kommission 2005 nur 13 Prozent der begutachteten Akten aus dem RGASPI für »geheim« erklärt, so waren es 2006 schon 40 Prozent. Im vergangenen Jahr beschloss die Kommission, dass 60 Prozent der zur Freigabe vorgesehenen Akten – wohlgemerkt aus der Stalin-Zeit, also bis 1953 – geschlossen bleiben sollten! Noch schwieriger scheint die Lage im Russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte (Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii, RGANI), das die Parteidokumente von 1953 bis 1991 aufbewahrt. Hier hat die Kommission viele Akten, die freigegeben waren, wieder für geheim erklärt, beispielsweise zum interessanten Thema der Außenpolitik von Nikita Chruschtschow gegenüber den Vereinigten Staaten ab 1959, also zur Kuba-Krise und ihrer Vorgeschichte. Für die Kommission begutachten ältere Mitarbeiter russischer Ministerien und Behörden die Akten. Sie arbeiten schleppend und umständlich und verfahren immer mehr im Geist der früheren Parteiräson. »Sie werden immer vorsichtiger und ängstlicher«, sagt ein Archivdirektor. »Dafür, dass Akten als geheim eingestuft werden, ist noch niemand bestraft worden. Dafür, dass man sie freigegeben hat, schon«, erklärt ein Forscher die neu belebte Geheimhaltungsmanie. Selbst Akten, die 1992 im Prozess gegen die KPdSU veröffentlicht wurden, sind heute für geheim erklärt. Das gilt auch für Dokumente, die im Ausland längst publiziert sind. So hatte Präsident Jelzin in den Neunzigerjahren bei Auslandsbesuchen, etwa in Deutschland oder der Tschechischen Republik, Dokumentenkopien als Geschenke mitgebracht. Sie sind in Artikeln und Monografien in Übersetzung veröffentlicht worden. Auf die Originale können sich russische Forscher aber nicht beziehen, da sie in den russischen Archiven immer noch als geheim eingestuft sind. »Die Publikation eines Dokuments kann nicht als Grund für die Aufhebung seiner Geheimhaltung dienen«, lautet seit Jahren die lapidare Erklärung der russischen Archivverwaltung, etwa ihres erwähnten Leiters Koslow. Nachdem Akten von einem Archiv zur Freigabe vorgeschlagen wurden, dauert es oft zwei, drei Jahre oder noch länger, bis eine Entscheidung oder auch nur eine Reaktion der Interministeriellen Kommission folgt. »Die Experten geben oft subjektive und nicht immer begründete Gutachten ab, mitunter auch mit Formulierungen, die von der russischen Gesetzgebung nicht vorgesehen sind«, schrieb schon 2004 Michail Prosumenschtschikow, der stellvertretende Direktor des RGANI.5 Wie abstrus die Arbeit der Kommission abläuft, zeigt ein Beispiel aus dem sogenannten Präsidentenarchiv, dem Archiv des früheren Politbüros. Aus den dort lagernden Akten wollte Alexander Fursenko, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, einen Dokumentenband über die britisch-sowjetischen Beziehungen zusammenstellen und herausgeben. Von 120 ausgewählten Akten gaben die Mitarbeiter der betroffenen Behörden 114 frei. Der letzte »Experte«, der sein Votum abzugeben hatte, war ein betagter Mitarbeiter des Atomministeriums. Er erklärte von den betreffenden Akten 108 für »geheim«, nur sechs hielt er für unbedenklich. Die Begründung: Wegen des Giftmords an dem ehemaligen russischen KGB-Agenten Alexander Litwinenko im britischen Exil seien die russisch-britischen Beziehungen so schlecht geworden, dass eine Freigabe der Dokumente nicht infrage komme. Da die Entscheidungen im Konsens getroffen werden müssen, sperrte der Mann durch sein Votum die Akten. Anschließend verreiste er auf seine Datscha und war monatelang nicht zu erreichen. Nach Angaben eines Archivdirektors sind die Kriterien für eine Freigabe von Dokumenten völlig willkürlich. Jede Behörde gebe ihrem zuständigen Mitarbeiter eigene Instruktionen. So hätten manche Akten schon zweimal den Freigabeprozess durchlaufen – beim ersten Mal sei ein Teil freigegeben worden, beim zweiten Mal genau der andere Teil, der zuvor als weiterhin geheim eingestuft worden war. Geheimhaltungsmanie und Willkür bei der Freigabe widersprechen freilich den russischen Gesetzen. Zum einen hatte Präsident Boris Jelzin 1992 die Anweisung erteilt, alle Akten, die die Repressionen der Sowjetorgane betreffen, freizugeben. Zum anderen sind nach russischem Gesetz Akten prinzipiell nach 30 Jahren freizugeben, wenn sie keine Staatsgeheimnisse berühren. »Eigentlich müssten 95 Prozent der Akten bis 1978 offen sein, und nur die übrigen fünf Prozent, die einer Geheimhaltung unterliegen könnten, müssten geprüft werden«, sagt Larissa Rogowaja vom GARF. Stattdessen hat man bis auf Weiteres sämtliche sowjetischen Akten für geheim erklärt, selbst wenn sie 60 oder 70 Jahre alt sind. Eine automatische Freigabe nach 30 Jahren findet nicht statt. Stalins Archiv Ein Sonderfall ist das Präsidentenarchiv, das von Stalin geschaffen wurde – viele Dokumente tragen noch seine Aufschrift »moj archiv« – »mein Archiv«. Das Archiv wurde von seinen Nachfolgern weitergeführt, bis hin zu Michail Gorbatschow. Allein der Breschnew-Fond macht 1500 bis 1600 Akten aus. Die Anzahl der Dokumente zu einzelnen Feldern der Innen- und Außenpolitik ist sehr unterschiedlich – je nachdem, wie sehr das Politbüro und den jeweiligen Sowjetführer das Thema interessierte. So gibt es beispielsweise viele Akten zur Geschichte der russischen Atombombe oder zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen, aber nur wenige zu den Beziehungen zu Großbritannien. Ausländer haben prinzipiell keinen Zugang zum Präsidentenarchiv. Russische Forscher müssen sich an den Leiter der Präsidialverwaltung wenden, doch auch von ihnen konnten bisher nur wenige dort arbeiten; meist handelt es sich um bekannte Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften – jedenfalls um Personen mit »privilegiertem Zugang«. Anders als oft behauptet, gibt es im Präsidentenarchiv einen Lesesaal – allerdings nur für ein Dutzend Personen. Nachdem Präsident Jelzin 1993 eine entsprechende Anweisung gegeben hatte, wurden Dokumente aus dem Archiv im Magazin Istotschnik (Quelle) publiziert, einer Beilage der historischen Zeitschrift Rodina (Heimat). Da diese eingestellt wurde, wird nun seit 2006 einmal im Jahr zusammen mit dem Deutschen Historischen Institut (DHI) in Moskau der Vestnik archiva presidenta RF (Bote des Präsidentenarchivs der Russischen Föderation) veröffentlicht. Sinnvoll wäre es, entweder die Bestände den historischen Archiven zu übergeben – oder vor Ort ein wissenschaftliches Zentrum samt Archivnutzung einzurichten. Ersteres tut das Präsidentenarchiv zum Teil, Letzteres ist nicht geplant. Die Partei, die Partei Besonders interessant könnte für Forscher das RGANI sein. Es war gewissermaßen das laufende Archiv des ZK der KPdSU nach dem Tode Stalins. Hier liegen die Materialien des zentralen Parteiapparats von 1953 bis zum Ende der Sowjetunion 1991 – sofern sie nicht im Präsidentenarchiv geblieben sind. Mittlerweile hat dieses aber vieles übergeben: die Chruschtschow-Akten, die Andropow-Akten und die Originalprotokolle des Politbüros ab 1953. Die Möglichkeiten, im RGANI sinnvoll zu arbeiten, sind allerdings sehr begrenzt – nicht nur, weil hier, wie auch in manchen anderen Archiven das Mitbringen von Laptops untersagt ist, sondern vor allem weil noch immer fast alles der Geheimhaltung unterliegt. Oder vieles schon wieder. Hatte der frühere Archivdirektor Rudolf Pichoja sämtliche Akten bis zum Jahre 1961 öffnen wollen, so hat die erwähnte Interministerielle Kommission viele schon offene Bestände wieder für geheim erklärt. Die Materialien des ZK der KPdSU für die Jahre 1953 bis 1961 sollten 1995 / 1996 freigegeben werden – dreizehn Jahre später ist das aber immer noch nicht der Fall. Historische Themen, die die Zeit nach 1945 betreffen, sind deshalb schwer zu bearbeiten. Wenn selbst die Dokumente über die kulturellen Beziehungen zwischen der DDR und der UdSSR in den Fünfzigerjahren wieder geheim sind, was darf man dann erst bei brisanteren Themen erwarten? Heute kann der Benutzer im RGANI nur sein Thema angeben und hoffen, dass sich im kleinen freigegebenen Teil der Akten etwas Brauchbares dazu findet – und es ihm dann auch gegeben wird. Dabei hätte das Archiv gerade auch zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen viel zu bieten, etwa zahlreiche Akten zu Willy Brandt und zur SPD. Da mittlerweile die gesetzliche Frist von 30 Jahren abgelaufen ist, könnte man solche Materialien freigeben. Das ist aber bisher nicht geschehen. Das RGASPI, das die Dokumente des zentralen Apparats der Kommunistischen Partei bis 1953 aufbewahrt, hat viel mehr Akten freigegeben. Doch wie bereits erwähnt, sind auch dort einige Bestände gesperrt. Auch die Dokumente des Politbüros sind nur eingeschränkt zugänglich: Man kann zwar die Protokolle des Politbüros einsehen, nicht aber die weit aussagekräftigeren Originalmaterialien dazu, etwa Karteikarten, auf denen alle Mitglieder Anmerkungen zu Beschlüssen gemacht haben. Daran lässt sich auch ablesen, wie das Politbüro durch Dreier-, Fünfer- oder Siebenergruppen seiner Mitglieder ersetzt wurde. Zusammen mit dem Stalin-Fond ließe sich mit diesen Materialien sehr gut die Arbeitsweise des Stalin’schen Politbüros nachvollziehen – wenn nur die Akten zugänglich wären! Der Stalin-Fond umfasst etwa 16 000 Akten. Tausende davon wurden vom Präsidentenarchiv übergeben, ebenso Akten anderer Sowjetführer wie Molotow, Andrejew, Woroschilow und Suslow. Doch auch hier herrschen die gleichen Probleme. Verschlossene Türen Weitgehend verschlossen sind die Archive russischer Ministerien. Sie unterstehen nicht Rosarchiv und können deshalb nach Gutdünken der Ministerialbürokratie über ihre Bestände verfügen. Versuche, die Selbstherrlichkeit dieser Großarchive zu beschneiden, sind bisher gescheitert. Als besonders restriktiv gilt die Praxis der Archive des Außen- und des Verteidigungsministeriums – zweier Institutionen, die für die historische Forschung von großer Wichtigkeit sind. Über die Zugänglichkeit und Kooperationsbereitschaft des Außenministeriums mag ein Beispiel Auskunft geben. Ein geplanter deutsch-russischer Dokumentenband sollte über die Treffen Stalins mit der SED-Führung bis 1953 informieren. Einige Dokumente dazu befinden sich im RGASPI, die anderen im Archiv des russischen Außenministeriums. Der Leiter des DHI in Moskau, Professor Bernd Bonwetsch, wandte sich wegen des Projekts an dessen Direktor, mit dem er in der deutsch-russischen Historikerkommission sitzt. Er wurde ermuntert, eine entsprechende Anfrage an das Archiv zu richten. Nach einiger Zeit erhielt er eine sechszeilige Nachricht: Nach eingehender Suche müsse man leider mitteilen, dass die entsprechenden Dokumente nicht vorhanden seien. Das allerdings entspricht, wie mehrere Archivare in Moskau versichern, nicht der Wahrheit. Wenn schon auf dieser Ebene kein Zugang zu wichtigen Dokumenten möglich ist, dann ist er für den normalen Nutzer nahezu ausgeschlossen. Wie das Außen- gilt auch das Verteidigungsministerium als Bastion der Geheimhaltung. Um sein Archiv in Podolsk zu betreten, müssen hohe Hürden überwunden werden. Manche Dokumente werden dort kopiert, zu anderen dürfen nur Notizen angefertigt werden. Wieder andere dürfen nur gelesen und nicht einmal etwas aus ihnen abgeschrieben werden. Ein deutscher Forscher berichtet, dass er sich glücklicherweise bei einem Besuch Notizen auf Russisch gemacht habe. Andernfalls, so sagten ihm die Archivare, hätten sie zunächst übersetzt werden müssen, bevor er sie hätte mitnehmen können. Gerade beim Thema Zweiter Weltkrieg herrschen weiter Tabus: Alles, was Kapitalverbrechen von Soldaten der Roten Armee wie Vergewaltigung und Raub im und nach dem Krieg betrifft, bleibt ebenso verschlossen wie Dokumente über Beutekunst aus Deutschland. Schwierig ist auch die Arbeit im Archiv des Geheimdiensts FSB. In den Neunzigerjahren war hier manches möglich – inzwischen wird sehr viel weniger kooperiert. Zwar wird das Projekt der »Erschießungslisten« (rasstrelnye spiski), in dem die Opfer des Großen Terrors der Jahre 1937 / 38 aufgelistet werden, weitergeführt. Im Wesentlichen stammen die Angaben aus dem FSB-Archiv, die etwa Historiker der Gesellschaft »Memorial« verwenden konnten, allerdings aus den Neunzigerjahren. Wie in vielen anderen Archiven werden Benutzern keine Findmittel ausgehändigt. Man kann nur in einem Schreiben an die Archivleitung sein Thema angeben und bekommt dann unter Umständen etwas herausgesucht. Das Archiv bestimmt so selbst, wie es genutzt werden kann. Zwar ist es weiter möglich, mit einer Vollmacht von deren nächsten Verwandten die Geheimdienstakten zu Opfern der Stalin’schen Verfolgung einzusehen, doch nicht immer werden diese Dokumente auch ausgehändigt. So erhielt der Verfasser aus einer über 200 Seiten starken Akte nur 20 Seiten Kopien. Der Rest sei gesperrt, da der betreffende deutsche Kommunist, in Stalins Großem Terror 1937 / 38 erschossen, in den Zwanziger- und Dreißigerjahren für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Auch die versprochene Übergabe von Dokumenten der sowjetischen Geheimdienste (OGPU, NKWD) an die Staatsarchive findet nicht statt. Allein das Staatsarchiv der Russischen Föderation erhielt 120 000 Akten des Moskauer NKWD-Bezirks – darunter auch Angaben über Hunderte deutscher Opfer. Der Grund für die Übergabe war jedoch nicht die Einsicht, dass die Akten historisch aufgearbeitet werden müssen, sondern fehlender Platz in den Archiven des FSB. Umwege und Auswege Lohnt es sich deshalb nicht mehr, in russischen Archiven zu arbeiten? Insgesamt sind viele Archive und ihre Mitarbeiter höchst unzufrieden mit der Situation. Manche, etwa das Staatsarchiv GARF, bemühen sich, so viele Akten wie möglich freizugeben, doch auch hier gehen die Uhren nur sehr langsam. Oft gilt es deshalb für den Nutzer Umwege zu wählen. So sind etwa im Russischen Staatlichen Wirtschaftsarchiv (RGAE) viele Akten freigegeben, die in anderen Archiven gesperrt sind. Das gilt beispielsweise für die Dokumente der Staatlichen Plankommission (Gosplan), die dort bis zum Jahr 1966 zugänglich sind. Da Gosplan mit zahlreichen anderen Stellen in Partei und Staat kommunizierte, lassen sich dort manche Schätze heben. Wichtig ist es nicht zuletzt, Zeit und Geduld mitzubringen. Berge von Dokumenten … Nicht zuletzt sind auch viele Dokumente schon veröffentlicht. Die russische historische Schule ist geprägt von Faktenkult und Dokumentengläubigkeit. Nicht Analyse oder Interpretation, sondern die Kenntnis der Fakten gilt als das Entscheidende. Das ist ein Grund dafür, dass es an Dokumentenbänden gerade über die frühe Sowjetzeit nicht mangelt. Darin finden sich Akten über die Kollektivierung, die Geheimdienste, das Politbüro, die Sowjetische Militäradministration in Deutschland, die Verfolgung der Kirchen und vieles mehr. Dutzende vielbändige Reihen über die Stalin-Zeit sind erschienen, mit einem großen Teil der 200 000 Akten, die Anfang der Neunzigerjahre freigegeben worden waren. »Was veröffentlicht ist, kann man nicht mehr verbieten. Diese Revolution hat stattgefunden«, sagt Nikita Petrow, der sich mit der Geschichte der sowjetischen Geheimdienste befasst und für »Memorial« arbeitet. Die sowjetische Vergangenheit als rundum positiv darzustellen dürfte daher schwierig werden – die Fakten könnten dabei stören. Tatsächlich sind heute die dunklen Seiten der Sowjetgeschichte bekannt, vom Roten Terror über die Verhältnisse im Gulag bis hin zur Niederschlagung der Aufstände in Ungarn 1956 oder in der Tschechoslowakei 1968. Allerdings sind nicht wenige der in Russland in den letzten fünfzehn Jahren erschienenen Dokumentenbände Schnellschüsse – ohne fundierte Einleitung und detaillierten wissenschaftlichen Apparat. … aber keine Historiker Etwas anderes ist noch wichtiger: Der Berg veröffentlichter Dokumente ruht in den Bibliotheken fast als Selbstzweck – weitgehend unausgewertet von der russischen historischen Forschung. Anspruchsvolle Monografien über die sowjetische Geschichte fehlen in Russland. »Wir haben kein gutes Buch über den Großen Terror 1937 und auch keines über den großen Hunger 1932 / 1933«, sagt der Moskauer Stalinismusforscher Oleg Chlewnjuk. »In Amerika sind mehr Monografien über die Sowjetgeschichte veröffentlicht worden als bei uns.« Das liege daran, dass es nur ältere frühere Parteihistoriker gebe und eine Bürokratenkaste – Leute, die mit dem alten System ihre Kompromisse gemacht, die selbst die Geschichte der KPdSU mitverfasst haben. Was fehlt, ist eine Generation jüngerer Historiker um die 40, die neu an die jüngste Geschichte ihres Landes heran­gehen. Zudem fürchten sich viele Wissenschaftler davor, sich festzulegen, einen Standpunkt zu beziehen – denn niemand weiß, woher morgen der Wind weht. Viele Historiker kennen auch nicht die ausländischen Arbeiten zu ihrem Gebiet. »Wir haben keine Vorstellung davon, wie unsere Geschichte von anderen betrachtet wird«, sagt Andrej Sorokin, der Leiter des Verlags Rosspen, der zahlreiche Dokumentenbände zur Sowjetgeschichte veröffentlicht hat. Er plant nun eine 100 Bücher umfassende Reihe zur Geschichte des Stalinismus, die mindestens zur Hälfte aus Übersetzungen westlicher Standardwerke bestehen soll. Bereits Ende 2008 sind erste Bände in dieser Reihe erschienen. Die Lücke zwischen russischer und westlicher Historiografie über die Sowjetära sei nicht geschlossen, meint auch Chlewnjuk. Er spricht von einer »halbprofessionellen Geschichtsschreibung« in Russland. Es gebe keine Denkschulen, keine Führungspersönlichkeiten, keine Kultur der Rezension und kaum wissenschaftliche Diskussionen. So existiert auch keine wissenschaftliche Gemeinschaft, die politischen Druck ausüben könnte, damit sich die Forschungsmöglichkeiten in den Archiven ändern. Das Imperium schlägt zurück Dem politischen Zeitgeist entspricht es, wie anfangs beschrieben, heute wieder, dass die vaterländische Geschichte nicht weiter besudelt werden soll. Autoritäre Machtausübung in der Geschichte wird im Allgemeinen gutgeheißen; die hohe Wertschätzung, die Stalin in Umfragen immer wieder genießt, ist ein beredtes Beispiel dafür. Regelmäßig bewerten mehr als die Hälfte der Befragten den Diktator positiv – und die Zahl derer, die das unter den Jungen so sehen, wächst. Vielleicht sind dies die Langzeitwirkungen, die der Zerfall eines Imperiums mit sich bringt. Russland kann sich, anders als andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion, seine nationale Identität nicht dadurch konstruieren, dass es sich als Opfer einer kolonialen Großmacht sieht. Hinzu kommen Ängste, dass sich Russ­land als Rechtsnachfolger der Sowjetunion Entschädigungsforderungen gegenübersehen könnte, wie sie etwa in Polen oder den baltischen Ländern schon erhoben worden sind. Im Fall Katyn, der Ermordung Tausender polnischer Offiziere und Zivilisten auf Befehl des Stalin’schen Politbüros im Jahre 1940, hat die Militärstaatsanwaltschaft das Resümee ihrer Untersuchungen 2004 für geheim erklärt – aus Furcht vor Schadensersatzforderungen Polens. Die Ukraine betrachtet den »Holodomor«, die große Hungersnot 1932 / 33, als Genozid an der ukrainischen Bevölkerung. Obwohl es an dieser Interpretation unter russischen (wie westlichen) Forschern erhebliche Zweifel gibt, fehlt bisher ein russisches Standardwerk über die Hungerjahre. Da viele Dokumente dazu in Russland noch geheim sind, können Historiker ihre Argumentation nicht darauf stützen. Anstatt die Archive zu öffnen und sich an die gemeinsame Aufarbeitung zu machen, scheint sich in der russischen Bürokratie jedoch die Haltung durchzusetzen: Wir haben die Archive geöffnet und haben uns nur Ärger eingehandelt. Eine kritische historische Sicht fehlt insbesondere für den Zweiten Weltkrieg und seine Vorgeschichte. Der Historiker Alexander Tschubarjan, Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte an der Akademie der Wissenschaften in Moskau, wurde kürzlich dafür angegriffen, dass im Vorwort eines von ihm herausgegebenen Buchs über die sowjetisch-baltischen Beziehungen von der »Okkupation« der baltischen Staaten durch die Sowjetunion in den Vierzigerjahren die Rede ist. Die Öffentlichkeit sei noch nicht bereit, die Vergangenheit nüchtern zu betrachten, sagt Andrej Sorokin. »Man will nur die Siege und die Errungenschaften sehen, aber nicht den Preis, der dafür gezahlt wurde – Dutzende Millionen Menschenleben.« Hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen, ein zu Unrecht geschrumpftes großes Imperium oder doch ein neuer Nationalstaat zu sein, scheint Russland in seinem Umgang mit der Sowjetzeit unentschlossen. Allein der heldenhafte Sieg im Zweiten Weltkrieg ist in der nationalen Erinnerung unumstößlich, alles andere bleibt umstritten. Eine – sicherlich schwierige – Bewertung der Zeit zwischen 1917 und 1991 steht aus. »Als wir mit der sowjetischen Vergangenheit endgültig hätten brechen können, wurde das von der liberalen Mannschaft im Kreml leichtfertig vertan«, sagt Sorokin. Heute sei die Wirtschaftslage in Russland zu gut, als dass sich die Bevölkerung für die Sowjetgeschichte interessiere. »Die Krise, während der man den Schuldigen im System suchte, ist vorbei«, sagt der Historiker. Nun bleibe nur der lange Weg der Aufklärung. Kooperation – Chancen und Grenzen Die Kooperation mit russischen Archiven gilt gemeinhin als Königsweg, um die Öffnung der Archive zu fördern und den Forschungsertrag zu erhöhen. Die westliche Russland-Forschung hat vieles getan, um die Archive und die Geschichtswissenschaft zu unterstützen. Auf die Problematik der Rückgabe von »Beutedokumenten« kann hier nicht ausführlich eingegangen werden. Erwähnt sei nur, dass das Bundesarchiv Anfang der Neunzigerjahre technische Geräte zur Herstellung von Mikrofilmen und Kopien im Wert von 500 000 DM an das Sonderarchiv im RGVA übergeben hat, damit die dort befindlichen Dokumente deutscher Provenienz kopiert und dann die Originale an Deutschland zurückgegeben werden könnten. Dazu kam es nicht, weil die betreffende Gesetzgebung zusehends verschärft wurde und Deutschland nach einem Gesetz der Duma von 1998 als Feindstaat eingestuft wird. Die Geräte wurden dann zur Herstellung anderer Kopien benutzt – die deutschen Dokumente waren teilweise schon verfilmt gewesen. Hoffnung hat das Bundesarchiv heute nur noch auf die Rückgabe des Rathenau-Archivs, da für Opfer – in diesem Fall jüdische Opfer – Ausnahmeregelungen möglich sind. Im Grunde hat sich in den vergangenen zehn Jahren am Verhandlungsstand über die deutschen Akten des Sonderarchivs kaum etwas geändert. Abgesehen von diesem besonderen Problem ist viel Geld aus dem Westen, auch aus Deutschland, an russische Archive geflossen. Große Forschungsprojekte haben geholfen, Leute in den Archiven zu halten und wichtige Dokumente zu publizieren. Manche Wissenschaftler, darunter Oleg Chlewnjuk, sind der Ansicht, dass die westliche Hilfe den Zusammenbruch des ganzen Forschungsgebiets Sowjetgeschichte verhindert hat. Als Illusion hat sich freilich die Annahme erwiesen, man könne so darauf Einfluss nehmen, wie offen Archive sind, könne ihre Struktur und Arbeitsweise verändern. Und oft hat man nicht das bekommen, was man sich von einer Kooperation versprochen hatte, weil nicht genau genug festgesetzt wurde, was die Gegenleistung sein sollte, oder weil die Regeln während der Zusammenarbeit verändert wurden. Manches interessante Vorhaben, etwa das vom DHI Moskau verfolgte »Europa in den Augen des NKWD«, ist gestorben, ohne dass die Gründe transparent wurden. Andere gemeinsame Projekte wie »Deutsche Generäle in Gefangenschaft« (ebenfalls vom DHI Moskau) sind indes unerwartet möglich geworden. Das Bundesarchiv plant mit dem Staatsarchiv in Kaliningrad (Königsberg) einen Vergleich der Akten über die Vertriebenen aus Ostpreußen mit jenen über die Neuansiedlung von Sowjetbürgern in Kaliningrad. Was tun? Kommen wir zu einem Fazit. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat sich in den russischen Archiven nicht viel zum Positiven geändert. Im Gegenteil: Der Zugang zu den Archiven ist insgesamt schwieriger geworden. Die alte Geheimhaltungsmentalität ist nicht überwunden, ja sie hat sich durch die innerrussische Entwicklung sogar wieder verstärkt und verfestigt. Bestimmte Themen wie etwa Kapitalverbrechen der Sowjetarmee im Zweiten Weltkrieg, Beutekunst oder auch Fragen, die die mögliche Rückgabe von Eigentum betreffen, bleiben tabu – Akten dazu werden deshalb nicht freigegeben. Selbst die Regeln, die heute nach russischer Gesetzeslage für die Freigabe gelten, werden nicht eingehalten. Die hanebüchene Praxis, alle Dokumente der Parteiarchive für geheim zu erklären und den größeren Teil davon durch eine Kommission auch weiter so deklarieren zu lassen, müsste dringend geändert werden. Hinzu kommt der »Archivegoismus«, also der Umstand, dass einzelne Archive ihre »Edelsteine« lieber selbst vermarkten, als sie den Forschern zugänglich zu machen. Das Engagement westlicher Institutionen und ihre finanzielle Unterstützung hat sich insgesamt nicht dahingehend ausgewirkt, dass die russischen Archive eine transparente Politik betreiben und sich konsequent für die Geschichtsforschung öffnen. Manche Vorstellungen im Westen sind in dieser Frage auch naiv gewesen. Freilich sollte man nicht alle russischen Archive über einen Kamm scheren – einige haben frühzeitig ihre Bestände so weit als möglich geöffnet. Positiv bleibt festzuhalten: Viele wichtige Dokumenteneditionen und bedeutende Projekte sind nur durch die Kooperation westlicher Institutionen mit russischen Archiven, Historikern und Verlagen zustande gekommen. Das wird auch in Zukunft hoffentlich der Fall bleiben. An einer Fortsetzung der Zusammenarbeit führt kein Weg vorbei. Deutschland und Europa sollten den Austausch weiter pflegen – und Russland sollte nicht auf die westliche wissenschaftliche Expertise und Erfahrung verzichten. Nur dürfen westliche Institutionen sich nicht der Illusion hingeben, sie könnten darüber Einfluss auf die russische Archivpolitik nehmen. Leider fehlt in Russland eine neue Generation jüngerer Historiker, die den Schatz der bereits veröffentlichten und zugänglichen Archivdokumente für die Forschung zu heben in der Lage ist. Doch auch in Deutschland (und anderen europäischen Ländern) sieht es in dieser Hinsicht nicht rosig aus. Das westliche Interesse an Russland sinkt, die Kontakte zu den Archiven sind schwächer geworden. Manche Zentren und Lehrstühle, die sich in Deutschland der Erforschung der osteuropäischen und russischen Geschichte widmeten, sind geschlossen worden; die Zahl der Studenten, die Russisch lernen, nimmt ab. Auch das ist – neben den hier eingehend beschriebenen Schwierigkeiten – ein Grund dafür, dass immer weniger Forscher aus dem Westen in den russischen Archiven arbeiten – auch wenn dies, allen Problemen zum Trotz, prinzipiell weiter sinnvoll ist. Natürlich ist die Situation in den Archiven wie auch die Lage der russischen historischen Wissenschaft abhängig von den politischen Vorgaben. Soll Geschichtswissenschaft Informationen für »konterpropagandistische Arbeit« liefern, wie es das russische Außen-ministerium zu glauben scheint? Dass Geschichtspolitik nun wieder in diesem Sinne betrieben werden soll, ist offensichtlich. Zugleich hat die politische Führung auch unter der Präsidentschaft Wladimir Putins und seines Ziehsohns Dmitrij Medwedew noch kein Konzept der russischen Geschichte für verbindlich erklärt. Vielleicht ist das das Beste, was man im Augenblick erwarten kann. 1 Schreiben von Jewgenij A. Schmagin, stellvertretender Leiter der Abteilung für außenpolitische Planung des russischen Außenministeriums. 2 Zu den Erfahrungen des Autors in dieser Zeit siehe: Markus Wehner: Archivreform bei leeren Kassen. Einige Anmerkungen zur politischen und ökonomischen Situation der russischen Archive, in: Osteuropa 44 (1994), S. 105–124. 3 Siehe www.comintern-online.com. Ein kostenloser Zugangscode ist für private Nutzer unter www.nationallizenzen.de erhältlich. 4 Zu den Schwierigkeiten mit dem Komintern-Archiv siehe auch Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928–1933. München 2007, S. 20. 5 Michail Prosumenschtschikow: Geschichte der Aufhebung der Geheimhaltung der sowjetischen Parteiarchive, in: www.russland.ru, ges. am 14. 4. 2004.

JHK 2009

Anmerkungen zu Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus durch die Bolschewiki und die Kommunistische Internationale

Leonid Luks

Vor 75 Jahren, auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki im Januar 1934 (»Parteitag der Sieger«), schlug Stalin der deutschen Führung vor, trotz ideologischer Gegensätze zwischen dem sow­je­tischen und dem nationalsozialistischen Regime zur Rapallopolitik, also zu einem ideologiefrei­en realpolitischen Kurs zurückzukehren.1 In diesem Appell kommt die in der sowje­ti­schen bzw. kommunistischen Führung verbreitete Tendenz zur Fehleinschätzung des National­sozialismus zum Ausdruck. Der vorliegende Beitrag wird sich mit einigen Ursachen für diese Problematik befassen. Wie sehr die Kommunisten den prinzipiellen Antimarxismus und Antikommunismus der NSDAP unterschätzten, spiegelt sich im sogenannten Schlageter-Kurs der Komintern von 1923 (während der Ruhrkrise) wider. Eingeleitet wurde dieser durch die Rede Karl Radeks auf dem 3. Plenum des Exekutivkomitees der Komintern im Juni 1923. Diese geriet zu einer Art Huldigung auf den vom französischen Militärgericht zum Tode verurteilten Rechtsextremisten Leo Schlageter, den Radek als »Märtyrer des deutschen Nationalismus« bezeichnete. Die Rede enthielt ein direktes Bündnisangebot an die deutschen Rechtsextre­misten. Die Gesinnungsgenossen Schlageters würden ihr Ziel – die Befreiung Deutschlands vom Versailler Vertrag – niemals erreichen, solange sie das deutsche Proletariat nicht als ihren Verbündeten, sondern als Feind betrachteten, so Radek.2 Deutsche Kommunisten nahmen nun auf Anweisung Moskaus an verschiedenen Veranstaltungen der NSDAP teil und versuchten die Nationalsozialisten zu überzeugen, dass der Kampf gegen das »jüdische Kapital« keineswegs ausreiche, um das deutsche Volk von der Ausbeutung zu befreien. Man müsse das »ganze Kapital« bekämpfen.3 Die Komintern-Führung ließ außer Acht, wie tief der ideologische Abgrund zwischen den Kommunisten und den Rechtsextremisten in Wirklichkeit war. Einzelne Kommunisten waren sich indes darüber im Klaren und versuchten sich der Idealisierung des deutschen Nationalismus zu widersetzen. Anfang Juni 1923 veröffentlichte der Tscheche Josef Sommer im KPD-Organ Die Internationale einen Artikel, in dem er von einem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Nationalismus und Kommunismus sprach und gegen diejenigen Kommunisten polemisierte, die durch ein nationalistisches Programm die Popularität der KPD steigern wollten: »Die proletarische Revolution wird in Deutschland vielleicht überhaupt nicht […] siegen können, wenn es nicht gelingt, wenigstens einen Teil des heute noch nationalistisch verdummten Kleinbürgertums zu neutralisieren oder für die Revolution zu gewinnen. Aber das kann nicht […] dadurch geschehen, dass die Kommunisten sich durch die tapfere Führung des Ruhrkampfes ein gutes Sittenzeugnis für Nationalismus erwerben […], sondern nur dadurch dass die nationalistische Ideologie zerbrochen wird. […] Entweder bringt der Nationalismus das Proletariat an die Seite des Kleinbürgertums und beide Klassen gehen vereint mit der Bourgeoisie in einem neuen Weltgemetzel zugrunde, oder […] die Zerstörung der nationalistischen Illusion bringt die proletarischen Mittelschichten an die Seite des klassenbewussten Proletariats.«4 Die Reaktion der deutschen Rechtsextremisten auf das Bündnisangebot der Kommunisten war, wie nicht anders zu erwarten, im Wesentlichen ablehnend. Eine Zusammenarbeit mit der KPD, deren physische Vernichtung sie anstrebten, kam für sie nicht infrage. Die einzige Ausnahme bildeten die sogenannten nationalbolschewistischen Kreise. Deren Vertreter, unter anderem Arthur Moeller van den Bruck und Ernst Graf zu Reventlow, waren bereit, einen Dialog mit den Kommunisten aufzunehmen – allerdings nur, wenn diese auf ihr internationalistisches und klassenkämpferisches Programm, d. h. auf ihre Identität, völlig verzichten würden. Solange die KPD an der Idee des Klassenkampfs festhielt, hatte sie für Moeller van den Bruck und viele andere Vertreter des Nationalbolschewismus keine Existenzberechtigung.5 Die Voraussagen einiger Kommunisten, die den Schlageter-Kurs scharf verurteilt hatten, sollten sich voll bewahrheiten. Der angeblich realistische Kurs der Komintern scheiterte bald nach seiner Verkündung, weil er die deutsche Realität und den kompromisslosen Antimarxismus der Rechtsextremisten verkannte.6 Während die Analyse des italienischen Faschismus, die die Kominterntheoretiker in den Jahren 1921 bis 1928 durchführten, eine der scharfsinnigsten Interpretationen dieses Phänomens war, die seinerzeit unternommen wurden,7 erzielte man in Bezug auf den deutschen Nationalsozialismus keine vergleichbaren Ergebnisse. So­gar Trockij, der den Nationalsozialismus in den Dreißigerjahren unabhängig von der von Stalin beherrschten Komin­tern analysierte, übersah viele spezifische Merkmale, die die­sen grundlegend vom italienischen Faschismus unterschieden.8 Die Fehleinschätzung des Nationalsozialismus durch die Bolschewiki ist also nicht allein auf die stalinistische Gleichschaltung der Faschismusdiskussion innerhalb der Komintern zurückzuführen. Es gab offensichtlich noch andere Gründe, die den Bolschewiki das Verständnis des italienischen Faschismus erleichterten bzw. die „Einfühlung“ in die Eigenarten des Nationalsozialismus erschwerten. Der italienische Fa­schismus war – trotz aller Unterschiede – dem Bolschewismus als politische Erscheinung viel verwandter als der Natio­nalsozialismus. Mussolini war aufgrund seiner marxistischen Vergangenheit für die Bolschewiki leichter zu verstehen als Hitler. Vor dem Ausbruch des Ersten Welt­kriegs hatte Mussolini bekanntlich wie Lenin dem radikalen Flügel der marxisti­schen Bewegung angehört. Beide waren ungeduldige Revolutionäre, beide glaubten die Her­ausbildung eines »proletarischen Bewusstseins« bei den Massen nicht abwarten zu kön­nen. Ihre Absicht war es, den revolutionären Prozess durch Aktionen einer kleinen Elite von Berufsrevolutionären zu beschleunigen.9 Durch seinen Voluntarismus entfernte sich Mussolini allmählich vom Marxismus, Lenin dagegen blieb, trotz seiner radikal-voluntaris­ti­schen Revision des Marxismus, dessen orthodoxer Anhänger – zuminde­st hielt er sich für einen solchen. Mangelndes Interesse an den neuen geistigen Strömungen in Europa und seine Konzentration auf die taktischen Probleme der revolutionären Machteroberung erleichterten ihm dies vielleicht. Mussolini brach auch als Faschist nicht alle Brücken zu seiner marxistischen Vergangenheit ab. In der Parlamentsrede vom l. Dezember 1921 sprach er sogar von einer geistigen Verwandtschaft der Faschis­ten mit den Kommunisten.10 Bei Hit­ler waren solch versöhnliche Äußerungen über die Marxisten kaum denkbar.11 In der Tatsache, dass der Nationalsozialismus – im Gegensatz zum italienischen Faschismus – keine Wurzeln in der sozialistischen Arbeiterbewegung hatte, erkannte der deutsch-russische Sozialdemokrat Alexander Schifrin einen der grundlegendsten Unterschiede zwischen den beiden rechtsextremen Gruppierungen. Im Februar 1931 schrieb Schifrin: »Die Entwicklung des italienischen Faschismus bestand in der Gegenrevolutionierung einer ihrer Herkunft nach demokra­tischen Bewegung; das bedeutete aber eine tiefe innere Wandlung. Die jüngste Entwick­lung des Nationalsozialismus steht im Zeichen der Demokratisierung dieses Stoßtrupps der Gegenrevolution im Sinne der Ausbreitung seiner sozialen Grundlage; dafür brauchte er aber nur eine gewisse Änderung der Methoden. Sein politischer und ideolo­gischer Grundgehalt blieb gleich.«12 Aber nicht nur die marxistische Vorprägung Mussolinis spricht für eine gewisse Verwandtschaft des Bolschewismus mit dem italienischen Faschismus. In seiner wirtschaft­lichen und sozialen Struktur nahm Italien eine Zwischenstellung zwischen Russland und Deutschland ein. Der große Entwicklungsunterschied zwischen seinem industrialisierten Norden und dem überwiegend agrarisch geprägten Süden war die Ursache dafür, dass Italien zwei gegensätzliche Prozesse zugleich erlebte: einerseits die Modernisierungskrise und die Krise des Li­beralismus mit ihren kulturpessimistischen Folgen wie in Deutschland, andererseits den Drang nach Modernisierung des Landes wie in Russland. Der italienische Fa­schismus vereinigte diese beiden Tendenzen in sich. Seine Einstellung zur Modernisie­rung kann als Zwischenposition zwischen derjenigen der Nationalsozialisten und der der Bolschewiki bezeichnet werden. Er war einerseits zuversichtlicher als der Na­tionalsozialismus, andererseits beinhaltete er kulturpessimistische Elemente, die im Bol­schewismus fehlten. Diese Dichotomie wird von manchen Vertretern der Modernisierungstheorie ignoriert oder missverstanden, wie zum Bei­spiel die Polemik zwischen Henry A. Turner und A. James Gregor in World Politics (1972 und 1974) zeigt.13 Turner ist der Ansicht, der italienische Faschismus verkörpere, wie der Nationalsozialismus, den Protest gegen die Moderne.14 Gregor seiner­seits versteht den italienischen Faschismus ausschließlich als eine Bewegung, die den Modernisierungsprozess Italiens vorangetrieben habe.15 Er unterschätzt dabei diejenigen Aspekte, die durchaus als Auflehnung gegen die Moderne zu verstehen sind.16 Turner dagegen überträgt die extreme Angst der Nationalsoziali­sten vor der Dekadenz und vor den Folgen der Moderni­sierung beinahe unverändert auf die italienischen Faschisten, was ebenso unberechtigt ist. In einigen Bereichen waren jene sogar – hier muss man Gregor teilweise Recht geben – beinahe so fortschrittsgläubig wie die Bolschewiki. Es ist vielleicht kein Zufall, dass so­wohl die bolschewistische Revolution als auch der faschistische Staatsstreich von einer Kun­strichtung begeistert begrüßt wurde, die sich dem Lob der Moderne verschrieben hatte: dem Futurismus.17 Ist aber der Fortschrittsglaube das wichtigste Kriterium für die Bewertung der »Modernität« einer politischen Gruppierung? Eine Reihe von Autoren, insbesondere Rainer Zitelmann, stellt dieses Konzept infrage und betrachtet Hitler als einen ausgesprochen »modernen« Diktator.18 Norbert Frei, der diesen Standpunkt heftig kritisiert, paraphrasiert die Gedankengänge Zitelmanns und seiner Mitstreiter folgendermaßen: »Fasziniert von der Technik und durchdrungen von dem Willen zur Modernisierung der Gesellschaft sei es dem braunen ›Revolutionär‹ und seinen Gefolgsleuten darum gegangen, Klassenschranken niederzureißen, die soziale Mobilität zu erhöhen und die Lebensbedingungen der breiten Masse zu verbessern.«19 Dass die nationalsozialistische »Volksgemeinschaft« rassisch geprägt war, dass sie die sogenannten »rassenfremden« Bevölkerungsgruppen ausgrenzte bzw. ausrottete, spricht aus Zitelmanns Sicht nicht gegen den modernen Charakter der Hitler’schen »braunen Revolution«: »Moderne Visionen müssen […] durchaus nicht human orientiert und keineswegs einem demokratischen Gesellschaftsverständnis verpflichtet sein.«20 Dazu meint allerdings Ian Kershaw: »Der Modernisierungsbegriff wird durch den Versuch, ihn aller normativen Konnotationen zu entkleiden und als wertfrei zu behandeln, analytisch so gut wie unbrauchbar.«21 Nach dieser Auffassung waren auch die Bolschewiki modern. Auch ihre Visionen waren »nicht human orientiert und keineswegs einem demokratischen Gesellschaftsverständnis verpflichtet« und basierten auf der Ausgrenzung bzw. Ausrottung »fremder Elemente« (in ihrem Fall als »klassenfremd« definiert). Warum fiel es dann den bolschewistischen Ideologen derart schwer, sich in die Motive der Nationalsozialisten einzufühlen? Dies hatte mit dem für den deutschen Rechtsextremismus charakteristischen Kulturpessimismus zu tun, der den Bolschewiki völlig fremd war.22 Ein Pessimismus, der sich im Glauben an den bevorstehenden »Untergang des Abendlandes« äußerte, wurde in Europa nach dem Ersten Weltkrieg zur verbreiteten Erscheinung. Darin liegt auch einer der Gründe für die große Popularität der rechtsextremen Massenbewegungen, die scheinbar danach strebten, die­sen »Untergang« zu verhin­dern.23 Die Kommunisten missverstanden den euro­päischen Pessimismus. Sie hielten ihn für eine Erscheinung, die lediglich die Bourgeoisie betraf. Durch die Untergangsstimmung, so glaubten sie, bestätigten die eu­ropäischen herrschenden Klassen nur die kommunistische Voraussage vom baldi­gen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Im Dezember 1922 sagte Trockij: »Die Philosophie Spenglers vom Untergang Europas ist jetzt im Westen sehr populär. Es ist eine in ihrer Art richtige Vorahnung der bürgerlichen Klassen. Sie nehmen keine Notiz vom Proletariat, das an die Stelle der Bourgeoisie treten und die Macht überneh­men wird; deshalb sprechen sie vom Untergang Europas.«24 Auch Karl Ra­dek hielt den west­lichen Pessimismus für ein rein bürgerliches Phänomen. Im August 1923 argumentierte er: »Kein Buch ist in Deutschland so populär wie Spenglers ›Untergang des Abendlandes‹. Was äußert sich darin? Es äußert sich darin das Gefühl, dass die Bourgeoisie sich auf ei­ner niedergehenden Stufe befindet. Dieser Zerfall schafft den Boden, auf dem wir diese intellektuellen Schichten für unseren Kampf gewinnen können.«25 Die Kominterntheo­retiker wollten nicht wahrhaben, dass das europäische »Proletariat« von diesem Pes­simismus beinahe im gleichen Ausmaß ergriffen war wie alle anderen Schichten der eu­ropäischen Gesellschaft.26 Die Fehleinschätzung des europäischen Pessimismus durch die bolschewistische Ideo­lo­gie entstammte sowohl der marxistischen als auch der national-russischen Tradition. Marx entwickelte seine Ideen in einer Zeit, in der in Europa positivistischer Optimis­mus und Fortschrittsglaube vorherrschend waren. Als sich um die Jahrhundertwende die pessimistische Stimmung in Europa verbreitete, war der Marxismus längst ein abgeschlossenes System, das sich von späteren geistigen Strömungen kaum mehr beeinflussen ließ.27 Die tief greifende wissenschaftliche Revolution, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den positivistischen Glauben an die Fe­stigkeit der materiellen Welt und der Naturgesetze grundlegend revidierte, ließ ihn unberührt. Auch wenn die neuen Ideen in Bezug auf den Marxismus als System wirkungslos blieben, wurden doch nicht wenige seiner Anhänger von ihnen beeinflusst. In der Regel verlief die Entwick­lung so, dass sich diejenigen Marxisten, die sich von Denkern wie Nietzsche, Bergson, Dos­to­evskij oder Solov’ev faszinieren ließen, nach einigen vergeblichen Versuchen, deren Ideen mit dem marxistischen System zu vereinbaren, vom Marxismus distanzierten. Lenin bekämpfte diese Zweifler innerhalb der bol­sche­wisti­schen Partei schonungslos.28 Nikolaj Valentinov, ein ehemaliger Bolschewik, berichtet über ein Gespräch mit Lenin aus dem Jahr 1904, in dem dieser scharf gegen jene Bolschewiki polemisierte, die den Marxismus durch neue philosophische Lehren be­reichern wollten: Es sei unzulässig, Marx zu korrigieren. Die Sozialdemokratische Par­tei sei kein Seminar, in dem über neue Ideen debattiert werde. Sie sei eine Kampforganisation mit einem be­stimmten Programm und einer klaren Ideenhierarchie. Der Eintritt in diese Organisation sei mit der bedingungslosen Anerkennung dieser Ideen verknüpft. Man dürfe den Marxismus nur in die Richtung weiterentwic­keln, die von Marx selbst vorgezeichnet worden sei.29 Lenin blieb dem naiven, materialistisch-positivistischen Optimismus des 19. Jahrhunderts treu, ohne ausreichend Einsicht in die neuen Fragen und Probleme, die die europäische Kultur im 20. Jahrhundert beunruhigten, entwickelt zu haben.30 Lenin sei in Fragen der Kultur sehr konserva­tiv gewesen, sagt der russische Philosoph Fedor Stepun. Wäre er ein Revolutionär des Geistes gewesen, so wäre er vielleicht nicht imstande gewesen, seine politische Revolution zu verwirkli­chen.31 Die Mehrheit der Bolschewiki übernahm Lenins Einstellung zu den neuen geistigen Strömungen der Epoche.32 Das marxistische und das leninistische Erbe erschwerten demnach den Kominterntheoretikern die Analyse der Ursachen des euro­päischen Pessimismus, der den Erfolg der Rechtsextremisten mitverschuldet hatte, au­ßerordentlich. Wie schon angedeutet, liegt eine andere Ursache für die Fehleinschätzung des europäischen Pessimismus durch die bolschewistischen Ideologen darin, dass sich die wirtschaftliche und soziale Ent­wicklung Russlands von der westlichen wesentlich unter­schied. Russland war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein industriell unterentwickeltes Halb­agrarland, das technologischen Fortschritt dringend benötigte. Im Westen dagegen hatten damals Urbanisierung und Industrialisierung bereits ein solches Entwicklungsstadium erreicht, dass man dort am Sinn dieser Prozesse zu zweifeln begann. Ausgehend von der Si­tuation Russlands waren die Bolschewiki überzeugt davon, dass man der Lösung aller gesell­schaftlichen Probleme umso näher komme, je mehr Industriegüter man produziere. Dass ge­rade in Deutschland, im größten Industrieland Europas, eine Bewegung an die Macht gekommen war, die den Fortschrittsgedanken ablehnte und von einem »Agrarland Deutschland« träumte, konnten oder wollten sie deshalb nicht verstehen. Die Bolschewiki hiel­ten jede Kritik an der wissenschaftlich-rationalen und materialistischen Weltauffassung für einen Überrest der finsteren und abergläubischen Epochen, die sie als längst über­wunden ansahen.33 Ihre unkritische Bewunderung der Wissenschaft betrachteten sie als das letzte Wort der europäischen Kultur.34 Für Antonio Gramsci, einen der führenden Theoretiker der KPI, war dieser wissenschaftliche Aberglaube noch lächerlicher als der religiöse: »Der wissenschaftliche Fortschritt hat zu einem Glauben an einen neuen Messias geführt, der auf dieser Erde das Schlaraffenland verwirklichen wird […]. Da man zu viel von der Wis­senschaft erwartet, begreift man sie als eine höhere Hexerei.«35 Bei den breiten Massen Russlands erzielte die atheistische und materialistische Propaganda der Bolschewiki, die mit der Verfolgung der orthodoxen Kirche und anderer Konfessionsgemeinschaften verbunden war, allerdings beträchtlichen Erfolg.36 Die Popularisierung der »Wunder« der Wissenschaft und Technik sollte den Glauben an die religiösen Wunder ersetzen. Und in der Tat nahm der Wissenschaftsglaube im bolschewistischen Russland einen beinahe religiösen Charakter an.37 Russland erlebe jetzt eine Periode der naiven Aufklärung, schrieb der russische Historiker und Philosoph Georgij Fedotov 1930. Der Materialismus er­halte dort den Status eines neuen Glaubens.38 In den westlichen Ländern hielt man dagegen den Wissenschaftsglauben für überholt.39 Auch große technische Leistungen der Sowjetunion imponierten dem Westen nicht, weil Ähnliches, wie Konrad Heiden mit Recht sagte, im Westen längst vollbracht war.40 Die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs, die zum Teil durch die technolo­gisch-wissenschaft­lichen Errungenschaften der vorangegangenen Jahrzehnte solche Ausmaße er­reicht hatten, öffneten vielen Europäern die Augen über die zerstörerischen Aspekte des technischen Fortschritts. Auch die irrationalen Komponenten der menschlichen Natur traten in diesem Krieg besonders stark hervor, was die bolschewistische These von der rationalen Planbarkeit der menschlichen Gesellschaft nicht gerade stärkte. Die Bolschewiki konnten indes die Auflehnung gegen die Moderne, von der die Rechtsextremisten mit ihrer Verklärung des Irrationalen im Menschen besonders stark profitierten, nicht adäquat einordnen. Ihr bedingungsloser Glaube an den linearen Fortschritt stand ihnen dabei im Wege. Noch eine andere, außerordentlich wichtige Kompo­nente der nationalsozialistischen Welt­anschauung vermochten die Kommunisten nicht richtig zu bewerten: ihren Anti­semitismus. Die Bolschewiki waren sich der Gefährlichkeit des Antisemitismus durch­aus bewusst, und sie haben häufig, sowohl vor als auch nach der Revolution, antijüdi­sche Ausschreitungen und Vorurteile scharf kritisiert.41 Die Erfahrungen, die sie diesbezüglich in Russland gesammelt hatten, waren allerdings we­nig hilfreich, um das Wesen des nationalsozialistischen Antisemitismus richtig einzu­schätzen. Die antijüdischen Pogrome im vorrevolutionären Russland und die Diskrimi­nierungsmaßnahmen der Zarenregierung gegenüber den Juden boten keinen Maßstab zur Beurteilung des Antisemitismus, der für die NSDAP und den nationalsoziali­stischen Staat bezeichnend war. Bei den politischen Auseinandersetzungen im Zarenrussland spielte Antisemitismus eine zwar wichtige, aber keineswegs zentrale Rolle.42 Nach Meinung der Bolschewiki dienten antijüdische Propaganda oder Ausschreitungen wie z. B. die Pogrome im vorrevolutionären Russland lediglich der Ablenkung der Massen von ande­ren, weit bedeutenderen sozialen Problemen. Im Juli 1918 schrieb Lenin: »Die absoluti­stische Regierung lenkte stets, wenn dies Not tat, den gegen sie gerichteten Hass auf die Juden ab, wobei sie den unwissenden Massen einredete, all ihr Elend komme von den Juden.«43 Die bolschewistischen Ideologen schenkten dementsprechend den Beteuerungen Hitlers, dass er die Bezwingung des Weltjudentums als seine wichtigste Mission ansehe, keinen Glau­ben. Im April 1933 schrieb ein kommunistischer Autor: »[Das] ganze Geschwätz von der ›völkischen Erneuerung‹ Deutschlands und seiner ›Säuberung vom jüdischen Ele­ment‹ wird – wenn man von einer kleinen Schicht verrückter Schulmeister und Rassen­fa­na­tiker absieht – von niemandem ernst genommen.«44 So verloren die Kommuni­sten die vermutlich bedeutendste ideologische Komponente der nationalsozialistischen Doktrin45 aus den Augen. Diese Unterschätzung der Bedeutung des Antisemitismus für die Dynamik und die Erfolge des Nationalsozialismus lässt sich auch in der westlichen Forschung feststellen. So vertrat zum Beispiel der amerikanische Soziologe Theodore Abel 1938 die These, Hitlers Antisemitismus habe ihm bei seiner Machtergreifung keineswegs geholfen. Er sei nicht wegen, sondern trotz seines Antisemitismus an die Macht gekommen.46 Es ist sicherlich richtig, dass der weltweite Kampf gegen das Judentum von der Mehrheit der Wähler oder der NSDAP-Mitglieder nicht als Hauptziel betrachtet wurde. Gelegentlich traten auch die antijüdischen Parolen in der Propaganda der NSDAP hinter andere Themen zurück.47 Allerdings bildete der Gedanke der Bezwingung des Weltjudentums für führende Männer der Partei und vor allem für Hitler selbst das Rückgrat des Nationalsozialismus. Martin Broszat war der Meinung, Hitler sei im Grunde ein Opportunist und Nihilist gewesen. Der Judenhass habe vielleicht seine einzige feste Überzeugung dargestellt.48 Doch die Monomanie Hitlers wird durch diese Aussage unterschätzt. Hitler hat den Antisemitismus zu einem alles umgreifenden Welterklärungsmodell erhoben, das alle anderen weltanschaulichen Systeme relativierte. Deshalb fiel es ihm so leicht, deren Ideen und Ideologien opportunistisch zu missbrauchen. Martin Broszat, Hans Mommsen und einige andere westliche Historiker sehen in der nationalsozialistischen Ideologie vorwiegend ein Mittel zur Sicherung der Herrschaft49 und unterschätzen dadurch die Eigendynamik der ideologischen Zielsetzungen der NSDAP. Frank-Lothar Kroll, der das Geschichtsdenken Hitlers untersuchte, beschreibt dessen »Endzeit«-Denken, seine Vorstellung, den Kampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse bis zum bitteren Ende führen zu müssen: »So oder so war damit ein definitiver Abschluss aller bisherigen Geschichte erreicht, der sich freilich nicht als vage Möglichkeit in nebulöser Zukunftsferne präsentierte. Abschluss und Ende standen vielmehr unmittelbar bevor und waren auf jeden Fall noch zu Hitlers Lebzeiten einzulösen.«50 In den Augen der Bolschewiki war das Hauptmotiv des Handelns der nationalsozialistischen Führer die Verteidigung der, wie sie meinten, real gefährdeten kapitalisti­schen Ordnung und nicht der Kampf gegen eine illusionäre jüdi­sche Gefahr.51 Sie unterschätzten mit solchen Thesen die Kraft, die Fiktionen und pathologische Verzerrungen der Realität in der Ge­schichte bisweilen entfalten können.52 Weitgehend fremd und unverständlich war ihnen auch die Idealisierung der Gesetze der biologischen Natur durch die Nationalsozialisten und deren Versuch, das in der Natur herrschende Recht des Stärkeren auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen. Die Bolschewiki ihrerseits betrachteten sich, obwohl sie selbst ein Unterdrückungsregime von beispielloser Härte errichtet hatten, weiterhin als Verteidiger der Schwachen. Sie identifizierten sich also auch als Herrschende noch mit vielen Idealen der russischen revolutionären Intelligenzija, ungeachtet der Tatsache, dass sich deren Mehrheit nach der Oktoberrevolution gegen sie gewandt hatte und von ihnen verfolgt wurde. Weder der marxistischen Tradition noch der russischen Intelligenzija war eine Verherrlichung der in der Natur herrschenden Gesetze eigen, wodurch den kommunistischen Theoretikern die Einsicht in die entsprechenden Motive vieler Nationalsozialisten sehr schwerfiel. Der Nationalsozialismus hatte noch radikaler als der Kommunismus mit den ethischen Vorstellungen der Europäer gebrochen, die durch die jahrhundertelange Einwirkung des Christentums geprägt waren. Obwohl die Bekämpfung der christlichen Tradition zu den zentralen Elementen der bolschewistischen wie der nationalsozialistischen Weltanschauung gehörte, war der Charakter dieses Kampfes verschieden. Die Kommunisten traten mit dem Anspruch auf, Ideale wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit ehrlicher und effektiver zu vertreten als die christlichen Kirchen oder die bürgerlichen Parteien. Demgegenüber verwarfen die Nationalsozialisten diese Ideale gänzlich. Ernst Nolte, den man kaum allzu großer Sympathien für den Bolschewismus verdächtigen kann, schrieb 1966: »Das Bild der [nationalsozialistischen] ›Neuen Ordnung‹ […] ließ deutlich die Grundlinien eines deutschen oder großgermanischen Weltreiches hervortreten, […] das […] mit der vielfältigen Wirklichkeit der europäischen Moderne weitaus weniger Ähnlichkeit hatte als selbst etwa Lenins Traumbild der Vereinigten Sowjetrepubliken Europas.«53 1987 – bereits während des »Historikerstreits« – fügte Nolte in seinem höchst umstrittenen Buch »Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945« hinzu: »[Die] Sowjetunion [war] trotz des Archipel Gulag der westlichen Welt innerlich näher […] als der Nationalsozialismus mit Auschwitz.«54 Der Aufmerksamkeit der Kommunisten entging zunächst die Tatsache, dass sie in den Nationalsozialisten und vor allem in deren Führer ei­nen Kontrahenten erhielten, der im Gegensatz zu den italienischen Faschisten das buch­stäblich zu verwirklichen beabsichtigte, was er versprach.55 Mussolinis Wille zur Macht und seine Verehrung der Gewalt waren häufig reine Rhetorik. In Wirklichkeit war er zu Kompromissen bereit, der rücksichtslose Fanatismus Hitlers war ihm fremd.56 Trotz seines Größenwahns habe der italienische Faschismus keine Weltrevolution eingeleitet, schrieb Sigmund Neumann. Dies habe erst der Nationalsozialismus getan.57 Die Bolschewiki meinten, dass sich Hitler, ähnlich wie Mussolini nach dem Marsch auf Rom, mit den politischen Sachzwängen Europas abfinden werde und sich auch seine radikalen Versprechungen als leere Rhetorik erweisen würden. Etwa ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, auf dem XVII. Parteitag der Bolschewiki im Januar 1934, sagte Stalin: »Gewiss, wir sind weit davon entfernt, von dem faschistischen Regime in Deutschland entzückt zu sein. Doch handelt es sich hier [bei der Ursache für die Verschlechterung der deutsch-sowjetischen Beziehungen] nicht um den Faschismus, wie allein die Tatsache zeigt, dass der Faschismus zum Beispiel in Italien für die UdSSR kein Hindernis war, die besten Beziehungen zu diesem Lande herzustellen […]. Nein, nicht darum handelt es sich. Es handelt sich um die Änderung in der Politik Deutschlands. Es handelt sich da­rum, dass […] in Deutschland ein Kampf zwischen zwei politischen Linien begonnen hat, zwi­schen der alten Politik, die in den bekannten Verträgen der UdSSR mit Deutschland ihren Ausdruck gefunden hatte, und der ›neuen‹ Politik, die im Wesentlichen an die Politik des ehe­maligen deutschen Kaisers erinnert.«58 Stalin rief also Hitler dazu auf, sich ähnlich wie Mussolini, aber auch ähnlich wie die Bolschewiki zu verhalten: trotz der ideologischen Ausrichtung des Regimes eine pragmatische Außenpolitik zu betreiben. Damit unterschätzte er die ideologischen Zwänge, denen Hitlers Politik unterworfen war, den Stellenwert, den in seinem außenpolitischen Programm die Bolschewismus- und Russlandfeindlichkeit einnahm. Das russische Chaos eröffne der deutschen Außenpolitik den Weg zu ihrem wichtigsten Ziel – der Gewinnung des Raumes im Osten, schrieb Hitler 1928 in seinem sogenannten »Zweiten Buch«.59 Mit beispielloser Konsequenz begann er seine bereits in den Zwanzigerjahren formulierten außenpolitischen Ziele unmittelbar nach der Machtübernahme zu ver­wirklichen. Die Kommunisten träumten zwar auch von einer radikalen Veränderung der Weltordnung, sie setzten dabei aber keine konkreten Fristen. Als geschichtliche Deterministen waren sie da­von überzeugt, dass der weltweite Sieg des Kommunismus ohnehin unvermeidlich sei. Um ihn herbeizuführen, mussten sie nicht unbedingt alles auf eine Karte setzen. Bei Hitler verhielten sich die Dinge anders. Er hielt sich selbst für den einzigen Politiker, der imstande sei, derart umfassende Pläne wie die Eroberung des Lebensraums im Osten oder die von ihm so oft angekündigte »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« umzusetzen. Bei einer geheimen Besprechung mit Propagandaleitern der Partei im Oktober 1937 führte er dies aus: »Er, Hitler, habe nach menschlichem Ermessen nicht mehr lange zu leben. In seiner Familie würden die Menschen nicht alt … Es sei daher notwendig, die Probleme, die gelöst werden müssten [Lebensraum!], möglichst bald zu lösen, damit dies noch zu seinen Lebzeiten geschehe. Spätere Generationen würden dies nicht mehr können. Nur seine Person sei dazu in der Lage.«60 Auf dieses Streben Hitlers, seine außenpolitischen Endziele, die auf eine grundlegende Umgestaltung der Welt hinausliefen, unbedingt zu seinen Lebzeiten zu erreichen, führen viele Autoren die fortwährende Radikalisierung der nationalsozialistischen Außenpolitik zurück.61 Hitlers außenpolitisches Verhalten entsprach weitgehend dem Modell, das später von Henry A. Kissinger ausgearbeitet wurde, um die Außenpolitik einer revolutionären Macht zu charakterisieren. Diese Macht sei im Grunde zur Selbstbeschränkung nicht fähig. Die Diplomatie im traditionellen Sinne, deren Wesen Kompromiss und Anerkennung der eigenen Grenzen seien, werde vom revolutionären Staatswesen praktisch aus den Angeln gehoben, da dieses unentwegt nach der Verwirklichung seiner Endziele strebe.62 Nicht zuletzt dadurch waren das rasante Tempo und die Konsequenz bedingt, mit denen die Nationalsozialisten auf den Krieg hinarbeiteten. Vertragsbruch gehörte dabei zu ihren wichtigsten »Prinzipien«. Schon 1937 – inmitten der Appeasementpolitik – bemerkte der Hitler-Biograf Konrad Heiden, Hitler sei niemand, mit dem ein Vernünftiger Verträge schließe, er sei vielmehr ein Phänomen, das man entweder erschlage oder von dem man sich erschlagen lasse.63 Nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 erhielt die westliche Appeasementpolitik gegenüber dem Dritten Reich ein östliches Pendant. Stalin erlag nun, ähnlich wie zuvor Chamberlain und Daladier, der Illusion, man könne mit Hitler Verträge schließen, da dessen außenpolitische Ziele begrenzter Natur seien. Als der britische Botschafter in Moskau, Sir Stafford Cripps, Stalin am 1. Juli 1940 zu überzeugen suchte, Hitler werde sich früher oder später auch gegen die Sowjetunion wenden, weil sein eigentliches Ziel die Weltherrschaft sei, reagierte dieser skeptisch: »Man soll nicht an alles glauben, was [manche Propagandisten] laut verkünden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige Nationalsozialisten von der Weltherrschaft träumen, es gibt aber in Deutschland auch vernünftige Menschen, die verstehen, dass Deutschland nicht stark genug ist, um die Welt zu beherrschen.«64 Mit diesem Glauben an die »politische Vernunft« der NS-Führung ließ Stalin die Tatsache außer Acht, dass totalitäre Politiker sich durch Sachzwänge und objektive Hindernisse keineswegs einschränken lassen. Er selbst hatte dies einige Jahre zuvor unter Beweis gestellt, als er der russischen Bauernschaft durch die Kollektivierung der Landwirtschaft und der sowjetischen Machtelite durch den »Großen Terror« das Rückgrat gebrochen hatte. Er hatte also gezeigt, dass auch die radikalsten Pläne verwirklicht werden können, wenn nur ausreichende Rücksichtslosigkeit vorhanden ist. Dass Hitler ebenfalls danach strebte, seine radikalsten Ziele nicht nur zu verkünden, sondern auch so schnell wie möglich zu verwirklichen, wurde von Stalin unterschätzt. Erst nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 wurde er eines Besseren belehrt. Denn seit dem Beginn dieses Krieges habe Hitler nicht mehr taktische Lösungen, sondern nur noch »Endlösungen« gesucht, so der Hitler-Biograf Joachim C. Fest.65 Der britische Historiker Lewis Namier hat die Neigung der Menschen, ihre früheren geschichtlichen Erfahrun­gen auf spätere Entwicklungen zu übertragen, so charakterisiert: »Past results are rigidly applied to radically changed situations and preparations are completed for fighting the previous war.«66 Dies trifft auch auf die Ein­schätzung beider rechtsextremer Massenbewegungen durch die Bolschewiki zu. Die Erfahrungen, die die Bolschewiki bei ihrer Konfrontation mit dem italienischen Fa­schismus gesammelt hatten, prägten ihre Urteile über die spezifischen Merkmale des Rechtsex­tremismus so stark, dass sie zunächst das grundlegend Neue im Nationalsozialismus im Ver­gleich zum italienischen Faschismus kaum beachteten. Dies erschwerte den Kommunisten die Einsicht in die entscheidenden Unterschiede zwischen beiden Bewegungen. Bereits 1922 definierten Kom­interntheoretiker die italienische faschistische Partei als »bürgerliche Partei neuen Typs«, die sich von früheren »bürgerlichen« Parteien wesent­lich unterscheide. Viel schwerer fiel ihnen allerdings die Erkenntnis, dass die NSDAP sich zu einer »faschistischen Partei neuen Typs« entwickelte, die sich vom italieni­schen Faschismus nicht weniger radikal unterschied als dieser sich seinerseits von den traditio­nellen bürgerlichen Parteien.67 1 Josef Stalin: Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag, in: ders.: Werke, 13 Bde., Berlin 1950–1955, hier Bd. 13, S. 270. 2 Karl Radek: Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts, in: Internationale Pressekorrespondenz (Inprekorr) Nr. 105 vom 25. Juni 1923, S. 885 f.; siehe dazu auch N. P. Komolova (Hg.): Komintern protiv fašizma [Die Komintern gegen den Faschismus], Moskau 1999, S. 157–159. 3 Siehe Ruth Fischer: Stalin und der deutsche Kommunismus. Der Übergang zur Konterrevolution, Frankfurt a. M. 1950, S. 343–345; Margarete Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967, S. 92; Werner Angress: The Communist, Bid for Power in Germany 1921–1923, Princeton, NJ 1963, S. 338–353. 4 Josef Sommer: Der nächste Feind, das nächste Ziel, in: Die Internationale vom 1. Juni 1923, S. 342 f.; siehe dazu auch Fischer: Stalin (Anm. 3), S. 343. 5 Siehe Arthur Moeller van den Bruck: Das dritte Reich, Hamburg 1931, S. 202–206. 6 Der Schlageter-Kurs stellte indes bloß eine kurze Episode in der Geschichte der Auseinandersetzung der Komintern mit dem deutschen Rechtsextremismus dar. Bereits Mitte August 1923 sollte die Kominternführung ihre Deutschlandpolitik radikal ändern. Bis dahin hatte Moskau versucht, die KPD in die nationale deutsche Front einzureihen, um dem Druck der Westmächte auf Deutschland wirksamer entgegenzutreten. Die Forderung der KPD-Linken, die Ruhrkrise für einen revolutionären Kampf gegen das bestehende System auszunutzen, lehnte man damals in Moskau ab. Am 12. August 1923 trat die Regierung Cuno, die eine Politik des passiven Widerstands gegenüber der Entente vertreten hatte, zurück. Cunos Nachfolger Gustav Stresemann sah ein, dass diese Politik Deutschland an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte. Er versuchte sich nun mit dem Westen zu arrangieren. Am 26. September 1923 brach der neue Reichskanzler die Politik des passiven Widerstands ab. Die Moskauer Führung fasste diesen Schritt als völlige Kapitulation Deutschlands vor dem Westen auf. Man sah nun in Moskau keinen Anlass mehr, Deutschland gegen den Westen zu unterstützen. Dies und die immer tiefere soziale und wirtschaftliche Krise in Deutschland veranlassten die bolschewistische Führung dazu, dort einen neuen Revolutionsversuch zu wagen. Zum sogenannten »deutschen Oktober« 1923 siehe u. a. Aleksandr Vatlin: »Die Krise unserer Partei bedroht die Weltrevolution«. Karl Radek zwischen sowjetischem Politbüro und deutscher Revolution, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 1 (1997), H. 2, S. 135–162; Jakov S. Drabkin (Hg.): Komintern i ideja mirovoj revoljucii [Die Komintern und die Idee der Weltrevolution], Moskau 1998, S. 416–435; Bernhard H. Bayerlein / Leonid G. Babičenko / Friedrich I. Firsov / Aleksandr J. Vatlin (Hg.): Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Dietrich Möller: Der skeptische Revolutionär. Karl Radek und Deutschland, in: Karl Eimermacher / Astrid Volpert (Hg.): Stürmische Aufbrüche und enttäuschte Hoffnungen. Russen und Deutsche in der Zwischenkriegszeit, München 2006, S. 247–274. 7 Siehe u. a. Leonid Luks: Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie. Die Auseinandersetzung der Komintern mit Faschismus und Nationalsozialismus 1921–1935, Stuttgart 1985, S. 25–77 u. 118–129. 8 Siehe Robert S. Wistrich: Leon Trotsky’s Theory of Fascism, in: Journal of Contemporary History 11 (1976), S. 157–184, hier S. 160–162. 9 Siehe Domenico Settembrini: Mussolini and the Legacy of Revolutionary Socialism, in: Journal of Contemporary History 11 (1976); Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche, München 1963, S. 204–206; ders.: Marx und Nietzsche im Sozialismus des jungen Mussolini, in: Historische Zeitschrift 191 (1960), S. 249–335; Anthony James Gregor: The Ideology of Fascism. The Rationale of Totalitarianism, New York 1969, S. 96–98. 10 Benito Mussolini: Opera omnia, Florenz–Rom 1951 ff., Bd. 17, S. 295; siehe dazu auch Edward R. Tannenbaum: The Goals of Italian Fas­cism, in: The American Historical Review 74 (1969), H. 2, S. 1183–1204, hier S. 1184; Roland Sarti: Fascist Modernization in Italy, in: The American Historical Review 75 (1970), S. 1029–1045, hier S. 1036. 11 Siehe Henry A. Turner: Hitlers Einstellung zur Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933, in: Wolf­gang Schieder (Hg.): Außenwirtschaft und Außenpolitik im Dritten Reich, Geschichte und Gesellschaft, 1976, H. l, S. 89–117; Iring Fetscher: Faschismus und Nationalsozialismus. Zur Kritik des sowjetmarxistischen Faschismusbegriffs, in: Politische Vierteljahresschrift (1962), H. 3, S. 53–63; Otto Ernst Schüddekopf: Bis alles in Scherben fällt, München 1973, S. 78; Nolte: Der Faschismus (Anm. 9), S. 439 u. 444; ders.: Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, München 1979, S. 58; Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Wiesbaden 1973, Bd. 1, 1. Halbbd., S. 87; Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, eingeleitet und kommentiert v. G. L. Weinberg, Stuttgart 1961, S. 153; Ian Kershaw: Hitler 1889–1936, Stuttgart 1998, S. 464 u. 477. 12 Alexander Schifrin: Gedankenschatz des Hakenkreuzes, in: Die Gesellschaft, Februar 1931, S. 102. 13 Siehe Henry A. Turner, Jr.: Fascism and Modernization, in: World Politics 24 (1972), H. 3, S. 547–564; A. James Gregor: Fascism and Modernization: Some Addenda, in: World Politics 26 (1974), H. 2, S. 370–384; siehe dazu auch Alan Cassels: Fascism, New York 1975, S. IX f.; ders.: Janus: The Two Faces of Fascism, in: Henry A. Turner, Jr. (Hg.): Reappraisals of Fascism, New York 1975, S. 69–92; Tannenbaum: The Goals of Italian Fascism (Anm. 10); Sarti: Fascist Modernization in Italy (Anm. 10). 14 Turner: Fascism and Modernization (Anm. 13), S. 555–561. 15 Gregor: Fascism and Modernization (Anm. 13), S. 370–384. 16 Man muss dem italienischen Faschismusforscher Renzo De Felice eine ähnliche Missachtung der antimodernistischen Aspekte des italieni­schen Faschismus vorwerfen wie Gregor. In seinem »Interview« (s. u.) sieht De Felice kaum Gemein­samkeiten zwischen italienischem Faschismus und Nationalsozialismus. Der italienische Fa­schis­mus sei eine optimistische und revolutionäre Bewegung gewesen, die gewisse Aspekte der Französischen Revolution und der Aufklärung fortgesetzt habe. Der Nationalsozialismus da­gegen wird von De Felice als ausgesprochen antirevolutionäre Kraft bezeichnet, die jeglichen Fort­schritt verneint habe (siehe Renzo De Felice: Der Faschismus. Ein Interview von Michael A. Ledeen. Mit einem Nachwort von Jens Petersen, Stuttgart 1977, S. 37–47). Diese allzu scharfe Trennung der beiden rechtsextremen Massenbewegungen ist sicherlich unberechtigt. Stanley Payne bestreitet dagegen die These vom antimodernistischen Charakter der rechtsextre­men Bewegungen gänzlich. Er meint sogar, die Nationalsozialisten hätten in mancher Hinsicht die Ideen der modernen ökologischen Bewegungen vorweggenommen: »Der Ausgleich zwischen Landwirtschaft und Industrie war […] ein Endziel der Nazis […]. Außerdem war Hitler mit seiner Besorgnis hinsichtlich Ökologie, Umweltverbesserung und Umweltverschmutzung seiner Zeit weit voraus.« (Stanley Payne: Geschichte des Faschismus: Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Berlin–München 2001, S. 254; siehe dazu auch ders.: Fascism. Comparison and Definition, Madison / Wis. 1980, S. 83 u. 98). Wenn man allerdings bedenkt, dass die Nationalsozialisten ihre »ländliche Idylle« mithilfe von Deportationen und Ausrottung unzähliger Menschen herstellen wollten, wird jeder Vergleich ihrer »ökologischen« Politik mit derjenigen der modernen Umweltbewegungen abwegig. Solche Analogien stellen eine ausgesprochene Verharmlosung des Nationalsozialismus dar. 17 Siehe dazu den hervorragenden Aufsatz des russischen Kunsthistorikers Igor´ Golomštok: Jazyk iskusstva pri totalitarizme [Die Sprache der Kunst im Totalitarismus], in: Kontinent (1976), Nr. 7, S. 331–391. 18 Siehe dazu Rainer Zitelmann: Hitler. Das Selbstverständnis eines Revolutionärs, Hamburg u. a. 1987; Michael Prinz / Rainer Zitelmann (Hg.): Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 1994. 19 Norbert Frei: Wie modern war der Nationalsozialismus?, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 367–387, hier S. 374; siehe dazu auch Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt a. M. 2005, S. 11, 19–21, 49–90 u. 358–360; Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965, S. 431–448; David Schoenbaum: Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches, Köln 1968, S. 336–351; Michael Mann: The Contradictions of Continuous Revolution, in: Ian Kershaw / Moshe Lewin: Stalinism and Nazism. Dictatorships in Comparison, Cambridge 1997, S. 135–157, hier S. 140; Riccardo Bavaj: Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung, München 2003. 20 Rainer Zitelmann: Die totalitäre Seite der Moderne, in: Prinz / Zitelmann: Nationalsozialismus und Modernisierung (Anm. 18), S. 1–20, hier S. 19. 21 Ian Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 356; Norbert Frei fügt hinzu: »[Solche Aussagen Zitelmanns bedingen] allerdings einen nicht mehr nur ›wertfreien‹, sondern völlig sinnentleerten Begriff von Modernität.« (Wie modern war der Nationalsozialismus? [Anm. 19], S. 375); siehe dazu auch Günter Könke: »Modernisierungsschub« oder relative Stagnation? Einige Anmerkungen zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Moderne, in: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), S. 584–608. 22 Siehe dazu insbesondere Thomas Weingartner: Stalin und der Aufstieg Hitlers. Die Deutschlandpolitik der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale 1929–1943, Berlin 1970. 23 Siehe Helmut Kuhn: Das geistige Gesicht der Weimarer Zeit, in: Zeitschrift für Politik 8 (1961), S.1–9; Karl Dietrich Bracher: Die deut­sche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln 1969, S. 12–14; Adrian Lyttelton: The Seizure of Power. Fascism in Italy 1919–1929, London 1973, S. 364–370; Joachim C. Fest: Hitler. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1973, S. 129 ff.; Hans Günther Zmarzlik: Der Sozialdarwinismus als geschichtliches Problem, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 11 (1963), S. 246–273; Wilhelm Alff: Der Begriff des Fa­schismus und andere Aufsätze zur Zeitgeschichte, Frankfurt a. M. 1971, S. 45–50. 24 Lev Trockij: Pjat‘ let Kominterna [Fünf Jahre Komintern], Moskau 1924, S. 549. 25 Karl Radek: Die internationale Lage, das Abflauen der kapitalistischen Offensive und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale, in: Die Kommunistische Internationale Nr. 27 vom 15. August 1923, S. 3–41, hier S. 36; siehe dazu auch die Rede Clara Zetkins auf dem 5. Kongress der Komintern, in: Pjatyj vsemirnyj kongress Kommunističeskogo Internacionala. 17 ijunja–8 ijulja 1924. Stenografičeskij otčet [Der Fünfte Weltkongress der Kommunistischen Internationale. 17. Juni–8. Juli 1924. Stenografischer Bericht], Moskau 1925, Teil I, S. 918–935. 26 Nikolaj Bucharin gehörte zu den wenigen Ausnahmen unter den Kominterntheoretikern, die diesen Sachverhalt – zumindest teilweise – erkannten. Auf dem 5. Kongress der Komintern sagte er: »Die bürgerliche Wissenschaft, die bürgerliche Philosophie und die bürgerliche Ideologie be­finden sich jetzt in einem Zerfallsprozess. Die bürgerliche Ideologie wird mystisch gefärbt und kann in dieser Zerfallsperiode auch Teile der proletarischen Schichten anstecken.« (Pjatyj vse­mirnyj kongress Kommunističeskogo Internacionala (Anm. 25), Teil I, S. 487. 27 Siehe Gustav Wetter: Der Dialektische Materialismus. Seine Geschichte und sein System in der Sowjetunion, Freiburg 1960; Hans Buchheim: Totalitäre Herrschaft. Wesen und Merkmale, München 1962, S. 39 f. 28 Siehe dazu vor allem Lenin: Materializm i ėmpiriokriticizm [Materialismus und Empiriokritizismus], in: Vladimir Lenin: Polnoe sobranie sočinenij [Sämtliche Werke], 55 Bde., Moskau 1958–1965, hier Bd. 18. 29 Nikolaj V. Valentinov (Vol´skij): Vstreči s Leninym [Begegnungen mit Lenin], 2. Aufl. New York 1979, S. 252 ff. 30 Siehe dazu Nikolai A. Berdjaev: Istoki i smysl russkogo kommunizma [Ursprünge und Sinn des russischen Kommunismus], Paris 1955, S. 96 f. 31 Fedor Stepun: Mysli o Rossii [Gedanken über Russland], in: Sovremennye Zapiski 33 (1927), S. 347 f. 32 Siehe Wetter: Der Dialektische Materialismus (Anm. 27), S. 135–138. 33 Georgij Fedotov: Narod i vlast’ [Das Volk und die Macht], in: Vestnik RSChD 94 (1969), S. 87 f.; ders.: Novaja Rossija [Das neue Russland], in: Sovremennye Zapiski 42 (1930), S. 276–311. 34 Fedotov: Narod i vlast‘ (Anm. 33), S. 87 f.; ders.: Novaja Rossija (Anm. 33), S. 296–298; Semen Frank: Religiozno-istoričeskij smysl russkoj revoljucii [Der religiös-historische Sinn der russischen Revolution], in: ders.: Po tu storonu pravogo i levogo. Sbornik statej [Jenseits von rechts und links. Eine Aufsatzsammlung], München 1972, S. 19–21. 35 Antonio Gramsci: Philosophie der Praxis. Eine Auswahl, Frankfurt a. M. 1967, S. 177. 36 Fedotov: Novaja Rossija (Anm. 33); Frank: Religiozno-istoričeskij smysl (Anm. 34), S. 32 f. 37 Siehe dazu u. a. Fedotov: Novaja Rossija (Anm. 33), S. 296–298. 38 Ebd., S. 297. 39 Siehe Romano Guardini: Das Ende der Neuzeit, Basel 1950; Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit, Ber­lin 1932; Antonio Gramsci: Briefe aus dem Kerker, Frankfurt a. M. 1972, S. 46; Henry R. Kedward: Fascism in Western Europe 1900–1945, Glasgow 1969, S. 10–19; Lyttelton: The Seizure of Power (Anm. 23), S. 366 f. 40 Konrad Heiden: Adolf Hitler. Ein Mann gegen Europa, Zürich 1937, S. 335. 41 Im Januar 1917 sagte Lenin in seinem Vortrag über die Revolution von 1905 dazu: »[Der] Zarismus [wusste] ausgezeichnet, die schlimmsten Vorurteile der ungebildetsten Schichten der Bevölkerung gegen die Juden auszunützen. So kamen die meisten durch die Polizei unterstütz­ten […] Pogrome zustande […], jene furchtbaren Metzeleien von friedlichen Juden, Frauen und Kindern […].« (Lenin: Werke, Berlin 1961–1968, 40 Bde., hier Bd. 23, S. 258). Im Dekret der sowjetischen Regierung vom 27. Juli 1918 hieß es: »Der Rat der Volkskommissare erklärt die antisemitische Bewegung und die Judenpogrome als verderblich für die Sache der Revolution der Arbeiter und der Bauern und fordert das werktätige Volk des sozialistischen Russlands auf, gegen dieses Übel mit allen Mit­teln zu kämpfen.« (Abgedruckt in: Rundschau Nr. 8 vom 7. April 1933, S. 198). 42 Siehe dazu den Sammelband “Rossija i evrei“ [Russland und die Juden], hg. v. I. M. Bikerman u. a. mit Beiträgen von rus­sisch-jüdischen Intellektuellen, der einige Jahre nach der Oktoberrevolution entstanden ist (l. Aufl. Berlin 1923; 2. Aufl. Paris 1978). 43 Abgedruckt in: Rundschau Nr. 8 vom 7. April 1933, S. 198. 44 Die Judenverfolgungen des deutschen Faschismus, in: ebd., S. 197. 45 Siehe Erich Goldhagen: Weltanschauung und Endlösung. Zum Antisemitismus der nationalsozialistischen Führungsschicht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 24 (1976), S. 379–403; Eberhard Jäckel: Hitlers Weltan­schauung. Entwurf einer Herrschaft, Tübingen 1969; Ernst Nolte: Eine frühe Quelle zu Hitlers Antisemitismus, in: Historische Zeitschrift 192 (1961), S. 584–606; Theodor Heuss: Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus, Stuttgart 1932; Konrad Heiden: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit, Zürich 1936, S. 87–91; Jens Petersen: Hitler – Mussolini. Die Entstehung der Achse Berlin – Rom 1933–1936, Tübingen 1973, S. 155–162; Klaus Hildebrand: Hitlers »Programm« und seine Realisierung, in: Manfred Funke (Hg.): Hitler, Deutschland und die Mächte. Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Düsseldorf 1976, S. 63–93. 46 Theodore Abel: Why Hitler Came into Power, New York 1938; siehe dazu auch Wolfgang Schieder: Die NSDAP vor 1933. Profil einer faschistischen Partei, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 141–154, hier S. 144. 47 Siehe Heinrich August Winkler: Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus, Köln 1972, S. 177; Heuss: Hitlers Weg (Anm. 45), S. 148 f. 48 Martin Broszat: Der Nationalsozialismus. Weltanschauung, Programmatik und Wirklichkeit, Stuttgart 1961, S. 35 ff. 49 Martin Broszat: Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 18 (1970), S. 392–409, hier S. 402–408; Hans Mommsen: National Socialisms. Continuity and Change, in: Walter Laqueur (Hg.): Fascism. A Reader’s Guide, S. 179–210. 50 Frank-Lothar Kroll: Geschichte und Politik im Weltbild Hitlers, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 44 (1996), S. 337; Ian Kershaw: Hitler 1936–1945, Stuttgart 2000, S. 655 f.; Bernd Wegner: Hitler, der Zweite Weltkrieg und die Choreographie des Untergangs, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 493–518, hier S. 506. 51 Im April 1933 kommentiert das Organ der Komintern »Rundschau« die jüngsten Ereignisse in Deutschland: »Die Judenverfolgungen in Deutschland […] dienen der faschistischen Führung als Ablenkungsmanöver, um die Tatsache zu vertuschen, dass der Faschismus den Kapitalismus aufrechterhält und sichert […]. Jetzt will man die paar jüdischen Kapitalisten als die Sündenböcke hinstellen, um den gesamten Kapitalismus zu retten.« (Die Judenverfolgungen des deutschen Faschismus [Anm. 44]). »Worin besteht die Ideologie des Nationalsozialismus?«, fragt Werner Hirsch im Februar 1932 im KPD-Organ »Die Internationale«. »Ihr Programm kreist um den einzigen realen Inhalt: ›Schutz des Privateigentums‹ und verkleidet diesen Klasseninhalt einer rein großbürgerlichen und kapitalistischen Politik mit allen möglichen Phrasen.« (Werner Hirsch: Faschismus und Hitlerpartei, in: Die Internationale, Februar 1932, S. 42). Thomas Weingartner stellt hervorragend dar, welche Hindernisse die Kommunisten hätten überwinden müssen, um die Eigengesetzlichkeit der biologisch-rassistischen Denkweise Hitlers in die marxistischen Kategorien einzuordnen (Stalin und der Aufstieg Hitlers [Anm. 22], S. 217–222 und 277 ff.). Aleksandr Galkin gehört zu den wenigen Marxisten, die der Eigendynamik des nationalsozialistischen Rassismus Rechnung tragen. Es wäre sicherlich möglich gewesen, Andersdenkende im Dritten Reich auch mithilfe anderer Gesetze als rassistischer zu unterdrücken, so Galkin. Die Nationalsozialisten hätten in diesem Punkt jedoch nicht pragmatisch, sondern emotional gehandelt. Es sei auch wenig sinnvoll gewesen, die Juden zu vernichten, als man für die Kriegsführung Arbeitskräfte und hoch qualifizierte Fachleute brauchte. Der rassische Fanatismus habe hier allerdings ein Übergewicht erhalten (Aleksandr Galkin: Germanskij fašizm [Der deutsche Faschismus], Moskau 1967, S. 337 f.). 52 Auch die stalinistischen Säuberungen, die gegen fiktive »Volksfeinde« gerichtet wurden, waren ein Beispiel für eine solche pathologische Verzerrung. 53 Nolte: Die faschistischen Bewegungen (Anm. 11), S. 187; siehe dazu auch ders.: Der Faschismus (Anm. 9), S. 437. 54 Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Frankfurt a. M. – Berlin 1987, S. 549. 55 Siehe Alan Bullock: Hitler. Eine Studie über Tyrannei, Düsseldorf 1967, S. 357; Fest: Hitler (Anm. 23), S. 524 ff.; Kedward: Fascism in Western Europe (Anm. 39), S. 115; Carl J. Friedrich / Zbigniew Brzezinski: Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge, Mass. 1965, S. 114; Karl Dietrich Bracher: Zeitgeschichtliche Kontroversen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 1976, S. 79–100. 56 Der italienische Faschismusforscher Alberto Aquarone vertrat 1965 die Ansicht, dem italieni­schen Faschismus sei es nie gelungen, einen totalitären Staat zu errichten. Obwohl die Faschi­sten ihren Staat als totalitär bezeichnet hätten, sei dieser bis zum Schluss dyna­stisch und katholisch geblieben, d. h. nicht totalitär. Die Treue vieler italienischer Institutionen und Kräfte zur Dynastie bzw. zur Kirche hätte den totalitären Anspruch des Fa­schismus praktisch unwirksam gemacht (Alberto Aquarone: L’organizzazione dello Stato totalitario, Turin 1965). Siehe in diesem Zusammenhang auch: Bracher: Zeitgeschichtliche Kon­troversen (Anm. 55), S. 62–78; Petersen: Hitler – Mussolini (Anm. 45), S. 155–162; Kedward: Fascism in Western Europe (Anm. 39), S. 115; Klaus Hildebrand: Innenpolitische Antriebskräfte der nationalsozialistischen Außenpolitik, in: Funke: Hitler, Deutschland und die Mächte (Anm. 45), S. 223–238. 57 Sigmund Neumann: Permanent Revolution. Totalitarianism in the Age of International Civil War, 2. Aufl. New York 1965, S. 111. Andere Autoren sind indes vom revolutionären bzw. totalitären Charakter des italienischen Faschismus, insbesondere des Squadrismo überzeugt (squadristi = faschistische Kampfverbände). Siehe dazu u. a. Dante L. Germino: The Italian Fascist Party in Power. A Study in Totalitarian Rule, Minneapolis 1959; Emilio Gentile: The Origins of Fascist Ideology 1918–1925, New York 2005, S. 363–401; Roberta Suzzi Valli: The Myth of Squadrismo in the Fascist Regime, in: Journal of Contemporary History 35 (2000), H. 2, S. 131–150. 58 Stalin: Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag (Anm. 1), S. 269 f. 59 Hitlers Zweites Buch (Anm. 11), S. 159 u. 163. 60 Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd. I, 2. Halbbd., zit. nach Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945, Berlin 1986, S. 562; siehe dazu auch Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 143, 182, 293 f. u. 320. 61 Siehe dazu u. a. Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 22. 62 Henry A. Kissinger: Großmacht Diplomatie. Von der Staatskunst Castlereaghs und Metternichs, Düsseldorf 1962; siehe dazu auch Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 8. 63 Heiden: Adolf Hitler (Anm. 40), S. 347. 64 Dokumenty vnešnej politiki 1940–22 ijunja 1941 [Dokumente zur Außenpolitik 1940–22. Juni 1941], Moskau 1995–1998, Bd. 23, 1. Buch, S. 396 (eigene Übersetzung). So betrachtete Stalin die Nationalsozialisten als vorurteilsfreie Realpolitiker, Führer der westlichen Demokratien galten ihm hingegen als unbewegliche Doktrinäre. Georgi Dimitroff notiert am 7. November 1939 folgende Aussage Stalins: »In Deutschland sind die kleinbürgerlichen Nationalisten zu einer jähen Wendung fähig, sie sind flexibel – nicht mit den kapitalistischen Traditionen verbunden – im Unterschied zu den bürgerlichen Führern vom Typus Chamberlain usw.« (Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, hg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, S. 281). 65 Fest: Hitler (Anm. 23), S. 885; siehe dazu auch Nolte: Der Faschismus (Anm. 9), S. 436; Kershaw: Hitler 1936–1945 (Anm. 50), S. 512, 784 u. 841 f. 66 Lewis Namier: History, in: ders.: Avenues of History, London 1952, S. 7. 67 Auch in der modernen Forschung wird der qualitative Unterschied zwischen dem Nationalsozialismus und dem italienischen Faschismus gelegentlich unterschätzt. So setzt sich der britische Faschismusforscher Roger Griffin scharf mit manchen deutschen Autoren auseinander, die den Nationalsozialismus als ein einzigartiges Phänomen betrachten. Diese auf Hitler fixierte Sicht erschwere den deutschen Forschern eine vergleichende Faschismusanalyse. Griffin zweifelt nicht daran, dass der Nationalsozialismus ungeachtet seines Rassenwahns und seiner apokalyptischen Verbrechen, die im faschistischen Italien nicht vorkamen, eine Variante des Faschismus darstellt (Roger Griffin: Fascism’s New Faces (and New Facelessness) in the »Post-Fascist« Epoch, in: Roger Griffin / Werner Loh / Andreas Umland (Hg.): Fascism Past and Present, West and East, Stuttgart 2006, S. 29–67). Seine Faschismus-Definition lautet: »Fascism is a political ideo­logy whose mythic core in its various permutations is a palingenetic form of populist ultra-nationalism.« (Ebd., S. 41) Diese Kriterien lassen sich aus Griffins Sicht auch auf den Nationalsozialismus anwenden. Der nationalsozialistische Rassengedanke stelle eine extreme Form des Nationalismus dar. Zum Kern des nationalsozialistischen Selbstverständnisses gehöre die Idee der nationalen Wiedergeburt (Palingenese). Man kann Griffin durchaus beipflichten, dass der Nationalsozialismus unter den Begriff »Faschismus« subsumiert werden kann. Dennoch sind die Unterschiede derart gravierend, dass man im Falle des National­sozialismus von einem Faschismus »neuen Typs« sprechen muss.

JHK 2009

KPdSU und Perestrojka 1985–1991

Bernd Bonwetsch

Die KPdSU, die Staatspartei der Sowjetunion, hörte im August 1991 auf zu existieren. Nach dem Scheitern des Putschs vom 19. August wurde die Tätigkeit der KP der RSFSR am 23. August vorläufig verboten. Das Vermögen der Partei einschließlich desjenigen der KPdSU wurde unter staatliche Verwaltung gestellt, ihre Zwingburg, das ZK-Gebäude am »Alten Platz«, versiegelt. Der Putsch des »Staatskomitees für den Ausnahmezustand« mit dem Stellvertretenden Präsidenten der Sowjetunion und Politbüromitglied Gennadij Janaev an der Spitze hatte die für den 20. August 1991 angesetzte Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrags verhindern und überhaupt die alte Ordnung wiederherstellen sollen. Den Führungsgremien der Partei, Politbüro und ZK, wurde eine Beteiligung am Putsch vorgeworfen. Es war der Präsident Russlands, der »Sieger« Boris Jelzin,1 der die Sus­pendierung der Partei vor dem Obersten Sowjet Russlands dekretierte. Der Präsident der Union Michail Gorbatschow, erst am Tag zuvor aus der Internierung in Foros am Schwarzen Meer zurückgekehrt, wurde in einem Akt öffentlicher Demütigung genötigt, das Dekret zu bestätigen. Formell galt die Suspendierung zwar nur für die erst 1990 gegründete KP der RSFSR, doch sie stellte den Kern der KPdSU dar. Ihr Verbot in Moskau und Russland war das Ende der Unionspartei. Am nächsten Tag, dem 24. August, zog Gorbatschow die Konsequenzen und trat vom Amt des Generalsekretärs der KPdSU zurück. Zuvor erweiterte er die Verbote Jelzins auf die gesamte Sowjetunion und empfahl dem ZK der Partei die Selbstauflösung. Sie erfolgte am selben Tag.2 Der Oberste Sowjet der UdSSR billigte am 29. August die Suspendierung der KPdSU auf dem gesamten Territorium der Sowjetunion. Er beschloss ein Verfassungsprovisorium mit einem Staatsrat an der Spitze, bestehend aus den Präsidenten der Union und der Republiken, und löste sich am 5. September dann selbst auf. Die staatlichen Strukturen der Union waren allgemein in Auflösung begriffen. Am 21. Oktober 1991 konstituierte sich zwar ein neuer Oberster Sowjet mit den auf ihn übertragenen Rechten des ebenfalls aufgelösten Kongresses der Volksdeputierten, aber das hatte praktisch keine Bedeutung mehr, weil nicht nur die baltischen, sondern jetzt auch die ukrainischen Abgeordneten nicht mehr teilnahmen. De facto gab es weder eine zentrale Exekutive noch eine Legislative. Die Republikorgane übernahmen das jeweils für ihr Territorium. An die Stelle der Union und ihres Präsidenten Gorbatschow traten dort, wo überhaupt noch ein solcher Anspruch aufrechterhalten werden konnte, etwa beim Militär, wie selbstverständlich Russland und sein Präsident Jelzin als Rechtsnachfolger.3 Jelzin traf auch die Entscheidung über das Ende der KPdSU und verbot sie und ihren russischen Ableger endgültig am 6. November 1991, dem Vorabend des Jahrestags der Oktoberrevolution.4 Das russische Verfassungsgericht bestätigte 1992 die Rechtmäßigkeit dieses Verbots zumindest für die Führungsorgane der Partei.5 Verboten wurden die Kommunistischen Parteien auch im Baltikum, in der Ukraine und in Moldawien, wo sie als »5. Kolonne« galten. In Mittelasien wurden sie eher der Ordnung halber aufgelöst, in Weißrussland, Armenien und Aserbaidschan lösten sie sich selbst auf. Abspaltungen der Republikparteien, die auf einen reformerischen und nicht zuletzt nationalen Kurs eingeschwenkt waren, wie in Litauen, Armenien und Georgien, konnten weiter bestehen. Ihre Bedeutung ging jedoch zugunsten nationaler, wenn nicht nationalistischer Parteien dramatisch zurück. Für die KPdSU und die KP der RSFSR gab es keine mildernden Umstände. Sie hatten mit der Bekämpfung auch moderater Reformen das politische Klima für den Putsch geschaffen. Für sie war mit einem Schlag alles dahin: »administrative Ressourcen« und Privilegien, Gebäude, Vermögen. Damit war eine Institution an ihr Ende gekommen, die wie keine andere den Sowjetstaat repräsentiert hatte. Der Geheimdienst KGB mag zeitweise über mehr Macht verfügt haben, aber im öffentlichen Leben war sie die bestimmende Kraft gewesen. Formell war sie zwar den staatlichen Instanzen unterstellt, aber in der Praxis wurde das durch Gewohnheitsrecht und die häufige Personalunion in der Führung von Partei- und Staatsämtern aufgehoben. Die Partei war der entscheidende Ordnungsfaktor und Transmissionsriemen, der das Riesenland zusammenhielt. Von den »Oktoberkindern« über die Jungen Pioniere und den Komsomol bis zu den Parteigliederungen und den anderen, mit der Partei verbundenen »Massenorganisationen« war die Gesellschaft organisiert und diszipliniert worden. Wer Karriere machen wollte, suchte selbst den Weg in die Partei, die ihrerseits die Besten und Tüchtigsten an sich zu binden suchte. Das hatte seit den Umbrüchen der Stalin-Zeit zu ihrem stetigen Wachstum geführt. In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre war der Höhepunkt der Entwicklung erreicht: Mit 19,5 Millionen Mitgliedern und Kandidaten gehörten der Partei zum 1. Januar 1989 rund 6,8 Prozent der Gesamtbevölkerung an. Diese Millionenschar von Mitgliedern und Funktionären war in 442 000 Grundorganisationen gegliedert.6 Dabei war die Dichte der Mitgliedschaft unterschiedlich: In Städten war sie höher als auf dem Land, der ursprünglich hohe Arbeiteranteil war mit der Zeit zugunsten von Angestellten unter 50 Prozent gesunken, Russen stellten bei 51 Prozent der Unionsbevölkerung 59 Prozent der Parteimitglieder. Bei den anderen Nationalitäten entsprach die Mitgliedschaft in etwa dem Bevölkerungsanteil oder lag z. T. nicht unerheblich darunter.7 Allerdings zeichnete sich seit 1986 ein Umschwung ab, denn die Zahl der beitrittswilligen »Kandidaten« sank bereits. Seit 1989 ging das in eine Bewegung zum Austritt über, ab 1990 dann in eine Flut. War die Zahl der Mitglieder und Kandidaten zum 1. Januar 1990 nur um 260 000 auf 19,2 Mio. zurückgegangen, so sank sie allein in den ersten neun Monaten 1990 um 1,5 auf 17,7 Millionen.8 Ab Oktober 1990 beschleunigte sich dieser Prozess noch weiter, sodass zum 1. Juli 1991 nur noch 15 Millionen Mitglieder übrig waren, wie Gorbatschow auf dem – wie sich herausstellen sollte – letzten ZK-Plenum im Juli 1991 berichtete. 4,2 Millionen Mitglieder hatten in 18 Monaten der Partei den Rücken gekehrt, und viele weitere waren dabei, es zu tun.9 Das Bedrohliche dabei war nicht nur die Zahl der Austritte und der darin sichtbar werdende Bedeutungsverlust, sondern mehr noch die Zusammensetzung der Flüchtigen: Der typische Austretende war 1990 ein männlicher Industriearbeiter mit mittlerer Bildung im Alter von 30–50 Jahren und mehr als zehnjähriger Parteizugehörigkeit, d. h. wirkliche Kernmitglieder. Allerdings nahmen Austritte von Mitgliedern mit Hochschulbildung, d. h. von Angestellten, Ingenieuren und Technikern, sowie von unter Dreißigjährigen rasant zu. Rückläufig war lediglich der Anteil der Rentneraustritte. Drastisch formuliert, war die KPdSU als eine Partei von Aufsteigern, Karrieristen und Arrivierten schon vor dem Verbot in Auflösung begriffen und dabei, sich in eine Vereinigung von Rentnern zu verwandeln.10 Mit ihrem Verbot nach dem Putsch verabschiedete sich die einst staatstragende Partei dann ebenso undramatisch und kläglich aus der Geschichte wie im folgenden Dezember 1991 die ebenfalls in Auflösung begriffene Weltmacht Sowjetunion. Angesichts der weitgehenden Identität von Partei und Staat war diese parallele Entwicklung nahezu zwangsläufig. Denn nach dem kurzen Zwischenspiel der »Räterepublik«, in der die Allrussischen Rätekongresse zumindest noch keine rein dekorative Veranstaltung waren, hatten seit Anfang der Zwanzigerjahre die Parteitage der Kommunistischen Partei Russlands bzw. der Sowjetunion die politischen Weichenstellungen vorgenommen oder zumindest bestätigt. Unter Stalin waren auch sie in den Hintergrund getreten. »Die Partei« – das war bis 1953 im Wesentlichen Stalin, das war »das ZK«, d. h. die ZK-Sekretäre und das »Politbüro«11 mit dem Generalsekretär Stalin an der Spitze.12 Nach Stalins Tod gewannen die Kollektiv- und Repräsentativgremien der Partei – Präsidium, ZK-Plena und Parteitage – vorübergehend wieder größere Bedeutung. Die Anstöße zur Entstalinisierung unter Nikita Chruščev ließen auf eine geistige Erneuerung der Partei hoffen. Das änderte sich jedoch schon mit dem »Oktober-Plenum« 1964, das an die Stelle des allzu voluntaristischen Chruščev Leonid Brežnev setzte. Unter seiner Führung kam das Land im Innern zur Ruhe und zu leidlichem materiellen Wohlstand. Allerdings wurden seine unermesslichen Ressourcen nur extensiv genutzt. Nicht einmal Getreide wurde in ausreichendem Maße geerntet.13 Dank der Öl-Einnahmen wurde das Agrarland Sowjet­union zum größten Getreideimporteur der Welt. Alles versank unter einer gewaltigen, innovationsfeindlichen und auch korrupten Bürokratie. Reformen wurden erstickt, Reformer mundtot gemacht, ganz zu schweigen von der Behandlung der Dissidenten. In dem Moment, als die Welt-Erdöl-Konjunktur umschlug, wurde die strukturelle Schwäche nicht nur der Wirtschaft, sondern auch des Lenkungsapparats des Landes offenbar. Die »wissenschaftlich-technische Revolution« im Zeichen von Computer und Internet stellte alles bis dahin Erreichte als ungenügend bloß. Außenpolitische Abenteuer wie der Einmarsch in Afghanistan und die Stationierung der mobilen Mittelstreckenraketen in Europa, die die Erfolge der Entspannungspolitik zunichtemachten und beträchtliche zusätzliche Ressourcen banden, ließen die Sowjetunion unter Brežnev in eine Krise geraten, aus der sie auch unter seinen Nachfolgern Jurij Andropov und Konstantin Černenko nicht herausfand. »Zastoj«, d. h. »Stagnation«, war später der eingängige Begriff für diesen Zustand. Uskorenie: Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung Ein Bewusstsein für die Probleme, denen sich die Sowjetunion angesichts der Krise im eigenen Lande und der Systemkonkurrenz gegenübersah, hatte sich auch in der Führung der Partei herausgebildet. Es lenkte zweifellos auch das Verhalten der Mitglieder des Politbüros und des ZK-Plenums, als diese am 11. März 1985 nacheinander zusammentraten, um einen neuen Generalsekretär zu küren. Im Vorfeld dieser Entscheidung hatten sich zwar mehrere Führungsmitglieder Chancen auf die Nachfolge Černenkos ausrechnen können – außer Michail Gorbatschow, der wegen der Hinfälligkeit Černenkos schon seit Längerem die Politbürositzungen leitete, auch Ministerpräsident Nikolaj Tichonov, die Par­teichefs von Moskau und Leningrad, Viktor Grišin und Grigorij Romanov, und der ukra­inische Parteichef Vladimir Ščerbickij. Im Westen hielt man die Wahl im Politbüro deshalb auch für umstritten. Tatsächlich lief jedoch alles eindeutig auf Michail Gorbatschow hinaus. Nachdem sich ein autoritatives Führungsmitglied wie Andrej Gromyko auf der Sitzung des Politbüros sofort und ohne Wenn und Aber für ihn ausgesprochen hatte, blieb alles Abweichende wie üblich ungesagt, und »der Neue« wurde einstimmig gewählt. Das Gleiche gilt für das formell entscheidende ZK-Plenum, dem Gromyko den Politbüro-Vorschlag anschließend vortrug.14 Niemand ahnte, zu welcher Entwicklung es unter Gorbatschows Führung kommen würde, selbst wenn dieser sein Amt in der Überzeugung antrat, dass man »so […] nicht weiterleben« könne, wie er es in der Nacht vor seiner Wahl formulierte.15 Zum einen war auch er als Teil des Systems aufgestiegen und von denselben alten Männern umgeben, die schon zuvor das Land geführt hatten. Erst 1985 / 86 wurden sie im Rahmen eines weitgehenden, aber bei solchen Gelegenheiten durchaus üblichen personellen Revirements aus dem Zentrum der Macht entfernt: Tichonov, Gromyko, Romanov und Grišin.16 Zum anderen aber war Gorbatschow mitnichten ein Revolutionär. Zunächst ging es im Grunde nur darum, mit jüngeren Kräften und neuer Energie liegen gebliebene, verschleppte Reformen anzupacken. Da »Reform« ein revisionismusverdächtiges Tabu-Wort war, kam als Sammelbezeichnung für die Maßnahmen der alte sowjetische Ersatzbegriff »Perestrojka« (Umgestaltung) zu neuer Geltung. Einigkeit bestand vor allem darin, dass die wirtschaftliche Stagnationskrise überwunden werden musste. Ihre Ursachen erkannte man in der extensiven Nutzung der Ressourcen des Landes und seiner ungenügenden Anpassung an die Bedingungen der »wissenschaftlich-technischen Revolution«. Deshalb wurden auf dem April-Plenum des ZK von 1985 einerseits mit Egor Ligačev, Nikolaj Ryškov und Viktor Čebrikov relativ junge Funktionäre ins Politbüro kooptiert, und zum anderen wurde die »Beschleunigung (uskorenie) der wirtschaftlichen Entwicklung« zur wichtigsten Aufgabe erklärt. Kurz danach ergänzte man dies um die »Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts«. Konkretere Entscheidungen wurden auf dem XXVII. Parteitag vom 25. Februar bis 6. März 1986 getroffen.17 Erstmals hatte sich die Parteiführung wohl wirklich Rechenschaft über den ernsten Zustand der Wirtschaft des Landes gegeben. Aber sie war überzeugt davon, dass es sich um eher technisch-praktische Maßnahmen handeln würde, mit deren Hilfe man der Sowjetwirtschaft die »verloren gegangene Dynamik zurückzugeben […] und den Rückstand zu den entwickeltsten Ländern aufholen zu können« meinte. Zweifel am Erfolg des Sozialismus gab es nicht – auch nicht bei Michail Gorbatschow.18 Es wurden ein großes Investitions- und Technologieprogramm, die Erhöhung der Investitionsquote und eine stärkere Qualitätskontrolle beschlossen. Aufbauend auf dem schon unter Andropov konzipierten »Wirtschaftsexperiment« wurden auch Schritte zur Vergrößerung der Selbstständigkeit der Betriebe, der Rechte von Genossenschaften und der Orientierung am Markt unternommen. Die Lenin’sche Neue Ökonomische Politik der Zwanzigerjahre wurde zum Orientierungsmodell; ihr wichtigster späterer Protagonist und Gegner der Stalin’schen Politik, Nikolaj Bucharin, wurde rehabilitiert. Aber was 1921 noch mit einem schlichten Dekret über die Einführung der Naturalsteuer umgesetzt werden konnte, das stieß gut 60 Jahre später auf verkrustete Strukturen. Die Partei- und Wirtschaftsbürokratie wartete ab oder »mauerte«, teils aus Unwillen über die neuen Maßnahmen wie z. B. die ungewohnte Qualitätskontrolle, teils aufgrund der Erfahrungen mit vorangegangenen »Reformen«, teils aus Unfähigkeit oder Sorge um Privilegien. Auch ließ sich ein jahrzehntelang praktizierter Schlendrian der Arbeiterschaft nicht plötzlich abstellen, zumal weder Zwangsmittel noch Gratifikationen zur Verfügung standen. Ein Reformversuch war z. B. die im Mai 1985 eingeleitete Anti-Alkohol-Kampagne. Neben der Bezeichnung »Mineralsekretär« für Gorbatschow und viel Durcheinander hinterließ sie bei ihrem Einschlafen 1988 einen Steuerausfall von insgesamt 49 Milliarden Rubel, hatte also den ohnehin defizitären Staatshaushalt von etwa 380 Milliarden Rubel mit durchschnittlich rund drei Prozent jährlich belastet.19 Inzwischen hatte die Partei allerdings schon ganz andere Probleme. Die zahllosen Maßnahmen und Pläne zur Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten stellten sie ständig vor Zerreißproben hinsichtlich ihres Selbstverständnisses: Staats- und Privatbesitz, Plan und Markt, freies Kräftespiel und soziale Verantwortung – sie standen im Widerstreit, und das angesichts einer negativen Wirtschaftsentwicklung, die jede Seite für ihre Argumente in Anspruch nehmen konnte. Für das Schicksal der KPdSU und der Perestrojka war entscheidend, dass man mit dem objektiv schwierigen Problem nicht fertig wurde, eine langfristig angelegte Strukturreform durchzuführen und gleichzeitig die akuten Konsumbedürfnisse einer an den relativen Wohlstand der Brežnev-Zeit gewöhnten Bevölkerung zu befriedigen.20 Auch die Schritte im Rahmen des »neuen Denkens« in den internationalen Beziehungen, die die Rüstungslasten entsprechend der neuen Militärdoktrin der »Hinlänglichkeit« (dostatočnost’) verringern sollten, konnten keine sofortige wirtschaftliche Entlastung bringen.21 Der INF-Vertrag über die mobilen Mittelstreckenraketen vom Dezember 1987, das Genfer Abkommen über Afghanistan vom April 1988 und der nachfolgende Truppenabzug, der Beschluss der 19. Parteikonferenz zur Verringerung der Streitkräfte, das KSE-Abkommen vom Dezember 1990, die START-Vereinbarungen zur Reduzierung der nuklearen Trägersysteme 1990 / 1991 – alles zeugte von der Entschlossenheit der sowjetischen Führung, sich der übermäßigen Rüstungslasten zu entledigen und den Kalten Krieg zu beenden. Michail Gorbatschow, Eduard Ševardnadze und Aleksandr Jakovlev, der im September 1988 Vorsitzender der ZK-Kommission für Außenpolitik wurde, gebührt das historische Verdienst, dies nach innen wie nach außen überzeugend vorangetrieben zu haben. Gorbatschow erhielt dafür 1990 den Friedensnobelpreis. Wirtschaftlich brachten diese Schritte jedoch zunächst einmal zusätzliche Schwierigkeiten, weil der »militärisch-industrielle Komplex« aus dem gewohnten Gleis geworfen wurde. Auch die Hoffnung auf westliche Kredite als »Entspannungsdividende« erfüllte sich nur bedingt. Die sowjetische Wirtschaft erholte sich während der Perestrojka einfach nicht mehr. »Glasnost’« und der Beginn politischer Veränderungen Angesichts des sich schon bald abzeichnenden mäßigen Tempos der allseitigen »Beschleunigung« glaubten Gorbatschow und die reformwilligen Kräfte um ihn, die Öffentlichkeit unter dem Zeichen von »Glasnost’« (Öffentlichkeit, Transparenz) durch die Aufforderung zur Kritik an »Bremsern« und an Unzulänglichkeiten für den notwendigen Reformprozess mobilisieren zu können.22 Es war ein probates Mittel aus alten Sowjetzeiten, bei Bedarf eine entsprechende Kritik »von unten« zu lancieren, um einen trägen Apparat in die gewünschte Richtung in Bewegung zu setzen. Das bedeutete jedoch noch längst nicht, dass grundsätzlich frei über Probleme gesprochen wurde. Die Entfernung der 1961 schon für 1981 als Realität prognostizierten Kommunismusperspektiven aus dem Parteiprogramm, die Gorbatschow auf dem XXVII. Parteitag in seinem Rechenschaftsbericht zur »Diskussion der neuen Redaktion« trotz ihrer zentralen Bedeutung fast völlig überging, unterstrich das noch einmal.23 Doch angesichts der Probleme des Landes und der Beharrungskräfte auf allen Ebenen gewann das Prinzip »Glasnost’« eine eigene Dynamik. Der keineswegs selbstverständliche öffentliche Umgang mit der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 in Černobyl’ oder den Unruhen in Alma Ata im Dezember 1986, die früher noch vertuscht worden wären, setzte hier Zeichen.24 Deshalb klangen Gorbatschows Äußerungen auf dem Januar-Plenum des ZK 1987, dass es keine gesellschaftlichen Tabuzonen geben dürfe und dass Glasnost’, Kritik und Selbstkritik in einer Demokratie so notwendig seien »wie die Luft zum Atmen«, durchaus glaubwürdig. Allerdings wurde in der Diskussion des Politbüros und im ZK-Plenum deutlich, dass die Meinungen dazu geteilt waren: Den einen ging »Glasnost’« zu weit, den anderen aber nicht weit genug.25 Unter diesen Vorzeichen begann die öffentliche Diskussion auch auf Fragen des politischen Systems im Sinne von Liberalisierung und Demokratisierung überzugehen. Der Boden dafür war bereitet, Ideen und Vorstellungen gab es. Ein Signal war die »Novosibirsker Studie« der Soziologin Tat’jana Zaslavskaja von 1982 über gesellschaftliche Hemmnisse für die wirtschaftliche Entwicklung gewesen.26 Auch andere Wissenschaftler wie Abel Aganbegjan oder Leonid Abalkin waren immer wieder mit kritischen Analysen aufgefallen. Aber nicht nur im wissenschaftlichen Milieu gab es kritische Analysen und Reformideen. Auch wenn man urteilen mag, dass sie »nicht zum Kern der Probleme vorstießen«,27 lohnt es, Reformprogramme zur Kenntnis zu nehmen, die Georgij Arbatov und Anatolij Černjaev beim Tode Leonid Brežnevs in der Hoffnung skizzierten, dass Jurij Andropov zu dessen Nachfolger gewählt würde. Černjaev und Arbatov kamen zwar nicht direkt aus den Sphären der Macht, aber als politische Berater aus deren »Vorzimmer«.28 In dem von Černjaev festgehaltenen »Minimal-Programm« – eine Anspielung auf das Programm der SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) von 1903 – tauchte bereits vieles auf, was später zum Kern des »neuen Denkens« und der »Perestrojka« wurde: Verminderung der Rüstungslasten durch »Eindämmung« des militärisch-industriellen Komplexes, Abzug der Truppen aus Afghanistan und der SS-20-Raketen aus Europa; radikale Reduzierung der Truppen-Präsenzstärke; Entlassung der sozialistischen Staaten aus sowjetischer Vormundschaft und Verzicht auf jede gewaltsame Bewahrung der herrschenden Ordnung durch sowjetische Truppen; Reduzierung der Zentralisierung durch Gewährung realer Selbstständigkeit für die Republiken; Erleichterung der Ausreisemöglichkeit für Dissidenten und Juden und Bekämpfung des Antisemitismus; größere Meinungsfreiheit für die Presse; Befreiung von unnötigen wirtschaftlichen und politischen Lasten zugunsten der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der Bevölkerung.29 Ältere Überlegungen zu einer »revolutionären Umgestaltung« der Sowjetunion fasste Aleksandr Jakovlev, Leiter des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen, Ende 1985 in einem Memorandum für Gorbatschow zusammen, das mit dessen Beratern diskutiert wurde.30 Es enthielt vor allem die Idee, die Sowjet­union zu demokratisieren und den Bürger auch dank voller Informationsfreiheit zum Souverän zu machen. Damit dieser zwischen Alternativen wählen könnte, sollten aus der KPdSU zwei konkurrierende Parteien – eine sozialistische und eine volksdemokratische – gebildet werden. Überdies sollten Gerichte und Richter unabhängig werden, um die Bürgerrechte sichern zu können. Zweifellos war damit noch keine liberale Demokratie anvisiert, aber das Potenzial dazu war in diesen Konzeptionen enthalten, die bei der Realisierung der Perestrojka Pate standen. Gemeinsam war den Reformern die Vorstellung, die Umsetzung ihrer Ideen als »Revolution von oben« durch die Partei steuern zu können. Auch Gorbatschow dachte im Sommer 1986 so.31 War aber schon die Steuerbarkeit einer derartigen »Perestrojka« der Sowjetunion zweifelhaft, so war es die Erwartung, die Partei werde mitmachen, umso mehr. Selbst unter den neuen Führungsmitgliedern gab es Gegner von Reformen, die über Technokratisches hinausgingen. Und was den neuen Generalsekretär betraf, auf dem, wie sich immer wieder zeigte, letztlich die Verantwortung ruhte, so befürwortete er diese Gedanken zwar im Allgemeinen, aber von der Absicht ihrer entschlossenen Umsetzung war er doch weit entfernt. Selbstverständlich nahm er auch Rücksicht auf die »Bremser« im Politbüro und ZK. Nicht immer war dabei deutlich, ob er das nur aus taktischen oder auch aus grundsätzlichen Erwägungen tat. Er selbst sah seine Position wohl zu Recht in der Mitte zwischen beiden Seiten, während Gegner und Befürworter der Reformen sein Verhalten offenkundig jeweils als Parteinahme für die eigene oder die andere Seite interpretierten.32 Den radikaleren Reformprotagonisten war nicht immer bewusst genug, dass man für demokratische Reformen nicht nur Konzepte, sondern auch Mehrheiten benötigte und die Partei von Veränderungen überzeugen musste. Gorbatschow hingegen hatte diese Notwendigkeit in langer Parteikarriere verinnerlicht. Insofern ist es völlig nachvollziehbar, dass Reformen, die an die Substanz des Selbstverständnisses gingen, nicht zielstrebig, sondern eher im Sinne von Lenins Diktum »zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück« realisiert wurden. Ähnlich war es mit der Personalpolitik. Mit der Absetzung Boris Jelzins vom Posten des Moskauer Parteisekretärs nach seiner Kritik am langsamen Fortgang der Perestrojka auf dem ZK-Plenum vom 21. Oktober 1987 signalisierte man z. B. der Außenwelt ein Abbremsen substanzieller Reformen. Als Reformer war er im Juli 1985 in das ZK-Sekretariat und im Dezember 1985 an die Spitze der Moskauer Parteiorganisation gewählt worden. Jetzt verschwand er nur dank der »Gnade« Gorbatschows nicht völlig in der Versenkung. Der Vorgang macht deutlich, dass auch mehr als zwei Jahre nach Gorbatschows Amtsantritt alles auf die Persönlichkeit an der Spitze ankam. Jelzin hatte schon seit Längerem Kritik am mäßigen Tempo der Veränderungen und dem Widerstand im ZK und im Politbüro geübt, besonders am 2. Sekretär des ZK Egor Ligačev, dem wichtigsten Funktionär nach dem Generalsekretär.33 Jelzin war keineswegs der Einzige, dem die Reformen zu langsam vorangingen, aber auf dem Plenum im Oktober stand er dann ebenso allein wie danach auf dem Plenum des Moskauer Parteikomitees am 12. November. Alle Redner kritisierten ihn, auch Aleksandr Jakovlev; alles hing vom Ton ab, den der Generalsekretär vorgab, und der ließ mit Jelzin ein Symbol der Perestrojka fast ohne Bedauern gehen.34 Der Verstoß gegen das Gebot zur äußerlichen Einigkeit in der Parteiführung und die Tatsache, dass Jelzin von sich aus die Initiative ergriffen hatte, waren offenkundig schwerwiegender als der Inhalt seiner Klagen. Das tiefe Zerwürfnis zwischen Gorbatschow und Jelzin rührt aus diesem Vorfall.35 Nina Andreevas »Leserbrief« und die Radikalisierung der Perestrojka Die Absetzung Jelzins bedeutete im Übrigen nicht, dass Gorbatschow die Position Ligačevs guthieß. Er schwankte vielmehr und tat das immer wieder, so auch auf dem Februar-Plenum des ZK von 1988, als er sich zwar zur Perestrojka bekannte, aber auch ungerechtfertigte Kritik an der Entwicklung der Sowjetunion anprangerte und überdies Ligačev mit seinem »traditionellen« Hauptreferat gewähren ließ. Später hat Gorbatschow seine eigene Rede als Ausdruck von »Zerrissenheit« bezeichnet.36 Letztlich kam jedoch in seinem Verhalten etwas zum Ausdruck, das die Reformgegner ermutigte, aktiv zu werden. Der Höhepunkt wurde mit dem sogenannten »Diskussionsbeitrag« Nina Andreevas vom 13. März 1988 erreicht. Der ganzseitige Artikel der völlig unbekannten Autorin unter der Überschrift »Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben« – ursprünglich ein Leserbrief – wurde sogar auf der Titelseite von Sovetskaja Rossija angekündigt.37 Es war ein »neostalinistisches Manifest«, das wegen des Publikationsortes, des gemeinsamen Organs des ZK, des Obersten Sowjets und der Regierung der RSFSR, als Signal für das Ende der Perestrojka angesehen wurde.38 Fast drei Wochen lang schwiegen die Reformer, als ob es »Glasnost’« nie gegeben hätte. In den regionalen Parteiorganisationen wurde der Beitrag als »Richtlinie« verstanden. Die Redakteure der Massenmedien sahen das von sich aus ebenfalls so oder wurden entsprechend informiert. Auch ohne formelle Anweisung wurde der Beitrag vielfach nachgedruckt, während öffentliche Kritik daran kaum geübt bzw. nicht zugelassen wurde. Das Land machte den Eindruck, als ducke es sich und warte ab, wie jetzt der Schlag gegen die Perestrojka weitergeführt werde.39 Das Ganze war eine durch Ligačev veranlasste Inszenierung, ein kleiner Putsch anlässlich einer Auslandsreise Gorbatschows. Ähnlich wie später im August 1991 hofften die Beteiligten, der Generalsekretär werde »mitmachen«. Der zögerte zwar zehn Tage, aber dann eröffnete er am 23. März 1988 eine zwei Tage dauernde Diskussion des Politbüros und gab nun einen deutlich gegen den Andreeva-Artikel gerichteten Ton vor. Jetzt waren es die Reformgegner, die kleinlaut verstummten. Ligačev selbst leugnete jegliche Beteiligung und bot ein klägliches Bild.40 Am 5. April 1988 wurde in der Pravda eine Stellungnahme des Politbüros unter dem Titel »Die Prinzipien der Perestrojka« veröffentlicht.41 Sie leitete eine neue Phase der Perestrojka ein. Der Vorgang hatte erneut gezeigt: »Glasnost’« war auch drei Jahre nach Beginn der Perestrojka noch keine Selbstverständlichkeit; sie bedurfte immer noch der Impulse von ganz oben. Selbst die Reformer im Politbüro hatten geschwiegen und abgewartet. Es war Gorbatschow, der die Kritik eröffnete, er war es, der den Ersten Sekretären der Gebiets­komitees und der Republiken in der Woche vom 11. bis 18. April 1988 in drei großen Versammlungen die »Linie« erläuterte. Dabei wurde Ligačev nicht bloßgestellt. Gorbatschow wollte um der delikaten Balance in der Führung willen keinen Ostrakismus. Ligačev verlor allerdings auf dem ZK-Plenum vom 30. September 1988 seine institutionelle Machtstellung als »zweiter Mann« und Leiter des ZK-Sekretariats. Das Sekretariat selbst wurde durch die Bildung von sechs Kommissionen zur Leitung der ZK-Abteilungen entmachtet. Ligačev erhielt die Leitung der Kommission für Landwirtschaft, blieb aber ein wichtiger Reformgegner in der Parteiführung.42 Glasnost’ gewann nun eine ganz neue Dynamik; sie wurde zum Motor von Demokratisierung – und nicht zuletzt deshalb zur Zerreißprobe für die KPdSU.43 Der entscheidende Schritt dazu war die 19. Parteikonferenz vom 28. Juni bis 1. Juli 1988. Sie schuf durch die Bildung eines neuen Gremiums mit basisdemokratischen Anklängen, des Volksdeputiertenkongresses, die institutionellen Voraussetzungen für politische Vielfalt. Denn dessen 2250 Mitglieder sollten zu zwei Dritteln direkt gewählt und zu einem Drittel durch Organisationen wie die Partei selbst oder Massenorganisationen, aber auch Künstlervereinigungen und die Akademie der Wissenschaften nominiert werden.44 Der Oberste Sowjet verabschiedete am 1. Dezember 1988 die entsprechenden Verfassungs- und Wahlrechtsänderungen. Der im März 1989 gewählte Kongress der Volksdeputierten konstituierte sich am 25. Mai und wählte für die Entscheidung über laufende Angelegenheiten einen neuen Obersten Sowjet, der in seiner Funktion dem alten Präsidium des Obersten Sowjets entsprach.45 Selbstverständlich war der Volksdeputiertenkongress noch kein freies Parlament. 88 % der Abgeordneten gehörten der KPdSU an, andere Parteien gab es noch nicht, nur informelle Vereinigungen (neformaly). Aber dank der zutage tretenden Meinungsunterschiede und der Öffentlichkeit der Sitzungen und der sonstigen Tätigkeit erhielt die Sowjetunion – mit dem formellen, wenn auch zweifelsohne nicht bedingungslosen Plazet der KPdSU – eine Vorstellung von wirklicher Freiheit der Meinungsäußerung im Prozess politischer Mehrheitsbildung. Durch Maßnahmen wie die Einführung der Immunität der Abgeordneten sowie durch die Bildung von Plattformen der KPdSU wie der radikaldemokratischen »Interregionalen Gruppe« um Andrej Sacharov, Boris Jelzin, Jurij Afanas’ev und Gavriil Popov, die entsprechende »Antwort« konservativer, ja neostalinistischer Kräfte mit dem Zusammenschluss in der »Union« (Sojuz) und die Bildung nationaler »Volksfronten« zur Unterstützung der Perestrojka in einzelnen Republiken wurde der Emanzipationsprozess 1989 weitergetrieben.46 Sie bildeten den Kern neuer Parteien. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis das Machtmonopol der Kommunistischen Partei aufgehoben wurde. Der Oberste Sowjet Litauens ging im Dezember 1989 damit voran. Gorbatschow, der versuchte, einen »zentristischen«, aber inzwischen von rechts und links heftig bekämpften Weg zu gehen, zögerte und suchte die Möglichkeit moderaterer Reformen durch personelle Veränderungen auf allen Ebenen der KPdSU wie auch in der Staatsführung im Herbst 1988 und um die Jahreswende 1988 / 89 zu sichern. Aber wegen der Polarisierung innerhalb der Partei und des deutlichen Resignierens von Reformern, die sich wie Vadim Medvedev und Aleksandr Jakovlev auf dem XXVIII. Parteitag im Juli 1990 aus der Parteiführung zurückzogen, konnte dieser Kurs nicht mit wirklichem Erfolg vorangetrieben werden. Ins Politbüro kamen praktisch keine Reformer mehr, allerdings erhielt auch der Perestrojka-Kritiker Ligačev zwar demonstrativen Beifall, aber nicht genug Stimmen für seine Kampfkandidatur als Stellvertretender Generalsekretär.47 Die KPdSU war inzwischen für die politisierte Öffentlichkeit immer weniger »die Partei«. Formell wurde dies deutlich mit der Entscheidung des Kongresses der Volksdeputierten vom 14. März 1990, den Artikel 6 der Verfassung der Sowjetunion, der die führende Rolle der KPdSU festlegte, zu ändern und auch die Tätigkeit anderer Parteien zuzulassen – im Übrigen auf Antrag der KPdSU, deren ZK-Plenum dies im Februar beschlossen hatte.48 Die Bildung zahlloser Parteien und gesellschaftlicher Organisationen war die Folge. Damit entfiel aber auch die bisherige Legitimation der faktischen Staatsführung durch den Generalsekretär der KPdSU. Der logische nächste Schritt war deshalb die Verknüpfung der Abschaffung des KPdSU-Monopols mit der Schaffung des Präsidentenamts und dessen institutioneller Ausbau zulasten des alten Politbüros und des ZK. Als Gorbatschow sich am 14. März 1990 zur Wahl stellte, gaben ihm allerdings nur knapp 60 Prozent der Volksdeputierten ihre Stimme. 1329 von 2245 Anwesenden stimmten für, 495 gegen ihn, der Rest gab ungültige Stimmen ab oder beteiligte sich nicht an der Abstimmung.49 Auch daran zeigte sich, dass die Entwicklung jetzt über den ursprünglichen Hoffnungsträger der Perestrojka hinwegging. Das war tragisch, aber angesichts der Rollenverteilung wohl unvermeidlich. Immer mehr einstige Anhänger und Mitstreiter sahen ihn nun selbst als Bremser an. Zunehmend war die Kritik an Gorbatschow aber auch Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Versorgungslage, die sich ständig verschlechterte, was negative Begleiterscheinungen wie Korruption und Kriminalität bis hin zur Entwicklung mafiöser Strukturen mit sich brachte. Alle 1989 / 90 vorgelegten Pläne, die am 19. Oktober 1990 in die vom Volksdeputiertenkongress verabschiedeten »Richtlinien für die Stabilisierung der Volkswirtschaft und den Übergang zur Marktwirtschaft« eingingen, erwiesen sich als untaugliche Kompromisse zwischen dem Versuch, neue Wege in Richtung Marktwirtschaft zu gehen, und dem Wunsch, das Alte, insbesondere das Staatseigentum an den Produktionsmitteln und die Kontrolle über die Preise, beizubehalten.50 Entscheidend war, dass so oder so die akuten Mängel nicht kurzfristig beseitigt werden konnten. Die Frage war lediglich, wem das angelastet werden würde. Offenkundig war es so, dass die Mängel inzwischen, anders als ursprünglich, immer weniger als Auslöser der »Umgestaltung« angesehen wurden, sondern von den einen als Folge der Reformen, von den anderen als Folge ihrer von Konservativen blockierten Durchführung. Damit wurden sie aber auf jeden Fall der neuen Führung angelastet, die die Kontrolle über die wirtschaftliche und politische Entwicklung zunehmend verlor.51 Die Massenstreiks der Bergleute in Sibirien, im nördlichen Ural und im Donecbecken 1989 waren dafür ebenso ein Indiz wie die Distanzierung der Radikalreformer von der KPdSU: Boris Jelzin, inzwischen Vorsitzender des Obersten Sowjets der RSFSR, erklärte auf dem XXVIII. Parteitag der KPdSU am 12. Juli 1990 demonstrativ den Austritt aus der Partei.52 Ihm folgten andere wie Gavriil Popov, der Bürgermeister von Moskau, und Anatolij Sobčak, der nachmalige Bürgermeister von Leningrad. Zusammen mit weiteren ehemaligen Anhängern der »Demokratischen Plattform« innerhalb der KPdSU bildeten sie nun die neue politische Vereinigung »Demokratisches Russland«. Das führte dazu, dass Gorbatschow nun umso mehr mit der überwiegend antireformerisch eingestellten Restpartei identifiziert wurde. Er hätte sie, wie ihm geraten wurde, ebenfalls verlassen sollen.53 Aber er tat es nicht und wurde so zum Prügelknaben sowohl für die mehrheitlich gegen die Reformen eingestellte KPdSU, die nur keine personelle Alternative hatte, als auch für die radikaleren Reformkräfte außerhalb der Partei. Die konservativen Kräfte innerhalb der KPdSU setzten im März 1990 den Beschluss zur Gründung der Kommunistischen Partei Russlands durch.54 Am 20. Juni 1990 gegründet, bildete sie nun den organisatorischen Kern der innerparteilichen Opposition gegen den »zentristischen« Kurs von Gorbatschow, obwohl dieser Kurs den Konservativen in manchem entgegenkam, weil die Mehrheitsverhältnisse in der Führung sich nach rechts verschoben. Auch Gorbatschows Bemühen, das Präsidentenamt gegenüber der KPdSU und dem Parlament zu stärken, konnte das nicht verhindern.55 Der deutliche Rechtsruck in der personellen Zusammensetzung der Regierung um die Jahreswende 1990 / 91 war Ausdruck dieser Machtverschiebungen, die dann in den August-Putsch mündeten. Die nationale Frage und die Auflösung der Unionspartei Zu den allgemeinen wirtschaftlichen und innenpolitischen Problemen traten jetzt immer schärfere nationale und interethnische Konflikte hinzu. Sie hatten mit den Unruhen in Alma Ata 1986 begonnen und wurden von Gorbatschow und der Führung der KPdSU lange in ihrer Brisanz unterschätzt. Gorbatschow hielt das Ganze im Wesentlichen für Intellektuellenprobleme, die sich durch den Appell an die Vernunft und den »Internationalismus« der Massen lösen ließen. Er glaubte bis zum Schluss an die reelle Möglichkeit eines freiwilligen Verbleibens der Republiken in einer Union auf erneuerter Grundlage.56 Obwohl ursprünglich sicher nicht chancenlos, erwies sich das in zweifacher Hinsicht als Illusion: Weder spielten die sezessionswilligen Republiken mit noch die KPdSU, wie der 19. August 1991 zeigte. Bis dahin hatte Gorbatschow manche Entscheidung gedeckt oder mitgetragen, die den Grundsätzen der Perestrojka eigentlich widersprach. Verwiesen sei nur auf die Verhängung der Wirtschaftsblockade gegen Litauen ab 18. April 1990 oder die Anwendung von Waffengewalt durch Sondereinheiten des Innenministeriums und des KGB (OMON, Alpha) und reguläre Armeeeinheiten in der Nacht zum 13. Januar 1991 in Vilnius und am 20. Januar in Riga. Beides war Teil des Putschversuchs von Kommunis­ten, die sich in den baltischen Republiken zu »Komitees der nationalen Rettung« ernannt hatten.57 Gorbatschow distanzierte sich nicht klar genug von der Gewaltanwendung und verspielte dadurch viel Kapital. Zudem gab er seinem Widersacher Jelzin die Möglichkeit, sich als Anwalt der Selbstbestimmung der Republiken – auch Russlands, dessen Volksdeputierte am 12. Juni 1990 die »Souveränität« erklärt hatten – zu profilieren und deren Sezessionismus zu stärken. Das galt vor allem für die erst 1940 bzw. 1945 annektierten baltischen Republiken, deren Unabhängigkeitsstreben nicht zufällig im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts stand. Der Radikalisierungsprozess kann hier nicht nachgezeichnet werden.58 Wichtig ist, dass er von Anfang an nicht nur für die Sowjetunion, sondern auch für die KPdSU Sprengkraft barg. Denn die internen Spannungen, die sich in der Bildung von Plattformen und Fraktionen innerhalb der KPdSU in Moskau ausgedrückt hatten, zeigten sich auch in einzelnen Republikparteien, verstärkt und immer mehr überlagert durch nationale Forderungen. Gorbatschow selbst bezeichnete später mit Recht Litauen als das damalige »Versuchsfeld« für die Zukunft der Union.59 Das galt für den Staat ebenso wie für die KPdSU. Die Kommunisten in den Republiken wurden generell durch die Bildung von Bewegungen zur Unterstützung der Perestrojka unter Zugzwang gesetzt: »Volksfronten« in Est- und Lettland, »Sajudis« (Bewegung) in Litauen, »Ruch« (Bewegung) in der Ukraine, »Allnationale Bewegung« in Armenien. Sie alle verbanden mit der Forderung nach politischer auch die nach nationaler Freiheit – zunächst staatlicher Souveränität und dann Unabhängigkeit.60 In den jeweiligen kommunistischen Parteien zeigten sich sehr bald Sympathisanten dieser Strömungen in Gestalt der Reformkommunisten, die seit dem Sommer 1988 in wichtige Positionen rückten. Sie vertraten gegenüber der Parteispitze wie gegenüber der Zentralregierung zunächst Forderungen nach größerer Selbstbestimmung der Republiken. Die Gegner dieser Entwicklung formierten sich ähnlich wie die »Union« in Moskau in »internationalistischen« Gruppierungen: »Interfront« in Estland und Lettland, »Edinstvo« (Einheit) in Litauen. In Estland kam es am 16. November 1988 zur ersten formellen Souveränitätserklärung durch den – bezeichnenderweise – noch von Kommunisten beherrschten Obersten Sowjet.61 Dabei wurde die Unionsverfassung suspendiert. Das Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR erklärte dies am 26. November umgehend für verfassungswidrig. Als andere Republiken folgten, entwickelte sich ein regelrechter Verfassungskonflikt zwischen Republiken und Union. Da nicht nur Konservative grundsätzlich dagegen waren, sondern auch Gorbatschow und viele Reformer im Obersten Sowjet bzw. im Volksdeputiertenkongress in Moskau zögerten, ist das Gesetz über die Bedingungen des Austritts aus der UdSSR vom 3. April 1990 als Ergebnis des Konflikts nicht ohne Grund als »Gesetz zur Verhinderung des Austritts« bezeichnet worden. Es verschärfte den Konflikt nur und verschaffte den Sezessionsparolen in den Republiken umso mehr Gehör.62 Parallele Prozesse spielten sich im Verhältnis der Republikparteien zur Unionspartei ab: Sie begannen, ihre Unabhängigkeit von der Unionspartei zu erklären. Die KP Litauens ging unter ihrem im Oktober 1989 gewählten Ersten Sekretär Algirdas Brazauskas voran und beschloss am 20. Dezember 1989 die Trennung von der KPdSU, nachdem sie am 7. Dezember die Streichung des Machtmonopols der KP in der Republikverfassung veranlasst hatte. Ähnlich wie der Oberste Sowjet der Sowjetunion entsprechende Beschlüsse der Republik-Sowjets für ungültig erklärte und damit den Verfassungsstreit auslöste, erklärte auch das Moskauer ZK-Plenum vom Februar 1990 diesen Beschluss für ungültig und sagte überdies den Gegnern der Abspaltung Unterstützung zu. Es gab kaum noch ein Plenum des ZK der KPdSU mehr, auf dem dieses Problem nicht diskutiert wurde.63 Das Ergebnis des Konflikts war die Spaltung der litauischen KP in eine unbedeutende Rumpfpartei mit Ausrichtung auf Moskau und eine neue sozialdemokratisch orientierte Partei, die Litauische Demokratische Partei der Arbeit (LDDP) unter dem Vorsitz von Brazauskas. Ähnliche Entwicklungen gab es in Estland und Lettland, wo sich die Kommunistischen Parteien am 25. März bzw. 8. April ab- und zugleich selbst aufspalteten. Die an Moskau orientierten Fraktionen wurden daraufhin zu einer bedeutungslosen Minderheit.64 In den Kaukasusrepubliken war die Entwicklung weniger eindeutig, weil interethnische und nationale Konflikte die Anlehnung an die Union und damit die KPdSU wichtig erscheinen ließen. Nachdem sowjetische Truppen am 9. April 1989 beim Einsatz gegen eine friedliche Unabhängigkeitsdemonstration in Tiflis ein Blutbad angerichtet hatten, gab es dort für eine Orientierung nach Moskau allerdings keine Chancen mehr. Auch die KP Armeniens wurde wegen der Haltung Moskaus im Karabach-Konflikt zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Nur in Aserbaidschan blieben die Kommunisten bis August 1991 ungefährdet an der Macht und ihr Verhältnis zu Moskau absolut loyal.65 Das Gleiche gilt für Zentralasien: Weder auf Staats- noch auf Parteiebene gab es Probleme mit Moskau. Die Perestrojka als innere Umgestaltung ist an den mittelasiatischen Republiken fast spurlos vorübergegangen. Die Auflösung der überall ungehindert herrschenden Kommunistischen Parteien nach dem Moskauer Putsch bedurfte keiner siegreichen Reformer. Sie war ein Verwaltungsakt. Unspektakulärer konnte man die angeblich absolute Macht nicht verlieren. 1 * Dietrich Geyer in herzlicher Verbundenheit zum 80. Geburtstag. 1 Die Namen Jelzin und Gorbatschow werden in der Duden-Umschrift wiedergegeben. 2 Siehe Boris Meissner: Gorbatschow, Jelzin und der revolutionäre Umbruch in der Sowjetunion, in: Osteuropa 42 (1992), S. 205–226; Sabine Hain: Partei und Staat in der Sowjetunion 1985–1991, Baden-Baden 2006, S. 188–193. 3 Siehe Hain: Partei und Staat (Anm. 2), S. 195 f. 4 Siehe Meissner: Gorbatschow, Jelzin (Anm. 2), S. 482–511. Die seit 1993 in der russischen Duma vertretene KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation) wurde im Februar 1993 neu gegründet. 5 Siehe Elke Fein: Russlands langsamer Abschied von der Vergangenheit, Würzburg 2007. 6 Parteimitglieder: 18975725, Kandidaten: 512097, Gesamtbevölkerung: 286,7 Mio. Siehe: KPSS v cifrach [Die KPdSU in Zahlen], in: Izvestija CK KPSS (1989), H. 2, S. 138 u. 142; SSSR v cifrach v 1990 godu [Die UdSSR in Zahlen im Jahr 1990], Moskau 1991, S. 73. Siehe auch Georg Brunner: Politisches System und Verfassungsordnung, in: Hellmuth G. Bütow (Hg.): Länderbericht Sowjetunion, Bonn 1986, S. 151–198. 7 Ethnische Zusammensetzung von Bevölkerung und Parteimitgliedern: SSSR v cifrach (Anm. 6), S. 76–79; KPSS v cifrach (Anm. 6), S. 140 f. 8 Oni vstupajut v KPSS [Sie treten in die KPdSU ein], in: Izvestija CK KPSS (1990), H. 12, S. 81. 9 Meissner: Gorbatschow, Jelzin (Anm. 2), S. 207; Sowjetunion 1990 / 91, hg. vom Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien (im Folgenden BIOst), München 1991, S. 14 u. 27. 10 Čto stoit za vychodom iz KPSS? [Warum tritt man aus der KPdSU aus?], in: Izvestija CK KPSS (1991), H. 4, S. 66–68. 11 1952–1966: Präsidium. 12 Siehe Leonard Schapiro: The Communist Party of the Soviet Union, London 1970. 13 Bizarren Ausdruck fand das im Verschwinden der Angaben zur Getreideernte in den statistischen Jahrbüchern 1981–1985. 14 Siehe Michail Gorbatschow: Erinnerungen, Rheda-Wiedenbrück 1995, S. 253–262; Inside Gorbachev’s Kremlin. The Memoirs of Yegor Ligachev, New York 1993, S. 32 f. u. 68–80; Boris Jelzin: Aufzeichnungen eines Unbequemen, Berlin 1991, S. 162–164; John Löwenhardt / James R. Ozinga / Erik van Ree: The Rise and Fall of the Politburo, New York 1992, S. 73–75. Zu Vermutungen über interne Differenzen: Sowjet­union 1986 / 87 (Hg.: BIOst), München 1987, S. 21 f.; Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, München 1998, S. 1021. 15 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 256. 16 Zur Kaderpolitik: Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 276–282; Eberhard Schneider: Austausch der Kader, in: Margareta Mommsen / Hans-Henning Schröder (Hg.): Gorbatschows Revolution von oben, Frankfurt / M. 1987, S. 89–103; Sowjetunion 1986 / 87 (Anm. 14), S. 33–47; Sowjetunion 1988 / 89 (Hg.: BIOst), München 1989, S. 32–38; Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 47–56. 17 V Politbjuro CK KPSS … Po zapisjam Anatolija Černjaeva, Vadima Medvedeva, Georgija Šachnazarova (1985–1991) [Im Politbüro der KPdSU … Nach den Aufzeichnungen von Anatolij Černjaev, Vadim Medvedev und Georgij Šachnazarov], Moskau 2006, S. 15–18. 18 Egor Gajdar: Gibel’ imperii. Uroki dlja sovremennoj Rossii [Der Untergang des Imperiums. Lehren für ­das heutige Russland], Moskau 2006, S. 233 (Übersetzung des Zitats durch den Autor). 19 SSSR v cifrach (Anm. 6), S. 44; Sowjetunion 1986 / 87 (Anm. 14), S. 74–78; Sowjetunion 1988 / 89 (Anm. 16), S. 51 u. 130. 20 Siehe Rem Belousov: Ekonomičeskaja istorija Rossii. XX vek. [Wirtschaftsgeschichte Russlands im XX. Jahrhundert], Bd. 5: Dramatičeskij krizis v konce stoletija [Die dramatische Krise am Ende des Jahrhunderts], Moskau 2006; Gajdar: Gibel’ (Anm. 18), S. 206–428; Sowjetunion 1986 / 87 (Anm. 14), S. 112–196; Sowjetunion 1988 / 89 (Anm. 16), S. 123–203; Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 135–240. 21 Siehe Hans-Henning Schröder: Sowjetische Rüstungs- und Sicherheitspolitik zwischen »Stagnation« und »Perestrojka«, Baden-Baden 1995. 22 Siehe Margareta Mommsen: Von »Kritik und Selbstkritik« zu »Glasnost«, in: Mommsen / Schröder: Gorbatschows Revolution (Anm. 16), S. 11–30; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 304–322. 23 Materialy XXVII s-ezda KPSS [Materialien des XXVII. Parteitags der KPdSU], Moskau 1986, S. 92 f. 24 Siehe Bernd Knabe: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Krisenmanagement und Informationspolitik auf dem Prüstand, in: Mommsen / Schröder: Gorbatschows Revolution (Anm. 16), S. 239–262; Uwe Halbach: Der Schock von Alma Ata, ebd., S. 214–238; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 289–294; V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 61–66. Als Beispiel später Verharmlosung: Wassil Nibak: Tschernobyl. Wahrheit und Erfindung, Kiew 1987. 25 Michail Gorbačev: Die Rede »Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen«. Referat vor dem ZK der KPdSU am 27. Januar 1987. Reinbek 1987. Siehe dazu Bernd Bonwetsch: Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften, in: Mommsen / Schröder, Gorbatschows Revolution (Anm. 16), S. 76 f. V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 125–134; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 297–303. 26 Die Studie von Nowosibirsk, in: Osteuropa 34 (1984), H. 1, S. A1–A25. 27 Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 21. 28 Černjaev war Mitarbeiter der Internationalen Abteilung des ZK, ab 1986 außenpolitischer Berater Gorbatschows; Arbatov war ZK-Mitglied und Leiter des Instituts für USA und Kanada. 29 Anatolij Černjaev, Byl li u Rossii šans? On poslednij [Hatte Russland eine Chance? Sie war die letzte], Moskau 2003, S. 40–43. Siehe auch ders.: Sovmestnyj ischod. Dnevnik dvuch ėpoch. 1972–1991 gody [Gemeinsamer Abgang. Tagebuch zweier Epochen. 1972–1991], Moskau 2008, S. 516 f. und 526. 30 Aleksandr Jakovlev: Perestrojka: 1985–1991, Moskau 2008, S. 28–38; ders.: Gor’kaja čaša [Ein bitterer Kelch], Jaroslavl’ 1994, S. 17–23; 205–212. 31 Siehe Anatoli Tschernajew: Die letzten Jahre einer Weltmacht. Der Kreml von innen, Stuttgart 1993, S. 82 f. 32 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 358. Siehe dazu z. B. die Urteile von Georgi Arbatow (Das System. Ein Leben im Zentrum der Sowjetpolitik. Frankfurt a. M. 1993, S. 360–362) und Ligachev (Inside Gorbachev’s Kremlin [Anm. 14], S. 83–136). 33 Jelzin: Aufzeichnungen (Anm. 14), S. 16–22 u. 213–236; siehe auch Löwenhardt / Ozinga / van Ree: The Rise and Fall (Anm. 14), S. 76. 34 Siehe V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 258–265; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 359–365; Jelzin: Aufzeichnungen (Anm. 14), S. 11–15; Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 154–157; Jakovlev: Gor’kaja čaša (Anm. 30), S. 215 f. 35 Zu Jelzin: Eberhard Schneider: Russlands Präsident Jelzin, in: Osteuropa 42 (1992), S. 501–511. 36 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 367 f. 37 Ne mogu postupat’sja principami [Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben], in: Sovetskaja Rossija vom 13. März 1988, S. 3. 38 Arbatow: Das System (Anm. 32), S. 359. 39 Siehe Robert W. Davies: Perestroika und Geschichte, München 1991, S. 173–177. 40 Auch noch in seinen Memoiren: Inside Gorbachev’s Kremlin (Anm. 14), S. 298–302. Die Vorgänge werden detailliert beschrieben von Viktor Denisov: »Krestnyj otec« Niny Andreevoj [Der »Pate« Nina Andreevas], in: Rodina 1991, H. 1, S. 63–68. Denisov war als Redakteur mit der »Betreuung« des Auf­satzes von Nina Andreeva beauftragt. 41 V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 300–309; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 370–376; Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 179–183; Inside Gorbachev’s Kremlin (Anm. 14), S. 304–311; Davies: Perestroika (Anm. 39), S. 177–180. 42 Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 26; V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 314–331; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 377; Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 182–184. Die neue Zusammensetzung von Politbüro und ZK in: Izvestija CK KPSS 1989, H. 1, S. 9–31; Boris Meissner: Gorbatschows Umbau des Sowjetsystems, in: Osteuropa 39 (1989), S. 603–617. 43 Siehe Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 159. 44 Die Direktwahl sah die Möglichkeit konkurrierender Kandidaten vor und folgte für je 750 Deputierte den Prinzipien der Wahlen zum Unions- bzw. zum Nationalitätensowjet. Die formalen Beschlüsse der 19. Parteikonferenz sind abgedruckt in: Kommunističeskaja partija Sovetskogo Sojuza v resoljucijach i rešenijach s-ezdov, konferencij i plenumov CK [Die Kommunistische Partei der Sowjetunion in Resolutionen und Beschlüssen von Parteitagen, Konferenzen und ZK-Plenen], 9. Aufl., Bd. 15, Moskau 1989, S. 617–654. 45 V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 345–372 u. 375–385; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 380–385; Sowjetunion 1988 / 89 (Anm. 16), S. 38–48; Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 21–31; Meissner: Gorbatschows Umbau (Anm. 42), S. 702–719; Hain: Partei und Staat (Anm. 2), S. 57–74. 46 Jelzin: Aufzeichnungen (Anm. 14), S. 267–280; Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 21–31. 47 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 520–524; Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 303 f.; Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 47–51; Hildermeier: Geschichte (Anm. 14), S. 1041; Boris Meissner: Die KPdSU zwischen Macht und Ohnmacht, in: Osteuropa 41 (1991), S. 15–45. Alle Wahlergebnisse in: Materialy XXVIII s-ezda Kommunističeskoj partii Sovetskogo Sojuza. Stenografičeskij otčet [Materialien des XXVIII. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Stenografischer Bericht], Bd. 2, Moskau 1990, S. 195–204. 48 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 462–467; Hain: Partei und Staat (Anm. 2), S. 107–175; Novye obščestvenno-političeskie organizacii, partii i dviženija [Neue gesellschaftliche und politische Organisationen, Parteien und Bewegungen], in: Izvestija CK KPSS 1990, H. 8, S. 145–161. 49 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 467–473; V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 566–568; Hildermeier: Geschichte (Anm. 14), S. 1039 f. 50 Siehe Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 309–320; Gerhard und Nadja Simon: Verfall und Unter­gang des sowjetischen Imperiums, München 1993, S. 105–125. 51 Siehe Gajdar: Gibel’ (Anm. 18), S. 303–345. 52 Jelzins Erklärung in: Materialy (Anm. 47), S. 500 f.; siehe ferner Meissner: Die KPdSU (Anm. 47), S. 40. 53 Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 303 f.; 54 Izvestija CK KPSS 1990, H. 7, S. 4 f. 55 Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 52–64. 56 Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 211–223; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 479–506 u. 1010–1027. 57 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 1020–1025; V Politbjuro CK (Anm. 17), S. 599–601; Tschernajew: Die letzten Jahre (Anm. 31), S. 289–291, 341–349; Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 33. John Keep vertritt die These, dass Gorbatschow den Umsturz mittrug, dann aber vor Blutvergießen zurückschreckte (The Last of the Empires. History of the Soviet Union, 1945–1991, Oxford 1995, S. 397). 58 Als Überblicke: Simon / Simon: Verfall und Untergang (Anm. 50), S. 126–187; Uwe Halbach: Das sowjetische Vielvölkerimperium. Nationalitätenpolitik und nationale Frage, Mannheim 1992, S. 93–121; Tragedija velikoj deržavy. Nacional’nyj vopros i raspad Sovetskogo Sojuza [Die Tragödie einer Großmacht. Die nationale Frage und der Zerfall der Sowjetunion], Moskau 2005, S. 404–553. 59 Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 1010. 60 Für das Baltikum: Renal’d Simonjan: Strany Baltii vo vremja perestrojki [Die Länder des Baltikums während der Perestrojka], in: Tragedija velikoj deržavy (Anm. 58), S. 469–481; Sergej Češko: Rol’ ėtnonacionalizma v raspade SSSR [Die Rolle des Nationalismus im Zerfall der UdSSR], ebd., S. 451–459; Anatol Lieven: The Baltic Revolution. Estonia, Latvia, Lithuania and the Path to Independence, New Haven, Conn. 1994, S. 214–315. 61 Text bei Simon / Simon: Verfall und Untergang (Anm. 50), S. 275 f. 62 Sowjetunion 1990 / 91 (Anm. 9), S. 32 u. 35 f.; Simon / Simon: Verfall und Untergang (Anm. 50), S. 136–138 u. 145; Simonjan: Strany Baltii (Anm. 60), S. 473; Boris Meissner: Die zweite Phase der soziopolitischen Reformen Gorbatschows, in: Osteuropa 40 (1990), S. 1037–1046; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 1017. 63 Meissner: Die zweite Phase (Anm. 62), S. 1037 u. 1046; Gorbatschow: Erinnerungen (Anm. 14), S. 1012. 64 Hain: Partei und Staat (Anm. 2), S. 189. 65 Simon / Simon: Verfall und Untergang (Anm. 50), S. 150–156.

