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JHK 2013

Inhaltsverzeichnis

JHK 2013

Im Schatten der Stalin-Note. Der Kreml und Kekkonens Initiative für ein neutrales Skandinavien

Peter Ruggenthaler

Nach 1945 sah sich die sowjetische Führung unter Stalin bis zu dessen Tod mehrmals mit Neutralitätsinitiativen konfrontiert. Die Amerikaner boten 1946 einen Plan zur Entmilitarisierung Deutschlands (Byrnes-Plan) an, der in Moskau auf Ablehnung stieß und intern als Untergrabung sowjetischer Positionen in Europa gesehen wurde: In Konsequenz würde er nicht nur zur Aufgabe Ostdeutschlands führen, sondern generell die sowjetische Truppenpräsenz in Mittelosteuropa infrage stellen.1 1947 ergriffen die Schweden die Initiative und propagierten mittels Schaffung einer Nordischen Verteidigungsunion die Ausdehnung der Neutralität auch auf Norwegen und Dänemark. Auch dazu verhielt man sich im Kreml ablehnend. Die Praxis zeige, so die Analysten des sowjetischen Außenministeriums, dass von »Neutralität keine Rede sein kann«. Die Debatten wurden vielmehr als schwedischer Versuch gewertet, den sowjetischen Einfluss in Finnland zu neutralisieren.2 1952 wurde hinsichtlich dreier Schauplätze über die Neutralität und Neutralisierung debattiert: Die Westmächte schlugen Moskau zur Beendigung der Vier-Mächte-Besatzung Österreichs eine Neutralisierung des Landes vor (mit künftiger freier Bündnisoption),3 und der finnische Ministerpräsident startete eine Offensive und propagierte die Verbreitung der Idee der Neutralität auf die nordischen Staaten. Dies alles geschah im Schatten des in die Geschichtsbücher als »Stalin-Note« eingegangenen sowjetischen »Angebots« vom 10. März 1952, Deutschland wiederzuvereinen, wenn es fortan einen neutralen Kurs zwischen West und Ost verfolgen würde. Sowjetische Akten haben in den letzten Jahren deutlich gezeigt, dass Stalin 1952 keineswegs dazu bereit war, die DDR zu opfern, sondern mit seinem »Neutralitätsangebot« für Deutschland genau das Gegenteil verfolgte, nämlich die Erlangung einer Art Legitimierung für eine festere Anbindung der DDR an den Ostblock.4 Jegliche Schuld für die Manifestierung der deutschen Teilung wurde den Westmächten in die Schuhe geschoben und die Unterzeichnung des Generalvertrages mit der BRD im Mai 1952 als Anlass genommen, die innerdeutsche Demarkationslinie abzuriegeln. Mit dem »Kampf gegen die Remilitarisierung« traf die sowjetische Propaganda zudem auch in weiten westdeutschen Bevölkerungskreisen auf Verständnis, mithilfe derer man sich in Moskau (und Ost-Berlin) ein Aufbegehren gegen Bundeskanzler Konrad Adenauer erhoffte. Doch hinter der Stalin-Note stand noch viel mehr.5 Auf alle Aspekte kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. In der Folge soll vielmehr ein weiterer zentraler, bislang in der deutschen Historiografie völlig vernachlässigter Aspekt im Historikerstreit rund um die Stalin-Note behandelt werden: die sowjetische Haltung zu Urho Kekkonens Aufruf am 23. Januar 1952 (also ca. sieben Wochen vor der Stalin-Note) zur Schaffung eines neutralen Skandinaviens, der als »Nachthemdenrede«6 in die finnische Geschichte einging. In der New York Times wurde die Rede gerade einmal in einem kurzen Einspalter erwähnt.7 Eine Interpretation der Hintergründe blieb auch in der Folge aus. In Washington war man zu dieser Zeit nicht daran interessiert, eine Neutralitätsdiskussion aufkommen zu lassen. Eine solche wäre der US-Politik, die mangels sowjetischer Gesprächsbereitschaft zu Deutschland in den Jahren davor endgültig auf Westintegration der Bundesrepublik und Wiederbewaffnung ausgerichtet war, zuwider gelaufen. Von diesem Kurs ließ man sich nicht mehr abbringen. Kekkonens Rede stufte man als »sowjetisch inspiriert« ein. Die Times charakerisierte Kekkonens Vorschlag als unrealistisch und interpretierte ihn als an die Sowjetunion gerichtet.8 Sowjetische Propaganda über vermeintliche Neutralitätsangebote konnten daher nur schädlich sein. Ob – wie auch der Spiegel vermutete – die »russische Außenpolitik den finnischen Ministerpräsidenten Kekkonen« inspirierte, »neue Vorschläge zur skandinavischen Blockpolitik der Öffentlichkeit vorzulegen«9 bzw. ob auch andere Beweggründe dahinterstanden, wird auf der Basis sowjetischer Quellen und der bislang in der deutschen Historiografie kaum beachteten russischen und finnischen Forschungsliteratur nachgegangen. Zum besseren Verständnis der Folgen der Kekkonen-Rede 1952 ist es nötig, einen kurzen Blick auf die »Sonderstellung« Finnlands zwischen Ost und West im beginnenden Kalten Krieg zu werfen und die »Jahre der Gefahr« nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich in Finnland eine politische Entwicklung wie in den osteuropäischen Staaten ergab, zu beleuchten. Zum sowjetisch-finnischen Verhältnis nach dem Zweiten Weltkrieg Finnland stand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Seite der militärischen Verlierer. Für die Finnen war die Beteiligung am Krieg gegen die Sowjetunion 1941 eine Fortsetzung des Winterkrieges von 1939/40, mit dem Ziel, die aus ihrer Sicht ungerechten Bedingungen des Friedensvertrages vom März 1940 zu revidieren. Nach den ersten Niederlagen der Deutschen Wehrmacht formierte sich in den finnischen Parlamentsfraktionen 1942 aber eine Opposition, die einen Separatfrieden mit der UdSSR forderte. Mit der Zeit erfuhr diese stark fraktionsübergreifende Tendenzen und konnte später als Alternative zum Kriegskabinett auftreten. In einem entscheidenden Punkt verkalkulierte sie sich allerdings: Sie sah nicht, dass Finnland bei einem Friedensschluss allein auf die UdSSR angewiesen sein würde und hoffte zu sehr darauf, dass die Westmächte als Fürsprecher und Garant für die Bewahrung der Unabhängigkeit Finnlands auftreten würden. Die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad und die Forderung der Alliierten nach bedingungsloser Kapitulation der Achsenmächte (Casablanca 1943) führten zu einem Umdenken innerhalb der finnischen Regierung, die durch die Neubesetzung des Außenministerpostens mit dem anglophilen Henrik Ramsay ein neues Gesicht erhielt. Fortan hielt man den Abschluss eines Separatfriedens mit der UdSSR für erstrebenswert. Oberstes Kriegsziel blieb der Erhalt der finnisch-sowjetischen Vorkriegsgrenze. Finnland befand sich aber nichtsdestotrotz weiter in einer schwierigen Situation, hatte das Land doch nach wie vor mit einer deutschen Großmacht in unmittelbarer Nachbarschaft zu leben. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Deutschen Reich lag mittlerweile bei neunzig Prozent. Ein separater Friedensschluss mit der Sowjetunion war für Helsinki solange unmöglich, wie Skandinavien nicht von deutschen Truppen befreit war und Finnland nicht vom Westen versorgt worden konnte.10 Alle finnischen Bemühungen, von den USA oder Großbritannien im Falle eines Kriegsaustritts Zusicherungen für die Bewahrung der Unabhängigkeit Finnlands zu erhalten, verliefen im Sand, ebenso wenig fruchteten Vorschläge an Schweden, ein gemeinsames Verteidigungsbündnis zu schließen, da dieses Vorhaben aus schwedischer Sicht zu offensichtlich gegen die Sowjetunion gerichtet war. Bemühungen, 1943 einen separaten Friedensvertrag abzuschließen, verliefen erfolglos. Für die Beteiligung am Krieg gegen die Sowjetunion musste Finnland teuer bezahlen. So befand sich das Land im Herbst 1944 in einer komplexen Lage: Helsinki hatte mit harten Waffenstillstandsforderungen zu kämpfen, musste ein gravierendes Umsiedlungsproblem infolge der Gebietsabtretungen an die UdSSR (zwölf Prozent des finnischen Staatsgebiets) auf sich nehmen, 300 Millionen Dollar Reparationen (statt der ursprünglich geforderten 600; in Form von Gütern dennoch eine kaum verkraftbare wirtschaftliche Belastung) bezahlen und eine »alliierte«, de facto aber eine sowjetische Kontrollkommission mit Stalin-Intimus Andrej Ždanov als Vorsitzendem, dulden.11 Um den Schein zu wahren, erhielt diese aus Moskau immer wieder Anweisungen, sich zurückzuhalten. Der finnischen Regierung sollte kein Anlass gegeben werden, »die Maßnahmen der Alliierten Kontrollkommission als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes erscheinen zu lassen«.12 Außerdem hatte Helsinki dafür Sorge zu tragen, das in Finnland befindliche deutsche Eigentum entsprechend dem Potsdamer Abkommen an die Sowjetunion zu übergeben.13 Finnland war damit in allen Lebensbereichen von der Sowjetunion abhängig, sein Handlungsspielraum war äußerst begrenzt, die finnische Souveränität bis zum Pariser Friedensvertrag 1947 erheblich eingeschränkt. Sowjetische Truppen waren zwar kurzfristig in Nordfinnland einmarschiert, jedoch war ihr Aufenthalt dort nicht von langer Dauer, obwohl die Einbeziehung Finnlands in die sowjetische Einflusssphäre (nicht wie 1939 als Sowjetrepublik in die UdSSR selbst) auch nach dem sowjetisch-finnischen Winterkrieg ein Ziel blieb. Dennoch fanden in der Folge keine konkreten Unternehmungen, die auf eine Besetzung hindeuteten, statt.14 Bereits Ende 1941 hatte Stalin gegenüber dem britischen Außenminister Anthony Eden keinen dezidierten Anspruch mehr auf ganz Finnland erhoben, sehr wohl aber auf die bereits 1940 der Sowjetunion angegliederten Gebiete Finnlands (einschließlich des nickelreichen Gebietes um den Eismeerhafen Petsamo). Die Forderung nach einer territorialen Ausdehnung der UdSSR entsprechend den alten Grenzen des Zarenreiches war fallengelassen worden. Stalin war in dieser Frage bereit, Konzessionen zu machen, forderte aber den Abschluss von Beistandsverträgen mit Finnland (und auch Rumänien) mit dem Recht der Errichtung militärischer Stützpunkte.15 Nach dem Vorrücken der Roten Armee 1944 ging es den Finnen daher um das nationale Überleben.16 Den finnischen Politikern war in dieser Phase klar, dass alle Versuche, Sicherheitsprobleme Finnlands ohne Berücksichtigung der sicherheitspolitischen Interessen der Sowjetunion lösen zu wollen, zum Scheitern verurteilt sein mussten. Helsinki musste die politischen Realitäten anerkennen und die Beziehungen zu Moskau möglichst reibungslos gestalten. Juho Kusti Paasikivi (bis 1946 Ministerpräsident, danach Staatspräsident) war davon überzeugt, dass das Interesse der UdSSR an Finnland »ausschließlich militärstrategischer und damit defensiver Art war«.17 Die in der Folge überaus geschickte Politik ermöglichte es Finnland, seine gesellschaftlichen Strukturen aufrechtzuerhalten und seine staatliche Unabhängigkeit zu bewahren,18 obwohl die Alliierte Kontrollkommission ähnlich wie ihre Pendants in Osteuropa agierte. Sie und die sowjetische Gesandtschaft standen in engem Kontakt mit der Kommunistischen Partei Finnlands (Suomen Kommunistinen Puolue, SKP). Sie überwachten die finnischen Kommunisten und gaben ihnen Richtlinien, Anweisungen und Ratschläge,19 ebenso mit ihrem Partner in der Linksregierung, den »Volksdemokraten« der Demokratischen Union des Finnischen Volkes (Suomen Kansan Demokraattinen Liitto, SKDL). Mit der Unterzeichnung des sowjetisch-finnischen Freundschafts- und Beistandspaktes im März 1948 blieb Finnland zwar weiterhin von der Sowjetunion in hohem Maße abhängig, doch gingen damit »die Jahre der Gefahr«, in denen die alleinige Machtübernahme der Kommunisten befürchtet und vielfach erwartet worden war, zu Ende. Der im Frühsommer 1948 unternommene Putschversuch seitens finnischer Kommunisten war mehr »apologetisch als revolutionär«. Stalin sah davon ab, zugunsten der finnischen Genossen stärker auf den Plan zu treten. Aus Moskauer Sicht war es, so der finnische Historiker Kimmo Rentola, solange »für eine Machtergreifung der finnischen Kommunisten zu früh, bis es letztlich zu spät war«.20 Die sowjetische Devise lautete ab 1948, ihre Positionen zu sichern und nichts zu riskieren, auch zu dem Preis einer bürgerlichen Regierung. Nach der Niederlage der kommunistisch angeführten, seit 1945 amtierenden Regierung unter Mauno Pekkala im Sommer 1948, und der Vereidigung der aus der Sicht Moskaus rein pro-westlichen sozialdemokratischen Regierung unter Karl August Fagerholm reduzierte der Kreml die bilateralen Beziehungen zu Finnland auf ein Minimum. Letztlich war man im Kreml erleichtert und froh, dass nach kurzer Zeit die traditionelle finnische bürgerliche Elite wieder an die Macht kam, denn letzten Endes schätzte die sowjetische Führung den realpolitischen Kurs Paasikivis und Kekkonens, der den Grundinteressen der UdSSR in und an Finnland Rechnung trug.21 Kekkonens »Nachthemdenrede« Mit der Gründung der NATO hatte sich die geopolitische Lage in Nordeuropa grundlegend verändert. Die einstigen kriegsverbündeten und durch die Rote Armee von der NS-Herrschaft mitbefreiten Länder Norwegen und Dänemark traten der NATO bei, ebenso Island. Stockholm blieb bei seiner Neutralitätspolitik, die man in Moskau äußerst skeptisch einschätzte. Schweden betrachtete man als geheimes NATO-Mitglied.22 Lediglich durch die Unterzeichnung des Freundschafts- und Beistandsvertrages mit Finnland 1948 hatte sich die Sowjetunion ihren Minimaleinfluss in Nordeuropa gesichert. Man traute keiner Option eines wirklich bündnisfreien und neutralen Skandinaviens, wie es seit 1947/48 weithin diskutiert wurde.23 Dennoch, Anfang 1951 hatte der sowjetische Botschafter in Schweden, K. K. Rodionov, die Anweisung aus Moskau erhalten,24 inoffiziell auf den Plan zu treten und die Schweden (auch gemeinsam mit den Finnen) zu animieren, Norwegen und Dänemark zum Verlassen der NATO zu bewegen. Die Sowjetunion nahm damit die »1949 zu Grabe getragene Idee einer nördlichen neutralen Verteidigungsunion«25 auf, um diese für ihre Zwecke einzusetzen. Kekkonen erfuhr über die Schweden von dem sowjetischen Vorstoß und teilte Präsident Paasikivi daraufhin mit, dass Schweden angeblich Informationen darüber hätte, dass die Sowjetunion nichts gegen die Einbeziehung Finnlands in eine neutrale Union einzuwenden hätte. Kekkonen erklärte sich dies mit dem möglichen Wunsch der UdSSR, im Kriegsfall nicht einer Front im Norden gegenüberzustehen. Paasikivi gewann der Idee Positives ab, meldete allerdings seine Zweifel an, ob es realistisch sei, Norwegen und Dänemark auf diese Weise aus der NATO »rauszureißen«.26 Ein Artikel in der Izvestija, demzufolge die Formation eines neutralen Blocks in Skandinavien sowjetischen Interessen entgegenkäme, inspirierte Kekkonen weiter. Der schwedische Ministerpräsident, Tage Fritiof Erlander, schlug Kekkonen vor, er möge doch das Thema einer nordischen Neutralität aufgreifen. Am 4. Januar 1952 suchte Kekkonen den sowjetischen Gesandten in Helsinki, V. Z. Lebedev, auf – mit einem Redeentwurf. Lebedev wiederum berichtete im Anschluss an das Gespräch nach Moskau, dass Kekkonen hoffte, mit dieser Rede die anderen nordischen Staaten »zum Konzept der Neutralität, wie sie in Finnland verstanden wurde, zurückzubringen«.27 Die sowjetische Führung wurde sofort hellhörig. Am 9. Januar 1952 informierte der stellvertretende Außenminister Andrej Gromyko den im Kreml nach wie vor wichtigen Organisator in Sachen Außenpolitik, Vjačeslav Molotov, über Kekkonens Besuch bei Lebedev.28 Er legte Molotov einen Entwurf einer Direktive an Lebedev bei, die Molotov umformulierte und ergänzte.29 Am nächsten Tag, dem 10. Januar 1952, bestätigte das Politbüro die von Molotov überarbeitete Beschlussvorlage und wies den sowjetischen Botschafter in Finnland an, einen Vorwand für eine Unterredung mit Kekkonen zu suchen und »in der Form einer zweitrangigen Frage« das »Thema der Neutralität« anzuschneiden. Der sowjetische Gesandte sollte Kekkonen klar zu verstehen geben, dass er sich positiv zum »Zusammenschluss der nördlichen Staaten rund um die Idee der Neutralität« verhalte. So heißt es in der Direktive: »Sagen Sie, dass Sie die von ihnen [gemeint vermutlich den Finnen] berührte Frage über die Neutralität im von Kekkonen dargelegten Plan überdacht haben und dass Sie zu den von ihnen dargelegten Gedanken über den Zusammenschluss der nördlichen Staaten rund um die Idee der Neutralität zum Zwecke der Festigung des Friedens und der nationalen Unabhängigkeit dieser Länder positiv eingestellt sind. Eine Initiative solcher Art könnte der Verbreitung des Ruheherdes im Norden, über die Kekkonen gesprochen hat, dienlich sein und würde einer Politik der Unterstützung und Festigung des Friedens entsprechen, die im Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand zwischen der UdSSR und Finnland [von 1948] zum Ausdruck kommt.«30 Zeitgleich mit der internen Vorbereitung des vermeintlichen Neutralitätsangebots für Deutschland im Kreml gab Moskau damit in Bezug auf Skandinavien Helsinki zu verstehen, dass Kekkonen seinen eigenen Vorschlag, eine Neutralisierung skandinavischer Länder zu propagieren, in die Tat umsetzen solle.31 Am 23. Januar 1952 sollte Kekkonen seine Rede vor seiner Partei halten, erkrankte aber und entschied sich dann, diese in der Maakansa32 zu veröffentlichen. In seiner damit nie öffentlich gehaltenen Rede – daher der Name »Nachthemdenrede« – bedauerte Kekkonen, dass in den Jahren zuvor die Diskussionen über eine neutrale Allianz der skandinavischen Staaten verebbten. Kekkonen vermied, die von Finnland im Vertrag von 1948 eingegangenen Verpflichtungen gegenüber der Sowjetunion infrage zu stellen. Eine Erweiterung der Neutralität auf Norwegen, Dänemark und Island hätte einen NATO-Austritt dieser Länder bedingt und folglich auch eine Rücknahme des sowjetischen Einflusses in Finnland bewirken müssen. Indem er darauf nicht einging bzw. sogar bekräftigte, dass der finnisch-sowjetische Vertrag Finnlands speziellen Status »in einer solchen Kooperation« zwischen den »neutralen nordischen Ländern« bestimme, gelang Kekkonen der diplomatische Spagat, einerseits die Schaffung einer neutralen Zone in Nordeuropa zu befürworten, ohne andererseits die Einbeziehung seines Landes in einen nordischen Block zu fordern. Die Wortwahl der Rede war so offen gehalten, dass es unklar blieb, ob auch Finnland Platz in einem skandinavischen neutralen Block gefunden hätte. Indem er dies unterließ, stellte er auch nicht den Vertrag von 1948 mit der Sowjetunion infrage. Kekkonen verwies aber weise darauf, dass Finnland quasi schon neutral sei. Er sprach von der »bestimmten Neutralität«. Dies war eine klare Anspielung auf die von der UdSSR im Beistandspakt von 1948 zum Ausdruck gebrachte Zusicherung des finnischen Wunsches »außerhalb der Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten verbleiben zu können«.33 Er widersprach auch der, wie er sich ausdrückte, »vorherrschenden Auffassung in westlichen Ländern, die UdSSR werde einen offensiven Krieg beginnen und auf diese Weise den Kommunismus gewaltsam in die ganze Welt tragen«. Stalin selbst habe wiederholt dargelegt, dass Kommunismus und Kapitalismus nebeneinander existieren können. Finnland sei hierfür quasi ein gutes Beispiel. Kekkonen wurde damals vorgeworfen, im Namen »seines Herrn« (Stalins) zu sprechen, doch zeigen, wie oben dargelegt, die sowjetischen Quellen, dass die Initiative von Kekkonen ausging. Gleichzeitig aber hatten sich weder Kekkonen noch Paasikivi Illusionen hingegeben. Ihnen war klar, dass für Stalin der Vertrag von 1948 nicht verhandelbar war. Selbst eine Teilnahme am Nordischen Rat war für Finnland aus Moskauer Sicht unmöglich. Das hatte Lebedev bereits vor der »Nachthemdenrede« klar gemacht. Finnland hätte sich ja, so der sowjetische Gesandte, im Beistandspakt verpflichtet, keinen gegen die Sowjetunion gerichteten Bündnissen beizutreten.34 In Moskau sah man jede Vereinigung als gegen sich gerichtet an. Diese klare Vorgabe für Finnland durch Lebedev unterstreicht, dass die Kekkonen-Rede für die Sowjetunion nur propagandistischen Wert haben konnte. In Washington wiederum waren die Finnen bemüht, hervorzuheben, dass man nicht von den Sowjets inspiriert worden sei. Wichtig sei den Finnen vor allem die Kontinuität der schwedischen Neutralität gegenüber Finnland gewesen. Man verstand zumindest in Washington die finnischen Motive, alles unternehmen zu wollen, um von einem künftigen Krieg verschont zu bleiben. Neutralität schien der skeptischen US-Administration jedoch kein geeignetes Mittel zu sein.35 Die Haltung der Kommunistischen Partei Finnlands zu Kekkonens Rede Die finnischen Kommunisten sind wahrscheinlich nicht darüber unterrichtet worden, dass sich Kekkonen im Vorfeld seiner Rede an die sowjetische Gesandtschaft gerichtet hatte. Dies implizieren die zugänglichen sowjetischen Quellen. Daher dürfte sie die Rede überrascht haben. In einem Bericht an Stalin brachten die finnischen Kommunisten dennoch ihre Anerkennung für Kekkonen zum Ausdruck und erkundigten sich, wie sie sich in Zukunft in Bezug auf die Neutralität verhalten sollten: »Im Januar veröffentlichte Kekkonen eine bedeutsame außenpolitische Erklärung, in der er betonte, dass ein Angriff auf Finnland nur über Skandinavien möglich sei und dass die Mitgliedschaft Norwegens und Dänemarks im Atlantischen Verband die Bedrohung im Hinblick auf Finnland verschärfen würde. Diesem Umstand Rechnung tragend erklärte er, dass aus der Sicht Finnlands eine Neutralität Skandinaviens wünschenswert wäre, was eigentlich ein Austritt Norwegens und Dänemarks aus dem Atlantischen Verband [NATO] bedeuten würde. Kekkonen betonte gleichzeitig die Notwendigkeit einer klaren Einhaltung des zwischen Finnland und der Sowjetunion geschlossenen Vertrages über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand. Diese Erklärung beunruhigte die proamerikanische Presse in der ganzen Welt. Sie verschärfte die Lage innerhalb der Regierung Finnlands und brachte die Regierungsfrage auf die Tagesordnung. Die rechten Zeitungen Finnlands und vor allem die Zeitungen der rechten Sozialdemokraten haben offen erklärt, dass sie Einwände gegen Kekkonens Thesen erheben, obwohl die sozialdemokratischen Führer im Vorfeld mit der Erklärung bekannt gemacht wurden und diese vom Präsidenten gut geheißen wurde. Der Parlamentsvorsitzende Fagerholm sagte in seiner Rede zur Eröffnung des Parlaments demonstrativ, dass Finnland ein zu kleines Land sei, um anderen Ratschläge geben zu können.« 36 Auch wenn sich, so die finnischen Kommunistenführer, auf diese Weise die Widersprüche innerhalb der Regierung in Helsinki verschärfen würden, würde sich keine Regierungskrise ergeben, die für die Kommunisten von Vorteil wäre; im Gegenteil, die Gefahr sei groß, dass daraus »eine noch reaktionärere Außen- und Innenpolitik resultieren würde«.37 Nicht nur der finnischen Sozialdemokratie und ihren Propagandamühlen versetzte Kekkonen mit seiner Rede einen herben Schlag, sondern auch den Kommunisten, denen in den Jahren zuvor von Moskau die generelle Linie vorgegeben worden war, Kekkonen zu unterstützen.38 Ganz klar war aber auch ihnen nicht, wie sie sich nach Kekkonens Rede nunmehr verhalten sollten. Sie warnten Stalin jedoch, dass allein schon das Beispiel Schwedens zeige, dass eine neutrale Verteidigungsunion in Nordeuropa nicht realistisch sei: »An erster Stelle steht die Arbeit zur Festigung der Freundschaft zwischen den Völkern Finnlands und der Sowjetunion. […] Die zweite außenpolitische Frage ist jene über die Beziehungen Finnlands zu seinen westlichen Nachbarn, zu Skandinavien. In dieser Frage unterscheiden sich unsere Ansichten von jener Kekkonens. […] Wir schließen uns jenem Teil der Erklärung Kekkonens über eine Neutralisierung Skandinaviens an, in der Kekkonen unter Berücksichtigung der Notwendigkeit der Gewährleistung der Sicherheit Finnlands Norwegen und Dänemark aufruft, eine Neutralitätsposition einzunehmen. Gleichzeitig aber betonen wir, dass die Politik Schwedens weder während des Zweiten Weltkrieges noch gegenwärtig wirklich neutral war und nicht ist und sie deshalb nicht als Beispiel dienen darf, wie von Kekkonen vorgemacht. Wir nehmen eine ablehnende Haltung zur Schaffung einer Verteidigungsunion des Nordens ein, über welche die reaktionäre Presse in ihren Kommentaren zur Erklärung Kekkonens geschrieben hat.«39 Dennoch, die Rede Kekkonens schien den finnischen Kommunisten und »Volksdemokraten« unter der offensichtlichen Führung der SKP dafür prädestiniert, die Widersprüche innerhalb der Regierung zu vertiefen: Sie liefere die »Basis zur Zusammenarbeit der Volksdemokraten [der SKDL] mit Mitgliedern der Agrarunion, die gegen die bedingungslos die amerikanische Kriegspolitik unterstützenden rechten Kreise gerichtet ist«.40 Wenige Tage, nachdem die Anfrage der finnischen KP-Führung Moskau erreicht hatte, legte Vagan Grigor’jan, der Leiter der Außenpolitischen Kommission des Politbüros, Stalin bereits einen Antwortentwurf vor.41 In der zentralen Frage, der Propagierung der »Idee einer nordischen Neutralität«, sollten die finnischen Kommunisten inaktiv bleiben: »Wir denken, dass der von Kekkonen vorgebrachte Gedanke über den Zusammenschluss der nördlichen Länder rund um die Idee einer Neutralität Anerkennung verdient, da ein solcher Zusammenschluss der Festigung des Friedens und der nationalen Unabhängigkeit dieser Länder zuträglich ist. Die Rede Kekkonens dient der Stärkung der Stimmung in Norwegen und Dänemark für einen Austritt dieser Länder aus dem aggressiven Nordatlantikblock, in Finnland und Schweden untergräbt sie die Positionen der Befürworter einer Einbeziehung dieser Länder in die aggressiven Pläne der Amerikaner. Es wäre wünschenswert, eine weitere Erörterung der Rede Kekkonens in den Kreisen der finnischen Gesellschaft auf Kosten von Auftritten von Vertretern bourgeoiser Kreise und Parteien zu entfachen. Was konkrete Formen einer Vereinigung der nördlichen Länder auf der Grundlage einer echten Neutralität betrifft, so steht es der Kommunistischen Partei Finnlands unserer Meinung nach gegenwärtig nicht zu, mit eigenen Vorschlägen in dieser Frage aufzutreten.«42 Ähnliche Anweisungen wurden auch für die Kommunistische Partei Schwedens vorbereitet. Nach Kekkonens Rede hatte sich auch die Führung der KP Schwedens unsicher über die weitere Vorgehensweise an Stalin gewandt.43 Hilding Hagberg und Sven Linderot fragten, ob sie die »Idee eines skandinavischen oder möglicherweise eines nördlichen neutralen Blocks« unterstützen sollten, wenn das »dem Kampf der dänischen und norwegischen kommunistischen Partei für einen Austritt aus dem Atlantischen Pakt hilft?«. Sie erkundigten sich, ob die dänischen und norwegischen Kommunisten »die Propaganda der Neutralitätsbefürworter zur Verteidigung der Neutralität« anstelle einer NATO-Mitgliedschaft unterstützen sollten.44 Neben den allgemeinen Hinweisen, dass die Kekkonen-Rede jene Kräfte stütze, die den NATO-Austritt Norwegens und Dänemarks forderten, sollte die schwedische KP-Führung in ihrer Agitation gebremst werden: »Es ist unserer Meinung nach gegenwärtig zu früh, darüber zu reden, wie eine solche [nordische] Zusammenarbeit aussehen kann, wenn sie überhaupt praktisch möglich wird.«45 Die nordischen KPen sollten nicht »mit gemeinsamen Unterstützungserklärungen für Kekkonens Rede auftreten«. Begründet wurde dies damit, dass »dies den Feinden des Friedens« Anlass geben würde, »zu betonen, dass die Rede Kekkonens nur den linken demokratischen Kreise nützlich ist«.46 Ob die nordischen KPen diese Anweisungen allerdings offiziell erhielten, bleibt unklar. In den deklassifizierten Unterlagen des Politbüros finden sich keine in diesem Zeitraum gefällten Beschlüsse. Dem Lauf der Ereignisse nach zu urteilen, wurde die diskutierte Taktik aber umgesetzt. Die dänische KP begrüßte zwar die Rede Kekkonens.47 In der Folge war die von ihm propagierte Neutralität aber kein großes Thema mehr in Skandinavien.48 In Norwegen und Schweden bewirkte die Rede anscheinend nicht viel.49 Die sowjetische Führung verhielt sich nach Kekkonens Rede ebenfalls passiv. Letztlich wurden keine konkreten Maßnahmen ergriffen, um der Kekkonen-Rede konkrete Schritte hin zu einem neutralen Nordeuropa folgen zu lassen. Die Propagandaschlacht zwischen Ost und West über Deutschland nahm nach der Stalin-Note ihren Lauf. Der sowjetischen Führung ging es wohl auch in hohem Maße darum, sich als Friedensstifterin in der Welt zu präsentieren, vor allem innerhalb des eigenen Imperiums. Dieses Image hatte infolge des Ausbruchs des Korea-Krieges einen hohen Schaden erlitten. Finnland als Nutznießer? Kekkonens Initiative wurde vom Kreml geschickt genutzt. Seine Rede bildete die ideale Grundlage für den im sowjetischen Außenministerium gerade vorbereiteten neuen Schachzug in der Deutschlandpolitik, die wenige Wochen später mit dem Neutralitätsangebot für Deutschland ihren propagandistischen Höhepunkt fand. Für die Finnen war es wiederum – aus Eigeninteressen – allemal wert, in der Weltöffentlichkeit als sowjetischer Propagandist dazustehen. Hoffnung auf eine neue Sicherheitsordnung in Nordeuropa auf der Basis einer Neutralität aller skandinavischen Länder und letztlich damit auf ein Ausklinken aus der Blockkonfrontation im frühen Kalten Krieg hegten weder Kekkonen noch Paasikivi. Beide schätzten die sowjetische Skandinavienpolitik realistisch ein. Dem Historiker Jussi Hanhimäki zufolge war Kekkonens »Nachthemdenrede« aber auch, trotz der Gefahr, in den Augen Washingtons noch mehr als sowjetischer Handlanger dazustehen, »ein Versuch, öffentlich Finnland an seine westlichen Nachbarn anzubinden, ohne eine kritische Stellung gegenüber der UdSSR einzunehmen«.50 Helsinki konnte also nur gewinnen. Aus Moskauer Sicht stellte die Rede aber auch eine Unterstützung für die finnische Kommunistische Partei dar. Dem Hauptfeind, der verhassten Sozialdemokratie, meinte man damit den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Letztlich führte Kekkonens Rede auch zu einer (erwünschten) Annäherung der Kommunisten an die bürgerliche Regierung in der zentralen außenpolitischen Frage über Finnlands Verhältnis zur Sowjetunion. Ende 1952 wurde der finnischen Kommunistischen Partei im ZK in Moskau diesbezüglich ein positives Zeugnis ausgestellt: »Die Führung der Kommunistischen Partei Finnlands verfolgt den richtigen politischen Kurs. Sie kämpft konsequent für eine Freundschaft zwischen den Völkern Finnlands und der UdSSR, für Frieden und Demokratie, gegen die reaktionäre Innenpolitik und die proamerikanische Orientierung der finnischen Bourgeoisie. […] Die Kommunistische Partei nutzte die Tribüne des Parlaments zur Entlarvung der rechten soz[ial]dem[okratischen] Führer als Feinde des finnischen Volkes.«51 Im Kreml war man 1952 – trotz vieler Schwächen und Fehler – mit den finnischen Kommunisten zufrieden. Die Außenpolitik Finnlands schätzte man in Moskau kurz vor Stalins Tod sehr realistisch ein: »Der außenpolitische Kurs der Regierung Finnlands [der Paasikivi-Kekkonen-Kurs] spiegelt die Interessen jenes Teils der finnischen Bourgeoisie wider, der auf den kapitalistischen Westen ausgerichtet und unfreundlich gegenüber der UdSSR eingestellt ist, berücksichtigt aber die reale Lage, die sich für Finnland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ergeben hat, und ist an einem Handel mit der Sowjetunion interessiert. Dieser Teil der herrschenden Kreise Finnlands wartet ab, manövriert und ist gezwungen, normale Beziehungen mit der UdSSR aufrechtzuerhalten.«52 Zwar hätten sich die finnischen Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion ausgeweitet, ebenso mit den Ländern der »Volksdemokratie«, doch auch der US-Einfluss in Finnland sei drastisch angestiegen. Die finnische Regierung würde immer mehr amerikanische Kredite annehmen und die kulturellen Beziehungen vertiefen. »Die USA«, so die außenpolitische Kommission, »finanzieren die Tätigkeit der finnischen Rechtsparteien und Organisationen«. Vor Wahlen ließen sie ihnen Geschenke zukommen, deren Verkauf den Parteien Millionen Finnmark einbringen würde. Zudem »üben die USA direkten Druck auf die herrschenden Kreise Finnlands aus, wovon insbesondere die ›Reorganisation‹ der finnischen Regierung im November 1952 und die Einschleusung eines Schützlings der Amerikaner, des Generalsekretärs der Sozialdemokratischen Partei, [Väinö Olavi] Leskinen, zeugt«.53 Dem wachsenden »Vertrauen der finnischen Werktätigen in die Politik der Sowjetunion« und der »Stärkung des demokratischen Lagers im Land« sei es aber zu verdanken, dass die antisowjetischen Pläne der »finnischen Reaktion« auf Widerstand stießen, so die Einschätzungen Moskaus.54 * * * 1951/52 hatte man im Kreml die Bedeutung der Neutralität als Propagandamittel nicht nur erkannt, sondern sie auch gezielt eingesetzt, um – wie im Falle Skandinaviens – Stimmung gegen die NATO zu machen. Unter Nikita Chruščev sollte dies zum täglichen Geschäft gehören.55 Kurzum, die Neutralität wurde zu einem Propaganda-Lockmittel für einen Austritt aus der NATO, im Wissen, dass dies nicht nur unrealistisch war, sondern bekräftigt von der Einschätzung der schwedischen Neutralität, die in den Augen der sowjetischen Führung nur auf dem Papier existierte. »In der Stalin-Zeit«, so der russische Historiker Maxim Korobochkin, »hatte eine flexible Haltung kaum eine Chance tonangebend zu werden.« Die Haltung zur Neutralität wurde in Moskau nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise positiver, was aber nicht hieß, dass sich die traditionelle Einstellung der sowjetischen Führung zu Neutralen, die als »nichts besseres als Feinde«, angesehen wurden, grundsätzlich geändert hätte.56 Nicht einmal im Falle Schwedens hatte die Sowjetunion die Möglichkeit, ausreichend Druck auszuüben, um einen in ihren Augen wirklich neutralen Kurs zu erzwingen. Umso weniger wäre sie in der Lage gewesen, Garantien eines wiedervereinten neutralen Deutschland einfordern zu können. Eine derartige Blauäugigkeit kann Stalin, dem es um die Sicherung der sowjetischen Machtpositionen in Mitteleuropa ging, nicht unterstellt werden. Die Rede Kekkonens fügte sich in die außenpolitischen Leitlinien der Sowjetunion, im Hinblick sowohl auf Finnland und Nordeuropa als auch auf den Hauptschauplatz Deutschland. Daher ging der Kreml auch auf seinen Vorschlag ein. Eine Diskussion in Nordeuropa über ein neutrales Skandinavien schien eine ideale propagandistische Begleiterscheinung für die Stalin-Note, die in diesen entscheidenden Wochen Anfang 1952 im Kreml intensiv vorbereitet wurde. 1* Der Beitrag entstand im Rahmen der Forschungsarbeiten des Autors am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz-Wien, einem Institut der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. 1 Siehe  Jochen P. Laufer/Georgij P. Kynin (Hg.): Die UdSSR und die deutsche Frage 1941–1948. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation, Bd. 2: 9. Mai 1945 bis 3. Oktober 1946, Berlin 2004, S. LX; Vladislav Zubok: A Failed Empire. The Soviet Union from Stalin to Gorbachev, Chapel Hill 2007, S. 66. 2 Auf der Basis ausführlicher Studien im Archiv des russischen Außenministeriums siehe Maxim Korobochkin: Soviet views on Sweden’s neutrality and foreign policy, 1945–50, in: Helene Carlbäck/Alexey Komarov/Karl Molin (Hg.): Peaceful Coexistence? Soviet Union and Sweden in the Khrushchev Era (= Baltic and East European Studies, Bd. 10), Moskau 2010, S. 81–112, hier S. 102; A. A. Komarov: SSSR i Skandinavskij oboronitel’nyj sojuz (1948–1949) [Die UdSSR und die Skandinavische Verteidigungsunion (1948–1949), in: O. V. Černyševa (Hg.): Severnaja Evropa. Problemy istorii [Nordeuropa. Probleme der Geschichte], Bd. 4, Moskau 2003, S. 90–101, hier S. 97. [Diese und folgende Übersetzungen von Zitaten erfolgten durch den Autor dieses Beitrags.] 3 Siehe Peter Ruggenthaler: A New Perspective from Moscow Archives: Austria and the Stalin Notes of 1952, in: Günter Bischof/Fritz Plasser (Hg.): The Changing Austrian Voter (= Contemporary Austrian Studies, Bd. XVI), New Brunswick 2008, S. 199–227; Günter Bischof: »Recapturing the Initiative« and »Negotiating from Strength«. The hidden agenda of the »Short Treaty« episode – The militarization of American foreign policy and the un/making of the Austrian Treaty, in: Arnold Suppan/Gerald Stourzh/Wolfgang Mueller (Hg.): Der österreichische Staatsvertrag 1955. Internationale Strategie, rechtliche Relevanz, nationale Identität. The Austrian Treaty 1955. International Strategy, Legal Relevance, National Identity (= Archiv für österreichische Geschichte, Bd. 140), Wien 2005, S. 217–247. 4 Chronologisch zurückgehend seien an dieser Stelle stellvertretend nur die folgenden Werke genannt: Peter Ruggenthaler: The 1952 Stalin Note on German Unification. The Ongoing Debate, in: Journal of Cold War Studies 13 (2011), H. 4, S. 172–212; Jürgen Zarusky: Die historische Debatte über die Stalin-Note im Lichte sowjetischer Quellen, in: Nikolaus Lobkowicz u. a. (Hg.): Die deutsche Frage im Ost-West-Geflecht – zum 20. Jahrestag der Öffnung der Berliner Mauer (= Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, Bd. 1), Köln/Weimar/Wien 2010; Peter Ruggenthaler: Stalins großer Bluff. Die Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 95), München 2007; Gerhard Wettig: Stalin and the Cold War in Europe. The Emergence and Developement of East-West Conflict (= Harvard Cold War Studies Book Series), Boulder 2008; Jürgen Zarusky (Hg.): Die Stalin-Note vom 10. März 1952. Neue Quellen und Analysen. Mit Beiträgen von Wilfried Loth, Hermann Graml und Gerhard Wettig, München 2002. 5 Zuletzt Ruggenthaler: The 1952 Stalin Note (Anm. 4). 6 Siehe Text der Rede in englischer Übersetzung in: Tuomas Vilkuna (Hg.): Neutrality: The Finnish Position. Speeches by Dr. Urho Kekkonen. President of Finland, London 1970, S. 53–56. 7 Siehe New York Times vom 24. Januar 1952. 8 Siehe Jussi M. Hanhimäki: Containing Coexistence, America, Russia, and the »Finnish Solution«. 1945–1956. Kent 1997, S. 123. 9 Der Spiegel Nr. 12 vom 19. März 1952, S. 14–16. 10 Dazu grundlegend Ruth Büttner: Sowjetisierung oder Selbständigkeit? Die sowjetische Finnlandpolitik 1943–1948, Hamburg 2001, S. 57–60. 11 Siehe Stefan Troebst: Warum wurde Finnland nicht sowjetisiert?, in: Osteuropa, 48 (1998), H. 2, S. 187; Dörte Putensen: Im Konfliktfeld zwischen Ost und West. Finnland, der Kalte Krieg und die deutsche Frage (1947–1973) (= Schriftenreihe der Deutsch-Finnischen Gesellschaft e.V., Bd. 3), Berlin 2000, S. 26–28; Büttner: Sowjetisierung oder Selbständigkeit? (Anm. 10), S. 94. 12 Maxim Korobochkin: Soviet policy toward Finland and Norway, 1947–1949, in: Scandinavian Journal of History 20 (1995), H. 3, S. 185–207, hier S. 188. 13 Siehe Niklas Jensen-Eriksen: Die Ursprünge der »Kreml-AG«: Die Beschlagnahmung des Deutschen Eigentums in Finnland durch die Sowjetunion 1945–1948, in: Walter M. Iber/Peter Ruggenthaler (Hg.): Stalins Wirtschaftspolitik an der sowjetischen Peripherie. Ein Überblick auf der Basis sowjetischer und osteuropäischer Quellen (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Bd. 19), Innsbruck 2012, S. 175–186. 14 Siehe Büttner: Sowjetisierung oder Selbständigkeit? (Anm. 10), S. 227, 348. 15 Ebd., S. 53. 16 Siehe Putensen: Im Konfliktfeld (Anm. 11), S. 28. 17 Ebd., S. 29. 18 Siehe Jukka Nevakivi (Hg.): Finnish-Soviet Relations 1944–1948. Papers of the Seminar Organized in Helsinki, March 21–25, by the Department of Political History, University of Helsinki, in Cooperation with the Institute of Universal History, Russian Academy of Sciences, Moskau/Helsinki 1994; Dörte Putensen: »Rezensionen«, in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte. Osteuropaforschung in der nordeuropäischen Historiographie (2000), H. 1, S. 291–295. 19 Maxim Korobochkin: Soviet policy toward Finland and Norway, 1947–1949, in: Scandinavian Journal of History 20 (1995), H. 3, S. 185–207, hier S. 188. 20 Kimmo Rentola: 1948: Which Way Finland?, in: Hermann Weber (Hg.) u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (1998), Berlin 1998, S. 99–124, hier S. 118 f. 21 Siehe im Detail Peter Ruggenthaler: The Concept of Neutrality in Stalin’s Foreign Policy 1945–53 (in Vorbereitung). 22 Siehe Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 108. 23 Siehe Komarov: SSSR i Skandinavskij oboronitel’nyj sojuz (Anm. 2), S. 97; Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 102. Die Überlegungen zu einer Nordischen Verteidigungsunion waren zumindest für Finnland von Vorteil und bedeuteten einen gewissen Rückenwind für seinen »Balanceakt gegenüber der Sowjetunion«. Siehe Gero von Gersdorff: Die Gründung der Nordatlantischen Allianz (= Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Bd. 7), München 2009, S. 333. 24 Siehe Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 111. 25 O. Ken/A. Rupasov/L. Samuel’son (Hg.): Švecija v politike Moskvy 1930–1950-e gody [Schweden in Moskaus Politik von den Dreißiger- bis in die Fünfzigerjahre], Moskau 2005, S. 395. Im Vorfeld des militärischen Zusammenschlusses unter dem Dach der NATO war der künftige Weg der skandinavischen Länder nicht automatisch vorgegeben. Schwedens Angst, Dänemark und Norwegen könnten Teil des Nordatlantikpaktes werden, brachte es auf den Plan, eine nordische Verteidigungsunion zu initiieren, da, so die schwedische Befürchtung, ein NATO-Beitritt die sicherheitspolitische Lage Schwedens ernsthaft schädigen würde. Siehe Ulf Bjereld/Ann-Marie Ekengren: Cold War Historiography in Sweden, in: Robert Bohn/Thomas Wegener Friis/Michael F. Schulz (Hg.): Østersøområdet fra Anden Verdenskrig til den Kolde Krig [Der Ostseeraum vom Zweiten Weltkrieg bis zum Kalten Krieg], Middelfart, o. J., S. 143–175, hier S. 153. 26 Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 111. 27 Jukka Nevakivi: Kekkonen, the Soviet Union and Scandinavia – Aspects of policy in the years 1948–1965, in: Scandinavian Journal of History 22 (1997), H. 2, S. 65–81, hier S. 67 f. 28 Siehe A. Gromyko an V. Molotov, 9.1.1952, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatliches Archiv für sozial-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 82, op. 2, d. 1340, Bl. 183. Kopien ergingen an G. Malenkov, A. Mikojan, N. Bulganin und N. Khruščev. 29 Siehe Entwurf eines Politbürobeschlusses über Anweisungen an Gen. Lebedev, 9.1.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1340, Bl. 184–185. 30 Politbürobeschluss Prot. 86 (240-op), »Frage des MID [über Finnland]«, 10.1.1952, in: RGASPI, f. 17, op. 162, d. 48, Bl. 12, 60. Der Beschluss ist auszugsweise zitiert in Ken/Rupasov/Samuel’son (Hg.): Švecija (Anm. 25), S. 395 f. 31 Siehe ebd. 32 Die zunächst vier Mal in der Woche erscheinende Zeitung wurde 1908 zur Unterstützung der Agrarunion gegründet. 1965 wurde sie in Suomenmaa umbenannt. 33 Nevakivi: Kekkonen (Anm. 27), S. 68 f. 34 Siehe ebd., S. 69. 35 Zur US-Finnlandpolitik und zu den unterschiedlichen Perzeptionsmustern der finnischen Neutralität siehe Jussi M. Hanhimäki: Containing Coexistence (Anm. 8); Agilolf Keßelring: Die Nordatlantische Allianz und Finnland 1949 bis 1961. Perzeptionsmuster und Politik im Kalten Krieg. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, München 2009. 36 V. Pessi u. I. Lehtinen an Stalin, 18.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 78–95. 37 Ebd., Bl. 80. 38 Siehe Ruggenthaler: The Concept (Anm. 21). 39 V. Pessi u. I. Lehtinen an Stalin, 18.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 78–95, hier Bl. 80. 40 Ebd., hier Bl. 82. 41 Siehe V. Grigor’jan an Stalin, 23.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 100–110; V. Grigor’jan an Stalin, 25.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 111–121. 42 Ebd., Bl. 113. 43 Siehe V. Grigor’jan an Stalin, 16.2.1952 mit beiliegender Berichterstattung H. Hagbergs u. S. Linderots, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1366, Bl. 124–146. 44 Ebd., Bl. 127–128. 45 V. Grigor’jan an Stalin, mit beiliegenden Antwort- und Politbürobeschlussentwürfen, 29.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1366, Bl. 151–153. Ein erster, geringfügig geänderter Antwortentwurf findet sich in ebd., Bl. 147–150. 46 Ebd., Bl. 153. 47 Siehe Bent Jensen: Bjørnen og Haren. Sovjetunionen og Danmark 1945–1965 [Der Bär und der Hase. Die Sowjetunion und Dänemark 1949–1965], Odense 1999, S. 400 f. 48 Siehe Poul Villaume/Torsten Boring Olesen: I blokopdelingens tegn. 1945–1972 [Im Zeichen der Blockspaltung], Kopenhagen 2005; dies.: Danmark under den Kolde Krig [Dänemark im Kalten Krieg], Bd. 1, Kopenhagen 2005; Poul Villaume: Allieret med forbehold. Danmark, NATO og den Kolde krig. En studie i dansk sikkerhedspolitik 1949–1961 [Alliierter mit Vorbehalt. Dänemark, NATO und der Kalte Krieg. Eine Studie über die dänische Sicherheitspolitik 1949–1961], Kopenhagen 1995. Thomas Wegener Friis, Odense, danke ich für diese und folgende Hinweise. 49 Sie findet nicht einmal Erwähnung in der als Standardwerk geltenden Studie des norwegischen Historikers Sven Holtsmark. Dieser hatte Anfang der Neunzigerjahre umfangreichen Zugang zu sowjetischen Quellen, vor allem im Archiv des Außenministeriums der Russischen Föderation. Siehe Sven G. Holtsmark: A Soviet Grab for the High North? USSR, Svalbard, and Northern Norway 1920–1953, Oslo 1993. Ebenso unerwähnt in Knut Einar Eriksen/Helge Øysten Pharo: Kald Krig og internationalisering 1949–1965 [Der Kalte Krieg und Internationalisierung 1949–1965], Oslo 1997. Auch für die schwedische Politik hatte die Rede Kekkonens keine Folgen. Sie findet ebenso keine Erwähnung bei Juhana Aunesluoma: Britain, Sweden and the Cold War, 1945–54. Understanding Neutrality, Basingstoke/Oxford 2003. 50 Jussi M. Hanhimäki: The Lure of Neutrality: Finland and the Cold War, in: Klaus Larres/Kenneth Osgood (Hg.): The Cold War after Stalin’s Death. A Missed Opportunity for Peace? (= Harvard Cold War Book Series), Lanham u. a. 2006, S. 257–276, hier S. 261. 51 V. Grigor’jan an V. Molotov, 19.12.1952, in: RGASPI, F. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 125–133, hier Bl. 131. Teilweise wörtlich übernommene Formulierungen auch in: »Über die Lage in der Kommunistischen Partei Finnlands«, V. Grigor’jan an Stalin, 23.1.1953, in: RGASPI, F. 82, op. 2, d. 1166, Bl. 116–119. 52 »Über die Innen- und Außenpolitik der Regierung Finnlands«, V. Grigor’jan an Stalin, 23.1.1953, in: RGASPI, F. 82, op. 2, d. 116, Bl. 111–115, hier Bl. 113. 53 Ebd., Bl. 114. 54 Ebd., Bl. 115. 55 Zu den sowjetischen Versuchen, die Ostsee zum »Meer des Friedens« zu machen siehe u. a. Vojtech Mastny: Die NATO im sowjetischen Denken und Handeln 1949 bis 1956, in: Vojtech Mastny/Gustav Schmidt: Konfrontationsmuster des Kalten Krieges 1946 bis 1956 (= Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses bis 1956, Bd. 3), München 2003, S. 383–471, hier S. 455. Zur Propagierung der schwedischen und österreichischen Neutralität für (vor allem kleinere) NATO-Staaten durch Chruščev siehe Peter Ruggenthaler/Harald Knoll: Nikita Chruščev und Österreich. Die österreichische Neutralität als Instrument der sowjetischen Außenpolitik, in: Stefan Karner u. a. (Hg.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 759–807. 56 Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 110 f.

JHK 2013

Die vielen Gesichter des Helden

Felix Münch

»Aljoscha«-Denkmäler in Tallinn, Wien, Plovdiv und dem postsowjetischen Raum Denkmäler repräsentieren kollektive Erinnerungen, sind Medien zur Visualisierung und Vergegenwärtigung des Vergangenen und kommunizieren immer auch politische Deutungen für historische Ereignisse. Dabei erzählen sie als öffentliche Inszenierungen von Geschichte aus Stein und Metall oft mehr über gegenwärtige Gesellschaftszustände und politische Herrschaftskulturen als über jene Vergangenheiten, auf die sie mit Ewigkeitsanspruch verweisen. Die Diskussionen um Planung, Errichtung, Wirkgeschichte und – als Ultima Ratio – Verlegung oder Ikonoklasmus von Denkmälern, Mahn- oder Ehrenmalen können als Spiegelbilder politischer Verhältnisse interpretiert werden und sind deshalb von besonderem Interesse. Damit sind Denkmäler Objekte geschichtspolitischer Initiativen par excellence: Sie dienen der Instrumentalisierung von Vergangenheit für politische Zwecke, wobei diese Vergangenheit parteiisch interpretiert wird mit dem Ziel, eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen und diese durch das postulierte Geschichtsbild zu vereinnahmen. Werte und Leitbilder werden nicht diskursiv erzeugt, sondern sind bereits durch die interpretative Ausführung des Denkmals vorgegeben. Zumeist als Denkmal für die »Befreier vom deutschen Faschismus« oder für den »unbekannten Soldaten« wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 im gesamten Einflussgebiet der Sowjetunion Statuen von sowjetischen Soldaten errichtet, die fortan an die Heldentaten der Rotarmisten im »Großen Vaterländischen Krieg« erinnern sollten. Teilweise in Großserien gefertigt und derselben Gussform entstammend, standen die Denkmäler bald praktisch in jeder größeren Siedlung östlich des Eisernen Vorhangs. Einige dieser Relikte sowjetischer Ikonografie haben noch heute ihren Platz in den Städten im Einflussbereich der ehemaligen UdSSR. Sie werden überraschend häufig von der lokalen, oft russophonen Bevölkerung liebevoll »Aljoscha« genannt. »Aljoscha« ist im Russischen das Diminutivum, also die Koseform des Namens Aleksej. Nach dem Niedergang der Sowjetunion kam es im gesamten postsowjetischen Raum zur Verlegung oder zum Sturz vieler Denkmäler als emanzipatorischer Akt der neuen Machthaber. Der Fall von Ikonen des überkommenen Ancien Régime ist dabei immer ein sinnbildlicher Neuanfang; ein vom wütenden Mob, der überlegenen Siegermacht oder spätestens der dann zumeist demokratisch legitimierten Regierung begangener symbolischer Mord an den alten Tyrannen und deren Herrschaftssystemen. Viele der »Aljoscha«-Denkmäler mussten nach dem Fall der Sowjetunion aufgrund der veränderten politischen Verhältnisse auch in Mittel- und Osteuropa weichen. Neben dem bekanntesten und konfliktträchtigsten Fall in der estnischen Hauptstadt Tallinn gibt es solche Denkmäler aber beispielsweise noch in Rēzekne (Lettland), in den russischen Städten Murmansk, Severomorsk, Krasnojarsk, Nižnevartovsk und Kosaja Gora, in Charkiv (Ukraine), in den bulgarischen Städten Sofia, Plovdiv, Russe und Burgas, aber auch in der österreichischen Hauptstadt Wien. Dieser Artikel beschäftigt sich insbesondere mit den »Aljoscha«-Denkmälern in Tallinn, Wien und Plovdiv, deren Existenz, historische Aussage und politische Interpretation immer wieder für gesellschaftliche Kontroversen in Estland, Österreich bzw. Bulgarien sorgen. Der Fokus liegt hierbei auf der Wirkungsgeschichte der Denkmäler und dem geschichtspolitischen Umgang der jeweiligen nationalen Regierungen mit ihrem sowjetischen Erbe. »Aljoscha« in Tallinn – als Besatzer oder Befreier? Seit der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion 1991 hat die Anwesenheit des »Bronzenen Soldaten« in der Innenstadt Tallinns Politik und Öffentlichkeit in Estland beschäftigt und polarisiert. Die etwa zwei Meter hohe Statue zeigt einen Soldaten in der Uniform der Roten Armee, der zum Gedenken seiner gefallenen Kameraden demütig den Kopf senkt. Für viele Angehörige der russischsprachigen Minderheit im Land – dazu zählen heute noch knapp 30 Prozent der Gesamtbevölkerung – ist das 1947 aufgestellte »Denkmal für die Befreier«, so die offizielle Namensgebung der damaligen sowjetischen Administration, ein wichtiger Erinnerungsort und Symbol für den verlustreichen Sieg der Sowjetunion bzw. deren Rechtsnachfolgerin, der Russländischen Föderation, über das faschistische Deutschland im »Großen Vaterländischen Krieg«. Ein Großteil der estnischen Mehrheitsbevölkerung nimmt das Monument allerdings als Sinnbild der schmerzhaften sowjetischen Okkupation des Landes von 1940 bis 1991 und die damit verbundenen Deportationen und Repressionen wahr, welche durch die deutsche Besatzung von 1941 bis 1944 unterbrochen war. So orientiert sich die Spaltung der estnischen Gesellschaft in Verteidiger und Gegner des Denkmals meist an deren ethnischer Zugehörigkeit und dem entsprechenden Geschichtsbild mit antagonistischer Interpretation des »Bronzenen Soldaten« als Befreier oder als Besatzer. Insbesondere die Feierlichkeiten am »Tag des Sieges« über Hitlerdeutschland am 9. Mai – begangen an dem kontroversen Denkmal in der Innenstadt und überwiegend frequentiert von Angehörigen der russophonen Minderheiten, Vertretern der russischen Botschaft und pro-russischer Organisationen sowie von Veteranen der Roten Armee – erschienen vielen Estinnen und Esten als Hohn angesichts des erlittenen Unrechts. Nach mehreren Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der rivalisierenden Erinnerungsgemeinschaften formierte sich 2006 eine Nachtwache aus zumeist russischstämmigen Unterstützern, um gewaltlos die Sicherheit des von ihnen »Aljoscha« genannten Soldatendenkmals zu garantieren. Im Gegenzug bekräftigten insbesondere rechtsnationale estnische Kräfte im Land ihre Forderung nach einer Verlegung, Demontage oder gar Sprengung des verhassten Relikts der überkommenen sowjetischen Herrschafts- und Gesellschaftsordnung. Zu Beginn des Parlamentswahlkampfs im Sommer 2006 erklärte auch der estnische Premierminister Andrus Ansip überraschend, das Denkmal müsse verlegt werden, denn es habe sich von einem Monument für Kriegsopfer zu einem Symbol der sowjetischen Okkupation gewandelt, welches sich gegen die unabhängige Republik Estland richte. Der estnische Premier – bis dahin ein Befürworter des Denkmals an seinem angestammten Platz – und seine liberal-konservative Reformpartei gewannen daraufhin die Wahl im März 2007 und koalierten fortan mit der neu formierten rechtskonservativen Partei Pro Patria und Res Publica Union (Isamaa ja Res Publica Liit, IRL). Am 26. April 2007 begann die neu gewählte estnische Regierung, die ihre Wahl auch als Mandat für die gesetzlich nicht abgesicherte Verlegung des Denkmals interpretierte, mit der Exhumierung von um das Denkmal herum begrabenen sowjetischen Soldaten. Nach einer darauf folgenden ersten Krawallnacht in der Innenstadt Tallinns entschied sich die Staatsführung, die ursprünglich später angedachte Verlegung des sowjetischen Denkmals auf einen nahen Militärfriedhof nun doch sofort durchzuführen. Daraufhin kam es am 27. April erneut zu blutigen Zusammenstößen zwischen überwiegend russischstämmigen Unruhestiftern und der estnischen Polizei. In diesen Nächten randalierten und plünderten Hunderte Gewaltbereite in der Innenstadt Tallinns, fast 1200 Menschen wurden festgenommen, über 150 Verletzte sowie ein Toter waren zu beklagen – und das in der Hauptstadt eines EU-Mitgliedslandes aufgrund der Verlegung eines Denkmals.1 Die Parlamentswahlen 2011 bestätigten das rechtskonservative Zweierbündnis und festigten die Vorherrschaft der betont nationalen Kräfte, die sich insbesondere durch ihren privilegierten Zugang zur Interpretation der Vergangenheit als klassische Gralshüter der Nation profilieren konnten. So wird in dem baltischen Staat seit Jahren der Schaffung eines Geschichtsbildes Vorschub geleistet, bei der die Herausbildung einer exklusiven estnischen Erinnerung als einheitsstiftende Memoria auf der Basis von Helden-, Opfer- und Märtyrertum angestrebt wird. Das nicht-estnische Bevölkerungsdrittel mit überwiegend russischen Wurzeln bleibt von dieser Aushandlung und Etablierung nationaler Geschichtsschreibung allerdings ausgeschlossen, die Gesellschaft damit gespalten. Im Rahmen der geschichtspolitischen Offensive der estnischen Regierung hat die Verlegung des »Aljoscha« von Tallinn im Jahr 2007 eine Schlüsselrolle gespielt. Sowjetische Bestätigung des Opfermythos – »Aljoscha« in Wien Deutlich weniger kontrovers und gewaltvoll ist die Geschichte des »Aljoscha«-Monuments in der österreichischen Hauptstadt Wien – einer zwölf Meter großen bronzenen Soldatenstatue, die auf einer 20 Meter hohen Säule thront. Der offenbar Ehrenwache haltende Soldat in kompletter Kampfausrüstung hat eine Fahne in der rechten und einen vergoldeten Schild mit dem Wappen der Sowjetunion in der linken Hand, vor seiner Brust hängt ein Gewehr. Umrahmt ist das Standbild von einer halbkreisförmigen Kolonnade mit 26 Säulen. Analog zum »Befreiungsdenkmal« in Tallinn waren auch in Wien gefallene Rotarmisten um das Denkmal herum begraben worden, die allerdings bereits 1955 exhumiert und auf den Wiener Zentralfriedhof umgebettet worden waren. Schon im August 1945 war das erste sowjetische Großdenkmal zum Sieg im »Großen Vaterländischen Krieg« eingeweiht worden, wobei dies zumindest in den offiziellen Verlautbarungen von österreichischen Politikern aller Parteien begrüßt worden war. Tatsächlich kam das Wiener »Befreiungsdenkmal« dem damals begründeten und weit verbreiteten Narrativ von Österreich als »erstem Opfer des Nationalsozialismus« zugute, da es diese Opferrolle bestätigte, weiterschrieb und die oft gefühlte Niederlage von 1945 positiv umdeutete. Anders als beispielsweise im Baltikum war die partielle sowjetische Besetzung Österreichs ungleich humaner verlaufen und hatte lediglich bis zum Staatsvertrag 1955 gewährt, weshalb die »Befreier«-Rhetorik der Sowjets in Wien besonders retrospektiv nicht zynisch und provokant, sondern verheißungsvoll und entlastend klang. Diese Geschichtsdeutung spiegelt insbesondere die Rede des späteren christlich-konservativen Bundeskanzlers Leopold Figl zur Eröffnung des Denkmals wider: »Sieben Jahre […] schmachtete das österreichische Volk unter dem Hitlerbarbarismus […], brutaler Terror und Gewalt zwangen die Menschen zu blindem Untertanentum«.2 Das Denkmal selbst verweist ebenfalls auf die Opferrolle Österreichs sowie die damit verbundene scharfe Abgrenzung zu Deutschland; so ist auf der Kolonnade in goldenen russischen Lettern »Ewiger Ruhm den Helden der Roten Armee, die gefallen sind im Kampf gegen die deutsch-faschistischen Okkupanten – für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas« zu lesen. Zweimal, 1947 und 1962, konnten Sprengstoffanschläge durch neofaschistische Gruppen auf das Denkmal verhindert werden. Darüber hinaus wurde die Anwesenheit des sowjetischen Soldaten – vom Bevölkerungsanteil aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa oft »Aljoscha«, von der Wiener Urbevölkerung despektierlich »Russendenkmal« genannt – in Wien kaum infrage gestellt; zu gering waren Anteilnahme und Betroffenheit. Nach dem Zerfall der Sowjetunion allerdings kamen in den Neunzigerjahren denkmalstürzerische Anregungen auf, insbesondere aus den Reihen der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) um Jörg Haider. Diese wollte das Siegeszeichen der ehemaligen Besatzungsmacht loswerden, was oft mit dem Verweis auf das Denkmal als Reminiszenz der »Besetzung Österreichs von 1938–1955« und damit durch die relativierende Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus in der Geschichte Österreichs begründet wurde. Im Staatsvertrag zwischen Österreich und den vier Siegermächten von 1955 war allerdings in Artikel 19 festgelegt worden, Denkmäler der Armeen zu achten, zu schützen und zu erhalten, die auf österreichischem Staatsgebiet gegen Hitler-Deutschland gekämpft haben. Aufgrund dieser und anderer Verpflichtungen Österreichs gab es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ernsthafte Bestrebungen, insbesondere konservativer österreichischer Politiker, die Russländische Föderation nicht als Rechtsnachfolgerin der UdSSR anzuerkennen, um die staatsvertraglichen Verpflichtungen gegenüber Moskau beenden zu können. Erst mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 und der damit verbundenen Übernahme des gemeinsamen außenpolitischen Besitzstandes der EU wurde Wien die Anerkennung der sowjetisch-russischen Staatennachfolge oktroyiert. Die dadurch bestätigte Kontinuität des Staatsvertrags gegenüber Russland ließ auch die Auseinandersetzungen um das Wiener »Russendenkmal« wieder abklingen. Mittlerweile sind die Diskussionen um das Denkmal am Wiener Schwarzenbergplatz (von 1946 bis 1956 Stalinplatz) größtenteils verstummt; »Aljoscha« scheint in Wien als monumentale Reminiszenz der sowjetischen Teilbesatzung der Stadt und des Landes weitgehend akzeptiert worden zu sein. Der »Ur-Aljoscha« in Plovdiv – Sieg und Freundschaft in Granit und Gesang Das erste Soldatendenkmal im Einflussbereich der Sowjetunion, welches »Aljoscha« genannt wurde und damit diesen bislang nicht näher bestimmten Sammelbegriff begründet hat, ist das »Denkmal für die Soldaten-Befreier« in der bulgarischen Stadt Plovdiv. In den Jahren 1954 bis 1957 wurde das Denkmal auf einer Aussichtsplattform erbaut und thront seitdem mit Blick nach Osten über der Stadt. Die gut zehn Meter hohe Statue aus Granit zeigt einen sowjetischen Soldaten in Uniform, mit Umhang und Pilotka-Feldmütze, der ein sowjetisches Maschinengewehr in der Hand hält. Neben der Inschrift »Ehre der unbesiegbaren sowjetischen Befreiungs-Armee« zieren zwei Basreliefs mit Kriegsszenen den etwa fünf Meter hohen Sockel des Denkmals. Bereits vor seiner Einweihung, am Vorabend des Jahrestages der Oktoberrevolution am 7. November 1957 wurde das Denkmal durch kommunistische Presse und Rundfunk in ganz Bulgarien bekannt. Zu sowjetunionweiter Popularität gelangte es wenig später, denn im Jahr 1962 besuchte der russische Komponist Eduard Kolmanovskij die Stadt und zeigte sich begeistert von dem Denkmal und seiner Vorgeschichte. Angeblich, so wurde es auch dem Komponisten überliefert, war die Statue nach einem Foto des einfachen russischen Soldaten Aleksej Skurlatov gefertigt worden, der 1944 an der Befreiung Bulgariens von deutschen Truppen beteiligt gewesen war und als Namenspatron des Denkmals fungierte. Dies inspirierte Kolmanovskij einige Jahre später dazu, zusammen mit dem Dichter Konstantin Vanšenkin das Lied »Aljoscha« über das Denkmal in Plovdiv zu verfassen.3 Aljoscha 1.Es schneit auf den Höhn des Witoschka,    umtosen,es grünt in den Tälern die Saat,  und weit in das Land blickt Aljoscha,   ein russischer Freund, ein Soldat. 2.Er kämpfte, er ging durch das Grauen des Krieges,   und steht so allein?   Aus Stein ist die Bluse gehauen,   die Stiefel sind kalt und aus Stein. 3.So mancher Soldat ist gefallen,  beweint von der Mutter, der Braut;   Aljoscha, der Russe, ist allen  Bulgaren bekannt und vertraut. 4.Der Wind mag die Berge umtosen,  Aljoscha steht stummen Gesichts.  Es bringen die Mädchen ihm Rosen,  doch er schenkt den Freundlichen nichts. 5.Vom Mond bleibt ein bläßlicher Schimmer,  ein strahlender Morgen erblaut:   Aljoscha, als wär es schon immer, steht schweigend,   gewohnt und vertraut. 6.Es schneit auf den Höhn des Witoschka,   es grünt in den Tälern die Saat,   und weit in das Land blickt Aljoscha,   ein russischer Freund, ein Soldat. 4 Im Verlauf der Planungs- und Bauphase war das Monument bereits mit den Narrativen des aufopferungsvollen sowjetischen Freiheitskampfes für das bulgarische Volk im »Großen Vaterländischen Krieg« sowie der dadurch begründeten bulgarisch-sowjetischen Freundschaft propagandistisch aufgeladen worden. Nun wurde die politische Instrumentalisierung durch das Zusammenspiel des Denkmals und seiner vertonten Geschichte komplettiert. 1966 wurde das Lied »Aljoscha« in der sowjetischen Armeezeitschrift Staršina-Seržant, einem offiziellen Organ des Verteidigungsministeriums der UdSSR, veröffentlicht und 1968 im Rahmen der IX. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Sofia dargeboten, was dem Stück zum Durchbruch verhalf. In den Siebzigerjahren brachte es das Musikstück über die Heldentaten des tapferen russischen Soldaten in Bulgarien im gesamten Einflussbereich der UdSSR zu großer Popularität. Es gehörte zum Lehrstoff in bulgarischen Grundschulen, wurde auf Massenveranstaltungen der Kommunistischen Partei Bulgariens gespielt sowie zur offiziellen Hymne der Stadt Plovdiv ernannt.5 Durch diese Popularisierung begannen unabhängig voneinander viele Menschen im gesamten Einflussbereich der Sowjetunion, ihre lokalen Soldatendenkmäler nach dem Vorbild des Liedes über das Monument in Plovdiv »Aljoscha« zu nennen, was bis heute so geblieben ist. Auch weiterhin ist das Lied im gesamten postsowjetischen Raum verbreitet sowie kontinuierlicher Bestandteil des russischen Bildungskanons, wo es beispielsweise in Lehrwerken über den »Großen Vaterländischen Krieg« abgedruckt ist.6 Von Wien bis Wladiwostok kennt man den »unbekannten Soldaten« Auch durch die immer wieder aufflammenden politischen Kontroversen um die »Aljoscha«-Denkmäler bleiben diese selbst über 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weiter im kollektiven Gedächtnis der zwischen Wien und Wladiwostok ansässigen Menschen verhaftet. Dabei verstehen es sowohl Befürworter als auch Gegner des sowjetischen Erbes immer wieder, die Denkmäler für ihre jeweilige politische Agenda zu instrumentalisieren. So gab es im ukrainischen Charkiv vor einigen Jahren ebenfalls Initiativen, das 1981 aufgestellte Soldatendenkmal abzubauen, da angeblich bei der Errichtung eine gültige Baugenehmigung der sowjetischen Administration gefehlt hatte. 2009 wurde es allerdings durch Unterstützung der russlandfreundlichen Partei der Regionen restauriert und erfreut sich insbesondere bei dem hohen Bevölkerungsanteil ethnischer Russinnen und Russen in der Stadt großer Beliebtheit. Auch in Charkiv nennen viele Menschen das Denkmal »Aljoscha«; andere wiederum bemühen sich um mehr Lokalkolorit und bezeichnen den Soldaten als »Pavluscha« in Analogie zu dem Namen des Stadtteils, Pavlove Pole, in dem das Denkmal steht. Eine gänzlich andere Geschichte weist das »Aljoscha« genannte Denkmal im sibirischen Nižnevartovsk auf: Im Jahr 1978 wurde hier die zwölf Meter hohe Bronzefigur eines Arbeiters in Bergbaumontur errichtet, ausgerüstet mit einem schweren Hammer und einer Schale mit Fackel in den Händen, der Inschrift nach der »Eroberer von Samotlor«. Samotlor ist das größte Ölfeld Russlands sowie der ehemaligen Sowjetunion. Damit konnte, mehr als 3000 Kilometer östlich des früheren Kriegsgeschehens, den Errungenschaften der »proletarischen Arbeitermassen« unter dem Aljoscha-Label und somit dem Sieg im »Großen Vaterländischen Krieg« in einer zivilen Abwandlung für Werktätige kommemoriert werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es auch in Plovdiv mehrere politische und gesellschaftliche Initiativen, um das Denkmal demontieren zu lassen. Insbesondere die Rolle der Roten Armee als »Befreierin« Bulgariens stand zur Debatte, da das Land während des Zweiten Weltkriegs weder von deutschen Truppen besetzt war, noch im Sinne einer Vichy- oder Quislingregierung kollaborierte oder eine deutsche Marionette darstellte. Im Zuge einer der zahlreichen Diskussionen um den »Ur-Aljoscha« zum 50-jährigen Jubiläum des Denkmals im Jahr 2007 wurde, ähnlich wie in Tallinn, eine ganztägige Bewachung des Denkmals organisiert, und Veteranen der Roten Armee in Bulgarien drohten mit Selbstverbrennung, sollte das Denkmal abgebaut werden. Schließlich entschied der Oberste Gerichtshof Bulgariens gegen eine Verlegung des Monuments, und der damalige sozialistische Premierminister Sergej Stanišev versicherte bei seinem Besuch in Moskau nach den Unruhen von Estland, dass sich in Bulgarien niemand erdreisten werde, das Denkmal auch nur zu berühren. Somit ist die Diskussion um »Aljoscha« in Bulgarien und damit über Befreiung vs. Besatzung sowie die Thematisierung der Kollaboration mit Hitler-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs ein Hybrid der Kontroversen in Estland und Österreich.7 »Aljoscha« als Personifizierung des Sieges der Sowjetunion im »Großen Vaterländischen Krieg« ist – zumindest in Mittel- und Osteuropa – weiterhin ein sowjetischer Mythos, der auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus noch eingelöst wird. Außerhalb der Russländischen Föderation wird dieser insbesondere durch Auslandsrussen, Veteranen der Roten Armee, sozialistische Politiker und Parteigänger sowie Sowjet-Nostalgiker am Leben gehalten. Die wachsende Popularität solch affirmativer Geschichtsmythen wird nicht zuletzt durch das großrussische Sendungsbewusstsein der Putin’schen Vergangenheits- und Geschichtspolitik und ihrer systemimmanenten Übersetzung historischer kommunistischer Ordnungssysteme in die russische bzw. postsowjetische Realität des 21. Jahrhunderts katalysiert. Lied und Denkmal für den russischen Kriegshelden »Aljoscha« stehen stellvertretend für alle sowjetischen Soldaten, insbesondere für die im Krieg gefallenen. Heute ist allerdings nicht nur die Erinnerung an den Helden weiter lebendig, sondern auch die Muse, Aleksej Skurlatov, erfreut sich bester Gesundheit und lebt im russischen Altai. Im Jahr 2010 wurde der Veteran mit der »Medaille 65 Jahre Sieg über den Faschismus des bulgarischen Präsidenten« ausgezeichnet. Damit verleiht Aljoscha den sowjetischen Denkmälern für die »Befreier« und »unbekannten Soldaten« weiterhin ein menschliches Antlitz und verankert den Mythos auch im heutigen Alltagsleben der Menschen im postsowjetischen Raum. 1 Siehe hierzu ausführlicher Felix Münch: Diskriminierung durch Geschichte? Der Deutungsstreit um den »Bronzenen Soldaten« im postsowjetischen Estland, Marburg 2008. 2 Hannes Leidinger/Verena Moritz: 1945. Planung, Bau und Einweihung des Russendenkmals, in: Matthias Marschik/Georg Spitaler (Hg.): Das Wiener Russendenkmal. Architektur, Geschichte, Konflikte, Wien 2005, S. 15–20, hier S. 19. 3 Siehe Michail P’janych: Vanšenkin Konstantin Jakovlevič, in: Russkaja Literatura XX Veka. Prozaiki, Poėty, Dramaturgi [Russische Literatur des 20. Jahrhunderts. Schriftsteller, Dichter, Dramatiker], Sankt Petersburg 2005, Bd. 1, S. 332. 4 Diese deutsche Version des Liedes, mehr Übertragung als Übersetzung, findet sich in: Verhangen war mit Tränenrauch. Gedichte gegen Faschismus und Krieg, (Ost-) Berlin 1981, S. 174. 5 Siehe Bolgarskij Aleša živet na Altae [Der bulgarische Aljoscha wohnt im Altai], in: http://www.izvestia.ru/news/323849, ges. am 17. April 2012. 6 Siehe Igor‘ Damaskin/Petr Košel‘/Jurij Nikiforov: Velikaja Otečestvennaja Vojna 1941–1945. Ėnciklopedija dlja Škol’nikov [Der Große Vaterländische Krieg 1941–1945. Enzyklopädie für Schüler], Moskau 2005, S. 404. 7 Zu den bulgarischen Geschichtsdebatten über Faschismus und Zweiter Weltkrieg siehe Roumen Daskalov: Debating the Past. Modern Bulgarian History. From Stambolov to Zhivkov, Budapest 2011, S. 145–211.

