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JHK 2012

Inhaltsverzeichnis

JHK 2012

Mielke contra Hoffmann. Wie die Stasi die Entlassung des DDR-Verteidigungsministers betrieb. Eine Fallstudie zum Verhältnis MfS – SED

Siegfried Suckut

Eigentlich genügten wenige, breite Federstriche, so schien es bisher, um die Biografie des ehemaligen DDR-Verteidigungsministers Heinz Hoffmann zu skizzieren. Wie in Lexika und Sammelbänden1 nachzulesen und von ihm selbst geschildert,2 nahm der 1910 in Mannheim geborene, aus einem proletarischen Elternhaus stammende Schlosser einen bemerkenswert gradlinigen politischen Lebensweg. Schon früh engagierte er sich in der kommunistischen Jugendbewegung und trat 1930 der KPD bei. Gleich nach Beginn der NS-Herrschaft emigrierte er im Parteiauftrag in die Sowjetunion, erhielt deren Staatsbürgerschaft und wurde zum Offizier der Roten Armee ausgebildet. Sein erster Einsatzbefehl führte ihn 1937 zu den Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg. Schwer verwundet kehrte er 1939 nach Moskau zurück, heiratete eine Sowjetbürgerin und arbeitete u. a. für den NKWD, den Inlandsgeheimdienst. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht beteiligte er sich an der politischen Umerziehung deutscher Gefangener und gehörte zu den KPD-Kadern, die für den Einsatz im Nachkriegsdeutschland vorgesehen waren. Ende 1945 beorderten ihn die Sowjets nach Berlin mit dem Auftrag, am politischen Neubeginn in ihrer Besatzungszone mitzuwirken. Schon bald wurde der – anfangs noch verdeckte – Aufbau ostdeutscher Streitkräfte zu seinem Arbeitsschwerpunkt. Kontinuierlich und in großen Schritten stieg Hoffmann auf der Karriereleiter nach oben. Mitte 1950 wurde Hoffmann Kandidat und 1954 Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED,3 die alles daran setzte, aus der DDR eine Volksdemokratie, einen Staat sowjetischen Typs, zu machen. Älteren Zeitgenossen in Ost und West wird vor allem in Erinnerung geblieben sein, wie er an Staatsfeiertagen in ordenübersäter Galauniform in der offenen Limousine stehend langsam am Spalier seiner Soldaten entlangfuhr und dabei wie der Prototyp eines Machtmenschen wirkte. Auch manche seiner Sätze sind unvergessen, etwa die kurz nach dem Mauerbau ausgesprochene Warnung an fluchtbereite DDR-Bürger, wer die Grenze nicht respektiere, bekomme »die Kugel« zu spüren4 oder seine Belehrung westlicher Friedensaktivisten, ein Atomwaffenkrieg in Europa könne durchaus die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln und »gerecht« sein.5  Die Stasi-Akte Hoffmann Erst drei in einer geheimen Stasi-Ablage aufbewahrte Aktenbände6 korrigieren jetzt den Eindruck eines unaufhaltsamen Aufstiegs und lassen das Persönlichkeitsbild vom martialisch auftretenden Moskau-treuen Kommunisten differenzierter erscheinen. Ausgerechnet die politische Geheimpolizei der SED, gedacht zur Überwachung und Verfolgung Andersdenkender, hatte den linientreuen Kommunisten mit der mustergültigen Biografie über viele Jahre beobachtet. Bisher ging die Forschung davon aus, dass der Staatssicherheitsdienst führende Mitglieder der eigenen Partei nicht ausforschen durfte und dies auch nicht getan hat. Genehmigungen in Ausnahmefällen konnte nach einem Parteibeschluss aus dem Jahr 1954 bei ZK-Kadern allein der SED-Chef als Vorsitzender der Sicherheitskommission des Politbüros (ab 1960: des Nationalen Verteidigungsrates) erteilen.7 Hinweise auf eine solche Anweisung Walter Ulbrichts gibt es in diesem Fall nicht, doch hat Erich Mielke ihn spätestens seit Beginn der Sechzigerjahre über die Verhältnisse an der Spitze des Verteidigungsministeriums informiert. Die Geheimakte Hoffmann dokumentiert, dass die Stasi mit wachem Interesse beobachtete, welche Leitungsschwächen führende Genossen unter den DDR-Militärs zeigten. Sie gerierte sich dabei als inoffizielle Kontrollkommission, die auch darauf achtete, wo die Amtsträger gegen Grundsätze der Parteidisziplin verstießen und SED-Vertreter ihren Kontroll- und Interventionspflichten nicht gerecht wurden. Die heimlich über Hoffmann gesammelten Informationen, insbesondere die Berichte der hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), füllen annähernd tausend Seiten und beginnen kurz nach Gründung der DDR. Die Unterlagen zu vielen bekannten Oppositionellen sind weniger umfangreich. Aufbewahrt waren die drei Bände ursprünglich vermutlich in den Panzerschränken, die Mielke Ende 1989 leer zurückließ,8 oder sie befanden sich unter den 800 laufenden Metern Akten, die die Bürgerrechtler noch in den Diensträumen der für die Überwachung der Armee zuständigen Hauptabteilung (HA) I vorfanden.9 Von der Geschichtsschreibung über die NVA und das MfS ist die Akte bisher nicht berücksichtigt worden.10 Die Stasi-Aktivitäten gegen Hoffmann kulminierten in den Jahren 1963/64, als das Mielke-Ministerium auf die Ablösung des Verteidigungsministers hinarbeitete und offenbar nur knapp scheiterte. Davor bewahrt hat Hoffmann, nach den MfS-Erkenntnissen zu urteilen, sowjetische Intervention in Person des Oberkommandierenden im Warschauer Pakt, Marschall Andrei Gretschko. Danach fuhr die Stasi die Überwachung langsam zurück. Anfang der Siebzigerjahre bricht die Materialsammlung vollends ab. Ausschlaggebend dafür dürften Veränderungen in der SED-Führung gewesen sein: Mielkes wichtigster politischer Förderer und Vertrauensmann, Generalsekretär Ulbricht, wurde von Erich Honecker abgelöst, und der Stasi-Chef wie der Verteidigungsminister rückten kurz hintereinander in das oberste Führungsgremium, das SED-Politbüro, auf.11 Nun wurde Mielke die geheime Buchführung über Schwächen und Verfehlungen des NVA-Kollegen wohl doch zu »heiß«. Zudem hatte er zur Kenntnis nehmen müssen, dass die sowjetischen »Freunde« fest zu Hoffmann standen. Harmonische Kooperation in den Anfangsjahren Der erste in der Akte überlieferte MfS-Bericht stammt vom September 1952 und gleicht einer zusammenfassenden Beurteilung.12 Heinz Hoffmann hatte als Generalinspekteur der Deutschen Volkspolizei und Stellvertretender Minister des Innern gerade die Leitung der Kasernierten Volkspolizei (KVP), des Vorläufers der späteren DDR-Armee,13 übernommen. Inhaltlich handelt es sich um einen Auszug aus dem »Personaldienstbogen«, den er der DDR-Regierung vorgelegt hatte, ergänzt durch bis 1949 zurückreichende Angaben aus einer MfS-eigenen »Akte des Genossen H.«,14 vermutlich ein Vorläufer der überlieferten dreibändigen Geheimakte. Das Urteil des noch von Wilhelm Zaisser geleiteten Sicherheitsministeriums fiel sehr positiv aus: Hoffmann habe »ein gutes Verhältnis« zu den »Organen des MfS« und sie »in jeder Beziehung unterstützt«.15 Er verstehe es »ausgezeichnet«, mit Menschen umzugehen, und werde von seinen Mitarbeitern »geachtet und verehrt«. Schwächen bestünden darin, dass er »nicht hart genug«, manchmal »zu nachsichtig« sei. Seinen engsten Mitarbeitern bringe er oft »zu viel Vertrauen« entgegen. Aufgefallen war das den Stasi-Mitarbeitern vermutlich, weil mancher seiner Offiziere heimlich für das MfS arbeitete und sie kontinuierlich über Interna aus der KVP, später der NVA, informierte, etwa Generalmajor Bernhard Bechler, stellvertretender Chef des Hauptstabes der KVP, der unter dem Decknamen »Wölfi« berichtete.16 Hoffmanns Vertrauensseligkeit wird aber auch in den zahlreichen Mitteilungen deutlich, die er in der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre selbst der für die Überwachung der militärischen Verbände zuständigen MfS-Abteilung (später: Hauptabteilung) I, machte. So hielt deren Leiter Gerhard Kroszewski nach einem Treffen im August 1952 fest, der KVP-Chef mache sich Sorgen wegen seiner Kenntnisdefizite, denn er sei nach eigenem Urteil »kein so großer militärischer Fachmann« und könne, wenn er keine Schulung erhalte, »in der weiteren Entwicklung diese Funktion bestimmt nicht voll ausfüllen«.17 Das habe er bereits Armeegeneral Vasilij Čujkov, den Oberkommandierenden der sowjetischen Truppen in der DDR, wissen lassen und werde auch mit SED-Generalsekretär Ulbricht noch darüber sprechen.18 Kroszewskis Nachfolger Heinz Gronau notierte wenige Monate später: »Generalleutnant Hoffmann ist in seiner Funktion sehr unzufrieden und trägt sich mit dem Gedanken, aus der militärischen Formation auszuscheiden, um wieder in der Partei zu arbeiten. Er gehe oft sehr unzufrieden nach Hause und wüsste manchmal nicht, wofür er sein Geld bekommt.«19 Hoffmann ahnte offenbar nicht, wie die Stasi mit solchen Äußerungen umging, dass sie schriftlich festgehalten und möglicherweise auf Dauer in den Speichern der Geheimpolizei aufbewahrt wurden und in Einzelfällen, wie seinem, Inhalt konspirativ geführter Personendossiers werden konnten, auch wenn es um einen leitenden Partei- und Staatsfunktionär ging. Vermutlich wäre er überrascht gewesen, hätte er erfahren, dass sein MfS-Gesprächspartner nach dem Treffen im August alarmiert reagiert, sogleich »Wölfi« einbestellt und ihn um eine Charakterisierung seines Chefs gebeten hatte, die dann einer Fundamentalkritik gleichkam: Hoffmann arbeite oberflächlich, was er ihm vorlege, unterschreibe er kommentarlos, sei in wenigen Minuten mit der Arbeit fertig und gehe dann gern Vergnügungen nach. Hoffmann rechtfertige das damit, dass er »schwere Jahre« durchlebt habe und »noch etwas vom Leben haben« wolle. Um die Ausbildung habe sich Generalinspekteur/Generalleutnant Hoffmann, obwohl Chef der Hauptverwaltung Ausbildung, »in den vergangenen zwei Jahren fast überhaupt nicht gekümmert«.20 Minister Zaisser, Hoffmanns Vorgesetzter während seines Einsatzes in Spanien, habe ihn, Bechler, von Anfang an gewarnt, sein Chef halte sich für einen »großen Strategen«, der er aber in Wirklichkeit nicht sei.21 Die Hoffmann-Beurteilung vom 1. September 1952 wäre vermutlich weitaus weniger positiv ausgefallen, hätte sich der Sicherheitsdienst damit ein paar Wochen länger Zeit gelassen.22 Informativ und nützlich waren für die MfS-Offiziere die Gespräche, die sie mit Hoffmann führten auch in anderer Hinsicht. Sie erfuhren Interna aus der Partei- und Staatsspitze, von denen sie sonst nicht oder erst später Kenntnis erhalten hätten und profitierten indirekt von seinen engen Kontakten zu den sowjetischen »Freunden«. Es handelte sich nicht um Hinweise, die für ihre eigentliche Aufgabe nützlich sein konnten, »feindliche« Aktivitäten des politischen Gegners zu erkennen und zu bekämpfen. Vielmehr war man erpicht auf Informationen, die dem MfS zusammen mit entsprechenden Meldungen aus anderen Bereichen ein Herrschaftswissen sicherten, dass deutlich über das hinausging, was die meisten der anderen Genossen in der Parteiführung wussten, und das sich auch innerparteilich, etwa in der Personalpolitik, oder machtpolitisch im Verlauf parteiinterner Fraktionskämpfe, speziell vom Minister taktisch nutzen ließ. So informierte Hoffmann im August 1952 darüber, welche umwälzenden strukturellen und personellen Veränderungen im Ministerium des Innern vorgesehen seien, dem die aufzubauenden militärischen Verbände noch zugeordnet waren, und machte das MfS so mit Vorentscheidungen vertraut, die letztlich die sowjetische Besatzungsmacht getroffen hatte. Geplant war u. a. die Einführung militärischer Dienstgrade und Uniformen in der Polizeitruppe. Selbst Durchschläge des neuen Strukturplans lieferte Hoffmann.23 Fast wie der Bericht eines Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) liest sich, was er über die politische Einstellung und das Verhalten einzelner seiner leitenden Mitarbeiter weitergab. Diese Informationen dürften gleich in die heimlichen »Kaderakten« des MfS geheftet worden sein.24 Auch über seine unterschwellige Rivalität zu Innenminister Willi Stoph berichtete er freimütig und ließ seine Enttäuschung deutlich spüren, nicht selbst zum Minister ernannt worden zu sein. Er werde sich um eine gute Zusammenarbeit mit Stoph bemühen, so Hoffmann beschwichtigend gegenüber dem MfS im Juli 1952, sein Freund werde er aber »nie werden«, denn er könne Stophs Art »nicht ausstehen«, der sei »nicht offen und ehrlich«.25 Hoffmann schilderte in einem anderen Gespräch, wie Ulbricht und Čujkov sich um einen fairen Interessenausgleich zwischen ihm und Stoph bemüht und ihre Gehälter individuell festgesetzt hätten.26 So genau waren Einzelheiten des schwierigen Verhältnisses zwischen dem Innenminister und seinem Stellvertreter in der DDR-Regierung sicher niemandem bekannt. Ergänzt wurde das, was Hoffmann freimütig erzählte, durch die von der Stasi angeforderten Berichte ihrer Geheimen Informatoren (GI). So wussten die Führungsoffiziere der HA I, dass die Differenzen zwischen den beiden obersten Funktionären des Ministeriums im Vorfeld der NVA-Gründung noch zugenommen hatten. Hoffmann machte sich Hoffnungen, schon bald zum ersten Verteidigungsminister der DDR berufen zu werden und hatte erfahren, dass die Sowjets gegenüber der SED-Führung die Konstituierung eines solchen Ministeriums nur noch vom Ausgang der Genfer Konferenz abhängig machten.27 Dank GI »Wölfi« war nun auch das MfS auf diesem Informationsstand. In der so verschärften Konkurrenzsituation hatte sich Hoffmann im Kreis seiner Generäle über Stophs Arbeitsstil mokiert, den er als zu bedächtig und bürokratisch empfand.28 Der Minister kümmere sich »um jede Kleinigkeit«.29 Das mache er, Hoffmann, »nicht mehr lange mit«. Er sei »auch nur ein Mensch« und »mit den Nerven fertig«. Im nichtdienstlichen Rahmen urteilte der KVP-Chef offenbar noch geringschätziger, etwa über den Fleiß des oft bis in die Nacht arbeitenden Innenministers: Er frage sich, so musste er sich nach Stasi-Erkenntnissen geäußert haben, was dabei schon herauskomme und was Stoph denn in den Jahren von 1933 bis 1945 getan habe. Da habe er, Hoffmann, anderes durchgemacht.30 Der Führungsoffizier verfügte am Schluss seiner Mitschrift, der im Juli 1955 ergangene GI-Auftrag, über das Verhältnis Hoffmann – Stoph »laufend zu berichten«, bleibe bestehen.31 Die DDR-Staatssicherheit sah offenbar keinen Tabubruch darin, heimlich auszuforschen, was sich in Teilen des obersten Partei- und Staatsapparates tat. Klimatischer Wandel nach dem 17. Juni 1953 Ab Mitte der Fünfzigerjahre sind kaum noch Eigenauskünfte Hoffmanns an die HA I überliefert. Die Geheimpolizei zeigte ein gesteigertes, misstrauisches Beobachtungsinteresse, informierte sich nun aber primär aus den Berichten ihrer eigenen (hauptamtlichen und inoffiziellen) Mitarbeiter. Ausgelöst, zumindest beschleunigt, hatten diesen Entfremdungsprozess zwischen dem KVP-Chef und dem Ministerium für Staatssicherheit die parteiinternen Diskussionen und Veränderungen nach dem 17. Juni 1953. Wie »Wölfi« berichtete, hatte Hoffmann schon kurz nach der Absetzung Zaissers kritisiert, dass dieser eine »falsche Arbeit geleistet« habe.32 Er sei überzeugt, dass der Minister für Staatssicherheit »über jeden Schritt von ihm und anderen führenden Parteifunktionären genau unterrichtet« gewesen sei, von der »Arbeit des Gegners« jedoch »keine Ahnung« gehabt habe. Zaisser und sein Stellvertreter Mielke hätten »wie Berija« den Staatssicherheitsdienst »über alles« gestellt. Sie seien damit den Empfehlungen der sowjetischen Berater gefolgt, aber das seien ja auch alles »Berija-Leute« gewesen. Mielke müsse jetzt »seine ganze Ideologie ändern«. Er sei »besonders überheblich« gewesen und habe geglaubt, »dass er allen Befehle erteilen könne«. Mielke, der über die Kritik Hoffmanns sicher umgehend in Kenntnis gesetzt wurde, dürften die Beschuldigungen alarmiert haben, bemühte er sich doch darum, nicht in die Kampagne gegen Zaisser hineingezogen zu werden und die Parteikritik am MfS unbeschadet zu überstehen. Hoffmann nutzte die Gelegenheit, einen strukturell angelegten Grundkonflikt mit dem Sicherheitsdienst offen anzusprechen. Um eine optimale geheimpolizeiliche »Sicherung« der militärischen Verbände zu erreichen, hatte die Abteilung/Hauptabteilung I des MfS in alle KVP/NVA-Verbände offiziell tätige, eigene Offiziere integriert, die später im militärischen Dienstalltag unter der Tarnbezeichnung »Verwaltung 2000« geführt wurden und in der Uniform der jeweiligen Waffengattung auftraten, in der Truppe aber allgemein als Vertreter der Staatssicherheit bekannt und gegenüber der militärischen Führung weder rechenschaftspflichtig noch weisungsgebunden waren. Ihre Hauptaufgabe war die politische Überwachung der Soldaten durch den Einsatz von IM.33 Schon am 23. Juli 1953, im Gespräch mit Bechler, hatte Hoffmann seinem Ärger über diese Stasi-Präsenz Luft gemacht und moniert, auch in der KVP habe der Sicherheitsdienst »viele Fehler« begangen.34 Man brauche sich nur die »jungen Burschen« anzusehen, so Hoffmann laut GI »Wölfi«, die in allen Dienststellen »überheblich und undiszipliniert« aufträten. Der neue Chef der Abteilung I, Ottomar Pech, sei trotz seiner Bitten »niemals zu ihm gekommen«. Aber jetzt, nach dem 17. Juni, so Hoffmann zuversichtlich, habe es sich ja »ausgepecht«. Führungsoffizier Walter Bitter verfügte, Abschriften dieses GI-Berichts in die »Akte Hoffmann« zu übernehmen und ihn Pech vorzulegen. Am Tag darauf vertrat Bitter routinemäßig seine Abteilung bei einer Leitungsbesprechung (»Kollegium«) im Innenministerium und musste sich Hoffmanns Kritik an Pech und der Stasi in versammelter Runde, nur Minister Stoph fehlte noch, direkt anhören.35 Zudem sprach Hoffmann dort den Fall eines von der Stasi Inhaftierten an, dessen Ehefrau ihm gegenüber darauf dränge, eine Nachricht zu bekommen, was geschehen sei und wo sich ihr Mann aufhalte. Der KVP-Chef ergriff Partei für die Frau und befand, so dürfe sich das MfS in solchen Fällen nicht verhalten. Möge der Inhaftierte auch ein »Verbrecher« sein, so müsse man doch an die Kinder denken, die so »gegen unsere Entwicklung« erzogen würden. Hoffmann habe zum Ausdruck gebracht, so Bitter in seinem Vermerk, dass er den Bürgermeister von Greifswald »über das ZK zur Rechenschaft ziehen lassen« wolle, weil dieser »jegliche Unterstützung« der Frau und ihrer Kinder »in schroffster Weise« ablehne. So offen hatte vermutlich schon lange kein führender Funktionär den Umgang der Stasi mit Inhaftierten kritisiert. Zwei Jahre später formulierte Bitter eine Aktennotiz an die Leitung der HA I, die erkennen lässt, dass die Kompetenzabgrenzung zwischen der Staatssicherheit und der KVP immer noch nicht klar und die Kooperation nach wie vor schwierig war. Die Polit-Verwaltung der KVP, so listete der Stasi-Offizier im Beschwerdeton auf, habe eine Richtlinie erlassen, die Aussagen zum Staatssekretariat für Staatssicherheit (SfS) enthielten, die die »Prinzipien der Zusammenarbeit« verletzten.36 Entgegen bisheriger Praxis sei dem SfS weder der Entwurf noch die Endfassung zugestellt worden. Zwei hohe Offiziere seien auf Parteibeschluss entlassen worden, ohne dass das SfS darüber informiert worden war.37 Eine Delegation der Verwaltung Bewaffnung habe zur Besichtigung von Wehrtechnik die ČSSR besucht, ohne die Mitglieder vorab von der Stasi politisch überprüfen zu lassen. Nun habe man festgestellt, dass auch ein »charakterlich-moralisch negativer Offizier« darunter gewesen sei.38 Die Leitungspraxis in der KVP genüge nicht den »erforderlichen Ansprüchen«, Hauptabteilungsleiter Karl Kleinjung, so die Anregung Bitters, solle mit Hoffmann sprechen mit dem Ziel, »diesen, unsere operative Arbeit nicht fördernden Zustand zu verändern«.39 Spätestens dieses Gespräch mit dem HA I-Leiter wird dem KVP-Chef verdeutlicht haben, dass seine Stasi-Kritik nach dem 17. Juni, vielleicht aber auch sein früheres offenherziges Eingeständnis eigener fachlicher Defizite gegenüber dem MfS dort unvergessen waren. Dies galt insbesondere für Mielke, der, wie sein Förderer Ulbricht, die Juni-Krise unbeschadet überstanden und noch an politischem Gewicht gewonnen, die lang ersehnte Beförderung zum Stasi-Chef aber wieder nicht erreicht hatte. Er blieb der starke Mann im zweiten Glied, jetzt als Stellvertreter von Staatssekretär Ernst Wollweber. Schleichender Beginn der Stasi-Überwachung Wie seiner Zaisser-Kritik zu entnehmen, hatte Hoffmann bereits früher bemerkt, dass sich der Staatssicherheitsdienst auch für sein Privatleben interessierte.40 Bis ins Jahr 1949 reichen die Notizen zurück, die sich Mielkes Offiziere zu »moralischen Verfehlungen« Hoffmanns gemacht und in die Akte integriert hatten.41 Zumeist ging es dabei um sein Verhältnis zu Frauen, die, wie er zuweilen freimütig bekannte, »eben seine Schwäche« seien.42 Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau 1952 hatten die heimlichen Registratoren besonders viel zu notieren und äußerten wiederholt den Verdacht, feindliche Geheimdienste könnten von Hoffmanns »Schwäche« erfahren und gezielt Agentinnen auf ihn angesetzt haben.43 Ganz abwegig war diese Sorge nicht. Wenn der BND seine Akten öffnet, wird man sehen, ob es neben den »Romeos« des MfS im Westen vielleicht nicht minder erfolgreiche »Julias« in der DDR gegeben hat. Anfang 1954, als Hoffmann sich mit erneuten Heiratsgedanken trug, leitete Wollweber einen umfangreichen Bericht über mit dem KVP-Chef befreundete Frauen, die sein Dienst für Sicherheitsrisiken hielt, an den Chef der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK), Hermann Matern, weiter. Dieser gab das Papier mit dem Vermerk zurück, er werde selbst mit Hoffmann sprechen. Eine der dort genannten Frauen solle das SfS noch »sehr gründlich« überprüfen.44 Eine andere von den Stasi-Offizieren festgehaltene Schwäche Hoffmanns betraf sein Verhalten als militärischer Vorgesetzter. So martialisch anmutend er manchmal auch auftrat, im persönlichen Umgang zeigte er ein weiches Herz. Eine junge Frau, die häufiger für die Familie Hoffmann arbeitete, hatte dem Generalleutnant geklagt, ihrem Freund, der in der KVP diene, sei der Urlaub gestrichen worden. Hoffmann habe in der Kaserne angerufen und verfügt, dem Mann sei sofort freizugeben. Als wegen fortgesetzter Disziplinarverstöße sogar die fristlose Entlassung anstand, befahl er zur Verwunderung der Vorgesetzten die Beförderung zum Leutnant. Offenbar beabsichtigte die Stasi, Personalentscheidungen dieser Art künftig zu verhindern, und bat ihren GI, vom nächsten Entlassungsgesuch vorab in Kenntnis gesetzt zu werden.45 Der Akademie-Lehrgang in Moskau und die Folgen Anlass dazu hatten Wollwebers Mitarbeiter aber vorerst nicht, denn im Dezember 1955 trat Hoffmann zusammen mit elf weiteren hohen KVP-Offizieren einen lange geplanten zweijährigen Lehrgang an der Militärakademie Vorošilov in Moskau an.46 Obwohl alle als politisch zuverlässige, für noch höhere Aufgaben geeignete SED-Mitglieder anzusehen waren, beauftragte die HA I einen der Teilnehmer, ihr regelmäßig konspirativ über den Verlauf zu berichten.47 Die Anweisung an den GI »Phänomen« lautete, bei »allen Teilnehmern« auf »alle wichtigen Dinge« zu achten. Explizit genannt wurden »Unstimmigkeiten, Unlust, Schwierigkeiten, Alkoholgenuss, Ausgang, Verbindungen u. dgl.«. Sich selbst stellte der bearbeitende MfS-Offizier die Aufgabe, über Urlaubsregelungen und Postwege »ständig unterrichtet« zu sein und nach Rücksprache mit der Leitung der HA I die »Postkontrolle über [die] Teilnehmer ein[zu]leiten – resp. deren Frauen«. Schon kurz nach Beginn des Lehrgangs wussten die heimlichen Kontrolleure des MfS, dass Hoffmann seiner Frau ein erstes Lebenszeichen per Luftpost hatte zukommen lassen. Das war allerdings kein Ergebnis von Postkontrolle, das hatte »Wölfi« berichtet.48 Dass die Stasi politisch berechtigt war, ohne Anlass die in Moskau weilenden militärischen Führungskader der Partei zu überwachen, stand für die HA I offenbar außer Frage. Dabei klang schon der erste Bericht des GI »Phänomen« unter Kontrollgesichtspunkten eher beruhigend: Die Teilnehmer hatten täglich ein zwölfstündiges Arbeitspensum in russischer Sprache zu bewältigen, waren zu siebt in einem Zimmer untergebracht, aber trotzdem guter Dinge.49 Über Hoffmann berichtete der GI nur Positives: Er lasse nicht spüren, dass er Chef der KVP sei, verhalte sich »sehr kameradschaftlich und hilfsbereit« den anderen gegenüber, deren Hauptproblem es offenbar war, die Sprache nicht oder nur unzulänglich zu beherrschen. Trotzdem legte das MfS großen Wert darauf, über den Lehrgang und die Teilnehmer kontinuierlich aus erster Hand informiert zu sein. Der Führungsoffizier kündigte an, ein Emissär werde den GI möglicherweise zwischendurch in Moskau besuchen, um sich an Ort und Stelle berichten zu lassen. Es ging den KVP-Kontrolleuren im MfS offenbar darum, singuläres Herrschaftswissen zu sammeln, das sich bei günstiger Gelegenheit von der MfS-Spitze parteiintern eigeninitiativ nutzen ließ, aber auch vom SED-Generalsekretär abgefragt werden konnte. Um über die Lehrgangsteilnehmer und ihre Leistungen informiert zu sein, hätte sich Ulbricht dann nicht allein auf sowjetische Zeugnisse verlassen müssen, er hätte auch seine obersten politischen Geheimpolizisten, Wollweber und Mielke, fragen können. Dass er es wirklich getan hat, ist eher unwahrscheinlich. Erfahren hätte er dann, dass Hoffmann in Moskau gern zu »Saufabenden« einlud, dabei »am meisten dem Alkohol zusprach« und Frauenbekanntschaften pflegte.50 Wenige Monate zuvor hatte die Stasi schon von »Wölfi« gehört, dass Hoffmann in der Überzeugung lebe, wenn er zurückkomme, könne ihm »keiner mehr was«.51 Wenn Ulbricht ihn einbestellt hatte, habe er bisher »nicht viel sagen« können. In Zukunft werde das »anders sein«. Der HA I-Offizier vermerkte zum Schluss, es sei erforderlich, dass mit Hoffmann »von entsprechender vorgesetzter Stelle« ein »ernstes Wort gesprochen« werde, eine kaum verhüllte Aufforderung, Ulbricht in Kenntnis zu setzen, und gab den Bericht zur »weiteren Verwendung« an seinen Leiter. So karrieredienlich ein Akademiebesuch in der Sowjetunion auch war, es wird Hoffmann geärgert haben, dass ausgerechnet in den Monaten seiner Abwesenheit, im März 1956, die DDR-Armee offiziell gegründet und ein Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) geschaffen wurde – unter der Leitung seines bisherigen Chefs, Willi Stoph. Hoffmann sollte nach seiner Rückkehr weiterhin als dessen Stellvertreter arbeiten. Dabei hatte der sowjetische »Chefberater« bereits im Juli 1955 im Kreise der KVP-Führung angedeutet, dass Hoffmann demnächst zum Verteidigungsminister ernannt werden könnte. Stoph wäre dann übergeordneter Chef aller »bewaffneten Organe«, also auch des Staatssicherheitsdienstes, geworden.52 Mochte sich Mielke im Sommer 1953 fragen, ob nicht Hoffmanns Behauptung, er sei ein Berija-Mann, seinen Aufstieg zum Zaisser-Nachfolger verhindert habe, so durfte der bisherige KVP-Chef jetzt argwöhnen, dass vielleicht eine Mielke-Intrige schuld daran war, dass er nicht zum ersten Verteidigungsminister der DDR berufen worden war. Beweise gibt es weder für das eine noch das andere. Die Entscheidungsprozesse in Moskau und Ost-Berlin liegen im Dunkeln. Unübersehbar aber war, dass Mielke während der Lehrgangsjahre Hoffmann auf der Karriereleiter überholt und im November 1957, gleichsam im dritten Versuch, den letzten Schritt an die Spitze des Ministeriums für Staatssicherheit geschafft hatte. Kaderveränderungen im Verteidigungsministerium könnten damit im Zusammenhang gestanden haben: Als Hoffmann im Dezember 1957 in die DDR zurückkehrte, fand er den von ihm ungeliebten früheren HA I-Chef Ottomar Pech als stellvertretenden Leiter des Hauptstabes der NVA, also in seiner unmittelbaren Nähe, vor. Vier Jahre später, kurz nach Hoffmanns Ernennung zum Verteidigungsminister, stieg Pech sogar zum obersten Kaderchef der NVA auf: Auch als Minister wurde er seinen Stasi-Kontrolleur nicht los. Mit Genugtuung mochte ihn erfüllen, dass er seit seiner Beförderung zum Armeegeneral im März 1961 in der militärischen Rangordnung klar vor Mielke rangierte, der diesen Dienstgrad erst 1980 verliehen bekam. Der Konflikt eskaliert Aus den späten Fünfzigerjahren sind in der Hoffmann-Akte keine Unterlagen überliefert. Erst eine Notiz vom März 1962 macht deutlich, dass das Verhältnis zwischen Mielke und Hoffmann auch nach ihrem Aufstieg an die Spitzen von MfS bzw. NVA gespannt blieb. Der Staatssicherheitsdienst hatte sich offenbar beim Leiter der Militäroberstaatsanwaltschaft über eine »ungesunde und unkritische Atmosphäre« in der NVA-Führung, gemeint war vermutlich »unmoralisches Verhalten« des Ministers, beschwert.53 Früher hatte sich Hoffmann selbst in solchen Fällen eingeschaltet, jetzt schickte er lediglich einen seiner Mitarbeiter, einen Oberstleutnant, zum HA I-Chef, Generalmajor Kleinjung. Dieser versprach, soweit es ihn selbst betraf, eine bessere Zusammenarbeit, widerstand aber dem Werben der Stasi-Offiziere, sich im unterschwelligen Konflikt zwischen beiden Ministern auf ihre Seite zu stellen, und wich aus. Er sei noch nicht in allen Fragen »ehrlich« gewesen, vermerkte der Protokollant der HA I zum Schluss enttäuscht.54 An heimlichen Informanten im Umfeld des Ministers fehlte es der Stasi trotzdem nicht. Einer davon hatte kurzfristig Zugang zum Panzerschrank sowie zu den Notizbüchern einzelner Mitarbeiter im Leitungsbüro und hielt auch privateste Dinge fest, die sich eventuell politisch gegen den Minister verwenden ließen.55 Andere Methoden der Überwachung wandte das MfS – nach dem Überlieferten zu urteilen – gegenüber Hoffmann nicht an. Tonbandprotokolle von Telefonaten und sonstigen Gesprächen sind offenbar nicht angefertigt, von ihm geschriebene Briefe nicht kopiert worden. Der Konflikt zwischen den Leitungen beider »bewaffneter Organe« spitzte sich um die Jahreswende 1963/64 zu. Hoffmann hatte seine erste große Bewährungsprobe als Truppenführer bestanden, nachdem ihm vom Oberkommando des Warschauer Pakts die Leitung des gemeinsamen Großmanövers »Quartett« übertragen worden war, das vom 9. bis 15. September 1963 in der DDR stattfand. Marschall Gretschko würdigte besonders die Leistungen der NVA, als deren Geburtshelfer er sich betrachtete, und bescheinigte ihr, sie habe ihre Aufgaben »vorbildlich erfüllt« und unterscheide sich nicht mehr von den Armeen der anderen Verbündeten.56 Ein Lob, das die SED-Propaganda gern zitierte. Ganz anders klangen die geheimen Einschätzungen der Stasi, deren Hauptabteilung I sich in mehreren Berichten kritisch zum Verlauf der Truppenübung äußerte. Gelobt wurde die Einsatzbereitschaft der Soldaten, moniert das charakterliche und fachliche Auftreten einiger höherer Offiziere. Auch der Minister wurde in diesem Zusammenhang genannt.57 Nach dem Bericht des Geheimen Hauptinformators (GHI) »Anker«, offenbar ein höherer Führungskader, seien »verantwortliche ältere Offiziere«, selbst Generäle, mitunter in »peinliche Situationen« geraten.58 Als »unmilitärisch«, da »unkonkret« und letztlich als »Zeitverschwendung« kritisierte er die Besprechungen im Hauptstab. Die Teilnehmer hätten sich offenbar »daran gewöhnt«, den verantwortlichen General »nicht ernst zu nehmen«. Die HA I, die auch mit offiziellen Mitarbeitern teilgenommen hatte, bestätigte die Kritik.59 Ein anderer General, der erkennbar »stark unter Alkohol stand«, habe bei einer Besprechung einen Oberst »in zusammenhanglosen Sätzen« beschimpft, dass er »völlig versagt« habe. Die Anwesenden hätten gewusst, dass die Vorwürfe »aus der Luft gegriffen« waren, aber betreten geschwiegen, um so die »unwürdige Szene« zu beenden.60 Exorbitant, so meldeten die geheimen Informanten der Stasi, sei der Alkoholkonsum gewesen. »Was wir bei Quartett gesoffen haben, geht in keinen Tankwagen« zitierte der GHI »Fred Wendel« einen Oberst.61 Häufiger drohten Streitigkeiten zwischen angetrunkenen Stabsoffizieren in Schlägereien auszuarten.62 In der Truppe machten zahlreiche Witze über das Verhalten ihrer trinkfreudigen Führung die Runde.63 Die HA I zog das Fazit: »Die moralischen Eigenschaften einiger leitender Offiziere«, an der Spitze müsse »bedauerlicherweise der Minister« genannt werden, entsprächen nicht den Forderungen der »sozialistischen Ethik und Moral«.64 Hoffmann war den Stasi-Offizieren vor allem aufgefallen, weil er in der Stabsunterkunft eine Wand hatte durchbrechen lassen, um einer Soldatin näher zu sein. Die HA I beauftragte einen anderen Informanten, diese Angaben zu überprüfen – und erhielt sie bestätigt.65 Hoffmanns Schwäche für Alkohol und junge Frauen war der Stasi seit Langem bekannt. Verschärft hatte sich die Situation offenbar durch seinen politischen Aufstieg, aber auch aufgrund privater Veränderungen: Hoffmann bereitete Ende 1963 die Scheidung von seiner zweiten Frau vor und bewegte sich auf Freiersfüßen. Der Bericht vom 10. Oktober verzeichnete keine Adressaten. Er ging zumindest an HA-I-Chef Kleinjung, der ihn mit Datum vom 11. Oktober abzeichnete und,66 nach einem entsprechenden Anschreiben zu urteilen, am Tag darauf, zusammen mit anderen, nicht genauer bezeichneten Berichten, an Minister Mielke weiterleitete.67 Auf solche Anschreiben und schriftlichen Verfügungen stößt man in den Folgemonaten immer wieder. Ab jetzt gab die HA I offenbar alle Hoffmann betreffenden Berichte an den MfS-Chef »zur weiteren Verwendung«.68 Diese neue Praxis ist ein Indiz dafür, dass Mielke spätestens jetzt den Fall Hoffmann an sich gezogen hatte. Die überlieferten Unterlagen lassen – allerdings nur indirekt – darauf schließen, dass er sich von nun an bei Ulbricht, mit dem er sich bereits zu wöchentlichen Vieraugengesprächen traf,69 aktiv um die Absetzung des Verteidigungsministers bemühte. Am Kulminationspunkt Der Bericht vom 10. Oktober 1963 hatte offenbar eine gesteigerte Aufmerksamkeit der MfS-Führung für die Leitungsprobleme an der NVA-Spitze ausgelöst. Mit Datum vom 14. Oktober 1963 legte die HA I eine auf 40 Seiten erweiterte Fassung vor,70 die nicht mehr als HA I-internes Papier, sondern explizit für Minister Mielke bestimmte Information verfasst worden war und mit einer klaren Aufforderung zum Handeln endete: »Wir vertreten die Auffassung, dass die in diesem Bericht dargelegte Situation zu raschen Entscheidungen führen sollte, um durch geeignete Maßnahmen einer weiteren Wucherung der Unmoral und des Liberalismus im Bereich der Leitung des MfNV entgegenzutreten, die vorhandenen Missstände konsequent zu beseitigen und solche Voraussetzungen zu schaffen, die den Gesetzen der sozialistischen Moral und Ethik in einer gesunden, kämpferischen Atmosphäre zum Durchbruch verhelfen.«71 Um Kenntnisnahme und »weitere Veranlassung« werde gebeten. Eigentlicher Adressat war nach Inhalt und Form Generalsekretär Ulbricht,72 an den die Information offenbar auch gelangte, denn wenige Wochen später meldete ein Oberst, der als IM der Stasi berichtete, Hoffmann habe Anfang Dezember 1963, bei der Einweihung der Offiziersschule in Löbau, zu vorgerückter Stunde im Kreise seiner führenden Offiziere erzählt, dass er bei Ulbricht gewesen sei und ihm »alles gesagt« habe.73 Der habe ihn aufgefordert, »sehr schnell seine persönlichen Dinge« so in Ordnung zu bringen, »dass kein Skandal daraus entstehe«. Wie schon dem Berichtstitel zu entnehmen, bezogen sich die Erkenntnisse jetzt nicht nur auf das Manöver »Quartett«. Die MfS-Offiziere gaben eine generelle Beschreibung der Zustände an der Spitze der NVA. Bereits »seit längerer Zeit« und »in zunehmendem Maße« zeigten sich dort Tendenzen, die zutiefst den »sozialistischen Moralbegriffen« widersprächen.74 »Begünstigt durch den laufenden übermäßigen Alkoholgenuss und die ausschweifende Lebensweise (außereheliche Beziehungen) des Genossen Armeegeneral Hoffmann« habe sich dort eine Lage ergeben, die durch »parteiliche Inkonsequenz, Kritiklosigkeit, Unterwürfigkeit und Karrieristentum« gekennzeichnet sei. Niemand aus der Leitung des MfNV unternehme etwas gegen den »Zustand ständiger moralischer Verfehlungen«. Hoffmanns schlechtes Beispiel mache, im Gegenteil, bei anderen leitenden Funktionären »Schule«, verleite zum »Nachmachen« oder zur »stillschweigenden Duldung«. Konsequenz der Zustandsbeschreibung konnte eigentlich nur die Entlassung des Ministers sein. Eine entsprechende Forderung vermieden die Autoren der HA I aber: Sie stand ihnen und auch Mielke nicht zu; eine Absetzung hätte allein SED-Chef Ulbricht mit vorheriger Zustimmung der Besatzungsmacht veranlassen können. Weniger zurückhaltend ging die Stasi in ihrem Bericht mit den wichtigsten Mitarbeitern im Leitungsbüro des Ministeriums um, deren Vergehen sie so ausführlich schilderte, dass der Eindruck entstehen konnte, nicht Hoffmann, sondern sie seien verantwortlich für seine »moralischen Verfehlungen« und die notorischen Alkoholexzesse im Dienst. Unverbrämt wurde deren »umgehende Ablösung« gefordert. Dies betraf auch den Leiter eines NVA-Heimes, in dem der Minister häufig übernachtete. Dieser »Günstling« des NVA-Chefs, so die HA I-Charakterisierung, hatte unangemeldet erschienenen Stasi-Kontrolleuren jeglichen Zutritt verweigert und – in deren Anwesenheit – Hoffmann angerufen und sich Rückendeckung verschafft.75 Aufschluss darüber, wie weit der Einfluss des MfS auf die Personalpolitik im Verteidigungsministerium wirklich ging, könnte eine spezielle Untersuchung der weiteren Karrierewege der Kritisierten ergeben. Die in der »Akte Hoffmann« überlieferten Informationen vermitteln ein uneinheitliches Bild. Der im Stasi-Bericht an erster Stelle kritisierte Mitarbeiter im Ministerbüro wurde nicht entlassen, sondern kurz darauf sogar befördert. In einem anderen Fall erschien wenige Wochen nach der Entlassungsinitiative der HA I, offenbar in Abwesenheit Hoffmanns, ein in Zivil gekleideter anonymer »Vertreter vom ZK« im Ministerium und ließ sich verschiedene Personalakten heraussuchen.76 Im Nachgang dazu bereitete NVA-Personalchef Pech eine allein von ihm unterschriebene Entlassungsverfügung vor. Soweit ersichtlich, nahm Hoffmann diese Entscheidung hin und sorgte für eine günstige Anschlussbeschäftigung außerhalb der NVA.77 Auch über das Versagen einer Reihe von Generälen bei der Übung »Quartett« informierte der HA I-Bericht vom 14. Oktober ausführlich und wiederholte passagenweise das zwei Tage zuvor intern Konstatierte. Auf Entlassungsforderungen verzichtete die Stasi, denn der eigentlich Schuldige war nach ihrer Darstellung der Minister. Insbesondere die Folgen extensiven Alkoholkonsums wurden drastisch beschrieben.78 Ein General habe sich betrunken neben seinen Stuhl gesetzt, ein anderer seine Kollegen auf dem Korridor nicht mehr erkannt. Manche Offiziere hätten sich mit falschem Dienstgrad angeredet, ohne es zu merken. Der sachlich berichtende GI »Wölfi« bestätigte wenige Wochen später: Bei »Quartett« seien vom Minister und einigen seiner (namentlich genannten) wichtigsten Generäle »fast täglich große Mengen Alkohol« konsumiert worden, »oftmals bis es nicht mehr ging«.79 Hatte ein Jahr zuvor der Spiegel nach einer Stabsübung berichtet, die Bundeswehr sei – aus militärischen Gründen – nur »bedingt abwehrbereit«,80 so kamen die Beobachter der Stasi aus ganz anderen zu einer ähnlichen Einschätzung der NVA. Um den Jahreswechsel 1963/64 schien nach den Erkenntnissen des MfS die Ablösung des Verteidigungsministers unmittelbar bevorzustehen. Der IM »Kran«, der engen Kontakt zu Hoffmann hatte, meldete, dieser rechne bei der Kalkulation seiner Einkünfte im kommenden Jahr mit der Möglichkeit, dann nicht mehr Minister zu sein.81 Ein anderer IM setzte Anfang Januar die HA I davon in Kenntnis, dass in Strausberg, dem Sitz des Verteidigungsministeriums, das Gerücht umgehe, Hoffmann sei »nur noch nach dem Schein« im Amt. Die Geschäfte würde bereits sein Nachfolger, Admiral Waldemar Verner, führen.82 Auch Hoffmann glaubte, dass Verner auf sein Amt spekuliere und auf ihn aufpasse. Er werde sich deswegen Frauen gegenüber in Zukunft »zurückhalten«, hatte er »Karla Klaus« angekündigt.83 Auf einer gerade in Prora stattgefundenen Schulung für leitende Kader der NVA hatte er aber offenbar noch eine Ausnahme gemacht, denn GI »Wölfi« bat gleich danach die Leitung der HA I dringend um ein Gespräch. Die Atmosphäre unter den Generälen lasse sich nicht mehr mit Worten zum Ausdruck bringen. Es hätten sich »Saufgelage und moralische Verkommenheit« gejagt. Er und General Heinz Bernhard Zorn hätten sich gefragt, ob sie »unter solchen Bedingungen« noch weiterarbeiten könnten. Im Ministerium wirke ein »regelrechter Zersetzungsprozess« unter den leitenden Offizieren. Sie »liebten« Hoffmann und seien »traurig«, z. T. »empört«, dass die Partei »nicht stark genug« sei, »die Lage zu verändern«. Das Vertrauen zur SED stehe auf dem Spiel. Alle erwarteten »in dieser oder jener Form« eine »Explosion«.84 Gretschko als Hoffmanns Retter? Die »Explosion« war aber offenbar zunächst abgewendet worden, denn in den Gesprächen mit den Generalskollegen hatte »Wölfi« erfahren, dass die Entlassung Hoffmanns »bereits beschlossen gewesen« sei, doch dann habe Marschall Gretschko »eingegriffen und seine Abberufung verhindert«.85 Ein Grund wurde nicht genannt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Oberkommandierende aus außenpolitischen Gründen die nach dem gemeinsamen Manöver im September 1963 gerade noch hochgelobte NVA-Führung nicht desavouieren wollte. Zudem schätzten die Sowjets Hoffmanns Ergebenheit ihnen gegenüber und sahen vielleicht auch seine »Schwächen« weniger streng. Nun, so »Wölfi«, fühle sich Hoffmann »noch stärker«, sein Lebensstil sei »viel schlimmer« geworden.86 Diesen Eindruck vermittelten auch die Schilderungen anderer IM. Eine Zäsur in der kritischen Stasi-Berichterstattung über Hoffmann hatte der inoffizielle Hinweis auf die Gretschko-Intervention nicht bewirkt. Hoffmann blieb aus der Sicht der zuständigen Stasi-Offiziere ein – in den Informationen nie explizit so benanntes – staatliches Sicherheitsrisiko, auf das sie aufmerksam machen wollten. Schon ein quellenkritischer Blick auf die Formulierung ihrer eigenen Meldungen und der von ihnen ausgewählten IM-Berichte macht deutlich, dass sie als eigentlichen Adressaten die Parteiführung im Blick hatten, die sie zum Handeln animieren wollten. Zur argumentativen Taktik gehörte es, die Bevölkerung zu Wort kommen zu lassen. Zahlreiche IM hätten sich Anfang 1964 unaufgefordert an ihre Führungsoffiziere gewandt und das Verhalten des Ministers kritisiert.87 Als moralisch besonders verwerflich empfanden danach viele, dass Hoffmann nach seiner Scheidung mit einer noch sehr jungen Frau befreundet war, die, so das Gerücht, schwanger sei. In Strausberg werde er mit dem früheren britischen Heeresminister John Profumo und Franz Josef Strauß verglichen, die in den DDR-Medien zu Protagonisten westlich-dekadenter Lebensweise stilisiert worden waren.88 Ein MfS-Offizier meldete, in einer Strausberger Zeitung sei ein indirekt auf Hoffmann bezogener Artikel erschienen unter der Überschrift: »Kann man von Hoffmannstropfen schwanger werden?«89 In der Bevölkerung frage man sich, so der IM »Pflugschar« in seinem »Stimmungsbericht«, ob Mielke denn Ulbricht richtig informiere, denn der müsse doch »alles wissen«.90 Ein anderer IM berichtete von der Auskunft seiner SED-Kreisleitung, wonach Hoffmann bereits »vom Politbüro zur Verantwortung gezogen« worden sei.91 Erst Hoffmanns dritte Hochzeit, im August 1964, scheint das Interesse der Strausberger Mitbürger wie der Stasi an seinem Familienleben gedämpft zu haben. Die HA I ließ sich aber noch konspirativ vom Verlauf der Feier im eher kleinen Kreis berichten und informierte Minister Mielke über die Gäste und ihre Geschenke.92 Gut möglich, dass der den SED-Chef an seinem geheimen Wissen teilhaben ließ. Am 9. März 1964 besuchte Marschall Gretschko die Leipziger Messe. Hoffmann betreute zusammen mit einigen seiner Generäle die sowjetische Delegation, die sich mittags wieder verabschiedete. Möglicherweise bekam der DDR-Verteidigungsminister bei dieser Gelegenheit offiziell bestätigt, dass und mit welchen Erwartungen der Oberkommandierende seine Entlassung verhindert hatte. Vielleicht war das sogar der Hauptzweck der Reise und die Messe nur ein Vorwand. Jedenfalls war Hoffmann, MfS-Berichten zufolge, nach der Abreise der »Freunde« in sehr gelöster Stimmung und schon nachmittags »ziemlich angetrunken«.93 Die routinemäßigen Dankesworte an das Begleitkommando der Volkspolizei habe Admiral Verner sprechen müssen, während er nur noch »Ich danke Euch auch!« dazwischengelallt habe. Hoffmann entschied sich kurzerhand, in Leipzig zu bleiben und den für den kommenden Vormittag geplanten Besuch sowjetischer Truppen in Magdeburg nicht selbst abzustatten. Er wollte feiern und beauftragte Verner, Mannequins zum Tanzen »ranzuholen«.94 Ein offenbar mit den Usancen seiner Chefs noch nicht vertrauter NVA-Oberst äußerte sich gegenüber dem IM äußerst kritisch über die Situation an der Spitze des Ministeriums und befand, entweder der Minister ändere sich, oder es werde »bald mal einen ›Knall‹« geben.95 Entsetzt hatte ihn vermutlich u. a., dass Hoffmann »in betrunkenem Zustand« eine als Bedienung eingesetzte Soldatin spontan und in Anwesenheit seiner Offiziere als vom Unteroffizier zum Stabsfeldwebel befördert erklärt hatte.96 Die Entscheidung stieß in der Truppe auf Unverständnis und Kritik, auch die ZPKK sei eingeschaltet worden und habe den Minister befragt. Der habe angegeben, lediglich »erwähnt« zu haben, dass man die Leistung der Frau auf diese Weise »prämieren« könne.97 Der Chef des zuständigen Militärbezirks, Generalmajor Hans Ernst, dazu: Wenn der Minister ihm gegenüber einen Wunsch oder eine Empfehlung äußere, dann sei das für ihn ein Befehl, den er auszuführen habe. Eine politisch korrekte Antwort. Die Beförderung behielt Bestand: Die DDR war kein Rechtsstaat und sollte auch keiner sein. Das kodifizierte Recht stand unter dem Vorbehalt des Politischen.98 Was die Partei, genauer ihre führenden Vertreter, entschieden, hatte Vorrang vor allen Gesetzen und dienstlichen Bestimmungen. Eine Verwaltungsgerichtsbarkeit oder unabhängige Medien, die das hätten verhindern können, gab es in der DDR nicht, und die Westmedien, die manchmal eine Stellvertreterfunktion übernahmen, hatten offenbar nichts erfahren. Gerade das MfS setzte sich im vermeintlichen Parteiinteresse täglich über formales Recht hinweg. Hier aber gewinnt man den Eindruck, die HA I-Offiziere empörte es, dass Hoffmann sich ähnlich verhalten hatte. Fortdauernde Alkoholexzesse wie der nach dem Besuch Gretschkos sorgten für neuen Berichtsstoff und ließen die Akte Hoffmann weiter wachsen. Drastisch sind oft die Schilderungen von grölenden und völlig betrunkenen Offizieren, die sich am Ende einer Übung wie »randalierende Halbstarke« benommen hätten, oder einem General, der betrunken auf dem Teppich liegen geblieben sei, so die Darstellung eines IM zum Abschluss einer Kommandostabsübung am 20. März 1964 in Leipzig.99 Eine zentrale Rolle in der Planung solcher Übungen spielte immer die Anwesenheit ausgesuchter Soldatinnen oder Unterhaltungskünstlerinnen, die auf Geheiß des Ministers, zuweilen über große Entfernungen, geholt werden mussten. Es spielten sich, nach den Berichten zu urteilen, manchmal entwürdigende Szenen ab. So während einer Stabsübung, die vom 23. bis zum 26. Juni 1964 im Sonderzug der NVA stattfand. Dort sei eine »regelrechte Orgie« veranstaltet worden, meldete ein IM. Die Frauen seien systematisch unter Alkohol gesetzt, »unmöglich betastet, abgeknutscht und [ihnen] teilweise die Kleider zerrissen« worden. Die »Männer« seien »geil wie ein paar gehörnte Böcke« gewesen.100 Es konnte unter diesen Umständen nicht überraschen, dass erneut das Gerücht aufkam, Hoffmann sei als Minister abgelöst worden. Sein Nachfolger, so hieß es jetzt, werde Generalleutnant Heinz Keßler sein.101 Der vermeintliche Hoffmann-Fürsprecher Gretschko ging bei seinem DDR-Besuch im Januar 1965 deutlich auf Distanz. Nach einem von der NVA-Führung ausgerichteten Essen im Gästehaus in Wilkendorf wollte der DDR-Verteidigungsminister, wie üblich, zum geselligen Beisammensein übergehen und forderte die Ehefrau von Armeegeneral Iwan Jakubowski, Chef der sowjetischen Truppen in der DDR, zum Tanz auf. Frau Hoffmann lud Gretschko ein. Der aber habe abgelehnt. Kurz darauf hätten sich die sowjetischen Gäste verabschiedet, der Marschall habe sich in seine Schlafräume zurückgezogen. Im Gegensatz zu früheren Treffen dieser Art, das sei allgemein aufgefallen, habe keine aufgeschlossene, sondern gedrückte Stimmung geherrscht. Schon zu Beginn habe Gretschko seinen Toast ohne die sonst für ihn typische Begeisterung ausgebracht. Hoffmann ließ die Feier abbrechen, damit der Marschall nicht gestört werde.102 Hinweise auf die Ursachen des Eklats gibt es nicht. Eine plausibel scheinende Deutung bietet sich gleichwohl an: Vielleicht hatte Gretschko Hoffmann bei seinem Leipzig-Besuch im März 1964 mitgeteilt, er werde zwar nicht abgelöst, müsse seine Leitungspraxis aber nachhaltig ändern, was dieser aber in den zurückliegenden Monaten nicht getan hatte. Ein Vertrauensmissbrauch, den Gretschko Hoffmann persönlich übel genommen haben könnte. Auch die sowjetischen »Freunde«, die in allen wichtigen Hauptabteilungen des MfS mit eigenen Verbindungsoffizieren vertreten waren, könnten dem Marschall Hoffmanns Verhalten detailliert beschrieben haben. Nach dem Sturm Die ersten Jahre nach dem Bau der Mauer waren für die DDR eine Periode der Konsolidierung. Ihr politisches, wirtschaftliches und militärisches Gewicht im Bündnissystem nahm deutlich zu. Nicht nur im Westen galt sie bald als wichtigster Verbündeter der Sowjetunion, als deren Musterschüler. Davon profitierte indirekt auch Hoffmann. Nachdem er der Absetzung entgangen war, gehörte er jetzt zu den wichtigsten Repräsentanten der DDR, von denen die Bevölkerung nahezu täglich in der Parteipresse lesen konnte. Dass auch der Sicherheitsdienst inzwischen zur Armeestärke angewachsen war, hatte Staatsgeheimnis zu bleiben. Mielke agierte im Verborgenen. In der Akte Hoffmann sind nur wenige direkte Kontakte zwischen beiden Ministern dokumentiert. Ein Gespräch fand Anfang Juli 1966 kurz vor einer Konferenz des Politischen Beratenden Ausschusses des Warschauer Pakts in Bukarest statt, über das der IM »Birnbaum«103 kurz berichtete. Mielke habe Hoffmann angerufen, der ihn mit der Frage begrüßte: »Erich, fährst du nicht mit nach Bukarest, wir wollen wieder einen Tüchtigen draufmachen«.104 Darauf Admiral Verner mit beschwichtigender Handbewegung: »Ruhig sein, Heinz, du weißt wohl nicht, wer am Telefon ist.« Hoffmanns Offerte war möglicherweise »vergiftet«, denn er könnte gewusst haben, dass die Staatssicherheitschefs nicht eingeladen waren. Folgt man der Berichterstattung im Neuen Deutschland, dann nahmen aus der DDR teil: Ulbricht, Stoph, Honecker, Hermann Axen, Gerhard Weiss, Otto Winzer und Hoffmann, der nun auch auf internationalem Parkett für die DDR präsent war.105 Es zeigt den schon paranoid anmutenden Kontrolleifer der politischen Geheimpolizei, aber wohl mehr noch ihr Interesse, wenigstens inoffiziell auf der Konferenz vertreten zu sein, dass sich die HA I von IM »Birnbaum«, der vermutlich zu Hoffmanns Bukarester Arbeitsstab gehörte, über den Verlauf informieren ließ. Dieser sollte offenbar zugleich im Auge behalten, wie sich sein Chef aufführte. Zu berichten hatte er fast nichts: Hoffmann war, so scheint es, mal wieder seiner Schwäche für schöne Frauen erlegen: Eine der Konferenz-Ärztinnen, die schon seine Bekanntschaft gemacht hatte und die er hatte rufen lassen, kündigte an, sein Zimmer nur in Anwesenheit einer dritten Person zu betreten.106 IM-Berichte wie dieser verdeutlichen, dass die Stasi immer noch Material sammelte, das sich vielleicht einmal gegen Hoffmann verwenden ließ. Im Mittelpunkt standen jetzt weniger dienstliche Verfehlungen als charakterliche. Schwer kalkulierbar blieb dabei, wie viel autokratische Willkür einem Leitungskader wie Hoffmann, gleichsam nach sowjetischem Vorbild, zuzugestehen, welche Verstöße aber so krass waren, dass sich die SED-Spitze wie die sowjetischen »Freunde« zum Handeln gezwungen fühlen würden, wenn ihnen das gesammelte Wissen des MfS bei passender Gelegenheit en bloc präsentiert würde. Die von Ulbricht verkündeten »Zehn Gebote der sozialistischen Moral« ließen vermuten, dass seine Toleranzschwelle niedrig war.107 Setzt man die vielen Einzelinformationen zu Hoffmann, die der Staatssicherheitsdienst in diesen Jahren sammelte, zu einem Mosaik zusammen, so entsteht das Bild eines Menschen, dessen Verhalten stark von westlicher Lebensweise bestimmt war. Vor einem längeren Kuraufenthalt im Kreise seiner Familie in Naumburg ließ er sich dort eine Wohnung komplett neu einrichten und bestand, wie auch bei anderer Gelegenheit, auf einwandfreiem Empfang des West-Fernsehens.108 Auf einer dienstlichen Veranstaltung des Ministeriums sei »wild Twist getanzt« worden, hatte »Wölfi« gemeldet.109 Ein anderer IM wusste, dass bei Feiern im Hause Hoffmann bevorzugt westliche Rockmusik lief und konnte auch angeben, welche Generäle »mitgerockt« hatten.110 Auf Unverständnis stieß in der Truppe, dass er einem seiner Söhne einen amerikanischen Vornamen gegeben hatte,111 und ein modebewusster IM wollte entdeckt haben, dass der Minister sich die – in der NVA verpönte – Rundschnitt-Frisur hatte schneiden lassen.112 Besonders angetan hatte es Hoffmann westliche Wohnkultur. Über die eigene Abteilung für Westspionage der NVA, die Verwaltung Aufklärung, konnte er sich auch für private Zwecke gezielt Westwaren beschaffen, etwa Jagdmunition oder edle Geschenkartikel – aber auch ordinäre Bücher über den Bau von Häusern. Von seinen Pionieren ließ er sich nach solchen Plänen ein eigenes errichten. Die Stasi rechnete mit spitzem Bleistift nach und ermittelte einen Wertumfang von über 400 000 DDR-Mark – ein Betrag, der aber nicht offen kritisiert werden konnte, denn das Haus in Bad Saarow galt offiziell als Anbau an ein Dienstgebäude der NVA.113 Hoffmann schätzte seine eigene Westverbindung über die Verwaltung Aufklärung und nutzte sie häufig. Er ließ auf diesem Weg immer wieder DM-Beträge, letztlich wohl aus dem Etat seiner Operativgelder, unter fiktiven Absenderangaben an seine Mutter in Mannheim überweisen. Der Minister ahnte offenbar nicht, dass die Stasi über diese Aktionen bestens informiert war, denn viele seiner Aufklärungs-Offiziere waren zugleich Mitarbeiter des MfS.114 In anderen Fällen war er misstrauischer und hatte einen Weg gefunden, Telegramme nach Mannheim so zu verschicken, dass die Stasi auch nachträglich nichts vom Inhalt erfuhr:115 Szenen der verdeckten Auseinandersetzung zwischen Mielke und Hoffmann. Intervenieren konnte die Staatssicherheit in solchen Fällen gleichwohl nicht, denn dann hätte sie ihre geheimen Quellen im Verteidigungsministerium preisgegeben. Von den Briefen der Mutter hatte die Stasi häufiger Fotokopien angefertigt und in die Akte integriert:116 Anfragen einer Frau, die sich sorgte, wie es ihrem Sohn und seiner Familie ging – ohne jede Relevanz für die Sicherheit der DDR. Gleichwohl hatte sich das MfS bemüht, über einen IM und eine Westreisende Informationen über seine westdeutschen Verwandten zu erhalten, aber keine nennenswerten Erkenntnisse gewonnen.117 Zahlreich sind die Fälle, in denen die Stasi die freihändige Vergabe von Prämien, Ferienplätzen oder gar Wohnungen durch den Minister festhielt. Seine Großzügigkeit, so der – offenbar begründete – Argwohn der MfS-Offiziere, gehe letztlich auf Kosten des Staates. Einen fachlich ausgewiesenen Soldaten habe er beauftragt, einem seiner Kinder Nachhilfeunterricht in Mathematik zu erteilen, und sich mit einer ansehnlichen Geldprämie »Für ausgezeichnete Ergebnisse im Rahmen der Gefechtsausbildung« bedankt.118 Hoffmanns Mutter musste feststellen, dass selbst per Einschreiben aufgegebene Pakete bei ihrem Sohn nicht angekommen waren: Alltag im innerdeutschen Postverkehr.119 Mit familiären Marginalien wie dieser endet die Akte Hoffmann 1971. Resümierende und weiterführende Überlegungen Die Stasi-Akte zu Heinz Hoffmann enthält eine Fülle von neuen, oft überraschenden Informationen, die sich aus sonstigen Überlieferungen und zu anderen SED-Führungsmitgliedern in dieser Prägnanz und Detailliertheit nicht gewinnen ließen. Sie vermitteln ein weitaus differenzierteres Persönlichkeitsbild vom früheren DDR-Verteidigungsminister, geben Einblick in den Dienstalltag, aber auch in die private Lebensweise eines der führenden SED-Politiker. Sie fördern zuweilen Widersprüchliches zutage und lassen den Leser im Ungewissen, ob eher das bisher über Hoffmann (vermeintlich) Gewusste oder das von der politischen Geheimpolizei Beobachtete zutreffend ist.120 War er der raue, aber warmherzige Stalinist oder der fachlich und charakterlich nicht geeignete Minister, der vor allem dank seiner mustergültigen Biografie und sowjetischer Protektion hatte Karriere machen können? Beides, so scheint es, trifft zu. Die MfS-Informationen erweitern den Kenntnisstand, indem sie den Minister aus unmittelbarer Nähe beschreiben, ihn häufig in Aktion zeigen und so ein nuancenreiches, farbiges Charakterbild entstehen lassen. Eine um Realitätsnähe bemühte, fundierte Antwort auf die Frage »Wer war Heinz Hoffmann?« steht freilich noch aus und müsste sich auf eine noch breitere Quellenbasis, etwa auch auf Zeitzeugeninterviews, und, im Idealfall, auch auf sowjetische Quellen stützen. Was die Stasi im Laufe der Jahre festhielt, ermöglicht aber einen kolossalen Erkenntnisgewinn und ist als Glücksfall für die weitere Forschung anzusehen. Quellenkritisch zu bedenken bleibt, dass das MfS eine interessegeleitete eigene Auswahl dessen traf, was berichtet wurde, und sich auf das konzentrierte, was nach ihrer Einschätzung die Sicherheit des Staates beeinträchtigte und eventuell auch für die innerparteiliche Verwendung wichtig hätte sein können. Unbeachtet blieb, wenn der NVA-Chef seinen dienstlichen Verpflichtungen voll entsprach, vielleicht sogar Leitungsentscheidungen traf, die sich als mutig und weitsichtig erwiesen.121 Für die Geschichte der Volksarmee sind die Stasi-Unterlagen zu Hoffmann folglich nur ein – allerdings analytisch anregendes und historiografisch aufschlussreiches – Quellensegment. Um das über Hoffmann Berichtete zu beurteilen, scheint es unerlässlich, sich Besonderheiten seiner Biografie zu vergegenwärtigen. Manche der von den IM beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten, gerade gegenüber Frauen, sind auch vor diesem Hintergrund zu sehen, damit aber nicht erklärt oder gar entschuldigt: Als Kind weithin vaterlos aufgewachsen, bedeutete ihm seine Mutter besonders viel. Seiner Bitte, in die DDR überzusiedeln, war die Kommunistin aus Altersgründen nicht gefolgt.122 Bis zu ihrem Tod hielt er Kontakt und lud sie, wie man in den MfS-Unterlagen nachlesen kann, zu Fahrten in seiner Dienstlimousine durch die DDR oder als Gast zum SED-Parteitag ein.123 Hoffmann schätzte und suchte familiäre Geborgenheit und wird sie besonders vermisst haben, als er früh, weithin auf sich allein gestellt, in die Sowjetunion emigrierte, ein Land, dessen Sprache er anfangs nicht beherrschte. Wie seine autobiografische Schilderung deutlich erkennen lässt, wäre er nach dem Kriege lieber in das vertraute, gesellige Mannheim als in das fremde, unpersönliche Berlin zurückgekehrt und beugte sich nur widerwillig dem Parteibefehl.124 Geradezu als Affront empfand er es, wenn jemand den Kreis seiner engeren Mitarbeiter verlassen wollte.125 Die Methoden, mit denen er die Zuwendung von Frauen zu erreichen versuchte und Besitzansprüche artikulierte, waren oft drastisch.126 Andererseits sorgte der Minister umsichtig für seine Mitarbeiter-»Familie« und unterstützte sie, unabhängig vom Dienstgrad, nach Kräften. Dass mancher seiner Vertrauten der Stasi heimlich Negatives über ihn berichtete, hätte ihn menschlich sicher sehr enttäuscht. Die Berichte ermöglichen, mit historischem Interesse gelesen, überraschende Antworten auf Fragen zur Sozialgeschichte der SED, etwa darauf, wie ideologisch linientreu sich einer der vermeintlich Linientreuesten verhielt, und wecken den (vergeblichen) Wunsch, Entsprechendes über andere DDR-Spitzenpolitiker zu erfahren. Verallgemeinern darf man das über Hoffmann Notierte gleichwohl nicht. Zu speziell ist sein Lebensweg vom Mannheimer Schlosser zum Mitglied des obersten politischen Führungszirkels in der DDR, zu eigenwillig sein Charakter. Geprägt hatten ihn vor allem die Jahre in der von ihm bewunderten, von Stalin mit diktatorischer Härte geführten Sowjetunion und sein Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg, den er nur mit viel Glück überlebte. Hoffmann war ein Stalin-Anhänger,127 der sich seine stillen Sympathien für den Diktator auch nach dem XX. Parteitag bewahrte. Das verband ihn mit manch anderem in der SED-Führung, auch mit Erich Mielke. Seine makellose politische Biografie erzeugte bei ihm Überlegenheitsgefühle auch gegenüber Spitzenfunktionären wie Mielke und Stoph, deren Verhalten in den Jahren der NS-Herrschaft phasenweise unklar geblieben war. Ganz zu schweigen von früheren Sozialdemokraten wie Otto Grotewohl, dessen Kritik Hoffmann demonstrativ ignorierte.128 Nach dem Krieg arbeitete er für die einflussreichsten KPD-Vertreter: Pieck und Ulbricht. Zu verdanken hatte er seinen Aufstieg in der DDR aber primär sowjetischer Unterstützung. Von der Führungsmacht im Osten waren alle politisch Verantwortlichen in der DDR abhängig, Hoffmann aber blieb ihr besonders verbunden, weil er als NVA-Chef direkt unter ihrem Oberkommando stand, befehligte sie doch den Warschauer Pakt. Augenfällig wird in der Stasi-Akte zu Hoffmann die symbiotische Beziehung zweier sich mitunter misstrauisch begegnender Machtapparate, der Staatssicherheit und der Armee. Gerade die Missstände, die die MfS-Mitarbeiter im Zuständigkeitsbereich Hoffmanns aufgedeckt hatten, werden Mielke in seiner Überzeugung bestärkt haben, kein »Organ in der DDR« sei so kompetent wie sein Ministerium, die Partei darüber zu informieren, »wo und mit welchen Methoden« im Staatsapparat »angepackt« werden müsse, um akute Defizite zu beseitigen: die Stasi als legitimierter »Generalkontrollbeauftragter« – ein Ansinnen, das die SED-Führung Anfang der Sechzigerjahre noch zurückgewiesen hatte.129 Bedingt durch die Omnipräsenz der Stasi in der NVA handelt es sich bei den hier ausgewerteten Unterlagen oft um Berichte von Insidern, die im Spannungsfeld einer doppelten Loyalität agierten und sich dem Sicherheits- wie dem Verteidigungsminister verpflichtet fühlten. Die meisten dieser Mitbeteiligten haben sich zu Lebzeiten nicht oder nur sporadisch und parteilich durchfärbt über ihre gemeinsamen Jahre mit Hoffmann in der NVA geäußert.130 Die in den Stasi-Unterlagen überlieferten Berichte geben wenigstens hier und da ihre zeitgenössischen Sichtweisen wieder und veranlassen vielleicht den einen oder anderen der noch Lebenden, nachträglich über weit Zurückliegendes Auskunft zu geben und das von der Stasi Festgehaltene einzelfallbezogen zu kommentieren und zu ergänzen. Die langjährige Berichterstattung über Hoffmann ist einer der seltenen Fälle, in denen sich das Mielke-Ministerium als heimlicher Kontrolleur eines hochrangigen Parteimitgliedes präsentiert.131 Das dokumentierte Vorgehen gegen ihn, aber auch das Verhalten der Parteiorgane in konkreten Konfliktsituationen kann zugleich als Basismaterial für Fallstudien zum Verhältnis MfS – SED analysiert werden.132 Signifikant ist schon der Beginn der konspirativen Sammelaktion. Nach Aktenlage handelte die Stasi im Zuge routinemäßiger, eigenverantwortlicher »Sicherung« der KVP, nicht aufgrund einer Weisung Ulbrichts, nicht als vom starken Arm der SED geführtes »Schild und Schwert«. Dass ihre Offiziere auch berechtigt waren, Erkundungen anzustellen, wie es an der Spitze des von ZK-Mitglied Hoffmann geleiteten Verteidigungsministeriums zuging, daran hatten sie offenbar keinen Zweifel und konnten sich zudem darauf verlassen, dass die Partei in der Regel nicht im Einzelnen wissen, gar kontrollieren wollte, wie ihre Geheimpolizei arbeitete. Das MfS kompensierte dabei ein Stück weit, dass die SED nur über einen unzulänglichen eigenen Kontrollapparat verfügte und ihr der Gedanke an eine leistungsorientierte Personalpolitik gegenüber Spitzenfunktionären fernlag: Wem ein hohes Amt übertragen worden war, hatte gute Aussichten, es bis zu seinem Tod zu behalten. Auch der Fall Hoffmann belegt das. Wären die Offiziere der HA I nicht gewesen, er hätte vermutlich nicht schon nach wenigen Jahren um seinen Posten bangen müssen. Die Stasi war eine Informationselite in der Machtelite »Partei«. Sie verfügte über ein so breites innenpolitisch relevantes Herrschaftswissen wie keine andere Stelle in Partei und Staat und war für den SED-Chef, auch für den Erhalt seiner innerparteilichen Macht, ein wichtiger Informant und Partner. Im Herrschaftsalltag war Ulbricht umgekehrt einziger Vorgesetzter des Sicherheitsministers, auch wenn das aus den Statuten nicht so hervorging. Dieser wurde aufgrund seines Informationsstands zum potenziell gefährlichsten Kontrahenten des Parteichefs, wenn ein Führungswechsel bevorstand. Doch Mielke war kein deutscher Andropov. Es fehlte ihm nachgerade an allem, um aus seinem Informationsvorsprung in den Jahren des Niedergangs der SED-Herrschaft machtpolitisches Kapital zu schlagen und Reformimpulse zu setzen. Auch für die Partei war er kein Hoffnungsträger, er personifizierte geradezu die Erstarrung des DDR-Sozialismus.133 Dass Mielke im Oktober 1989 bei der Absetzung Honeckers im Politbüro mit seinem Wissen gedroht, konkrete Aussagen aber schuldig geblieben war,134 gehörte zu seinen eklatanten Versäumnissen. Schon allein die vom MfS kontinuierlich angefertigten, zumeist aber nicht weitergeleiteten Stimmungsberichte gaben beredte Auskunft über die wachsende Unzufriedenheit im Lande aufgrund der desaströsen wirtschaftlichen Entwicklung und über das Entsetzen auch vieler Genossen in Anbetracht der Handlungsunfähigkeit ihrer Führung. Gerade in den letzten Jahren der DDR richtete die Stasi den Fokus ihrer Berichterstattung häufig zugleich auf den Zustand der Partei135 und wirkt deshalb auf den heutigen Leser zuweilen wie eine interne Kontrollkommission ohne offiziellen Auftrag. Nützlichen Erkenntnisgewinn verspräche es im Lichte des in der Akte Hoffmann Dokumentierten generell, zu analysieren, inwieweit das Handeln der Staatssicherheit von machtpolitischem Eigeninteresse bestimmt war und wo sie als bloßes Ausführungsorgan der Partei agierte. Schon eine von der Forschung bisher nicht beachtete Äußerlichkeit lässt es geraten erscheinen, dies näher zu untersuchen: Auf allen Parteitagen würdigte der SED-Chef in seinem Rechenschaftsbericht auch die Arbeit der Genossen von der Staatssicherheit, deren steten Kampf gegen die »Feinde des Sozialismus«. Gleiches gilt für seine jährlichen Grußadressen zum MfS-Gründungstag. Doch nie charakterisierte er sie dabei als »Schild und Schwert« der Partei. Die beiden wichtigsten Sicherheitsverantwortlichen der letzten Jahre, Honecker und Krenz, traten nach dem Ende der DDR sogar mit einem Fundamentaldementi dieser vom MfS geprägten Formel an die Öffentlichkeit und beschrieben es unisono als »Staat im Staate«.136 Beide gaben an, noch nicht einmal die genaue Zahl der Mitarbeiter gekannt zu haben. Leicht durchschaubare Apologetik. Wie wichtig dieses Ministerium für den Erhalt der SED-Herrschaft war, hatte Honecker wöchentlich durch seine Vieraugengespräche mit Mielke anerkannt, und jeder DDR-Bürger wusste, dass seine Auflösung die Existenz des Staates gefährdet hätte. Vermeiden wollte die SED-Spitze aber offenbar den Hinweis an die Bevölkerung, immer, wenn es in der Telefonleitung verdächtig knackte oder ein Brief nicht ankam, habe die Partei agiert. Sie bekannte sich nicht offensiv zu den Arbeitsmethoden ihrer »Tschekisten«. Die waren, so scheint es, innerparteilich respektiert, aber nicht geschätzt. Zu Honeckers Freundeskreis gehörte Mielke nicht.137 Dieser hatte 1992 den Vorwurf, sein Ministerium sei Staat im Staate gewesen, mit dem viel zitierten Hinweis gekontert, die MfS-Offiziere hätten vergeblich versucht, die Handlungsunfähigkeit der Parteiführung zu kompensieren und zu retten, was dann doch nicht mehr zu retten war: den DDR-Sozialismus. Mielke am 31. August 1992 im Spiegel-Interview in der Haftanstalt Berlin-Moabit: »Staatssicherheit, Staatssicherheit! Was glauben Sie, mit welchen Nebensächlichkeiten wir uns befassen mussten? Wenn etwas in der Versorgung nicht funktionierte, wenn es zum Beispiel in einem Krankenhaus durchs Dach regnete, Jahr für Jahr, dann hat man uns bemüht. Und wir haben versucht abzuhelfen. Obwohl wir gar nicht zuständig waren. Wir konnten doch nicht zusehen, wenn die anderen sich um nichts kümmerten. Wir waren die Mädchen für alles, so, wie wir jetzt für alles die Prügelknaben sind.«138 Die Akte Hoffmann enthält informative Beispiele nicht nur für das Versagen der Staats-, sondern auch der verantwortlichen Parteiorgane. Sie illustrieren anschaulich Mielkes Aussagen gegenüber dem Spiegel und zeigen die Stasi als Institution, die aufmerksam beobachtete, wo der Parteiapparat seinen Verpflichtungen nicht nachkam und sich das MfS im Einzelfall bereithalten musste, notfalls selbst einzugreifen: Die zu Kontrollierenden warfen einen kontrollierenden Seitenblick auf ihre Kontrolleure – und waren bisweilen entsetzt. Zu pauschal erscheint in diesem Licht die vorherrschende wissenschaftliche Wahrnehmung des DDR-Staatsapparates als bloßes »Instrument« der Partei. Die SED hatte sich einen unumschränkten Führungsanspruch in die Verfassung geschrieben. Die Aufzeichnungen der Stasi aber, insbesondere jene zur Lage und Stimmung im Lande, zeigen, dass sie ihm oft nicht gerecht wurde. Selbst Honecker handelte den eigenen ideologischen Vorgaben zuwider, wenn er seine Reise in die Bundesrepublik 1987 eher als Besuch bei Freunden, denn als Expedition ins feindliche kapitalistische Ausland erscheinen und vom DDR-Fernsehen direkt übertragen ließ. Zentrale Probleme im eigenen Land, wie das Anschwellen der Ausreisebewegung, ignorierte er hartnäckig und überließ es den Sicherheitsorganen, damit umzugehen. Die Ökonomieverantwortlichen im Politbüro fanden kein Rezept, der Funktionsmängel in der DDR-Wirtschaft Herr zu werden, und vertrauten auf das Improvisationstalent der Genossen vor Ort. Drei in der Akte Hoffmann dokumentierte Beispiele aus dem Beziehungsalltag zwischen Partei und MfS mögen die Führungsdefizite der SED exemplarisch verdeutlichen: 1. An der von Alkoholexzessen begleiteten Schulung von Führungskadern des Verteidigungsministeriums im Februar 1964 in Prora nahmen auch zwei leitende Vertreter der »Kontrollabteilung« des Nationalen Verteidigungsrates teil, qua Funktion die Aufseher der SED über NVA und MfS. Doch »Wölfi« meldete, beide seien »ebenfalls sehr stark betrunken« gewesen, einer »volltrunken«; er habe »fast nicht mehr stehen« können.139 2. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1966 ereignete sich an der Berliner Mauer ein schwerer Zwischenfall. Grenzsoldaten gaben nach MfS-Recherchen 171 Schuss auf einen Flüchtenden ab, der aber noch aus eigener Kraft West-Berlin erreichen konnte. Der Ost-Berliner Stadtkommandant, Generalmajor Helmut Poppe, verfasste eine Pressemitteilung und beauftragte seinen Stellvertreter, sie vorab seinem Vorgesetzten, dem Verteidigungsminister, zur Mitzeichnung vorzulegen.140 Im Ministerium wurde mitgeteilt, Hoffmann sei in seiner Wohnung zu erreichen. Der Posten vor der Tür bestätigte, dass er sich dort aufhalte. Er reagierte aber weder auf Klopfen noch auf Telefonanrufe. Der Emissär fuhr daraufhin zum Chef der Abteilung Sicherheit des ZK, Walter Borning. Der sagte zu, die Erklärung zu unterschreiben, bestand aber darauf, mit dem Boten vorab eine Flasche Wodka zu leeren und habe sich danach in einem »stark angetrunkenen Zustand« befunden. Wäre auch Borning nicht mitzeichnungsfähig gewesen, hätte wahrscheinlich die HA I nach einem Ausweg suchen müssen. 3. Im April 1968 fand eine gemeinsame Übung der für den Verteidigungsfall vorgesehenen Bezirkseinsatzleitungen Potsdam und Magdeburg statt. Bei der Entgegennahme der Meldungen der beiden SED-Bezirkssekretäre kam es zum Streit zwischen Politbüromitglied Gerhard Grüneberg (KPD/SED) und Hoffmann. Nach dem IM-Bericht waren beide angetrunken.141 Der Verteidigungsminister bestand darauf, Leiter der Übung zu sein, ihm müsse gemeldet werden. Er genoss es offenbar, in dieser Funktion auch weisungsbefugt gegenüber den Vertretern der Staatssicherheit zu sein und ließ sie spüren, dass es im »Ernstfall« auf die Armee, nicht die politische Polizei ankomme. Den Chef der MfS-Bezirksverwaltung (BV) Potsdam fragte er mit ironischem Unterton, wie viele »Agenten« er verhaftet habe und brachte ihn damit in Verlegenheit. Hoffmann insistierte: Ob er nicht wisse, wer er sei, ihm habe er »alles zu melden«. Erst nach einiger Zeit nannte die BV Potsdam die offenbar frei erfundene Zahl von 2500 Personen. Die BV Magdeburg kam auf 900. Grüneberg habe gestutzt und gefragt, ob es bei der gerade stattgefundenen Volksabstimmung über die neue DDR-Verfassung in Magdeburg keine Nein-Stimmen gegeben habe und suggerierte damit, die sechs Prozent, die im DDR-Durchschnitt nicht positiv gestimmt hatten, würden vom MfS den »Agenten« zugerechnet werden. Da schaltete sich Mielkes Stellvertreter, Generalmajor Alfred Scholz, in die Debatte ein und belehrte das Politbüromitglied, das MfS arbeite nur auf der Grundlage der DDR-Gesetze und würde nicht »auf Verdacht hin« Menschen festnehmen. Die Stasi-Vertreter dürften den Eindruck gewonnen haben, selbst in der Parteiführung bringe man ihnen und ihrer Tätigkeit nicht die gebührende Wertschätzung entgegen. 1 Zu verweisen ist insbesondere auf den Beitrag des früheren Direktors des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR, Paul Heider: Heinz Hoffmann – Parteifunktionär, Armeegeneral und Verteidigungsminister, in: Hans Ehlert/Armin Wagner (Hg.): Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen, Berlin 2003, S. 241–278. Heider wertete umfassend die gedruckten Quellen, aber auch die mittlerweile im Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg aufbewahrten, 1985 aufgezeichneten autobiografischen Aus-künfte Hoffmanns aus. 2 Heinz Hoffmann: Mannheim – Madrid – Moskau. Erlebtes aus drei Jahrzehnten, Berlin [Ost] 1981 und ders.: Moskau – Berlin. Erinnerungen an Freunde, Kampfgenossen und Zeitumstände, Berlin [Ost] 1989 (posthum veröffentlicht). Beide Veröffentlichungen waren vorab dem Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED eingereicht worden und folgten bei der Beurteilung historischer Sachverhalte den Linien der parteioffiziellen Geschichtsschreibung. Die Schilderungen im zweiten Band beschränken sich auf die Jahre 1941 bis 1955. 3 Zahlreiche biografische Lexika (auch der DDR) geben an, dass er bereits 1952 in das ZK aufgenommen wurde. Das ist nicht korrekt, siehe Hoffmann: Moskau – Berlin (Anm. 2), S. 343. 4 Siehe den in Kooperation mit der Stiftung Aufarbeitung entstandenen ARD-Dokumentarfilm »Geheim-sache Mauer. Die Geschichte einer deutschen Grenze«, gesendet am 2. August 2011, 22.45 Uhr und: Siegfried Suckut: Ein Mannheimer gilt als Vater des Schießbefehls an der DDR-Grenze, in: Mannheimer Morgen vom 28. November 2010, S. 3. Zum Wortlaut des am 6. Oktober 1961 von Hoffmann erlassenen Schießbefehls siehe Peter Przybylski: Tatort Politbüro. Die Akte Honecker, Berlin 1991, S. 394–397. 5 Im Festvortrag im Rahmen seiner Ehrenpromotion an der Parteihochschule »Karl Marx« am 1. Dezember 1975 stellte er zu einem möglichen Krieg zwischen NATO und Warschauer Pakt klar: »Bei allem Leid, das in diesem letzten und entscheidenden Konflikt zwischen Fortschritt und Reaktion über die Völker käme, vor allem in den kapitalistischen Ländern – es wäre von unserer Seite ein gerechter Krieg. Wir teilen die Auffassung also nicht, die selbst fortschrittliche Menschen in der Friedensbewegung vertreten, im Atomzeitalter sei ein gerechter Krieg nicht mehr möglich, und der Raketenkernwaffenkrieg wäre auch keine Fortsetzung der Politik der kämpfenden Klasse mehr, sondern nur noch atomares Inferno, Weltuntergang.« Heinz Hoffmann: Sozialistische Landesverteidigung. Aus Reden und Aufsätzen 1974 bis 1978, Berlin 1979, S. 221. 6 Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Zentralarchiv, Bestand Ministerium für Staatssicherheit (im Folgenden: BStU, MfS), GH 30/72, Bd. 1-3. Die Abkürzung GH steht für eine Akte, die einer besonderen Geheimhaltungsstufe unterlag, siehe Der Bundesbeauftragte, Abkürzungsverzeichnis. Häufig verwendete Abkürzungen und Begriffe des Ministeriums für Staatssicherheit, 2. erw. Aufl., Berlin 1996, S. 35. Der Verfasser dankt seiner früheren Kollegin Gudrun Weber, Rechercheurin in der Abteilung Bildung und Forschung der Behörde des Bundesbeauftragten, ihn vor langer Zeit auf diese Akte hingewiesen zu haben. Der Verfasser hat sie während seiner Tätigkeit als Abteilungsleiter dort auswerten, die Ergebnisse aber vor seinem Ausscheiden nicht mehr abschließend formulieren und veröffentlichen können. Das geschieht an dieser Stelle. 7 Siehe Walter Süß: »Schild und Schwert« – Das Ministerium für Staatssicherheit und die SED, in: Klaus-Dietmar Henke/Roger Engelmann (Hg.): Aktenlage. Die Bedeutung der Unterlagen des Staats-sicherheitsdienstes für die Zeitgeschichtsforschung, Berlin 1995, S. 83–97, insbesondere S. 85. Die fortdauernde Verbindlichkeit und Beachtung des 1954 Beschlossenen bis zur Auflösung des MfS betonen zwei seiner letzten Leitungsmitglieder, siehe Werner Großmann/Wolfgang Schwanitz (Hg.): Auskünfte über eine Behörde. Fragen an das MfS, 3. Aufl. Berlin 2010, S. 116 f. 8 Siehe dazu ausführlich Birgit Salamon (BStU-Archivleiterin): Mielkes Ablage – Die Überlieferung des Stasi-Chefs, in: http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Aktenfunde/Roter-Koffer/Mielkes-Ablage/mielkes-ablage_node.html. Mielke gab an, den Inhalt der Schränke an die »zuständigen Diensteinheiten« übergeben zu haben, siehe ebd.: Vermerk über das Entlassungsgespräch mit Genossen Erich Mielke. 9 Siehe Stephan Wolf: Das Ministerium für Staatssicherheit und die Überwachung der NVA durch die Hauptabteilung I, in: Hans Ehlert/Matthias Rogg (Hg.): Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR, Berlin 2004, S. 323–336, hier S. 336. 10 Armin Wagner machte allerdings schon früh auf das spannungsreiche Verhältnis zwischen Mielke und Hoffmann aufmerksam, siehe ders.: Walter Ulbricht und die geheime Sicherheitspolitik der SED. Der Nationale Verteidigungsrat der DDR und seine Vorgeschichte (1953–1971), Berlin 2002, S. 229–231. 11 Mielke wurde 1971 Kandidat, Hoffmann 1973 gleich Vollmitglied. 12 Siehe Aktenauszug vom 1. September 1952, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 13-15. 13 Siehe dazu ausführlich Torsten Diedrich/Rüdiger Wenzke: Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952–1956, Berlin 2001. 14 Aktenauszug vom 1. September 1952 (Anm. 12), Bl. 14, weitere Hinweise auf die Existenz einer kontinuierlich geführten »Akte Hoffmann«, siehe in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 264 u. 333. 15 Aktenauszug vom 1. September 1952 (Anm. 12), Bl. 15, auch für die folgenden Zitate. 16 Siehe die MfS-Angaben zur Identität des Geheimen Informators (GI) »Wölfi«, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 67 und zur Person: Torsten Diedrich: Bernhard Bechler – Der hemmungslose Karrierist, in: Ehlert/Wagner (Hg.): Genosse General! (Anm. 1), S. 61–87. 17 Aktennotiz Kroszewskis vom 18. August 1952, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 71. 18 Hoffmann traf sich in diesen Jahren nach eigenen Angaben wöchentlich zu Gesprächen mit dem SED-Chef, siehe Heider: Heinz Hoffmann (Anm. 1), S. 258. 19 Aktennotiz Gronau vom 2. Februar 1953 über eine Aussprache mit Generalleutnant Hoffmann, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd.1, Bl. 82-85, hier 84. 20 Aktennotiz Kroszewski vom 15. September 1952, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 78. Zur Geschichte und Funktion dieser, die Bildung der späteren DDR-Armee vorbereitenden Verwaltung, siehe Hans Ehlert: Die Hauptverwaltung für Ausbildung (1949–1952), in: Torsten Diedrich u. a. (Hg.): Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998, S. 253–280. 21 Siehe Aktennotiz Kroszewski vom 15. September 1952 (Anm. 20). 22 Siehe Aktenauszug vom 1. September 1952 (Anm. 12). 23 Siehe Aktennotiz Kroszewski vom 20. August 1952, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 73. 24 Siehe Aktennotizen Kroszewskis vom 23. u. 24. Juli sowie 14. August 1952 zu den Generalinspekteuren Heinz Keßler und Waldemar Verner sowie dem ehemaligen Wehrmachtsgeneral Vincenz Müller, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 56-58 u. 67. 25 Siehe Aktennotiz Kroszewski vom 24. Juli 1952 betreffend Innenminister Willy Stoph, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 63, auch für die folgenden Zitate. 26 Siehe Aktennotiz Gronau vom 2. Februar 1953, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 82-85, hier 83 f. und Aktennotiz Kroszewski vom 18. Februar 1953, in: ebd. Bl. 89. 27 Siehe Bericht der HA I über den Treff mit GI »Wölfi« vom 20. Juli 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 274 f. Die Genfer Konferenz der Staats- und Regierungschefs der vier Siegermächte fand vom 18. bis 23. Juli 1955 statt und brachte keine Annäherung in der Frage einer baldigen Wiedervereinigung Deutschlands. Danach ging die Sowjetunion von der Zweistaatentheorie, also der Annahme aus, es werde langfristig zwei parallel existierende deutsche Staaten geben. 28 Siehe Bericht der HA I über den Treff mit GI »Wölfi« vom 20. Juli 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 274 f. 29 Siehe Bericht der HA I über den Treff mit GI »Wölfi« am 29. Juli 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 257-260, hier 258, auch für die folgenden Zitate. 30 Bericht der HA I über den Treff mit GI »Wölfi« am 13. Dezember 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 246 f. Stoph war von 1940 bis 1945 Soldat der Wehrmacht gewesen, zuletzt mit dem Dienstgrad eines Unteroffiziers. Den lückenhaften und zum Teil widersprüchlichen politischen Lebenslauf Stophs rekonstruiert, soweit möglich, Ulrich Mählert: Willi Stoph – Ein Fußsoldat der KPD als Verteidigungsminister der DDR, in: Ehlert/Wagner (Hg.): Genosse General! (Anm. 1), S. 279–303. 31 Siehe Treffberichte mit GI »Wölfi« vom 20. Juli u. 13. Dezember 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 275 u. 247. 32 Bericht des GI »Wölfi« an die HA I vom 24. Juli 1953 über ein Gespräch mit Hoffmann am Vortag, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 92 f., auch für die folgenden Zitate. Zu den Veränderungen im MfS nach dem 17. Juni, siehe Jens Gieseke: Der Mielke-Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945–1990, München 2006, S. 60–64. 33 Gegen Ende der DDR erreichte die Zahl der IM in der NVA mit über 12 000 Personen annähernd Divisionsstärke. Die HA I war damals mit 2500 Planstellen eine der größten Diensteinheiten des MfS, siehe Wolf: Das Ministerium (Anm. 9), S. 327 f. 34 Aktennotiz HA I-Oberstleutnant Bitter vom 24. Juli 1953 über ein Treffen mit GI »Wölfi« am 23. Juli 1953, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 92 f., auch für die folgenden Zitate und Angaben. 35 Aktenvermerk HA I-Oberstleutnant Bitter vom 24. Juli 1953, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 94 f., auch für die folgenden Zitate. 36 Aktennotiz Bitter vom September 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 294-296, hier 294. Es handelte sich um die Richtlinie 1/55. Der inkriminierte Satz blieb unzitiert. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war nach dem 17. Juni 1953 für zwei Jahre formal zum Staatssekretariat im Ministerium des Innern (SfS) herabgestuft worden, siehe Gieseke: Der Mielke-Konzern (Anm. 32), S. 63. 37 BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 294-296, hier 294. 38 Ebd. Bl. 295. Der Offizier habe »umfangreiche Frauenbekanntschaften« und zwei uneheliche Kinder gehabt. 39 Laut handschriftlicher Notiz von MfS-Generalmajor Kleinjung vom 29. September 1955 hatte die Aussprache mit Hoffmann am 25. September stattgefunden. Ein Ergebnis ist nicht vermerkt. Siehe ebd., Bl. 296. 40 Oberstleutnant Bitter hatte dem GI »Wölfi« ausdrücklich den Auftrag erteilt, auch »alle bekanntwerdenden Momente, die sich aus dem Familienverkehr ergeben, weiterhin mitzuteilen«. Treffbericht der HA I vom 26. Januar 1955, in: ebd. Bl. 196. Berichtet hatte »Wölfi« u. a. darüber, wann Hoffmann die Zustimmung des ZK zu seiner geplanten Hochzeit erhalten hatte und wie die Feier verlaufen war, siehe Treffbericht vom 28. Oktober 1954, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 219. 41 Aktenauszug des MfS vom 1. September 1952, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 13-15, hier 14. 42 So zitiert ihn die von der Stasi auf ihn angesetzte Geheime Informatorin »Karla Klaus«. Siehe Information der HA I vom 20. Februar 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 140. 43 Siehe Aktennotiz der HA I vom 22. März 1954, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 145. 44 Bericht der HA I vom 9. Februar 1954 ohne Verfasser und Adressat, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 160-165 mit handschriftlicher Notiz von Matern vom 22. Februar 1954, in: ebd., Bl. 160. Dieser ist einer der in den Akten nur selten dokumentierten Fälle, dass die Parteiführung die Überprüfung einer bestimmten Person anordnete. 45 Siehe zum Gesamtvorgang Treffbericht der HA I mit dem GI »Roman« vom 8. Juli 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 263 f. 46 Teilnehmer waren außer Generalleutnant Hoffmann die Generalmajore Rudolf Dölling, Heinrich Heitsch, Kurt Wagner und Siegfried Weiß, die Oberste Martin Bleck, Hans Ernst, Helmut Göpfert, Werner Krüger, Friedwald Oehlmann und Sigfrid Riedel sowie Oberstleutnant Willy Mirtschin, siehe Auflistung, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 248. 47 Siehe Treffbericht der HA I mit dem GI »Phänomen« vom 22. November 1955, in: ebd. Bl. 244 f., auch für die folgenden Zitate. 48 Siehe Treffbericht der HA I mit GI »Wölfi« vom 13. Dezember 1955, in: ebd., Bl. 246 f. 49 Siehe Treffbericht der HA I mit dem GI »Phänomen« vom 25. Mai 1956, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 248-253. Hoffmann hatten die Gastgeber eine separate Wohnung und einen PKW mit Fahrer zur Verfügung gestellt. 50 Bericht der HA I vom 6. Mai 1957 über eine Aussprache mit einem (namentlich genannten) Lehrgangsteilnehmer während seines Urlaubs am 4. Mai 1957 in Strausberg. Ob es sich um ein Treffen mit dem GI »Phänomen« handelte, ist nicht vermerkt, aber wahrscheinlich. BStU, MfS, GH 30/72,Bd. 1, Bl. 404-408. Der Führungsoffizier leitete den Bericht an den Chef der HA I zur Kenntnisnahme und mit »dem Vorschlag der Auswertung« weiter, siehe ebd., Bl. 408. 51 Treffbericht der HA I vom 11. Februar 1957, in: ebd., Bl. 332 f., auch für die folgenden Zitate. 52 Aktennotiz der HA I vom 14. Juli 1955 über ein Gespräch mit Hoffmann, in: ebd., Bl. 282-284, hier 283. 53 Aktennotiz der HA I vom 23. März 1962, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 436-438. 54 Siehe ebd., Bl. 438. 55 Siehe namentlich gezeichneten Bericht eines Büromitarbeiters über die Zeit vom 7. Oktober 1962 bis zum 20. November 1962 vom 21. November 1962, in: ebd. Bl. 457 f. 56 Siehe Armee für Frieden und Sozialismus. Geschichte der Nationalen Volksarmee der DDR, Berlin [Ost] 1985, S. 344. 57 Bericht der HA I vom 10. Oktober 1963 zur Leitungstätigkeit während der Durchführung der gemein-samen Truppenübung »Quartett«, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 44-53, hier 44. 58 Ebd. Bl. 47, auch für die folgenden Zitate. 59 Siehe ebd. 60 Bericht der HA I vom 10. Oktober 1963 zur Leitungstätigkeit (Anm. 57), hier Bl. 50. 61 Ebd. Bl. 49. 62 Ebd. Bl. 50. 63 Eine Seite des Berichts verwendete die HA I allein darauf, diese zu referieren. Einer ging so: Die Übung hätte Quintett genannt werden müssen: Der fünfte Teilnehmer sei der Wodka gewesen. Ein anderer: Ein NVA-Soldat werde gefragt, ob er nach einem halben Liter Wodka noch kämpfen könne. Seine Antwort: Das brauche er dann nicht mehr, denn dann komme er in den Leitungsstab. Siehe ebd., Bl. 48 f. 64 Ebd., Bl. 52. 65 Siehe ebd. Bl. 46 u. 52 f. 66 Siehe in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 44. 67 Siehe Anschreiben, in: ebd., Bl. 43. Zu den anderen Berichten könnte auch der Treffbericht der mit Hoffmann bekannten MfS-Informantin »Karla Klaus« vom 13. August 1963 und mehrere Auskunfts-berichte zu engen Mitarbeitern des Verteidigungsministers gehört haben, siehe ebd., Bl. 21-23 und 24. 68 Siehe u a. in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 69, 74, 82, 88, 101, 147, 166, 182, 221 u. 262. 69 Siehe Roger Engelmann u. a. (Hg.): Das MfS-Lexikon. Begriffe, Personen und Strukturen der Staatssicherheit der DDR, Berlin 2011, S. 262 f. 70 Bericht der HA I vom 14. Oktober 1963 über Erscheinungen mangelhafter Leitungstätigkeit und über ernste Verstöße gegen die sozialistischen Moralgesetze im Bereich der Leitung des Ministeriums für Nationale Verteidigung, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 1-20 und Auskunftsberichte zu Mitarbeitern Hoffmanns im Anhang, Bl. 24-42, zu beachten ist auch die handschriftliche MfS-Paginierung auf den Blättern, die erkennen lässt, in welcher Reihenfolge sie in den Bericht integriert worden waren. 71 Ebd. Bl. 20, auch für das folgende Zitat. 72 Eine Recherche in den überlieferten Beständen des Büros und des Nachlasses Walter Ulbrichts im Bundesarchiv Berlin blieb jedoch erfolglos. Unterlagen zum hier behandelten Konflikt zwischen Mielke und Hoffmann sind dort nicht nachgewiesen. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass Mielke nach dem Tod Ulbrichts an der Durchsicht beteiligt war und mit entscheiden konnte, welche aus dem Büro des früheren Parteichefs stammenden Papiere aufbewahrt werden sollten und welche nicht. (Siehe archivarische Vorbemerkung zum Findbuch Büro Ulbricht, Seite V.) Zudem ist dem Findbuch zu entnehmen, dass viele Schreiben an die Absender, genannt werden auch Hoffmann und Mielke, zurück-gegeben und nicht archiviert wurden. Auch unter den Tagesordnungspunkten des SED-Politbüros sucht man vergeblich nach Bezügen zum hier behandelten Konflikt zwischen beiden Ministern. 73 Handschriftlicher Bericht des IM »Erich« vom 10. Januar 1964 an die HA I, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 102-106, hier 106, auch für die folgenden Zitate. 74 Bericht der HA I vom 14. Oktober 1963 über Erscheinungen mangelhafter Leitungstätigkeit und über ernste Verstöße gegen die sozialistischen Moralgesetze im Bereich der Leitung des Ministeriums für Nationale Verteidigung, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 1-20, hier Bl. 2, auch für die folgenden Zitate. Im Herbst 1963 hatte die zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe des MfS (ZAIG) in fünf undatierten Berichten (Nr. 541-545/63) über den Verlauf einer nicht erläuterten »Aktion ›Quartett‹« informiert. Sie sind laut Verzeichnis nicht überliefert und waren offenbar primär für Mielke, nur einer (544/63) unter anderem zur Weiterleitung an Ulbricht, Honecker und Matern gedacht. Auch Hoffmann war im Entwurf des Verteilers dieser Information aufgeführt, siehe Berichtsverzeichnis, BStU, MfS, ZAIG 14384, Bl. 203. Ob die ZAIG die Berichte überhaupt herausgegeben hat, bleibt offen. 75 Siehe ebd., Bl. 9-11. 76 Siehe Abschrift des Berichts eines NVA-Mitarbeiters vom 12. November 1963, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 71. Es ging vermutlich nicht um mehrere Personen, sondern nur um eine im HA I-Bericht besonders kritisierte. 77 Siehe IM-Bericht vom 9. Dezember 1963, in: ebd., Bl. 80. 78 Siehe in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 12-20, insbes. 16 f., auch für die folgenden Angaben. 79 Ergänzung des stellvertretenden HA I-Chefs, Oberst Rudolf Israel, zum Treffbericht mit GI »Wölfi« vom 4. Dezember 1963, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 86 f. Berichte wie diesen reichte die HA I jetzt umgehend an Mielke weiter. 80 Siehe Spiegel-Titelgeschichte vom 10. Oktober 1962. 81 Bericht des IM »Kran« vom 20. Dezember 1963 an die HA I, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 119. 82 Bericht des IM »Deutsch« vom 7. Januar 1964 an die HA I, ebd, Bl. 100. GI »Wölfi« bestätigte kurz darauf, dass Verner geglaubt hatte, nun selbst Minister zu werden, siehe Bericht GI »Wölfi« an die HA I vom 20. Februar 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 475-477, hier 476. 83 Information der HA I vom 20. Februar 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 140. 84 Bericht des GI »Wölfi« an die HA I vom 20. Februar 1964 mit angefügter ergänzender Stellungnahme von Oberst Israel, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 475-479. Das Verhalten Bechlers in dieser Situation macht auf einen bisher kaum beachteten Funktionstypus der Stasi-IM aufmerksam: Der heimliche Zuträger als »whistle-blower«, der auf Missstände im Staate hinweist, die auch in westlichen politischen Systemen als gravierende Sicherheitsrisiken eingestuft worden wären. Dort hätten die unabhängigen Medien und die parlamentarische Opposition solche Fälle öffentlich zur Sprache gebracht. In der DDR hoffte ein systemloyaler Beobachter wie der GI »Wölfi« auf den weitreichenden Einfluss der politischen Geheimpolizei. 85 Ebd. Bl. 475. Nach dem Bericht des GI »Wölfi« zu urteilen, stammte diese Information wahrscheinlich vom Luftwaffengeneral Heinz Bernhard Zorn. 86 Ebd. 87 Siehe für den Leiter der HA I zusammengestellte Berichtsauszüge zur Stimmung in Bezug auf den Minister für Nationale Verteidigung vom 14. Februar 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 383-394. 88 Siehe ebd., Bl. 385 und 388 f. 89 Aktennotiz von Oberstleutnant Schönert vom 13. März 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 155 f., hier 156. Um welche Zeitung es sich handelte, wurde nicht gesagt. 90 Siehe Abschrift des Stimmungsberichts vom 25. August 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 267. 91 Auszug aus IM-Bericht »Neger« vom 4. Februar 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 388. Es handelte sich wahrscheinlich um eine Parteiversammlung im Verteidigungsministerium: Siehe Meldung von MfS-Hauptmann Kaufmann vom 9. Juli 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 236-238, hier 237. 92 Siehe Bericht des IM »Ulla« vom 5. August 1964 und Weiterleitung an Mielke am 28. August 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 269 f. 93 Bericht des IM »Hans Ries« vom 17. März 1964, in: ebd., Bl. 148-150, hier 148, auch für die folgenden Zitate. 94 Ebd., Bl. 149. 95 Ebd., Bl. 150. 96 Aktennotiz MfS-Oberstleutnant Schönert vom 13. März 1964, in: ebd., Bl. 151 und Aktennotiz MfS-Major Grimm vom 31. März 1964, in: ebd. Bl. 153 f. Die späteren personenbezogenen Recherchen der Stasi lassen erkennen, dass der Minister honorige persönliche Gründe hatte, die Frau nachhaltig zu unterstützen: Siehe Stellungnahme von MfS-Oberst Israel vom 10. Juli 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 265. Hoffmann agierte, so scheint es, wiederum als der harte Mann mit einem weichen Herzen. 97 Siehe Bericht des IM »Horst Baum« vom 17. Juni 1964, der den Fall genauer untersucht hatte, in: ebd., Bl. 200 f., auch für die folgenden Angaben. 98 Siehe dazu die analytisch scharfe zusammenfassende Darstellung von Klaus Marxen: »Recht« im Verständnis des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, in: Roger Engelmann/Clemens Vollnhals (Hg.): Justiz im Dienste der Parteiherrschaft. Rechtspraxis und Staatssicherheit in der DDR, Berlin 1999, S. 15–24. 99 Siehe IM Bericht »Hans Ries« o. Datum, mit Abzeichnung des HA I-Leiters vom 6. April 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 160-162. 100 Information des IM »Teko« vom 28. Juni 1964, in: ebd. Bl. 222-226, hier 223-225. 101 Dieses Gerücht soll Anfang Juni 1964 unter den NVA-Offizieren umgegangen sein, die an einem Lehrgang an der sowjetischen Militärakademie in Moskau teilnahmen, siehe Bericht des MfS-Hauptmanns Kaufmann vom 9. Juli 1964 an die HA I, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2., Bl. 236-238, hier 238. 102 Informationsbericht MfS-Major Riedel an den Leiter der HA I vom 20. Januar 1965, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 292. Vertreter des MfS hatte die NVA-Führung nicht eingeladen, doch war die Stasi mit zwei IM präsent, die sie offenbar bereits durch Zwischenberichte auf dem Laufenden hielten. Sie gehörten vermutlich zum Personal des Gästehauses. 103 Unter diesem Decknamen wurde Generaloberst Fritz Streletz geführt, siehe Armin Wagner: Generaloberst Fritz Streletz, in: Ehlert/Wagner (Hg.): Genosse General! (Anm. 1), S. 553–588, hier S. 569. 104 HA I-Treffbericht mit IM »Birnbaum« vom 13. Juli 1966, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 16-18, hier 17, auch für das folgende Zitat. 105 Siehe Neues Deutschland vom 3. Juli 1966, S. 1 f. und vom 6. Juli, S. 2. 106 HA I-Treffbericht mit IM »Birnbaum« vom 13. Juli 1966 (Anm. 104), Bl. 17. 107 Zum Wortlaut der Gebote siehe Protokoll der Verhandlungen des VI. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 15. bis 21. Januar 1963, Beschlüsse und Dokumente, Berlin 1963, S. 375 f. 108 Information der HA I, Militärbezirk III, Halle, vom 11. Juli 1967, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 35-38, hier 36. Die Einrichtungskosten schätzte das MfS auf insgesamt etwa 40 000 DDR-Mark. Zu seinem generellen Interesse am Empfang des West-Fernsehens siehe zudem Aktennotiz MfS-Oberleutnant Müller vom 15. November 1963, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 367 f. 109 Bericht GI »Wölfi« vom 20. Februar 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 475-477, hier 476. 110 Tonbandabschrift des Berichts des Geheimen Mitarbeiters (GM) »Georg Klingsor« vom 29. Januar 1966 mit handschriftlichem Vermerk, dass das Original an Mielke gegangen sei, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 325. 111 Informationsbericht zu Diskussionen über Armeegeneral Heinz Hoffmann in der Militärakademie »Friedrich Engels« vom 6. April 1971, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 123 f. 112 Treffbericht mit GI »Inge Schulze« vom 24. Juni 1964, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 219. 113 Siehe zur Kostenberechnung den Bericht des IM »Albert« vom 6. Mai 1970, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl.105 und zum Gesamtvorgang: ebd., Bl. 102-106. 114 Siehe MfS-internes Schreiben von MfS-Major Kretschel vom 30. Januar 1970, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 102 f. 115 Treffbericht MfS-Major Findeisen mit der Quelle »Aschengrube« vom 21. November 1966, in: ebd. Bl. 26 f. 116 BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 69-79. 117 Siehe Treffbericht MfS-Unterleutnant Koetzing mit GHI »Sigismund« vom 15. März 1967, in: ebd., Bl. 30-32. 118 Bericht »Trapper« an die HA I, o. Datum [April 1966], in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 12 und HA I-Information vom 21. April 1967, in: ebd. Bl. 34. Hoffmann hatte sieben eheliche Kinder. 119 Mitteilung der Mutter vom 18. Oktober 1971, in: ebd. Bl. 129. 120 Bekannt ist, dass Hoffmann in späteren Jahren Stabsoffiziere, die gegen das Verbot von Westkontakten verstoßen hatten, demonstrativ zu einfachen Soldaten degradierte, siehe Heider: Heinz Hoffmann (Anm. 1), S. 267. Im Jahre 1955 aber erlaubte er verschiedenen Militärärzten zum Ärger des MfS ausdrücklich, solche Kontakte aufrechtzuerhalten, und verfügte in zwei Fällen deren von der Kaderverwaltung abgelehnte Beförderung. Siehe Bericht GI »Trapper« vom 21. Juli 1955, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 270 f. 121 In einer Erfurter Kaserne mit besonders vielen unzufriedenen KVP-Angehörigen hatte Hoffmann kurzerhand alle heraustreten lassen, die den Dienst quittieren wollten und ihnen auf der Stelle die Entlassungspapiere ausgehändigt. Etwa 170 Offiziere und Soldaten nutzten das Angebot. Die MfS-Verantwortlichen nahmen das in die Akte auf, weil sie die Entscheidung offenbar als zu nachgiebig werteten. Siehe Bericht GI »Roman« vom 31. Juli 1953, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 98. Über Hoffmanns ministeriellen Dienstalltag lässt sich einiges ableiten aus Stephan Fingerle: Waffen in Arbeiterhand? Die Rekrutierung des Offizierkorps der NVA und ihrer Vorläufer, Berlin 2001. 122 Siehe Hoffmann: Moskau – Berlin (Anm. 2), S. 182. 123 Siehe MfS-Information vom 5. August 1971, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 118 f. 124 Siehe Hoffmann: Moskau – Berlin (Anm. 2), S. 131. 125 Bericht o. Datum [1969], in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 91. 126 Siehe exemplarisch Treffbericht über eine dienstliche, gesellige Veranstaltung o. Datum [1963], in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 2, Bl. 111. 127 Siehe auch die ganz ähnliche Einschätzung von Heider: Heinz Hoffmann (Anm. 1), S. 242. 128 HA-I Treffbericht mit GI »Wölfi« vom 24. November 1954, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 211 f. 129 Siehe dazu ausführlich Siegfried Suckut: Generalkontrollbeauftragter der SED oder gewöhnliches Staatsorgan? Probleme der Funktionsbestimmung des MfS in den sechziger Jahren, in: ders./Walter Süß (Hg.): Staatspartei und Staatssicherheit. Zum Verhältnis von SED und MfS, Berlin 1997, S. 151–167, hier S. 155–159. 130 Siehe Heinz Keßler: Zur Sache und zur Person, Berlin 1997. 131 Der stellvertretende MfS-Chef Markus Wolf behauptete später, Mielke habe nachgerade über jeden in der SED-Führung Material gesammelt: ders.: In eigenem Auftrag. Bekenntnisse und Einsichten, München 1991, S. 209. Die überlieferten Stasi-Unterlagen bestätigen das nicht. 132 Zum bisherigen Forschungsstand, das Verhältnis MfS-SED betreffend, siehe Walter Süß: »Schild und Schwert« (Anm. 7); Siegfried Suckut/Walter Süß (Hg.): Staatspartei und Staatssicherheit (Anm. 129); Helge Heidemeyer: SED und Ministerium für Staatssicherheit: »Schild und Schwert der Partei«, in: Jens Gieseke/Hermann Wentker (Hg.): Die Geschichte der SED. Eine Bestandsaufnahme, Berlin 2011, S. 114–135 und die zusammenfassende Darstellung in: Engelmann u. a. (Hg.): Das MfS-Lexikon (Anm. 69), S. 262–266. 133 Zehn Jahre zuvor war das noch anders: Planungschef Schürer richtete 1978 eine verzweifelte Anfrage an das MfS, ob nicht Mielke Honecker zu einem wirtschaftspolitischen Kurswechsel veranlassen könne. Die Offiziere teilten, wie es scheint, Schürers Lagebeurteilung, sein Wunsch aber blieb schon damals ohne Resonanz, siehe Andreas Malycha: Ein vertrauliches Gespräch von Gerhard Schürer, Chefplaner der DDR, mit der Stasi über die Wirtschaftspolitik der SED im April 1978, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), H. 2, S. 283–305, hier S. 305. 134 Siehe Peter Przybylski: Tatort Politbüro. Die Akte Honecker, Berlin 1991, S. 202. 135 Darauf hat schon früh Thomas Klein aufmerksam gemacht, siehe ders.: Widerspruch und abweichendes Verhalten in der SED, in: Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«, Bd. VII,2, Baden-Baden 1995, S. 1031–1076, hier S. 1070 f. Exemplarisch ist auf den MfS-Bericht zum Sputnik-Verbot 1988 zu verweisen, siehe Frank Joestel (Bearbeiter): Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung 1988, Göttingen 2010, S. 284–288. 136 Reinhold Andert/Wolfgang Herzberg: Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör, Berlin 1990, S. 368 und Egon Krenz: Wenn Mauern fallen. Die Friedliche Revolution: Vorgeschichte – Ablauf – Auswirkungen, Wien 1990, S. 124. 137 Siehe Thomas Grimm: Das Politbüro privat, Berlin 2004, S. 100. 138 Siehe in: »Ich sterbe in diesem Kasten«, Der Spiegel Nr. 36 vom 31. August 1992, S. 38-53; online http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681238.html, ges. am 30. August 2011. 139 Bericht GI »Wölfi« vom 20. Februar 1964 mit angefügter Ergänzung von HA I-Oberst Israel, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 1, Bl. 480-484, hier 483. 140 Bericht HA I-Oberstleutnant Thomas vom 5. September 1966, in: BStU, MfS, GH 30/72, Bd. 3, Bl. 20 f. auch für die folgenden Angaben. 141 Treffbericht mit GI »Birnbaum« vom 23. Mai 1968, in: ebd., Bl. 64-67, hier 64-66, auch für das Folgende.