JHK 2009

Mao, mal ganz anders: Vom chinesischen Umgang mit (kultur)revolutionärer Vergangenheit

Barbara Mittler

Ich habe nie ein Bild von Mao aufgehängt. Viele machten das, ich nicht. Ich sammelte die Anstecker, hatte einen Riesenhaufen. Mit Bildern, als Mao jung war, aus Yan’an, die fand ich einfach toll, diesen Mao verehrten alle. […] Mao ist anders als Stalin, er wollte diese Verehrung nie haben, und trotzdem, irgendwie war er zum Gott geworden, und das ist heute wieder da. Wenn man heute Mao-Bilder aufhängt, dann ist das eher spielerisch, nicht mehr aus Hingabe, obwohl, er ist schon einfach ein Phänomen, aber es ist auch eine Art historisches Gedächtnis, was sich da ausdrückt, denn er war ein großer Mann, er hat China geeint. Es wäre nicht richtig zu sagen, dass er nur schlecht war. (Musiker, geb. 1930er-Jahre)1 In einem Witz aus dem Deutschland der Vierzigerjahre wird Goebbels an der Himmelspforte zurückgeschickt und in die Hölle gewiesen. Um ihm den Weg zu erleichtern, lässt ihn Petrus durch ein Fernrohr einen Blick in die Hölle tun. Goebbels sieht eine aufs Behaglichste eingerichtete Bar mit teuren Getränken und schönen Mädchen. Als er aber dort ankommt, findet er einen Ort der Schrecken und Qualen. Auf seine entrüstete Frage, was denn das, was er gesehen hatte, gewesen sei, antwortet der Teufel: »Propaganda«.2 Der Witz zeigt, wie Propaganda gemeinhin verstanden wird:3 als Vorspiegelung falscher Tatsachen, als manipuliert und manipulativ. Wenn sie Wirkung zeigt, so ist diese negativ, ihr begeistert überzeugter Rezipient ist fehlgeleitet. Ein System, das Propaganda produziert, wird geächtet. Die Zeiten, in denen Propaganda floriert, gelten als Unzeiten. Umso unwohler mag es stimmen, wenn man beobachtet, dass die Propagandaprodukte der Großen Proletarischen Kulturrevolution, deren radikale Politik China für einige Jahre (heute offiziell 1966–76) bestimmte und vielen, vor allem Intellektuellen, großes Leid zufügte, auch Jahrzehnte später immer noch beliebt sind. In Form von »Rote Klassiker«-Ausgaben der Modellstücke, Rock-, Pop- und Jazzversionen von Revolutionsliedern, Mousepads (»Mao’s Pads«), Uhren und Porzellanobjekten ist sie ein Verkaufsschlager. Wie kommt das?4 Zum ersten Mal mit dieser Frage konfrontiert war ich, als ich Anfang der Neunzigerjahre Interviews mit chinesischen Komponisten führte, die während der Kulturrevolution aufs Land geschickt worden waren. Ihre Aussagen wurden weiter differenziert in Interviews, die ich 2004 mit Vertretern ganz unterschiedlicher Generationen und Berufsgruppen (vom Taxifahrer bis zum Hochschullehrer) führte. Sie erzählten ganz andere Geschichten als die, die ich aus den Lehrbüchern kannte: Einige hatten während der Kulturrevolution ihre Liebe zur Musik entdeckt – als Mitglieder von Propagandatruppen. Viele von ihnen hatten in der Kulturrevolution lesen gelernt, und eben nicht nur Propaganda, sondern auch sogenannte »schwarze Literatur« – Balzac, Rolland, chinesische Klassiker und Philosophie, vor allem während der Anti-Konfuzius-Kampagne in den frühen Siebzigern.5 Andere hatten durch Propaganda schreiben gelernt: Auch Wandzeitungen, die der politischen Denunziation dienten, waren, so ihre Aussage, kalligrafische Übungen. Keiner verdammte die Propaganda der Kulturrevolution offen, viele – und nicht nur die Jüngeren – sangen oder spielten mir Passagen aus Revolutionsliedern zum Lobe Maos vor, andere zeigten mir Bilder, auf denen sie in den dramatischen Posen der Loyalitätstänze, die Passagen aus Maos Werken choreografisch umsetzen, posieren. Viele schlossen, dass diese kulturellen Aktivitäten ihre wichtigsten Erfahrungen aus der Zeit der Kulturrevolution seien: »Viele von uns wären nie Künstler geworden, wäre da nicht die Kulturrevolution gewesen«, meinte etwa ein 1954 geborener Künstler. Was erklärt den chinesischen Umgang mit der Propagandakunst der Vergangenheit? Sie hat eine lange Geschichte. Ihre Inhalte wurden über mehrere Generationen und über vielfältige gesellschaftliche und politische Veränderungen hinweg kommuniziert. Als zeitresis-tente semantische Einheiten oder »Propageme«6 sind sie wesentliche und strukturierende Bestandteile eines kollektiven kulturellen Gedächtnisses geworden.7 Im Folgenden sollen die Entwicklung, die Funktion und die Wirkung solcher Propageme an dem vielleicht prominentesten Beispiel chinesischer Propagandakunst durchgespielt werden: dem Porträt Maos. Jung Changs 2005 erschienene Mao-Biografie The Unknown Story beschreibt Mao als Monster. Die folgenden Seiten sollen (noch einmal) zeigen,8 wie problematisch ihre Deutung ist: Nicht, weil sie falsch wäre, auch nicht, weil sie eine Geschichte als »unbekannt« präsentiert, die schon viele Jahre bekannt ist, auch in China. Dies hat aber dort nicht dazu geführt, dass Mao, das Monster, einen signifikanten Teil der chinesischen Realität darstellt. Der Mao, den Jung Chang beschreibt, ist nicht der Mao, der im gegenwärtigen China eine Rolle spielt. Vielmehr wird ein ganz anderer Mao immer prominenter: Mao als Symbol für eine gute, egalitäre und altruistische Vergangenheit, die für immer passé scheint, seit der »sozialistische Kapitalismus« das Diktat über das Land übernommen hat.9 Wie kommt es, dass dieser Mann, nach allem was geschehen ist, heute in China so populär ist? Um diese Frage zu beantworten, mag man zunächst in die Zeit zurückschauen, in der Mao und sein Bild mit Macht populär gemacht wurden: die Kulturrevolution. In dieser Phase war, das suggerieren jedenfalls die Propagandamedien, sein Bild überall zu sehen (persönliche Erinnerungen, wie sie die Zitate aus den Interviews zeigen, vermitteln einen etwas anderen Eindruck). Aber es war eben nicht nur in dieser Periode der chinesischen Geschichte (omni)präsent, sondern auch davor und danach, und das in vielen Variationen. Diese Vor- und Gegenwartsgeschichte, nicht die (Un-)Taten eines historischen Mao bestimmen, wie Mao heute erinnert wird. Sie formen eine bestimmte Art des Umgangs mit Mao, der von diesen frühen Erfahrungen mit der maoistischen Propaganda geprägt ist. Ich werde argumentieren, dass erstens der revolutionäre Mao der frühen Kulturrevolution nicht nur von oben gewollt und vorgeschrieben populär sein sollte, sondern es auch, entgegen herkömmlichen Annahmen über die Möglichkeit der positiven Aufnahme von Propaganda, tatsächlich war, und dass zweitens die Vielfalt und die Gestaltung selbst kritischer und ironischer Versionen von Maos Bild heute zeigt, dass Maos Popularität über die Jahre nicht abgenommen hat. Maokunst mag sich zwar im Stil dramatisch verändert haben, weniger aber in der Emotionalität ihrer Wirkung.10 Der erste Teil dieses Beitrags beschäftigt sich mit der Maokunst der Kulturrevolution. Sie wird verglichen mit Bildern aus der Zeit davor und danach und befragt nach ihrem impliziten Publikum. Im zweiten Teil beschäftige ich mich mit ihrer Rezeption durch ein tatsächliches Publikum. Ich diskutiere, warum Maos Bild ein wichtiges und attraktives Motiv war und immer noch ist, für Künstler und Produzenten ebenso wie für Rezipienten. Warum woll(t)en sie sich mit Mao beschäftigen? Inwiefern ist das ein performativer Akt, der genauso viel über den Aufführenden aussagt wie über das Aufgeführte? Ich lese die Mao-Porträts auch intertextuell, als Reaktionen auf frühere Bilder; auch dies gibt Hinweise darauf, weshalb Maos Bild immer noch produziert und rezipiert wird. 1. Mao immer gleich? Maokunst und ihr impliziter Betrachter Kaderfamilien, klar, die hatten solche Mao-Bilder zu Hause hängen. Oder wenn man wusste, dass einen ein Kader besuchen würde, dann hängte man eins auf. [… ] Bei uns gab es kein Mao-Bild. Ich hätte auch keins aufhängen wollen. (Bibliothekar, geb. 1950er) Natürlich hatten wir in unserem Schlafsaal ein Bild von Mao. Und heute sammeln wieder viele diese Bilder. (Guqin-Spieler, geb. 1940er) Nein, Mao-Porträts hat man zu Hause nicht aufgehängt. Das wäre viel zu gefährlich gewesen, man wurde ja zum Konterrevolutionär, wenn die z. B. verschmutzt wurden. (Redakteur, geb. 1930er) Ja, wir hatten ein Mao-Porträt aufgehängt. Wir nahmen es dann bei irgendeinem Frühjahrsputz herunter, so 1976 oder 1977. Dann war es ganz natürlich, es nicht mehr aufzuhängen. Aber in der Kulturrevolution, selbst in der zweiten Hälfte, gab es sehr viele Maos, überall in den Familien, auch als Porzellanfiguren und so. Wenn man kein Bild hatte, konnte man schließlich zum Konterrevolutionär erklärt werden. (Fotograf, geb. 1960) Klar, wir hatten ein Mao-Porträt aufgehängt. Aber wir hatten ein besonderes Bild im guohua-Stil, nicht einfach das Standard-Bild. In der Kulturrevolution war es eigentlich nur in der ersten Hälfte gängig, dass man die Mao-Bilder aufhängte. In der zweiten Hälfte nicht mehr, es war auch allen ziemlich egal. Obwohl, na ja, ich erinnere mich, einer unserer Nachbarn, der war irgendwann mal so wütend, dass er das Maobild, das sie an der Wand hatten, einfach zerrissen hat! (Dramatiker, geb. 1956) In seinem einflussreichen Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« beklagt Walter Benjamin den Verlust der »Aura« des Kunstwerks durch seine Wiederholung. Anstatt einzigartig zu sein, wird es zu einer unter vielen Reproduktionen. Anstatt für seine Seltenheit geschätzt zu werden, wird es gelobt für seine Verfügbarkeit. Sein Kultwert nimmt ab, während sein Ausstellungswert drastisch zunimmt.11 So wird das Kunstwerk populär – und in Benjamins Begrifflichkeit ist das der Anfang seines Niedergangs. Es dient nicht mehr der »Versenkung«, sondern nur noch der »Zerstreuung«.12 Und es unterbindet unabhängige Gedanken: An die Stelle seiner Fundierung auf das Ritual tritt seine Fundierung auf die Politik.13 Das führt, so Benjamin, je nach System entweder zur Ästhetisierung der Politik oder zur Politisierung der Kunst – beiden Entwicklungen steht er skeptisch gegenüber.14 All dies hat viel zu tun mit der Maokunst im modernen China. Offensichtlich glaubten die Choreografen der chinesischen Revolution nicht daran, dass ein Kunstwerk durch Wiederholung seine Aura verliere. Allein schon ihr Glaube an die Modernisierung erlaubte nicht, technische Reproduzierbarkeit als etwas zu beurteilen, das den Wert von Kunst herabsetzen könnte. Und in ihrem ideologischen Verständnis war ein Kunstwerk gerade dann wertvoll, wenn es nicht einzigartig war, sondern für jeden zugänglich. In der maoistischen Ideologie, die gängigerweise auf Maos Yan’aner Reden von 1942 zurückgeführt wird,15 ist dies die Raison d’Être aller künstlerischen Produktion: Als populär konzipierte Kunst wird sowohl zur Versenkung als auch zur Zerstreuung geschaffen. Die maoistische Ideologie würde zwar nicht zugeben, dass Maokunst keine unabhängigen Gedanken zulässt, sondern der Interpretationsgemeinschaft bestimmte Deutungen vorschreibt. Sie würde aber der Idee emphatisch zustimmen, dass die Ritualfunktion des einst exklusiv der Bourgeoisie vorbehaltenen Kunstwerks nun in den Dienst der revolutionären Politik gestellt wird. Dabei wird Mao selbst ein rituelles Objekt, und dies eben aufgrund der Tatsache, dass er so oft reproduziert wird – so geschieht die Ästhetisierung der Politik oder die Politisierung der Kunst. Einen Höhepunkt findet diese Praxis während der Kulturrevolution. Mao erscheint hier immer wieder gleich: rot, hell und strahlend. Seine Haut musste in warmen Farbtönen gestaltet werden, kalte Farben waren zu vermeiden. Mao wirkt so wie eine Lichtquelle. In den offensichtlicheren Fällen kommen Sonnenstrahlen direkt aus seiner Gestalt (Abb. 1 und 3), in den subtileren sind alle Flächen, die ihm zugewandt sind, erleuchtet (Abb. 2).16 Mao wird als stattliche Figur gezeigt, aufgerichtet, mit prägnanten, ebenmäßigen Gesichtszügen; vor allem hier sollte die Pinselarbeit möglichst wenig auffällig sein. Er ist Fokalpunkt des Bildes. Seine Gesten drücken Selbstbewusstsein und Entschlossenheit aus: Er formt die Hand zur Faust, hebt sie in die Höhe, faltet die Hände entspannt (Abb. 1, 2 und 4). Diese Darstellungen vermitteln immer dieselbe Botschaft: Mao als Superlativ, der wichtigste Führer der chinesischen Revolution. Die Bilder sprechen ein implizites Publikum an, das an diesen strahlenden, brillanten, starken Mao glaubt. Um diese Botschaft zu vermitteln, tendieren sie dazu, Mao zu »verallgemeinern«. In den extremeren Fällen wird er zu einem dekorativen Symbol: der gütigen Sonne (Abb. 1 und 3). Es gibt eine Art, den jungen, und eine Art, den gereiften Mao darzustellen. Selbst auf Gemälden, die sich auf bestimmte historische Momente beziehen, wird Mao als Muster porträtiert und vor stereotype Hintergründe gestellt. So erhalten Bilder wie »Mao auf dem Weg nach Anyuan« (Abb. 4) eine trans-zendentale Qualität. Indem ein dekontextualisiertes Stereotyp wiederholt wird, wird Maos Attraktivität verallgemeinert. So wird er zu jener übermenschlichen Figur aus dem wohlbekannten Lied »Der Osten ist rot, China hat einen Mao Zedong hervorgebracht, hurra, er ist der Retter des Volkes«. Die Bilder können als Wiederholungen ein und desselben stereotypen Musters beschrieben werden. Man kann aber andererseits zeigen, dasszwischen ihnen jeweils große Unterschiede bestehen, vor allem im künstlerischen Stil. Liu Chunhuas (*1944) »Mao auf dem Weg nach Anyuan« von 1967 (Abb. 4) ist Ölmalerei, die nach Aussage des Künstlers auf klassischen europäischen Vorbildern basiert: Der Faltenwurf von Maos Gewand ähnelt nicht zufällig dem der Sixtinischen Madonna von Raffael. Mao auf dem Deckblatt der ersten Ausgabe der Rote-Garden-Publikation Die Neue Kunst (新美术) aus dem gleichen Jahr ist dagegen eine kolorierte Holzschnittarbeit (Abb. 1), die ausländische und chinesische Vorbilder hat. Mao als Sonne (Abb. 3) kombiniert einen populären Malereistil (Bauernmalerei), der sich durch hoch stilisierte naive Darstellungen von Pflanzen und Tieren auszeichnet, mit einer Art Fotorealismus. Aber Mao wird in der Kulturrevolution auch als Aquarell gemalt oder in chinesischen Tuschestilen. Maobilder dieser Zeit können Beispiele für die chinesische Adaption europäischer Historienmalerei unter dem Einfluss des sozialistischen Realismus (Abb. 2) oder eine sozialistische Kombination unterschiedlicher chinesischer Malereistile, u. a. der Neujahrsbilder, sein und vieles mehr. Jedes dieser Bilder ist in einer anderen Technik hergestellt. Hier wird nicht ein und derselbe Mao immer wieder reproduziert, sondern jedes Mal erscheint ein anderer Mao, passend für jeden Geschmack. In den Worten Lothar Ledderoses wäre Mao ein »Modul«, das immer wieder neu variiert werden kann.17 Allerdings waren nicht alle Variationen zulässig: Wo die Grenzen des ästhetischen Diskurses lagen, lässt sich an einigen Beispielen, die nicht in den kulturrevolutionären Kanon der offiziell propagierten Bilder eingegangen sind, zeigen. Unkanonisch ist etwa ein Holzdruck Shi Lus (1919–1982) von 1946 (Abb. 5): Mao sitzt hier zwar in der Mitte, ist aber dennoch nicht Mittelpunkt des Bildes, nicht alle hören auf ihn oder sind ihm zugewandt. Mao ist nicht der charismatische Geschichtenerzähler, der er dem Mythos nach war, sondern wird, in einer linkisch-unbeholfenen Pose, eher als geduldiger Zuhörer gezeigt.18 Er ist nicht die stattliche, ernste und vor allem dominierende Figur typischer kulturrevolutionärer Darstellungen. Ähnliches gilt auch für Mao auf einem Neujahrsbild von 1950, das ihn, mit überdimensionalem Kopf, leicht derangiert erscheinen lässt (Abb. 6): Das implizite Publikum solcher Bilder kann nicht überzeugt sein von Maos überragenden Fähigkeiten. Bei diesen frühen Werken waren Unvollkommenheiten – gemessen an kulturrevolutionären Standards – in den seltensten Fällen beabsichtigt. Anders ist das bei Han Xins (*1955) und Wei Jingshans (*1943) »Wenn Du übernimmst, dann bin ich beruhigt«, das 1978 entsteht (Abb. 7). Es ist eine dem Realismus verpflichtete Darstellung Maos kurz vor seinem Tod, gemalt nach einer der letzten publizierten Fotografien. Sein linkisch frohlockender designierter Nachfolger, Hua Guofeng, steht, das Bild dominierend und in starkem Kontrast zu dem hilflosen Mao, der neben ihm sitzt und dessen Hand er hält. Mao wirkt umso ohnmächtiger, als er seinen Kopf recken muss, um zu erkennen, was Hua, der einen Zettel in der Hand hält, liest.19 Maos Debilität wird noch dadurch unterstrichen, dass er mitlesen will, obwohl er doch wissen müsste, was er selbst geschrieben hat. Keinem der Standards »rot, hell und strahlend« entspricht dieses Bild. Mao gibt hier keine stattliche Figur ab. Sein Gesicht scheint gezeichnet von Todesnähe – es ist keine Lichtquelle mehr. Das Bild war zunächst in einer Vorzeichnung für eine Shanghaier Ausstellung akzeptiert worden, obwohl es dem »neuen Realismus« des »neuen Zeitalters« Deng Xiaopings entsprach; in seiner endgültigen Form wollte man es dann jedoch nicht der Öffentlichkeit präsentieren. Die Einschätzung der Künstler, dass das Bild die Zensur passieren könnte, macht klar, dass das implizite Publikum von Maokunst nach dem Ende der Kulturrevolution nicht mehr so eindeutig zu definieren war wie zuvor. Andere Maobilder der gleichen Zeit spielen absichtlich mit der idealisierten, perfektionierten Form des Mao der Kulturrevolution, indem sie diese zitieren. Bei dem blumenverzierten offiziellen Porträt Maos von Yu Youhan (*1943), einem Ölbild von 1989, ist es natürlich nicht die Form, sondern es sind die Farbe und die künstlerische Technik, die das Bild nach kulturrevolutionären Standards inakzeptabel gemacht hätten (Abb. 9). Zwar wird Mao hier ästhetisiert, ist sogar »hell und strahlend« (allerdings blau, grün und gelb), aber ganz anders als bei Darstellungen aus der Zeit der Kulturrevolution ist die Ästhetik dieses Bildes nicht von den Prinzipien der revolutionären, sondern der kapitalistischen Populärkunst bestimmt. Das gilt auch für Zhang Hongtus (*1943) »Quaker Oats Mao« von 1987 (Abb. 8). Wir sehen eine Dose mit »Old Fashioned Quaker Oats«, die aber nicht vom Quaker Oats Man mit seinem schwarzen Hut und langen weißen Haar präsentiert wird: Der neue Quaker Oats Man trägt eine grüne Mao-Mütze, und rote Sonnenstrahlen umgeben seinen Kopf. Die Verbindung der angebeteten sozialistischen Sonne mit einem Produkt des amerikanischen Kapitalismus wirkt frivol. Noch deutlicher ist »Die neue Generation«, gemalt 1991 von Liu Wei (*1963). Hier schwingt der Monster-Mao, den Jung Chang beschreibt, mit: Das offizielle Mao-Porträt erscheint hier zerdellt (Abb. 10). Noch deformierter aber sind die beiden Babys, die vor dem Bild ›posieren‹ – die »neue Generation«, wie es der Titel suggeriert. Was ist die Botschaft eines solchen Bildes? Wer ist das implizite Publikum? All jene, die durch Mao in ihrem Entwicklungsgang behindert worden sind – die sogenannte »verlorene Generation«? Der kritische Inhalt dieses Gemäldes mag offensichtlich sein. Wesentlich schwieriger ist es, die Botschaft der beiden vorangegangenen Bilder zu entziffern: Sind solche Zitate von Kulturrevolutionsmustern in widersprüchlichen Zusammenhängen ein Versuch, den Mythos Mao zu zerstören? Oder zeigen Kunstwerke wie diese eben auch, dass Mao im Kapitalismus ebenso wie im Kommunismus bestehen kann? Die Zweideutigkeit der Botschaften ergibt sich immer aus dem Spiel mit dem kulturrevolutionären Standard als Gegentext. So auch in Yan Peimings (*1960) Porträt Maos von 1992 (Abb. 11). Eine Kombination von kalten Farben und besonders betonter grober Pinselarbeit lässt hier Maos Gesicht alles andere als glatt erscheinen. Bereits diese beiden Elemente hätten die Arbeit während der Kulturrevolution inakzeptabel gemacht, und erst recht die abstrahierende – und geradezu verunstaltende – Manier, in der das Porträt ausgeführt ist. Dennoch bleibt das Bild zweideutig, denn das implizite Publikum ist eines, für das Mao, auch wenn sein Gesicht etwas unscharf geworden ist, immer noch eine (bedrohlich?) imposante Persönlichkeit ist, zumindest in einem Sinn: Das Bild ist riesig, etwa zwei mal drei Meter groß. 2. Mao mal ganz anders? Maokunst und ihr Publikum Jede Familie hatte so ein Mao-Bild bei sich zu Hause hängen. Die Anstecker waren total in Mode und wurden als »göttliche Bilder« (baoxiang) bezeichnet! Wir wollten die alle unbedingt haben. Ich erinnere mich, wie wir im Dezember 1966 eine Straße entlangliefen und auf Rote Garden trafen: Einer von ihnen rutschte aus, fiel hin, genau auf seinen Mao-Anstecker. Das fand der schlimm, er fing gleich an zu heulen. Ja, das waren »göttliche Bilder«! […] Manche der Statuen wurden abgebaut, nach Lin Biaos Tod fing das an. Aber wirklich verschwinden taten sie eigentlich erst in den Achtzigerjahren. Allerdings war keiner so richtig dafür. Mao hatte es geschafft, den Menschen ein sicheres Leben zu garantieren, denken die Leute. Der Marxismus ist eine Religion, und Mao ist einer ihrer Götter. (Historiker, geb. 1950er) Zu Hause hatten wir kein Maobild. Wir hängten eins auf, als wir heirateten, an unserem Hochzeitstag, 1972, aber das blieb nicht hängen. Nur, wenn es unbedingt gebraucht wurde. Im Kindergarten und in allen öffentlichen Räumen, da gab es natürlich überall so ein Bild. Aber zu Hause, nein, vielleicht eher in den Arbeiter- und Bauernhaushalten, aber sicher nicht bei den Intellektuellen. Und die Taxifahrer heute? Die denken, dass Mao Leben retten kann, ja, für die ist er eine Art Gott. (Ethnomusikologe, geb. 1940) Ihren Höhepunkt erlebte die politische Ästhetik der Wiederholung, in der Mao zum rituellen Objekt wurde, während der Kulturrevolution. Damals war Mao offensichtlich populär – zumindest in der Hinsicht, dass er überall zu sehen war: in der Öffentlichkeit am Platz des Himmlischen Friedens, im privaten Bereich zu Hause (wie oft, da widersprechen sich die Zeitzeugen), in den Städten, auf dem Land, in den Fabriken und den Universitäten.20 Doch vor und nach der Kulturrevolution war Mao ebenso sichtbar.21 Und seine permanente Präsenz wird wiederum bis heute in der Kunst reflektiert: In Wang Guangyis »Chinese Touristmap-Beijing« von 1989 (Abb. 12) sieht man den Platz des Himmlischen Friedens, übersät mit roten und gelben Flecken, die Wolken sein könnten, aus denen der Regen läuft, den die Wettervorhersage ankündigt, die aber auch wie Blut (der Demons-tranten, die im Juni 1989 erschossen wurden?) anmuten mögen. Alles auf diesem Bild ist klar gezeichnet, die Wolken, der Platz selbst, sogar der Slogan im Bildhintergrund, doch Maos Porträt ist verwischt: Will man ihn nicht mehr sehen, weil er verantwortlich gemacht wird für das, was dort geschah? Oder kann man ihn nicht mehr sehen, weil er, ob der neuen Politik eines »sozialistischen Kapitalismus«, nicht mehr als Vordenker erkennbar ist? Wird das bedauert? Mao ist unscharf geworden in vielen neueren Darstellungen, aber er ist immer noch da, auch im Privaten. Das suggeriert Zhang Hongtus interaktives Kunstwerk »Front Door« von 1995 (Abb. 13): Klickt man auf das Guckloch in der Tür, so erscheint, verzerrt, eine bekannte Visage: Big Brother Mao watching you! Solche Bilder setzen sich, sowohl im Stil als auch in der Botschaft, deutlich ab von denen, die während der Kulturrevolution zu sehen waren. Sie hinterfragen den Mythos Mao und geben Hinweise auf (s)eine schwierige Vergangenheit, die durch die offizielle Version der Geschichtsschreibung, die in einer Partei-Resolution von 1981 festgelegt wurde und Mao als zu 70 Prozent gut und zu 30 Prozent schlecht deklariert, nicht hinreichend erklärt wird. In den Worten des chinesischen Kunsthistorikers Wang Yuejin: »Chinese eyes had been tuned to Mao’s frontal portraits for decades.« Diese Porträts seien erfüllt gewesen von einem »devotional imperative«.22 Das aber, so Wang, sei zu Ende: »The death of Mao marked the end of the age of icon.«23 Meine Lesung der Maokunst vor, in und nach der Kulturrevolution kommt zu einem etwas anderen Ergebnis – ich würde formulieren: Maos Tod hat nur scheinbar zum Ende des »age of icon«geführt. Die Verehrung Maos und die Verbreitung von Maokunst war während der Kulturrevolution Gesetz. Später gab es dagegen immer wieder Versuche der Regierung, diese Praxis einzudämmen. In einem Parteidokument von 1981 heißt es: »Porträts des Großen Vorsitzenden Mao dürfen in der Öffentlichkeit aufgehängt werden, aber nur mit der nötigen Zurückhaltung und Würde, sodass man nicht internationale Sensibilitäten beleidigt. Es ist zu beachten, dass nicht zu viele Porträts aufgehängt werden, allerdings ist es auch nicht passend, das Hängen von Porträts ganz zu untersagen. Es ist jedem freigestellt, Porträts bei sich zu Hause aufzuhängen. Es ist den Organisationen der Partei, des Staates und des Militärs ausdrücklich verboten, sich hier in individuelle Vorlieben einzumischen.«24 Die übervorsichtige Sprache des Dokuments spricht Bände. Auch der offizielle Aufruf zum Abriss von Maostatuen hatte im November 1980 zurückgenommen werden müssen, weil er zum öffentlichen Ärgernis geworden war.25 Ganz offensichtlich erhielt sich nach der Kulturrevolution nicht nur Maos Präsenz als Ikone, sondern auch deren Aura, und das trotz aller Wiederholung und mechanische Reproduktion, die seinem Bild widerfuhr. Warum? In der maoistischen Theorie wird angenommen, die Konfrontation mit einem Vorbild bewirkte, dass Menschen sich ändern wollen.26Chen Xiaomei sagt von Propagandapostern dieser Zeit: »[…] they constructed and reconstructed who I was and what was socially expected of me.«27 Der implizite Betrachter von Maokunst während der Kulturrevolution sollte Mao als uneingeschränkten Helden sehen. Hinweise in Rote-Garden-Publikationen und Tagebüchern aus der Zeit der Kulturrevolution selbst sowie in Memoirenliteratur, die seit den Achtzigerjahren vor allem außerhalb, aber seit etwa einem Jahrzehnt vermehrt auch innerhalb der Volksrepublik China publiziert wird, zeigen, dass und wie sich künstlerische Konstruktion mit Realität verband. Diese Quellen beschreiben Maos Bilder manchmal mit Gleichmut, selten mit Abscheu, oft mit Faszination und Bewunderung.28 Nur scheinbar unterscheiden sich diese Reaktionen von Avantgarde-Interpretationen des Maobilds. Denn neben der Kritik an Mao spielt in diesen Werken auch eine andere Komponente eine wichtige Rolle: »Mao war ein großer Mann«, heißt es immer wieder. Zhang Hongtu erklärt: »Als ich aufwuchs, war Mao überall. Er war wie ein Gott. Nach 1989 hatte ich Lust, mit diesem Bild zu spielen, es zu verändern, aus dem Gesicht eines Gottes das Gesicht eines menschlichen Wesens zu machen«.29 Seine Wiederholungen Maos sind also inhaltlich ganz anders zu verstehen als die Andy Warhols. Für diesen war die Verarbeitung Maos durch Wiederholung eine Inhaltsentleerung,30 für Zhang ein emotionaler Akt: Mao wird vom Gott zum Menschen. Am Ende der Kulturrevolution war es eine Konvention geworden, von den Bildern Maos so zu sprechen, als stellten sie einen Gott dar.31 Vor allem Liu Chunhuas Anyuan-Bild ist immer wieder als »heiliges Bild« (baoxiang) bezeichnet worden. Dazu passt, dass es in den späten Sechzigerjahren eine Bewegung zum Bau von Mao-Schreinen gab.32 Auch die Kampagne »Sich am Morgen Rat holen und am Abend Bericht erstatten« – vor dem Porträt Maos –, die Loyalitätstänze und Zitatelieder haben religiösen Charakter. Viele der kulturrevolutionären Poster und Anstecker von Shaoshan, Maos Geburtsort, zeigen eine aufgehende Sonne über seinem Elternhaus und geben so eine religiöse Interpretation der Geschichte Maos und der kommunistischen Partei Chinas.33 Der gottgleiche Mao lebt aber auch nach seinem Tod weiter. Immer noch zeigt er imposant Präsenz, weiß und strahlend wie die Sonne, z. B. als offizielle Gedächtnisstatue im Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens, mit dem Titel »Mao wird immer in unseren Herzen leben«. In neuen Propagandapostern erscheint er über den Wolken schwebend. Das Poster »Wer die Welt in der Hand hat« (1978) zeigt, ähnlich der Anyuan-Darstellung, den jungen Mao in Gedanken versunken vor einer weiten Landschaft (Abb. 15). Zur gleichen Zeit wird diese gottgleiche Figur aber auch ironisch reflektiert. Wang Kepings (*1949) Maostatue von 1978 / 79 etwa, die das Abbild des gereiften Mao mit dem einer korpulenten buddhistischen Gottheit verbindet, heißt »Idol«.34 Das Kunstwerk parodiert offen die kommunistische Kritik am sogenannten »religiösen Aberglauben« und entlarvt Mao, die kommunistische Ikone, als Objekt eines ebensolchen Aberglaubens. Hier schwingt Bitterkeit mit, der Vorwurf der Verblendung. Es gibt aber auch den eher spielerischen Umgang mit der Mao-Verehrung, wie in Li Liguos Darstellung Maos als freundlich lachender Buddha, auf dem glückliche Kinder herumturnen. Zhang Hongtus Version der »Roten Sonne« als »Kapitalistische Sonne« in »Quaker Oats Mao« (Abb. 8) oder sein Gemälde mit dem Titel »The Last Banquet«(1989) sind andere entlarvende Variationen des religiösen Themas (Abb. 14). Das Bild ist eine Parodie auf Leonardo da Vincis »Das letzte Abendmahl«. Alle Figuren, also Jesus und seine Apostel, haben Maos Gesicht. Auch an der Stelle des Judas sitzt ein Mao, vorgebeugt, mit seinem Kleinen Roten Buch in der Hand und wirft, im Übereifer, den Reisnapf vom Tisch. Wen spricht ein solches Bild an, mit wem kommuniziert es? Ist sich ein chinesisches Publikum des christlichen Hintergrunds bewusst? Spielt Zhang Hongtu nur deshalb mit Mao, weil ihm klar ist, dass er in den USA, in die der Künstler Ende der Achtzigerjahre emigriert ist, en vogue ist? Kann andererseits ein amerikanisches Publikum verstehen, welcher Verrat historisch hinter dem Kleinen Roten Buch und dem umgestürzten Reisnapf steht? Sind die durch den Großen Sprung mitverursachte Hungersnot und die Kulturrevolution also Teil der kritischen Botschaft dieser Mao-Judas-Figur, wird Mao so eben doch für die Gräuel in der chinesischen Geschichte verantwortlich gemacht? Die Bilder bleiben mehrdeutig. Sie sind Reflexionen darüber, dass der kulturrevolutionäre Maokult als Religion wahrgenommen und erlebt wurde. Sie sind kritische, emotionale Verhandlungen dieser Vergangenheit. Ihre populären Gegenstücke – der Mao-Talisman, den man noch bis vor ein paar Jahren in fast allen chinesischen Taxis finden konnte, weil man ihn für mächtig genug hielt, Unfälle zu verhindern; der Mao, der (im Gegensatz zu seinen Nachfolgern) rechtzeitig vor SARS warnte; der Mao, der Glück und Geld bringt, wie es sich für einen Neujahrsgott auf einem Neujahrsbild gehört (Abb. 16) – zeigen deutlich, dass Mao, der Gott, neben Mao, dem Menschen (und Monster?), weiterhin eine wichtige Rolle spielt. 3. Zum Schluss: Immer noch Mao? Kunst und Kult Keiner zwang uns, die Maobilder aufzuhängen. Klar, in den Schulen und den Arbeitseinheiten, da hatten wir solche Bilder hängen. Und ich sammelte diese Anstecker, die fanden überhaupt alle toll, aber niemand zwang uns dazu. Wir sammelten die auch eher zum Spaß und nicht unbedingt, weil wir Mao so liebten. (Historiker, geb. 1957) Wir wurden in eine Fabrik geschickt und wohnten alle zusammen, lauter junge Leute. Das war ein Spaß! Zwischen 1968 und 1971. Und, ja klar, wir hatten Maobilder in unseren Zimmern, wir hatten die von uns aus aufgehängt. Wir mochten Mao, er war einfach ein großer Mensch. (Musiker, geb. 1942) Die vielen Bilder Maos, ob sie nun den Einzelnen tatsächlich überzeugten oder nicht, haben Spuren hinterlassen, die bis heute weiterwirken. Aus der Analyse von Rotgardistenpublikationen, Tagebüchern und Memoiren kann man schließen, dass das Bild des revolutionären Mao der Kulturrevolution nicht nur populär sein sollte, sondern es auch war. Die bereits davor einsetzende und nach der Kulturrevolution fortgesetzte Blüte immer neuer Wiederholungen des Bildes suggeriert, dass seine Popularität nicht abgenommen hat. Der göttliche Retter der chinesischen Nation ist ein erfolgreiches ikonisches Propagem geworden, hineinkonstruiert in das kollektive chinesische Gedächtnis, das im individuellen Gedächtnis unterschiedlicher Klassen und Generationen auf vielfältige Weise weiterwirkt. In Shades of Mao erklärt Geremie Barmé, dass der postume Maokult sich erheblich unterscheide von dem Persönlichkeitskult der frühen Jahre der Kulturrevolution:35 Der neue Kult, der sich in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren formierte, sei eben nicht, wie die Propaganda früherer Jahrzehnte, von oben initiiert gewesen. Er sei, auch in seinen internationalen Dimensionen (die der frühe Propagandakult durchaus teilte, die Visualität der Achtundsechziger weltweit war ja deutlich mitgeprägt von Maos Bild), eine extrem kommerzielle Angelegenheit – alte Mao-Memorabilia würden zu Rekordpreisen bei Sotheby’s verhökert und neue in Nobelläden wie Shanghai Tang auf der ganzen Welt vertrieben.36 Und doch sind da wichtige Ähnlichkeiten zwischen beiden Kultbewegungen, gerade auch in ihrer kommerziellen (als ein Beispiel seien der Verkauf und die Massenproduktion von Mao-Ansteckern während der Kulturrevolution genannt)37 und ihrer internationalen Dimension.38Beide Bewegungen spielen mit dem Bild des »Großen Vorsitzenden und Führers«, manipulieren es. In beiden Fällen wird es von den unterschiedlichsten Gruppen benutzt. Und damals wie jetzt zeigt die Verbreitung seines Bildes an, dass Mao eine gewisse Popularität besitzt, wobei er den Status als autoritative Figur nie verlor.39 In beiden Fällen demonstriert die Maokunst, die ihn nur selten offen als den Verantwortlichen für die Gräuel in der modernen chinesischen Geschichte heranzieht, dass und wie er bewundert wurde, als der »Große Führer«, ja sogar als beschützender Gott. Was hier stattfindet, ist eine durch die Partei-Resolution von 1981 mitgetragene Entkopplung Maos von seiner Politik, die strukturell an ein Phänomen erinnert, das auch im Nationalsozialismus zu beobachten war: Dort hieß es im Volksmund nicht selten »Wenn das der Führer wüsste«, wenn Handlungen der NSDAP oder ihrer Organisationen allzu sehr dem Rechtsempfinden der Bevölkerung widersprachen.40 Die hier analysierten Bilder (und Interviews mit Zeitzeugen) suggerieren, dass Mao weiterhin eine Rolle spielt im Leben der Menschen, auch in Zeiten offiziell verschriebener Amnesie wie den frühen Achtzigerjahren: Mao matters. Selbst kontroverse und kritische Stücke der chinesischen Avantgarde können als Produkte einer offensichtlichen Besessenheit von Mao gelesen werden, als Zeichen für eine Fixierung, die die populäre Psyche gefangen hält und auch in den Zeitzeugenberichten eine prominente Rolle spielt. Selbst in den offen kritischen oder zumindest ironischen (In-)Versionen Maos wird die Kraft des Propagems deutlich. Zhang Hongtu schreibt 1989: »Das Maobild hat sein eigenes Charisma. Es ist immer noch so mächtig, dass ich, als ich zum ersten Mal ein offizielles Porträt Maos auseinanderschnitt für eine Collage, von Schuldgefühlen geplagt war, das nagte an mir.«41 Jahre nach seiner Emigration in die USA notiert er 1995: »Es wird mir erst jetzt klar, dass ich, obwohl ich China schon vor mehr als fünf Jahren verlassen habe, das Maobild einfach nicht aus meinem Hirn entfernen konnte.«42 Der politische Mao-Pop kann auf unterschiedliche Weise erklärt werden: als soziale und kulturelle Nachwehen des eigentlichen Kults, und damit als ernst gemeinte und ehrlich gefühlte Kritik; als Strickmuster einer chinesischen Postmoderne, die das Bild des Großen Vorsitzenden durch alle Variationen von Pastiche und Appropriation hindurchwindet; und schließlich als marktorientierter Dissens.43 Die Künstler werden genauso von Mao (dem Propagem) aufgeführt, wie sie, nicht ohne Hintersinn, Mao aufführen. Die Tatsache, dass Maos Bild als Strukturelement im kulturellen Gedächtnis nun nicht mehr nur eine einzige Bedeutung hat – die es einst in der Kulturrevolution haben sollte –, dass dieses Bild heute multiple Interpretationen zulässt, dass es kritisiert, verhöhnt wird, ja, dass ihm sogar offen widersprochen werden kann und es so, durch die Annahme seiner Fehler, vermenschlicht wurde, mag neue Gefühle der Verehrung möglich gemacht haben. So kommt es, dass Mao, der Mensch, und Mao, der Mythos, seltener jedoch Mao, das Monster (nach Jung Chang), nach der Kulturrevolution Teil der chinesischen Populärkultur wurde und immer noch ist. Die Transformation Maos von der »Revolutionären Ikone« der Propaganda zur »Pop(ulären) Ikone«der Werbung ist so drastisch nicht, wie manche meinen. 44 Auch wenn es kein offiziell vorgeschriebenes Emblem allgemeiner Loyalität mehr ist, bleibt das Maobild ein mächtiges Motiv im täglichen (Er-)Leben der meisten Chinesen: Einmal von oben und einmal von unten inszeniert, war und ist Mao Chinas Pop. 1 Die als Motti verwendeten Zitate entstammen Interviews, die die Autorin im Frühjahr 2004 in Beijing und Shanghai geführt hat. 2 Siehe Thymian Bussemer: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus. Wiesbaden 2000, S. 133. 3 Siehe den mittlerweile fast klassisch zu nennenden Artikel von Wilhelm Emanuel Süskind: »Propaganda« (Aus dem Wörterbuch des Unmenschen XIV), in: Die Wandlung 5 (1947), S. 437–442. Diese Auffassung von Propaganda lässt sich aber auch bereits Jahrzehnte früher finden, am prominentesten in den Arbeiten des französischen Arztes und Psychologen Gustave Le Bon. 4 Siehe dazu auch Elizabeth J. Perrys unlängst erschienenen Aufsatz zum Mao-Porträt »Auf dem Weg nach Anyuan«: Elizabeth J. Perry: Reclaiming the Chinese Revolution, in: Journal of Asian Studies 67 (2008), H. 4, S. 1147–1164. 5 Siehe Barbara Mittler: A Continuous Revolution: Making Sense of Cultural Revolution Culture, Manu-skript in Überarbeitung, Kapitel 3. 6 Rainer Gries definiert »Propagem« wie folgt: »Propagandainhalte«, »rhetorische Figuren«, »semantische Marker politischen Inhalts« oder auch »Erzählungen« begrenzter Komplexität, die wiederholt und über lange Zeit, womöglich über Generationen und gesellschaftliche und politische Systeme hinweg, mit Hilfe von Massenmedien einer breiten Zielgruppe mit Erfolg kommuniziert wurden (Zur Ästhetik und Architektur von Propagemen. Überlegungen zu einer Propagandageschichte als Kulturgeschichte, in: Rainer Gries / Wolfgang Schmale (Hg.): Kultur der Propaganda, Bochum 2005, S. 9–35, hier S. 13 u. 34). 7 Ebd., S. 24. 8 Siehe dazu auch den Beitrag von Susanne Weigelin-Schwiedrzik in diesem Band. 9 Siehe Mobo Gao: The Battle for China’s Past. Mao & the Cultural Revolution. London 2008, S. 3. 10 Siehe Melissa Schrift: Biography of a Chairman Mao Badge. The Creation and Mass Consumption of a Personality Cult. New Brunswick 2001, S. 190. 11 Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a. M. 1963, S. 18 f. 12 Ebd., S. 38–40. 13 Ebd., S. 18. 14 Ebd., S. 44. Benjamin assoziiert die »Ästhetisierung der Politik« mit dem Faschismus, die »Politisierung der Kunst« mit dem Kommunismus. Beide Beschreibungen passen aber auf die Maokunst. 15 Bonnie McDougall (Hg. u. Übers.): Mao Zedong’s »Talks at the Yan’an Conference on Literature and Art«. A Translation of the 1943 Text with Commentary (=Michigan Monographs in Chinese Studies 39), Ann Arbor 1980. 16 Julia Andrews: Painters and Politics in the People’s Republic of China, 1949–1979. Berkeley 1994, S. 360. 17 Lothar Ledderose: Ten Thousand Things: Module and Mass Production in Chinese Art. Princeton 2000. 18 Siehe David E. Apter / Tony Saich: Revolutionary Discourse in Mao’s Republic. Cambridge, Mass. 1994. Zum Bild: Andrews: Painters and Politics (Anm. 16), S. 106. 19 Andrews: Painters and Politics (Anm. 16), S. 382. 20 Für eine ausführliche Dokumentation dieser repetitiven Bilderwelten siehe 杨克林 [Yang Kelin]:文化大革命博物馆 [Wenhua dageming bowuguan, Kulturrevolutionsmuseum], Hongkong 1995. 21 Eine Dokumentation findet sich in 张忠龙 [Zhang Zhonglong]: 毛泽东历史视象 经典海报画册 [Mao Zedong lishi shixiang Jingdian haibao huace, Historische Porträts von Mao Zedong: Eine Sammlung klassischer Posterbilder], Hongkong 1994. 22 Wang Yuejin: Anxiety of Portraiture. Quest for / Questioning Ancestral Icons in Post-Mao China, in: Liu Kang / Tang Xiaobing (Hg.): Politics, Ideology, and Literary Discourse in Modern China. Theoretical Interventions and Cultural Critique, Durham, NC 1993, S. 242–272, hier S. 243. 23 Ebd., S. 244. 24 Übersetzung der Parteidokumente in Geremie R. Barmé: Shades of Mao. The Posthumous Cult of the Great Leader, New York 1996, S. 134. 25 Siehe ebd., S. 128–134, insbes. S. 133 u. S. 134, Anm. 6. 26 Stefan Landsberger: The Deification of Mao: Religious Imagery and Practices during the Cultural Revolution and Beyond, in: Woei Lien Chong (Hg.): China’s Great Proletarian Cultural Revolution. Master Narratives and Post-Mao Counternarratives, Lanham 2002, S. 139–184, hier S. 147. 27 Chen Xiaomei: Growing Up with Posters in the Maoist Era, in: Harriet Evans / Stephanie Donald (Hg.): Picturing Power in the People’s Republic of China. Posters of the Cultural Revolution, Lanham 1999, S. 101–122, hier S. 105. 28 Siehe bspw. Rae Yang: Spider Eaters, Berkeley 1997, S. 111 und 知青日记书信选编编委会 [Zhiqing riji shuxin xuanbian bianweihui, Herausgeberkomitee für ausgewählte Tagebucheinträge von landverschickten Jugendlichen]: 知青日记选编[Zhiqing riji xuanbian, Ausgewählte Tagebucheinträge von landverschickten Jugendlichen], Beijing 1996, S. 24. 29 www.momao.com; zit. nach: Orville Schell: Mandate of Heaven. New York,1994, S. 290 f. Alle in diesem Aufsatz zitierten Internetquellen sind im Digital Archive for Chinese Studies (DACHS) Heidelberg archiviert: http://sun.sino.uni-heidelberg.de/dachs. 30 Um die Bilder von ihrem emotionalen Inhalt zu trennen, wiederholte Warhol ihren Druck ad infinitum. Siehe Herbert Read: A Concise History of Modern Painting, New York 1974, S. 298. Dieser Interpretation schließen sich heute allerdings nicht mehr alle Spezialisten an. 31 Andrews: Painters and Politics (Anm. 16), S. 342. 32 Ebd., S. 345. 33 Schrift: Biography of a Chairman Mao Badge (Anm. 10), S. 86. 34 Andrews: Painters and Politics (Anm. 16), S. 399. 35 Barmé: Shades of Mao (Anm. 24), S. 5 u. 13. 36 Shanghai Tang wurde 1995 von David Tang in Hongkong gegründet und hat heute Zweigstellen in vielen größeren Städten (Barmé: Shades of Mao [Anm. 24], S. 35). Das Mao-Mousepad, das in der Einleitung erwähnt wurde und von China Books and Periodicals in San Francisco vertrieben wird, ist ein weiteres Beispiel, das die populären und internationalen Dimensionen des heutigen Kults demonstriert. 37 Barmé gibt selbst ebendieses Beispiel des Ansteckertauschs: »the new rate of exchange (for badges) had nothing to do with revolutionary credentials and everything to do with commerce« (Shades of Mao [Anm. 24], S. 40 f.). 38 Laura Diehl: Die Konjunktur der Mao-Images in der bundesdeutschen »68er«-Bewegung, in: Sebastian Gehrig / Barbara Mittler / Felix Wemheuer (Hg.): Kulturrevolution als Vorbild? Maoismen im deutschsprachigen Raum, Frankfurt 2008, S. 179–201. 39 Barmé gibt diese Charakterisierung nur für den neuen Kult (Shades of Mao [Anm. 24], S. 46). 40 Bussemer: Propaganda und Populärkultur (Anm. 2), S. 123. 41 Zit. in Geremie Barmé / Linda Jaivin (Hg.): New Ghosts, Old Dreams: Chinese Rebel Voices, New York 1992. 42 www.momao.com; siehe auch DACHS Heidelberg (Anm. 29). 43 Barmé: Shades of Mao (Anm. 24), S. 45. 44 Robert Benewick: Icons of Power: Mao Zedong and the Cultural Revolution, in: Evans / Donald: Picturing Power (Anm. 27), S. 123–137, hier S. 134.

JHK 2009

Die Santería-Religion und die kommunistische Partei- und Regierungspolitik in Kuba

Claudia Rauhut

Dieser Beitrag setzt sich mit der spezifischen Dynamik einer afrokubanischen Religion und ihrer Anhänger sowie deren Integration in das sozialistische Gesellschaftsprojekt in Kuba auseinander. Die Santería muss aufgrund ihrer Geschichte, religiösen Praxis, Organisationsform und sozialen Klientel separat von der historisch etablierten katholischen Kirche untersucht werden.1 Im Gegensatz zur offenen ideologischen Konfrontation zwischen Kirche und Staat ist das Verhältnis zwischen Santería und Staat ebenso von Koexistenz geprägt wie von ambivalenten Konstellationen und Entwicklungsdynamiken. Diese sollen hier sowohl aus der Perspektive der Regierungspolitik als auch durch Fokussierung der Strategien religiöser Akteure nachgezeichnet werden.2 Historische Entstehung und Charakteristik der Santería Die afrokubanische Religion Santería entstand Ende des 19. Jahrhunderts in der kubanischen Kolonialgesellschaft als Ergebnis transkultureller Prozesse zwischen dem religiös-kulturellen Erbe westafrikanischer Sklaven, mehrheitlich Yoruba-Gruppen aus dem heutigen Nigeria, und dem spanischen Katholizismus.3 Die Santería (abgeleitet von culto a los santos, Heiligenkult) beruht auf der kultischen Verehrung der Oricha-Gottheiten aus der Yoruba-Religion, die als mythologische Gestalten mit bestimmten Naturelementen, Charaktereigenschaften und symbolischen Attributen assoziiert sind. Während der Kolonialzeit ordneten die Sklaven und deren Nachkommen jedem Oricha formell einen katholischen Heiligen zu und konnten so unter dem Deckmantel des Katholizismus ihre religiöse Praxis aufrechterhalten. Die Orichas sprechen durch verschiedene Orakelsysteme und während religiöser Zeremonien zu den Menschen. Als Mittler zwischen Menschen und Orichas fungieren Santeros, Santeras und Babalaos, die als initiierte Priester nach dem Prinzip ritueller Verwandtschaft religiöse Familien gründen. Als religiöse Paten führen sie ihre Patenkinder in die Geheimnisse der Religion ein und geben spirituelles Schutzgeleit. Die Mitglieder der Ritualfamilie gehen reziproke religiöse, ökonomische und soziale Verpflichtungen ein und errichten informelle sozioökonomische Netzwerke, die für die Alltagsbewältigung in Kuba unerlässlich sind. Die Santería ist deshalb durch undogmatischen Pragmatismus und Effizienz bei der Lösung alltäglicher Probleme charakterisiert. Statistiken über ihre Anhängerschaft sind kaum zu erheben, da die religiöse Praxis dezentral und nichtinstitutionell, ohne jegliche offizielle Registrierung stattfindet. Darüber hinaus haben viele Kubaner eine religiöse Mehrfachzugehörigkeit, d. h. sie sind offiziell katholisch getauft (nach kirchlichen Angaben ca. 40 % der Bevölkerung4) und praktizieren zugleich die Santería und andere Religionen afrikanischen Ursprungs oder spiritistische Formen, was in der Literatur als Religiosidad Popular (Volksreligiosität) bezeichnet wird.5 Inoffizielle Schätzungen gehen von 50–70 % Santería-Anhängern in der kubanischen Bevölkerung aus, darunter ursprünglich vorrangig Schwarze, mittlerweile aber Vertreter aller Hautfarben und gesellschaftlichen Schichten. Die kubanische Revolution und afrokubanische Religionen Bis weit ins 20. Jahrhundert haftete der Santería das Stigma der schwarzen Magie, Hexerei, und afrikanischen Rückständigkeit an, von der sich die weiße Oberschicht aus einem rassis­tischen Überlegenheitsgefühl heraus distanzierte. Unter der kolonialen und später republikanischen Repressionsgewalt kam es im Klima alltäglicher Diskriminierungen von Schwarzen gehäuft zu Razzien und Verhaftungen von Santería-Praktizierenden.6 Viele Schwarze kämpften daher 1959 für den Sieg der kubanischen Revolution und erhofften sich davon eine Verbesserung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage. Die Revolutionsregierung veranlasste umfangreiche Integrationsmaßnahmen und Sozialprogramme, durch die die strukturelle Marginalisierung der schwarzen Bevölkerung aufgehoben werden sollte. Auf dem Gebiet der kulturellen Integration verfolgte die sozialistische Kulturpolitik in Bezug auf afrokubanische Religionen eine Doppelstrategie: Deren künstlerische Elemente wie Tänze, Gesänge und Musikinstrumente wurden zum Gegenstand der Wissenschaft gemacht und in zahlreichen Kultur- und Bildungseinrichtungen erforscht; ihre rituellen Objekte museal archiviert und als Vergangenheit, nicht als lebendige Praxis ausgestellt.7 Die religiöse Dimension der Santería-Praxis dagegen galt als Hemmnis für den gesellschaftlichen Fortschritt und musste gemäß der Atheismus-Maxime der sozialistischen Regierung zugunsten einer folklorischen Interpretation umgedeutet werden. Fortan sah man Santería-Traditionen nicht mehr als Religion, sondern als säkularisiertes nationales Kulturerbe auf großen Theaterbühnen. Die offizielle Aufwertung der künstlerisch-ästhetischen Manifestationen sollte die Santería aus ihrem religiösen Kontext herauslösen und sie »demystifizieren«, wie es in einer Resolution der Kommunistischen Partei Kubas von 1975 heißt.8 Tatsächlich bewirkte diese Politik der Säkularisierung das Gegenteil, denn die kulturelle Rehabilitierung afrokubanischer Traditionen stimulierte zugleich einen ungeplanten Anstieg der religiösen Praxis.9 Die Kommunistische Partei Kubas und ihre Haltung zur Religion Die Partido Comunista de Cuba (PCC, Kommunistische Partei Kubas) formulierte auf ihrem ersten Parteitag 1975 erstmalig ihre Haltung zur Religion. Sie folgt der marxistisch-leninistischen Religionskritik und propagiert wissenschaftlichen Atheismus: Es sei vor allem Aufgabe der Partei, auf die Überwindung der Religion hinzuarbeiten, indem sie Gläubige über Massenorganisationen in den praktischen Aufbau des Sozialismus einbinde und ihnen damit helfe, »sich von jeglichem Aberglauben zu befreien, der sie an der Realisierung wahrer humanistischer Ziele hindert«.10 Dennoch würde formal in der ersten sozialis­tischen Verfassung von 1976 (Art. 54) der Grundsatz der Glaubens- und Religionsfreiheit verankert. Das »Recht der Bürger, ihre religiösen Glaubensauffassungen auszuüben und zu praktizieren, ist zugleich mit der Pflicht verbunden, die Gesetze […] und Normen der sozialistischen Moral […] zu respektieren«.11 Diese Prämisse eröffnete für die praktische Umsetzung einen Interpretationsspielraum, der Funktionären die willkürliche Auslegung religiöser Handlungen ermöglichte. Die Haltung der Partei in Bezug auf afrokubanische Religionen beruft sich auf die „Normen der sozialistischen Moral“, unter dieser Perspektive werden die Santería und ihre Anhänger negativ konnotiert: »Unsere Politik gegenüber diesen synkretistischen Kulten ist darauf ausgerichtet, antisozialen Handlungen und Verhaltensweisen vorzubeugen, die der Gesundheit und Integrität der Bürger schaden und dem öffentlichen Interesse zuwiderlaufen. Diese Verhaltensweisen entwickelten sich in der Vergangenheit innerhalb dieser Kulte und sind bis heute präsent als Folge sozialer Bedingungen, die die Revolution überwunden und für immer verbannt hat.«12 Diese Rhetorik knüpft an tief verwurzelte Vorurteile gegenüber Anhängern afrokubanischer Religionen an, die einst aufgrund rassistischer, heute ideologisch begründeter Vorbehalte als antisoziale, konfliktive Elemente mit kriminellem Potenzial stigmatisiert wurden bzw. werden. In dem Buch Sectas Religiosas (Religiöse Sekten), das die Partei ohne Nennung von Autor und Veröffentlichungsjahr herausgegeben hat, heißt es: »Unter Santero-Elementen ist ein hoher Grad an Gefährlichkeit und Neigung zur Straftat zu beobachten.« Anhänger der afrokubanischen Religionen, die in den »ärmsten Vierteln« leben und »wenig kulturelles Niveau« haben, werden direkt mit Homosexualität, Prostitution, Alkoholismus und Müßiggang in Verbindung gebracht.13 Mit »antisozialen Verhaltensweisen« sind vermutlich auch magische Praktiken, Tieropfer, Besessenheitszeremonien sowie der Glaube an übernatürliche Kräfte gemeint, die als zentrale Elemente der rituellen Praxis nicht mit den Normen der sozialistischen Moral sowie der Prämisse des gesellschaftlichen Fortschritts konform gehen. Darüber hinaus weisen Kali Argyriadis und Stefania Capone darauf hin, dass in der Santería die Konzepte der Individualität und des gegenseitigen Respekts Vorrang vor moralischen Prinzipien haben und daher das soziale Verhalten der religiösen Akteure nicht mit dem von der Partei propagierten gesellschaftlichen Ideal des Neuen Menschen zu vereinbaren sei.14 Denn während das Leben der Parteiaktivisten Opferbereitschaft und Zurückstellung der persönlichen Ziele zugunsten einer übergeordneten kollektiven utopischen Vision erfordert, folgen Santería-Anhänger egozentrierten und undogmatischen Motiven. Die sozialistische trat in Konkurrenz zur religiösen Moral und stellte sich gegen­über afrokubanischen Religionen als überlegen dar. In Bezug auf die christliche Religion erklärte Castro 1985 in dem weltberühmten Buch Fidel y la religión. Conversaciones con Frei Betto (deutsch Nachtgespräche mit Fidel15), dass es zwischen den Zielen des Glaubens und denen des Sozialismus keinen Widerspruch geben könne. Castro bekennt sich als gläubiger Revolutionär und verkündet in Anlehnung an die Theologie der Befreiung16 auch für Kuba die Notwendigkeit einer strategischen Allianz zwischen revolutionären Christen und Marxisten.17 Durch die Verkürzung der Religion auf ethisch-moralische und humanistische Werte fern ihrer inneren Sinnstruktur war sie nach dieser Lesart durch den sozialistischen Wertekanon ersetzbar. Zur Frage der doppelten Mitgliedschaft Die Partei verlangte in der Resolution von 1975 von ihren Mitstreitern ein klares politisch-ideologisches Bekenntnis auf der Basis des dialektischen Materialismus,18 was eine gleichzeitige Zugehörigkeit zu einer Religion ausschloss. Für bekennende Gläubige hatte das atheistische Leitbild der Partei Beschränkungen ihrer beruflichen und sozialen Perspektiven sowie ihrer Möglichkeiten zur Mitgestaltung des sozialistischen Gesellschaftsprojekts zur Folge, da diese nur über die Mitgliedschaft in Massenorganisationen und der Partei zu realisieren war. Die kubanische Religionsforscherin Lázara Menéndez kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die sozialistische Regierung lange Zeit das Potenzial religiöser Familien zur Vermittlung von Werten verkannte: »Die Revolution berücksichtigte in der Organisation einer neuen gesellschaftlichen Struktur die rituelle Familie nicht. Diese blieb fortan von den legitimierten Formen der Sozialisation ausgeschlossen. Dadurch wurde der rituellen Familie die soziokulturelle Anerkennung verweigert, und die emanzipatorischen Werte ihrer Praxis wurden nicht genutzt. Das Subjekt wurde aufgrund seiner religiösen Neigung disqualifiziert. Wollte sich der Santero als Individuum in das soziale Projekt integrieren, musste er sich zunächst aus seiner rituellen Familie desintegrieren, […] seine Religiosität und Individualität opfern.«19 Gläubige mussten demnach entweder ihre Religion aufgeben oder sie im Verborgenen praktizieren und damit eine Art Doppelmoral verinnerlichen: »Der Santero bewegte sich gezwungenermaßen zwischen zwei sozialen Welten: der offiziellen, gekennzeichnet durch Atheismus und den Mythos der wissenschaftlichen Vernunft, und seiner eigenen, der durch Eguns [Totengeister] und Orichas regierten Welt.« 20 Der ideologische Atheismus folgte keiner gezielten Regierungspolitik, sondern ist eher als Resultat der offenen Konfrontation mit der katholischen Kirchenhierarchie zu interpretieren.21 Diese Einschätzung kubanischer Forscher stützt sich auf Fidel Castro, der im Gespräch mit Frei Betto 1985 die Haltung der Partei präzisierte und rechtfertigte: »Wir verlangten eigentlich nicht, dass die Mitglieder [der Partei] Atheisten sein müssten, und diese Haltung nährte sich auch nicht aus einer antireligiösen Absicht. […] was wir verlangten, war die vollkommene und vollständige Zustimmung zum Marxismus-Leninismus […]. Das war politisch nur möglich, da die große Masse der Bevölkerung […] nicht so entschieden katholisch war […]. Weil aber die Mehrheit der engagierten Katholiken grundsätzlich aus der reichen Klasse kam, welche die Konterrevolution unterstützte und zu einem großen Teil das Land verließ, konnten […] wir […] eine rigorose und orthodoxe Norm aufstellen.«22 Trotz punktueller Sanktionen duldete die Regierung entgegen ihrer parteipolitisch propagierten Ablehnung die Santería weitestgehend, da sie hinter ihrer nichtinstitutionellen und zerstreuten Praxis keine organisierte soziale Kraft und damit keine Gefahr für die Revolution vermutete.23 Zugleich erkannte der Staat in dieser Form von Religiosität ein Ventil, durch das Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllt und zugleich Defizite der staatlichen Infrastruktur ausgeglichen werden konnten. Ihre Fähigkeit zur Krisenintervention stellte die Religion vor allem während der sogenannten Spezialperiode Anfang der Neunzigerjahre unter Beweis, als die kubanische Wirtschaft durch den Wegfall der Subventionen aus dem Ostblock nahezu kollabierte und religiöse Netzwerke ein Minimum an Versorgung und informeller Infrastruktur sicherten. In dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise erwies sich der Beistand der Orichas für viele Menschen als Rettungsanker, was einmal mehr die psychosoziale und therapeutische Komponente der Santería unterstrich.24 Anlässlich des 4. Parteitags 1991 räumte der Staatschef dennoch Fehler im Umgang mit Gläubigen, aber auch hinsichtlich der Doktrin des wissenschaftlichen Atheismus ein und veranlasste 1992 eine Verfassungsänderung. Darin wurde das atheistische Prinzip zugunsten eines säkularen, laizistischen aufgehoben und jegliche Form der Benachteiligung und Diskriminierung von Gläubigen unter Strafe gestellt.25 Der zweifellos wichtigste Beschluss war, Gläubigen fortan offiziell die Mitgliedschaft in der Partei zu erlauben. Dem lag nicht zuletzt die Einsicht zugrunde, dass die Regierung Kubas angesichts des Zusammenbruchs der sozialistischen Staatengemeinschaft im Osten nicht länger auf die Unterstützung der Religiösen verzichten konnte, wenn sie sich wieder konsolidieren wollte. Anhänger afrokubanischer Religionen im sozialistischen System Die Anhänger der Santería hatten weniger Probleme als diejenigen der katholischen Kirche, sich mit der Politik und Ideologie des kubanischen Sozialismus zu identifizieren oder sich zumindest nach außen loyal zu zeigen. Die Schnittmenge von Gläubigen und Kommunisten soll bei Religionen afrikanischen Ursprungs am größten sein.26 Dies lässt sich vor allem auf den sozialen Aufstieg der schwarzen Bevölkerung zurückführen: Viele ihrer Angehörigen praktizierten die Santería und lösten sich auch in ihren neuen sozialen und politischen Funktionen nicht davon. Santeros und Babalaos spielten oft eine aktive Rolle in Massenorganisationen wie beispielsweise den auf nachbarschaftliche Hilfe und Kontrolle ausgerichteten Comités para la Defensa de la Revolución (CDR, Komitees zur Verteidigung der Revolution), wobei sie ihre politische Autorität auch aus ihrem religiösen Prestige schöpften.27 Die parteipolitisch angestrebte Überwindung der Religionen konnte nicht realisiert werden, da viele Parteimitglieder, selbst in den obersten Rängen der Regierung, weiterhin ihre Heiligen verehrten. So berichtet eine Grundschullehrerin, Anhängerin der Santería und der Partei: »Die Religion war immer erlaubt. Nur gibt es Orte, die ihre Regeln und Anweisungen haben. Wenn du z. B. zu mir kommst, zu mir als Institution, dann musst du meine Gesetze respektieren. Ich kann dir nicht erlauben, mit all deinen Ketten, Armbändern und diesen Dingen [rituelle Attribute der Santería] zu kommen. Aber ich verbiete dir nicht, deine Religion zu praktizieren. Das ist wie mit den Parteiaktivisten. Hier gab es viele, die ihre Religion hatten, aber mit Respekt. Du respektierst mich, ich respektiere dich. Du kannst auf der Uniform nicht deine Ketten tragen, aber ich kann dir deine Religion nicht verbieten.«28 Der Kompromiss bestand für die Gläubigen darin, ihre Religion strikt aus ihrem öffentlich-beruflichen Leben herauszuhalten. Die pragmatische Beschränkung der Religion auf private Räume fiel den Santería-Anhängern im Allgemeinen nicht schwer, da ihre religiöse Praxis ohnehin nicht an offizielle Institutionen gebunden ist, sondern dezentral in zu Kultstätten umfunktionierten privaten Haushalten stattfindet. Sie ließ sich daher auch nach außen wesentlich leichter verbergen als beispielsweise eine Mitgliedschaft in der christlichen Kirche. Die Altäre, in denen die Orichas als geweihte Steine in Tonkrügen und Suppenterrinen aufbewahrt werden, errichteten die Anhänger in verborgenen Winkeln der Wohnung oder übergaben sie ihren religiösen Paten, um sie in deren Wohnungen weiter zu verehren. Religiöse Symbole wie bunte Perlenketten, Armbänder oder weiße Kleidung wurden nur zu Hause getragen, religiöse Zeremonien häufig als Geburtstagsfeiern getarnt. Die notwendigen Opfertiere und Ritualgegenstände konnten über informelle ökonomische Netzwerke besorgt werden, die sich jeglicher staatlichen Kontrolle entzogen.29 Viele Anhänger eigneten sich eine sozialistische Ethik an, in der Arbeit, Wissenschaft und Fortschritt gegenüber der Religion oberste Priorität haben. Dazu bemerkt Lucas A., pensionierter Chirurg und seit 43 Jahren Babalao: »Ich hatte nie Probleme, meine Religion aufrechtzuerhalten oder damit meine wissenschaftliche Funktion zu gefährden. […] Das war eher eine Sache der persönlichen Unterstützung […] Während meiner wissenschaftlichen Laufbahn habe ich keine religiösen Praktiken ausgeübt. […] die Wissenschaft hatte immer Vorrang, da hat sich die Religion nie eingemischt […] erst als ich in Rente war und mehr Zeit hatte, habe ich mich vorrangig der Religion gewidmet.«30 Die Santería wurde nach dieser Schilderung nicht wirklich durch die Wissenschaft angefochten oder von ihr abgelöst. Sie wurde nur zeitweise in den Hintergrund gedrängt, um sie in einer späteren Lebensphase wieder zu mobilisieren. Die dynamische Koexistenz von Religion und Wissenschaft, die zahlreiche Anhänger ohne innere Konflikte und Widersprüche praktizierten, scheint ein relevantes Unterscheidungskriterium zu Auswirkungen der Religionspolitik sozialistischer Länder in Osteuropa zu sein. Am Beispiel der DDR wurde gezeigt, dass die Übernahme wissenschaftlicher Überzeugungen einen nachhaltig wirksamen Prozess subjektiver Säkularisierung auslöste, was in Kuba nicht der Fall war.31 Das folgende Beispiel zeigt, wie Anhänger die ideologische Rhetorik der Regierung verinnerlichten, die einen fortlaufenden Diskurs über die Feindschaft der USA und die latente Gefahr einer Konterrevolution etablierte: »Dieses Land hatte eine sehr junge Regierung, natürlich mussten sie anfangs misstrauisch sein, denn hinter jeder Institution oder Vereinigung konnte ein Feind stecken. So gab es beispielsweise gegenüber den Katholiken eine große Angst, selbst vor uns Afrikanern hatten sie Angst. Aber dann, als das Projekt [der sozialistischen Gesellschaft] wuchs und reifte, begriffen sie [die Regierung], dass auch wir Kubaner sind, Kubaner, die diesen religiösen Kult durch ihren Glauben aufrechterhalten haben. Mit dieser Einsicht hat uns die Regierung Türen geöffnet.«32 Durch den Wunsch nach Integration in das sozialistische Gesellschaftsprojekt unterschieden sich viele Anhänger der afrokubanischen Religionen von denen der katholischen Kirche, deren Repräsentanten bewusst in die gesellschaftliche Opposition und Isolierung gingen.33 Die Identifizierung mit dem Sozialismus war jedoch bei Santería-Anhängern nicht einheitlich hoch. Dem System gegenüber weniger loyal eingestellte Informanten berichteten von Verhinderung des beruflichen Aufstiegs oder von Diskriminierung in der Schule und am Arbeitsplatz. Besonders während des Initiationsjahrs, in dem das Tragen von ausschließlich weißer Kleidung sowie bunter Ketten vorgeschrieben ist, die deutlich sichtbar auf die Santería verweisen, bekamen einige Anhänger Probleme und schränkten deshalb, nachdem sie die Orichas um Erlaubnis gebeten hatten, die religiöse Praxis ein.34 Die staatliche Institutionalisierung der Santería – zwischen politischer Öffnung und wirtschaftlichen Strategien Der rasante Anstieg der Santería-Anhängerschaft seit den Neunzigern35 fällt in eine Zeit bedeutender interner und globaler Veränderungen, in denen Religion und religiöse Akteure mit politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Prozessen interagieren. Dem politischen Signal von 1992, bekennenden Gläubigen die Parteimitgliedschaft zu erlauben, ging ein langjähriger Öffnungsprozess der Regierung gegenüber Vertretern diverser Religionen voran. 1985 richtete das Zentralkomitee der PCC ein Büro für religiöse Angelegenheiten ein, das offizielle Beziehungen zu religiösen Organisationen und Persönlichkeiten etablieren sollte.36 Während viele Santería-Anhänger darin einen Versuch der staatlichen Kontrolle ihrer religiösen Praxis sahen, ergab sich für andere die Perspektive, über eine offizielle Zulassung ausländische Delegationen oder Touristen in ihren privaten Haustempeln zu empfangen. Damit reagierte der Staat auf ein wachsendes weltweites Interesse an afrokubanischen Traditionen, die fortan innerhalb der kubanischen Kultur- und Tourismusindustrie vermarktet wurden. Die vielfältigen, meist folkloristischen Darbietungen erweckten bei vielen Kuba-Reisenden ein spezifisches Interesse an der Religion, was zum Aufkommen eines religiösen Tourismus führte.37 Seit den Neunzigerjahren lassen sich immer mehr Ausländer in die Santería initiieren und gehen dauerhafte reziproke Verbindungen mit ihren kubanischen Paten ein. Diese sehen im Aufbau transnationaler religiöser Netzwerke nicht nur eine Perspektive der ökonomischen Absicherung, sondern auch ein Mittel, um die politische, soziale und kulturelle Isolierung Kubas zu überwinden, über ihre ausländischen Patenkinder eine »Verbindung zur Welt« zu erhalten und damit an Globalisierungsprozessen teilzuhaben. Die kubanische Regierung wiederum registriert positive Sekundäreffekte für die Wirtschaft durch die vielfältigen Formen des Santería-Tourismus und versucht daher, das globale Interesse an der Santería und die damit verbundenen Geldströme, Informationen, Kontakte, Netzwerke etc. zu kanalisieren.38 Die damit beauftragte Institution ist die Asociación Cultural Yoruba de Cuba (ACYC, Kulturelle Vereinigung der Yoruba in Kuba), die 1991 als erste und bis heute einzige staatlich anerkannte Vereinigung von Babalaos zugelassen wurde. Ihre Mitglieder sehen sich als legalisierte offizielle Repräsentanten der Santería im In- und Ausland und genießen eine Reihe von Privilegien. Andere religiöse Eliten fühlen sich durch die hegemoniale Stellung der ACYC strukturell benachteiligt und beschuldigen diese, ein Instrument der Regierung und des staatlichen Tourismus zu sein, das auf die Kommerzialisierung der Santería und die Kontrolle ihrer religiösen Praxis abziele.39 Trotz solcher Kritik inszeniert die ACYC ihre Konformität mit dem System beständig neu. Kürzlich erklärte sie anlässlich einer religiösen Zeremonie zu Ehren von Fidel Castro: »Als Gläubige folgen wir den Vorhaben unserer Götter. Diese bestehen darin, die Entscheidungen unseres Máximo Líder zu verstehen und zu unterstützen.«40 Zur religiösen Symbolik Fidel Castros Die politische Loyalität zu Fidel Castro in den Kreisen der Santería-Anhänger besitzt eine explizit religiöse Komponente. Diese beruht auf der kontinuierlichen Verknüpfung seiner Persönlichkeit mit unzähligen Legenden und Mythen, die in der Interpretation der Santería-Anhänger vielfache religiöse Bezüge erhalten. So gilt die Landung einer weißen Taube auf Castros Schulter bei seiner ersten öffentliche Rede in Havanna am 8. Januar 1959 vielen als Beweis für seine Verbindung mit Oricha Obatalá, der mit der Farbe Weiß und der Orakelzahl acht assoziiert ist und dem Tauben geopfert werden. Einige sehen seitdem in Castro einen Gesandten der Orichas.41 Bereits während der Revolutionskämpfe in der Sierra Maestra sei Castro vielfach in Berührung mit Religion gekommen, denn »fast alle seiner Kombattanten hatten religiöse Glaubensvorstellungen«, glaubt man den Zeugnissen einiger Ex-Kampfgenossen.42 Viele Menschen sind überzeugt, dass Castro all seine Kampfeinsätze sowie die auf ihn verübten Attentate nur durch den Beistand der Orichas überlebte. Einige meiner Informanten behaupteten sogar, Castro sei selbst in die Santería initiiert, darauf deuteten sein buntes Armband, das gelegentlich unter der Uniform hervorscheint, und vor allem seine zahlreichen Besuche in Afrika.43 Auch Argyriadis / Capone zitieren eine Santera, die in einer Fernsehübertragung Fidel Castro in weißer Kleidung bei einem Besuch in Guinea 1986 sah und dies als klares Zeichen für seinen Eintritt in die Religion interpretierte.44 Die Spekulationen über Castros Verbindung mit der Santería zeugen von einer partiellen Überschneidung von religiösem und politischem Charisma und sind vor allem auch im Kontext der gegenwärtigen Konjunktur dieser Religion zu interpretieren. Schluss: Religion in Kuba – ein Sonderfall der Säkularisierung? Die kubanische Religionspolitik machte ähnlich wie in anderen sozialistischen Ländern auf der Ebene der Mitgliedschaft, der ethischen Werte- und Handlungsorientierung sowie der Weltanschauung konkurrierende Angebote zur Religion.45 Santería-Anhänger sahen in der Regel jedoch keinen Widerspruch in einem gleichzeitigen Bekenntnis zur Religion, zur Partei, zur Wissenschaft und zum Sozialismus. Statt Opposition wählten sie in ihrer sozio-religiösen Praxis pragmatische Formen der Koexistenz, ohne dass daraus ein subjektiver Konflikt zwischen ihrer Kondition als Gläubige und als aktive Mitgestalter des Sozialismus entstand. Der Säkularisierungsprozess war damit weniger durchschlagend und nachhaltig als in Osteuropa (mit Ausnahme Polens), denn die Identifikation mit dem sozialistischen Gesellschaftsprojekt konnte das Bedürfnis nach Religion im Alltag nicht ablösen. Wenngleich die Regierung vergleichsweise wenig politische Repression anwandte, erzeugte die Parteipolitik doch allgemeine Vorurteile gegenüber Religion in der Öffentlichkeit. Dem damit verbundenen sozialen Druck wirkten Santería-Anhänger durch Loyali­tät zum System und gezielte Integrationsbestrebungen entgegen. Ihre religiöse Praxis konnten sie durch vielfältige Arrangements innerhalb der sozialistischen Ideologie und Gesellschaftspolitik sowie durch strikte Trennung der privaten und öffentlichen Sphären und Akzeptanz aller damit verbundenen Kompromisse aufrechterhalten. Die gegenwärtige Vitalität der Santería im Alltag lässt die kubanische Gesellschaft alles andere als säkular erscheinen. Im Kontext der sinnstiftenden Funktion von Religion in Umbruchphasen ist die Santería zentrale Ressource und Mobilisierungsfaktor im aktuellen kubanischen Transformationsprozess, den die religiösen Protagonisten auch als soziale, wirtschaftliche und politische Akteure mitgestalten. 1 Die von Beginn an konfliktreichen Beziehungen der katholischen Kirche zur kubanischen Revolutionsregierung wurden in anderen Studien behandelt und finden daher nur am Rande Erwähnung. Siehe u. a. Winfried Muder: Zur Herausbildung und zum Stand des Verhältnisses von Kirche und Staat in Cuba, Frankfurt a. M. 1992; Hugo Arèvalo Sánchez: Die politische und ideologische Entwicklung der katholischen Kirche in Kuba (1959–1986), Diss. Karl-Marx-Universität Leipzig 1989; Berliner Staat-Kirche-Kolloquium: Säkularisierung in Osteuropa. Ursachen und Folgen. [Beigefügt]: Kuba – Castro – Kirche, Berlin 2000; Volker Skierka: Fidel Castro. Eine Biographie, Berlin 2001. 2 Die für diesen Beitrag verwendeten empirischen Quellen (Interviewzitate und Gesprächsprotokolle) wurden bei div. Forschungsaufenthalten in Havanna anlässlich meiner Magisterarbeit (2001) sowie meiner in Arbeit befindlichen religionsethnologischen Dissertation über transnationale Netzwerke in der Santería (2005, 2007) erhoben. 3 Zur historischen Entstehung der Santería sowie zum Konzept der Transculturación siehe Fernando Ortiz: Contrapunteo Cubano del tabaco y el azúcar [Tabak und Zucker. Ein kubanischer Disput], 2. Aufl. Havanna 1983; Miguel Barnet: Afrokubanische Kulte. Die Regla de Ocha. Die Regla de Palo Monte, Frankfurt a. M. 2000; Michael Zeuske: Sklavereien, Emanzipationen und atlantische Weltgeschichte. Essays über Mikrogeschichten, Sklaven, Globalisierungen und Rassismus, Leipzig 2002. 4 Munzinger-Archiv, Internationales Handbuch 10 / 07. 5 Jorge Ramírez Calzadilla: La Religiosidad Popular en Cuba [Die Volksreligiosität in Kuba], in: Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas, Departamento de Estudios Socioreligiosos [Zentrum für psychologische und soziologische Forschung, Abteilung für sozioreligiöse Studien, im Folgenden CIPS] (Hg.): La Religión. Estudio de investigadores cubanos sobre la temática religiosa [Die Religion. Studie kubanischer Forscher über die religiöse Thematik], Havanna 1993, S. 2. 6 Robin Moore: Nationalizing Blackness. Afrocubanismo and Artistic Revolution in Havanna, 1920–1940, Pittsburgh 1997, S. 32. 7 Christine Ayorinde: Afro-Cuban Religiosity, Revolution, and National Identity, Gainesville, Fla. 2004, S. 15; Claudia Rauhut: Zum Umgang mit afrikanischem Kulturerbe auf Kuba. Magisterarbeit am Institut für Ethnologie, Universität Leipzig 2003, unveröffentlicht. 8 Partido Comunista de Cuba: Tesis y Resoluciones [Kommunistische Partei Kubas: Thesen und Beschlüsse], 2. Aufl. Havanna 1978, S. 317. 9 Jorge Ramírez Calzadilla / Anibal Argüelles Mederos: Presencia africana en las expresiones religiosas que se practican en Cuba [Die afrikanische Präsenz in religiösen Ausdrucksformen in Kuba], in: CIPS: La Religión (Anm. 5), S. 48. 10 Partido Comunista de Cuba: Tesis y Resoluciones (Anm. 8), S. 316. Alle spanischsprachigen Zitate wurden von der Verfasserin übersetzt. 11 Ebd. 12 Ebd. 13 Zit. in: Román Orozco / Natalia Bolivar: Cuba Santa. Comunistas, santeros y cristianos en la isla de Fidel Castro [Heiliges Cuba. Kommunisten, Santeros und Christen auf Fidel Castros Insel], Madrid 1998, S. 370. 14 Kali Argyriadis / Stefania Capone: Cubanía et Santería. Les enjeux politiques de la transnationalisation religieuse (La Havane – Miami) [Cubanía und Santería. Die politischen Herausforderungen der religiösen Transnationalisierung], in: Stefania Capone (Hg.): Religions transnationales [Transnationale Religionen] (= Civilisations, vol. LI, no. 1–2), Brüssel 2004, S. 85. 15 Frei Betto: Nachtgespräche mit Fidel, Berlin 1987. 16 Die Theologie der Befreiung entstand aus einer Basisbewegung lateinamerikanischer Christen heraus und wurde 1971 durch den peruanischen Theologen Gustavo Guitierrez als »Teología de la liberación« (Lima: Centro de Estudios y Publicaciones) geprägt. Sie ist vor allem durch marxistische Ansätze inspiriert und kritisiert die Zusammenarbeit der katholischen Kirche mit ausbeuterischen Systemen. Mit der »Option für die Armen« stellte die Theologie der Befreiung eine politische und sozialtheoretische Konvergenz zwischen Christentum und Marxismus her und wurde fortan weltweit in sozialrevolutionären Bewegungen rezipiert. Siehe auch Rául Fornet-Betancourt: Ein anderer Marxismus? Die philosophische Rezeption des Marxismus in Lateinamerika, Mainz 1994, S. 238. 17 Betto: Nachtgespräche mit Fidel (Anm. 15), S. 321–323. 18 Partido Comunista de Cuba: Tesis y Resoluciones (Anm. 8), S. 305. 19 Lázara Menéndez: La santería que yo conozco …[Die Santería, die ich kenne …], in: Anales del Caribe. Centro de Estudios del Caribe [Jahrbuch der Karibik. Zentrum für Karibikforschung] 14–15 (1995), S. 15. 20 Ebd. 21 René Cárdenas Medina: Religión, Producción de Sentido y Revolución [Religion, Sinnproduktion und Revolution], in: Temas No. 4 (1995), S. 9. 22 Betto: Nachtgespräche mit Fidel (Anm.15), S. 156 f. 23 Interview mit dem Religionsforscher Ramírez Calzadilla in Havanna, 20.1.2005. 24 Colectivo del Departamento de Estudios Socioreligiosos / Centro de Investigaciones Psicológicas y Sociológicas [Autorenkollektiv der Abteilung für sozioreligiöse Studien / Zentrum für psychologische und soziologische Forschung]: Panorama de la Religión en Cuba [Panorama der Religion in Kuba], Havanna 1998, S. 72. 25 Fidel Castro / Osvaldo Martínez: Elecciones y Religión en Cuba [Wahlen und Religion in Kuba], Havanna 1998. 26 Aurelio Alonso Tejada: Iglesia y Política en Cuba Revolucionaria [Kirche und Politik im revolutionären Kuba], Havanna 1997, S. 41. 27 Teresita Pedraza: »This too shall pass«: The Resistance and Endurance of Religion in Cuba, in: Cuban Studies 28 (1999), S. 29. 28 Interview mit María C. in Havanna, 17. Juli 2001. 29 Div. Gesprächsprotokolle in Havanna, aufgenommen 2001, 2005, 2007. 30 Interview mit Lucas A. in Havanna, 25. Januar 2005. 31 Uta Karstein / Thomas Schmidt-Lux / Monika Wohlrab-Sahr / Mirko Punken: Säkularisierung als Konflikt? Zur subjektiven Plausibilität des ostdeutschen Säkularisierungsprozesses, in: Berliner Journal für Soziologie 16 (2006), H. 4, S. 453. 32 Interview mit Rafael C. in Havanna, 6. Februar 2005. 33 Arèvalo Sánchez: Die politische und ideologische Entwicklung (Anm. 1), S. 6. 34 Div. Gesprächsprotokolle in Havanna, aufgenommen 2001, 2005, 2007. 35 Siehe Jorge Ramírez Calzadilla: El incremento religioso desde la perspectiva de las ciencias sociales. [Die Zunahme der Religionen aus der Perspektive der Sozialwissenschaften], in: CIPS (Hg.): Globalización Religiosa y Neoliberalismo. III Encuentro International de Estudios Socio-Religiosos. [Religiöse Globalisierung und Neoliberalismus. III. Internationale Tagung über sozioreligiöse Forschung], Naucalpan, Mexiko 2004, S. 295-304. 36 Ebd., S. 5. 37 Claudia Rauhut: Santería in Kuba und ihre translokale Anhängerschaft – Strategien der grenzüberschreitenden Vernetzung, in: Lioba Rossbach de Olmos / Heike Drothbohm (Hg.): Afroamerikanische Kontroversen. Beiträge der Regionalgruppe Afroamerika auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Halle 2005, Marburg 2007, S. 24. 38 Ebd., S. 29. 39 Div. Interviews mit Babalaos in Havanna im Januar / Februar 2007. 40 Granma: Culto de Oración por Fidel, in: www.granma.cubaweb.cu/secciones/siempre_con_fidel/art–029.html, ges. am 12. August 2006. 41 Zit. in: Orozco / Bolívar: Cuba Santa (Anm. 13), S. 478. 42 Ebd., S. 357. 43 Div. Gesprächsprotokolle, aufgenommen 2005 und 2007 in Havanna. 44 Argyriadis / Capone: Cubanía et Santería (Anm. 14), S. 84. 45 Siehe auch Karstein u. a.: Säkularisierung als Konflikt? (Anm. 31), S. 457 f.