JHK 2013

Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Tiergarten

Steffi Töpfer

Zur prekären Lage eines prominenten sowjetischen Erinnerungsortes im geteilten Berlin 1945–1990 Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR befinden sich ungefähr 850 sowjetische Gedenkstätten und Friedhöfe. Neben der zweifellos bekanntesten Anlage dieser Art, dem Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow,1 ist nach der Friedlichen Revolution von 1989 und der Wiedervereinigung Berlins auch ein anderes Monument der ehemaligen sowjetischen Besatzer wieder verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Das bereits im November 1945 in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tores eingeweihte Ehrenmal im Berliner Tiergarten wurde zwar bewusst im Zentrum der ehemaligen Reichshauptstadt errichtet. Nach der faktischen Teilung der Stadt in die sowjetische und die drei westlichen Besatzungszonen und endgültig nach dem Mauerbau geriet die Anlage am östlichen Rand des britischen Sektors aber in Vergessenheit. Der folgende Beitrag beleuchtet die Entstehung des Ehrenmals sowie seine Wirkungsgeschichte zwischen 1945 und 1990 als Denkmal der sowjetischen Besatzer in West-Berlin und untersucht damit einen interessanten Aspekt der Teilungsgeschichte der Stadt. Es wird zu zeigen sein, dass dieses Denkmal – ungeachtet verschiedener Bemühungen der sowjetischen Besatzer – von Anfang an ein sowjetisches war und weder in der Erinnerungslandschaft der DDR noch West-Berlins einen Platz finden konnte. * Der »unbekannte Soldat« der Kriegsdenkmäler bleibt stets an eine im Kern monarchische Denkmaltradition zurückgebunden, so die bekannte These Reinhart Kosellecks.2 Illustriert wird dieser Befund durch die Tatsache, dass sich in vielen europäischen Hauptstädten der »unbekannte Soldat« in der Nähe von bzw. unmittelbar zusammen mit alten monarchischen Denkmalorten nachweisen lässt. Auch der Standort des Sowjetischen Siegesdenkmals im Tiergarten ist dafür exemplarisch. 1945 wurde es im zerstörten Tiergarten exakt an der Kreuzung der durch die nationalsozialistische Stadtplanung ausgebauten Ost-West- und Nord-Süd-Achse erbaut. Die Ost-West-Achse – die heutige »Straße des 17. Juni« – führte dabei vom Brandenburger Tor Richtung Charlottenburg, während die nie fertig gestellte und heute gänzlich verschwundene Nord-Süd-Achse als verbreiterte und umgestaltete ehemalige »Siegesallee« geplant war. Diese als persönlicher Ausdruck dynastischer Repräsentation maßgeblich durch Kaiser Wilhelm II. selbst konzipierte und finanzierte Allee säumten bis zur Umgestaltung 1938 32 Denkmäler, welche die Fürsten Brandenburgs und Preußens von Markgraf Albrecht dem Bären (1134–1170) bis Kaiser Wilhelm I. (1861–1888) sowie bedeutende Zeitgenossen darstellten. Der Standort des Sowjetischen Ehrenmals nahm diese ältere Denkmaltradition wieder auf, die durch die Nähe des Brandenburger Tores und des niedergebrannten Reichstages – einem der wichtigsten Symbole für den Sieg der Sowjetunion – aus Sicht der Roten Armee zusätzliche Plausibilität gewann. Hierzu trug auch die bereits von den Zeitgenossen verbreitete Legende bei, das Ehrenmal sei zum Teil aus dem Marmor der Neuen Reichskanzlei, dem Regierungssitz Hitlers in der Voßstraße erbaut worden. Aussagekräftige Belege existieren hierüber jedoch nicht.3 Genaue Aussagen über Motivation und Entscheidungsfindung bei der Wahl des Standortes sind ebenfalls nicht möglich, da weder der Befehl zur Erbauung der Anlage auffindbar ist, noch Verhandlungen zwischen der sowjetischen und britischen Militärregierung über die Wahl des Standortes dokumentiert sind. Der Befehl wurde wahrscheinlich noch im Mai 1945 von Marschall Georgij K. Žukov gegeben, noch bevor die sowjetischen Truppen den für die Briten vorgesehenen Sektor zu räumen begannen. Als Architekt des Denkmals fungierte Nikolaj V. Sergievski, als Bildhauer waren Lev E. Kerbel und Vladimir E. Zigal beteiligt. Die Errichtung selbst übernahmen in erster Linie deutsche Arbeiter, wobei der Erbauungszeitraum mit gut zwei Monaten äußerst knapp bemessen und bei der Einweihung des Ehrenmals am 11. November 1945 die Anlage folglich noch nicht fertig war. Vor allem die zentrale Denkmalsfigur fehlte, weshalb zunächst nur eine bronzierte Gipsfigur des Soldaten aufgestellt wurde und die gärtnerischen Arbeiten erst im November 1946 abgeschlossen werden konnten. Die gesamte Anlage umfasst ungefähr 27 000 Quadratmeter. Das Hauptmonument – ein ungefähr acht Meter hoher bronzener Soldat der Roten Armee, der auf einem erhöhten Pfeiler steht – ist von einer durch Treppenstufen ebenfalls erhöhten Kolonnade umrahmt. Auf den sechs Pfeilern der Kolonnaden sind die Namen von gefallenen Soldaten sowie die Embleme der Waffengattungen der Roten Armee in vergoldeten Lettern angebracht. Dem Monument vorgelagert sind zwei Kenotaphe, auf denen ebenfalls in vergoldeten Buchstaben die Namen von gefallenen Offizieren zu lesen sind, die 1945 als »Helden der Sowjetunion« geehrt wurden. Synchron vor dem Hauptmonument stehen links und rechts je zwei sowjetische »T 34-Panzer« sowie Geschütze. Die Panzer sollen in den Endkämpfen um Berlin die Stadt als erste erreicht haben. Geht man unter den Kolonnaden des Hauptmonuments hindurch, sind die ehemaligen Unterkunftshäuschen der von 1945 bis 1990 dort postierten sowjetischen Wachmannschaften sichtbar, an deren Außenwänden seit 2001 Informationstafeln über das Ehrenmal und den historischen Kontext seiner Entstehung angebracht sind. Zudem befinden sich – abgetrennt durch hohe Hecken und ebenfalls synchron links und rechts hinter dem Hauptmonument – zwei Wasserfontänen. Wie alle Ehrenmale der Sowjetunion lässt auch die Anlage im Tiergarten nur ein weitgehend anonymes und per se heroisches Gedenken an die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges zu. So sind von den wahrscheinlich im hinteren Teil der Anlage bestatteten 2000 bis 2500 Soldaten der Roten Armee nur ungefähr 100 namentlich auf den Säulen der Kolonnaden sowie auf den Kenotaphen vermerkt. Auch fehlt ein expliziter Hinweis auf die ethnische Vielfalt der Roten Armee, zumal wenn man bedenkt, dass hauptsächlich Soldaten der Ukrainischen und Belorussischen Front bei der Einnahme Berlins kämpften. Hier zeigt sich, dass das individuelle Gedenken an die Gefallenen gegenüber der Monumentalität der Stalin-Architektur völlig in den Hintergrund trat. Über die Wahrnehmung der Erbauung und Einweihung dieses Siegesdenkmals im Herbst 1945 in der deutschen Bevölkerung existieren kaum Quellen. Der Tiergarten war stark vom Krieg zerstört, der ausgebrannte Reichstag befand sich in unmittelbarer Sichtweite der Baustelle und die Deutschen waren den täglichen Übergriffen der Roten Armee schutzlos ausgesetzt. Allein der Umstand, dass ausschließlich die Tägliche Rundschau, das Sprachrohr der sowjetischen Politik, ausführlich über die Einweihung des Ehrenmals sowie über Sinn und Symbolik der Anlage berichtete, zeigt die ambivalente Resonanz in der Öffentlichkeit. Bei der Einweihung wurde die Sowjetunion durch ihre ranghöchsten Vertreter repräsentiert, allen voran Marschall Žukov. Die Amerikaner, Briten und Franzosen entsandten dagegen nur Vertreter der »Unterabteilungen der alliierten Garnison Berlins«.4 Lediglich der sowjetische Generalleutnant Konstantin F. Telegin, welcher angeblich für die Wahl des Standortes des Ehrenmals und für die Einleitung der Baumaßnahmen verantwortlich gewesen war, hielt eine Ansprache. Immer wieder verweist er darin auf die »entscheidende Rolle der Roten Armee beim Erringen des Sieges«.5 Die Grundtendenz der Rede ist eindeutig: Die Rotarmisten sind die herausragenden Sieger, die Deutschen sind die Besiegten, die übrigen alliierten Truppen haben die Rolle von Zaungästen. Die Anlage wurde seit 1945 vor allem von Mitgliedern der östlichen Besatzungstruppen ausschließlich an sowjetischen Feiertagen genutzt, etwa dem Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution am 7. November, dem Tag der Sowjetarmee am 23. Februar sowie am 9. Mai, dem sowjetischen Tag des Sieges. Der 8. Mai, als deutscher Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde bei der Nutzung des Ehrenmals bis 1990 kontinuierlich umgangen. Seit der politischen Teilung Berlins und endgültig nach dem Mauerbau beschränkte sich der Teilnehmerkreis der sowjetischen Gedenkveranstaltungen von deutscher Seite auf die Mitglieder des West-Berliner Ablegers der SED (SEW). Die allenfalls punktuelle Berücksichtigung des Denkmals in den ost- und westdeutschen Medien, die sich in der Regel auf den Vermerk von Kranzniederlegungen mit ausschließlich sowjetischen und osteuropäischen Teilnehmern beschränkte, unterstreicht, dass die Anlage als ein ausschließlich sowjetischer Ort wahrgenommen wurde. Ungeachtet der von Beginn an klaren symbolischen Konnotierung als wichtigstes Siegesdenkmal durch sowjetische Vertreter war die administrative Zuständigkeit von Anfang an unübersichtlich. Zwar war der Berliner Magistrat faktisch bereits seit 1946 für den finanziellen Unterhalt der Anlage verantwortlich, aber erst zum 1. April 1948 wurde den deutschen Behörden von der sowjetischen Zentralkommandantur die Administration für das Ehrenmal formal übertragen. Als sich wenige Wochen später mit der Abriegelung der Westsektoren und der Berliner Luftbrücke die Teilung der Stadt abzuzeichnen begann, wurde auch die Stellung des Sowjetischen Ehrenmals prekär. Es lag, bewacht von den Soldaten der Roten Armee im britischen Sektor, während – nach der Teilung der Stadtverwaltung – der Magistrat Ost-Berlins für den finanziellen Unterhalt aufkommen und die Pflege organisieren sollte. Hier wechselte die administrative Zuständigkeit für das Ehrenmal anfangs zwischen Abteilungen des Magistrats sowie dem Rat des Stadtbezirks Mitte, lag jedoch seit 1967 kontinuierlich beim Stadtgartenamt, das dem Magistrat der Stadt unterstellt war. Die Mittel für den laufenden Unterhalt wurden seit 1968 aus dem Haushalt des Stadtgartenamtes gedeckt und waren – gemessen an der seltenen Nutzung des Denkmals durch Vertreter der DDR – vergleichsweise hoch.6 Nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 gestaltete sich vor allem die regelmäßige Pflege der Anlage durch Ost-Berliner Betriebe als überaus schwierig. Für die Arbeiten wurden stets bestimmte Personen ausgewählt, die als Reisekader eingestuft waren. Konkret bedeutete dies, dass die vor Ort tätigen Gärtner mit Reisepapieren ausgestattet waren, die bei Nicht-Nutzung im Stadtbezirksamt Mitte abgegeben werden mussten. Erste große Sanierungsarbeiten an der Anlage konnten – wahrscheinlich aufgrund der politischen Verhältnisse – erst nach 1967 durchgeführt werden, obwohl sie bereits in den Fünfzigerjahren als notwendig erachtet wurden. Zudem zeigt eine Vielzahl der administrativen Entscheidungen über die Pflege und Sanierung des Ehrenmals, dass sich auch nach 1945 nichts an der faktischen Abhängigkeit der ausführenden deutschen Behörden von sowjetischen Dienststellen änderte. Diese Abhängigkeit wurde vor allem dadurch begünstigt, dass, wie bereits erwähnt, sowjetische Ehrenwachen am Denkmal postiert und in einem Gebäudekomplex unmittelbar hinter dem Hauptmonument untergebracht waren. Die sowjetischen Militärs hatten somit unmittelbare Kenntnis über die Arbeiten ostdeutscher Betriebe vor Ort und gaben dementsprechend konkrete Anweisungen für die Pflege der Anlage. Zudem war das Ehrenmal im Tiergarten Bestandteil von Kontrollen durch die britische Militärpolizei, da sich dessen Umfeld in britischer Obhut befand. Insgesamt betrachtet nahm das Ehrenmal im Tiergarten innerhalb der Arbeit der zuständigen ostdeutschen Behörden eine quantitativ nachgeordnete, dafür aber politisch-administrativ hoch sensible Stellung ein. Während der unmittelbare Nutzen für das politische Regime der SED aufgrund der beschränkten Zugänglichkeit bis auf wenige Ausnahmen gering ausfiel, war die Anwesenheit der Sowjetunion vor Ort durch Wachmannschaften und sowjetische Kommandeure ein Grund, weshalb selbst unter den Bedingungen der sozialistischen Mangelwirtschaft verstärkt auf die Pflege der Anlage geachtet werden musste. Ein weiterer Aspekt, der die eigentümliche Stellung des Sowjetischen Ehrenmals im Berliner Tiergarten unterstreicht, ist die Tatsache, dass dieses nicht in die Denkmalliste der DDR aufgenommen wurde. Obgleich die Zuständigkeit formal bei den Behörden der DDR lag, wurde damit wohl Rücksicht auf die Lage des Ehrenmals im britischen Sektor genommen. Daran wird deutlich, dass sich das Ehrenmal nicht nur aus Sicht der westlichen Sektoren, sondern ebenso aus der Perspektive der DDR in einer peripheren Randlage befand, die zwar eine ganze Reihe von Verpflichtungen, aber nur einen geringen öffentlichkeitswirksamen Nutzen mit sich brachte. Eine entscheidende Ausnahme in der insgesamt betrachtet marginalen Berichterstattung über das Ehrenmal im Tiergarten bildet der 7. November 1970. In der Nacht vor dem Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution verübte ein der West-Berliner Neonaziszene angehörender Mann ein Attentat auf die Wachposten am Ehrenmal, bei dem einer der sowjetischen Soldaten lebensgefährlich verletzt wurde. Der durch zwei Schüsse getroffene Wachposten wurde von einem britischen Krankenwagen in ein sowjetisches Militärkrankenhaus im Osten Berlins gebracht und erfolgreich operiert. Der Täter konnte bereits kurz nach der Tat festgenommen werden. Die Kranzniederlegung am Vormittag des 7. November durch Vertreter der Sowjetunion fand trotz des Vorfalls wie geplant statt. Das Attentat wurde durch die Bundesregierung und den Regierenden Bürgermeister von Berlin verurteilt, ein Vertreter der britischen Militärregierung suchte zudem die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin auf, um das »Mitgefühl der britischen Behörden« zu bekunden.7 In der DDR rückte das Denkmal damit schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Attentat wurde als ein »Anschlag auf Frieden und Entspannung« gewertet, welcher der neonazistischen Szene zuzuordnen war.8 Dem spontanen Zusammenschluss verschiedener Ost-Berliner Bauarbeiter zu einem »Protestmeeting« folgten – wie das Neue Deutschland berichtet – zahlreiche Bekundungen von »Abscheu« gegen die Tat aus allen Bevölkerungsschichten.9 Neben der in ost- und westdeutscher Presse einsetzenden wochenlangen Berichterstattung über diesen politisch hoch brisanten Vorfall und seine Folgen, wurden im Ministerium für Staatssicherheit umfangreiche Akten über den »Mordanschlag« angelegt.10 Auch noch zehn Jahre später hatte das Attentat einen hohen Stellenwert und wurde politisch instrumentalisiert, wie die Veröffentlichung einer Broschüre des Militärverlages der DDR zeigt.11 Nach diesem Vorfall wurde die gesamte Anlage auf Befehl der britischen Militäradministration auf einem 400 Meter langen Abschnitt durch Eisengitter bis zur gegenüberliegenden Straßenseite abgesperrt und erst im April 1987 wieder freigegeben. * Das Ehrenmal an der »Straße des 17. Juni« nahm nach der Teilung Berlins eine politisch äußerst prekäre Stellung ein. Es stand im britischen Sektor der Stadt als ein genuin sowjetischer Ort der Erinnerung, an einer Hauptstraße, deren Name an die Niederschlagung des größten Volksaufstandes in der DDR durch die Truppen der östlichen Besatzungsmacht erinnert. Was sich seit 1949 hinsichtlich der gesellschaftlichen Nutzung durch die West- und Ost-Berliner Bevölkerung bereits abzeichnete, wurde durch die politischen Ereignisse zusätzlich manifestiert – das Denkmal stand im Schatten der Mauer. Nach der Friedlichen Revolution im November 1989 kehrte das Ehrenmal gleichsam wieder an den bei der Errichtung 1945 intendierten Standort im Zentrum Berlins »zurück«. Der rechtliche Status der Anlage wurde analog zu allen anderen sowjetischen Ehrenmalen im vereinigten Deutschland in den Jahren 1990 und 1992 durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag, den »Nachbarschaftsvertrag« sowie das »Kriegsgräberabkommen« festgelegt. Zugleich konnte aufgrund des Einigungsvertrages der Denkmalstatus des Ehrenmals erhalten werden. Die Vielzahl und Verflechtung dieser gesetzlichen Grundlagen ist jedoch für die zum Teil bis heute andauernden Kompetenzstreitigkeiten hinsichtlich der Deckung von Unterhalts- und Sanierungskosten verantwortlich. Erst nach Interventionen von Vertretern der Russischen Föderation, waren der Bund und das Land Berlin schließlich zur gemeinsamen Übernahme der Sanierungskosten bereit. Bezüglich seiner Nutzung bleibt es ein genuiner sowjetischer Erinnerungsort, der vor allem von russischen Staatsbürgern für Gedenkveranstaltungen aufgesucht wird. Für die Mehrheit der Tiergartenbesucher ist das Ehrenmal hingegen aufgrund seiner militärischen Attribute und triumphalen Formensprache eine Sehenswürdigkeit und ein Fotomotiv wie viele andere in Berlin. 1 Von 1947 bis 1949 erbaut, wurde der größte Denkmalskomplex außerhalb der damaligen UdSSR am 8. Mai 1949 eingeweiht und war in der DDR das Symbol der »Befreiung Hitlerdeutschlands vom Faschismus durch die Sowjetunion«. Siehe dazu Steffi Töpfer: Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. Anlage, Formensprache und ikonographische Tradition, in: Stefan Troebst/Johanna Wolf (Hg.): Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa, Leipzig 2010, S. 127–135. 2 Siehe Reinhart Koselleck: Die Transformation der politischen Totenmale im 20. Jahrhundert, in: transit 22 (2001), S. 59–86, hier S. 68. 3 Siehe Helga Köpstein: Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin, Berlin 2006, S. 37–39, sowie Hans-Ernst Mittig: Marmor der Reichkanzlei, in: Dieter Bingen/Hans-Martin Hinz (Hg.): Die Schleifung. Zerstörung und Wiederaufbau historischer Bauten in Deutschland und Polen, Wiesbaden 2005, S. 174–187, hier S. 177. 4 Berliner Zeitung vom 14. November 1945. 5 Tägliche Rundschau vom 13. November 1945. 6 Verglichen mit den Anlagen in Treptow und der Schönholzer Heide wurde für den Unterhalt des Ehrenmals im Tiergarten beispielsweise zwischen 1968 und 1970 der größte Teil der zur Verfügung stehenden Mittel aufgewendet. Siehe Schreiben der Bezirksplankommission an das Bezirksbauamt Berlin vom 29. Juni 1967. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin Abt. I Stadt- und Freiraumplanung. 7 Siehe Der Tagesspiegel vom 8. November 1970 sowie vom 10. November 1970; Berliner Telegraf vom 8. November 1970; Berliner Morgenpost vom 8. November 1970. 8 Neues Deutschland vom 8. November 1970. 9 Publik gemacht wurde vor allem der Protest prominenter Repräsentanten des Kulturbereichs, wie z. B. von Schauspielern des Deutschen Theaters, des Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften Professor Dr. Hermann Klare sowie des Rektors der Humboldt-Universität Professor Dr. Karl-Heinz Wirzberger, siehe Neues Deutschland vom 8. November 1970. Auch noch Tage später wurden Protestnoten namhafter ostdeutscher Künstler – wie Helene Weigel oder Bruno Apitz – veröffentlicht, siehe Junge Welt vom 12. November 1970. 10 Siehe Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), MfS, ZAIG, Nr. 10412. 11 In der Reihe »Tatsachenbericht« werden auf fünfzig Seiten die Tat, das Gerichtsverfahren gegen den Attentäter sowie das Leben des Wachsoldaten im erzählerischen Duktus und mit Fotos illustriert wiedergegeben. Das Heft erschien in einer sehr großen Auflage von mehreren tausend Exemplaren und verkaufte sich bei einem Preis von 0,50 DDR-Mark entsprechend gut. Leontij M. Krjučkov: Schüsse im Tiergarten, Berlin 1980.

JHK 2013

Die Kommunistische Partei Österreichs: Zum Stand der Forschung über die Geschichte der KPÖ

Manfred Mugrauer

In der historischen und politikwissenschaftlichen Literatur über die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) wird allgemein ihr geringer politischer Stellenwert betont. So hebt etwa Anton Pelinka die Außenseiterrolle und »faktische Bedeutungslosigkeit« der KPÖ als eine der »auffallenden Besonderheiten des österreichischen Parteiensystems« hervor.1 Verglichen mit den großen kommunistischen Parteien (KP) Westeuropas war der Einfluss der KPÖ tatsächlich eher gering, sie zählte stets zu den schwächsten KPen in Europa und spielt auch heute im politischen Leben Österreichs eine untergeordnete Rolle. Ungeachtet dieses allgemeinen Befunds war die KPÖ in drei Perioden der neueren österreichischen Geschichte ein durchaus bedeutender historischer Faktor: 1.) Im Jahr 1919, als die im November 1918 gegründete Partei einen raschen Aufschwung nahm, dem ein ebenso rapider Niedergang folgte. 2.) In den Jahren 1934 bis 1945, als die KPÖ zur wichtigsten Kraft der illegalen Arbeiterbewegung wurde und Triebkraft des antifaschistischen Widerstands war. 3.) Im ersten Nachkriegsjahrzehnt, als sie – auch aufgrund der Präsenz der sowjetischen Besatzungsmacht – über ihren größten Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung verfügte: 1945 zählte die KPÖ zu den Gründerparteien der Zweiten Republik und gehörte bis 1947 der Regierung an. Bis 1959 waren Kommunisten im österreichischen Parlament vertreten, in einigen Landtagen bis 1969/70. Auf gewerkschaftlicher, betrieblicher und kommunaler Ebene war sie eine prägende Kraft, die auch im intellektuellen Leben über Ausstrahlungskraft verfügte und in Kultur und Sport in der Lage war, einen gewissen Einfluss auszuüben. Auch nach Abschluss des Staatsvertrags im Jahr 1955 und dem Niedergang der Partei besetzte sie bis in die jüngere Vergangenheit Positionen in Betriebs- und Gemeinderäten. Als Teil der kommunistischen Weltbewegung blieb die KPÖ trotz ihres Schrumpfungsprozesses ein politischer Faktor, der beachtet werden musste. In der österreichischen Geschichtswissenschaft erregte die KPÖ nur wenig Aufmerksamkeit. Ihre relative Bedeutungslosigkeit ist der Hauptgrund dafür, dass Forschungen über die Parteigeschichte überschaubar geblieben sind und sich an ihrem Beispiel aktuelle Trends der internationalen Kommunismusforschung nur bedingt widerspiegeln. Die Parteigeschichtsschreibung der KPÖ Für die akademische Geschichtswissenschaft war die Geschichte der KPÖ über Jahrzehnte kein Thema. Bis in die Sechzigerjahre hinein liegen keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen über sie vor. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb die Historiografie über die Partei auf die Geschichtsschreibung der KPÖ selbst beschränkt. Das allgemein enge Verhältnis der marxistischen Arbeiterbewegung zur Geschichte kam am Beispiel der KPÖ vor allem in Veröffentlichungen über diverse Jubiläen zum Ausdruck. Zu solchen Anlässen erschienen kleinere Broschüren und Gedenk- und Erinnerungsbeiträge im Theorieorgan Weg und Ziel, etwa über den Jännerstreik 1918, die Juli-Ereignisse 1927, die Februarkämpfe 1934, den »Anschluss« 1938, über Widerstand und Befreiung sowie über den Oktoberstreik des Jahres 1950. Als Autoren traten hier zunächst weniger akademisch ausgebildete Historiker, sondern Parteifunktionäre in Erscheinung. Neben ihrer Funktion als Mittel zur Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung strahlten diese an der Schnittstelle von Wissenschaft und »Geschichtspolitik« angesiedelten Veröffentlichungen auch in die akademische Zeitgeschichtsforschung aus. Obwohl die Geschichte der Arbeiterbewegung fixer Bestandteil der kommunistischen Gedenkkultur und Erinnerungspolitik wurde und die KPÖ insgesamt als geschichtsbewusste Partei einzuschätzen ist, schenkte sie nach 1945 der systematischen Erforschung ihrer eigenen Geschichte wenig Aufmerksamkeit. Selbst der kommunistische Widerstand wurde nur bruchstückhaft dokumentiert. Sowohl im Vorfeld des Parteijubiläums im Jahr 1958 als auch 1968 scheiterte die von der Parteiführung beabsichtigte Ausarbeitung einer Parteigeschichte. Als »Verlegenheitslösung« wurde 1958 zum 40. Jahrestag der Gründung der Partei der Rohentwurf von Hermann Mitteräcker als Manuskriptdruck veröffentlicht, der nur organisationsintern verbreitet wurde. 1966 wurde neben der bereits seit 1955 bestehenden Historischen Kommission beim ZK der KPÖ eigens eine »Kommission zum Studium der Parteigeschichte« eingerichtet, die zum 50. Jahrestag mehrere Monografien über verschiedene Perioden der Parteigeschichte veröffentlichen sollte. 1968 musste man diese Pläne als nicht realisierbar begraben. Zuletzt scheiterte auch die Absicht, alternativ dazu einen von Friedl Fürnberg verfassten Grundriss für eine Geschichte der KPÖ herauszubringen.2 Es waren wohl vor allem die »Problemzonen« der kommunistischen Geschichte und die Identifikation mit dem Geschichtsbild der sozialistischen Länder dafür verantwortlich, dass sich die entsprechenden Planungen stets verzögerten und schließlich ganz ad acta gelegt werden mussten. Einen frühen Hinweis darauf geben die drei vor 1955 herausgegebenen Lehrhefte der Partei Zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, die mit dem Jahr 1934 enden. Ein bereits angekündigter vierter Band über die Periode bis 1945 wurde nicht mehr publiziert. Die Entstehungsgeschichte der Studie von Franz West Die Linke im Ständestaat3 verdeutlicht beispielhaft, warum die für die Parteigeschichte so wichtige Periode von 1934 bis 1938 in der KPÖ-Historiografie unterbelichtet blieb: Nachdem West als Chefredakteur des Zentralorgans abgelöst worden war, sollte er im Zeitraum der Fortzahlung seines Gehalts eine Studie über den illegalen Kampf der Partei in den Jahren 1934 bis 1938 schreiben. Im April 1971 wurde West jedoch mitgeteilt, dass die Partei an seiner Arbeit nicht mehr interessiert sei, weil er auch zwei Tabuthemen, das Schicksal der in die Sowjetunion emigrierten österreichischen Schutzbündler und die Kampagne gegen den »Trotzkismus« aufrollen wollte. Dies wurde seitens der KPÖ als öffentliche Stellungnahme zu innerparteilichen Fragen bzw. zur Haltung der KPdSU angesehen.4 Eine erste geschlossene Darstellung der Parteigeschichte seitens der KPÖ erschien 1976 als Broschüre im Manuskriptdruck. Ein Jahr später wurde auf dieser Grundlage die (aufgrund der Farbe ihres Einbands) in Parteikreisen sogenannte rote Parteigeschichte als Gemeinschaftswerk von Parteiveteranen und jungen Historikern herausgegeben.5 Studien über die Februarkämpfe 1934 mit de facto »parteioffiziellem« Charakter wurden zu den Jahrestagen 1974 und 1984 vom in der DDR wirkenden österreichischen Historiker Arnold Reisberg bzw. von Winfried R. Garscha und Hans Hautmann vorgelegt.6 Ab den späten Siebzigerjahren wurde die Parteigeschichtsschreibung von »professionellen«, der Partei angehörenden Historikern geprägt. Dies spiegelt sich auch in der 1987 von der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ herausgegebenen »grauen« Parteigeschichte wider,7 deren einzelne Abschnitte über die Zeit bis 1955 von Josef Ehmer, Garscha, Hautmann, Rupert Herzog und Willi Weinert verfasst wurden. Allein der Schlussteil über die jüngere Vergangenheit wurde von Ernst Wimmer ausgearbeitet, der in der medialen und politischen Öffentlichkeit gerne als »Chefideologe« apostrophiert wurde. Gegenüber der »roten« Parteigeschichte, die mit Abschluss des Staatsvertrages im Jahr 1955 endet, wurde die »graue« Parteigeschichte bis in die Achtzigerjahre fortgeführt, womit auch das Krisenjahr 1956 sowie Ursachen, Verlauf und Folgen der »Parteikrise« 1968/69 behandelt wurden. Während erstere als traditionelle »Hausgeschichtsschreibung« anzusehen ist, deren Hauptzweck vor allem darin bestand, die durch den Verlauf der Geschichte im Wesentlichen als »richtig« eingeschätzte Linie der Partei in Abgrenzung zum »falschen«, reformistischen Kurs der österreichischen Sozialdemokratie nachzuweisen, arbeitet die Neufassung quellenbezogen und problemorientiert und verzahnt die Politik- und Organisationsgeschichte der Partei mit der politischen und sozialökonomischen Entwicklung Österreichs. Obwohl diese 600 Seiten starke Publikation ohne Moskauer Quellen auskommen musste, vom marxistischen Verständnis von »Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit« geprägt und insgesamt dem Geschichtsbild vor 1990 verhaftet ist, ist sie in ihrer Gesamtheit weder als hagiografisch noch apologetisch einzuschätzen. Keine andere Partei in Österreich hat ein ähnliches Werk vorzuweisen, das derart selbstkritisch Fragen an die eigene Geschichte richtet. Während vergleichbare parteioffizielle Veröffentlichungen beispielsweise über die KPdSU- oder die SED-Geschichte heute in der Geschichtswissenschaft als reine Legitimationswissenschaft keine Beachtung mehr finden, gilt die »graue« Parteigeschichte immer noch als Standardwerk über die Geschichte der KPÖ. Die KPÖ in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung Ein gewichtiger Faktor für die fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der KPÖ ist das Fehlen einer institutionalisierten Zeitgeschichtsforschung in Österreich bis in die Sechzigerjahre. Erst die Errichtung der ersten Institute für Zeitgeschichte an den österreichischen Universitäten und die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) ausgehenden Impulse führten zu intensiveren Forschungen über die Erste Republik bzw. über Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit. Bis in die Achtzigerjahre stand die Zwischenkriegszeit ganz im Mittelpunkt der österreichischen Zeitgeschichtsforschung. Erst nach der »Waldheim-Debatte« wurde der Zweiten Republik verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Verknüpft mit dem allgemeinen Aufschwung der Zeitgeschichte wurde die sich in den Sechzigerjahren etablierende Arbeiterbewegungsgeschichte zum wichtigsten Bezugspunkt der Forschungen über die KPÖ. Dafür stehen neben dem DÖW auch das 1968 gegründete und im Hochschulbereich verankerte Ludwig Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung in Linz mit seinen Publikationsreihen, sowie die seit 1965 stattfindenden »Linzer Konferenzen« der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (ITH). Die Geschichte der Arbeiterbewegung wurde in den Siebzigerjahren zu einer akademischen Disziplin, als (sozialgeschichtlich orientierte) »Arbeitergeschichte« erlangte sie bis 1990 eine geradezu dominierende Stellung in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung. Diese veränderte Situation schlug sich auch an den Universitäten entsprechend nieder, wo nun die ersten Dissertationen über die Geschichte der KPÖ entstanden. In den Siebzigerjahren erschienen die ersten von Nicht-Kommunisten verfassten wissenschaftlichen Monografien über die KPÖ. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Monografien nur von zwei kommunistischen Historikern vorgelegt worden: die als Bibliographische Bemerkungen untertitelte Dokumentation der KPÖ-Geschichte bis 1933 von Herbert Steiner,8 sowie eine Studie von Hautmann über die Gründungsphase der Partei.9 Von Steiner, Gründer des DÖW und in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Sekretär der 1955 gebildeten Historischen Kommission beim ZK der KPÖ, der sich weit über die Partei hinaus breiter Anerkennung erfreute, stammt auch ein Handbuchbeitrag über die KPÖ in der Ersten Republik.10 Hautmann stieg in späteren Jahren zum Vorstand des Instituts für Neuere und Zeitgeschichte der Universität Linz auf und ist damit ein seltenes Beispiel einer akademischen Karriere eines Historikers mit kommunistischem Hintergrund. Die erste politikwissenschaftliche Beschäftigung mit der Politik der KPÖ leistete 1972 Pelinka in einem Handbuchbeitrag unter dem Blickwinkel innenpolitischer Differenzierungen nach 1945.11 Maßgeblich für die Interpretation der Politik der KPÖ seit ihrer Hinwendung zur Strategie der Volksfront war lange die ideengeschichtlich ausgerichtete Studie von Heinz Gärtner aus dem Jahr 1979,12 der seine Analyse vor allem auf die Abhängigkeit der Partei von der sowjetischen Politik und auf die Außenbindung der KP-Politik konzentrierte. Während Veröffentlichungen über die KPÖ bis in die Sechzigerjahre vor allem durch die Atmosphäre des Kalten Krieges und einen vorurteilsbeladenen Blick geprägt waren, zeichnen sich diese Studien durch eine größere Sachlichkeit und Professionalität aus. Ungeachtet dieses im Vergleich zu den Vorjahren zu beobachtenden Aufschwungs fällt auf, dass selbst in der Boom-Zeit der Arbeitergeschichte in den Siebziger- und Achtzigerjahren insgesamt nur wenige Studien über die KPÖ vorgelegt wurden. Trotz der institutionellen Nähe der Zeitgeschichtsforschung zur Arbeiterbewegung schafften nur wenige kommunistische Historiker den Sprung an die Universitäten. Die KPÖ-Forschung blieb selbst im Rahmen dieses in Österreich wie kaum in einem anderen Land dominierenden »alternativen Wissenschaftsparadigmas«13 Arbeitergeschichte eine Randerscheinung. Während etwa die Zahl an Veröffentlichungen über die großen westeuropäischen kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien oder jene über die KPD in der Weimarer Republik schwer zu überblicken ist, ist es möglich, für die KPÖ eine Gesamtbibliografie zu erstellen, von deren Vollständigkeit auszugehen ist. Eine solche Auflistung enthält aktuell etwa 700 Veröffentlichungen.14 Erfasst sind Monografien und Sammelbände sowie Beiträge in Sammelschriften und wissenschaftlichen Zeitschriften, die sich zumindest in einem wesentlichen Aspekt mit der Geschichte der KPÖ auseinandersetzen. Auffälligster Gesichtspunkt ist die geringe Anzahl von Monografien und Gesamtdarstellungen über die Geschichte der Partei und einzelne Perioden. Insgesamt wurden bisher an die 160 selbstständige Veröffentlichungen vorgelegt, davon etwa 100 mit (auto)biografischem Hintergrund. Von den übrigen 60 Einzelstudien beschäftigen sich nur knapp 20 im engeren Sinn mit der Geschichte der KPÖ. Die mangelnde Aufmerksamkeit für die Geschichte der KPÖ spiegelt sich auch im weitgehenden Fehlen von Beiträgen in den wenigen einschlägigen zeitgeschichtlichen und politikwissenschaftlichen Fachzeitschriften in Österreich wider. Gesamtdarstellungen liegen im Grunde nur drei vor: die offizielle »Parteigeschichte« von 1987 (Vorläuferstudien bleiben unberücksichtigt), die erwähnte Arbeit von Gärtner aus dem Jahr 1979, sowie neuerdings eine populär gehaltene Arbeit aus der Feder des ehemaligen KPÖ-Vorsitzenden (1994–2006) Walter Baier. Es handelt sich dabei weniger um eine geschichtswissenschaftliche Studie, sondern vielmehr um eine Darstellung der Parteigeschichte unter politischen Gesichtspunkten. Bemerkenswert ist, dass sich Baier als erster führender KPÖ-Exponent über die der Partei nahestehenden Firmen äußert und dabei auch auf den Rechtsstreit der KPÖ mit der deutschen Treuhand über das Parteivermögen eingeht, der mit der »Enteignung« der Partei endete. Gemindert wird der wissenschaftliche Wert dieser Arbeit durch ihren Analyserahmen, entwickelt er doch einleitend die abwegige forschungsleitende These, wonach die gesamte Parteigeschichte von »zwei einander […] ausschließenden Tendenzen« geprägt sei, einer autoritären und einer »emanzipatorisch demokratische(n)«.15 Vor diesem Hintergrund konstruiert Baier beispielsweise einen Gegensatz zwischen der im Moskauer Exil entwickelten Linie und den jüdisch-intellektuellen, antistalinistischen Parteikadern in Großbritannien und anderen Exilländern. Die Parteigeschichte erscheint ihm als permanenter Widerstreit von stalinistischer Dogmatik und humanistisch-demokratischer Tendenz. Von dieser generalisierenden Warte aus kann jedoch weder die politische Geschichte der Partei in den verschiedenen Perioden ihrer Existenz noch ihre politische Kultur hinreichend erfasst werden. Die legitimatorischen Absichten dieses Ansatzes werden spätestens dann sichtbar, wenn es Baier in seiner – auf die internen Auseinandersetzungen fokussierten – Darstellung der jüngeren Geschichte der Partei um die Abrechnung mit seinen innerparteilichen Kontrahenten geht. Erste Republik und antifaschistischer Widerstand Zwar liegen über die KPÖ in der Ersten Republik zahlenmäßig wenige Veröffentlichungen vor, die Gründungsgeschichte der Partei ist jedoch gut erforscht. Mit der bereits Anfang der Siebzigerjahre veröffentlichten Verlorenen Räterepublik von Hautmann über die Gründungs- und Frühphase der KPÖ liegt ein breit rezipiertes Standardwerk vor,16 an das der Autor 1987 mit seinem monumentalen Werk über die österreichische Rätebewegung anknüpfte.17 Ergänzende Forschungen erfolgten in der jüngeren Vergangenheit durch Hannes Leidinger und Verena Moritz, die u. a. mit einer Arbeit über die Kriegsgefangenenproblematik einen wichtigen Beitrag zur Kommunismusforschung geliefert haben.18 Die Periode der Fraktionskämpfe und »Bolschewisierung« der Partei in den Zwanzigerjahren, in der die KPÖ zu einer wenig einflussreichen, nahezu aktionsunfähigen Kraft schrumpfte, ist die insgesamt am wenigsten erforschte. 1978 hat Fritz Keller eine Organisationsgeschichte der trotzkistischen Gruppen, die sich in den Jahren 1919 bis 1945 in Fraktionskämpfen von der KPÖ ablösten, vorgelegt.19 Heute ist die Geschichte der KPÖ in der Ersten Republik nur unter Berücksichtigung des Komintern-Archivs zu bearbeiten. Eine erste Verwertung fanden diese Unterlagen in einer 2009 herausgegebenen umfangreichen Studie von Barry McLoughlin, Leidinger und Moritz.20 Im Mittelpunkt von Kommunismus in Österreich 1918–1938 stehen die sowjetischen Aktivitäten und die Rolle der Kommunistischen Internationale in Österreich. Hauptthema ist Wien als Stützpunkt und Operationsbasis der Kominternpolitik, während der im Titel formulierte monografische Anspruch hinsichtlich der KPÖ-Geschichte nicht eingelöst wird. Der Band lässt insofern Raum für vertiefende Studien bzw. für eine systematische Erforschung der Beziehungen der Partei zur Komintern. Für die KPÖ liegt somit nach wie vor kein mit Hermann Webers Wandlung des deutschen Kommunismus vergleichbares Werk vor, das die Tauglichkeit des Weber’schen »Stalinisierungsansatzes« am österreichischen Beispiel überprüft. Ebenso steht die – von Weber für die Kommunismusforschung insgesamt eingeforderte – Erforschung der Parteigeschichte der Ersten Republik als »radikale soziale Bewegung« noch aus. Einen ersten Ansatz stellt ein Beitrag von mir über die sozialökonomische Politik der KPÖ in den Jahren der Weltwirtschaftskrise dar, der die Betriebs-, Gewerkschafts- und Arbeitslosenpolitik ab 1929 bis zum Verbot der Partei im Mai 1933 zum Inhalt hat. Im Mittelpunkt stehen jene Streikbewegungen, in die die KPÖ maßgeblich eingreifen konnte.21 Infolge des massenhaften Übertritts enttäuschter Sozialdemokraten entwickelte sich die KPÖ nach den Februarkämpfen des Jahres 1934 von einer kleinen und wenig einflussreichen Partei zu einer maßgeblichen Kraft innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung. Angesichts ihres gestiegenen realpolitischen Gewichts in den Jahren 1933/34 bis 1938 überrascht es, dass bislang keine monografische Studie über den Widerstandskampf der KPÖ gegen die austrofaschistische Diktatur vorliegt.22 Eine ähnliche Lücke besteht in der Historiografie über die Jahre 1938 bis 1945: Obwohl die österreichischen Kommunisten im Kampf gegen den Hitlerfaschismus die stärkste Kraft darstellten, ist auch diese für die Parteigeschichte so bedeutungsvolle und identitätsstiftende Periode wenig bearbeitet. Das Fehlen einer Gesamtdarstellung über den antifaschistischen Widerstand und das kommunistische Exil in den Jahren 1933 bis 1945 kann als größtes Forschungsdesiderat gelten. Auch in der Zeitgeschichtsforschung war der Widerstandskampf der KPÖ lange kein Thema. In der ersten quellengesättigten Darstellung von Maria Szecsi und Karl Stadler23 fand der kommunistische Anteil wegen politischer Vorgaben durch führende sozialdemokratische Politiker wie den damaligen Justizminister Christian Broda wenig Berücksichtigung.24 In Reaktion darauf ließ der KPÖ-Funktionär Hermann Mitteräcker eine erste Darstellung des kommunistischen Widerstandes folgen, die 1963 zwar nicht »parteioffiziell«, aber im Parteiverlag erschien.25 Die in den Sechzigerjahren beginnende nähere Beschäftigung mit dem antifaschistischen Widerstand der Jahre 1934 bis 1945 ist vor allem mit der Gründung des DÖW im Jahr 1963 verknüpft. Erst das Vorhandensein der dort gesammelten umfangreichen Quellenbestände ermöglichte breitere Forschungen über Widerstand und Exil. 1964 beschäftigte sich auch die erste Dissertation an einer österreichischen Universität, die sich einem Aspekt der Parteigeschichte widmete, mit dem Widerstand der KPÖ von 1938 bis 1945.26 Insgesamt ist die Widerstands- und Exilforschung jener Bereich, in dem das Wirken von Kommunisten am stärksten zu einem anerkannten akademischen Forschungsgegenstand wurde. Die Ergebnisse seiner Dissertation über die österreichischen Freiheitsbataillone hat Willibald Holzer im Rahmen mehrerer Aufsätze veröffentlicht.27 Helmut Konrad widerlegte in seiner Dissertation über den KPÖ-Widerstand in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes die häufig geäußerte Behauptung, wonach die KPÖ in der Paktperiode ihren Widerstand eingestellt habe.28 Die österreichische Widerstandsforschung hat den dominierenden Anteil des Arbeiterwiderstandes, insbesondere den Widerstand der Kommunisten nachgewiesen. Beleg dafür ist sowohl die Zahl der von der NS-Justiz Hingerichteten, als auch jene der Verfahren vor dem Volksgerichtshof und Oberlandesgericht.29 Umfangreiches Quellenmaterial findet sich in den DÖW-Editionen Widerstand und Verfolgung, die zwischen 1975 und 1991 für sechs der neun österreichischen Bundesländer vorgelegt worden sind. In diesem Kontext sind auch ein vom DÖW herausgegebener Interviewband, Erzählte Geschichte, und ein Dokumentenband über Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg sowie mehrere Beiträge von Hans Landauer über dieses Thema in den Jahrbüchern des DÖW zu nennen. Im Zuge einer Schwerpunktverlagerung des Forschungsinteresses hin zu NS-Tätern, Holocaust, KZ-Forschung, »Arisierung«, NS-Euthanasie usw. ist die Erforschung des kommunistischen Widerstands heute weitgehend zum Erliegen gekommen. Mit Ausnahme von Heimo Halbreiner, der mehrere Beiträge über die Steiermark veröffentlicht hat, und Hans Schafranek, der u. a. die Rolle von Konfidenten der Gestapo untersucht hat, wurden zu diesem Thema in den letzten Jahren kaum neue Forschungsergebnisse vorgelegt. Im Bereich der Exilforschung erschienen Monografien über das Exil in Großbritannien und Frankreich,30 in denen die kommunistische Exilpolitik und Widerstandstätigkeit breit dargestellt werden. Im Rahmen des DÖW-Editionsprojekts Österreicher im Exil entstanden Dokumentationen über sechs Exilländer: Belgien, Frankreich, Großbritannien, Mexiko, die Sowjetunion und die USA. Jüngst hat Simon Loidl das kommunistische Exil in den USA erforscht.31 Es fehlen Monografien über das kommunistische Exil in Belgien, Mexiko, China und Skandinavien. Die Exilforschung ist das einzige Themenfeld, in dem ausländische Forscherinnen und Forscher maßgebliche Beiträge zur KPÖ-Forschung geliefert haben: So wurde 2004 am Londoner Research Centre for German and Austrian Exile Studies ein Sammelband ausgearbeitet, der die Aktivitäten des Londoner »Austrian Centre« umfassend beleuchtet.32 Kürzlich erschien zudem eine aus einer privaten Initiative resultierende Dokumentation mit reichem Fotomaterial über die Jugendorganisation Young Austria im englischen Exil.33 Ein Desiderat der Forschung ist dagegen immer noch die Remigration österreichischer Kommunisten nach 1945. Exil in der Sowjetunion und österreichische Opfer des Stalin-Terrors Von der »archivalischen Revolution« profitierte die KPÖ-Forschung vor allem insofern, als die Erforschung der Repressalien gegen österreichische Emigranten in der Sowjetunion auf eine neue Grundlage gestellt wurde. Hinsichtlich dieses Themas ist der Erkenntniszuwachs über die KPÖ-Geschichte seit Öffnung der Moskauer Archive 1990 am größten. KPÖ-intern war das Schicksal der österreichischen »Stalin-Opfer« bis in die Achtzigerjahre weitgehend tabuisiert. Abgesehen von einer kurzen Phase der offenen Diskussion 1956/57 blieb dieses Thema nach 1945 unangetastet. Als Karl R. Stadler, Vorstand des Linzer Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, im Jahr 1974 ein Buch über die österreichische Schutzbundemigration in der Sowjetunion herausbrachte,34 war dies für die KPÖ zwar ein Anlass für Angriffe auf den Autor, nicht aber für eine eigene Behandlung dieses Themas. Erst im Zuge der sowjetischen Geschichtsdiskussion mit Beginn der »Perestroika« wurde auch in der KPÖ dieses Tabuthema aufgegriffen. Zu dieser Zeit begann auch eine neue Phase der Rehabilitierung österreichischer Stalin-Opfer, die vor allem mit den Bemühungen des langjährigen Parteivorsitzenden Franz Muhri verknüpft ist.35 Als erstes wissenschaftliches Ergebnis der neuen Schwerpunktsetzung nach 1990 erschienen 1991 eine Broschüre mit biografischen Angaben über 150 rehabilitierte Stalin-Opfer, die auf einen Forschungsauftrag des Arbeitsausschusses (so hieß ab 1990 das Politbüro) der KPÖ an McLoughlin und Walter Szevera zurückging. Eine für 1992 geplante, ebenfalls auf diesem Forschungsauftrag basierende umfangreichere Publikation zum Thema konnte vor dem Hintergrund parteiinterner Auseinandersetzungen jedoch nicht realisiert werden. McLoughlin setzte seine Studien über die Schutzbundemigration außerhalb der KPÖ fort und ist heute einer der anerkanntesten Experten der Erforschung des Stalin-Terrors. Insgesamt war die erste Phase der Auseinandersetzung mit dem Stalin-Terror ab 1990 von der biografischen Forschung geprägt: Es ging vorwiegend um Opferzahlen und Opferlisten. Eine solche Namensliste enthielt auch die 1990 von Schafranek vorgelegte Studie über jene Österreicher (und Deutsche), die von den sowjetischen Stellen ausgewiesen und an die Behörden Hitlerdeutschlands übergeben wurden.36 1990/91 erschienen zwei von Memorial bzw. Schafranek herausgegebene Sammelbände mit Einzelschicksalen. Aus einer Kooperation von McLoughlin, Schafranek und Szevera resultierte eine 1997 vorgelegte Gesamtdarstellung des österreichischen Exils in der Sowjetunion in den Jahren 1925 bis 1945, in der die Themenkomplexe Arbeiterdelegationen, Facharbeiteremigration in den Dreißigerjahren, Schutz-bundemigration, Leninschule und Terror abgehandelt werden.37 1999 wurde von McLoughlin und Schafranek im Rahmen der DÖW-Editionsreihe Österreicher im Exil der Band über die Sowjetunion herausgegeben.38 Demnächst wird McLoughlin ein aus einem DÖW-Projekt hervorgegangenes Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer publizieren, das Aufschluss über die Opferzahlen bringen soll und darüber, wie viele KPÖ-Mitglieder dem Terror zum Opfer fielen. Die KPÖ in der Zweiten Republik Neben dem bisherigen Tabu-Thema »Stalin-Opfer« fanden weitere »heikle Themen« und »weiße Flecken« der KPÖ-Geschichte die Aufmerksamkeit von Historikern. In diesem Bereich sind die Forschungen Fritz Kellers zu verorten, der Aufsätze über Versuche der KPÖ, mittels der »Nationalen Liga« ehemalige NSDAP-Mitglieder in ihre Bündnispolitik einzubeziehen, über die Reaktionen der Partei auf die Schauprozesse in Osteuropa zwischen 1948 und 1953 und über die KPÖ der Jahre zwischen 1945 und 1955 vorgelegt hat. 39 Ungeachtet der Tatsache, dass jeder wissenschaftliche Text – zumal solche über die Geschichte des Kommunismus – von einer unterschiedlichen Gewichtung von »Sachlichkeit« und »Emotionalität« geprägt ist, wird man auf diese Beiträge nicht zu sprechen kommen können, ohne auf deren polemische Note und pauschalisierende Kritik hinzuweisen. Insgesamt liegen zur Nachkriegsgeschichte der KPÖ kaum umfassende Darstellungen vor. Noch Ende der Neunzigerjahre bescheinigte der Grazer Historiker Siegfried Beer in einem Zeitschrifteninterview der wissenschaftlichen Forschung »einen gewissen Nachholbedarf, bestimmte Leistungen der Kommunisten und der KPÖ während des Krieges, aber auch in der antifaschistischen Arbeit danach, einfach anzuerkennen«. Dies werde durch »so etwas wie einen bürgerlich-sozialdemokratischen Konsens« verhindert.40 Insgesamt war es der sogenannten Koalitionsgeschichtsschreibung geschuldet, dass der Anteil der KPÖ am Wiederaufbau der Zweiten Republik lange kein Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzung war. Maßgeblicher Interpretationsrahmen für die Analyse der KPÖ-Politik der unmittelbaren Nachkriegszeit war in den ersten – vom Kalten Krieg geprägten – Jahrzehnten die Sowjetisierungsthese, die in der KPÖ einen Hebel für die angeblichen Sowjetisierungsabsichten der Roten Armee sah. Die Absichtserklärungen der KPÖ zur demokratischen Zusammenarbeit wurden als taktisch motiviertes Manöver, als Tarnung für die in Wahrheit versuchte Machtübernahme interpretiert. Wichtig für diesen Zugang ist der mit dem Opfermythos korrespondierende »Aufbaumythos«, der die Zweite Republik als eine großkoalitionäre »Erfolgsgeschichte« deutet. Die Nachkriegsgeschichte erschien hier als Abwehrkampf gegen kommunistische Umsturzversuche. Erste ausgewogenere wissenschaftliche Untersuchungen der KPÖ-Politik der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Siebzigerjahren wiesen nach, dass die KPÖ zu keinem Zeitpunkt ein Instrument von Machtergreifungsplänen der Sowjetunion war und deuteten die Strategie der Partei als Anpassung an genau gegenläufige sicherheitspolitische Interessen der Sowjetunion, als Verzicht auf sozialistische Zielstellungen und im Grunde konservative Konzeption. Für diesen Zugang steht neben der erwähnten Studie von Gärtner auch Wilfried Aichinger, der im Rahmen seiner Analyse der sowjetischen Österreichpolitik eine Interpretation der KPÖ-Politik liefert.41 Neuere, differenziertere Forschungen interpretieren die Politik der KPÖ weder als Tarnungsmanöver auf dem Weg zur Machtübernahme noch als defensiven Verzicht auf revolutionäre Zielsetzungen, sondern deuten ihre Volksfrontkonzeption – im Einklang mit den außenpolitischen Zielen der Sowjetunion – als mehrstufige, auf den »friedlichen Übergang zum Sozialismus« abzielende Strategie. Hierzu zählen mehrere Beiträge von Wolfgang Mueller, u. a. seine Monografie über die sowjetische Besatzungsmacht in Österreich,42 sowie meine Monografie über die Regierungspolitik der KPÖ im Jahr 1945.43 Die Quellenlage über die Nachkriegsgeschichte der KPÖ wurde wesentlich durch zwei 2005 erschienene Quelleneditionen über die sowjetische Österreichpolitik und Besatzungspraxis bereichert, die aus Großprojekten an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung resultierten.44 Auf die dort veröffentlichten Dokumente aus Moskauer Archiven stützen sich neben Mueller auch Stefan Karner und Peter Ruggenthaler,45 die der KPÖ vor allem im Zusammenhang mit den »sowjetischen Absichten« Aufmerksamkeit schenken. Neue Erkenntnisse wurden dabei u. a. über die propagandistische und materielle Unterstützung für die KPÖ gewonnen. Weitere Forschungen über die KPÖ in der Zweiten Republik sind überschaubar: Anfang der Neunzigerjahre hat Ehmer einen Beitrag über ihre Beziehungen zur SED vorgelegt,46 wobei er sich auf die nun zugänglichen Dokumente aus dem ZPA der SED stützen konnte. Ehmer, heute Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, leitete die im Februar 1990 aus der Historischen Kommission hervorgegangene »Arbeitsgemeinschaft der KPÖ für Geschichte«, die bereits im November desselben Jahres unmittelbar nach seinem Ausscheiden zerbrach. Ende der Neunzigerjahre zog er sich ganz aus der Kommunismusforschung zurück. Mueller geht auf das Verhältnis der KPÖ zur KPdSU und zur sowjetischen Besatzungsmacht anhand von Fallbeispielen ein.47 Hautmann widmete sich in zwei Beiträgen einem in der westlichen Welt in dieser Form einzigartigem Spezifikum der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte: der starken Präsenz von Kommunisten in der Wiener Polizeidirektion.48 Die Finanzierungsgrundlage der KPÖ war lange Zeit ein weitgehendes Desiderat. Erste Ansätze zu einer wissenschaftlichen Erforschung des Wirtschaftsapparats der Partei, die sich aber aufgrund der schwierigen Quellenlage weiter vor allem auf ältere journalistische Veröffentlichungen stützen, finden sich in einem 2006 herausgegebenen Sammelband.49 Zwei Beiträge von mir behandeln die Krisenjahre 1956/57 bzw. 1969 bis 1971 aus politikgeschichtlicher Perspektive. Der Wert dieser Untersuchungen besteht vor allem in der erstmaligen Auswertung von Quellen aus dem Parteiarchiv, u. a. auch aus den zentralen Leitungsgremien. Sowohl die Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU als auch die Ereignisse in Ungarn führten in der KPÖ zu tiefen Erschütterungen und einer schweren Vertrauenskrise. Mein Beitrag zeigt, dass sich in den Parteistrukturen zunächst eine breit angelegte, offene Diskussion, auch über Fehler der Vergangenheit, entwickelte, die vor dem Hintergrund des äußeren Drucks nach der Intervention Ungarns wieder verengt und schließlich abgebrochen wurde.50 Über die durch den Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten in Prag im August 1968 ausgelöste krisenhafte Entwicklung der KPÖ lag bisher eine Studie von Leopold Spira aus dem Jahr 1979 vor.51 Von diesem Band unterscheidet sich mein Beitrag neben der erweiterten Quellenlage durch seinen Interpretationsansatz. Erscheint die »Parteikrise« in den meisten Darstellungen als Fraktionskampf zwischen orthodox-stalinistischen »Dogmatikern« und progressiv-reformorientierten »Revisionisten«, ging es mir darum, zu zeigen, dass die zunächst mit der Verurteilung des Einmarsches eingeschlagene Linie in einem über mehrere Bruchlinien vermittelten Differenzierungsprozess von verschiedenen Seiten unter Druck geriet, bis zur Eskalation der Auseinandersetzungen in der zweiten Jahreshälfte 1969. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die von einer breiten Mehrheit getragene »mittlere« Linie letztlich marginalisiert werden konnte.52 Regionalgeschichte und biografische Forschungen Während die regional- und lokalgeschichtlichen Veröffentlichungen über die KPD kaum mehr zu überblicken sind, fehlt in der Geschichtsschreibung über die KPÖ die regionale Perspektive beinahe völlig. Neben kleineren Beiträgen liegt hier bislang nur eine Monografie über Vorarlberg vor, wo die Partei traditionell schlecht verankert war.53 Vor allem über Wien, Niederösterreich und Burgenland, wo die KPÖ als »Macht im Schatten der Besatzungsmacht«54 den größten Einfluss auszuüben in der Lage war, ist der Forschungsstand unbefriedigend. Mein Text über die KPÖ in Niederösterreich für die von der Landesregierung beauftragte Landesgeschichte war der erste Beitrag zu diesem Thema.55 Darüber hinaus gibt es keine traditionelle Politik- und Organisationsgeschichte auf Länderebene. In Bezug auf Oberösterreich ist auf die einzige bisher vorliegende Bezirksgeschichte von Christian Hawle über die KPÖ Vöcklabruck hinzuweisen, sowie auf mehrere als Manuskriptdruck erschienene Materialsammlungen des kommunistischen Arbeiterhistorikers Peter Kammerstätter. Angesichts der lange problematischen Quellenlage kam der kommunistischen Memoirenliteratur von Beginn an ein großer Stellenwert zu. Seit den Siebzigerjahren erschien eine große Zahl an Lebenserinnerungen von ausgeschlossenen und ausgetretenen Kommunisten. Aufschlussreich sind die Erinnerungen des intellektuellen »Aushängeschildes« der Partei Ernst Fischer,56 der 1969 infolge seiner Kritik am »Panzerkommunismus« ausgeschlossen wurde, sowie jene des langjährigen niederösterreichischen Landessekretärs Josef Meisel,57 durch deren Insiderkenntnisse manches sonst unzugängliche Wissen über interne Funktionsmechanismen der KPÖ erschlossen werden konnte. Auffällig ist nicht nur das Fehlen von Memoiren, sondern auch von Biografien der prominentesten Parteiführer. Sieht man von einem von Erwin Zucker-Schilling im Parteiauftrag verfassten Buch über Johann Koplenig ab, gibt es bis heute weder eine wissenschaftliche Studie über den Parteivorsitzenden, der der KPÖ von 1924 bis 1965 vorstand, noch über den langjährigen Generalsekretär Friedl Fürnberg. Ein Beschluss der Parteiführung, als Ersatz für die zu dieser Zeit fehlende »Parteigeschichte« anhand der Memoiren Franz Honners die wichtigsten Knotenpunkte der KPÖ-Geschichte nachzuzeichnen, musste 1958 aufgehoben werden, weil Honner ihm aus Zeitgründen nicht nachkommen konnte bzw. wollte. Kleinere Arbeiten beschäftigen sich mit Alfred Klahr, der in den Dreißigerjahren die Theorie einer eigenständigen nationalen Entwicklung der Österreicher wissenschaftlich begründete. Erinnerungen führender Parteifunktionäre liegen von Erwin Scharf und Franz Muhri vor.58 Der Mangel an »offiziöser« biografischer Literatur wurde durch eine seit Ende der Achtzigerjahre im parteieigenen Globus Verlag erscheinende Reihe teilweise kompensiert, in der in sechs Bänden die Erinnerungen und Biografien »mittlerer« Parteifunktionäre veröffentlicht wurden. Seit 1990 ist kein qualitativ neues Interesse an Biografien kommunistischer Persönlichkeiten festzustellen. Von den autobiografischen Neuerscheinungen sind vor allem die 2008 erschienenen Erinnerungen des Betriebsratsobmanns der Firma Goerz in Wien-Favoriten Walter Stern hervorzuheben,59 handelt es sich dabei doch um die einzigen bislang vorliegenden Memoiren eines kommunistischen Betriebs- und Gewerkschaftsfunktionärs. Der Trend zu kollektivbiografischen Forschungen spiegelt sich in der Dissertation von Julia Köstenberger über die Internationale Leninschule wider, in deren Rahmen sie den weiteren politischen Werdegang der österreichischen Leninschüler beleuchtet.60 2008 erschien in zweiter Auflage das von Hans Landauer herausgegebene Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer. Lisl Rizy und Willi Weinert haben eine Namensliste über die Remigration aus der Sowjetunion vorgelegt, basierend auf der sogenannten Blauen Kartei der Gestapo. Verdienstvoll sind zwei Publikationen Weinerts über den antifaschistischen Widerstand: In einer Dokumentation über die »Gruppe 40« am Wiener Zentralfriedhof finden sich Kurzbiografien der in Wien hingerichteten kommunistischen Widerstandskämpfer. 2005 publizierte er darüber hinaus eine Liste mit etwa 2200 Namen jener Kommunisten, die in Österreich oder im Ausland als Opfer des Faschismus ums Leben kamen.61 Forschungen über die KPÖ seit 1990 Von der »Forschungskonjunktur«, den der internationale Kommunismus seit Anfang der Neunzigerjahre erlebt, wurde die österreichische KP bisher allenfalls gestreift. Während selbst kleine kommunistische Parteien wie die KP der USA oder jene Großbritanniens infolge der veränderten Situation nach 1990 einen Forschungsboom erlebten, sind die Veröffentlichungen über die Geschichte der KPÖ überschaubar geblieben. Auch die KPD im Westen Deutschlands nach 1945, deren Stellung im Parteiensystem bis zu ihrem Verbot durchaus mit der KPÖ vergleichbar ist, stößt in der Forschung auf ein weitaus größeres Interesse. Für diese Unterschiede gibt es drei Erklärungsfaktoren: Zum einen die Archivsituation, zum anderen der veränderte gesellschaftliche Stellenwert der Arbeitergeschichte insgesamt, sowie die Tatsache, dass die Historiografie über die KPÖ kaum an die Theorie- und Methodendiskussion der internationalen Kommunismusforschung angebunden ist. Zunächst zum aus der Archivsituation resultierenden Materialproblem: Vor 1990 war das Parteiarchiv der KPÖ nur eingeschränkt der Forschung zugänglich. Auch reduzierten sich die dort vorhandenen Bestände auf historische Dokumente, die erst seit den Sechzigerjahren gesammelt wurden. Hier ging es vor allem um Flugschriften, Periodika, Protokolle und weitere die Geschichte der KPÖ betreffende Materialien, schwerpunktmäßig aus der Zeit der Ersten Republik und des antifaschistischen Widerstandes. 1945 war nur eine Dokumentationsstelle für die laufende politische Arbeit der Funktionäre und Abgeordneten und kein parteigeschichtliches Archiv eingerichtet worden. Unterlagen der leitenden Parteiinstanzen, der Parteitage und alles weitere nach 1945 produzierte Organisationsmaterial wurden in der Organisationsabteilung des ZK aufbewahrt bzw. nach 1955 ins Ausland verlagert und gingen erst infolge der Räumung des ZK-Hauses im Jahr 1991 in das Archiv ein.62 Im Unterschied zum ZPA der SED gab es keinen Archivplan, der die einzelnen Abteilungen des ZK zur Abgabe von Material verpflichtete. Es gibt vor diesem Hintergrund – mit Ausnahme der Ebene des Zentralkomitees und Politbüros – kaum geschlossene Bestände und keine systematische Überlieferung einzelner Abteilungen und Kommissionen des Parteiapparats. Dasselbe gilt für die meisten Landes-, Bezirks- und Nebenorganisationen. Als Folge des Auszugs der KPÖ aus dem ZK-Gebäude am Wiener Höchstädtplatz stellte sich auch die Frage nach der Zukunft des Parteiarchivs. 1993 wurde sämtliches Archivgut der KPÖ in die neu gegründete Alfred Klahr Gesellschaft (AKG) eingebracht, womit das Parteiarchiv für die Forschung zugänglich wurde. Aufgrund des Urteils gegen die KPÖ im deutschen Treuhandprozess wurden aber seitens der Partei die Subventionen an die AKG eingestellt, weshalb sich diese 2005 gezwungen sah, die Betreuung des Archivs einzustellen. Seither wurde keine tragfähige Lösung zur weiteren Verwaltung und Erschließung des Archivs gefunden. Während etwa die Archive von KPD und SED der Forschung heute umfassend zur Verfügung stehen, ist jenes der KPÖ nur eingeschränkt benutzbar. Ein weiterer Faktor für das Zurückbleiben der KPÖ-Forschung ist darin zu sehen, dass dem ehemals dominierenden Kontext »Arbeiterbewegungsgeschichte« heute im Wissenschaftsbetrieb kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wird: Der internationale Leitbegriff »Kommunismusforschung« wiederum hat sich mit seinen theoretischen und methodologischen Implikationen nur in Teilbereichen zu einem Bezugspunkt entwickelt. Konnten Forschungen über die KPÖ bereits vor 1990 nur bedingt vom Aufschwung der Arbeitergeschichte profitieren, änderte sich deren gesellschaftlicher Stellenwert seither grundlegend. Es folgten der völlige Niedergang der Arbeitergeschichtsschreibung und die Auflösung ihrer institutionellen Strukturen. Der Zusammenbruch der Staaten des realen Sozialismus ist dafür gleichermaßen ausschlaggebend wie innerwissenschaftliche Veränderungen, die mit dem Übergang zur Sozial- bzw. Kulturgeschichte verknüpft sind. Arbeitergeschichte ist heute in Österreich weitgehend obsolet bzw. in der »neuen« Kulturgeschichte aufgegangen.63 Während im internationalen Rahmen die Kommunismusforschung durch den cultural turn, neue Ansätze und Fragestellungen befruchtet wurde und die Geschichte des Kommunismus heute als Sozial- und Kulturgeschichte geschrieben wird, führte diese Verschiebung des historiografischen Mainstreams in Österreich eher zu einer weiteren Marginalisierung des Forschungsgegenstandes KPÖ in der akademischen Landschaft. Auch wenn man bedenkt, dass sich die österreichische Kommunismusforschung nicht in der Beschäftigung mit der KPÖ erschöpft, lässt sich auf der Ebene der Institutionen und Akteure in Österreich schwer von einer etablierten »Kommunismusforschung« sprechen. Bei großzügiger Schätzung stößt man hierzulande auf knapp 20 Forscherinnen und Forscher, die sich zumindest in Teilaspekten mit der Geschichte der KPÖ auseinandersetzen. Auffällig ist dabei die Dominanz von Männern, Frauen sind nach wie vor in der Minderheit. Zwischen diesen Forschern gibt es kaum vernetzte Strukturen, es existieren keine spezielle wissenschaftliche Zeitschrift oder andere Foren fachwissenschaftlicher Diskussion, keine Kongresse und Tagungen, d. h. insgesamt gibt es keine scientific community, die sich über Fragen der Parteigeschichte, ja insgesamt über die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Kommunismus austauscht. Auch akademische Karrieren sind in Österreich in den allerseltensten Fällen mit dem Bezugsrahmen Arbeiterbewegung oder Kommunismusforschung verknüpft. Grob gesprochen lassen sich die Wissenschaftler, die sich mit der KPÖ beschäftigen, in drei Gruppen zusammenzufassen: Wie in den meisten anderen Ländern auch, sind zahlreiche KPÖ-Forscher lebensgeschichtlich mit ihrem Forschungsgegenstand verbunden, sie sind Teil oder ehemaliger Teil dieser Bewegung. Historiker, die der Partei angehören oder ihr zumindest nahestehen, agieren im Umfeld der Alfred Klahr Gesellschaft (u. a. Garscha, Hautmann, Oberkofler, Weinert und der Autor dieses Beitrags), die ein vierteljährlich erscheinendes Periodikum herausgibt. Forschungsgelder und Förderungen stehen dieser Gruppe in der Regel nicht zur Verfügung. Bezugspunkt der in diesem Kontext entstehenden Forschungen ist nach wie vor die »Geschichte der Arbeiterbewegung«, wobei zu berücksichtigen ist, dass die AKG kein Forschungsinstitut, sondern ein gemeinnütziger Verein ohne wissenschaftsorganisatorischen Hintergrund ist. In einem eindeutig definierten Verhältnis zur Partei stehen auch jene Historiker, die entweder der KPÖ in der Vergangenheit angehört und mit ihr gebrochen haben (Ehmer, McLoughlin) oder solche, die ihrem Selbstverständnis nach trotzkistisch orientiert sind (Keller). Eine dritte Gruppe agiert in der akademischen Sphäre ohne einer der beiden zuvor genannten Bezugsgruppen zugeordnet werden zu können (etwa Leidinger, Karner, Köstenberger, Moritz, Mueller und Ruggenthaler). Aus den einzelnen Forscherbiografien ergeben sich naturgemäß unterschiedliche Perspektiven, es gibt in Österreich gegenwärtig jedoch weder ausgesprochene Gegnerschaften und Forschungskontroversen noch fruchtbare Kooperationen zwischen den wenigen Akteuren. Dem entspricht auch, dass heute die Resonanz von Forschungen über die KPÖ im politi-schen und medialen Raum gering ist. Dies liegt zum einen darin begründet, dass die Parteigeschichte als Projektionsfläche aktueller Auseinandersetzungen aufgrund der weltpolitischen Veränderungen nach 1990 und der politischen Schwäche der Partei kaum noch Bedeu-tung hat, zum anderen liefert die wissenschaftliche Beschäftigung mit der KPÖ auch nach Öffnung der Moskauer Archive wenig Sensationspotenzial. Fundamental neue Einsichten sind aufgrund der nun zugänglichen Materialien nicht zu erwarten. Nur in einem Punkt, dem Oktoberstreik des Jahres 1950, blieb die KPÖ Gegenstand tagespolitischer Auseinander-setzung. 2010 schaffte es die große Streikbewegung vom September/Oktober 1950 zu ihrem 60. Jubiläum erneut vom zeithistorischen Diskurs zur tagesaktuellen Kontroverse. Die Langlebigkeit österreichischer Geschichtsmythen zeigte sich bereits im Jahr des Republik-jubiläums 2005, war doch die KPÖ im öffentlichen Diskurs nicht als eine der Gründerparteien und als konstruktive Kraft des demokratischen Wiederaufbaus präsent, sondern vor allem im Zusammenhang mit angeblichen Putschabsichten und Machtergreifungsplänen. Seitens der Geschichtsforschung wird dafür ein Ende der Achtzigerjahre von Günter Bischof im Pariser Militärarchiv gefundener angeblicher Putschplan der KPÖ vom November 1948 angeführt,64 der sich bei näherem Hinsehen als Fälschung entpuppt, nichtsdestotrotz von seriösen Historikern für echt befunden wird. Hochgespielt wurden in diesem Zusammenhang auch Überlegungen der engsten Parteiführung über eine Teilung Österreichs, die in einem Gespräch mit Andrej Ždanov, dem für außenpolitische Fragen zuständigen Politbüromitglied der KPdSU, im Februar 1948 in Moskau geäußert, von diesem aber zurückgewiesen wurden.65 Galt die »Putschlegende« in der zeitgeschichtlichen Literatur eigentlich seit den Siebzigerjahren als überwunden, hat sich in den letzten Jahren die neue Sprachregelung durchgesetzt, wonach diese Frage unter Historikern zumindest umstritten sei. Selbst ein sonst unvoreingenommen und ausgewogen argumentierender Historiker wie Mueller, der in Moskauer Archiven keine Hinweise zutage förderte, die auf Putschabsichten hindeuten, gelangt nun zu der Einschätzung, die KPÖ habe »die Regierung wiederholt durch putschartige Unruhen zu stürzen versucht«.66 Als 2010 in der politischen und medialen Öffentlichkeit über den »Oktoberstreik« diskutiert wurde, wurde dieser zwar nicht mehr zum versuchten Staatsstreich umgedeutet, sichtbar wurde jedoch die politische Funktion dieser Debatte: Im Grunde ging es um die Legitimität sozialer Proteste vor dem Hintergrund laufender Budgetkürzungen. Desiderata der KPÖ-Forschung Als Bilanz der bisherigen Forschung über die KPÖ lassen sich drei miteinander verflochtene Mängel feststellen: Klassische Politik- und Organisationsgeschichte ist zwar in den letzten Jahren ins Gerede gekommen, sie gehört aber nach wie vor zu den größten Defiziten der KPÖ-Forschung. Zweitens trifft auf die KPÖ der Befund Webers in vollem Umfang zu, wonach (gegenüber Veröffentlichungen über den Terror im Kommunismus) die Geschichte der kommunistischen Organisationen als radikale soziale Bewegung unterbelichtet ist.67 Drittens fällt auf, dass die KPÖ-Forschung vom Paradigmenwechsel zur Sozial- und Kulturgeschichte kaum berührt wurde. Studien über soziokulturelle Aspekte der KPÖ-Geschichte, Parteigeschichte »von unten« und Milieustudien fehlen beinahe völlig. 1.) Parteiengeschichte ist vor allem politische Geschichte und Ideengeschichte. Wie die Geschichte der Arbeiterbewegung insgesamt, war auch die Geschichtsschreibung über die KPÖ stark politik- und organisationsgeschichtlich sowie ideologiekritisch orientiert. Dessen ungeachtet, sind viele Aspekte und Perioden der Parteigeschichte auch politik-, organisations- und ideologiegeschichtlich wenig erforscht. Dies betrifft sowohl die politische Geschichte, die Theorie- und Ideengeschichte, als auch die organisatorische Seite und parteiinterne Entwicklung der KPÖ. Es liegen keine detaillierten Studien über die Zusammensetzung der Parteiführung, über Aufbau und Struktur des zentralen Parteiapparats, seiner Abteilungen und Kommissionen, über die Organisationsentwicklung, das Netz der Parteiorganisationen, die Funktionärsebene, die Mitgliederbewegung usw. vor. Einblick in diese Fragen gewähren bisher allein die Handbuchbeiträge von Ehmer.68 Es fehlt ferner an neueren politologischen Untersuchungen, die die Geschichte der Partei unter dem Gesichtspunkt des Rückgangs ihres politischen Einflusses nach 1955 betrachten. Auch hierin spiegelt sich der allgemeine Mangel an zeitgeschichtlicher Literatur über die KPÖ, auf der politologische Generalisierungen aufbauen könnten. Ein solches Defizit betrifft die österreichische Parteienforschung im Ganzen, führt diese doch trotz Jahrzehnte langer Dominanz politischer Geschichte in der Zeitgeschichtsforschung ein Nischendasein. Ein interessantes, politologisch noch nicht untersuchtes Phänomen ist die KPÖ im österreichischen Bundesland Steiermark, die trotz des Schrumpfungsprozesses der Bundespartei im Jahr 2005 den Wiedereinzug in den Landtag geschafft hat und in den Jahren 2003 und 2012 in Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, mit 20 Prozent der Wählerstimmen Sensationserfolge erzielte. Erklärungsfaktoren für diese Entwicklung könnten auch aus einer vergleichenden Perspektive gewonnen werden, die die Stellung der KPÖ im österreichischen Parteiensystem mit jener von anderen kommunistischen und linken Partei in anderen Ländern Europas in Bezug setzt. 2.) Wie andere kommunistische Parteien auch, ist die KPÖ nicht auf eine auf die Sowjet-union und die sozialistischen Länder fixierte politische Kraft zu reduzieren. Sie ist eine revolutionäre, antikapitalistische Bewegung, die ihre Impulse nicht nur aus der Oktoberrevolution, sondern auch aus der österreichischen Arbeiterbewegung bezog und in sozialen Auseinandersetzungen eine prägende Rolle spielte. Dies gilt auch auf theorie- und ideologiegeschichtlicher Ebene: Erst jüngst hat Thomas Kroll in seiner bemerkenswerten Studie über kommunistische Intellektuelle in Westeuropa die Verankerung der KPÖ im österreichischen Kontext herausgearbeitet. Er kommt zu dem Schluss, dass die KPÖ-Intellektuellen sich nicht am Vorbild des sowjetischen Kommunismus orientierten, sondern auf »Grundlage ihrer nationalen Traditionsbildung […] die Utopie eines kommunistischen Österreichs« entwickelten.69 Für die nichtkommunistische akademische Geschichtswissenschaft war die KPÖ als soziale Bewegung bisher kein Thema. Insgesamt lässt sich der kommunistische Einfluss in Österreich nicht allein aus bundespolitischen Wahlergebnissen ablesen, war doch die KPÖ vor allem auf betrieblicher, kommunaler sowie auf bündnispolitischer Ebene ein nicht zu unterschätzender Faktor. Nach 1945 gelang es der Partei als Mitbegründerin des einheitlichen Gewerkschaftsbundes nicht nur, im Gewerkschaftsapparat maßgebliche Positionen zu besetzen. In zahlreichen industriellen Großbetrieben bestanden kommunistische Mehrheiten bei Betriebsratswahlen, u. a. im größten Industriebetrieb Österreichs, der Alpine Montan in Donawitz. Nach dem Ausscheiden aus der Regierung im Jahr 1947 konzentrierte sich die KPÖ ganz auf außerparlamentarische Aktivitäten und konnte sich in diesen sozialen Kämpfen als Oppositionspartei profilieren. Auch nach 1955 ging der kommunistische Einfluss in der Industriearbeiterschaft und im gewerkschaftlichen Bereich weit über das Stimmengewicht der KPÖ bei allgemeinen Wahlen hinaus.70 Wenig untersucht sind ferner die breit gefächerten kommunistischen Aktivitäten in den Gemeinderäten, in der Friedensbewegung, im Sport, an den Hochschulen und in intellektuellen Kreisen, in der Frauen- und Jugendbewegung, in Bündnissen, Initiativen und »neuen sozialen Bewegungen«, etwa in der antiimperialistischen Solidaritätsarbeit oder im Kampf gegen neofaschistische Tendenzen. Es mangelt nicht nur an einer systematischen Untersuchung einzelner Politikfelder, auch die Neben- und Vorfeldorganisationen als Themen- und Handlungsfelder jenseits der engeren Partei- und Organisationspolitik waren bisher kaum Gegenstand der Forschung. So liegt etwa über die Rote Hilfe, die wichtigste kommunistische Massenorganisation bis 1945, keine größere Studie vor. Selbst in der Untersuchung des antifaschistischen Widerstandes der KPÖ besteht ein entscheidender Mangel darin, dass die konkreten Politikfelder kommunistischer »Massenarbeit«, z. B. die ab 1935/36 forcierte Ausnutzung der halblegalen und legalen Möglichkeiten etwa in den Bereichen Gewerkschaft, Jugend, Sport usw., noch kaum erforscht sind. Zwar hat sich das Themenspektrum der KPÖ-Forschung in der jüngeren Vergangenheit erweitert, etwa hinsichtlich der Kultur-, Verlags- und Medienpolitik der Partei, jedoch ist auch in diesem Bereich die Liste der Desiderata lang. Bereits in den Siebzigerjahren, als das Interesse an der Arbeiterbewegung als Bildungs- und Kulturbewegung wuchs, wurde eine Studie über das von der KPÖ initiierte Neue Theater in der Scala vorgelegt.71 Mehrere Beiträge beschäftigten sich mit der Kultur- und Intellektuellenzeitschrift Tagebuch, die insgesamt als ausgezeichnete Quelle für die österreichische Kulturpolitik nach 1945 anzusehen ist. Neuere Arbeiten widmen sich dem Globus Verlag oder etwa dem proletarischen Theater in der Ersten Republik. Nicht hoch genug einzuschätzen ist eine Pionierstudie von Peter Grabher über die Filmpolitik der KPÖ in der Ersten Republik.72 Es fehlen Studien über weitere mit der KPÖ verbundene kulturelle Aktivitäten, etwa über die Arbeiterkultur im Umfeld der Partei nach 1945, über die kulturtheoretische Ausrichtung der Partei, eine Gesamtdarstellung der kommunistischen Presse sowie eine systematische Untersuchung der Ausgrenzung der Kommunisten aus dem Kulturbetrieb am Höhepunkt des Kalten Krieges. Symptomatisch dafür sind neben dem bis in die Sechzigerjahre währenden Brecht-Boykott die politisch motivierte Abwertung kommunistischer Künstler, wie etwa die »schwarzen Listen« gegen KP-nahe Schauspieler und der Boykott der Scala. Ein wichtiges kulturpolitisches Thema ist ferner die Linkswende in der österreichischen Literatur in den Siebzigerjahren, als – um zwei Beispiele zu nennen – Autorinnen und Autoren wie Elfriede Jelinek und Michael Scharang in der KPÖ aktiv wurden. 3.) Insgesamt fällt im Vergleich mit Trends der internationalen Kommunismusforschung auf, dass auch bei neueren Forschungen zur Geschichte der KPÖ jene innovativen Fragestellungen, die im Zuge der Weber/Mallmann-Kontroverse am Beispiel der KPD aufgeworfen worden sind, kaum eine Rolle spielen. Der allgemeine Paradigmenwechsel in der Historiografie hin zur Sozialgeschichte wurde in der österreichischen Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung schon in den Siebzigerjahren diskutiert. »Arbeitergeschichte« als Geschichte »von unten« wurde zum neuen Leitbegriff, der auch mit einer Ausweitung des Themenspektrums hin zur Regionalgeschichte, zur Alltagsgeschichte und zur Kulturgeschichte, mit neuen methodischen Ansätzen und Fragestellungen verbunden war. Spielten sozialgeschichtliche Zugänge in der Historiografie über die KPÖ bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine marginale Rolle, so wurde seither auch jene Erweiterung des Forschungshorizonts, die mit Mallmanns sozialhistorischer Kritik an Webers »Stalinisierungsthese« einherging, kaum rezipiert. Ein Grund für die fehlende Hinwendung zu einer Sozial- und Kulturgeschichte des Kommunismus besteht darin, dass die organisationsgeschichtlichen Vorarbeiten, die sozialgeschichtliche Analysen erst ermöglichen, für die KPÖ noch nicht geleistet sind. Der österreichische Kommunismus als radikale soziale Bewegung ist so nicht nur hinsichtlich der oben genannten Politikfelder wenig erforscht, sondern auch hinsichtlich der Akteure in diesen Aktionsfeldern, hinsichtlich der sozialen Basis der Partei. Während sich ein ganzer Strang der KPD-Historiografie herausgebildet hat, der die Partei unter dem Gesichtspunkt der Autonomie ihrer Gliederungen und ihrer lokalen Milieuverwurzelung untersucht, gab es in Österreich noch keinen Impuls, die KPÖ mit Fragestellungen, die Milieus, Mentalitäten usw. betreffen, zu bearbeiten. Zunächst fehlen Studien über die soziale Zusammensetzung der Parteibasis, über geschlechtsspezifische Differenzierungen, familiäre Verankerungen, berufliche Qualifikationen der Parteimitglieder usw. Neben einer Mitglieder- und Organisationssoziologie stehen auch Untersuchungen über politische Kultur, Organisationsalltag und Traditionspflege der KPÖ aus. Mentalitätsgeschichtliche Fragen nach den Prägungen und Erfahrungen der Parteimitglieder müssten auch die »feindliche Umwelt« in den Blick nehmen, in der die KPÖ agierte. Kommunisten wurden im Zuge des Kalten Krieges aus der aktiven Gestaltung der Zweiten Republik, aus der staatlichen Verwaltung sowie aus ihren Positionen in Gewerkschaften, Kultur und Sport hinausgedrängt. Nicht nur auf den einzelnen Parteimitgliedern, auch auf Sympathisanten und Verbündeten der Partei lastete ein enormer sozialer und wirtschaftlicher Druck. 1956 ging das Abgrenzungsbedürfnis der österreichischen Sozialdemokratie so weit, dass in der Arbeiter-Zeitung gefordert wurde, keinem Kommunisten die Hand zu reichen. Zu untersuchen wäre, wie diese politische Diskriminierung und gesellschaftliche Isolierung und die damit verknüpfte Selbstausgrenzung auf die politische Kultur der Partei zurückwirkten. Anknüpfungspunkte für eine sozialgeschichtliche Perspektive »von unten«, für alltagskulturelle und mentalitätsgeschichtliche Fragen bestehen vor allem auf regional- und lokalgeschichtlicher sowie auf betrieblicher Ebene. Insgesamt ist von einer Milieuverwurzelung der Partei vor allem dort auszugehen, wo ihre betrieblichen Positionen stark waren, etwa in den Industrieregionen Niederösterreichs und hier wiederum vor allem in den sowjetisch verwalteten Betrieben, die ab 1946 zu einem Hauptzentrum der Parteiarbeit wurden. In den Fünfzigerjahren betrug der Anteil der Kommunisten an den dortigen Arbeitern und Angestellten knapp 50 Prozent, was bedeutete, dass ein Fünftel der Gesamtmitgliedschaft der Partei in einem sowjetischen Betrieb arbeitete. Arbeitsplatzmöglichkeiten und damit zusammenhängende Bindungskräfte bot die KPÖ auch im Parteiapparat, in den Massenorganisationen und Freundschaftsgesellschaften, sowie in Sektoren der Kultur- und Informationspolitik. Die Frage nach der Stabilität der damit verbundenen Milieus seit dem Abzug der sowjetischen Besatzungsmacht, nach milieubedingten Kontinuitäten bis in die jüngere Vergangenheit, auf die Betriebsratswahlresultate in vielen dieser Betriebe hindeuten, wurde bisher noch nicht gestellt. Auch die von der KPÖ propagierte Politik der »Aktionseinheit« wurde auf der Ebene des Arbeitermilieus noch nicht untersucht. Ein Zusammenhang zwischen traditionellem politischen Milieu und industrieller Struktur besteht auch in der Industrieregion der Obersteiermark, außerhalb der sowjetischen Besatzungszone, wo die KPÖ in der Arbeiterschaft stark verankert war. Auch hier sind die Lebensverhältnisse, Erfahrungen und Interessen der Parteimitglieder, die Milieuverortung und konkrete Praxis der Partei vor Ort kaum erforscht. Während es der Partei insgesamt nicht gelang, die Stabilität der österreichischen Lagerstrukturen zu erschüttern bzw. selbst milieu- und lagerbildend zu wirken, ließe sich an den genannten Beispielen der Milieuansatz auch an der KPÖ erproben. Während das Potenzial sozialhistorischer Untersuchungen für die Zeit der Zweiten Republik schon allein daran sichtbar wird, dass die KPÖ nach 1945 zu einer Massenpartei mit über 150 000 Mitgliedern wuchs, sind dem Milieuansatz für die Zeit der Ersten Republik gewisse Grenzen gesetzt, war doch die KPÖ in diesen Jahren in der österreichischen Arbeiterklasse vergleichsweise schwach verankert: Im Jahr 1919 stieg ihre Mitgliederzahl binnen Wochen auf 40 000, um nach dem Fall der ungarischen Räterepublik innerhalb weniger Monate auf 10 000 zurückzugehen. Die KPÖ war in dieser Zeit vor allem die Partei der Kriegsheimkehrer und Arbeitslosen, ihre Position in den Betrieben war schwach. In der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre war die Partei durch Fraktionskämpfe zermürbt und weitgehend aktionsunfähig. Infolge der ultralinken Wende der Komintern geriet sie in die völlige Isolation, ihre Mitgliederzahl sank 1929/30 auf ca. 2000 bis 3000. Im ersten Quartal 1930 wurden gar nur 1571 Mitglieder abgerechnet. Zieht man noch die enorme Fluktuation in Betracht, so wird deutlich, wie instabil die Parteiorganisation in diesen Jahren war. Auch kulturwissenschaftliche Konzepte wie »Erinnerung«, »Gedächtnis« usw. wurden bisher noch nicht systematisch auf die KPÖ angewendet. Allein über den antifaschistischen Widerstand im Vergangenheitsnarrativ der Partei liegt ein Beitrag von Garscha vor.73 Vor allem der Stellenwert von Antifaschismus und Antikommunismus in der politischen Kultur der Zweiten Republik wäre geeignet, um unter diesem Gesichtspunkt diskutiert zu werden. Oliver Rathkolb, bis 2012 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, hat erst kürzlich in seiner Geschichte der Zweiten Republik auf die wesentliche Bedeutung des Antikommunismus im kollektiven Gedächtnis hingewiesen und ihn als »eine verdrängte Komponente der österreichischen Identität« charakterisiert.74 Mehrfach wurde in der Forschungsliteratur herausgearbeitet, dass der antifaschistische Grundkonsens des Jahres 1945 einem antikommunistischen Konsens Platz machte. Der Antikommunismus wurde zum Minimalkonsens der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), zur Integrationsideologie der Wiederaufbauperiode, die Kritik an der kapitalistischen Restauration als »kommunistisch« diskreditierte und in die Sozialpartnerschaft mündete. Die Hegemonie des Antikommunismus verdrängte auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die KPÖ wurde so zu einer Kommunikationsplattform jener, die die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes wachhielten. In diesem politischen Klima kam der Antifaschismus in den Verruf, »ein Trojanisches Pferd der Kommunisten«75 zu sein. Ähnliches gilt für politische Bewegungen bzw. Haltungen wie die Friedensbewegung und den Linkssozialismus, die gemeinsam mit der KPÖ gettoisiert wurden. Bilanziert man die vorhandenen Studien über die KPÖ, die zuletzt geleisteten Forschungen, das wissenschaftliche Feld und daraus abzuleitende Perspektiven, so muss festgestellt werden, dass noch wenig Grundlagen dafür bestehen, um der größten Herausforderung der Kommunismusforschung, der Zusammenführung von Politik-, Organisations- und Sozialgeschichte gerecht zu werden. Die politische Geschichte der sozialen Bewegung KPÖ muss erst noch geschrieben werden. 1 Anton Pelinka: Vorwort, in: Heinz Gärtner: Zwischen Moskau und Österreich. Die KPÖ – Analyse einer sowjetabhängigen Partei (= Studien zur österreichischen und internationalen Politik, Bd. 3), Wien 1979, S. 5–6, hier S. 5. 2 Siehe dazu: Protokolle der Sitzungen des Politischen Büros des ZK der KPÖ und Unterlagen der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ, in: Zentrales Parteiarchiv (im Folgenden: ZPA) der KPÖ. 3 Franz West: Die Linke im Ständestaat. Revolutionäre Sozialisten und Kommunisten 1934–1938 (= Schriftenreihe des Ludwig Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 8), Wien/München/Zürich 1978. 4 Siehe Erwin Scharf an Franz West, 25. Mai 1971, in: ZPA der KPÖ. 5 Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs. 1918–1955. Kurzer Abriß, Wien 1977. 6 Arnold Reisberg: Februar 1934. Hintergründe und Folgen, Wien 1974; Winfried R. Garscha/Hans Hautmann: Februar 1934 in Österreich, Wien 1984. 7 KPÖ. Die Kommunistische Partei Österreichs. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, 2. Aufl. Wien 1989. 8 Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918–1933. Bibliographische Bemerkungen (= Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Bd. 11), Meisenheim am Glan/Wien 1968. 9 Hans Hautmann: Die verlorene Räterepublik. Am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutsch-österreichs, Wien/Frankfurt a. M./Zürich 1971. 10 Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei, in: Erika Weinzierl/Kurt Skalnik (Hg.): Österreich 1918–1938. Geschichte der Ersten Republik, Bd. 1, Graz/Wien/Köln 1983, S. 317–329. 11 Anton Pelinka: Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, in: Erika Weinzierl/Kurt Skalnik (Hg.): Österreich. Die Zweite Republik, Bd. 1, Graz/Wien/Köln 1972, S. 169–201. 12 Gärtner: Zwischen Moskau und Österreich (Anm. 1). 13 Rudolf Ardelt: Perspektiven der Geschichte der Arbeiterbewegung oder Der »enge Blick« und die »Wende«, in: Christine Schindler (Hg.): Die Internationale der »Labour Historians«. Stand und Perspektiven der Arbeiter/innen/geschichtsschreibung im 30. Jahr der ITH (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 30a), Wien 1995, S. 36–44, hier S. 37. 14 Die von mir erstellte und laufend aktualisierte Bibliografie über die Geschichte der KPÖ ist abrufbar unter www.klahrgesellschaft.at/Bibliographie.html. 15 Walter Baier: Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918 bis 2008, Wien 2009, S. 13 (Hervorhebung im Original). 16 Hautmann: Räterepublik (Anm. 9). 17 Hans Hautmann: Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918–1924, Wien/Zürich 1987. 18 Hannes Leidinger/Verena Moritz: Gefangenschaft – Revolution – Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917–1920, Wien/Köln/Weimar 2003. 19 Fritz Keller: Gegen den Strom. Fraktionskämpfe in der KPÖ – Trotzkisten und andere Gruppen 1919–1945 (= Materialien zur Arbeiterbewegung, Bd. 10), Wien 1978. 20 Barry McLoughlin/Hannes Leidinger/Verena Moritz: Kommunismus in Österreich 1918–1938, Innsbruck/Wien/Bozen 2009. 21 Manfred Mugrauer: »Rothschild saniert – das Volk krepiert«. Die sozialökonomische Politik der KPÖ zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, in: ders. (Hg.): Wirtschafts- und Finanzkrisen im Kapitalismus. Historische und aktuelle Aspekte (= Quellen & Studien, Sonderband 13), Wien 2010, S. 45–100. 22 Zum Forschungsstand siehe Manfred Mugrauer: Die KPÖ im Kampf gegen die austrofaschistische Diktatur, in: Florian Wenninger/Lucile Dreidemy (Hg.): Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933–1938. Vermessung eines Forschungsfeldes, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 41–69. 23 Maria Szecsi/Karl Stadler: Die NS-Justiz in Österreich und ihre Opfer (= Das einsame Gewissen. Beiträge zur Geschichte Österreichs 1938 bis 1945, Bd. 1), Wien/München 1962. 24 Siehe Gerhard Oberkofler: Das Regierungsprojekt einer Dokumentation über den Beitrag Österreichs zu seiner Befreiung, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 10 (2003), H. 3, S. 7–17, hier S. 9 f. 25 Hermann Mitteräcker: Kampf und Opfer für Österreich. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Widerstandes 1938 bis 1945, Wien 1963. 26 Magdalena Koch: Der Widerstand der Kommunistischen Partei Österreichs gegen Hitler von 1938 bis 1945, Diss. Univ. Wien 1964. 27 Willibald Ingo Holzer: Die österreichischen Bataillone im Verbande der NOV i POJ. Die Kampfgruppe Avantgarde/Steiermark. Die Partisanengruppe Leoben-Donawitz, Diss. Univ. Wien 1971. 28 Helmut Konrad: Widerstand an Donau und Moldau. KPÖ und KSČ zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes, Wien/München/Zürich 1978. 29 Siehe dazu zusammenfassend Wolfgang Neugebauer: Der österreichische Widerstand 1938–1945, Wien 2008, S. 66–103. 30 Siehe Helene Maimann: Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938–1945 (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, Bd. 62), Wien/Köln/Graz 1975; Ernst Schwager: Die österreichische Emigration in Frankreich 1938–1945 (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, Bd. 74), Wien/Köln/Graz 1984. 31 Simon Loidl: Österreichische KommunistInnen im Exil in den USA 1938–1945, Dipl. Univ. Wien 2004. 32 Marietta Bearman u. a.: Wien – London, hin und retour. Das Austrian Centre in London 1939 bis 1947, Wien 2004. 33 Sonja Frank (Hg.): Young Austria. ÖsterreicherInnen im britischen Exil 1938–1947. Für ein freies, demokratisches und unabhängiges Österreich, Wien 2012. 34 Karl R. Stadler: Opfer verlorener Zeiten. Die Geschichte der Schutzbund-Emigration 1934, Wien 1974. 35 Franz Muhri: Die Rehabilitierung österreichischer Opfer des Stalinismus, in: Walter Baier/Franz Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer, Wien 2001, S. 33–52. 36 Hans Schafranek: Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937–1941, Frankfurt a. M. 1990. 37 Barry McLoughlin/Hans Schafranek/Walter Szevera: Aufbruch – Hoffnung – Endstation. Österreicherinnen und Österreicher in der Sowjetunion 1925–1945 (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 64), Wien 1997. 38 Österreicher im Exil – Sowjetunion 1934–1945. Eine Dokumentation, hg. vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1999. 39 Fritz Keller: Die KPÖ 1945–1955, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 1994, Berlin 1994, S. 104–121. 40 Codename Lindley!, in: Zoom. Zeitschrift für Politik und Kultur (1998), H. 5, S. 10–15, hier S. 12. 41 Wilfried Aichinger: Sowjetische Österreichpolitik 1943–1945 (= Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 1), Wien 1977, S. 45–56, 86–91 u. 175–186. 42 Wolfgang Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955 und ihre politische Mission, Wien/Köln/Weimar 2005. 43 Manfred Mugrauer: Die Politik der KPÖ in der Provisorischen Regierung Renner, Innsbruck/Wien/Bozen 2006. 44 Siehe Wolfgang Mueller u. a. (Hg.): Sowjetische Politik in Österreich 1945–1955. Dokumente aus russischen Archiven, Wien 2005; Stefan Karner/Barbara Stelzl-Marx/Alexander Tschubarjan (Hg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Dokumente (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Sonderband 5), Graz/Wien/München 2005. 45 Stefan Karner/Peter Ruggenthaler: Stalin und Österreich. Sowjetische Österreich-Politik 1938 bis 1953, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): JHK 2005, Berlin 2005, S. 102–140; Wolfgang Mueller: Die gescheiterte Volksdemokratie. Zur Österreich-Politik von KPÖ und Sowjetunion 1945 bis 1955, in: ebd., S. 141–170. 46 Josef Ehmer: KPÖ und SED. Ein ambivalentes Verhältnis, in: Wolfgang Neugebauer (Hg.): Von der Utopie zum Terror. Stalinismus-Analysen (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 59), Wien 1994, S. 171–181. 47 Wolfgang Mueller: »Genosse Filippov« und seine österreichischen »Freunde«. Fallstudien zur »Macht der Schwachen« im Verhältnis zwischen der KPdSU und einer Bruderpartei, in: ders./Michael Portmann (Hg.): Osteuropa vom Weltkrieg zur Wende (= Zentraleuropa-Studien, Bd. 10), Wien 2007, S. 133–160. 48 Hans Hautmann: Der Polizeiliche Hilfsdienst für die Kommandantur der Stadt Wien im Jahr 1945, in: ders. (Hg.): Die Alfred Klahr Gesellschaft und ihr Archiv. Beiträge zur österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts (= Quellen & Studien 2000), Wien 2000, S. 277–346; ders.: Kommunisten und Kommunistinnen in der Wiener Polizei, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 19 (2012), H. 2, S. 11–25. 49 Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945–1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis, in: Gertrude Enderle-Burcel/Dieter Stiefel/Alice Teichova (Hg.): »Zarte Bande«. Österreich und die europäischen Länder (= Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband 9), Innsbruck/Wien/Bozen 2006, S. 107–129. 50 Manfred Mugrauer: Zwischen Erschütterung, neuer Offenheit und »Normalisierung«: Die KPÖ, der 20. Parteitag der KPdSU und die Ungarn-Krise 1956, in: Mueller/Portmann (Hg.): Osteuropa vom Weltkrieg zur Wende (Anm. 47), S. 257–297. 51 Leopold Spira: Ein gescheiterter Versuch. Der Austro-Eurokommunismus, Wien/München 1979. 52 Manfred Mugrauer: »Oft setzte man sich über vernünftige Argumente hinweg …«. Die krisenhafte Entwicklung der KPÖ in den Jahren 1968 bis 1971, in: ders. (Hg.): 90 Jahre KPÖ. Studien zur Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs (= Quellen & Studien, Sonderband 12), Wien 2009, S. 261–318. 53 Jürgen Weber/Wolfgang Weber: »Jeder Betrieb eine rote Festung!« Die KPÖ in Vorarlberg 1920–1956 (= Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft, Bd. 32), Feldkirch 1994. 54 Protokoll des 11. Plenums des Zentralkomitees der KPÖ am 24./25. Mai 1956, Beilage 1: Referat von Johann Koplenig, S. 9, in: ZPA der KPÖ. 55 Manfred Mugrauer: Die Kommunistische Partei in Niederösterreich, in: Stefan Eminger/Ernst Langthaler (Hg.): Niederösterreich im 20. Jahrhundert, Bd. 1: Politik, Wien/Köln/Weimar 2008, S. 535–564. 56 Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen, Reinbek 1969; ders.: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945–1955, Wien/München/Zürich 1973. 57 Josef Meisel: »Jetzt haben wir Ihnen, Meisel!« Kampf, Widerstand und Verfolgung eines österreichischen Antifaschisten (1911–1945) (= Biographische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte, Bd. 2), Wien 1985; ders.: Die Mauer im Kopf. Erinnerungen eines ausgeschlossenen Kommunisten 1945–1970 (= Biografische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte, Bd. 3), Wien 1986. 58 Erwin Scharf: Ich hab’s gewagt mit Sinnen ... Entscheidungen im antifaschistischen Widerstand. Erlebnisse in der politischen Konfrontation, Wien 1988; Franz Muhri: Kein Ende der Geschichte, Wien 1995. 59 Walter Stern: Das Überleben hat gelohnt. Erinnerungen eines Metallarbeiters und Betriebsrates, Wien 2008. 60 Julia Köstenberger: Die Geschichte der Internationalen Leninschule in Moskau (1926–1938). Unter besonderer Berücksichtigung des deutschen und österreichischen Sektors, Diss. Univ. Wien 2010. 61 Siehe Willi Weinert: »Ich möchte, dass sie Euch immer nahe bleiben ...« Biografien kommunistischer WiderstandskämpferInnen in Österreich. Mit Anmerkungen zum Widerstandskampf der Kommunistischen Partei Österreichs und einer Opferliste, 2. Aufl. Wien 2005. 62 Siehe ders.: Archive und Bibliothek der KPÖ, in: Hautmann (Hg.): Alfred Klahr Gesellschaft (Anm. 48), S. 25–93, hier S. 41–44. 63 Siehe Helmut Konrad: Österreichische Geschichtspolitik in den 1970er und 1980er Jahren: Historio-grafische Anmerkungen und persönliche Beobachtungen, in: Jürgen Mittag/Berthold Unfried (Hg.): Arbeiter- und soziale Bewegungen in der öffentlichen Erinnerung. Eine globale Perspektive (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 45), Leipzig 2011, S. 111–119, hier S. 117 f. 64 Günter Bischof: »Austria looks to the West«. Kommunistische Putschgefahr, geheime Wiederbewaffnung und Westorientierung am Anfang der fünfziger Jahre, in: Thomas Albrich u. a. (Hg.): Österreich in den Fünfzigern, Innsbruck/Wien 1995, S. 183–209, hier S. 187. 65 Wolfgang Mueller: Die Teilung Österreichs als politische Option für KPÖ und UdSSR 1948, in: Zeitgeschichte 32 (2005), H. 1, S. 47–54; Manfred Mugrauer: »Teilungspläne« und »Putschabsichten«. Die KPÖ im Gedenkjahr 2005, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 12 (2005), H. 4, S. 8–15. 66 Wolfgang Mueller: Kalter Krieg, Neutralität und politische Kultur in Österreich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 1–2 vom 29. Dezember 2008, S. 11–19, hier S. 14. 67 Hermann Weber: Zehn Jahre historische Kommunismusforschung. Leistungen, Defizite, Perspektiven, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), H. 4, S. 611–633, hier S. 627–630. 68 Josef Ehmer: Die Kommunistische Partei Österreichs, in: Emmerich Tálos u. a. (Hg.): Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918–1933, Wien 1995, S. 218–230; ders.: Die Kommunistische Partei Österreichs, in: Herbert Dachs (u. a.): Handbuch des politischen Systems Österreichs. Die Zweite Republik, 3. Aufl. Wien 1997, S. 323–332. 69 Thomas Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945–1956) (= Industrielle Welt, Bd. 71), Köln/Weimar/Wien 2007, S. 243–357, hier S. 243. 70 Siehe den ersten Überblick: Manfred Mugrauer: Partei der ArbeiterInnenklasse. Zur gewerkschaftlichen und betrieblichen Verankerung der KPÖ in den Jahren 1945–1955, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 18 (2011), H. 4, S. 1–12. 71 Wilhelm Pellert: Roter Vorhang. Rotes Tuch. Das Neue Theater in der Scala (1948–1956) (= In Sachen, Bd. 5, Ausgabe 8), Wien 1979. 72 Peter Grabher: Sowjet-Projektionen. Die Filmarbeit der kommunistischen Organisationen in der Ersten Republik (1918–1933), in: Christian Dewald (Hg.): Arbeiterkino. Linke Filmkultur der Ersten Republik, Wien 2007, S. 221–303. 73 Winfried R. Garscha: Der Umgang der KPÖ mit dem kommunistischen Widerstand. Zur Rolle der antifaschistischen Traditionen in der Politik der KPÖ nach 1945, in: Weg und Ziel 51 (1993), H. 5, S. 13–21. 74 Oliver Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 bis 2005, Wien 2005, S. 31. 75 Gerhard Botz: Erstarrter »Antifaschismus« und »paranazistisches Substrat«: Zwei Seiten einer Medaille, in: ders./Gerald Sprengnagel (Hg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker (= Studien zur Historischen Sozialwissenschaft, Bd. 13), Frankfurt a. M./New York 1994, S. 452–464, hier S. 454.