JHK 2012

Die kommunistische Lechleiter-Gruppe. Von ihrer Gründung in Mannheim 1941 bis zu ihrer Zerschlagung im Februar 1942

Karl-Heinz Schwarz-Pich

Die in Mannheim im Untergrund aktive Lechleiter-Gruppe gehörte zu den stärksten kommunistischen Widerstandsgruppen gegen das nationalsozialistische System in Deutschland nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum ihrer Aktivitäten stand die Herstellung und gezielte Verbreitung der illegalen Zeitung Der Vorbote. Die Meinungen darüber, ob es sich um eine kommunistische oder eine parteiübergreifende Gruppe handelt, gehen auseinander. Der vorliegende Beitrag versucht deshalb besonders, dieser Frage nachzugehen. Dem Autor war es möglich, Einsicht in Prozessakten, die in Zusammenhang mit der Lechleiter-Gruppe stehen, zu nehmen. Diese befinden sich in den Beständen des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED sowie denen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR und waren der unabhängigen Geschichtsforschung bis zur Wiedervereinigung nicht zugänglich. Einzig den DKP-Funktionären Max Oppenheimer aus Wiesloch bei Heidelberg (1919–1994) und Fritz Salm aus Mannheim (1913–1985) wurde seitens der SED für ihre Arbeiten über die Lechleiter-Gruppe bzw. den Widerstand in Mannheim bereits zuvor Zugang zu den Akten aus dem Parteiarchiv der SED gewährt. 1969 erschien von Oppenheimer das Buch Der Fall Vorbote – Zeugnisse des Mannheimer Widerstands und 1973 die Publikation Im Schatten des Henkers – Vom Arbeiterwiderstand in Mannheim von Fritz Salm. Diskussion über die politische Zuordnung der Gruppe Im Unterschied zur kommunistischen Forschung in der Bundesrepublik, die versucht, die Tätigkeit der Lechleiter-Gruppe als überparteilich darzustellen, wird sie von der unabhängigen Geschichtsforschung weitgehend dem kommunistischen Widerstand zugeordnet. Dies gilt insbesondere für die Arbeiten von Hermann Weber aus Mannheim.1 Interessanterweise wird die Lechleiter-Gruppe aber auch in den Veröffentlichungen des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED dem kommunistischen Widerstand zugeordnet.2 Die Gründe für die unterschiedliche Bewertung durch die SED-Historiker auf der einen und die kommunistischen Autoren in der Bundesrepublik auf der anderen Seite dürfte darin zu sehen sein, dass es den SED-Historikern um eine Heroisierung der eigenen Geschichte ging, während bei den Kommunisten im Westen die Instrumentalisierung der Geschichte für den aktuellen politischen Kampf im Vordergrund stand. Die gefälschte Legende Die Basis für die kommunistische Lesart des Wirkens der Lechleiter-Gruppe als eine Zusammenarbeit von Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilosen hat Max Oppenheimer geschaffen. Im Vorwort seines Buches schreibt er: »Die früheren Unterschiede, die zwischen ihnen als Mitgliedern der SPD oder KPD bestanden hatten, wurden im Interesse der gemeinsamen Front für ein demokratisches Deutschland zurückgestellt.«3 Von einem demokratischen Deutschland aber ist im Vorboten an keiner Stelle die Rede. Ebenso wenig von einer Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und parteilosen Antifaschisten. Zudem fehlen zentrale Begriffe der kommunistischen Strategie, wie sie 1935 auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KI) festgelegt wurden. Im Vorboten wird weder für eine Politik der Einheitsfront der Arbeiterklasse noch für eine antifaschistische Volksfront geworben. Das Ziel für die nächste Zukunft hieß »Sowjet-Deutschland«4 über die »proletarische Revolution«.5 Bei den Sozialdemokraten handelt es sich um den 74-jährigen Philipp Brunnemer und seine Tochter Käthe Seitz, die beide nur mit der technischen Herstellung des Vorboten befasst waren und in keiner Weise als repräsentativ für die SPD anzusehen sind. Ansonsten lag alles Organisatorische und Inhaltliche in den Händen von Kommunisten. Im Kopf des Blattes steht als Herausgeber »K. P.«. Und in der Dezember-Ausgabe heißt es unmissverständlich: »Die Zeitung ist nur für Genossen bestimmt.«6 Dies ist für eine kommunistische Zuordnung der Gruppe ausreichend. Treibende Kraft bei der Bildung der Gruppe war Georg Lechleiter. Lechleiter wurde am 14. April 1885 in Appenweier in Baden geboren. Nach der Lehre als Schriftsetzer arbeitete er zunächst in verschiedenen südbadischen Städten und hielt sich dann von 1912 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in der Schweiz auf. Hier kam er auch mit der sozialistischen Bewegung in Berührung. In Mannheim gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der KPD. 1922 wurde er in den Mannheimer Stadtrat und 1925 in den badischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Lechleiter wurde dem rechten Parteiflügel zugeordnet. Von 1933 bis 1935 befand er sich in Schutzhaft. Dass Lechleiter nach seiner Entlassung Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern der KPD aufnahm, kann als gesichert angesehen werden. In welchem Ausmaß und in welcher Qualität dies erfolgte, darüber lässt sich allerdings kein verlässliches Profil erstellen. Dafür gehen die Angaben zu weit auseinander. Der Mannheimer Stadthistoriker Michael Caroli, selbst der Linken in Mannheim zuzuordnen, schreibt in Band drei der Geschichte der Stadt Mannheim: »Den organisierten Widerstand der Arbeiterbewegung hatte die Gestapo bis Ende 1936 zerschlagen. Gleichwohl hatten die seit 1935 entlassenen Kommunisten Georg Lechleiter, Jakob Faulhaber und Rudolf Langendorf bereits 1936 wieder Kontakte geknüpft, ohne allerdings eine feste Organisation aufbauen oder mit Publikationen oder gar Aktionen an die Öffentlichkeit treten zu können.«7 Dies deckt sich mit den Lageberichten der Geheimen Staatspolizeistelle Karlsruhe für die Jahre 1937 bis 1939. So steht im Bericht für das Jahr 1937: »Nach Feststellung und Beobachtung hat die illegale Tätigkeit der marxistischen Partei im Jahr 1937 im Bereich der Polizeistelle Karlsruhe nachgelassen.«8 Anders liest sich das bei Fritz Salm. Bei ihm ist für den gleichen Zeitraum von einer »Bezirksleitung der KPD« unter der Führung von Lechleiter und von »Betriebsgruppen der KPD« die Rede.9 Die unterschiedliche Bewertung der Aktivitäten der illegalen KPD durch Salm auf der einen und der Gestapo auf der anderen Seite dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Gestapo unter Widerstand das Wirken nach außen ansah, und deshalb ausschließlich dies registrierte. Bei Fritz Salm hingegen geht es um Binnenkontakte unter Kommunisten, die zu »KPD-Gruppen« und einer »KPD-Bezirksleitung« hochgespielt werden, ohne dass dies allerdings auch nur einigermaßen nachvollziehbar ist. Indirekt wird das durch den bereits erwähnten Lagebericht der Gestapo für das Jahr 1937 belegt: »Die Richtlinien der marxistisch und kommunistisch illegalen Partei gehen heut dahin, dass sie ihre Genossen anweisen, sich vorerst auf Mundpropaganda, das Abhören des Moskauer und des Kurzwellensenders Welle 29.8 zu beschränken.«10 Das bedeutet eine weitgehende Einstellung des Kampfes der KPD nach außen und quasi ein unausgesprochenes Eingeständnis, dass man mit der direkten Konfrontation gescheitert war. Das im Vorboten politische Ziele verfolgt werden, die den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale bzw. der KPD aus dem Jahr 1935 diametral entgegengesetzt sind, erklärt Max Oppenheimer damit, »daß die Führer der Gruppe von den Weisungen durch die Führung der KPD abgeschnitten waren«.11 Aber an anderer Stelle seines Buches in einem anderen Zusammenhang widerspricht er sich selbst: »Von außerordentlicher Bedeutung für diese komplizierte politische und organisatorische Tätigkeit während der letzten Vorkriegsjahre war, daß Lechleiter regelmäßige Kontakte zur Abschnittsleitung der KPD in Paris hatte. An Hand von neuen Unterlagen und persönlichen Berichten läßt sich nachweisen, daß von 1937 bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zuverlässige Mannheimer Antifaschisten im Auftrag Lechleiters zu Besprechungen nach Straßburg fuhren, um dort mit einem für Baden verantwortlichen Mitarbeiter des ZK der KPD politische Fragen, wie z. B. die Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen und christlichen Arbeitern, sowie die Belieferung und Verteilung und Herstellung von illegalen Materialien zu erörtern.«12 Danach müssen Lechleiter die Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale und die Beschlüsse der KPD bekannt gewesen sein. Fritz Salm dürfte die Schwäche der Argumentation von Oppenheimer in dieser Frage erkannt haben, denn er schreibt: »Worin bestand die entscheidende, durch mangelnden Informationsaustausch und fehlende kollektive Diskussion hervorgerufene Fehlanalyse? Man kannte die strategische Festlegung des VII. Weltkongreßes der KI, und die entscheidenden Funktionäre hatten die Tarnschrift mit der Rede Dimitroffs gelesen. Aber viele Antifaschisten erkannten zu dieser Zeit nicht, daß der VII. Weltkongreß die strategische Zielsetzung der kommunistischen Weltbewegung für eine sehr lange Zeit, für die Periode des staatsmonopolistischen Kapitalismus bestimmte. Mit der militärischen Konfrontation der Sowjetunion und Hitler-Deutschland und mit der Erwartung des Sieges der Sowjetmacht entstand die Auffassung, der faschistischen Herrschaft werde gesetzmäßig ein sozialistisches Deutschland folgen. Nur so ist es zu erklären, daß die Führung unter Lechleiter – und er selbst in seiner illegalen publizistischen Arbeit – vor dem Überfall auf die Sowjetunion die demokratische Republik und nach Beginn des faschistischen Angriffs gegen das Land des Sozialismus Sowjetdeutschland zum Ziel des antifaschistischen Kampfes erklärte.«13 Lechleiter ging nach dem Angriff auf die Sowjetunion davon aus, dass dieser Krieg mit einer Niederlage für Hitler-Deutschland enden und die damit einhergehende Krise in Deutschland zu einer revolutionären Situation wie nach dem Ersten Weltkrieg führen würde. Der erste Satz in der ersten Nummer des Vorboten, erschienen im September 1941, lautet: »Seit dem 22. Juni steht der hinterhältige Überfall des deutschen Imperialismus auf die Sowjetunion im Vordergrund des politischen und militärischen Geschehens. Mit dem Aufmarsch gegen die Sowjetunion hat ein Abschnitt in dem zweiten imperialistischen Krieg begonnen, der zweifellos das Ende des Dritten Reichs einleiten und die Beseitigung der Naziherrschaft beschleunigen wird.«14 Für Lechleiter war dies die »Plattform für die sozialistische Revolution«.15 Gründung der Gruppe am Tag des Angriffs auf die Sowjetunion Am Nachmittag des 22. Juni 1941, dem Tag des Kriegsbeginns gegen die Sowjetunion, so Oppenheimer, kam es zu einer »Besprechung in Heidelberg, auf der die Herausgabe des Vorboten beschlossen wurde«.16 An dem Treffen nahmen außer Lechleiter auch Jakob Faulhaber und Gustav Süß aus Ludwigshafen teil, beide Mitglieder der KPD und mit Lechleiter befreundet. Das entscheidende Gespräch scheint in der Wohnung der Familie Seitz in Heidelberg stattgefunden zu haben. Wenn Oppenheimer von einer »Besprechung, die beschließt« schreibt, wird damit suggeriert, dass es sich hier um die Sitzung eines leitenden Organs handelt. Aber das war nicht der Fall. Bei dem Gespräch ging es nicht darum, ob man eine Zeitung herausgibt – dies war längst beschlossen worden –, sondern um technische und organisatorische Details bei der Herstellung der Zeitung. Brunnemers Tochter, Käthe Seitz, übernahm es dann auch, die Matrizen zu schreiben; im Keller ihres Vaters Philipp Brunnemer in Mannheim wurde der Vorbote gedruckt. Warum Philipp Brunnemer und seine Tochter von Lechleiter und Faulhaber mit Teilaufgaben bei der Herstellung des Vorboten betraut wurden, hat möglicherweise noch ganz andere Gründe, die Oppenheimer andeutet, wenn er schreibt: »Lechleiter und Faulhaber beabsichtigten, diese drei Hitlergegner [mit dabei war noch Käthes Ehemann Alfred Seitz, K.-H. S.-P.] speziell zu der Herstellung der antifaschistischen Monatsschrift heranzuziehen. Damit sollte von vornherein die notwendige Zusammenarbeit von Arbeiter-Funktionären verschiedener Herkunft und Orientierung dokumentiert und außerdem verhindert werden, daß bei Terroraktionen der Gestapo die Herausgabe des Vorboten gefährdet wurde, weil damit zu rechnen war, daß die Nazis in erster Linie bekannte ehemalige Funktionäre der KPD verhaften, jedoch nicht ohne weiteres auf relativ unbekannte ehemalige SPD Mitglieder verfallen würden.«17 Es ist überhaupt äußerst problematisch, von der Lechleiter-Gruppe als einer Gruppe im Sinne eines Gefüges zu sprechen, weil es eine politische Interaktion – klassisches Kriterium für eine Gruppe – nie gegeben hat. Das gilt auch unter Berücksichtigung eines Kampfes in der Illegalität. Das Konzept Lechleiters sah Diskussionen in der Gruppe auch gar nicht vor. Fritz Salm gesteht das indirekt bei seiner »Fehleranalyse« ein, wenn er von »fehlender kollektiver Diskussion« spricht.18 Rudolf Langendorf, der von Salm der Bezirksleitung der KPD zugeordnet wird, schrieb in seinem Gnadengesuch: »Nie hat mich Lechleiter bei der Zeitung um Rat gefragt. Das lag auch gar nicht in seiner Art. Was er tut, tut er auf seine Verantwortung.«19 Demzufolge hat es die Lechleiter-Gruppe nie als eigenständige Widerstandsgruppe im klassischen Sinne gegeben. Genau genommen auch nicht als Gruppe der KPD. Lechleiter handelte als Kommunist nach Gutdünken und auf eigene Faust. Dabei ging er unabhängig von der Zielsetzung von völlig falschen Voraussetzungen aus. Die Lechleiter-Gruppe war vielmehr eine Widerstandsgruppe in Wartestellung. Der Vorbote – ein Informationsorgan für Funktionäre Empfänger der Zeitung waren ausgesuchte Mitglieder der KPD. Insofern handelt es sich beim Vorboten letztlich um eine Funktionärszeitung. In einem Nebensatz gesteht Oppenheimer in seinem Buch das sogar ein, wenn er von einem »Informationsorgan für Funktionäre« spricht.20 Man wird den Vorboten deshalb auch kaum als direktes Mittel des Widerstands ansehen können, sondern als ein Instrument der Reorganisation der Kader der KPD, um sie auf die kommende proletarische Revolution vorzubereiten. Es stellt sich dann zwangsläufig die Frage, ob der Vorbote als Mittel der Information, selbst für den Zweck, den Lechleiter damit verfolgte, zwingend erforderlich war, oder ob angesichts des hohen Risikos nicht die mündliche Nachrichtenübermittlung den gleichen Zweck erfüllt hätte. Denn letztlich ist die Gruppe an der Herstellung und Verteilung des Vorboten gescheitert, mit zum Teil katastrophalen Folgen für viele Menschen, die nur indirekt oder überhaupt nicht beteiligt waren. Der Vorbote berichtete über die militärische Situation, über die sozialen Verhältnisse in Deutschland, widmete eine ganze Nummer dem Jahrestag der Novemberrevolution in Russland und gab Hinweise zur illegalen Arbeit. Der Jahrestag der russischen Revolution hatte mit dem Widerstandskampf in Deutschland eigentlich überhaupt nichts zu tun. Die soziale Lage in Deutschland kannten die Empfänger der Zeitung aus eigener Erfahrung zur Genüge. In der Dezember-Ausgabe fand sich ein Artikel von Rudolf Langendorf mit dem Titel »Die geplatzten Nähte«. Dieser Beitrag war im Übrigen der einzige, der nicht von Lechleiter selbst stammte. Langendorf befasste sich darin mit Fragen des Bilanzschwindels zugunsten der Unternehmer, der letztlich die Nationalsozialisten als Diener des Kapitals entlarven sollte. Zwingend notwendig war ein solcher Artikel wohl nicht. Anweisungen über die illegale Arbeit an die Zellen hätten genauso gut mündlich erfolgen können. Und was Lechleiter über die Lage an der Front berichtete, stammte aus den Sendungen des Deutschen Volkssenders mit Sitz in Moskau. An Aufbau und Stil des Vorboten erkennt man die Erfahrungen, die Lechleiter als Redakteur bei der Arbeiter-Zeitung gesammelt hat. Aber kaum zu übersehen ist auch die persönliche Eitelkeit Lechleiters als belesener Mensch, wenn er ganze Verse von Heinrich Heine, Theodor Storm und Friedrich Schiller in der Zeitung abdruckt oder Friedrich Nietzsche zitiert. Rudolf Langendorf schreibt in seinem Gnadengesuch zur Persönlichkeit Lechleiters: »Lechleiter galt in den früheren Parteikreisen der KPD von jeher als Sonderling. […] ein früherer maßgeblicher Funktionär der KPD sagte mir einmal: Nie im Leben würde ich mit Lechleiter illegale Arbeit machen, denn das bedeutet sicheres Verderben.«21 Finanziert wurde der Vorbote zum Teil aus Spenden, die ursprünglich für die Angehörigen von politisch Verfolgten vorgesehen waren.22 Nicht unproblematisch, denn damit wurde ein Teil des gesammelten Geldes zweckentfremdet. Bei der Auflage des Vorboten gehen Oppenheimer und Salm von 60 bis 200 Exemplaren pro Ausgabe aus. Laut Anklageschrift waren es 30 bis 50.23 Gemessen an der Stärke der KPD bis 1933 war dies keine übermäßig hohe Auflage. Als gesichert kann gelten, dass der Vorbote in metallverarbeitenden Betrieben, wie der Firma Lanz im Mannheimer Stadtteil Lindenhof, im Strebelwerk am Altrhein sowie bei Bopp & Reuther im Stadtteil Waldhof verteilt wurde – allesamt Großbetriebe mit mehr als tausend Beschäftigten, einst Hochburgen der KPD. Die Enttarnung der Lechleiter-Gruppe Durch einen Zufall erhielt die Gestapo Kenntnis von der Existenz des Vorboten. Anfang Januar 1942 fanden zwei Elektriker bei Reparaturarbeiten im Keller des Hauses von KPD-Mitglied Ernst Hahner im Stadtteil Waldhof zwei Exemplare des Vorboten und brachten dies bei der Gestapo zur Anzeige. Am 7. Januar 1942 wurden Ernst Hahner und sein 15-jähriger Sohn verhaftet.24 Ausschlaggebend für die Enttarnung der Gruppe allerdings dürfte der unglaubliche Leichtsinn von Daniel Seizinger, Gründungsmitglied der KPD, gewesen sein, der zum engeren Kreis um Lechleiter und Faulhaber gehörte. Seizinger hatte nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft eine Beschäftigung im Elektro- und Radiogeschäft von Kurt Burchardt in Waldhof gefunden. Burchardt war Angehöriger der Waffen-SS. In Gesprächen mit Seizinger hatte er sich des Öfteren negativ über den Nationalsozialismus geäußert. Seizinger nahm das zum Anlass, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und händigte ihm Ende Dezember 1941 einen Vorboten aus. Am 12. Januar 1942 richtete Burchardt dann ein Schreiben an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin, in dem er den Vorgang schilderte. Am Schluss schreibt er: »Mir sind durch mein Radiogeschäft und durch die Reisetätigkeit, die Seizinger bei mir ausübt, verschiedene Anhänger der ehemaligen KPD bekannt, teilweise sogar als Kunden, mit denen Seizinger häufig zusammenkommt und wohl nach wie vor seine Fäden spinnt. Ich bin bereit, mich zur weiteren Aufklärung des Falles zur Verfügung zu stellen.«25 Lechleiter, Faulhaber und drei weitere Personen, die zum engeren Kreis der Lechleiter-Gruppe gehörten, wohnten auf dem Waldhof, unter ihnen, auch das war der Gestapo bekannt, befand sich nur ein einziger, der journalistische Erfahrung hatte: Georg Lechleiter. Knapp sechs Wochen nach Burchardts Schreiben wurden am 26. Februar 1942 Georg Lechleiter, Jakob Faulhaber, Rudolf Langendorf, Ludwig Moldrzyk und Anton Kurz verhaftet. Seizinger war es zunächst gelungen, unterzutauchen, aber am 19. März wurde auch er festgenommen. Tage später verhaftete die Gestapo Käthe und Alfred Seitz, Eugen Sigrist, Philipp Brunnemer, Max Winterhalter, Robert Schmoll, Rudolf Maus und Johann Kupka. Damit waren all jene festgenommen, mit denen der Druck und die Verteilung des Vorboten im direkten Zusammenhang gestanden hatten. Der vermeintliche Verräter Da der gesamte Aufbau der Gruppe in seiner Struktur und in der Funktionsweise nur Lechleiter und Faulhaber bekannt war, stellt sich zwangsläufig die Frage, woher die Gestapo ihre detaillierten Kenntnisse hatte. Salm schreibt dazu: »Die Denunziation des SS-Mannes Burchardt und die Vorgänge im Keller Hahners waren schlimme Vorzeichen. Die Widerstandskämpfer waren in äußerster Gefahr und wußten es. Doch diese Ereignisse hätten wohl nicht zu den umfassenden Verhaftungen und zum Tod von 22 Mannheimer und Heidelberger Bürgern geführt. Es war noch Schlimmeres geschehen. Der Gestapo war es gelungen, einen Agenten in die Organisation einzuschmuggeln. Das war Gustav Süß.«26 Süß war Mitglied der KPD und gehörte in den Zwanzigerjahren zu den sogenannten Rechtsoppositionellen. Er schrieb Artikel für die Arbeiter-Zeitung und war mit Lechleiter befreundet. Von 1933 bis 1939 saß er im Gefängnis bzw. im KZ Dachau. Ihren Ausgangspunkt hat diese These vom Verräter Süß bei Lechleiter selbst. Ihm war es gelungen, aus dem Gefängnis in Socken, die seine Frau zum Waschen erhielt, mitzuteilen, dass »Süß uns alle auf dem Gewissen hat«.27 Süß war am 22. Juni 1941 in Heidelberg bei dem Gespräch dabei gewesen, als man die Herausgabe des Vorboten aktiv in Angriff nahm. Schwer vorstellbar, dass die Gestapo die Gruppe acht Monate lang trotz ihres vermeintlichen Top-Agenten hatte gewähren lassen, ohne einzugreifen. Um die Theorie vom Agenten glaubhafter erscheinen zu lassen, behauptet Oppenheimer: »Süß hat sich seine vorzeitige Entlassung aus dem KZ erkauft.«28 Das ist ebenso falsch, wie es in hohem Maße perfide ist. Gustav Süß war am 31. Juli 1933 in Mannheim wegen Kuriertätigkeit für die KPD verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.29 Diese Strafe hat er nicht nur im vollen Umfang abgesessen, sondern wurde anschließend in Schutzhaft genommen. Die Schutzhäftlinge waren keine Verurteilten, gegen sie hatte es keine Gerichtsverfahren gegeben, somit auch keine Urteile, die ein Strafmaß festlegten. Schon deshalb konnten sie aus formalen Gründen nur »entlassen«, aber nicht »vorzeitig entlassen« werden.30 Langendorf schreibt in seinem Gnadengesuch: »Bei einem der letzten Besuche Lechleiters überbrachte er mir Grüße von Süß und er lasse sich entschuldigen, daß er mich nie besuche. […] Es ist mir klar, daß Lechleiter mich bei Süß herausstreichen musste, um Süß zur Mitarbeit zu bewegen.«31 Auch diese Aussage spricht nicht unbedingt dafür, dass Süß regelmäßigen Kontakt zu Lechleiter hatte, ganz zu schweigen von einer Funktion in der Gruppe. Und seine Gründe dürften denen von Langendorf geähnelt haben. Dieser schreibt in seinem Gnadengesuch an anderer Stelle: »Vor der Jahresfrist machte er [Lechleiter] einmal Andeutungen wegen illegaler Arbeit. Ich versichere hier, daß ich ihm damals die Gefährlichkeit eines solchen Unternehmens vor Auge geführt habe und ich klar zu erkennen gab, daß er mit meiner Mitarbeit nicht rechnen könne.«32 Belastet wurde Süß jedoch durch die Aussage des ehemaligen Kriminalsekretärs Johann Weiss aus Neustadt a. d. Haardt, der zu Protokoll gab: »Ich wurde im Jahr 1937 von der Passkontrollstelle Saarbrücken zur Gestapo nach Neustadt befohlen. Den fraglichen Süß sah ich zum ersten Mal bei dem Gestapo-Chef Käppel, und zwar kann das im Jahr 1942 gewesen sein. Käppel erklärte mir bei dieser Gelegenheit, daß Süß ein sehr wertvoller Mann sei und in der Sache Mannheim viel gutes Material geliefert habe. Zu der Mannheimer Angelegenheit kann ich leider nichts Näheres schreiben, weil ich nur Unterorgan war und die Bearbeitung dieses Falls streng vom Chef allein bearbeitet wurde.«33 Hier geht es also um das Jahr 1942, die Lechleiter-Gruppe war aber bereits 1941 gegründet worden, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass es den Kontakt von Gustav Süß zur Gestapo bereits vor der Verhaftung der Mitglieder der Lechleiter-Gruppe gegeben hatte. Denkbar ist ein ganz anderer Zusammenhang: In der Vernehmung hatte Lechleiter neben Langendorf auch Süß als Empfänger des Vorboten genannt. Zu Langendorf heißt es in der Urteilsbegründung: »So ist Langendorf durch die Aussage von Lechleiter überführt, diesem zumindest einmal eine Geldspende und den Aufsatz ›Die geplatzten Nähte‹ zur Veröffentlichung im Vorboten überlassen zu haben, und durch Lechleiter, zusammen mit einer Aussage von Moldrzyk, wurde Robert Schmoll belastet. Die Einlassungen von Moldrzyk und Lechleiter ergeben ferner, daß Schmoll etwa vier- bis fünfmal an Besprechungen über die Bildung einer kommunistischen Zelle im Betrieb bei Boveri & Brown teilgenommen und seine Mitarbeit zugesagt hat.«34 Die Darstellung in der Urteilsbegründung zur Belastung von Langendorf durch Lechleiter deckt sich mit der Aussage von Langendorf in dessen Gnadengesuch: »Wenn ich bei der Herausgabe der illegalen Zeitung führend oder auch nur beratend teilgenommen hätte, so würde ich wahrscheinlich verschmäht haben, ein Gnadengesuch einzureichen. So wie die Dinge aber wirklich liegen und namentlich nach dem Verhalten, das Lechleiter bei der Verhandlung mir gegenüber an den Tag gelegt hat, glaube ich, daß man mir die Berechtigung zu einem solchen Gesuch nicht absprechen kann.«35 Der Name Süß wird im ganzen Verfahren nur ein einziges Mal genannt, in der Anklageschrift Langendorfs im Rahmen der Anschuldigung gegen Lechleiter: »Ferner gab er einem gewissen Süß jeweils 10 bis 12 Stück [des Vorboten, K.-H. S.-P.].«36 Es spricht vieles dafür, dass Lechleiter den Namen Süß selbst ins Gespräch gebracht hat. Die Anklageschrift nennt noch weitere Namen von Mitgliedern der Gruppe. Demzufolge hätte Lechleiter mehrere Personen durch seine Aussage belastet. Auch wenn dies unter der Folter geschah, ändert das nichts an den Tatsachen. Süß wurde acht Wochen nach der Hinrichtung der 14 Mitglieder der Lechleiter-Gruppe Anfang November 1942 verhaftet. Über die Gründe gibt es in den Akten keine verwertbaren Hinweise. Nach Wiederherstellung seiner Wehrwürdigkeit, die ihm als politisch Verurteiltem aberkannt worden war, wurde er schließlich zur Wehrmacht eingezogen.37 Im ersten Verfahren, das am 15. März 1942 in Mannheim vor dem Volksgerichtshof eröffnet worden war, wurden am 15. Mai 1942 14 Personen zum Tode verurteilt und am 15. September 1942 in Stuttgart hingerichtet. In einem zweiten Verfahren wurden am 2. Oktober 1942 weitere fünf Personen zum Tode verurteilt und am 24. Februar 1943 hingerichtet. Bei der Frage nach dem Verbleib von Gustav Süß nehmen die Darstellungen der beiden kommunistischen Autoren schon einen geradezu zwielichtigen Charakter an. Oppenheimer schreibt: »Am 4. November 1942 wurde Süß zur Wehrmacht eingezogen und kam an der Ostfront zum Einsatz. Als in den ersten Nachkriegsjahren seine Rolle geklärt werden sollte, verschwand er von einem Tag auf den anderen. Seither fehlt von ihm jede Spur.« 38 Woher wusste Oppenheimer das? Offiziell galt Süß als vermisst. Dies ergibt sich aus einem Gutachten »über das Schicksal des Verschollenen Gustav Süß« des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) München aus dem Jahr 1972. Darin heißt es u. a.: »Das Ergebnis aller Nachforschungen führt zu dem Schluß, daß Gustav Süß mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Kämpfen, die im Oktober 1943 im Raum Kanew, etwa 90 Kilometer südostwärts von Kiew geführt wurden, gefallen ist.«39 Diese Aussage wurde mit einem weiteren Schreiben des DRK München am 19. Juni 2009 aktualisiert: »Neue Meldungen über den Verbleib oder den Tod von Gustav Süß liegen uns nicht vor.«40 Das Schicksal von Süß konnte erst in Zusammenarbeit mit dem Suchdienst des DRK aufgeklärt werden. Der zuständige Abteilungsleiter schrieb an den Autor am 26. Juni 2009: »Ich habe eine Fortsetzung, die nach der Vorgeschichte – vermisst in Russland – zunächst nicht passte. Wenn Sie aber sagen ›Überläufer‹ und ›überlebt‹, dann passt wieder etwas zusammen. Gustav Süß *1903, Journalist/KPD Funktionär, verh., ein Kind, zuletzt wohnhaft Berlin Ost, für die SED tätig, verhaftet durch den NKWD am 12. 07. 1946 in Mecklenburg als Agent der Gestapo eingeliefert ins NKWD Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen dort verstorben am 30. 12. 1947.« Ein Schreiben des Suchdienstes des DRK München an das Rote Kreuz in Moskau vom 26. Juni 2009 wurde am 19. März 2010 folgendermaßen aus Moskau beantwortet: »Gustav Süß, geb. 1903 in Neustadt, Deutscher, wurde am 6. 10. 1946 gemäß Artikel 58-2 StGB der RSFSR vom Militärtribunal zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren, zu verbüßen in einem Arbeitslager, verurteilt.«41 Zum Zeitpunkt seiner Festnahme gehörte Gustav Süß als Lektor dem Stab von Walter Ulbricht an.42 Vier Tage nach der Verhaftung von Süß wandte sich Anna Lechleiter in einem Brief in dieser Angelegenheit »Betr.: Fall Spitzel Gustav Süß, Aktenzeichen Br./V« an das ZK der SED. Sie teilte darin mit: »Soeben erhalte ich von Anette Langendorf von der Landesleitung Baden der KPD die Mitteilung, daß Gustav Süß in Berlin festgenommen wurde und ich Euch Angaben machen soll, was ich über den Fall weiß.« Handfeste Beweise lieferte Anna Lechleiter allerdings nicht. Es wirkt schon geradezu hilflos, wenn sie schreibt: »Wenn es für mich noch einen Zweifel gegeben hätte, ob Süß der Verräter sei, so wurde er mir genommen, als mein Mann in seinem ersten Brief aus dem Gefängnis folgende Bemerkung machte: ›Du kannst Dir denken, was das für mich ist, von einem Menschen, dem man volles Vertrauen entgegen gebracht hat, so schmählich hintergangen worden zu sein.‹«43 In einem Schreiben eines Mitglieds der Familie Lechleiter an den Autor aus dem Jahr 2003 wird der Vorgang glaubhaft wie folgt dargestellt: »Anlässlich eines Termins im ZK SED erkannte sie [Antonie Langendorf, K.-H. S.-P.] den dort ein- und ausgehenden Süß. An ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, schrieb sie an das ZK, um vor Süß zu warnen und seine Verhaftung zu verlangen.«44 Es erfolgte die Festnahme. Später legte Antonie Langendorf hinsichtlich des Verbleibs von Süß eine falsche Spur, indem sie davon sprach, dass »Süß zuletzt im amerikanischen Internierungslager in Darmstadt gesehen worden sei.«45 Auf diese Weise versuchte sie von der Tatsache abzulenken, dass Süß vom sowjetischen NKWD verhaftet worden war. Als gesichert darf in diesem Zusammenhang angesehen werden, dass Süß vor der Inhaftierung der Mitglieder der Lechleiter-Gruppe nicht als Informant der Gestapo tätig war. Süß wurde, dafür spricht einiges, vorgeschoben, um von der Bedeutung der Aussagen Lechleiters vor Gericht abzulenken. Alles in allem hätte es genügt, den Vorboten, den Oppenheimer im Dokumententeil seines Buches abgedruckt hatte, in Verbindung mit Veröffentlichungen zur Geschichte der KPD gründlich zu lesen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass es sich bei der Lechleiter-Gruppe um eine kommunistische Gruppe handelte, deren Ziel nicht ein »demokratisches Deutschland«, sondern »Sowjet-Deutschland« war. Nicht zuletzt durch die Einsicht der Akten aus den Archiven der ehemaligen DDR konnte nun auch im Detail nachgewiesen werden, dass die kommunistische Geschichtsforschung es mit der Wahrheit nicht so genau nahm und sie notfalls skrupellos den Interessen der Partei untergeordnet hat. 1 Siehe Hermann Weber: Kommunistischer Widerstand, Vorläufiges Manuskript, UB Mannheim A5, Bibliotheksbereich Sozialwissenschaften (Präsenzbestand), Mannheim 1981, 5300 We 374, S. 26 sowie Erich Matthias/Hermann Weber (Hg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim, Mannheim 1984, besonders S. 323. 2 Siehe Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Biographisches Lexikon, Berlin (Ost) 1970, S. 270 sowie Walter Ulbricht (Hg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von Januar 1933 bis Mai 1945, Bd. 5, Berlin (Ost) 1966, S. 315. 3 Max Oppenheimer: Der Fall Vorbote, Frankfurt/M. 1970, S. 3. 4 Der Vorbote: 1941, Dezember-Ausgabe, Stadtarchiv Mannheim, Dokumentation des Widerstands, Nr. 62, S. 13. 5 Ebd., September-Ausgabe, Nr. 59, S. 4. 6 Ebd., Dezember-Ausgabe, Nr. 62, S. 11. 7 Michael Caroli: 1939–1945 – Der Sturz in die Katastrophe, in: Ulrich Nieß/Michael Caroli (Hg.): Geschichte der Stadt Mannheim, Bd. 3, Mannheim 2009, S. 389. 8 Lagebericht der Geheimen Staatspolizeistelle Karlsruhe vom 5. Januar 1938 über die illegale marxistische und kommunistische Bewegung für das Jahr 1937; Dokument (Kopie) siehe Nachlass Fritz Salm, Stadtarchiv Mannheim unter Nachlass Fritz Salm. 9 Fritz Salm: Im Schatten des Henkers. Vom Arbeiterwiderstand in Mannheim, Frankfurt/M. 1973, S. 142. 10 Lagebericht (Anm. 8). 11 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 50. 12 Ebd., S. 32. 13 Salm: Im Schatten des Henkers (Anm. 9), S. 204 f. 14 Der Vorbote: September-Ausgabe, Stadtarchiv Mannheim (Anm. 4), Nr. 59, S. 1. 15 Ebd., S. 4. 16 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 42. 17 Ebd., S. 41 f. 18 Salm: Im Schatten des Henkers (Anm. 9), S. 204 f. 19 Gnadengesuch von Rudolf Langendorf vom 25. Juni 1942, Bundesarchiv Berlin, ZC 1126. 20 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 37. 21 Gnadengesuch Rudolf Langendorf (Anm. 19). 22 Siehe Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 44. 23 Anklageschrift vom 21. April 1942, Bundesarchiv Berlin, NJ 1635, S. 12. 24 Siehe Wiedergutmachungsakte Ernst Hahner, Generallandesarchiv Karlsruhe, 480/272 u. 70390. 25 Schreiben von Kurt Burchardt an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin vom 12. Januar 1942, als Beweismittel in der Anklageakte gegen Seizinger, Bundesarchiv Berlin, ZC 1126. 26 Salm: Im Schatten des Henkers (Anm. 9), S. 198. 27 Brief von Anna Lechleiter vom 16. Juli 1946 an das ZK der SED, Kopie im Besitz des Autors. 28 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 85. 29 Siehe J. Klaus Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946–1950, Mainz 2001, S. 494. 30 Siehe Christian Zentner (Hg.): Das große Lexikon des Dritten Reichs, München 1985, S. 526. 31 Gnadengesuch Rudolf Langendorf (Anm. 19). 32 Ebd. 33 Nach Aufforderung durch die KPD-Bezirksleitung Pfalz gab Ludwig Westermann, Kreisvorsitzender der KPD Frankenthal/Pfalz, am 2. August 1945 im Zusammenhang mit den Vorgängen um die Lechleiter-Gruppe eine Erklärung ab; Stadtarchiv Ludwigshafen, N1, Nr. 151. 34 Anklageschrift beim Volksgerichtshof vom 21. April 1942, Bundesarchiv Berlin, NJ, 1935, S. 16. Obwohl diese Betriebszelle nie bestanden hat – wovon selbst die Anklage ausging –, wurde Schmoll ebenfalls hingerichtet. 35 Gnadengesuch Rudolf Langendorf (Anm. 19). 36 Anklageschrift (Anm. 34), S. 16. 37 Zur erneuten Verhaftung von Süß, siehe Schreiben der Gestapo Neustadt a.d.H. vom 9. November 1942 an das Wehrbezirkskommando, Landesarchiv Rheinland-Pfalz Speyer, H 91, Nr. 6937 sowie zur Wiederherstellung der Wehrwürdigkeit von Süß, siehe Schreiben des Generalstaatsanwalts von Stuttgart an das Reichsjustizministerium vom 19. August 1942, Bundesarchiv Berlin, NJ 10672. 38 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 86. 39 Deutsches Rotes Kreuz (DRK) in der Bundesrepublik Deutschland, Suchdienst München, Gutachten vom 16. Oktober 1972. 40 Schreiben des DRK (Anm. 39) an den Autor vom 19. Juni 2009. 41 Schreiben des DRK (Anm. 39) an den Autor vom 19. März 2010. Stimmt mit dem Eintrag im Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen überein. 42 Siehe Michael Kubina: Der Aufbau des zentralen Parteiapparats der KPD 1945–1946, in: Manfred Wilke (Hg.): Die Anatomie der Parteizentrale. Die KPD/SED auf den Weg zur Macht, Berlin 1999, S. 78. 43 Brief von Anna Lechleiter aus Zürich an das ZK der SED vom 16. Oktober 1946, Kopie im Besitz des Autors. 44 Schreiben eines Mitglieds der Familie Lechleiter an den Autor vom 3. Januar 2003. 45 Ebd.

JHK 2012

Von der »ewigen Jugend« zum »ewigen Altern«. Über die Vergänglichkeit von »Klassenkampf«-Erfahrungen in der DDR

Jan Kiepe

»Heute«, schrieb der langjährige Kommunist Franz Dahlem in seinen 1982 posthum veröffentlichen Jugendjahren, »weiß ich aus eigener Erfahrung, daß die Vernachlässigung der theoretischen Arbeit und der Ausrüstung der Kader mit den geschichtlichen Erfahrungen der Bewegung untrügliche Anzeichen dafür sind, dass sich die Partei in der Gefahr befindet, ihren revolutionären Charakter zu verlieren«.1 Mit seinen autobiografischen Aufzeichnungen stand Dahlem in einer Reihe mit anderen SED-Veteranen, die sich in ihren Memoiren als Vorbilder für die Jugend zu präsentieren und zur Nachahmung zu animieren versuchten. Auch wenn sie in die Jahre gekommen und einige Weggefährten bereits gestorben waren, verstanden sie ihr Bewusstsein als »ewig jung« und dem revolutionären Fortschritt verpflichtet. Ihre biografische Prägung bot den essenziellen Beweis für dieses weniger an biologischen, als vielmehr an politisch-ideologischen Maximen orientierte Jugendbild.2 Gleichzeitig beförderte dieses Selbstbild gravierende Vermittlungs- und Verständigungsschwierigkeiten. Nicht erst zu Beginn der Achtzigerjahre erkannte die gealterte SED-Parteiführung, dass die Staatsjugend dem »realsozialistischen« Leben eine von ihren Erfahrungen und Erwartungen differierende Bedeutung zusprach. Während die, wie die jüngste historiografische Generationsforschung zeigt, in der DDR der Sechziger- und Siebzigerjahre Geborenen gern vom materiellen Wohlstand der Honecker’schen »Wirtschafts- und Sozialpolitik« profitierten, nahmen sie die Parteipropaganda der SED meist als sinnentleert wahr. Umso mehr erwarteten langjährige Kommunisten, dass sich die Staatsjugend als würdige Erbin ihrer »kämpferischen« Erfahrungen erwies.3 Erscheint das spezifisch kommunistische Jugendverständnis aus heutiger Sicht auch als paradox, war es seit 1945/46 ein grundlegendes Element in der SED-Diktatur. Gleichzeitig trug es, so die These der folgenden Ausführungen, zu ihrem Untergang bei. Denn im Herbst 1989 regierten Männer die DDR, deren biografischer Erfahrungshorizont in die Weimarer Republik zurückreichte. Diese Protagonisten des deutschen Kommunismus beriefen sich auf eine Sprache, die »in den zwanziger Jahren verwurzelt« war.4 Selten konnten sie die Ansichten und Forderungen von Nachgeborenen begreifen, denen das besondere politische Verständnis der Jugend fremd blieb – denen es fremd bleiben musste, weil es die gesellschaftliche und die persönliche Lebenswirklichkeit konterkarierte. Die Vermutung, dass hier ein im Verständnis lebensgeschichtlicher Erfahrungsmuster typischer Generationskonflikt vorlag, erfasst das Problem nur unzureichend.5 Übersehen wird dabei die spezifisch politisch-ideologische Konnotation des kommunistischen Jugendverständnisses: seine Sinnstiftungsfunktion. Das Argument der folgenden Darlegungen geht daher von der geschichtsphilosophischen Beobachtung Reinhart Kosellecks aus, wonach das moderne Geschichtsverständnis auf einer »Altersmetaphorik« und »darin enthaltenen Ablaufzwängen« aufbaue. »Es gehörte«, so Koselleck, »zur Topologie der auf die Geschichte angewandten Lebensalter, daß die Definierenden sich gerne die Jugend zueignen, um den anderen oder dem Feind die Zwangsläufigkeit des früheren Alterns und damit die vorzeitige Gewissheit des Todes zuzuschieben. So sind alle Altersbestimmungen ideologisch besetzbar und je nach Perspektive austauschbar.«6 Diese allgemeine Aussage wird hier auf das marxistisch-leninistische Denken bezogen, demzufolge sich die Gesellschaft naturgesetzgleich entwickelte. Dieses Denken ging vom dialektischen und vom historischen Materialismus, den beiden Grundpfeilern des »wissenschaftlichen Sozialismus«, aus.7 Auch wenn es sich in der DDR zu einem Dogma verfestigte, blieben die Veteranen überzeugt, die Arbeiterklasse als quantitativ dominante Kraft im »Kampf« für den Sozialismus anzuleiten. Die Jugend diente nicht nur als personelle, sondern auch als ideologische Ressource. Blieb die Jugend biologisch begrenzt, sollte sie im politisch-regenerativen Verständnis »ewig« währen. Ursprünge wie Veränderungen und Verdichtungen dieses besonderen Jugendverständnisses werden im Folgenden entlang von drei Perioden nachgezeichnet: von der Weimarer Republik über den Aufbau bis hin zum Niedergang der DDR. Über diese Zeitspanne lässt sich die weitgehend wechselvolle Entwicklung zwar nur punktuell, aber doch entlang einschneidender Abschnitte aufzeigen. I. Ursprünge des kommunistischen Jugendverständnisses In seinen Memoiren aus dem Jahr 1980 bezeichnete Erich Honecker das »revolutionäre Programm« der KPD der Weimarer Republik als »vom ewig jungen Gedanken der Weltveränderung« getragen.8 Damit revitalisierte der Staats- und Parteichef den Topos der »ewigen Jugend« (Siegfried Weichlein), der sich in der kommunistischen und in Teilen der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung der Zwanziger- und Dreißigerjahre herausgebildet hatte.9 Spezifische Jugendbilder waren seinerzeit auch außerhalb dieser Kreise entworfen worden. Der gesamtgesellschaftlich spürbare »Zusammenbruch der traditionellen Bindungen und Aufsicht« bildete eine Schubkraft. Denn durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg hatten traditionelle Autoritäten an Einfluss und – vielmehr noch – an Ansehen verloren. Partei- und klassenübergreifend »kämpfte« die (deutsche) Jugend gegen eine den Erwachsenen zugeschriebene Starre, die, so die Wahrnehmung, den Fortschritt in die Zukunft vereitelte. Die jungen Vertreter in dieser nachträglich als Generationskonflikt par excellence bezeichneten Konstellation forderten nicht allein die Reformierung, sondern vielmehr noch die revolutionäre Überwindung der bestehenden Ordnung. Selbst die junge politische Rechte erwartete eine »neue Zeit«.10 Während sich die Protagonisten der »Konservativen Revolution« vom »verhassten Parteiensystem« abgrenzten und für einen »volksgemeinschaftlichen Führerstaat« eintraten, »kämpften« junge Sozialisten und Kommunisten innerhalb und außerhalb des parteipolitischen Rahmens. Einen zentralen Bezugs- und gleichzeitigen Abgrenzungspunkt bildete die als »starr« und »verknöchert« wahrgenommene SPD. Der Vorwurf betraf weniger das faktische Lebensalter von Sozialdemokraten – im Vergleich zur SPD gehörten der KPD nur unwesentlich mehr junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren an – als vielmehr die als »konterrevolutionär« verstandene Politik.11 Im Zuge der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg während der »Novemberrevolution« von 1918/19 habe sich, so der zentrale Vorwurf, der sozialdemokratische »Verrat« an der Arbeiterklasse manifestiert. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren die zwei späteren Gründer der KPD durch ihre Reden vor jungen Mitgliedern der SPD zu Symbolfiguren »des Widerstandes gegen den Krieg und das herrschende Regime« geworden. Das lebenslange Engagement dieser zum Zeitpunkt ihres Todes bereits 47 Jahre alten Vorbilder bewies, dass das Bewusstsein jung bleiben konnte, dass es jung bleiben musste, um im »Klassenkampf« zu bestehen.12 Trotz des seit Mitte der Zwanzigerjahre deutlicher werdenden Einflusses des sowjetischen Kommunismus, hielt die KPD am Kult um Liebknecht und Luxemburg fest. Auch die im kleinen Rahmen wiederkehrende Beschwörung ihres Schicksals beförderte das »zeitgenössische Interpretament eines jugendlichen Kommunismus«.13 Das Gefühl der Zugehörigkeit zur, wie Erich Honecker in seinen bereits zitierten Memoiren schrieb, »politisch wie persönlich verschworene[n] Gemeinschaft« von Gleichgesinnten, war nicht nur eine nachträgliche Stilisierung, sondern auch eine unmittelbare Erfahrungswirklichkeit junger Kommunisten.14 Nicht allein die »Zunahme physischer Gewalt im politischen Alltag« der Weimarer Republik, sondern auch alltägliche und weitere (politische) Faktoren trugen zu dieser bereits zur damaligen Zeit als »bündisch« wahrgenommenen Sozialisations- und Vergemeinschaftungsform bei. Historische Milieustudien machen deutlich, wie Zeitgenossen den sozialen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen Herr zu werden versuchten, indem sie staatlichen Interventions- und Regulierungsmaßnahmen bisweilen gewalttätig entgegentraten. Dabei bildete eher das unmittelbare Erleben der Umbrüche als eine übergeordnete politische Idee das Hauptmotiv für derlei Aktivitäten.15 Der alleinige Blick hierauf würde jedoch die avantgardistischen Absichten in der Arbeiterjugendbewegung übersehen. Wie das bürgerlich-bündische Pendant wanderten und sangen ihre Anhänger ebenfalls; außerdem bildeten sie sich außerhalb staatlicher Schulen fort, um auf den erwarteten revolutionären Moment vorbereitet zu sein und den im marxistischen Sinne gedachten Fortschritt zum Sozialismus zu steuern. Zwar bezweifelt die Forschung, dass sich die Teilnehmer dieser Schulungen zu selbstständig denkenden Menschen entwickelten; entscheidend war hingegen, dass sie sich einer Avantgarde zugehörig fühlten und sich dessen immer wieder versicherten.16 Die »Suche nach Ganzheit«, die die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Anne Harrington als zentralen Zug der Gesellschaft der Weimarer Republik ausmacht, prägte auch die kommunistische Organisationskultur. Das dort geläufige avantgardistische Selbstbild hob sich jedoch von den seinerzeit in sämtlichen sozialen Schichten geführten Debatten über den »neuen Menschen« oder reformpädagogische Ideen und Maßnahmen ab. Während hierbei lediglich vom Kommenden gesprochen wurde, verstanden sich die Jungkommunisten als aktive Wegbereiter des Fortschritts. Sie stellten sich selbst wie ihr Bewusstsein, ihr Leben, in den Dienst einer für die revolutionäre Veränderung der Welt kämpfenden Bewegung.17 Die nationalsozialistische Machtübernahme sowie die Verhaftung und Ermordung Tausender von Genossen seit Januar 1933 leiteten dann jedoch das vorläufige Ende des revolutionären Vorhabens ein. Der Sieg der Roten Armee über das Dritte Reich, das Überleben im Exil, in den Konzentrationslagern und den Zuchthäusern ließen den kommunistischen Jugendtopos zwölf Jahre später aber wieder aufleben. Wenn auch unter anderen als den prognostizierten revolutionären Bedingungen, erschien es nun möglich, die lang ersehnte, neue Gesellschaft aufzubauen. Maßgebend waren nicht allein das sowjetische Vorbild, sondern auch die Erfahrungen aus der Partei- und Bewegungskultur der Weimarer Zeit. Davon zeugt die Rhetorik des »Kampfes« und der »Aktion«, an die die Agitation und Propaganda der SED anknüpften.18 II. Jugend in der frühen SBZ/DDR »Ich fühle mich«, wie ein Teilnehmer bei der zentralen Mitgliederversammlung der Leipziger SPD im Februar 1946 vortrug, »der Generation zugehörig, von der Genosse Lehmann behauptete, daß sie allzuviel mit dem Herzen und mit stürmischem Gefühl Politik mache und zu wenig mit dem Kopf. Das ist das Vorrecht der jungen Menschen, die Dinge anders und lebendiger zu betrachten, als viele, die gereift sind und nur ihre Bärte wackeln lassen. Ich möchte betonen, daß es die Generation ist, die welche sich [sic!] in diesem letzten Kriege die meisten Opfer bringen mußte und die darum auch zu diesen Fragen aus einer ganz anderen Überlegung heraus Stellung nimmt als die älteren Kameraden und Genossen.«19 Auch bei Zusammenkünften der wenige Monate später gegründeten SED forderte die Parteijugend, dass ihre Ansichten besser berücksichtigt würden.20 Erinnerten die Argumente auch an den aus der Weimarer Republik bekannten kommunistischen Jugendtopos, waren sie hier, wie der Hinweis auf »die meisten Opfer« zeigt, von anderen Erfahrungen geprägt. Die für die Veteranen wie für die umworbene Jugend unvergesslichen Erlebnisse der zwölfjährigen NS-Diktatur und des fast sechsjährigen Krieges ebenso wie die Herrschaftsabsichten der SED leiteten einen partiellen Wandel im bis dahin gültigen kommunistischen Jugendbild ein. Ein Kriterium zur Distinktion bildete etwa das »Parteialter«, das die Dauer der Mitgliedschaft anzeigte und klar zwischen alten und neuen Mitgliedern unterschied. Weitere Rahmenbedingungen sorgten dafür, dass sich bis dahin gängige Kriterien verschoben und neue hinzugefügt wurden. Die Jugend bildete, das hat die historische Forschung wiederholt festgestellt, eine wichtige personelle Ressource für den Neuanfang in der SBZ/DDR, während in der Bundesrepublik vor allem die biologisch Alten wichtige Ämter besetzten.21 Mit der Wiederzulassung politischer Parteien im Osten im Sommer 1945 entstanden antifaschistische Jugendverbände, die im Februar des folgenden Jahres in der FDJ aufgingen. Bis 1989 eröffnete die Mitgliedschaft in der FDJ eine Karriere in den Staats- und Parteiämtern. Tausende von Jugendlichen profitierten von diesem zunächst als »antifaschistisch« titulierten Elitenwechsel, den die SED anleitete, während sie dabei von Vertretern der Sowjetunion mehr oder weniger kontrolliert wurde. Die personellen Veränderungen seien, so eine These der Forschung, »revolutionär« gewesen. Diejenigen ersetzten die alte, als »reaktionär« bezeichnete Elite, die angesichts ihrer Klassenzugehörigkeit von den sozialen Aufstiegsmöglichkeiten kurz zuvor nur hatten träumen können.22 Über lange Zeit wurde in der historiografischen Forschung das Motiv der politischen »Unschuld« hervorgehoben, aufgrund dessen die SED beim Neuaufbau vor allem auf Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren zurückgriff. Stärker noch als die erwachsenen Arbeiter und Bauern seien sie, so ein Strang im antifaschistischen Mythos, Opfer Hitlers und des kriegslüsternden »Kapitals« gewesen.23 Neuere Arbeiten betonen jedoch, dass das Jugendbild im Osten (wie im Westen) Deutschlands sehr viel ambivalenter diskutiert worden ist. Galt auch die Nachkriegsjugend für den Aufbau als besonders förderwürdig, sahen überlebende Kommunisten und Sozialdemokraten in der SBZ sie zugleich als durch den Nationalsozialismus besonders belastet an. Tausende derjenigen, die vom Elitenwechsel in der SBZ/DDR profitieren sollten, hatten zuvor der HJ und dem BDM angehört, sich aktiv für den Bestand des Dritten Reiches eingesetzt und die nationalsozialistischen Verbrechen billigend in Kauf genommen. Nun konnten sie sich bewähren und ihren Veränderungswillen unter Beweis stellen.24 Neben aller Euphorie und Zuversicht gegenüber dem Neuaufbau gab es für Kommunisten und Sozialisten also gute Gründe, der Jugend nur bedingt zu vertrauen. Vor allem überlebende Veteranen waren vorsichtig. »Mit 25 Jahren bin ich in den Kerker gekommen – mit 35 Jahren verlasse ich das KZ«, beschrieb Heinz Brandt, der 1958 aus der DDR in die Bundesrepublik floh, die unvergesslichen Folgen, die er mit zahlreichen weiteren Genossen teilte. Entscheidende Lebensjahre hatten sie in der Haft oder im Exil verbracht. Gleichzeitig hatte das dabei Erlebte sie bestärkt, weiter zu »kämpfen«.25 Diese Erfahrung bildete ein markantes Element im Selbstverständnis der geistig jung gebliebenen, körperlich jedoch gealterten und gezeichneten Kommunisten und Sozialisten. Die Erfahrung trennte sie aber auch von den Jugendlichen, um deren Engagement sie nun warben. Denn wenn sie das lang Ersehnte umsetzen wollten, brauchten sie die Hilfe derjenigen, denen sie misstrauten, deren Bewusstsein sie durch Schulungen und weitere Bewährungsoptionen aber in die richtigen Bahnen zu lenken versuchten. Die SED investierte große Summen Geld und viele Anstrengungen in entsprechende Bildungs- und Integrationsmaßnahmen. Während einige langjährige Genossen ihre Abneigung gegenüber diesen Bestrebungen bekundeten, sich zurückzogen oder sogar die SED verließen, nutzten andere die Potenziale und den Willen der Jugend zur Veränderung. Glaubt man den zeitgenössischen Berichten, ging von ihr ein unverkennbarer Wille zum Neuaufbau und (persönlichen) Neuanfang aus. Die Jungen konnten sich bewähren und ihre Bereitschaft zum Umdenken unter Beweis stellen: Sie konnten sich geistig verjüngen.26 Gleichzeitig entstanden Abhängigkeiten, deren Folgen sich Jahre später noch zeigten. Trotz aller »Entschlossenheit«, die Veteranen im Hinblick auf die Karrieremöglichkeiten zu überflügeln oder sie von ihren Posten zu verdrängen, »mogelte sich immer wieder das schlechte Gewissen [ein], Unrecht zu begehen«, so der Kultursoziologe Wolfgang Engler. Meist wussten die Jungen um den Lebensweg der Alten, genauso wie diesen die (ideologische) Vorbelastung der Parteijugend bekannt war. Ewig dankten auch die älter werdenden Jungen den Veteranen dafür, ihre nazistische Vorgeschichte hinter sich lassen und zum antifaschistischen Mythos beitragen zu dürfen;27 zugleich konnten sie, wie die »Parteisäuberungen« am Ende der Vierziger- und zu Beginn der Fünfzigerjahre zeigten, nie sicher sein, dass ihre Vorgeschichte vergessen wurde. Ihr Lebensalter schürte den Grundverdacht auf eine ideologische Vorbelastung aus der Zeit des Dritten Reichs.28 Daraus ergab sich die besondere Interdependenz der gemessen an Lebensjahren Jungen von den physisch alternden, im politischen Verständnis jedoch jung bleibenden Veteranen. Ein identitäres, ebenbürtiges Verhältnis, wie es der junge Genosse bei der zitierten Zentralversammlung in Leipzig gefordert hatte, stellte sich aber nur selten ein. Bediente sich die SED auch gerne der Potenziale und der Mithilfe der Jugend beim Neuanfang, schauten die Veteranen sehr genau auf deren Handeln und die Motive: Sie blieben misstrauisch. Selbst unter fadenscheinigsten Begründungen konnte der Hinweis auf die nationalsozialistische Vorprägung dafür sorgen, dass Betroffene ihre Bewährungschance einbüßten und plötzlich, aus der Partei gestoßen, »alterten«.29 Anders als in der Weimarer Republik erfolgte seit 1945 eine Umschichtung im wiederbelebten kommunistischen Jugendverständnis. Seinerzeit war es allen Genossen möglich gewesen, ebenbürtige Erfahrungen zu machen. Nun aber schuf der antifaschistische Gehalt, der dem Jugendtopos beigemischt wurde, eine kaum zu überwindende Barriere für diejenigen, die sich zwar engagierten, aber auf das Wohlwollen der physisch Alternden angewiesen blieben. Kam es auch vor, dass die Neumitglieder nicht wohl gesonnene Veteranen degradierten oder verdrängten – und sei es nur, um von der eigenen Vorgeschichte abzulenken –, verschafften sie sich dadurch keine absolute Gewissheit, ideologisch jung zu sein und zu bleiben. Während sie der Gemeinschaft der ewig Jungen zunächst angehörten, konnten sie bald darauf allein gelassen werden. Im Wissen um ihre Sonderstellung begannen die Veteranen, die eigenen Erfahrungen für die Nachwelt zu verschriftlichen und zu verewigen. Das zeigen die zu Beginn der Fünfzigerjahre ergriffenen ersten parteigeschichtlichen Initiativen, der Jugend »eine Brücke von gestern zu heute, Leben, Farbe, Erlebtes im Strom der Bewegung« zu schenken.30 Durchzogen die ersten großen Wellen von »Erinnerungsberichten« die DDR auch erst zu Beginn der Sechzigerjahre, wurde hier das Fundament für das »ewige Altern« der Veteranen und den gleichzeitigen Popularitätsverlust des spezifischen Jugendbildes gelegt – eines Bildes, dem sie trotz und ebenso wegen seines öffentlichen Bedeutungsverlustes treu blieben. III. Zur Versiegelung des Jugendverständnisses im »ewigen Altern« Bis zum Herbst 1989 blieben die Veteranen zuversichtlich, dass sich die Staatsjugend als würdige Erbin des kommunistischen Jugendbildes erweisen würde. Das verdeutlichen die Vorträge, die sie seit den Fünfzigerjahren − neben anderen Verpflichtungen − an staatlichen wie an Bildungseinrichtungen der Partei hielten. Daneben wurden Jugendlichen unzählige Möglichkeiten geboten, das soziale und politische Leben in der DDR frühzeitig mitzugestalten. Besondere Erwartungen hegten die Alten gegenüber denjenigen, die, wie Franz Dahlem in seinen Jugendjahren betonte, »in der sozialen Geborgenheit unserer sozialistischen Gesellschaft« aufgewachsen und denen »die Sorge um das tägliche Brot wie die Ängste wegen einer ungewissen Zukunft« unbekannt waren.31 Aber nicht allein die Annahme Dahlems, dass die jungen Bürger der DDR der Siebzigerjahre in »sozialistischen Familien« und unter besseren Bedingungen als ihre Väter und Mütter aufwuchsen und sie wegen der zeitlichen Ferne zum Dritten Reich politisch-ideologisch nicht vorbelastet waren, zeigt die veränderte Erwartungshaltung der Alten – eine Erwartung, die sich auch deshalb nicht erfüllte, weil sie Jugendlichen zu wenig Freiheiten ließ. Erste Anzeichen für diese Tendenz hatte es bereits in den Sechzigerjahren gegeben. Löste das »Jugendkommuniqué« von 1963 unter seinen Adressaten zunächst Hoffnung und Euphorie aus, mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten zu erhalten, sorgte das »Kahlschlagplenum« der SED zwei Jahre später dafür, dass die Jungen, wie Wolfgang Engler treffend festhält, »die Schlacht verloren, und sie wußten es«. Die trotz und ebenso wegen des Mauerbaus ausgelöste Hoffnung auf die »ostdeutsche Moderne« − das Dogma von der »Produktivkraft Wissenschaft«, wie sie sich in der Kybernetikbegeisterung ausdrückte, und der Hinweis auf die Zukunft der kommunistischen Weltgesellschaft − versandete; mit ihr schwand der Mut der jungen Hoffnungsträger, die den Veteranen zwar zuhören, aber auch selbstständig entscheiden wollten.32 Mehr als zuvor wurde die Initiative der Jugend durch die Überwachung und Repressionen des Staates eingedämmt. Ihr Aktivismus weckte das Misstrauen der Veteranen. Er wurde unter gänzlich anderen als den kommunistischen Vorzeichen gelesen. Die Alten waren zu unnahbaren und unbeweglichen Autoritäten geworden, die sich hinter ihren Erfahrungen verschanzten. Kurzzeitig gelang es ihnen dadurch, die Forderungen der Staatsjugend abzuweisen oder wenigstens zu kanalisieren; auf lange Sicht konnten sie aber nicht verhindern, dass sich das Selbstverständnis und die Hoffnung der Jungen von ihren Erfahrungen und Erwartungen entfernten und entfremdeten. Selbst die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, über die sich die Staatsjugend in den Fünfzigerjahren noch hatte gewinnen und einbinden lassen, versiegten angesichts der personellen Sättigung auf den Führungsebenen. Statt für den Staat oder die Partei engagierten sich die Jungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Unübersehbar entstanden Subkulturen, deren prägende Köpfe sich auf offiziell verfemte westliche Vorbilder beriefen.33 Als ein »Sich-Einrichten« im Alltag hat der Historiker Alf Lüdtke das Geschehen in der DDR der »Ära Honecker« charakterisiert. Im Vergleich zur »Ära Ulbricht« herrschten spürbar bessere Lebens- und Versorgungsbedingungen; gleichzeitig deutet sich in diesem Bild das Bemühen an, angesichts der gleichzeitig zunehmenden Verschleißerscheinungen in Betrieben oder anderen staatlichen Einrichtungen nicht zu kapitulieren. Sowohl die Bürger der DDR wie die Staats- und Parteiführung waren ungewiss und unsicher, wie es weiterging.34 Improvisationstalent und Erfindergeist im Privaten wie im Beruflichen schufen kurzzeitig Abhilfe. Täglich überschatteten und verstellten diese Herausforderungen jedoch den Blick in die beschworene sozialistische Zukunft. Auch deshalb leiteten die Siebzigerjahre den »endgültigen Abschied von der Utopie« ein.35 Beteiligten sich, wie etwa bei den jährlichen Demonstrationen zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, auch Tausende von Menschen an den Ritualen zur Revitalisierung des Jugendtopos und weiterer tradierter Bewegungstopoi der SED, reichte die Wirkung kaum über diese Veranstaltungen hinaus. »Sich-Einrichten« bedeutete, gemeinschaftlich zusammenzukommen und sich im vielfachen Sinne auszutauschen. Allerdings zeichneten sich unterschiedliche, wenn nicht gar sich diametral entgegenstehende Erwartungshorizonte ab. Während die Bürger vor allem die unmittelbaren Folgen der Mangelwirtschaft kompensierten, vergewisserten sich die Veteranen ihrer langjährigen politischen Erfahrungen. Je intensiver sich Letztere auf das besondere politische Verständnis der Jugend besannen, sich dahinter förmlich verschanzten, desto mehr verloren sie die Erfahrungswelt des Nachwuchses aus dem Blick. Keinesfalls soll damit gesagt werden, dass sich der Niedergang der DDR durch ein besseres Gespür der Veteranen hätte hinauszögern lassen. Jedoch büßte der (revolutionäre) Elan, über den sie politisch sozialisiert worden waren, der in den ersten Jahren des Staatssozialismus noch fruchtbar gewesen war und integrierend gewirkt hatte, an Bindekraft ein. Auch die bündische Sozialisations- und Vergemeinschaftungsform, die den Alten aus der Zeit der Weimarer Republik geläufig war, ließ sich kaum wiederbeleben. Die Veteranen waren allein und auf sich gestellt. Denn immer bestand die Gefahr, wie etwa die jahrelangen Verhandlungen zwischen Franz Dahlem und der Parteiführung der SED über die Edition seiner Memoiren zeigten, dass das darin Dargelegte nicht »dem Kriterium der politischen Nützlichkeit« gerecht wurde. Die erhoffte »Waffe im Klassenkampf«, als die die Lebenserinnerungen verstanden wurden, konnte sich so auch gegen den Verfasser richten.36 Gestorben war er damit zwar nicht im biologischen, dafür jedoch nach politischem Verständnis. Die Staats- und Parteiführung entledigte sich ihrer letzten Reserven, um das besondere Bild von der Jugend zu sichern. Einzig diejenigen, die sich auf das Erbe besannen, wurden nicht vorzeitig kalt gestellt. Als sich die Veteranen im Oktober 1989 anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR letztmals der Öffentlichkeit zeigten, protestierten bereits diejenigen, denen sie jahrelang zu vertrauen versucht hatten. In einem gänzlich anderen Rahmen tat die Jugend das, was die im doppelten Sinn Vergreisten ihr Leben lang bewegt hatte: Voraussetzungen für ein besseres Leben zu erkämpfen. IV. Fazit Bis zur Auflösung der DDR lebte das kommunistische Jugendverständnis im kleiner werdenden Kreis der Parteiveteranen fort. Auch wenn sich ihre Zahl mit den Jahren verringerte, waren die Mitglieder dieses Kreises überzeugt, dass das Bewusstsein nicht alterte. Dieses besondere politische Jugendverständnis beruhte auf den Erfahrungen der Weimarer Republik. Ideologisch aufgeladen worden war der Topos zu jener Zeit, weil sich seine Träger als Avantgarde verstanden, die die Arbeiterklasse in die sozialistische Zukunft leitete. Nach dem Ende des Dritten Reiches lebte der Topos wieder auf. Die Jugend diente der SED als personelle Ressource zum Aufbau in der SBZ/DDR. Jedoch blieb das Verhältnis zwischen den Veteranen und ihren Nachkommen distanziert und von ungleichen Abhängigkeiten geprägt. Schließlich verwies das Lebensalter der Nachkommen auf die Sozialisation im Dritten Reich. Wie sie seit 1945 politisch »neu geboren« worden waren, konnten sie ebenso schnell wieder »sterben«. Zwischen der in der DDR geborenen und sozialisierten Staatsjugend und den geistigen Vätern der Bewegung stellte sich ein solches Abhängigkeitsverhältnis nicht mehr ein. Stattdessen überwog die Distanz. Trotz aller Versuche, die Jugend zum Erhalt des politischen Systems und seiner Ideologie zu bewegen, brachten sich die Adressaten in einem anderen als dem erwarteten Verständnis in die »realsozialistische« Gesellschaft ein. Auch wenn die Veteranen beschworen, dass die Jugend ewig währe, konnten sie die Auflösung dieses Jugendverständnisses nicht verhindern. In der Geschichte des deutschen Kommunismus bildete die Jugend also nicht nur in personeller, sondern auch in politisch-ideologischer Hinsicht eine zentrale Referenzgröße. Eine detailliert empirische Untersuchung über die Ursprünge, die Veränderungen und den Niedergang der ideologischen Ressource »ewige Jugend« steht jedoch noch aus. 1 Franz Dahlem: Jugendjahre. Vom katholischen Arbeiterjungen zum proletarischen Revolutionär, Berlin (Ost) 1982, S. 295. Im Alter von 21 Jahren trat Franz Dahlem (1892–1981) der SPD bei. Seit 1920 in der KPD, besetzte er zentrale Führungspositionen. Nach 1933 arbeitete er in der Kommunistischen Internationalen; außerdem war er als »Interbrigadist« im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939). 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen in Österreich befreit, ging er in die SBZ. Von Anfang an gehörte er entscheidenden Führungsgremien der SED an, bevor sein Rivale Walter Ulbricht ihn 1953 entmachtete. Nach seiner Rehabilitierung arbeitete er in verschiedenen Staatsämtern. Seit Ende der Sechzigerjahre schrieb er an seinen Memoiren. Siehe Ulrich Pfeil: Zwischen Parteilichkeit und Geschichte, »wie ich sie erlebt habe«. Textgenese am Beispiel der Memoiren von Franz Dahlem, in: Deutschland Archiv 35 (2002), H. 1, S. 81–89. 2 Zu diesem Phänomen siehe die kollektiv-biografische Annäherung an die Veteranen der SED durch Catherine Epstein: The Last Revolutionaries. German Communists and Their Century, Cambridge/Mass. 2003. 3 Thomas Ahbe/Rainer Gries: Gesellschaftsgeschichte als Generationsgeschichte. Theoretische und methodologische Überlegungen am Beispiel der DDR, in: Annegret Schüle/Thomas Ahbe/Rainer Gries (Hg.): Die DDR aus generationsgeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur, Leipzig 2006, S. 475–571, hier S. 545–556; Marc-Dietrich Ohse: Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961–1974), Berlin 2003, S. 365–379; Bernd Lindner: »Bau auf, Freie Deutsche Jugend« − und was dann? Kriterien für ein Modell der Jugendgeneration der DDR, in: Jürgen Reulecke (Hg.): Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S. 187–215, hier S. 209–211; zur Popularität der Honecker’schen »Wirtschafts- und Sozialpolitik« siehe Mary Fulbrook: Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008, S. 56–62. 4 Eric D. Weitz: Der Zusammenbruch der DDR aus langfristiger Perspektive, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien (1998), H. 12, S. 6–16, Zitat S. 13; ausführlich ders.: Creating German Communism, 1890–1990. From Popular Protest to Socialist State, Princeton/NJ 1997. 5 Über die Grenzen des Konzeptes »Generation«, das selbst ein historisches Konstrukt ist und bisweilen eher einer − auch durch die Wissenschaft angeschobenen − Sinnstiftung als dem Erkenntnisfortschritt dient, Dorothee Wierling: Wie (er)findet man eine Generation? Das Beispiel des Geburtsjahrgangs 1949 in der DDR, in: Reulecke: Generationalität (Anm. 3), S. 217–228, hier S. 218 f. 6 Reinhart Koselleck: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte, in: ders.: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten. Hg. und mit einem Nachwort von Carsten Dutt, Frankfurt/M. 2010, S. 9–31, hier S. 27 (erstmals 1997 erschienen). 7 Ferenc Fehér/Agnes Heller: Der Marxismus als kulturelle Bewegung, in: Friedhelm Neidhardt/M. Rainer Lepsius/Johannes Weiß (Hg.): Kultur und Gesellschaft. Sonderheft 27 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1986, S. 302–313; zu den historischen Ursprüngen dieses Denkens siehe Richard Weikart: Socialist Darwinism. Evolution in German Socialist Thought from Marx to Bernstein, San Francisco/Calif. 1998. Einen überzeugenden Versuch, sich kommunistischen Denk-formen aus heutiger Sicht anzunähern, ohne sie zu verurteilen, macht Boris Groys: Das kommunistische Postskriptum, Frankfurt/M. 2006. 8 Erich Honecker: Aus meinem Leben, Berlin (Ost) 1981, S. 13. In einem umfangreichen Interview, das er zwischen Februar und Mai 1990 gab, betonte Honecker, »daß die Frage des Alters eines Funktionärs in der Arbeiterbewegung nie eine Rolle gespielt« habe. Reinhold Andert/Wolfgang Herzberg: Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör, Berlin/Weimar 1990, S. 55. 9 Siegfried Weichlein: Milieu und Mobilität. Generationelle Gegensätze in der gespaltenen Arbeiterbewegung der Weimarer Republik, in: Klaus Schönhoven/Bernd Braun (Hg.): Generationen in der Arbeiter-bewegung, München 2005, S. 165–192, hier S. 191. 10 Detlev J.K. Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1987, S. 87–100, hier S. 94; weiterhin programmatisch Hans Mommsen: Generationskonflikt und Jugendrevolte in der Weimarer Republik, in: Thomas Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler (Hg.): »Mit uns zieht die neue Zeit«. Der Mythos der Jugend, Frankfurt/M. 1985, S. 50–67; für die politische Rechte Stefan Breuer: Anatomie der konservativen Revolution, 2. Aufl. Darmstadt 1995, insbesondere S. 25–48. 11 Weichlein: Milieu und Mobilität (Anm. 9), S. 167 f.; Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996, S. 106. 12 Jutta Stehling: Karl Liebknecht, der Sohn, in: Koebner/Janz/Trommler: »Mit uns zieht die neue Zeit« (Anm. 10), S. 394–411, hier S. 400; zu Rosa Luxemburg siehe Eric D. Weitz: »Rosa Luxemburg Belongs to Us!« German Communism and the Luxemburg Legacy, in: Central European History 27 (1994), H. 1, S. 27–64. 13 Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik (Anm. 11), S. 106–118, hier S. 106; zur Jugend-politik in der Sowjetunion der Zwanziger- und Dreißigerjahre siehe Corinna Kuhr-Korolev: »Gezähmte Helden«. Die Formierung der Sowjetjugend 1917–1932, Essen 2005. 14 Honecker: Aus meinem Leben (Anm. 8), S. 7–25, hier S. 25; allgemein Epstein: The Last Revolutionaries (Anm. 2), S. 41 f. 15 Siehe Eve Rosenhaft: Links gleich rechts. Militante Straßengewalt um 1930, in: Thomas Lindenberger/Alf Lüdtke (Hg.): Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt/M. 1995, S. 238–275, hier S. 238; am Beispiel Berlins Pamela E. Swett: Neighbors & Enemies. The Culture of Radicalism in Berlin, 1929–1933, Cambridge/Mass. 2004. 16 Für die KPD Carsten Krinn: Zwischen Emanzipation und Edukationismus. Anspruch und Wirklichkeit der Schulungsarbeit der Weimarer KPD, Essen 2007, S. 563–580; für die SPD Ulrich Hermann: »Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt«. Die Arbeiterjugendbewegung – die »andere« Jugendbewegung in Deutschland und Österreich, in: Heinrich Eppe/Ulrich Hermann (Hg.): Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung und politischen Praxis der Arbeiterjugendbewegung in Deutschland, Weinheim/München 2008, S. 19–42. 17 Siehe Anne Harrington: Die Suche nach Ganzheit. Die Geschichte biologisch-psychologischer Ganzheitslehren. Vom Kaiserreich bis zur New-Age-Bewegung, Reinbek 2002, S. 58–79; zur wechselseitigen Durchdringung von politischer Idee und Aktion, wenn auch am Beispiel der SA in der Weimarer Republik, Sven Reichardt: Praxeologie und Faschismus. Gewalt und Gemeinschaft als Element eines praxeologischen Faschismusbegriffs, in: Karl H. Hörnig/Julia Reuter (Hg.): Doing Culture. Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis, Bielefeld 2004, S. 129–153. 18 Epstein: The Last Revolutionaries (Anm. 2), S. 100–107; Weitz: Creating German Communism (Anm. 4), S. 313–321. 19 Zentrale Mitgliederversammlung der SPD am 7. Februar 1946, in: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, SPD-Bezirksvorstand Leipzig, Nr. 5, Bl. 83. 20 Siehe die 2. Sitzung des Parteivorstands der SED am 14./15. Mai 1946, in: Stiftung Archiv der Partei- und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin, DY 30/IV 2/1/2, Bl. 65. 21 Für Ost- wie für Westdeutschland innovativ Jaimey Fisher: Disciplining Germany. Youth, Reeducation, and Reconstruction after the Second World War, Detroit/Mich. 2007, S. 259–274. 22 Gareth Pritchard: The Making of the GDR. From Antifascism to Stalinism, Manchester/New York 2000, S. 86; Peter Hübner: Einleitung. Antielitäre Eliten?, in: ders. (Hg.): Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 9–35, hier S. 17–21; für die FDJ der frühen Jahre Ulrich Mählert: Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949. Von den »Antifaschistischen Jugendausschüssen« zur SED-Massenorganisation. Die Erfassung der Jugend in der Sowjetischen Besatzungszone, Paderborn 1995. 23 Etwa Lutz Niethammer: Erfahrungen und Strukturen. Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/Hartmut Zwahr (Hg.): Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 95–115, hier S. 104 f. 24 Siehe Fisher: Disciplining Germany (Anm. 21), S. 3–17, für die SBZ/DDR S. 259–274; sowie Jennifer M. Kapczynski: The German Patient. Crisis and Recovery in Postwar Culture, Ann Arbor/Mich. 2008, S. 19 f. 25 1931 trat Heinz Brandt (1909–1986) der KPD bei. Von 1934 bis 1945 war er in den Lagern Sachsenhausen, Auschwitz und Buchenwald inhaftiert. Zunächst in führenden Positionen der Berliner SED tätig, begann er die Politik Walter Ulbrichts zu kritisieren. 1961 vom MfS in die DDR entführt und zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt, sorgte eine weltweite Kampagne für seine vorzeitige Freilassung. Heinz Brandt: Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West, Berlin 1977, S. 165. 26 Siehe Alan McDougall: Youth Politics in East Germany. Free German Youth Movement 1946–1968, Oxford 2004, S. 4–8 u. S. 19–25. 27 Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, 5. Aufl. Berlin 2008, S. 125; auch Dorothee Wierling: Über die Liebe zum Staat – der Fall der DDR, in: Historische Anthropologie 8 (2000), H. 2, S. 236–263, hier S. 255. 28 Siehe Thomas Klein: »Für die Einheit und Reinheit der Partei«. Die innerparteilichen Kontrollorgane der SED in der Ära Ulbricht, Köln 2002. 29 Am Beispiel von NS-Belasteten in Führungspositionen der Thüringer SED Heinrich Best: The Formation of Socialist Elites in the GDR: Continuities with National Socialist Germany, in: Historical Social Research 35 (2010), H. 3, S. 36–46, hier S. 44 f. 30 So die Worte von Rudolf Lindau, dem ersten Leiter in der Geschichtsabteilung des Marx-Engels-Lenin-Instituts des ZK der SED, das im Herbst 1949 seine Arbeit aufnahm, zitiert in: Siegfried Lokatis: Der rote Faden. Kommunistische Parteigeschichte und Zensur unter Walter Ulbricht, Köln 2003, S. 65; zur Entstehung des »Erinnerungsarchivs« im späteren Institut für Marxismus-Leninismus auch Catherine Epstein: The Production of »Official Memory« in East Germany. Old Communists and the Dilemmas of Memoir-Writing, in: Central European History 32 (1999), H. 2, S. 181–201. 31 Dahlem: Jugendjahre (Anm. 1), S. 7; ähnlich Alfred Kurella: Wofür haben wir gekämpft? Rede auf dem Akademie-Gesprächsforum »Künstler im antifaschistischen Widerstandskampf« anlässlich der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973, in: ders.: Wofür haben wir gekämpft? Beiträge zur Kultur und Zeitgeschichte, Berlin/Weimar 1973, S. 7–18. 32 Siehe Engler: Die Ostdeutschen (Anm. 27), S. 111–140, Zitate S. 131 u. S. 135; ähnlich Rainer Gries: »… und der Zukunft zugewandt«. Oder: Wie der DDR das Jahr 2000 abhanden kam, in: Enno Bünz/Rainer Gries/Frank Möller (Hg.): Der Tag X in der Geschichte. Erwartungen und Enttäuschungen seit tausend Jahren, Stuttgart 1997, S. 309–333. 33 Siehe Ohse: Jugend nach dem Mauerbau (Anm. 3), S. 372. 34 Siehe Alf Lüdtke: Alltage »in unserer Ebene«. Anfragen zu den Perspektiven auf die 1970er und 1980er Jahre in der DDR, in: Renate Hürtgen/Thomas Reichel (Hg.): Der Schein der Stabilität. DDR-Betriebs-alltag in der Ära Honecker, Berlin 2001, S. 295–300. 35 Gries: »… und der Zukunft zugewandt« (Anm. 32), S. 326. 36 Siehe Pfeil: Zwischen Parteilichkeit und Geschichte (Anm. 1), Zitat S. 87; Epstein: The Production of »Official Memory« (Anm. 30).

JHK 2012

Learning from the future? Begegnungen deutscher und britischer Gewerkschafter mit Amerika in den Zwanzigerjahren

Kevin Morgan / Norman LaPorte

»Es gibt zwei Möglichkeiten, sich in der gegenwärtigen politischen Welt eine parteiinterne Reputation als außenpolitischer Experte zu verschaffen«, wird in einem Beitrag einer britischen sozialistischen Zeitschrift im Jahr 1928 festgestellt. »Wenn man Konservativer ist, fährt man nach Amerika, verbringt dort drei hektische Wochen, in denen man von enthusiastischen Amerikanern herumgereicht wird, kehrt dann nach Hause zurück und schreibt ein Buch, in dem man beweist, dass der Kapitalismus das einzig wahre System ist, etc., etc. Als Anhänger des anderen politischen Lagers fährt man eher nach Russland oder nach Genf.«1 Genf, Sitz des Völkerbundes und der International Labour Organisation (ILO, Internationale Arbeitsorganisation), kann in Bezug auf das Thema dieses Textes außer Acht gelassen werden. Russland und Amerika haben dem angeschlagenen Europa der Zwanzigerjahren dagegen konkurrierende Perspektiven einer zukünftigen industriellen Ordnung geboten; nach Darstellung der Sozialistin Beatrice Webb, Mitglied der Fabian-Gesellschaft, waren Russland und Amerika zwei große Laboratorien der sozialen Organisation, die offensichtlich der Schlüssel zu Europas eigener zukünftiger Bestimmung waren.2 In einer Zeit, die gleichermaßen von Angst und von Erwartung geprägt war, hat nicht nur in Großbritannien und nicht nur unter außenpolitischen Experten die Unterscheidung zwischen Bolschewismus und Amerikanismus dabei geholfen, politische Ausrichtungen zu definieren und zu unterstreichen. Zumindest was den Amerikanismus anbelangt, stellte Charles S. Maier schon vor langer Zeit fest, dass es sich dabei nicht nur um eine Angelegenheit von »Linke« gegen »Rechte« handelte.3 Der Gegensatz zwischen Deutschland und Großbritannien war diesbezüglich besonders ausgeprägt. Nicht alle deutschen Konservativen waren von der Version der kapitalistischen Modernität überzeugt, die sie mit Amerikanismus gleichsetzten. Unter dem deutschen Begriff Rationalisierung, welcher nahezu untrennbar mit einer positiven Bedeutung des Amerikanismus einherging, wurde diese kapitalistische Modernität jedoch als Schlüssel für eine wirtschaftliche Erholung und ein Wiedererstarken Deutschlands angesehen. Anstatt diesen Prozess einfach abzulehnen, versuchten die Sozialdemokraten im Wesentlichen, ihre eigene Version des Amerikanismus innerhalb einer sozialdemokratischen Vorstellung von Modernität zu definieren. Viele Zeitgenossen nahmen die ungleich negativere Haltung eines Großteils der britischen Arbeiterbewegung sowohl gegenüber dem Amerikanismus als auch gegenüber rationalisation wahr. Dieser Gegensatz war im Hinblick auf die Sowjetunion ebenso ausgeprägt. Kein führender deutscher Sozialdemokrat hätte dem neuen sozialistischen Rivalen im Osten Glauben geschenkt; allein bei dem Versuch hätte er seine Führungsposition verlieren können. In Großbritannien hatte der Marxismus jedoch nie den gleichen kanonischen Status genossen wie innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung. Paradoxerweise artikulierten die verschiedenen Fraktionen der britischen Linken aber in weit größerem Umfang ihre Unterstützung für das marxistische Soziallabor der Russen.4 Hierfür gab es komplexe Gründe, deren Analyse eine wichtige, vergleichende Sicht auf die Programme, Philosophien und mentalités [Mentalitäten] der Arbeiterbewegungen in den beiden Ländern ermöglicht. Die folgende Anekdote liefert dafür erste Hinweise: Es sind die Reisen der Delegation des Trade Union Congress (TUC, britischer Gewerkschaftskongress) nach Russland im November/Dezember 1924 und der Delegation des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in die USA im September/Oktober 1925. Beide Delegationen waren von der materiellen und organisatorischen Unterstützung ihrer Gastgeber abhängig, die kein großes Geheimnis aus ihrer eigenen Motivation und ihrer politischen Agenda machten. Zwar verdient es schon allein dieser Aspekt, näher untersucht zu werden, doch steht er bereits im Mittelpunkt anderer Forschungsarbeiten, auf die sich der vorliegende Beitrag stützt, und wird dort als entscheidender Faktor für die Antworten der politischen Touristen, sei es in Russland oder in Amerika, gewertet.5 Damit lässt sich jedoch nicht die Divergenz der Zukunftsvisionen deutscher und britischer Sozialisten erklären, die Schwerpunkt dieser komparativen Untersuchung sein soll. Insbesondere werden im Folgenden die Reaktionen der beiden führenden Sprecher der Delegationen analysiert: A. A. Purcell, der damalige Stellvertretende Vorsitzende des TUC und Präsident der International Federation of Trade Unions (IFTU, Internationaler Gewerkschaftsbund) bzw. Friedrich Tarnow, Vorsitzender des deutschen Holzarbeiterverbandes und eine Persönlichkeit, die als »Kronprinz« der ADGB-Führer Carl Legien und Theodor Leipart gesehen wurde.6 Weder Purcell noch Tarnow können als typische Vertreter ihrer jeweiligen Bewegungen beschrieben werden, und der hier gewählte biografische Ansatz dient zweifellos dazu, die Gegensätze zwischen ihnen noch stärker hervorzuheben. Außerdem reiste keiner der beiden als Einzelperson. Es ist allein schon schwierig, sich vorzustellen, wie sich eine Persönlichkeit vom Schlage Tarnows in der britischen Arbeiterbewegung der Zwanzigerjahre hätte entwickeln können, und es ist schlicht unmöglich, sich einen deutschen Funktionär der Arbeiterbewegung mit einem politischen Profil und einer beruflichen Laufbahn wie Purcell vorzustellen. Die Geschichte ihrer Begegnung mit Amerika ist daher von größerer Bedeutung. Von der Zukunft lernen Zu der Zeit, als eine aus sieben Personen bestehende Delegation des TUC Mitte November 1924 in Moskau eintraf, wurde ein Besuch Russlands, wie es ein Abgeordneter der britischen Labour Party beschrieb, immer mehr zur wichtigsten Reise eines modernen Politikers.7 Aufgrund ihres offiziellen Charakters war die TUC-Delegation jedoch einzigartig und gleichzeitig unzweckmäßig. Die britische Labour Party hatte bei der Neubegründung der internationalen Arbeiterbewegung nach 1918 eine entscheidende Rolle gespielt. Sowohl die neu gegründete Labour and Socialist International (LSI, Sozialistische Arbeiterinternationale) als auch die International Cooperative Alliance (ICA, Internationaler Genossenschaftsverband) hatten ihre Vertretungen; sogar die IFTU mit Sitz in London hatte ihre Präsidentschaft tatsächlich für den britischen Vertreter reserviert. Mit der Annahme der Strategie der Einheitsfront durch die Komintern nach 1922 boten die liberalen Strukturen der britischen Arbeiterbewegung, die es bisher ermöglichten, dass sogar Kommunisten Mitglieder bzw. Delegierte der Labour Party blieben, die beste Gelegenheit, Einfluss auf internationaler sowie auf nationaler Ebene zu erzielen. Zur russischen Delegation von 1924 gehörten keine Kommunisten. Einer der britischen Teilnehmer, Ben Tillett, hatte während des Ersten Weltkriegs ausgesprochen chauvinistische Positionen vertreten. Ein anderes Delegationsmitglied, John Turner, war seit Langem Anarchist und arbeitete mit Emma Goldman zusammen. Trotzdem wurde der 250 Seiten umfassende Bericht, der von der Delegation im März 1925 veröffentlicht worden war, wegen seiner nachdrücklichen Unterstützung des bolschewistischen Regimes berühmt. Zwar wurden bestimmte dunklere Seiten des sowjetischen Lebens nicht ausgeklammert, jedoch wurden die Arbeitsbedingungen auf der Grundlage bewertet, dass »die Arbeiter in Russland die herrschende Klasse sind«, und Wahlen in der Sowjetunion wurden »mit Blick auf die Regelungen der britischen Gewerkschaften« und nicht anhand konventioneller parlamentarischer Normen betrachtet. Besonders kontrovers war die Billigung des bolschewistischen Regimes in Georgien, das nach der Unterdrückung einer durch Menschewiki [Minderheitler] gebildeten Regierung installiert wurde, die offensichtlich die viel größere Unterstützung genoss.8 Natürlich kam es danach von anderer Stelle aus den Reihen der internationalen Arbeiterbewegung zu einer Verurteilung. Das Gefühl der Provokation wurde durch den herzlichen Empfang der Delegation seitens verschiedener kommunistischer und »nicht offizieller« Organe sowie durch die Werbung Moskaus für weitere Besuche von Arbeiterdelegationen, die notwendigerweise keinen offiziellen Charakter hatten, weiter verstärkt. Der offizielle Besuch der britischen Delegation bildete eine Ausnahme. Die augenfälligste und direkteste Reaktion darauf war eine Aufklärungswelle in der Öffentlichkeit, die sowohl die allgemeinen Details des sowjetischen Lebens als auch die Qualifikationen und die Gutgläubigkeit der britischen Delegierten bei der Durchführung eines solchen Unternehmens thematisierte. Die wirksamste und einflussreichste unter den verschiedenen veröffentlichten Kritiken war wahrscheinlich die des LSI-Sekretärs Friedrich Adler, die ursprünglich in der Zeitschrift der österreichischen SPD veröffentlicht worden war und auch in französischer und englischer Übersetzung Verbreitung fand.9 Solche Erwiderungen waren ihrer Art nach ausschließlich negativ und von kritischem Charakter. Der ADGB war jedoch ebenfalls in der Lage, ein ganz anderes Gegenargument vorzubringen. Die deutschen Gewerkschaften hatten 1924 ebenfalls ihren ersten Delegierten (Peter Grassman) zum Jahreskongress der American Federation of Labor (AFL, Amerikanischer Arbeitergewerkschaftsbund) entsandt, womit sie anscheinend einer amerikanischen Initiative Rechnung trugen.10 Nur zwei Monate früher hatte der russische Gewerkschaftsführer Tomskij die erste derartige Delegation sowjetischer Gewerkschafter zur Jahreskonferenz des TUC geleitet. In beiden Fällen wurde den Besucherdelegationen von ihren Gastgebern ein überwältigender Empfang bereitet, und genauso wie der Bericht des TUC über Russland unmittelbar auf die auf der Jahreskonferenz geschlossenen Kontakte zurückzuführen war, organisierten die deutschen Gewerkschafter den Besuch einer großen Delegation mit ähnlichem Erkundungsauftrag, der zeitgleich mit dem im Oktober 1925 in Atlantic City stattfindenden AFL-Jahreskongress durchgeführt werden sollte. Auch aus diesem Besuch sollte ein gedruckter Bericht von erheblichem Umfang hervorgehen – Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer –, in dem das jüngere Land erneut als ein Modell und Beispiel für die älteren europäischen Länder dargestellt und stillschweigend als konstruktive Alternative zum Bolschewismus bestätigt wurde.11 Mit einem Wort könnte diese Alternative als Fordismus zusammengefasst werden: Sowohl in einer produktivistischen Bedeutung, welche die Nutzung von Techniken der Massenproduktion beinhaltet, als auch in einer verbraucherbezogenen Bedeutung, bei der hohe Löhne die Garantie dafür sind, dass das amerikanische Produktivitätsniveau zu allgemeinem Wohlstand führen würde und nicht zu dem bekannten kapitalistischen Schreckgespenst einer Krise wegen Überproduktion.12 Es ist schwierig, von der Symmetrie dieses transnationalen Austausches unbeeindruckt zu bleiben. In Großbritannien waren die Beziehungen zu Russland eine politische Definitionsfrage, und nach dem Sturz der ersten Labour-Regierung im Oktober 1924 tauchte diese Frage erneut bei den späteren allgemeinen Wahlen in Form der notorischen Zinov’ev-Briefe wieder auf. In Deutschland, das mehr Sachverständige als jedes andere Land nach Amerika entsandt hatte und dessen Hauptstadt Berlin von Ilya Ehrenburg als ein »überzeugter Verfechter des Amerikanismus« beschrieben wurde, konnte eine Kommentatorin wie Irene Witte sogar behaupten, dass sich das Land in der Umklammerung einer »Psychose des Fordismus« befinde.13 Beide Berichte müssen deshalb in erster Linie als Interventionen in nationale Debatten gesehen werden.14 Sie stießen jedoch auch international auf Resonanz, was eindeutig das Ziel sowohl der russischen als auch der amerikanischen Gewerkschaften war und die moralische und materielle Unterstützung erklärt, die sie den besuchenden Delegationen gewährten.15 Die Briten waren zumindest zur Zusammenarbeit bereit, und es wurde behauptet, dass fünfzigtausend Exemplare des Berichts über den Besuch der russischen Gewerkschafterdelegation anlässlich der TUC-Jahreskonferenz in Erstausgabe nach Deutschland geschickt worden seien, während das Urheberrecht an den Übersetzungen den russischen Gewerkschaften als Geschenk überlassen wurde.16 Der Bolschewismus war natürlich für die deutsche Linke eine Quelle tief sitzender Ängste und Abneigungen. Deutschland stellte die größte Delegation ausländischer Arbeiter, die nach Russland reiste, einige Delegationen umfassten 53 Teilnehmer, wobei sich diese Delegationsteilnehmer jedoch einem möglichen Ausschluss aus der SPD gegenübersahen.17 Der Amerikanismus bot dem unternehmerischen Großbritannien die Möglichkeit zur Kampfansage gegen die militanten Instinkte der Arbeiterbewegung. Im Jahr 1926 sandte die rechtsgerichtete Daily Mail – in der die gefälschten Zinov’ev-Briefe abgedruckt worden waren – ihre eigene, fingierte »Gewerkschaftsdelegation« in die Vereinigten Staaten. Dies geschah auf direkte Anregung durch den konservativen Premierminister Stanley Baldwin, der eigentlich wie der ADGB der Ansicht war, dass »kein Gewerkschaftsführer seiner von ihm vertretenen Sache einen besseren Dienst erweisen könne, als die […] Methoden zu erforschen, die […] die amerikanischen Arbeiter in die Lage versetzen, sich eines besseren Lebensstandards zu erfreuen als jeder andere Arbeiter auf der Welt, und dabei mehr zu produzieren und gleichzeitig einen viel höheren Lohn zu erzielen«.18 Als Baldwin Gewerkschafter wie Ernest Bevin in eine Regierungsdelegation mit gleicher Zielsetzung aufnahm, warnte sogar die AFL vor dem Aufwand, den amerikanische Industrielle betrieben, um bei ausländischen Beobachtern günstige Rückmeldungen zu erzeugen.19 Egal ob ein Besuch in Russland oder in den Vereinigten Staaten, die Reisewege wurden mehr und mehr zur Routine und boten einen äußerst eingeschränkten Blick auf diese riesigen sozialen Geflechte. Sowohl die Briten in Russland als auch die Deutschen in Amerika beschrieben mit an Naivität grenzender Selbstgefälligkeit, wie bereitwillig sie von den jeweiligen politischen und industriellen Stellen bei ihren Untersuchungen unterstützt würden.20 Politische Touristen waren bei Reisen nach Russland für solche Kritik offenkundig sehr anfällig; skeptische Kommentatoren stellten jedoch auch fest, wie eingeschränkt die ADGB-Delegierten mit den Vereinigten Staaten vertraut gemacht wurden und wie dabei insbesondere die US-Bundesstaaten im Süden und Westen vollständig außer Acht gelassen wurden, in denen größte Armut sowie soziale und rassisch bedingte Ungerechtigkeit vorherrschten.21 Es gab natürlich keinerlei Aussichten, dass eine offizielle deutsche Delegation die Sowjet-union besuchen würde. Andererseits wurde der Gegensatz zwischen den Positionen der britischen und deutschen Gewerkschaften zu Amerika anlässlich des Kongresses der AFL in Atlantic City mit fast theatralischer Wirkung zur Schau gestellt. Seit 1894 hatte zwischen dem TUC und dem AFL ein ständiger, freundschaftlicher Austausch von Delegierten stattgefunden; tatsächlich wurde es als Vorteil angesehen, sich die Unterstützung der AFL beim britischen Streben nach der Präsidentschaft der IFTU zu sichern.22 Zu diesem Zeitpunkt hätte keine Annahme weniger plausibel sein können, die Angebote des AFL an den ADGB sind Ausdruck für eine erhebliche Unzufriedenheit mit der entspannteren Sicht des Kommunismus seitens der britischen Gewerkschaften. 1924 hatte einer der britischen Delegierten erstaunt über die Wärme berichtet, mit der Grassman empfangen worden war, und über die starken Vorbehalte gegen die seitens des TUC vertretene Meinung über die Russen.23 Ungeachtet all dieser Überlegungen hatte der TUC Purcell als gewählten Delegierten nach Atlantic City entsandt, und dieser hätte kaum einen negativeren Eindruck hinterlassen können.24 Obwohl Tarnow auf Deutsch sprach, applaudierten seine Zuhörer herzlich, als er ihnen versicherte, dass man noch viel von Amerika lernen könne und welch enormen Nutzen die Gewerkschaftsarbeit in Deutschland daraus ziehen würde.25 Im Gegensatz dazu stieß Purcell auf eisiges Schweigen, als er demselben, aus überzeugten Antikommunisten bestehenden Publikum erklärte, dass eher sie es seien, die viel von den Russen lernen müssten. AFL-Präsident William Green wies diese Feststellung umgehend zurück, schwang seine Faust und wurde laut, zum Vergnügen der Anwesenden, die »mit den Füßen trampelten und ihre Zustimmung schrien«.26 Danach wurden Tarnow und seine Genossen in wichtigen industriellen Vorzeigeeinrichtungen begrüßt sowie zu Empfängen im Weißen Haus und beim Arbeitsminister von Präsident Coolidge eingeladen. Purcell hingegen sprach hauptsächlich vor Arbeitervertretern, während die Washington Post seine Deportation als kommunistischer Agitator forderte, der die Kräfte der Weltrevolution aufhetzte.27 Zumindest rief er eine Bewegung zur Solidarität mit Russland ins Leben; bei einer Veranstaltung der Sozialistischen Partei in der Carnegie Hall wurde der Vertreter der Sozialistischen Partei Amerikas, Morris Hillquit, von den Anhängern des militanten Flügels im Publikum ausgebuht, und Purcell erhielt einen zehnminütigen Applaus, der seinen Höhepunkt im Absingen der Internationale fand.28 Er reiste einige Wochen durch wichtige industrielle Zentren, und erst im Nachhinein wurde bekannt, dass es Veranstaltungen dieser Art waren, auf denen der Purcell-Fonds entstand, der die inoffizielle Delegation unterstützte, die schließlich im Jahre 1927 von den Vereinigten Staaten aus nach Russland reiste.29 Zersplitterter Internationalismus: Tarnow, Purcell und die Holzarbeiter Während der schweren Zeit im Ersten Weltkrieg entsprach die Verpflichtung der Holzarbeiter zum Internationalismus derjenigen aller anderen Gewerkschaftsgruppen. Wie die Mehrzahl der internationalen Gewerkschaftssekretariate, hatte das Sekretariat der Internationalen Holzarbeitergewerkschaft seinen Sitz in Deutschland, wo ihr Sekretär Theodor Leipart sich um die Aufrechterhaltung internationaler Verbindungen bemühte und 33 Kriegsausgaben des Bulletins der Internationalen Holzarbeitergewerkschaft herausgab.30 Im Gegensatz zu Deutschland gab es in Großbritannien keine Einzelgewerkschaft des holzverarbeitenden Gewerbes. Unter den verschiedenen Gewerkschaften, die der Internationalen Holzarbeitergewerkschaft angeschlossen waren, nahm der verhältnismäßig kleine Verband der Raumausstatter (NAFTA) eine deutlich pazifistische Haltung ein. Schon im Frühjahr 1915 veröffentlichte er ein entsprechend kompromissloses Manifest, das in einer Urabstimmung von den Mitgliedern verabschiedet worden war.31 1921 wurde Leipart zum Präsidenten des ADGB gewählt. Bereits1917 war Fred Bramley, Mitverfasser des pazifistischen Manifests der NAFTA, zum Stellvertretenden TUC-Generalsekretär ernannt worden, und 1923 wurde er der erste hauptamtliche TUC-Generalsekretär. Beide Gewerkschafter waren sich der Bedeutung des Internationalismus bewusst. Wohingegen es jedoch der Krieg nicht geschafft hatte, sie zu trennen, hinterließ die russische Revolution tiefere Narben. Innerhalb der IFTU war Leipart Teil einer den Ton angebenden Fraktion, die den Sympathien des TUC für die Russen eindeutig feindselig gegenüberstand. Bramley, keinesfalls ein Kommunist oder Mitläufer, war dabei in vielerlei Hinsicht die treibende Kraft. Als Sekretär der Russland-Delegation des TUC war er der Ansicht, im Einklang mit dem Geist des Internationalismus zu handeln, den er während des Krieges so beredt vertreten hatte.32 Tarnow und Purcell, wenn auch in den Vereinigten Staaten sehr unterschiedlich wahrgenommen, waren ebenfalls tief in den Holzarbeitergewerkschaften verwurzelt. Tarnow, 1880 in einer sozialdemokratischen Familie in der Nähe von Bad Oeynhausen geboren, hatte eine Ausbildung als Tischler absolviert und die Arbeiterbildungsschule in Berlin besucht, bevor er schon früh als Protegé von Leiphart innerhalb der Holzarbeitergewerkschaft gefördert wurde. Tarnow, der Leipart als Gewerkschaftsvorsitzenden ablöste, verfügte auf den Gebieten Literatur und Statistik über besondere Kenntnisse. Er war erheblich jünger als die meisten anderen Gewerkschaftsführer und repräsentierte eine neue Generation, die bei den Debatten im Zusammenhang mit dem Erfurter Programm und dem Revisionismus noch nicht dabei gewesen war.33 Der Altersunterschied verstärkte möglicherweise noch den Gegensatz zwischen Tarnow und Purcell. Purcell, der fast ein Jahrzehnt früher, im Jahr 1872, geboren wurde, hatte den gleichen Beruf wie sein Vater ergriffen und war ebenfalls Feinpolierer geworden. Als Jugendlicher zum Sozialismus bekehrt, übernahm er in seiner Gewerkschaft ebenfalls schnell verantwortliche Positionen und war Teilnehmer am Londoner Kongress der Internationalen im Jahr 1896. Sowohl Tarnow (von 1909 bis 1915) als auch Purcell (von 1906 bis 1913) waren Stadträte; Tarnow (von 1928 bis 1933) sowie Purcell (1924 und von 1925 bis 1929) vertraten ihre jeweiligen Parteien in ihren nationalen Parlamenten. Trotzdem war Purcells Laufbahn wie die von Tarnow im Wesentlichen mit der Gewerkschaftsbewegung verbunden. Als die kleinere Gewerkschaft der Feinpolierer von der Gewerkschaft der Raumausstatter übernommen wurde, blieb Purcell hauptamtlicher Organisationsleiter für den industriellen Sektor. Durch Nominierung seitens der NAFTA nahm er einen Sitz im Parlament für die Labour Party sowie zwischen 1919 und 1927 einen Platz unter den bedeutendsten Führern im Allgemeinen Ausschuss des TUC (bis 1921 der parlamentarische Ausschuss) ein. Auch wenn ihre Leben nicht exakt parallel verliefen, ist es doch erstaunlich, wie zwei solche Persönlichkeiten mit derart unterschiedlichen Eindrücken aus den Vereinigten Staaten zurückkehren konnten. Tarnow war nicht nur das prominenteste Mitglied der ADGB-Delegation, er schrieb das Kapitel über die Gewerkschaftsbewegung in Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer, sondern er war auch derjenige, der sich von den in den Vereinigten Staaten gewonnenen Eindrücken am stärksten beeinflussen ließ. Im Fazit zum Bericht der Delegierten wurde, wie Mary Nolan es darstellt, alle Vorsicht über Bord geworfen und dem »Wirtschaftswunder«, das für Amerika eng mit der Rationalisierung der Industrie, einem hohen Lohnniveau und der ständigen Verbesserung der Kaufkraft der Arbeiter verbunden war, uneingeschränkte Billigung bekundet. »Die Fehde im Zusammenhang mit der Theorie, ob es unter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung für die Arbeiterklasse möglich ist, an steigender Produktivität durch einen höheren Lebensstandard teilzuhaben […], ist beigelegt. Die Erfolge der Gewerkschaften sind der Beweis dafür, dass es in der kapitalistischen Ökonomie absolut keine Naturgesetze gibt, nach denen die wirtschaftliche Lage der Arbeiter nicht verbessert werden kann.«34 Im Laufe der nächsten Jahre sollte Tarnow diese grundlegende Einsicht mehr als jeder andere Delegierte in seinen Reden und Schriften weiter vertiefen. Bemerkenswerterweise erarbeitete er 1928 ein populäres Handbuch, in dem er statistische Werte frei verarbeitete und aufzeigte, dass die ganze Wirtschaftsgeschichte nicht mehr als ein »ununterbrochener Prozess der Rationalisierung« sei, wofür die Vereinigten Staaten ein beeindruckendes Beispiel lieferten. Der Titel von Tarnows Werk, Warum arm sein?, ist einem Kapitel aus Fords Buch My Life and Work entnommen, das in deutscher Übersetzung in dreizehn Auflagen erschien und das Tarnow als »den bis heute revolutionärsten Schritt in der gesamten Wirtschaftliteratur« beschrieb.35 Wirtschaftswunder waren das letzte, wovon Purcell hören wollte, noch gehörten sie zu den Kriterien, mit denen er sozialen Fortschritt messen wollte. Obwohl seine Eindrücke von Amerika niemals in einen formellen Bericht mündeten, verlieh er ihnen dennoch in unterschiedlicher Form Ausdruck: von seiner Gewerkschaftszeitschrift bis hin zu einem Erfahrungsbericht vor seinen Parlamentskollegen. »Das Wesentliche in Amerika war Folgendes«, erklärte er diesem Kreis: »Alles muss groß sein, die Amerikaner müssen in großen Maßstäben reden, und alles muss so sein, und manchmal war es auch so, alles nur im Millionen Dollar-Bereich. Jeder Siebte hatte ein Auto. Wenn jemand ein Radikaler war, wurde er aus seiner Gewerkschaft ausgeschlossen. Wir in England waren dem etwa 40 Jahre voraus, in Amerika handelte es sich dabei aber um eine sehr extreme Art von Mensch.«36 In Amerika, so räumte er ein, sei er Zeuge des Kapitalismus in seiner »gigantischsten, modernsten und mächtigsten Form« gewesen; während Tarnow hierin das Geheimnis der industriellen Modernität vermutete, verabscheute Purcell dies »mehr oder weniger als ein System der Sklaverei«, in dem alles der »großen Aufgabe des Gewinnstrebens« untergeordnet sei.37 In Amerika könne nicht viel passieren, versicherte er seinen Parlamentskollegen, und soweit er es überblickte, gäbe es dort nicht viel zu lernen.38 Warum ein Roboter sein? Mit der Annahme des Erfurter Programms im Jahr 1891 beurkundete die SPD ihr Bekenntnis zu einem marxistischen Verständnis von der kapitalistischen Gesellschaft und der Notwendigkeit ihrer revolutionären Transformation. In Großbritannien, wo die Arbeiterbewegung schon länger existierte, gab es zu diesem Zeitpunkt weder eine nennenswerte Partei noch ein entsprechendes Programm. Zwar war 1900 das Labour Representation Committee als ein politisches Medium der Gewerkschaften gebildet worden, jedoch etablierte es sich erst 1918 als eine funktionierende nationale Partei mit einem ausdrücklichen Bekenntnis zum Sozialismus. Selbst diese Verpflichtung wurde für sie von einem Mitglied der sozialistischen Fabian-Gesellschaft, Sidney Webb, formuliert, der den Vorsitz bei der Arbeiterkonferenz im Jahre 1923 innehatte und hiermit seine Philosophie von der »Unvermeidlichkeit der Allmählichkeit« auf den Punkt brachte. Allerdings lieferten die sachte eingestellten Briten die meisten Hinweise für einen »Russlandkomplex«, während dieser unter den marxistischen Deutschen, zumindest in gewissem Umfang, seine Entsprechung in einem »Amerikakomplex« fand. Dieses Paradoxon lädt zu tiefgründigeren Reflexionen über die Philosophien und die Zukunftspläne der beiden Bewegungen ein. Das Erfurter Programm ist so gut wie jedes andere als Ausgangspunkt dafür geeignet. Ungeachtet seines Inhalts entsprach der einem solchen Dokument zugemessene Status der ideologischen Darstellung der Befugnisse innerhalb einer hochgradig disziplinierten Parteikultur. Dies schloss die Artikulation politischer Differenzen nicht aus. Es bedeutete, dass diese dazu tendierten, eine Form der organisierten Zersplitterung anzunehmen. Ihren endgültigen Ausdruck fanden sie in der tief gehenden Spaltung zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie nach 1918. Tarnows Laufbahn war für diese Kultur nicht untypisch. Als Protegé von Leipart wurde er zu einem frühen Zeitpunkt in den Apparat eingeführt, wobei seine Laufbahn innerhalb einer zentralisierten Kultur eingeordnet werden kann, in der sich politische und industrielle Fachgebiete häufig gegenseitig verstärken. Auch Purcell war ein langjähriger Gewerkschaftsfunktionär, jedoch folgte seine Laufbahn im britischen System den verhältnismäßig sprunghaften und unorthodoxen politischen Verpflichtungen. Will man ihn einem Mentor zuordnen, dann war es der Gewerkschafter Tom Mann, und 1920 brachte Purcell sogar die Resolution auf den Weg, die die Kommunistische Partei Großbritanniens ins Leben rief. Obwohl er die Partei 1922 verließ, war keine solch drastische Trennung erforderlich, wie es möglicherweise in Deutschland notwendig gewesen wäre. Typischerweise war es die Eigentümlichkeit dieser Beziehungen, die dazu führte, dass seine Ansichten als TUC-Delegierter in Amerika in vollem Umfang in Labour Monthly veröffentlicht wurden, einem »Magazin der Internationalen Arbeiterbewegung«, das mit Geldern der Komintern gegründet und von dem Kommunisten R. Palme Dutt herausgegeben wurde.39 Purcell war in dem Maße ein Repräsentant einer marxistischen Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung, wie Webb ein Repräsentant einer reformistischen Strömung der Fabian-Gesellschaft war. Die vorherrschende Literatur über Marxismus unterschied sich in Deutschland und in Großbritannien allerdings ziemlich. In Deutschland war der Marxismus der Zweiten Internationale tief verwurzelt, weshalb er dort in seiner wissenschaftlichsten, produktivsten und entschiedensten Form existierte. Peter Beilharz hat sich in diesem Zusammenhang auf den reuelosen Modernismus in Schriften wie denen von Karl Kautsky bezogen.40 In einer längeren historischen Perspektive wurde die Entwicklung produktiver Techniken und Kapazitäten durch den Kapitalismus, einschließlich einer immer perfekteren Arbeitsteilung, auf einmal als eine »unwiderstehliche Vorwärtsbewegung« gesehen und als die unverzichtbare wirtschaftliche Basis für den Sozialismus.41 In Tarnows Schriften kann man diese intensive Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Verständnis der politischen Ökonomie verfolgen, das er über Marx auf Adam Smith zurückführte.42 In Großbritannien, wo die Arbeiterbewegung der ständigen Weiterentwicklung der sozialistischen Theorie lange voraus war, neigten die Aktivisten der Arbeiterklasse dazu, den Marxismus eher als einen militanten Ausdruck für die Unvermeidlichkeit und Unversöhnlichkeit des Klassenkampfes zu betrachten. Der Sozialismus selbst wurde nicht so sehr als die notwendige Weiterentwicklung produktiver Verhältnisse gesehen, sondern als die Verwirklichung der Ziele der Arbeitergesellschaft, deren Werte und Institutionen von zentraler Bedeutung für die Vorstellungen von sozialem Fortschritt waren. Hiermit verbunden waren unterschiedliche Haltungen hinsichtlich der Einführung neuer Verfahren und Technologien für die Produktion. Tarnow vertrat eine sozialdemokratische Vision von Modernität, die den Ausgleich für die Methoden der Massenproduktion und die zunehmend voranschreitende Arbeitsteilung in einer weiter gefassten Konzeption von »Lebensfreude« und nicht im eigentlichen Arbeitsprozess sah. Egon Wertheimer, Londoner Korrespondent des Vorwärts, räumte ein, dass sich deutsche Gewerkschafter in vielen Fällen nur mit »Lippenbekenntnissen« zu den marxistischen Vorstellungen bekannten. Dennoch war er der Ansicht, dass diese den Schlüssel zu jenen sehr unterschiedlichen Haltungen gegenüber der Massenproduktion böten: »Er [der deutsche Gewerkschafter] hat gelernt, […] hinter das unmittelbar Praktische der Probleme zu schauen, mit denen er konfrontiert ist. Sein britischer Genosse […] unbelastet durch theoretische Überzeugungen, weiß die unmittelbaren Realitäten weit besser einzuschätzen. Die marxistische Schulung hat den deutschen Führungspersönlichkeiten die Fähigkeit vermittelt, in ihrer Gewerkschaft gegen jene mittelalterlichen Handwerkssitten vorzugehen, die die britischen Gewerkschaften sogar bis heute behindern, und die Rationalisierung als einen unvermeidbaren Prozess bei der Entwicklung des Kapitalismus anzuerkennen, und zwar zu einem Zeitpunkt, als den Engländern […] nicht nur die Konzeption, sondern der Prozess selbst mehr als verdächtig vorkam.«43 Trotz seiner Verankerung im Gewerkschaftswesen war es zweifellos von Bedeutung, dass Purcells Gewerkschaft einen Teil des ursprünglichen Handwerksethos der Holzarbeiter bewahrte. Dennoch wandte sich Purcell weniger an das eigentliche Handwerk als vielmehr an den unabhängigen, in diesen Handwerkstraditionen verwurzelten Arbeiter, und er artikulierte aus der unmittelbaren Perspektive der Gewerkschaftsbasis, was Wertheimer sowohl als Stärke, aber auch als Einschränkung der britischen Gewerkschafter ansah: »Was hat mich bei meinem Besuch der verschiedenen Werke und Fabriken als Arbeiter am meisten erstaunt? Mich beunruhigte nicht die Perfektion ihrer Technik, so bemerkenswert sie auch ist. Nein, was sich mir unvergesslich eingeprägt hat, war der Geist der strengen Reglementierung, die extreme Arbeitsteilung, die einen Arbeiter zu einem bloßen Automaten macht, der einen monotonen, mechanischen Arbeitsvorgang jahraus jahrein erledigt. Das amerikanische, industrielle régime ist trotz der gerühmten hohen Löhne sogar noch mehr als das britische Gegenstück eine Tyrannei der Monotonie, in welcher der Arbeiter reglementiert und kommandiert und diszipliniert und bis ins Letzte überwacht wird.«44 Gramsci schrieb in seinem Werk Americanism and Fordism, dass es in Italien »ausgerechnet die Arbeiter waren, die modernere industrielle Bedingungen schufen und auf ihre eigene Weise aufrechterhielten«.45 In Großbritannien gab es natürlich auch Menschen, die solche Ansichten vertraten; einer der prominentesten war der Labour-Abgeordnete und zukünftige Führer der faschistischen British Union of Fascists, Oswald Mosley, der 1925 die Vereinigten Staaten bereiste. Im Allgemeinen wurde Amerikanismus in dieser Zeit in weiten Kreisen der britischen Linken mit einer Form der industriellen Knechtschaft gleichgesetzt.46 Friedrich Adler schlug einen ähnlichen Ton gegenüber Wertheimer an, indem er die Besonderheiten der Haltung des TUC zum Bolschewismus erläuterte. Die britische Arbeiterbewegung, schrieb er, habe in gewisser Hinsicht stets auf einer »niedrigeren Entwicklungsstufe« verharrt, und der Russland-Bericht manifestiere insbesondere das, was Engels als die »engen, aus dem englischen Empirismus übernommenen Denkschemata« bezeichnet hatte.47 Ironischerweise erläuterte Purcell den ungläubigen Amerikanern mittlerweile, dass sie zwar bei Erfindungen im Bereich des Maschinenbaus und bei der Geschäftsorganisation einen Vorsprung hätten, jedoch bei der Akzeptanz neuer gesellschaftlicher und politischer Ideen die langsamsten seien.48 Sowohl Adler als auch Purcell erkannten somit Abweichungen zwischen den unterschiedlichen nationalen Arbeiterbewegungen im Hinblick auf höhere und niedrigere Stadien, die auf einem gemeinsamen Entwicklungsweg erreicht wurden. Sie bemaßen jedoch die Reife oder das Stadium des Fortschritts der jeweiligen Bewegungen auf unterschiedliche Weise. Purcell übernahm die Sprache der militanten Aktivisten der Arbeiterbewegung und verlieh einem überzeugten Skeptizismus im Hinblick auf die Theorie und deren Theoretiker Ausdruck, die hohe Wertschätzung in den Parteien der Sozialdemokratie auf dem europäischen Kontinent genossen.49 Wenn der TUC jedoch die, seiner Meinung nach, führende Rolle auf internationaler Ebene übernahm, so geschah dies in dem Glauben, dass er die Werte von Einheit und Organisation verkörperte, und zwar größtenteils ungestört durch parteiinterne, sektiererische und konfessionelle Abspaltungen, die in anderen europäischen Ländern an der Tagesordnung waren. Die Dauerhaftigkeit dieser Gesinnung zeigt einmal mehr die Belastbarkeit einer längeren Tradition, die schon vor dem Aufkommen einer sozialistischen Politik in Großbritannien bestand. Dies hilft auch bei einer Erklärung dessen, was sonst als unvereinbare Einstellung der Briten mit dem Bolschewismus und dem Amerikanismus erscheinen könnte. Auf die internationale Ebene übertragen, liefert die Verpflichtung zu einer einzigen, ungeteilten Arbeiterbewegung eine Hilfestellung bei der Erklärung, warum den russischen Gewerkschaften so viel Entgegenkommen gezeigt wurde, das über Sympathiebekundungen für den Kommunismus, wie Purcell sie äußerte, hinausging. Gleichzeitig wurde das Wohlergehen einer Gesellschaft eher anhand des Zustands ihrer Arbeitervertretungen als anhand der Produktionszahlen gemessen. Für diejenigen mit entsprechend gefärbter Brille erschien das sowjetische Russland als eine Gesellschaft, in der diese Institutionen nicht nur gediehen, sondern einen bis dahin nicht gekannten Status genossen, bei gleichzeitig vorhandenen Verantwortlichkeiten und Vorrechten, die im Kapitalismus unvorstellbar waren. »Ein Bericht über die Arbeitsbedingungen in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken muss mit dem Hinweis beginnen, dass die Arbeiter in Russland die herrschende Klasse bilden«, lautete die Einleitung des relevanten Abschnitts im Bericht der TUC-Delegation.50 In Großbritannien kamen militante Gefolgsleute im Hinblick auf ihre russischen Genossen zu ähnlichen Schlussfolgerungen.51 In dieser Beziehung war es von großer Bedeutung, dass die TUC-Delegierten Gäste waren, nicht der Partei oder des Staates, sondern der russischen Gewerkschaften. Ihre Hauptansprechpartner waren deshalb Persönlichkeiten, wie beispielsweise der Gewerkschaftsführer Michail Tomskij, der nicht nur gemeinsame Gewerkschaftsthemen wirkungsvoll in Szene setzte, sondern diese Themen offensichtlich auch im Rahmen ständiger Positionierungen bezüglich der Rolle der Gewerkschaften innerhalb der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) Russlands instrumentalisierte. In späteren Jahren sollten Besucher Russlands auch der produktivistischen Faszination der russischen Planwirtschaft erliegen. Für die britischen Gewerkschafter der Zwanzigerjahre ergab eine gewerkschaftliche Analyse dagegen, dass Amerika Defizite aufwies und die Hoffnungen stattdessen auf einem anscheinend aufrichtigen, wenn auch mit Fehlern behafteten Experiment einer Arbeiterregierung ruhten. Fazit So bekannt sie auch in den Zwanzigerjahren waren, weder Tarnows noch Purcells Ideen überlebten die nachfolgende Dekade unbeschadet. Bereits vor dem Zusammenbruch der deutschen Arbeiterbewegung 1933 hatte Tarnows Glaube an die Rationalisierung an Stärke verloren, was auf die Diskreditierung seines amerikanischen Beispiels nach dem Zusammenbruch der Wall Street und die Auswirkungen der strukturellen Arbeitslosigkeit in Deutschland zurückzuführen war, die zusätzlich zur zyklischen Arbeitslosigkeit eingetreten war. Obgleich er anscheinend für das höchste Gewerkschaftsamt bestimmt war, rief seine Anspielung auf die Funktion der Arbeiterbewegung als »Doktor am Krankenbette des Kapitalismus« innerhalb der SPD starke Kritik hervor, und seine politische Glaubwürdigkeit sollte sich niemals vollständig davon erholen.52 Seit Mai 1933 im Exil befindlich, trug Tarnow noch immer Verantwortung für die Auslandsorganisation der deutschen Gewerkschafter, und nach der Niederlage der Nazis im Jahr 1945 hielt er bis zu seinem Tod 1951 die grundlegende und nicht verhandelbare Unterscheidung zwischen kommunistischen und »freien« Gewerkschaften hoch. In der Zwischenzeit wurde Purcells pragmatische, militante Haltung beim britischen Generalstreik von 1926 schmerzhaft vermisst. Als einer der Vorsitzenden des Organisationsausschusses für den Streik übernahm Purcell eine führende Rolle und musste heftige Kritik seitens der Linken einstecken, als der Streik abgebrochen wurde. Da die russischen Gewerkschaften in die Kritik einstimmten, traten die sektiererischen Animositäten erneut ans Tageslicht, was in der kommenden Periode des Kampfes »Klasse gegen Klasse« das Engagement des TUC für die internationale Einheit der Gewerkschaften vollkommen untergraben sollte. Purcell, der die IFTU-Präsidentschaft 1927 verlor, zog sich zwei Jahre später von der nationalen politischen Bühne zurück. Noch immer ein glühender Verfechter der Sowjetunion, die er 1933 erneut besuchte, starb er 1935, nachdem er die letzten Jahre seines Lebens mit den verhältnismäßig moderaten Verantwortlichkeiten eines Sekretärs des Gewerkschaftsrats von Manchester verbracht hatte. Man sollte die Bedeutung dieser Persönlichkeiten deshalb nicht überschätzen, die nur in einem besonderen Augenblick in der viel längeren Geschichte der über Europa hinausgehenden Suche nach alternativen Entwicklungen für die Zukunft ins Blickfeld rückten. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde außerhalb Großbritanniens der Antiamerikanismus stärker mit Teilen der politischen Linken identifiziert. In der Zwischenzeit verwendete Walter Citrine, der Nachfolger von Bramley als TUC-Generalsekretär, eine Art nativen Empirismus, den Adler so missbilligt hatte, und kam zu einer viel kritischeren Sicht hinsichtlich der Rolle der sowjetischen Gewerkschaften sowie zu positiveren Eindrücken über den sogenannten New Deal in Amerika. Während Citrine eine allgemein antikommunistische Haltung vertrat, war Leipart an seinem Lebensende Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands: Das Verständnis für eine Biografie ergibt sich nicht durch die Analyse der vermuteten typischen Wesenszügen, sondern durch das Aufzeigen von Vielschichtigkeiten, die in institutionellen Darstellungen manchmal übersehen werden. Tarnow und Purcell waren keine privat Reisenden, sondern bevollmächtigte Vertreter von Bewegungen, deren unterschiedliche Merkmale sie in akzentuierter Form zum Ausdruck brachten. Neben der Frage von Bolschewismus oder Amerikanismus kann man ihre wahrscheinliche Fortsetzung in dem Mitbestimmungsmodell erkennen, das während des deutschen Wirtschaftswunders vorgeschlagen wurde, sowie in der dezentralisierten Militanz der Gewerkschaftsbasis, die sogar während der Zeit des Wohlstands in Großbritannien bestand. Auch historiographisch lässt sich die Affinität mit jenen britischen marxistischen Historikern feststellen, welche den Klassenkampf aus den Fängen des ökonomischen Determinismus zu lösen und sogar die Maschinenstürmer vor der »enorm herablassenden Haltung der Nachwelt« zu retten versuchten.53 Von der Zukunft mit ihren unterschiedlichen Varianten zu lernen, hatte stets den Vorteil der anscheinend unwiderlegbaren Logik einer Art Nezessitarismus. Das Problem dabei bestand darin, dass es immer alternative Entwicklungen für die Zukunft gab und dass diese niemals nur beobachtet und aufgezeichnet, sondern aktiv aus dem Material einer umkämpften Gegenwart geschaffen wurden. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 C. R. de Gruchy, in: Socialist Review, April 1928, zit. nach A. J. Williams: Labour and Russia. The attitude of the Labour Party to the USSR 1924–33, Manchester 1989, S. 65 f. 2 Siehe British Library of Political and Economic Science, Beatrice Webb diaries, 18. August 1930. 3 Siehe Charles S. Maier: Between Taylorism and technocracy. European ideologies and the vision of industrial productivity in the 1920s, in: Journal of Contemporary History, 5 (1970), H. 27, S. 28. 4 Siehe dazu ausführlich Kevin Morgan: Labour Legends and Russian Gold. Bolshevism and the British left, part 1, London 2006; ders.: The Webbs and Soviet Communism. Bolshevism and the British left, part 2, London 2006. 5 Siehe dazu insbesondere Kevin Morgan: Workers of all Countries? Syndicalism, internationalism and the lost world of A. A. Purcell. Bolshevism and the British left, part 3, London im Erscheinen 2011/12, Kap. 6. Durch den Zugang zu sowjetischen Archiven hat sich dies in der aktuellen Historiographie der die UdSSR besuchenden Delegationen als ein Hauptthema ergeben, siehe beispielsweise die detaillierte Behandlung in Rachel Mazuy: Croire plutôt que voir? Voyages en Russie soviétique (1919–1939) [Lieber glauben als sehen? Reisen im sowjetischen Russland (1919–1939)], Paris 2002. 6 Siehe Fritz Tarnow. 13. April 1880 – 23. Oktober 1951. Arzt am Krankenbette des Kapitalismus, in: Gerhard Beier: Schulter an Schulter. Schritt für Schritt. Lebensläufe deutscher Gewerkschafter. Von August Bebel bis Theodor Thomas, Köln 1983, S. 198–202. 7 Siehe Josiah C. Wedgwood: Essays and Adventures of a Labour MP, London 1924, S. 11. Die sieben TUC-Delegierten wurden von drei technischen Beratern begleitet, deren angebliche Aufgabe Anlass für erhebliche Kontroversen war. 8 Siehe Russia. The official report of the British trades union delegation to Russia and Caucasia Nov. and Dec. 1924, London 1925, S. 10–12, 136 ff., 208–217. 9 Im Gegensatz zur französischen Übersetzung durch Louis Bracke, erschienen unter offizieller Schirmherrschaft des französischen Parti Socialiste, wurde die englische Übersetzung von unabhängiger Seite veröffentlicht, nachdem die Independent Labour Party es abgelehnt hatte, dafür die Verantwortung zu übernehmen, siehe Friedrich Adler: The Anglo-Russian Report. A criticism of the report of the British trade union delegation to Russia from the point of view of international socialism, London 1925. 10 Siehe Besuch des amerikanischen und mexikanischen Gewerkschaftskongresses, in: ADGB Jahrbuch 1924, Berlin 1925, S. 203 f. 11 Siehe ADGB (Hg.): Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer, Berlin 1926, S. 255 f. und passim. 12 Mary Nolan erwähnt auch eine ideologische Bedeutung des Fordismus, bei dem der Aspekt der unternehmerischen Führung hervorgehoben wird. Diese Lesart war jedoch den Anhängern der Arbeiterbewegung oder des sozialdemokratischen Gedankens weniger zugänglich. Siehe Mary Nolan: Visions of Modernity. American business and the modernisation of Germany, New York 1994, S. 32. 13 Ehrenburg zitierte John Willett: The New Sobriety. Art and politics in the Weimar period 1917–1933, London 1978, S. 98 f.; Witte zitierte Nolan: Visions (Anm. 12), S. 31. 14 Siehe Tarnows Anmerkungen, in: Report of the Proceedings of the Forty-Fifth Annual Convention of the American Federation of Labor, [o.O.] 1925, S. 108. 15 In Bezug auf die Bereitschaft des AFL, die Kosten von Grassman zu übernehmen, siehe Besuch des amerikanischen und mexikanischen Gewerkschaftskongresses (Anm. 10), S. 203. 16 A. A. Purcell, in: Report of Proceedings at the 57th Annual Trades Union Congress, London 1925, S. 70; Gosudarstvennyi arkhiv Rossiiskoi Federatsii/Russisches Staatsarchiv (im Folgenden: GARF), Moskau, 5451/13a/41, Walter Citrine an Tomski und Bogadov, All-Russian Central Council of Trade Unions, 24. April 1925. 17 Siehe E. H. Carr: Socialism in One Country, 1924–1926, Bd. 3, Harmondsworth 1972, S. 598–600; GARF 5451/13a/40, Bogadov an TUC general council, 3. August 1925; International Institute for Social History SAI 1675, Adler an William Gillies, 23. April 1926. 18 The Daily Mail Trade Union Mission to the United States. Full story of the tour and members’ report, London 1926, S. 3. 19 TUC archives/TUC-Archiv, University of Warwick Modern Records Centre, MSS 292/973/36, W. Green, AFL, an W. Citrine, TUC, 30. Juli 1926. 20 Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer (Anm. 11), S. 7–9; Russia. The official report (Anm. 8), S. xi–xxiii. 21 Siehe den kommunistischen Kritiker A. Friedrick: Amerika-Literatur, in: Die Internationale VIII, Nr. 7 (1.7.1925), S. 607. 22 Siehe Labour Magazine, März 1924, S. 525. 23 Siehe A. B. Swales: Lessons from trans-Atlantic trade unionism, in: Labour Magazine, Februar 1925, S. 454 f.; C. T. Cramp: Impressions of America, in: Labour Magazine, Februar 1925, S. 435–437. 24 Bei der Wahl der Delegierten auf der TUC-Jahreskonferenz von 1924 führte Purcell mit deutlichem Abstand die Liste der elf Kandidaten an. 25 Forty-Fifth Annual Convention of the American Federation of Labor (Anm. 14), S. 108; Washington Post vom 7. Oktober 1925. 26 Washington Post vom 8. Oktober 1925. 27 Washington Post vom 9. Oktober 1925. Es ist anzumerken, dass dem kommunistischen Abgeordneten des britischen Parlaments, Saklatvala, die Teilnahme an der zeitgleich in Washington stattfindenden Versammlung der Inter-Parliamentary Union (IPU, Interparlamentarische Union) verwehrt wurde. 28 New York Times vom 12. Oktober 1925. 29 Siehe Sylvia R. Margulies: The Pilgrimage to Russia. The Soviet Union and the treatment of foreigners, 1924–1937, Madison/Wisconsin 1968. S. 50 f. zitiert Benjamin Gitlow, der anführte, dass der Purcell-Fonds tatsächlich keine Gelder enthielt. Ein Bericht in der New York Times vom 18. November 1925 bezieht sich auf die Sammlung eines Betrags in Höhe von fast 1000 US-Dollar, was mit Recht als der Kern eines solchen Fonds beschrieben wird, mehr aber auch nicht. 30 Siehe C. Wonderberg: The International Union of Woodworkers, in: International Trade Union Movement, Januar/Februar 1922. 31 Für Details siehe Kevin Morgan. 32 Siehe insbesondere seine Abhandlung Class Cohesion versus Spurious Patriotism. A straight talk to British workers, Manchester o.D. [1915?]. 33 Für biografische Details siehe Beier: Schulter an Schulter (Anm. 6). 34 Nolan: Visions (Anm. 12), S. 67; Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer (Anm. 11), S. 253. 35 Fritz Tarnow: Warum arm sein?, 1925, S. 19. 36 Dean Forest Mercury vom 4. Dezember 1925. 37 A. A. Purcell: Capital and labour in the USA, in: Labour Monthly, Februar 1926, S. 93. 38 Siehe Dean Forest Mercury vom 4. Dezember 1925. 39 Zu Dutt und Labour Monthly siehe Morgan: Labour Legends (Anm. 4), S. 73–76, 94 f. 40 Siehe Peter Beilharz: Labour’s Utopias, Bolshevism, Fabianism, Social Democracy, London 1992, S. 98. 41 Karl Kautsky, zit. in: Florence Baldwin: The Socialist Commonwealth, London 1909, S. 6 f., 20. 42 Siehe z. B. Fritz Tarnow: Die Große Wirtschaftsenquete, in: Die Arbeit 1926, H. 7, S. 413–419. 43 Egon Wertheimer: Das Antlitz der Britischen Arbeiterpartei, London 1929, S. 7 f. 44 Purcell: Capital and labour (Anm. 37), S. 93. 45 Antonio Gramsci: Americanism and Fordism, in: Quintin Hoare/Geoffrey Nowell Smith (Hg.): Selections from the Prison Notebooks, London 1971, S. 302 f. 46 Siehe Kevin Morgan: The other future. The British left and America in the 1920s, in: Socialist History 16 (1999), S. 64–88. 47 Adler: Anglo-Russian Report (Anm. 9), S. 39. 48 AFL 55th Convention Report of Proceedings, 6. Oktober 1926, S. 148. 49 »Nun haben all diese Programme, Plattformen, Grundsätze und Manifeste ihren Platz. Ich war dabei, wie Millionen davon entworfen wurden, habe aber niemals geglaubt, dass sie das bewirken würden, was die größten Enthusiasten wünschten.« (Purcell: Towards a new policy – V, in: Labour Monthly, Mai 1924, S. 268.) Purcells kommunistischer Herausgeber betrachtete seine »allgemein genialen Ergüsse« als das absolut letzte Wort einer Bankrotterklärung der Theorie. 50 Russia. The official report (Anm. 8), S. 136. 51 Morgan: Webbs and Soviet Communism (Anm. 4), Kap. 9. 52 Für Tarnows Rede siehe Protokoll. SPD in Leipzig vom 31. Mai bis 5. Juni, Berlin 1974, S. 82–86. 53 E. P. Thompsons berühmte Formulierung. Bezüglich dieser Interpretation siehe Harvey J. Kaye: The British Marxist Historians, Cambridge 1984.