JHK 2009

20 Jahre nach dem Massaker: Wem gehört die Bewegung vom Platz des Himmlischen Friedens?

Felix Wemheuer

Das Massaker von 1989 gegen die Massenbewegung vom Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) in Beijing wird bis heute mit der Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) verbunden. Im westlichen Ausland ist es bekannt wie kaum ein anderes Ereignis der chinesischen Geschichte. Nach dem blutigen Einsatz der Armee am 4. Juni 1989 schien die Interpretation in den westlichen Medien klar: Eine antikommunistische Demokratiebewegung von Studenten sei vom Militär blutig niedergeschlagen worden, um den Zusammenbruch des Sozialismus zu verhindern. Sowohl in der akademischen Debatte als auch in Dokumentarfilmen und den Erinnerungen von Zeitzeugen wird die These von der studentischen Demokratiebewegung jedoch zunehmend infrage gestellt. Dieser Artikel stellt den Kampf dar, der um die Bedeutung der Bewegung vom Tiananmen entbrannt ist. Nach einem kurzen Abriss der historischen Ereignisse wird der Umgang der KPCh damit dargestellt sowie die Frage diskutiert, warum Massaker im kollektiven Gedächtnis eine besondere Rolle spielen. Anschließend wird gezeigt, wie Arbeiteraktivisten ihre Erinnerungen konstruieren und wie die studentischen Akteure mit der Frage der Verantwortung umgehen. Schließlich analysiert der Artikel, wie heute angesichts veränderter politischer Konstellationen neue linke Interpretationen die Geschichte neu zu schreiben und die Demonstrationen als Vorboten der Antiglobalisierungsbewegung zu interpretieren versuchen. Ein kurzer Abriss der Bewegung und ihrer Niederschlagung 1988 steckte die Reformpolitik der KPCh in einer Krise. Korruption und rapide Inflation gaben großen Teilen der urbanen Bevölkerung das Gefühl, vom Wirtschaftsaufschwung nicht mehr zu profitieren. Der konkrete Auslöser der Bewegung in Beijing war der Tod des früheren Parteichefs Hu Yaobang, der sich 1987 auf die Seite protestierender Studenten gestellt hatte und dafür abgesetzt worden war. Am 17. April 1989 zogen circa 2000 Studenten der Elitehochschule Peking-Universität auf den Platz des Himmlischen Friedens, um Hus Rehabilitierung zu fordern. Drei Tage später führte ein Zusammenstoß mit der Polizei zur Radikalisierung der Bewegung. In der Folge besetzten die Demonstranten den Platz und gründeten unabhängige Studentenverbände. Parallel dazu entstand am 19. April die unabhängige »Autonome Arbeiterföderation« (gongzilian), die in Beijing bis zum Massaker 20000 registrierte Mitglieder gewinnen konnte.1 Proteste gegen die Verurteilung der Bewegung als »konterrevolutionärer Aufruhr« (fangeming dongluan) durch das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, Renmin Ribao (Volkszeitung), sowie ein Hungerstreik von Tausenden auf dem Platz führten dazu, dass sich Hunderttausende der Bewegung anschlossen. Verhandlungen zwischen Regierung und Studentenvertretern scheiterten mehrfach. Die drohenden Repressionen führten zur Solidarisierung von Arbeitern und der Stadtbevölkerung mit den Studenten. Im innerparteilichen Machtkampf schalteten die Hardliner den gemäßigten Staatspräsidenten Zhao Ziyang aus. Am 17. Mai gingen schließlich über eine Million Beijinger Bürger auf die Straße. Als zwei Tage später das Kriegsrecht verhängt wurde, ignorierten es Hunderttausende einfach. Die Menschen blockierten die Straßen, sodass die Armee nicht ins Stadtzentrum vordringen konnte. Studenten und Jugendliche aus ganz China kamen nach Beijing, um den Platz zu verteidigen; in vielen Provinzhauptstädten brachen Proteste gegen den Ausnahmezustand aus. Erst zwei Wochen später entschied sich die Regierung für ein gewaltsames Vorgehen. Durch die blutige Niederschlagung des Widerstands gegen das Vorrücken der Armee gelang es ihr am 4. Juni, den Platz zu räumen. Nach Angaben des chinesischen Roten Kreuzes, die aber später wieder dementiert wurden, starben durch den Einsatz der Armee insgesamt 2600 Menschen.2 Die meisten Toten gab es dabei nicht auf dem Platz selbst, sondern auf den großen Zufahrtsstraßen. Durch eine landesweite Repressionswelle gelang es der Kommunistischen Partei, nach einigen Wochen heftiger Kämpfe im ganzen Land die Bewegung zu zerschlagen und die »Ordnung« wiederherzustellen. Vom »konterrevolutionären Aufruhr« zur Tabuisierung: die offizielle Darstellung Direkt nach dem 4. Juni versuchte die chinesische Regierung zunächst, ihre Darstellung offensiv zu propagieren, statt, wie später, den »Zwischenfall« weitgehend zu tabuisieren. Fernsehsendungen und Propagandabroschüren3 verbreiteten die These vom »konterrevolutionären Aufruf«. 1990 wurden sogar zahlreiche Dokumentarfilme produziert, die beweisen sollten, dass »schwarze Hände« im Hintergrund und ausländische Agenten einen konterrevolutionären Umsturz geplant hätten. Die Soldaten wurden als die eigentlichen Opfer dargestellt und »Rowdys« bzw. »Konterrevolutionäre« als Täter präsentiert. Die Demonstranten hätten die Soldaten gewaltsam angegriffen, als die Armee am 3. Juni versuchte, zum Tiananmen-Platz vorzurücken. Auf dem Platz selbst sei niemand gestorben. Verschwiegen wurde dabei allerdings der wochenlang friedliche Charakter der Demonstrationen, bevor die Armee gewaltsam vordrang. Im Bereich der internationalen Beziehungen wählte die chinesische Regierung die neutrale bzw. verharmlosende Bezeichnung »Zwischenfall vom 4. Juni« (liusi shijian). Diesen Begriff müssen Diplomaten bis heute benutzen, wenn sie den chinesischen Verhandlungspartner nicht verärgern möchten. Das Wort »Massaker« (datusha) mit seinem hohen Symbolwert konnte auf diese Art meist vermieden werden. Empört reagierte die chinesische Regierung dagegen, als ein japanisches Schulbuch 2005 das Nanjing-Massaker (Nanjing datusha) von 1937, bei dem nach offiziellen chinesischen Angaben 300 000 Menschen ermordet wurden, als »Zwischenfall von Nanjing« (Nanjing shijian) bezeichnete. Die offensive Propagierung der offiziellen Darstellung wich schon in den darauffolgenden Jahren immer mehr einer Tabuisierung. In einigen chinesischen Abhandlungen über die Geschichte des Platzes des Himmlischen Friedens wird das Ereignis nicht einmal erwähnt, Lehrbücher zur Geschichte der Volksrepublik China geben knapp die offizielle Version von 1989 wieder.4 Die KPCh scheint es für besser zu halten, wenn die Nachgeborenen nur wenig über die Bewegung von 1989 wissen. Führende Politiker wie Li Peng, Jiang Zemin, Hu Jintao oder Wen Jiabao haben im Ausland oder auf Pressekonferenzen den Einsatz der Armee im Nachhinein damit gerechtfertigt, dass China seit 1989 eine Periode der Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs durchlaufen habe. Bei diesen Äußerungen gingen sie aber nie im Detail auf das Ereignis ein. Was mögen die Gründe für die Wortkargheit bezüglich des 4. Juni sein? Es gibt in der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung seit 1949 die Regel, negative Ereignisse »lieber in groben Zügen als detailliert« darzustellen. Außerdem befürchten die Verantwortlichen vermutlich, dass eine ausführliche Thematisierung erneut die Gefahr einer Spaltung der Partei heraufbeschwören würde. Dass der Platz überhaupt über sechs Wochen besetzt werden konnte, ist nur vor dem Hintergrund der damaligen Lähmung des Systems zu begreifen: Die Reformer in der Parteiführung hofften, durch die Bewegung Auftrieb zu bekommen, während die Hardliner um Li Peng Interesse an einer Eskalierung des Konflikts hatten, um die Unfähigkeit ihrer Widersacher in der Führung zu beweisen. In dieser Situation nahmen viele Kader erst einmal eine abwartende Haltung ein. Ein Eingeständnis der KPCh, dass der Militäreinsatz ein Fehler war, könnte auch heute noch zur Spaltung der KPCh führen, da Vertreter der unterschiedlichen Fraktionen in die Führung um Hu Jintao und Wen Jiabao integriert sind. Angesichts dieser Problematik darf einerseits die offizielle Festlegung auf einen »konterrevolutionären Aufruhr« nicht infrage gestellt und anderseits das Ereignis nicht detailliert thematisiert werden. Die »Tiananmen-Akte« und die Geister der Kulturrevolution Die Rolle der verschiedenen Akteure auf der Regierungsebene wurde 2001 durch die Veröffentlichung der sogenannten Tiananmen-Akte außerhalb der VR China erneut zum Thema. Von chinesischen Informanten, die anonym bleiben wollten, wurde Andrew Nathan, Professor an der New Yorker Columbia University, eine Sammlung von Geheimdokumenten der höchsten Regierungsebene zugespielt. Namhafte US-amerikanische Chinaexperten wie Perry Link oder Orville Schell sprachen sich für die Echtheit der Dokumente aus, obwohl ihnen klar war, dass die chinesischen Informanten politische Absichten verfolgten: die Rehabilitierung des gemäßigten Flügels um Zhao Ziyang und die Wiederbelebung der politischen Reformen.5 Ein Hauptargument für die Echtheit ist, dass die Geheimdokumente keine wesentlichen Punkte enthalten, die dem widersprechen, was ohnehin schon bekannt war. Man könne deshalb davon ausgehen, dass die Dokumente nicht einfach fabriziert worden seien.6 Auch die in den geheimen Dokumenten erwähnte Zahl der Toten und Verletzten, die am 6. Juni von Li Peng genannt worden sein soll, stimmt mit späteren offiziellen Verlautbarungen überein: 23 Tote unter den Soldaten der Notstandstruppen und etwa 200 unter den »Aufständischen« sowie 5000 verwundete Soldaten und über 2000 verletzte Bürger.7 Andere Chinaexperten bezweifelten die Echtheit der Unterlagen bzw. bestritten ihren Charakter als Geheimdokumente. Alfred Chan hält die Akte für eine Zusammenstellung von öffentlich zugänglichen und halb offiziellen Quellen sowie Fälschungen.8 Das Beispiel der Tiananmen-Akte zeigt die große Bedeutung von Archiven als Speicher der Macht und die Wichtigkeit der Frage, wer das Entscheidungsmonopol über Speicherung, Zugänglichkeitskriterien und Veröffentlichungen besitzt. Laut den Geheimdokumenten tragen der damalige Präsident Zhao Ziyang und seine engsten Mitarbeiter keine Mitschuld an der Verhängung des Ausnahmezustands. Nach einem Stimmenpatt im Ständigen Ausschuss des Politbüros – zwei zu zwei bei einer Enthaltung – wurde sie demnach am 18. Mai vom Ältestenrat zusammen mit einigen Vertretern des Ständigen Ausschusses sowie Deng Xiaoping beschlossen. Der Ältestenrat war eigentlich eingerichtet worden, um den Greisen der Revolution einen würdigen Rückzug aus den führenden Positionen zu ermöglichen; Deng hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch die Funktion des Leiters der Militärkommission des ZK inne. Die Mitglieder des Ältestenrats erscheinen in den Dokumenten neben Li Peng als die eigentlichen Hardliner. Ein Aspekt, der 1989 in der Debatte kaum eine Rolle spielte, waren die Erinnerungen der Akteure in der Regierung an die Kulturrevolution. Viele der älteren Entscheidungsträger in Partei und Regierung waren Opfer der Kulturrevolution und fühlten sich durch das Auftreten der Studenten an die Roten Gardisten erinnert, die 1966 / 67 Parteifunktionäre kritisiert und auch terrorisiert hatten. In der besagten Sitzung vom 18. Mai, auf der die Verhängung des Kriegsrechts beschlossen wurde, beschworen mehrere Redner die Gefahr eines großen Chaos und Bürgerkriegs. So sagte zum Beispiel Peng Zhen, bezogen auf die Demonstrationen: »Wir dürfen das nicht in zügellose Gesetzlosigkeit ausufern lassen wie in der Kulturrevolution. Haben wir davon beim ersten Mal nicht genug gehabt?«9 Auch Deng Xiaoping, Bo Yibo und Li Xiannan, die wie Peng Zheng während der Kulturrevolution ihre Posten vorübergehend verloren hatten, äußerten sich in dieser Richtung.10 Eine psychologisierende Lesart der Ereignisse – dass die alten Männer durch das Auftreten der Studenten retraumatisiert wurden und das Kriegsrecht verhängten, um nicht noch einmal ein solches Trauma zu erleben – wäre durchaus möglich. Der Publizist Ian Buruma war vielleicht von den besagten Stellen aus der Tiananmen-Akte beeinflusst, als er über den Studentenvertreter Wu Erkaixi schrieb: »Wer könnte die Bilder vergessen, als er im Mai nach dem ersten Hungerstreik, soeben vom Krankenbett aufgestanden und noch im Schlafanzug, wie ein großes Baby an seiner Sauerstoffflasche nuckelte und Premier Li Peng in der Großen Halle des Volkes mit dem Finger drohte – eine absurde Anspielung auf die ›Kampfsitzungen‹ der Kulturrevolution, bei denen Studenten ihre Oberen oft zu Tode gefoltert hatten. Doch besaß der Student diesmal keine Macht, und wenn jemand Gewalt anwendete, dann der Obere (…).«11 Auch wenn Wu Erkaixi nicht auf die Kulturrevolution angespielt haben sollte, ist die Erfahrung mit Massenbewegungen, die außer Kontrolle gerieten, für die KPCh prägend gewesen. Die meisten Parteiführer zogen aus den »Zehn Jahren Chaos« die Lehre, dass es keine spontanen Massenbewegungen mehr geben und die politische Kontrolle nicht gelockert werde dürfe. Auch die Betonung des Rechtsstaats sollte und soll nach wie vor eher spontane Gewaltanwendung von unten unterbinden als die Macht der Zentralregierung einschränken. Die Beschwörung der Gefahr von Chaos und Bürgerkrieg im Fall des Sturzes der KPCh ist bis heute eines der wichtigsten Legitimationsargumente der Einparteienherrschaft und wird immer noch von Teilen der Bevölkerung, besonders den Intellektuellen, geglaubt. Massaker im nationalen und globalen Gedächtnis Das Tiananmen-Massaker besitzt alle notwendigen Eigenschaften, um weltweit wahrgenommen und im globalen kollektiven Gedächtnis gespeichert zu werden: Der 4. Juni ist zu einem symbolisch aufgeladenen Datum geworden, an dem besonders in Hongkong jährliche Gedächtnisfeiern stattfinden. Der Platz des Himmlischen Friedens ist ein konkreter Ort, der besonders von westlichen Touristen bis heute als Symbol des Massakers wahrgenommen wird. Zusätzlich wurde das Foto des »Panzermanns«, der sich allein einem anrollenden Panzer in den Weg stellt, zu einem Symbol für den Kampf um Freiheit, das global verstanden und auf T-Shirts und Postern tausendfach reproduziert wurde. Da die Bewegung vom Tiananmen ein internationales Medienereignis darstellte, war noch nicht einmal eine öffentlichkeitswirksame Gruppe von Zeitzeugen oder Intellektuellen nötig, um Aufmerksamkeit herzustellen. Der französische Soziologe Maurice Halbwachs stellte schon 1941 die These auf, dass abstrakte Prinzipien und Wahrheiten keinen Halt im kollektiven Gedächtnis der Menschen haben, wenn sie sich nicht in konkreten Orten und Menschen manifestieren oder durch sie symbolisiert werden können.12 Soziale Gruppen konstruieren sich laut Halbwachs ein kollektives Gedächtnis, das ihren jeweils aktuellen Bedürfnissen entspricht, und eine dazugehörige Topografie von Gedächtnisorten. Das Massaker scheint besonders geeignet zu sein, sich als Symbol im kollektiven Gedächtnis zu etablieren. Es ist ein unverhältnismäßiger Einsatz von staatlicher Gewalt gegen Zivilisten, Unbeteiligte oder Kriegsgefangene, die eigentlich durch das Völker- und Kriegsrecht geschützt sind – ein Massenmord unter grausamen Umständen. Viele Beobachter fragten sich 1989, weshalb die chinesische Regierung auf Demonstranten schießen ließ, während Mao die Massendemonstration auf dem Tiananmen 1976 von der Miliz mit Bambusstöcken auseinandertreiben ließ. Im Unterschied zu manchen anderen Formen der Gewalt, die in Kriegen, Bürgerkriegen oder Revolutionen ausgeübt werden, scheinen bei Massakern die Rollen von Gut und Böse sowie Opfer und Täter klar verteilt zu sein. Nanjing 1937, Katyn 1940, Lidice 1942, Oradour 1944, der 28. Februar 1947 in Taiwan, Deir Jassin 1948, My Lai 1968, der 2. Oktober 1968 in Mexiko-Stadt, der »Blutsonntag« in Derry 1972 oder Srebrenica 1995 sind zu universellen Symbolen der Grausamkeit der jeweiligen Besatzungs- bzw. Staatsmacht und Kernelementen nationaler Geschichtsschreibungen oder alternativer Gegenerzählungen geworden.13 Ronald Francisco weist darauf hin, dass selbst Diktatoren in ein Dilemma geraten, wenn sie die Entscheidung treffen, Massaker anzurichten, weil Gewalt gegen friedliche Massen die Legitimität des Regimes zerstören oder sogar mobilisierend auf die Opposition wirken kann.14 Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Massaker in den globalen oder nationalen Gedächtnisdiskursen berücksichtigt wird. Das Andijon-Massaker am 13. Mai 2005 in Usbekistan, bei dem immerhin 400 bis 600 Demonstranten getötet wurden, verschwand nach kurzer Zeit wieder aus den westlichen Medien – Usbekistan ist schließlich Verbündeter im sogenannten »Krieg gegen den Terror«. Das Tiananmen-Massaker ereignete sich hingegen während der Reform- und Entspannungspolitik der Gorbatschow-Ära und am Vorabend der finalen Krise des Staatssozialismus des sowjetischen Blocks. Der Einsatz der Armee wurde von den westlichen Medien daher als blutiger Rettungsversuch eines zum Untergang verurteilten Systems interpretiert. Der Zusammenbruch der Herrschaft der KPCh ist allerdings bis heute ausgeblieben. Keine studentische Demokratiebewegung? Akademische Zweifel Während die offizielle Interpretation der Ereignisse in China als konterrevolutionärer Aufruhr ihre damaligen Darstellungen der westlichen Medien als Revolte gegen den Kommunismus indirekt bestätigt, werden in der akademischen Aufarbeitung Zweifel geäußert. Elizabeth Perry, Professorin in Harvard und Expertin für soziale Unruhen im modernen China, stellt in ihrer Interpretation das westliche Bild einer Demokratiebewegung infrage. Die Studenten seien während der Proteste vielmehr im Sinne der konfuzianischen Tradition als moralisches Gewissen der Nation aufgetreten.15 In dieser Tradition gibt es den moralisch vorbildlichen Gelehrten, der für das Volk beim Kaiser wegen Korruption und Machtmissbrauch von Beamten vorspricht. Um ein Beispiel zu nennen: Studentenvertreter knieten nieder, als sie vor der Großen Halle des Volkes ihre erste Petition übergaben. Viele Studenten unterstützten Zhao Ziyang, den Kopf der Reformfraktion in der Regierung, der allerdings zum Rücktritt als Staatspräsident gezwungen wurde und der Bewegung nicht mehr helfen konnte. Obwohl die Vertreter der Arbeiter schon Ende April die Studenten von einer Allianz und einem gemeinsamen Aufruf zum Generalstreik überzeugen wollten, dauerte es einen Monat, bis erste Studentendelegationen in die Fabriken geschickt wurden. Zwar ließen sich die Studenten, die den Platz besetzt hatten, von Händlern und Arbeitern versorgen, nahmen diese jedoch nicht als gleichberechtigte Partner wahr. Sie verstanden sich als Elite, die das Recht habe, im Namen der Nation zu sprechen. Die Hierarchie im Bildungssystem wurde laut Perry auf die Bewegung übertragen. Die Studenten der Eliteuniversitäten gaben den Ton an, und ältere Intellektuelle, die auf den Platz kamen, hatten besonders große Autorität, wenn sie hohe Posten im Kulturapparat besaßen.16 Auch Rudolf Wagner zeigt, dass sich die Studenten als moralische Opposition gegen Korruption und Machtmissbrauch inszenierten, indem sie zentrale Symbole des Staates wie den Platz des Himmlischen Friedens oder das Denkmal der Volkshelden mit eigenen Inhalten besetzten. Mit ihrem positiven Bezug auf die 5.-Mai-Bewegung von 1919, die »Wissenschaft und Demokratie« gefordert hatte, versuchten sie, der Partei dieses Erbe zu entreißen. Nach 1949 war der Platz zum heiligen Ort des neuen China, auf dem Aufmärsche und Paraden stattfanden, geworden. Vom Eingang der Verbotenen Stadt hatte Mao die Volksrepublik China ausgerufen. Wie Perry glaubt auch Wagner, dass die Studenten von sich aus keinen Versuch unternahmen, sich mit den Arbeitern und der Bevölkerung Pekings zu verbünden. Sie hätten vielmehr eine Konfrontation mit dem Staat verursacht, indem sie versuchten, die Symbole der Macht neu zu besetzen. Die Forderungen nach »Demokratie« (mingzhu) und »Freiheit« (ziyou) meinten nicht unbedingt die parlamentarische Demokratie und den liberalen Kapitalismus, sondern waren sehr verschwommen; sie beriefen sich auf das Versprechen der KPCh, dass eigentlich das Volk der Herr im Neuen China sein sollte. Die kommunistische Rhetorik von Volk und Massenlinie wurde gegen die Regierung gewandt. So endete der letzte Aufruf der Studentenvertreterin Chai Ling nach dem Massaker mit den Worten »Nieder mit den Faschisten« und sprach davon, dass aus dem »faschistischen« Angriff eine neue, echte Volksrepu­blik geboren würde.17 Die Studenten machten zwar den Anfang und stellten in Peking den harten Kern der Bewegung dar. Nachdem eine Million Menschen gegen das Kriegsrecht auf die Straße gegangen waren, wurde aus ihren Protesten eine breite Volksbewegung, an der sich fast alle Schichten beteiligten. Als die Truppen am 4. Juni den Platz erreichten, waren jedoch alle Teilnehmer bis auf circa 4000 Menschen geflohen.18 Auch wenn die Studenten beim »Casting« der Harvard-Professorin Perry in Sachen Demokratie schlechte Noten bekommen, muss doch gesagt werden, dass Tausende von ihnen bereit waren, im Kampf gegen die Staatsgewalt ihr Leben einzusetzen. Die Studenten nur als privilegierte Vertreter einer Elite zu sehen, die schneller an die Macht kommen wollte, greift daher meiner Ansicht nach viel zu kurz und wird dem Charakter der Bewegung nicht gerecht. Erinnerungen von Arbeitern: Von der proletarischen Revolte zum legalen Widerstand Die Proteste der Arbeiter unterschieden sich von denen der Studenten. Die Gründung der »Autonomen Arbeiter-Föderation« erfolgte spontan, und ihre Gründer lernten sich erst auf dem Platz kennen. Im Gegensatz zu den Studenten, die überwiegend auf der Seite von Zhao Ziyang standen, versuchten die Arbeiter nicht, in die Fraktionskämpfe in der Partei einzugreifen. Ihre Rhetorik war viel stärker vom egalitären und antibürokratischen Vokabular der Kulturrevolution geprägt als von westlichen Demokratiediskursen. Ihre Reden und Flugblätter stellten konkrete soziale und politische Probleme in den Vordergrund, ein moralischer Zugang war ihnen fremd.19 Die negativen sozialen Folgen der Reformpolitik wie Inflation, Preissteigerungen und die Privilegien der Parteibürokraten spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Aktivisten aus der einfachen Bevölkerung konnten häufig nicht ins Ausland fliehen und im Exil ihre Geschichte medienwirksam erzählen. In einem der wenigen Artikel, die auf den Erinnerungen von Arbeitern beruhen, beschweren sich geflohene Aktivisten bitter über die Studenten, die sie nicht ernst genommen hätten.20 Gegenüber den »ungebildeten« Arbeitern hätten sie sich arrogant verhalten. Der damalige Eisenbahnarbeiter und Mitbegründer der »Autonomen Arbeiter-Föderation«, Han Donfang, ist bis heute die Personifizierung des Arbeiterwiderstands auf dem Tiananmen-Platz. Han betreibt inzwischen von Hongkong aus die Website »China Labour Bulletin«21 und ist bemüht, die Erinnerungen an Tiananmen wachzuhalten. Die Website sammelt und verbreitet Berichte über Streiks und Arbeiterunruhen auf dem Festland. Seit einigen Jahren legt »China Labour Bulletin« seinen Schwerpunkt auf Rechtsberatung in Arbeitskonflikten, arbeitet mit NGOs zusammen und will den Eindruck vermeiden, eine Untergrundgewerkschaft in China organisieren zu wollen. Es soll eine Beschränkung auf gewerkschaftliche Themen erfolgen, anstatt die chinesische Regierung mit politischer Kritik herauszufordern. Diese neue Haltung scheint sich auch auf Hans Erinnerungen ausgewirkt zu haben. In einem Interview der britischen New Left Review von 2005 betont er mehrfach, dass die Arbeiter 1989 nur die Studenten unterstützen wollten und glaubten, die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft sei durch die chinesische Verfassung gedeckt: »Der Grund, warum die Arbeiter auf die Straße gingen, war, dass sie die Studenten moralisch unterstützen wollten wie große Brüder, aber sie wollten nichts Bestimmtes für sich selbst erreichen. Als wir die Fabrikarbeiter fragten, sagten sie, sie wollten, dass die Regierung die Studenten besser behandelt – weiter nichts.«22 Obwohl Han tatsächlich versuchte, die Autonome Arbeiter-Förderation behördlich registrieren zu lassen, scheint er seine Vergangenheit im Sinne der gegenwärtigen Strategie von »China Labour Bulletin« zu konstruieren. Die Flugblätter der Autonomen Arbeiter-Förderation attackierten die »Bürokraten« und »Diktatoren« tatsächlich scharf mit einer Klassenkampfrhetorik und forderten Demokratie sowie die Abschaffung des Beamtentums auf Lebenszeit. Die Organisation versuchte, unter Arbeitern, Studenten und Geschäftsleuten Einheit herzustellen. Auch wenn die Autonome Arbeiter-Förderation in Hans Erinnerungen einen legalistischen und unpolitischen Charakter bekommt, war die proletarische Revolte von 1989 noch kein »legaler Widerstand«. Visuelle Repräsentationen und die Schuldfrage Im Medienzeitalter ist die Visualisierung von Ereignissen für das kollektive Gedächtnis besonders wichtig. Auch zu den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurden zahlreiche Dokumentarfilme gedreht.23 Zu heftigen Kontroversen führte der dreistündige Film The Gate of Heavenly Peace (1995) von Carma Hinton und Richard Gordon, der international große Aufmerksamkeit erzielte.24 In der aufwendig produzierten und recherchierten Dokumentation kommen führende Akteure der Studenten, Arbeiter, Intellektuellen und Parteikader der Fraktion um Zhao Ziyang zu Wort, die ins Exil gegangen sind. Obwohl Hinton und Gordon mit den Demonstranten sympathisieren, zeigt der Film keinen Kampf zwischen Gut und Böse, sondern eine tief gespaltene chinesische Regierung, die zerstrittenen Studentenvertretern gegenüberstand. Emotionalisierung und Radikalismus auf beiden Seiten verhinderten eine Verhandlungslösung, so die unausgesprochene Botschaft des Films. Prügeleien zwischen verschiedenen Fraktionen der Studenten um die Kontrolle der Lautsprecher auf dem Platz stehen symbolisch für den Machtkampf innerhalb der Demonstranten. Der Zuschauer bekommt darüber hinaus den Eindruck, dass die Studenten und Arbeiter die Regierung auf dem Boden des egalitären Erbes des Kommunismus angriffen, anstatt von westlichen Demokratievorstellungen beeinflusst zu sein. Die sozialistische Vergangenheit und ihre Symbole standen noch hoch im Kurs. Die Studenten »verhafteten« etwa Arbeiter, die Dreck auf das große Bild von Mao Zedong am Eingang zur Verbotenen Stadt geworfen hatten, und übergaben sie der Polizei. Obwohl The Gate of Heavenly Peace um eine kritische Reflexion in der Rückschau bemüht ist, wurden Hinton und Gordon in der US-amerikanischen Dissidentenszene der chinesischen Exilanten stark angefeindet. Der ehemalige Studentenführer Bai Meng beschuldigte die Regisseure, tödlichere Waffen gegen die »Kinder vom Tiananmen« einzusetzen als die chinesische Regierung. Chai Ling, die »Kommandantin des Hauptquartiers zur Verteidigung des Tiananmen-Platzes«, sprach von einem Versuch, die Demokratiebewegung in moderate und radikale Kräfte zu spalten.25 Anhänger des Films konterten, indem sie diesen Kritiken eine totalitäre Sprache unterstellten und den Dissidenten vorwarfen, ihre Gegner mit Verschwörungstheorien zu verleumden;26 daran zeige sich, dass diese in einer kommunistischen Mentalität gefangen seien. Ian Buruma, der die zentralen Akteure im Exil interviewte, fasst seine Erfahrungen wie folgt zusammen: »So fand ich bei meinen Gesprächen mit chinesischen Exilanten und Aktivisten fast keinen, der an den anderen ein gutes Haar ließ. Bei egal welchem Namen bekam man zu hören, der Betreffende sei ein Lügner, Agent der Regierung, Spion, Opportunist, Gangster, Extremist und durch Sex, Macht oder beides korrumpiert.«27 Hinter den emotionalen Auseinandersetzungen über The Gate of Heavenly Peace steht auch die Frage der Verantwortung. Der Film wirft die Frage auf, warum der harte Kern der Demonstranten trotz wiederholter Aufforderung der Regierung und Armee den Platz nicht vor dem 4. Juni räumte – und deutet damit an, dass möglicherweise auch Studentenführer eine Mitschuld am Scheitern einer Verhandlungslösung trugen. Den Zuschauern wird der Eindruck vermittelt, die erwähnte Chai Ling habe das Blutbad gewollt, um das chinesische Volk aufzurütteln, und habe andere geopfert, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.28 Im Film wird Chai Ling in Originalaufnahmen während der Ereignisse gezeigt, sie erscheint sehr emotional und sogar hysterisch. Die anderen Studentenführer und Intellektuellen kommen hingegen in Interviews im Exil zu Wort und wirken reflektierter. Laut dem Studentenführer Li Lu war der Platz wie eine kleine Republik, er war der einzige öffentliche Raum, den sich die Bewegung erkämpft hatte.29 Eine Räumung wäre deshalb das Eingeständnis der vollständigen Niederlage gewesen. Außerdem bedienten sich nicht nur Chai Ling, sondern fast alle Gruppen der Studenten besonders während des Hungerstreiks einer von den Kommunisten entlehnten Märtyrerrhetorik und sprachen davon, ihr Leben im Kampf für das Vaterland zu opfern. Auch wenn Hinton und Gordon deutliche Sympathien für die Studenten erkennen lassen, kommt ihre implizite Einteilung in vernünftige Gemäßigte und emotionale Radikale der offiziellen Version von den gefährlichen Rädelsführern im Hintergrund, die den Patriotismus der Masse ausnutzten, doch gefährlich nahe. In der Kontroverse um den Film wird außerdem deutlich, dass die Fraktionierung auf dem Platz des Himmlischen Friedens sich auch in den Erinnerungen widerspiegelt. Li Lu versucht auch in seinem Buch Moving the Mountain, ein widerspruchsfreies Heldenepos zu erzählen. Laut seinen Erinnerungen unternahmen Chai Ling, Feng Congde und er selbst alles, um Chaos auf dem Platz zu verhindern, und versuchten sogar, aufgebrachte Massen an der Stürmung der Großen Halle des Volkes, des chinesischen Parlamentsgebäudes, zu hindern.30 Andere Studentenvertreter wie Wan Dan oder Wang Zhaohua äußerten sich dagegen selbstkritisch zu ihrer Rolle und zeigten in Michael Apteds gleichnamigem Dokumentarfilm Moving the Montain gewisse Schuldgefühle, zur Eskalation der Auseinandersetzung beigetragen bzw. zu wenig zum Schutz ihrer Kommilitonen unternommen zu haben. The Gate of Heavenly Peace wirft die Schuldfrage auch in dem Sinne auf, ob die gesamte chinesische Regierung oder nur die Hardliner für den Militäreinsatz verantwortlich waren. Selbst wenn es Hinton und Gordon nicht beabsichtigt haben, könnte ihre »Erzählung«, dass die Hardliner auf beiden Seiten schuld waren, zu einer Relativierung der Verantwortung des Militärs und der Parteiführung für das Blutbad führen. Beginn der Antiglobalisierungsbewegung? Linke Interpretationen 1989 präsentierten westliche Medien die Tiananmen-Bewegung noch als Revolte gegen den Kommunismus. Heute sind es interessanterweise eher Linke im Westen und in China, die sich positiv auf das Ereignis beziehen. Dabei spielt sowohl eine Kritik am Neoliberalismus eine Rolle als auch der Versuch, neue revolutionäre Subjekte zu konstruieren. Wang Hui, der Herausgeber der Zeitschrift Dushu (»Lesen«), der als wichtiger Kopf der neuen Linken in China gehandelt wird, glaubt, dass die Niederschlagung der Tiananmen-Bewegung die Voraussetzung für die Durchsetzung des Kapitalismus in China war. Nach 1989 wurden Liberalisierung und Kapitalisierung der Gesellschaft – eine Entwicklung, die Wang als Neoliberalismus bezeichnet – in einem Tempo fortgesetzt, wie es niemand für möglich gehalten hatte. Wang, damals Mitglied der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, beteiligte sich an den Protesten und verließ den Platz mit den letzten Demonstranten in den frühen Morgenstunden des 4. Juni. Nachdem er untergetaucht war, kehrte er im Winter 1989 nach Beijing zurück, worauf er verhaftet und mit anderen Wissenschaftlern zur »Umerziehung« aufs Land geschickt wurde. Die Bewegung vom Platz des Himmlischen Friedens war für ihn in erster Line eine soziale Bewegung, die sich gegen die Korruption und Bereicherung der Funktionäre richtete, schreibt Wang heute.31 Die fehlende demokratische Kontrolle der Funktionäre sei der Grund dafür gewesen, dass die Privatisierung der Industrie und die Liberalisierung des Marktes die Korruption treibhausartig förderten. Die Themen Demokratie und soziale Gerechtigkeit waren daher eng miteinander verbunden. Wang Hui ist der Ansicht, die Bewegung sei falsch interpretiert worden, weil damals das Paradigma vom »Ende der Geschichte« in Mode war. In Wirklichkeit seien die Ereignisse von 1989 ein Vorbote der Antiglobalisierungsbewegung gewesen, die 1999 mit den Protesten gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF) in Seattle erstmals deutlich öffentlich in Erscheinung trat.32 Da die chinesischen Intellektuellen den Charakter der Bewegung falsch interpretiert hätten, sei ihnen deren Zusammenhang mit dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus entgangen. Auch wenn die direkte Ursache für das Scheitern der Bewegung ihre Niederschlagung durch den Staat war, sei indirekt aber auch die Unfähigkeit der Akteure, die Forderungen nach Demokratie und sozialer Gleichheit zu verbinden, schuld gewesen. Für Wang hatten die Proteste nicht das Ende des Staatssozialismus zum Ziel, sondern waren der Beginn der globalen »Bewegung der Bewegungen« und damit leider ihrer Zeit voraus. Gemäß dieser Interpretation würde das Massaker nicht in das »Schwarzbuch des Kommunismus« gehören, sondern in das »Schwarzbuch des Kapitalismus«. In diese Richtung geht auch der ehemalige Oxford-Professor David Harvey. Auf dem Cover seiner Kleinen Geschichte des Neoliberalismus sind Ronald Reagan, Deng Xiaoping, Augusto Pinochet und Margaret Thatcher abgebildet.33 Harvey sieht den Neoliberalismus als Verbindung von Marktradikalismus und staatlicher Repression. Fraglich ist jedoch, ob man die Politik Dengs wirklich als neoliberal beschreiben kann, da Grund und Boden sowie Teile der Industrie in China immer noch in staatlicher Hand sind. Besondere Aufmerksamkeit schenken der Tiananmen-Bewegung linke Theorien, die versuchen, revolutionäre Subjekte neu zu denken. Viele Beobachter kritisierten damals den Mangel an Führung, klaren Konzepten und einheitlichem Vorgehen bei den Verhandlungen mit Regierungsvertretern. Keiner der Gruppen gelang es, Verbände zu gründen, die von allen als Repräsentation anerkannt wurden. Dass Chai Ling oder der Uigure Wu Erkaixi als Studentenführer berühmt wurden, hing vielleicht eher damit zusammen, dass die westlichen Reporter, die das Ereignis in die ganze Welt trugen, repräsentative Interviewpartner brauchten. Außerdem musste die chinesische Regierung der Öffentlichkeit nach der Niederschlagung Drahtzieher und Hintermänner präsentieren. In Wirklichkeit scheint es aber weder eine anerkannte Führung noch eine charismatische Führerpersönlichkeit gegeben zu haben. Gerade das Diffuse und die Heterogenität der Bewegung werden heute jedoch von einigen wichtigen linken Theoretikern als besonders positiv und zukunftsweisend bewertet. Sowohl Antonio Negri als auch Giorgio Agamben sind auf der Suche nach revolutionären Subjekten, die nicht durch repräsentative Formen von Politik immer wieder vom Staat eingebunden werden können. An die Stelle eines einheitlichen und homogenen revolutionären Subjekts wie der Arbeiterklasse, der unterdrückten Völker oder der Frau soll eine subversive Einheit der Vielfalt treten. Antonio Negri und Michael Hardt stellen in Empire, ihrem internationalen Bestseller und dem erfolgreichsten Buch der Harvard University Press aller Zeiten, die »Multitude«, eine heterogene Menge, dem globalen Empire der kapitalistischen Souveränität gegenüber. Der Band wurde in der sogenannten Antiglobalisierungsbewegung begeistert aufgenommen. Negri und Hardt versuchen, den Marxismus mit dem französischen Poststrukturalismus zu verbinden. Die »Multitude« – ein Begriff, der auf Spinoza zurückgeht – braucht nach Ansicht der Autoren kein hierarchisches Programm, keine klare Identität oder Repräsentation von Parteien, sondern agiert direkt gegen das Empire, global, jedoch nicht vereinheitlicht. Laut Negri und Hardt trat sie bei der ersten palästinensischen Intifada Ende 1987, auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 sowie bei den Unruhen in Los Angeles 1992 in Erscheinung.34 Die Autoren gehen allerdings nicht im Detail auf die Ereignisse in China ein. Auch Giorgio Agambens Bücher über den Ausnahmezustand führten sowohl in linken Bewegungen als auch im akademischen Bereich zu lebhaften Diskussionen. Anknüpfend an Carl Schmitts Prämisse »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet«, analysiert Agamben die Einschränkung der Bürgerrechte im sogenannten »Krieg gegen den Terror« sowie das Verhältnis von Rechtsstaat und Ausnahmezustand.35 Obwohl er sich nicht explizit auf die Verhängung des Kriegsrechts in China bezieht, sieht er einen Zusammenhang zwischen dem Charakter der Tiananmen-Bewegung und ihrer Niederschlagung. Agamben versucht, die unklaren und vielfältigen Identitäten und das Fehlen einer Repräsentation theoretisch zu fassen: »Am auffälligsten an den Demonstrationen des Chinesischen Mai ist in der Tat der relative Mangel an klar umrissenen inhaltlichen Forderungen (Demokratie und Freiheit sind als Begriffe zu allgemein, um einen realen Konfliktgegenstand zu bilden, und die einzige konkrete Forderung, die Rehabilitierung Hu Yao Bangs, wurde prompt erhört). Umso unerklärlicher erscheint die Gewalt der staatlichen Reaktion. Dennoch, wahrscheinlich ist das Missverständnis nur ein scheinbares und die chinesische Führung hat, aus ihrer Sicht, mit vollkommener Klarheit gehandelt. Auf dem Tiananmen-Platz sah der Staat sich dem gegenüber, was weder repräsentiert werden kann noch will, und was sich trotzdem als eine Gemeinschaft und als gemeinsames Leben präsentiert (und das unabhängig davon, ob die auf dem Platz Anwesenden sich dessen tatsächlich bewusst waren […]). Wo immer diese Singularitäten friedlich ihr gemeinsames Sein bekunden werden, dort wird Tiananmen sein und früher oder später werden die Panzer auffahren.“36 Da die Bewegung weder klare Forderungen stellte noch klare Identitäten repräsentierte und keine Formen der Repräsentation hervorbrachte, die sich kanalisieren ließen, scheiterten alle Versuche der Regierung, mit Vertretern Kompromisse auszuhandeln oder die Bewegung zu spalten. Als Ausweg boten sich die Verhängung des Kriegsrechts und das Massaker an. Auch Agamben betrachtet das Massaker nicht nur als Teil der Geschichte des Sozialismus, sondern auch als Teil der Geschichte der Staatsgewalt, alle unrepräsentierbaren Formen von Widerstand zu vernichten, notfalls mithilfe des Ausnahmezustands, der das geltende Recht außer Kraft setzt und trotzdem Teil fast jeder staatlichen Rechtsordnung ist. Vorwerfen kann man Negri / Hardt und Agamben natürlich, dass sie die Bewegung vom Tiananmen nur deswegen so gut in ihre Theorien einbinden können, weil sie sich nicht im Detail mit ihr beschäftigt haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch, wie ein und dasselbe Ereignis sowohl als antikommunistische Revolte und Massaker durch Kommunisten als auch als Widerstand gegen das kapitalistische Weltsystem und Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung desselben interpretiert werden kann. Als komplexe, hybride und diffuse Geschehnisse sind die Proteste vom Platz des Himmlichen Friedens besonders gut geeignet, als Knetmasse für »Erzählungen« völlig unterschiedlich modelliert zu werden. Der Kampf um die Bedeutung von Tiananmen ist auch 20 Jahre danach noch lange nicht zu Ende. 1 Siehe Andrew Walder / Gong Xiaoxia: Workers in the Tiananmen Protest: The Politics of the Beijing Workers’ Autonomous Federation, in: The Australian Journal of Chinese Affairs 29 (1993), S. 1–29, http://tsquare.tv/links/Walder.html, ges. am 20. 2. 2008. 2 Eine Übersicht der Opferzahlen findet sich unter http://de.wikipedia.org/wiki/Tian’anmen-Massaker, ges. am 20. 5. 2008. 3 Siehe z. B. Zhonggong Beijing shiwei xuanchuanbu [Propagandabüro der Kommunistischen Partei des Stadtkomitees Beijing](Hg.): Pingxi fangeming dongluan [Die Niederschlagung des konterrevolutionären Aufruhrs], Beijing 1989 und Zhonggong Beijing shiwei xuanchuanbu [Propagandabüro der Kommunis­tischen Partei des Stadtkomitees Beijing] (Hg.): Xuechao, dongluan, fangeming baoluan zhenxiang [Die Wahrheit über die Studentenrevolte, den Aufruhr und den konterrevolutionären Putsch], Beijing 1989. 4 Siehe z. B. Zhongguo renmingongheguo guoshixuehui [Komitee für Staatsgeschichte der Volksrepublik China](Hg.): Xinzhongguo guoshi jiaoyu – xuesheng duben [Erziehung in der Staatsgeschichte des Neuen Chinas – Lesebuch für Schüler], Changchun 1999, S. 234 f. 5 Andrew J. Nathan / Perry Link (Hg.): Die Tiananmen-Akte: Die Geheimdokumente der chinesischen Führung zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens, Berlin 2001, S. 711. 6 Ebd., S. 724. 7 Ebd., S. 654 f. 8 Alfred Chan: The Tiananmen Papers Revisited, in: The China Quarterly 177 (2004), S. 190–205. 9 Nathan / Link (Hg.): Die Tiananmen-Akte (Anm. 5), S. 351. 10 Siehe ebd., S. 310, 347 u. 570. 11 Ian Buruma: Chinas Rebellen – Die Dissidenten und der Aufbruch in eine neue Gesellschaft, München 2004, S. 42. 12 Maurice Halbwachs: Stätten der Verkündigungen im Heiligen Land, Konstanz 2003, S. 163. 13 Diese Ereignisse sind eine unvollständige Auswahl aus dem 20. Jahrhundert. Zu Massakern in der Weltgeschichte siehe Eric Carlton: Massacres – An historical perspective, Aldershot 1994 sowie Mark Levene / Penny Roberts: Massacre in history, New York 1999. 14 Ronald Francisco: The Dictator’s Dilemma, in: Christian Davenport (Hg.): Repression and Mobilization, London 2005. 15 Elizabeth J. Perry: Casting a Chinese »Democracy« Movement: The Roles of Students, Workers and Entrepreneurs, in: Jeffrey N. Wasserstrom (Hg.): Popular Protest and Political Culture in Modern China, Boulder, Colo. 1994, S. 74–92, hier S. 79. 16 Perry: Casting a Chinese »Democracy« Movement (Anm. 15), S. 78. 17 Gregor Benton (Hg.): Wild Lily, Prairie Fire: China’s Road to Democracy, Yan’n to Tian’anmen, 1942–1989, Princeton 1995, S. 294. 18 Siehe Zhao Dingxin: The Power of Tiananmen: State-Society Relations and the 1989 Beijing Student Movement, Chicago 2001, S. xxvi. 19 Siehe Walder / Gong: Workers in the Tiananmen Protest (Anm. 1). 20 Siehe ebd. 21 www.china-labour.org.hk/en (ges. am 20. 2. 2008). 22 Han Dongfang: Chinese Labour Struggle, in: New Left Review 34 (2005); online unter www.newleftreview.org/?view=2571 (ges. am 20. 2. 2008). 23 Eine Übersicht über Dokumentarfilme zu dem Ereignis findet sich bei Pauline Chen: Screening History: New Documentaries on the Tiananmen Events in China, in: Cineaste 22 (1996), H. 1, S. 18–23; online unter www.lib.berkeley.edu/MRC/Tianamen.html (ges. am 20. 2. 2008). 24 Website des Films: http://tsquare.tv/ (ges. am 20. 2. 2008). 25 Siehe Geremie Barmé: The Rhetoric of Democratic Denunciation, 1999, in: http://tsquare.tv/film/Totnost.html, ges. am 20. 2. 2008. 26 Ye Ren: The Democracy Movement in Exile is Trapped by Communist Mentality, 1995, in: http://tsquare.tv/film/YeRen.html, ges. am 20. 2. 2008. 27 Buruma: Chinas Rebellen (Anm. 11), S. 39 f. 28 Für eine Gegendarstellung zur Kritik an Chai Ling siehe Feng Congde: Tiananmen zhi zheng: liu si de guanjian neiqing [Der Kampf auf dem Tiananmen], New York 1998. 29 Li Lu: Moving the Mountain: My Life in China, London 1990, S. 184. 30 Ebd., S. 135–165. 31 Wang Hui: China’s New Order, Cambridge, Mass. 2003, S. 57. 32 Ebd., S. 64. 33 David Harvey: A Brief History of Neoliberalism, Oxford 2005. 34 Antonio Negri / Michael Hardt: Empire – Die neue Weltordnung, Frankfurt a. M. 2002, S. 67. 35 Giorgio Agamben: Homo sacer: Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, Frankfurt a. M. 2002, S. 175–189. 36 Giorgio Agamben: Mittel ohne Zweck – Noten zur Politik, Berlin 2001, S. 87.

JHK 2009

Zerbrochene Zeit – Erinnerungen an Lagerhaft und Deportation in der Volksrepublik China

Klaus Mühlhahn

Lange Zeit ist die Psychologie unter dem Einfluss Freuds davon ausgegangen, dass Opfer von traumatischen Ereignissen wie Krieg, Folter oder Vergewaltigung eine Amnesie erleiden bzw. dazu neigen, die Erinnerung an das Erlittene zu verdrängen. Eine neuere Studie demonstriert hingegen das Gegenteil: Überlebende von extremen Ereignissen zeigten in klinischen Tests des Psychologen Richard McNally eine »beeinträchtigte Fähigkeit, verstörendes Material zu vergessen«.1 Opfer traumatischer Erfahrungen waren noch nach vielen Jahren und Jahrzehnten in der Lage, eine detailgetreue Rekonstruktion des traumatischen Ereignisses, der konkreten Umstände und der beteiligten Personen zu liefern. Traumatische Ereignisse tendieren demnach dazu, frühere Erinnerungen zu überlagern und zu überschreiben. Oft genug markiert das Trauma in der Erinnerung eine Bruchstelle. Der Druck der Gewaltereignisse und Verletzungen lässt das Kontinuum von Temporalität zerbrechen, es gibt nur noch ein Davor und ein Danach. Traumata trennen so die Vergangenheit von der Gegenwart ab und beeinträchtigen damit auch die Fähigkeit, eine Zukunft zu denken. Im Mittelpunkt des folgenden Beitrags stehen drei Texte chinesischer Gegenwartsschriftsteller, die sich mit dem Erinnern traumatischer Erlebnisse auseinandersetzen und in ähnlicher Weise vom Zerbrechen der Zeit berichten. Das Trauma, das die Texte beschreiben, ist das der langjährigen Haft in einem Lager zur »Umerziehung durch Arbeit« (laodong gaizao, abgekürzt laogai) in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Mit verschiedenen literarischen Techniken versuchen die Autoren ihre Erinnerungen im Text darzustellen, um so die verletzenden Ereignisse und deren Spätfolgen zu verarbeiten. Durch das schriftliche Festhalten einer Grenzerfahrung wollen sie sich zum einen von den erlittenen Verletzungen und posttraumatischen Nachwirkungen emanzipieren und sie überwinden, zum anderen geben sie der Hoffnung Ausdruck, die Weitergabe ihrer Erfahrungen sei wichtig für nachfolgende Generationen. Gedächtnis, Erinnerung und Verarbeitung sind in allen hier diskutierten Texten daher aufs Engste miteinander verbunden. Die Analyse der Texte gibt sowohl Aufschluss über das Trauma der Lagerhaft an sich als auch über die heutige Auseinandersetzung mit diesen Vorgängen. Umerziehung durch Arbeit in der Volksrepublik China »Umerziehung durch Arbeit« war bis 1994 offiziell die Hauptform des Strafvollzugs in der Volksrepublik (VR) China.2 Sie bestand, wie die chinesische Bezeichnung erkennen lässt, aus zwei Komponenten: erstens körperlicher Arbeit (laodong) und zweitens Umgestaltung (gaizao) der Weltanschauung und des subjektiven Bewusstseins der Häftlinge. Es handelt sich dabei um ein Zwangsinstrument der »demokratischen Diktatur des Volkes« über die sogenannten »Feinde des Volkes«. Zwar galt man in der Regel aufgrund seiner Taten, d. h. Vergehen, als »Feind« des Volkes, einige Gruppen jedoch auch einfach aufgrund ihrer sozialen Herkunft. Die für die chinesische politische Terminologie typische Kurzformel »di-fu-fan-huai-you« benennt fünf Gruppen als »Feinde« des Volkes: Grundherren, reiche Bauern, Konterrevolutionäre, Schlechte Elemente (huai fenzi, ein unbestimmter Rechtsbegriff, der in der Rechtsprechung unter anderem auf Gewalttäter, »Arbeitsscheue«, gewohnheits­mäßige Betrüger und Taschendiebe sowie Prostituierte angewandt wurde) und die sogenannten »Rechtsabweichler«, denen vorgeworfen wurde, zugunsten einer rechtsgerichteten und revisionistischen Politik von der Parteilinie abgewichen zu sein. Mao Zedong mutmaßte öffentlich, dass ca. fünf Prozent der Bevölkerung zu diesen Gruppen zu rechnen seien.3 Auf Grundlage dieser breiten und dehnbaren Kategorien wurden neben Kriminellen auch große Teile der Intelligenz und der Elite, inklusive eines Teils der Nomenklatur der VR, gezwungen, sich laogai zu unterziehen. Von 1949 bis 1978 entstand ein weit verzweigter, undurchsichtiger Arbeitslagerkomplex, in den durch zahlreiche Kampagnen und Massenbewegungen viele Angehörige der oben genannten Gruppen deportiert wurden. Die wichtigsten Bewegungen waren die Bewegung zur Niederschlagung der Konterrevolution (1951 / 52), die Landreform (1951), die Bewegung gegen Rechtsabweichler (1957 / 58), der Große Sprung nach vorne (1958–1969) und die Kulturrevolution (1968–1976). Im Zusammenhang mit diesen Bewegungen und Kampagnen kam es zu Masseninhaftierungen, Schauprozessen, Hinrichtungen und Deportationen. Zwei verschiedene gesetzliche Bestimmungen lieferten die Rechtsgrundlage: Deportationen wurden veranlasst entweder auf Grundlage der Verhängung der dreijährigen, unbegrenzt verlängerbaren Administrativstrafe »Umerziehung durch Arbeit« (laodong jiaoyang) durch ein Büro für Öffentliche Sicherheit oder aufgrund einer Verurteilung zu einer befristeten Freiheitsstrafe »Umformung durch Arbeit« (laodong gaizao) durch ein ordentliches Gericht. Die Haftbedingungen beider Strafen unterschieden sich allerdings in der Praxis kaum. Die Haftstrafe sollte das Bewusstsein des Delinquenten verändern und sein inneres Wesen, seine Anschauungen und Überzeugungen, korrigieren. Da die Umgestaltung der Weltsicht als unabdingbare Voraussetzung für die Schaffung eines gebesserten und reformierten neuen Menschen (xinren) betrachtet wurde, hatte der Arbeitslager-Komplex von Anfang an eine umfassende gesellschaftliche Funktion und sollte beim Aufbau des Sozialismus eine wichtige Rolle spielen. Die Laogai-Anstalten hatten die Aufgabe, die »demokratische Diktatur des Volkes« auszuüben. Laogai diente folglich der Konsolidierung der VR-Herrschaft und sollte die Bevölkerung durch Isolierung und Umerziehung der Feinde des Volkes zum vereinten Aufbau einer neuen Gesellschaft mobilisieren. Kurzfristig sollte laogai die sozialen und politischen Gegenkräfte neutralisieren. Das eigentliche, langfristige Ziel aber war es, deviante Gruppen langfristig für den Staat zu gewinnen und neue Menschen aus ihnen zu formen. Die Zahl der Häftlinge in China war und ist ein Staatsgeheimnis, verlässliche Zahlen liegen nicht vor. Nach offiziellen Dokumenten wurden im Laufe der Fünfziger- und Sechzigerjahre circa 2000 Arbeitslager geschaffen. Dies legt nahe, von mindestens 20 Millionen Häftlingen auszugehen. Noch schwieriger ist es, über Todesraten Auskunft zu geben. Viele Häftlinge berichten von hoher Sterblichkeit in den Lagern, insbesondere während der Zeit des Großen Sprungs. Jean-Luc Domenach schätzt, dass etwa 8–10 Millionen Menschen in den chinesischen Lagern umkamen.4 Ab Mitte der Siebzigerjahre wurden die Überlebenden entlassen und rehabilitiert. Nach Verhaftung und Verurteilung der »Viererbande« gestand die VR Chinas 1978 offiziell »Fehler« ihrer Politik in der Vergangenheit ein und räumte auch ein, dass ca. 30 000 Menschen im Zusammenhang der Kulturrevolution ums Leben gekommen seien. Mit diesem Eingeständnis sollte ein Schlussstrich unter die Vorkommnisse der Vergangenheit gezogen und eine weitere Diskussion vermieden werden. Die Verantwortung schob man der Viererbande zu, während die Partei an sich entlastet wurde. Das einzige Forum, in dem eine Thematisierung der traumatischen Vorgänge der Vergangenheit möglich war, war die Literatur. Schon Ende der Siebzigerjahre entstand die Strömung der Gefängnisliteratur (Daqiang Wenxue).5 Bekannteste Beispiele sind die Autoren Zhang Xianliang (geb. 1936), Cong Weixi (geb. 1933), der als Begründer der neueren Gefängnis- oder Lagerliteratur gilt, sowie Wang Ruowang (1917–2001). Neben fiktio­naler Literatur, die in der Welt der Umerziehungslager angesiedelt war, erschienen in den Achtziger- und Neunzigerjahren zunehmend auch autobiografische Texte, die Hafterfahrungen und -erlebnisse thematisieren. In einem System, in dem Politik beinahe jeden Aspekt des Lebens dominiert, kann es nicht überraschen, dass auch die Literatur immer eine politische Dimension aufweist. Wie Perry Link aufgezeigt hat, ist literarische Kontrolle in der VR China von sich abwechselnden Phasen der Kontrolle und Lockerung gekennzeichnet.6 Während verschiedener Phasen der Lockerung (1978–1980, 1988 und 1992–1994) wurde unter anderem auch die Publikation von Literatur erlaubt, die sich mit dem Trauma der Haft beschäftigt. Die Veröffentlichung dieser Texte verfolgte fraglos einen politischen Zweck; ihr konkreter politischer Nutzen lässt sich zusammenfassen mit der chinesischen Wendung yiku sitian (Die bittere Vergangenheit erinnern und über die süße Gegenwart nachdenken). Indem sie zeigen, aus welcher bitteren Vergangenheit der pragmatische Reformer Deng Xiaoping China geführt hat, dienen solche Werke der Legitimation der Reformpolitik, sie ermöglichen aber zugleich den Schriftstellern und Lesern, sich mit ihren persönlichen Schicksalen unter Mao auseinanderzusetzen. Bittere Vergangenheit – Wang Ruowangs Trilogie des Hungers Der erste Autor in China, der sich überhaupt im Rahmen einer Autobiografie mit seiner Vergangenheit als Umerziehungshäftling beschäftigt hat, ist Wang Ruowang. Sein Leben spiegelt die dunkle Seite der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert wider: Wang, der am 19. Dezember 2001 im Alter von 83 Jahren in New York verstarb, wurde als Dissident von drei verschiedenen chinesischen Regimes inhaftiert: von Chiang Kai-shek in den Dreißiger­jahren, von Mao Zedong in den Fünfziger- und nochmals in den Sechzigerjahren, und dann von Deng Xiaoping nach der Studentenbewegung von 1989, die Wang vehement unterstützt hatte. Sein wichtigstes Werk schrieb Wang 1979, ein Jahr später wurde es unter dem Titel ji’e san bu qu (»Trilogie des Hungers«) veröffentlicht.7 Es war vermutlich die erste legale Publikation in China, die die Erfahrungen der Haft unter Mao thematisiert.8 Das Buch ist ein autobiografisch inspirierter Roman, der auf persönlichen Erlebnissen des Autors basiert.9 Ein Ich-Erzähler beschreibt drei Phasen, in denen er jeweils schlimmen Hunger erleiden musste. Im ersten Teil werden Hafterfahrungen in einem Gefängnis der Republik-Zeit geschildert. Während seiner Inhaftierung im Jahr 1934 – der Erzähler ist gerade 16 Jahre alt – teilt er seine Zelle mit einer gut organisierten Gruppe von Kommunisten. Den Häftlingen gelingt es, die Gefängnisleitung durch einen Hungerstreik dazu zu bringen, ihnen eine bessere Nahrungsversorgung zuzusichern. Im Zuge einer allgemeinen Amnestie wird der Protagonist schließlich entlassen. Im zweiten Teil wird dargestellt, wie sich eine kleine Gruppe von Kämpfern, darunter der Autor, 1942 auf der Flucht vor der japanischen Armee in der Wildnis verliert und ohne Proviant zurückfinden muss. Diese Hungererfahrung findet in der solidarischen Gemeinschaft des Kampfverbands statt. Die Soldaten wissen darüber hinaus, dass sie die Sympathie und Unterstützung der Bauern haben und Hilfe von ihnen erhalten werden. Im dritten Teil gerät der Ich-Erzähler abermals in Haft. 1966 wird er als Konterrevolutionär von seiner Einheit den Behörden übergeben und in ein Gefängnis in Shanghai gebracht. Befand sich der Protagonist zuvor stets zusammen mit Gleichgesinnten in einer Notlage, so war er jetzt unter Zellengenossen, die aus verschiedensten Bereichen der Gesellschaft kamen. Insgesamt 16 Häftlinge teilten sich eine Zelle, die eigentlich für vier Gefangene gebaut war. Drückende Platznot und die dauernde Angst vor Denunzianten machen gemeinsame Aktionen unmöglich. Die sogenannten »Feinde des Volkes« wurden einem systematischen Nahrungsentzug ausgesetzt, ihren Angehörigen war es verboten, ihnen Lebensmittel zu bringen. Die Gefangenen waren schließlich nur noch »halb am Leben«. Vergleicht man die drei Teile miteinander, zeigt sich, dass der Erzähler den erlittenen Hunger jedes Mal anders erlebt. In der solidarischen Gemeinschaft der kommunistischen Zelle erscheint er ihm relativ leicht zu ertragen. Zudem ist in dieser Situation Widerstand gegen die Behörden möglich. In den Sechzigerjahren hingegen wird Hunger von den Behörden bewusst und systematisch als Instrument der Bestrafung eingesetzt. In der Enge einer Zelle und angesichts der Unüberwindbarkeit der Mauern und Zäune war Widerstand kaum möglich und zwecklos. Wangs zentrales Anliegen ist aber nicht die Beschreibung von Leiden, sondern die Frage nach den Ursachen für eine politisch verursachte Katastrophe, die viele Menschen das Leben kostete. Die Insassen selbst nennen in ihren Gesprächen die Viererbande ebenso wie »den Alten«, also Mao Zedong, als Urheber. Doch der Autor lenkt den Blick des Lesers auf tiefer liegende Ursachen. Wie die Geschichten der Häftlinge dokumentieren, sind sie alle der Partei blindlings und unkritisch in die Katastrophe gefolgt. Warnzeichen wurden übersehen; kritisches Bewusstsein wurde der Parteilinie untergeordnet. Zum Beispiel lernen wir Häftling Nr. 1296 kennen, der versucht Selbstmord zu begehen, indem er seinen Kopf gegen die Wand schlägt. Die erschrockenen Zellengenossen erfahren, dass er in einer Kritik- und Kampfsitzung seine Frau anklagen musste und sie daraufhin in ein Lager gebracht wurde. Doch dies ist nur der spektakulärste Fall. Im Grunde haben sich alle Zelleninsassen in irgendeiner Form an den Kampagnen und Bewegungen beteiligt, die unschuldige Menschen in die Lager brachten. Unter Druck oder aus Angst haben sie Nachbarn, Kollegen und Familienmitglieder angeklagt. Gegen Ende des Buchs wird ein älterer Kader und Revolutionär mit folgenden Worten zitiert: »Es wird nicht lange dauern, bis ich Marx treffen werde. Wenn ich mein Leben überdenke, denke ich nicht, dass ich umsonst gelebt habe – außer dass ich nicht in der Lage bin, der Partei gegenüberzutreten, denn 1957 und 1958 habe ich mehr als zehn hochrangige Intellektuelle fälschlicherweise für Rechtsabweichler gehalten, obgleich sie in Wahrheit alle talentierte Leute waren, die für ihr Land arbeiteten. […] Wir haben den Aufstieg der Viererbande nicht verhindert, weil wir unsere Köpfe nicht benutzten, sondern blind den höchsten Direktiven folgten. Das ist eine Schande für die kommunistische Partei. Wegen meiner Blindheit behandelte ich meine Genossen wie Feinde. Es war wie ein Pfeilschuss, den ich auf einen Feind abgab und der letztendlich auf mich zurückfiel.«10 Die Erfahrung der Haft während der Kulturrevolution ist gekennzeichnet durch zwei Aspekte. Zum einen ist dies die Ohnmacht gegenüber dem Nahrungsentzug, der für die Häftlinge lebensbedrohlich ist. Wie Wangs Buch deutlich macht, gab es auch unter den anderen Regierungen quälenden Hunger, aber nur im Sozialismus wurde er systematisch als Mittel des Terrors und der Todesangst eingesetzt. Zum anderen erscheint als charakteristisch, dass das Gefühl von Ohnmacht auch durch die Erkenntnis der eigenen Mitschuld erzeugt wird. Die Opfer fühlen sich mitverantwortlich nicht nur für ihr eigenes Leiden, sondern auch für das Leiden anderer. Die Interpretation des Texts als Verarbeitung eines Traumas verweist auf zwei Aspekte: Erstens ist es vielen Opfern wichtig, ihr Leid mitzuteilen. Viele Überlebende traumatischer Ereignisse entschließen sich daher, ihre Erfahrung niederzuschreiben. Der Psychiater und Holocaust-Überlebende Dori Laub schrieb: »There is, in each survivor, an imperative need to tell and thus come to know one’s story.«11 Erzählen kann helfen, sich von dem Geschehenen zu distanzieren und zu emanzipieren, indem der Überlebende es in einen neuen Lebenszusammenhang integriert, der über das Trauma hinausreicht. Zweitens ist die Zeugenaussage, wenn sie über ein von Menschen verursachtes Trauma berichtet, immer auch eine Anklage. Die Literatur der Überlebenden kann politische Wirkung entfalten, sie kann die kollektive Sicht der Dinge aufgrund der ihr eingeräumten Authentizität verändern. Indem sie ihre Erlebnisse schildern, werden die Opfer zu Anklägern. Ob sie gehört werden, hängt natürlich von den jeweiligen historischen und politischen Umständen ab. Unauslöschliche Erinnerungen: Zhang Xianliangs Gewohnt zu sterben Der Schriftsteller Zhang Xianliang hat mehrere literarische Werke publiziert, in deren Mittelpunkt das Universum der Arbeitslager steht. Wegen eines Gedichts aus dem Jahr 1957 musste er insgesamt 22 Jahre in den Lagern verbringen. Der im Januar 1989 veröffentlichte Roman Xiguan siwang (»Gewohnt zu sterben«) behandelt vor allem die Nachwirkungen und Spätfolgen einer Laogai-Erfahrung.12 Auch hier handelt es sich um eine Ich-Erzählung, die autobiografische Elemente enthält, und auch dieser Roman weist eine vergleichsweise strenge formale Komposition auf. Er hat fünf Teile, wobei der mittlere Teil den Höhepunkt darstellt. Der größte Unterschied zwischen den Werken von Wang Ruowang und Zhang Xianliang liegt jedoch in der Form der Wirklichkeitsdarstellung. Die im Großen und Ganzen mimetische Erzählweise der Trilogie des Hungers wurde vom Autor in Gewohnt zu sterben aufgegeben. In diesem Werk gibt es kein lineares Handlungsmuster mehr. Zhang Xianliang verzichtet zudem auf die Entwicklung einer einheitlichen Erzählperspektive, ja sogar auf eine stabile Erzählerfigur. Es finden sich im personalen Erzählstil geschriebene Kapitel neben in der Ich-Form erzählten Abschnitten sowie Passagen in Form eines Dialogs zwischen einem »Ich« und einem »Er«. Es existiert nur ein grober Handlungsrahmen, der sich erst im Laufe der Lektüre allmählich herauskristallisiert: Ein renommierter Schriftsteller reist Mitte der Achtzigerjahre in mehrere Städte der USA und Europas. Er nimmt an Kongressen teil, vor allem aber trifft er mit verschiedenen Geliebten zusammen. Als er Gerüchte vernimmt, er werde für sein neuestes Buch in China kritisiert, steigt in ihm sofort Angst vor einer politischen Kampagne auf. Durchsetzt ist die gesamte Reise von plötzlich wach werdenden Erinnerungen an den Aufenthalt des Protagonisten in einem Lager zur »Umerziehung durch Arbeit«, vermutlich in den Sechzigerjahren. Der Romananfang spielt in einem Umerziehungslager. In personaler Erzählperspektive wird berichtet, wie eine namentlich nicht näher bezeichnete Person (»Er«) während des Abendappells auf einem der Umerziehung durch Arbeit dienenden Staatsgut aus Verzweiflung beschließt, sich zu töten. Er schleicht sich in der Nacht zum Dreschplatz, wo er sich erhängen will. Kurz zuvor verlässt ihn jedoch der Mut: »Er hatte sich den Strick nicht um den Hals gelegt. Er hielt ihn in der Hand und schlurfte in seinen zerrissenen Schuhen in die Baracke zurück. Hier trennte ich mich von ihm. Ich sah, dass er eine zitternde weiße Rauchfahne hinter sich herschleppte, die sich im Dunkel auflöste. Das waren seine Feigheit und seine Unentschlossenheit, die aus seinem Scheitel ausgetreten waren. Seitdem war er in diesen weißen Rauch gehüllt, der misslungene Selbstmordversuch hatte seinen Mut völlig zerstört.«13 Von diesem Zeitpunkt an ist das erzählende Subjekt zerrissen und in zwei Persönlichkeiten gespalten: »Ich« und »Er«. »Ich« begleitet »Er« kritisch über viele Jahre hinweg, beobachtet und beäugt ihn mit Misstrauen. Der Roman ist eigentlich ein zwischen dem erzählenden Subjekt (»Ich«) und dem erzählten Objekt (»Er«), geführtes Zwiegespräch. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, die komplexe, in sich widersprüchliche Innen- und Gefühlswelt einer Person entstehen zu lassen. Zweifel, Ängste, Schuldgefühle und Reflexionen dominieren den assoziativ gestalteten Erzählfluss. Die Erinnerungen an die Lagerhaft brechen immer wieder hervor und überlagern die Gegenwart. Die Haft in einem Umerziehungslager erscheint als ein Universum des Leidens und vor allem des Todes. In Kapitel 14–22 des dritten Teils wird geschildert, wie der Protagonist im Krankenrevier des Arbeitslagers irrtümlich für tot erklärt und mit tatsächlichen Leichen zusammen in die Leichenkammer gebracht wird. Ein Häftling, der früher Arzt war, erkennt dort, dass er noch am Leben ist. Täglich werden Tote zur Leichenkammer gebracht. Da nicht ausreichend Särge vorhanden sind, werden sie in Strohmatten gewickelt und in Massengräbern verscharrt. Im Lager ist der Protagonist gezwungen, sich an den Tod zu gewöhnen (dies deutet auch der Titel des Romans an). Noch viele Jahre nach seiner Freilassung wird der Protagonist regelmäßig von diesen Erinnerungen heimgesucht. Immer wieder unterbrechen Angstvorstellungen den Erzählfluss, beherrschen extreme Gewalterfahrungen das Bewusstsein. Sie machen die Figur unfähig zu einem normalen Leben: »Wenn das Sterben zum Hauptinhalt im Leben eines Menschen geworden war, welchen ›Sinn‹ hatte es dann noch zu leben?«14 Das Ausgeliefertsein an die Vergangenheit, das Aufbrechen von Vorstellungen, Bildern und Gefühlen machen es ihm auch unmöglich zu schreiben. Erzählung, Traum und Wirklichkeit, Vision und Erleben gehen ineinander über und werden ununterscheidbar. Manchmal ist der Erzähler sich unsicher, ob er überhaupt wirklich lebt oder ob seine Existenz als erfolgreicher Schriftsteller nicht vielmehr der Traum eines noch inhaftierten Lagerinsassen ist. Dann wieder weiß er nicht mehr, ob er wirklich jemals im Lager war und wie er überleben konnte.15 Eine andere Schwierigkeit des Schreibens resultiert aus der Furcht vor den möglichen Folgen der schriftstellerischen Tätigkeit in China: Als er im vierten Kapitel des vierten Teils hört, dass einer seiner Romane angeblich kritisiert wurde, bekommt der Protagonist Todesangst: »Erneut kritisiert wurde er wegen eines Romans, der erschienen war, ehe er in die USA reiste, also musste man bei der Erörterung der Gründe, warum er kritisiert wurde, bis dahin zurückgehen, als er zum Stift gegriffen und das erste Schriftzeichen von jenem Buch geschrieben hatte. Aber das Buch hatte er geschrieben, weil er so viele Jahre im Arbeitslager verbracht hatte, also muss der Grund für die neuerliche Kritik, die er erfuhr, bis zu jenem Tag zurückgeführt werden, als man ihn ins Arbeitslager steckte. Ins Arbeitslager aber war er gekommen, weil er während der Kampagne gegen die Rechten kritisiert worden war, also ließ sich die Sache noch weiter zurückführen, und es ergab sich, dass er kritisiert wurde, weil er kritisiert worden war. Damit war er mit einem Mal in einen Teufelskreis geraten.«16 Immer wieder zögert er weiterzuschreiben und kündigt an einer Stelle gar an, abzubrechen. Von seiner Struktur und Erzählperspektive her betreibt der Roman eine radikale Introspektion. Die Erhebung der Innerlichkeit zu einer völlig selbstständigen Welt wird mit den Nachwirkungen der extremen Lagererfahrungen erklärt. Sie ist aber nicht nur psychologisch interpretierbar, sondern enthält auch ein entscheidendes Werturteil über die Wirklichkeit. Die »Selbstgenügsamkeit der Subjektivität« (Lukács) ist eine verzweifelte Notwehr, ist das Aufgeben jedes bereits a priori als aussichtslos und nur als Erniedrigung und Destruktion angesehenen Kampfes um die Realisierung des Selbst in der Welt. Das Selbst hat in der Welt aufgrund einer traumatischen existenziellen Erfahrung seinen Platz verloren. Im Mittelpunkt des Romans von Wang Ruowang stand die Absicht, geschehenes Unrecht zu dokumentieren und darüber Zeugnis abzulegen. Bei Zhang Xianliang geht es hingegen um die langfristigen Folgen einer extremen Erfahrung von Gewalt und Ohnmacht. Da diese mit den Mitteln einer traditionellen Erzählweise nicht mehr darstellbar zu sein scheinen, verwendet der Roman eine fragmentarische, assoziative Erzähltechnik. Er zeigt überzeugend, wie schwerwiegend und anhaltend die psychischen Verletzungen und Nachwirkungen der Haft sind. Nach Entlassung und Rehabilitation konnten die Überlebenden nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und übergangslos an ihre frühere Existenz anschließen, wie es von Politik und Gesellschaft in China gewünscht wurde. Vorstöße in die Abgründe der Vergangenheit: Zhang Xianliangs Lager-Tagebücher In dem 1994 in der VR China erschienenen Roman Mein Bodhi-Baum wählt Zhang Xianliang einen anderen, direkten und unvermittelten Zugang zum Trauma der Lagerhaft. Dem Werk liegen Tagebücher zugrunde, die der Autor 1960 / 1961 im Lager angefertigt hat. Sie wurden später konfisziert, ihm aber nach seiner Rehabilitierung wieder ausgehändigt. 1992 erschienen Auszüge daraus unter dem Titel »Fannao jiushi zhihui « (»Ärger ist Weisheit«) in der chinesischen Literaturzeitschrift Xiaoshuo Jie. 1994 wurde dann das gesamte Werk unter dem Titel Mein Bodhi-Baum (Wo de bodi shu) publiziert.17 Die an sich sehr knappen Originaleintragungen wurden durch formal getrennte, wesentlich längere Kommentare und Erläuterungen des Autors ergänzt. Mein Bodhi-Baum besteht somit eigentlich aus zwei verschiedenen Texten: den Tagebüchern des Jahres 1960 / 61 und einem sogenannten Kommentar (zhushi) aus den frühen Neunzigern. Insgesamt erinnert das Buch an eine Tradition der chinesischen Textkritik und Philologie, nämlich die erläuternde und interpretierende Kommentierung kanonisierter historischer, philosophischer oder literarischer Werke.18 Ganz im Gegensatz zu Gewohnt zu sterben betätigt sich der Autor in diesem Buch als kritischer Kommentator und Historiograf, der einzelne Eintragungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin befragt, sie kritisch diskutiert und bisweilen zunächst anzweifelt. Dadurch wird immer wieder Distanz zum Tagebuch hergestellt. Der Grund für diese Herangehensweise findet sich im ersten Kommentar. Das Verfassen des Tagebuchs, so erfährt der Leser dort, sei ein wichtiges Mittel gewesen, um im laogai überhaupt am Leben zu bleiben. Das Schreiben als Form der Erinnerung und Selbstvergewisserung habe das Bewusstsein lebendig gehalten, dass es jenseits des Lagers noch eine andere Welt gab.19 Um spätere Schwierigkeiten zu vermeiden, durfte das Tagebuch aber keine inkriminierenden Eintragungen enthalten. Der Autor hält fest: »Wenn ich an manchen Stellen nur ein Wort mehr geschrieben hätte, würde ich heute nicht hier sitzen und friedlich arbeiten. Vor langer Zeit würde das Tagebuch dann Teil der Akten eines toten Mannes geworden sein und als solches wäre es vernichtet worden. [...] 1980 wurde mir das Tagebuch nach meiner Rehabilitierung übergeben zusammen mit anderen Dokumenten. Die anderen Dokumente wie Leistungsbewertungen, Selbstprüfungen, Anklagen, Regierungsbeschlüsse wurden vor meinen Augen zerstört. Ich bettelte darum, dass dieses Tagebuch ausgenommen würde. Es ist zur einzigen Verbindung geworden, die ich nun noch zu dieser früheren Welt habe. Kann es sein, dass der wertvolle Frühling meines Lebens, verbracht in harter Arbeit, nicht mehr zu zeigen hat als dies? Die Schriftzeichen auf vergilbten Seiten und in verblassender Tinte führen mich eines nach dem andern zurück zu den vergangenen Ereignissen. Sie machen es unmöglich für mich zu zweifeln, dass diese Ereignisse stattgefunden haben.«20 Das Tagebuch dient Zhang Xianliang somit als Brücke zu einer verschütteten, verdrängten Vergangenheit. Über dieses Vehikel unternimmt er den Versuch einer Kommunikation mit seinem anderen, früheren Ich. Neben dem Drama des laogai in den Tagebucheintragungen entfaltet sich in den Kommentaren das Drama eines Autors zwischen persönlicher Betroffenheit und dem Bemühen um verarbeitende Distanzierung. Die Eintragungen des Tagebuchs geben einen detaillierten Einblick in die innere Ordnung und das Alltagsleben im laogai. Das Trauma der Haft nimmt dadurch präzise Gestalt an und wird mit konkreten Inhalten gefüllt. Das Leben im Lager bestand vor allem aus dreierlei: aus Hunger, Arbeit und politischer Erziehung. Das Tagebuch zeigt, dass die Häftlinge völlig unzureichend mit Nahrung versorgt wurden. Von Hunger und dauernder Unterernährung zermürbt, wurden sie zu einem gnadenlosen Konkurrenzkampf gezwungen. Die verschiedenen Baracken des Lagers (jeweils geleitet von einem »Gruppenführer« genannten Insassen) machten sich untereinander ebenso die Nahrung streitig wie die einzelnen Häftlinge innerhalb der Gruppe.21 Wenn sich jemand beim Essen auch nur kurz abwandte, wurde seine Ration sofort von Mithäftlingen gestohlen. Jeder, so beschreibt es Zhang Xianliang, war sich bewusst, dass er nur überleben kann, wenn ein anderer für ihn stirbt. Besonders zwischen kriminellen und politischen Häftlingen gab es Spannungen und Konflikte. Das Tagebuch und die Kommentare zeigen auch, wie auszehrend und quälend die körperliche Arbeit für die unterernährten und geschwächten Häftlinge war. Die Arbeitszeit betrug zur Zeit des Großen Sprunges achtzehn Stunden, zur Zeit des Tagebuchs im Jahr 1960 zwölf Stunden pro Tag, und das an sieben Tagen in der Woche. Der Kommentar zum ersten Eintrag erläutert, wie das stundenlange ununterbrochene Stehen im fauligen Wasser der Reisfelder zu Hautentzündungen führte. Die Häftlinge rieben sich mit Maschinenöl ein, da sie keine anderen Mittel zur Verfügung hatten, dies verschlimmerte jedoch die Krankheit nur. Hinter dem ersten Tagebucheintrag (»Rohbau«) verbarg sich deshalb große Erleichterung, weil – wie der Autor erklärt – die Arbeit im Trockenen verrichtet wurde. Die Arbeit insgesamt erscheint als eine Form der in Kauf genommenen schleichenden Vernichtung der Häftlinge. Auch Geschwächte und Kranke wurden zur Arbeit gezwungen. Das Tagebuch erwähnt immer wieder Todesfälle. Häftlinge, die dem Tod nahe waren, zeigten sogenannte »Todesmasken« (sixiang).22 Während der allgemeinen Hungersnot in den Jahren zwischen 1959 und 1962 kam es in den Lagern zu einem Massensterben. Zhang Xianliang beschreibt dies mit den folgenden Worten: »Wenn ich das Wort Tod verwende, so meine ich damit nicht die ein zwei, drei oder vier [Häftlinge], die an meiner Seite in den ersten Jahren meiner Haft starben. Ich meine damit die Vielzahl an Toten, die plötzlich über mich hereinbrachen, als ich am wenigsten darauf vorbereitet war.«23 Zhang erinnert sich, wie er eines Morgens auf der Suche nach Essbarem einen LKW entdeckte, dessen Ladefläche mit einer Plane bedeckt war. Er hofft, darunter Kohl oder andere Nahrungsmittel zu finden, doch als er die Plane hochhebt, sieht er einen Berg menschlicher Leichen: »Die Frauen und Männer waren alle vollständig nackt. Einige hatten eine feuchte, weiche Haut, wie chinesischer Weißkohl, andere waren rau, eher wie Süßkartoffeln. Sie waren durcheinander geworfen worden, ihre Glieder waren völlig miteinander verschränkt. Gleichgültig ob sie ursprünglich von den fünf Seen oder vier Ozeanen stammten, am Ende formten sie alle hier eine intime Masse von Körpern.«24 Ein anderes wiederkehrendes Thema ist die politische Erziehung der Häftlinge, die ausführlich geschildert wird. Es gab zwei Formen: Vorträge auf dem Appellplatz sowie Kampf- und Kritiksitzungen in den Baracken. Die Beschreibung dieser Sitzungen liefert dem Autor einen Anlass, über die chinesischen Intellektuellen zu räsonieren, denn diese beteiligten sich stets aktiv daran. Bereitwillig lieferten sie, wie von der Lagerleitung gewünscht, Denunziationen und Anklagen gegeneinander, weil sie sich davon Vorteile erhofften. Nur die kriminellen Häftlinge aus der Bauern- und Arbeiter-Schicht beteiligten sich nicht. Anders als die Intellektuellen ließen sie sich nicht gegeneinander ausspielen. Da häufige Denunziationen den Häftlingen greifbare Vorteile brachten, wurden viele Anklagen fabriziert. Die Insassen belauerten sich und waren stets auf der Suche nach verwertbarem Material. Als Folge der gegen sie gerichteten Anklagen kamen Häftlinge häufig zu Tode, weil sie härtere Arbeit leisten mussten und noch weniger Nahrung erhielten. Die Häftlingsgesellschaft im laogai kannte keine Solidarität. »Gegenseitige Überwachung, gegenseitige Bloßstellung, gegenseitige Bespitzelung – das waren die wirkungsvollsten Formen der Kontrolle.«25 Wie Wang Ruowang betont auch Zhang Xianliang, dass Mao Zedong und seine Politik des Großen Sprungs nach vorne zwar unmittelbar für das Desaster verantwortlich seien, dass es aber auch tiefer liegende und weniger sichtbare Gründe gebe. Zhang schreibt: »Eine genaue Untersuchung wird zutage fördern, dass die chinesischen Arbeitslager einige Besonderheiten besaßen, die auch eine Charakteristik des chinesischen Volkes im Allgemeinen darstellen. Zum Beispiel habe ich während meiner 22 Jahre langen Kariere in den Lagern nur selten Häftlinge angetroffen, die nicht von Anfang an mit dem System koope­rierten. Die überwiegende Mehrheit der intellektuellen Häftlinge fühlte sich schuldig für ein ursprüngliches Verbrechen, das sie vielleicht oder vielleicht auch nicht begangen hatten, und für neu hinzugekommene Verbrechen, für die sie sich nun mit aller Macht umerziehen wollten. Zu dieser großen Mehrheit, muss ich sagen, gehörte auch ich. Man wird keinen Präzedenzfall in irgendeinem Geschichtsbuch finden, in dem es zu einer ähnlich intimen Symbiose zwischen Lagerbehörden und den Gefangenen gekommen ist.«26 Diese und ähnliche Passagen überraschen durch die Leichtfertigkeit, mit der die Haft­opfer die Schuld für die Geschehnisse kollektiv bei sich selbst, besonders in ihrer Willfährigkeit den Tätern gegenüber suchen. Sie öffnen auch den Blick für die Ambiguität von politischer Repression in der VR China. Versucht man zu erklären, was sich in den Lagern ereignete, stößt man unweigerlich auf den Zusammenhang von externer Repression und innerer Selbst-Repression. Die konsequente Gegenüberstellung von Tagebuchtext und reflektierendem Kommentar produziert eine doppelbödige Struktur, die es dem Leser stets ermöglicht, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Der Kommentar symbolisiert dabei den Prozess der sprachlichen Rekonstruktion und illustriert, wie das Trauma der Vergangenheit, das eine Leerstelle in der persönlichen Geschichte hinterlassen hat, überwunden werden kann. Dies ist in dem Maße erfolgreich, in dem es dem Autor gelingt, einen offenen Dialog mit seiner in den Tagebuchfragmenten verborgenen Vergangenheit zu führen. Es handelt sich um schmerzvolle Erkundungen einer Vergangenheit, deren Gewalttätigkeit auch Jahrzehnte später noch das Potenzial besitzt, den Autor psychisch zu zerstören. Gedächtnis und Erinnerung werden dabei auf eine besondere Weise eingesetzt. Sie sollen nicht nur Ungerechtigkeiten dokumentieren oder die Spätfolgen der Traumatisierung glaubhaft machen. Der bewusste, schmerzhafte Prozess der Erinnerns, den der Leser unmittelbar miterlebt, wird vielmehr zu einem Mittel der Verarbeitung und stellt einen wichtigen Schritt zur Heilung und Aussöhnung dar. Darauf weist der Titel des Buches hin: Unter einem Bodhi-Baum erlangte Shakyamuni, der historische Buddha, während einer Meditation Erleuchtung. Entsprechend bemüht sich Zhang Xianliang 30 Jahre nach der traumatischen Situation um eine Vergegenwärtigung und Verarbeitung seines Traumas. Schluss Die Beschäftigung mit den hier diskutierten und ähnlichen Texten unter der eingangs skizzierten Fragestellung ist in zweierlei Hinsicht fruchtbar: Als historische Dokumente und Quellen im weiteren Sinne bieten diese Erinnerungen Zugang zu verdeckten, verdrängten traumatischen Dimensionen der chinesischen Geschichte. Als literarische Werke werfen sie zudem weitreichende Fragen nach der Rolle von Sprache, Sinn und Referenz bei der Verarbeitung traumatischer Ereignisse auf, die für die Kunst und Literatur der Gegenwart charakteristisch sind. Die Literatur wurde in China in den Achtziger- und Neunzigerjahren zum wichtigen Medium der Auseinandersetzung mit dem Trauma der Lagerhaft in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die Autoren erzählten Geschichten von Leid und Elend, von auseinandergerissenen Familien, zerstörten Illusionen und vernichteten Lebensentwürfen. Die in der Ich-Form verfassten, autobiografischen Texte fordern die Empathie des Lesers ein, weil sie ihm das Trauma aus der Perspektive des Betroffenen, des Opfers, zeigen. Diese Auseinandersetzung mit Hafterlebnissen fand vor dem Hintergrund statt, dass das offizielle China, also Staat und Partei, einen Schlussstrich ziehen wollten unter die Ereignisse der Vergangenheit und Diskussionen darüber unerwünscht waren. Die Autoren autobiografischer Texte bemühten sich darum, mithilfe ihrer persönlichen Erinnerungen diese Aspekte der Vergangenheit dem Vergessen zu entreißen. Sie schrieben gegen einen kollektiven Akt der Verdrängung an, indem sie auf verschiedene Weise ihr privates individuelles Gedächtnis mobilisierten. Ihre Texte ermöglichen es daher, die anhaltenden und langfristigen Wirkungen einer Traumatisierung für die Individuen und für die Gemeinschaft zu diskutieren. Obgleich das Trauma in der Vergangenheit liegt, ist es im Bewusstsein der Überlebenden lebendig. Es stellt insofern die Grenze zwischen Geschichte und Gegenwart infrage, als durch das posttraumatische Syndrom des Nicht-vergessen-Könnens der Schrecken der Vergangenheit im Bewusstsein der Gegenwart lebendig gehalten wird. Auffallend an den hier behandelten Texten ist die Bereitschaft der Opfer, eine Mitschuld an ihrem Schicksal einzugestehen. Die Häftlinge, die oft grundlos inhaftiert wurden, bringen großes Schuldbewusstsein zum Ausdruck, während sich hingegen außer der Viererbande keiner der Täter jemals verantworten musste. Dafür gibt es verschiedene plausible Erklärungen: Zum einen würden scharfe persönliche Anklagen sicherlich nicht die Zensur in China passieren. Hinzuweisen ist aber auch auf die besondere Struktur der sozialen Kontrolle, die in der VR China entwickelt wurde.27 Diese hatte wenig Ähnlichkeit mit dem Stalinismus, denn die Repression wurde zwar von oben initiiert, aber wesentlich mitgetragen von enthusiastischer Mobilisierung und Massenpartizipation von unten. Der chinesische Massenlinien-Sozialismus war charakterisiert durch eine dezentralisierte Methode des Zwanges und eine allgemeine Bereitwilligkeit zur Teilnahme aufseiten der Täter wie der Opfer. Ein solches System verwischte die Unterschiede zwischen Täter und Opfer und produzierte die Ambiguität und Unsicherheit in Bezug auf Täterschaft und Schuldfrage, die in diesen Texten zum Ausdruck kommt. Ausgehend von dem Problem, die unvorstellbaren Dimensionen des Schreckens und des Leidens im Text zu repräsentieren, lässt sich in diesen Werken auch das Entstehen einer Krise der Darstellung erkennen. Die Autoren suchen nach geeigneten Formen, ihre Erinnerungen und Erfahrungen auszudrücken. Je näher sie sich dabei an die Lagerwirklichkeit und die Konkretheit des Schreckens heranarbeiten, desto mehr wird die Frage der literarischen Bewältigung des Traumas zum zentralen Problem. Diese Krise der Darstellung verweist auf Aspekte des Traumas, die über die Fragen nach Opfern und Tätern und nach Schuld und Sühne hinausgehen. Das kollektiv erlittene Trauma der Haft löste nicht nur eine historische Krise von Legitimation und Moral aus, sondern auch eine weitreichende kulturelle Krise, in der sich das traditionelle Sinn- und Darstellungsrepertoire als unzureichend erwies angesichts der Banalität des Bösen und der Schrecken der Wirklichkeit. Die chinesische Gesellschaft weist alle Merkmale einer posttraumatischen Kultur auf. Sie drückt sich in den dunklen Tönen in Literatur, Kunst und Kino, in einer Obsession mit Gewalt und Tod als Motiven, in der Suche nach neuen Formen der Darstellung aus. Verstärkt wird dies dadurch, dass die historischen Traumata überhaupt nur in Literatur und Kunst behandelt werden können.28 Bis heute verweigert die Partei eine öffentliche Diskussion der Vorgänge in den Arbeitslagern. 1 Richard J. McNally: Remembering Trauma, Cambridge, Mass. 2003, S. 157. 2 Die Ursprünge der darunter gefassten heterogenen, nur zum Teil kodifizierten Strafpraktiken sind vielfältig. Für weiter gehende Ausführungen siehe Klaus Mühlhahn: Criminal Justice in China: A History, Cambridge, Mass. 2009, S. 213–236; Philip F. Williams / Yenna Wu: The Great Wall of Confinement: The Chinese Prison Camp through Contemporary Fiction and Reportage, Berkeley 2004; Jean-Luc Domenach: Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China, Hamburg 1995; James Seymour / Richard Anderson: New Ghosts / Old Ghosts. Prisons and Labor Reform Camps in China, New York 1998. 3 Siehe Klaus Mäding: Strafrecht und Massenerziehung in der Volksrepublik China, Frankfurt a. M. 1979, S. 100. 4 Siehe Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 2), S. 431–440. 5 Siehe hierzu Philip F. Williams / Yenna Wu (Hg.): Remolding and Resistance among Writers of the Chinese Prison Camp: Disciplined and Published, London 2006; Jeffrey C. Kinkley: A Bettelheimian Interpretation of Chang Hsien-liang’s Concentration Camp Novels, in: Asia Major, Third Series, 4 (1991), H. 2, S. 83 f. sowie Kyna Rubin: The Growth of a Nation and an Intellectual, in: Wang Ruowang: Hunger Trilogy, übers. von Kyna Rubin, New York 1991, S. xi–xxxvii, hier S. xv f. 6 Perry E. Link: The Uses of Literature: Life in the Socialist Chinese Literary System, Princeton 2000, S. 64–66. 7 Wang Ruowang: Ji’e sanbuqu [Trilogie des Hungers], in: Shouhuo 1 (1980), S. 116–173. Englischspr. Ausg.: Wang: Hunger Trilogy (Anm. 5). 8 Siehe Rubin: The Growth of a Nation (Anm. 5), S. xxiii. Siehe auch dies.: Keeper of the Flame: Wang Ruowang as Moral Critic of the State, in: Merle Goldman / Timothy Cheek / Carol Lee Hamrin (Hg.): China‘s Intellectuals and The State: In Search of a New Relationship. Cambridge, Mass. 1987, S. 233–52. 9 Siehe Rubin: The Growth of a Nation (Anm. 5), S. xxiii. 10 Wang: Ji’e sanbuqu (Anm. 7), S. 132 f. Übersetzung aus dem Chinesischen vom Verf. 11 Dori Laub: Truth and Testimony: The Process and the Struggle, in: Cathy Caruth (Hg.): Trauma: Explorations in Memory. Baltimore 1995, S. 63. 12 Zhang Xianliang: Xiguan siwang. Beijing 1998. Dt. Ausg.: Zhang Xianliang: Gewohnt zu sterben, übers. von Rainer Schwarz, Berlin 1994. 13 Zhang: Gewohnt zu sterben (Anm. 12), S. 13. 14 Ebd., S. 188. 15 Siehe ebd., S. 47. 16 Ebd., S. 196. 17 Zhang Xianliang: Wo de puti shu. Beijing 1994. Engl. Ausg. (2 Bde.): Zhang Xianliang: Grass Soup, übers. von Martha Avery, London 1994; ders.: My Bodhi Tree, übers. von Martha Avery, London 1996. 18 Siehe Philip F. Williams: Grass Soup by Zhang Xianliang, in: World Literature Today 69 (1995), H. 3, S. 645–647; Philip F. Williams: My Bodhi Tree by Zhang Xianliang, in: World Literature Today 71 (1997), H. 4, S. 866–868. 19 Siehe Zhang: Wo de puti shu (Anm. 17), S. 3. 20 Ebd., S. 6 f. Übersetzung der Romanzitate vom Verf. 21 Siehe ebd., S. 160 ff. 22 Siehe ebd., S. 147. 23 Ebd., S. 12. 24 Ebd., S. 17 f. 25 Ebd., S. 142. 26 Ebd., S. 81 f. 27 Siehe Tu Wei-ming: Destructive Will and Ideological Holocaust: Maoism as a Source of Social Suffering in China, in Arthur Kleinman / Veena Das / Margaret Lock (Hg.): Social Suffering, S. 167 ff. 28 Siehe Ban Wang: Illuminations from the Past. Trauma, Memory, and History in Modern China, Stanford 2004; David Der-wei Wang: The Monster that Is History. History, Violence and Fictional Writing in Twentieth Century China, Berkeley 2004, S. 13–15.

JHK 2009

Suche nach der heilen Welt: Ein Kommentar zu Zhang Rongs und Jon Hallidays Buch Mao: The Unknown Story

Susanne Weigelin-Schwiedrzik

Mao: The Unknown Story von Jung Chang (im Folgenden: Zhang Rong1) und Jon Halliday2­ wurde im Juni 2008 mit großem Aufwand in Europa und der englischsprachigen Welt lanciert. Es kam zu einer wahren Flut von Rezensionen, Interviews mit der Autorin und Vorstellungen des Buches. Die Reaktionen waren durchweg positiv. Die Welt atmete auf: Endlich wusste man, was Mao alles auf dem Gewissen hat. Dabei spielte wohl auch eine Rolle, dass Mao nicht nur in China, sondern in weiten Teilen der Welt gerade jene Menschen in ihrer Jugend besonders fasziniert hat, die heute in verantwortlichen Funktionen die Geschicke der Menschheit leiten. Die bis dato angeblich unbekannte Geschichte des Diktators Mao Zedong bietet ihnen die Gelegenheit, unter Hinweis darauf, dass man damals all das ja gar nicht gewusst habe, mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit ins Reine zu kommen. Ob Schröder und Bush, die sich kurz nach Erscheinen des Buchs in Washington trafen, auch insgeheim einmal Mao verehrt haben, wissen wir nicht. In der chinesischsprachigen Presse wird auf jeden Fall kolportiert, auch sie hätten Mao: The Unknown Story für sich instrumentalisiert. Während eines für die Wiederherstellung des Vertrauens in den deutsch-amerikanischen Beziehungen wichtigen Treffens Ende Juni 2005 sollen sie die ersten Minuten damit verbracht haben, über Zhang Rongs Mao-Buch zu sprechen. Dabei sollen sie sich schnell einig darüber gewesen sein, dass Mao genauso »schlimm« wie Hitler, wenn nicht schlimmer gewesen sei.3 Sie trafen mit dieser Einsicht den Kern dessen, was Zhang Rong mit ihrem Werk wollte: Mao zerstören! Pressereaktionen Die Presse bewertete das Buch sowohl in Europa als auch in den USA zunächst meist uneingeschränkt positiv.4 Dabei stützte man sich auf Aussagen der Autorin, die durch ihr in 10 Millionen Exemplaren verkauftes Buch Wilde Schwäne5 als Augenzeugin und an Wahrhaftigkeit orientierte Vermittlerin von historischem Wissen über China im 20. Jahrhundert eingeführt ist. Zunächst meldeten sich überwiegend Journalisten zu Wort, die offenbar nichts weiter über Mao und die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts wussten.6 Dabei waren sie in eine Erkenntnisfalle getappt: Die Autorin ist eingeführt und durch ihren autobiografischen Roman als vertrauenswürdig einzustufen. Sie ist Chinesin und muss deshalb besser als alle anderen wissen, was in China während des 20. Jahrhunderts passiert ist. Das Buch ist dick, die Autorin erklärt, sie habe mit ihrem Mann, einem geschulten Historiker, mehr als ein Jahrzehnt daran gearbeitet. Was kann da falsch sein? Erst in einer zweiten Rezensionswelle kamen die Spezialisten zu Wort. Sie führten an, dass die unbekannte Geschichte Maos auf schlecht dokumentierten Recherchen beruhe, dass die Quellenangaben nicht akademischen Standards entsprächen und dass Zhang Rong und ihr Co-Autor ein einseitiges Urteil über Mao abgegeben hätten. Die Spezialisten teilen die Einschätzung nicht, dass Mao mit Hitler gleichzusetzen sei. Dafür haben sie methodische Gründe, vor allem aber politische.7 Biografie und Historiografie Zhang Rongs Geschichte über Mao Zedong ist eine Geschichte, die wie schon ihr Roman Die wilden Schwäne einen autobiografischen Kern hat. Zhang wird 1952 in eine Kaderfamilie geboren, die mit dem Großen Sprung nach vorn in politische Schwierigkeiten gerät. Mit 14 Jahren wird sie eine aktive Rotgardistin. Mit ihrer Beteiligung an der Kulturrevolution will sie beweisen, dass sie fest hinter der KPCh und Mao Zedong steht und sich von ihren Eltern nicht beeinflussen ließ. Dann wird sie wie viele Altersgenossen aufs Land geschickt. Obwohl ihr das Gelöbnis abgenommen wird, dort Wurzeln zu schlagen, erkennt sie doch bald, dass es Möglichkeiten und Wege gibt, wieder in die Stadt zurückzukehren. Noch vor Ende der Kulturrevolution gelingt es ihr, an der Sichuan-Universität ein Studium aufzunehmen. Ihr Vater wird vergleichsweise früh rehabilitiert, und sie gehört zu den Ersten, die 1978 ihr Studium im Ausland fortsetzen dürfen. Sie geht nach England und erwirbt dort 1982 als erste Studentin aus der VR China einen Doktortitel. 1991 erscheint ihr Buch Wilde Schwäne, das auf der Geschichte ihrer Familie basiert. Sie verbindet darin Fakten und Fiktion in einer für einen Roman durchaus angemessenen und vom ausländischen Leser positiv aufgenommenen Form. Zwölf Jahre lang hat Zhang Rong nach eigenen Aussagen gemeinsam mit ihrem Mann Jon Halliday an der Mao-Biografie gearbeitet, wobei Halliday als Russland-Historiker den Zugang zu und Umgang mit Quellen aus sowjetischen Archiven ermöglichte. Die Behauptung, das Buch präsentiere ganz neue Erkenntnis über Mao Zedong und sein Wirken, stützt sich im Wesentlichen darauf, dass den Autoren Quellen aus ehemals sowjetischen Archiven zugänglich gemacht wurden, die zuvor angeblich noch niemand gesehen habe. Zhang Rong hat in mehreren Interviews erklärt, es gehe ihr darum, das chinesische Volk über die Untaten Maos aufzuklären, damit es sich endgültig aus dessen Bann lösen könne: »The central thrust of the book is that Mao was a sadistic monster, worse than Hitler or Stalin, and responsible for 70 mill. deaths. His Marxism is a shallow mask for selfishness.«8 Dabei verschreibt Zhang Rong ihren Landsleuten eine Therapie, derer sie auch selbst bedarf. Indem sie das Ziel verfolgt, das chinesische Volk aus dem Bann Mao Zedongs zu lösen, löst auch sie selbst sich von ihm. Mao, so äußerte sie in einem Interview, sei für sie wichtiger gewesen als ihr eigener Vater. »Er war unser Gott.«9 Erst als sie 1974 eine Newsweek-Ausgabe über Mao und seine Frau Jiang Qing erhielt, sei der letzte Schleier von ihren Augen gefallen.10 Als habe sie bei Mitscherlich nachgelesen,11 wie man sich der eigenen Verantwortung entledigt, indem man die Schuld für Unrecht in der Vergangenheit auf den charismatischen Führer abwälzt, in dessen Bann man sich zu solchen Taten hat hinreißen lassen, klagt Zhang Rong Mao Zedong an. Je radikaler sie dieses Ziel verfolgt, umso besser kann sie sich beruhigen angesichts einer Mittäterschaft, die, wenn auch der Jugend geschuldet, sie doch ein Leben lang begleitet.12 Dabei ist ihr zugutezuhalten, dass eine systematische Auseinandersetzung mit der Rolle Mao Zedongs in der modernen chinesischen Geschichte in akademischen Kreisen der VR China zwar bis zu einem gewissen Punkt gelangt sein mag. Parteioffiziell gilt jedoch nach wie vor das schon von Mao auf Stalin angewandte 70:30-Modell: Mao hat in seinem Leben zu 70 Prozent Gutes geleistet; seine Fehler machen 30 Prozent seiner Lebensleistung aus.13 Wie so oft, kann man das Modell auch andersherum interpretieren: Die Fehler nehmen 70 und die positiven Beiträge 30 Prozent ein. Doch hat sich in den letzten Jahren unter denen, die dem unerbittlichen Konkurrenzkampf nicht gewachsen sind, und jenen, die sich zum Sprachrohr der »Verlierer« machen, die Idee durchgesetzt, dass Mao, egal ob 30 oder 70 Prozent, auf jeden Fall ein besserer Politiker gewesen sei als jeder seiner Nachfolger.14 Zhang Rongs missionarischer Impuls, der ihre Dekonstruktion des Mao-Mythos begleitet, rührt wohl daher. Sie fürchtet mit allen, die in die Fänge des maoistischen Systems geraten sind, dass Mao posthum noch einmal die Massen in China mobilisieren könnte. An die Stelle ihrer Orientierung auf Mao Zedong setzt Zhang Rong die Sehnsucht nach den alten chinesischen Traditionen, die ihr im Vergleich wesentlich wertvoller erscheinen. Diese Nostalgie ist nicht nur das Gegenbild zu Maos Modernisierungsexperiment, sie birgt in sich auch das Gegenteil dessen, was heute in China als Moderne gilt. Die Modernisierung im Sinne von Deng Xiaoping, Jiang Zemin und Hu Jintao ist Zhang Rong auch nicht recht. »The contrast between the beauty of the past and the ugliness of the modern is nowhere sharper than in China«,15 antwortet sie in einem Interview und macht damit deutlich, was vielen Kommentatoren entgangen ist: Zhang Rong ist auf der Suche nach einer heilen Welt, die sie nur finden kann, wenn sie die heile Welt ihrer Jugend im maoistischen China zerstört. Die Dekonstruktion Mao Zedongs Der zentrale Angriff auf Mao Zedong ist der Angriff auf das Bild von Mao als einem Politiker, Militärstrategen und Denker, der sein ganzes Leben der Frage opferte, wie er dem chinesischen Volk zu einem besseren Leben und einem höheren Ansehen in der Welt verhelfen könnte. Dem setzt Zhang Rong die These entgegen, Mao habe sein ganzes Leben nur dazu genutzt, seine persönliche Machtgier zu befriedigen: »His mind remained lucid to the end, and in it stirred just one thought: himself and his power.«16 Dass dies ein Charakter­zug ist, der Mao schon in die Wiege gelegt worden war, erkennt der aufmerksame Leser bereits an den ersten Sätzen des Buches: »Mao Zedong who for decades held absolute power over the lives of one quarter of the world’s population, was responsible for well over 70 Million deaths in peacetime, more than any other 20th century leader. He was born into a peasant family in a valley called Shaoshan, in the province of Hunan.«17 Im Gegensatz zu allem, was Zhang Rong als Schülerin in China gelernt und geglaubt hat, war Mao, so die Quintessenz ihrer Biografie, nicht im Geringsten um das Wohlergehen des Volkes bemüht. Stattdessen hatte er eine Hungersnot zu verantworten, in der über 30 Millionen Menschen umkamen. Er spielte sich als Tyrann auf, der seine Freunde und politischen Weggefährten zu opfern bereit war und alles und jeden seinen persönlichen Machtgelüsten unterordnete. Auch die Behauptung, er habe mit der KPCh eine Organisation geschaffen, die für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit und für die Besonderheit des chinesischen Wegs steht, ist laut Zhang Rong falsch. Die KPCh sei ein Produkt der Komintern und der Finanzierung durch Stalin gewesen und habe sich deshalb stets deren Anliegen unterworfen. Erst als Mao sich vorgenommen hatte, aus China eine Weltmacht, ja sogar eine Supermacht zu machen, sei es zu Auseinandersetzungen und Rivalitäten mit Stalin gekommen, wobei sich Mao als undankbarer und illoyaler Schüler der Russen erwiesen habe. Dabei fällt dem sinologisch gebildeten Leser auf, dass Zhang und Halliday letztlich in eine Form moralisierender Geschichtsschreibung verfallen, die in China Tradition ist und die interessanterweise auch von der Parteigeschichtsschreibung der KPCh bedient wird. Im Sinne des Verteilens von Lob und Tadel wird über die zu beschreibende Person ein moralisches Urteil gefällt und die gesamte Lebensdarstellung der Plausibilisierung dieses Urteils unterworfen. Dementsprechend ist die Möglichkeit der Entwicklung vom Guten zum Bösen ebenso wenig vorgesehen wie der Bruch in der Biografie, die Ambivalenz oder gar die Unerklärlichkeit von Verhalten und Entscheidungen. In der traditionellen chinesischen Geschichtsschreibung sind böse Menschen immer selbstsüchtig, sie sind machtgierig und ungebildet, sie fressen, saufen und huren herum, kurz: Sie sind unfähig, ihre körperlichen Gelüste zu beherrschen, und damit unzivilisiert. Ihr politischer Weg ist der des Hegemon und Tyrannen, der seine Minister bedrängt und unterdrückt, willkürliche Entscheidungen fällt, Intrigen anzettelt, besticht, lügt, verführt und letztlich das Unglück über die Menschheit bringt. Aus diesem Holz ist Zhangs Geschichte geschnitzt, in groben Zügen und allzu klar – wenn auch bisher von keinem Rezensenten beachtet, wenn ich richtig gelesen habe – die Geschichte eines tyrannischen Kaisers, der gleichzeitig die Tradition zerstörte und sie in seinem Sinne bediente. Dass Zhang Rong dem Bild von Mao als Retter des chinesischen Volkes das des selbstsüchtigen Tyrannen entgegenstellt, entspricht gleichermaßen einer traditionellen Konvention der chinesischen Geschichtsschreibung. Seit jeher werden die Kaiser in solche unterteilt, die den königlichen Weg gehen, und solche, die sich als Tyrann gebärden. Die einen stellen die persönlichen Interessen hintan, weil sie wissen, dass die Macht, die sie ausüben, ihnen nur verliehen ist. Die anderen verfügen nicht über die im konfuzianischen Denken immer wieder geforderte Fähigkeit der Selbstbeschränkung und Selbstvervollkommnung. Sie berauschen sich an der Macht. Die offizielle Parteigeschichtsschreibung in der VR China hält selbst da, wo sie Kritik an Mao Zedong äußert, daran fest, dass er in die Kategorie jener Herrscher gehört, die ihre Macht zum Wohle Chinas ausgeübt haben.18 Zhang Rong legt mit ihrem Buch das counter-narrative hierzu vor. Dabei überschreiten die beiden Autoren eine Schwelle, die Zhang Rong aus den von Mao inszenierten Klassenkämpfen kennt. Ein Mensch, der in seiner Aufopferung für andere Fehler begeht, ist zu retten und wird nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Er ist – maoistisch ausgedrückt – kein Klassenfeind. Wenn er aber aus Selbstsucht die Menschen ins Unglück führt, ist er ein Feind, einer, der nicht in die Gemeinschaft gehört und dem nicht verziehen werden darf. Dieser Mensch, das haben die Rotgardisten während der Kulturrevolution immer wieder vorexerziert, ist von Grund auf schlecht. Ihm darf auch alles widerfahren, was seiner Vernichtung dient. Der Vorstellungskraft sind da keine Grenzen gesetzt. Mao: The Unknown Story – ein Desaster für die China-Forschung? Hamish McDonald fasst die Meinung aller führenden China-Spezialisten in den USA mit den Worten zusammen: »This book is a major disaster for the contemporary China field«.19 Warum? Liegt es etwa daran, dass Zhang und Halliday eine Unmenge an neuen Daten und Fakten ans Licht gebracht haben, die bisher von den akademischen China-Historikern übersehen worden sind? Ist die Geschichte, die Zhang Rong erzählt, wirklich eine Geschichte, die keiner von uns bisher kannte? Die Geschichtsschreibung zu China im 20. Jahrhundert ist ein Feld, das inner- und außerhalb Chinas von einer großen Gruppe Historiker bearbeitet wird. Die Zeiten, da es in der VR China nur eine Version dieser Geschichte gab, sind passé. Längst schlägt sich die offizielle, nach wie vor staatlich subventionierte und in dem Sinne auch kontrollierte Historiografie mit der inoffiziellen, wobei die häufig außerhalb der staatlichen Institutionen angesiedelte und von Journalisten betriebene inoffizielle Geschichtsschreibung eine größere Leserschaft für sich gewinnen kann und mehr Anerkennung genießt. Dabei hat sie in den Augen ihrer Leser zwei Vorteile: Sie stützt sich auf das Mittel der oral history, um Vorgänge zu rekonstruieren, zu denen in den Archiven nach wie vor keine Materialien zugänglich sind; und sie hält sich bei der Bewertung von historischen Ereignissen und Persönlichkeiten nicht automatisch an die entsprechenden Beschlüsse der KPCh. Gerade weil die offizielle Geschichtsschreibung oft langweilig und redundant ist, boomt der Markt für die inoffizielle. Sie widmet sich seit Langem auch dem Phänomen Mao Zedong und der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Fast jedes Buch, in dem es um die KPCh geht, ist auch ein Buch über Mao. Viele Menschen, die in seinem Umkreis lebten und arbeiteten, haben ihre Erinnerungen geschrieben. Und nicht zuletzt gibt es inzwischen auch eine hochoffizielle Biografie Mao Zedongs,20 die kaum einer liest, der sie nicht lesen muss, die aber erstaunlich viele interessante Informationen enthält, die bisher allenfalls als Gerücht bekannt waren. Deshalb sind viele der angeblich neuen Fakten, die Zhang Rong für sich und ihre Recherche reklamiert, dem aufmerksamen Leser chinesischsprachiger Veröffentlichungen längst bekannt und keinesfalls so brisant, wie sie vorgibt. Hinzu kommt, dass die China-Forschung außerhalb Chinas seit dem Ende der Kulturrevolution einen großen Aufschwung genommen und die Abhängigkeit von der offiziellen Geschichtsschreibung, komme sie nun aus Taiwan oder aus der VR China, immer mehr aufgegeben hat. Viele der in den letzten Jahren außerhalb der VR China veröffentlichten Werke zur chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind ins Chinesische übersetzt worden und auf offiziellem oder inoffiziellem Wege auf den Buchmarkt in der VR China gelangt.21 Die Revision der maoistischen Geschichtsschreibung findet dementsprechend längst statt und ist keineswegs ein Verdienst, das Zhang Rong und Jon Halliday allein für sich beanspruchen können. Dass die KPCh sich durch den Verkauf von Opium finanzierte, ist seit Anfang der Neunzigerjahre ein der Wissenschaft längst bekanntes Detail,22 die Existenz von Arbeitslagern und die Ausschaltung Andersdenkender in den verschiedenen Massenbewegungen seit der Ausrichtungsbewegung von Yan’an ebenfalls; die Große Hungersnot ist inner- und außerhalb Chinas mehrfach Gegenstand von Publikationen geworden, wobei die höchste Opferzahl in Veröffentlichungen aus der VR China mit 45 Millionen angegeben wird; die Erkenntnisse zur Kulturrevolution, die Zhang und Halliday ausbreiten, sind nicht neu, eher defizitär, da die Partizipation von großen Teilen der Bevölkerung nicht diskutiert und einer Erklärung zugeführt wird; selbst die Tatsache, dass Mao zahlreicher junger Damen bedurfte, um seine Lust zu befriedigen, ist innerhalb und außerhalb Chinas jedem, der es wissen will, bekannt.23 Die Paläste, die er sich überall in China bauen ließ, sind heute zum größten Teil in Hotels umgewandelt und übrigens keineswegs sehr luxuriös, zumindest nach heutigem Standard. Nein, die moderne China-Forschung braucht sich nicht vorführen zu lassen und vor Zhang und Halliday in die Knie zu gehen, weil sie ihre Hausaufgaben nicht gut gemacht hat. Dies gilt, obwohl Zhang / Halliday wesentlich besseren Zugang zu sowjetischen Quellen haben als die meisten China-Wissenschaftler, deren Arbeit ich überschaue. Dort, wo diese Quellen erkennbar und nachvollziehbar zitiert sind, bereichern sie durchaus unsere Kenntnis der Details. Dort, wo große Argumente daraus abgeleitet werden, hapert es an Belegen. Ein interessantes Beispiel ist in diesem Zusammenhang das überraschende und bis heute als ungeklärt geltende Ende des designierten Mao-Nachfolgers Lin Biao. Die englischsprachige Forschung zu diesem Thema hat schon vor Jahren eine Revision der bis dahin auch außerhalb der VR China vertretenen Auffassung eingeleitet.24 Offiziell wurde verlautbart, Lin Biao habe im Jahr 1971 ein Attentat auf Mao geplant. Als dieses nicht erfolgreich war, habe er zusammen mit seiner Familie China verlassen und sei aus unbekannter Ursache auf dem Weg in die Sowjetunion kurz hinter der mongolischen Grenze abgestürzt. Warum Lin Biao Mao ermorden wollte, obwohl er seit den späten Fünfzigerjahren als Erschaffer des Mao-Kults seine Loyalität immer wieder unter Beweis gestellt hatte, bleibt in dieser Version unerklärt. In China sagte man dazu lediglich, Lin Biao sei eben doch ein schlechter Mensch gewesen und habe sich von seinem Ehrgeiz zu dieser Tat treiben lassen. Zhang Rong und Jon Halliday folgen insofern der neueren Historiografie zur Lin-Biao-Affäre, als sie Lin Biaos Sohn Lin Liguo zum Hauptdrahtzieher des Putschs machen. Sie gehen aber weiter als bisher zu lesende Deutungen, indem sie eine Erklärung für den Absturz des Flugzeugs geben. Die Flucht sei überhastet angetreten worden, weshalb das Flugzeug nur Benzin für einen circa zweistündigen Flug an Bord hatte. Da der Pilot gezwungen war, besonders niedrig zu fliegen, um der Radar-Überwachung zu entgehen, habe er mehr Benzin verbraucht und sei zu einer Notlandung gezwungen gewesen. Diese sei nicht gelungen, das Flugzeug explodiert, und alle neun Insassen seien ums Leben gekommen.25 Zu dieser Darstellung gibt es zwei Fußnoten. Die eine bezieht sich auf einen Brief, den der damalige Premierminister Zhou Enlai an Mao gerichtet haben soll und aus dem nach Meinung von Zhang und Halliday hervorgeht, dass Lin Biaos Flugzeug auf keinen Fall von der chinesischen Luftwaffe abgeschossen wurde.26 Eine weitere Fußnote belegt, dass das Ehepaar Zhang / Halliday gute russische Informanten hat, die ihnen berichteten, der KGB habe Spezialisten an den Unfallort geschickt, um Gewissheit darüber zu erlangen, dass Lin Biao wirklich unter den infolge des Absturzes verstorbenen Insassen war.27 Ganz abgesehen davon, dass diese Fußnote in sich wenig konsistent ist, enthält sie auch keine Hinweise auf die Absturzursache; und auch die erste gibt lediglich vor, eine Erklärung zu liefern, indem sie eine Absturzursache ausschließt. Sie kann jedoch nicht begründen, warum die Autoren sich für die oben dargestellte Variante entschieden haben und damit für eine von mehreren möglichen Versionen, die alle in der existierenden akademischen Literatur nachlesbar sind. Letztlich zeigt nur der Blick in die sehr kursorisch gehaltenen Anmerkungen am Schluss, dass die entscheidende Information, die die Version Zhang / Halliday plausibel macht, nämlich die Information über die überhastete Flucht und das Benzin an Bord der Maschine, aus einer bekannten und allgemein zugänglichen Quelle stammt, ohne dass diese bisher in der Diskussion des Falles eine besonders wichtige Rolle gespielt hätte.28 Die ernst zu nehmenden akademischen Publikationen erwähnen denn auch diese Version als eine von vielen möglichen, haben sich jedoch nicht entscheiden können, ihr mehr Glauben zu schenken als anderen. Lediglich die Tatsache, dass Zhang und Halliday aus der Vielzahl an möglichen Interpretationen eine favorisieren und mit deren Hilfe erstmals eine konsistente Geschichte über das Ende von Marschall Lin Biao schreiben, kann hier als »neu« angesehen werden. Ihre Geschichte überzeugt mehr als die anderer Autoren, die zugeben, dass sie für den Flugzeugabsturz noch keine Quelle gefunden haben, die sie dazu verleiten könnte, aus den Versionen eine auszusuchen, die sie für richtig halten. Aber sie überzeugt eben auch nur deshalb, weil sie in sich über eine gewisse Plausibilität verfügt, nicht weil sie mit neuen Quellen belegt werden könnte oder aus der kritischen Analyse der bisherigen Historiografie heraus eine besser begründete Sicht entwickelt hätte. Zhang und Halliday zeigen in ihrem Buch eine Geschicklichkeit im Verschleiern, nicht im Aufdecken. Sie verschleiern den Charakter ihrer Quellen und spüren zugleich, dass sie auf eine trügerische Art und Weise transparent werden müssen, wenn ihre Quellenlage, wie im Fall des Absturzes von Lin Biao, besonders dünn ist. So gesehen ist das Buch manipulativ und sein Erfolg einer, der auf einer Form von Leichtgläubigkeit beruht, die Zhang Rong und einen Teil ihrer Leser in ihrer Begeisterung für Mao Zedong und die Kulturrevolution schon einmal ins Unglück geführt hat. Warum ist das Buch dennoch ein Desaster für die moderne China-Forschung? Der Grund liegt darin, dass diese sich eingestehen muss, dass sie wenig dazu beitragen kann, das Wissen zu und Verständnis für China zu prägen. Fast alle journalistischen Rezensenten – von ganz wenigen vorsichtigen Besprechungen abgesehen – haben das Buch von Zhang und Halliday als die ultimative Wahrheit zur modernen chinesischen Geschichte akzeptiert und entsprechend beworben. Sie wissen offenbar noch nicht einmal, dass es Alternativen zu diesem angeblichen Jahrhundertwerk gibt, und können sich gar nicht vorstellen, dass auch Nicht-Chinesen etwas über China wissen. Auch die breitere Öffentlichkeit war bereit, die Grundannahmen des Buches zu akzeptieren und sich mit der eindimensionalen, streckenweise naiven, häufig undifferenzierten Darstellungsweise genau so zufriedenzugeben, wie Zhang es sich gewünscht hat: »We want people to understand it; we did not want to write a book for our peers, for other historians.«29 Das bedeutet: Alle Versuche der China-Forschung, ein wissenschaftlich fundiertes, differenziertes und durch die Kenntnis der Grausamkeiten, menschlichen Schwächen und Brutalitäten der chinesischen Revolution geläutertes Bild von China im 20. Jahrhundert zu zeichnen, haben genau das nicht erreicht, was Zhang und Halliday gelungen ist: von der Öffentlichkeit bis hin zu den politischen Eliten angenommen zu werden. Noch schlimmer: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Zhang und Halliday vorgeben konnten, die Geschichte Maos völlig neu zu schreiben, ohne die bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen hinnehmen, dass eine Schriftstellerin, die sich nie durch den Dschungel einer Historikerkarriere gewunden hat, die historische Imagination ihrer Leser zu allem, was China im 20. Jahrhundert erlebt hat, mehr besetzt als alle Bibliotheken dieser Welt, die wir mit Büchern und Artikeln bestücken. Fakt und Fiktion in der narrativen Historiografie Unter vielen Faktoren, die diesen bedauerlichen Umstand erklären können, ist einer besonders hervorzuheben: Zhang und Halliday haben ihrer Mao-Biografie eine Form gegeben, die den Leser anzusprechen vermag. Mit dem Roman Wilde Schwäne, auf dessen Erfolg Zhang und Halliday aufbauen, bedient Zhang ein Genre, in dem historische Tatsachen und Fiktion miteinander verwoben werden, das fiktionale Element jedoch deutlich im Vordergrund steht. Nichtsdestotrotz wird das Buch häufig als persönliche Familien­geschichte von Zhang Rong gelesen, das heißt der Leser blendet das Fiktionale aus und hält den Roman für eine wahrhaftige, weil authentische, Darstellung der Vorgänge in China seit Ende der Kaiserzeit. Gerade weil die Autorin sich als Teil der Geschichte erkennbar macht und weil sie ihre eigenen Verirrungen und Irrtümer offen zugibt, vertrauen ihr die Leser, insbesondere wohl die Leserinnen, und finden ihren Zugang zur Komplexität der chinesischen Geschichte über die Identifikation mit der Protagonistin. Hier wird gewissermaßen ein Lese- oder Rezeptionsmuster eingeübt, auf dem die Mao-Biografie aufbauen kann und das die journalistischen Rezensenten, deren Stellungnahmen die Rezeption in den ersten Wochen nach Erscheinen des Buchs bestimmten, offenbar auch prompt bedient haben. Da man schon den Roman nicht als Roman, sondern als authentische Familiengeschichte gelesen hat, übersieht der Leser, dass die Verfasserin nicht nur einen Co-Autor hinzugenommen hat, der ein »gestandener« Historiker ist, sondern einen Genrewechsel vollzogen hat. Die Autorin schreibt nicht mehr ihre eigene Geschichte, und sie schreibt nicht mehr von Frau zu Frau. Sie verbindet nicht mehr Fakt und Fiktion, sondern sie nimmt für sich in Anspruch, die Wahrhaftigkeit der Geschichte jenseits ihres subjektiven Erkenntnisvermögens zu Papier gebracht zu haben. Der Leser glaubt ihr, vor allem der, welcher die Wilden Schwäne kennt. Denn in diesem Buch hat die Autorin vermeintlich bewiesen, dass sie mit sich selbst und ihrer Familie schonungslos umgeht und der Wahrheit in diesem Sinne verpflichtet ist.30 Manche Rezensenten haben den Genrewechsel berücksichtigt und darauf hingewiesen, dass ein Teil der Durchschlagskraft des Buches darauf zurückgeht, dass Zhang und Halliday den besonderen Stil der narrativen historiografischen Schule aus den USA umsetzen.31 In seinem Vorwort zu David Hackett Fischers Buch Washington’s Crossing32 fasst James McPherson das Programm dieser Form von Geschichtsschreibung zusammen: Der narrativen Historiografie geht es um das Schicksal der Einzelnen, die ihre Entscheidungen in der Geschichte treffen. »This element of contingency introduces a dynamic tension into the story of the past.«33 Auf der Grundlage dieser Philosophie, so McPherson, entsteht eine Form der Historiografie als Kunst der Erzählung, in der die anerkannten Standards der historischen Profession ebenso zur Geltung kommen wie die Fähigkeit des Historikers, auf eine den Leser überzeugende Art und Weise Urteile zu fällen. Dadurch trägt die Historiografie dazu bei, das Interesse der Menschen für ihre eigene Geschichte wachzuhalten. Zugleich vermag sie aber auch Mythen als solche zu identifizieren und durch Erzählungen zu ersetzen, die wissenschaftlich abgesichert eine neue Plausibilität gewinnen. Zhang und Halliday mögen oberflächlich betrachtet dieses Genre bedienen, doch verfolgen sie mit ihrer Dekonstruktion des Mao-Mythos deutlich andere Intentionen. Indem sie den Mythos von Mao als dem weisen Führer einer siegreichen Nation zerstören, bauen sie den Mythos von Mao als einem Monster, manche Rezensenten sprechen von Mao als einem Teufel, auf. Es geht Zhang Rong und Halliday nicht darum, Distanz zu Mao dadurch herzustellen, dass sie ihn den Lesern als komplex, ambivalent und suchend, aber eben auch als arrogant, dekretierend und mordend schildern. Nein, alles, was vorher gut war, soll jetzt als schlecht erkannt werden. Die Faszination des Sehers, des Wissenden, des Trösters wird durch die Anziehungskraft des Egoisten, des Mörders, des Zerstörers ersetzt. Wenn in der narrativen Historiografie die Leserschaft zu Mitwissern, die historischen Persönlichkeiten zu historischen Subjekten und der Autor zum Gesprächspartner werden, degradieren Zhang und Halliday die Leser zu ihren Schülern und die historischen Akteure zu Opfern Mao Zedongs. Sich selbst stilisieren sie zu Lehrern, die allein über die Wahrheit verfügen und diese den Lesern als Bekenntnis anbieten. Gewissermaßen gelingt Zhang und Halliday dabei ein doppelter Trick: Einerseits exotisieren sie ihren Gegenstand und bauen um sich die Aura von Geheimnisträgern auf, die allein dazu in der Lage sind, Mao zu durchschauen. Auf der anderen Seite, und das haben recht viele Rezensenten betont, bedienen sie die Erwartungshaltung ihrer Leser und gewinnen sie für sich, indem sie ihnen den Eindruck vermitteln, dass alle Vorurteile, die sie schon immer über China hegten, nun als historisch begründet betrachtet werden können.34 Viele Leser werden leiden angesichts der Übermacht der Lehrer-Autoren. Manche werden jedoch auch merken, wie stark sie werden, wenn sie sich Zhang Rong und Halliday anvertrauen. Sie brauchen vor dem erstarkenden China keine Angst zu haben, zumindest so lange nicht, wie die Chinesen sich nicht durch den nächsten Tyrannen verführen lassen. Sollte es doch dazu kommen, stehen die Chancen gut, dass dieser eher seine eigene Nation ins Unheil führt als den Rest der Welt. 1 Bei dieser Schreibweise handelt es sich um die Wiedergabe des chinesischen Namens der Autorin in der offiziellen Hanyu-Pinyin-Umschrift. 2 Jung Chang / Jon Halliday: Mao: The Unknown Story. New York 2005. Dt. Ausg.: Mao: Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes, München 2005. 3 Jin Xiaoding: Ping Zhang Rong »Mao, bu wei ren zhi de gushi« [Kommentar zu Zhang Rong: Mao, the Unknown Story], in: www.geocities.com/jinxiaoding/ReviewMao.htm?20087, ges. am 7. 3. 2008. 4 Für eine Zusammenfassung der Pressereaktionen siehe Brent Haas: Bleeding the »Red« out of Mao and the (Ivory) White Terror: Popular and Academic Responses to Mao: The Unknown Story, in: http://orpheus.uscd.edu/chinesehistory/pgp/brentmaoessay.htm, ges. am 9. 3. 2008. 5 Jung Chang: Wilde Schwäne: Die Geschichte einer Familie. Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute, München 1991. 6 Siehe u. a. Lisa Allardice: This book will shake the world, in: The Guardian vom 26. Mai 2005; Roy Hattersley: The long march to evil, in: The Observer vom 5. Juni 2005; Donald Morrison: Taking aim at Mao. In: Time Asia vom 6. Juni 2005. Eine kritische Einschätzung bietet dagegen Joscha Schmierer: Es gibt keinen Mao ohne Mao. In: Welt Online vom 1. Oktober 2005 (www.welt.de/print-welt/article168239/Es_gibt_keinen_Mao_ohne_Mao/), ges. am 5. 3. 2008. 7 Siehe Perry Link: An abnormal mind?, in: Times Literary Supplement vom 14. August 2005; Jonathan Spence: Portrait of a monster, in: New York Review of Books vom 3. November 2005; Jeffrey N. Wasserstrom: Mao as Monster, in: Chicago Tribune vom 6. November 2005; Andrew Nathan: Jade and plastic, in: The London Review of Books vom 17. November 2005 sowie die Rezension von Stuart Schram in The China Quarterly 189 (2007), S. 205–208 und die Sondernummer von The China Journal: Mao: The Unknown Story – An Assessment. The China Journal No. 55, Januar 2006. 8 Jonathan Fenby: Storm rages over bestselling book on monster Mao. China experts attack biography’s misleading sources, in: The Observer vom 4. Dezember 2005. 9 Jung Chang: Die Viererbande und das Hochgefühl der Macht, in: Die Welt vom 25. Januar 2006. 10 Siehe Erich Follath: Freude am Foltern und Töten, in: Der Spiegel 40 / 2005, S.143. 11 Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. München 1967. 12 Zhang Rong weist diese Interpretation vehement zurück. Sie gibt zwar zu, Mao zu hassen, betont aber, dies habe keinen Einfluss auf ihre Recherche gehabt. Siehe Follath: Freude am Foltern und Töten (Anm. 10). 13 Siehe hierzu den Beschluss des ZK der KPCh vom 1. 7. 1981: Guanyu jianguo yilai dang de ruogan lishi wenti de jueyi [Beschluss über einige historische Fragen der Partei seit Gründung der VR China], in: Renmin Ribao vom 1. 7. 1981. Englische Übersetzung in Michael Schoenhals: China’s Cultural Revolution (1966–1969). Not a Dinner Party. Armonk, NY 1996, S. 297–310. 14 In diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich: Mobo Gao: The Battle for China’s Past. Mao and the Cultural Revolution. London-Ann Arbor 2008. 15 »Author Interview«, in: www.harpercollins.com.au/author/AuthorExtra.aspx?displayType=interview&authorID=50000269, ges. am 1. 7. 2008. 16 Chang / Halliday: Mao (Anm. 2), S. 630. 17 Ebd., S. 3. 18 Siehe Beschluss des ZK der KPCh vom 1. 7. 1981 (Anm. 13). 19 Hamish McDonald: Throwing the Book at Mao, in: The Age vom 8. Oktober 2005. 20 Feng Xianzhi / Jin Chongji: Mao Zedong zhuan [Biografie Mao Zedongs], 2 Bde., Beijing 2003. 21 Darunter auch die neueste Mao-Biografie in englischer Sprache: Phillip Short: Mao. A Life. London 1999. Chinesisch: Feilipu Xiaote: Mao Zedong zhuan. Übers. von Tong Xiaoqu u. a., Beijing 2004. 22 Siehe hierzu Yungfa Chen: The Blooming Poppy under the Red Sun: The Yan’an Way and the Opium Trade, in: Tony Saich / Hans van de Ven (Hg.): New Perspectives in the Chinese Communist Revolution. Armonk, NY 1995, S. 263–298. 23 In diesem Zusammenhang immer wieder genannt und auch in vielen Rezensionen zu »Mao: The Unknown Story« erwähnt: Li Zhisui: Ich war Maos Leibarzt. Die persönlichen Erinnerungen des Dr. Li Zhisui an den Vorsitzenden. Übers. von Annette Burkhardt. Bergisch-Gladbach 1994. 24 Siehe Frederick C. Teiwes / Warren Sun: The Tragedy of Lin Biao: Riding the Tiger during the Cultural Revolution (1966–1971). London 1996 sowie Qiu Jin: The Culture of Power: The Lin Biao Incident in the Cultural Revolution. Stanford 1999. 25 Chang / Halliday: Mao (Anm. 2), S. 557–560. 26 Ebd., S. 561. 27 Ebd. 28 Siehe ebd., Anm. zu S. 560 auf S. 729. 29 Allardice: This book will shake the world (Anm. 6). 30 Siehe hierzu auch Kaz Ross: Mao, the all too familiar story, in: http://eprints.utas.edu.au/897/1/Mao_the_too_familiar_story.pdf, ges. am 1. 7. 2008. 31 Siehe ebd. 32 David Hackett Fischer: Washington’s Crossing. Oxford 2004. 33 Ebd., S. IX. 34 Besonders deutlich in diesem Sinne: Ross: Mao (Anm. 30).