JHK 2013

Das radikale Milieu im vorrevolutionären Russland

Stephan Rindlisbacher

Nikolaj Gorinovič war einer von zahlreichen jungen russischen Radikalen, die in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts davon träumten, die traditionellen gesellschaftlichen Verhältnisse neu zu gestalten. 1874 wurde er Mitglied einer Wohnkommune von Radikalen in Kiew und war danach als Propagandist »im Volk« aktiv. Doch Gorinovič und viele seiner Genossen hatten kaum Erfolge zu verzeichnen; jederzeit mussten sie mit Repressionen des Staates rechnen. 1875 wurde Gorinovič in Kiew verhaftet, weil er im Besitz verbotener Bücher war. Wenig später kam er aber wieder frei. Im Mai 1876 befürchtete er, erneut verhaftet zu werden. Deshalb beschloss er, bei bekannten Genossen in Elizavetgrad (heute Kirovgrad) unterzutauchen. Dort, beim Zirkel der Južnye Buntari [Süd-Rebellen], hoffte er, Hilfe zu finden. Doch seine Genossen waren misstrauisch. Sie fanden es verdächtig, dass er 1875 – im Gegensatz zu vielen anderen Verhafteten – nach so kurzer Zeit wieder freigekommen war. Gorinovič, so waren sie sich sicher, hatte mit der Polizei zusammengearbeitet. Lev Dejč, ein Mitglied des Zirkels, erinnerte sich später: »So beschloss Gorinovič, sich erneut dem revolutionären Milieu [revoljucionnaja sreda] anzuschließen, weil er fürchtete, wieder im Gefängnis zu landen, und weil er annahm, dass niemand von seinem Verrat während der Verhöre wisse. Dazu suchte er seine ›alten Genossen‹ auf. Diese Absicht erschien in unseren Augen höchst gefährlich – angesichts seiner offensichtlichen Feigheit und Mutlosigkeit. Wenn er sich wieder ins revolutionäre Milieu einschleichen würde, dann könnte Gorinovič bei einer erneuten Verhaftung der Sache [delo] und den Menschen wahrscheinlich in einem viel größeren Umfang schaden als beim ersten Mal. Die Umstände sprachen augenscheinlich für die Notwenigkeit, ihn aus dem Weg zu räumen, oder jedenfalls wollten wir sie so sehen, weil wir nach einer Tat [delo] lechzten und die Hände uns juckten.«1 Lev Dejč und Viktor Malinka, ein anderes Mitglied der Južnye Buntari, lockten Gorinovič daraufhin mit falschen Versprechungen nach Odessa, wo sie versuchten, ihn zu Tode zu prügeln. Anschließend übergossen sie sein Gesicht mit Säure, um die Identifizierung zu erschweren, und stellten ein Schild neben ihrem Opfer auf, auf dem stand: »So ergeht es allen Verrätern.« Doch Gorinovič überlebte schwer verletzt. Sein Gesicht war entstellt und er war fortan blind. Dieser brutale Anschlag war ein Skandal, der für einige Zeit die ganze radikale Bewegung zu diskreditieren schien.2 Angesichts dieser erschütternden Brutalität ist zu fragen, weshalb junge russische Revolutionäre wie Lev Dejč geradezu nach solchen »Taten« »lechzten«. Welche Werte, moralischen Vorstellungen und Gruppendynamiken standen hinter einem solchen Akt? Der folgende Aufsatz versucht Antworten darauf zu finden, indem er sich eingehend mit dem »revolutionären Milieu« in Russland vor 1917 auseinandersetzt. Allerdings wird bei der Beschreibung des Gegenstandes der Begriff radikales Milieu bevorzugt. Mit diesem Ansatz wird an die bestehende Forschung angeknüpft.3 Der im Kontext der revolutionären Bewegung in Russland bisher diffus verwendete Milieubegriff wird dabei analytisch weiterentwickelt, um die idealtypischen Strukturmerkmale, welche die Radikalen miteinander verbanden, genauer zu erfassen. Wichtig erscheinen dabei die folgenden Fragen: Unter welchen Bedingungen ist das radikale Milieu in Russland entstanden? Welchem sozialen Umfeld entstammten seine Mitglieder? Welche Werte, Überzeugungen und Erwartungen teilten sie? Welche Hierarchien bildeten sich unter den Radikalen heraus? Wie hat sich das Milieu reproduziert? Welche Möglichkeiten gab es auszusteigen? Diese Fragen sollen auf Grundlage der Erinnerungen von Teilnehmern der radikalen Bewegung und Dokumenten der zaristischen Untersuchungsbehörden einerseits, sowie den Ergebnissen aus der sozial- und kulturgeschichtlichen Forschung andererseits erörtert werden. Radikales Milieu als idealtypischer Begriff Im Zuge des gesellschaftlichen und politischen »Tauwetters« unter Aleksandr II. nach der Niederlage im Krimkrieg 1856 entspann sich ein breiter öffentlicher Diskurs über die Zukunft des Landes. Besonders junge Menschen, zunächst vor allem Studenten, nahmen diese öffentliche Debatte zum Anlass, immer weitergehende Veränderungen zu fordern.4 Sie begannen außerdem, sich zu vernetzen. Mit dem Begriff radikales Milieu werden im Folgenden ebendiese sozialen Netzwerke bezeichnet,5 in denen Männer und Frauen verkehrt haben, die ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts in einen eskalierenden Konflikt mit dem autokratischen Regime geraten sind. Diese Netzwerkstrukturen hatten – wenn auch in sich wandelnder Form – bis 1917 und darüber hinaus Bestand. Das radikale Milieu war der Ort, wo sich die Menschen trafen, die sich zunächst als »junge Intelligencija« oder »revolutionäre Intelligencija« bezeichneten. Diese Menschen lehnten väterliche Autorität, die traditionelle Religion sowie die Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände und nach Geschlechtern ab. Sie beabsichtigten, die sozialen Beziehungen von ihren Wurzeln (lat. radix) her nach wissenschaftlichen Kriterien neu zu überdenken und entsprechend zu gestalten.6 Der Milieubegriff von Mario R. Lepsius aus seiner Untersuchung zu den Parteien im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik eignet sich auch zur Untersuchung dieses russischen Phänomens. Lepsius definiert Milieu »[…] als Bezeichnung für soziale Einheiten, die durch eine Koinzidenz mehrerer Strukturdimensionen wie Religion, regionale Tradition, wirtschaftliche Lage, kulturelle Orientierung, schichtspezifische Zusammensetzung der intermediären Gruppe gebildet werden. Das Milieu ist ein soziokulturelles Gebilde, das durch eine spezifische Zuordnung solcher Dimensionen auf einen bestimmten Bevölkerungsteil charakterisiert wird.«7 Obwohl das radikale Milieu in Russland zwischen 1860 und 1917 durchaus heterogen war, lassen sich doch folgende idealtypische Merkmale benennen, die mehr oder weniger ausgeprägt bei allen radikalen Gruppen zu beobachten waren: a) Intellektuelle, meist »privilegierte«, städtische Mitglieder. 8 b) Eine dezentrale Organisation in Zirkeln. c) Eine Identität als Gegengesellschaft mit Gegenwerten, die eine Gegenrealität aufbaute. d) Zugehörigkeit durch Kooptation. Diese Charakteristika werden nun genauer ausgeführt. Zunächst sollen die soziale Zusammensetzung und die Organisationsstruktur dieser Gegengesellschaft betrachtet und dann ausführlich auf die Aspekte Gegenrealität und Gegenwerte sowie auf die Frage der Kooptation der Mitglieder eingegangen werden. Organisationsstruktur und soziale Zusammensetzung der radikalen Gegengesellschaft Der Begriff Milieu (sreda), der wie oben gezeigt, auch von den Radikalen selbst verwendet wurde, besitzt eine gewisse Unschärfe. Diese ist bei der Beschreibung des Phänomens nicht von Nachteil, denn damit wird die grundsätzliche Offenheit und Durchlässigkeit der sozialen Beziehungen dieser Netzwerke unterstrichen. Die Grundstruktur bildeten Zirkel, die sich in Städten organisierten. Die Mitglieder kamen zu regelmäßigen Treffen – zu sogenannten schodki – zusammen, bei denen über politische Themen diskutiert, aber auch gefeiert und gesungen wurde. Die überwiegende Mehrheit kannte sich in den »kanonischen« Werken der radikalen Literatur aus. Dazu gehörten unter anderem Texte von Ferdinand Lassalle, John Stuart Mill, Nikolaj Černyševskij, Dmitrij Pisarev, Nikolaj Dobroljubov und Nikolaj Nekrasov.9 Im Zentrum des radikalen Milieus standen die »Illegalen«. Dieser harte Kern setzte sich hauptsächlich aus ehemaligen Studierenden zusammen, die sich gegen eine traditionelle und für eine revolutionäre Karriere entschieden hatten.10 Sie lebten mit falschen Papieren im Untergrund und engagierten sich von dort für ihre politischen Ziele. Illegalität war ein Charakteristikum des radikalen Milieus ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Somit gab es in Russland Untergrundstrukturen, die den notwendigen konspirativen Schutz boten, um terroristische oder revolutionäre Pläne in die Praxis umzusetzen.11 Die Funktionsträger der Autokratie, die »offizielle Gesellschaft«, und das radikale Milieu als »Gegengesellschaft« bildeten zwei gegensätzliche Pole in der russischen städtischen Gesellschaft, zwischen denen jedoch ein gewisser Austausch herrschte. Ärzte, Anwälte oder Journalisten die innerhalb der »offiziellen Gesellschaft« tätig waren, unterhielten trotz der drohenden Repression rege Kontakte mit radikalen Zirkeln. Zahlreiche Menschen aus dieser »liberalen«, städtischen Gesellschaft – auch sie verstanden sich als Intelligencija12 – zeigten Sympathie und versuchten, die Radikalen im Untergrund in vielfältiger Art und Weise zu unterstützen.13 So wurden Sympathisanten häufig gebeten, konspirative Wohnungen für die Radikalen anzumieten14 oder Geld für deren konspirative Tätigkeit zu spenden. Darüber hinaus stammten – von den Sechzigern bis in die Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts – viele Radikale selbst aus den privilegierten Ständen und konnten über ihre Familien, sofern sich diese ihnen gegenüber weiterhin solidarisch verhielten, den Kontakt zur »offiziellen Gesellschaft« halten.15 Zum Überleben im Untergrund trug also die Sphäre von Sympathisanten, die das radikale Milieu umhüllte, entscheidend bei. Die Sympathisanten führten weiterhin ein legales Leben und unterstützten die »Illegalen« entsprechend den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sowohl Frauen als auch Männer, die für bestimmte Werte und Ziele eintraten und über die nötigen Kontakte verfügten, konnten in diese Sphäre um die Radikalen herum eintreten und später zu Vollmitgliedern in den radikalen Zirkeln aufsteigen.16 Die wichtigsten Orte zur Begegnung und Anwerbung von potenziellen Sympathisanten waren von prominenten Vertretern der liberalen Gesellschaft organisierte private Zusammenkünfte sowie die Hochschulen und Universitäten. Außerdem kam den familiären Verbindungen bei der Kontaktaufnahme zu radikalen Netzwerken eine große Bedeutung zu. Ein weiteres Begegnungsfeld war Westeuropa, wo russische Touristen oder Studierende leicht von radikalen Emigranten angesprochen und angeworben werden konnten. Von den Sechzigern bis in die Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts bestand eine mehr oder weniger einheitliche radikale Gegengesellschaft, die sich aus einzelnen Zirkeln und Netzwerken zusammensetzte (Čajkovcy,17 Južnye Buntari, Zemlja i Volja [Land und Freiheit] etc.). Die Anzahl der Menschen im radikalen Milieu kann nur grob geschätzt werden. Ende der Siebzigerjahre verkehrten mehrere Tausend meist junge Menschen in der Sympathisantensphäre.18 Etwa 1200 Menschen nahmen zwischen 1870 und 1879 aktiv am politischen Leben des radikalen Milieus teil und bildeten damit seinen harten Kern. Der Frauenanteil unter ihnen betrug etwa 18 Prozent.19 In den Siebziger- und Achtzigerjahren dominierten junge Adlige, Intellektuelle und Stadtbewohner die radikalen Zirkel. Besonders stark waren Männer und Frauen aus dem Südwesten des Reiches vertreten.20 Mit der Spaltung von Zemlja i Volja in die zwei Nachfolgeorganisationen Narodnaja Volja [Volkswille] und Čërnyj Peredel [Schwarze Umverteilung] nahm ab 1879 trotz anfänglich gegenteiliger Bemühungen der Beteiligten eine längerfristige Spaltung des radikalen Milieus in zwei Submilieus ihren Lauf. Die Spitze von Čërnyj Peredel – Georgij Plechanov, Vera Zasulič und Lev Dejč – setzte sich 1880 ins Ausland ab. Nach heftigen persönlichen Konflikten mit anderen Emigranten begannen sie, ein sozialdemokratisches Netzwerk aufzubauen, das sich ideologisch von den bisherigen Überzeugungen der Radikalen, dem narodničestvo [»Volkstümlertum«], unterschied. Gemäß den Ideen des narodničestvo war die russische Bauerngesellschaft dank ihrer Gemeinden (obščiny), die keinen Privatbesitz an Land kannten, in der Lage, direkt in den Sozialismus zu springen, ohne einen kapitalistischen Entwicklungsprozess zu durchlaufen. Die Sozialdemokraten hingegen sahen die revolutionäre Klasse Russlands nun nicht mehr in der Bauernschaft, sondern im wachsenden Fabrikproletariat. Die kapitalistische Entwicklung Russlands betrachteten sie als historisch unumgänglich.21 Doch zunächst verfügten die Sozialdemokraten kaum über Einfluss im radikalen Milieu.22 Daran änderte sich erst in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts etwas. Damals begannen angesichts des rasanten Wachstums der russischen Industrie immer mehr Radikale, das narodničestvo infrage zu stellen. Ab 1893/94 war es dann entscheidend, ob jemand sich als Narodnik oder Sozialdemokrat begriff. Zunehmend standen sich damit zwei Lager gegenüber, die sich ideologisch gegeneinander abgrenzten.23 Diese beiden Hauptnetzwerke lassen sich ab 1900 grob unter den Namen Sozialrevolutionäre (SR) und Sozialdemokraten (SD) subsumieren. Daneben existierten noch kleinere anarchistische »Splitternetzwerke«.24 Bei den SD kam ab 1903 die sich vertiefende Spaltung zwischen Bol’ševiki und Men’ševiki hinzu. Die einzelnen Lager trennten aber nicht nur wachsende ideologische Gegensätze, sondern auch persönliche Rivalitäten. Dennoch konnten einzelne Personen von einem ins andere Netzwerk wechseln,25 und unabhängig von der jeweiligen Richtung blieb unter den Radikalen ein gewisses Band der Solidarität angesichts des gemeinsamen Gegners erhalten.26 Obwohl zwischen den SD und SR ideologisch begründetes Misstrauen bestand, kam es doch in praktischen Fragen wie bei Bank- und Raubüberfällen – sogenannten Expropriationen –, Gefangenenbefreiungen oder beim Aufstand in Moskau Ende 1905 zur Zusammenarbeit.27 Während der Revolution von 1905 bis 1907 gelang den beiden großen radikalen Netzwerken zeitweise der Durchbruch zur »Massenbewegung« – die Mitgliederstärke wurde nicht mehr in Hunderten, sondern in Zehntausenden gemessen.28 Daneben wurde auch die soziale Basis des radikalen Milieus breiter. Durch den Zustrom von neuen Mitgliedern drehte sich das Verhältnis zugunsten der Meščane [»Kleinbürger«] und Bauern. Bei den Men’ševiki war der Anteil an Juden besonders hoch. Bildung blieb der entscheidende Faktor für den Aufstieg im jeweiligen Netzwerk. Dies galt aber nur noch in eingeschränktem Maß für die radikalen Frauen. Obwohl sie durchschnittlich einem höheren Stand angehörten und gebildeter waren als ihre Genossen, blieben sie ab den Neunzigerjahren in den höheren Führungspositionen unterrepräsentiert.29 Dazu kam eine zunehmende Schichtung nach Alter der Mitglieder. Während von den Sechzigern bis in die Achtzigerjahre im radikalen Milieu jugendliche Mitglieder dominierten, stiegen danach die Veteranen der Bewegung zu geachteten und einflussreichen Funktionären in der jeweiligen Hierarchie auf.30 Die meisten dieser Veteranen blieben dem narodničestvo treu und entschieden sich später für die SR. Die Führung der SR war daher älter als die der SD. Dieser Gegensatz an der Spitze der Netzwerke wurde an der Basis jedoch ins Gegenteil verkehrt: Die einfachen Mitglieder der SR waren im Schnitt jünger als diejenigen der SD.31 Gegenrealität Innerhalb der radikalen Gegengesellschaft entwickelte sich mit der Zeit eine eigene Auffassung von Realität, die nur durch die Kooperation und Interaktion aller Mitglieder errichtet und aufrechterhalten werden konnte. Sobald die sozialen Netzwerke, sei es durch Verhaftungen oder durch Emigration, auseinanderfielen, begann auch die Gegenrealität sich aufzulösen. Letztere wurde im radikalen Milieu bereits dadurch geschaffen, dass sich die meisten Mitglieder ein Pseudonym oder einen Spitznamen zulegten. Angesichts einer drohenden Infiltration durch die politische Polizei wollten die »Illegalen« verhindern, dass eventuelle Überläufer oder Spione den bürgerlichen Namen eines Genossen verraten konnten. Daneben unterstrichen Pseudonyme den Bruch mit der offiziellen Gesellschaft und deren Konventionen.32 Die Radikalen versuchten darüber hinaus, im Verkehr mit Behörden ihre Identität zu verbergen und Pässe zu fälschen. Die Urkundenfälschung stellte eine Notwendigkeit dar, weil damals in Russland keine Wohnung vermietet werden konnte, wenn nicht ein Inlandspass vorgelegt wurde. Zudem war eine Registrierung beim Einwohnermeldeamt (Adresnyj stol) unumgänglich.33 Die Organisation Zemlja i Volja gründete zu diesem Zweck eine besondere Abteilung, die sogenannte Himmelskanzlei (Nebesnaja kanceljarija). Dort konnten die Revolutionäre gefälschte Dokumente in annehmbarer Qualität erhalten.34 Auch später gehörte die Infrastruktur zur Fälschung von Dokumenten für die SD und SR zu den Grundlagen der Konspiration.35 Nicht nur falsche Papiere und Pseudonyme, sondern auch Kostüme spielten bei der praktischen Arbeit der Radikalen eine entscheidende Rolle. In der damaligen Gesellschaft galt die Kleidung als wichtiger Hinweis auf die jeweilige Standeszugehörigkeit. Am Kleidungsstil fiel ein Stadtbewohner, der auf dem Land öffentlich auftrat und Propaganda betreiben wollte, sofort auf. Aus diesem Grund verkleideten sich die Radikalen, um auf Propagandamissionen wie Bauern oder Arbeiter auszusehen.36 Neben gefälschten Identitäten und Kostümen etablierte sich seit den Sechzigerjahren eine weitere Form der Gegenrealität: die fiktive Ehe. Der Grund für diese Art von Fiktion lag in der Rechtslage: Eine Frau konnte nur als Witwe als Rechtssubjekt auftreten, ansonsten war sie entweder von ihrem Vater oder von ihrem Ehemann abhängig.37 Junge Frauen, die sich aus den engen traditionellen Strukturen lösen wollten, standen also vor großen institutionellen, persönlichen und familiären Hürden. Nikolaj Čenyševskij machte in seinem Roman Was tun? (Čto delat’?) die fiktive Ehe einem breiten Publikum bekannt.38 Ein Mann aus dem radikalen Milieu solle sich dazu bereit erklären, eine Frau, die in Konflikt mit ihrer Familie geraten war, zu heiraten, um sie damit (legal) zu befreien. Probleme tauchten auf, wenn einer der Partner in der Ehe schließlich doch mehr zu sehen begann als nur eine Fiktion.39 Allerdings konnten fiktive Beziehungen auch Ausgangspunkt einer realen Partnerschaft sein.40 Ein weiteres wichtiges Element zur Schaffung einer Gegenrealität war die Fähigkeit der Radikalen, innerhalb von Russland selbst Druckerzeugnisse herzustellen und so ihre Ideen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Damit durchbrachen sie – für alle sichtbar – das Meinungsmonopol des Staates. Allein der Besitz dieser Schriften konnte jedoch zur Verhaftung führen.41 Die Fähigkeit, nach der Aushebung einer Druckerei durch die Polizei möglichst schnell wieder Druckerzeugnisse herstellen zu können, wurde als Beweis für die logistische Stärke des jeweiligen Netzwerkes gesehen.42 Im radikalen Milieu wurde außerdem mit neuen Wohnformen experimentiert. Radikale mieteten Wohnungen oder Häuser und gründeten Wohnkommunen.43 Aleksandra Kornilova, ein Mitglied der Čajkovcy und deren Kommune in St. Petersburg, erinnerte sich später an die Bedeutung dieser Wohnform bei der Verwirklichung des »neuen Lebens«: »Das Hauptprinzip eines solchen Lebens war die gegenseitige Hilfe, so wie es die Ethik unserer Generation verlangte. Im Allgemeinen haben diese Kommunen die Lebenshaltungskosten bedeutend reduziert und waren Zentren für die Interaktion der Jugend untereinander. Sie haben den Einfluss der Fortgeschrittenen und Reiferen auf die neu Eingetretenen verstärkt und ermöglichten den Erfolg bei der Propaganda sozialistischer Ideen. Daneben eröffneten sie die Möglichkeit, bei der Beschäftigung mit dem Sozialismus die Prinzipien ohne Umwege in die Praxis des persönlichen Lebens zu übernehmen, wirklich allen Gütern der ›alten Welt‹ zu entsagen und in einer Umgebung zu wohnen, die nicht besser – ja sogar schlechter – war als die der Fabrikarbeiter. Man unterschied nicht mehr zwischen ›Mein‹ und ›Dein‹ und entsagte dem persönlichen Nutzen des Reichtums, um ihn für gemeinschaftliche Dinge und Ziele zu verwenden.«44 In ihrer »kleinen Welt« versuchten die Radikalen, bereits die zukünftige sozialistische Gesellschaft zu antizipieren. Die Bewohner verzichteten auf ihr Eigentum zugunsten der Gruppe. Mahlzeiten wurden gemeinsam organisiert und eingenommen.45 Die bekanntesten Kommunen waren diejenige der Čajkovcy in St. Petersburg, die Kiewer-Kommune zu Beginn der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts und die Kommune der Iskra-Redaktion von 1900 bis 1905.46 Ein weiteres Beispiel für das Streben der Radikalen, ihre Vorstellungen im Kleinen zu realisieren, war die Aufhebung der Standesunterschiede und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, indem ein »genderloser« »neuer Mensch« geschaffen werden sollte.47 Frauen konnten alle Funktionen im radikalen Milieu übernehmen. Ihnen standen grundsätzlich alle Türen offen. Aus der Sicht bekannter radikaler Frauen wie Vera Figner oder Vera Zasulič war deshalb die Geschlechterfrage im radikalen Milieu seit den Sechzigerjahren gelöst.48 Gegenwerte Eine charakteristische Haltung für die Radikalen war die Orientierung an der konkreten Tat oder Sache (delo). Beeinflusst von den Diskursen der frühen Sechzigerjahre war das aktive Streben nach etwas und dessen unmittelbare Umsetzung identitätsstiftend.49 Wie in der Einleitung gezeigt, erinnerten sich Radikale wie Lev Dejč, in ihrer Jugend geradezu nach revolutionären »Taten« »gelechzt« zu haben. Im radikalen Milieu gab es trotz der egalitären Ideologie eine sich im Laufe der Zeit verfestigende Hierarchie unter den Mitgliedern. Das Ansehen einer Person stieg, je höher ihre »revolutionäre Erfahrung« war. Diese hing vor allem davon ab, ob jemand sich schon bei einer direkten Konfrontation mit der Staatsmacht bewährt hatte, sei es im Gefängnis, in der Verbannung, während der Verhöre oder bei der Flucht vor der Polizei.50 Personen, die sich im Sinne der Sache besonders hervortaten, genossen innerhalb des radikalen Milieus kultische Verehrung. Ein solcher Status konnte auf verschiedene Arten erlangt werden, beispielsweise indem man eine überzeugende revolutionäre Rede vor Gericht hielt, wie Ippolit Myškin während des »Prozesses der 193«,51 oder indem man wie Vera Zasulič durch ihren Schuss auf den Stadtkommandanten Trepov 1878 bewies, dass man sich vollkommen zugunsten der Sache aufopfern wollte. Im radikalen Milieu wurde zum Ausdruck dieser Einstellung häufig der Begriff samootveržennost’ verwendet, was im Deutschen so viel wie »Selbstaufopferung« bedeutet. Personen, die ihre samootveržennost’ zugunsten der Sache unter Beweis gestellt hatten, wurden im radikalen Milieu und in den sympathisierenden Kreisen zu nachahmenswerten Vorbildern. Die kultische Verehrung solcher Vorbilder zeigte sich unter anderem darin, dass Radikale und Sympathisanten versuchten, Bilder von diesen Personen zu sammeln.52 Dieser Bilderkult erinnert dabei an die Verehrung von Heiligenbildern oder an die Poster von Popstars. Untergrundpublikationen versuchten, dieses Verlangen nach Bildern zu befriedigen.53Besonders beliebt waren Porträts von Aleksandr Gercen, Nikolaj Ogarëv, Nikolaj Černyševskij, Nikolaj Dobroljubov und Dmitrij Pisarev.54 Dazu kamen die »heroischen Figuren« der Siebziger- und Achtzigerjahre, wie Andrej Željabov, Sof’ja Perovskaja oder Aleksandr Michajlov. Sie alle wurden zu Vorbildern für die heranwachsenden Revolutionäre.55 Neben den Repressionen durch den Staat und den verheißungsvollen Versprechen von einer besseren Zukunft war noch ein anderer Faktor für den Zusammenhalt der Menschen im radikalen Milieu entscheidend. Die Zugehörigkeit zum radikalen Zirkel gab dem Individuum eine neue (Gegen-)Identität, wenn es innerhalb der Gruppe neu sozialisiert wurde. Es wurde ein neues Lebensgefühl geschaffen.56 Viele Radikale, die untergetaucht waren, konnten die Beziehungen zu ihren Familien aus konspirativen Gründen nicht aufrechterhalten. Sie fanden unter ihren Genossen eine Ersatzfamilie.57 Die auserwählte Gemeinschaft von Virtuosen Wie konnte eine Person ins radikale Milieu eintreten? Genügte es radikale Überzeugungen zu haben, um von den anderen akzeptiert zu werden? Oder wurden zusätzliche Bedingungen gestellt? Im Allgemeinen kann man ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts eine Schranke erkennen, welche die »gewöhnlichen Menschen« in der Sympathisantensphäre von den »auserwählten Mitgliedern« in den radikalen Zirkeln trennte. Die Čajkovcy waren gegenüber Neulingen sehr streng. Sie nahmen nur solche Sympathisanten in ihren Zirkel auf, die mit der Gruppe in Harmonie standen und ihre Ziele vorbehaltlos teilten.58 Für die Južnye Buntari in Kiew Mitte der Siebzigerjahre war es dagegen ausschlaggebend, dass ein Neumitglied mit seiner legalen Existenz brach. Dadurch zeigte es den übrigen Mitgliedern die Ernsthaftigkeit seines Handelns.59 Die »Illegalen« bildeten unter sich eine verschworene Gemeinschaft. Innerhalb der Netzwerke ersetzte der revolutionäre Ruf die persönliche Bekanntschaft. Vera Figner schrieb später dazu: »Wie haben wir uns damals alle kennengelernt? Wenn ein Mensch erst einmal eine revolutionäre Reputation hatte – weil er gesucht wurde, weil er in der Verbannung war oder weil er einem bestimmten Parteigenossen bekannt war –, dann war das genug.«60 Wenn jemand über keine eigene Reputation verfügte, konnten ihm Empfehlungsschreiben von bekannten Radikalen die Türen zu den einzelnen Zirkeln öffnen. Daneben konnte es auch genügen, wenn eine Person aus der Familie des Neulings über einen solchen Ruf verfügte.61 Um die Inklusions- und Exklusionsmechanismen in den radikalen Zirkeln besser nachvollziehen zu können, ist der Begriff »Sekte«, wie ihn Max Weber definiert hat, hilfreich. Weber fasst eine Sekte im Gegensatz zu einer Kirche als »exklusiven Verein religiöser Virtuosen« auf.62 Virtuosen als Idealtypen zeichnen sich durch eine Lebensführung aus, bei der sie die Befriedigung körperlicher und geistiger Bedürfnisse auf ein Minimum reduzieren, um damit einem bestimmten übergeordneten Zweck besser dienen zu können. Dabei entwickeln sie ein soziales Selbstverständnis, das sie von »gewöhnlichen Menschen« abhebt und auszeichnet.63 Bei einer Sekte kann nur jemand mittels seiner von der Gruppe überprüften Eigenschaften zu einem Mitglied werden. Sympathisanten mussten ihre »richtige« Gesinnung und Tatkraft unter Beweis stellen, bevor sie wirklich in die Gruppe aufgenommen wurden.64 Beim Eintritt ins radikale Milieu Russlands stellten die »revolutionären Erfahrungen« – sei es in Form von Flucht vor der zaristischen Polizei oder in Form erfolgreicher Propagandaarbeit – die entscheidenden Qualifikationen dar.65 Innerhalb der Gruppe sollte bedingungslose Solidarität herrschen. Jedes Mitglied sollte bereit sein, sich angesichts der drohenden Repression für das Wohl der anderen bis zum Letzten aufzuopfern. In diesen Gemeinschaften von Virtuosen sollten die Mitglieder brüderlich untereinander verbunden sein, wobei die Gruppe aber gleichzeitig Verhaltensnormen definierte. Mitglieder konnten sich bei Differenzen mit der Gruppe grundsätzlich aus den Zirkeln zurückziehen.66 Wer allerdings mit den Behörden kooperierte oder aus dem Exil Begnadigungsgesuche stellte, wurde zum Ausgestoßenen.67 »Verräter«, die erneut den Kontakt mit dem radikalen Milieu suchten, mussten mit der Rache ihrer einstigen Genossen rechnen.68 Dies zeigt besonders deutlich eine Notiz aus dem Polizeidossier des in der Einleitung erwähnten Nikolaj Gorinovič. Dieser wurde, wie erwähnt, 1875 erstmals verhaftet, weil bei ihm verbotene, radikale Literatur gefunden worden war. Beim anschließenden Verhör nannte er auf Druck der Beamten die Namen der Buchhändler, woraufhin er aus der Haft entlassen wurde, da sich die Behörden gegenüber »reuigen« Radikalen meist »gnädig« zeigten.69 Der zuständige Offizier aber notierte, dass Gorinovič einige Tage später erneut bei ihm vorsprach: »Er bat mich inständig, ihn erneut zu verhaften. Dies erklärte er damit, dass sein Leben in Freiheit fast unerträglich geworden sei, weil er ein Denunziant geworden sei. Schließlich drückte Gorinovič direkt seine Angst vor den Personen aus, die er [zuvor] angezeigt hatte.«70 Vor dem Hintergrund dieser Akten wird deutlich, dass die Verdächtigungen der Južnye Buntari begründet waren. Durch seine Aussage beging Gorinovič in den Augen der Radikalen ein Sakrileg. Er verriet Informationen an den Feind, was eine Schwächung der Gemeinschaft bewirkte. Dem radikalen Kodex entsprechend hätte er in der Haft alle Entbehrungen auf sich nehmen und jede Kooperation mit den Organen des Staates ablehnen sollen. Hielt er sich aber nicht daran, so galt er als geächtet und als existenzielle Gefahr für die radikale Gemeinschaft. Deshalb scheint es nun, als habe Nikolaj Gorinovič grob fahrlässig oder in Verzweiflung gehandelt, als er im Mai 1876 erneut den Kontakt zu den »alten Genossen« bei den Južnye Buntari suchte. Mit ihrer gewaltsamen Reaktion auf das erneute Erscheinen des »Verräters« wollten diese sich und ihre Gemeinschaft schützen, ihre revolutionäre Tatkraft unter Beweis stellen und als Abschreckung für zukünftige »Verräter« ein Exempel statuieren. An Vergeltungsmaßnahmen gegenüber »Verrätern« hielten auch nachfolgende radikale Zirkel fest.71 Doch trotz dieser wiederkehrenden exemplarischen Bestrafungen und aller konspirativen Vorsicht, kam es immer wieder zu spektakulären Fällen, bei denen einzelne Radikale mit der Polizei kooperierten und sich als Doppelagenten anwerben ließen. Besonderes Aufsehen erregten Sergej Degaev, der durch seinen Verrat 1883 entscheidend zum Untergang der Terrororganisation Narodnaja Volja beitrug,72 oder Evno Azef, der ab 1893 als Doppelagent unter den Radikalen tätig war, und der es schließlich bis an die Spitze der Kampforganisation der Sozialrevolutionäre schaffte.73 Fazit Jenseits von allen ideologischen Streitigkeiten verband die Mitglieder des radikalen Milieus das Bewusstsein, einer auserwählten Elite anzugehören. Sie organisierten sich in sektenartigen Zirkeln, die durch eine Sphäre von Sympathisanten erhalten wurden, und waren überzeugt, durch individuelle Willenskraft und kollektive Kooperation die künftige Ordnung im Kleinen bereits antizipieren zu können. So bildete sich im radikalen Milieu eine eigene Gegenrealität heraus. Die Radikalen lebten aber in ständiger Furcht, von Agenten des Regimes unterwandert zu werden. In diesen geschlossenen Kreisen reiften Ideen heran, dass der revolutionäre Zweck alle für die Realisierung der angestrebten Ziele notwendigen Mittel heiligen könne. »Verräter« mussten mit unbarmherzigen Racheaktionen rechnen, denn in diesem Milieu war die latente Bereitschaft vorhanden, zum Erreichen der eigenen Ziele Gewalt einzusetzen. Narodnaja Volja (1879 bis 1884) oder die Kampforganisation der SR (1902 bis 1907) sind hierfür die besten Beispiele. In diesem Milieu bewegten sich spätere Bol’ševiki wie Lenin, Trockij oder Stalin über Jahrzehnte. Mit seinem starken Zusammenhalt im Innern, seinem Misstrauen gegenüber der Außenwelt und der allgegenwärtigen Furcht vor »Verrätern« prägte dieser revolutionäre Mikrokosmos Werte, Möglichkeitserwartungen sowie Mentalität der späteren Führer der Oktoberrevolution entscheidend mit. 1 Lev Dejč: Za polveka [Für ein halbes Jahrhundert], 3. Aufl. Moskau 1926, S. 274. Übersetzung der fremdsprachigen Quellen hier und im Weiteren S. R. 2 Siehe Ob ubijstve v gorode Odesse dvorjanina Gorinoviča i meščanina Taveleeva [Zum Mord(versuch) am Adelsmann Gorinovič und am Kleinbürger Taveleev in der Stadt Odessa], in: Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. 109, 3-ja ėkspedicija, op. 159, 1874 g., ed. chr. 144, č. 136, A. 3 Siehe Daniel R. Brower: Training the Nihilists. Education and Radicalism in Tsarist Russia, London 1975, S. 190–230; Alain Besançon: Les origines intellectuelles du Léninisme [Die intellektuellen Ursprünge des Leninismus], Paris 1977, S. 12 u. 162–164; Anna Geifman: Thou Shalt Kill. Revolutionary Terrorism in Russia 1894–1917, Princeton 1993, S. 48; S. V. Kalinčuk: Psichologičeskij faktor v dejatel’nosti ›Zemli i voli‹ 1870-ch godov [Der psychologische Faktor in der Tätigkeit von Zemlja i Volja in den 1870er Jahren], in: Voprosy istorii 3 (1999), S. 46–58; Laura Polexe: Netzwerke und Freundschaft. Sozialdemokraten in Rumänien, Russland und der Schweiz an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, Göttingen 2011, S. 130 u. 235; mit Fokus auf die radikalen Frauen: Bianka Pietrow-Ennker: Russlands »neue Menschen«. Die Entwicklung der Frauenbewegung von den Anfängen bis zur Oktoberrevolution, Frankfurt a. M. 1999, S. 220 u. 358–361. 4 Siehe Franco Venturi: Roots of Revolution. A History of the Populist and Socialist Movements in Nineteenth Century Russia, 2. Aufl. London 2001, S. 187–203 sowie Peter C. Pozefsky: The Nihilist Imagination. Dmitrii Pisarev and the Cultural Origins of Russian Radicalism, New York 2003. 5 Zum Netzwerkbegriff siehe Polexe: Netzwerke und Freundschaft (Anm. 3), S. 48–52. 6 Siehe Brower: Training the Nihilists (Anm. 3), S. 34 f.; Otto Wilhelm Müller: Intelligencija. Untersuchungen zur Geschichte eines politischen Schlagworts, Frankfurt a. M. 1971, S. 328–332. 7 Mario R. Lepsius: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 38. 8 Meistens fanden sich die Menschen in Städten zu Gruppen zusammen. Die Mitglieder konnten jedoch auch vom Land kommen. 9 Siehe Petr Kropotkin: Zapiski revoljucionera [Notizen eines Revolutionärs], London 1902, S. 284 u. 307; Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 47; Leopold H. Haimson (Hg.): The Making of Three Russian Revolutionaries, Cambridge 1987, S. 60–64; Richard Pipes: Social Democracy and the St. Petersburg Labour Movement 1885–1897, Cambridge (MA) 1963, S. 5; Dmitrij Ul’janov: Vospominanija o Kokuškine [Erinnerungen an Kokuškino], in: Georgij Golikov u. a. (Hg.): Vospominanija o Vladimire Il’iče Lenine [Erinnerungen an Vladimir Il’ič Lenin], Bd. 1, Moskau 1969, S. 93; Pozefsky: The Nihilist Imagination (Anm. 4), S. 200 f. u. 209. 10 Siehe Brower: Training the Nihilists (Anm. 3), S. 227–230. 11 Siehe Stepnjak [Sergej Kravčinskij]: Der Terrorismus in Russland und in Europa, in: Die Neue Zeit 9 (1890), S. 281. 12 Siehe Müller: Intelligencija (Anm. 6), S. 252 f. 13 Siehe Stepnjak [Sergej Kravčinskij]: Das Unterirdische Russland. Revolutionäre Porträts u. Skizzen aus der Wirklichkeit, Bern 1884, S. 135 f. 14 Siehe Ot [...] tipografii ›Narodnoj voli‹, obnaružennoj v g. Odesse v kvartire suprugov Degaevych [Zur … Druckerei von Narodnaja Volja, die in der Stadt Odessa in der Wohnung des Ehepaares Degaev entdeckt worden ist], in: GARF, f. 102, 7-oe deloproizvodstvo, 1884 g., op. 181, ed. chr. 747, č. 10, ll. 45f. 15 Familie Figner als Beispiel für Familiensolidarität: Nikolaj Figner, bekannter und von Nikolaj II. geschätzter Opernsänger, setzte sich mehrmals bei offiziellen Stellen für seine radikale Schwester Vera ein. Margarita Figner: Brat i sestra. Konec odnoj legendy [Bruder und Schwester. Das Ende einer Legende], in: Teatr 1 (1964), S. 104–108. 16 Siehe Stat’ja Figner V.N. ob otnošenii revoljucionerov k Saltykovu-Ščedrinu M.E. [Aufsatz von V. N. Figner über das Verhältnis der Revolutionäre zu M. E. Saltykov-Ščedrin], in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv literatury i iskusstva/Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI), f. 1185, op. 1, ed. chr. 167, l. 24. 17 Diese Gruppe wurde nach einem ihrer Initiatoren – Nikolaj Čajkovskij – benannt. 18 Siehe Nikolaj Troickij: ›Narodnaja volja‹ pered carskim sudom [›Narodnaja Volja‹ vor dem zaristischen Gericht], Saratov 1983, S. 355–357; Norman M. Naimark: Terrorists and Social Democrats. The Russian Revolutionary Movement under Alexander III, Cambridge 1983, S. 42. 19 Siehe L. M. Ljašenko/P. Ju. Savel’ev: Russkij revoljucioner na fone 1870-ch godov [Der russische Revolutionär vor dem Hintergrund der 1870er Jahre], in: L. M. Ljašenko (Hg.): Dejateli revoljucionnogo dviženija v Rossii. Vtoraja polovina 1850-ch – konec 1890-ch gg. [Träger der revolutionären Bewegung in Russland. Zweite Hälfte der 1850er Jahre bis Ende der 1890er Jahre], Bd. 2: 1870-e gody [1870er Jahre], Moskau 2009, S. 692. 20 Siehe ebd., S. 694. 21 Dazu ausführlich Thies Ziemke: Marxismus und Narodničestvo. Entstehung und Wirken der Gruppe »Befreiung der Arbeit«, Frankfurt a. M. 1979; sowie Naimark: Terrorists and Social Democrats (Anm. 18). 22 Siehe V. V. Starkov: Vospominanija o V.I. Lenine (Ul’janove) [Erinnerungen an V. I. Lenin (Ul’janov)], in: Krasnaja nov’ 8 (1925), S. 107. 23 Siehe A. A. Kizevetter: Na rubeže dvuch stoleti [An der Grenze zweier Jahrhunderte], Prag 1929, S. 211–214; Pipes: Social Democracy (Anm. 9), S. 12 f. u. 49; Manfred Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei Russlands. Agrarsozialismus und Modernisierung im Zarenreich, Köln 1979, S. 35 f. 24 Siehe Michaël Confino: Organization as Ideology. Dilemmas of the Russian Anarchists (1903–1914), in: Russian History 37 (2010), H. 3, S. 179–207; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 126–140. 25 Siehe Geifman: Thou Shalt Kill (Anm. 3), S. 183; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 112. Als Beispiele lassen sich Lidija Kočetkova, Marija Škol’nik oder Boris Savinkov nennen, die alle von den SD zu den SR wechselten. Dazu Karin Huser: Eine revolutionäre Ehe in Briefen. Die Sozialrevolutionärin Lidija Petrowna Kotschetkova und der Anarchist Fritz Brupbacher, Zürich 2003, S. 144–146; Eva Broido: Wetterleuchten der Revolution, Berlin 1929, S. 117. 26 Siehe Robert C. Williams: The Bolsheviks, in: Anna Geifman (Hg.): Russia under the Last Tsar. Opposition and Subversion 1894–1917, Oxford 1999, S. 42; Michael Melancon: Neo-Populism in Early Twentieth-Century Russia. The Socialist-Revolutionary Party from 1900 to 1917, in: Geifman (Hg.): Russia under the Last Tsar, S. 86. 27 Siehe Geifman: Thou Shalt Kill (Anm. 3), S. 188–192 u. 206; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 150, 179, 181, 244 u. 256; konkretes Beispiel bei Vera Figner: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständig gesammelte Werke], Bd. 7, 2. Aufl. Moskau 1932, S. 201 f. 28 Siehe Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 215 u. 267–269; David Lane: The Roots of Russian Communism, Assen 1969, S. 12 f. 29 Siehe Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 292; Beate Fieseler: Frauen auf dem Weg in die russische Sozialdemokratie, 1890–1917. Eine kollektive Biographie, Stuttgart 1995, S. 42–49. Fieseler meint auf S. 24, dass sich die SD und SR bezüglich der Geschlechterzusammensetzung kaum unterschieden. 30 Siehe Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 290 f. Beispiel von Vera Zasulič: K. I. Zacharova-Cederbaum/S. I. Cederbaum: Iz ėpochi ›Iskry‹. 1900–1905 gg. [Aus der Epoche der ›Iskra‹ 1900–1905], Moskau/Leningrad 1926, S. 11; Haimson (Hg.): The Making (Anm. 9), S. 110. 31 Siehe Fieseler: Frauen (Anm. 29), S. 32 f.; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 291; Lane: Russian Communism (Anm. 28), S. 20–39. 32 Beispiel zu den Pseudonymen bei den Južnie Buntari: Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 159–180. 33 Siehe Rozalija Plechanova: Naša žizn’ do ėmigracii. Otryvok iz vospominanij [Unser Leben vor der Emigration. Ein Ausschnitt aus den Erinnerungen], in: Lev Dejč (Hg.): Gruppa ›Osvoboždenie truda‹ [Gruppe ›Befreiung der Arbeit‹ ], Moskau 1928, Bd. 6, S. 89–91. 34 Siehe Lev Dejč: Černyj peredel [Čërnyj peredel], in: Vladimir Nevskij (Hg.): Istoriko-revoljucionnyj sbornik [Historisch-revolutionärer Sammelband], Bd. 2, Moskau/Leningrad 1924, S. 314 f. 35 Siehe Nadežda Krupskaja: Vospominija o Lenine [Erinnerungen an Lenin], in: Golikov u. a. (Hg.): Vospominanija (Anm. 9), Bd. 1, Moskau 1969, S. 256 f. 36 Siehe Lynne Patyk: Dressed to Kill and Die. Russian Revolutionary Terrorism, Gender, and Dress, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 58 (2010), H. 2, S. 193–196. 37 Siehe Jessica Tovrov: Mother-Child Relationships among the Russian Nobility, in: David L. Ransel (Hg.): The Family in Imperial Russia, Chicago 1976, S. 30 f. 38 Siehe Richard Stites: The Women’s Liberation Movement in Russia. Feminism, Nihilism and Bolshevism 1860–1930, 2. Aufl. Princeton 1990, S. 91. 39 Siehe Pietrow-Ennker: Russlands »neue Menschen« (Anm. 3), S. 221–227. 40 Siehe Michail Frolenko: Tat’jana Ivanovna Lebedeva-Frolenko, in: Katorga i ssylka 9 (1924), S. 224–230. 41 Siehe Figner: Polnoe (Anm. 27), Bd. 5, S. 307; O prestupnom pokušenii na žizn’ Gosudarja Imperatora posredstvom vzryva v Zimnem dvorce [Zum verbrecherischen Anschlag auf seine Majestät den Kaiser mittels einer Explosion in Winterpalast], in: GARF, f. 109, 1880 g., ed. chr. 168, č. 1, ll. 88–90. 42 Siehe Krupskaja: Vospominanija (Anm. 35), S. 220–222. 43 Siehe Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 47 f. 44 Aleksandra Kornilova-Moroz: Perovskaja i osnovanie kružka čajkovcev [Perovskaja und die Gründung des Zirkels der Čajkovcy], in: Katorga i ssylka 22 (1926), S. 17. 45 Siehe Vera Zasulič: Le mouvement révolutionnaire en Russie [Die revolutionäre Bewegung in Russland], in: La Commune Nr. 43 vom 2. November 1880, S. 1 f.; Lev Gartman: Iz vospominanij L’va Gartmana [Aus den Erinnerungen von Lev Gartman], in: Byloe 3 (1903), S. 181. 46 Siehe B. S. Itenberg (Hg.): Revoljucionnoe narodničestvo [Revolutionäres narodničestvo], Bd. 1, Moskau 1965, S. 220 (Čajkovcy) u. S. 270 (Kiewer Kommune); Lev Trockij [Bronštejn]: Mein Leben, Berlin 1930, S. 138 (Iskra). 47 Siehe Marija Cebrikova: Vospominanija Marii Konstantinovny Cebrikovoj [Erinnerungen von Marija Konstantinovna Cebrikova], in: Zvezda 6 (1935), S. 198; Hilde Hoogenboom: Vera Figner and Revolutionary Autobiographies. The Influence of Gender and Genre, in: Rosalind Marsh (Hg.): Women in Russia and Ukraine, Cambridge/New York 1996, S. 82–85. 48 Siehe Vera Zasulič: Die Frauen in der russischen Arbeiterbewegung, in: Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen, Nr. 9 vom 24. April 1901, S. 68; Figner: Polnoe (Anm. 27), Bd. 5, S. 77. 49 Siehe Ljašenko/Savel’ev: Russkij revoljucioner (Anm. 19), S. 680 f; Hildermeier hat später den Aktionismus und Voluntarismus als Charakteristikum der SR dargestellt: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 82. Doch auch bei den SD lassen sich voluntaristische Züge erkennen, wenn es darum ging, den eigenen Mikrokosmos neu zu gestalten. Das Zusammenleben in der Iskra-Kommune ist dafür ein Beispiel: N. A. Alekseev: Lenin v Londone. 1902–1903 gg. Otryvki iz vospominanij [Lenin in London 1902–1903. Auszüge aus der Erinnerung], in: Proletarskaja revoljucija 3 (1924), S. 149 f. 50 Siehe Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 146–148 u. 186–189. 51 Mitte der Siebzigerjahre versuchte die zaristische Regierung, mit öffentlichen Massenprozessen die radikale Bewegung zu bekämpfen. Der größte dieser Prozesse war derjenige der »193«, der von Oktober 1877 bis Januar 1878 stattfand. Allerdings gelang es der Regierung in vielen Fällen nicht, den einzelnen Angeklagten konkrete Vergehen nachzuweisen. Viele wurden deshalb am Ende des Prozesses freigesprochen. Die Angeklagten nutzten ihrerseits die ihnen gebotene Bühne, um für sich und ihre Sache zu werben. Siehe Ekaterina Breško-Breškovskaja: Hidden Springs of the Russian Revolution, London 1931, S. 148–160; Venturi: Roots of Revolution (Anm. 4), S. 588–596. 52 Siehe Rozalija Plechanova: Stranica iz vospominanij o V.I. Zasulič [Eine Seite aus den Erinnerungen an V. I. Zasulič], in: Dejč (Hg.): Gruppa (Anm. 33), Bd. 3, Moskau 1925, S. 82–84. Anatolij Koni: Sobranie sočinenij v vos’mi tomach [Gesammelte Werke in acht Bänden], Bd. 2, Moskau 1966, S. 17; I. P. Juvačev: Vospominanija narodovol’ca [Erinnerungen eines Mitglieds von Narodnaja Volja], in: Morskoj sbornik 10 (1927), S. 75. 53 Beispiel für eine Untergrundpublikation mit Porträts: Kalendar’ Narodnoj voli na 1883 god [Kalender von Narodnaja Volja für das Jahr 1883], Genf 1883, Umschlagseiten. Siehe dazu die Abbildungen auf den beiden folgenden Seiten dieses Beitrags. 54 Siehe Pozefsky: The Nihilist Imagination (Anm. 4), S. 196. 55 Siehe Geifman: Thou Shalt Kill (Anm. 3), S. 102; Krupskaja: Vospominanija (Anm. 35), S. 220; Trockij: Mein Leben (Anm. 46), S. 96. 56 Siehe Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 48 f. 57 Siehe Barbara A. Engel: Mothers and Daughters. Women of the Intelligentsia in Nineteenth-Century Russia, Cambridge 1983, S. 106; Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 186–189; Nikolaj Morozov: Povesti moej žizni [Geschichten aus meinem Leben], Bd. 1, 2. Aufl. Moskau 1965, S. 114 f. 58 Siehe Kornilova-Moroz: Perovskaja (Anm. 44), S. 23; Kropotkin: Zapiski (Anm. 9), S. 289–293. 59 Siehe Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 186–189; Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 49. 60 Figner: Polnoe (Anm. 27), Bd. 6, S. 397. 61 Siehe M. A. Sil’vin: K biografii V.I. Lenina. Iz vospominanij [Zur Biographie von V. I. Lenin. Aus den Erinnerungen], in: Proletarskaja revoljucija 7 (1924), S. 66 f. 62 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 2, 8. Aufl. Tübingen 1988, S. 6. 63 Siehe Max Weber: Religiöse Gemeinschaften (= Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 2), Tübingen 2001, S. 318. 64 Siehe Max Weber: Herrschaft (= Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 4), Tübingen 2001, S. 668 f. u. 671; Klaus Georg Riegel: Konfessionsrituale im Marxismus Leninismus, Graz 1985, S. 37. 65 Siehe Broido: Wetterleuchten (Anm. 25), S. 45; Huser: Eine revolutionäre Ehe (Anm. 25), S. 144. 66 Siehe Perepiska Figer V.N. s Morozovym N.A. [Korrespondenz von V.N. Figner mit N. A. Morozov], in: GARF, f. 1762, op. 4, ed. chr. 625, ll. 1–21. 67 Siehe Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 271. 68 Siehe N. I. Šebeko: Chronika socialističeskogo dviženija v Rossii 1878–1887. Official’nyj otčet [Chronik der revolutionären Bewegung in Russland von 1878–1887. Offizieller Bericht], Moskau 1906, S. 352; Boris Savinkov: Erinnerungen eines Terroristen, Berlin 1929, S. 126 u. 133. 69 Beispiel für selektive Bestrafung von verhafteten Radikalen: O 142 licach obvinjaemych v gosudarstvennych prestuplenijach [Zu 142 Personen, die wegen Staatsverbrechen angeklagt werden], in: GARF, f. 102, 7-oe deloproizvodstvo, 1884 g., op. 181, ed. chr. 747, č. 21, l. 32–34. 70 Ob ubijstve (Anm. 2), in: GARF, f. 109, 3-ja ėkspedicija, op. 159, 1874 g., ed. chr. 144, č. 136, A, ll. 13f. 71 Siehe Savinkov: Erinnerungen eines Terroristen (Anm. 68), S. 119–134. 72 Siehe Richard Pipes: The Degaev Affair, London 2003. 73 Siehe Anna Geifman: Entangled in Terror. The Azef Affair und the Russian Revolution, Wilmington 2000; Aleksandr Gerasimov: Der Kampf gegen die erste russische Revolution, Frauenfeld/Leipzig 1934, S. 205.