JHK 2012

Vom Schmieden »neuer Menschen«. Putevka – die Lagerzeitung des Karlag

Wladislaw Hedeler

Die Presse des Gulag als neues Forschungsfeld Zu den kaum bekannten und durch die Gulagforschung nicht erschlossenen Seiten der Geschichte der sowjetischen Besserungsarbeitslager gehört die Herausgabe, Drucklegung und Verbreitung von Lagerzeitungen. Aufgabe der anfangs sowohl für Mitarbeiter als auch für Häftlinge bestimmten Zeitungen war es, als »kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator« zu wirken. Diese Funktion der »Presse neuen Typs« hatte im Denken der Bolschewiki immer einen festen Platz. Alla Gorčeva legte 1996 in Russland eine erste, wenn auch unvollständige Überblicksdarstellung zur Gefängnis- und Gulag-Presse vor, die u. a. Angaben zu 168 zwischen 1932 und 1954 in über 50 Gulags vertriebenen Zeitungen enthält.1 Aufgrund der damaligen Archivsituation konnte sie nur einzelne Ausgaben, keine kompletten Jahrgänge auswerten und ausschließlich auf jene Ausgaben zurückgreifen, die sich im Bestand der Moskauer Lenin-Bibliothek befanden. Hierbei handelt es sich um Lagerzeitungen, die Bezirkszeitungen gleichgestellt waren und deshalb mit einem Pflichtexemplar in der Moskauer Präsenzbibliothek zu finden sind. Der tatsächliche Bestand der Lagerpresse ist jedoch wesentlich umfangreicher. Hinweise auf im Staatsarchiv der Russischen Föderation (Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/GARF) komplett überlieferte Jahrgänge von Gulagzeitungen aus den Jahren 1950 bis 1955 enthält das Findbuch zur Ausgabe der Geschichte des Stalin’schen Gulag.2 Perekovka, »das Umschmieden«, ist ein bis zum Beginn des Großen Terrors immer wieder aufgegriffenes Bild auf den Titelseiten und in den Artikeln dieser Presseerzeugnisse. Mit »Perekovka« im Titel erschienen u. a. Zeitungen im Belbaltlag3 (Perekovka na fronte stroitel’stva – Perekovka an der Baufront), im Dmitlag4 (Perekovka) und im Siblag5 (Sibirskaja perekovka – Sibirische Perekovka). Auch Georgi Dimitroffs Auftreten während des Prozesses um den Reichstagsbrand6 und sein Hinweis auf das von Johann Wolfgang von Goethe verfasste Gedicht »Ein Anderes« wurden in der sowjetischen Presse, die Putevka7 eingeschlossen, entsprechend ausgelegt und trugen so zur Verbreitung der kursierenden Vorstellungen über »das Umschmieden« bei. Im Gedicht heißt es u. a.: »Du mußt steigen oder sinken, Du mußt herrschen und gewinnen Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Amboß oder Hammer sein.«8 Von 1923 bis 1960 gab es in der UdSSR insgesamt 476 solcher Haftorte, die unterschiedlich lange, zwischen einem Jahr und dreißig Jahren, bestanden. Von 1931 bis 1960 existierten die meisten Besserungsarbeitslager zwischen einem Jahr und fünf Jahren. Dies betraf über 270 Lager. Daneben gab es über 100 maximal ein Jahr bestehende, außerdem über 80 zwischen fünf und zehn Jahren bestehende Lager. Diese Rangfolge änderte sich – abgesehen von den Kriegsjahren 1941 bis 1945 – nicht. Danach existierten die meisten Lager maximal nur noch ein Jahr. Bis Ende der Fünfzigerjahre wurden zwischen 15 und 18 Millionen Häftlinge zu »Besserungsarbeit« in den unterschiedlich lange existierenden Lagerkomplexen mit ihren Tausenden Haupt- und Nebenlagern verurteilt. Die Lagerzeitung Putevka und ihre Anfänge In der von Alla Gorčeva zusammengestellten Bibliografie ist die im Karlag in den Dreißigerjahren herausgegebene Lagerzeitung Putevka (»Dienstreiseauftrag«) nicht verzeichnet. Im Karagandinsker Besserungsarbeitslager, das von 1929 bis 1959 auf dem Territorium Kasachstans existierte, war sie das Organ der für kulturelle Erziehungsarbeit zuständigen Abteilung der Lageradministration des Karlag, der Vereinigten Politischen Hauptverwaltung (Objedinjonnoje Gossudarstwennoje Polititscheskoje Uprawlenije/OGPU). Nur die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren verlegte Nachfolge-Zeitung Za socialističeskoe životnovodstvo [Für die sozialistische Viehwirtschaft]9 ist aufgeführt. Im Archiv des Karlag10 in Karaganda sind jedoch die Jahrgänge beider Zeitungen, die ausschließlich für den Vertrieb innerhalb des Lagers bestimmt waren, überliefert und konnten vom Verfasser während der Arbeit am Forschungsprojekt über die Geschichte des Karlag eingesehen werden.11 Der Name Putevka wurde in Anlehnung an den Titel des damals populären ersten abendfüllenden Tonfilms »Putevka v žizn’« [Der Weg ins Leben]12 von Nikolaj Ėkk gewählt. Der Film von 1931 spielt nach dem Bürgerkrieg und handelt von der Umerziehung verwahrloster Jugendlicher in einer Arbeitskommune.13 Durch Einbeziehung in den Arbeitsprozess werden aus Banditen (»Wir können sie doch nicht alle erschießen«, so einer der Darsteller) gleichberechtigte Mitglieder der neuen Gesellschaft. Getreu dem Motto, dass die Umwelt den Menschen formt, gelingt das Experiment: »Die Arbeit hat gesiegt.« Der folgende Auszug aus dem in der Putevka veröffentlichten Artikel »Wir liquidieren die Vergangenheit und schaffen die Zukunft« gibt Hinweise darauf, welchen Zweck die Besserungsarbeitslager erfüllen sollten, und weist gleichzeitig Parallelen zur Filmhandlung auf: »Doch die Neuschöpfung eines Menschen, der alles durchgemacht hat, der mehrmals verurteilt worden ist, der auf alles pfeift und jeden Versuch, zum ehrlichen Arbeitsleben zurückzukehren, als ›hoffnungsloses Unterfangen‹ ansieht, ist keine einfache Angelegenheit. Die Leitung der Besserungsarbeitslager der OGPU versteht diesen Zustand des auf die schiefe Bahn geratenen Menschen, des Rückfälligen, sehr gut und bietet ihm alle Möglichkeiten der Erziehung und Umerziehung an, ist bestrebt, ihn in den unmittelbaren sozialistischen Aufbau einzubeziehen. Indem sie ihn in den Wettbewerb und die Stoßarbeit einbezieht, in die speziellen Arbeitskollektive einbindet, bietet die Administration dem Rückfälligen die Chance, seinen guten Willen zur Besserung unter Beweis zu stellen und sich auf diese Weise der Masse der ehrlichen Werktätigen der Sowjetunion anzuschließen. Dank der vom Leiter der Verwaltung richtig praktizierten Politik der Besserungsarbeit und kulturellen Erziehungsarbeit fanden sich unter den Rückfälligen viele, die den Weg der Besserung beschreiten und beginnen, die Überreste ihrer Vergangenheit zu überwinden. Deshalb wurden gerade sie ausgewählt, als es darum ging, die erste Gruppe von Rückfälligen in die Petropavlovsker Kommune14 zu entsenden. Ungeachtet dessen, das sie ohne Bewachung losgeschickt wurden und unter ihnen einige ›schwere Jungs‹ waren, kamen alle am Bestimmungsort an und begannen die neue Etappe ihrer Gewöhnung an das Arbeitsleben. Davon, wie gut sie sich in der Kommune fühlen und wie gut sie die Kommune aufgenommen hat, kündet der Brief des Kollektivs der Petropavlovsker Arbeitskommune der OGPU an den Leiter der Verwaltung Gen. Čuntonov,15 in dem sie ihre Dankbarkeit für seine Mitwirkung an ihrer Umerziehung zum Ausdruck bringen: ›Als wir die Schwelle zur Kommune überschritten, haben alle mit ihrer Vergangenheit gebrochen und kämpfen nun unerschütterlich um ihre Putevka ins Leben.‹«16 1931, als der Film in die Kinos kam, wurde das Karlag gegründet. Außer der Putevka in russischer Sprache erschienen von März 1934 bis Februar 1935 unter dem Titel ÇAŅA ÇOL (Žana Žol – Neues Leben) insgesamt 49 Ausgaben auf Kasachisch. Bei den Aufsätzen, die aus den russischsprachigen Zeitungen für die kasachische Ausgabe ausgewählt wurden, handelte es sich um leicht gekürzte Übersetzungen der in der Putevka publizierten Beiträge. Beide Blätter, auch wenn sie in Bezug auf ihre Artikelauswahl nicht vollkommen identisch waren, fungierten als Sprachrohr der für kulturelle Erziehungsarbeit zuständigen Abteilung der Lageradministration. Sie war es, die die Inhalte und die Stoßrichtung der Artikel vorgab. Auch im Gulag hatte man sich dem Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus verschrieben, der von der Administration als Bestandteil der Lösung der nationalen Frage im Lager verstanden wurde. In zahlreichen Berichten aus den Gründerjahren des Karlag ist davon die Rede, dass russische Häftlinge, die im Lager als Funktionshäftlinge oder Brigadiere eingesetzt wurden, die Angehörigen der indigenen Bevölkerung, die mit ihnen gefangen waren, kasachische Frauen und Männer, drangsalierten. Diese hatten zuvor als Nomaden mit ihren Herden gelebt. Das zunehmend expandierende Lager nahm ihnen jedoch ihren Lebensraum und dem Vieh die Weideflächen. Wer das Land nicht in Richtung China verließ, sondern sich zur Wehr setzte, wurde als »Bandit« verfolgt, verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Für die Erfüllung der Aufgaben der Lagerwirtschaft war es aber von Bedeutung, dass die Diskriminierung der Häftlinge nichtrussischer Nationalität durch die russischen Häftlinge unterblieb. Am 20. März 1933 hatte der Kommandant des Karlag einen Befehl über die Durchsetzung der Nationalitätenpolitik im Lager erlassen, den mehrere Artikel in der Putevka thematisch aufgriffen. »Die ersten Schritte sind getan«, heißt es in dem Beitrag »Für die nationalen Kader«, der vom Umschmieden der »rückständigen und ehemals nomadisierenden Bevölkerung unter Lagerbedingungen« berichtet.17 Doch eine grundlegende Änderung trat nicht ein. Am 17. April 1934 informierte der stellvertretende Leiter der 3. Abteilung des Karlag über die Verbreitung von großrussischem Chauvinismus, Antisemitismus und Bandenbildung im Lager und kritisierte die Gleichgültigkeit der Administration gegenüber diesen »konterrevolutionären Erscheinungen«. Alle sollten sich als gleichberechtigte Mitglieder der Häftlingsgesellschaft fühlen. Der Chefredakteur, der gleichzeitig einer der Stellvertreter des Lagerkommandanten war, äußerte sich in regelmäßigen Abständen zu diesem Problem, was dessen Stellenwert für die Umerziehung unterstreicht. Die im Karlag zu sozialistischen Menschen »umgeschmiedeten« Häftlinge sollten nach verbüßter Zwangsarbeit in der kasachischen Steppe ihre »Putevka« in die Sowjetgesellschaft erhalten, um als gleichberechtigte Bürger ein neues, dem Aufbau des Kommunismus gewidmetes Leben zu beginnen. Neben der Zeitung war es vor allem das Lagermuseum, das die »Erfolge bei der Umgestaltung der Natur und beim Umschmieden der Häftlinge zu neuen Menschen« dokumentierte. Der Vorsitzende der Kommission zur Erarbeitung der Geschichte des Karlag betonte das Interesse der Lageradministration an Stoßarbeitern, beispielhafter kollektiver Arbeit und der erfolgreichen Umerziehung von rückfälligen Kriminellen.18 Das Primat der Ökonomie Alle wirtschaftlichen Leistungen und Erfolge, egal, ob auf dem Gebiet der Melioration oder in der Land- und Viehwirtschaft allgemein, basierten auf der Ausbeutung Tausender Häftlinge des Karlag. Von der Gründung bis zur Auflösung des Lagers waren insgesamt 788 000 Männer und Frauen inhaftiert. Seit 1933 wurden auf Befehl des Lagerkommandanten jährlich Landwirtschaftsausstellungen in Dolinka, dem Sitz der Administration, durchgeführt, auf denen die Produktionsleistungen des Karlag vor allem für Vertreter der örtlichen und Moskauer Behörden präsentiert wurden.19 Die Lageradministration sah sich in ihrer Tätigkeit grundsätzlich bestätigt, wie einer Einschätzung des Karlag-Kommandanten Otto Linin vom Dezember 1933 zu entnehmen ist: »Wir Tschekisten und Mitarbeiter des Karlag – die wir uns in der entlegenen Steppe der Halbwüste Kasachstans befinden und verantwortungsvolle Aufgaben erfüllen, indem wir die klassenmäßige Besserungsarbeitspolitik umsetzen, die Aufgabe des Umschmiedens der Verbrecher zu vollwertigen Menschen, die der sozialistischen Gesellschaft von Nutzen sind – erfüllen nicht minder wichtige Aufgaben, die uns die Partei, die Regierung und das Kollegium der OGPU gestellt haben, nämlich den kulturellen und wirtschaftlichen Aufbau der Peripherie unserer Sowjetunion.«20 Im Folgejahr kamen die Kommandanten des Karlag und des benachbarten Siblag gar auf die Idee, wechselseitig in einen »sozialistischen Wettbewerb« um die besten Arbeitsergebnisse zu treten.21 Ein Wettbewerbsstab lieferte regelmäßig Berichte an die Zeitung.22 Hinter der Verlautbarung, die rationellste Form der Produktion zu finden, verbarg sich die Suche nach der effektivsten Form der Ausbeutung der Häftlinge. Doch so ausgeklügelt die Pläne auch waren, die Administration musste immer wieder deren Scheitern eingestehen. Pavel Lukič Nikiforov, Oberst der Grenztruppen und der Truppen des Innenministeriums, hatte seit 1934 Leitungsfunktionen in Gulags und auf Großbaustellen der GULAG23 inne. Vom 26. August 1938 an war er Stellvertretender Kommandant des Karlag. Er wurde abgesetzt, weil er gegenüber Unterstellten geäußert hatte, dass die Wirtschaft am Boden liege und man besser verschwinden sollte, um der drohenden Verhaftung zu entgehen. Auf der 1. Parteikonferenz des Karlag 1939 forderte Kartavych, Stellvertreter des Leiters der Verwaltung, Nikiforov für seine Äußerungen mit einer Parteistrafe zu belegen.24 Der Bitte wurde stattgegeben. Von der Gründung des Lagers bis Kriegsbeginn gelang es nach der Einschätzung durch die Führung ein einziges Mal, den Staatsplan zu erfüllen, das war unmittelbar vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Welcher Stellenwert hierbei der auf Disziplinierung und Mobilisierung der Häftlingsgesellschaft ausgerichteten Lagerpresse beigemessen wurde, wird vor dem Hintergrund der zur gleichen Zeit erfolgten Einstellung von 15 überregionalen sowjetischen Zeitungen im Jahr 1933 deutlich. Die Putevka, die ihrem Erscheinungsbild nach dem Zentralorgan der KPdSU(B) Pravda folgte, erschien anfangs dreimal monatlich, dann als Wochenzeitung, und schließlich alle drei Tage, wobei Formate, Gestaltung, Auflagenhöhe und Umfang (zwischen zwei und vier, selten auch sechs Seiten) wechselten. Sie wurde von Häftlingen gesetzt und in der lagereigenen Druckerei in Dolinka in einer Auflage von bis zu 5900 Exemplaren gedruckt, im Abonnement vertrieben,25 an Wandzeitungen ausgehangen, in den Häftlingsbaracken verlesen und in für Häftlinge zugänglichen Orten, wie z. B. den Barbierstuben, ausgelegt. Lagerkorrespondenten wiesen immer wieder auf Pannen bei der Auslieferung der Zeitung hin, deren Vorlage im Regelfall mit großer Verspätung in den Produktionsabteilungen eintraf. In einigen Fällen warteten die Abonnenten, darunter auch Häftlinge, vergeblich auf die Zustellung der von ihnen bezahlten Putevka.26 Im Karlag mussten in der Entstehungsphase des Lagers zwischen 12 000 und 30 000 Häftlinge Zwangsarbeit leisten. Zum 1. Januar 1934 waren es 24 148 Häftlinge, darunter 3011 Frauen. Sie waren die eigentlichen Adressaten der Artikel, nutzten die Zeitung aber auf ihre Weise, denn zur Zeitungslektüre blieb nach der Arbeit keine Zeit. Viele Lagerkommandanten versuchten, die Planrückstände durch Verlängerung des Arbeitstages aufzuholen und ließen die Häftlinge 14 bis 16 Stunden sowie an den Sonntagen arbeiten. Nach einer in der Lagerabteilung Burma durchgeführten Untersuchung erließ der Lagerkommandant am 23. Mai 1935 einen Befehl »Über die Versorgung der Häftlinge mit der Lagerzeitung«. Darin kritisierte er ihre zweckentfremdete Verwendung – die Putevka diente als Tischdecke, als Unterlage für die unter den Pritschen abgelegten Sachen oder als Zigarettenpapier. Während der Instrukteur der Abteilung für kulturelle Erziehungsarbeit in Burma mit einem Rüffel davonkam, mussten die betreffenden Häftlinge für zwei Wochen in den Karzer.27 Zur Verbreitung der Zeitung im Karlag Im ersten Jahrgang 1932 erschienen 28 Ausgaben der Putevka, auf deren Inhalt jedoch nur aus Artikeln und Leserbriefen geschlossen werden kann, die in den Ausgaben von 1933 publiziert wurden, da im Archiv des Karlag in Karaganda leider keine Exemplare dieser ersten Ausgaben überliefert sind. Nur für den Zeitraum von Januar 1933 bis März 1935 ist ein fast lückenloser Bestand vorhanden. Vom 10. Januar bis 6. Dezember 1933 erschienen 50 Ausgaben, 1934 waren es 78 (die ersten 15, bis März 1934 herausgegebenen Ausgaben fehlen leider ebenfalls im Archiv), der archivierte Bestand bricht mit der Nr. 23 vom 12. März 1935 ab. In dieser Zeitspanne sind insgesamt 190 Ausgaben der Putevka erschienen. Von Januar 1933 bis zum 12. Mai 1933 erschien die Zeitung in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Danach stieg die Auflage zunächst auf 3000 Exemplare und der Preis von drei auf fünf Kopeken. Von nun an erschien sie nicht mehr dreimal im Monat, sondern wöchentlich. Auf den vier Zeitungsseiten fanden im Durchschnitt 20 bis 30 Artikel Platz. 1932 und 1933, als die Zeitung bis zur Ausgabe Nr. 42 alle zehn Tage erschien, war ein Redaktionskollektiv für den Inhalt verantwortlich. Als erster Chefredakteur fungierte I. D. Šigarev, der von A. Šitov abgelöst wurde, der die Zeitung vom März 1934 bis Mai 1934 leitete. Nach ihm übte der Leiter der 3. Abteilung (dem Lager-NKVD) Michail Lavrent’evič Kljušin die Funktion des Chefredakteurs aus. Im Juli 1934 übernahmen I. Kostromin28 und V. Ivanov abwechselnd die Leitung der Redaktion. 1935 zeichnete der Stellvertretende Kommandant des Karlag, Petr Pimenovič Sokolov, als verantwortlicher Redakteur. Im Regelfall betrug der Umfang der Zeitung vier Seiten, die Auflage erreichte 1934 zeitweilig 4300 Exemplare. Mit steigender Auflage – Papier war knapp – verkleinerte sich das Format der Zeitung auf 28 x 40 cm. Nur im November 1934, aus Anlass des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde die Zeitung wieder im Großformat und zweifarbig gedruckt. Zum Internationalen Frauentag am 8. März richteten sich die Beiträge hauptsächlich an die weiblichen Häftlinge. In den Ausgaben, die um den 1. Mai herum erschienen, konzentrierte man sich dagegen auf die Erfolge in der Landwirtschaft. Am 7. November 1933 erschien die Putevka erstmalig mit Porträtzeichnungen von Regierungsmitgliedern auf der Titelseite, elf Tage später auch mit Fotos. Bis dahin enthielt die Zeitung ausschließlich Textbeiträge. Neu in der Ausgabe vom 6. Dezember 1933 waren die grafisch gestalteten Rubriken. Karikaturen, in denen die Missstände im Karlag aufs Korn genommen wurden, sind in der Putevka na posevnoj ab April 1934 zu finden. Hierbei handelt es sich um Ausgaben, die den Verlauf der Aussaatkampagne in den einzelnen Produktionsabteilungen des Karlag zum Inhalt hatten. Insgesamt erschienen in den Monaten April und Mai 1934 zwölf dieser begleitenden Ausgaben. Ihre Auflage betrug 500 bis 700 Exemplare, die Inhalte der durchschnittlich 12 Artikel waren auf die anstehenden Aufgaben der Lagerabteilungen Samarka, Čurbaj-Nura, Zentraler Produktionspunkt, Kotursk und Volkovskoe zugeschnitten. Einzelne Zeichnungen und Karikaturen wie der »kranke Traktor«, das die Rübe würgende Unkraut, der auf dem Tintenlöscher schaukelnde Bürokrat oder der Faulpelz mit dem großen Esslöffel wurden immer wieder verwendet. Ab Juli 1934 kamen Motive aus der Landwirtschaft, wie Viehtrieb, Heu- bzw. Gemüseernte, hinzu.29 Es gab auch einige wenige Ausgaben mit im Lager aufgenommenen Fotos aus dem Bereich der Tier- und Pflanzenproduktion – so wurden ein Zuchteber, Rinder, Schafe und Sonnenblumenfelder aufgenommen. Häftlinge, die sich durch ihre Arbeit auszeichneten, wurden seit August 1934 mit Porträtzeichnungen geehrt, da Fotos von Häftlingen nicht veröffentlicht werden durften. Im vierten Quartal des Jahres 1934 verdrängten solche Zeichnungen die Karikaturen. Doch nicht nur die Satire verschwand damit aus dem Blatt. Mit dem Wegfall der innen- und außenpolitischen Berichterstattung entfielen auch Meldungen über politische Ereignisse wie Demonstrationen oder Streiks in Österreich oder Paris und die aus den überregionalen sowjetischen Zeitungen übernommenen Fotos. Es scheint, als hätten die Redakteure Lenins Vorgaben aus seinem Artikel »Über den Charakter unserer Zeitungen« vom September 1918 übernommen: »Weniger Politik. Die Politik ist völlig ›geklärt‹ und auf den Kampf zweier Lager reduziert […] Mehr Ökonomisches. Aber Ökonomisches nicht im Sinne ›allgemeiner‹ Auslassungen und gelehrter Abhandlungen, intelligenzlerischer Pläne und ähnlichem Gewäsch, das leider nur zu oft eben nichts anderes ist als Gewäsch. Nein, wir brauchen Ökonomisches im Sinne des Sammelns, sorgfältigen Prüfens und Studierens des Tatsachenmaterials aus dem Aufbau des neuen Lebens, wie es sich in Wirklichkeit vollzieht. […] Weniger politisches Wortgeprassel. Weniger intelligenzlerische Betrachtungen. Näher heran ans Leben. Mehr Aufmerksamkeit dafür, wie die Arbeiter- und Bauernmassen in ihrer täglichen Arbeit in der Praxis etwas Neues bauen. Mehr Kontrolle darüber, wie weit dieses neue kommunistisch ist.«30 Die Themenpalette der Putevka In den Jahrgängen 1933 bis 1935 wurden über 3300 Artikel von über 1200 Autoren publiziert. Am 28. März 1935 hatte der Lagerkommandant aus Anlass des dritten Jahrestages des Erscheinens der ersten Nummer ein Dekret »Über die Lagerpresse« erlassen. Darin hob er die Zunahme der Lagerkorrespondenten hervor, deren Zahl sich im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht hatte, die Auflage war allerdings auch siebenmal so hoch wie im ersten Jahr. Außer der regulären Putevka erschienen während der Alphabetisierungskampagne im Karlag Ende 1933 zwei Extraausgaben der Putevka dlja načinajuščichsja čitat’ [Putevka für jene, die Lesen lernen]. Bis zum 16. Jahrestag der Oktoberrevolution sollten z. B. alle Analphabeten der Produktionsabteilung Koktunkul’ in Kursen erfasst sein. Der Erzieher Erdmann und der Leiter der für die kulturelle Erziehungsarbeit zuständigen Abteilung in Koktunkul’ forderten in der Putevka vom 24. Oktober 1933 die anderen Abteilungen auf, ihrem Beispiel zu folgen.31 1934, mit der beständigen Ausdehnung des Karlags, der weiteren Erschließung der Steppe, kam ein neuer Aufgabenbereich hinzu – die gezielte Verbreitung von Expertenwissen in den über das Territorium verstreuten Produktionspunkten des gewaltigen Lagerkomplexes. Das auf Viehzucht und Landwirtschaft spezialisierte Lager bestand aus sogenannten Lagerabteilungen, die ihrerseits wiederum in Abschnitte, Farmen und Produktionspunkte untergliedert waren.32 Die landwirtschaftlichen Versuchsstationen des Lagers arbeiteten eng mit der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften in Leningrad zusammen. Sie standen unter der Leitung von verhafteten Wissenschaftlern oder Zivilangestellten. Der aus dem Siblag übernommene Professor F. G. Cion leitete das bakteriologische Labor des Karlag, in dem u. a. Impfstoffe für Rinder produziert wurden.33 In den Folgejahren fanden in den landwirtschaftlichen Versuchsstationen zahlreiche Experimente zur Entwicklung neuer winterharter Getreidesorten und resistenterer Obstbäume sowie die Aufzucht von Vieh statt. Diese Forschungsergebnisse und praktischen Erfahrungen wurden über die Grenzen des Lagers hinweg verbreitet und brachten der Administration sogar zusätzliche Geldeinnahmen. Am 21. April 1934 erschien die Putevka zunächst mit einer Beilage, aus der später eine eigene großformatige Zeitung namens Za novuju techniku [Für eine neue Technik] hervorging. In den zehn Ausgaben des Jahres 1934 (bis Februar 1935 stieg deren Zahl auf zwölf) kamen die im Lager beschäftigten Spezialisten, in erster Linie Tierärzte, Agronomen, Hydrologen und Botaniker, zu Wort. Als Chefredakteur fungierte bis Februar 1935 Ivanov. Der Schwerpunkt der Berichterstattung in der Putevka und ihren Sonderausgaben lag auf der Durchsetzung der Planerfüllung. Im Rahmen dieser Aufgabenstellung war auch Kritik an Missständen im Lager und an einzelnen Funktionsträgern erlaubt. Hierfür standen gleich mehrere Rubriken zur Verfügung. Sie blieben von 1933 bis 1936, sieht man von der innen- und außenpolitischen Berichterstattung ab, unverändert: Bloknot lagkora [Notizblock des Lagerkorrespondenten], Lagkory pišut [Lagerkorrespondenten schreiben], Loskutki byta [Alltagsfetzen], Na kul’turno-vospitatel’nom fronte [An der kultur-erzieherischen Front], Naša scena [Unsere Bühne], Ob”javlenija [Mitteilungen], Ot redakcii [Die Redaktion teilt mit], Po otdelenijam Karlaga [Aus den Produktionsabteilungen des Karlag], Po sledam zametok [Auf den Spuren der Zuschriften], Po sojuzu SSR [Aus der UdSSR], Proizvodstvo [Produktion], Putevka otvečaet [Die Putevka antwortet], Sanitarnyj ugolok [Sanitärecke], Transport, Vmesto fel’etona [Anstelle eines Feuilletons], Vnimanie lagerniki [Lagerinsassen aufgepasst], Za rubežom [Aus dem Ausland], Životnovodstvo [Viehzucht]. In diesen Rubriken kamen die Lagerkorrespondenten und Stoßarbeiter »als beste und bewussteste Vertreter der Lagermasse« zu Wort. Im offenen Brief der Redaktion an die Lagerkorrespondenten heißt es: »Nur in einer derartig engen Zusammenarbeit mit Ihnen, Genossen Lagerkorrespondenten und Stoßarbeiter, wird es uns gelingen, den Willen der Häftlinge auf den Weg der Besserung durch Arbeit zu lenken […] nur so können wir den Häftling tatsächlich erziehen und umerziehen, ihn in einen neuen Menschen verwandeln, der in der Lage und fähig ist, Mitglied unserer freien Arbeitsgesellschaft zu sein.«34 Die Ersetzung der Losung »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch« durch Stalins Feststellung im Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XVI. Parteitag der KPdSU(B) »In der Sowjetunion ist die Arbeit eine Sache der Ehre, des Ruhmes, der Tapferkeit und des Heroismus«35 in der Ausgabe vom 18. Mai 1933 spiegelt die laufende inhaltliche Profilierung der Lagerzeitung wider. Das Stalinzitat war zudem außen und innen auf dem Arbeitsbuch der Stoßarbeiter abgedruckt. Die anfangs vorhandene Berichterstattung über außenpolitische Ereignisse wie den Reichstagsbrandprozess in Leipzig, den Aufstand in Wien 1934, die Unruhen in Spanien und Frankreich und wichtige innenpolitische Themen, wie z. B. den 16. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde im März 1934 zugunsten der ausschließlich auf das Lager bezogenen Meldungen eingestellt. Eine Welt außerhalb des Lagers, sieht man vom Siblag ab, mit dem das Karlag im sozialistischen Wettbewerb stand, schien nicht zu existieren. Entsprechend änderte sich auch die Diktion der Beiträge. Sonderausgaben der Putevka erschienen zur Zeichnung der Staatsanleihe im Mai 1934, dem Bau des Weißmeerkanals, der Alphabetisierungskampagne sowie zum Tod von Partei- und Staatsfunktionären wie des Vorsitzenden der OGPU, Vjačeslav Menžinskij (Mai 1934), des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission Valerian Kujbyšev (Januar 1935) und des Leningrader Parteichefs Sergej Kirov (Dezember 1934). Das gescheiterte Experiment Den Verantwortlichen in den Produktionsabteilungen gelang es trotz allem selten, die Häftlinge so »umzuschmieden«, wie man es »oben« erwartete. Exemplarisch dafür ist die Auflistung einiger Inspektionsergebnisse aus dem Lagerpunkt Čurbaj-Nura im Frühjahr 1935: »1. Die für die Führung der kulturellen Erziehungsarbeit vorgesehenen Kader waren nicht vorbereitet, verfügten auch nicht über die erforderliche Qualifikation. 2. Die Häftlinge waren über die Produktionspläne und Normvorgaben nicht informiert. 3. Sichtagitation zur Planerfüllung gab es keine. 4. Politunterricht fand nicht statt, aus der Zeitung wurde nur selten vorgelesen. 5. Es gab keinen Wettbewerb zwischen den Brigaden. 6. Die Anleitung der Stoßarbeiter war nicht garantiert. 7. Die Wandzeitungen, sofern es welche gab, waren schlampig gearbeitet, unansehnlich und voller pornografischer Kritzeleien.«36 Gewöhnlich reagierte die Administration auf derartige gravierende Mängel mit einem Befehl, wie dem vom 16. Mai 1935 erlassenen Dekret des Karlag-Kommandanten »Über die Festigung der Kader für kulturerzieherische Arbeit«.37 »Diese Kader«, betonte der Kommandant, »müssen fähig sein, unter Lagerbedingungen eine besonders verantwortungsvolle Rolle beim Umschmieden ehemaliger Gesetzesbrecher zu spielen«. In den Sommermonaten sollten »Kulturarbeiter« unter den Häftlingen ausgewählt und in einem 15-tägigen Lehrgang geschult werden. Doch das schnelle »Umschmieden« der Gefangenen blieb ein Wunschtraum der Administration. Nicht zuletzt deshalb verlangte die Führung des Lagers nach Häftlingen, die die Rolle von »Umerzogenen« annahmen oder spielten. Dies war in den Dreißigerjahren Bestandteil der Entlassungszeremonie. Einige der Briefe, die die Entlassenen voller Dankbarkeit an den Kommandanten schrieben, sind in der Putevka veröffentlicht. Da ihr Aufbau – bis in die Wortwahl – identisch ist, kann nur von Auftragsarbeiten die Rede sein.38 Es ließen sich noch viele weitere Beispiele für die hier nur angedeuteten Facetten der auf Manipulation der Häftlinge ausgerichteten Berichterstattung in der Putevka anführen. Sie wird vor allem in den Leitartikeln und redaktionellen Beiträgen deutlich, die parallel zur Berichterstattung über den Kampf an den Erntefronten und den Appellen und Befehlen des Lagerkommandanten publiziert wurden. Der Wert der Zeitung für die Gulagforschung besteht in der Widerspiegelung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Karagandinsker Besserungsarbeitslager aus den konträren Blickwinkeln der Häftlinge und der Lageradministration. Die in die Ausgaben aufgenommenen Illustrationen und Karikaturen illustrieren diesen Gegensatz. Mit Pseudonymen (Nadel, wachsames Auge, Igel, Beobachter, ein Beleidigter), Funktionsbezeichnungen (Brigadier, Traktorist, Melkerin) bzw. Namenskürzeln gezeichnete Zuschriften, Artikel, Stellungnahmen und Eingaben handeln von Arbeits- und Lebensbedingungen, Verpflegung, Hygiene, Arbeitsnormen und reglementierter »Freizeit«. In diesen Berichten, die »zwischen den Zeilen« eine Unmenge von Informationen enthalten, kommen der menschenverachtende Charakter und die Ineffizienz des Besserungsarbeitslagersystems deutlich zum Ausdruck. Die diesbezüglich aufschlussreichsten Artikel sind den Rubriken »Lagerkorrespondenten schreiben«, »Ecke des Lagerkorrespondenten«, »Anstelle eines Feuilletons«, »Alltagsfetzen« und »An der kultur-erzieherischen Front« zu entnehmen. Von 1933 bis 1936 wurden in der Putevka mehr als 150 Best- und Stoßarbeiter, sogenannte udarniki, in Wort und Bild vorgestellt. So frisiert und manipuliert diese Berichte auch sind, hier kommen Häftlinge zu Wort, die heute nicht mehr befragt werden können. Einige Autoren schrieben regelmäßig für die Zeitung und prägten die Berichterstattung. Die Agitbrigade der Putevka ist im ausgewerteten Zeitraum mit 13, K. Lavrinovič mit 17, K. Poliščuk mit 12, Kul’taktivist und der Erzieher S. I. Markov mit jeweils sechs, Krivencov und Azbel’ sind mit jeweils vier, Dolinskij und Kozlov mit jeweils drei, Wespe (Osa), Rykov, Kulanbaev, Dubov, Gračev, Egorov und Bližnij mit jeweils zwei Beiträgen vertreten. Stil und Sprache der Artikel sprechen für sich. In der Häftlingsgesellschaft und in der Lageradministration wurden bei genauer Betrachtung unterschiedliche Sprachen gesprochen. Die Lageradministration bediente sich einer durch die Bürgerkriegszeit geprägten, an der militärischen Praxis orientierten Sprache. Die Zeitung griff die Auseinandersetzung auf diesem Gebiet thematisch auf und widmete dem Kampf gegen die Verunreinigung der Sprache durch das Rotwelsch mehrere Artikel.39 Für die Ausdrucksweise der Administration typische Begriffe, wie z. B. auch Zeitung bzw. Presse, spielten für die Häftlinge keine Rolle. So kommen sie in dem von Jacques Rossi vorgelegten Gulag-Handbuch auch nicht vor.40 Die von Meinhard Stark während der Recherchen in Kasachstan interviewten Gesprächspartner konnten sich nicht an die im Lager vorhandenen Zeitungen erinnern. Die meisten von ihnen kamen in den Jahren des Großen Terrors und danach in das Karlag. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Putevka ihr Erscheinen eingestellt. Danach gab es Zeitungen nur noch für Mitarbeiter und Zivilangestellte. Der vom Verfasser interviewte Arzt Viktor Vol’fovskij erinnerte sich daran, in den Fünfzigerjahren für die Zeitung Für die sozialistische Viehwirtschaft geschrieben zu haben. Anfang der Dreißigerjahre hatte es sich noch nicht durchgesetzt, die Häftlinge als zaključennye (mit der Abkürzung z/k, Zek) zu bezeichnen. Häufiger war von der Lagergesellschaft und deren männlichen und weiblichen Mitgliedern (Lagernik/Lagernica – Lagerinsasse/Lagerinsassin) oder Karlagovcy die Rede. Andere Autoren zogen den Begriff lagernaja massa [Lagermasse] in Analogie zu den werktätigen Massen der Gesellschaft vor. Darin spiegelte sich die Umerziehungskonzeption als Teil der Kulturrevolution wider, das Lager war als Produktionsstandort eine Art Transitstation, die der Häftling möglichst schnell durchlaufen sollte, um anschließend in die sozialistische Gesellschaft zurückzukehren. Der Große Terror machte dem ein Ende. Im Artikel des Lagerkommandanten aus Anlass der 300. Ausgabe der Putevka heißt es 1936 u. a.: »Seit dem Tag des Erscheinens der ersten Ausgabe der Lagerzeitung Putevka sind über vier Jahre vergangen. In dieser Zeit hat die Zeitung zusammen mit den Massen, an der Spitze der Massen, den besten der Besten voran, einen ruhmreichen Weg zurückgelegt. Vom bescheidenen Blättchen, das die Putevka anfangs war, hat sie sich zur kämpferischen Zeitung, zum Sprachrohr der Administration, zur Tribüne der Bestarbeiter, der Stachanovisten entwickelt. Sie wurde zu einem echten Organisator der Massen, zur führenden Zeitung der Lagerpresse und der Armee der Lagerkorrespondenten. Dreihundert Ausgaben der Putevka, das sind dreihundert flammende Aufrufe zur höchsten Arbeitsproduktivität, zu glänzenden Produktionsergebnissen, zum Umschmieden des Bewusstseins der Menschen auf der Grundlage der kollektiven Stoßarbeit.41 Dreihundert Ausgaben der Putevka, dass sind dreihundert machtvolle Schläge gegen Faulheit, Schlamperei, Rückständigkeit und Konservativismus, gegen Raffkes, Faulenzer und Diebe, die sich an sozialistischem Eigentum vergingen, gegen Feinde der Stachanov-Bewegung, gegen feindliche Klassenelemente, die auch hier ihr Gift der Schädlingstätigkeit verbreiten wollen.«42 Doch 1937, mit Beginn des Großen Terrors, änderten sich die Umerziehungsambitionen der GULAG und folglich auch der Administration des Karlag, was zur Folge hatte, dass die Zeitung eingestellt wurde. Die Lagerzeitung als Funktionärsorgan Die 1939 mit der Reorganisation der Politabteilungen wiederbelebten Lagerzeitungen hatten andere Aufgaben und richteten sich ausschließlich an die Mitarbeiter der Administration.43 Anders als vor dem Großen Terror, als die Zeitungen auch für Häftlinge produziert und von Lagerkorrespondenten mit Informationen und Artikeln beliefert wurden, sprach die Lagerpresse in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in erster Linie die Zivilangestellten und Mitarbeiter an. Zu den schon den Inhalt der Häftlingszeitungen bestimmenden Themen wie sozialistischer Wettbewerb, Sparsamkeit und Mobilisierung von Ressourcen kamen Berichte über das Parteileben sowie die Aus- und Weiterbildung der Kader hinzu. Der Bezug zur laufenden Produktion sollte deutlich herausgearbeitet und die Anzahl der Redaktionsmitglieder reduziert werden. Von nun an musste der Chefredakteur von der Gebietsleitung der KPdSU(B) bestätigt werden. Am 3. Juni 1942 wurden die Lagerzeitungen auf Beschluss des Sekretariats des ZK der KPdSU(B) auch bezüglich des Layouts und des Formats vereinheitlicht.44 Als Herausgeber fungierte stets die Politabteilung. Die Wiederbelebung der Lagerzeitung im Karlag geht zurück auf eine Diskussion während der ersten Parteikonferenz 1939. A. G. Derevjankin, Mitarbeiter der 3. Abteilung, beklagte das Fehlen einer Lagerzeitung, die den Erfahrungsaustausch befördern könnte. 45 Wenn es nicht gelänge, die Zeitung wiederzubeleben, sollten wenigstens Bulletins zur Verbesserung des Erfahrungsaustausches herausgegeben werden, schlug M. V. Makeev, stellvertretender Parteisekretär der Parteiorganisation des 1. Rayon, vor.46 Der Leiter der Politabteilung Samochodov nutzte zu guter Letzt sein Schlusswort, um auf die Wichtigkeit der Lagerzeitung hinzuweisen.47 Die Reaktivierung anderer Lagerzeitungen, wie die des Siblag, erfolgte zeitversetzt, aber nach dem gleichen Schema.48 Am 23. Januar 1941 hatte das ZK der KPdSU(B) einen Beschluss über die Verbesserung der Arbeit zur Erstellung der Betriebszeitungen gefasst. Als solche galten auch die Lagerzeitungen. In den Lagern und auf den Großbaustellen der GULAG erschienen 20 Wochenzeitungen mit einer Jahresauflage von 35 000 Exemplaren, berichtete der stellvertretende Leiter der Politabteilung der GULAG, M. Gavrilin, dem Stellvertreter des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten Sergej Nikiforovič Kruglov am 6. März 1941. Im Karlag und in vier anderen Lagern kam die Zeitung zweimal in der Woche heraus.49 Im März 1941 schickte die Politabteilung allen Leitern der Politabteilungen einen darauf aufbauenden Beschluss »Über die Umgestaltung der Zeitungen der Politabteilungen der Lager und Baustellen des NKVD« zu.50 Die Herausgabe der Lagerzeitungen wurde vom Volkskommissariat für Finanzen mit einer Million Rubel bezuschusst. Auf der V. Parteikonferenz (1945) berichtete Fanja Solomonovna Ančipolovskaja über die seit der IV. Parteikonferenz (1943) geleistete Arbeit der Zeitung Für die sozialistische Viehwirtschaft.51 Es war der erste umfassendere Bericht seit der Tagung des Wirtschaftsaktivs der Partei im März 1945. Unter den Autoren waren sehr viele Instrukteure der Politabteilung; die Parteisekretäre Nikolaj Makarovič Solomkin, D. D. Kapnin, M. E. Birjukov, Vorob’ev und Abis schrieben ab und zu, die anderen Parteifunktionäre eher selten oder überhaupt nicht. Die Weisung der Politabteilung, jede Abteilungsparteiorganisation möge einen Korrespondenten benennen, wurde befolgt, nur schrieben viele von ihnen nicht einen einzigen Artikel. In der Regel setzten sie ihre Unterschrift unter Wettbewerbsaufrufe. Laut Aussage von Ančipolovskaja waren unter den 157 Korrespondenten, die regelmäßig für die Zeitung schrieben, 1944 53 Parteilose und 87 Parteimitglieder; 1945 stieg die Zahl leicht an, auf 57 bzw. 90. Dafür sank die Zahl der schreibenden Komsomolzen von 17 auf fünf. Zum Thema Pflanzenproduktion gab es 13 Leitartikel, zur Viehwirtschaft nur zwei. Bald kam ein neues Thema, die Beförderung der Kritik und Selbstkritik, hinzu. Doch die Zeitung könne, da sie nur einmal in der Woche erscheine, die Veränderungen im Lagerleben nicht adäquat widerspiegeln, gab wiederum die Chefredakteurin der Zeitung Für die sozialistische Viehwirtschaft auf der VI. Parteikonferenz 1946 zu bedenken. Hinzu käme, dass Kritik von den Parteimitgliedern immer noch nicht angenommen würde. »Die meisten fühlten sich verletzt oder angegriffen und reagierten nicht so, wie es sich für Parteimitglieder gehört. Selbstverständlich prüften die Redakteure die ihnen vorliegenden Informationen, doch die Kritisierten [es handelte sich stets um Personal bis zur mittleren Leitungsebene einer Lagerabteilung, W.H.] reagierten beleidigt und wiesen die Kritik als verleumderische Verschwörung gegen ihre Person zurück.«52 Auf der VII. Parteikonferenz konnte die Chefredakteurin an ihre Rede vom Vorjahr anknüpfen. »Wir bekommen aber auch keine Artikel aus den Parteigruppen. Wir leben ausschließlich von dem, was wir erhalten. Auch unter den hier anwesenden Delegierten sind Autoren nicht zahlreich vertreten.« Sie unterbreitete den Vorschlag, die Zeitung als Ort für den Erfahrungsaustausch der Propagandisten zu nutzen. »Wenn wir kritische Artikel veröffentlichen, werden wir barsch angefahren. Ich habe auf der letzten Konferenz dazu gesprochen und muss es heute wieder tun.«53 Ihr Resümee machte deutlich, dass die Initiative nicht »von unten«, sondern »von oben« ausging. Diese Kritik ging der Parteileitung zu weit, die Chefredakteurin wurde nicht wieder als Delegierte aufgestellt. 1 Siehe Alla Jur’evna Gorčeva: Pressa Gulaga 1918–1955 [Die Presse des Gulag 1918–1955], Moskau 1996. 2 Siehe die Aufstellung der im Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF) aufbewahrten Zeitungen aus 40 Lagern, die in den Fünfzigerjahren für die Mitarbeiter hergestellt wurden, in: Istorija stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch – pervaja polovina 1950-ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach. T. 7, Annotirovannyj ukazatel’ del [Geschichte des Stalin’schen Gulag. Von Ende der Zwanziger- bis in die erste Hälfte der Fünfzigerjahre. Sammlung von Dokumenten in sieben Bänden, Bd. 7, Annotiertes Findbuch], Moskau 2005, S. 145–147. 3 Belomoro-Baltijskij ITL (1931–1941). Angaben zum Lager in: Michail Borisovič Smirnov (Hg.): Sistema ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR, 1923-1960. Spravočnik [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR, 1923–1960. Handbuch], Moskau 1998, S. 162–164. 4 Dmitrovskij ITL (1932–1938). Angaben zum Lager in: Smirnov: Sistema (Anm. 3), S. 214 f. 5 Sibirskij ITL (1929–1960). Angaben zum Lager in: ebd., S. 391–393. 6 Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.): Der Reichstagsbrandprozeß und Georgi Dimitroff. Dokumente, Bd. 2, Berlin 1989, S. 810 u. 836. 7 Siehe Lejpcigskoe sudilišče v tupike [Der Leipziger Prozess in der Sackgasse], in: Putevka vom 18. Oktober 1933, S. 2; Posle Lejpciga – Berlin [Nach Leipzig – Berlin], in: Putevka vom 24. Oktober 1933, S. 2; Na Lejpcigskom processe. Fašistskij sud postupil k razboru političeskich voprossov [Vom Leipziger Prozess. Das faschistische Gericht begann mit der Analyse politischer Fragen], in: Putevka vom 3. Dezember 1933, S. 2; Na lejpcigskom processe [Vom Leipziger Prozess], in: Putevka vom 6. Dezember 1933, S. 2. 8 Ein andres kophtisches Lied, in: Goethes Werke, hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt. I, Bd. 1, Weimar 1887, S. 131. 9 Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Zeitung, die im Siblag erschien. 10 Bei diesem Archiv, das im Gebäude des Bezirksarchivs in Karaganda untergebracht ist, handelt es sich um ein Behördenarchiv. 11 Eine Auswahl diverser Artikel findet sich in: Wladislaw Hedeler (Hg.): Vom Schmieden neuer Menschen. Artikel der Lagerzeitung des Karlag »Putjowka«, Leipzig 2011. 12 Der Weg ins Leben, in: Christine Engel (Hg.): Geschichte des sowjetischen und russischen Films, Stuttgart 1999, S. 56–58. 13 Auf DVD in der Reihe »Šedevry sovetskogo kino« [Meisterwerke des sowjetischen Films] erhältlich. 14 Umerziehungseinrichtung in der Stadt Petropavlovsk im Norden Kasachstans. 15 Oberleutnant M. M. Čuntonov war von Januar 1931 bis August 1933 Kommandant des Karlag. In den acht Produktionsabteilungen des Lagers befanden sich 10 000 bis 27 000 Häftlinge. 16 Wir liquidieren die Vergangenheit und schaffen die Zukunft, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 23 f. 17 Für die nationalen Kader, in: ebd., S. 31. 18 Siehe Befehl Nr. 84 der Verwaltung des Karagandinsker Besserungsarbeitslagers des NKVD vom 26. März 1935. Über die Einrichtung eines Lagermuseums, in: Wladislaw Hedeler (Hg.): KARLAG. Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager 1930–1959. Dokumente zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher. Paderborn 2007, S. 61; Befehl Nr. 215 der Verwaltung des Karagandinsker Besserungsarbeits-lagers des NKVD für das Jahr 1935 vom 10. Juli 1935. Über die Organisation einer Lagerausstellung im Herbst 1935, in: ebd., S. 64 f. 19 Siehe Die Parade der Errungenschaften, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 71–76. 20 Befehl des Kommandanten des Karlag vom 20. Dezember 1933, Gosudarstvennyj archiv Karagandinskoj oblasti/Staatsarchiv des Gebietes Karaganda (im Folgenden: GAKO), sv. 6, d. 2, l. 388. 21 Siehe Dogovor s Siblagom na sorevnovanie [Vertrag mit dem Siblag über den Wettbewerb], in: Putevka vom 26. August 1934. 22 Siehe Mariinsk, Siblag. An die sibirische Perekowka, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 76. 23 GULAG ist die Abkürzung für Glavnoe upravlenie lagerej [Hauptverwaltung Lager (der OGPU/des NKVD der UdSSR)]. Hier nicht zu verwechseln mit Gulag, einem Besserungsarbeitslager. 24 Siehe GAKO, f. 1171, op. 1, d. 2-14, l. 19. 25 Abo-Preis im Monat 15 Kopeken, für zwei Monate 25 Kopeken, für drei Monate 40 Kopeken. Ab dem 18. Mai 1933 kostete eine Ausgabe fünf Kopeken. 26 Siehe Aber Zeitungen gibt es immer noch nicht, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 77. 27 Siehe Befehl des Lagerkommandanten vom 23. Mai 1935. Über die Versorgung der Häftlinge mit der Lagerzeitung, GAKO, sv. 3, d. 7, l. 240. 28 Der ehemalige Häftling Kostromin war 1932 kommissarischer Leiter der Abteilung für kulturelle Erziehungsarbeit des Karlag, 1935 wurde er als Mitglied in die KPdSU(B) aufgenommen und gehörte der Kommission zur Vorbereitung der Landwirtschaftsausstellung des Karlag an, von 1933 bis 1936 arbeitete er als verantwortlicher Redakteur der Putevka. 29 Siehe Zeichnungen und Karikaturen aus der Putevka, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11). 44 Abbildungen und Karikaturen aus den Zeitungen werden im Buch abgedruckt. 30 Wladimir Iljitsch Lenin: Über den Charakter unserer Zeitungen, in: W. I. Lenin, Werke, Bd. 28, S. 86–88. Hervorhebungen in der Quelle. 31 Noch Anfang 1937 waren nach Angaben der Lageradministration 4000 der 27 000 Karlag-Häftlinge Analphabeten. Diese wurden in Gruppen zu je 20 Häftlingen zusammengefasst, um vom 25. Februar bis 5. März 1937 einen Alphabetisierungsgrundkurs zu absolvieren. Er stand unter dem Motto »Ohne das Alphabet versteht man das neue Leben nicht«. 32 Siehe dazu Wladislaw Hedeler/Meinhard Stark: Das Grab in der Steppe. Leben im GULAG. Die Geschichte eines sowjetischen »Besserungsarbeitslagers« 1930–1959, Paderborn 2007. 33 Siehe Befehl des Kommandanten des Karlag vom 20. März 1935, GAKO, sv 7, d. 3, l. 19. F. G. Cion war ab 1943 Mitarbeiter der Administration und leitete die Poliklinik des Karlag. 34 An unsere Lagerkorrespondenten und Stoßarbeiter, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 16. 35 Josef Stalin: Politischer Rechenschaftsbericht an den 16. Parteitag, in: J. W. Stalin, Werke, Berlin 1954, Bd. 12, S. 276. 36 Befehl des Kommandanten des Karlag vom 13. Mai 1935, GAKO, sv. 7, d. 3, l. 222 f. 37 Befehl des Kommandanten des Karlag vom 16. Mai 1935, ebd., l. 229. 38 Eine Auswahl dieser 1935 in der Putevka veröffentlichten Briefe findet sich in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 86–89. 39 Siehe »Tufta«, in: ebd., S. 33 f. 40 Siehe Žak Rossi: Spravočnik po Gulagu. V dvuch častjach [Gulag-Handbuch], Moskau 1991. 41 Im handschriftlich geänderten Entwurf des Befehls stand ursprünglich »auf der Grundlage der kommunistischen Einstellung zur Arbeit«. 42 Befehl Nr. 216 der Verwaltung des Karagandinsker Besserungsarbeitslagers des NKVD für das Jahr 1936 vom 22. Juni 1936. Über das Erscheinen der 300. Ausgabe der Putevka, in: Hedeler: KARLAG (Anm. 18), S. 71–74. 43 Siehe Wladislaw Hedeler: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939–1960, Hannover 2010. 44 Siehe Gorčeva: Pressa (Anm. 1), S. 55. 45 Siehe Diskussionsbeitrag von Derevjankin auf der I. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-2-14, l. 4. 46 Siehe Diskussionsbeitrag von Makeev auf der I. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-2-14, l. 6-7. 47 Siehe Schlusswort von Samochodov auf der I. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-2-14, l. 20-23. 48 Siehe Hedeler: Die Ökonomik (Anm. 43), S. 47 f. 49 Dokladnaja zapiska zamestitelja načal’nika Politotdela GULAG zamestitelju narkoma vnutrennich del SSSR S. N. Kruglovu o sostojanii mnogotiražnych gazet lagerej i stroek GULAG na 1 marta 1941 [Bericht des stellvertretenden Leiters der Politabteilung der GULAG an den stellvertretenden Volkskommissar für Innere Angelegenheiten der UdSSR S. N. Kruglov über den Zustand der Zeitungen und Baustellen am 1. März 1941], in: Istorija Stalinskogo Gulaga. Naselenie Gulaga, čislennost’ i uslovija soderžanija [Geschichte des Stalin’schen Gulag. Die Bevölkerung des Gulag, Anzahl und Haftbedingungen], Moskau 2004, T. 4, S. 182. 50 Gorčeva: Pressa (Anm. 1), S. 57. 51 Ančipolovskaja war 1945 und von 1948 bis 1950 Chefredakteurin der Zeitung. Siehe Diskussionsbeitrag von Ančipolovskaja auf der V. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-23-1319, l. 24. 52 Diskussionsbeitrag von Ančipolovskaja auf der VI. Parteikonferenz des Karlag, GAKO, 1171-1-30-1742, l. 3-4. 53 Diskussionsbeitrag von Ančipolovskaja auf der VII. Parteikonferenz des Karlag, GAKO, 1171-1-30-1743, l. 2-3.

JHK 2012

Trotzki-Biografie von Robert Service im Suhrkamp Verlag geplant. Vierzehn Wissenschaftler wenden sich in einem Brief dagegen

Dokumentation In einem Brief an die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz haben sich im Juli 2011 vierzehn namhafte Historiker, Politikwissenschaftler und Publizisten aus Deutschland und Österreich gegen die für Juli 2012 geplante Veröffentlichung der Trotzki-Biografie von Robert Service im Suhrkamp Verlag gewandt. Im Folgenden wird dieser Brief im Wortlaut wiedergegeben. 30. Juli 2011 Betr.: Veröffentlichung der Trotzki-Biographie von Robert Service Sehr geehrte Frau Unseld-Berkéwicz, Ihr Verlag bereitet eine deutsche Ausgabe der Trotzki-Biographie von Robert Service vor. In der Fachwelt hat dieses Vorhaben Verwunderung und Besorgnis ausgelöst. Schon bald nach dem Erscheinen des Buches vor knapp zwei Jahren bei Harvard University Press hat es der Trotzki-Experte David North einer genauen Analyse unterzogen.1 Er kam zu dem Schluss, dass Robert Service grundlegende Standards der Geschichtswissenschaft missachtet hat und sein Verlag die gebotene verlegerische Sorgfalt vermissen lässt. Eine kürzlich erschienene Besprechung des Buches aus der Feder des Trotzki-Biographen Bertrande Patenaude in The American Historical Review hat die Kritik von North in vollem Umfang bestätigt. North wie Patenaude haben Service eine Fülle von sachlichen Fehlern nachgewiesen (von falschen Angaben zu biographischen Tatsachen und historischen Ereignissen über falsche Orts- und Personennamen bis hin zu eklatanten Fehleinschätzungen – etwa der Position Trotzkis zu Autonomie und »Parteilichkeit« von Kunst und Literatur). Service’ Belege sind unzuverlässig. Gerade schwer zugängliche und für die meisten Leser kaum überprüfbare Quellen haben oft mit dem Behaupteten nichts zu tun oder belegen eher das Gegenteil. Service setzt sich auch nicht, wie es in der Suhrkamp-Verlagsankündigung heißt, »unparteiisch und unverfälscht« mit Trotzki und Stalin auseinander. Das Ziel seiner Arbeit ist vielmehr die Diskreditierung Trotzkis, und er greift dabei bedauerlicherweise vielfach auf Formeln zurück, die aus der stalinistischen Propaganda bekannt sind. Service’ Biographie ist eine Schmähschrift. Der Evening Standard vom 23. Oktober 2009 berichtete über eine Präsentation des Buches und zitierte Service mit folgender Formulierung: »Noch ist Leben in dem alten Kerl Trotzki – aber wenn der Eispickel nicht gereicht hat, ihn endgültig zu erledigen, habe ich das nun hoffentlich geschafft.« In den zahllosen Polemiken gegen Trotzki hat stets auch seine Herkunft aus einer jüdischen Bauernfamilie eine prominente Rolle gespielt. Auch Service misst dieser Herkunft – die, seiner Meinung nach, Trotzki selbst allzu sehr heruntergespielt habe – große Bedeutung bei. Die Passagen, in denen er darauf zu sprechen kommt, haben einen befremdlichen Beiklang. Wir zitieren in deutscher Übersetzung nach der englischen Originalausgabe:2 • »Russische Antisemiten sahen in den Juden eine Rasse ohne patriotische Bindung an Russland. Als Trotzki Außenminister einer Regierung wurde, die mehr daran interessiert war, die Weltrevolution zu verbreiten als die Interessen des Landes zu verteidigen, entsprach er dem weit verbreiteten Stereotyp des ›jüdischen Problems‹. […] Nach Lage der Dinge war er schon zum berühmtesten Juden auf Erden geworden. Der Leiter des US-Amerikanischen Roten Kreuzes in Russland, Oberst Raymond Robins, brachte das mit charakteristischer Schärfe zum Ausdruck. Im Gespräch mit Bruce Lockhart, dem britischen Sondergesandten in Moskau, beschrieb er Trotzki wie folgt: Er sei zwar ›in vieler Hinsicht ein Mistkerl, zugleich aber der größte Jude seit Christus‹.« (S. 192) • Trotzkis »Intelligenz war herausfordernd, und er brachte seine Meinungen unverblümt zum Ausdruck. Keiner konnte ihn einschüchtern. Trotzki verfügte über diese Eigenschaften in höherem Maße als die meisten anderen Juden, die sich von den Traditionen ihrer Religionsgemeinschaft und den Restriktionen, die ihnen das Zarenreich auferlegte, befreit hatten. […] Er war keineswegs der einzige Jude, der die Möglichkeiten seines Aufstiegs in der Öffentlichkeit zu schätzen wusste. Später wurden solche Juden zu einem Vorbild für jüdische Jugendliche in der kommunistischen Weltbewegung, die – wie Kommunisten aller Nationen – sich mit lauter Stimme und scharfer Feder zu Wort meldeten, ohne auf die Gefühle anderer Leute Rücksicht zu nehmen.« (S. 202) • »Die Parteiführung galt weithin als eine jüdische Clique. […] Tatsächlich glaubte man allgemein, Juden beherrschten die bolschewistische Partei.« (S. 205) • Robert Service glaubt auch – ohne jeden Beleg –, herausgefunden zu haben, dass Trotzkis Vorname ursprünglich nicht Lew (Leo), sondern »Leiba« gelautet habe, was Trotzki später verleugnet habe. [Unter die Abbildungen seines Buches hat er (Nr. 11) eine antisemitische Trotzki-Karikatur aufgenommen, die – so die originale Bild-Legende – den »Kriegs- und Marine-Kommissar Leiba Trotzky-Braunstein«, »den eigentlichen Diktator Rußlands« zeigt. Service’ Kommentar dazu: »In Wirklichkeit war seine Nase weder lang noch gebogen, und niemals ließ er es zu, dass sein Spitzbart struppig wurde oder sein Haar schlecht gekämmt war.«] Wir denken, dass das Buch von Service in Ihrem hoch angesehenen Verlag fehlplatziert ist, und bitten Sie, Ihre Option noch einmal zu überdenken. Wien, 30. Juli 2011 Universitäts-Professor für Soziologie i. R., Dr. Helmut Dahmer (Technische Universität Darmstadt) Mannheim, 30. Juli 2011 Universitäts-Professor em. für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte, Dr. Dr. h. c. Hermann Weber (Universität Mannheim) Weitere Unterzeichner: Bernhard Bayerlein, Dozent an der Universität Köln und Forscher am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Heiko Haumann, Professor em. für Osteuropäische Geschichte, Universität Basel; Wladislaw Hedeler, Historiker und Publizist, Berlin; Andrea Hurton, Historikerin und Publizistin, Wien; Mario Kessler, Professor am Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam; Hartmut Mehringer, Institut für Zeitgeschichte, Berlin; Oskar Negt, Professor em. für Soziologie, Universität Hannover; Hans Schafranek, Historiker und Publizist, Wien; Prof. Oliver Rathkolb, Professor und Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien; Prof. Peter Steinbach, Universität Mannheim, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin; Reiner Tossdorf, Dozent an der Universität Mainz; Rolf Wörsdörfer, Dozent an Technischen Universität Darmstadt. 1 David North: In Defense of Leon Trotsky, Detroit 2010. 2 Robert Service: Trotsky. A Biography, London 2009.

JHK 2012

Die Auseinandersetzungen um den Eurokommunismus in der bundesdeutschen Politik 1967–1979

Nikolas R. Dörr

»Es gibt interessante Entwicklungen in der kommunistischen Welt. Da laufen wir doch nicht mit Scheuklappen durch die Welt und sagen, da gibt es nichts. Da gibt es wirklich sehr Interessantes.«1 Willy Brandt, 1976 »Hier gibt es keinen ›historischen Kompromiß‹, sondern nur die Vernichtung der Geschichte: unserer geistigen Geschichte […] Denn hinter dem Sozialismus steht nun einmal die Sowjetunion als gigantisch gerüstete und geistig unbewegliche Hegemonialmacht.«2 Franz Josef Strauß, 1977 »Der Euro-Kommunismus hat mit Europa nichts gemeinsam, aber alles gemeinsam mit dem Freiheits-feindlichen Kommunismus. Die kommunistischen Parteien Westeuropas sind dabei, taktische Schritte zu unternehmen, um bündnisfähig und damit koalitionsfähig für die Bildung von Regierungen zu werden. Wir lassen uns nicht täuschen.«3 Helmut Kohl, 1978 »Die Haltung der beiden ›Großen‹ gegenüber dem Phänomen des sogenannten Eurokommunismus ist interessant: Die Konservativen schlagen entweder vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen, oder sie verschließen aus Ratlosigkeit ganz fest die Augen. Und in der SPD scheint man drauf und dran zu sein, die Gefahren des europäischen Kommunismus zu verharmlosen.«4 Uwe Ronneburger, 1979 Die vier genannten Zitate der jeweiligen Parteivorsitzenden (bzw. im Falle Ronneburgers stellvertretenden Parteivorsitzenden) stellen verkürzt, aber prägnant die Haltung der damaligen vier Bundestagsparteien zum sogenannten Eurokommunismus dar. Ebenso decken die Zitate mit der Zeitspanne 1976 bis 1979 den Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem Eurokommunismus in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch im internationalen Maßstab ab. Im Juni 1976 war das Thema ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit gerückt. Innerhalb von nur zehn Tagen hatte erst der Partito Comunista Italiano (PCI) am 20. Juni bei den italienischen Parlamentswahlen 34,4 Prozent der Wählerstimmen erreicht und somit eine Regierungsbildung gegen ihn quasi unmöglich gemacht, und am 29. und 30. Juni kam es zur in der Bundesrepublik viel beachteten Konferenz kommunistischer und Arbeiterparteien Europas in Ost-Berlin, wo der Block eurokommunistischer Parteien auf die orthodox-kommunistischen Parteien unter Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) traf.5 Eine ausgiebige Medienberichterstattung begleitete beide Ereignisse und bereitete so den Boden für ein Streitthema, welches die bundesdeutsche Politik in den nächsten drei Jahren intensiv beschäftigen sollte. Der Begriff »Eurokommunismus« war erst ein Jahr zuvor geprägt worden. Der jugoslawische Journalist Frane Barbieri hatte ihn in seinem späteren Sinnkontext als Sammelbezeichnung für reformorientierte, Moskau-kritische kommunistische Parteien Westeuropas erstmals im Juni 1975 in der Mailänder Tageszeitung Giornale Nuovo verwendet.6 Innerhalb kürzester Zeit wurde der Begriff jedoch auch auf außereuropäische kommunistische Parteien ausgedehnt, die in westlichen Gesellschaften agierten. Prägnantestes Beispiel hierfür ist die Kommunistische Partei Japans, die nach den italienischen und französischen, aber vor den spanischen Kommunisten, zeitweise die drittstärkste Partei des Eurokommunismus darstellte.7 Bereits vor der eigentlichen Begriffsschöpfung hatte es jedoch eurokommunistische Entwicklungen gegeben.8 Die Bedeutung des Eurokommunismus für die Bundesrepublik Deutschland Die italienischen Kommunisten hatten auf Basis der theoretischen Vorarbeiten von Antonio Gramsci mit dem von Generalsekretär Palmiro Togliatti verkündeten Konzept des Polyzentrismus bereits in den Fünfzigerjahren ein modifiziertes, stärker an die Voraussetzungen einer westlichen Industriegesellschaft angepasstes Kommunismusmodell entwickelt, welches dann von seinen Nachfolgern Luigi Longo und vor allem Enrico Berlinguer kontinuierlich ausgebaut wurde.9 Insbesondere Berlinguers Konzept des Historischen Kompromisses, welches, verkürzt dargestellt, eine gemeinsame Regierungsbildung mit den italienischen Christdemokraten verfolgte, erregte Mitte der Siebzigerjahre massives Aufsehen in Westeuropa und den Vereinigten Staaten.10 Im Nachbarstaat Frankreich drohte zeitgleich, nach jahrzehntelanger Dominanz der Gaullisten, eine Volksfrontregierung aus Sozialisten und Kommunisten. Unter der Führung des designierten neuen Generalsekretärs Georges Marchais beschloss der Parti Communiste Français (PCF) im Juni 1972 überraschend ein gemeinsames Wahlprogramm mit dem von François Mitterrand neu gegründeten und im westeuropäischen Vergleichsmaßstab weit links stehenden Parti Socialiste. In Griechenland und Spanien herrschte in den Übergangsphasen nach dem Ende der Diktaturen Unklarheit über die Stärke und den Organisationsgrad der kommunistischen Parteien. Auch wenn in beiden Staaten die jeweiligen Parteien bei den ersten freien Parlamentswahlen 1974 bzw. 1977 schließlich nur knapp zehn Prozent der Stimmen erhielten, blieben sie doch ein einflussreicher Machtfaktor im Land. Während sich der Partido Comunista de España (PCE) unter seinem Generalsekretär Santiago Carrillo zeitweise zum stärksten Kritiker der Sowjetunion im eurokommunistischen Lager entwickelte, blieben die griechischen Kommunisten größtenteils im Lager Moskaus. Letzteren Weg schlug auch der Partido Comunista Português unter dem sowjet-treuen Generalsekretär Álvaro Cunhal ein. Der zeitweise prägende Einfluss der Kommunisten in der portugiesischen Transitionsperiode wurde fortan von Kritikern des Eurokommunismus zu einem mahnenden Beispiel für die taktischen Verstellungen westeuropäischer Kommunisten. Nicht zuletzt reüssierten die Kommunisten im Zuge des Eurokommunismus in den Siebzigerjahren auch in Finnland, Island, San Marino und wie bereits erwähnt in Japan, während die ebenfalls erfolgreichen zypriotischen Kommunisten weiterhin Moskau folgten. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen jedoch nach wie vor die kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs. Italien war als militärstrategisch wichtiger NATO-Staat von hoher Bedeutung für das westliche Bündnis und somit für die Sicherheit der Bundesrepublik. Frankreich wurde aufgrund seines Status als Nachbarstaat und Siegermacht des Zweiten Weltkriegs besonderes Interesse entgegengebracht. Darüber hinaus war man in der Bundesrepublik über die immer wiederkehrenden anti-deutschen Ressentiments der französischen Kommunisten beunruhigt.11 Vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Kritik an einer französischen Volksfrontregierung drohte der Verteidigungsexperte des PCF Louis Baillot 1976 gar verklausuliert mit der französischen Atomstreitmacht: »Die Bundesrepublik Deutschland kann morgen ein Gegner Frankreichs sein, vor allem, wenn hier bei uns eine linke Regierung an die Macht kommt. Deshalb kann die Pluton ein Mittel zum Schutz des Hexagons sein.«12 Die sicherheitspolitische Bedeutung Frankreichs und Italiens wuchs in den Siebzigerjahren noch. Faktoren wie der Zypernkonflikt, das darauf folgende Ausscheiden Griechenlands aus der militärischen Integration der NATO, der Abzug britischer Truppen von Malta, die Ungewissheit über die Entwicklung der Transitionsstaaten Spanien, Portugal und Griechenland, der massive Ausbau der sowjetischen Flotte und nicht zuletzt der wachsende Einfluss kommunistischer Ideologien in den europäischen und arabischen Anrainerstaaten des Mittelmeers führten zu einer deutlichen Schwächung der NATO-Südflanke. Von US-amerikanischer Seite war bereits frühzeitig angedroht worden, die euro-atlantischen Beziehungen zu überdenken, wenn Kommunisten in die Regierung von NATO-Staaten einziehen würden. In zwei strategisch weniger wichtigen Staaten war dies schon geschehen. Im Falle Portugals hatte man gegenüber portugiesischen Delegierten kurzerhand eine Informationssperre für vertrauliche Informationen verhängt, im Falle Islands aber auf weitergehende Maßnahmen verzichtet, da der Staat kein eigenes Militärkontingent stellte. Insbesondere im Falle Italiens waren diese Optionen jedoch aus Sicht der meisten Regierungen der NATO-Staaten nicht ausreichend. US-Präsident Gerald Ford warnte vor den italienischen Wahlen 1976 in Übereinstimmung mit seinem Außenminister Henry Kissinger, dass dem amerikanischen Volk der Verteidigungsbeitrag der USA für Europa im Falle einer kommunistischen Regierungsbeteiligung in Italien nicht mehr vermittelbar sei.13 Diese Haltung wurde ebenfalls, trotz anderslautender Bekundungen im Wahlkampf, von seinem Nachfolger Jimmy Carter sowie dem NATO-Oberbefehlshaber für Europa Alexander Haig geteilt.14 Eine genaue Beobachtung des Eurokommunismus war somit von bundesdeutscher Seite angebracht.15 Neben den sicherheitspolitischen Bedenken waren Italien und Frankreich zentrale Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaften und somit für die Bundesrepublik als exportorientierte Industrienation auch wirtschaftlich gesehen von höchster Wertigkeit. Die Auseinandersetzungen um den Eurokommunismus in der Bundesrepublik drehten sich jedoch vor allem um folgende Fragen: Würde eine Beteiligung von Eurokommunisten an der Regierung zu negativen ökonomischen Folgen führen? Und schließlich die »Gretchenfrage«: Handelte es sich beim Eurokommunismus um eine taktisch bedingte Täuschung sowjettreuer Parteien oder um eine wirkliche Reform des Kommunismus in Richtung westlich-demokratischer Werte und Normen? Die SPD und der Eurokommunismus Als erste der bundesdeutschen Parteien hatte sich die SPD mit den Entwicklungen in der Kommunistischen Partei Italiens auseinandergesetzt, die später die maßgebliche Basis für den Eurokommunismus bildeten. Für die deutschen Sozialdemokraten stellte der Eurokommunismus eine besondere Herausforderung dar. In der erweiterten Parteiführung waren einige Politiker vertreten, die in ihren Jugendjahren Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen waren und diese dann, zumeist während oder direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, in Richtung SPD verlassen hatten. Ebenso hatten die Sozialdemokraten im Zuge der Sozialfaschismusthese, der Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED sowie der anschließenden Verfolgung und Unterdrückung von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der SBZ/DDR besonders negative Erfahrungen mit dem nationalen und internationalen Kommunismus gemacht. Andererseits agierten zumindest die italienischen Kommunisten in ihrer praktischen Politik reformistisch. Der österreichische Bundeskanzler und Sozialdemokrat Bruno Kreisky fasste diesen Eindruck 1976 folgendermaßen zusammen: »Wenn das ehrlich ist, was Berlinguer vertritt, dann hört er auf, ein Kommunist zu sein.«16 Den deutschen Sozialdemokraten war die Diskrepanz zwischen reformistischer Praxis und revolutionärer Theorie, die sie letztendlich mit der durch das Programm von Bad Godesberg 1959 betriebenen Wende gelöst hatten, sehr gut vertraut.17 Enge persönliche Kontakte und ein Grundvertrauen wie beispielsweise zwischen dem PCI-Außenpolitikexperten Sergio Segre und dem SPD-Mitglied Leo Bauer18 oder dem heutigen italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano und Horst Ehmke sowie eine gegenseitige Bewunderung zwischen den Parteivorsitzenden Enrico Berlinguer und Willy Brandt wurden ebenso positiv bewertet.19 Bereits 1967 war es zu einem ersten, noch inoffiziellen Informationsgespräch zwischen beiden Parteien in Rom gekommen.20 Die Initiative dafür war vom Zentralkomitee (ZK) des PCI ausgegangen, das den damaligen Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der kommunistischen Tageszeitung L’Unità, Alberto Jacoviello, im September 1967 nach Bonn geschickt hatte, um die Möglichkeiten eines gemeinsamen Gesprächs zwischen beiden Parteien zu erörtern. Jacoviello traf dort auf den Chefredakteur des Sozialdemokratischen Pressedienstes Günter Markscheffel. Man sei im ZK des PCI zu der Überzeugung gelangt, dass die Ostpolitik der großen Koalition sehr positive Elemente enthalte, und man wolle daher nicht mehr die offizielle Haltung der KPdSU und der SED gegenüber der Bundesregierung teilen, sondern sich selbst ein Bild machen, sagte Jacoviello. Er fügte hinzu: »Besonders die Ostberliner Haltung werde im Zentralkomitee der KPI immer mehr verurteilt.«21 Ziel sei es nun, für den PCI in einer öffentlichen Erklärung zu verkünden, dass die neue Bundesregierung nicht als »Fortsetzung früherer Bundesregierungen« verurteilt werden könne. Zur Information wolle man vorher ein nicht öffentliches Gespräch mit der SPD führen. Jacoviello bat Markscheffel, sein Anliegen an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Dieser wandte sich daraufhin an den Internationalen Sekretär im SPD-Parteivorstand Hans-Eberhard Dingels und unterrichtete den Parteivorsitzenden und Vizekanzler Willy Brandt. Dieser wiederum bestimmte Leo Bauer zum Unterhändler mit dem PCI. Am 29. und 30. November 1967 kam es dann zu dem besagten Treffen in Rom, welches das besondere Verhältnis der SPD zum italienischen Eurokommunismus konstituierte. Nach einem zweiten Informationsgespräch im Februar 1968 in München unter der Beteiligung Egon Bahrs wurde der Austausch zwischen beiden Parteien bis zum Tode Leo Bauers am 18. September 1972 kontinuierlich fortgesetzt.22 Nach einer Ruhephase, die mit dem Tode Bauers zusammenhing, wurden die Kontakte Mitte der Siebzigerjahre wieder aufgenommen, intensiviert und bis zur Aufnahme des sich zur Sozialdemokratie gewandelten PCI in die Sozialistische Internationale 1991 fortgeführt. Innerhalb dieser knapp zweieinhalb Jahrzehnte andauernden Kontakte zwischen der größten kommunistischen und der einflussreichsten sozialdemokratischen Partei Westeuropas wurden die Kontakte immer wieder zu einem politischen Streitthema zwischen den bundesdeutschen Parteien, aber auch innerhalb der SPD und der europäischen Sozialdemokratie. Bereits das erste Treffen von Vertretern beider Parteien in Rom 1967 war den Medien nicht lange verborgen geblieben. Nachdem die konservative Zeitschrift Christ und Welt als erstes deutsches Medium von den Kontakten berichtet hatte, zogen alle größeren Blätter innerhalb kürzester Zeit nach. In einer Pressemitteilung informierte das SPD-Präsidium am 4. April 1968 offiziell über das Kontaktgespräch mit dem PCI, die Teilnehmer und die wichtigsten Inhalte. Korrigiert wurde allerdings der Sozialdemokratische Pressedienst vom 2. April 1968, in dem gemutmaßt worden war, dass es eines Tages zu einer Koalition von Kommunisten und Christdemokraten in Italien kommen könne, was wiederum in Italien ein massives Presseecho ausgelöst hatte. Das SPD-Präsidium distanzierte sich von dieser Einschätzung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte Anfang April 1968 die rechtsliberale italienische Tageszeitung Il Tempo: »Die Sozialdemokraten von Bonn werden nunmehr von den Kommunisten nicht mehr als Sozialverräter bezeichnet. Aber sie beginnen, es zu verdienen, von uns allen Verräter Europas und des Westens genannt zu werden.«23 Bereits einen Tag nach der kritischen Meldung sagte Leo Bauer gegenüber der Frankfurter Rundschau jedoch, dass die SPD weiter den Kontakt zum PCI und anderen kommunistischen Parteien suchen werde, da »sich die kommunistischen Parteien weder aus Ost- noch aus Westeuropa hinauskatapultieren ließen«.24 Bauer unterstützte die Auffassung, wonach der SED nicht das Interpretationsmonopol im kommunistischen Lager über die Bundesrepublik und ihre Deutschlandpolitik überlassen werden sollte. Auch erwähnte er die Fortschritte im PCI, die seit der Verkündigung von Togliattis Polyzentrismusthese gemacht wurden. In einem anschließenden Kommentar sprach sich die Frankfurter Rundschau für die Kontakte zum PCI aus und kritisierte CDU/CSU: »Wieder einmal wird die Absicht spürbar, die SPD der Geheimbündelei mit den Kommunisten zu bezichtigen und als unzuverlässig abzustempeln.«25 Die mediale Berichterstattung und die politische Auseinandersetzung über die SPD-PCI-Gespräche nahmen jedoch bald wieder ab und spielten im Hinblick auf die Bundestagswahl 1969 keine Rolle mehr. Nach dem Wirbel um die Veröffentlichung der Kontakte hatten SPD und PCI keine weiteren konkreten Termine für die nächsten Treffen vor der Bundestagswahl vereinbart. Der Austausch wurde erst nach der sozialdemokratischen Regierungsübernahme durch einen publizistischen Dialog der Theoriezeitschriften beider Parteien wieder intensiviert.26 Dennoch kam es in den Folgejahren immer wieder zu politischen Auseinandersetzungen, die im Zusammenhang mit den SPD-PCI-Kontakten standen. Aufsehen erregte zu Beginn der Siebzigerjahre die Meldung, dass sich Außenminister Brandt Anfang Dezember 1967, während eines Staatsbesuchs in Rom mit dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, auch mit dem kommunistischen Generalsekretär Longo getroffen habe. Obwohl es anlässlich eines Empfangs von Staatspräsident Giuseppe Saragat lediglich zum Austausch einiger begrüßender Worte zwischen beiden Politikern gekommen war und auch der christdemokratische Bundeskanzler selbst kurz mit Longo gesprochen hatte, wurde Brandt vorgeworfen, sich »hinter dem Rücken des Bonner Partners« mit Italiens führendem Kommunisten getroffen zu haben.27 Die Bedeutung des Eurokommunismus für CDU und CSU Für CDU und vor allem CSU stellte der Eurokommunismus einen negativen Bezugspunkt dar, der zu einem der zentralen außen- und sicherheitspolitischen Themen im Bundestagswahlkampf 1976 und dem Wahlkampf zur ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments 1979 wurde. Nachdem sich Willy Brandt Anfang des Wahljahres 1976 in dem eingangs zitierten Interview mit dem Spiegel interessiert an den Entwicklungen bei den italienischen Kommunisten gezeigt hatte, kam es im Bundestag zu massiven Vorwürfen der CDU/CSU-Fraktion. Deren Fraktionsvorsitzender Karl Carstens griff Bundeskanzler Helmut Schmidt an, weil dieser Brandt verteidigt hatte. Helmut Kohl warf Schmidt die Abhängigkeit »von sozialistischen Kräften in der SPD« vor, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Vogel warnte gar vor einer zukünftigen Volksfrontpolitik der SPD. Der Spiegel zitierte einen namentlich nicht genannten Berater des CDU-Parteivorsitzenden Kohl, wonach Brandts Interview ein Gottesgeschenk sei, welches man braten wolle, bis es nicht mehr ginge.28 Konterkariert wurden die Angriffe jedoch nach den italienischen Parlamentswahlen vom 20. Juni 1976. Da der PCI ein Rekordergebnis von 34,4 Prozent der Wählerstimmen erzielt hatte und sich die Sozialistische Partei Italiens weigerte, erneut eine Mitte-Links-Koalition mit der Democrazia Cristiana (DC) einzugehen, war diese zur Regierungsbildung erstmals auf die Kommunisten angewiesen. Als Kompromisslösung ersann man eine programmatische Absprache zwischen DC und PCI sowie weiteren, kleineren Parteien des Verfassungsbogens. Unter Ministerpräsident Giulio Andreotti wurde eine christdemokratische Minderheitsregierung gebildet, die auf die Duldung der kommunistischen Abgeordneten zwingend angewiesen war. Kein Gesetz konnte nunmehr gegen den Willen des PCI durchgebracht werden. Als inoffizieller Koalitionspartner der DC wurden die Kommunisten mit einem seit der direkten Nachkriegszeit im westeuropäischen Vergleichsmaßstab ungekannten Machtzuwachs belohnt. So stellte der PCI in der Phase der Minderheitsregierung den Präsidenten der Abgeordnetenkammer und die Vorsitzenden von sieben Parlamentsausschüssen (u. a. auch im Verteidigungsausschuss). Für die Unionsparteien stellte dies eine enorme Herausforderung dar, da sie nun erklären mussten, warum die eigene Schwesterpartei in Italien mit den vermeintlich gefährlichen Eurokommunisten zusammenarbeiten durfte, das Konzept an sich aber weiterhin deutlich abgelehnt wurde. Dieser Umstand traf die CDU noch härter als die CSU, da diese ihren primären Partner in Italien traditionell in der kleineren Südtiroler Volkspartei (SVP) sah. So griff die FDP in Person von Präsidiumsmitglied und Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl die Christdemokraten umgehend nach Bekanntwerden der neuen Regierungskonstellation in Italien an und forderte eine klare Stellungnahme gegen die christdemokratisch-kommunistische Zusammenarbeit.29 Kai-Uwe von Hassel, seinerzeit u. a. Präsident der Europäischen Union Christlicher Demokraten, versuchte den Vorwurf der christdemokratisch-kommunistischen Kollaboration zu entkräften, indem er darauf hinwies, dass in der DC 99 Prozent der verantwortlichen Mitglieder und Persönlichkeiten keinerlei Zusammenarbeit mit den Kommunisten anstreben würden. Die Schuld liege vielmehr bei den italienischen Sozialisten, die sich geweigert hätten, eine Koalition mit den Christdemokraten ohne die Kommunisten einzugehen.30 Obwohl nach außen Loyalität gegenüber der DC gewahrt wurde, kam es zu internen Differenzen zwischen den Parteien. Die Konrad-Adenauer-Stiftung in Rom berichtete 1977, dass sich der christdemokratische Ministerpräsident Andreotti ausgerechnet beim sozialdemokratischen Bundeskanzler Schmidt über das Unverständnis von CDU und CSU für seine Politik der kommunistischen Tolerierung beklagt habe.31 Folge dieser Spannungen war, dass der DC-Generalsekretär Benigno Zaccagnini im November ein zweitägiges Treffen mit den belgischen Christdemokraten veranstaltete, während ein Besuch bei der CDU zuvor aus Krankheitsgründen abgesagt worden war, was von CDU-Seite wiederum missbilligend aufgenommen wurde.32 Die Aussage war deutlich: Die belgischen Christdemokraten waren weitaus weniger kritisch gegenüber der kommunistischen Tolerierung als CDU und vor allem CSU. Der enge Kontakt zur SVP kann als ein Grund für die noch stärkere Ablehnung des Eurokommunismus durch die CSU angesehen werden. Die Protagonisten der SVP lehnten den Eurokommunismus und vor allem seine italienische Variante vehement ab und sahen darin ein Täuschungsmanöver. Durch die enge Freundschaft zwischen dem SVP-Parteiobmann Silvius Magnago und Franz Josef Strauß sowie durch zahlreiche Publikationen von SVP-Politikern wurde die CSU-Führung nur einseitig über die Entwicklungen des Eurokommunismus informiert.33 In der CSU-Position gegenüber dem Eurokommunismus dominierte die Angst vor der Volksfront zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich vor allem vor den Wahlen zum Europäischen Parlament 1979 und der damit verbundenen Gefahr einer entsprechenden linken Mehrheit in »eine ins Irrationale reichende Berührungsangst« steigerte, wie Werner Maibaum in einem Artikel ausführte.34 In der christsozialen Parteipresse wurde der Eurokommunismus als »ein wichtiger Stein im Kalkül des sozialistischen Flügels der deutschen Sozialdemokratie« angesehen.35 Der frühere SPD- und damalige CSU-Bundestagsabgeordnete Günther Müller legte anlässlich einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung am 29. Januar 1977 in Kreuth in einem langen Referat die CSU-Position zum Eurokommunismus dar. Als Abgeordneter der parlamentarischen Versammlung der Westeuropäischen Union und des Europarates hatte Müller die kommunistischen Abgeordneten vor Ort erlebt und zog, wie er selbst bekannte, daraus seine Schlüsse. In einem ersten, historischen Teil stellte Müller die These auf, dass es in der Geschichte nur zwei Arten von Kommunismus gegeben habe: einen gewaltsamen Revolutionskommunismus, wie er aktuell in der Dritten Welt existiere, und einen täuschenden, taktischen Kommunismus, der sich aktuell im Eurokommunismus zeige.36 Von Marx und Engels, Lenin, Gramsci, Dimitroff über Togliatti und Thorez bis hin zu Dutschkes »Marsch durch die Institutionen« führte Müller anschließend die kommunistischen Taktiken auf, die nur der Machteroberung gedient hätten. Eine besondere Stellung hätten dabei die Volksfronten eingenommen. Als historische Beispiele erwähnte er die Volksfronten der Dreißigerjahre in Frankreich und Spanien. Die europäischen Sozialdemokraten sah Müller dabei als naive Steigbügelhalter der Kommunisten in der Geschichte und stellte im Hinblick auf deren aktuelle Interpretation des Eurokommunismus fest: »Wir sollten uns keine Illusionen machen über die Herren Brandt, Kreisky und Palme.«37 Die Folge dieser Position war ein offensiv und konfrontativ geführter Wahlkampf der CSU, wie er bereits in der Bundestagswahl 1976 in der gemeinsamen »Freiheit oder/statt Sozialismus«-Kampagne mit der CDU erkennbar geworden war. Diese bildete dann auch die Grundlage der Wahlkampfführung für die Wahlen zum Europäischen Parlament 1979. Ursprünglich hatte Franz Josef Strauß im Hinblick auf die vermeintlichen Gefahren des Eurokommunismus sogar eine Verschärfung des Wahlkampfslogans vorgeschlagen und »Freiheit statt Volksfront« präferiert.38 Vor dem Hintergrund der nahenden ersten direkten Europawahlen wurde der Ton der Auseinandersetzung deutlich rauer. Werner Marx, Vorsitzender des Außenpolitischen Arbeitskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, warf auf der Bundesdelegiertentagung der Union der Vertriebenen und Flüchtlinge in der CDU/CSU Brandt seine Nähe zu den Eurokommunisten vor: »Willy Brandt, einer jener Sozialisten, die sich vor der Misère in ihrem eigenen Lande davondrücken, um europäische Sprüche zu machen, verharmlost den Euro-Kommunismus.«39 SPD-Präsidiumsmitglied Horst Ehmke bekräftigte hingegen auf einer Konferenz des Management Instituts Hohenheim in Frankfurt/Main am 29. und 30. November 1977 seine Meinung, dass der Kommunismus wandelbar sei und man daher die reformorientierten Tendenzen unterstützen solle. Die Entwicklung des Eurokommunismus bezeichnete er als »Sieg der Demokratie«.40 Der ehemalige CDU/CSU-Kanzlerkandidat Rainer Barzel vertrat wiederum die Auffassung, dass es keine verschiedenen Kommunismen gäbe und daher eine Wandelbarkeit auszuschließen sei: »Jeder Kommunismus ist unchristlich, unliberal, unsozial; verletzt die Menschenrechte, unterdrückt die Freiheit, etabliert eine reaktionäre polizeistaatliche Ordnung ...«41 Und der führende Europapolitiker der CSU, Heinrich Aigner, fasste die Inhalte der Auseinandersetzung zusammen: »Es geht um die Entscheidung: ein freies Europa oder ein eurokommunistisches«, um dann nachzulegen: »Wer hat sich denn unter dem Zeichen der Roten Rose in der geballten Faust, dem Volksfrontzeichen von Mitterrand und den Jusos vereinigt? Doch eben auch die SPD des über den politischen Wolken schwebenden moskauhörigen Willy Brandt und den militanten Anhängern von Ehmke und Bahr, die sich am liebsten morgen schon mit den Eurokommunisten ins Lorbeerbett legen würden.«42 Nur wenige Unionspolitiker setzten sich für eine differenziertere Betrachtungsweise abseits der viel zitierten Gleichung »Eurokommunismus = Sowjetunion = Kommunistische Weltherrschaft« ein, und diese Anregungen waren dann in den meisten Fällen nicht von Erfolg gekrönt, da sie entweder vom politischen Kontrahenten oder innerparteilich angegriffen wurden. So sprach sich Kurt Biedenkopf beispielsweise anlässlich einer Tagung der baden-württembergischen CDU in Baden-Baden dafür aus, dass man politische Probleme auch anerkennen und ernst nehmen müsse, wenn sie zuerst von Kommunisten angesprochen würden, um anschließend vom CDU-Landesvorsitzenden Hans Filbinger belehrt zu werden, dass der Erfolg der Eurokommunisten doch vor allem in der mangelnden Vermittlung christlicher Werte gegenüber der Jugend in den letzten Jahren zu suchen sei.43 CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hatte bereits 1977 nach einem Besuch bei den italienischen Christdemokraten bemerkt, dass die Leistung der Democrazia Cristiana angesichts der kommunistischen Duldung als »hohe politische Kunst« zu werten sei.44 In der konfrontativen Auseinandersetzung um den Eurokommunismus wurde er dafür jedoch umgehend vom politischen Kontrahenten angegriffen. Der stellvertretende FDP-Sprecher Wolfgang Koczian bezeichnete die Diskrepanz zwischen den Aussagen der CDU zum Eurokommunismus und Geißlers Einschätzungen als »peinliches politisches Konzept«.45 Die FDP und der Eurokommunismus Die FDP tat sich schwer mit dem Eurokommunismus, wie sich an dem eingangs erwähnten Zitat des stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden Uwe Ronneburger auf dem Europaparteitag 1979 erkennen lässt. Einerseits musste man in den Wahlkämpfen 1976 und 1979 ein gewisses Maß an Loyalität zum Koalitionspartner SPD wahren und konnte somit nicht die konfrontative Haltung der Unionsparteien gegenüber den vermeintlich reformorientierten Westkommunisten teilen. Andererseits sah man jedoch jedwede Form von Kommunismus kritisch. Auch tangierte das Thema die FDP weniger als SPD und CDU/CSU. Ideologische Debatten waren für die Freidemokraten nur in geringerem Maße interessant und spielten sich, wenn sie denn stattfanden, meistens im Spektrum Links- versus Nationalliberalismus ab. Die Haltung der FDP führte somit zu einem Widerspruch: Der SPD warf man vor, Wandlungsfähigkeit bei den Eurokommunisten zu erkennen, und CDU/CSU, dass sie jedwede Wandlungsfähigkeit bei den Eurokommunisten verleugnen würden. Auf diese Weise konnten die Freien Demokraten in der Eurokommunismusfrage kein eigenständiges Profil entwickeln. Aufgrund der Ideologieferne der FDP verlangte der Eurokommunismus auf der einen Seite nicht wie im Falle der Sozialdemokraten nach einer intensiven Auseinandersetzung und hatte auf der anderen Seite in seiner negativen Darstellung kein Mobilisierungspotenzial wie bei den Unionsparteien. Daher setzte sich die FDP nur am Rande mit dem sich scheinbar wandelnden Kommunismus in Westeuropa auseinander. FDP-Politiker, auch der Vorsitzende und Außenminister Hans-Dietrich Genscher, reihten sich bezüglich des Eurokommunismus kaum in die heftigen Auseinandersetzungen zwischen SPD auf der einen und CDU/CSU auf der anderen Seite ein. Im Gegensatz zu SPD, CDU und CSU wurde auch nur in äußerst wenigen Beiträgen in der Parteipresse auf die Thematik eingegangen.46 Lediglich ein Aufsatz – von Martin Bangemann – hatte die Definition der liberalen Position gegenüber dem Eurokommunismus zum Inhalt. Allerdings widmete sich Bangemann nur auf zwei der 15 Seiten dem eigentlichen Thema seines Aufsatzes. Der Rest enthielt die üblichen Beschreibungen der Kommunistischen Parteien Italiens, Frankreichs und Spaniens. Auf diese Weise blieb es bei einem Versuch der Klärung des FDP-Verhältnisses zum Eurokommunismus. In seinem Referat als Spitzenkandidat für die Europawahlen 1979 führte Bangemann aus, dass die Vorstellung von CDU/CSU zum Eurokommunismus auf eine Übertragung des Radikalenerlasses auf Europa hinausliefe. Vor dem Hintergrund zahlreicher kommunistischer Angestellter und Arbeiter im Europäischen Parlament sei dies im nationalen und vor allem im internationalen Rahmen schwer zu vermitteln und daher falsch.47 Bezogen auf die vermeintliche Leichtgläubigkeit der SPD im Umgang mit den Westkommunisten sagte Bangemann: »Kein Liberaler wird einem Kommunisten das Recht bestreiten wollen, nicht mehr Kommunist sein zu wollen, sondern Demokrat zu werden. Das ist sogar eine Entwicklung, die wir uns alle wünschen. Kein Liberaler wird aber den Fehler begehen, anzunehmen, daß man gleichzeitig überzeugter Kommunist und überzeugter Demokrat sein kann; denn das geht nicht.«48 Da das Thema »Eurokommunismus« im Europawahlkampf immer wieder hochkommen würde, musste die Partei, trotz eines gewissen Desinteresses, reagieren. Unter der Führung des vom Bundesfachausschuss Außen-, Deutschland- und Europapolitik der FDP gebildeten Unterausschusses »Westeuropapolitik und Atlantische Beziehungen« wurde eine Handreichung für die aktiven Wahlkämpfer erarbeitet. Auf jeweils zwölf zentrale Fragen zur Europawahl wurden in einem ersten Abschnitt Antworten gegeben. Angenommen wurde, dass diese zwölf Fragen die häufigsten und wichtigsten Fragen der potenziellen Wähler an den Wahlständen bzw. auf den Kundgebungen sein würden. Der besondere Stellenwert des Themas »Eurokommunismus« im Wahlkampf zeigte sich daran, dass es in einer der zwölf zentralen Fragen aufgegriffen wurde: »Wie stehen die Liberalen zum Euro-Kommunismus?« Als komprimierte Antwort wurde die Formel »Auch ›Eurokommunisten‹ bleiben Kommunisten« vorgeschlagen.49 Die anschließend weiter gefasste liberale Position offenbarte die Zerrissenheit der westeuropäischen Liberalen in der Frage des Eurokommunismus, die auch die FDP kennzeichnete: Einerseits wurde bekräftigt, dass Europa auch Platz für Eurokommunisten bieten müsse. Andererseits sollten auch Eurokommunisten immer von Liberalen politisch bekämpft werden, weil »diese Doktrin mit ihrem Absolutheitsanspruch mit liberalem Denken unvereinbar ist«.50 Diese Ungenauigkeit spiegelte die Folgen des gemeinsamen liberalen Wahlprogramms der Föderation der Liberalen und Demokratischen Parteien in der Europäischen Gemeinschaft (ELD) wider. Parteien wie der linksliberale Mouvement des Radicaux de Gauche, der 1973 auf Grundlage des Programme commun gar ein Wahlbündnis mit den französischen Kommunisten eingegangen war, oder der auf kommunaler Ebene mit dem PCI koalierende Partito Repubblicano Italiano stießen hierbei mit eher Kommunismus-kritischen Parteien wie der FDP oder den britischen Liberalen zusammen. Das Resultat war eine uneinheitliche Haltung der europäischen Liberalen zum Eurokommunismus, die allerdings durchaus der unklaren Position der deutschen Liberalen entsprach. Die Bedeutung des Eurokommunismus in der Politik von DKP und Grünen In der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) spielte der Eurokommunismus nur als negativer Bezugspunkt eine Rolle.51 Die strikte Orientierung an SED und KPdSU verhinderte ein Vordringen der reformorientierten Ideen in dieser Partei.52 Für die DKP galt, verstärkt nach Radikalenerlass und dem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD von 1970, der Kampf gegen die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung als Hauptaufgabe. Die radikal anti-sozialdemokratische Rhetorik der DKP, die zeitweise an den Kampf gegen den »Sozialdemokratismus« der SED erinnerte, wurde wiederum von den eurokommunistischen Reformparteien kritisiert. So hieß es beispielsweise in einem internen Bericht von ZK-Mitglied Anselmo Gouthier, der die PCI-Delegation auf dem ersten Parteitag der DKP am 12. und 13. April 1969 in Essen angeführt hatte, an die Parteiführung: »Das Urteil über die Politik der SPD ist in der Tat außergewöhnlich ernst, ähnlich oder identisch dem der SED: Die Beteiligung der SPD an der Großen Koalition hat die traditionelle reaktionäre Linie gestärkt und erneuert, mit den Notstandsgesetzen, mit dem Beginn der Ostpolitik in der Außenpolitik, die auf den Zerfall der sozialistischen Staaten abzielt, auf die Isolation der DDR etc.«53 Das neue Programm der DKP von Ende 1977 konnte gar als »Programm gegen den Eurokommunismus« interpretiert werden.54 Lediglich in der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW), dem West-Berliner Ableger der SED, konnte der Eurokommunismus eine gewisse Wirkung entfalten. Allerdings wurde die entsprechende Gruppe um die Zeitschrift Die Klarheit bereits 1980 aus der Partei ausgeschlossen bzw. verließ sie freiwillig.55 Für die neu entstehende Partei der Grünen spielte der Eurokommunismus in der politischen Auseinandersetzung hingegen keine große Rolle mehr, obwohl er auf einige Protagonisten der Gründungsphase wie Rudi Dutschke und Rudolf Bahro eine große Faszination ausübte. Rudolf Bahro selbst war hochgradig an den Entwicklungen des Eurokommunismus interessiert und erhoffte sich durch ihn eine theoretische Basis zur Wiedervereinigung aller Parteien der Arbeiterbewegung, was sich auch in Die Alternative widerspiegelt.56 Insbesondere die italienischen Eurokommunisten zeigten wiederum großes Interesse an Bahros Konzept. So druckte L’Unità nach Bahros Freilassung im Oktober 1979 einen langen Artikel über dessen freiheitliche Sozialismusvorstellung.57 Durch den Abstieg der meisten eurokommunistischen Parteien ab 1980 war das Thema jedoch in der öffentlichen Debatte der Achtzigerjahre kaum noch wahrzunehmen und spielte daher nur noch eine untergeordnete Rolle in der politischen Auseinandersetzung für die Grünen. Fazit Der Begriff »Eurokommunismus« blieb in der politischen Debatte weitestgehend diffus, da sich keine einheitliche Definition herauskristallisierte. Als schwammige Bezeichnung eignete er sich als Projektionsfläche politischer Ängste und Hoffnungen. Dadurch wurde er in der bundesdeutschen Politik primär als politischer Kampfbegriff und nicht als wissenschaftliche Analysekategorie verwendet. Als solcher ließ er sich nahtlos in die »Freiheit oder/statt Sozialismus«-Kampagne der Unionsparteien integrieren. In den Außenbeziehungen der SPD stellten die Beziehungen zur größten und einflussreichsten Partei des Eurokommunismus, dem PCI, einen wichtigen Kontakt dar. Im Hinblick auf die Spaltung der Arbeiterbewegung war die Auseinandersetzung mit jedweden Formen kommunistischer Ideologie für die Sozialdemokraten von zentraler Bedeutung gewesen. Vor dem Hintergrund der Teilung Deutschlands in einen westlich orientierten kapitalistischen Staat und eine auf Moskau konzentrierte sozialistische Diktatur in Ostdeutschland galt das für die deutschen Sozialdemokraten noch mehr als für andere sozialdemokratische Parteien in Westeuropa. Für CDU/CSU wiederum war jedwede Form von Kommunismus ein negativer Bezugspunkt. Die Erfahrungen mit den Täuschungen kommunistischer Parteien in der SBZ/DDR sowie Mittelost- und Osteuropa hatten die CDU bereits unter der Führung Konrad Adenauers zu einer Bastion des Antikommunismus in der Bundesrepublik gemacht. Unter der Führung von Franz Josef Strauß wurde jedoch die bayerische Schwesterpartei zur Speerspitze des Kampfes gegen die Eurokommunisten und deren vermeintliche Volksfrontabsichten, während sich die FDP mit einer klaren und einheitlichen Positionierung zum Thema schwertat. Nach den Bundestagswahlen 1980 erlahmte das Thema »Eurokommunismus« in der öffentlichen Debatte. Innenpolitisch konnte es kaum noch instrumentalisiert werden, da es vermehrt zu Wahlniederlagen eurokommunistischer Parteien kam, die häufig, wie im Fall des PCE, zu Abspaltungen führten, und somit das Bedrohungsszenario der Siebzigerjahre obsolet werden ließen. Festzuhalten bleibt somit, dass die Gefahren des Eurokommunismus in den Siebzigerjahren überschätzt wurden. Die, insbesondere von konservativer Seite gefürchtete, »Volksfrontregierung« in Frankreich verursachte beispielsweise keinerlei Schäden im bilateralen Verhältnis, für die EG oder auch für die NATO. Ganz im Gegenteil bildete das ungleiche Duo Kohl-Mitterrand trotz der sozialistisch-kommunistischen Regierung bis 1984 eine deutsch-französische Freundschaft aus, die es seit Adenauer und De Gaulle nicht mehr gegeben hatte. 1 Willy Brandt zitiert in: Der Spiegel Nr. 5 vom 26. Januar 1976, S. 24. 2 Franz Josef Strauß: Die geistesgeschichtliche Herausforderung »Europa«. Der Beitrag des christlichen Lagers, in: Friedrich D. Voss (Hg.): Franz Josef Strauß. Bundestagsreden und Zeitdokumente, 1974–1979, Bonn 1979, S. 203–231, hier S. 212. 3 Helmut Kohl: Europa ist eine fortschrittliche, eine offensive Idee, in: Wirtschaftsbild – Informations- und Kontaktorgan im Dienste der Sozialen Marktwirtschaft, Nr. 1/1978, Sonderausgabe, S. 3, in: Hanns-Seidel-Stiftung, Archiv für Christlich-Soziale Politik München (im Folgenden: ACSP), Nachlass Heinrich Aigner, Box 11. 4 Stenografische Niederschrift der Bundesvertreterversammlung der FDP am 3. Februar 1979 in Aachen, S. 21, in: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Archiv des Liberalismus Gummersbach (im Folgenden: AdL), Bestand FDP-Bundespartei, A1 Bundesparteitag, A1–693. 5 Siehe Heinz Timmermann: Die Konferenz der europäischen Kommunisten in Ost-Berlin. Ergebnisse und Perspektiven, Köln 1976. 6 Siehe Manfred Steinkühler (Hg.): Eurokommunismus im Widerspruch. Analyse und Dokumentation, Köln 1977, S. 389–392. 7 Siehe Tadasi Takahasi: Die KP Japans und der Eurokommunismus, in: Politische Studien, Nr. 255, Januar/Februar 1981, S. 77–90. 8 Zur Entwicklungsgeschichte des Eurokommunismus siehe ausführlich: Helmut Richter/Günter Trautmann (Hg.): Eurokommunismus. Ein dritter Weg für Europa?, Hamburg 1979, S. 83–133. 9 Siehe Donald Sassoon: The Strategy of the Italian Communist Party. From the Resistance to the Historic Compromise, New York 1981. 10 Zum Historischen Kompromiss siehe Eric J. Hobsbawm/Giorgio Napolitano: Auf dem Weg zum »Historischen Kompromiß«. Ein Gespräch über Entwicklung und Programmatik der KPI, Frankfurt/M. 1977. 11 Siehe Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (Hg.): Eurokommunismus und west-europäische Sicherheitspolitik, Hamburg 1978, S. 51 f. 12 Louis Baillot zitiert in: Klaus Kellmann: Pluralistischer Kommunismus? Wandlungstendenzen euro-kommunistischer Parteien in Westeuropa und ihre Reaktion auf die Erneuerung in Polen, Stuttgart 1984, S. 229. Mit »Pluton« meinte Baillot die nuklearen Mittelstreckenraketen Frankreichs, die an der ostfranzösischen Grenze, u. a. im Elsass, stationiert waren; »Hexagon« steht metaphorisch für die sechseckige geografische Form Frankreichs. 13 Memorandum von A. Denis Clift und Brent Scowcroft »Political Situation in Italy«, 6. Mai 1976, Washington D.C., S. 1, in: Gerald R. Ford Library Ann Arbor, White House Central File, Subject File, Countries, CO 72 Italy 8/9/74 (Exec) to CO 72 Italy 12/5/76 (Exec), CO 72 Italy 4/1/76–7/31/76, Box 28; Henry A. Kissinger: Communist Parties in Western Europe. Challenge to the West, in: Austin Ranney/Giovanni Sartori (Hg.): Eurocommunism. The Italian Case, Washington D.C. 1978, S. 183–196. 14 Siehe Irwin Wall: L’amministrazione Carter e l’eurocomunismo [Die Carter-Administration und der Eurokommunismus], in: Ricerche di storia politica 9 (2006), H. 2, S. 181–196; »Haig warnt vor dem Eurokommunismus«, in: Süddeutsche Zeitung vom 1. Dezember 1977. 15 Zur Rezeption des Eurokommunismus von Regierungsseite siehe Michael Mayer: »Machterschleichung auf Filzpantoffeln.« Die Bundesrepublik, die DDR und die mögliche Regierungsbeteiligung der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien in den Siebzigerjahren, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 127–141. 16 Bruno Kreisky zitiert in: Die Zeit Nr. 29 vom 9. Juli 1976, S. 5. 17 Diese Parallele wurde auch aufseiten der Kommunisten gesehen. So fragte der Parteiphilosoph Angelo Bolaffi zusammen mit Giacomo Marramao die Genossen in einem Artikel der PCI-Theoriezeitschrift Rinascita aus dem Jahr 1980, wer Angst vor Bad Godesberg habe (Angelo Bolaffi/Giacomo Marramao: Chi ha paura di Bad Godesberg?, in: Rinascita Nr. 37 vom 19. September 1980, S. 29–31). 18 Leo Bauer spielte bis zu seinem Tod 1972 als Verhandlungsführer auf SPD-Seite durch seinen Lebensweg eine besondere Rolle in den Beziehungen zum PCI. Als Kommunist wurde er im Nationalsozialismus in Haft genommen und flüchtete nach seiner Freilassung nach Frankreich, wo er 1939 zusammen mit dem späteren Generalsekretär der italienischen Kommunisten, Luigi Longo, interniert wurde. Nach dem Krieg stieg er zu einer der Führungsfiguren der hessischen KPD auf. Drei Jahre nachdem ihn die SED nach Ost-Berlin beordert hatte, wurde Bauer in einem Schauprozess 1952 zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde anschließend in 25 Jahre Lagerhaft in Sibirien umgewandelt. Nach seiner vorzeitigen Freilassung 1955 ging Bauer in die Bundesrepublik, arbeitete als Journalist und trat der SPD bei. 1968 wurde er Chefredakteur der Neuen Gesellschaft. 19 Siehe Giorgio Napolitano: Gegenseitiger Respekt und freundschaftliche Beziehungen, in: Karlheinz Bentele u. a. (Hg.): Metamorphosen. Annäherungen an einen vielseitigen Freund. Für Horst Ehmke zum Achtzigsten, Bonn 2007, S. 271; Bernd Rother: »Era ora che ci vedessimo«. Willy Brandt e il Pci [»Es war Zeit, dass wir uns sehen«. Willy Brandt und der PCI], in: Contemporanea. Rivista di storia dell’800 e del ’900, 14 (2011), H. 1, S. 61–82. 20 Siehe Heinz Timmermann: Im Vorfeld der neuen Ostpolitik – Der Dialog zwischen italienischen Kommunisten und deutschen Sozialdemokraten 1967/68, in: Osteuropa 21 (1971), H. 6, S. 388–399. 21 Alberto Jacoviello zitiert in: Vermerk von Günter Markscheffel an Willy Brandt, 21. September 1967, Bonn, in: Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie (im Folgenden: AdsD), Internationale Abteilung des SPD-Parteivorstandes, Allg. Schriftwechsel H–N, 10512. 22 Siehe Peter Brandt u. a.: Karrieren eines Außenseiters. Leo Bauer zwischen Kommunismus und Sozial-demokratie, 1912 bis 1972, Berlin/Bonn 1983, S. 266–288. 23 »Polemik nach dem Treffen SPD–KPI«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (im Folgenden: FAZ) vom 4. April 1968. 24 Leo Bauer zitiert in: »SPD wird weiter mit KPI sprechen«, in: Frankfurter Rundschau vom 5. April 1968. 25 »Nützlicher Dialog«, in: Frankfurter Rundschau vom 5. April 1968. 26 Siehe Rinascita Nr. 41 vom 10. Oktober 1969, S. 3–6, Nr. 44 vom 7. November 1969, S. 9 f.; Die Neue Gesellschaft Nr. 5 von September/Oktober 1969, S. 476–490. 27 »Traf sich Willy Brandt heimlich mit Italiens KP-Chef Longo?«, in: Welt am Sonntag vom 22. November 1970. Schon 1968 hatten der Bayernkurier und andere Medien diesen Vorwurf erhoben, der allerdings mit der bereits erwähnten Presseerklärung des SPD-Präsidiums zurückgewiesen wurde. 28 Der Spiegel Nr. 6 vom 2. Februar 1976, S. 25. 29 Freie Demokratische Korrespondenz (im Folgenden: fdk) Nr. 167 vom 6. August 1976. 30 Kai-Uwe von Hassel: »Warum wollen wir Europa?«, in: Wirtschaftsbild – Informations- und Kontaktorgan im Dienste der Sozialen Marktwirtschaft (Anm. 3), S. 9 f. 31 Telex von Erich B. Kusch und Rudolf Schloz an Bruno Heck, 7. Dezember 1977, Rom, in: Konrad-Adenauer-Stiftung, Archiv für Christlich-Demokratische Politik St. Augustin (im Folgenden: ACDP), Büro für Auswärtige Beziehungen der CDU, V–III–009, 004. 32 Vermerk über die Beziehungen der DC zu den belgischen Christdemokraten von Henning Wegener an Helmut Kohl u. a., 23. November 1977, Bonn, in: ACDP, Büro für Auswärtige Beziehungen der CDU, V–III–009, 004; Vermerk betreffend Termine für den Besuch Moro/Zaccagnini in Bonn von Henning Wegener an Wolfgang Bergsdorf u. a., 23. September 1977, Bonn, in: ACDP, Büro für Auswärtige Beziehungen der CDU, V–III–009, 004. 33 Siehe u. a. Hans Benedikter: Eurokommunismus. Der große Bluff, Bozen 1978; Silvius Magnago: Die Gefahren des Eurokommunismus, in: Friedrich Zimmermann (Hg.): Anspruch und Leistung. Widmungen für Franz Josef Strauß, Stuttgart 1980, S. 127–142. 34 Werner Maibaum: Die Perzeption des »Eurokommunismus« in der Bundesrepublik Deutschland, in: Liberal, Nr. 12/1978, S. 927. 35 »Unbekanntes Wesen Eurokommunismus«, in: Bayernkurier vom 11. Juni 1977. 36 Tonbandnachschrift des Referats von Günther Müller bei der Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung am 29. Januar 1977 in Kreuth, S. 1–8, in: ACSP, Nachlass Heinrich Aigner, Box 125. 37 Ebd., S. 10. 38 Pressemitteilung von MdB Heinrich Aigner, ohne Datum [1978], Bonn, in: ACSP, Nachlass Heinrich Aigner, Box 8. 39 Werner Marx zitiert in: »Eurokommunismus – Gefahr für Europa«, in: Mittelstands-Magazin, Nr. 7/1977, S. 25. 40 Horst Ehmke zitiert in: »›Eurokommunismus ist Sieg der Demokratie‹«, in: Münchener Merkur vom 2. Dezember 1977. 41 Rainer Barzel: Gegeneinander – miteinander – oder was sonst?, in: Götz Hohenstein (Hg.): Der Umweg zur Macht. Euro-Kommunismus, München 1979, S. 241–261, hier S. 245. Die damalige Relevanz des Themas »Eurokommunismus« lässt sich auch daran ablesen, dass zu jener Konferenz knapp 130 Unternehmer und Manager kamen, die jeweils 1000 DM Tagungsgebühr entrichteten (siehe »Steffen erklärt Managern, was er unter Eurokommunismus versteht«, in: Die Welt vom 30. November 1977). 42 »Europawahlen – Risiken und Chancen. Interview mit Heinrich Aigner«, in: Wirtschaftsbild – Informations- und Kontaktorgan im Dienste der Sozialen Marktwirtschaft (Anm. 3), S. 18. 43 »CDU wappnet sich für Berührung mit dem Eurokommunismus«, in: Süddeutsche Zeitung vom 5. März 1979. 44 »Geißler rühmt die ›hohe politische Kunst‹ der Christlichen Demokraten Italiens«, in: FAZ vom 19. Juli 1977. 45 fdk Nr. 17 vom 19. Juli 1977. 46 Siehe Wolf-Ruthart Born: Euro-Kommunismus. Teil 1: Euro-Kommunismus und der Westen, in: Liberal, Nr. 3/1977, S. 173–183; ders.: Euro-Kommunismus. Teil 2: Euro-Kommunismus im Weltkommunismus, in: Liberal, Nr. 4/1977, S. 281–291; Martin Bangemann: Liberale und der Eurokommunismus, in: Liberal, Nr. 8/1978, S. 571–586; Maibaum: Perzeption (Anm. 34), S. 914–927. 47 Stenografische Niederschrift der Bundesvertreterversammlung der FDP am 3. Februar 1979 in Aachen, S. 72, in: AdL, Bestand FDP-Bundespartei, A1 Bundesparteitag, A1–694. 48 Ebd., S. 73. 49 Liberale Argumente zu Europa-Wahl und ELD-Programm, 15. Oktober 1978, S. 23, in: AdL, Bestand FDP-Bundespartei, A44 Bundesfachausschuß für Außenpolitik, A44–46. 50 Ebd. 51 Siehe Ulrike Borchardt: Die Haltung der DKP zum Eurokommunismus, in: Dieter D. Lutz (Hg.): Eurokommunismus und NATO. Zukunftsprobleme europäischer Sicherheit, Bonn 1979, S. 163–168. 52 Zum Sonderfall der Haltung der SED zum Eurokommunismus siehe Nikolas R. Dörr: Die Beziehungen zwischen der SED und den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas. Handlungsfelder, Akteure und Probleme, in: Arnd Bauerkämper/Francesco Di Palma (Hg.): Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas, 1968–1989, Berlin 2011, S. 48–67; Francesco Di Palma: Die SED, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und die Kommunistische Partei Italiens (PCI) von 1968 bis in die Achtzigerjahre. Ein kritischer Einblick in das Dreiecksverhältnis, in: Deutschland Archiv 43 (2010), H. 1, S. 80–89. 53 Die Übersetzung des italienischen Originalzitats erfolgte durch den Verfasser. Das Original lautet: »Il giudizio infatti sulla politica della S.P.D. è estremamente severo, analogo o identico a quello che viene datto dalla S.E.D.: la partecipazione della S.P.D. alla ›grande coalizione‹ ha rafforzato, aggiornandola, a linea reazionaria tradizionale, all’intero con le leggi di emergenza, in politica estera avviando quella ›Ostpolitick‹ [sic!], che punta alla disgregazione dei paesi socialisti, all’isolamento della D.D.R. ecc.«, in: Nota informativa sul primo congresso della Deutsche Kommunistische Partei a Essen, 12–13 aprile 1969 [Aufzeichnung über den ersten Parteitag der Deutschen Kommunisten Partei in Essen, 12.–13. April 1969] von Anselmo Gouthier, 22. April 1969, Rom, in: Fondazione Istituto Gramsci, Archivio del Partito Comunista Italiano/Archiv der Kommunistischen Partei Italiens Rom, Estero, 1969, mf 0308, 1313. 54 »Kein Hauch vom Geiste Rosa Luxemburgs«, in: Vorwärts vom 5. Januar 1978, S. 11. 55 Siehe Thomas Klein: SEW – die Westberliner Einheitssozialisten. Eine »ostdeutsche« Partei als Stachel im Fleische der »Frontstadt«?, Berlin 2009, S. 262–268; »Krach in Honeckers Filiale. Durchbruch des Eurokommunismus in der SEW«, in: Vorwärts vom 19. Juni 1980. 56 Rudolf Bahro: Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus, Köln/Frankfurt/M. 1977. Siehe auch Konzeption für ein Forschungsvorhaben »Allgemeine Theorie des Historischen Kompromisses« von Rudolf Bahro, 26. November 1979, in: AdsD, Bestand Horst Ehmke, Eurokommunismus allgemein, 1/HEAA000406. 57 »Bahro: così vedo il socialismo« [»Bahro: So sehe ich den Sozialismus«], in: L’Unità vom 25. Oktober 1979.