JHK 2009

Geteilte Erinnerung in einem vereinten Europa. Diktaturaufarbeitung zwischen Vergangenheitskonkurrenz und Erinnerungspolitik

Marek Prawda

Das vereinte Europa kann endlich mit seiner ganzen Lunge atmen. In Polen erinnert man sich nicht gern an die Zeit mit einem »amputierten Lungenflügel«. Mit der fortschreitenden europäischen Integration sollten allmählich auch unsere Erinnerungen zusammenwachsen, das erscheint mir nicht nur für das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch für die Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln wichtig. Oft wird sogar hervorgehoben, dass sich eine Vertiefung der Integration in der EU ohne die Arbeit an einem gemeinsamen Bild von der europäischen Geschichte nicht erreichen lässt. Die neuen EU-Mitglieder betonen, dass auch ihre Erfahrung von Diktaturen und Fremdbestimmung einen Teil der europäischen Geschichte darstellt. Wir sind uns aber darin einig, dass ein verbindendes europäisches Geschichtsbild erst noch wachsen muss. Die Völker haben zu viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht, um sie bereits in einem gemeinsamen Narrativ zusammenzufassen. In diesem Text stelle ich mir zum einen die Frage, wie man diese Erfahrungen »europäisieren« kann, und zum anderen, welche psychologischen Blockaden uns möglicherweise daran hindern, die Geschichtsbilder der Nachbarn zu erkennen und zu verstehen. In beiden Fällen werde ich mich auf Beispiele aus polnischen und deutschen politischen Debatten beziehen. Europäische Erinnerung – Perspektivenwechsel Die Kriegserfahrungen lassen sich sicherlich europäisieren, indem man sie als ständige Warnung betrachtet und daraus den Mut schöpft, sich möglichen Katastrophen entgegenzustellen. Und indem man zur Aufarbeitung aller Schattenseiten der eigenen Geschichte bereit ist. Dazu bedarf es nicht zuletzt der Förderung eines antitotalitären Konsenses – zwei Totalitarismen und der Völkermord sind für uns die zentralen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Das bedeutet, dass man tragische Ereignisse und Prozesse wie kriegsbedingte Fluchtbewegungen, Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen in einer unmissverständlichen Relation dazu betrachten sollte. Sie stehen am Ende einer langen Kette von Verbrechen und sind nur ein Teil der humanitären Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, der seinem Wesen nach ein Vernichtungs- und Unterwerfungskrieg war. Das heißt auch, dass die gemeinsame Erinnerungskultur kein aus dieser Kette herausgerissener Prozess sein kann, sondern vielmehr auf der Grundlage der gesamten totalitären Erfahrung des 20. Jahrhunderts erarbeitet werden sollte. Problematisch ist auch der Anspruch einer »Europäisierung der Vertreibungen«, der Erfahrungen verschiedener Völker zu unterschiedlicher Zeit und in unterschiedlichen historischen Kontexten vergleichbar zu machen versucht. Das Vergleichen von Unvergleichbarem führt zu einer falschen Universalisierung, die viel mehr mit innenpolitischen Zielen als mit einer »internationalen Empathie« zu tun haben kann. Wie der Historiker Jerzy Holzer betont, ist nur diejenige Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wirklich universell, die die Opfer und nicht die Kriegshandlungen in den Vordergrund stellt. Die Debatte um die Holocaust-Opfer hat beispielsweise wesentlich dazu beigetragen, dass die herkömmliche, zur Heroisierung neigende nationale Sicht des Kriegsgeschehens immer häufiger infrage gestellt wird. Auf dem Wege zur europäischen Erinnerungskultur müssen wir uns der Frage stellen, wie wir mit scheinbar unlösbaren Erinnerungskonflikten umgehen können. Historiker können uns auf der Ebene der Tatsachen helfen, aber nicht mehr auf der der Emotionen und Identitäten. Der Philosoph und Historiker Krzysztof Pomian fügt deshalb eine hermeneutische Sicht hinzu, die es erlaubt, den Konflikt als Tragödie aufzufassen, die von Künstlern oder Schriftstellern anhand von individuellen Schicksalen differenziert geschildert werden kann. Dies hat zur Folge, dass der zugrunde liegende Konflikt nicht manichäisch als Kampf von Gut und Böse dargestellt werden kann, in dem es auf unserer Seite ausschließlich Opfer und auf der anderen ausschließlich Täter gab. Es geht mir selbstverständlich nicht darum, die ethischen Grenzen zu verwischen, sondern darum, uns für die Leiden der Opfer auf allen Seiten zu sensibilisieren. So werden wir auch fähig, zu vergeben. Das ist allerdings nicht mehr Sache der Schriftsteller oder Künstler, sondern der moralischen Autoritäten. Die polnischen Bischöfe hatten 1965 den Mut, ein allgemein bekanntes Versöhnungs­angebot an die Deutschen zu richten: »Wir vergeben und bitten um Vergebung.« Es gibt kein anderes Ereignis in der Nachkriegsgeschichte Polens, das so viel Nachdenken über das Verhältnis zu unseren Nachbarn ausgelöst hat. Trotz unermüdlicher Diffamierungskampagnen der Kommunisten wurde die selbstkritische, offene Sprache der Bischöfe zum moralischen Standard und zur Medizin gegen Nationalismus und Intoleranz. Sich »im Geiste der Botschaft der Bischöfe« zu äußern hieß: sich anständig zu verhalten, sich selbst mit den Augen der Nachbarn zu betrachten. Und es waren katholische Publizisten, die in den Siebzigerjahren eine Debatte über einen einsamen, tragischen Helden, den evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, und seinen Widerstand im Dritten Reich initiierten. Die Begegnung mit den Schriften und mit der Biografie Bonhoeffers wurde auch zu einer Beschäftigung mit dem persönlichen Schicksal eines Deutschen. Dies war nicht ganz unbedeutend für das damals sehr belastete deutsch-polnische Verhältnis. Vor diesem Hintergrund interessierte man sich in Polen für die christlichen Kreise, die in Deutschland den Dialog suchten und praktizierten, wie Pax Christi, die Aktion Sühnezeichen oder das Maximilian-Kolbe-Werk (eine von privaten Spenden getragene Organisation, die KZ- und Holocaust-Überlebenden, unter anderem in Polen, materiell und ideell Hilfe leistet). Es gibt etwas, das die Begegnungen im Rahmen dieser Aktivitäten mit der polnischen Begegnung mit Bonhoeffer verbindet: Sie alle sind deutsch-polnische Treffen auf der ethischen Ebene. Und sie beweisen, dass Polen und Deutsche durchaus über eine Sprache der empathischen Kommunikation verfügen. Diese Sprache muss nicht erst erfunden oder ausgehandelt werden. Sie ist da und gehört zu den ermutigenden gemeinsamen Versuchen, Elemente einer europäischen Erinnerungskultur gerade dort zu suchen, wo es am schwierigsten erscheint. Europäische Erinnerung – geteilt oder nur ungleichzeitig? Nach dem Systemwechsel 1989 stand Deutschland im Mittelpunkt der Vergangenheitsaufarbeitung und der Selbstfindungsprozesse in Polen. Wir sprachen darüber, wie man im Kommunismus antideutsche Ressentiments instrumentalisiert hatte. Eine rücksichtslose Abrechnung mit dieser Zeit und schließlich ihre Überwindung sollten zum Erkennungszeichen eines freien und geistig souveränen Polen werden. Deutschland war aber nicht nur ein Bezugspunkt unserer Debatten, sondern avancierte zu Polens Anwalt und Alliiertem. Mit diesem Wandel ging eine veränderte Wahrnehmung des Nachbarn einher. All das verlieh den deutsch-polnischen Beziehungen einen ganz besonderen Stellenwert – und erhöhte die Erwartungen. Diese Erwartungen konnten nicht erfüllt werden, denn eine vergleichbare Debatte über die Komplexität der deutsch-polnischen Beziehungen hat in Deutschland nach 1989 nicht stattgefunden. Unsere Nachbarn sahen keinen Grund dazu, zumal die historischen Debatten bei ihnen längst geführt worden waren. Man übersah allerdings, dass in diesen Nachkriegsdebatten in der Regel der Holocaust im Mittelpunkt gestanden hatte. Polen, damals ein Teil des feindlichen kommunistischen Lagers, war schlicht nicht präsent und an den damaligen Deutungsprozessen nicht beteiligt. Präsent war Polen allerdings auf eine andere Art und Weise. Wenn es in Deutschland jemals möglich war, ein Opfersyndrom zu kultivieren, dann geschah es in der Nachkriegszeit und mit einem klaren Polen-Bezug. Polen erschien beinahe als Nutznießer des Krieges, an ihm ließen sich am einfachsten die Kriegsfrustrationen abreagieren. Verstärkt wurde dies zum einen durch die sensible Natur der Grenzfrage und zum anderen durch die kommunistische Geschichtspolitik. Dabei spielte es keine Rolle, dass das propagandistische Bild der deutsch-polnischen Vergangenheit Teil der verlogenen kommunistischen Politik war. Und heute, nachdem die Opfer-Debatte in Deutschland aktualisiert wurde, vernimmt man in Polen Signale, die wie Zitate aus der Rhetorik der Nachkriegszeit wirken und in denen auch damalige Emotionen mitzuklingen scheinen. Manchmal weisen sie auf nicht verarbeitete Vorurteile aus dem 19. Jahrhundert hin – eine Tradition, die in Deutschland ihre Fortsetzung in der kritischen Haltung zur Wiedergeburt Polens 1918 und zur Bildung des polnischen Staates in den Grenzen von 1945 fand. Sie ist der eigentliche Grund für die polnischen Bedenken oder sensiblen Reaktionen auf manche deutschen Debatten der letzten Jahre. Diese Reaktionen zeugen natürlich nicht – wie oft behauptet – von fehlendem Verständnis für die Phase der individualisierten Erinnerung im Deutschland der Neunzigerjahre, als die Generation der Opfer von Flucht und Zwangsaussiedlungen der Nachkriegszeit – naturgemäß – in den Mittelpunkt rückte. In Deutschland versteht man jedoch überhaupt nicht, worum es den »notorisch übersensiblen« Polen noch gehen mag. Für mich stellen diese Missverständnisse Beispiele für die Ungleichzeitigkeit der historischen Debatten dar. Hätten wir Anfang der Neunzigerjahre unsere Vergangenheitsdebatte zu Ende geführt und wirklich auf beiden Seiten ernst genommen, so hätten wir uns später vielleicht manchen Streit und manches Kopfschütteln erspart. Doch noch in den Neunzigerjahren fiel uns immer wieder auf, dass der Warschauer Aufstand von 1944, immerhin die größte Erhebung des Zweiten Weltkriegs, in Deutschland ein eher wenig bekanntes Ereignis war und meistens mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto verwechselt wurde. Und wenn wir das richtigstellen wollten, wurden wir häufig einer obsessiv rückwärtsgewandten Haltung bezichtigt. Die Ungleichzeitigkeit historischer Aufarbeitungsprozesse in Deutschland und Polen wurde darüber hinaus in der Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen deutlich. Dieses Projekt traf uns in einer Phase selbstkritischer Debatten über die Schattenseiten unserer eigenen Nachkriegsgeschichte. Umso weniger verstanden wir, dass man uns gerade zu jenem Zeitpunkt so kategorisch dazu aufrief, »endlich Abschied von unseren Tabus zu nehmen«. In unseren Augen waren wir seit einigen Jahren dabei, genau das zu tun – so intensiv wie nie zuvor. Aus der Sicht der Deutschen blieben die »übersensiblen« Polen ihrem Mythos der unschuldigen Opfer verhaftet und waren nicht in der Lage zu akzeptieren, dass auch andere ihrer Opfer gedenken. Wir Polen fühlten uns missverstanden, da wir aus einem ganz anderen Grund so empfindlich reagierten. Wir hatten gerade eine schwierige öffentliche Debatte hinter uns – eine Debatte über unsere eigenen Verdrängungsvarianten und über die Notwendigkeit, uns den Sichtweisen und Sensibilitäten der Nachbarn zu öffnen. Eine Debatte über die schwierigsten Ereignisse in unserem Verhältnis zu Juden, Deutschen oder Ukrainern. Selbst über die Zwangsaussiedlungen der Deutschen erschien damals eine Fülle von Publikationen. Und wir wollten das Erreichte erhalten. Die Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen hat uns jedoch von diesem Ziel entfernt. Mein letztes Beispiel bezieht sich auf die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit. Anfang der Neunzigerjahre kam eine polnische Delegation nach Berlin, um mit Oppositionellen aus der ehemaligen DDR zu sprechen. Diese überreichten uns Stasiakten, die die Aktivitäten gegen die Solidarność-Bewegung in Polen belegen sollten. Für unsere Nachbarn war das nicht nur eine wichtige Geste, sondern auch Bestandteil der damals vorgenommenen, notwendigen Abrechnung mit dem früheren System und seinen Anhängern. Auf der polnischen Seite reagierte man distanziert auf diesen revolutionären oder sogar »jakobinischen« Eifer der Deutschen. In Polen dominierte damals eine eher konziliante Linie im Verhältnis zu den Anhängern des alten, ohnehin kompromittierten Systems, man wollte sich lieber mit der Wirtschaftsreform beschäftigen. Nicht ohne Bedeutung war auch das ungebrochene Selbstwertgefühl der politischen Elite eines Landes, in dem die antikommunistische Opposition traditionell stark war und nun die volle Verantwortung übernehmen musste. Keine Zeit für symbolische Abrechnungsrituale. Die Kollegen aus dem sich gerade vereinigenden Deutschland hatten wenig Verständnis für diese Haltung. Sie teilten auch nicht die Ansicht, dass eine junge Demokratie zunächst gefestigt werden sollte, bevor sie sich eine solche Debatte leistet. Und sie blieben ebenfalls skeptisch, als wir die Vorzüge eines »soziologischen« Ansatzes (Wie ist es dazu gekommen, dass das kommunistische System eine breite Unterstützung fand? Wir sollten seine Mechanismen aufdecken!) gegenüber einem »politischen« (Wer hat uns so zugerichtet? Wir müssen alle Agenten finden und bestrafen!) priesen. Als Antwort hörten wir, dass vor allem die vom kommunistischen Unrecht betroffenen Menschen sich sehr wohl auch dafür interessieren müssten, »wer« für ihr Schicksal verantwortlich sei. Das menschliche Gerechtigkeitsempfinden stelle darüber hinaus eine unverzichtbare Legitimationsquelle in einem neuen System dar, das man aufbaue. Erst recht, wenn man der Bevölkerung – wie eben in Polen – eine harte Wirtschaftsreform zuzumuten gedenke. Nicht um die oben geschilderte Kontroverse aus heutiger Sicht besserwisserisch zu diskutieren, habe ich mir erlaubt, diese Episode in Erinnerung zu rufen. Interessant ist für mich vielmehr die Tatsache, dass wir in den letzten Jahren im deutsch-polnischen Verhältnis wieder eine ähnliche Debatte erlebten – nur mit vertauschten Rollen. Diesmal hatten die Deutschen gewisse Schwierigkeiten, den polnischen Ansatz der Vergangenheitsbewältigung zu verstehen. Es soll hier aber hinzugefügt werden: Polen war das erste Land in der Region, das 1989 Systemreformen durchzuführen begann. Deshalb übersprang man manche Entwicklungsphasen oder Debatten, die uns nun verstärkt und manchmal überraschend einholen. Ungleichzeitigkeit eben. Fremdheitsbarrieren überwinden Die historischen Debatten, die zu unterschiedlicher Zeit oder verspätet stattfinden, sind nicht das einzige Hindernis auf dem Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur. Europa braucht ein neues Gemeinschaftsgefühl. Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff hat in seinem Film über die Streiks in der Danziger Werft gezeigt, wo die Wurzeln dieses neuen Gemeinschaftsgefühls auch zu finden sind: in Danzig, Prag, Ostberlin. Die Geschichte interessiert uns nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen der Zukunft. Damit wir, die neuen EU-Mitglieder, nicht nur als Quelle von Sorgen, sondern als Quelle positiver politischer Energie angesehen werden. Wenn man uns nämlich in diesem Sinne akzeptiert, wenn man uns einen positiven Beitrag für Europa attestiert, mag es einfacher sein, auch manche Ideen, die von uns kommen, zu akzeptieren und sie nicht von vornherein als Hirngespinste aufgeregter Mitteleuropäer abzutun. Es ist nicht die historische Paranoia, die wir nun in die Gemeinschaft einbringen, sondern es sind zum Beispiel ein Beitrag zur friedlichen Lösung der Krise in der Ukraine oder – wie zuletzt – praktische Projekte für unsere Nachbarn im Rahmen der Ostpartnerschaft der EU. Diese Bemühungen sind nicht Handlangerdienste für die Amerikaner in Europa, sondern ergeben sich aus unserem in der Solidarność-Zeit gewonnenen Verständnis dafür, wie wichtig es ist, die Verankerung in jenen internationalen Strukturen zu suchen, die auf demokratischen Werten basieren. Im September 1989 wurde die – ganze zwei Wochen alte – erste nichtkommunistische Regierung in Warschau auf eine außenpolitische Probe gestellt: In die Botschaft der Bundesrepublik in Warschau strömten Flüchtlinge aus der DDR, die auf Umwegen in den anderen deutschen Staat gelangen wollten. Die Warschauer Regierung, damals noch eine Insel in der kommunistischen Umgebung, stellte sich die Frage: Wie erfüllt man eine selbstverständliche humanitäre Pflicht gegenüber den Flüchtlingen, ohne die Nachbarn zu provozieren und zugleich eine historische Chance für sich selbst und für die Region zu verspielen? Die »illegalen Besucher« aus der DDR wurden in Ferienheime der Gewerkschaft Solidarność einquartiert. Die Ostberliner Presse bezichtigte uns unterdessen der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR. Manche Staatsmänner in der Region machten sich auf den Weg, um uns »brüderliche Hilfe« zur Rettung des Kommunismus zu leisten. Je mehr wir uns in Selbstbeschränkung übten, desto unruhiger wurde die Presse im Westen. Ein britisches Blatt warnte, die als notorische Unruhestifter und unheilbare Rebellen bekannten Polen machten sich zu früh und zu hastig an die Demontage des Kommunismus. Sie würden noch sich selbst und halb Europa in die Luft sprengen. In dieser »idyllischen« Atmosphäre standen wir mit unserem Flüchtlingsproblem und mit der ein wenig komplizierten Freiheit weitgehend allein da. Nach einigen Wochen nahm diese Geschichte aber ein gutes Ende: Die Berliner Mauer fiel. So kam die polnische »Unruhestifterei« auch den Deutschen zugute. Im Jahre 2009 haben Polen und Deutsche – vielleicht zum ersten Mal – eine gemeinsame positive Geschichte zu erzählen. Vor allem darüber, dass die Mauer nicht von allein gefallen ist, sondern dass dem politischen Umbruch von 1989 eine faszinierende Geschichte der Oppositionsbewegungen in der Region vorausging. 20 Jahre nach dem Systemwechsel freuen wir uns über das Zusammenwachsen beider Teile des Kontinents. Aber ganz besonders freuen wir uns darüber, dass sich nun Ost und West ihre Geschichten erzählen können. Nur so können wir uns einem europäischen Selbstverständnis nähern. Dies ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass der andere kein schwer zu fassender, mysteriöser Fremder bleibt. Und darauf kommt es ja schließlich an, dass das Anderssein nicht gleichzeitig Fremdheit bedeutet. Und wenn es uns gelingt, diese Barriere zu überwinden, stärken wir zugleich unsere Immunsysteme für schlechtere Zeiten, sodass wir bei manchen politischen Schwierigkeiten nicht so schnell in die Denkmuster von vorgestern zurückfallen. Nun stellt sich noch die Frage, ob Polen und Deutsche einen spezifischen Beitrag zur europäischen Erinnerungskultur leisten können. Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn die Polen nicht jede Woche überprüften, ob die Deutschen ein gutes Gedächtnis haben, und wenn die Deutschen ihrerseits die Möglichkeit nicht ausschlössen, dass die Polen außer Traumata auch einfach legitime Interessen haben.

JHK 2009

Russische Bolschewiki und deutsche Linkssozialisten am Vorabend der deutschen Novemberrevolution. Beziehungen und Einflussnahme

Ottokar Luban

Die seit der Perestroika bzw. Friedlichen Revolution in russischen und deutschen Einrichtungen frei zugänglich gewordenen Archivalien sind bisher kaum dazu genutzt worden, die Beziehungen zwischen deutschen und russischen Sozialisten in den Monaten vor der Novemberrevolution 1918 in Deutschland zu beleuchten. Ausnahmen bilden eine exzellente Studie von Alexander Vatlin, eine Dokumentation von Feliks Tych und zwei Aufsätze des Verfassers mit benachbarter Thematik.1 Um diese Lücke weiter zu schließen, sollen im Folgenden die Aktivitäten des russisch-bolschewistischen Botschafters in Berlin Adolphe A. Joffe zur Revolutionierung der deutschen Arbeiterschaft und die korrespondierenden Bestrebungen der deutschen Linkssozialisten (USPD, Spartakusgruppe, Revolutionäre Obleute)2 untersucht werden. Die Konfrontation des bolschewistischen Botschafters mit der Schwäche der deutschen Linken Ende April 1918 kam nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem revolutionären Russland und dem deutschen Kaiserreich Adolphe A. Joffe als russischer Botschafter nach Berlin. Gleich nach seinem ersten offiziellen Besuch im Auswärtigen Amt führte sein Weg in die Privatwohnung des zur Spartakusführung gehörenden 72-jährigen Literatur- und Parteihistorikers Franz Mehring. Andere prominente Spartakusführer wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches befanden sich in Haft, Clara Zetkin wohnte in Sillenbuch bei Stuttgart und war aufgrund ihres Herzleidens nicht reisefähig. Auch mit USPD-Politikern nahm Joffe Kontakt auf.3 Zum 1. Mai lud der russische Sozialist die führenden Genossen der Spartakusgruppe und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu einem festlichen Abendessen in die Botschaft ein, auf der die rote Fahne gehisst war. »[…] es wurden Reden gehalten, kämpferische Worte, gute revolutionäre Losungen waren zu vernehmen – darin sind die Deutschen Meister […].« Dies berichtete Joffe voll Ironie nach Moskau. Die tatsächliche Situation der deutschen Linken wirkte auf den bolschewistischen Botschafter ernüchternd: »Eine reale Opposition gibt es nicht. Die Unabhängigen sind schlapp und ekelerregend prinzipienlos, sie sind zutiefst davon überzeugt, dass die Rettung nur in der Niederlage im Westen besteht, doch beeindruckt von der rohen Gewalt der deutschen Waffen fürchten sie sich vor einer möglichen Niederlage [der Entente]. Ihre gesamte Politik ist aufs Geratewohl gebaut und ist von Schwankungen gekennzeichnet, die von Explosionen der Hoffnungen auf den Sieg Frankreichs bis zur völligen Depression beim Fehlen oder der Minderung dieser Hoffnung reichen. Die Spartakisten sind völlig zerschlagen, der größere Teil von ihnen befindet sich zur Zeit im Gefängnis, die übrigen sind eingeschüchtert und kraftlos.«4 Joffe hatte die deutschen Linken an einem Tiefpunkt ihrer Entwicklung angetroffen. USPD und Spartakusgruppe waren wegen ihrer Beteiligung an den Massenstreiks von Ende Januar, Anfang Februar 1918 von den massivsten staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen seit Kriegsbeginn betroffen. Viele ihrer aktiven Mitglieder waren zwangsweise an die Front geschickt oder zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Dies schwächte die Linke nicht nur personell, sondern schüchterte auch die Arbeiterschaft ein, wie der Berliner Polizeipräsident von Oppen am 22. Mai 1918 rückblickend festhielt.5 Mit der Unterzeichnung des Diktatfriedens mit Russland am 3. März und der am 21. März 1918 beginnenden, in den Zeitungen propagandistisch groß herausgestellten Westoffensive der deutschen Armee war in der Bevölkerung erneut Hoffnung auf einen Siegfrieden geschürt worden. In dieser Atmosphäre hatte der Kandidat der USPD bei einer Reichstagsnachwahl in der linken Hochburg Niederbarnim (östliche und nordöstliche Vororte Berlins) eine schwere Niederlage gegen den Vertreter der Mehrheitssozialdemokratischen Partei erlitten.6 In der USPD war die Bestürzung immens. »Seit dem Ausfall der Wahl in Niederbarnim zittern diese Helden sehr für ihre Mandate. Auch [Wilhelm] Dittmanns Strafe schwebt ihnen abschreckend vor. Mit den Leuten ist die Welt nicht zu erobern […].«7 Dieses negative Urteil der Assistentin der Spartakusführung Mathilde Jacob in einem Brief an Clara Zetkin vom 4. April 1918 entsprach offenbar der unter den Spartakusführern vorherrschenden Meinung, wie auch ein Kommentar zum Wahlergebnis in ihrer illegal erscheinenden Zeitschrift Spartacus zeigt.8 Adolphe A. Joffe teilte diese Kritik und berichtete in diesem Sinne – auch in späteren Schreiben – nach Moskau, ohne auf die politische Gesamtsituation hinzuweisen, in der die USPD handelte. Ohne Rücksicht auf die in der Arbeiterschaft vorherrschende Stimmung forderte er – wie auch die Spartakusgruppe – von der USPD ein ständiges Drängen auf revolutionäre Massenaktionen.9 Clara Zetkin und Franz Mehring hatten die Machtübernahme durch die Bolschewiki in Russland in Zeitungsartikeln vom November und Dezember 1917 sowie Januar 1918 begrüßt – Zetkin in der ihr eigenen Art begeistert, fast überschwänglich, Mehring eher zurückhaltend.10 Rosa Luxemburg hatte im Januar 1918 im Spartacus die mit dem Sieg der russischen Revolution verbundene Friedenshoffnung, aber auch die Gefahr einer Stärkung des militaristischen, halbabsolutistischen Regimes in Berlin als Folge eines deutschen Siegfriedens hervorgehoben. Der einzige Ausweg sei eine revolutionäre Erhebung im Westen, vor allem in Deutschland.11 Diese Argumentation zieht sich in den letzten Kriegsmonaten bis zur deutschen Novemberrevolution 1918 als roter Faden durch viele Schriften der Spartakusgruppe. Die Spartakusgruppe, die als informeller linksradikaler Kreis in der USPD hauptsächlich als wirkungsvolle konspirative revolutionäre Propagandatruppe gearbeitet hatte, war seit dem 24. März 1918 durch die Verhaftung ihres Leiters Leo Jogiches und seiner Berliner Helfer für einige Monate politisch weitgehend aktionsunfähig.12 Mühsam versuchte Mathilde Jacob, die Vertraute von Luxemburg und Jogiches, einige der in Freiheit verbliebenen, aber aus verschiedenen Gründen passiv gewordenen Anhänger wieder für die illegale Arbeit zu aktivieren.13 Erst Anfang Mai übernahm der frühere Arbeitersekretär Karl Schulz aus Halberstadt nach seiner Desertion unter dem Decknamen Holz die Leitung der illegalen Spartakusagitation.14 In der Folge besuchte er oft die zur Spartakusführung gehörenden Eheleute Hermann und Käte Duncker, deren Wohnung in Berlin-Steglitz während der Kriegszeit häufig als informeller Treffpunkt der deutschen Linken diente, wobei manchmal auch russische Sozialisten zu Gast waren. Auch in anderen Privatwohnungen, wie bei Franz Mehring, gab es Gesprächsrunden mit russischen Genossen. Ebenso suchten Hermann und Käte Duncker die russische Botschaft zu Gesprächen auf.15 Insgesamt vermitteln die Briefe der Dunckers das Bild eines intensiven Kontakts der Spartakusführung mit den in Berlin weilenden Bolschewiki. Auch USPD-Reichstagsabgeordnete wie Hugo Haase, Georg Ledebour, Oscar Cohn, Ewald Vogtherr, August Erdmann und Eduard Bernstein sowie andere Linke besuchten häufig die russische Botschaft.16 In einer Diskussionsrunde Ende Mai 1918 in der Wohnung der Dunckers mit fünf russischen Sozialisten und deutschen Gästen wie dem nach Berlin umgezogenen Stuttgarter Redakteur Jacob Walcher, dem zur Spartakusführung gestoßenen Rechtsanwalt Paul Levi aus Frankfurt am Main und Karl Liebknechts Frau Sophie, insgesamt 15 Personen, überwog erstaunlicherweise eine deutlich negative Sicht der revolutionären Zukunftsaussichten, wie Hermann Duncker berichtete. »Das Erdrücken der russischen Revolution durch Deutschland« wurde als »unausweichlich« angesehen. Da Deutschland im Westen militärisch nichts erreichen werde, »wird man im Osten nach den Lorbeeren zu greifen versuchen«. Die deutschen Militärs würden ganz Russland erobern und noch 1918 wieder eine bürgerliche oder zaristische Regierung einsetzen. Der Krieg würde noch zwei Jahre weitergehen, mit dem Ergebnis »große Depression«. Aber es bestehe auch »Aussicht auf innerdeutsche Revolution. Kommt es zu der, so wird auch die russ. Revolution wieder u. endgültig auferstehen! […] Ich rechne dabei auf revolutionäre Aktivität in Deutschland erst in ca. 2 Jahren.«17 Die fortdauernde Schwäche der deutschen Linken Die Aktivierung der Spartakusorganisation ging nur sehr langsam voran. Erst im Juni 1918 konnte der Spartacus Nr. 9 gedruckt werden, fünf Monate nach der vorangegangenen Ausgabe. Durch einen Zufall wurde die Polizei jedoch auf die Druckerei aufmerksam, verhaftete den Besitzer und beschlagnahmte 6000 Exemplare. Der Neudruck, zusammen mit der Herausgabe von Flugblättern, konnte erst einen Monat später erfolgen.18 Anfang Juni gab Joffe – in Beantwortung einer Anfrage Lenins – erneut eine negative Einschätzung der Einsatzfähigkeit der Spartakusgruppe ab: »Was die revolutionäre Arbeit betrifft, so schrieb ich bereits, dass die Unabhängigen absolut unzuverlässig, die Spartakisten indes zerschlagen sind. Einen illegalen Apparat gibt es nicht, und illegale Literatur, außer Proklamationen [Flugblätter] herauszugeben, gelingt nicht. […] es ist sehr schwer, etwas zu tun, denn die Besten sitzen in Haft, und die anderen sind wenig zu gebrauchen, denn sie sind zu alt oder zu jung.«19 Clara Zetkin und Franz Mehring nahm er teilweise von dieser Kritik aus, indem er sie als Verfasser mehrerer Artikel lobend erwähnte.20 Drei Wochen später, am 24. Juni, berichtete Joffe an Lenin, dass er zwar den deutschen Linken jede finanzielle Unterstützung angeboten habe, jedoch von Ernst Meyer, dem früher beim Vorwärts tätigen Journalisten und Mitglied der Spartakuszentrale, die Antwort bekomme habe, nur für die Herausgabe einer weiteren Auflage von Rosa Luxemburgs Junius-Broschüre bestehe eventuell Bedarf – »[…] etwas anderes lohnt nicht«. Immerhin konnte Joffe ein neu erschienenes Spartakusflugblatt nach Moskau mitschicken.21 Immer wieder versuchte der russische Botschafter, aktivierend auf die USPD-Führer einzuwirken. So berichtete Hermann Duncker Mitte Juni seiner Tochter, es sei in der Botschaft zu einer »sehr angeregten Diskussion« gekommen. »Es wurde Ledebour u. Haase der Kopf gewaschen.« 22 Doch über zwei Monate später musste Joffe in einem weiteren Brief an Lenin eingestehen, dass seine Versuche einer Einflussnahme erfolglos geblieben seien: USPD und Spartakusgruppe seien nicht in der Lage gewesen, einem mit wirtschaftlichen Forderungen verbundenen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet »[…] eine politische Richtung zu geben. Es wurde von den Unabhängigen und von den Spartakisten absolut nichts in dieser Hinsicht unternommen, obwohl ich persönlich [!] 100-mal mit den Genossen darüber gesprochen und wirklich Unterstützung angeboten habe.« Sein Urteil fiel noch negativer aus als zuvor: »Die Unabhängigen sind ganz hoffnungslos und untauglich als revolutionäre Partei. Die Besten von ihnen wie Ledebour sind Parlamentarier par excellence. Sie verstehen nichts anderes. Die Spartakisten haben Angst vor Verhaftungen. Der größere Teil der Jugend (wenn nicht nach dem Alter, so nach der revolutionären Erfahrung) ist imstande, unter einer Führung zu arbeiten, und sie haben wirklich etwas geleistet, als Tyszka [Leo Jogiches] noch frei war; und sie stellen sich vor, wenn sie einmal ein Flugblatt herausgegeben haben (das sie überhaupt nicht verteilen können), das hätte sogar schon zu viel revolutionären Geist.«23 Joffe konstatierte im gleichen Bericht vom 5. September 1918 zwar einen starken Stimmungseinbruch bei den Deutschen. »Aber denken Sie bitte nicht, dass schon eine militärische Niederlage oder eine Revolution in der Nähe ist […]. Die Regierung hat alles noch im Griff.« Zur Bekräftigung dieser Aussage berief er sich auf die Äußerung des linksradikalen Reichstagsabgeordneten Otto Rühle, »[…] dass man mit den deutschen Arbeitern jetzt nichts machen kann, und man abwarten muss«.24 Wenn schon der linksradikale Abgeordnete eine fehlende Aktionsbereitschaft der Arbeiterschaft feststellte, wie sollte da die USPD ein Patentrezept zur Aktivierung des deutschen Proletariats haben? Der russische Botschafter scheint dafür wenig Verständnis gehabt zu haben, was möglicherweise auch auf mangelhaftem Wissen über das Ausmaß und die Auswirkungen der andauernden Repressionsmaßnahmen gegenüber den deutschen Sozialisten, den Grad der organisatorischen Schwäche sowohl bei der Spartakusgruppe als auch bei der USPD und die Mentalität der deutschen Arbeiterschaft beruhte. In seinem Bericht vom 5. September wird die erneute Zerschlagung des illegalen Spartakusapparats durch die Verhaftung des Leiters Karl Schulz und zweier wichtiger Helfer am 15. August25 mit keinem Wort erwähnt. Wie sich Joffe konkret eine bessere revolutionäre Politik im Rahmen der herrschenden Bedingungen vorstellte, ist seinen Schreiben nur selten und dann nur andeutungsweise zu entnehmen. Tatsächlich hatte sich die Politik der USPD nach dem Massenstreik Ende Januar, Anfang Februar 1918 stark radikalisiert. Namens seiner Fraktion bekannte sich der Partei- und Fraktionsvorsitzende Hugo Haase im Reichstag zum politischen Massenstreik als Mittel zur Erreichung des Friedens; das Friedensdiktat von Brest-Litowsk an Russland wurde im Reichstag von der USPD verurteilt und abgelehnt, die revolutionäre russische Regierung bei jeder Gelegenheit verteidigt. So propagierte Georg Ledebour im Juli 1918 im Parlament den internationalen Massenstreik für den Fall eines Angriffs der deutschen Armee auf Russland und prophezeite, dass darauf die deutsche Revolution folgen werde. Über diese radikalen Reichstagsreden wurde ausführlich in den USPD-Zeitungen berichtet, weil für die Wiedergabe von Parlamentsansprachen nicht die üblichen Zensurbestimmungen galten (die zuständigen Militärbehörden sprachen allerdings trotzdem mehrfach Veröffentlichungsverbote aus). Ähnlich scharfe Äußerungen wären auf den von der Polizei überwachten Versammlungen oder als gedruckte Erklärungen der Parteigremien nicht möglich gewesen. Die von Joffe kritisierte Konzentration auf radikale Erklärungen im Parlament hatte also den Sinn, über die anschließende Veröffentlichung in der Parteipresse eine breite Wirkung in der Arbeiterschaft zu erzielen. Die Führung der Unabhängigen Sozialdemokraten schwankte zwischen der Hoffnung auf einen Verständigungsfrieden unter den Bedingungen des amerikanischen Präsidenten Wilson und der Erwartung einer revolutionären Entwicklung nach dem kommenden Winter. Doch seit Anfang Oktober verschärfte sich die Tonart der USPD-Agitation noch einmal deutlich. Es ist unklar, in welchem Ausmaß und ab wann die Aufstandsvorbereitungen der Revolutionären Obleute und die Beteiligung Georg Ledebours und vor allem des stark engagierten kommissarischen Parteisekretärs Ernst Däumig den übrigen Mitgliedern des Vorstands – vor allem dem Parteivorsitzenden Haase – bekannt wurden. Auf jeden Fall wurden Ende Oktober Haase, Dittmann und weitere USPD-Führer zu den Beratungen der Revolutionären Obleute über den Aufstandstermin hinzugezogen.26 Kritik der deutschen Linken an der bolschewistischen Revolutionspolitik Das Eingehen der bolschewistischen Regierung auf die harten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk und die Zusammenarbeit mit den Deutschen im Rahmen der Anfang September 1918 ratifizierten Zusatzverträge wurden von den deutschen Linken kritisiert. Liebknecht und, besonders prononciert, Jogiches äußerten sich intern, Luxemburg öffentlich im Spartacus, wobei als Ursache die ausbleibende deutsche Revolution gesehen wurde.27 Auch unter den führenden Unabhängigen Sozialdemokraten wurden ähnliche Bedenken erhoben, die von den USPD-Zeitungen wie auch von der Mehrheit einer nicht öffentlichen Reichskonferenz Mitte September 1918 geteilt wurden. Zwar sprach sich die Konferenz gegen den roten Terror in Russland aus, lehnte jedoch die mehrfach öffentlich geäußerte massive Kritik Karl Kautskys, Eduard Bernsteins und Heinrich Ströbels an den Bolschewiki ab und begrüßte die bolschewistische Revolution grundsätzlich.28 Dennoch prägten die Publikationen der wenigen kritischen Mitglieder wegen deren Prominenz das Bild nach außen. Vergeblich hatte der USPD-Vorsitzende Haase, trotz einiger Kritikpunkte ein Bewunderer der sozialistischen Politik Lenins, an Kautsky appelliert, seine Bolschewiki-kritischen Veröffentlichungen zurückzustellen. Franz Mehring und Clara Zetkin setzten sich dagegen publizistisch besonders intensiv zugunsten der Bolschewiki ein, was Adolphe A. Joffe in einem Brief an Lenin anerkennend hervorhob: »Solche Leute wie Zetkin oder Mehring begreifen wunderbar den Geist der russischen Revolution und ihre Bedeutung und sind vollkommen auf einer Linie mit uns.«29 Die offizielle Proklamierung und vor allem die Praktizierung des roten Terrors durch die bolschewistische Regierung nach dem Attentatsversuch auf Lenin am 30. August 1918 stieß jedoch nicht nur bei Rosa Luxemburg, sondern auch bei anderen führenden Spartakusmitgliedern auf Ablehnung, wie die Sekretärin der Internationalen Sozialistischen Kommission der Zimmerwalder Bewegung Angelica Balabanoff am 19. Oktober nach einem Aufenthalt in Berlin in einem Brief an Lenin berichtete.30 Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen Luxemburg und Lenin in der Frage des Demokratiekonzepts überwog allerdings das Interesse der Spartakusführung am Gelingen der russischen Revolution als eines ersten Schrittes zur internationalen Revolution. Diese Einstellung brachte Anfang September 1918 der besonders Bolschewiki-kritische Jogiches prägnant zum Ausdruck: Das »sozialistische Russland« sei »zwar ein krüppeliges, aber immerhin doch unser Kind«.31 Hilfe bei der revolutionären Agitation Anfang Juni 1918, sieben Wochen nach seiner Ankunft in Berlin, konnte Joffe auf die drängenden Anfragen Lenins zum Stand der revolutionären Agitation in Deutschland antworten, dass die Spartakusgruppe gerade ein Flugblatt gedruckt und er selbst ebenfalls eines für sie verfasst habe, auch einen Artikel für die Leipziger Volkszeitung. »Wir haben einige legale Zeitschriften gegründet und haben vor, weitere zu gründen, ich subventioniere einige ihrer Organe […].« Clara Zetkin und Franz Mehring seien für die revolutionäre Sache publizistisch sehr aktiv, er selbst könne jedoch nur wenige Artikel beisteuern, da ihn seine diplomatischen Aufgaben zu sehr beschäftigten. Je einen Beitrag von Zetkin und Mehring sowie die Rede eines deutschen Genossen – höchstwahrscheinlich aus dem Reichstag – schickte er zur Veröffentlichung in Russland nach Moskau.32 Mitte Juni meldete Joffe nach Moskau, dass »unter dem Firmendach PTA [Petrograder Telegraphenagentur] ein großes Informationsbüro« die Arbeit aufnehme. Ziel sei die »Unterrichtung Europas über die Bol’ševiki und Informationen über Europa für uns«. Die damit verbundene Herausgabe einer Russischen Korrespondenz unter der Redaktion von Franz Mehring und Ernst Meyer scheiterte allerdings an Mehrings körperlicher Schwäche, sodass die geplante Informationsarbeit in anderer Form geleistet werden musste. Dazu bereitete Joffe selbst »die Herausgabe von russischem Material vor (Dekrete, Ihre [Lenins] Broschüren und Reden, die Arbeiten Trotzkijs usw.)«. Zusammen mit dem Schreiben schickte er die neueste Flugschrift der Spartakusgruppe und versicherte Lenin: »Alles, was ich konnte, habe ich getan.«33 Deutsche Linke als Angestellte der russischen Botschaft und der ROSTA Sowohl in der russischen Botschaft als auch bei der erwähnten Nachrichtenagentur waren deutsche Linke in verschiedenen Funktionen tätig. Die deutsche Abteilung der PTA, später ROSTA (Rossiskoje Telegrafnoje Agenstwo), wurde von Ernst Meyer, der zur Spartakusführung gehörte, geleitet. Weiter arbeitete Emil Eichhorn, bis 1916 an der Spitze des Pressediensts der SPD, ab 1917 der USPD, in der Agentur,34 ebenso – in der russischen Abteilung – Eugen Leviné, ein emigrierter russischer Sozialrevolutionär, der während des Kriegs nur lose Kontakte zur Spartakusgruppe unterhielt und sich ihr erst in der Revolutionszeit vollständig anschloss.35 Mitte Oktober kam noch Käte Duncker hinzu.36 Das Referat des Botschafters für deutsche Angelegenheiten leitete – zunächst gemeinsam mit Eugen Leviné, der im Sommer zur ROSTA wechselte – die Ingenieurin für Elektrotechnik Fanny Jezierska, die mit den Ehepaaren Duncker und Mehring gut befreundet war. Jezierska war seit 1918 eine wichtige Helferin der Spartakusführung, über sie liefen viele Kontakte zwischen den Spartakusführern und der russischen Botschaft.37 Außerdem waren dort noch eine ganze Reihe weiterer Berliner Genossinnen und Genossen beschäftigt wie beispielsweise Wanda Marcussohn, Vorstandsmitglied der von der Spartakusgruppe dominierten Wahlkreisorganisation Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg, und Georg Müller, zeitweilig zweiter Vorsitzender des radikalen Berliner Jugendbildungsvereins.38 Es gibt leider keine konkreten Aussagen darüber, ob und wie diese Mitarbeit in der Botschaft und der Nachrichtenagentur die logistisch-agitatorischen Möglichkeiten der deutschen Revolutionäre verbesserte – ob sie etwa für die illegale Flugblattagitation genutzt werden konnte. Nach Ernst Meyer gab es in der ROSTA zunächst nur die Möglichkeit zum Hektografieren aller Mitteilungen, bis er eine Druckmaschine in den Büroräumen installieren ließ.39 Hier könnten Spartakusflugblätter gedruckt worden sein, obwohl dies wegen einer möglichen polizeilichen Überwachung eigentlich nicht ratsam war. Die Politische Polizei vermutete, ohne »gerichtlich verwertbare Beweise« zu haben, dass ein am 14. Oktober 1918 auf einer Wählerversammlung in Berlin verteiltes revolutionäres Flugblatt in den Räumen der ROSTA hektografiert worden sei.40 Joffe erwähnte 1919 in einem maßlos übertriebenen – verglichen mit seinen Briefen an Lenin sogar teilweise wahrheitswidrigen – Erinnerungsbericht allgemein die Front und das Hinterland, aber nicht die ROSTA als Druckort.41 Wie Rosa Luxemburg Ende September 1918 kritisierte, wurden durch die Beschäftigung vieler deutscher Linker in der russischen Botschaft und der Telegrafenagentur sogar Kräfte von der revolutionären Arbeit der Spartakusgruppe abgezogen.42 Tatsächlich hielt im Fall des besonders aktiven linksradikalen Jugendgenossen Georg Müller die Berliner Politische Polizei Mitte Oktober 1918 nach monatelangen Beobachtungen fest, dass er nach seiner Anstellung als Kontorbote in der ROSTA kaum noch in der revolutionären Arbeiterjugend politisch aktiv war, da ihn seine berufliche Tätigkeit bis in den Abend hinein in Anspruch nahm.43 Finanzielle Unterstützung bei der Waffenbeschaffung In den ersten Dezembertagen 1918 meldete die deutsche Nachrichtenagentur WTB [Wolffsches Telegraphen Büro], von ausgewiesenen russischen Botschaftsangehörigen seien Rechnungen für Waffenankäufe über eine Gesamtsumme von 105 000 Mark in einem Eisenbahnabteil vergessen worden. Offensichtlich in der Absicht, die nach Meinung der Bolschewiki der Revolution abtrünnig gewordenen USPD-Volksbeauftragten ins Zwielicht zu bringen, bestätigte daraufhin Joffe in zwei offenen Radiotelegrammen vom 5. und 15. Dezember die Waffenfinanzierung und korrigierte den Betrag sogar nach oben: Vor der deutschen Novemberrevolution seien mit Wissen des USPD-Vorsitzenden Haase über Mittelspersonen mehrere Hunderttausend Mark für Waffenbeschaffung an Emil Barth, informeller Anführer der sogenannten Revolutionären Obleute und ab 10. November Mitglied des Rats der Volksbeauftragten, also der neuen Regierung, übergeben worden.44 Barth bestätigte den Erhalt der Gelder, die er aber weder von Joffe noch von anderen Russen, sondern von deutschen Idealisten bekommen haben wollte. Haase sei erst im Nachhinein von ihm informiert worden.45 Haase seinerseits erklärte, die USPD habe sich weder an der Verbreitung von aus russischer Quelle stammenden Propagandaschriften beteiligt noch Geld für Waffenkäufe angenommen.46 Nach der Niederschlagung des Massenstreiks im Januar / Februar 1918 hatten die Hauptträger dieser Bewegung, die linken oppositionellen gewerkschaftlichen Vertrauensleute der Berliner Metallindustrie, die später als Revolutionäre Obleute bekannt wurden, unter Emil Barth sowie den bald hinzukommenden USPD-Politikern Ernst Däumig und Georg Ledebour begonnen, die nächste Massenaktion zu planen. Es handelte sich um einen politischen Massenstreik mit anschließender von den Arbeitern getragener bewaffneter revolutionärer Erhebung zur Erreichung von Frieden und Demokratie. Die Bewaffnung war in erster Linie für Auseinandersetzungen mit der als absolut kaisertreu eingeschätzten Polizei gedacht (bei den in Berlin stationierten Truppen hoffte man auf ein Überlaufen zu den Demonstranten) und wurde als unabdingbare Voraussetzung für ein Gelingen des Aufstands angesehen.47 Von Juli bis Mitte September 1918 hatten die Obleute vergeblich versucht, das Geld für die Waffenkäufe in Holland von den Finanziers der deutschsprachigen sozialistischen Zeitung Der Kampf zu bekommen.48 Wahrscheinlich hatten sie die Kontaktaufnahme zur russischen Botschaft lange gescheut, weil diese intensiver Überwachung durch die Politische Polizei ausgesetzt war.49 Mitte September kam es jedoch zu einem Treffen Barths mit einem führenden Vertreter der Bolschewiki. Während eines Aufenthalts in Berlin referierte Petr Stučka als Repräsentant der russischen Partei auf einer internen USPD-Konferenz am 11. und 12. September über die russische Revolution und besuchte an einem der folgenden Tage auch eine Sitzung der Revolutionären Obleute unter dem Vorsitz von Emil Barth. Dort habe er, Stučka, sich »bedeutend mehr zu Hause gefühlt als auf der Parteikonferenz«. Anschließend kam es zu einer privaten Unterhaltung, in der Barth noch schärfer auftrat als zuvor.50 Hierbei muss dieser die Finanzierung der Waffenkäufe angesprochen haben, denn Joffe erklärte später im Dezember 1918, Barth habe ihm bei ihrem einzigen Gespräch im Rahmen des Liebknecht-Empfangs in der russischen Botschaft am 24. Oktober 1918 Vorwürfe gemacht, »dass ich ihm die von ihm bei einem namhaften Mitgliede der Kommunistischen Partei gelegentlich dessen Besuches in Berlin erbetene Summe von zwei Millionen seinerzeit nicht ausgehändigt hatte«.51 Aufgrund der Stučka-Berichte, der Waffenrechnungen52 und der Bemerkung Joffes kann erstmals der Zeitraum der Waffenfinanzierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Zeit vom 21. September bis 31. Oktober 1918 datiert werden. Joffe erwähnt allerdings erst am 13. Oktober in seinem Brief an Lenin die Geldzuwendung für die »Bewaffnung«.53 Die Gelder für die Waffenkäufe wurden höchstwahrscheinlich im Auftrag von Joffe über den USPD-Reichstagsabgeordneten und Rechtsanwalt Oscar Cohn, den juristischen Vertreter der Botschaft, zu den Revolutionären Obleuten transferiert, wobei die Kenntnis darüber auf ganz wenige Eingeweihte beschränkt blieb. Joffes vergebliches Warten auf die deutsche Revolution Als sich Ende September, Anfang Oktober 1918 die Niederlage der Mittelmächte und ihrer Verbündeten abzeichnete und in Deutschland erstmals eine quasiparlamentarische Regierungsumbildung vorgenommen sowie ein Waffenstillstandsangebot vorbereitet worden war, setzten zunächst Lenin und später auch die übrige Führung der Bolschewiki voll auf den Erfolg der Revolution in Deutschland und richteten ihre Politik darauf aus.54 Während in den Moskauer Zeitungen das Bevorstehen der Revolution in Deutschland verkündet wurde, kamen aus Berlin nicht nur von Joffe, sondern auch von anderen bolschewistischen Beobachtern wie Wladimir P. Miljutin, Angelica Balabanoff und Julian Marchlewski äußerst skeptische Berichte über den Stand der revolutionären Entwicklung im deutschen Kaiserreich. Joffe hielt Lenin in seinem Schreiben vom 13. Oktober 1918 entgegen: »Sie überschätzen zweifellos die Nähe der deutschen Revolution.« Die Liberalisierungsmaßnahmen der deutschen Regierung und die Revolutionsdämpfung durch die Mehrheitssozialdemokraten hätten Wirkung erzielt, sodass nicht nur die MSPD, sondern auch das deutsche Proletariat gegen eine Revolution sei – »[…] und deshalb kann man auf die deutsche Revolution in nächster Zeit nicht hoffen«.55 Die Unabhängigen waren für Joffe trotz eines revolutionären Aufrufs, den sie auf sein Drängen [!] erlassen hatten, unzuverlässig, und er erwartete, dass sie die Revolution verraten würden.56 Die Spartakusgruppe war trotz ihrer Schwäche seine einzige Hoffnung, vor allem für die Zeit nach der Freilassung Karl Liebknechts, ihres einzigen populären Führers. Auf Joffes Anregung hin wollte die Spartakusgruppe bei der Eröffnung der Reichstagssession Demonstrationen veranstalten. Dennoch blieb Joffe skeptisch: »Es ist ein Unglück, dass sie so schwach sind.«57 Dies zeigte sich auch auf der von der Spartakusgruppe gemeinsam mit den Bremer und Hamburger Linksradikalen am 13. Oktober 1918 (nicht am 7., wie in dem gedruckten Bericht zur Irreführung der Polizei angegeben) in Berlin durchgeführten Konferenz. Die deutschen Linken waren nicht in der Lage, eine eigene Resolution zu verabschieden, sondern stimmten einem Aufruf an die Bevölkerung zu, der von Joffe [!] verfasst worden war.58 Zu einem ähnlichen Urteil wie der Botschafter gelangte ungefähr zur gleichen Zeit der sowjetische Wirtschaftsexperte Wladimir P. Miljutin, als er Mitte Oktober nach Gesprächen mit Ledebour und den Spartakisten aus Berlin nach Moskau berichtete: »[…] alle sagen, es werde einen Umsturz geben, zugleich wird die Situation in Bezug auf die Organisation allerdings sowohl von unseren [russischen] als auch von den deutschen Genossen [!] als nicht besonders gut eingeschätzt.« Bei den Unabhängigen sei nur Ledebour eine positive Ausnahme. Die Spartakusgruppe habe bisher keine einzige Demonstration zustande gebracht. Deshalb solle man aus Russland Organisatoren schicken, auch jemanden, »[…] der für sie Flugblätter u. ä. verfasst«. Die Helfer dürften nicht mit der Botschaft in Verbindung stehen, weil diese von der Polizei überwacht werde.59 Angelica Balabanoff berichtete am 19. Oktober nach einem kurzen Besuch in Berlin von ausführlichen Gesprächen mit den Spartakisten und Unabhängigen Sozialdemokraten: Alle rechneten mit Sicherheit mit einem Umsturz, hätten aber unterschiedliche Auffassungen über den Zeitpunkt. Auf ihre Frage an die Spartakisten, welchen Einfluss sie auf die Massen hätten, habe sie keine konkrete Antwort bekommen. Die USPD-Führer hätten auf ihre zweifelnden Fragen hin behauptet, die revolutionär gesinnten Massen seien auf ihrer Seite. Es sei auch eine parteiinterne Solidaritätserklärung mit der russischen Kommunistischen Partei verabschiedet worden.60 Der in Moskau in der Verwaltung für die Lebensmittelversorgung tätige Julian Marchlewski, langjähriger Mitstreiter Rosa Luxemburgs in der polnischen und der deutschen Partei, traf sich bei einem kurzen Aufenthalt in Berlin um den 19. Oktober mit Franz Mehring und in einer kleinen Tischrunde mit Sophie Liebknecht, Ernst Meyer und anderen Spartakus-Sympathisanten und schrieb darüber seiner Frau: »Ein bisschen ging’s um Politik. Im Allgemeinen ist die Lage miserabel, da eine [Spartakus-]Organisation nicht vorhanden. Ob es ihnen [den deutschen Linken] gelingt, die Situation zu verändern, bezweifle ich. So befürchte ich, dass alles drunter und drüber geht, ein völliges Durcheinander sein wird, [bis] sich aus der Masse selbst heraus organisierte Kräfte bilden.«61 Am 19. Oktober äußerte wiederum Joffe in einem Schreiben an Lenin, »[…] dass es bei dieser Stimmung noch sehr weit bis zum Aufstand ist«.62 Noch im Botschafterbericht Nr. 21 vom 28. Oktober 1918 blieb er bei der pessimistischen Einschätzung, »[…] dass die Revolution hier in Deutschland sich verspätet und auf jeden Fall eine Frage von Monaten ist«. Nur falls die nationale Verteidigung und eine Militärdiktatur ausgerufen würden, würde es schnell zur revolutionären Explosion kommen.63 Die Spartakusführer Wilhelm Pieck und Ernst Meyer bekamen diese anhaltende Skepsis zu spüren, als sie am 29. Oktober in der russischen Botschaft mit den bolschewistischen Genossen über die »Aussichten eines revolutionären Aufstandes« diskutierten und sich Joffe im Gegensatz zu Bucharin »zurückhaltend« zeigte.64 Die pessimistischen Beurteilungen der Revolutionsaussichten in Deutschland, vor allem in Berlin, entsprachen durchaus der Realität. Auch nach der Amnestierung Karl Liebknechts und seinem triumphalen Empfang in der Reichshauptsstadt am 23. Oktober 1918 zeigte sich die alte furchtsame Haltung der Berliner Arbeiterschaft gegenüber der Obrigkeit. Verzweifelt beklagte Hermann Duncker in einem am 23. Oktober abends nach der Begrüßungsdemonstration für Liebknecht geschriebenen Brief das Zurückweichen der Demonstranten vor der Polizei sowie in einem weiteren Schreiben vom 5. November die Passivität der Berliner Arbeiterschaft angesichts der revolutionären Aktionen in anderen Teilen Deutsch­lands, der Versamm­lungsverbote in Berlin und der an diesem Tag erfolgten Ausweisung der Russischen Gesandtschaft (wegen angeblichen Schmuggels von revolutionärer Literatur im Diplomatengepäck).65 Die Vertrauensleute in den Betrieben sahen am Abend des 2. November mehrheitlich noch keine günstige Stimmung für ein Losschlagen am 4. November, wie ihnen die Führung der Obleute vorgeschlagen hatte. Stattdessen wurde der 11. November für die große Aktion in Aussicht genommen. Nach der Abstimmung vom 2. November kehrten von den führenden Revolutionären Obleuten ausgesandte Boten aus der Provinz mit der Nachricht zurück, dass an den meisten Orten noch keinerlei Bereitschaft für eine Revolution vorhanden sei. Trotzdem drängte Liebknecht bei den revolutionären Obleuten immer wieder auf ein abgestuftes Vorgehen mit Versammlungen und Demonstrationen, die bei ausreichendem Massenzuspruch in einen Generalstreik mit revolutionärer Erhebung übergeleitet werden sollten. Die Führung der Obleute blieb jedoch bei ihrem Plan einer einmaligen schlagartigen Aktion. Die Spartakusgruppe selbst konnte keine wirkungsvollen Aktivitäten initiieren, denn angesichts der durch die Verhaftungswellen von März und August dezimierten Führer- und Helferschar musste Paul Levi in einem Schreiben vom 5. November an Rosa Luxemburg eingestehen, dass »[…] uns ja augen­blicklich jeder Mechanismus fehlt, der selbständig Massen in Bewegung setzen könnte […]«.66 Der russische Botschafter Adolphe A. Joffe musste also am 6. November Deutschland nach seiner Ausweisung in dem Bewusstsein verlassen, dass trotz seiner vielfältigen Aktivitäten zur Stärkung der radikalen Linken die Aussicht auf einen revolutionären Umsturz ungewiss geblieben, ja sogar eher negativ einzuschätzen war. Ergebnisse der bolschewistischen Einflussnahme Allerdings sorgte Joffe für die nächste Phase der Revolution vor, indem er zwischen seiner Ausweisung am 5. und seiner Abreise am 6. November 1918 Oscar Cohn ein halbe Million Mark für die Förderung der deutschen Revolution übergab.67 Sie gingen offensichtlich in erster Linie an die Spartakusgruppe – ab 11. November Spartakusbund, ab 31. Dezember 1918 KPD – , die als informelle Gruppe innerhalb der USPD über keinerlei Partei-gelder verfügte. Ihre Führung konnte damit gleich nach dem revolutionären Umsturz vom 9. November 1918 in Berlin mit den Vorbereitungen für die Herausgabe einer Tageszeitung und den Aufbau einer Organisation beginnen.68 Auch in der vorrevolutionären Zeit hatten die Bemühungen des bolschewistischen Botschafters Anteil an der Stärkung der linkssozialistischen Kräfte in Deutschland: Trotz seiner kontinuierlichen Klagen über die Partei hat Joffes Drängen auf ein offensiveres Vorgehen der Unabhängigen Sozialdemokraten Wirkung im Sinne einer Aktivierung und Radikalisierung erzielt, wie Analysen der US-Historiker Morgan und Wheeler zeigen.69 Weiterhin haben Joffe und andere Bolschewiki erheblich dazu beigetragen, dass die kritische Haltung prominenter Unabhängiger Sozialdemokraten wie Kautsky und Bernstein zur bolschewistischen Politik in der USPD nicht die Oberhand gewann, sondern die von den Linken Franz Mehring und Ernst Däumig – trotz punktueller Vorbehalte – repräsentierte Zustimmung, Sympathie und Solidarität überwog. Wichtig war auch die finanzielle Unterstützung für die durch behördliche Maßnahmen behinderte und unterdrückte Agitation der Links-sozialisten. Die russische Botschaft förderte offensichtlich sowohl für die USPD mehrere Presseorgane als auch für die Spartakusgruppe deren illegale linksradikale Flugschriften und Broschüren sowie ihre einzige legale Zeitung Sozialdemokrat (Stuttgart), zumal für die Spartakusagitation wahrscheinlich ab Frühjahr 1918 keine Finanzmittel mehr aus linksbürgerlichen pazifistischen Kreisen flossen.70 Als wichtigste Unterstützungsmaßnahme sind die Geldzuwendungen der russischen Botschaft für die Waffenbeschaffung einzuschätzen. Die Bewaffnung besaß entscheidende psychologische Bedeutung für die Revolutionären Obleute, die sich nur so für die Konfrontation mit der kaisertreuen Polizei ausreichend gerüstet fühlten. Sie war also eine der Voraussetzungen für die revolutionäre Aktionsbereitschaft der Berliner Arbeiterschaft am 9. November 1918.71 Zwar haben Joffe und die Bolschewiki mit ihrer massiven Einflussnahme nicht ihr Ziel einer Machtübernahme durch eine von Spartakusmitgliedern geführte linkssozialistische Regierung erreicht, aber sie haben erheblich dazu beigetragen, die Linkssozialisten in ihren revolutionären Bestrebungen zu stärken, sodass der revolutionäre Umsturz in Berlin und das Ende des halbabsolutistischen Regierungssystems erreicht wurden. Allerdings mit der weder von den Linkssozialisten noch den Bolschewiki gewollten Folge einer mehrheitssozialdemokratisch dominierten Interimsherrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte sowie der anschließenden Errichtung einer Republik. 1 Alexander Vatlin: Im zweiten Oktober. Lenin, die Niederlage des Deutschen Reiches und die außenpolitische Wende der Bolschewiki, in: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2007, S. 180–200; Feliks Tych / Ottokar Luban: Die Spartakusführung zur Politik der Bolschewiki. Ein Kassiber Leo Jogiches’ aus dem Gefängnis an Sophie Liebknecht vom 7. September 1918, in: IWK – Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (im Folgenden: IWK) 33 (1997), H. 1, S. 92–102; Ottokar Luban: Rosa Luxemburgs Kritik an Lenins ultrazentralistischem Parteikonzept und an der bolschewistischen Revolutionspolitik in Russland, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Bochum, 36 (2006), S. 115–126; ders.: Spartakusgruppe, revolutionäre Obleute und die politischen Massenstreiks in Deutschland während des Ersten Weltkrieges, in: ders.: Rosa Luxemburgs Demokratiekonzept. Ihre Kritik an Lenin und ihr politisches Wirken 1913–1919, Schkeuditz 2008, S. 127–171. 2 Die Bremer und Hamburger Linksradikalen werden zum einen aus Platzgründen vernachlässigt, zum anderen wegen der Zerschlagung der Gruppen in der vorrevolutionären Zeit durch die Polizei. 3 Joffe an das Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten, 2. 5. 1918, in: Archiv vnešnej politiki Rossijskoj Federacii / Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation (im Folgenden: AVP RF), Moskau, f. 04, papka 70, d. 987,Bl. 29. Für die Übersetzungen der meisten russischen Texte danke ich Prof. Dr. Alexander Vatlin. 4 Joffe an das Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten, o. D. [ca. 7. / 8. 5. 1918], in: Adolphe A. Joffe und die russische Außenpolitik. Unveröffentlichte Dokumente. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Dietmar Wulff. Teil I. Mai 1918, in: Berliner Jahrbuch für osteuropäische Geschichte 1 (1995), S. 209–247, hier S. 231 u. S. 232 f. Siehe auch: Oberkommando in den Marken, 28. 5. 1918 (Abschrift), in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin (im Folgenden: PA, Berlin), R 2037, unp. 5 Ingo Materna / Hans-Joachim Schreckenbach / Bärbel Holtz (Hg.): Berichte des Berliner Polizeipräsidenten zur Stimmung und Lage der Bevölkerung in Berlin. 1914–1918 (= Dokumente aus geheimen Archiven, Bd. 4, 1914–1918), Weimar 1987, S. 277. 6 Susanne Miller: Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf 1974, S. 381–384. 7 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin (im Folgenden: SAPMO-BArch), NY 4005, Nr. 78, Bl. 156 f. Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Dittmann war zu Festungshaft verurteilt worden. 8 Spartacus Nr. 9, Juni 1918, in: Spartakusbriefe, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin [Ost] 1958, S. 426–429. 9 Für Beispiele entsprechender Stellungnahmen der Spartakusgruppe siehe: Spartakusbriefe (Anm. 8), S. 452 f., 468 u. 470. 10 Siehe bspw. folgende Artikel Clara Zetkins in der Frauenbeilage der Leipziger Volkszeitung: Für den Frieden, 16. 11. 1917; Der Kampf um Macht und Frieden in Russland, 30. 11. 1917; Kein bängliches Zagen, 11. 1. 1918; Neues und Altes, 25. 1. 1918; alle nachgedruckt in: Clara Zetkin: Für die Sowjetmacht. Artikel, Reden und Briefe 1917–1933, Berlin [Ost] 1977, S. 33–60. Siehe auch: Franz Mehring: Tragik oder Unvernunft?, in: Leipziger Volkszeitung vom 19. 12. 1917; ders.: Neujahr 1918, ebd., 31. 12. 1917, nachgedruckt in: Franz Mehring: Politische Publizistik 1905–1918 (= Gesammelte Schriften, Bd. 15), Berlin [Ost] 1977, S. 755–760. 11 Rosa Luxemburg: Die geschichtliche Verantwortung (Spartacus Nr. 8, Januar 1918), in: Spartakusbriefe (Anm. 8), S. 409–411; ebenfalls abgedruckt in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, hg. von Annelies Laschitza, Bd. 4, 6., überarb. Aufl., Berlin 2000, S. 374–379, hier S. 377 u. 379. 12 Siehe Ottokar Luban: Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden gegen Mathilde Jacob und Leo Jogiches (1915–1918). Einige Ergänzungen zu ihren politischen Biographien, in: IWK 31 (1995), H. 3, S. 307–331, bes. S. 323 f. u. 328 f. 13 Siehe ders.: Mathilde Jacob. Mehr als Rosa Luxemburgs Sekretärin! Mit dem Text von M. Jacobs einziger öffentlicher Rede (19. 12. 1920), in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung III / 2002, S. 114 f. 14 Hermann Duncker an seine Tochter Hedwig, 5. 5. 1918, in: SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 155, Bl. 260; siehe auch Luban: Ermittlungen (Anm. 12), S. 328 f.; Bundesarchiv, Berlin [BArch, Berlin], R 3003, J 638.18, Bl. 1–14. 15 Siehe Hermann Dunckers Briefe an seine Tochter Hedwig vom 10. 5., 27. 5., 15. 6., 28. 6. u. 12. 8. 1918 bzw. an seine Frau Käte vom 13. 7., 25. 7. u. 12. 8. 1918, in: SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 155,Bl. 260–262, 267, 275 f., 278 f. u. 285–287 [auch Besuch bei Mehring] bzw. Nr. 141, Bl. 21, 44–46 u. 77. 16 Polizeipräsident von Berlin, 3. 8. 1918, in: PA, Berlin, R 2037, unp. [S. 3 des Berichts]. 17 Hermann an Hedwig Duncker, 27. 5. 1918, in: SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 155, Bl. 267. 18 Hermann an Hedwig Duncker, 17. 6. 1918, in: ebd., Bl. 277. Siehe auch: BArch Berlin, R 3003, C 83 / 18, Nr. 2, Bl. 56. 19 Joffe an Lenin, 1.–4. 6. 1918, in: Adolphe A. Joffe und die russische Außenpolitik. Unveröffentlichte Dokumente. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Dietmar Wulff. Teil II. Mai–Juni 1918, in: Berliner Jahrbuch für osteuropäische Geschichte 2 (1995), S. 223–266, hier S. 236 f. Zu Lenins Anfragen siehe: ebd., S. 237, Anm. 37. 20 Ebd., S. 237. 21 Joffe an Lenin, 24. 6. 1918, in: ebd., S. 259. 22 Brief vom 14. / 15. 6. 1918, in: SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 155, Bl. 275. 23 In: Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii / Russisches Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte, Moskau (im Folgenden: RGASPI), f. 5, op. 1, d. 2134, Bl. 31 f. 24 Ebd., Bl. 33. 25 BArch Berlin, R 3003, J 638.18, Bl. 1–14. 26 Siehe Hartfried Krause: USPD. Zur Geschichte der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Frankfurt a. M. 1975, S. 108 f.; David W. Morgan: The Socialist Left and the German Revolution.A History of the German Independent Social Democratic Party, 1917–1922, Ithaca–London 1975, S. 110 f.; Robert F. Wheeler: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt a. M.–Berlin–Wien 1975, S. 39–41; Emil Barth: Aus der Werkstatt der deutschen Revolution, Berlin o. J. [1919], S. 30. 27 Karl an Sophie Liebknecht, 6. 7. 1918 und 12. 8. 1918, in: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. IX, Berlin [Ost] 1968, S. 545 u. 557; Leo Jogiches an Sophie Liebknecht, 7.9.1918, in: Tych / Luban: Die Spartakusführung (Anm. 1), S. 100; Rosa Luxemburg: Die russische Tragödie [aus Spartacus Nr. 11, September 1918], in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke (Anm. 11), Bd. 4, S. 385–392. 28 Siehe Petr Stučka: Germanskie »nesawisimye« rewoljuzionery [Die deutschen »unabhängigen« Revolutio-näre], in: Pravda Nr. 255 vom 24. 11. 1918, S. 1. Siehe auch: Bericht des Gouvernements der Festung Mainz vom 11.10.18 [über eine Versammlung der USPD Mainz mit dem Referat eines USPD-Funktionärs aus Frankfurt-Hoechst über die Reichskonferenz], in: PA, Berlin, R 382, Bl. 230; Wheeler: USPD und Internationale (Anm. 26), S. 41. 29 Brief Joffes vom 5. 9. 1918, in: RGASPI, f. 5, op. 1, d. 2134, Bl. 33. Siehe dazu die Briefe Hugo Haases vom 15. 5. 1918 und 6.8.1918, in: Ernst Haase (Hg.): Hugo Haase. Sein Leben und Wirken, Berlin o. J., S. 159–162; siehe auch Wheeler: USPD und Internationale (Anm. 26), S. 41; Morgan: The Socialist Left (Anm. 26), S. 99–103; Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische und außenpolitische Konzeptionen 1917–1933, München 1992, S. 50–55. 30 In: RGASPI, Moskau, f. 5, op. 3, d. 80, Bl. 2 Rücks.; zum roten Terror siehe Richard Pipes: Die Macht der Bolschewiki (= Die russische Revolution, Bd. 2), Berlin 1992, S. 796–839. Luxemburg und Jogiches blieben in diesem Punkt auch nach der deutschen Novemberrevolution 1918 bei ihrer Kritik; siehe dazu den handschriftlichen Erinnerungsbericht des polnischen Genossen Henryk Walecki, in: RGASPI, Moskau, f. 495, op. 124, d. 539, Bl. 41 Rücks. Das von Rosa Luxemburg Mitte Dezember 1918 verfasste Programm des Spartakusbundes, das spätere Parteiprogramm der KPD, betonte die seit Beginn ihrer politischen Tätigkeit entwickelte und publizierte basisdemokratische Sozialismusauffassung mit einer klaren Ablehnung jeglicher Art von Minderheitenherrschaft und vorbeugendem Terror. Diese Punkte wurden von einigen Gründungsparteitagsteilnehmern als indirekte Kritik an den Bolschewiki aufgefasst; siehe dazu Luban: Rosa Luxemburgs Kritik (Anm. 1), bes. S. 123; Gerd Koenen: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005, S. 190–204 [allerdings ohne neue archivalische Quellen zum Thema]; siehe auch: Was will der Spartakusbund? In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke (Anm. 11), Bd. 4, S. 440–449, bes. S. 448. 31 Brief an Sophie Liebknecht vom 7. 9. 1918, in: Tych / Luban: Die Spartakusführung (Anm. 1), S. 100. 32 Brief vom 1.–4. 6. 1918, in: Adolphe A. Joffe, Teil II (Anm. 19), S. 236 f. u. 240; zu Lenins Anfragen siehe ebd., S. 237, Anm. 37. In einem 1919 in der Zeitschrift Westnik schisni veröffentlichten Erinnerungsbericht Joffes heißt es dazu: »Die [Sowjetbotschaft] leitete und subventionierte mehr als zehn linkssozialistische Zeitungen […].« (Westnik schisni Nr. 15, 1919, S. 36 f; zit. nach Pipes: Die Macht der Bolschewiki [Anm. 30], S. 475) Deren Titel werden weder hier noch in den Botschaftsberichten genannt. 33 Schreiben vom 18. 6. 1918 u. 24. 6. 1918, in: Adolphe A. Joffe (Anm. 19), S. 256 u. 259 (Zitate). 34 Ernst Meyer an KPD-Zentrale, 1. 8. 1925, in: SAPMO-BArch, RY I 2 / 3 / 75, Bl. 334 f. 35 Rosa Meyer-Leviné: Leviné. Leben und Tod eines Revolutionärs, München 1974, S. 46. 36 Käte an Hermann Duncker, 20. 9. 1918, in: SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 141, Bl. 169; Hermann an Hedwig Duncker, 5. 11. 1918, ebd., Nr. 155, Bl. 305. 37 Meyer-Leviné: Leviné (Anm. 35), S. 40 f.; siehe auch Ottokar Luban: Fanny Thomas-Jezierska (1887–1945). Von Rosa Luxemburg zu Gramsci, Stalin und August Thalheimer – Stationen einer internationalen Sozialistin, in: JHK 2003, S. 286–319, hier S. 290–294. 38 Hermann an Hedwig Duncker, 5. 6. 1918, in: SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 155, Bl. 273 [zu Marcussohn]; Sonderarchiv im Staatlichen Militärarchiv, Moskau, Nr. 567-3-1247 (Reichsgerichtsakte J 435 / 18), Bl. 4 Rücks. u. Bl. 6 Rücks. [zu Georg Müller]. 39 Ernst Meyer an KPD-Zentrale, 1. 8. 1925, in: SAPMO-BArch, RY I 2 / 3 / 75, Bl. 335. 40 Polizeibericht vom 26. 10. 1918, in: Leo Stern (Hg.): Die Auswirkungen der großen sozialistischen Oktoberrevolution auf Deutschland (= Archivalische Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 4 / IV), Berlin [Ost] 1959, S. 1681. 41 »Hunderttausende revolutionäre Flugblätter und Proklamationen wurden Woche für Woche im Hinterland und an der Front gedruckt und verteilt.« (Joffe in: Westnik schisni, Nr.15 [1919], S. 36 f.; zit. nach Pipes: Die Macht der Bolschewiki [Anm. 32], S. 475 f.). 42 Rosa Luxemburg an Julian Marchlewski, 30. 9. 1918, in: Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Bd. 6, hg. von Annelies Laschitza, Berlin 1993, S. 210. 43 Sonderarchiv im Staatlichen Militärarchiv, Moskau, Nr. 567-3-1247 (Reichsgerichtsakte J 435 / 18), Bl. 6 Rücks., Bl. 7. 44 Winfried Baumgart: Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litowsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Wien–München 1966, S. 365 f. Die einzelnen Funksprüche sind abgedruckt in: Herbert Michaelis (Hg.): Der militärische Zusammenbruch und das Ende des Kaiserreichs (= Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, Bd. 2), o. O., o. J. [Berlin 1958?], S. 534–539; Vermerk über die Waffenrechnungen (Abschrift), gez. Solf, 1. 12. 1918, in: PA, Berlin, R 19594, unp. 45 Siehe Sitzung des Rates der Volksbeauftragten sowie Presseerklärung Barths vom 9. 12. 1918, in: Werner Conze (Hg.): Die Regierung der Volksbeauftragten 1918 / 19 (= Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Republik, Bd. 1), Düsseldorf 1969, S. 301 f. u. S. 302, Anm. 8. 46 Siehe Sitzung des Rates der Volksbeauftragten sowie Presseerklärung Haases vom 9. 12. 1918, ebd., S. 302 mit Anm. 7. 47 Emil Barth, 9. 12. 1918, Sitzung des Rates der Volksbeauftragten, ebd., S. 301; siehe auch: Emil Barth: Aus der Werkstatt der deutschen Revolution, Berlin 1919, S. 33. 48 Siehe Jean-Claude Montant: La propagande extérieure de la France pendant la Première Guerre Mondiale. L’exemple de quelques neutres européennes, thèse pour le doctorat de l’État, université de Paris I, Panthéon-Sorbonne 1988, S. 1479–1496; Ottokar Luban: Spartakusgruppe, revolutionäre Obleute (Anm. 1), S. 158. 49 PA, Berlin, R 2037, unp.: Polizeibericht Berlin, 3. 8. 1918; Miljutin an Lenin, o. D. [nach dem 14. 10. 1918], in: RGASPI, f. 5, op. 1, d. 1204, Bl. 1. Für die Übersetzung danke ich Dr. Ruth Stoljarowa. 50 Stučka: Germanskie »nesawisimye« rewoljuzionery (Anm. 28; mit Zitat); Stučka an Lenin, 16. 9. 1918, in: RGASPI, f. 5, op. 3, d. 255, Bl. 1–6. 51 Zit. in: Michaelis: Der militärische Zusammenbruch (Anm. 44), S. 535 f. 52 Siehe Baumgart: Deutsche Ostpolitik 1918 (Anm. 44), S. 365, Anm. 133. 53 Vatlin: Im zweiten Oktober (Anm. 1), S. 195; siehe auch RGASPI, f. 5, op. 1, d. 2134, Bl. 40 Rücks.: »Sogar für die Bewaffnung wollen sie nicht mehr nehmen, als sie bisher genommen haben.« 54 Vatlin: Im zweiten Oktober (Anm. 1), S. 184–199. 55 RGASPI, f. 5, op. 1, d. 2134, Bl. 40. 56 Ebd., Bl. 41. 57 Ebd., Bl. 41 Rücks. 58 RGASPI, f. 5, op. 1, d. 2134, Bl. 41. Zum Termin: ebd., Bl. 44 Rücks. Für Einzelheiten siehe: Ottokar Luban: Die Oktoberkonferenz der Spartakusgruppe 1918. Neue Forschungsergebnisse, in: HIWK (2009), H. 1. 59 Miljutin an Lenin, o. D. [nach dem 14. 10. 1918], in: RGASPI, f. 5, op. 1, d. 1204, Bl. 1. 60 RGASPI, f. 5, op. 3, d. 80, Bl. 2–4. 61 Julian Marchlewski an seine Frau Bronislawa, 19. 10. 1918, in: RGASPI, f. 143, op. 1, d. 98, Bl. 3 f. Für die Übersetzung danke ich Dr. Gerd Kaiser. 62 In: RGASPI, f. 5, op. 1, d. 2134, Bl. 49 f. 63 In: AVP RF, Moskau, f. 04, m. 70, d. 990, Bl. 94 f. 64 Wilhelm Pieck: Vorbereitung für die Revolution [Manuskript, Schreibmaschine], in: Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn-Bad Godesberg, Nachlass Paul Levi, Mappe 34, Bl. 2; 2. Exemplar in: SAPMO-BArch, NY 4036, Nr. 384. 65 SAPMO-BArch, NY 4445, Nr. 155, Bl. 303 (o. D.); ebd., Bl. 306 (5. 11. 1918). 66 Ottokar Luban: Zwei Schreiben der Spartakuszentrale an Rosa Luxemburg (Juni 1917; 3. November 1918), in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. XI, 1971, S. 225–240, hier S. 239. 67 Baumgart: Deutsche Ostpolitik 1918 (Anm. 44), S. 366 f. 68 Aus dem von Joffe stammenden Guthaben der Spartakusführung wollten die führenden revolutionären Obleute während des Januaraufstands 1919 in Berlin die Entlohnung und Verköstigung der revolutionären Soldaten und Arbeiter bestreiten. Siehe: Wilhelm Pieck: Erinnerungsmanuskript, in: SAPMO-BArch, NY 4036, Nr. 384, Bl. 121. 69 Morgan: The Socialist Left (Anm. 26), S. 110–112; Wheeler: USPD und Internationale (Anm. 26), S. 40–43. 70 Siehe Ottokar Luban: Die Finanzierung der illegalen Antikriegsflugschriften im Ersten Weltkrieg. Sparta-kusgruppe und linksbürgerliche Pazifisten im Bund ›Neues Vaterland‹, in: JHK 2008, S. 32–45. Auch die Zeitung der Bremer Linksradikalen »Arbeiterpolitik« wurde von der russischen Botschaft finanziell unterstützt. 71 Siehe dazu Ottokar Luban: Die Novemberrevolution 1918 in Berlin. Eine notwendige Revision des bisherigen Geschichtsbildes, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2009 / I, S. 53–78, hier S. 70.

JHK 2009

Prediger der Revolution: Der buddhistische Mönchsorden in Laos und seine Verbindungen zur Kommunistischen Bewegung (1957–1975)

Patrice Ladwig

We have to understand what being a revolutionary meant at particular times and in particular places and why there were revolutionaries of that particular sort there and then.1 But indeed most politicians, even the most ardent reformers and modernizers, have felt the imperative need to ally themselves with the revival of Buddhism and to declare their political aims as being consistent with Buddhism.2 1959 zelebrierte man in vielen buddhistisch geprägten Ländern der Welt den 2500. Geburts­tag Buddhas. In Laos wurden die Feierlichkeiten jedoch von der äußerst angespannten politischen Situation überschattet. Erst 1953 von den französischen Kolonialmächten in die Unabhängigkeit entlassen, wurde das Land immer tiefer in den zweiten Indochinakonflikt hineingezogen. Ähnlich wie Vietnam war Laos politisch und gesellschaftlich in zwei fluktuierende Zonen gespalten: Die kommunistische Bewegung Pathet Lao (Land Laos, PL) war vor allem in den Gebirgsregionen in der Nähe der vietnamesischen Grenze einflussreich; sie verwaltete dieses als »Befreite Zone« bezeichnete Gebiet gemeinsam mit ihrer 1956 gegründeten Massenorganisation Neo Lao Hak Sat (Laotische Patriotische Front, NLHS). Die meist im Verborgenen agierende PL und die öffentliche NLHS waren teilweise aus der Kommunistischen Partei Indochinas und der antikolonialen Befreiungsbewegung Lao Idsala (Freies Laos) hervorgegangen und wurden von der Kommunistischen Bewegung in Vietnam unterstützt.3 Die Provinzen am Mekong und die Hauptstadt Vientiane befanden sich dagegen unter der Kontrolle der Königlich Laotischen Regierung (KLR) und damit indirekt der USA, die im Kontext der »Eindämmungspolitik« die KLR finanziell und militärisch stark unterstützten.4 Der zweite Indochinakonflikt (Vietnamkrieg) war ein ideologischer Propagandakrieg, der sich auch in der laotischen Religionspolitik widerspiegelte. Dem Theravada-Buddhismus als Staatsreligion kam dabei eine besondere Bedeutung zu, denn die Ausübung von Herrschaft und deren religiöse Legitimierung durch den buddhistischen Mönchsorden (sangha) sind in vielen indisierten Teilen Festlandsüdostasiens historisch eng miteinander verknüpft.5 Obwohl Laos ethnisch wie auch religiös sehr heterogen ist6 und die Veränderungen der kolonialen und postkolonialen Periode dieses Herrschaftsmodell schon geschwächt hatten, war eine buddhistische »Unterfütterung« von Herrschaft und politischen Bewegungen weiterhin von Bedeutung. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Engagement der kommunistischen Bewegung von Laos in Bezug auf den Buddhismus und skizziert, in welchem konkreten gesellschaftlichen und religionspolitischen Kontext es der PL gelang, einen Teil des Mönchsordens zu politisieren und organisatorisch zu integrieren. Ich werde mich hier vor allem auf einige zentrale Figuren des sangha und deren Verbindungen zur PL und ihren Führungspersönlichkeiten konzentrieren. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Situation in der laotischen Hauptstadt Vientiane und in der Befreiten Zone, wobei ich mich vor allem auf die wichtige Periode von 1957 bis Anfang der Sechzigerjahre beziehe. Darüber hinaus werde ich kurz die Reaktionen der KLR auf die Infiltrierung des sangha durch die PL und die religionspolitische Situation bis zur offiziellen landesweiten Machtübernahme der PL 1975 darstellen. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle der Buddhismus in der Massenmobilisationsstrategie der PL spielte und welche Funktionen die politisierten Mönche in der kommunistischen Bewegung ausübten. Die propagandistischen Aufgaben dieser ›Revolutionäre in Roben‹ in der Befreiten Zone zeigen, dass neben dem zweifelsohne entscheidenden militärischen und direkten politischen Kampf auch der Aspekt der kulturellen Hegemonie für die Strategie der PL bedeutend war. Theoretisch werde ich meine Analyse auf Antonio Gramscis Konzept des »traditionellen Intellektuellen« stützen, um die Rolle des laotischen Buddhismus in der letztlich erfolgreichen Hegemonie-Konstruktion der PL zu erläutern. 1. Die politische Bedeutung des sangha Trotz erheblicher regionaler Unterschiede und der Veränderungen, die während der Kolonialzeit und danach durch die Bildung unabhängiger Nationalstaaten stattfanden, blieb die Allianz von Mönchsorden und Machteliten weiterhin ein wichtiges Merkmal der Herrschaft in den buddhistisch geprägten Ländern Südostasiens. In Kambodscha, Thailand, Myanmar und Laos finden sich bis heute Konzepte der Legitimierung politischer Macht, in denen der buddhistische Mönchsorden und die jeweiligen Machthaber sich gegenseitig Legitimation verschaffen. Der Buddhismus funktioniert hier als ›ideologischer Staatsapparat‹ und verleiht dem Herrscher eine religiös-kosmologische Amtslegitimation, während dieser wiederum den Buddhismus durch Spenden, den Bau von Klöstern und Monumenten fördert. Diese Beziehung ist allerdings auch oft von Konflikten geprägt: Um ihre Machtansprüche zu untermauern, buhlen konkurrierende politische Fraktionen um die Gunst des sangha oder bemühen sich um Einflussnahme, z. B. durch eine fördernde oder restriktive Religionspolitik.7 Auch einige linksgerichtete Bewegungen stützten sich auf eine Synthese von Marxismus und Buddhismus, und Modelle eines buddhistischen Sozialismus wurden in der frühen postkolonialen Phase z. B. auch in Myanmar und Kambodscha propagiert. Viele dieser Bewegungen waren aber weniger durch eine theoretisch durchdachte Verbindung von marxistischer Ideologie und buddhistischer Lehre und Praxis gekennzeichnet, sondern eher durch eine wirkmächtige symbolische Assoziation beider Weltanschauungen.8 Obwohl sich in Laos keine wirklich organisierte, breite Bewegung des buddhistischen Sozialismus entwickelte, zielten die Massenmobilisierungsstrategien der kommunistischen Kräfte darauf ab, den Mönchsorden zu politisieren und in den »antiimperialistischen Befreiungskampf« einzubinden. Die PL und die NLHS hofften, so auf tief verwurzelte kulturelle, aber auch institutionelle Ressourcen zurückgreifen zu können. Ein Aspekt der traditionellen Assoziation von weltlicher mit religiöser Macht ist das hohe Ansehen, das Mönche in den vom Theravada-Buddhismus geprägten Gesellschaften bei der Bevölkerung genießen. Dieses beruht nicht nur auf der angesehenen religiösen und symbolischen Position des sangha, sondern hat oft auch ganz praktische und institutionelle Gründe: Auch für die hier dargestellte Periode in Laos gilt, dass der Klerus über ein weites Netzwerk von Klöstern verfügte, das quasi einen Parallelapparat zu den Institutionen des Staates bildete.9 Neben ihrer traditionellen religiösen Bedeutung hatten laotische Tempel wie Mönche in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gesellschaftliche Funktionen, die heute größtenteils säkulare, staatliche Institutionen übernehmen. Vor allem in ländlichen Gegenden war die laotische Gesellschaft zur damaligen Zeit fast ausschließlich durch Subsistenzwirtschaft und eine traditionelle Sozialorganisation geprägt, in der Mönche hohen Respekt genossen und in der nur ansatzweise zwischen einem säkular ausgerichteten staatlichen Feld und einem religiösen Feld differenziert wurde. In Gemeinschaften der ethnischen Lao repräsentierte der Tempel das soziale Zentrum; eine Vielzahl von sozialen und auch politischen Beziehungen kreuzten sich dort,10 und es fanden Entscheidungsprozesse auf lokaler Ebene statt. Der Tempel war oft das größte Gebäude im Dorf und das einzige aus Stein und wurde zugleich als Schule, Versammlungssaal und Bibliothek genutzt. Auch waren die Mönche in der Lage, bei Ritualen und Predigten größere Menschenmengen dort zu versammeln. Viele Mönche besaßen Wissen über traditionelle Medizin und Rechtsprechung, sie wurden von den Dorfbewohnern zu einer Vielzahl von religiösen, aber auch praktischen Problemen befragt. Zumindest in den ländlichen Regionen fungierten sie z. B. als Schullehrer und verfügten bei lokalen Entscheidungsprozessen über eine gewichtige Stimme. Yoneo Ishiis Darstellung der Rolle von Mönch und Tempel im vormodernen Thailand trifft auf das heutige Laos nicht mehr zu, liefert uns aber für die damalige Periode ein recht genaues Bild: »While the welfare, lodging, social, recreational storage, and administrative function amount to no more than the secular use of the monastery’s facilities, the educational, medical, judiciary, and artistic functions can be regarded as evidence that monks were society’s intellectual elite. In secular matters as well as religious they were more knowledgeable than laymen.«11 Noch in den Siebzigerjahren beschrieben Entwicklungsexperten den sangha und seine Institutionen als »the only permanent vertical functional organisation which reaches into the Lao rural population«.12 Der Mönchsorden repräsentierte daher bis zu einem gewissen Grad auch die staatliche Zentralmacht, er muss zumindest als Bindeglied zwischen politischem Zentrum und Peripherie gesehen werden. Die religionspolitische Strategie der NLHS und der PL zielte also auf einen Apparat, der hervorragende Strukturen für eine Massenmobilisierung der buddhistischen Bevölkerungsteile zur Verfügung stellen konnte. In einer späteren Propagandaschrift der NLHS wird dieses Potenzial des Buddhismus und seiner Institutionen auch offen genannt.13 Das öffentliche Gesicht der PL, die NLHS, präsentierte sich weniger als straff organisierte kommunistische Kaderorganisation, sondern vielmehr als patriotische Befreiungsbewegung, die auch buddhistisch geprägte Propaganda nutzte, um in der Bevölkerung Gehör zu finden. Um ihre Strategie der Massenmobilisierung umzusetzen, versuchten die NLHS und die PL schon sehr früh, Mönche in ihre Reihen zu integrieren.14 Besonders zwei Führungsfiguren der NLHS, die den Brückenschlag zwischen Politik und Religion vollzogen, müssen hier erwähnt werden: Prinz Suphanuvong und Phoumi Vongvichit. Beide gehörten zum Kern der PL und sollten auch nach der Revolution von 1975 eine wichtige Rolle in der laotischen Politik spielen. Suphanuvong15 (1909–1995), als charismatischer Führer der wichtigste Vertreter der PL in der Öffentlichkeit, bezog sich in seinen Reden wiederholt explizit auf den Buddhismus, zum Beispiel in einer 1962 gehaltenen Radioansprache, in der er die Befreiung des Landes von der »imperialistischen Besatzung« der USA mithilfe der buddhistischen Dreifaltigkeit (der Buddha, seine Lehre und der sangha) zu einer quasi heiligen Aufgabe erklärte: »With the help of the struggle of the Lao people, of all its ethnic groups and classes and with the mysterious might of the Buddha, Dhamma, the monks and His Majesty the King, we will eventually be able to achieve final victory in our struggle.«16 Phoumi Vongvichit (1909–1994) war neben Suphanuvong einer der intellektuellen Köpfe der PL. Er vereinte revolutionäres Engagement und buddhistischen Glauben miteinander und unterhielt schon früh gute Kontakte zu führenden Mönchen in Vientiane.17 2. Koalition und Korruption: Die Politisierung des Mönchsordens Eine ausgezeichnete Chance, den sangha weiter zu politisieren und Mönche zu rekrutieren, ergab sich 1957. Nach der Genfer Konferenz, auf der die Frage der laotischen Neutralität verhandelt wurde, fanden in Laos Wahlen statt, an denen die NLHS als politische Partei teilnahm. Die Nachwahl im Mai 1958 brachte ihr zwei Ministerposten. Das Ministerium für Planung ging an Suphanuvong, das Ministerium für Religion und Künste an Phoumi Vongvichit.18 Letzteres war für die Beziehungen zum Klerus verantwortlich und arbeitete eng mit den Führern des Mönchsordens zusammen.19 Obwohl diese Koalitionsregierung nur von kurzer Dauer war, schaffte es Vongvichit in wenigen Monaten, vor allem jüngere und gut ausgebildete Mönche auf die Seite der NLHS zu ziehen. Aber auch einige ältere Mitglieder des sangha wie z. B. der ranghöchste Mönch der Hauptstadt, Pha Khun Manivong20 (1898–1968), und der Leiter der größten Mönchsschule in Vientiane, Pha Buakham Voraphet21 (1909–1996), befürworteten das Programm der PL und hatten schon früher Kontakte zur antikolonialen Lao Idsala unterhalten. Khamdtan Thepbuali22 (geb. 1922), der 1958 gerade seine religiöse Ausbildung in einem Kloster in Thailand beendet hatte und nach Laos zurückgekehrt war, schilderte 2004 in einem Interview anschaulich die damalige Situation: »1958 war ich ein junger Mönch, und ich erinnere mich gut an die Zeit, als Vongvichit den Ministerposten erlangte. Es gab häufig Treffen, und Vongvichit unterhielt sich mit Pha Manivong oft über die Situation in Vientiane. Wir, die jun­gen Mönche, saßen meistens nur in den hinteren Reihen und hörten anfangs nur zu. Vongvichit erwähnte viele Themen und redete über die Situation in Vientiane, den Einfluss der Amerikaner, den Wandel und den Verfall der laotischen Kultur. Er sagte, dass es nun an der Zeit sei, eine Regierung zu bilden, die es den Mönchen ermöglichen würde, die buddhistische Moral zu predigen und nach den wirklichen Regeln des buddhistischen Ordens zu leben. […] Zu dieser Zeit wussten wir wenig über Politik, aber wir hörten alle aufmerksam zu. Dann fragte Vongvichit auch uns, die jüngeren Mönche, und verwickelte uns in Diskussionen über Politik und Religion. Daran waren wir sehr interessiert, und die Mönche stimmten Vongvichit in vielen Punkten ja auch zu. In den folgenden Jahren wurde ich dann ein Revolutionär; ein Revolutionär in Mönchsroben, könnte man sagen.« Zu dieser Zeit waren nur wenige Mönche mit dem kommunistischen Hintergrund der NLHS vertraut. Sie fühlten sich eher von deren nationalistischem und wertkonservativem Gedankengut angezogen, das ihrer oft konservativen moralischen Orientierung entgegenkam. Die Betonung traditioneller laotischer Etikette und Überlappungen in Bezug auf die propagierten moralischen Werte (Selbstlosigkeit, Respekt für Ältere, Einhaltung der fünf moralischen Grundgebote des Buddhismus etc.) waren hierbei wichtige Bezugspunkte. Viele Angehörige des sangha sympathisierten auch mit der eher neutralistisch ausgerichteten Santhiphap-Partei, die zeitweise mit der NLHS kooperierte und sich in den Wahlen von 1958 als Koalitionspartner angeboten hatte.23 Die PL betrieb eine sehr geschickte Religionspolitik, sodass ein amerikanischer Beobachter 1959 in einem Bericht an die Asia Foundation erwähnte: »The Pathet Lao is well organized, trained and energetic in Buddhist matters.«24 Es war jedoch nicht nur die Strategie der PL, die für einen Zulauf von Sympathisanten aus dem sangha sorgte. Die maßgebliche Unterstützung der KLR durch die USA und die Folgen von deren antikommunistischer Eindämmungspolitik – meist im Geheimen von der CIA und vom United States Information Service (USIS) ausgeführt – stießen in den ärmeren Schichten der Bevölkerung und im laotischen Mönchsorden auf Ablehnung. Man empörte sich vor allem über die Bildung einer kleinen, aber mächtigen und korrupten Oberklasse in der Hauptstadt, deren neu erworbener Reichtum schnell sichtbar wurde. Grant Evans vermerkt hierzu: »In a few short years millions of dollars had rained down like manna from heaven on the cities of Laos. This sent shivers of cultural anxiety down the spines of its leaders and cultural institutions such as the Buddhist sangha.«25 Viele der oft aus ärmeren Gesellschaftsschichten stammenden Mitglieder des sangha standen dem damit in Verbindung gebrachten »kulturellen Verfall« und der eher laizistischen Grundhaltung der rechtsgerichteten Oberschicht sehr kritisch gegenüber.26 Es war daher leicht für die NLHS, die KLR zu diskreditieren. Ende der Fünfzigerjahre tourten Vongvichit und Suphanuvong durch die Tempel in Vientiane und präsentierten dort ein Bild der NLHS, das ihren Zielen und ihrem Programm Respekt verschaffte, indem es an traditionelle buddhistische Werte anknüpfte: »It was a respect that owed much to Buddhist values: the renunciation of the revolutionary was akin to the renunciation of the ascetic; both eschewed material rewards, both took to the forest, both exercised self-discipline, both followed a strict moral code. Most Lao in the Mekong towns and surrounding villages were disgusted by the corruption and nepotism, the destruction of traditional culture and values that had resulted from the unholy alliance between the United States and the great families of the political right in Laos.«27 Obwohl der Versuch, eine neue, von der NLHS beeinflusste Mönchsorganisation zu gründen, wegen interner Differenzen in der Mönchsgemeinschaft fehlschlug und ein Treffen von mehreren Hundert Mönchen im November 1958 keine weiteren institutionellen Veränderungen brachte,28 hatte die NLHS unbestreitbar Erfolg mit ihrer Strategie, wie eine Einschätzung des Repräsentanten der Asia Foundation in Laos im Jahr 1959 bestätigt: »Perhaps seventy to eighty percent of the bonzes [monks] are opposed to the government […] and as much as ten to twenty have strong Pathet Lao inclinations.«29 Die Reaktion der KLR auf die kommunistische Infiltration des sangha ließ nicht lange auf sich warten. Nach dem Zusammenbruch der Koalitionsregierung und der Entlassung von Vongvichit aus dem Ministerium für Religion brachte die Machtübernahme durch General Phoui Sananikone einen Rechtsruck. Die neue Regierung versuchte eine weitere Politisierung zu verhindern, den sangha zu neutralisieren und die buddhistische Religion in ein »Bollwerk gegen den Kommunismus« zu verwandeln. Das Ministerium wurde neu besetzt und ging nun dazu über, antikommunistische Propaganda zu verbreiten.30 Im Mai 1959 wurde ein neues Gesetz erlassen, das die Unabhängigkeit des Mönchsordens stark beschnitt und ihn durch Kontrollmechanismen stärker an die Regierung binden sollte. Den höchstrangigen Mönch von Vientiane und NLHS- Sympathisanten Pha Khun Manivong enthob diese ohne öffentliche Begründung seiner Position.31 Um den Einfluss der PL in den Reihen des Mönchsordens einzudämmen, griff die KLR auch auf den vom USIS finanzierten laotischen Geheimdienst zurück. Ein interner Bericht des Geheimdiensts von 1959 kategorisierte die Tempel in Vientiane nach verschiedenen Infiltrierungsgraden. Mehrere gut ausgebildete Mönche, die als KLR-Sympathisanten galten, wurden rekrutiert und als Lehrer in die Klosterschulen von Vientiane gesandt, um dort Informationen zu sammeln und die Mönche davon zu überzeugen, dass die PL und die NLHS den Buddhismus nur missbrauchen und zerstören wollten.32 Die administrative Restrukturierung des sangha und diese eher unorthodoxen Maßnahmen der KLR wurden ohne Konsultation des nationalen buddhistischen Rates durchgeführt, was viele Mitglieder des Ordens in ihrer Abneigung gegen die von den USA unterstützte Regierung nur bestärkte. Dementsprechend gab Robert Blum von der Asia Foundation 1959 folgende Einschätzung ab: »In general, the feeling is that Buddhism in Laos is far from being a bulkwark against Communism and that the Pathet Lao is making considerable inroads among the Buddhist clergy.«33 3. Proteste und die Spaltung des Mönchsordens: Der Marsch in die Befreite Zone Kurz nach dem Inkrafttreten der Gesetzesänderung fand im Mai 1960 in Vientiane eine Demonstration statt. Mehrere Hundert Mönche protestierten gegen die restriktive und in ihren Augen willkürliche Religionspolitik. Es war das erste Mal, dass sich der Klerus öffentlich gegen die Regierung wandte. Die traditionelle Elite war geschockt. Die PL und die NLHS feierten diese Demonstration als Ausdruck des antiimperialistischen Kampfs der Mönche. Im heutigen offiziellen Geschichtsbuch der Demokratischen Volksrepublik Laos wird sie als Protest gegen die Inhaftierung der PL-Führer interpretiert: Phoumi Vongvichit, Prinz Suphanuvong und andere PL-Mitglieder waren nach dem Zusammenbruch der Koalitionsregierung verhaftet worden und zu dieser Zeit in Vientiane inhaftiert, konnten jedoch kurze Zeit später entkommen.34 Zu einer weiteren folgenreichen Spaltung der Mönchsgemeinschaft kam es schließlich im August des Jahres 1960 im Kontext des coup d’état des Neutralistengenerals Kong Le. Der Krieg, bis dahin nur in den Provinzen von Laos ausgetragen, kam nun nach Vientiane. Durch den Einsatz von US-gestützten Truppen in der Stadt gelang es General Sananikone, die Macht wiederzuerlangen.35 Trotz mehr als 500 Toten und 1000 Verletzten in der Stadt war die Herrschaft des Regimes zwar wieder gefestigt, aber alle Hoffnungen auf die Neutralität von Laos im Indochinakonflikt waren erloschen. Hier tat sich für die PL eine ideale Rekrutierungschance auf: Da in Vientiane der Druck auf linksgerichtete Kräfte wuchs, entschieden sich dort viele PL- und NLHS-Sympathisanten zu einem Schulterschluss mit den Kräften, die in der Befreiten Zone aktiv waren. Darunter befanden sich auch Ordensmitglieder wie z. B. der heutige [2008] Patriarch des laotischen Buddhismus, Pha Vichit Singhalat (geb. 1931). Dieser schildert den Kong-Le-Coup als Auslöser, sich der PL in der Befreiten Zone anzuschließen. Er und andere linksgerichtete Mönche – unter ihnen der oben erwähnte Pha Khamdtan Thepbuali – verließen Vientiane und schlossen sich in Xieng Khouang, einer Provinz im Nordosten Landes, der PL an. In Singhalats Memoiren findet sich eine heroisch-patriotische Beschreibung des Marsches der Mönche in die Befreite Zone.36 Es war jedoch nur eine Minderheit des Klerus, die die Hauptstadt verließ. Viele seiner weniger radikal gesinnten, doch sympathisierenden Mitglieder blieben in Vientiane, hielten sich aber von nun an politisch weitgehend bedeckt und mussten sich den Kräften im sangha beugen, die weiterhin mit der KLR kooperierten. Die Mönche aus Vientiane wurden in Khang Khay, dem Hauptsitz der Opposition, von der Führung der kommunistischen Kräfte offiziell empfangen. Sie trafen hier auf eine eher kleine Gruppe von Ordensmitgliedern, die größtenteils schon in die PL integriert waren. Die Gesamtzahl der Mönche, die sich nun in der Befreiten Zone aufhielten, war sicherlich gering,37 da diese Gebiete von Laos größtenteils von nichtbuddhistischen ethnischen Minoritäten besiedelt waren. Des Weiteren war ein großer Teil der männlichen Bevölkerung für die Armee und für Arbeitsbrigaden rekrutiert worden, und nur wenigen Männern war es überhaupt möglich, in den Orden einzutreten. Kurz nach der Ankunft in Khang Khay im Jahre 1960 wurde jedoch von der Führung der PL und sympathisierenden Mönchen beschlossen, eine neue Mönchsorganisation zu gründen. Was zwei Jahre zuvor in Vientiane wegen Differenzen im sangha nicht gelungen war, konnte nun leicht umgesetzt werden: 1961 wurde von PL-Kadern und hochrangigen Mönchen (darunter Vichit, Thepbuali und Voraphet) die Ongkhan Phutasasana Samphan Lao (Vereinte Organisation der Laotischen Buddhisten) gegründet.38 Sie ähnelte in ihrer Struktur den anderen Massenorganisationen der PL und war in deren Verwaltungsapparat integriert. Obwohl es weiterhin sporadische Kontakte zwischen dem Klerus in Vientiane und dem in der Befreiten Zone gab, waren diese nun sowohl räumlich als auch organisatorisch voneinander getrennt. In den folgenden Jahren nahm der Buddhismus dann im politischen Programm der NLHS einen offiziellen Platz ein. Mönche wurden Mitglieder in den verschiedenen Gremien der PL und vertraten die NLHS z. B. auf Religionskonferenzen in anderen kommunistischen Staaten.39 4. Der traditionelle Intellektuelle als Prediger der Revolution: Die Aufgaben der Mönche in der Befreiten Zone Die PL war sich des symbolischen Kapitals, das sie durch die Allianz mit Teilen des laotischen sangha erworben hatte, durchaus bewusst. Sowohl die kommunistische Bewegung in Vietnam als auch die PL verstand es, den traditionell hohen Status von Mönchen mit neuen politischen Rollen zu verbinden. Zum Beispiel spielten Teile des vietnamesischen Klerus während der sogenannten buddhistischen Krise in Vietnam (1963) eine entscheidende Rolle in der Mobilisierung der Opposition gegen das US-gestützte Diem-Regime.40 Auch in der Befreiten Zone in Laos nahmen Mönche regelmäßig an Parteiveranstaltungen und Demonstrationen teil. Aufgrund ihrer gehobenen Position in der Gesellschaft gehen Mönche in Laos in Umzügen an vorderster Stelle und sitzen bei Veranstaltungen in den ersten Reihen. Auf einer Vielzahl von Fotos aus der Befreiten Zone sind Mitglieder des sangha bei offiziellen Veranstaltungen zu sehen, und ihre Partizipation in der PL lässt sich durch ihre Teilnahme an Mitgliederversammlungen der NLHS und Wahlen bezeugen.41 Auch auf der Ebene internationalern Medienpräsenz brachte die Beteiligung von Mönchen an Demonstrationen sicherlich einen beträchtlichen Imagegewinn. In der lokalen buddhistischen Bevölkerung dürfte die PL damit gleichfalls an Zustimmung gewonnen haben. In einem Interview erläuterte ein Mitarbeiter der staatlichen Religionsbehörde der Provinz Xieng Khouang 2007 den propagandistischen Wert der kooperierenden Mönche offen und ohne Umschweife:42 »Die öffentliche Wahrnehmung war zu dieser Zeit von dem Bild geprägt, dass der Kommunismus der Religion feindlich gegenüberstand. Wir, die Mönche, zeigten, dass dies nicht der Fall war und der Buddhismus Teil der laotischen Befreiungsbewegung sein konnte. Wir wurden von Khang Khay aus in die verschiedenen Provinzen geschickt, um dort die Propaganda der PL zu verbreiten und den Kampf auf unsere Art zu unterstützen. […] Wenn Mönche sich so verhielten und für die Sache der PL eintraten, war es sehr wahrscheinlich, dass die Bevölkerung unserem Beispiel folgen würde, weil wir [als Mönche] hohen Respekt genossen.« Wie konnten die traditionellen Rollen des Mönchsordens und sein institutionelles Netzwerk genutzt werden, um die Hegemonie in der Befreiten Zone weiter auszubauen und zu festigen? Die PL folgte hier einer Strategie, die an Antonio Gramscis Idee des »traditionellen Intellektuellen« erinnert: Um eine umfassende kulturelle Hegemonie zu verwirklichen, ist es nach Gramsci nötig, auch traditionelle Intellektuelle wie Priester und andere Mitglieder des Klerus zu politisieren, damit diese dann im Gegenzug ihren hohen Status in der Bevölkerung in den Dienst der sozialistischen Hegemonie stellen können. Die organische Entwicklung der kulturellen Hegemonie einer kommunistischen Bewegung ist nach Gramsci nur mithilfe der Intellektuellen möglich.43 Politische Bewegungen wie die PL wiesen der Propagandapolitik entscheidende Bedeutung zu. In ihren Augen führten die meisten Mitglieder der landwirtschaftlich geprägten und isolierten Gesellschaft ein Leben in Unwissenheit und Ignoranz und konnten nur durch die »Aufklärungsarbeit« der Revolutionäre in »neue sozialistische Menschen« transformiert werden. Die praktischen Mittel für den Aufbau eines Propagandaapparats waren in den Gebirgsregionen von Laos in den Fünfziger- und Sechzigerjahren jedoch beschränkt. Die Integration des sangha in diesen Apparat und die Fusion der Aufgaben der Mönche als traditionelle Intellektuelle mit einem Diskurs der revolutionären Erweckung konnte daher nur als Vorteil gesehen werden. Mönche waren traditionell die Produzenten von Diskursen, die sich mit zentralen Begriffen wie Moral und Gerechtigkeit befassten und in legitimatorischer Wechselwirkung mit weltlichen Machthabern standen. Der hohe Status von Mönchen, ihr sprachliches Können – geschult durch die Praxis des Predigens im Tempel und das Schreiben von Palmblattmanuskripten44 –, ihre erzieherische Rolle in Tempelschulen und ihr Einfluss in lokalen Entscheidungsprozessen waren ideale Ressourcen für den Propagandaapparat der PL. Von der »Revolutionsbasis« in Khang Khay aus wurden Mönche in andere Regionen geschickt, die noch nicht unter sicherer Kontrolle der PL standen, um dort mit anderen Ordensangehörigen und buddhistischen Gläubigen in Kontakt zu treten und diese über die Ziele der PL zu informieren. Bei Ritualen in Tempeln oder Häusern wurden in den obligatorischen Predigten traditionelle Inhalte mit Politik und Propaganda für den Befreiungskampf der PL gemischt. Viele Flugblätter und Zeitungstexte wurden von Mönchen geschrieben, die statt eines militärischen Einsatzes oft für die Propagandaabteilung der NLHS arbeiteten. Die PL verfügte auch über eine recht effektive Radiopropaganda, die bis nach Vientiane reichte. Pha Vichit Singhalat und Pha Khamdtan Thepbuali erwähnten mir gegenüber, dass sie und andere Mönche Anfang der Sechzigerjahre häufig als Sprecher für die PL-Radiostation in Khang Khay tätig waren. Die Effektivität dieser Propaganda wird auch durch die heftigen Reaktionen des Religionsministeriums der KLR belegt.45 Die Mönche, die ihre religiösen Aufgaben weiterhin erfüllten, wurden auch in praktische Arbeitsbereiche der Entwicklungsprogramme der PL eingebunden, zum Beispiel Alphabetisierungskampagnen oder die Anwendung traditioneller Medizin. Oft wurden diese Arbeiten und die politische Propaganda von PL-Mitgliedern und von Mönchen selbst mit einer neuen Ausrichtung des Buddhismus verbunden. Diese wandte sich gegen die traditionell starken synkretistischen Elemente des laotischen Buddhismus, beispielsweise die Verehrung einer Vielzahl von Geistern, die sich auch aus lokalen und vorbuddhistischen Religionen speist. Stattdessen betonte sie Rationalität, Arbeitsethik‚ Nationalismus und praktisches Engagement.46 Diese moderne Version des Buddhismus, die sich am wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus orientieren sollte, wurde vor allem von einer kleinen Elite von Mönchen propagiert, die sehr eng an die PL angebunden war. Khamdtan Thepbuali beschreibt aufschlussreich, wie sich sein neues Leben in der Befreiten Zone und seine politische Bildung mit den Aufgaben eines Mönchs verbanden: »Während des Tages verrichtete jeder die Arbeiten, die ihm zugewiesen worden waren. Wir, die Mönche, unterrichteten die Kinder und die Erwachsenen im Lesen und Schreiben. Abends gab es dann Sitzungen, in denen die Ergebnisse des Tages, aber auch theoretische Sachen diskutiert wurden. Die Mönche lernten zusammen mit den anderen, wie Soldaten und Bauern, und hörten den Reden der schon fortgeschrittenen Genossen gut zu. Wir lernten so die Theorien von Marx, Lenin und anderen kennen. Nach diesen Sitzungen diskutierten wir Mönche dann unter uns weiter und verbanden das, was wir gelernt hatten, mit dem, was wir über den Buddhismus wussten. So fanden wir heraus, dass die Ideen des Buddhismus und die Theorien der Revolutionäre vieles gemeinsam hatten; sie wurden nur in einer anderen Sprache ausgedrückt, weil sie sich in anderen Zeiten und Gesellschaften ausgebildet hatten.«47 Es wurde beispielsweise propagiert, dass die Kritik des Buddhismus am indischen Kastensystem auch als frühe Form des Klassenkampfs gesehen werden könne, dass sowohl Buddhismus als auch Kommunismus dem Leiden (Pali: dukkha) der Menschen eine Ende setzen wollen und beide einen Weg der Befreiung aufzeigen. Der Lebensweg des Buddha – als Prinz, der dem Reichtum des Palasts entsagt und sich auf eine asketische Wahrheitssuche begibt – wurde dem eines Revolutionärs gleichgestellt und der sangha als urkommunistische Gemeinschaft präsentiert, in der Besitz weitgehend kollektiviert ist.48 Für die Landbevölkerung und weniger indoktrinierte Mönche bedeuteten diese Neuinterpretationen sicherlich einen partiellen Bruch mit alten kulturellen Mustern. Potenzieller Widerstand gegen das Reformprogramm und die daraus resultierende Rekonfiguration des säkularen und des religiösen Feldes dürfte aber dadurch entschärft worden sein, dass mit der grundlegenden Zustimmung der PL zum Buddhismus eine gewisse Kontinuität gewährleistet war. Das enge Überwachungsnetzwerk der PL ließ zwar wohl wenig Raum für offenen Widerstand, war aber in Bezug auf die nichtöffentliche Ausübung von Ritualen, etwa zur Geisterverehrung, vermutlich durchlässig. Durch diese Vermischung von Marxismus und buddhistischer Lehre, die Einbindung in administrative Strukturen und Propagandaarbeit wurden die Mönche in das verwandelt, was Gramsci den »organischen Intellektuellen« nennt – den Typus des agitatorischen und proaktiven Intellektuellen, der den »unterdrückten Klassen« eine Stimme verschafft und damit die Ziele der Partei unterstützt.49 Die Mönche sollten in der Befreiten Zone ihre traditionellen intellektuellen Aufgaben in den Dorfgemeinschaften mit neuen Funktionen verbinden und dadurch die Hegemonieansprüche der PL unterstützen. Durch den sich ausweitenden Krieg wurde das Leben in der Befreiten Zone allerdings immer schwieriger. Vor allem nach 1964 bombardierten die USA immer offensiver und flächendeckender die nordöstlichen Provinzen von Laos. Wie der Rest der Bevölkerung lebten die Mönche in Höhlen oder im Wald. Die meisten Dörfer und damit auch die Tempel wurden im Laufe der Kriegsjahre zerstört und die Feste des rituellen Kalenders konnten nur selten gefeiert werden. Wegen der Gefahr, von Aufklärungsflugzeugen entdeckt zu werden, mussten zum Beispiel die zahlreichen Bestattungsrituale ohne traditionell vorgeschriebene Verbrennung durchgeführt werden.50 In diesem Ausnahmezustand veränderte sich der Buddhismus sowohl in seiner religiösen Ausübung als auch in Bezug auf die Aufgaben der wenigen Mönche, die sich weiterhin in der Befreiten Zone aufhielten.51 Einige der hochrangigen Mönche wie Pha Buakham Voraphet gingen nach Vietnam und arbeiteten dort mit Teilen des vietnamesischen sangha zusammen, während andere Mönche den PL-Führern nach Vieng Say in die Provinz Huaphan folgten, wo die PL bis 1975 ihr Hauptquartier in vor Bomben geschützten Höhlensystemen hatte. 5. Die Rückkehr nach Vientiane und die ›Reinigung‹ des sangha Als sich 1973 mit dem beginnenden Rückzug der USA das Ende des zweiten Indochinakriegs ankündigte und die Befreite Zone nun fast das ganze Land abdeckte, kehrten Pha Khamdtan Thepuali und einige andere Mönche nach Vientiane zurück. Dort hatte inzwischen der PL-Sympathisant Maha Khu Suvannamethi (1911–1992) das Religionsministerium in der gerade etablierten Koalitionsregierung übernommen. Die radikalen Mönche der PL, vorher in der Minderheit und isoliert in der Befreiten Zone, bereiteten in den nächsten zwei Jahren die Machtübernahme in der Administration des sangha vor. In der Hauptstadt trafen sie auf Mönche, die teilweise mit der PL sympathisiert hatten, aber in Vientiane verblieben waren. Diejenigen, die sich nicht hatten politisieren lassen oder eher der Linie der KLR gefolgt waren, standen jetzt angesichts der veränderten politischen Lage vermehrt unter Druck. Viele verließen den sangha oder zogen sich von ihren Positionen zurück. Als 1975 die PL in Vientiane einzog und am 2. Dezember die Demokratische Volksrepublik Laos ausrief, war der buddhistische Orden schon größtenteils ›gereinigt‹ worden. Aus Angst vor einer ungewissen Zukunft unter dem neuen Regime flohen manche Mönche nach Thailand und fanden dort in Klöstern Unterschlupf.52 Wer eher unpolitisch geblieben war und sich entschied zu bleiben, musste Umerziehungs- und Indoktrinierungsmaßnahmen über sich ergehen lassen und zeigen, dass er mit der Linie des neuen Regimes übereinstimmte. Viele hielten dem Druck nicht stand und gaben ihr Mönchsleben auf.53 Für die PL war es nun einfach, den Verwaltungsapparat des sangha mit gut ausgebildetem linientreuen Personal zu besetzen. Alle wichtigen Positionen im neuen Orden wurden von Mönchen übernommen, die mit der PL in der Befreiten Zone aktiv gewesen waren oder zumindest für diese in Vientiane gearbeitet hatten.54 In der höchst unsicheren und restriktiven Konsolidierungsphase des neuen Regimes wurde 1977 unter der Aufsicht von Phoumi Vongvichit der erste nationale Kongress des neuen sangha – nun die »Vereinte Organisation der laotischen Buddhisten« – abgehalten. Vongvichit blieb auch in den folgenden Jahren ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Kommunistischen Revolutionären Volkspartei und der Gemeinschaft der Mönche. Pha Khamdtan Thepbuali wurde 1977 Vorsteher der nun landesweit eingeführten Organisation des sangha, die 14 Jahre zuvor in der Befreiten Zone gegründet worden war. Von 1975 bis ca. 1980 fuhr das neue Regime einen harten Kurs, auch gegenüber dem sangha: Im Vergleich zur Situation vor der Revolution war der buddhistische Orden in der frühen Phase der Demokratischen Volksrepublik Laos zwar organisatorisch integriert, aber eher in einer marginalen Position. Laos verfolgte nun eine multiethnische Politik.55 Der Buddhismus war keine Staatsreligion mehr, ihm wurde unter dem neuen Regime vielmehr ein klar definiertes, aber eingeschränktes Feld zugewiesen. Mönche konnten viele ihrer traditionellen rituellen Aufgaben weiterhin wahrnehmen, aber Staatsrituale und die Ikonografie von Laos wurden größtenteils ›entbuddhisiert‹, von nun an dominierten sozialistische Diskurse und Symbole. Obwohl der Buddhismus in Laos seit der Reformphase (ab 1986) wieder massiv an Bedeutung gewinnt56 und sozialistische Rhetorik im sangha und der Gesellschaft als Ganzem auf dem Rückzug ist, bleibt die Anbindung des Mönchsordens an die Kommunis­tische Partei und deren Massenorganisation, die Nationale Wiederaufbaufront von Laos, sehr eng.57 Dies spiegelt sich auch in der Personalpolitik des Klerus wieder: So hat z. B. Pha Vichit Singhalat, der heute 77-jährige Patriarch des laotischen Buddhismus, 15 Jahre seines Lebens mit der PL in der Befreiten Zone verbracht und prägt seit mehr als 30 Jahren die Religionspolitik des Landes. Seine Karriere und die der anderen revolutionären Mönche zeigt, dass auch heute noch die Stellung des Buddhismus und die Entwicklung der Kommunistischen Bewegung in Laos eng miteinander verknüpft sind. Das folgenreiche Aufeinandertreffen von Buddhismus und Kommunismus in Laos wirkt bis in die Gegenwart hinein und bestimmt weiterhin den Rahmen, in dem sich die weitgehend von der Partei gesteuerte Revitalisierung des Buddhismus abspielt. 1 Frühere Versionen dieses Beitrags profitierten von Anmerkungen von Oliver Tappe, James Laidlaw und Grant Evans. Dank für Anregungen geht auch an die Teilnehmer des Doktorandenseminars im Institut für Sozialanthropologie der Universität Cambridge, insbesondere Mathew Carey und Hugo Reinert. Christine Achdjian und Karin Jaeger danke ich für die Überarbeitung des Texts. John Dunn: Modern Revolutions. An Introduction to the Analysis of a Political Phenomenon. 2. Aufl. Cambridge 1989, S. 12. 2 Stanley Tambiah: World Conqueror and World Renouncer, Cambridge 1976, S. 521. 3 Zur Genese der kommunistischen Bewegung in Laos siehe Volker Grabowsky: Kommunismus und Opposition in Laos, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 20 (2007), S. 55–62. Die materielle und ideologische Abhängigkeit von der kommunistischen Bewegung in Vietnam wird gut dargelegt in MacAlister Brown / Joseph Zasloff: Apprentice Revolutionaries. The Communist Movement in Laos 1930–1985, Hoover 1986. 4 Zur Rolle der USA und deren Einflussnahme auf die KLR in diesem »geheimen Krieg« siehe Jean Deuve: La guerre secrète au Laos contre les communistes 1955–1964, Paris 1995. Für eine Analyse der massiven militärischen und ökonomischen Unterstützung der USA siehe Timothy Castle: At War in the Shadow of Vietnam. United States Military Aid to the Royal Lao Government 1955–75, New York 1993. 5 Zum Prozess der Indisierung von Südostasien, der auch für die Herausbildung größerer politischer Entitäten eine wichtige Rolle spielte, siehe Georges Coedès: The Indianized States of Southeast Asia, Honolulu 1968. 6 Laos gehört zu den ethnisch heterogensten Ländern Südostasiens. Siehe dazu Laurent Chazee: Atlas des ethnies et des sous-ethnies du Laos, Vientiane 1995, S. 15. Diese Heterogenität spiegelt sich auch im reli­giösen Feld wider. Die Sektion für Religionsfragen der Nationalen Front für Wiederaufbau gab mir gegenüber 2007 an, dass ca. 65 % der Bevölkerung Buddhisten seien – diese Zahl erscheint mir etwas zu hoch gegriffen. Bis 1975 war der Buddhismus jedoch Staatsreligion – dies gibt auch Auskunft über die traditionelle ethnische und religiöse Hierarchie: Die buddhistischen Lao sind auch heute noch die dominante ethnische Gruppe, ihr entstammten auch viele Führer der PL. 7 Als aktuelles Beispiel für die politische Rolle des Klerus sei hier nur kurz auf die Demonstrationen der Mönche in Burma im Jahre 2007 verwiesen. 8 Für Myanmar siehe Manuel Sarkisyanz: Buddhist Backgrounds of the Burmese Revolution, Den Haag 1965. Für Kambodscha siehe Norodom Sihanouk: Notre Socialisme Dhammique, Phnom Phen 1960. Weitergehende Studien zu einer ›politischen Theologie‹ des Buddhismus und seinen Verbindungen zum Marxismus stehen leider noch aus. Ansatzweise dazu siehe Trevor Ling: Buddha, Marx and God: Some Aspects of Religion in the Modern World, London 1979. 9 Zur Organisation des laotischen Klerus in dieser Periode siehe Keovong Pathoumxad: Organisation du clergé Bouddhique, in: France–Asie 116–118 (1956), S. 328–337. 1958 hatte der sangha ca. 17 000 Mitglieder (ca. 1,5 % der Gesamtbevölkerung). Siehe Asia Foundation: Report on Buddhism and Buddhist Programming in Laos, San Francisco 1966, S. 8. Siehe dazu auch Joel Halpern: Government, Politics, and Social Structure in Laos. A Study of Transition and Innovation, New Haven 1964, Anm. 50. 10 Zum Tempel und seiner zentralen Position im sozialen Raum siehe Georges Condominas: Le Bouddhismeau village, Vientiane 1998, S. 37. Zur wichtigen Rolle von Mönchen im Schulsystem von Laos siehe Christian Taillard: Essai sur la bipolarisation autour du vat et de l‘école des villages Lao de la plaine de Vientiane: Le bouddhisme populaire confronté au développement économique, in: Asie du Sud-est et Monde Insulindien 5 (1974), H. 3, S. 91–104. Für weitere religionswissenschaftliche Einzelheiten zum laotischen Buddhismus siehe Marcel Zago: Rites et cérémonies en milieu bouddhiste Lao, Rom 1972. 11 Yoneo Ishii: Sangha, State and Society. Thai Buddhism in History, Honululu 1986, S. 26 f. 12 Vongsavanh Boutsavath / Georges Chapelier: Lao Popular Buddhism and Community Development, in: Journal of the Siam Society 61 (1973), H. 2, S. 15. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass diese Information nur für die buddhistischen ethnischen Lao gilt. 13 Siehe Phoumi Vongvichit: Le Laos et la lutte victorieuse du peuple Lao contre le néo-colonialisme Américain, Vientiane 1964, S. 24 f. 14 Die Mitgliederlisten der kommunistischen Bewegung enthalten schon ab Mitte der Fünfzigerjahre Namen von Mönchen, die am laotischen Präfix »pha« identifiziert werden können. Weitere Mitglieder hatten Titel (›maha‹), die auf eine längere Karriere im Klerus schließen lassen. Siehe Joseph Zasloff: The Pathet Lao. Leadership and Organization, Lexington 1973, S. 117 f. Fotos aus der befreiten Zone in der Provinz Huaphan zeigen PL-Führer wie den späteren Präsidenten Kayzone Phomvihane mit Mönchen bei Parteitreffen. 15 Zu Suphanuvongs Karriere und Hintergrund siehe Geoffrey Gunn: Prince Souphanouvong. Revolutionary and Intellectual, in: Journal of Contemporary Asia 22 (1992), H. 1, S. 529–536. 16 Zitiert nach Brown / Zasloff: Apprentice Revolutionaries (Anm. 3), S. 223. 17 Zu Vongvichits Karriere siehe Geoffroi Crunelle: In Memoriam. Phoumi Vongvichit (1909–1994), in: Péninsule 28 (1994), H. 1, S. 9 f. Siehe auch sein späteres Werk, in dem Sozialismus und buddhistische Moral eng miteinander verbunden werden: Phoumi Vongvichit: Khwamsabsombat mai lae silatam phativat [Der neue Besitz und die revolutionäre Moral], Vientiane 1995, S. 163 f. u. 206–208. 18 Zum politischen Kontext dieser Wahlen siehe Grant Evans: A Short History of Laos. The Land in Bet­ween, Crows Nest 2002, S. 110. 19 Dazu siehe auch Martin Stuart-Fox / Rod Bucknell: Politicization of the Buddhist Sangha in Laos, in: Journal of Southeast Asian Studies 13 (1982), H. 1, S. 60–80. 20 Pha Khun Manivong war Vorsteher des sangha (sangkhanayok) und ein offener Befürworter der Politik der Pathet Lao. Siehe Asia Foundation: Report on Buddhism (Anm. 9), S. 21 f. Für seine Biografie siehe Somdet Phra Loukeo Khoun Manivong [Der Mönchspatriarch Khoun Manivong], Pakse 1969 [keine Autorenangabe]. 21 Pha BuakhamVoraphet war schon vorher politisch aktiv und hatte während seiner Ausbildung in Phnom Penh an antikolonialen Aktivitäten des sangha teilgenommen. Dazu und zu seinem weiteren politischen Engagement siehe Bounthavy Vilaychakre: Sivid lae phonngan khong phra maha thera ha ong [Das Leben und das Wirken von fünf großen laotischen Mönchen], Vientiane 2001, S. 22–37. Das Buch enthält auch interessante politische Biografien von anderen Mönchen, die mit der PL kooperierten. 22 Thepbuali sollte in den nächsten Jahren eine entscheidende Rolle in der Politisierung des sangha spielen. In einem späteren Interview (Vientiane, Januar 2008) erwähnte er auch, dass er Kontakte zur damals im thailändischen Exil lebenden Lao Idsala unterhielt und sich schon während seiner Mönchsausbildung in Thailand mit revolutionärer Literatur beschäftigte. 23 Die Santhiphab-Partei (Friedenspartei) war zeitweise die dritte Kraft im laotischen Indochinakonflikt und berief sich auch auf buddhistisch-sozialistisches Gedankengut. Siehe dazu Bong Souvannavong: Doctrine Lao ou socialisme dhammique (sangkhom dhammadhipatai) pour l’instauration de la paix, Genf 1961. Ihr Profil war jedoch neutralistisch und unterschied sich trotz sozialistischer Rhetorik von der NLHS, mit der sie zeitweise kooperierte. Sie verlor Anfang der Sechzigerjahre – vor allem nach der Ermordung ihres Führers Kinim Pholsena 1961 – zunehmend an Bedeutung. 24 Siehe Asia Foundation: Report on Buddhism (Anm. 9), S. 22. 25 Evans: A Short History (Anm. 18), S. 102. 26 Zwei Quellen leiten diese eher laizistische Grundhaltung aus der französischen Erziehung der Oberschicht ab. Siehe Halpern: Government (Anm. 9), Anm. 50; Asia Foundation: Report on Buddhism (Anm. 9), S. 13. Im Gegensatz dazu setzte sich der sangha oft aus ärmeren Bevölkerungsschichten zusammen, da in ländlichen Regionen der Tempel oft die einzige Institution war, in der Männer in den Genuss von Bildung kommen konnten. 27 Martin Stuart-Fox: Buddhist Kingdom, Marxist State. The Making of Modern Laos, Bangkok 1996, S. 129. 28 Zu weiteren Einzelheiten siehe Khamdtan Thepbuali: khanmueang lae phutasasana [Politik und Buddhismus], Vientiane 1976, S. 22 f. 29 Asia Foundation: Report on Buddhism (Anm. 9), S. 22. 30 Im Informationsblatt des Religionsministeriums finden sich ab 1959 eine Reihe von Texten, die die Bedrohung des Buddhismus durch den Kommunismus thematisieren. Siehe z. B. khao khasuang thammakhan [Informationsblatt des Ministeriums für Religion] 7–8 (1959), o. S. Siehe zu weiteren Einzelheiten auch Deuve: La guerre secrète (Anm. 4), S. 23 u. 59. 31 Für den genauen Text des Gesetzes siehe Königliches Dekret Nr. 160, 25. Mai 1959. Für eine Einschätzung der eher gegenteiligen Wirkung dieser Kontrollintensivierung siehe Halpern: Government (Anm. 9), S. 50 und Asia Foundation; Report on Buddhism (Anm. 9), S. 144. Für die Perspektive von mit der PL sym­pathisierenden Mönchen: Khamdtan Thepbuali: phrasong lao kap khanphativad [Die laotischen Mönche und die Revolution], Vientiane 1976, S. 51 f. 32 Die Originale dieser Berichte sind abgedruckt im Anhang von Deuve: La guerre secrète (Anm. 4), S. 257–262. 33 Siehe Asia Foundation: Report on Buddhism (Anm. 9), S. 20. 34 Für eine Beschreibung der Demonstration und die Reaktion der rechtsgerichteten Oberschicht siehe Halpern: Government (Anm. 9), S. 50. Im heutigen laotischen Geschichtsbuch liest man: »Einige Hundert Mönche arrangierten ein Treffen im Sithon-Neua-Tempel und verlangten die Freilassung der Führer der Patriotischen Front von Laos.« Siehe Ministerium für Information und Kultur: Phavatsad Lao [Laotische Geschichte], Vientiane 2000, S. 876. Danke an Oliver Tappe für diese Referenz. Nähere Einzelheiten dazu in Oliver Tappe: Geschichte, Nationsbildung und Legitimationspolitik in Laos: Untersuchungen zur laotischen nationalen Historiographie und Ikonographie. Münster 2008, Seite 209–234. 35 Zu den Hintergründen des Coups und den Gefechten in Vientiane siehe Evans: A Short History (Anm. 18), S. 116–119 und Martin Stuart-Fox: A History of Laos, Cambridge 1997, S. 112–118. 36 Siehe das Kapitel »Reasons to join the revolution« in Pha Vichit Singhalat: Memoirs, Vientiane 1998, S. 6–8 [unveröffentlichtes Manuskript]. Natürlich gab es auch Mönche, die sich den nun auch in der befreiten Zone agierenden Neutralisten anschließen wollten, was retrospektiv von linientreuen Klerus­mitgliedern nicht gerne zugegeben wird. Die eher neutra­listisch gesinnten Mönche wurden nach der Marginalisierung der Santhiphab-Partei und anderer neutraler Kräfte oft von der PL assimiliert. 37 Offizielle Mitgliederzahlen aus dieser Periode existieren meines Wissens nicht, aber in Interviews mit älteren Klerusmitgliedern in den betroffenen Provinzen wurde eine Zahl von ca. 1000 Mönchen angegeben. 38 Zu Details in Bezug auf Struktur und Personal der Organisation siehe Singhalat: Memoirs (Anm. 36), S. 9 f. und Boun Rasdavong: A History of Lao Buddhism, unveröffentl. Magisterarbeit, Maha Chulalongkorn Universität Bangkok 2005, S. 43–45. 39 Siehe z. B. Programme Politique Du Front Patriotique Lao, Sam Neua 1968, S. 10. Hier wird die Bewah­rung des Buddhismus und laotischer Kultur als wichtiger Punkt aufgeführt. Zur Partizipation von Mön­chen an internationalen Konferenzen wie z. B. in China 1964 siehe Asia Foundation: Report on Buddhism (Anm. 9), S. 23 und Marcel Zago: Le Bouddhisme Lao contemporain. Aspects du Bouddhisme Lao, in: Bulletin des Amis du Royaume Lao 9 (1973), H. 1, S. 134. 40 Mark Moyar merkt zur Rolle der vietnamesischen Mönche in der buddhistischen Krise von 1963 an: »The Buddhist movement was engaged in covert action, and in a highly effective fashion of that. Rarely has an opposition movement undermined multiple governments so effectively and with so few resources.« (Political Monks. The Militant Buddhist Movement during the Vietnam War, in: Modern Asian Studies 38 [2004], S. 754). Siehe auch seine Anmerkungen zur Wirksamkeit von Mönchsdemonstrationen auf das amerikanische Fernsehpublikum (ebd., S. 758). Moyars Analyse ist jedoch etwas einseitig und sollte auch im Kontext der neutralistisch gesinnten Bewegung im Klerus gesehen werden. Siehe dazu Robert Topmiller: The Lotus Unleashed. The Buddhist Peace Movement in South Vietnam 1964–1966, Lexington 2002. 41 Bilder von Parteikongressen der NLHS und der PL in der Befreiten Zone zeigen immer wieder Mönche mit hochrangigen Kadern, z. B. bei der ersten Gründungssitzung der NLHS 1956. 42 Der Interviewpartner war in der Zeit von 1960 bis 1975 Mönch in der Befreiten Zone und verließ nach der Revolution von 1975 den sangha, um bei der staatlichen Religionsbehörde zu arbeiten. Interview November 2007, Xieng Khouang. 43 Natürlich ist Gramscis Idee eines kulturellen Revolutions- und Hegemoniebegriffs auf die Situation in Süditalien ausgerichtet. Zur umfassenden Rolle des Priesters als traditionellen Intellektuellen und zur Rolle der Religion im Prozess der Hegemoniegewinnung siehe Antonio Gramsci: Selections from the Prison Notebooks, New York 1971, S. 61–65. Seine interkulturellen Verweise auf Intellektuelle in außereuropäischen Kontexten zeigen jedoch, dass das Konzept für eine internationale Revolutionstheorie gedacht war (siehe ebd., S. 23–25); weiterhin Hugues Portelli: Gramsci et la question religieuse, Paris 1974. 44 Zu dieser Zeit war die Analphabetenrate in der ländlichen Bevölkerung sehr hoch. Vor der Einführung eines staatlichen Schulsystems gehörten Mönche und diejenigen Männer, die eine gewisse Zeit im Kloster verbracht hatten, zu den wenigen, die lesen und schreiben konnten. 45 Zur Effektivität der Radiopropaganda siehe Arthur Dommen: Conflict in Laos. The Politics of Neutralization, New York 1971, S. 91 f. Im Informationsblatt des Ministeriums für Religion findet sich ein langer Artikel, der sich vehement gegen die Radiopropaganda der PL wendet. Siehe khao khasuang (Anm. 30) 22 (1961), o. S. 46 Zur Propagierung eines eher orthodoxen Buddhismus in der Befreiten Zone siehe Vanina Boute: En miroir du pouvoir. Les Phounoy du Nord Laos. Ethnogenèse et dynamiques d’intégration, unveröffentl. Dissertation, EHSS, Paris 2005, S. 199–201. Zu diesem reformistischen Buddhismus siehe auch Vongvichit: Khwamsabsombat (Anm. 17), S. 110 u. 200 f. 47 Interview in Vientiane, Januar 2008. Nähere Einzelheiten zu seiner Theorie eines revolutionären Buddhismus finden sich in seinen später gedruckten Werken. Siehe Thepbuali: phrasong lao (Anm. 31) und ders.: khanmueang (Anm. 28). Für eine kritische Einschätzung des erstgenannten Werks siehe die Besprechung von Saveng Phinith: Compte rendu: Pha Song Lao kap khanpatiwat, in: Bulletin de l‘Ecole Française d‘Extrême-Orient 64 (1977), S. 317–323. 48 Zu den Parallelen der Lehren des Buddhismus und kommunistischer Ideologie siehe Thepbuali: phrasong lao (Anm. 31), S. 3–9 u. 17. 49 Gramsci versteht den organischen Intellektuellen als »permanent persuader« im Kampf um die Hegemonie. Siehe Gramsci: Selections (Anm. 43), S. 10. Kurtz definiert ihn in Anlehnung an Gramsci folgendermaßen: »Organic intellectuals are agents who tend to represent and direct the interests of subaltern populations who are being exploited and to provide them with counter-hegemony to resist their exploitation.« Siehe Donald Kurtz: Hegemony and Anthropology: Gramsci, Exegeses, Reinterpretations, in: Critique of Anthropology 16 (1996), H. 2, S. 108. 50 Für eine eindrucksvolle Beschreibung der Auswirkungen dieses Kriegs auf die laotische Bevölkerung in der befreiten Zone siehe Fred Branfman: Voices from the Plain of Jars. Life under an Air War, New York 1972. Die Bestattungsrituale ohne Verbrennungen und die durch den Krieg erzwungene Einschränkung religiöser Aktivitäten wurden während zahlreicher Interviews erwähnt, die ich im November 2007 mit älteren Mönchen und gläubigen Laien in Sam Neua (Provinz Huaphan) führte. 51 Normalerweise verrichten Mönche keine schweren körperlichen Arbeiten, sondern erhalten ihre Nahrung als rituelle tägliche Gaben von Gläubigen. In der Befreiten Zone wurde dieses System jedoch geschwächt. Mönche arbeiteten auch körperlich, und der Lebensstil von Klerusangehörigen wurde dadurch quasi normalisiert. Georges Chapelier und Jean van Malderghem sprechen davon, dass in dieser Hinsicht religiöses Verhalten eingeschränkt wurde, lehnen es aber ab, von einer offenen Unterdrückung des Buddhismus zu sprechen; die Veränderungen waren ihrer Ansicht nach größtenteils dem Ausnahmezustand geschuldet, der mit dem Krieg einherging. Siehe Georges Chapelier / Jean van Malderghem: Plain of Jars. Social Change under Five Years of Pathet-Lao Administration, in: Asia Quarterly 1 (1971), S. 70. 52 In den ersten Jahren nach der Machtübernahme verlor Laos ca. 10 % seiner Bevölkerung. Der größte Teil der alten Oberschicht und auch viele Mönche verließen das Land und fanden entweder im Nordosten von Thailand, der Laos kulturell und sprachlich sehr nahe steht, oder in anderen Ländern Asyl. 1978 flüchteten der ranghöchste Mönch von Luang Prabang und einige seiner Berater nach Thailand. Siehe dazu Marcel Zago: Un bonze accuse, in: Pôles et Tropiques (Juni 1978), S. 132–143. 53 Als Beispiel sei hier nur Pha Khamphun Philavong († 2005) genannt, vor der Revolution einer der profiliertesten Mönche in Vientiane, Lehrer an der größten buddhistischen Schule und Autor zahlreicher Bücher zum Buddhismus. Er ›verschwand‹ 1975 und tauchte erst 1977 wieder in der Hauptstadt auf. Nach über 30 Jahren als Mönch verließ er den Orden, heiratete und eröffnete eine Buchhandlung. 54 Pierre-Bernard Lafont merkt z. B. an, dass die radikalen politischen Veränderungen kurz nach der Revolution vom Klerus mit überraschend wenig Widerstand akzeptiert wurden. Dies lag sicherlich an der ›Entleerung‹ der alten Struktur und deren Ersetzung durch neues, schon indoktriniertes Personal. Pierre-Bernard Lafont: Buddhism in Contemporary Laos, in: Martin Stuart-Fox (Hg.): Contemporary Laos, London 1982, S. 157. Siehe dazu auch Martin Stuart-Fox: Marxism and Theravada-Buddhism. The Legitimation of Political Authority in Laos, in: Pacific Affairs 56 (1983), H. 3, S. 428–454. 55 Siehe dazu Vatthana Pholsena: Nation / Representation: Ethnic Classification and Mapping Nationhood in Contemporary Laos, in: Asian Ethnicity 3 (2002), H. 2, S. 175–197. 56 Staatsrituale werden meist im Beisein von Mönchen durchgeführt und buddhistische Symbole haben seit den Neunzigerjahren die des Sozialismus weitgehend ersetzt. Siehe die Einschätzung zur »Rebuddhisierung« der laotischen Gesellschaft von Grant Evans: The Politics of Ritual and Remembrance. Laos since 1975, Honululu 1998, S. 67 f. 57 Siehe dazu Patrice Ladwig: Between Cultural Preservation and This-worldly Commitment: Modernization, Social Activism and the Lao Buddhist Sangha, in: Yves Goudineau / Michel Lorillard (Hg.): Nouvelles recherches sur le Laos (Etudes thématiques n° 18), EFEO Paris / Vientiane 2008, S. 481 f.