JHK 2013

»Verehrte Komintern!« Die Dritte Internationale als politisches Symbol und charismatische Institution im frühen Sowjetstaat

Gleb J. Albert

Bauer aus dem Publikum: »Vasilij Ivanovič, die Leute sind sich uneins – bist Du für die Bolschewiki oder die Kommunisten? […]«Čapaev (nach langem Zögern): »Ich bin – für die Internationale!«1 Dieser Dialog entfaltet sich im Jahr 1919, während eines imaginären Auftritts des Bürgerkriegshelden Vasilij Čapaev im nach ihm benannten Film von 1934. Die Verwirrung der bäuerlichen Bevölkerung über die Bezeichnung der neuen Machthaber ist hinlänglich bekannt2 – der erst Ende 1917 zur Partei gestoßene und nur minder gebildete Kriegsherr allerdings weiß es auch nicht viel besser, und entscheidet sich für einen naheliegenden Kompromiss. Der Film Čapaev ist weniger ein Dokument des Bürgerkrieges als ein Zeugnis für die Stalinisierung seiner Geschichte.3 Wie im Weiteren deutlich werden wird, ist es jedoch keineswegs abwegig, anzunehmen, diese Episode hätte sich tatsächlich so während des Russischen Bürgerkrieges abgespielt. Die 1919 gegründete Kommunistische Internationale (Komintern) ist mittlerweile hervorragend erforscht. Gerade nach der »Archivrevolution« entstanden zahlreiche Studien zu dieser einmaligen internationalen Organisation, die auch ihre klandestinen Strukturen zutage förderten.4 Ein Aspekt blieb dabei bisher allerdings stets außerhalb der Betrachtungen: die Rolle der Komintern in der sowjetischen Gesellschaft. Aleksandr Vatlin etwa behandelte die Sowjetunion als »Gastgeber« der Komintern – allerdings nur, um die Verflechtungen der russischen kommunistischen Partei mit den Komintern-Strukturen hervorzuheben.5 Andere befassten sich mit der Komintern als sowjetischem Arbeitgeber, der nicht nur Geheimkurieren, sondern auch Übersetzern, Putzfrauen und Köchen die Existenz sicherte, oder auch als Akteur auf dem Feld sowjetischer Informations- und Pressepolitik aktiv war.6 Die folgenden Ausführungen sollen mehr sein als eine institutionelle Studie der Komintern. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine der zentralen »charismatischen Ideen« (im Anschluss an Max Weber) für Parteiaktivisten in den ersten Nachrevolutionsjahren die Idee von der Weltrevolution war. Die »außeralltägliche [...] Hingabe« an die Idee, dass der Kampf für eine kommunistische Gesellschaft und gegen die Widrigkeiten des Alltags gemeinsam mit Revolutionären anderer Länder geführt werde, diente vielen Aktivisten zur Sinnstiftung und Selbstvergewisserung.7 Selbstverständlich bildeten die von der Weltrevolution »charismatisch beherrschten« Aktivisten eine Minderheit innerhalb der frühsowjetischen Gesellschaft und auch innerhalb der Partei. Dennoch waren es gerade diese idealistischen und zumindest ansatzweise gebildeten Revolutionäre, die mit ihrem Glauben an die Weltrevolution zunächst die ideologische und propagandistische Agenda bestimmten.8 Als jedoch die sowjetische Gesellschaft mit dem Ende des Bürgerkrieges und dem Beginn der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) ihre »Außeralltäglichkeit« zunehmend verlor, und sich die Partei endgültig von einer revolutionären sozialen Bewegung zu einem Machtapparat wandelte, trat der Prozess ein, der sich mit Weber als »Umbildung« und »Veralltäglichung« von Charisma bezeichnen lässt. Dabei wurde »aus einer einmaligen, äußerlich vergänglichen freien Gnadengabe außerordentlicher Zeiten und Personen […] ein Dauerbesitztum des Alltags«.9 In diesem Prozess büßt das Charisma, so Winfried Gebhardt, »seine revolutionäre, schöpferische und innovatorische Kraft« ein und wird umgekehrt stabilisierend und zementierend.10 Die Wirkung der Komintern innerhalb der Sowjetunion war in diesem Transformationsprozess von zentraler Bedeutung. Zunächst war die Dritte Internationale bereits vor 1919, wie im Folgenden gezeigt werden soll, ein politisches Symbol, das das Charisma der Weltrevolution verkörperte und für die Anhänger des Kommunismus dort wirkte, »wo rational-diskursive Systeme überfordert sind«.11 In den Zwanzigerjahren schließlich wurde sie zum zentralen Kristallisationspunkt der Institutionalisierung von weltrevolutionärem Charisma.12 Es fällt auf, dass Untersuchungen zu Symbolen und Sinnstiftungselementen in der frühen Sowjetunion den Internationalismus komplett unberücksichtigt lassen.13 Allenfalls wird er aus der Perspektive seines Scheiterns im Zuge von Stalins Doktrin vom »Sozialismus in einem Land« und der nationalen Umorientierung in der innenpolitischen Propaganda betrachtet.14 Entsprechend hatte die Sowjetforschung bislang wenig Interesse an der Komintern abgesehen von ihrer Geschichte als Organisation und ihren Implikationen für die Sowjetdiplomatie.15 Deshalb soll es im Folgenden auch um eine Einordnung der Komintern in die politische Kulturgeschichte der frühen Sowjetunion und eine Einschätzung ihrer Symbolkraft gehen. Der Frage nach der Symbolkraft und der mobilisierenden Wirkung der Internationale kommt für die Geschichte der Sowjetunion und die der Komintern vor allem dann Bedeutung zu, wenn man sich vergegenwärtigt, »welch fundamentale Rolle symbolische Praktiken und diskursive Strukturen schon bei der Konstitution von politischen Institutionen, Ordnungskategorien, Geltungs- und nicht zuletzt Herrschaftsansprüchen spielen«.16 Für den internationalen Kommunismus hat jüngst Gerd Koenen aufgezeigt, dass mit der Internationale »ein Resonanzraum entstanden [ist], dessen politisch-psychologische Wirkungen vorerst bedeutender waren als alle tatsächlichen Erfolge«17 – diesen Resonanzraum gilt es hier für die kommunistische Bewegung in der frühen Sowjetunion auszuloten. Im Folgenden soll eine Annäherung an die Komintern als »charismatische Institution« erfolgen. Zum einen gilt es zu klären, welche politischen Diskurse und Praktiken im revolutionären Russland in den Jahren von 1917 bis 1919 die Gründung der Dritten Internationale begleitet und vorbereitet haben, zum anderen, welche Rolle die Vorstellung von einer »neuen Internationale« im politischen Selbstverständnis der bolschewikischen Akteure an der Basis gespielt hat. Daran schließt sich die Frage nach der Vermittlung und dem Stellenwert der Komintern über den engen Kreis der Parteiaktivisten hinaus an, die besonders ab 1921 mit dem Beginn der NÖP als Epoche der »Massenaufklärung« akut wurde.18 Abschließend wird untersucht, wie die Internationale in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre für diejenigen, die Opposition und Dissens artikulierten, zur symbolischen Appellationsinstanz wurde. I. Der Ruf nach der »neuen Internationale« Angesichts der Burgfriedenspolitik der Parteien der Zweiten Internationale während des Ersten Weltkrieges waren die Bolschewiki diejenigen unter den sozialdemokratischen Kriegsgegnern, die auch organisatorische Schlussfolgerungen aus dieser Niederlage der Internationale ziehen wollten. Bereits im November 1914 verlangte Lenin, eine neue, »Dritte« Internationale aufzubauen, die »vom Opportunismus gesäubert« sein sollte.19 Lenins Forderung nach einem organisatorischen Neuanfang des internationalen Sozialismus stieß schon während des Krieges in den Parteiorganisationen in Russland auf Widerhall,20 und dominierte schon bald nach der Februarrevolution die zunächst legalisierte bolschewikische Presse. »Die Internationale steht wieder auf«, titelte die Pravda, das Zentralorgan der Bolschewiki, Ende März 1917. Einzelne Unruhen in Europa wurden entsprechend interpretiert und als Zeichen für diese »Wiedergeburt« gewertet.21 Innenpolitisch wurde dieser neue revolutionär-internationale Zusammenhang zu einem Leitmotiv bolschewikischer Propaganda – vor wie nach der Oktoberrevolution. Den bolschewikischen Führern und Agitatoren war es ein absolut zentrales Anliegen, die Parteibasis und den Sympathisantenkreis darüber hinaus an der Vision einer neuen Internationale teilhaben zu lassen. Die Kampagne der Bolschewiki zum Maifeiertag 1917 stand ganz im Zeichen der »Dritten Internationale«.22 Das Moskauer Parteikomitee der Bolschewiki lieferte in seinem Maiflugblatt sogar eine sehr ausführliche (und zugleich simplifizierende) Erklärung zum Organisationskonzept der Internationale. Diese sei ein »weltweiter Bund« der Arbeiter, der von der Bourgeoisie zerstört worden sei und den es nun aufzubauen gelte, denn nur die Internationale allein könne »den Krieg zu einem baldigen und gerechten Ende führen«.23 1917 trugen mehrere Organisationen der Bolschewiki die Internationale im Namen, darunter ein Klub für ausländische Kriegsgefangene24 sowie der »Bund der Arbeiterjugend Dritte Internationale«, eine den Bolschewiki nahestehende Jugendorganisation.25 Auch in den politischen Diskurs radikaler Aktivisten an der Basis hielt die Rede von der Internationale Einzug: So begründete die Mannschaft eines Marineschiffs im November 1917 die Ersetzung der traditionellen Andreaskreuz-Fahne durch eine rote Fahne damit, diese verkörpere »das Streben nach der Internationale«.26 Nach der Oktoberrevolution trat die bolschewikische Führung noch stärker für die Dritte Internationale ein, ebenso stieg auch der Rückgriff auf dieses Symbol in den politischen Praktiken der regionalen Parteiorgane. Der Leitfaden, den etwa die Moskauer RKP(b)-Organisation zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution 1918 an Agitatoren verteilen ließ, postulierte, die Oktoberevolution habe »den Boden für die Schaffung einer neuen, der Dritten revolutionären Internationale« bereitet.27 Entsprechend schrieb eine Parteizelle aus der Ukraine an das ZK am 7. November 1918: »Hoch und siegreich haben wir die rote Fahne der Dritten Internationale gehisst.«28 Dies ist nicht nur metaphorisch zu verstehen: So charakterisierte Isaak Babel 1926 in seinem Erzählband Die Reiterarmee beiläufig ein typisches Banner als »Fahne, auf der ein Stern gemalt war und etwas über die III. Internationale geschrieben stand«.29 Überlieferte Fahnenexemplare aus der Roten Armee tragen bereits 1918 entsprechende Inschriften.30 Damit wurde das Bild einer – noch rein imaginären – Dritten Internationale in der bolschewikischen Symbolwelt und ihrem Argumentationsarsenal bereits vor 1919 fest verankert. Dies beschränkte sich nicht auf die Führungsebene und die Machtzentren, sondern zeigte sich auch an der Parteibasis und auf lokaler Ebene. In Bezug auf die bolschewikische Führung verwundert dies nicht: Sie war mehrheitlich durch ihre Exilzeit in den internationalen sozialdemokratischen Strukturen verwurzelt, und entsprechend war es für sie ein reales Anliegen, diese Strukturen unter »richtigen« ideologischen Vorzeichen wiederherzustellen. Doch welchen Anreiz konnte die Losung von der »neuen Internationale« für die Aktivisten an der Basis haben, deren Lebenswelt doch vollkommen abgekoppelt vom internationalen Sozialismus gewesen zu sein scheint? Die Vorstellungen von Weltrevolution und internationaler Kampfgemeinschaft spielten eine zentrale Rolle in den Identitäten bolschewikischer Aktivisten. Die Motivation der bolschewikischen »Fußtruppen« lässt sich nicht allein durch die Faszination der Gewalt und das Streben nach Macht erklären.31 Der »internationale Glaube«32 an den weltweiten Zusammenhang des Klassenkampfes und entsprechende grenzüberschreitende Solidarität waren ebenso zentrale Faktoren für die utopiegeleiteten »Fußtruppen« der Revolution. Sie entsprachen sowohl dem Wunsch nach einer konsequenten Beendigung des als ungerecht empfundenen Ersten Weltkrieges, als auch der Sehnsucht nach einem Ausbrechen aus der Isolation auf lokaler (der Aktivisten von der Bevölkerung) wie auf globaler Ebene (Sowjetrusslands von den weltweiten »revolutionären Massen«).33 Wie Jeffrey Brooks für die frühe Sowjetunion feststellte, war die Idee der Weltrevolution »an alternative and partly positive way of making sense of information about the world«.34 Für die bolschewikischen Aktivisten an der Basis galt dies umso mehr. Warum kam dem Bild der Internationale dabei eine so zentrale Bedeutung zu? Der Schlüssel scheint darin zu liegen, dass Aktivisten es mit eigenen Bedeutungen füllen konnten, die weit über das Institutionelle hinausgingen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Tagebuch des Minsker Bolschewiken Iosif Golubev. Der einfache Arbeiter, der im Frühjahr 1917 zum Anhänger des Bolschewismus wurde, engagierte sich in den Bürgerkriegsjahren als kleiner Funktionär an der Parteibasis – zum Leidwesen seiner Familie. Als seine Frau ihn im Februar 1918 zum wiederholten Male wegen seiner Parteiaktivitäten bedrängte, notierte er, sie würde es nur tun, weil er »zur sozialdemokratischen Partei [gehöre], die auf den Prinzipien der Internationale beruht«.35 Dabei waren es viel mehr als nur Organisationsprinzipien, die Golubev mit der »Internationale« verband. Bereits im Mai 1917, als frisch konvertierter Sozialdemokrat (seine Ortgruppe hatte sich noch nicht in Bolschewiki und Menschewiki gespalten), hatte er seinem Tagebuch voller Stolz und Pathos das Programm seiner neuen Partei anvertraut: »Unser brüderlicher Vorschlag an ganz Europa ist die Internationale, die Losung der Liebe und Brüderlichkeit, ein soziales Leben auf demokratischer Basis.«36 Die Internationale dient hier als griffiges Schlagwort, unter dem die Aktivisten an der Basis all das subsumierten, was sie unter dem sozialdemokratischen Parteiprogramm verstanden. Gerade angesichts der allgemeinen Kriegsmüdigkeit der breiten Massen und der damit einhergehenden zunehmenden Diskreditierung nationaler Appelle musste die nationenübergreifende und zudem an eine westeuropäische Moderne appellierende Implikation dieses Slogans besonders reizvoll erscheinen.37 Zu diesem breiten Verständnis von der Dritten Internationale trug auch das Bild bei, das vor 1919 in der bolschewikischen Presse propagiert wurde – nämlich weniger das eines Parteienverbunds als vielmehr das einer künftigen Weltregierung.38 So verwundert es in diesem Zusammenhang nicht, dass den Erwähnungen der Internationale in den Resolutionen und Grußbotschaften regionaler Parteiorganisationen ein entsprechendes Pathos innewohnte. Vom »herannahenden Triumph der Dritten Internationale«39 war dort etwa die Rede und von der Einigung des Weltproletariats durch die »letzte Internationale«;40 die »Internationale der sozialistischen Republiken«41 wurde genauso zum Ideal erhoben wie die Schaffung des »Welt-Rates« (»mirovogo soveta«).42 Die Memoiren des lettischstämmigen Arbeiters Edvard Dune demonstrieren anschaulich, wie die Parteiaktivisten an der Basis konkret mit der Vorstellung von der Dritten Internationale konfrontiert wurden. Als junger Bolschewik organisierte Dune Mitte 1917 mit seiner Fabrikzelle einen »Arbeiterklub Dritte Internationale« – eine Namensgebung, die zunächst nicht allen Arbeitern einleuchtete: »Again came the questions. What was a club? What was an International? Why was it the Third and not the First International?« Eine Frage, auf die Dune selbst zunächst auch keine Antwort finden konnte, nicht einmal in den von ihm gekauften sozialistischen Broschüren.43 Klarheit habe erst einer der dienstältesten Bolschewiki der Fabrik (und späterer linker Oppositioneller), Timofei Sapronov, gebracht. Nach einer Schilderung von der Gründung der Ersten und dem Fall der Zweiten habe er erklärt, dass es nun die gemeinsame Aufgabe sei, eine Dritte Internationale zu gründen, um unter dem Motto »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch« den Krieg zu beenden. Dadurch, dass Sapronov »in plain, unbookish language« gesprochen und »revolutionary jargon« vermieden habe, habe er Dune und dessen Genossen überzeugt.44 Für die in der Revolution neu rekrutierten Parteimitglieder verschmolzen damit Kriegsgegnerschaft, Weltrevolution und die Dritte Internationale zu einer ideologischen Einheit, die ihr Parteiengagement nicht nur »materialistisch«, sondern auch emotional legitimieren konnte. Als die Gründung der Kommunistischen Internationale schließlich am 5. März 1919 in der sowjetischen Presse bekanntgegeben wurde, waren die Parteiaktivisten keineswegs überrascht, da der Ruf nach einer Dritten Internationale während der vergangenen zwei Jahre zum festen Bestandteil kommunistischer Agitation gehört hatte. Mit der (vor)eiligen Gründung der Komintern hofften die Bolschewiki also nicht nur, sich die Vorherrschaft in der internationalen linkssozialistischen Bewegung zu sichern oder einen propagandistischen Trumpf gegenüber der westlichen Diplomatie in der Hand zu haben,45 sondern lösten auch ein Versprechen gegenüber den revolutionären Aktivisten im eigenen Land ein. Entsprechend hoch waren die Erwartungen der Aktivisten an die »Verwirklichung einer langgehegten Idee«, wie es in der Grußbotschaft einer provinziellen Parteizelle an den Gründungskongress hieß.46 Die Frage nach der frisch gegründeten Internationale beschäftigte die Aktivisten an der Basis und füllte ihre politischen Diskussionen. Der junge Bolschewik und spätere Marschall Filipp Golikov vermerkte am 10. März in seinem Tagebuch, er und seine Genossen in Petrograd würden viel über die Kommunistische Internationale diskutieren und »in den Zeitungen alles, was darüber geschrieben wird«, lesen.47 Doch auch in der Provinz beschäftigten sich die Aktivisten mit der Neugründung. So notierte Iosif Golubev in seinem Tagebuch am 12. März: »Um vier Uhr nachmittags ging ich zur Sitzung des Sowjets, die bis sieben Uhr dauerte. Es wurde über die Frage der Dritten Internationale beraten, die [d. h. die Resolution zur Frage] vollständig angenommen wurde, auch wenn es einige Differenzen gegeben hat.«48 Das heißt, man war nicht nur bereit, drei Stunden Sitzungszeit der Komintern-Gründung zu widmen, sondern sogar (möglicherweise kontrovers) darüber zu diskutieren. Darüber hinaus gingen bei der Komintern im Nachlauf ihres Gründungskongresses viele Grußbotschaften ein, die in ihrer Gesamtheit ein rhetorisch sehr buntes Bild zeichnen und noch nicht die spätere Uniformität ähnlicher Schreiben aufweisen.49 Nicht zuletzt gab die Gründung der Komintern den Aktivisten auch deswegen Diskussionsstoff, weil sie nicht die einzige »internationale« Gründung in der ersten Hälfte des Jahres 1919 war: Im Februar hatten die Vorverhandlungen zur Konstituierung des Völkerbunds begonnen,50 während in Bern zugleich der Internationale Sozialistenkongress getagt hatte, mit dem Vorsatz, die Zweite Internationale wiederherzustellen.51 Die Komintern positionierte sich von Anfang an als »revolutionärer Anti-Völkerbund«52 und Totengräber der alten Sozialdemokratie zugleich. Entsprechend porträtierten die bolschewikischen Medien beide Unterfangen als gleichermaßen konterrevolutionär und versuchten sogar eine Verbindung zwischen beiden zu konstruieren, während die Dritte Internationale als revolutionäre Alternative zu den Internationalen des Kapitals und der »Sozialverräter« dargestellt wurde.53 Anschaulich illustriert wurde dieses Schema mit einer Karikatur in der Bednota, der Parteizeitung für Dorfaktivisten: Unter dem Motto »Jeder auf seine Art« wird in Paris die Welt von Kapitalisten in die Ketten des Völkerbundes gelegt, beschwert mit einem Geldsack, in dem die Berner Sozialdemokraten im wahrsten Sinne des Wortes im festen Griff des Kapitalismus debattieren. Nur in Moskau sprengen Arbeiter und Bauern die Ketten, schleudern den Geldsack beiseite und stellen jubilierend die befreiende Fahne der internationalen Solidarität auf. Die Drohkulisse, die mit den »konterrevolutionären Internationalen« aufgebaut wurde, schien für die Aktivisten an der Basis funktioniert zu haben: Besonders viele Grußbotschaften von lokalen Parteiorganisationen an den Gründungskongress der Komintern bemühen den Vergleich zwischen »roter« und »gelber« Internationale.54 So konnte das Bild der Internationale nicht nur die Identität der Kommunisten stärken, sondern auch dazu beitragen, das feindliche »Außen« zu definieren. II. Weltkongresse und die »dritte Kuh«: Die Komintern im öffentlichen Raum der frühen Sowjetunion Bereits mit der Februarrevolution 1917 setzte ein spezifischer Wandel in der politischen Kultur Russlands ein. Die Diskurs- und Symbolwelt des revolutionären Untergrunds, die ihre Wurzeln vielfach in der internationalen Sozialdemokratie hatte, wurde zum politischen Mainstream und hatte Einfluss auf die Gesellschaft.55 Der Machtantritt der Bolschewiki beschleunigte diesen Prozess, der zum Zeitpunkt der Gründung der Komintern 1919 bereits weit fortgeschritten war. Dabei verließ auch die Parole von der Dritten Internationale den Dunstkreis der kommunistischen Aktivisten und prägte den öffentlichen Raum. Dort trat die Komintern zuallererst durch ihre »Weltkongresse« in Erscheinung, die zwischen 1919 und 1935 siebenmal abgehalten wurden. In ihrer politischen Bedeutung sind diese Kongresse ausführlich erforscht. Doch während die Forschung zum Vorkriegs-Sozialismus damit begonnen hat, eine Kulturgeschichte der Kongresse der Zweiten Internationale zu entwerfen und sie im Hinblick auf ihre Strahlkraft in die jeweiligen Gastländer zu untersuchen,56 konzentriert sich die Kommunismusforschung vorerst noch auf die politische Geschichte der Kongresse. Damit blieb bislang die naheliegende Frage offen, welche Strahlkraft die Komintern-Kongresse nicht nur in der weltweiten kommunistischen Bewegung hatten, sondern auch dort, wo sie abgehalten wurden – in Sowjetrussland.57 Während der Ruf nach der Dritten Internationale in den Jahren vor der Komintern-Gründung lediglich innerhalb einer gesellschaftlichen Minderheit, bei den engagierten Parteimitgliedern und Sympathisanten, Resonanz fand, waren die Komintern-Kongresse Ereignisse, die im frühsowjetischen öffentlichen Raum stattfanden. Die Staats- und Parteipresse maß den Kongressen eine geradezu welthistorische Bedeutung bei.58 Die Bolschewiki hatten ein großes Interesse daran, den Kongressen als Medienereignissen innerhalb des Landes einen breiten Raum zu geben, wertete ihre Veranstaltung im »roten Moskau« doch das Prestige ihrer Herrschaft auf und vermittelte zugleich ihren Anhängern das Gefühl, Verbündete in aller Welt zu haben.59 Die Propagierung des III. Weltkongresses durch erläuternde Versammlungen wurde per Zirkular des ZK zur Pflicht für die lokalen Parteiorganisationen.60 Die sowjetische Presse begleitete die Weltkongresse in den frühen Zwanzigerjahren mit einer sehr dichten Berichterstattung, die auch die einzelnen Sitzungen reproduzierte und zusammenfasste.61 Am Tagungsort scheuten die Veranstalter keine Mühen, um die Kongresse einerseits zum Blickfang für die ausländischen Delegierten und anderseits zum Festakt für die Bevölkerung werden zu lassen.62 Doch welchen Anteil hatten die Einwohner der Stadt jenseits des Komintern- und Parteiapparats am Kongressgeschehen? Die Organisatoren waren darum bemüht, zumindest eine emotionale Brücke zwischen den zumeist unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagenden Delegierten und den sowjetischen »Werktätigen« zu schlagen, damit die ausländischen Kommunisten, die sich stets auf die russischen »Massen« bezogen, diese »Massen« auch leibhaftig erleben konnten. Zum einen geschah dies durch Auftritte einzelner Vertreter der »Massen« auf den Kongressen.63 Zum anderen gab es auch hinter den Kulissen Begegnungen zwischen Kongressdelegierten und den Bürgern der Stadt, sei es durch inszenierte Sympathiebekundungen oder private Begegnungen abseits der Tagungsorte.64 Doch am bedeutendsten waren die Massenveranstaltungen unter freiem Himmel. Große Demonstrationen waren bereits Bestandteil der Kongresse der Zweiten Internationale.65 Die Bolschewiki knüpften an diese Tradition an und organisierten schon zum Abschluss des I. Weltkongresses Paraden und Massenaufmärsche in Moskau.66 Anlässlich des II. Weltkongresses gelang es bereits, 250 000 Menschen auf die Straßen der Hauptstadt zu locken.67 Die Veranstalter legten großen Wert darauf, die ausländischen Delegierten mit einer visuell beeindruckenden Menschenmasse zu begrüßen, und zugleich einen Anlass zur internationalistischen Vergemeinschaftung zu bieten. Dabei sorgte sich die Parteielite sowohl um das repräsentative Aussehen der aufmarschierenden Vertreter des »einfachen« Russlands, als auch um das Ankurbeln der »Spontaneität« der »Massen«.68 Die »Spontaneität« hielt sich dabei allerdings in Grenzen: Fabriken und Betriebe wurden dazu verpflichtet, Abordnungen von Arbeitern und Angestellten zu den Veranstaltungen zu schicken. Daher seien die großen Teilnahmezahlen dieser Demonstrationen, so Simon Pirani, kein geeigneter Gradmesser für die Unterstützung der Machthaber: Auch wenn sicherlich Arbeiter dabei gewesen seien, die mit ihrer Teilnahme aufrichtige Solidarität mit dem Kommunismus bekundeten, so sei die Mehrzahl der Demonstranten doch nur dabei gewesen, um eine bezahlte Auszeit inklusive Verpflegung in Anspruch zu nehmen.69 Entscheidend ist dennoch, dass die Komintern durch die schiere Größe der Veranstaltungen tief in das Leben der Stadt und ihrer Bewohner hineinreichte, und selbst wenn die Arbeiter wegen einer Ration Brot an der Demonstration teilnahmen, so war der Anlass dafür doch die Komintern, was auch dem politisch desinteressierten Normalbürger nicht entgehen konnte.70 Ebenso wichtig war den Bolschewiki die Vermittlung der Komintern abseits der Kongresstermine. Dies blieb auch in der Zeit nach dem Bürgerkrieg ein zentrales Anliegen, als die Einführung der NÖP eine teilweise Wiederaufnahme privatwirtschaftlicher Beziehungen mit sich brachte und der revolutionäre »Sturm und Drang« nachließ. Das Abebben der revolutionären Unruhen im Westen führte zudem dazu, dass die charismatische Idee der Weltrevolution innerhalb der kommunistischen Bewegung in Sowjetrussland an Bedeutung verlor. Schließlich müsse sich Charisma, so Weber, stets »bewähren«, andernfalls habe »charismatische Autorität die Chance, zu schwinden«.71 Charakteristisch für diese Epoche ist die von Sergej Pavljučenkov zitierte Begründung eines bäuerlichen Kommunisten für seinen Austritt aus der Partei: »Um mich mit der Internationale zu befassen, habe ich keine Zeit mehr, meine Überzeugung heißt nun Pflug und Egge.«72 Während für die Aktivisten also Parteiengagement und »Internationale« eng zusammenhingen, war es für die Parteiführung umso wichtiger, die Internationale weiterhin als ein zentrales Symbol zu bewahren. Als charismatische Institution hatte die Komintern in der frühsowjetischen Gesellschaft die Funktion, »im Alltag Außeralltägliches präsent [zu] halten, und zwar so, dass es die bestehende Ordnung nicht gefährdet«.73 Innerhalb der Partei konnte dies etwa über die Parteischulen geschehen, wo die Komintern ein steter Bestandteil in den Curricula war.74 Für engagierte Parteiaktivisten der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre war die Komintern ein zentrales identitäts- und sinnstiftendens Moment. Entsprechend zählte sie, zusammen mit anderen Postulaten des Kommunismus wie dem der sozialen Gleichheit und des Kampfes gegen Klassenfeinde, gleichsam zum »Komplettpaket«, das es auch außerhalb des Parteirahmens zur Gewinnung von Unterstützung zu proklamieren galt. Auch Isaak Babel bot als Agitator im Polenfeldzug der Roten Armee dieses »Komplettpaket« bei öffentlichen Auftritten feil: »Ich sage [...] meine übliche Leier – in Russland geschehen Wunderdinge – Schnellzüge, kostenlose Kinderspeisung, die Theater, die Internationale. Sie hören zu, voller Genuss und Misstrauen.«75 Den Aktivisten galt die Propagierung der Internationale auch als Allheilmittel gegen die nationale Beschränktheit der »Massen«. Wie ein karelischer Aktivist 1920 im regionalen Parteimagazin ausführte, galt es trotz aller Widrigkeiten, »ihr Bewusstsein unaufhörlich mit dem Licht der Internationale zu erhellen«.76 Doch wie sehr die Symbolfunktion der Komintern innerhalb der kommunistischen Bewegung auch auf Zustimmung stieß, so prekär war ihre Vermittlung darüber hinaus. Die Aktivisten bewegten sich in einem Umfeld, das zum einen eher bäuerlich als proletarisch, zum anderen viel stärker in regionalen und lokalen Belangen verwurzelt war als in Angelegenheiten des Weltkommunismus.77 Das »Misstrauen«, mit dem die Zuhörer Isaak Babels Ausführungen zur Internationale begegneten, war bei Weitem nicht die schlechteste der möglichen Reaktionen, die Parteipropagandisten erleben konnten, wenn sie dazu ansetzten, das »internationale« Thema auf Parteilosenversammlungen auszubreiten.78 Bereits sehr früh mussten sich Parteiaktivisten darüber Gedanken machen, wie der für sie so wichtige internationalistische Aspekt ihres Glaubenssystems (mit der Komintern als zentralem Element) der mehrheitlich bäuerlichen Bevölkerung zu vermitteln wäre. Dabei kam es vor allem darauf an, die für sie so einleuchtenden globalen Verflechtungen des Klassenkampfes mit den Realitäten der bäuerlichen Lebenswelt in Beziehung zu setzen. Mit aller Klarheit artikulierte der Teilnehmer einer Parteikonferenz in der Provinz dieses Dilemma wie auch einen möglichen Lösungsvorschlag: »Mit dem Bauern braucht man über die Dritte Kommunistische Internationale nicht zu reden. Sprecht mit ihm besser zuerst über die dritte Kuh, und wenn ihr dann sein Vertrauen habt, dann kann man auch zur Dritten Internationale übergehen, damit der Bauer versteht, dass ihm ohne die Dritte Internationale auch die Kuh verloren geht.«79 Die Vermittlungskonzepte der Parteiführung waren weniger holzschnittartig, gingen jedoch in dieselbe Richtung. Der Parteipublizist Vjačeslav Karpinskij veröffentlichte Mitte 1921 in der Bednota einen ausführlichen Leitartikel, um speziell Bauern von der Bedeutung der Komintern zu überzeugen. Der Bauer könne sich jetzt ganz auf seine Feldarbeit konzentrieren, so die Argumentation, doch er habe dies nicht allein der Roten Armee zu verdanken, sondern auch den Arbeitern und Bauern im Ausland, denn diese würden die ausländische Bourgeoisie in Schach halten und damit Sowjetrussland beschützen. Also müsse »die weltweite Partei der Kommunisten jedem werktätigen Bürger der Sowjetrepublik lieb und teuer sein«.80 Doch mit solcher Überzeugungs- und Nutzenrhetorik allein war es nicht getan. Die Agitatoren brauchten zuallererst Material, um überhaupt erklären zu können, was die Komintern eigentlich war. Dabei schafften gerade die Führungskräfte der Partei es nicht, entsprechende Materialien zu liefern, um die Komintern als Organisation massenwirksam in ein über Parteigrenzen hinaus strahlendes Symbol umzuwandeln.81 Erfolgversprechender schienen die Ansätze, die aus dem Mittelbau der Partei kamen, etwa von der Zeitschrift Izba-čital’nja [Die Lesehütte], die ab 1924 vom Volkskommissariat für Aufklärung für Dorf-Aktivisten herausgegeben wurde. Dort wurden regelmäßig Materialien zur Komintern und der internationalen kommunistischen Bewegung veröffentlicht. Sie waren knapp und eingängig formuliert, und vermochten es, einer breiten Leserschaft näherzubringen, warum die Internationale die »kommunistische« und die »dritte« hieß.82 Natürlich lässt sich der faktische Einfluss von Agitation kaum empirisch bestimmen. Die Organisations- und Symbolwelt des internationalen Kommunismus blieb für breite Bevölkerungsschichten wohl weiterhin etwas Fremdes. Doch kann man zum einen festhalten, dass die Komintern als Schlagwort in den frühen Zwanzigerjahren massiv Einzug in die öffentliche Zelebrierung des Politischen gehalten hat. Als einprägsames Beispiel dafür kann ein Brief eines Bauernkorrespondenten an die Krest’janskaja gazeta [Bauern-Zeitung], die bäuerliche Massenzeitung der Partei, vom Oktober 1924 gelten.83 Der Absender schildert darin seine Bürgerkriegserlebnisse und schließt sie mit einer kleinen Zeichnung ab: Zwei Figuren stehen an einem Amboss und halten wehende Fahnen in die Höhe. Als Inschrift, die in keinem Zusammenhang zum Brief steht, ist vermerkt: »Es lebe die III. Internationale«.84 Stimmen »von unten« konnten sich jedoch auch bewusst auf die Komintern beziehen. Zum einen – und das ist sicherlich die weiter verbreitete Variante – konnte dies affirmativ geschehen, etwa durch »klassische«, wenn auch ungehobelte Huldigungen.85 Doch der rhetorische Rückgriff der Parteibasis und breiterer Kreise auf die Internationale konnte, wie im Folgenden gezeigt wird, auch weniger affirmative Züge tragen und Formen annehmen, die so nicht vorgesehen waren. III. Opposition und Dissens »von unten« und die Komintern Auch wenn die Kommunistische Partei der Sowjetunion die Komintern finanzierte und ihre Politik weitgehend steuerte – formal war sie »nur« eine Sektion der »Weltpartei«. Die formelle Unterordnung unter die Komintern wurde auch den einfachen Parteimitgliedern zur Schau gestellt – so etwa an prominenter Stelle im Parteiprogramm, wo auf die Partei als »Sektion der Kommunistischen Internationale« schon in der Überschrift hingewiesen wurde.86 Die Bolschewiki wollten dadurch für die Anhänger eine der Partei formal und symbolisch übergeordnete Instanz etablieren. Ihre Politik sollte auf diese Weise nicht nur einen »internationalen« Segen erhalten, sondern ein Stück der Verantwortung sollte auch nach oben delegiert werden. Allerdings rächte sich dies im Kontext innerparteilicher Kämpfe. Es ist hinlänglich bekannt, dass die innerparteilichen Oppositionsbewegungen, von der »Arbeiteropposition« bis zur »Vereinigten Opposition«, die Komintern als Schiedsstelle ansahen und (meist erfolglos) versuchten, sich für ihre Anliegen Gehör zu verschaffen.87 Doch dies war nicht nur das Privileg der Oppositionsführer. Die Vereinigte Opposition konnte zwar nicht auf eine Mehrheit der politisch aktiven und interessierten Bevölkerung zurückgreifen, dennoch hatte sie eine durchaus signifikante Minderheit hinter sich.88 Und diese Minderheit, die in Briefen an Presse- und Machtorgane Position für die Opposition ergriff, konnte sich ebenfalls auf die Komintern als eine über der Partei stehende Instanz beziehen. Ein anonymer Kommunist aus Turkestan setzte sich in einem emotionalen Brief an die »Verehrte Komintern« für die Oppositionellen Trockij und Voja Vujović ein.89 Eine ebenfalls anonyme Arbeiterin aus Tula, nach eigenem Bekunden 24 Jahre alt und politisch aktiv, beklagte sich in einem Brief an Stalin über die Lebensumstände und setzte sich nebenbei für Trockij ein. Dabei war es für sie am meisten empörend, dass man »ein Mitglied der Komintern nicht sprechen lässt, ihm wird der Mund zugehalten, wo ist unsere Redefreiheit […]?« Es sei »besonders schändlich, dass die Komintern die Entfernung Trockijs verlangt«.90 Die Komintern trat in der Vorstellung der Verfasserin also noch als eine Instanz auf, deren Autorität die der Partei aufwiegen konnte. Hier nahmen Menschen demzufolge die Komintern in ihrer von der Partei propagierten Rolle als oberste Instanz des Weltkommunismus ernst, um gegen die Parteilinie zu argumentieren. Doch auch eine affirmative Auseinandersetzung mit der Komintern und ihren Institutionen konnte einen nicht minder eigensinnigen und subversiven Charakter haben. Dies lässt sich ausgezeichnet an dem Brief von Ivan Omel’čenko, einem ukrainischen Dorfkommunisten, an Stalin vom Mai 1927 illustrieren. Die Frage, die den Verfasser nach eigenem Bekunden bereits seit über einem Jahr beschäftigte, war die nach dem Sinn und Zweck der Bauerninternationale.91 Die Bauerninternationale (Krest’janskij internacional, Abk. Krestintern) wurde im Oktober 1923 auf Initiative der Komintern gegründet und diente in den folgenden Jahren (mit eher mäßigem Erfolg) dazu, im Zusammenhang mit der Einheitsfront-Politik auf internationaler Ebene Anschluss an die nicht-kommunistische Bauernbewegung zu finden.92 Doch nicht nur durch die westlichen KPs, sondern auch innerhalb der Sowjetunion wurde die Krestintern intensiv propagiert, um eine internationale kommunistische Identifikationsinstanz speziell für Bauern zu etablieren.93 Stellenweise scheint diese Propaganda gefruchtet zu haben. In einem Brief an Stalin bat ein junger Bauer, dem 1925 die Aufnahme in den Komsomol verwehrt wurde, in die Krestintern aufgenommen zu werden. Man möge ihm die Statuten der »Roten Bauerninternationale« zuschicken.94 Die Partei vermittelte den Bauern also das Bild, die Krestintern sei »ihre« internationale Institution. Folglich musste sie sich entsprechender Kritik »von unten« stellen, als zunehmend klar wurde, dass die Bauerninternationale keinerlei Erwartungen der sowjetischen Bauernschaft erfüllen konnte – Kritik, wie sie der bereits erwähnte Ukrainer Omel’čenko in seinem Brief übte. Zunächst schilderte er, wie er auf einer Versammlung einem Redner, der gegen die in Teilen der Bauernschaft populäre Forderung nach einer Bauern-Union agitiert habe,95 öffentlich die Frage gestellt habe, zu welchem Zweck eigentlich die Bauerninternationale gegründet worden sei. Nachdem er keine Antwort erhalten habe, habe er in einer älteren Broschüre die offizielle Definition nachgeschlagen, wonach die Krestintern die Aufgabe habe, sich um die Verbindung zur Bauernschaft verschiedener Länder, darunter auch Russlands, zu bemühen. Beim Schreiber löste dies Befremden aus – denn das bedeutete, dass es bis dahin keine Verbindung der Partei mit den Bauern gegeben hatte.96 Auch forderte der Verfasser mehr Einsatz seitens der Partei. Der V. Weltkongress der Komintern habe ihre Sektionen aufgefordert, sich mit der Bauerninternationale zu befassen – die VKP(b) habe, so Omel’čenko, nichts Derartiges getan. So fand der Autor, er habe »das Recht zu fragen, was hat unsere Sektion getan, unter dem Blickwinkel der Bauern-›INTERNATIONALE‹, im Hinblick auf die Vereinigung? Nichts.«97 Dies spräche dafür, dass die Bauerninternationale »wenn nicht aufgelöst, dann eines natürlichen Todes gestorben ist.«98 Die Schlussfolgerung: Man müsse die Bauerninternationale entweder auflösen, oder aber »der sowjetischen Bauernschaft das Recht und die Möglichkeit geben, die ›KRESTINTERN‹ zu leiten, wie die V.K.P. die ›KOMINTERN‹ leitet«.99 Der Brief Omel’čenkos steht exemplarisch dafür, dass Parteiaktivisten an der Basis nicht nur bereit waren, sich intensiv mit Fragen des internationalen Kommunismus auseinanderzusetzen. Sie waren auch in der Lage, die von der Parteipropaganda vorgegebenen internationalistischen Identifikationspunkte, wie die Komintern, zu hinterfragen und im eigenen Sinne zu deuten. Ausblick und Fazit Der Schriftsteller und Dissident Varlam Šalamov war bereits seit Jahren im Gulag inhaftiert, als er im Mai 1943 in Einzelhaft genommen wurde. Der Grund: Er habe sich unter anderem erlaubt, mit anderen Gefangenen über die soeben von Stalin vorgenommene Auflösung der Komintern zu reden. Im Verhör stritt Šalamov die auf einer Denunziation beruhenden Vorwürfe ab, doch es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass das Ende der institutionellen Verkörperung der Weltrevolution den alten Linksoppositionellen auch im Lager nicht kalt gelassen hat.100 In der sowjetischen Gesellschaft hatte jedoch die Kommunistische Internationale längst den Status einer charismatischen Institution eingebüßt. Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 ging die Komintern gleichsam auf Tauchstation.101 Faktisch hatte sie jedoch bereits in den Dreißigerjahren weitgehend ihre symbolische Bedeutung verloren. Bei internationalen Solidaritätskampagnen, wie etwa im Jahre 1923, als in der Sowjetunion für den »deutschen Oktober« mobilisiert wurde, waren es die Aufrufe der Komintern, die in den Zeitungen zu Solidarität aufforderten.102 Als jedoch 1936/37 für die spanische Republik in ihrem Kampf gegen Franco mobilisiert wurde, ging es vor allem um die Hilfe des »sowjetischen Volkes« für das »heldenhafte spanische Volk«.103 Die Komintern als Vermittlungsinstanz zwischen den Arbeitern unterschiedlicher Länder spielte in der sowjetischen Medienöffentlichkeit nur noch eine untergeordnete Rolle, während das internationale Proletariat in der stalinistischen Rhetorik den »Völkern« Platz machte.104 Die Umorientierung von den propagierten Werten von Weltrevolution zu nationalem Aufbau und von abstrakten Verheißungen zu konkreten Identifikationspunkten nationaler Vergangenheit schien sowohl für breitere Bevölkerungsschichten außerhalb der Partei, als auch für die neue, mit internationalem Sozialismus kaum noch lebensweltlich verbundene regionale Parteielite Sinn zu ergeben.105 Doch gleichzeitig war es das Subversive des Internationalismus, das ihn im Stalinismus mehr und mehr inopportun werden ließ. Dies hing nicht nur mit seinem kosmopolitischen Potenzial zusammen, das mit einer zunehmend xenophoben Herrschaftsordnung kollidierte,106 sondern auch, wie oben gezeigt, damit, dass die Sprache des Internationalismus für oppositionelle Belange eingenommen werden konnte. Genauso wie die Komintern als Institution von der Bildfläche verschwand, weil sie für Stalin entbehrlich wurde, verschwand sie als Symbol aus dem Propagandaarsenal. Da sie jedoch dermaßen fest mit den revolutionären Identitäten der frühsowjetischen Aktivisten verschmolzen war, konnte sie aus den Köpfen nicht ebenso schnell verschwinden. Das zeigte sich etwa, als das »Spanien-Fieber« in der Sowjetunion ausbrach. Tausende politisch engagierte Sowjetbürger verfolgten nicht nur gespannt den Kampf der Republikaner, sondern wünschten sich sehnlich, an vorderster Front gegen die Truppen Francos mitzukämpfen. Ihre Gesuche und Bitten, nach Spanien fahren zu können, richteten sie, obwohl die Komintern in den Medien nur noch eine untergeordnete Rolle spielte, an ebendiese.107 Selbstverständlich kamen die Bittsteller, die nach Spanien wollten, nicht an ihr (sowjetischen Militärspezialisten vorbehaltenes) Ziel, sondern, im Gegenteil, sogar zuweilen ins Lager.108 Dort konnten sie sich, ähnlich wie Šalamov, über die Folgen der endgültigen Abkehr von der internationalistischen Politik unter Stalin klarwerden. Um jedoch als Historiker sowohl den Enthusiasmus der Generation Čapaevs als auch die Enttäuschung der Šalamovs fassen zu können, genügt es nicht, den frühsowjetischen Internationalismus nur in der Rückschau seines Scheiterns zu betrachten. Revolutionärer Internationalismus und internationale Solidarität müssen zuallererst in der Zeit analysiert werden, in der sie wirkmächtig gewesen sind. Des Weiteren können am Beispiel der Komintern als »charismatische Institution« Aussagen nicht nur über die Komintern als solche, sondern auch über die frühsowjetische Gesellschaft getroffen werden. 1 »Čapaev« (Regie: S. und G. Vasil’ev), Sowjetunion 1934. Den Hinweis verdanke ich Robert Bache und Malte Griesse. Des Weiteren danke ich Bernhard H. Bayerlein, Brendan McGeever, Matthias Neumann und Frank Wolff für Hilfe, Kritik und Anregungen. 2 Siehe Jörn Happel: Das Schicksal der Revolution. Sozialismus, Gegenrevolution und der Weg in den Stalinismus, in: Heiko Haumann (Hg.): Die Russische Revolution 1917, Köln 2007, S. 103. 3 Siehe Heiko Luckey: Personifizierte Ideologie. Zur Konstruktion, Funktion und Rezeption von Identifikationsfiguren im Nationalsozialismus und im Stalinismus, Göttingen 2008, S. 271–332, für den Dialog: S. 315 f. 4 Siehe stellvertretend für die Masse an Veröffentlichungen nach der Archivöffnung Fridrich I. Firsov: Sekrety kommunističeskogo internacionala. Šifroperepiska [Die Geheimnisse der Komintern. Chiffrekorrespondenz], Moskau 2011; Alexander Vatlin: Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure, Berlin 2009; Bernhard H. Bayerlein: Das neue Babylon. Strukturen und Netzwerke der Kommunistischen Internationale und ihre Klassifizierung, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2004, Berlin 2004, S. 181–270; Pierre Broué: Histoire de l’Internationale communiste 1919–1943 [Geschichte der Kommunistischen Internationale 1919–1943], Paris 1997; G. M. Adibekov/Ė. N. Šachnazarova/K. K. Širinja: Organizacionnaja struktura Kominterna 1919–1943 [Die Organisationsstruktur der Komintern 1919–1943], Moskau 1997; Kevin McDermott/Jeremy Agnew: The Comintern. A History of International Communism from Lenin to Stalin, Basingstoke 1996. 5 Siehe Vatlin: Die Komintern (Anm. 4), S. 152–158. 6 Siehe hierzu Olaf Kirchner: Die ›sowjetische Sektion‹ in der Komintern. Versuch einer empirischen Profilbestimmung, in: Michael Buckmiller/Klaus Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt, Berlin 2007, S. 247–286; Gleb J. Albert: Think Tank, Publisher, Symbol. The Comintern in the Early Soviet Media Landscape, in: International Newsletter of Communist Studies Online 17 (2011), Nr. 24, S. 110–119. 7 Siehe Winfried Gebhardt: Charisma und Ordnung. Formen des institutionalisierten Charisma. Überlegungen im Anschluß an Max Weber, in: Winfried Gebhardt/Arnold Zingerle/Michael N. Ebertz (Hg.): Charisma. Theorie – Religion – Politik, Berlin/New York 1993, S. 47–68, hier S. 50. Dort auch allgemein zum nicht-personellen Verständnis von Charisma nach Weber. 8 Zu Weltrevolution und Parteiaktivisten siehe Gleb J. Albert: »Mirovaja revoljucija – prelestnaja vešč«. Internacionalizm bol’ševistskich aktivistov pervych let Sovetskoj vlasti [»Die Weltrevolution ist eine liebreizende Sache«. Internationalismus bolschewikischer Aktivisten in den ersten Jahren der Sowjetmacht], in: Bulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau 6 (2012), S. 17–35. 9 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 2010, S. 841. 10 Gebhardt: Charisma und Ordnung (Anm. 7), S. 52. 11 Gottfried Korff: Rote Fahnen und Tableaux Vivants. Zum Symbolverständnis der deutschen Arbeiter-bewegung im 19. Jahrhundert, in: Albrecht Lehmann (Hg.): Studien zur Arbeiterkultur, Münster 1984, S. 103–140, hier S. 106. 12 Siehe Weber: Wirtschaft und Gesellschaft (Anm. 9), S. 858. Zu charismatischen Institutionen im Kommunismus siehe Stefan Breuer: Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darmstadt 1994, S. 84–109; Martin Sabrow: Das Charisma des Kommunismus. Überlegungen zur Anwendung des Weberschen Herrschaftstypus auf die DDR, in: ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung (2006), S. 162–174. Ich danke Bernhard H. Bayerlein für den entscheidenden Anstoß, Charisma in diesen Zusammenhang zu setzen. 13 Siehe Graeme Gill: Symbols and Legitimacy in Soviet Politics, Cambridge 2011; Dietmar Neutatz: Identifikation und Sinnstiftung. Integrative Elemente in der Sowjetunion, in: Osteuropa 57 (2007), H. 12, S. 49–64. Für ein positives Gegenbeispiel siehe Carmen Scheide: Veränderungen von Lebenswelten. Hoffnungen, Enttäuschungen, in: Haumann: Die Russische Revolution (Anm. 2), S. 115–129. 14 So v.a. bei David Brandenberger: Proletarian Internationalism, ›Soviet Patriotism‹ and the Rise of Russocentric Etatism During the Stalinist 1930s, in: Left History 6 (2000), H. 2, S. 80–100. 15 Siehe beispielhaft die Behandlung der Komintern in neueren Überblicksdarstellungen (früh)sowjetischer Geschichte Sheila Fitzpatrick: The Russian Revolution, 2. Aufl. New York 1994, S. 99; Peter Kenez: A History of the Soviet Union from the Beginning to the End, 2. Aufl. Cambridge 2006, S. 330; Robert Service: The Russian Revolution 1900–1927, 3. Aufl. Houndmills 1999, S. 65. Die neue, brillante Einführung in die frühe Sowjetunion von Steve A. Smith erwähnt die Komintern nicht einmal: Steve A. Smith: Die russische Revolution, Stuttgart 2011. 16 Barbara Stollberg-Rillinger: Einleitung, in: dies. (Hg.): Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005, S. 16 (Hervorhebung im Original). Zur »Realität mitkonstruierende[n] Kraft« von Symbolen siehe auch Thomas Welskopp: Klasse als Befindlichkeit? Vergleichende Arbeitergeschichte vor der kulturhistorischen Herausforderung, in: Archiv für Sozialgeschichte 38 (1998), S. 301–336, hier S. 314. 17 Gerd Koenen: Was war der Kommunismus?, Göttingen 2010, S. 44. 18 Für eine Definition der NÖP in diesem Sinne siehe Matthew Lenoe: Closer to the Masses. Stalinist Culture, Social Revolution, and Soviet Newspapers, Cambridge/MA 2004, S. 2. 19 Vladimir I. Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie [November 1914], in: ders.: Werke, Bd. 21, Berlin 1960, S. 13–21; ders.: Lage und Aufgaben der Sozialistischen Internationale [November 1914], in: ebd., S. 22–28. 20 Etwa im Maiaufruf der Petrograder Parteiorganisation von 1916: Jurij I. Kir’janov: Social’no-političeskij protest rabočich Rossii v gody Pervoj mirovoj vojny. Ijul’ 1914 – fevral’ 1917 gg. [Sozialer und politischer Protest russländischer Arbeiter im Ersten Weltkrieg, Juli 1914 bis Februar 1917], Moskau 2005, S. 70. 21 Siehe Internacional vozroždaetsja [Die Internationale wird wiedergeboren], in: Pravda [Die Wahrheit] vom 21. März 1917. 22 Für entsprechende Losungen siehe Proletarskij prazdnik [Das proletarische Fest], in: Pravda vom 1. Mai (18. April [alter Zählung]) 1917. Auf Fotografien von Maidemonstrationen 1917, im Zentrum wie auch in der Provinz, sind entsprechende Plakate zu sehen: Jonathan Sanders (Hg.): Russia 1917. The Unpublished Revolution, New York 1989, S. 132 u. 136 f.; Igor’ V. Narskij: Žizn’ v katastrofe. Budni naselenija Urala v 1917–1922 gg. [Das Leben in der Katastrophe. Der Alltag der Bevölkerung im Ural, 1917–1922], Moskau 2001, Bildtafel IV. 23 Institut MELS pri CK KPSS (Hg.): Listovki moskovskoj organizacii bol’ševikov, 1914–1925 gg. [Flugblätter der Moskauer Organisation der Bolschewiki, 1914–1925], Moskau 1954, S. 50. Regionale Flugblätter griffen das Thema ebenfalls auf: I. M. Zajčenko/G. I. Vedernikova (Hg.): Listovki Velikogo Oktjabrja. Katalog [Flugblätter des Großen Oktober. Katalog], Moskau 1988, S. 39. 24 Siehe Hilde Koplenig: Johann Koplenig. Kriegsgefangenschaft und Revolution 1915–1920, in: Zeitgeschichte 5 (1977), S. 351–371. 25 Zum »Bund der Arbeiterjugend« in Moskau siehe Matthias Neumann: The Communist Youth League and the Transformation of the Soviet Union, 1917–1932, Abingdon 2011, S. 31. Auch in der Provinz folgten jugendliche Aktivisten dieser Namensgebung: A. S. Trajnin/G. S. Alaeva/A. V. Afonina (Hg.): 1–j s’’ezd RKSM. 29 oktjabrja – 4 nojabrja 1918 g.. Protokoly [1. Kongress der RKSM. 29. Oktober – 4. November 1918. Protokolle], Moskau 1990, S. 149–154. 26 Boris I. Kolonickij: Simvoly vlasti i bor’ba za vlast’. K izučeniju političeskoj kul’tury rossijskoj revoljucii 1917 goda [Machtsymbole und Machtkampf. Zur Erforschung der politischen Kultur der russländischen Revolution von 1917], St. Petersburg 2001, S. 123. 27 T. M. Gorjaeva (Hg.): Pervaja godovščina Oktjabr’skoj revoljucii. Dokumenty [Erster Jahrestag der Oktoberrevolution. Dokumente], in: Istorija SSSR (1987), H. 6, S. 128 f. 28 V. V. Anikeev u. a. (Hg.): Perepiska Sekretariata CK RKP(b) s mestnymi partijnymi organizacijami [Korrespondenz des Sekretariats des ZK der RKP(b) mit lokalen Parteiorganisationen], Bd. 5, Moskau 1969, S. 335 f. 29 Isaak Babel: Die Reiterarmee, Berlin 1994 [Erstausgabe 1926], S. 62. 30 Siehe Nadežda A. Soboleva: Očerki istorii rossijskoj simvoliki. Ot tamgi do simvolov gosudarstvennogo suvereniteta [Abriss der Geschichte russländischer Symbolik. Von der Tamga zu den Symbolen staatlicher Souveränität], Moskau 2006, S. 225. 31 Diese Erklärungsmuster sind v.a. in der russischen Historiografie verfolgt worden: Sergej A. Pavljučenkov: »Orden mečenoscev«. Partija i vlast’ posle revoljucii. 1917–1929 gg. [»Der Schwertträger-Orden«. Partei und Staatsmacht nach der Revolutuion 1917–1929], Moskau 2008; Vladimir P. Buldakov: Krasnaja smuta. Priroda i posledstvija revoljucionnogo nasilija [Die rote Zeit der Wirren. Wesen und Folgen der revolutionären Gewalt], 2. Aufl. Moskau 2010. Auch laut Jörg Baberowski war es vor allem die »Gewalt, die es den Revolutionären ermöglichte, ihre Randposition zu überwinden« (Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Bonn 2007, S. 24). Für eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Gewalt-Paradigma und die Einbettung in den europäischen Kontext siehe Peter Holquist: Violent Russia, Deadly Marxism? Russia in the Epoch of Violence 1905–21, in: Kritika 3 (2003), S. 627–652. 32 Christine Collette: The International Faith. Labour’s Attitudes to European Socialism, 1918–39, Aldershot 1998. 33 Siehe ausführlicher Albert: »Mirovaja revoljucija – prelestnaja vešč« (Anm. 8). 34 Jeffrey Brooks: Official Xenophobia and Popular Cosmopolitanism in Early Soviet Russia, in: American Historical Review (1992), H. 12, S. 1431–1448, hier S. 1441. 35 Ales’ A. Klyška (Hg.): »Sčast’e moe ...«. Dnevniki Iosifa Golubeva 1916–1923 gg. [»Mein Glück ...« Die Tagebücher von Iosif Golubev, 1916–1923], Minsk 2002, S. 105. 36 Ebd., S. 69. 37 Siehe Frank Wolff/Gleb J. Albert: Neue Perspektiven auf die Russischen Revolutionen und die Frage der Agency, in: Archiv für Sozialgeschichte (2013), in Druck; Brooks: Official Xenophobia (Anm. 34). 38 Siehe Bela Kun: Internacional buduščago [Die Internationale der Zukunft], in: Pravda vom 3. Februar (21. Januar) 1918. Bekanntlich war dies auch das Bild, das der Führung im ersten Jahr der Komintern vorschwebte: Aldo Agosti: The Concept of World Revolution and the »World Party for the Revolution«, 1919–1943, in: The International Newsletter of Historical Studies on Comintern, Communism and Stalinism 4/5 (1997/98), H. 9–13, S. 73–83, hier S. 76. 39 Telegramm des Mitglieds der Militärinspektion, Iren’ev an Vserossijskij Central’nyj Ispolnitel’nyj Komitet [VCIK, Allrussisches Zentrales Exekutivkomitee] vom 15. November 1918, in: Gosudarstvennyj archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. 1235 op. 93 d. 2, Bl. 318. 40 Telegramm eines Stadtdeputiertenrats an VCIK vom 21. November 1918, in: GARF, f. 1235 op. 93 d. 269, Bl. 3. 41 Telegramm der Teilnehmer einer Feierstunde im Annenskij Kreis [Südfront] an VCIK vom 28. November 1918, in: GARF, f. 1235 op. 93 d. 8, Bl. 8–9. 42 Telegramm der Teilnehmer einer Lehrerkonferenz in Nikolaevsk an den Rat der Volkskommissare vom 22. Juni 1918, in: GARF, f. 1235 op. 93 d. 2, Bl. 77–78; Genesungstelegramm an Lenin, [9.12.1918], in: GARF, f. 1235 op. 93 d. 7, Bl. 84. 43 Eduard M. Dune: Notes of a Red Guard, Urbana/Chicago 1993, S. 38 f. 44 Ebd., S. 39. 45 Siehe Koenen: Was war der Kommunismus? (Anm. 17), S. 37 f.; Vatlin: Die Komintern (Anm. 4), S. 37 u. 153; Branko Lazich/Milorad M. Drachkovitch: Lenin and the Comintern, Stanford 1972, S. 85; Serge Wolikow: L’Internationale Communiste 1919–1943. Le Komintern ou le rêve déchu du parti mondial de la révolution [Die Kommunistische Internationale 1919–1943. Die Komintern oder der gescheiterte Traum von der Weltpartei der Revolution], Ivry-sur-Seine 2010, S. 24 f.; Wladislaw Hedeler/Alexander Vatlin (Hg.): Die Weltpartei aus Moskau. Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und neue Dokumente, Berlin 2008, S. XXIII–XXXIII. 46 Telegramm der RKP(b)-Organisation von Bogučar an den I. Weltkongress der Komintern vom 20. März 1919, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russländisches Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 17 op. 65 d. 31, Bl. 89. 47 Filipp I. Golikov: Krasnye orly. Iz dnevnikov 1918–1920 gg. [Rote Adler. Aus den Tagebüchern 1918–1920], Moskau 1959, S. 162 f. 48 Klyška: »Sčast’e moe ... « (Anm. 35), S. 207 f. 49 Siehe den entsprechenden Bestand im Komintern-Archiv: RGASPI, f. 488 op. 1 d. 15. 50 Siehe Jay Winter: Dreams of Peace and Freedom. Utopian Moments in the Twentieth Century, New Haven 2008, S. 48–74. 51 Siehe Albert S. Lindemann: The »Red Years«. European Socialism Versus Bolshevism, 1919–1921, Berkeley 1974, S. 46–48. 52 Koenen: Was war der Kommunismus? (Anm. 17), S. 40. 53 Siehe u. a. N. Baturin: Liga narodov ili 3–j Internacional? [Völkerbund oder Dritte Internationale?], in: Pravda vom 19. Oktober 1918; Liga narodov i zˇeltyj internacional [Der Völkerbund und die gelbe Internationale], in: Pravda vom 26. Februar 1919. 54 Siehe z. B. die Grußbotschaft der Parteiorganisation von Vologda an den I. Weltkongress der Komintern vom 17. März 1919, in: RGASPI, f. 488 op. 1 f. 15, Bl. 25–26. 55 Dieser Prozess ist hervorragend beschrieben bei Kolonickij: Simvoly vlasti (Anm. 26). 56 Siehe Laura Polexe: Netzwerke und Freundschaft. Sozialdemokraten in Rumänien, Russland und der Schweiz an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, Göttingen 2011; Kevin J. Callahan: Demonstration Culture. European Socialism and the Second International 1889–1914, Leicester 2010. 57 Leider thematisiert auch James von Geldern in seiner Auseinandersetzung mit frühsowjetischen Massenfesten die Massenfeierlichkeiten der Komintern nur in Bezug auf ihre Wirkung auf die ausländischen Gäste, nicht auf die sowjetische Gesellschaft: James von Geldern: Bolshevik Festivals 1917–1920, Berkeley 1993, S. 178–188. 58 Siehe etwa Kommunističeskij Internacional – krasnyj sojuz trudjaščichsja dlja sverženija vlasti buržuev [Die Kommunistische Internationale – der rote Bund der Werktätigen zum Sturz der Macht der Bourgeoisie], in: Bednota [Die Armut] vom 17. Juni 1921. 59 Allgemeiner siehe Brooks: Official Xenophobia (Anm. 34), S. 1441; Sergej V. Jarov: Konformizm v Sovetskoj Rossii. Petrograd 1917–1920-ch godov [Konformismus in Sowjetrussland. Petrograd, 1917 bis 1920er Jahre], St. Petersburg 2006, S. 504. 60 Zirkular der Agitpropabteilung des ZK der RKP(b) zum III. Weltkongress, 10. Juni 1921, in: RGASPI, f. 17 op. 112 d. 309, Bl. 111 (veröffentlicht in Pravda vom 16. Juni 1921). Für die (teils verspätete) Umsetzung in der Provinz siehe P. Saratovcev: Otčet agitpropotdela Astrachanskogo Gubkoma R.K.P. za avgust mesjac 1921 goda [Rechenschaftsbericht der Agitpropabteilung des RKP-Gouvernementskomitees von Astrachan für August 1921], in: Vestnik Agitacii i Propagandy Astrachanskogo Gubernskogo Komiteta R.K.P. [Agitprop-Anzeiger des RKP-Gouvernementskomitees von Astrachan] Nr. 2–3 vom 20. September 1921, S. 29–32, hier S. 31. 61 Für den IV. Weltkongress, siehe z. B. Bednota vom 7., 8., 10., 12., 15., 16. November und 8. Dezember 1922. 62 Für die organisatorische Seite siehe etwa die Protokolle der Orgkommission des III. Weltkongresses: RGASPI, f. 490 op. 1 d. 7. Entsprechende Politbüro-Beschlüsse bei Grant M. Adibekov u. a. (Hg.): Politbjuro CK RKP(b)-VKP(b) i Komintern. 1919–1943 gg. [Das Politbüro des ZK der RKP(b)-VKP(b) und die Komintern, 1919–1943], Moskau 2004, S. 79 f. Für die prunkvollen Festlichkeiten in Petrograd zum II. Weltkongress 1920 siehe Karl Schlögel: Petersburg. Das Laboratorium der Moderne, 1909–1921, München/Wien 2002, S. 464–467; Richard Stites: Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution, New York 1989, S. 93–97. 63 Siehe Fünfter Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll, Hamburg 1924, S. 16–25; Sechster Weltkongress der Kommunistischen Internationale. Moskau, 17. Juli – 1. September 1928. Protokoll, Bd. 1 Hamburg/Berlin 1928, S. 14; Protokoll des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Moskau 25. Juli – 20. August 1935, ungekürzte Ausgabe, Erlangen 1974, S. 16–22. Siehe auch die Darstellung eines französischen Delegierten: Alfred Rosmer: Moskau zu Lenins Zeiten, Frankfurt a.M. 1989, S. 83. 64 Rosmer beschreibt z. B. einen privat organisierten Kneipenausflug von Delegierten des II.Weltkongresses am Moskauer Stadtrand: ebd., S. 97. Auch konnten Kongressdelegierte in lokale Partei- und Armeefeierlicheiten einbezogen werden: Plan der Jubiläumsfeier der 14. Moskauer Schützendivision, 26. Juni 1924, in: Rossijskij gosudarstvennyj voennyj archiv/Russländisches Staatliches Militärarchiv (im Folgenden: RGVA), f. 4 op. 14 d. 44, Bl. 18–18ob; Einladungsschreiben zum Internationalen Abend proletarischer Dichtung, [1924], in: RGVA, f. 4 op. 14 d. 44, Bl. 20–21. 65 Callahan: Demonstration Culture (Anm. 51), S. 111–148. 66 Siehe Hedeler/Vatlin: Die Weltpartei aus Moskau (Anm. 45), S. LXIII. 67 Siehe Simon Pirani: The Russian Revolution in Retreat 1920–24. Soviet Workers and the New Communist Elite, London 2008, S. 35; Callahan: Demonstration Culture (Anm. 56), S. 111–148. 68 Siehe Brief Lev Trockijs an Nikolaj Muralov vom 15. September 1922, in: RGVA, f. 33987 op. 1 d. 498, Bl. 813. Für frühsowjetische Massenfeste zwischen Planung und Spontaneität siehe Malte Rolf: Das sowjetische Massenfest, Hamburg 2006. 69 Pirani: The Russian Revolution (Anm. 67), S. 35. 70 Siehe die enthusiastische Beschreibung der Feierlichkeiten zum II. Weltkongress im Tagebuch eines den Bolschewiki feindlich eingestellten Moskauer Angestellten: Nikita P. Okunev: Dnevnik moskviča 1917–1924 [Tagebuch eines Moskauers, 1917–1924], Paris 1990, S. 368 f. 71 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft (Anm. 9), S. 179, auch 835. 72 Pavljučenkov: Orden mečenoscev (Anm. 31), S. 290. 73 Gebhardt: Charisma und Ordnung (Anm. 7), S. 50. 74 Siehe Bericht über Agitprop-Arbeit im Gouvernement Perm’ vom 24. Dezember 1920, in: RGASPI, f. 17 op. 60 d. 8, Bl. 40; Bericht »Das Gouvernement Olonec im November/Dezember 1920«, [Januar 1921], in: RGASPI, f. 17 op. 60 d. 7, Bl. 6; Lehrplan einer Bezirks-Parteischule im Autonomen Gebiet Tschuwaschien, [1921], in: RGASPI, f. 17 op. 60 d. 7, Bl. 29–30; Lehrplan der Turkestaner Arbeiter-Dekchan-Universität, [1921], in: RGASPI, f. 17 op. 60 d. 7, Bl. 32; Parteischulprogramm, [1921], in: RGASPI, f. 17 op. 60 d. 61, Bl. 90. 75 Isaak Babel: Tagebuch 1920, Zürich 1998, S. 61. 76 Mogikan: K oživleniju partijnoj raboty [Zur Belebung der Parteiarbeit], in: Vestnik Karelsko-Oloneckogo komiteta R.K.P.(B.) [Anzeiger des Karelisch-Olonecker Komitees der RKP(b)] Nr. 2 von Dezember 1920, S. 3, überliefert in RGASPI, f. 17 op. 60 d. 7, Bl. 8–15. 77 Allerdings sollte die Isolation und die Fixierung der Bauern auf Lokales angesichts der zivilgesellschaftlichen Bildungsoffensiven am Anfang des Jahrhunderts und aus der globalen Erfahrung des Ersten Weltkrieges heraus nicht überschätzt werden. Siehe Aaron B. Retish: Russia’s Peasants in Revolution and Civil War. Citizenship, Identity, and the Creation of the Soviet State, 1914–1922, Cambridge 2008. 78 Siehe dazu das frappierende Stenogramm einer Parteilosenkonferenz im Gouvernement Nižnij Novgorod vom November 1920: Sergej V. Jarov (Hg.): Novgorodskaja zemlja v epochu social’nych potrjasenij 1918–1930. Sbornik dokumentov [Das Novgoroder Land in der Epoche sozialer Umwälzungen, 1918–1930. Dokumentensammlung], St. Petersburg 2006, S. 40–49. 79 Stenogramm einer Dorfagitatoren-Konferenz [im Gouverement Jaroslavl’?], [Oktober 1920], in: RGASPI, f. 17 op. 60 d. 12, Bl. 124. 80 V. Karpinskij: Počemu nam blizok i dorog Kommunisticˇeskij Internacional? [Warum ist uns die Kommunistische Internationale lieb und teuer?], in: Bednota vom 24. Juni 1921. 81 Stellvertretend dafür siehe die völlig kryptische Broschüre von Zinov’ev, die an den anvisierten »Arbeitern und Bauern« vollkommen vorbeiargumentierte: Grigorij E. Zinov’ev: Rabočim i krest’janam SSSR o Kominterne [Den Arbeitern und Bauern der UdSSR über die Komintern], Moskau/Leningrad 1926. 82 Kratkaja spravka o III Kommunističeskom Internacionale [Kurze Auskunft über die Dritte Kommunistische Internationale], in: Izba-čital‘nja [Die Lesehütte] Nr. 4–5, August–September 1924, S. 111–113. 83 Zur Krest’janskaja gazeta und ihrer Leserkorrespondenz siehe u. a. Matthew Lenoe: Letter-Writing and the State. Reader Correspondence with Newspapers as a Source for Early Soviet History, in: Cahiers du Monde Russe (1999), H. 1–2, S. 139–169. 84 Brief von Igor’ Goremyč’nyj an Krest’janskaja gazeta vom 27. Oktober 1924, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv ėkonomiki/Russländisches Staatliches Wirtschaftsarchiv (im Folgenden: RGAE), f. 396 op. 2 d. 18, Bl. 5 Rücks. 85 Siehe Brief von G. I. Ivanov an Krest’janskaja gazeta vom 18. Juli 1924, in: RGAE, f. 396 op. 2 d. 18, Bl. 89–89 Rücks. 86 Siehe z. B. den Abdruck des Parteiprogramms in Bednota vom 23. Juli 1926. 87 Siehe Adibekov: Politbjuro (Anm. 62), S. 118–120; Alexander Vatlin: »Die Krise unserer Partei bedroht die Weltrevolution«. Karl Radek zwischen sowjetischem Politbüro und deutscher Revolution, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 1 (1997), H. 2, S. 135–162, v.a. S. 149. Allgemein siehe Robert V. Daniels: Das Gewissen der Revolution. Kommunistische Opposition in Sowjetrussland, Köln 1962. 88 Siehe Matthew Lenoe: Reader Response to the Soviet Press Campaign Against the Trotskii-Zinov’ev Opposition, 1926–1928, in: Russian History/Histoire Russe 24 (1997), H. 1–2, S. 89–116. 89 Siehe Anonym (Turkestan) an »Verehrte Komintern« vom 8. Juni 1927, in: RGASPI, f. 17 op. 85 d. 529, Bl. 7–8. 90 Anonym (Tula) an Stalin vom 14. Juni 1927 (Eingangsdatum), in: RGASPI, f. 17 op. 85 d. 513, Bl. 278–278 Rücks. (Hervorhebung im Original). 91 Siehe Ivan P. Omel’čenko (Pavlovgrad) an Stalin vom 9. Mai 1927, in: RGASPI, f. 17 op. 85 d. 513, Bl. 172–175. 92 Siehe Bernhard H. Bayerlein: Bauern und Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch? Materialien zur Geschichte der Bauerninternationale und des Internationalen Bauernrats (IBR), in: International Newsletter of Communist Studies Online 16 (2010), H. 23, S. 114–126; George D. Jackson: Comintern and Peasants in East Europe 1919–1930, New York 1966. 93 Siehe z. B. G. Lebedev: Kak živut krest’jane v drugich stranach. Itogi rasširennogo plenuma Meždunarodnogo Krest’janskogo Soveta [So leben die Bauern in anderen Staaten. Ergebnisse des Erweiterten Plenums des Internationalen Bauernrates], in: Izba-čital’nja 13 (Juni 1925), H. 6, S. 11–14. 94 Svetlana S. Krjukova (Hg.): Krest’janskie istorii. Rossijskaja derevnja 1920-ch godov v pis’mach i dokumentach [Bauern-Geschichten. Das russländische Dorf der Zwanzigerjahre in Briefen und Dokumenten], Moskau 2001, S. 70 f. 95 Siehe dazu Olga Velikanova: The Peasant Union Movement. The Quest for the Political Organization of Peasants in the Soviet Union in the 1920s, in: Mählert u. a. (Hg.): JHK 2007, Berlin 2007, S. 91–116. 96 Siehe Ivan P. Omel’čenko (Pavlograd) an Stalin, 9. Mai 1927, in: RGASPI, f. 17 op. 85 d. 513, Bl. 172–175, hier: Bl. 173. 97 Ebd., Bl. 174 (Großschreibung im Original). 98 Ebd. 99 Ebd., Bl. 175 (Großschreibung im Original). 100 Siehe Varlam T. Šalamov: Neskol’ko moich žiznej. Vospominanija, zapisnye knižki, perepiska, sledstvennye dela [Einige meiner Leben. Erinnerungen, Notizbücher, Korrespondenz, Strafsachen], Moskau 2009, S. 200–203, 999 u. 1112. 101 Siehe Bernhard H. Bayerlein: »Der Verräter, Stalin, bist Du!«. Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin 2008. 102 Siehe Gleb J. Albert: »German October is Approaching«. Internationalism, Activists, and the Soviet State in 1923, in: Revolutionary Russia 24 (2011), H. 2, S. 111–142; Bernhard H. Bayerlein u. a. (Hg.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003. 103 Timur A. Muchamatulin: »Prisvoenie Ispanii«. Ispanija v sovetskom obščestve v 1936–1939 godach [»Die Aneignung Spaniens«. Spanien in der sowjetischen Gesellschaft 1936–1939], in: Konstruiruja »sovetskoe«? Političeskoe soznanie, povsednevnye praktiki, novye identičnosti [»Das Sowjetische« konstruieren? Politisches Bewusstsein, Alltagspraktiken, neue Identitäten], St. Petersburg 2011, S. 145–150; Daniel Kowalsky: Stalin and the Spanish Civil War, New York 2004. 104 Siehe u. a. David Brandenberger: National Bolshevism. Stalinist Mass Culture and the Formation of Modern Russian National Identity 1931–1956, Cambridge/Mass. 2002; Brandenberger: Proletarian Internationalism (Anm. 14). 105 Siehe Andrej K. Sokolov: »Sozdadim edinyj front bor’by protiv NEPa«. Analiz obščestvennych nastroenij konca 20-ch godov po pis’mam i otklikam rjadovych sovetskich graždan [»Schaffen wir eine Einheitsfront zum Kampf gegen die NÖP!« Stimmungsanalyse der Gesellschaft der späten Zwanzigerjahre auf Grundlage von Briefen und Meldungen sowjetischer Bürger], in: V. P. Dmitrenko (Hg.): NEP. Zaveršajuščaja stadija. Sootnošenija ekonomiki i politiki [Die Endphase der NÖP. Die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik], Moskau 1998, S. 114–159, hier v.a. S. 141; Brandenberger: Proletarian Internationalism (Anm. 14), v.a. S. 85. 106 Siehe Brooks: Official Xenophobia (Anm. 34); Barry McLoughlin: »Vernichtung des Fremden«. Der »Große Terror« in der UdSSR 1937/38, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): JHK 2000/2001, Berlin 2001, S. 50–88. 107 Siehe den entsprechenden Brief-Bestand im Archiv des Dimitrov-Sekretariats der Komintern: RGASPI, f. 495 op. 73 d. 217a. 108 Siehe die Kategorie der »Unglücksspanier« im Gulag: Nadeschda Joffe: Rückblende. Mein Leben, mein Schicksal, meine Epoche, Essen 1997, S. 198.