JHK 2012

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

VOL. XVIII (2012), NO 25. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies With support of The Centre for Contemporary History (ZZF), Potsdam ISSN Y503-1060 ISSN 1862-698X (for the Online Edition) Executive Editor Bernhard H. Bayerlein, Potsdam/Cologne bayerlein@zzf-pdm.de Junior Editor Gleb J. Albert, Bielefeld gleb.albert@uni-bielefeld.de Editorial Board/Correspondents Aldo Agosti (Torino)Lars Björlin (Stockholm)Lev Centrih (Ljubljana)Cosroe Chaqueri (Paris)Sonia Combe (Paris)Putnik Dajic (Belgrade)Mathieu Denis (Montréal)Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds)Jean-François Fayet (Geneva)Jan Foitzik (Berlin)José Gotovitch (Bruxelles)Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta)Gabriella Hauch (Linz)John Haynes (Washington)Victor Heifets (St. Petersburg)Gerd-Rainer Horn (Coventry)Peter Huber (Geneva)Jesper Jørgensen (Copenhagen)Kostis Karpozilos (Athens)Fritz Keller (Vienna)Klaus Kinner (Leipzig)Todor Kuljic (Belgrade)Norman LaPorte (Pontypridd)Marcel van der Linden (Amsterdam)Aurelio Martin Najera (Madrid)Kevin McDermott (Sheffield)Barry McLoughlin (Vienna)Kevin Morgan (Manchester)Manfred Mugrauer (Wien)Timur Mukhamatulin (Moscow)Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia)Alexander Pantsov (Columbus, Ohio)José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels)Aleksandr Reznik (St. Petersburg)Tauno Saarela (Helsinki)Wolfgang Schlott (Bremen)Daniela Spenser (México DF)Dubravka Stajic (Belgrade)Brigitte Studer (Berne)Frantisek Svátek (Prague)Jérémie Tamiatto (Paris)Carola Tischler (Berlin)Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main)Feliks Tych (Warsaw)Berthold Unfried (Vienna)Raquel Varela (Lisbon)Zdenek Vasicek (Prague)Aleksandr Vatlin (Moscow)Gerrit Voerman (Groningen)Marc Vuilleumier (Genève)Frank Wolff (Bielefeld)Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek †, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Dr. Jürgen Danyel, Potsdam; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Dr. Jens Gieseke, Potsdam; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Avgust Lesnik, Ljubljana; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris/Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam, Germany. Postal Adress: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone and Fax: 0049 (0)221 42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de – bayerlein@zzf-pdm.de Homepage: http://newsletter.icsap.eu Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter TABLE OF CONTENTS I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters and Web Services – New Issues. Selected Items • H-HOAC • Aktuelles aus der DDR-Forschung • ICCEES Newsletter • NewsNet • Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen • Mitteilungen des FABGAB II. News on Archives, Holdings and Institutions • Gulag Boss: Discussing the Memoirs of a Gulag Commander • Pravda über DFG-Nationallizenz verfügbar • Washington D.C.: ECNU – Wilson Center Cold War Studies Initiative • Egypt: State Security Archives May Be Opened • Washington D.C.: FBI Releases SOLO File • Riazanov Library Project: US Radical Left Periodicals Digitised • Marxists Internet Archives: Recent Additions on British Communism • Bloomington, IN: Polish Workers’ Movement Collection at Indiana University • Vologda, Russia: Regional Communist Newspaper Digitised • Lev Centrih, Ljubljana: Digitising Sources for the History of the Communist Movement in Slovenia III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress • Maurice Andreu (Paris, France): N. I. Boukharine sur les intellectuels et le communisme. Projet en cours. • Álvaro Cúria (Porto, Portugal): Heirs of the Wall. The Events of 1989–91 and the Continuity of the Southwest European Communist Parties. PhD Project. • Leo Goretti (Reading, UK): Young Partisans and »Ragazzi con la maglietta a strisce«. Communist Youth in Italy between the Resistance and July 1960. A Gender and Generational Study. PhD Project. • David Mayer (Vienna, Austria): Tropics Defiant – Clio Militant. On Marxist Historiographic Debates in Latin America in the »Long 1960s« in Transnational Perspective. PhD Project. • Claudia Monteiro (Paraná, Brazil): A Study of Communism in Paraná (1945–1964). Militancy Between Reason and Feelings. PhD Project. • Jonathan Waterlow (Oxford, UK): Popular Humour in Stalin’s 1930s. A Study of Popular Opinion and Adaptation. PhD Project. IV. Materials and Studies V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews V.2 Presentations and Announcements • John Riddell (ed.): Toward the United Front. Proceedings of the Fourth Congress of the Communist International 1922, Leiden, Brill, 2011. 1310 p. (Historical Materialism Book Series. 34). ISBN 978-9-00420-778-3. • Fridrich I. Firsov: Sekrety Kommunističeskogo Internacionala. Šifroperepiska [Secrets of the Communist International. Coded Correspondence], Moskva, ROSSPĖN, 2011. 519 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1461-8. • Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914, Stuttgart, Schmetterling, 2011. 216 p. (Reihe theorie.org). ISBN 978-3-89657-655-2. • Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution. Vom Kaiserreich zur Republik. Die Novemberrevolution. Der Bürgerkrieg in Deutschland, Berlin, Die Buchmacherei, 2011. 756 p. ISBN 978-3-00-035400-7. • David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen, Mehring-Verlag, 2010. 259 p. ISBN 978-3-88634-085-9. • David Fernbach (ed.): In the Steps of Rosa Luxemburg. Selected Writings of Paul Levi, Leiden, Brill, 2011. VI, 349 p. (Historical Materialism Book Series. 31). ISBN 978-90-04-19607-0. • Raquel Varela: A História do PCP na Revolução dos cravos, Lisboa, Bertrand, 2011. 399 p. ISBN 978-972-252295-3. V.3 Books Sent in for Review VI. Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2011–2012 VI.1 Conference List • Past meetings and conferences 2011 • Meetings and conferences 2012 VI.2 Conference Reports and Announcements • Historical Materialism Conference 2011: Panels on the History of Communism • Conference on the »Praxis School«: Materials Online VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2011 VIII. Periodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2011 VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies X. Communism in Culture, Art and Media • Some Exhibitions on the History of Communism, 2011–2012 • Moskau: Konferenz über Mežrabpom-Fil’m • Opening of the Museo Memorial de la Resistencia Dominicana, Santo Domingo • Hotel Lux: Das sowjetische KPD-Exil im Spielfilm XI. Discussions, Debates, Historical Controversies • Ottokar Luban (Berlin, Germany): Rosa Luxemburgs Tod Section IThe Newsletter of the Newsletters:COMMUNIST STUDIES NEWSLETTERS AND WEB SERVICES – NEW ISSUES. SELECTED ITEMS H-NET Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington DC, US. » www.h-net.org/~hoac/ This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den bisherigen Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter, Münster, Germany. » www.iccees.org/newsletter.html The newsletter features news on current developments, events and publications in the field of Central and East European Studies. Two issues (N° 67/January and N° 68/July) have been released in 2011. Each issue features the following rubrics: From the Executive Committee • Forthcoming Conferences • Publications • Fellowships, Prizes and Grants • Miscellaneous. NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA. » www.aseees.org/publications/newsnetmain.html NewsNet, a newsmagazine of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES), is published five times a year and includes information about the field of Slavic, Russian, Central European, and Eurasian studies. It is distributed to all ASEEES members, recent issues are also available for download. Apart from the items listed below, each issue carries the following standard rubrics: News from ASEEES, Affiliates and Institutional Members [and various other ASEEES-internal topics] • Personages • In Memoriam • Publications • Library and the Internet News • Publications • Index of Advertizers • Calendar. 2011/1, January: Mark von Hagen: War, Peace and Cold War Area Studies. 2011/2, March: Eliot Borenstein: Perverting Slavic Studies. A Love Story • Paul du Quenoy: Teaching Russian History in the Middle East. 2011/3, May/June: Steven A. Barnes: Russian History Blog and Digital Dissemination of Russian History Research • David MacFadyen: Challenges for Online Study. The Case of Music. 2011/4, August: Charles King: Is the Caucasus A Place? • Leah Seppanen Anderson: Teaching Postcommunist Politics Twenty Years After the Fall. 2011/5, October: Madeleine Reeves: After Internationalism? The Unmaking of Osh • Looking Back to 1991. Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria. » www.klahrgesellschaft.at 2011/1, März: Hans Hautmann: Volksherrschaft für 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 • Irma Schwager: 100 Jahre Internationaler Frauentag • Martin Krenn: Zum Tod von Ernst Engelberg (1909–2010) • Manfred Mugrauer: »Repräsentant einer neuen Zeit«. Juri Gagarins Österreich-Besuch im Mai 1962 • Gerhard Oberkofler: Eine sozialdemokratische Biografie • Gerhard Oberkofler: Menschlichkeit und Entmenschtheit. Ein Brief von Rosa Jochmann nach Zürich (1947) • Rezensionen: Luis Stabauer: Der Kopf meines Vaters. Wien von der NS-Zeit bis zur Gegenwart. Eine Zeitzeugin erzählt; Manfred Pawlik: Wilhelm Weixlbraun. Briefe aus der Todeszelle; Wolfgang Fritz: Die Geschichte von Hans und Hedi. Chronik zweier Hinrichtungen (Willi Weinert) • Österreichs Archive unter dem Hakenkreuz (Martin Krenn) • Simon Loidl/Peter März: »... Garanten gegen den Faschismus ...«. Der Landesverband ehemals politisch Verfolgter in Oberösterreich (Florian Schwanninger) • Charlotte Rombach: Widerstand und Befreiung 1934–1945. Zeitzeugen berichten (Alexander Dinböck). 2011/2, Juni: Martin Krenn: Zum 100. Geburtstag von Walter Hollitscher. Hollitschers Frage nach dem Gesamtzusammenhang • Peter Goller: Walter Benjamins Einsatz für die Arbeiterbewegung und den Sozialismus (1925–1940) • Aus dem Archiv: Eine internationalistische Intervention. Die Schweizerische Sozialdemokratie solidarisiert sich im Mai 1938 mit der Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei im Kampf für deren Unabhängigkeit (Gerhard Oberkofler) • Berichte: Linke Geschichtswissenschaft heute. Am Beispiel: Walter Markov (Claudia Kuretsidis-Haider) • Felix Kreissler – Erinnerung und Aktualität (Winfried R. Garscha) • Rezension: Jakob Rosenberg/Georg Spitaler: Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938–1945) (Martin Krenn). 2011/3, September: Hans Hautmann: Habsburg-Totenrummel und vergessene Vergangenheit • Gerhard Oberkofler: Zum Kontext von Dossiers im Büro Kurt Hager über zwei altösterreichische Emigranten in der Deutschen Demokratischen Republik • Rezensionen: Heinz Arnberger/Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.): Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung (Martin Krenn) • Ernst Hanisch: Der große Illusionist Otto Bauer (1881–1938) (Alexander Dinböck) • Wilhelm Kroupa: Arbeiter in Wien. Ein Jahrhundertleben (Michael Graber) • Ellen Meiksins Wood: Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus (Simon Loidl). Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, Germany. » www.fabgab.de N° 39, März 2011: Archiv der Arbeiterbewegung in Oer-Erkenschwick • Nachlass von Wolfgang Abendroth – Nachtrag • Bezirksarchiv Prenzlauer Berg der Berliner VVN-BdA • Archiv Schreibender ArbeiterInnen • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer, des Bundes und der Parteien • 45. Konferenz der ITH • 41. Tagung der IALHI • Kolloquium »Basisdemokratie und Arbeiterbewegung« • Kolloquium »Europa in der ›Zwischenkriegszeit‹ des 20. Jahrhunderts« • Geschäftsbericht des Vereinsjahrs 2010 • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge. Sonderheft, Mai 2011: 20 Jahre Förderkreis Archive Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung 1991–2011 • G. Benser: Ein Sonderheft zum Jahrestag • H. Skrzypczak: Zur Vorgeschichte des Förderkreises • K. Höpcke: Über Gelungenes und Missetaten • I. Pardon: Inmitten heftiger Konflikte um Konzepte • H. Sommer: »Sir Henry« mit dem Temperament seiner »polnischen Ulanennatur« • Dokumente aus den Anfangsjahren • B. Leske: Bundesarchivgesetz § 2a • H. Jestrabek: Interview mit Theodor Bergmann • B. Leske: Internationales Wirken unserer Förderkreismitglieder • R. Holze: Publikationsecho »Bewahren – Verbreiten – Aufklären« • G. Benser: Vereinschronik der Jahre 2006 bis 2011. Section IINews on Archives, Holdings and Institutions Gulag Boss: Discussing the Memoirs of a Gulag Commander While there are several famous literary and autobiographical accounts of Gulag prisoners, memoirs of the camp’s personnel have been rather unknown – until now. Gulag Boss, edited and translated by Princeton sociologist Deborah Kaple, is the memoir of Fedor Mochulskii, who, as a young engineer in 1940, was commanded by the party to head the Pechorlag camp for six years. After pursueing a carreer as a diplomat lateron, he wrote a memoir of his experience during the Perestroika years, and, not being able to get it published, gave it to Kaple who originally interviewed him in the early 1990s about his work in China (read the full story at http://blog.oup.com/2011/03/gulag-boss/). The memoir has been published in November 2010 by Oxford University Press. Realising that the memoir is a highly unusual and important finding for research on Stalinism, the »Russian History Blog« organised an online debate on the book. Steve Barnes, Jeff Hardy, Alan Barenberg, Lynne Viola, Wilson Bell, Golfo Alexopoulos and Deborah Kaple have used this novel platform to share their thoughts on the memoir in concise essays which can be read at http://russianhistoryblog.org/category/blog-conversations/gulagboss/. Pravda über DFG-Nationallizenz verfügbar Die US-amerikanische Firma »East View Information Services«, die bereits eine Reihe von kommerziellen osteuropabezogenen Digitalisierungsprojekten durchgeführt hat, bietet seit 2010 eine nahezu komplette Digitalisierung der Pravda an. Das 1912 gegründete Zentralorgan der Bolschewiki, das im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution von Nikolaj Bucharin geleitet wurde, ist eine zentrale Quelle zur Geschichte der sowjetischen Politik und Gesellschaft. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat diese, die Jahre 1912 bis 2009 mit einigen Lücken umfassende, Digitalisierung der Tageszeitung in ihr Nationallizenzen-Programm aufgenommen, dadurch kann die digitale Pravda nun über deutsche Hochschul- und Forschungseinrichtungen konsultiert werden. Der Forscher wird damit von der Notwendigkeit, halbzerfallene Papierausgaben und kaum lesbare Mikrofilmkopien zu konsultieren, befreit, darüber hinaus sind viele Jahrgänge nicht nur als Scan, sondern auch als Volltext verfügbar. Mehr Informationen sind unter www.nationallizenzen.de/angebote/nlproduct.2011-02-08.0674390264 erhältlich. Washington D.C.: ECNU – Wilson Center Cold War Studies Initiative The Woodrow Wilson Center is pleased to announce an important new project, the ECNU-Wilson Center Cold War Studies Initiative which is a natural outgrowth of the longstanding, close relationship between the Wilson Center’s flagship Cold War International History Project (CWIHP) and East China Normal University’s (ECNU) Cold War International Studies Center. The goal of this new initiative is to further scholarly research and exchanges on the Cold War in general and on the Cold War-era history of the US-China relationship in particular, with a view towards deepening mutual understanding and cooperation between the People’s Republic of China and the United States. This initiative will produce a series of path-breaking international conferences, workshops and seminars, as well as a series of online and hardcopy publications as a result of the planned scholarly exchanges and meetings. Source: www.wilsoncenter.org/event/inauguration-ceremony-and-reception-ecnu-wilson-center-cold-war-studies-initiative Egypt: State Security Archives May Be Opened After the revolution in Egypt, the interim government made a statement that the records of the State Security service dating as far back as 1910 »could be made available«, according to an article in the Chronicle of Higher Education. This could also shed new light on the Communist movement and its repression in Egypt during the interwar years. Source: Newsletter of the Human Rights Working Group, International Council on Archives, June 2011. Washington D.C.: FBI Releases SOLO File The FBI has begun to release the contents of its SOLO file, which covers the activities of Morris and Jack Childs, members of the CPUSA who were recruited to work with the FBI in the early 1950s. The overall file itself covers the years of the SOLO operation that occurred between 1958 and 1979; the materials released to date, though, only cover 1958 to 1960.  More releases will follow. For a brief introduction to this material, see www.fbi.gov/news/stories/2011/august/byte-out-of-history-communist-agent-tells-all/byte-out-of-history-communist-agent-tells-all. The files themselves may be found at http://vault.fbi.gov/solo. Source: John Fox, http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-HOAC&month=1108&week=a&msg=Jn%2B0ZCG4edqXVHPmQeKOmA Riazanov Library Project: US Radical Left Periodicals Digitised The Riazanov Library, a US-based digitisation project coordinated by Marty Goodman, has scanned a number of periodicals from the radical Left (mostly Trotskyite, but also early Left Socialist and some mainstream communist) from interwar as well as postwar years. They are made available online by the Marxists Internet Archive, constituting a rich source on the history of the American radical Left. Many scans were done with the help of the Holt Labor Library at San Francisco. More and more periodicals are in the process of being digitised, and the project is searching for particular titles (see www.marxists.org/history/etol/research/riazanov.htm). The following periodicals (many with indices and introductory articles) are online as full PDF scans until now: Pre-WW2 periodicalyears digitisedURLThe Class Struggle1917–1919www.marxists.org/history/usa/pubs/class-struggle/The Communist1919–1921www.marxists.org/history/usa/pubs/thecommunist/Industrial Organizer1941www.marxists.org/history/usa/pubs/industrialorganizer/Labor Action1936–1937www.marxists.org/history/etol/newspape/laboraction-ca/Labor Defender1926–1927www.marxists.org/history/usa/pubs/labordefender/The Militant (later: New Militant, Socialist Appeal)1928–1940www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/The New Review1913–1916www.marxists.org/history/usa/pubs/newreview/Northwest Organizer1941www.marxists.org/history/usa/pubs/northwestorganizer/Ohio Socialist1918–1919www.marxists.org/history/usa/pubs/ohio-socialist/The Revolutionary Age1918–1919www.marxists.org/history/usa/pubs/revolutionaryage/The Toiler1919–1921www.marxists.org/history/usa/pubs/thetoiler/Western Worker1932–1933www.marxists.org/history/usa/pubs/westernworker/The Workers’ World1919www.marxists.org/history/usa/pubs/workersworld/ Post-WW2 periodicalyears digitisedURLCampus Spartacist1965–1971www.marxists.org/history/etol/newspape/campus-sl/G.I. Voice1969–1970www.marxists.org/history/etol/newspape/GIvoice/Revolutionary Communist Youth Newsletter1971–1973www.marxists.org/history/etol/newspape/rcyn/Revolutionary Marxist Caucus Newsletter1970www.marxists.org/history/etol/newspape/rmcn/Women and Revolution1971–1972www.marxists.org/history/etol/newspape/w&r/Workers’ Action1968–1971www.marxists.org/history/etol/newspape/wa/Young Socialist1958–1964www.marxists.org/history/etol/newspape/youngsocialist/ Marxists Internet Archives: Recent Additions on British Communism As communicated by Ted Crawford, recent additions to the Marxists Internet Archive include selected works of Dora B. Montefiore, suffragette and founding member of the Communist Party of Great Britain (www.marxists.org/archive/montefiore/), and Peter Petroff, an old Russian Social Democrat, Bolshevik diplomat and British labour activist (www.marxists.org/archive/petroff/). Furthermore, two periodicals of the British Left have been partly digitised, namely John Maclean’s »Vanguard« (www.marxists.org/history/international/social-democracy/vanguard.htm) and Rajani Palme Dutt’s Labour Monthly (www.marxists.org/history/international/comintern/sections/britain/periodicals/labour_monthly/). Bloomington, IN: Polish Workers’ Movement Collection at Indiana University The Indiana University Libraries at Bloomington recently acquired a large collection of Communist periodicals and brochures from post-WW2 Poland. The collection has been part of the Library of the History of the Workers’ Movement in Warsaw, founded in the late 1950s by the Central Trade Union Council and becoming unsustainable in 2005. Through the mediation of Professor Padraic Kenney, a substantial part of the library found a new home in Bloomington, IN. The collection features a noteworthy collection of Polish communist trade-union periodicals (20 titles) as well as various periodicals on the history of the workers’ movement, numerous congress records, guidebooks, brochures and 83 monographic series. The catalogisation of the collection, which might be the largest of its kind outside Poland, is in progress, yet numerous titles can be already found through the library’s online catalogue (www.iucat.iu.edu) through a keyword search on »biblioteka historii ruchu zawodowego«. For any enquieries, see www.libraries.iub.edu/index.php?pageId=1000035. (Source: NewsNet, March 2011). Vologda, Russia: Regional Communist Newspaper Digitised The Universal Scholarly Library of the Vologda Region (Vologodskaia oblastnaia universal’naia nauchnaia biblioteka) in Vologda, Russia, has put online scanned copies of the regional newspaper, Krasnyi Sever [The Red North]. Founded in 1917 as the herald of the local Soviet, it quickly became an organ of the Bolsheviks and continued being issued throughout the Soviet period and beyond. Albeit not being fulltext-based, featuring just scans in PDF format, the digitisation might prove a highly useful source on interwar Soviet provincial history through its vast coverage. The years 1917 to 1934, 1937 to 1939 and 1941 to 1945 are fully covered. The scanned copies can be browsed at http://krassev.booksite.ru:8080/. Lev Centrih, University of Ljubljana (Slovenia): » Digitising Sources for the History of the Communist Movement in Slovenia In Slovenia, there is yet no specialized digital online collection of sources dedicated to the history of the Slovene/Yugoslav/international communist and labour movement. In recent years, however, two distinguished projects had been launched which may in perspective provide an appropriate infrastructure for the research in question. These are: »SIstory – izobraževalni in raziskovalni portal slovenskega zgodovinopisja [Educative and research portal of Slovene historiography]« (www.sistory.si/), and »dLib.si – Digitalna knjižnica Slovenije [Digital library of Slovenia]« (www.dlib.si/). The project »SIstory« was launched in 2006 by the Institute of Contemporary History in Ljubljana under the leadership of Dr. Mojca Šorn and became accessible to the public in 2008. The structure of the »SIstory« data base is divided into the following sections: Sources, Literature, Biography, History and School, Citation Index, Events, and Links. Even though the project had been planned as bilingual (Slovene/English), communist and labour movement related materials have been so far published only in Slovene language. Considering the fact that the project is still in an early phase of development, most of the digitized collections comprise older or more recent printed versions of already published historical sources. This approach is fruitful, because it provides the researchers with basic information and materials about the Slovene/Yugoslav communist movement as well as with past research results. Prispevki za zgodovino delavskega gibanja (1960–1985) [Contributions to the history of the labour movement] and Zgodovinski časopis (1947-) [Historical Review], the two most important periodical publications for Slovene historiography, are now completely digitalized, and constitute not merely scholarly reflections of historical sources of the past, but eventually became historical sources themselves. These periodicals tell us a great deal about how the distinctive chapters of local and international communist movement’s histories were investigated. Applied methodologies and topics which always favoured local (national) history give us the key to understand the position of the scholarly and university apparatus in the socialist society – the continuities and discontinuities with the bourgeois pre-war period, that is with the positivist/narrativist »heritage« which still haunts Slovene historiography. For the same reason, the digitization of old Slovene history schoolbooks and manuals from 1900 until the 1950s, written by the most prominent Slovene historians such as Milko Kos, Ferdo Gestrin and Bogo Grafenauer, is a most welcome contribution for those who study the history of the development of ideological apparatuses at the European periphery. Other »SIstory« digital collections include the following material for the history of Slovene and Yugoslav communist movement: • Sources for the History of the Communist Party in Slovenia, 1919‒1921 (Ljubljana 1980) provides a collection of various sorts of material illustrating the rupture in Slovene/Yugoslav social democracy soon after the WWI – such as: articles from communist journals (Delo [Labour], Rdeči prapor [Red Banner], Proleter [The Proletarian]), leaflets, petitions, reflections on Soviet Russia, resolutions from congresses, early anti-Communist propaganda, police reports and observations etc. • Discussion on the National Question in the CPY [Communist Party of Yugoslavia] in 1923 (Ljubljana 1990) – a collection of articles and other documents relating to the fierce discussions in the CPY in the early 1920s about federalism, autonomy and nationalities in the context of general aspirations for the early Soviet type of political organization of the multinational state. • Documents of the People’s Revolution in Slovenia (DPRS) (Ljubljana 1962–1989), 7 volumes (March 1941–July 1943); Documents of Bodies and Organizations of the National Liberation Movement in Slovenia (Ljubljana 2001–), 3 volumes (January 1942–September 1943); • Autumn 1942. Edvard Kardelj and Boris Kidrič Correspondence (Ljubljana 1963). This collection provides the most basic material regarding the organization of the uprising against the Fascist invaders of 1941 in Slovenia and socialist revolutionary transformation of society, led by the Communist Party of Slovenia through the political organization of the Liberation Front of the Slovene Nation and several other economic, political and military forms of people’s resistance. The collection illustrates the dilemmas concerning the character of the national liberation struggle in Slovenia/Yugoslavia (national struggle by form – socialist transformation by essence); it further illustrates the crisis in the liberation movement in late 1942 generated by the great human losses within the partisan movement during the Italian summer offensive, the communists’ premature initiative to launch a »second (proletarian) phase of the revolution” and the chaos in partisan military organization, the violence against peasantry conducted by some local partisan commanders, the establishment of armed counterrevolutionary formations. A dispute was eventually settled by agreement between Communists, Christian Socialists and Sokoli [The Hawks, a patriotic gymnastic society] through the declaration usually known as the »Declaration of Dolomiti« in March 1943. The latter cancelled all attempts to form an independent political party.1 • Documents of the Federal Representative Bodies of the Democratic Federal Yugoslavia and the Federal Peoples’ Republic of Yugoslavia (1944–1946); transcriptions of discussions held by the Antifascist Assembly of the National Liberation of Yugoslavia, Constitutive Assembly, Provisional National Assembly. • Transcripts of the People’s Assembly of the People’s Republic of Slovenia (1947–1963); transcripts of discussions of the Slovene legislative body in the period of building the Yugoslav state as federation of (socialist) republics and autonomous regions. • Statistical Yearbooks of the Kingdom of Yugoslavia (Beograd 1929–1940), 10 volumes; indispensable sources for social history of the pre-war Yugoslavia, illustrating all relevant data that help to understand social conditions for the socialist revolution that followed. The »SIstory« portal (Literature section) further includes several (fully digitalized) historiographical works by Slovene historians and sociologists dealing with the communist movement or socialist/revolutionary transformation of Slovenia. This act of putting the absurdities of copyrights aside is a welcome gesture for the researchers as well as the broader public. Online are, for example: Zdenko Čepič, Agrarian Reform and Colonization in Slovenia, 1945–1948, Maribor 1995 (in Slovene); Bojan Godeša, The Slovene National Question During the Second World War, Ljubljana 2006 (in Slovene), Vida Deželak Barič, The Communist Party of Slovenia and the Communist Movement, Ljubljana 2007 (in Slovene), Primož Krašovec and Igor Ž. Žagar, Europe Between Socialism and Neoliberalism, Ljubljana 2011 (in Slovene). The section containing sources also includes video interviews with participants of the national liberation struggle. To sum up, »SIstory’s« potential as a portal is big. Further digitization of historical sources should include materials from the 1930s (the People’s Front period of the communist movement), not to mention documents after 1945 until the collapse of Yugoslavia. Since the archives (local and foreign/Belgrade, Moscow etc.) store a vast amount of materials, the problem of selection cannot be resolved otherwise than through resolving the problem of development of the scientific object of communist and labour movement history. The »Digital Library of Slovenia« (»dLib.si«) is a web library, a project developed by the National University Library at Ljubljana in corporation with partners from distinguished universities, institutes and private companies. The concept of »dLib.si« was developed in 2003 and became publicly accessible in 2005. Its collections include texts (journals, books, and scientific reports), photos (maps, photographs, posters) and multimedia (virtual exhibitions, sound recordings). The most valuable collections for the history of Slovene/Yugoslav/international communist and labour movement are probably the digitalized volumes of daily bourgeois newspapers published in Slovenia from the second half of the 19th century until 1945, such as the liberal Jutro [Morning, 1920–1945] and Slovenski narod [Slovenian Nation, 1868–1945], and the catholic-conservative Slovenec [Slovene, 1873–1945]. The articles provide analyses of the communist movement, testimonies of anti-communist propaganda and perception of anti-capitalism since the 19th century and the development of the USSR in general. The digitization of cultural-scientific periodicals such as Sodobnost [Modernity, 1933–1941] and Ljubljanski zvon [The Bell of Liubliana, 1881–1941] provides articles written by the communist ideologues and activists that penetrated traditional or progressive magazines in the 1930s. As far as the post-1945 history is concerned, the digitization of scientific publications such as Problemi [Problems, 1962–], Časopis za kritiko znanosti [Journal of the Critique of Science, 1973–] is indispensable for researching the development of Marxist thought in Slovenia and Yugoslavia, its deep criticism of orthodoxy (Stalinism) but also Yugoslav self-management and the evaluations of the Yugoslav model of developmentalism, especially the unequal development of the federation (the problem of Kosovo since the early 1980s). All of the material mentioned above is unfortunately so far accessible in Slovene language only. »SIstory« and »dLib.si« both provide important material for studying the history of local and global communist movement(s). A comparison between digitized material, especially Slovene historiographical journals and philosophical/sociological journals, offers an outlook to intriguing contradictions of Slovene socialist society, contradictions that persist until this day. How was it possible that major turning points and steps of the development of Marxist theory, the theory of ideology-discourse and radical (Marxist or world-system theory) political economy had so little or no impact on traditional production of historiography? It is still fashionable in Slovenia to describe the ancient regime as totalitarian or authoritarian and yet, the case of Slovene historiography – narrative and positivist, reveals its immunity to political, theoretical and ideological turning points that occurred in that period. It might be argued, however, that socialist society in Slovenia/Yugoslavia developed several autonomous social spheres which were very similar to those in modern bourgeois states. It might be further argued that the hegemony and dominance of the communist party was fading through the course of that development. How exactly this happened is a matter of future research. »SIstory« and »dLib.si« portals offer enough good material to start the research of this kind. Section IIIResearch Projects and Dissertations – Work in Progress Maurice Andreu, Université Paris XIII (France): » N. I. Boukharine sur les intellectuels et le communisme. Projet en cours. Dans ce projet, nous étudions la conception boukharinienne des relations entre les intellectuels et le communisme, telle qu’elle s’était formée de 1914 à 1923, avant que les problèmes de l’«unité» du Parti ne viennent tout perturber. Les intellectuels, dont Boukharine est un membre éminent de la variété russe, l’«intelligentsia», constituent un groupe intermédiaire de techniciens, de gestionnaires, d’enseignants, d’artistes etc. qui sont subordonnés à la classe dominante mais que le système social place au-dessus des classes laborieuses. Le communisme est le mouvement social animé par le Parti des Bolcheviks russes. Boukharine est le benjamin des dirigeants du Parti dont, selon Lénine lui-même, il est le «favori». Schématiquement, ce communisme est caractérisé : 1° par sa formation en un parti ouvrier, organisé comme une armée, tout à fait indépendant des autres classes et des autres partis ; 2° par la stratégie qu’il met en œuvre dès 1914 : transformer la guerre mondiale des impérialismes en une série de guerres civiles révolutionnaires qui mettront fin au capitalisme ; 3° par l’audace de ses combinaisons tactiques qui lui ont permis d’arriver au pouvoir avec le soutien des paysans russes et de s’y maintenir plus longtemps que ne le fit la Commune de Paris … Boukharine est évidemment, avant tout, un dirigeant du Parti bolchevik qui participe pendant près de vingt ans à son Comité central et pendant une dizaine d’années à son Bureau politique. Il occupe une place singulière dans l’appareil de la Direction du mouvement communiste. Le problème du rôle des intellectuels dans la révolution prolétarienne apparaît à plusieurs reprises chez Boukharine, mais pas aussi tôt qu’on pourrait s’y attendre. Une question comme celle de la «culture prolétarienne» est soulevée dès les premiers mois de la révolution et il est évidemment attiré par un mouvement qui est inspiré par un de ses maîtres à penser, A. Bogdanov. On n’en trouve cependant aucune trace dans les premiers travaux politiques qu’il publie sur le programme des communistes. Il faut attendre, nous semble-t-il, les années 1920 et 1921, lorsqu’il élabore son analyse théorique de la révolution (Economique de la Période de Transition) et son manuel de sociologie (Théorie du Matérialisme Historique), pour voir des développements suggérant une spécificité de la culture ouvrière. The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Álvaro Cúria, University of Porto (Portugal): » Heirs of the Wall. The Events of 1989–91 and the Continuity of the Southwest European Communist Parties. PhD Project.*2 Through this study I will offer a reflection based on primary sources, discourse analysis, and published literature on the reaction of five Southwest European communist parties to the historical events that occurred between 1989 and 1991, such as the Fall of the Berlin Wall (1989) and the Coup d’État in the USSR (1991). Using the methodology inherent to the history of present time, a study will be conducted on the Portuguese, Spanish, Catalan, French and Italian communist parties. Among others, factors related to their origin, course and the different paths followed after the collapse of the so-called real socialism motivated my choice. A comparative, transnational, interdisciplinary research will be carried out that promotes connections between political science and political history – highlighting the analysis of the party’s route and ideology – and communication science – with the analysis of the party press during that period and the use of political discourse study techniques, including the provision of a new framework for speech and content analysis. Objectives A primary objective is aimed at the description of the parties’ historical and ideological background. I will go through the relationships between them in a comparative manner, as well as other factors related to the context of their origin and development as European political institutions. The project’s goal is to create an openly comparative study, finding points of separation and connection between the parties that will allow us to, among other conclusions, infer of their peculiarities and study the possible definition of a Latin type of European Communism. The secondary objective stems precisely from the previous one. The parties’ reaction to defining moments in the years under study will be contextualized by conducting exploratory interviews to party leaders from that period, as well as investing deeply in document analysis, which includes minutes from congresses that took place between 1989 and 1991, and, as a main source of analysis, the party press archives. This material will be studied from the viewpoint of speech, proposing to that end a specific and original analysis framing scheme. The project will draw an accurate picture of the consequences and the reaction of the parties under study to the collapse of real socialism, how they adapted themselves to the absence of an international communist movement, and the conditions that caused the various parties to choose strategies as diverse as maintaining their identities or, in other cases, incorporating broader political coalitions, or even becoming extinct. Based on these objectives, a structured conclusion combining a pan-European comparative study will be provided. Detailed Description My study is focused on Southwest Europe, where communist parties have been implemented since the 20s. Five of those parties were chosen for this study: the Portuguese Communist Party, the French Communist Party, the Spanish Communist Party, the Unified Socialist Party of Catalonia and the Italian Communist Party. The choice of these five parties met criteria associated with several factors. First of all, facts connecting those parties, such as the existence of a cultural community and social models of South-European countries that generated a sort of proximity that will lead us to question whether there is indeed an identity of Latin/Southwest European communist parties. Also, the fact that these parties have undergone a phase as clandestine political organizations: a prolonged one in the Portuguese, Spanish, Catalan and Italian case; shorter in France. Finally, the fact that two of these parties (PCI and PCF) have taken part in the respective governments during the Liberation of Europe, more precisely between 1944 and 1947; and another one, PCP, has also risen to power at a period of national liberation in 1974, and maintained representation in the government until 1976. In each case, the rise to power is related to national liberation from right wing authoritarian regimes, with or without foreign occupation. These parties are also analyzed by differentiating criteria. In particular, the inclusion of four parties in the definition of Eurocommunism (French, Italian, Catalan and Spanish) as opposed to the Portuguese case, included by some authors in a group called the abnormal Eurocommunists,13 a group were Yugoslav and Asian Communism, particularly Indian Communism, would also take part. Also, we will assess if it is during the period between 1989–1991 that the parties reformulated themselves and if this was a result of the events that marked the end of a cycle. My interest in this subject arises from the results achieved in my research for the Master’s degree, based on the Portuguese case of the communist movement, whose discussion in international events already took place. I consider, however, that this matter could be pursued further. I am therefore aware of the relevance and potential of transnationality implied by this study, for which I propose a comparative approach using interdisciplinary tools, where the historical and ideological study provide the methodology required to reach firm conclusions and produce new knowledge. Contact: alvarocuria@gmail.com The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Leo Goretti, University of Reading (UK): » Young Partisans and »Ragazzi con la maglietta a strisce«. Communist Youth in Italy between the Resistance and July 1960. A Gender and Generational Study. PhD Project.*4 The thesis deals with Communist youth in Italy between 1943 and 1960. The main aim of the research is to explore the change in the political identities and behaviour of Italian young radicals between the Resistance War and the late 1950s. To do this, the topic is approached from different angles, in an attempt to overcome the barriers between political, social and cultural history. The first chapter focuses on the history of Communist youth organizations between 1943 and 1960. Through an extensive analysis of Party documents, the chapter illustrates the organic allegiance of these networks to the Communist Party, on the basis of the Leninist principle of »democratic centralism«. The crisis of this top-down relationship between the »adult« Party and its youth organizations in the aftermath of 1956, and the subsequent emergence of youth dissent within the Party, is extensively analysed. Through a comparison with the youth organizations of the French Communist Party, the chapter endeavours to investigate whether (or to what extent) the developments in the Italian Communist youth networks were the result of specific decisions of the Italian leadership or whether they should be seen as the fulfilment of external Soviet directives. The second chapter focuses mainly on Communist pedagogy for young people. It deals with the educational ideas of some of the most prominent Communist thinkers (most notably, Antonio Gramsci), and the way in which they were put into practice within the Party – in its publications for young people, and in the schools for prospective cadres. Through an examination of the Party magazines for young people, the chapter stresses the increasing difficulty faced by Italian Communists in dealing with the diffusion of commercial mass culture. Even though in principle the latter was ideologically described as an American Trojan horse that corrupted the minds and souls of the younger generations, in practice Communist youth magazines drew largely on the design and the style of commercial weeklies to reach a wider audience. The third chapter deals with the gendered content of Communist youth policies. Through an analysis of different issues (namely, the fact that until 1957 girls had to be part of separate youth branches; the priority given to marriage and family over work as the defining elements of girls’ lives; the daily activities organised for girls, including cake baking and beauty competitions) the chapter outlines the female role models put forward in the Communist movement. It stresses the significance of the change that took place in the late 1950s, when the importance of work as a precondition for girls’ independence was eventually acknowledged within the Party. In the light of the »specific« content of Communist policies for girls, the masculine, virile, patriarchal essence of the »universal« Communist youth policies is also discussed. In the fourth chapter, the emergence of different generations of Communist militants is analysed. The category of »political generation« is here defined as a group of young people who enter the public arena for the first time at a specific political conjuncture, which ends up influencing their idea of militancy and their political identity in the long term. On the basis of an analysis of the political biographies of different groups of militants, it is suggested that three generations of young Communist militants can be distinguished in this period: the generation of Antifascism, who entered the Party in World War II or in its aftermath; the generation of the Cold War, which was politically socialized at the height of the East-West confrontation; and the post-1956 generation, who shared a more »liberal« political – and cultural – mindset, more similar to that of the radical students and workers of 1968. Based on an extensive research involving a wide range of sources (documents of the Party and the National archives; youth magazines; sociological surveys; autobiographies and memoirs; interviews with former young Communists), the thesis aims to offer an original contribution to our understanding of the processes of cultural and political change among Italian youth after World War II. Moreover, it endeavours to highlight some crucial (and unresolved) dilemmas for Italian Communists in dealing with cultural modernization and the spread of commercial, consumption-based mass culture. David Mayer, Department of Social and Economic History, University of Vienna (Austria): » Tropics Defiant – Clio Militant. On Marxist Historiographic Debates in Latin America in the »Long 1960s« in Transnational Perspective. PhD Project. One of the realms in which references to Marx and Marxisms played a critical role in the 20th century, was historiography. This holds true not only for the historical sciences as an academic discipline but also for social-political disputes about how to understand the past (politics of history). This PhD thesis offers a study of Latin American historiographic debates inspired by Marxism. It focuses on the »long 1960s« and on Argentina, Mexico, and Chile. Two debates are reconstructed in detail: First, the controversy about historical socio-economic formations and transformations, which were concerned with determining the character of colonial and post-colonial societies in Latin America (feudal or capitalist?) and with specifying the different modes of production in these societies. Second, the debate about the Mexican Revolution in which the popular masses as historical actors, social conflicts and questions of political domination were in the centre of interest. The analyses of this thesis focus on the referenciality in these debates, i.e. the way how these referred to other debates both formally and with regards to contents. For this the following questions are dealt with: Which ideas and arguments did the participants of Latin American debates base themselves on? Were these references local, transnational or transcontinental? What were the preconditions for references to texts and debates from other places (translations, travels, stays abroad etc.)? How did these references influence the interpretations of authors? Were there characteristic reference patterns? Contact: david.mayer@univie.ac.at The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Claudia Monteiro, Universidade Federal do Paraná (Brazil): » A Study of Communism in Paraná (1945–1964): Militancy Between Reason and Feelings. PhD Project.*5 The Partido Comunista do Brasil (PCB), founded in 1922 from the impact and repercussions of the Russian revolutionary process, was one of the main agglutinating poles of the Brazilian political Left during the twentieth century, even during the periods of illegality. The years between 1945 and 1964 (the period selected for my PhD research) were a time when the PCB had considerable influence in Brazilian politics – a fact that attracted the attention of the political police investigators looking for evidence of subverting the political and social order. In the State of Paraná, this activity of the political police left behind a big range of captured documents, newspapers, photographs, pamphlets about various activities of communist militants. These materials confiscated by the Department of Political and Social Order of Paraná (DOPS-PR) are currently kept in the historical and public archives of Paraná, and constitute important sources for social and political history.16 Based upon these archival materials of the Department of Political and Social Order of the State of Paraná, my research has the objective of building a social history of politics. In other words, my main purpose is to draw a history from below of communist militancy, reflecting on the following issues: What did motivate ordinary working men and women to defend the ideal of communism with such passion and dedication? Despite the period of illegality and the repression against the PCB, why did the party did not lack loyal and faithful militants at that time? In an attempt to provide answers to these questions, my research concentrates on the militants who, for several motivations, acted collectively in favor of a common ideology: communism. Therefore my main focus is not the history of the PCB as an institution, but as an affective unit. Although it is methodologically more convenient to consider the institution as a representative of a whole group, I intend to show the opposite, considering that any political party is a homogeneous unit. This research is delimited on the State of Paraná despite the fact that this State was not where the PCB had the most supporters in Brazil. It serves as an empirical basis to observe the various strategies of a small group of militants. This delimitation allows to analyze various aspects of communist militancy in the State of Paraná: the growth and popularity of the party during the period of the PCB’s legality between 1945 and 1947 (Chapter one of the thesis), the involvement of militants with the local population (Chapter two), the election campaign and activities of the Communist candidates (Chapter three), the influence of Communists on the labor movement and on the countryside (Chapter four), the ban of the party in May 1947 by the Government, the illegal militancy and the impact of the military coup in March 1964 (Chapter five). In this way the history of communist militancy in Paraná will be presented through the reflection of the role of political passions considering militancy. Due to the belief in the omnipotence of reason as the sole producer of meaning and the difficulty in overcoming the positivist opposition between what is objective and subjective in science, the role of emotions in politics has been ignored for a long time, as if political activity was only managed by people fully aware of their ideas and interests. For this purpose, authors like Pierre Ansart and Eugène Enriquez27 have made valuable contributions about this theoretical approach on the theme of political passions. Acording to Ansart, the communist parties have produced touching messages through symbols and collective practices.38 From the viewpoint of the militants, the party is an affective object, because in comparison to others political parties, their party is »the chosen one«. Being connected to a party means to feel its orders as beneficial, to approve its goals as desirable choices and to judge its leaders as the best rulers. Thus, the party as an affective unit provides comfort and confidence to its members in an uncertain and insecure world, and it operates like »an oasis in the desert« protecting them from a lonely and desolate life. Based on the reflections about passions in politics, my research aims to consider the motivations of communist militants of the past, trying to overcome a perspective in which motivations are not just based upon the ratio of class interests of the Marxist scientific discourse, but also in different feelings like courage, hate, love, happiness, sorrow, resentment and hope. Contact: claudiahistoria@yahoo.com.br The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Jonathan Waterlow, Merton College, University of Oxford (UK): » Popular Humour in Stalin’s 1930s. A Study of Popular Opinion and Adaptation. PhD Project.*9 Understanding everyday life – »history« as experienced by the majority – during Stalin’s 1930s remains problematic. The historiography of the Stalin period has shifted ever more towards social analyses, away from totalitarianism-based explanations of the regime as based upon either total state coercion or total state conversion, with the focus coming to rest upon the space between those poles. Exactly what that space was, its nature and operation, its blurring of boundaries between affirmation and dissent, has yet to be clearly defined. The outlines of the everyday realities for the majority of Soviet citizens have been sketched, but have yet to be coloured in. My research proposes that studying the humour of the population can offer us a keyhole onto the period, providing a wealth of new detail to this still underdeveloped picture of popular perceptions, understandings of and reactions to the upheavals of the 1930s. Policies, speeches, leading figures and the daily grind of life in the Soviet Union were all subjected to constant mockery by the Soviet population. This was evident in anekdoty (jokes or humorous tales), sarcastic remarks and observations shared at work, and in the widespread practice of »decoding« the ubiquitous acronyms of the Soviet authorities in mocking and sometimes filthy ways. But in the end, nothing approaching a dangerous »opposition« emerged from this plethora of humorous subversion. How, then, did the relationship between official ideology and popular responses to it actually function? I propose an intricate blend of acceptance and criticism or, rather, of acceptance through the process of criticism. By criticising that which could not be changed, »ordinary« Soviet citizens could retain some agency of their own and shared these interpretive acts widely with those whom they trusted. These processes created a pathway to adaptation without becoming simply crushed or brainwashed by ideology, and simultaneously shaped a very complex interaction between the population and official ideology. They picked and chose only certain pieces which they held to be true, but did not simply discard the most patently false or unwanted. Instead, my research reveals not outright rejection, but strong desires that the system should live up to its claims, combined with a subtle, popular reclamation of official »signs« (e.g. the acronyms mentioned above), which were given new, clandestine meanings that reflected the majority’s view of world around them. In a broader sense, the aim of my research is to develop scholarly understanding of how populations engage with and adapt to dominating, »totalitarian« regimes. I propose humour as a key indicator of the path many citizens may take between those poles. That is not only to say that people are selective, but to identify the operational islands of the everyday which they constructed and to examine them in their own right. Humour is especially suited to this goal because it both receives/accepts a regime’s ideology, but continues to allow for personal agency to colour that reception. My analysis therefore directly engages with the continuing debates surrounding the category of »resistance«, but not upon the subjective and value-laden question of why people endured the difficulties of the Stalinist regime. Instead, my research is more empirical in its focus, noting first that because people did endure it, our focus should be upon the vital question of how they did so. The focus upon humour adds an important element of social psychology to my research which may be more widely applicable to studies of contemporary societies’ social bonds and interactions. Humour plays an important role in the forging, shaping and endurance of social bonds, and I examine the different kinds of jokes or comments that citizens would risk in different social settings. It is possible in this way to identify different »trust-groups«, the contours of which I propose to be more useful interpretational categories than the problematic labels of »public« and »private« – a binary division that simply does not work for Stalinist Russia nor, I argue, in many other societies, perhaps including our own. The principal source bases of this project are reports on the »mood« of the population, combined with the criminal casefiles of individuals who were arrested and imprisoned for crimes of humour committed during the 1930s. The sample materials are drawn from archives in Moscow, St Petersburg and Kyiv. Contact: jonathan.waterlow@history.ox.ac.uk Section IVMaterials and Studies Materials and studies will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Section VNew Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews The following reviews will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012): • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, C.H. Beck, 2008. 381 p. • Gehrmann, Manfred: Die Überwindung des »Eisernen Vorhangs«. Die Abwanderung aus der DDR in die BRD und nach West-Berlin als innerdeutsches Migranten-Netzwerk, Berlin, Links, 2009. 650 p. • Gutjahr, Wolf-Dietrich: »Revolution muss sein«. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2011. 840 p. • Herbeck, Ulrich: Das Feindbild vom »jüdischen Bolschewiken«. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution, Berlin, Metropol, 2009. 480 p. • John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009. XIII, 317 p. • King, David: Roter Stern über Russland. Eine visuelle Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis zum Tode Stalins. Plakate, Fotografien und Zeichnungen aus der David-King-Sammlung, Essen, Mehring, 2010. 345 p. • Krivošeev, Grigorij F. e.a.: Velikaja Otečestvennaja bez grifa sekretnosti. Kniga poter’, Moskva, Veče, 2009. 380 p. • Kuckuk, Peter (ed.): Die Revolution 1918/19 in Bremen. Aufsätze und Dokumente, Bremen, Edition Temmen, 2010. 230 p. (Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens. 27). • Laschitza, Annelies; Gietinger, Klaus (eds.): Rosa Luxemburgs Tod. Dokumente und Kommentare, Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 2010. 203 p. (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte. 7). • Lorenz, Gerlinde: Leitstern Sozialismus. Die politische Biografie des Remscheider Arbeiterführers Otto Braß (1875–1950) und seines Sohnes Otto (1900–1972), Essen, Klartext, 2010. 432 p. • Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010. 921 p. • Vinogradov, V. K. (ed.): Pravoėserovskij političeskij process v Moskve 8 ijunja–4 avgusta 1922 g. Stenogrammy sudebnych zasedanij. Vols. 1–2, Moskva, ROSSPĖN, 2011. 686 p. V.2 Presentations and Announcements John Riddell (ed.): » Toward the United Front. Proceedings of the Fourth Congress of the Communist International 1922, Leiden, Brill, 2011. 1310 p. (Historical Materialism Book Series. 34). ISBN 978-9-00420-778-3. Historical Materialism Book Series, an imprint of Brill Academic Publishers, has published an annotated edition of the Communist International’s Fourth World Congress, held in Moscow from 5 November to 5 December 1922. The 1,310-page volume includes the Congress resolutions, the stenographic transcript of its 32 sessions, explanatory footnotes, biographies of the more than 500 persons mentioned in the Congress, a glossary, a chronology, an analytic index, and an extensive introduction by the translator and editor, John Riddell. The Congress proceedings and resolutions were originally published in German in 1923, and excerpts appeared then in English, French, and Russian. The German edition was reprinted by Feltrinelli in 1967; a Serbo-Croatian translation appeared in 1982. The present edition is the first in English. The book is available from Brill for €199 or $283. A paperback edition will be published by Haymarket Books at the end of 2012. The main theme of the Fourth Congress was the need for workers’ organisations to unite in struggle, and this topic is developed in interrelated discussions on the united front, transitional demands, and the demand for a workers’ government. The Congress also includes the Comintern’s first substantive discussion on fascism, which achieved power in Italy a few days before the Moscow gathering convened. Another discussion addressed the colonial revolution, Islamic anti-imperialism, and the responsibility of parties in the metropolitan countries to support colonial freedom. The congress was much broader in scope than its predecessors, embracing discussions on trade union work, the Communist women’s movement, the world struggle for Black liberation, material aid to the Soviet republic, and work in cooperatives. Delegates also considered the problems of many member parties. Agreement was general at the Fourth Congress that some form of united front policy should be pursued, but there was discord over how this should be done. The majority of the Italian party, led by Amadeo Bordiga, favoured a united front of trade unions but not political parties. The minority in the German party led by Ruth Fischer argued for a united from »from below«, which would not include negotiations with Social Democratic leaderships. The German party majority, together with Karl Radek, favoured a more forceful effort to achieve a united front. Similar disagreements cropped up with respect to transitional demands and the workers’ government. The present edition forms part of a sustained effort to publish in English the annotated proceedings of the four Comintern congress held in Lenin’s lifetime. Six volumes of Comintern documents were published by Pathfinder Press under Riddell’s editorship between 1984 and 1993, including proceedings of the First (1919), Second (1920), and Baku (1920) congresses. Work is under way to enable Historical Materialism to make available the record of the Third Congress (1921), with a planned publication date of 2014. An additional projected volume would include the three conferences of the Comintern’s expanded Executive Committee that were held in 1922 and 1923. Correspondence regarding this project can be sent to johnriddell@sympatico.ca. (Information by the author) Fridrich I. Firsov: » Sekrety Kommunističeskogo Internacionala. Šifroperepiska [Secrets of the Communist International. Coded Correspondence], Moskva, ROSSPĖN, 2011. 519 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1461-8. On the basis of less known, or even in most cases previously unknown sources, the book shows the part of the Comintern’s activity that used to be kept silent, yet was of first priority – covert instructing of communist parties through emissaries, methods of financing, control and complete subordination. The book sheds new light on events such as the Popular Front in France, the civil wars in Spain and China, and World War II. Special attention is drawn to the tense cooperation between Comintern and Soviet intelligence. The author succeeded to decipher the codes that the Comintern used to correspond with communist parties. (From the publisher’s announcement) Ralf Hoffrogge: » Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914, Stuttgart, Schmetterling, 2011. 216 p. (Reihe theorie.org). ISBN 978-3-89657-655-2. Die soziale Frage, welche der klassischen Arbeiterbewegung zugrunde lag, ist heute wieder aktuell. Auch der Sozialismus als Utopie wird neu diskutiert. Die Geschichte des Sozialismus ist jedoch weder an den Universitäten noch in politischen Debatten ein prominentes Thema. Doch wie kann man über die Zukunft nachdenken, ohne die Vergangenheit zu kennen? Diese Einführung liefert einen historischen Überblick über die sozialistische Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Der Schwerpunkt liegt in Deutschland, aber Fragen von Internationalismus, Kolonialismus und Migration nehmen breiten Raum ein. Denn Kämpfe um das Soziale waren Kernfrage, aber nie einziges Thema der Arbeiterbewegung. Sie beschäftigte sich schon im 19. Jahrhundert mit Geschlechterverhältnissen, kämpfte gegen rassistische Diskriminierung und Antisemitismus, setzte sich gegen die Kriminalisierung von Homosexualität ein. Diese Breite zeitgenössischer Diskussionen soll in der vorliegenden Einführung neu erschlossen werden. Es gilt, neu zu untersuchen, wie in der Vergangenheit verschiedene Kämpfe um Emanzipation zusammengeführt wurden – oder auch scheiterten. Denn das Wissen um historische Niederlagen ist besser als ein geschichtsloser Zustand, in dem selbst die Idee des Kampfes abwesend ist. Für den Zeitabschnitt nach 1914 ist ein weiterer Band geplant. (Verlagsankündigung) Richard Müller: » Eine Geschichte der Novemberrevolution. Vom Kaiserreich zur Republik. Die Novemberrevolution. Der Bürgerkrieg in Deutschland, Berlin, Die Buchmacherei, 2011. 756 p. ISBN 978-3-00-035400-7. In einer historischen Trilogie unter dem Obertitel »Vom Kaiserreich zur Republik« verfasste Richard Müller, Metallarbeiter und Vorsitzender des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte in der deutschen Novemberrevolution, einen ungewöhnlichen Zeitzeugenbericht. Seine packend erzählten Bände inspirierten Historiker wie Sebastian Haffner und sind Standardwerk und Geheimtipp zugleich. Jetzt sind die drei Bände in einem Band gebündelt wieder verfügbar. (Verlagsankündigung) David North: » Verteidigung Leo Trotzkis, Essen, Mehring-Verlag, 2010. 259 p. ISBN 978-3-88634-085-9. Innerhalb von fünf Jahren haben drei britische Historiker – Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service – Biografien über Leo Trotzki vorgelegt. Alle drei, insbesondere aber diejenige von Robert Service wurden in der Presse hoch gerühmt und in ihrem Verkaufserfolg gefördert. Suhrkamp plant für Anfang 2012 eine Übersetzung des Buchs von Service für den deutschsprachigen Markt. Doch was ist abgesehen von diesem kommerziellen Erfolg der wissenschaftliche Wert dieser Biographien? David North hat sie unter diesem Gesichtspunkt in sieben Vorträgen und Rezensionen, die unter dem Titel Verteidigung Leo Trotzkis beim Mehring Verlag erschienen sind, einer umfassenden und aufschlussreichen Kritik unterworfen. David North ist Vorsitzender der Internationalen Redaktion der World Socialist Website (www.wsws.org) und Autor zahlreicher Veröffentlichungen über das Werk Leo Trotzkis und der Vierten Internationale. Kern seiner Kritik an Robert Service: Die Biographie genügt nicht im Entferntesten den etablierten wissenschaftlichen Standards für den Umgang mit geschichtlicher Wahrheit und historischen Quellen, auch die Regeln verlegerischer Sorgfalt und Integrität sind gröblich verletzt. Es wimmelt in ihr nur so von faktischen Fehlern zu geschichtlichen und biographischen Ereignissen, von falschen Angaben zu Orts- oder Personennamen. Die Quellenangaben, deren Vielzahl wissenschaftliche Akribie vortäuschen soll, sind unzuverlässig. Schwer zugängliche und daher für den normalen Leser kaum überprüfbare Quellen haben oft mit dem Behaupteten nichts zu tun oder sind in ihrem Inhalt verdreht und gefälscht worden. So gut wie nichts erfährt der Leser über die komplexen geschichtlichen Entwicklungen, die das Leben und die Ideen von Leo Trotzki geformt haben und die er seinerseits mit einer unglaublich produktiven schriftstellerischen und politischen Tätigkeit in Zeiten der Revolution gestaltete, in Zeiten der Reaktion zu ändern suchte. David North gelingt es, in der Auseinandersetzung mit den Positionen der drei Autoren auf knappem Raum nicht nur zahlreiche historische Fakten zu berichtigen, sondern auch Inhalt und Bedeutung der theoretischen Konzeptionen und politischen Perspektiven Trotzkis verständlich zu machen. So erläutert er, welchen entscheidenden Einfluss seine Theorie der Permanenten Revolution auf den Verlauf der Revolution 1917 in Russland hatte, wie sie die Grundlage für seinen Aufbau einer internationalen Opposition gegen den Stalinismus bildete. Bei Service hingegen tritt laut North an die Stelle einer kritischen Analyse von geschichtlichen Fakten und politischen Konzepten eine Fülle von abwertenden und abfälligen subjektiven Urteilen über Politik und Privatleben Trotzkis. In der Regel handelt es sich dabei um längst bekannte und widerlegte Verleumdungen, die schon von Stalins Propaganda eingesetzt wurden. In vielen Passagen bringt Service gezielt auch solche Vorurteile zum Schwingen, die bei antisemitischen Kreisen Begeisterung auslösen dürften. Nicht die Erforschung und Darlegung seines Lebens mittels einer kritischen Auswertung neuer und alter Quellen, sondern die Verfälschung und Diskreditierung Trotzkis als Persönlichkeit der Weltgeschichte und seine Vernichtung als Mensch sind das Ziel der Biographie – nicht eine wissenschaftliche Streitschrift, sondern eine ideologisch motivierte Schmähschrift das Resultat. Kenntnisreich, nüchtern-akribisch, immer mit sorgfältig recherchierten Belegen weist David North dies nach. Zwei unbestrittene Autoritäten haben die Kritik von David North inzwischen in vollem Umfang bestätigt: Bertrand Patenaude, als Professor der Hoover Institution, Stanford University, der Sympathien für Trotzki unverdächtig, in einer Parallel-Besprechung der Biographie von Robert Service und des Buches Verteidigung Leo Trotzkis in The American Historical Review (Juni 2011) – und der Autor Robert Service selbst. Bis heute haben weder er noch sein Verlag Harvard University Press die von Patenaude bestätigten Vorwürfe David Norths widerlegt oder auch nur versucht, sie zu widerlegen. Hermann Weber und Helmut Dahmer sowie zwölf weitere deutsche Historiker und Politikwissenschaftler haben auf Grund dieser Sachlage in einem Brief an den Suhrkamp Verlag erhebliche Bedenken gegen die geplante Veröffentlichung des Buchs von Robert Service angemeldet. Keine Frage: David North regt mit seiner Verteidigung Leo Trotzkis Historiker und alle an der geschichtlichen Wahrheit Interessierten zu weiterem Forschen, Nachdenken und Debattieren an. (Verlagsankündigung)10 David Fernbach (ed.): » In the Steps of Rosa Luxemburg. Selected Writings of Paul Levi, Leiden, Brill, 2011. VI, 349 p. (Historical Materialism Book Series. 31). ISBN 978-90-04-19607-0. Paul Levi remains one of the most interesting and controversial figures in the early history of the Communist movement. As leader of the KPD after the murder of Rosa Luxemburg and Karl Liebknecht, he successfully built up a party of a third of a million members, but by 1921 Comintern pressure for »Bolshevisation« forced Levi’s resignation and expulsion. Until his early death in 1930 he remained »a revolutionary socialist of the Rosa Luxemburg school« (Carl von Ossietsky), and was described by Albert Einstein as »one of the wisest, most just and courageous persons I have come across«. The first English edition of Levi’s writings fills a long-standing gap in the documents of German Communism. (Publisher’s announcement) Raquel Varela: » A História do PCP na Revolução dos cravos, Lisboa, Bertrand, 2011. 399 p. ISBN 978-972-252295-3. The Portuguese events of 1974–75 were one of those rare moments in the history of the second half of the 20th century when one can study the politics of a Soviet-style Communist party in Europe at the centre of a revolution – the last one until today in the developed countries where there has been a double power structure, and where the existence of private property of the means of production has been questioned. The aim of this book is to understand precisely what has been the political articulation of the Portuguese Communist Party during the revolutionary period. »Varela’s Book discusses for the first time in a work of an academic nature the specific political role played by the Portuguese Communist Party within the revolutionary process of the years 1975/1975. She did this in a very sustained way, building an innovative, and necessarily controversial, approach to a crucial period of the 20th Century.« (Prof. Fernando Rosas, Chair of Contemporary History, Universidade Nova de Lisboa) (Information by the author). V.3 Books Sent In For Review The following books are available for review. If you are interested to review any of the titles – or any other relevant titles – in the International Newsletter, please contact the editors first, including information about yourself. Also feel free to contact us if you have review suggestions for books that are not listed here, or if you are an author/publisher and want the International Newsletter to review your books. Please note that unsolicited reviews will not be published. • Bürgi, Markus; König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009. 250 p. • Caillat, Michel/Cerutti, Mauro/Fayet, Jean-François/Roulin, Stéphanie (eds.): Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse. Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich, Chronos, 2008. 368 p. • Čubar’jan, Aleksandr O.: Kanun tragedii. Stalin i meždunarodnyj krizis. Sentjabr’ 1939 – ijun’ 1942 goda, Moskva, Nauka, 2008. 475 p. • Dahmer, Helmut: Divergenzen. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia, Münster, Westfälisches Dampfboot, 2009. 649 p. • Flügge, Manfred: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie, Berlin, Aufbau, 2008. 422 p. • Gerstengarbe, Sybille/Hennig, Horst: Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1945–1961. Eine Dokumentation, Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2009. 730 p. • Griesse, Malte: Communiquer, juger et agir sous Staline. La personne prise entre ses liens avec les proches et son rapport au système politico-idéologique, Frankfurt am Main e.a., Lang, 2011. XII, 536 p. • Hedeler, Wladislaw: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover, Offizin, 2010. 333 p. • Huber, Peter/Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. 478 p. • Iber, Walter M.: Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945–1955, Innsbruck e.a., Studien-Verlag, 2011. 309 p. (Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. 15). • Jahn, Egbert (ed.): Nationalismus im spät- und postkommunistischen Europa. I: Der gescheiterte Nationalismus der multi- und teilnationalen Staaten. II: Nationalismus in den Nationalstaaten. III: Nationalismus in den nationalen Gebietseinheiten, Baden-Baden, Nomos, 2008/2009. 401 + 657 + 388 p. • Jahn, Egbert (ed.): Nationalism in Late and Post-communist Europe. I: The Failed Nationalism of the Multinational and Partial National States. II: Nationalism in the Nation States. III: Nationalism in National Territorial Units, Baden-Baden, Nomos, 2008/2009. 367 + 633 + 359 p. • Junge, Mark/Bordjugov, Gennadij/Rol’f Binner: Vertikal’ bol’šogo terrora. Istorija operacij po prikazu NKVD N° 00447, Moskva, Novyj Chronograf, 2008. 778 p. • Kamiński, Łukasz/Persak, Krzysztof/Gieseke, Jens (eds.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa. 1944–1991, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. 583 p. (Analysen und Dokumente. 33). • Karner, Stefan/Stelzl-Marx, Barbara/ Tomilina, Natalja/ Tschubarjan, Alexander e.a. (eds.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck e.a., StudienVerlag, 2011. 1056 p. • Keep, John L. H./Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. 328 p. (Istorija stalinizma). • Killian, Herbert: Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien, Berndorf, Kral Verlag, 2008. 220 p. • Neves, José: Comunismo e nacionalismo em Portugal. Política, cultura e história no século XX, Lisboa, Tinta-da-China, 2008. 502 p. • Oberloskamp, Eva: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München, Oldenbourg, 2011. VIII, 472 p. • Seifert, Roger/Sibley, Tom: Revolutionary Communist at Work. A Political Biography of Bert Ramelson, London, Lawrence & Wishart, 2011. 414 p. • Zeuske, Michael: Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas, Zürich, Rotpunktverlag, 2008. 619 p. Section VIMeetings and Conferences Concerning Communist Studies 2011–2012 VI.1 Conference List*11 Past meetings and conferences 2011 • Glasgow, UK, 6–8 January 2011: XXXVII Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • London, UK, 13–15 January 2011: Music and Communism outside the Communist Bloc after 1945. The British Academy, London. Proposal deadline: 18 June 2010. www.nottingham.ac.uk/Music/Research/conferences/communism.aspx • Berlin, Germany, 14 January 2011: Basisdemokratie und Arbeiterbewegung – Erfahrungen und Vermächtnisse. Kolloquium anlässlich des 80. Geburtstages von Prof. Dr. Günter Benser. Rosa-Luxemburg-Stiftungen Berlin und Brandenburg, Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.brandenburg.rosalux.de/fileadmin/ls_bbg/media/Benser_01.pdf • Santa Barbara, USA, 2–5 February 2011: West Meets East. The International Labor Organization from Geneva to the Pacific Rim. University of California Santa Barbara, Department of History. jmjensen@umail.ucsb.edu • Fontainebleau/Paris, France, 3–5 March 2011: La société française dans la guerre froide. Archives nationales-Fontainebleau. http://guerre-froide.hypotheses.org/736 • Leipzig, Germany, 4–5 March 2011: Vom Leben Rosa Luxemburgs nach ihrem Tod. Die Luxemburg-Rezeption nach 1945. XI. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. www.sachsen.rosalux.de • Paris, France, 5 March 2011: Colloque »Présence de Rosa Luxemburg« à l’occasion de son 140e anniversaire. Fondation Gabriel Péri, Regards, Approches Marxistes. • Moscow, Russian Federation, 16–19 March 2011: Mežrabpom-Fil’m und die deutsch-russischen Filmbeziehungen der 1920er und 1930er Jahre. Deutsche Kinemathek Berlin, Deutsches Historisches Institut Moskau. www.dhi-moskau.org/seiten/veranstaltungen/programme/2011/CFP_16-19mar11_de.pdf; http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3685 • Lisbon, Portugal, 17–19 March 2011: Strikes and Social Conflicts in the Twentieth Century, The Institute of Contemporary History (New University of Lisbon), the International Institute of Social History (Amsterdam), The Archive Edgard Leuenroth (Unicamp/Brasil) e.a. ihc@fcsh.unl.pt • Cambridge, MA, USA, 25–26 March 2011: Symposion »The Vienna Summit 1961: J. F. Kennedy and Nikita Khrushchev«, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Harvard University, Center Austria of the University of New Orleans e. a. www.bik.ac.at • Grodziszcze, Poland, 29 March–1 April 2011: 9. Internationales Gedenkstättentreffen Kreisau. Die europäische Einigung als Museumsprojekt. Perspektiven aus der Erfahrung von Widerstand und Opposition während des Kalten Krieges. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau. • Potsdam, Germany 31 March – 2 April 2011: »Post-Stalinism as an Epoch«. Towards a Comparative Societal History of European Communism between 1956 and 1980. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Cambridge, UK, 2–4 April 2011: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • Reading, UK, 5 April 2011: Communism and Youth in the Twentieth Century. Graduate School in Arts and Humanities, University of Reading. http://tinyurl.com/c20c-youth • Berlin, Germany, 5 April–13 July 2011: Veranstaltungsreihe »Stalinistischer Terror in der Sowjetunion und in Osteuropa. Neue Forschungen zu Tätern – Opfern – Folgen«. Lehrstuhl Geschichte Osteuropas der Humboldt-Universität zu Berlin, Bundesstiftung Aufarbeitung. www.stiftung-aufarbeitung.de/%BBstalinistischer-terror-in-der-sowjetunion-und-in-osteuropa%3A-neue-forschungen-zu-taetern-%96-opfern-%96-folgen-vortraege-und-diskussion%AB-3213.html • New Brunswick NY, USA, 7–10 April 2011: Russian Representations of World War II. 42nd Annual Convention, Northeast Modern Language Association, Rutgers University. www.nemla.org/convention/2011/ • London, UK, 14–17 April 2011: III European Congress on Universal and Global History. Area Studies in the Soviet Union. Actors, Entanglements and Paradigms, GWZO Leipzig. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=14028 • Paris, France, 5–7 May 2011: The Soviet Union and WWII, Centre d’études des mondes russe, caucasien et centre-européen, EHESS. http://lodel.ehess.fr/cercec/document.php?id=1540 • Göttingen, Germany, 6–7 May 2011: Religion and Communism. Comparative Perspectives, Max Planck Institute for the Study of Religious and Ethnic Diversity. Quijada@mmg.mpg.de • Freiburg im Breisgau, Germany, 12–13 May 2011: »Interkit«. An International Against China? Policy Coordination and National Interests in the Soviet Bloc in the Second Half of the Cold War. Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS). • Geneva, Switzerland, 12–13 May 2011: Les représentations historiques et la réécriture du passé dans la Russia post-soviétique. Institut Européen et Faculté des Lettres, Université de Genéve. • Potsdam, Germany, 13–14 May 2011: Gesellschaften in Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Kulturen, Alltagspraxen, Semantiken. 9. Potsdamer Doktorandenforum zur Zeitgeschichte. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Princeton, USA, 13–15 May 2011: Sots-Speak. Regimes of Language under Socialism, Princeton University, Department of Slavic Languages and Literatures. ppetrov@princeton.edu. • Bremen, Germany, 19–20 May 2011: The End of the Soviet Union? Origins and Legacies of 1991. Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen. • Vienna, Austria, 19–21 May 2011: Internationale Konferenz »Der Wiener Gipfel 1961: Kennedy – Chruščev«, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Zeitgeschichte, München, Harvard University, Center Austria of University of New Orleans e.a. www.bik.ac.at • Berlin, Germany, 27 May 2011: Der Mauerbau 1961. Politik – Pädagogik – Erziehungswissenschaft. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung. www.bbf.dipf.de • Dessau, Germany, 27–29 May 2011: 15. Bundesweiter Kongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. poststelle@istu.justiz.sachsen-anhalt.de • Graz, Austria, 15–17 June 2011: : Die Ukraine und Osteuropa zwischen staatlicher Souveränität, Besatzung und internationaler Diplomatie 1917–1922. Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte. • Berlin, Germany, 22 June 2011: Kolloquium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung. www.berliner-gesellschaft.org/ • Berlin, Germany, 24 June 2011: Workshop »How Eastern and Western Europe Did Meet in International Organizations (1945–1973)? A Post-Cold War Perspective«. Re:work der Humboldt-Universität zu Berlin/Université de Genève mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Magdeburg, Germany, 24–26 June 2011: Mauerbau, Grenze und Militarisierung in der DDR. Institut für Geschichte der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn in der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. • Washington D.C., USA, 22 June 2011: Conference on the Rosenberg Case, Soviet Espionage, and the Cold War. Elliott School of International Affairs, George Washington University. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=185678 • Glamorgan/Cardiff, UK, 1–2 July 2011: »Local Communisms«, 1917–89. First Annual Conference of the Journal Twentieth Century Communism, University of Glamorgan. http://tinyurl.com/c20c-local • St. Petersburg, Russia, 6–10 July 2011: XIV. Sitzung der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen sowie Wissenschaftliches Kolloquium »Deutschland, die Sowjetunion und der Kalte Krieg 1945 bis 1989«. Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland St. Petersburg, Russische Akademie der Wissenschaften, Russische Staatliche Paedagogische Herzen-Universität. • Valencia, Spain, 11–13 July 2011: XV Congreso de la Federación Internacional de Estudios sobre América Latina y el Caribe (FIEALC). http://congresosfiealc.org/ • Berlin, Germany, 14–17 July 2011: The Cold War. History, Memory, Representation. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), European Academy Berlin. • Tutzing, Germany, 22–26 July 2011: Erinnerungsorte des 20. Jahrhunderts im russischen und deutschen Gedächtnis. Deutsch-russische Historikerkonferenz. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Akademie für Politische Bildung Tutzing, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst. • Buenos Aires, Argentina, 8–12 August 2011: IX Jornadas de Sociología. Capitalismo del siglo XXI, crisis y reconfiguraciones. Luces y sombras en América Latina. Carrera de Sociología, Universidad de Buenos Aires. http://sociologia.fsoc.uba.ar/jornadas/9jornadas.htm • Leipzig, Germany, 1 September 2011: Die Linke – Erbe und Tradition. Geschichtspolitik und linkes Erbe in Ost und West. X. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. • Cádiz, Spain, 6–9 September 2011: XVI Congreso Internacional de AHILA. El nacimiento de la libertad en la Península Ibérica y Latinoamérica. Orígenes, Evolución y Debates. Asociación de Historiadores Latinoamericanistas Europeos, Ayuntamiento de San Fernando, Universidad de Cádiz San Fernando. www.congresoahila2011.com/ • Bonn, Germany, 7–10 September 2011: 42nd Annual Conference of the International Association of Labour History Institutions (IALHI). Archiv und Bibliothek der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung. www.ialhi.org/conferences.php • Paris, France, 8–9 September 2011: 5èmes Journées franco-allemandes. Culture et expérience de la violence dans l’histoire russe/5. Deutsch-französischer Workshop • Gewaltkultur und Gewalterfahrung in der russischen Geschichte. Lehrstuhl Geschichte Osteuropas (HU Berlin), Fritz-Thyssen-Stiftung, Centre d’études des mondes russe, caucasien et centre-européen. • Paris, France, 15–16 September 2011: À la redécouverte de la »Grande Fièvre Ouvrière«/Revisiting the Great Labour Unrest (1911–1914). CRIDAF, Paris 13. http://labourhistory.net/news/i1108_13.php • Odense, Denmark, 16–17 September 2011: The Comintern and the Soviet-Danish Relations. Centre for Cold War Studies, Labour Museum, Labour Movements Library and Archive, University of Southern Denmark. www.sdu.dk/Om_SDU/Institutter_centre/C_koldkrig/Aktiviteter/Komintern • New York, USA, 20 September 2011: Conference »American Jews and Soviet Espionage«. YIVO Institute for Jewish Research. www.yivo.org/events/index.php?tid=181&aid=861 • Helmstedt, Germany, 23–24 September 2011: 17. Helmstedter Universitätstage »Autobiographische Aufarbeitung. Diktatur und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert«. www.universitaetstage.de/index.php?id=24 • Visby, Denmark, 26–27 September 2011: The Stasi and the Nordic Countries. Centre for Cold War Studies, University of Gotland. • Berlin, Germany, 28–30 September 2011: Nach dem Mauerbau. Geteilte Entwicklungen – bleibende Verbindungen. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ). • Vienna, Austria, 28–30 September 2011: From the Iron Curtain to the Schengen Area. Bordering Communist and Postcommunist Europe. Ludwig Boltzmann Institute for European • History and Public Spheres. http://ehp.lbg.ac.at/node/526 • Leipzig, Germany, 29 September 2011: Wendungen sowjetischer Kriegs- und Nachkriegspolitik. Kolloquium zum 70. Jahrestag des antifaschistischen Befreiungskrieges, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. • Korčula, Croatia, 3–15 October 2011: Praxis – Kritika i humanistički socijalizam. Konferencija o jugoslavenskoj praxis-filozofji i korčulanskoj ljetnoj školi (1968–1974. Mjesto sječanja i aktualnosti. Praxis – Kritik und humanistischer Sozialismus. Konferenz zur jugoslawischen Praxis-Philosophie und der Sommer-Schule auf Korčula (1963–1974). Erinnerungsort und Aktualität. Rosa Luxemburg Foundation Southeast Europe. http://korcula.rosalux.rs • Moscow, Russian Federation, 5–6 October 2011: Rosa Luxemburg und »Weltpolitik«/Rosa Luxemburg und Russland. Konferenz der Internationalen Rosa Luxemburg Gesellschaft, Russländisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI). ito-lux248@nifty.com • Paris, France, 22 October 2011: Les ombres du Dégel. La politique religieuse de Khrouchtchev et ses conséquences. Université Paris VIII-Saint Denis, Université Paris IV-Sorbonne. http://ombresdegel.hypotheses.org/ • Munich, Gemany, 27–28 October 2011: Workshop »Digitale Volltexte und Hilfsmittel in den Osteuropastudien«. Bayerische Staatsbibliothek. www.bsb-muenchen.de/Einzeldarstellung.408+M5e9f78d98ca.0.html • Barcelona, Spain, 27–29 October 2011: Congreso Internacional del Antifascismo Combatiente. Cellebración de la creación de las Brigadas Internacionales en su 75 aniversario. Terre de Fraternité – Terra de Germanor con el soporte de La Coordinadora Internacional de Asociaciones de las Brigadas Internacionales. .http://noticies.pcc.cat/2011/08/en-barcelona-los-dias-27-28-y-29-de_30.html • Moscow, Russia, 28–29 October 2011: Prinuditel’nyi trud v SSSR. Ekonomika, politika, vlast’. ROSSPEN, Prezidentskii tsentr B.N. El’tsina, RGASPI. http://hro.org/node/12052 • Fribourg, Switzerland, 31 October–1 November 2011: Transnational Dimensions of Cold War Anticommunism, University of Fribourg, Switzerland. luc.vandongen@unifr.ch • Magdeburg, Germany, 2–3 November 2011: Stasi-(Untersuchungs-)Haft – Quellen, Forschung und Gedenkstätten. Zentrum für Zeihistorische Forschung Potsdam (ZZF); Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg. • Kyiv, Ukraine, 5–6 November 2011: Collaboration between the Soviet Union and Germany: Causes and Consequences. Vasyl Stus Memorial Society, Public Institute of Historical Memory, National University Kyiv-Mohyla Academy. memkonf@gmail.com • Brussels, Belgium, 8–9 November 2011: Need to Know. Intelligence and Politics. Western and Eastern Perspectives. Pawel Zalewski, MEP (European People’s Party), Institute of National Remembrance – Commission for the Prosecution of Crimes against the Polish Nation, Center for Cold War Studies of the University of Southern Denmark, and the Institute of Political Studies of the Polish Academy of Sciences. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=183374 • Buenos Aires, Argentina, 9–11 November 2011: VI Jornadas de Historia de las Izquierdas »José Ingenieros y sus mundos«. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina, Universidad Nacional de San Martín. www.cedinci.org/jornadas.htm • London, UK, 10–13 November 2011: Spaces of Capital, Moments of Struggle: Eighth Annual Historical Materialism Conference. www.historicalmaterialism.org/conferences/8annual • Graz, Austria, 12 November 2011: Klassenkampf und Interessenpolitik. Kommunistische Gewerkschaftspolitik und Betriebsarbeit in historischer und aktuell-politischer Perspektive. Alfred Klahr Stiftung, Bildungsverein der KPÖ Steiermark. • Bratislava, Slovakia, 14–16 November 2011: Anti-Communist Resistance in Central and Eastern Europe. Nation’s Memory Institute. www.upn.gov.sk/ine/anti-communist-resistance-in-central-and-eastern-europe • Bad Arolsen, Germany, 17–18 November 2011: Gedenkstättenarbeit und Oral History, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Verein »Gegen Vergessen – für Demokratie«. www.stiftung-aufarbeitung.de/veranstaltungen-2011-1572.html?id=1732 • Washington D.C., USA, 17–20 November 2011: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass/ • Chernigov, Ukraine, 18–19 November 2011: The Religious Underground in the USSR. The Shevchenko University of Chernigov, with the participation of members of the Keston Institute. veraigizn@rumbler.ru • London, UK, 26 November 2011: »Histories of Activism« Postgraduate Conference. Histories of Activism Research Group at Northumbria University, Society for the Study of Labour History (SSLH). Bishopsgate Institute, London. http://labourhistory.net/news/i1108_10.php • Jerusalem, Israel, 5–8 December 2011: The Methodological Problems in Researching the History of Soviet Jews During the Holocaust. The International Institute for Holocaust Research, Yad Vashem. http://www1.yadvashem.org/yv/en/about/institute/workshop_soviet_jewry.asp • Moscow, Russian Federation, 9–10 December 2011: »Hers is no common yardstick«? Large Datasets for the Study of Russian Social and Economic History. A seminar on sources and methods. New Economic School (NES), Interdisciplinary Centre for Studies in History, Economy and Society (ICSHES), International Institute of Social History (IISH). amarkevich@nes.ru • Paris, France, 12–14 December 2011: Le «moment 1991» : la fin de l’URSS au regard des transformations politiques, sociales et culturelles (1970–1991). Centre d’histoire de Sciences Po, CERI. http://chsp.sciences-po.fr/ Meetings and conferences 2012 • Glasgow, UK, 5–7 January 2012: XXXVIII. Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • Milwaukee, USA, 17–18 February 2012: Power & Struggle. 2012 Midwest Labor and Working-Class History (MLWCH) Graduate Student Colloquium. University of Wisconsin. gradconferenceMKE@gmail.com • Nottingham, UK, 16–17 March 2012: PhD Colloquium »Cultural Construction in the USSR and States of the Former Soviet Bloc«. School of History at the University of Nottingham. Proposal deadline: 23.10.2011. ahxss2@nottingham.ac.uk • Amsterdam, The Netherlands, 23–25 March 2012: Quo vadis, Exile Studies? Status and perspectives. The challenge of »Globalization«. Gesellschaft für Exilforschung e.V. in co-operation with the International Institute for Social History, Amsterdam. Proposal deadline: 15.7.2011. ula@iisg.nl • Newcastle upon Tyne, UK, 30–31 March 2012: Solidarities that know no boundaries? Transnational Advocacy in Historical Perspective. »Histories of Activism« Research Group, Northumbria University. Proposal deadline: 15.8.2011. AZ.TransnationalSolidarities@northumbria.ac.uk • Warsaw, Poland, 31 March–1 April 2012: Drugi obieg wydawniczy w PRL na tle historii samizdatu w państwach bloku sowieckiego po 1956 roku [Second Circulation of Publications in the Polish People’s Republic (PRL) against the History of Samizdat in the Countries of the Soviet Bloc after 1956]. Biuro Edukacji Publicznej Instytutu Pamięci Narodowej. Submission deadline: 6.1.2012. anna.piekarska@ipn.gov.pl • Cambridge, UK, 31 March–2 April 2012: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • Glasgow, UK, 11–14 April 2012: European Social Science History Conference 2012. www.iisg.nl/esshc/ • Cambridge MA, USA, 13–14 April 2012: »How to End a Revolution?« The Annual Interdisciplinary Humanities Graduate Student Conference. Harvard University. Submission deadline: 31.1.2012. http://isites.harvard.edu/revolution2012 • Berlin, Germany, 18–20 April 2012: Region – State – Europe. Regional Identities under Dictatorship and Democracy in East Central Europe. European Network Remembrance and Solidarity Warsaw, Federal Institute for Culture and History of Germans in Eastern Europe Oldenburg e.a. Embassy of the Slovak Republic. freitag@dgo-online.org • Regensburg, Germany, 19–21 April 2012: First Annual Conference. Physical Violence in Late Socialism. (Dis-)Entangling Statehood, Labor, and the Nation. Institute for East and South East European Studies (IOS) u. a. www.suedost-institut.de • Jyväskylä, Finland, 14–16 June 2012: East-West Cultural Exchanges and the Cold War. University of Jyväskylä. http://culturalcoldwar.blogspot.com/ • Gijón, Spain, 4–6 July 2012: Sindicalismo en España: Del franquismo a la estabilidad democrática (1970–1994). Universidad de Oviedo, campus de la Universidad Laboral en Gijón. Deadline: 30.10.2011. congresogijon@cec.ugt.org • Warsaw, Poland, 15–18 July 2012: 9th Annual Warsaw East European Conference. Centre for East European Studies, University of Warsaw. Submission deadline: 15.4.2012. http://www.studium.uw.edu.pl/weec • Linz, Austria, 13–16 September 2012: 48. Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH). Soziale und kulturelle Entwicklung durch Arbeiterbewegungen. http://www.ith.or.at/konf/ • Cheliabinsk, Russia, 13–18 September 2012: »Rabota nad proshlym«. XX vek v püamiati I kommunikatsii poslevoennykh pokolenii Germanii I Rossii. Center for Culture-Historical Research of the South Ural State University, German Historical Institute Moscow, Moscow Dependency of the Konrad Adenauer Foundation. Deadline: 25.1.2012. http://kulthist.ru/novosti_23.html • Kochel am See, Germany, 26–28 October 2012: Auf unsicherem Terrain. Briefeschreiben im Exil. Arbeitsgemeinschaft »Frauen im Exil« in der Gesellschaft für Exilforschung e.V., Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. Submission deadline: 1.11.2011. hansen.schaberg@t-online.de VI.2 Conference Reports and Announcements Historical Materialism Conference 2011: Panels on the History of Communism At the 8th Historical Materialism conference (London, 10–13 November 2011) a whole stream has been dedicated to the history of the communist movement in the interwar period. There were panels on different periods and policies of Comintern history, particular Communist leaders and movements in various countries, as well as ideological controversies within the movement. Speakers have included, amongst others, Paul LeBlanc, Lars T. Lih, Ben Lewis, Bryan Palmer, Ottokar Luban, Brigitte Studer, John Riddell, Kevin Morgan, Ian Birchall, Reiner Tosstorff, Florian Wilde, Marcel Bois, Bernhard H. Bayerlein, and several other distinguished scholars of interwar communism. A detailed report of the discussions by John Riddell can be read at http://johnriddell.wordpress.com/2011/11/25/communist-history-debated-at-historical-materialism-london-conference/. Conference on the »Praxis School«: Materials Online The Praxis School was a philosophical school of thought in 1960s–70s Communist Yugoslavia that tried to pursue an unorthodox, humanistic variant of Marxism against the essentially Marxist-Leninist Yugoslav mainstream. On 13–15 October 2011, the Southeast Europe Office of the Rosa Luxemburg Foundation held a conference on the history of Praxis at the Croatian isle of Korčula, the historical place of the famous summer school that the Praxis group organised from 1963 to 1974 before having to succumb to the Communist Party’s pressure. The conference is very well documented – the conference reader, single papers and photo-/video-footage are available (in Croatian and German) at http://korcula.rosalux.rs. Section VIIThe International Bibliography of Communist Studies. Issue 2011 The International Bibliography of 2011 will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Section VIIIPeriodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2011 The International Bibliography of Journal Articles of 2011 will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services This directory lists 271 periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for amending and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Title and URLCountryCategoryA nemzetközi munkásmozgalom történetéböl.HungaryJournalAb Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space. www.abimperio.net/Russia/USAJournalActa Slavica Iaponica. http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.htmlJapanJournalActuel Marx. http://actuelmarx.u-paris10.fr/FranceJournalAden. Paul Nizan et les années trente. www.paul-nizan.fr/FranceJournalAktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. www.stiftung-aufarbeitung.deGermanyE-NewsletterAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen. www.klahrgesellschaft.atAustriaNewsletterAmerican Communist History. www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.htmlUSAJournalAnarchist Studies. www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/current.htmlUKJournalAnnali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli. www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annalsItalyJournalAnthropology of East Europe Review. http://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/aeer/USAJournalArbeiderhistorie. årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek. www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htmNorwayJournalArbeiterbewegung und Sozialgeschichte. www.sozialgeschichte-bremen.de/GermanyJournalArbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik. www.sfah.dk/default.aspx?pageid=14DenmarkJournalArbejdermuseet Årbog. www.arbejdermuseet.dkDenmarkJournalArbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek. www.arbetarhistoria.se/SwedenJournalArchiotaxio. www.askiweb.eu/index.php?lang=enGreeceArchiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit. wobarchiv@gmx.deGermanyJournalArchiv für Sozialgeschichte. www.fes.de/afs-online/GermanyJournalArchivar. Zeitschrift für Archivwesen. www.archive.nrw.de/archivar/GermanyE-JournalAriadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte. www.addf-kassel.de/publikationen/ariadne.htmlGermanyJournalArkiv för studier i arbetarrörelsens historia. www.arkiv.nuSwedenJournalAspasia. The International Yearbook of Central, Eastern, and Southeastern European Women’s and Gender History. www.berghahnbooks.com/journals/asp/HungaryJournalBeiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung [ceased publication] www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung/GermanyJournalBeiträge zur Marx-Engels-Forschung. www.marxforschung.deGermanyJournalBelgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis. www.flwi.ugent.be/btng-rbhc/en/BelgiumJournalBerlin-Brandenburger Forum Osteuropa. Rundbrief. www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm#bbGermanyE-NewsletterBibliotheksbrief. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. www.bundesarchiv.de/GermanyE-NewsletterBlätter für deutsche und internationale Politik. www.blaetter.de/GermanyJournalBohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder. www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.deGermanyJournalBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina. www.cedinci.org/ArgentinaE-NewsletterBollettino dell’Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia. www.vponline.it/riviste/000072/ItalyJournalBrood & Rozen. Tijdschrift voor de Geschiedenis van Sociale Bewegingen. www.brood-en-rozen.be/BelgiumJournalBulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau. www.dhi-moskau.deRussiaJournalBulletin du CEGES / SOMA Berichtenblad. www.cegesoma.beBelgiumE-NewsletterBulletin du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches. www.ulb.ac.be/is/chsg/BelgiumNewsletterBulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. www.edition-organon.de/bulletin_fuer_faschismusforschung.htmGermanyJournalBulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch. www.etudes-jean-richard-bloch.org/FranceJournalCahiers Charles Fourier. www.charlesfourier.fr/FranceJournalLes Cahiers d’ADIAMOS. www.codhos.asso.fr/Adiamos.htmFranceJournalCahiers d’histoire. Revue d’histoire critique. http://chrhc.revues.org/FranceJournalCahiers d’histoire du mouvement ouvrier. www.aehmo.org/cahiersdhistoireSwitzerlandJournalCahiers d’Histoire du Temps présent. Bijdragen tot de Eigentijdse Geschiedenis. www.cegesoma.beBelgiumJournalLes Cahiers du C.E.R.M.T.R.I. www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers du monde russe. http://monderusse.revues.orgFranceJournalCahiers du mouvement ouvrier. www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers Jaurès. www.cahiers.jaures.infoFranceJournalCahiers Léon Trotsky [ceased publication]. l.aujame@chello.frFranceJournalCahiers Marxistes. www.ulb.ac.be/socio/cmarx/BelgiumJournalCaietele Echinox. www.phantasma.roRomaniaJournalČasopis za suvremenu povijest. www.isp.hr/CroatiaJournalCentral Asian Survey. www.tandf.co.uk/journals/carfax/02634937.htmlUKJournalCentral Europe. www.maney.co.uk/journals/centraleuropeUKJournalCentral European History. http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CCCUKJournalThe China Quarterly. www.journals.cambridge.org/jid_CQYUKJournalCold War History. www.lse.ac.uk/collections/CWSC/coldWarHistoryJournal/UK/USAJournalCold War International History Project Electronic Bulletin. www.wilsoncenter.orgUSAE-JournalCold War International History Project Working Papers. www.wilsoncenter.orgUSAJournalCommunisme.FranceJournalCommunist and Post-communist Studies. http://www.elsevier.com/locate/postcomstudUSAJournalCommunist History Network Newsletter [ceased publication]. www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn/UKE-NewsletterComparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung. www.comparativ.net/GermanyJournalComparative Studies in Society and History. http://journals.cambridge.org/jid_CSSUKJournalContemporary British History. www.tandf.co.uk/journals/journal.asp?issn=1361-9462USAJournalContemporary European History. http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CEHUKJournalCritica marxista. Analisi e contribuzioni per ripensare la sinistra. www.criticamarxista.net/ItalyJournalCrítica Marxista. www.unicamp.br/cemarx/criticamarxista/BrazilJournalCritique. Journal of Socialist Theory. www.critiquejournal.net/UKJournalCritique Sociale. www.critique-sociale.info/FranceJournalCuadernos de historia contemporánea. http://dialnet.unirioja.es/servlet/revista?codigo=1526SpainJournalDebatte. Journal of Contemporary Central and Eastern Europe. www.tandf.co.uk/journals/carfax/0965156x.htmlUKJournalDeutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland. www.wbv.de/deutschlandarchiv/GermanyJournalDie Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst. www.edition-nautilus.deGermanyJournalDissidences [former Bulletin de liaison des études sur les mouvements révolutionnaires]. www.dissidences.netFranceJournalDivinatio. http://mshs-sofia.comBulgariaJournalDzieje Najnowsze. www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=5PolandJournalEast European Jewish Affairs. www.tandf.co.uk/journals/titles/13501674.aspUKJournalEast European Politics & Societies. http://eep.sagepub.comUSAJournalEast European Quarterly [ceased publication]. www.colorado.edu/history/about/journals.htmlUSAJournalEm Debate. www.incubadora.ufsc.br/index.php/emdebateBrazilJournalEstudos sobre o Comunismo [ceased publication]. http://estudossobrecomunismo.weblog.com.ptPortugalE-NewsletterEurope Asia Studies. www.tandf.co.uk/journals/carfax/09668136.htmlUKJournalEuropean History Quarterly. http://ehq.sagepub.comUKJournalEuropean Review of History / Revue Européenne d’Histoire. www.tandf.co.uk/journals/titles/13507486.htmlUK/FranceJournalExilforschung. Ein Internationales Jahrbuch. www.exilforschung.de/GermanyJournalExilios y migraciones ibéricas en el siglo XX. Éxils et migrations ibériques au XXe siècle.SpainJournalEXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft. www.exit-online.orgGermanyJournalFilm History. http://muse.jhu.edu/journals/film_history/USAJournalFilmblatt. www.filmblatt.deGermanyJournalForschungen zur baltischen Geschichte. www.balt-hiko.de/publikationen/forschungen-zur-baltischen-geschichte/EstoniaJournalForum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte. http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forum/index.htmGermanyJournalGeorgian Archival Bulletin. http://archive.security.gov.ge/en/GeorgiaNewsletterGerman Studies Review. www.people.carleton.edu/~dprowe/GSR.index.htmlUSAJournalGeschichte und Gesellschaft. www.v-r.de/de/zeitschriften/500007/GermanyJournalGrundrisse. Zeitschrift für linke Theorie & Debatte. www.grundrisse.net/GermanyJournalGuerres mondiales et conflits contemporains. www.puf.com/wiki/Guerres_mondiales_et_conflits_contemporainsFranceJournalHalbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik.http://halbjahresschrift.blogspot.com/GermanyJournalHistoire et Liberté. www.souvarine.fr/sommaire.htmlFranceJournalHistoire sociale – Social history. www.utpjournals.com/hssh/hssh.htmlCanadaJournalHistoria Actual On-Line. www.historia-actual.com/SpainE-JournalHistória e Luta de Classes. http://historiaelutadeclasses.wordpress.comBrazilJournalHistoria social. www.uned.es/ca-alzira-valencia/publicaciones/historia_social/revista.htmSpainJournalHistorical Materialism. www.historicalmaterialism.org/UK/The NetherlandsJournalHistorische Literatur. www.steiner-verlag.de/HistLit/GermanyJournalHistorische Zeitschrift. www.historische-zeitschrift.deGermanyJournalHistorisk Tidskrift för Finland. www.historisktidskrift.fi/FinlandJournalHumanity. www.humanityjournal.orgUSAJournalH-HOAC Historians of American Communism Newsletter [ceased publication]. www.h-net.org/~hoac/USAE-NewsletterIberoamericana. América Latina. España. Portugal. www.iberoamericana.deGermanyJournalICCEES International Newsletter, International Council for Central and East European Studies. www.iccees.org/Newsletter.htmlGermanyNewsletterThe Indian Economic and Social History Review. http://ier.sagepub.com/India/UKJournalInterDisciplines. www.inter-disciplines.deGermanyJournal/E-JournalInter Finitimos. Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte. www.interfinitimos.de/GermanyJournalIntermarium. www.ece.columbia.edu/research/intermarium/Poland/USAE-JournalInternational Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter. www.iccees.orgGermanyE-NewsletterInternational History Review. www.tandf.co.uk/journals/RINHUKJournalInternational Labor and Working-Class History. www.ilwch.rutgers.edu/UKJournalThe International Newsletter of Communist Studies. http://newsletter.icsap.euGermanyNewsletterThe International Newsletter of Communist Studies Online. http://newsletter.icsap.euGermanyE-JournalInternational Review of Social History. www.iisg.nl/irsh/The NetherlandsJournalInternational Socialism. www.isj.org.ukUKJournalInternationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. www.iwk-online.de/GermanyJournalIstočnikovedčeskie issledovanija. www.igh.ru/RussiaJournalIstoričeskij Archiv. www.rosspen.su/ru/archive/istarch/RussiaJournalIstorija. Lietuvos aukštųjų mokyklų mokslo darbai. www.vpu.lt/index.php?1830576658LithuaniaJournalIstorika.GreeceJournalIzquierdas. www.izquierdas.clChileE-JournalJahrbuch der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. www.lukacs-gesellschaft.de/frame_jahrbuch.htmlGermanyJournalJahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts. www.yearbook.dubnow.deGermanyJournalJahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de/GermanyJournalJahrbuch für historische Kommunismusforschung. www.stiftung-aufarbeitung.de/jahrbuch-fuer-historische-kommunismusforschung-2477.htmlGermanyJournalJahrbücher für Geschichte Osteuropas. www.steiner-verlag.de/JGO/GermanyJournalJournal of Baltic Studies. http://depts.washington.edu/aabs/publications-journal.htmlUKJournalJournal of Cold War Studies. http://muse.jhu.edu/journals/journal_of_cold_war_studies/USAJournalJournal of Communist Studies and Transition Politics. www.tandf.co.uk/journals/titles/13523279.aspUKJournalJournal of Contemporary History. http://jch.sagepub.com/UKJournalJournal of Genocide Research. www.tandf.co.uk/journals/titles/14623528.aspUSAJournalJournal of Modern European History. www.chbeck.de/trefferliste.aspx?toc=3434GermanyJournalThe Journal of Power Institutions in Post-Soviet Societies. http://pipss.revues.orgFranceE-JournalThe Journal of Slavic Military Studies. www.tandf.co.uk/journals/fslvUSAJournalJournal of Southeast European and Black Sea Studies. www.tandf.co.uk/journals/titles/14683857.aspUKJournalJournal of Balkan and Near Eastern Studies [formerly Journal of Southern Europe and the Balkans]. www.tandf.co.uk/journals/carfax/14613190.htmlUKJournalKirchliche Zeitgeschichte. www.kirchliche-zeitgeschichte.de/GermanyJournalKrisis. 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Le Travail. www.cclh.ca/llt/CanadaJournalLabour History. www.historycooperative.org/labindex.htmlAustraliaJournalLabour History Review. http://www.ingenta.com/journals/browse/maney/lhrUKJournalLatin American Perspectives. www.latinamericanperspectives.com/USAJournalLatinoamerikanskij istoričeskij al’manach. www.igh.ru/RussiaJournalLatinskaja Amerika. www.ilaran.ru/?n=39RussiaJournalLeft History. http://lefthistory.ca/UKJournalLettre du Centre d’études slaves. www.etudes-slaves.paris4.sorbonne.fr/FranceNewsletterL’homme et la société. www.editions-harmattan.fr/index.asp?navig=catalogue&obj=revue&no=20FranceJournalLutas Sociais. www.pucsp.br/neils/revista/revista.htmlBrazilJournalMargem Esquerda. www.boitempo.com/revista_margem_esq.phpBrazilJournalMarx & Philosophy Review of Books. www.marxandphilosophy.org.uk/reviewofbooks/UKE-JournalMarx-Engels-Jahrbuch [formerly: MEGA-Studien]. www.bbaw.de/GermanyJournalMarx-Engels-Marxismus-Forschung. www.cpm.ehime-u.ac.jp/AkamacHomePage/MEMA/MEMA.htmlJapanJournalMatériaux pour l’histoire de notre temps. www.persee.fr/listIssues.do?key=matFranceJournalMemoria e Ricerca. www.istitutodatini.it/biblio/riviste/l-n/mem-ric2.htmItalyJournalMir istorii. Rossiskij elektronnyj žurnal. www.historia.ru/RussiaE-JournalMitteilungen des Förderkreises, Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.fabgab.de/mitteilungen.htmGermanyNewsletterMitteilungen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. www.oldenbourg-verlag.de/wissenschaftsverlag/mitteilungen-gemeinsamen-kommission-erforschung-juengeren-geschicGermanyJournalMitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen Bochum. www.ruhr-uni-bochum.de/iga/isb/isb-hauptframe/mitteilungsheft/mitteilheft.htmGermanyJournalMittelweg 36. 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News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies. www.aseees.orgUSAE-NewsletterNorth West Labour History. www.workershistory.org/UKJournalNovaja i novejšaja istorija.RussiaJournalNovyj istoričeskij vestnik. www.nivestnik.ru/RussiaJournalNuevo Topo. Revista de historia y pensamiento crítico. http://nuevotopo.wordpress.comArgentinaJournalO Olho da História. www.oolhodahistoria.orgBrazilJournalOsteuropa. www.osteuropa.dgo-online.org/GermanyJournalOtečestvennye Archivy. www.rusarchives.ru/publication/otecharh/RussiaJournalOutubro. Revista do Instituto de Estudos socialistas. http://revistaoutubro.com.brBrazilJournalPassato e presente. www.francoangeli.it/riviste/sommario.asp?IDRivista=98ItalyJournalPast & Present. http://past.oxfordjournals.org/UKJournalPerseu. História, Memória e Política. http://www2.fpa.org.br/portal/modules/news/index.php?storytopic=1725BrazilJournalPerspektiven ds. www.perspektiven-ds.de/GermanyJournalPlurale. Zeitschrift für Denkversionen. www.plurale-zeitschriftfuerdenkversionen.deGermanyJournalPolíticas de la Memoria. Anuário de investigación del Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina. www.cedinci.org/ArgentinaJournalPolitics, Religion & Ideology [formerly: Totalitarian Movements and Political Religions]. www.tandf.co.uk/journals/titles/14690764.aspUKJournalPost-Soviet Affairs. www.bellpub.com/psa/USAJournalPotsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien [ceased publication]. www.zzf-pdm.de/site/332/default.aspxGermanyJournalProblemy Dal’nego Vostoka. www.ifes-ras.ru/publications/pdvRussiaJournalPROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. www.prokla.de/GermanyJournalPrzegląd Historyczny. www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=15PolandJournalQuaderno di storia contemporanea. 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A Journal of Translations. www.mesharpe.com/mall/results1.asp?ACR=rshUSAJournalScience and Society. A Journal of Marxist Thought and Analysis. www.scienceandsociety.com/USAJournalSehepunkte. Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften. www.sehepunkte.de/GermanyE-JournalSlavic Review. 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Entre Histoire et Mémoire. www.revue-temoigner.net/FranceJournalTerritoires contemporains. Bulletin de l’ICH Dijon.FranceNewsletterThesis Eleven. Critical Theory and Historical Sociology. http://the.sagepub.com/AustraliaJournalTijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis. www.tseg.nl/BelgiumJournalTokovi Istorije. www.inisbgd.co.rs/celo/publikacije.htmSerbiaJournalTotalitarismus und Demokratie / Totalitarianism and Democracy. www.hait.tu-dresden.de/tdGermanyJournalTransit. 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Yale University Press.Contains online document publications.www.yale.edu/annals/Archive.orgFeatures immense amounts of digitised Communist brochures.www.archive.orgAssociation Atelier André Breton, Archigny, France.www.andrebreton.frAssociation des amis de Benjamin Péret, Lyon, France.www.benjamin-peret.orgArbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR.Enthält Tageschroniken, Karten, Materialien, ein Forum, Veranstaltungen, Dokumentationen (Videoclips u. a.) sowie einen Newsletter.www.17juni53.deArcheoBiblioBase: Archives in Russia, IISG, Amsterdam.English-language repository of central and local archives, libraries and museums in Russia, maintained by Patricia Grimsted. 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Fachportal für die Geschichtswissenschaften.www.clio-online.deClio-online Findmittelkatalog.www.clio-online.de/default.aspx?tabid=40208223Cold War International History Project, Woodrow Wilson International Center, Washington DC, US.Contains huge quantities of digitized and systematically arranged Cold War documents.www.wilsoncenter.org/cwihpCollectif Smolny. 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Frauen in der Roten Armee. Universität Bielefeld, Abteilung Geschichtswissenschaft, in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst. • New York, USA / Manila, Phillipines, 2 December 2010–12 January 2011: »Corresponsales en la Guerra de España«. Fundación Pablo Iglesias/ Instituto Fernandes, Instituto Cervantes, Nueva York, Instituto Cervantes, Manila.www.fpabloiglesias.es/exposiciones/historico/corresponsales-guerra-espana_22 • Wald, Switzerland, 15 April – 15 May 2011: Robert Grimm zum An- und Nachdenken. Robert-Grimm-Gesellschaft, Heimatmuseum Wald ZH. www.robertgrimm.ch • Hanover, Germany, 29 May – 31 Juny 2011: »Emmy und Werner Scholem – im Kampf zwischen Utopie und Gegenrevolution«. Quartier e. V. Hannover-Linden. • Gijón, Spain, 5 July–18 September 2011: »Ministerio de la Guerra (1931–1939): tiempos de paz, tiempos de guerra«. Museo Arqueológico-Natural de la Campa Torres. • New York, USA, 6 July – 25 September 2011: Ostalgia. New Museum, New York. www.newmuseum.org/exhibitions/440 • Toulouse, France, 25 June–4 September 2011: »Toulouse, capitale de l’exil républicain espagnol«. Fundación Francisco Largo Caballero, Réfectoire des Jacobins, Archives municipales de Toulouse. • Berlin, Germany, 21 July–22 August 2011: »ZOV Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht«. Willy-Brandt-Haus (WBH), Berlin. www.zov-sportverraeter.de/ • Madrid, Spain, 24 November 2011 – 26 February 2012: El Socialista 1886–2011. Prensa y compromiso político. Fundación Pablo Iglesias, Museo de História. Film: » Moskau: Konferenz über Mežrabpom-Fil’m Die frühsowjetische Filmfabrik Mežrabpom-Fil’m produzierte in Kooperation mit der deutschen proletarischen Prometheus Film erfolgreiche Spielfilme. Letztere wurde von der Berliner Zentrale der Internationalen Arbeiterhilfe betrieben, die Kooperation stand unter der Ägide des herausragenden KPD-Propagandisten, »roten Medienzars« und späteren »Renegaten« Willi Münzenberg. Diesem frühen Kapitel der deutsch-sowjetischen Filmbeziehungen war eine deutsch-russische interdisziplinäre Konferenz gewidmet, die vom 17. bis 19. März 2011 am Deutschen Historischen Institut Moskau stattfand. Das Tagungsprogramm sowie ein ausführlicher Konferenzbericht findet sich unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3685. Museum: » Opening of the Museo Memorial de la Resistencia Dominicana, Santo Domingo The museum was opened on 29 May 2011, on the eve of the 50th anniversary of the overthrow of the Rafael Leónidas Trujillo Molina (1891–1961), dictator of the Dominican Republic from 1930 to 1961 and one of the bloodiest personal rulers in the Americas. In a bright historical perpective starting in 1916 it serves at the same time as a memorial place with its guideline to honour the memory of the resistance movement (»Promover con significado histórico y conciencia ciudadana las luchas de varias generaciones de dominicanos (as) durante la dictadura de Rafael L. Trujillo, sus antecedentes y sus consecuencias, difundiendo conocimientos a la sociedad«, as Director Luisa De Peña Diaz stated). In 2009, the Documentary Heritage on the Resistance and Struggle for Human Rights in the Dominican Republic, 1930–1961 was inscribed on the Memory of the World International Register in recognition of its global significance in documenting one of the most oppressive regimes in Latin American history, under which thousands of Dominicans and foreigners were imprisoned, tortured or killed. Calle Arzobispo Nouel No.210, Ciudad Colonial Santo Dominigo, República Dominicana 10210. Fone: 809.688.4440. Web: www.museodelaresistencia.org; Email: info@museodelaresistencia.org; cf. www.archivalplatform.org/ Film: » Hotel Lux: Das sowjetische KPD-Exil im Spielfilm Eines eher ungewöhnlichen Themas hat sich Regisseur Leander Haußmann in seiner neuesten Tragikomödie angenommen. Michael Herbig spielt darin den Varieté-Schauspieler Hans Zeisig, der im Berlin der späten Weimarer Republik vor allem als Stalin-Imitator reüssiert. Als der eigentlich vollkommen unpolitische Kabarettist nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beim neuen Regime aneckt, wird er von theaterinternen KPD-Kontakten mit Papieren ausgestattet, die ihn nicht, wie von ihm geplant, nach Hollywood bringen, sondern ins stalinistische Moskau. Dort landet er im »Hotel Lux«, der Unterkunft kommunistisher Politemigranten und Komintern-Funktionäre. Inmitten der Atmosphäre von Denunziation, Paranoia und Terror nimmt die Geschichte einen geradezu phantastischen Lauf. Nicht zuletzt dank historischer Beratung weist der Film abseits der Haupthandlung kaum historische Fehler auf und kann mit vielen Details aufwarten, die für Komintern-Historiker Wiedererkennungswert besitzen. (Hotel Lux. Deutschland, 2011. Regie: Leander Haußmann. Laufzeit: 110 Minuten). Section XIDiscussions, Debates, Historical Controversies Ottokar Luban, Berlin (Germany): » Rosa Luxemburgs Tod Die sozialistische Theoretikerin und Politikerin Rosa Luxemburg ist als eine weitgehend respektierte Person der deutschen Geschichte in der bundesrepublikanischen Gesellschaft angekommen. Im Bundestag wurde sie in einer Reihe mit Albert Einstein, Sigmund Freud, Martin Buber, Karl Marx, Hermann Cohen, Hannah Arendt, Heinrich Heine, Moses Mendelssohn, Walther Rathenau, Stefan Zweig und Walter Benjamin als bedeutende deutsche Persönlichkeit jüdischer Herkunft genannt (Rede des Präsidenten des Staates Israel Shimon Peres am 27. Januar 2010). Im Zweiten Deutschen Fernsehen wurden ihr Leben und Werk in der Dokumentationsreihe »Die Deutschen II (9/10)« in einem 45minütigen Portrait (12.12.2010, 19:30–20:15 Uhr) gewürdigt. Kein Wunder, dass auch ein Mediziner, der Chef der Pathologie in der Charité Berlin, Prof. Dr. Michael Tsokos, die Prominenz der im Januar 1919 von Freikorpstruppen in Berlin ermordeten Sozialistin als Aufhänger für sein Buch Der Totenleser. Neue unglaubliche Fälle aus der Rechtsmedizin nutzen wollte. Er trat Mitte 2009 mit der Vermutung an die Öffentlichkeit, bei einer in der Berliner Charité als Ausstellungsobjekt aufbewahrten sog. Wachsleiche – einem Torso ohne Kopf, Hände und Füße – könnte es sich um die sterblichen Überreste Rosa Luxemburgs handeln. Überzeugende Hinweise für die Richtigkeit seiner Vermutung oder sogar Beweise konnte Tsokos, wie er auch selbst äußerte, nicht vorlegen. Trotzdem widmeten sich Monate lang viele Medien von der Zeit bis zum Spiegel mehrfach intensiv diesem Thema. Schließlich versandete die Diskussion 2010. Als fundierte Antwort auf diese Diskussion legen Annelies Laschitza, die renommierte Luxemburg-Expertin, und Klaus Gietinger, Sozialwissenschaftler und Biograf von Waldemar Pabst (Organisator des Luxemburg-Mordes), eine reichhaltige und informative Aufsatz- und Dokumentensammlung vor.112 Aus mehreren Dokumenten geht hervor, dass bei dem am 31. Mai 1919 im Berliner Landwehrkanal aufgefundenen Leichnam Gegenstände gefunden wurden, die zu Rosa Luxemburg gehörten. Die Identität der am 13. Juni 1919 auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzten Toten kann damit als gesichert angesehen werden. Die heutige Gedenkstätte beherbergt jedoch nicht das Grab Rosa Luxemburgs, das, genauso wie das von Karl Liebknecht, an der alten Stelle des niedergerissenen Mies-van-der Rohe-Werks in der Nazizeit eingeebnet und für neue Bestattungen genutzt wurde. Medien wie Der Spiegel und Die Zeit, die sich vorher intensiv mit den Vermutungen von Prof. Tsokos beschäftigt hatten, sind auf die Publikation von Laschitza/Gietinger bisher nicht eingegangen. 1 See: Izjava Komunistične partije Slovenije, slovenskega sokolstva in krščanskih socialistov dne 1. Marca 1943 o okrepitvi politične in organizacijske enotnosti Osvobodilne fronte pod vodstvom KPS [Communist Party of Slovenia – Slovene Hawks – Christian Socialists Declaration on strengthening of the political and organizational unity of Liberation Front under Leadership of CPS], DPRS 6, pp. 13–16. 2* Supervisor: Manuel Loff (Associated Professor, Department of History and Political and International Studies, at the Faculty of Arts, University of Porto). 31 Aldo Rizzo: La Frontiera Dell’eurocomunismo, Roma-Bari, Laterza, 1977. 4* Supervisors: Prof. Christopher Duggan, Dr. Matthew Worley. Editors’ note: »Il ragazzo con la naglietta a strisce« means »The boy with a striped t-shirt« and is the title of the autobiography of Fausto Bertinotti, one of the leaders of the Rifondazione Comunista, published in 2005. 5* Supervisor: Prof. Dr. Marion Brepohl de Magalhães (Universidade Federal do Paraná). Research supported by the CAPES (Coordenação de Aperfeiçoamento de Pessoal de Nível Superior). 61 Collection DOPS, Departamento de Arquivo Público (DEAP), Curitiba/PR. 72 Eugène Enriquez: Da horda ao Estado. Psicanálise do vínculo social, Rio de Janeiro, Jorge Zahar, 1990. 83 Pierre Ansart: La gestion des passions politique, Lausanne, L’Age d’Homme, 1983. 9* Supervisors: Prof. Nick Stargardt & Dr. David Priestland. 101 Anm. d. Red.: Die Kontroverse um die geplante Herausgabe der Trotzki-Biographie von Robert Service befindet sich bei Redaktionsschluss noch in vollem Gange. In der Online-Ausgabe 2012 wird der International Newsletter ausführlich über die Vorgeschichte, den Verlauf und das vorläufige Ergebnis berichten. 11* Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce/). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/). 121 Annelies Laschitza, Klaus Gietinger (eds.): Rosa Luxemburgs Tod. Dokumente und Kommentare, Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 2010. 203 p. (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, H. 7) [mit Beiträgen von A. Laschitza, K. Gietinger, Volkmar Schneider, Jürgen Hofmann sowie 61 Dokumenten].