JHK 2009

»Wir begrüßen die Entlarvung der Konterrevolutionäre …« – Vergangenheitsaufarbeitung eines chinesischen Theologen

Monika Gänßbauer

 Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Beobachtung, dass die Jahre 1955–1976 in der chinesischen Kirchengeschichte praktisch nicht existieren. In einem ersten Schritt werden politische und kirchliche Entwicklungen der Fünfzigerjahre in China nachgezeichnet. Ein zweiter Teil widmet sich dem Stand historischer Aufarbeitung dieser Zeit. Im Mittelpunkt des dritten Abschnitts steht ein Dokument des chinesischen Theologen Wang Weifan aus den Jahren 1955–1958. Schließlich erfolgt eine kontextbezogene Diskussion des Standpunkts Wang Weifans, der m. E. einen dritten Weg für eine historische Aufarbeitung der Fünfzigerjahre aufzeigt. 1. Politische und kirchliche Entwicklungen der Fünfzigerjahre 1949 hatte Mao Zedong die Gründung der VR China proklamiert. Bis 1952 wurde in China eine Agrarreform umgesetzt. Gleich nach Gründung der Volksrepublik begann die KPCh mit dem Einsatz von »Massenkampagnen«. Damit mobilisierte die politische Elite die Bevölkerung, um, so Siegfried Klaschka, »eine breite Initiative zu entfesseln, […] gegen bestimmte politische Strömungen zu kämpfen oder die eigene Herrschaft abzusichern«.1 Thoralf Klein beschreibt die Grundelemente solcher Kampagnen so: »Am Beginn stand in der Regel die umfangreiche Indoktrination der Bevölkerung durch Parteiabteilungen und Polizei […] Die aktive Einbeziehung der ›Massen‹ erfolgte […] durch die gruppenweise Lektüre und Diskussion zentraler Parteidokumente […] Im Zentrum vieler politisch ausgerichteter Kampagnen standen die […] Anklageversammlungen.«2 Diese sollten den diffusen öffentlichen Hass gegen Konterrevolutionäre auf einzelne Personen fokussieren und dem System starke Unterstützung einbringen.3 Öffentliche Gewaltausbrüche waren so im China der Fünfzigerjahre keineSeltenheit.4 Mit der »Drei-Anti-Bewegung« von 1951 bis 1953 wollte der Parteistaat Unterschlagung, Verschwendung und Bürokratismus bekämpfen. Die Kampagne wandte sich aber auch gegen Lehrpersonal, dem man zu große Nähe zum westlichen Ausland vorwarf. Eine junge Christin kritisierte ihren Vater mit den Worten: »In the past I recognized you as a […] teacher, wise and able […]. [But] […] I awakened to see that […] you truly are a Christian without political feeling for the Communist Party. We all thank the Communist Party for bringing us these days of great glory and blessing.«5 Auch Tu Yuqing, der spätere Generalsekretär des chinesischen CVJM, geriet 1951 unter Druck. Man warf ihm vor, Beziehungen zu »Imperialisten« zu unterhalten. Tu hatte 1914–1919 in den USA gelebt.6 Y. T. Wu (Wu Yaozong), eine der entscheidenden kirchenleitenden Persönlichkeiten nach 1949, hielt derartige Denunziationen im Jahr 1951 sogar für biblisch begründet: »To denounce is in line with the teaching of Jesus. He […] attacked evil through action, just as he used a whip to chase the merchants away from God’s temple.«7 Der »Kampf gegen Imperialismus« war ein wichtiger Bestandteil von Parteipropaganda. Wie etwa auch in Zeiten der SED-Diktatur waren »in einem politischen Koordinatensystem, in dem die Generallinie stets ›richtig‹ […] und deren Erfolg zudem ›gesetzmäßig‹ vorherbestimmt waren, systemimmanente Erklärungen für politische und ökonomische Schwierigkeiten und Rückschläge nicht statthaft«.8 Ulrich Mählert konstatiert, es gebe in solchen Systemen nur zwei erlaubte Ursachen für Defizite: externe Feindeinwirkung und das Unvermögen von Kadern, die richtige politische Linie zuverlässig zu exekutieren.9 Auch die 1950 eingeleitete »Kampagne gegen Konterrevolutionäre« warf für viele Jahre einen dunklen Schatten über die chinesische Kirche.10 Zu den »konterrevolutionären Straftatbeständen« zählten z. B. Kontakte zu »Imperialisten« oder »Vaterlandsverrat«.11 Laut Oskar Weggel konnte »mit so unpräzise abgefaßten Tatbeständen nahezu jede mißliebige Person […] inkriminiert werden«.12 So enthielt ein Bericht Y.T. Wus über die Entwicklung der Kirche in den Jahren 1954–1956 folgenden Passus: »During the national campaign to root out counter-revolutionaries, which took place in the latter part of 1955 and the early months of 1956, some counter-revolutionaries hidden within the church were uncovered. These men under the cloak of religion had formed a reactionary imperialist clique which acted as spies.«13 Die Massenkampagnen führten dazu, dass »große Teile der Bevölkerung […] so eingeschüchtert [waren], dass sie resignierten und sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzogen«.14 Um die Gebildeten des Landes wieder für den weiteren Aufbau der Volksrepublik zu gewinnen, gab die chinesische Führung daraufhin im Frühjahr 1957 als Parole aus: »Lasst hundert Blumen blühen und hundert Schulen miteinander wetteifern!« Das Motto deutete an, dass nun mehr Meinungsfreiheit herrschen sollte. Bald jedoch ging der Führung des Parteistaats das Ergebnis zu weit. Ab Juni 1957 kam es zu einer »Rechtsabweichlerkampagne«, in der all jene bestraft wurden, die zu offen Kritik geäußert hatten. Bis 1958 wurden etwa 400 Intellektuelle als »Feinde des Sozialismus« hingerichtet und mehr als eine halbe Million Menschen in Arbeitslager deportiert.15 Die Fünfzigerjahre lassen sich mit ihrer Kette von politischen Massenkampagnen und Verfolgung als »politische Extremsitua-tion« klassifizieren.16 1950 hatten Führungspersönlichkeiten der protestantischen chinesischen Kirche eine Audienz bei Ministerpräsident Zhou Enlai gefordert, um über die Schwierigkeiten der Kirche zu sprechen. Man wollte erreichen, dass die Kirchen stärker durch die Regierung geschützt würden.17 Doch schließlich ließ die Gruppe ihre ursprüngliche Intention fallen und begann stattdessen, ein »Christliches Manifest« zu erarbeiten. Dessen Entstehung war als »Einheitsfrontprozess«18 von regelmäßigen Konsultationen mit Parteivertretern begleitet. Sie gipfelten in einer politischen Erklärung, in der mit dem Imperialismus abgerechnet und proklamiert wurde, die Kirche unterstütze die politischen Standpunkte des »Neuen China«. Alle Gläubigen im Land sollten sich dem per Unterschrift anschließen.19 Die Verabschiedung des Manifests markierte den Beginn der patriotischen Drei-Selbst-Bewegung (Zhongguo jidujiao sanzi aiguo yundong), einer politischen Massenorganisation chinesischer Protestanten.20 Als der Text am 23. September 1950 in der Renmin Ribao (Volkszeitung) erschien, trug er die Unterschrift von 40 protestantischen Kirchenführern.21 Am Ende hatten etwa 417 000 Christen unterzeichnet.22 Wer nicht zur Unterzeichnung bereit war, geriet unter massiven Druck, bis hin zur Anschuldigung der Konterrevolution23 – ein Umstand, den Zhang Xianyong im Rückblick kritisiert: »Die Anklagekampagne, die christliche Kreise 1951 lancierten, hat die Gefühle vieler Kirchenmitglieder tief verletzt. Brüder und Schwestern in Christus wurden als Feinde gegeneinander aufgebracht.«24 Doch noch 1993 beschrieben die protestantischen Kirchenvertreter Wang und Ji es als Errungenschaft der Drei-Selbst-Bewegung, »viele Pastoren und christliche Jugendliche, die zutiefst vom Imperialismus vergiftet worden waren«, gerettet und ihnen geholfen zu haben, »positive Elemente zu werden«.25 Als 1950 der Koreakrieg ausbrach, solidarisierte sich China mit Nordkorea. Ab Dezember wurden die Fördergelder westlicher Missionsgesellschaften für chinesische Kirchen eingefroren. 20 000 ausländische protestantische Geistliche sollen 1951 / 52 verfolgt, inhaftiert oder in Umerziehungslager geschickt worden sein.26 Schließlich wurden alle ausländischen Missionare des Landes verwiesen. Die kirchenleitende Persönlichkeit K. H. Ting (Ding Guangxun) stellte 1995 die Vorgänge jener Zeit reichlich verharmlosend und lakonisch so dar: »We adjusted our view of Christians overseas […]. When you mentioned a missionary in the 1950s and 60s, you had to add ›imperialist‹ before the name. We were really a bit self-satisfied then.«27 Auf der ersten Nationalsynode protestantischer Kirchen in Beijing wurde 1954 ein Komitee der Drei-Selbst-Bewegung eingesetzt. In deren Satzung heißt es: »Ziel der Drei-Selbst-Bewegung ist es, Christen im ganzen Land zu vereinen, […] eine aktive Haltung im Widerstand gegen Imperialismus einzunehmen und Patriotismus zu unterstützen.«28 Für 1956 spricht die Religionswissenschaftlerin Duan Qi vom Beginn einer »theologischen Massenbewegung« in der protestantischen Kirche Chinas. Im Grunde sei es um die Frage der Kompatibilität von Christentum und sozialistischer Gesellschaft gegangen.29 Auch Wang Weifan kennzeichnete in einem Text von 1990 die Zeit ab 1956 als Phase der »theological reorientation involving the masses […] but it was cut short by the political movements of the late 1950s«.30 Dies ist der einzige Satz, mit dem Wang damals auf die Kampagnen der späten Fünfzigerjahre einging. 1993 allerdings erklärte er die theologische Debatte ab 1956 für erfolgreich. Sie habe u. a. zu der Erkenntnis geführt, dass Wahrheit, Gutes und Schönes auch außerhalb des Christentums existierten – dies sei »der Grund dafür, warum mit der Etablierung der VR China ein neues Volk geboren werden konnte«.31 Wickeri schätzte diese »theologische Massenbewegung« noch 1985 als demokratisch ein: »The theological fermentation was […] similar […] to the type of dialogue which Ernesto Cardenal has recorded in The Gospel in Solentiname.«32 Dieser Vergleich scheint mir aber unpassend. Die Gespräche der Bauern von Solentiname wurden zwar von Cardenal aufgezeichnet, er selbst nahm sich aber sehr zurück und brachte sich nur ein, um den historischen Kontext eines Bibeltextes zu erklären.33 Immerhin wies Wickeri darauf hin, wie begrenzt in den Fünfzigerjahren der Spielraum der Kirche für theologische Diskussionen war. Die Christen hätten ständig beweisen müssen, dass sie sich in die Einheitsfront einfügten, und es habe große Probleme bei der Implementierung der Religionspolitik gegeben.34 In den Fünfzigerjahren sank, so Duan, die Zahl der Christen in China rapide. Dies sei ein Grund dafür gewesen, dass die etablierte protestantische chinesische Kirche in eine »nach-denominationelle Phase« eintrat.35 Wickeri bestätigt, dass es in dieser Zeit für die chinesische Kirche nicht einfach war, qualifizierten theologischen Nachwuchs zu rekrutieren. Für den Antritt eines Theologiestudiums musste damals die Erlaubnis der lokalen Regierung oder der Arbeitseinheit eingeholt werden. Lehrern, Soldaten und Regierungsmitarbeitern war es verboten, Theologie zu studieren.36 Im China der Fünfziger wurden Kirchen als »reaktionär« diffamiert.37 Sogar in der kirchlichen »Drei-Selbst-Bewegung« habe damals so mancher die Auffassung vertreten, dass im »Neuen China« keine Theologie und keine Kirche mehr gebraucht würden.38 In Wus Rechenschaftsbericht von 1956 hieß es, der Patriotismus chinesischer Christen habe sich in den letzten Jahren weiter verstärkt. Der Fortschritt Chinas beim sozialistischen Aufbau sei atemberaubend. Wu konstatierte sogar: »We Christians have complete freedom of religious belief under a government directed by the Communist Party.«39 Der Theologe Ting und andere zeichneten in einem Hirtenbrief 1956 ebenfalls ein geschöntes Bild vom »Neuen China«: Das Vaterland zeige sich von Tag zu Tag liebenswerter. Negative Phänomene wie heimatlose Kinder, hungrige Bauern oder arbeitslose Arbeiter gebe es nicht mehr.40 Nach dem Beginn der Hundert-Blumen-Kampagne erschienen im Kirchenmagazin Tianfeng zwei bemerkenswerte Texte von Kirchenvertretern, die – im Gegensatz zu den bis dahin stets stereotyp vorgebrachten Lob- und Loyalitätsbekundungen gegenüber der KPCh – politische Missstände und Schwierigkeiten der Kirche in der »neuen Gesellschaft« beim Namen nannten. Der erste Beitrag enthüllt in großer Offenheit Probleme, mit denen die Kirchen in den späten Fünfzigerjahren konfrontiert waren.41 Viele ihrer Mitglieder hätten an ihrem Arbeitsplatz mit Diskriminierung zu kämpfen, weil »Genossen« Vorurteile gegenüber Christen hegten. Manche Parteivertreter hielten religiösen Glauben gar per se für »konterrevolutionär«. Der zweite Text gibt eine Rede des Theologen Marcus Cheng auf der Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes im März 1957 wieder.42 Cheng kritisierte, dass es den Kirchen vielerorts verboten sei, Gottesdienste abzuhalten. Mancher Kader verbiete Spenden an die Gemeinden, die Reparatur von Kirchengebäuden oder gar die Aufnahme neuer Gemeindeglieder. Dabei gehöre der Gegensatz zwischen Glaube und Atheismus doch nicht zu den »Widersprüchen zwischen uns und dem Feind«, sondern sei ein Widerspruch im Rahmen der »Hundert Schulen«.43 Cheng zitiert auch einen Parteikader, der Christen dazu auffordere, »ihren Gott auf den Misthaufen zu werfen«. Dies sei eine inakzeptable blasphemische Äußerung. Kirchengebäude würden oft von kirchenfremden Organisationen besetzt und seien teilweise in einem furchtbaren Zustand. Manche würden sogar als Ställe für Tiere genutzt. Dazu erklärt Cheng: »This defiling of our churches is like defiling our ancestral graves, and impresses us very painfully.«44 Außerdem sehe sich die chinesische Kirche mit einer Flut religionskritischer Pamphlete konfrontiert, die das Christentum verzerrt darstellten. Als bald darauf die Rechtsabweichlerkampagne begann, wurden auch im kirchlichen Bereich sogenannte Rechtsabweichler identifiziert und verfolgt,45 nicht zuletzt durch Leitungspersönlichkeiten wie Ting.46 Für die Zeit vom Beginn der Kampagne bis zum Ende der Kulturrevolution 1976 konstatiert Wickeri: »All public expressions of Christian faith would collapse into politics, and theology would be swallowed up by its context.«47 Nach seinen Recherchen wurden während der Rechtsabweichlerkampagne Tausende Christen kritisiert und in entlegene Gebiete Chinas verbannt. Manche begingen aus Verzweiflung Selbstmord.48 2. Die Nichtexistenz der Jahre 1955–1976 in der chinesischen Kirchengeschichte In – generell raren – chinesischen kirchengeschichtlichen Beiträgen über die Zeit seit 1949 werden grundsätzlich die ersten Jahre nach der Gründung der VR China ausführlich dargestellt.49 In diese Zeit fiel die Ausweisung aller ausländischen Missionare sowie die grundlegende Umstrukturierung der chinesischen Kirche unter der Herrschaft der KPCh. Über die Zeit von etwa 1955 bis 1976 und die massiven Schwierigkeiten für Gläubige in jener Zeit schweigen sich chinesische Christen und Religionswissenschaftler dagegen – mündlich wie schriftlich – meist aus.50 Sofern dieser Zeitraum in Überblickstexten nicht völlig ausgeklammert wird, finden sich meist nur ein bis zwei Sätze darüber.51 1993 konstatierten Wang Weifan und Ji Fengwen für die Zeit der späten Fünfzigerjahre bis zur Kulturrevolution (1966–1976) zunehmend »linke Tendenzen«. Diese hätten dazu geführt, »dass sich die großen Pläne zum Aufbau der Kirche unglücklicherweise in Luft auflösten«.52 Der Religionswissenschaftler Zhuo Xinping befindet im Jahr 2000 knapp: »Nach 1957 änderte sich […] die Einstellung gegenüber Religion […]. Von 1957 bis 1976 […] verschlechterten sich die Umstände für religiöses Leben dramatisch.«53 In den Achtzigern hatte der Theologe Zhao Fusan die Schwierigkeiten von Christen in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre bei einem Vortrag über chinesische Kirchengeschichte noch mit keinem Wort bedacht. Er meinte damals sogar, als positives Ergebnis festhalten zu können: »In the course of this period, 1958–1966, the church […] further broke down the partition between church and society.«54 Sehr ausführlich gehen chinesische Autoren in kirchengeschichtlichen Beiträgen hingegen auf die Zeit nach der Kulturrevolution ein, in der religiöse Existenz wieder erlaubt war. Deutlich wird dieses Phänomen z. B. an einer Textsammlung des chinesischen Bischofs K. H. Ting.55 Lediglich zwei Beiträge stammen aus den Jahren 1955 und 1961, alle anderen aus der Zeit vorher oder danach, obgleich Ting in den Fünfzigerjahren 20 Essays publiziert hat.56 Eine Ausnahme von dem geschilderten Phänomen bildet ein Text des Theologen Zhang Xianyong, der allerdings außerhalb Chinas erschien.57 Zhang benennt die Tatsache, dass das Christentum – neben daoistischen und volksreligiösen Organisationen – »in den politischen Umwälzungen der Fünfzigerjahre eindeutig das Hauptangriffsziel« bildete.58 Man habe damals oft versucht, »Gläubige, entweder durch Zureden oder Drohungen, von ihrem Glauben abzubringen«. Religionsfrei habe damals so viel bedeutet wie: von einer Krankheit geheilt.59 Kritisch nimmt Zhang auch die Methoden der Selbstkritik in den Blick: »Was im Rückblick am teuflischsten erscheint, ist die Tatsache, dass selbst die aufrichtigsten Selbstkritiken später Opfer von Manipulation wurden.«60 Zur Selbstkritik stellt Berthold Unfried fest, sie erscheine uns heute als merkwürdige »Form der Selbstthematisierung anhand von Mängeln, Fehlern und Unzulänglichkeiten«.61 Bei der in der Sowjetunion wie auch in China geübten Praxis der Selbstkritik ging es im Wesentlichen darum, der Partei gegenüber eine Haltung der Demut einzunehmen.62 Die Position des Einzelnen sei stets die des Schuldners gewesen.63 Neben Zhang Xianyong hat sich auch der Theologe Chen Xida in einem Text, der in Europa erschien, mit den Auswirkungen der Kampagnen auf chinesische Kirchenvertreter auseinandergesetzt.64 Chen konstatiert, dass aufgrund der früheren Verfolgung viele kirchliche Führungsfiguren heute »noch immer in einem Geist der Furcht« agieren.65 3. Entwicklungen 1955–1958 in einem Kettenbrief von Theologen Im Juni 2007 sandte mir der chinesische Theologe Wang Weifan ein bisher unveröffentlichtes Dokument. Es handelt sich um einen Kettenbrief (lianhuanxin), durch den eine Gruppe junger chinesischer Theologen – Absolventen des Nanjinger Theologischen Seminars, das von der etablierten protestantischen Kirche betrieben wird – in den Jahren 1955 bis 1958 miteinander kommunizierte. Der Kettenbrief wurde von einem Mitglied der Gruppe begonnen und an eines der anderen Mitglieder geschickt, das ihn wiederum weitersandte. Jedes Mitglied konnte einen schriftlichen Kommentar zu den schon vorhandenen Brief-inhalten hinzufügen. Idealerweise sollte ein Brief alle Mitglieder der Gruppe erreichen. So entstand eine Kette von Briefen. Die Kettenbriefe führten 1958 zu harter Kritik an der Gruppe und kamen in das Archiv der Einheitsfrontabteilung von Nanjing. 1979 wurden sie dem Theologen Wang zurückgegeben. In dem kurzen, kollektiv verfassten Vorwort zu dem Kettenbrief heißt es, in den Fünfzigerjahren wäre es wohl klüger gewesen, sich mit mündlichen und schriftlichen Äußerungen zurückzuhalten. Doch die jungen Theologen seien in ihrer Arbeit auf viel Unverständliches gestoßen. Darum sei es ihnen ein Bedürfnis gewesen, sich auszutauschen. Sie hätten nicht erwartet, dass ihnen der Kettenbrief zu Beginn der »Rechtsabweichlerkampagne« als Verbrechen ausgelegt würde, denn sie hätten ihn für weitgehend unpolitisch gehalten. Sie mussten jedoch erfahren, was Klaus Mühlhahn im Rückblick auf die Fünfzigerjahre konstatiert: »Chinese ›mass line‹ socialism produced a highly decentralized method of coercion, and a pervasive voluntarism of the victims as well as the victimizers. Such a mechanism drew in everybody and nobody was allowed to remain outside.«66 Ich werde die Inhalte des Kettenbriefs – bis auf die Wang Weifans – anonymisiert wiedergeben, denn nur von ihm liegt mir das Einverständnis vor, seine Äußerungen öffentlich zu machen. Wang Weifan, Jahrgang 1927, graduierte 1955 am Theologischen Seminar von Nanjing. Zunächst arbeitete er danach als Pastor in der Stadt Zhenjiang. Noch 1955 wurde er jedoch nach Nanjing zurückversetzt, wo er fortan für kirchliche Publikationen verantwortlich war. 1958 wurde Wang Opfer der Rechtsabweichlerkampagne. K. H. Ting, bis heute Präsident des Theologischen Seminars von Nanjing, hatte ihn denunziert.67 Wang wurde daraufhin zur Zwangsarbeit nach Qixiashan im Norden von Jiangsu beordert. Während der Kulturrevolution warf man ihm Spionage für die USA vor. Wang hegte in jener Zeit Selbstmordgedanken. Nach 1969 musste er in einer Fabrik arbeiten. Erst 1979 kehrte er an das Nanjinger Theologische Seminar zurück, wo er bis 1999 unterrichtete. Wickeri schreibt, Wang Weifan empfinde »keine Bitterkeit gegenüber seinen Anklägern aus der Zeit von 1958«. Neben Ting hätten damals auch andere Kollegen am Seminar Wang kritisiert, doch nur Ting habe sich nach 1979 im Rahmen eines Gottesdiensts bei ihm entschuldigt. Ting war es auch, der Wang 1979 an das Seminar zurückholte.68 Lange arbeiteten beide eng zusammen. Ein Wendepunkt in ihrer Beziehung war jedoch das Jahr 1996, in dem Ting eine Kampagne zur »Verstärkung der theologischen Reflexion« (jiaqiang shenxue sixiang jianshe) initiierte. In einem persönlichen Brief an die Autorin von 2007 kritisierte Wang den Bischof harsch. Die chinesische Kirche habe durch dessen Kampagne »ihr Selbst verloren«, und die christliche Religion in China diene heute nur noch als »Fußnote der Politik«. Inhalte des Kettenbriefs 1955 Der erste Brief datiert vom November 1955. Schon auf den ersten Seiten wird »Widerstand gegen die Atmosphäre der neuen Zeit« als Problem auf Gemeindeebene definiert. Ein Kollege berichtet, dass es in seiner Gemeinde weiterhin Studiengruppen über die »konterrevolutionäre Clique von Wang Mingdao« gebe.69 Wang Weifan klärt seine Kollegen über das »Verbrechen« auf, das man dem Evangelisten Ni Tuosheng zur Last lege: Er sei ein hochrangiger Spion, der Informationen über die chinesische Armee an das Ausland weitergegeben habe.70 Gegen solches imperialistische theologische Denken müsse man kämpfen, so Wang. Ein Kollege berichtet daraufhin, dass auch bei ihnen Diskussionssitzungen zum Problem des Imperialismus stattfänden. Diese seien jedoch recht abstrakt. Ob nach der Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften noch Menschen zu den Gottesdiensten kommen würden – diese Frage beschäftigt einen der Theologen. Ende 1955 berichtet einer der Freunde, er habe nun keinen Zugang mehr zu englischsprachigen Büchern. Ein langer Absatz widmet sich folgendem Ereignis: In einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft wurde der Pastor »von den Massen beschimpft«, weil er sich von der Arbeit entfernt hatte, um am Bett einer schwer kranken Christin zu beten. Der Pastor schreibt, er sei für die Kritik dankbar und wisse nun, dass es unwissenschaftlich, ja geradezu »konterrevolutionär« sei, für Krankenheilung zu beten. Stattdessen gelte es, Christen dazu zu erziehen, den Arzt aufzusuchen, wenn sie krank seien. Sein Fazit lautet: »Der Herr hat mich durch die Massen erzogen.« Ein anderer Theologe berichtet, in einer kirchlichen Versammlung seien jüngst vier Konterrevolutionäre entlarvt worden. Ein Kollege antwortet: »Wir begrüßen die Entlarvung der Konterrevolutionäre. Aber manche Christen haben Angst vor den Studiensitzungen, in denen zwischen Konterrevolution und Kirche ein Trennstrich gezogen werden soll.« Eine Pastorin berichtet, Herr Y habe einen schweren politischen Fehler begangen, da er den Weihnachtsbaum mit einem Abzeichen der »reaktionären Guomindang-Partei« geschmückt habe. Als der »Genosse von der Regierung« das Abzeichen entdeckte, habe Herr Y erklärt, dass er nicht gewusst habe, um was für einen Gegenstand es sich handle. »Dafür hätte ihn die Regierung einsperren lassen können. Aber sie war sehr großzügig. Herr Y kam mit drei Monaten politischem Studium davon.« Ein Pastor fragt, was sein persönlicher Beitrag zum 1. Fünfjahresplan sein könnte, worauf ihm ein Kollege antwortet: »Sonnenblumen und Bäume pflanzen«. Ein anderer ergänzt: Es gehe darum, die Christen zu einer aktiven Mitwirkung an der Produktion zu ermutigen. Die damals herrschende Ideologie spiegelt sich auch in einer anderen Aussage des Kettenbriefs: »Unser Land erlebt in seinem sozialistischen Aufbau gerade einen großartigen Höhepunkt. Innerhalb von drei Jahren wird China die sozialistische Revolution vollenden.« Dass die ökonomische Situation der jungen Pastoren dennoch prekär war, zeigen Bemerkungen wie die von Wang Weifan, der an einer Stelle darum bittet, einen Briefumschlag doch möglichst zweimal zu verwenden. So ließe sich gut sparen. An anderer Stelle erwähnt Wang, dass eine Reise nach Shanghai für ihn, der in Nanjing lebe, zu teuer sei. 1956 Im Jahr 1956 schreibt Wang, während einer groß angelegten »Kritiksitzung« innerhalb seiner Kirche seien »konterrevolutionäre Elemente« festgenommen worden. Dies sei zu begrüßen. Unter den »Konterrevolutionären« befinde sich auch sein Schwiegervater. Wang berichtet, seine Frau habe einen korrekten Standpunkt eingenommen und sich von ihrem Vater distanziert. Ein Kollege spricht eine Frage aus seiner Gemeindepraxis an: Was sei zu tun, wenn ein Christ als KPCh-Mitglied geworben werde – müsse er dann seinen christlichen Glauben aufgeben? Ein Betroffener hatte den Pastor in dieser Frage um Rat gebeten. Dessen Antwort fällt dezidiert aus. Er frage sich, warum man von Christen erwarte, ihren Glauben aufzugeben. Die Kirche habe – ebenso wie die KPCh – die Aufgabe, einen Beitrag für die Menschheit zu leisten, und sie müsse wieder in die Lage versetzt werden, dies auch tun zu können. Ende 1956 kritisiert ein Mitglied der Gruppe, dass die Führungspersönlichkeiten der Drei-Selbst-Bewegung zwar stets die Fahne des »Patriotismus und der Liebe zur Kirche« hochhielten, aber meist nur Befehle erteilten und sich wenig um die Belange der einfachen Gemeindeglieder kümmerten. Im Dezember 1956 wendet sich einer der Pastoren vom Christentum ab. Er redet die Freunde nun als »Genossen« an und informiert sie darüber, dass er sich vom Glauben verabschiedet habe. Er wisse nun, dass Gott nicht existiere.71 Zunächst reagieren die Kollegen nicht auf diese Mitteilung. 1957 Eine Pastorin berichtet der Gruppe, sie wolle jetzt Geschichte studieren, denn »die Arbeit von Leuten wie uns ist doch etwas unsicher«. Nun wird in dem Kettenbrief auch die Information des früheren Pastors aufgenommen, der sich zum Atheisten erklärt hat. Ein Freund bittet die anderen, dies für sich zu behalten. Er selbst hoffe, den Kollegen noch umstimmen zu können. Dazu bestehe Hoffnung, denn dieser habe versprochen, seinen Entschluss noch einmal zu überdenken. Eine Pastorin beklagt, dass die Pastorenschaft immer stärker unter Druck gesetzt werde, beruflich umzuschulen. Sie sehe zu einem Wechsel aber keinen Anlass, da sie sich bewusst für diesen Beruf entschieden habe. Wang schließt sich ihrer Ansicht an und befindet, die Arbeit eines Pastors sei genauso wertvoll wie die eines Parteisekretärs. Das Christentum habe eine sehr reale gesellschaftliche und moralische Bedeutung. Im August 1957 erwähnt jemand aus der Gruppe, dass die Weiterexistenz des Kettenbriefes wohl gefährdet sei. Anfang September berichtet Wang, dass es am Nanjinger Seminar Diskussionen zum »Rechtsabweichlertum« gegeben habe. Noch habe man aber dort »keine Rechtsabweichler entdeckt«. Wang hält die Kampagne für eine »Prüfung Gottes«. Eine Pastorin, in einer ländlichen Gegend eingesetzt, berichtet über heftige Kämpfe gegen »Rechtsabweichler« in ihrer Gemeinde und fügt hinzu: »Ich hätte wirklich großen Bedarf, meine Fragen mit Euch zu besprechen.« Einer der Freunde äußert die Befürchtung, dass die Kirche derzeit zu radikal gegen angebliche »üble Elemente« in ihren eigenen Reihen vorgehe und damit ihre eigene Existenz gefährde. Im Oktober 1957 teilt der frühere Pastor seinen ehemaligen Kollegen mit, dass er nun als Lehrer arbeite. Im November berichtet die Pastorin aus der ländlichen Gegend, es fänden ständig Kampagnen statt und für sie wäre eine Rückkehr in die Stadt »wie die Freilassung aus einem Käfig«. Im selben Monat äußert Wang den Kollegen gegenüber: Der Kampf gegen »Rechtsabweichler« habe für Christen eine neue Lektion bedeutet. Er, Wang, sei davon überzeugt, dass diese Kampagne die Kirche weiter reinigen werde. 1958 Im Januar 1958 erklärt ein weiteres Mitglied aus der Gruppe seinen Abschied von der Theologie. Die ehemalige Pastorin arbeitet nun als Vertreterin des Parteistaats in einem Büro für Religiöse Angelegenheiten (BRA).72 Der ehemalige Pastor und jetzige Lehrer verabschiedet sich aus dem Kettenbrief mit den Worten, ein Austausch mit der Gruppe sei nicht mehr sinnvoll. Im Februar 1958 übt die ehemalige Pastorin und jetzige Mitarbeiterin des BRA Selbstkritik. Sie habe festgestellt, dass sie der KPCh noch nicht genug vertraue. Ein Pastor berichtet von Plänen zu einem Kirchenbau in seiner Gemeinde, der von der Partei gestoppt worden sei. Er schreibt: »Die Anleitung durch die KPCh ist korrekt, das erkenne ich jetzt. Denn die Partei hat alles im Blick, wir Christen dagegen nur einen Teilaspekt.« Der letzte Eintrag des Kettenbriefs stammt vom 14. März 1958 – eine Pastorin konstatiert: »Mein Denken hält nicht Schritt mit der Zeit.«73 4. Persönliche Aufarbeitung eines chinesischen Theologen: eine dritte Perspektive? Mechthild Leutner hat gezeigt, dass in wissenschaftlichen und literarischen Werken Chinas die Entwicklungen der Fünfzigerjahre mittlerweile – aus unterschiedlichen Motiven – durchaus kritisch kommentiert werden.74 Zwar mag die politische Führung nach wie vor ein Deutungsmonopol anstreben, doch beteiligen sich inzwischen auch andere Akteure an einer Neubewertung jener Phase.75 Die Perspektive des Parteistaats nimmt ihren Ausgang in der »Resolution über einige Fragen in unserer Parteigeschichte seit Gründung der VR China« (Guanyu jianguo yilai dang de ruogan lishi wenti de jueyi) von 1981. Dort werden für die Jahre 1949–1956 eine »völlig korrekte« politische Linie und »glänzende Erfolge« bei ihrer Umsetzung konstatiert, lediglich die übertrieben schnelle Kollektivierungspolitik wird als »Fehler« bezeichnet. Für die Jahre 1956–1966 ist ebenfalls von »enormen Erfolgen«, aber auch von »Rückschlägen« die Rede. Leutner stellt fest, dass seit den Neunzigerjahren Parteihistoriografen Geschichte als fragmentierten »Problemkomplex von […] widersprüchlich bewerteten […] Einzelereignissen« beschreiben.76 So wird die »Rechtsabweichlerbewegung«, die in der Resolution von 1981 noch als »korrekt« und »notwendig« bezeichnet wurde, heute von mehreren Historikern als grundsätzlich falsch eingeschätzt. Dennoch versuchen für den Parteistaat agierende Historiker noch immer, »eine Erfolgsgeschichte der Volksrepublik zu präsentieren und die gravierenden Fehler als Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse […] umzudeuten.«77 Bei ihrer Analyse des derzeitigen historischen Rückblicks auf die Fünfzigerjahre identifiziert Leutner auch eine alternative Perspektive: die der »Opfer«. Zeitzeugen, also Bauern, Basiskader und angegriffene Intellektuelle, brächten verstärkt eine (auto-)biografische Perspektive ein und repräsentierten »eine erweiterte Öffentlichkeit, die […] die Deutungshoheit der KPCh tendenziell in Frage stellt«.78 Dass, wie dargelegt, kirchenhistorische Texte chinesischer Christen kaum auf die politischen Kampagnen der Fünfzigerjahre und deren negative Auswirkungen auf die Kirche eingehen, liegt sicher auch daran, dass die etablierte chinesische Kirche im Bereich des Chinesischen Christenrats und der Drei-Selbst-Bewegung den historiografischen Deutungen des Parteistaats bis heute grundsätzlich folgt. Führungspersönlichkeiten der etablierten chinesischen Kirche bekennen sich noch immer enthusiastisch zum »sozialistischen System« der VR China.79 Sie haben bei ihrer Kontextualisierung des Christentums den Schwerpunkt stets auf Ethik und Moral gelegt.80 Der frühere KPCh-Vorsitzende Jiang Zemin erklärte 2003, es gehe darum, »religiöse Dogmen […] und religiöse Moral für den Dienst am Sozialismus zu nutzen«.81 Der Religionswissenschaftler Ye Luhua fand, da Religion sich nicht in politische Fragen einmischen dürfe, bleibe ihr als Aktionsfeld die Ethik.82 Inwiefern unterscheidet sich Wang Weifans Einstellung von den Positionen seiner Kirchenleitung? Eine Ineinssetzung des Christentums mit dessen ethisch-moralischen Aussagen fand Wangs Kritik. Er betonte 2002: »Eine Religion, die heilig ist, darf nicht auf Ethik und Moral […] reduziert werden […] und die entscheidenden gesellschaftlichen Funktionen von Religion liegen nicht im Bereich der Politik.«83 Letztlich hat Wang wohl durch seine Erfahrungen mit den Kampagnen der Fünfziger- bis Siebzigerjahre und mit der Niederschlagung der Studentenproteste 1989 entdeckt, dass das Christentum eine transmoralische Wahrheit in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt.84 Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt Zhuo Xinping: »Der Optimismus […] früherer Zeiten ist verschwunden […] Angesichts grassierender Korruption und anderer häßlicher Gesellschaftsphänomene hat sich vielen Chinesen die tiefe Einsicht erschlossen, die hinter dem christlichen Begriff der Sünde steht.«85 Dabei reflektiert der Begriff der Sünde den Umstand, dass der Mensch bestimmte Taten in ihren Folgen nicht einholen kann.86 Jüngere chinesische Theologen, die sich von der etablierten Kirche distanzieren, schließen sich Wangs Einschätzung an. Ji Tai konzediert, dass christliche und sozialistische Grundsätze im Bereich der Ethik durchaus miteinander in Einklang zu bringen seien. Doch Religion beziehe sich hauptsächlich auf Fragen nach dem, was den Menschen in seinem Leben ›unbedingt angehe‹, und nicht auf politische Aussagen.87 Der Philosoph Sun Xiaoping argumentiert ähnlich: »Der christliche Glaube [darf] weder mit einer politischen Ideologie noch mit einer Sozialethik einfach gleichgesetzt werden.«88 Neben den beiden von Leutner hinsichtlich des aktuellen Umgangs chinesischer Autoren mit den Fünfzigerjahren identifizierten Perspektiven – der parteistaatlichen und der Opfer-Perspektive – entwirft Wang Weifan mit seinem Vorgehen meines Erachtens eine dritte Variante. Wang sandte mir das Dokument des Kettenbriefs ohne weiteren Kommentar zu. Es enthält nur zwei handschriftliche Anmerkungen: »Zum 50. Jahrestag der Rechtsabweichlerkampagne« und: »Es lohnt sich, die Spuren von einst zu reflektieren.« Der Theologe stellt sich an keiner Stelle als Opfer dar, nimmt aber auch keine parteistaatliche Perspektive ein. Er möchte zunächst dokumentieren. Doch was da dokumentiert wird, entblößt auch eigene Fehleinschätzungen, eine Verinnerlichung parteiideologischer Indoktrination und persönliche Schuld, so beispielsweise, wenn Wang die Ächtung seines Schwiegervaters als »Konterrevolutionär« gutheißt. Wang rechtfertigt sich nicht im Nachhinein dafür – anders als chinesische Autoren mit parteistaatlicher Perspektive, die erklären, man sei heute in der Erkenntnis eben weiter als damals.89 Wang, der selbst während der Rechtsabweichlerkampagne und danach unter massiver Verfolgung litt, stellt auch nicht sein Leiden dar – anders als chinesische Texte, die der Opferperspektive zuzurechnen sind.90 Wang schlägt einen Weg der Aufarbeitung ein, der in einer religiösen Tradition des Umgangs mit Schuld gründet. Yu Jie, Jahrgang 1976, chinesischer Intellektueller und wie Wang Christ, hat einen zentralen Begriff aus dem Bereich des religiösen Denkens in den Diskurs zur Kulturrevolution eingeführt: Reue bzw. Umkehr (chanhui). Ziel der Reue sei es, zwischen Menschen wieder Respekt und Vertrauen zu schaffen.91 Die Voraussetzung für Reue sei die Erkenntnis, dass Menschen immer wieder schuldig würden, so Yu.92 Wolfram Eberhard hat 1967 in einer Studie gezeigt, dass Menschen im China der Kaiserzeit dazu erzogen wurden, Schuld zu internalisieren.93 Dem lagen vor allem volksbuddhistische und daoistische Konzepte zugrunde. Jede Verletzung moralischer Werte und Verhaltensregeln, ob nun öffentlich oder geheim, ob mit oder ohne Absicht vollzogen, wurde als Sünde betrachtet. Vom 19. Jahrhundert an habe die chinesische Elite allerdings das Gefühl für Sünde langsam verloren. Wang Weifan leistet mit der Offenlegung dieses Kettenbriefs einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Fünfzigerjahre. Er ist der Wahrheitsfindung verpflichtet und setzt bei einer Dokumentation jener Zeit an. Zugleich liegt hier ein Stück sehr persönlicher Vergangenheitsaufarbeitung vor. Wang erliegt nicht der Versuchung, sich als Opfer zu zeichnen. Wie Yu Jie ist wohl auch er davon überzeugt, dass nur ein aufrichtiger Blick auf eigene Verstrickungen Heilung ermöglicht.94 Und wie bei dem Autor Feng Jicai, der sich intensiv mit der Kulturrevolution beschäftigt hat,95 ist auch Wangs Haltung von der Erkenntnis geprägt, dass eine »politische Extremsituation« wie die Kampagnen der Fünfzigerjahre in China die Menschen oft zwischen der Täter- und der Opfer-Kategorie hin- und herschleudert.96 Wang Weifan weist voraus auf einen möglicherweise grundsätzlich veränderten Diskurs einer jüngeren Generation chinesischer Theologen über das Verhältnis zwischen der Kirche und dem bestehenden Gesellschaftssystem Chinas wie auch allgemein auf einen neuen Umgang mit schwieriger Vergangenheit. 1 Für Anregungen zu diesem Beitrag bin ich Theodor Ahrens, Susanne Weigelin-Schwiedrzik und Felix Wemheuer dankbar. 1 Siegfried Klaschka: Die politische Geschichte im 20. Jahrhundert, in: Doris Fischer / Michael Lackner (Hg.): Länderbericht China, Bonn 2007, S. 129–155, hier S. 142. 2 Thoralf Klein: Geschichte Chinas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn u. a. 2007, S. 197 f. 3 Julia Strauss: Paternalist Terror: The Campaign to Suppress Counterrevolutionaries and Regime Consolidation in the People’s Republic of China, 1950–1952, in: Comparative Studies in Society and History 44 (2002), S. 80–105, hier S. 97. 4 Klaus Mühlhahn: »Repaying Blood Debt« – State Violence and Mass Crimes during the 1950s in China, in: Mechthild Leutner (Hg.): Rethinking China in the 1950s, in: Berliner China-Hefte 31 (2006), S. 35–48, hier S. 35. 5 Siehe Wallace C. Merwin / Francis P. Jones (Hg.): Documents of the Three-Self-Movement, New York 1963, S. 71 f. 6 Tu Jizheng / Li Xuanhua: Ji fuqin Tu Yuqing boshi de yisheng [Erinnern an das Leben unseres Vaters, Dr. Tu Yuqing], in: Xianggang Zhongwen Daxue Jidujiao Yanjiu Zhongxin Tongxun [Mitteilungsblatt des Zentrums für Christentumstudien an der Chinese University von Hongkong] 2 (2007), S. 4–9, hier S. 7. 7 Zit. in: Ng Lee-ming: A Study of Y. T. Wu, in: Ching Feng 1 (1972), S. 5–54, hier S. 50 f. 8 Ulrich Mählert: »Die Partei hat immer recht!« Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED, in: ders. / Hermann Weber (Hg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn u. a. 1998, S. 351–457, hier S. 370. 9 Ebd. 10 Oskar Weggel: Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1989, S. 160. 11 Ebd. 12 Ebd. 13 Wu Y. T.: Report on the China Christian Three-Self Patriotic Movement from July 1954 to March 1956, in: Merwin / Jones: Documents (Anm. 5), S. 121–133, hier S. 123. 14 Klaschka: Die politische Geschichte (Anm. 1), S. 143. 15 Siehe Helwig Schmidt-Glintzer: Das neue China. Von den Opiumkriegen bis heute, München 1999, S. 80. 16 Zum Begriff der Extremsituation siehe Bruno Bettelheim: Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation, München 1979. 17 Liu Liangmo: Huainian aiguo aijiao de Wu xiansheng [In Erinnerung an Wu Yaozong, der ein Patriot war und seine Kirche liebte], in: Tianfeng [Himmelswind] (1982), H. 4, S. 22–24, hier S. 23. 18 Philip L. Wickeri: Seeking the Common Ground. Protestant Christianity, the Three-Self Movement, and China’s United Front, Maryknoll, NY 1988, S. 129. 19 Komitee der Drei-Selbst-Bewegung: Aiguo aijiao, tongxin maixiang xin shiji – Zhongguo jidujiao sanzi aiguo yundong wushi nian de zongjie [Liebe zum Land und Liebe zur Kirche, einig in ein neues Jahrhundert gehen – über 50 Jahre chinesische christlich-patriotische Drei-Selbst-Bewegung], in: Tianfeng[Himmelswind] (2000), H. 10, S. 10–16, hier S. 11. 20 »Die patriotische Drei-Selbst-Bewegung […] muss die Masse der Gläubigen zum Zusammenschluss motivieren.« Zhang Xueli: Wo dui sanzi aiguo yundong de ji dian renshi [Meine persönlichen Erkenntnisse zur patriotischen Drei-Selbst-Bewegung], in: Tianfeng [Himmelswind] (1984), H. 4, S. 2–6, hier S. 6. 21 Der englische Text des Manifests findet sich in: Merwin / Jones: Documents (Anm. 5), S. 19 f. 22 Wickeri: Seeking the Common Ground (Anm. 18), S. 131. 23 Die Einschätzung der damaligen Konflikte durch die etablierte Kirche lautet noch heute: »Leute wie Wang Mingdao, Ni Tuosheng u. a. führten unter dem Vorwand ihres Glaubens zerstörerische Aktionen durch […]. Für ihr konterrevolutionäres Verhalten wurden sie von den Behörden […] bestraft.« (Komitee der Drei-Selbst-Bewegung: Aiguo [Anm. 19], S. 11). 24 Zhang Xianyong: Die zwei Gesichter des Janus, in: Monika Gänßbauer (Hg.): Christentum im Reich der Mitte. Aktuelle Thesen und Texte aus China, Hamburg 1998, S. 22–30 u. 87–99, hier S. 92 f. 25 Wang Weifan / Ji Fengwen: Forty Years of Christianity, in: Chinese Theological Review 8 (1993), S. 44–62, hier S. 51. 26 Siehe Weggel: Geschichte Chinas (Anm. 10), S. 159. 27 K. H. Ting: A Look Back at the Way We Have Come, in: Janice Wickeri (Hg.): Love Never Ends. Papers by K. H. Ting, Nanjing 2000, S. 491–500, hier S. 492. 28 Zhongguo jidujiao quan guo huiyi gao quan guo tongdaoshu (Mitteilung der Nationalen Konferenz der chinesischen Christenheit an alle Mitarbeitenden), in: Tianfeng [Himmelswind] vom 3. 9. 1954, S. 469. 29 Duan Qi: Dangdai Zhongguo jidujiao gaikuang ji suo mianlin de wenti [Ein Überblick über das chinesische protestantische Christentum unserer Zeit], in: Shijie Zongjiao Yanjiu [Forschung zu den Weltreligionen] 3 (2003), S. 63–69, hier S. 64. 30 Wang Weifan: »The Pattern and Pilgrimage of Chinese Theology«, in: Chinese Theological Review 1990, S. 30–54, hier S. 33. 31 Wang / Ji: Forty Years (Anm. 25), S. 53. 32 Philip L. Wickeri: Theological Reorientation in Chinese Protestantism, 1949–1984, Teil 1, in: Ching Feng 28 (1985), S. 36–62, hier S. 56. 33 Ernesto Cardenal: Das Evangelium der Bauern von Solentiname. Gespräche über das Leben Jesu in Lateinamerika, 4. Aufl. Gütersloh 1981. 34 Philip L. Wickeri: Theological Reorientation in Chinese Protestantism, 1949–1984, Teil 2, in: Ching Feng 28 (1985), S. 105–129, hier S. 119. 35 Duan: Dangdai (Anm. 29), S. 64. 36 Philip L. Wickeri: Reconstructing Christianity in China. K. H. Ting and the Chinese Church, New York 2007, S. 140. 37 Ebd., S. 142. 38 Ebd., S. 147. 39 Wu: Report (Anm. 13), S. 128. 40 Bishops’ Pastoral Letter of 1956, in: Merwin / Jones: Documents (Anm. 5), S. 143–149, hier S. 145. 41 Shanghai Manifesto, ebd., S. 147–149. 42 Marcus Cheng’s Speech, ebd., S. 151–156. 43 Gemäß der maoistischen Lehre von den Widersprüchen ist ein »Widerspruch zwischen uns und dem Feind« nur durch Kampf zu lösen – im Gegensatz zu »Widersprüchen im Volk«, die mit Mitteln der Überzeugung zu lösen sind. Die Theorie von den Widersprüchen wird in China bis heute angewandt. 44 Marcus Cheng’s Speech (Anm. 42), S. 152. 45 1957 wurde auch Lin Zhao (Peng Lingzhao) als Rechtsabweichlerin eingestuft. Lin, 1932 geboren, studierte an der Universität Peking und kritisierte die chinesische Regierung wiederholt. Sie prangerte 1957 »die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der totalitären Machthaber Chinas« an. 1960 verhaftete man sie als »Konterrevolutionärin«. 1968 wurde sie hingerichtet. Lin bezeichnete sich selbst als »Freiheitskämpferin, die ihr Kreuz auf sich nehme«. Sie fand, ihr Kampf habe »etwas vom christlichen Geist und eine gewisse religiöse Qualität«. Siehe: Xu Juemin (Hg.): Zoujin Lin Zhao [Annäherung an Lin Zhao], Hongkong 2006. 46 Wickeri: Reconstructing Christianity in China (Anm. 36), S. 152 f. 47 Ebd., S. 148. 48 Ebd., S. 150. 49 Dies ist allgemein für die chinesische Historiografie festzustellen: »In general Chinese archives have been more forthcoming with documents and reports dating from the early 1950s than from later periods.« Jeremy Brown / Paul G. Pickowitz: The Early Years of the People’s Republic of China, in: dies. (Hg.): Dilemmas of Victory. The Early Years of the People’s Republic of China, Cambridge u. a. 2007, S. 3–18, hier S. 6. »Many such works are dedicated to celebrating the ›golden age‹ following ›liberation‹.« Ebd. 50 Stellvertretend für viele sei genannt: Gao Ying: Chinas Kirche. Geschichte und Gegenwart, in: Gänßbauer: Christentum (Anm. 24), S. 22–30, hier S. 24. 51 Siehe beispielsweise: Yao Minquan / Luo Weihong: Zhongguo Jidujiao Jianshi [Kurze Geschichte des Chris­tentums in China], 3. Aufl. Beijing 2004, S. 280. 52 Wang / Ji: Forty Years (Anm. 25), S. 54 f. Ähnlich, bis in die Formulierungen hinein: Chengming Zhu: Christianity in China, Beijing 2004, S. 106. 53 Zhuo Xinping: Das Religionsverständnis im heutigen China, in: Monika Gänßbauer: Christsein in China. Chinesische Stimmen aus Kirche und Forschung, Breklum 2000, S. 82–97, hier S. 86. 54 Zhao Fusan: Christianity in China in the Past Forty Years, in: Theresa Carino (Hg.): Christianity in China. Three Lectures by Zhao Fusan, Manila 1986, S. 18–32, hier S. 28. 55 Wickeri: Love Never Ends (Anm. 27). 56 Wickeri: Reconstructing Christianity in China (Anm. 36), S. 346. 57 Zhang Xianyong: Die zwei Gesichter (Anm. 24). 58 Ebd., S. 89. 59 Ebd. 60 Ebd., S. 92 f. 61 Berthold Unfried: »Ich bekenne«. Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik, Frankfurt a. M. u. a. 2006, S. 149. 62 Ebd., S. 150. 63 Ebd., S. 155. 64 Chen Xida: Der »Lange Marsch« mit Gott, in: China InfoStelle (Hg.): Aktuelle China Nachrichten (88) vom 14. August 2007, S. 1–4. 65 Ebd., S. 3. Brown und Pickowitz betonen, dass schon seit den frühen Fünfzigerjahren in China ein Klima der Furcht immer stärker um sich griff. Siehe: Brown / Pickowitz: The Early Years (Anm. 49), S. 10. 66 Mühlhahn: »Repaying Blood Debt« (Anm. 4), S. 47. 67 Wickeri: Reconstructing Christianity in China (Anm. 36), S. 151. 68 Ebd., S. 154. 69 Wang Mingdao war ein bekannter evangelikaler Prediger, der sich weigerte, der Drei-Selbst-Bewegung beizutreten. Dafür war er jahrelang inhaftiert. 70 Der Vorwurf der Spionage ist ein Standardvorwurf, der bis heute gegen missliebige Kritiker des Systems eingesetzt wird. 71 Susanne Weigelin-Schwiedrzik betonte in einem Diskussionsbeitrag auf einer China-Konferenz in Berlin 2008, dass die KPCh in den Fünfziger- und Sechzigerjahren verstärkt Mitglieder demokratischer Parteien und Religionsgemeinschaften umworben habe, mit dem Ziel, sie für eine Parteimitgliedschaft zu gewinnen. 72 Staatliche Büros für Religiöse Angelegenheiten wurden in China 1954 eingerichtet. 73 Eine solche Selbstkritik fand sich 1957 auch bei dem Theologen Chen Zemin: »Due to the […] cloudiness of our vision […] our understanding frequently lags behind reality. The revelation of God shows itself in earthquake and fire, but in our weakness, we cover our ears and hide our eyes.« Zit. in: Wickeri: Theological Reorientation (Anm. 32), S. 36. 74 Mechthild Leutner: Parteigeschichte pluralistisch? Neukonstruktionen der 1950er Jahre in Historiographie und Literatur der VR China, in: dies. (Hg.): Rethinking China in the 1950s, Berliner China-Hefte 31 (2006), S. 64–89. 75 Harald Welzer und Claudia Lenz haben gezeigt, dass auch in Deutschland Erinnerungsinhalte der offiziellen Gedenkkultur und der privaten Erinnerungspraxis erheblich auseinanderklaffen (Opa in Europa. Erste Befunde einer vergleichenden Tradierungsforschung, in: Harald Welzer [Hg.]: Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, Frankfurt a. M. 2007, S. 7–40, hier S. 8. 76 Leutner: Parteigeschichte (Anm. 74), S. 87. 77 Ebd., S. 85. 78 Ebd., S. 65. 79 Noch 2002 erklärte ein hochrangiger Vertreter der protestantischen Kirche: »Das sozialistische Gesellschaftssystem unseres Landes ist […] vollkommener als alle bisherigen Systeme Chinas sowie sämtliche derzeit existierenden […] kapitalistischen Systeme der Welt […] Es entspricht völlig Gottes Willen, wenn wir Christen dieses System […] unterstützen.« Siehe: Ji Jianhong: Aiguo aijiao shi Zhongguo jidutu geng meng shen suo yue na [Wenn die chinesischen Christen Liebe zum Land und Liebe zur Kirche praktizieren, wird Gott noch fröhlicher über sie sein], in: Tianfeng [Himmelswind] (2002), H. 3, S. 32 f. 80 Stellvertretend für viele Äußerungen dieser Art siehe: K. H. Ting: Creation and Redemption, in: Janice und Philip Wickeri: A Contribution to Ecumenical Theology. Selected Writings of Bishop K. H. Ting, Genf 2002, S. 101–106, hier S. 106: »The gospel of Christ includes the renewal of this world […] This requires the church to announce a moral message, a message of service to people.« 81 He Husheng / Wu Weifeng: Jiang Zemin dui Makesizhuyi zongjiaoguan de lilun chuangxin [Die von Jiang Zemin in die marxistische Religionssicht eingebrachte theoretische Innovation], in: Shijie Zongjiao Yanjiu [Forschung zu den Weltreligionen] (2003), H. 1, S. 1–11, hier S. 8. 82 Ye Luhua: Lun zongjiao daode zai shehuizhuyi jieduan de bianhua ji zuoyong [Zu Transformation und Funktion religiöser Ethik in der Phase des Sozialismus], in: Shijie Zongjiao Yanjiu [Forschung zu den Weltreligionen] (2002), H. 2, S. 11–16, hier S. 14. 83 Wang Weifan: Tan ban hao jiaohui yu shenxue sixiang jianshe [Über das Ziel einer guten Leitung unserer Kirche und die Verstärkung theologischer Reflexion], bislang unveröffentlichtes Manuskript von 2002. 84 Über die Ereignisse von 1989 schrieb er in einer Meditation: »Es ist so dunkel, dass wir die Finger unserer Hand nicht erkennen. Noch weniger können wir in die Tiefen unserer Herzen blicken. Die Finsternis ist […] wie eine Mauer […] Wenn du, Gott, nicht Licht befohlen hättest, wäre ich für ewig in tiefem Schlaf versunken geblieben […].« Zit. aus einer bislang unveröffentlichten Übersetzung. 85 Zhuo Xinping: Die Bedeutung des Christentums für Chinas Modernisierung, in: Gänßbauer: Christentum (Anm. 24), S. 78–86, hier S. 84. 86 Wang hatte 1957 ein Lied zu Salomon 2, 10–14 verfasst, in dem es hieß: »The winter is past, rain is gone. Flowers fill the earth, birdsong in the air […].« Die Verse zeichnen ein idealisierendes Bild (der »neuen Gesellschaft«?) und enthalten keinen Hinweis auf Gott oder Christus. Nach der Kulturrevolution ergänzte Wang das Lied durch folgenden Refrain: »My Lord Jesus […] In darkest valleys, I long for you, I will go with you.« Siehe Wickeri: Theological Reorientation (Anm. 34), S. 122 f. Ahrens vermutet, dass die Jahre des Kampagnenterrors bei Wang zu der christologischen Erkenntnis führten: Das Herz der christlichen Botschaft ist die Macht Gottes, im auferstandenen Christus alle Sünden zu vergeben. 87 Ji Tai: Religion und gesellschaftliche Anpassung, in: Gänßbauer: Christentum (Anm. 24), S. 105–111, hier S. 105. 88 Sun Xiaoping: Dao für logos – ein evangeliumsgemäßes Äquivalent?, Ammersbek 1997, S. 334 2f. 89 Siehe: Leutner: Parteigeschichte (Anm. 74), S. 73. 90 Ebd., S. 80. 91 Yu Jie: Ai Yu Tong De Bianyuan [An den Grenzen von Liebe und Schmerz], Hongkong 2002, S. 153. 92 Auch die Politologin Gesine Schwan hält die Überwindung des Beschweigens von Schuld für notwendig. Im Zusammenhang mit der deutschen NS-Geschichte beschreibt sie Schweigen als Abwehr von Verantwortung (Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens, Frankfurt a. M. 1997, S. 217–219). Beschwiegene Schuld bedeute Preisgabe des Gewissens und der personalen Identität. Ähnliche Erfahrungen schildert der Psychologe Dan Bar-On, der sich ebenfalls mit der NS-Zeit auseinandersetzt: »Das Verschweigen der vergangenen ›Schwäche‹ [verstärkt] das Verschweigen gegenwärtiger ›Schwächen‹.« (Erzähl dein Leben! Meine Wege zur Dialogarbeit und politischen Verständigung, Hamburg 2004, S. 225). 93 Wolfram Eberhard: Guilt and Sin in Traditional China, Berkeley u. a. 1967, S. 120. 94 Yu Jie: Ai Yu Tong (Anm. 91), S. 151. 95 U. a. durch eine Interviewsammlung: Feng Jicai: Yi Bai Ge Ren De Shi Nian [100 Einzelschicksale], Changchun 2004. 96 Siehe Monika Gänßbauer: Trauma der Vergangenheit. Die Rezeption der Kulturrevolution und der Autor Feng Jicai, Bochum 1996, S. 568.

JHK 2009

Editorial

Zwischen Wahlkämpfen und Weltwirtschaftskrise wird in Deutschland 2009 auf die Grün­dung der Bundesrepublik vor 60 sowie die Friedliche Revolution vor 20 Jahren zurückgeblickt. Das Erinnerungsjahr 2009 hat nicht zuletzt auch für die internationale historische Kommunismusforschung und ihre deutschsprachige Plattform, das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, besondere Relevanz: Vor 90 Jahren gab die Gründung der Kommunistischen Internationale dem globalen ideologischen Vormachtanspruch der Bolschewiki organisatorische Gestalt. Vor 20 Jahren bewahrheitete sich schließlich in Ostmitteleuropa Lenins apodiktische Feststellung, Revolution sei, wenn »die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können«. 70 Jahre währte das kurze 20. Jahrhundert des Kommunismus in Europa, dessen unterschiedlichste Ausprägungen im Mittelpunkt der Analysen und Dokumentationen stehen, die seit 1993 im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung erschienen sind. Zu den drei Schwerpunkten, die das Jahrbuch 2009 setzt, zählt selbstredend das Umbruchjahr 1989. Bernd Bonwetsch widmet sich dabei der KPdSU im Zeichen von Glasnost und Perestroika. Gerhard Wettig zeichnet nach, welche Bedingungsfaktoren für die Überwindung der SED-Diktatur in der DDR verantwortlich waren. Bislang unbekannte Quellen aus Archiven in Washington und Moskau konnte Mary E. Sarotte auswerten und so die US-Deutschlandpolitik in unmittelbarer Folge des Mauerfalls neu ausleuchten. Stephan Ruderer schließlich befasst sich mit der Entwicklung der politischen Linken in Lateinamerika, die nach 1989 eine unerwartete Renaissance erfuhr. Der zweite Schwerpunkt widmet sich dem kommunistischen Regime in China, das im Herbst vor 60 Jahren seine Macht errichtete und sie im Sommer vor 20 Jahren mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens behauptete. Die Herausgeber danken Felix Wemheuer für seine Unterstützung, Themen zu benennen sowie Autorinnen und Autoren für eine Mitarbeit zu gewinnen. Acht Beiträge thematisieren die Gegenwart der Vergangenheit im heutigen China und beschreiben, wie unterschiedliche Protagonisten und Traditionen des Geschichts- bzw. Erinnerungsdiskurses im Reich der Mitte miteinander konkurrieren. Ergänzt wird dieser Schwerpunkt durch eine Studie von Michail Prozumenščikov, der anhand bislang unbekannter russischer Quellen den vergeblichen Versuch Moskaus rekapituliert, Mitte der Sechzigerjahre nach der Absetzung Chruščevs die zerrütteten Beziehungen zu Peking zu verbessern. Den dritten Schwerpunkt des Jahrbuchs bilden Beiträge zum Verhältnis von Kommunismus und Religion und hier insbesondere zu den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Islam bzw. islamischen Ländern. Stephen Schwartz, Ragna Boden und Dianne Kirby dokumentieren, wie alle antiimperialistische Befreiungsrhetorik der atheistischen Sowjetunion und ihrer lokalen Satrapen in islamischen Ländern letztlich ins Leere lief. Patrice Ladwigs Blick auf Laos und die Studie von Claudia Rauhut zur Santería-Religion in Kuba zeigen lokale Ausprägungen des schwierigen Wechselverhältnisses von atheistischer und religiöser Weltanschauung. Dem Schwerpunkt 1989 sind auch die drei Beiträge zuzurechnen, die in der Rubrik »Forum« erscheinen: Die Herausgeber haben die vormalige lettische Außenministerin und EU-Kommissarin Sandra Kalniete sowie den polnischen Botschafter in Berlin, den Soziologen Marek Prawda, dazu eingeladen, die geteilte Erinnerung im vereinten Europa zu vermessen und Leerstellen aufzuzeigen, die es in einer europäischen Erinnerungskultur zu füllen gilt. Beide Beiträge sollen zur Debatte über den angemessenen Umgang mit den zwei totalitären diktatorischen Systemen im Europa des 20. Jahrhunderts beitragen, die seit den Neunzigerjahren geführt wird und in der sich noch kein gesamteuropäischer Konsens abzeichnet. Keine Übereinstimmung gab es im Herausgeberkreis im Hinblick auf die Analyse und Bewertung der gegenwärtigen Archivsituation in Moskau, die Markus Wehner für das Jahrbuch verfasst hat. Der Osteuropahistoriker und Journalist beschreibt, auf welche Weise immer neue Hürden den Zugang zu russischen Archiven erschweren und wie der russische Staat momentan versucht, die russische Geschichtswissenschaft erneut in seine ideologischen Dienste zu stellen. Gleichwohl dokumentiert – bei aller Kritik – nicht zuletzt das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung Jahr für Jahr aufs Neue, wie gerade mithilfe russischer Archive die Geschichte des Kommunismus weiter ausgeleuchtet werden kann. Und so hoffen die Herausgeber darauf, mit Wehners Beitrag eine Debatte über die Archivsituation und die zeitgeschichtliche Forschung in Russland anzustoßen. Wie stets erscheinen auch 2009 im Jahrbuch Beiträge und Miszellen, die keinem thematischen Schwerpunkt zuzuordnen sind. Ottokar Luban zeichnet die Kontakte zwischen den deutschen Linkssozialisten und den Bolschewiki am Vorabend der Novemberrevolution nach. Die Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus durch die KPdSU und die Komintern beschreibt Leonid Luks im 70. Jahr des unseligen Hitler-Stalin-Pakts. Dieser wurde zum Symbol der Kumpanei zwischen den beiden totalitären Diktaturen, die damit ihren weltanschaulichen Anspruch, Todfeinde zu sein, temporär begruben, um Ostmitteleuropa zwischen sich aufzuteilen. Zugleich war der Pakt die entscheidende Voraussetzung für den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Überfall auf Polen. 30 Jahre nach dem Ende des massenmörderischen Steinzeitkommunismus der Roten Khmer lenkt Volker Grabowsky die Aufmerksamkeit auf den Verlauf und die ideologischen Wurzeln des kambodschanischen »Roten Terrors«, der seit Anfang 2009 endlich strafrechtlich geahndet wird. Matthey Worley schließlich gibt einen ausführlichen Überblick über die aktuellen Tendenzen der Forschung zur Kommunistischen Partei Großbritanniens. Der von Mitherausgeber Bernhard H. Bayerlein herausgegebene Internationale Newsletter der Kommunismusforschung informiert über Neuerscheinungen, Konferenzen und aktuelle Forschungsvorhaben. Eine ausführlichere Fassung des Newsletters findet sich im Internet. Die Herausgeber danken den Autorinnen und Autoren für ihre Mitarbeit. Dank gilt auch den internationalen Beiräten des Jahrbuchs, die dessen Erarbeitung engagiert befördert haben. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat die materiellen Voraussetzungen für sein Erscheinen geschaffen, neben der Hermann-Weber-Stiftung (Mannheim) sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung (Berlin). Allen drei Stiftungen sei herzlich und ausdrücklich gedankt! Karin Jaeger hat das Lektorat des Jahrbuchs zuverlässig, mit Ausdauer und großem Einsatz besorgt, sie wurde dabei von Maria Matschuk, der Lektorin des Aufbau-Verlags, unterstützt. Thomas Klemm kümmerte sich akribisch um den Satz des Jahrbuchs. Ihnen allen gilt großer Dank! Die Herausgeber hoffen, dass das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2009 wieder aufmerksame Leser findet. Im Mittelpunkt der Ausgabe 2010 werden Studien zur Geschichte der kommunistischen Bewegung Westeuropas nach 1945 stehen. Einer der Schwerpunkte des Bandes 2011 wird die Geschichte des Antikommunismus seit 1917 sein. Die Herausgeber und die Redaktion freuen sich auf interessante Beitragsangebote. Berlin, 28. Februar 2009 Die Herausgeber

JHK 2009

Rein gewaschen – die Rehabilitierung von Opfern politisch motivierter Fehlurteile und das Bild der Kommunistischen Partei Chinas

Agnes Schick-Chen

1. Anstelle einer Einleitung: das problematische Verhältnis zwischen Partei, Kadern und dem Rest der Bevölkerung am Ende der Mao-Ära Mitte der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts schien der revolutionäre Weg China in eine Sackgasse geführt zu haben. Die Gedanken Mao Zedongs, die ihm zugrunde gelegen und auch außerhalb Chinas zahlreiche Menschen in ihren Bann geschlagen hatten, verloren ihre Leuchtkraft und machten einer Stimmung der Ernüchterung und Verunsicherung Platz. Doch schon Anfang der Achtziger, also nur wenige Jahre später, befand sich ganz China, deutlich sichtbar, auf dem Weg der Reform und Öffnung und verfolgte dieses Ziel unter Deng Xiaopings Führung in einer entschlossenen, ja beinahe euphorischen Grundstimmung und mit einer Vitalität, die angesichts der so kurz zurückliegenden Stagnation überraschen musste. Was war geschehen? Was hatte die Bereitschaft zur neuerlichen Kraftanstrengung unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) herbeigeführt? Der folgende Text argumentiert, dass die in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren vorgenommene Rehabilitierung von Opfern früherer politischer Kampagnen dabei eine zentrale Rolle spielte. Außenpolitisch hatte die Volksrepublik China (VRC) durch die Aufnahme in die Vereinten Nationen 1971 und den Besuch Nixons 1972 bereits eine Kehrtwende vollzogen, als Mao im Herbst 1976 starb und die Festnahme der sogenannten Viererbande (Sirenbang) den endgültigen Schlusspunkt unter das Kapitel der Kulturrevolution (Wenhua Da Geming) setzte. Auch im Hinblick auf die inneren Angelegenheiten Chinas war der Ruf nach Veränderung im Sinne von Liberalisierung beziehungsweise nach einer Abkehr von Dogmatismen und einer Hinwendung zu konkreten Problemen laut geworden, aber immer wieder am Vorwurf rechter, revisionistischer Tendenzen gescheitert. Erst als man sich gegen Ende der Siebzigerjahre von der noch unter Maos Nachfolger Hua Guofeng gültigen Maxime, Maos Anweisungen bedingungslos hochzuhalten und zu befolgen,1 gelöst hatte, wurde die Dringlichkeit tief greifender wirtschaftlicher Reformen klar ausgesprochen und zur Zielsetzung einer neuen Ära erklärt. Gleichzeitig sah sich die KPCh jedoch mit einer Situation konfrontiert, die die praktische Umsetzung dieser Reformpläne höchst schwierig erscheinen ließ. Die von den reformorientierten Kräften im Umfeld Deng Xiaopings als Schlüssel zur inneren und äußeren Konsolidierung erachtete wirtschaftliche Neuorientierung setzte die aktive Beteiligung aller politischen und gesellschaftlichen Ebenen voraus. Diese wiederum konnte nur von einer politischen Führung erreicht werden, der die eigenen Funktionäre und Kader sowie die von ihnen geführten Massen vertrauten. Nach Jahren des Klassenkampfs und parteiinterner Fraktionskämpfe war die Wiederherstellung einer solchen Vertrauensbasis und eines Solidaritätsgefühls jedoch kein leichtes Unterfangen. Zu lange hatten große Teile der chinesischen Bevölkerung in ständigem Misstrauen vor dem äußeren und inneren »Feind« gelebt und in der dauernden Angst, selbst als ein solcher »Feind« einer Idee, eines Ideals oder einer Führungspersönlichkeit und der von ihr vertretenen Linie deklariert zu werden. Zu viele der anfangs als Helden verehrten Vertreter der Partei waren im Laufe der seit den Fünfzigerjahren durchgeführten Kampagnen zu Verrätern der kommunistischen Idee und somit des chinesischen Volkes erklärt, bestraft und ihrer Funktionen enthoben worden.2 Zu viele der gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen, auf denen das Leben in China basiert hatte, waren im Namen der Revolution zerstört worden. Dies bedeutete auch, dass es an geistigem Potenzial und Arbeitskraft für den nun einzuschlagenden Reformkurs mangelte, weil Intellektuelle und Technokraten als potenzielle Motoren und Stützen der nötigen Gestaltungs- und Produktionsprozesse in Arbeitslager verbracht oder zumindest aus ihren früheren Tätigkeitsfeldern verbannt worden waren. Nach Jahrzehnten des absoluten Wahrheits- und Gültigkeitsanspruchs der jeweils verfolgten politischen Linie und der ihr zugrunde gelegten Theorien stand die KPCh ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung vor der Erkenntnis, dass für den Erhalt ihres Führungsanspruchs ein Über­denken früherer Einschätzungen und eine Zurücknahme der darauf basierenden Urteile in doppelter Hinsicht erforderlich waren. Ohne die Wiederherstellung des Images der Partei als Garant von Wahrheit und Gerechtigkeit und ohne die Konsolidierung der personellen Ausstattung in Partei und Staat auf der praktischen Ebene war China für den geplanten Reformprozess und dessen ambitionierte Ziele bezüglich Lebensstandard und internationaler Konkurrenzfähigkeit nicht gerüstet – und ohne die Erreichung dieser Ziele waren die Voraussetzungen für die Wahrung des Legitimationsanspruchs der KPCh nicht gegeben. »Wie kann in einer solchen Gesellschaft von einem rasanten Vorwärtskommen gesprochen werden?«, fragte der spätere Parteivorsitzende Hu Yaobang 1977 und beklagte, dass der Partei »die Herzen der Menschen entglitten, die Grenzen zwischen richtig und falsch, gut und böse verwischt seien und man den ursprünglichen Grundsätzen den Rücken gekehrt habe«. Er folgert, nur durch eine Berichtigung der zuvor eingeschlagenen Wege und eine Revision früherer Fehlurteile könnten die unzähligen geschädigten Kader aus ihrer Misere befreit, die großen und kleinen emotionalen Belastungen der Chinesen aller gesellschaftlichen Schichten entschärft und so einem Großteil der Bevölkerung die aktive Entfaltung seiner geistigen Fähigkeiten ermöglicht werden. Nur so seien verlorene Zeit gutzumachen und Partei und Staat zu beleben.3 Die Bedeutung der zu einem beträchtlichen Teil von Hu initiierten und vorangetriebenen Rehabilitierungswelle ist demnach als hoch zu bewerten, die bisher erfolgte Aufarbeitung muss jedoch als vergleichsweise bescheiden gelten. Insgesamt steht die Zahl an chinesischen und westlichsprachigen Publikationen, welche sich intensiv mit den Jahren 1976–1978 auseinandersetzen, derzeit noch deutlich hinter der angeregten Publikationstätigkeit zur Kulturrevolution und zur Reformperiode zurück. Gerade aufgrund der offensichtlichen Diskrepanzen zwischen diesen beiden Abschnitten der jüngeren chinesischen Geschichte sind die historischen Ereignisse des sie verbindenden Übergangszeitraums jedoch von größtem Interesse. Des Weiteren spricht die Bedeutung, die die politisch Verantwortlichen, wie oben aufgezeigt, dem Aufbau einer neuen Vertrauens- und Motivationsgrundlage beimaßen, dafür, dass nicht nur die tatsächlichen Handlungsschritte Einfluss auf die spätere Entwicklung hatten, sondern dass hier in hohem Maße auch deren individuelle und kollektive Wahrnehmung durch Beteiligte und Betroffene wirksam wurde. Im Folgenden soll deshalb nach einer Darstellung der von außen wahrnehmbaren Abläufe, handelnden Personen, Institutionen und Ergebnisse auch dem Aspekt der subjektiven Wahrnehmung der Ereignisse bzw. des durch die Bündelung dieser Einzelperspektiven entstehenden emotionalen Gesamtbilds in Ansätzen Rechnung getragen werden. Mit dem Versuch eines daraus abgeleiteten Erklärungsansatzes für die bisher nicht sehr ausführliche, geschweige denn systematische Bearbeitung dieses Aspekts der jüngeren chinesischen Geschichte schließt der Text. 2. Revision und Rehabilitierung als Maßnahmen der ideellen und materiellen Konsolidierung: Personen, Institutionen, Inhalte Betrachtet man die sichtbaren Formen und Inhalte der untersuchten Ereignisse, so stellt sich zunächst die Frage, wie sie sich in ihrer Gesamtheit fassen und benennen lassen. Die sich im historischen Kontext der VRC beinahe zwangsläufig ergebende Deutung als »Kampagne« (yundong) ist in diesem speziellen Fall in einigen Punkten zu hinterfragen. In den verfügbaren chinesischen Quellen ist der Begriff »yundong« nur vereinzelt zu finden,4 und auch westliche Autoren kommen hinsichtlich der Definition des Handlungsrahmens zu keinem eindeutigen Schluss, soweit sie ihn überhaupt in den Blick nehmen.5 Tatsächlich wird bereits beim Versuch, einen zeitlichen Rahmen festzulegen, deutlich, dass die Betrachtung als Kampagne problematisch ist. Das Konzept einer Überprüfung (fucha) und gegebenenfalls Korrektur (jiuzheng) politisch motivierter Urteile sowie die damit einhergehende Revision und Rehabilitierung (pingfan)6 der betroffenen Personen waren an sich keine Errungenschaften der späten Siebzigerjahre. Mehrmals hatte man schon in den ersten eineinhalb Jahrzehnten der Volksrepublik die dramatisch ansteigende Zahl unangemessen harter oder gänzlich unbegründeter Bestrafungen als Folge einer über das Ziel hinausschießenden Durchführung politischer Kampagnen und Hindernis einer weiterführenden politischen Arbeit in Partei und Staat erkannt und versucht, zumindest kurzfristig durch entsprechende zentrale Vorgaben in den Bereichen Sicherheit und Justiz gegenzusteuern.7 In Einklang mit Formulierungen wie »Wo Widerspruch ist, muss dieser eliminiert werden, wo [dabei] Fehler gemacht wurden, müssen diese korrigiert werden« wurden Bestimmungen wie die »Anweisungen zur Handhabung des Problems von in der Vergangenheit an Volksgerichtshöfen aller Ebenen stattgefundenen fehlerhaften Festnahmen, Inhaftierungen, Urteilen und Hinrichtungen« (1953)8 erlassen. 1962 / 63 wurde noch einmal ein Vorstoß zur gerichtlichen Überprüfung von im Verlauf des »Großen Sprungs nach vorne« strafrechtlich verfolgten Fällen unternommen,9 der jedoch  – wie auch alle anderen Aspekte einer quasi rechtlichen Tätigkeit – in der Hochphase der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« zum Erliegen kam. Sowohl auf parteipolitischer als auch auf gerichtlicher Ebene war das Phänomen der Rehabilitierung jedoch bereits in einer späten Phase der Kulturrevolution wieder zu beobachten.10 Nach dem Sturz von Lin Biao wurden in den frühen Siebzigerjahren altgediente Kader, die auf dem Höhepunkt der kulturrevolutionären Wirren gedemütigt und entfernt, jedoch nicht in ihrem Willen und ihrer Überzeugung gebrochen worden waren, zurückgeholt, um an einer Rückkehr zu stabileren – und besser kontrollierbaren – Verhältnissen mitzuwirken.11 Unter ihnen befanden sich Hu Yaobang, eine der Schlüsselfiguren der im Folgenden beschriebenen Ereignisse, und Deng Xiaoping, der im Zuge seiner Bemühungen um Veränderung auch das ideologische und praktische Umfeld der Rehabilitierungswelle bedeutend mitgestalten sollte. Bevor er jedoch seine diesbezüglichen Vorhaben in Angriff nehmen konnte, wurde er 1976 ein weiteres Mal aller seiner Ämter enthoben und musste erneut auf seine Rehabilitierung warten, die schließlich im Sommer 1977 erfolgte. Insgesamt ist Dengs Schicksal ein anschauliches Beispiel für den festen Platz, den die politische Ächtung und anschließende Rehabilitierung in den politischen Karrieren und der gesamten Geschichte der KPCh einnahm. Betroffen waren nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Ereignisse wie der sogenannte Tiananmen-Zwischenfall anlässlich der durch die Viererbande untersagten Trauerkundgebungen für den früheren Premier Zhou Enlai im Frühjahr 197612 sowie einige Institutionen, so nicht zuletzt die Organisationsabteilung des ZK (OrgA ZK), die selbst spätestens nach der Übernahme ihrer Leitung durch Hu Yaobang im Dezember 1977 zu einer zentralen Stelle der Vorgänge rund um die Rehabilitierungen wurde. Und schließlich war 1975 sogar die Einrichtung der Revision und Rehabilitierung an sich gemeinsam mit Deng Xiaoping ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.13 Die Verknüpfung der hier behandelten Thematik mit der gesamten politischen Entwicklung der VRC macht es schwierig, ihren Beginn an einem bestimmten Ereignis oder Datum festzumachen. Gegen eine Einschätzung als klar definierte Kampagne und die damit verbundene zeitliche Eingrenzung spricht auch, dass die verwendeten Schlagworte und Merksätze zu einem großen Teil in anderem Zusammenhang geprägt und bereits in anderen Kampagnen verwendet worden waren. In Hinblick auf die dringende Notwendigkeit einer ernsthaften »Umsetzung der Kaderpolitik« berief man sich direkt auf Mao, gleichzeitig bekamen jedoch einige seiner Forderungen wie »die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen« und »die Praxis als einziges Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit heranzuziehen« im Rahmen der Revisionswelle eine neue Dimension. Zum ersten Mal in der Geschichte der VRC richtete man sich – wenngleich im Namen alter Prinzipien – direkt und explizit gegen die Inhalte früherer Kampagnen. Es ist also von einem Bruch hinsichtlich der inhaltlichen Ausrichtung, jedoch verbunden mit Kontinuität in der äußeren Form der Durchführung zu sprechen. Die zentrale Bedeutung der Anweisungen des ZK als oberstem Führungsgremium der Partei, die Art der Übermittlung und Umsetzung dieser Anordnungen durch die Parteizellen auf der jeweiligen administrativen Ebene bzw. der jeweiligen Arbeitseinheit sowie die Berichterstattung durch diese Stellen und die Billigung der Berichte durch die Parteizentrale entsprechen klar dem erprobten Muster politischer Kampagnenarbeit. Ein weiteres Mittel der Verbreitung von Botschaften und Direktiven stellten interne Publikationen, im Falle der Revisions- und Rehabilitierungswelle insbesondere die »Mitteilungen über die Tätigkeit der Organisationsabteilung« (Zu Gong Tongxun), dar. Der Weg ausgewählter Informationen und Appelle an die Öffentlichkeit führte auch hier in erster Linie über Artikel in der Renmin Ribao (»Volkszeitung«), dem Sprachrohr der KPCh. Die Tendenz zur massenwirksamen Aufbereitung und Inszenierung politischer Inhalte schließlich manifestierte sich in Gedenkfeiern für hochrangige Parteimitglieder, die ihre Verurteilung und deren Folgen nicht überlebt hatten, auf Betreiben von Angehörigen oder einflussreichen Parteifreunden jedoch posthum rehabilitiert worden waren. Die Auflistung der wichtigsten Ereignisse aus den genannten Kategorien ergibt folgende chronologische Sicht der Revisions- und Rehabilitierungswelle:14 Dezember 1976: Das ZK der KPCh verlautbart: »Diejenigen Personen, welche sich lediglich gegen die ›Viererbande‹ gestellt haben und deshalb festgenommen wurden, sollen freigelassen werden; wo schon eine Akte angelegt wurde, soll diese geschlossen werden; wo gerade untersucht wird, sollen die Untersuchungen eingestellt werden; wo schon ein Strafurteil ausgesprochen wurde, soll dieses aufgehoben werden und die Freilassung erfolgen; wo eine parteiinterne Sanktion erfolgt ist, soll diese rückgängig gemacht werden.« In Fällen von Opposition gegen Mao, die zentrale Parteiführung oder die Kulturrevolution hat keine Revision bzw. Rehabilitierung zu erfolgen.15 Juli 1977: Deng Xiaoping wird auf dem 3. Plenum des 10. ZK in alle seine Ämter wiedereingesetzt. August 1977: Auf dem 11. Parteitag der KPCh wird eine strenge und schnelle Behandlung der verbleibenden Probleme der Kaderüberprüfung und ein Widerruf der »Verleumdungen« durch die Viererbande gefordert. Oktober 1977: Die Renmin Ribao veröffentlicht auf Betreiben Hu Yaobangs16 den Artikel »Die von der Viererbande auf den Kopf gestellte Kaderlinie korrigieren«. November 1977: Der zweite von Hu Yaobang lancierte Artikel, »Die Kaderpolitik des Vorsitzenden Mao muss gewissenhaft umgesetzt werden«, erscheint in der Renmin Ribao. Dezember 1977: Deng Xiaoping ersucht die OrgA ZK unter der Führung Hu Yaobangs, sich der Fälle infolge kulturrevolutionärer Überprüfungen zu Schaden gekommener Kader und ihrer Familien anzunehmen. Februar / März 1978: Die OrgA ZK beruft auf zentraler sowie auf Provinz-, Stadt- und Bezirksebene Sitzungen zur Klärung problematischer Revisionsfälle ein. April 1978: Die OrgA ZK richtet eine Stelle zur Umsetzung der Kaderpolitik, Revision »zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelter Fälle« (yuanjiacuo’an)17 und Regelung der »historisch bedingten Probleme« (lishi yiliu wenti) ein. Mai 1978: Der in der Guangming Ribao (»Tageszeitung Der Lichtstrahl«) veröffentlichte und einen Tag später in der Renmin Ribao und der Jiefangjunbao (»Zeitung der Volksbefreiungsarmee«) abgedruckte Artikel »Die Praxis ist das einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit« löst heftige Debatten aus.18 Juli 1978: Deng Xiaoping bespricht sich mit Hu Yaobang über den unvermeidlichen Widerspruch zwischen der »Praxis als Kriterium zur Wahrheitsfindung« und den »Zwei Was auch immer«. August 1978: Das ZK billigt die »Verlautbarung des Umsetzungskonzepts zum ZK-Be­­schluss zur umfassenden Entfernung des Stigmas der Rechtsabweichler« (youpai fenzi)19 der OrgA ZK, der Propaganda- und der Einheitsfront-Abteilung und der Ministerien für Zivil­verwaltung und für Öffentliche Sicherheit. Dies stellt jedoch noch keine Rehabilitierung im Sinne einer Wiederherstellung des politischen Status, der Parteimitgliedschaft und der ursprünglichen Arbeitssituation sowie einer Entschädigung dar.20 September 1978: Auf der Nationalen Arbeitssitzung zu brieflichen und persönlichen Eingaben (xinfang) sagt Hu Yaobang: »Durch das Untersuchen und Verifizieren der wahren Verhältnisse, durch deren Analyse und Erforschung müssen alle unwahren Behauptungen, inkorrekten Schlussfolgerungen und Vorgehensweisen, egal wann, unter welchen Umständen, auf welcher Organisationsebene und von wem sie beschlossen oder gebilligt wurden, auf Basis der Tatsachen korrigiert werden.« November / Dezember 1978: Die Verurteilung des Tiananmen-Zwischenfalls als konterrevolutionärer Akt wird durch das Parteikomitee der Stadt Beijing revidiert. Das 3. Plenum des 11. ZK bestätigt dies und rehabilitiert Peng Dehuai, Tao Zhu, Bo Yibo21 und Yang Shangkun. Für Peng und Tao werden Gedenkfeiern abgehalten. Die Zuständigkeit für die Überprüfung möglicher Fehlurteile wird den – oft selbst dafür verantwortlichen – »Büros für besonders wichtige Fälle (zhuan’an bangongshi)« entzogen und der OrgA ZK übertragen. Dezember 1978: Das ZK billigt und verbreitet den »Bericht zur gewissenhaften Umsetzung der Parteipolitik bei der Inangriffnahme der Überprüfung von yuanjiacuo’an« der Parteizelle des Obersten Volksgerichtshofs. Januar 1979: Die verantwortlichen Stellen setzen sich mit Fällen von als Großgrundbesitzer, reiche Bauern oder Überläufer zur Guomindang Verurteilten auseinander. ZK und Staatsrat verlautbaren, zur Erreichung des Ziels nationaler Stabilität und Solidarität sei die Lösung der »historisch bedingten Probleme« notwendig. März 1979: Die OrgA ZK erklärt, bei der Umsetzung der Kaderpolitik seien zuerst die Fälle aus der Zeit der Kulturrevolution zu klären, anschließend könne die Behandlung von davor entstandenen Problemen geplant und schrittweise integriert werden. Mai 1979: Das ZK legt auf Anfrage der OrgA ZK fest, dass die Überprüfung von Kadern fortan nur noch ab einer gewissen Ebene der Berichterstattung an das ZK und Billigung durch dieses bedarf; in allen anderen Fällen wird diese Aufgabe an Parteikomitees und -zellen der entsprechenden Ebenen übertragen. Die Renmin Ribao berichtet von Zhang Zhixin, einer jungen Genossin aus der Propagandaabteilung der Provinz Liaoning, die aufgrund ihrer Kritik an Lin Biao und der Viererbande hingerichtet wurde. Juni 1979: ZK und Staatsrat nehmen zu Problemen der Wiedereingliederung rehabilitierter Personen in den Arbeitsprozess Stellung. September 1979: Auf einer Arbeitssitzung der OrgA ZK leitet der mittlerweile zum Politbüromitglied und Generalsekretär des ZK aufgerückte Hu Yaobang22 die »Weisung zur nachhaltig erfolgreichen Umsetzung der Kaderpolitik« des ZK weiter. November 1979: Auf Anfrage des Staatsarchivs weisen ZK und Staatsrat darauf hin, dass im Falle einer Verwendung privater Quellen aus der Zeit der Kulturrevolution zum Zweck der Diffamierung von Personen gemäß Parteidisziplin und staatlichen Gesetzen vorzu­gehen sei. Dezember 1979: Hu Yaobang lobt die Erfolge der Rehabilitierungswelle, macht jedoch gleichzeitig auf mancherorts auftretende Unzulänglichkeiten aufmerksam. Zu einem Bericht der Parteizelle des Obersten Volksgerichtshofs merkt das ZK an, die Behandlung konterrevolutionärer und sonstiger strafrechtlicher Fälle sowie die Revision zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelter Fälle stelle eine sehr komplexe Aufgabe für die Volksgerichte aller Ebenen dar. Januar 1980: Ein vom ZK verlautbarter Bericht Deng Xiaopings besagt, laut unvollständigen Statistiken seien in drei Jahren 2,9 Millionen Menschen rehabilitiert worden. Februar 1980: Auf dem 5. Plenum des 11. ZK weist Deng Xiaoping in seinem »Bericht zur Beibehaltung der Parteilinie bei [gleichzeitiger] Verbesserung der Arbeitsmethoden« darauf hin, dass die »historisch bedingten Probleme« gelöst werden müssten, damit man solidarisch in die Zukunft blicken und die »Vier Modernisierungen«23 verwirklichen könne. Der Beschluss zur Rehabilitierung Liu Shaoqis wird verabschiedet. März 1980: Staatsrat und Zentrale Militärkommission äußern sich zu den noch nicht oder noch nicht ausreichend revidierten Fällen von Militärangehörigen. Mai 1980: Das ZK verlautbart, dass die Stigmatisierung als Rechtsabweichler auch dann zu untersuchen und gegebenenfalls zu korrigieren sei, wenn der Betroffene gleichzeitig als Konterrevolutionär verurteilt oder anderer Vergehen schuldig gesprochen worden sei. Juli 1980: Die Verurteilung der OrgA ZK als »konterrevolutionär«, »revisionistisch« und »eigenmächtiges Königreich« wird endgültig widerrufen. Die Renmin Ribao berichtet über die posthume Rehabilitierung des während der Kulturrevolution aufgrund seiner Kritik an Lin Biao und der Viererbande verhafteten und 1970 verstorbenen jungen Arbeiters Yu Luoke durch ein Volksgericht der mittleren Ebene. September 1980: OrgA ZK und Einheitsfront-Abteilung geben bekannt, dass ursprünglich in Industrie und Handel tätige Personen anstelle ihrer bisherigen Klassifikation als »Kapitalisten« oder »deren Stellvertreter« in Hinkunft »Kader« oder »Arbeiter« als ihren Klassenstatus angeben dürfen und auch deren Nachkommen entsprechend zu behandeln seien. Dezember 1980: Deng Xiaoping bekennt auf der 2. Sitzung des 5. Plenums des 11. ZK, er sei aktiv an der Anti-Rechts-Kampagne beteiligt und für deren Ausweitung mitverantwortlich gewesen. Februar 1981: Die OrgA ZK ruft zum Abschluss der Revision von Kulturrevolutionsfällen vor dem 12. Parteitag der KPCh auf. Mai 1981: Das Generalsekretariat der KPCh und der Staatsrat geben »Provisorische Bestimmungen zur Behandlung der im wissenschaftlichen und technischen Bereich tätigen Kader« heraus. Das ZK, das Büro für Auslandschinesen des Staatsrats und das Ministerium für Öffentliche Sicherheit erlassen eine »Verlautbarung zur umfassenden Überprüfung und Korrektur von zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelten Fällen zurückgekehrter Auslandschinesen und ihrer Angehörigen«. Juni 1981: Die OrgA ZK ordnet auf Anfrage des Parteikomitees der Provinz Hunan die Rückerstattung von aufgrund von Fehlurteilen der Kulturrevolution nicht ausgezahlten oder gekürzten Gehältern an. September 1981: Aus dem Ausland und aus Taiwan stammende Opfer von Fehlurteilen werden in Überlegungen zu Revision und Rehabilitierung einbezogen. November 1981: Die Organisations-, die Propaganda- und die Einheitsfront-Abteilung des ZK und die Ministerien für Öffentliche Sicherheit und Zivilverwaltung geben bekannt, dass bis zum Ende des Jahres 1980 540 000 Fälle der Anti-Rechts-Kampagne korrigiert wurden, das seien 98 Prozent der ursprünglichen Zahl von Rechtsabweichlern.24 Februar 1982: Die OrgA ZK leitet Aktenvermerke Hu Yaobangs weiter, in denen er das Hinauszögern und das Abschieben von Revisionsfällen an andere Stellen als verantwortungslos verurteilt. April 1982: Auf der dritten Nationalen Arbeitssitzung zu brieflichen und persönlichen Eingaben wird gefordert, die Überprüfung der noch verbleibenden zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelten Fälle auf politischer Ebene größtenteils im Laufe des Jahres 1982 abzuschließen. Juni 1982: In einem Aktenvermerk auf einem Eingabebrief schreibt Hu Yaobang, außerhalb der Partei gebe es noch so manchen, an dem die Umsetzung der Kaderpolitik spurlos vorübergegangen sei. Juli 1982: Die OrgA ZK billigt einen Bericht des Parteikomitees der Stadt Beijing und der Beijinger Stadtregierung, in dem das Problem der während der Kulturrevolution konfiszierten Güter als wichtiger Aspekt einer Rehabilitierung dargestellt wird. Oktober 1982: In einem Aktenvermerk ruft Hu Yaobang erneut zu einer stringenten Handhabung der einzelnen Fälle auf, da man sonst selbst in zehn Jahren nicht zu einem befriedigenden Ergebnis kommen würde. Es sei an der Zeit, die Sache in ihrem Kern anzugehen, um zu vermeiden, dass sie sich zu einem Zustand routinemäßiger Weisungen und Appelle entwickle. Der Endpunkt der Revisions- und Rehabilitierungswelle ist ähnlich schwer festzulegen wie ihr Beginn. Die Forderung nach einem Abschluss im Jahr 1982 scheint hauptsächlich auf den politischen Klärungsprozess betreffend die Unrechtsfälle der Kulturrevolution abzuzielen. An der rechtlichen Aufarbeitung wurde im Zuge von Berufungen noch bis weit in die Achtzigerjahre hinein und teilweise darüber hinaus gearbeitet. Der zuletzt zitierte Aktenvermerk Hu Yaobangs von 1982 verdeutlicht, dass zu diesem Zeitpunkt in der Sache der Rehabilitierungen von Opfern politisch motivierter Fehlurteile nur vom Erreichen eines Zwischenziels gesprochen werden kann. Innerhalb des Zeitraums 1977–82 können grob zwei Phasen der Revisions- und Rehabilitierungswelle unterschieden werden. Nach einer Klärung der ideologisch-theoretischen Grundlagen in den ersten zwei Jahren ist ab 1979 eine Konkretisierung und Diversifizierung in Form der Hinwendung zu Fragen der praktischen Durchführung sowie der Berücksichtigung verschiedener Fallgruppen zu beobachten. Die wichtigste Unterteilung ist die in Fälle der Kulturrevolution und solche aus der Zeit davor; innerhalb Letzterer nehmen die aus der Zeit der Anti-Rechts-Kam­pagne stammenden Fehlurteile den größten Raum ein. Das vorrangige Eingehen auf Bevölkerungsgruppen wie die als Rechtsabweichler verurteilten Intellektuellen, die als »Kapitalisten« stigmatisierten Wirtschaftstreibenden und Großgrundbesitzer sowie auf Landsleute aus Taiwan und ausländische Experten verweist auf den Hintergrund der wirtschaftlichen und nationalen Konsolidierung. Indirekt lässt dies diejenigen Betroffenen zweitrangig erscheinen, die weder aufgrund ihres Status in der Partei noch aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung einen potenziellen Faktor der zukünftigen Entwicklung darstellten. Neben Hu Yaobangs kritischer Anmerkung vom Juni 1982 bestätigen auch die prominenten Namen und Positionen derjenigen, die im genannten Zeitraum rehabilitiert wurden, die Tendenz zur Selektion und Prioritätensetzung. Dass man vonseiten der für die öffentliche Wahrnehmung der Rehabilitierungswelle Verantwortlichen bemüht war, dem Eindruck einer Marginalisierung der Massen entgegenzuwirken, beweisen Berichte über die Leidensgeschichten und die Rehabilitierung »einfacher Parteimitglieder« und »junger Arbeiter« in der Renmin Ribao, die damals ein breites Publikum erreichten.25 Insgesamt machen wiederholte Aufrufe zur gewissenhaften und umfassenden Erledigung der Revisions­arbeit deutlich, dass es trotz großen institutionellen und personellen Aufwands nicht immer einfach war, das Projekt auf allen Ebenen und in allen Regionen so durchzuführen, wie es den Vorstellungen der Führung um Deng Xiaoping und Hu Yaobang entsprach. Betrachtet man die Akteure der dargestellten Handlung, fällt auf, dass die Parteigremien eine führende Rolle einnahmen, während staatliche und juristische Institutionen nur untergeordnete Funktion besaßen. Der Staatsrat als Spitze der Exekutive taucht nur gemeinsam mit parteilichen und militärischen Instanzen auf, und auch die Justiz tritt mit dem Bericht der Parteizelle des Obersten Volksgerichtshofs Ende 1979 erst spät in Erscheinung. Die Bedeutung der 8. Nationalen JustiZKonferenz im April 1978, von der Susan Trevaskes und einige der Gerichtshofannalen schreiben, sie habe die politischen [sic!] Grundlagen für die gesamte Revisionstätigkeit der Volksgerichtshöfe ab 1979 geschaffen,26 sowie die in diesen Texten kolportierte zentrale Rolle der Gerichte in der landesweiten Kampagne 1979–198127 werden durch He Zai und andere Quellen infrage gestellt.28 Durch die enge Vernetzung der rechtlichen und der politischen Ebene, etwa in Gestalt einer vom städtischen Parteikomitee aus Volksgerichten und anderen Partei- und Regierungsstellen beschickten Spezialeinheit zur Überprüfung fraglicher Fälle,29 wird diese scheinbare Widersprüchlichkeit der Aussagen jedoch relativiert. 3. Die Revisions- und Rehabilitationswelle aus Sicht der Beteiligten / Betroffenen Die Frage, inwieweit die einzelnen Akteure der Revisions- und Rehabilitationswelle als solche erkennbar waren, sich selbst als solche sahen und die Verantwortung für bestimmte Handlungen bzw. deren Unterbleiben übernahmen, ist für die subjektive Wahrnehmung der Ereignisse durch die Betroffenen und die daraus resultierende persönliche Disposition von großer Bedeutung. So beschreibt ein ehemaliger Mitarbeiter der in den Fünfzigerjahren gegen die »konterrevolutionäre Gruppe um Hu Feng« ermittelnden Untersuchungskommission, wie er 1980 beim Empfang des Revisionsberichts zuerst die Luft anhält, um dann unwillkürlich – als Ausdruck des Erstaunens und der Erleichterung – aufzuatmen, als er den folgenden Satz liest: »Die Verantwortung für das Zustandekommen dieses falsch beurteilten Falls liegt beim ZK.«30 Ob so, wie von den Initiatoren der Revisions- und Rehabilitierungswelle erhofft, die Wunden des Volks geheilt, das Vertrauen der Bevölkerung in die Partei wiederhergestellt, der Aufbau der »Vier Modernisierungen« erleichtert und ein positiveres Image der Gerichtshöfe geschaffen wurde,31 lässt sich auf der Grundlage der historischen Tatsachen oft nur vermuten. Die Suche nach Aussagen, die ein Bild der emotionalen Auswirkungen der Rehabilitierungen entstehen lassen, auch wenn sie keinen Anspruch auf Objektivität und Allgemeingültigkeit erheben können, führt zu persönlichen Erinnerungen sowie fiktionalen Annäherungen an die Thematik. Einen zwischen historischer und persönlicher Darstellung angesiedelten weiteren Zugang stellt der auch in der VRC zunehmende Trend der Oral-History-Forschung dar. Da die entsprechenden Texte größtenteils erst in den letzten Jahren niedergeschrieben wurden, sind sie von zwischen­zeitlichen Reflexionen geprägt und spiegeln nicht mehr das authentische Empfinden der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre wider. Aussagekräftig sind sie jedoch in Hinsicht auf das Nachwirken früherer Erfahrungen und Empfindungen und deren Stellenwert und Ausprägung im heutigen Selbstverständnis und Weltbild der Erzählenden, welche wiederum auf Denk- und Handlungsweisen Einfluss nehmen. Betrachtet man die Rehabilitierung von Opfern politisch motivierter Fehlurteile als Heilungsprozess, so stellt sich dieser in den meisten Berichten als langwierig und von Rückfällen gekennzeichnet dar. In »Sound Is Better than Silence« schildert Liu Binyan etwa die Geschichte eines während des »Großen Sprungs« als »verkappter Großgrundbesitzer« stigmatisierten und während der Kulturrevolution in die Stummheit geflüchteten Mannes, der, nachdem seine im Laufe der Siebzigerjahre mehrmals aufgeflammte Hoffnung auf Rehabilitierung immer wieder enttäuscht wurde, »nur noch vor dem Schock der Enttäuschung Angst hat«.32 Nach der Erfüllung seines Traums, »nach langem Exil« als »gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft« zurückzukehren, bekennt er 1979: »Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag erleben würde.« Diesen Satz legt Liu auch all jenen in den Mund, die selbst geächtet oder durch das Stigma ihnen nahestehender Personen belastet waren – oder aber versuchten, sich durch einen klaren Bruch mit den Gebrandmarkten einem solchen Schicksal zu entziehen, dies aber mit dem Verlust familiärer und sozialer Bindungen bezahlten.33 Gleichzeitig war der Wert einer Rehabilitierung nicht nur ein emotionaler, sondern wurde in Form verbesserter Wohn-, Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten durchaus auch auf materieller Ebene wirksam. Was dies nicht nur für die rehabilitierte Person selbst, sondern insbesondere auch für die in das Schicksal der Verurteilten »mit hineingezogenen Personen« (qianlian de ren, shouzhulianzhe) bedeutete, verdeutlichen die Erinnerungen einer Romanfigur des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nachdem sie im Juni 1989 durch einen Kopfschuss vom engagierten Studentenvertreter zum Wachkomapatienten geworden ist, erinnert sie sich in Rückblenden an den wohlmeinenden Rat der Arbeitseinheit ihrer Eltern, die Rehabilitierung des Vaters zu beantragen, um mit dem Regressgeld dessen Krankenhausaufenthalt bezahlen zu können, an den auf die Revision des Rechtsabweichler-Urteils folgenden Umzug der Familie in eine Zweizimmerwohnung sowie an ihre Universität, an der »die Hälfte der Professoren rehabilitierte Rechtsabweichler waren«.34 Die Schaffung der praktischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Eingliederung des jungen Mannes in die chinesische Erfolgsstory der Achtzigerjahre steht jedoch in krassem Gegensatz zu den politischen Zweifeln, die durch eine – nach der Rehabilitierung möglich gewordene – langsame Solidarisierung mit dem toten Vater und seinem Schicksal geweckt werden. Wenngleich, wie in einem rechtswissenschaftlichen Artikel von 1981 festgestellt, die Entschädigung für Justizirrtümer der »Wahrung eines politischen Zustands der Stabilität und Solidarität« diente35 und nach Ansicht einiger anderer Quellen die Rehabilitierungswelle in ihrer Gesamtheit ein »stabiles Fundament der Beziehungen zwischen Partei und Volk« schuf,36 konnte dies die Frage der Gerechtigkeit (zhengyi) doch nicht ausreichend beantworten, die im chinesischen Kontext häufig durch die Forderung nach Wahrheit (zhenli) und Billigkeit (gongzheng) umgangen wird. Diese Problematik war nicht zuletzt auf die reduzierte Rolle der Justiz zurückzuführen, die sowohl intern als auch in der Bevölkerung weiterhin hauptsächlich als »Werkzeug der Politik« angesehen und nur bedingt mit der Idee eines »Werkzeugs der Gerechtigkeit«37 assoziiert wurde. Dies führte nach Angaben der Volksgerichtshöfe selbst dazu, dass »nach einer durch sie erfolgten Rehabilitierung viele Menschen tief bewegt waren und Partei und Regierung [sic!] von ganzem Herzen dankten«.38 Dieser Zustand veranlasste Hu Yaobang 1985 zu der Einschätzung: »Dass wir uns in der Partei gegenüber denen außerhalb der Partei als Diktatoren, als Herren über Gut und Böse aufspielen, das kommt vor. Wenn es von oben erkannt wird, wird eine Entschuldigung ausgesprochen, wenn es von oben nicht wahrgenommen wird, müssen es die anderen eben schlucken. Wie soll das weitergehen? Wenn alles davon abhängt, ob etwas von oben erkannt wird, dann ist das eine Herrschaft der Person (renzhi), nicht aber des Rechts (fazhi).«39 Ironischerweise ist es gerade die Rolle Hu Yaobangs, die auf einen wichtigen Faktor der Revisions- und Rehabilitierungswelle verweist, der eng mit dem von Hu verworfenen Konzept der Personenherrschaft verbunden ist. Das Ideal des »aufrechten Beamten« (qingguan), der gegen das Unrecht antritt und es beseitigt, zieht sich als eine Art Leitmotiv durch die historische, persönliche und fiktionale Annäherung an das Thema der Aufarbeitung früherer Fehlurteile. Neben Persönlichkeiten wie Cheng Bu’ao, der sich erinnert, als – de facto – Leiter des Kampagnenbüros der Provinz Shanxi während der Kulturrevolution von vielen als »der aufrechte Beamte, der sich für die Opfer politischer Fehlurteile empört und einsetzt«, gesehen und angerufen worden zu sein,40 oder Song Ping, der sich als Erster Sekretär des Provinzparteikomitees von Gansu persönlich exemplarischer Fälle annahm und die Betroffenen damit zu Tränen rührte,41 ist es immer wieder Hu Yaobang, der als personifizierte Hoffnung auf ein verbessertes Verhältnis zwischen Partei, Kadern und Bevölkerung aus den Texten hervorgeht. »Als er vor zehn Jahren Millionen von Rechtsabweichlern rehabilitierte, sahen wir ihn als unseren Retter«,42 meint eine Nebenfigur des oben zitierten Romans, die ihre Kindheit und Jugend als die einer »Tochter kapitalistischer Hunde« schildert. Hus Anstrengungen hätten unzähligen Menschen wieder einen Platz im Leben und eine menschenwürdige Behandlung verschafft und so »in großem Ausmaß dazu beigetragen, das Ansehen der KPCh, die noch Mitte der Siebzigerjahre knapp vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und politischen Bankrott gestanden hatte, im ganzen Land und der ganzen Welt wiederherzustellen«.43 4. Kein Schlusswort: das nicht abgeschlossene Kapitel der Rehabilitierung von Opfern politisch motivierter Fehlurteile Die objektive und subjektive Wahrnehmung einer engen Bindung der Entwicklung in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren an die Person Hu Yaobangs liefert in mehrfacher Hinsicht Anhaltspunkte, weshalb dieser Zeitabschnitt bisher nur eingeschränkt aufgearbeitet wurde und aus Sicht chinesischer Kommentatoren gar als »weißer Fleck in der Geschichtsschreibung« bezeichnet wird.44 Betrachtet man Art und Intensität der Darstellung Hu Yaobangs, so wird eine unausgesprochene Konkurrenz mit der Darstellung Deng Xiaopings in der frühen Reformphase erkennbar. Die wichtige Rolle, die Hu im Übergang von einer Zeit der revolutionären Massen zu der einer konsolidierungsfähigen Gesellschaft zugeschrieben wird, stellt das über die Jahre aufgebaute Image Deng Xiaopings als zentrale Führungspersönlichkeit des Post-Mao-Kurses infrage. Die Gefährlichkeit eines – deshalb tunlichst zu vermeidenden – Vergleichs der beiden wird bei Yu Guangyuan ersichtlich, wenn er einerseits auf die Wichtigkeit der Teilnahme altgedienter Parteifunktionäre an der Arbeitssitzung vor dem 3. Plenum des 11. ZK 1979 hinweist und betont, dass diese ohne Hu Yaobangs Bemühungen um deren Rehabilitierung nicht möglich gewesen wäre, sich jedoch gleichzeitig beeilt festzuhalten, wenn er sage, Hu Yaobang sei eine außerordentlich wichtige Person auf dieser Sitzung gewesen, so heiße dies nicht, dass er ihn mit Deng Xiaoping, Ye Jianying und anderen Genossen des Ständigen Ausschusses [des ZK] vergleichen wolle. Nur so viel wolle er sagen, dass nämlich »diese Sitzung ohne Hu Yaobang wohl nicht so gut gelaufen wäre«.45 Geht man zusätzlich zu parteiinternen Implikationen davon aus, dass Hus Beliebtheit in weiten Teilen der Bevölkerung nicht nur auf seine Offenheit gegenüber politischen Reformen, sondern auch auf sein Engagement für die Opfer politischer Fehlurteile zurückzuführen war, so entsteht der Eindruck einer über die Parteigrenzen wirksamen Loyalität, welche, insbesondere im Kontrast zu Dengs entrückter Position als »graue Eminenz« der VR-chinesischen Reformpolitik, ein neues Licht auf die Frage der Machtverhältnisse in den frühen Achtzigerjahren und auf Hus politisches Ende wirft. Durch das 1987 über ihn gefällte Urteil politischer Verfehlungen wurden Hu Yaobang und die Zeit seines erfolgreichen Wirkens zu einer brisanten Thematik, die erst durch Hus posthume Rehabilitierung im November 200546 eine gewisse Entschärfung erfuhr. Durch die Folgen seines Todes im Frühjahr 1989 und deren Parallelen zum ersten Tiananmen-Zwischenfall 1976 rühren Hu und die Revisionswelle jedoch bis heute an ein Tabu des zeitgeschichtlichen Diskurses in der VRC. Die historische Tatsache, dass eine erfolgreiche Solidarisierung der chinesischen Politik und Gesellschaft erst nach einer Neubewertung der kritischen Stimmen von 1976 erfolgen konnte, führt unweigerlich zu der heiklen Frage einer Neubewertung der bis heute als »konterrevolutionärer Aufruhr« verurteilten Unruhen von 1989 und einer Rehabilitierung ihrer Teilnehmer. Und wenngleich keine der genannten Quellen direkt hierauf Bezug nimmt, so stellt doch der unterschiedlich deutlich formulierte Aufruf, Geschichte dürfe nicht vergessen werden,47 die Revisions- und Rehabilitierungswelle in einen über ihre Zeit hinausreichenden Bedeutungsrahmen. Die Feststellung, dass die Bedeutung der Rehabilitierungen der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre weit über die damaligen Ereignisse hinausging48 ist in dem Sinne zu verstehen, dass die Korrektur von Einzelurteilen in letzter Konsequenz auf die Revision einer ideologischen Linie und somit die Infragestellung einer ganzen politischen Ära hinauslief – was wiederum erahnen lässt, warum die Übertragung der damals gewonnen Erkenntnisse auf Probleme der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit noch aussteht und wohl auch nicht für die nächste Zukunft zu erwarten ist. 1 Dieser letzte Versuch eines Festhaltens an der orthodoxen Parteilinie ist unter dem Schlagwort der »Zwei Was auch immer [Mao beschlossen und verkündet hat, muss verteidigt und beibehalten werden]« bekannt (siehe Roderick MacFarquhar: The succession to Mao and the end of Maoism, in: ders. / John K. Fairbank [Hg.]: The Cambridge History of China, Vol. 15: The People’s Republic, Part 2. Cambridge 1991, S. 372). 2 Michael Dutton: Policing Chinese Politics. Durham–London 2005, S. 1–21 u. 137–245. Zum Ausmaß dieser Sanktionen schreiben Dong Baoxun und Ding Longjia, während der Kulturrevolution seien gegen 17,5 % aller staatlichen Kader Verfahren eingeleitet worden. Dazu kämen noch die früher verhängten Fehlurteile, die über eine Million Menschen betroffen hätten. (Dong Baoxun / Ding Longjia: Chenyuan zhaoxue – pingfan yuanjiacuo’an [Vom Bereinigen tiefen Unrechts – die Revision zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelter Fälle], Hefei 1998, S. 2 f.). 3 Dai Huang: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an (xiudingban) [Hu Yaobang und die Revision von zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelten Fällen {überarbeitete Fassung}]. Beijing 2004, S. 37. 4 Ein Beispiel für die nachträgliche Definition als Kampagne ist Hu Jiwei: Du jun yi juan shu sheng xue shi nian shi [Das Buch eines Edlen zu lesen ist besser, als zehn Jahre Geschichte zu studieren], in: Shuwu 1998, H. 4, S. 19. 5 Ein Beispiel sowohl für die gezielte Beschäftigung mit der Thematik der Rehabilitationen als auch für eine gewisse terminologische Unschärfe ist ein Aufsatz zur Aufarbeitung von Justizirrtümern der Kulturrevolution durch ein Volksgericht der mittleren Ebene in der Autonomen Region Innere Mongolei: Susan Trevaskes: People’s Justice and Injustice: Courts and the Redressing of Cultural Revolution Cases, in: China Information Vol. XVI (2002), No. 2. Die Autorin spricht abwechselnd von einer »Kampagne« (campaign) (S. 1, 4, 5, 21, 22, 23), einer »Initiative« (drive) (S. 2, 8, 9, 17, 21) und einem »Programm« (program) (S. 4, 6, 22). 6 Der chinesische Begriff »pingfan« beinhaltet sowohl die Revision eines Falles als auch die daraus resultierende Rehabilitierung der betroffenen Personen. 7 Siehe Dutton: Policing Chinese Politics (Anm. 2), S. 172 f., 189 f. u. 212. 8 Siehe Gu Lei / Wang Gangxiang: Xingshi sunhai peichang: Yuanjiacuo’an de peichang wenti [Strafrechtlicher Schadenersatz: Zur Frage der Entschädigung in zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelten Fällen]. Shanghai 1992, S. 51. 9 Siehe Boyang Xian Fayuanzhi bianzuan weiyuanhui (Hg.): Boyang Xian Fayuanzhi [Gerichtsannalen des Kreises Boyang], Nanchang 1994, S. 145 f. 10 Wenn überhaupt, sprechen die Gerichtsannalen jedoch von einer eingeschränkten Tätigkeit in diesem Zeitraum (siehe »Wannian Xian fayuanzhi« bianzuan weiyuanhui (Hg.): Wannian Xian fayuanzhi [Gerichtsannalen des Kreises Wannian], Beijing 2003, S. 144). 11 Siehe Jürgen Domes: China after the Cultural Revolution. Berkeley 1977, S. 144 f. 12 Siehe MacFarquhar: The succession to Mao (Anm. 1), S. 361–365 u. 380. 13 1975 startete die Viererbande unter dem Motto »Deng kritisieren, die rechte Tendenz einer Revision von [Kulturrevolutions-]Fällen bekämpfen« ihren letzten Angriff gegen reformorientierte Parteigenossen (siehe Dong / Ding: Chenyuan zhaoxue [Anm. 2], S. 6 ff.). 14 Die chronologische Aufstellung richtet sich, soweit nicht gesondert ausgewiesen, nach He Zai: Yuanjiacuo’an shi zheyang pingfan de [So wurden die zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelten Fälle revidiert]. Beijing 1999, S. 204–259. 15 Siehe Dong / Ding: Chenyuan zhaoxue (Anm. 2), S. 13. 16 Siehe Dai: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an (Anm. 3), S. 35–39. 17 Damit sind Fälle gemeint, in denen eine Person falscher Vergehen bezichtigt wurde, überhaupt kein Vergehen vorlag oder Fehler im Verfahren oder in der Beurteilung aufgetreten waren (siehe Trevaskes: People’s Justice and Injustice [Anm. 5], S. 5; siehe auch Li Jianming: Yuanjiacuo’an [Zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelte Fälle], Beijing 1991, S. 1). Der chinesische Ausdruck bezeichnet streng genommen nur die Fälle aus der Zeit der Kulturrevolution. Dennoch wird unter diesem Schlagwort teilweise auch über Fälle aus früheren Kampagnen berichtet. 18 Siehe Dai: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an (Anm. 3), S. 84–88. 19 Der hier mit »Stigma« übersetzte Ausdruck lautet im Chinesischen »Mütze« (maozi), zurückzuführen auf den Usus dieser Kennzeichnung von Angeklagten. 20 Nach diesem nur als Teilerfolg zu wertenden Ergebnis der Yantai-Konferenz brachte erst eine zweite in Beijing einberufene Konferenz den Durchbruch hinsichtlich der »Machbarkeit« von Rehabilitierungen im engeren Sinn (siehe Dai: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an [Anm. 3], S. 8–10). 21 Die Rehabilitierung Bos zog die Revision des Falls der sogenannten »61 Verräter« nach sich (siehe ebd., S. 103–133). 22 Die Leitung der OrgA ZK hatte Song Renqiong übernommen, der selbst erst im April 1980 endgültig vom Verdacht eines politischen Problems freigesprochen wurde (siehe He: Yuanjiacuo’an shi zheyang pingfan de [Anm. 16], S. 240). 23 Modernisierung in Landwirtschaft, Industrie, Verteidigung und Wissenschaft / Technologie (siehe Colin Mackerras / Donald McMillen / Andrew Watson [Hg.]: Dictionary of the Politics of the People’s Republic of China. London–New York 2001, S. 94–96. 24 Diese Angabe stimmt grob mit Dong / Ding: Chenyuan zhaoxue (Anm. 2), S. 33 und Dai: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an (Anm. 3), S. 12 überein. 25 Zu Yu Luoke und Zhang Zhixin siehe Dong / Ding: Chenyuan zhaoxue (Anm. 2), S. 183–191 bzw. 191–200. 26 Siehe Trevaskes: People’s Justice and Injustice (Anm. 5), S. 5. 27 Ebd., S. 11 u. 21. 28 In der dem vorangegangenen Abschnitt zugrunde gelegten chronologischen Darstellung (siehe Anm. 14) sowie in einigen anderen der verwendeten Quellen taucht die Konferenz überhaupt nicht auf. 29 Siehe Trevaskes: People’s Justice and Injustice (Anm. 5), S. 14. 30 Wang Wenzheng / Shen Guofan: Wo suo qinli de Hu Feng an [Der Fall Hu Feng, wie ich ihn erlebte], Beijing 2007, S. 5 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 31 Trevaskes: People’s Justice and Injustice (Anm. 5), S. 4. 32 Liu Binyan: Sound Is Better than Silence, übers. von Michael S. Duke, in: Liu Binyan / Perry Link (Hg.): Two Kinds of Truth: Stories and Reportages from China. Bloomington 2006, S. 136–141. 33 Ebd., S. 107 f. 34 Ma Jian: Beijing Coma, übers. von Flora Drew, London 2008, S. 4, 8 u. 62 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 35 Sun Xiaoshi / Li Changqi: Yuan’an peichang yingdang xieru xianfa [Die Entschädigung für Justizirrtümer ist in der Verfassung festzuschreiben], in: Zhongguo Renmin Daxue fuyin baokan ziliao (1981), H. 9, S. 45. 36 Niu Ying / Peng Xiaozhong: Song Ping zai Gansu, Beijing 2003, S. 119. 37 Trevaskes: People’s Justice and Injustice (Anm. 5), S. 1. 38 Zhenxiong Xian Renmin Fayuan Yuanzhi bianzuan weiyuanhui (Hg.): Zhenxiong Fayuanzhi [Gerichtsannalen von Zhenxiong], 1996, S. 221 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 39 Dai: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an (Anm. 3), S. 173 (Übersetzung des Direktzitats durch die Verfasserin). 40 Cheng Bu’ao / Cheng Taisheng: Zhengqi dingfeng ping yuan’an [Das Bewerten von Unrechtsfällen im Gegenwind der öffentlichen Moral], in: Wang Junyi / Ding Dong (Hg.): Koushu lishi, di-san ji [Oral History, Bd. 3]. Beijing 2005, S. 213 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 41 Siehe Niu / Peng: Song Ping zai Gansu (Anm. 35), S. 94. 42 Ma: Beijing Coma (Anm. 34), S. 134 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 43 Shao Yanxiang: Du Dai Huang de »Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an« [Buchbesprechung von Dai Huangs »Hu Yaobang und die Revision von zu Unrecht, auf Basis falscher Tatsachen oder inkorrekt behandelten Fällen«], in: Beijing Guancha 1998, H. 2, S. 41 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 44 Ebd., S. 40 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 45 Yu Guangyuan: Wo yan zhong de tamen / These persons as I see them. Hongkong 2005, S. 15 u. 23 (Übersetzung des Zitats durch die Verfasserin). 46 Siehe Joseph Kahn: A quiet rehabilitation in Beijing for ex-leader, in: International Herald Tribune (online edition) vom 18. November 2005: www.iht.com / articles / 2005 / 11 / 18 / news / hu.php, ges. am 7. 1. 2008. 47 An prominenter Stelle, nämlich auf dem Buchcover, ist er bei Dai: Hu Yaobang yu pingfan yuanjiacuo’an (Anm. 3) zu finden. 48 Siehe Dong / Ding: Chenyuan zhaoxue (Anm. 2), S. 28.