JHK 2013

Stalinistische Verbrechen als Problem gegenwärtiger Erinnerungskultur(en) in Europa

Bernd Faulenbach

I. Nationale und transnationale Auseinandersetzung mit Erinnerung und Erinnerungskulturen Seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts wird verstärkt über Erinnerungskulturen debattiert, die sehr unterschiedliche Bezugsgruppen haben, doch vor allem auf nationaler Ebene anzutreffen sind.1 Die Diskussion wurde besonders durch die Umwälzung in den Jahren zwischen 1989 und 1991 stimuliert, die die historische Konstellation in Europa grundlegend veränderte. Sie stellte die durch die kommunistischen Regime geprägten Erinnerungskulturen in Osteuropa infrage und warf auch für jene im Westen kritische Fragen auf. Im Hinblick auf den Osten lässt sich für die dann folgenden Jahre von einem Transformationsprozess der Erinnerungskulturen sprechen.2 Vielfältige Debatten entwickelten sich besonders auf nationaler Ebene, stellte sich doch – insbesondere in Ostmitteleuropa – die Frage nach den Selbstverständnissen neu; mancherorts begann bzw. setzte sich ein verspäteter Nationsbildungsprozess fort, begleitet von der (Re-)Konstruktion eines nationalen Geschichtsbildes. Sehr bald zeigte sich jedoch, dass diese Prozesse keineswegs national isolierte Vorgänge waren, ist doch die Geschichte der europäischen Länder engstens miteinander verflochten. So enthalten die Prozesse Vorstellungen über das Verhältnis zu anderen Nationen und spiegeln auch Haltungen gegenüber Kriegsgegnern – viele Länder sind Kriegsgeburten –, gegenüber Sezessionen und Selbstbefreiungen; sie tragen nicht nur zum Bewusstwerden der eigenen Identität, sondern auch zur Abgrenzung gegenüber den Nachbarn und zur Perpetuierung von Gegensätzen bei.3 Hinzugekommen ist die rasant wachsende transnationale Kommunikation, aufgrund derer die Länder näher zusammenrücken und die Vorgänge in einem Land von den anderen Ländern stärker wahrgenommen werden. Geschichtspolitische Konflikte sind die Folge.4 Auch der europäische Integrationsprozess seit den Neunzigerjahren hatte Folgen. Mit der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft stellt sich die Frage nach dem, was die Europäische Union verbindet. Seit der Jahrtausendwende wird verstärkt nach der europäischen Identität, nach der »Europäität« gefragt, denn die Europäische Union (EU) will mehr sein als eine Wirtschaftsgemeinschaft.5 Gerade auch die in die EU aufgenommenen Länder sehen Europa vorrangig als »Kultur«. Dies alles hat eine Suche nach europäischen Gemeinsamkeiten, nach Werten und nicht zuletzt nach gemeinsamer Geschichte in Gang gesetzt. Dabei kommt den Erfahrungen und Erinnerungen des 20. Jahrhunderts, das Eric Hobsbawm als »Zeitalter der Extreme« charakterisiert hat,6 besondere Bedeutung zu. Im Westen herrscht Einigkeit darüber, dass der Holocaust einen negativen Erinnerungskomplex darstellt, ihm wird geradezu eine identitätsstiftende Rolle zugesprochen.7 Demgegenüber bergen die Erfahrungen mit dem Kommunismus, insbesondere die Erinnerung an Verbrechen kommunistischer Systeme, nach wie vor Probleme der Aufarbeitung und Bewertung. Den Ursachen und Hintergründen dafür geht diese Skizze nach. Zunächst wird nach den Spezifika der kommunistischen Verbrechen gefragt. Inwieweit sind diese die Ursache für Probleme beim Umgang mit jenen Verbrechen in den europäischen Erinnerungskulturen? Unter Berücksichtigung der realgeschichtlichen Zusammenhänge und der gegenwärtigen politischen Kulturen wird die Erinnerung an den Kommunismus in den verschiedenen Geschichtsregionen untersucht – angefangen von Osteuropa, über Ostmitteleuropa bis hin zu Deutschland und Westeuropa.8 In einem weiteren Schritt wird die Meinungsbildung über den Kommunismus und seine Verbrechen in der heutigen europäischen Erinnerungskultur beleuchtet. Abschließend sind Anforderungen an eine Geschichtspolitik zur Weiterentwicklung europäischer Erinnerungskultur(en) zu formulieren. II. Spezifika der kommunistischen Verbrechen Die kommunistischen Systeme werden für zahlreiche Verbrechen verantwortlich gemacht.9 In der europäischen Diskussion geht es in erster Linie um die Verbrechen des Sowjetkommunismus, besonders der Stalin-Ära, sowie um die Verbrechen der kommunistischen Regime, die mit der Sowjetunion eng verbunden waren.10 Im Hinblick auf die Verantwortlichkeit für die Politik der Regime in den verschiedenen Ländern stellt sich die Frage: Was geschah auf Weisung Moskaus, wofür waren die Regime selbst verantwortlich? Auch bezogen auf Terror und Verbrechen in der Sowjetunion stößt der Betrachter auf Probleme, schon wegen der Länge des in Betracht kommenden Zeitraumes zwischen 1917 und 1991. In den Blick kommen – abgesehen vom Bürgerkrieg – der Holodomor und die Verfolgung der Kulaken, der Große Terror 1937/38, von dem ca. 1,5 Millionen Menschen betroffen waren (von denen etwa die Hälfte sogleich erschossen wurde, an Orten, die wir häufig bis heute nicht kennen),11 die Verschleppung zur Zwangsarbeit in die – vielfach in unwirtlichen Regionen angesiedelten – Lager, in denen zahlreiche Menschen umkamen, Lager, die gewaltige Ausmaße hatten und zusammen den Gulag bildeten.12 Während des Krieges folgte die Zwangsumsiedlung von nationalen Minderheiten der Sowjetunion, und – nach dem Hitler-Stalin-Pakt – von großen Gruppen aus den annektierten Gebieten, Vorgänge, die sich mit dem Vordringen der Roten Armee und nach dem Krieg fortsetzten. Insgesamt betrachtet können die kommunistischen Verbrechen somit nicht ausschließlich mit der Verfolgung der eigenen Bevölkerung unter Einschluss der KPdSU gleichgesetzt werden.13 Neben den Menschen unterschiedlicher Nationalitäten in der Sowjetunion waren auch Hunderttausende außerhalb der Sowjetunion betroffen. Sie alle waren Opfer des stalinistischen Regimes und seiner Politik, doch viele – insbesondere außerhalb der Sowjetunion, etwa in den baltischen Ländern – interpretierten die Verfolgung eher national: Sie sahen ihre Nation von den Russen unterdrückt. Nach wie vor sind Motivation und Zielsetzung der Verfolgungspolitik unklar. Zwar lässt sich – etwa bei der Kulaken-Verfolgung – auf politisch-ideologische Motive, zu denen auch höchst fragwürdige Modernisierungsziele gehörten, schließen, doch ist der Vernichtungswille nicht unstrittig. Ideologische Ziele werden auch beim Großen Terror genannt, doch ging es dabei offenbar mindestens genauso um die Durchsetzung brutaler Machtinteressen in der konkreten Konstellation.14 Andererseits entwickelte sich eine Eigendynamik des Terrors.15 So variieren die Erklärungsversuche zwischen dem Motiv der rücksichtslosen Behauptung der Herrschaft in einer als prekär empfundenen Situation bis zu Stalins Paranoia, wobei freilich Betrachtungsweisen, die ausschließlich die Person Stalin im Blick haben und Strukturen und Prozesse nicht berücksichtigen, zunehmend als unzureichend empfunden werden. Trotz internationaler historischer Forschungsarbeit, der Bemühungen von Memorial und anderer Einrichtungen kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die vielfältigen Verbrechen in der stalinistischen Sowjetunion und teilweise auch in den osteuropäischen Ländern insgesamt noch immer nicht vollständig aufgearbeitet sind, so dass der Forschungsstand keinem Vergleich mit den NS-Verbrechen während des Holocaust Stand hält. Dies gilt insbesondere für den Gulag mit seinen unterschiedlichen Lagern und den von ihm bestimmten Regionen.16 Darum bedarf es der Erklärung im Hinblick auf die Geschichtswissenschaft in Russland, doch auch im Hinblick auf die anderen Länder Ost- und Westeuropas, in deren Vorstellungen vom sowjetischen Kommunismus zwar lange Zeit der Große Terror unter Stalin präsent war, die Erforschung des Gulag jedoch eher im Hintergrund stand. Über Jahrzehnte galt aus westlicher Sicht die Entwicklung in der Sowjetunion als eine ernst zu nehmende Alternative zur westlichen Modernisierung, doch fanden – so wird man feststellen müssen – die Opfer, die für den sowjetischen Weg gebracht wurden, dabei verhältnismäßig wenig Beachtung. III. Die stalinistischen Verbrechen in der heutigen russischen Erinnerungskultur In der gegenwärtigen russischen Erinnerungskultur spielen die Verbrechen der kommunistischen Zeit, auch die der Stalin-Ära, keine dominante Rolle.17 Zwar gibt es mehrere Hundert sichtbare Zeichen, die an den Großen Terror erinnern, vielfach aufgestellt von lokalen Initiativen,18 aber abgesehen von Perm existieren kaum Gedenkstätten an den früheren Orten des Gulag, mancherorts halten nur knappe Hinweise die Erinnerung wach.19 Auch wenn die zivilgesellschaftliche Organisation Memorial die Erinnerung an das Geschehen zu bewahren versucht, geht die offiziöse Erinnerungskultur daran weitgehend vorbei. Nikita Chruschtschow brach 1956 mit seiner berühmten Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU mit dem Stalinismus. Er setzte sich dabei kritisch mit den stalinistischen Verbrechen auseinander: Der Gulag in seiner bisherigen Form wurde aufgelöst. Im kulturellen Bereich wurde für einige Jahre die stalinistische Repressionspolitik thematisiert, z. B. in der Erzählung Alexander Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962). Dennoch begann weder eine justizförmige Klärung der Verantwortlichkeit für die Verbrechen noch eine systematische zeithistorische Aufarbeitung. Nach Chruschtschows Ablösung 1965 wurde der Gulag sogar wieder tabuisiert und seine Thematisierung unter Strafe gestellt, so dass etwa Solschenizyns Archipel Gulag 1973 in Paris erscheinen musste. Verstärkt zum Thema wurden der Archipel Gulag und die sowjetische Repressionspolitik erst wieder in der Ära Gorbatschow. Auch jetzt waren es eher die Medien und die Publizistik, die das Thema bearbeiteten, als die historische Forschung, die sich zurückhielt. Im Laufe der Neunzigerjahre ging die Beschäftigung mit dem Gulag bemerkenswerterweise wieder zurück. In neuester Zeit lassen sich sogar politisch-gesellschaftliche Tendenzen für eine neuerliche Aufwertung Stalins erkennen.20 Allerdings arbeitet – abgesehen von manchen Historikern – die zivilgesellschaftliche Organisation Memorial weiter an der Aufklärung über die Repression und ihre Opfer und dokumentiert das Geschehen in Ausstellungen.21 Gemessen an der Aufgabe – etwa der Würdigung der verschiedenen Gruppen oder auch der Verfolgten der NS-Gewaltpolitik in Russland, insbesondere der ermordeten Juden – sind die Möglichkeiten von Memorial allerdings begrenzt. Zentrale Bestandteile der Erinnerungskultur in sowjetischer Zeit waren die Oktoberrevolution, die Gestalt Lenins, zeitweilig der Stalin-Kult, vor allem aber – verstärkt seit der Breschnew-Zeit – der Sieg über das faschistische Deutschland im »Großen Vaterländischen Krieg«, in dem die Völker der Sowjetunion tatsächlich gewaltige Opfer gebracht haben, denen in der Folge zahlreiche monumentale Denkmäler und Erinnerungsorte gewidmet wurden. Die eindrucksvollste Anlage ist vielleicht jene auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd mit der riesigen Figur der Mutter Russland – Manifestation einer heroisierenden und glorifizierenden Geschichtssicht, die Helden rühmt, aber kaum Sinn für die vielen Opfer hat, eine Einstellung, die noch in der Gegenwart insofern nachwirkt, als eine Tendenz zur Viktimisierung hier anders als im übrigen Europa nicht erkennbar ist. Während der Mythos der russischen Revolution samt der Gestalt Lenins – die weiterhin in zahlreichen Denkmälern präsent ist – allmählich verblasst,22 bildet der heroisiert dargestellte Große Vaterländische Krieg nach wie vor geradezu das Zentrum der russischen Erinnerungskultur, das zweifellos nach innen eine integrative Funktion ausübt und nach außen Anknüpfungspunkte mit dem Westen bietet.23 Allerdings hat sie mit ihrer Darstellung des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen Widerspruch in Ostmitteleuropa hervorgerufen, gegen den sich im Gegenzug die russische Seite gewehrt hat, u. a. mit der Gründung einer Kommission, die Geschichtsfälschungen bekämpfen sollte. Flankiert wird die Erinnerung an den heroischen Krieg im Übrigen durch verstärktes Interesse an den vorrevolutionären Traditionen, etwa an Peter den Großen. Die russische Identität wird dabei nicht zuletzt in der imperialen Idee gesehen. Sicherlich bedeuten die Gorbatschow-Jahre, das Ende der Sowjetunion und die Jelzin-Jahre einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des Landes. Trotzdem existieren nach wie vor beachtliche Kontinuitäten, die für eine nachhaltige kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sowjetunion inklusive der staatlichen Verbrechen nicht günstig sind, zumal in den letzten Jahren tendenziell eine Wiederannäherung an die Sowjetzeit stattgefunden zu haben scheint.24 Die Gewaltpolitik und ihre Opfer sind nicht Teil des politischen Selbstverständnisses: Es fehlt weitgehend der »kritische Modus«, in dem andere Europäer eine Abgrenzung zur vorhergehenden Geschichte vornehmen.25 Selbst im Hinblick auf Familiengedächtnisse ist die Frage offen, inwieweit sie sich der staatlich geprägten Erinnerung widersetzen.26 Das Verhältnis zur Geschichte der Sowjetunion befindet sich im heutigen Russland in einem merkwürdigen Schwebezustand, der ebenso Ausdruck für die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse ist. IV. Die kommunistische Vergangenheit in den ostmitteleuropäischen Erinnerungskulturen Die Erinnerungskulturen in Ostmitteleuropa unterscheiden sich nicht nur deutlich von der russischen Erinnerungskultur, sondern stehen zu dieser teilweise in einem ausgesprochenen Spannungsverhältnis.27 In einer Reihe von Ländern, insbesondere in den baltischen Ländern und Polen, aber auch in Ungarn und Tschechien, spielt die kommunistische Zeit durchaus eine Rolle: Man grenzt sich von dieser Periode – auch wenn es dazu Kontroversen gibt – deutlich ab. Die baltischen Länder sehen sich als Opfer der Okkupation von NS-Deutschland, doch mehr noch von Sowjetrussland.28 Ähnliches gilt für Polen, das sich seit den polnischen Teilungen als Opfer der mächtigen Nachbarn sieht, bezogen auf den Zweiten Weltkrieg als Opfer der NS-Gewaltpolitik, doch eben auch der folgenden sowjetischen Politik, die seit den Achtzigerjahren verstärkt kritische Beachtung gefunden hat.29 Die Massenmorde von Katyn sind Teil des Kernbestandes der polnischen Erinnerungskultur, was in zahlreichen Erinnerungsorten und -zeichen seinen sichtbaren Ausdruck findet.30 Die Erinnerungen an Verbrechen der kommunistischen Zeit sind vielfach Teil der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, der dabei weniger als marxistisch-leninistische Ideologie, sondern mehr als Vehikel des sowjetrussischen Imperialismus interpretiert wird. Teilweise wird die kommunistische Zeit mit ausgesprochen nationalen Kategorien erfasst. So wird die kommunistische Herrschaft in den baltischen Ländern – etwa in den Okkupationsmuseen in Riga und Tallinn31 – als Fremdherrschaft aufgefasst, mit der die Deportationen in die Sowjetunion 1939/40 und nach 1945 verbunden werden. In Polen und in Ungarn gibt es darüber Streit, kann doch die Rolle der kommunistischen Parteien nicht einfach übergangen werden. Zudem ist unübersehbar, dass es nationale Einfärbungen der kommunistischen Regime gegeben hat, so dass auch die kommunistische Periode Teil der jeweiligen nationalen Geschichte ist. Repression und Unrecht sind deshalb differenziert aufzuarbeiten, womit man keineswegs überall mit gleicher Entschiedenheit begonnen hat. Das Gleiche gilt auch für den Aufbau von Erinnerungskulturen, die im Hinblick auf die kommunistische Zeit auf jeweils nationale Unrechtstatbestände und Opfer abheben. Generell lassen sich mit Stefan Troebst verschiedene Typen der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in den ostmitteleuropäischen Ländern unterscheiden:32 Während in einer ersten Gruppe Konsens darüber herrscht, dass das kommunistische Regime aufoktroyiert wurde, gibt es in einer zweiten Gruppe über die kommunistische Herrschaft Kontroversen, in einer dritten spielt die Frage keine große Rolle, auch werden die kommunistischen Regime hier keineswegs nur negativ gesehen. In einer vierten Gruppe von Ländern ist der Wandel der Regime nur als oberflächlich zu kennzeichnen. Der Umgang mit dem kommunistischen Erbe und die Entwicklung einer Erinnerungskultur, die den Opfern der kommunistischen Zeit gewidmet ist, hat mit den jeweiligen historischen Erfahrungen im kommunistischen Regime zu tun, doch auch mit der Frage gegenwärtiger politisch-gesellschaftlicher Kontinuität und Diskontinuität zur Zeit vor 1989.33 Grundsätzlich wird derzeit vor allem von den – häufig konservativen – Regierungen der ostmitteleuropäischen Länder, die zur EU gehören, die Erfahrung mit dem Kommunismus als wesentliche Komponente europäischer Erinnerungskultur hervorgehoben, deren Attraktivität darin besteht, dass sie die Vielzahl nationaler Gegensätzlichkeiten in diesem Raum überdeckt.34 Allerdings ist gerade Ostmitteleuropa – von Timothy Snyder im Hinblick auf die Gewalttaten NS-Deutschlands und der stalinistischen Sowjetunion Bloodlands genannt35 – in dem insbesondere der deutsche Totalitarismus seine ungeheuerlichen Verbrechen verübt hat, vor allem den Mord an den europäischen Juden, der Raum, in dem sich die Täterschaften auf eine komplizierte Weise überlagert haben. Obgleich die deutsche Urheberschaft beim Judenmord außer Zweifel steht, stellt sich bezogen auf diese Gewaltpolitik die Frage, inwieweit sie nicht auch in den Ländern hier und da Unterstützung erhalten hat und welche Motive dahinter standen. Darüber gibt es irritierende Diskussionen, in Polen etwa zu Jedwabne.36 Die Vorstellung, stets Opfer gewesen zu sein, wird dabei zumindest punktuell infrage gestellt.37 Derartige selbstkritische Fragen fallen teilweise schwer, weil man gerade erst dabei ist, Nationsbildungsprozesse nachzuholen, bei denen die Selbstbehauptung gegenüber den Nachbarn eine wichtige Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund gibt es gewisse Tendenzen der Externalisierung von Schuld. Die Absage an die Vergangenheit ist unterschiedlich intensiv, doch wenig mit nationaler Selbstkritik verbunden. Bei genauerem Hinsehen sind – gerade was die Berücksichtigung des Holocausts und der stalinistischen Verbrechen angeht – Unterschiede erkennbar. Die Erfahrungen des Krieges wurden in der kommunistischen Zeit ausgesprochen nationenbezogen betrachtet, was die Rezeption des Holocaust als eines universal bedeutsamen Geschehens erschwert hat. Bis heute werden beide Komplexe ausgesprochen national interpretiert, wobei etwa Ungarn dadurch auffällt, das die Rivalität der Erinnerung an den Holocaust einerseits und an die Repression durch die Kommunisten andererseits durch einen neuen Nationalismus überholt zu werden scheint, der den Vertrag von Trianon 1920 und damit die heutigen Grenzen Ungarns infrage stellt.38 V. Westeuropäische Erinnerungen Kommunistische Herrschaft und kommunistische Gewaltverbrechen spielen in den westeuropäischen Erinnerungskulturen nur eine untergeordnete Rolle. Westeuropa hat zwar – zeitweilig starke – kommunistische Bewegungen erlebt, war aber nie kommunistischer Herrschaft unterworfen. Es fehlt hier dementsprechend – abgesehen von Exilgruppen aus Osteuropa – die existenzielle Betroffenheit durch die Erfahrung von Terror, Repression und Unrecht, die in der Regel Voraussetzung für die erinnerungskulturelle Beschäftigung mit dieser kommunistischen Vergangenheit ist. Über Jahrzehnte spielten die Kommunisten als Träger des Widerstandes gegen die NS-Besatzungspolitik sogar eher eine positive Rolle in der Erinnerungskultur der Résistance in Frankreich und der Resistenza in Italien. Da diese Erinnerung teilweise stilisiert war und politisch instrumentalisiert wurde, förderte sie nicht gerade eine kritische Sicht des Sowjetkommunismus. Gewiss waren Frankreich, Italien und England Mitglieder des westlichen Bündnisses im Kalten Krieg. So teilten ihre politischen Führungen und in mancher Hinsicht auch die Gesellschaften das Feindbild der kommunistischen Sowjetunion und der anderen Staaten des Warschauer Paktes, das zeitweilig als Bedrohung der Freiheit empfunden wurde. Man wusste um den Großen Terror Stalins, glaubte aber, dass dieser »nur« die eigene Partei und Bevölkerung getroffen habe. Was darüber hinaus in Osteuropa geschah, interessierte im Grunde nur verhältnismäßig wenige. In Frankreich und Italien kam hinzu, dass starke kommunistische Parteien und ihre intellektuellen Umfelder eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus lange Zeit als Ausfluss eines ideologischen Antikommunismus herunterzuspielen versuchten oder als Strategie denunzierten, einer Aufarbeitung der Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland auszuweichen.39 Allerdings ließ sich diese Linie nicht durchhalten. Als Solschenizyn 1973 in Frankreich sein Buch über den Archipel Gulag veröffentlichte, erregte dies nicht nur besonderes Aufsehen, sondern führte bei manchen Intellektuellen auch zur Abwendung von der kommunistischen Bewegung und zu scharfer Auseinandersetzung mit dem lange idealisierten Kommunismus. Nach 1989 erhielt dieses Verhalten einen zusätzlichen Schub. Es war gewiss kein Zufall, dass Bücher wie François Furets Ende der Illusion40 oder auch das Schwarzbuch des Kommunismus41 in Frankreich entstanden. Erwähnt werden muss in diesem Kontext die bei manchen Intellektuellen anzutreffende Annahme, dass der Kommunismus im Kern eine Bewegung sei, die Freiheit und Gerechtigkeit, d. h. humane Ziele, kämpferisch durchsetzen wollte, doch dabei gleichsam entgleist sei.42 Warum Letzteres passiert war, wurde lange Zeit vorrangig essayistisch thematisiert, doch seltener genauer untersucht. Anders verlief die Beschäftigung mit dem Holocaust. Auch im Westen dauerte es zwar einige Zeit, bis die Juden als Gruppe unter den Verfolgten der NS-Politik hervorgehoben und die ganze Ungeheuerlichkeit des Holocaust, der systematischen Vernichtung der Juden in Europa unter Einsatz fabrikmäßiger Mittel, wirklich begriffen wurde. Doch schrittweise setzte sich diese Ansicht – zunächst in Israel und dann verzögert auch in Deutschland, zeitweilig weiter vorangetrieben durch die Entwicklung in den USA – in der westlichen Welt durch. Heute gilt in Westeuropa (und den USA) der Holocaust als die höchste Steigerung des Bösen in der Politik. Während die deutsche Urheberschaft außer Zweifel steht, ist seit den Neunzigerjahren im Hinblick auf die von Nazi-Deutschland besetzten Länder verstärkt die Frage aufgeworfen worden, inwieweit die jeweiligen Behörden und mentalen Dispositionen der Bevölkerung den Judenmord nicht nur nicht verhindert, sondern hingenommen oder gar unterstützt haben. Dies hat jedenfalls ansatzweise – etwa in Frankreich bezogen auf das Vichy-Regime – zu selbstkritischen Diskussionen geführt.43 Vereinfacht hat man für den Westen Europas von einem Holocaust-Gedächtnis gesprochen und dies mit einem Gulag-Gedächtnis im Osten kontrastiert.44 Dem kann insofern zugestimmt werden, als im Westen die stalinistischen Verbrechen im geschichtlichen Bewusstsein und in der Erinnerungskultur keine vergleichbare Bedeutung wie im Osten haben. Wie haben wir die gegenwärtige deutsche Erinnerungskultur, in die nicht nur die Erfahrungen der alten Bundesrepublik, sondern auch der DDR eingegangen sind, in dieser Ost-West-Spannung zu verorten? VI. Opfer kommunistischen Unrechts in der deutschen Erinnerungskultur Anders als bei den Westeuropäern hat ein Teil der heutigen Deutschen jahrzehntelang unter kommunistischer Herrschaft gelebt. Zigtausende wurden aus politischen Gründen verfolgt und Opfer der Diktatur. Gewiss hat sich die SED-Diktatur im Laufe der Zeit verändert; doch eine »kommode Diktatur« – wie Günter Grass einmal meinte – ist sie nie geworden. So wurde die Entwicklung des anderen deutschen Staates von Westdeutschland aus überwiegend kritisch beobachtet und nach 1990 – unter wesentlicher Beteiligung der Ostdeutschen – im vereinigten Deutschland systematisch aufgearbeitet.45 Auch entstand eine Erinnerungskultur bzw. ein Teil der Erinnerungskultur in Deutschland, der dem kommunistischen Unrecht gewidmet ist. Dass dieses Unrecht nicht im Zentrum der deutschen Erinnerungskultur steht – manche meinen sogar nur einen marginalen Platz einnimmt (was dann doch etwas überzogen formuliert ist) –, hängt zweifellos mit der herausragenden Rolle der NS-Verbrechen zusammen, insbesondere mit dem Holocaust und mit der deutschen Verantwortlichkeit für diesen, die in einem längeren schmerzhaften Prozess anerkannt worden ist und die Erinnerungskultur dominiert.46 Auch wenn der Holocaust seit den Neunzigerjahren tendenziell europäisiert worden ist, so bleibt das von Deutschland zu verantwortende Geschehen, dem universale Bedeutung beigemessen wird, doch eine Kernfrage deutscher Identität. Bezogen auf Deutschland sind die kommunistischen Gewalttaten in der SBZ/DDR mit den NS-Verbrechen nicht wirklich vergleichbar. Gleichwohl darf aus der Sicht der Bundesgedenkstättenkonzeption auch das kommunistische Unrecht mit seinen Opfern nicht bagatellisiert werden47 und nimmt zu Recht in der differenzierten deutschen Erinnerungskultur einen unübersehbaren Platz ein, den die einen durchaus als nicht hinreichend empfinden, während die anderen in ihm eine Tendenz zur Relativierung der NS-Verbrechen sehen.48 Was letztgenannte Position angeht, so hat Aleida Assmann von einem Nolte-Komplex gesprochen, hatte Ernst Nolte doch die NS-Verbrechen als Folge der kommunistischen Verbrechen bezeichnet und damit beide in einen engen Zusammenhang gebracht, was zu heftigen Auseinandersetzungen im sogenannten Historikerstreit führte.49 Im Hinblick auf die Würdigung des kommunistischen Unrechts erwies sich auch ein Anti-Antikommunismus als hemmend, der seine Berechtigung gegenüber bestimmten antikommunistischen Traditionen hatte, doch seinerseits einseitig wurde und dabei die Tendenz entwickelte, jede kritische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus als ideologisch bedingt und moralisch zweifelhaft abzuqualifizieren.50 Vor diesem Hintergrund lässt sich erklären, dass es trotz des in den frühen Neunzigerjahren von Jürgen Habermas, Karl Dietrich Bracher und anderen proklamierten antitotalitären Konsens’51 immer wieder zu Spannungen zwischen den Protagonisten der verschiedenen Erinnerungskomplexe, zu Opferkonkurrenzen und zu Kontroversen gekommen ist. Dies betrifft etwa Gedenkstätten, die beide Vergangenheiten thematisieren oder auch die These der früheren lettischen Außenministerin Sandra Kalniete, die Nationalsozialismus und Kommunismus als gleichermaßen verbrecherisch bezeichnet hat, was im Kontext der Leipziger Buchmesse 2003 den Widerspruch von Salomon Korn vom Zentralrat der Juden in Deutschland hervorrief.52 Immerhin sind inzwischen eine Reihe von Denkmälern, z. B. die Gedenkstätte Berliner Mauer, die an die Maueropfer erinnert, sowie Gedenkstätten in Gefängnissen, wie z. B. Bautzen und Hohenschönhausen entstanden.53 Zudem werden Gedenktage wie der 17. Juni oder der 13. August nach wie vor begangen, so dass auch das kommunistische Unrecht, neben der Erinnerungskultur, die die NS-Zeit thematisiert, durchaus in der deutschen Öffentlichkeit eine Rolle spielt. Konflikte entstehen vor allem dann, wenn die Unterschiede zwischen den Vergangenheiten verwischt oder gar Gleichsetzungen vorgenommen werden, wozu es derzeit eine Tendenz auf der europäischen Ebene gibt, die ihrerseits Rückwirkungen auf die einzelnen Länder hat. VII. Die Erinnerung an den Kommunismus in der europäischen Geschichtspolitik Unübersehbar sind die Differenzen zwischen und teilweise innerhalb der nationalen Erinnerungskulturen gerade im Hinblick auf die Beschäftigung mit dem kommunistischen Totalitarismus und seinen Auswirkungen. Versucht man die Befunde in einem Gesamtbild zusammenzufassen, so ist eine Betrachtung nötig, die sowohl die nationalen und regionalen Spezifika als auch das transnationale Phänomen kommunistischer Herrschaft und seiner Opfer in den Blick nimmt. Dies lässt die Frage nach den gegenwärtigen Bemühungen der europäischen Institutionen auf diesem Gebiet aufkommen, insbesondere des europäischen Parlaments im Bereich der Geschichtspolitik. In den letzten Jahren hat Europa im Hinblick auf den Umgang mit historischen Erfahrungen an Bedeutung gewonnen, zum einen als Arena der Auseinandersetzung, zum anderen durch Versuche, eine gemeinsame Erinnerung zu gestalten, nicht zuletzt durch Normierungsversuche und neue Akzentsetzungen. Jahrzehntelang haben Fragen europäischer Identität nur eine geringe Rolle in der Europäischen Gemeinschaft gespielt. Mit wachsender Integration und immer größerer Ausdehnung, derzeit auch angesichts der europäischen Krise, stellt sich verstärkt die Frage, was Europa jenseits der Wirtschaftsunion eigentlich ausmacht.54 Dies hat den Blick besonders auf das Verbindende in der europäischen Geschichte gelenkt. Bemerkenswerterweise hat man dann angefangen, insbesondere die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts aufzugreifen, obgleich deren Interpretation teilweise umkämpft ist. Offensichtlich aber existiert im öffentlichen Bewusstsein Europas eine starke Strömung, die das heutige Europa durch die Abgrenzung und Abwendung von den problematischen Vergangenheiten des 20. Jahrhunderts zu definieren versucht.55 Es ist der Modus der kritischen Auseinandersetzung, der in diesem Kontext vorherrscht. Dabei hat zunächst die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust dominiert. Im Jahre 2000 fand die Holocaust-Konferenz in Stockholm statt, auf der sich die Teilnehmerstaaten zu kontinuierlicher Auseinandersetzung mit dem Mord an den europäischen Juden und zum Kampf gegen Genozid, Gewalt und Diskriminierung verpflichteten.56 2005, zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, spielte diese Erinnerung eine zentrale Rolle. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz im Jahre 1945, war bereits 1996 zum europäischen Gedenktag erklärt worden. Kritisch beurteilt wurden generell Rechtstendenzen in der europäischen Gemeinschaft. Der in der deutschen Publizistik geäußerte Gedanke, den Holocaust als Gründungsmythos Europas zu betrachten, schien eine Perspektive für die europäische Geschichtspolitik zu bieten.57 Seit Mitte des letzten Jahrzehnts hat sich die Willensbildung insofern verändert, als nach dem Beitritt der ostmitteleuropäischen Staaten die Erfahrungen des Kommunismus eine größere Rolle im Europaparlament als vorher spielen, was auch in Resolutionen des Europäischen Parlaments seinen Niederschlag gefunden hat. So wurde u. a. eine Entschließung zum Gedenken an den Holodomor in der Ukraine, die kontrovers diskutierte durch politische Entscheidungen herbeigeführte Hungersnot 1931/32, gefasst.58 Vor allem aber beschloss das Europäische Parlament, teilweise frühere Entscheidungen aufgreifend und zusammenfassend am 2. April 2009 mit großer Mehrheit ein Grundsatzpapier »zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus«.59 Anlass war das Gedenkjahr 2009 mit den Daten 20 Jahre Friedliche Revolution, 70 Jahre Beginn des Zweiten Weltkrieges und 90 Jahre Pariser Friedenskonferenz. Das Parlament machte deutlich, welche historischen Phänomene das heutige Europa ablehnt. Die Entschließung verwirft jegliche Art von totalitären Ideologien und Diktaturen, auch autoritäre Regime, wendet sich zugleich gegen Rassismus, Antisemitismus, Faschismus/Nationalsozialismus ebenso wie gegen Kommunismus und Stalinismus. Bemerkenswert erscheint, dass die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus, die Erfahrungen West-, Mittel- und Osteuropas nahe zusammengerückt werden. Für die Opfer all dieser verschiedenartigen historischen Systeme, Bewegungen und Ideologien wurde schließlich ein gemeinsamer europaweiter Gedenktag, der 23. August, der Tag des Abschlusses des Hitler-Stalin-Paktes 1939 ausgerufen. Damit wurde der Kommunismus/Stalinismus zwar als eine gemeineuropäische Erfahrung begriffen, doch sogleich unter dem Begriff Totalitarismus subsumiert, ohne dass er in seinen konkreten historischen Erscheinungsformen bereits sorgfältig untersucht worden wäre. Auch im Hinblick auf Nazismus und Judenmord ergeben sich Probleme. Aus der Sicht nicht weniger Zeitgenossen, keineswegs nur der jüdischen Community, wird damit dem Holocaust tendenziell die Einzigartigkeit genommen.60 Und was den 23. August angeht: So notwendig es auch ist, an diesen lange von sowjetischer Seite bestrittenen Pakt (bzw. sein geheimes Zusatzabkommen) aus dem Jahre 1939 zu erinnern, der sich verheerend für die baltischen Länder, Polen und Rumänien ausgewirkt hat und bei dem die historische Mitverantwortung Stalins und der Sowjetunion nicht unerwähnt bleiben sollte, so erscheint es doch fraglich, ob der Tag als gemeinsamer Gedenktag für alle Opfer geeignet ist. Der eigentliche Kriegsbeginn war der 1. September 1939 und der Hitler-Stalin-Pakt wurde durch den Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion seit dem 20. Juni 1941 überholt, der der Beginn eines beispiellosen Eroberungs- und Vernichtungskrieges war, dessen Eigengewichtigkeit ebenso zu betrachten ist wie die Einzigartigkeit des Holocausts. Somit überrascht es nicht, dass der Beschluss des Europäischen Parlamentes im Westen und weitgehend auch in Deutschland ohne positive Resonanz geblieben ist. Er hat einerseits die Auseinandersetzung mit Kommunismus und Stalinismus nicht wirklich gefördert, andererseits aber doch manche Irritation im Westen ausgelöst und auch die Frage erneut aufgeworfen, ob der Holocaust im Osten wirklich in seiner vollen Tragweite begriffen worden ist. Zugleich hat das Europäische Parlament die Einrichtung eines Hauses der Europäischen Geschichte in Brüssel beschlossen, für das die hier angesprochene Problematik durchaus relevant ist.61 Ob und wie sie bewältigt wird, ist derzeit noch nicht erkennbar – bislang ist ein entsprechender öffentlicher Diskurs transnational eigentlich nicht geführt worden. Insofern stellt sich die generelle Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der europäischen Erinnerungspolitik im Allgemeinen und der Bedeutung des Kommunismus und seiner Verbrechen für diese im Besonderen. VIII. Möglichkeiten und Grenzen einer europäischen Geschichtspolitik Der Kommunismus ist als Bewegung, als Ideologie und als Herrschaftssystem in Europa entstanden. Dementsprechend kann das europäische Geschichtsbewusstsein an diesem Phänomen nicht vorbeigehen, obgleich es in der Gegenwart als historischer Faktor verblasst ist. Deshalb ist die weitere historische Aufarbeitung des Kommunismus in den verschiedenen Erscheinungsformen und Kontexten, auch in der Verflechtung mit anderen Phänomenen nötig, wobei der Stalinismus mit seinen Verbrechen eine zentrale Rolle spielen muss. Erforderlich sind dazu nationale und transnationale Diskurse, die zur Entstehung von Erinnerungskulturen beitragen können. Für ihre Persistenz erscheint bedeutsam, dass die – durch eine unabhängige zeithistorische Forschung abgestützte – Erinnerungsarbeit vorrangig an dem historischen Geschehen interessiert ist und nicht primär als Funktion der Auseinandersetzung mit dem Postkommunismus erscheint, was natürlich mancherorts der Fall ist. Der Holocaust ist gewiss ebenfalls ein europäisches Geschehen, das in den Kontexten des Zweiten Weltkrieges, in seinen konkreten Ausformungen und Verantwortlichkeiten erfasst werden muss. Auch hier gibt es – trotz des ungleich weiter fortgeschrittenen Forschungsstandes – noch offene Fragen, nicht zuletzt im Hinblick auf Osteuropa. Der Holocaust ist ein Geschehen der jüdischen, der deutschen, doch auch der europäischen und universalen Geschichte. Das heißt, es geht um die konkreten historischen Kontexte ebenso wie um das Gesamtgeschehen, das seine herausragende Bedeutung für Europa behalten wird. Daneben gibt es noch weitere Komplexe, die gemeineuropäischen Charakter und doch vielfältige nationale und regionale Ausformungen aufweisen. Claus Leggewie sieht bezogen auf das 20. Jahrhundert sieben Kreise der europäischen Erinnerung: neben Holocaust und Sowjetkommunismus »Vertreibungen als gesamteuropäisches Trauma«, »Kriegs- und Krisen-erinnerungen«, den »Kolonialismus«, doch auch »Europa als Einwanderungskontinent« sowie »Europa als Erfolgsgeschichte nach 1945«.62 Über einige dieser Komplexe sollte eine Verständigung als wesentliche gemeineuropäische Erfahrungen möglich sein. Bedeutsam ist jedoch, dass die Aufarbeitung sehr konkret erfolgt und auch die Erinnerungskultur den jeweiligen unterschiedlichen Erfahrungen gerecht wird. Eine vorschnelle Abstraktion und symbolische Verdichtung, die tendenziell nivelliert, hilft nur bedingt weiter. Die verschiedenen europäischen Gesellschaften müssen lernen, mit ihren unterschiedlichen, vielfach gegensätzlichen, doch miteinander verflochtenen Geschichten und Erinnerungen umzugehen, d. h. den jeweils anderen zu respektieren, eventuell bei Verschränkungen des Geschehens beide Seiten zusammenzusehen. Es gilt die Unterschiedlichkeit historischer Erfahrungen auszuhalten. Geschichte lässt sich nicht einfach homogenisieren. Deshalb brauchen wir dialogische Erinnerungskulturen, die in sich differenziert sind, auch Gegensätze enthalten und Spannungen ertragen.63 Überwölbende gemeineuropäische historische Erfahrungen können gleichwohl bewusst gemacht werden. Doch muss eine europäische Identitätsstiftung allein durch Parlamentsbeschlüsse zur europäischen Geschichte scheitern. Die Konstruktion einer gemeinsamen Erinnerungskultur, die dann den verschiedenen konkreten Erinnerungskulturen übergestülpt wird, um diese zu substituieren, wird nicht tragfähig sein. Gewiss sind auch verbindende Symbole nötig, doch müssen sie auf Gemeinsamkeiten beruhen, die bewusst und nachvollziehbar sind. Nötig sind dazu Diskurse über das Geschehen, die Verflechtungen der Nationalgeschichten und transnationale Prozesse, wobei eine Verständigung über wesentliche Traditions-, Verursachungs- und Wirkungszusammenhänge der europäischen Geschichte anzustreben ist. Politik hat Rahmenbedingungen für diese Diskurse zu schaffen, in denen unabhängige Geschichtswissenschaft eine herausragende Rolle spielen muss.64 Europa muss sich durch einen spezifischen Modus auszeichnen, in dem die Länder und Gesellschaften mit Geschichte umgehen. Dazu gehört insbesondere ein gemeinsamer verpflichtender Werthorizont, der durch Menschen- und Bürgerrechte, Gewaltenteilung, Rechts- und Sozialstaatlichkeit bestimmt ist und Maßstäbe zur Beurteilung der neuesten Geschichte wie der Gegenwart und Zukunft abgibt und tatsächlich so etwas wie den Kern von »Europäität« ausmachen könnte, der selbst in historischer Perspektive zu sehen wäre. 1 Siehe zur »Theorie« der Erinnerungskulturen Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Frankfurt a. M. 1985; Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1989. Zur Karriere des Begriffs Erinnerung siehe Martin Sabrow: Erinnerung als Pathosformen der Gegenwart, in: Vorgänge 51 (2012), H. 2, S. 4–15. 2 Siehe Christoph Cornelißen/Roman Holec/Jiři Pešek (Hg.): Diktatur – Krieg – Vertreibung. Erinnerungskulturen in Tschechien, Slowakei und Deutschland seit 1945, Essen 2005; Bernd Faulenbach/Franz-Josef Jelich (Hg.): »Transformationen« der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, Essen 2006; Helmut Altrichter (Hg.): GegenErinnerung. Geschichte als politisches Argument im Transformationsprozeß Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas, München 2006; Krzysztof Ruchniewicz/Stefan Troebst (Hg.): Diktaturbewältigung und nationale Vergewisserung. Geschichtskulturen in Polen und Spanien im Vergleich, Wrocław 2004; Geschichtspolitik und Gegenerinnerung. Krieg, Gewalt und Trauma im Osten Europas. Themenheft Osteuropa 58 (2008), H. 6; Muriel Blaive/Christian Gerbel/Thomas Lindenberger (Hg.): Clashes in European Memory. The Case of Communist Repression and the Holocaust, Innsbruck/Wien/Bozen 2011. 3 Siehe Dieter Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000. 4 Siehe Claus Leggewie/Anne Lang: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011. 5 Siehe z. B. Thomas Meyer: Die Identität Europas. Der EU eine Seele?, Frankfurt a. M. 2004. Siehe Michael Weigl: Europa neu denken? Zur historischen Umorientierung europäischer Identitätspolitik, in: Katrin Hammerstein/Ulrich Mählert/Julie Trappe/Edgar Wolfrum (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur – Diktat der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 177–188; in historischer Perspektive siehe: Hartmut Kaelble/Martin Kirsch (Hg.): Selbstverständnis und Gesellschaft der Europäer. Aspekte der sozialen und kulturellen Europäisierung im späten 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2008. 6 Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien 1995. 7 Siehe Dan Diner: Der Holocaust in den politischen Kulturen Europas: Erinnerung und Eigentum, in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 65–73. 8 Zum Begriff der Geschichtsregionen in Europa siehe Oskar Halecki: The Limits and Divisions of European History, London/New York 1950; Stefan Troebst: Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust. Konfligierende Erinnerungskulturen im größeren Europa, in: Faulenbach/Jelich (Hg.): »Transformationen« (Anm. 2), S. 23–49. 9 Siehe dazu Stéphanie Courtois/Nicolas Werth u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unter-drückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich 1997; Horst Möller (Hg.): Der rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte um das »Schwarzbuch des Kommunismus«, München/Zürich 1999. 10 Siehe Jörg Barberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Bonn 2007. 11 Siehe Karl Schlögel: Terror und Traum, Moskau 1937, Frankfurt a. M. 2010, S. 603 ff. 12 Siehe Anne Applebaum: Der Gulag, München 2005; Wladislaw Hedeler: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisation des Gulag 1939 bis 1960, Hannover 2012; Ralf Stettner: »Archipel GULag«. Stalins Zwangslager – Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928–1956, Paderborn 1996. 13 Claudia Weber vertritt die These, dass der stalinistische Terror meist ausschließlich auf die Gesellschaft der Sowjetunion bezogen gesehen werde, was eine arge Fehleinschätzung sei (Claudia Weber: Verstörende Erinnerung. Stalinismus im Gedächtnis Europas, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2012, Berlin 2012, S. 341–356). 14 So der Erklärungsversuch von Schlögel: Terror und Traum (Anm. 11). 15 Siehe dazu Bernd Bonwetsch: Terror und Subjekt im Stalinismus, in: Franz-Josef Jelich/Stefan Goch (Hg.): Geschichte als Last und Chance. Festschrift für Bernd Faulenbach, Essen 2003, S. 265–281. 16 Auch im deutschen historischen Bewusstsein nimmt der Gulag nur einen »randständigen Platz« ein. Siehe dazu Volkhard Knigge/Irina Scherbakowa (Hg.): GULAG. Spuren und Zeugnisse 1929–1956, Weimar 2012, S. 4 ff, hier S. 5. 17 Siehe Bernd Bonwetsch: Erinnerungskultur und Traditionspflege im postsowjetischen Russland, in: Faulenbach/Jelich (Hg.): »Transformationen« (Anm. 2), S. 221–225. 18 Siehe dazu Anna Kaminsky: Sichtbare Erinnerungen. Orte des Gedenkens und Erinnerns an die Opfer der kommunistischen Regime in Osteuropa, in: Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur (Anm. 5), S. 248–261, hier S. 252; Anna Kaminsky (Hg.), bearbeitet von Ruth Gleinig und Ronny Heidenreich: Erinnerungsorte an den Massenterror 1937/38, Berlin 2007. 19 Zu Perm siehe Ulrike Huhn/Manuela Putz: Sowjetische Straflager in der russischen Erinnerungskultur. Museen und Gedächtnisorte in der Region Perm, in: Mählert u. a. (Hg.): JHK 2011, Berlin 2011, S. 257–268. Der Mangel an derartigen Gedenkstätten hängt gewiss auch mit der vielfach unwirtlichen Lage der Lager zusammen. 20 Irina Scherbakowa glaubte 2007 eine »schleichende Restalinisierung« konstatieren zu können, in der Stalin als »Verkörperung« des Imperiums, einer starken Regierung und des Nationalstolzes galt. Siehe Irina Scherbakowa: 1917/1937 und das heutige Russland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 57 (2007), B 44–45, S. 21–26, hier S. 26. 21 Siehe Elke Fein: Geschichtspolitik in Rußland. Chancen und Schwierigkeiten einer demokratisierenden Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft MEMORIAL, München 2000. 22 Siehe Isabelle de Keghel: Abschied vom sowjetischen Gründungsmythos – Die Oktoberrevolution im Vergangenheitsdiskurs des spät- und postsowjetischen Russland, in: Faulenbach/Jelich (Hg.): »Transformationen« (Anm. 2), S. 227–252. 23 Siehe Andreas Langenohl: Die Erinnerungsreflexion des Großen Vaterländischen Krieges in Russland zum fünfzigsten und sechzigsten Jahrestag des Sieges (1995 und 2005), in: Mählert u. a. (Hg.): JHK 2005, Berlin 2005, S. 68–80. 24 Siehe Boris Dubin: Erinnern als staatliche Veranstaltung. Geschichte und Herrschaft in Russland, in: Osteuropa 58 (2008), H. 6, S. 57–65. 25 Siehe Andreas Wirsching: Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012, S. 377 ff. 26 Siehe Dubin: Erinnern als staatliche Veranstaltung (Anm. 24), insbes. S. 63 f. 27 Siehe Leggewie/Lang: Der Kampf (Anm. 4), S. 56 ff. 28 Siehe dazu die Beiträge von Carmen Scheide, Karsten Brüggemann, Katja Wezel und Alvydas Nikzentaitis in Osteuropa 58 (2008), H. 6. 29 Siehe dazu die Beiträge von Christoph Kleßmann, Hans-Jürgen Bömelburg, Krzysztof Ruchniewicz, in: Faulenbach/Jelich (Hg.): »Transformationen« (Anm. 2). 30 Siehe zu den Erinnerungskulturen in Osteuropa Anna Kaminsky: Sichtbare Erinnerungen. Orte des Gedenkens und Erinnerns an die Opfer der kommunistischen Regime in Osteuropa, in: Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur (Anm. 5), S. 248–261. 31 Siehe Volkhard Knigge/Ulrich Mählert (Hg.): Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln/Weimar/Wien 2005. 32 Siehe Troebst: Jalta versus Stalingrad (Anm. 8); ders.: Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Göttingen 2010. 33 Siehe Klaus von Beyme: Systemwechsel in Osteuropa, Frankfurt a. M. 1994. 34 Siehe Memorial: Nationale Geschichtsbilder. Das 20. Jahrhundert und der »Krieg der Erinnerungen«. Ein Aufruf, in: Osteuropa 56 (2008), H. 6, S. 77–84. 35 Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011. 36 Siehe zu Jedwabne Hans-Jürgen Bömelburg: Die Erinnerung an die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkrieges in Polen – Transformationen und Kontinuitäten der polnischen Erinnerungskultur 1980–2005, in: Faulenbach/Jelich (Hg.): »Transformationen« (Anm. 2), S. 53–78, hier S. 72 ff. 37 Die Holocaust-Diskussion verlagert sich inzwischen teilweise nach Osteuropa. Siehe das Gespräch zwischen Ian Kershaw und Timothy Snyder: Vierzehn Millionen Opfer waren nicht überraschend, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. September 2012, Nr. 219, S. N4. 38 Siehe Muriel Blaive: The Memory of the Holocaust and the Communist Repression in a Comparative Perspective. The Cases of Hungary, Poland and Czechoslovakia/the Czech Republic, in: Blaive/Gerbel/Lindenberger (Hg.): Clashes in European Memory (Anm. 2), S. 154–172. Zu Ungarn siehe die Beiträge von Gerhard Seewann/Eva Kovacz und von Kristian Ungváry in Faulenbach/Jelich (Hg.): »Trans-formationen« (Anm. 2), S. 189–200 u. 201–220. 39 Siehe Wolfgang Wippermann: Heilige Hetzjagd. Eine Ideologiegeschichte des Antikommunismus, Berlin 2012, S. 64 ff. 40 François Furet: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München/Zürich 1995. 41 Siehe Courtois/Werth u. a.: Schwarzbuch (Anm. 9). 42 Siehe Barbara Spinelli: Der Gebrauch der Erinnerung. Europa und das Erbe des Totalitarismus, München 2002, S. 16 ff. 43 Siehe Ulrich Pfeil: Frankreich: Entwicklungslinien der französischen Erinnerungskultur in den letzten Jahren, in: Faulenbach/Jelich (Hg.): »Transformationen« (Anm. 2), S. 299–327, hier S. 304 ff. 44 Siehe Aleida Assmann: Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur?, Wien 2012, S. 39 ff. 45 Siehe dazu Bernd Faulenbach: Der Umgang mit der DDR-Vergangenheit in der Zukunft, in: Julian Krüper/Heiko Sauer (Hg.): Staat und Recht in Teilung und Einheit, Tübingen 2011, S. 253–267; recht kritisch Carola S. Rudnick: Die andere Hälfte der Erinnerung. Die DDR in der deutschen Geschichts-politik nach 1989, Bielefeld 2011. 46 Siehe Bernd Faulenbach: Diktaturerfahrungen und demokratische Erinnerungskultur, in: Anne Kaminsky (Hg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Berlin 2007, S. 15–24. 47 Bereits 1991 habe ich für den deutschen Fall die Formel entwickelt: Die NS-Verbrechen dürfen durch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus nicht relativiert, doch umgekehrt diese auch nicht unter Hinweis auf die NS-Verbrechen bagatellisiert werden, eine Forderung, die – teilweise leicht variiert – in einer ganzen Reihe von Papieren übernommen wurde. 48 Siehe Thomas Lindenberger: Governing Conflicted Memories. Some Remarks about the Regulation of History Politics in Unified Germany, in: Blaive/Gerbel/Lindenberger (Hg.): Clashes in European Memory, S. 73–87. 49 Assmann: Auf dem Weg (Anm. 44), S. 44. 50 Siehe Bernd Faulenbach: Erscheinungsformen des »Antikommunismus«. Zur Problematik eines viel-deutigen Begriffs, in: Mählert u. a. (Hg.): JHK 2011, Berlin 2011, S. 1–13, hier S. 9 ff. 51 Siehe Materialien der Enquetekommission »Aufarbeitung und Folgen der SED-Diktatur«, Bd. IX, Baden-Baden 1995, S. 686–694. 52 Siehe Bernd Faulenbach: Konkurrierende Vergangenheiten? Zu aktuellen Auseinandersetzungen um die deutsche Erinnerungskultur, in: DeutschlandArchiv 37 (2004), S. 648–659, hier S. 651. Siehe auch Sandra Kalniete: Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee. Die Geschichte meiner Familie, München 2007. 53 Siehe Kaminsky (Hg.): Orte des Erinnerns (Anm. 46). 54 Siehe Michael Weigl: Europa neu denken? Zur historischen Umorientierung europäischer Identitäts-politik, in: Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur (Anm. 5), S.177–188. Siehe Meyer: Die Identität Europas (Anm. 5). 55 Siehe dazu Wirsching: Der Preis der Freiheit (Anm. 25), S. 377 f.; Stefan Troebst: Die europäische Union als »Gedächtnis und Gewissen Europas«? Zur EU-Geschichtspolitik seit der Osterweiterung, in: Etienne François u. a. (Hg.): Strategien der Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2012. 56 Siehe Michael Jeismann: Auf Wiedersehen Gestern. Die deutsche Vergangenheit und die Politik von morgen, München 2001, S.139 ff. 57 Siehe Dan Diner: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust, Göttingen 2007; ders.: Der Holocaust (Anm. 7). Siehe Assmann: Auf dem Weg (Anm. 44), S. 29 ff. 58 Siehe Katrin Hammerstein/Birgit Hofmann (Hg.): Europäische »Interventionen«. Resolutionen und Initiativen zum Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, in: Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur (Anm. 5), S. 189–203. 59 Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus, in: Amtsblatt der Europäischen Union, Nr. 2010/C 137 E/05, vom 27. Mai 2010, S. 25–27; abgedruckt bei Troebst: Die Europäische Union (Anm. 55). Zur Bedeutung des 23. August 1939 siehe Osteuropa 59 (Juli/August 2009); Anna Kaminsky/Dietmar Müller/Stefan Troebst (Hg.): Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer, Göttingen 2011. 60 Zur Kritik von Yehuda Bauer, Heidemarie Uhl und Günter Morsch (Jüdische Allgemeine vom 20. August 2009) siehe Troebst: Die Europäische Union (Anm. 55). 61 Siehe Sachverständigenausschuss Haus der Europäischen Geschichte. Konzeptionelle Grundlagen für ein Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel 2008. 62 Claus Leggewie/Lang: Der Kampf (Anm. 4). Zum Problem des europäischen Geschichtsbewusstseins allgemein siehe Rudolf Vierhaus: Grundlagen europäischer Zivilisation. Zum Problem der Darstellung europäischer Geschichte, in: ders.: Vergangenheit als Geschichte. Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2003, S. 64–80. 63 Siehe Assmann: Auf dem Weg (Anm. 44), S. 50 ff.; Memorial: Nationale Geschichtsbilder (Anm. 34). 64 Problematisch ist es, wenn Parlamente und Regierungen sich als oberste Instanzen der Geschichtsdeutung begreifen und glauben, wissenschaftlich und publizistisch kontroverse Fragen der Geschichte entscheiden zu können. Vor einer solchen Tendenz, die in verschiedenen europäischen Ländern erkennbar sei, haben prominente europäische Historiker, zu denen Jacques Le Goff, Pierre Nora, Eric Hobsbawm, Timothy Garton Ash und Heinrich August Winkler gehören, 2008 in einer Erklärung gewarnt, in der es heißt: »In einem freien Staat ist es nicht die Aufgabe irgendeiner politischen Autorität zu definieren, was die historische Wahrheit sei, geschweige denn darf sie die Freiheit des Historikers mittels der Androhung von Strafaktionen einschränken [...] Die politisch Verantwortlichen bitten wir zu begreifen, dass es zwar zu ihren Aufgaben gehört, das kollektive Gedächtnis zu pflegen, dass sie aber keinesfalls per Gesetz Staatswahrheiten institutionalisieren sollen, die schwerwiegende Konsequenzen für die Arbeit des Historikers und für die intellektuelle Freiheit insgesamt haben können.« (Zitiert nach Katrin Hammerstein/Julie Trappe: Einleitung, in: Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur (Anm. 5), S. 9–18, hier S. 18).

JHK 2013

Editorial

Editorial »Die revolutionären Umbrüche in Mittel-, Ost- und Südosteuropa 1989/90 und der durch sie eingeleitete Kollaps der kommunistischen Regime im Herrschaftsbereich der ehemaligen Sowjetunion markieren nach 1917 und 1945 eine der weltpolitisch und historisch wichtigsten Zäsuren des 20. Jahrhunderts. Dies gibt besonderen Anlass, einen kritischen Blick auf die Vergangenheit kommunistischer Herrschaft und ihre Hauptträgerinnen, die ›Parteien neuen Typs‹, zu werfen. […] Nun ist eine gründliche, quellengestützte Aufarbeitung der zahlreichen Forschungsfelder eine Aufgabe, die weder von Sachkundigen eines Landes noch etwa gar eines einzelnen Instituts geleistet werden kann. Nur die planvolle internationale Zusammenarbeit und der regelmäßige Meinungsaustausch einer möglichst großen Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern lässt Erfolge erwarten. Der jetzt erstmals vorgelegte Band des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung soll hierzu einen Beitrag leisten. Es versteht sich als ein regelmäßiges Forum, auf dem aktuelle Erträge der Forschung und Dokumente präsentiert, neu erschlossene Archivbestände und Projekte bekanntgemacht, Forschungskontroversen ausgetragen und Neuerscheinungen kritisch gewürdigt werden können.« So haben die Herausgeber der ersten Ausgabe des JHK vor nunmehr 20 Jahren den Anspruch ihres Jahrbuchs formuliert, der bis heute Gültigkeit besitzt. Tatsächlich hat sich das Jahrbuch seitdem zu der deutschsprachigen Plattform der internationalen Forschergemeinschaft entwickelt, die sich mit der Geschichte des Kommunismus in all seinen Erscheinungsformen beschäftigt. Rund 370 Autorinnen und Autoren haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihre Arbeiten im Jahrbuch veröffentlicht. Es wurde – zunächst im Akademie Verlag, seit 2001 unter dem Dach des Aufbau Verlags in Berlin – zu einem angesehenen Publikationsort. 2004 übernahm die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Redaktion des Jahrbuchs. Sein Inhalt wird allein von den Herausgebern verantwortet, die sich der Expertise namhafter internationaler Beiräte erfreuen. Seit 2001 informiert außerdem der International Newsletter of Communist Studies im Jahrbuch über Konferenzen, neu erschlossene Archivbestände, einschlägige Publikationen und Webressourcen. Wer sich mit der Geschichte des Kommunismus beschäftigt, kommt am JHK nicht vorbei. Die aktuelle Ausgabe spiegelt die inhaltliche Breite der Fragestellungen und Forschungsinteressen. Der Band vereint gleichermaßen Studien zum vorrevolutionären Russland wie zum Charisma, das die Komintern in ihren Anfängen entfaltete oder zur Starnberger Kommune, die während der Bayerischen Räterepublik nur einige Wochen währte. Die Themen reichen von der Kollektivierung der weißrussischen Landwirtschaft über Edvard Beneš und die Sowjetisierung der Tschechoslowakei bis zu finnischen Bemühungen, 1953 ein neutrales Skandinavien zu schaffen. Erscheinungsformen des Kommunismus in Frankreich, konkret die Konversionen vom Linksradikalismus zum Judentum, sowie antikommunistische Untergrundarbeit in Dänemark weiten den Blick westwärts des Eisernen Vorhangs. Mit einem Beitrag zum DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 widmet das Jahrbuch einem Ereignis Aufmerksamkeit, das vor 60 Jahren Deutschland und die Welt erschütterte. Fünf Beiträge gehen der Frage nach, aus welchen Motiven sich Forscher mit der Geschichte des Kommunismus in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Dänemark befasst haben. Die Studien verdeutlichen, dass die Kommunismusforschung im 20. Jahrhundert vor allem von zwei Gruppen geprägt wurde: zum einen von Wissenschaftlern, die sich einst selbst als Teil der Bewegung verstanden hatten, aber mit ihr brachen, zum anderen von Autoren, die kommunistischen Parteien angehörten oder nahestanden und, wenngleich auch mit unterschiedlicher Intensität, parteiliche Geschichtsschreibung betrieben. Die Beiträge laden dazu ein, im Rahmen der historischen Kommunismusforschung weitere biografische Studien zu unternehmen. Einen weiteren Schwerpunkt des Jahrbuchs bilden drei Texte zum Umgang mit sowjetischen Ehrenmalen in Litauen, Estland, Bulgarien, Österreich und Deutschland vor und nach 1990, die als steinerne Relikte der Vergangenheit vor allem in den baltischen Staaten Anlass für heftige gesellschaftliche Konflikte sind. Die Herausgeber freuen sich, dass unter den 19 Beiträgen der aktuellen Ausgabe auch ein Beitrag des Begründers des Jahrbuchs, Hermann Weber, zu finden ist, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiert. Der Nestor der historischen Kommunismusforschung rekapituliert die Geschichte der Zeitschrift »Der dritte Weg«, die in den Jahren 1959 bis 1964 in Westdeutschland erschienen ist. Zu ihren Autoren zählten neben Hermann Weber auch Heinz Lippmann, Wolfgang Leonhard, Gerhard Zwerenz und Jo Schölmerich, allesamt ehemalige Kommunisten, die mit dem Stalinismus gebrochen hatten. Sie wollten mit der Zeitschrift den Einfluss des SED-Regimes schmälern und bedienten sich – ohne dass dies allen Autoren bewusst war – der finanziellen Unterstützung durch den westdeutschen Verfassungsschutz. Wie geht es weiter? Die Ausgabe 2014 des JHK wird u. a. der Erinnerung an den Kommunismus seit der Überwindung seiner Diktaturen in Europa gewidmet sein; ein Thema, das bereits im aktuellen Jahrbuch im »Forum« aufgegriffen wird. Das JHK 2015 soll die Rolle der Frauen in den kommunistischen und linkssozialistischen Bewegungen sowie in den kommunistischen Diktaturen in den Blick nehmen, ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit als bisher verdient. Mit Wehmut und Respekt gedenken die Herausgber des Jahrbuchs ihrem Mitherausgeber Horst Dähn, der im vergangenen Jahr im Alter von 71 Jahren verstorbenen ist. Ein Nachruf an anderer Stelle im Jahrbuch soll an ihn erinnern. Sie danken der Mannheimer Hermann-Weber-Stiftung sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin für die Projektförderung sowie dem Bundessprachenamt für die Übersetzung einiger fremdsprachiger Beiträge. Ohne die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hätte die aufwändige Redaktion der Beiträge nicht erfolgen können, die Birte Meyer wie stets versiert übernommen hat. Ebenso gilt der Dank der Herausgeber dem Aufbau Verlag und dort namentlich Maria Matschuk. Möge die aktuelle Ausgabe viele aufmerksame Leserinnen und Leser finden! Berlin im Februar 2013 Die Herausgeber Inhalt Editorial