JHK 2012

Verstörende Erinnerung. Der Stalinismus im Gedächtnis Europas

Claudia Weber

Am 10. Dezember 2009 erhielt die Schriftstellerin Herta Müller in Stockholm den Nobelpreis für Literatur. Ich muss gestehen, dass mir als Südosteuropahistorikerin – wie vielen anderen auch – der Name und das Werk der Autorin allenfalls flüchtig bekannt waren. Ich wusste, dass es sich bei Herta Müller um eine rumäniendeutsche Autorin aus dem Banat, jener deutschen Enklave im Westen Rumäniens handelt, die ich allerdings einer leicht angestaubten Volkstums- und Minderheitenliteratur zuordnete. Noch während meines Studiums in den Neunzigerjahren galt die Geschichte der Rumäniendeutschen als Fachbereich der ausgedehnten Langeweile, im schlimmsten Falle vermuteten wir dort, zuweilen nicht unbegründet, ein Rückzugsgebiet für obskur rechtslastige Kommilitonen. Der Geschichte gegenüber verhielten wir uns distanziert, einerseits, um nicht selbst in den Dunstkreis eines unterstellten und tatsächlichen Revanchismus zu geraten, andererseits, und dies kann ich nur rückblickend reflektieren, um einer historischen Konfusion auszuweichen, die nicht nur die Welt erklärende Junghistoriker verstört hätte. Herta Müller entstammt einer »Tätergemeinschaft«, jener deutschen Bevölkerung im Banat, von der nicht wenige Hitlers Machtübernahme hoffnungsfroh begrüßt hatten. Im Zuge der wirtschafts- und machtpolitischen Interessen in Südosteuropa versprach das Dritte Reich die Durchsetzung von Minderheitenrechten, die Groß-Rumänien zwar deklariert, aber nie in die Tat gesetzt hatte. Seit November 1918, als die rumänische Nationalversammlung in Karlsburg den Anschluss Siebenbürgens und des Banats an das Königreich Rumänien beschloss, stand die Umsetzung der sogenannten Karlsburger Beschlüsse, die der deutschen Minderheit »volle nationale Freiheit« in Unterricht, Verwaltung und Rechtspflege zusicherten, aus.1 Erst auf Intervention des Dritten Reiches war das autoritäre Regime General Antonescus zur Realisierung dieser Rechte bereit. Ende August 1940 feierten die Rumäniendeutschen ein Abkommen zwischen dem Dritten Reich und Rumänien, in dem sich das Königreich verpflichtete, die Angehörigen der deutschen Volksgruppe mit dem Mehrheitsvolk »in jeder Weise gleichzustellen und die Stellung der deutschen Volksgruppe im Sinne der Karlsburger Beschlüsse [...] weiter auszubauen.2 Wenige Monate später, am 23. November, trat Rumänien dem Dreimächtepakt bei, und seine Truppen marschierten zusammen mit der 11. Armee der Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Zu diesem Zeitpunkt lebten knapp 760 000 Deutsche in Groß-Rumänien. Ungefähr 63 000 von ihnen, darunter auch der Vater von Herta Müller, gehörten zur Waffen-SS und wurden unter anderem als KZ-Wachmänner in Auschwitz und Majdanek, aber auch in SD-Sondereinheiten eingesetzt, die an Massenerschießungen sowjetischer Kriegsgefangener beteiligt waren.3 Als Rumänien im August 1944 die Seiten wechselte und Deutschland den Krieg erklärte, wurden die Deutschen zu einem Feind, der stets an die Liaison mit dem Nationalsozialismus erinnerte. Nach dem Einmarsch der Roten Armee und im Zuge der raschen Stalinisierung des Landes führte das Stigma der ethnischen Zugehörigkeit direkt in die Lager des Gulag. Stalin forderte die Deportation aller in Rumänien lebenden Deutschen zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren – unabhängig davon, ob sie Kriegsverbrechen begangen hatten. Zehntausende wurden allein im Laufe des Jahres 1945 verschleppt, darunter auch die Mutter von Herta Müller, die fünf Jahre in einem Arbeitslager verbrachte.4 »Alles was ich habe, trage ich bei mir. Oder: Alles Meinige trage ich mit mir. Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Es war entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem. Der Schweinslederkoffer war ein Grammophonkistchen. Der Staubmantel war vom Vater. Der städtische Mantel mit dem Samtbündchen am Hals vom Großvater. Die Pumphose von meinem Onkel Edwin. Die ledernden Wickelgamaschen vom Nachbarn, dem Herrn Cap. Die grünen Wollhandschuhe von meiner Fini-Tante. Nur der weinrote Seidenschal und das Necessaire waren das Meinige, Geschenke von den letzten Weihnachten. Es war noch Krieg im Januar 1945.«5 Mit diesen nun schon oft zitierten Zeilen beginnt Herta Müller ihren Roman, mit dem sie nicht nur ihrem engen Freund Oskar Pastior ein Denkmal setzt. Atemschaukel beschreibt das Schicksal der Banater Deutschen, von Onkel Edwin, Herrn Cap und der Fini-Tante. Als Mahnerin der Erinnerung an das kommunistische Unrecht, an staatliche Repression und die stete Bedrohung durch die berüchtigte Securitate ist Herta Müller nach der Verkündung des Nobelpreiskomitees im Oktober 2009 sowohl vorsichtig beäugt als auch gefeiert worden. Der Nobelpreis, schrieb etwa der Spiegel, sei ein »Fanal gegen das Vertuschen«.6 Müllers bulgarischer Schriftstellerkollege Ilija Trojanow sah in der Verleihung ein Signal gegen die Verniedlichung des kommunistischen Unrechts. Und die Süddeutsche Zeitung beschwor die Preisträgerin als »Meisterin der schrecklichen Vergegenwärtigung« eines leidvollen Lagerlebens und des erniedrigenden Alltags im totalitären Staatssozialismus.7 Dass Herta Müller in der poetischen Annäherung an eine existenzielle Diktaturerfahrung und an eine abgrundtiefe Heimatlosigkeit ihr Lebensthema gefunden hat, ist unbestritten. Das ist aber nicht der Grund dafür, dass ich meinen Vortrag mit ihr begonnen habe. Der Roman Atemschaukel thematisiert, erstens, die stalinistische Deportationspolitik gegenüber den Rumäniendeutschen. Damit beleuchtet er eine europäische Dimension stalinistischer Gewalt, die lange Zeit aus der wissenschaftlichen Perspektive und der Erinnerung gefallen war. Der Terror Stalins ist überwiegend, da synonym zum »Großen Terror« der Jahre 1936–1938 gebraucht, als innersowjetisches Thema erinnert worden. Das jedoch war er nie, nicht einmal in den Zeiten des »Großen Terrors«, als das NKWD europäische Kommunisten und ethnisch-nationale Gruppen massenhaft vernichtete. Stalins Terror war nie nur innenpolitische Gewalt, er richtete sich in seiner Begründung und Durchführung auch stets nach außen und nach Europa, und dies nicht erst mit dem Einmarsch der Roten Armee in Polen am 17. September 1939. In welchem Ausmaß allein der spanische Bürgerkrieg vom Terror des NKWD definiert worden ist, konnte erst nach der Öffnung der Archive in den letzten Jahren untersucht werden.8 In der Erinnerungskultur des Kalten Krieges aber war die europäische Dimension des Stalinismus in Ost- und Westeuropa vergessen. Herta Müller hat eine Geschichte Europas geschrieben, die es unmöglich macht, diesen Ausfall länger zu ignorieren. Atemschaukel konfrontiert den Leser, zweitens, mit den zutiefst verstörenden Biografien dieser europäischen Gewalt- und Diktaturgeschichte. Ungewollt und einer persönlichen Tragik nicht entbehrend, wurde die Autorin auch zu einer Meisterin dieser »schrecklichen Vergegenwärtigung«. Seit Herbst 2010 ist bekannt, dass das Leben des Lyrikers Oskar Pastior, das der Atemschaukel zugrunde lag, nicht nur von den Erfahrungen in einem stalinistischen Lager zu berichten weiß. Unter dem Decknamen »Stein Otto« war Pastior informeller Mitarbeiter der rumänischen Securitate. Nachdem der Münchner Germanist Stefan Sienerth zunächst nur eine Verpflichtungserklärung aus den frühen Sechzigerjahren entdeckt hatte, verdichteten sich bald die Hinweise darauf, dass Pastior nicht nur ein als Informant registriertes Erpressungsopfer und, wie Herta Müller hoffte, eine »Karteileiche« gewesen war.9 Offenbar hat er aktiv Spitzelberichte verfasst, die, so der Vorwurf eines früheren Kollegen, den Selbstmord des jungen rumäniendeutschen Lyrikers Georg Hoprich im Jahr 1969 bedingten. Die biografischen Verstrickungen Oskar Pastiors, von denen Herta Müller überrascht und betroffen war, sind nicht nur ein bestechendes Beispiel für die Flüchtigkeit von Täter- und Opferkategorien. Die Biografie von Pastior und die jüngsten Enthüllungen demonstrieren – und das ist in der persönlichen Dimension nur als tragisch zu bezeichnen – wie die Ambivalenzen der europäischen Gewaltgeschichte zum Lehrstück selbst für die »Meisterin ihrer schrecklichen Vergegenwärtigung« geworden sind. Es ist ein Lehrstück, dem sich auch Historiker auf Dauer nicht entziehen werden können. Für sie – für die Historiker – folgen aus diesem Lehrstück zwei Fragen. Die erste, die ich heute nur benennen kann, behandelt das Problem der angemessenen wissenschaftlichen Narration: Wie kann Wissenschaft den Verstörungen der europäischen Gewaltgeschichte und den fließenden Täter-Opfergrenzen schreibend gerecht werden? Können Historiker, die sich bewusst gegen eine poetisch-fiktionale Sprache entschieden haben, diesen Verstörungen überhaupt in einer wissenschaftlichen Narration begegnen? Das Problem der schreibenden Annäherung an die »Koexistenz und Kopräsenz des Disparaten« beschäftigt Osteuropahistoriker wie den an der Frankfurter Viadrina lehrenden Karl Schlögel seit der Öffnung der sowjetischen Archive. In seinem 2008 Furore machenden Buch Terror und Traum. Moskau 1937 hat Schlögel sich – wie ich denke ganz erfolgreich – an einem raum- und ortsbezogenen »Narrativ der Gleichzeitigkeit« versucht, das die Pole eines Lebens in der Gewalt in Stalins Moskau zusammenzog.10 Der Ansatz einer raum- und ortsbezogenen Geschichte ist zweifelsohne eine Methode, Disparates zu vergegenwärtigen und zu erfassen.11 Sie wäre ebenso tauglich, wenn es darum geht, sich der Konfrontation mit den europäischen Diktaturerfahrungen – Schlögel bleibt beim Stalinismus – auseinanderzusetzen. Eine andere Möglichkeit scheint mir – ebenfalls nicht neu auf der Spielwiese historiographischer Methoden – mit dem biografischen Ansatz gegeben. Hier ginge es darum, das Prisma historischer Widersprüchlichkeit in der Beschreibung zeitgenössischer Biografien zu entfalten. Dem biografischen Ansatz wird gelegentlich und nicht zu Unrecht vorgeworfen, in psychologisierenden Spekulationen zu enden. Dann aber wäre er hier falsch verstanden. Es geht nicht darum, biografische Wendungen zu erklären. Ihre Anerkennung ist nur der Ausgangspunkt für die Beschreibung historischer Kopräsenz. »Ich bin der Zweite Weltkrieg« – so hat der im letzten Jahr verstorbene niederländische Autor Harry Mulisch diesen biografischen Ansatz einmal mit der ihm nicht fremden großen Geste zusammengefasst. Mulisch bezog sich auf das Spannungsverhältnis zwischen seiner jüdischen Abstammung mütterlicherseits und der NS-Kollaboration seines Vaters; ein Spannungsverhältnis, das das literarische Schaffen von Mulisch ebenso prägte, wie es die Realität des Zweiten Weltkriegs spiegelt. Damit möchte ich aber meine methodischen Anmerkungen auch schon beenden, sie sind unfertig und stehen – wie bereits gesagt – heute nicht im Mittelpunkt meines Vortrags. Auch bei der zweiten Frage, der ich mich heute intensiver widme, handelt es sich um eine sogenannte Fachfrage, die allerdings ungleich stärker mit gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Diskussionen um eine europäische Erinnerungskultur verbunden ist. Diese Diskussionen werden, Ulrike Jureit hat in ihrem Vortrag vor einem Monat bereits darauf verwiesen, insbesondere seit der EU-Osterweiterung in der Europapolitik geführt. Im Kern konzentrieren sie sich auf die Auseinandersetzungen mit und die eigentümliche Konkurrenz zwischen der nationalsozialistischen und der stalinistischen Gewalterfahrung; ein, wie Ulrike Jureit ihn nennt, erinnerungspolitischer Ost-West-Konflikt, der gerade bei der Suche und Etablierung von Erinnerungssymbolen und -orten ausgetragen wird. Historikern mögen diese Erinnerungskonkurrenzen auf den ersten Blick anachronistisch erscheinen. Und doch sind sie mehr als erstaunlich resistente Relikte aus der Gründungsphase europäischer Nationalstaaten im 19. Jahrhundert. Denn im Kern handelt es sich auch bei der Europabildung um einen Vergemeinschaftungsprozess, dessen Erfolg von der identitätsstiftenden »Erfindung« einer gemeinsamen Geschichte abhängt. Die Suche nach den europäischen Erinnerungsorten und der Rückgriff auf Gedenktage und Denkmäler sind dabei keinesfalls unmodern oder rückständig. Sie sind es allein aufgrund der schlichten Tatsache nicht, dass Gemeinschaften nur über ein begrenztes Repertoire an Erinnerungssymbolen und Formen des Gedenkens verfügen. Ihre Wirksamkeit zu hinterfragen, steht der Anerkennung dieser Tatsache nicht im Wege. Schon 1927 war sich Robert Musil angesichts der Konjunktur europäischer Kriegsdenkmäler für den »Unbekannten Soldaten« sicher, dass »das Auffallendste an Denkmälern« ist, »dass man sie nicht bemerkt. […] Es gibt nichts auf der Welt«, schrieb Musil, »was so unsichtbar wäre wie Denkmäler.«12 Dennoch und vielleicht gerade aufgrund ihrer Unsichtbarkeit sind Denkmäler und wohl auch Gedenktage bis heute bevorzugte Symbole der Erinnerung. Ihre Existenz zeugt von der Erfüllung einer Erinnerungspflicht, und damit ist es dann auch getan. Aber das nur als Exkurs und zurück zum erinnerungspolitischen Ost-West-Konflikt. Die Frage ist, ob vor dem Hintergrund hybrider Opfer- und Täterzuschreibungen, konkurrierender Referenzerzählungen und der ideologischen Erblast der Gewalterinnerung im Kalten Krieg eine europäische Erinnerungskultur überhaupt möglich ist? Kann Europa auf einer gemeinsamen Geschichte gründen, und wer sind die Akteure dieser invention of tradition? Ich möchte mich diesen Fragen aus der historischen Rückschau nähern, um sicher keine abschließenden Antworten, aber vielleicht doch Ausblicke entwerfen zu können. Kein Ort. Osteuropa Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte kein Europa, in dem die Erinnerung an den Stalinismus aufgehoben war. Im Osten war jede Auseinandersetzung mit dem Terror der Dreißigerjahre und der stalinistischen Gewalt im Zweiten Weltkrieg ein hochpolitisches Tabu, dessen Infragestellung phasenweise lebensbedrohliche Folgen haben konnte. Allen geschichtspolitischen Konjunkturen zum Trotz blieb dieses Tabu bis zur Perestroika und teilweise bis in die Gegenwart unangetastet. Es wurde überschattet von jenem monströsen Mythos des »Großen Vaterländischen Krieges«, der ihm widersprechende und persönliche Erinnerungen zur Häresie machte. Als Stalin am 24. Juni 1945 auf dem Roten Platz seine große Siegesparade veranstalten ließ, marschierten kaum ehemalige Frontkämpfer, sondern Elitesoldaten auf, die nie einen Schützengraben gesehen hatten. Die bronzegeschmiedeten Molodzi [Prachtkerle], die die Fahnen des Dritten Reiches vor das Lenin-Mausoleum warfen, versinnbildlichten diesen Mythos. Sie präsentierten das Bild eines glanzvollen Sieges und des erhabenen Siegers Stalin, vor dessen Größe der Terror und die Gewalt blasphemisch wirkten.13 Auch Nikita Chruščëvs »Politik des Tauwetters«, die auf den Spätstalinismus folgte, brachte keine grundlegende geschichtspolitische Wende. Zweifelsohne veränderte die Kritik Chruščëvs an Stalins Personenkult die Konfiguration des Mythos: Stalin verschwand, und aus den gestählten Elitesoldaten wurden wieder Frontkämpfer, die eine wenig glorreiche »Schützengrabenwahrheit« von Dreck, Hunger und Tod verkündeten. Eine Rede über sowjetische Kriegsverbrechen und die Besatzungsgewalt war damit freilich nicht verbunden. In der Zeit des »Tauwetters«, die von der persönlichen Abrechnung mit dem Krieg geprägt war, wurden biografische Alltagserfahrungen künstlerisch bearbeitet und so kanalisiert.14 Erwähnen möchte ich hier nur Filme wie die Ballade über einen Soldaten (1959) – der Regisseur Grigori Tschuchrai war ein ehemaliger Frontsoldat – oder Andrej Tarkowskis Film Iwans Kindheit von 1962, der die traumatischen Einwirkungen des Krieges auf Kinder zeigt. Während des »Tauwetters« begann auch in der Sowjetunion – ähnlich wie in Westeuropa – eine vorsichtige Hinwendung zum Holocaust. Der Blick auf die jüdische Bevölkerung als Opfer des Krieges war im politischen Antisemitismus der späten Stalin-Zeit noch undenkbar gewesen. Nun, in den Sechzigerjahren, veröffentlichte Evgenij Evtušenko sein Gedicht Babij Jar, das zur Textgrundlage für Dmitrij Šostakovič 13. Symphonie wurde. Im Unterschied aber zur Entwicklung westlich des Eisernen Vorhangs, blieb es in der Sowjetunion bei diesen vorsichtigen Annäherungen. Als etwa in Kiew erste Diskussionen um ein Denkmal für die Opfer von Babij Jar einsetzten, zog Nikita Chruščëv schnell die Reißleine. »In Babij Jar«, beendete er alle Denkmalspläne, »sind auch Russen umgekommen. Wer noch? Wenn wir uns damit beschäftigen, dann rufen wir einen Konflikt hervor.«15 Diesen Konflikt, der die Auseinandersetzung mit der antisemitischen Politik Stalins und populären Ressentiments bedeutet hätte, vermied die sowjetische Geschichtspolitik bis zur Perestroika. Von Stalin bis hin zur Ära Brežnev ging die Vernichtung der Juden in der allgemeinen Formel von der »Vernichtung friedlicher sowjetischer Bürger« auf. Der Mythos vom »Großen Vaterländischen Krieg« aber erstarrte allmählich in einer monumentalen Denkmals- und Erinnerungskultur, deren Klischees, Rituale, Orden und Sonderrechte für Veteranen persönliche und erst recht widerspenstige Erinnerungen erstickten. »Niemand wird vergessen« und »Erweist Euch der Gefallenen würdig« waren Pathosformeln, die jährlich am 9. Mai vor den gigantischen Gedenkarealen auf dem Mamaew-Hügel in Stalingrad (Wolgograd) oder am Grab des Unbekannten Soldaten in Moskau abgegeben wurden. Die Geschichte der Gewalterinnerung in der Sowjetunion, die vor allem eine Geschichte der mythologisierten Erinnerung an den »Großen Vaterländischen Krieg« war, habe ich hier lediglich in Umrissen skizzieren können. Dabei ging es vor allem darum, am Möglichen zu zeigen, was nicht möglich war. Denn allen Modifikationen zum Trotz, blieben die europäische Dimension und die Kriegsgewalt des Stalinismus aus der kollektiven Erinnerung ausgeschlossen. An dieser Tatsache konnte auch das Erscheinen von Aleksandr Solženicyn Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch im Jahr 1962 nicht wirklich etwas ändern. Gerade weil Solženicyn mit Iwan Denissowitsch einen Soldaten zum Helden gemacht hatte, der nach der deutschen Kriegsgefangenschaft im sowjetischen Gulag gelandet war, hätte eine geschichtspolitische Diskussion des Buches den Kriegsmythos erschüttert. Wenn überhaupt, dann wurde Stalins Terror in der Kritik an der Person und am Personenkult mitverhandelt – eine Aufarbeitung des Stalinismus bedeutete dies nicht. Themen wie die Säuberungen des NKWD in Spanien, die stalinistische Gewalt in Ost- und Südosteuropa, die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik während der Besatzung durch die Rote Armee und die vielfältigen Formen der Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich während des Hitler-Stalin-Paktes blieben bis zum Ende des Kalten Krieges unangetastet. Diese tief verwurzelte Berührungsangst hatte mehrere Ursachen. Auf zwei möchte ich kurz eingehen. Erstens hätte jede, auch jede künstlerische Bearbeitung der Besatzungspolitik, der sexuellen Gewalt und der Säuberungen die politische Legitimation Moskaus in den Satellitenstaaten bedroht. Geschichte und Erinnerung wurden von Stalin, Chruščëv, Brežnev bis hin zu Gorbačëv als existenzielle Gefahren für den Zusammenhalt des sowjetischen Imperiums nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet. Gorbačëvs Weigerung, den Befehl Stalins und seines Politbüros über die Erschießung von 22 000 polnischen Kriegsgefangenen endlich zu veröffentlichen, ist hierfür nur ein beredtes Beispiel. Bis zum Ende seiner Amtszeit sah sich Gorbačëv nicht in der Lage, die so genannten Massenerschießungen von Katyn als Kriegsverbrechen des Stalinismus anzuerkennen. Obwohl selbst Außenminister Eduard Schewardnadse und der Chef des KGB Chruščëv schon im März 1989 unmissverständlich klargemacht hatten, dass »die Zeit in diesem Fall nicht unser Verbündeter« ist und es »möglicherweise [...] angebracht [wäre] zu sagen, was tatsächlich vorgefallen ist und wer konkret dafür verantwortlich war«16, war Gorbačëv ein Jahr später allenfalls dazu bereit, von einer schrecklichen Tat des berüchtigten NKWD-Chefs Lavrentij Berija und seiner Gefolgsleute zu sprechen.17 Eine zweite Ursache für die jahrzehntelange Tabuisierung und große Zurückhaltung, mit der die europäische Dimension des Stalinismus letztendlich offengelegt wurde, ist in den osteuropäischen Satellitenstaaten selbst zu suchen. Auch deren Führer – von Todor Schiwkow in Bulgarien über Jaruzelski in Polen bis hin zu Honecker in der DDR – fürchteten die Erosion der eigenen Macht, wenn darüber diskutiert werden würde, wie ihre Parteien zu dieser gelangt waren. Dabei ging es ebenso um die Auseinandersetzung mit den stalinistischen Repressionen gegenüber der internationalen kommunistischen Bewegung – in den Dreißigerjahren war die Kommunistische Partei Polens nahezu ausgelöscht worden – wie um die gewaltsame Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Abhängigkeit der kommunistischen Parteien von Moskau machte sie zu Apologeten sowjetischer Geschichtsmythen. Die osteuropäische Erinnerung ordnete sich dabei einer »Meistererzählung« unter, die lediglich um die Topoi der Befreiung und des antifaschistischen Widerstandskampfes erweitert wurde. Eine Holocaust-Erinnerung war auch in Osteuropa nicht möglich, zumal sie nicht nur in Ungarn, Rumänien oder Polen an den eigenen Antisemitismus erinnert und aus Opfern Kollaborateure und Täter gemacht hätte. Und dennoch: Die den geschichtspolitischen Mythen des Staatssozialismus widersprechenden Gewalterfahrungen überdauerten. Sie überdauerten in den oft beschworenen Nischen. Die Erinnerung an die sexuelle Gewalt wählte eine verschlüsselte Sprache in Sätzen, die, um vollständig zu sein, nicht beendet werden mussten (»Als dann die Russen kamen.«). Vertreibungs- und Gulagerfahrungen überlebten in Familiengedächtnissen, oder sie wurden als soziales Verhalten vererbt. So berichtet Herta Müller davon, wie sehr die Lagerjahre ihrer Mutter ihr eigenes Leben prägten: Ihren Namen erhält sie von einer in der Haft verstorbenen Freundin der Mutter, und der Satz »Im Lager gab es nichts zu essen.« begleitete die Mahlzeiten ihrer Kindheit.18 Dissidentische Kreise und die Kultur des Samizdat pflegten das Gedenken an die Sowjetisierung Osteuropas und produzierten einen historischen Eigensinn, der über den begrenzten Raum des politischen Widerstandes hinaus wirkte. In Polen etwa hinterließen Andrzej Wajdas frühe Filme Kanal von 1956 und Asche und Diamant von 1958, die das Schicksal der Polen im Zweiten Weltkrieg und die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes vor den Augen der Roten Armee thematisierten, sichtbare Risse im Bild der sowjetischen Befreier. Zu einem zentralen Geschichtstopos der Gegenwehr aber wurden die bereits erwähnten Massenerschießungen polnischer Kriegsgefangener bei Katyn; ein Kriegsverbrechen, dessen besondere Brisanz darin bestand, dass es in der offiziellen, von der Sowjetunion übertragenen Version als ein von den Deutschen verübtes Kriegsverbrechen dargestellt wurde. Dieser Version glaubten in Polen wenige: in der Bevölkerung und selbst in Parteikreisen. Die stete Leugnung der sowjetischen Täterschaft, die von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei wider besseres Wissen mitgetragen wurde, untergrub nicht nur die eigene und die Legitimation Moskaus. Sie führte zur Entstehung einer widerständigen Parallelerinnerung, die sich ihre Gedenkorte, wie die so genannte Katyn-Stelle auf dem Warschauer Powazki-Friedhof schuf. Seit den späten Siebzigerjahren versammelten sich dort jährlich zu Allerheiligen am 1. November zahlreiche Warschauer, um nicht nur der Opfer von Katyn, sondern auch der Toten des Warschauer Aufstandes und nationaler Politiker zu gedenken. »Katyn« war das zentrale Geschichtsthema in der Auflösungsphase der Volksrepublik Polen. Die Forderungen nach der Aufklärung des Verbrechens und einem sowjetischen Schuldbekenntnis wurden so nachdrücklich, dass sich die Jaruzelski-Regierung von der sowjetischen Haltung löste. Im März 1989 erklärte der damalige Regierungssprecher Jerzy Urban, die polnische Regierung sei davon überzeugt, dass das Verbrechen im Frühjahr 1940 vom sowjetischen NKWD verübt worden ist.19 Dieser Schritt, der nur als verzweifelter Versuch des eigenen Machterhalts und zur Ruhigstellung der Bevölkerung interpretiert werden kann, kollidierte mit dem Widerwillen Gorbačëvs, sich der europäischen Dimension des Stalinismus zu stellen. Kein Ort. Westeuropa Lassen Sie mich nun nach Westeuropa blicken. Hier entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rechts-, Markt-, und allmählich auch eine politische Gemeinschaft, die sich Europäische Union nannte. Ihre identitätsstiftende Erinnerung basiert heute auf der historischen Grunderfahrung des Holocaust. Der Holocaust ist der historische Referenzpunkt der westeuropäischen Selbstverständigung; ein appellativer Erinnerungsort, der einen Gegenwartsauftrag enthält und eine Zukunft verspricht: Vor der Wiederholung der Geschichte schützt nur die permanente Erinnerung. Wo aber blieb die Gewalt des Stalinismus? In einer bemerkenswerten Parallelität zu Osteuropa dominierte auch in Westeuropa eine Stalinismus-Erinnerung, die meist auf die innersowjetische Dimension des Terrors beschränkt blieb. Stalins Repressionen und seine Vernichtungspolitik wurden nicht vergessen, solange sie als Problem der sowjetischen Diktatur- und Kommunismuserfahrung betrachtet werden konnten. Um dies zu illustrieren, kann ich hier stellvertretend nur zwei Werke nennen, die die Stalinismus-Erinnerung in Westeuropa jedoch geprägt haben: Zum einen Arthur Koestlers Roman Sonnenfinsternis und zum anderen Alexander Solženicyns Archipel Gulag. Koestlers Sonnenfinsternis, ein Roman, der seit seinem Erscheinen im Jahr 1940 – zur Zeit des Bündnisses zwischen Hitler und Stalin – ein internationaler Bestseller ist, beschreibt die beklemmende Atmosphäre der Moskauer Schauprozesse gegen die alten Bolschewiki. In der Hauptperson des Romans, dem ehemaligen Volkskommissar Rubaschow, verarbeitet Koestler die Biografien der in Ungnade gefallenen alten Lenin-Mitstreiter Karl Radek, Nikolaj Bucharin und Leo Trotzki, die allesamt den Säuberungen zum Opfer fielen. Sonnenfinsternis ist ein Buch über die allmähliche Verdunkelung der Sowjetunion, nicht die Europas. Dieser Befund trifft auch auf Alexander Solženicyn Epos über den Archipel Gulag zu. Das im Dezember 1973 in russischer Sprache erstmals in Paris veröffentlichte Werk, das zu den einflussreichsten Büchern über die Geschichte des 20. Jahrhunderts gehört, entlarvt das stalinistische Justiz- und Lagerwesen innerhalb der Sowjetunion. Der Terror außerhalb der Landesgrenzen blieb auch bei Solženicyn ausgespart. In Westeuropa fristete die Erinnerung an Stalins Kriegsverbrechen und die Vertreibungspolitik – auch dies ist wieder eine bemerkenswerte Parallele zu Osteuropa – allenfalls ein Nischendasein, wie ich Ihnen eingangs etwas anekdotisch zeigen wollte. Stalins Terror war, wenn überhaupt, aufgehoben in der persönlichen oder familiären Erinnerung, auch hier meist in einer kodifizierten Sprache. Weitaus stärker aber ersetzte der Wille zum Wiederaufbau und zur Anpassung an die Nachkriegsgesellschaften für Vertriebene, für die Opfer der Massenvergewaltigungen und für die aus den NKWD-Sonderlagern Entlassenen die Auseinandersetzung mit der erfahrenen Gewalt.20 Die Nischen, die im Kalten Krieg existierten, waren weniger der Gewalterinnerung, als vielmehr der Verarbeitung einer Verlusterfahrung vorbehalten. Organisationen wie der Bund der Vertriebenen thematisierten diesen Heimatverlust und verschrieben sich der exterritorialen Pflege einer regionalen Identität und Tradition. Darüber hinaus bestimmten Forderungen nach Entschädigung, die das durchlebte Leid und den Verlust wenigstens materiell anerkennen und ausgleichen sollten, die Arbeit der Verbände. Auch die 1950 gegründete »Vereinigung der Opfer des Stalinismus«, die Interessenvertretung der aus den sowjetischen Speziallagern entlassenen Häftlinge, kümmerte sich vor allem um praktische Fragen der Rehabilitation und materiellen Entlastung. Der geschichtspolitischen Abwehr des stalinistischen Terrors kamen diese Überlebensstrategien von Anpassung, Traditionspflege und Lastenausgleich entgegen. Gerade von der Geschichtspolitik der Bundesrepublik wurde die Gewalt des Stalinismus, wie die Historikerin Bettina Greiner unlängst beschrieben hat, lange Zeit verdrängt. Sie konnte überhaupt erst nach dem Ende des Kalten Krieges thematisiert werden. Und selbst »sechs Jahrzehnte nach Kriegsende«, konstatiert Greiner, »ist der Terror des sowjetischen Lagersystems in erinnerungskultureller Hinsicht noch immer ein randständiges Thema.«21 In den ideologischen Kraftfeldern des Kalten Krieges agierten die Vertriebenenverbände und Interessenvertretungen der Opfer des Stalinismus nie unpolitisch. Ihre Rhetorik und ihr Handeln waren gekennzeichnet von einem radikalen Antikommunismus, der nur am rechtspolitischen oder sogar rechtsextremen Rand zu verorten war. Im Zuge der in den späten Sechzigerjahren einsetzenden Auseinandersetzung mit dem Holocaust und den nationalsozialistischen Verbrechen gingen die Erinnerungen an die Flucht, die Vertreibungen und die Gewalt der sowjetischen Befreiung zudem mit einem politischen Revanchismus einher, von dem sich die bundesdeutsche Geschichtspolitik klar abzugrenzen hatte. In der Tat dienten Vertriebenenverbände und Organisationen wie der rechtsextreme sudetendeutsche Witikobund als Auffangbecken für ehemalige NS-Funktionäre aus den Ostgebieten, die unverblümt auf einer Grenzrevision bestanden und die Verbrechen des Dritten Reiches relativierten. Dass die Gewalt des Stalinismus vom Geschichtsrevisionismus des rechten Randes instrumentalisiert worden ist, hat den erinnerungskulturellen Umgang mit ihr erheblich erschwert. Das »Überleben am rechten Rand« ist eine Ursache für die Verdrängung des Stalinismus aus der westeuropäischen Weltkriegserinnerung. Ich möchte ihnen dies nochmals am Umgang mit den Massenerschießungen von Katyn zeigen, den ich gerade in einem größeren Buchprojekt untersuche. Im Kalten Krieg wurden die Massenerschießungen von rechtsextremen Gruppen und jenen thematisiert, die mit dem Hinweis auf das stalinistische Kriegsverbrechen den Vernichtungskrieg des Dritten Reiches relativierten. Für viele deutsche Kriegsteilnehmer war Katyn die Gelegenheit, die Ehre von Vaterland und Wehrmacht wiederherzustellen. Die Briefe ehemaliger Soldaten, die den Katyn-Untersuchungsausschuss des US-amerikanischen Kongress während seines Aufenthaltes in der Bundesrepublik 1952 erreichten, geben darüber Auskunft. Dort hieß es unter anderem: «Wenn ich mein Geheimnis freigebe, so diene ich damit der Aufklärung eines schweren Verbrechens, der Bloßstellung der Sowjetunion als Lügner und Märchenerzähler […] Ich diene ferner meinem deutschen Vaterlande bei der Wiederherstellung seiner Ehre und meinen gefallenen Kameraden, denen die Sowjetunion ein schweres Verbrechen angedichtet hat.«22 In den Achtzigerjahren, als Katyn im Zuge der Solidarność-Bewegung zu einem öffentlichen Geschichtsthema in Polen wurde, nutzten rechtsextreme Autoren die Gelegenheit für ihre Abrechnung mit der bundesrepublikanischen Weltkriegserinnerung. 1986 erschien in dem für seinen militanten Geschichtsrevisionismus bekannten Verlag Vowinckel das Buch Die Wahrheit über Katyn. Der Massenmord an polnischen Offizieren. Nur mit dem üblichen »Aber« wehrte der Autor Hendrik van Bergh den Relativierungsvorwurf ab. »Um von vornherein klarzustellen«, so van Bergh in der Einleitung, »diese Untersuchung ist kein Versuch, Kriegsverbrechen gegeneinander aufzurechnen. [...] Aber es muss auch gestattet sein festzustellen, dass nicht nur die Deutschen ›an allem schuld sind‹.«23 Die Instrumentalisierung stalinistischer Verbrechen durch rechtsextreme Gruppen berechtigte den Vorwurf des politischen Revanchismus. Gleichzeitig jedoch wurde dieser Vorwurf zum Pawlow’schen Reflex auf der »anderen«, der linken Seite der Kalten-Kriegs-Rhetorik. Während die europäische Linke, insbesondere in Frankreich, auf Bücher wie Koestlers Sonnenfinsternis oder Solženicyns Archipel Gulag noch mit großen Debatten und heftigem Widerstand reagierte, wurde das Thema der sowjetischen Kriegsverbrechen von vornherein mit dem Revanchismus-Vorwurf abgeschmettert. Als der US-amerikanische Katyn-Untersuchungsausschuss Anfang der Fünfzigerjahre seine Arbeit aufnahm, überzog eine immense Propagandakampagne die kommunistische Presse im Osten ebenso wie im Westen. In der Bundesrepublik verteilte die KPD in der DDR gedruckte Blätter mit dem sowjetischen Burdenko-Bericht, der die deutsche Schuld an den Erschießungen zu beweisen suchte.24 Massenexekutionen, die die Gestapo bei Kriegsende in Deutschland, u. a. im Romberg Park in Dortmund vorgenommen hatte, wurden als »Katyn auf deutschem Boden« dargestellt. »Bis auf die letzten Einzelheiten«, hieß es in der Broschüre Romberg-Park – ein Katyn in Deutschland, »gleichen sich diese beiden faschistischen Verbrechen. […] Die amerikanischen Imperialisten und ihre Verbündeten, die deutschen Monopolkapitalisten, rüsten zu einem neuen Marsch nach dem Ural. […] Deshalb lassen die amerikanischen Imperialisten die Goebbelssche Hetze gegen die Sowjetunion wieder aufleben, deshalb erfolgt die Rehabilitierung der Kriegsverbrecher und das Reinwaschen der faschistischen Mörder.«25 Im Kalten Krieg war die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus zwischen der Relativierungsabsicht der Rechten und dem Relativierungsvorwurf der Linken verfangen. Darüber hinaus war sie definiert von einer Hierarchie der Gewalt und Gewalterinnerung. Der Umgang mit dem Stalinismus, der rechten Gruppen, osteuropäischen Emigranten und den sogenannten Renegaten überlassen war, wurde oft als Angriff auf die Singularität des Holocaust verstanden. Ich komme an dieser Stelle nicht umhin, auf den Historikerstreit der späten Achtzigerjahre zu verweisen; eine geschichtspolitische Debatte, der die Frage nach der Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus zugrunde lag. Denjenigen, die, wie etwa Joachim Fest die Vergleichbarkeit beider Diktaturen befürworteten, wurde von jenen, die sie, wie etwa Jürgen Habermas oder Wolfgang Wippermann grundsätzlich ablehnten, wiederum eine Relativierungsabsicht und Infragestellung der Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen unterstellt. Die Hierarchisierung der Gewalt, die den Holocaust als »Verbrechen aller Verbrechen« festlegte, war jedem historischen Diktaturvergleich eingeschrieben. Sie ging ihm voraus. Der Vergleich zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus war nur unter dem Diktum dieser Singularität möglich; ein Diktum, das sich im Vergleichen selbst bestätigte. Bei allen hervorragenden Studien, die der historische Diktaturenvergleich in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, ist diese Bedingung des Vergleichs zu seinem Problem geworden. Sie reproduziert eine Gewalthierarchie, die die historische Methode oft nicht intendiert, aber nahezu unausweichlich in eine heuristische Leere entlässt. Denn wenn der Nationalsozialismus das »Böse an sich« war, dann konnte der Stalinismus nicht ebenso böse oder gar böser sein. Diese Hierarchie prägte die Stalinismus-Erinnerung im westlichen Europa des Kalten Krieges. Sie ließ Stalins Verbrechen stets weniger extrem erscheinen, einerseits weil sie, wie etwa Hannah Arendt begründete, in ihrer moralischen Legitimation altmodischer waren. Im Unterschied zum Nationalsozialismus, so argumentierte Arendt, habe der Stalinismus nicht den totalen Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen benötigt. Stalin verhielt sich wie ein gewöhnlicher Verbrecher, der seine Taten niemals zugeben konnte, sie aber auf der Grundlage eines traditionellen Wertekanons heuchlerisch rechtfertigte. Der Nationalsozialismus, der stattdessen keiner moralischen Norm bedurfte, konnte auf diese Heuchelei verzichten. Das Nazi-Regime war, wie Arendt schrieb, »moralisch, nicht gesellschaftlich, extremer als das Stalin-Regime in seiner schlimmsten Gestalt. […] Von einem streng moralischen Standpunkt aus waren Stalins Verbrechen sozusagen altmodisch.«26 Aber auch die umgekehrte Begründung war möglich. Die so genannte revisionistische Sowjetforschung, die in den Siebzigerjahren vor allem in den USA entstand, hielt Stalins Verbrechen für weniger extrem, nicht weil sie auf einer altmodischen Moral, sondern auf einem moralischen Radikalismus und einer »Umwertung aller Werte« gründeten.27 Der Glaube an den egalitären Entwurf einer kommunistischen Gesellschaft und an die Utopie des neuen Menschen bedingte diese Umwertung, die den Terror in Gang setzte. Die Utopie war seine Legitimation. Beide Erklärungsmuster, die ich hier in aller Kürze und extrapoliert gegenübergestellt habe, betrachteten die Gewalt des Stalinismus nicht als das »Böse an sich«. Sie war entweder der Kollateralschaden einer radikalen Modernisierung und Gesellschaftsutopie oder eben die Folgeerscheinung einer gelegentlich auch kulturalistisch begründeten Rückständigkeit und Tradition. Kein Ort. Europa Osteuropa ist tot. Mit diesem Satz hat der Berliner Historiker Jörg Baberowski in den Neunzigerjahren eine heftige Diskussion über den Platz der osteuropäischen Geschichte und der Osteuropaforschung nach dem Ende des Kalten Krieges ausgelöst.28 Baberowski, der dem Fach eine jahrzehntelang kultivierte Selbstisolation und einen methodischen Provinzialimus vorwarf, plädierte für die Überwindung eingeübter politisch-ideologischer Denkmuster. Erst wenn die Osteuropaforschung, so seine Hoffnung, ihre bequeme Nabelschau beende, könne auch ihr Gegenstand, die Osteuropageschichte, in einer nach Epochen und Methoden differenzierten europäischen Geschichte aufgehen. Die künstliche Teilung durch den Eisernen Vorhang wäre von einer derartig strukturierten europäischen Geschichtsschreibung dann lediglich noch zu historisieren. Es ist nicht nur die Finanzkrise, die seit einigen Jahren erahnen lässt, dass auch Westeuropa tot sein könnte. (Und wem tot zu hart klingt, kann gern vergangen denken.) Im Unterschied zu dem durch das Ende der Sowjetunion und die folgenden Nationalstaatsgründungen sichtbaren Ende Osteuropas, vollzieht sich die Erosion Westeuropas weitaus subtiler. Zweiundzwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind Ost- und Westeuropa als politisch-ideologische Einheiten vergangen. Ihre Geschichte erscheint wieder ungebändigt; alte Gewissheiten und Relativierungsrhetoriken lösen ein Unbehagen aus, und die Koordinatensysteme der Erinnerung scheinen verschoben. Sie stoßen aufeinander und lassen sich nicht mehr nach den Regeln der Kalten-Kriegs-Ideologie sortieren. Die verstörenden Gewalterinnerungen Europas produzieren stattdessen Geschichts- und Opferkonkurrenzen, die zum erinnerungskulturellen Konflikt einer politisch proklamierten europäischen Gesellschaft geworden sind. Nun gibt es sicher verschiedene Möglichkeiten, diesem Konflikt zu begegnen. In ihrem Eröffnungsvortrag hat Ulrike Jureit von dem gegenwärtig praktizierten Versuch berichtet, die europäischen Geschichtskämpfe mit einem Ausgleich an Gedenktagen und Erinnerungsgesetzen zu befrieden. Aus diesem Grund folgten auf die Stockholmer Erklärung, den Holocaust als zentralen Bezugspunkt der europäischen Erinnerung festzuschreiben, die Zugeständnisse an die neuen osteuropäischen Mitglieder, den Opfern des Hitler-Stalin-Paktes zu gedenken. Ob der Versuch den partikularen Gewalterfahrungen und Opferidentitäten mit einem Mehr an Gedenktagen gerecht zu werden, gelingen kann, darf bezweifelt werden. Womöglich vertieft er nur jene Erstarrung im Ritual, die Ulrike Jureit bereits für die bundesdeutsche Erinnerungskultur konstatiert hat. Eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und den Verstörungen der europäischen Gewaltgeschichte bedeutet die Installation von Gedenktagen jedenfalls nicht. Die Auslagerung der Geschichte in Symbole und Rituale scheint vielmehr ein Versuch zu sein, die Konflikte – denken Sie nur an Musils Skepsis gegenüber den Denkmälern – unsichtbar zu machen. Geschichte aber muss, wie der Historiker Stefan Troebst unlängst forderte, wehtun, um Wirkung zu erzielen.29 Ein Mehr an Gedenken steht der Anerkennung jener »Wechselrahmen« der Erinnerung im Wege, die Maurice Halbwachs jedem Gedächtnis eingeschrieben hat. Erinnerungen ändern sich, so der Soziologe Halbwachs, in dem Maße, in dem sich ihre Gegenwart und ihre Akteure – ihre Rahmung – ändern. Die Anerkennung dieser »Wechselrahmen« ist eine Voraussetzung, um den konkurrierenden Geschichten und Erinnerungen zu begegnen. Und sie ist, zweitens, eine Voraussetzung für die Historisierung der Gewalterinnerung im Kalten Krieg, ohne Furcht vor einer Relativierung dessen, was in den letzten Jahrzehnten zum Geschichtskonsens geworden ist. Bei diesem Geschichtskonsens handelt es sich ja gerade nicht um ein deliberate mismemory, also ein bewusst falsches Gedächtnis, von dem Tony Judt in seinem Buch über Europa nach 1945 schreibt.30 Es war eine Erinnerungskultur, die der Epoche des Kalten Krieges entsprach. Ein »europäisches Gedächtnis« erfordert die Auseinandersetzung mit der europäischen Dimension stalinistischer Gewalt und deren Abwesenheit in der Erinnerungskultur des Kalten Krieges. Damit ist nur bedingt die Wiederaufnahme jener alten, aber nicht veralteten Diskussion verbunden, ob Russland und die Sowjetunion nun zu Europa gehören.31 Mein Plädoyer für die Aufnahme der stalinistischen Gewaltgeschichte in die Erinnerungskultur Europas allein mit dem Hinweis auf eine geografische und historisch-kulturelle Zugehörigkeit zu begründen, wäre unzureichend. Mir ging es vielmehr darum zu zeigen, dass der Stalinismus Teil eines europäischen Gedächtnisses ist, weil seine Gewalt hier stattfand. Die Gewalt des Stalinismus prägte die Geschichte und auch die Erinnerungskultur des Kontinents, in Osteuropa und in Westeuropa. Die europäische Dimension des Stalinismus, die Aufarbeitung stalinistischer Kriegsverbrechen und sein Einfluss auf die ideologischen Grabenkämpfe des Kalten Krieges sind in weiten Teilen noch Forschungsdesiderata, die einerseits mit dem schwierigen Archivzugang erklärt werden können, andererseits aber auch mit einem Zögern vor den Verstörungen der Geschichte zu erklären sind. Die eigentliche Herausforderung für eine europäische Erinnerungskultur besteht darin, die historischen Verflechtungen des 20. Jahrhunderts in einer Darstellung der Widersprüche zuzulassen. Es ist eine Darstellung von Widersprüchen, wie sie uns im Leben und im literarischen Werk von Herta Müller und Oskar Pastior begegnen. Das Leben in Gewaltgesellschaften ist eine nervöse Gratwanderung, bei der eine geringe Gewichtsveränderung fatale Folgen haben kann. Es ist eine schwierige Unternehmung, diese Gratwanderung, die für das Überleben notwendige Balance, historisch zu rekonstruieren und in der Erinnerung zuzulassen. Beides ist umso schwerer, da die Nachgeborenen den Ausgang der Geschichte kennen. Wir haben uns angewöhnt, die Lage der Zeitgenossen ob ihrer Unwissenheit über das Ende oft als tragisch zu bezeichnen. Im Gegensatz dazu nennen wir den Blick der Historiker ob ihres Wissens um den Ausgang privilegiert. Ich bin mir nicht sicher, ob das so ist und ob man das Ganze nicht auch umdrehen könnte. Die Sorgfalt und Genauigkeit der historischen Profession akzeptiert die Tragik des Wissenden. Unser vermeintliches Privileg ist trügerisch, wenn wir die Möglichkeiten menschlichen Lebens zu schnell vom Ende her lesen. Das Leben in der Gewalt ist eine Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens. Es kann keine gewünschte sein, aber es ist eine historische und an einigen Orten gegenwärtige Möglichkeit. Es ist ein verstörendes Da-Sein, dem sich Historiker, Schriftsteller und Geschichtspolitiker nähern. Ob aus dieser Annäherung eine europäische Erinnerungskultur entstehen kann, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich bin mir durchaus nicht sicher, ob Europa jemals ein europäisches Gedächtnis produzieren wird, das die »Kopräsenz des Disparaten« mit erinnert. Dass sie wahrgenommen wird, kann sicher nicht genügen. Vielen Dank! 1* Die Autorin hat den im Folgenden abgedruckten Vortrag am 4. April 2011 im Rahmen der Vortragsreihe »InstitutsMontag: 24. Reihe: Wem gehört der Holocaust? Deutungskonflikte im globalen Zeitalter« am Hamburger Institut für Sozialforschung gehalten. 1 Erich Kendi: Minderheitenschutz in Rumänien, München 1992, S. 44. 2 Ebd., S. 29 f. Das Protokoll basierte auf dem Zweiten Wiener Schiedsspruch. Mit den Wiener Schiedssprüchen wurde die Revision der im Vertrag von Trianon festgelegten Grenzen Ungarns vorgenommen. Der zweite Schiedsspruch erzwang von Rumänien den Abtritt Siebenbürgens an Ungarn. 3 Siehe Zeitgeschichte online. Fachportal für die Zeitgeschichte, www.zeitgeschichte-online.de, ges. am 26. Februar 2011. 4 Zu den Zahlenangaben und der Ereignisgeschichte siehe ebd. 5 Herta Müller: Atemschaukel, München 2009, S. 7. 6 »Die Waffe Poesie«, in: Der Spiegel 42/2009, S. 146–149, hier S. 147. 7 »Fanal gegen den Furor des Vertuschens«, www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,654044,00.html, ges. am 26. Februar 2011. Thomas Steinfeld: Der Hunger – nur er frisst immer weiter, vom 8. Oktober 2009, in: www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-nobelpreis-der-hunger-nur-er-frisst-immer-weiter-1.34377, ges. 26. Februar 2011. 8 Siehe u. a. Ronald Radosh/Mary R. Habeck/Grigory Sevostianov (Hg.): Spain Betrayed. The Soviet Union in the Spanish Civil War, New Haven, London 2001; Frank Schauff: Der verspielte Sieg. Sowjetunion, Kommunistische Internationale und Spanischer Bürgerkrieg 1936–1939, Frankfurt/M. 2004. 9 »Als wäre er der größte Spitzel«, in: Frankfurter Rundschau vom 10. Dezember 2010. Die Verpflichtungserklärung entstammte der Zeit zwischen der Lagerhaft und Ausreise in die Bundesrepublik 1969. 10 Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008. 11 Ebd., S. 23. 12 Robert Musil: Nachlass zu Lebenszeiten, 1927. 13 Irina Scherbakowa: Zerrissene Erinnerung. Der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland, Göttingen 2010, S. 14. 14 Ebd., S. 25. 15 Ebd., S. 26. 16 Victor Zaslavsky: Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn, Berlin 2007, S. 100. 17 Siehe Nachrichtenerklärung von TASS am 13. April 1990. Eigene Übersetzung aus: Anna M. Ciencala/Wojciech Materski/Natalja S. Lebedeva (Hg.): Katyn. A Crime without Punishment, New Haven 2007, S. 344 f. Am 14. April 1990 in Pravda erschienen. 18 »Die Waffe Poesie« (Anm. 6), S. 147. 19 Zaslavsky: Klassensäuberung (Anm. 16), S. 98. 20 Heimatfilme wie die Mädels vom Immenhof (1954) oder Grün ist die Heide (1951) setzten sich nicht mit dem Schrecken und der Schuld der Vergangenheit auseinander, sondern präsentierten einen »beschönigenden Integrationskitsch« (Peter Stenner), der die Gewalterfahrungen ausblendete. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2008, S. 269 ff. 21 Bettina Greiner: Verdrängter Terror. Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland, Hamburg 2010, S. 21. 22 NARA, Records of the U.S. House of Representatives, Record Group 233, Committee Papers, Box 3, Folder: German letters answered. Brief von »Fritz 060912« über das Auswärtige Amt an das US-Repräsentantenhaus vom 5. Oktober 1951. 23 Hendrik van Bergh: Die Wahrheit über Katyn. Der Massenmord an polnischen Offizieren, Berg am See 1986, S. 14. 24 So z. B. die Broschüre: Die Wahrheit über das faschistische Verbrechen von Katyn, hg. von PV der KPD, Hagen 1952. Der sogenannte Burdenko-Bericht war der offizielle Bericht einer sowjetischen Untersuchungskommission, die unter der Leitung des renommierten Neurochirurgen Nikolaj N. Burdenko im Januar 1944 Exhumierungen an den Massengräbern durchgeführt hatte. 25 Romberg-Park – Ein Katyn in Deutschland, hg. vom Hinterbliebenen- und Mitgefangenenausschuss in Dortmund 1952. 26 In ihrer 1965 an der New School for Social Research in New York gehaltenen Vorlesung »Some Questions of Moral Philosophy«. Hannah Arendt: Über das Böse. Eine Vorlesung zur Fragen der Ethik, München 2006, S. 14 f. 27 Siehe Sheila Fitzpatrick: Revisionism in Soviet History, in: History and Theory 46 (December 2007), S. 77–91; dies.: Revisionism in Retrospect: A Personal View, in: Slavic Review 67 (Fall 2008), H. 3, S. 682–704. 28 Eine Zusammenfassung der Kontroverse mit den Artikeln von Jörg Baberowski u. a. bei Stefan Creuzberger (Hg.): Wohin steuert die Osteuropaforschung? Eine Diskussion, Köln 2000. 29 »Eine schmerzhafte Wunde«. Interview mit Stefan Troebst, in: Süddeutsche Online, http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-hitler-stalin-pakt-eine-schmerzhafte-wunde-1.169255, ges. am 28. März 2011. 30 Tony Judt: Postwar. A History of Europe since 1945, London 2005 (dt. Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006). 31 Die Verortung Russlands und der Sowjetunion in der europäischen Geschichte war lange vor dem 20. Jahrhundert ein herausforderndes Unterfangen, das in intellektuellen Strömungen wie der der »Westler« und der »Slawophilen« seine Entsprechung fand.

JHK 2012

Der Eurokommunismus und seine Rezeption durch die SED (1968–1976)

Francesco Di Palma

Der vorliegende Aufsatz behandelt die Interpretation und Rezeption des Eurokommunismus durch die SED von 1968 bis Mitte der Siebzigerjahre. In dieser Zeit nahm die Lehre des Eurokommunismus, durch mehrere westeuropäische kommunistische Parteien vertreten und propagiert, Gestalt an. Jedoch war die ideologische und politische Basis schon früher – spätestens seit Palmiro Togliatti – gelegt worden. Das Jahr 1968, das hier als prägende und folgenträchtigste Zäsur gedeutet wird, markiert den Anfangspunkt einer sensiblen Veränderung in den Beziehungen der SED zu ihren Bruderparteien in Westeuropa, auf die das spätere Aufkommen des Eurokommunismus – mit seinen Grundprinzipien, wichtigsten Persönlichkeiten und Zukunftsvisionen – unweigerlich einen beachtlichen Einfluss nehmen konnte. Der Terminus »Eurokommunismus« zeichnete sich von Anfang an durch einen ausgeprägt polymorphen Charakter aus. Die Bezeichung galt eine Zeit lang als so unkonkret, dass viele westeuropäische kommunistische Parteien die »neue« Doktrin zunächst ablehnten oder als reine journalistische Erfindung ohne jeglichen politischen Gehalt abwerteten. In der Tat, wenn von Eurokommunismus die Rede ist, würde man automatisch eine in ihren Reihen geschlossene, ideologisch einheitliche Gemeinschaft von in Europa agierenden kommunistischen Organisationen dahinter vermuten. Dies war lange Zeit – zumindest bis Anfang der Siebzigerjahre – nicht der Fall. Die SED, gleich ihren osteuropäischen Verbündeten, verwarf den Eurokommunismus seit seiner Entstehung und bis zum Zusammenbruch des »Realsozialismus« 1989/90 als unakzeptable Weiterentwicklung der marxistisch-leninistischen Theorie. Betrachtet man den Umgang der SED mit der genannten abweichenden Doktrin strikt auf der Ebene der Theorie, so erscheint der Grundton ihrer Definitionen und Interpretationen des Eurokommunismus, welche sich im Laufe der Jahre kaum veränderten, regelrecht vernichtend. Kann man also überhaupt von einer Rezeption des Eurokommunismus durch die SED sprechen? Vollzogen sich konstruktive Auseinandersetzungen bzw. fand ein beständiger Austausch zwischen eurokommunistischen Repräsentanten und SED-Mitgliedern statt, und wenn ja, in welchem Rahmen? Die Beantwortung dieser Fragen, welche hier der gebotenen Kürze wegen nur exemplarisch erfolgen kann, muss im Rahmen der Darstellung der SED-Außenpolitik zum westeuropäischen Sozialismus vorgenommen werden. Zuvor gilt es aber zu betonen, dass reformkommunistische bzw. eurokommunistische Bestrebungen und Ansätze weder Widerhall noch Ausbreitung in der SED finden konnten, geschweige denn waren sie imstande, die bewährten Handlungs- und Steuerungskoordinaten im komplexen SED-Parteiapparat zu beeinflussen. Nichtsdestotrotz unterhielt die SED gewichtige wirtschaftliche und politisch-strategische Beziehungen zu Vertretern des Eurokommunismus. Dies war möglich, weil sie – trotz der offensichtlichen ideologischen Differenzen – auf die Zusammenarbeit mit derart Andersdenkenden angewiesen war, umso mehr nach der diplomatischen Anerkennung der DDR Anfang der Siebzigerjahre. Dieser Aufsatz skizziert die Auseinandersetzung der SED mit den »Eurokommunismen« Westeuropas im Lichte ihrer Beziehungen zu den jeweiligen Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs von 1968 bis zur Berliner Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas in Ost-Berlin 1976. Zum Begriff »Eurokommunismus« Der Sammelbegriff »Eurokommunismus« wurde durch den jugoslawischen Journalisten Frane Barbieri geprägt und erstmals offiziell in einer Ausgabe der Mailänder Zeitung Giornale Nuovo im Juni 1975 benutzt.1 Dabei wollte Barbieri die Praxis einiger westeuropäischer kommunistischer Parteien hervorheben. Durch einen allmählich verlaufenden Verselbstständigungsprozess schienen sich diese von der Moskauer Führung und damit vom dogmatischen Marxismus-Leninismus abzuwenden.2 Der umstrittene Terminus sei jedoch keineswegs bedenkenlos anwendbar, so die damalige Meinung einiger zeitgenössischer Beobachter. Zum einen verweise das Präfix »Euro« auf eine kontinentale Festlegung und lasse damit mehrere außereuropäische kommunistische Parteien (KP) mit durchaus ähnlichen Merkmalen unberücksichtigt.3 Zum anderen sei die Form im Singular irreführend und suggeriere ein Moskau entgegengesetztes, innereuropäisches Zentrum mit politischer und ideologischer Führungsfunktion. Dies entsprach aber offensichtlich nicht der Realität und dem Hauptgrundsatz des Eurokommunismus – Betonung des jeweils nationalen Weges einer jeden KP –, wie seine wohl wichtigsten Vertreter Enrico Berlinguer (Partito Comunista Italiano, PCI), Santiago Carrillo (Partido Comunista de España, PCE) und Georges Marchais (Parti Communiste Français, PCF) wiederholt kritisierten.4 Die SED und der Reformkommunismus (1968–1973) Das Jahr 1968 stellte mit seinen tiefgreifenden Umbrüchen und damit verbundenen nachhaltig wirkenden Veränderungen eine Zäsur dar, die in der Geschichte des internationalen Kommunismus nur mit wenigen ähnlich folgenschweren Einschnitten der Nachkriegszeit – wie dem Jahr 1956 oder den Jahren 1989 bis 1991 – vergleichbar ist. Sie machte programmatische und theoretische Differenzen im weltweiten (insbesondere aber im europäischen) Kommunismus deutlich, trieb sie auf die Spitze und leitete schließlich einen Prozess des ideologischen Abdriftens vom Moskauer Alleinvertretungsanspruchs ein, welcher Mitte der Siebzigerjahre seinen Höhepunkt erreichen sollte. Das Verhältnis der SED zu den kommunistischen Organisationen Westeuropas war bis zur Niederschlagung des Prager Frühlings relativ stabil und reibungslos gewesen. Allerdings hatte der Generalsekretär des PCI, Palmiro Togliatti, die Polyzentrismus-These schon über ein Jahrzehnt zuvor präsentiert und hiermit für Furore gesorgt, als er die klassische »manichäisch-dichotome« kommunistische Weltsicht infrage gestellt und für »Einheit in der Vielfalt« bzw. für einen nationalen Weg zum Sozialismus plädiert hatte.5 Dieses Gesuch, dem auf dem XX. Parteitag der KPdSU nicht stattgegeben und das durch die osteuropäische kommunistische Gemeinschaft scharf kritisiert wurde, konnte der dort kompromisslos bestätigten, mit geballtem Nachdruck erneut propagierten bipolaren Weltordnung und der davon herrührenden Logik der Blöcke lange Zeit nichts anhaben.6 Dies sollte vor allem anlässlich der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 deutlich werden. Die Kommunistische Partei Frankreichs verurteilte z. B. vorübergehend die Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes, nahm aber jegliche Kritik nur Monate später vorbehaltlos zurück.7 Anders reagierten u. a. die kommunistischen Parteien Italiens und Spaniens – Letztere aus dem Exil –, welche an der Gewaltanwendung in der Tschechoslowakei öffentlich Anstoß nahmen und diese auch propagandistisch aufs Schärfste verurteilten.8 Die Reaktion anderer nur teilweise reformkommunistischer Parteien, wie die Großbritanniens (Communist Party of Great Britain, CPGB) und Griechenlands (Kommounistikó Kómma Elládas, KKE – aus dem rumänischen Exil), bei denen der Eurokommunismus auch später keine herausragende Rolle spielen sollte, war zwiespältig und Ergebnis der starken internen Meinungsverschiedenheiten, die in beiden Organisationen schon seit Anfang der Sechzigerjahre bestanden. Offiziell duldeten sie zwar den Vorstoß in der Tschechoslowakei, die erhitzten Diskussionen hierüber vertieften jedoch nachhaltig den schon ausgeprägten Graben zwischen Konservativen (auch Traditionalisten genannt) und Erneuerern (auch Gramscianer genannt).9 Das Verhältnis der SED zum PCE in der Zeit der Niederschlagung des Prager Frühlings – das im Folgenden knapp umrissen werden soll – ist insofern bezeichnend, als es exemplarisch darlegt, wie die Ost-Berliner Machthaber mit Reformkommunisten noch vor der »Hochzeit« des Eurokommunismus umzugehen pflegten. Die spanischen Kommunisten, deren Partei im Heimatland verboten war, unterhielten in der DDR mehrere Kaderschulen. Die SED offerierte den PCE-Mitgliedern und deren Familien nicht nur logistische, sondern auch finanzielle Hilfe und sorgte damit dafür, dass diese handlungsfähig bleiben konnten.10 Durch die Intervention in der ČSSR unter Führung der Sowjetunion und die darauf gemünzte aus mehreren westeuropäischen Bruderparteien hagelnde Kritik änderte sich das Verhältnis der SED zum PCE schlagartig. Berlin missbilligte die Stellungnahme des PCE-Vorstands aufs Äußerste und förderte die bereits begonnene interne Spaltung in Reformkommunisten (um Santiago Carrillo) und Prosowjets (um Enrique Líster).11 Der Konflikt zwischen dem Mehrheitsvorstand des PCE und der SED über die Prager Frage sollte noch bis Anfang der Siebzigerjahre andauern, als Letztere im Einvernehmen mit der KPdSU die Unterstützung der prosowjetischen Fraktion offiziell aufgab.12 Die Auswirkungen des Jahres 1968 waren also an Bedeutung kaum zu überschätzen und veränderten die europäische kommunistische Gemeinschaft zusehends. Dabei spielte zweifelsohne auch das Aufkommen des Eurokommunismus in den frühen Siebzigerjahren eine nicht minder entscheidende Rolle. Doch wurde nicht jede KP Westeuropas von ihm erfasst oder grundlegend beeinflusst. Die stalinistische portugiesische (Partido Comunista Português, PCP), die traditionell moskauhörige finnische (Suomen Kommunistinen Puolue, SKP) und die westdeutsche KP (DKP) etwa – die als westliches Sprachrohr der SED agierte – blieben von reformerischen Ansätzen völlig unberührt. Andere, wie der PCF, »liebäugelten« meist aus elektoralen Gründen mit dem Reformkommunismus, konnten sich aber nie vollständig von der Moskauer Bevormundung loslösen.13 Die Basis des sogenannten Eurokommunismus war demnach eine äußerst instabile. Gestellt wurde sie, wie eingangs erwähnt, vorwiegend durch die kommunistischen Parteien Italiens und Spaniens (ferner auch durch die verhältnismäßig kleine schwedische KP, die Vänsterpartiet),14 worauf später ausführlicher eingegangen werden soll. Der Dialog mit westeuropäischen Partnern war für die SED dennoch von außerordentlicher Bedeutung. Auf diese Weise beabsichtigte Ost-Berlin, die im Laufe der Siebzigerjahre in allen europäischen Staaten und in den USA vollzogene diplomatische Anerkennung der DDR nachhaltig abzusichern. Die SED-Führung sah sich vor diesem Hintergrund regelrecht dazu gezwungen, Chancen zu ergreifen, um ihren international sonst eher begrenzten Handlungsspielraum zu erweitern.15 So versuchte sie gezielt, ihre Beziehungen zu Bruderparteien – darunter auch eurokommunistischen – im Westen zu nutzen, um daraus Kapital zu schlagen. Besonders fruchtbar stellten sich die Ost-Berliner Machthaber Formen der Zusammenarbeit mit dem PCI, dem PCF und dem PCE vor, die im eigenen Land stark vertreten waren (der PCE erst wieder ab 1977) und als nützliche Kontaktpartner zu sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Formationen16 sowie zu mächtigen Lobbyisten im Europaparlament galten. Hier hatte sich am 16. Oktober 1973 erstmalig eine Fraktion von kommunistischen Abgeordneten gebildet, welcher zunächst italienische, französische und ein dänischer Politiker vorstanden.17 Zu diesem Zweck und abhängig von der eurokommunistischen Grundausrichtung des jeweiligen Ansprechpartners wählte die SED souverän und gemäß der politischen Lage ihre Weggenossen im Westen.18 So wurden z. B. die abtrünnigen italienischen und spanischen Kommunisten oft den eher konformen französischen Kollegen vorgezogen. Hierauf soll später näher eingegangen werden. Ausschlaggebend für diese Vorgehensweise war das auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 präsentierte, neue außenpolitische Konzept. Nach Überwindung der äußerst kritischen politischen Phase infolge der Niederschlagung des Prager Frühlings19 zeugte das neue Programm von einer erhöhten Kommunikationsbereitschaft, auch gegenüber eurokommunistischen Vertretern. So konnten Kontakte wieder aufgenommen und alte, die Kommunikation störende Meinungsverschiedenheiten vorerst auf Eis gelegt werden. Die SED und der Eurokommunismus (1973–1976) Das Interesse der SED am Eurokommunismus war von Anfang an rein strategischer Natur, wie ein äußerst ausführliches, im Laufe der Siebzigerjahre von der SED-Abteilung für Internationale Verbindungen systematisch aktualisiertes Dossier über seine geschichtliche und ideologische Entwicklung eindrucksvoll beweist.20 Der Eurokommunismus stellte den Versuch einiger westeuropäischer KPs dar, zwischen dem sowjetischen Realsozialismus und der Sozialdemokratie ein theoretisches und programmatisches Substrat zu schaffen, das den jeweils nationalen Wegen der kommunistischen Parteien gerecht werden und als Alternative zur bürgerlichen Demokratie der westlichen Welt gelten konnte. Bezeichnend dafür war nicht – wie früher praktiziert – der vehemente Widerspruch gegen den bürgerlichen Parlamentarismus, sondern vielmehr die Orientierung auf außen- und innenpolitische Konzepte und Programme. Dadurch wurde der Kommunismus für immer breitere Schichten der Gesellschaft »attraktiv« und konnte schließlich regierungs- und koalitionsfähig gestaltet werden.21 Diese abweichende, grundsätzliche Zielsetzung sollte bis zum Fall der Berliner Mauer – abgesehen von rituellen, opportunistischen Annäherungen und Formen der Zusammenarbeit – die Beziehungen der SED zu ihren westeuropäischen Partnern zumindest formell deutlich erschweren. Die italienische KP hatte sich bereits seit den frühen Fünfzigerjahren durch ihre kritische Haltung gegenüber der Monopolstellung Sowjetrusslands einen Namen gemacht. Diese Machtposition war einerseits auf ihre maßgebliche Beteiligung an der Resistenza bzw. auf die Befreiung Italiens vom Faschismus und Nationalsozialismus und die darauf folgende Gestaltung und Etablierung der ersten italienischen Republik zurückzuführen; andererseits aber auch auf ihre im westeuropäischen Vergleich seltenen, beachtlichen Wahlerfolge, die sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der größten Massenparteien Europas werden ließen. Dem Anspruch, als kommunistische catch-all-Partei zu agieren, versuchte der PCI gerecht zu werden, indem er die Logik der Blöcke vehement ablehnte, und sich sowohl innen- als auch außenpolitisch für deren Überwindung einsetzte.22 Vor diesem Hintergrund sah sich die Partei – gleich den anderen eurokommunistischen Vertretern – einer Theorie des »dritten Weges« verpflichtet. Die SED kommentierte solch einen »dritten Weg« daraufhin als den Versuch, den Sozialismus Westeuropas umzugestalten, und zwar durch das Bemühen der Arbeiterbewegung, den zyklischen Krisen des Kapitalismus zu begegnen, indem man eine praktizierbare Alternative zum Realsozialismus und der Sozialdemokratie anwende.23 Dieses Projekt, vorwiegend durch Enrico Berlinguer, Santiago Carrillo und Georges Marchais getragen, nahm auf dem Parteitag der westeuropäsichen kommunistischen Parteien im Frühjahr 1974 in Brüssel Gestalt an.24 Die eurokommunistische »Front« war jedoch keineswegs geschlossen, sondern zeichnete sich durch auffällige Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede politischer Natur aus. Der Zusammenschluss zwischen dem PCF- und dem PCI-Vorstand, die vermeintlich frühen treibenden Kräfte des Eurokommunismus – der PCE wurde erst 1977 in Spanien wieder legalisiert und konnte bis dahin nur einen begrenzten Einfluss auf die internationale Politik ausüben –, begann sich jedoch bereits spätestens ein Jahr nach der Brüsseler Tagung aufzulösen. SED-Beobachter gingen schon sehr früh von einer extremen Heterogenität innerhalb der eurokommunistischen Gemeinschaft aus, welche sie als ein Zeichen ihrer strukturellen Schwäche betrachteten. Aufmerksam verfolgten sie die gesamten Siebzigerjahre hindurch jede noch so kleine Akzentverschiebung im Eurokommunismus, um damit den jeweils für ihre eigenen Ziele förderlicheren Ansprechpartner auswählen zu können. Laut Einschätzung der SED wurde der Eurokommunismus spätestens Mitte der Siebzigerjahre durch den PCI dominiert. In dessen »Schlepptau« habe der PCF das fundamentale Prinzip aus seinem Manifest gestrichen, dass »der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ein revolutionärer Sprung ist [...]«.25 Die Ursache sei mit Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Linksunion mit den Sozialisten Frankreichs zu begründen – an der sich der PCF seit 1972 beteiligte –, bei der die Mitglieder der Linksunion über einen wachsenden politischen Einfluss verfügten.26 Die Annäherung zwischen dem PCI und dem PCF erachteten SED-Beobachter als durch die systemische Schwäche der Franzosen bedingt, denen sie den ideologischen »Glauben« an den »reformistischen und auch utopischen Gehalt« des Eurokommunismus de facto absprachen.27 Ausschlaggebend für die interne Brüchigkeit des Eurokommunismus sei außerdem einerseits der Widerspruch des PCF gegen die Zweite Internationale und insbesondere gegen die diese Politik dominierende SPD;28 andererseits die fehlende Übereinstimmung mit dem PCI, z. B. über wichtige theoretische Fragen, wie die Existenz eines vermeintlich einzigen ideologischen Ursprungs des Sozialismus.29 Die SED hielt also schon früh das eurokommunistische Bekenntnis des PCF für fragwürdig, wenn nicht sogar für unmöglich. Der PCF, so die Ost-Berliner, sei nach wie vor eine marxistisch-leninistische Partei,30 die der Bewahrung ihrer Klassenpolitik vorbehaltlos verpflichtet bleibe: Ihre eurokommunistische Zustimmung entbehre schließlich jeglicher Grundlage.31 Die Italiener setzten hingegen entschieden auf den Dialog mit ideologisch verwandten Kräften und hätten ihre »[...] Blicke auf Europa, auf das kapitalistische Westeuropa gerichtet. In diesen Ländern trifft man auf einige gemeinsame grundlegende Bedingungen im Kampf für Demokratie und Sozialismus.«32 Sie bewege nämlich die Frage: »Weshalb sollte ein anderer als der sozialdemokratische und sowjetische und der in anderen sozialistischen Ländern praktizierte Weg nicht möglich sein?«33 Diese Grundeinstellung konnte die SED keineswegs akzeptieren und wertete die unter dem Begriff Eurokommunismus betriebene Kampagne als »eine gegenwärtige Hauptrichtung der Versuche des Imperialismus, Einheit der kommunistischen Bewegung, der revolutionären Kräfte zu schwächen und zu spalten. Das Wesen dieser Kampagne objektiv darauf gerichtet, kommunistische Parteien kapitalistischer Länder Europas (und Japans) in Gegensatz zur KPdSU und eng mit ihr verbündeten Bruderparteien zu bringen.«34 Die ostdeutschen Machthaber waren seit dem Grundlagenvertrag in höchstem Maße auf internationale Anerkennung und mehr Spielraum bedacht. Bezeichnend dafür war z. B. die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem faschistischen Regime Francos in Spanien 1973, welche die wütende Reaktion der spanischen Kommunisten hervorrief.35 Vor diesem Hintergrund erwies sich der »konforme« PCF als nur bedingt förderlich für die SED, dies umso weniger, als die Franzosen 1977 aus der Linksunion und damit aus der Regierungsverantwortung ausgeschieden waren.36 Hingegen übte der PCI einen beachtlichen sowohl innen- als auch außenpolitischen Einfluss aus, der ihm zu einer hohen Handlungsfähigkeit auch im Dunstkreis der deutschen SPD oder der Sozialistischen Internationalen verhalf. Die sich steigernde Macht der westeuropäischen Bruderpartei war offensichtlich, und die gezielte Kontaktintensivierung mit ihr schien der SED geboten. Dieses Verhalten reihte sich in das SED-Konzept der »internationalen Präsenz« ein, das die Außenpolitik der DDR in den Siebzigerjahren bestimmen sollte. Des Weiteren vermag diese Orientierung zu erklären, weshalb die SED, anders als die Mutterpartei KPdSU, den Eurokommunismus zwar missbilligte, ihn jedoch nie offensiv bekämpfte. Dafür war ihr schließlich die Politik der eurokommunistischen Vertreter und im Allgemeinen der westeuropäischen Kommunisten sowohl bei inneren als auch bei äußeren Angelegenheiten von zu großer Bedeutung. Das Beispiel PCE ist hierfür wiederum bezeichnend. Nachdem die SED im Frühjahr 1973 den PCE durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem franquistischen Spanien regelrecht brüskiert hatte, kam es in den darauf folgenden Monaten mehrfach zu Versöhnungsversuchen. So traf eine Delegation des PCE Ende November 1974 in Ost-Berlin ein, um die jüngsten Entwicklungen zu erörtern und womöglich noch herrschende Zwistigkeiten aus dem Weg zu räumen. Die politische Lage in Spanien hatte sich mittlerweile drastisch verändert, und damit auch die Einstellung der SED gegenüber dem PCE: Das Franco-Regime schien der demokrati-schen Opposition im Land nicht mehr lange standhalten zu können. Der PCE schien daran nicht unbeteiligt. Honecker vertraute darauf, dass Santiago Carrillo bald an der Spitze einer mächtigen westeuropäischen KP in einem vom Faschismus befreiten Land stehen würde.37 Auf den eigenen Vorteil bedacht, bemühten sich die Gastgeber eifrig darum, jegliche noch bestehenden politischen Differenzen zu verharmlosen und die traditionelle Verbundenheit – die, wie es hieß, auf die Internationalen Brigaden zurückging – wieder zu propagieren.38 Wenige Monate später beschworen Enrico Berlinguer und Santiago Carrillo in einer gemeinsamen Erklärung am 11. Juli 1975 in Livorno, der italienischen Hafenstadt, in der 1921 der PCI gegründet worden war, die Eckpfeiler des Kommunismus der Zukunft, den sie in ihren jeweiligen Heimatländern und im Ausland fördern wollten: Parlamentarische Aktivität, Freiheit, Reformen und Pluralismus waren die zentralen Losungen, die von nun an auch für den Eurokommunismus galten.39 Dennoch blieben die Differenzen im eurokommunistischen Milieu auffällig und verschärften sich rasch, insbesondere in Fragen der internationalen Politik. So herrschte bereits seit 1975 Uneinigkeit über den Beitritt Spaniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG): Während sich PCI und PCE vorbehaltlos dafür aussprachen, legte der PCF ausdrücklich sein Veto ein, was die einst waltende sowohl politische als auch symbolische dreiköpfige eurokommunistische Führung stark untergrub.40 Vom 18. bis zum 22. Mai 1976 fand der IX. Parteitag der SED statt, die mit der offensiven Devise »Alles mit dem Volk und alles für das Volk« die innere Kohäsion des real existierenden Sozialismus zelebrieren und vor einer ideologischen Verwässerung – etwa bei westeuropäischen KPs, die sich dem bürgerlichen Parlamentarismus verschrieben hatten – warnen wollte.41 Doch trotz aller inszenierten Kontinuität standen die SED-Politik und insbesondere deren Außenpolitik vor einem Richtungswechsel, der nur wenige Wochen später vollzogen werden sollte. Die Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas, die am 29. und 30. Juni 1976 in Ost-Berlin tagte, sollte die Geschlossenheit des weltweiten Kommunismus propagieren und Moskau als Führungszentrum mit aller Kraft bestätigen. Trotz offensichtlicher Differenzen zwischen ost- und westeuropäischen Bruderparteien vor und während der Tagung, so z. B. über »die Formulierung über die gleiche ideologische Basis aller kommunistischen und Arbeiterparteien und über die Einheit der kommunistischen Weltbewegung«,42 konnten die Gespräche und die Vorträge der jeweiligen Vertreter eine relative Entspannung insbesondere bezüglich des Eurokommunismus herbeiführen. Alle Reden – darunter auch äußerst kritische43 – wurden ohne Zensur im Parteiorgan Neues Deutschland abgedruckt. Wie u. a. Heinz Timmermann anmerkt, sei dies ein Zeichen dafür gewesen, dass die SED ihre offizielle Politik gegenüber dem Eurokommunismus und im Allgemeinen gegenüber den westeuropäischen Genossen überdacht und ihrer eigenen Strategie wohl angepasst habe. Primäres Ziel sei dabei gewesen, gute Beziehungen selbst zu »moskaukritischen« Partnern im Westen aufrechtzuerhalten und insbesondere zu denjenigen, die national und international politisch einflussreich waren oder zu werden schienen.44 Ausblick und Fazit Der vorliegende Aufsatz hat gezeigt, dass die Rezeption des Eurokommunismus durch die SED als Geschichte ihrer Beziehungen zu eurokommunistischen Partnern erklärt werden muss. Die SED missbilligte grundsätzlich und vorbehaltlos die »Eurokommunismen« und im Allgemeinen alle Formen von Reformkommunismus jenseits und diesseits des Eisernen Vorhangs bis zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Der Eurokommunismus, insbesondere durch die italienische, die spanische und teilweise auch die französische KP getragen, wurde seitens der SED als eine revisionistische, das Weiterbestehen der kommunistischen Staatengemeinschaft und die revolutionären Bestrebungen kommunistischer Parteien in demokratischen Ländern gefährdende Doktrin interpretiert, welche in ihren extremen Forderungen ja sogar dem amerikanischen Imperialismus in vielerlei Hinsicht ähnele.45 Ungeachtet dessen pflegte die SED an der westlichen Grenze des »Vorhangs« auch unmittelbar nach der schwierigen Phase um die Niederschlagung des Prager Frühlings rege Beziehungen zu »andersdenkenden« Bruderparteien. Diese Beziehungen gestalteten sich mal reibungslos, erfuhren oft Blockaden und Verhärtungen, schlugen regelmäßig in Annäherungen um und trotzten generell allen politischen und ideologischen Schwierigkeiten des späten Kalten Krieges. Eine stabile NATO-Zone war nämlich auch im Interesse der SED, deren politische Souveränität sowohl von der Sowjetunion als auch von Westdeutschland und dem restlichen Westeuropa stark abhängig war.46 Wie bedeutend der Verbindungsstrang zu den eurokommunistischen Parteien für die SED war, zeigte sich an deren Bereitschaft, selbst der Mutterpartei KPdSU bezüglich strategischer Fragen teilweise zu widersprechen. Anlass dazu gab der sogenannte eurokommunistische Gipfel unter Beteiligung von PCE, PCI und PCF Ende Februar 1977 in Madrid. Dieses Treffen, das mit großer Sorge von der KPdSU verfolgt wurde,47 endete mit der Veröffentlichung einer gemeinsamen Erklärung der drei Parteien, welche u. a. die zentralen Ziele des Pluralismus, der Gedanken- und Meinungsfreiheit, der Unabhängigkeit der Presse und der Anerkennung des allgemeinen Wahlrechts zitierte. Die KPdSU schätzte die Madrider Tagung als sehr gefährlich ein, denn es handle sich darum, »als Ergebnis des Treffens eine Plattform des sogenannten Eurokommunismus zu beschließen und sie im Namen der drei Parteien zu verkünden«. Diese Plattform, so hieß es außerdem, sei »von einer unobjektiven Kritik an den Ländern des Sozialismus durchdrungen [...]«, und »[…] Wir würden es für wichtig halten, derartigen Plänen entgegenzuwirken [...]«.48 Der Aufforderung leistete die SED kaum Folge – sieht man von den gewöhnlichen Werbetiraden gegen den Eurokommunismus ab. Selbst die Veröffentlichung des Buches von Santiago Carrillo, »Eurokommunismus« und Staat,49 das den Eurokommunismus theoretisch und programmatisch unterlegte und in der Sowjetunion aufs Schärfste kritisiert wurde, war für die SED kein Grund, die Beziehungen zu dessen Theoretikern; einzufrieren.50 Ebenso war es angeblich wiederum die SED, die auf der Tagung der ZK-Sekretäre der osteuropäischen Parteien im Frühjahr 1977 die Pläne für eine politische und propagandistische Großoffensive gegen die abtrünnigen Eurokommunisten durchkreuzte.51 Die SED-Politik gegenüber dem westeuropäischen Kommunismus war jedoch zweigleisig und weitestgehend von Opportunismus bestimmt. Allerdings waren die Rahmenbedingungen und die Grenzen dieser Strategie meistens durch die KPdSU abgesteckt,52 welche die potenziell polarisierenden Standpunkte der Eurokommunisten stets mit Argwohn beäugte. Die Ost-Berliner Machthaber befanden sich auf einer geopolitisch äußerst schwierigen Nahtstelle, bei der sie abwechselnd mal nach Spielraum, mal die Nähe zur Mutterpartei suchen mussten. Bezeichnend für diesen Zickzackkurs war die Reaktion auf zwei Kundgebungen 1977/78. Berlinguer und Carrillo hatten Ende Mai 1978 in Barcelona die Bedeutung des Eurokommunismus unterstrichen, der gleichsam, so Berlinguer, »durch die Entwicklung des historischen Prozesses in Europa und der Welt aufgezwungen wird« und, so Carrillo, »einen breiten Weg und die ganze Zukunft vor sich hat«.53 Auf einer früheren Kundgebung in Brescia im Juni 1977 hatte Berlinguer angemerkt, dass das Hauptziel des Eurokommunismus das »Wachsen einer neuen Funktion Europas« sei, im Rahmen derer die »befreite Arbeiterbewegung Protagonist wird«.54 Der SED missfiel zwar der Grundton der Stellungnahmen, die de facto dem proletarischen Internationalismus widersprachen, sie war aber weiterhin durchaus an gesamteuropäischen Beziehungen interessiert, z. B. mit Abgeordneten des Europaparlaments oder sogar mit Mitgliedern der Sozialistischen Internationale, bei denen der PCI – zu jenem Zeitpunkt wohl die treibende eurokommunistische Kraft – oft als Mittler agierte.55 Dies bedeutet keineswegs, dass die SED Ende der Siebzigerjahre etwa »Wohlwollen« gegenüber dem Eurokommunismus und seinen Exponenten entwickelt hätte. Ganz im Gegenteil. Die Wahl des PCI als bevorzugtem Ansprechpartner im Westen diente ausschließlich strategischen Zwecken und blieb ungeachtet der politischen Entwicklung im westeuropäischen Kommunismus bestehen – auch als die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem PCF, dem PCI und dem PCE unüberbrückbar schienen, wie z. B. anlässlich der Krisen in Afghanistan und Polen. Die Italiener verurteilten dezidiert das sowjetische Vorgehen in beiden Regionen und ernteten damit harsche Kritik von der KPdSU, welche die Haltung der Eurokommunisten als äußerst »schädlich« für den weltweiten Sozialismus betrachtete.56 Der PCI, hieß es weiter, stünde gleichsam auf denselben Positionen wie der US-Präsident.57 Aus dieser radikalen Perspektive erhielt die Gestaltung der Kontakte der osteuropäischen Parteien mit eurokommunistischen eine neue politische Brisanz. Es ging nämlich darum, die inspirierende Stärke des sowjetischen bzw. des real existierenden Sozialismus vor externen Angriffen einerseits, so durch die Regierungen und Demokratien der westlichen Welt, und andererseits vor Verleumdungen aus den kommunistischen Parteien Westeuropas zu schützen. Dies erschwerte die Beziehungen der SED zu ihren westlichen Bruderparteien in den Achtzigerjahren zusehends, wie der drastische Rückgang von gegenseitigen Besuchen nationaler Delegationen mit italienischen, spanischen und französischen Genossen belegt. Ein weiterer Faktor sollte dieses Verhältnis daraufhin nachhaltig beeinflussen: der »Zusammenbruch« des Eurokommunismus. Die Einheit der spanischen und französischen Kommunisten hatte unter dem Druck der Krisen in Afghanistan und Polen stark gelitten; beide Parteien waren intern zerrissen und ideologisch gespalten. Die eurokommunistische Politik von PCE und PCF war von einer viel zu dünnen Mehrheit getragen worden, konservative prosowjetische Fraktionen trafen auf Modernisierer, Massenaustritte und Abspaltungen rundeten das Bild ab.58 Anfang der Achtzigerjahre drohten schließlich beide Parteien in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen; für die SED Grund genug, der »Freundschaftspflege« mit den unbeständigen Brüdern weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Anders war es um den PCI bestellt, der sich stabil als zweit- bzw. drittstärkste Partei Italiens in den Achtzigerjahren behaupten konnte und nunmehr als bedeutende Kraft der europäischen Friedensbewegung galt. So blieb das Interesse der SED an dem aufstrebenden PCI bis zum Mauerfall im Rahmen des Prinzips der friedlichen Koexistenz konstant und weiterhin stark, diente er doch u. a. als Verbindungsglied zu den Sozialisten Frankreichs und (West-) Deutschlands (u. a. zu François Mitterand und Helmut Schmidt)59 – den Strippenziehern der Europapolitik.60 Der Eurokommunismus wurde letztlich nie zu einer Plattform für einen ideologisch-politischen Austausch zwischen Ost und West; eurokommunistische Vertreter konnten jedoch über zwei Jahrzehnte und bis zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus im Gespräch mit der SED eine strategisch relevante Zusammenarbeit aufrechterhalten und diese teilweise bis in die Achtzigerjahre hinein intensivieren,61 sodass beide Parteien davon profitieren konnten. War die SED Anlaufstelle, Mittler und Sprachrohr Moskaus an der westlichen Grenze des Ostblocks und damit ein fundamentaler Partner für westeuropäische KPs, so nutzte sie regelmäßig und teilweise auch unabhängig von Moskau ihre westlichen Kontakte aus, um sich wirtschaftliche und diplomatische Vorteile zu verschaffen. 1 Siehe das Gespräch mit Frane Barbieri, in: Manfred Steinkühler (Hg.): Eurokommunismus im Widerspruch. Analyse und Dokumentation, Köln 1977, S. 389–392. 2 Siehe Nikolas R. Dörr: Wandel des Kommunismus in Westeuropa. Eine Analyse der innerparteilichen Entwicklungen in den kommunistischen Parteien Frankreichs, Finnlands und Italiens im Zuge des Eurokommunismus, Berlin 2006, S. 10–19. 3 François Bondy: Eurokommunismus – das Wort und die Sache, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 31 (1977), H. 11, S. 1030–1033; ferner siehe Karin Priester: Hat der Euro-kommunismus eine Zukunft? Perspektiven und Grenzen des Systemwandels in Europa, München 1982; Wolfgang Leonhard: Eurokommunismus. Herausforderung für Ost und West, München 1980. 4 Siehe Francesco Di Palma: Die SED, die Partito Comunista Italiano und der Eurokommunismus (1968–1989). Akteure, Netzwerke, Deutungen, in: Arnd Bauerkämper/Francesco Di Palma (Hg.): Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas (1968 bis 1989), Berlin 2011, S. 136–152. 5 Die polyzentristische These stellte Togliatti erstmalig in einem Interview auf, das in der Zeitschrift Nuovi Argomenti nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 erschien. Von einem von ihm postulierten italienischen Weg zum Sozialismus soll bereits zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs die Rede gewesen sein. Siehe hierzu Carlo Spagnolo: Sul memoriale di Yalta: Togliatti e la crisi del movimento comunista internazionale [Das Memorial von Jalta: Togliatti und die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung], Rom 2007; Aldo Agosti: Togliatti negli anni del Comintern: (1926–1943); documenti inediti dagli archivi russi [Togliatti und die Komintern: (1926–1943); unveröffentlichte Dokumente aus den russischen Archiven], Rom 2000. 6 Siehe Spagnolo: Yalta (Anm. 5). 7 Siehe Michel Naudy: PCF. Le suicide [PCF. Der Selbstmord], Paris 1986, hier S. 9–57. Ferner Ulrich Pfeil: Sozialismus in den Farben Frankreichs. SED, PCF und »Prager Frühling«, in: Deutschland Archiv 34 (2001), H. 2, S. 235–245. 8 Siehe Francesco Di Palma: Die SED, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und die Kommunistische Partei Italiens (PCI) von 1968 bis in die Achtzigerjahre – ein kritischer Einblick in das Dreiecks-verhältnis, in: Deutschland Archiv 43 (2010), H. 1, S. 80–89; zum PCE grundsätzlich siehe Andreas Baumer: Kommunismus in Spanien. Die Partido Comunista de España – Widerstand, Krise und Anpassung (1970–2006), Baden-Baden 2008; ferner ders.: Camaradas? Die Beziehungen zur SED im Kontext der Debatte um das Verhältnis zum Staatssozialismus innerhalb der Partido Comunista de España 1968–1989, in: Bauerkämper/Di Palma: Bruderparteien (Anm. 4), S. 187–209, hier S. 189–191. 9 Zur CPGB siehe Geoff Andrews: Endgames and New Times. The Final Years of British Communism 1964–1991, London 2004, Kap. 5; zur KKE siehe Andreas Stergiou: Im Spagat zwischen Solidarität und Realpolitik: die Beziehungen der DDR und Griechenland und das Verhältnis der SED zur KKE, Mannheim 2001. 10 Siehe Baumer: Kommunismus (Anm. 8), S. 228–253. 11 Siehe Baumer: Camaradas? (Anm. 8), S. 191–193. 12 Siehe ebd. 13 Siehe Pfeil: Sozialismus (Anm. 7); Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8). 14 Hierzu siehe Charlotta Brylla: Die schwedische kommunistische Partei und der Eurokommunismus, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 81–91. 15 Hierzu ausführlich Hermann Wentker: Außenpolitik in engen Grenzen: die DDR im internationalen System 1949–1989, München 2007. 16 Siehe Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 85–89. 17 Siehe Information Nr. 3/74 für das Politbüro, Haltung der FKP und der IKP zur Frage des Weges zur Macht, Berlin, 10. Januar 1974, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bunderarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY/30/IV B 2/20/189. Die ursprüngliche Fraktion bestand aus acht italienischen, drei französischen Abgeordneten und einem Vertreter der Sozialistischen Volkspartei Dänemarks. 18 Siehe hierzu Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR; Bestimmungsfaktoren, Instrumente, Aktionsfelder, München 1979; Michael Spakler: Einige ökonomische Bestimmungsfaktoren der DDR-Außenpolitik unter Ulbricht und Honecker. 1961–1973, Mannheim 1978. 19 Über die Reaktion westeuropäischer KPs auf die Niederschlagung des Prager Frühlings siehe Maud Bracke: Which socialism, whose détente. West European Communism and the Czechoslovak crisis 1968, Budapest/New York 2007. 20 Siehe SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/170. 21 Dazu Annie Kriegel: Eurocommunism: a new kind of communism?, Stanford 1978; siehe Dieter Oberndörfer: Einführung: Die sozialistischen und kommunistischen Parteien Frankreichs, Italiens, Spaniens und Griechenlands, in: ders. (Hg.): Südländer (= Sozialistische und kommunistische Parteien in Westeuropa, Bd. 1), Opladen 1978, S. 11. 22 Hierzu grundsätzlich Aldo Agosti: Storia del Partito Comunista Italiano 1921–1991 [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens 1921–1991], Rom 1999; Silvio Pons: Berlinguer e la fine del comunismo [Berlinguer und das Ende des Kommunismus], Turin 2006. 23 Information für das Politbüro, Tagungen des ZK und der Zentralen Kommission der IKP vom 2. bis 5. Juli 1979 und am 10. Juli 1979, Berlin 13. Juli 1979, in: SAPMO-BArch, Büro Hermann Axen, DY/30/IV B 2/20/61. 24 Siehe Pons: Berlinguer (Anm. 22), S. 21–161. 25 Einschätzung der Gemeinsamen Erklärung der französischen KP und der italienischen KP vom 17. November 1975, in: SAPMO-BArch, Abteilung Internationale Verbindungen (im Folgenden: Int. Verb.), DY/30/IV B 2/20/187, S. 6. 26 Ebd., S. 7. 27 Ebd., S. 8. 28 Vermerk über Aussprache zwischen Genossen Erich Honecker und Genossen Georges Marchais am 1. November 1975, Berlin 4. November 1975, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/187, hier S. 5. 29 Bericht über die Konsultation des Genossen Paul Markowski, Mitglied des ZK und Leiter der Abteilung Internationale Verbindungen, mit Vertretern des ZK der Italienischen Kommunistischen Partei am 19. und 20. Mai in Rom, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/508, S. 4–6. 30 Einschätzung des gemeinsamen Programms von französischer KP und Sozialistischer Partei (ohne Datum), in: SAPMO-BArch, Büro Hermann Axen, DY/30/IV 2/2.035/92, S. 9. 31 Information Nr. 3/74 für das Politbüro, Haltung der französischen KP und der italienischen KP zur Frage des Weges zur Macht, Berlin, 10. Januar 1974, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/189. 32 Information Nr. 90/1978 für das Politbüro, Rede des Gen. der italienschen KP, Enrico Berlinguer, auf der Kundgebung zum Abschluss des Pressefestes der L‘Unità in Genua am 17. September 1978, Berlin 27. September 1978, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/60, S. 20. 33 Ebd. S. 19. 34 Zum »Eurokommunismus«, 1975 (Ohne Signatur), in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/60, S. 2 (Im Folgenden: Zum »Eurokommunismus«). 35 Siehe Baumer: Camaradas? (Anm. 8), S. 202. 36 Siehe Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 85; ferner und grundsätzlich zu den Beziehungen zwischen der SED und dem PCF, Ulrich Pfeil: Die anderen deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949–1990, Köln 2004. 37 Siehe Baumer: Kommunismus (Anm. 8), S. 171–173. 38 Siehe ebd., S. 114–129. 39 Siehe Gemeinsame Erklärung der italienischen KP und spanischen KP/1975, in: Steinkühler: Eurokommunismus (Anm. 1), S. 272 f. 40 Siehe Tagung des ZK der Kommunistischen Partei Spaniens vom 28. bis 30. Juli 1976 in Rom, Berlin 11. August 1976, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/50. 41 Siehe Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Berlin 1998, S. 46–49. 42 Bericht über eine Konsultation des Genossen Paul Markowski, Mitglied des ZK und Leiter der Abteilung Internationale Verbindungen, mit Vertretern des ZK der italienischen Kommunistischen Partei am 19. und 20. Juni 1975 in Rom, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/508, S. 3. 43 Siehe Santiago Carrillo: Rede des Genossen Santiago Carrillo, und Enrico Berlinguer: Rede des Genossen Enrico Berlinguer, in: Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas. Dokumente und Reden, Berlin 1976, S. 119–127; S. 223–233. 44 Heinz Timmermann: Ost-Berlins Beziehungen zu Jugoslawien und »Eurokommunisten«, in: Deutschland Archiv 9/1977, S. 949–965. 45 Siehe Zum »Eurokommunismus« (Anm. 34). 46 Siehe Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 85. 47 Ohne Titel (Streng vertraulich vom ZK der KPdSU an die SED), über Büro Markowski, Berlin 14. Februar 1977, in: SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/188. 48 Ebd. S. 1 f. 49 Santiago Carrillo: »Eurokommunismus« und Staat, Hamburg 1977. 50 Siehe Timmermann: Ost-Berlin (Anm. 44). 51 Siehe ebd. S. 963 f. 52 Siehe Wentker: Außenpolitik (Anm. 15). 53 Information 55/1978 für das Politbüro, Rede des Generalsekretärs der italienischen Kommunistischen Partei, Enrico Berlinguer, auf einer Kundgebung in Barcelona am 28. Mai 1978 mit dem Generalsekretär der spanischen KP, Santiago Carrillo, und dem Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens, Antonio Gutierrez Diaz, am 29. Mai 1978, Berlin 21. Juni 1978, in: SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/60, S. 4; S. 5. 54 Information 79/1977 für das Politbüro, Rede und Interview des Generalsekretärs der italienischen KP, Enrico Berlinguer, Quelle L’Unità vom 19./20. Juni 1977, Berlin 28. Juni 1978, in: SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/60, S. 6. 55 Siehe Di Palma: SED, Partito Comunista Italiano (Anm. 4), S. 146 f. 56 Siehe Lettera di Amerigo Terenzi a Giancarlo Pajetta [Brief von Amerigo Terenzi an Giancarlo Pajetta], 20. Juni 1980, Mikrofilm 8007, in: Archivio del Partito Comunista Italiano/Archiv des PCI (im Folgenden: APCI), Sez. Estero, S. 3. 57 Lettera del KPdSU al PCI [Brief der KPdSU an den PCI], 5. Dezember 1980, Mikrofilm 8012, in: APCI, Sez. Estero, S. 1. 58 Baumer: Camaradas? (Anm. 8), S. 205 f.; Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 89. 59 Relazione della delegazione del PCI (Cervetti, Cacciapuoti, Mechini) al X. Congresso della SED [Bericht der PCI-Delegation (Cervetti, Cacciapuoti, Mechini) auf dem X. Parteitag der SED], Berlin 10. bis 16. April 1981, Mikrofilm 8110, in: APCI, Sez. Estero, S. 6 f.; Verbale dei colloqui tra delegazioni della SED e del PCI [Protokoll der Gespräche zwischen der Delegation der SED und des PCI], Rom 11. November 1981, Mikrofilm 8112, in: APCI, Sez. Estero, S. 5. 60 Siehe SAPMO-BArch, Büro Hermann Axen, DY/30/IV 2/2.035/14, 15, 16. 61 Dies fand mit der Ernennung Michail Gorbačëvs im März 1985 zum Generalsekretär des ZK der KPdSU, der Verabschiedung seiner Glasnost-Politik und der damit einhergehenden Perestrojka – welche die SED im Gegensatz zu den westeuropäischen KPs ablehnte – ein jähes Ende. Siehe Bauerkämper/Di Palma: Bruderparteien (Anm. 4), darin insbesondere die Einleitung (hier S. 12 f.).

JHK 2012

Der »neue Mensch« auf ausgetrampelten Pfaden. Kommunistische Bewährung und politischer Massenmarkt im postfaschistischen Italien

Claudia Christiane Gatzka

Ferruccio Preti, kommunistischer Genosse an der Bologneser Basis, schilderte 1950 in einer Autobiografie, die er im Auftrag der Parteischule verfasste, seine persönlichen Schwächen. In sehr schlechtem Italienisch schrieb er, er bringe nicht genug Mut auf, sich gegenüber den Genossen in der Partei zu äußern. Denn er habe aufgrund seines begrenzten Wortschatzes Angst, etwas Falsches zu sagen. Außerdem lese er zu selten Bücher, die ihm dabei helfen könnten, eine bessere Ausdrucksweise zu entwickeln. Auch was die Präsenz in der Partei anbetreffe, sei er anfangs nachlässig gewesen. Zwar habe er sich verbessert und sei daraufhin mit wichtigen Posten in seiner Zelle betraut worden. Aber immer noch, so Preti selbstkritisch, sei sein Einsatz für die Partei nur minimal. »Doch ich werde versuchen, mehr zu arbeiten und all meine Fähigkeiten dafür einzusetzen, den Sozialismus zu erringen – was meine Pflicht ist.«1 Solche Selbstzeugnisse dokumentieren Innenansichten des werdenden »neuen Menschen« – ein typisches Merkmal kommunistischer Selbstbespiegelung dieser Zeit.2 Der Partito Comunista Italiano (PCI) formte die Identität seiner Genossen in den Parteischulen und lokalen pädagogischen Zirkeln, indem er sie dazu anhielt, über ihre eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu reflektieren und all dies unter dem Rubrum von »Fortschritt« zu fassen. Häufig resultierten daraus Geschichten des edlen Armen, den die Partei aus seiner Unmündigkeit und seinem Nicht-Bewusstsein, teilweise auch aus seiner Immoralität herausgeführt hatte, und dem, je mehr er lernte, umso klarer wurde, dass er noch lange nicht am Ziel war.3 In einem Staat, wo anders als in Osteuropa die Mittel des Terrors nicht verfügbar waren, zielte die kommunistische Utopie des »neuen Menschen« vor allem auf die eigenverantwortliche »Transformation des Selbst«4 jedes Genossen. Erklärtes Ziel dieser Selbsttransformation war es, zum optimalen Diener der Partei zu avancieren und damit am Aufbau einer besseren Gesellschaft mitzuwirken, die sich auf diese Weise schließlich in eine sozialistische Gesellschaft verwandeln sollte. Zum »neuen Menschen« aufzusteigen, wurde damit zur Erfolgserwartung zweckrationalen Handelns, denn nur die Stärke der Partei versprach die Aussicht auf die Wahrung der individuellen Interessen. Doch die objektiven Qualitäten dieses »neuen Menschen« waren nicht klar definiert. Er blieb insofern Utopie, als dass er sich immer nur im »Noch nicht« zeigte, in der Benennung von Schwächen und Unzulänglichkeiten des Einzelnen. Sich selbst im Geiste der Partei neu zu erfinden, war eine Aufgabe, bei der jeder Genosse ganz nach seinen persönlichen Qualitäten und Schwächen eigene Lösungswege suchen musste. Antonio Gramsci hatte diesen Weg der individuellen Emanzipation vorgegeben und sich damit ausdrücklich von der totalitären Massenmanipulation absetzen wollen, die er den Faschisten attestierte.5 Dennoch gab die Partei gegenüber ihren Genossen immer wieder ähnliche Handlungs- und Verhaltensmuster vor, in denen sich der »neue Mensch« als ein kollektives Konstrukt schemenhaft abzeichnete. Im Folgenden wird es darum gehen, den »neuen Menschen« des italienischen Kommunismus im Medium des »guten Genossen« in seiner sozialen und lokalen Umgebung zu suchen, und ihn darin als eine spezifisch italienische Figur zu verorten. Denn die Transformation des Selbst im Dienste der Partei war nicht nur reiner Selbstzweck, sondern sollte anziehend auf andere wirken – was die zähe Forschungsmeinung, die italienischen Kommunisten lebten spirituell und habituell in einem eigenen sowjetmythologischen Kosmos oder einer »Gegengesellschaft«, häufig ignoriert.6 Freilich existierte ein starker sowjetischer Mythos gerade in der hier betrachteten Phase der Vierziger- und Fünfzigerjahre.7 Doch wenn die katholische Presse von »arme[n] menschliche[n] Maschinen« sprach, die sich der PCI unaufhörlich als Sklaven heranzüchte, so musste das die italienischen Kommunisten einigermaßen beunruhigen – denn schließlich waren sie auf ihrem »nationalen Weg zum Sozialismus«, wie Palmiro Togliatti ihn verkündet hatte, beständig auf neue Sympathisanten und neue Mitglieder angewiesen.8 Aufgrund der strategischen Ausrichtung des postfaschistischen PCI diente der kommunistische Genosse – als Träger des neuen Menschenbildes – stets auch der Außendarstellung: ein Akt der Kommunikation mit dem nichtkommunistischen Italien, insbesondere mit der katholischen Hegemonialkultur. Dies führt zu der Frage, wie »neu« dieser kommunistische Mensch im katholischen, demokratischen Italien sein konnte und wie sehr er sich in der Suche nach Wählergunst und neuen Sympathisanten den autochthonen Traditionen anzupassen hatte.9 Wollten die knapp 400 000 Menschen, die zwischen 1951 und 1953 in den PCI eintraten, alle »neue Menschen« werden? Und wollten die knapp 375 000 Menschen, die zur gleichen Zeit ihre Mitgliedschaft im PCI nicht verlängerten, wieder zurück in ihr altes Leben?10 Es waren die Massen, die der »partito nuovo« [die »neue Partei«] in Bewegung brachte, und die Utopie des »neuen Menschen« im italienischen Kommunismus der Nachkriegszeit ist nicht ohne den politischen Massenmarkt zu denken, wie er sich mit der Gründung der Ersten Republik Italiens im Jahr 1946 entfaltete. Volksnähe und Verbesserungskult. Der ideale Genosse als »neuer Mensch« Ferruccio Preti brachte in seiner Autobiografie zum Ausdruck, was er im Geiste der Kommunistischen Partei wollen sollte: die ständige persönliche Verbesserung. Die Partei verstand sich als großes pädagogisches Institut, das nicht nur erzog, sondern auch zur Selbsterziehung heranzog. Die italienischen Kommunisten waren von der säkularen Idee eines Menschen beseelt, dessen Wesen sich im Diesseits verändern und vervollkommnen ließ und der damit zum Subjekt des innerweltlichen geschichtlichen »Fortschritts« wurde, der für die Moderne so kennzeichnend war, und der nicht ohne sein Gegenstück, den »Rückschritt« oder den Niedergang, vorstellbar ist.11 Die »Rückschrittlichkeit« ihres eigenen Landes hatten die italienischen Kommunisten stets vor Augen; sie bildete das Fundament der pädagogischen Initiative des PCI, die auf Antonio Gramsci zurückging. Dem nach Turin migrierten Sarden Gramsci begegnete die Rückschrittlichkeit nicht nur in den dekadenten bürgerlichen Lebensweisen der Großstädte, sondern vor allem in den autochthonen Traditionen der ländlichen Massen: in ihrer Religiosität, ihrem Analphabetismus, ihren patriarchalischen und klientelistischen Strukturen. Gleichzeitig sah er hier aber auch ein Reservat an Ursprünglichkeit und volkstümlicher Authentizität, das zur Kraftquelle der Partei werden konnte.12 Nicht zufällig kamen die Genossen, die im Auftrag des PCI ihre Autobiografien verfassten, meist aus ärmlichen ländlichen und illiteraten Verhältnissen. Der persönliche »Fortschritt« unter der Obhut der Partei, der hier in erster Linie durch Bildung erreicht wurde, konnte dadurch besonders deutlich werden. Der »partito nuovo« Palmiro Togliattis orientierte sich als territorial verankerte Massenpartei am Vorbild der deutschen Sozialdemokratie, stellte jedoch eine kommunistische Partei sui generis dar. Nicht nur im Festhalten Togliattis am demokratischen Zentralismus wurden Residuen der leninistischen Kaderpartei deutlich.13 Die Quadratur des Kreises wurde vor allem dadurch angestrebt, dass die neue Partei Togliattis eine Massenpartei der Besten sein sollte. Togliatti selbst wurde im kommunistischen Milieu il migliore [der Beste] genannt. Die Utopie eines »neuen Menschen« richtete sich an die Genossen selbst, die nicht mehr »nur« Avantgarde sein sollten – selbstbewusst und elitär –, sondern eine Avantgarde, die durch die ständige pädagogische Heranzüchtung neuer »bester« Genossen gewissermaßen an ihrem eigenen Untergang arbeitete. Um inmitten der Massen pädagogisch wirken zu können, musste man aber selbst volkstümlich sein oder werden, ihre Orte aufsuchen, eine einfache Sprache sprechen und nicht nur durch Schriften und Reden, sondern auch durch ein angenehmes Auftreten und einen tadellosen Leumund vorleben, was es hieß, Kommunist zu sein und den Fortschritt zu wollen. Gramscis neuer Intellektueller, der sich von den abstrakten Ideen und den Elfenbeintürmen löste und sein Bewusstsein für die vielfältigen Reize seiner sozialen Umwelt öffnete, der nach dem grundlegenden Sinn seiner Existenz suchte und nach Möglichkeiten fragte, in der Welt, die ihn umgab, aktiv tätig zu werden, war der Prototyp dieses Hybrids aus Volksnähe und Avantgarde. Der »organische« Intellektuelle Gramscis war zuallererst Handelnder und erst dann Denkender, eingelassen in eine soziale Welt, in der er – nachdem er sich selbst moralisch erneuert hatte – die anderen dabei anleiten sollte, ihr subjektives Bewusstsein zu formen.14 Die Rolle des »organischen« Intellektuellen, der aus der kommunistischen Kultur und den popularen Schichten selbst erwuchs, konnte grundsätzlich jeder Genosse einnehmen, ohne dabei höherer intellektueller Ausbildung zu bedürfen. Er brauchte nur das richtige Bewusstsein und pädagogischen Missionarsgeist. Gramscis Intellektuellen-Begriff ist mithin breiter zu fassen, als es häufig geschieht.15 Der ideale Genosse des postfaschistischen, des Gramsci’schen PCI brauchte also beides: das »richtige« Bewusstsein und Engagement sowie das nötige volkstümliche Charisma, das ihm das Vertrauen der Massen einbrachte, weil er als »einer von ihnen« erkannt wurde. Togliatti hatte dies bereits in seinem »Kurs über die Feinde« an der Internationalen Lenin-Schule 1935 in Moskau angedeutet, als er gegenüber seinen italienischen Genossen einräumte, die Kommunisten hätten die Bedürfnisse der Massen zu lange ignoriert, Mussolini hingegen habe sie erkannt und sie mithilfe der Massenorganisation Dopolavoro und ihrer Freizeit- und Vergnügungsangebote in das System integriert. Togliatti forderte seine Genossen damals auf, sich zu den Massen herabzubegeben und direkt im Dopolavoro subversiv tätig zu werden.16 Diese Taktik konnte sich nach der Gründung der Italienischen Republik vollends entfalten, denn Togliattis Strategie der democrazia progressiva [fortschreitende Demokratie] sah statt des gewaltvollen Umbruchs den parlamentarischen Weg und den Konsens der Massen vor. Er folgte damit der Konzeption des »Stellungskrieges«, die Gramsci in den Gefängnisheften skizziert hatte.17 Hier ging es darum, zunächst über die Kanäle der Zivilgesellschaft die gesellschaftliche Hegemonie zu erkämpfen und erst in einem zweiten Schritt den Staat zu Fall bringen und zur sozialistischen Gesellschaftsordnung überzugehen. Die parlamentarische Demokratie, durch die Erfahrung des europäischen Faschismus bei Gramsci aufgewertet, galt Gramsci wie Togliatti als geeigneter Nährboden für die Erringung von Hegemonie, weil sie, wenngleich eine Form der bürgerlichen Herrschaft, den fortschrittlichen Kräften die Möglichkeit zur Verfügung stellte, auf die Menschen Einfluss zu nehmen. Auch an der Basis derjenigen PCI-Generation, die in der Resistenza-Phase zur Kommunistischen Partei gestoßen war – ohne in der Regel jemals zuvor eine marxistische Schrift konsultiert zu haben –, hatte neben der Befreiung des Landes die Gründung einer neuen demokratischen Ordnung das entscheidende Motiv für politisches Engagement dargestellt.18 Der italienische Weg zum Sozialismus sollte über die Demokratie führen, und in beinahe logischer Konsequenz bemühten sich die italienischen Kommunisten, vorbildliche Demokraten zu sein. »Demokratisch«, »tolerant«, »zivil« waren die zentralen Attribute, die das öffentliche Verhalten kommunistischer Genossen im Lokalen prägen sollten.19 Auch Pietro Secchia, ein Freund des gewaltsamen Umsturzes und interner Rivale Togliattis, konnte sich dieser Selbstverpflichtung nicht erwehren, als er zu Beginn des nationalen Wahlkampfes 1953 an die Genossen appellierte: »In diesen Wochen hat ohne Zweifel der fortschrittlichste, politisch aktivste Teil des Landes verstanden, worum es geht, ist in Bewegung geraten, hat seinen Willen manifestiert, hat seinen Protest spürbar werden lassen. Doch es ist nicht nur der fortgeschrittenste Teil des Volkes, der verstehen muss, der seine Stimme und seinen Willen spürbar werden lassen muss. Es geht darum, Millionen von Menschen zu lenken, der großen Mehrheit der Bürger ins Bewusstsein zu rufen, welche Gefahr die Verfassung der Republik bedroht.«20 Die »Fortschrittlichkeit«, von der Secchia hier sprach, äußerte sich im fleißigen politischen Aktionismus der Kommunisten. Nach dem Verständnis der kommunistischen Führung galt die Mitgliedschaft im PCI auch im »partito nuovo« als scelta di vita [Entscheidung fürs Leben]. Die Parteistatuten bezeichneten alle Genossen als Aktivisten, die ihr Leben auf die Partei ausrichten sollten und ständig zu politisch-pädagogischer Arbeit in ihrem sozialen Umfeld verpflichtet waren. Dazu zählte es, sich stets als Repräsentant der Partei zu fühlen und einen dementsprechend vorbildlichen Leumund zu haben.21 Möglichkeiten besonderer Bewährung boten die nationalen Wahlkämpfe, die im Geiste von Togliattis »fortschreitender Demokratie« stets die Tür zur erhofften sozialistischen Gesellschaft öffneten, würden nur genug Wähler überzeugt. Die Wahlkämpfe wurden so zu Gelegenheiten intensivierter pädagogischer Tätigkeit nach außen und extensiver Mobilisierung nach innen. In beiden Fällen oszillierten die Verhaltensmuster der kommunistischen Genossen zwischen den beiden Blöcken, die Pietro Secchia angesprochen hatte: dem Ideal des »fortschrittlichen« Teils der Bevölkerung und den Realitäten der »großen Mehrheit der Bürger«. Zwischen Authentizität und Mediokrität. Die Krux der Massenpartei In einer durch Bürgerkrieg und Blockkonfrontation aufgeheizten Atmosphäre kursierten in der italienischen Nachkriegszeit mit Blick auf die Kommunisten weniger Vorstellungen von einem »neuen Menschen«, sondern vielmehr Schreckensbilder eines neuen sowjetischen »Unmenschen«. Kommunisten fraßen Kinder, verstanden ihre Ehefrauen als kollektives Eigentum, deportierten Italiener in sibirische Arbeitslager und verkauften das Vaterland an Stalin – so die gängigsten Zuschreibungen antikommunistischer und darin hegemonialer Provenienz, die vonseiten der Genossen als großes Problem angesehen wurden.22 Der PCI Togliattis hatte sich, gerade weil er sich anschickte, Massenpartei zu werden und demokratische Wahlen zu gewinnen, von Beginn an gegen solche Zuschreibungen zu verteidigen, noch bevor er mit eigenen Konzepten werben konnte. Es galt daher bei aller »Fortschrittlichkeit« auch unter Beweis zu stellen, dass die Kommunisten »ganz normale Italiener« waren, keine »fünfte Kolonne« Stalins. Angesichts dessen bemühten sich die Kommunisten, nicht nur die Normen und Sitten des eigenen Landes zu beherzigen, sondern sich in moralischer Hinsicht besonders zu bewähren – um gewissermaßen »bessere« Katholiken zu sein. Die Familie hatte in der kommunistischen Welt eine ebenso zentrale Stellung wie in der katholischen. Der ideale Genosse lebte monogam, kümmerte sich um Ehefrau und Kinder, indem er ihnen partnerschaftlich zur Seite stand, ging selten in Bars, trank nicht, spielte nicht und ließ sich nicht scheiden. Mit der Entwicklung zur Massenpartei stieg jedoch das Risiko, den ganz typischen, »sündhaften« Katholiken und lasterhaften Italiener auch in den eigenen Reihen zu haben. Vor allem in erzkatholischen Regionen, wo die klerikale Polemik gegen die »Immoralität« der Kommunisten besonders stark war, galten bereits öffentlich Wein trinkende oder Karten spielende Genossen als Risiko für das lokale Ansehen der Partei und wurden mit Disziplinarstrafen gemaßregelt. Nachrichten über solche Maßnahmen verführten zum Teil die alten Revolutionäre in der Partei, verächtlich auf die »plebejischen« Neumitglieder des »partito nuovo« herabzublicken. Im Umgang mit den Massen schwang bei den führenden Kommunisten, ganz im Gegensatz zu Gramsci, häufig eine tiefe Verachtung volkstümlicher Kultur mit.23 Dort, wo die Kommunisten stark waren, gingen auch sie dazu über, den politischen Gegner der Immoralität zu bezichtigen. In Bologna startete das kommunistische Wochenblatt Due Torri, eine Art Journal der kommunalen Stadtregierung, im Wahlkampf 1958 eine Kampagne gegen lokale Mönche und bediente damit das ganze Arsenal stereotyper Bilder vom Klerus als prassende Frauenliebhaber und fanatische Volksverhetzer.24 Den kommunistischen Gegenentwurf lieferten die puri sanpaolini [die »reinen Sanpaolaner«] in Turin, dem Zentrum der kommunistischen Führerauslese. Die asketische und strebsame Lebensweise der Genossen im Turiner Arbeiterviertel Borgo San Paolo brachte die kommunistische Utopie des »neuen Menschen« am prägnantesten zum Ausdruck. Sie lebten monogam und waren ausdauernd in der Fabrik, sie waren den Wirtshäusern und Bordellen abgeneigt, großzügig und aufopferungsvoll ihren Nächsten gegenüber. Deutlich grenzten sie sich etwa von ihren Mailänder Kollegen ab, die in der Hochphase der Prostitution, Mitte und Ende der Vierzigerjahre, regelmäßig in Bordellen verkehrten und dafür aus Turin strengen Tadel erfuhren.25 Auch Palmiro Togliatti brach recht schnell die eigenen moralischen Regeln, als er sich 1946 in eine Liaison mit der 27 Jahre jüngeren Genossin Nilde Jotti begab. Nach anfänglicher Geheimhaltung verließ Togliatti schließlich, aller Missbilligung seiner führenden Parteigenossen zum Trotz, seine Ehefrau, um mit Jotti zusammenzuleben. Als die »illegitime« Verbindung nach dem Attentat auf Palmiro Togliatti im Sommer 1948 öffentlich bekannt wurde, empörten sich auch die Kommunisten an der Basis, insbesondere über Jotti, der nun das Stigma der unlauteren Genossin anhaftete. Bei Teilen des Führungskaders – viele davon, einschließlich Togliatti, kürzlich erst aus jahrelangem Moskauer Exil zurückgekehrt – weckte die Begegnung mit der jungen Frau aus Reggio Emilia hingegen folkloristische Fantasien. Sie galt als unermüdlich-mustergültige Militante aus dem roten Zentrum Italiens und als kraftvolle Frau mit einem »gesunden Emilianer Körper« und Emilianer Eleganz. Togliatti war von der Erscheinung Nilde Jottis, die er im Kreise der verfassunggebenden Nationalversammlung kennengelernt hatte, derart angetan, dass er gar den kommunistischen Deputierten empfahl, sich einen gehobeneren Kleidungsstil zuzulegen. Wüssten sie nicht, wie sie das anstellen sollten, könnten sie es von der Abgeordneten aus Reggio Emilia lernen.26 Mochten Verweise auf die äußerlichen Attribute Nilde Jottis den männlichen Parteiführern intern und hinter vorgehaltener Hand dazu dienen, die moralischen Verfehlungen Togliattis zu entschuldigen, so galten die politischen Traditionen ihrer Heimatstadt als quasi objektiver Nachweis ihrer wahrhaft kommunistischen Natur, die Jotti an vorderster Front der PCI-Frauenorganisation Unione Donne Italiane (UDI) und als Parlamentarierin tatkräftig unter Beweis stellte. In den Fünfzigerjahren stieg sie zu einem der prominentesten weiblichen Gesichter des PCI auf, doch ihr Privatleben mit Togliatti blieb in der kommunistischen Öffentlichkeit unsichtbar. Waren die politischen Karrieren beider durch ihre illegitime Verbindung auch nicht beeinträchtigt, so war propagandistischer Zugewinn durch ein prominentes Führungspaar angesichts einer kommunistischen Moral, die Ehebruch und »wilde Ehen« verurteilte und angesichts des Außendrucks auch verurteilen musste, dennoch undenkbar. Gerade auf dem Feld der Familie sahen sich die Kommunisten der Bigotterie eines Landes unterworfen, dessen moralische Interessen nach 1945 stärker als je zuvor vom Katholizismus vertreten wurden. Vor allem Nilde Jotti schien sich des Regelbruchs, den sie begangen hatte, dauerhaft bewusst zu sein. »Wir haben bereits alle Verhaltensregeln gebrochen«, soll sie Togliatti erwidert haben, als dieser ihr seinen Kinderwunsch bekundete.27 Sie entschlossen sich schließlich, ein Kind zu adoptieren. Ihre Nähe zum christlichen Wertehorizont brachte Nilde Jotti später selbst sinnfällig zum Ausdruck, denn sie sprach rückblickend von einer »seltsame[n] Familie, in der es keinen wahren Ehemann, keine wahre Mutter, kein wahres Kind gab, aber die glücklich und vereint war«.28 Die Ähnlichkeiten zwischen kommunistischer und katholischer Moral sind frappierend, und das mag kaum überraschen, führt man sich vor Augen, dass Kommunisten und Katholiken nicht voneinander abgeschottet lebten, sondern in den lokalen Gemeinschaften miteinander in Kontakt kamen und einander ständig beobachteten. Um einen Eindruck davon zu erhalten, genügt ein Blick in die Lokalblätter, die den politischen Gegner ständig im Blick hatten. Auch in der kommunistischen Hochburg Bologna, der Stadt mit dem größten kommunistischen Parteiverband diesseits des Eisernen Vorhangs, standen Kommunisten, Katholiken und Liberale, vertreten durch ihre Lokalzeitungen, in einem Dauerwettstreit darum, wer die besten Bürger hervorbringe. Gerade die moralischen Ingredienzien eines vorbildlichen Lebens ähnelten einander so sehr, dass sie sich gegenseitig verstärkten. Wer moralisch verwerflich handelte, konnte kein guter Katholik mehr sein – aber ebenso wenig ein guter Kommunist. Was hier innerhalb eines übergreifenden kulturellen Systems geformt wurde, war das Bild von einem »guten Italiener«, das die Erfahrung moralischer Deprivation während der Kriegsjahre vergessen machen sollte.29 Doch um als »normal« gelten zu können, mussten sich die Kommunisten nicht nur in ihren Moralvorstellungen als kultureller Teil Italiens zu erkennen geben. So zu sein wie alle anderen hieß auch, fehlbar zu sein und Schwächen zu haben. Der Fall Nilde Jotti blieb nicht der einzige Störfaktor im moralischen Gefüge kommunistischer Genossen; auch in anderen Fällen wurden moralische Prinzipien bisweilen über Bord geworfen. Häufig wurde an der kommunistischen Basis über außereheliche Beziehungen und Kontakte zu Prostituierten hinweggesehen. Getreu dem Motto, nicht überall die Besten sein zu müssen und letztendlich »Männer wie alle anderen« zu sein, lautete das Credo der italienischen Kommunisten hier, den anderen Männern in nichts nachstehen zu dürfen und gewisse »physiologische Bedürfnisse« gestatten zu müssen, sofern man dadurch nicht seine familiären Pflichten verletzte. Mitunter kam es vor, dass ganze PCI-Sektionen wie in Grossetto geschlossen das lokale Bordell aufsuchten und die führenden Funktionäre dabei sicherheitshalber die Hintertür benutzten, um keinen lokalen Skandal auszulösen.30 Virilität galt, gerade unter Männerbünden, wie es die kommunistischen Zellen und Sektionen zumeist waren, im Zweifel mehr als Enthaltsamkeit, denn sie lehnte sich nicht nur an das sowjetische Vorbild, sondern auch an die maskulinen Codes der italienischen Kultur an, die Mussolini in exzessiver Form wiederbelebt hatte.31 Massenpartei zu sein und den anderen Italienern ähnlich sein zu müssen, hatte widersprüchliche Anforderungen an den idealen Genossen zur Folge: Denn einerseits sollten Kommunisten sich von Bars und Kneipen fernhalten. Andererseits sollten sie sich gerade an den Orten des Alltags zeigen, wo man wie selbstverständlich politischen Einfluss ausüben konnte – also eben in der Bar oder in der Kneipe. Hier sollten die Genossen ihre Nachbarn in politische Gespräche verwickeln und für den Sozialismus gewinnen, hier konnte sich der Kommunist als guter Freund und Nachbar erweisen.32 Der politisch-pädagogische Aktionismus der Kommunisten nutzte alle Kanäle, die eine Stadt mit ihren dörflichen Alltagsstrukturen bot: Nachbarschaften, Bekanntschaften und Fabrikbelegschaften stellten das Revier des Genossen dar. Der PCI Togliattis nutzte also gerade seinen Charakter als wachsende Massenpartei, die ihm mit jedem Neumitglied auch ein neues, sich aus dem persönlichen Umfeld des Genossen ergebendes Netz möglicher Sympathisanten bescherte. Eine Regel dieser Strategie war es, nicht zu agitieren, sondern sich als höflicher und sympathischer Zeitgenosse zu präsentieren. Damit wollte die Partei offensiv gegen das Stereotyp des fanatischen, streitsüchtigen, fremdbestimmten Kommunisten vorgehen, begab sich aber in die Gefahr, am Ende auch nur »ganz normale Italiener« hervorzubringen. Die katholische Presse hielt die »Normalwerdung« der Kommunisten freilich für eine große Maskerade. Den Versuch des PCI, sich als offene, freundliche und debattenfreudige Partei zu präsentieren und beispielsweise auch Wahlveranstaltungen im Gewand heiterer Umtrunkabende im häuslichen Wohnzimmer durchzuführen, kommentierte der Bologneser L’Avvenire d’Italia mit den Worten: »Die Genossen haben sich in gute Bürgerliche verwandelt.« Das Blatt mahnte seine Leserinnen, vor der Anwerbung durch kommunistische Frauen, die sich als »ganz normale Nachbarinnen« ausgaben und zu bunten Filmabenden zu sich nach Hause einluden, auf der Hut zu sein. Eine Kreuzung aus kommunistischer und »normaler« Identität schien dem Blatt unvorstellbar: »Es ist die alte Angst, den eigenen Namen zu nennen, die alte Angst, zu sagen, wer man wirklich ist.«33 War das Konzept des in seinem Alltag politisch tätig werdenden Genossen bereits ein Zugeständnis an den Massencharakter der Partei, der etwa das Ideal des abstinenten Genossen, der nur selten in Bars ging, nicht trank und nicht spielte, immer utopischer werden ließ, so erwiesen sich die Mitglieder des »partito nuovo« zudem nicht selten in ihren Alltagsgepflogenheiten als recht starrsinnig. Gerade fremde Menschen in den Bars anzusprechen oder Nachbarn, mit denen man es sich nicht verscherzen wollte, politisch umzustimmen, fiel ihnen offenkundig schwer. Mit Wählerinnen politische Gespräche zu führen, empfanden viele männliche Genossen als entwürdigend.34 So sehr die Partei sich menschlicher Ressourcen bediente, so sehr stieß sie auch an menschliche Grenzen. In den so wichtigen Wahlkampfphasen war auf viele Genossen kein Verlass: Sie verteilten das Propagandamaterial an ihresgleichen anstatt an die Wähler. Die vielen kleinen lokalen Wahlveranstaltungen wurden zum Teil schlecht vorbereitet, und nach dem Beitrag des Hauptredners waren die kommunistischen Organisatoren manchmal schneller verschwunden als die Wähler, für deren Fragen sie eigentlich zur Verfügung stehen sollten.35 Es war die Krux der Massenpartei, mit der Volksnähe auch die bequemen und die durchschnittlichen Genossen einzukaufen – und solche, die in Ermangelung einer hinlänglichen Bildung nicht so hilfreich sein konnten, wie sie sollten. Auch den literaten Genossen, die sich mit ihren profunden politischen Kenntnissen eigentlich unters Volk mischen sollten, musste das nationale kommunistische Aktivistenmagazin Quaderno dell’attivista noch 1953 erklären, wie sie eine Zeitung zu lesen hatten, um sich den Inhalt gewinnbringend zu erschließen.36 Noch 1958 bekannten Absolventinnen eines Frauenkurses an der Bologneser Parteischule, sie hätten vor dem Kurs kaum Zeitungen oder Bücher gelesen und keine Idee gehabt vom Leben der Partei, vom italienischen Weg zum Sozialismus und davon, was sie dazu beitragen könnten.37 Aus der zentralen Parteischule in Rom schilderten die Parteipädagogen die Schwierigkeiten im Umgang mit Genossinnen. Grüppchenbildungen, neidische Blicke auf den Teller der Tischnachbarin in der Mensa, ständiges Heimweh, Klatsch und Gefühlsduselei sowie die Angewohnheit, sich im Internatszimmer zu verschanzen und Strickarbeiten zu verrichten, galten den führenden Genossen als Beweis für einen kleinbürgerlichen und typisch weiblichen Charakter.38 Es gab noch viel zu erziehen in der Massenpartei, doch gerade am Beispiel der Frauen zeigt sich die innere Widersprüchlichkeit der kommunistischen Kultur Italiens, die nicht nur in den Handlungsanleitungen, sondern auch nolens volens in den kulturellen Prägungen der italienischen Genossen verankert war. Während Togliatti optimistisch seine Genossen dazu aufrief, die weibliche Emanzipation zu unterstützen, diskutierten die männlichen Genossen in den Sektionskomitees, ob Frauen aufgrund ihrer »natürlichen« kognitiven Schwächen und ihres »bürgerlichen Geistes« überhaupt erzogen werden könnten.39 Fazit Den »neuen Menschen« des »partito nuovo« verkörpert die Figur des idealen Genossen, der sich unter der Obhut der Partei permanent zu einem besseren Menschen formt, ohne dabei seine Authentizität aufzugeben. Er blieb nicht nur deshalb Utopie, weil das Ziel der Vervollkommnung einen nicht endenden Prozess induzierte und deshalb vor allem immer auf das konkrete Handeln im Jetzt und Hier bezogen war – insofern wurde der »neue Mensch« vor allem im Modus des Scheiterns und der Unvollkommenheit lebendig. Er blieb auch deshalb Utopie, weil er einen zentralen Widerspruch produzierte: Der ideale Genosse war zugleich so wie alle und besser als alle anderen. Der italienische Weg zum Sozialismus, wie ihn Gramsci und Togliatti konzeptioniert hatten, führte über die Massen – als Mitglieder und als Wähler – und bediente sich ihrer Authentizität, um das Stigma der Vaterlandsverräter abzustreifen und um attraktiv auf neue Anhänger zu wirken: um Volkspartei zu werden. Das erforderte, keinen kulturellen Wandlungsdruck auszuüben und nicht so sehr zu betonen, worin man »anders« war, sondern zu zeigen, worin man »gleich«, aber »besser« war. So wurde der ideale Genosse ein besserer Katholik, ein besserer Demokrat und ein guter Nachbar. Insofern er aber volksnah sein und authentisch bleiben sollte, blieb er stets unvollkommen. Es waren gerade die Konformität und die Mittelmäßigkeit des »partito nuovo« als Massenpartei, die die Kommunisten einerseits als »ganz normale Italiener« erkennbar und wählbar machten, andererseits aber den »neuen Menschen« auf ausgetrampelte Pfade schickten. 1*  Mein Dank gilt der Fritz Thyssen Stiftung für die großzügige Förderung des an der Humboldt-Universität angesiedelten Forschungsprojekts »Wahlkampf als demokratische Alltagskultur – Studien zur politischen Kommunikation im 20. Jahrhundert«, in dessen Rahmen dieser Beitrag entstanden ist. 1 Autobiografie des Ferruccio Preti, 14. Februar 1950, in: Mauro Boarelli: La fabbrica del passato. Autobiografie di militanti comunisti (1945–1956) [Die Vergangenheitsfabrik. Autobiografien kommunistischer Aktivisten (1945–1956)], Mailand 2007, S. 195. 2 Siehe auch Marco Mietto/Maria G. Ruggerini: Storie di fabbrica. Operai metallurgici a Reggio Emilia negli anni ’50 [Geschichten aus der Fabrik. Metallarbeiter in Reggio Emilia in den Fünfzigerjahren], Turin 1988, S. 101; Franziska Meier: Mythos der Erneuerung. Italienische Prosa in Faschismus und Resistenza, Göttingen 2002, S. 163. 3 Zur Betonung moralischer Transformationen in Autobiografien siehe Sandro Bellassai: Mascolinità e relazioni di genere nella cultura politica comunista [Maskulinität und Geschlechterbeziehungen in der kommunistischen politischen Kultur] (1947–1956), in: ders./Maria Malatesta (Hg.): Genere e mascolinità. Uno sguardo storico [Geschlecht und Maskulinität. Ein historischer Blick], Rom 2000, S. 265–301, hier S. 273 f. 4 Sandro Bellassai: La morale comunista. Pubblico e privato nella rappresentazione del PCI [Die kommunistische Moral. Das Öffentliche und das Private in der Vorstellung des PCI] (1947–1956), Rom 2000, S. 47. 5 Siehe Remo Bodei: Colonizzare le coscienze. Forme della politica e società di massa in Gramsci [Das Bewusstsein kolonisieren. Formen der Politik und die Massengesellschaft bei Gramsci], in: Giuseppe Vacca (Hg.): Gramsci e il Novecento [Gramsci und das 20. Jahrhundert], Bd. I, Rom 1999, S. 177–186, hier S. 182. Siehe zudem die Beiträge bei Stefano Salmeri/Rosario S. Pignato (Hg.): Gramsci e la formazione dell’uomo. Itinerari educativi per una cultura progressista [Gramsci und die Bildung des Menschen. Wege der Erziehung für eine fortschrittliche Kultur], Acireale/Rom 2008. 6 Beispielhaft für diese Forschungsmeinung siehe Luciano Pellicani: Gramsci, Togliatti e il PCI. Dal moderno Principe al post-comunismo [Gramsci, Togliatti und der PCI. Vom modernen Fürsten zum Postkommunismus], Rom 1990, S. 119, 141; Simon Parker: Political Identities, in: David Forgacs/Robert Lumley (Hg.): Italian Cultural Studies: an introduction, Oxford 1996, S. 107–128. 7 Siehe u. a. Giorgio Petracchi: Russofilia e russofobia. Mito e antimito dell’URSS in Italia [Russophilie und Russophobie. Mythos und Antimythos der UdSSR in Italien] (1943–1948), in: Ennio Di Nolfo u. a. (Hg.): L’Italia e la politica di potenza in Europa [Italien und die Machtpolitik in Europa] (1945–1950), Mailand 1990, S. 655–675; Pier Paolo D’Attorre (Hg.): Nemici per la pelle. Sogno americano e mito 8 sovietico nell’Italia contemporanea [Busenfeinde. Amerikanischer Traum und sowjetischer Mythos im zeitgeschichtlichen Italien], Mailand 1991; Andrea Mariuzzo: »La Russia com’è«. L’immagine critica dell’Unione sovietica e del blocco orientale nella pubblicistica italiana [»Das Russland wie es ist«. Das kritische Bild der Sowjetunion und des Ostblocks in der italienischen Publizistik] (1948–1955), in: Ricerche di storia politica 10 (2007), H. 2, S. 157–176. L’Avvenire d’Italia [Bologna] vom 16. Mai 1953. 9 Zum Eingewobensein der italienischen Kommunisten ins kulturelle Netz des eigenen Landes siehe Giuseppe C. Marino: Autoritratto del PCI staliniano [Selbstporträt des stalinistischen PCI], 1946–1953, Rom 1991 und Bellassai: La morale comunista (Anm. 4). Zur Andersartigkeit der politischen Kultur des PCI siehe hingegen Angelo Ventrone: La cittadinanza repubblicana. Forma-partito e identità nazionale alle origini della democrazia italiana [Die republikanische Bürgerschaft. Parteiform und nationale Identität an den Ursprüngen der italienischen Demokratie] (1943–1948), 2. Aufl. Bologna 2008, S. 42 u. 179. 10 Siehe Gianfranco Poggi u. a. (Hg.): L’organizzazione partitica del PCI e della DC [Die Parteiorganisation des PCI und der DC], Bologna 1968, S. 343–345. 11 Siehe Gottfried Küenzlen: Der Neue Mensch. Eine Untersuchung zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, 2. Aufl. München 1994; Reinhart Koselleck: ›Fortschritt‹ und ›Niedergang‹ – Nachtrag zur Geschichte zweier Begriffe, in: ders.: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt/M. 2006, S. 159–181. 12 Siehe Antonio Gramsci: Heft 1 § 62. Gefängnishefte, hg. v. Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, Bd. 1, Hamburg 1991, S. 133. 13 Zur parteisoziologischen Einordnung des »partito nuovo« siehe Sidney Tarrow: Peasant Communism in Southern Italy, New Haven 1967. Zur Betonung des demokratischen Zentralismus als leninistisches Residuum im PCI siehe Pellicani: Gramsci, Togliatti e il PCI (Anm. 6), S. 106 f. 14 Siehe Antonio Gramsci: Gli intellettuali e l’organizzazione della cultura [Die Intellektuellen und die Organisation der Kultur], Turin 1949, S. 7. Siehe dazu auch Niva Lorenzini: Gramsci, Serra e ›l’uomo nuovo‹ [Gramsci, Serra und der ›neue Mensch‹], in: Istituto Gramsci Emilia-Romagna (Hg.): Antonio Gramsci e le tradizioni politiche dell’Emilia-Romagna [Antonio Gramsci und die politischen Traditionen der Emilia-Romagna], Bologna 1999, S. 67–78, hier S. 76 f. und Raul Mordenti: Gramsci e la rivoluzione necessaria [Gramsci und die notwendige Revolution], Rom 2007, S. 81 f. 15 Für einen »klassischen« Blick auf die Intellektuellen siehe Thomas Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945–1956), Köln/Weimar/Wien 2007, insbesondere S. 434–439. 16 Siehe Palmiro Togliatti: Corso sugli avversari. Le lezioni sul fascismo [Kurs über die Feinde. Vorlesungen über den Faschismus], hg. v. Francesco M. Biscione, Turin 2010, S. 107–109. 17 Siehe Antonio Gramsci: Heft 7, § 16. Gefängnishefte (Anm. 12), Bd. 4, Hamburg 1992, S. 873 f. 18 Siehe Eric J. Hobsbawm/Giorgio Napolitano: Auf dem Weg zum ›historischen Kompromiß‹. Ein Gespräch über Entwicklung und Programmatik der KPI, Frankfurt/M. 1977, S. 41. Zu Gramsci siehe Nadia Urbinati: L’individuo democratico tra Tocqueville, Gramsci e Dewey [Das demokratische Indivi-duum zwischen Tocqueville, Gramsci und Dewey], in: Vacca (Hg.): Gramsci e il Novecento (Anm. 5), S. 295–319 und Graziella Scuderi: Gramsci teorico di una pedagogia dell’emancipazione [Gramsci als Theoretiker einer Pädagogik der Emanzipation], in: Salmeri/Pignato (Hg.): Gramsci e la formazione (Anm. 5), S. 115–123, hier S. 122. 19 L’Unità [edizione di Bologna] vom 9. April 1953 und vom 10. April 1953. Siehe dazu Stefano Cavazza: La Costituzione in piazza. Il tema costituzionale nelle campagne elettorali del dopoguerra (1948–1958) [Die Verfassung auf der piazza. Das Verfassungsthema in den Wahlkämpfen der Nachkriegszeit (1948–1958)], in: Augusto Barbera/Marco Cammelli/Paolo Pombeni (Hg.): L’apprendimento della Costituzione [Das Erlernen der Verfassung] (1947–1957), Mailand 1999, S. 155–197. 20 Quaderno dell’attivista Nr. 1 vom 1. Januar 1953, S. 3. Die Gefahr, von der Secchia sprach, war das von den Christdemokraten per Gesetz eingeführte neue Wahlsystem, das vom Prinzip der reinen Verhältniswahl abrückte. 21 Siehe Ventrone: La cittadinanza repubblicana (Anm. 9), S. 41–43; Bellassai: La morale comunista (Anm. 4), S. 55 f. 22 Siehe dazu Verbale della riunione di Comitato Federale [Protokoll der Sitzung des Verbandskomitees] vom 16. Juni 1953, in: Fondazione Istituto Gramsci Emilia-Romagna, Archivio del P.C.I. Federazione provinciale di Bologna/Stiftung Institut Gramsci Emilia-Romagna, Archiv des Bologneser Provinzver-bandes des PCI (im Folgenden: IGER-PCI), s. 5, ss. 2, f. 2, Bl. 14 f. Zu den symbolischen (bildlichen, grafischen, sprachlichen) Formen solcher Zuschreibungen siehe Angelo Ventrone: Il nemico interno. Immagini, parole e simboli della lotta politica nell’Italia del Novecento [Der innere Feind. Bilder, Begriffe und Symbole des politischen Kampfes im Italien des 20. Jahrhunderts], Rom 2005; Gianluigi Falabrino: I comunisti mangiano i bambini. La storia dello slogan politico [Die Kommunisten fressen die Kinder. Die Geschichte des politischen Slogans], Mailand 1994. 23 Siehe Bellassai: La morale comunista (Anm. 4), S. 65 f. u. 125 f. 24 Siehe Due Torri [Bologna] vom 15. April 1958. 25 Siehe Giovanni De Luna: Partiti e società negli anni della ricostruzione [Parteien und Gesellschaft in den Jahren des Wiederaufbaus], in: Francesco Barbagallo u. a. (Hg.): Storia dell’Italia repubblicana, Bd. 1, La costruzione della democrazia [Geschichte des republikanischen Italien, Bd. 1, Der Aufbau der Demokratie], Turin 1994, S. 719–776, hier S. 759. Siehe auch Liliana Lanzardo: Personalità operaia e coscienza di classe. Comunisti e cattolici nelle fabbriche torinese del dopoguerra [Arbeiterpersönlichkeit und Klassenbewusstsein. Kommunisten und Katholiken in den Turiner Fabriken der Nachkriegszeit], Mailand 1989. 26 Sergio Barbero: Il migliore e la dama rossa. L’Italia di Palmiro Togliatti e Nilde Jotti (1946–1964) [Der Beste und die Rote Dame. Das Italien von Palmiro Togliatti und Nilde Jotti (1946–1964)], Turin 2002, S. 13, 25 u. 87. 27 Ebd., S. 113. 28 Ebd., S. 114. Zum Ethos der »Normalität« in Abgrenzung zu moralischer Degeneration siehe auch Bellassai: La morale comunista (Anm. 4), S. 139. 29 Siehe dazu De Luna: Partiti e società (Anm. 25). 30 Siehe Bellassai: Mascolinità (Anm. 3), S. 294–299. 31 Siehe dazu Gigliola Gori: Model of Masculinity: Mussolini, the ›New Italian‹ of the Fascist Era, in: James A. Mangan (Hg.): Superman Supreme. Fascist Body as Political Icon – Global Fascism, Portland 2000, S. 27–61. Siehe zur sowjetischen Virilität jüngst Lilya Kaganovsky: How the Soviet Man Was Unmade. Cultural Fantasy and Male Subjectivity under Stalin, Pittsburgh, PA 2008. 32 Siehe Quaderno dell’attivista Nr. 8 vom 16. April 1953, S. 258 f. 33 L’Avvenire d’Italia [Bologna] vom 8. Mai 1953 und vom 16. Mai 1953. 34 Siehe La Lotta [Bologna] vom 15. Mai 1953; Bellassai: Mascolinità (Anm. 3), S. 290. 35 Siehe La Lotta [Bologna] vom 8. Mai 1953 und vom 15. Mai 1953. Siehe dazu auch Ventrone: La cittadinanza repubblicana (Anm. 9), S. 91 u. 255. 36 Siehe Quaderno dell’attivista Nr. 3 vom 1. Februar 1953, S. 69 f. und Nr. 8 vom 16. April 1953, S. 257. 37 Osservazioni consuntive sul corso elaborate da parte delle allieve [Abschließende Beurteilung des Kurses vonseiten der Schülerinnen], in: IGER-PCI, Subfondo Istituto di studi Anselmo Marabini, s. 2, ss. 3, f. 8, o.P. 38 Siehe Bellassai: Mascolinità (Anm. 3), S. 291. 39 Ebd., S. 283 f.