JHK 2009

Archivsituation in der Volksrepublik China

Vivian Wagner

Die Volksrepublik China hat eine partikulare Form der archivischen Erinnerungsverwaltung hervorgebracht, die aus der Verschmelzung des sowjetischen Modells und der marxistisch-leninistischen Geschichtstheorie mit traditionellen Geschichtskonzepten und der indigenen Archivpraxis resultierte.1 Das chinesische Archivsystem wurde unmittelbar nach der Staatsgründung 1949 unter Anleitung von sowjetischen Experten aufgebaut. Übersetzte russische Fachliteratur bildete die Grundlage der chinesischen Archivtheorie, und die erste Generation chinesischer Archivare wurde von sowjetischen Lehrern ausgebildet. Chinas Archivare waren eifrige Schüler des sowjetischen Modells – nicht nur was die mit den Ge­fahren des Klassenkampfs begründete Geheimhaltungskultur (und die damit einher­gehende Furcht vor feindlicher Unterwanderung) betrifft, sondern auch in Bezug auf archiv­gestützte Fahndungsdienste im Rahmen von Säuberungskampagnen, die geschichtspäda­gogische Verwertung von Archivmaterial und das historiografische bzw. kompilatorische Engagement. Im Hinblick auf Umfang und Reichweite staatlicher Kontrolle übertrafen die chinesischen Adepten ihr Vorbild sogar: Mit der flächendeckenden Einrichtung von Lokalarchiven bekundete die chinesische Regierung großes Interesse an der Dokumentation der Vorgänge auf den unteren Verwaltungsebenen und schloss darüber hinaus auch nichtamtliches Schriftgut in die Abgabebestimmungen ein. Allerdings reichte der Zentrali­sierungsgrad in der Praxis auch in China nie an den theoretischen Anspruch heran, der mit dem Lenin’schen Begriff des »Nationalen Archivfonds« verbunden ist.2 Dennoch verfügt China heute über ein beispiellos umfassendes Netz staatlicher Archive, die parallel zu den Verwaltungsebenen eingerichtet und in die Behörden- und Parteihierarchie eingebunden sind. An der Spitze stehen die drei Nationalen Archive: das Zentralarchiv und das Erste Historische Archiv in Beijing sowie das Zweite Historische Archiv in Nanjing. Im Zentralarchiv laufen die Akten der zentralen Regierungsbehörden und Parteiorgane zusammen. Außerdem beherbergt das direkt dem Allgemeinen Büro des ZK der KPCh (Kommunistischen Partei Chinas) unterstellte Zentralarchiv Bestände zur »Revolutionsgeschichte«, also Parteidokumente der KPCh sowie ihr nahestehender Organisationen, die vor 1949 datieren. Im Zweiten Historischen Archiv lagern unter anderem die Akten der republikzeitlichen (1912–1949) Zentralbehörden, das Erste Historische Archiv verwahrt Dokumente des Kaiserhofs. Unterhalb der nationalen Ebene betreibt jede Provinz, jeder Bezirk, jede Stadt und jeder Kreis ein eigenes allgemeines Archiv, in dem die Akten sowohl der Partei- als auch der Regierungsbehörden der jeweiligen Verwaltungsebene aufbewahrt werden und das in der Regel auch über einen Bestand an historischem Schriftgut verfügt, das vor 1949 entstanden ist.3 Das Modernisierungsprojekt der Reformer mit dem Staatsziel nationalen Wohlstands hat zur Folge, dass sich der Umfang des potenziell Überlieferungswürdigen in nie zuvor gekanntem Ausmaß über staatliche Verwaltungsunterlagen hinaus ausgedehnt hat. Gerade Dokumente aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, einschließlich solcher aus Privat- und Kollektiveigentum, sind als mögliche Entwicklungsressourcen ins Blickfeld der staatlichen Erinnerungsverwaltung gelangt. Als ein neues Kriterium der Bewertung und der Erschließungsreihenfolge ist dementsprechend die Benutzernachfrage eingeführt worden. Jenseits wirtschaftspolitischer Interessen konzentrierten sich Erinnerungsverwaltung und Propaganda im Zuge der »nationalistischen Wende« in den Neunzigerjahren verstärkt auf offiziell zum Vorbild erhobene historische Persönlichkeiten, die als nationale Identifikationsfiguren und Quell patriotischer Empfindungen dienen sollen. Während das Herausstellen regionaler Besonderheiten in der Mao-Ära als unbotmäßige Abweichung vom Einheitspostulat des orthodoxen Geschichtsbilds geahndet wurde, ist die Pflege eines gewissen Lokalpatriotismus bzw. die Förderung lokaler Sub-Identitäten heute politisch erwünscht. Zur Bereicherung der Bestände werden deshalb schwerpunktmäßig Archivalien mit »regio­naler Eigenart« gesammelt. Wie präsentieren sich Chinas staatliche Archive heute? Besuchen wir dazu die Website des Beijinger Stadtarchivs.4 Dort lädt das Archiv der Hauptstadt dazu ein, gleich online mit der Recherche zu beginnen. Verschiedene digitale Kataloge mit derzeit fast 800 000 Einträgen stehen dafür zur Verfügung. Gibt man in deren Suchmaske ein Stichwort ein, erscheint eine übersichtliche Liste der relevanten Dokumente. 17 Millionen Aktenblätter sind bereits digitalisiert worden, das sind 29,1 Prozent des Bestands des Beijinger Archivs.5 Immerhin 1 520 000 Aktenblätter können online im Volltext abgerufen werden: Nur ein weiterer Klick auf die Aktensignatur der gefundenen Titel ist nötig, und schon öffnet sich das eingescannte Dokument. Manche chinesische Archive bieten heute außerdem eine Reihe weiterer Dienstleistungen an, die die Recherche und Auswertung von Archivmaterial beträchtlich erleichtern. Als Bürger der VR China genügt es – de jure –, seinen Ausweis in einem beliebigen staatlichen Archiv vorzuweisen, um Einsicht in freigegebene Akten zu erhalten. So viel Offenheit mag den westlichen Beobachter erstaunen. Von einem autoritären Staat unter Führung einer kommunistischen Partei erwartet man anderes. Tatsächlich galten Archive in China jahrzehntelang als »vertrauliche Arbeitseinheiten« – geheimnisumwobene Orte, die, von der Öffentlichkeit abgeschirmt, ausschließlich Partei- und Regierungsbehörden dienten. Doch bereits in den frühen Achtzigerjahren setzte ein historischer Kurswechsel ein, der schließlich zur schrittweisen Öffnung der Archivbestände führte. Was stand hinter dieser Kehrtwende? Die Reformpolitiker unter Deng Xiaoping betrachteten die exzessive Geheimhaltungspolitik der Mao-Ära als Hemmschuh für die Durchsetzung ihres Modernisierungsprogramms und des Wirtschaftsaufbaus. Das alte, traditionsreiche Konzept vom hermetischen Archiv musste angesichts des wachsenden Informationsbedarfs korrigiert werden. Archivmaterial wird seither vor allem als unverzichtbare Entwicklungsressource definiert, die es in möglichst großem Umfang zu erschließen gilt. Zudem machten das Rehabilitierungsprogramm6 für Opfer der Kulturrevolution und anderer Säuberungskampagnen sowie die Revision der Parteigeschichte in den frühen Jahren der Reformpolitik einen vereinfachten Zugang erforderlich. Mit dem Inkrafttreten des Archivgesetzes im Jahr 1988 öffneten sich die Schleusen so weit, dass auch bislang völlig ausgeschlossene »Normalbürger« in die Archive Einlass erhielten.7 Erstmals in der Geschichte Chinas wurden Sperrung und Freigabe von Archivmaterial rechtlich verankert. Ein Großteil der Bestände ist seither der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Sowohl die chinesische als auch die internationale Forschung hat davon enorm profitiert. Von den zahlreichen Archivführern und informativen Internetauftritten der chinesischen Archive über die geradezu sensationelle Teilöffnung des Archivs des Außenministeriums8 bis zu der am 1. Mai 2008 in Kraft getretenen »Verordnung über die Veröffentlichung von Regierungsinformationen«9 – allenthalben spiegelt sich das Bemühen der offiziellen Seite um mehr Transparenz und Benutzerfreundlichkeit. Zugangspolitik: Tabuzonen und Geheimnishierarchie Dennoch ist der Zweifel, der sich in das Erstaunen über diese neue Offenheit mischt, berechtigt: Auch im Rahmen der Reform- und Öffnungspolitik müssen chinesische Archivare bei der Aktenfreigabe und der Auswertung von Archivmaterial das Primat der Staats- und Parteiinteressen beachten. Betrachtet man lediglich die Vorgaben des Archivgesetzes von 1988, ist dies noch nicht offensichtlich: Bürger der VR China scheinen danach vergleichbar liberale Zugangsbedingungen wie in westlichen Demokratien vorzufinden. Mit der Praxis zahlreicher westlicher Archive übereinstimmend, gestattet das chinesische Archiv­gesetz die Freigabe von Akten 30 Jahre nach ihrer Entstehung. Artikel 19 des Gesetzes legt – ebenfalls im Einklang mit international üblichen Vorgaben – fest, dass diese Frist im Falle von Unterlagen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Inhalts unterschritten werden darf. Dokumente, die die nationale Sicherheit bzw. Staatsinteressen berühren, können dagegen bis zu 50 Jahre oder länger gesperrt bleiben; auch diese Einschränkung entspricht der internationalen Praxis. Doch bereits in Bezug auf die Fachterminologie existieren grundlegende Differenzen. So sind die Implikationen der chinesischen 30-Jahresfrist nicht mit den Sperrfristen westlicher Länder vergleichbar, da Akten in der VR China nach Ablauf dieses Zeitraums nicht automatisch freigegeben werden, sondern zunächst einen Unbedenklichkeitstest in Form einer »Freigabe-Bewertung« durchlaufen müssen.10 Dabei kommen eine Reihe offizieller und informeller, die Vorgaben des Archivgesetzes präzisierender Richtlinien zur Anwendung. Diese Normen schränken die Öffnung der Archive signifikant ein und bestimmen sowohl den Umfang als auch den Inhalt des frei zugänglichen Materials. Die offiziellen Richtlinien für die Freigabe-Bewertung finden sich in der 1991 gemeinsam vom Staatlichen Archivbüro (Guojia dang’anju; im Folgenden: SAB) und dem Staatlichen Büro für Geheimnisschutz (Guojia baomiju) veröffentlichten »Provisorischen Verordnung über die Freigabe und die Definition des Umfangs eingeschränkt benutzbarer Archivbestände der Staatlichen Archive aller [Verwaltungs-]Ebenen« (im Folgenden: Provisorische Verordnung).11 Neben Dokumenten, die zum Schutz vitaler Staatsinteressen, wie auch in westlichen Archiven, gewissen Zugangsbeschränkungen unterliegen, werden darin im Wesentlichen drei Kategorien von Schriftstücken bestimmt, die nur »eingeschränkt benutzt« werden dürfen: Dokumente, die 1) umstrittene »bedeutende politische Ereignisse« betreffen, 2) den Persönlichkeitsschutz berühren oder 3) ethnische, religiöse oder territoriale Angelegenheiten zum Inhalt haben. Zur ersten Gruppe präzisiert die Provisorische Verordnung: »Archivalien, die bedeutende Fragen [sowie] bedeutende politische Ereignisse unserer Partei und des Staates berühren, über die noch kein abschließendes Urteil gefällt worden ist [und] die sich [darüber hinaus] nicht zur Veröffentlichung eignen, [sowie Archivalien,] deren Öffnung die Einigkeit in der Partei oder die reguläre Arbeit von Partei- und Regierungsbehörden beeinträchtigen kann.«12 Parteiinterner Konsens über die Bewertung signifikanter historischer Ereignisse ist demnach Bedingung für die Freigabe der betreffenden Akten. Umgekehrt formuliert: Hat man sich auf höherer Parteiebene noch nicht auf ein einvernehmliches Urteil verständigt, bleiben die entsprechenden Dokumente gesperrt. Nach der Logik der chinesischen Erinnerungsverwaltung ist das Ansehen der betroffenen historischen Persönlichkeiten so lange gefährdet, bis ein positives parteiamtliches Urteil vorliegt. Damit sind wir bei der zweiten Kategorie »eingeschränkt benutzbarer« Unterlagen. Die Provisorische Verordnung gewährt theoretisch jedem Bürger der VR China Persönlichkeitsschutz, indem Dokumente, die »die Privatsphäre von Staatsbürgern berühren« und deren Freigabe »der Reputation sowie den Rechten und Interessen des Staatsbürgers schaden kann«, gesperrt bleiben müssen. Allerdings sieht die Verordnung für Unterlagen, die die politische Führungsschicht, offizielle Identifikationsfiguren und »progressive Patrioten« chinesischer Abstammung betreffen erhöhte Benutzungsschranken vor. Die entsprechenden Absätze beziehen sich auf Akten, die »Bewertungen der politischen Geschichte« beinhalten, »die Tätigkeit und das Leben von Partei- und Staatsführern aller Ebenen« sowie von »berühmten patriotisch-progressiven Persönlichkeiten verschiedenster gesellschaftlicher Kreise« betreffen und »ungeeignet für die Freigabe« sind bzw. »dem Ansehen, der Menschenwürde und der Reputation« der Betroffenen schaden könnten.13 Auch »patriotisch-progressive« Auslandschinesen kommen in den Genuss dieses besonderen Persönlichkeitsschutzes. In diesen partikularistischen Vorgaben geht es demnach primär um die Wahrung des Ansehens der politischen Elite der VR China sowie der unter dem Dach der »Einheitsfront« versammelten, politisch konformen Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Sektoren, einschließlich der Gruppe prominenter Auslands- bzw. Überseechinesen. Die datenschutzrechtliche Privilegierung »berühmter Persönlichkeiten« lässt sich zum einen mit der retro­spektiv orientierten Herrschaftslegitimation der KPCh und dem Interesse an der geschichts­­pädagogischen Verwertung für legitim erklärter Vorbilder erklären, zum anderen trägt sie deutliche Anklänge an das traditionelle historiografische Prinzip der »angemessenen Verschleierung«.14 Zwar ist ist der Konflikt zwischen Persönlichkeitsschutz und Informationsfreiheit bzw. Wissenschaftsinteresse auch im Westen virulent, die Vorgaben der Provisorischen Verordnung zeigen jedoch, dass diese Auseinandersetzung in der VR China fundamental anderer Natur ist: Nicht der Schutz der Privatsphäre steht im Mittelpunkt der Benutzungsschranken, sondern die interessengeleitete Imagepflege eines exklusiven Personenkreises. Persönlichkeitsrechte können demnach als Vorwand für die Zurückhaltung politisch »schädlicher« bzw. den Betreffenden belastender Informationen dienen. Dabei bleibt es freilich der subjektiven Einschätzung des jeweiligen Archivars überlassen, welche Informationen die in der Provisorischen Verordnung angeführten negativen Folgen nach sich ziehen könnten. Der Ermessensspielraum ist hier relativ groß, entsprechend variabel dürfte die Anwendung der betreffenden Vorgaben ausfallen. Die dritte Kategorie umfasst Dokumente, die sensible territoriale, ethnische und religiöse Angelegenheiten berühren und deren Freigabe eine Gefährdung der »gesellschaftlichen Stabilität« und der »nationalen Einheit« befürchten lasse.15 Dazu zählen »interne Entscheidungen über politische Maßnahmen in Bezug auf ethnische Konflikte«, Religionsangelegenheiten, die Einheitsfront und Auslandschinesen. Das Shanghaier Stadtarchiv hält folglich die Aktenfonds von Behörden, die mit Auslandschinesen, Minderheiten- und Religionsfragen befasst sind, zu fast 70 Prozent unter Verschluss.16 Der ehemalige Direktor des SAB, Wang Gang, mahnte die Teilnehmer einer Tagung zur Archivarbeit in Minderheitengebieten, bei der Freigabe von Akten »mit äußerster Sorgfalt« vorzugehen, und betonte, dass sämtliche Unterlagen, die der nationalen Einheit, der territorialen Integrität und der gesellschaftlichen Stabilität in Minderheitengebieten schaden könnten, nicht geöffnet werden dürften.17 Gesperrt bleiben müssen darüber hinaus Unterlagen über Demarkationslinien zwischen Verwaltungsgebieten, deren Öffnung »Grenzkonflikte provozieren oder die soziale Stabilität und Einheit des Volkes beeinträchtigen« könnten.18 Schließlich sind Akten zurückzuhalten, »die präzise Beschreibungen von Sitten, Gebräuchen und Lebensweisen von Volksgruppen enthalten, welche dem Gegner nützliche Informationen in Bezug auf militärische und ökonomische Strategien liefern oder das Ansehen der betreffenden Nationalität schädigen können«.19 Eine Mitarbeiterin der Rechtsabteilung des SAB erläuterte im Interview, dass hier der Begriff »präzise« als Schlüsselwort zu interpretieren sei.20 Gemeint seien exakte Angaben zu den Sitten bestimmter Grenznationalitäten wie etwa die Schilderung traditioneller grenzüberschreitender Wallfahrten, die von Gegnern für militärische oder wirtschaftliche Zwecke genutzt werden könnten. Auch Schilderungen »unerfreulicher« traditioneller Praktiken könnten dem Ansehen einer Volksgruppe schaden. Im Einklang mit diesen Bestimmungen hält das Beijinger Stadtarchiv die zwischen 1715 und 1956 entstandenen Akten der Russisch-Orthodoxen Kirche (Fond J22) sowie die Unterlagen der mit Religionsangelegenheiten befassten Ausschüsse des Beijinger Parteikomitees (Fond 108) bzw. des Volkskomitees (Fond 107) unter Verschluss. Das Shanghaier Stadtarchiv hat immerhin einen kleinen Teil der Akten des lokalen Büros für religiöse Angelegenheiten freigegeben (Fond B22). Möglicherweise handelt es sich hier allerdings um eher allgemeine, unverfängliche Inhalte. Offenbar fällt es vielen Archivaren schwer, die Provisorische Verordnung »richtig« zu interpretieren.21 Sie beklagen regelmäßig das Fehlen präziserer Vorschriften und stützen sich daher bei der Aktenöffnung auf eine Reihe griffiger Slogans.22 Eine der einflussreichsten informellen Richtlinien ist die fest in der chinesischen Geheimnishierarchie verankerte Unterscheidung »politisch / unpolitisch«, die bei der Freigabe-Bewertung in Form des Leitspruchs »politische Dokumente strikt, unpolitische Dokumente großzügig behandeln« auftaucht.23 Unter dem Stichwort »politische Dokumente« subsumiert die Fachliteratur Unterlagen über Massenkampagnen, Öffentliche Sicherheit, Außenpolitik und Ähnliches. Als »unpolitisch« gelten dagegen wirtschaftliche, kulturelle und technische Archivalien. Sehr deutlich manifestiert sich diese Richtlinie in der Freigabepraxis des Shanghaier Stadtarchivs: Im Unterschied zu den Aktenfonds politischer Institutionen hat das Archiv die Unterlagen von Versicherungen, Banken, Gewerbeverbänden und Unternehmen fast zu 100 Prozent freigegeben.24 Innerhalb der freigegebenen Aktenfonds der städtischen Regierungsbehörden Shanghais bleiben unter anderem solche Unterlagen unter Verschluss, die im Zusammenhang mit politischen Kampagnen (z. B. Fond B13) und auswärtigen Angelegenheiten (Fond B15, B16) stehen.25 Im Beijinger Stadtarchiv sind die Fonds von Institutionen des Industrie- und Handelssektors bis auf sehr wenige einzelne Akten freigegeben worden. Am Katalog freigegebener Akten für den Fond Nr. 42 des Beijinger Stadtarchivs lässt sich das Zurückhalten von Archivmaterial über politische Massenkampagnen demonstrieren. Die Unterlagen des harmlos klingenden »Untersuchungskomitees für Einsparungsmaßnahmen« sind vermutlich deshalb zu über 96 Prozent gesperrt, weil dieses Gremium des Stadtparteikomitees für die Durchführung der »Drei-Anti-« und der »Fünf-Anti-Bewegung« (1951 / 52) zuständig war.26 Nach Dokumenten über diese Kampagnen sucht man auch im Online-Katalog vergeblich. Unter dem Stichwort »Kampagne zur Ausrottung von Konterrevolutionären (Sufan yundong)« erscheint hingegen immerhin eine Liste mit 25 Einträgen. Zielscheibe dieses im Juni 1955 eingeleiteten Säuberungsfeldzugs waren mutmaßliche »üble Elemente« und »Konterrevolutionäre«, die angeblich Partei- und Regierungsorgane infiltriert hatten.27 Der Katalog Nr. 7 des Fonds des Beijinger Volkskomitees für 1955, also das Jahr der Sufan-Kampagne, weist allerdings auffallend mehr abgeklebte Titel auf als die Kataloge anderer Jahrgänge des gleichen Fonds. Die Sufan-Kampagne gilt bis heute als derart brisantes Thema, dass die offizielle Geschichtsschreibung es für geboten hält, sie weiterhin auszublenden. Die Anti-Rechts-Kampagne wird dagegen in der regierungsamtlichen Parteihistoriografie ausführlich geschildert und mit einer teils kritischen Einschätzung bedacht.28 Im Katalog Nr. 10 des oben genannten Fonds (für das Jahr 1958) finden sich denn auch zahlreiche freigegebene Dokumente, die im Zusammenhang mit der Anti-Rechts-Kampagne stehen. In dieses Bild passt es wiederum nicht, dass der Online-Katalog zu dem Stichwort »Anti-Rechts« gar keinen Treffer liefert. Diese Uneinheitlichkeit bei der Umsetzung der Freigaberichtlinien resultiert in einer Unberechenbarkeit, die für den Benutzer durchaus positive Effekte haben kann: So besteht immerhin die Möglichkeit, dass historische Tabubereiche von einzelnen Archiven bzw. Archivaren weniger restriktiv behandelt werden als sonst üblich. Aufgrund der 30-Jahresfrist haben die meisten Archive erst 2006 begonnen, ihre Bestände zur längsten und umfassendsten aller politischen Massenkampagnen – der Kulturrevolution (1966–1976) – zu öffnen. Da die KPCh bis heute keine unabhängige Aufarbeitung der Geschichte jener Zeit gestattet, dürften sich die freigegebenen Akten inhaltlich innerhalb der eng abgesteckten offiziellen Grenzen und Interpretationsspielräume bewegen. Unter dem Stichwort »Kulturrevolution« liefert Beijings Online-Katalog gerade neun, unter »Rote Garden« nur einen Treffer. Erwähnenswert ist, dass die meisten der im Stadtarchiv Wuzhong freigegebenen Kulturrevolutionsakten aus den Jahren 1972–1976 stammen, während nur ein Bruchteil in der turbulenten Hochphase der Kulturrevolution (1966–1969) entstanden ist.29 Dies lässt sich nicht allein damit erklären, dass eine Reihe von Behörden und Institutionen in dieser heißen Phase aufgelöst wurden und die Arbeit erst mit Beginn der Wiederaufbauperiode Anfang der Siebzigerjahre wieder aufnahmen. Denn auch Unterlagen der seit 1967 eingerichteten Revolutionskomitees sucht man in den Katalogen vergebens. Innerhalb der »politischen« Unterlagen wird Akten von Parteibehörden per se ein höherer Geheimniswert beigemessen als solchen von Regierungsorganen. Folglich liegt die Menge der freigegebenen Partei- deutlich unter der der zugänglichen Regierungsakten. So hatte das Beijinger Stadtarchiv im Jahr 1997 91 Prozent der Volkskomitee-Akten, aber lediglich 26 Prozent der Parteikomitee-Akten freigegeben,30 ähnlich verhielt es sich im Shanghaier Stadtarchiv. Im Stadtarchiv von Wuzhong beträgt das Verhältnis von freigegebenen Partei- zu Regierungsakten etwa 1:3.31 Nach dem Stichjahr 1949 entstandene Dokumente werden generell als sensibler eingestuft als vor der Staatsgründung produzierte Schriftstücke. Der entsprechende Leitspruch der Archivare lautet: »Zuerst das Entfernte, dann das Nahe.«32 So stellt das Beijinger Stadtarchiv bislang nur Akten aus der Republikzeit (1912–1949) im Volltext auf seiner Website zur Verfügung. Von der Richtlinie ausgenommen sind Zeugnisse aus der Republikzeit, die der Revolutionsgeschichte zugeordnet werden und deshalb in der Geheimnishierarchie ganz oben rangieren. Maßgeblich ist demnach nicht allein die zeitliche Entfernung, sondern auch die politische bzw. genealogische Verbindung mit der gegenwärtigen Regierungselite bzw. dem Legitimationsmythos der VR China. So hat das Beijinger Stadtarchiv bis 1997 zwar über 90 Prozent der Akten der »Alten Regime« freigegeben, von den fünf revolutionsgeschichtlichen Fonds hingegen nicht ein einziges Dokument.33 Noch geringeren Geheimniswert als zwischen 1911 und 1949 entstandenes Schriftgut der »Alten Regime«, das zur unmittelbaren Vorgeschichte der VR China gehört, besitzen Dokumente aus der Kaiserzeit. Das Beijinger Stadtarchiv hat sämtliches Schriftgut aus der Qing-Zeit freigegeben, während von den 223 republikzeitlichen Fonds 19 Prozent gesperrt bleiben. Die Ausrichtung am Entstehungsdatum spiegelt sich in der unterschiedlichen Zugangspolitik der drei nationalen Archive wider. Viele westliche Archivnutzer teilen die Beobachtung, dass das Erste Historische Archiv eine deutlich liberalere, benutzerfreundlichere Zugangspolitik verfolgt als das Zweite Historische Archiv. Das Zentralarchiv schließlich ist mit seinen revolutionsgeschichtlichen und nach 1949 datierenden Beständen nach wie vor eine hochgradig exklusive Einrichtung. Die Tore dieses Sanktuariums staatlicher Erinnerungsverwaltung haben sich auch nach Beginn der Reformpolitik kaum einen Spalt breit geöffnet. Zutritt hat nur ein eng begrenzter Benutzerkreis, und selbst diese privilegierte Gruppe muss sich einem strengen Reglement unterwerfen. In Betracht kommen allein institutionelle bzw. in offiziellem Auftrag recherchierende Besucher.34 Als einziges staatliches Archiv der VR China unterhält das Zentralarchiv zudem keine eigene Website. Auch auf der Homepage des SAB, das 1993 formal mit dem Zentralarchiv fusionierte, findet sich nicht einmal ein Hinweis auf das Herzstück des Staatsgedächtnisses der VR China. Ein weiterer Slogan empfiehlt, strenger bei der Freigabe »inoffizieller« und großzügiger bei »offiziellen« Dokumenten vorzugehen.35 »Inoffizielle Dokumente« wie etwa Sitzungsprotokolle36 überliefern naturgemäß kontroverse Inhalte und gelten deshalb als sensibel. Sie dokumentieren bislang unveröffentlichte Differenzen innerhalb der Führungsebene oder sprechen »konkrete, einzelne Personen betreffende Sachverhalte« an.37 Wenn man hier nicht sorgfältig abwäge, könne dies »Schwierigkeiten nach sich ziehen«.38 Angesichts der engen Verbindung zwischen lokalen Archiven und den örtlichen Partei- bzw. Regierungsbehörden darf man annehmen, dass die Archivare bei ihren Entscheidungen persönliche Treuepflichten und die Interessen lokaler Führungskader berücksichtigen. In den stichprobenartig durchgesehenen offenen Katalogen des Beijinger Stadtarchivs spiegeln sich die Vorbehalte gegenüber inoffiziellen Schriftstücken in der Tatsache, dass die Rubrik »Sitzungsprotokolle« als einzige Dokumentengruppe in mehreren Katalogen flächen­deckend abgeklebt ist.39 Benutzerfreundlichkeit und Eigendynamik der Öffnungspolitik Noch heute, 20 Jahre nach dem Beginn der Archivöffnungen, liest man in chinesischen Fachzeitschriften, dass für viele Archivare das Umdenken von Geheimhaltung auf Nutzung, von Abschottung auf Offenheit, von Verwaltung auf Freigabe, von institutionellen Nutzern auf private Besucher, von eingesperrten Findbüchern auf frei zugängliche Findmittel noch immer eine beträchtliche Herausforderung darstelle.40 Abgesehen vom Sonderfall Zentralarchiv, hängt der Grad der Öffnung bzw. die Benutzerfreundlichkeit von vielen Faktoren ab und kann von Archiv zu Archiv stark variieren. Nach meinen eigenen Erfahrungen liegen etwa Welten zwischen dem Shanghaier Stadtarchiv und dem Archiv der Provinz Shandong. Hier erwartete mich ein offener, herzlicher Empfang, dort wehte der eisige Wind des Kalten Krieges.41 Selbst innerhalb desselben Archivs kann ein Personalwechsel auf der Führungsebene die Zugangsbedingungen von heute auf morgen erheblich verbessern oder aber drastisch verschlechtern. Auch wenn ein Aktenfond offiziell freigegeben ist, kann es passieren, dass dem Benutzer dennoch die Einsicht verwehrt wird. Umgekehrt können bestimmte Voraussetzungen des Benutzers zum Sesam-öffne-dich für gesperrte Bestände werden: Mit hohem Status und ausgezeichneten Beziehungen ausgestattet, können auch westliche Forscher darauf hoffen, sogar gesperrte Bestände einsehen zu dürfen. Die derzeitige Rechtsordnung bietet bezüglich der Bewilligung oder Ablehnung von Anträgen auf Akteneinsicht keinen ausreichenden Schutz vor willkürlichen Entscheidungen42 – das würde auch dem Primat politischer Interessen zuwiderlaufen, denn chinesische Archivare müssen bei ihren Entscheidungen Verschiebungen in der politischen Agenda, Revisionen der offiziellen Historiografie und gelegentlich sogar tagespolitische Konstellationen in Betracht ziehen. Sie vollführen dabei einen permanenten Drahtseilakt zwischen Öffnung und Kontrolle. Der breite Interpretationsspielraum kann sich im Einzelfall jedoch auch zugunsten der Benutzerinteressen auswirken. In einigen Archiven, die sich wie das Shanghaier Stadtarchiv durch große Benutzerfreundlichkeit einen Namen gemacht haben, gewann ich den Eindruck, dass man die Sperrung bestimmter Akten beinahe als lästig empfand und die offiziellen Geheimnisschutzvorgaben deshalb gelegentlich unterlaufen wurden. So scheint das in den Köpfen der Archivare bislang dominierende Geheimhaltungsethos schleichend von einem »kundenorientierten« Dienstleistungsgedanken aufgeweicht zu werden. Die chinesische Zugangspolitik ist deshalb vor allem eins: unberechenbar. Die staatliche Erinnerungsverwaltung agiert zudem nicht in einem abgeschlossenen Raum. Ihre hegemoniale Stellung wird unter anderem durch den wachsenden Informationszufluss von außen unterminiert. So hat die Öffnung der ehemaligen sowjetischen Archive – die etwa zeitgleich mit der der chinesischen stattfand – Material zutage gefördert, aufgrund dessen die Parteigeschichte »neu geschrieben« werden muss.43 Russische Dokumente über die chinesisch-sowjetischen Beziehungen, die »auf Umwegen« in die VR China gelangt sind, stellen orthodoxe Interpretationen infrage.44 Beijing hat mit wechselndem Erfolg versucht, gegenzusteuern, etwa indem »von chinesischer Seite vor einer zu freizügigen Freigabe von Dokumenten gewarnt« wurde.45 Aussagekräftiges Material zu den chinesisch-sowjetischen Beziehungen der Fünfzigerjahre im Archiv des russischen Außenministeriums blieb deshalb zunächst mit der Begründung gesperrt, die Freigabe würde Proteste noch lebender Agenten hervorrufen und möglicherweise die russisch-chinesischen Beziehungen belasten.46 Nicht verhindern konnten die Wächter der staatlichen Erinnerungsverwaltung dagegen beispielsweise, dass die Öffnung sowjetischer Akten Ende der Neunzigerjahre den Anstoß zu einer neuen Betrachtung der Rolle Chinas im Korea-Krieg gab.47 Fazit Offizielle und informelle Geheimhaltungsrichtlinien umreißen mit vergleichsweise groben Strichen bestimmte Tabubereiche des staatlichen Gedächtnisses. Sie sind in vielen Fällen dafür verantwortlich, dass bestimmte Aktenfonds unter Verschluss bleiben, doch die Uneinheitlichkeit bei ihrer konkreten Umsetzung wirkt einer stromlinienförmigen Anpassung des verfügbaren Erinnerungsstoffs entgegen. Das Ergebnis ist eine heterogene Archiv­landschaft. Auch die Reformer haben das chinesische Archivsystem dem Primat der Politik unterstellt. Sie begreifen Archive als Schlüsselinstitutionen staatlicher Erinnerungslenkung und Legitimitätsschöpfung und damit als Instrumente der Staatspolitik. Trotz der fortgesetzten Öffnung der Archive sind deshalb bis zum Jahr 2003 erst 20,8 Prozent ihres Gesamtbestands für die Öffentlichkeit freigegeben worden.48 Dennoch: Neue Vorgaben und die konsequente Fortführung des einst auf maximale Überwachung zugeschnittenen Konzepts des Nationalen Archivfonds haben die chinesischen Archive zu potenziellen Speichergedächtnissen, zu reichhaltigen Reservoirs kontrapräsentischer Erinnerungen gemacht.49 Als »Ressource der Erneuerung kulturellen Wissens« und »Korrektiv für aktuelle Funktionsgedächtnisse« könnten sie nach einem hypothetischen Regimewechsel »recycelt und reaktiviert« werden.50 Solange die Diktatur der KPCh andauert, werden Chinas Archivare jedoch weiterhin zwischen dem Primat des Diensts für die Partei einerseits und dem Kommerzialisierungsdruck und den Bedürfnissen einer sich immer weiter differenzierenden Gesellschaft andererseits manövrieren müssen. Unterdessen wird der Öffnungsprozess durch wachsende Kritik vonseiten der chinesischen Fachwelt forciert. Forderungen nach dem »öffentlichen Archiv« (»public archives«) als »Garant der Informationsfreiheit und des gleichberechtigten Zugangs für alle Bürger zu allen Beständen in allen Archiven« erhöhen den Druck, das Archivwesen weiter zu liberalisieren und internationalen Standards anzupassen.51 Eine Geschichtsprofessorin konstatierte vor Kurzem in einer der liberalsten chinesischen Tageszeitungen: »Zu glauben, es sei ein Gnadenakt gegenüber den Bürgern, wenn Archive einen Teil ihrer Akten freigeben, ist wahrlich grotesk.«52 Die Regierung nehme irrigerweise an, sie habe das Recht, Akten zu monopolisieren. Das sei falsch. Die Archivbestände gehörten dem Volk, und die Archive seien in der Pflicht, sie allen Bürgern zur Verfügung zu stellen. 1 Siehe hierzu ausführlich: Vivian Wagner: Erinnerungsverwaltung in China: Staatsarchive und Politik in der Volksrepublik, Köln 2006. 2 Adolf Brenneke: Archivkunde. Ein Beitrag zur Theorie und Geschichte des europäi­schen Archivwesens, Leipzig 1953, S. 267 f., Anm. 115 u. S. 269 f. 3 Charakteristisch für das sowjetische Archivwesen war die getrennte Verwaltung von Regierungs- und Partei­unterlagen in jeweils eigenständigen Archivsystemen (siehe Patricia Kennedy Grimsted: Archives and Manuscript Repositories in the USSR, Prince­ton 1972, S. 26 f.). Anfangs plante die VR China ein zweigleisiges Archivsystem nach sowjetischem Muster, Ende der Fünfzigerjahre wurden die Archivsysteme von Partei und Regierung jedoch zusammengelegt (siehe Wagner: Erinnerungsverwaltung in China [Anm. 1], S. 206 f.). 4 Englische Version: www.bjma.org.cn/eng.ycs; Online-Kataloge (chinesisch): http://210.73.80.51/main.asp?searchtype=1&winwidth=770&winheight=600. 5 Chinesische Archive sind gesetzlich verpflichtet, virtuelle Formen der Nutzung anzubieten. Soweit die materielle und finanzielle Ausstattung der staatlichen Archive es erlaubt, wird die Digitalisierung von Findmitteln und Archivalien vorangetrieben, und Dienstleistungen werden auch online angeboten; siehe Hao Shuxia: Wangluo huanjing xia dang’anguan liyong fuwu gongzuo de fazhan quxiang [Entwicklungstendenzen in der Archivdienstleistung im Internet], in: Dang’an guanli [Archiverwaltung] 2 (2007), S. 80. 6 Siehe auch den Beitrag von Agnes Schick-Chen in diesem Band. 7 Englische Fassung des Archivgesetzes: www.saac.gov.cn/articleaction.do?method=view&id=ff808081172649a8011729fc01ca0019f; chinesische Fassung: www.saac.gov.cn/articleaction.do?method=view&id=ff808081172649a801172660f3010001. 8 Siehe Frank Ching: China Creeps Towards a Culture of Openness, in: Japan Times vom 12. Februar 2004. Website des Archivs des Außenministeriums mit Online-Katalog: http://dag.fmprc.gov.cn/chn/. 9 »Zhonghua renmin gongheguo zhengfu xinxi gongkai tiaoli«, www.dezhou.gov.cn/127/2008/01/17/­16446,127.aspx. 10 Fu Hua: Dang’an liyong yu kaifang de bijiao [Vergleich der Aktennutzung und -freigabe], in: Waiguo dang’an gongzuo dongtai [Trends der Archivarbeit im Ausland] 2 (1997), S. 35. 11 »Geji guojia dang’anguan guancang dang’an jiemi he huafen kongzhi shiyong fanwei de zanxing guiding«, http://dafz.cqfd.gov.cn/News_View.asp?NewsID=269. 12 Artikel 7, Absatz 1. 13 Siehe Artikel 7, Absätze 2, 5, 17 und 18. 14 Im kaiserlichen China verpflichtete das Berufsethos den amtlich bestallten Historiker, das Ideal der objektiven Stellungnahme zu relativieren und Unzulänglichkeiten oder Fehlverhalten bestimmter Personengruppen wohlwollend zu übersehen oder euphemistisch zu verbrämen. Dazu gehörten unter anderem enge Verwandte des Kaisers und Würdenträger (siehe William G. Beasley / Edwin G. Pulleyblank [Hg.]: Historians of China and Japan, London 1961, S. 49; 51 f.). 15 Siehe Artikel 7, Absätze 7, 8, 9 der Provisorischen Verordnung. 16 Fonds B20, B21, B22 (Shanghai shi dang’anguan zhengji liyong shi 1996 [Büro des Shanghaier Stadtarchivs für Sammlung, Ordnung und Nutzung {von Archivmaterial}]). 17 Guojia dang’anju Zhongyang dang’anguan bangongshi [Büro des Staatlichen Archivbüros und des Zentralarchivs] (Hg.): Dang’an gongzuo wenjian huiji diliu ji [Dokumentensammlung zur Archivarbeit, Band 6], Beijing 1997, S. 61. 18 Artikel 7, Absatz 8 der Provisorischen Verordnung. 19 Ebd., Absatz 9. 20 Interview CX [Die Interviews wurden auf Wunsch der Gesprächspartner anonymisiert], 6. 2. 1998, Beijing. 21 Siehe Sun Mingfang / Chen Xizhou: Kaifang dang’an gongzuo zhong de wenti [Probleme bei der Aktenfreigabe], in: Zhongguo dang’an [Chinesische Archive] 9 (1997), S. 32. 22 Siehe Liu Xinze / Yuan Yueli: Ruhe zuohao kaifang dang’an yewu gongzuo [Wie man richtig bei der Aktenfreigabe vorgeht], in: Dang›an guanli 2 (2006), S. 58. 23 Siehe ebd.; Chen Kongxiu: Kaifang dang›an jiemi huakong de zhidao sixiang, biaozhun ji yuanze [Leitgedanken, Standards und Prinzipien der Entsperrung und Kontrolle bei der Aktenfreigabe], in: Fujian dang’an [Fujian-Archiv] 4 (1989), S. 30–34. 24 Shanghai shi dang’anguan zhengji liyong shi [Büro für Sammlung, Ordnung und Nutzung des Shanghaier Stadtarchivs] (Hg.): Shanghai shi dang’anguan kaifang dang’an quanzong mulu [Katalog der freigegebenen Aktenfonds des Shanghaier Stadtarchivs] (10 Bde.), Shanghai 1987–1997. 25 Ebd., Bd. 8, 1996. Im Beijinger Stadtarchiv sind die Fonds zweier mit auswärtigen Angelegenheiten befassten Behörden ebenfalls gesperrt (Fonds 102, 104). 26 Siehe Beijing shi dang’anguan [Beijinger Stadtarchiv]: Beijing shi dang’anguan zhinan [Führer des Beijinger Stadtarchivs], Beijing 1996, S. 258 f. 27 Sämtliche Arbeitseinheiten hatten einen bestimmten Prozentsatz »versteckter Konterrevolutionäre« nach oben zu melden. Kandidaten für diese Quote waren u. a. »Personen mit einer problematischen Vergangenheit« (siehe Rudolf G. Wagner: Inside a Service Trade. Studies in Contemporary Chinese Prose [Harvard-Yen­ching Institute Monograph Series 34], Cambridge, Mass.-London 1992, S. 34f.). Hier waren die Dienste der Archivare gefragt: Sie waren maßgeblich an der Durchführung dieses Feldzugs beteiligt (siehe Wagner: Erinnerungsverwaltung in China [Anm. 1], S. 190 f.). 28 Siehe Hu Sheng (Hg.): Zhongguo gongchandang de qishi nian [70 Jahre Kommunistische Partei Chinas], Beijing 1991, S. 355–360 sowie den Beitrag von Monika Gänßbauer in diesem Band. 29 Die Liste der freigegeben Fonds des Stadtarchivs Wuzhong findet sich hier: www.nxwzdazw.gov.cn/Article/ShowArticle.asp?ArticleID=568. 30 Die Prozentzahlen ergeben sich aus der Fondsübersicht des Beijinger Archivführers (Beijing shi dang’anguan 1996) und den Übersichten zu den 1996 bzw. 1997 freigegebenen Beständen des Archivs. 31 Das ergibt sich aus der Liste der freigegebenen Aktenfonds, die auf der Website des Archivs abgerufen werden kann: www.nxwzdazw.gov.cn/Article/ShowArticle.asp?ArticleID=568. 32 Wang Shuzhen / Zhang Jianzhong: Zhengque chuli kaifang dang’an gongzuozhong de yewu wenti [Fachliche Probleme bei der Aktenfreigabe korrekt behandeln], in: Shandong dang’an [Shangdonger Archive] 5 / 6 (1994), S. 48. 33 Beijing shi dang’anguan [Beijinger Stadtarchiv]: Beijing shi dang’anguan diyi pi kaifang dang’an mulu ce [Katalog des ersten Satzes freigegebener Akten des Beijinger Stadtarchvis], Beijing 1997; Beijing shi dang’anguan: Beijing shi dang’anguan kaifang dang’an quanzong mulu [Katalog der freigegebenen Aktenfonds des Beijinger Stadtarchivs], Beijing 1997. 34 Interview DV, 16.2.1998, Beijing, und Interview UF, 2.12.1997, Beijing. 35 Interview CW, 22.12.1997, Jinan. 36 »Sitzungsbeschlüsse« (huiyi jiyao) können dagegen freigegeben werden, da sie die amtliche Kollektivmeinung vertreten (Interview OL, 23.12.1997, Jinan). 37 Interview CW, 22.12.1997, Jinan. 38 Chen: Kaifang dang’an (Anm. 23), S. 32. 39 Siehe Fond 2, Kataloge Nr. 1, 7, 10 und 20. 40 Liu / Yuan: Ruhe zuohao (Anm. 22); Ye Chu: Xin shiqi dang’an gongzuo de ›qige zhuanbian‹ [Die »sieben Veränderungen« in der Archivarbeit der neuen Periode], in: Dang›an guanli 4 (2006), S. 31 f. 41 Die guten Kontakte des Heidelberger Sinologischen Seminars zum Shanghaier Stadtarchiv waren hier sicher hilfreich. Auf vergleichbare »Beziehungen« (guanxi) konnte ich mich im Falle des Shandonger Provinzialarchivs nicht stützen. 42 Siehe Xu Li / Hu Mingwei: Lun dang’an liyong zhong gongquan yu siquan de zhiheng [Über die gegenseitige Kontrolle von öffentlichen und individuellen Rechten bei der Nutzung von Archivalien], in: Dang’anjie [Archivwelt], 2008; online abrufbar unter www.danganj.net/UpLoadFiles/Article/2008-1/2008013015000679582.doc. 43 Interview EU, 3. 12. 1997, Beijing. 44 Interview KQ, 18. 2. 1998, Beijing. Herr KQ erläuterte, dass die fraglichen Akten von chinesischen Historikern offiziell nicht eingesehen werden durften, weshalb man nur eine Delegation von Übersetzern – keine Historiker – nach Moskau geschickt habe. Übersetzer gälten als »ungefährlich«, da ihnen die historischen Kenntnisse fehlten. 45 Eva-Maria Stolberg: Moskauer Archive: Zur Geschichte der sowjetisch-chinesischen Beziehungen in der Nachkriegszeit, in: Archivmitteilungen 2 (1994), S. 63. 46 Siehe ebd., S. 62. 47 Siehe Wagner: Erinnerungsverwaltung in China (Anm. 1), S. 579. 48 Siehe Su Junhua: Gonggong dang’anguan de shehui lixiang yu xianshi kunjing de kaoliang [Überlegungen zum Dilemma von gesellschaftlichem Ideal und der Wirklichkeit öffentlicher Archive], in: Dang’an guanli 4 (2007). 49 Siehe Wolfgang Ernst: Kybernetik des Archivs – An der Grenze zum Medium, in: Friedrich Beck et al.: Archive und Gedächtnis. Festschrift für Botho Brachmann, Potsdam 2005, S. 30. 50 Aleida Assmann: Artikel »Schrift«, in: Nicolas Pethes / Jens Ruchatz (Hg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinä­res Lexikon, Hamburg 2001, S. 528. 51 Su: Gonggong dang’anguan (Anm. 48). 52 Cheng Meibao: Chayue gongong dang’an: gongmin you quan, zhengfu you ze [Öffentliche Akten einsehen: Der Bürger hat das Recht, die Regierung ist in der Pflicht], in: Nanfang Zhoumo [Südliches Wochenende] vom 10. 4. 2008, online abrufbar unter www.southcn.net/epaper/nfzm/content/20080410/ArticelE30003FM.htm.