JHK 2013

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

VOL. XIX (2013), NO 26. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies. With support of The Centre for Contemporary History (ZZF), Potsdam. Executive Editor Bernhard H. Bayerlein, Potsdam/Cologne, bayerlein@zzf-pdm.de Junior Editor Gleb J. Albert, Bielefeld, gleb.albert@uni-bielefeld.de Unter Mitarbeit von Véronique Mickisch, Berlin Board of Correspondents Lars Björlin (Stockholm)Kasper Braskén (Åbo)Cosroe Chaqueri (Paris)Sonia Combe (Paris)Mathieu Denis (Montréal)Jean-François Fayet (Geneva)Jan Foitzik (Berlin)José Gotovitch (Bruxelles)Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta)Gabriella Hauch (Linz)John Haynes (Washington)Victor Heifets (St. Petersburg)Gerd-Rainer Horn (Coventry)Jesper Jørgensen (Copenhagen)Dainis Karepovs (São Paulo)Kostis Karpozilos (Athens)Fritz Keller (Vienna)Todor Kuljic (Belgrade)Norman LaPorte (Pontypridd)Ottokar Luban (Berlin)Kevin McDermott (Sheffield)Brendan McGeever (Glasgow)Kevin Morgan (Manchester)Manfred Mugrauer (Wien)Timur Mukhamatulin (Moscow)José Pacheco Pereira (Lisbon)Fredrik Petersson (Åbo/Stockholm)Aleksandr Reznik (St Petersburg)Tauno Saarela (Helsinki)Wolfgang Schlott (Bremen)Uwe Sonnenberg (Potsdam)Daniela Spenser (México DF)Jérémie Tamiatto (Paris)Carola Tischler (Berlin)Reiner Tosstorff (Mainz)Berthold Unfried (Vienna)Raquel Varela (Lisbon)Gerrit Voerman (Groningen)Rolf Wörsdörfer (Darmstadt)Frank Wolff (Osnabrück) Advisory Board: Prof. Dr. Aldo Agosti, Torino; Dr. Jürgen Danyel, Potsdam; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Dr. Jens Gieseke, Potsdam; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Avgust Lešnik, Ljubljana; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris/Berlin; Prof. Dr. Feliks Tych, Warsaw; Prof. Dr. Marcel van der Linden, Amsterdam; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Holger Weiss, Åbo; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Founding Members: Dr. Bernhard H. Bayerlein (Aachen/Lausanne); Prof. Dr. Marjan Britovsek † (Ljubljana); Prof. Dr. Pierre Broué † (Grenoble); Dr. Putnik Dajic (Belgrade); Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds); Prof. Dr. Fridrich Firsov (Moscow); Dr. Jan Foitzik (Berlin); Dr. Peter Huber (Basel); Prof. Dr. Avgust Lešnik (Ljubljana); Aurelio Martin Najera (Madrid), Dr. Jürgen Mothes † (Leipzig); Prof. Dr. Vera Mujbegovic (Belgrade); Dr. Alexander Pantsov (Moscow), Dr. Dubravka Stajic (Belgrade); Prof. Dr. Brigitte Studer (Berne); Dr. Frantisek Svátek (Prague); Prof. Dr. Aleksandr Vatlin (Moscow); Dr. Zdeněk Vašíček † (Prague); Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber (Mannheim). Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam, Germany. Postal Adress: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany | Phone and Fax: 0049 (0)221 42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de – bayerlein@zzf-pdm.de Homepage: http://newsletter.icsap.eu Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter TABLE OF CONTENTS I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters and Web Services – New issues. Selected Items. • Aufarbeitung Aktuell (Berlin) • NewsNet (Philadelphia) • Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen (Vienna) • Mitteilungen des FABGAB (Berlin) II. News on Archives, Holdings and Institutions • New Declassifications in Russian Archives, 2011 • Stanford: »Dissertation Reviews« Website • Teramo: L’Ordine Nuovo Digitized • Amsterdam: New Dan Goulooze Papers at the IISH • Manchester: PSA Communism Specialist Group Formed • Moscow: Website Relaunch of the RGASPI & International Brigades Digital Archive • Amsterdam: Ngo Van Papers at the IISH • Coventry, UK: Internet Project »Trabajadores: The Spanish Civil War Through the Eyes of Organised Labour« • Budapest: New Sources on the 1956 Revolution at OSA • Washington, D.C.: Jacques Rossi Memorial Gulag Research Fund • Neue Informationen zur Biographie von Voldemārs Roze • Potsdam-Berlin: Internet-Portalprojekt DDR-Presse • Andreas Peglau, Berlin: Bericht über einen Besuch im Wilhelm-Reich-Archiv, Boston, USA III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress • David Broder (London, UK): Bandiera Rossa, Communism and the Working Class during the German Occupation of Rome, 1943–44. PhD Project • Serhiy Hirik (Kyiv, Ukraine): The Ideology of the Ukrainian Party of Socialists-Revolutionaries (Borotbists) / The Ukrainian Communist Party (Borotbists), 1918–1920. PhD Project • Jonathan Waterlow (Oxford, UK): The Soviet ›Nuremberg‹: Forging the Postwar World Beyond the Iron Curtain, 1945–1953. Research Project • Florian Wilde (Hamburg, Germany): Ernst Meyer (1887–1930). Vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie. Dissertation • Dissertations Reviewed at »Dissertation Reviews« IV. Studies and Materials V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews V.2 Presentations and Announcements. • Carlos Nelson Coutinho: Gramsci’s Political Thought, Leiden-Boston, Brill, 2012. XVI, 198 pp. (Historical Materialism Book Series. 38). – ISBN 978-9-00422-866-5. • Walter Thys (ed.): Vom Wandervogel zum »Compañero«. Jan Andries Jolles. 1906–1942. Soldat der Weltrevolution. Dokumente zu einer Biographie [From »Wandervogel« to »Compañero«. Jan Andries Jolles, 1906–1942. Soldier of World Revolution. Materials for a Biography], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 393 pp. – ISBN 978-3-86583-531-4. • Jacob A. Zumoff: The Communist International and US Communism. 1919–1929, Leiden, Brill, 2013. Approx. 600 pp. • Nicholas John Williams: Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview, Marburg, Tectum-Verlag, 2011. 304 pp. – ISBN 978-3-8288-2663-2. • Kevin Morgan: Bolshevism, Syndicalism and the General Strike. The Lost Internationalist World of A. A. Purcell, London, Lawrence & Wishart, 2013. 480 pp. (Bolshevism and the British Left. 3). – ISBN 978-1-90710-354-4. • Andreas Petersen: Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundertdiktat. Erwin Jöris [Your Gob Will Freeze in Siberia! The Dictation of a Century. Erwin Jöris], Wiesbaden, marixverlag, 2012. 520 pp. ISBN 978-386-539284-8. • John Eric Marot: The October Revolution in Prospect and Retrospect. Interventions in Russian and Soviet History, Leiden-Boston, Brill, 2012. X, 273 pp. (Historical Materialism Book Series. 37). – ISBN 978-9-00422-865-8. • Ludmila Thomas: Georgi Tschitscherin. »Ich hatte die Revolution und Mozart« [Georgii Chicherin. »I Had the Revolution and Mozart«], Berlin, Karl Dietz Verlag, 2012. 287 pp.ISBN 978-332-002275-4. • Gertrud Lenz: Gertrud Meyer. Ein politisches Leben im Schatten Willy Brandts. 1914–2002, Paderborn, Schöningh, 2013. 252 pp. ISBN 978-350-677569-6. • David King: Russische revolutionäre Plakate. Bürgerkrieg und bolschewistische Periode, sozialistischer Realismus und Stalin-Ära. Übersetzt von Peter Sondershausen, Essen, Mehring, 2012. 144 pp. – ISBN 978-3-88634-098-9. • Wolfgang Hesse (ed.): Die Eroberung der beobachtenden Maschinen. Zur Arbeiterfotografie der Weimarer Republik [The Conquest of the Observing Machines. Workers’ Photography in the Weimar Republic], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 491 pp. (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde. 37). – ISBN 978-3-86583-616-8. • Doris Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen. 1918–1960 [Between Trust and Treason. German-language Communist Intellectuals and Their Social Relations. 1918–1960], Göttingen, V&R Unipress, 2012. 576 pp. (Freunde – Gönner – Getreue. 5). – ISBN 978-3-89971-939-0. V.3 Books Sent in for Review VI. Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2012–2013 VI.1 Conference List • Past Meetings and Conferences 2012 • Meetings and Conferences 2013 VI.2 Conference Reports and Announcements • 9th Historical Materialism Conference, 8–11 November 2012, London VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2012. Books and Journal Articles on Communism VIII. Periodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters and Bulletins VIII.2 Announcements and Calls for Papers • Announcement: Workers of the World. International Journal of Strikes and Social Conflict • Announcement: Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda, año 1, n° 1 IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies X. Communism in Culture, Art and Media • Some Exhibitions on the History of Communism, 2012 • Berlin: Ausstellung und Tagung über Willi Münzenberg • Tatlin-Ausstellungen in Moskau und Basel • Die Tochter des Generals: Verschollener Roman von Arkadij Maslow veröffentlicht XI. Discussions, Debates, Historical Controversies • William A. Booth (London, UK): Mid-Century Communisms: A Schematic Approach? • Controversy around the Trotsky Biography by Robert Service • Russia: »Commission against Falsification« Dissolved • Debatte um neues Buch von Jörg Baberowski XII. Miscellanea • Historical Materialism Book Series: Selected Works of Amadeo Bordiga. Call for Donations • Wilhelm Reich und Willy Brandt – ein Nachtrag • Helmut Fleischer (1927–2012) • Eric J. Hobsbawm (1917–2012) • Carlos Nelson Coutinho (1943–2012) • Horst Dähn (1941–2012) • Harmut Mehringer (1944–2011) • Klaus Tenfelde (1944–2011) • Jorge Semprún (1923–2011) • Sergei Alekseevich Pavliuchenkov (1960–2010) Section IThe Newsletter of the Newsletters:Communist Studies Newsletters and Web Services – New Issues. Selected Items. Aufarbeitung Aktuell. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/newsletter-aufarbeitung-aktuell-1171.html Bis 2010 unter dem Namen »Neues aus der DDR-Forschung« erschienen, informiert der Newsletter weiterhin über neue Forschungen, aktuell erschienene »graue Literatur«, Veranstaltungen und Ausstellungen aus dem Bereich der DDR-Geschichte. Die regulären Rubriken sind »Neues aus Forschung und Wissenschaft«, »Ausstellungen«, »Museen und Gedenkstätten«, »Archive und Bibliotheken«, »Publikationen«, »Termine«, »Multimediales«, »Personen und Institutionen«, »Sonstiges«, »Projektmeldungen«. Alle Ausgaben können online eingesehen werden. NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA. » www.aseees.org/publications/newsnetmain.html NewsNet, a newsmagazine of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES), is published five times a year and includes information in the field of Slavic, Russian, Central European, and Eurasian studies. It is distributed to all ASEEES members, recent issues are also available for download. Apart from the items listed below, each issue carries the following standard rubrics: News from ASEEES, Affiliates and Institutional Members [and various other ASEEES-internal topics] • Personages • In Memoriam • Publications • Library and the Internet News • Publications • Index of Advertizers • Calendar. 2012/1, January: Bruce Grant: »We are All Eurasian«, 2011 Presidential Address to the Convention • 2011 Executive Director’s Report. 2012/2, March: Peter Rutland: Through a Glass Darkly: Academic Reflections on the 20th Anniversary of the Soviet Collapse • Alexei Lalo: From the US with Lust: Russia as an Object of Sex (Studies) with a Response by Eliot Borenstein. 2012/3, May/June: Kim Lan Scheppele: Goulash Post-Communism • Evgenii Ishmenev (transl. by Wendy Goldman): The Ural Working-Class Movement Seen Through the Discourse of Russian Mass Media • Sean Guillory: Rampaging Through RuNet • Lily Lynch: Bturn Magazine: Reinventing the Balkans • Josh Wilson: Building Niche Communities Online. 2012/4, August: Irena Grudzińska-Gross: The Year of Czesław Miłosz • Joyce Warner: 10 Tips for Writing a Successful International Research Fellowship Proposal • Choi Chatterjee Accidental Transnationalism: A Global State of Mind • Ksenya Kiebuzinski: Émigré Digital Collection at the Center for Research Libraries. 2012/5, October: Jane Sharp: The State of Research in Russian and Soviet Art: an Interview of Matthew Jesse Jackson, University of Chicago • Announcement of the 2012 ASEEES Prize Winners • Marshall Poe: Getting the Word Out 2.0 • Susanne Schattenberg: A ›Safe Haven‹ for Dissidents’ Documents: The Research Center for East European Studies • Wookjin Cheun: Peter Czap Gagarin Archive Materials Collection at Indiana U • Call for Proposals for the 2013 ASEEES Convention. Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria. » www.klahrgesellschaft.at 2012/1, März: Gerhard Oberkofler: Ein rassistisches Laboratorium des Deutschen Imperialismus in der Tschechoslowakei vor 1938 • Helmut Rizy: Karl Wiesinger (1923–1991) • Peter Goller: Walter Benjamins Studium der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung (1933–1940) • Martin Krenn: Bundesgesetz über die Aufhebung und Rehabilitierung (Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz 2011) beschlossen • Rezension: Christine Axer: Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Deutschland und Österreich im Vergleich und im Spiegel der französischen Öffentlichkeit (Claudia Kuretsidis-Haider) • Nachruf Hans Heinz Holz (1927–2011) (Martin Krenn) 2012/2, Juni: Martin Krenn/Michael Tatzber-Schebach: Alfred Klahr (1904–1944) – Neue Forschungen zu seiner Biographie • Hans Hautmann: Kommunisten und Kommunistinnen in der Wiener Polizei • Personenverzeichnis von KPÖ-Angehörigen in der Wiener Polizei • Helmut Rizy: Erinnern an Henriette Haill • Gerhard Oberkofler: Das Sonderpostwertzeichen der Deutschen Demokratischen Republik für Julius Fucík • Rezension: Hans Mikosch/Anja Oberkofler (Hg.): Gegen üble Tradition, für revolutionär Neues. Festschrift für Gerhard Oberkofler (Martin Krenn) • Rezension: Sonja Frank (Hg.): Young Austria. ÖsterreicherInnen im britischen Exil 1938–1947. Für ein freies, demokratisches und unabhängiges Österreich. (Michael Graber) • Rezension: Gerhard Feldbauer: Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde. (Alexander Dinböck) 2012/3, September: Gerhard Oberkofler: Bemerkungen zur Wahlpolitik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nach 1945 • Manfred Mugrauer: »Genosse Eisler«. Über den Versuch Hanns Eislers, Mitglied der KPÖ zu werden • Lutz Holzinger: Die Linkskurve in der österreichischen Literatur der 1970er Jahre • Bericht: Die Geschichte des Grauen Hauses und die österreichische Strafgerichtsbarkeit (Claudia Kuretsidis-Haider) • Bericht: Die Zeitton-Edition (Hannes Heher) • Rezension: Das deutsche Volk klagt an. Hitlers Krieg gegen die Friedenskämpfer in Deutschland. Ein Tatsachenbericht (Florian Schwanninger) • Rezension: Brigitte Halbmayr: Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein. Eine politische Biografie (Alexander Dinböck) Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, Germany. » www.fabgab.de N° 41, März 2012: Außerordentliche Sitzung des Kuratoriums der SAPMO-BArch • Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung Wien • Der Duncker-Nachlass und die Überlieferung des Briefwechsels • Brief von Heinrich Brandler an Wolfgang Abendroth vom 14. Juli 1964 • Archiv der BVVdN e.V. und des DRAFD e.V. • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer und des Bundes • 47. Konferenz der ITH • 42. Tagung der IALHI • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge N° 42, September 2012: Digitalisierung und Bestandszugänge in der SAPMO-BArch • Archiv der Münchner Arbeiterbewegung e.V. • Bibliotheksfundus Ostdeutschland • Internationales Online-Archiv: Workscontrol.net • 100 Jahre Unabhängigkeit Albaniens: Dokument aus dem Jahre 1923 • BBC-Rede von Heinz Kundel am 4. Januar 1945 • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer und des Bundes • 22. Sitzung des Kuratoriums der SAPMO-BArch • Konferenz anlässlich des 140. Geburtstags von Rosa Luxemburg • Promotionsprojekt zum Kulturbund der DDR 1945–1990 • Promotionsprojekt zur Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter 1930–1937 • Protokoll der 21. Jahresversammlung des Förderkreises • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge • Buchbesprechungen Section IINews on Archives, Holdings and Institutions New Declassifications in Russian Archives, 2011. Volume 12 (2011) of the declassification bulletin issued by Russia’s Federal Archival Agency gives an overview of a multitude of declassified files in Russian state archives. The following declassifications might be of interest for studies on communism and the Soviet Union: • Archive of the President of the Russian Federation (AP RF): documents on early Soviet statistics and healthcare; the repression of geologists in 1949; Politburo documents on the industry in Magnitogorsk, Soviet spacecrafts, and the Worker-Peasant Inspection. • Russian State Archive on Recent History (RGANI): several holdings on post-War CPSU history, including Politburo documents on the temperance movement under Gorbachev. • Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI): selected holdings of the State Defense Committee (1941–1945); materials on international relations of the post-War Komsomol; selected holdings of the Komsomol’s Central School; secret materials of the Institute of Social Sciences of the CC CPSU. • State Archive of the Russian Federation (GARF): holdings of the secretariats of several Soviet state, party and military leaders (K. Voroshilov, L. Beriia, V. Malyshev, A. Protasov, A. Mikoian, M. Pervukhin, N. Bulganin, L. Kaganovich) between 1938 and 1945; diverse holdings of the Supreme Council and the Council of People’s Commissars of the USSR; documents of the Ministery of Internal Affairs (MVD) on the suppression of the Ukrainian nationalist underground; holdings of the Extraordinary State Commission founded to estimate the damage done by German occupation, 1943–1951. • Russian State Military Archive (RGVA): diverse holdings related to Soviet military history, including numerous holdings on prisoners of war in several parts of USSR after World War 2. • Russian State Archive of Economy (RGAE): documents on the »Lend-Lease« programme during World War 2; holdings of the Ministery of Aviation Industry (1965–1975). • Russian State Archive of Scientific and Technical Documentation (RGANTD): Materials on Soviet post-War aviation and space research. The Russian-language newsletter, including very detailed information on the declassified holdings, can be read online at www.rusarchives.ru/secret/bul12/index.shtml Stanford: »Dissertation Reviews« Website Dissertation Reviews (http://dissertationreviews.org/) was launched already in 2010. It features friendly overviews of recently defended and unpublished dissertations, as well as articles on archives and libraries around the world. The Editor-in-Chief is Thomas S. Mullaney, Associate Professor of History at Stanford University. Its section of archive and library reviews features many institutions in Russia, China, and the West that are relevant for communist studies, as you can see at http://dissertationreviews.org/archives/category/fresh-from-the-archives. Teramo: L’Ordine Nuovo Digitized The Centro Gramsci di Educazione in Teramo, Italy, has scanned and put online the L’Ordine Nuovo, the Communist newspaper edited by Antonio Gramsci between 1919 and 1921. For scanned issues from 1919 to 1925 in PDF format, visit www.centrogramsci.it/riviste/riviste.htm. Amsterdam: New Daan Goulooze Papers at the IISH Daniël (Daan) Goulooze (1901–1965), a key figure of the Communist Party in the Netherlands and the Comintern, grew up as an Amsterdam worker in construction, he was active in the Nationaal Arbeids-Secretariaat (NAS) and then in the Sociaal-Anarchistische Jeugd Organisatie (SAJO) subsequently joining the CPN. Since 1935 Goulooze led Comintern work for Georgi Dimitrov. As member of the Comintern liason office (OMS) during the occupation, he maintained contact with Moscow via radio. Arrested in 1943, he was later transferred to the Sachsenhausen concentration camp, after the liberation he got into conflict with CPN-frontman Paul the Groot, in 1948 he was expelled as a party member. The Archief Daan Goulooze at the International Institute of Social History, Amsterdam, has now been enriched by a donation from the family, consisting of documents relating to the return of Goulooze from Sachsenhausen to the Netherlands in 1945, membership booklets of the CPN 1945–1948, correspondence on to the suspension of Goulooze as CPN member in 1948, documents concerning the death of Goulooze in 1965, typescripts concerning the communist Resistance a.o. See: http://search.socialhistory.org/Record/ARCH03343/Description Manchester: PSA Communism Specialist Group Formed A Communism Specialist Group of the Political Studies Association of the United Kingdom has been launched with the aim of promoting the study of communism and facilitating scholarly exchanges across both national and disciplinary boundaries including work in the fields of political ideology, social and political movements, comparative party politics, the politics of collective memory and totalitarian studies. The group’s activities will include a blog providing news of current events, publications and work in progress and a register of members and their research interests. It will also organise panels at the PSA Annual Conference as well as occasional seminars and an annual day conference. The first conference was held on the theme of ›A century of anti-communisms‹ in Manchester in September 2012 and a selection of the papers will be published in the journal Twentieth Century Communism. There is no membership fee although there will be a small charge to non-PSA members wishing to attend events and only PSA members are entitled to the group’s reduced rate subscription to Twentieth Century Communism. For further information contact the convenors kevin.morgan@manchester.ac.uk or Gidon.cohen@durham.ac.uk or go to http://psacommunism.wordpress.com/ Moscow: Website Relaunch of the RGASPI & International Brigades Digital Archive The Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) in Moscow has relaunched its website. The new, Russian-language website is reachable at www.rgaspi.su/ and features detailed information on the archive and its services. Probably the most important new feature is a detailed list of all fondy and opisi of the archive’s holdings. Furthermore, linked to the website is a prototype of RGASPI’s new webportal for digitised documents. At http://interbrigades.inforost.org/ one can see the archive’s International Brigades collection. Only a preview version is visible yet. Amsterdam: Ngo Van Papers at the IISH In 2011, the International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam acquired the papers of the French-Vietnamese Trotskyist Ngo Van (1913–2005). A metal worker born near Saigon, Ngo Van was active in the Indochinese revolutionary movement from the 1930s onwards. In 1948, he moved to Paris, where he became a prolific writer and painter. He published several books on the history of the Indochi-nese revolutionary movement as well as his autobiography. The papers at the IISH contain correspondence, working materials, typescripts and other documents. Access is unrestricted. Detailed information on the holdings can be found at http://hdl.handle.net/10622/ARCH03247. For more materials on Ngo Van, including his paintings, see http://chatquipeche.free.fr/. Coventry, UK: Internet Project »Trabajadores: The Spanish Civil War Through the Eyes of Organised Labour« The Modern Records Centre at the University of Warwick (Coventry, UK) has launched a webportal presenting over 4.000 documents (more than 13.000 pages) on the involvement of the British labour movement in the Spanish Civil War. The bulk of the scanned documents originates from the UK Trade Union Congress archives, complemented by documents from other holdings and over 100 publications. Containing correspondence, minutes, visual propaganda materials, reports, leaflets and pamphlets, the digital collection constitutes an invaluable source on the history of the Spanish Civil War and international solidarity with Republican Spain. The webportal is being constantly updated with new materials and can be accessed with-out any restrictions at www.warwick.ac.uk/go/scw. Budapest: New Sources on the 1956 Revolution at OSA The Open Society Archives (OSA) in Budapest, Hungary, has recently acquired two collections of major importance for the history of the 1956 Hungarian Revolution. The first collection was donated to the OSA by Professor Gary L. Filerman, who in 1956–57 was the director of the student reception center at Camp Kilmer, New Jersey – a point of arrival for Hungarian refugees after the crushed uprising. Filerman’s task was to process Hungarian refugee students and to find places and scholarships for them. His papers contain reports about the camp, interviews with refugees, correspondence with students and officials, and photos of the revolution in Budapest as well as of everyday life in the refugee camp. Details on the contents can be found at http://osaarchivum.org/db/fa/412.htm. The second collection acquired consists of the personal papers of Gábor Magos (1914–2000), an agricultural engineer and politician who belonged to the circle around Imre Nagy during the Hungarian Revolution. In late 1956, after having organised underground work against the Kádar regime, Magos fled to Vienna and later testified before the United Nations about the situation in Hungary. The collection was donated to the OSA by Magos’ widow, Judit Gimes-Magos. An online inventory is not available yet. For general information, visit http://osaarchivum.org. Washington, D.C.: Jacques Rossi Memorial Gulag Research Fund Georgetown University has announced the creation of a research fund that will support conferences, speakers, and (under)graduate research on the history of the Gulag. The fund will be launched in spring 2013 with an international conference on Gulag history. Starting in 2013, up to $20,000 per academic year will be available to fund Gulag-related student research on the doctoral, MA, or undergraduate level. The fund is named after Jacques Rossi, a Polish-French writer and Comintern courier who was arrested in 1937 and spent the subsequent 19 years in Soviet prisons and camps; after migrating to the West, he wrote a Gulag encyclopedia and several autobiographical works. For information about the Memorial Fund, see the complete announcement at http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Russia&month=1202&week=a&msg=2tPpxREViQY8xZJTN3oVPg. Neue Informationen zur Biographie von Voldemārs Roze Unter dem Decknamen Peter Skoblewski war der lettischstämmige Revolutionär Voldemārs Roze maßgeblich an der Vorbereitung des gescheiterten »Deutschen Oktober« 1923 beteiligt. Jacques Mayer (HU Berlin), der bereits vor drei Jahren einen grundlegenden, auf Archivquellen basierenden Artikel zur Biographie der mythenumwobenen Gestalt vorgelegt hatte (siehe Meldung in INCS (2010), Nr. 23) hat nun eine erweiterte Version publiziert. Darin findet sich unter anderem die Übersetzung einer offiziellen Auskunft des FSB über das Schicksal von Roze im Stalinschen Terror – eine, wie Mayer schreibt »möglicherweise [...] erste offizielle Auskunft über Roze«, sowie ein Anhang mit erstmals publizierten Briefen und Kassibern Rozes aus der Untersuchungshaft in Leipzig 1924–1925. Der Artikel ist online unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:11-100199945 abrufbar. Potsdam-Berlin: Internet-Portalprojekt DDR-Presse Das Portal zur DDR-Presse, ein Kooperations-Projekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) mit der Staatsbibliothek zu Berlin, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), widmet sich den DDR-Tageszeitungen als historischen Medien und macht diese als Recherche-Material durch eine vollständige Digitalisierung im Netz frei zugänglich. Dabei wird durch die umfassende Digitalisierung der Zeitungen »Neues Deutschland«, »Berliner Zeitung« und »Neue Zeit« in Hinblick auf die derzeitige Auseinandersetzung mit DDR-Medien eine bedeutende Präsenz der DDR-Tageszeitungen als recherchierbares Material im Internet für die Forschung bereitgestellt. Neben der Relevanz der digitalen Erschließung von zeithistorischem Quellenmaterial verlangt der Umgang mit diesen gleichzeitig eine komplexe medienhistorische Einordnung. Eine wissenschaftliche Forschungsumgebung redaktionell betreuter Beiträge wird die digitalisierten Zeitungen durch einen wachsenden Umfang an methodischen Einführungstexten begleiten, um die Spezifik der Medienstrukturen in der DDR verständlich darzulegen. Mit Betrachtungen zu den strukturellen und institutionellen Bedingungen, wie sie an den Funktionsweisen der Abteilung Agitation und Propaganda und deren Direktiven nachzuvollziehen sind, aber auch die Ausbildung der Journalisten betreffen, wird die DDR-Presse vorrangig als Handlungsspielraum der SED-Diktatur zur Diskussion gestellt. Zudem wird die Bedeutung der gesellschaftlichen Aspekte in den Blick genommen, die die DDR-Presse als komplexes, diskursives Mediensystem (im deutsch/deutschen Diskurs) verdeutlichen und sich u. a. der Konstruktion von Medien-Öffentlichkeit in der DDR widmen. Den Bedingungen für die besondere, schwierige Lesbarkeit der Pressetexte widmet sich eine Analyse der Zeitungssprache. Ebenso ist die Presse-Fotografie der DDR als wichtiger Untersuchungsbereich zu betonen, da die politische Bildsprache den besonderen inszenatorischen Charakter der DDR-Presse zum Ausdruck bringt. Quelle: www.zzf-pdm.de/site/mid__3321/ModeID__0/EhPageID__806/741/default.aspx Andreas Peglau (Psychoanalytiker, Berlin, Germany): Bericht über einen Besuch im Wilhelm-Reich-Archiv, Boston, USA Am 3.11.1957 starb in den USA Wilhelm Reich: Arzt, ehemaliger Freud-Schüler, -Mitstreiter und -Antipode, bedeutender Psychoanalytiker, Vater der Körperpsychotherapie, Lebensenergieforscher, vormaliger Sozialdemokrat, Kommunist, Antifaschist, späterer Antistalinist. Testamentarisch hatte er festgelegt, dass seine Hinterlassenschaft erst 50 Jahre nach seinem Tode der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Im November 2007 war es soweit. Im Rahmen meines Dissertations- und Buchprojektes mit dem Arbeitstitel »Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus« habe ich im Januar 2012 dieses sich nun in der Medical School der Bostoner Harvard University befindliche Archiv besucht. Mein Ziel war nicht nur, bislang unbekannte Details zur Psychoanalysegeschichte zu finden. Ich wollte auch mehr Licht bringen in das Zusammenwirken und die Konflikte zwischen Reich und der KPD bzw. der europäischen Linken. Beides war mir möglich, auf Letzteres möchte ich hier anschließend noch einmal eingehen. [...] Siehe den vollen Text des Beitrags in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2012), no. 25, http://newsletter.icsap.de/home/data/pdf/INCS_25_ONLINE.pdf. Section IIIResearch Projects and Dissertations – Work in Progress David Broder, London School of Economics (London, UK): » Bandiera Rossa, Communism and the Working Class during the German Occupation of Rome, 1943–44. PhD Project. In 1939, figures from French Ambassador to Berlin Robert Coulondre to Leon Trotsky and Friedrich Adler expressed the idea that, much as World War I had ended in revolutionary explosions, a still-more disastrous war would challenge the bases of international capitalism. However, in almost all countries the Communist Parties restricted their strategy – and their members – to national unity against fascism, in conformity with the future spheres of influence designed by Churchill and Stalin. As these anti-fascist fronts came to power, capitalism was restabilised with the granting of limited concessions to the working class. The Western country where the pro-Moscow Communist leaders had the greatest difficulty imposing this anti-fascist popular front line on the working class was Italy. The mass partisan and workplace strug-gle was, for many, not only a fight against Germany or even against fascism, but the beginnings of a socialist revolution. Indeed, even before the March 1944 ›Salerno Turn‹ – whereby Palmiro Togliatti committed his party to unity with the monarchy and ex-fascist general Pietro Badoglio, in the interests of the Allied war effort – the largest formation in the Roman Resistance, the Movimento Comunista d’Italia (MCd’I; often known after its paper, Bandiera Rossa) posed a significant revolutionary alternative to the cross-class Comitato di Liberazione Nazionale. Bandiera Rossa is something of a case study in what Pierre Broué called »the party that had survived Fascism«, insofar as many of its militants had been members of the pre-1926 Communist Party of Italy and drew greatly on its politics as they began to organise again during World War II. Having heard close to nothing from the exiled Communist leadership during almost twenty years of Fascist repression, and thus isolated from the degeneration of the Comintern, these rank-and-filers had never been trained in the substitutionism and popular frontism at the heart of Stalinist resistance strategies. Moreover, as well as regrouping members of various tendencies from the pre-Fascist years – from anarchists and Bordigists to ›maximalist‹ Socialists – Bandiera Rossa was notable for mobilising new forces from the borgate, the slums largely populated by migrants from central Italy and workers forced out of the centre of Rome by Fascist city planners. My PhD dissertation is a social history of Bandiera Rossa, whose (albeit often eclectic) politics represent the clash between revolutionary perspectives based on a workers’ united front, and the essential conservatism of Stalinist anti-fascism. However, my study of this ephemeral formation and its militants – who have argely been buried or maligned by the Stalino-liberal mainstream of resistance historiography – will explore not only the dialectical relationship between communist partisans and Stalinism, but also look at how the class composition of Rome helped preserve revolutionary traditions and cultivated rebellion against both Fascism and bourgeois-institutional politics in general. Contact: Davidbr1988@gmail.com Serhiy Hirik, The M. Hrushevsky Institute of Ukrainian Archeography and Source Studies of the National Academy of Sciences of Ukraine (Kyiv, Ukraine): » The Ideology of the Ukrainian Party of Socialists-Revolutionaries (Borotbists)/The Ukrainian Communist Party (Borotbists), 1918–1920. PhD Project.1 The subject of my research is the ideology of the Borotbists – the most influential national communist movement operating in Ukraine during the revolutionary period of 1917–1920. The party was created after the Ukrainian Party of Socialists-Revolutionaries split in May 1918 during its Fourth Congress. Its left wing (also known as »Borotbists« by the name of the newspaper »Borot’ba« [»The Struggle«] issued by its leaders) gained control over the party’s Central Committee and began to call for cooperation with the Bolsheviks. At the Fifth (First)2 Congress (March 1919) the name of the party was changed into »Ukrainian Party of Socia-lists-Revolutionaries (Communists-Borotbists)« (UPSR-CB). On August 6, 1919, the UPSR (CB) unified with the left wing of the Ukrainian Social-Democratic Labour Party (Independentists). The new party was given the name »Ukrainian Communist Party (Borotbists)«. In August and November-December 1919 the UCP(B) made an effort to join the Comintern, but its application was rejected twice. After a session of the Bureau of the Executive Committee of the Comintern in December 1919, which was attended by representatives of the UCP(B) and the Communist Party (Bolsheviks) of Ukraine (CP(B)U), the Borotbists decided to merge with the Bolsheviks. After the Fourth Conference of the CP(B)U in March 1920, about 4,000 former Borotbists (less than a third of their total membership) became members of the Bolshevik party. At the same time, a number of former Borotbists joined the Ukrainian Communist Party (Ukapists). The ideology of the party of Borotbists was based on the old »narodnik« tradition. Great attention was paid to the peasant question that was especially acute in the Ukrainian territories of the former Russian Empire. Borotbists called for the socialization of agrarian property. Besides that, among the main items of their unofficial program were the creation of a separate Ukrainian Red Army (closely allied with the Russian one), the protection of the Ukrainian language through cultural and educational policy, and the creation of the World Federation of Soviet Republics on the principles of equal rights of all its members. The history of this party and particularly the development of its ideology are not properly studied in both Ukrainian and Western historiography. The most important works on this subject in the Soviet period3 were written by authors who did not have access to Soviet state and party archives. The works of Soviet Ukrainian historians4 were based on a narrow base of non-classified documents, and their authors could not study a large number of extremely important aspects of Borotbist history, such as its role in the Revolution and its relations with the CP(B)U, the Russian Bolsheviks and the Comintern in the years 1919–1920. Ukrainian historians who published their works after 19915 used the wide complexes of declassified documents from Ukrainian archives,6 but at the same time neglected crucial Russian archival materials.7 A study dedicated to the ideology of the Borotbists is to be published yet. Making use of previously unexplored Ukrainian and Russian archival sources, my project aims to recon-struct the ideology of the Borotbist party in the process of its development from the first days of its activity until the time of its liquidation. Contact: conservator.1985@gmail.com Jonathan Waterlow, Oxford University (UK): » The Soviet ›Nuremberg‹: Forging the Postwar World Beyond the Iron Curtain, 1945–1953. Research Project. The war crimes trials of the defeated Nazi leadership and their subordinates, synonymous with Nuremberg (although not confined to that city), could be considered a foundation-stone of the modern Western order. These trials established international laws and practices now taken for granted, not least the notion of judicial redress for state crimes. Moreover, they were a symbolic and consciously didactic transitional process from war into peace, reasserting the rule of law and interpreting the reasons for its earlier suspension. Despite their undeniable importance, however, we still know only half the story: the trials of German soldiers and civilians conducted under Soviet authority, both in cooperation with the other victors at Nuremberg itself (the trials of the ›major war criminals‹) and thereafter autonomously in the nascent East Germany (then the Soviet Occupied Zone, SBZ), have received almost no attention from scholars. Yet the Soviet trial narrative was no less foundational for the world east of the Iron Curtain. This project will examine the construction of that narrative, and how it was received and responded to by both Soviet public and German citizens in the SBZ. In doing so, it will contribute a comparative study of the establishment of the postwar order in eastern Europe that takes developing, contemporary interpretations of war, militarism, ›civilisation‹ and peace as seriously as they have been in studies of western Europe. These issues all helped to shape the initial trajectory of international politics and eastern European societies thereafter, but they have generally been neglected in the comparative literature on communist regimes, which has been more concerned with issues of ›totalitarianism‹, support and resistance. As in the West, an essential function of the trials was their didactic value; they therefore provide an effective vector by which to examine the official imposition of a new status quo in all spheres of political, economic and social life. Accordingly, in order to understand the significance and meaning of these changes in practice, we must assess how those lessons were received. My DPhil highlighted how official narratives can always be reinterpreted, and I shall use that experience of studying popular ›reclamations‹ of ideology to examine how ordinary citizens understood, shared, and potentially appropriated official narratives of the postwar moment to better reflect and interpret their own experiences. Moreover, due to the risk entailed by openly communicating confusion, doubts and criticisms (the key mechanisms of interpretation and adaptation to new societal norms), we can begin to trace the principal relational structures – the ›trust groups‹ which I examined in my previous research – that were developing after the destruction and vicissitudes of war. Of course, broader, more wide-ranging social ties certainly evolved over time as the new political and social norms stabilised and citizens acclimatised to them; to use Bourdieu’s term, new ›habitus‹ were forming in the rubble-strewn aftermath of war. It is the aim of my project to examine these habitus and how they developed: in short, what were postwar society and its social structures and how did they emerge East of the Iron Curtain? Florian Wilde, Universität Hamburg (Germany): » Ernst Meyer (1887–1930). Vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie. Dissertation.8 Ernst Meyer (1887–1930) ist als führende Figur des frühen deutschen Kommunismus weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei spielte Meyer zwei Jahrzehnte lang eine herausragende Rolle auf dem linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits als junger Mann war er als Redakteur des sozialdemokratischen Zentralorgans »Vorwärts« tätig. 1914 zählte er zu den Gründern und bald auch Leitern der Spartakusgruppe. Als Gründungsmitglied der KPD gehörte er der zentralen Leitung der Partei von 1919 bis Anfang 1923 fast ununterbrochen an und war 1921/22 faktisch Parteivorsitzender. 1924/25 wurde er zu einer zentralen Figur der Opposition gegen den damaligen ultralinken Kurs der KPD und kehrte 1927 in die engere Parteiführung zurück. Auch in der internationalen Arbeiterbewegung spielte er eine wichtige Rolle. So nahm er während des Ersten Weltkrieges an den internationalen Konferenzen sozialistischer Kriegsgegner in Zimmerwald und Kienthal teil, war Delegierter auf dem II. und IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale und nahm an verschiedenen Plena und Sitzungen des Erweiterten Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) in Russland teil. Meyer war Fraktionsvorsitzender der KPD im preußischen Landtag. Als Autor und Herausgeber wichtiger historischer Arbeiten und Quelleneditionen über die Geschichte des Spartakusbundes und der KPD war er zugleich einer der bedeutendsten zeitgenössischen Parteihistoriker. Er gehörte zu den führenden Figuren der »Mittelgruppe« in der KPD, die in den späten 1920er Jahren – als »Versöhnler« geschmäht – in Opposition zur Stalinisierung der kommunistischen Bewegung stand. Diesen verhängnisvollen Prozess nicht aufhalten könnend, wurde er mit dessen Abschluss 1929 an den Rand der Partei gedrängt. Auch als viele seiner engsten Fraktionsgenossen vor der Thälmann-Führung kapitulierten, blieb Meyer bis zuletzt seiner Linie treu und starb, innerparteilich isoliert, Anfang 1930. Das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte und mittlerweile abgeschlossene Dissertationsprojekt stellte sich die Aufgabe, den politischen Lebensweg Meyers detailliert nachzuzeichnen und damit die wohl wichtigste biographische Forschungslücke der KPD-Geschichte zu schließen. Zugleich versucht es, mit Hilfe eines biographischen Blickes auf eine führende Figur der KPD einen Beitrag zur Aufarbeitung der zentralen Fragen zu leisten, vor denen die frühe KPD stand: Zur Frage nach der Rolle der innerparteilichen Demokratie, und zum Verhältnis der KPD zu SPD und Gewerkschaften sowie zur Kommunistischen Internationale. Die Dissertation positioniert sich auch in den aktuellen Kontroversen der KPD-Forschung. Sie kommt zu dem Schluss, dass Hermann Webers Stalinisierungs-These – bei gewissen Modifikationen – weiterhin einen unverzichtbaren Analyserahmen bietet, um die Wandlung der KPD in den 1920er Jahren und die Rolle ihres Führungspersonals in diesem Prozess zu verstehen. Die mit ca. 650 Seiten und rund 2300 Fußnoten sehr umfangreiche Dissertation wird in Kürze bei der Universität Hamburg vollumfänglich online und 2013 als gekürzte Printfassung in der Reihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus« des Dietz-Verlages Berlin veröffentlicht. Contact: wilde@rosalux.de Dissertations Reviewed at »Dissertation Reviews« The following dissertations have been reviewed at Dissertation Reviews (http://dissertationreviews.org/, see above) that might be of interest for our readers: • Sarah Isabel Cameron, »The Hungry Steppe: Soviet Kazakhstan and the Kazakh Famine 1921–1934« (Yale University 2010), reviewed by Jeremy Friedman (Yale University), http://dissertationreviews.org/archives/2038. • Margaret Clinton, »Fascism, Cultural Revolution, and National Sovereignty in 1930s China« (New York University 2009), reviewed by Kristin Mulready-Stone (Kansas State University), http://dissertationreviews.org/archives/301. • Matthew David Johnson, »International and Wartime Origins of the Propaganda State: The Motion Picture in China, 1897–1955« (University of California 2008), reviewed by Kevin Carrico, Cornell University, http://dissertationreviews.org/archives/271. • Christopher Russall Leighton, »Capitalists, Cadres, and Culture in 1950s China« (Harvard University 2010), reviewed by J. Brooks Jessup (University of Minnessota), http://dissertationreviews.org/archives/796. • Kristin Mulready-Stone, »Organizing Shanghai’s Youth: Communist, Nationalist, and Collaborationist Strategies, 1920–1942« (Yale University 2009), reviewed by Maggie Clinton (Middlebury College), http://dissertationreviews.org/archives/277. • Oscar Sanchez-Sibony, »Red Globalization: The Political Economy of Soviet Foreign Relations in the 1950s and 1960s« (University of Chicago 2009), reviewed by Elizabeth McGuire (San Francisco State University), http://dissertationreviews.org/archives/1851. • Victoria Smolkin-Rothrock, »›A Sacred Space is Never Empty‹: Soviet Atheism, 1954–1971« (University of California, Berkeley 2010), reviewed by Margaret Peacock (University of Alabama), http://dissertationreviews.org/archives/1857. • Gleb Tsipursky, »Pleasure, Power, and the Pursuit of Communism: Soviet Youth and State-Sponsored Popular Culture during the Early Cold War, 1945–1968« (University of North Carolina at Chapel Hill 2011), reviewed by Sean Guillory (University of Pittsburgh), http://dissertationreviews.org/archives/1581. Section IVStudies AND Materials Materials and studies will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2013). Section VNew Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews The following reviews will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2013): • Sammelrezension zur neuen Thälmann-Literatur: Czichon, Eberhard; Marohn, Heinz: Thälmann. Ein Report. I: 1886–1933. II: 1933–1944, Berlin, Heinen, 2010 / Fuhrer, Armin: Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München, Olzog, 2011 / Paschen, Joachim: »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«. Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2010 / Lemmons, Russell: Hitler’s Rival. Ernst Thälmann in Myth and Memory, Lexington, University Press of Kentucky, 2013. • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, Beck, 2008. • Brie, Michael; Haug, Frigga (eds.): Zwischen Klassenstaat und Selbstbefreiung. Zum Staatsverständnis von Rosa Luxemburg, Baden-Baden, Nomos, 2011. (Staatsverständnisse. 43). • Budnitskii, Oleg: Russian Jews Between the Reds and the Whites, 1917–1920, Philadelphia, Pa., University of Pennsylvania Press, 2012. • Callahan, Kevin J.: Demonstration Culture. European Socialism and the Second International. 1889–1914, Leicester, Troubador, 2010. • Cattaruzza, Marina. Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin, Duncker & Humblot, 2011. (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient. 24). • Coppi, Hans; Heinz, Stefan (eds.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Berlin, Dietz, 2012. • Engel, Gerhard: Johann Knief. Ein unvollendetes Leben, Berlin, Karl Dietz Verlag, 2011. (Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus. 15). • Frölich, Paul: Autobiographie. Parcours d’un militant internationaliste allemand. De la social-démocratie au Parti communiste 1890–1921, Montreuil-sous-Bois, Éditios Science Marxiste, 2012. • Fülberth, Johannes: » ...wird mit Brachialgewalt durchgefochten«. Bewaffnete Konflikte mit Todesfolge vor Gericht. Berlin 1929 bis 1932/1933, Köln, PapyRossa-Verlag, 2011. (PapyRossa-Hochschulschriften. 87).  • Genevée, Frédérick: La fin du secret. Histoire des archives du parti communiste français, Paris, Atelier, 2012. • Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2012. • Halfin, Igal: Red Autobiographies. Initiating the Bolshevik Self, Seattle, University of Washington Press, 2011. • Kemper, Dirk: Heinrich Mann und Walter Ulbricht. Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien, München, Fink, 2012. • Kuckuk, Peter (ed.): Die Revolution 1918/19 in Bremen. Aufsätze und Dokumente. Mit 70 Abbildungen, Bremen, Temmen, 2010. (Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens. 27). • Kramer, Hilde: Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment 1900–1924, Berlin, BasisDruck, 2011. (Pamphlete. 27). • Kropachev, Sergei: Von der Lüge zur Aufklärung. Verluste durch »Großen Terror« und Krieg in der sowjetischen und russischen Historiografie, Berlin, Metropol, 2011. • Law, Ian: Red Racisms. Racism in Communist and Post-Communist Contexts, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012. (Mapping Global Racisms). • Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010. • Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009. V.2 Presentations and Announcements Carlos Nelson Coutinho: » Gramsci’s Political Thought, Leiden-Boston, Brill, 2012. XVI, 198 pp. (Historical Materialism Book Series. 38). – ISBN 978-9-00422-866-5. In »Gramsci’s Political Thought«, Carlos Nelson Coutinho offers an analysis of the evolution of the political thought of Antonio Gramsci. Focusing on central concepts of the Prison Notebooks and relating them to the history of modern political ideas, the book also demonstrates that Gramsci’s ideas continue to be relevant resources for understanding the controversies of our present time. Written by a leading Brazilian Marxist theorist, »Gramsci‘s Political Thought« provides one of the most succinct and theoretically focused introductions to the thought of Antonio Gramsci available internationally. (Publisher’s announcement) Walter Thys (ed.): » Vom Wandervogel zum »Compañero«. Jan Andries Jolles. 1906–1942. Soldat der Weltrevolution. Dokumente zu einer Biographie [From »Wandervogel« to »Compañero«. Jan Andries Jolles, 1906–1942. Soldier of World Revolution. Materials for a Biography], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 393 pp. – ISBN 978-3-86583-531-4. Soweit zu sehen, sind die lebensgeschichtlichen Spuren von Jan Jolles (1906–1942) hierzulande restlos verweht. Selbst sorgfältig recherchierte Nachschlagewerke führen seinen Namen nicht. Wer nach ihm fragt, erntet zumeist ungläubiges Kopfschütteln. Das erstaunt umso mehr, als Jan Jolles während der dreißiger Jahre für die Kommunistische Internationale in einflussreichen Funktionen vor allem in Lateinamerika tätig war und damit in der politischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen herausgehobenen Platz beanspruchen kann. Zieht man die komplizierte individuelle Biographie hinzu, erregt diese Veröffentlichung noch größere Aufmerksamkeit: Jan Jolles entstammte der Ehe des noch heute dank seiner »Einfachen Formen« wirkungsmächtigen Germanisten André Jolles (1874–1946) mit der Tochter des prominenten Hamburger Bürgermeisters Johann Georg Mönckeberg Mathilde (1879–1958), die erahnen lässt, welch ein Spannungsbogen zwischen Herkunft und politischem Bekenntnis sich hier auftat. Die von Walter Thys in jahrelanger Arbeit mit gleichsam detektivischem Spürsinn zusammengetragenen Resultate einer Spurensuche, die weit über eine alleinige Dokumentation hinausragen, fesseln den Leser angesichts der Intensität, in der diese Biographie noch einmal lebendig wird. Gleichsam im Buch des 20. Jahrhunderts blätternd, eröffnet sich ein ganz besonderer Zugang zu dessen Brüchen und Verwerfungen, die sich letztlich auch im Schicksal von Jan Jolles widerspiegeln. (Verlagsankündigung) Jacob A. Zumoff: » The Communist International and US Communism. 1919–1929, Leiden, Brill, 2013. Approx. 600 pp. This work examines the first decade of the American Communist Party, from the formation of the Left Wing in 1919 to the expulsion of Jay Lovestone in 1929. Using sources, including party press and archives in the United States and the former Soviet Union, this work examines the development of the party’s interaction with American society. In contrast to standard historiography, it argues that the Communist International in the early 1920s helped American Communists understand American society. Early chapters examine debates over legality and the labor movement. By the middle and late 1920s, the Comintern’s intervention changed, reflecting the rise of Stalin and his perspective of »socialism in one country«. Factionalism within the American party became more intense, and not anchored in fundamental political differences. The next chapters analyze this combination, including fights between factions led by William Z. Foster and James P. Cannon on one side and that led by C.E. Ruthenberg and Lovestone on the other. In 1928, Cannon’s faction was expelled for support to Trotsky’s Left Opposition; the following year, Lovestone’s pro-Bukharin faction was expelled. By 1929, the leadership of the American Party was solidly pro-Moscow, and Comintern intervention helped to eliminate any dissident views. The final portion examines the development of the Communist position on black oppression. The Comintern forced the Communists to fight racial oppression, even if the specific program prescribed by the Comintern – the black belt thesis – did not reflect American reality. (Information by the author) Nicholas John Williams: » Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview, Marburg, Tectum-Verlag, 2011. 304 pp. – ISBN 978-3-8288-2663-2. Als einer der wenigen sozialistischen Staaten beruft sich Kuba ungeachtet leichter Öffnungstendenzen immer noch auf »den Sozialismus« als Staatsdoktrin. Trotz der autoritären Überformung Kubas durch den immer noch allgegenwärtigen Castroismus und trotz zahlreicher ökonomischer Krisen der letzten Jahre bleibt die relative Stabilität des Inselstaats ungeachtet zahlreicher wissenschaftlicher Analysen erklärungsbedürftig. Nicolas Williams gibt in seiner Studie eine interviewgestützte und kulturhistorisch inspirierte Antwort auf die Frage, warum der kubanische Inselstaat auf einem breiten Konsens beruht und nicht bereits im Jahr 1989 in sich zusammengebrochen ist. Der Autor legt wichtige Facetten einer kubanischen Mentalitätsgeschichte offen und identifiziert unterschiedliche identitätsstiftende Erinnerungsfolien der kubanischen Gesellschaft. Zur Offenlegung dieses gesellschaftlichen Konsenses hat Williams 32 qualitative Interviews durchgeführt. Im Rahmen seiner Auswertung wird die Herrschaft Batistas zur Kontrastfolie der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Interviewpartner vor allem aus der Perspektive des offiziellen kubanischen Geschichtsdiskurses deuten. Darüber hinaus zeichnet sich in den Interviewtexten ein tieferliegender Konflikt zwischen der Gründergeneration des sozialistischen Kuba und der ausschließlich unter dem Regime Fidel Castros sozialisierten Generation ab. Williams ergänzt die derzeitige Forschungsperspektive um einen sensiblen Blick auf die konsensstiftenden, geschichtspolitischen Narrative, die sich aus den spezifischen »Erinnerungsprofilen« der kubanischen Gesellschaft speisen. Allen denjenigen, die sich auf die Suche nach solchen temporalen Tiefenstrukturen des kubanischen Gedächtnisses machen wollen, sei seine Studie empfohlen. (Kurzrezension von Jens Hildebrandt, Mannheim. Eine ausführliche Rezension wird in der Online-Ausgabe des International Newsletter of Communist Studies publiziert). Kevin Morgan: » Bolshevism, Syndicalism and the General Strike. The Lost Internationalist World of A. A. Purcell, London, Lawrence & Wishart, 2013. 480 pp. (Bolshevism and the British Left. 3). – ISBN 978-1-90710-354-4. The third and final volume of Kevin Morgan‘s widely acclaimed series Bolshevism and the British Left centres around the figure of Alf Purcell (1872–1935), who between the wars was one of the leading personalities in the British and international labour movement. A long-term member of the TUC General Council, Purcell became chairman of the general strike committee in 1926 – and this could have been his hour of glory. But when it was called off ignominiously he experienced the obloquy of defeat. Purcell was most famous as one of TUC ›lefts‹ of the 1920s. But he was also Labour MP for both the Forest of Dean and Coventry, as well as being the founder of a working guild in the spirit of guild socialism, the controversial president of the International Federation of Trade Unions and the man who moved the formation of the British communist party. A sometime syndicalist and associate of Tom Mann, his experiences in the militant Furnishing Trades gave rise to the uncompromising trade-union internationalism which features so centrally in these chapters. But with the squeezing of his syndicalist approach, as the labour movement polarised into Labour and communist currents, Purcell died a politically broken figure. Morgan also deploys the life of Purcell as a biographical lens, a way of exploring wider controversies – among them the rival modernities of Bolshevism and Americanism; the reactions to Bolshevism of anarchists like Emma Goldman (who called Purcell ›that damn fake‹); and the roots of political tourism to the USSR in the British labour delegations in which Purcell featured so prominently. The volume also includes a major challenge to existing interpretations of the general strike, which it compellingly presents, not as the last fling of the syndicalists, but as a first and disastrously ill-conceived imposition of social-democratic centralism by Ernest Bevin. (Publisher’s announcement) Andreas Petersen: » Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundertdiktat. Erwin Jöris [Your Gob Will Freeze in Siberia! The Dictation of a Century. Erwin Jöris], Wiesbaden, marixverlag, 2012. 520 pp. ISBN 978-386-539284-8. Was blieb vom politischen Widerstand, von den Hoffnungen und Ideen der großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts? Was erinnert ein Arbeiter aus Lichtenberg vom Zeitalter der Extreme? Wie spiegelt sich große Geschichte im Leben eines Einzelnen? Der im Jahr 2012 100-jährige Erwin Jöris wurde als Sohn eines spartakistischen Schlossers in Berlin-Lichtenberg geboren. Als charismatischer KPD-Jugendführer prügelte er sich durch die Straßenschlachten der untergehenden Republik, tauchte 1933 in die Illegalität ab und fand sich in Sonnenburg, einem der frühesten deutschen KZs, zusammen mit der linken Politprominenz seiner Zeit wieder. Im Moskauer Hotel Lux traf er die Größen der kommunistischen Internationale und erlebte ihren Untergang. Er schuftete in der Zeit der sowjetischen Aufbau-Euphorie im Uralmasch, einem gigantischen Schwerindustriekombinat hinterm Ural und lebte dort mit russischen Arbeitern. 1937 wurde er in Swerdlowsk Zeuge des Großen Terrors. 1938 verschleppte ihn der NKWD in die berüchtigte Lubjanka. Von dort wurde er nach einem Jahr an die deutsche Gestapo ausgeliefert. 1941 bekam er als Soldat eines Sanitätszuges der deutschen Wehrmacht den Marschbefehl Richtung Osten. Im Endkampf um Berlin geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kam im Nachkriegsjahr in ein Waldarbeiterlager vor Moskau. Zurück im zerstörten Lichtenberg befragten ihn seine alten KPD-Kameraden nach der Sowjetunion des Großen Terrors, während sie zeitgleich die zweite deutsche Diktatur installierten. 1951 verhafteten ihn die NKWD-Häscher erneut. Das Fernurteil: 25 Jahre Workuta, das berüchtigte Bergwerklager im ewigen Eis. Fünf Jahre überlebte er im Gulag, in einer Arbeitsbrigade zusammen mit einem seiner nationalsozialistischen KZ-Bewacher. Zurück in Ost-Berlin floh er 1956 in den Westen. Als Zeitzeuge, Idealist und politischer Akteur schildert ein Hundertjähriger sein Jahrhundert der Lager. Der Historiker Andreas Petersen hat das Leben von Erwin Jöris in die Zeit eingebettet, seine Aussagen in vielen Archiven von Berlin, Moskau bis Swerdlowsk gegenrecherchiert, Weggefährten interviewt und den Stoff mit der neueren Forschungsliteratur gegengelesen. Entstanden ist ein Jahrhundertdiktat, in dem sich das Schicksal einer prägenden Zeit in unerwarteten Facetten eröffnet. (Verlagsankündigung) John Eric Marot: » The October Revolution in Prospect and Retrospect. Interventions in Russian and Soviet History, Leiden-Boston, Brill, 2012. X, 273 pp. (Historical Materialism Book Series. 37). – ISBN 978-9-00422-865-8. In a series of probing analytical essays, John Marot tracks the development of Bolshevism through the prism of pre-1917 intra-Russian Social Democratic controversies in politics and philosophy. For 1917, the author presents a critique of social historical interpretation of the Russian Revolution. Turning to NEP Russia, the author applies Robert Brenner‘s analysis of pre-capitalist modes of production and concludes that neither Bukharin nor Trotsky‘s NEP-premised programs of economic transformation and advance toward socialism were feasible. At the same time, he rejects the view that Stalinism was pre-destined to supplant NEP. Instead, he hypothesises that the superior alternative to Stalinism was NEP without collectivization and the Five-Year Plans – an outcome that would have been possible had Bukharin and Trotsky joined forces to stop Stalin. (Publisher’s announcement) Ludmila Thomas: » Georgi Tschitscherin. »Ich hatte die Revolution und Mozart« [Georgii Chicherin. »I Had the Revolution and Mozart«], Berlin, Karl Dietz Verlag, 2012. 287 pp. ISBN 978-332-002275-4. Wie ist es zu erklären, dass im zaristischen Russland ein homosexueller Adliger, Spross einer Familie, aus der Diplomaten, Heerführer und Wissenschaftler hervorgingen, zum Revolutionär und führenden Bolschewik wurde? Wie bewältigte er das jahrelange Exil sowie im ersten und zugleich kompliziertesten Jahrzehnt des Sowjetstaates die schwierige Tätigkeit eines Diplomaten und Außenministers? Wie fand er schließlich seine Alternative zur Unterwerfung unter die Allmacht des heraufziehenden Stalinschen Regimes?Georgi Tschitscherin gelang eine Symbiose aus Ideen, die er auf der Grundlage eines revolutionären Marxismus und liberalen Ansichten seines Verwandten und Förderers Boris Tschitscherin (1828–1903) entwickelte, eines Schriftstellers und Staatswissenschaftlers, der für einige Zeit zu den ranghöchsten Politikern Russlands gehört hatte. Als Berufsdiplomat bewahrte sich Tschitscherin die Überzeugung, dass zur Überwindung einer menschenfeindlichen Weltordnung revolutionäre Methoden unabdingbar seien. Von Mozart, dessen Musik er liebte und als Pianist pflegte, übernahm er das Streben nach einer immer wieder herzustellenden Harmonie zwischen Humanität und Vernunft. »Ich hatte die Revolution und Mozart« so resümierte er den ungewöhnlichen Lauf seines Lebens. (Verlagsankündigung) Gertrud Lenz: » Gertrud Meyer. Ein politisches Leben im Schatten Willy Brandts. 1914–2002, Paderborn, Schöningh, 2013. 252 pp. ISBN 978-350-677569-6. Dies ist die Biographie Gertrud Meyers, der ersten Lebens- und Kampfgefährtin Willy Brandts im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und während seiner Zeit im Exil. Gertrud Meyer stand als Funktionsträgerin der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands im Brennpunkt zentraler politischer Geschehnisse des linkssozialistischen Exils der 1930er und 1940er Jahre. Während dieser Zeit arbeitete sie als enge Mitarbeiterin des antiautoritären Psychoanalytikers und Mediziners Wilhelm Reich. Weit davon entfernt, nur eine Hilfe für Willy Brandt zu sein, leistete Gertrud Meyer – auch unter Einsatz ihres Lebens – in enger politischer Zusammenarbeit mit ihm und Jacob Walcher, dem Kopf der SAP, einen wichtigen eigenständigen Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Das Leben und politische Wirken Gertrud Meyers findet in dieser auf langjährigen Recherchen beruhenden, spannend zu lesenden Darstellung erstmals eine angemessene Würdigung. (Verlagsankündigung) David King: » Russische revolutionäre Plakate. Bürgerkrieg und bolschewistische Periode, sozialistischer Realismus und Stalin-Ära. Übersetzt von Peter Sondershausen, Essen, Mehring, 2012. 144 pp. – ISBN 978-3-88634-098-9. »Russische revolutionäre Plakate« zeigt die Entwicklung der sowjetischen Plakatkunst von der revolutionären Periode bis zum Tode Stalins. Zu sehen ist, wie gewaltige Veränderungen in der Sowjetunion zu einem dramatischen Wechsel in Kunst und Gestaltung führen. Das Buch ist chronologisch angelegt. Bildunterschriften erläutern den historischen und künstlerischen Hintergrund zu jedem Plakat. Konstruktivistische Plakate, sozialistische Werbung, Filmplakate der 20er-Jahre, klassische Fotomontagen, die heroischen Plakate aus der Kriegszeit mit dem Personenkult um Stalin sind in diesem Buch zusammengetragen. (Verlagsankündigung) Wolfgang Hesse (ed.): » Die Eroberung der beobachtenden Maschinen. Zur Arbeiterfotografie der Weimarer Republik [The Conquest of the Observing Machines. Workers’ Photography in the Weimar Republic], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 491 pp. (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde. 37). – ISBN 978-3-86583-616-8. Die organisierte Arbeiterbewegung der Weimarer Republik entdeckte für die Propagierung ihrer gesellschaftspolitischen Ziele die Fotografie. In Konkurrenz zur sich etablierenden bürgerlichen Bildpolitik entstanden so am Beginn der Medienmoderne Dokumente eines nicht-bürgerlichen Umgangs und Einsatzes von Bildern in der Öffentlichkeit. Der vorliegende Band präsentiert die Vorträge einer vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) in Kooperation mit der Deutschen Fotothek im Jahr 2010 ausgerichteten Tagung. Sie ist hervorgegangen aus dem DFG-Projekt »Das Auge des Arbeiters«, das seit Februar 2009 am ISGV durchgeführt wird. Hier werden die Entwicklungsbedingungen dieser proletarischen Amateurfotografie in ihrer Verbindung zur popularen Kultur ebenso untersucht wie ihre Funktionalisierung für die Propaganda. Als Zeugnisse der Arbeiterbewegung erfuhren sie nach 1945 eine Historisierung, die im Rahmen des DFG-Projekts ebenfalls erforscht wird. Die Beiträge behandeln aus verschiedenen Blickwinkeln die historische Aussagekraft dieser Bildproduktion, deren Ästhetik angesichts der spätmodernen Bildkultur neu zu erfassen ist. (Verlagsankündigung) Doris Danzer: » Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen. 1918–1960 [Between Trust and Treason. German-language Communist Intellectuals and Their Social Relations. 1918–1960], Göttingen, V&R Unipress, 2012. 576 pp. (Freunde – Gönner – Getreue. 5). – ISBN 978-3-89971-939-0. Brüderlichkeit, Solidarität und Freundschaft sind ebenso Schlüsselbegriffe in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung wie Feindschaft und Verrat. Den Ursachen dieses Paradoxes und seinen Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen zwischen Mitgliedern kommunistischer Parteien geht diese zeithistorische Langzeitstudie nach. Dabei wird insbesondere die unter Kommunisten viel gerühmte Solidarität in Krisenzeiten vor dem Hintergrund des Zwangs zu absoluter Gefolgschaft und Parteidisziplin hinterfragt. Am Beispiel ausgewählter deutschsprachiger kommunistischer Intellektueller der Geburtsjahrgänge um 1900 versucht die Autorin herauszufinden, ob und wie sie soziale Beziehungen in Zeiten widerstreitender Ideologien und politischer Umbrüche pflegten. Die Protagonisten sind der Arbeiterschriftsteller und Kulturfunktionär Willi Bredel, der Verleger Wieland Herzfelde und die Schriftstellerin Anna Seghers. Um sie lässt sich ein Beziehungsnetz knüpfen, dessen Kohärenz und Brüchigkeit im Zeitraum zwischen 1918 und 1960 an wichtigen Stationen ihres Lebens nachgezeichnet wird: während der literarischen und politischen Sozialisation in der Weimarer Republik, im Exil in den Zentren der kommunistischen Emigration und nach der Remigration nach Deutschland, in der DDR. Ziel dieser Kollektivbiografie ist, die in der historischen Kommunismus- und Intellektuellenforschung bis heute diskutierten Fragen zu klären, warum sich Intellektuelle lebenslang dem Kommunismus verschrieben und ob bzw. wann parteigebundene Intellektuelle autonom agierten oder sich der Parteiräson unterordneten. Briefwechsel aus den Nachlässen Willi Bredels, Wieland Herzfeldes und Anna Seghers’ bilden neben Personalakten aus den Archiven von KPD und SED sowie des Staatssicherheitsdienstes der DDR die Quellengrundlage. Neu ist der Zugriff, unter dem die Quellen analysiert werden: Über die Kategorie Freundschaft wird die Bedeutung sozialer Beziehungen für Identität, politische Sozialisation und Bewältigung des Alltags kommunistischer Intellektueller ermittelt. Denn die Verfasserin interpretiert die Bindung an den Kommunismus weder als ideologische Blindheit noch als Ersatzreligion, sondern sieht darin eine Gesinnung, die die Lebenswelt ihrer Anhänger prägte und sich damit auch auf ihre sozialen Beziehungen auswirkte. Daher geht sie davon aus, dass soziale Beziehungen eine erhebliche Rolle für den Eintritt und die lebenslange Zugehörigkeit von Intellektuellen zur KPD spielten. Ihre Analyse lässt Rückschlüsse auf den persönlichen Charakter von Intellektuellen, auf ihr Verhältnis zur Partei sowie auf ihre individuellen Handlungsspielräume zu. (Autoreninformation) V.3 Books Sent In For Review The following books have reached our office, sent in by publishing houses and authors. For many of them, we have already found reviewers. Some, however, are still available for review. If you are interested to review any of the titles – or any other relevant titles – in the International Newsletter, please contact the editors first, including some information about yourself. Also feel free to contact us if you have review suggestions for books that are not listed here, or if you are an author/publisher and want the International Newsletter to review your publication. Please note that unsolicited reviews will not be published. • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, Beck, 2008. • Brie, Michael; Haug, Frigga (eds.): Zwischen Klassenstaat und Selbstbefreiung. Zum Staatsverständnis von Rosa Luxemburg, Baden-Baden, Nomos, 2011. (Staatsverständnisse. 43). • Budnitskii, Oleg: Russian Jews Between the Reds and the Whites, 1917–1920, Philadelphia, Pa., University of Pennsylvania Press, 2012. • Bürgi, Markus; König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009. • Callahan, Kevin J.: Demonstration Culture. European Socialism and the Second International. 1889–1914, Leicester, Troubador, 2010. • Cattaruzza, Marina: Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin, Duncker & Humblot, 2011. (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient. 24). • Coppi, Hans; Heinz, Stefan (eds.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Berlin, Dietz, 2012. • Croft, Andy: After the Party. Reflections on Life Since the CPGB, London, Lawrence & Wishart, 2012. • Czichon, Eberhard; Marohn, Heinz: Thälmann. Ein Report. I: 1886–1933. II: 1933–1944, Berlin, Heinen, 2010. • Dahmer, Helmut: Divergenzen. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia, Münster, Westfälisches Dampfboot, 2009. • Frölich, Paul: Autobiographie. Parcours d’un militant internationaliste allemand. De la social-démocratie au Parti communiste 1890–1921, Montreuil-sous-Bois, Éditions Science Marxiste, 2012. • Fuhrer, Armin: Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München, Olzog, 2011. • Genevée, Frédérick: La fin du secret. Histoire des archives du parti communiste français, Paris, Atelier, 2012. • Griesse, Malte: Communiquer, juger et agir sous Staline. La personne prise entre ses liens avec les proches et son rapport au système politico-idéologique, Frankfurt am Main e.a., Lang, 2011. • Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2012. • Hedeler, Wladislaw: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover, Offizin, 2010. • Huber, Peter; Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. • Iber, Walter M.: Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945–1955, Innsbruck e.a., Studien-Verlag, 2011. (Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. 15). • John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009. • Karner, Stefan; Stelzl-Marx, Barbara; Natalja Tomilina, Alexander Tschubarjan e.a. (eds.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck e.a., StudienVerlag, 2011. • Keep, John L. H.; Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. (Istorija stalinizma). • Kemper, Dirk: Heinrich Mann und Walter Ulbricht. Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien, München, Fink, 2012. • Keßler, Mario: Kommunismuskritik im westlichen Nachkriegsdeutschland. Franz Borkenau, Richard Löwenthal, Ossip Flechtheim. Berlin, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2011. • Kramer, Hilde: Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment 1900–1924, Berlin, BasisDruck, 2011. (Pamphlete. 27). • Kropachev, Sergei: Von der Lüge zur Aufklärung. Verluste durch »Großen Terror« und Krieg in der sowjetischen und russischen Historiografie, Berlin, Metropol, 2011. • Law, Ian: Red Racisms. Racism in Communist and Post-Communist Contexts, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012. (Mapping Global Racisms). • Middell, Matthias; Wemheuer, Felix (eds.): Hunger and Scarcity under State-Socialism, Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, 2012. (Global History and International Studies. 3). • Oberloskamp, Eva: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München, Oldenbourg, 2011. • Paschen, Joachim: »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«. Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2010. • Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010. • Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009. • Seifert, Roger; Sibley, Tom: Revolutionary Communist at Work. A Political Biography of Bert Ramelson, London, Lawrence & Wishart, 2011. • Van der Grift, Liesbeth: Securing the Communist State. The Reconstruction of Coercive Institutions in the Soviet Zone of Germany and Romania, 1944–1948, Lanham e.a., Lexington Books, 2012. Section VIMeetings and Conferences Concerning Communist Studies 2012–2013 VI.1 Conference List9 Past Meetings and Conferences 2012 • Glasgow, UK, 5–7 January 2012: XXXVIII Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • Milwaukee, USA, 17–18 February 2012: Power & Struggle. 2012 Midwest Labor and Working-Class History (MLWCH) Graduate Student Colloquium. University of Wisconsin. gradconferenceMKE@gmail.com • London, UK, 17–18 February 2012: Trust/Distrust in the Soviet Union. University College London. http://trustconference.eventbrite.com/ • Nottingham, UK, 16–17 March 2012: PhD Colloquium »Cultural Construction in the USSR and States of the Former Soviet Bloc«. School of History at the University of Nottingham. ahxss2@nottingham.ac.uk • Amsterdam, The Netherlands, 23–25 March 2012: Quo vadis, Exile Studies? Status and perspectives. The challenge of »Globalization«. Gesellschaft für Exilforschung e.V. in co-operation with the International Institute for Social History, Amsterdam. ula@iisg.nl • Newcastle upon Tyne, UK, 30–31 March 2012: Solidarities that know no boundaries? Transnational Advocacy in Historical Perspective. ›Histories of Activism‹ Research Group, Northumbria University. AZ.TransnationalSolidarities@northumbria.ac.uk • Warsaw, Poland, 31 March – 1 April 2012: Drugi obieg wydawniczy w PRL na tle historii samizdatu w państwach bloku sowieckiego po 1956 roku [Second Circulation of Publications in the Polish People’s Republic (PRL) Compared to the History of Samizdat in the Countries of the Soviet Bloc after 1956]. Biuro Edukacji Publicznej Instytutu Pamięci Narodowej. anna.piekarska@ipn.gov.pl • Cambridge, UK, 31 March – 2 April 2012: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • Glasgow, UK, 11–14 April 2012: European Social Science History Conference 2012. www.iisg.nl/esshc/ • Cambridge MA, USA, 13–14 April 2012: »How to End a Revolution?« The Annual Interdisciplinary Humanities Graduate Student Conference. Harvard University. http://isites.harvard.edu/revolution2012 • Berlin, Germany, 18–20 April 2012: Region – State – Europe. Regional Identities under Dictatorship and Democracy in East Central Europe. European Network Remembrance and Solidarity Warsaw, Federal Institute for Culture and History of Germans in Eastern Europe Oldenburg e.a. 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Kontakt: bayerlein@zzf-pdm.de; Uwe.Sonnenberg@web.de; holger.weiss@abo.fi • Berlin, Germany, 12–13 October 2012: Die Zweite Generation. Kinder von antifaschistischen Widerstandskämpfern und Emigranten, Helle Panke e.V., Haus der Demokratie und Menschenrechte. www.helle-panke.de/topic/3.html?id=1142&context=0 • London, UK, 18 October 2012: The Cuban Missile Crisis – regional perspectives 50 years on. IDEAS Cold War Studies Programme, Transatlantic Programme and Latin American Programme. http://www2.lse.ac.uk/IDEAS/events/events/2012/The-Cuban-Missile-Crisis-regional-perspectives-50-years-.aspx • Eichstätt, Germany, 18–20 October 2012: Research on Totalitarianism - Quo vadis? Institute for Central and Eastern European Studies (ZIMOS), Catholic University Eichstätt-Ingolstadt. www.ku.de/en/forschungseinr/institute-for-central-and-eastern-european-studies/workshop-research-on-totalitarianism/ • Detroit, US, 18–20 October 2012: North American Labor History Conference. 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O colapso das ditaduras: Sul da Europa, América Latina, Leste Europeu e África do Sul – História e Memória. Universidade Nova de Lisboa, Universidade Federal do Rio de Janeiro. Paper submission: 10.5. – 10.8.2012. http://coloquiocolapsoditaduras.blogspot.com.br/ • Tallinn, Estonia, 26 October 2012: Art and Political Reality. Art Museum of Estonia. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=196517&keyword=socialist • Kochel am See, Germany, 26–28 October, 2012: Auf unsicherem Terrain. Briefeschreiben im Exil. Arbeitsgemeinschaft »Frauen im Exil« in der Gesellschaft für Exilforschung e.V., Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. hansen.schaberg@t-online.de • Berlin, Germany, 31 October – 2 November 2012: Schöner Schein und Wirklichkeit. Die SED-Diktatur zwischen Repression, Anpassung und Widerstand, Bundesstiftung Aufarbeitung, www.stiftung-aufarbeitung.de/uploads/2012-pdf/2012-10-31-flyer.pdf • Erfurt, Germany, 5–6 November 2012: 60 Jahre Stasi-(U-)Haft. 3. Workshop Stasi-(U-)Haft. Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (Erfurt), Gedenkstätte Museum in der »Runden Ecke« (Leipzig), Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle/Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam), Gedenkstätte Bautzen (Bautzen)/Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Gedenkstätte Bautzner Straße (Dresden) Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 für die Opfer politischer Gewalt im 20. Jahrhundert (Potsdam), Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden). www.zzf-pdm.de/Portals/_Rainbow/images/home/2012_08_14_Programm_Dritter_Workshop_Stasi_U-Haft_Erfurt%20FINAL.pdf • São Paulo, Brazil, 5–9 November 2012: Educação Libertária: 100 anos da Escola Moderna de São Paulo. Faculdade de Educação da Universidade de São Paulo. http://coloquioeducacaolibertaria.wordpress.com/ • London, UK, 8–11 November 2012: »Weighs Like a Nightmare« – 9th Annual Historical Materialism Conference. School of Oriental and African Studies, University of London. www.historicalmaterialism.org • Bordeaux, France, 17–18 November 2012: »Que reste-t-il de l’Union soviétique dans la Russie d’aujourd’hui ?«. L’Association Française des Russisants, www.afr-russe.fr/spip.php?article26 • Jena, Germany, 4 December 2012: Political Violence in East Central and Southeastern Europe, 1945–1989. Imre Kertész Kolleg at the Friedrich Schiller University Jena. Proposal deadline: 31.8.2012. www.imre-kertesz-kolleg.uni-jena.de/index.php?id=16 • Manchester, UK, 7 December 2012: Twentieth Century Communism day conference, University of Manchester. http://socialisthistory.wordpress.com/2012/08/02/twentieth-century-communism-day-conference/ • Basel, Switzerland, 7 December 2012: Russland in Bildern. Photographiegeschichte vom Zarnreich bis zur Sowjetunion. Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte, Universität Basel. • Paris, France, 13–14 December 2012: Visions of Socialism(s) in Eastern Europe: Visual Cultures and the Writing of History. CERI Sciences Po. • London, UK, 14 December 2012: The Philosophy of Walter Benjamin. Goldsmith’s Continental Philosphy Research Group, Goldsmith College, University of London. Abstract deadline: 30.9.2012. http://walterbenjamin2012.blogspot.co.uk/ Meetings and Conferences 2013 • Norwich, UK, 4–6 January 2013: XXXIX Conference of the BASEES/Study Group of the Russian Revolution. University of East Anglia, Norwich. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • New Orleans, Louisiana, US, 4–6 January 2013: Fourth Annual North American Anarchist Studies Network Conference. www.naasn.org/ • London, UK, 28–29 January 2013: Radical Americas. Institute of the Americas, University College London. www.community-languages.org.uk/radical-americas/ • Amsterdam, The Netherlands, 22–24 February 2013: International Conference »Crisis and Mobilization since 1789«. International Scholars’ Network »History of Societies and Socialisms« (HOSAS)/H-Socialisms, International Institute of Social History. • Nottingham, UK, 25–26 March 2013: War and Culture in Russia and Eastern Europe. Russian and Slavonic Studies, University of Nottingham. • Cambridge, UK, 5–8 April 2013: BASEES / ICCEES European Congress »Europe: Crisis and Renewal«. British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES), International Council for Central and East European Studies (ICCEES), Fitzwilliam College. www.euroiccees2013.org/ • Manchester, UK, 13 April 2013: 50 Years of EP Thompson’s »The Making of the English Working Class«. A Day Conference. People’s History Museum, Working Class Movement Library. www.phm.org.uk/whatson/the-making-of-the-english-working-class/ • Princeton, NJ, USA, 19–20 April 2013: Assessing the Impact of World War II on Eastern Europe and the Soviet Union, Princeton University. Deadline: 15.01.2013. http://impactofwarconference.wordpress.com/ • Washington D.C., USA, 25–27 April 2013: 2013 International Graduate Student Conference on the Cold War. The George Washington University Cold War Group (GWCW), The Center for Cold War Studies (CCWS) of the University of California at Santa Barbara, the LSE IDEAS Cold War Studies Programme of the London School of Economics and Political Science (CWSP). www.gwu.edu/~ieresgwu/assets/docs/2013CFP.pdf • Dijon, France, 15–18 May 2013: II International Conference »Strikes and Social Conflicts«. International Association Strikes and Social Conflicts, Maison des Sciences de L’Homme. Jean-marc.bourgeon@u-bourgogne.fr • St. Petersburg, Russia, 30–31 May 2013: Russian Statehood: The Authorities and Society during the Twentieth Century. History Faculty of the St. Petersburg State University. http://iassc-mshdijon.in2p3.fr/spip.php?article16&lang=fr • Victoria, Canada, 5–8 June 2013: Congress of the Humanities and Social Sciences. Society for Socialist Studies. www.socialiststudies.ca. Submission of abstracts for paper proposals: January 30, 2013. • Paris, France, 12–14 June 2013: From one revolution to another: Revolutionary circulations, 18th–21st centuries. Paris-Est Marne-la-Vallée University. • Chemnitz, Germany, 13 June 2013: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Ursachen, Ereignis, Wirkung und Rezeption, BStU-Außenstellen Chemnitz, Dresden und Leipzig; Sächsische Landeszentrale für politische Bildung; Technische Universität Chemnitz, Professur für politische Systeme, politische Institutionen, Contact: Clemens.Heitmann@bstu.bund.de and thomas.schubert@phil.tu-chemnitz.de • Linz, Austria. 12–15 September 2013: 49th Linz Conference. Towards a Global History of Domestic Workers and Caregivers. International Conference of Labour and Social History (ITH). www.ith.or.at • Massachusetts, US, 19–22 September 2013: The Eigth International Conference: Rethinking Marxism 2013: Surplus, Solidarity, Sufficiency, www.rethinkingmarxism.org/sss, deadline for proposal submission: July 1, 2013 • Boston, US, 21–24 November 2013: 45th Annual Convention of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES). Convention Theme: »Revolution«. Boston Marriott Copley Place. www.aseees.org/convention.html VI.2 Conference Reports and Announcements 9th Historical Materialism Conference, 8–11 November 2012, London The following papers relevant to the history of communism have been presented at the Historical Materialism Conference 2012 in London: • Andre Mommen: Eugen Varga and the Hungarian Councils‘ Republic of 1919 • Paul Kellogg: Lost in Translation: explaining the tragedy of Germany’s 1921 ›March Action‹ • Florian Wilde: The origins of united front strategy: The KPD 1921/22 • Miguel Cardina: Portuguese Maoism in the »long Sixties« • Dhruv Jain: Charu Mazumdar and Contested Legacies: Indian Maoisms from 1971–1984 • Jukka Gronow: The two Marxist »orthodoxies«: Comparing Kautsky’s Marxism with Marxism-Leninism • Ben Lewis: ›Baron‹, ›Ede‹ and the politics of correspondence • John Rose: In the shadow of October, Lenin’s ›Left Wing‹ Communism, its misunderstood significance, then & now • Rebecca E. Karl: Chinese feminist encounters with Anarchism and Marxism at the turn of the twentieth-century: He-Yin Zhen and her theories of female labor • Lin Chun: Socialist Feminism in the Maoist Period • Kevin Morgan: Germany and the absent revolution 1848–1948: British Marxist Historians and the Irrweg • Gleb J. Albert: ›World Revolution is a Lovely Thing‹: Internationalism and Rank and File Communists in Early Soviet Russia • Ian Birchall: Le sou du soldat, 1900–1914 • Dan La Botz: The Mexican Revolution and the American Left: 1910–1928 • Donny Gluckstein: A People’s History of the Second World War: Resistance versus Empire • Craig Brandist: Metamorphoses of Hegemony Each Side of the Russian Revolution • Lori Turner: On ›Homogeneous, Empty Time‹: Walter Benjamin’s Polemic Against German Social Democracy’s False Historical Premises • Mark A. Lause: The Red and the Black: The Diverse Roots of the First International in the US • Jacob Zumoff: The Communist International, the Communist Party, and the Fight for Black Liberation in the United States during the 1920s • Todd Chretien: Anti-Racism, Anti-Colonialism and U.S. Communism in the 1920s • Pierre Rousset: Revolutionary Politics and Solidarities in the Phillipines: From the Central Mindanao Region of the CPP to the Revolutionary Workers Party – Mindanao (RPM-M) • Maurice Andreu: What was Bolshevism? The Case of Bukharin • John Marot: Stopping Stalin • Philippe Bourrinet: Council Communism • Todd Gordon: The Overthrow of a Moderate and the Birth of a New Resistance: The Coup Against Manuel Zelaya and the History of Imperialism and Popular Struggle in Honduras • Ricardo Pagliuso Regatieri: State Capitalism, Monopoly Economy, Civilizational Critique: The Institute of Social Research in Exile in the United States in the 1940s • Luca Basso: History and Revolution in 1848: From the Manifesto to the 18th Brumaire • Martyn Hudson: Trotsky, the 18th Brumaire, and the Thermidorian reaction • Lev Centrih: The Historical Significance of the Partisan Solidarity: The Case of National Liberation Committees in Slovenia, 1943‒1945 • Jan Mervart: Robert Kalivoda’s Philosophy of History. Czech Marxism and the Avant Garde • Bill Bowring: Spinoza in Soviet Philosophy: What if Evald Ilyenkov had known Marx’s Notes on Spinoza? • Catherine Samary: 1968 : the »concrete utopia« of an organic self management socialist system in Yugoslavia and Czechoslovakia • Sjaak van der Velden: The Dutch union movement and the Social pact (1950–2011) • Rianne Subijanto: A Communication History of Indonesian Communism: On Method • Sai Englert: »Grains of Sand in a Bloc of Granite?«: the Contradictions of the Jewish Labour Bund • Daria Dyakonova: Canadian communists and the USSR : interaction or domination? • George Paizis: Victor Serge, Memoirs of a Revolutionary • Wictor Marzec: The Peripheral Political and Lateral Marxism – the case of Kazimierz Kelles-Krauz Section VIIThe International Bibliography of Communist Studies. Issue 2012. BOOKS AND JOURNAL ARTICLES ON COMMUNISM The International Bibliography of 2012 will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2013). Section VIIIPeriodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas Conventional and Online Journals, Newsletters and Bulletins This directory lists periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for amending and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Ressource Title and URLCountryCategoryA Contracorriente.www.ncsu.edu/acontracorriente/USAJournalA nemzetközi munkásmozgalom történetéböl.HungaryJournalAb Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space.www.abimperio.net/Russia/USAJournalActa Slavica Iaponica.http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.htmlJapanJournalActuel Marx.http://actuelmarx.u-paris10.fr/FranceJournalAden. Paul Nizan et les années trente.www.paul-nizan.fr/FranceJournalAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen.www.klahrgesellschaft.atAustriaNewsletterAmerican Communist History.www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.htmlUSAJournalAnarchist Studies.www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/current.htmlUKJournalAnnali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli.www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annalsItalyJournalAnthropology of East Europe Review.http://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/aeer/USAJournalArbeiderhistorie. årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek.www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htmNorwayJournalArbeiterbewegung und Sozialgeschichte.www.sozialgeschichte-bremen.de/GermanyJournalArbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik.www.sfah.dk/default.aspx?pageid=14DenmarkJournalArbejdermuseet Årbog.www.arbejdermuseet.dkDenmarkJournalArbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek.www.arbetarhistoria.se/SwedenJournalArchiotaxio.www.askiweb.eu/index.php?lang=enGreeceJournalArchiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit.Kontakt: wobarchiv@gmx.deGermanyJournalArchiv für Sozialgeschichte.www.fes.de/afs-online/GermanyJournalArchivar. Zeitschrift für Archivwesen.www.archive.nrw.de/archivar/GermanyE-JournalArchivos de historia del movimiento obrero y la izquierda.www.archivosrevista.com.ar/ArgentinaJournalAriadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte.www.addf-kassel.de/publikationen/ariadne.htmlGermanyJournalArkiv för studier i arbetarrörelsens historia.www.arkiv.nuSwedenJournalAspasia. The International Yearbook of Central, Eastern, and Southeastern European Women‘s and Gender History.http://journals.berghahnbooks.com/asp/HungaryJournalAufarbeitung Aktuell, Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.www.bundesstiftung-aufarbeitung.deGermanyE-NewsletterBeiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung [ceased publication].www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung/GermanyJournalBeiträge zur Marx-Engels-Forschung.www.marxforschung.deGermanyJournalBelgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis.www.flwi.ugent.be/btng-rbhc/en/BelgiumJournalBerlin-Brandenburger Forum Osteuropa. Rundbrief.www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm#bbGermanyE-NewsletterBibliotheksbrief. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv.www.bundesarchiv.de/GermanyE-NewsletterBlätter für deutsche und internationale Politik.www.blaetter.de/GermanyJournalBohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder.www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.deGermanyJournalBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina.www.cedinci.org/ArgentinaE-NewsletterBollettino dell’Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia.www.vponline.it/riviste/000072/ItalyJournalBrood & Rozen. Tijdschrift voor de Geschiedenis van Sociale Bewegingen.www.broodenrozen.be/BelgiumJournalBulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau.www.dhi-moskau.deRussiaJournalBulletin du CEGES / SOMA Berichtenblad.www.cegesoma.beBelgiumE-NewsletterBulletin du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches.www.ulb.ac.be/is/chsg/BelgiumNewsletterBulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung.www.edition-organon.de/bulletin_fuer_faschismusforschung.htmGermanyJournalBulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch.www.etudes-jean-richard-bloch.org/FranceJournalCahiers Charles Fourier.www.charlesfourier.fr/FranceJournalLes Cahiers d’ADIAMOS.www.codhos.asso.fr/dossiers/dossiers.php?id_dossier=2FranceJournalCahiers d’histoire. Revue d’histoire critique.http://chrhc.revues.org/FranceJournalCahiers d’histoire du mouvement ouvrier.www.aehmo.org/cahiersdhistoireSwitzerlandJournalCahiers d’Histoire du Temps présent. Bijdragen tot de Eigentijdse Geschiedenis.www.cegesoma.beBelgiumJournalLes Cahiers du C.E.R.M.T.R.I.www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers du monde russe.http://monderusse.revues.orgFranceJournalCahiers du mouvement ouvrier.www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers Jaurès.www.cahiers.jaures.infoFranceJournalCahiers Léon Trotsky [ceased publication].Kontakt: l.aujame@chello.frFranceJournalCahiers Marxistes.www.ulb.ac.be/socio/cmarx/BelgiumJournalCahiers Simone WeilFranceJournalCaietele Echinox.www.phantasma.roRomaniaJournalCanadian Slavonic Papers.www.ualberta.ca/~csp/CanadaJournalThe Carl Beck Papers in Russian and East European Studies.http://carlbeckpapers.pitt.eduUSAWorking PapersČasopis za suvremenu povijest.www.isp.hr/CroatiaJournalCentral Asian Survey.www.tandf.co.uk/journals/carfax/02634937.htmlUKJournalCentral Europe.http://maney.co.uk/index.php/journals/ceu/UKJournalCentral European History.http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CCCUKJournalThe China Quarterly.www.journals.cambridge.org/jid_CQYUKJournalCold War History.www.tandf.co.uk/journals/fcwhUK/USAJournalCold War International History Project Electronic Bulletin.www.wilsoncenter.orgUSAE-JournalCold War International History Project Working Papers.www.wilsoncenter.orgUSAJournalCommunisme.FranceJournalCommunist and Post-communist Studies.www.elsevier.com/locate/postcomstudUSAJournalCommunist History Network Newsletter [ceased publication].www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn/UKE-NewsletterComparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung.www.comparativ.net/GermanyJournalComparative Studies in Society and History.http://journals.cambridge.org/jid_CSSUKJournalContemporanea.www.mulino.it/edizioni/riviste/scheda_rivista.php?issn=1127-3070ItalyJournalContemporary British History.www.tandf.co.uk/journals/journal.asp?issn=1361-9462USAJournalContemporary European History.http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CEHUKJournalCritica marxista. Analisi e contribuzioni per ripensare la sinistra.www.criticamarxista.net/ItalyJournalCrítica Marxista.www.unicamp.br/cemarx/criticamarxista/BrazilJournalCritique. Journal of Socialist Theory.www.critiquejournal.net/UKJournalCritique Sociale.www.critique-sociale.info/FranceJournalCuadernos de historia contemporánea.http://dialnet.unirioja.es/servlet/revista?codigo=1526SpainJournalDebatte. 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Revista internacional de la Guerra Civil, 1936–1939.www.raco.cat/index.php/ebreSpainJournalEm Debate.www.incubadora.ufsc.br/index.php/emdebateBrazilJournalEstudos sobre o Comunismo [ceased publication].http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/PortugalE-NewsletterEurope Asia Studies.www.tandf.co.uk/journals/carfax/09668136.htmlUKJournalEuropean History Quarterly.http://ehq.sagepub.comUKJournalEuropean Review of History / Revue Européenne d‘Histoire.www.tandf.co.uk/journals/titles/13507486.htmlUK/FranceJournalExilforschung. Ein Internationales Jahrbuch.www.exilforschung.de/GermanyJournalExilios y migraciones ibéricas en el siglo XX. Éxils et migrations ibériques au XXe siècle.SpainJournalEXIT! 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Lietuvos aukštųjų mokyklų mokslo darbai.www.istorijoszurnalas.lt/LithuaniaJournalIstorija 20. vekaSerbiaJournalIstorika.GreeceJournalIzquierdas.www.izquierdas.clChileE-JournalIzvestija vysšych učebnych zavedenij. 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Anuário de investigación del Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina.www.cedinci.org/ArgentinaJournalPolitics, Religion & Ideology [formerly: Totalitarian Movements and Political Religions].www.tandfonline.com/action/aboutThisJournal?journalCode=ftmp21UKJournalPost-Soviet Affairs.www.bellpub.com/psa/USAJournalPotsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien [ceased publication].www.zzf-pdm.de/site/332/default.aspxGermanyJournalProblemy Dal’nego Vostoka.www.ifes-ras.ru/publications/pdvRussiaJournalPROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft.www.prokla.de/GermanyJournalPrzegląd Historyczny.www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=15PolandJournalQuaderno di storia contemporanea. 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Entre Histoire et Mémoire.http://auschwitz.be/index.php?option=com_content&view=article&id=61&Itemid=402BelgiumJournalTempos Históricos.http://e-revista.unioeste.br/index.php/temposhistoricos/indexBrazilJournalTerritoires contemporains. Bulletin de l’ICH Dijon.FranceNewsletterThesis Eleven. Critical Theory and Historical Sociology.http://the.sagepub.com/AustraliaJournalTijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis.www.tseg.nl/BelgiumJournalTokovi Istorije.www.inisbgd.co.rs/celo/publikacije.htmSerbiaJournalTotalitarismus und Demokratie / Totalitarianism and Democracy.www.hait.tu-dresden.de/tdGermanyJournalTransit. Europäische Revue.www.iwm.at/transit.htmAustriaJournalTwentieth Century British History.http://tcbh.oxfordjournals.org/UKJournalTwentieth Century Communism.www.lwbooks.co.uk/journals/twentiethcenturycommunism/UKJournalUkrajins’kyi Istoryčnyi žurnal.www.history.org.uaUkraineJournalUtopian Studies.www.psupress.org/journals/jnls_utopian_studies.htmlCanadaJournalUTOPIE kreativ [ceased publication].www.rosalux.de/publikationen/utopie-kreativ-gesamtverzeichnis.htmlGermanyJournalVestnik archivista.www.vestarchive.ru/RussiaJournalVestnik Moskovskogo universiteta. Serija 8: Istorijawww.hist.msu.ru/Science/Vestnik/index.htmlRussiaJournalVestnik Permskogo universiteta. Istorija.www.histvestnik.psu.ru/RussiaJournalVestnik Rossijskogo gosudarstvennogo gumanitarnogo universiteta.http://rggu-bulletin.rggu.ru/RussiaJournalVestnik Rossijskogo universiteta družby narodov. Istorija Rossii.www.rudn.ru/?pagec=127RussiaJournalVestnik Sankt-Peterburgskogo universiteta. Serija 2: Istorijahttp://history.spbu.ru/index.php?chpu=rus/9/21/24RussiaJournalVestnik Tomskogo gosudarstvennogo universiteta. Istorija.http://vestnik.tsu.ru/history/RussiaJournalVierteljahrshefte für Zeitgeschichte.www.vierteljahrshefte.deGermanyJournalVingtième siècle. Revue d’histoire.www.pressesdesciencespo.fr/revues/vingtimesiclerevuedhist/FranceJournalVlaams Marxistisch Tijdschrift.www.imavo.be/vmt/index.htmlBelgiumJournalVoenno-istoričeskij žurnal.http://history.milportal.ru/RussiaJournalVoprosy istorii.RussiaJournalvorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik.http://vorgaenge.humanistische-union.de/GermanyJournalWiderspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik.www.widerspruch.ch/SwitzerlandJournalWorkingUSA. The Journal of Labor & Society.http://onlinelibrary.wiley.com/journal/10.1111/%28ISSN%291743-4580USAJournalZ. Zeitschrift Marxistische Erneuerung.www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/GermanyJournalZeithistorische Forschungen.www.zeithistorische-forschungen.deGermanyJournal/E-JournalZeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat.www.cms.fu-berlin.de/v/fsed/zdf/index.htmlGermanyJournalZeitschrift für Geschichtswissenschaft.www.metropol-verlag.de/pp/zfg/zfg.htmGermanyJournalZeitschrift für Ideengeschichte.www.z-i-g.de/GermanyJournalZeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.www.herder-institut.de/startseite/verlagsprogramm/zfo.htmlGermanyJournalZeitschrift für Slavistik.http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/fakultaet_sprach_literatur_und_kulturwissenschaften/slavistik/zfsl_ordnerGermanyJournalZeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft.www.spw.de/GermanyJournalZentrum für Zeithistorische Forschung Newsletter.www.zzf-pdm.de/site/650/default.aspxGermanyE-NewsletterŽurnal issledovanij social’noj politiki.www.jsps.ru/RussiaJournal VIII.2 ANNOUNCEMENTS AND CALLS FOR PAPERS Announcement – New Journal: » Workers of the World – International Journal of Strikes and Social Conflict Workers of the World – International Journal of Strikes and Social Conflict www.workeroftheworldjournal.net/ is a peer-reviewed academic journal in the English language, for which manuscripts may be submitted in Spanish, French, English, Italian and Portuguese. Workers of the World publishes original articles, interviews and book reviews in the field of labour history and social conflicts in an interdisciplinary, global, long term historical and non Eurocentric perspective. It publishes articles about crisis, working classes, internationalism, unions, organization, peasants, women, memory, propaganda and media, methodology, theory, protest, strikes, slavery, comparative studies, statistics, revolutions, cultures of resistance, race, among other subjects. The journal is an important step to consolidate the initiative, decided on at the Lisbon Labour Conference in March 2011, of creating an international association of researchers and institutions involved in the study of this subject. Despite numerous attempts to theoretically declare the end of social classes, strikes, and social movements, the inherent social contradictions in society and workers’ own actions constitute imposing evidence to the contrary. Industrial conflicts repeatedly have intersected with other social conflicts and ethnic, gender and generational issues complexity and renew interest in collective action, bringing in new theoretical and analytical challenges to researchers. The editors of the journal are: Alvaro Bianchi – Arquivo Edgard Leuenroth, UNICAMP (Brazil), Andreia Galvão – Arquivo Edgard Leuenroth, UNICAMP (Brazil), agalvao@unicamp.br, Marcel van der Linden – International Institute of Social History, Amsterdam, (The Netherlands), Raquel Varela – Instituto de História Contemporânea, Universidade Nova de Lisboa (Portugal), Serge Wolikow – Maison des Sciences de l’Homme, Université de Bourgogne, Dijon, (France), Sjaak van der Velden – Independent researcher, Rotterdam, (The Netherlands), Xavier Domènech Sampere – Centre d’Estudis sobre les Èpoques Franquista i Democràtica, Universitat Autònoma de Barcelona (Spain). Announcement – New Journal: » Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda, año 1, n° 1 Buenos Aires, septiembre de 2012. Director: Dr. Hernán Camarero El movimiento obrero y la izquierda, en la Argentina y en el mundo, tienen una historia extensa y variada. El proceso de su conformación y desarrollo hunde sus raíces más de un siglo y medio atrás. El análisis de sus recorridos permite la comprensión de una expresión significativa de la sociedad contemporánea, en donde se entrelazan múltiples planos de la experiencia humana colectiva. Por la vastedad y complejidad que presentan como objeto de estudio, incluso en el nivel mismo de su definición, la tarea de investigarlos implica un reto. Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda se propone asumir este desafío. Lo hace desde la propuesta de una publicación científica de historia social, política, cultural e intelectual, de carácter interdisciplinario, cuyo radio de interés posee límites conceptuales, temporales y espaciales amplios. En cada número Archivos ofrecerá uno o dos dossiers sobre cuestiones significativas de la historia del movimiento obrero y la izquierda del país y/o del exterior. El objetivo es lograr una reflexión plural y a la vez integrada, a partir de diversas contribuciones referidas a un mismo problema histórico o debate teórico-historiográfico. En este primer número, el »Dossier«, titulado »Movimiento obrero e izquierda en la Argentina (1880–1950)«, está conformado por cinco textos que comparten una misma finalidad: proporcionar una visión específica y actualizada en torno al tema, sostenida en una crítica historiográfica y originales hipótesis, fruto de investigaciones propias. Bajo el título de »Perfiles« buscamos realizar una recuperación crítica de autores/as que, en el exterior y/o en el país, constituyen un punto de referencia en el despliegue de una historia social, política, teórica y cultural orientada a la comprensión del pasado y el presente del movimiento obrero y la izquierda. Por otra parte, dos textos de Karl Marx de 1850 (traducidos de los originales en alemán y francés), en donde éste inicia el uso de los conceptos »dictadura del proletariado« y »revolución en permanencia«, son los que inauguran la sección »Documentos«, en la que procuramos rescatar, contextualizar y reflexionar acerca de algunas fuentes o testimonios que nos parecen relevantes de la historia del socialismo y los trabajadores. Finalmente, en »Crítica de libros« sometemos a un análisis, que va más allá de una mera y rutinaria reseña, a volúmenes recientemente aparecidos que aluden a la materia, tanto en su esfera nacional como internacional. Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda no aparece en respuesta a necesidades coyunturales. Anuncia sus pretensiones de recorrer un camino largo, aunque no pueden desestimarse las características del clima que la circunda: la crisis capitalista mundial y la potencial reconstrucción de la clase obrera como sujeto y alternativa histórica. Section IXInternet Resources. Websites Relevant for Communist Studies Online Newsletters, Discussion Groups and Blogs. TitleURLAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria.www.klahrgesellschaft.atAnarchists in the Gulag.http://gulaganarchists.wordpress.com/Aufarbeitung Aktuell, Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.www.bundessstiftung-aufarbeitung.de/newsletter-aufarbeitung-aktuell-1171.htmlBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina, Buenos Aires, Argentina.www.cedinci.org/Estudos sobre o Comunismo, Portugal [not updated anymore].http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/H-Net Discussion Network: H-HOAC. History of American American Communism.www.h-net.org/~hoac/H-Net Discussion Network: H-Labor.www.h-net.org/~labor/H-Net Discussion Network: H-Russia.www.h-net.org/~russia/H-Net Discussion Network: H-Socialisms.www.h-net.org/~socialisms/Historical Brochures of the Political Left, Bielefeld, Germany.http://brochures.blogsport.eu/International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter, Münster, Germany.www.iccees.org/newsletter.htmlThe International Newsletter of Communist Studies Online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Germany.http://newsletter.icsap.euJohn Riddell, Toronto, Canada. Marxist Essays and Commentary.http://johnriddell.wordpress.com/Labnet List. Labour Movement.www.iisg.nl/labnet/LAWCHA. Newsletter of the Labor and Working Class History Association.www.lawcha.org/newsletter.phpLondon Socialist Historians Group Newsletter.http://londonsocialisthistorians.blogspot.com/Marxism & Philosophy Review of Books, Kent, UK.http://marxandphilosophy.org.uk/reviewofbooksNew Books in Russian and Eurasian Studies.http://newbooksinrussianstudies.com/NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA.www.aseees.org/publications/newsnetmain.htmlRussian History Blog.http://russianhistoryblog.org/Socialist History News, Socialist History Society, London, UK.http://socialisthistory.wordpress.com/Twentieth Century Communism Blog.http://c20c.wordpress.com/ Resources TitleURL100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte, Munich, Germany.www.1000dokumente.de/index.html?c=1000_dokumente_ru1937 god, Memorial, Moscow, Russia.Documents and materials on the Great Terror.www.memo.ru/history/y1937/1937.htmAmerican Communism and Anticommunism.A Historian’s Bibliography and Guide to the Literature, John Earl Haynes, Washington D.C., US.www.johnearlhaynes.org/page94.htmlAnnals of Communism. Yale University Press.Contains online document publications.www.yale.edu/annals/Archive.orgFeatures immense amounts of digitised Communist brochures.www.archive.orgAssociation Atelier André Breton, Archigny, France.www.andrebreton.frArbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR.Enthält Tageschroniken, Karten, Materialien, ein Forum, Veranstaltungen, Dokumentationen (Videoclips u. a.) sowie einen Newsletter.www.17juni53.deArcheoBiblioBase: Archives in Russia, IISG, Amsterdam.English-language repository of central and local archives, libraries and museums in Russia, maintained by Patricia Grimsted. Includes bibliography and contact information.www.iisg.nl/~abb/ArcheoBiblioBase: Archives in Ukraine, Ukrainian Research Institute, Harvard University, US.www.fas.harvard.edu/~huri/abb_grimsted/index.htmlArchivgut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Bundesarchiv, Koblenz-Berlin, Germany.www.bundesarchiv.de/sed-fdgb-netzwerk/Archivi del Novecento, BAICRSistemaCultura, Rome, Italy.www.archividelnovecento.itArchivy Belarusi.Official site of the archival adminstration of Belarus.http://archives.gov.by/Archivy Rossii. Archives in Russia.Joint-venture site of Rosarchiv and NGOs, covering all news and matters of Russian archives. Also features online publications of articles from journal »Otečestvennye Archivy«.www.rusarchives.ru/Bălgarskijat komunizăm. Kritičeski izsledvanija.Bulgarian webportal on Communist Studies.www.red.cas.bg/Bibliographie zur Geschichte des deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur 1938–1945, Karl Heinz Roth.www.stiftung-sozialgeschichte.de/index.php?selection=63Bibliothek deutscher Kämpfer für den Sozialismus.www.deutsche-kommunisten.de/Bundism.net. A Network Dedicated to Research on the Jewish Labor Bund.www.bundism.netCentral and Eastern European Online Library.www.ceeol.com/Center for Working-Class Studies, Youngstown State University, US.http://cwcs.ysu.edu/Centre d’Etudes et de Recherches sur les Mouvements Trotskyste et Révolutionnaires Internationaux, Paris, France.www.trotsky.com.fr/Centre des Archives Communistes en Belgique.http://users.skynet.be/carcob/Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales (CEDOBI), Universidad de Castilla-La Mancha, Spain.www.brigadasinternacionales.uclm.esCentro de Documentação 25 de Abril, Coimbra, Portugal.www.uc.pt/cd25a/Clio-online. Fachportal für die Geschichtswissenschaften.www.clio-online.deClio-online Findmittelkatalog.www.clio-online.de/default.aspx?tabid=40208223Cold War International History Project, Woodrow Wilson International Center, Washington DC, US.Contains huge quantities of digitized and systematically arranged Cold War documents.www.wilsoncenter.org/cwihpCollectif Smolny. Collectif d‘édition des introuvables du mouvement ouvrier.www.collectif-smolny.org/Comintern-Online Electronic Archives.www.comintern-online.com/»Communism« – An exhibition of highlights from the Monash University Library Rare Books Collection, Victoria, Australia.Illustrated virtual catalogue.www.lib.monash.edu/exhibitions/communism/The Complete Works of George Orwell.www.george-orwell.org/CPGB Bibliography, Dave Cope.www.amielandmelburn.org.uk/cpgb_biblio/searchfrset.htmDatenbank des deutschsprachigen Anarchismus – DadA.http://ur.dadaweb.de/Dictionary of Labour Biography, University of York, UK.www.york.ac.uk/res/dlb/Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, Oranienburg-Berlin, Germany.www.stiftung-bg.de/kz-oranienburgDie Rote Fahne, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany.Main newspaper of the CPG, digitized issues 1918–1919 and 1928–1933.http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/24352111/0/Documents in Russian History, Seton Hall University, South Orange NJ, USA.http://academic.shu.edu/russianhistory/Dokumente und Materialien zur Ostmitteleuropäischen Geschichte, Herder-Institut, Marburg, Germany.www.herder-institut.de/Envisioning a Post-Capitalist Order. 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Fachforum zur Geschichte des kulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt.http://geschichte-transnational.clio-online.netGuia da história das esquerdas brasileiras, Universidad Federal Rio de Janeiro, Brasil.www.ifcs.ufrj.br/~rfcastro/gheb.htmGuide Books to Russian Archives, East View Inc., Minneapolis, US.http://guides.eastview.comGULAG – Das Lagersystem der Sowjetunion, Memorial e.V., Berlin, Germany.http://gulag.memorial.de/H-Net Humanities & Social Sciences Online Discussion Network.www.h-net.org/H-Soz-u-Kult, Germany. Internet-Forum des H-Net. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. 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Rezensionsplattform für die europäische Geschichtswissenschaft, Bayerische Staatsbibliothek, München, Germany.www.recensio.netRossijskie socialisty i anarchisty posle Oktjabrja 1917 goda, Memorial, Moscow, Russia.http://socialist.memo.ru/Russian and East European Network Information Center, University of Texas, Austin, US.http://reenic.utexas.edu/Seventeen Moments in Soviet History, James von Geldern & Lewis Siegelbaum, St. Paul, US.An on-line archive of primary source materials on Soviet history, including video and audio.www.soviethistory.org/Soviet Jewish Culture. Recovering Jewish Daily Life in the Soviet Union Before the Holocaust.www.sovietjewishculture.org/Stalin – Werke und Texte im Internet.www.stalinwerke.de/Stalin-Era Research and Archives Project, University of Toronto, Canada.www.utoronto.ca/ceres/serap/The Struggle for Free Speech at CCNY 1931–42.Virtual exhibition.www.virtualny.cuny.edu/gutter/panels/panel1.htmlThe Truth about Kronstadt.Online ressource featuring the completely digitized Kronstadt Izvestija.http://www-personal.umich.edu/~mhuey/UNESCO Archives Portal. An international gateway to information for archivists and archives users.http://portal.unesco.org/ci/en/ev.php-URL_ID=5761&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.htmlUngarn 1956 – Geschichte und Erinnerung, Berlin, Germany.www.ungarn1956.deVerzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Freddy Litten, Munich, Germany.www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htmVirtual Gulag Museum.Multilanguage resource on all museums and collections featuring Gulag history, including photos of exhibits.http://gulagmuseum.orgVirtual Library Labor History, IISG, Amsterdam, The Netherlands.http://socialhistory.org/en/collections/libraryVirtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Bayerische Staatsbiliothek, Munich, Germany.www.vifaost.de/Vospominaniia o Gulage, Sakharov Center, Moscow, Russian Federation.Digitised memoirs of GULag survivors.www.sakharov-center.ru/asfcd/auth/Yale Russian Archive Project, Yale University, US.www.yale.edu/rusarch/archive.htmlZeitgeschichte-online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany.www.zeitgeschichte-online.de/Žurnal’nyj zal.Online archive of Russian humanities periodicals.http://magazines.russ.ru Section XCommunism in Culture, Art and Media Some Exhibitions on the History of Communism, 2012. • Madrid, Spain, 24 November 2011 – 26 February 2012: El Socialista 1886–2011. Prensa y compromiso político. Fundación Pablo Iglesias, Museo de História. • Berlin, Germany, from 27 February 2012 onwards: Vom Verschwinden des Willi Münzenberg. Erste Fundstücke einer Freilegung, Münzenbergsaal, Franz-Mehring-Platz 1. • Berlin, Germany, 5 April – 9 July 2012: Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915–1935. Martin-Gropius-Bau. www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/veranstaltungsdetail_mgb_ausstellungen_28822.php • Neuhardenberg, Germany, 1 May – 24 June 2012: Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956. Gesellschaft »Memorial« Moskau, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Stiftung Schloss Neuhardenberg. www.ausstellung-gulag.org • Budapest, Hungary, 31 May – 29 July 2012: Kádár 100 – In His Own Words. Galeria Centralis, OSA Archivum. http://osaarchivum.org • Basel, Switzerland, 6 June – 14 October 2012: »Tatlin – New Art for a New World«. Museum Tinguely. www.tinguely.ch/en/ausstellungen_events/austellungen/2012/Tatlin.html152066 • Lisbon, Portugal, 28 June – 29 September 2012: Jorge Amado em Portugal. Biblioteca Nacional de Portugal. www.bnportugal.pt/index.php?option=com_content&view=article&id=716%3Aexposicao-jorge-amado-em-portugal-28-jun-29-set • Weimar, Germany, 20 August – 21 October 2012: Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956. Gesellschaft »Memorial« Moskau, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Schiller-Museum Weimar. www.ausstellung-gulag.org • Berlin, Germany, 7 June – 25 November 2012: Fokus DDR. Aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums. Deutsches Historisches Museum. www.dhm.de/ausstellungen/fokus-ddr/ • Mons, Belgium, 27 October – 01 December 2012: Regards militants sur le XXe siècle. Affiches communistes en Belgique. Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches de l’ULB et du CARCOB, IHOES, le Mundaneum. http://expositions.mundaneum.org/fr/expositions/regards-militants-sur-le-xxe-siecle-affiches-communistes-en-belgique » Berlin: Ausstellung und Tagung über Willi Münzenberg Eine Ausstellung über Willi Münzenberg (1889–1940) entsteht gegenwärtig im Bürogebäude am Franz-Mehring-Platz 1, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In zehn Etappen sollen bis Oktober 2012 Spuren vom Leben, Wirken und »Verschwinden« des einstigen KPD-Reichstagsabgeordneten, Verlegers und Leiters der Internationalen Arbeiterhilfe freigelegt werden. Weitere Informationen zur Ausstellung finden sich unter www.rosalux.de/news/38274/medien-fuer-die-massen.html. Darüber hinaus fand am 12. und 13. Oktober ebendort ein europäischer Workshop statt, bei dem Historikerinnen und Historiker, Literatur- und Sozialwissenschaftler in sechs Panels über Antifaschismus, Stalinismus, transnationale Solidaritätsbewegungen, Mediengeschichte und die Rolle Münzenbergs debattierten. Die Arbeitstagung wurde unter anderem vom Institut für soziale Bewegungen (Bochum), der Åbo Akademi (Finnland) und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) unterstützt. Kontakt kann unter bayerlein@zzf-pdm.de und uwe.sonnenberg@web.de aufgenommen werden. Für einen Tagungsbericht, siehe http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4469. » Tatlin-Ausstellungen in Moskau und Basel Vladimir Tatlin (1885–1953), Maler, Designer, Bühnenbildner und Architekt, war eine Schlüsselfigur der frühsowjetischen Avantgarde. Wohl am bekanntesten ist Tatlins »Entwurf für ein Denkmal der 3. Internationale«, ein nie erbauter 400-Meter-Turm, der zugleich Monument und Hauptquartier der Komintern werden sollte. Doch hat der Avantgarde-Künstler, der die Stalin-Zeit als Buchgestalter überleben konnte, ein viel breiteres Oeuvre hinterlassen. Um zum 125. Geburtstag Tatlins das Erbe des Künstlers angemessen zu repräsentieren, fanden 2011–2012 gleich zwei Ausstellungen statt. Vom 5.10.2011 bis zum 26.2.2012 lief in der Moskauer Tretjakov-Galerie unter maßgeblicher Mitwirkung des Staatlichen Literatur- und Kunstarchivs (RGALI) die Ausstellung »Tatlin – Beskonečnaja čaša velikogo« (»Tatlin – der unendliche Kelch des Großen«), die auch Rekonstrutionen vieler verschollener von ihm entworfener Theaterkostüme beinhaltete. Einige Monate später würdigte das Museum Tinguely in Basel den Künstler vom 6.6. bis 14.10.2012 mit der Ausstellung »Tatlin – New Art for a New World«. Informationen zu den Ausstellungen: – www.tretyakovgallery.ru/ru/calendar/exhibitions/exhibitions2334/ – www.rgali.ru/object/235227308?lc=ru – www.tinguely.ch/en/ausstellungen_events/austellungen/2012/Tatlin.html152066 » Die Tochter des Generals: Verschollener Roman von Arkadij Maslow veröffentlicht Der brilliante Publizist, linke Dissident und ehemalige KPD-Führer Arkadij Maslow (1891–1941) verfasste zahlreiche publizistische Texte, jedoch nur ein literarisches Werk, das zudem lange Zeit als verschollen galt: 1935, im Pariser Exil, schrieb er den Roman »Die Tochter des Generals«. Vor dem Vordergrund eines realen Spionagefalls der frühen NS-Zeit (eine Generalstochter, die als polnische Spionin vor Gericht gestellt wird) zeichnet Maslow ein lebhaftes Bild der deutschen Gesellschaft kurz vor und unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Der Autor wollte nach eigenem Bekunden »in diesem Deutschland der genannten Jahre das Negative, das Kranke, Faule, Abstoßende zeigen. Da es dem Autor nicht gegeben war, in diesem Land und in dieser Zeit Positives zu sehen, fehlen positive Züge.« Das Manuskript wurde von der Germanistin Berit Balzer (Universität Madrid) in den USA ausfindig gemacht und in einer ausführlich kommentierten und annotierten Edition im be.bra-Verlag herausgegeben. Weitere Informationen sind unter www.bebra-wissenschaft.de/verzeichnis/titel/471-Die_Tochter_des_Generals abrufbar. Section XIDiscussions, Debates, Historical Controversies William A. Booth (Institute for the Study of the Americas, University of London, UK): » Mid-Century Communisms: A Schematic Approach? In this project presentation I will set out the fundamental discussion points raised in my paper »The Mexican Communist Party in Comparative Perspective: Towards a Schema for the Postwar Conjuncture«, delivered at the European Social Science History Conference in Glasgow in April 2012. I do so in order to invite comments and interventions relating to my central contention: that we cannot speak meaningfully of one ›mid-century communism‹, only of several (or perhaps even many) ›mid-century communisms‹. To challenge the partial revival of the monolithic conception of communism, I offer a tentative and non-exhaustive schematic of varying (and in some cases, contradictory) ›types‹ of mid-century communism. See the full text in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2012), no. 25, http://newsletter.icsap.de/home/data/pdf/INCS_25_ONLINE.pdf. » Controversy around the Trotsky Biography by Robert Service Robert Service, Oxford historian and Senior Fellow at the Hoover Institution at Stanford University, and well-known for his biographies of Lenin and Stalin, released a biography of another prominent Bolshevik leader in 2009: the one of Lev Trotsky.10 Service claimed to having released the first impartial biography of Trotsky, and in fact neither the book nor the author himself can be suspected of any sympathies towards the Bolshevik. At a book presentation in London, he was reported saying: »There’s life in the old boy Trotsky yet – but if the ice pick didn’t quite do its job killing him off, I hope I’ve managed it.«11 While the biography at first was positively received in the daily press (including enthusiastic commentaries by Tristram Hunt and Simon Sebag Montefiore),12 the reaction from the political Left as well as from the academic press was mixed. The US Trotskyist David North, chairman of the Socialist Equality Party, published a book-length defense of Trotsky, in which he accused Service not only of ideological distortions, but also of a large number of severe factual errors.13 North’s critique was echoed by several reviewers in academic journals. Bertrand M. Patenaude of Stanford University, a Trotsky biographer himself without any political leanings towards the Left, checked Service’s biography against North’s criticism and concluded that the latter was »entirely justified«, while Service’s book »fails to meet the basic standards of historical scholarship«.14 Alex Marshall of Glasgow University also examined the book and came to the conclusion that it is an »unbelievably lengthy, but simultaneously deeply shallow work« written by a »historian who too often comes across as basically tired and disinterested in his whole subject matter«.15 In Germany, Reiner Tosstorff (University of Mainz) also has written a lengthy and thorough critique of Service’s monograph.16 Not only did these historians criticise Service’s sensationalism and his questionable interpretations, they also pinpointed several factual errors concerning the history of the Russian Civil War, the revolutionary movement and so on. None of this, however, was noticed by Andreas Oberender (Humboldt University of Berlin), who, in a review, was fully convinced by the monograph and praised Service as the »ideal Trotsky biographer«. The fact criticised by other reviewers about Service mostly disregarding Trotsky’s ideological and theoretical heritage is seen by Oberender as an advantage: »Service is considerate enough not to confront the reader with the worst excrescenses of Trotsky’s thought«, he claims, while referring to Trotsky’s »Terrorism and Communism« and »Literature and Revolution«.17 The academic criticism notwithstanding, Service’s book eventually was translated in several European languages. In Germany it was surprisingly Suhrkamp, a publishing house with a rich scholarly and Left tradition, which announced to release a translation of the controversial Trotsky biography. As a reaction to this, fourteen prominent German-language historians, some of them Suhrkamp authors themselves, sent a letter to the publishing house in July 2011. It was made public by the authors in November 2011, after Suhrkamp failed to respond to this initially private inquiery. The authors, including the doyen of German communist studies Hermann Weber, pinpointed many problematic aspects of Service’s book, including his uncritical reproduction of antisemitic stereotypes, and appealed to Suhrkamp to reconsider the publication.918 Two of the signees, Weber and Mario Keßler from the Center of Contemporary History (ZZF) and the University of Potsdam, also gave extensive interviews to the World Socialist Website (run by David North), highlighting their opposition to Service’s book from a scholarly point of view.1019 As a reaction to the academic protest, Suhrkamp has announced to put the book publishing plans on hold in order to evaluate the critical points raised in the open letter. Instead of the originally announced publication date in 2011, the German translation was launched in July 2012.1120 However, in most cases it left the errors untouched that have been pinpointed by earlier criticism.1221 The German editors of the WSWS have compiled an English-language list of blunders that have been left untouched (or even made worse) in the German translation.1322 Unlike in the anglophone world, the monograph was met with criticism not only within the Left, but also in the mainstream daily and weekly press. Gerd Koenen, one of the most prolific German historians of communism and not a political adherent of Trotsky, reviewed the book for the German weekly Die Zeit, where he compared the book to »an endless PowerPoint presentation. In this biography, there is no psychological development, no dramaturgy […]. There is nothing of the historic tension in which the [historic] agents operated. One does hardly dare to say it, but: [in this book] there is no history in the true sense of the word.«1423 Reactions of other central German newspapers such as Süddeutsche Zeitung and Frankfurter Rundschau were also rather unfavourable to Service’s book.1524 Some of it is to be seen how this controversy will further develop, but the lively discussion shows that the history of communism still can cause historical debates even outside the narrow circles of academia.1625 » Russia: »Commission against Falsification« Dissolved The controversial »Commission of the Russian Federation to Counter Attempts to Falsify History to the Detriment of Russia’s Interests«, founded by the Russian president in 2009 and causing wide discussions about scholarly freedom (see INCS (2009), pp. 287–288), has been now silently dissolved in February 2012. In the three years of its existence, the commission has made no notable appearance in academia or the media public. After the dissolution, members of the commission are quoted stating that the commission has fulfilled its role. Some members of the Russian academia, however, call the commission a stillborn untertaking which has failed to prevent concrete cases where forged archival documents were published. For a detailed report with statements by participants and members of the Russian academia, see: Iuliia Kantor: Bez fal’sifikatsii. »Istoricheskaia« kommissiia pri prezidente raspushchena. In: Moskovskie novosti, 19 March 2012. URL: http://mn.ru/society_history/20120319/313741427.html [Last accessed 19 August 2012]. » Debatte um neues Buch von Jörg Baberowski Die Veröffentichung des jüngsten Buches von Prof. Dr. Jörg Baberowski, Inhaber des Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, hat eine Debatte innerhalb der Osteuropahistoriker und Kommunsimusforscher ausgelöst. In »Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt« (München, C.H. Beck, 2012), für das der Autor den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhielt, sieht Baberowski weiterhin die exzessive Gewalt als zentrales strukturelles Moment der sowjetischen Geschichte, revidiert jedoch seinen früheren modernisierungstheoretischen Interpretationsrahmen und verortet die Gewalt zum einen stärker im Vormodernen, zum anderen in der Person des Diktators Stalin. In der April-ausgabe 2012 der Zeitschrift Osteuropa wurde das Buch von sieben der acht beteiligten Historiker kritisch gesehen. In der Rubrik »Stalins Herrschaft der Gewalt. Jörg Baberowskis ›Verbrannte Erde‹ – eine Debatte« äußern sich dazu in ausführlicheren Beiträgen Gerd Koenen, Ulrich Schmid, Stefan Plaggenborg, Benno Ennker, Jürgen Zarusky, Marc Junge und Friedrich Pohlmann. Grosso modo moniert die Kritik die Tendenz, die Geschichte der Sowjetunion und des Boschewismus »allein auf einen Punkt hin, den Stalinschen Massenterror zulaufen zu lassen« (Benno Ennker). Auch die Rezensionen in der Tagespresse zeugen von einer lebhaften Debatte. Siehe: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/ausgabe=6850; vgl. u. a. www.perlentaucher.de/buch/joerg-baberowski/verbrannte-erde.html. SECTION XIIMISCELLANEA » Historical Materialism Book Series: Selected Works of Amadeo Bordiga. Call for Donations Comrades and friends, Historical Materialism are excited to be preparing the first ever English-language volume of Amadeo Bordiga’s writings, as part of our Book Series. Though a major figure of the Third International, the political strug-gle of this co-founder of the Communist Party of Italy is little-known in the Anglophone world, while in his own country, his legacy has often been neglected. We believe that the publication of an English-language Selected Works can do much to combat the ignorance and misrepresentation surrounding Bordiga, whose journey is undoubtedly of great significance to understanding the history of the Comintern. This ambitious collection will amount to around 180,000 words, covering his whole political trajectory from his articles in Il Soviet during the working-class insurgency of the 1919–20 biennio rosso to his factional battles within the Communist Party of Italy; his struggle against encroaching Stalinism in the Third International; and his post-WWII writings on the restructuring of a resurgent capitalism and on anti-colonial movements. This volume, edited by Pietro Basso and translated by Giacomo Donis, will thus give a strong sense of the range of his work and his reactions to the great social upheavals through which he lived. However, though our Book Series is very keen to make such classic texts of the workers’ movement available to a wider public – as with previous translations of Comintern documents and forthcoming anthologies of the writings of revolutionaries such as Evgeny Preobrazhensky and Andreu Nin – we do not have the same funds as commercial publishers. Nor can we rely on institutional backing, given both the parlous state of education funding in Italy and the political anathema against Bordiga. While Historical Materialism can soak up some of the associated costs by providing our labour-power for free, we cannot ask the same of the translator, and therefore have to call on those sympathetic to our Book Series and this translation project to help us. We need to raise a further £4,000, which is around a third of the total cost of the translation. We hope that you, like us, will recognise the importance of making these texts available to an Anglophone audience, as well as the value of the Historical Materialism Book Series, and thus may be willing to draw on your own resources to assist the publication of this volume. No donation too small (or too large) – we would much appreciate any support you can offer to this very worthy initiative. We welcome donations by PayPal, visiting www.historicalmaterialism.org/book-series/swabordiga. If you are interested in our Book Series and would like to help us fund the translation of more such ›lost texts‹, we would also welcome a regular donation via Direct Debit. If you would like details for how to donate by bank transfer or cheque, please contact us at historicalmaterialism@soas.ac.uk. Your help and interest much appreciated, Regards The Editors » Wilhelm Reich und Willy Brandt – ein Nachtrag Zu seinem Beitrag »Wilhelm Reich und Willy Brandt als ›Hochverräter‹« (INCS Online [2012], 25, S. 74–78) sandte Andreas Peglau folgenden Nachtrag: Eine soeben erschienene Sammlung von Briefen Reichs und anderen von ihm in den Jahren 1948 bis 1957 verfassten Dokumenten macht eine Ergänzung zum Verhältnis zwischen Reich und Brandt möglich. Trotz der Differenzen bezüglich politischer Detailfragen, die schon 1938, bei der Feier zu Brandts 25. Geburtstag deutlich wurden,26 blieben sie offenbar in Kontakt. Noch am 30.1.1948 schrieb Reich in einem Brief an den deutschen Psychoanalytiker Werner Kemper: »We sent you a fourth food parcel last week and likewise a parcel of books was sent to you via Willi [sic] Brandt in Berlin.«27 Nachruf: » Helmut Fleischer (1927–2012) Prof. Dr. Helmut Fleischer ist am 12. Oktober 2012 gestorben. Der am 8. November 1927 geborene bekannte Philosoph war von 1945 bis 1947 noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Dort lernte er die Ideologie des Marxismus-Leninismus kennen. Von nun an beschäftigte ihn die Theorie von Marx. Nach seiner Rückkehr befasste er sich mit der Kritik am Stalinismus, dessen Politik und Philosophie. In seinen Erinnerungen von 2010, »Aus Hitlers Krieg durch Stalins GULag«, beschrieb er seinen Lebensweg. Durch viele Bücher wurde er bekannt, vor allem durch sein Werk »Marxismus und Geschichte« (1969), das sehr weit verbreitet wurde. Nach seiner Berufung zum Ordinarius für Philosophie 1972 (Emeritierung 1995) an die Technische Universität Darmstadt blieb er als Philosoph in Lehre und Forschung diesem Thema treu. Seit der Gründung des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung war er von Anfang an zehn Jahre lang (bis 2003) ein wichtiger und sehr geschätzter Mitarbeiter. Er hat sich um die Erforschung des Marxismus und des Kommunismus verdient gemacht. Nachruf: » Eric J. Hobsbawm (1917–2012) Am 1. Oktober 2012 verstarb der britische Historiker Eric J. Hobsbawm im Alter von 95 Jahren. Mit seinen Pubikationen zur Geschichte des Nationalismus, der Industrialisierung, des Imperialismus und seinen Großdarstellungen zum »langen« 19. und »kurzen« 20. Jahrhundert galt Hobsbawm als einer der herausragendsten britischen und europäischen Historiker. Geboren im ägyptischen Alexandria, aufgewachsen in Deutschland und nach Hitlers Machtantritt nach Großbritannien gezogen, schloss er sich dort der KP Großbritanniens an, deren Mitglied er trotz seiner zahlreichen Kritiken an der Parteilinie bis 1991 blieb. Er war, gemeinsam u. a. mit E. P. Thompson und Christopher Hill, an der Gründung der einflussreichen »Communist Party Historians Group« beteiligt. Von 1947 bis 1982 lehrte er an der University of London und erfreute sich vor allem ab den 1980er Jahren steigender Anerkennung. Hobsbawms letzte Veröffentlichung erschien unter dem Titel »Wie man die Welt verändert: Über Marx und den Marxismus« (München, Hanser, 2012). Nachruf: » Carlos Nelson Coutinho (1943–2012) Am 20. September 2012 verstarb in Rio de Janeiro Professor Carlos Nelson Coutinho. Er war Politkwissenschaftler an der Escola de Serviço Social der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Er übersetzte »Das Kapital« ins Portugiesische und war Herausgeber der Werke Gramscis (u. a. der brasilianischen Ausgabe seiner Gefängnishefte – Cadernos do cárcere, 6 vols., Rio de Janeiro, Civilização Brasileira, 1999–2002). Viel Beachtung fand sein Artikel »A Democracia como Valor Universal« (1979) mit dem Bekenntnis, dass es Sozialismus ohne Demokratie nicht geben könnte. Aus der kommunistischen Bewegung kommend, wurde er nach einer eurokommunistischen Phase und längeren Aufenthalten in Italien und Frankreich in den 1980er Jahren Mitglied der Partido dos Trabalhadores (PT) des späteren Präsidenten Lula und war bis zum Schluss aktives Mitglied der Linksabspaltung »Partido Socialismo e Liberdade«. Coutinhos grundlegende Studie zu Gramscis politischem Denken ist soeben in englischer Sprache erschienen (Gramsci’s Political Thought, Leiden 2012). Nachruf: » Horst Dähn (1941–2012) Prof. Dr. Horst Dähn ist am 21. August 2012 gestorben. Der am 15. Juli 1941 geborene Politikwissenschaftler und Historiker war von 1995 bis zu seinem Tod Mitherausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Bekannt wurde er als Forscher vor allem durch seine Untersuchungen zum Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR. In den Siebziger- und Achtizigerjahren lehrte er als Professor an der Universität Stuttgart und am Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR der Universität Mannheim. Das politische System der DDR war ebenso sein Forschungsfeld wie die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 1993 wurde er Begründer und dann langjähriger Leiter des Berliner Instituts zur vergleichenden Staat-Kirche-Forschung. Der Wissenschaftler Dähn hinterlässt große Lücken. Nachruf: » Hartmut Mehringer (1944–2011) Am 17. Oktober 2011 verstarb der Historiker Hartmut Mehringer. Mehringer wurde 1976 an der Universität Erlangen mit einer Arbeit zur Theorie der »Permanenten Revolution« promoviert. Er war langjähriger Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München, zeitweise Leiter der IfZ-Außenstelle Berlin des Instituts und zuletzt Archivleiter des IfZ in München. Am IfZ arbeitete Mehringer am »Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933« sowie an der Edition der Tagebücher von Joseph Goebbels. Darüber hinaus forschte Mehringer, der sich als langjähriger SPD-Vorsitzender im Münchener Vorort Krailing engagierte, zur Geschichte des sozialdemokratischen Widerstandes in NS-Deutschland. Nachruf: » Klaus Tenfelde (1944–2011) Am 1. Juli 2011 verstarb der Historiker und langjährige Leiter des Instituts für Soziale Bewegungen in Bochum, Klaus Tenfelde. Der Sozialhistoriker Tenfelde, einer der prominentesten Vertreter der vergleichenden Geschichte der Arbeiterbewegung, hatte unter anderem zum Arbeiterwiderstand in der NS-Zeit geforscht. Im von ihm geleiteten Institut, das neben der Bibliothek des Ruhrgebiets auch einen Bibliotheksbestand zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung beherbergt, entstanden darüber hinaus zahlreiche Arbeiten zu Teilbereichen der historischen Kommunismusforschung. Einen Nachruf der Ruhr-Universität Bochum, siehe http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2011/pm00212.html.de. Nachruf: » Jorge Semprún (1923–2011) Der am 10. Dezember 1923 in Madrid geborene spanische Intellektuelle, Kämpfer in der Résistance und im spanischen Widerstand gegen das Franco-Regime, Buchenwald-Häftling und Politbüro-Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens, Schriftsteller und Drehbuchautor, verstarb am 7. Juni 2011 im Alter von 87 Jahren in Paris. Der u. a. in Spanien, Frankreich und Deutschland Hochgeehrte verkörperte bis zum Schluss die Hoffnungen auf eine reichere und freiere Gesellschaft, die seine Generation im »kurzen Jahrhundert« zwischen 1914 und 1989 beseelten. Als Kommunist ein Teilhaber der »Illusion der Zukunft« und später überzeugter Antistalinist, verarbeitete er seine Trauerarbeit über Nationalsozialismus und Stalinismus glaubhaft literarisch und filmisch. Sein Ausschluss aus der KP Spaniens im Jahre 1964 zusammen mit Fernando Claudín war ein historischer Wendpunkt der kommunistischen Bewegung. Buchenwald symbolisiert die doppelte Aufgabe, der er sich stellte, am besten: die der Trauerarbeit und die der »Ausarbeitung von Grundsätzen für eine europäische Zukunft, damit die Irrtümer der Vergangenheit vermieden werden können«, wie Semprún selbst es bekundete. Beides hat er in einer selbstkritischen Realitätsprüfung nicht nur literarisch verarbeitet, sondern damit auch das Recht erworben, dies von allen zu fordern, die die Erfahrung von Nationalsozialismus und Stalinismus und die »Albtraum-Welt des Kalten Krieges« (Helmut Dahmer) mitgemacht haben. Nachruf: » Sergei Alekseevich Pavliuchenkov (1960–2010) As the editors of the International Newsletter got to know just now, the Russian historian Sergei Pavliuchenkov passed away on January 9, 2010. Pavliuchenkov, professor at Moscow State Pedagogical University, has extensively written on early Soviet history, mostly on the Civil War period and on the NEP; according to his friends and colleagues, his latest project that remained unfinished was a book on the famine of 1921–1922. His last monograph, »Orden mechenostsev« (»The Order of Swordbearers«) deals with the history of the Bolshevik party as a state institution from the revolution to the establishment of Stalin’s rule. Published in 2008, the book was received rather critically by the scholarly community, particularly due to its »statist« bias and its uncritical appropriation of modernisation theory; nevertheless it has been recognised, due to its meticulous archival work and its thorough and daring analysis, as one of the most important contributions to Soviet Communist party history after the opening of the Soviet archives. For an essay volume published in honor of Sergei Pavliuchenkov, including many of his unpublished texts, see: V. L. Telitsyn (ed.): Istorik i ego vremia. Vospominaniia, publikatsii, issledovaniia. Pamiati S.A. Pavliuchenkova, Moskva, Sobranie, 2010. Table of contents available at http://m-rus-1861-1991.livejournal.com/16925.html. 1 Supervisor: Ihor Hyrych, kandydat istorychnykh nauk (eq. PhD in history), Head of the Department of the Sources on the History of Ukraine of the late 19-early 20 centuries (The M. Hrushevsky Institute of Ukrainian Archeography and Source Studies, National Academy of Sciences, Ukraine). 2 Borotbists used a double numbering of their congresses in the party materials. 3 Ivan Maistrenko: Borotbism. A Chapter in the History of Ukrainian Communism, New York, Research Program on the USSR, 1954 (2 ed.: Borot’bism. A Chapter in the History of Ukrainian Revolution, Stuttgart, Ibidem-Verlag, 2007); James Mace: Communism and the Dilemmas of National Liberation. National Communism in Soviet Ukraine, 1918–1933, Cambridge MA, Harvard University Press, 1983. 4 Ivan Kuras: Torzhestvo proletarskogo internatsionalizma i krakh melkoburzhuaznykh partii na Ukraine, Kiev, Naukova dumka, 1978; Iu. Klintukh: Krakh ideologii i politiki melkoburzhuaznoi partii borotbistov, Kiev, 1971 et al. 5 O. Liubovets’: Partiia borot’bystiv v ukrains’kii revoliutsii 1917–1920 rr. Avtoref. dys. ... kand. ist. nauk, Kyiv, 1993; Id.: Ukrains’ki partii i politychni al’ternatyvy 1917–1920 rokiv, Kyiv, 2005; V. Ohiienko: Diial’nist’ ukrains’kykh natsional-komunistiv (1918–1920). Avtoref. dys. ... kand. ist. nauk, Kyiv, 2008 et al. 6 The Central State Archive of Civic Organizations of Ukraine (TsDAHOU, former Central Party Archive of the CPU), the Central State Archive of the Supreme Bodies of Authority of Ukraine (TsDAVOVU, former State Archive of the October Revolution of the Ukrainian SSR), regional archives etc. 7 The Russian State Archive of Social-Political History (RGASPI) and the State Archive of the Russian Federation (GARF). 8 Erstgutachter: Prof. Dr. Norbert Angermann. Zweitgutachter: PD Dr. Reiner Tosstorff. 9 Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce/). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/). 10 Robert Service: Trotsky. A Biography, London, Macmillan, 2009. 11 Londoner’s Diary. In: London Evening Standard, 23 October 2009. URL: http://londonersdiary.standard.co.uk/2009/10/bonding-with-my-mirror.html [Last accessed 20 August 2012]. 12 For an overview over English-language non-academic press reviews on the book, see http://www.theomnivore.co.uk/book/4935-Trotsky/Default.aspx [Last accessed 20 August 2012]. 13 David North: In Defense of Leon Trotsky, Oak Park, Mehring Books, 2010. Deutsche Ausgabe: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen, Mehring Verlag, 2012². 14 Bertrand M. Patenaude, in: American Historical Review 116 (2011), 3, pp. 900–902. 15 Alex Marshall, in: Critique 38 (2010), 4, pp. 687–689. 16 Reiner Tosstorff: Trotzki-Biografien. Ein Streifzug. In: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozial-forschung 19 (2010), 1, pp. 33–43. An extended version of the review is available online at www.rosalux.de/news/38247/zur-trotzki-biographie-von-robert-service.html [Last accessed 3 September 2012]. 17 Andreas Oberender, in: H-Soz-u-Kult, 17 June 2010. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-2-208 [Last accessed 20 August 2012]. 18 9 Letter from Historians to German Publisher Suhrkamp on Robert Service’s Biography of Trotsky. In: World Socialist Web Site, 23 November 2011. URL: www.wsws.org/articles/2011/nov2011/lett-n23.shtml [Last accessed 20 August 2012]. 1910 »Robert Service has written a diatribe, not a scientific polemic!« A Conversation with Professor Hermann Weber. In: World Socialist Web Site, 28 November 2011. URL: www.wsws.org/articles/2011/nov2011/webe-n28.shtml [Last accessed 20 August 2012]; »Of course, Trotsky was an alternative to Stalin«. An Interview with Professor Mario Kessler on the Trotsky Biography by Robert Service. In: World Socialist Web Site, 21 May 2012. URL: www.wsws.org/articles/2012/may2012/kess-m21.shtml [Last accessed 20 August 2012]. 2011 Robert Service: Trotzki. Eine Biographie. Aus dem Englischen von F. Giese, Berlin, Suhrkamp, 2012. 2112 See: Wolfgang Weber: Germany. Suhrkamp Verlag publishes Robert Service’s diatribe against Leon Trotsky. In: World Socialist Web Site, 2 August 2012. URL: www.wsws.org/articles/2012/aug2012/suhr-a02.shtml [Last accessed 20 August 2012]. 2213 »Blunders, falsifications, fake references, distortions. The Trotsky-Biography of Robert Service in its German Suhrkamp edition compared to the English original.« URL: http://trotzki.gleichheit.de/sites/default/files/blunders_service.pdf [Last accessed 2 September 2012]. 2314 Gerd Koenen: Mit dem Eispickel. In: Zeit Online, 22 July 2012. URL: www.zeit.de/2012/29/L-P-Trotzki [Last accessed 20 August 2012]. 2415 For an overview, see: www.perlentaucher.de/buch/robert-service/trotzki.html. The controversy is also documented in parts at www.trotzki.de. [Last accessed 20 August 2012]. 2516 The Mehring publishing house has organised a discussion panel at the 49th German Historians Assembly (Deutscher Historikertag) in Main on 27 September 2012. David North and Mario Kessler spoke on the controversy at Johann-Gutenberg-University, Room N1. For a report, see https://www.wsws.org/de/2012/sep2012/hist-s29.shtml [Last accessed 1 November 2011]. 26 Siehe Willy Brandt: Links und frei. Mein Weg 1930–1950, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1982, S. 116 f. 27 Wilhelm Reich: Where is the Truth? Letters and Journals, 1948–1957, New York, Farrar, Strauss and Giroux, S. 5.