JHK 2012

Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Eine Großbaustelle des Kommunismus

Wim van Meurs

1Keine Diktatur hatte so viel Zeit, ihre Utopien bzw. Dystopien von Mensch und Natur zu verwirklichen wie die stalinistische. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden Stalins Lager des Gulag in erster Linie als Vernichtungslager des totalitären Wahnsinns betrachtet, deren einziger Zweck darin bestand, politische Gegner, unerwünschte gesellschaftliche Gruppen und Nationalitäten zu eliminieren. Seit den Neunzigerjahren rückt die Forschung den Aufbau des Sozialismus und die damit verbundene erzwungene Modernisierung Russlands als strukturelles Motiv (wenn auch nicht als Initialzündung) für die Arbeitslager mit mehreren Millionen Insassen, die als Zwangsarbeiter herangezogen wurden, in den Blickpunkt.2 Dazwischen mischt sich neuerdings die Perspektive der »internen Kolonisation«: Die erzwungene und radikale Neugestaltung von Mensch, Gesellschaft und Natur kulminierte in Großprojekten wie dem Belomorkanal zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer. Dieses Projekt (1931–1933) sollte der Welt vor allem zeigen, was der Sowjetsozialismus vermochte, weiterhin sollte es die Modernisierung des Sowjetlandes vorantreiben und die (Zwangs)arbeiter in Sowjetmenschen verwandeln. Typisch für derartige kommunistische Utopien waren die Verflechtungen zwischen dem »neuen Menschen« und der Umgestaltung seiner Umwelt sowie die Hybris der bautechnischen Großprojekte. Während solche Projekte im neunzehnten Jahrhundert noch unter der Ägide des menschlichen Fortschritts oder aus geostrategischen Erwägungen in Angriff genommen wurden (z. B. der Panamakanal), wurden sie im zwanzigsten Jahrhundert von einem Staat, einem Regime und einer Ideologie vorangetrieben und vereinnahmt. Neben Stalins Belomorkanal, Hitlers Autobahn und Mussolinis Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe zählt zu diesen auch Gheorghiu-Dejs Auftrag zum Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals. Allerdings bildet das rumänische Kanalbauprojekt in doppelter Hinsicht eine Ausnahme. Moskau, Berlin und Rom verfügten über eigene technische sowie Finanz- und Arbeitsressourcen, um – die entsprechende Rücksichtslosigkeit und Priorisierung vorausgesetzt – ein solches Großvorhaben zu verwirklichen. Rumänien dagegen war in der ersten Bauphase (1949–1953) auf die Unterstützung der Sowjetunion angewiesen. Die stolze Behauptung, die Großbaustelle sei ein Nachweis der Leistungsfähigkeit der eigenen ideologischen Bewegung bzw. Nation stand damit von vornherein auf wackeligen Füßen. Im Übrigen war die Zeit der utopischen Großprojekte zur Neugestaltung von Mensch und Natur längst abgelaufen, als die rumänische Großbaustelle überhaupt erst geplant wurde. Die Dreißigerjahre waren in ganz Europa die Ära der Machbarkeitsutopien, die sich fernab wirtschaftlicher und technischer Vernunft bewegten. Stalins arktischer Eisenbahnbau nach Norilsk (1947–1951) war eigentlich das letzte (ebenfalls gescheiterte) Vorhaben, das von ähnlicher Hybris gekennzeichnet war. Somit entsprang der Plan des Donau-Schwarzmeer-Kanals nicht nur einer anderen Zeit, sondern wurde nach dem Tod Stalins bald von neuen rationalen Überlegungen und Zwängen eingeholt. Der Kanal des Todes Am 4. März 2010 wurde in Bukarest von der Stiftung Bürgerakademie und der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und für den Widerstand eine Ausstellung über den Donau-Schwarzmeer-Kanal eröffnet. Sie rief Rumänen und internationalen Besuchern unter der Überschrift »Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Ein programmierter Friedhof« das menschliche Leiden und die Grausamkeit dieses kommunistischen Vorzeigeprojekts der Fünfzigerjahre in Erinnerung. Die ausgestellte Liste mit 8100 Namen von rumänischen Oppositionellen, Regimegegnern und chiaburi [Kulaken], die die schwere Arbeit und unvorstellbare Entbehrungen nicht überlebten, ist nur ein Indiz dafür, warum dieser »Kanal des Todes« als beispielhaft für die Terrorherrschaft der Kommunisten gilt.3 Ebenso wie mit der Geschichte des Donau-Schwarzmeer-Kanals beschäftigt sich die rumänische Öffentlichkeit mit dem sogenannten Piteşti-Experiment: Kurz nach der Machtübernahme durch die Kommunisten begannen unter Gheorghe Gheorghiu-Dej mit der Unterstützung Moskaus erste »Umerziehungsexperimente« an Jugendlichen im gleichnamigen Piteşti-Gefängnis. In diesen lange verheimlichten Experimenten kamen nicht nur körperliche Foltermethoden zum Einsatz, die jungen Gefangenen wurden gleichsam einer Gehirnwäsche unterzogen, um ihnen die irregeleiteten ideologischen und religiösen Überzeugungen auszutreiben und sie in Modellkommunisten zu verwandeln. Die Grausamkeit dieser Experimente an Hunderten Gefangenen wurde (abgesehen von den Enthüllungen von Radio Free Europe in den Achtzigerjahren) erst nach der Dezemberrevolution 1989 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und im weiteren Verlauf diskutiert, dokumentiert und dargestellt. Piteşti bestätigte das Bild des menschenverachtenden totalitären Regimes, das ausschließlich auf Gewalt, Repression und der Unterstützung aus Moskau basierte. Die Tatsache, dass manche der Aufseher selbst »Bekehrte« und »Überläufer« der faschistischen Garda de Fier [Eisernen Garde] waren, lässt sich als Beweis für die Unterordnung von ideologischen Idealen unter nackte Machtpolitik lesen. »Umerzogene« Studenten aus Piteşti sollten anschließend als Scharfmacher und Folterer in Lagern in der Dobrudscha und anderswo Angst und Schrecken verbreiten.4 In letzter Zeit nimmt in der historischen Forschung das Interesse an der ideologisch-utopischen Dimension des kommunistischen Regimes von Gheorghe Gheorghiu-Dej (1947–1965) zu. Hinsichtlich des Piteşti-Experiments werden dabei nicht das Wegsperren und die Ermordung politischer Gegner durch Lagerarbeit (u. a. am Donau-Schwarzmeer-Kanal), sondern die ernst zu nehmenden Versuche der Umerziehung in den Mittelpunkt gestellt. Die Forschung konzentriert sich also nicht auf die »Dystopie« – die moralisch verwerflichen Methoden und Ziele dieser Umerziehung durch physische und psychologische Gewaltanwendung –, sondern auf die »Utopie« des Glaubens an die »Machbarkeit« von Mensch, Gesellschaft und Natur gleichermaßen. Die utopische Dimension von Faschismus und Kommunismus ist im Rahmen der historischen Forschung demnach in den Vordergrund gerückt. Dies betraf zuerst Mussolinis Italien, dann Hitlers Drittes Reich und Stalins Sowjetunion, zusehends aber auch marginale totalitäre Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts wie die Volksrepublik Rumänien. Unstrittig war der Kanal sowohl aus Sicht der Opfer als auch aus heutiger Retrospektive eine Dystopie. Für Historiker sind die utopischen Triebfedern heute jedoch nicht weniger aufschlussreich, wenn auch bestürzend.5 Der Kanal zwischen Plan und Realität Ein Blick auf die Karte Rumäniens genügt, um festzustellen, dass eine Kanalverbindung zwischen dem Donaufluss und dem Schwarzen Meer verkehrstechnisch sinnvoll ist. Der Fluss bildet die Südgrenze des Landes, bis er in der Nähe von Silistra seinen Kurs ändert und über eine Strecke von gut 250 Kilometern parallel zur Schwarzmeerküste gen Norden fließt. Die Entfernung zum Meer beträgt Luftlinie nie mehr als 100 Kilometer und bei Cernavodă kaum 50 Kilometer. Bei Galaţi angekommen macht der Fluss erneut eine 90-Grad-Wende gen Osten und teilt sich bei Tulcea in drei Arme, die zusammen das weltweit einzigartige Naturreservat des Donaudeltas bilden. Das größte Flussdelta Europas ist jedoch kaum schiffbar, ein zusätzliches Argument für einen Kanal zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer, der außerdem die Fahrdistanz von Cernavodă bis zum Meer von 450 auf gut 60 Kilometer verkürzt.6 Ähnlich wie bei anderen Großprojekten des Wasserbaus weltweit stammen auch die ersten Pläne für den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Der älteste bekannte Plan datiert aus dem Jahr 1837. Skizzen, die unrealistischen Überlegungen folgten, die Zuiderzee (IJsselmeer) in den Niederlanden teilweise trockenzulegen, wurden ebenfalls um 1848 entworfen; Baubeginn für den Suezkanal war 1859, für den Panamakanal 1881. Sogar Stalins Prestigeprojekt, der Weißmeer-Ostsee-Kanal (Belomorkanal), geht auf mehr oder weniger realistische Entwürfe aus dem vorherigen Jahrhundert zurück. Einiges ließ Politiker und Ingenieure zunächst vor dem Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals zurückschrecken: Das Gefälle, die Streckenlänge von 60 Kilometern, aber vor allem die logistischen Probleme des Kanalbaus in der Dobrudscha als rückständigstem Teil Rumäniens ohne nennenswerte Infrastruktur7 sowie die bautechnischen Unwägbarkeiten eines Kanalbaus im seichten Boden stellten große Hindernisse dar. Außerdem schien der Handlungsdruck vor dem Ersten Weltkrieg angesichts des geringen Industrialisierungsgrades und des niedrigen Handelsvolumens Rumäniens nicht hoch genug. Ab 1860 reichte eine Eisenbahnverbindung vorerst aus, um den Transportbedarf zu decken.8 In der Zwischenkriegszeit stieg die Nachfrage stark an und die technischen Voraussetzungen zur Fertigstellung hatten sich verbessert. Somit wurde 1928 ein Bauplan erstellt, der jedoch aufgrund von Weltwirtschaftskrise und Krieg nie realisiert werden sollte.9 Nach der Machtübernahme Ende 1947/Anfang 1948 verlor das neue kommunistische Regime in Bukarest unter der Führung des Stalinisten Gheorghe Gheorghiu-Dej keine Zeit, um einerseits politische Gegner zu verhaften und in Arbeitslagern verschwinden zu lassen und anderseits die Industrialisierung des Landes voranzutreiben. 1949 wurde daher der Beschluss gefasst, einen Kanal zu bauen, der Cernavodă als Industriestandort für Baustoffe und Petrochemie sowie das Hinterland des Wirtschaftszentrums Bukarest mit dem Hafen und der Industrie von Constanţa verbinden sollte.10 Viele Beobachter vermuteten bereits damals Stalin als eigentlichen Antreiber hinter dieser Großaktion, und Archivdokumente, die nach der Dezemberrevolution 1989 zugänglich gemacht wurden, belegen in der Tat, dass die Initiative vom Kreml ausgegangen war.11 Die Donau und die Dobrudscha-Region waren im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg von herausragender geostrategischer Bedeutung für die UdSSR. Gleichzeitig eignete sich die Region hervorragend als Schaufenster der technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften und Leistungsfähigkeit des großen sowjetischen Bruderstaates. Dazu gehörte nicht nur die vorauseilende Kollektivierung der Landwirtschaft in jenem Randgebiet Rumäniens, sondern auch der Bau des Kanals. Die Existenz der Kanalarbeitslager in unmittelbarer Nähe wird den Gehorsam der Bauern bei der Kollektivierung ihrer Betriebe sicherlich gesteigert haben. Kanalbau und Kollektivierung waren typisch utopische Projekte: Die Umwandlung ihres Umfeldes sollte die Bauern in Kommunisten verwandeln, und dazu suchte man sich gezielt die sozialwirtschaftlich rückständigste Region Rumäniens aus.12 Der Kanal, am 25. Januar 1949 vom Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) auf dessen Gründungskonferenz in Moskau beschlossen, galt als wasserbautechnisches Husarenstück und zog die größte Einzelinvestition des damaligen Ostblocks nach sich. In Rumänien selbst wurde der Beschluss zum Kanalbau am 25. Mai 1949 vom Politbüro und am selben Tag auch vom Ministerrat verabschiedet.13 Wichtig zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass beide, Kollektivierung und Kanalbau, dem gleichen utopischen Ansporn unterlagen. So gesehen war es eher unwichtig, ob das Bukarester Regime befürchtete, Stalin könne die Kontrolle über das Donaudelta an sich reißen und den Rumänen nur die Verkehrsverbindung über den Kanal lassen.14 Gheorghiu-Dej und seine Kampfgefährten waren hoch motivierte Kommunisten, die das Kanalprojekt nach dem Tod Stalins und angesichts unlösbarer wasserbaulicher Probleme (und mit dem Wegfallen technischer und finanzieller Unterstützung aus der UdSSR) 1953 stilllegen mussten, aber Stalins Weg der erzwungenen Modernisierung und Industrialisierung Rumäniens voll und ganz verinnerlicht hatten. Dieser Glaube und diese Zielstrebigkeit gingen schließlich so weit, dass Gheorghiu-Dej und seine Genossen deswegen einige Jahre später einen Bruch mit Moskau riskieren sollten.15 Mangels wasserbaulicher Expertise und technischer Ausrüstung wurde der Kanal in der ersten Bauphase von 1949 bis 1953 lediglich über eine Länge von sieben Kilometern (von über 60 Kilometern insgesamt) fertiggestellt. Fünf Jahre lang hatte das Regime geschätzte 60 000 Arbeiter (zu gleichen Teilen politische Gefangene, Soldaten und Freiwillige) schuften und sterben lassen, um ohne ausreichende Gerätschaften Millionen Kubikmeter Erde zu bewegen und 4,2 Millionen Kubikmeter Beton zu verbauen. Der Bau durch die Sumpfgebiete erwies sich als Sisyphusarbeit und wurde 1955 schließlich ganz aufgegeben. Dieses Scheitern wurde Saboteuren angelastet, und es kam zu den üblichen Schauprozessen.16 Die erste Bauphase kostete durch Unterernährung der Gefangenen in den zwölf Arbeitslagern entlang der Baustrecke, durch Unfälle und vor allem durch Krankheiten Abertausenden Arbeitern das Leben. Seither hieß das Kanalprojekt im Volksmund nur noch canalul morţii [Kanal des Todes]. Die zweite Bauphase glich nach zwanzig Jahren Stillstand somit einem Neubeginn. Nach systematischer Planung, mit dem technischen Fortschritt von zwei Jahrzehnten und mit 50 000 Arbeitskräften wurde das Projekt, an dem sich das Gheorghui-Dej-Regime noch verhoben hatte, unter seinem Nachfolger Nicolae Ceauşescu in einer relativ kurzen zweiten Bauphase von nur acht Jahren (1976–1984) fertiggestellt, inklusive großer Schleusenanlagen bei Cernavodă zu Beginn des Kanals und bei Agigea am anderen Ende.17 Nach der feierlichen Eröffnung am 26. Mai 1984 als Magistrala albastră [blauer Autobahn] wurde sogar noch der sogenannte Nordkanal von 26 Kilometern Länge als Abzweigung gebaut, die bei Poarta Albă den Hafen Midia Năvodari und den See Taşaul mit dem Hauptkanal verbindet.18 Heute wird der Kanal mit seiner Breite von 90 Metern und bei einer Tiefe von sieben Metern auch aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Bedingungen sehr stark befahren. Durch die Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals 1992 wurde zusätzlich eine Binnenschifffahrtsverbindung zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer geschaffen. Seit 1989 hat sich das jährliche Transportvolumen von 7,7 Millionen Tonnen auf 29,6 Millionen Tonnen gesteigert.19 Die Fertigstellung einer direkten Kanalverbindung zwischen dem Ballungszentrum Bukarest und der Donau würde eine weitere Zunahme verursachen, die auch von den unfertigen ukrainischen und bulgarischen Plänen für eigene Kanalverbindungen durch das Delta bzw. zum Hafen von Varna mittelfristig kaum aufgefangen werden könnte.20 Rückblickend steht zwar nicht das volkswirtschaftliche Kosten-Nutzenverhältnis im Vordergrund. Trotzdem gehen Skeptiker heute davon aus, dass die Finanzmittelaufwendungen für die zweite Bauphase erst in 600 Jahre wieder ausgeglichen sein werden.21 Einig ist man sich aber auch darüber, dass der Kanal aus heutiger Sicht für die rumänische Wirtschaft unverzichtbar ist. Ähnliches lässt sich mit Abstrichen bereits für die Siebzigerjahre behaupten, aber wohl kaum für die Fünfzigerjahre. Dies wirft die Frage nach dem Kalkül und den Motiven des Kanalbauers Gheorghe Gheorghiu-Dej auf. Die Motive der Kanalbauer: Verklärung und Vergessen Die typische Darstellung über die Motive der Kanalbauer lässt keinen Zweifel: Repression politischer Gegner und unwillkommener Gesellschaftsgruppen war die einzige Triebfeder dieses irrationalen Bauprojektes. Während das Ceauşescu-Regime bei der Einweihung 1984 und auch danach die Errungenschaften der sozialistischen Modernisierung für die rumänische Nation pries, hoben die Gegner des kommunistischen Regimes vor allem die Ermordung zahlreicher politischer Gegner und »Klassengegner« in den Arbeitslagern des Todes als primäres Ziel der Machthaber hervor. Ihre Wurzeln findet diese mehr als nachvollziehbare, aber unvollständige Sicht in den Augenzeugenberichten und Außendarstellungen von Exilrumänen aus den Fünfzigerjahren. Am bekanntesten sind die Werke von Ion Cârja, dem Sohn einer rumänischen Auswandererfamilie, die in den Zwanzigerjahren nach Siebenbürgen zurückkehrte. Wegen antikommunistischer Aktivitäten und Schriften wurde er verurteilt und verbrachte bis zur Generalamnestie 1964 fünfzehn Jahre in verschiedenen Arbeitslagern, u. a. in der Dobrudscha. Seine Erfahrungen wurden unter dem Titel Întoarcerea din infern [Rückkehr aus der Hölle] 1964 in Madrid veröffentlicht. 1974 erschien in New York ein weiterer Band, Canalul morţii [Kanal des Todes], über die Kanalbaulager.22 Verschiedene Nichtregierungsorganisationen und Forschungsinstitute trugen seit 1989 zahlreiche Dokumente und Erfahrungsberichte der Opfer kommunistischer Lager und ihrer Praktiken zusammen.23 Umso verständlicher ist diese anfängliche Zielrichtung der Aufarbeitung, wenn berücksichtigt wird, dass die Dezemberrevolution zwar die blutigste der sanften Revolutionen war, aber im Endeffekt eher einer Palastrevolution glich.24 Während Ceauşescu bereits in den Sechzigerjahren die Moskau-treue Linie, die die Partei seit ihrer Gründung 1921 verfolgte, latent als der nationalen Eigenheit Rumäniens zuwiderlaufend verurteilte, konnte das Land nach Dezember 1989 vorerst ohne größere Erklärungsnöte oder gar Vergangenheitsbewältigung an den Nationalismus der Ceauşescu-Ära anknüpfen. Die Opfer der kommunistischen Diktatur kamen zwar in Form von Augenzeugenberichten und mehr oder weniger sensationslüsternen Berichten in den Medien zu Wort, aber staatliche Anerkennung, Entschädigungen bzw. Lustration fanden im Vergleich zu anderen ehemaligen Ostblockstaaten in Rumänien lange Zeit eher nur widerwillig statt.25 Somit hält sich in Bezug auf das Kanalprojekt auch heute noch die Sichtweise, die das 1984 vollendete Projekt als Großleistung der rumänischen Nation und zugleich als wichtige Voraussetzung der immer weiter fortschreitenden eigenständigen Modernisierung derselben betrachtet. Nach Auffassung der Kanalbauer verhielt es sich jedoch ganz anders: Als Gheorghe Gheorghiu-Dej im Herbst 1949 die Ehre zuteilwurde, einen Beitrag für die Sowjetzeitschrift Bol’ševik zu verfassen (verbunden mit der Aufgabe, Tito zu kritisieren), erwähnte er den Kanalbau unter dem Titel: »Die Volksrepublik Rumänien in vollem Aufschwung«. Er schrieb: »Es werden neue Hochöfen gebaut, Koksöfen für die Eisenindustrie, eine mächtige Elektrizitätszentrale, eine große Erdölraffinerie in Moldawien, zwei Spinnereien. Auch wurde ein Anfang für den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals gemacht, ein Unterfangen gigantischen Ausmaßes und von herausragender Bedeutung für die nationale Volkswirtschaft, da es alle umliegenden Regionen beflügeln wird. Entlang des Kanals schießen Dörfer, Fabriken, Schulen und Kulturinstitute aus dem Boden.«26 In seiner Rede vor dem Politbüro am 25. Mai 1949 hatte Gheorghiu-Dej betont, dass dies eine Leistung sei, die nur die Partei erbringen konnte: »Das Problem, diesen Kanal zu bauen, hat bestimmte, mit dem alten Regime verbundene Kreise beschäftigt, wurde aber nie mehr als ein Wunschtraum, weil das kapitalistische System keine großen Werke erlaubt, die nicht den Profit im Blick haben, sondern die Verbesserung der Lage der arbeitenden Massen.« In der gleichen Sitzung formulierte sein alter Kampfgenosse Chivu Stoica den utopischen Charakter dieser Großbaustelle noch expliziter, aber zugleich auch praktisch: Sie sollte »nicht nur das Antlitz der Wirtschaft der Region verändern, sondern auch die Mentalität der Menschen, weil diese Baustelle ein Laboratorium sein wird, wo die Kader geschaffen werden, wo technische Bildungsstätten entstehen werden«.27 Die Arbeit auf der Großbaustelle wurde explizit als »Kampf« dargestellt: »Das Kanalbett wurde über die gesamte vorgesehene Länge ausgehoben und der Kampf ist jetzt in vollem Gange im schwierigsten Teilstück, dem Hügel, wo 84 Meter tief gegraben wird, meist in Gestein.«28 Auch ein erstes kommunistisches Schulbuch für das Unterrichtsfach Geschichte aus dem Jahr 1952 betonte »den Beginn der Arbeit auf der Baustelle des Kanals« 1949 und dass »im Rahmen des Fünfjahrplans der Großbau des Donau-Schwarzmeer-Kanals fertiggestellt werden wird, der einen mächtigen Einfluss auf unser Wirtschaftsleben haben wird und Leben bringt in eine Region unseres Landes, die vom bürgerlich-gutsherrlichen Regime verachtet wurde« – anscheinend war man der festen Überzeugung, dass der Bau erfolgreich sein würde, obwohl 1952 erst drei Kilometer provisorisch errichtet worden waren.29 Stärker noch als Reden und Propaganda verdeutlicht die unmenschliche Rücksichtslosigkeit bei der Umsetzung dieses Großprojekts, entgegen jeglicher Rationalität und jeglichem Realitätssinn, den utopischen Willen – vergleichbar mit dem Bau von Stalins Belomorkanal. So wurde eines der bereits existierenden Dörfer, die in Lager umgewandelt wurden, 1953 von Valea Neagră [Schwarztal] in Lumina [Das Licht] umbenannt. Wäre das Ziel des Großprojekts nur wirtschaftlicher Natur gewesen oder hätte es einzig der Ausrottung der politischen Opposition gedient, hätte es keinen Grund gegeben, der rumänischen Bevölkerung gegenüber in höchsten Tönen über den Bau zu berichten. Vor allem hätte es aber keinen Grund gegeben, mittels Propaganda und Symbolik auch die Lagerinsassen von ihrer Verantwortung für den Aufbau des Sozialismus zu überzeugen. Eigens dazu – auch dies entspricht dem Belomor-Vorbild – wurden in den Lagern Zeitungen gedruckt. Die Zeitung Canalul Dunăre-Marea Neagră [Donau-Schwarzmeer-Kanal] sollte mittels kommunistischer Rhetorik die (Zwangs)arbeiter zu Höchstleistungen anspornen. Anfangs erschien sie einmal wöchentlich, später jeden zweiten Tag. Die Gefangenenlager waren offiziell colonii de muncă [Arbeitskolonien], und das Mittel zur angestrebten Umerziehung der Staatsfeinde war – Arbeit. »Für die Umerziehung von der Rumänischen Volksrepublik feindlich gesonnenen Elementen und für die Vorbereitung und Integration dieser Elemente in das soziale Leben einer Volksrepublik, in der der Sozialismus aufgebaut wird, sollten Arbeitslager eingerichtet werden.«30 Die wenigen Augenzeugenberichte dieser dunklen Zeit zeigen, dass nichts in den Arbeitslagern den Propagandabildern wohlgemuter und wohlgenährter Werktätiger glich. Der ehemalige Häftling Cârja erinnerte sich: »An einer der Wände waren einige Slogans aufgehängt, ganz nach dem Geschmack Stalins in jener Zeit. [...] darunter auch manche Belehrungen für ›das neue Leben‹. [...] zwei Pritschen aus Holz, an beiden Seiten Fenster mit Gittern, verdreckte Laken, ausgebreitet auf dem wenigen Stroh auf den Brettern der Pritschen, auf denen die Erzieher und Opfer schliefen.«31 Nach dem Aktenstudium skizzierte der Historiker und Schriftsteller Cristian Troncotă die Grausamkeiten: »Viele Gefangene wurden grundlos mit Eisenstäben, Schaufeln, Spaten und Peitschen geschlagen. Viele starben an den Schlägen, während andere für den Rest ihres Lebens Krüppel blieben. Manche Gefangene wurden erschossen, andere erhielten keine medizinische Versorgung, wenn sie krank waren, und wurden gezwungen, trotz Krankheit zu arbeiten, und einige starben deswegen. Gefangene wurden nackt oder dünn bekleidet im Winter in Isolierzellen gesteckt. In der kalten Jahreszeit wurden Gefangene bestraft, indem sie bis zur Mittagszeit in eiskaltes Wasser gestellt wurden. Im Sommer wurden Gefangene an den Händen gefesselt und nackt den Moskitobissen ausgesetzt.«32 Das Misslingen des Infrastrukturbauprojektes als solchem und die Tatsache, dass die Umerziehung oder Resozialisierung ehemaliger politischer Gegner im unmenschlichen Alltag in den Sümpfen der Baustelle als Erstes auf der Strecke blieben und der blanken Repression wichen, widerlegt nicht die utopische Dimension des ursprünglichen Unterfangens. Kenneth Jowitt stellt zu Recht fest, dass das Projekt nicht nur verkehrstechnisch und politisch, d. h. bezüglich der Resozialisierung der Häftlinge, sondern auch als symbolische Politik, d. h. hinsichtlich der Überzeugung der Bevölkerung von den Vorzügen des Kommunismus, misslungen ist. Bezeichnend für die Denkweise von Gheorghui-Dej und seinen Mitstreitern in jener Zeit war laut Jowitt die »Nachahmung« des Sowjetvorbildes als utopischem Modernisierungsprojekt Stalins, inklusive irrationaler Gewaltanwendung und halsbrecherischer Großprojekte.33 Den rumänischen Bürgern wurde unter Ceauşescu zwanzig Jahre später wenig Gelegenheit gegeben, den erfolgreichen Bau des Kanals einfach zu ignorieren: Im Fernsehen, in den Printmedien und mittels Großveranstaltungen wurde die Aufmerksamkeit auf das Bauprojekt gelenkt, insbesondere bei der Einweihung am 26. Mai 1984. Hervorgehoben wurden dabei die Dimension der technischen Leistung, die moderne Ästhetik des Baus und vor allem das Genie des Parteiführers. Der Fortschrittsoptimismus, der diese Berichterstattung kennzeichnete, unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der (Selbst)darstellung westlicher Demokratien bei ähnlichen Großprojekten in jener Zeit, wie zum Beispiel die Deltawerke als Schutzsystem gegen Hochwasser und Sturmfluten in den Niederlanden. Deshalb und wegen der bewiesenen Realisierbarkeit können weder die Deltawerke noch die Magistrala albastră als politische Utopie gelten. Sogar der Propagandafilm zur Eröffnung des Donau-Schwarzmeer-Kanals mit Parteiführer Nicolae Ceauşescu im Mittelpunkt wirkt aus dieser Perspektive emotionslos und sachlich: Aufdringlich im Bild sind immer wieder die rumänische Flagge und Nicolae Ceauşescu an Bord eines Flussschiffes sowie insbesondere die zahlreichen Menschen am Ufer zu sehen, die eher den conducător als die Fertigstellung des Kanals zu bejubeln scheinen.34 Da die Kamera stets auf Ceauşescu gerichtet ist, wirken Kanal und Schleusenanlagen kaum überdimensional, keinesfalls wie ein Megaprojekt. Was fehlt, sind Bilder von entschlossen gegen eine schier übermächtige Natur kämpfenden Arbeitern als den Erbauern des sozialistischen Heilstaates. Von einer »Neugestaltung« des Menschen keine Spur; die Symbolik und Choreografie der Eröffnungsfeier legen nahe, dass nicht die Arbeit, sondern nur das Ergebnis zählte. Die Menschen wurden zu Statisten degradiert, die sich als Nichtbeteiligte über ihren großen Führer freuen, der mit vorausschauendem Blick dieses Projekt initiiert und geleitet hat. Auch die Gedenkmünzen und -briefmarken zeigen Ceauşescu in seiner Führungsrolle, den Kanal mit den Schleusen von Cernavodă und am Rande schweres Baugerät, aber keine Arbeiter. Eine mögliche Erklärung für diese Art der Darstellung ist der lange Schatten der Zwangsarbeiter, die unter Gheorghiu-Dej die ersten Spatenstiche im bleischweren Lehm der Dobrudscha vollbracht hatten. Das filmische Motiv der vierschrötigen Arbeiter als überzeugte Kommunisten findet sich aber auch nicht in der Propaganda zu nicht vorbelasteten Großbauprojekten aus der gleichen Zeit, wie den Wasserkraftwerken des »Eisernen Tores« in der Donau oder der Schiffswerft in Turnu Severin. Neben den Ceauşescus werden ausschließlich Rumänen mit ihrem scheinbar spontanen Jubel gut inszeniert in Reih und Glied vorgeführt. Gearbeitet wird nicht, geschuftet schon gar nicht, und die Natur scheint sich ebenfalls zu fügen.35 Dieser »Wertewandel« in der Propaganda rund um den Kanal und der Verlust der kommunistisch-utopischen Dimension unter Nicolae Ceauşescu werden von der Geschichtsschreibung über die Volksrepublik bestätigt: Ceauşescu distanzierte sich in manchen Bereichen von seinem direkten Vorgänger, und viele Kommunisten der alten Garde wurden in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre entmachtet. Die Rehabilitierung der Nationalgeschichte der Zwischenkriegszeit und deren Protagonisten ließ die stalinistische Politik Gheorghiu-Dejs plötzlich in einem anderen Licht erscheinen.36 Auf dem Höhepunkt dieser nationalkommunistischen Welle erschien 1980 die Studie Die Donau in der Geschichte des rumänischen Volkes.37 In der ausführlichen Darstellung zum neunzehnten Jahrhundert standen die Europäische Donaukommission und Rumäniens diplomatische Bemühungen, den freien Schiffsverkehr und seine Hoheitsrechte sicherzustellen, und nicht die fantastischen, nicht realisierten Pläne für einen Kanal im Mittelpunkt. Die Autoren betonen im gleichermaßen ausführlichen Text zur Zwischenkriegszeit, dass die Donaupolitik Rumäniens zwar den Interessen der herrschenden Klasse diente, aber auch den objektiven Belangen der rumänischen Nation entsprach. Im kurzen Nachwort zur Nachkriegszeit wird in Wort und Bild das Staudammprojekt »Eisernes Tor« zwischen Rumänien und dem damaligen Jugoslawien hervorgehoben. Auch die Gesamtdarstellung lässt trotz großspuriger Rhetorik utopische Überhöhung vermissen: »Die großen wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten des sozialistischen Rumäniens, seine historischen Erfolge auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens, seine konstruktive friedliche und realistische Außenpolitik haben die Voraussetzungen geschaffen, die die bedeutende Großwasserstraße der Donau zur Entwicklung der traditionellen Verbindungen mit den befreundeten anliegenden Nachbarvölkern und anderen Ländern der Welt bietet.« Im Fazit wird die Donau als Inspirationsquelle von Folklore und Dichtern identifiziert, nicht als Großbaustelle der sozialistischen Moderne – umso erstaunlicher, da die Magistrala albastră zu diesem Zeitpunkt bereits halb fertig war.38 Auch andere Zwischenfälle zeigten, dass das Bukarester Regime unschlüssig war, ob die Gräueltaten in der ersten Phase des Kanalbaus es erlaubten, die »Epoche Ceauşescu« über das Regime seines Vorgängers zu erheben, ob sie als Makel die kommunistische Legitimität als solche bedrohten oder ob die zweite Bauphase als eigenständige und vor allem nationale Leistung propagiert werden könne. Die Veröffentlichungen der Romane von Eugen Barbu, Princepele [Der Prinz, 1969], und Cel mai iubit dintre pămînteni [Der Beliebteste der Erdbewohner] von Marin Preda 1980 sind Beispiele für den Einsatz des Kanalmythos gegen Gheorghiu-Dej.39 Das Tabu zeigte sich dagegen, als das Werk »Canal Grande« des Künstlers Dan Mihaltianu in Bukarest Ende der Achtzigerjahre nicht ausgestellt werden durfte: ein großes schwarzes mit Wasser bzw. Wodka gefülltes Gummibecken. Der Verweis auf die Zwangsarbeit am Donau-Schwarzmeer-Kanal und Wodka als einzigem Trost im Leben unter der Diktatur ließ die Zensur einschreiten.40 Fazit Aus der Sicht der Opfer unterscheidet sich die Ceauşescu-Diktatur nicht wesentlich von der Gheorghiu-Dejs. Allenfalls war sie etablierter und konnte deswegen auf massiver Kontrolle und Einschüchterung aufbauen, statt auf wildem Terror. Modernisierungsprojekte, die damit einhergehende Propaganda und vor allem hemmungsloser Nationalismus dienten unter Ceauşescu als Legitimationspfeiler des Regimes. Vladimir Tismaneanu unterscheidet diesbezüglich zwei Faktionen in der Kommunistischen Partei Rumäniens: die »Westler« als Modernisierer und die »Protochronisten« als Befürworter der spezifischen nationalen Traditionen und Werte.41 Dabei bleibt unbeachtet, dass beide Ansichten einen wesentlichen Bruch mit der anti-traditionellen, anti-nationalen und radikal-modernisierenden Utopie der Fünfzigerjahre darstellten. Der Bruch zeigt sich in der realen Gestaltung des Großbauprojektes des Donau-Schwarzmeer-Kanals ebenso wie in der gleichzeitigen Propaganda rund um das Vorhaben und sogar in der Retrospektive der Parteihistoriografie. Kenneth Jowitt hat diesen Verlust des »leninistischen« Charakters als generelles Phänomen des osteuropäischen Kommunismus diagnostiziert und diese Zäsur in Rumänien für Anfang der Siebzigerjahre festgestellt, als die kurze liberale Phase endete und Repression wieder Einzug hielt, dieses Mal jedoch ohne die utopischen Ideale der Fünfzigerjahre.42 Realpolitisch wandelte sich das utopische Vorhaben zur Neugestaltung der Menschen in den Fünfzigerjahren – direkt, durch Schwerstarbeit in den Sümpfen, und indirekt, durch die Umgestaltung seines Umfeldes – zu einem nüchtern geplanten und realisierten Bauprojekt in den Siebzigerjahren. Die Propaganda unter Gheorghiu-Dej, die ähnlich wie bei Stalins Bauprojekten Staatsfeinde in den Arbeitslagern als »Erbauer des Sozialismus« darstellte, verwandelte sich ebenfalls in eine Verherrlichung des »Genies der Karpaten« und der Rechenleistung rumänischer Ingenieure.43 In der Geschichtsschreibung spiegelte sich dieser Wandel wider: Die wenigen stalinistischen Historiker-Propagandisten, die sich in den Fünfzigerjahren an die Gegenwart heranwagten, legten ihren Glauben an das social engineering offen, während die Nationalhistoriker der Siebziger- und Achtzigerjahre den Kanal als Verbrechen gegen die rumänische Nation und eine von Moskau erzwungene Fehlentwicklung in der rumänischen Parteigeschichte am liebsten verschwiegen. Nach der Dezemberrevolution hatten die Befürworter einer Aufarbeitung der Verbrechen der kommunistischen Diktatur publizistisch einen schweren Stand. Während viele akademische Historiker sich mit einem Fortschreiben der altbekannten Nationalgeschichte begnügten, die weitgehend mit dem Höhepunkt der Marea Unire [Große Nationalstaatswerdung] 1918 endete und die kommunistische Epoche außen vor ließ, mussten die Opfer des kommunistischen Terrors juristisch und politisch um Gerechtigkeit und Anerkennung kämpfen. Dies erklärt, warum die Aufarbeitung sich lange aufgrund eines totalitaristischen Paradigmas auf die frühe Terrorgeschichte und berüchtigte Lager wie Sighet oder Piteşti konzentrierte.44 Der 600-seitige Abschlussbericht der von Präsident Ion Iliescu beauftragten Historikerkommission zur Erforschung der kommunistischen Diktatur in Rumänien markierte 2006 eine Kehrtwende in der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Opfer und schlussfolgerte in Bezug auf den Kanal salomonisch: »Eine der ersten Maßnahmen, die beschlossen wurde, war, den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals an die erste Stelle zu setzen, ein gigantisches Unterfangen, auferlegt von Stalin, das mit Gheorghiu-Dejs Repressionspolitik korrespondierte.«45 Die Kommission orientierte sich vom Auftrag und von der Schieflage der Debatte her selbstverständlich am totalitaristischen Paradigma, auf den Punkt gebracht in der Überschrift des Fazits: »Die Notwendigkeit, das kommunistische Regime zu erforschen, zu verwerfen und zu verurteilen.«46 Nur wenige etablierte Historiker versuchten bis dahin, das kommunistische Regime mit neuen Quellen und neuen Ansätzen als Gesellschaftssystem und Legitimationsstruktur zu durchdringen.47 Parallel stand dabei die Kontinuität von der nationalen Verblendung der Ceauşescu-Ära bis zur heutigen Zeit im Raum, was Kommunismusforschung eher zu einem politischen als zu einem akademischen Thema machte. Jüngere Historiker befassten sich deswegen lieber – mit neuesten Faschismustheorien und Ansätzen der Analyse ideologisch-utopischer Bewegungen gerüstet – eingehend mit den Archiven zur rumänischen Eisernen Garde als ideologischer Massenbewegung der Dreißigerjahre als (paradoxerweise) »unpolitischem« Forschungsfeld. Nach einer ersten Phase der Politisierung und einer zweiten der Dokumentierung des kommunistischen Terrors, die ihren Ursprung in der Regierung der Demokratischen Konvention (1996–2000) hatte, tendieren einschlägige seriöse Forschungseinrichtungen wie das Rumänische Institut für Zeitgeschichte (IRIR) und die Behörde des Nationalen Rates zur Erforschung der Securitate-Akten (CNSAS) in den letzten Jahren zugunsten von Opfern und Öffentlichkeit in Richtung distanziert-akademischer Betrachtung und Aufarbeitung.48 Folglich wurde der Kanal des Todes bislang vorwiegend einerseits von Apologeten der Ceauşescu-Zeit als Topos benutzt, um das Gheorghui-Dej-Regime aus der nationalen Geschichtsschreibung zu verdrängen. Andererseits wurde der Kanal im antikommunistischen Lager als Anklage gegen das kommunistische System verwendet, indem immer mehr Namen und Gräueltaten enthüllt und dokumentiert wurden. Es wird aber noch viel Donauwasser ins Schwarze Meer fließen, bevor Dennis Deletants Forderung nach einer ausgewogenen und umfassenden Analyse der Frühgeschichte der kommunistischen Herrschaft jenseits nationaler Kontinuität und moralischem Schuldbefund49 ein adäquates Echo in der Forschung und in der Öffentlichkeit findet, in dem sowohl der Terror und die Verbrechen des Kanalbaus als auch die wirtschaftlichen und geostrategischen Überlegungen und sogar die utopischen Vorstellungen zur dystophischen Realität berücksichtigt werden. 1 Mit Dank an die Studenten des Forschungsseminars 2009/2010 »Staatsutopien« am Historischen Institut der Radboud Universität Nimwegen für eine Fülle an Vergleichsfällen. Außerdem geht ein Dank an Adrian und Mario Homutescu für die Bereitstellung der Abbildungen von Münzen und Briefmarken von ihrer Webseite http://romaniancoins.org. 2 Siehe Ralf Stettner: »Archipel GULag«. Stalins Zwangslager – Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928–1956, Paderborn 1996. 3 Timpul vom 27. Januar 2011; Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Ein programmierter Friedhof, in: http://www.memorialsighet.ro/index.php?option=com_content&view=article&id=749:canalul-dunare-marea-neagr-un-cimitir-programat&catid=38:evenimente&Itemid=90&lang=de, ges. am 22. August 2011. 4 Siehe Dennis Deletant: Ceauşescu and the Securitate. Coercion and dissent in Romania, 1965–1989, Armonk/NY 1995, S. 37 f. 5 Siehe z. B. aus der westlichen Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte: Daniel Chirot: Modern tyrants. The power and prevalence of evil in our age, New York 1994; Madelon de Keizer/Luuk van Middelaar (Hg.): Utopie: utopisch denken, doen en bouwen in de twintigste eeuw [Utopie: utopisches Denken, Handeln und Bauen im 20. Jahrhundert], Zutphen 2002: Liesbeth van de Grift: Securing the Communist State: The Reconstruction of Coercive Institutions in the Soviet Zone of Germany and Romania, 1944–1948, Lanham/Md. 2011; Steven A. Barnes: Death and redemption. The Gulag and the shaping of Soviet society, Princeton/NJ, 2011. 6 Siehe Werner Gumpel: Verkehrswesen und Infrastruktur, in: Klaus-Detlev Grothusen (Hg.): Rumänien (= Südosteuropa-Handbuch, Bd. 2), Göttingen 1977, S. 405. 7 Siehe Marian Cojoc: Istoria Dobrogei în secolul XX [Die Geschichte der Dobrudscha im 20. Jahr-hundert], Bukarest 2001. 8 Siehe Thomas Wagner/Wolf-Dietrich Geitz: Eisenbahnen in der Dobrudscha, in: Fern-Express (2004), H. 2, S. 32–36. 9 Siehe Aurel Bărglăzan/Octavian Smighelschi: Studiul unui canal navigabil Cernavodă-Constanţa [Untersuchung für einen befahrbaren Kanal zwischen Cernavodă und Constanţa], Buletinul Ştiinţific al Şcoalei Politehnice (1928), H. 1/2, S. 43–172. 10 Siehe Nicolas Spulber: The Danube-Black Sea Canal and the Russian control over the Danube, in: Economic Geography 30 (1954), H. 3, S. 236–245; Richard K. Carlton: Forced labor in the »people’s democracies«, New York 1955, S. 141–178. 11 Siehe Lavinia Betea/Paul Sfetcu: Stalin decide: construiti Canalul! [Stalin entscheidet: Baut den Kanal!], in: Magazin Istoric 31 (1997), H. 12, S. 13 f. 12 Zum typischen Bestreben, bei utopischen Vorhaben nicht mit den Erfolg versprechenden, sondern mit den schier unmöglichen Fällen zu beginnen, siehe Ernest Gellner: The Soviet and the savage, in: Current Anthropology 16 (1975), H. 4, S. 595–601; Yuri Slezkine: Arctic mirrors. Russia and the small peoples of the North, Ithaca/NY 1994. 13 Zu den offiziellen Dokumenten siehe Armand Gosu: 25 mai 1949: ziua de naştere a Canalului Dunăre-Marea Neagră [Der 25. Mai 1949, der Geburtstag des Donau-Schwarzmeer-Kanals], in: Revista 22 vom 7. Mai 2008. Die rumänische Kommunistische Partei stellte den Plan als Eigeninitiative dar: Universul vom 27. Mai 1949, zitiert in: Spulber: The Danube-Black Sea Canal (Anm. 10), S. 239; Curt Gasteyger: Europa von der Spaltung zur Einigung. Darstellung und Dokumentation, 1945–1997, Bonn 1997, S. 108 f. In Gheorghui-Dejs Rede vor der Nationalversammlung am 27. Dezember 1948 fand der Kanalplan noch keine Erwähnung, siehe Gheorghe Gheorghiu-Dej: Articles et discours, Bukarest 1951, S. 233 f. Constantin Iordachi: Constanţa: The first collectivized region, in: Constantin Iordachi/Dorin Dobrincu (Hg.): Transforming peasants, property and power. The collectivization of agriculture in Romania, 1949–1962, Budapest 2009, S. 110 f.; Ghiţă Ionescu: Communism in Rumania 1944–1962, London 1964, S. 194. 14 Iordachi: Constanţa (Anm. 13), S. 111 f.; Spulber: The Danube-Black Sea Canal (Anm. 10), S. 236–245. Umgekehrt wurde hinter der Wiederaufnahme des Projekts unter Ceauşescu das Motiv der Umgehung der Deltaverbindung unter unmittelbarem sowjetischen Zugriff vermutet: Gumpel: Verkehrswesen (Anm. 6), S. 405; Ian M. Matley: The geographical basis of Romania, in: Grothusen (Hg.): Rumänien (Anm. 6), S. 254. 15 Siehe Kenneth Jowitt: Revolutionary breakthroughs and national development: the case of Romania, 1944–1965, Berkeley/Calif. 1971, S. 114–130. Die Zusammenhänge rund um den Baustopp sind noch nicht abschließend geklärt und überaus komplex. Siehe z. B. Spulber: The Danube-Black Sea Canal, S. 236–245 (Anm. 10); Comisia Prezidenţială pentru Analiza Dictaturii Comuniste din România: Raport final [Präsidentenkommission für die Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien: Abschlussbericht], Bukarest 2006, S. 73, 195, 254–262. 16 Siehe George H. Bossy: Transportation and communications, in: Stephen Fischer-Galati (Hg.): Romania, New York 1957, S. 340 f; Dennis Deletant: Communist terror in Romania. Gheorghiu-Dej and the police state, 1948–1965, New York 1999, S. 213 f. Weitere »Aufarbeitung« der Exzesse der ersten Bauphase erfolgte 1955 im Rahmen von Chruščëvs Entstalinisierung. 17 Siehe Anneli Ute Gabanyi: The Ceauşescu Cult. Power Politics and Propaganda in Communist Romania, Bukarest 2000, S. 401–406. Die zweite Bauphase wurde sogar von der Weltbank in erheblichem Maße finanziell gefördert. Siehe in http://web.worldbank.org/external/projects/main?pagePK=64283627&piPK=73230&theSitePK=40941&menuPK=228424&Projectid=P008716, ges. am 22. August 2011. 18 Siehe Wim P. van Meurs: Donau-Schwarzmeer-Kanal, in: Enzyklopädie des europäischen Ostens, in: http://eeo.uni-klu.ac.at/index.php/Donau-Schwarzmeer-Kanal, ges. 22. August 2011. 19 Diese Zahlen wurden 2008, d. h. vor der Weltwirtschaftskrise verzeichnet. Siehe Administraţia Canalelor Navigabile: Statistici. Evoluţia traficului 1991–2010 [Statistik. Entwicklung des Verkehraufkommens 1991–2010], in: http://www.acn.ro/index.php?id=5&lg=ro, ges. am 22. August 2011. 20 Siehe Curierul Naţional vom 26. Mai 2010; Act Media vom 7. September 2010; Kyiv Post vom 16. Mai 2007. 21 Siehe Radio Constanţa am 26. Mai 2005, in: http://www.hotnews.ro/articol_23177-Canalul-Dunare-Marea-Neagra-isi-va-scoate-banii-in-633-de-ani.htm, ges. am 22. August 2011. 22 Ion Cârja: Întoarcerea din infern [Rückkehr aus der Hölle], Madrid 1969; Ion Cârja: Canalul morţii 1949–1954 [Der Kanal des Todes 1949–1954], New York 1974. 23 Siehe z. B. die Dokumente und Berichte auf der Website des Comitetul de Reprezentare a Victimelor Comunismului [Komitee der Vertretung der Opfer des Kommunismus]: http://www.procesulcomunismului.com/default.asp.htm, ges. am 22. August 2011 bzw. die des Institutul de Investigare a Crimelor Comunismului [Institut zur Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus]: http://crimelecomunismului.ro, ges. am 22. August 2011 oder die Fernsehserie (auch als Buch): Lucia Hossu-Longin: Memorialul durerii. O istorie care nu se învaţă la şcoală [Die Erinnerung des Leidens. Eine Geschichte, die in der Schule nicht gelehrt wird], Bukarest seit 1991. 24 Siehe Anneli Ute Gabanyi: Die unvollendete Revolution. Rumänien zwischen Diktatur und Demokratie, München 1990. 25 Siehe Lucian Boia: Romanian historiography after 1989, in: Österreichische Osthefte 44 (2002), H. 1/2, S. 499–505. 26 Gheorghiu-Dej: Articles et discours (Anm. 13), S. 371, auch für das folgende Zitat. 27 ANIC, fond CC al PCR – Cancelarie [Zentrales Historisches Nationalarchiv. Zentralkomitee der Rumänischen Kommunistischen Partei – Kanzlei], dosar nr. 53/1949, f. 5 und f. 6, zitiert nach: Comisia Prezidenţială: Raport final (Anm. 15), S. 254. 28 Agerpres 3 (1952), H. 21, zitiert nach: Spulber: The Danube-Black Sea Canal (Anm. 10), S. 243. 29 Mihail Roller: Istoria R.P.R. Manual pentru învăţământul mediu [Geschichte der Volksrepublik Rumänien. Lehrbuch für die Mittelstufe], o.O. 1952, S. 727, 743. 30 Dekret vom 13. Januar 1950, in: Organizarea şi functionarea Organelor Ministerului de Interne de la Înfiinţare pîna în prezent [Organisation und Funktion der Organe des Innenministeriums von der Entstehung bis heute], Bukarest 1978, S. 112, zitiert nach: Deletant: Communist terror (Anm. 16), S. 211. 31 Cârja: Întoarcerea din infern (Anm. 22), S. 78. 32 Cristian Troncotă: Colonia de muncă [Arbeitskolonie], in: Arhivele Totalitarismului 1 (1993), H. 1, S. 174, zitiert nach: Deletant: Communist terror (Anm. 16), S. 216. 33 Jowitt: Revolutionary breakthroughs (Anm. 15), S. 99 f. 34 Inaugurare – Magistrala albastră. Canalul Dunăre Marea Neagră – Epoca de Aur [Einweihung – die blaue Autobahn. Der Donau-Schwarzmeer-Kanal Das goldene Zeitalter], in: http://www.220.ro/documentare/Inaugurare-Magistrala-Albastra-Canalul-Dunare-Marea-Neagra-Epoca-De-Aur/e3w6oC4E6o/, ges. am 22. August 2011; Mihaela Grancea: The role of the historical film during Ceauşescu’s regime within »The building of the socialist nation«, in: Sorin Mitu (Hg.): Re-searching the nation: The Romanian file, Cluj-Napoca 2008, S. 268–294. 35 Ceauşescu – Realizări grandioase [Ceauşescu – Grandiose Leistungen], in: http://www.youtube.com/watch?v=eCWzwlq59eo, ges. am 22. August 2011. 36 Siehe Florin Constantiniu: De la Răutu şi Roller la Muşat şi Ardeleanu [Von Răutu und Roller zu Muşat und Ardeleanu], Bukarest 2007. 37 Iulian Cărţână/Ilie Seftiuc: Die Donau in der Geschichte des rumänischen Volkes, Bukarest 1980. 38 Ebd., S. 272 f., 289 (Zitat), 293. 39 Siehe Deletant: Ceauşescu and the Securitate (Anm. 4), S. 182, 192. 40 Siehe Victor Frunză: Istoria stalinismului în România [Die Geschichte des Stalinismus in Rumänien], Bukarest 1990, S. 394–399. 41 Vladimir Tismaneanu/Dan Pavel: Romania’s mystical revolutionaries: the generation of angst and adventure revisited, in: East European Politics and Societies 8 (1994), H. 3, S. 402–438. 42 Kenneth Jowitt: Inclusion and mobilization in European Leninist regimes, in: World Politics 28 (1975), H. 1, S. 69–96. 43 Siehe Daniel Ursprung: Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation. Repräsentation und Inszenierung von Herrschaft in der rumänischen Geschichte in der Vormoderne und bei Ceauşescu, Heidelberg 2007, S. 203–226. 44 Siehe z. B. die TV-Serie: Asociaţia foştilor deţinuţi politici din România, Din documentele rezistenţei [Aus den Dokumenten des Widerstands], Bukarest seit 1991; Gheorghe Boldur-Lăţescu: Genocidul comunist în România [Der kommunistische Genozid in Rumänien], Bukarest 1992. 45 Comisia Prezidenţială: Raport final (Anm. 15), S. 68. 46 Ebd., S. 628. 47 Siehe Lucian Boia: Miturile comunismului românesc [Die Mythen des rumänischen Kommunismus], 2 Bde., Bukarest 1997; Iordachi/Dobrincu (Hg.): Transforming peasants (Anm. 13). 48 Siehe dazu die Websites beider Institutionen: http://www.irir.ro und http://www.cnsas.ro, ges. am 22. August 2011. 49 Siehe Deletant: Communist terror (Anm. 16), S. vii.

JHK 2012

»Perekovka«. Tschekisten und Schriftsteller als »Ingenieure der menschlichen Seele«

Anne Hartmann

Die Gleichzeitigkeit von Utopie und Zwang in der (frühen) Sowjetzeit ist vielfach beschrieben worden: als Gestaltungswille mit totalitären Zügen, als Verheißung, der ungeheure Opfer zu bringen waren, als Projekt einer homogenen, harmonischen Gesellschaft, welches das erbarmungslose Ausmerzen des Störenden und Abweichenden erforderte. Nirgends sonst wird die Koexistenz, ja das Ineinander von Terror und Vision indes so manifest wie in der sowjetischen Strafpraxis – nur dass die Forschung angesichts der dunklen Seite von Repression und Gewalt bislang kaum einen Blick hatte für deren pädagogischen Traum. Das sowjetische Lagerwesen wurde zumeist mit Zwangsarbeit, Hunger, Willkür gleichgesetzt, d. h. als System extremer Grausamkeit wahrgenommen, für das durch Aleksandr Solženicyns monumentale Studie der Begriff Gulag zum Signum wurde. Entsprechend wurden Texte von Schriftstellern, die sich anerkennend über Orte und Maßnahmen des Strafvollzugs äußerten, als bloße Propaganda oder – schlimmer noch – als zynisch und menschenverachtend abgetan. Intellektuelle hätten sich damals »buchstäblich prostituiert«, kommentierte Stéphane Courtois Gor’kijs »›Exkursion‹ auf die Solowki-Inseln« 1929 und seine Reiseskizze über das dortige Straflager.1 Maksim Gor’kij, so auch Andreas Guski, habe das »sacrificium intellectus der literarischen Intelligencija in der Epoche des Stalinismus« vorexerziert.2 Berühmt-berüchtigt wurde dann vor allem das literarische Kollektivwerk über den von Zwangsarbeitern gebauten Weißmeer-Ostseekanal (Belomorkanal), das 1934 ebenfalls von Gor’kij in Zusammenarbeit mit Leopol’d Averbach und Lagerleiter Semen Firin herausgegeben wurde. Das Unternehmen war allein schon aufgrund seiner Dimensionen einzigartig: Eine Brigade aus 120 Schriftstellern wurde im August 1933 an den Kanal entsandt; an der wenige Monate später veröffentlichten Erfolgschronik Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal. Die Geschichte seiner Erbauung (Belomorsko-Baltijskij Kanal imeni Stalina. Istorija stroitel’stva) wirkten 36 Autoren mit. Aber auch Inhalt und Impetus des literarischen Werks waren singulär, ging es doch weniger um die Entstehung des Kanals als um die Entstehung eines neuen Bewusstseins bei seinen Erbauern, die Umwandlung von »Feinden der Gesellschaft« in »Helden der Arbeit«.3 Dass ausgerechnet Tschekisten, Mitarbeiter des Geheimdienstes OGPU, als Urheber dieser Transformation gewürdigt wurden, machte das Buch zum Skandal. Solženicyn gab die Wertung vor: Für ihn war es ein schändliches Werk, in dem »zum ersten Mal in der russischen Literatur der Sklavenarbeit Ruhm gesungen« wurde.4 Diese Einschätzung wurde vielfach reproduziert.5 Im Folgenden geht es keineswegs darum, das Buch über den Belomorkanal und ähnliche Werke zu »retten« oder ihre Autoren zu verteidigen. Vielmehr soll nach den Gründen gefragt werden, die Gor’kij und die Mitverfasser des Kollektivwerks zu ihrer Apologie der Zwangsarbeit bewogen haben. Dafür ist neben der Spur der Gewalt die verschüttete Spur einer pädagogischen Vision freizulegen, die – wie auch immer deformiert – die Lagerwelt und ihre Literarisierung damals ebenfalls prägten: Ihr Fixpunkt war die »Besserung« oder »Umerziehung« der Delinquenten, ein Konzept, das im Begriff der perekovka, des Umschmiedens, seinen sinnfälligsten Ausdruck fand. Um nachvollziehbar zu machen, welche Faszination von dieser Idee – gerade für Intellektuelle – ausging, bedarf es einer Rekonstruktion der verschiedenen Kontexte, in denen sie entstand und sich entfaltete. Die persönlichen Motive der Autoren sind in diesem Zusammenhang weniger von Belang als jene zeittypischen Denkmuster und Einstellungen – zur Kriminalität, zu Disziplin und Arbeit, zur Autorschaft –, die dazu führten, dass das Belbaltlag am Ostsee-Weißmeer-Kanal und seine Akteure zum Vorzeigeprojekt für das In- und Ausland avancierten, während das Buch über den Kanal seinerseits als »Enzyklopädie der Sowjetwelt während des Zeitabschnitts der ›großen Wende‹ in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre« gelten kann.6 Terror und Strafpädagogik – zwei Linien Nach der Oktoberrevolution etablierte sich neben dem Terror als Herrschaftsinstrument auch eine Strafpädagogik mit bemerkenswert progressiven Konzepten. Sie ist indes kaum in Erinnerung geblieben, da Repression und Gewalt, das unerbittliche Vorgehen der Bolschewiki gegen ideologisch andersdenkende Gruppen und reale wie potenzielle Feinde wesentlich nachhaltiger das politische Leben, auch das kulturelle Gedächtnis, prägten. Mit der VČK (im Folgenden: Tscheka), der Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage, schuf Lenin bereits im Dezember 1917 eine schlagkräftige Organisation, um seine Gegner aufzuspüren und auszuschalten.7 Der »Beschluss des Rates der Volkskommissare über den Roten Terror« (September 1918) legitimierte Hinrichtungen, Massenterror und Internierung. Im Verbund mit dem Volkskommissariat des Innern (NKVD) – Feliks Dzeržinskij leitete in Personalunion die Tscheka und (bis 1923) das NKVD – operierte die Tscheka auch in Bezug auf die Maßgabe, »Klassenfeinde« in »Konzentrationslagern« außerhalb der Städte zu isolieren, überaus erfolgreich. Das Lagersystem expandierte rasch: Existierten Ende November 1919 in der Russischen Sowjetrepublik 21 Lager verschiedenen Typs, so waren es zwei Jahre später bereits 122.8 Die Insassen mussten oftmals Zwangsarbeit (prinuditel’nyj trud) verrichten, die Lenin schon 1917 als Sanktionsmöglichkeit gegen »sozial-gefährliche Elemente« vorgeschlagen hatte. Sie schien geeignet, »um den Widerstand der ›Ausbeuterklassen‹ zu brechen, sie zur Zusammenarbeit mit dem Sowjetsystem zu zwingen, zu erniedrigen und zu bestrafen«.9 Während man den »Klassenfeinden« mit aller Härte begegnete, setzten die Behörden bei gewöhnlichen Kriminellen, insbesondere proletarischer Herkunft, auf Besserung und Umerziehung. Angestrebt war sogar eine vollständige Umerziehung der Häftlinge, um zukünftig ganz auf Gefängnisse verzichten zu können. Anders als im Westen sollte es bei den Strafen weder um Rache und Vergeltung noch um Leiden und Erniedrigung gehen, sondern ausschließlich um Resozialisierung. Begriffe wie »Schuld« und »Sühne« verschwanden aus dem offiziellen Wortschatz, anstelle von Bestrafung sprach man vom »Schutz« oder der »sozialen Verteidigung des proletarischen Staates«.10 Dies war mehr als nur ein Austausch der Bezeichnungen. Gerade bei denjenigen, die für ihre Überzeugung unter dem alten Regime gelitten hatten, brannte vielfach noch »der Hass gegen die alten Gerichte und Gesetze, gegen Gefängnisse und Katorgas«.11 Diese Einrichtungen sollten für immer beseitigt werden. Folglich wurden die Attribute der zarischen Strafpraxis – Einzelzellen, Handschellen, Ketten und Nahrungsentzug – geächtet. Doch mehr noch: Durch die Etablierung einer neuen Gesellschaftsordnung sollte individueller Delinquenz der Boden entzogen werden. Denn wenn Grundursache sozialer Devianz die kapitalistische Ausbeutung war, musste durch deren Beseitigung auch die Kriminalität verringert werden oder ganz verschwinden. In Abgrenzung zu Cesare Lombrosos Theorie vom geborenen Verbrecher entwickelte das bolschewistische Rechtswesen die Vision, »sozial nahe« Menschen, die milieubedingt auf die schiefe Bahn geraten waren, zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft umzuformen. Wichtigstes Instrument dafür war die sogenannte Besserungsarbeit (ispravitel’nyj trud). Denn Arbeit, so der Kongress der Kommunistischen Partei 1919, »ist das Allheilmittel, um zu bessern und zu erziehen«.12 Entsprechende Reformansätze wurden vor allem vom Volkskommissariat für Justiz (NKJu) – neben Tscheka und NKVD die dritte Säule des Strafvollzugssystems – vertreten, in dem noch viele »bürgerliche Spezialisten« tätig waren.13 In den Zwanzigerjahren wechselten die Zuständigkeiten der Strafinstanzen mehrfach, es kam zu diversen Abwehr- und Übernahmekämpfen,14 wobei sich im Ringen von NKJu und NKVD um die Verwaltung der Haftstellen das NKVD durchsetzte. Allerdings behaupteten sich bis zum Ende der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) relativ progressive Ansichten, auch beim NKVD, das – neben dem Grundsatz einer Selbstfinanzierung durch Häftlingsarbeit – ebenfalls den Besserungsgedanken vertrat.15 Bei der Übernahme des NKJu wurde auch dessen »Zentrale Besserungsabteilung« eingegliedert. Die in den Gefängnissen, Arbeitskolonien und sonstigen Hafteinrichtungen praktizierte Strafpolitik, so Evsej Širvindt, Leiter der Hauptverwaltung der Haftverbüßungsorte des NKVD, sollte auf den Prinzipien Nachsicht, Differenzierung und Individualisierung beruhen.16 Das Register der Strafen war abgestuft und sah neben Haftstrafen auch Geldbußen oder den Einsatz am alten Arbeitsplatz bei vermindertem Lohn vor.17 1923 wurde nur einer von vier verurteilten Straftätern ins Gefängnis geschickt, wo besonderer Arbeitseifer zur vorzeitigen Entlassung führen konnte. Des Weiteren wurden Erziehungs- und Bildungsprogramme aufgelegt, etwa Lesekurse für Analphabeten, aber auch berufsbildende Maßnahmen. Immer wieder erfolgten vorzeitige Entlassungen und Amnestien, jedoch weniger aus humanitären Gründen, denn aufgrund der chronischen Überfüllung und Unterfinanzierung der Gefängnisse.18 Das System der Konzentrationslager bestand jedoch fort. Zwar wurden die Tscheka und ihre Lager 1922 aufgelöst, aber ihre Funktionen gingen auf die »Staatliche Politische Verwaltung« (GPU, seit 1923 OGPU) im Volkskommissariat des Inneren über. Als die GPU 1923 aus dem NKVD herausgelöst und direkt dem Rat der Volkskommissare unterstellt wurde, wurden damit auch die der GPU unterstellten Politisolatoren und Lager als eigenes Strafsystem ausgegliedert. Die GPU verfügte über erhebliche Sonderbefugnisse, wenn es darum ging, zu verhaften, zu verhören und zu bestrafen;19 auch waren ihre Einrichtungen nicht an die Regularien der staatlichen Gesetzgebung, etwa den »Besserungsarbeitskodex« von 1924, gebunden. Berüchtigt wurde vor allem das »Lager zur besonderen Verwendung« auf den Solovki, einer Inselgruppe im Weißen Meer, in das man viele »politische« und »konterrevolutionäre« Häftlinge aus dem nördlichen Russland verbrachte – es wurde zur Keimzelle des späteren Gulag.20 Allerdings war die Grenze zwischen den verschiedenen Typen von Haftanstalten und Lagern im Positiven wie Negativen weniger trennscharf, als es scheinen mag. In den Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern befanden sich nicht nur politische Gefangene, sondern auch »Arbeitsscheue«, »Bummelanten« und »parasitäre Elemente«.21 Zudem wurde die Entscheidung darüber, wer als politischer und wer als krimineller Gefangener anzusehen sei, vielfach willkürlich gefällt,22 sodass die Zusammensetzung der Häftlingsgruppen in den einzelnen Strafeinrichtungen oft ähnlich war. Während sich in den »regulären« Gefängnissen und Arbeitskolonien Besserungsarbeit, obligatorische soziale Arbeit und Zwangsarbeit vielfältig überlappten, konnte man sogar in den OGPU-Lagern auf den Solovecker Inseln das Glück haben, der Zwangsarbeit zu entgehen, etwa durch Beschäftigung in der botanischen Versuchsstation, im Museum, das neben kostbaren Ikonen Sammlungen zur lokalen Flora, Fauna und Geschichte beherbergte, oder im Kriminologischen Kabinett zur Erforschung der Entstehung und Bekämpfung von Verbrechen. Weiter boten Bibliothek und Theater sowie die landesweit (!) vertriebene Zeitschrift Soloveckie ostrova [Die Solovecker Inseln, 1924–1930] und die Schriftenreihe der Gesellschaft für Solovecker Heimatkunde Möglichkeiten zur intellektuellen Betätigung. Es fanden Vorträge, Filmvorführungen, Gedenkabende und Konzerte statt, sodass Dmitrij Lichačev im Rückblick auf seine dortigen Haftjahre das von den späteren »Vernichtungsarbeitslagern« geprägte Bild korrigierte: »Leid, Erniedrigung, Angst waren beileibe nicht alles. Unter den grauenhaften Bedingungen der Lager und der Gefängnisse hat sich gewissermaßen ein geistiges Leben aufrechterhalten.«23 Paradigmenwechsel: Produktionsorientierung und Disziplinierung Der entscheidende Politikwechsel und Umbruch im gesamten Lager- und Gefängniswesen erfolgte ab 1928/29. Zwar war schon seit Beginn des Jahrzehnts immer wieder gefordert worden, dass sich die Gefängnisse selbst finanzieren sollten, doch wurde die Arbeitskraft von Häftlingen bis zum Ende der NEP-Periode keineswegs systematisch ausgebeutet.24 Seit Einführung des ersten Fünfjahrplans (1928–1932) wuchs indes der Druck zur Produktivität, während sich die Lebensbedingungen entsprechend verschlechterten. Die Situation verschärfte sich weiter, als sich der Vorschlag durchsetzte, die Essensrationen nach der Arbeitsleistung zu bemessen.25 Ein Beschluss des Rates der Volkskommissare vom 11. Juli 1929 »Über die Nutzung der Arbeitskraft krimineller Strafgefangener« ordnete die Strafpolitik explizit dem Ziel der forcierten wirtschaftlichen Transformation unter. Zum »Zweck der Besiedlung entlegener Regionen« und der »Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen« wurde die Schaffung eines Netzes von Besserungsarbeitslagern befohlen.26 Die OGPU wurde beauftragt, Lager zum Holzeinschlag, später auch für große Bauvorhaben, wie den Bau des Weißmeer-Ostsee- und des Moskva-Volga-Kanals, und die Gewinnung von Bodenschätzen einzurichten; diese sollten mit Gefangenen aus den NKVD-Gefängnissen, die längere Haftstrafen zu verbüßen hatten, aufgefüllt werden. Das Dekret hatte erhebliche Konsequenzen: Für die OGPU bedeutete es den Startschuss zu einer enormen Expansion und Machtausweitung. Das Geflecht ihrer Lager weitete sich rasch aus – über große Teile Nordrusslands –, und die Zahl ihrer Insassen vervielfachte sich.27 Dazu trug entscheidend bei, dass im Zuge der Zwangskollektivierung neue Vergehen definiert wurden; zugleich wurden die Strafen für »alte« Delikte erheblich verschärft bzw. wurde das alte Gesetz in neuer Weise angewandt:28 So konnte die Anklage wegen Konterrevolution jetzt beispielsweise auch Bauern treffen, die sich der Kollektivierung widersetzten. In den meisten Fällen erfolgte die Verurteilung ohne Gerichtsverhandlung, aber auch die Zahl der gerichtlich verhängten Strafen war 1932 dreimal so hoch wie noch 1929. Zudem wurde die Dauer der Strafen drastisch erhöht. Die OGPU-Lager erhielten Produktionsaufgaben, die durch die Nutzung von Häftlingsarbeit zu erfüllen waren. Während auf den Solovki Sadismus und willkürliche Erschießungen die größten existenziellen Bedrohungen darstellten, fanden bei den umfangreichen Bau- und Erschließungsvorhaben Zehntausende durch Kälte sowie durch primitivste Arbeits- und Lebensbedingungen den Tod. Auch wenn die OGPU-Einrichtungen jetzt offiziell »Besserungsarbeitslager« (ITL) hießen – ein Euphemismus, durch den man nicht zuletzt westliche Boykottdrohungen parieren wollte –,29 trat das Konzept der Heilung und Besserung durch Arbeit in den Direktiven, Beschlüssen und sonstigen offiziellen Stellungnahmen der Jahre 1929 und 1930 in den Hintergrund,30 bis es Anfang der Dreißigerjahre eine erneute Konjunktur erfuhr, aber nun in völlig veränderter Interpretation. An die Stelle therapeutischer Gesichtspunkte trat der Aspekt der Disziplinierung im Sinne der Produktionsorientierung. Während in den Zwanzigerjahren eine differenzierte öffentliche Diskussion über die Ursachen und Prävention von Verbrechen ausgetragen worden war, verengte sich der Diskurs über Kriminalität in den Dreißigerjahren auf die Umerziehung Vom Verbrechen zur Arbeit, wie ein Buchtitel lautete, bis er 1937 völlig aus der Öffentlichkeit verschwand. Širvindt – er verlor 1932 seinen Posten31 – und seine Mitstreiter für eine progressive Strafpolitik traf jetzt der Vorwurf einer »sentimental-liberalen Einstellung zur Kriminalität«.32 Die neue Rhetorik stand ganz im Zeichen der Verschärfung des Klassenkampfes, der nun auch zur Erklärung der immer noch vorhandenen, ja wachsenden Kriminalität diente. Erforderlich sei die »schonungslose Unterdrückung jeglicher Auflehnung der Feinde der Arbeiterklasse«.33 Druck und Zwang sollten dabei dialektisch mit dem Prinzip von Überzeugung und Umerziehung kombiniert werden,34 wobei nicht nur »sozial nahe«, sondern – zumindest teilweise – auch »sozial ferne« Elemente für formbar gehalten wurden; indessen blieb das Verhältnis zwischen klassenmäßigem Determinismus und Resozialisierbarkeit unklar: »Die sowjetische Strafjustiz […] stellt sich das Ziel, dass nicht nur Delinquenten aus dem Arbeitermilieu, sondern auch klassenmäßig fremde Elemente die Lager als sozial erneuerte Wesen verlassen und dann dazu fähig sind, bewusst für die sozialistische Gesellschaft zu schaffen.«35 Man gab die Idee der Umerziehung also keineswegs auf, vielmehr wurde sie sogar propagandistisch intensiviert, aber nun mit der klaren sozio-ökonomischen Vorgabe, das »schlechte Menschenmaterial in vollwertige, aktive und bewusste Erbauer des Sozialismus« zu verwandeln.36 Damit entsprach die Zielsetzung in geradezu verblüffender Weise den Vorstellungen, die im Zuge der Stalinschen Modernisierungsoffensive für die gesamte Sowjetgesellschaft entwickelt wurden. Die in der Revolutionsära entworfenen kühnen Utopien eines vollkommen »neuen Menschen«37 verengten sich jetzt auf die Schablone des einwandfrei funktionierenden Vorzeigearbeiters. Während zu Beginn der Zwanzigerjahre noch vielfältige pädagogische Experimente erprobt und diverse psychologisch oder psychoanalytisch fundierte Positionen vertreten wurden,38 die eine Umgestaltung des Menschen von innen heraus forderten, wurden all diese Ansätze nun von dem geradezu omnipräsenten Diskurs der Disziplinierung verdrängt. Hatte Trockij immerhin noch vom Selbstumbau, der Selbstharmonisierung des Menschen geschwärmt, begegnet die Vorsilbe »Selbst-« in den Dreißigerjahren nur noch in Verbindung mit Regulierungsbegriffen wie Kontrolle, Kritik und Disziplin. »Exzesse im Reich von Wünschen, Gedanken und Verhalten« sollten unterbunden,39 alles Störende und Verstörende durch gezielte Konditionierung ausgeschaltet werden. Zur Vision der Disziplinierung trat jene der Machbarkeit – die Idee umfassender Steuerbarkeit seitens der Partei und ihrer Kader, sodass an die Stelle von Einfühlung und Entfaltung des Individuums die Zurichtung von außen und oben trat.40 Daher ist es folgerichtig, dass ausgerechnet Tschekisten in den Arbeitskolonien für minderjährige Straftäter und den Lagern der OGPU als Erzieher tätig waren und in dieser Rolle auch gefeiert wurden, verkörperten sie doch Führungswillen, »metallische Logik und Disziplin«.41 »Die GPU-Leute verstehen es, Menschen umzubauen. Ja, sie können das!«, äußerte Gor’kij.42 Sie wollen jene Menschen, erläutert das Buch zum Belomorkanal, »die sich nicht selbst umerziehen können«, dazu zwingen, »ein sowjetisches Leben zu leben« (S. 116). Der Diskurs der perekovka. Gor’kij als Vordenker Für die »Besserung der Besserbaren«43 waren durchaus verschiedene Begriffe gebräuchlich: Umerziehung (perevospitanie), Umbau oder Umgestaltung des Bewusstseins (perestrojka, peredelka soznanija), schließlich Umschmiedung (perekovka) – ein griffiges Etikett, das vor allem von Semen Firin, seit 1932 verantwortlich für die Arbeiten am Belomorkanal und ab 1933 Leiter des Dmitlag am Moskva-Volga-Kanal, in Umlauf gebracht wurde.44 In jedem Fall waren die Häftlinge »menschliches Rohmaterial« (S. 609), das es zu bearbeiten galt. Diese Aufgabe oblag vor allem den Tschekisten in ihrer mehrfachen Rolle als Aufseher, Lehrmeister und Mentoren. Die Arbeit fungierte dabei ebenso als Mittel wie Ziel der Erziehung. Sie wurde als »mächtiger Hebel« definiert und wirkte wohl tatsächlich so, aber weniger, weil sich bei den Gefangenen ein neues Bewusstsein ausgebildet hätte, sondern weil gute Leistungen mit Haftverkürzung und vorzeitiger Entlassung honoriert wurden. Auch die »Abteilung für Kultur und Erziehung« war für die pädagogische Einwirkung zuständig. Sicherlich hatte sie eine Alibi- und Schaufensterfunktion,45 doch bot sie die Möglichkeit zu kleinen Fluchten aus dem Lageralltag und besseren Überlebenschancen. Mit Bibliothek, Orchester und Theater sowie den breit gestreuten kulturellen Aktivitäten vom wissenschaftlichen Vortrag bis zur Operette simulierten Belbaltlag und Dmitlag geradezu ein »normales« Kulturleben.46 Die in beiden Lagern – neben anderen Blättern – produzierte Zeitung Perekovka durfte zwar außerhalb der Lagergrenzen nicht vertrieben werden, imitierte aber in Aufmachung, Gestus und Rubriken Betriebszeitungen der sowjetischen Außenwelt. Hier fanden sich Befehle und Leitartikel, Berichte von Arbeiterkorrespondenten, Erfolgsbilanzen und Selbstkritik sowie eine Schachecke. Aber auch Arbeit und Belohnung waren nach den »draußen« gängigen Strukturen organisiert: Zwischen Arbeitsbrigaden wurde der sozialistische Wettbewerb ausgerufen, Stoßarbeiter bzw. Stachanovarbeiter wurden für ihre Leistungen nicht nur an Wandtafeln geehrt, sondern sie aßen auch an getrennten Tischen unter der Losung »Für die besten Arbeiter das beste Essen«, während »Nichtstuer, Drückeberger und Faulpelze« an den Pranger gestellt wurden.47 Das Lager präsentierte sich also in seltsamer Weise als Double der äußeren Sowjetwelt oder anders formuliert: Es war die »exakteste Verkörperung des Staates, der ihn geschaffen hat«.48 Daher ist es gar nicht so überraschend, dass Gor’kij als entschiedener Befürworter und eine Art »Chefideologe« des Stalinschen Staates nach seiner Rückkehr aus der Emigration auch zum wichtigsten Propagandisten von dessen Arbeitskolonien und Lagern wurde. Dabei verstand er diese nicht als auf Dauer angelegte, sondern als vorübergehend notwendige Einrichtungen. In solcher Wahrnehmung waren Zwangsarbeit und Arbeitszwang lediglich zwei Seiten einer Medaille und perekovka das Projekt einer mentalen Umgestaltung, das letztlich alle Sowjetbürger betraf. Die große Transformation, die Schaffung eines neuen Bewusstseins und einer neuen Wirklichkeit durch gemeinsame Arbeit, war für Gor’kij keine ideologische Parole, sondern zentrales Anliegen. In zahlreichen Reden und Aufsätzen feierte er – die Zukunft gleichsam heraufbeschwörend – die Größe der Epoche, das sowjetische Volk als »kollektiven und allmächtigen Herrn seines Landes«49 und den Sieg von Verstand und Disziplin über die ungezähmte, feindliche Natur, auch die Menschennatur. Mit großer Anteilnahme begleitete Gor’kij die auch im Westen berühmt gewordenen Versuche des Pädagogen Anton Makarenko, minderjährige Rechtsbrecher zu resozialisieren50 – eine Kolonie trug sogar seinen Namen; und auch Matvej Pogrebinskij, dem Leiter der Arbeitskommune der OGPU für verwahrloste Jugendliche in Bolševo, war er freundschaftlich verbunden.51 Gerade den jungen Leuten galten seine Sympathien, schienen sie doch durch den erzieherischen Einfluss »freier Arbeit« noch formbar zu sein, während Gor’kij jene, die er für »unheilbar krank«, von einem »kleinbürgerlich-wölfischen Leben vollkommen verunstaltet« hielt, der Vernichtung preisgeben wollte.52 Auch auf Solovki interessierte Gor’kij vor allem die Kolonie für Minderjährige, die er als »vorbereitende Schule« ansah, von der aus die Zöglinge in »Hochschulen« wie die Arbeitskommune von Bolševo wechseln durften.53 Doch nicht nur Gor’kijs Vision einer Erziehung für und durch die Arbeit sowie seine persönlichen Verbindungen zu Arbeitslagern und Kommunen sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung: Zu Geheimdienstchef Jagoda, seinem Nachbarn in der Datschensiedlung, und Semen Firin stand er in regelmäßigem Kontakt; auch als Kulturpolitiker und Schriftsteller kam Gor’kij bei der Propagierung der perekovka-Idee eine Schlüsselrolle zu. Mit den von ihm initiierten Zeitschriften und Editionsprojekten, etwa Naši dostiženija [Unsere Errungenschaften] und Istorija fabrik i zavodov [Geschichte der Fabriken und Betriebe – in dieser Reihe erschien auch das Buch über den Belomorkanal], wollte Gor’kij das Erreichte in ein Monument verwandeln und zugleich Maßstäbe setzen. Nicht die Empirie war die Richtschnur dieser Leistungsschauen, sondern das Zukunftsziel, in dessen Interesse die Wirklichkeit überhöht und ausgeschmückt werden sollte.54 In jene Jahre fiel auch – unter der Patronage Gor’kijs – die Einführung des sozialistischen Realismus und damit die Funktionsbestimmung des Schriftstellers als »Ingenieur der menschlichen Seele«. Wenn die Schriftsteller auf dem Ersten Sowjetischen Schriftstellerkongress 1934 zu »Organisatoren der Umformung des Bewusstseins der Menschen im Geiste des Sozialismus« ernannt wurden,55 bekamen sie geradezu tschekistische Aufgaben zugewiesen. Zugleich wurden die GPU-Leute von Gor’kij als »Ingenieure der Umschmiedung der Seelen«,56 d. h. gleichsam als wahre Schriftsteller bezeichnet.57 Es ist kein Zufall, dass Gor’kij die perekovka – die juristische Terminologie wurde bezeichnenderweise zugunsten einer bildlichen Sprache aufgegeben58 – in ästhetischen Kategorien konzipierte, als Epos der heldenmütigen Arbeit. So wurde eine ungeheure diskursive Maschinerie der perekovka in Gang gesetzt: An vorderster Front kämpften die »Kanalarmisten« gegen die feindselige Natur Kareliens, die Tschekisten gegen die feindliche Menschennatur. Dies war ein doppelt heldenhafter Kampf: Die Elementargewalten mussten bezwungen, Chaos gebändigt und Spontaneität in Bewusstheit überführt werden;59 er wurde mit entsprechendem Pathos in Szene gesetzt: »Das ist einer der glänzendsten Siege der kollektiv organisierten Energie der Menschen über die Gewalten der rauen Natur des Nordens. Zugleich ist dies das glänzend gelungene Experiment einer massenhaften Umkehrung früherer Feinde der Diktatur des Proletariats und der sowjetischen Gesellschaft in qualifizierte Mitarbeiter der Arbeiterklasse und sogar in Enthusiasten staatlich erforderlicher Arbeit.« (S. 12) Wer dieses Experiment erfolgreich überstand, konnte Auszeichnungen erhalten und vom Verbrecher zum Genossen, ja – wie die Biografie Naftalij Frenkels zeigt – selbst zum Tschekisten aufsteigen;60 der Häftling Sergej Alymov durfte (oder musste) sich, frisch entlassen, als Autor an der Chronik des Kanals beteiligen. Perekovka der Schriftsteller Auch die Schriftsteller waren in den Prozess der perekovka eingebunden. Nicht wenige mögen sie als Angebot auch für die eigene Biografie aufgefasst haben, als »Möglichkeit, die Vergangenheit zu begraben und einen neuen Weg einzuschlagen«.61 So verstand es jedenfalls der junge Konstantin Simonov, der damals danach strebte, seine Herkunft als Adeliger hinter sich zu lassen und eine neue Identität als proletarischer Schriftsteller aufzubauen.62 Andere, so Nikolaj Ustrjalov, 1935 aus der Emigration in die UdSSR zurückgekehrt, begriffen perekovka als persönliches Umerziehungssoll, um das eigene Bewusstsein mit der Generallinie der Partei in Einklang zu bringen.63 Bei der Schriftstellerbrigade, die 1933 zum Belomorkanal entsandt wurde, kam ein weiteres Moment hinzu: Die Reise war Bestandteil der Transformation des literarischen Felds nach der Auflösung der literarischen Gruppen 1932.64 Die 120 Autoren sollten – über die früheren Fehden hinweg – zu einem Kollektiv zusammengeschweißt werden;65 das gemeinsame Opus dokumentierte die neue Einheit. Im Einzelnen wird man die Motive für den Kanaltourismus kaum mehr rekonstruieren können. Nach allem, was man weiß, reichten sie von echtem Enthusiasmus über Neugier, Abenteuerlust, Karrierehunger und Nötigung bis hin zu ehrenhaften persönlichen Anliegen: Viktor Šklovskij wollte seinen am Kanal inhaftierten Bruder Vladimir retten.66 Auch vor Ort und bei der anschließenden literarischen Aufarbeitung verschränkten sich Täuschung und Selbsttäuschung, Überzeugung und Lüge, Unwissen und Wegschauen, Druck und Willfährigkeit.67 Während der nur sechstägigen Exkursion trafen die Schriftsteller auf ein sorgfältig präpariertes Musterlager mit handverlesenen kriminellen Gefangenen; die Arbeiten waren weitgehend abgeschlossen und die meisten Häftlinge bereits verlegt worden. Das Buch zum Kanal, an dem so namhafte Autoren wie Aleksej Tolstoj, Michail Zoščenko, Vsevolod Ivanov, Valentin Kataev und Vera Inber mitwirkten, wurde – wie das Bauwerk selbst – in kürzester Zeit mittels »Stoßarbeit« verfasst, da es zum XVII. Parteitag, dem »Parteitag der Sieger«, im Januar 1934 vorliegen sollte.68 Zwei Kapitel stammten von Gor’kij, der selbst nicht an der Fahrt teilnahm, aber spiritus rector der literarischen Unternehmung war, ein weiteres von Zoščenko; alle übrigen wurden gemeinschaftlich von vier bis zehn Autoren verfasst. Entstanden ist ein seltsamer ästhetischer Zwitter.69 Seiner Machart nach geht das Werk noch auf die Baupläne einer linken faktographischen Kunst zurück. Interviews, Kommentare, Erlasse, Statistiken sowie Berichte aus der Lagerzeitung Perekovka sind ebenso in das Textensemble eingegangen wie Fotos des Avantgardekünstlers Aleksandr Rodčenko, der mehrere Monate am Kanal verbrachte. Der Text widersetzt sich der Rundung zum Epos, wo kontrastierende Sequenzen zusammengefügt werden und die Erzählhaltung des skaz eingenommen, also »dem Volk aufs Maul geschaut« wird. Auf diese Weise vermitteln einige Passagen andere als die erwünschten Wahrheiten, indem sie etwa die Nichtigkeit etlicher »Verbrechen«, für die am Belomorkanal zu büßen war, bloßlegen: So kommt in Gor’kijs Einleitungskapitel »Die Wahrheit des Sozialismus« ein »schwer erziehbarer« Kulak zu Wort, dessen Hof während des Bürgerkriegs von Partisanen, Weißen, Roten und den Deutschen geplündert worden war. Als die Kollektivierung begann, wollte er sich nicht – dies sein »Verbrechen« – von seiner mühsam wieder aufgebauten Wirtschaft trennen. Zwar hat er nun, zweifach prämiert, die Aussicht auf Haftverkürzung, aber nicht auf eigenes Land; in der Kolchose sieht er für sich keine Zukunft: »Besser ist es, mit dem Finger in der Nase zu bohren.« (S. 18) Zudem werden durchaus anstößige Ansichten wiedergegeben, wenn z. B. von »unschuldig erschossenen« Ingenieuren die Rede ist oder die Bolschewiki als »Idioten« apostrophiert werden, »die das Land in den Abgrund führen« (S. 90 u. 91), ohne dass sich der Erzähler erkennbar von diesen Meinungen distanzieren würde.70 Die Dominante des Werks ist jedoch eine andere. Ideologisch entspricht es bereits weitgehend den kanonischen Vorgaben des sozialistischen Realismus. Mit Stichworten wie »Stolz«, »Glück«, »Ruhm«, »Ehre« und »Heldentum« (S. 12) steckt Gor’kij dafür eingangs den Rahmen ab. Stilistisch disparat, sind die Beiträge inhaltlich auf die Botschaft des Sieges und die eine Wahrheit zentriert, die sich in den manichäischen Topoi Gut vs. Böse, Gesundheit/Heilung vs. Krankheit, proletarischer Humanismus vs. kapitalistische Barbarei, kollektive Arbeit vs. »zoologischer Individualismus«, Ordnung vs. Chaos, Zukunft vs. Vergangenheit, technischer Fortschritt und Umschmiedung vs. Natur etc. entfalten.71 Der Text lässt sich als Produktions- wie als Bildungsroman lesen, wobei – auch das ist für den sozialistischen Realismus kennzeichnend – die Entwicklung weitgehend ohne Psychologie auskommt. Die Verwandlung »von Gesetzesbrechern in ideale Menschen« (S. 494) erfolgt vielmehr als plötzlicher Umschlag, wie durch ein Wunder. Perekovka wird hier zu einem Akt der Bekehrung, durch den der Delinquent zum »Glauben« an das Projekt findet,72 und geläutert, ja »neu geboren«, wieder ins Leben entlassen wird: »Die Biografien dieser Menschen sind korrigiert, gereinigt, vervollständigt.« (S. 582) In entsprechender religiöser Überhöhung tritt die OGPU als Instanz auf, die »nicht nur straft, sondern auch rettet« (S. 587), und sind die Tschekisten befähigt, in die Seelen der Menschen zu blicken: »Die Tschekisten entwirrten die Knoten, sprachen das Unausgesprochene aus, erfuhren das Verborgenste.« (S. 96) Das Buch zum Belomorkanal erschien 1934 in hoher Auflage,73 wurde jedoch drei Jahre später jäh zurückgezogen. 1937 war der Band ästhetisch nicht mehr zeitgemäß, aber vor allem politisch nicht mehr tragbar. Geheimdienstchef Genrich Jagoda, der als »Vater« des Bau- und Besserungswerks in dem Band allenthalben präsent ist, wurde 1936 von seinem Posten abgelöst und 1937 verhaftet. Leopol’d Averbach und Semen Firin (mit ihm 218 Personen aus seinem Umfeld) wurden 1937 erschossen. Viele der porträtierten Tschekisten ereilte dasselbe Schicksal. Auch ideologisch hatte die perekovka ausgedient – der Begriff verschwand samt seinen Urhebern: Mit dem 1937 einsetzenden Großen Terror ging es nicht mehr um die Reintegration, sondern die Entfernung der »Schädlinge« aus der Gesellschaft.74 Hatte man Solovki und das Besserungsarbeitslager am Weißmeer-Ostsee-Kanal noch medial inszeniert und dafür im In- und Ausland regelrecht um Aufmerksamkeit geworben, so wurde der Gulag der späteren Stalinzeit sorgfältig von der Außenwelt abgeschirmt. Vor dem Hintergrund des schroffen Paradigmenwechsels zeichnet sich jedoch umso deutlicher ab, was sowjetische Intellektuelle vorher dazu bewogen haben mag, die Idee der Umerziehung mitzutragen: 1933/34 waren zumindest noch Relikte der früheren progressiven Strafpolitik erhalten, auch Reste des »grenzenlose[n] sozialpolitische[n] Optimismus«75 der Zwanzigerjahre, dass Menschen durch Arbeit zu »bessern« seien und sich das Problem der Kriminalität bald von selbst erledigen würde. Noch war das Lagerleben widersprüchlich, konnte das interne Regime trotz härtester Zwangsarbeit »sehr liberal« sein.76 Die Grenze zwischen Lager- und Nichtlager war in vielfältiger Hinsicht durchlässig, auch waren beide Bereiche durch denselben Diskurs von Disziplinierung, Arbeitsethos und Heroisierung verbunden. In der Idee des »neuen Menschen« und seiner Zurichtung durch das soul engineering77 der perekovka fanden zudem Literatur und Lager, Schriftsteller und Tschekisten ein gemeinsames Narrativ und Projekt. Gemeinsam war ihnen allerdings auch – gerade in den obligaten Erfolgsgeschichten – die fortschreitende »Entwirklichung der Wirklichkeit«,78 die Ablösung einer virtuellen Realität des schönen Scheins von jenem Alltag, den die gewöhnlichen Sterblichen zu bestehen hatten. 1 Stéphane Courtois: Die Verbrechen des Kommunismus, in: ders. u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich 1998, S. 32. 2 Andreas Guski: Der Präzeptor unterwegs: Gor’kijs Reiseskizzen »Durch die Union der Sowjets«, in: Wolfgang Stephan Kissel (Hg.): Flüchtige Blicke. Relektüren russischer Reisetexte des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2009, S. 221. Siehe das Kapitel »Gorky’s Gulag« in: Michael David-Fox: Showcasing the Great Experiment: Cultural Diplomacy and Western Visitors to Soviet Russia, 1921–1941, New York 2011. 3 Maksim Gor’kij: Ot »vragov obščestva« – k gerojam truda [Von »Feinden der Gesellschaft« zu Helden der Arbeit], in: ders.: Sobranie sočinenij v tridcati tomach [Gesammelte Werke in dreißig Bänden], Moskau 1949–1953, Bd. 27, S. 510. 4 Alexander Solschenizyn: Der Archipel GULAG, Bern/München 1974, Bd. I, S. 12. Siehe ebd. Bd. II, S. 76–98. Solženicyns Monumentalwerk lässt sich sogar als direkte Antwort auf das Belomorkanal-Buch lesen. Siehe Félix Chartreux: Le canal mer Blanche-Baltique Staline (1934), pratiques d’écriture collective et transformation du champ littéraire soviétique [Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal (1934). Praktiken des kollektiven Schreibens und die Transformation des sowjetischen literarischen Felds], in: Temporalités (2006), H. 3, S. 170. 5 Siehe z. B. Gerald Stanton Smith: D. S. Mirsky. A Russian – English Life, 1890–1939, Oxford 2000, S. 245: Solženicyns Kritik mache eine weitere Diskussion dieses »monströsen Buchs« überflüssig. 6 Michel Heller: Stacheldraht der Revolution. Die Welt der Konzentrationslager in der sowjetischen Literatur, Stuttgart 1975, S. 141. 7 Grundlegend: George Leggett: The Cheka. Lenin’s Political Police, Oxford 1981. 8 Zahlenangaben nach Galina M. Ivanova: Der GULag im totalitären System der Sowjetunion, Berlin 2001, S. 26. 9 Ralf Stettner: »Archipel GULag«: Stalins Zwangslager. Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Ent-stehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928–1956, Paderborn u. a. 1996, S. 45. Siehe Ivanova: Der GULag (Anm. 8), S. 25. 10 Siehe Evsej G. Širvindt/B. S. Utevskij: Sovetskoe penitenciarnoe pravo [Das sowjetische Strafrecht], Moskau 1927, S. 63–69; dies.: Sovetskoe ispravitel’no-trudovoe pravo [Das sowjetische Besserungs-arbeitsrecht], 2. Aufl. Moskau 1931, S. 16. 11 David J. Dallin/Boris I. Nicolaevsky: Zwangsarbeit in Sowjetrußland, Wien [1948], S. 136. 12 Zit. nach ebd., S. 137. 13 Ivanova: Der GULag (Anm. 8), S. 28. Siehe ferner Dallin/Nicolaevsky: Zwangsarbeit (Anm. 11), S. 134–143; Peter H. Solomon: Soviet Penal Policy, 1917–1934. A Reinterpretation, in: Slavic Review 39 (1980), H. 2, S. 195–201. 14 Dazu im Detail Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 9), S. 43–87; Michael Jakobson/Michail Smirnow: Das System der Haftanstalten der RSFSR und UdSSR 1917–1930, in: Memorial International (Hg.): Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR. 1923–1960, Berlin 2006, S. 3–17; Irina Scherbakowa: Gefängnisse und Lager im sowjetischen Herrschaftssystem, in: http://www.gulag.memorial.de/pdf/scherbakova_gefaengnisse.pdf, ges. am 22. Juli 2011, S. 591–596. 15 Inwieweit dabei Realität und Absichtserklärungen divergierten, muss hier dahingestellt bleiben. Siehe dazu Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 9), S. 48. 16 Siehe Evsej Širvindt: Naše ispravitel’no-trudovoe zakonodatel’stvo [Unsere Gesetzgebung zur Besserungsarbeit], Moskau 1925. 17 Zu den Maßnahmen im Einzelnen Solomon: Soviet Penal Policy (Anm. 13), S. 197 f. 18 Siehe Jakobson/Smirnow: Das System (Anm. 14); Anne Applebaum: Der Gulag, Berlin 2003, S. 68; Ivanova: Der GULag (Anm. 8), S. 29 f. 19 Siehe Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 9), S. 67. 20 Zur Geschichte siehe Jurij Brodskij: Solovki. Dvadcat’ let osobogo naznačenija [Solovki. 20 Jahre besonderer Bestimmung], Moskau 2002. Zum Ausbau des Lagers: Nick Baron: Conflict and Complicity: The Expansion of the Karelian Gulag, 1923–1933, in: Cahiers du Monde russe 42 (2001), H. 2-4, S. 615–648. Zu Solovki als »erste[m] Lager des Gulags« siehe auch Applebaum: Der Gulag (Anm. 18), S. 57–78, ferner die Website http://www.solovki.ca/, ges. am 22. Juli 2011. 21 Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 9), S. 58, 61 u. 65. 22 Siehe Jakobson/Smirnow: Das System (Anm. 14), S. 7. 23 Dmitri S. Lichatschow: Hunger und Terror. Mein Leben zwischen Oktoberrevolution und Perestroika, Ostfildern 1997, S. 71. 24 Siehe Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 9), S. 47. 25 Siehe Applebaum: Der Gulag (Anm. 18), S. 74 f. 26 Zit. nach Jakobson/Smirnow: Das System (Anm. 14), S. 15. Zu den Intentionen und Folgen dieses Beschlusses siehe Baron: Conflict (Anm. 20), S. 628–633. 27 Siehe Stettner: »Archipel GULag« (Anm. 9), S. 124. 28 Siehe ebd., S. 99–103; Solomon: Soviet Penal Policy (Anm. 13), S. 214. 29 Zu den wirtschaftspolitischen Hintergründen siehe Applebaum: Der Gulag (Anm. 18), S. 97–99. 30 Siehe Jakobson/Smirnow: Das System (Anm. 14), S. 20. 31 1938 wurde Širvindt verhaftet; auf die Lagerhaft (bis 1948) folgte Verbannung bis 1954. 32 Andrej Vyšinskij: Predislovie [Vorwort], in: Ida L. Averbach: Ot prestuplenija k trudu [Vom Verbrechen zur Arbeit], Moskau 1936, S. VI. (Die Verfasserin, eine Schwester Leopol’d Averbachs, war mit Genrich Jagoda verheiratet). 33 Ebd., S. VII. 34 Siehe ebd., S. VI; A. Vyšinskij: Predislovie, in: ders. (Hg.): Ot tjurem k vospitatel’nym učreždenijam [Von Gefängnissen zu Erziehungseinrichtungen], Moskau 1934, S. 8. 35 Averbach: Ot prestuplenija (Anm. 32), S. 15. 36 Ebd., S. 4; siehe Vyšinskij: Predislovie (Anm. 34), S. 8. Zur Rolle, die der Gulag, speziell die Umerziehung durch Arbeit, bei der Konstruktion einer sozialistischen Gesellschaft und der neuen sowjetischen Persönlichkeit spielte, ausführlich Steven A. Barnes: Death and Redemption. The Gulag and the Shaping of Soviet Society, Princeton/Oxford 2011. 37 Siehe Boris Groys/Michael Hagemeister (Hg.): Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2005. 38 Dazu besonders Alexander Etkind: Eros des Unmöglichen. Die Geschichte der Psychoanalyse in Russland, Leipzig 1996. 39 Torsten Rüting: Pavlov und der Neue Mensch. Diskurse über Disziplinierung in Sowjetrussland, München 2002, S. 153. Rüting weist nach, wie Pavlovs Erkenntnisse und Begriffe über bedingte Reflexe bei Hunden aus dem Labor in die Gesellschaft drangen und das »Territorium der psychologischen Diskurse« kolonisierten (S. 109). 40 Dazu besonders Sergej Ušakin: Pole boja na lone prirody: ot kakogo nasledstva my otkazyvalis’ [Das Schlachtfeld im Schoße der Natur: Von welcher Erbschaft wir uns losgesagt haben], in: Novoe literaturnoe obozrenie (2005), H. 71, S. 263–298. 41 Maksim Gor’kij/Leopol’d Averbach/Semen Firin (Hg.): Belomorsko-Baltijskij Kanal imeni Stalina. Istorija stroitel’stva [Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal. Die Geschichte seiner Erbauung], Moskau 1934 (Neudruck 1998), S. 330. Seitennachweise im Text beziehen sich auf die Neuausgabe. 42 Maksim Gor’kij: Reč’ na slete udarnikov belomorstroja [Rede beim Treffen der Stoßarbeiter vom Weißmeerkanal], in: ders.: Sobranie sočinenij (Anm. 3), Bd. 27, S. 74. 43 A. Ėstrin/V. Trachterev: Razvitie sovetskoj ispravitel’no-trudovoj politiki kak časti sovetskoj ugolovnoj politiki [Die Entwicklung der sowjetischen Besserungsarbeitspolitik als Teil der sowjetischen Kriminal-politik], in: Vyšinskij (Hg.): Ot tjurem (Anm. 34), S. 22. 44 Siehe Nikolaj Fedorov: Dvigatel’ »perekovki« (načal’nik Dmitlaga S. G. Firin) [Triebkraft der »Umschmiedung«. (Der Leiter des Dmitlag S. G. Firin)], in: http:/www.martyr.ru/content/view/21/17, ges. am 22. Juli 2011. 45 Die Ausgaben für Kultur und Erziehung machten nur 2,7 Prozent des Gesamtbudgets aus. Nick Baron: Production and Terror: The Operation of the Karelian Gulag, 1933–1939, in: Cahiers du Monde russe 43 (2002), H. 1, S. 152. 46 Siehe die Erinnerungen von Nikolaj P. Anciferov an das Belbaltlag: Iz dum o bylom. Vospominanija [Einige Gedanken über das Vergangene. Erinnerungen], Moskau 1992, S. 374–398; Zum Dmitlag siehe Nikolaj Fedorov: Dmitlag (Iz istorii stroitel’stva kanala Moskva-Volga) [Dmitlag (Zur Baugeschichte des Moskva-Volga-Kanals)], in: http://www.martyr.ru/content/view/14/17/, ges. am 22. Juli 2011; ders.: Byla li tačka u ministra? Očerki o stroiteljach kanala Moskva-Volga [Hatte der Minister eine Schubkarre? Skizzen über die Erbauer des Moskva-Volga-Kanals], Dmitrov 1997. 47 Ivan Čuchin: Kanaloarmejcy. Istorija stroitel’stva Belomorkanala v dokumentach, cifrach, faktach, fotografijach, svidedel’stvach učastnikov i očevidcev [Kanalarmisten. Die Geschichte der Erbauung des Belomorkanals in Dokumenten, Zahlen, Fakten, Fotos, Zeugnissen von Teilnehmern und Augenzeugen], Petrozavodsk 1990, S. 12. Auch freie Arbeiter waren an dem Kanalprojekt beteiligt, während umgekehrt manche Insassen (so Anciferov mit seinem Sohn) auch außerhalb der Lagergrenzen wohnen durften. 48 Ž. Rossi: Real’nyj socializm [Realer Sozialismus], in: Volja. Žurnal uznikov totalitarnych sistem (1994), H. 2/3, S. 178. Siehe Ivan L. Solonevič: Rossija v konclagere [Russland im Konzentrationslager], Moskau [1938] 1999, S. 8: »Alles, was im Lager vor sich geht, geht auch in Freiheit vor sich und umgekehrt.« 49 Maksim Gor’kij: »Istorija fabrik i zavodov« [»Geschichte der Fabriken und Betriebe«], in: ders.: Sobranie sočinenij (Anm. 3), Bd. 26, S. 142. 50 Makarenko behauptete von sich, »an die dreitausend Menschen umgeschmiedet« zu haben, vor allem durch Herbeiführung einer »Explosion«, also eines plötzlichen kathartischen Umschlags. Anton Makarenko: Ein Buch für Eltern (= Werke, Bd. 4), Berlin 1958, S. 466. 51 So verfasste Gor’kij ein Vorwort zu Matvej S. Pogrebinskijs Buch Trudovaja kommuna OGPU [Die Arbeitskommune der OGPU], Moskau 1928. Die Kommune von Bolševo galt als Vorzeigeobjekt gerade gegenüber ausländischen Besuchern und wurde von vielen namhaften Intellektuellen (Henri Barbusse, Martin Andersen Nexø, George Bernard Shaw, Gustav Regler, Oskar Maria Graf, André Malraux, André Gide u. a.) lobend erwähnt. 52 Gor’kij: Ot »vragov obščestva« (Anm. 3), S. 510. 53 Maksim Gor’kij: Po Sojuzu Sovetov V: Solovki [Durch die Union der Sowjets V: Solovki], in: ders., Sobranie sočinenij (Anm. 3), Bd. 17, S. 231. Zu den Biografien der »Bolševcy« siehe Svetlana Gladyš: Deti bol’šoj bedy [Die Kinder des großen Elends], Moskau 2004, S. 62–85. 54 Zum Prinzip des »erhebenden Betrugs«, der Heroisierung und revolutionären Romantik bei Gor’kij siehe Hans Günther: Der sozialistische Übermensch. Maksim Gor’kij und der sowjetische Heldenmythos, Stuttgart/Weimar 1993, S. 39 f., 104–108; Heller: Stacheldraht (Anm. 6), S. 124–127. 55 Andrej Ždanov: Die Sowjetliteratur, die ideenreichste und fortschrittlichste Literatur der Welt, in: Hans-Jürgen Schmitt/Godehard Schramm (Hg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongress der Sowjetschriftsteller, Frankfurt/M. 1974, S. 50. 56 Gor’kij: Reč’ na slete (Anm. 42), S. 74. 57 Evgenij Dobrenko: Politėkonomija socrealizma [Politökonomie des sozialistischen Realismus], Moskau 2007, S. 158. 58 Ebd., S. 166. Auch Makarenko verstand sich als Schriftsteller, und selbst Firin gefiel sich als Künstler. 59 Siehe Hans Günther: Der Bau des Weißmeerkanals als Laboratorium des neuen Menschen, in: Petra Josting/Jan Wirrer (Hg.): Bücher haben ihre Geschichte. Norbert Hopster zum 60. Geburtstag, Hildesheim u. a. 1996, S. 63. 60 Naftalij Frenkel (1883–1960), war schon zu Lebzeiten eine fast mythische Figur. Auf den Solovecker Inseln stieg er rasch vom Häftling zu »einem der einflussreichsten Lagerkommandanten« auf – dank seiner Vorschläge, das Lager zu einem profitablen Wirtschaftsunternehmen zu machen und entsprechend das System der Arbeitsnormen und Essenszuteilung zu gestalten. – Siehe Applebaum: Der Gulag (Anm. 18), S. 69–76. 61 Zit. nach Orlando Figes: Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland, 2. Aufl. Berlin 2008, S. 302. 62 Nach der Veröffentlichung eines Poems über die Umerziehung der Häftlinge genehmigte ihm der Verlag 1934 eine vierwöchige Reise an den Belomorkanal, wo er für die Zeitschrift Perekovka als Journalist arbeitete. – Siehe ebd., S. 299–303. Auch Michail Bulgakov bat mehrfach darum, in eine der OGPU-Kommunen oder zum Belomorkanal entsandt zu werden. Siehe Michail und Elena Bulgakova: Dnevnik mastera i margarity [Das Tagebuch von Meister und Margarita], Moskau 2004, S. 149. 63 Siehe Rainer Goldt: Einladung zur Enthauptung. Nikolaj Ustrjalovs Briefe und Tagebücher als psychologisches Stenogramm einer gescheiterten Heimkehr in die UdSSR, in: Frank Göbler (Hg.): Russische Emigration im 20. Jahrhundert. Literatur – Sprache – Kultur, München 2005, S. 58. 64 Siehe Chartreux: Le canal (Anm. 4), S. 175–180. 65 Siehe Aleksandr Avdeenko: Otlučenie [Exkommunikation], in: Znamja (1989), H. 3, S. 13. Dazu Joachim Klein: Belomorkanal. Literatur und Propaganda in der Stalinzeit, in: Zeitschrift für Slavische Philologie 55 (1995/96), H. 1, S. 73–76. Zwar gehörte es zum Programm des Fünfjahrplans, dass Schriftsteller in die Betriebe und zu den Großbaustellen des Landes delegiert wurden, nur wurde hier eine nie da gewesene Größenordnung erreicht. Zum Arbeitslager als »Reiseziel« siehe Susi Frank: Russische »Reisetexte« um 1935, in: Kissel (Hg.): Flüchtige Blicke (Anm. 2), S. 256–258. 66 Zu Delegation und Autorenteam siehe Cynthia A. Ruder: Making History for Stalin. The Story of the Belomorkanal, Gainesville u. a. 1998, S. 52–84. Siehe auch Figes: Die Flüsterer (Anm. 61), S. 295–299. Šklovskij war bereits im Oktober 1932 an den Kanal gereist, wirkte aber an dem Buchprojekt mit. Zum Ablauf der Reise und den Gesprächen vor Ort siehe besonders Avdeenko: Otlučenie (Anm. 65), S. 9–22. 67 Siehe Klein: Belomorkanal (Anm. 65), S. 62 u. 92. 68 Daneben entstanden zahlreiche andere Texte und Theaterstücke zum Kanal, wovon Nikolaj Pogodins 1934 uraufgeführte – später auch verfilmte – Komödie Aristokraty am bekanntesten wurde. Dazu Klein: Belomorkanal (Anm. 65), S. 78–89. 69 Siehe Ruder: Making History (Anm. 66), S. 100–140 sowie Günther: Der Bau (Anm. 59), S. 62–67; Dobrenko: Politėkonomija (Anm. 57), S. 160–162; Klein: Belomorkanal (Anm. 65), S. 69 f. 70 Siehe Anne Hartmann: »Ein Fenster in die Vergangenheit«. Das Lager neu lesen, in: Osteuropa 57 (2007), H. 6, S. 72. 71 Dazu besonders Greg Carleton: Genre in Socialist Realism, in: Slavic Review 53 (1994), H. 4, S. 997 f. 72 Siehe Günther: Der Bau (Anm. 59), S. 64 f. 73 1935 erschien auch eine englische Ausgabe unter dem Titel The White Sea Canal. 74 Dennoch wurde die Idee der Umerziehung nicht völlig aufgegeben, gab es weiter eine Differenzierung der Häftlinge, und kam es immer wieder zu Entlassungen. – Siehe Barnes: Death (Anm. 36), S. 256. 75 Rolf Binner/Marc Junge: Vom »sozial nahen« zum »sozial feindlichen Element«. Kriminelle in der sowjetischen Gesellschaft 1918–1938, in: dies./Bernd Bonwetsch (Hg.): Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937–1938. Die Massenaktion aufgrund des operativen Befehls No. 00447, Berlin 2010, S. 214. 76 Anciferov: Iz dum (Anm. 46), S. 385. 77 Zu dem Begriff siehe Klaus Gestwa: Social und soul engineering unter Stalin und Chruschtschow, 1928–1964, in: Thomas Etzemüller (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009, S. 241–277. 78 Guski: Der Präzeptor (Anm. 2), S. 221.