JHK 2009

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

The International Newsletter of Communist Studies La newsletter internationale des recherches sur le communisme Международный бюллетень исторических исследований коммунизма Vol. XV (2009), no 22. Edited by Bernhard H. Bayerlein. Published by The European Workshop of Communist Studies With support of The Mannheim Centre for European Social Research (MZES), University of Mannheim, Germany. ISSN Y503-1060. ISSN 1862-698X (for the Online Edition). Executive Editor: Bernhard H. Bayerlein, Mannheim / Cologne. Assistant Editor: Gleb Albert, Mannheim / Cologne (gleb.albert@mzes.uni-mannheim.de). Editorial Board / Correspondents: Aldo Agosti (Torino) agosti@cisi.unito.it, Lars Björlin (Stockholm) lars.bjorlin@swipnet.se, Cosroe Chaqueri (Paris) Khosrow.Shakeri@ehess.fr, Sonia Combe (Paris) Sonia.Combe@u-paris10.fr,Putnik Dajic (Belgrade) putnikd@eunet.yu, Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds) Gerard.Donze@ne.ch,Jean-François Fayet (Geneva) jean-francois.fayet@lettres.unige.ch, Jan Foitzik (Berlin) foitzik@ifz-muenchen.de, José Gotovitch (Bruxelles) jgotovit@ulb.ac.be, Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta) sobhanlal@dataone.in, Gabriella Hauch (Linz) Gabriella.Hauch@jk.uni-linz.ac.at, John Haynes (Washington) jhay@loc.gov, Victor Heifets (St. Petersburg) world@rosbalt.ru, Gerd-Rainer Horn (Coventry) g.r.horn@hud.ac.uk, Peter Huber (Geneva) Peter.Huber@unibas.ch, Fritz Keller (Vienna) ug@ug-oegb.at, Klaus Kinner (Leipzig) RosaLuxemburg-Stiftung.Sachsen@t-online.de, Todor Kuljic todorunbg@ptt.yu, Avgust Lesnik (Ljubljana) avgust.lesnik@guest.arnes.si; Marcel van der Linden (Amsterdam) mvl@iisg.nl, Aurelio Martin Najera (Madrid) fpi@infornet.es, Kevin McDermott (Sheffield) K.F.McDermott@shu.ac.uk, Barry McLoughlin (Vienna) barry.mcloughlin@chello.at, Kevin Morgan (Manchester) Kevin.Morgan@man.ac.uk, Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia) jlbnovoa@hotmail.com, oficihis@ufba.br, Alexander Pantsov (Columbus, Ohio) apantsov@capital.edu, José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels) estudossobrecomunismo@yahoo.com, Tauno Saarela (Helsinki) tauno.saarela@helsinki.fi, Wolfgang Schlott (Bremen) schlott@osteuropa.uni-bremen.de, Daniela Spenser (México DF) spenser@servidor.unam.mx, Dubravka Stajic (Belgrade) ies@eunet.yu, Brigitte Studer (Berne) brigitte.studer@hist.unibe.ch, Frantisek Svátek (Prague) frantisek.svatek@cuni.cz, Carola Tischler (Berlin) Carola.Tischler@Geschichte.HU-Berlin.de, Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main) rtosstorff@hotmail.com, Feliks Tych (Warsaw) tych@it.com.pl, Berthold Unfried (Vienna) berthold.unfried@univie.ac.at, Zdenek Vasicek (Prague) vasicek@bet.iline.cz, Aleksandr Vatlin (Moscow) vatlin@mail.sitek.ru, Gerrit Voerman (Groningen) voerman@ub-mw.ub.rug.nl, Marc Vuilleumier (Genève) mvuilleu@cui.unige.ch, Frank Wolff (Cologne) wolff@bundism.net, Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) rolf.woersd@gmx.de Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Potsdam; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris / Berlin; Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim, Postfach, 68 131 Mannheim, Germany Postal Address: Arnulfstraße 14, 50937 Köln / Cologne, Germany Phone / Fax: 0049 / (0)221-42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de / bernhard.bayerlein@mzes.uni-mannheim.de Homepage: www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Communist Studies Newsletter / Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter Table of Contents I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New issues. Selected Items. II. News on Archives, Fonds and Institutions. III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress. • Michel Christian (Geneva, Switzerland): Party and Society in the German Democratic Republic and in Socialist Czechoslovakia. PhD Project. • Frédéric Cyr (Montréal, Canada): Paul Levi and the Politics of the German Left 1918–1930: From Revolutionary to Defender of the Republic. PhD Project. • Adrian Grant (Derry, U. K.): Irish Socialist Republicanism, 1909–36. PhD Project. • Kostis Karpozilos (Rethymno, Greece): Labor Unions, Radicalism and the Communist Left in the Greek-American Communities (1920–1950). PhD Project. • Heikki Larmola (Helsinki, Finland): The Czechoslovak Crisis of 1968 and the Soviet Laboratory of Finland: The Beginning Decline of the Communist Movement. Research Project. • Peter Ruggenthaler (Graz, Austria): Der »Prager Frühling« 1968. Internationales Forschungsprojekt. • Raquel Varela (Lisbon, Portugal): The Role of the Portuguese Communist Party in the Portuguese Revolution of 25 April 1974 to 25 November 1975. PhD Project. • Peter Waterman (The Hague, The Netherlands): From International Communism to the Global Justice and Solidarity Movement. Memoirs of a Long-Distance Internationalist. Autobiographical Project. • Marc Zivojinovic (Erfurt, Germany): Der jugoslawische Titokult 1941–1991. Dissertationsprojekt. • »Geschichte des Kommunismus« – Ein Forschungsprojekt am Freiburg Institute for Advanced Studies (Gerd Koenen). IV. Materials and Studies. IV.1 Biographical Materials and Studies. • Peter Huber (Basel, Switzerland): Die Schweizer Spanien-Freiwilligen. Ein soziobiografischer Querschnitt. • Martin Krämer Liehn (Warsaw, Poland): Revolutionising Letter-Writing, 1917–1956: Nin, Gramsci, Serge, Sneevliet, Michalec, Rosmer, Katz. • Sandra Pujals (Río Piedras, Puerto Rico) / Katya Vladimirov (Kennesaw, USA): Lenin’s Mucha-chos. A Database of Comintern and Front Organizations’ Personnel in Latin America, 1919–1943. IV.2 Regional Materials and Studies. • Hernan Camarero (Buenos Aires, Argentina): Algunas reflexiones sobre la inserción del comunismo en el movimiento obrero de la Argentina durante el período de entreguerras. • Mariana Hausleitner (Munich, Germany): Wahrnehmung und Folgen der ungarischen Revolution von 1956 in Rumänien. • Bruno Kamiński (Łódź, Poland): The Trial of Laszlo Rajk as a Prelude to the Propaganda Onslaught on Tito on the Basis of Trybuna Ludów and Local Press Accounts. • Dainis Karepovs (São Paulo, Brazil): A Juventude Comunista do Brasil na era da Internacional Comunista. • Viktor L. Kheifets / Lazar Kheifets (St. Petersburg, Russia): Die Komintern und Argentinien in den Jahren 1919–1922. Die KP Argentiniens gegen die »argentinischen Lenins« (with Spanish abstract). • Viktor Krieger (Heidelberg): »Bolschewiki zweiter Klasse«. Russlanddeutsche Parteimitglieder im sowjetischen Zwangsarbeitslager während des »Großen Vaterländischen Krieges«. IV.3 Institutional Materials and Studies. • Avgust Lešnik (Ljubljana, Slovenia): Reform versus Revolution – Historical Dilemma of Social Democracy at the End of the First World War. IV.4 Cultural Materials and Studies • Juan José Gómez Gutiérrez (Sevilla, Spain): Marxismo y cultura popular en Italia. Ernesto De Martino y la crítica de la antropología. • Bernhard H. Bayerlein (Mannheim, Germany): Von der Roten Literaturinternationale zu Stalins Hofschreibern? Vorläufer, Tätigkeitsmerkmale, Mitglieder und Funktionäre der Schriftstellerinternationalen (Materialien). V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews. V.1 Reviews. • Chaija Boebel / Lothar Wentzel (eds.): Streiken gegen den Krieg. Die Bedeutung der Massenstreiks in der Metallindustrie vom Januar 1918, Hamburg: VSA-Verlag 2008 (Eckhard Müller, Berlin). • Heinz Deutschland (ed.): »Ich kann nicht durch Morden mein Leben erhalten«. Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker 1915 bis 1917, Bonn: Pahl-Rugenstein 2005 (Ottokar Luban, Berlin). • A. B. Edemskij: Ot konflikta k normalizacii. Sovetsko-jugoslavskie otnošenija v 1953–1956 godach, Moskva: Nauka, 2008 (Jan Foitzik, Berlin). • Lorenz Erren: »Selbstkritik« und Schuldbekenntnis. Kommunikation und Herrschaft unter Stalin. 1917–1953, München: Oldenbourg 2008 (Klaus-Georg Riegel, Trier). • Boris Kanzleiter, Krunoslav Stojaković (eds.): 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975. Gespräche und Dokumente, Bonn: J. H. W. Dietz 2008 (Todor Kuljić, Belgrad). • Annelies Laschitza: Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie, Berlin: Aufbau 2007 (Andreas Diers, Frankfurt a. M.). • Magda Martini: La cultura all’ombra del muro. Relazioni culturali tra Italia e DDR. 1949–1989, Bologna: Il Mulino 2007 (Liza Candidi T.C., Udine). • Ryszard Nazarewicz: Komintern a lewica polska. Wybrane problemy, Warszawa: Instytut Wydawniczy »Książka i Prasa« 2008 (Werner Röhr, Berlin). • Ulla Plener (ed.): Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen. Material des Kolloquiums anlässlich ihres 150. Geburtstages am 6. April 2007 in Berlin, Berlin: Dietz 2008 (Rainer Holze, Berlin). • Hans-Rainer Sandvoß: Die »andere Reichshauptstadt«. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin: Lukas 2007 (Hermann Weber, Mannheim). • Irina P. Sirotinskaja (ed.): K stoletiju so dnja roždenija Varlama Šalamova. Materialy meždunarodnoj konferencii, Moskva 2007 (Gleb J. Albert, Mannheim / Köln). • Denise Urcelay-Maragnès: Les volontaires cubains dans la défense de la République espagnole. 1936–1959. La légende rouge, Paris: l’Harmattan 2008 (Bernhard H. Bayerlein, Mannheim / Köln). V.2 Presentations and Announcements. • Hernán Camarero: A la conquista de la clase obrera. Los comunistos y el mundo del trabajo en la Argentina. 1920–1935, Buenos Aires : Siglo XXI 2007. • Diego Caro Cancela: Los socialistas en la historia de Andalucía. I: La construcción del Partido Obrero en Andalucía. 1900–1936, Madrid: Fundación Pablo Iglesias 2006. • Dorena Caroli: Un Welfare State senza benessere. Insegnanti, impiegati, operai e contadini nel sistema di previdenza sociale dell’Unione Sovietica (1917–1939), Macerata: EUM 2008. • Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin: Dietz 2008. • Herbert Killian: Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien, Berndorf: Kral 2008. • Pierre-Frédéric Weber / Henri Ménudier: Le triangle RFA–RDA–Pologne. 1961–1975. Guerre froide et normalisation des rapports germano-polonais, Paris : l’Harmattan 2007. • Series: Os Anos de Salazar, 30 vols., Lisbon 2008 f. • New Journal: Twentieth Century Communism. A Journal of International History. VI. Meetings and Conferences concerning Communist Studies 2008–2010. VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2008. VIII. Periodicals on Communist Studies. VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2008. VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. IX. Internet Resources. Websites relevant for Communist Studies. X. Cultural and Artistic Performances Concerning the History of Communism (New Movies, Documentaries, Stage Performances, Literary Fiction etc.). XI. Discussions, Debates, Historical Controversies. • Tschechien: Aufsehen um Milan-Kundera-Akten. XII. Miscellanea. Section I.The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters – New issues. Selected Items. Communist History Network Newsletter, Manchester, U. K. » www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn No 22, Spring 2008 Announcement: New journal – Twentieth Century Communism: a journal of international history • Seminar Report: ›Syndicalism and Revolutionary Communist Trade Unionism in Wales and the Wider World‹ (Norry La Porte) • Thesis Reports: The Communist Party of Great Britain and Anti-Racist Politics, 1948–1981 (Evan Smith) • Something Wicked This Way Comes: the Russian delegation at the 1931 congress (CAJ Chilvers) • Research Note: Regional Membership Figures for the Communist Party of Great Britain, from 1945 to 1989 (Harold Carter and Gabriel Silkstone-Carter) • Features: Monty Johnstone, 1928–2007 (Francis King) • An interview with Monty Johnstone • Ruth Frow, 1922–2008 (Nick Mansfield) • Interviews with Ruth Frow • Grassic Gibbon’s Internationale (John Manson) • Reviews: Gidon Cohen, The Failure of a Dream. The Independent Labour Party from Disaffiliation to World War II (Ian Bullock) • Allison Drew, Between Empire and the Revolution. A Life of Sidney Bunting, 1873–1936 (Irina Filatova) • Jim Riordan: The Last British Comrade Trained in Moscow: The Higher Party School, 1961–1963 (Joni Krekola) • Andrée Levesque, Red Travellers: Jeanne Corbin & Her Comrades (John Manley) • Robert Service, Comrades: A World History of Communism (Willie Thompson) • Sobhanlal Datta Gupta. Comintern and the Destiny of Communism in India, 1919–1943, Dialectics of Real and a Possible History (Nick Owen) • A century of writing on the IWW, 1905–2005: An annotated bibliography of books on the Industrial Workers of the World, compiled by Steve Kellerman. Estudos sobre o Comunismo: Notas, Artigos, Investigações sobre o Comunismo, os Movimentos Radicais e a Oposição. Editor: José Pacheco Pereira, Lisbon, Portugal. » http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com This Newsletter Blog is an experimental version as a result of the fusion of José Pacheco Pereira’s biography of Álvaro Cunhal and »Estudos sobre o Comunismo« (Versão2) (see http://estudossobrecomunismo.weblog.com.pt). The blog contains the following categories: • Arquivos, Bibliotecas, Fundos. • Biblio­grafia. • Biografia de Álvaro Cunhal. • Biografias / Vidas. • Censura. • Colóquios, conferências, debates. • Estudos. • Estudos locais. • Extrema-esquerda – História. • Fontes. • Guerra colonial – Colonialismo, Anti-Colonialismo. • Iconografia. • Movimento comunista internacional. • Museus. • Notas. • Notas de investigação. • Organizações – PCP. • Publicações especializadas. • Recensões críticas. • Repressão. • Revista Estudos sobre o Comunismo. • Vários. Contributions to: jppereira@gmail.com Among the recent entries: • »Os Comunistas em Portugal 1921–2008«. Colóquio organizado pela ›Política Operária‹. • Apresentações do livro de Irene Pimentel sobre o Inspector da PIDE Fernando Gouveia e o PCP • Textos inéditos de Francisco Martins Rodrigues (Actualização) • Materiais em linha sobre António Joaquim Gouveias (»António Melenas«) (1929–2008) • Júlia Coutinho, Joao Abel Manta: O Artista resistente • José Pacheco Pereira: Karl Marx e o seu destino • Colóquio internacional Tarrafal: Uma prisão, dois continentes. H-NET Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington DC, USA » www.h-net.org/~hoac This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. London Socialist Historians Group Newsletter. London Socialist Historians Group, London, U. K. » www.londonsocialisthistorians.org Issue 30: Lent 2008 Articles: Martin Spence, Capital comes to Penge – report on the issues on his book »The Making of a London Suburb« • Ian Birchall, The »Russian Question«, review of Marcel van der Linden, Western Marxism and the Soviet Union • Keith Flett, Joseph Cowen: Chartist, Liberal, Marxist?, review of Joan Allen, Joseph Cowen and Popular radicalism on Tyneside 1829–1900 • Gerd-Rainer Horn, Writing Socialist History, review of Keith Flett and David Renton (eds), New Approaches to Socialist History • Christian Hogsbjerg, The ILP: Issues for Today, review of Gidon Cohen, The Failure of a Dream • Keith Flett, Response to Matthew Caygill on the role of the Newsletter • Reports: Seminar report: Marcus Rediker, »The Slave Ship« • Book launch: 1956 and All That • Anne Alexander, Egypt, Nasser and Popular Movements • Neil Davidson, Alasdair Macintyre. Issue 31: Summer 2008 Articles: David Renton, Cricket, Lovely Cricket • Megan Davies / Keith Flett, Campaign for Nuclear Disarmament at 50 – Striking Gold • Harry Ratner, Britain’s Entry in the 1914–18 War and the Role of Individuals • Research reports: Gerd-Rainer Horn, The Spirit of ’68 • Julienne Ford, The History of Now • Reviews: John Burton, »This is musical Mau-Mau« • Keith Flett, A world we have lost? • Seminars, meeting and conferences: Marxism 2008 • London Socialist Historians Group Summer term seminar series • 1968 and All That • Levellers Day • Students of the World Ignite: 1968–2008 • Obituary: Ruth Frow. Issue 32: Autumn 2008 Articles: Keith Flett, A History of Boom and Bust • Nik Howard, Sources of Socialism in Japan • Reviews: Ben Marshall, Bonekickers • Keith Flett, Paul Pickering, Feargus O’Connor: A Political Life • Tom Machell, Dave Ayre et al,The Flying Pickets • Ian Birchall, Ralph Darlington, Syndicalism and the Transition to Communism • Keith Flett, Alan Woodward (ed.), The National Health Service is 60 • Editorial • Blog comment • Seminars: Radical History Network of NE London: Autumn / Winter programme • LSHG Seminar Series: Autumn 2008 • Call for papers: 1649 and the execution of King Charles. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur,Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. Section II. News on Archives, Fonds and Institutions. RGASPI, Moscow: New Archival Guide on CPSU Holdings Published. The Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) has now published a 4rd volume in the collection of archival guides, this time covering the holdings of the Communist Party of the Soviet Union and its predecessor and side organisations. Besides a detailed introduction by RGASPI veteran Jurij Amiantov, it contains detailed characteristics of the holdings. The description of the party materials is structured as following: • Party congresses and conferences • Leading organs (CC, Politbureau, Orgbureau, Secretariat, Agitprop-Department etc.) • Federal and regional leading organs • Control organs (Central Control Commission, Central Revision Comission etc.) • Central party institutions (Central propaganda bureaus for national minorities, party fractions within unions and mass organisations, political departments of the People’s Commissariats, party press, party-affiliated scientific institutes and societies) As an addendum, the guide contains agendas of the CPSU plenary meetings from 1919 to 1943, and a table of federal and regional CP branches whose records are kept in the RGASPI. A personal and organizational index is supplied as well. Ju. N. Amiantov / K. M. Anderson / O. V. Naumov / L. A. Rogovaja / Z. N. Tichonova: Putevoditel’ po fondam i kollekcijam dokumentov KPSS. 25 oktjabrja (7 nojabrja) 1917–avgust 1991 gg., Moskva: ROSSPEN 2008. 463 p. (Spravočno-informacionnye materialy k dokumental’nym i muzejnym fondam RGASPI. 4). Digitalisierungsprojekte der Vereinigung zur Förderung des Archivwesens: Politbüro der KPdSU und Internationale Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Das Projekt »Politbüro der KPdSU« der Vereinigung zur Förderung des Archivwesens (VFA) befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium. Bislang ist die Digitalisierung der Protokolle des Politbüros in allen Fassungen der Jahrgänge 1919 bis 1929 abgeschlossen worden. Bis Ende 2008 werden Protokolle von 1930 hinzukommen. Damit werden unter www.polit-buro.com die Protolle von rund 800 Sitzungen des Politbüros mit ca. 65 000 Seiten gescannter Dokumente für die wissenschaftliche Forschung verfügbar sein. Als Ergebnis des vom Verein betriebenen Digitalisierungsprojekts der Bestände der Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges (RGASPI-Fond 545) sind inzwischen 250 000 Seiten gescannter Dokumente unter www.interbrigades.com benutzbar. Dies entspricht ca. zwei Dritteln des gesamten Bestandes, wobei hierin auch zahlreiche Karten, Pläne, Plakate und Fotos eingeschlossen sind. Der Zugang zu den bisherigen elektronischen Teilergebnissen ist im Bundesarchiv Berlin möglich. Nikolaj Bucharin and Michail Boguslavskij – New Archival Fonds (Central Moscow Archive). The Personal Collections Department of the Central Moscow Archive (TsMAMLS) now hosts the files of Nikolaj Bucharin’s family. The materials have been given to the archive by relatives of Bucharin and his widow Anna Larina, as well as relatives of his brother, Vladimir Bucharin. Some materials have also been given by Valerij Pisigin, a prominent bukharinist in the late 1980s. Exact information about the content of the collection was not available yet. A Bucharin exhibition hosted by the archive in March 2008 showed manuscripts, photographs and drawings by Bucharin. To contact the archive, see the website at http://mosarchiv.mos.ru. Also amongst the new acquirements of the TsMAMLS is a collection of personal documents of Michail Boguslavskij, a Soviet party and trade union activist who took part in the Zinovievist opposition and was killed in 1937. The collection contains, amongst other items, documents on Boguslavskij’s activities in Voronezh (1918–1919), letters he wrote to his children (1926), several photographic documents from the 1920s and the album »Workers’ Moscow for the Third Congress of the Communist International« (1921). For more information, see http://mosarchiv.mos.ru/detail.aspx?tuid=85d1c2cc-7c2d-4ebd-847f-a691d6b1ff77&ruid=9923ec47-5afc-4ec8-adf9-4a454551ffac. »Archivbericht Russland 2003–2005« veröffentlicht. Die Zeitschrift Der Archivar veröffentlichte in der Ausgabe 2007 / 3 einen Bericht von Hermann Schreyer über die Situation der russischen Archive in den Jahren 2003 bis 2005. Anhand von vor allem russischen Archivfachzeitschriften wird hier die Situation der russischen Archive für den deutschen Leser dargelegt. U. a. wird die Reform des Archivwesens im Jahre 2004 beleuchtet. Auch werden die wichtigsten Dokumentenveröffentlichungen für den Zeitraum in den Zeitschriften Otečestvennye Archivy und Istoričeskij Archiv vorgestellt und Meldungen zu neuen Beständen und sonstigen Änderungen in den einzelnen russischen Archiven zusammengefasst. Aspekte der internationalen Kooperation mit russischen Archiven werden ebenfalls berücksichtigt. Herman Schreyer: Archivbericht Russland 2003–2005. In: Der Archivar 60 (2007), 3, S. 235–242. Online-Fassung: www.archive.nrw.de/archivar/hefte/2007/Archivar_2007-3.pdf Bundism.net – A Network Devoted to Research on the Jewish Labor Bund. The history of the General Jewish Labor Bund, once the international avantgarde of the Jewish workers’ movement, can be understood as an integral part of East European history and labor history, but also as the history of a transnational movement. The last major international meeting of researchers on the Bund took place in 1997 in Poland. The exchange of ideas initiated by the conference’s participants cannot be considered closed. There is currently no forum or space for intellectual exchange between researchers, and in many cases, scholars in the field remain isolated. Bundism.net (www.bundism.net), founded by three PhD-candidates from Germany and Australia, seeks to connect scholars throughout the world who are interested in exploring the history and ideas of the Jewish Labor Bund. It is committed to supporting a multiplicity of approaches and backgrounds. Ultimately, the editors wish to create a transnational community where people can share their resources, wisdom and insight in order to enliven and enrich research. In order to achieve these aims, bundism.net offers the following: • Information about ongoing projects • Direct contact to researchers worldwide • Information, including contact details, about relevant institutions (such as archives and libraries) • A mailing-list and discussion group • An extensive up-to-date bibliography • An extensive list of web links and online resources • A collection of information relevant to the field. Membership is free of charge and open for anyone interested in the subject. More information and application forms can be requested by e-mailing: blitspost@bundism.net. Projekt »Clio-online Findmittelkatalog« abgeschlossen. Der Clio-online-Findmittelkatalog (http://findmittel.clio-online.de) bietet Zugriff auf 1485 online verfügbare oder gedruckte Findbücher und Bestandsübersichten deutscher Staats-, Landes- und Regionalarchive sowie ausgewählter ausländischer Archive. Das Bundesarchiv, die Staatsbibliothek zu Berlin und das Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin haben dieses Teilprojekt nach einer jeweils einjährigen Konzeptions- und Aufbauphase abgeschlossen. Die Daten wurden sukzessive, nach epochalen und regionalen Kriterien geordnet, auf dem Clio-online-Portal zur Verfügung gestellt. Neben dem Verweis auf die Online-Version der Findmittel geben die Nachweise Auskunft über Provenienz und Umfang der im Findmittel verzeichneten Bestände wie auch vorhandene Bestandsbeschreibungen. Für gedruckte Findmittel kann eine weiterführende Suche in Bibliothekskatalogen im Rahmen der Clio-online-Metasuche durchgeführt werden. (Quelle: Clio-online Newsletter 2008.1, www.clio-online.de/site/lang__de/40208252/Default.aspx) Communist Party of Great Britain Online Bibliography Launched. With the support of the Barry Amiel and Norman Melburn trust, a bibliography of the Communist Party of Great Britain (CPGB) compiled by Dave Cope is now available online. Cope reports that the bibliography is »divided into material by and about the Communist Party of Great Britain. While such a bibliography could never be complete, I am confident I have unearthed at least 95 % of material published nationally by the CPGB, most local material and the vast majority of key books and many of the articles written about the CPGB. I have tried to see all the items listed – only very occasionally have I failed with Party publications. I have a further list of books and articles I am in the process of researching that will eventually be listed.« The bibliography can be browsed by index entry or searched by keyword, and can be accessed at www.amielandmelburn.org.uk/cpgb_biblio/searchfrset.htm. (Source: http://c20c.wordpress.com/2008/06/22/cpgb-online-bibliography/) Tamiment Library Communist Party of the United States Exhibition Online. The Tamiment Library (New York, NY), which acquired substantial parts of the Archive of the Communist Party of the USA in 2006, held an exhibition about the CPUSA, curated by Peter M. Filardo and Michael Nash, from March until July 2007. Photographical reproductions of the items on display, ranging from written documents over photographs to Communist merchandise articles, can be browsed online at www.flickr.com/photos/tamiment/collections/72157600984900765/. Fonds Thorez-Vermeersch, Archives communales d’Ivry-sur-Seine: Finding Aids Online. In 2002, descendants of the French communist leader Maurice Thorez and his wife Jeannette Vermeersch donated the couple’s library and gift collection to the communal archives of Ivry-sur-Seine (France). Since 2006, the finding aids for the fonds are accessible online at www.fonds-thorez.ivry94.fr. Besides the aforementioned items, the fonds contain film material. Bestandsverzeichnis des Trotzkismus-Archivs der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die 1980 von Hermann Weber an der Universität Mannheim begründete und 2004 an die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung (Bonn-Bad Godesberg) übergebene Spezialsammlung umfasst zahlreiche Zeitschriften und Druckerzeugnisse trotzkistischer Gruppen vor allem im Nachkriegsdeutschland, sowie einen umfangreichen Bestand an Literatur über Leo Trotzki und den Trotzkismus, inklusive antitrotzkis­tischer Polemiken. 2007 wurde ein ausführliches Bestandsverzeichnis der Sammlung herausgegeben. Anne Bärhausen / Gabriele Rose (Hg.): Das Trotzkismus-Archiv (Sammlung Hermann Weber) in der Biblio­thek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein Bestandsverzeichnis, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2007. 228 S. (Veröffentlichungen der Bibliothek der FES 19). Russisches Staatliches Militärarchiv, Moskau: Veröffentlichung über das Sonderarchiv. Das Sonderarchiv des Russischen Staatlichen Militärarchivs ist das Thema der 2. Ausgabe des Bulletins des Deutschen Historischen Instituts Moskau (DHI). Das von Bernd Bonwetsch, Corinna Kuhr-Korolev und Matthias Uhl herausgegebene Periodikum enthält außer einem Vorwort der Herausgeber einen grundsätzlichen Beitrag zur Geschichte des Sonderarchivs Moskau von Sebastian Panwitz, der auch für die Bestandsübersicht unter www.sonderarchiv.de verantwortlich zeichnet. Weitere zehn Forschungsberichte von Stipendiaten des DHI Moskau beleuchten Bestände und eigene Erfahrungen mit der Arbeit im Archiv, zumeist im Rahmen von Spezialthemen der deutschen Geschichte. Siehe Bulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau Nr. 2, 2008. 124 S. www.dhi-moskau.org Section III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress. Michel Christian, Université de Genève (Switzerland): » Party and Society in the German Democratic Republic and in Socialist Czechoslovakia. PhD Project.1 The aim of my research is to write a comparative social history of the ruling communist parties in the GDR and in Czechoslovakia between 1945 and 1989. Up to now the two parties have been mainly analyzed as power-exerting institutions that were meant to impose decisions and conducts from the top. Social history, which is alive and well in Germany and to a lesser extent in the Czech Republic and in Slovakia, focuses more on the interactive processes and attempts to analyze the practice of domination in its historical context to pinpoint the actors’ specific modus operandi. Such a perspective still has to be applied to communist parties. One has the feeling that »society« was studied first while the communist party was set on the side, as if it wasn’t part of society. The parties’ coming to power and their settling down as ruling institutions have been well documented. Their structures were described as centralized organizations that were represented at every level and in every social field. This is why the party was said to be »similar to the second skin on the social fabric«. My dissertation attempts to answer questions in the opposite direction. Instead of asking how the communist parties came to power, I explore how they maintained their hold on society in the long run, since the practice of government was never and could never be reduced to mere coercion. Rather than considering the party as an institution outside of society, I envision it as a part of society. Communist parties were organizations embodied in societies they contributed to shape, and those societies in turn shaped the parties. As a first step I research who the communist party members were in the GDR and in Czechoslovakia and how membership evolved. Members were less likely to be blue-collar workers over time while the proportion of white collar workers increased within the party. Gender and age should also be taken into account. Figuring who the members were is indicative of the party’s place in society. Parallel to that, the power relations inside the parties need to be described. More than simple mechanical relations, they are social practices that require a very local focus, inside regional, local and grassroots party organizations in firms, in the state institutions as well as in schools and universities. Nowhere but at that level can the practice of power and authority be adequately observed. Such practices are to be found in diverse social fields, like firms, schools, or the police for instance. They involve individuals that are not abstract party members but rather people with specific social capital, that cannot be reduced to simple political capital. The relation between cultural and political capital is therefore a crucial one. The comparative dimension of my research brings together a broader panel of situations. It is an opportunity to assess the relative role of national contexts and specific national histories in the place that communist parties take in both societies. I chose to compare the GDR and Czechoslovakia because of their similarities. Both are industrial societies that developed early social-democratic parties and experienced parliamentary democracy before 1945. Their history was nevertheless quite different insofar as the two communist parties came to power and remained in command in differ­ent ways. A comparative perspective broadens the scope of inquiry. It opens the way to questions on the experience of power for a communist party, and on the consequences this has on society as well as on the party as part of society. Frédéric Cyr, Université de Montréal (Canada): » Paul Levi and the Politics of the German Left 1918–1930. From Revolutionary to Defender of the Republic. PhD Project. As leader of the KPD, Paul Levi positioned himself against Moscow’s »putschism« in March 1921, with his famous brochure Unser Weg: Wider den Putschismus. Levi was subsequently expelled from the party in April 1921. He went on joining the SPD when it merged with the Independent Social Democratic Party at the end of 1922. In the SPD, Levi consolidated a left-wing fraction, which he led until his death in 1930. Above all, the image of Levi comes from his years as KPD leader. Historiography traditionally depicts him as »Luxemburg’s political heir«,2 whose political conceptions can be situated halfway between Spartacus communism and Western social democracy.3 Levi epitomizes the more democratic German approach to communism, in comparison to Moscow’s dictatorial avant-gardist method. Unfortunately, only few studies have examined Levi’s career in the SPD after 1922.4 My project wishes to retrace the evolution of Levi’s political ideas, paying particular attention to his conception of an ideal German socialist state. Specifically, I will examine Levi’s conception of political agencies such as the parliament and the councils, as well as his definition of socialist concepts. How did he envision the »revolution« and a »dictatorship of the proletariat« in the German context? For the period following his dismissal from the KPD, special emphasis will be put on assessing how the reduced potential for a revolution in Germany and the subsequent rise of a nationalist right might have influenced Levi’s idea of the socialist state. Like many other Weimar leftist thinkers, Levi progressively positioned himself in defence of the Republic, especially after Hitler’s failed coup in November 1923. Central to my research will be to understand how Levi went on adapting his political conceptions to suit his strengthened goal of protecting Weimar. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs Adrian Grant, University of Ulster, Magee College, Derry, Northern Ireland (U. K.): » Irish Socialist Republicanism, 1909–36. PhD Project. The Irish socialist republican movement of the early twentieth century was an attempt to harness the power of the workers and small farmers to fight for the establishment of a workers’ republic. Workers’ issues and the Irish national question have always been closely linked but the twentieth century saw a determined effort to build a movement that could achieve independence from Britain and build a socialist state. This movement included trade unionists, socialists, communists and republicans. The socialist republicans of the era have been studied in passing before by historians of republicanism who have generally treated the movement as an IRA splinter group that emerged in reaction to republican defeat in the Irish Civil War (1922–23). Other, more comprehensive studies have identified James Connolly as the greatest influence on the movement. By deconstructing the supposed theoretical incompatibility of Connolly’s ideological thinking, the »myth« of socialist republicanism is revealed. This relentlessly negative approach to the topic and reliance on evidence from left-republicanism ignores a large, and vitally important, part of the movement. This study aims to highlight the hugely important role played by trade unions in the creation of the socialist republican movement and the role of Irish and international communism in its development in the inter-war years. The formation of the Irish Transport and General Workers’ Union (ITGWU) by Jim Larkin in 1909 was the beginning of a mass socialist republican group. The union openly expressed its socialist republicanism from its formation and drove the movement in its early years. The Irish labour movement played an essential role in the Easter Rising of 1916 and during the War of Independence (1919–21). Therefore socialist republicanism was a force in Irish society long before the defeated repub­licans moved to the left in the 1920s and 1930s. The Irish Labour Party and the ITGWU accepted the Treaty settlement which created the Irish Free State in 1922. This left socialist republicanism in a much weakened state. It was at this point that leftist republicans (from the IRA), radical socialists, radical trade unionists and communists took over a much smaller socialist republican movement. This part of the project will focus on the role played by international communism in the manipulation of Irish radical political forces throughout the 1920s and 1930s. The Communist Party of Ireland (CPI) and other radical parties and groups were, at different times, affiliated to the Comintern and played crucial roles in the many socialist republican enterprises of the period. The Comintern’s decision to initially back Jim Larkin in the 1920s had a significant impact on the revolutionary potential of the movement as did its decision to then focus on anti-imperialism, which resulted in closer cooperation with the IRA. International Communism’s class against class and united front policies had played a significant role in shaping Irish radical politics. Other external influences also had a great effect on Irish socialist republicanism. The church and state inspired »red scare« of the 1930s led to a split in the IRA and the formation of a Republican Congress of socialist republicans. Again the Comintern played a significant role in this group. The Congress was recognised as a potentially strong group but when an organizational programme was debated at the end of 1934, the CPI and a number of ex-IRA members disagreed with their Congress colleagues which resulted in a split. This was just one of a number of incidents in which the Comintern directed CPI played a major role. The Irish socialist republican movement was all but finished by 1936 but again emerged in the 1960s. The main aim of the research is to show that the IRA was not the behemoth of Irish socialist repub­licanism. It began in the labour movement and was driven by the labour movement in its first ten to fifteen years. In the 1920s and 1930s, the role of trade unions, socialists and communists was crucial along with that of leftist republicans. This approach to the topic should demonstrate that the movement was not based on contradictory ideology or theoretical inconsistency, but on a practical politics rooted in trade unionism. It evolved in the 1920s and 1930s into a radical alternative voice which was much needed in the highly conservative Ireland of the time. Kostis Karpozilos, University of Crete, Rethymno (Greece): » Labor Unions, Radicalism and the Communist Left in the Greek-American Communities (1920–1950). PhD Project.5 The aim of my dissertation is the presentation of the activities of the Greek-American left focusing mainly on the 1930s, when they reached their peak due to a series of factors such as the new line of the Communist International, the New Deal, the Spanish Civil War and the emergence of the dictatorship of Metaxas in Greece. More particularly, I intend to demonstrate that the communist left arose as a considerable force within the Greek-American communities proposing a distinct cultural and political program that combined class-consciousness with the process of Americanization. This research sheds light onto a neglected aspect of the history of the Greek presence in the United States since it reveals considerable transformations and changes of allegiances within the communities. Even though the communist left was in no way the hegemonic force among Greek-Americans, a series of sources indicate that it enjoyed considerable support. My research is based mainly on primary sources of the Greek-American left, the newspapers Organosis (Organization), Fone tou Ergatou (Voice of the Worker), Empros (Forward) and Ellinoamerikaniko Vema (Greek-American Tribune), the journal Protoporos (Pioneer), the publications (books and pamphlets) of various parties and organizations in Greek and the archival collection of the Communist Party of the United States. Moreover, I have worked on files of the Greek embassy and consulates in the United States, which are now held in the archives of the Greek Foreign Ministry, while scattered documents of interest have been located in various other institutions in Greece. Finally, during a previous visit to the United States I had the chance to work on collections deposited in the Tamiment Library & Robert F. Wagner Labor Archives, such as the Poulos Collection. Persistent evidence shows the existence of Greek-American radical organizations, from the publication of the Greek newspaper Organosis in 1916, until the closure of the Greek-American Tribune in the years of McCarthyism. A Greek section of the communist party existed from the first days of the latter, while at various points small groups of Greek-Americans were active in other radical organizations. This evidence is useful to an extent in the documentation of the Greek-American history, while it is of interest to the interrelation between the American left and immigrant communities. Moreover, though, there is a more interesting aspect in this. The history of Greek-American radicalism depicts the interaction of immigration and class, the inner transformations of the communities and their association with the general developments and ideological trends of the American society. This has to do with the overall transformation of the Greek presence in the United States, the gradual involvement of the communities in the political and economical life of the country and the emergence of a ›progressive bloc‹ during the New Deal years. In this context, my research does not focus exclusively on the activities of the Greek-American left, but it tries to show that Greek-American communities witnessed a notable transition during the two interwar decades. In this context, I lay emphasis on the emergence of unionism in the Food, Fur and Automobile Industries, especially during the organizational drives of the CIO, in order to shed light on the working conditions that Greek-Americans experienced, which led to their active involvement in the labor movement of the 1930s. This experience went hand in hand with the widespread support for the New Deal in Greek-American communities, a milestone in their history, since it initiated their active involvement in American politics. In this context, the decade after the economic crash of 1929 holds a pivotal position in the history of Greek-American communities. During this decade, the conception of a Greek-American popular front was foreshadowed by a series of factors such as the new line of the Communist International, the New Deal, the Spanish Civil War and the emergence of the dictatorship of Metaxas. In this regard, the communist left initiated an approach with sectors of the old Venizelist camp, a process which in the end of 1938 resulted in the formation of the Greek-American Democratic Committee. Demetrius Christoforides, a journalist and editor of the republican Ethnikos Kirix, was appointed head of the Empros, which was hence transformed as the official organ of the new organization and enjoyed considerable circulation. The rise of the Greek-American left, which enjoyed considerable support during the Second World War, was halted by the Greek civil war and the atmosphere of the Cold War years, during which a small number of activists were deported due to their political affiliation. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Heikki Larmola, Helsinki (Finland): » The Czechoslovak Crisis of 1968 and the Soviet Laboratory of Finland: The Beginning Decline of the Communist Movement. Research Project. The reform policy of the renewed Communist leadership in Czechoslovakia since the beginning of 1968 proved to be an ideological challenge for the existing Soviet-type systems. It simultaneously seemed to free uncontrolled political streams so far stagnated by the rigid totalitarian politocratic rule as did Princess Pandora in classical Greek mythology once she opened her box. However, the Dubcek team seemed only to follow the original traditions of the Communist Party of Czechoslovakia (KSC) of the early 1920’s under the leadership of Bohumír Šmeral, who leant more on the popular support in parliamentary elections than on the theory of tight elitist avant garde party. Only a small group within the KSC seemed to oppose the reforms and began to link itself to the Kremlin leadership, who was already worried on the new Czechoslovak course. Similarly the Finnish Communist Party (SKP) had begun to free itself from its authoritarian Stalinist past once it had renewed its leadership in the Party Congress of 1966 in order to democratisize its organisation. However, the supporters of the old phalanx did not accept its defeat at the Party Congress and began to organize themselves within the existing party. But before the Warsaw Pact intervention into Czechoslovakia in August 20–21, 1968 the definite split between two separated wings within the SKP had not yet been crystallized definitely. Czechoslovakia was an essential part of the Warsaw Pact geostrategic military front towards Western Europe, especially towards West Germany that was a red rag for the Kremlin leadership at that time. Thus the Soviets insisted on their unquestioned rule over Czechoslovakia without mention of a specific Czechoslovak system of socialism perhaps even outside the Warsaw Pact Organization. Finland in turn belonged to the Soviet political and economic sphere as an odd exceptional case. It was a country with a western parliamentary democratic system and market economy. Despite of limits that the Finno-Soviet Treaty on Friendship, Co-operation, and Mutual Assistance (the YYA Treaty) of 1948 imposed on the existence of Finland, this north-west neighbour of the USSR had begun to insist on its neutrality in the great power conflicts since the late 1950’s and began its gradual economic integration into Western Europe via co-operation with the other Nordic countries. Thus, the USSR began to doubt that Finland might not fulfill its duties according to the YYA treaty in the international conflicts that might spread to Northern Europe too. Once Finland had got a popular front government in 1966 including Communist ministers for the first time after 1948, the Soviets began to nourish expectations on the peaceful transition of Finland from capitalism into Soviet-type socialism as an example to some other Western European countries with strong Communist parties. Thus, the Warsaw Pact intervention into Czechoslovakia had far reaching consequences on Finland too. First, it immmediately crystallized the split of the SKP as the majority condemned the occupation, while the minority followed the Soviet instructions. Second, it made the Soviets question Finnish neutrality, when the Kremlin began to tighten its hand on its European sphere in front of the American threat in the West and the Chinese threat in the East. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Peter Ruggenthaler, Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz (Austria): » Der »Prager Frühling« 1968. Internationales Forschungsprojekt. Zum 40. Jahrestag des Einmarsches von Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei luden das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz-Wien-Klagenfurt (BIK), das Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin, die Diplomatische Akademie Wien und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu einer internationalen Konferenz nach Wien und Graz. Über 60 Referenten aus 20 Ländern folgten der Einladung zur dreitägigen Konferenz, die den Abschluss des vom Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, initiierten zweijährigen, vom österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung geförderten, internationalen Forschungsprojektes bildete, an dem über 80 Historiker von mehr als 30 Forschungsinstitutionen aus Europa, Russland und den USA mitwirkten. Als Resultat des Projektes wurde im Frühsommer 2008 das zweibändige Werk (2900 Seiten) »Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968 vorgestellt. Trägerinstitutionen des Projektes waren, neben dem BIK, das Staatsarchiv für Zeitgeschichte der Russischen Föderation (RGANI, ehemals Archiv des ZK der KPdSU), die Russische Akademie der Wissenschaften, das Center Austria der University New Orleans, das Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und das Institut für Zeitgeschichte, München–Berlin. Als Projektendergebnis liegen nunmehr ein Beitragsband mit insgesamt 60 wissenschaftlichen Beiträgen und zehn »Zeitzeugen«-Berichten mit einem Umfang von 1296 Seiten, sowie ein 1591 Seiten starker Dokumentenband (deutsch / englisch / russisch) vor. Eine englische Ausgabe des Beitragsbandes erscheint in verkürzter Form Anfang 2009. Stefan Karner / Natalja Tomilina / Alexander Tschubarjan / Günter Bischof / Viktor Iščenko / Michail Prozumenš-čikov / Peter Ruggenthaler / Oldřich Tůma / Manfred Wilke (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bände, Köln–Weimar–Wien 2008. 2900 S., zusammen 84,90 €. (www.bik.ac.at) Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Raquel Varela, Instituto Superior de Ciências do Trabalho e da Empresa, Lisbon (Portugal): » The Role of the Portuguese Communist Party in the Portuguese Revolution of 25 April 1974 to 25 November 1975. PhD Project. The Portuguese Communist Party (PCP) had a central role during the Portuguese revolution of 25 April 1974 to 25 November 1975. Portuguese historiography of the last 30 years has debated whether the PCP was ready to seize power by revolutionary means in order to put Portugal in the orbit of the former USSR – a thesis adopted by most of the authors that have reflected on this subject – or, on the other hand, it was essential to guarantee a transition to a Western-type democracy. Until now, and excluding a few fragmentary works and an abundant collection of memoirs and essays, no exhaustive investigation has been undertaken to clarify this debate. What we intend to do in this work is to understand the role of the PCP in popular movements (unions, factory occupations, workers’ committees, house occupations, agrarian reform), in the provisional governments, the armed forces and the decolonisation process. We shall also try to understand what kind of relation the PCP had with the main political forces of the contemporary Portuguese society. Several questions can be asked and some of the answers can be found by means of a critical review of Avante! (the official newspaper) the central committee (CC) minutes, the speeches and the interviews of the main leader, Álvaro Cunhal, or other members of the CC, and also the congress documents. What kind of policies were these? Did there exist (or not) some differences between the PCP’s official politics and the orientations that were carried to the more important political institutions where the party was present, like the provisional governments, the armed forces, the Intersindical (Trade Union Federation)? Which were the social movements favoured by the PCP? Which popular movements did the party call its militants and sympathizers to support and which are those that were omitted or criticized? And finally: What kind of regime did the PCP fight for? Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Peter Waterman, The Hague (The Netherlands): » From International Communism to the Global Justice and Solidarity Movement. Memoirs of a Long-Distance Internationalist. Autobiographical Project. This is a brief account of an ongoing autobiographical project. It is a story of unknown or forgotten times and places in the history of left internationalism. At its core is my coming-of-age experience as one of a group of Communists who worked for the International Union of Students in Prague a half-century or more ago. Because I was so young, and because this was my first such experience, it has actually remained more clearly in my memory than my second experience in Prague, 10 years later. The mid- to late-1950s was the time of the Suez War, the Polish and Hungarian uprisings and the 20th Congress of the Soviet Communist Party, all of which impacted on me, if not noticeably on the International Union of Students or the magazine I was working on, World Student News. In the later-1960s, I was a labour educator for the already-moribund World Federation of Trade Unions, working, in particular, on Africa. And then – as if still fighting World War Two – the Soviet Union invaded Prague … One year later I left the Communist world. And one year after that I left the world of Communism. The book begins with my childhood and youth in the Britain of the 1940s–50s. And it continues with my later life, as Communism went through successive crises and splits and then imploded, leaving not only disenchantment but fragmented or repressed memories behind. The major effect on me, perhaps, is that I abandoned politics for academia. The story continues with my transition from the old internationalism to the new. And ends with my engagement (in more senses than one, given that my longtime Peruvian feminist womanfriend is on its International Committee) with my adventures in and around the World Social Forum, the ›global justice and solidarity movement‹ (my name for this many-splendoured thing), and international labour activity in relation to both. Informed, rather than restricted by, academic methodology (it is extensively footnoted and referenced), the style remains biographical and therefore accessible to a wider readership. It is extensively illustrated, not least with my own photos. The drafts so far amount to perhaps 100 000 words. The total might come to 125–150 000 words. Part of the chapter on Prague 1968 has been published online, www.tni.org/archives/waterman/prague1968.pdf. Other chapter drafts are also online. I can provide access to these, to a longer outline and other unpublished chapters. If a print publisher responds positively to this information, I could wrap up the work within six months. But I am exploring and experimenting with forms of online publication (e-book and book-on-demand). These require new authorial skills but seem to me quite appropriate to the subject and to our – actually still mostly their – globalised and informatised capitalism. p.waterman@inter.nl.net Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Marc Zivojinovic, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt (Germany): » Der jugoslawische Titokult 1941–1991. Dissertationsprojekt. Die politische Kultur des zweiten, sozialistischen Jugoslawien wurde nicht unwesentlich durch den Personenkult um den Staats- und Parteichef Josip Broz Tito geprägt, in dem sich die charismatische Verfasstheit seiner Herrschaft spiegelte. Ausgehend von einer Konzeptionalisierung des Charismabegriffs von Max Weber soll mit dem Promotionsvorhaben der Frage nach Ursachen, Wirkungsmechanismen und Darstellungsformen des jugoslawischen Titokultes nachgegangen werden. Dabei werden jene Motive und Mythen untersucht, auf die er sich bezog, wie etwa der zum Gründungsmythos ausgebaute antifaschistische Partisanenkampf aller jugoslawischen Völker, die zur Staatsdoktrin erhobene »Brüderlichkeit und Einheit« und ebenso das Narrativ der Verteidigung der jugoslawischen Unabhängigkeit gegenüber der stalinistischen Sowjetunion. Durch eine quellenbasierte Analyse der Organisationsstrukturen des Personenkultes in Staat, Partei und Massenorganisationen kann auf die Trägerschichten des Kultes verwiesen werden, die diesem erst die notwendige soziale Resonanz verschafften. Diesbezüglich wird zu zeigen sein, wie der Personenkult auf unterschiedlichen kommunikativen und symbolischen Vermittlungsebenen transportiert wurde und im Rahmen des Dreiklangs von Person, Politik und Propaganda zu einer ubiquitären Verbreitung führte. Dass die propagandistische Vermittlung des Personenkults eine gewisse Eigendynamik aufwies und sich immer wieder den veränderten Umständen anzupassen versuchte, wird bei der Betrachtung seiner Entwicklungsphasen deutlich, die in den Rahmen der innen- und außenpolitischen Veränderungen eingeordnet werden können. In diesem Zusammenhang wird auf die prozesshafte »Charismatisierung« Titos in der Frühphase des Kultes verwiesen, wie auch auf den sich anschließenden Prozess der »Veralltäglichung« der charismatischen Herrschaftsform. Nach dem Tode Titos im Mai 1980 wurde unter dem Schlagwort »Auch nach Tito: Tito« am Personenkult festgehalten, doch konnte seine Fortführung die sich beschleunigende Erosion der wesentlichen Legitimationsgrundlagen des jugoslawischen Systems nicht aufhalten. Dieser Erosionsprozess wird am Beispiel Serbiens nachzuzeichnen sein. Somit können in der Studie die verschiedenen Elemente des titoistischen Personenkultes zu einer Charakteristik dieses spezifischen Herrschaftsinstrumentes zusammengefasst werden. Die abschließende Frage, ob und wie der Titokult nachwirkt, verweist schließlich auf den heutigen Umgang mit der historischen Person Josip Broz Tito in den jugoslawischen Nachfolgestaaten, die zwischen Ablehnung und nostalgischer Verklärung oszilliert. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ » »Geschichte des Kommunismus« – ein Forschungsprojekt am Freiburg Institute for Advanced Studies (Gerd Koenen). Dieses Projekt ist ein Versuch, die Geschichte des Kommunismus derjenigen des 20. Jahrhunderts als eines »Jahrhunderts der Extreme« einzugliedern – das in dieser Darstellung allerdings eine deutlich andere Physiognomie als in der Eric Hobsbawms annimmt. Der Akzent einer so angelegten Geschichte des Kommunismus liegt auf den Parteien und politischen Bewegungen in ihrem jeweiligen Kontext, genauer gesagt, auf dem Versuch einer Entschlüsselung ihrer historischen raison d’être, ihrer erstaunlichen Binde- und Werbekraft und ihrer Fähigkeit zur Akkumulation von Gegenmacht bzw. staatlicher Macht. Zugleich geht es um eine Geschichte der von kommunistischen Parteien geführten Revolutionen und Staatsgründungen sowie um eine vergleichende Beschreibung der von ihnen durch bewusste, meist gewaltsame Eingriffe produzierten sozialökonomischen Formationen, die sich zeitweise und teilweise zu einem »sozialistischen Weltlager« zusammenschlossen. Natürlich ist die Geschichte des Kommunismus wesentlich auch eine Geschichte von Ideen und Ideologien, Theorien und doktrinären Systemen. Allerdings sind der hochideologisierte Charakter dieser Parteien, Bewegungen, Staaten und Gesellschaften und ihr Anspruch auf eine wissenschaftlich-theoretische Durchdringung und Gestaltung der Welt nicht schon die Erklärung, sondern selbst etwas zu Erklärendes. So bedürfen die Metamorphosen des »Marxismus-Leninismus« in seinen nationalen und dogmatischen Ausprägungen sicherlich einer näheren Betrachtung. […] Insgesamt richtet sich der Blick dieser Arbeit in erster Linie auf konkrete, lebendige Aufgebote und Dispositive mit ihren jeweiligen Interessen, Motivationen, Ambitionen, Affekten, mentalen Prägungen, bewussten oder unbewussten Handlungszwängen, Legitimationsbedürfnissen usw. Erst in diesem Zusammenhang lassen sich auch die great books und Katechismen, die Theoriekanons, Ideologeme und Doktrinen der konkurrierenden Kommunismen mit Verstand wieder lesen und »historisieren«. Während seiner Zeit als Fellow am FRIAS organisierte Gerd Koenen am 30. / 31. Januar 2009 eine Arbeitskonferenz unter dem Titel »Geheimnis und Gewalt. Zur Ambivalenz der stalinistischen Moderne«. www.frias.uni-freiburg.de/history/fellows/fellows-gerd-koenen Section IV. Materials and Studies. IV.1 Biographical Materials and Studies. Peter Huber, Universität Basel (Switzerland): » Die Schweizer Spanien-Freiwilligen. Ein soziobiografischer Querschnitt. The following article is based on two important documentary sources: the archives of the Swiss Military Tribunal in Berne, which tried volunteers on their return to Switzerland after the civil war, and the ar­chives of the International Brigades which were moved from Albacete to Moscow in 1939. The article analyses the social, political and economic realities that motivated the approx. 800 Swiss to volunteer. It reveals their political leanings, the background of unemployment and the volunteers’ ideological attraction to the fight for a »New Spain«. The article challenges popular stereotypes and inves­tigates the broader factors that drew volunteers. Unfortunately there is no authoritative comparative study of the social profiles of the international volunteers yet. There is no general view of »who« the volunteers were. The author is publishing a biographical dictionary of the Swiss volunteers and plans to undertake a prosopographical analysis using information gathered about volunteers from other European countries.6 Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Martin Krämer Liehn, Warsaw (Poland): » Revolutionising Letter-Writing, 1917–1956. Nin, Gramsci, Serge, Sneevliet, Michalec, Rosmer, Katz. Our epistemological study retraces the first generation of Comintern  activists –  women and men – through their written personal correspondence as they resituate class-based left activism in social movements during the 1920s and 1930s. Friendship and the dialectics  of collective understanding – as conceptionalised by their contemporary Ludwig Fleck – could indeed evolve a quality of  interaction and advocacy for working-class interests outstripping the parallel and increasingly contrary efforts mounted in the meantime by hierarchical and institutionalised work-groups. In few  cases of progressive social history, though, has the contrast in outcome been so fatal as between the Spanish, Italian, Dutch,  French, Czech, German and Russian founders of the 3rd International under scrutiny in this study and the actual institutional outcome of their very own initiative over the following quarter of a century as the Communist International, to be abolished by 1943. On the basis of several hundred previously unknown personal letters by internationalist activists regrouping in left oppositional circles from 1924 onwards, we can now qualify and to a certain extend quantify their networking achievement against class society in the defensive (West) and under reconstruction (East). The collection under scrutiny includes some of the last pages to be written by André Nin (letter to Henk Sneevliet, Barcelona, 8th June 1937) as well as other collectively and individually compiled messages of striking analytical brilliance and visionary intensity. The previously unpublished materials have been retrieved globally from a variety of archives and collections, many of them only recently accessible to scientific research. A contextualising reading allows to put forward new arguments for a reconceptionalisation of per­sonal advocacy in class struggle as epitomised by the following five main working theses of the study: 1. Social Revolution in the 20th century may have to be reconceived beyond national histories as major concepts effective in their developments have characteristically been evolved across borders and in transgressional learning processes. 2. Collective cognitive developments among non-conformist working-class revolutionaries may have to receive greater attention as non-hierarchical networks cannot be explained by simply inversing the personal cult characteristic to the other side of the barricade (Nin 1937). 3. Our notion of networks may need to be specified qualitatively, as networking among agents of real social change in the 20th century crucially involved a constant exchange and controversy on comprehensive social analyses. Recent, more superficial notions of networking might prove rather contrary to the interaction documented by the epistemological survey. 4. Present apologies of open space and civil society might need reviewing as such notions tend to explicitly exclude agency in class struggle from below. The medium of personal correspondence – too long ascribed to bourgeois class interest exclusively – crucially links communication to agency and biased social involvement. 5. Shifting attention from biographical to prosopographical approaches, we might be able to avoid some analytical traps canonised in past historical writing. Far from being a martyr caught in a dead-end, Nin now appears as part of an informal but none the less effective internationalist network, continuing his cause in a multitude of approaches. So – according to latest disclosures in Prague archives – in 1950, the Czech resource person of the network under scrutiny, Karel Fischer (alias Michalec), is active in a crucial position within the Czechoslovak film industry. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Sandra Pujals, University of Puerto Rico, Río Piedras / Katya Vladimirov, Kennesaw State University, Kennesaw, Georgia (USA): » Lenin’s Muchachos. A Database of Comintern and Front Organizations’ Personnel in Latin America, 1919–1943. The present article is a preliminary report based upon the statistical analysis of a database on the personnel for the Comintern and other front organizations in Latin America between 1919 and 1943.7 The database is part of an ongoing research project, under the title »Su Casa Es Mi Casa: The Caribbean Bureau of the Comintern and the Charting of a Soviet Caribbean, 1930–1936«, carried out by Dr. Sandra Pujals of the Department of History at the University of Puerto Rico in Río Piedras, with the collaboration of Dr. Katya Vladimirov of the Department of History and Philosophy at Kennesaw University, Kennesaw, Georgia. This project has been financed in part by a two-year grant from the Institutional Research Fund (or its Spanish acronym FIPI) of the College of Graduate Studies and Research (DEGI) of the University of Puerto Rico. In 2006, Sandra Pujals was also a recepient of a short-term grant from the Kennan Institute of the Woodrow Wilson Center in Washington D. C. for a preliminary investigation of sources at the Library of Congress, which holds a digitized archival fund of approximately twenty million pages from the Comintern archive in Moscow.8 Her first article on the Caribbean Bureau of the Comintern was published in 2007.9Katya Vladimirov has developed several electronic filing systems for the purpose of historical analysis of statistical information. She is currently working on a database for the members of the Communist Party of the Soviet Union up until its liquidation in 1991. Although the research project focuses on Comintern activity within the Caribbean region, the database will include information on Comintern personnel in Latin America, both natives and foreigners. The personal details for the individuals included in the database are supplied by Lazar Jeifets’, Victor Jeifets’, and Peter Huber’s biographical dictionary.10 In terms of the specific goals of the database, several questions particularly informed the assessment, namely, the relationship between center and periphery, participation of Latin American communists in the Comintern, and the issue of a generational divide. While new research based on Comintern archival material points to a degree of autonomy under certain circumstances, a general panorama supported by statistical evidence has not been available until now.11 Thus, the inquiry on the center / periphery issue examines the possible interrelationship between the two poles, evaluating whether or not the Comintern’s power structure was strictly pyramidal in authority and leadership. The comparative analysis of membership in terms of the relationship between local and foreign communists also contributes a new angle to the center / periphery debate. Lastly, the database also provides a historical space for a demographic element hardly considered in the discussion: communist women. The statistical evidence on this issue serves as a framework for the examination of the role of women in international communism, opening the way for the definition of gender guidelines as a new research option in the study of the Comintern. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ IV.2 Regional Materials and Studies. Hernán Camarero, Universidad de Buenos Aires (Argentina): » Algunas reflexiones sobre la inserción del comunismo en el movimiento obrero de la Argentina durante el período de entreguerras. El Partido Comunista (PC) ocupó un capítulo destacado en la historia del movimiento obrero de la Argentina durante el período de entreguerras, en especial, desde mediados de la década de 1920 hasta 1943, cuando se produjo el advenimiento del peronismo y se verificó el declive de la presencia comunista. Con la implantación molecular de sus células de fábrica y sus agrupaciones gremiales, el PC se convirtió en un impulsor principal de la movilización de los trabajadores. Durante esos años, logró agrupar a miles de militantes, montó una densa red de agitación y propaganda, lideró varios conflictos y organizaciones sindicales, en especial, dentro del proletariado industrial y animó diversas experiencias socioculturales. Desde hace unos años venimos desplegando una investigación acerca de este tema.12 Entre otras cuestiones, allí analizamos las características que asumió la militancia comunista en cuatro ámbitos específicos del movimiento obrero: el sitio de trabajo, el espacio de la lucha y la organización sindical, la sociabilidad cultural y el asociacionismo inmigrante. En este artículo presentamos algunas conclusiones generales sobre este estudio, en una suerte de ejercicio de síntesis de nuestras investigaciones. Estas reflexiones se articulan a partir de una serie de preguntas claves: ¿Cuándo, cómo y por qué el PC logró penetrar y echar raíces de manera orgánica en la clase obrera argentina hasta 1943? ¿Merced a qué condiciones y circunstancias fue posible tanto este proceso de inserción comunista entre los trabajadores como el posterior fenómeno de declive de esta presencia hacia mediados de los años cuarenta? ¿Cuál fue el legado y el aporte específico de los comunistas a la historia del movimiento obrero argentino de aquella etapa histórica? Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Mariana Hausleitner, Ludwig-Maximilians-Universität München (Germany): » Wahrnehmung und Folgen der ungarischen Revolution von 1956 in Rumänien. Im vorliegenden Beitrag werden die Gründe analysiert, warum es in Rumänien nach Stalins Tod kein »Tauwetter« gegeben hat. Als im Mai 1956 innerhalb der Rumänischen Arbeiterpartei zaghaft Kritik geäußert wurde, gab es sofort Ausschlussverfahren. Angeregt durch die dynamischen Veränderungen in Ungarn organisierten am 30. Oktober 1956 Studenten des Polytechnikums in Temeswar eine Versammlung, auf der radikale Forderungen gestellt wurden. Nach den ersten Verhaftungen demonstrierten etwa 1000 Studenten. Danach erfolgten Massenverhaftungen sowie ein Prozess, in dem einige Studenten zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. In Bukarest wurden Anfang November weitere geplante Versammlungen durch Militäraufgebot verhindert. In Klausenburg gelang es der Rektorin der Universität durch die Unterstellung, dass die Ungarn die Rückeroberung Siebenbürgens anstrebten, die rumänischen Studenten zu verunsichern. Professoren aus der ungarischen Minderheit wurden für die Unruhe unter den Studenten verantwortlich gemacht. Viele Oberschüler, Studenten, Künstler und Schriftsteller wurden durch Folter zu belastenden Geständnissen gezwungen. Unter den rumänischen Arbeitern blieb es ruhig. Am 23. November war die Lage in Rumänien so stabil, dass Imre Nagy und andere Regierungsmitglieder aus Ungarn dort interniert werden konnten. Die Umdeutung der Unruhen von 1956 in Siebenbürgen zu einem revisionistischen Anschlag wurde auch in den Prozessen 1957 und 1958 vorgebracht, einige endeten mit Todesstrafen. Die rumänische Parteiführung nutzte die Gelegenheit, um zahlreiche Zugeständnisse an die ungarische Minderheit abzubauen. Im Zuge dieser Politik wurde die ungarische Universität in Klausenburg im Juli 1959 mit der rumänischen Universität zwangsvereinigt. Die damalige Verschmelzung wurde nach 1990 seitens der ungarischen Minderheit kritisiert. Die Aufarbeitung der Ereignisse von 1956 hat in Rumänien erst kürzlich begonnen, da der Zugang zu den Unterlagen des Sicherheitsdienstes verschlossen war. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Bruno Kamiński, University of Łódź (Poland): » The Trial of Laszlo Rajk as a Prelude to the Propaganda Onslaught on Tito on the Basis of Trybuna Ludów and Local Press Accounts. The political trials in the Soviet bloc’s states were a perfect opportunity to propagandistic manipulation aimed at establishing a desired image of reality in the citizens’ consciousness. The trial of the Hungarian Republic’s former Minister of Foreign Affairs, Laszlo Rajk, which was conducted in September 1949, may be seen as a classic example for the use of one political actor in order to direct the burden of accusations against another political figure from outside the inner circle. In practice, the trial of Rajk and his »accomplices« indicated the beginning of propaganda onslaught on the alleged instigator of a plot of the whole group – the leader of Yugoslavia, Josip Broz Tito. This trial was organized in accordance with the most elaborated Soviet patterns. Bringing Yugoslavia into discredit was a necessary second step after excluding it from the Kominform due to its ideological and political shifts away from Moscow’s Marxist-Leninist line since 1947. The important element of the trial was its proper highlighting in mass media. For this reason the Hungarian authorities invited many journalists from socialist states and Western countries to report from the process. They were supposed to be observers of the professional competence of the socialist judiciary. In reality, the journalists gathered in a courtroom were fed lies, which were professionally integrated into the bill of indictment of Rajk and which referred to the »crimes« of Tito. The biased accounts in the socialist press were a continuation of the manipulations taking place in the courtroom. Seemingly they provided a honest and detailed picture of the situation, in fact they were supposed to smuggle an upside-down image of reality. The articles concerning Rajk’s trial, which were published in Trybuna Ludów, the official press organ of the PZPR (Polish United Workers’ Party) constitute the perfect example of this tendency. In the accounts, the messages embedded in the text were highlighted by special positioning and gaudy typography, what was meant to attract the attention of the reader. The manipulative and propagandist nature of the journalists’ reports of the process is beyond doubt. The article offers a semantic-pragmatic analysis of the material from Trybuna Ludów, assesses the range of the press distortions, the extent to which the press complied with Moscow’s directives. It deals with one of the most important and still puzzling splits within the Communist bloc at the verge of its existence. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Dainis Karepovs, Instituto de Filosofia e Ciências Humanas da Universidade Estadual de Campinas, São Paulo (Brazil): » A Juventude Comunista do Brasil na era da Internacional Comunista. The Communist Youth organization has been commonly considered as an accessory tool of the Communist Party, a recruiting platform or a cadre school. If on one side, this is not completely incorrect, on the other hand, the article considers it as necessary to analyse some of the specificities of this movement, allowing a better comprehension of the activities and the importance of the communist movement in Brazil. With the exception of the memories of Leôncio Basbaum and Ivan Pedro de Martins the Juventude comunista has only been subject to some episodic and local studies and memories. Actually, the opening of the archives of the different State police organizations and the documentation in the Archives of the Communist International in Moscow permit closer looks. The article at first gives a retrospective of the history of the Socialist Youth International and its radicalization from an apprentice school of the socialist parties to the opposition against the war in 1915–1918 and its subsequent convergence with the objectives of the Communist International. This was heritage taken up for the constitution of an organizational nucleus of the Brazilian Communist Youth during the 1920’s. One of the key findings is the importance of the workers’ movement in giving an organizational form to the requirements and interests of the youth as a segment of the Brazilian society. The reconstruction of the history of the Communist Youth reveals a combination of a lack of experience, brusque alterations in the fundamental orientation of the Communist International, the changing political conjuncture of Brazilian politics and above all the debility of the workers organizations as well as those of the small agriculture. The Brazilian young Communists, in the 1920s and 30s, raised a series of questions to which they themselves just as the Brazilian society as a whole could not give an answer at that time. When the Communist youth organization was created five years after the foundation of the Communist Party of Brazil in 1922, inheriting a strong anarchist tradition, in Latin America, with the exception of Argentina, the tradition of a a political left youth movement was lacking. The Federação da Juventude Comunista do Brasil (FJCB) was for 90 % composed of young workers, with Basbaum (Ps. Pereira) it had a first delegate as the Brazilian Section of the Communist Youth International. The organization was very small and had its centre in Rio de Janeiro. In his report in Moscow Basbaum describes the young Brazilian workers as not interested in politics and more in football, but if woken up they would turn into Communists. The first congress of the FJCB took place in January 1929, at a crucial point of sectarian radicalization of antiimperialist and antimilitary politics directly inherited from the party line under the sign of »Red Unions« and »armed uprisings«. After the Seventh Comintern Congress in 1935 the youth politics under Valduvino Barbosa Lourenço as General Secretary was orientated in a new »popular front« perspective, aiming the edification of a so-called »Proletarian, Student and Popular Youth« (Juventude Proletária, Estudantil e Popular). This contributed to a major role of the students and the sports organizations within the Communist Youth Federation which counted not more than 1000 members, most of them young textile workers and members of sports associations and Labour Unions, with the largest nuclei in Rio de Janeiro and Sao Paulo. Just as for the Communist Party, the implantation among small peasants was efemere. Nevertheless these new types of activities including sports and recreation clubs, cultural associations, schools and others within the framework of the newly founded »Aliança Libertadora Nacional« could not be established in consequence of its illegalization in the aftermath of the failed military uprisings in the Natal Province, Recife and Rio de Janeiro. Moreover, in 1937 the FCJB was dissolved because of its »sectarismo« and transformed into a Youth Bureau within the party structure. The reconstruction occured one year later but had no impact after the instauration of the »Estado Novo« under Getúlio Vargas’ dictatorship. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Viktor L. Kheifets / Lazar Kheifets, St. Petersburg State University (Russia): » Die Komintern und Argentinien in den Jahren 1919–1922: die Kommunistische Partei Argentiniens gegen die »argentinischen Lenins« / La Comintern y Argentina en los años 1919–1922: El Partido Comunista de Argentina en contra los »Lenins Argentinos«. La izquierda radical argentina apoyó a la Comintern (y sus antecesores) en el año 1918, y el Partido Socialista Internacional de Argentina (PSIA) intentó desempeñar el papel de la »Internacional continental«. Sin embargo, los socialistas de izquierda tenían que competir con los representantes de los inmigrados rusos en el país que habían logrado establecer vínculos directos con Moscú. Los rusos Mijail Mashevich y Mijail Alexandrovsky regresaron a Buenos Aires como delegados de la Comintern. En aquel momento entonces la dirección de la III Internacional estaba apostando en crear en Argentina un nuevo partido comunista sobre la base de los socialistas internacionales y los sindicatos revolucionarios. Este punto de vista nunca fue apoyado por el alemán Felix Weil (»Beaus Lucio«) – otro representante de la Comintern en el país – quien estaba muy en contra de la sobrevaloración del exilio ruso en Argentina. Este conflicto estaba enraizado en la historia del socialismo argentino siempre vinculado con los grupos italianos y alemanes. Mientras tanto, nadie de los rusos formaba parte de la dirección del partido. El PSIA (desde 1920 se llamaba el PC de Argentina) consideraba las actividades de Mashevich y Alexandrovsky como un intento de establecer un control externo por parte de quienes no tenían este derecho desde el punto de vista de su influencia dentro del PCA. En agosto de 1921 el PCA fue finalmente admitido en el seno de la III Internacional y recibió una encomienda de crear un Comité de Propaganda para Sudamerica (con el objeto de desarrollar el comunismo continental). El conflicto entre los comunistas argentinos y Alexandrovsky siguió desarrollandose. Mientras el emisario de la Comintern detectó varios errores sectarios del PC y su incapacidad de llevar adelante el trabajo sindical, el PCA estaba descontento por el »dogmatismo« de Alexandrovsky. Cabe notar, que este tipo de contradicciones nunca existió en relaciones entre el PC del Uruguay y Moscú, el representante de la III Internacional propuso fortalecer el Comité de Propaganda por parte de los comunistas uruguayos, brasileños y chilenos. La comisión especial del Presidium del CE de la IC en enero de 1922 detectó la debilidad del PCA y su incapacidad de dirigir el movimiento obrero. Sin embargo, ya en septiembre del mismo año estas conclusions fueron rechazadas por los dirigentes de la Comintern que no aceptaran la idea de trasladar el Buró de Propaganda Comunista al Uruguay. Estos cambios era el resultado directo de la visita de la delegación del PCA a Moscú y su participación personal en las deliberaciones de la comisión. Los delegados argentinos hasta lograron incluir en el texto del dictamen final un punto sobre la necesidad de una selección muy cuidadosa de los emisarios de Moscú y las consultas con los partidos en este asunto. La mayor parte de los problemas anotados por Alexandrovsky no fue resuelta a tiempo lo que resultó en una serie de crisis internas del comunismo argentino a lo largo de los siguientes años. La III Internacional se encontraba ante un dilema dificil: Moscú quería ansiosamente aumentar la cantidad de las secciones nacionales de la Comintern, pero su Buró Panamericano en México no logró realizar este trabajo; el PCA, en esta situación, era considerado como la única fuerza capaz de llevar adelante tal trabajo en Sudamerica. En estas circunstancias, la derrota de los »Lenins argentinos« (el exilio comunista ruso) era inevitable a pesar de su postura más adecuada acerca la estrategia comunista en las condiciones argentinas. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Viktor Krieger, Universität Heidelberg (Germany): » »Bolschewiki zweiter Klasse«. Russlanddeutsche Parteimitglieder im sowjetischen Zwangsarbeitslager während des »Großen Vaterländischen Krieges«. Nach der Auflösung der Wolgadeutschen Republik Ende 1941 und der darauffolgenden Deportation der »Sowjetbürger deutscher Nationalität« aus dem europäischen Teil der Sowjetunion nach Sibirien und Kasachstan erfolgte ab Januar 1942 eine massenhafte Zwangseinweisung aller Jugendlichen, Frauen und Männer aus der Mitte der nun verfemten Minderheit ins Arbeitslager. Unter den etwa 350 000 russ­landdeutschen Zwangsarbeitern befanden sich Tausende Mitglieder der herrschenden Partei VKP(B), vor allem aus der ehemaligen ASSR der Wolgadeutschen. Weil die Deutschen offiziell weiterhin als gleichberechtigte Sowjetbürger fungierten und ihre Überstellung ins Lager als Arbeitsmobilisierung kaschiert wurde, blieb ihre Mitgliedschaft in der bolschewistischen Partei und im kommunistischen Jugendverband Komsomol formal bestehen. Wie sollte aber der mögliche Einfluss der Zwangsarbeiter auf die Entscheidungen der Lagerverwaltung vermieden werden? So übertraf z. B. die Zahl der sich auf dem Baugelände des Čeljabinsker Hüttenkombinats (Čeljabmetallurgstroj) des NKVD befindenden 758 deutschen Genossen bei weitem die der zum 1. Juli 1942 anwesenden 436 Mitglieder der Parteigruppen der Lageradministration, der paramilitärischen Wache und des freien Vertragspersonals. Das Stalin’sche Regime setzte sich in diesem Fall nicht nur über die deklarierten Verfassungs- und Bürgerrechte hinweg, sondern verletzte auch grob das geltende Parteistatut und kreierte einen Bolschewiken minderen Status. Die ins Arbeitslager überstellten russlanddeutschen Kommunisten wurden in national segregierten Parteigruppen vereint und durften nicht an der Arbeit der Lagerparteiorganisation teilnehmen. Ihnen wurde verboten, Vertreter und Delegierte zu Konferenzen auf verschiedenen Ebenen zu entsenden; eventuelle andersethnische Mitglieder waren solchen Grundorganisationen nicht rechenschaftspflichtig. Eine Verordnung der Politischen Abteilung der Gulag-Zentrale vom 30. März 1942 untersagte es den deutschen Parteiorganisationen, neue Mitglieder aufzunehmen. Ausschließlich aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit wurden die russlanddeutschen Genossen zahlreichen Schikanierungen und Erniedrigungen ausgesetzt, mussten Ausschlussverfahren und strafrechtliche Verfolgungen über sich ergehen lassen. Viele gingen an den erbärmlichen Arbeits- und Lebensbedingungen zugrunde. Doch gab es auch Fälle des persönlichen Mutes, der Ungehorsamkeit, des Protestes und des moralischen Widerstandes. Der Aufsatz stützt sich in erster Linie auf die bislang kaum ausgewerteten Bestände der Politischen Abteilungen einiger Großbaustellen (BAZstroj-Bogoslovlag und Čeljabmetallurgstroj) sowie einer Reihe von Holzfällerlagern (Kraslag, Ivdel’lag und Vjatlag), in denen Parteiorganisationen der zwangsmobilisierten Deutschen in den Jahren 1942–1946 existierten. Darüber hinaus werden Unterlagen einiger Strafprozesse sowie Erinnerungen von Zeitzeugen herangezogen. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ IV.3 Institutional Materials and Studies. Avgust Lešnik, University of Ljubljana (Slovenia): » Reform versus Revolution – Historical Dilemma of Social Democracy at the End of the First World War. This study, based on accessible documents by the protagonists of social-democratic and communist movements, gives reasons and proves argumentatively that the historical dilemma at the end of the First World War – social democratic reform or communist revolution – caused the split and beginning of the three opposing and irreconciliable ideologies and currents inside the labour movement, which struggled for affection of and rule over the working class both on national and on international levels: the ›right‹ insisted on the reform of capitalism by means of parliamentary struggle; the ›left‹ believed that the exis­ting social order could only be changed by revolution and that bourgeois democracy had to be supplanted by the dictatorship of the proletariat; the ›centre‹ distinguished between social democracy, which would only be possible in a classless society, and political democracy, which always implied some form of the class rule – a dictatorship, whether it be bourgeois or proletarian. In any case, there can be no discourse of socialism if it is not capable of co-existing with democracy, given that democracy is a type of political and not of social order. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ IV.4 Cultural Materials and Studies Juan José Gómez Gutiérrez, Universidad de Sevilla (Spain): » Marxismo y cultura popular en Italia. Ernesto De Martino y la crítica de la antropología. La característica más relevante del marxismo italiano de la segunda posguerra es su atención a los procesos superestructurales, tomando como punto de partida la obra de Antonio Gramsci y su concepto de »hegemonía«, un estado de consenso social en la visión del mundo de la clase obrera que es condición previa a la toma del poder político. Consecuentemente, la política cultural adquirió una relevancia fundamental en la política general del Partido Comunista Italiano, siendo uno de sus temas principales de debate la superación de la cultura burguesa de vanguardia mediante su confrontación con la cultura popular (o folclore) de masas, obrera o campesina. Desde la perspectiva de los comunistas, la producción cultural de las vanguardias intelectuales eran cualitativamente relevantes pero elitistas, mientras que la cultura popular era »democrática« por la extensión de su base social, pero cualitativamente limitada y en ocasiones »reaccionaria« en el sentido de mostrar la minoría de edad, el carácter intelectualmente dependiente de las clases subalternas – por emplear la terminología gramsciana. Aun así, la cultura popular adquiría una relevancia política fundamental para el PCI y muchos autores marxistas percibían algunas de sus nuevas expresiones en la inmediata posguerra (ligadas al hecho histórico de la experiencia del antifascismo, de la propia constitución del Partido Comunista como el mayor partido de Italia, de las luchas sindicales de masas, etc.) como fruto de un salto cualitativo »progresista« que era reflejo de una creciente toma de conciencia de las clases subalternas de sus capacidades para dirigir a la sociedad en su conjunto. Este artículo analiza el estatus político de la cultura popular en Italia durante la inmediata posguerra desde el punto de vista de la distinción entre folclore progresista y folclore reaccionario, según la elaboración teórica del antropólogo Ernesto de Martino, su recepción de la antropologia Soviética y sus desarrollos e influencias. Además examina algunos ejemplos de folclore »progresista« de masas italiano (expresiones culturales politizadas de masas inspiradas en el antifascismo y el movimiento obrero y campesino), y su recepción entre los intelectuales comprometidos de vanguardia. Las primeras secciones presentan la génesis y desarrollo del concepto demartiniano de folclore progresista y de su teoría del compromiso político de los intelectuales profesionales, tomando como punto de partida la historia de la antropología italiana, la influencia de los estudios folclorísticos soviéticos y las acepciones del término »cultura popular« en los Cuadernos de la carcel de Gramsci, que se comenzaban a publicar en la segunda mitad de los cuarenta. Seguidamente se analizan ejemplos relevantes de »folclore progresista« como el teatro de masas, las nuevas versiones politizadas de cantos tradicionales y de la poesía dialectal, la fiesta de L’Unità, etc. También se trata de la producción de los intelectuales profesionales antifascistas y comunistas en la medida en que esta adquiería características distintivas »de masas« (tanto en sus formas expresivas como en el público al que se dirigía) como resultado de su compromiso político. Finalmente se da cuenta del debate teórico mantenido en Italia durante la posguerra sobre la relación entre cultura de vanguardia y cultura de masas. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Universität Mannheim (Germany): » Von der Roten Literaturinternationale zu Stalins Hofschreibern? Vorläufer, Tätigkeitsmerk male, Mitglieder und Funktionäre der Schriftstellerinternationalen (1919–1943). Die Internationale Vereinigung revolutionärer Schriftsteller (IVRS) (russisch: Meždunarodnoe ob’edinenie revoljucionnych pisatelej [MORP]) wurde 1930 gegründet. Sie löste sich qua Beschluss im Dezember 1935 selbst auf. Konzipiert war sie als »Rote-Literatur-Internationale« (J. R. Becher) und internationale Zusammenfassung der revolutionären und proletarischen Schriftsteller. Die Organisation wurde von einem Präsidium und einem Sekretariat in Moskau geleitet, mit Béla Illés als langjährigem Sekretär. Zentralorgan war die Zeitschrift Literatur der Weltrevolution, die ab 1931 erschien. Proletkult (Proletarskaja kul’tura) und Clarté waren die ersten transnationalen künstlerisch-literarischen Organisationen im Umkreis der Komintern. 1920 erfolgte die Bildung eines Provisorischen Internationalen Büros für Proletkult für die bereits 1918 gegründete Proletkult-Bewegung nach einem entsprechenden Beschluss des II. Weltkongresses der Komintern. Der Proletkult wurde von führenden Bolschewiki aufgrund seiner Alleinvertretungsansprüche als fortschrittliche Literatur und seiner gewissen Antihaltung gegenüber der internationalen Kulturtradition nicht akzeptiert. Die von Henri Barbusse 1919 ins Leben gerufene, als Kulturorganisation der Antikriegsavantgarde konzipierte, antimilitaristisch ausgerichtete Bewegung Clarté war dagegen vergleichsweise offen strukturiert. Sie vereinigte in ihrer Zeitschrift gleichen Namens eine Reihe bekannter Künstler (u. a. Anatole France, Stefan Zweig, Upton Sinclair, Heinrich Mann). Nach Diskussionen auf dem V. Weltkongress der Komintern (1924) über die Notwendigkeit einer internationalen Verbindung der Literaten wurde ein Internationales Verbindungsbüro für proletarische Literatur gegründet. Ein öffentlicher Aufruf an die proletarischen und revolutionären Schriftsteller aller Länder aus dem Jahre 1924 (Pravda 13. 9. 1924; Rote Fahne 19. 9. 1924) formulierte erste inhaltliche Leitlinien. Von März 1926 an wurde das Verbindungsbüro als Internationales Büro für revolutionäre Literatur (IBRL) fortgesetzt. Als deutsche Vertreter gehörten 1926 J. R. Becher und Hermann Duncker dem IBRL an. Von der Ersten Internationalen Konferenz proletarischer und revolutionärer Schriftsteller in Moskau (1927) wurde die Bildung nationaler Schriftstellerverbände wie des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands eingeleitet. Auf Beschluss des Schriftsstellerkongresses von Charkov (5.–15. 11. 1930) konstituierten sich schließlich die anwesenden 100 Delegierten aus 22 Ländern als Internationale Vereinigung revolutionärer Schriftsteller (IVRS) neu. Die sowjetischen Schriftsteller dominierten die Leitungsebene der Vereinigung. Die Verteidigung der Sowjetunion und der Kampf gegen den »Sozialfaschismus« gehörten zur ideologischen »Grundausstattung« der Mitglieder ihrer nationaler Sektionen und wurde unmittelbar mit ihrer Tätigkeit als Schriftsteller verknüpft. Der Artikel fasst die weiteren Veränderungen in den Dreißigerjahren als »Internationalisierung der Erfahrungen und Ergebnisse der Literaturbewegung in der Sowjetunion« zusammen und beschreibt die nach dem VII. Weltkongress im Namen der Volksfronten und des Antifaschismus erfolgende transnationale Durchsetzung einer spezifisch sowjetischen Konzeption der »Verteidigung der Kultur« im Stalinismus. Darüber hinaus werden die internationalen Schriftstellerkongresse und Konferenzen sowie die nationalen Sektionen verzeichnet sowie eine biografische Auflistung sowohl der nationalen Mitglieder als auch der Funktionäre der internationalen Gremien und Leitungsorgane vorgenommen. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Section V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews. V.1 Reviews. Chaija Boebel, Lothar Wentzel (eds.): » Streiken gegen den Krieg. Die Bedeutung der Massenstreiks in der Metallindustrie vom Januar 1918, Hamburg: VSA-Verlag 2008. 143 p. (Rezensiert von Eckhard Müller, Berlin) Das Phänomen der politischen Massenstreiks im Ersten Weltkrieg mit dem Höhepunkt des deutschlandweiten Munitionsarbeiterstreiks im Januar / Februar 1918 mit einer Beteiligung von fast einer Million Arbeiterinnen und Arbeiter (nach einem Vorläuferstreik in Österreich im Januar 1918) wird hier mit unterschiedlichen Schwerpunkten von den Historikern Bernd Faulenbach, Frank Heidenreich, Ottokar Luban und Dirk H. Müller dargestellt, die bereits früher relevante Untersuchungen vorgelegt haben. Die vier überarbeiteten und erweiterten Referate eines Bildungsseminars der IG Metall am 25. / 26. Januar 2008 in Berlin-Pichelssee werden ergänzt durch einen Beitrag von Ralf Hoffrogge, dessen Richard-Müller-Biografie im September 2008 erschienen ist. Aus den Beiträgen wird deutlich, dass die politischen Streiks des Ersten Weltkrieges eine dynamische soziale Massenbewegung gegen den Krieg und den Hunger darstellten, die trotz härtester staatlicher Repressionen und der Antistreikpropaganda der Gewerkschaftsführung sowie der Mehrheitssozialdemokratie nicht zu stoppen war. Die acht zusätzlichen zeitgenössischen Textdokumente umfassen Schilderungen des Fabrik- und Streikalltags, Darstellungen aus der Sicht der Spartakusgruppe und der revolutionären Obleute, protokollierte Äußerungen auf einer Sitzung der Gewerkschaftsführer vom 1. Februar 1918, einen Aufruf des Vorstandes des Deutschen Metallverbands vom März 1918 gegen Streiks sowie die Rede Robert Dißmanns auf der DMV-Generalversammlung vom November 1919 mit Angriffen auf die Vorstandspolitik während des Krieges. Der Band bietet nicht nur für den historisch und politisch interessierten Laien, sondern auch für die Fachhistorikerin und den Fachhistoriker eine informative und anschauliche Lektüre zu einem zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen bedeutsamen historischen Ereignis. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Heinz Deutschland (ed.): » »Ich kann nicht durch Morden mein Leben erhalten«. Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker 1915 bis 1917, Bonn: Pahl-Rugenstein 2005. 211 p. (Rezensiert von Ottokar Luban, Berlin) Käte Duncker und ihr Ehemann Hermann haben als Akteure in einer Vielzahl unterschiedlicher Positionen in der sozialistischen Bewegung mitgearbeitet. Käte Duncker als Mitarbeiterin der »Gleichheit«, als engagierte Funktionärin der SPD in Frauen- und Jugendfragen vor dem Ersten Weltkrieg, als einer der Köpfe der illegalen revolutionären Antikriegsarbeit der Spartakusgruppe in der Kriegszeit und später 1922 / 23 als Landtagsabgeordnete der KPD in Thüringen. Hermann Duncker war als Wanderlehrer der SPD tätig und später führend in der Bildungsarbeit der KPD. Wer die einschlägige DDR-Fachliteratur zur Geschichte der Arbeiterbewegung und einige relevante Publikationen der Nachwendezeit kennt oder sogar einmal selbst im Archiv die Korrespondenz zwischen Käte und Hermann Duncker durchsehen konnte, weiß, was für ein archivalischer Schatz hier ans Tageslicht zu fördern ist. Nach einer kleinen Briefedition in den Siebzigerjahren in den Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung hat Heinz Deutschland verdienstvollerweise im letzten Jahrzehnt bereits einige Briefwechsel aus unterschiedlichsten Zeiten veröffentlicht.13 Nunmehr hat er Briefe der Ehepartner aus den Weltkriegsjahren 1915 bis 1917 ausgewählt, als Käte Duncker eine führende Rolle im Kreise um Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Franz Mehring, Karl Liebknecht und Leo Jogiches einnahm. Doch nicht nur die aufschlussreichen Aussagen zur internen Geschichte der Spartakusgruppe, insbesondere ihrer Führung, sondern die zahlreichen Aussagen zur Alltagsgeschichte aus der Sicht einer politisch engagierten Frau, die drei Kinder zu versorgen hatte und gesundheitlich geschwächt war und deren Mann im Zeitraum der wiedergegebenen Korrespondenz an der Front stand, liefern einen weiteren Mosaikstein zur bereits an anderen Stellen behandelten Alltagsgeschichte der ›Heimatfront‹. Zusammen mit den Briefen des Soldaten Hermann Duncker und den sachkundigen Zusatzinformationen in Vorwort und Anmerkungen ergibt sich die dokumentarische Teilbiografie einer Familie in der Kriegszeit. Für die Historiker der Arbeiter- und sozialen Bewegung im Ersten Weltkrieg ist dieses Buch eine Pflichtlektüre. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ A. B. Edemskij: » Ot konflikta k normalizacii. Sovetsko-jugoslavskie otnošenija v 1953–1956 godach [Vom Konflikt zur Normalisierung. Sowjetisch-jugoslawische Beziehungen in den Jahren1953–1956], Moskva: Nauka 2008. 610 p. (Rezensiert von Jan Foitzik, Berlin) Wer in den letzten Jahren unter der Flut der populärhistorischen russischen Veröffentlichungen gelitten hat, wird dieses Buch als Entschädigung empfinden. Zweifellos handelt es sich um eine der besten Monografien zur sowjetischen Nachkriegsgeschichte, die in Russland in den letzten 20 Jahren erschienen sind. Auf der Grundlage umfangreicher Quellenstudien in Moskau, Belgrad, Prag, London und Washington, um die wichtigsten zu nennen, und gestützt auf gründliche Literaturauswertung präsentiert der Verfasser in fünf chronologischen Teilen die sowjetisch-jugoslawische Normalisierung als einen Konflikt der kleinen Schritte auf beiden Seiten. Der äußere Konflikt bezieht sich auf die politisch-ideologische Ebene. Für die Sowjetunion ist die Normalisierung Mittel zum Zweck, denn das Ziel heißt: Liquidierung des Präzedenzfalls, Reintegration Belgrads in das politische und ideologische System und seine Unterstellung unter Moskau. Jugoslawien verfolgt ähnliche politisch-ideologische Ziele, indem es sein pluralistisches Modell präsentiert und gleiche Beziehungen zwischen den kommunistischen Parteien fordert. Dabei lässt sich Belgrad von der Illusion einer beschleunigten Destalinisierung der sowjetischen Gesellschaft nach jugoslawischem Vorbild leiten. Innerhalb dieses Rahmenkonflikts zeigt der Verfasser im Detail auf, wie beide Parteiführer den Konflikt zur persönlichen Prestigebeschaffung und für innerparteiliche Zwecke instrumentalisieren. Unmittelbar politisch abhängig verliefen die Konflikte um Chruščevs Machtambition. Die »jugoslawische Karte« im innerparteilichen Machtkampf sei in der UdSSR auch nach 1964 als Symptom des innenpolitischen Lebens erhalten geblieben und habe sich als Konflikt zwischen »stalinistischem« und »antistalinistischem« Kurs dargestellt. Trotz der Gemeinsamkeit der Ziele und der Methoden hat die »jugoslawische Karte« aber für die Sowjetunion keine unmittelbaren Resultate gebracht. Jugoslawien hingegen, das sich im Prozess viel pragmatischer verhielt, gelang es mithilfe der »sowjetischen Karte«, die politische und ökonomische Abhängigkeit vom Westen auszubalancieren. Besondere Aufmerksamkeit weckt jedoch das policy-making: die skrupulöse Analyse und der Vergleich von Entwürfen, Vorlagen und Beschlüssen; die Relevanz von Streichungen und von stilistischer Redaktion von Dokumenten in allen Herstellungsstadien; interne Prozeduren der Informationsstreuung und Sprachregelung, eine differenzierte Steuerung der staatlichen Fach- und der Parteibürokratie sowie der Öffentlichkeit; bis hin zum Ratschlag, in der Sowjetunion »auch dann positive Eindrücke mitzuteilen, wenn es nicht nötig ist«. Die »Geschichtspolitik im Kleinen« erlaubt einen tiefen Einblick zumindest in die Dokumenten-Werkstatt des sowjetischen Staats- und Parteiapparats und eignet sich deshalb auch vorzüglich als Übungsstoff zur Quellenkritik für Fortgeschrittene. […] Der Verfasser stellt jedoch nicht nur facettenreiche Analysen einzelner Verhandlungsschritte vor, sondern thematisiert sie auch gleichzeitig, wobei er ein großes Interesse für diplomatische Zwischentöne zeigt und die Akteure beim Namen nennt. Wegen ihrer übersichtlichen Zahl vermittelt die Monografie, die beispielhaft alle wissenschaftlichen Standards beachtet und dennoch mit großer Stilsicherheit, stellenweise mit erfrischender Ironie, geschrieben ist, die spannende Unterhaltung eines gelungenen Kriminalromans. Interessant ist nebenbei, dass von der Ikonografie des früheren sogenannten natschin (d. i. »die Grundsteinlegung«) nur einige wenige Trümmer übrig blieben. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Lorenz Erren: » »Selbstkritik« und Schuldbekenntnis. Kommunikation und Herrschaft unter Stalin. 1917–1953, München: Oldenbourg 2008. 405 p. (Ordnungssysteme. Studien zur Ideen­ geschichte der Neuzeit 19). (Rezensiert von Klaus-Georg Riegel, Trier) Zu den wichtigsten Strukturmerkmalen der stalinistischen Kaderpartei gehörten die Konfessionsrituale, in denen Kritik und Selbstkritik (kritika i samokritika) geübt wurden, um die Glaubenstreue, den Gehorsam und die Disziplin der Kader zu formen. Sie dienten als Medium der – so Bucharin 1922 – »beständigen Selbstreinigung«14 eines »revolutionären Ordens«,15 welcher »die schonungslose Verfolgung aller Abweichungen vom orthodoxen Bolschewismus«16 zum wichtigsten strukturellen Imperativ deklarierte. Gegen diese Interpretation, Konfessionsrituale als Strukturmerkmal der bolschewistischen Tradition zu betrachten, wendet sich Erren entschieden. Weder implizierte die Selbstkritik ursprünglich individuelle Schuldbekenntnisse, so Erren, noch sollte sie der Kadererziehung dienen. Die Idee der Selbstkritik kam erst 1927 / 28 im Zuge des Enthüllungsjournalismus der Arbeiterkorrespondenten, der Wandzeitungen und der Kontrollorgane auf, um gegen die sozialen und politischen Missstände (z. B. »Bürokratismus«) zu protestieren. Diese Selbstkritik ›von unten‹ war eine Kategorie der proletarischen Öffentlichkeit, die sich fast zeitgleich zu einer innerparteilichen Angelegenheit verwandelte, als auf dem 15. Parteitag der VKP(b) führende Vertreter der Opposition ihre Kapitulation gegenüber der ›Generallinie‹ der Partei verkündeten. Aber auch ihre Selbstkritik möchte Erren nicht als »quasireligiöses Bußritual« (S. 58) gewertet wissen, da von Fehlern gesprochen, nicht aber individuelle Schuld- und Reuebekenntnisse präsentiert wurden. Das Kritik- und Selbstkritik-Axiom der stalinistischen Kaderpartei stellte also nichts anderes als eine invented tradition (E. Hobsbawm) dar, die allerdings seit 1929 im Zuge der čistki Bedeutung erlangte. Erst von diesem Zeitpunkt an wurden individuelle, ›aufrichtige‹ Schuldbekenntnisse, ›ehrliche‹ Reue gefordert und »eskalierend(e) Treibjagd und moralisierende(s) Erziehungstheater« (S. 124) inszeniert. In den Kapiteln »Die Gleichschaltung des Geisteslebens: ›Selbstkritik‹ als Fehlereingeständnis« und »Reue und Selbstkritik in der sowjetischen Öffentlichkeit 1931–1953« (S. 135–326) wird die Eskalation des Bekenntniszwanges breit dokumentiert und die Transformation einer innerparteilichen Öffentlichkeit (Kapitulation vor Mehrheitsentscheidungen bei gleichzeitiger Immunität der Minderheitsfraktion) in eine stalinistische Öffentlichkeit geschildert, die Erren als eine »Kontroll- und Bewährungszone« (S. 179) charakterisiert, welche vom Prinzip der panoptischen Selbstüberwachung (M. Foucault), also vom Knüppel der Selbstkritik (palka samokritiki) – so Kaganovic –  beherrscht wurde. Errens historische Studien zur Begriffsgeschichte von Kritik- und Selbstkritik im Stalinismus sind materialreich und instruktiv, treffen aber in ihrer Kritik nicht die in der einführenden, leider sehr kursorischen und oberflächlichen Literaturübersicht genannten Arbeiten zur stalinistischen Beichtpraxis. So gehen beispielsweise die von Erren sehr selektiv zitierten soziologischen Studien keineswegs von einer begriffsgeschichtlichen »Tradition der leninistischen Kerngruppe« (S. 18) aus, sondern konstruieren einen Strukturtypus mit einer eigenen Funktionslogik und interpretieren innerhalb dieses Interpretationsrahmens das ihnen vorliegende historische Material. Daraus ergeben sich unterschiedliche Interpretationsstrategien. Diese haben den Vorteil, nicht in einen rigiden begriffsgeschichtlichen Positivismus zu münden, welcher die revolutionäre Tradition der russischen Intelligenzija als unerheblich für die Formierung des stalinistischen Disziplinierungsmodells deklariert. Dieser revolutionären russischen Intelligenzija hatte schon 1909 Semen Frank in den Vechi den Habitus von »Mönchsrevolutionären«17 attestiert, ohne allerdings bereits die begriffsgeschichtlichen Spuren von kritika i samokritika entdeckt zu haben. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Boris Kanzleiter / Krunoslav Stojaković (eds.): » 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975. Gespräche und Dokumente, Bonn: J. H. W. Dietz 2008. 352 p. (Rezensiert von Todor Kuljić, Belgrad) Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine historisch-soziologische Studie über die Studentenproteste und die kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1970 in Jugoslawien. Die Historiker Kanzleiter und Stojaković präsentieren in gesammelter Form Gespräche mit prominenten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Belgrad, Zagreb und anderen jugoslawischen Städten sowie ausgewählte Dokumente zu verschiedenen Aspekten des jugoslawischen 1968. Eingeleitet wird der Band mit einem durchdachten und inhaltsreichen Aufsatz, welcher einen austarierten und umfassenden Rahmen für die Erforschung der alternativen jugoslawischen politischen Szene im Sozialismus der Tito-Zeit absteckt. Aber nicht nur deshalb ist dieses Buch mehr als anregend. Die Herausgeber wollten noch mehr: erstens einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung des Gesellschaftsbildes von Titos Jugoslawien leisten, und zweitens eine Lücke in der Analyse der globalen Studentenbewegung schließen. Beide Aufgaben sind im Grunde erfolgreich erfüllt. Der Band gliedert sich in drei Hauptteile. Im Rahmen des knapp gehaltenen aber prägnanten Einführungstextes werden die Proteste des jugoslawischen »Juni 1968« kontextualisiert. Dem schließt sich ein umfangreicher Gesprächsteil an, in dem Protagonistinnen und Protagonisten der jugoslawischen Studentenbewegung zu spezifischen Themenfeldern Stellung beziehen (D. Olujić, A. Hodžić, Ž. Puhovski, L. Veljak, Z. Golubović, M. Kangrga und andere). Es folgt ein Dokumententeil, in dem Schlüsseltexte zu unterschiedlichen Themenkomplexen (Ideologie des Selbstverwaltungssozialismus, Praxis-Gruppe, Proteste des Juni 68, Reaktionen auf den Juni 68 usw.) – zumeist erstmalig in deutscher Übersetzung – vorgelegt werden. Den Abschluss bildet eine kurze Auswahlbibliografie mit Titeln zu einigen im Band behandelten Themenfeldern jugoslawischer Geschichte. Im Mittelpunkt des Buches steht der Streik im Juni 1968, der ohne Zweifel die Klimax der jugoslawischen Studentenbewegung war. Aus einer historischen Perspektive, schreiben Kanzleiter und Stojaković, repräsentierte der Streik jedoch nur das sichtbarste Ereignis in einem Protestzyklus, der Mitte der Sechzigerjahre begann und eine ganze Dekade bis Mitte der Siebzigerjahre anhielt. Die Proteste des Juni 1968 waren die erste offene Revolte in Jugoslawien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Verhalten vieler Intellektueller, die die Studenten unterstützten, zeigte die brüchige Legitimationsgrundlage des Regimes an. Obwohl die Proteste ausgesprochen projugoslawisch orientiert waren und eine linke Kritik des bestehenden Regimes darstellten, konvertierte ein Teil der Protagonisten später zum Nationalismus. Der andere Teil der jugoslawischen 68er konvertierte von der Linken zum Liberalismus oder zum Konservatismus. Beide Konversionsarten haben zum Verschwinden der Linken in den neuen Balkan­staaten beigetragen. In der heutigen sozialwissenschaftlichen Literatur stellen jugoslawische Studenten­proteste eine Forschungslücke dar. Im sozialistischen Jugoslawien war das Thema bis Ende der Achtzigerjahre fast ein Tabu. Aber auch heute noch, schreiben Kanzleiter und Stojaković, irritiert die Stu­dentenbewegung durch ihren ideologischen und sozialen Inhalt. Die oft ausgesprochen emotionale Abwendung vom »Kommunismus«, die das intellektuelle Klima der postjugoslawischen Staaten prägt, ist für eine differenzierte sozial- und kulturgeschichtliche Analyse der widersprüchlichen Realitäten im sozialistischen Jugoslawien nicht gerade förderlich. Aus den verengten Blickwinkeln einer positivistischen Nationalgeschichte und des normalisierten Nationalismus, die die unbestreitbare Tatsache der Existenz eines sozialistischen Jugoslawiens am liebsten aus dem Gedächtnis tilgen würde, kann die Bedeutung der jugoslawischen Studentenproteste nicht verstanden werden. Das mangelnde Interesse an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Studentenbewegungen in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien selbst ist vermutlich ein wesentlicher Grund dafür, dass das jugoslawische »1968« auch in den Diskussionen über die globalen Bewegungen rund um dieses Jahr nicht den Platz erhält, der ihm gebührt – sondern zumeist schlichtweg fehlt. Umso größere Bedeutung hat dieser umfassende, repräsentative und interessant aufgebaute Band über das »jugoslawische 1968«. Annelies Laschitza: » Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie, Berlin: Aufbau 2007. 511 p. (Rezensiert von Andreas Diers, Frankfurt a. M.). Karl Liebknecht hat zusammen mit Rosa Luxemburg besonders in der DDR als »Karl und Rosa« eine große, fast kultische Verehrung als Märtyrer der kommunistischen Bewegung in Deutschland genossen. Eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende politische Biografie Karl Liebknechts ist in der BRD erst im Jahr 1980 von Helmut Trotnow verfasst worden (Karl Liebknecht. Eine politische Biografie, Köln 1980). Für Trotnow ist Liebknecht ein radikaler Reformist, der jedoch Reformpolitik nicht als einen modernen Verwaltungsakt verstand, sondern seine politische Konzeption auf die eigenständige Aktion einer unterdrückten und ausgebeuteten proletarischen Bevölkerungsmehrheit aufbaute. Weder in der Öffentlichkeit noch in der wissenschaftlichen Forschung beider deutscher Staaten hat es ein differenziertes Bild von Karl Liebknecht gegeben. Umso erfreulicher ist es, dass die bislang vor allem durch ihre zahlreichen wissenschaftlichen Forschungen über das Leben und Werk von Rosa Luxemburg bekannte Historikerin Annelies Laschitza in einer faktenorientierten, sinnvoll proportionierten Darstellung differenziert die unterschiedlichen Facetten seines Lebens beleuchtet. Sie behandelt dabei den familiären sowie generell den historischen Kontext ebenso ausführlich wie Karl Liebknechts Laufbahn und Wirken als Jurist und sozialdemokratischer Politiker. Die bislang stark vernachlässigten philosophischen Arbeiten Liebknechts, die Krisen in seiner Persönlichkeitsentwicklung sowie sein Charakter kommen ebenso zur Sprache. Diese mit viel Empathie geschriebene Biografie zeichnet sich durch eine große Zurückhaltung bei prononcierten Wertungen aus, von der Autorin werden vielmehr die Fakten präsentiert. Dabei nimmt sie auch die eher weicheren, doch durchaus auch sympathischen Wesenszüge Karl Liebknechts nicht aus. Die Autorin hat für diese Biografie nicht nur die veröffentlichen Werke Liebknechts ausgewertet, sondern präsentiert auch zahlreiche neue Archivmaterialien sowie die wesentlichen Ergebnisse der bisherigen Forschungen. Dabei weist sie wiederholt ausdrücklich auf zahlreiche nach wie vor bestehende Lücken und Schwachstellen der Forschungen über Karl Liebknecht hin. Es ist der Autorin gelungen, jenseits der »Denkmalfigur« ein anschauliches Lebensbild des sozialistischen Juristen und Politikers Karl Liebknecht sowie seiner nächsten Angehörigen zu zeichnen. Gleichzeitig vermittelt sie ein differenziertes Bild der deutschen Arbeiterbewegung am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. An einigen Stellen wäre es jedoch sinnvoll gewesen, den historischen Zusammenhang etwas ausführlicher zu behandeln. Erfreulicherweise verfügt das Buch über ein Personenverzeichnis, allerdings fehlen bis auf ganz wenige Ausnahmen Erläuterungen zu den jeweiligen Personen. Kurze generelle Ausführungen im Sinne eines »Who’s who« hätten das Verstehen des Sinnzusammenhanges des Textes sicherlich sehr erleichtert. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Magda Martini: La cultura all’ombra del muro. Relazioni culturali tra Italia e DDR. » 1949–1989 [Culture in the shadow of the Wall. Cultural relations between Italy and GDR (1949–1989)], Bologna: Il Mulino 2007. 464 p. Reviewed by Liza Candidi T.C., Udine) Based on German and Italian archival sources, letters and interviews, Magda Martini’s book »Culture in the shadow of the Wall. Cultural relations between Italy and GDR (1949–1989)« proposes a new and enlightning exploration into the cultural exchanges between the two countries and their mutual images during the 40-year existence of the »other Germany«. This work offers a convincing contribution to overcome stereotypes such as the one that considered the socialist country completely impermeable to the outside. The first part of the book focuses on the alteration of phases of liberalization and tightening of the GDR’s cultural policy in the international context, as well as the mechanisms of several types of censorship. The author explains how until the GDR was internationally recognized as an independent state in 1973, the relations between the two governments were non-existing complying with the »Hallstein doctrine« of the Federal Republic of Germany which refused to maintain diplomatic relations with any state that recognized East Germany. In order to counterbalance this situation, the Socialist Unity Party (SED) initially profited from the PCI (Italian Communist Party) and its considerable influence, promoting GDR propaganda and culture in Italy. The indifference and at times the hostility of the Italian government was compensated by leftist intellectual and political circles which looked with great interest at the GDR, preferred to the German Federal Republic for being »more poor and socialist« and explicitly breaking with the Nazi past. Receptor of the initially supportive intents between SED and PCI was in particular the Italian »Thomas Mann Centre« which used to organize with dedication cultural activities, festivals and exhibitions of realist art; but also the yearly appointments as the »Festa dell’Unità« and other events organised by the PCI and some leftist local administrations were an opportunity for the GDR government to disseminate political ideas through culture. In the field of cinema, Italy exported to East Germany more movies, for the most part neo-realist and anti-fascist, than the ones imported by the socialist DEFA. However it was the East German theatre and playwrights which raised particular interest in Italy, above all Bertolt Brecht, whose enthusiastic circulation in Italy is analysed in depth in Martini’s book. Not only political interest, but also the relationship between intellectuals and artists of the two countries played a role in maintaining active cultural exchanges between East Germany and Italy. The touching letters presented in the book shed light on dreams and fears of the time, as well as the schizophrenic nature of the relations of Italian intellectuals with the GDR, which shifted from a genuine and tenacious political faith to burning disappointments for the dictatorial drift of realsocialism. In the mid-sixties, a crucial turning-point in the cultural relations between the German Democratic Republic and Italy took place. The rigid directive of the XI Plenum of the SED Central Committee in 1965 and the involvement of GDR tanks in the repression of the Prague Spring in 1968 aroused a great bitterness and disillusion among Italian intellectuals and PCI members. Above all, the persecution of the dissident Robert Havemann (highly valued in the Italian leftist intellectual entourage) and the deprivation of Wolf Biermann’s citizenship mobilized protests of the Italian communists which criticized the SED’s extreme authoritarianism. In those years the image of the Democratic Republic changed noticeably also within the leftist press; the political interest was replaced by the one for cultural issues, the so called »surrogate public sphere« considered as the authentic voice of the country. […] Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Ryszard Nazarewicz: » Komintern a lewica polska. Wybrane problemy, Warszawa: Instytut Wydawniczy »Książka i Prasa« 2008. 263 p. (Rezensiert von Werner Röhr, Berlin) Der polnische Historiker Ryszard Nazarewicz hat sich über Jahrzehnte mit den Beziehungen zwischen der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Partei Polens (KPP) bzw. der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) befasst. Er gehörte der von Wojciech Jaruzelski und Michail Gorbatschow 1987 initiierten bilateralen Kommission der Parteihistoriker an, die die sogenannten weißen Flecken der gemeinsamen Geschichte anhand der Quellen erschließen und analysieren sollte. Alle dieser Kommission erstmalig zugänglich gemachten sowjetischen Quellen hat Nazarewicz gesichtet, auch wenn es längst nicht alle waren, denn die sowjetische Seite hatte Quellen zurückbehalten. Von seinen Studien über die Widersprüche und strategischen Krisen der polnisch-sowjetischen Beziehungen sind einige auch in deutscher Sprache erschienen. Auch die jüngste Arbeit Nazarewiczs basiert auf den verfügbaren Akten sowjetischer / russischer und polnischer Archive sowie der exilpolnischen Bestände in Großbritannien. Das Buch ist so gut quellengestützt, wie es derzeit überhaupt möglich ist, die keineswegs einfache Quellenlage erörtert der Autor selbst explizit und kritisch. Während er hier die frühen Phasen in der Geschichte der Kommunistischen Partei Polens nur umreißt, erörtert er deren Geschick und das Eingreifen der Komintern von Mitte der Dreißiger­jahre an ausführlich, so die Nationale Operation des NKWD gegen in der UdSSR lebende Polen, die physische Vernichtung der gesamten Parteiführung der KPP, die Auflösung der Partei durch die Komintern 1938, sodann die Konsequenzen ihrer fatalen Wendung nach dem Abschluss des Nichtangriffsvertrages zwischen Hitlerdeutschland und der UdSSR 1939 für Polen sowie die schwierige Abkehr vom falschen Kurs (1941). Detalliert behandelt Nazarewicz die Geburtshilfe der Komintern bei der Gründung der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) Anfang 1942 und deren innere Tragödie durch die Ermordung ihrer ersten Parteiführer. Wie kompliziert und gespannt die Beziehungen zwischen der PPR, dem von ihr initiierten Nationalrat (KRN) und ihrer Volksgarde einerseits und der UdSSR und der Nachfolgeeinrichtung der 1943 aufgelösten Komintern im ersten Halbjahr 1944 andererseits tatsächlich waren und wer alles an der offiziellen Missachtung dieser im Innern des Landes geschaffenen künftigen Staatsmacht und ihrer bewaffneten Kräfte interessiert war, erfährt man nirgends genauer als aus diesem Buch – und ebenfalls, warum Stalin deren Wirken nach dem Scheitern aller Verhandlungen mit der polnischen Exilregierung an der Frage der polnischen Ostgrenze nunmehr wie gerufen kam. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Ulla Plener (ed.): » Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen. Material des Kolloquiums anlässlich ihres 150. Geburtstages am 6. April 2007 in Berlin, Berlin: Dietz Verlag 2008. 246 p. (Rosa-Luxemburg-Stiftung. Manuskripte. 76). (Rezensiert von Rainer Holze, Berlin) Es erweist sich als gewinnbringend, die Beiträge des gemeinsamen Zetkin-Kolloquiums der bundesweiten Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Berliner Fördervereins für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung zu veröffentlichen. Der vorliegende Sammelband vermittelt eine differenzierte Sicht der Autoren auf Clara Zetkin als Persönlichkeit und Politikerin. Im Unterschied zu manchen anderen Publikationen wird in ihm – gestützt auf Quellen und neue Fakten – die Eigenständigkeit in Clara Zetkins Denken und Handeln, ihre entschiedene, prinzipienfeste Haltung wie auch ihre argumentative, dialogbereite Vorgehensweise herausgearbeitet. Recht deutlich wird auch, dass Zetkin in ihren konkret-historischen Analysen und Wertungen dem psychologischen Moment der sozialen Klassen, Schichten, Gruppen und der einzelnen Persönlichkeiten eine nicht geringe Bedeutung beimaß. Die Autoren beleuchten – mit nicht wenigen neuen Fakten – unter anderem Zetkins eigenwillige Positionen zu verschiedenen Aspekten der Frauenemanzipation und Pädagogik, der Theorie, der Partei- und Bündnispolitik (hier vor allem gegenüber den Mittelschichten und Intelektuellen), ihre Haltung zur Oktoberrevolution und zur sowjetischen Realität (bewundernd und kritisch zugleich), ihre schon sehr frühe Auseinandersetzung (bereits Anfang der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts) mit dem Phänomen des Faschismus und ihre Einschätzung von Ereignissen und Persönlichkeiten. Der Band gibt so manche Anregung für weitere Diskussionen. Die Publikation enthält außerdem einen Dokumententeil, in dem einige bisher unbekannte, noch nicht (oder nicht wieder) veröffentlichte Reden und Briefe Clara Zetkins aus den Jahren 1906 bis 1932 publiziert werden. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Hans-Rainer Sandvoß: » Die »andere Reichshauptstadt«. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin: Lukas 2007. 668 p. (Rezensiert von Hermann Weber, Mannheim) Die Zahl der Untersuchungen zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur steigt immer noch. Ursprünglich standen der militärische Widerstand und der 20. Juli 1944 im Mittelpunkt der Forschung, seit Langem schon ist es jedoch die umfangreichste Gruppe der Kämpfer gegen das Hitler-Regime, die Arbeiterbewegung. Während in der DDR der Arbeiterwiderstand »fast ausschließlich auf den Untergrundkampf der KPD reduziert wurde«, dauerte es im Westen lange, bis der Widerstand aus der Arbeiterbewegung in der Forschung seinen gebührenden Platz erhielt. Den Forschungsstand, insbesondere zur »prekären Forschungssituation in der einst geteilten Stadt Berlin«, hat Hans-Rainer Sandvoß in seinem monumentalen Werk prägnant und damit in gebotener Kürze beschrieben. Der Autor ist ein hervorragender Kenner des Berliner Widerstandskampfs gegen die NS-Diktatur, hat er doch seit 1983 in der Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand beeindruckende Beiträge zu den Berliner Bezirken vorgelegt. Dieser langjährigen Arbeit kann er nun seine einführenden Bemerkungen zu den Quellen und Methoden, den Zielen und seiner Vorgehensweise voranstellen. Dabei hat sich Sandvoß erfreulicherweise nicht mit »theoretisierenden« Kategoriebildungen, oft »wissenschaftliche Durchdringung« genannt, herumgeschlagen, sondern sich vernünftigerweise bei der Fülle des Stoffes an die historische Methode gehalten und die Fakten akribisch beschrieben, gegliedert und analysiert. Zu Recht hat Sandvoß sich nicht für eine chronologische Darstellung, sondern für eine systematische Untersuchung der wichtigsten Widerstandsgruppen entschieden und diese in ihrer Entwicklung dargestellt. Da ein Kampf gegen die Nazi-Diktatur durch unterschiedliche politische Gruppen und frühere Parteien der Arbeiterbewegung in allen Phasen stattfand, hat sich gerade bei Regionaluntersuchungen diese Methode längst bewährt.18 Inhaltlich wird in diesem Buch ausführlich die Widerstandstätigkeit der SPD (110 Seiten), der »Zwischengruppen« (KPO, Leninbund, Trotzkisten, SAP, Rote Kämpfer, Neu Beginnen, ISK, Anarcho-Syndikalisten, aber auch Europäische Union; 100 Seiten), schließlich umfassend die der KPD (260 Seiten), also die ganze politische Bandbreite des Widerstands der Arbeiterbewegung in der »Reichshauptstadt«, nachgezeichnet. In einem letzten Teil untersucht Sandvoß schließlich auch den Widerstand auf betrieblicher Ebene. Besonders hervorzuheben ist die objektive Bewertung sowie die Kritik an den unterschiedlichen Widerstandskreisen, worauf hier nur hingewiesen werden kann. Sandvoß hat den spannenden Text in klarer Sprache geschrieben, was den Leser sicherlich überzeugen wird. Das umfangreiche 20-seitige Personenregister zeugt von den präzisen Recherchen über die Widerstandskämpfer und deren Aktivitäten und belegt ebenso die Untaten der Verfolger. Zahlreiche Illustrationen werten die Veröffentlichung auf, genaue Hinweise auf Archive und Forschungsliteratur sowie über 200 Befragungen runden den Band ab. Sandvoß hat mit seinem fast 700-seitigen Werk eine enorme Arbeit geleistet, die jedem Kenner Respekt abringt. Das Buch kann durch seine Analysen ein Vielfaches an Einsichten vermitteln. Begrüßenswert ist die instruktive Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels. Sandvoß legt mit dieser Untersuchung zweifellos das Standardwerk über den Widerstand der Arbeiterbewegung in Berlin vor, das zudem die gesamte Forschung zum Widerstand gegen die braune Pest in Deutschland voranbringt. Irina P. Sirotinskaja (ed.): » K stoletiju so dnja roždenija Varlama Šalamova. Materialy meždunarodnoj konferencii [Zum 100. Geburtstag Varlam Šalamovs. Materialien einer internationalen Konferenz], Moskva 2007. 332 p. (Rezensiert von Gleb J. Albert, Mannheim–Köln). Wenn ein Name im Gulag-Diskurs der letzten Jahrzehnte schmerzlich untergegangen ist, so ist es der Varlam Šalamovs. Der Sohn eines Priesters, der als Heranwachsender die Februar- und Oktoberrevolution begeistert miterlebte und sich als Student in das gesellschaftliche Leben der Zwanzigerjahre stürzte, schloss sich als Parteiloser der Linken Opposition Trockijs und Zinov’evs an und wurde 1929 in einer Untergrunddruckerei verhaftet, wo er Lenins »Testament« vervielfältigte, in dem Stalin als Nachfolger ausgeschlossen wurde. Die Folge: insgesamt 17 Jahre Gefängnis- und Lagerhaft (mit einer fünfjährigen Unterbrechung), davon lange Jahre in der berüchtigten sibirischen Region Kolyma. Bereits im Lager schreibt Šalamov Gedichte, und bald nach seiner Freilassung beginnt er, die Erlebnisse und Eindrücke der Haft in Kurzgeschichten festzuhalten. Nicht zuletzt die lakonische, mit dem frühen Andrej Platonov vergleichbare Sprache Šalamovs macht ihn zu einer der literarischen Leitfiguren des 20. Jahrhunderts. Einer weitgehend untergegangenen allerdings, wenn man von einer kurzen Zeit der Prominenz in der Perestroika absieht. Dies scheint sich nun dank einer Reihe von Veröffentlichungen in Westeuropa zu ändern – aber auch in Russland wurde Šalamov im letzten Jahr eine Ehrung zuteil: eine große wissenschaftliche Konferenz zu seinem hundersten Jubiläum. Die Beiträge glänzen vor allem durch internationale Präsenz und thematische Breite. Es sind deutsche, französische, spanische, bulgarische Forscher vertreten, und, was vielleicht noch wichtiger ist, viele Forscher aus der russischen Provinz. Thematisch gibt es Beiträge zu Geschichte, Literaturwissenschaft, Philosophie, Heimatkunde, all dies verwoben mit Leben und Werk des großen Lagerschriftstellers, der jedoch nicht ausschließlich in den Rahmen von »Lagerprosa« einzuordnen ist. Trotz aller vom Rezensenten zu diskutierender Mängel soll festgehalten werden, dass der Tagungsband viele wichtige Impulse für die Šalamov-Forschung und darüber hinaus enthält, und gerade angesichts des Šalamov-»Revivals« im Westen mehr Beachtung verdient. Read the full-length article in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Denise Urcelay-Maragnès: » Les volontaires cubains dans la défense de la République espagnole. 1936–1959. La légende rouge, Paris: l’Harmattan, 2008. 288 p. (Collection »Recherches Amériques latines«). (Rezensiert von Bernhard H. Bayerlein, Mannheim–Köln) Trotz der republikanischen Niederlage war der Spanische Bürgerkrieg mit dem Einsatz der Internationalen Brigaden der Höhepunkt des Antifaschismus in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Dass in Relation zur Einwohnerzahl des Heimatlands das kubanische Freiwilligenkontingent neben dem französischen am stärksten war, muss angesichts des nicht so weit zurückliegenden Unabhängigkeitskrieges Kubas gegen Spanien (1895–1898) überraschen. Die Monografie von Urcelay-Maragnès thematisiert die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Einsatz der kubanischen Freiwilligen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Seine Intensität lässt sich sowohl auf ethnische Bande als auch auf einen, wie die Autorin in Anlehnung an Juan Marinello erklärt, Spaniern und Hispano-Amerikanern mentalitätgeschichtlich gemeinsamen »historischen Atem« zurückführen, verstärkt durch eine lange Tradition des Kampfes mit der Waffe in der Hand. Was kollektive Kontexte und Zielvorstellungen betraf, führte der Einfluss der anarcho-syndikalistisch geprägten spanischen Emigration angesichts einer sich ankündigenden revolutionären Krise in Kuba zur Herausbildung einer identitären Mentalität (Alfred Melon). Ein 1936 abgesagter Aufstand der kubanischen Linken gegen die Diktatur Batistas machte dazu die Abreise nach Spanien zu einer Art kämpferischen Ersatzhandlung (»Combat de substitution«). Nicht nur für Kubaner war Spanien allerdings zugleich Ort und Mittel, im antifaschistischen Engagement die jeweils eigene (nationale) Identität positiv einzubringen und zu bewahren. Aufgrund von Archivstudien in Kuba, Spanien (Zivil- und Militärarchive), den USA (»Brigada Lincoln«, Brandeis University), Frankreich (Präfektur, Zoll- und Hafenarchive) und der Schweiz (Völkerbund, IK des Roten Kreuzes) konnte die Autorin die durch Oral History gewonnen biografischen Angaben über 732 Brigadistas erheblich erweitern und soziografisch untersuchen. So schätzt sie das kubanische Kontingent auf mindestens 1056 Freiwillige (von insgesamt ca. 30 000), von denen ca. 125 aus den USA, 850 aus Kuba selbst, 170 aus Spanien und vier aus Mexiko stammten. Die Kubaner (und Lateinamerikaner insgesamt) wurden nicht nur den Internationalen Brigaden, sondern auch den normalen Einheiten der spanischen republikanischen Armee zugeteilt. Dank ihrer prosopografischen Analyse gelingt es der Autorin, das zu erfassen, was Manuel Tuñón de Lara den »pálpito de los combatientes« (Herzschlag der Kämpfer) nannte. Die Autorin behandelt zunächst in sehr gut zu lesenden Kapiteln die Rekrutierung, den Transfer, die militärischen Strukturen in Spanien und die Beteiligung an den Kämpfen und beschreibt dabei auch ihre konkreten Lebens- und Kampfbedingungen einschließlich der Überwachungspraktiken. In weiteren drei Kapiteln behandelt sie den Diskurs von Kombattanten und Intellektuellen und die Herausbildung der »Roten Legende« als Symbol ihrer mentalen Vereinigung mit dem spanischen Volk (überhöht im »Mythos von Madrid«). Neben dem Einsatz »von unten« wird die herausragende Rolle kubanischer Intellektueller für Diskursbildung und Prägung der historischen Erinnerung erklärt, darunter Juan Breá, Pablo de la Torriente Brau, Carlos Montenegro, Nicolás Guillén, Juan Marinello, Rodolfo de Armas. In drei Schlusskapiteln über die (verfrühte) Demobilisierung der Brigaden, den Abschied von Spanien und schließlich die Rückkehr der Freiwilligen wird das »univers concentrationnaire« (David Rousset) der französischen und frankistischen Lager thematisiert. Gerade für das heutige Verständnis ist diese Post-Histoire des Bürgerkriegs elementar: Europa wurde tatsächlich zum Gefängnisuniversum für Internationalisten, der Zweite Weltkrieg bedeutete eine scharfe Zäsur. Der bescheiden daherkommende, jedoch äußerst ertragreiche und nicht nur für Spezialisten interessante Band vermag es, bisherige Standardwerke (Andreu Castells, Hugh Thomas, G. Gino Baumann) in einigen Punkten infrage zu stellen. Er unterstreicht die Notwendigkeit eines transnationalen Ansatzes in der Geschichtsforschung. V.2 Presentations and Announcements. Hernán Camarero: » A la conquista de la clase obrera. Los comunistas y el mundo del trabajo en la Argentina. 1920–1935 [Conquering the Working Class. Communists and the Labour Movement inArgentina. 1920–1935], Buenos Aires: Siglo XXI Editora Iberoamericana 2007. 460 p. Over the two decades before Peronism arose, the communists reached an increasing presence inside the labour movement. The Communist Party of Argentina developed a special policy for their intervention in industries, working places and trade-unions: the factory cell (a small group of activists who mainly worked underground). At the same time, the party created a cultural network for workers and families: libraries, schools, clubs, children’s groups and various associations of immigrants. When Juan Domingo Perón started to exercise a strong leadership over the working class, the influence of the communists decreased. This issue has been studied, but never before from the perspective of social, political and cultural history. In this book, Hernán Camarero answers the question of how and why the PCA was a leading actor in the labour movement during the twenties and thirties in a very detailed description of their policies and practices. In this research the author also considered the communist factory newspapers and a very important amount of internal documents of the PC, recently declassified in the former Soviet archives. Hernán Camarero, Ph. D. in History at the Universidad de Buenos Aires, Argentina. Works as professor and researcher in the field of argentine contemporary history. His last book, co-edited along with Carlos M. Herrera, is: El Partido Socialista en Argentina. Sociedad, política e ideas a través de un siglo (2005). Diego Caro Cancela: » Los socialistas en la historia de Andalucía. I: La construcción del Partido Obrero en Andalucía. 1900–1936, Madrid: Fundación Pablo Iglesias 2006. 347 p. Diego Caro Cancela, Professor für Geschichte an der Universität Cádiz, Spanien legt eine Geschichte des Sozialismus in Andalusien vor, der neben dem Anarcho-Syndikalismus den zweiten Hauptstrang der Arbeiterbewegung in der südspanischen Provinz bildete. Auch das Verhältnis zur (minoritären) kommunistischen Bewegung wird beschrieben. Der Autor stützt sich in erster Linie auf die Presse der sozialistischen Arbeiterbewegung sowie auf neuere lokalgeschichtliche Arbeiten und historische Überblicke (siehe u. a.: José Manuel Macarro Vera: La Utopia revolucionaria. Sevilla en la Segunda República, Sevilla 1985; ders.: Sevilla la Roja, Sevilla 1989). Während die anarchistische Bewegung durch die kantonalen Aufstände (1873), die »Mano Negra« und den Bauernaufstand von Casas Viejas (1933) historische Markierungspunkte setzte, blieb die Geschichte der Sozialisten eher unbekannt. […] Die »Entdeckung« Andalusiens durch den Sozialismus erfolgte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg (Kampagne gegen den Marokkokrieg, Zustrom der Landarbeiter, Syndikalisierung der Río Tinto Company in Huelva). Ende 1919 erreichte der Anteil der Andalusier mit über 40.000 Mitgliedern mehr als die Hälfte aller Militantes der PSOE im spanischen Staat, eine Tendenz, die sich 1931 nach dem Sturz der Monarchie und der Proklamation der Zweiten Spanischen Republik noch verstärkte. Bis zum Beginn der Dreißigerjahre war der spanische Sozialismus reformistisch geprägt und auf sozialistisch-republikanische Allianzen ausgelegt. Unter ihrem Führer Francisco Largo Caballero, der später der »spanische Lenin« genannt wurde, erfolgte in der PSOE eine Linkswendung. Der große Landarbeiterstreik (Huelga de campesinos) und die Aktionen anlässlich des Bergarbeiteraufstands in Asturien 1934 waren maßgeblich von Sozialisten initiiert. Dorena Caroli: » Un Welfare State senza benessere. Insegnanti, impiegati, operai e contadini nel sistema di previdenza sociale dell’Unione Sovietica (1917–1939) [A Welfare State without Welfare. Teachers, Employees, Workers and Peasants in the Social Security System of the Soviet Union (1917–1939)], Macerata: EUM 2008. 346 p. This volume reconstructs the legislative, institutional and social history of the Soviet welfare state in the interwar period. The methodology of the study is based on macro- and microhistorical analysis. This allows the author to examine the reforms of the social security system from different perspectives. She analyses the functioning of the insurance funds in the Soviet Union, the ways how the insurance funds were financed, and the development of social services in the city of Moscow. The latter subject is treated in a number of case studies, including the carmaker Amo-Zil-Zis, Moscow School No. 25, and the system of war pensions. Based on extensive research in various archives of the former Soviet Union, this book also deals with the impact of the social security system on everyday life of the Soviet people. The study reveals the astonishing evolution of a security system, which, contrary to Soviet propaganda, did not guarantee egalitarian treatment for all workers, but privileged those who were especially important for the industrialisation of the country (skilled workers) at the expense of the vulnerable and unskilled (disabled and unemployed). Although such transformation of the security system was typical of other European countries hit by the 1929 crisis, the Soviet system did not degenerate into race-based social policy as it happened in Germany. Dorena Caroli (Faenza / Italy, 1966) obtained a Ph.D. in History and Civilisation at the École des Hautes Études en Sciences Sociales (Paris) in 1997. She is currently conducting a study of the history of literacy and schooling in Russia and the Soviet Union. Ralf Hoffrogge: » Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin: Dietz 2008. 180 p. (Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, 7). Von einem Richard Müller wissen zumeist nur noch Fachhistoriker, dass er in der Novemberrevolution von 1918 eine zentrale Rolle spielte: Richard Louis Müller (1880–1943) war als Leiter der »Revolutionären Obleute« wesentlich an der Vorbereitung des 9. November beteiligt. Im Deutschen Metallarbeiter-Verband, seinerzeit der größten Gewerkschaft der Welt, galt Richard Müller als der Anführer des linken Flügels. Schon die großen Berliner Massenstreiks der Jahre 1916 bis 1918 hatte er illegal organisiert. In der Revolutionsregierung von 1918 war Müller Vorsitzender des »Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte«, also der Kopf des ranghöchsten Räteorgans. Formal war Richard Müller damit sogar Staatsoberhaupt der »Deutschen Sozialistischen Republik« – einer Republik, die allerdings nur einige Monate unter diesem Titel firmierte und heute als »Weimarer Republik« in den Geschichtsbüchern verzeichnet ist. Müllers Einfluss in Berlin überstieg 1918 bei Weitem den von Karl Liebknecht, der über Müller scharf fluchen konnte, wenn er und die Spartakusgruppe sich wieder einmal in eine Nebenrolle verwiesen sahen. Das Kräfteverhältnis zwischen den Revolutionären Obleuten und der Nach-Liebknecht-KPD sollte sich freilich drehen. Unabhängiger Sozialismus und Rätesystem, jene Prinzipien, die Richard Müller vertrat, wurden zwischen den Mühlsteinen von Sozialdemokratie und Marxismus-Leninismus zerrieben. Auch Richard Müller selbst geriet in diesen Sog. Nach seinem schnellen politischen Aufstieg ab 1916 musste er schon 1921 alle politischen Ämter niederlegen. Die KPD, in die er nach dem Zerfall der USPD eingetreten war, verließ er – wie viele der Rätesozialisten aus dem USPD-Umfeld – schon nach wenigen Monaten. […] Müller beeinflusst bis heute das Denken der Historiker. Seine dreibändige Revolutionsgeschichte mit dem Obertitel »Vom Kaiserreich zur Republik«, in den Jahren 1924 und 1925 erschienen, bildet die wichtigste zeitgenössische Revolutionsdarstellung aus marxistischer Sicht. In den Sechzigerjahren wurden diese Werke wiederentdeckt. […] Seine mitreißend geschriebene, von zahlreichen Originalquellen gestützte Trilogie fehlt auch heute noch in keiner Literaturliste zur Novemberrevolution und ist unentbehrliche Stütze vieler aktueller Darstellungen dieser Zeit. […] Ralf Hoffrogge verfolgt Müllers Lebensweg von der Kindheit in der thüringischen Provinz über die politische Karriere in Berlin bis zum Rückzug ins Privatleben in den Dreißigerjahren. Zahlreiche, auch in der Forschung bisher unbekannte Details zu Müllers Leben fügen sich hier erstmals zu einem Gesamtbild dieser historischen Persönlichkeit. Herbert Killian: » Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien, Berndorf:Kral 2008. 220 p. Nach drei Jahren in Nordsibirien erhielt Herbert Killian, trotz seiner Freilassung aus dem Arbeitslager, im Jahre 1950 keine Erlaubnis, nach Österreich zurückzukehren. Er fand in einer Strafkolonie Arbeit in einem Krankenhaus und konnte so die neun Monate langen Winter mit Temperaturen bis zu minus 60°C zumindest in geschützten Räumen verbringen. In verschiedenen Episoden wird das Leben in der Strafkolonie Kolyma, dem »Land ohne Wiederkehr«, wie es noch heute im russischen Volksmund bezeichnet wird, anschaulich geschildert. Raubüberfälle, Morde etc. gehörten zum Alltag. Hoffnungslosigkeit und Heimweh wurden zur unerträglichen Qual. Trotzdem lehnte er ein Angebot der sowjetischen Regierung ab, als Spion nach Österreich zurückzukehren. Erst nach Stalins Tod erhielt Herbert Killian Ende 1953 das lang ersehnte Ausreisevisum. Die großen Schwierigkeiten der über 14 000 km langen Heimreise und der anschließenden Reintegration werden u. a. das Thema des dritten Bandes dieser Trilogie sein.19 Der Autor, Univ. Prof. Dr. Herbert Killian, geboren 1926, war Professor an der Universität für Bodenkultur in Wien und Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung und verfasste in seiner Profession als Forstwissenschaftler mehr als 200 Publikationen, davon 26 Bücher. Pierre-Frédéric Weber, Henri Ménudier: » Le triangle RFA–RDA–Pologne. 1961–1975. Guerre froide et normalisation des rapports germano-polonais, Paris: l’Harmattan 2007. 417 p. Selon une approche pluridisciplinaire s’appuyant sur l’histoire des relations internationales, la science politique et la sociologie, l’auteur a cherché à montrer la dimension trilatérale de la situation conflictuelle en apparence bilatérale qui caractérise les relations germano-polonaises après 1945. Du fait de la division de l’Allemagne, le processus dit de »normalisation des rapports« fait intervenir en réalité trois acteurs au sein d’une triade interactionnelle, la Pologne, la RFA et la RDA. Se fondant sur une analyse fouillée de documents en partie inédits, issus d’archives allemandes et polonaises, il propose ainsi une sélection des principales problématiques pesant directement ou indirectement sur les relations germano-polonaises d’après-guerre, traitées dans une perspective trilatérale qui tient compte également des facteurs idéologiques et culturels: le problème de la frontière sur l’Oder-Neisse, les questions humanitaires liées à l’expulsion puis au rapatriement de la population allemande de Pologne, la sécurité européenne, la division allemande et la question berlinoise. Series: » Os Anos de Salazar, 30 vols., Lisbon: Editora Planeta de Agostini, 2008 f. From March 2008 on, the Portuguese Newspaper Correio da Manhã began to publish a collection of books under the title »The Salazar Years« (Os anos de Salazar). The 30 volumes comprise the whole period from the beginning of the military dictatorship in 1926 and the proclamation of the »New State« (Estado Novo) in 1933 to its end in 1974 with the April Revolution. Mostly each volume deals in some way or another with the communist or the broader opposition movement against the corporatist regime. The articles specifically related to the history of Communism are the following: • Raquel Varela: Falar e Fugir, in: Os Anos de Salazar, Vol. 1 (1926–1932), Lisboa: Editora Planeta de Agostini 2008.20 • Francisco Martins Rodrigues: Fuga do Forte de Peniche, ebd., Vol. 17 (1960), 2008. • Raquel Varela: O Rumo à Vitória de Álvaro Cunhal, ebd., Vol. 21 (1965), 2008. • Dies.: O Oriente é Vermelho, ebd., Vol. 22 (1966), 2008. • João Madeira: O PCP Emerge da Clandestinidade.ebd., Vol. 30 (1974), 2008. For the complete list of the 30 volumes see: http://lerparacrer.wordpress.com/2008/03/02/coleccao-os-anos-de-salazar/ New Journal: » Twentieth Century Communism. A Journal of International History. Communism was one of the defining political movements of the twentieth century. Viewed from different perspectives, it was at once a utopia, an ideology, a system of government, an apparatus of terror and an international political movement stretching to almost every corner of the globe. None of these aspects of its history will be overlooked in Twentieth Century Communism. Nevertheless, the journal’s primary concern is with communism as an international movement of unparalleled scope and cohesiveness. […] Twentieth Century Communism will provide an international forum for the latest research on the subject and an entry-point into key developments and debates not immediately accessible to English-language historians. […] The peer-reviewed journal of 256 pages will appear annually in May. As well as peer-reviewed research and discussion articles, it includes reviews, conference reports, key and a noticeboard section. The core of each issue will be provided by a themed section. Issue 1, appearing in May 2009, focuses on leadership cults. Contributors will include Balázs Apor (on Rákosi), Anthony Howe (on Tom Mann), Claude Pennetier and Bernard Pudal (on Stalinism and the cult of the worker), and Tauno Saarela (on Kuusinen and Finland). There will also be an interview with Hermann Weber. Editors: Richard Cross, Norry LaPorte, Kevin Morgan, Matthew Worley. Editorial advisers: Aldo Agosti; Bernhard Bayerlein; Sylvain Boulouque; Geoff Eley; Jean-François Fayet; Irina Filitova; Nina Fishman; Ben Fowkes; José Gotovitch; Subhanlal Gupta; Stephen Hopkins; Edward J. Johanningsmeier; Kevin McDermott; Stuart Macintyre; Svend Rybner; Tauno Saarela; Steve Smith; Daniela Spenser; Brigitte Studer; Ronald Suny; Geoffrey Swain; Andrew Thorpe; Alexander Vatlin; Hermann Weber; Serge Wolikow. www.lwbooks.co.uk/journals/twentiethcenturycommunism/contents.html Section VI.Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2008–2010.21 Past conferences 2008 • Melbourne, Australia, 8 February 2008: 1968 – Forty Years On. A symposium to mark the fortieth anniversary of the events of 1968, School of Historical Studies, Monash University. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=158670 • Cardiff, U. K., 9–10 February 2008: The Spanish Civil War. History, Memory, Representation, Welsh Centre for International Affairs. scwconference08@googlemail.com • Bremen, Germany, 22–23 February 2008: Das Jahr 1968 aus der Sicht der Gesellschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas, Stiftung Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. www.stiftung-sozialgeschichte.de • Lisbon, Portugal, 26 February–1 March 2008: European Social Sciences History Conference, IISG Amsterdam, University of Lisbon. www.iisg.nl/esshc/2008.php • Berlin, Germany, 10 March 2008: Erinnerungen Mythen Reflektionen. Vergangenheitsbewältigung in der Volksrepublik China, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. • Rotterdam, The Netherlands, 27–29 March 2008: Social History Society Annual Conference 2008, Social History Society Lancaster, Erasmus University Rotterdam. www.socialhistory.org.uk/annualconference.htm • Nanterre, France, 19–20 March 2008: Les années 68. Une contestation mondialisée, BDIC. Robert.Frank@univ-paris1.fr • Leicester, U. K., 28 March 2008: Communism and Changing Political Allegiance. The Complex Lives of Activists, University of Leicester, Ken Edwards Building. sh15@le.ac.uk • Washington DC, USA, 28–29 March 2008: Modernization as a Global Project. American, Soviet, and European Approaches, German Historical Institute Washington. unger@ghi-dc.org • Potsdam, Germany, 11–12 April 2008: Wendepunkte. Biographien und historische Umbrüche im 20. Jahrhundert, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. doktorandenforum@zzf-pdm.de • Wuhan, China, 14–16 April 2008: The Experience of Occupation. 1931–1949, Chinese National Committee for the Study of the Second World War, University of Wuhan. gmuc@ihtp.cnrs.fr • Paris, France, 15–17 April 2008: Images et sons de mai 68 (1968–2008) Colloque international, Centre d’histoire culturelle des sociétés contemporaines (Université de Versailles Saint-Quentin), Institut national de l’audiovisuel (INA), Laboratoire Communication et politique (CNRS), Institut national de l’audiovisuel. www.ialhi.org/news/i0702_8.php • Amsterdam, The Netherlands, 25 April 2008: Nationalism and Communism. Eastern European History and Eastern European Studies, University of Amsterdam. m.mevius@uva.nl • London, U. K., 2 May 2008: Interwar Internationalism. Conceptualising Transnational Thought and Action. 1919–1939, University College London. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2291 • Bern/Lausanne, Switzerland, 2–3 May 2008: Die 1968er Bewegung in der Schweiz. Eine historische Perspektive, Universität Bern, Université de Lausanne. JanickMarina.Schaufelbuehl@unil.ch • Jena, Germany, 17 May 2008: Samisdat und Öffentlichkeit. Kommunikation und Wahrnehmung der Opposition in den 70er und 80er Jahren in der DDR, Thüringer Archiv für Zeitgeschichte »Matthias Domaschk«. www.thueraz.de • Ghent, Belgium, 29–31 May 2008: Conference of the European Network for Avant-Garde and Modernism Studies, Ghent University. www.eam-europe.ugent.be • Berlin, Germany, 30 May 2008: CROSSING 68 / 89. Protest, Reform und kultureller Aufbruch zwischen Prag und Berlin, Akademie der Künste. www.adk.de/de/aktuell/veranstaltungen/i_2008/CROSSING-68-89.htm • Dijon, France, 5–6 June 2008: Mai–juin dans les années 68. La conflictualité sociale et politique, Université de Bourgogne. • Berlin, Germany, 6–7 June 2008: VII. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung. Traditionen des Linkssozialismus, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, «Helle Panke» zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur. www.helle-panke.de • London, U. K., 25 June 2008: Looking For Lukács. A symposium, School of Social Science, Media and Cultural Studies, University of East London. • Canterbury, U. K., 8–10 July 2008: Justifying War. Propaganda, Politics and War in the Modern Age, School of History, University of Kent at Canterbury and Department of History, University of Durham. www.kent.ac.uk/history/ • Berlin, Germany, 9 July 2008: Vortrag / Zeitzeugengespräch. In Prag ist Pariser Kommune. Protestaktionen in der DDR gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund. • Berlin, Germany, 10–11 July 2008: Socialist InterNationalism. Envisioning and Experiencing Nationalism and Internationalism in the Soviet Union. 1945–1990, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte. maike.lehmann@web.de • Kuala Lumpur, Malaysia, 21–27 July 2008: 16th International Congress on Archives. Archives, Governance and Development. Mapping Future Society. International Council on Archives, Paris. • Prague, Czech Republic, 18–25 August 2008: Confronting Cold War Conformity – Peace and Protest Cultures in Europe. 1945–1989, Heidelberg Center for American Studies, The Charles University Prague. www.protest-research.eu • Leicestershire, U. K., 4–6 September 2008: 1st Anarchist Studies Network Conference, Loughborough University. www.anarchist-studies-network.org.uk • Johannesburg, South Africa, 5–8 September 2008: Labour Crossings. World, Work and History, University of the Witwatersrand, Johannesburg. http://web.wits.ac.za/Academic/Humanities/SocialSciences/HistoryWorkshop • Johannesburg, South Africa, 9–13 September 2008: 39th Conference of the International Association of Labour History Institutions. www.ialhi.org/iconf-08.pdf • Linz, Austria, 11–14 September 2008: 44th Linz Conference. 1968 – A view of the protest movements 40 years after, from a global perspective / 1968 – Ein Blick auf die Protestbewegungen 40 Jahre danach aus globaler Perspektive, Bildungshaus Jägermayrhof. www.ith.or.at/konf_e/44_ueberblick_e.htm • Berlin, Germany, 19 September 2008: Die Novemberrevolution 1918 / 19 im Spiegel von Kunst und Publizistik, Helle Panke e.V. • Prague, Czech Republic, 25–26 September 2008: Loyalitäten im Staatssozialismus. DDR, Tschechoslowakei, Polen, Lehrstuhl für deutsche und österreichische Studien der Karls-Universität Prag, Goethe-Institut Prag, Herder-Institut Marburg, Historische Kommission für die böhmischen Länder, Goethe-Institut Prag. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=9801 • Sofia, Bulgaria, 26–29 September 2008: Remembering Communism. New Approaches to the Memory and History of Communism. Bulgaria and Romania in Comparison, Institute of Slavic Studies of the University of Leipzig, St. Kliment Okhridski University Sofia. • Dresden, Germany, 30 September–3 October 2008: 47. Deutscher Historikertag, Institut für Geschichte der TU Dresden. www.vhd.gwdg.de • Berlin, Germany, 4 October 2008: Kolloquium Politikum Geschichte. Die Rolle der Geschichte in den öffentlichen politischen Diskussionen, Gesellschaftswissenschaftliches Forum e.V., Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Museum Lichtenberg im Stadthaus. • Belfast, U. K., 10–11 October 2008: 1968: Turning Point. Multi-disciplinary Postgraduate Conference, Queen’s University, Belfast, Institute of Irish Studies. conference-1968@hotmail.com • Berlin, Germany, 10–11 October 2008: Marx’ Kritik der politischen Ökonomie und die neue Linke. Internationale Konferenz, Helle Panke e.V., Verein zur Förderung der MEGA-Edition e.V. www.helle-panke.de • Moscow, Russia, 15–16 October 2008: Munich Treaty of 1938: History and Modernity. International Scientific Conference, Russian Academy of Sciences (RAS), Institute of World History. • Berlin, Germany, 16 October 2008: Die Geschichtsschreibung der Novemberrevolution 1918 / 19 im Wandel der Jahrzehnte, Helle Panke e.V. www.helle-panke.de • Leipzig, Germany, 18 October 2008: VIII. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Leo Kofler und Wolfgang Abendroth. Die sozialistische Linke und 1968, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Leipzig. http://rosa-luxemburg-stiftung-sachsen.de • New Orleans, USA, 23–26 October 2008: Terrorism and Modernity. Global Perspectives on Nineteenth Century Political Violence, Tulane University. dietze@ghi-dc.org • Lisbon, Portugal, 29 October 2008: Tarrafal – uma prisão, dois continentes. Colóquio internacional, Associação-Movimento Cívico »Não apaguem a Memória!«, Auditório da Assembleia da República, www.maismemoria.org • Buenos Aires, Argentina, 30 October–1 November 2008: Crisis and revolution in today’s world. Analysis and perspectives, Facultad de Filosofìa y Letras, Universidad de Buenos Aires. jornadas@razonyrevolucion.org • Berlin, Germany, 31 October–1 November 2008: Die Novemberrevolution 1918 / 1919. Für bürgerliche und / oder sozialistische Demokratie? Allgemeine, regionale und biographische Aspekte, Förderverein zur Forschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, Rosa-Luxemburg-Stiftung. www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de/aktuelles.html • Groningen, The Netherlands, 6–7 November 2008: Charisma and Emergent Social Movements, Senate Chamber, Academic Building, Groningen. www.iisg.nl/research/charisma.pdf • Lisbon, Portugal, 7–8 November 2008: Os Comunistas em Portugal. 1921–2008. 1° Colóquio, Politica Operaria, Biblioteca-Museu Republica e Resistência. • Berlin, Germany, 7–8 November 2008: Novemberrevolution 1918 – was bleibt?, IG Metall Bildungsstätte Berlin. http://netkey40.igmetall.de • London, U. K., 7–9 November 2008: The Marxist Historians of the Russian Revolution Founding Meeting, Historical Materialism Conference, University of London. kevinj.murphy@umb.edu • Moscow, Russia, 10–11 November 2008: New Approaches Towards the Study of World History, Institute of General History, Russian Academy of Sciences. www.igh.ru/ • Potsdam, Germany, 11–12 November 2008: 12. Potsdamer Kolloquium zur Außen- und Deutschlandpolitik. Deutsch-südafrikanische Beziehungen: DDR – Bundesrepublik – vereinigtes Deutschland, Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin, Helle Panke e.V., Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V., Potsdam, Altes Rathaus. www.helle-panke.de • Moscow, Russia, 13–15 November 2008: Die sowjetische Öffentlichkeit zur Zeit der »Perestrojka« (1985–1991), Deutsches Historisches Institut Moskau. www.dhi-moskau.de/seiten/veranstaltungen/konferenz.html • Lisbon, Portugal, 14–15 November 2008: Congresso Internacional Karl Marx, Faculdade de Ciencias Sociais e Humanas, Universidade Nova de Lisboa. www.cultra.pt/downloads/Congresso_Internacional_Karl_Marx.pdf • Berlin, Germany, 15 November 2008: »… zur Sonne, zur Freiheit!« – 100 Jahre Arbeiterfreizeit in Berlin, Helle Panke e.V., August-Bebel-Institut, La Luz in den Osram-Höfen. www.helle-panke.de • Brussels, Belgium, 21–22 November 2008: L’autre printemps. Les changements en Europe de l’Est et les gauches à l’Ouest (1965–1985). Colloque international, Centre des Archives communistes en Belgique, Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches, ULB. http://users.skynet.be/carcob/ • Moscow, Russia, 5–7 December 2008: History of Stalinism. Results and Problems of Research. International Conference, Responsible in Charge of Human Rights of the Russian Federation, State Archives of the Russian Federation, Boris-Yeltsin-Fonds, Memorial, INION RAN, ROSSPEN. Olympic Penta Renaissance Hotel. www.rosspen.su/pictures/ru/IS_HB_M2.jpg Meetings and conferences 2009–2010 • Berlin, Germany, 16–17 January 2009: 16th International Rosa Luxemburg Conference, International Rosa Luxemburg Society, Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. oluban@gmx.de • Hyderabad, India, 29–31 January 2009: International Conference on Media, Culture and Ideology, Osmania University Centre for International Programmes. vijaya_chaganti@yahoo.com • Marburg, Germany, 19–20 February 2009: Forschungen zu Stalinismus und Entstalinisierung –Kul-turwissenschaftliche Disziplinen im Dialog, Herder-Institut Marburg. haslinger@herder-institut.de • Kassel, Germany, 20–21 February 2009: Forschungskolloquium »Geschichtspolitik«, Arbeitskreis »Politik und Geschichte« in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft. www.uni-stuttgart.de/soz/avps/pug/ • Winnipeg, Canada, 12–14 March 2009: World History and Historical Materialism, Interdisciplinary Research Circle on Globalization and Cosmopolitanism, Department of History at the University of Manitoba. www.umanitoba.ca/faculties/arts/history/research_circle/events.htm • Cambridge, U. K., 28–30 March 2009: British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES) Annual Conference, Fitzwilliam College. www.basees.org.uk/conference.shtml • Bochum, Germany, 2–4 April 2009: Theoretische Ansätze und Konzepte der Sozialen Bewegungs-Forschung in den Geschichtswissenschaften, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum. Haus der Geschichte des Ruhrgebiets. www.ruhr-uni-bochum.de/isb/ • Geneva, Switzerland,15–16 May 2009: Transnational social policies reformist networks and the International Labour Organization 1900–1980, Université Genève. Submission deadline: 30.9.2008. sandrine.kott@lettres.unige.ch/isabelle.lespinet@wanadoo.fr • Dubai, United Arab Emirates, 30 May–1 June 2009: Second Global Studies Conference, University of Illinois, Urbana, USA, Zayed University, Dubai, United Arab Emirates. Submission deadline: 11. 9. 2008. www.globalstudiesconference.com • Gießen, Germany, 18–20 June 2009: 1989 in Zentraleuropa als transnationales Diskurs- und Me­­dien­ereignis, Gießener Zentrum Östliches Europa, Graduiertenkolleg »Transnationale Medien­ereignisse«, Herder-Institut Marburg, Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen, Justus-Liebig-Universität Gießen. Submission deadline: 30. 9. 2008. haslinger@herder-institut.de • Kyiv, Ukraine, 27–31 July 2009: 4th Changing Europe Summer School »Civil Society in Central and Eastern Europe before and after the End of Socialism«, Research Centre for East European Studies at the University of Bremen in cooperation with the EU Institute for Security Studies at the National University of »Kyiv-Mohyla Academy« with funding from the Volkswagen Foundation, National University of »Kyiv-Mohyla Academy«. Submission deadline: 11. 1. 2009. www.changing-europe.de • London, U. K., 16–17 October 2009: 1989–2009. The East European revolutions in perspective, Debatte – Journal of Contemporary Central and Eastern Europe, London. Submission deadline: 30. 3. 2009. www.tandf.co.uk/journals/titles/0965156X.asp • Detroit, USA, 22–24 October 2009: North American Labor History Conference 2009, McGregor Conference Center on the campus of Wayne State University. Submission deadline: 23. 3. 2009. http://nalhc.wayne.edu • Hannover, Germany, 20–29 November 2009: Postmoderne hinter dem Eisernen Vorhang? Internationales Symposium anlässlich des 75. Geburtstags von Alfred Schnittke, Hochschule für Musik und Theater Hannover. Submission deadline: 30.11.2008. stefan.weiss@hmt-hannover.de • Ghent, Belgium, 13–16 April 2010: 8th European Social Science History Conference. www.iisg.nl/esshc Section VII. The International Bibliography of Communist Studies.Issue 2008. Internationale Bibliografie der historischen Kommunismusforschung. Bibliographie internationale des recherches sur le communisme. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert. The International Bibliography of Communist Studies, Issue 2008, for reasons of space, will not be integrated in this paper edition. In The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22, www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/, you can find a directory of books from over 30 different countries (covering more than 600 titles in 2008). You are kindly requested to complete this international bibliography and to send in new titles. We are also looking for more correspondents from different, especially Asian and African, countries. Section VIII. Periodicals on Communist Studies. VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2008. Internationale Artikelbibliografie der historischen Kommunismusforschung. Bibliographie internationale d’articles concernant les recherches sur le communisme. Edited by Gleb J. Albert and Bernhard H. Bayerlein. In the online issue of the newsletter, you may find a selected bibliography of journal articles on Communism and related topics. Amongst others, the following journals have been consulted: Acta Slavica Iaponica (Japan) • Aden. Paul Nizan et les années trente. (France) • American Communist History (USA) • Anarchist Studies (U. K.) • Brood & Rozen (Belgium) • Bulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch (France) • Bulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau (Russia) • Cahiers d’histoire (France) • Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung (Germany) • Cahiers du Monde russe (France) • Cahiers du mouvement ouvrier (France) • Cold War History (U. K.) • Communisme (France) • Critique. Journal of Socialist Theory (U. K.) • Dzieje Najnowsze (Poland) • East European Quarterly (USA) • Europe-Asia Studies (U. K.) • European History Quarterly (U. K.) • European Review of History / Revue Européenne d’Histoire (U. K. / France) • Geschichte und Gesellschaft (Germany) • Halbjahresschrift für Südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik (Germany) • Historical Materialism (The Netherlands) • Iberoamericana (Germany) • International Labor and Working-Class History (U. K.) • International Newsletter of Communist Studies Online (Germany) • Istoričeskij Archiv (Russia) • Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Germany) • Jahrbuch Extremismus und Demokratie (Germany) • Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (Germany) • Jahrbücher für Geschichte Osteuropas (Germany) • Journal of Cold War Studies (USA) • Journal of Communist Studies and Transition Politics (U. K.) • Journal of Contemporary History (U. K.) • Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History (USA) • Labor History (USA) • Latinoamerikanskij Al’manach (Russia) • Memoria e Ricerca (Italy) • Neprikosnovennyj Zapas (Russia) • Novaja i Novejšaja Istorija (Russia) • Novyj Istoričeskij Vestnik (Russia) • Osteuropa (Germany) • Otečestvennaja Istorija (Russia) • Otečestvennye Archivy (Russia) • Passato e Presente (Italy) • Post-Soviet Affairs (USA) • Políticas de la Memoria (Argentina) • Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien (Germany) • Przegląd Historyczny (Poland) • Radical History Review (USA) • Revolutionary Russia (U. K.) • Russian Review (USA) • Slavic Review (USA) • Slavonic & East European Review (U. K.) • Slovansky Přehled (Czech Republic) • Studia z dziejów Rosji i Europy Środkowo-Wschodniej (Poland) • Századok (Hungary) • Tokovi Istorije (Serbia) • Totalitarian Movements and Political Religions (U. K.) • Twentieth Century British History (U. K.) • Ukrajins’kyj Istoryčnyj Žurnal (Ukraine) • UTOPIE kreativ (Germany) • Vingtième siècle. Revue d’Histoire (France) • Voenno-istoričeskij Žurnal (Russia) • Voprosy Istorii (Russia) • Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (Germany) • Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Germany). Consult the full-length bibliography in: The International newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services. The Directory of Periodicals on Communist Studies, including basic information on journals, newsletters, and other conventional and online periodicals, can be consulted in The International Newsletter of Communist Studies Online (2009), 22. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Section IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies. The Directory of Internet Resources, listing over 100 links to e-newsletters, portals, online bibliographies, research communities, discussion lists etc., can be consulted in The International Newsletter of Communist Studies Online (2008), 21. www.mzes.uni-mannheim.de/projekte/incs/ Section X. Cultural and Artistic Performances Concerning the History of Communism (New Movies, Documentaries, Stage Performances, Literary Fiction etc.). Dokumentarfilm über Theodor Bergmann. Ein Team unabhängiger Dokumentarfilmer hat unter dem Titel Dann fangen wir von vorne an – (Über)Leben eines kritischen Kommunisten im 20. Jahrhundert eine 80-minütige Dokumentation mit und über Theodor Bergmann herausgebracht. Bergmann, geb. 1916, war Mitglied der KPO und der »Gruppe Arbeiterpolitik«, und hat sich bereits in der Perestroika um enge Kontakte zwischen sowjetischen und deutschen Historikern bemüht, wovon seine Veröffentlichungen zeugen (»Liebling der Partei«. Bucharin – Theoretiker des Sozialismus. Beiträge zum Internationalen Bucharin-Symposium Wuppertal 1988, Hamburg 1988; Ketzer im Kommunismus. 23 biografische Essays, Hamburg 2001). »Die historischen und persönlichen Erfahrungen, scheinen unmöglich in einer Biografie aufgehen zu können. Der charismatische 90-Jährige kann sich nicht nur erinnern: Wenn er erzählt, wird das Vergangene lebendig. […] Der Film nähert sich beiden: dem Zeitzeugen mit seinen nuancenreichen Erinnerungen und dem Zeitgenossen, der noch immer zur gesellschaftlichen Diskussion beiträgt.« (Pressetext). Die DVD kann unter www.dann-fangen-wir-von-vorne-an.de bestellt werden. Der Film liegt ebenfalls der 2007 im VSA-Verlag erschienenen Festschrift zum 90. Geburtstag Bergmanns bei: www.vsa-verlag.de/books.php?kat=geschichte&isbn=978-3-89965-257-4 Chasing the Dragon – Film Adaptation. The famous first-hand account on the Chinese revolution, »Chasing the Dragon« by Roy Rowan, is being made into a film by Robert De Niro and Jane Rosenthal, to be released in 2010. Rowan, a correspondent for Time and Life, was one of the few Western journalists reporting from inside China in 1949 when the Communists came to power. He is reported to act as a consultant on the film. Über die Schwelle: Dokumentarfilm über einen deutschen Kommunisten in Sibirien. Der 1915 geborene Kommunist Walter Ruge kam 1933 in die Sowjetunion. Nach Kriegsausbruch verhaftet, verbrachte er wegen »antisowjetischer Tätigkeit« acht Jahre in sibirischen Arbeitslagern. Für einen Dokumentarfilm brach der in Potsdam lebende Ex-Gulaghäftling mit einem deutschen Filmteam nach Sibirien auf, um um die Stätten seiner Haft und Verbannung zu besuchen. Näheres zum bereits 2006 erschienenen Film unter www.ueberdieschwelle.de Wajda’s Katyn Premiered in Moscow. Katyn, the movie about the notorious massacre by Polish filmmaker Andrzej Wajda (see INCS 20), got released in 2007 and has been nominated for an Oscar in 2008. On March 18, 2008, the film has been premiered in Moscow after many delays and negotiations. Beforehand, Russian media have been repeating the Soviet propaganda stamps about the massacre being carried out not by the NKVD, but by the Germans. Andrzej Wajda attended the Russian premiere and was pleased by the overall positive feedback. For his video statement live in Moscow, see http://grani-tv.ru/entries/143/. Des Allemandes dans la Résistance. Documentary by Jean-Pierre Vedel. France, 2007. 52 min. This documentary, prepared for French television, deals with the (about 1000) Germans who joined the French Résistance as a »shadow army« against the German occupation of France during World War II. Some of the testimonies presented in this film were responsible within the FTPF for the »German work« (Travail allemand). Special attention is given to the Maquis of Southern France, and to the 132 German women of the Résistance, like Yvette Bloch and Marianne Bernat. Section XI. Discussions, Debates, Historical Controversies. Tschechien: Aufsehen um Milan-Kundera-Akten. Im Oktober 2008 legten Adam Hradilek und Petr Třešnák vom Prager Institut für das Studium totalitärer Regime (tschechisch: Ústav pro studium totalitních režimů) ein Dokument vor, das belegen sollte, dass der international bekannte oppositionelle tschechische Schriftsteller Milan Kundera als 20-jähriger Student einen 22-jährigen antikommunistischen Aktivisten an die Polizei verraten habe, worauf dieser insgesamt 22 Jahre Haft verbüßt hatte. Während die Welt bereits relativierende Parallelen zum Fall Günter Grass zog, wies der mittlerweile 79-jährige Kundera alle Vorwürfe von sich und verwies auf das Fehlen seiner Unterschrift auf dem Protokoll seiner vorgeblichen Vernehmung, welches lediglich vom diensthabenden Polizisten unterschrieben worden war – auch wenn dies laut tschiechischen Historikern nicht ungewöhnlich sei. Die Beschuldigungen gegen die Ikone des Prager Frühlings haben eine breite Diskussion in der tschechischen Gesellschaft zur Aufarbeitung und ihrer Instrumentalisierung losgetreten. So forderte die renommierte Literaturzeitschrift Literarni noviny, die 1968 eine oppositionelle Position eingenommen hatte, die Schließung des Instituts für das Studium totalitärer Regime. Für eine sehr ausführliche Zusammenfassung der (auch international geführten) Debatte siehe www.perlentaucher.de/artikel/4997.html. Eine gekürzte englische Fassung des Aufsatzes von Adam Hradilek und Petr Třešnák findet sich unter www.salon.eu.sk/article.php?article=717-the-saddest-of-jokes-english. Section XII. Miscellanea. Prof. Dr. Jakov Drabkin feiert seinen 90. Geburtstag. Jakov Drabkin, Leiter des Forschungszentrums für deutsche Geschichte des Instituts für Weltgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation, ist im April 2008 90 Jahre alt geworden. An seiner Energie und sprichwörtlichen Tatkraft hat sich dabei nichts verändert. 1918 geboren, schloss er sei Stidium in Kiev mit einer Diplomarbeit über die Geschichte der Weimarer Republik ab. Von 1941 bis 1945 war er als Rotarmist an der Front im Westen eingesetzt, teilweise zusammen mit Lev Kopelev als Propagandaoffizier. 1945 erreichte er das von den Deutschen verlassene KZ Ravensbrück. 1960 erschien in der Sowjetunion (und 1968 in Berlin) sein wissenschaftliches Hauptwerk über die deutsche Novemberrevolution 1918. In den späten Sechzigerjahren setzte er sich in der Sowjetunion gegen dogmatische Auffassungen über die Notwendigkeit einer lupenreinen proletarischen Revolution beispielsweise für Deutschland ein. Auch in den weiteren Jahren blieb er dem Thema der Geschichte der Weimarer Republik und der Biografie Rosa Luxemburgs treu. Im Rahmen des »Wuppertaler Projekts« führte er gemeinsam mit Lev Kopelev deutsche und sowjetische / russische Historiker zusammen. Seit ihrer Gründung ist Drabkin Mitglied der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen (»Deutsch-russische Historikerkommission«). Der Abschluss des von ihm gemeinsam mit Hermann Weber geleiteten Forschungs- und Editionsprojekts »Deutschland und die Komintern / Die Komintern und Deutschland« steht kurz bevor. Die Herausgeber gratulieren Jakov Drabkin auf das Herzlichste und wünschen ihm viele weitere produktive Jahre. In Russland erschien zu Jakov Drabkins Ehren eine Festschrift mit diversen Beiträgen zur russischen und deutschen Geschichte: M. B. Korcagina / V. L.Telicyn (eds.): Germanija i Rossija v sud’be istorika. Sbornik statej, posvjascennyj 90-letiju Ja.S.Drabkina, Moskva: Sobranie 2008. 399 p. In memoriam Oleg Ken. Oleg N. Ken (born 1960), Russian historian, specialist on the international relations of the Soviet Union as well as on various aspects of interwar Soviet (and Polish) state and society, has surprisingly passed away on October 28, 2007, suffering from heart insufficiency. Amongst other topics of Communist studies, Ken has recently published on Karl Radek (Karl Radek i Bjuro Meždunarodnoj Informacii CK VKP(b). 1932–1934 gg. In: Cahiers du Monde russe 44 [2003], 1, p. 135–178). Now, the OGI publishing house is planning to reissue Ken’s out-of-stock monograph on mobilizational planning in the 1920s and 1930s. For reactions from Russia’s scholarly community, see www.polit.ru/science/2008/03/13/ken.html. Bryan Palmer Wins National Award with James P. Cannon Biography. As the Trent University announces, Dr. Bryan Palmer, Chair of the Canadian Studies department, has won the prestigeous Wallace K. Ferguson Prize from the Canadian Historical Association (CHA) for his biography of James P. Cannon, a leading American communist and later the founder and leader of the American Trotskyist movement. See www.trentu.ca/newsevents/newsreleases_080611palmer.php for more information. Bryan D. Palmer,: James P. Cannon and the Origins of the American Revolutionary Left. 1890–1928, Urbana: Univ. of Illinois Press 2007. XVIII + 542 p. Errata. In the bibliography of The International Newsletter of Communist Studies Online XIII (2007), no 20, p. 72, the publication Kolchoznaja žizn’ na Urale. 1935–1953 has been mistakenly attributed to Hans-Ulrich Kessler. This is a wrong interpretation of the »Ch. Kessler« listed in the publication itself. The correct author is Dr. Gijs Kessler of the International Institute of Social History, Amsterdam (www.iisg.nl/staff/gke.php). We apologise for the mistake. 1 Under the direction of Prof. Sandrine Kott. 2 David Fernbach: Rosa Luxemburg’s Political Heir: an Appreciation of Paul Levi, New Left Review 238 (1999), p. 3–25. 3 Charlotte Beradt: Paul Levi: Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1969. 4 Hans-Ulrich Ludewig: Die sozialistische Politik und Wirtschaft: ein Beitrag zur Linksopposition in der SPD 1923 bis 1928, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung 17, 1 (1981), p. 14–41; Dietmar Klenke: Die SPD-Linke in der Weimarer Republik: eine Untersuchung zu den regionalen organisatorischen Grundlagen und zur politischen Praxis und Theoriebildung des linken Flügels der SPD in den Jahren 1922–1932, Münster: Lit 1983; Bernd Dieter Fritz: Die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft (KAG) im Vergleich mit der KPO und SAP. Eine Studie zur politischen Ideologie des deutschen »Rechts-Kommunismus« in der Zeit der Weimarer Republik, Bonn: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität 1966. 5 Supervisor: Prof. Christos Hadziiossif. 6 P. Huber: Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg. Milizionäre und Brigadisten aus der Schweiz: Biographisches Handbuch, Zürich, Rotpunkt-Verlag 2009, 644 S. 7 We would like to thank the College of Graduate Studies and Research of the University of Puerto Rico and the Kennan Institute of The Woodrow Wilson Center for their financial support of our research. We are also endebted to a number of scholars whose encouragement and feedback have made our work possible: John Earl Haynes, Ronald Bachman, and Inés Flores at the Library of Congress, Isabel A. Tirado, Richard Stites, David Goldfrank, and Rex Wade; and Shakira Acevedo and Damaris Marrero for their assistance in research and database processing. 8 Comintern Online, www.comintern-online.com. 9 Sandra Pujals, ¿Una perla en el Caribe soviético?: Puerto Rico en los archivos de la Komintern en Moscú, 1921–1943 [A Pearl in the Soviet Caribbean?: Puerto Rico in the Comintern Archives in Moscow, 1921–1923], in: Revista del Centro de Investigaciones Históricas de la Universidad de Puerto Rico [Journal of the Center for Historical Research of the University of Puerto Rico ] 17 (2007). 10 Lazar Jeifets / Victor Jeifets / Peter Huber: La Internacional Comunista y América Latina, 1919–1943: diccionario biográfico. Geneva–Moscow: Instituto de Latinoamérica de la Academia de las Ciencias e Institut pour l’histoire du communisme 2004. 11 According to the leading work on the Comintern in Latin America by Manuel Caballero, the participation of Latin American communists within the structure of the Comintern was limited, since the institution operated under centralized Soviet control. Manuel Caballero: Latin America and the Comintern, 1919–1943. Cambridge–New York: Cambridge University Press 1986. New research on Latin America has already proven otherwise. See, for example: Barry Carr: From Caribbean Backwater to Revolutionary Opportunity: Cuba’s Evolving Relationship with the Comintern, 1925–34, in: Tim Rees / Andrew Thorpe (eds.): International Communism and the Communist International, 1919–1943. Manchester: Manchester University Press 1998, pp. 234–253. For the discussion on the center / periphery issue from a European perspective see Mikhail Narinsky / Jürgen Rojahn: Center and Periphery: The History of the Komintern in Light of New Documents. Amsterdam: International Institute of Social History 1996. 12 Un avance de la misma, en: Hernán Camarero: A la conquista de la clase obrera. Los comunistas y el mundo del trabajo en la Argentina, 1920–1935, Buenos Aires: Siglo XXI Editora Iberoamericana 2007. 13 Ebenfalls vor kürzerer Zeit erschienen: Heinz Deutschland: Aus Briefen Käte und Hermann Dunckers aus den Jahren 1939 bis 1947 (Teil I), JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (2005), I, S. 107–124. 14 Nikolai Bucharin: Die eiserne Kohorte der Revolution, in: Russische Korrespondenz Jg. III, Bd. II, Nr. 1 / 12, S. 729–732, hier S. 730. 15 Ebd. 16 Ebd. 17 Semen Frank: Die Ethik des Nihilismus (1909), in: Karl Schlögel (Hg.): Wegzeichen. Zur Krise der russischen Intelligenz, Frankfurt a. M. 1990, S. 275–320, hier S. 312. 18 Siehe z. B. »Widerstand in Mannheim«, hg. im Auftrag der Stadt Mannheim von Erich Matthias und Hermann Weber, Mannheim 1983. 19 Erster Band der Trilogie: Geraubte Jahre. Ein Österreicher verschleppt in den GULAG, Wien: Amalthea 2005. 20 Our acknowledments go to Raquel Varela who sent us these informations. 21 Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: • Calenda (http://calenda.revues.org) – French and other social science conference announcements • H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce) – academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com) • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History (www.iisg.nl/news) • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.ge-schichte.hu-berlin.de).