JHK 2013

Wissenschaft und biografische Erfahrung: Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim – Mitbegründer der westdeutschen Kommunismusforschung

Mario Keßler

Die kritische Analyse kommunistischer Ideologie und Herrschaftspraxis, aber auch des Alltagslebens im sowjetischen Machtbereich gehört heute zum Kanon der politischen und der Wissenschaftskultur der Bundesrepublik. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befassten sich mehrere Generationen mit diesem großen Themenkomplex. Die Vertreter der ersten Generation der Kommunismusforscher (von Forscherinnen lässt sich nur in einem Ausnahmefall reden) entstammten oft selbst der Arbeiterbewegung, meist deren kommunistischem Zweig, in manchen Fällen auch der SPD. Dazu zählen Franz Borkenau (1900–1957), Arkadij Gurland (1904–1979), Wolfgang Abendroth (1906–1985), Richard Löwenthal (1908–1991) und Ossip K. Flechtheim (1909–1998). Auch Fritz Sternberg (1895–1963), obgleich amerikanischer und österreichischer Staatsbürger, ist hier zu nennen. Einen Platz ganz eigener Art kann Ruth Fischer (1895–1961) beanspruchen: Zwar lebte sie seit 1941 in den USA, doch war ihr Wirkungsfeld durch Publikationen und Vorträge spätestens seit ihrer Übersiedlung nach Paris 1956 vorrangig die Bundesrepublik. Bindeglied zwischen ihnen und der nachfolgenden Generation ist Theodor Bergmann (geb. 1916), einst Mitglied der KPD-Opposition. Ursprünglich Agrarökonom, wandte er sich nach 1980 intensiv der Kommunismusforschung zu und publiziert auch als fast Hundertjähriger unermüdlich. Mit Ausnahme Abendroths, der als Hitlergegner unter größter Gefahr in Deutschland überlebte, wurden alle ins Exil gezwungen, aus dem sie nach 1945 zurückkehrten, so dass diese erste Generation der Kommunismusforscher durchaus als Remigranten-Generation zu bezeichnen ist. Einer zweiten Generation sind Wolfgang Leonhard (geb. 1921), Werner Hofmann (1922–1969), Iring Fetscher (geb. 1922), Siegfried Bahne (1928–2004), Hermann Weber (geb. 1928) und auch Karl Hermann Tjaden (geb. 1935) zuzuordnen. Von ihnen gehören der Exilant Leonhard und der politisch wie »rassisch« verfolgte Hofmann zu den Opfern des Nazismus. Mindestens Fetscher und Weber waren Söhne von Antinazis. Sie alle erlebten den Zweiten Weltkrieg (Leonhard in der Sowjetunion) und wurden durch dessen Folgen tief geprägt, so dass diese zweite Generation als die Kriegsgeneration bezeichnet werden kann. Unter ihnen ist besonders Hermann Weber hervorzuheben, weil er wie kein anderer dafür verantwortlich war, die Kommunismusforschung als akademische Teildisziplin an den Hochschulen zu verankern. Durch sein Wirken entwickelte sich die Universität Mannheim nach 1973 zu einem Zentrum dieser Forschungsdisziplin, nicht zuletzt mit Blick auf Entwicklungen in der DDR.1 Der Abendroth-Schüler Tjaden schlägt den Bogen zu einer dritten Generation, die im Kontext von »1968« sozialisiert wurde, und die mit Fug und Recht als Achtundsechziger-Generation der Kommunismusforscher bezeichnet werden darf, deren Vertreter aber politisch sehr unterschiedliche Wege gingen. Es genügt, Georg Fülberth (geb. 1939), der sich der DKP anschloss, Manfred Wilke (geb. 1941), jetzt CDU, die linksorientierten Klaus Meschkat (geb. 1935) und Alexander von Plato (geb. 1942), aber auch Bernd Rabehl (geb. 1938) zu erwähnen, der sich inzwischen im völkisch-nationalen Spektrum tummelt. Diese Generation wendet sich verstärkt methodisch unterschiedlichen Disziplinen von der politischen Parteienforschung (Fülberth) bis zur Oral History (von Plato) zu. Eine vierte Generation der »Nach-Achtundsechziger« wurde zwar nur zum Teil politisch im damals modischen Milieu der »K-Gruppen« sozialisiert, blieb aber meist nahe am Puls der Neuen Sozialen Bewegungen, im Umfeld der Grünen oder zum Teil auch der SPD, und die Prägung durch die Auseinandersetzungen um das Für und Wider des Kalten Krieges zwischen Hochrüstung und Entspannung gilt auch für die (wenigen) liberal-konservativ Orientierten unter ihnen. Zu dieser Forschergeneration gehören Gerd Koenen (geb. 1944), Klaus-Michael Mallmann (geb. 1948), Karl Schlögel (geb. 1948), Bernhard H. Bayerlein (geb. 1949), Reiner Tosstorff (geb. 1949), Sigrid Koch-Baumgarten (geb. 1955) und sogar schon Andreas Wirsching (geb. 1959), dessen Forschung aber weit über das Thema Kommunismus hinausreicht, sowie Jörg Baberowski (geb. 1961). Ebenso sind zu dieser Kohorte inzwischen auch jene ostdeutschen Forscherinnen und Forscher zu rechnen, die trotz der »Abwicklung« ihrer Institutionen die wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzen, wie Annette Leo (geb. 1948), Wladislaw Hedeler (geb. 1953), der Verfasser dieser Zeilen (geb. 1955), Elke Scherstjanoi (geb. 1956), aber ebenso der in der »zweiten Wissenschaftskultur« ostdeutscher Vereine tätige Stefan Bollinger (geb. 1954).2 Die fünfte Generation, für die eine spezifische Bezeichnung noch auf sich warten lassen sollte, trat um das Jahr 2000 mit ersten Publikationen auf den Plan, schreibt zum Teil noch an Dissertationen. Aus der großen Schar junger Talente seien – stellvertretend für viele – die zumeist zwischen 1970 und 1980 geborenen Gleb J. Albert, Jens Becker, Marcel Bois, Ralf Hoffrogge, Harald Jentsch, Christoph Jünke, Uwe Sonnenberg, Florian Wilde und Sebastian Zehetmair genannt. Till Kössler, der ebenso zu dieser Generation gehört, hat bereits eine Professur in Bochum inne. Manche von ihnen taten sich innerhalb der Partei Die Linke oder ihrem Umfeld als Sprecher eines dezidiert antistalinistischen und radikaldemokratischen Sozialismus-Verständnisses hervor und leisteten (und leisten noch immer) damit einen über die reine Forschungsarbeit hinaus reichenden Beitrag zur Demokratisierung der politischen Kultur im Spektrum jenseits von SPD und Grüner Partei. Sie bestimmen auch zunehmend das Profil des von Hermann Weber 1993 begründeten Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung, dessen jetzt maßgeblicher Herausgeber Ulrich Mählert (geb. 1968) gewissermaßen ein Bindeglied zwischen der vierten und der fünften Generation der Kommunismusforscher darstellt. Jede Generation oder Alterskohorte ist von spezifischen Erfahrungen geprägt, die Vor- oder Nachgeborene nicht teilen, die deutschen Kommunismusforscher bilden keine Ausnahme. Die folgenden Zeilen sollen zu einer Diskussion über den Zusammenhang von generationeller Erfahrung und den Prioritäten in der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Feld der Kommunismusforschung anregen. Die Ausführungen konzentrieren sich, um nicht jedes Maß zu überschreiten, auf die Gründer-Generation (west-)deutscher Kommunismusforscher. Pars pro toto seien drei wichtige Protagonisten aus ihr ausgewählt, die ab 1933 aus Deutschland flüchten mussten und nach 1945 zurückkehrten, die zudem eine gemeinsame (wenn auch parteipolitisch unterschiedliche) Sozialisation in der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik aufwiesen: Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim. Eine weitere Gemeinsamkeit war ihre (ganz oder teilweise) jüdische Herkunft und die daraus erwachsende doppelte Erfahrung an Verfolgung: als politisch aktive Hitlergegner wie als rassistisch Ausgegrenzte.3 In der Forschung zur Arbeiterbewegung (wie auch zum Antisemitismus) wird zunehmend nach dieser doppelten Gewalterfahrung gefragt. Franz Borkenau (1900–1957) Der aus Wien stammende Franz Borkenau trat bereits in der Weimarer Republik als Reichsleiter des KPD-Studentenbundes politisch hervor. 1929 wurde er als »Rechtsabweichler« aus der KPD ausgeschlossen und arbeitete danach an Max Horkheimers Frankfurter Institut für Sozialforschung. Seine Habilitation über den Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild wurde durch die Errichtung der Nazidiktatur vereitelt. Bereits 1933 musste Borkenau Deutschland verlassen und verbrachte die nächsten zwölf Jahre zumeist als Lehrer an einer Abendschule in London, aber auch als Universitätsdozent in Panama sowie als Reporter im Spanischen Bürgerkrieg und in Australien. 1946 erhielt er eine außerordentliche Professur für neuere Geschichte in Marburg, ließ sich jedoch 1949 beurlauben und arbeitete fortan als Herausgeber der Zeitschrift Ost-Probleme sowie für den Kongress für kulturelle Freiheit, der vom amerikanischen Geheimdienst mitfinanziert wurde. In seinen Schriften behandelte Borkenau den Zusammenhang zwischen Geschichtsschreibung und Moral. Nur derjenige könne ein wahrer Wissenschaftler sein, der sich für die Verteidigung der Freiheit einsetze. Aus dieser Perspektive gelang ihm eine Anzahl bedeutsamer Bücher. In englischer Sprache debütierte er 1936 mit einer Biografie des Soziologen Vilfredo Pareto. International bekannt wurde Borkenau mit seinem Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, der 1938 unter dem Titel The Spanish Cockpit, aber erst 1986 in deutscher Übersetzung (Kampfplatz Spanien) erschienen ist. Ebenfalls 1938 publizierte Borkenau The Communist International, eine bemerkenswerte Geschichte der Kommunistischen Internationale. 4 Daran schlossen sich Bücher über die Entstehung und Zerstörung der österreichischen Republik (Austria and After, 1938) sowie über die Außenpolitik Nazideutschlands (The New German Empire, 1939) an. Mit seinen Arbeiten über The Totalitarian Enemy (1940) und Socialism, National or International (1942) rückte Borkenau, der sich bis dahin als linker Kritiker des Stalinismus verstanden hatte, deutlich nach rechts. Seine Rückkehr nach Deutschland erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch der amerikanischen Militärverwaltung. Borkenaus wissenschaftliche und publizistische Arbeiten waren seitdem nur schwer von seiner Propagandatätigkeit im Kalten Krieg zu trennen. Sein Buch Der europäische Kommunismus, das 1952 erschien, hatte nicht mehr die analytische Überzeugungskraft früherer Werke, bediente stattdessen alle antikommunistischen Klischees. In seinem Nachwort des Buches Ein Gott, der keiner war, der Textsammlung ehemaliger Kommunisten von Arthur Koestler bis Ignazio Silone, kritisierte Borkenau, dass manche Ex-Kommunisten »still verschwunden sind«, ohne ihren Bruch mit der Partei öffentlich zu machen. Ihm und anderen literarisch aktiven Ex-Kommunisten gehe es jedoch darum, zu zeigen, dass der Kommunismus »sich von den Zielen und Überzeugungen des westeuropäischen Sozialismus so weit entfernt [habe], dass ihn so gut wie nichts vom Faschismus und Nazismus mehr trennt; wir erleben in Russland gerade jetzt einen Übergang zur Blut-und-Boden-Ideologie, zum Kampf gegen die ›entartete Kunst‹, zum ausgeprägten Nationalismus und zum Antisemitismus.« Der Kommunismus sei Ausdruck der »äußersten Barbarei, die vom Abendland nichts als seine Technik übernommen hat«. Gerade die innere Kenntnis der kommunistischen Partei hebe den Ex-Kommunisten von Mitgliedern anderer Strömungen ab. »Man muss [...] dem totalitären Ungeheuer von ganz nahe in den Rachen geblickt haben, um die tödliche Gefahr seiner Fangzähne richtig einzuschätzen. Vielleicht ist nur der imstande, den Umfang der kommunistischen Bedrohung und ihre Eigenart ganz klar zu erkennen, der selbst einmal im Banne des Basilisken stand und sich aus ihm befreit hat.«5 Eine ausführliche Analyse der Schriften Borkenaus kann hier nicht geleistet werden, doch sei festgehalten, dass er in seinen publizistischen Texten nur in Ausnahmefällen (wie in seinem Nachwort zu Ein Gott, der keiner war) diesen Emotionen nachgab, sich jedoch bisweilen ungehemmt in politischen Spekulationen erging. Er selbst verstand dies freilich als eine Methode der Gehaltsanalyse (content-analysis), die von einer Kenntnis der strukturellen Eigenheiten der Sowjetunion ausgehe. Borkenau interpretierte den Verlauf und die Besonderheiten der sowjetischen Geschichte »von oben«, als Produkt parteiinterner Machtkämpfe. Der Historiker, schrieb er, »muss die Geschichte der zahllosen Parteistreitigkeiten der Vergangenheit so gut kennen wie ein studierter Theologe die endlosen Disputationen, die das christliche Dogma bestimmten«.6 Er betonte, dass genau jene Methode ihn befähigte, zu Beginn des Jahres 1953 festzuhalten, dass Stalin entweder bereits verstorben oder doch todkrank sei. Er begründete diese Annahme wie folgt: »Am 4. Januar 1953 verabschiedete das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands einen Beschluss, der die ›Lehren‹ aus dem ›Fall Slánský‹ zog und der breite Aufmerksamkeit hervorrief, zum einen, weil er in einer extrem antisemitischen Tonart gehalten war, die an die Goebbels-Propaganda erinnerte, zum anderen, weil er auf eine unmittelbar bevorstehende Entscheidung im innerparteilichen Kampf zwischen Ulbricht und Dahlem hinwies. Zwei andere bedeutsame Gesichtspunkte dieses berüchtigten Beschlusses wurden indes kaum bemerkt. Malenkow wurde in übermäßiger Länge zitiert und dadurch mit der antisemitischen Kampagne in Verbindung gebracht, die ihren ersten Höhepunkt soeben in den Prager Prozessen erreicht hatte. Indem Ulbricht ihn so ausführlich zitierte und selbst in den antisemitischen Chor einstimmte, gab er, der die treibende Kraft dieses Beschlusses war, sich als ein Schützling Malenkows zu erkennen. Was aber noch wichtiger ist: Während Malenkow ausführlich zitiert wurde, kam Stalin nur mit einem Halbsatz aus dem Jahre 1910 zu Wort. Eine solch vorsätzliche Beleidigung konnte sich nur leisten, wer sich des Sturzes des Tyrannen sicher war oder aber außer Reichweite seiner Vergeltung stand. Sonst wäre es glatter Selbstmord gewesen. Es war in erster Linie aufgrund dieses Beweises, der sich in jenem Beschluss fand, dass ich damals Stalins bevorstehenden Tod voraussagte, der auch wirklich sieben Wochen darauf eintrat.«7 Borkenaus »Gehaltsanalyse« sei noch immer von Interesse, schrieb John Tashean 1962.8 Für Walter Laqueur war Borkenau fünf Jahre später hingegen das Paradebeispiel eines Kreml-Astrologen, dessen Informationen nicht immer auf solider Quellengrundlage beruhten, allerdings manchmal ins Schwarze trafen, so die 1952 getroffene und 1954 wiederholte Voraussage eines künftigen Konfliktes zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China. Doch selbst Borkenaus überzogene und falsche Prophezeiungen boten, wie Laqueur zugestand, »gewöhnlich Stoff zum Nachdenken, denn sie beruhten auf Logik wie auch auf Einfallsreichtum; Borkenaus Fehler waren häufig fruchtbarer und anregender als die weniger irrigen Analysen anderer Autoren.«9 Borkenau selbst bezeichnete die Art seiner Prognostik als eine »neugeborene Wissenschaft«, deren Inhalt die »Erforschung der innerpolitischen und innerparteilichen Kämpfe im Kommunismus« sei.10 Die heutige westliche Kommunismus-Forschung sieht diese Vorgehensweise als antiquiert an. »Die historische Analyse wurde damals einfach darauf reduziert, die Veränderungen in der Partei und der Komintern der persönlichen oder kollektiven Laune der sowjetischen Führung zuzuschreiben«, wie Eric Weitz mit Hinweis auf Borkenau und Ruth Fischer betont.11 Zwischen Paris, Zürich, Rom, Düsseldorf und München unstet hin- und herreisend, verbrachte Borkenau seine letzten Jahre. Politisch entdeckte er (als einziger der hier Behandelten) seine Sympathien für den Zionismus. Doch gedachte er nicht, nach Israel überzusiedeln. Vielmehr, so schrieb er 1955 in einer Rezension zu Arnold Toynbee, sei auch die Judenheit in der Diaspora für das Überleben des jüdischen Volkes notwendig. Borkenau, einst katholisch getauft, dann zur evangelisch-reformierten Kirche übergetreten, schließlich Marxist und Atheist, sah sich nunmehr als säkularen Juden, obgleich seine Mutter keine Jüdin gewesen war (der Vater war jüdischer Herkunft). Sehr scharf wies er Toynbees Ansicht zurück, wonach »die ungeheuerlichen Verbrechen, die von den Deutschen an den europäischen Juden begangen wurden, mit dem gleich[zusetzen seien], was die Israelis den Arabern Palästinas antaten […]«.12 Wenn, so fuhr er fort, »der Zionismus in Israel weiterhin militant ist, so weitgehend deshalb, weil die Bedrohung, die er 1948 mit der Waffe abzuwehren suchte, noch weiterbesteht«. Doch sogar unter diesen Umständen habe der Zionismus »doch gewisse sozialistische Ideale« wie nirgendwo sonst in der Welt verwirklicht.13 Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber nicht frei von ihren gesellschaftlichen Umständen – an dieser Erkenntnis des Marxismus hielt Borkenau auch fest, als er sich von Marx gelöst hatte und strebte die Darstellung weitgespannter Entwicklungslinien an, die die Fülle der Einzelheiten in große Zusammenhänge stellt. Zuletzt bemühte er sich bei fortdauernder Gegnerschaft zum Marxismus wieder um ein stärkeres Verständnis von Marx.14 Richard Löwenthal (1908–1991) Richard Löwenthal stammte aus Berlin. Bereits als Student betätigte er sich in seiner Heimatstadt und in Heidelberg, wo er u. a. Geschichte und Nationalökonomie studierte, politisch: 1926 wurde er Mitglied, 1928 Reichsleiter des KPD-Studentenbundes. Das politische Engagement blieb für ihn wichtig, auch wenn er seine politische Heimat mehrfach wechselte. Nach seinem Ausschluss aus der KPD, gegen deren Sozialfaschismus-These und deren Unterordnung unter Stalin er opponiert hatte, schloss sich Löwenthal bis 1931 der KPD-Opposition um Heinrich Brandler und August Thalheimer an. Bereits 1931/32 nahm Löwenthal Kontakte zur Gruppe Neu Beginnen auf. Diese Gruppierung bemühte sich ab 1933 um eine Neuformierung der durch die epochale Niederlage gelähmten deutschen Linken. 1933/34 schrieb Löwenthal unter Pseudonym wichtige Beiträge für die Karlsbader Zeitschrift für Sozialismus, in denen er den Hitlerfaschismus analysierte. Obgleich als Jude und Marxist doppelt gefährdet, war er in Deutschland im Widerstand aktiv. Im August 1935 musste Löwenthal Deutschland verlassen. Er ging zuerst nach Prag, dann zwischenzeitlich nach Paris, bevor er sich im Sommer 1939 in London niederließ. An all diesen Orten war er in leitender Funktion im Auslandsbüro von Neu Beginnen tätig. Ab 1941 setzte sich Löwenthal für eine Mitwirkung der Sowjetunion an der Neuordnung Europas ein. Er entwickelte das Konzept einer deutschen Demokratie, in der eine Restauration des deutschen Kapitalismus verhindert würde. 1945 wurde er britischer Staatsbürger und trat im gleichen Jahr der Exil-SPD bei. Die folgenden anderthalb Jahrzehnte arbeitete er als Journalist für die Nachrichtenagentur Reuter und für den Observer. In den politischen Kontroversen bezog er nunmehr Positionen, die denen des SPD-Parteivorstandes nahe kamen, in denen sich aber auch Erfahrungen des englischen Labour-Milieus niederschlugen. In seinem bekanntesten Buch Jenseits des Kapitalismus übte er (unter dem Pseudonym Paul Sering) 1946 scharfe Kritik am Parteimodell Lenins. Er befürwortete für Deutschland die Ergänzung der parlamentarischen Demokratie durch eine zentrale, an den Interessen der arbeitenden Bevölkerung orientierte Investitionslenkung. Er sah ein sozialistisches und demokratisches Europa als eine mögliche dritte Kraft zwischen dem kapitalistischen Nordamerika und der kommunistischen Sowjetunion und hoffte auf eine Vorreiter-Rolle von Englands neuer Labour-Regierung, die damals unter Clement Attlee das Kriegskabinett Winston Churchills abgelöst hatte.15 In England wurde Löwenthal zum Sozialdemokraten, wie er später betonte. Dies zeigt sich auch in der Biografie Ernst Reuters, die er 1957 gemeinsam mit Willy Brandt publizierte. In der Beurteilung Reuters und insbesondere seines Schrittes, der KPD nach deren sektiererischer Politik im Januar 1922 den Rücken zu kehren, hielten sich beide mit vorschnellen Etikettierungen zurück. »Der Bruch mit dem Kommunismus ist für jeden, der jahrelang seine besten Kräfte der revolutionären Bewegung gegeben hat, eine schmerzliche Operation – für manchen die Amputation eines Teils seiner Persönlichkeit«, schrieben Brandt und Löwenthal. »Der Exkommunist verlässt nicht einen Verein – er bricht mit einer Glaubens- und Lebensgemeinschaft. Er fällt aus einer vertrauten Welt heraus und muss sich in der fremden Welt des bürgerlichen Alltags neu orientieren. Er fühlt statt der emotionalen Treibhauswärme der ›Bewegung‹ die kühle Luft der Vereinzelung und des Existenzkampfes, doch es ist die frische Luft der Wirklichkeit. Der Entschluss ist schwer, aber einmal wirklich erkämpft, schenkt er ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung.«16 Als das Buch kurz nach den dramatischen Ungarn-Ereignissen herauskam, schien der Sowjetkommunismus von den kurz zuvor angekündigten inneren Reformen gänzlich abzurücken und wieder zu erstarren. 1961 kehrte Löwenthal auf Initiative von Ossip K. Flechtheim nach Deutschland zurück, um eine Professur für Außenpolitik an der Freien Universität Berlin zu übernehmen. In seiner wichtigsten Schrift zur Kommunismusforschung, Chruschtschow und der Weltkommunismus, legte Löwenthal 1963, ungleich der gröberen Variante der Totalitarismus-Theorie, Wert auf eine immanente, ideologiekritische Interpretation der Sowjetgesellschaft. »So hat die Ideologie selbst sich bei aller Kontinuität der Zielsetzung wieder und wieder gewandelt, und dieser Prozess ist oft schmerzlich und krisenhaft verlaufen. Die Transformation des rückständigen Agrarlands Russland zur heutigen Sowjetgesellschaft und ihren noch immer rückständigen Kollektivgütern ist gewaltig, aber grundverschieden von der Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft auf der Grundlage freier Assoziation der Produzenten und aktiver Massenkontrolle der Verwaltung, die den Gründern vorschwebte; und die Diskrepanz zwischen Lenins Idee der Weltrevolution und der wirklichen Entwicklung der sowjetischen Weltpolitik ist nicht geringer.«17 Auf längere Sicht könne sich der Weltkommunismus soweit ausdifferenzieren, dass ein Teil, nämlich die nur von der Sowjetunion geschaffenen Staaten und Parteien, im Falle einschneidender sozialer Erschütterungen sogar wieder verschwänden, ein anderer Teil sich hingegen der Sozialdemokratie annähern könne, ein dritter Teil in Ländern, die eine eigenständige »totalitäre Revolution« hervorgebracht hatten oder noch hervorbringen würden, auch langfristig die Macht behalten würde. Die Gründungsmitglieder der Komintern, »jene kommunistischen Parteien des industriellen Europa, die einst durch die Transformation kleiner demokratisch-revolutionärer Gruppen unter bolschewistischem Einfluss entstanden, mögen wohl den Kreis ihres Lebens vollenden, in dem sie, sei es zur Bedeutungslosigkeit von Sekten, sei es zu demokratischer Unabhängigkeit, zurückkehren«.18 Gegenwärtig müsse jedoch auch im Hinblick auf die osteuropäischen Länder mit einem noch lange spürbaren Willen der Sowjetunion gerechnet werden, ihre Machtposition in Mitteleuropa zu behaupten. In dieser Konsequenz entsagte Löwenthal dem Totalitarismus-Paradigma vollends. Sogar die ČSSR-Krise 1968 brachte ihn nicht mehr von der Auffassung ab, auch in Zukunft würde »eine Tendenz zum Pendeln« zwischen einer Einmannherrschaft und einer institutionell-autoritären Herrschaft weit mehr in der Natur kommunistischer Regime liegen, als eine totalitäre Herrschaft alten Schlages.19 Die tschechoslowakischen Reformkommunisten hätten keineswegs die Vorherrschaft der KP beseitigen wollen – »sie wollten es nicht und konnten im Gegenteil auf die dramatische Zunahme ihrer Popularität aufgrund der begonnenen Reformen verweisen [...]«.20 Doch erwäge die Sowjetunion unter Brežnev bei aller Brutalität weder in Prag noch im ständig gärenden Polen die Rückkehr zum Stalinschen Massenterror. Dies zeige deutlich die »Grenzen der Vormachtkontrolle« an.21 Ossip K. Flechtheim (1909–1998) Ossip Kurt Flechtheim wurde in Nikolajew in der Ukraine geboren, wuchs jedoch in Münster und Düsseldorf auf. Von 1927 bis 1933 war er Mitglied der KPD und schloss sich danach der Gruppe Neu Beginnen an. 1935 emigrierte Flechtheim nach Genf und von dort 1939 in die USA. 1951 kehrte er – auch vom Antikommunismus der McCarthy-Ära direkt betroffen – nach Berlin zurück und lehrte zunächst an der Deutschen Hochschule für Politik, dann an der Freien Universität. Er verband zeitgeschichtliche Forschung mit der Begründung der Futurologie, der Zukunftswissenschaft, als Fachdisziplin, die auch versuchte, Entwicklungstrends der kommunistischen Welt zu analysieren. 1934 hatte Flechtheim in Köln noch über Hegels Strafrechtstheorie promovieren können, die Buchausgabe der Arbeit konnte jedoch nur noch in der Tschechoslowakei erscheinen. Sein Referendariat bei einer Düsseldorfer kommunistischen Anwaltskanzlei musste er abbrechen. Einer kurzen, gefahrvollen Phase der illegalen Arbeit für Neu Beginnen folgte die Emigration in die Schweiz. Flechtheim gelang es, ein Stipendium am Institut de hautes études internationales in Genf zu erhalten; dem Graduiertenkolleg des Völkerbundes, das vom Schweizer Wirtschaftswissenschaftler William Rappard geleitet wurde. Hier ging Flechtheim den Ursachen der Stalinisierung der kommunistischen Bewegung nach. 1937 schrieb er, dass »in Ländern mit noch nicht abgeschlossener bürgerlicher Revolution wie Russland [...] der Weg zum ›Sozialismus‹ der der Machteroberung durch eine ›jakobinisch-blanquistische‹ Minderheit, die sich auf relativ primitiv-fortschrittliche Tendenzen im Proletariat und der Bauernschaft stützt, zu sein [scheint]. Dieser Weg führt zur Errichtung einer zentralistisch-terroristischen Parteidiktatur, wobei die Partei wieder zentralistisch-terroristisch von einer kleinen Clique beherrscht wird. Diese Clique scheint imstande zu sein, eine der bürgerlichen überlegene kollektivistische Wirtschaft zu schaffen, die viel mehr einer Technokratie als einer klassenlosen Gesellschaft zu entsprechen scheint.«22 Für dieses düstere Bild sollte Flechtheim später den Terminus Neo-Cäsarismus prägen. Seine Kritik am Stalinismus ließ Anklänge an den frühen wie den späten Trockij erkennen, an dessen Warnungen vor einer Parteidiktatur 1904 wie an seine Analyse der Verratenen Revolution 1936. Nach dem Zusammenbruch des Völkerbundes zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Arbeit am Genfer Institut ungleich komplizierter als bisher. Flechtheim ging in die USA. Dort lernte er seine Frau Lili Faktor kennen, die wie er aus Europa hatte fliehen müssen. In New York kam Flechtheim zunächst am Institute of Social Research unter. Als Assistent unterstützte er die Forschungsarbeit von Franz Leopold Neumann, aus der die berühmte Gesamtdarstellung des »Dritten Reiches«, der Behemoth, erwuchs. Zwischen 1941 und 1951 unterrichtete Flechtheim an verschiedenen US-Hochschulen Politische Wissenschaft: an der damaligen Atlanta University in Georgia, am Bates College in Lewiston, Maine, und am Colby College in Waterville, Maine. Die amerikanischen Jahre waren wissenschaftlich für Flechtheim in dreierlei Hinsicht prägend: in seiner intensiven Beschäftigung mit der Politikwissenschaft, der Zukunftsforschung sowie der Geschichte und Politik des deutschen Kommunismus. Zum einen formulierte Flechtheim sein spezifisches Verständnis von Politischer Wissenschaft, zusammengefasst in dem von ihm herausgegebenem Band Fundamentals of Political Science (1952, deutsche Ausgabe 1958). Politikwissenschaft war für Flechtheim nicht nur Wissenschaft von der politischen Macht. Er schrieb: »Der Politologe mag sehr wohl von einer Untersuchung der politischen Macht ausgehen, aber er muss sich ebenso bemühen, die Ziele von Politikern, politischen Institutionen und politischen Bewegungen zu verstehen, die über den Erwerb und Gebrauch der Macht hinausgehen.«23 Die Politische Wissenschaft solle nicht nur beschreiben und analysieren, sondern auch Wegweiser sein für eine humane Demokratie. Dem stehe, so Flechtheim, das Interesse der jeweiligen Machthaber gegenüber. Diese würden ihre Interessen mit denen der Gesamtgesellschaft gleichsetzen; die daran geknüpften Verschleierungsmechanismen bezeichnete er als das Wesen von Ideologie: die Notwendigkeit, irrationales, fehlerhaftes staatliches Handeln als rational zu legitimieren.24 Dem setzte Flechtheim seine eigene Vorstellung von der Utopie entgegen. Utopisches Denken war für ihn das Vordenken in Richtung auf eine rationale, gewalt- und machtarme Gesellschaft. Flechtheims zweite Forschungsrichtung mündete somit in die Forderung nach einer kritischen und systematischen Beschäftigung mit der Zukunft. Mit 1945 erschienenen Aufsätzen25 wurde Flechtheim, gemeinsam mit einem anderen deutschen Exilanten, Robert Jungk,26 in den Vierzigerjahren zum Begründer der »Futurologie«. Warum klafften die kommunistische Utopie und die Realität kommunistischer Politik so stark auseinander? Die Beschäftigung mit dieser Frage führte Flechtheim zum dritten großen Arbeitsgebiet seines Lebens: der historischen Kommunismusforschung, speziell der Geschichte und Politik von KPD, KPdSU und Komintern. 1947 legte er den wichtigsten Ertrag seiner diesbezüglichen Anstrengungen vor: seine Arbeit über Die KPD in der Weimarer Republik, mit der er an der Universität Heidelberg zum Dr. phil. promoviert wurde und die im folgenden Jahr in Buchform erschien. Diese groß angelegte Gesamtdarstellung, in der Flechtheim historische und organisations-soziologische Fragestellungen gekonnt miteinander verband, sollte zu einem Standardwerk der Forschung werden. Es erlebte zahlreiche Neuauflagen und ist, trotz des seitdem so stark angewachsenen Fundus an neuerer Literatur, auch heute noch nicht veraltet. Die fortdauernde Wirkung des Buches beruht vor allem auf dem methodischen Herangehen Flechtheims und der kritisch-historischen Darstellungsweise. Ungleich der Literatur des Kalten Krieges, die die Geschichte des Kommunismus verschwörungstheoretisch ausdeutete, untersuchte Flechtheim die qualitativen Wandlungsprozesse, die die KPD zwischen 1919 und 1933 durchlaufen hatte – von der Partei Rosa Luxemburgs und Paul Levis bis hin zur stalinisierten Kaderpartei. An der Freien Universität Berlin entfaltete Flechtheim eine produktive Publikationstätigkeit. Hier entstanden Arbeiten wie sein Buch Weltkommunismus im Wandel (1965) oder Bolschewismus 1917–1967. Von der Weltrevolution zum Sowjetimperium (1967). In beiden Büchern plädierte Flechtheim bei der Analyse des Welt- und besonders des Sowjetkommunismus für die »immanente historische Kritik« oder »ideologiekritische« Methode. Sie operiere, betonte er, nicht mit einem Schwarz-Weiß-Schema, sondern beschränke »sich darauf, das Bewusstsein einer Zeit, einer sozialen Formation, einer Nation, einer Klasse, so wie es von seinen Trägern verkündet, ausgesprochen, urbi et orbi demonstriert wird, mit dem Bewusstsein und Sein der entsprechenden Zeit, Formation, Nation oder Klasse so, wie es im Geschichtsprozess wirksam wird, zu vergleichen«.27 Zwar neige die gesellschaftliche Oberschicht der Sowjetunion in der Tendenz dazu, sich als Klasse zu konsolidieren. Doch sei dieser Prozess keineswegs abgeschlossen, und gegenläufige Tendenzen, die sich in einem steigenden Maß an Freiheit – verglichen mit dem Stalinismus – z. B. im kulturellen Bereich zeigten, könnten auch zu einer Aushölung des autoritären politischen Systems und einer Entwicklung hin zu mehr Pluralismus führen.28 1970 publizierte Flechtheim als Quintessenz seiner Arbeiten zur Zukunftsforschung sein Buch Futurologie. Der Kampf um die Zukunft, in dem das Projekt eines radikalen Reformweges in Richtung eines demokratischen Sozialismus aufschien. Für Flechtheim gewann ein »›Dritter Weg‹ zwischen revolutionärer Gewalttätigkeit und quitistischem Legalismus« als »Politik der ›Permanenten Reform‹ mittels direkter gewaltfreier Massenaktionen an Bedeutung«. Aber: »Angesichts der Perfektionierung der Manipulation der Massen, wird man sich auch weniger denn je auf legale Aktionen beschränken können.«29 In seiner letzten, 1987 erschienenen Monografie kam Flechtheim auf das Thema wiederum zurück. Falls die Menschheit den möglichen Dritten Weg zwischen etatistischem Kommunismus und Privatkapitalismus in Richtung hin zu einem libertären Sozialismus nicht beschreiten werde, könne sie ihre sieben dringendsten Gegenwartsaufgaben (challenges) nicht bewältigen: Rüstungswettlauf und Krieg, Hunger und Bevölkerungsexplosion, Bedrohung und Zerstörung der Umwelt, Wirtschaftskrise und Überplanung, Demokratie- und Kulturkrise, Verlust des Individuums und Krise der Familie – dies waren für Flechtheim die Hauptgefahren der Gegenwart. Diesen Gefahren könne nur ein demokratischer Sozialismus begegnen, der zugleich global, human und ökologisch sei. Flechtheim hoffte dabei – mit allen Vorbehalten – auch auf eine fortschreitende Demokratisierung in der sowjetischen Welt.30 Nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus stellte sich Flechtheim den Fragen nach ausgeschlagenen Alternativen. »Hätte man die Prager Reformer nicht vernichtet, wäre die Sowjetunion nicht einmarschiert, sondern diese Impulse wären aufgenommen worden, dann hätte es einen humanen Sozialismus geben können«, sagte er dem Neuen Deutschland im November 1991 in einem Interview. Doch diese Art Sozialismus sei nicht als gesellschaftliche Möglichkeit verschwunden, sondern bleibe bestehen »als Fernziel, als Utopie, als eine Möglichkeit, der man sich annähern kann, die ständig revidiert werden muss«.31 Flechtheims Auffassung vom Sozialismus brachte ihn bereits Ende der Fünfzigerjahre in Gegensatz zur SPD, der er 1952 beigetreten war. Doch das Godesberger Programm eines, wie er später sagte, »Kapitalismus mit sozialen Modifikationen«,32 rief seinen Widerspruch hervor. Als Flechtheims Freund Wolfgang Abendroth – ihm ist das Buch Futurologie. Der Kampf um die Zukunft gewidmet – aus der SPD ausgeschlossen wurde, da er den Sozialistischen Deutschen Studentenbund unterstützte, trat Flechtheim 1962 aus der Partei aus. Seit 1981 gehörte er der Alternativen Liste an, für die er auch politisch tätig war. Ein kurzes Fazit Die öffentliche Wirksamkeit der ersten Generation der Kommunismusforscher war durch die Erfahrung einer dreifachen Katastrophe geprägt: durch die kampflose Kapitulation der deutschen Arbeiterbewegung vor Hitler, den Aufstieg des Stalinismus und den Holocaust. Ihre Vertreter, von denen hier Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim vorgestellt wurden, suchten (unterschiedlich lange) zuerst den Anschluss an die organisierte Arbeiterbewegung, deren Probleme sie später wissenschaftlich reflektierten. Zwar fanden sie in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft Anerkennung, doch darf die Frage gestellt werden, inwieweit diese Integration mit ihrer – auch so empfundenen – Identifikation mit der deutschen Arbeiterbewegung vor 1933 vergleichbar ist. Dies gilt ebenfalls mit Blick auf Wolfgang Abendroth, Theodor Bergmann, Fritz Sternberg oder auch Ruth Fischer.33 Besonders Richard Löwenthal stellte sich dem auch öffentlich und betonte am Ende seines Lebens: »Meine Heimat ist die deutsche Arbeiterbewegung.«34 Diese Erfahrungen, ohne die die wissenschaftlichen Leistungen nicht verstanden werden können, machen das Besondere der Kommunismusforscher Borkenau, Löwenthal und Flechtheim und der anderen Vertreter ihrer Generation aus und unterscheiden sie damit vom Gros »typischer« westdeutscher Wissenschaftler ihrer Altersjahrgänge. Borkenau, Löwenthal und Flechtheim suchten im Spannungsverhältnis zwischen prinzipieller Abgrenzung vom Kommunismus sowjetischen Typs und kritischem Engagement für eine Demokratie westlichen Musters, deren historische Belastungsfaktoren in Deutschland ihnen aber bewusst blieben, ihre eigene Position zu bestimmen. Sie bemaßen die Entwicklung der kommunistischen Welt zunehmend am politischen Standard der liberalen Demokratien, doch weiterhin – und dies gilt besonders für Löwenthal und Flechtheim – auch am sozialen Auftrag der Arbeiterbewegung. Sie hatten einen wichtigen, wenngleich sich voneinander unterscheidenden Anteil an der Ausprägung der modernen Kommunismusforschung als Wissenschaftsdisziplin. War Borkenaus Arbeitsweise teilweise von spekulativen Elementen durchzogen, gab er doch mit dem bereits 1938 publizierten Buch zur Politik der Komintern wichtige Denkanstöße in Richtung einer ideologiekritischen Geschichtsschreibung des Kommunismus. Löwenthal und Flechtheim legten ein stärkeres Gewicht auf die inneren Wandlungsprozesse der Sowjetgesellschaft bzw. der KPD und ihres Milieus als Borkenau. In je spezifischer Weise dürfen die drei hier untersuchten Wissenschaftler als Wegbereiter einer sozialgeschichtlichen Kommunismusforschung gelten. Die Fachdisziplin, die sie in der Bundesrepublik entscheidend mit konstituieren halfen, hat das scheinbare Ende ihres Untersuchungsgegenstandes überlebt. Zwar gibt es die Sowjet-union nicht mehr, doch ist ihr höchst zwiespältiges Erbe im öffentlichen Leben ihrer Nachfolgestaaten wie in ihrem gesamten ehemaligen Machtbereich – auch in Ostdeutschland – noch heute spürbar. Mit ihren präzisen Fragen nach dem Modernisierungspotenzial kommunistischer Gesellschaften, aber auch nach deren Grenzen, warfen Löwenthal, Flechtheim und in seiner Frühzeit auch Borkenau wichtige Probleme auf, die z. B. auch die Diskussion hinsichtlich der heutigen Transformationsforschung beleben mögen. Sie legten, hier einer traditionellen marxistischen Lesart folgend, weniger Wert auf Fragen, die ethnisch-kulturelle Problemlagen und Konflikte betreffen und die heute in den Gebieten des früheren sowjetischen Machtbereiches einen so entscheidenden Stellenwert einnehmen. Auch ihre Beurteilung von Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus speiste sich aus ihrer frühen marxistischen Prägung, in der die Schlüsselkategorie des historischen Fortschritts eine stärkere Rolle spielte als die Brüche im Geschichtsprozess. Borkenau zeitweise, weit mehr aber Löwenthal und Flechtheim spürten den Wandlungen im Kommunismus nach, um darin noch so vage Anzeichen eines historischen Fortschritts zu erblicken, den sie dem Nazistaat nirgendwo attestierten. Sie waren Kinder ihrer Zeit und von deren Geist geprägt, doch prägten sie auch selbst das geistige und kulturelle Klima ihrer Zeit mit. Sie stellten Fragen nach dem Stellenwert von Kommunismus und Kapitalismus, Faschismus und Antifaschismus im 20. Jahrhundert, sie suchten ihren Platz in den großen sozialen und geistigen Bewegungen ihrer Zeit, und zugleich versuchten sie den Platz dieser Bewegungen in der Geschichte zu bestimmen. Diese Suche ist noch immer nicht abgeschlossen, sondern ein fortwährender Denkprozess, bei dem uns Leben und Werk von Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim Anregung – und manchmal auch Mahnung – sein können. 1 Hierüber hat Hermann Weber selbst berichtet. Siehe den gemeinsam mit seiner Frau und wichtigsten Unterstützerin Gerda Weber verfassten Band: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006. 2 Auch ältere, 1990 aus Lehr- und Forschungseinrichtungen unfreiwillig ausgeschiedene Forscher aus der DDR bewiesen Anschlussfähigkeit an den internationalen Standard – von Günter Benser (geb. 1931) und Wilfriede Otto (geb. 1933) bis zum jüngeren Klaus Kinner (geb. 1946). Sie verabschiedeten sich von der Legitimationswissenschaft, wie sie in der DDR betrieben worden war. 3 Siehe zu den Biografien und zur Literatur Mario Keßler: Ossip K. Flechtheim. Politischer Wissenschaftler und Zukunftsdenker (1909–1998), Köln 2007; ders.: Kommunismuskritik im westlichen Nachkriegsdeutschland. Franz Borkenau – Richard Löwenthal – Ossip Flechtheim, Berlin 2011; ders./Axel Fair-Schulz (Hg.): German Scholars in Exile. New Studies in Intellectual History, Lanham/MA 2011, mit Kapitelbeiträgen von Mario Keßler zu Borkenau und Flechtheim. Außer ihnen und Löwenthal gehört auch der in seiner Bedeutung als Kommunismusforscher nicht vergleichbare, aber eine ähnliche Lebensbahn aufweisende Arkadij Gurland in diese Gruppe. Siehe zu ihm Mario Keßler: Arkadij Gurland – Sozialdemokrat und Politologe zwischen Weimarer Republik, Exil und westlichem Nachkriegsdeutschland, in: Klaus Kinner (Hg.): Die Linke – Erbe und Tradition, Teil 2: Wurzeln des Linkssozialismus, Berlin 2010, S. 77–96. 4 Die amerikanische Ausgabe von 1939 sowie ein Nachdruck von 1962 erschienen unter dem Titel: World Communism: A History of the Communist International. 5 Franz Borkenau: Nachwort zu: Richard Crossman (Hg.): Ein Gott der keiner war, Köln 1952, S. 255 f., 261. In diesem Kontext sei nicht verschwiegen, dass Borkenau im Mai 1951 in fälschlicher Weise den österreichischen Emigranten und mittlerweile zum US-Besatzungsoffizier aufgestiegenen Joseph von Franckenstein, den Ehemann der Schriftstellerin Kay Boyle, gegenüber dem FBI der kommunistischen Sympathien bezichtigte. Von Franckenstein verlor daraufhin seine Stelle im State Department, seine Frau ihre Anstellung als Auslandskorrespondentin des New Yorker. Lange gerichtliche Auseinandersetzungen folgten, die schließlich die Haltlosigkeit von Borkenaus Behauptung zeigten. Siehe William David Jones: The Lost Debate. German Socialist Intellectuals and Totalitarianism, Urbana/Chicago 1999, S. 185, unter Bezug auf US-Regierungsakten. 6 Franz Borkenau: Getting at the Facts Behind the Soviet Facade, in: Commentary 17 (1954), H. 4, S. 398. 7 Ebd., S. 400 [Hervorhebung wie im Original]. 8 John E. Tashean: Franz Borkenau. A Study of his Social and Political Ideas, Ph.D. Thesis, Georgetown University, Washington, D.C. 1962, S. 130. 9 Walter Laqueur: Mythos der Revolution. Deutungen und Fehldeutungen der Sowjetgeschichte, Frankfurt a. M. 1967, S. 198 f. Siehe auch Franz Borkenau: The Chances of a Mao-Stalin Rift: Will China’s Communists Take the Tito Road?, in: Commentary 14 (1952), H. 2, S. 117–123; ders.: Getting at the Facts (Anm. 6). 10 Franz Borkenau: Was ist Kreml-Astrologie?, in: Der Monat 7 (1955), H. 79, S. 34. 11 Eric D. Weitz: Creating German Communism, 1890–1990. From Popular Protests to Socialist State, Princeton, NJ 1997, S. 12. 12 Franz Borkenau: Toynbee und die Zukunft der Juden, in: ders.: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und der Entstehung des Abendlandes, hg. von Richard Löwenthal, Stuttgart 1984, S. 538. 13 Ebd., S. 546. 14 Siehe Franz Borkenau: Praxis und Utopie, in: Karl Marx. Auswahl und Einleitung von Franz Borkenau, Frankfurt a. M. 1956, S. 7–37. 15 Im Vorwort zur Neuausgabe des Buches bezeichnet Löwenthal seine frühere Erwartung im Sinne jener »Dritten Kraft« als realitätsfern. Siehe Richard Löwenthal: Nach dreißig Jahren. Vorwort zur Neuausgabe von »Jenseits des Kapitalismus«, in: ders.: Jenseits des Kapitalismus, Berlin 1977, S. XIII f. 16 Willy Brandt/Richard Löwenthal: Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit, München 1957, S. 207. 17 Richard Löwenthal: Chruschtschow und der Weltkommunismus, Stuttgart 1963, S. 8. 18 Ebd., S. 224. 19 Nachlass Richard Löwenthal, Box Nr. 49: Richard Löwenthal an Erik von Groeling, Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Brief vom 4. Juni 1970, in: Archiv der sozialen Demokratie, Bonn-Bad Godesberg. 20 Richard Löwenthal: Vormachtkontrolle und Autonomie in der Entwicklung des Sowjetblocks, in: ders./Boris Meissner (Hg.): Der Sowjetblock zwischen Vormachtkontrolle und Autonomie, Köln 1984, S. 33. 21 Ebd., S. 36. 22 Ossip K. Flechtheim: Der Weg zum Sozialismus, oder: Ethik und Politik (1937), Wiederabdruck in: ders.: Vergangenheit im Zeugenstand der Zukunft, Berlin 1991, S. 281. 23 Ossip K. Flechtheim (Hg.): Grundlegung der Politischen Wissenschaft, Meisenheim 1958, S. 70 f. 24 Siehe ebd., S. 66, und Hans K. Rupp/Thomas Noetzel: Macht, Freiheit, Demokratie. Anfänge der westdeutschen Politikwissenschaft, Marburg 1991, S. 47. 25 Sie wurden unter dem Titel »History and Futurology« (Meisenheim 1966) wiederveröffentlicht. 26 Siehe Robert Jungk: Die Zukunft hat schon begonnen, Stuttgart 1952. 27 Ossip K. Flechtheim: Weltkommunismus im Wandel, Köln 1965, S. 221. 28 Siehe Ossip K. Flechtheim: Bolschewismus 1917–1967. Von der Weltrevolution zum Sowjetimperium, Wien 1967, S. 178 f. 29 Ossip K. Flechtheim: Futurologie. Der Kampf um die Zukunft, Frankfurt a. M. 1972, S. 270. 30 Siehe Ossip K. Flechtheim: Ist die Zukunft noch zu retten?, Hamburg 1987. 31 Neues Deutschland vom 23./24. November 1991. 32 Ossip K. Flechtheim, in: Hajo Funke: Die andere Erinnerung. Gespräche mit jüdischen Wissenschaftlern im Exil, Frankfurt a. M. 1989, S. 463. 33 Von Abendroth und Bergmann liegen längere autobiografische Texte vor. Siehe Wolfgang Abendroth: Ein Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche, aufgezeichnet und hg. von Barbara Dietrich und Joachim Perels, Frankfurt a. M. 1976; Theodor Bergmann: Im Jahrhundert der Katastrophen. Autobiographie eines kritischen Kommunisten, Hamburg 2001. Während Abendroth Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten wurde, ist Bergmanns Wirken vor allem im Kontext der KPD-Opposition und der von ihm nach 1945 mit geleiteten Gruppe Arbeiterpolitik behandelt worden. Über Sternberg und Gurland fehlen noch ausführliche biografische Studien, hingegen erscheint über Ruth Fischer demnächst eine Biografie vom Verfasser dieser Zeilen. Bergmann, dessen Biografie ebenfalls noch geschrieben werden muss, kommt in einem Film aus dem Jahr 2007 (auf DVD erhältlich) ausführlich zu Wort: »Dann fangen wir von vorne an«. Fragen des kritischen Kommunismus. 34 Ossip K. Flechtheim, in: Funke: Die andere Erinnerung (Anm. 32), S. 402.