JHK 2012

Diagnose: Krankheit! Reflexionen polnischer Autoren über den Kommunismus

Evelyna Schmidt

Bis in die Gegenwart bezeugt die Literatur, dass die Krankheitsmetapher nach wie vor für viele Autoren ein geeignetes Mittel ist, um eine Diagnose für die Gesellschaft und das in ihr eingebettete Individuum zu stellen. Innerhalb der klassischen Staatsphilosophie (Hobbes, Machiavelli), aber auch in der Literatur (Thomas Mann, Camus, Boccaccio) hat diese Metaphorisierung Tradition. Sie zieht sich konstant durch die europäische Literaturgeschichte, wobei die Krankheitsbilder variieren, Bedeutungswandlungen unterliegen, und bestimmte Krankheiten je nach Epoche und kulturellem Milieu als sogenannte Epochenkrankheiten1 verstärkt zum literarischen Gegenstand werden, wie die Tuberkulose im 19. Jahrhundert oder der Krebs im 20. Jahrhundert. Ebenso kann auch die polnische Nachkriegsliteratur viele Autoren aufweisen, die auf die Krankheitsmetapher zurückgreifen. Darunter findet sich eine Reihe von bekannten Schriftstellern, die ganz konkret diese Metapher dazu benutzen, den Kommunismus als »Epochenkrankheit« kritisch darzustellen. Pest, Seuche oder Viren dienen in Romanen wie auch in Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen und Aufsätzen als anschauliche Stilmittel, so z. B. bei den für diesen Beitrag ausgewählten Texten von fünf polnischen Schriftstellern, die in der Literaturwissenschaft ihres Landes unter diesem thematischen Aspekt bisher kein Forschungsgegenstand waren. Die Autoren dieser Arbeiten gehören selbst zu derjenigen Generation, für die die persönliche Erfahrung mit dem Kommunismus, unabhängig von den jeweiligen Einzelschicksalen, zu einem der wichtigsten biografischen Momente gehört. Der überzeugte Antikommunist Józef Mackiewicz2 flieht 1944 nach dem erneuten Einmarsch der Roten Armee in seinen Wohnort Wilna nach Warschau, dann nach Krakau, über Prag und Wien nach Italien. Nach Kriegsende kehrt er konsequenterweise nicht nach Polen zurück, sondern lässt sich 1955 dauerhaft in München nieder. Auch der Schriftsteller Leopold Tyrmand,3 1941 in Wilna vom NKWD wegen antisowjetischer Tätigkeit zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, einer Strafe, der er aber durch Flucht entkommt, wählt schließlich im kommunistischen Nachkriegspolen aufgrund ständiger Publikationsverbote 1965 die Emigration. Die Schriftsteller Jerzy Andrzejewski4 und Aleksander Wat5 sind zeitweise selbst Kommunisten, bevor sie sich gegen das System wenden. Allerdings sympathisiert Wat schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Kommunismus und wendet sich nach dem Einmarsch der Roten Armee in Polen von ihm ab, während Andrzejewski erst nach Kriegsende zum Stalinisten wird. Bei Wat hinterlassen die Haft in Lemberg im Jahre 1940 und die darauffolgende Deportation nach Kasachstan tiefe Spuren. Er entwickelt einen abgrundtiefen Hass gegenüber dem Kommunismus und entscheidet sich 1959 für die Emigration. Jerzy Andrzejewski hingegen engagiert sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für das neue System in Polen. Erst mit der sogenannten Tauwetterphase 1956 findet seine prokommunistische Aktivität ein Ende. Dennoch bleibt Andrzejewski bis zu seinem Tod in der VR Polen. Auch er entwickelt sich zu einem erbitterten Gegner der Idee des Kommunismus und besonders des real existierenden Sozialismus. Andrzej Szczypiorski,6 Autor des in Deutschland erfolgreichen Romans Die schöne Frau Seidenman (1988), wird erst Ende der Siebzigerjahre oppositionell tätig, als er sich für das KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) und später für die Solidarność engagiert. Die Schriftstellererfahrungen mit der kommunistischen Diktatur sind insofern von Bedeutung, als sie sich einreihen in den »von Menschen erzeugte[n] Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen«.7 Der Kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft zufolge, wie sie von Ansgar Nünning vertreten wird, ist die Literatur Teil der eben zitierten und definierten Gesamtkultur. Texte sind »kulturelle Ausdrucksträger«,8 in ihnen »manifestieren sich die kulturbestimmenden sozialen Konstellationen, Diskurse und Mentalitäten«.9 In diesem Sinne werden in der nun folgenden Interpretation die vier Schwerpunkte, auf die sich dieser Ansatz konzentriert, im Mittelpunkt stehen: die Texte, die mentale Dimension einer Kultur, die literarische Verarbeitung »gesellschaftlich dominanter Sinnkonstruktionen, Vorstellungen, Ideen und Werte«10 sowie die Literatur als Wertesystem. In mehreren Texten und Aussagen der zuvor genannten fünf Schriftsteller spielt die Krankheitsmetapher eine zentrale Rolle mit dem Ziel, den Kommunismus in seiner stalinistischen und poststalinistischen Variante zu beschreiben und eindeutig negativ darzustellen. Nun wird Krankheit gemeinhin negativ bewertet. Sie ist einerseits untrennbar mit der Gesundheit verbunden und meint im gebräuchlichen Sinn die Beeinträchtigung und die Störung des völligen geistigen und/oder körperlichen Wohlbefindens. Andererseits bildet sie in ihrem Gegensatz zur Gesundheit ein häufig verwendetes Äquivalent zur Abweichung von der Norm, sowohl in ihrer quantitativen (Durchschnitt) als auch qualitativen Dimension (Ideal).11 Davon zeugt der bis heute praktizierte journalistische und politische Sprachgebrauch.12 Und so wie die polnischen Autoren sich des Krankheitsbildes bedienen, um den Kommunismus kritisch zu durchleuchten, scheint gleichzeitig auch den Befürwortern des Kommunismus mit ihrem Anspruch der Erziehung eines »neuen Menschen« die Krankheitsmetapher geeignet, um die gegnerische Seite zu diffamieren. In seiner Rede über die sowjetische Literatur vergleicht Gor’kij beispielsweise das Kleinbürgertum mit einer »Mikrobe, die schändliche Krankheiten hervorruft«,13 und die für ihn auf gleiche Stufe gestellten »Helden der kapitalistischen Wirklichkeit« wie Ebert, Noske und Hitler mit »Eiterbeulen«.14 Weitaus aufschlussreicher als die offensichtlich kritische und negative Bedeutung der Krankheitsmetapher in den Texten der fünf polnischen Autoren ist die dort enthaltene analytische Schilderung des Kommunismus und seiner Mechanismen mithilfe dieser Metapher. Die Analyse dieser Beschreibungen und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen, eröffnen sodann eine tiefere Bedeutungsebene. Denn weniger die kritische Haltung zum Kommunismus als vielmehr die durch diese Metapher konstruierte Optik ist das wesentliche Kriterium, um diese Texte in ihrer Komplexität besser verstehen zu können. Die nachfolgenden Porträts, welche die Autoren und ihre Texte vorstellen, veranschaulichen, wie der Kommunismus mithilfe der Krankheitsmetapher beschrieben und gedeutet wird. Gleichzeitig ermöglichen sie eine Unterscheidung zwischen dem gesellschaftlichen und dem individuellen Blick auf den Kommunismus. Józef Mackiewicz Der Autor warnt in seinen Schriften, Artikeln und Romanen schon vor 1945 vor der »bolschewistischen Seuche«, die, wenn ihr kein Einhalt geboten werde, Europa heimsuchen wird. Seine vehemente Abneigung liegt dabei offen zutage. Andererseits hat verglichen mit ihm kaum ein polnischer Autor schon so früh und so vielschichtig das Wesen des Kommunismus beschrieben. Dabei spart Mackiewicz nicht mit Kritik an den Westmächten, der katholischen Kirche, der polnischen Vorkriegsregierung und der polnischen Heimatarmee, die seiner Meinung nach dazu beitrugen, dass sich die Sowjetunion so stark etablieren konnte.15 Mehr noch, seine Mitarbeit 1943 bei der Internationalen Sachverständigen-Kommission in Katyń zur Aufklärung der Massenmorde des NKWD an den polnischen Offizieren bringt ihm nach dem Krieg in Polen den vernichtenden Vorwurf der Kollaboration mit den Nazis ein.16 Aber auch die polnischen Emigrationszentren sehen in ihm einen unbequemen »Querdenker«, der kompromisslos mit Polen abrechnet. Die erste Auflage seines Essaybandes Sieg der Provokation (1962) bringt Mackiewicz bezeichnenderweise auf eigene Kosten selbst heraus. Im Kapitel mit dem Titel »Pathos Kontra Seuche« formuliert er anhand der Seuche seine Diagnose über den realpolitischen Zustand Europas während des Kalten Krieges: »Vielleicht wird die ersehnte Zeit kommen, da das alles vergessen sein wird und auch dieses Buch längst vergessen ist, während der Kommunismus von der Oberfläche der Erde hinweggefegt ist; auch wir alle werden zu alten Streitigkeiten zurückkehren, die vor der Zeit bestanden, da der Kommunismus existierte. So eben geht eine große Krankheit vorüber, verfällt die Seuche ins Nichts, und keine Spur bleibt von ihr. Auch die Menschen werden nicht mehr daran denken und daran denken wollen. Aber es geschieht auch, daß die Krankheit nicht von selbst ausstirbt und zuvor mit großer Mühe bekämpft werden muß. Es kommt auch vor, daß sie siegt. Ich schreibe in den Tagen der großen Krankheit.«17 Den Kommunismus als politisches Modell sieht der Autor als Epidemie an. Sie kommt wie eine feindliche Horde von außen und bedroht die »normale« Menschheit. Allerdings haben die Menschen die Wahl, damit aber auch die Verantwortung für ihr Schicksal. Sie müssen diese Plage nicht über sich ergehen lassen. Sie haben die Alternative, sich ihr entweder zu beugen oder sich ihr zu widersetzen. Genau daran schließt sich Mackiewiczs warnende Prognose, aber auch sein Appell an: Wer sich in Passivität und im Ausharren übt, weil er meint, dass die Krankheit kommt und wieder geht, kann einem schrecklichen Irrtum erliegen. Wenn Mackiewicz in Sieg der Provokation am Ende schreibt, dass die Krankheit auch siegen kann und er in der Zeit der herrschenden Seuche lebt, schwingt Entrüstung und Enttäuschung über all diejenigen mit, die sich aufgrund von Anpassung oder Eigennutz mit diesem krankhaften Zustand arrangieren. Er spielt damit vor allem auf die Realpolitiker und konformistischen Intellektuellen an, die im umgekehrten Fall die Ansicht geprägt hätten, dass die Antikommunisten in ihrer Aversion krank seien. »Es gibt die verbreitete Anschauung [sic] die den Antikommunismus als Besessenheit von Personen darstellt, die nicht fähig sind, in ›vernünftigen‹ und ›realen‹ Kategorien Betrachtungen anzustellen; von Personen, die fast von einer unheilbaren Krankheit erfaßt sind und deshalb nicht einmal Heilung, sondern nur Achselzucken verdienen.«18 Seine Empörung und sein Unverständnis über diese für ihn absurde Meinung illustriert Mackiewicz anhand der Teilung der Stadt Berlin und der Schießbefehle an der Mauer. Er fragt sich, wer mit gesundem Menschenverstand diesen abstrusen Zustand mitten in Europa »nicht als Kriegszustand, sondern als Zustand friedlichen Zusammenlebens«19 hinnehmen könne. Um den Kommunismus zu bekämpfen, fordert Mackiewicz die Menschen auf, sich ihm aktiv und kompromisslos zu widersetzen. Leopold Tyrmand Auch Tyrmand, dessen Tagebuch Dziennik 1954 die ersten drei Monate des Jahres 1954 in der VR Polen umfasst und als vollständiges Buch zum ersten Mal 1980 in London erscheint, vergleicht den Kommunismus mit einer Krankheit. Laut Tyrmand ist sie eine Missbildung im Körper. Einen funktionierenden Rechtsstaat setzt er mit einem lebenstüchtigen Organismus gleich. Ein Unrechtsstaat, den er in der realsozialistischen Gesellschaftsordnung verkörpert sieht, ist dagegen funktionsuntüchtig. Das Fehlen der freien Meinungsäußerung, welche in einem Rechtsstaat zu garantieren sei, bewirke, dass ein lebensnotwendiges Körperorgan fehlt, was zum Verfall des gesamten Körpers führe: »Das Funktionieren einer gesunden Gesellschaft basiert auf einer freien und disziplinierten Negation. Die Möglichkeit, ein vernünftiges ›Nein‹ zu äußern, bewegt die Gesellschaft nach vorn, unter der Voraussetzung, dass sie nicht zur Routine, Monotonie, zum Eigensinn wird […] Die Freiheit in einer richtig funktionierenden Gesellschaft ist ein Synonym für Kontrolle, die nur und ausschließlich durch den zwanglosen Prozess der Bejahung und Ablehnung erfolgt. Wenn erstere zu einem mechanischen Geplapper gerät, zweite unter Verschluss gehalten wird, verfällt die Gesellschaft in die Pathologie, stockt, ist krank und nicht lebensfähig.«20 Tyrmand bewegt sich damit ganz in der Tradition klassischer Staatsphilosophie, Krankheit verstanden als Ungleichgewicht mit politischer Unordnung in Beziehung zu setzen. Doch im Gegensatz zu den Ausführungen eines Hobbes oder Machiavelli setzt er die Krankheit nicht mit einer politischen Unordnung in Beziehung, die heilbar ist. Nein, bei ihm fehlen die optimistischen Prognosen der Heilbarkeit. Er setzt ganz eindeutig Krankheit mit Tod, also dem Untergang gleich. Denn das lebenswichtige Organ ist nicht beschädigt und damit möglicherweise heilbar – es fehlt. Wie auch Mackiewicz diagnostiziert Tyrmand aus einer beobachtenden, gar überlegenen Außenperspektive. Eine Warnung an die Menschen, sich diesem System aktiv zu widersetzen und es zu bekämpfen, formuliert er jedoch nicht. Denn durch diesen »Systemfehler« wird das politische Modell von ganz allein den Tod finden. An einem anderen Beispiel nutzt Tyrmand ein konkretes Krankheitsbild, um den Realsozialismus in Polen zu kritisieren: die Tuberkulose. Diese Krankheit, die wie auch der Krebs metaphorisch stark aufgeladen ist,21 steht bei Tyrmand ganz konkret für eine Infektionskrankheit: »Der Sozialismus ist auf der Tuberkulose aufgebaut. Erschreckend, wie diese Krankheit die gesellschaftlichen Segmente attackiert, die einst immun gegen sie waren […] Die Tuberkulose unter den Jugendlichen in den Studentenwohnheimen ist erschreckend. Ein junger Ingenieur, bei dem ein beträchtliches Ödem in der linken Lunge entdeckt wurde, erzählte mir, dass der Arzt sich nicht für die Herausgabe einer Arbeitsbefreiung entscheiden konnte, er wankte zwischen Mitleid und der Angst vor den Instruktionen. Er sagte: Wenn ich Sie befreien müsste, könnte ein Viertel Polens das Recht auf ein Sanatorium fordern.«22 Wieder beschreibt eine nicht selbst betroffen wirkende Instanz ihre Außenwelt und fällt ihr vernichtendes Urteil über die Tragfähigkeit eines solchen Systems. Laut Tyrmand kehrt mit dem Systemwandel 1945 auch eine Krankheit der Armut und Entbehrung zurück, die in Polen als überwunden galt und sich nun wieder rasant verbreitet. Er führt ein System vor, in welchem die Lebensbedingungen sich im Vergleich zur vorangegangenen Zeit verschlechterten und in welchem zum Wohle der Gesellschaft der Krankheit nicht nur nicht vorgebeugt und entgegengewirkt, sondern sie ignoriert wird. Dem real existierenden Sozialismus, der das konkrete Wohlbefinden des Einzelnen zugunsten einer abstrakten Idee von Gemeinschaft rücksichtslos übergeht, wird damit klar ein Zivilisationsrückfall attestiert, der der eigenen propagierten Fortschrittsgläubigkeit zuwiderläuft. Andrzej Szczypiorski In den literarischen Umsetzungen der Pest bei Boccacio und Daniel Defoe ist diese Seuche eine Gegebenheit, die kommt und geht. Menschen sterben durch sie, erkranken und genesen oder kommen ungeschoren davon. Genauso beschreibt sie auch Szczypiorski in seinem Roman Eine Messe für die Stadt Arras (1971). Sein historischer Roman oder vielmehr seine Parabel im historischen Gewand thematisiert die Pest im Jahre 1458 und die drei Jahre später folgenden antisemitischen Ausschreitungen in der Stadt Arras, die im totalen Terror enden und willkürlich Opfer in der ganzen Stadt fordern. Die Krankheitsmetapher Pest nimmt bei Szczypiorski eine zweifache Funktion ein. Einerseits ist die Epidemie die Ursache für das Chaos und die Auflösung aller normalerweise funktionierenden verbindlichen Regeln in der betroffenen Bevölkerung. Andererseits fungiert sie als Sinnbild für ein politisches Modell. Die Pest ist also Grundlage für das Chaos, die Amoralität, aber eben auch die befreiende, jeden betreffende Auflösung, die Foucault als »orgiastisches Erlebnis« beschrieb.23 Bei Szczypiorski heißt es, dass alle Menschen angesichts des Unglücks gleich wurden und die geheiligten Rechtsnormen in Trümmern lagen. »Eine Art grausiger Befreiung lag darin. Denn bislang hatte ja jeden, wer immer er war, auf Schritt und Tritt die allmächtige Hierarchie begleitet.«24 Die Pest ist aber zugleich auch durch die Isolationsmaßnahmen seitens der Obrigkeit die Basis für das politische Modell der vollen Machtausübung und Kontrolle. In seinem historischen Diskurs zu den Mechanismen der Macht sieht Foucault in den Krankheiten Lepra und Pest die zwei großen Modelle, die der Okzident hinsichtlich der Kontrolle der Individuen hervorgebracht hat.25 Er stellt den Ausschluss der Leprakranken aus der Gesellschaft dem Einschluss der Pestkranken in jene entgegen. Anders als bei der Lepra, bei der die Betroffenen ausgeschlossen wurden,26 finde bei der Pest eine Annäherung der Macht an das Individuum statt. »Es geht nicht um Ausschluss, sondern um Quarantäne. […] Während die Lepra Distanz fordert, gehört zur Pest eine immer feinere Annäherung der Macht an die Individuen, eine immer dauerhaftere und inständigere Beobachtung.«27 Die Pest ist für ihn ein politischer Traum, »in dem sie den wunderbaren Moment der vollen Ausübung der politischen Macht darstellt. Die Pest ist jener Moment, in dem die erkennungsdienstliche Erfassung der Bevölkerung auf die Spitze getrieben wird und sich keine gefährlichen Kommunikationen, keine konfusen Gemeinschaften, keine verbotenen Kontakte mehr ergeben. Die Pest bedeutet die durchgängige Rasterung einer Bevölkerung mittels einer politischen Macht, deren kapillare Verzweigungen sich unablässig bis in den Kern der einzelnen Individuen, in ihre Zeit, ihre Behausung, ihren Aufenthaltsort und ihre Körper hinein erstrecken.«28 Wenn in dem Roman Szczypiorskis der Erzähler über die totale Isolierung der Stadt Arras auf Befehl des Bischofs von Utrecht berichtet, dann beschreibt er administrative Schritte, denen ein rigoroser, politischer Machtanspruch zugrunde liegt. Der Roman verdeutlicht aber auch, welche demoralisierenden Auswirkungen die Pest auf die Menschen hat: »Das Bestialische gewann die Oberhand über die Menschennatur. Man öffnete die Gräber der Verstorbenen und ergab sich dem grauenvollsten Kannibalismus. Es ereigneten sich Fälle, daß Familienangehörige einen Sterbenden erschlugen, um sich mit frischem, von Fäulnisgestank freiem Fleisch zu sättigen. Wie stets, wenn die Menschen das Ende aller Dinge voraussehen, wurde die Stadt von den zügellosesten Lastern erfaßt. Musterhafte, tugendsame Frauen führten sich wie Dirnen auf. Man konnte Szenen unbeschreiblicher Obszönität beobachten, die sich unter freiem Himmel, ja selbst vor Kirchenportalen abspielten.«29 Diese Seuche hinterlässt nicht nur viele Tote, sondern vor allem moralische Schäden durch die unmittelbare Erfahrung von Raub, Kannibalismus und Triebhaftigkeit. Anders als bei Mackiewicz haben die Menschen keinen Einfluss darauf, ob sie von der Pest befallen werden oder nicht. Sie ist wie eine Naturgewalt, die aufzieht und wieder verschwindet. Zudem hebt der abwägende Erzähler nicht nur das Elend und den Tod hervor, sondern auch das befreiende Moment dieser Krankheit: die Veränderung und Auflösung der bestehenden Hierarchie. Erst in Konfrontation mit der Pest tragen die Betroffenen die Verantwortung für ihr Handeln. Der Erzähler, selbst nicht frei von Anpassungsdruck und Fehlentscheidungen, nimmt die Menschen in seiner Stadt in Schutz, die erst durch die außergewöhnlichen, schrecklichen Umstände zu den Gräueltaten fähig sind. Die Erzählinstanz gibt allerdings auch Beispiele von Personen, die sich trotz dieses Chaos und der allgegenwärtigen Amoralität human und würdevoll verhalten. Bezogen auf den Kommunismus schließt Szczypiorski sittliches Verhalten nicht automatisch aus. Selbst unter krankhaften Umständen kann der Einzelne wählen, selbst unter dieser Krankheit kann er sich human oder verwerflich verhalten. Der Roman entstand zwischen September 1968 und November 1970. 1968 ist in der VR Polen bekanntermaßen das Jahr der Studentenunruhen und der von offizieller Seite initiierten antisemitischen Welle. Marcel Reich-Ranicki fragt sich seinerzeit bei der Besprechung des Buches: »Natürlich ist die Pest in Arras eine Realität und zugleich eine Metapher. Wofür? Etwa für den Stalinismus? Eine solche Deutung dieser Parabel wäre nicht ganz falsch.«30 Sie scheint sogar sehr plausibel. Die Pest als Sinnbild für den Kommunismus in seiner stalinistischen und polnischen Variante fordert viele Opfer und steht als politisches Modell für die Mechanismen einer Diktatur mit totalitärem Anspruch. Zudem bedingt sie die Aufhebung geltender moralischer und rechtlicher Zustände sowie Normen, in deren Folge jeder Einzelne entscheiden muss, welche Haltung er einnimmt. Anders als in den Texten der beiden vorangegangenen Autoren versucht Szczypiorski, diesem Terror einen historischen Sinn zu verleihen. Er kann und möchte sich nicht damit abfinden, dass die Toten und die Gräueltaten ohne jegliche Bedeutung sind. Jerzy Andrzejewski Andrzejewski rückt in seinem Roman Miazga [Brei] von 1979, durch den er sich den literarischen Nobelpreis erhoffte, nicht das politische Modell, sondern das Individuum in den Mittelpunkt. Mit dem Attribut »krank« versehen die Verantwortlichen seines Operativen Vorgangs selbst diesen Text, der in Polen zensiert erscheint. »Die Welt Andrzejewskis ist krank, unvollkommen, ratlos unvollendet.«31 Wenn im Roman der Vergleich mit der Krankheit herangezogen wird, dann um zu beschreiben, welche Auswirkungen dieses System auf den Menschen hat. In seinem experimentellen, aber auch politischen Roman Miazga heißt es: » […] die Wunden, die eine verdorbene Macht den Leuten zufügt, lassen das Individuum bisweilen genauso einsam und etwas schamhaft werden, wie auch ein Mensch sich allein gelassen und schamhaft fühlt, wenn eine tödliche Krankheit seinen Organismus vergiftet und zersetzt.«32 In diesem Roman geht es nicht darum, das System selbst zu diagnostizieren, sondern seine Folgen auf den Einzelnen zu veranschaulichen. Der Erzähler benennt keine konkrete Krankheit, er sucht nicht nach den Ursachen. Der Vergleich zielt darauf ab, die Vorstellung von Krankheit als Verfall mit der verdorbenen, illegitimen Macht gleichzusetzen. Die Verletzungen, die dem Individuum durch diese Macht widerfahren können, spiegelt auf materieller Ebene des Körpers die tödliche Krankheit wider, die sich im Einzelnen festsetzen kann. In einem Gespräch über seine kommunistische Vergangenheit nutzt Andrzejewski ein konkretes Krankheitsbild. Erneut richtet er sein Augenmerk, anders als Tyrmand und Mackiewicz, nicht auf den Staat im Allgemeinen, sondern auf den konkreten Menschen – in diesem Fall auf sich selbst. Er greift auf den »grauen Star« zurück, um zu erklären, warum er und mit ihm die sogenannten Renegaten dem Kommunismus in der jungen VR Polen so kritiklos und blind verfielen.33 Seinen Zustand vergleicht er mit der Katarakta. Dieser »graue Star«, der zur Erblindung führt, müsse erst reifen, damit man ihn operieren könne. Mit diesem Rückgriff verweist er auf seine Veranlagung für diese Krankheit, aber auch auf seine bewusste Wahl, der Blindheit entgegenzuwirken. Andrzejewski illustriert damit seine selbstbestimmte Entscheidung gegen die Anfälligkeit. Diese rechtfertigt er damit, dass die neue kommunistische Ordnung mit ihrem antifaschistischen Antlitz, das für ihn und viele seiner überlebenden Zeitgenossen nach Auschwitz und dem moralischen Bankrott, den sie vorfinden und dem sie ausgeliefert sind, so vielversprechend und überzeugend scheint. Er steht für eine ganze Generation von Schriftstellern, die ihr Engagement oder ihren Dogmatismus im Nachhinein kaum rational erklären können und ihren Zustand in dieser Zeit mit einem Hypnose- oder einem Wahnzustand erklären.34 Mit einem sich verbreitenden Virus vergleicht der Literaturhistoriker, Publizist und Oppositionelle Jan Józef Lipski dieses für ihn so unverständliche »emotionale Engagement«, das »Symptome« einer großen Überzeugung aufweise und mit Sicherheit auch auf den Schriftsteller Andrzejewski in den ersten Jahren des neuen Volkspolen zutrifft.35 Dieser »geheimnisvolle Virus«, den Lipski an seinem Umfeld bemerkt, bewirke bei den Menschen einen ideell-moralischen Amok. Er habe von der Perspektive eines Menschen aus beobachtet, der »immun« gegen diesen Virus gewesen sei, also anders als bei Andrzejewski keine Anfälligkeit dafür hat. Er gibt das Beispiel eines intelligenten und warmherzigen Freundes, der sich durch diesen unerklärlichen Virus verändert. In jemanden, der an die neue Ordnung glaubt, obwohl er es besser hätte wissen müssen. Bei einem Gespräch erwähnt Lipski Katyń. Seinem Freund ist absolut klar, dass nicht die Nazis, sondern der NKWD für das Massaker an den polnischen Offizieren verantwortlich ist. Aber der Freund argumentiert mit der Notwendigkeit der neuen Ordnung, dieses Hindernis aus dem Weg zu schaffen, da diese abertausenden Menschen auch in Zukunft dem Kommunismus und dem Aufbau feindlich gegenübergestanden hätten. Aleksander Wat »Literarische Parabeln – zur Wiedergabe solcher Erscheinungen sind sie manchmal unersetzlich.«36 So erklärt sich, warum Aleksander Wat auf die Pest zurückgreift, um die Aura des Stalinismus zu veranschaulichen. Die schwarzen Limousinen des NKWD und die death cars [Totenkarren], die während der Pest durch das London des 17. Jahrhunderts fuhren – dieser Vergleich eröffnet sich Aleksander Wat, wenn er an Daniel Defoes Die Pest zu London zurückdenkt. Und diese death cars – in Klammern setzt Wat das Wort »die Limousinen des NKWD« – »kreisen dort und allein in jeder der einzelnen unzähligen Nächte, nichts gibt wahrscheinlich so halluzinativ getreu die Aura und die Mechanismen der Jeschow-Zeit wieder«.37 Aber mehr noch, insbesondere die groß angelegten Säuberungen in den intellektuellen Kreisen, die massenhaften Leichentransporte und die zunehmende Leere rufen in ihm die Vorstellung der Pest hervor und erinnern ihn in seinem Essay Klucz i hak [Schlüssel und Haken], aber auch in seinen gesprochenen Erinnerungen38 an seine Lektüre von Daniel Defoes Buch: »Die Pest, die jeden Tag die Stadt dezimiert; die auf jeden blind und ständig lauert; die Häuser verriegelt, die sich nur dafür öffnen, um sich eines infizierten Vaters oder Bruders zu entledigen, die Löcher in dem sozialen Netz, festgestellt von den noch Lebenden jeden Morgen; offene Gräber, in welche die Hoffnungslosesten springen; Wahnsinn [...]«39 Anders als bei Szczypiorski dient die Pest nicht zur Erklärung des politischen Modells oder der amoralischen Verhaltensweisen. Sie vermittelt in anschaulichen Bildern das Grauen, den Tod, die Leere und Hoffnungslosigkeit. Denn so sieht und empfindet Aleksander Wat den Kommunismus stalinistischer Ausprägung. Und wie auch Andrzejewski konzentriert er sich in seinen Bildern und Überlegungen auf das Individuum. Für ihn ist der Kommunismus der Inbegriff des Bösen, das den Menschen körperlich und geistig angreift und krank macht. Und das meint der Schriftsteller wortwörtlich. Die Schuld für seine psychische Zerrüttung und den späteren Schlaganfall, an dessen Folgen er bis zu seinem Freitod massiv leidet, gibt der polnische Schriftsteller Aleksander Wat dem Kommunismus. Seine Erfahrungen in der Sowjetunion beschreibt er in seinen gesprochenen Erinnerungen Jenseits von Lüge und Wahrheit. Mein Jahrhundert (1977). Haft und Zwangsaufenthalt bewirken, dass er sich auf der einen Seite als gespalten wahrnimmt: Eine Gehirnhälfte ist verrückt geworden, die andere empfindet er als nüchtern und scharf beobachtend. Auf der anderen Seite erschweren ihm nach der Gefangenschaft die Folgen des Schlaganfalls derart sein Leben, dass er trotz Medikamente und medizinischer Behandlung teilweise nicht in der Lage ist, zu schreiben. Für Wat ist die Erfahrung mit dem Kommunismus metaphysischer Art. Im Kommunismus sieht er das Böse verkörpert, das darauf abzielt, den einzelnen Menschen psychisch und physisch zu vernichten. Eine optimistische Sicht, wie Andrzejewski sie hat, teilt Wat nicht. Wer durch den Kommunismus erkrankt, und das wortwörtlich, der kommt, auch wenn er überlebt, nicht unbeschadet davon. Fazit Auf den ersten Blick kann diese Porträtreihe wie ein Sammelsurium unterschiedlicher Biografien, Erfahrungen sowie vielfältiger literarischer Realisierungen dieses Themas wirken. Nur die negative Darstellung des Kommunismus scheint die Autoren zu einen. Der eigentliche Schlüssel ist jedoch die Kategorie der Perspektive. Denn erst sie liefert ein Modell, um die Gemeinsamkeiten zwischen den Texten auf einer tieferen Ebene zu zeigen und zu nuancieren. Auf diese Weise lassen sich die Texte in jene einteilen, die eine »gesellschaftliche« oder eine »individuelle Optik« einnehmen. Damit ist ganz konkret eine Tendenz zu einer gesellschaftlich-historischen Sicht einerseits, die Fokussierung auf das Individuum im Kommunismus andererseits gemeint. Mackiewicz, Tyrmand und Szczypiorski betrachten den Kommunismus vorwiegend in Hinsicht auf seine gesellschaftliche Auswirkung. Gerade die Krankheitsbilder Pest und Seuche eignen sich besonders gut für diese Darstellung. Bei Mackiewicz stellt der Kommunismus eine Gefährdung für die Gesellschaft dar. Er bedroht die westliche Kultur und versucht, sie zu überrennen. Tyrmand schreibt von der Unmöglichkeit, im Realsozialismus in konstruktiven gesellschaftlichen Strukturen zu funktionieren. Damit meint er nicht nur die Interaktion zwischen der Partei, ihrer Nomenklatura und der Bevölkerung, sondern auch das alltägliche gesellschaftliche Leben, angefangen bei der miserablen Versorgungslandschaft, den unwürdigen Wohn- und Arbeitsverhältnissen. Für beide Autoren ist der Kommunismus das antagonistische Pendant zu einer intakten Gesellschaftsordnung. Dies gilt unterschwellig auch für Szczypiorskis Roman. Der Erzähler richtet seinen Blick ebenfalls auf die Bevölkerung. Und selbst wenn er auf andere Personen zu sprechen kommt oder von sich selbst berichtet, dann immer vor dem Hintergrund der sogenannten Gemeinschaft, ihrer Reaktion und ihrer Dynamik. Die Erzählinstanz berichtet aus zeitlicher Distanz, wie durch das harte Eingreifen des Bischofs von Utrecht und seine Isolationsmaßnahmen in der Stadt Fanatismus und Terror ausbrechen, wie die Bevölkerung und der neue Stadtrat in ihrem Handeln und ihrem Verhalten jeweils voneinander beeinflusst sind. Bei der »individuellen Optik« steht der Einzelne im Vordergrund. So bei Andrzejewski und Wat, die diese Krankheitsmetapher zum Teil autothematisch auf sich selbst beziehen. Sie dient dazu, den Einfluss und die Auswirkungen des Kommunismus auf den Einzelnen zu verdeutlichen. Der Kommunismus ist eben nicht nur destruktiv, weil er ein gesellschaftliches Phänomen ist, sondern vor allem, weil er durch seine menschenfeindliche Natur das Leben jedes Einzelnen beeinflusst. Damit ist nicht das Individuum in seiner gesellschaftlichen Funktion gemeint, sondern jede einzelne konkrete Person mit dem, was sie ausmacht: ihr Körper, ihre Seele und ihre Integrität. Für diese beiden Autoren beschränkt sich die kommunistische Ideologie nicht darauf, eine Gesellschaft in ihrem Sinne aufzubauen und zu erhalten. Sie bezweckt, wie Hannah Arendt es formuliert, »die individuelle Identität des einzelnen für die Dauer seines Lebens«40 auszulöschen. Als Reaktion darauf erkrankt der Mensch, d. h. er wird seiner körperlichen wie geistigen Integrität beraubt. Der Verweis auf Krankheit oder der Gebrauch von Krankheitsbildern dient nicht nur dazu, auf diffamierende Weise den Gegner und das Gegnerische mit dem Schlimmsten gleichzusetzen, wie dies so oft im politisch-ideologischen Sprachgebrauch praktiziert wird. Die Krankheitsmetapher impliziert bei Weitem mehr als das. Sie kann ein anschauliches Mittel sein, auf differenzierte Art das Individuum, die Gesellschaft und politische Modelle zu beschreiben. Letzten Endes bewahrt die Krankheit selbst bei der Metaphorisierung ihre Grundbedeutung, nämlich das, was sie ist: ein destruktives Übel. Und genau als solches wird der Kommunismus in den präsentierten Texten wahrgenommen. 1 In einem bestimmten Zeit- und Kulturraum auftretende Krankheiten, die »in interpretativen Akten« zu Epochenkrankheiten gemacht werden. Siehe Frank Degler: Einleitung: Epochenkrankheiten in der Literatur, in: ders./Christian Kohlroß (Hg.): Epochen/Krankheiten. Konstellationen von Literatur und Pathologie, St. Ingbert 2006, S. 15–20, hier S. 18. 2 Józef Mackiewicz (geb. 1902 in St. Petersburg, gest. 1985 in München), auf Deutsch erschienen: Katyń – ungesühntes Verbrechen, Zürich 1949; Tragödie an der Drau oder die verratene Freiheit, München 1957; Der Weg ins Nirgendwo, München 1959; Der Oberst. Die Affäre Mjassojedow, München 1967; Sieg der Provokation, München 1964. 3 Leopold Tyrmand (geb. 1920 in Warschau, gest. 1985 in Fort Myers), auf Deutsch erschienen: Der Böse, Berlin 1958; Ein Hotel in Darlowo, Berlin 1962. 4 Jerzy Andrzejewski (geb. 1909 in Warschau, gest. 1983 in Warschau), auf Deutsch erschienen u. a.: Die Karwoche, Wien 1948; Asche und Diamant, München 1961; Finsternis bedeckt die Erde, München 1962; Appellation, Frankfurt/M. 1968. 5 Aleksander Wat (geb. 1900 in Warschau, gest. 1967 in Paris), auf Deutsch erschienen: Was sagt die Nacht? Ausgewählte Gedichte, Bad Honnef 1991; Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Gesprochene Erinnerungen 1926–1945, Frankfurt/M. 2000. 6 Andrzej Szczypiorski (geb. 1924 in Warschau, gest. 2000 in Warschau), auf Deutsch erschienen u. a.: Eine Messe für die Stadt Arras, Berlin 1979; Die schöne Frau Seidenman, Zürich 1988; Amerikanischer Whisky, Zürich 1989; Europa ist unterwegs. Essays und Reden, Zürich 1996. 7 Ansgar Nünning/Roy Sommer: Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft: Disziplinäre Ansätze, Theoretische Positionen, Transdisziplinäre Perspektiven, in: dies. (Hg.): Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft, Tübingen 2004, S. 9–31, hier S. 18. 8 Ebd., S. 21. 9 Ebd., S. 20. 10 Ebd., S. 19. 11 Der französische Philosoph und Mediziner Georges Canguilhem betonte, wie kulturell stark geprägt die Bestimmung dessen ist, was »normal« und »anormal«, »gesund« und »krank« bedeutet. So gibt er an, dass die Anomalie rein semantisch ein faktischer Zustand, ein beschreibender Terminus ist, während das Anormale (als Synonym verwendet) ein bewertender Begriff sei. Georges Canguilhem: Das Normale und das Pathologische, München 1974, S. 86. 12 Siehe z. B. »Wie schön die Kanzlerin säuseln kann«, in: Der Spiegel vom 29. September 2011 zur Euro- und deutschen Regierungskrise: »Der Euro nähert sich seiner Krise. Also dem Wendepunkt der Krankheit. Darauf folgt Genesung oder Untergang.«, in: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788997,00.html, zuletzt ges. am 19. Dezember 2011. 13 Maksim Gor’kij: Über sowjetische Literatur (17. 8. 1934 / Dok. Nr. 2), in: Hans-Jürgen Schmitt/Godehard Schramm (Hg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt/M. 1974, S. 51–84, hier S. 80. 14 Ebd., S. 78. 15 Siehe Marek Zybura: Ein Querdenker zwischen allen Stühlen. Józef Mackiewicz (1902–1985), in: ders.: Querdenker, Vermittler, Grenzüberschreiter. Beiträge zur deutschen und polnischen Literatur- und Kulturgeschichte, Dresden 2007, S. 248–259, hier S. 250. 16 Die Entdeckung und Untersuchung des Massenmordes wie auch die Arbeit der unabhängigen internationalen Untersuchungskommission thematisiert Józef Mackiewicz in Katyń – ungesühntes Verbrechen (1949). Siehe auch das Schicksal dieses Buches in der BRD in: Marek Zybura: Ein Querdenker (Anm. 15), S. 256. 17 Józef Mackiewicz: Sieg der Provokation, München 1964, S. 268. 18 Ebd., S. 265. 19 Ebd., S. 266. 20 Leopold Tyrmand: Dziennik 1954 [Tagebuch 1954], Warschau 1989, S. 358 (Deutsch – E. S.). 21 In dem kritischen Bestreben, die Krankheitsbilder zu entmystifizieren, widmete sich die amerikanische Essayistin Susan Sontag insbesondere dem Krebs und der Tuberkulose in der kulturellen – und damit – literarischen Wahrnehmung. Der Tuberkulose, so Sontag, war nicht nur die Bedeutung immanent, eine Krankheit verarmter Gesellschaftsschichten zu sein, sondern sie galt auch als vornehme Erkrankung betuchter Leute und erfuhr gar eine Ästhetisierung. In dieser Aufwertung fand sie ihre literarische Darstellung beispielsweise bei Thomas Mann. Doch nicht nur die Symptome und Folgen, sondern auch die Ursachen selbst unterlagen der Metaphorisierung. So konnte denn die innere Disposition, der Charakter, die Gemütsverfassung oder die Lebensweise die Krankheit erst hervorrufen und fand in ihr ihren äußerlichen Ausdruck, aber auch ihr sichtbares Brandmal. Neben der psychologischen Begründung reihte sich dabei das moralische Urteil über die von der Krankheit betroffene Person ein. Susan Sontag: Krankheit als Metapher, München/Wien 1978, S. 29. 22 Tyrmand: Dziennik (Anm. 20), S. 366 (Deutsch – E. S.). 23 Michel Foucault: Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt/M. 2003, S. 68. 24 Andrzej Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras, Zürich 1988, S. 76 f. 25 Foucault: Die Anormalen (Anm. 23), S. 65 f. 26 Siehe Gustaw Herling-Grudziński, ein polnischer Schriftsteller, der vor allem durch seinen Roman Welt ohne Erbarmen bekannt wurde, für welchen seine autobiografischen Haft- und Lagererfahrungen in der SU als Grundlage dienten. In seiner kunstvollen Erzählung Der Turm aus dem gleichnamigen Band gibt der Autor am Beispiel eines Leprakranken Ende des 18. Jahrhunderts in Italien dem sozialen Ausschluss und der Isolation literarische Gestalt. In: Gustaw Herling-Grudziński: Der Turm und die Insel, Köln 1966. 27 Foucault: Die Anormalen (Anm. 23), S. 67. 28 Ebd., S. 68. 29 Szczypiorski: Eine Messe (Anm. 24), S. 72. 30 Marcel Reich-Ranicki: Erst leben, dann spielen. Über polnische Literatur, Göttingen 2002, S. 158. 31 Uwagi dot. »Miazgi« Jerzego Andrzejewskiego, Warszawa dnia 16 pazdziernika 1970 roku [Bemerkungen betreffs »Brei« von Jerzy Andrzejewski, Warschau 16. Oktober 1970], in: IPN [Instytut Pamięci Narodowej/Institut für Nationales Gedenken: Signatur: IPN BU 01221/1, koperta 42, S. 3. (Deutsch – E. S.) 32 Jerzy Andrzejewski: Miazga [Brei], Warschau 1981, S. 117 (Deutsch – E. S.). 33 Siehe Jerzy Andrzejewski: Czerwony system pogardy [Das rote System der Verachtung], in: Jacek Trznadel (Hg.): Hańba domowa [Bürgerschande], Warschau1997, S. 102–115, hier S. 109. 34 Siehe dazu Kazimierz Brandys’ literarisches Porträt Nierzeczywistość [Unwirklichkeit] (1978) sowie die Gespräche Jacek Trznadels mit den Schriftstellern Andrzej Braun und Jacek Bocheński, in: Trznadel (Hg.): Hańba domowa (Anm. 33). 35 Siehe Jan Józef Lipski: Niezrozumiały i przerażający amok [Unverständlicher und erschreckender Amok], in: Trznadel (Hrsg.): Hańba domowa (Anm. 33), S. 288–302, hier S. 290. 36 Aleksander Wat: Klucz i hak [Schlüssel und Haken], in: ders.: Świat na haku i pod kluczem [Die Welt am Haken und hinter Schloss und Riegel], Warschau 1991, S. 11–63, hier S. 46 (Deutsch – E. S.). 37 Ebd., S. 46 (Deutsch – E. S.). 38 Aleksander Wat: Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Gesprochene Erinnerungen 1926–1945, Frankfurt/M. 2000, S. 483 f. 39 Wat: Klucz i hak (Anm. 36), S. 46 (Deutsch – E. S.). 40 Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986, S. 507.

JHK 2012

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2012

Gleb J. Albert M.A., geb. 1981, Studium in Köln und Krakau, 2005–2009 wissenschaftliche Hilfskraft am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (Universität Mannheim); zurzeit Promotion an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (Universität Bielefeld) zum Thema »Repräsentationen und Praktiken des revolutionären Internationalismus in der frühen Sowjetgesellschaft, 1917–1927« (Betreuer: Prof. Dr. Thomas Welskopp, Prof. Dr. Klaus Gestwa). Mithg.: The International Newsletter of Communist Studies. Jörg Baberowski Prof., Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell, 1982–1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989–1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt/M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914.« September 2000 Habilitation, Universität Tübingen, 2001–2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, 2. Aufl. Bonn 2007 (mit Anselm Döring-Manteuffel); Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003; Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), seit 2009 Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF), Potsdam; tätig u. a. für transnationale Projekte der Archiverschließung und Vernetzung, z. B. The International Committee for the Computerization of Comintern Archives (INCOMKA); Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Archives de Jules Humbert-Droz, Amsterdam 1983–2001; Hg.: Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Telegrammes chiffres du Komintern, Paris 2003; Mithg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Mithg.: Der Thälmann- Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003; »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin 2008; Hg.: The International Newsletter of Communist Studies; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Ulrike Breitsprecher M.A. phil., geb. 1982, 2002–2008 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig und für die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« sowie seit 2011 Doktorandin der Research Academy Leipzig. Horst Dähn Prof. Dr., geb. 1941, 1973 Promotion, 1981 Habilitation. Seit 1987 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart; langjährige Mitarbeit am früheren Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim; seit 1994 ehrenamtlicher Leiter des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Das politische System der DDR, Berlin 1985; Die Rolle der Kirchen in der DDR, München 1993; Mithg.: Luther und die DDR, Berlin 1996; Mithg.: Staat und Kirchen in der DDR, Frankfurt/M. u. a. 2003; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Nikolas R. Dörr M.A., Diplom-Politologe, geb. 1979 in Bad Soden, Studium der Friedens- und Konfliktwissenschaft, Neueren Geschichte, Psychologie, des Öffentliches Rechts sowie der Politikwissenschaft. Seit 2009 Promotion am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) über die sicherheitspolitische Bedeutung des Eurokommunismus für die USA und die Bundesrepublik Deutschland am Beispiel des Partito Comunista Italiano, Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Veröffentlichungen u. a.: Kommunismus im Wandel. Die kommunistischen Parteien Frankreichs, Finnlands und Italiens im Zuge des Eurokommunismus (= Schriftenreihe Arbeitspapiere des Instituts für Internationale Politik und Regionalstudien, Bd. 31), Berlin 2006; Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Parlamentarischen Rat 1948/1949. Eine Betrachtung der SPD in den Grundgesetzberatungen vor dem Hintergrund der ersten Bundestagswahl 1949, Berlin 2007; Mithg.: Die Nachrichtendienste der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2007. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker-Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992–1998 Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Zaur Gasimov Dr. phil., geb. 1981 in Baku, Aserbaidschan, 1998–2005 Studium der Internationalen Beziehungen, Geschichte und Soziologie, 2008 Promotion. Bis 2003 Pressesprecher an der Deutschen Botschaft in Baku, seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Veröffentlichungen u. a.: Militär schreibt Geschichte: Instrumentalisierung der Geschichte durch das Militär in der Volksrepublik Polen und in der Sowjetunion 1981–1991, Berlin 2009. Claudia Christiane Gatzka M.A., geb. 1985 in Leipzig, 2004–2011 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Mittelalterlichen Geschichte, Politikwissenschaft und Europäischen Ethnologie. Seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin in einem von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Forschungsprojekt zum Thema »Wahlkampf als demokratische Alltagskultur in Italien und Deutschland nach 1945«. Florian Grams Geb. 1974 in Hildesheim, 1994–2002 Studium der Geschichte und Germanistik. Doktorand bei Prof. Dr. Hartmut Griese an der Leibniz-Universität Hannover: »Edwin Hoernle – Zur Dialektik von biographischen Brüchen und bildungstheoretischen (Ver-) Wandlungen.« Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der Pädagogik der Arbeiterbewegung und der Geschichte der Eugenik. Anne Hartmann Dr. phil., geb. 1954 in Recklinghausen, 1972–1978 Studium der Germanistik und Slavistik in Münster und Bochum, 1982 Promotion. Bis 1988 Lektorin für deutsche Literatur und Sprache an der Université de Liège (Belgien), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Slavistik/Lotman-Institut für russische Kultur der Ruhr-Universität Bochum: bis 1993 in einem DFG-Projekt zu den russisch-deutschen Kulturbeziehungen in der SBZ/DDR, ab 1993 im Rahmen der Kooperations- und Wissenschaftsberatung des Landes NRW für deutsche und russische Hochschulen; seit 2001 im Bereich von Lehre und Forschung. Aktuelle Forschungsschwerpunkte (mit zahlreichen Publikationen): Sowjetische »Leitkultur« in der SBZ und frühen DDR; deutsche Autoren im sowjetischen Exil; westliche Intellektuelle und ihre Wahrnehmung der stalinistischen UdSSR; Lion Feuchtwangers Sowjetunionreise und Moskau-Buch. Wladislaw Hedeler Dr. phil., geb. 1953 in Tomsk (Russland, UdSSR), 1973–1978 Studium der Marxistisch-leninistischen Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1985 Promotion in Moskau. Seit 1991 Übersetzer und Publizist mit dem Forschungsschwerpunkt Geschichte der Komintern, der KPdSU und des Stalin’schen Terrors. Veröffentlichungen u. a.: KARLAG. Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager 1930–1959. Dokumente zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher, Paderborn 2007; Das Grab in der Steppe. Leben im GULAG. Die Geschichte eines sowjetischen »Besserungsarbeitslagers« 1930–1959, Paderborn 2007 (mit Meinhard Stark); Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Eine dokumentierte Chronik, Leipzig 2007 (mit Horst Hennig); Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover 2010. Ralf Hoffrogge M.A., geb. 1980 in Lingen (Ems), 2000–2008 Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin und an der Washington University in St. Louis (USA). Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung und der Studierendenbewegung in der BRD, derzeit Promotion an der Universität Potsdam zur Biografie des KPD-Politikers Werner Scholem (1895–1940). Veröffentlichungen u. a.: Richard Müller – Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin 2008; »›Die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt‹ – Sozialismuskonzepte und deutsche Arbeiterbewegung 1848–1920«, in: PROKLA, Nr. 155, Juni 2009. Ulrike Huhn Geb. 1979 in Berlin, 1999–2007 Studium der Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften, 2008–2011 Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit 2011 Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Zurzeit Promotion zum Thema »Volksfrömmigkeit im Kontext der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Sowjetunion, 1941–1964«. Langjährige freiberufliche Tätigkeit im Bereich der historisch-politischen Bildung, u. a. in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Publikationen zu Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und zur sowjetischen/russischen Erinnerungskultur. Stefan Karner Univ.-Prof. Dr., geb. 1952, Historiker, Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagenfurt; stellvertretender Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates; Co-Vorsitzender der österreichisch-russischen sowie der österreichisch-slowenischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; Wissenschaftlicher Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008/2009 (mit Lorenz Mikoletzky); Wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien/München 1995; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien/München 2005; Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Jan Kiepe M.A., geb. 1978 in Haren/Ems, 1999–2006 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte und der Soziologie an der Georg-August-Universität in Göttingen, zurzeit Promotion an der Universität Erfurt zur Kader- und Parteischulung der SED in Thüringen während der Ära Ulbricht. 2002–2006 Hilfskraft am MPI für Geschichte in Göttingen, 2006–2007 Freier Mitarbeiter an der »Arbeitsstelle Historische Anthropologie« des MPI für Geschichte an der Universität Erfurt, seit Mai 2011 Gastdoktorand am Institut für Technikgeschichte der ETH in Zürich. Veröffentlichungen u. a.: Das Reservepolizeibataillon 101 vor Gericht. NS-Täter in Selbst- und Fremddarstellungen, Münster 2007; »Nationalism as a Heavy Mortgage. The SED’s Cadres’ Action between Demand and Reality«, in: Nationalities Papers 37 (2009), H. 4, S. 467–483; Wiederabdruck in: Martin Mevius (Hg.): The Communist Quest for National Legitimacy in Europe, 1918–1989. Socialist Nations, London 2011. Robert Kindler M.A., geb. 1978 in Neindorf, 1998–2005 Studium der Neueren/Neuesten Geschichte, Politikwissenschaften und Kulturwissenschaften in Berlin und Voronež. 2006–2009 Bearbeiter eines Drittmittelprojekts zur Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden am Lehrstuhl Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter ebendort. Veröffentlichungen u. a.: Revolution in Russland, 1917–1921, Erfurt 2007(mit Jörg Baberowski und Christian Teichmann); »Die Starken und die Schwachen. Zur Bedeutung physischer Gewalt während der Hungersnot in Kasachstan (1930–1934)«, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 59 (2011), H. 1, S. 51–78; »Auf der Flucht – Die kasachischen Nomaden und die Hungersnot von 1930–1934«, in: Matthias Middell/Felix Wemheuer (Hg.): Hunger, Ernährung und Rationierungssysteme unter dem Staatssozialismus (1917–2006), Frankfurt/M. 2011, S. 35–57. Redakteur für Osteuropäische Geschichte bei H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de). Mark Kramer Prof., Direktor des Cold War Studies Program an der Harvard University und Senior Fellow des dortigen Davis Center for Russian and Eurasian Studies. Lehrtätigkeit für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten Harvard, Yale und Brown. Ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Harvard Academy of International and Area Studies sowie Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Übersetzer und amerikanischer Herausgeber des Bandes Schwarzbuch des Kommunismus, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher, u. a.: Crisis, Compromise, and Coercion in the Soviet Bloc, 1956: De-Staliniza-tion, the USSR, and Upheavals in Poland and Hungary, Cambridge, MA 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Norman LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964, Historiker, seit 2000 an der Universität Glamorgan (Süd-Wales). Veröffentlichungen u. a.: The German Communist Party in Saxony, Oxford/Bern 2003; Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley und Kevin Morgan); Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger). Mitbegründer: Twentieth Century Communism: a journal of international history (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Maxim Leo Geb. 1970 in Ost-Berlin, Ausbildung zum Chemielaboranten an der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1990–1995 Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und am Institut d’études politique de Paris. 1995–1996 Nachrichtenredakteur beim Fernsehsender RTL, seit 1997 Redakteur bei der Berliner Zeitung. 2002 erhielt er den Deutsch-Französischen Journalistenpreis, 2006 den Theodor Wolff-Preis. 2009 erschien sein autobiografisches Buch Haltet euer Herz bereit, wofür er im Dezember 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Katrin Löffler Dr. phil., geb. 1964 in Riesa, Ausbildung zur Krankenschwester, Redakteurin bei der katholischen Wochenzeitung Tag des Herrn, 1993–1999 Studium der Germanistik und Geschichte, 2004 Promotion, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Leipzig, seit 2009 Habilitationsstipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Anthropologische Konzeptionen in der Literatur der Aufklärung. Autoren in Leipzig 1730–1760, Leipzig 2005; Keine billige Gnade. Siegfried Theodor Arndt und das christlich-jüdische Gespräch in der DDR, Hildesheim 2011; Hg.: Als Studiosus in Pleiß-Athen. Autobiographische Erinnerungen von Leipziger Studenten des 18. Jahrhunderts, Leipzig 2009; Mithg.: Christian Felix Weiße und die Leipziger Aufklärung, Hildesheim 2006; Johann Christian Müller: Meines Lebens Vorfälle und Nebenumstände. Erster Teil: Kindheit und Studienjahre (1720–1746), Leipzig 2007. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987–1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995; Hg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Olaf Mertelsmann Dr. phil., geb. 1969 in Hamburg, 1990–1995 Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik, 2000 Promotion, 2005 venia legendi. Bis 2002 als Deutsch-Lektor zuerst in Tartu/Estland, und dann in Novosibirsk/Russland. Seit 2003 zuerst wissenschaftlicher Mitarbeiter und anschließend Dozent für Zeitgeschichte an der Universität Tartu. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen Krieg, Revolution und Inflation. Die Werft Blohm & Voss 1914–1923, München 2003; Hg.: The Sovietization of the Baltic States, 1940–1956, Tartu 2003; Hg.: Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zu Stalins Tod. Estland 1939–1953, Hamburg 2005; Der stalinistische Umbau in Estland. Von der Markt- zur Kommandowirtschaft, Hamburg 2006; Hg.: Central and Eastern European Media under Dictatorial Rule and in the Early Cold War, Frankfurt/M. 2011. Wim van Meurs Dr. phil., geb. 1964 in Rotterdam/Niederlande, 1982–1988 Studium der osteuropäischen Geschichte an der Universität Utrecht, 1993 Promotion. Bis 1999 Postdoktorand am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Lehrbeauftragter an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1999–2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München, zuständig für den Balkan und EU-Nachbarschaftspolitik. Seit 2004 am Lehrstuhl für politische Geschichte der Radboud Universität Nijmegen/Niederlande. Mitglied im Vorstand der Südosteuropa-Gesellschaft sowie im Redaktionsrat von Südosteuropa und Journal of Intervention and State Building. Veröffentlichungen u. a.: The Bessarabian question in communist historiography, Boulder, Colo. 1994; Hg.: Beyond EU enlargement, 2 Bde., Gütersloh 2001; Hg.: The Balkan prism, München 2007; Hg.: Ottomans into Europeans. State and institution building in South-East Europe, Londen 2010. Kevin Morgan Dr. phil., geb. 1961 in Birmingham, 1979–1987 Studium der Politik und Geschichte an der Universität Manchester; Professor für Politik und Zeitgeschichte an der Universität Manchester. Veröffentlichungen u. a.: Against fascism and war: ruptures and continuities in British communist politics 1935–41, Manchester 1989; Harry Pollitt, Manchester 1993; Labour Legends and Russian Gold: Bolshevism and the British Left, Bd. 1, London 2006; The Webbs and Soviet Communism: Bolshevism and the British Left, Bd. 2, London 2006; Workers of All Countries? Bolshevism and the British Left, Bd. 3, London 2012; Communists and British Society 1920–90, London 2007 (mit Gidon Cohen und Andrew Flinn); 1999–2005 Hg. von Socialist History; 1996–2007 Hg. bzw. Mithg. des Communist History Network Newsletter; seit 2009 Hg. bzw. Mithg. von Twentieth Century Communism: a journal of international history; Mitglied des Beirats von 20th Century British History, International Newsletter of Communist Studies und Socialist History. Hauke Neddermann M.A., geb. 1980 in Bremen, 2001–2007 Studium der Sinologie, Politikwissenschaften und Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Berlin und Dalian/VR China. Seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin, Fachrichtung Sinologie. Arbeitsschwerpunkte: Chinesische Jugend und Jugendbewegungen, Regionalgeschichte Xinjiangs und sozialistische Phase der Volksrepublik China, insb. die Fünfzigerjahre. Veröffentlichungen u. a.: Sozialismus in Xinjiang. Das Produktions- und Aufbaukorps in den 1950er Jahren (= Berliner China-Studien, Bd. 48), Berlin 2010; »Peers and Strangers. Han Settlers in Xinjiang as a Community of Action and Memory«, in: Mechthild Leutner /Jens Damm (Hg.): China Networks (= Berliner China-Hefte/Chinese History and Society, Bd. 35), Berlin 2009, S. 98–117. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964–1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984–1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, 2. Aufl. München 2009; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Francesco Di Palma Dr. phil., Historiker, geb. 1980 in Atripalda/Italien, Studium der Geschichts-, Kulturwissenschaften und Linguistik in Bologna und Leipzig, 2007 Promotion in Berlin. Lehrbeauftragter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Antifaschismus, Sozialismus und Kommunismus in Europa, SED-Geschichte. Veröffentlichungen u. a: Liberaler Sozialismus in Deutschland und in Italien im Vergleich. Das Beispiel Sopade und Giustizia & Libertà, Berlin 2010; Mithg.: Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas (1968 bis 1989), Berlin 2011. Ol’ga Pavlenko Prof. Dr., geb. 1964, 1981–1986 Geschichtsstudium an der Lomonossow-Universität (MGU) in Moskau, 1986–1990 Graduiertenstudium an der Lomonossow-Universität; seit 1992 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Weltpolitik und Internationale Beziehungen der Russländischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) in Moskau, Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen IAI an der RGGU; stellv. Direktorin des Instituts für Geschichte und Archivwesen an der RGGU. Forschungsschwerpunkte: russische Außenpolitik (19.–21. Jh.), Herausbildung kollektiver Identität, Phänomen des Nationalismus aus europäischer und russischer Sicht, Internationale Beziehungen im Kalten Krieg, Neuere und Neueste Geschichte Österreichs, zeitgemäße Wettbewerbsstrategien für den Bildungsbereich. Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Monografien. Aigi Rahi-Tamm Dr. phil., geb. 1965 in Võru/Estland, 1985–1990 Studium der Geschichte, 2004 Promotion. Seit 1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tartu am Lehrstuhl für Archivwissenschaften, 1997–2004 Mitglied der staatlichen Kommission zur Untersuchung der Repressionspolitik. Veröffentlichungen u. a.: 1949. aasta märtsiküüditamine Tartu linnas ja maakonnas [Die Märzdeportation 1949 im Landkreis und in der Stadt Tartu], Tartu 1998; Teise maailmasõja järgsed massirepressioonid Eestis: allikad ja uurimisseis [Massenrepressalien nach dem Zweiten Weltkrieg in Estland: Quellen und Forschungsstand], Tartu 2004. Jörg Roesler Dr. rer. oec, geb. 1940 in Berlin, 1959–1964 Studium der Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsgeschichte und Neueren Geschichte, 1968 Promotion, 1975 Habilitation, 2003 Professur. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin (1964–1974) bzw. Forschungsleiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR (1974–1991) in Berlin; 1992–1995 Mitarbeiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF). Gastprofessuren in Montreal (1992), Toronto (1994/95) und Portland/Oregon (2006). Veröffentlichungen u. a.: Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft in der Industrie der DDR, Berlin 1978; Zwischen Plan und Markt. Die Wirtschaftsreform in der DDR 1963–1970, Freiburg/Br. 1990; Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945–1960. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe, Leipzig 2006. Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław/Polen, Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944/45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am gleichen Zentrum; Veröffentlichungen: Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005; »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Evelyna Schmidt Dr., geb. 1978 in Berlin, 1998–2005 Studium der neueren deutschen Literatur und Polonistik in Berlin, Warschau, London und Barcelona, Promotionsstudium am Willy-Brandt-Zentrum in Wrocław, 2011 Promotion an der Universität Wrocław zum Wahnsinn-Diskurs in der Literatur der DDR und der Volksrepublik Polen, seit Oktober 2011 DAAD-Lektorin am Fachbereich Germanistik der Warschauer Universität, Veröffentlichungen u. a.: Beschreiben des Unbeschreibbaren. Komik und Holocaust im Schaffen von Jurek Becker und Edgar Hilsenrath, Wrocław 2007; »Die Diagnose des europäischen Wahnsinns in Jerzy Krzysztońs Trilogie ›Obłęd‹«, in: Bettina Kremberg/Artur Pelka/Judith Schild (Hg.): Übersetzbarkeit zwischen den Kulturen. Sprachliche Vermittlungspfade, Mediale Parameter, Europäische Perspektiven, Frankfurt/M. 2010, S. 105–123. Karl-Heinz Schwarz-Pich Geb. 1940, freier Autor mit Schwerpunkt »Sport im Dritten Reich«. Ehemals Mitglied und hauptamtlicher Funktionär der DKP in München. Veröffentlichungen: Der Ball ist rund: eine Seppl Herberger-Biographie, Ubstadt-Weiher 1996; Der DFB im Dritten Reich: einer Legende auf der Spur, Kassel 2000; Otto Siffling, der SV Waldhof und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Dritten Reich, Kassel 1999; Karl Ziegler und die große Ära des RRC Endspurt Mannheim, Kassel 2004; 100 Jahre SV Waldhof 07 1907–2007. Die Geschichte eines Traditionsvereins, Mannheim 2007. Freier Mitarbeiter der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz; Aufsätze und Artikel in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), Wissenschaftlicher Leiter der Zentralen Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Brigitte Studer Prof. Dr., Studium der Geschichte und Anglistik in Freiburg/Fribourg, Lausanne und Paris, Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei verschiedenen Forschungsprojekten an den Universitäten Lausanne und Basel; Lehrbeauftragte an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001–2004 Visiting Professor in Glasgow. 2001–2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001–2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du departement des Sciences de l’Homme et de la Societe, Conseil National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der 68er-Bewegung in der Schweiz. Verschiedene Publikationen zur historischen Kommunismusforschung und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Siegfried Suckut Dr. rer. pol., geb. 1945, Politikwissenschaftler, 1978 Promotion, 1978–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim.1992 Mitbegründer der Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, Berlin, Fachbereichsleiter/stellvertretender Abteilungsleiter, 1997–2005 Leiter der Abteilung. Veröffentlichungen vor allem zur Betriebsrätebewegung in der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands 1945–1948, zur DDR-Gründungsgeschichte sowie zur Geschichte der Blockparteien und des Staatssicherheitsdienstes in der DDR, zuletzt als Hg.: Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung 1976, Göttingen 2009. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Studium der Geschichte, Slawistik, Balkanologie und Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie an den Universitäten in Tübingen, Sofia (Bulgarien), Skopje (Jugoslawien, heute Makedonien) und an der Indiana University in Bloomington, USA; 1984 Promotion zum Thema »Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922–1930. Die ›Innere Makedonische Revolutionäre Organisation‹ in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italien«, 1995 Habilitation mit dem Thema »Handelskontrolle – ›Derivation‹ – Eindämmung. Schwedische Moskaupolitik 1617–1661«. Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, stellvertretender Direktor des GWZO Leipzig, Veröffentlichungen u. a.: Das makedonische Jahrhundert, München 2007; Postkommunistische Erinnerungskulturen im östlichen Europa, Breslau 2005; Radical Ethnic Movements in Contemporary Europe, New York/Oxford 2003 (mit Farimah Daftary), Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Oldřich Tůma Dr., geb. 1950, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik; Forschungsschwerpunkt: Nachkriegsgeschichte der Tschechoslowakei; Themen der aktuellen Forschungsarbeit: Die Tschechoslowakei im Kalten Krieg, der Prager Frühling und die tschechoslowakische Gesellschaft 1969–1989 sowie der Umbruch von 1989 in Mitteleuropa. Jüngste Veröffentlichung u. a.: Mithg.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. Dokumente. Pražskaja vesna. Meždunarodnyj krizisnyj 1968g. 2. Dokumenty (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. Sonderband 9/2), Köln/Weimar/Wien 2008 (mit Stefan Karner u. a.). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Krisztián Ungváry Ph.D., geb. 1969, Studium in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Promotion 1998 zum Thema »Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg«. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956 (Budapest); Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Veröffentlichungen u. a.: Die Schlacht um Budapest, München 1999; Ungarn und der Zweite Weltkrieg (auf Ungarisch), Budapest 2005; Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990, Budapest 2008 (auf Ungarisch mit Gabor Tabajdi). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad/Turkmenien, 1979–1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 dortiger Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Claudia Weber Dr. phil., geb. 1969, 1991–1996 Studium der osteuropäischen Geschichte, Politik und Südslawistik an der Universität Leipzig, danach von 1996–1998 Studium an der Ohio University Athens, OH; 1997 Forschungsaufenthalt an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace, Stanford University, Stanford, CA. 2002–2003 Lehrbeauftragte an der Universität Basel sowie 2002–2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig am Lehrstuhl für ost- und südosteuropäische Geschichte, 2003 Promotion an der Universität Leipzig mit einer Dissertation zur Denkmalssymbolik und nationalen Erinnerungskultur in Bulgarien von 1878–1944. Mitglied im Beirat der Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte sowie im Johann Gottfried Herder-Forschungsrat. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Macht und Geist im Kalten Krieg, Hamburg 2011 (mit Bernd Greiner und Tim B. Müller); Mithg.: Ökonomie im Kalten Krieg, Hamburg 2010 (mit Bernd Greiner und Christian Th. Müller). Hermann Weber Prof. Dr. Dr. h. c., geb. 1928, 1943/1944 Lehrerbildungsanstalt, 1945 KPD-Mitglied, 1947–1949 SED-Parteihochschule Karl-Marx, Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung bis zur Absetzung durch Erich Honecker, 1954 Ausschluss aus der KPD, seit 1955 Mitglied der SPD, 1964–1968 Studium in Marburg und Mannheim, 1968 Promotion, 1970 Habilitation, seit 1973 Professor, 1975–1993 Ordinarius, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim bis zur Emeritierung 1993, 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen, seit 1981 Leiter des Forschungsschwerpunktes DDR-Geschichte an der Universität Mannheim; 2011 schied er auf eigenen Wunsch aus dem Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aus. Veröffentlichungen u. a.: Ulbricht fälscht Geschichte, Köln 1964; Die Wandlung des deutschen Kommunismus, 2 Bde., Frankfurt/M. 1969; Das Prinzip links, Hannover 1973; Hauptfeind Sozialdemokratie, Düsseldorf 1982; Geschichte der DDR, München 1985; Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002 (mit Gerda Weber); Mithg.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006 (mit Gerda Weber). Begründer und bis 2008 Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Thomas Wegener Friis Dr. phil., geb. 1975, Historiker und Netzwerkkoordinator des neu gegründeten Zentrums für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2000 M.A. in Geschichte an der Süddänischen Universität, 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003–2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 Forschungsmitarbeiter an der Süddänischen Universität, seit 2010 Vorstandsmitglied des Dänischen Arbeitermuseums mit Archiv und Bibliothek zur Arbeiterbewegung, seit 2001 Mitglied des Vorstands der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, seit 2005 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejderhistorie, seit 2004 Mitinhaber des Friis Verlags; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976–1980 wissenschaftlicher Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU. 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt/M. 1977; Mithg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980/81, Berlin 1995; Hg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006, Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.

JHK 2012

Neues Interesse an alten Ideen von Häretikern? Überlegungen zur aktuellen Wiederentdeckung von Abweichler-Meinungen im stalinistischen Kommunismus an den Beispielen Trotzkismus und Anarchismus

Hermann Weber

Ketzer gab es in fast allen Bewegungen, ob von religiöser, ideologischer oder politischer Art. Das gilt auch für die Geschichte des Kommunismus.1 Divergenzen spielten schon in den Anfängen der kommunistischen Organisationen bei den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen eine große Rolle. Im Stalinismus sind Abweichungen nicht nur zu einem Kampfbegriff instrumentalisiert, sondern im wahrsten Sinne des Wortes für Häretiker tödlich geworden. In der marxistisch geprägten Arbeiterbewegung waren Debatten um Anarchismus und Revisionismus als Abweichungen schon früh hart und oft persönlich beleidigend. Jedoch blieben sie vom gemeinsamen Ziel bestimmt. Zu Lenins Zeiten wurde diese Form der Diskussion innerhalb der kommunistischen Parteien (KP) verschärft fortgeführt. Mit dem Aufkommen und der folgenden Allmacht des Stalinismus war das Verhalten der Führung gegenüber Abweichungen von den Vorgaben Stalins abhängig. Abweichler wurden in den KPen und der Komintern zunächst insbesondere mit dem Bannfluch Trotzkismus bekämpft, verfemt, entfernt und schließlich liquidiert. Daran änderte sich auch nach der Ermordung Leo Trotzkis durch einen Agenten Stalins in Mexiko 1940 nichts.2 Gegenwärtig wächst das Interesse an den Anschauungen kommunistischer Ketzer. Darum soll hier der Blick auf bestimmte Strömungen, nämlich Trotzkismus und Anarchismus, gerichtet werden. Auf andere Abweichungen, etwa Rechtskommunismus, verschiedene linke Oppositionsgruppen, »Titoismus« sowie den »Luxemburgismus«, kann an dieser Stelle nur verwiesen werden.3 Die Aktualität des Themas beweisen vor allem neuere Veröffentlichungen und Diskussionen über Trotzki, deren Beschreibung einen Schwerpunkt dieses Beitrages bilden soll. Konzentration ist ebenfalls bei der Betrachtung des Anarchismus nötig. Aus Sicht des Marxismus-Leninismus war auch der Anarchismus eine Abweichung vom Kommunismus. Er soll hier auf den von Max Stirner geprägten Individualanarchismus begrenzt werden. Im Folgenden werden die theoretischen Positionen von Trotzki, aber auch von Stirner, sowie deren Entwicklung und Verbreitung näher untersucht. Schließlich sind die Gründe für das gewachsene Interesse an Häretikern zu prüfen. Seit den blutigen Stalin’schen Säuberungen von 1936 bis 1938 gegen Kommunisten in der UdSSR galten Abweichler als Verbrecher. Der KPD-Verlag Neuer Weg in Berlin hatte 1945 den Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU in deutscher Sprache herausgebracht. In diesem Stalin zugeschriebenen Lügengebilde wurden Trotzkisten und andere Abweichler als »Scheusale«, als eine »Bande von Volksfeinden«, sogar als »Lakaien der Faschisten« beschimpft. Angeblich hatten Trotzkisten schon 1918 Lenin und Stalin ermorden wollen, »dieser Abschaum der Menschheit« bestand nach Stalin’scher Version »seit den ersten Tagen der Revolution« nur aus »Verschwörern« und »Spionen«. Die »Bande« sei nun »vernichtet«.4 Genau diese Verunglimpfung von Abweichlern befolgte ab 1948/49 die SED bei ihrer Stalinisierung.5 So verbreitete die SED-Zeitschrift Einheit im Mai 1949 die Schmähung, der »Trotzkismus« sei »übler Agentenunrat«. Und im zentralen Parteiorgan Neues Deutschland wurden Abweichler wie Ruth Fischer, Herbert Wehner und Erich Wollenberg als »gekaufte Agenten des amerikanischen Geheimdienstes« verleumdet; ähnlich Franz Borkenau, Ossip K. Flechtheim und andere.6 Bis zum Zusammenbruch der DDR blieb die SED bei ihrer stalinistischen Aufforderung, dass jeder Abweichler als Parteifeind zu bekämpfen sei. Auch wenn sich die Methoden der »Bekämpfung« änderten, gehörte diese stalinistische These zum Kern der Ideologie, war Bestandteil des Freund-Feind-Denkens, des Terrors. Die SED machte stets Jagd auf Dissidenten in den eigenen Reihen. Sie wurden des »Sozialdemokratismus« oder »Titoismus«, insbesondere aber des Trotzkismus beschuldigt und galten als eine ständige Bedrohung der Parteidiktatur. Trotzki war für sie der böse Geist, der Leibhaftige, der Erzfeind in ihrer Ideologie und Politik. Trotzkis Werk Leo Trotzki war die Personifizierung des Trotzkismus. Allerdings bezeichneten Stalin und die Stalinisten fast alle Oppositionellen als Trotzkisten, die sie als Todfeinde bekämpften. Die tatsächlichen Trotzkisten aber existierten meist in kleinen Gruppen, manchmal als Sekten. Sie hatten sich im September 1938 unter der Führung Trotzkis in Frankreich zur IV. Internationale zusammengeschlossen.7 Die Mehrheit der Funktionäre stammte aus der kommunistischen Bewegung, sie waren aus der Partei ausgeschlossen worden oder ausgetreten. Für die stalinistisch-kommunistischen Parteien spielten diese Trotzkisten als Ketzer, als Feindbild eine Rolle. In der praktischen Politik hatten sie als Massenparteien jedoch nur in Ausnahmefällen Bedeutung (z. B. später in Ceylon und Bolivien). Die überragende und dominierende Persönlichkeit dieser Internationale, deren wichtigster Theoretiker war Trotzki. Er war der Häretiker des Kommunismus Stalin’scher Prägung.8 Als ununterbrochen publizistisch Tätiger hinterließ er ein umfangreiches Œuvre, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Bis zu seinem Sturz 1924 kamen die meisten seiner Arbeiten in den Verlagen der Kommunistischen Internationalen heraus. Danach erschienen viele seiner Werke, etwa über die Russische Revolution (im Verlag S. Fischer), und massenhaft Broschüren auch auf Deutsch. Natürlich sind Trotzkis Schriften von den Nazis unterdrückt worden. Von 1945 bis 1949, unter den Besatzungsmächten, fanden seine Bücher in Deutschland kaum Verbreitung, es gab keine Neuauflagen. Das änderte sich insbesondere mit der Studentenrevolte 1968. Danach beschränkte sich die Bekanntheit der Texte Trotzkis vor allem auf seine Anhänger. Wissenschaftlich edierte Gesamtausgaben erschienen relativ spät: Eine englischsprachige Ausgabe kam zwischen 1969 und 1979 in 14 Bänden in New York heraus, seit 1978 wird eine französische Gesamtausgabe in Paris veröffentlicht (bisher 24 Bände). Zwei trotzkistische Richtungen machen sich um die Verbreitung von Trotzkis Werk in deutscher Sprache schon länger verdient. Der frühere Verlag Arbeiterpresse (jetzt Mehring Verlag) hat in der Reihe »Trotzki-Bibliothek« viele seiner Arbeiten publiziert. Im ISP Verlag sind u. a. auch die letzten Bände seiner wissenschaftlich edierten Ausgabe Schriften herausgekommen. Sie erscheinen seit 1988, bisher liegen drei Bände in sieben Teilbänden vor.9 Der maßgebliche Herausgeber von wissenschaftlichen Editionen ist der wohl beste deutsche Kenner von Trotzkis Arbeiten, Helmut Dahmer.10 Von ihm stammt auch die informative kleine Broschüre Leo Trotzki – Leben und Schriften (Wien 2007). Das erste Werk Trotzkis, das nach 1945 in Deutschland publiziert wurde, war dessen wichtige Stalin-Biografie. Sie erschien 1953 in der antikommunistischen Reihe »Verlag Rote Weißbücher«. Erst 1971 gab es im Rahmen der Debatten in Zusammenhang mit den Studentenunruhen eine zweite Auflage.11 Und 30 Jahre später kam es 2001 schließlich zu einer Neuauflage im Verlag Arbeiterpresse (eine zweite Auflage davon erschien 2006). Die Stalin-Biografie wurde häufig als subjektiv gefärbt und vom Hass diktiert angegriffen, Isaac Deutscher hielt sie für Trotzkis schwächstes Werk. Doch diese letzte Arbeit Trotzkis – Stalins Agent erschlug ihn beim Abfassen des Buches, es blieb unvollendet – ist eine bedeutende historische Leistung und wesentlich für die Einschätzung der Barbarei Stalins. Schon nach den offiziellen Entlarvungen des Diktators durch die Sowjetführer (1956 und vor allem 1961) wurde klar, wie wenig verzerrt das Bild war, das Trotzki von seinem Feind gezeichnet hatte. Noch größere Verbreitung fand Trotzkis Tagebuch im Exil. Erstmals erschien es 1960 bei Kiepenheuer und Witsch in deutscher Sprache und wurde 1979 neu aufgelegt. Als Taschenbuch kam es bei dtv in großer Auflage 1962 und 1983 heraus.12 Im Tagebuch des Exilanten Trotzki aus dem Jahr 1935 sind neben politischen Bemerkungen über die damalige Lage auch persönliche Angaben zu finden. Trotzki hielt sich seinerzeit in Frankreich auf, bis er im Juni 1935 nach Norwegen reisen konnte, wo er auf Druck Moskaus isoliert leben musste. Im Dezember 1936 erlaubte ihm dann Mexiko die Einreise. Politisch interessant sind die im Tagebuch festgehaltenen Erinnerungen Trotzkis an Zusammenkünfte mit Lenin, generell aufschlussreich seine wenig überzeugenden Aussagen zum Terror. »Zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution« (so der Umschlag) gab der S. Fischer Verlag 1967 erneut Trotzkis Geschichte der russischen Revolution heraus. Beide Bände erschienen 2010 in einer Neuauflage im Mehring Verlag. In den Siebzigerjahren erschienen dann weitere Trotzki-Bücher und Broschüren. Damals konnte ich konstatieren: »Von Trotzkis Gesamtwerk fanden so drei Bereiche in der theoretischen Diskussion der sechziger und siebziger Jahre besondere Bedeutung: die Einschätzung der Sowjetunion, insbesondere die Stalinismus-Kritik, die Theorie der permanenten Revolution und die Einschätzung des Faschismus […] Es kam im Westen zu einer regelrechten Trotzki-Renaissance. Das hing freilich nicht nur mit seiner radikalkommunistischen Kritik zusammen. Trotzki zählte zu den großen politischen Schriftstellern seiner Zeit, die Sprache seiner Darstellungen ist verständlich. Vor allem aber weckte sein abenteuerliches Leben die Neugier an seiner Person.«13 Nachdem das allgemeine Interesse abebbte, wurde es ruhiger um Trotzki. Dass sich dies jedoch in letzter Zeit wieder ändert, belegen die »Hinweise auf die neueste Trotzki- und Stirner-Literatur« (2009 bis 2011) im Anhang (neben zahlreichen kleineren Schriften). Im Folgenden soll über diese Entwicklungen kurz referiert werden, um die sich daraus ergebenden Probleme zu benennen. Interessant ist zunächst, dass sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Russland das fortsetzte, was in der Schlussphase der Regierung Gorbatschow begonnen hatte: Erstmals seit den Zwanzigerjahren wurden in der Sowjetunion wieder Trotzki-Texte veröffentlicht. Ähnlich verhielt sich die Nachfolgerin der SED, die PDS. Der ehemalige SED-Parteiverlag Dietz in Berlin edierte 1990 zwei Arbeiten Trotzkis: zum einen Stalins Verbrechen von 1936, ergänzt um ein um Objektivität bemühtes Nachwort von Peter Bachmann; zum anderen Trotzkis Terrorismus und Kommunismus aus dem Jahr 1920, das im Rahmen der Diskussionsreihe »Soziales Denken« von Hans-Jürgen Mende herausgeben wurde. Daneben kam Trotzkis Mein Leben als Lizenzausgabe des S. Fischer Verlages heraus. Für deutsche Kommunisten waren Schriften und Gedanken des Erzfeindes Trotzki bis dahin tabu. Dass ihre Nachfolger dann 1990 selbst Werke von Trotzki herausbrachten, schien sensationell und widerspiegelte die ideologische Unsicherheit. Doch bei den »Linken« im Osten ging genau wie im Westen Deutschlands nach der Vereinigung das Interesse an Trotzki zunächst zurück. Dieser Trend hat sich geändert. Die allerjüngsten Veröffentlichungen sind vielfältig. Bei Trotzkis Denkzettel von 2010 handelt es sich um eine (veränderte) Auflage des bereits 1982 aus dem Englischen übersetzten Auswahlbandes. Das Buch bietet einen guten Überblick über viele Bereiche von Theorie und Politik, mit denen sich Trotzki befasst hatte. Es ist gut gegliedert und durch Hinweise des Herausgebers Helmut Dahmer sowie ein über 30-seitiges Sachregister glänzend erschlossen. Dass es sich um keine kritische Ausgabe handelt, wird an vielen Stellen deutlich. Die Einleitung des Historikers Alan Woods (»Im Andenken Leo Trotzki«) zeigt dies ebenso wie die fehlenden Hinweise auf Trotzkis ambivalente Rolle in Russland seit 1917. Trotzki war natürlich der Hauptgegner Stalins und des Stalinismus. Doch in den ersten Jahren nach der Revolution 1917 gehörte er neben Lenin auch zu den Verantwortlichen, die im rückständigen Russland das Ideal einer neuen Gesellschaft realisieren wollten, allerdings nur als Teil der erwarteten Weltrevolution. Als diese ausblieb, griffen sie zum »roten Terror«. Den lehnten die meisten internationalen Sozialisten ebenso ab wie die Ausschaltung der Demokratie durch Lenin und Trotzki. Das Buch Denkzettel enthält Auszüge aus Trotzkis Schrift Terrorismus und Kommunismus (1920). Sein Versuch, den bolschewistischen »roten« Terror zu rechtfertigen, war ganz im Sinne des damaligen Weltkommunismus. Das theoretische Organ der KPD, Die Internationale, bejubelte Ende 1920, dass »der Organisator des Sieges der Räterepublik, der Schöpfer der Roten Armee, Leo Trotzki« diese Haltung vertrat und die »Antiterrorschreiberei Karl Kautskys« bekämpfte.14 Doch Trotzkis Verhältnis zum Terror wird in Denkzettel fast ohne Erklärung abgedruckt. Mehr Auskunft gibt da die im Dietz Verlag erschienene Trotzki-Ausgabe, denn sie wurde zusammen mit Karl Kautskys Gegenschrift Von der Demokratie zur Staatssklaverei von 1921 herausgegeben. Für die PDS war diese Veröffentlichung 1990 überraschend, denn nun war zum ersten Mal beides vereint zu lesen: eine Schrift vom »Erzfeind« Trotzki und eine politische antibolschewistische Untersuchung vom »Renegaten« Kautsky.15 Lenin und Trotzki hatten 1918 den Kritiker Kautsky mit rüden Worten angegriffen. Bereits zuvor hatte aber auch Rosa Luxemburg die Unterdrückermethoden von »Lenin-Trotzki« zurückgewiesen, aus denen der Terror dann hervorging.16 Auf die etwas schwammige Rechtfertigung des bolschewistischen Terrors reagierte Kautsky gleichsam sarkastisch. Allerdings klingt es heute, 20 Jahre nach dem Ende des stalinistischen Kommunismus, fast prophetisch, wenn Kautsky gegen Trotzki gewandt vom »reaktionären Charakter« des Bolschewismus schreibt und die »Brutalität und Herrschsucht« des Bolschewismus als abstoßend verurteilt. Dies »bewirkt, dass er dahingehen wird, ohne etwa anderes zu hinterlassen, als Ruinen und Flüche«. Der Teilabdruck in der Anthologie von 2010 zeigt, dass Trotzki seine Ideen zum Terror in dieser Form später so nicht wiederholte, sich aber auch nicht von seiner Haltung im Bürgerkrieg distanzierte. Sein Hang zur Rechthaberei wird darin offensichtlich. Doch darf nicht vergessen werden, dass Gewalt in terroristischen Formen nicht etwa der »Ideenwelt« Trotzkis entsprang, sondern eine Folge des barbarischen Ersten Weltkrieges war. Gerade eine Textsammlung wie Denkzettel macht deutlich, dass Trotzki einer der vielseitigsten, eigenwilligsten, begabtesten, aber auch schillerndsten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts war, eine charismatische Persönlichkeit. Viele seiner Gedanken weisen weit über die damalige Zeit hinaus, andere zeigen seinen Dogmatismus. Der Vorteil dieses Auswahlbandes liegt darin, dass dort nicht nur Trotzkis marxistische Auffassungen von Theorie und Politik nachzulesen sind, sondern auch seine Überlegungen zur Moral oder Gedanken zur Literatur.17 In Denkzettel sind auch Texte enthalten, die nach den 70-jährigen Erfahrungen seit der Ermordung Trotzkis in anderem Licht erscheinen. Im letzten Teil über »Visionen der Zukunft« stehen Sätze, die erschrecken. Etwa wenn Trotzki 1932 meint, in der neuen Gesellschaft »wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbmaterial betrachten.« Und er glaubte, dann werde der Mensch »einer neuen und glücklichen Rasse den Weg ebnen«. Eine ähnliche Vision hat Helmut Dahmer in einer anderen Trotzki-Auswahl schon vor sechs Jahren abgedruckt und für Denkzettel erneut ausgewählt.18 Bereits 1923 hatte Trotzki sich mit der zukünftigen Entwicklung der Menschheit beschäftigt und Utopien der »Gesellschaft der Zukunft« verfasst. Er träumte: »Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe und Marx erheben.« Und danach verwendete er – entsprechend dem Zeitgeist – Begriffe wie »künstliche Auslese« und »Übermensch«. Solche, insbesondere nach den grässlichen Erfahrungen der NS-Barbarei, bedenklichen Thesen der Eugenik lassen erkennen, dass einige Ideen Trotzkis – wie die anderer bedeutender Persönlichkeiten – zeitbedingt sind und nicht überbewertet werden sollten. Auch Trotzki eignet sich nicht als Kultfigur. Einerseits sind verschiedene Texte Trotzkis beeindruckende kritische Analysen, zum Kapitalismus, insbesondere seine bestechenden Aussagen zum Faschismus. Viele fruchtbare Ansätze, auch methodischer Art, finden sich in den Beiträgen zur sowjetischen Entwicklung und in seiner Stalinismus-Kritik. Andererseits gehört zu seinen Fehleinschätzungen die Vorstellung, die Sowjetunion bleibe eine Übergangsgesellschaft zum Sozialismus, oder die These, die UdSSR sei trotz Stalin ein »degenerierter Arbeiterstaat«. In seinen weltpolitischen Betrachtungen blieb Trotzki auf die Oktoberrevolution fixiert, hielt sie für beispielhaft für andere Länder, obwohl sie ein einmaliger Vorgang war. Trotzkismus Trotzkis Ideen sind durch ihre Rahmenbedingungen, die Entwicklung der kommunistischen Bewegung, insbesondere in Russland, zu begreifen. Zum Verständnis beitragen kann der Band von Wadim S. Rogowin Trotzkismus, der im Oktober 2010 erschienen ist, nachdem er 1992 bereits in russischer Sprache publiziert worden war. Der 1998 verstorbene Autor hatte in vorhergehenden Bänden schon Untersuchungen zu Stalinismus und Opposition vorgelegt.19 In Trotzkismus behandelt Rogowin die Periode von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Parteitag 1927, der der Opposition »den Garaus machte«. Untersucht wird Trotzki in seiner Zeit, ebenso die Entstehung und Entwicklung des Trotzkismus. In diesem Zusammenhang sei auf die vom Autor angesprochene Frage verwiesen, wieso Trotzki, der seit 1917 immer nur in einem Atemzug mit Lenin genannt wurde, 1923 so rasch die Macht verlieren konnte. Erwähnt wird die – von Trotzki immer wieder betonte – Herrschaft der Sowjet-Bürokratie, benannt werden aber auch »Trotzkis Fehler«, die 1923 zum Sieg des Triumvirats (Sinowjew, Kamenew, Stalin) und damit zum raschen Aufstieg Stalins führten. Auch ein anderer Faktor hatte zur Niederlage beigetragen, der nicht unerwähnt bleiben darf: Trotzkis »Antibolschewismus« bis 1917. Die alten Bolschewiki nutzten Trotzkis Streit mit Lenin bis zur Oktoberrevolution aus. Dieser Antibolschewismus, der nicht nur Trotzkis Theorie der permanenten Revolution betraf, sondern auch dessen Warnungen (ähnlich wie die Rosa Luxemburgs) vor Lenins Überzentralismus und die Befürchtungen vor den undemokratischen Zentralismus-Ideen der Bolschewiki,20 schien 1917 allerdings beendet. Während Lenin sich der Idee der permanenten Revolution von Trotzki angeschlossen hatte, bekannte sich dieser nunmehr zu den bolschewistischen Dogmen. In der Opposition gegen Stalin verharrte Trotzki fast unterwürfig bei seiner Gefolgschaft zu Lenin und blieb krampfhaft bei seinem Anspruch, der wahre Nachfolger Lenins zu sein. Das war zunächst nur ein strategischer Schritt, um aus der Außenseiterrolle herauszukommen. Doch Trotzkis bis zuletzt (auch bei der Gründung der IV. Internationale) immer wieder demonstriertes Bekenntnis zum Bolschewismus wird weder von Rogowin noch in Broués Trotzki-Biografie deutlich genug hervorgehoben, bleibt letztlich unerklärlich. Für den Trotzkismus ist dies ein Problem. Rogowin beschreibt die Entwicklung der linken Opposition, der Trotzkisten, in der Sowjetunion nur bis 1927. Die weitere Geschichte des Trotzkismus bis 1939 hatte er bereits in einem längeren Teil seines Bandes Weltrevolution und Weltkrieg dargestellt.21 2009 hat Helmut Dahmer in seinem Sammelband Divergenzen auch Artikel aus mehreren Jahrzehnten zu »Utopia« abgedruckt. Darin befasst er sich mit »Abweichlern« wie Bakunin, Orwell, Radek, Lukács, Bloch und natürlich auch Trotzki (»Feder und Schwert«). Dahmer hat einen bemerkenswerten Hinweis gebracht: »Außer ein paar Fachgelehrten und Sektierern liest niemand mehr Stalins Schriften oder die von Mao Zedong, keiner will sich mehr dieser Götzen erinnern. Trotzki aber lebt im Gedächtnis vieler Menschen fort als Revolutionär und Literat, als ein Mann der Feder und des Schwerts. Seine Autobiographie und seine Geschichte der russischen Revolution findet noch immer ihre Leser. Und sogar die IV. Internationale, die kleine revolutionäre Organisation […] hat bisher überlebt.«22 Solche Überlegungen lassen erkennen, dass die Vielzahl der Veröffentlichungen von und über Trotzki in jüngster Zeit nicht von ungefähr kommt. Das gilt auch für die Frage, Was ist der Trotzkismus?, die verschiedene Autoren in Broschüren versuchen zu beantworten.23 Zu einem öffentlichen Streit über Trotzki führten drei englischsprachige Trotzki-Biografien, die 2003 (Ian Thatcher), 2006 (Geoffrey Swain) und 2010 (Robert Service) erschienen sind und die den Trotzki-Anhänger David North zu einer streitbaren Verteidigung Leo Trotzkis veranlassten. Sein Buch wurde 2010 in englischer und deutscher Sprache veröffentlicht und macht deutlich, wie gegensätzlich Trotzki bis in unsere Tage bewertet wird. Die drei englischen Historiker sind nicht Kritiker im Sinne einer seriösen Trotzki-Biografie, wie sie seinerzeit Isaac Deutscher in einer dreibändigen Untersuchung vorlegte (die nun von allen drei neuen Autoren heftig angegriffen wird). Sie wollen vielmehr den »Mythos« Trotzki »entlarven« und die Bedeutung des Revolutionärs anzweifeln. Bei Service’ Gliederung fällt auf, dass er Trotzkis Rolle in der Revolution von 1905 (die von westlichen Historikern fast immer hervorgehoben wurde) im ersten Teil (1879–1913) nur in einem Unterkapitel von neun Seiten – bei einem Gesamtumfang von 600 Seiten – versteckt. Und noch erstaunlicher ist, wie Service in einem dritten Teil (1920–1928) Trotzkis Wirken im revolutionären Russland einfach mit dessen Absetzung und Verbannung verknüpft, was ganz offensichtlich seiner Absicht entspricht (ähnlich bei Thatcher oder Swain), Trotzki nur in negativem Licht darzustellen. Dies ist jedoch nichts Neues, denn im Stalinismus wurde Trotzki als Verbrecher diffamiert,24 von den Nazis als »jüdischer Bolschewist« verdammt, aber auch von konservativer Seite generell abgelehnt. Die Trotzki-Biografie von Robert Service erfuhr zu Recht heftigen Widerspruch. Es ist abwegig, wenn Service die Autoren der anerkannten Standardwerke, Isaac Deutscher und Pierre Broué, als »Götzendiener« angreift, aber selbst lediglich eine Schmähschrift vorlegt. In seiner Widerlegung der Thesen von Service hat David North diesen als »Hasserfüllten« abqualifiziert, gleichzeitig in seiner Gegenschrift auch eine Fülle von sachlichen Fehlern nachgewiesen und eklatante Fehleinschätzungen benannt. Die Belege von Service sind oft unzuverlässig und schwer zugänglich. Manche der angegeben Quellen zeigen eher das Gegenteil der Behauptungen von Service. Inzwischen hat sich der Trotzki-Biograf Bertrand Patenaude in The American Historical Review der Kritik von North angeschlossen.25 Auch andere Historiker bezeichnen als Ziel der Arbeit von Service die Diskriminierung Trotzkis, wobei der Autor bedauerlicherweise vielfach auf Formeln zurückgreift, die aus der stalinistischen Propaganda bekannt sind. Angeprangert werden ebenfalls Passagen von Service (siehe S. 192, 202, 205), in denen er auch Argumente mit »Belegen« aus dem antisemitischen Lügensumpf übernimmt. North wirft Service »Rufmord« vor. Er schreibt, dieser sei in seiner Stalin-Biografie von 2005 »mit dem sowjetischen Diktator und Massenmörder viel respektvoller« umgegangen als nun mit Trotzki. Die neue Trotzki-Biografie von Bertrand Patenaude, im Dezember 2010 auch auf Deutsch erschienen, ist von ganz anderer Art.26 Der Autor legt Fakten vor, schildert anhand neuer Quellen Trotzkis Leben und erstmals bis ins Detail dessen mexikanisches Exil. Das Buch ist packend geschrieben, die Zeit in Mexiko von 1937 bis zu Trotzkis Ermordung 1940 wird »genauer und detailreicher als irgendwo zuvor erzählt«.27 Inzwischen dient das Schicksal Trotzkis wieder einmal als Romanvorlage. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura hat in seinem Buch Der Mann, der Hunde liebte (kürzlich auch als Sensation in Kuba verbreitet) Trotzki als Hauptfigur neben seinem Mörder Ramón Mercader vorgestellt.28 Die Aktivitäten der Strömungen, die sich orthodox auf Trotzki berufen, kommen nicht nur in Darstellungen zu Trotzkis Theorie und Praxis zum Ausdruck, sondern ebenso in Lebensbeschreibungen führender trotzkistischer Funktionäre. Das zeigt beispielsweise eine umfangreiche Biografie über Ernest Mandel (1923–1995), einen der bedeutenden Trotzkisten der Zeit nach 1945. Das Werk von Jan Willem Stutje ist eine differenzierte Untersuchung des Lebens und Wirkens von Mandel in der trotzkistischen Bewegung Westeuropas.29 Als radikaler Politiker der IV. Internationale war Mandel in deren Alltag eingebunden. Er wird mit seinen Hauptwerken Marxistische Wirtschaftstheorie und Spätkapitalismus vorgestellt, ebenso wird seine Haltung zum Ende des stalinistischen Kommunismus thematisiert. Dessen Zusammenbruch erfolgte völlig anders als Trotzki und mit ihm Mandel erwartet hatten. Statt eines Sieges der Arbeiterbewegung kam es in einer schwachen Demokratie zu einem rüden Kapitalismus und der Dominanz des Finanzkapitals. Erfreulich für Mandel, dass sein Buch Trotzki als Alternative 1992 noch im Dietz Verlag publiziert wurde. Im größeren Maße als andere Abweichungen im Kommunismus ist die Thematik Trotzkismus untersucht, und die Forschungen gehen weiter. Dass die Motive unterschiedlich und die Ergebnisse konträr sind, kann dabei nicht überraschen. Eher ist schon erstaunlich, dass andere Häretiker, die z. B. zwischen Kommunismus und Anarchismus standen und oft als Anarchokommunisten bezeichnet werden, weit weniger intensiv bearbeitet, ja kaum »entdeckt« sind. Hier sei nur auf Franz Pfemfert verwiesen, der am Ende der Weimarer Republik mit Trotzki verbunden war. Seine Zeitschrift Die Aktion war das bedeutsame literarische Organ des Expressionismus und Pfemfert nach 1919 als Ketzer im Kommunismus bekannt.30 Dessen harsche und oft sarkastische Angriffe gegen alle organisierten Strömungen der Arbeiterbewegung, insbesondere aber die radikale Ablehnung des Stalinismus, darüber hinaus sein Einsatz gegen den Krieg, sind seltener im Gespräch. Allerdings liegt seit 2003 eine ausführliche Biografie über seine Frau, Alexandra Ramm-Pfemfert, vor. Sie hat fast alle antistalinistischen Werke Trotzkis übersetzt.31 Bemerkenswert für Pfemfert ist, dass er schon 1911, im ersten Jahrgang seiner Aktion, einen Beitrag des Anarchisten Max Stirner aus dessen Nachlass veröffentlichte und im Mai 1913 »Gedanken von Stirner«. Anarchismus Wie in der gesamten Arbeiterbewegung gab es auch im Anarchismus zahlreiche Richtungen. Ihr einheitliches Ziel war die Beendigung der Herrschaft von Menschen über Menschen, vor allem waren sie Gegner jeden Staates. Aber hinsichtlich Taktik und Organisierung einer anarchistischen Bewegung vertraten die herausragenden Theoretiker des Anarchismus, unter ihnen Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin, Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Johann Most, voneinander abweichende Meinungen. Der Anarchismus war vor allem in den romanischen Ländern verbreitet, gewann jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch weltweit Anhänger, etwa in den USA oder Russland.32 Die Literatur über seine verschiedenen Strömungen ist umfangreich.33 Peter Lösche hat 1977 einen Forschungsüberblick vorgelegt,34 der zeigt, wie schwierig es ist, die vielfältigen Richtungen des Anarchismus zu beschreiben und damit auch zu unterscheiden. Seine allgemeine Definition lautet: »Ziel des Anarchismus ist die herrschaftsfreie Gesellschaft, die Anarchie. An die Stelle der Herrschaft von Menschen über Menschen tritt die Selbstorganisation der autonomen Persönlichkeiten, die ihre humanen Potentialitäten voll realisiert haben. Diese Gesellschaft ist nicht chaotisch, sondern nach dem Prinzip des Föderalismus organisiert.«35 Lösche geht auf den Anarchismus in Deutschland, Spanien und Russland ein, untersucht auch den Rätekommunismus und Syndikalismus, schließlich den »aktuellen Anarchismus« bis in die Siebzigerjahre. Auf seine Arbeit kann hier verwiesen werden. Anarchisten nahmen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dann in der Weimarer Republik auf der linksradikalen Seite der Arbeiterbewegung einen festen Platz ein.36 Nach 1918 gab es Verbindungen zwischen Linkskommunisten, Syndikalisten und Anarchisten. Die KPD bekämpfte vor allem die Anarchokommunisten. Sie befürchtete ideologische Überschneidungen zum ultralinken Flügel ihrer Partei. Mit dem hier zu untersuchenden Individualanarchismus37 im Sinne Max Stirners hatten die Parteikommunisten wenig Kontakt und daher auch – außer den üblichen Beschimpfungen – kaum etwas mit ihm zu tun. Max Stirner und der Individualanarchismus Darstellungen des Anarchismus messen Max Stirner und seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum von 1844 eine mehr oder minder bedeutende Rolle zu.38 In der breiten Öffentlichkeit ist Stirner heute beinahe unbekannt. Doch werden seine Thesen inzwischen in kleinen Kreisen mehr und mehr diskutiert. Hier zunächst kurze Anmerkungen zur Person und zum Werk Stirners. Max Stirner wurde 1806 in Bayreuth als Johann Caspar Schmidt geboren, stammte aus einfachen Verhältnissen und verlor früh den Vater. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er u. a. in Berlin bei Hegel, gehörte zu den Linkshegelianern und schloss sich dort den sogenannten Freien an. Diese galten als »äußerste Linke«, waren politisch radikal und antireligiös eingestellt. Zu ihnen zählten Ludwig Feuerbach, die Brüder Bruno und Edgar Bauer und weitere damals bekannte radikale Schriftsteller, daneben ebenso Theoretiker wie Friedrich Engels. Von Letzterem stammt die einzige Zeichnung Stirners, auf der dessen hohe Stirn zu sehen ist, der er sein Pseudonym verdankt. Eine Fotografie von ihm existiert nicht.39 Stirner veröffentlichte außer seinem Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum nur verhältnismäßig wenig. Spektakulär war seine von den »Freien« organisierte Hochzeit mit Marie Dähnhardt im Oktober 1843, bei der dem Pfarrer nicht die üblichen Goldringe, sondern Messingringe zur Trauung übergeben wurden.40 Als sich Stirners vermögende Frau bereits 1847 von ihm trennte, waren »zunehmende Verarmung und Not« für ihn die Folge. 1853 und 1854 musste er sogar mehrere Monate ins Schuldgefängnis.41 Noch keine fünfzig Jahre alt, starb Stirner 1856 in Berlin, wo er auch begraben ist. Jahrzehntelag gerieten seine Person und sein Werk danach in Vergessenheit. Die zweite Auflage seines Buches erschien 1882 ohne Widerhall. Doch zehn Jahre später, dank seines Anhängers John Henry Mackay, wurde der Band 1893 erstmals bei Reclam in einer preiswerten Auflage von 10 000 Exemplaren verlegt.42 Es kam zu einer Renaissance des Philosophen Stirner, seine Arbeit fand nun auch international Verbreitung (Übersetzungen u. a. 1900 in Paris, 1902 in Moskau, dort auch noch 1918, 1907 in New York). Stirner, der umstritten blieb, wurde mit vielerlei Bezeichnungen belegt. Zusammenfassend hat der Stirner-Kenner Bernd A. Laska festgehalten: »Weithin bekannt sind sein Name und der Titel seines einzigen Buches, ›Der Einzige und sein Eigentum‹ (1844) – dazu einige seiner Sentenzen, z. B. ›Mir geht nichts über Mich‹ oder ›Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt‹. Historisch wird Stirner meist als Hegelschüler, als Links- bzw. Junghegelianer gesehen, systematisch als Egoist, Nihilist, Nominalist, Solipsist oder sonst wie extremer Individualist, politisch als Anarchist. Oft wird er auch als Vorläufer Nietzsches und verschiedener existenzphilosophischer Denker gesehen.«43 Stirners Werk Der Einzige und sein Eigentum ist ein radikales Bekenntnis zum Individualismus. Die Einleitung »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« wurde später als Nihilismus und im 20. Jahrhundert auch als Idee der Existentialisten bewertet. Das Buch zeigt Stirners Kritik an damaligen Vorstellungen der Linkshegelianer. Es war sein Versuch der »Revolutionierung des Bewusstseins«, so der Marxist Max Adler. Meine eigene frühe Einschätzung Stirners war vom Zufall geprägt – ich hatte das Werk schon 1947 von dem ehemaligen Anarchisten Eduard Bischoff geschenkt bekommen – und richtete sich gegen den Kollektivismus auf der SED-Parteihochschule: Deshalb gab ich mir dort fast provokativ den Namen Max Stirner, den freilich kaum einer kannte.44 Stirners frühere Mitstreiter (Feuerbach, Bauer u. a.) kritisierten sein Buch. Besonders interessant ist indes, dass Friedrich Engels zunächst bei aller Kritik an dem Werk im November 1844 an Marx schrieb, dass Stirner konsequent sei, weil er »den Einzelnen als Atheist auch über Gott stellte«. Und Engels urteilte, das Buch sei »wichtig«: »Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern darauf fortbauen.« Es sei »eine Kleinigkeit, dem Stirner zu beweisen, dass seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen«. Allerdings monierte Engels Stirners Abstraktion: Er »hat offenbar von den Freien am meisten Talent, Selbstständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts«.45 Die direkte Antwort von Marx ist nicht bekannt, ganz offensichtlich konnte er Engels jedoch umstimmen, denn beide haben Stirner in ihrer Deutschen Ideologie als »St. Max« und »Sancho« sarkastisch abgekanzelt. Ihr Manuskript, das verloren schien, konnte erst 1932 in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) abgedruckt werden. Darin wurde, neben Kritik an Feuerbach, Bauer und anderen, Stirner lang und breit »verrissen«, die Auseinandersetzung mit ihm umfasste zwei Drittel des Bandes.46 In der Folge war der »Beitrag marxistischer Autoren zur Anarchismusforschung gering«.47 Bei den Kommunisten geriet Stirner fast ganz aus dem Blickfeld. Das gilt für den gesamten Anarchismus. Von Stalin stammt die Broschüre Anarchismus oder Sozialismus? (1906),48 worin er (in der ihm eigenen simplen Art) kaum auf die tatsächlichen Ideen der Anarchisten einging. Wie die Abweichler insgesamt, werden die Anarchisten in der Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang als »kriminelle, verbrecherische und provokatorische Elemente aus dem Abschaum der Gesellschaft« (S. 245) wüst beschimpft, Stirner wird totgeschwiegen. Als anarchistische Ideen in den Siebzigerjahren im Zuge der Studentenrevolte in der Bundesrepublik wieder aktuell wurden, setzte sich auch die SED mit »Anarchismus heute« polemisch auseinander. Dabei wurde die »Geschichte des Anarchismus« mehr als dürftig behandelt.49 Ganz kurz wird auch »Max Stirner (1806–1865) [sic!]« erwähnt, der »einen extremen Subjektivismus und Individualismus vertrat«.50 Tatsächlich gab es zu Beginn des Kommunismus auch differenziertere Überlegungen zum Anarchismus. Lenin ging z. B. in Staat und Revolution auf Georgi Plechanows Broschüre Anarchismus und Sozialismus ein. Er lobte das darin enthaltene »wertvolle Material zur Geschichte der Ideen Stirners, Proudhons u. a. m.«, wandte sich aber gegen »plumpe« Verurteilungen von Anarchisten und des Anarchismus.51 Unter linken Intellektuellen und Künstlern fand Stirner vor und nach der deutschen Novemberrevolution von 1918 durchaus Sympathisanten. Beispielsweise schätzten ihn etwa Erich Mühsam oder der Schriftsteller Oskar Maria Graf sehr. Dieser schrieb: »Das Schlagwort darin [in Stirners Einziger, H. W.]: ›Mir geht nichts über mich‹ […] nahm ich auf wie ein Evangelium.«52 Und sein Freund, der Maler Georg Schrimpf, soll ganze Passagen aus Stirners Buch auswendig rezitiert haben. Doch nach 1929 erschien jahrzehntelang keine deutsche Ausgabe mehr von Stirners Werk, es war still um ihn geworden. Erst über 40 Jahre später, 1972, veröffentlichte Reclam in Stuttgart wieder einen preiswerten Band.53 Allerdings hatte es bereits 1968 eine Neuauflage des Werkes gegeben.54 Deren Herausgeber Hans G. Helms war jedoch ein Anhänger von DKP-Thesen und ein Stirner-Hasser. Dennoch sieht Laska, trotz der vorgenommenen Verkürzungen des Textes, damit eine »zweite Stirner Renaissance« eingeleitet.55 Diese schwankte zwar, aber Stirner blieb im Gespräch. In den Achtzigerjahren war z. B. in Freiburg im Breisgau eine Mackay-Gesellschaft aktiv,56 und ab 1993 publiziert die Mackay-Gesellschaft Berlin-Hamburg die Zeitschrift espero als Forum für libertäre Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. In jüngster Zeit wächst das Interesse am Häretiker Stirner, wenn auch nicht so stark wie am Abweichler Trotzki. Während es seit Jahrzehnten organisierte Gruppen von Trotzkisten gibt, die einerseits in der Tagespolitik aktiv sind, aber zugleich die Ideengeschichte Trotzkis durch Veröffentlichung seiner Schriften und Diskussionen weitertreiben, gibt es zu Stirner keine vergleichbaren Traditionsorganisationen. Doch wie schon früher existieren Gesellschaften. Ähnlich wie die seines Anhängers Mackay besteht seit 2002 eine Max-Stirner-Gesellschaft, und in Leipzig gibt es ein Stirner-Archiv. Eine ganze Reihe von Zeitschriften führen Diskussionen über dessen Ideen. Von 1998 bis 2006 brachte das Leipziger Stirner-Archiv die Zeitschrift Der Einzige heraus, seit 2008 erscheint das gleichnamige Jahrbuch. Dieses versammelt bemerkenswerte Artikel, z. B. 2010 über den Anarchisten Ret Marut, später bekannt als Schriftsteller B. Traven und dessen Stirner-Rezeption.57 2011 beschäftigen sich die Beiträge u. a. mit Stirners Einfluss auf die Literatur. Mittlerweile wird Max Stirners Werk wieder häufiger in deutscher Sprache publiziert, z. B. 2004 in Nürnberg und 2005 in Erftstadt (diese Ausgabe wurde mit Recht kritisiert, weil auf den wichtigen Eingangsteil »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« verzichtet wurde). Vom Reclam-Band von 1981 erschienen weitere Auflagen. 2009 gab Bernd Kast eine ausführlich kommentierte Studienausgabe heraus.58 Darin wird sogar Stirners Leitmotiv »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« als Zeile eines Goethe-Gedichts von 1806 nachgewiesen. Die umfangreiche Untersuchung von Alexander Stulpe hat Laska kritisch rezensiert.59 Selbst in der Presse wird Stirner zur Kenntnis genommen, z. B. bereits 1984 in der Zeit, 2003 in Neues Deutschland sowie 2009 im ehemaligen FDJ-Organ Junge Welt.60 Seitdem Die Deutsche Ideologie von Marx und Engels in der Wissenschaft erneut Aufmerksamkeit erhält, rückt auch Stirner wieder stärker in den Blick: Anlässlich des 125. Todestages von Karl Marx fand 2008 ein Workshop der Friedrich-Ebert-Stiftung statt, im Rahmen dessen Ulrich Pagel über die Stirner-Rezeption von Marx in der Deutschen Ideologie referierte.61 Zum gleichen Thema lieferte auch Ariane Fischer im Marx-Engels-Jahrbuch 2008 einen Beitrag.62 Die neue »Popularität« Stirners trägt inzwischen auch eigenartige Früchte. So erschien 2009 Der Einzige und sein Eigentum – aber nicht von Stirner, sondern von Michalis Pichler. Diesen Band bezeichnete der Stirner-Kenner Jochen Knoblauch in seiner Rezension als »Kunst-Buchprojekt« und sieht darin eine »interessante Variante« der »künstlerischen Auseinandersetzung« mit Stirner, wobei von den »402 Textseiten immerhin über 100 Seiten leer geblieben sind«.63 Was sind die Gründe für das neue Interesse an Häretikern? Trotzki und auch Stirner werden wieder gedruckt, was bedeutet, ihre Ansichten werden verbreitet, gelesen und diskutiert. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Karl Marx, der nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime »erledigt« schien, ebenfalls wieder Konjunktur hat. Dessen Erklärungen zu gesellschaftlichen Krisen finden in der gegenwärtigen Situation wieder verstärkte Aufmerksamkeit. Die hier beschriebenen Abweichungen vom offiziellen Kommunismus haben durch die Verbreitung der Ideen von Trotzki und auch Stirner allgemein an Bekanntheit gewonnen, während durch das Ende kommunistischer Diktaturen die Dogmen des »Marxismus-Leninismus« oder gar Stalins nur noch am Rande eine Rolle spielen. Der Trotzkismus blieb hingegen weiterhin eine originäre oppositionelle Bewegung. Doch u. a. sein Bekenntnis zum Bolschewismus bzw. ständige Spaltungen begrenzten seinen Einfluss meist auf kleine Gruppen, auch wenn diese mit der IV. Internationale eine weltweite Organisation bildeten. Die Individualanarchisten waren immer nur Sekten, die nie politische Bedeutung erlangen konnten. Anders als Rechtskommunisten, Anarchokommunisten oder ähnliche Gruppen sind sie jedoch im Gespräch, was zeigt, dass Trotzki und in geringerem Maße auch Stirner als Theoretiker und Philosophen, als Häretiker mit ihren Ideen vor allem bei Jüngeren gefragt sind. Das hat vielfältige Ursachen. Generell scheinen zwei Hauptgründe vorzuliegen, die sich weniger aus der Ideengeschichte erklären lassen, sondern vielmehr von allgemeingesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden. Zu benennen sind einerseits der Zusammenbruch des Kommunismus und andererseits die wiederholten Krisen, in die das globalisierte Finanzkapital die Welt immer wieder stürzt, wodurch die Ungerechtigkeit in der Welt noch zunimmt. Es ist davon auszugehen, dass die Leser – wie schon immer – zumeist nachdenkende, gebildete, mit den Zuständen unzufriedene Menschen sind, Suchende, die Alternativen zum »Heuschrecken«-System der Profitgier erstreben. Selbst in den USA entwickelt sich eine soziale Bewegung gegen die Wall Street. Das Ende kommunistischer Regime bewies, dass totalitäre Diktaturen mit ihren »linken« Verheißungen, eine »bessere Welt zu schaffen«, in der Barbarei Stalins mündeten. Die Frage ist zu stellen: Worin lagen die Ursachen für die Wandlung des Kommunismus aus einer Abspaltung von der sozialen Emanzipationsbewegung der Arbeiter mit dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft in ein Regime der Unterdrückung und des Massenterrors? Antworten darauf hoffen kritische Linke auch in Trotzkis Werken zu finden. Schließlich gehörte er ursprünglich zu den Verantwortlichen der kommunistischen Richtung und zählte in der Folge zu den konsequentesten Gegnern Stalins. Und es war Trotzki, der an den Grundlagen des Stalin’schen Kommunismus rüttelte, indem er dessen Rechtfertigung und Verschleierung als angeblich »sozialistisches« System enthüllte. Er entlarvte die blutige Diktatur, den Gegensatz von Ideologie und Wirklichkeit, von Anspruch und Realität. Die Behauptung des Stalinismus, in der UdSSR sei der Sozialismus im Sinne von Marx verwirklicht, weil dort anstelle des Privateigentums an Produktionsmitteln das Staatseigentum eingeführt worden war, diente manchem Linken als Rechtfertigung, in der Sowjetunion bestehe der Sozialismus. Solch eine Sicht führte zur Verblendung gegenüber dem Terrorregime und seinen Privilegien. Trotzki lieferte den einfachen, aber anschaulichen Gegenbeweis: »… wenn ein Dampfer zum Kollektiveigentum erklärt wird, die Passagiere aber nach wie vor in erste, zweite und dritte Klasse eingeteilt werden, so ist klar, dass für die Passagiere der dritten Klasse der Unterschied in den Existenzbedingungen von weit größerer Bedeutung sein wird als der juristische Eigentumswechsel. Umgekehrt werden die Passagiere der ersten Klasse bei Kaffee und Zigarren dem Gedanken huldigen, das Kollektivgut sei alles, die bequeme Kajüte dagegen nichts.«64 Es ist durchaus logisch, dass kritisch-suchende Menschen damals wie heute mit »abweichenden« Überlegungen vor falschen politischen Vereinfachungen bewahrt werden können. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus sind auch Stirners Thesen von der ausschlaggebenden Bedeutung des »Ich« gegenüber dem Kollektiv interessanter geworden. Ein zentraler Ausspruch von ihm lautet: »Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache ›des Menschen‹, Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie etc., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!«65 Stirners überzogenes Bekenntnis zum Individualismus ist das Gegenbild zum Kollektivismus des Kommunismus. Doch nicht nur Engels betrachtete solchen Egoismus einst schon in ganz anderem Licht, und auch in der Literatur wird darauf verwiesen, dass Stirners Ideen nicht mit der Akzeptanz des Kapitalismus gleichzusetzen waren. Schließlich konstatierte Stirner: »Geld regiert die Welt ist der Grundton der bürgerlichen Epoche.«66 Als »Freier« agierte Stirner schon vor über 150 Jahren gegen die Ellbogenmentalität der Kapitalisten. Und als Staatsfeind, Antiautoritärer und Gegner der bürgerlichen Gesellschaft ist Stirner kaum als Verteidiger des Kapitalismus zu sehen. Er war ein grundsätzlicher Anarchist, seine Ideen entsprachen – genauso wenig wie auf der anderen Seite die Trotzkis – nicht dem »angepassten« Zeitgeist. Das erneute Interesse an solchen Denkern ist wohl auf deren kritische Abweichler-Haltung zurückzuführen. Und damit stehen beide in der Tradition von Marx – Trotzki als sein Schüler und Stirner als sein Gegner. Aktuell ist das Motto von Marx, »An allem ist zu zweifeln«, was als ein genauer, kritischer Blick und als Ablehnung von Glaubensdogmen zu verstehen ist. Stirners Losung »Ich hab mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« zielt dabei in die gleiche Richtung. Beiden ging es darum, die Ideen der Aufklärung fortzuführen. Sie erwarteten, dass nur die radikale Kritik an Praktiken und Doktrinen Chancen für Änderungen unsozialer oder gar diktatorischer Zustände bieten würde. Die Krisen der heutigen Gesellschaft sind ein entscheidender Grund für die ernsthafte Auseinandersetzung und die Suche nach humanen Verhältnissen. Daher hat mit der globalen Krise ab 2008 Marx’ Kritik am Kapitalismus – aber ebenso von Häretikern des Kommunismus – wieder mehr Anklang gefunden. Ein Trend, der sich auf dem Büchermarkt bemerkbar macht. Ob und wie dieser Trend seit 2009 dann 2012 weitergeht, bleibt abzuwarten. Interessant ist das Verhalten der Partei Die Linke, die nach einer anderen Identität sucht, ist sie doch durch ihre Vorgängerin noch von der Diktatur und dem Geschichtsbild der SED geprägt. Die Zusammensetzung der neuen Partei ist heterogen, dort gibt es neben ablehnenden ewiggestrigen Stalinisten auch Interessierte für neue Ideen. Gegenüber Trotzki ist die Haltung von mehr Sachlichkeit geprägt, er gilt nicht mehr als Erzfeind oder Verbrecher. Dennoch ist die Zeit von 1990, als sogar Trotzkisten zur PDS stießen, vorbei, die Publikation von Trotzki-Werken war nur eine – wenn auch sensationelle – kurze Episode. Historiker dieser Partei sind auf der Suche nach anderen Traditionen, aber noch immer dominiert das kommunistische Geschichtsbild. Wie versucht wird, teilweise linkssozialistische Wurzeln einzubeziehen, belegt die Publikationsreihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«, in der bis heute 15 Bände erschienen sind. In diesen seit 1999 von Klaus Kinner herausgegebenen Büchern befassen sich die Autoren im Wesentlichen mit der Geschichte der KPD oder der Komintern. Neben der Kritik an Stalin wird Rosa Luxemburg positiv hervorgehoben, ebenso die früher verpönten »Rechten« oder »Versöhnler« in der KPD. Als Herausgeber hat Kinner 2010 für die Partei Die Linke in zwei Bänden mit dem Titel »Erbe und Tradition« deren Traditionslinie thematisiert.67 Dass Trotzki dort nur sporadisch (ganze vier Mal, Ferdinand Lassalle freilich nur drei Mal) genannt wird, zeigt, er zählt nicht zum Erbe und zur Tradition dieser Partei. Michael Brie spricht im ersten Band vom »diktatorisch-terroristischen Kommunismus eines Trotzki«. Im zweiten Band findet sich Trotzkis Name in Abendroths Abgrenzung vom Trotzkismus. Deutsche Trotzkisten wie Willy Boepple oder Georg Jungclas werden allein im Zusammenhang mit dem Linkssozialismus der Ära Adenauer genannt. Im Vorwort bezeichnet es Lothar Bisky als Aufgabe der Bände, »das Erbe zu benennen für die Findung der Identität der Linkspartei«. Beide Werke enthalten recht unterschiedliche Beiträge zu den Strömungen und zu Vorbildern, die wohl mit »Erbe und Tradition« gemeint sind, unter ihnen Rosa Luxemburg, Paul Levi, aber auch Wolfgang Abendroth oder Leo Kofler. Auffällig ist, dass Personen wie Robert Havemann oder Rudolf Bahro nur am Rande auftauchen und ihre Ideen eher kritisch gesehen werden. In allen 15 Bänden der Reihe wird Trotzki nicht nur als Person kaum genannt, sondern es fehlt auch eine Darstellung seiner Grundsätze oder gar der trotzkistischen Organisationen. Zwar veröffentlichte die Zeitung Neues Deutschland zu Gedenkdaten Artikel über Trotzki, sogar vom Trotzkisten North, und Lothar Bisky sprach sogar vom »Genossen Trotzki«,68 dies steht jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit seinen Ideen. Die festgestellte Renaissance des Häretikers Trotzki hat also offensichtlich mit der PDS bzw. mit der Partei Die Linke und ihren Anhängern kaum etwas zu tun,69 und Max Stirner ist hier weiterhin fast unbekannt, in beiden Bänden von Kinner wird nicht einmal dessen Name genannt. Das Interesse und die Diskussion über Häretiker kommen aus anderen Kreisen, vor allem von sozial denkenden und handelnden Menschen. Diese Leser der Abweichler sind aufgeschreckt von der ungezügelten Macht weltweiter Konzerne und Banken. Die unkontrollierten Finanzmagnaten und Spekulanten bedrohen die Demokratie und damit die Freiheit, gefährden die durch Wahlen legitimierte Politik, die gegenüber »der Wirtschaft« fast ohnmächtig zu sein scheint. Das Wesen des Finanzkapitals, der Banken und deren beherrschende Rolle hatte Marx nur am Rande thematisiert. Der Marxist Rudolf Hilferding hatte dagegen 1910 wesentliche Zusammenhänge über die Entwicklung des Kapitalismus zum Finanzkapitalismus und über die Funktion des fiktiven Kapitals enthüllt.70 Doch Hilferdings Werk ist fast vergessen. Als Kriegsgegner hatte er der USPD angehört, kehrte als Antibolschewist 1922 zur SPD zurück, war 1928/29 Reichsfinanzminister in Berlin und wurde 1941 Opfer des NS-Terrors. Er war ein Außenseiter, aber im Gegensatz zu Trotzki oder Stirner gibt es (ähnlich wie beim erwähnten Pfemfert) keine Hilferding-»Konjunktur«. Dabei hatte auch er sich für die freiheitliche Zivilgesellschaft mit sozialer Gerechtigkeit eingesetzt. Die Renaissance von Außenseiter-Theoretikern hat also offenbar noch etliche andere Motive, die allerdings weiterer Untersuchung bedürfen. Nach dem Zusammenbruch des diktatorischen Kommunismus in Europa schien sich die politische und soziale Demokratie durchzusetzen. Ausgelöst von der Globalisierung ist jedoch die Grundhaltung des Kapitalismus gewachsen, die Gier nach »immer mehr« Gewinn. Das System des Finanzkapitals, vor allem von Großbanken, mit fiktiven Vermögen Riesengewinne zu erzielen, führte zur katastrophalen und generellen Krise der Wirtschaft. Nur mit Staatshilfen gelang es, diese zunächst einzuschränken. Lehren daraus sind indes kaum gezogen worden, es blieb weitgehend bei alten Methoden. Die Gefahr einer Wiederholung der Barbarei stalinistischer Diktaturen besteht kaum noch. Wird die demokratische und soziale Zivilgesellschaft durch die Macht des Finanzkapitals bedroht, von Spekulanten und »Zockern« und deren Herrschaft über die demokratische Politik? Es bleibt die Frage, insbesondere nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und der egoistischen Prinzipien der »Sieger«, wie eine bessere Welt sozialer Gerechtigkeit und Solidarität geschaffen werden kann. Die Nachfolger des überwundenen stalinistischen Kommunismus bieten jedenfalls keine überzeugenden Alternativen, denn nur auf dem Boden der Demokratie sind freiheitliche Veränderungen möglich. Konzeptionen für die Humanisierung der Gesellschaft gibt es zahlreiche, und die Suche nach alternativen Modellen wird weitergehen. Die Aussagen der Häretiker waren durchaus zeitbezogen und eignen sich nicht für Dogmatisierung. Dennoch sind bei ihnen immer wieder Denkanstöße in Bezug auf aktuelle Probleme zu finden. Es ist zu hoffen, dass – nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – im Mittelpunkt jeder politischen Überlegung der freiheitliche Kampf für Demokratie und Rechtsstaat sowie für soziale Gerechtigkeit steht. Nur in diesem Zusammenhang können die hier beispielhaft genannten Ideen von Trotzki oder auch Stirner Impuls für Veränderungen sein, wenn dies mit der Freiheit des Individuums verbunden wird, Demokratie Ziel bleibt. Schließlich haben Marx und Engels schon 1853 auf die »Explosivkraft der demokratischen Ideen und den der Menschheit angeborenen Drang nach Freiheit« hingewiesen.71 Beim Blick auf Häretiker der Arbeiterbewegung wird deutlich, dass sich manche ihrer Thesen gegen den »Mainstream« richten und schon deswegen Beachtung verdienen. Gängige Vorstellungen, etwa im Kapitalismus, den Menschen auf »Humankapital« zu reduzieren, oder wie im Kommunismus, das Kollektiv über das Individuum zu stellen, sind schon durch die Ideen von Stirners Einzigem und erst recht durch Trotzkis Kritik am Stalinismus fragwürdig geworden. Da ist es schon bemerkenswert, wenn die minimale Konjunktur ihrer Werke signalisiert, dass Theorien von Außenseitern vermehrt wahrgenommen werden. Doch auch deren Anschauungen sind nicht zu dogmatisieren, sie bieten nur Anregungen zum Selbstdenken. Die Tradition der Arbeiterbewegung ist nicht frei von Verfehlungen. Dennoch bleiben die Grundziele weiterhin wichtig. Trotz aller Begrenztheit ihres historischen Horizonts hat die große Sozialutopie der Arbeiterbewegung wenig von ihrer Aktualität eingebüßt. »Das Ideal einer Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung, ohne Entbehrung und Zwang, ohne Chauvinismus, Rassenhass und Völkerkriege, die Idee der sozialen Gerechtigkeit muss nicht aufgegeben werden. Allerdings lässt sich diese Idee nur auf demokratischem Wege verwirklichen, so mühsam und langwierig der auch immer scheinen mag.«72 Konzeptionen zu solchen oder ähnlichen Zielen wurden und werden wie schon lange mehr oder weniger intensiv debattiert. Die hier skizzierten Thesen von zwei Außenseitern und die Auswirkungen auf den Buchmarkt sind bemerkenswert. Überlegungen für die Gründe einer Renaissance von Häretiker-Ideen bleiben weiter diskussionswürdig. Hinweise auf aktuelle Trotzki- und Stirner-Literatur: Zu Trotzki: Helmut Dahmer: Divergenzen. Holocaust – Psychoanalyse – Utopia, Münster: Westfälisches Dampfboot 2009. 649 S., ISBN 978-3-896-91770-6. David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen: Mehring Verlag 2010, 240 S., ISBN 978-3-886-34085-9. Bertrand M. Patenaude: Trotzki. Der verratene Revolutionär, Berlin: Propyläen Verlag 2010, 432 S., ISBN 978-3-549-07377-3. Wadim S. Rogowin: Trotzkismus (= Gab es eine Alternative, Bd. 1), Essen: Mehring Verlag 2010, 454 S., ISBN 978-3-886-34080-4. Robert Service: Trotsky. A Biography. London: Paan Books, Macmillan 2010, 600 S., ISBN 978-0-330-43969-5. Jan Willem Stutje: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg: VSA Verlag 2009, 470 S., ISBN 978-3-899-65316-8. Leo Trotzki: Denkzettel. Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution, hg. von George Novack, Helmut Dahmer, Wien: Verein Gesellschaft und Politik 2010, 491 S., ISBN 978-3-950-21914-2. Leo Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution. 2. Bde. Essen: Mehring Verlag 2010, Bd. 1 410 S., Bd. 2 700 S., ISBN 978-3-88634-087-2. Zu Max Stirner: Saul Newman: Max Stirner. Critical Explorations in Contemporary Thought, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011, 240 S., ISBN 978-0-230-28335-0. Maurice Schuhmann: Radikale Individualität. Zur Aktualität der Konzepte von Marquis de Sade, Max Stirner und Friedrich Nietzsche, Bielefeld: transcript Verlag 2011, 396 S., ISBN 978-3-8376-1719-1. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2008, 463 S., ISBN 978-3-15-003057-8. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe, hg. von Bernd Kast. Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2009, 452 S., ISBN 978-3-495-48342-8. Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität. Berlin: Duncker & Humblot 2010, 980 S., ISBN 978-3-428-12885-3. 1 Siehe dazu Theodor Bergmann/Mario Keßler (Hg.): Ketzer im Kommunismus. 23 biographische Essays, Hamburg 2000. 2 Siehe Hermann Weber: Trotzki und der Trotzkismus, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2004, Berlin 2004, S. 379–390. 3 Siehe die Literatur über Paul Levi und seine Anhänger sowie Heinrich Brandler und August Thalheimer, z. B. Charlotte Beradt: Paul Levi, Frankfurt/M. 1969; Jörn Schütrumpf: Paul Levi unter den »Doppelzünglern«, in: Utopie kreativ (März 2008), H. 209, S. 222–233; Theodor Bergmann: »Gegen den Strom« Die Geschichte der KPD-Opposition, Hamburg 2001; Jens Becker: Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg 2001; Theodor Bergmann: Die Thalheimers, Hamburg 2004; Peter Lübbe (Hg.): Ruth Fischer/Arkadij Maslow. Abtrünnige wider Willen, München 1990; Otto Langels: Die ultralinke Opposition der KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1984. Zum »Titoismus« siehe Hermann Weber: Die SED und der Titoismus. Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag, in: Deutschland Archiv 44 (2011), H. 2, S. 246–254 bzw. in der Onlineausgabe 4/2011, in: http://www.bpb.de/themen/WOXUMR,0,0,Forum.html, ges. am 4. August 2011. Zu den Personen siehe Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, erw. 2. Aufl. Berlin 2008. 4 Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Berlin 1945, S. 419 f. So stand es bereits in der ersten deutschen Übersetzung, Moskau 1939 (erste russische Ausgabe 1938). 5 Die Stalinisierung der SED ist inzwischen weitgehend aufgearbeitet, siehe Andreas Malycha: Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1953, Paderborn 2000; neuerdings Andreas Malycha/Peter Jochen Winters: Die SED. Geschichte einer deutschen Partei, München 2009, S. 52 ff., bereits früher Hermann Weber, in: Ilse Spittmann (Hg.): Die SED in Geschichte und Gegenwart, Köln 1987, S. 17 ff.; Ulrich Mählert: Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED, in: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hg.): Terror, Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, 2. Aufl. 2001. 6 Siehe Einheit 4 (Mai 1949), H. 5; Neues Deutschland, Nr. 104 vom 5. Mai 1949, Leitartikel. 7 Siehe die Skizze von Wolfgang Alles: Die IV. Internationale, in: Die Internationale, 1/2010, Inprekorr Nr. 462/463, Büsum, Mai/Juni 2010, S. 23 ff.; Pierre Frank: Die Geschichte der IV. Internationale, Hamburg 1974; Pierre Broué: Trotzkis Kampf für den Aufbau der IV. Internationale, Dortmund 1982. 8 Zu seiner Biografie siehe Isaac Deutscher: Trotzki, 3 Bde., Stuttgart 1962/63; das Standardbuch von Pierre Broué: Trotzki. Eine politische Biographie, 2 Bde., Köln 2003; siehe dazu auch Weber: Trotzki (Anm. 2). Außerdem Trotzkis Autobiografie: Mein Leben, Erstauflage Berlin 1930, seither in mehreren Ausgaben erschienen. 9 Siehe zum letzten Band Weber: Trotzki (Anm. 2). 10 Siehe die 1971 erschienenen zwei Bände von Leo Trotzki: Schriften über Deutschland, Hamburg 1971, insbesondere die große Ausgabe ab 1988, Leo Trotzki: Werke, Hamburg bzw. Köln. 11 Leo Trotzki: Stalin. Eine Biographie, Bd. I und II, hg. von Hartmut Mehringer, Reinbek 1971. 12 Leo Trotzki: Tagebuch im Exil. Mit einem Vorwort von Carola Stern und einem Rückblick von Hermann Weber, München 1983. 13 Ebd., S. 185, siehe dort insbesondere die ausgewählte Literaturliste, S. 187. 14 Die Internationale 2 (1. Dezember 1920), H. 26, S. 63 ff. 15 Leo Trotzki: Terrorismus und Kommunismus Anti Kautsky, Hamburg 1920; Karl Kautsky: Von der Demokratie zur Staatssklaverei, Berlin 1921, in: Soziales Denken, Bd. 2, hg. von Hans-Jürgen Mende, Berlin 1990. Siehe auch Hermann und Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 252. 16 Siehe Rosa Luxemburg: Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung, hg. und eingel. von Paul Levi, Berlin 1922; Neuauflage eingel. und hg. von Ossip K. Flechtheim, Frankfurt/M. 1963 u. weitere Ausgaben. 17 Siehe dazu Julijana Ranc: Trotzki und die Literaten, Stuttgart 1997, dort auch Hinweise auf das von Trotzki mit dem Surrealisten André Breton verfasste »antitotalitäre Manifest« von 1938. 18 Siehe Helmut Dahmer (Hg.): Leo Trotzki. Sozialismus oder Barbarei. Eine Auswahl aus seinen Schriften, Wien 2005. 19 Siehe die Hinweise in: Hermann Weber: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus, in: JHK 1999, Berlin 1999, S. 39–62; ders.: Stalin und die Folgen, in: JHK 2003, Berlin 2003, S. 338–346; ders.: Trotzki (Anm. 2), S. 387. 20 Siehe Leo Trotzki: Schriften zur revolutionären Organisation, hg. von Hartmut Mehringer, Reinbek 1970. 21 Siehe Wadim S. Rogowin: Weltrevolution und Weltkrieg, Essen 2002, S. 301 ff.; hier thematisiert er auch »Worin und warum Trotzki irrte?«. 22 Helmut Dahmer: Divergenzen, Holocaust – Psychoanalyse – Utopia, Münster 2009. In diesem Band ist auch auf den ausgezeichneten Beitrag von 2007, »Die Moskauer Prozesse und Stalins Massenterror«, zu verweisen (S. 488 ff.). 23 Siehe Daniel Bensaïd: Was ist Trotzkismus?, Köln 2002; Manuel Kellner: Trotzkismus. Einführung in seine Grundlagen – Fragen nach seiner Zukunft, Stuttgart 2004. Siehe auch die Neuauflage 2011 von Wolfgang Alles: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930, 2. Aufl. Köln 1994. 24 North zitiert einen Ex-Maoisten, der selbst heute noch diese Meinung vertritt. Aber auch ein wichtiger ehemals führender sowjetischer Kommunist wie Alexander Jakowlew, der noch im Januar 1989 auf dem DKP-Parteitag in Hamburg erklärt hatte, die Oktoberrevolution 1917 habe die »Epoche der sozialen Befreiung« eingeleitet, schrieb dann in seinen Memoiren 2002, diese Revolution sei der Beginn eines Faschismus gewesen, keine Revolution, sondern eine Konterrevolution. Nun war in seinen Augen Stalin der »konsequenteste Trotzkist«, alle sind »Berufsmörder«. 25 Siehe The American Historical Review 116 (Juni 2011), H. 3, S. 902. 26 Bertrand Patenaude: Trotzki. Der verratene Revolutionär, Berlin 2010. 27 Gerd Koenen: Endspiel eines Weltrevolutionärs, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Januar 2011. 28 Leonardo Padura: El hombre que amaba a los perros, Barcelona 2009 (dt. Ausgabe: Der Mann, der Hunde liebte, Zürich 2011). 29 Jan Willem Stutje: Ernest Mandel. A Rebels Dream Deferred, London 2009 (dt. Ausgabe: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg 2009). Siehe auch Hermann Weber: Zum Verhältnis von Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern in der kommunistischen Bewegung, in: JHK 2010, Berlin 2010, S. 339–363, hier S. 354. 30 Siehe Paul Raabe: Einführungen zum fotomechanischen Nachdruck von »Die Aktion« ab 1. Jg. 1911, Darmstadt 1961 ff.; Ursula Walburga Baumeister: Die Aktion 1911–1932, Erlangen 1996; Elisabeth Exner/Herbert Kapfer (Hg.): Pfemfert. Erinnerungen und Abrechnungen, München 1999; Lutz Schulenburg: Franz Pfemfert. Zur Erinnerung an einen revolutionären Intellektuellen, in: Die Aktion 23 (August 2004), H. 209, S. 9 ff. Siehe auch Hermann Weber: Damals als ich Wunderlich hieß. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 24 ff. 31 Julijana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben, Hamburg 2003. 32 Nach 1917 bekämpften die meisten Anarchisten die bolschewistische Herrschaft, siehe z. B. Peter Arschinow: Anarchisten im Freiheitskampf. Geschichte der Machno-Bewegung 1918–1923, Zürich 1971 (Erstaufl. 1923). 33 Siehe z. B. die Bibliografien in Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus im deutschen Kaiserreich, Berlin 1969, S. 383 ff.; Jan Cattepool: Der Anarchismus, 3. Aufl. München 1979, S. 195 ff. Siehe auch Günther Bartsch: Anarchismus in Deutschland, 3 Bde., Hannover 1972/73; James Joll: Die Anarchisten, Frankfurt/M. 1971; Daniel Guerin: Anarchismus, Frankfurt/M. 1971. 34 Peter Lösche: Anarchismus. Erträge der Forschung, Darmstadt 1977, 2. unveränderte Aufl. 1987. 35 Ebda., S. 18. 36 Siehe Manfred Bock: Geschichte des »linken Radikalismus« in Deutschland. Ein Versuch, Frankfurt/M. 1976; ders.: Syndikalismus und Linkskommunismus 1918–1923, Meisenheim am Glan 1969. 37 Siehe z. B. Individualistischer Anarchismus. Eine Autorenauswahl anarchistischer Texte, Bd. 6/7, 3. Aufl. Berlin (West) 1982. 38 Siehe z. B. Manfredo M. Bonano: Stirner und der Anarchismus, in: espero (1969), Sonderheft 2; Vojmir Jelušie: Stirners Erbe. Eine kritische Betrachtung über das Verhältnis des »Einzigen« zum individualistischen Anarchismus in Deutschland, Wien 1911 (Diss.), neu hg. von Kurt Fleming (Max-Stirner-Archiv) Leipzig 1998. Im Standardwerk zum frühen Anarchismus, Max Nettlau: Der Vorfrühling der Anarchie. Ihre historische Entwicklung von den Anfängen bis 1864, Berlin 1925, ist ein Kapitel »Max Stirner und sein Kreis« enthalten, in dem es heißt: »Er begründete jenen breiten echten Individualismus, der die Grundlage jedes freiheitlichen Sozialismus ist« (S. 179). Siehe auch Bernhard R. Tucker: Staatssozialismus und Anarchismus, Berlin 1922; ders. in: Individualistischer Anarchismus (Anm. 37), S. 220. 39 Erst über 40 Jahre nach Stirners Tod erschien dessen Biografie, geschrieben von John Henry Mackay. Dieser hatte Stirner 1889 »wiederentdeckt« und als sein eifriger Anhänger auch dessen Ideen verbreitet. Siehe John Henry Mackay: Max Stirner. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1898. Siehe auch Anselm Ruest: Max Stirner. Leben, Weltanschauung, Vermächtnis, 3. Aufl. Berlin und Leipzig 1906; Anselm Ruest (Ernst Samuel): Max Stirner. Vorworte und Artikel (1900–1924), 2. erw. Aufl. Leipzig 2000 (Stirneriana, Sonderheft der Zeitschrift Der Einzige, H. 3). 40 Siehe Mackay: Stirner (Anm. 39), S. 123 ff. 41 Ebda., S. 217. 42 Siehe Bernd A. Laska: Ein heimlicher Hit. 150 Jahre Stirners »Einziger«. Eine kurze Editionsgeschichte. Stirner-Studien Nr. 1, Nürnberg 1994, S. 18; ders.: Ein dauerhafter Dissident. 150 Jahre Stirners Einziger. Eine kurze Wirkungsgeschichte, Stirner-Studien Nr. 2, Nürnberg 1996. 43 Bernd A. Laska: Der Stachel Stirner. Rezensionsessay, in: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie 17 (2010), H. 4 (Sonderdruck), S. 272–279. 44 Siehe Weber: Wunderlich (Anm. 30), S. 124 ff. 45 Marx-Engels-Gesamtausgabe (im Folgenden: MEGA), Dritte Abteilung, Bd. 1, Berlin 1929, S. 6 ff. 46 MEGA, 1. Abteilung, Bd. 5, Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, Berlin 1932. Die SED druckte das Werk allerdings 1953 relativ spät ab, die MEGA-Ausgabe erst in Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, Berlin (Ost) 1958. Siehe auch Karl Marx: Frühe Schriften, hg. von Hans-Joachim Lieber und Peter Furth, Darmstadt 1971, 2. Bd., S. 5 ff. 47 Lösche: Anarchismus (Anm. 34), S. 32. 48 Joseph W. Stalin: Zu den Fragen des Leninismus. Eine Auswahl, Frankfurt/M. 1970, S. 33 ff. 49 Siehe Jochen Weichold: Anarchismus heute, Berlin (Ost) 1980, S. 22–36. Der Autor ging auch in einer Broschüre kurz auf Stirner ein (Zwischen Götterdämmerung und Wiederauferstehung. Linksradikalismus im Wandel), diese erschien 1989 (!) in Ostberlin. Interessant ist, dass Jochen Weichold (nun bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung) kürzlich eine positive Rezension über den bekannten Anarchisten Augustin Souchy schrieb (ders.: Augustin Souchy. Anarchistischer Sozialismus, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, III/2011, September 2011, S. 197–200). In seinen DDR-Publika-tionen hatte er Souchy nur kurz und eher abwertend beurteilt. 50 Weichold: Anarchismus, S. 24 f. 51 N. Lenin: Staat und Revolution, Berlin-Wilmerdorf 1918, S. 97 sowie Hermann Weber (Hg.): Lenin: Ausgewählte Schriften, München 1963, S. 675 ff., hier S. 775. 52 Zitiert in Wilfried F. Schoeller: Oskar Maria Graf. Odyssee eines Einzelgängers, Frankfurt/M. 1994, S. 69. Siehe auch den Bezug des Dadaismus sowie zu Bertolt Brecht, in: Max Stirner und die Literatur, in: »Der Einzige«, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Februar 2004, H. 25. 53 Siehe die sehr gute Bibliografie der Max-Stirner-Gesellschaft e.V., in: http://www.msges.de/bibliographie/Von_Stirner.pdf, ges. am 5. Oktober 2011. 54 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum und andere Schriften, hg. von Hans G. Helms, München 1968 (2. Aufl. 1969, 3. Aufl. 1970). 55 Laska: heimlicher Hit (Anm. 42), S. 33. 56 Sie brachte 1983 den Nachdruck einer Broschüre von 1932 heraus: Hans Sveistrup: Stirners drei Egoismen. Wider Karl Marx, Otmar Spann und die Fisiokraten, Freiburg 1983 (Erstaufl. Lauf/Pegnitz 1932). 57 »Der Einzige«. Jahrbuch der Max-Stirner-Gesellschaft 2010, Leipzig 2010. Siehe dazu auch Angelika Machinek: B. Traven und Max Stirner. Der Einfluss Stirners auf das Werk von Ret Marut/B. Traven – Eine literatursoziologische Untersuchung zur Affinität ihrer Weltanschauungen, Göttingen 1986 (Diss. Frankfurt/M. 1985). 58 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe, hg. von Bernd Kast, Freiburg/München 2009. 59 Siehe Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität, Berlin 2010 sowie Laska: Der Stachel (Anm. 43). 60 Siehe Die Zeit vom 4. Mai 1984 (Gert Mattenklott: 100 Sachbücher: 82, Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum); Neues Deutschland vom 2./3. August 2003 (Wilhelm Schmid: Bis heute ein Unruheherd für das marxistische Denken: Max Stirner und sein Buch »Der Einzige und sein Eigentum«); Junge Welt vom 12. März 2009 (Karsten Krampitz: Der erste Punk. Der Junghegelianer und Antiphilosoph Max Stirner verstört und provoziert bis heute). 61 Siehe Ulrich Pagel: Der beunruhigte Marx. Zur Rezeption Max Stirners in der »Deutschen Ideologie«, in: Beatrix Bouvier u. a.: Was bleibt? Karl Marx heute, Trier 2009, S. 113 ff. 62 Ariane Fischer: Against the Critique of Consciousness: The Marx-Engels-Stirner Debate Reconsidered, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2008, Berlin 2008, S. 33 ff. Siehe zum Thema schon früher Wolfgang Eßbach: Gegenzüge. Der Materialismus des Selbst und seine Ausgrenzung aus dem Marxismus – eine Studie über die Kontroverse zwischen Max Stirner und Karl Marx, Frankfurt/M. 1982 (Diss. Göttingen 1978). 63 Michalis Pichler: Der Einzige und sein Eigentum, Berlin 2009; Jochen Knoblauch über das Kunst-Buchprojekt von Michalis Pichler zu Stirners Einzigem, in: espero (September 2010), H. 65, S. 34 f. 64 Leo Trotzki: Verratene Revolution, Antwerpen o. J. [1937], S. 233 (Neuaufl. Zürich 1957, S. 233). 65 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig o. J. [1893], S. 14, siehe auch Weber: Wunderlich (Anm. 30), S. 124 ff. 66 Stirner: Der Einzige (Anm. 65), S. 136. Siehe auch Max Stirner und der Kapitalismus, »Der Einzige«, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Mai 2003, H. 22. 67 Klaus Kinner (Hg.): Die Linke – Erbe und Tradition. Teil 1: Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln, Teil 2: Wurzeln des Linkssozialismus (= Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. XII und XIII), mit einem Vorwort von Lothar Bisky, Berlin 2010. 68 Siehe Neues Deutschland vom 4. August 2010 bzw. vom 21./22. August 2010 oder vom 28. Dezember 2010. 69 Daran ändert auch nichts, dass es eine sich trotzkistisch nennende Sekte »Linksruck« in der Linkspartei gibt. Siehe »Studie sieht Zunahme von Antisemitismus bei den Linken«, in: Der Tagesspiegel vom 19. Mai, in: http://www.tagesspiegel.de/politik/studie-sieht-zunahme-von-antisemitismus-bei-den-linken/4196454.html, ges. am 5. Oktober 2011. 70 Siehe Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Wien 1910. 71 Marx/Engels: Werke, Bd. 9, Berlin (Ost) 1960, S. 17. 72 Hermann Weber in: Gewerkschaftliche Umschau (Februar 1992), S. 31 ff. Siehe auch Weber: Prinzip links (Anm. 15), S. 452.