JHK 2009

30 Jahre nach den Killing Fields: Verlauf und ideologische Wurzeln des kambodschanischen »Roten Terrors«

Volker Grabowsky

Vor dreißig Jahren, am 7. Januar 1979, marschierten vietnamesische Truppen in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh ein und befreiten Kambodscha von der Schreckensherr­schaft der Roten Khmer.1 Diese hatten eines der blutigsten Regime des 20. Jahrhunderts, eines an Kriegen, sozialen Verwerfungen und nationalen Katastrophen keineswegs armen Zeit­alters, errichtet: Am 17. April 1975 waren Einheiten der in schwarze Uniformen, Gummi­sandalen und Ballonmützen gekleideten Soldaten der Roten Khmer in die von Flüchtlingen übervölkerte kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh eingedrungen. Der als »Befreiung vom imperialistischen Joch« deklarierte Einmarsch hatte einen fünfjährigen, von allen Seiten gnadenlos geführten Bürgerkrieg beendet, doch zugleich die dunkelste Epoche in der jüngeren Geschichte Kambodschas eingeleitet. In den weniger als vier Jahren seiner Herrschaft hatte das Terrorregime der kommunistischen Roten Khmer unter ihrem Führer Pol Pot bis zu einem Fünftel der damals 7 bis 8 Millionen Einwohner des kleinen südostasiatischen Landes getötet. Gestürzt wurde es dennoch nicht von innen durch einen Volksaufstand; vielmehr fand es sein Ende durch die militärische Invasion des kommunistischen Nachbarn Vietnam, der – Ironie der Geschichte – einst zu den Geburtshelfern der Rote-Khmer-Bewegung gezählt hatte.2 Der 7. Januar 1979 markierte zwar die Befreiung Kambodschas vom Pol-Pot-Regime, zugleich aber auch den Beginn einer mehr als zehn Jahre währenden Okkupation durch Streitkräfte eines ungeliebten Nachbarlands und das erneute Aufflammen des kambodscha­nischen Bruderkriegs mit heute anachronistisch anmutenden Konfliktlinien. Das faktische Bündnis zwischen den USA und der Volksrepublik China gegen ein als Statthalter des »sowjetischen Expansionismus« und »Kuba Asiens« verfemtes Vietnam verlieh dem Kambodschakonflikt neben einer nationalen und regionalen auch eine globale Dimension.3 Die weltpolitische Lage in der Spätphase des Kalten Krieges verschaffte den Roten Khmer ein unerwartetes politisches und militärisches ›Comeback‹. Unter der nominellen Führung des einstigen Staatschefs Prinz Norodom Sihanouk4 leistete eine politisch heterogene »Koalitionsregierung des Demokra­tischen Kampuchea« (KRDK) von wechselnden Orten im thai-kambodschanischen Grenzgebiet aus mehr als ein Jahrzehnt lang dem von Hanoi installierten Heng-Samrin-Regime und den vietnamesischen Besatzungstruppen erbitterten Widerstand. Das militärische Rückgrat dieser fragilen Gegenregierung bildeten die in den Untergrund gedrängten Gefolgsleute Pol Pots, die nunmehr von China, Thailand und – wenn auch nur verdeckt – von den USA militärische und logistische Unterstützung erhielten. Jahrelang okkupierten die Roten Khmer unter dem Deckmantel der KRDK sogar den Sitz Kambodschas bei den Vereinten Nationen.5 Erst eine Kehrtwende der so-wjetischen Asien- und Pazifikpolitik ebnete den Weg für lang­wierige Verhandlungen, die 1991 in das Friedensabkommen von Parismündeten.6 Nach anfänglicher Kompromissbereitschaft sabotierten die Roten Khmer allerdings die praktische Umsetzung der Bestimmungen des auch von ihnen unterschriebenen Abkommens. Sie verweigerten die Demobilisierung ihrer Streitkräfte und boykottierten im Mai 1993 die von den Vereinten Nationen überwachten freien Wahlen. Trotz zeitweiliger militärischer Erfolge wurden die national wie international isolierten Roten Khmer jedoch von einem ideologischen Zersetzungsprozess erfasst, der im Juli 1996 zur Spaltung der Organisation führte und ihren endgültigen Untergang innerhalb nur weniger Jahre bewirkte. Tausende der gefürchteten Dschungelkämpfer wechselten auf die Regierungsseite; einige ihrer Führer wie der einstige Außenminister und Vizepremier Ieng Sary wurden von König Sihanouk amnestiert. Pol Pot selbst aber wurde im Juni 1997 von seinen eigenen Anhängern entmachtet und vor ein »Volksgericht« gestellt;7 er verstarb am 15. April 1998 in einem Dschungellager nahe der Grenze zu Thailand. Im April 1999 fand mit der Kapitulation von Armeechef Ta Mok die Rebellion der Roten Khmer ihr spätes Ende. In der Zeit des Kambodschakriegs (1979–1991) hatten realpolitische Zwänge eine schonungslose Aufklärung und Ahndung der von den früheren Herrschern zu verantwor­tenden Verbrechen behindert. Die Machtpolitik der Großmächte stand einer juristischen Aufarbeitung der Geschehnisse im Weg. Noch das Friedensabkommen von Paris vermied jeglichen direkten Bezug auf die Massenmorde des Pol-Pot-Regimes und warnte nur vage vor einem Wiederaufleben von »Praktiken der Vergangenheit«. Erst der vollständige Zusammenbruch der Roten Khmer als politische und militärische Organisation in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre sowie eine Neubewertung bislang als sakrosankt geltender Grund­sätze der internationalen Politik – etwa des Prinzips der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten – verliehen dem Streben nach einer Aufarbeitung der im Namen der »kambodschanischen Revolution« begangenen Massenmorde Auftrieb.8 Im März 2003 kam es endlich zu einem Durchbruch in den langjährigen Verhandlungen zwischen der kambodschanischen Regierung und den Vereinten Nationen über die Bildung eines Tribunals zur strafrechtlichen Verfolgung der zwischen 1975 und 1978 begangenen Verbrechen. Ein im Oktober 2004 vom kambodschanischen Parlament ratifiziertes Gesetzes­werk und ein Rechtsabkommen mit den Vereinten Nationen bilden die rechtliche Grundlage für ein internationales Sondergericht, das im Juli 2006 etabliert wurde. Gegen fünf ehemalige Führungskader der Roten Khmer sind inzwischen Haftbefehle erlassen worden.9 Die ersten Verhandlungen begannen im November 2007. Aufgrund des fortgeschrit­tenen Alters der Angeklagten (Jahrgänge 1925 bis 1942) geraten die Prozesse allerdings zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Dennoch besteht heute die realistische Hoffnung, dass die noch lebenden Hauptverantwort­lichen des kambodschanischen Massenmords zur Rechenschaft gezogen werden und die in Südostasien beispiellose Gewaltherrschaft der Khmer-Kommunisten so doch noch eine späte juristische Aufarbeitung erfährt. Dies gibt Anlass, mit einem zeitlichen Abstand von drei Jahrzehnten erneut nach den Ursachen und dem genauen Ablauf der kambodschanischen Tragödie zu fragen. In welchem historischen Kontext spielte sich die Revolution der Roten Khmer ab? Welche Ziele verfolg­ten die Revolutionäre? Von welchen ideologischen Vorbildern ließen sie sich leiten? Weshalb ging das kommunistische Regime so brutal gegen das eigene Volk vor? Wie viele Menschenleben forderten die Massenmorde der Jahre 1975 bis 1978 tatsächlich? Diesen Fragen soll im Folgenden unter Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse nachgegangen werden. 1. Der historische Kontext Die kambodschanischen Kommunisten zählten zu den Verlierern des Genfer Abkommens vom Juli 1954, das den ersten Indochinakrieg offiziell beendete. Anders als ihre laotischen Genossen erhielten sie keine autonomen Zonen zwecks Umgruppierung ihrer Streitkräfte zugewiesen, sondern mussten sich der königlichen Regierung bedingungslos unterordnen.10 Die Wahlen von 1955 bescherten der von König Sihanouk gegründeten »Sozialisti­schen Volksgemeinschaft« (Sangkhum Reastr Niyum) einen überwältigenden Wahlsieg. Die prokommunistische »Revolutionäre Volkspartei« (Pracheachon Padevoat Khmer) vermochte lediglich vier Prozent der Wählerstimmen auf sich zu vereinigen und erlitt in der Folgezeit einen dramatischen Rückgang der Mitgliederzahlen. Nach dem offenen Überlaufen von Parteichef Sieu Heng zur Regierungsseite brachen die Parteistrukturen praktisch zusam­men.11 Nur ein Viertel der 850 Parteimitglieder (Stand 1957) war verblieben, als Ende September 1960 auf einer Versammlung von 21 Führungskadern eine neue Partei gegründet wurde: die »Arbeiterpartei Kampucheas«.12 Nach der Ermordung ihres ersten Vorsitzenden Touch Samouth durch Sihanouks Geheimpolizei im Juli 1962 ging die Leitung der sich ausdrücklich als marxistisch-leninistische Vorhut verstehenden Partei auf eine Gruppe junger Funktionäre über, die Anfang der Fünfzigerjahre während ihres Studiums in Paris durch den Parti Communiste Français politisch sozialisiert worden waren. Einer ihrer Wortführer, der 1925 im zentralkambodschanischen Kompong Thom geborene Saloth Sar,13 stieg 1963 zum Ersten Sekretär der nun in Kommunistische Partei Kampucheas (KPK) umbenannten Organisation auf. In einer bemerkenswerten Untersuchung vertraulicher vietnamesischer Parteidokumente konnten die Historiker Thomas Engelbert und Christopher Goscha nachweisen, dass die Entfremdung zwischen der KPK, die Sihanouk als Khmer Rouge zu bezeichnen pflegte,14 und der vietnamesischen Bruderpartei bereits Mitte 1965 begann, als in Hanoi Parteisekretär Le Duan in belehrendem Ton seinem kambodschanischen Genossen Saloth Sar – der später den Nom de Guerre Pol Pot annehmen sollte – eine Verständigung mit dem neutralistischen und daher in den Augen Hanois »progressiven« Regime des Prinzen Sihanouk nahelegte.15 Zu wichtig war Kambodscha seit 1964 als Rück­zugsgebiet für den von Hanoi unterstützten südvietnamesischen Vietcong geworden, als dass die kambodschanischen Kommunisten durch eine »sektiererische« Konfrontationsstrategie die Ziele der vietnamesischen Revolution gefährden durften. Ihr großes Vorbild fanden diese schließlich im kulturrevolutionären China. Anfang 1968 begannen sie den bewaffneten Kampf um die Macht im Staat, der aber unter der königstreuen Landbevölkerung nur wenig Widerhall fand und daher zunächst auf einige unwegsame Grenzgebiete im Nordosten des Landes beschränkt blieb.16 Im Jahre 1969, auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs, begannen die USA jedoch, kambodscha­nisches Hoheitsgebiet zu bombardieren, um die durch Laos und Nordostkambodscha führenden Nachschubwege des Vietcong, den sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad, zu zerstören.17 Unter dem verstärkten außenpolitischen Druck der USA bekam Sihanouks neutralistisches Regime immer tiefere Risse. Am 18. März 1970 holte das zunehmend westlich orientierte kambodschanische Militär zum Schlag gegen den Autokraten aus. Sihanouk, der sich zum Zeitpunkt des Coup d’État im Rahmen eines Staatsbesuchs in Moskau aufhielt, entschloss sich nach einem Moment des Zögerns zur Gegenwehr. Er flog weiter nach Beijing, wo ihn sein Gönner und Förderer Chou En-lai mit führenden Vertretern der kambodschanischen Kommunisten, darunter Ieng Sary, zusammenbrachte. In Beijing entstand nun der Front Uni National du Kampuchea (FUNK), der Monarchisten, nationale Linke und Kommunisten mit dem Ziel zusammenschloss, die Neutralität und territoriale Integrität Kambodschas wiederherzustellen. Der Prinz rief sein Volk zum Widerstand gegen das proamerikanische und mit Südvietnam verbündete Regime von General Lon Nol auf, das als Antwort auf Sihanouks Bündnis mit den Kommunisten die Monarchie als Institution abschaffte und die »Republik Khmer« proklamierte. Hunderttausende junger Kambodschaner, vor allem auf dem Land, folgten dem Aufruf des gestürzten Staatsoberhaupts und schlossen sich den politischen und militärischen Organisationen des FUNK an. Hinter der Fassade der »Königlichen Regierung der nationalen Einheit« (GRUNC),18 in der anfangs noch die Monarchisten dominierten, gelang so den kambodschanischen Kommunisten der Aufstieg von einer kleinen, im Untergrund operierenden Gruppe zu einer schlagkräftigen Armee. Dem maoistischen Volkskriegskonzept folgend, eroberten die Roten Khmer systematisch die ländlichen Gebiete und schlossen schon seit 1972 den Ring um Phnom Penh und andere Städte immer enger.19 Aus heutiger Sicht kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Khmer-Kommunisten nur unter Ausnutzung der Popularität des »Gottkönigs« Sihanouk das Volk für den »antiimperia­listischen Widerstandskrieg« gewinnen konnten. Der Bürgerkrieg wurde in Kambodscha sehr viel härter und erbitterter als im benachbarten Vietnam und Laos geführt. Als dort im Januar 1973 das Waffenstillstandsabkommen von Paris umgesetzt wurde, gingen die Kämpfe in Kambodscha weiter. Pol Pot lehnte eine Verhandlungslösung mit der Regierung in Phnom Penh ab und setzte stattdessen auf den vollständigen Sieg. Um eine strategische Wende zugunsten der Khmer-Republik General Lon Nols herbeizuführen und den Widerstandswillen des FUNK zu brechen, warfen die USA zwischen Februar und September 1973 mehr als eine Viertel Million Tonnen Bomben auf fruchtbare Reisanbaugebiete.20 Den Niedergang der zunehmend an Popularität verlierenden und durch Misswirtschaft paralysierten Khmer-Republik vermochte Washington jedoch nicht zu verhindern. Ende 1974 kontrollierten die Streitkräfte des FUNK bereits neun Zehntel des Landes. Der Machtbereich des Lon-Nol-Regimes beschränkte sich nunmehr im Wesentlichen auf die Provinz Battambang an der Grenze zu Thailand und einen Verteidigungsring um die Hauptstadt, deren Bevölkerungszahl sich durch einen Flüchtlingsstrom aus den Kampfzonen innerhalb weniger Jahre fast vervierfacht hatte und auf mehr als zwei Millionen angewachsen war. Am Ende stand die Kapitulation der Regierung in Phnom Penh. Als die Soldaten der Roten Khmer, viele von ihnen halbwüchsige Bauernburschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Stadt sahen, am 17. April 1975 in Phnom Penh einmar­schierten, wurden sie von zahlreichen, des Krieges überdrüssigen Menschen begrüßt. Doch innerhalb weniger Stunden änderte sich die Lage; denn die vermeintlichen »Befreier« forderten die »Befreiten« auf, innerhalb von zwei Tagen mit ihren Habseligkeiten einen langen Marsch anzutreten, um fortan in den seit 1972 / 73 in den FUNK-Zonen errichteten landwirtschaftlichen Kooperativen21 als Reisbauern zu arbeiten. Der radikale Bruch mit der Vergangenheit, der die Evakuierung Phnom Penhs zweifellos war, bot Pol Pot die Möglichkeit, sein Konzept der »totalen Revolution« durch die vollständige Zerschlagung des politischen Gegners voranzutreiben. Das Eisen sollte geschmiedet werden, solange es noch heiß war. Spätere Untersuchungen haben gezeigt, dass der folgenschwere Entschluss zur Evakuierung der Hauptstadt bereits im Januar 1975 auf einer Sitzung des Zentralkomitees der KPK gefasst worden war, zu einem Zeitpunkt also, als die humanitäre Lage in Phnom Penh noch keineswegs so dramatisch war wie drei Monate später. Die Entscheidung im ZK fiel nahezu einstimmig. Lediglich Hou Youn, neben Khieu Samphan und Hu Nim einer von drei populären Linksintellektuellen, die sich 1967 nach dem Aufstand von Samlaut22 dem bewaffneten Kampf der Roten Khmer angeschlossen hatten, wagte Bedenken zu äußern. Er stimmte gegen eine Total-Evakuierung und favorisierte eine schrittweise Reduzierung der Stadtbevölkerung auf ein »vertretbares Maß«. Auch mit seinen Vorbehalten gegen die Abschaffung des Geldes und die Rückkehr zum Tauschhandel stand Hou Youn wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Völlig isoliert, wählte er noch vor der »Befreiung« Phnom Penhs den Freitod.23 Obwohl die Roten Khmer die Evakuierung Phnom Penhs über Monate hinweg geplant und an vielen Sammelpunkten für Verpflegung gesorgt hatten, verlief die Umsiedlung insgesamt recht chaotisch; zahllose Kranke, Alte und Kleinkinder starben an Erschöpfung.24 Des Weiteren wurden in den ersten Tagen und Wochen Tausende Offiziere des alten Regimes hingerichtet. Die Evakuierung Phnom Penhs wie auch sämt­licher von der Lon-Nol-Regierung bis zum Kriegsende gehaltenen Provinzstädte war unmenschlich, grausam und ohne Parallele. Zumindest in der Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte es eine vergleichbare Maßnahme nicht gegeben. Allerdings reiht sich die Deportation der Stadtbevölkerung in eine unrühmliche Tradition der Kriegsführung im vorkolonialen Südostasien ein: Siegreiche Armeen verschleppten gewöhnlich große Teile der unterworfenen Bevölke­rung in das engere Herrschaftsgebiet ihrer eigenen Könige oder Fürsten, wo sie als Arbeitskräfte benötigt wurden.25 Die Radikalität der Deurbanisierung war ein Vorbote der sich anbahnenden Tragödie, deren wahre Ausmaße allerdings erst 1979 nach dem Sturz des Pol-Pot-Regimes offenkundig wurden. 2. Politische Ziele der Roten Khmer Nach dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh wurde das »Demokratische Kampuchea«, so der offizielle Staatsname seit Anfang 1976, aus der Taufe gehoben, das drei Jahre, acht Monate und zwanzig Tage Bestand habe sollte.26 Der Text der der Marseillaise nachempfundenen Nationalhymne verrät viel über die menschenverachtende, den permanenten revolutionären Kampf betonende Denkweise der kambodschanischen Kommunisten: Purpurnes Blut, das Städte und Ebenen Kampucheas durchtränkt, unser Vaterland! Kostbares Blut der Arbeiter und Bauern, Kostbares Blut der revolutionären Kämpfer und Kämpferinnen! Dieses Blut, verwandelt in unerbittlichen Haß, Und entschiedenen Kampf, Am 17. April, unter der Fahne der Revolution, Befreite es uns von der Knechtschaft! 27 Die Pol-Pot-Führung schloss einen längeren Trans­formationsprozess zu einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, wie er in Vietnam und Laos angestrebt wurde, aus. Sie ließ sich stärker vom chinesischen Vorbild der Kulturrevolution und insbesondere des »Großen Sprungs nach vorn« inspirieren. Innerhalb weniger Monate verwandelten die neuen Herrscher das Land in eine gigantische Baustelle, ein riesiges Arbeitslager. Das Ziel der Roten Khmer war die Errichtung einer kollekti­vistischen und egalitären Bauerngesellschaft, in der es weder Arme noch Reiche geben würde.28 Das gesamte Volk wurde für die Realisierung ehrgeiziger Wasserbauprojekte eingesetzt. Kambodscha sollte ein einziges »blühendes Reisfeld« werden. Der Erlös erzielter Reisüberschüsse sollte den offiziellen Proklamationen zufolge für den Aufbau einer Schwer- und Leichtindustrie Verwendung finden. Diese Zielsetzung spiegelt sich auch im National­wappen des Demokratischen Kampuchea wider, das ein System von Deichen und Bewässe­rungskanälen darstellt, welches die moderne Landwirtschaft versinnbildlicht, sowie eine Fabrik als Symbol der Industrie.29 »Wenn wir Wasser haben, haben wir Reis. Wenn wir Reis haben, können wir alles haben: Stahl, Fabriken, Energie und Traktoren«, lautete ein bekannter Slogan.30 Wie in der stalinistischen Sowjetunion der Dreißigerjahre nahm die kommunistische Führung in Phnom Penh für die Durchsetzung ihrer Agrarutopie bedenkenlos den Tod zahl­loser Menschen in Kauf. Während in den Jahren 1977 und 1978 mehrere Hunderttausend Tonnen Reis nach China, Hongkong und Madagaskar exportiert wurden,31 herrschte in weiten Teilen Kambodschas Hunger. Davon waren die Angehörigen verschiedener sozialer Gruppen in unterschiedlichem Umfang betroffen. Auch wenn offizielle Dokumente der Roten Khmer die Bevölkerung des Landes nach orthodox-marxistischer Analyse in eine Vielzahl gesellschaftlicher Klassen untergliederten,32 spielte in der Praxis folgende Zweiteilung eine weit bedeutsamere und verhängnisvolle Rolle: Auf der einen Seite standen die bereits vor dem 17. April 1975 unter der politischen Kontrolle der Roten Khmer lebenden Menschen (ca. 60 Prozent der Bevölkerung). Sie genossen als sogenanntes »Altvolk« oder »Basisvolk« (neak multhan) gewisse Privilegien. Nur sie konnten vollwertige Mitglieder der bäuerlichen Genossenschaften werden und politische Funktionen in Partei und Administration wahrnehmen. Sie erhielten in der Regel auch eine bessere medizinische Versorgung und großzügiger bemessene Nahrungsmittelrationen. Auf der anderen Seite befanden sich die vor 1975 in Phnom Penh und den noch von der Lon-Nol-Regierung gehaltenen städtischen und ländlichen Enklaven lebenden Menschen. Sie besaßen als »Neuvolk« (neak thmey) keinerlei politische Rechte. Das Neu­volk war der Willkür der kommunistischen Machthaber schutzlos ausgeliefert; mancherorts wurden seine Angehörigen durch harte körperliche Arbeit, die viele nicht gewohnt waren, durch den Entzug von Nahrung und die Verweigerung medizini­scher Versorgung sogar systematisch vernichtet. Man schätzt, dass der Blutzoll unter den Angehörigen des Neuvolks ungefähr doppelt so hoch war wie unter denen des Altvolks.33 Der revolutionäre Terror richtete sich zunächst gegen die militärischen und zivilen Funk-tio­näre des Lon-Nol-Regimes (1975) und dann gegen Widerstand im Neuvolk (1976), ab 1977 nahm er schließlich auch die eigene politische Basis, das Altvolk, ins Visier. Am Ende fraß die Revolution nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Väter; denn drei der neun Minister und zwei der drei Mitglieder des Staatspräsidiums sowie zahlreiche Mitglieder des Zentralkomitees der KPK fielen innerparteilichen Säuberungen zum Opfer. Unter den Betroffenen waren auch enge Vertraute von Parteichef Pol Pot wie der Wirtschaftsminister Sok Thuok (alias Vorn Vet), der unmittelbar nach Beendigung des Fünften Parteitags (1.–2. November 1978), der ihn zu einem von sieben Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Zentralkomitees bestimmt hatte, verhaftet und wenige Wochen später in Tuol Sleng (siehe folgenden Abschnitt) liquidiert wurde.34 Im Mai 1978 kam es in der an Vietnam grenzenden Ostregion zu einem Aufstand aus den Reihen der Roten Khmer selbst. Zwar wurde die Revolte blutig niedergeschlagen, aber einigen regionalen Kommandeuren wie Chea Sim35 gelang die Flucht nach Vietnam, das seit Ende 1977 einen blutigen Grenzkrieg mit Kambodscha führte. Als immer deutlicher wurde, dass ein Sturz des Pol-Pot-Regimes von innen heraus nicht mehr möglich war, wurde Anfang Dezember 1978 im Süden Vietnams aus übergelaufenen Kadern der Roten Khmer eine »nationale Rettungsfront« gegründet. Nach den Überlegungen Hanois, das seit Februar 1978 aktiv auf einen Regimewechsel in Phnom Penh hinarbeitete, sollte diese Front den Kern eines neuen, mit Vietnam verbündeten Kambodscha bilden. 3. S-21: Arbeitsweise einer Todesmaschine Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1978 begann Hanois Großoffensive, an der mehr als 120 000 vietnamesische Soldaten beteiligt waren. Ihnen hatte die militärisch weit unterlegene, kaum halb so starke kambodschanische Armee wenig entgegenzusetzen. Dennoch überraschte die Schnelligkeit des vietnamesischen Vormarschs. Bereits am 7. Januar 1979 gegen 11 Uhr vormittags brachten vietnamesische Panzerverbände Phnom Penh unter ihre Kontrolle. Anders als die Roten Khmer im April 1975 fanden die Vietnamesen eine menschenleere Geisterstadt vor. Die Machthaber hatten die Stadt, in der Ende 1978 nur ungefähr 30 000 Kader und Industriearbeiter lebten, vollständig geräumt.36 Als einer der Letzten verließ Phnom Penh ein gewisser Kang Kek Ieu, der wegen seiner geringen Körpergröße Duch, »der Kleine«, genannt wurde. Duch war der gefürchtete Chef von Tuol Sleng, dem zentra­len Gefängnis der kambodschanischen Staatssicherheit. Noch während des Einmarschs vietnamesischer Truppen in die östlichen Außenbezirke der Stadt befahl er die Ermor­dung aller Häftlinge und versuchte, belastende Dokumente zu vernichten, was aufgrund der schieren Menge des Materials in der kurzen Zeit nur teilweise zu realisieren war. Duch verließ schließlich Phnom Penh, als vietnamesische Stoßtrupps bereits seit einer Stunde das menschenleere Stadtzentrum kontrollierten.37 Das auf dem Gelände eines 1962 gegründeten Gymnasiums errichtete geheime Foltergefängnis Tuol Sleng war Teil eines sich – wie wir inzwischen wissen – über das gesamte Land ziehenden Netzes von mehr als 160 Gefängnissen. In Tuol Sleng wurden über einen Zeitraum von drei Jahren bis zu 14 000 politische Gefangene – tatsächliche wie vermeintliche Gegner des Regimes – verhört, gefoltert und, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nach der Erpressung von »Geständnissen« exekutiert.38 Die Hinrichtungen geschahen seit 1977 zumeist nicht in Tuol Sleng selbst, sondern auf dem Gelände eines ehemaligen chinesischen Friedhofs in dem Dorf Choeng Ek, fünfzehn Kilometer südwestlich der Hauptstadt. Dieser grausige Ort ist mit den berüchtigten »Killing Fields« gemeint. Als 1997 der amerikanische Journalist Nate Thayer die Gelegenheit erhielt, dem von den Roten Khmer selbst inszenierten Schauprozess gegen ihr einstiges Idol Pol Pot beizuwohnen, wurde ihm als einzigem westlichen Journalisten seit fast zwei Jahrzehnten ein Interview mit dem Mann gewährt, der für den kambodschanischen Völkermord während der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre in erster Linie die politische Verantwortung trägt. Ohne Reue zu zeigen, gab der kranke und gebrechliche Pol Pot an, von einem »Tuol-Sleng-Gefängnis« erst nach dem Sturz seines Regimes gehört zu haben. Wohl aber sagte ihm der Begriff »S-21« etwas; mit diesem Code hatten die kambodschanischen Kommunisten ihren geheimen Staatssicherheitsapparat bezeichnet. Der Buchstabe S steht für sala, was auf Khmer »Halle« bedeutet, der Zusatz »21« war ein Code (ohne inhaltliche Bedeutung) für den »santebal«, eine Wortschöpfung aus den beiden Khmer-Begriffen santisuk (Sicherheit) und nokorbal (Polizei).39 4. S-21: Versuch einer Erklärung Auch wenn sich gewisse Parallelen zu Gefängnissen des sowjetischen NKVD ziehen ließen, fällt doch eine wichtige Besonderheit des kambodschanischen S-21 auf: Der Weg dorthin war eine Einbahnstraße. Sie führte fast zwangsläufig in den Tod. Kein einziger Fall ist bekannt, in dem ein Gefangener nach Feststellung seiner Unschuld rehabilitiert und wieder aus dem Gefängnis entlassen worden wäre. In gewisser Weise stand die ›Schuld‹ der Inhaftierten bereits bei ihrer Einlieferung fest. Von den Gefangenen wurde ausschließlich das Eingeständnis ihrer »Verbrechen gegen Partei und Volk« erwartet. Bezeichnenderweise lautet der kambodschanische Ausdruck für »Gefangener« ähnlich wie im Thai oder Lao neak thos, was »schuldige Person« bedeutet.40 In größtenteils unter Folter erzwungenen Geständnissen bezichtigten sich Gefangene der Agententätigkeit für den amerikanischen CIA, den sowjetischen KGB oder den vietnamesischen Geheimdienst.41 Eine Umerziehung der »Feinde« oder »Verräter«, wie sie im benachbarten China und Vietnam durchaus üblich war, wurde offenbar zu keiner Zeit ernsthaft erwogen. In den Augen der Pol-Pot-Führung waren die Inhaftierten Teile feindlicher »geheimer Netzwerke« (khsae somngat), die es zu zerstören galt. Als sich 1977 die Misserfolge der Agrarrevolution immer deutlicher abzeichneten und Sündenböcke gesucht wurden, behauptete Pol Pot in einer Rede vor Parteikadern, »Mikroben« (merok), gefährliche Krankheitskeime, drohten die Kommunistische Partei Kampu­cheas von innen zu zerfressen.42 In der Folge wandte sich die Todesmaschine S-21 (seit Mitte 1977) ausschließlich gegen den unsichtbaren, imaginären »Feind in den eigenen Reihen«. Verschärft wurde die Paranoia der Parteiführung durch den größtenteils selbst verschuldeten Grenzkrieg mit dem früheren Verbündeten Vietnam. Weit mehr als die Hälfte der Opfer von S-21 waren im Zeitraum zwischen Herbst 1977 und Frühjahr 1978 zu beklagen, als die Säuberungswelle ihren Zenit erreichte.43 Die Säuberungen folgten der Maxime »Dich zu halten ist kein Gewinn, dich zu verlieren ist kein Verlust.«44 Neben der systematischen Entmenschlichung der Opfer45 trägt noch ein weiterer Aspekt zur Erklärung der besonderen Grausamkeit der Roten Khmer bei: die Besessenheit vom Gedanken der Notwendigkeit absoluter Geheimhaltung. Während andere kommunistische Parteien nach ihrer Machtergreifung das Prinzip der illegalen und geheimen Arbeit aufgaben und zu Massenparteien mutierten,46 behielten die Roten Khmer es auch nach ihrem Sieg bei. Erst im September 1977 wurde unter chinesischem Druck die Existenz der Kommunistischen Partei Kampucheas, die zuvor nebulös »Revolutionäre Organisation« (Angkar Padevoat) genannt worden war, zugegeben.47 Selbst die wahre Identität Pol Pots wurde erst jetzt offengelegt. Die Obsession, nach innen wie nach außen die Namen der Partei- und Staatsführer sowie die innerparteilichen Arbeitsweisen und Strukturen geheim zu halten, verrät nicht die Stärke, sondern die Schwäche der Roten Khmer; denn ihre Verankerung in den breiten Massen des kambodschanischen Volks war, sofern sie jemals existiert hatte, nach der Ausschaltung des 1976 unter Hausarrest gestellten Norodom Sihanouk geschwunden. Das Prinzip striktester Geheimhaltung machte es erforderlich, sicherzustellen, dass keinerlei Informationen über das grausame Vorgehen von S-21 oder auch nur über die bloße Existenz dieser Institution nach außen dringen konnten. Die Einlieferung nach Tuol Sleng bedeutete dieser perversen Logik zufolge das sichere Todesurteil. Ein Slogan der Roten Khmer lautete: »Es ist besser, zehn Personen fälschlich zu verhaften, als auch nur einen einzigen Schuldigen entkommen zu lassen.«48 Diese Denkweise brachte Nuon Chea, die für ideologische Fragen zuständige »Nummer zwei« der Partei, im August 1978 gegenüber dänischen Maoisten wie folgt zum Ausdruck: »Der Führungsapparat muss um jeden Preis verteidigt werden. Wenn wir Mitglieder verlieren, die Führung jedoch behalten, können wir fortfahren, Siege zu erringen. […] Es kann keinen Vergleich geben zwischen dem Verlust von zwei oder drei Führungskadern und 200–300 [Partei-]Mitgliedern. Lieber die Letzteren als die Ersteren. Denn sonst hat die Partei keinen Kopf und kann den Kampf nicht führen.«49 Diese Worte sprechen für sich. Nicht nur in Deutschland wurden häufig Vergleiche zwischen dem Terrorregime der Roten Khmer und der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gezogen. Diese Parallele erscheint auf den ersten Blick nicht völlig abwegig, führt aber aufgrund der sehr verschiedenen Sozialutopien analytisch in die Sackgasse. Auch die These des amerikanischen Historikers Michael Vickery, die Roten Khmer hätten den Marxismus-Leninismus gründlich missverstanden und eine stärkere Geistesverwandtschaft zu den russischen Anarchisten und Sozialrevolutionären (Narodniki) gezeigt,50 überzeugt angesichts der hierarchischen und zentralistischen Strukturen ihrer Organisation kaum.51 Der australische Historiker Ben Kiernan, Direktor des Genozidstudien-Programms der Yale University, vertritt hingegen die Ansicht, dass neben dem agrarrevolutionären Programm ein radikaler Nationalismus, ja ein ausgeprägter Khmer-Chauvinismus der Hauptantrieb der Rote-Khmer-Führung gewesen sei.52 Die besonders harte Unterdrückung der islamischen Minderheit der Cham, die während der Pol-Pot-Herrschaft ein Drittel ihrer 250 000 Ange­hörigen verlor,53 stützt Kiernans These. Doch die große Mehrheit der Opfer waren ethnische Khmer (daher der verbreitete Vorwurf des Autogenozids); und Angehörige ethnischer Minderheiten wie Chinesen oder Thai wurden nicht wegen ihrer »Rassenzugehörigkeit«, sondern ebenso wie die ethnischen Khmer aufgrund sozialer und politischer Kriterien verfolgt. Als konsequenten Kommunisten war den Roten Khmer der Klassenkampf wichtiger als Konflikte zwischen Rassen oder Völkern. Daher ist Kiernans These vom »rassistisch-nationalistischen« Charakter des Pol-Pot-Regimes zurückzuweisen. Sowohl in Fragen der Parteiorganisation als auch der Agrarpolitik sind die Einflüsse des chinesischen und viet­namesischen Kommunismus auf seine kambodschanische Spielart evident. So war beispiels­weise die Dreiteilung der Arbeitskräfte in den ländlichen Kooperativen in »Vollmitglieder« (ben siddhi), »Kandidaten« (triem) und »Nichtmitglieder« (pracheachon phnhaoe) nicht rassistischen, gegen ethnische Minderheiten gerichteten Motiven geschuldet, sondern ging direkt auf vietnamesische Vorbilder aus den Fünfzigerjahren zurück.54 Auch wenn angesichts des starken chinesischen Einflusses auf den vietnamesischen Kommu­nismus (bis weit in die Sechzigerjahre hinein) im Einzelfall schwer zu entscheiden ist, welche Einflüsse die Roten Khmer direkt aus Beijing und welche sie auf dem Umweg über Hanoi erreichten, erinnern einige weitere Besonderheiten stark an Praktiken des vietnamesischen Kommunismus. Hierzu zählen die obsessiv betriebene Geheimhaltung der innerparteilichen Strukturen und die Verschleierung der eigentlichen politischen Ziele. Am Maoismus faszinierten die Führung der kambodschanischen Kommunisten dagegen dessen voluntaristische Züge. Chinas desaströser »Großer Sprung nach vorn« (1958), weniger die von urbanen Schichten getragene »Große Proletarische Kulturrevolution« (1966) galt als Vorbild.55 Doch weder in Chinas noch in Vietnams Kommunistischer Partei gab es jemals ernsthafte Bestrebungen, die Städte zu evakuieren, die Bevölkerung ganzer Regionen umzusiedeln oder gar das Geld abzuschaffen, wie es tatsächlich in Kambodscha geschah. An dieser Stelle sei nochmals auf die strukturelle Schwäche des kambodschanischen Kommunismus hingewiesen; anders als in China und Vietnam errangen die Kommunisten in Kambodscha die Staatsmacht in erster Linie mit militärischen Mitteln, eine starke politische und soziale Basis besaßen sie nicht. Die sich seit Anfang der Siebzigerjahre abzeichnende und ab 1977 eskalierende machtpolitische und ideologische Feindschaft zu Vietnam verschärfte den Terror der Roten Khmer. Ihr totalitärer Anspruch auf Unfehlbarkeit, wie er in der Metapher von den »Ananasaugen der Partei« zum Ausdruck gebracht wurde,56 bestärkte die Pol-Pot-Führung im Versuch der gewaltsamen Lösung der durch ihre selbstzerstörerische Innen- und Außenpolitik hervorgerufenen Krise des Landes. 5. Das Ausmaß der demografischen Katastrophe Wie viele Menschen wurden Opfer des Terrorregimes der Roten Khmer? Verlässliche Schätzungen sind kaum möglich, zumal weder die Bevölkerungszahl Kambodschas bei deren Machtübernahme bekannt ist noch das genaue Ausmaß der Verluste durch Krieg, Hunger und Flucht in den ersten beiden Jahren nach dem vietnamesischen Einmarsch. Die erste moderne Volkszählung von 1962 (5,73 Millionen Einwohner) liegt weit zurück,57 und der nächste Zensus erfolgte erst 1998 (11,43 Millionen Einwohner),58 d. h. zwei Jahrzehnte nach dem Sturz des Pol-Pot-Regimes. Während der französische Demograf Jaques Migozzi die Bevölkerungszahl zu Beginn des Bürgerkriegs im März 1970 auf 7,36 Millionen Menschen schätzt,59 geht eine Projektion der Vereinten Nationen von lediglich 7,14 Millionen aus.60 Auch über die während des Kriegs 1970–1975 zu beklagenden Verluste an Menschenleben besteht in der Forschung kein Einvernehmen. Während die von Sihanouk und den Roten Khmer 1975 verbreitete Zahl von 600–800 000 Kriegsopfern61 weit übertrieben erscheint, ist die Angabe von nur 150 000 toten Zivilisten (Kiernan)62 sicherlich zu niedrig. Am realistischsten dürfte die gut begründete Schätzung des polnischen Demografen Marek Sliwinski sein, wonach die kriegsbedingte Sterblichkeit (verursacht durch Kampfhandlungen, Bombenopfer etc.) bei etwa 300 000 Menschen lag.63 Je nachdem, welche Projektio­nen und Grundannahmen für die Bevölkerungsentwicklung im Zeitraum 1962–1975 akzep­tiert werden, lassen sich für April 1975 Bevölkerungszahlen zwischen 7,3 und 7,9 Millionen Einwohnern errechnen. Da zwischen März 1970 und April 1975 insgesamt 350 000 Bewoh­ner Kambodschas, darunter zahlreiche ethnische Vietnamesen, außer Landes flüchteten,64 dürfte zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Roten Khmer die Gesamtbevölkerung maximal 7,6 Millionen Menschen betragen haben. In der bislang sorgfältigsten und methodisch überzeugendsten Untersuchung zur Bevölkerungsentwicklung Kambodschas nach 1970 errechnen Judith Banister und Paige Johnson einen absoluten Rückgang der Bevölkerung während des Pol-Pot-Regimes von 7,3 Millionen auf 6,4 Millionen Einwohner.65 Unter Berücksichtigung der über 200 000 Flüchtlinge und eines Rückgangs der Geburtenrate aufgrund verschlechterter Lebensbedingungen beziffern die Autoren den über die »normale Sterblichkeit« hinausgehenden Bevölkerungsverlust (»excess deaths«) auf 1,05 Millionen Menschen. Andere seriöse Studien gehen von etwas niedrigeren oder auch weitaus höheren Opferzahlen aus, die insgesamt eine Bandbreite von 740 00066 bis 1,8 Millionen67 aufweisen. Einigkeit besteht unter den Forschern jedoch in der Einschätzung, dass die Mehrzahl – nämlich ungefähr die Hälfte bis zwei Drittel – der Opfer an Krankheiten, Hunger und Entkräftung verstarb. Doch Hunderttausende wurden auch von den Schergen des Pol-Pot-Regimes hingerichtet. Der Verlust von 10 bis 20 Prozent der Bevölke­rung innerhalb von weniger als vier Jahren bleibt jedenfalls ohne Beispiel in der Geschichte kommunistischer Revolutionen. Inwieweit die unter der Herrschaft Pol Pots begangenen Verbrechen auch den juristischen Tatbestand des Völkermords erfüllen, kann im Rahmen dieses Artikels nicht geklärt werden. Diese schwie­rige und juristisch komplexe Problematik wird von Experten sehr kontrovers erörtert und berührt im Falle Kambodschas die Frage, inwieweit der Begriff des Genozids auch die gezielte Vernichtung von Angehörigen bestimmter sozialer Schichten des eigenen Volks umfasst. Zusammenfassend könnte man sagen: Der 17. April 1975 war kein Fanal zum Aufbruch, sondern der Abgesang auf eine bereits morsche kommunistische Utopie. Nur wenige Jahre nach dem Sieg der Roten Khmer nahm China – das ideologische Vorbild – Kurs auf eine kapitalistische Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft, und ein Jahrzehnt später brach das kommunistische System in Osteuropa und der Sowjetunion zusammen. So können wir die Machtübernahme der Roten Khmer als eine historische Ausnahme begreifen: Ihre Herrschaft verkörperte weniger eine Utopie als vielmehr einen Anachronismus. Sie war ein »Spätkommunismus«, die Schlussphase eines ausgehenden Zeitalters, das durch ein neues abgelöst wurde. Dieser Anachronismus wurde vom kambodschanischen Volk mit einem hohen, allzu hohen Blutzoll bezahlt. 1 »Khmer« ist die Bezeichnung für das Staatsvolk Kambodschas und seine Sprache. Neben den ethnischen Khmer, die 85 bis 90 Prozent der heute 14 Millionen Einwohner stellen, leben in Kambodscha (Landesbezeichnung auf Khmer: Kampuchea) auch nationale Minderheiten wie Chinesen, Vietnamesen, Lao und islamische Cham. Die international gängige Bezeichnung »Rote Khmer« (»Khmer Rouge«) für die kambodschanischen Kommunisten geht auf Sihanouk zurück, der seit Anfang der Sechzigerjahre die kambodschanische Linke pauschal mit diesem abwertenden Begriff titulierte, um sie von den »Blauen Khmer« (»Khmer Bleu«), seinen prowestlichen innenpolitischen Gegnern, abzugrenzen. 2 Die militärische Unterstützung der Roten Khmer durch Nordvietnam in den Jahren 1970 und 1971 war für den zügigen Aufbau einer kambodschanischen Rebellenarmee von unschätzbarer Bedeutung. Ende 1970 standen vier nordvietnamesische Kampfdivisionen mit mehreren Zehntausend Soldaten in Kambo-dscha, die nicht nur den Ho-Chi-Minh-Pfad schützten, sondern auch aktiv in Kämpfe gegen die Streitkräfte der Lon-Nol-Armee eingriffen. Siehe Stephen J. Morris: Why Vietnam Invaded Cambodia. Political Culture and the Causes of War, Stanford, Calif. 1999, S. 49 f. 3 Zur Entwicklung des Konflikts in und um Kambodscha aus politikwissenschaftlicher Sicht siehe Renate Strassner: Der Kambodscha-Konflikt unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Vietnams, Münster–Hamburg 1991. Eine gründliche zeithistorische Analyse liefert Nicolas Regaud: Le Cambodge dans la tourmente. Le troisième conflit indochinois 1978–1991, Paris 1992. Zur Chronologie siehe Patrick Raszelenberg / Peter Schier: The Cambodia Conflict. Search for a Settlement, 1979–1991. An Analytical Chronology, Hamburg 1995; siehe auch Raoul Jennar: Les clés du Cambodge, Paris 1995. 4 Norodom Sihanouk hatte 1941 im Alter von 18 Jahren den Thron bestiegen. Als junger König setzte er sich aktiv für die Unabhängigkeit seines Landes von Frankreich (1953) ein. Um im Rahmen einer kon-stitutionellen Monarchie fortan die kambodschanische Politik aktiv gestalten zu können, dankte Sihanouk 1955 zugunsten seines Vaters Suranarit ab, der zuvor bei der Thronfolge übergangen worden war. Nach dessen Tod 1960 blieb der kambodschanische Thron vakant, doch die Staatsform der Monarchie erhalten. Der nur noch »Prinz« genannte Exkönig Sihanouk schuf für sich nun eigens das neue Amt des »Staatsoberhaupts«. Der im März 1970 gegen Sihanouk putschende General Lon Nol schaffte schließlich die Monarchie ab und proklamierte die »Republik Khmer«. Erst nach dem Ende des Kambodscha-Konflikts 1993 wurde die Monarchie erneut eingeführt. Nun bestieg Sihanouk ein zweites Mal den Königsthron. Im Oktober 2004 dankte er aus Gesundheitsgründen endgültig zugunsten seines Sohnes Sihamoni ab. 5 Während die Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit den meisten westlichen und blockfreien Staaten auf den jährlichen Vollversammlungen der UNO in den Jahren 1979–1982 – also auch schon vor Bildung der KRDK – die Regierung des Demokratischen Kampuchea (DK) als rechtmäßige Vertreterin des kambodscha­nischen Volks anerkannte, votierte die Regierung der DDR stets für die Aberkennung der Akkreditierung der DK-Vertreter. Zum Abstimmungsverhalten der einzelnen UN-Mitgliedsstaaten in der Kambodschafrage siehe Ministry of Foreign Affairs [Thailand]: Documents on the Kampuchean Problem 1979–1985, Bangkok 1985, S. 126–141. 6 Zu den Bestimmungen des Pariser Friedensabkommens vom 23. Oktober 1991 und seiner Umsetzung mithilfe der »UN Transitional Authority in Cambodia« (UNTAC) siehe u. a. Trevor Findlay: Cambodia. The Legacy and Lessons of UNTAC, Oxford 1995 (SIPRI Research Report No. 9). 7 Am 25. Juli 1997 wurde Pol Pot wegen der Ermordung seines einstigen Mitstreiters, des Verteidigungsministers Son Sen, dessen Frau Yun Yat und mehrerer Familienangehöriger vor ein sogenanntes ›Volksgericht‹ gestellt, das ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte. Der amerikanische Journalist Nate Thayer, der als einziger ausländischer Beobachter der von den Roten Khmer in ihrem Hauptquartier Anlong Veng inszenierten Farce beiwohnte, erhielt die Gelegenheit zu einem letzten ausführlichen Interview mit Pol Pot. Siehe Nate Thayer: Brother enemy No. 1, in: Phnom Penh Post, 15.–18. August 1997, S. 1 u. 8 f. 8 Im August 1979 hatte die provietnamesische Regierung in Phnom Penh einen Schauprozess gegen Pol Pot und Ieng Sary abgehalten, in dessen Verlauf zahlreiche Zeugen über Massaker und andere Grausamkeiten des gestürzten Regimes berichteten. Die beiden Hauptverantwortlichen der Terrorherrschaft wurden in absentia zum Tode verurteilt. Wegen der politischen Instrumentalisierung durch die vietnamesische Regierung und ihre sowjetischen Verbündeten wurde der Prozess von der internationalen Öffentlichkeit nicht als adäquate juristische Aufarbeitung der Jahre 1975–78 angesehen. Siehe Howard J. De Nike / John Quigley / Kenneth J. Robinson: Genocide in Cambodia. Documents from the Trial of Pol Pot and Ieng Sary, Philadelphia 2000. Die internationalen Reaktionen auf das Terrorregime der Roten Khmer und die Problematik einer juristischen Aufarbeitung der Verbrechen sind Gegenstand einer Monografie von Tom Fawthrop und Helen Jarvis: Getting Away With Genocide? Elusive Justice and the Khmer Rouge Tribunal, London–Ann Arbor 2004. 9 Bei den fünf Angeklagten handelt es sich um Nuon Chea, Ieng Sary, Khieu Samphan, Ieng Thirith (Ieng Sarys Ehefrau) und Kang Kek Ieu. Siehe: Kambodschas Massenmörder vor Gericht, in: Neue Zürcher Zeitung vom 23. 11. 2007. Die persönliche Verwicklung der drei erstgenannten Politiker in die Vernichtungsmaschinerie des von ihnen geführten Regimes wird detailliert belegt in Stephen Heder / Brian Tittemore: Seven Candidates for Prosecution. Accountability for the Crimes of the Khmer Rouge, Phnom Penh 2004, S. 59–100. Zielsetzungen, Aufgaben und Arbeitsweise des Tribunals werden umfassend dargestellt in John D. Ciorciari (Hg.): The Khmer Rouge Tribunal, Phnom Penh 2006. 10 Ungefähr 1000 kommunistische Khmer-Kader verließen mit ihrem Führer Son Ngoc Minh 1954 / 55 Kambodscha und zogen sich nach Nordvietnam zurück. Siehe Michael Vickery: Kampuchea. Politics, Economics and Society, London 1986, S. 13. 11 Für eine Analyse der Parlamentswahlen und ihrer Bedeutung für die kambodschanische Linke siehe Ben Kiernan: How Pol Pot Came to Power. A History of Communism in Kampuchea, 1930–1975, London 1985, S. 161 ff.; Michael Vickery: Looking Back at Cambodia, 1942–76, in: Ben Kiernan / Chanthou Boua: Peasants and Politics in Kampuchea 1942–1981, London–New York 1982, S. 89–113, bes. 96–99. 12 Siehe Philip Short: Pol Pot. The History of a Nightmare, London 2004, S. 120; David P. Chandler: Brother Number One. A Political Biography of Pol Pot, Boulder, Colo. 1992, S. 63 f. 13 Das erst einige Jahre nach Saloth Sars Geburt ins Melderegister eingetragene Geburtsdatum ist der 19. Mai 1928. Aus schulischen Gründen wurde – im ländlichen Kambodscha zu der Zeit keineswegs ungewöhnlich – das tatsächliche Geburtsdatum (März 1925) drei Jahre vorverlegt. Siehe Short: Pol Pot (Anm. 12), S. 15 f. 14 Siehe dazu Anm. 1. 15 Thomas Engelbert / Christopher Goscha: Falling Out of Touch. A Study on Vietnamese Communist Policy Towards an Emerging Cambodian Communist Movement, 1930–1975, Clayton, Australien 1995, S. 71–77. 16 Siehe Bernhard Dahm: Die kommunistischen Bewegungen in Vietnam, Laos und Kambodscha, in: Werner Draguhn / Peter Schier: Indochina. Der permanente Konflikt?, Hamburg 1981, S. 65–67. 17 Siehe William Shawcross: Schattenkrieg. Kissinger, Nixon und die Zerstörung Kambodschas, Berlin–Frankfurt a. M.–Wien 1980, S. 89–102. 18 Akronym für »Gouvernement Royal d’Union Nationale du Cambodge«. 19 Die bislang gründlichste Untersuchung der politischen und militärischen Entwicklungen in Kambodscha während des fünfjährigen Bürgerkriegs ist Justin Corfield: Khmers Stand Up! A History of the Cambodian Government 1970–1975, Clayton, Australien 1994. Eine Darstellung des Kriegs aus der Sicht des FUNK liefern Malcolm Caldwell und Lek Tan: Cambodia in the Southeast Asian War, New York–London 1973. Zu den militärischen Operationen während des Kriegs siehe Walter von Marschall: The War in Cambodia. Its Causes and Military Development and the Political History of the Khmer Republic 1970–1975, Royal College of Defence Studies 1975 Course. 20 Zum Ausmaß der Bombardements siehe Shawcross: Schattenkrieg (Anm. 17), S. 304–326. 21 Zur Errichtung von Kooperativen in den »befreiten Zonen« – offiziell am 20. Mai 1973 proklamiert – siehe Laura Summers: Cooperatives in Democratic Kampuchea, paper presented at the SSRC [Scientific Studies and Research Center; USA] Conference on Kampuchea in Chiang Mai, 11.–13. August 1981. 22 Der Bauernaufstand im Neusiedlungsgebiet von Samlaut im Westen der Provinz Battambang richtete sich gegen die katastermäßige Erfassung des zumeist »illegal« in Besitz genommenen Landes durch die Regie­rung in Phnom Penh. Obwohl die kambodschanischen Kommunisten vom Ausbruch der Rebellion überrascht gewesen sein sollen, trieb das harte Vorgehen des Militärs den Roten Khmer mehrere Tausend bäuerliche Aktivisten in die Arme. Siehe Ben Kiernan: The Samlaut Rebellion, in: Kiernan / Boua: Peasants and Politics (Anm. 11), S. 166–205. 23 Short: Pol Pot (Anm. 12), S. 10; Ben Kiernan: The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79, New Haven–London 1996, S. 33. 24 Die Evakuierung der Stadtbevölkerung und ihre Umsiedlung aufs Land wird erörtert in Kiernan: The Pol Pot Regime (Anm. 23), S. 31–64; Michael Vickery: Cambodia 1975–1982, Boston 1984, S. 72–82. 25 Zum Phänomen erzwungener Bevölkerungsumsiedlungen im chronisch unterbevölkerten vormodernen Südostasien siehe Volker Grabowsky: Bevölkerung und Staat in Lan Na. Ein Beitrag zur Bevölkerungs­geschichte Südostasiens, Wiesbaden 2004, insbes. S. 1–38. 26 Sihanouk kehrte Mitte 1975 aus dem chinesischen Exil nach Phnom Penh zurück, wo er im Königspalast residierte. Faktisch ohne bestimmenden politischen Einfluss, blieb er bis zu seinem Rücktritt am 2. April 1976 formal Staatschef Kambodschas, dem im Januar 1976 die Staatsform einer Volksrepublik gegeben worden war. 27 Botschaft des Demokratischen Kampuchea (DDR): Khèm, die junge Kämpferin und andere Erzählungen des kambodschanischen Widerstands, Berlin 1976, S. 69 (oben der Text der ersten beiden Strophen). 28 Der agrarkommunistische Egalitarismus der kambodschanischen Revolutionäre wird am deutlichsten veran­schaulicht in einer Schrift des britischen Südostasienwissenschaftlers Malcolm Caldwell, eines der wenigen prominenten Sympathisanten, die die Roten Khmer in der westlichen Welt besaßen. Unmittelbar vor Beginn der vietnamesischen Invasion Ende Dezember 1978 bereiste Caldwell auf Einladung der Pol-Pot-Regierung zwei Wochen lang Kambodscha und fiel am Tag seines Rückflugs einem Attentat zum Opfer, dessen Hintergründe ungeklärt blieben. Malcolm Caldwell: Kampuchea. Rationale for a Rural Policy, Hyderabad 1979. 29 Siehe die Erläuterung in Artikel 17 der Verfassung des Demokratischen Kampuchea, zu finden in: Botschaft des Demokratischen Kampuchea (DDR): Ein Jahr Demokratisches Kampuchea. Text der Verfassung des Demokratischen Kampuchea. Dokumente und Bilder, Berlin 1976, S. 18. 30 Zit. nach François Ponchaud: Kampuchea. Une économie révolutionnaire, in: Mondes en développement 28 (1979), S. 716 f. 31 Siehe Far Eastern Economic Review Year Book, Hongkong 1979. 32 Siehe Timothy Carney: The Organization of Power, in: Karl D. Jackson (Hg.): Cambodia 1975–1978. Rendezvous with Death, Princeton, NJ 1989, S. 99 f. 33 Siehe Marek Sliwinski: Le génocide Khmer Rouge. Une analyse démographique, Paris 1995, S. 49–67; Vickery: Cambodia 1975–1982 (Anm. 24), S. 139 ff. 34 Short: Pol Pot (Anm. 12), S. 392. Zu den Begleitumständen der Verhaftung Vorn Vets siehe auch die Erinnerungen einer französischen Kommunistin, die mit einem hohen Funktionär der Roten Khmer verheiratet war und 1975–78 als Übersetzerin im kambodschanischen Außenministerium arbeitete: Laurence Picq: Au delà du ciel. Cinq ans chez les Khmers Rouges, Paris 1984, S. 140. Wenige Monate vor Vorn Vet war Kang Chap, der Parteisekretär der Nordregion um Siem Reap, seiner Ämter enthoben und in Tuol Sleng eingeliefert worden. Kang Chap hatte noch Ende Mai 1978 während des Staatsbesuchs von Nicolae Ceauşescu und seiner Frau Elena in Kambodscha eine hervorgehobene Rolle gespielt. Siehe Comité des Patriotes du Kampuchea Démocratique en France: Visite officielle d’amitié du camarade Nicolae Ceauşescu (28–30 mai 1978), Paris 1978. 35 Der im November 1932 in der südöstlichen Provinz Svay Rieng (»Papageienschnabel«) geborene Chea Sim stieg während der Pol-Pot-Herrschaft zum Sekretär der KPK in der an Vietnam grenzenden Zone 20 (Provinz Prey Veng) auf. Nach der vietnamesischen Invasion kehrte er nach Phnom Penh zurück und ist seitdem eine der wichtigsten Führungspersönlichkeiten Kambodschas: als Generalsekretär der Kambo-dschanischen Volks­partei (bis 1991), Parlamentspräsident (seit 1993) und Vorsitzender des Kronrats. Siehe Jennar: Les clés du Cambodge (Anm. 3), S. 191. 36 Siehe Chanda, Nayan: Brother Enemy. The War after the War, San Diego–New York–London 1986, S. 344. 37 Siehe ebd., S. 345. 38 Die umfassendste Darstellung der Terrormaschinerie des Pol-Pot-Regimes ist David Chandler: Voices from S-21. Terror and History in Pol Pot’s Secret Prison, Chiang Mai 2000. Die Studie basiert vor allem auf der Auswertung von mehreren Hundert Geständnisprotokollen vornehmlich prominenter Häftlinge. Das vom US-Kongress seit 1994 finanziell unterstützte Documentation Center of Cambodia hat bis 2005 mehr als eine Million Seiten Primärquellen aus der Zeit des Pol-Pot-Regimes sowie 25 000 Fotografien archiviert. Dieses Beweismaterial dürfte für die Vorbereitung der Anklage­schriften gegen die überlebenden Führungskader der Roten Khmer von größter Bedeutung sein. Zum Quellenbestand des Dokumentationszentrums siehe Craig Etcheson: After the Killing Fields: Lessons from the Cambodian Genocide, Lubbock, Tex. 2005, S. 53–66. 39 Chandler: Voices from S-21 (Anm. 38), S. 3. 40 Ebd., S. 6. Die analoge Bezeichnung im Thai und Lao ist »nak thot« (Sanskrit: dos.a = Fehler, Schuld). 41 Es drängen sich Parallelen zur Wagenburgmentalität des stalinistischen Regimes von Enver Hodscha in Albanien auf. Innerparteilicher Dissens wurde vom albanischen Sicherheitsapparat stets mit Sabotagetätigkeit des »US-Imperialismus«, des »sowjetischen Sozialimperialismus« und der jugoslawischen »Tito-Clique« erklärt. Aus internen Papieren geht hervor, dass die Roten Khmer mindestens bis Mitte 1977 die USA als ihren Hauptfeind betrachteten. Ab Herbst 1977 wird auch Vietnam als »tödliche Gefahr« für die kambodschanische Revolution bestimmt. Zeitweilig ging die Pol-Pot-Führung sogar von einem amerikanisch-vietnamesischen Komplott zum Sturz ihres Regimes aus. Erst relativ spät – in der zweiten Hälfte des Jahres 1978 – machte ihre Propaganda auch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt als Feinde aus. 42 Siehe Chandler: Voices from S-21 (Anm. 38), S. 44. 43 Der »Buchhaltung des Todes« von S-21 zufolge erreichte die Terrorwelle im Mai 1978 ihren Höhepunkt. Allein am 27. Mai 1978, unmittelbar nach der »Säuberung« der Ostregion, wurden 582 Exekutionen vermeldet. Siehe David Hawk: Tuol Sleng extermination centre, in: Index of Censorship, Nr. 1, 1986, S. 28. 44 Khmer Institute: Judgment of the Reviled, in: www.khmerinstitute.org / krtrial / judgment.html (ges. am 23. 6. 2008). 45 In einem stimulierenden Essay mit dem Titel »Why Did You Kill?: The Cambodian Genocide and the Dark Side of the Face and Honour« (in: Journal of Asian Studies [1998], H. 1, S. 93–122) weist der amerikanische Anthropologe Alexander Hinton, der während seiner Feldforschung auch ehemalige Angehörige des Wachpersonals von S-21 befragen konnte, auf die Manipulation oder besser Pervertierung traditioneller kambodschanischer Tugenden wie des Gehorsams gegenüber Älteren und Vorge­setzten oder der Wahrung der Ehre (ketteyos) gegenüber Angehörigen der eigenen peer group durch die Roten Khmer hin. Durch die systematische Entmenschlichung des politischen Gegners und die Sanktio­nierung »revolutionärer Gewalt« durch den Staatsapparat wurde für zahlreiche jugendliche Kader die Hemmschwelle für die Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit drastisch gesenkt. 46 Auch die Laotische Revolutionäre Volkspartei verbarg ihre Existenz während des Kriegs gegen die Königlich-Laotische Regierung hinter der Fassade einer »Laotischen Patriotischen Front« (Naeo Lao Hak Sat), doch unmittelbar nach Gründung der Volksrepublik am 2. Dezember 1975 trat sie selbstbewusst an die Öffentlich­keit. Siehe Volker Grabowsky: Kommunismus und Opposition in Laos, in: Hermann Weber et al. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, Berlin 2007, S. 58–79, hier S. 65. 47 Anlässlich des 17. Jahrestags der Parteigründung enthüllte Pol Pot die Existenz der Kommunistischen Partei Kampucheas in einer mehrstündigen, vom kambodschanischen Rundfunk übertragenen Rede vor ausge­suchten Kadern in Phnom Penh. Dies geschah wenige Tage vor Antritt seines Staatsbesuchs in China und Nordkorea. Siehe Pol Pot: Die großartigen Siege der kampucheanischen Revolution unter der richtigen und klaren Führung der Kommunistischen Partei Kampucheas, in: Kommunistische Volkszeitung, Dokumen­tation vom 22. Januar 1979, S. 1–15. 48 Henri Locard: Le »petit livre rouge« de Pol Pot ou les paroles de l’Angkar, Paris 1996, S. 175. 49 Nuon Chea: Statement of the Communist Party of Kampuchea to the Communist Workers Party of Denmark, July 30–31, 1978, in: Journal of Communist Studies 3 (1987), H. 1. Dem Verfasser liegt das dänische Original des Interviews mit Nuon Chea vor. 50 Siehe Vickery: Cambodia 1975–1982 (Anm. 24), S. 283 f. 51 Die zentrale Steuerung der Säuberungen wird zum Beispiel von Craig Etcheson hervorgehoben; siehe After the Killing Fields (Anm. 38), S. 85. 52 Siehe Kiernan: The Pol Pot Regime (Anm. 23). 53 Siehe ebd., S. 458 u. 252–288 (detaillierte Erörterung des Schicksals der Cham unter dem Pol-Pot-Regime). 54 Siehe Steve Heder: Racism, Marxism, Labelling, and Genocide in Ben Kiernan’s The Pol Pot Regime, in: South East Asia Research 5 (1997), H. 2, S. 101–153. 55 Siehe Karl D. Jackson: The Ideology of Total Revolution, in: ders.: Cambodia 1975–1978 (Anm. 32), S. 59 ff.; siehe auch Patrick Raszelenberg: Die Roten Khmer und der Dritte Indochina-Krieg, Hamburg 1995, S. 101 ff. 56 Mit dem Allmacht suggerierenden Slogan »Angka: phnè:k monoah« (Die Organisation hat die Augen einer Ananas) schüchterten die Roten Khmer die Bevölkerung ein. Siehe Locard: Le »petit livre rouge« (Anm. 48), S. 88. Siehe auch Roel A. Burgler: The Eyes of the Pineapple. Revolutionary Intellectuals and Terror in Democratic Kampuchea, Saarbrücken–Fort Lauderdale 1990. 57 Der Zensus von 1962 wird systematisch ausgewertet und analysiert in der Monografie von Jacques Migozzi: Cambodge. Faits et problèmes de population, Paris 1973. 58 National Institute of Statistics, Ministry of Planning: General Population Census of Cambodia 1998. Final Census Results, Phnom Penh 1999. 59 Migozzi: Cambodge (Anm. 57), S. 212 u. 226. 60 George S. Siampos: The Population of Cambodia 1945–1980, in: The Milbank Memorial Fund Quarterly, July 1970, S. 81 f. Die niedrigere Schätzung von Siampos beruht auf der durchaus begründeten Annahme eines leichten Rückgangs der Geburtenrate um ca. 5 % im Zeitraum 1965–1970. 61 Botschaft des Demokratischen Kampuchea (DDR): Ein Jahr Demokratisches Kampuchea (Anm. 29), S. 61. 62 Kiernan: The Pol Pot Regime (Anm. 23), S. 24. 63 Sliwinski: Le génocide Khmer Rouge (Anm. 33), S. 48. 64 Judith Banister / Paige Johnson: After the Nightmare. The Population of Cambodia, in: Ben Kiernan: Genocide and Democracy in Cambodia. The Khmer Rouge, the United Nations and the International Community, New Haven, Conn. 1993, S. 87. 65 Ebd., S. 90. 66 Vickery: Cambodia 1975–1982 (Anm. 24), S. 187. 67 Kiernan: The Pol Pot Regime (Anm. 23), S. 458 (1,67 Mio.); Sliwinski: Le génocide Khmer Rouge (Anm. 33), S. 57 (1,84–1,87 Mio.).

JHK 2009

Die Linke in Lateinamerika seit 1989

Stephan Ruderer

Erst jüngst haben mexikanische Politikwissenschaftler erneut betont, der Zusammenbruch des Ostblocks in den Jahren 1989 / 90 habe den »schwierigsten Moment für die Linke in Lateinamerika«1 dargestellt. Diese Einschätzung greift die Stimmungslage europäischer und lateinamerikanischer Intellektueller während der Umbruchphase wieder auf. Mit dem Ende des »real existierenden« Sozialismus schien der Kommunismus als politisch wirksames Gegenmodell zum vorherrschenden Kapitalismus ausgedient zu haben. Die revolutionäre Utopie, die vom Kommunismus ausging, war, so Norberto Bobbio, in den Staaten Osteuropas in ihr Gegenteil verkehrt worden.2 Der Hinweis des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano, der Sozialismus sei nicht das Gleiche wie der Stalinismus und habe deshalb auf dem Kontinent weiterhin Existenzberechtigung, drückte damals mehr eine persönliche Hoffnung als eine politische Leitlinie aus.3 Als politisches Streitobjekt ging der Kommunismus zunächst von der Ebene der konkreten Politikgestaltung über in die Domäne der Erinnerungspolitik. Man konnte sich mit ihm allenfalls noch in der historischen Rückschau beschäftigen, als »Vergangenheit einer Illusion«4 oder »Utopie der politischen Herrschaft der proletarischen Klasse«.5 Im günstigsten Fall wurde für die gesamte lateinamerikanische Linke, einschließlich der kommunistischen Parteien, zu Beginn der Neunzigerjahre von akademischer Seite ein »große[s] Improvisieren«6 konstatiert, meist wurde über das endgültige Scheitern der alternativen Gesellschaftsmodelle lamentiert.7 Eine Ausnahme bildete der Vorschlag des mexikanischen Politikers und Wissenschaftlers Jorge Castañeda, im Zusammenbruch des Ostblocks die Chance für eine pragmatische Wende hin zur Sozialdemokratie zu sehen.8 Castañedas 1993 erschienenes Werk »La utopía desarmada« erregte in Lateinamerika große Aufmerksamkeit, spiegelte sich in ihm doch die Wandlung eines Großteils der ehemals radikalen Linken – Castañeda selbst eingeschlossen – zu Beginn der Neunzigerjahre wider. Das Plädoyer für die Sozialdemokratie als einzige politische Alternative stieß im Laufe der Zeit jedoch mehr und mehr auf Kritik, die der gewandelten, moderaten Linken vorwarf, revolutionäre Politikinhalte aufgegeben zu haben.9 Diese Debatte darüber, wie sich linke Politik fortan ausrichten sollte, verweist u. a. auf das allgemeine Problem der Definition von »links«. Wenn man sich das aktuelle Panorama der lateinamerikanischen Regierungen, die sich selbst als links bezeichnen, vergegenwärtigt, wird schnell deutlich, dass die Definitionen sehr unterschiedlich ausfallen können. Ursprünglich war die auf die Französische Revolution zurückgehende Aufteilung der politischen Lager in rechts und links bedeutungsleer, als prägnantestes inhaltliches Unterscheidungsmerkmal hat sich jedoch später das Ideal der Gleichheit etabliert.10 Für die Linke ist soziale Ungleichheit ungerecht, ihrer Abschaffung gilt das politische Handeln,11 die Rechte akzeptiert dagegen eher soziale Ungleichheit, deren Überwindung nicht Aufgabe des Staates, sondern des Individuums sei. Davon abgesehen lässt sich mit »links« ein sehr heterogenes politisches Spektrum bezeichnen, das sowohl Kommunisten und Revolutionäre als auch Sozialdemokraten umfassen kann. Dabei ist die Definition historisch kontextgebunden und veränderbar. Das von Bobbio als Hauptanliegen der historischen Linken definierte Ziel, nämlich die Abschaffung des Privateigentums, galt lange Zeit – zumindest als utopische Vorstellung einer idealen Gesellschaft – auch für die lateinamerikanische Linke. Heute trifft dies nicht mehr für deren gesamtes Spektrum zu, in der aktuellen wissenschaftlichen und politischen Diskussion wird deshalb meist die Existenz von mindestens »zwei Linken« konstatiert.12 Vor dem Hintergrund dieser Debatte soll im Folgenden erörtert werden, welche Konsequenzen der Zusammenbruch des Ostblocks für die Linke in Lateinamerika hatte. Nach einer – zugegeben knappen – Skizze ihrer Geschichte wird ihre schwierige Situation zu Beginn der Neunzigerjahre beleuchtet. Im Anschluss daran wird auf die Gründe für ihre aktuelle »Renaissance« eingegangen sowie das Panorama der zwei Linken und die Stellung des Kommunismus innerhalb des aktuellen politischen Szenarios umrissen. Insgesamt wird argumentiert, dass die aktuelle Situation der Linken in Lateinamerika hauptsächlich auf innerregionale Faktoren zurückgeht, die aber durch den äußeren Einfluss der historischen Ereignisse in den Jahren 1989 / 90 verstärkt wurden. 1. Historische Einordnung Für die in den Zwanzigerjahren gegründeten ersten kommunistischen Parteien in Lateinamerika war die ideologische Anbindung an Moskau charakteristisch. Die Politik der Komintern bestimmte ihre politische Ausrichtung, weshalb sie die politischen Richtungswechsel Stalins, von der Unterstützung der revolutionären Nationalisten bis zur Volksfronttaktik, weitgehend mitvollzogen. Das Festhalten am orthodoxen Etappenschema der Revolution, der eine bürgerlich-nationalistische Phase vorausgehen müsse, führte dazu, dass die kommunistischen Parteien eher reformistisches als revolutionäres Potenzial entwickelten, ohne dabei jedoch das rhetorische Ziel „Revolution“ jemals wirklich aufzugeben.13 Im Kampf um die sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten konkurrierten die Kommunisten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts vor allem mit dem Populismus. Symbolisiert durch Figuren wie Domingo Perón in Argentinien oder Gertulio Vargas in Brasilien, gelang es den populistischen Caudillos seit den Dreißigerjahren, eine große Masse, hauptsächlich aus ärmeren Volksschichten, zu mobilisieren und durch ihr charismatisches Auftreten loyal an die jeweilige Führerfigur zu binden.14 Da diese Führer durch einen nationalistischen, antiimperialistischen Diskurs und einige Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der ärmsten Bevölkerung tatsächlich populär waren, verbinden viele Lateinamerikaner auch heute noch positive Assoziationen mit der Epoche des historischen Populismus. Die Populisten wiesen häufig keine klar definierte ideologische Position auf, sondern verfolgten eher eine paternalistische Politik »von oben«; durch ihre Fähigkeit zur Mobilisierung von Volksmassen und durch ihre Wahlgewinne trugen sie jedoch zu einer Demokratisierung des Kontinents bei.15 Die zweite Hälfte des Jahrhunderts war in Lateinamerika geprägt durch linke Politik, wobei Hoch- und Tiefpunkte »wellenförmig« aufeinanderfolgten.16 Nachdem der aufkommende Kalte Krieg zunächst zum Verbot etlicher kommunistischer Parteien auf dem Kontinent geführt hatte und die Linke insgesamt Anfang der Fünfzigerjahre in einer eher schwierigen Position war, entfaltete die Kubanische Revolution 1959 eine »elektrisierende«17 Wirkung. In ihrer Folge kam es zur Gründung von Guerillagruppen in fast allen lateinamerikanischen Ländern und zu einer ersten »Welle« linker Bewegungen, die sich, auch aufgrund der Spannungen im internationalen Kommunismus zwischen der Sowjetunion und China, ideologisch diversifizierten.18 Während der historische Populismus seinen Höhepunkt überschritten hatte, bekamen die Kommunisten auf der Linken neue Konkurrenz durch die Sozialisten, durch von Kuba geförderte Guerillagruppen und durch maoistisch inspirierte Bewegungen, die häufig, z. B. in Brasilien, zur Spaltung der kommunistischen Parteien führte. Auch in Teilen der katholischen Kirche gab es Annäherungen an den Kommunismus, die sich hauptsächlich in der Befreiungstheologie ausdrückten.19 Diese Diversifikation brachte jedoch auch verstärkte dogmatische Dispute und eine erhöhte Aufmerksamkeit der USA mit sich, die ebenfalls aus der Kubanischen Revolution ›gelernt‹ hatten und ihre Unterstützung für eine militärische Unterdrückung der Linken ausweiteten. Der Militärputsch in Brasilien 1964 erwies sich als Vorbote einer Phase der Militärdiktaturen, die mit dem Ende des »sozialistischen Experiments« von Salvador Allende in Chile 1973 begann. Im Namen der »nationalen Sicherheit« wurde in den betroffenen Staaten die Repressionsgewalt des Staates gegen die Linke eingesetzt. Die sandinistische Revolution in Nicaragua 1979 führte zwar zu einer »zweiten Welle« der Linken, ihre Auswirkungen beschränkten sich jedoch weitgehend auf Zentralamerika.20 2. Die Situation Anfang der Neunzigerjahre In den meisten Ländern des Kontinents sah sich die Linke – geschwächt durch die militärische Repression – in den Achtzigerjahren mit den Phänomenen der Demokratisierung und der Neoliberalisierung konfrontiert: Auf politischem Gebiet waren mit dem Ende der Diktatur Pinochets in Chile 1990 fast alle Staaten (mit Ausnahme von Kuba) formal zu einer demokratischen Regierungsform zurückgekehrt. Mit dem Regierungswechsel in Chile fand die in Lateinamerika Anfang der Achtziger (Peru 1980, Argentinien 1983) einsetzende »dritte Welle der Demokratisierung«21 vorerst ihren Abschluss, die Transition hin zu einer sowohl institutionell als auch normativ verankerten Demokratie stand in den meis­ten Staaten im Mittelpunkt der politischen Bemühungen. Auf wirtschaftlichem Gebiet dominierte der Neoliberalismus. Der Übergang von der importsubstituierenden Industrialisierung, die in Lateinamerika lange vorgeherrscht hatte, hin zu einem weltmarktorientierten Freihandel hatte ebenfalls Anfang der Achtzigerjahre begonnen, meist gefördert durch die neuen demokratischen Regierungen.22 Während dieser »doppelten Transition«23 gab es kaum Platz für linke Politik. Die Demokratie konfrontierte die linken Parteien Anfang der Neunzigerjahre zunächst mit einer Reihe von Wahlniederlagen. In Ländern wie Peru oder Argentinien kamen mit Fujimori bzw. Menem neoliberale Populisten an die Macht, in Bolivien, Ecuador und Venezuela führten die jeweiligen Präsidenten umfangreiche Privatisierungen durch, selbst in Chile, wo eine Mitte-Links-Koalition aus Christdemokraten und Sozialistischer Partei regierte, blieb das neoliberale Wirtschaftsmodell unangetastet und die Kommunistische Partei trotz Ergebnissen von über sieben Prozent aufgrund des speziellen Wahlsystems aus dem Parlament ausgeschlossen.24 Die politische und gesellschaftliche Liberalisierung, die mit der Demokratie einherging, fungierte als Ausgleich für die ökonomischen Härten des Neo-liberalismus. Die von den wirtschaftlichen Eliten des Kontinents geforderten und geförderten radikalen Einsparmaßnahmen konnten so den demokratischen Regierungen angelastet und mit dem Verweis auf die politischen Freiheiten relativiert werden.25 Der Zusammenbruch des Ostblocks und seine Auswirkungen auf Lateinamerika In dieser ohnehin schwierigen Situation fiel mit dem Ende der UdSSR für die kommunis­tischen Parteien in Lateinamerika nicht nur der wichtigste internationale Bündnispartner weg, sondern auch das politische Leitbild. Über ein halbes Jahrhundert lang hatte die Sowjetunion einen der maßgeblichen Referenzpunkte für einen Großteil der Linken Lateinamerikas dargestellt.26 Das plötzliche Ende des Ostblocks ließ die politischen Visionen der Kommunisten sinnlos erscheinen, ihre Politik wurde grundsätzlich infrage gestellt. Auch wenn einige kommunistische Parteien im ersten Moment in der Perestroika ein Zeichen für die Fähigkeit zur Erneuerung des Sozialismus erkannt haben wollten – die kommunistische Partei Brasiliens interpretierte das Ende der Sowjetunion sogar als positives Ereignis für den Sozialismus insgesamt27 –, überwogen doch schnell kritische Stimmen, die eine Neuausrichtung der eigenen Politik forderten.28 Letztlich führte das Ereignis zu internen Krisen der kommunistischen Parteien, deren politische und ökonomische Vorstellungen gescheitert schienen. Die internationale Niederlage des Kommunismus war auch eine Niederlage der ihm nahestehenden Parteien in Lateinamerika. Während einerseits das Vorbild der UdSSR wegfiel, verstärkten andererseits die USA ihren Hegemonieanspruch über den Subkontinent. Nicht zufällig hatte Fidel Castro schon im Dezember 1989 auf die Gefahren einer unipolaren Welt hingewiesen, in der die lateinamerikanischen Staaten große Schwierigkeiten haben würden, ihre Unabhängigkeit gegenüber dem »großen Bruder« aus dem Norden zu bewahren.29 Gleichzeitig bargen die epochalen Ereignisse von 1989 aber auch neue Möglichkeiten für die Linke in Lateinamerika. Das Stigma des Kommunismus, eine Gefahr für die Demokratie und die Stabilität der einzelnen Länder zu sein, fiel ebenso weg wie das zwar einigende, aber eben auch hemmende absolute Feindbild der USA.30 Dem Kommunismus, der jetzt nicht mehr ausschließlich als Gefahr für die nationale Sicherheit verteufelt wurde, öffneten sich so neue Partizipationsmöglichkeiten, seine Verfechter konnten sich neuen politischen Ideen zuwenden, selbst wenn sie vom „kapitalistischen Feind“ kamen. Eine pragmatischere Orientierung war möglich geworden. Die Folge war eine interne Neuausrichtung der linken Parteien in Lateinamerika: von der Revolution, die jahrelang als zumindest proklamiertes Ziel der politischen Anstrengungen galt, hin zur Demokratie, in der man eine neue politische Aufgabe erkannte. Die regionale Realität als Bezugspunkt Um den Einfluss des Zusammenbruchs des Ostblocks angemessen einordnen zu können, ist auch zu bedenken, dass der erste Bezugspunkt der lateinamerikanischen Linken die nationale bzw. kontinentale Realität war. So brach der Sozialismus zwar in der Sowjetunion zusammen, nicht aber auf Kuba. Auch wenn Kuba im Zuge der nach 1990 notwendigen Neuorientierung viel von seinem Mythos verlor, blieben die emotionalen Bindungen der Linken an Castro und seine Revolution doch stark.31 In Kuba hatte man immer noch ein Vorbild, das es ermöglichte, den traditionellen kommunistischen Diskurs aufrechtzuerhalten und die liberale Demokratie und das neoliberale Wirtschaftsmodell zu kritisieren.32 Auch die Wahlniederlage der Sandinisten in Nicaragua 1990 hatte wohl größeren Einfluss auf die Linke des Kontinents als die Ereignisse in Europa. Zum ersten Mal in der Geschichte verlor eine revolutionär an die Macht gekommene Guerillabewegung diese Macht durch demokratische Wahlen. Die Revolution konnte somit auch auf demokratischem Wege rückgängig gemacht werden.33 Diese Einsicht hatte für die Linke in Lateinamerika zwei unmittelbare Folgen: Zum einen verloren die Aktivitäten der Guerillabewegungen ihren politischen Sinn. Die nach 1990 weiterbestehenden Guerillagruppen wie der Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) in Peru oder FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und ELN (Ejército de Liberación Nacional, Nationales Befreiungsheer) in Kolumbien entwickelten sich immer mehr zu Terrorgruppen, die auf reine Gewalt setzten, ohne realisierbare politische Visionen zu verfolgen. Zum anderen erwies sich auch die Guerilla als demokratietauglich. Infolgedessen kam es in El Salvador 1992 und in Guatemala 1996 zu Friedensabkommen, die den jahrelangen Bürgerkriegen ein Ende setzten. 34 Die beschriebene Neuausrichtung von der Revolution zur Demokratie wurde durch die politischen Realitäten in vielen Ländern gefördert. Dabei hatte der Wandel schon Anfang der Achtzigerjahre eingesetzt, also unabhängig von der europäischen Entwicklung.35 Die Linke hatte im Widerstand gegen die Militärdiktaturen, die seit den frühen Siebzigerjahren den Kontinent überzogen, begonnen, sich für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen. Die brutale Repressionspolitik der Diktaturen machte den verfolgten Parteien den Wert der Demokratie deutlich. Diese stellte nicht nur eine politische Alternative dar, sondern erwies sich besonders für die Kommunisten als schlicht überlebensnotwendig. Die Hinwendung zu Demokratie und Menschenrechten basierte auch auf der oben kurz skizzierten historischen Position der Kommunisten in Lateinamerika, die nur in Ausnahmefällen tatsächlich den revolutionären Kampf propagiert hatten. Häufig vertraten die kommunistischen Parteien eher pazifistische Positionen und versuchten, innerhalb der bestehenden Ordnung Veränderungen herbeizuführen.36 Beispielhaft lässt sich auf das Verhalten der kommunistischen Partei Chiles verweisen, die während der Regierungszeit Salvador Allendes von 1970 bis 1973 die moderateste Position unter den Regierungsparteien eingenommen hatte.37 Durch ihren moralisch gerechtfertigten Kampf gegen die Diktaturen gewann die Linke neue Bedeutung. Der Einsatz für die Demokratie konnte so zumindest teilweise den Eindruck der historischen Niederlage, den die Abwahl der Sandinisten und der Zusammenbruch der Sowjetunion erzeugt hatten, aufheben. Insgesamt führte die innerregionale Entwicklung seit den Achtzigerjahren, verstärkt durch den Zusammenbruch des Ostblocks, zu einer Fragmentierung der Linken in Lateinamerika. Traditionelle kommunistische Parteien verloren zwar – ebenso wie die Guerilla­bewegungen – an Einfluss, blieben jedoch in vielen Ländern des Kontinents bestehen. Daneben existierten marxistische Gruppierungen, die ihre Legitimation ohne sowjetischen Einfluss aus einer Dritte-Welt-Ideologie bezogen, sowie linke Bewegungen innerhalb der Kirche und der Intellektuellenzirkel. Gleichzeitig näherte sich die lateinamerikanische Linke im Rahmen des angestoßenen Umdenkprozesses der Sozialdemokratie an und inkorporierte neue gesellschaftliche Gruppen, z. B. die Indigenas oder die Campesinos.38 Auch wenn das Ende des Kalten Krieges auf den ersten Blick den Niedergang der linken Parteien in Lateinamerika nach sich zu ziehen schien, so finden sich in seinen konkreten Folgen doch schon einige der Gründe für die bald folgende »Wiedergeburt« ebendieser Linken. Den entscheidenden Ausschlag gab jedoch auch hier die regionale Entwicklung in den Staaten des Kontinents. 3. Die »Renaissance« der Linken 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks scheint der »schwierigste Moment« für die lateinamerikanische Linke weit zurückzuliegen. Bis auf wenige Ausnahmen wird der gesamte Kontinent im Jahr 2008 von Parteien und Personen regiert, die sich selbst als links einstufen. Eingesetzt hat diese Linkswende 1998 mit dem Wahlsieg von Hugo Chávez in Venezuela. Zwei Jahre später wurde in Chile der Sozialist Ricardo Lagos zum Präsidenten gewählt, mit dessen Nachfolgerin Michelle Bachelet, ebenfalls aus der Sozialistischen Partei, steht seit 2006 erstmals eine demokratisch gewählte Frau an der Spitze eines Staates in Südamerika. Im Jahr 2003 folgten mit Luiz Inácio »Lula« da Silva, dem Vorsitzenden der Arbeiterpartei, in Brasilien und Nestór Kirchner, der einem progressiven Flügel der peronistischen Partei angehört, in Argentinien zwei weitere »linke« Präsidenten.39 2004 beendete der Wahlsieg von Tabaré Vasquéz vom Linksbündnis Frente Amplio die seit 1874 bestehende Dominanz der beiden traditionellen Parteien in Uruguay. Im Jahr darauf kam in Bolivien mit dem Anführer der Cocalero-Bewegung Evo Morales erstmals ein Präsident indigener Herkunft an die Macht, der – ebenso wie die 2006 gewählten Rafael Correa in Ecuador und Daniel Ortega in Nicaragua – große ideologische Nähe zu Hugo Chávez aufweist. Seit dem gleichfalls historischen Wahlsieg des ehemaligen Bischofs Fernando Lugo im April 2008, der mit seinem Linksbündnis die traditionelle Herrschaft des Partido Colorado in Paraguay beendete, gibt es auf dem Kontinent nur noch in wenigen Ländern Regierungen, die sich nicht als links betrachten. Jorge Lanzaro konstatiert mit einigem Recht eine »Dritte Welle der Linken« in Lateinamerika, die auf eine erste Phase von den späten Fünfziger- bis in die Siebzigerjahre, mit den Höhepunkten der kubanischen Revolution 1959 und der Regierung Allendes in Chile 1970–1973, und eine zweite Phase in den Achtzigerjahren, die hauptsächlich Zentralamerika betraf und vom Triumph der sandinistischen Revolution in Nicaragua 1979 symbolisiert wurde, folge.40 Wie lässt sich angesichts der Situation von 1989 / 90 diese Renaissance der lateinamerikanischen Linken erklären? Wie oben beschrieben, ging ein wichtiger Impuls für eine pragmatische Erneuerung der Linken von den Ereignissen in Osteuropa aus; ebenso wurde sie durch den Aufschwung der internationalen Anti-Globalisierungsbewegung seit den Protesten von Seattle 1999 gestärkt. Doch die wichtigsten Gründe liegen in der politischen und ökonomischen Entwicklung des Kontinents. In erster Linie basiert der Aufschwung der Linken auf dem Scheitern der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Der Neoliberalismus konnte seine Versprechen nicht erfüllen. Lateinamerika wies in den zwei Dekaden von 1980 bis 2000 eine wesentlich geringere Wachstumsrate auf als in den 40 Jahren davor; die Auslandsverschuldung dagegen stieg überproportional an. Weder die weitverbreitete Armut noch die besonders ungleiche Einkommensverteilung, die hohe Arbeitslosigkeit, die geringe Wettbewerbsfähigkeit oder die unzureichende Infrastruktur wurden in den Jahren des Neoliberalismus beseitigt.41 Dabei brachte die Förderung der freien Marktwirtschaft durchaus positive makroökonomische Daten hervor. So konnte insbesondere die Hyperinflation Lateinamerikas von hohen dreistelligen Zahlen noch im Jahr 1994 auf niedrige zweistellige Werte schon 1995 gesenkt werden, die Summe der Exporte verdoppelte sich zwischen 1988 und 1996, die Aktiennotierungen und die Devisenreserven stiegen beträchtlich.42 Daneben wurden die Märkte geöffnet, die Zölle gesenkt und staatliche Unternehmen in großem Stil privatisiert, sodass die Abhängigkeit von ausländischem Kapital stark zunahm. Dies brachte den wirtschaftlichen Reformern des Kontinents den Beifall der internationalen Finanzorganisationen, während die Beendigung der Inflation im ersten Moment die Zustimmung eines Großteils der Bevölkerung zu den Struktur­anpassungsprogrammen förderte. Die großen sozialen und wirtschaftlichen Defizite des Neoliberalismus ließen sich jedoch nicht verdecken. Die radikalen Schockprogramme der Reformer gingen zulasten der ärmeren Bevölkerungsmehrheit. So lebten im Jahr 1994 knapp 170 Millionen Menschen des Kontinents unter der Armutsgrenze, 1997 mussten 43,5 Prozent der Bevölkerung als »arm« und 19 Prozent als »extrem arm« eingestuft werden, wobei diese Werte bis 2003 sogar noch leicht anstiegen.43 Der Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem war immer noch in erster Linie vom Einkommen abhängig, die Sozialleistungen der meisten Länder wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit blieb anhaltend hoch. Gleichzeitig nahm die soziale Ungleichheit weiter zu, Lateinamerika blieb der Kontinent mit der größten Kluft zwischen Arm und Reich, sodass sich die Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven für einen Großteil der ärmeren Bevölkerungsschichten nicht besserten.44 Das Scheitern des neoliberalen Modells manifestierte sich in mehreren Wirtschaftskrisen. 1994 / 95 konnte eine Finanz- und Währungskrise Mexikos nur durch einen einzigartigen Liquiditätszuschuss der US-Regierung und des IWF überwunden werden,45 die asiatische Krise von 1997 führte zu einem Einbruch der Wachstumsraten der meisten lateinamerikanischen Länder und verdeutlichte die Abhängigkeit der Staaten von der internationalen Finanzentwicklung. Ihren Kulminationspunkt erreichte diese Entwicklung in der argentinischen Krise von 2001, in der die Proteste der verärgerten Bevölkerung die Amtszeit des Präsidenten de la Rúa vorzeitig beendeten. Erst seit dem Jahr 2003 erholt sich die lateinamerikanische Wirtschaft wieder und weist positive Wachstumsraten auf.46 In der erschreckenden Bilanz des Neoliberalismus ist der Hauptgrund für die Linkswende Lateinamerikas zu sehen. Ein erstes Symbol stellte das Auftauchen der »neuen Guerilla« auf dem Kontinent dar. Der Aufstand der Zapatisten in Mexiko am 1. Januar 1994 begann zeitgleich mit dem Inkrafttreten des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA und brachte Kritik an den negativen Folgen der Globalisierung und des Neoliberalismus zum Ausdruck.47 Daneben lassen sich zwei weitere Phänomene heranziehen, um den Stimmenzuwachs der linken Politiker zu erklären: zum einen eine »Repräsentationskrise« des demokratischen Systems, zum anderen eine Vertrauenskrise der demokratischen Parteien und Institutionen.48 Beide äußerten sich darin, dass die meisten Parteien nicht in der Lage waren, die Forderungen und Hoffnungen der Wähler zu erfüllen. Das Festhalten an einer elitären Konsenspolitik und den traditionellen Praktiken von Klientismus und Korruption sowie die Unfähigkeit zu politischen Reformen führten zu immer größerem Unmut innerhalb der Bevölkerung, die im Zeitalter der Globalisierung höhere Ansprüche an Rechtsstaat, Gewaltenteilung und demokratische Politikgestaltung stellte. Während in den meisten Ländern neoliberale Wirtschaftsreformen ein- oder weitergeführt wurden, hielten die Parteien kaum politische und soziale Modernisierungsprogramme bereit, sodass das Vertrauen der Menschen in die Problemlösungskapazitäten der Demokratie sank.49 Ein deutliches Beispiel dafür, dass die Linke ihr Wählerpotenzial aufgrund dieser Repräsentations- und Vertrauenskrisen steigerte, stellte die Wahl Hugo Chávez’ in Venezuela Ende 1998 dar. Chávez verdankte seinen Sieg hauptsächlich der Quasi-Proporzregelung und der Reform­unfähigkeit des langjährigen Zweiparteiensystems sowie der Hoffnung auf einen starken und nicht korrupten Präsidenten, der sich für die Belange der ärmeren Bevölkerungsschichten einsetzen würde.50 Die Gründe für eine linke Politik waren also im Lateinamerika der Neunzigerjahre nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil machten die Auswirkungen des neoliberalen Wirtschaftskurses und die traditionell-autoritäre Prägung der demokratischen Institutionen mehr denn je eine Politik notwendig, die soziale Gerechtigkeit und demokratische Reformen versprach. 4. »Zwei Linke« Die »linke Welle« ist keine homogene Bewegung, gemeinhin werden heute vielmehr »zwei Linke« konstatiert. Unterschieden wird dabei zwischen einer »rosa Welle« von Regierungen, die eher zur Sozialdemokratie tendieren, und einem »roten Bogen« von Ländern, die von linkspopulistischen Führern regiert werden.51 Zur moderateren Linken werden die Regierungen von Chile, Brasilien, Uruguay und – mit leichten Abstrichen – Argentinien gezählt, während das Verhalten von Hugo Chávez in Venezuela als Rollenmodell für die populistische, radikalere Linke gilt, der auch die Staatsoberhäupter in Kuba, Bolivien, Ecuador und Nicaragua zugeordnet werden. Der Erfolg der populistischen Linken speist sich aus der Erinnerung an den historischen Populismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch die neuen Populisten rekrutieren ihre Anhängerschaft hauptsächlich aus den Unterprivilegierten, führen einen antioligarchischen Diskurs, in dem die USA weiterhin als Hauptfeindbild figurieren, und bedienen sich eines personalistischen Politikstils. Die Einnahmen aus den Erdölreserven Venezuelas dienen dabei nicht nur Chávez, sondern auch den anderen Ländern als Stütze für eine staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik.52 Die neuen Caudillos sehen sich allerdings – ver­glichen mit ihren historischen Vorgängern – sowohl mit einer stärkeren innenpolitischen Opposition konfrontiert, die sich entweder in politischem Widerstand (z. B. den politischen Autonomiebestrebungen einzelner bolivianischer Regionen gegen die Regierung Morales) oder in den privaten Medien (in Venezuela oder in Ecuador) artikuliert, als auch mit stärkerem außenpolitischem Gegenwind, der – von den USA forciert – zu einer Stigmatisierung dieser linken Präsidenten führt. Die eher sozialdemokratische Linke geht dagegen in ihren Ursprüngen auf die kommunistischen und sozialistischen Parteien zurück. Sowohl die chilenischen Sozialisten als auch die brasilianische Arbeiterpartei und die Frente Amplio in Uruguay haben einen Wandlungsprozess hinter sich, der sie von ihren noch Anfang der Siebzigerjahre revolutionären Positionen hin zu einer reformorientierten gemäßigten Politikauffassung geführt hat.53 Die politische Selbstkritik geht dabei einher mit einer Akzeptanz des neoliberalen Wirtschaftsmodells. So sind die linken Präsidenten der vier exemplarischen Länder der »rosa Welle« zwar um soziale Verbesserungen bemüht, setzen aber die liberale Wirtschaftspolitik ihrer Vorgänger mehr oder weniger unverändert fort. Mit ihrem zumindest proklamierten Kampf gegen soziale Ungleichheit erfüllen alle linken Regierungen das Grundkriterium linker Politik – was ihre Selbst- und Fremdeinschätzung als links rechtfertigt –, doch in der konkreten Politikgestaltung machen sich große Unterschiede bemerkbar. Gerade im Wirtschaftsbereich stehen sich die Politik der Nationalisierung, die z. B. Morales in Bolivien durchführt, und die fortgesetzten Privatisierungsmaßnahmen der Regierung Bachelet in Chile fast konträr gegenüber. Dass der Bogen von Gruppierungen und Ideen, die in Lateinamerika heute zur Linken gerechnet werden, so weit gespannt ist, liegt nicht zuletzt an der ökonomischen und politischen Entwicklung des Kontinents in den Achtziger- und Neunzigerjahren. 5. Der Kommunismus heute Der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 / 90 forcierte die Neupositionierung der Linken, wobei seine negativen Auswirkungen hauptsächlich den Kommunismus in seiner historischen Ausprägung betrafen. Dies zeigt sich auch darin, dass während der aktuellen Linkswende die traditionellen kommunistischen Strategien und Ziele keine Rolle mehr spielen. Abgesehen von Kuba beruft sich keiner der linken Präsidenten auf den Klassenkampf oder verfolgt das Ziel, eine Diktatur des Proletariats zu errichten. Auch als Gegenmodell zum Kapitalismus ist der Kommunismus heute irrelevant.54 So fehlt bei den Parteien oder Koalitionen, die die linken Präsidenten des Kontinents unterstützen, meist jeglicher Hinweis auf eine kommunistische Tendenz: Weder im Frente Amplio (Breite Front) von Tabaré Vásquez in Uruguay noch im Partido de los Trabajadores (Partei der Arbeiter) von »Lula« in Brasilien oder im PAIS (Patria Altiva i Soberana, Hohes und Souveränes Vaterland) von Rafael Correa taucht der Kommunismus als Namensgeber oder Motivationsquelle auf. Im Movimiento al Socialismo (Bewegung zum Sozialismus) von Evo Morales in Bolivien und in der Ende 2006 neu formierten Einheitspartei Partido Socialista Unido de Venezuela (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas) von Hugo Chávez klingt zumindest die Idee an, einen sozialis­tischen Staat schaffen zu wollen. Doch auch Chávez beruft sich grundsätzlich nur auf die nicht näher spezifizierten Ideale von Simón Bolívar, und so bezieht sich der Name der von ihm gegründeten Partei Movimiento V República (Bewegung 5. Republik) ausschließlich auf das Ziel, eine neue »bolivianische Republik« zu errichten. Kommunistische Parteien existieren in den meisten Ländern zwar weiterhin, sie spielen jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Selbst in Venezuela, Bolivien, Brasilien und Uruguay, wo sie jeweils als Juniorpartner an der Regierungskoalition beteiligt sind, ist ihr konkreter politischer Einfluss sehr gering.55 Größeren Einfluss besitzt der Kommunismus im Grunde nur in Kolumbien, wo die Guerillabewegung der FARC immer noch über ausreichend Gewaltpotenzial verfügt, um das tagespolitische Geschehen des Landes zu dominieren.56 Die neue Linksbewegung zeichnet sich durch einen stärkeren Pluralismus als in der Vergangenheit aus, selbst die Kommunisten verbinden sich mit neuen Akteuren.57 Die Zusammenarbeit mit indigenen Gruppen, Bauern- oder Landlosenbewegungen und die Integration von Frauenrechten in den Forderungskatalog werden vorangetrieben. So waren nicht nur in Bolivien die indigenen Wurzeln von Evo Morales ein wichtiger Faktor für den Weg des Movimiento al Socialismo an die Macht, auch in Ecuador spielte beim Wahlgewinn von Rafael Correa die Unterstützung durch indigene Gruppen eine Rolle. In Mexiko verkörpern die Zapatisten die Verbindung von linken und indigenen Forderungen, während die einflussreiche Landlosenbewegung in Brasilien (Movimiento Sin Tierra) eine deutlich kommunistische Tendenz aufweist. Die Zukunft der Kommunisten – ebenso wie der gesamten Linken – in Lateinamerika scheint also in ihrer Fähigkeit zu liegen, die Anliegen bisher gesellschaftlich vernachlässigter Gruppierungen zu artikulieren. Der historische Kommunismus ist in Lateinamerika seit dem Zusammenbruch des Ostblocks als alternatives politisches Modell nicht mehr gesellschaftsfähig, die politischen Inhalte, für die er steht, werden jedoch auf dem Kontinent – häufig unter anderem Namen – von immer mehr sozialen Gruppen angenommen. Lateinamerika ist immer noch die Region mit der weltweit größten sozialen Ungleichheit, und in vielen Ländern stellen die Korruption und ein unzureichend funktionierender Rechtsstaat große Probleme für die Demokratie dar, sodass die Forderungen nach Gleichbehandlung, sozialer Gerechtigkeit und Einhaltung der Menschenrechte, die zum Programm der meisten kommunistischen Parteien gehören, nichts von ihrer Bedeutung verloren haben. Die Linkswende steht für die Anforderung, ein alternatives Modell zum liberalen Kapitalismus zu entwickeln und die formal-institutionell konsolidierten Demokratien auch normativ und sozial auszugestalten. 6. Fazit Der Zusammenbruch des Ostblocks war – das zeigen die eingangs zitierten Äußerungen – in der Perzeption vieler lateinamerikanischer Wissenschaftler und Intellektueller ein herausragendes historisches Ereignis für die Linke des Kontinents. In ihren tatsächlichen historischen Auswirkungen auf ebendiese Linke blieben die Ereignisse in Osteuropa jedoch der innerregionalen Entwicklung nachgeordnet. Die internationale Situation des Kommunismus stellte zwar auch für die lateinamerikanische Linke immer einen wichtigen Bezugspunkt dar, die historische Entwicklung orientierte sich jedoch in erster Linie an nationalen und regionalen Gegebenheiten. Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die soziale und politische Ausgrenzung großer Bevölkerungsschichten dazu geführt hatte, dass populistische Führer an die Macht kommen konnten, sorgte die Kubanische Revolution in den Sechzigerjahren für einen Aufschwung der revolutionären Idee, eine verstärkte Hinwendung zur Guerilla und eine Diversifikation der Linken. Die Erfahrungen der Repression durch die Militärdiktaturen in den Siebziger- und Achtzigerjahren leiteten dann einen Wandel innerhalb der Linken ein, der in der »schwierigen« politischen Situation Anfang der Neunzigerjahre kulminierte. Diese Situation wurde verstärkt durch den Zusammenbruch des Ostblocks, mit dem das »real existierende« Leitbild für die linke Politik in Lateinamerika wegfiel, wurde aber nicht durch ihn ausgelöst. In ähnlicher Weise geht die aktuelle Renaissance der Linken in Lateinamerika weniger auf die neue internationale Situation nach 1989 zurück als auf nationale bzw. regionale Faktoren – besonders die Misserfolge des Neoliberalismus –, die die Hinwendung der Bevölkerung zu linker Politik im weitesten Sinne erklären. Die Konsequenzen, die der Zusammenbruch des Ostblocks für die Linke in Lateinamerika hatte, lassen sich also nur in ihren Wechselbeziehungen mit der Entwicklung des Kontinents verstehen. 1 Elvira Concheiro Bórquez: Los comunistas del siglo XX: Algunas distinciones necesarias, in: dies. / Massimo Modonesi / Horacio Crespo (Hg.): El comunismo: otras miradas desde América Latina, Mexiko 2007, S. 41–52, hier S. 43. 2 Siehe Norberto Bobbio: The Upturned Utopia, in: Robin Blackburn (Hg.): After the Fall. The Failure of Communism and the Future of Socialism, London–New York 1991, S. 3. 3 Siehe Eduardo Galeano: »A Child Lost in the Storm«, in: Blackburn: After the Fall (Anm. 2), S. 254. 4 François Furet: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996, S. 10. 5 Aldo Agosti: Un balance de los comunismos, in: Concheiro Bórquez et al.: El comunismo (Anm. 1), S. 17–26, hier S. 26. 6 Albert Steer: Einleitung, in: ders. (Hg.): Die Linke in Lateinamerika. Analysen und Berichte, Köln–Zürich 1997, S. 13–57, hier S. 49. 7 Siehe Agosti: Un balance (Anm. 5), S. 17. 8 Siehe Jorge Castañeda: La utopía desarmada. Intrigas, dilemas y promesa de la izquierda en América Latina, Buenos Aires 1993. 9 Siehe besonders James Petras: The Left Strikes Back. Class Conflict in Latin America in the Age of Neo-liberalism, Boulder, Colo.–Oxford 1999, S. 80–93 und Steer: Einleitung (Anm. 6), S. 13 f. 10 Siehe Norberto Bobbio: Rechts und Links. Gründe und Bedeutung einer politischen Unterscheidung, Berlin 1994, S. 76. 11 Siehe ebd., S. 77 und Stephan Scheuzger: »What is left?« Zur historischen Entwicklung und gegenwärtigen Situation der Linken in Lateinamerika, in: Klaus Bodemer / Detlef Nolte / Hartmut Sangmeister (Hg.): Lateinamerika Jahrbuch 2004, Frankfurt a.M., S. 9–39, hier S. 10. 12 Siehe u. a. Jorge Lanzaro: La »tercera ola« de las izquierdas latinoamericanas: entre el populismo y la socialdemocracia, in: Pedro Pérez Herrero (Hg.): La »izquierda« en América Latina, Madrid 2006, S. 47–81; Jorge Castañeda: Latin America’s Left Turn, in: Foreign Affairs 85 (2006), H. 3, S. 10; César Rodriguez Garavito / Patrick Barett: ¿La utopía revivida? Introducción al estudio de la nueva izquierda, in: César Rodriguez Garavito / Patrick Barett / Daniel Chavez (Hg.): La nueva izquierda en América Latina. Sus orígenes y trayectoria futura, Bogotá 2005, S. 17–65 sowie die Artikel in: Concheiro et al.: El comunismo (Anm. 1). 13 Siehe Scheuzger: »What is left?« (Anm. 11), S. 15 und Alan Angell: The Left in Latin America since 1920, in: Leslie Bethell (Hg.): The Cambridge History of Latin America, Vol. VI, Cambridge 1994, S. 163–232, bes. S. 167–189. 14 Siehe die klassische Definition von Torcuato S. Di Tella: Latin American Politics. A Theoretical Approach, Austin, Tex. 2001, S. 29–32. Siehe auch Nikolaus Werz: Alte und neue Populisten in Lateinamerika, in: ders. (Hg.): Populismus. Populisten in Übersee und Europa, Opladen 2003, S. 47 und Michael L. Conniff: Introduction, in: ders. (Hg.): Populism in Latin America, Tuscaloosa 1999, S. 1–21, hier S. 4. Der lateinamerikanische Populismus unterscheidet sich vom europäischen Populismus, der niemals an die Macht kam und stärker durch Fremdenfeindlichkeit charakterisiert war; siehe dazu Karin Pieper: Populismus. Historische und aktuelle Erscheinungsformen, Frankfurt a. M. 2007, S. 12–45. 15 Siehe Conniff: Introduction (Anm. 14), S. 17–19. 16 In der Literatur existieren unterschiedliche Einteilungen dieser »Wellen«, hier wird grob der Klassifizierung von Lanzaro gefolgt (La »tercera ola« [Anm. 12], S. 47). 17 Angell: The Left (Anm. 13), S. 196. 18 Siehe ebd., S. 198. Dabei entsprang die ideologische Auffächerung meist den Gegebenheiten der nationalen Situation, die als Bezugspunkt immer im Vordergrund stand. Die internationalen Verweise dienten in erster Linie der Legitimierung des eigenen Handelns. 19 Siehe ebd., S. 206 f. 20 Siehe ebd., S. 212–214. 21 Siehe Samuel Huntington: The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century, Norman, Okla. 1991, S. 9. 22 Hier stellt Chile insofern eine Ausnahme dar, als dort die neoliberale Wirtschaftsform schon unter der Diktatur eingeführt wurde. Die demokratische Regierung übernahm aber nach 1990 deren Wirtschaftsmodell fast unverändert. 23 Siehe Lanzaro: La »tercera ola« (Anm. 12), S. 50. 24 Zur lateinamerikanischen Geschichte Anfang der Neunzigerjahre siehe Hans-Joachim König: Kleine Geschichte Lateinamerikas, Stuttgart 2006, S. 728–741. 25 Siehe Steer: Einleitung (Anm. 6), S. 37. 26 Siehe Scheuzger: »What is left?« (Anm. 11), S. 10. 27 Siehe Castañeda: La utopía (Anm. 8), S. 270. 28 Siehe ebd. 29 Siehe ebd., S. 269. 30 Siehe Pedro Pérez Herrero: Introducción, in: ders.: La »izquierda« en América Latina (Anm. 12) S. 11–19, hier S. 12. 31 Siehe Castañeda: Latin America’s Left Turn (Anm. 12), S. 3. 32 Einige kommunistische Parteien des Kontinents blieben denn auch ganz der Diskurslogik des Kalten Krieges verhaftet, z. B. die chilenischen Kommunisten; zu deren Reformstarre siehe Ingrid Wehr: Zwischen Pinochet und Perestroika. Die chilenischen Kommunisten und Sozialisten 1973–1994, Freiburg 1996, S. 148–162. 33 Siehe Castañeda: La utopía (Anm. 8), S. 267. 34 Siehe Nikolaus Werz: Lateinamerika. Eine Einführung, Baden-Baden 2005, S. 164–167 und Donald E. Busky: Communism in History and Theory. Asia, Africa and the Americas, Westport 2002, S. 207–210 u. 216–218. 35 Siehe Werz: Lateinamerika (Anm. 34), S. 152. 36 Siehe Scheuzger: »What is left?« (Anm. 11), S. 14; Werz: Lateinamerika (Anm. 34), S. 153; Rodriguez Garavito / Barett: ¿La utopía revivida? (Anm. 12), S. 24. 37 Siehe Arturo Valenzuela: El quiebre de la democracia en Chile, Santiago 2003, S. 112–124. 38 Siehe Rodriguez Garavito / Barett: ¿La utopía revivida? (Anm. 12), S. 29. 39 Während »Lula« im Jahr 2006 wiedergewählt wurde, folgte auf Kirchner im Jahr 2007 seine Frau, Cristina Fernández de Kirchner. 40 Siehe Lanzaro: La »tercera ola« (Anm. 12), S. 47. 41 Siehe Bernard Duterme: Condiciones, formas y balances del regreso de la izquierda a América Latina, in: ders. (Hg.): Movimientos y poderes de izquierda en América Latina, Madrid 2005, S. 7–20, hier S. 8–11; Castañeda: Latin America’s Left Turn (Anm. 12), S. 2. 42 Siehe Steer: Einleitung (Anm. 6), S. 30. 43 Siehe Ludolfo Paramio: La izquierda y el populismo, in: Pérez: La »izquierda« en América Latina (Anm. 12), S. 21–46, hier S. 24. 44 Siehe Steer: Einleitung (Anm. 6), S. 25–33; Pérez: Introducción (Anm. 30), S. 13; Castañeda: Latin America’s Left Turn (Anm. 12), S. 2. 45 Siehe Steer: Einleitung (Anm. 6), S. 31. 46 Siehe Hartmut Sangmeister: Lateinamerikas Wirtschaftswachstum verliert 2008 an Dynamik, in: GIGA-Focus Lateinamerika 1 (2008), S. 1–8, hier S. 2. 47 Siehe Werz: Lateinamerika (Anm. 34), S. 167. 48 Siehe Paramio: La izquierda (Anm. 43), S. 22. 49 Siehe ebd., S. 23. 50 Siehe Werz: Alte und neue Populisten (Anm. 14), S. 58. 51 Diese farbliche Unterscheidung so bei Günther Maihold / Claudia Zilla: Die neue politische Landkarte Lateinamerikas, in: SWP-Aktuell 6 (2006), S. 1–4, hier S. 2. Zur Unterscheidung von zwei Linken siehe auch Lanzaro: La »tercera ola« (Anm. 12), S. 65–70; Castañeda: Latin America’s Left Turn (Anm. 12), S. 2–10; Dietmar Dimoser / Wolfgang Merkel: Die Linke, die Demokratie und die soziale Frage, in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte (2007), H. 12, S. 22–28, hier S. 23. Diese Einteilung ist natürlich verallgemeinernd, tatsächlich zeichnet sich die Linke durch eine große Pluralität der Strategien und Artikulationsformen aus, siehe Rodriguez Garavito / Barett, ¿La utopía revivida? (Anm. 12), S. 31–33. 52 Siehe Werz: Alte und neue Populisten (Anm. 14), S. 63. 53 Siehe Castañeda: Latin America’s Left Turn (Anm. 12), S. 4. 54 Siehe Massimo Modonesi: El bosque y los árboles. Reflexiones sobre el estudio del movimiento socialista y comunista en América Latina, in: Concheiro et al.: El comunismo (Anm. 1), S. 53–67, hier S. 65. 55 Selbst in Venezuela stellt die kommunistische Partei mit einem Wahlergebnis von knapp 3 Prozent bei den Wahlen im Jahr 2006 nur die viertstärkste Kraft innerhalb der Unterstützer Chávez’. Am größten scheint der Einfluss der Kommunisten noch in Bolivien zu sein, wo der Vizepräsident Álvaro García Linera eine interessante Mischung aus marxistischem und indigenem Diskurs vertritt. In Ecuador dagegen existiert keine nominell kommunistische Partei. 56 Allerdings ist die Zukunft der FARC durch aktuelle Ereignisse, die während der Redaktion des Artikels stattfanden, wesentlich unsicherer geworden. Sowohl der Tod ihres historischen Führers als auch die Befreiung der bekanntesten Geisel Ingrid Betancourt durch das kolumbianische Militär innerhalb weniger Wochen im Sommer 2008 haben die Position der Guerilla entscheidend geschwächt. 57 Siehe Scheuzger: »What is left?« (Anm. 11), S. 28; Steer: Einleitung (Anm. 6), S. 51–53; Rodriguez / Barett, ¿La utopía revivida? (Anm. 12), S. 33–35.

JHK 2009

Sowjetische Außenpolitik und Islam

Ragna Boden

Das 20. Jahrhundert ist als ein extremes wie auch als ein ideologisches Zeitalter bezeichnet worden,1 denn es war geprägt von Experimenten mit Weltanschauungen und Werte-systemen, deren Vertreter für sie jeweils universale Gültigkeit beanspruchten. Dies musste zu Kollisionen führen, wenn die Systeme nicht nur unvereinbar waren, sondern darüber hinaus expansionistische Züge trugen. Der von den USA und der UdSSR dominierte Ost-West-Konflikt ist ein prägnantes Beispiel dafür. In den vier Nachkriegsjahrzehnten ist er häufig auf den Antagonismus zwischen Kommunismus und Kapitalismus reduziert worden, obwohl er weitaus mehr Dimensionen aufwies. Besonders deutlich wird dies, wenn die Perspektive nicht auf Europa und Nordamerika beschränkt bleibt, sondern auf Asien, Afrika und Lateinamerika ausgedehnt wird.2 In diesem Zusammenhang entwickelte sich der Faktor Religion zu einem der markantesten Streitpunkte, bis er schließlich – nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Regime in Osteuropa – in Gestalt des extremistischen Islam den Kommunismus als Bedrohungsszenario in der Wahrnehmung des »Westens« ablöste. Wie viele kulturgeschichtliche Aspekte der internationalen Beziehungen ist die Bedeutung der Religion im Ost-West-Konflikt noch ein Stiefkind der Forschung.3 Seit der Jahrtausendwende ist sie systematischer untersucht worden, wenn auch häufig nur mit Blick auf die USA bzw. das Christentum.4 Für die UdSSR liegen bisher lediglich ältere Arbeiten, ebenfalls zur Bedeutung des Christentums in der Außenpolitik, und jüngere Studien zum Islam in der Innenpolitik vor.5 Es fehlt also eine größere Untersuchung zum Islam in der Außenpolitik. Dabei geht es nicht einfach um Beziehungen zu islamischen Ländern,6 sondern um den Umgang mit Religion als eigenständigem Element der sowjetischen Außenpolitik. Das Thema Islam war für die sowjetische Führung von Anfang an nicht nur innenpolitisch, im Hinblick auf die muslimisch geprägten Republiken Zentralasiens, relevant. Auch für die internationalen Beziehungen bedeutete es eine Herausforderung, insbesondere in den Verbindungen zu den neu entstehenden sogenannten Drittweltstaaten. Ihnen wollte sich die Moskauer Führung als natürlicher Verbündeter im Kampf gegen den (Neo-)Imperialismus empfehlen. Da viele von ihnen – vom Maghreb über die arabischen Länder bis nach Asien – muslimisch geprägt und im Vergleich zu den europäischen Staaten weniger säkularisiert waren, kam dem Islam eine besondere Bedeutung für die Außenpolitik zu. Die große Herausforderung lag darin, das Potenzial der fünftgrößten muslimischen Bevölkerung der Welt, das die UdSSR mit etwa 20–30 Millionen Menschen besaß, propagandistisch zu verwerten und gleichzeitig die eigene, deutlich antireligiöse Innenpolitik zu verschleiern. Schließlich waren die Bolschewiki angetreten, die Religion insgesamt als Element überholter historischer Epochen abzuschaffen. In Anlehnung an Marx definierten sie die gesellschaftliche Rolle der Religion ausschließlich negativ, als Instrument der Unterdrückung beziehungsweise als »Überrest einer der Formen der Ausbeutergesellschaft«.7 Im Zwiespalt zwischen ideologischem Anspruch und politischem Pragmatismus wechselten dann Phasen von Repression und Duldung, trotz formaler Garantie der Religionsfreiheit in den Verfassungen.8 Im Rahmen der dichotomischen sowjetischen Weltsicht war die Frage, ob der Islam eher zu einem kapitalistischen oder planwirtschaftlichen Wirtschaftsverständnis neige und die von ihm beeinflussten Staaten damit für den einen oder anderen Block prädestiniert waren, weniger von Interesse. Wichtiger war die Überzeugung, dass die Religion prinzipiell als Kampfmittel sowohl von ausländischen als auch von einheimischen Machthabern gegen revolutionäre nationale Befreiungsbewegungen benutzt werde.9 Um dennoch eine Verständigung mit islamisch geprägten Staaten zu ermöglichen, oblag es den Theoretikern, eine Kompatibilität zu (er)finden, und den Praktikern, sie in die Tat umzusetzen. Dies geschah auf mehreren Ebenen: durch die wirtschaftliche und militärische Unterstützung islamischer Staaten und Bewegungen gegen westliche Staaten und Israel, durch die propagandistische Verwertung des eigenen muslimischen Bevölkerungsanteils sowie schließlich – besonders unter Chruščev – durch Versuche, islamische Staaten mittels eines Entgegenkommens in Fragen der Religion im Bereich der Diplomatie, der Kulturpropaganda und des Delegationsaustausches für die UdSSR einzunehmen. Im Folgenden wird die Ebene der Militär- und Wirtschaftshilfe nur kursorisch behandelt, der Hauptakzent liegt auf den letztgenannten Gebieten. Deren Analyse, vor allem auf Basis der Auswertung sowohl öffentlich als auch intern geführter Diskurse in staatlichen und Parteiinstitutionen, gibt erst Aufschluss über die Funktionsweise sowjetischer Politik an der Schnittstelle zwischen einer politischen Geschichte kultureller Prägungen und einer Kulturgeschichte des Politischen.10 Prinzipiell auf eine globale Umwälzung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse ausgerichtet, besaß die Propagierung des Kommunismus einen expansionistischen Zug, der in der Kommunistischen Internationale (1919–43) seine Institutionalisierung erfuhr. Dieser Universalanspruch prägte zusammen mit dem Verständnis des eigenen Staates als Quelle und Vorbild der globalen sozialistischen Umgestaltung die Außenpolitik der UdSSR und letztlich ihr Verhältnis zum Islam und zu den islamischen Staaten. In der muslimisch geprägten Welt wurde Religion unterschiedlich streng oder liberal ausgelegt; im Extremfall wurde sie ebenfalls missionarisch-expansionistisch als universelles Ideal verstanden und umgesetzt. Unter dem Eindruck des Zerfalls des Osmanischen Reichs und der Auflösung der europäischen Kolonialreiche entwickelten islamische Philosophen und Politiker Ideen, wie sich den westlichen Spielarten der Moderne – Kapitalismus und Kommunismus – eigene Varianten entgegensetzen bzw. hinzufügen ließen. Während des 20. Jahrhunderts wurde immer wieder versucht, Verbindungen zwischen Islam und Kommunismus herzustellen, überzeugende Ergebnisse waren jedoch selten. Zwar versprach die sowjetische Regierung noch im Dezember 1917 allen muslimischen Arbeitern in Russland und im »Osten«, also in den Gebieten der europäischen Kolonialmächte in Asien und Afrika, freie Glaubensausübung, um sich mit dieser Toleranz von der Politik des Zarenreichs abzugrenzen.11 Doch schon 1922 wurden die Ansätze einer staatlichen Eigenständigkeit muslimischer Gebiete auf dem Territorium des ehemaligen Russischen Reichs – die Volks­republiken Azerbajdžan, Buchara und Chorezm – durch deren Eingliederung in die entstehende UdSSR neutralisiert.12 Muslimische Varianten des Kommunismus unterstützten die Bolschewiki in den Zwanzigerjahren weder im In- noch im Ausland. Ein Fürsprecher solcher Formen in der UdSSR wie Sultan Galijev wurde 1923 als Konterrevolutionär verhaftet.13 Muslimische Linke im Ausland konnten ebenfalls kaum auf sowjetische Unterstützung zählen, wenn sie Parteien mit islamisch-sozialistischem Programm gründeten. Dies traf unter anderem Enver Pascha in der Türkei, der sich als Vertreter Nordafrikas vom sowjetisch initiierten Kongress der Völker des Ostens in Baku 1920 hatte inspirieren lassen.14 Auch die Komintern, die unter den ihr angeschlossenen 61 Parteien weltweit (Stand 1935)15 etliche muslimische zählte, nahm auf den Faktor Religion wenig Rücksicht, speziell im Zuge der »Bolschewisierung« seit Mitte der Zwanzigerjahre.16 Es war deshalb nur eine vorübergehende Erscheinung, wenn islamische Enthusiasten wie der Afrikaner George Padmore Moskau als »rotes Mekka« oder »Mekka des Ostens« bezeichneten und die Vereinbarung von kommunistischer Ideologie und Islam für möglich hielten.17 Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand zwischen sowjetischer Innen- und Außenpolitik insofern ein Paradox, als die sowjetische Führung in dieser Zeit begann, aktiv um die Gunst der neu entstehenden, vielfach islamisch geprägten Staaten Asiens und Afrikas zu werben. Diese beobachteten den innenpolitischen Umgang mit den sowjetischen Muslimen aufmerksam. Daraus ergab sich eine gewisse Einflussmöglichkeit der Drittweltstaaten auf die sowjetische Politik. Umgekehrt verfolgten sowjetische Politiker und Wissenschaftler mit Interesse die Entwicklung der kommunistischen und Arbeiterparteien und -gruppierungen in den sogenannten Drittweltländern. Viele dieser Parteien waren zeitweise oder generell verboten, oft mit dem Hinweis auf ihren atheistischen Charakter.18 Ein durchgängiges Mittel sowjetischer Propaganda war der Hinweis auf die ideelle und materielle Unterstützung, welche die UdSSR muslimischen Staaten seit der Oktoberrevolution gewährt hatte. Dabei spielte der Islam meist nur als kulturelle Prägung eine Rolle, als Element, das einen Großteil dieser Länder verband. Man stellte dazu insbesondere den kleinsten gemeinsamen Nenner, den Kampf gegen den Imperialismus, heraus und beschwor damit die Rolle der Sowjetunion als »wahrer Verbündeter«.19 Tatsächlich lässt sich in der sowjetischen Hilfspolitik ein gewisser Schwerpunkt feststellen: Die sechs ökonomisch und militärisch am meisten begünstigten nichtsozialistischen Entwicklungsländer in der Nachkriegsphase bis 1965 waren sämtlich islamisch geprägt (Ägypten, Indonesien, Afghanistan, Irak, Syrien) oder hatten sehr starke muslimische Minderheiten (Indien).20 Dies hatte nichts mit einer Vorliebe der Staats- und Parteiführung für den Islam zu tun, sondern war rein politischen Erwägungen sowie den globalen Konstellationen geschuldet: Die UdSSR engagierte sich aufseiten der Gegner ihrer Gegner, wenn sie die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und Syrien gegen das vom Westen begünstigte Israel unterstützte; sie übernahm die Finanzierung vom Westen zurückgewiesener Projekte wie – im Zuge der Suezkrise – des Assuan-Staudamms in Ägypten, um zu demonstrieren, dass ihre Entwicklungspolitik der »kapitalistischer« Staaten vorzuziehen sei, und sie ließ sich hoffnungsvoll auf Partner ein, die eine sozialistische Gesinnung erkennen ließen wie Nasser (Ägypten), Sukarno (Indonesien), Sekou Touré (Guinea), Ben Bella (Algerien) oder Modibo Keita (Mali). Dieses Schema war jedoch nicht durchzuhalten, wenn die Sowjet­union Indien gegen das von den USA favorisierte Pakistan unterstützte oder die USA tendenziell gute Beziehungen zu Saudi-Arabien unterhielten;21 zudem war es brüchig in Zeiten von herben Niederlagen wie beim Sechstagekrieg 1967, als die arabischen Staaten den größten Teil ihrer sowjetischen Militärtechnik durch Luftangriffe des von Washington unterstützten Israel verloren, ohne sie auch nur zum Einsatz bringen zu können. Spätestens mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979, als die UdSSR die Kommunisten gegen die islamischen Kräfte unterstützte, war der Anschein einer islamfreundlichen Außenpolitik nicht mehr aufrechtzuerhalten. Weil sich eine eindeutige außenpolitische Favorisierung islamisch geprägter Staaten nicht erreichen ließ, und auch um den Eindruck der religionsfeindlichen Innenpolitik zu kompensieren, mussten alternative Wege in der außenpolitischen Werbung eingeschlagen werden. Daher verwiesen sowjetische Darstellungen auf die eigene muslimische Bevölkerung, die von der Regierung »voll« (pol’nost’ju) unterstützt werde.22 Die zentralasiatischen Republiken und insbesondere Uzbekistan spielten hierbei eine exponierte Rolle als »Schaufenster des sowjetischen Islam«, da sie aus sowjetischer Sicht viele Vorteile des sozialistischen Systems verkörperten.23 Als Muster nachholender gesellschaftlicher und ökonomischer Modernisierung in sehr kurzer Zeit waren sie am ehesten geeignet, Politiker in Entwicklungsländern zu beeindrucken, handelte es sich doch um muslimisch geprägte Regionen, deren Fortschritt auf Staaten mit ähnlichen kulturellen Voraussetzungen übertragbar schien. So wurden die Zivilisationsleistungen Infrastruktur, Industrialisierung, Bildung und Frauenemanzipation24 in den Auslandsvorträgen und -ausstellungen, auf Messen und vor Reisegruppen aus islamischen Ländern hervorgehoben.25 Neben den weitgehend unstrittigen Leistungen in den sowjetischen Republiken Zentralasiens und in Azerbajdžan blieb jedoch die Frage nach der Vereinbarkeit der Neuerungen mit religiösen Traditionen bestehen. Der Spagat zwischen der Vermittlung einer Modernisierung nach westlichem Muster und der Wahrung islamischer Kultur stellte ein heikles Thema in der sowjetischen Auslandspropaganda dar. Die Verweise auf die sowj­etischen Muslime zwangen dazu, nachprüfbare Belege für religiöse Toleranz zu schaffen. Hier aber kollidierten innen- und außenpolitische Interessen unweigerlich. Sowjetische Muslime empfanden sich wegen der restriktiven Reisepolitik und der antireligiösen Ausrichtung der UdSSR wohl selten als Teil der supranational konzipierten Gemeinschaft aller Muslime, der umma,26 zumal auch die Pilgerreise Hadj nur wenigen vergönnt war. Die Gründe hierfür lagen zum einen in den meist belasteten Beziehungen zu Saudi-Arabien, zum anderen in der sowjetischen Angst vor Kontrollverlust.27 Es ist daher wahrscheinlich, dass die wenigen Mekka-Pilger – etwa 25 bis 30 pro Jahr28 – tatsächlich dem Geheimdienst nahestanden.29 Damit ergab sich eine gewisse Ironie der Geschichte, denn noch zu Komintern-Zeiten hatte der Mitbegründer der chinesischen und der indonesischen KP – allerdings in vollem kommunistischem Sendungsbewusstsein der Genossen – von »unseren kommunistischen Hadjis« gesprochen.30 Solche Äußerungen zielten auf die Vorstellung von Moskau als nicht nur realem, sondern ideell überhöhtem Anziehungspunkt einer weltweiten kommunistischen Bewegung. Allerdings funktionierte die Verbindung von vorgeblich religiöser mit tatsächlicher Spionage-Mission in mehrere Richtungen: Aus dem Iran drangen in den Achtzigerjahren unter Khomeini auch Spione unter dem Deckmantel der Religion nach Azerbajdžan ein.31 Eine weltliche Mission hatten auch sowjetische Studenten zu erfüllen, die zum Religionsstudium an der renommierten Al-Azhar-Universität nach Kairo gingen. Sie galten als Repräsentanten der UdSSR und wurden entsprechend instruiert, die staatlichen Interessen zu vertreten. Dazu gehörte allgemeine Zurückhaltung mit Äußerungen über die Religionsausübung in der UdSSR sowie der Auftrag, über sowjetfeindliche Bemerkungen zu berichten.32 Die Verbindungen zur Kairoer Universität waren auch insofern wertvoll, als sie bei Bedarf als Aushängeschild genutzt wurden, um im Gespräch mit muslimischen Delegationen eine tolerante sowjetische Religionspolitik zu belegen.33 Der Studentenaustausch auch mit islamischen Staaten zielte zwar insgesamt darauf ab, künftige Kader mit den Vorteilen des sowjetischen Systems vertraut zu machen, hatte aber, soweit bisher bekannt, in religiöser Hinsicht wenig nachweisbaren Einfluss auf die Weltanschauung der jungen Elite.34 In internationalen islamischen Organisationen waren sowjetische Muslime nur zeitweise vertreten. Das galt noch nicht so sehr bei frühen Institutionen wie dem 1926 in Ägypten als antikoloniale Bewegung gegründeten »islamischen Weltkongress«, bei dem immerhin gut zehn Prozent der Teilnehmer (acht von 70) aus der UdSSR kamen. Da dieser keine größere Bedeutung erlangte, war es einschneidender, dass die UdSSR offenbar nicht durchgängig in der 1962 in Mekka gegründeten »Liga der islamischen Welt« vertreten war.35 Dies erklärt sich aus der antikommunistischen Orientierung der Liga, deren Vertreter den Kommunismus und die UdSSR in stereotypen Argumentationsmustern wechselweise als Hort des Unglaubens, des Atheismus sowie der Unterdrückung der Muslime angriffen oder der Zugehörigkeit zu einer gegen den Islam gerichteten jüdischen Weltverschwörung verdächtigten.36 Aus beiden Gründen galten Kommunismus und Islam nicht nur als unvereinbar, der Kommunismus als Fremdkörper in muslimischen Gesellschaften und der Islam als einzige »Ideologie«; der Islam wurde auch als einzige Kraft gesehen, die imstande sei, die weltweite Ausbreitung des Kommunismus aufzuhalten.37 Angesichts solcher Haltungen bedurfte es eines gewissen Einfallsreichtums und einigerExperimentierfreude, um in islamischen Ländern ein positives Bild der UdSSR zu vermitteln. Institutionalisiert wurden die Bemühungen 1963 mit der Gründung einer Abteilung für internationale Beziehungen innerhalb der geistlichen Behörden der Muslime.38 Die Glaubwürdigkeit der Propaganda hing davon ab, ob die sowjetische Führung und die Beauftragten für religiöse Belange vermitteln konnten, dass sich islamische Lebensweise und atheistischer Gesamtanspruch des Staates vereinbaren ließen. Der Wunsch nach solchen Maßnahmen ist, soweit dies die Dokumente bisher erkennen lassen, oft von außen an sowjetische Verantwortliche herangetragen worden. Meist hing dies damit zusammen, dass ausländische Akteure eine engere Beziehung ihres Staates zur UdSSR befürworteten und für die innenpolitische Vermittlung ihrer Bemühungen auf sowjetisches Entgegenkommen angewiesen waren. Motiviert waren ihre Vorschläge durch den starken innenpolitischen Einfluss islamischer Parteien und Interessengruppen in ihrem Heimatland. Ob der indonesische Präsident Sukarno erfolgreich einen medial begleiteten Besuch in sowjetischen Moscheen einforderte oder Begegnungen zwischen den sowjetischen Muftis und ausländischen Repräsentanten organisiert und öffentlich gemacht wurden – hinter allem stand die Absicht, der UdSSR ihren Schrecken als atheistische Macht zu nehmen. Die Notwendigkeit dazu wurde als so dringend empfunden, dass selbst Kommunisten dazu rieten, die Frage der Religion prominent zu behandeln. Wie aus internen Papieren hervorgeht, drangen sowohl die erfahrenen Genossen der ehemaligen Kolonialmächte (so die französische KP für Algerien) als auch die der neuen unabhängigen Staaten selbst (die Kommunistische Partei Indonesiens) darauf, die Religion als taktisches Element in die Außenpolitik Moskaus einzubeziehen.39 Aus ihrer Sicht schien es sinnvoll, gezielt religiöse Delegationen einzuladen, um ihnen die sowjetische Verbundenheit mit islamischer Kultur in den zentralasiatischen Republiken vorzuführen. Auch sowjetische Experten tendierten gerade aus ihrer oft guten Kenntnis der regionalen Verhältnisse dazu, eine zum Teil sogar dezidiert religionsfreundliche Propaganda zu empfehlen. Ihre Begründung wies noch eine weitere Dimension auf: Sie verstanden sowjetische Maßnahmen explizit als Reaktion auf die chinesische Werbung in dieser Richtung, gerade in Südostasien.40 Damit ergab sich eine absurde Situation: Die beiden weltweit führenden atheistischen Staaten buhlten mittels religiöser Propaganda um die Gunst der islamischen Bevölkerungen Südostasiens. Vor dem Hintergrund des eskalierenden Streits zwischen Moskau und Peking wird auch verständlich, weshalb sowjetische Experten nicht nur verbale Propaganda anregten, sondern es sogar sowjetische Angebote gab, die Renovierung einer indonesischen Moschee zu finanzieren.41 Gegen solche Maßnahmen regte sich zum Teil heftiger Widerstand im Kulturministerium, das nachdrücklich an die antireligiöse Aufklärung als Aufgabe der UdSSR erinnerte.42 Flankiert wurden diese außergewöhnlichen Methoden von bewährten Aktionen wie Fotoausstellungen, Filmen und Vorträgen über gute Lebensbedingungen sowjetischer Muslime. Insgesamt kamen die sowjetischen Führungen in den gleichen Zwiespalt, den eine sowjetische Werbekampagne vom Beginn der Achtzigerjahre den eigenen Moslems vorwarf (siehe Abb.). Besondere Aufmerksamkeit erhielt das Thema Religion auf der Ebene der Staatschefs oder wenn religiöse Delegationen involviert waren. In Hochphasen dienten Reisen von mehr als 100 muslimischen Delegationen jährlich dem Zweck, gezielt die Entwicklungsmöglichkeiten der sowjetischen islamisch geprägten Republiken zu propagieren.43 Hinzu kamen noch die nicht als religiös deklarierten Delegationen von staatlichen und Regional-Organen sowie gesellschaftlichen Gruppierungen. Das Ergebnis solcher Delegationsreisen blieb aber zwiespältig. Dies lag nicht nur an diplomatischen Fehlern, durch die versehentlich religiöse Gefühle der Partner verletzt wurden.44 Auch die Vorführung sowjetischen islamischen Lebens vermochte nicht durchgehend zu überzeugen. Zwar gab es enthusiastische45Stimmen, die Chruščevs Aussage, man pflege eine Politik der Toleranz gegenüber Religionen insgesamt, so umdeuteten, dass der Islam in der UdSSR in Ehren gehalten werde.46 Doch der Tenor vieler Berichte war verhalten bis negativ. Selbst prinzipiell positiv gestimmte Beobachter konnten sich am ehesten zu Floskeln durchringen, die das Potenzial der Lage betonten, ohne die gegenwärtige Situation allzu rosig zu schildern. Dies lief auf lapidare Formeln hinaus wie die, dass die Ausübung des Islam in der UdSSR nicht verboten sei.47 Auf oberster Ebene wurde versucht, dies zu kompensieren. Der indonesische Präsident Sukarno selbst wollte mit seinen Moscheebesuchen und seinen Gesprächen mit sowjetischen Muftis Zeichen setzen, die in seiner Heimat ein positives Bild der UdSSR stützten. Er begründete diesen Schritt gegenüber seinen sowjetischen Ansprechpartnern ganz klar mit dem Wunsch, dadurch innenpolitisch zu überzeugen.48 Chruščev ging so weit konform mit dieser Argumentation, dass er nicht nur einverstanden war, solche religiösen Ereignisse auf die Titelseite der Parteizeitung Pravda zu bringen, sondern sogar seine persönliche atheistische Überzeugung um der Diplomatie willen hintanstellte.49 Zur Erfolgskontrolle solcher propagandistischen Maßnahmen werteten Mitarbeiter des sowjetischen Außenministeriums die Artikel in der ausländischen Presse über die Besuche islamischer Delegationen aus. War die Wirkung nicht zufriedenstellend, das heißt die Berichte nicht positiv, so wurde empfohlen, Religion als Thema in den Beziehungen beizubehalten. Dabei halfen islamische Würdenträger wie der Mufti von Zentralasien und Kazachstan, Babachanov ibn Abdulmažižchan, der den sowjetischen Führungen gegenüber absolut loyal war und sich daher gut für Werbemaßnahmen einsetzen ließ.50 Eine weitere Folge der propagandistischen Überlegungen war, dass die UdSSR selbst in den Siebzigerjahren fast jährlich internationale islamische Konferenzen ausrichtete.51 Hinzu kamen Kongresse in nationalem Rahmen, um die Taktik für den Umgang mit muslimischen Staaten vorzubereiten. Das sowjetische Interesse am Islam wurde durch die internationalen Ereignisse wie die iranische Revolution mit ihrer potenziellen Ausstrahlung insbesondere auf die Schiiten Azerbajdžans und durch die Ereignisse in Afghanistan noch verstärkt. Daher fand sich das Thema auf der Agenda führender sowjetischer Asien- und Afrika-Wissenschaftler, die in einem Gespräch am runden Tisch die dringendsten Fragen zu klären suchten.52 Ausgangspunkt der Überlegungen war die schlichte Feststellung, dass Religion »im ideologischen Kampf und den sozial-politischen Konflikten« Asiens und Nordafrikas eine wichtige Rolle spielte; man gestand also ein, dass man an dem heiklen Thema nicht vorbeikam. Ausgehend von der aktuellen Bedeutung des Islam, wurden Entwicklungsperspektiven, Säkularisierungsprozesse sowie die Beziehungen zwischen Religion und Nationalismus vorgestellt. In der Bewertung des Islam fällt dabei vor allem die Zeitgebundenheit auf: Für die vergangene Periode der Kolonialherrschaft wurde ihm eine positive, integrierende gesellschaftliche Funktion zugesprochen. Diese habe sich jedoch, so die Einschätzung der Experten, nach Erreichen der Unabhängigkeit ins Negative verkehrt, und zwar, indem sie nationalistische Tendenzen verstärkt habe. Das heißt, der Islam schien so lange akzeptabel, wie er Muslime gegen die Kolonialmächte vereinte. Seine identitätsstiftende Kraft galt aber als überflüssig für unabhängige Staaten und als schädlich für den Prozess der globalen Vergemeinschaftung. Es blieb indes bei der Kritik. Den Einsichten der Runder-Tisch-Gespräche folgten keine Ratschläge zum weiteren Vorgehen der sowjetischen Führung. Ohnehin erschien der Bericht pikanterweise kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan, sodass die Überlegungen keine Wirkung mehr entfalteten. Der Krieg überschattete naturgemäß auch die von der UdSSR ausgerichteten internationalen islamischen Konferenzen, weshalb die meisten islamischen Länder das Treffen 1980 boykottierten.53 Die Besetzung Afghanistans verdeutlichte, wie sehr beim Umgang mit dem Islam Innen- und Außenpolitik verzahnt waren. Sowjetische Einheiten, die einen hohen Moslem-Anteil aufwiesen, waren mit Loyalitätsproblemen bis hin zu Überläufen zu den afghanischen Truppen konfrontiert.54 Durch die Unterstützung der dortigen Sozialisten hoffte die so-wjetische Führung, nicht nur den westlichen Einfluss zurückzudrängen, sondern auch ein Ausstrahlen fundamentalistischer Tendenzen auf die benachbarten Sowjetrepubliken zu verhindern.55 Das sowjetische Eingreifen wurde unter anderem mit dem »konterrevolutionären« Charakter des Islam in Afghanistan begründet.56 Seit der iranischen Revolution war in der UdSSR selbst in öffentlichen Äußerungen von einem »islamischen Boom« (islamskij bum) die Rede.57 Orientexperten wie Primakov und selbst Parteichef Brežnev nahmen nun in aller Öffentlichkeit zum Thema Islam Stellung, auch der erwähnte Runde Tisch gehörte in diesen Zusammenhang. Das Problem war so dringlich, dass Brežnev es 1980 in seiner Rede auf dem XXVI. Parteitag ansprach. Er bescheinigte dem Islam generelle Interpretationsoffenheit und die Kraft, eine Befreiungsbewegung in seinem Zeichen zu einen, warnte aber gleichzeitig vor reaktionären Strömungen, die sich ebenfalls auf den Islam beriefen.58 Wieder einmal fühlte sich ein sowjetischer Parteichef genötigt, die religiöse Toleranz sowjetischer Atheisten gegenüber Muslimen und generell Mitgliedern von Religionsgemeinschaften zu betonen.59 Die von Brežnev eingeführten Freundschaftsverträge – wenn auch mit unklarer Bestimmung – waren immerhin zur Hälfte mit muslimischen Staaten geschlossen worden.60 Doch die Zeit mehr oder weniger friedlicher Koexistenz von Islam und Kommunismus, wie sie Chruščev praktiziert hatte, war spätestens seit 1980 vorbei. Unter Brežnev war kein Raum mehr für absurde Verhältnisse wie zur Zeit der engen sowjetisch-ägyptischen Beziehungen, als Nasser Kommunisten verfolgen ließ und der sowjetische Staats- und Parteichef eine Anti-Religionskampagne durchführte. Zudem zeigte die Diffamierung des ägyptischen Staatspräsidenten als »ägyptischer Stalin« durch die saudi-arabische Propaganda,61 dass der außenpolitische Nutzen solcher Annäherungen zumindest nicht eindeutig positiv ausfiel. Die sowjetische Fähigkeit, aus solchen Fehlern zu lernen, war begrenzt. Beim Versuch, Verbindungen mit der Theokratie Khomeinis aufzubauen, war die kommunistische Tudeh-Partei zunächst sogar von Moskau gehalten, den Ayatollah als Revolutionsführer zu akzeptieren.62 Diese Anlehnung an islamische Kräfte entsprach im Wesentlichen noch immer der schon von Lenin geäußerten Vorstellung einer zweistufigen Revolution, in der die kommunistischen Kräfte eines Landes zunächst mit den bürgerlichen kooperierten, um gemeinsam gegen »Imperialisten« zu kämpfen, und erst in einem zweiten Schritt eine sozialistische Revolution durchführten.63 Spätestens 1983 stellte sich jedoch heraus, dass diese Annahme ein folgenschwerer Fehler war: Unter der Anschuldigung der Agenten-tätigkeit für die UdSSR wurden im Iran Tausende Kommunisten verhaftet und Hunderte getötet, einige retteten sich dadurch, dass sie sich zum Islam bekannten.64 Modelle eines islamischen Sozialismus wie unter Nasser in Ägypten oder in den Siebzigerjahren im Südjemen waren immer nur vorübergehende Erscheinungen und gerade wegen ihrer religiösen Komponente wenig im Sinne Moskaus.65 So ergibt sich für den Umgang mit dem Islam als Aspekt sowjetischer Außenpolitik ein vielschichtiges und zum Teil widersprüchliches Bild. Neben späten und zaghaften Versuchen, eine kohärente Strategie für den Umgang mit islamischen Staaten zu finden, stehen die meist situativen und paradoxen Experimente insbesondere der Chruščev-Zeit. Die Einladung religiöser Würdenträger und Delegationen, die Einbeziehung der eigenen Muslime einschließlich ihrer staatstreuen Vertreter, Ausstellungen und Vorträge im Ausland zum Thema »Islam in der Sowjetunion« und nicht zuletzt die enorme Wirtschafts- und Militärhilfe für muslimische Staaten – all diese Einzelmaßnahmen erzielten eine höchstens punktuelle Wirkung und überdeckten selten die antireligiöse ideologische Basis der UdSSR. Der Widerspruch des sozialistischen Staates zwischen (missionarischem) atheistischem Anspruch und partikularer Toleranz in der Außenpolitik ließ sich nicht auflösen. Dies galt naturgemäß insbesondere seit Ende 1979, als das Bedrohungsszenario zwischen Islam und Kommunismus wenn nicht kippte, so doch eine gewisse Parität erreichte: Die Gefahr einer Expansion des Kommunismus in islamische Staaten wich nun der Vorstellung von einem Übergreifen des Islamismus auf die Sowjetunion. Für die Deutung des Ost-West-Konflikts als eines globalen Phänomens heißt dies, dass sich hier bereits die Konstellation des Zeitalters nach 1989 andeutete. Die Antagonismen verliefen nicht nur entlang religiöser bzw. konfessioneller Linien oder zwischen säkularen Staats- und Gesellschaftsmodellen wie Demokratie und Kommunismus. Vielmehr lagen sie quer dazu und gingen über diese Grenzen hinweg.66 Im System der internationalen Beziehungen fand die weltweite Dimension der kommunistischen Idee, die das 20. Jahrhundert so nachhaltig geprägt hat, somit ihre Grenzen in anderen, ebenfalls global ausgerichteten Wertesystemen wie dem Islam. Solche für den einzelnen Menschen konkurrierenden »Loyalitätsprinzipien«67 zur Deckung zu bringen erwies sich als unmöglich. War der Kommunismus während der Fünfzigerjahre pejorativ als Gefahr in Form eines »Islam des 20. Jahrhunderts« bezeichnet worden,68 dürfte das nicht erst seit 2001 vorherrschende Szenario die Lage umkehren: Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, so scheint es, hat der Islam in der Perzeption des Westens dem Kommunismus als Bedrohung wieder den Rang abgelaufen. 1 Siehe Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 1995 sowie die englischsprachige Ausgabe von Karl-Dietrich Bracher: The Age of Ideologies. A History of Political Thought in the Twentieth Century, aus dem Deutschen von Ewald Osers, New York 1984. Zeitlich weiter ausgreifend: John Schwarzmantel: The Age of Ideology: Political Ideologies from the AmericanRevolution to Postmodern Times, Houndmills 1998. 2 Siehe dazu die Maßstäbe setzende Arbeit von Hobsbawm: Das Zeitalter (Anm.&