JHK 2012

Lebenslänglich. Zur Erinnerung an den Großen Terror 1937. Mit einer Vorbemerkung von Hermann Weber

Maxim Leo

Das Jahr 1937 brachte den Zenit der blutigen Stalin’schen Verfolgungen in der Sowjetunion. Vor 75 Jahren stach eine Besonderheit dieser Massenrepressalien hervor: Der Terror des »kommunistischen« Regimes richtete sich nun gegen Hunderttausende Kommunisten. 1937 wurde der Stalin’sche Terror zur größten Kommunistenverfolgung. Viele Ausländer, vor allem deutsche Kommunisten, zählten nun auch zu den Opfern. Sie waren als Anhänger Stalins zum »Aufbau« in die UdSSR gekommen oder vor Hitlers Schergen aus Deutschland geflüchtet, 1937 traf sie Stalins Terror – eine kommunistische Tragödie. Schon vor Öffnung der Archive wurden die »Säuberungen« untersucht. Aus Mangel an Quellen wurde vor allem die »Spitze des Eisbergs«, die Ausrottung kommunistischer Führungskader, behandelt. Bereits vor fast fünfzig Jahren, 1963, konnte ich nachweisen, dass mehr KPD-Spitzenfunktionäre (Politbüro) unter Stalin ermordet wurden als unter Hitler. Diese unglaubliche Tatsache rief seinerzeit wütendes Geschrei der Parteikommunisten hervor; die Wahrheit wurde im Osten jedoch weiterhin verschwiegen. Nach 1990, mit der Öffnung der Archive, wurde das katastrophale Ausmaß der blutigen Verfolgungen in der Sowjetunion aufgedeckt. Die Dokumentation und Analyse der Gesellschaftsverbrechen des Regimes drängte die Verfolgungen von Kommunisten unter Stalin in den Hintergrund. Anhand neuer Dokumente hatten wir aber vor zwanzig Jahren – im Februar 1992 – auf einer internationalen Konferenz in Mannheim das Phänomen »Kommunisten verfolgen Kommunisten« am Beispiel der verschiedenen KPen diskutiert. Seit 1993 setzen wir im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung die Debatte fort. Dass 1937 die meisten deutschen kommunistischen Emigranten den »Säuberungen« zum Opfer fielen, hing mit dem generellen Terror zusammen. Schließlich gab es 1937 eine »deutsche Operation des NKWD«, die sich auch gegen KPD-Funktionäre richtete.1 Im gleichen Jahr galt die »Sippenhaft im Großen Terror«2 auch für deutsche Kommunisten. Stalins Devise von 1937, von jedem »Feind« sei »seine Sippe, seine Familie komplett« zu »vernichten«, hatte verheerende Folgen. Nach 75 Jahren sollte an diese Verbrechen erinnert werden. Und dafür ist der folgende beeindruckende Artikel »Lebenslänglich« von Maxim Leo beispielhaft, der am 29. November 2011 in der Berliner Zeitung und am selben Tag in der Frankfurter Rundschau erschienen ist. Es ist ein Porträt von Axel Glesel (Jg. 1935), der noch ein Baby ist, als sein Vater Samuel 1937 in Leningrad erschossen wurde. Maxim Leo zeigt einfühlsam, wie Axel Glesels Leben vom Gulag geprägt worden ist. Solche Darstellungen sollten nicht auf Zeitungsartikel beschränkt bleiben. Als symptomatisches Beispiel der Schrecken und Verbrechen Stalins 1937, die auch 75 Jahre später noch nachwirken, haben wir uns für einen Nachdruck des Textes entschieden. Zugleich sei auch auf die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderte Dokumentation Im Schatten des Gulag von Loretta Walz verwiesen, deren Ausstrahlung im RBB Anlass für den Artikel von Maxim Leo war.                                                                           Hermann Weber, Mannheim im Februar 2012 Seine Eltern waren deutsche Kommunisten und wollten in der Sowjetunion das Arbeiterparadies erschaffen. Als Alex Glesel zwei war, wurde sein Vater von den Genossen umgebracht. Mit dreizehn kam er in der kasachischen Steppe ins Arbeitslager. Bis heute ist er ein Kind des Gulag geblieben. Wer Alex Glesel verstehen will, muss seinen Keller gesehen haben. Zwei große Tiefkühltruhen gibt es da, in denen die Reste gelagert werden, die bei den Mahlzeiten übrig geblieben sind. »Essen wird bei uns nicht weggeworfen«, sagt Alex Glesel. Er sagt es mit dieser melancholisch singenden Stimme, in der sein ganzes schweres Leben mitzuschwingen scheint. Neben den Kühltruhen liegen die Winterkartoffeln. Drei Zentner müssen es mindestens sein. Mit drei Zentnern kann seiner Frau und ihm nichts passieren. Auch etwa vierzig Kilo Zucker sind immer im Haus. »Ich denke ständig, morgen kann was passieren. Und was man hat, das hat man.« Im Keller lagert auch Sauerkohl in schweren Tongefäßen. Glesel legt ihn mit Meerrettich, Roter Bete, Blättern vom Kirschbaum, Knoblauch und Pfeffer ein. So wie damals im Kinderheim in Sibirien. Jedes Mal, wenn er die Kellertreppe runtersteigt, führt ihn der Geruch des sauren Kohls nach Jurtiska zurück, in dieses verdammte Nest, 700 Kilometer östlich des Urals. Und jedes Mal ist es wie ein Wunder für ihn, dass er nun schon so lange nicht mehr hungern muss. Dass er diesen Keller hat, dieses Paradies, in dem es von allem so viel gibt, dass selbst er keine Angst mehr haben muss. Es ist ein feuchter Novembertag in Berlin-Buchholz. Draußen steht der Nebel auf der Wiese, und drinnen, im gut geheizten Wohnzimmer seines mit hellbraunen Klinkersteinen gebauten Hauses, legt Alex Glesel die Fotos und Papiere auf den Tisch, die ihm geblieben sind aus dieser Zeit, die heute so seltsam fern zu sein scheint. Ein Foto zeigt ihn im Februar 1951 in Karaganda, dieser sogenannten Stadt, in der die Menschen noch Jahre nach dem Krieg in Erdhöhlen lebten. Mitten in der kasachischen Steppe lag dieser düstere Ort, den Alexander Solschenizyn einmal als Hauptstadt des »Archipel Gulag« bezeichnete. Glesel, sechzehn Jahre alt, steht im Schnee, eine Fellmütze auf dem Kopf, an den Füßen Bastschuhe, die mit Tüchern umwickelt sind. Er ist Zwangsarbeiter im Bergbau. Ein Arbeitssklave. Von Karaganda aus wird er im November 1956 endlich nach Berlin reisen dürfen. In die Stadt, die seine Eltern in den Dreißigerjahren verlassen hatten. In eine Heimat, die ihm lange fremd sein wird. Wenn Alex Glesel erzählt, blicken seine Augen staunend umher, als höre er selbst seine Geschichte zum ersten Mal. Aber vielleicht staunt er nur darüber, dass er das alles nun auf einmal so ganz öffentlich sagen darf. Dass er keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht. So viele Jahre lang hat er sein Leben verstecken müssen. Weil das unvorstellbare Grauen, das er im Sowjetreich erlebt hat, so überhaupt nicht zu dem Bild passte, das man sich in der DDR vom großen Bruderstaat zu machen wünschte. Es gab nicht viele Schicksalsgenossen damals. Ein paar Hundert vielleicht. Solche, die wie er als Kind von deutschen Kommunisten in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Die wie er den Eltern entrissen wurden. Die in Arbeitslagern überleben mussten und viele Jahre später als jugendliche Wracks nach Deutschland zurückkamen. Heute nennt man sie die Gulag-Kinder. Sie gehören zu den letzten noch lebenden Augenzeugen der stalinistischen Verbrechen. Ihr Schweigen hat bis jetzt gehalten, obwohl auch die DDR schon lange wieder verschwunden ist. Nun fangen sie an zu sprechen. Es gibt einen Film, der zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt und der am Donnerstag im Fernsehen läuft (Im Schatten des Gulag, 1. Dezember 2011, RBB, 22.45 Uhr). Dieser Film, sagt Alex Glesel, hat ihm Mut gemacht. Er kann jetzt wieder er selbst sein. Alex Glesels Geschichte beginnt im Herbst 1931. Zu dieser Zeit beschließen seine Eltern, eine arbeitslose Lehrerin und ein jüdischer Journalist aus Berlin, in die Sowjetunion zu gehen, um dort den Kommunismus mit aufzubauen. Die Eltern sind KPD-Mitglieder und folgen einem Aufruf ihrer Partei, die in diesen Jahren Tausende Genossen in die Sowjetunion schickt, um dort die historische Mission der Arbeiterklasse zu erfüllen. Aus allen Ländern Europas strömen damals die Kommunisten herbei. Glesels Eltern gelangen auf Umwegen nach Leningrad, wo ihnen ein kleines Zimmer zugewiesen wird, in einem Mietshaus, in dem ausschließlich kommunistische Immigranten wohnen. Die Mutter bekommt eine Dozenten-Stelle an der Leningrader Hochschule für Fremdsprachen. Der Vater arbeitet für einen Verlag, der Bücher in deutscher Sprache veröffentlicht. Das Leben ist nicht leicht zu dieser Zeit in Leningrad. Es gibt kaum Nahrungsmittel. Kleidung oder Möbel sind überhaupt nicht zu haben. Aber schließlich sind sie nicht zum Essen, sondern zum Helfen gekommen. Der Glaube an die gute Sache gibt ihnen Kraft. Ihr Sohn Alex wird im Juli 1935 geboren. Zu einer Zeit, als sich die Stimmung in Leningrad gerade auf seltsame Weise verändert. Es gibt die ersten Verhaftungen, von Verrätern ist die Rede und von nötigen »Säuberungen«. In ihrem Mietshaus hören die Eltern nachts Stiefel gegen Türen treten. Am nächsten Morgen stehen Zimmer leer, sind ganze Familien verschwunden. Niemand wagt zu fragen, was da eigentlich geschieht. Die Menschen sind vor Angst gelähmt. Alex Glesel ist noch zu klein, um das alles bewusst mitzubekommen. Aber die Angst nistet sich auch in seinem Kinderleben ein. »Ich bin damit groß geworden. Mit dieser Spannung, mit diesem furchtbaren Druck«, sagt er. In einer Nacht im September 1937 steht ein Kommando des Geheimdienstes vor ihrer Tür. Sie nehmen den Vater mit. Alex Glesel wird ihn nie wiedersehen. Ein paar Wochen später stehen erneut Milizionäre vor der Tür. Die Mutter greift nach ihrem Sohn. Sie will mit ihm aus dem Fenster in den Tod springen. Eine Nachbarin, die gerade zu Besuch ist, hält die Mutter im letzten Moment davon ab. Sie verspricht, sich um Alex zu kümmern. Die Tür springt auf, die Milizionäre stürzen sich auf die Mutter, schleppen sie aus dem Zimmer. Die Mutter wehrt sich, schreit. Dann ist auch sie verschwunden. Alex Glesel hat keine Erinnerung an diese Nacht. Er war zwei Jahre alt. Erst viel später hat er das alles erzählt bekommen. Wie er auch erst viel später erfahren hat, dass der Vater kurz nach seiner Verhaftung in einem Waldstück in der Nähe von Leningrad erschossen wurde. Er hat oft versucht, sich vorzustellen, wie es wohl gewesen ist. Wie die Mutter blutend aus dem Zimmer geschleift wird. Wie der Vater im Wald den Genickschuss bekommt. Es kann sein, dass solche Bilder noch schlimmer werden, wenn man sie selbst erschaffen muss. In dem Waldstück, in dem Glesels Vater starb, wurden innerhalb einer Woche 43 000 Menschen von Erschießungskommandos ermordet und verscharrt. Das geht aus den Exekutionslisten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD hervor, die später gefunden wurden. Insgesamt wurden neuesten Forschungen zufolge allein in den Jahren 1937 und 1938 in der Sowjetunion etwa drei Millionen unschuldige Menschen auf staatlichen Befehl hin ermordet. Zu den Terroropfern gehören auch etwa dreitausend Deutsche, darunter viele Kommunisten. Noch heute fällt es selbst Historikern schwer zu erklären, was in diesen Jahren in der Sowjet-union passiert ist. Warum das Stalin-Regime die eigenen Leute abschlachten ließ. Anfangs ging es wohl darum, innerparteiliche Gegner zu beseitigen und das Volk durch Angst zu beherrschen. Aber irgendwann verselbstständigte sich das Morden, alles lief aus dem Ruder. Die Sowjetunion wurde zum Verbrecher-Staat. Die Immigranten waren eine beliebte Zielgruppe des Terrors, weil Ausländer in der Sowjetunion immer als gefährlich galten. Eine besonders üble Rolle spielten die Chefs der Exil-KPD, die im Moskauer Hotel Lux saßen und die Todeslisten ihrer eigenen Leute abzeichneten. Vielfach kamen störende Genossen erst durch Hinweise von Ulbricht, Pieck und Wehner auf die Listen. Alex Glesel kommt in ein Kinderheim in der Nähe von Leningrad. Nach etwa sechs Wochen geschieht ein Wunder: Seine Mutter wird aus dem Gefängnis freigelassen. Es gibt nicht viele Menschen, die in der Zeit der »Säuberungen« nach einer Verhaftung zurückgekehrt sind. Die Mutter holt ihren Sohn aus dem Heim. Sie ziehen wieder in das Immigranten-Haus, das fast leer ist, weil viele Nachbarn tot oder verschleppt sind. Am 22. Juni 1941 greift Deutschland die Sowjetunion an. Nur wenige Tage später ergeht in Leningrad der Erlass, die Kinder aus der Stadt zu bringen. Die Mutter packt zwei Taschen und einen Rucksack, sie fahren zusammen zum Bahnhof, werden durchgezählt. Die Kinder steigen in den Zug. Glesel stockt, als er von der Abfahrt aus Leningrad erzählt. Es ist kurz still im Wohnzimmer. Er setzt erneut an, aber die Stimme rutscht weg. Tränen steigen in seine Augen. »Ich wusste nicht, wie lange ich von meiner Mutter getrennt sein würde«, sagt er. Monatelang fahren sie im Land umher, steigen von einem Zug in den anderen. Sie sind im Sommer in Leningrad losgefahren und kommen im verschneiten sibirischen Winter an. Zwischendurch ist Glesel sechs Jahre alt geworden. Das Dorf, in dem sie bleiben werden, heißt Noferewo. Vier Jahre verbringt er dort. Dann ist Leningrad befreit und die meisten anderen Kinder dürfen nach Hause zurück. Nur die Kinder, die keine Verwandten mehr haben, werden in ein anderes Heim nach Jurtiska geschickt. Bei der Gelegenheit erfährt Alex Glesel, dass seine Mutter schon Jahre zuvor in ein Lager nach Kasachstan deportiert wurde. Weil sie eine Deutsche ist und nun zu den Kriegsgegnern gehört. Auch er selbst wird als »Faschist« beschimpft. Die Heimleiterin sagt, vermutlich sei seine Mutter lange tot. Im neuen Heim muss »der Deutsche« jeden Tag Brot backen, für sechzig Kinder plus Personal. Nachts steht er auf, heizt den riesigen Ofen, rührt den Teig an. Tagsüber hackt er Holz oder arbeitet auf dem Feld. Manchmal wird ihm schwindelig vor Müdigkeit und Hunger. Er ist zehn Jahre alt und führt ein schweres Erwachsenen-Leben. Drei Jahre lang geht das so, bis zum August 1948. Da geschieht erneut ein Wunder: Die Ausländerpolizei informiert das Heim darüber, dass die Mutter von Alex Glesel als Zwangsarbeiterin in Karaganda lebt. Eine Betreuerin soll ihn dort hinbringen. Monatelang sind sie unterwegs, bis sie ankommen in Karaganda, in der Zweiten Wassergasse 175. Alex Glesel hatte sich ein Haus vorgestellt. Ein Haus in einer Stadt, in der es ihm endlich besser gehen würde. Stattdessen steht er nun vor dieser Höhle, die in den schmierigen Lehmboden gegraben ist. Seine Mutter tritt heraus. Dann stehen sie sich gegenüber, sieben Jahre, nachdem er in Leningrad in den Zug gestiegen ist. Die Mutter weint, er bleibt seltsam reglos. Er kann nicht fühlen, was da gerade geschieht. Am nächsten Tag haben sie einen Termin bei der Ausländerpolizei. Die Beamten sagen: »Du bist dreizehn, du bist Deutscher, also wirst du im Bergbau arbeiten. Fürs erste lebenslänglich.« Acht Jahre vergehen. Acht Jahre, in denen er mit dem Tod in engem Kontakt steht. Er sieht die Leichen der Kameraden, die unten im Bergwerk verunglücken oder oben in ihren Erdlöchern verrecken. Er ist jetzt 21 und hat eigentlich sein ganzes Leben lang nur Angst und Hunger gehabt. Er ist stumpf geworden, leer. Selbst die Nachricht, die ihn im Mai 1956 erreicht und die besagt, dass er jetzt nach Deutschland reisen kann, nach Hause, lässt ihn kalt. Nach Hause? Wo soll das sein? Deutschland ist für ihn die Heimat der Faschisten. Er spricht kein Wort Deutsch. Er weiß nicht, was er dort soll. Die Mutter fährt zurück nach Berlin. Er soll nachkommen, wenn er kann, wenn er bereit dafür ist. Im November 1956 kommt Alex Glesel am Berliner Ostbahnhof an. Ein Mann vom Zentralkomitee der SED holt ihn ab. Die Genossen sagen, er dürfe niemandem erzählen, was ihm in der Sowjetunion geschehen ist. Von »bedauerlichen Fehlern« ist die Rede. Aber auch von der Zukunft, die es nun zu meistern gilt. Glesel läuft durch die Straßen von Berlin. Er sieht Läden, in denen es Eier und Milch zu kaufen gibt. Er versteht nicht, warum die besiegten Faschisten mehr zu essen haben als die Sowjetbürger. Manchmal trifft er mit anderen Gulag-Kindern aus befreundeten Familien zusammen. Die erklären ihm, was passiert ist. Zum ersten Mal hört er etwas Schlechtes über Stalin. Man erzählt ihm vom Terror, von den vielen Opfern. Er ahnt jetzt, warum seine Mutter nicht mit ihm über Vergangenes redet. Warum er selbst sich so verloren fühlt. Er begreift, dass die DDR von Leuten regiert wird, die dabei geholfen haben, seinen Vater zu töten. Schon deshalb tritt er nicht in die Partei ein. Mehr Widerstand wagt er nicht. Glesel lernt Deutsch, arbeitet als Dolmetscher für russische Delegationen. Manchmal versucht er, den deutschen Kollegen oder Freunden seine Geschichte zu erzählen. Aber niemand will das hören. Er sieht die Angst in den Gesichtern, wenn er anhebt, von den Lagern zu erzählen. Das bedrückte Schweigen lässt auch ihn verstummen. Er fühlt sich isoliert, ausgegrenzt. Für die Deutschen ist er der Russe, der seltsame Typ, der nicht mit ihnen lachen kann. So kehrt sich die Geschichte um und wiederholt sich eigentlich doch nur. Er bleibt das Gulag-Kind, das nirgendwo hingehört. Zum Glück lernt er eine Frau kennen, die ihn versteht, weil sie selbst als Kind in der Sowjetunion war. Sie bekommen Kinder, bauen das Haus mit den hellbraunen Klinkersteinen und legen im Keller den Sauerkohl ein. Das Leben reißt ihn mit, der Alltag betäubt. Die Jahre fliegen dahin. Als die Mauer fällt und die Archive geöffnet werden, wird es noch mal schwer. Auf einmal erfährt er mehr, als er je wissen wollte. Viele Jahre werden vergehen, bevor er seine Geschichte erstmals ganz erzählen kann. Es ist eine Erleichterung – als ob dieses erste Leben nun doch ein wenig von ihm abgefallen ist. Geblieben sind die Träume. Nachts reist er regelmäßig nach Sibirien. In das Kinderheim von Jurtiska. Neulich träumte er, wie er im Essensraum des Heimes sitzt. Wie er isst und isst und niemals satt wird. Wenn er dann aufwacht, in seinem warmen, weichen Bett in Berlin, dann ist das Leben für einen Moment lang richtig schön.3 1 Siehe Nikita Ochotin/Arseni Roginski: Zur Geschichte der »Deutschen Operation« des NKWD 1937/38, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2000/2001, Berlin 2001, S. 89–125. 2 Siehe Wladislaw Hedeler: Sippenhaft im »Großen Terror« 1937/38: Das »Akmolinsker Lager für Ehefrauen von Vaterlandsverrätern« (ALŽIR) und seine deutschen Häftlinge, in: JHK 2005, Berlin 2005, S. 81–101. 3 Maxim Leo: Lebenslänglich, in: Berliner Zeitung vom 29. November 2011, online unter www.berliner-zeitung.de/gesellschaft/zeitgeschichte-lebenslaenglich,10808022,11232350.html, ges. am 9. Januar 2012.

JHK 2012

Fordismus, Eurokommunismus und Neue Linke. Thesen zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Arbeiterbewegung und linker Szene in der BRD

Ralf Hoffrogge

Warum gab es in Westdeutschland keinen Eurokommunismus? Eine naheliegende und kurze Antwort könnte auf das Schattendasein der 1968 gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hinweisen: Diese nach einer langen Verbotsphase neu gegründete Nachfolgerin der Weimarer KPD galt wegen ihrer finanziellen und organisatorischen Abhängigkeit als bloße Filiale der SED und war weder fähig noch willens, reformkommunistische Politikformen zu entwickeln. Diese Erklärung würde jedoch ausblenden, in welchem Kontext der westdeutsche Parteikommunismus nach 1968 stand. Die Existenz der Studentenbewegung samt ihrer Dachorganisation, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), und nach deren Zerfall der Aufstieg der »Neuen Sozialen Bewegungen« Ende der Siebzigerjahre lassen vermuten, dass es in Westdeutschland durchaus Potenzial für reformkommunistische oder linkssozialistische Politik gab. Dieses Potenzial wurde jedoch, anders als etwa in Frankreich oder Italien, nicht in Form einer Partei gebündelt, was allerdings nicht nur mit dem Dogmatismus der DKP und anderer Akteure erklärt werden kann, sondern tiefere strukturelle Ursachen hat. Diese sind teilweise eine Folge der spezifischen historischen Bedingungen Deutschlands, insbesondere der Unterbrechung der Tradition der kommunistischen Arbeiterbewegung durch den Nationalsozialismus und des KPD-Parteiverbots von 1956, welches wiederum auf die deutsche Teilung und die westdeutsche Sondersituation im Kalten Krieg verweist. Damit eng verbunden ist die deutsche Wahrnehmung internationaler Ereignisse, wie den Ungarischen Volksaufstand 1956 und den Prager Frühling 1968. Während diese Folgen der Entstalinisierung in Westeuropa schon in den Fünfzigerjahren Auftrieb für eine intellektuelle »Neue Linke« bedeuteten, verstärkten sie in Westdeutschland nur den allgemeinen Antikommunismus. Eine bisher jedoch im Zusammenhang mit dem Eurokommunismus kaum untersuchte Entwicklung ist die Etablierung fordistischer Wohlfahrtsstaaten in Westeuropa. Sie soll im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen, denn sie ist zentral für das Verständnis kommunistischer Parteipolitik im Nachkriegseuropa. Sowohl die Etablierung des Fordismus in den frühen Fünfzigerjahren als auch seine End- und Krisenphase von 1967 bis 1973 gingen mit Individualisierungsschüben einher. Die Krise des Fordismus besiegelte schließlich das Ende jener konformistischen Massengesellschaften, auf deren Politikformen die Arbeiterbewegung und ihre Parteien bis dahin beruhten. Die Selbstverständlichkeit kollektivistischer Meinungsbildung in Betrieb und Öffentlichkeit wich einem Bedürfnis nach Individualität und Distinktion – zunächst im Konsum, später aber auch im Protest gegen die Konsumgesellschaft. Wenn man also im Westdeutschland der Siebzigerjahre statt des Eurokommunismus eine zersplitterte linke »Szene« vorfindet, so verweist dies auf die besondere Ausformung einer ausgeprägten Krise politischer Repräsentation. Diese Krise formte auch die Politik der eurokommunistischen Parteien Westeuropas, konnte von ihnen jedoch nicht gelöst werden. Sowohl die Entstalinisierungskrisen von 1956 und 1968 als auch Aufstieg und Krise des Fordismus wirkten in Westeuropa und der BRD sehr unterschiedlich auf die kommunistische Bewegung. In Frankreich und Italien, wo noch eine intakte Kommunistische Partei vorhanden war, erhöhten beide Entwicklungen den Reformdruck und brachten den Eurokommunismus hervor. In Westdeutschland hingegen besaß die KPD/DKP weder genug Substanz noch Handlungsfreiheit, um sich in diese Richtung zu entwickeln. Die Renaissance linker Politik vollzog sich nicht in einer kommunistischen Massenpartei, sondern brachte neue politische Formen hervor. Antifaschismus und Kommunismus in Westeuropa Nachdem sich im Zuge einer erweiterten Entstalinisierung seit Ende der Sechzigerjahre zahlreiche westeuropäische kommunistische Parteien von der Führung der Sowjetunion zu lösen begannen, bürgerte sich in der öffentlichen Debatte ab 1975 der Sammelbegriff des »Eurokommunismus« ein.1 Gemeint war damit nicht nur die europäische Politik: Auch Parteien in Japan, Australien und Venezuela wurden unter dem Begriff subsumiert.2 Eurokommunismus war also keine geografisch beschränkte Bezeichnung, sondern meinte einen heterogenen Reformkommunismus, der in Abgrenzung zum Führungsstil der KPdSU und ihrer Bündnispartner in Osteuropa einen demokratischen Übergang zur sozialistischen Gesellschaft anstrebte.3 Die Ausprägungen des Eurokommunismus waren national sehr unterschiedlich – während er in Italien einen gravierenden inneren Wandel der Parteistruktur bedeutete, war die eurokommunistische Entwicklung des französischen Parti Communiste Français (PCF) eher taktischer Natur.4 So unterschiedlich wie die Ausprägungen waren auch die Deutungen des Begriffes. Es handelte sich eher um einen historischen Suchprozess als um ein kohärentes Konzept, und der Eurokommunismus blieb letztlich, wie Harald Neubert formuliert, »in einem deklarativen Stadium stecken«.5 Dieser historische Suchprozess wurde erst durch das Ende des Stalinismus möglich. Interessant ist allerdings, dass zwischen dessen »offiziellem« Ende durch Chruščëvs Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 und 1970, dem Jahr, auf das Wolfgang Leonhard den Durchbruch des Eurokommunismus datiert, fast 15 Jahre vergingen.6 Lange Zeit waren also weder die sowjetischen Machthaber noch das Führungspersonal der kommunistischen Parteien Westeuropas an einer ernsthaften Aufarbeitung des Stalinismus interessiert. Man einigte sich auf das Paradigma des »Personenkults«, das die Verantwortung für eigenes Unrecht auf Stalin schob und damit der Schuldabwehr diente.7 Als weiterer Grund für die verzögerte Aufarbeitung mag die Tatsache gelten, dass erst Ende der Sechzigerjahre ein beschleunigter gesellschaftlich-ökonomischer Wandel in Westeuropa einsetzte und den Reformdruck erhöhte. Ein dritter Grund bestand schließlich darin, dass die kommunistischen Parteien Westeuropas in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wegen ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus eine relativ hohe gesellschaftliche Anerkennung genossen.8 Die Beteiligung an diesem Kampf hatte etwa den kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs eine Stellung im politischen Spektrum gesichert, die auch von ihren bürgerlichen Gegnern nicht grundsätzlich bestritten wurde. Als seinerzeit entscheidender Teil einer patriotischen Front gegen Hitler konnten sie den Vorwurf der Fremdsteuerung, verbunden mit dem alten Ressentiment gegen die »Vaterlandslosigkeit« der Arbeiterbewegung vergleichsweise leicht von sich weisen. Diese Integration beruhte jedoch nicht nur auf gemeinsamer Erinnerung, sondern noch mehr auf einem gemeinsamen Vergessen: Sie ignorierte die Affinität des italienischen Bürgertums zum Faschismus, die Kollaboration zahlreicher Franzosen mit dem deutschen Faschismus und den fehlenden Widerstand der Kommunisten während des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 bis 1941. Eine ähnliche Konstellation ergibt sich in Spanien, wo sich die Kommunisten des Exils auf die Verteidigung der Spanischen Republik und den andauernden Widerstand gegen Franco berufen konnten. Auch hier wurden eigene Verbrechen verdrängt, eigene Leistungen hervorgehoben und eine selektive Wahrnehmung der Vergangenheit etabliert. Parallelen gibt es ebenso in Griechenland, wo ebenfalls kommunistische Partisanen an der Befreiung des Landes entscheidend mitwirkten. Der Widerstand gegen den Faschismus durch die Kommunisten war somit eine europäische Erfahrung, die einerseits eine historische Leistung darstellte, andererseits als politischer Mythos die Aufarbeitung des Stalinismus verhinderte. Das Ende der KPD in Westdeutschland Deutschland als Ursprungsland des Nationalsozialismus teilte diese europäische Erfahrung nicht. Hier hatte die Arbeiterbewegung niemals einen bewaffneten Kampf gegen den Nationalsozialismus geführt, von vielen einzelnen mutigen Sabotageakten und Widerstandshandlungen einmal abgesehen. Zwar waren in der DDR Antifaschismus und kommunistischer Widerstand wesentliche Legitimationsmuster staatlichen Handelns, jedoch ist allein die Existenz der DDR Beweis genug, dass es im zweigeteilten Deutschland ab 1945 keine gemeinsame antifaschistische Erinnerungskultur gab. Während in der DDR Orte wie die Gedenkstätte Buchenwald das Martyrium und den Widerstand kommunistischer Häftlinge auch nachfolgenden Generationen ins Gedächtnis riefen, alle anderen Opfer- und Widerstandsgruppen jedoch de-thematisierten, wurden die Kommunisten in Westdeutschland von der Erinnerung ausgeschlossen und waren sogar neuen Verfolgungen ausgesetzt. Diese staatliche Politik wurde durch die Schlussstrich-Mentalität einer Bevölkerung getragen, die mehrheitlich aus Mitläufern bestand, das eigene Kriegsleiden hervorhob und dem ehemaligen Exil und Widerstand tendenziell ablehnend gegenüberstand. Dies galt auch für die Arbeiterschaft als Klientel der KPD: Zwölf Jahre Nationalsozialismus hatten gewerkschaftliche und klassenkämpferische Traditionen unterbrochen und den vorhandenen Nationalismus noch verstärkt. Selbstverständlich gab es auch in der DDR Mitläufertum und Schlussstrich-Mentalität. Diese bezogen sich jedoch explizit auf die angebliche »Ausrottung« der kapitalistischen Wurzeln des Faschismus – waren also zumindest nominell prokommunistisch. Im Westen hingegen wurde im Sinne der Totalitarismustheorie Antifaschismus immer auch mit Antikommunismus gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, die in Westeuropa nie in dieser Form hegemonial wurde.9 Das Verhalten der Sowjetunion und der DDR während der Berlin-Blockade und des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 trug dazu bei, die antikommunistische Haltung der westdeutschen Bevölkerung zu bestätigen und zu verstärken. Diese Gewaltmaßnahmen, verbunden mit der Abhängigkeit der westdeutschen KPD, die keinerlei Kritik an der DDR-Politik leisten konnte oder wollte, führte dazu, dass die KPD schon vor ihrem Verbot 1956 von der arbeitenden Bevölkerung in Westdeutschland kaum noch als eine mögliche politische Vertretung angesehen wurde. Die Entstalinisierung stellte zwar die Totalitarismustheorie infrage, der Mauerbau 1961 bedeutete jedoch einen weiteren politischen Einschnitt. Während die Mitglieder der westeuropäischen kommunistischen Parteien mit der Berliner Mauer keine persönlichen Erfahrungen verbanden, diese Bestätigung der endgültigen Teilung Deutschlands aus sicherheitspolitischen Gründen vielleicht sogar befürworteten, war die Mauer in der westdeutschen Öffentlichkeit ein permanenter Stein des Anstoßes, zu dem sich jede linke oder kommunistische Bewegung erklären musste. Der Mauerbau verschärfte das grundsätzliche Problem der Zweistaatlichkeit und hatte zur Folge, dass es für Kommunisten in Deutschland kein einheitliches politisches Handlungsfeld gab. Die Spaltung der Nation führte zu einer organisatorischen Spaltung der Partei, und die wichtigsten Kader waren in der SBZ bzw. DDR aktiv, was wiederum die westdeutsche KPD schwächte, die von Beginn an nicht als autonome Einheit agieren konnte. Anfang der Sechzigerjahre war der Parteikommunismus in Westdeutschland also marginalisiert, illegalisiert und politisch diskreditiert. Die Vorbedingung für die Entwicklung eines deutschen Eurokommunismus, nämlich eine intakte orthodoxe kommunistische Partei, war nicht vorhanden. Fordismus und Wohlfahrtsstaat Die Fünfzigerjahre standen nicht nur in der BRD, sondern in ganz Westeuropa im Zeichen eines »Wirtschaftswunders«: einer Phase der wirtschaftlichen Prosperität, die begleitet wurde vom Aufbau eines Wohlfahrtsstaates mit dem erklärten Ziel, die Klassenwidersprüche des Kapitalismus abzumildern oder gar abzuschaffen. Die Beschreibung dieser Situation als »fordistisch« oder »Fordismus« stützt sich auf die Schriften des italienischen Philosophen Antonio Gramsci (1891–1937), der posthum zu einem der wichtigsten theoretischen Impulsgeber des Eurokommunismus wurde.10 Gramsci setzte sich vor dem Hintergrund des italienischen Faschismus mit der Frage auseinander, warum die sozialistische Revolution in Russland erfolgreich, in den entwickelten Industriestaaten des Westens jedoch erfolglos war. In seinen in faschistischer Haft verfassten Gefängnisheften zog er als Vergleich immer wieder auch die USA heran, die er als fortschrittlichsten kapitalistischen Staat seiner Zeit wahrnahm. Dort waren schon vor der Weltwirtschaftskrise die Anfänge einer Entwicklung sichtbar, die etwa in den Fabriken von Henry Ford die Arbeiterklasse durch Hochlohnpolitik als Konsumentenschicht in die kapitalistischen Kreisläufe integrierte und somit die Nachfrage sicherte. Diese auf standardisierter Massenproduktion und -konsumtion basierende Gesellschaftsformation bezeichnete Gramsci als Fordismus.11 Sie bedeutete ihm zufolge einen Übergang »vom alten ökonomischen Nationalismus zur programmatischen Ökonomie« bei gleichzeitiger »Rationalisierung der Bevölkerung«.12 Der Fordismus veränderte also nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Menschen. Gramsci hatte hier eine gesellschaftliche Formation beschrieben, wie sie auch in Europa ab den Fünfzigerjahren dominant wurde. Die Klassengesellschaft der Zwanzigerjahre verschwand im Fordismus zwar nicht, denn nach wie vor gab es einen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Dieser wurde jedoch radikal verändert nicht nur durch eine Stärkung und Weiterentwicklung der sozialen Sicherungssysteme, sondern vor allem durch die erstmals in der Geschichte vorhandene Möglichkeit von Massenkonsum durch die Lohnarbeitenden selbst. Die von Gramsci konstatierte »Rationalisierung der Bevölkerung« vollzog sich dabei durch intensivierte Produktionsformen am Arbeitsplatz, aber auch durch standardisierten Konsum in der nun in ungeahnter Fülle vorhandenen »Freizeit«.13 Die Etablierung dieser Produktionsform wurde in Westdeutschland zwar von konservativen Regierungen vorangetrieben, nützte aber zunächst auch der sozialen Basis der SPD und der Gewerkschaften. Insbesondere Letztere setzten durch, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen durch Lohnsteigerungen ihren Anteil an der Produktivkraftsteigerung geltend machen konnten. Obwohl linkssozialistische Gewerkschafter wie Otto Brenner und mit ihm weite Teile der IG Metall an der Idee des Klassenkampfes festhielten,14 so hatte doch insgesamt die Idee der »sozialen Marktwirtschaft« – also der soziale Kapitalismus – eine deutliche Hegemonie. Die SPD reagierte auf diesen Wandel durch ihr Godesberger Programm von 1959, in dem sie sich vom Marxismus abwandte. Diese Wende markierte die politische Niederlage einer ganzen Reihe von Gruppierungen und Einzelpersonen, die sich nach 1945 als Sozialisten oder Ex-Kommunisten der SPD angeschlossen hatten. Denn angesichts der Kontinuität des Stalinismus war in Westdeutschland nicht die KPD, sondern die SPD zum Sammelbecken verschiedener unorthodoxer antikapitalistischer Strömungen geworden. In der Hoffnung auf eine sozialistische Perspektive hatten sich diese Kreise in der Sozialdemokratie gesammelt, mussten jedoch zusehen, wie über die ökonomisch-politischen Rahmenbedingungen von konservativen Kräften entschieden wurde.15 Während es Ende der Vierzigerjahre noch Widerstand gegen die Restaurationstendenzen gegeben hatte, kam dieser in der Prosperitätsphase der Fünfzigerjahre völlig zum Erliegen.16 Joachim Hirsch und Roland Roth stellen dazu die These auf, dass bereits die mit dem Fordismus verbundene tayloristische Rationalisierung in den Betrieben die Facharbeiterschaft als streikfähige Basis der Arbeiterbewegung entscheidend schwächte.17 Der allgemeine Arbeitskräftemangel dürfte jedoch einen solchen Verlust an Kampfkraft ausgeglichen haben. Entscheidender war wohl die Tatsache, dass Massenkonsum, Freizeitindustrie und die Etablierung der Kleinfamilie als Norm und Raum des Privatlebens in der Arbeiterschaft eine Verbürgerlichung und Individualisierung mit sich brachten.18 Die Hegemonie konservativer Kräfte im »CDU-Staat« Westdeutschland verstärkte diese Erosion von überkommenen Milieus der Arbeiterbewegung, deren Tradition vielerorts bereits während der Verbotsphase des NS gekappt worden war.19 Eine »nivellierte Mittelstandsgesellschaft«20 schien somit die alte Klassengesellschaft ökonomisch, kulturell und sozial abgelöst zu haben. Klassenschranken, die in der Weimarer Republik schon am Kleidungsstil erkennbar waren, wurden nun völlig fragwürdig. Vor diesem Hintergrund schien der Wandel der SPD von der Arbeiterpartei zur »Volkspartei« konsequent. Paradoxerweise nahm zur gleichen Zeit die Zahl der Lohnabhängigen in der Bevölkerung ständig zu.21 1968 und der gescheiterte Neuanfang des Kommunismus Die Jahreszahl 1968 wurde zur Chiffre für die Entstehung und den Aufschwung einer neuen Form von linker Bewegung, die sich zwar auf den Sozialismus berief, aber völlig andere Akteure und Politikformen umfasste.22 Die insbesondere in Deutschland als »Studentenbewegung« betitelte Entwicklung war letztlich eine breitere Absatzbewegung, in der sich Teile der jüngeren Generation vom individualisierten Konformismus der Wirtschaftswunderzeit distanzierten. Ihre Rebellion stand gegen den fordistischen Konsumkonsens, den die traditionelle Arbeiterbewegung in Westeuropa eine Generation lang mitgetragen hatte. Während sich in Italien und Frankreich jedoch breite Teile der Arbeiterschaft der Revolte anschlossen – man denke an die Streiks im Pariser Mai – waren es in Deutschland nur kleinere Teile der Jungarbeiterschaft, die etwa in Form der »Lehrlingsbewegung« den gesellschaftlichen Aufbruch unterstützten.23 Diese Unterschiede erklären sich teilweise dadurch, dass der im Fordismus ohnehin angelegte Hang zum gesellschaftlichen Konformismus durch personelle und habituelle Kontinuitäten zur NS-Zeit in Deutschland besonders ausgeprägt war. Dies machte die Ereignisse der Achtundsechziger in der BRD mehr als anderswo zu einer Generationenrevolte. Die in der BRD besonders ausgeprägte Integration der Arbeiterbewegung in das politische System verstärkte diesen Effekt, während mit den kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich zumindest nominell ein »revolutionäres« Politikangebot seitens der älteren Generation bereitstand. Nominell deshalb, weil die kommunistischen Parteien im Zuge der Entspannungspolitik aus außenpolitischen Gründen teilweise sehr viel integrierter waren und weit konformer handelten als ihr revolutionärer Habitus erwarten ließ. Diese Entwicklung führte dazu, dass der Maoismus in Frankreich und Italien als vermeintlich revolutionärer Kommunismus attraktiv wurde.24 Der Eurokommunismus erscheint vor diesem Hintergrund als ein facettenreiches Phänomen. Politisch eine Entstalinisierung, bedeutete er soziologisch eine Öffnung der Parteien für die Angestellten, die während des Fordismus mehr und mehr das Industrieproletariat als stärkste Fraktion der Lohnabhängigen ablösten. Gleichzeitig machte die wachsende politische Unabhängigkeit von Moskauer Direktiven die kommunistischen Parteien attraktiv für Teile der jüngeren Generation, die insbesondere nach dem Prager Frühling mit dem orthodoxen Kommunismus wenig anfangen konnten. Zusätzlich bedeutete die Anerkennung eines möglichen parlamentarischen Weges zum Sozialismus eine quasi reformistische Wende, die die Kommunisten befähigen könnte, sich auch als Regierungspartei zu etablieren. All diese Faktoren griffen ineinander, verstärkten sich wechselseitig und erzeugten den gesellschaftlichen Druck, der die Reformer innerhalb der kommunistischen Parteien Europas stärkte und zur Ausprägung des Eurokommunismus beitrug. In Westdeutschland stellte sich die Lage anders dar. Nach zwölf Jahren in der Illegalität war die KPD bei ihrer durch einen Kurswechsel der Regierung möglich gemachten Umgründung zur DKP 1968 personell geschwächt.25 Sie hatte kaum neue Kader rekrutieren können und blieb gesellschaftlich ausgegrenzt. Nicht nur die überkommene autoritäre Parteitradition, sondern vor allem die eigene Schwäche machte sie von Weisungen aus Moskau abhängig. Selbst wenn der Wille da gewesen wäre, hätte der neu gegründeten DKP die Basis gefehlt, um sich erfolgreich zu verselbstständigen. Ohne glaubwürdige Distanz zu Ost-Berlin und Moskau hatte eine kommunistische Partei jedoch im geteilten Deutschland sieben Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer keine ernsthafte Chance, gesellschaftlich Fuß zu fassen. Gleichzeitig fiel die DKP-Gründung in eine Phase, in der die westdeutsche Linke sich bereits mehr und mehr auffächerte. Die verschiedenen Flügel des SDS, der nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg massiv gewachsen war und zusehends Einfluss an den Hochschulen gewann, drifteten immer mehr auseinander. Insbesondere der »antiautoritäre« Flügel widersetzte sich der überkommenen Logik von Partei und Organisationsbildung.26 Auch die seit Bildung der Großen Koalition 1966 im Entstehen begriffene Außerparlamentarische Opposition (APO) verstand sich von Anfang an als heterogene gesellschaftliche Kraft jenseits von Parteien und Parlamenten. Die aus unterschiedlichen Gründen von Kommunisten und Staatsbehörden gemeinsam gehegte Hoffnung, die DKP würde zum Sammelbecken aller kommunistischen Kräfte in der BRD werden, erwies sich somit schnell als Trugschluss. Die Umgründung kam in doppelter Hinsicht zu spät: An die alte Verwurzelung in der Arbeiterschaft konnte nicht mehr angeknüpft werden und neue politische Akteure hatten bereits ganz eigene Formen entwickelt. Diese neuen parteikritischen Politikformen entstanden nicht grundlos. Sie waren gleichermaßen Ergebnis der fordistischen Gesellschaftsformation und eine erste Form der Rebellion gegen diese. Die Ablehnung von bürokratischen Massenorganisationen und deren Uniformität war ein Reflex gegen den in der BRD besonders starken Konformismus der Fünfzigerjahre. Gleichzeitig war das Beharren der Achtundsechziger auf Individualität und Selbstverwirklichung ein Produkt genau jener spätkapitalistischen Konsumgesellschaft, die die Neue Linke eigentlich bekämpfte.27 Denn es war nicht zuletzt die allgegenwärtige Produktwerbung, die an vorderster Front Selbstverwirklichung, Anderssein und Individualität als Werte einer postfaschistischen Gesellschaft propagierte. Exemplarisch wird dieser scheinbare Widerspruch am Beispiel des Einflusses der USA auf die Protestbewegung: Während man die US-Außenpolitik kritisierte und einen politischen Antiamerikanismus kultivierte, waren die Produkte der US-Kulturindustrie gleichzeitig untrennbar mit der Revolte verbunden – insbesondere im Bereich der Musik, aber auch im Bereich der Mode, wie z. B. Jeans etc.28 Nach der konformistischen Individualisierung der Fünfzigerjahre, die mit der Kombination aus Freizeit und Konsummöglichkeiten eine vorher nie gesehene Orientierung auf Privatleben und Familie im Arbeitermilieu hervorrief, zeigte sich Ende der Sechzigerjahre ein zweiter Individualisierungsschub. Dieser deutete bereits auf eine Krise des fordistischen Gesellschaftskonsenses hin: Der Massenkonsum hatte seine Integrationskraft verloren, erste Wirtschaftskrisen und eine erste ökologische Debatte über die »Grenzen des Wachstums« kratzten darüber hinaus an der ideologischen Hegemonie der Wohlstandsgesellschaft. Die konformistische Individualisierung wurde in dieser Phase abgelöst von einer subjektiven Individualisierung, welche Wert auf individuelle Emanzipation, Selbstverwirklichung und die Überwindung repressiver sozialer Normen legte. Die Ausdrucksformen dieser Subjektivierung reichten von musikalischer Gegenkultur über Forderungen nach sexueller Befreiung und weiblicher Emanzipation bis hin zu politischer Rebellion. Wer dieser im Entstehen begriffenen »postfordistischen« politischen Kultur begegnen wollte, musste zwangsläufig Raum für Abweichung, Differenz und Heterogenität bieten – etwas, womit kommunistische Parteien von jeher ein Problem hatten. Die Entstalinisierung hatte zwar zu einer Öffnung geführt, zur vollen Entfaltung kam dieser Prozess jedoch erst durch den Druck der Ereignisse Ende der Sechzigerjahre. Erst die Kombination aus Entstalinisierung und beschleunigter gesellschaftlicher Umwälzung in den Sechzigerjahren brachte schließlich den Eurokommunismus hervor. Szene statt Partei: Die Linke in der BRD seit 1968 In der BRD fehlte eine kommunistische Partei als Auffangbecken für neue politische Ansprüche, während sich gleichzeitig die Zentrifugalkräfte innerhalb der Neuen Linken gegenüber allen Appellen zur Notwendigkeit von Organisation als stärker erwiesen. Bereits 1970 löste sich mit dem SDS ein zentraler Akteur der Revolte auf und zerfiel in zahlreiche Splittergruppen. Zwar leiteten die aus diesem Prozess hervorgehenden Fraktionen später teilweise Parteibildungsprozesse ein, übertrafen dabei jedoch nicht selten den orthodoxen Kommunismus an Dogmatismus. Es bildete sich eine ganze Reihe rivalisierender K-Gruppen und K-Parteien mit marxistisch-leninistischer Struktur, die sich politisch und kulturell als Nachfolger der KPD sahen und deren Symbole übernahmen.29 Über den Umweg des Maoismus leiteten sie auch eine neue Stalin-Rezeption ein und kritisierten den »Revisionismus« der Chruščëv-Ära als Konterrevolution. Diese neue Orthodoxie scheint der These von einer zweiten subjektiven Individualisierung als Basis post-fordistischer Politikformen zu widersprechen. Jedoch verweist gerade die Vielzahl der Gruppen und ihre erbitterte Rivalität untereinander eindeutig darauf, dass die Idee einer ideologisch geschlossenen Massenpartei in der BRD der Siebzigerjahre nicht mehr funktionierte. Der Autoritarismus der Kleinparteien und ihr Insistieren auf einer keinen Widerspruch duldenden Linie befriedigte bei den Mitgliedern vor allem das Bedürfnis nach Abgrenzung und Unterscheidung vom Mainstream, war also selbst eine Form von individual-identitärem Lebensentwurf.30 Dies mag auch erklären, warum nicht selten Angehörige des früheren antiautoritären Flügels der Studierendenbewegung zu den Trägern der K-Gruppen wurden. Die K-Gruppen bildeten jedoch nur einen Teil einer übergreifenden linken »Szene«.31 Außerhalb des maoistischen Spektrums gab es fast zu jeder historischen Formation der Arbeiterbewegung ein aktuelles Pendant – etwa die anarchistische Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU), die brandleristische »Gruppe Arbeiterpolitik« sowie verschiedene trotzkistische Gruppen.32 In diesem zerfaserten Milieu von Klein- und Kleinstparteien war die zuvor als schwach beschriebene DKP mit ihren bis zu 40 000 Mitgliedern fast schon eine Großmacht.33 Mit Bundestagswahlergebnissen um die 0,2 Prozent gelang ihr jedoch keine Etablierung oberhalb der Kommunalpolitik.34 Weit wirkmächtiger als alle Neugründungen war dagegen eine zeitgleich stattfindende Linkswende bei den Jusos (»Stamokap-Strömung«) und Teilen der Gewerkschaftsjugend. Hier wurden linkssozialistische Positionen aus der »Neuen Linken« in die »alte« sozialdemokratische Arbeiterbewegung zurückgeführt – ohne jedoch mehrheitsfähig zu werden.35 Ab Mitte der Siebzigerjahre gab es innerhalb der zersplitterten Linken Einigungstendenzen in Form der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen, wie etwa die Umwelt-, Frauen- oder die Anti-Atomkraftbewegung. Sie waren es, die mit ihren politischen Anliegen Protestpotenzial bündelten und breitere Kreise der Bevölkerung erreichten. Es erscheint als Ironie der Geschichte, dass es nach zahlreichen fehlgeschlagenen Parteigründungen gerade diese basisdemokratische und organisationskritische Strömung schaffte, mit den »Grünen« erstmals seit dem KPD-Verbot eine Partei links von der SPD zu etablieren.36 Trotz zahlreicher ideologischer Bezüge auf die Ideen des Sozialismus und Kommunismus war das Ende der Sechzigerjahre neu entstehende linke Milieu der BRD zunächst bildungsbürgerlichen Ursprungs und überschnitt sich kaum mit dem »klassischen« Arbeitermilieu. Dies lag einerseits daran, dass an den Hochschulen als erstem Zentrum der Debatte vor Einführung des BAföG kaum Arbeiterkinder studierten. Die Wandlung des klassischen Arbeitermilieus bedeutete jedoch auch, dass dort zunehmend alternative Lebensstile und Strategien aufgenommen wurden. Die »neuen Arbeiter« waren überwiegend Angestellte, welche in den europäischen Nachkriegsgesellschaften langsam zur Mehrheit der Lohnabhängigen wurden. Sie und ihre Kinder waren nach allen ökonomischen Kriterien des Marxismus Proletarier, wirtschaftlich völlig abhängig vom Verkauf ihrer Arbeitskraft. Ihre Alltagskultur und politische Aktivität entsprachen jedoch längst nicht mehr dem Bild, das man mit den Begriffen »Proletariat« oder »Arbeiterklasse« verbindet.37 Dennoch, in den Abstammungslinien heutiger sozialer Milieus, einschließlich des Alternativmilieus, identifizierte der Soziologe Michael Vester »Klassenformationen von langer, Generationen übergreifender Dauer«, indem er bei Großumfragen ab 1991 auch die Bildungsabschlüsse von Eltern und Großeltern abfragte. Seit den Siebzigerjahren stellte er innerhalb der Arbeitnehmerschaft eine starke Mobilität und Modernisierung der Lebensstile fest, aber kaum Mobilität zwischen verschiedenen durch Bildungsabschlüsse markierten Schichten. Vester stimmt daher mit dem Historiker Peter von Oertzen überein, der in den neuen sozialen Milieus nichts anderes als die »modernsten Fraktionen der arbeitenden Klassen« sieht.38 Dieser Prozess der Flexibilisierung führte jedoch keineswegs dazu, dass sich die Arbeitnehmerschaft jemals als Ganzes in ein alternatives Milieu eingeordnet hätte. Lediglich ihre Lebensstile und Berufswege näherten sich infolge der Auflösung des Fordismus einander an. Diese Auflösung war in den Sechzigerjahren jedoch trotz erster Krisenerscheinungen noch nicht absehbar. Damals stand die Arbeiterschaft der Neuen Linken eher ablehnend gegenüber und orientierte sich mehrheitlich an der SPD – insbesondere als dieser ab 1969 unter Willy Brandt die Regierung zufiel. Der Wahlerfolg der SPD war möglich, weil für breitere Schichten das konservativ-konformistische Gesellschaftsmodell der Nachkriegszeit fragwürdig geworden war. Das Wohlfahrtsstaatsmodell des Fordismus war hingegen weiterhin konsensfähig – konnte jedoch durch die nun regierende SPD nicht stabilisiert werden. Insbesondere die internationalen Krisen ab 1973 zeigten die Grenzen des fordistischen Wirtschaftsmodells. Eine sich aufbauende Überproduktion konnte nicht allein durch den Konsum der Arbeitenden abgesetzt werden, Exportorientierung und verschärfte internationale Konkurrenz führten nun dazu, dass die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen zunehmend kritisiert und spätestens mit der Machtübernahme konservativer Regierungen in den USA (1981), Großbritannien (1979) und Deutschland (1982) langsam reduziert wurden. Die ökonomischen Grenzen des Fordismus waren erreicht. Sein Erbe trat nicht die Neue Linke an, sondern ein flexibler Neoliberalismus – der jedoch zahlreiche Versatzstücke linker Fordismus-Kritik wie etwa das Streben nach »Selbstverwirklichung« erfolgreich integrierte. Auch die eurokommunistischen Parteien in Westeuropa schafften es nicht, im Rahmen gesellschaftlicher Kämpfe, die die Krise des Fordismus begleiteten, eine Deutungsmacht zu erlangen. Ihr Abstieg erfolgte daher schon Jahre vor dem Fall der Sowjetunion. Es zeigte sich, dass das Ideal eines demokratischen Kommunismus und das Bedürfnis, durch Anerkennung der parlamentarischen Formen regierungsfähig zu werden, nicht unbedingt deckungsgleich waren. Gerade während der Wirtschaftskrise waren politische Handlungsspielräume eingeschränkt und der Druck zur Aufgabe systemüberwindender Ziele in Kompromissen und Koalitionen besonders hoch. Sowohl der »Historische Kompromiss« der italienischen Kommunisten mit den Christdemokraten als auch das gemeinsame Regierungsprogramm der französischen Sozialisten und Kommunisten scheiterten.39 Überaus schnell nahm daraufhin auch das populäre und wissenschaftliche Interesse am Eurokommunismus ab.40 Bis heute gibt es kaum Untersuchungen zum Scheitern des Eurokommunismus.41 Insbesondere keine, die dieses Scheitern in Zusammenhang mit der Krise des Fordismus und dem daraus resultierenden Anpassungsdruck untersuchen.42 In Deutschland entflammten im Zuge der Auswertung vormals geheimer Dokumente zu den Außenbeziehungen der SED zwar neue Diskussionen über den Eurokommunismus, diese konzentrieren sich jedoch entsprechend auf außenpolitische Themen.43 Innenpolitisches, aber auch die Frage nach dem Einfluss des Eurokommunismus auf die zersplitterten kommunistischen Gruppierungen in Westdeutschland wurden nicht thematisiert. Ausblick Abschließend lässt sich sagen, dass die Abwesenheit des Eurokommunismus in Westdeutschland nicht ohne die unterschiedliche Wirkung der Entstalinisierung auf Westeuropa und die BRD erklärt werden kann. Während sie in Westeuropa Raum für Reformen schuf, beschleunigten die gewaltsamen Reaktionen der Sowjetunion und der DDR auf die Systemkrisen von 1953, 1956 und 1968 den gesellschaftlichen Antikommunismus in Westdeutschland und erstickten jeden Versuch eines Neuanfangs. Die Frage nach der Abwesenheit des Eurokommunismus in Westdeutschland legt jedoch nicht nur einen weiteren »deutschen Sonderweg« frei, sondern muss multiperspektivisch durch ökonomisch-gesellschaftliche Erklärungsmuster ergänzt werden. Bemüht man hierzu das Paradigma des Fordismus als forschungsleitendes Theorem, so zeigt sich, dass ähnlich wie die Entstalinisierung auch die Etablierung und Krise des Fordismus unterschiedliche Auswirkungen in Westeuropa und Westdeutschland hatte. In Westeuropa erhöhten sie zuerst langsam, später beschleunigt den Reformdruck auf die kommunistischen Parteien und beförderten deren Demokratisierung. In Westdeutschland hingegen dominierten die Zentrifugalkräfte der verschiedenen Individualisierungsschübe bei Etablierung und Krise des fordistischen Modells. Es entstand schließlich ein neues politisches Feld links von der SPD, das sich jedoch trotz gegenteiliger Ansprüche nur als Szene und nicht als Partei konstituierte. Diese Sichtweise ermöglicht es, in der zersplitterten kommunistischen Parteien- und Gruppenlandschaft der BRD nach 1968 nicht nur den Ausdruck eines vermeintlichen studentischen Irrationalismus zu sehen, sondern sie als Folge eines Suchprozesses im Rahmen einer größeren politischen Repräsentationskrise zu betrachten, die niemals losgelöst war von ökonomischen Prozessen und Klassenkonflikten. Diese Suche war seit Ende der Sechzigerjahre durch das Schwanken der Neuen Linken zwischen einer radikalen Kritik am Konformismus der Wohlfahrtsstaaten und der gleichzeitigen Verteidigung ihrer sozialen Errungenschaften geprägt.44 Erst in der Krise des fordistischen Gesellschaftsmodells und später im Neoliberalismus wurde das zweite Motiv dominant. Infolge dieser Suchbewegung kam es auch in Italien, Frankreich und anderen Staaten zu einer Pluralisierung der politischen Linken, die sich teilweise innerhalb der eurokommunistischen Parteien, aber zunehmend auch in einem Gegensatz von Partei und Szene ausdrückte. Aus dieser Sicht erscheint die zersplitterte linke Szene Westdeutschlands und ihre Konsolidierung in den »Neuen Sozialen Bewegungen« der späten Siebzigerjahre nicht mehr unbedingt als Sonderweg im europäischen Kontext. Sie ist vielmehr Vorwegnahme einer politischen Auffächerung, wie sie sich später z. B. auch in Frankreich und Italien zeigte. Auch in seinen Hochburgen blieb der Eurokommunismus ein vergleichsweise kurzlebiges Phänomen. Gerade Frankreich und Italien waren Geburtsländer für neue politische Formationen wie ATTAC, dem Operaismus, den »Tutti Bianchi« und zahlreichen anderen Akteuren einer heterogenen Bewegung, die sich seit den Neunzigerjahren unter dem losen Begriff der Globalisierungskritik zusammenfand. Obwohl also die Integration des Fordismusbegriffs und anderer ökonomisch-soziologischer Theoreme in die Historische Kommunismusforschung die klassischen Erklärungsmuster der politischen Geschichte nicht widerlegt, ergänzt sie diese doch. Vor allem aber ermöglicht sie ganz neue Überlegungen zu Kontinuitäten und Brüchen nicht nur in der Arbeiterbewegung, sondern auch zwischen »alter« Arbeiterbewegung und »neuen« sozialen Bewegungen. 1 Der Begriff stammt vom jugoslawischen Journalisten Frane Barbieri, siehe Nikolas Dörr: Wandel des Kommunismus in Westeuropa – Eine Analyse der innerparteilichen Entwicklungen in den Kommunis-tischen Parteien Frankreichs, Finnlands und Italiens im Zuge des Eurokommunismus, Berlin 2006, S. 10. 2 Siehe Wolfgang Leonhard: Eurokommunismus – Herausforderung für Ost und West, Gütersloh 1978, S. 317–343. Dörr nennt zusätzlich die KP Madagaskars und die Vereinigte Sozialistische Partei Mexikos. Siehe Dörr: Wandel (Anm. 1), S. 11. 3 Reformkommunistische Ideen aus Osteuropa, beginnend mit der antistalinistischen Wende in Jugos-lawien 1948, gelten als wesentlicher Vorläufer des Eurokommunismus. 4 Siehe Francesco Di Palma: Die SED, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und die Kommunis-tische Partei Italiens (PCI) von 1968 bis in die Achtzigerjahre. Ein kritischer Einblick in das Dreiecks-verhältnis, in: Deutschland Archiv (2010), H. 1, S. 80–89. 5 Harald Neubert: Eurokommunismus, in: Wolfgang Fritz Haug u. a. (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Hamburg 1994. 6 Siehe ebd., S. 150. 7 Diese Interpretation hatte Chruščëv in seiner Rede bereits vorgezeichnet, siehe Nikita Chruščëv: Die Geheimrede Chruschtschows – Über den Personenkult und seine Folgen, Berlin 1990. Zur Funktion der Geheimrede und der These vom Personenkult im Machtkampf der Nach-Stalin-Ära siehe auch Michail Prozumenščikov: Ereignisse, die die kommunistische Welt erschütterten. Zum 50. Jahrestag des XX. Parteitags der KPdSU, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismus-forschung (im Folgenden: JHK) 2006, Berlin 2006, S. 49–65. 8 Siehe dazu Bruno Groppo und Filippo Focardi: The Changing Memories of World War II and the Resistance in Italy and France: A Comparative View, in: Arbeiter- und soziale Bewegungen in der Öffentlichen Erinnerung – eine Globale Perspektive. Tagungsband der 46. Konferenz der ITH, Wien 2011. 9 Siehe Bernd Faulenbach: »Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Skizze über einen ungeklärten Begriff der Nachkriegsepoche, in: Mählert u. a. (Hg.): JHK 2008 (Anm. 7), S. 231–238. 10 Ausgearbeitet und wirkmächtig wurden Gramscis Analysen durch eine Reihe späterer Systematisierungen, die vor allem in der Krise des Fordismus seit den Siebzigerjahren entstanden. Ich stütze mich im Folgenden vor allem auf Joachim Hirsch/Roland Roth: Das neue Gesicht des Kapitalismus – vom Fordismus zum Post-Fordismus, Hamburg 1986 sowie Joachim Bischoff/Richard Detje: Massengesellschaft und Individualität – Krise des »Fordismus« und die Strategie der Linken, Hamburg 1989. 11 Gramscis Studien zum Fordismus liegen gesammelt vor in: Antonio Gramsci: Amerika und Europa, hg. von Thomas Barfuss, Hamburg 2007. Er stützte sich dabei auf bürgerliche Debatten zum »Fordismus«, die in den Zwanzigerjahren in Europa geführt wurden. Siehe dazu für Deutschland: Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld: Fordismus – über Industrie und Technische Vernunft, 3. Aufl. Jena 1926. 12 Antonio Gramsci: Gefängnishefte, hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, 10 Bde, Hamburg 1991, Heft 22, §1, S. 2139. 13 Joachim Hirsch und Roland Roth sprechen in diesem Zusammenhang von einer »Übertragung der Logik des Taylorismus auf die Sphäre von Freizeit und Konsum« – etwa mittels der Strukturierung des Familienlebens durch das Fernsehprogramm. Siehe Hirsch/Roth: Das neue Gesicht (Anm.10), S. 60. 14 Siehe Jens Becker/Harald Jentsch (Hg.): Otto Brenner. Ausgewählte Reden 1946–1971, Göttingen 2007. 15 Siehe dazu Gregor Kritidis: Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer, Hannover 2008, insbesondere S. 53 f. 16 Zum Restaurationsbegriff siehe ausführlich ebd., S. 17–48. Zu den heftigen aber heute meist unbekannten Widerständen gegen die Etablierung einer Marktwirtschaft in Westdeutschland siehe Jörg Roesler: Zwei Währungsreformen im besetzten Deutschland. Konzepte und Korrekturen, in: Utopie kreativ, 2008, H. 215, S. 818–827, insbesondere S. 822. 17 Siehe Hirsch/Roth: Das neue Gesicht (Anm. 10), S. 50–53. 18 Zwar war die bürgerliche Kleinfamilie schon im 19. Jahrhundert als Ideal in der deutschen Arbeiterbewegung präsent, wie etwa die stets kritische Haltung zur Frauenarbeit bewies. Realisiert werden konnte ein derartiger Lebensstil in breiterem Umfang jedoch erst in den Fünfzigerjahren. 19 In Anlehnung an eine Studie aus dem Jahr 1967 charakterisierte Wolf-Dieter Narr mit dem Begriff »CDU-Staat« die konservative Hegemonie nicht nur in der Gesellschaft, sondern vor allem auch in den Institutionen der frühen BRD. Siehe Wolf-Dieter Narr: Der CDU-Staat, in: Roland Roth/Dieter Rucht (Hg.): Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945 – ein Handbuch, Frankfurt/M. 2008, S. 51–70. 20 Der Begriff wurde 1953 vom Soziologen Helmut Schelsky für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft geprägt. Siehe Helmut Schelsky: Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart, Stuttgart 1953; sowie ders.: Die Bedeutung des Schichtungsbegriffs für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft, in: ders.: Auf der Suche nach Wirklichkeit, Düsseldorf 1965, S. 331–336. 21 Vor allem Landwirtschaft und Kleingewerbe gingen drastisch zurück. Siehe dazu Hirsch/Roth: Das neue Gesicht (Anm. 10), S. 54. 22 Neuere Forschungen betonen hinsichtlich des vermeintlichen Epochenjahres 1968 eine Kontinuität sozialer Proteste und Opposition auch in der frühen BRD. Siehe dazu Kritidis: Linkssozialistische Opposition (Anm. 15) sowie Roth/Rucht (Hg.): Die Sozialen Bewegungen (Anm. 19); Peter Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder, Frankfurt/M. 2007; Wolfgang Kraushaar: Die Protest-Chronik 1949–1959 – Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie, Bd. I-IV, Hamburg 1996. 23 Zur Verbindung von Studierenden- und Lehrlingsbewegung siehe Knud Andersen: »Gebremste Radika-lisierung« – Zur Entwicklung der Gewerkschaftsjugend von 1968 bis Mitte der 1970er Jahre, in: Mitteilungsblatt des Instituts für Soziale Bewegungen, Nr. 43, Bochum 2010, S.141–158, insbes. S. 147 f. 24 Eindrucksvoll dramatisiert wird diese Dynamik in dem Film La Chinoise – Die Chinesin von Jean Luc-Godard aus dem Jahr 1967. Auch trotzkistische Gruppen spielten in Frankreich als Gegenpol zur PCF eine Rolle. 25 Zur Vorgeschichte der DKP-Gründung siehe Lena Darabeygi: Der Fall »Blinkfuer«. Das Bundesverfassungsgericht und die »Umgründung« der KPD zur DKP in den Sechzigerjahren, in: Mählert u. a. (Hg.): JHK 2010 (Anm. 7), S. 67–80; sowie Hans-Peter Müller: Gründung und Frühgeschichte der DKP im Licht der SED-Akten, in: Klaus Schroeder (Hg.): Geschichte und Transformation des SED-Staates, Berlin 1994, S. 251–285; Wilhelm Mensing: Wir wollen unsere Kommunisten wiederhaben – Demokratische Starthilfen für die Gründung der DKP, Osnabrück 1989. 26 Siehe Tilman Fichter/Siegward Lönnendonker: Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von 1946 bis zur Selbstauflösung, Berlin 1977. 27 An den Universitäten war es der Widerspruch zwischen demokratischem Anspruch und autoritärer Realität, der zur Politisierung der Studierenden führte. Siehe dazu eine zeitgenössische Stellungnahme des AStA der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 1967, nachgedruckt in: AStA FU Berlin (Hg.): Von der Freien zur Kritischen Universität, Berlin 2002. 28 Auch politische Protestformen wurden aus den USA importiert, siehe dazu Bommi Baumann/Till Meyer: Radikales Amerika. Wie die amerikanische Protestbewegung Deutschland veränderte, Berlin 2007; sowie das unter dem Titel »... nur mal einen Stein ins Wasser schmeißen« erschienene Interview mit dem SDS-Aktivisten Michael Vester in: Klaus Schönberger/Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein – Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen, Berlin 2009. 29 Zu den K-Gruppen siehe Andreas Kühn: Stalins Enkel, Maos Söhne, Frankfurt/M. 2005; Jürgen Schröder: Ideologischer Kampf vs. Regionale Hegemonie – Ein Beitrag zur Untersuchung der K-Gruppen, Berlin 1990 sowie Henning Böke: Maoismus, Stuttgart 2007, S. 124–145. Aufschlussreich auch der Artikel »K-Gruppen« von Stephanie Blankenburg/Herbert Schui in Haug u. a. (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch (Anm. 5). 30 Dies wird insbesondere deutlich in der quasi-folkloristischen Übernahme von Symbolen, Ritualen bis hin zu Kleidungsstilen der Weimarer Arbeiterbewegung. Siehe Kühn: Stalins Enkel (Anm. 29), S. 59–57 und S. 243 f. 31 Sowohl Kühn als auch ältere Untersuchungen der K-Gruppen lassen diese nicht-maoistischen Formationen leider außer Acht und stellen die Beziehungen zu anderen Gruppen nur am Rande dar. Es erscheint jedoch sinnvoll, die K-Gruppen als Teil eines größeren links-alternativen Milieus zu sehen. Denn dadurch, dass sie sich durch Revisionismus- und Verratsvorwürfe scharf und provokativ von anderen Akteuren abgrenzten, sicherten sie sich einen erheblichen Teil ihrer Dynamik. Die Dogmatik der K-Gruppen rührt daher m. E. weniger aus Traditionen des historischen Stalinismus, sondern aus dem Abgrenzungsbedürfnis innerhalb des zeitgenössischen linken Milieus. Diese Abgrenzungsrituale waren allen linken Gruppen eigen und trotz ihrer spaltenden Wirkung paradoxerweise ein einigendes Motiv für das Milieu als Ganzes. 32 Die K-Gruppen zeichneten sich hier jedoch durch besondere ideologische Geschlossenheit und Selbst-fixiertheit aus, während andere Gruppen durchaus versuchten, neue Themen aufzugreifen und ihre Konzepte darauf anzuwenden. Dies galt unter den K-Gruppen allenfalls für den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), siehe Kühn: Stalins Enkel (Anm. 29), S. 41 sowie für den Kommunistischen Bund (KB), siehe Michael Steffen: Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971 bis 1991, Berlin 2002. 33 Während es zu den K-Gruppen, die oft nur einige Hundert Mitglieder umfassten, mittlerweile mehrere Studien gibt, existiert zur weitaus größeren DKP interessanterweise keine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung. Ihr West-Berliner Ableger wurde dagegen mehrfach untersucht, siehe dazu Thomas Klein: SEW – Die Westberliner Einheitssozialisten. Eine »ostdeutsche« Partei als Stachel im Fleische der »Frontstadt«?, Berlin 2009 sowie Olav Teichert: Die Sozialistische Einheitspartei Westberlins. Untersuchung der Steuerung der SEW durch die SED, Kassel 2011. 34 Zwischen 1972 und 1983 erreichte die DKP bei Bundestagswahlen 0,2 bis 0,3 Prozent der Stimmen und kandidierte bei den folgenden Wahlen nicht mehr. 35 Siehe Wolfgang Abendroth: Linke Sozialdemokraten und bundesrepublikanische Linke, Berlin 1981; Christoph Butterwegge: Jungsozialisten und SPD, Hamburg 1975. Zur Gewerkschaftsjugend siehe Andersen: »Gebremste Radikalisierung« (Anm. 23). 36 Auch die K-Gruppen hatten ihren Anteil an der Neugründung, der jedoch m. E. tendenziell überschätzt wird. Siehe Kühn: Stalins Enkel (Anm. 29), S. 287 f. sowie Markus Mohr: Der westdeutsche Maoismus und die Partei »Die Grünen«, in: Marcel Bois/Bernd Hüttner: Beiträge zur Geschichte einer Pluralen Linken, Heft 2: Theorien und Bewegungen nach 1968, Berlin 2010, S. 20–24. Umfassendere Untersuchungen zu diesem Thema liegen bisher nicht vor. 37 Kulturwissenschaftlich beeinflusste Strömungen gerade der angelsächsischen Labour History hinterfragen das klassische Bild vom Proletariat als ethnisch und kulturell homogener Masse zunehmend auch für das 19. Jahrhundert und früher. Siehe etwa Marcel Van der Linden: Workers of the World – Essays towards a Global Labor History, Leiden 2008. 38 Michael Vester: Alternativbewegungen und neue soziale Milieus, in: Sven Reichhardt/Detlef Siegfried (Hg.): Das Alternative Milieu, Hamburg 2010. 39 Die Auflösungserscheinungen westeuropäischer kommunistischer Parteien, die meist monokausal auf die Implosion des staatsozialistischen Lagers 1989–1991 zurückgeführt werden, haben m. E. bereits in diesem Scheitern des Eurokommunismus ihre Ursachen. 40 Die von Heinz Timmermann herausgegebene Sammlung »Eurokommunismus – Fakten, Analysen, Interviews« erreichte 1978 eine Auflage von mindestens 20 000 Exemplaren und war nur eine von mehreren populären Einführungen. In den Achtzigerjahren erschienen dagegen kaum noch Titel zum Thema. Siehe dazu Olga A. Narkiewicz: Eurocommunism 1968–1986 – a select bibliography, London 1987. 41 Eine Ausnahme ist Neubert: Eurokommunismus (Anm. 5). Der Autor betont darin die Rolle der Solidarność-Bewegung in Polen, die die eurokommunistischen Parteien unter Positionierungszwang setzte und kommunistische Ideale in Europa insgesamt schwächte. Ähnlich argumentiert Olga A. Narkiewicz: The End of the Bolshewik Dream – Western European Communist Parties in the Late Twentieth Century, New York 1990, S. 140–147. 42 Ideen bieten etwa Joachim Hirsch und Roland Roth, die den »Historischen Kompromiss« als verspäteten Versuch zur Errichtung eines stabilen Korporatismus in Italien beschreiben. In diesem hätte dann die KPI die Rolle gespielt, die in Deutschland der SPD zufiel, siehe Hirsch/Roth: Das neue Gesicht (Anm.10), S. 73. 43 Siehe Di Palma: Die SED (Anm. 4), sowie den Schwerpunktband des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2010 zur Kommunistischen Bewegung in Westeuropa nach 1945.Unter dem Titel »Die Beziehungen zwischen der SED und den kommunistischen Parteien in West- und Südeuropa 1968–1989« beschäftigte sich vom 9. bis 10. April 2010 auch eine Konferenz der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit diesem Thema. 44 Wegweisend für eine marxistische Kritik des Wohlfahrtsstaates war Marcuses Begriff vom »eindimensionalen Menschen«. Siehe Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch, München 1967.

JHK 2012

Der alte Adam und das neue Paradies. Heiner Müllers Komödie - Die Umsiedlerin und der Diskurs über den »neuen Menschen«

Katrin Löffler

»Gott hat euch aus dem Paradies geprügelt / Wir prügeln euch ins Paradies zurück.«1 Diese anspielungsreichen Verse spricht Bürgermeister Beutler in Heiner Müllers Komödie Die Umsiedlerin (1961) zu den Neubauern, die sich gegen die Kollektivierung sträuben. Der erste Satz ruft die biblische Erzählung vom Sündenfall auf und damit das christliche Menschenbild vom »alten Adam«, dem sündhaften Menschen, der erlösungsbedürftig ist. Der zweite Satz bezieht sich auf das propagierte weltimmanente Telos einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, die einen »neuen Menschen«, der nicht mehr durch kapitalistische Verhältnisse depraviert ist, hervorbringen soll. Auf dem Weg in dieses irdische Paradies – das deutet die Rede vom »Prügeln« an – muss dem »alten Adam« Zwang angetan werden. Zwar wird im Stück der Bürgermeister abgelöst, aber die staatlichen Machtmittel bei der Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse sind ein durchgehendes Thema. Die »Versuchsaufführung« der Umsiedlerin am 30. September 1961 durch das FDJ-Studententheater der Hochschule für Ökonomie in Berlin mündete in einem kulturpolitischen Desaster.2 Die Verantwortlichen der Hochschule und der FDJ gerieten unter Druck; mit Heiner Müller, dem Regisseur Bernhard Klaus Tragelehn und den studentischen Laiendarstellern wurden verhörartige Befragungen durchgeführt; das Ministerium für Staatssicherheit versuchte, Müller und Tragelehn staatsfeindliche Hetze nachzuweisen. Die Studenten mussten sich selbstkritisch äußern, zahlreiche Parteistrafen wurden verhängt. Tragelehn wurde aus der Partei ausgeschlossen und zur »Bewährung« in den Braunkohletagebau geschickt. Müller, dem Helene Weigel bei der Abfassung seiner Selbstkritik half, verlor unter dem Vorwand nicht gezahlter Beiträge seine Mitgliedschaft im Schriftstellerverband. Insider rechneten damals sogar mit noch härteren Konsequenzen. Auf der Premierenfeier, so erzählt Müller, äußerten Gäste: »Die können jetzt bald die Bautzner Gefängnisfestspiele eröffnen.«3 Die Leitlinie der DDR-Kulturpolitik jener Jahre bestand darin, parallel zum Aufbau sozialistischer Produktionsverhältnisse eine »neue sozialistische Nationalkultur« zu schaffen.4 Die Schriftsteller sollten »Volkspädagogen« sein, deren »hohe erzieherische Funktion«5 darin bestand, die Menschen für den sozialistischen Aufbau zu begeistern und durch ihre Werke mit dazu beizutragen, das »Tempo der Entwicklung zu beschleunigen«.6 Noch 1958 hatte Walter Ulbricht Heiner Müllers Lohndrücker zu den lobenswerten Texten jüngerer Autoren gezählt, die den Schritt »zu einer entschiedenen Parteinahme« in den Kämpfen der Zeit vollzogen hätten.7 Was machte nun Müllers neues Schauspiel so brisant, dass man es entgegen dem Selbstverständnis des Autors im Widerspruch zur staatlichen Kulturpolitik sah?8 Auf den ersten Blick erfüllt die Komödie Die Umsiedlerin eine zentrale kulturpolitische Forderung, indem sie die Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse auf dem Land thematisiert und Bauern zu Hauptfiguren macht. Zeitlich setzt das Stück 1945 mit der Bodenreform ein und endet etwa 1960 mit der Kollektivierung. Eine kohärente Handlung mit einer Hauptfigur gibt es nicht; vielmehr gestaltete Müller eine lockere Szenenfolge und eine Vielzahl an Figuren, die sich mit diversen Problemen herumschlagen: Mangel an Arbeitskräften und Pferden, drückende Abgabeverpflichtungen, harte Arbeit, Schwarzschlachten, Streit um die ersten Traktoren. Diese Probleme zu zeigen wäre nicht anstößig gewesen, wenn ihre Überwindung zum pädagogischen Exempel einer sozialistischen Aufbauleistung arrangiert worden wäre, aber genau das machte Müller nicht. In den zeitgenössischen Einschätzungen der Umsiedlerin durch Theaterkritiker, Parteifunktionäre und Staatssicherheit lassen sich zwei zentrale, einander bedingende Vorwürfe erkennen: Zum einen betrachtete man das Stück als konterrevolutionär, partei- und staatsfeindlich, da es den Charakter der sozialistischen Umgestaltung falsch darstelle und die Arbeiter-und-Bauern-Macht als Terrorregime zeige, das mit Bautzen und Bergwerk drohe. Zum anderen attestierte man einen »antihumanistischen« Charakter, da nur negative Figuren und keine einzige vorbildliche Bauerngestalt aufträten. Um diese massiven Vorwürfe nachvollziehen zu können, ist es erforderlich, den Text in seinem diskursgeschichtlichen Kontext genauer zu betrachten.9 Ich werde mich dabei auf den zweiten Vorwurf konzentrieren, das heißt auf das propagierte sozialistische Menschenbild, das – so meine These – in Müllers Umsiedlerin konterkariert wird. Der Schriftsteller als Erzieher des »neuen Menschen« Der Aufbau des Sozialismus erfordere die »Erziehung des neuen Menschen« und »die Herstellung völlig neuer Beziehungen zwischen den Menschen«. Die Herausbildung des sozialistischen Menschen sei die größte und wichtigste Aufgabe beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus.10 So war es zu Beginn der Sechzigerjahre in dem Buch Weltall Erde Mensch zu lesen, das alle Jugendweihe-Teilnehmer als Geschenk überreicht bekamen. Der Staat verstand die Erziehung des neuen, sozialistischen Menschen als Angelegenheit von existenzieller Bedeutung: Wie keine andere Gesellschaft zuvor sei die sozialistische Gesellschaft auf »den Menschen, auf seine Reife, sein bewußtes und verantwortliches Handeln und Verhalten angewiesen«,11 schrieb Gerhart Neuner, ein führender Pädagoge in der DDR. Vom »neuen Menschen« war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren oft die Rede; allmählich setzte sich später die bis dahin parallel gebrauchte Bezeichnung »sozialistische Persönlichkeit« durch. Eine marxistisch-leninistische Anthropologie im engeren Sinn gab es nicht. Anhand von vielen Äußerungen, gerade in kulturpolitischen Zusammenhängen,12 lässt sich jedoch das Menschenbild jener Jahre rekonstruieren, das in seiner Genese und Wandlung noch der genaueren Untersuchung bedarf. Die zeitgenössische philosophische Anthropologie wurde grundsätzlich abgelehnt und damit jeglicher Versuch, den Menschen »an sich« zu betrachten. Entscheidend erschien vielmehr die soziale Determiniertheit des Menschen. Im Zusammenhang damit stand eine Betrachtungsweise, die statt eines hypostasierten »Wesens« das Gewordensein des Menschen in den Blick nahm. Seine Beschaffenheit wurde indessen ausschließlich zum Resultat politisch-ökonomischer Verhältnisse erklärt. Dabei berief man sich auf Karl Marx, dessen Thesen über Feuerbach die vielfach zitierte Formulierung beinhalten, das menschliche Wesen sei kein dem Individuum »inwohnendes Abstraktum«, sondern das »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«.13 Im Rückgriff auf Marx, wenn auch in ökonomistischer Verkürzung,14 kam der Arbeit in Bezug auf die Definition des Menschen eine zentrale Rolle zu. Der arbeitende Mensch stand im Mittelpunkt aller Überlegungen, und alle Dimensionen menschlichen Daseins wurden durch den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit bestimmt. Der Aufbau des Sozialismus schien die ökonomische Grundlage dafür zu schaffen, das alte, kapitalistische »Gegen- und Nebeneinander der Menschen« zu überwinden.15 Da aufgrund des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln die privaten mit den gesellschaftlichen Interessen per definitionem übereinstimmten, wurde behauptet, dass sich auch die sozialen Einstellungen und Verhaltensweisen des Einzelnen grundlegend änderten: An die Stelle von Ausbeutung, Klassenantagonismus und Konkurrenz trete »die kameradschaftliche Hilfe und Zusammenarbeit von Ausbeutung befreiter Werktätiger, der bewußte, sozialistische Kollektivismus«, so formulierte der Philosoph Wolfgang Eichhorn.16 Dieser Wandel wurde als Prozess verstanden, bei dem Kollektive wie die Arbeitsbrigade, Partei- oder Gewerkschaftsgruppe eine entscheidende Rolle spielten.17 Vor allem das christliche Menschenbild erfuhr vehemente Ablehnung. Der Mensch sei nicht von Natur aus Egoist und böse, wie es in der Bibel heiße, schrieb Eichhorn. Er wies auch den Vorwurf des Utopismus zurück, der erhoben würde, »weil wir es für möglich halten, den Menschen menschlich zu bilden, die aus der Klassengesellschaft stammenden schlechten Eigenschaften zu bekämpfen und immer mehr das Gute im Menschen zu entwickeln«.18 Den religiösen Denkern und »bürgerlichen Ideologen« warf er vor, von Klassenantagonismen zu abstrahieren, mit der Behauptung einer ewigen menschlichen Natur die Widersprüche des Kapitalismus zu verschleiern und den Blick der Menschen auf eine kleinbürgerliche Freiheitsillusion bzw. ein illusionäres Jenseits zu lenken.19 Die politökonomische Definition des Menschen, gepaart mit dem Glauben an seine Veränderbarkeit,20 ermöglichte ein ungebrochen positives Menschenbild, dem sich der wirkliche Mensch mit dem Aufbau sozialistischer bzw. kommunistischer Verhältnisse zunehmend angleichen würde. Was dem Ideal in der Gegenwart empirisch zuwiderlief, konnte den Überresten kapitalistisch geprägten Bewusstseins angelastet werden. Die Wandlung darzustellen war ein zentraler Bestandteil des Auftrags, den die SED den Künstlern erteilte. Bereits im September 1948 forderte der hochrangige SED-Funktionär Anton Ackermann auf einer Tagung sozialistischer Künstler und Schriftsteller, um den »neuen Menschentyp« zu kämpfen. Habe der zersetzenden Kulturauffassung der Vergangenheit ein Mensch entsprochen, der individualistisch seinen egoistischen Zielen nachgehe, so verlange die Kultur der Zukunft einen anderen Menschentyp, der sich freiwillig in den Dienst der Gesamtheit stelle. Der »in seinem innersten Wesen gewandelte Mensch« werde die Arbeit als ehrenvolle gesellschaftliche Verpflichtung betrachten.21 Ackermann verlangte eine enge Beziehung der Schriftsteller und Künstler zu den Arbeitern und Bauern; sie müssten dort leben, wo sich das »Gesicht des neuen Menschen« forme: in den volkseigenen Betrieben und auf dem befreiten Boden der Bauern.22 Ein Werk, das diese Forderung mustergültig erfüllte, ist Eduard Claudius’ Roman Menschen an unserer Seite (1951), für den der Autor den Nationalpreis erhielt. Hauptfigur ist der Maurer Hans Aehre, der gegen innere und äußere Widerstände einen maroden Ringofen erneuert, ohne ihn während der Reparatur außer Betrieb zu setzen.23 Dieses Beispiel motiviert den alten Direktor der Forschungsabteilung des Werks Dr. von Wassermann, der auf gepackten Koffern sitzt, doch nicht in den Westen zu gehen, da die Menschen »ganz anders […], besser« geworden seien. Ein Mensch wie Aehre sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, sagt er: »Er hat den alten Adam in mir herausgerissen, ganz, und ich, ich bin ein anderer Mensch geworden.«24 Die führende Rolle der Partei formuliert abschließend programmatisch der Parteigruppensekretär des Werks mit dem bezeichnenden Namen Wende: Aehre, ein Arbeiter, sei die entscheidende Kraft gewesen, »weil die lebendige Partei in ihm lebendig« gewesen sei. »Ein einfacher Mensch, und er hat diese Kraft in sich. Wir alle haben diese Kraft in uns, wir müssen es nur wissen …«25 Dem »neuen Menschen«, den die Schriftsteller gestalten sollten, entsprach in der ästhetischen Programmatik des sozialistischen Realismus der positive Held, der auf vorbildliche Weise die gewünschten Eigenschaften verkörpert und zur Identifikation herausfordert. Das Muster dafür lieferte die Sowjetliteratur.26 Auf dem II. Schriftstellerkongress 1950 erklärte der Kulturpolitiker Stefan Heymann unter Berufung auf Gorki, es sei die Aufgabe sozialistischer Schriftsteller, »den Menschen so zu zeigen, wie er ist, wie er sein soll und wie er sein wird«. Es komme auf das felsenfeste Bewusstsein an, dass »die Welt und die Menschen sich ändern in einer fortschrittlichen Entwicklung«.27 Auf dem folgenden Kongress 1952 wurde mehrfach Stalin angeführt, der die Sowjetschriftsteller als »Ingenieure der menschlichen Seele« bezeichnet hatte.28 Die Metapher verrät nicht nur eine technizistisch anmutende Vorstellung von der Konstruierbarkeit des neuen Menschen, sondern auch eine mechanistische Auffassung von der Wirkung literarischer Werke. Schon zu Beginn der Fünfzigerjahre wurde indes deutlich, dass die ideologische Indienstnahme der Schriftsteller zu ästhetisch unbefriedigenden Ergebnissen führte und die Forderung nach dem positiven Helden als Verkörperung des neuen Menschen leblose, plakative Figuren hervorbrachte. Kurt Stern, Journalist und Schriftsteller, monierte auf dem III. Schriftstellerkongress 1952 die »mangelhafte Gestaltung des Wichtigsten, nämlich der Menschen«. Es gebe keine Menschen, die ausschließlich die Steigerung der Produktion, den Kampf für den Frieden oder die Gleichberechtigung der Frau im Kopf hätten. In Wirklichkeit seien die Menschen viel interessanter, viel konfliktreicher, »mit einem Wort: viel menschlicher«.29 In ähnlicher Weise forderte Stefan Heym 1953 »echten Realismus«. Das Volk wolle nicht »jene elenden Stopfgänse, in denen alles vom sich nie betrinkenden Aktivisten bis zum edlen Jungen Pionier, eitel Wonne und Glück, und ein ach so keusches Küßchen von der jungen Traktoristin dazu« nach bekanntem Schema enthalten sei.30 Nach zwischenzeitlicher Milderung des Drucks verschärfte sich der Ton infolge des Ungarnaufstands 1956 wieder. Auf der Kulturkonferenz des ZK der SED im Oktober 1957 betonte Wilhelm Girnus mit unverkennbarer Drohgebärde, dass die »sozialistische Kulturrevolution« ein Machtkampf gegen die bürgerliche Ideologie in Kunst und Literatur sei, ein Prozess, der nicht allein mit »geistigen Mitteln« zu bewältigen sei, sondern den die sozialistische Staatsmacht durchsetzen müsse.31 Die SED-Führung forderte auf dem V. Parteitag 1958 literarische Werke, die den »Kampf um die Wandlung der Menschen beim sozialistischen Aufbau« darstellen, die die großen Gedanken und Gefühle der »neuen Helden« und das Ringen um die »höhere Moral des Sozialismus« zeigen.32 »Literatur unserer Gegenwart – das ist Literatur vom Werden des neuen Menschen!«, formulierte 1958 auf einer Parteikonferenz des Schriftstellerverbands die Kulturwissenschaftlerin Johanna Rudolph.33 Walter Ulbricht kritisierte auf der Bitterfelder Konferenz im April 1959, die Schriftsteller hätten in manchen Industrie-Romanen nur unzureichend gezeigt, wie sich der neue Mensch forme, und nicht erkannt, dass der Aufbau des Sozialismus »vor allem eine Aufgabe der Erziehung des Menschen« sei.34 Nur wenige Monate vor dem Umsiedlerin-Skandal forderte Ulbricht auf dem V. Deutschen Schriftstellerkongress im Mai 1961 abermals, das Bild des »neuen Menschen« mit seinen Konflikten, seiner Schönheit und Würde zu zeichnen.35 In dieser Phase verstärkter Bemühungen der Partei- und Staatsführung, die Schriftsteller in die ideologische Erziehung des neuen, sozialistischen Menschen einzubinden, entstand Heiner Müllers Umsiedlerin. Zu viel Shakespeare und zu wenig Volkspädagogik Die der Literatur zugewiesene Funktion der Bewusstseinsbildung zwecks Motivierung für den sozialistischen Aufbau schloss Ambiguität und Polyvalenz aus; stattdessen wurden Verständlichkeit und eine klare Aussage gefordert.36 Implizit bedeutete das auf dem Gebiet der Dramatik normative Vorgaben, wie eine kohärente Haupthandlung mit eindeutigem Schluss, realistische Darstellungsmittel, verständlicher Sprachgebrauch, ein überschaubares, klar gegliedertes Personal und wenigstens eine Figur, deren Perspektive übergeordnet ist und die die intendierte Rezeptionsperspektive formuliert.37 So ist beispielsweise Erwin Strittmatters Schauspiel Katzgraben (Uraufführung Mai 1953), das den Fortschritt auf dem Lande zeigt und an dem Müllers Umsiedlerin gemessen wurde, überschaubar in vier Akte und einen Epilog unterteilt; die Figuren lassen sich in fortschrittliche, schwankende und rückständige, den Egoismus der alten Zeit verkörpernde Akteure gruppieren. Insgesamt vermittelt das Stück eine optimistische Sicht auf den sozialistischen Aufbau und die Lösbarkeit aller Probleme durch Wissenschaft und Technik. Im vierten Akt wird anlässlich der endlich fertiggestellten Straße vom Dorf zur Stadt und der Ankunft der Traktoren ein Fest gefeiert. Parteisekretär Steinert fasst die vorbildliche Arbeitsmoral in Worte: »Wer gerne schafft, der freut sich gern und macht / am Ende aus der Arbeit ein Vergnügen.«38 Schon der erste Blick auf die Umsiedlerin zeigt einen deutlichen Kontrast. Dem Auftrag, die »neuen Helden« (der Arbeit) zu zeigen und so die Menschen für den Aufbau des Sozialismus zu begeistern, entsprach die Komödie nicht in der gewünschten schlichten »volkspädagogischen« Weise.39 Müller verzichtete auf die klassische Akt- und Szeneneinteilung und gliederte das Stück in fünfzehn Bilder von höchst unterschiedlicher Länge. Das Personal ist umfangreich; es umfasst über dreißig Figuren, die teils mit Namen, teils nur mit Funktion genannt werden. Hinzu kommen zwei offenkundig nicht realistische Gestalten, nämlich die »Gespenster« von Friedrich II. und Hitler. Die Landbevölkerung, die auf der Bühne agiert, ist sozial breit gefächert: Bei den Bauern wird zwischen alteingesessenen Mittel- bzw. Großbauern sowie Neubauern unterschieden; Letztere sind Umsiedler oder frühere Gutsarbeiter. Eine weitere Figurengruppe bilden die Funktionäre: Parteiagitator und Bauer Flint, Bürgermeister Beutler, ein SED-Kreissekretär, ein Landrat und die FDJler Siegfried und Heinz. Nur wenige Frauen gewinnen eigene Kontur: die Umsiedlerin Niet, die erste Frau des Parteisekretärs (Flinte 1), dessen zweite Frau (Flinte 2) und die junge Schmulka, Tochter eines Mittelbauern. Hinzu kommen ein Wirt, zwei Schwarzmarkthändler, der Außenseiter Fondrak und Figuren wie Flüchtling, Pastor und weitere, die nur kurze Auftritte haben. Eine erste Herausforderung an den Leser respektive Zuschauer besteht darin, die zahlreichen Figuren nach ihrer sozialen und politischen Zugehörigkeit überhaupt zu erfassen. Statt einer kohärenten Handlung mit eindeutiger Rezeptionsperspektive entfaltet das Stück eine polyphone Stimmenvielfalt, die nach Brechts Vorbild dem Zuschauer keine Identifikationsfigur bietet, sondern ihn dazu aktivieren soll, seine eigene Position zu finden.40 Die sprachliche Gestaltung ist höchst artifiziell. Die Bauern sprechen keine Alltagssprache, auch wenn Müller ihnen Redewendungen und deftige Vokabeln in den Mund legt. Er nutzt Formen sprachlicher Ironie wie die sogenannten Sagwörter. Beispielsweise spottet ein Arbeiter, als Altbauer Treiber sein Land nicht in die LPG einbringen will: »Süßer Tod, sagte der Möbelpacker, als ihm der Geldschrank das Kreuz brach« (283). Die Figurenrede ist anspielungsreich und rhetorisch geschliffen.41 Auffallend ist der Wechsel zwischen Prosa und Vers, wobei Müller in den Verspassagen häufig das Enjambement nutzt, Satzgliederung und Versgrenze also nicht übereinstimmen, und dadurch die thematisierten Schwierigkeiten auch auf der stilistischen Ebene gezeigt werden. Der Dramatiker Peter Hacks, der Müller in den Kontroversen um die Umsiedlerin verteidigte, indem er poetologisch argumentierte, deutete diesen Wechsel und den frei gehandhabten Blankvers als Mittel der Verfremdung: Wie der Jambus42 immer wieder neu produziert werden müsse, müsse auch der Sozialismus immer wieder neu produziert werden, und wie die Prosa den Vers verfremde, so verfremde die Konfrontation mit dem Kapitalismus den Sozialismus.43 Allerdings lässt sich auch eine literaturgeschichtliche Dimension geltend machen. Schon in Shakespeares Dramen wechselten Vers- und Prosapassagen, und der Blankvers bürgerte sich im Zuge der Shakespeare-Rezeption im deutschsprachigen Drama ein. Shakespeare war für die jungen Autoren des Sturm und Drang die überragende Autorität auf dem Gebiet der Dramatik; er stand für ein Regeln brechendes Theater und einen »anthropologischen« Blick auf den Menschen. Der junge Lenz begeisterte sich für Shakespeares Dramengestalten: Die Könige hätten warmes Blut in schlagenden Herzen und seien Menschen auch unterm Reifrock.44 Ebenso bezeichnend ist eine Äußerung des jungen Goethe: »Und ich rufe, Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespears Menschen.«45 Müller machte mit seinen Figuren genau das, was Lenz in ein so anschauliches Bild gekleidet hat: Er degradierte sie nicht zu Sprachrohren parteipolitischer Erziehungskonzepte, sondern schaute ihnen unter den Rock. Und er hielt sich wie die jungen Stürmer und Dränger nicht an die strenge »Regelpoetik« seiner Zeit mit ihren ideologisch motivierten Vorgaben. Folglich kritisierte der Kulturfunktionär Alfred Kurella die offene Form der Umsiedlerin als Verzicht des Künstlers, das »Wesen der Dinge« zu erfassen und die Einzelheiten zu einem Ganzen zu ordnen.46 Der alte Adam Die Figuren in der Umsiedlerin thematisieren mehrfach explizit das Spannungsverhältnis zwischen dem »alten« und dem gewünschten »neuen Menschen«, sodass die Bezugnahme auf den zeitgenössischen Diskurs offenkundig ist. Zusätzlich wird die Formbarkeit des »neuen Menschen« auf implizite Weise problematisiert. Einige Beispiele sollen das im Folgenden belegen. Das Stück setzt, wie schon gesagt, mit der Bodenreform ein. Altbauer Rammler sagt zum Neubauern Kaffka, der es ablehnt, von ihm ein Pferd zum Pflügen um den Preis der halben Ernte zu leihen: […] Zum / Ausbeuter ist der Mensch geborn, du auch. Das wäscht dir kein Regen ab, das ist Natur Der Herrgott hat dich so geschaffen, mach was. […] Ich / Hätt auch gern Kommunismus, die Idee Ist gut. Wenn nur die Menschen besser wärn. Der Kommunismus ist was für die Zeitung. (188 f.) Rammler benutzt zur Rechtfertigung seines Verhaltens eine christlich eingefärbte Position, die in scharfem Kontrast zum sozialistischen Menschenbild steht: Der Mensch hat eine unveränderliche Natur, und die ist egoistisch.47 Diese negative Anthropologie ist als Figurenrede perspektivgebunden und daher zu relativieren: Rammler ist Altbauer und entging der Enteignung nur knapp. Charakterisiert ist er zudem als politischer Opportunist, denn er war unter Hitler Ortsbauernführer mit Ambitionen auf ukrainischen Großgrundbesitz und ist nun CDU-Mitglied mit resistenten antisemitischen Denkmustern.48 Er wisse, dass er »kein neuer Mensch« (274) sei, sagt er, als er schließlich seinen Sitz im Gemeinderat verliert. Später entzieht er sich der Kollektivierung durch die Flucht in den Westen. Dieser Bauer ließe sich problemlos in das offizielle Literaturkonzept integrieren im Sinn einer Figur, die das alte, auf Egoismus und Unterdrückung beruhende System verkörpert und damit zugleich die Schwierigkeiten, die beim Aufbau des Sozialismus zu überwinden sind. Anders liegen hingegen die Dinge beim jungen Siegfried, der als FDJler und überzeugter Anhänger der sozialistischen Umgestaltung auftritt; er lobt die Pioniertaten der Sowjetunion und zeigt sich entsprechend belesen. Aber – er konkurriert mit Heinz, einem anderen FDJler, um die Gunst der Tochter des Mittelbauern Schmulka, die keine Lust auf die Lektüre von Lenins Kommunistischer Moral hat, sondern vom baldigen Leben in westlichem Wohlstand träumt. Zudem macht sie den Männern, vor allem Traktoristen, schöne Augen. Der agitierende Siegfried, den sie mit seinen Büchern stehen lässt, muss sich entscheiden. Seinem politischen Bewusstsein und der damit verbundenen Moral stehen seine sexuellen Wünsche entgegen: Er wolle, dass die Schmulka ein »neuer Mensch« werde, sie aber wolle, dass er ihr erst »einen neuen Menschen mach« (238). Für sein nicht zu unterdrückendes Begehren findet er eine originelle Umschreibung: Als Mitglied (der FDJ) habe er zwar ein Bewusstsein, aber: Der Mensch ist ein Ensemble, und als Mensch  Der ein Ensemble ist, hab ich ein Mitglied Das kein Bewußtsein hat. Es ist spontan Springt von der Linie ab, versteift sich auf Den eignen Vorteil, stellt sich gegen die Leitung Stößt die Beschlüsse um. Ein Widerspruch. Wo ist die Lösung? (238) Durch die erotischen Konnotationen wird nicht nur die Sprache der Partei auf satirische Weise verwendet; konterkariert wird auch das oben zitierte Marx-Wort vom Wesen des Menschen, das das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse sei. Hier hingegen wird der Mensch zum Ensemble von Körperteilen, und die Fortpflanzungsorgane lassen sich eben nicht problemlos von der Ratio dirigieren. Auch den wichtigen marxistischen Begriff des Widerspruchs verschont Müller nicht. Siegfried findet in den Büchern keine Antwort auf sein Problem und kommt zu der Erkenntnis, dass es ohne Widersprüche dreimal schneller mit dem Kommunismus ginge: »Wieviel Moral, wenn nicht die Liebe wär.« (238) Dann löst er seinen »Widerspruch« auf wenig vorbildliche Weise: Er zieht das FDJ-Hemd aus und läuft ohne seine Bücher der Schmulka hinterher. Müller zeigt in dieser brillanten kleinen Szene eine zentrale Aporie des sozialistischen Menschenbilds. Er lässt die Theorie an der Triebnatur des Menschen scheitern, und zwar – das ist wichtig – nicht bei einer vom alten System deformierten Figur, sondern bei einem politisch »richtig« orientierten Vertreter der jungen Generation, auf die der Staat in besonderem Maße seine Erziehungsanstrengungen richtete. Der Anti-Held Siegfried ist kein Einzelfall. Flint, eine der Hauptfiguren, Bauer, Parteiagitator, der in drei Dörfern den »Klassenkampf ankurbeln« muss (206) und zuletzt neuer Bürgermeister wird, zeigt dieselbe Schwachstelle. Er erscheint durchaus als glaubwürdiger Kommunist, der 1918 an der Revolution teilnahm, in der Weimarer Republik für seine Überzeugungen geradestand und unter Hitler fünf Jahre lang im Konzentrationslager litt. Nach der Entlassung jedoch nimmt er sich eine junge Frau (Flinte 2) und verlässt seine erste Frau (Flinte 1), die ihm die Treue gehalten hat, aber durch Schwangerschaften und Arbeit verbraucht und zudem als frühere Stallmagd ungebildet ist. Das Wortpaar alt/neu setzt Müller hier wie an anderen Stellen in antithetischer Entgegensetzung ein: »Das Fahrrad hat er mitgenommen ins neue Leben, die Frau war ihm zu alt« (234), sagt Flinte 1 zum SED-Kreissekretär, der Flint daraufhin zur Rückgabe des Rads zwingt. »Wie willst du den Staat lenken, wenn dir der Schwanz übern Kopf wächst« (235), tadelt der Sekretär, und Bürgermeister Beutler spottet: »Er hält sich an die Jugend neuerdings. / Kommunist von Kopf bis Fuß. Die Mitte sperrt sich.« (263) Flint hat als Figur noch mehr Facetten, wünscht sich einerseits Gewaltmittel für die Durchsetzung der neuen Ordnung,49 wie schon sein sprechender Name signalisiert, und wird vom Kreissekretär gemäßigt, zeigt sich andererseits milde gegen den rechtzeitig vom Strick geschnittenen Altbauern Treiber, der nicht in die LPG eintreten will, denn dieser habe wie alle Bauern hart gearbeitet und werde auch weiter ein hartes Leben führen (286). Sich selbst vergleicht er mit Moses, der nach entbehrungsreichem Exodus das Gelobte Land nur sehen durfte, es selbst aber nicht erreichte (236). In seiner ehelichen Untreue wird Egoismus, aber auch verständlicher Lebenshunger deutlich; man wolle »noch was leben« (239) nach fünf Jahren Lager, sagt er zu seiner Frau. Müller rekurriert mit der Figur Flints auf die Entbehrungen, die viele Kommunisten auf sich nahmen, und auf die asketische Moral, die zum Bild vom »neuen Menschen« gehörte. Auf der literarischen Ebene ist Flint eine mehrdimensionale Figur, die interessanteste des Stücks; im Sinne des sozialistischen Realismus taugt er jedoch wenig zum positiven Helden. Den stärksten Einspruch gegen Triebaufschub und Askese erhebt Fondrak, der Shakespeares Narrenfiguren ähnelt.50 Er hat die Umsiedlerin Niet geschwängert, ohne Verantwortung für sie und das Kind zu übernehmen, und ist durch das Verlangen nach Zigaretten und Frauen, vor allem aber einen unstillbaren Bierdurst charakterisiert: »Ein Bier und vor dir steht ein Kommunist, Flint.« (252) Ebenso wie die gewünschte Bewusstseinsbildung verspottet er das kommunistische Arbeitspathos: »Arbeit ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit« (252). Seinen sexuellen Appetit bemäntelt er mit aktuellen Meldungen von der Produktionssteigerung, und gegenüber dem Agitator deutet er die kommunistischen Zukunftsversprechen zu seinen Gunsten: »Jeder nach seiner Fähigkeit, schreibt deine Zeitung. Und nach dem Bedürfnis. Du kennst mein Bedürfnis, du kennst meine Fähigkeit. Lügt deine Zeitung? Ein Bier oder ich zeig dich an, Flint, wegen Feindpropaganda.« (252 f.) Fondrak verkörpert die vitalen, selbstbezüglichen Bedürfnisse des Menschen als Teil von dessen »Natur« und nicht als Depravierung durch ein ausbeuterisches System. Und noch eine wichtige Figur, Bürgermeister Beutler, stellt die erhoffte Formung eines neuen Menschen unter neuen Verhältnissen infrage. Beutler war früher Gutsmelker, entstammt somit der »ausgebeuteten Klasse« und profitiert vom Sozialismus, wäre also ein Kandidat für die Rolle des positiven Helden. Aber er wirtschaftet in die eigene Tasche, wie schon sein Name andeutet. Die Altbauern, denen er sein Amt verdankt, deckt er beim illegalen Schlachten; er verweigert dem verzweifelten Neubauern Ketzer die Unterstützung gegen den unbarmherzigen Altbauern Treiber, woraufhin sich Ketzer erhängt; dem flüchtenden Bürgermeister eines anderen Dorfes, den die Polizei wegen Korruption sucht, gibt er ein Fahrrad und kassiert ihn ab, zeigt ihn aber wenig später an. Er plant im Voraus heftige Selbstkritik, um als »neuer Adam« aus der Taufe zu steigen (204), und als er dann tatsächlich vom Landrat abgesetzt wird, will er als »neuer Mensch« in seiner »alten Stellung« aktive Reue zeigen (273). Beutler ist korrupt, opportunistisch und egoistisch, eben auch ein alter Adam. Die anderen Figuren haben ebenfalls wenig vom neuen Menschen an sich: Altbauer Treiber ist ein erbarmungsloser Schuldeneintreiber; und in den Neubauern lebt die Lust auf Privateigentum auf, als der SED-Kreissekretär zum Schein die beiden Traktoren verlosen will, die das Dorf erhalten hat. Senkpiel junior, der Sohn eines Mittelbauern, verschiebt Ferkel; Sieber, der »Eierschieber« in Westkluft, bringt Westillustrierte und amerikanische Zigaretten ins Dorf; der Traktorist pflügt zuerst die Felder derjenigen Bauern, die willige Töchter haben; der Wirt Krüger verdünnt das Bier; der Sollerfasser setzt sich in den Westen ab; eine Bäuerin will kein Laken hergeben zum Verbinden des verletzten Traktoristen, der beim Pflügen über eine Miene gefahren ist. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Anstößig im Sinn der offiziellen Literaturdoktrin ist, dass sich keine Figur wandelt, und zu all den Defiziten im Einzelnen kommt, dass sich nirgendwo die beschworenen neuen Beziehungen zwischen den Menschen zeigen. Die neuen Verhältnisse bringen keine höhere, nicht-egoistische Moral hervor, die Figuren bilden keine »Kollektive«, vielmehr sorgt ein jeder nur für sich. Einzige Ausnahme sind die Frauen, die am Ende des Stücks ansatzweise Zusammenhalt entwickeln und sich emanzipieren: Niet, die Umsiedlerin, übernimmt nach Fondraks Weggang in den Westen die Neubauernstelle von Ketzer und bleibt vorerst bewusst alleinerziehende Mutter; Flinte 1 will ihr bei der Arbeit helfen und ermuntert erfolgreich Flinte 2, sich Flints eigennützigen Wünschen zu widersetzen.51 Ein ironisches Bravourstück liefert Müller mit der abschließenden Szene: Altbauer Treiber wird als letzter renitenter Bauer des Dorfes zum Eintritt in die LPG gedrängt; als »neuer Mensch« steht er bereits »auf dem Papier« (283), ist also schon an die Kreisleitung als Erfolg gemeldet worden. Treiber jedoch verweigert den »Umzug aus dem Ich ins Kollektiv« (283) und hängt sich auf, wird aber rechtzeitig vom Strick geschnitten und unterschreibt den Antrag auf Eintritt in die LPG. »Du bist der erste / Der über seine eigne Leiche eintritt« (286), sagt Siegfried nach vorangegangener Agitation zu ihm, und Treiber antwortet seiner aus der Ohnmacht erwachenden Frau, die wissen will, ob sie nun »im Himmel oder in der Hölle« seien: »Fürs erste sind wir in der LPG.« (287) Dann gehen die beiden frischgebackenen LPG-Mitglieder zum Vorstand, um sich Krankenscheine zu besorgen. Die Szene zeigt, dass die Kollektivierung der Landwirtschaft bildlich gesprochen über Leichen ging, also keineswegs auf Überzeugung beruhte,52 sie zeigt aber sozusagen auch eine komische Variante der »Auferstehung von den Toten«, die den alten Adam ins neue, irdische Paradies setzt. Der »neue Mensch«, so lässt sich dies deuten, ist eine Karteileiche. Das anthropologische Tabu Nahezu alle Figuren werden durch egoistische oder sexuelle Begierden angetrieben, die in der zeitgenössischen Propaganda vom »neuen Menschen« entweder tabuisiert oder dem kapitalistischen System angelastet wurden.53 In der Stellungnahme des Schriftstellerverbands heißt es abwehrend, das Stück wimmle von »pornographischen Dialogen«.54 Da Müller sich damals selbst als Marxist verstand,55 liegt die Vermutung nahe, dass er zentrale Aporien des sozialistischen Menschenbilds unwillentlich aufdeckte. Die unlösbaren Widersprüche sind derart wirkungsvoll in Szene gesetzt, dass die Machthaber nur mit Machtmitteln zu reagieren wussten. Letztlich stellte die Umsiedlerin gerade durch die Anspielungen auf das christliche Menschenbild unerwünschte Fragen nach der Beschaffenheit des Menschen »an sich« und problematisierte dessen Erziehbarkeit. Dies wurde in einigen zeitgenössischen Gutachten als anthropologischer Pessimismus kritisiert. Der Schriftstellerverband kam zu dem Ergebnis, das Stück spiegele »Verachtung« und »Unglauben an das Positive im Menschen wider«,56 und auch Franz Fühmann war irritiert: Müller habe alles »schwarz in schwarz« gemalt und zeige keine »innere Entwicklung, die einen auch nur hoffen ließe«.57 Unter dem Rock steckt überall der alte Adam, der nur durch Zwangsmittel für das neue Paradies zuzurichten ist. Muss sich der Zuschauer von Brechts Schauspiel Der gute Mensch von Sezuan fragen, wie der Mensch gut in einer schlechten Welt sein kann, so provoziert Müllers Umsiedlerin die Frage, ob nicht zu befürchten ist, dass der Mensch schlecht bleibt in einer guten, sozialistischen Welt. Und anders als in Strittmatters Katzgraben verkündet der Parteipolitiker und Bürgermeister Flint, der das letzte Wort bekommt, keine sozialistische Arbeitsfreude, sondern spricht nach dem verhinderten Selbstmord des Mittelbauern Treiber ein rhetorisch kunstvoll formuliertes Memento mori: »Das Feld ging übern Bauer und der Pflug / Seit sich die Erde umdreht in der Welt. / Jetzt geht der Bauer über Pflug und Feld. / Die Erde deckt uns alle bald genug.« (287)58 Bei einer Aussprache, die mit Müller und Tragelehn im Ministerium für Kultur geführt wurde, ordnete der Autor sein Stück als »historische Komödie« ein und sagte, er habe den erreichten Stand der gesellschaftlichen Entwicklung als so positiv eingeschätzt, dass man mit bereits überwundenen negativen Erscheinungen in Komödienform abrechnen könne. Tragelehn fragte die Gegenseite, ob sie nicht wenigstens der Meinung sei, dass das Stück in fünfzig Jahren komisch sein würde.59 Diese fünfzig Jahre sind inzwischen vergangen, und rückblickend erscheint Müllers Umsiedlerin als herausragendes Werk der DDR-Dramatik um 1960, das mit den Mitteln der Literatur den Sozialismus respektive Kommunismus auf seine »menschliche« Grundlage befragt. 1* Ein Dank geht an B. K. Tragelehn, der freundlicherweise die Fotografien für diesen Beitrag aus seinem Privatarchiv zur Verfügung gestellt hat. 1 Heiner Müller: Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande, in: ders.: Werke, Bd. 3, hg. von Frank Hörnigk, Frankfurt/M. 2000, S. 181–287, hier S. 272. Im Folgenden werden Zitate aus dem Schauspiel mit Angabe der Seitenzahl in runden Klammern unmittelbar hinter der Textstelle nachgewiesen. 2 Die Vorgänge um die Aufführung der Umsiedlerin sind ausführlich dargestellt worden von Marianne Streisand: Der Fall Heiner Müller. Dokumente zur »Umsiedlerin«. Chronik einer Ausgrenzung, in: Sinn und Form (1991), H. 3, S. 429–486; Matthias Braun: Drama um eine Komödie. Das Ensemble von SED und Staatssicherheit, FDJ und Ministerium für Kultur gegen Heiner Müllers »Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande« im Oktober 1961, Berlin 1995. 3 Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen, Köln 1992, S. 169. Die Verhaftung wurde tatsächlich in Erwägung gezogen; siehe Braun: Drama um eine Komödie (Anm. 2), S. 62. 4 Walter Ulbricht: Schlußwort zur 1. Bitterfelder Konferenz (1959), in: Kritik in der Zeit. Der Sozialismus – seine Literatur – ihre Entwicklung, Halle 1970, S. 460. Zur DDR-Kulturpolitik der frühen Jahre siehe auch Wilfried Barner (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, München 1994, besonders S. 116–130 u. 274–306. 5 Hans Jürgen Geerdts: Unsere Literatur und das Neue auf dem Lande (1957), in: Kritik in der Zeit (Anm. 4), S. 428. 6 Ulbricht: Schlußwort (Anm. 4), S. 460. 7 Walter Ulbricht: Über Fragen der sozialistischen Bewußtseinsbildung. Antwort des Ersten Sekretärs des ZK der SED […] auf dem Diskussionsabend des Deutschen Kulturbundes in Halle am 21. April 1958 [o. O. 1958], S. 61. 8 Müller hatte ein Stipendium erhalten und entwickelte das Stück während der zweijährigen Proben mit den Studenten. »Wir waren ganz heiter, fanden das so richtig sozialistisch, was wir da machten, die Studenten auch, die hatten eine große Freude daran«, urteilte er retrospektiv; Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht (Anm. 3), S. 162. 9 Siehe dazu den Überblick von Ulrich Profitlich: »Beim Menschen geht der Umbau langsamer«. Der »neue Mensch« im Drama der DDR, in: ders. (Hg.): Dramatik der DDR, Frankfurt/M. 1987, S. 297–326, zu Heiner Müllers frühen Stücken S. 302–307. 10 Weltall Erde Mensch, Berlin 1963, S. 478. 11 Gerhart Neuner: Sozialistische Persönlichkeit – ihr Werden, ihre Erziehung, Berlin 1975, S. 9. 12 Als repräsentative Quelle dafür kann Meyers Neues Lexikon herangezogen werden, wo es heißt, das Menschenbild sei ein wesentlicher Aspekt jeder Weltanschauung; in der marxistisch-leninistischen Philosophie sei der Terminus jüngeren Datums und vor allem dem Bedürfnis entsprungen, die Leistungen sozialistisch-realistischer Kunst zu analysieren; Meyers Neues Lexikon, Bd. 9, Leipzig 1974, S. 300. 13 Karl Marx: [Thesen über Feuerbach], in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1969, S. 6. 14 Siehe Wulf D. Hundt: Arbeit, in: Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Enzyklopädie Philosophie, Bd. 1, Hamburg 1999, S. 82–88, zu Marx S. 86 f. 15 Neuner: Sozialistische Persönlichkeit (Anm. 11), S. 42. Weiter heißt es dort: »Vom Ich zum Wir! – das wurde in unserer Republik zu einer Losung, die diesen Prozeß der Herausbildung neuer Formen der sozialen Beziehungen wesentlich charakterisiert.« 16 Wolfgang Eichhorn (I.): Von der Entwicklung des sozialistischen Menschen, Berlin 1964, S. 200. 17 Die Erziehung des neuen Menschen erfolge vor allem durch das Kollektiv, heißt es beispielsweise in Weltall Erde Mensch; der Einzelne gebe sein Bestes für das Kollektiv, und das Kollektiv helfe ihm, »seine kleinbürgerlichen, individualistischen Gewohnheiten abzustreifen und alle seine Fähigkeiten zu entfalten«, in: Weltall Erde Mensch (Anm. 10), S. 481. 18 Eichhorn: Von der Entwicklung (Anm. 16), S. 41. Zu diesen schlechten Eigenschaften gehörten »Prinzipien der Ausbeuterordnung« wie Individualismus, Egoismus, Geiz, Habsucht, Raub, Ausbeutung, das Recht des Stärkeren, Chauvinismus und Nationalismus; ebd., S. 49. 19 Ebd., S. 23 f. 20 Ein Kerngedanke der Marx’schen Lehre sei die »Entwicklung und Veränderung des Menschen«, schrieb der Pädagoge Neuner in: ders.: Sozialistische Persönlichkeit (Anm. 11), S. 20. 21 Elimar Schubbe (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED, Stuttgart 1972, S. 92. 22 Ebd., S. 93. 23 Denselben Vorfall aus dem Jahr 1949 in einem Berliner Betrieb griff Heiner Müller in seinem Drama Lohndrücker auf. 24 Eduard Claudius: Menschen an unserer Seite, 41. bis 60. Tausend, Berlin 1952 (zuerst 1951), S. 330 u. 396. 25 Ebd., S. 396. Mit Andrytzki gibt es außerdem die Figur eines bildenden Künstlers, der als Techniker im Werk arbeitet, also dort, wo sich das »Gesicht des neuen Menschen« formt, und nach einem inneren Klärungsprozess in seinen Kunstwerken die neuen Beziehungen zwischen den Menschen darstellen kann. 26 So wies beispielsweise Volksbildungsminister Paul Wandel auf dem III. Deutschen Schriftstellerkongress im Mai 1952 auf den »Lehrmeister« Sowjetunion hin. Den größten Mangel der Literatur in der DDR sah er darin, dass das »neue Leben und vor allem die neuen Menschen, der neue Held unserer Zeit« noch nicht gestaltet worden seien; siehe Carsten Gansel (Hg.): Erinnerung als Aufgabe? Dokumentation des II. und III. Schriftstellerkongresses in der DDR 1950 und 1952, Göttingen 2008, S. 281–283. 27 Ebd., S. 174. 28 Dieses Zitat gebrauchten in ihren Ansprachen Alexander Abusch (ebd., S. 267) und der sowjetische Lyriker Stepan Schtschipatschow (ebd., S. 288). Stalin soll den Ausdruck im Oktober 1932 bei einer Zusammenkunft mit Schriftstellern im Haus von Maxim Gorki gebraucht haben; siehe Alexander Abusch: Der neue Held in der Sowjetliteratur, in: ders.: Literatur und Wirklichkeit. Beiträge zu einer neuen deutschen Literaturgeschichte, Berlin 1953, S. 287 f. Zwei Jahre später, auf dem 1. Allunionskongress der Schriftsteller in Moskau 1934, wurde Stalin diesbezüglich mehrfach zitiert, ausführlich vom Kulturpolitiker Andrej Ždanov; siehe Hans-Jürgen Schmitt/Godehard Schramm (Hg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt/M. 1974, besonders S. 47–49. 29 Gansel: Erinnerung als Aufgabe? (Anm. 26), S. 483. 30 Stefan Heym: Das Volk will echten Realismus – Beobachtungen zum literarischen Leben in der DDR, in: Schubbe: Dokumente (Anm. 21), S. 299. Heiner Müller spielt in der Umsiedlerin ironisch auf die sozialistische Dorfliteratur an. Der FDJler Heinz bringt mit der Schubkarre den Bauern Bücher, die verballhornte Titel tragen wie Die Furchen singen und Das Morgenrot des Traktoristen. 31 Kulturfragen sind Machtfragen [Diskussionsbeitrag von Wilhelm Girnus für die Kulturkonferenz des ZK der SED, 23. und 24. Oktober 1957], in: Schubbe: Dokumente (Anm. 21), S. 508 f. 32 Bericht des Zentralkomitees an den V. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin 1958, S. 120 f. 33 Johanna Rudolph: Probleme des Realismus in unserer Literatur, Berlin 1958, S. 30. 34 Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kultur (Rede Walter Ulbrichts […] in Bitterfeld, 24. April 1959), in: Schubbe: Dokumente (Anm. 21), S. 554–556. 35 V. Deutscher Schriftstellerkongreß. 25. bis 27. Mai 1961. Referate und Diskussionsbeiträge, Berlin [1962], S. 9. Die Entschließung, die der Kongress verabschiedete, griff diese Worte auf: »Wir sind aufgerufen, das Bild des neuen Menschen zu gestalten, der unsere Epoche bestimmt, seine neuen Beziehungen zum Mitmenschen, zur Gesellschaft und zur Welt.«; ebd., S. 313. 36 Im Artikel »Gestaltung« des Kulturpolitischen Wörterbuchs, das 1970 im Dietz-Verlag Berlin erschien, heißt es: »Es ist ein wesentliches Charakteristikum gerade des realistischen Kunstschaffens, daß sich der Künstler im G[estaltungs]prozeß ständig der Aufgabe bewußt ist, seine Ideen in einer solchen Weise künstlerisch zu gestalten, daß sie, seinem Anliegen entspr[echend], von seinem Publikum adäquat verstanden werden.«, S. 190. 37 Jürgen Schröder hat auf die Analogien zwischen der Aufbaudramatik und den Besserungsstücken der frühen Aufklärungskomödie hingewiesen: klarer Aufbau, simple Eigenschaftspsychologie, klischeehafte Dialoge; siehe Jürgen Schröder: Brecht oder Wolf? Alternativen eines sozialistischen deutschen Theaters, in: Barner (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur (Anm. 4), S. 155. 38 Erwin Strittmatter: Katzgraben. Szenen aus dem Bauernleben, Berlin 1954, S. 105. 39 Es gab kaum eine zeitgenössische Verlautbarung, die der Komplexität des Dramas gerecht wurde. Eine der wenigen Ausnahmen war die Stellungnahme des Leiters des Bertolt