JHK 2013

Dänemark: Historiker des Kommunismus auf Wahrheitssuche

Anne-Mette Anker Hansen / Thomas Wegener Friis

Die Kommunistische Partei Dänemarks (KPDä) war ein realpolitisches Randphänomen des 20. Jahrhunderts. Nur einmal, im Sommer 1945, war sie Mitglied der sogenannten Befreiungsregierung, einer Einheitsregierung mit Vertretern der großen traditionellen Parteien sowie der Widerstandsbewegung der Besatzungszeit. Ansonsten war die parlamentarische Vertretung der Kommunisten sehr begrenzt. Trotz Weltwirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit schaffte die KPDä erst 1933 den Sprung in das dänische Parlament, das Folketing. Sie war jedoch immer nur mit zwei bis drei Abgeordneten vertreten, von denen einer 1937 während eines Aufenthalts in Moskau sogar verschwand: Der Abgeordnete und ausgesprochen parteitreue Genosse Arne Munch-Petersen starb im November 1940 im Zuge der stalinistischen Säuberungen.1 Durch ihre Rolle als eine der treibenden Kräfte in der dänischen Widerstandsbewegung erlebte die KPDä in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen kurzlebigen Aufschwung, aber schon Mitte der Fünfzigerjahre kam es aufgrund ihrer Loyalität zur Sowjetunion, innerer Spannungen und äußeren Drucks zum Bruch. Nach den Wahlen 1960 schaffte die Partei es nicht mehr ins Parlament. Obwohl ihr in den Siebziger- und Achtzigerjahren kurze parlamentarische Gastauftritte von der Wählerschaft gewährt wurden, kann die KPDä nicht an ihrer politischen Bedeutung im Parlament gemessen werden. Die Partei verfügte nie über größeren Einfluss und wurde argwöhnisch von den Nachrichtendiensten überwacht. Jede andere Partei hätte sich unter diesen Umständen aufgelöst, doch nicht zuletzt dank intensiver Unterstützung durch die Sowjetunion und der osteuropäischen Bruderparteien hatte die kleine, aber linientreue und zuverlässige dänische Partei Bestand. Sie unterhielt einen professionellen Parteiapparat und brachte sogar eine eigene kommunistische Tageszeitung heraus.2 Die engen Beziehungen zu den Staatsparteien im real existierenden Sozialismus und damit zu den de facto-Feinden des dänischen Staates, machten die KPDä zu etwas Besonderem. Außerdem stellte sie die einzige kontinuierliche Alternative zur kapitalistisch-demokratischen Gesellschaftsordnung im 20. Jahrhundert dar. Zwar existierten zeitweise auch andere Alternativen, rechts in Gestalt von Nationalsozialisten und links in Form von Extremisten maoistischer oder trotzkistischer Prägung, aber dies waren eher Modephänomene und daher zeitlich begrenzt. Die Kommunisten lieferten eine Art Gesamtpaket: Utopie gepaart mit Apparat und Tradition. All dies führte dazu, dass die Kommunisten auch in der dänischen Geschichtsschreibung eine besondere Rolle spielen. Dies gilt insbesondere für die Zeit nach 1990, die ökonomische und moralische Stunde null der Kommunisten. Als der ökonomische Tropf aus Moskau versiegte, brach die Partei innerhalb kürzester Zeit zusammen. In den Wirren des Auflösungsprozesses konnte das Archiv der KPDä jedoch gerettet werden und in Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung untergebracht werden. 900 Umzugskisten mit Material kamen 1991 aus dem zwangsversteigerten Parteihaus in die Dronningens Tværgade; dazu noch die Archive des Kommunistischen Jugendverbandes, der Freundschaftsorganisation Dänemark-Sowjetunion, des Komitees für Frieden und Sicherheit, des dänischen Komitees zu Vorbereitung der Arbeiterkonferenzen der Ostseestaaten, sowie Personenarchive führender Kader, wie der beiden Parteivorsitzenden Knud Jespersen (1958–1977) und Ole Sohn (1987–1991).3 Neben den eigenen Akten waren mittlerweile auch die Archive der einstigen Partner, der KPdSU und der SED zugänglich. Aus den russischen Archiven RGASPI4 und RGANI5 überführte eine staatliche Archivkommission deshalb etwa 12 000 Kopien, und gründete damit den Bestand Danica in Russland.6 Eine dauerhafte Kooperation mit russischen Historikern konnte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht etabliert werden, sondern entstand erst in den letzten Jahren im Rahmen des Projekts »Danskere i Komintern« [Dänen bei der Komintern].7 Die Akten der SED wurden dagegen nie ähnlich komplett nach Dänemark geholt, aber sowohl von Historikern als auch von Journalisten in den deutschen Archiven eingesehen.8 Mit den umfassenden Archivöffnungen liegt die Organisation und Funktionsweise der früher extrem geschlossenen und Geheimnis umwobenen Partei offen, was in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Geschichte der dänischen KP zur Folge hatte.9 Damit stellt die dänische Kommunistische Partei eines der am gründlichsten erforschten Gebiete der dänischen politischen Zeitgeschichte dar. Kaum eine andere Partei ruft ähnliches Interesse hervor. Darüber hinaus ist die Geschichte der KPDä sogar immer noch ein aktuelles Thema, das erneut politische Brisanz erfuhr, nachdem der letzte Vorsitzende der KPDä, Ole Sohn, 2011 nach seinem Parteiwechsel zur Sozialistischen Volkspartei zum Wirtschaftsminister bestellt wurde. Die dänische Kommunismusforschung 2013 ist von einer regen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion geprägt, aufbauend auf einem starken Fundament kritischer und intensiver Forschung. Vor 1990 war das noch ganz anders. Die Gruppe der dänischen Historiker, die sich in dieser Zeit mit dem Thema beschäftigte, war ausgesprochen überschaubar und lässt sich in drei Kategorien einteilen: 1. KPDä-Parteimitglieder, 2. linksextreme Kritiker und 3. »rechte Kritiker«. Größtenteils bestand die Geschichtsschreibung der KPDä aus der Traditionspflege einer Partei, die sich ihrer »historischen Rolle« durchaus bewusst war. Ende der Achtzigerjahre erschienen jedoch die Werke des Kommunisten und Historikers Kurt Jacobsen, die sich durch selbstkritische Reflexion deutlich von denen seiner Vorgänger unterschieden. Schon als Dozent an der Roten Hochschule erforschte er die frühe Geschichte der KPDä, bevor er ab 1989 als vom ZK der KPdSU bezahlter Auslandskorrespondent der dänischen Parteizeitung Land og Folk in Moskau arbeitete. Diese Position und seine Beziehungen zum ZK-Apparat nutzte Jacobsen, um als erster dänischer Historiker Zugang zum Archiv der KPdSU zu erlangen.10 Seine Bücher von 1987 und 1989 über die Grabenkämpfe in der jungen dänischen Partei und die Rolle Moskaus sind heute noch lesenswert, während andere frühere Werke, die im Zeichen der KP-Traditionspflege entstanden, in Vergessenheit geraten sind.11 Die Qualität der Forschung von Jacobsen mag auch daran gemessen werden, dass er sie auch nach 1990 fortsetzte und eine umfassende Biografie des langjährigen Vorsitzenden der KPDä (1932–1958) und späteren Gründers der Sozialistischen Volkspartei Aksel Larsen veröffentlichte.12 Auch der letzte ordentliche Vorsitzende der KPDä, Ole Sohn, konnte seine Beziehungen in der Sowjetunion dazu nutzen, historische Akten einzusehen. Sowohl das Archiv der KPdSU als auch des KGB lieferten wichtige Informationen für ein Buch über den in Moskau verschollenen kommunistischen Abgeordneten Arne Munch-Petersen. Auch mithilfe dieses Buches gelang es Sohn, sich als selbstkritisch darzustellen und seine politische Karriere fortzusetzen.13 Fast in Vergessenheit geraten sind die Verfasser aus anderen linksextremen Gruppen. Unter linken Splittergruppen wurde es quasi zur Gewohnheit, die moskautreue KPDä als reformistisch oder rechtsopportunistisch zu brandmarken. Etliche Bücher dienten dazu, diese Auffassung zu verbreiten.14 Nur ein dänischer Kommunismusforscher aus diesem Kreis ist zu nennen: Morten Thing von der Universität Roskilde. Anfang der Neunzigerjahre setzte auch er seine Forschungen weiter fort und habilitierte mit einem Werk über die KPDä und die Linksintellektuellen in den Jahren von 1918 bis 1960.15 In der Folge widmete er sich mit Erfolg der Frage der KPDä-Parteiförderung durch die KPdSU. Die Auffassung linksextremer Gruppen, sie seien »die besseren Kommunisten« gewesen, sorgten nach 1990 nur gelegentlich für Aufmerksamkeit. Im Standardwerk zur dänischen Geschichte des dänischen Professors Poul Villaume, eines ehemaligen Maoisten, der von einem seiner Schüler in der Historiografie als Revisionist – wenn auch gemäßigter – bezeichnet wird, wird diese Auffassung deutlich zum Ausdruck gebracht.16 Villaume weist auf einen deutlichen Unterschied zwischen der KPDä und Antidemokraten anderer Prägungen hin und unterstellt, dass Letztere im Falle einer sowjetischen Invasion Widerstand geleistet hätten.17 Die dritte und letzte Gruppe der »rechten Kritiker« unterscheidet sich von den beiden anderen nur dadurch, dass ihre Anhänger sich selbst nicht als Kommunisten oder Linksextremisten definieren. Zu ihnen gehört zum Beispiel der sozialdemokratische Abgeordnete Hartvig Fritsch. Er war kein Wissenschaftler im strengen Sinn, aber mit seinem wegweisenden Buch Pest over Europa [Pest über Europa] von 1933 machte er klar Front gegen die beiden totalitären Weltanschauungen.18 Der wohl namhafteste, aber auch umstrittenste Kommunismusforscher Bent Jensen von der ehemaligen Universität Odense,19 ist eine der schillerndsten Gestalten der dänischen Kommunismusforschung. Sein Name mag im deutschsprachigen Raum vermutlich nur wenigen bekannt sein, in Dänemark ist das Gegenteil der Fall. Der gebürtige Jütländer habilitierte 1979 mit einer Arbeit über Dänemark und die Russische Frage 1917–1924. Zu größerer Bekanntheit verhalf ihm 1984 sein heftig umstrittenes Werk Stalinismens fascination [Die Faszination des Stalinismus]. Im Weiteren soll auf Jensens Werk und seine Person näher eingegangen werden. Faszination des Stalinismus »Mein Interesse für die Haltung der dänischen Intellektuellen zum Stalinismus besteht seit 1978, als ich durch Zufall über eine Zeitschrift stolperte, die voller Lob für Stalin war. Ich startete daraufhin eine eigene kleine Untersuchung, getrieben von Skepsis und Neugierde: Konnte das tatsächlich stimmen? Während meiner Arbeit wandelte sich meine Neugier in verblüfftes Staunen: Es war weitaus schlimmer als ich gedacht hatte. Letztendlich musste mein Staunen einem Gefühl von Trübsinn weichen: Wie konnte das möglich sein?«20 So beginnt das Buch Faszination des Stalinismus, das sich der Haltung der dänischen KP sowie sympathisierender Intellektueller zur Sowjetunion der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre widmet. Bent Jensen verfasste es auf der Grundlage öffentlicher Aussagen und anderer Publikationen, denn sie waren das einzige, was der Kommunismusforschung zu jener Zeit zur Verfügung stand. Der Autor skizziert zuerst das Schreckensregime der Sowjetunion, bevor er die folgenden Fragen stellt: Hätten die Kommunisten es besser machen können? Und warum haben sie diesem Regime zur Seite gestanden? Im Wesentlichen aber beschäftigt sich das Buch damit, wie die dänischen Kommunisten, wie die zuverlässigen dänischen Genossen der Sowjetunion bereitwillig mit Wort und Tat zur Seite standen. Aus heutiger Sicht erscheint der Band nicht kontrovers. Dass die KPDä sehr linientreu war und bis zum allerletzten Generalsekretär im Kreml auch der sowjetischen Bruderpartei ergeben blieb, ist mittlerweile allgemein bekannt. Aber gerade deshalb ist die damalige Reaktion auf das Buch interessant, denn im Jahr 1984 waren solche Fakten noch nicht weithin anerkannt. Das Buch polarisierte die dänische Öffentlichkeit von Beginn an. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens lobten das Buch als mutig und unterstrichen seine Bedeutung als »Augenöffner«.21 Aber es gab auch vehemente Kritik aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Die Wiedergabe der Positionen von Kommunisten und sogenannten progressiven Intellektuellen zur Zeit Stalins wurde häufig als persönlicher Angriff empfunden. »Ein Pharisäer auf einem Kreuzzug mit 30 Jahren Verspätung«, unter diesem Titel beschrieb der bekannte Autor David Jens Adler in einer Rezension in einer der größten Landeszeitungen den Inhalt als »selbst für Propaganda mehr als armselig«, als »hilflose Laberei«, »manischen Antikommunismus« und »Unsinn«.22 Ähnlich lautete auch das Urteil der kommunistischen Tageszeitung Land og Folk, die Jensen zum »anti-marxistischen Chefideologen« ernannte und das Werk als »pseudowissenschaftlich« abtat.23 Als »Amokläufer« der Rechten beschimpfte ihn die linke Tageszeitung Arbejderen.24 »Bent Jensen fehlt, was man an den modernen Universitäten Perspektivierung und Relativierung nennt«, schrieb der Historiker Ole Lange in seiner Rezension »Das Besserwissen der Neunmalklugen«.25 Und in der dänischen Historischen Zeitschrift erlebte das Buch einen Verriss durch den bekannten Maoisten und Historiker von der Universität Kopenhagen, Benito Scocozza, weil Jensen in seinem Buch u. a. nicht bereit sei, zu erklären, warum es Menschen gab, die die Moskauer Schauprozesse befürworteten. Ein anderer Fachkollege hegte entsprechende Kritik am Werk mit den Worten: »… anachronistische Beschreibungen von der politischen und sozialen Lage«.26 Die Debatte über das Buch hielt den Winter 1984/85 über an. Die Kritiker entstammten einer breiten Gruppe unterschiedlichster Prägungen von Kommunisten, über Maoisten, Linkssozialisten, Sozialdemokraten bis hin zu Sozialliberalen. Ihre Einstellung zu Stalins Sowjetunion war entsprechend vielfältig. Die nicht KP-gebundenen Linksextremen waren zum Beispiel grundsätzlich zufrieden mit der Kritik an der Sowjetunion, aber unzufrieden mit Werk und Verfasser, wie es im Hauptorgan der linken Szene Politisk Revy hieß: »Die Beschreibung der Sowjetunion ist gut (aber er versteht sie eigentlich nicht).«27 Trotz aller Unterschiede lässt sich die scharfe Kritik an Jensens Buch auf drei Kernaussagen reduzieren: Erstens, dass der Verfasser ein »kalter Krieger« sei; zweitens, dass das Werk eine Hexenjagd darstelle, und drittens, dass Jensen wissenschaftlich unzuverlässig sei. »Soll Faszination nun ein Verbrechen sein?«, fragte der populäre Historiker Paul Hammerich im staatlichen Monopolfernsehen. Wie konnte Jensen es wagen, ehrenhafte Bürger wie den ehemaligen Rektor der Universität Kopenhagen und Helden aus dem Widerstand, Mogens Fog, durch Zitate aus der Stalinzeit zu verunglimpfen?28 Fast alle Kritiker hatten gemeinsam, dass die Person Bent Jensens für sie im Mittelpunkt stand. Dieser Umstand verlieh ihm schon zu diesem Zeitpunkt die Rolle eines ganz besonderen Übeltäters – sein Spitzname »Schwarzer Bent« war in der wissenschaftlichen Szene geboren. Die Kritik an Jensen hielt sich noch über Jahrzehnte und zwar nicht nur im kleinen Kreis der Historiker. So schrieb ein ehemaliger Professor der Universität Aarhus noch 2007 unter dem Titel »Kopfnussmimose« in der sozialliberalen Tageszeitung Politiken: »Kein anderer Historiker in diesem Land ist dermaßen unverschämt, perfide und wird so persönlich.«29 Die verbitterte Diskussion der Achtzigerjahre führte dazu, dass Jensen in Historikerkreisen immer stärker isoliert wurde, ließ ihn aber auch als eine Art wissenschaftlichen Märtyrer erscheinen, wenn viele Persönlichkeiten des bürgerlichen Dänemarks das Buch von vornherein lobten. 30 Während Politik und Wissenschaft versuchten, die Diktaturen Osteuropas zu verstehen und dafür den Dialog suchten, galt Jensen in den entsprechenden Kreisen als verpönt und bekam keine Einladung zu den Empfängen der Botschafter osteuropäischer Länder. Dieses Verhalten kam dem jungen Professor jedoch vermutlich nicht ganz ungelegen, denn letztlich gründete sich darauf sein Leitmotiv. In den Debatten identifizierte er sich wiederholt mit einem Zitat des norwegischen Dichters und Schriftstellers Arnulf Øverland: »Es muss harte und einfache Menschen geben, die im Interesse der Wahrheit klar ihre Meinung zum Ausdruck bringen.«31 Insofern scheint Øverland mit Hinblick auf eine kompromisslose Darstellung der Realität ein Vorbild für Jensen gewesen zu sein. Obwohl Jensen mit Professoren- und Doktortitel Teil der dänischen Kulturelite war, fiel es ihm aufgrund seines biografischen Hintergrunds leichter, sich mit den einfachen Leuten und den »einfachen Wahrheiten« zu identifizieren.32 Persönlicher Werdegang Bent Jensen wurde 1938 geboren. Sein Elternhaus in der jütländischen Kleinstadt Kjellerup gehörte der streng evangelischen Glaubensrichtung der Inneren Mission an. Für sie bestand die Welt aus zwei Gruppen: den Brüdern und Schwestern der Mission sowie denjenigen »außerhalb«.33 Jensen selbst beschrieb sein Elternhaus als von Geborgenheit geprägt. Dennoch sei es schwierig für einen neugierigen Jungen gewesen, nur mithilfe des starken Glaubens der Eltern, genügend konkrete Antworten zu finden. »In der Bibel steht die ganze Wahrheit. Und was nicht da steht, braucht man nicht zu wissen. Jedes Wort in der Bibel ist wahr«, erklärte ihm seine Mutter.34 Hatte die Bibel einmal keine Antwort, könne man sich nach Jesus richten, der nicht ins Kino gegangen wäre und deshalb ginge die Familie auch nicht dorthin. Die Antwort des Sohnes war, dass Jesus wohl auch kein Fahrrad gefahren wäre und es dennoch nicht verboten war.35 In Jensens Elternhaus gab es nur wenige Bücher, weshalb er seine Neugier als Kind in der örtlichen Stadtbibliothek befriedigen musste, wo sich für ihn gänzlich neue Welten auftaten, gepaart mit einem Drang nach mehr Wissen, um die Rätsel der Welt lösen zu können.36 Nach seiner Schulzeit machte Jensen eine Lehre als Elektriker, die ihm aber weder das gewünschte Wissen vermittelte, noch die Möglichkeit eröffnete, aus »dem furchtbaren Schwarzen Loch« zu flüchten, als das er seine Heimat beschrieb. Während der Lehre lebte er ein Doppelleben mit seinem Zuhause, den Eltern und der Mission auf der einen Seite und auf der anderen mit den Kollegen und der Arbeit.37 Nach der Lehre absolvierte Jensen nachträglich sein Abitur, um so Antworten auf die großen Fragen zu finden. In dieser Zeit entfremdete er sich zunehmend von seinem Elternhaus: »Ich wurde zu einem dieser schrecklichen jungen Leute, die alles wissen. Mein Vater konnte sich schlecht wehren, und ich war gemein und niederträchtig ihm gegenüber. Ich nutzte aus, dass ich ihm überlegen war«, gestand Jensen später in einem Zeitungsinterview. Dass er die Eltern als Jugendlicher als kleinlich und eingeschränkt empfand und deshalb nicht zu ihrer silbernen Hochzeit ging, vergab er sich nie.38 Nach seiner Wehrpflicht begann Bent Jensen ein Geschichtsstudium in Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus. Auch hier erhoffte er wieder Antworten auf alle Fragen. Stattdessen bekam er die Erklärung, dass es Geschichte gar nicht gab, sondern nur noch Konstruktionen; historische Fakten hätte es auch nie gegeben.39 In Aarhaus bekam Jensen Kontakt zu politischen Studentenvereinigungen, die in diesem Fall, wo auch Rudi Dutschke eine Zeit lang in Aarhaus aktiv gewesen war, politisch besonders links eingestellt waren. Er wurde Mitglied im Sozialistischen Studentenverein, wo er von der »Entwicklung der Produktivkräfte, die die Geschichte vorwärts treiben« erfuhr. Kurz: Hier bekam Jensen endlich klare und einfache Antworten auf seine großen Fragen, und er empfand es als »heilend, eine solche Einsicht in schwierige Zusammenhänge zu bekommen und aufgeklärt zu werden, wie alles miteinander verbunden ist«. 40 Der Marxismus bot dem Studenten eine klare Weltanschauung, die er schon aus der Mission kannte, jedoch diesmal vermeintlich auf wissenschaftlichem Boden basierend. Seine »Romanze« mit dem Marxismus endete jedoch schon nach wenigen Jahren wieder, ohne dass Jensen dies jemals detailliert kommentiert hat. Als Ursache führte er lediglich an, dass er eine kluge Frau getroffen habe, die sich von den Klischees und großen Worten nicht überzeugen ließe. 41 Eine andere Inspirationsquelle sei für ihn der russische Emigrant Boris Weil gewesen, der in Dänemark lebte und bei ihm eine Antipathie gegenüber der Sowjetunion habe wachsen lassen.42 Gerade die Frage nach einer »historischen Wahrheit« taucht in Jensens Forschung wiederholt auf. Für ihn ist diese Suche nach Fakten, die die Aufarbeitung voranbringen, immer wichtiger gewesen, als sich in die Beweggründe irgendwelcher historischen Akteure zu versetzen. Besonders sein Werk Faszination des Stalinismus sowie das Buch Gulag og Glemsel [Gulag und Vergessen] von 2002 sind Beispiele für diese Suche nach historischen Wahrheiten.43 Aus diesem Grund enthalten beide Werke zahlreiche Beispiele und Zitate. Im zuletzt genannten Buch weist Jensen darauf hin, dass das Leid des Kommunismus mit dem Leid des NS-Regimes zu vergleichen sei, wobei die Erinnerung an die NS-Zeit Europa mahne, dass der Gulag im Westen und insbesondere in Dänemark nicht aufgearbeitet würde, und daher in Vergessenheit geriete.44 Beide Bände dienten anderen Zwecken als »nur« neues Wissen zu präsentieren. Dies wird zum Beispiel in der Charakterisierung von Stalins dänischen Anhängern deutlich: »Die intellektuellen Stalinisten waren von einer Dämonie besessen, die die Welt auf den Kopf stellte. Mittelalterliche Beschreibungen von Dämonie gleichen jenen von Stalin-besessenen Menschen im 20. Jahrhundert. Die besessenen Menschen werden schrill, realitätsfern und gefährlich.«45 In Gulag und Vergessen setzt Jensen diese Linie im Kapitel »Die Cheerleader der Henker« fort. Dort stellt er fest: »Die Massenvernichtung von Unsauberen wurde von dänischen und anderen westlichen Intellektuellen unterstützt.«46 Es besteht mit anderen Worten kein Zweifel, wer die Sündigen in Jensens Erzählung sind, und dass die Wahrheitssuche eine Auseinandersetzung mit ihnen unumgänglich macht. Die moralische Aufarbeitung darf hier nicht Halt machen. Gerade im Buch über den Gulag offenbart Jensen seine moralische Ader. In der Einleitung diskutiert er, wie ein Historiker Völkermord beschreiben kann: »Es ist schon richtig, dass der Historiker vor allem analysieren und erklären muss. Aber darf er auch indifferent bei der Beschreibung von Massenverbrechen sein? Und falls die Beschreibung von Massenmord Ausdruck des Moralisierens ist, was ist, wenn man es nicht beschreibt oder gar darüber schweigt? Massenmord nicht zu beschreiben oder ihn in einer Art und Weise zu beschreiben, als würde man Insekten sezieren oder eine chemische Substanz analysieren, wird in diesem Fall leicht amoralisch oder gar unmoralisch.«47 Aus diesem Grund existiert eine klare Trennung zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, Wahrheit und Lüge in den Publikationen Jensens, die wenig Platz für akademisches Zweifeln lässt. Ein Vorwurf, der Jensen häufiger gemacht wurde. Er bleibt bei seinen Überzeugungen und seinen Zielen, auch wenn ihm jemand auf dem Weg in die Quere kommt. Und wenn es hart auf hart kommt, sucht er Trost bei Arnulf Øverland, den er in der Neuauflage von Stalinismus und Faszination erneut zitiert, wenn es um die Notwendigkeit von »harten und einfachen Menschen« im Dienste der Wahrheit geht. Dabei verleiht er einem Wunsch Ausdruck: »Ich hoffe, ich bin solch ein harter und einfacher Mensch.«48 Polarisierung und Rechtsrevisionismus Ab 1969 unterrichtete Bent Jensen an der Universität Kopenhagen, bevor er 1980 Professor am Lehrstuhl für Russische Geschichte der Universität Odense wurde. 2006 wurde er dann zum Leiter eines Sonderinstituts zur Erforschung des Kalten Krieges berufen, das die damalige dänische bürgerliche Regierung und die rechtspopulistische Dänische Volkspartei unter dem Dach des Verteidigungsministeriums ins Leben gerufen hatten.49 Um dieses »Institut-zur-besonderen-Verwendung« entspann sich sogleich eine lebendige Debatte, da es für viele so aussah, als wäre damit die unabhängige Forschung an der Universität auf Wunsch der Rechtspopulisten unterlaufen worden. Weiterhin wurde auch die Befürchtung laut, dass dieses Jensen-Zentrum im Wesentlichen als ein Racheakt gegen Persönlichkeiten aus dem linken Spektrum zu bewerten sei. Diese Sorge war unmittelbar mit dem Image Jensens verknüpft, das sich in den Achtzigerjahren gefestigt hatte, und erweckte prompt auch alte Feindschaften wieder zum Leben. Kritiker fühlten sich bestätigt, als Jensen als eine seiner ersten Amtshandlungen gegen einen linken Journalisten aus den Achtzigerjahren den Verdacht der Spionage äußerte.50 Diese Anschuldigung hatte einen sich über Jahre hinziehenden Prozess zur Folge, den Jensen in der ersten Instanz verlor.51 Doch der Prozess führte dazu, dass ehemalige Kämpfer aus den Zeiten des Kalten Krieges erneut Stellung bezogen und sich auf beiden Seiten solidarisch zusammenschlossen. So gelang es Jensen erneut, die Öffentlichkeit zu spalten und für einen Teil der Gesellschaft wie schon einmal als Verfechter einer gerechten Sache zu erscheinen, die hohen persönlichen Einsatz verlangte.52 Auch in der Wissenschaft polarisierte Jensen erneut. So machte der Aarhuser Staats- und Politikwissenschaftler, Nikolaj Petersen, an Jensen eine neue Tendenz in der dänischen Forschungslandschaft fest, den sogenannten Rechtsrevisionismus. Petersen hatte sich bereits 1985 als moderater Kritiker von Jensens Kommunismusforschung hervorgetan.53 Jetzt bezog er in einem großangelegten Artikel der dänischen Historischen Zeitschrift klar Stellung gegen dessen bisherige und noch zu erwartende Forschung.54 Der umfassende Beitrag war das Resultat einer verbitterten Zeitungsdebatte zwischen Petersen und Jensen, und deutete eine Verflechtung zwischen Regierungsspitze und dem Historiker an.55 Im Wesentlichen ging es jedoch um Jensens Interpretation der dänischen Außenpolitik im Kalten Krieg, denn jetzt gelang es ihm endlich, auch in diesem Punkt eine Sonderposition einzunehmen und sich damit im Gegensatz zu denjenigen zu positionieren, die Petersen als »Mainstream-Gruppe« bezeichnete, was in diesem Zusammenhang durchaus als positiv zu bewerten ist. Petersens Hauptkritik galt Jensens Forschung über die dänisch-sowjetischen Beziehungen. 1987 publizierte Jensen diesbezüglich Tryk og Tilpasning [Druck und Anpassung], 1996 Den lange befrielse [Die lange Befreiung], und 1999 Bjørnen og Haren [Der Bär und das Häschen]. Das grundlegende Argument in diesen Büchern war, dass sich die sowjetische Außenpolitik auf eine Mischung von Drohgebärden auf der einen und Sirenengeheul von Friedensversprechen auf der anderen Seite stützte. Die dänische Reaktion sei von den Fünfzigerjahren bis in die Achtzigerjahre von Angst und Zurückweichen geprägt gewesen. Diese Forschung positionierte sich kritisch gegenüber den marginalisierten dänischen Kommunisten, gegenüber dem Außenministerium und sogar gegenüber der staatstragenden Sozialdemokratie. Besonders für die Kritik an letzterer erntete Jensen schon beim ersten Buch starke Kritik, sowohl von Petersen als auch vom Kopenhagener Professor Villaume.56 Die harte Linie gegenüber der Sowjetunion, die mit Kritik an historischen und aktuellen Verbrechen des Kommunismus nicht sparte, und an ihrer Außenpolitik als Triebkraft für den Kalten Krieg, waren ganz offensichtlich unerwünscht. Führende dänische Politiker suchten im Kalten Krieg den Dialog mit den Regimen Osteuropas. Diese Dialogpolitik wird heute noch von revisionistischen Historikern als systemfeindlicher Aktivismus beschrieben, der letztlich die kommunistischen Regime mit Gesprächen in die Knie zwang.57 Dazu brauchte man weder in der Wissenschaft noch in der Politik »Kalte Krieger« wie Jensen. Das Werk Bent Jensens befasste sich mit einer Reihen von Aspekten der Sowjetunion, des Kommunismus sowie der Bedeutung beider für das kleine Dänemark. Mit seinem stets kritischen Blick auf die Sowjetunion und Fragen der Aufarbeitung, war und ist er kein bequemer Zeitgenosse, weder für »Mainstreamhistoriker« noch für die Politik. Seine Überzeugung und sein Glaube an die Richtigkeit der eigenen Position scheinen in dem Maße zu wachsen, in dem der Widerstand zunimmt. Auf diese Weise hat sich Jensen über die Jahre selbst immer wieder Aufmerksamkeit verschafft, weswegen die Diskussion oft bei seiner Person anfängt und auch endet. Dies mag aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die dänische historische Aufarbeitung zumeist national beschränkt verlaufen ist. Auf dem Gebiet der Kommunismusforschung scheint sich dies in den letzten Jahren durch intensivierte internationale Kooperationen zu ändern. 1 Siehe Ole Sohn: Fra Folketinget til celle 290 [Vom Folketing in Zelle 290], Kopenhagen 1992. 2 Siehe Morten Thing (Hg.): Guldet fra Moskva. Finansiering af de nordiske kommunistiske partier 1917–1990 [Das Gold aus Moskau. Finanzierung der nordischen kommunistischen Parteien 1917–1990], Kopenhagen 2012. 3 Siehe Jesper Jørgensen: »Arkiver og litteratur til studiet af dansk kommunismes historie« [Archive und Literatur zum Studium der Geschichte des dänischen Kommunismus], Kopenhagen 2012; Jesper Jørgensen/Andrei Sorokin/Aleksander Chubaryan/Thomas Wegener Friis: Komintern og de dansk-sovjetiske relationer [Die Komintern und die dänisch-sowjetischen Beziehungen], Kopenhagen 2012. 4 Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für Sozial-Politische Geschichte. 5 Rossiiskii Gosudarstvennyi Arkhiv Noveishei Istorii/Russisches Staatsarchiv für Zeitgeschichte. 6 Rigsarkivet: Danica i Rusland. Kilder til Danmark historie efter 1917 i russiske arkiver [Danica in Russland. Quellen zu der Geschichte Dänemarks nach 1917 in russischen Archiven], Kopenhagen 1994. 7 Siehe Jørgensen u. a.: Komintern (Anm. 3). 8 Siehe Thomas Wegener Friis: »Tysk glasnost, der holder – et overblik over DDR-arkiverne«, [Deutsches Glasnost, was bleibt – ein Überblick über die DDR-Archive], Arbejderhistorie (2006), H. 1, S. 55–69. 9 Siehe Jesper Jørgensen: »Introduktion til dansk og international kommunismeforskning« [Einführung in die dänische und internationale Kommunismusforschung], Arbejderhistorie (2009), H. 2, S. 112–121. 10 Siehe Kurt Jacobsen: »Som første dansker i Komintern Arkivet« [Als erster Däne im Komintern-Archiv], in: Jørgensen u. a.: Komintern (Anm. 3), S. 25–42. 11 Siehe Kurt Jacobsen: Moskva som medspiller [Moskau als Mitspieler], Kopenhagen 1987; ders.: Mellem Moskva og København [Zwischen Moskau und Kopenhagen], Kopenhagen 1989. 12 Siehe ders.: Aksel Larsen. En politisk biografi [Aksel Larsen. Eine politische Biografie], Kopenhagen 1993. 13 Siehe Sohn: Fra Folketinget (Anm. 1). 14 Siehe Kommunistisk Forbund: Kritik af DKP [Kritik an die KPDä], Aarhus 1974; Steen Bille Larsen: Kommunisterne og arbejderklassen 1945–1975 [Die Kommunisten und die Arbeiterklasse 1945–1975], Kopenhagen 1977; Morten Thing/Jørgen Bloch Poulsen: Danmarks Kommunistiske Parti 1918–1941 [Die Kommunistische Partei Dänemarks 1918–1941], Kopenhagen 1977; Lars Ege/Niels Henrik Hansens: DKP 1945–1946. For grundlov – og arbejdsro [Die KPDä 1945–1946. Für Verfassung und Arbeitsruhe], Kopenhagen 1978; Bjørn Meidell: DKP og storstrejkerne i 1956 [Die KPDä und die großen Streiks 1956], Kopenhagen 1976. 15 Siehe Morten Thing: Kommunismens kultur. DKP og de intellektuelle 1918–60 [Die Kultur des Kommunismus. KPDä und die Intellektuellen 1918–60], Kopenhagen 1993. 16 Siehe Rasmus Mariager: »Den kolde krig i international og dansk historieforskning« [Der Kalte Krieg in der internationalen und dänischen Geschichtsforschung], in: Poul Villaume/Rasmus Mariager u. a. (Hg.): Den Kolde Krig og Danmark [Der Kalte Krieg und Dänemark], Kopenhagen 2011, S. 720–746, hier S. 727. 17 Siehe Poul Villaume: Danmarks Historien [Die Geschichte Dänemarks], Kopenhagen 2005, S. 67. 18 Siehe Hartvig Frisch: Pest over Europa [Pest über Europa], Kopenhagen 1933. 19 Heute ein Teil der Süddänischen Universität. 20 Bent Jensen: Stalinismens fascination og de danske venstreintellektuelle [Die Faszination des Stalinismus und die dänischen Linksintellektuellen], Kopenhagen 1984 [diese und folgende Übersetzungen erfolgten durch die Autoren]. 21 Siehe u. a. Ina Rohde: »Lenins nyttige idioter« [Lenins nützliche Idioten], in: Jyllands-Posten vom 19. November 1984; Knud Leif Thomsen: »Angsten for Friheden« [Angst für die Freiheit], in: Jyllands-Posten vom 18. Dezember 1984; Per Stig Møller: »Af Per Stig Møller« [Von Per Stig Møller], in: Berlingske Tidende vom 27.November 1984; Henrik Stangerup: »Stalins danske venner« [Stalins dänische Freunde], in: Ekstra Bladet vom 16. November 1984; Bertel Haarder: »Sovjets taktik lykkes alt for godt.« [Die Taktik der Sowjetunion gelang nur allzu gut], in: Jyllands-Posten vom 15. Januar 1985. 22 David Jens Adler: »En farisæer på korstog med 30 års forsinkelse« [Ein Pharisäer auf einem Kreuzzug mit 30 Jahren Verspätung], in: BT vom 14. November 1984. 23 Michael Seidelin: »Stalin op af skuffen« [Stalin aus der Schublade], in: Land og Folk vom 17./18. November 1984. 24 »Det nye højres amokløb« [Der Amokläufer der neuen Rechten], in: Arbejderen vom 20. November 1984. 25 Ole Lange: »Bagklogskabens bedreviden« [Das Besserwissen der Neunmalklugen], in: Information 16. November 1984. 26 Henrik Scriver: »En højreintellektuels fjendebillede« [Das Feindbild der Rechtsintellektuellen], in: Praksis (1987), H. 5, S. 32–35. 27 Hans Jørgen Vodsgaard: »Lover Stalin, han er nær« [Gelobet sei Stalin, er ist euch nah], in: Politisk Revy vom Dezember 1984. 28 Siehe »Stalinisme« [Stalinismus], in: Information vom 16. November 1984. 29 Curt Sørensen: »Skallesmækkermimosen« [Kopfnussmimose], in: Politiken vom 23. Mai 2007. 30 Siehe Niels Barfoed: »Den polemiske martyr« [Der polemische Märtyrer], in: Politiken vom 20. Juni 2002. 31 Bent Jensen »Hvad de skrev om Stalin« [Was sie über Stalin schrieben], in: Jyllands-Posten vom 20. November 1984. 32 »Bent Jensen og armslængdeprincippet« [Bent Jensen und der Fremdvergleichsgrundsatz], in: Politiken vom 22. November 2003; »Et totalitært styres sammenbrud« [Zusammenbruch eines totalitären Systems], in: Tidsskriftet Sappho vom 3. Dezember 2012, online: www.sappho.dk/et-totalitart-styres-sammenbrud.htm, ges. am 16. Januar 2013. 33 Olaf Hergel: »Historikeren der kom ind fra kulden« [Der Historiker der aus der Kälte kam], in: Berlingske Tidende vom 26. Januar 2003. 34 Bent Jensen: I begyndelsen. Livsstykker [Anfangs. Ausschnitte eines Lebens], Kopenhagen 2004, S. 34. 35 Ebd., S. 18. 36 Siehe ebd., S. 79. 37 Siehe ebd., S. 129. 38 Siehe Hergel: Historikeren (Anm. 33). 39 Jensen: I begyndelsen (Anm. 34), S. 166 f. 40 Ebd., S. 168. 41 Hergel: Historikeren (Anm. 33). 42 Lars Henriksen: »Mild mand i modvind« [Ein sanfter Mann mit Gegenwind], in: Kristeligt Dagblad vom 20. Januar 2007. 43 Siehe Jensen: Gulag og Glemsel [Gulag und Vergessenheit], Kopenhagen 2002. 44 Ebd., S. 411–420. 45 Bent Jensen: Stalinismens (Anm. 20), S. 214. 46 Ders.: Gulag (Anm. 32), S. 449. 47 Ebd., 15. 48 Ders.: Stalinismens fascination [Die Faszination des Stalinismus], Kopenhagen 2002, S. 218. 49 Siehe Center for Koldkrigsforskning 2006–2010. Siehe Jørgen Granum-Jensen: »Historikeren Bent Jensen« [Der Historiker Bent Jensen], in: Lars Hedegaard (Hg.): Kampen om den Kolde Krig. Festskrift til Bent Jensen [Der Kampf um den Kalten Krieg. Festschrift für Bent Jensen], Kopenhagen 2008, S. 27–44. 50 Siehe »De kaldte ham nr. 1« [Sie nannten ihn Nr. 1], in: Jyllands-Posten vom 14. Januar 2007. 51 Siehe Ole Hasselbalch: Dragsdahl-Sagen. KGB og historieforskningen [Der Fall Dragsdahl. KBG und historische Forschung], Odense 2010. 52 Siehe »Koldkrigsforsker får brug for mere støtte« [Kalter Krieg-Forscher braucht mehr Unterstützung], in: Jyllands-Posten vom 2. Juli 2010, online: http://jyllands-posten.dk/indland/article4348591.ece, ges. am 16. Januar 2013. 53 Siehe Nikolaj Petersen: »Bent Jensen: Stalinismens fascination og danske venstreintellektuelle.« [Die Faszination des Stalinismus und die dänischen Linksintellektuellen], in: Politica (1985), H. 17, S. 442–444. 54 Siehe ders.: »Kampen om den Kolde Krig i dansk politik og forskning« [Der Kampf um den Kalten Krieg in der dänischen Politik und Forschung], in: Historisk Tidsskrift 109 (2009), H. 1, S. 154–204. 55 Siehe Bent Jensen: »Køterpis« [Rüdenpisse], in: Weekendavisen vom 9. Februar 2007. 56 Siehe Nikolaj Petersen: »Bent Jensen: Tryk og Tilpasning. Sovjetunionen og Danmark siden 2. Verdenskrig« [Bent Jensen: Druck und Anpassung. Die Sowjetunion und Dänemark seit dem 2. Weltkrieg], in: Historie (1989/91), H. 18, S. 330–332; Poul Villaume: »Bent Jensen: Tryk og Tilpasning. Sovjetunionen og Danmark siden 2. Verdenskrig«, Historisk Tidsskrift (1988), H. 2, S. 393–396. 57 Siehe Poul Villaume: »Dansk avspänningspolitik – utrikespolitisk aktivism under kalla kriget« [Dänische Entspannungspolitik – außenpolitischer Aktivismus während des Kalten Krieges], in: Kurt Almqvist/Kristian Gerner (Hg.): Kalla kriget. Sverige – En stormakt utan vapen? [Schweden und der Kalte Krieg – Eine Großmacht ohne Waffen?], Stockholm 2012, S. 57–65.

JHK 2013

Ungewöhnliche Konversionen? Von Mao zu Moses. Linksradikalismus und jüdische Zugehörigkeit im Frankreich der späten Siebzigerjahre

Sebastian Voigt

»Dass mein Fall gewöhnlich ist, man darf sich dabei nicht täuschen, besagt, dass er wunderbar ist […]. ›Von Mao zu Moses‹ ruft man aus, und vergisst, dass, um genau zu sein, es von Moses zu Mao, von Mao zu Moses heißen müsste, das bedeutet also, von Moses zu Moses im Vorbeigehen an Mao. Das gewöhnliche Schicksal des Juden – das Wunder – liegt in der Offenbarung dieser Unbeweglichkeit, trotz der ganzen Bewegungen des Jahrhunderts.«1 Dieses Zitat aus einem 2003 postum veröffentlichten Werk stammt von Benny Lévy. Rückblickend auf seinen Lebensweg betonte er dessen Gewöhnlichkeit, die darin bestehe, dass ein Jude immer ein Jude bleibe, egal welche Umwege er auch eingeschlagen habe. Letztlich kehre er zu seinen Wurzeln zurück. »Moses«, als Prophet des Volkes Israel, sei der unumgängliche Ausgangs- und Endpunkt.2 Der 1945 in Ägypten geborene Lévy, Sohn einer assimilierten Familie der Mittelschicht, kam nach der Suezkrise 1956 nach Frankreich. Er studierte an der Pariser Eliteuniversität École normale supérieure und wurde Mitglied der Union des étudiants communistes [Union kommunistischer Studenten], der Studentenvereinigung der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF). Nach den Ereignissen des Pariser Mai 1968 wurde er einer der Anführer der maoistischen Gauche Prolétarienne [GP, proletarische Linke] und einer der bekanntesten Linksradikalen in Frankreich. Die GP gab auch die Zeitung La Cause du Peuple [Die Sache des Volkes] heraus. Im Mai 1970 wurde die Gruppierung schließlich aufgrund ihrer Radikalität vom französischen Staat verboten. Aus Solidarität übernahm Jean-Paul Sartre die Herausgeberschaft der Zeitung, die fortan unter anderem Namen erschien, und kam auf diese Weise mit Benny Lévy in Kontakt. Nachdem die GP 1970 als Organisation verboten worden war, tauchte Lévy unter. 1973 machte ihn Sartre, der damals schon fast erblindet war, zu seinem Privatsekretär. 1978 entdeckte Lévy schließlich die Philosophie von Emmanuel Levinas, ging in eine Jeschiva, eine jüdische Religionsschule, nach Straßburg, und begann, Hebräisch zu lernen. Knapp zwanzig Jahre später, 1997, wanderte er nach Israel aus und gründete zusammen mit zwei anderen Protagonisten der Nouveaux Philosophes [Neue Philosophen], Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy, das Institut für Levinas-Studien in Jerusalem, das er bis zu seinem Tod 2003 leitete. Eine heftige Kontroverse über die Frage der jüdischen Zugehörigkeit entfachte Lévy mit seiner Schrift L’espoir maintenant. Les entretiens de 1980 [Hoffnung jetzt. Die Gespräche von 1980]. In diesem Buch hält er Gespräche fest, die er mit Sartre kurz vor dessen Tod geführt hat.3 Dieser hatte sich seit Jahrzehnten mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt.4 Bereits in den 1946 veröffentlichten Überlegungen zur Judenfrage wies Sartre darauf hin, dass der Antisemitismus kein jüdisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem sei und die Sicherheit der einzelnen Juden in einer Gesellschaft den Gradmesser für ihre emanzipatorische Entwicklung darstelle.5 Außerdem würden die Juden in den meisten Fällen erst durch den Antisemitismus zu Juden gemacht. In den Gesprächen mit Lévy gab er seinem Denken jedoch eine ungeahnte Wendung. Er betrachtete die Juden jetzt nicht mehr nur als ex negativo durch die Judenfeindschaft bestimmt, sondern hob hervor, dass eine »jüdische Realität« existiere.6 Neben Themen wie Gewalt, Hoffnung, Verzweiflung und Brüderlichkeit, die er in einer gänzlich neuen Weise diskutierte, waren viele Leser darüber verwundert, dass der strikte Atheist die Bedeutung der messianischen Hoffnung als Quelle für revolutionäre Ideen unterstrich: »Zu der Zeit, als ich die Überlegungen zur Judenfrage schrieb, war der Messianismus für mich eine sinnlose Idee. Wenn er heute eine reiche Bedeutung für mich angenommen hat, so zum Teil dank unserer Gespräche, die mich verstehen ließen, was er für dich repräsentierte.«7 Aufgrund der Prominenz Sartres hatte das Buch von Lévy zwar eine herausgehobene Position, war seinerzeit aber nicht das Einzige seiner Art. Im Gegenteil: In der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre erschienen mehrere Publikationen ehemaliger jüdischer Linksradikaler, die sich mit der Frage der Zugehörigkeit befassten. Zu nennen ist hier etwa die im Gefängnis verfasste Autobiografie Dunkle Erinnerungen eines in Frankreich geborenen polnischen Juden von Pierre Goldman (geb. 1944), die bei Erscheinen 1975 breit rezipiert wurde.8 Sein Freund und politischer Weggefährte, Luc Rosenzweig (geb. 1943), der als Journalist für die linke Tageszeitung Libération tätig war, führte in La Jeune France Juive [Das junge jüdische Frankreich] Interviews mit jungen französischen Juden.9 Der Titel war eine ironische Anspielung auf das antisemitische Pamphlet La France Juive [Das verjudete Frankreich] von Édouard Drumont aus dem Jahre 1886.10 Zeitgleich gab Rosenzweig die Textsammlung Catalogue pour des Juifs de maintenant [Katalog für die Juden von heute] heraus, die unterschiedliche Facetten jüdischen Lebens im Nachkriegsfrankreich thematisierte.11 1980 erschien Alain Finkielkrauts (geb. 1949) Le Juif imaginaire [Der eingebildete Jude]. Darin versuchte er eine Form der Zugehörigkeit zu begründen, die sich nicht ausschließlich auf die Leiden in Auschwitz stützte. Er konstatierte einen Zusammenhang zwischen dem Niedergang der radikalen Linken im Zuge der Siebzigerjahre, der Fortexistenz des Antisemitismus nach 1945 und einer Renaissance der Debatte um das Jüdischsein.12 Seinerzeit brachen keineswegs alle linken Juden mit ihren bisherigen politischen Überzeugungen, aber augenscheinlich ist dennoch, dass alle aufgezählten Bücher innerhalb einer Zeitspanne von fünf Jahren publiziert wurden. Der Bruch mit der kommunistischen Bewegung wurde gerade von Intellektuellen vollzogen, die bis heute eine wichtige Rolle in der französischen Diskussion spielen. Um die Gründe für diese auffällige Tendenz zu eruieren, müssen die Bedeutung Frankreichs für die jüdische Geschichte diskutiert und die Veränderungen zwischen 1945 und 1980 dargelegt werden, die das Selbstverständnis der französischen Juden tangierten. Nur vor diesem Hintergrund sind die Abwendung vom universellen Emanzipationsversprechen, das sowohl in der Französischen Revolution als auch im Kommunismus enthalten war, und die Hinwendung zu einer partikularen Zugehörigkeit zu verstehen. Die aufgeworfene Thematik behandelt somit die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit universalistischer Ideologien, die sich paradigmatisch im Nachkriegsfrankreich zeigte und insbesondere die Juden als »Minderheit par excellence« betraf.13 Die Bedeutung Frankreichs für die jüdische Geschichte Die Französische Revolution spielte eine eminent wichtige Rolle in der jüdischen Geschichte, weil den Juden durch sie historisch erstmals die rechtliche Gleichberechtigung zuerkannt wurde.14 Damit einher gingen jedoch das Assimilationspostulat und die erzwungene Absage an jegliche Form religiöser Partikularität.15 Stanislas de Clermont-Tonnerre, ein Abgeordneter der Nationalversammlung, brachte diese Überzeugung in einer auf alle gesellschaftlichen Minderheiten angewandten, klassisch gewordenen Wendung auf den Punkt: »Man muss den Juden als Nation alles verweigern und den Juden als Individuen alles zugestehen.«16 Dieser Ausspruch enthält in nuce die Ambivalenz des Universalismus. Der sich im 19. Jahrhundert vollziehende Akkulturationsprozess ermöglichte den Juden einen außergewöhnlichen sozialen Aufstieg. Jedoch existierte in Frankreich damals auch ein starker Antisemitismus. Das bekannteste Beispiel war die Dreyfus-Affäre, im Zuge derer sich eine moderne bürgerliche Gesellschaft an der »Judenfrage« spaltete.17 Diese Widersprüche kommen in der Redensart von den deux Frances, den zwei Frankreich, zum Ausdruck.18 Die Situation der französischen Juden änderte sich grundlegend durch die starke Migrationsbewegung aus dem östlichen Europa, die durch die Pogrome Anfang des 20. Jahrhunderts ausgelöst wurde und nach dem Ersten Weltkrieg vermehrt Flüchtlinge nach Frankreich brachte.19 Infolge der Einwanderung aus Ostmitteleuropa entstanden in Paris jiddischsprachige Viertel, und es wurde zur Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung Westeuropas.20 Es wurden jüdische Organisationen innerhalb der Arbeiterbewegung gegründet, und viele Migranten schlossen sich der 1920 gegründeten KPF an. Mitte der Zwanzigerjahre wurden spezielle Sektionen für eingewanderte Arbeiter ins Leben gerufen (Main d’oeuvre étrangère, seit 1932 Main d’oeuvre immigré), darunter auch eine jiddischsprachige Gruppierung. Noch in der Zwischenkriegszeit war Frankreich das klassische Asylland, das politisch Verfolgten Aufnahme bot. Für viele Juden symbolisierte Frankreich die Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Unterdrückung. Es verkörperte den Universalismus der Aufklärung und hatte damit eine Strahlkraft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Dieses Bild geriet zunehmend ins Wanken und zerbrach nach der französischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1940. Der Waffenstillstandsvertrag mit dem NS-Regime im Juni 1940 teilte das französische Territorium. In der unbesetzten Zone in Vichy errichtete der Held des Ersten Weltkriegs Marschall Philippe Pétain ein Regime, das auf die autoritäre Umstrukturierung der Gesellschaft abzielte.21 Bereits am 3. Oktober 1940 erließ die Regierung das »Judenstatut«. Im März 1941 wurde das »Generalkommissariat für Judenfragen« eingerichtet. Es entwickelte sich eine weitreichende Kollaboration mit dem NS-Regime. Diese wäre ohne die aktive Beteiligung oder die stillschweigende Akzeptanz eines Großteils der französischen Bevölkerung kaum möglich gewesen.22 Der Widerstand in Frankreich formierte sich langsam, und eine politische Strömung beteiligte sich zunächst überhaupt nicht daran: die Kommunistische Partei. Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 rechtfertigte die KPF diesen vielmehr als Notwendigkeit zum Schutz der Sowjetunion und als reine Defensivaktion.23 Der Krieg wurde als innerimperialistische Angelegenheit interpretiert und jegliche antifaschistische Aktivität eingestellt. Dies evozierte bei vielen jüdischen Parteimitgliedern erste Zweifel am Kurs der Partei, die jedoch nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wieder zerstreut werden konnten. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten ungefähr 330 000 französische Juden in Frankreich, hinzu kamen an die 40 000 geflohene deutsche und österreichische Juden. Bereits seit Mitte 1941 wurden regelmäßig antijüdische Razzien in der besetzten Zone durchgeführt, die später auf das ganze Land ausgedehnt wurden. Am 27. März 1942 begannen die Transporte nach Auschwitz. Bis zur Befreiung Frankreichs im August 1944 wurden 76 000 Juden deportiert – ein Viertel aller bei Kriegsbeginn dort lebenden Juden.24 Französische Nachkriegsmythen Nach einer kurzen Phase der wilden Säuberung gegen Kollaborateure mit der deutschen Besatzung unmittelbar nach der Befreiung Frankreichs im Herbst 1944, in der mehr als 8000 Personen standrechtlich erschossen wurden oder unzähligen weiteren Vergeltungsmaßnahmen zum Opfer fielen, wurden die Racheakte in administrative Bahnen gelenkt.25 In den kommenden Jahren wurden mehr als 300 000 Fälle der Zusammenarbeit mit dem Feind an die französische Justiz weitergeleitet. Gut ein Drittel wurde verhandelt, 75 Prozent davon endeten mit einer Verurteilung. Das härteste Strafmaß traf die Führungsriege des Vichy-Regimes. An die 1600 Personen wurden zum Tode verurteilt und exekutiert. Marschall Pétain entging der Erschießung nur, weil seine Strafe in eine lebenslange Gefängnisstrafe umgewandelt wurde.26 Bald nach 1945 entstanden wirkmächtige Mythen, die aus dem Umgang mit dem Vichy-Regime und dem Holocaust resultierten. Sie dienten der Herstellung eines neuen Zusammenhalts in einer ideologisch zutiefst gespaltenen Gesellschaft. Über politische Differenzen hinweg, also von den Kommunisten bis zu den Gaullisten, wurde der Mythos der gesamten Nation im Widerstand und der Selbstbefreiung genährt. Andere Kriegs- und Opfererfahrungen blieben ausgeblendet. Das Vichy-Regime wurde aus dem Verlauf der französischen Geschichte gleichsam exterritorialisiert und die Kollaboration von Teilen der Bevölkerung nicht thematisiert. Es passte nicht in das heroische Selbstbild. Das »Vichy-Syndrom«, wie der französische Historiker Henry Rousso es nannte, bestimmte das kollektive Gedächtnis Frankreichs über Jahrzehnte.27 Somit hatte der durchaus bedeutende spezifisch jüdische Anteil an der Widerstandsbewegung keinen Platz im offiziellen Narrativ. Ein weiterer Faktor verdeckte die Wahrnehmung der années noires [dunklen Jahre] zwischen 1940 und 1944: die Entkolonisierung des französischen Kolonialreichs. Gerade in Frankreich standen das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Beginn einer äußerst brutal verlaufenden Dekolonisierung in engem Zusammenhang, der an einem einzigen Tag seinen Ausdruck fand: am 8. Mai 1945. An diesem Tag wurde nicht nur die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet, sondern auch die Bevölkerung im algerischen Sétif von der französischen Kolonialmacht massakriert. Die Angaben über die Toten schwanken sehr stark.28 Diese Koinzidenz einschneidender Ereignisse am 8. Mai 1945 war von kaum zu überschätzender symbolischer Bedeutung.29 Während der Konflikt in Nordafrika unter der Oberfläche weiter brodelte und Frankreich 1947 außerdem einen Aufstand in Madagaskar blutig erstickte, verschob sich der Fokus der Dekolonisierung vorläufig nach Französisch-Indochina. Dort endete ein achtjähriger Krieg 1954 mit der als schmachvoll empfundenen Niederlage der französischen Armee in der Schlacht von Dien Bien Phu. Nur ein halbes Jahr nach dem Massaker am 8. Mai 1945 wandelte sich die schwelende Auseinandersetzung in Algerien zu einem offenen Krieg. Dieser führte zur schwersten Krise der 1946 gegründeten Vierten Französischen Republik. Erst am 18. März 1962 schloss der vier Jahre zuvor in die Politik zurückgekehrte Charles de Gaulle einen Friedensvertrag mit der Algerischen Unabhängigkeitsbewegung. Frankreich befand sich nun zum ersten Mal seit 1944 nicht mehr in einem bewaffneten Konflikt. Dies war eine einzigartige Situation im Nachkriegseuropa. Frankreich hatte sich als Staat zwischen Juni 1940 und August 1944 zwar nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt, im Jahr 1945 jedoch, als für die meisten europäischen Länder eine Zeit des Friedens einkehrte, brachen für Frankreich Kolonialkriege aus, die bis 1962 andauerten. Die besondere französische Konstellation zwischen 1940 und 1962 lässt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: Es herrschte Frieden im Krieg und Krieg im Frieden.30 Die Auseinandersetzung um den Kolonialismus bestimmte die politischen Debatten der Zeit und überlagerte jede Beschäftigung mit dem Vichy-Regime und vor allem mit dem Holocaust. Die permanente Rückkehr des Verdrängten Nur scheinbar im Widerspruch dazu stand, dass bereits im Algerienkrieg immer wieder aus dem Gedächtnisarsenal des Zweiten Weltkriegs geschöpft wurde und sowohl Befürworter als auch Gegner sich in der Tradition der antifaschistischen Résistance verorteten. Gedacht wurde in der französischen Gesellschaft nach 1945 jedoch ausschließlich der aus politischen Gründen Deportierten. Das Symbol für die Barbarei des Nationalsozialismus war deshalb das Konzentrationslager Buchenwald und nicht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das jüdische Schicksal der »rassischen« Verfolgung war in der hegemonialen Erinnerung nicht präsent.31 Noch eine weitere Konsequenz des Algerienkrieges erwies sich für die mehrheitlich säkularen französischen Juden als folgenreich. Nach der Unabhängigkeit setzte eine Massenflucht nordafrikanischer Juden ein. Insgesamt waren es über 200 000 sephardische Juden, die Frankreich zum Land mit der mit Abstand größten jüdischen Bevölkerung Westeuropas machten und das jüdische Leben stark veränderten. Die Flüchtlinge waren religiöser als die Mehrheit der französischen Juden. Diese begegneten damals häufig erstmals einer traditionellen Lebensweise. Die offene Artikulation religiöser Praktiken stand nicht nur dem laizistischen Selbstverständnis der französischen Republik entgegen, sondern konfrontierte auch die säkularisierten Juden mit ihrer Zugehörigkeit. Ein weiterer Einschnitt im Verhältnis der Juden zu Frankreich war der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967. De Gaulle verhängte ein Waffenembargo, obwohl Frankreich lange zu den wichtigsten militärischen Verbündeten Israels gehört hatte. Als im November desselben Jahres der Staatspräsident die Juden auf einer Pressekonferenz »ein elitäres, selbstsicheres und herrschsüchtiges Volk« nannte, markierte dies den Höhepunkt einer fundamentalen Verschlechterung im ehemals engen bilateralen Verhältnis. Außerdem versetzten diese Äußerungen vielen Juden einen Schock und provozierten eine hitzige Diskussion über das jüdische Selbstverständnis.32 Auch für einige linksradikale Juden markierte dies eine Zäsur, selbst wenn sie keine Zionisten waren. Sie teilten den oft vehementen Antizionismus der französischen Linken nicht. Beispielhaft hierfür stand die Reaktion Pierre Goldmans, der große Freude über den israelischen Sieg empfand.33 Darin erblickte er die Widerlegung des antisemitischen Topos der jüdischen Feigheit. Aus seiner Sicht bewies dies der ganzen Welt, dass Juden sich verteidigen und gewinnen konnten. Er nahm gar an einer pro-israelischen Demonstration teil: »Ich traf auch zwei jüdische Genossen, Marxisten-Leninisten und mutmaßliche Antizionisten, die sich heimlich über die Kampfkraft und Geschicklichkeit von Dayans Truppen freuten. Ich lächelte über dieses schreckliche und verborgene Einverständnis, das wir insgeheim in unserem Judentum teilten. Es war einfach. Juden kämpften, führten Krieg, gewannen. Sie wuschen das jüdische Volk von dem ehrenrührigen Vorwurf der Feigheit rein.«34 Goldmans Reaktion war folglich kein Einzelfall. Auch andere jüdische Mitstreiter begrüßten den israelischen Sieg und divergierten damit von der linken Mehrheitsposition. Während viele nicht-jüdische Linke den Sechs-Tage-Krieg mit klassischen Analysekategorien des Antiimperialismus und der Solidarität mit den kolonisierten Völkern der Dritten Welt bewerteten, stand für viele Juden hierbei die Erfahrung der Vernichtung im Nationalsozialismus im Vordergrund. Den Staat Israel betrachteten sie als eine notwendige Konsequenz der Tatsache, dass Juden vom NS-Regime als Juden, also aufgrund ihrer Herkunft verfolgt worden waren. Die schwerste Erschütterung der französischen Latenzkonstellation nach 1945 stellten aber die Ereignisse im Mai 1968 dar. Die unterschwellige Omnipräsenz der Vichy-Vergangenheit zeigte sich in der Rhetorik, der Bildsprache, aber auch in den Parolen auf den Demonstrationen. Die Vierzigerjahre schienen in den Mai ’68 hinein verlängert und dort in der Imagination auf allen Seiten ihre Fortsetzung zu finden. Die heftige Eruption verdrängter Erinnerungsschichten hing eng mit den Biografien der Protagonisten der französischen 68er-Bewegung zusammen. Drei der vier wichtigsten Aktivisten der Studentenbewegung hatten einen jüdischen Familienhintergrund. Dies traf zum einen auf Daniel Cohn-Bendit zu, der zum Gesicht des Protests wurde. Seine Eltern flohen 1933 als deutsche Juden aus Berlin. Er selbst wurde 1945 als Staatenloser in Südfrankreich geboren. Zum anderen sind noch zwei weitere Anführer der Revolte zu nennen: Alain Krivine (geb. 1941), dessen Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts nach Pogromen aus der Ukraine eingewandert waren, und Alain Geismar (geb. 1939), der aus einer elsässisch-jüdischen Familie stammte. Allgemein waren 1968 und in den Jahren darauf Juden in linksradikalen Organisationen stark repräsentiert. Viele bezogen sich positiv auf den antifaschistischen Kampf jüdischer Kommunisten, der nicht selten die Erfahrung der eigenen Eltern spiegelte. Dies traf sowohl auf die trotzkistische Ligue Communiste Révolutionnaire (Revolutionär-kommunistische Liga, LCR) als auch auf die maoistische GP zu.35 Im Interview mit Rosenzweig beschrieb eine ehemalige politische Aktivistin dies folgendermaßen: »Viele Juden sind sehr in die Geschichte der radikalen Linken der letzten Jahre verstrickt. Beispiel: Zehn von zwölf Mitgliedern, die die Ligue Communiste gegründet haben, sind Juden.«36 Die meisten maßen ihrer Zugehörigkeit subjektiv jedoch einstweilen keine Bedeutung bei. Dies änderte sich dann ab Mitte der Siebzigerjahre. Der zerbrochene Spiegel Als Reaktion auf die Ereignisse des Pariser Mai begann eine neue Episode in der Auseinandersetzung mit der Vichy-Vergangenheit. Paradigmatisch hierfür war der Film Le chagrin et la pitié [dt. Titel: Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Kriege] von Marcel Ophüls aus dem Jahr 1969, der einen Skandal auslöste. In der Dokumentation über Vichy-Frankreich kamen ehemalige Résistancekämpfer, Kollaborateure und hohe politische Entscheidungsträger zu Wort. Es wurde deutlich, dass ein beträchtlicher Teil der französischen Bevölkerung Sympathien für das Vichy-Regime gehegt und mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatte. Auf politischen Druck hin durfte der Film zunächst nicht im Fernsehen gezeigt werden. Für eine explizite Beschäftigung mit dem Holocaust war aber noch ein anderes Ereignis ausschlaggebend: die Begnadigung Paul Touviers durch den französischen Präsidenten Georges Pompidou 1971. Touvier war für Judendeportationen und die Infiltration der Résistance verantwortlich gewesen. Außerdem hatte er sich am Vermögen deportierter Juden bereichert. Sein Fall verwies auf die personelle Kontinuität einflussreicher Vichy-Beamter nach 1945 und führte zur ersten Debatte über die Beteiligung von Franzosen an den Verbrechen gegen die Juden.37 Parallel vollzog sich noch eine weitere Entwicklung. Nachdem sich die gesellschaftliche Lage im Juni 1968 wieder stabilisiert hatte, setzte ein Zerfallsprozess der Linken in unzählige Kleingruppen ein. Anlässlich eines Gerichtsprozesses traten die verschiedenen Strömungen jedoch nochmals gemeinsam auf: Ende 1974 wurde das Verfahren gegen Pierre Goldman eröffnet, der dadurch zu einer Ikone des sich bereits in Auflösung befindenden Linksradikalismus wurde. Goldman war 1944 in Lyon geboren worden. Seine Eltern, polnische Kommunisten jüdischer Herkunft, hatten im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft. Er hielt die Erinnerung an sie wach und folgte ihren politischen Überzeugungen. Früh schloss er sich linksradikalen Gruppierungen an. Doch die Situation in Frankreich entsprach nicht seiner Vorstellung von politischem Kampf. Deshalb ging er Mitte der Sechzigerjahre mehrmals nach Lateinamerika, um an der Seite von Guerillas zu kämpfen. Als er 1969 schließlich nach Paris zurückkehrte, beging er mehrere Raubüberfälle und wurde verhaftet. Außerdem wurde ihm ein Doppelmord zur Last gelegt. Er saß bereits vier Jahre im Gefängnis, bevor er für den angeblich begangenen Doppelmord vor Gericht gestellt wurde.38 Dies sorgte bei jüdischen Intellektuellen für große Unruhe; immer wieder wurde die Verurteilung Alfred Dreyfus’ als Vergleich herangezogen. Erneut stand ein Jude vor Gericht, der eines Verbrechens beschuldigt wurde, das er in den Augen vieler nicht begangen hatte. Für viele politische Aktivisten hatte es damals den Anschein, als ob Goldman zum Sündenbock gemacht und einer Justiz ausgeliefert worden sei, die ihn aufgrund seiner Radikalität und seiner jüdischen Herkunft bereits für schuldig befunden hatte. Bei aller Kritik am Verfahrensablauf blendete diese Haltung die Differenz zwischen einem antisemitisch motivierten Schauprozess Ende des 19. Jahrhunderts und einem rechtsstaatlichen Verfahren aus. Der Prozess vergrößerte dennoch die kritische Distanz vieler junger Juden gegenüber der Gesellschaft. Die Nachkriegsgeneration stand der Ideologie der französischen Republik und deren inhärenter Forderung nach Assimilation vor dem Hintergrund des historischen Verlaufs ohnehin skeptisch gegenüber. Die von der Elterngeneration noch hoch gehaltenen Traditionen der Revolution von 1789 hatten das Vichy-Regime und die Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland nicht verhindern können. Frankreich war für die um 1945 geborenen Juden nicht mehr ausschließlich das Land von »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit«. Es war nun auch das Land von Vichy und Drancy sowie der Ermordung der französischen Juden. Holocaustleugnung und ein Mord In den Augen seiner politischen Weggefährten stand Pierre Goldman Mitte der Siebzigerjahre als jüdischer Linksradikaler vor Gericht, während sich nach 1945 viele wichtige Funktionsträger des Vichy-Regimes und Nazi-Kollaborateure einer Bestrafung gänzlich entzogen. Louis Darquier de Pellepoix etwa, der ab Mai 1942 »Generalkommissar für Judenfragen« gewesen war, hatte sich ins franquistische Spanien abgesetzt. Dort lebte er unbehelligt, bis er sich in einem Interview mit der Zeitschrift L’Express im Oktober 1978 zu Wort meldete, das für großes Aufsehen sorgte. Darin leugnete er den Massenmord an den Juden. Zwar habe es in Auschwitz Gaskammern gegeben, aber vergast worden seien lediglich Läuse. Erst danach forderte Frankreich offiziell seine Auslieferung.39 In dem Interview meinte Goldman, der nach einem Revisionsprozess 1976 des Mordes für unschuldig befunden und nach Verbüßung der Strafe für die Überfälle schließlich freigekommen war, lediglich einen weiteren Ausdruck einer langen Tradition des Antisemitismus in Frankreich zu erkennen, die in engem Zusammenhang mit den Mythen der Nachkriegszeit stehe, über die er einen Artikel schrieb.40 Bezeichnend war nicht nur, dass er diesen für die jüdische Zeitschrift L’Arche verfasste und nicht etwa für eine der linken Zeitungen, in denen er sonst publiziert hatte, sondern auch der Titel, den er wählte: »Nous, Juifs d’après Drancy« [Wir, Juden nach Drancy]. Er sprach explizit in der ersten Person Plural, von »Wir, Juden«. Vor dem Hintergrund der Aussagen Pellepoix’ ging es ihm nicht mehr um politische Gemeinsamkeiten. Der Bezug auf den Antifaschismus beispielsweise schien ihm nicht mehr ausreichend, um die unterschiedlichen Geschichtserfahrungen zu nivellieren. Die ehemalige Ikone des Linksradikalismus nahm nun bewusst einen partikularen Standpunkt ein, von dem aus er die französische Gesellschaft scharf kritisierte. Den propagierten Universalismus und das nationale Selbstverständnis hielt er für Heuchelei und brachte damit eine unter seinen politischen Weggefährten weit verbreitete Haltung zum Ausdruck. Nur knapp ein Jahr später, am 20. September 1979, wurde Goldman auf offener Straße mitten in Paris von drei Unbekannten erschossen. Zum Attentat bekannte sich eine Organisation namens Honneur de la police [Ehre für die Polizei]. Diese Art von öffentlicher Hinrichtung eines Linksradikalen rief Ängste vor einem neuen rechten Terror hervor, der Frankreich bereits während des Algerienkriegs erschüttert hatte. Doch für viele Juden bedeutete dies noch in anderer Hinsicht eine Zäsur: Ein Jude war am helllichten Tag in Paris getötet worden. Luc Rosenzweig, ein enger Freund, verfasste am Tag darauf speziell für Goldman ein Kaddisch, ein Totengebet: »Wem steht es zu, dein Kaddisch zu sprechen? Viele Juden deiner Generation fordern heute diese hohe Ehre […].« Vor allem diejenigen, die die Erinnerung an die Pogrome und die Nazigräuel wachhielten, so fuhr er fort, seien durch die aktuellen Geschehnisse verunsichert: »Drei Kugeln reichen, damit das Anzeichen unmittelbar funktioniert, das den Juden deutlich macht, dass die Zeit der Tränen gekommen ist. [...] Nie wieder gedemütigte Juden. Deinen Hass auf die Antisemiten, den wir manchmal übertrieben und unangebracht fanden, nehmen wir voll und ganz in unser Handeln auf.«41 In diesem Text deutete Rosenzweig den Mord als einen Pogrom, der an einem Einzelnen verübt wurde. Dadurch wurde das individuelle Schicksal Goldmans in einem größeren Zusammenhang betrachtet und ihm kollektive Relevanz für die jüdische Erinnerung zugesprochen. Seine Ermordung müsse für alle Juden eine Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus sein. Diesen ernst zu nehmen und zu bekämpfen, wie Goldman es seit jeher als entscheidende Konsequenz aus dem Nationalsozialismus gefordert hatte, sei nun die Aufgabe all derjenigen, die sein Vermächtnis fortzuführen gedächten. Dieser Appell erfuhr erneut Dringlichkeit, als Paris fast genau ein Jahr später von einer Serie antisemitischer Anschläge auf jüdische Einrichtungen erschüttert wurde.42 Der Bruch mit dem Kommunismus und die Entstehung des Antitotalitarismus Die Ermordung Goldmans kann als Ende der Epoche des Nachmai gelten.43 Auf der einen Seite wurde der Tote als Märtyrer gesehen, der die Politik bis in die äußerste Radikalität gesteigert hatte, andererseits symbolisierte er – in den Worten Rosenzweigs – »die Wiederentdeckung einer verleugneten Sache: Wir hatten das Judentum zugunsten der Universalität verleugnet«.44 Auch seine 1979 erschienenen Bücher verfasste Rosenzweig unter dem Schock der Ermordung seines Freundes. Diese habe aber nicht nur für ihn einen Bruch bedeutet, wie er es rückblickend formulierte: »Es war ein Zeitpunkt, wo schon – das scheint mir von heute aus gesehen einige prophetische Züge zu tragen – eine ganze Generation junger Juden, die vom Engagement für das kommunistische Ideal geprägt waren, davon Abschied genommen hatte.«45 Rosenzweig stellte folglich selbst einen Zusammenhang zwischen der Abkehr vom Kommunismus und der Hinwendung zum Judentum her. Neben dem republikanischen Selbstverständnis der französischen Nation war nun also auch noch eine zweite Säule des Universalismus zusammengefallen. Die mit der affirmativen Annahme einer partikularen Herkunft einhergehende Aufgabe der kommunistischen Ideologie erreichte mit dem Attentat auf Goldman jedoch lediglich ihren Höhepunkt. Begonnen hatte sie bereits früher. Die Tragweite dieser Entwicklung ist nur vor dem Hintergrund der politischen Stärke der KPF nach 1945 zu verstehen. Bei den ersten Wahlen nach der Befreiung hatten die Kommunisten mit über 25 Prozent die meisten Stimmen erhalten. Sie beanspruchten das Erbe des Widerstands und inszenierten sich als »le parti des 75 000 fusillés«, die Partei der 75 000 Erschossenen.46 Dies war übertrieben und die Zahl dürfte realiter bei 25 000 gelegen haben.47 Außerdem ließ das heroische antifaschistische Selbstbild außer Acht, dass die Kommunisten sich erst nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 am Widerstand beteiligt hatten. Auch viele Intellektuelle hatten sich während der deutschen Besatzung nicht nur nicht dem Widerstand angeschlossen, sondern kollaboriert. Nach 1945 legten sich einige eine Résistancegeschichte zurecht, leugneten ihre Vergangenheit und nicht wenige näherten sich der KPF an. Über Jahrzehnte übte diese in Frankreich eine kulturelle Hegemonie aus, die auch in den Siebzigerjahren noch weitgehend intakt war.48 Die KPF war jedoch nicht nur die stärkste kommunistische Partei Westeuropas, sondern auch die dogmatischste. Dies zeigte sich etwa in ihrer Haltung zum Aufstand in Budapest 1956 und in ihrer Ablehnung der Entstalinisierung selbst noch nach dem XX. Parteitag der KPdSU, sowie hinsichtlich der französischen Studentenproteste 1968. So bezeichnete der spätere Generalsekretär Georges Marchais den Repräsentanten der Studentenbewegung Daniel Cohn-Bendit am 3. Mai 1968 in einem Artikel der Parteizeitung L’Humanité als »deutschen Anarchisten«.49 Damit betonte er Cohn-Bendits Nicht-Zugehörigkeit zur französischen Nation und bediente damit zugleich einen antisemitischen Subtext, der außerdem die historische »Erbfeindschaft« gegen Deutschland evozierte. Die Studentenproteste waren in der Perspektive der KPF also von einem subversiven Ausländer, einem deutschen Juden, gesteuert. Diese Haltung wurde von einigen linken Schriftstellern und Philosophen bereits kritisiert. Der entscheidende Bruch zwischen vielen Intellektuellen und dem Kommunismus vollzog sich aber Mitte der Siebzigerjahre und hing mit der Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag zusammen, das im Juni 1974 auf Französisch erschien.50 Aufgrund der Beschäftigung mit den Verbrechen des Stalinismus setzte eine antitotalitäre Wende ein, die durch verschiedene Bücher symbolisiert wurde. Das wichtigste Werk stammt von André Glucksmann (geb. 1937), dessen Eltern kommunistische Juden aus dem Habsburgerreich waren. Es trägt den Titel Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager und ist eine radikale Kritik am Marxismus, aber auch an den Grundlagen des abendländischen Denkens, das den Kommunismus hervorgebracht habe und das von der französischen Aufklärung idealtypisch verkörpert würde.51 In die gleiche Kerbe schlug einige Jahre später Bernard-Henri Lévy (geb. 1948) mit Die Barbarei mit menschlichem Gesicht.52 Sowohl Lévy als auch Glucksmann wurden zu Vordenkern der Neuen Philosophen, einer sich Ende der Siebzigerjahre herauskristallisierenden antitotalitären Richtung, deren Protagonisten mehrheitlich ehemalige linksradikale Juden waren. Die Aneignung verdrängter historischer Erfahrungen Für diejenigen, die sich nicht völlig vom Kommunismus lossagten, aber dennoch zu Anti-stalinisten wurden, war oftmals die Aneignung der Erfahrungen jüdisch-kommunistischer Dissidenten der ausschlaggebende Grund. Paradigmatisch hierfür steht die 1977 zuerst auf Jiddisch erschienene und im selben Jahr ins Französische übersetzte Autobiografie von Moshe Zalcman, der als polnisch-jüdischer Kommunist nach einem Aufenthalt in Frankreich 1933 in die Sowjetunion kam, 1937 verhaftet wurde, zehn Jahre im Gulag verbrachte, später wieder nach Paris floh und mit dem Kommunismus brach.53 Es verwundert nicht, dass es Pierre Goldman war, der für die Tageszeitung Libération eine euphorische Rezension verfasste: »Der Titel des Buches drängt den Gegenstand des Berichts aufs Engste zusammen. In ihm wird eine vierfache Tragödie beschrieben: die der polnischen Geschichte im Allgemeinen, die der polnischen Juden, die der polnischen Kommunisten und schließlich die Tragödie der Aufbaujahre des stalinistischen Sozialismus. Man kennt das schreckliche Schicksal Polens, das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, aber weit weniger das der polnischen KP, deren Führungskader 1937 von Stalin liquidiert wurden.«54 Die Autobiografie wurde in der französischen Presse breit wahrgenommen, und auch Luc Rosenzweig widmete sein eigenes Buch Moshe Zalcman. Diese Auseinandersetzung mit den Lebenswegen jüdischer Kommunisten markierte auch den Beginn einer intensiveren Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Herkunft. Bisher hatte diese bestenfalls im familiären Rahmen Gehör gefunden. Dies sollte sich sukzessive ändern. So begannen Alain Brossat und Sylvia Klingenberg Interviews mit osteuropäischen Juden zu führen, die in der Zwischenkriegszeit nach Frankreich eingewandert waren und sich dem Kommunismus zugewandt hatten. 1983 erschien ihr Buch Le Yiddishland révolutionnaire [Das revolutionäre Jiddischland].55 Ihre Intention war es, diese Tradition der Vergessenheit zu entreißen. Die osteuropäischen Revolutionäre verkörperten ihrer Ansicht nach die dramatischsten Wendungen der jüdischen Geschichte. Angetreten zum Kampf für eine Verbesserung der Gesellschaft und eine irdische Erlösung der Menschheit im Allgemeinen sowie des jüdischen Volkes im Besonderen wurden sie von allen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts getroffen. Im Epilog heißt es deshalb: »Der Revolutionär aus dem Jiddischland ist die tragische Person unserer Geschichte schlechthin. Er hat doppelten Tribut an das Schreckensregister unseres Jahrhunderts gezahlt. Auf der Seite der Arbeiterbewegung wie auf der des Judentums hat er die Erfahrung des absolut Negativen gemacht, des Gefühls des Weltendes ohne jenseitigen Erlöser; seine Existenz war vom Durchmarsch der vier apokalyptischen Reiter zertrampelt.«56 Jüdische Kommunisten waren nicht nur Opfer des Holocaust geworden, sondern auch häufig in die Mühlen des stalinistischen Terrors geraten. Nicht wenige, die in sowjetischen Gulags inhaftiert wurden, waren davor Komintern-Funktionäre oder Kader der Kommunistischen Partei gewesen, hatten das stalinistische Regime folglich jahrelang mitgetragen.57 Die Nachkriegsgeneration junger Juden konnte deshalb nicht mehr an den Optimismus früherer Generationen anknüpfen, die gehofft hatten, dass das universalistische Versprechen des Kommunismus zu einer besseren Welt führen und jegliche partikulare Zugehörigkeit auflösen würde. Universalismus und Partikularismus Die späten Siebzigerjahre erwiesen sich als entscheidend für eine neue Diskussion über jüdische Zugehörigkeit im Nachkriegsfrankreich. Sie stellten allerdings nur den Höhepunkt einer längeren Entwicklung dar. Vorausgegangen waren die Verdrängung der Vichy-Vergangenheit nach der Befreiung und damit die Marginalisierung der jüdischen Geschichtserfahrungen. Über allem schwebte stattdessen die Debatte um den Kolonialismus. In den Tagen des Mai 1968 zeigte sich, dass Juden noch immer die Avantgarde im Kampf um die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse waren.58 Dies setzte sich in den sich im Nachmai gründenden Gruppen zunächst fort. Parallel zum Niedergang des Linksradikalismus begann eine gesellschaftliche Beschäftigung mit der verdrängten Vergangenheit. Dies veränderte auch den Blick vieler Juden auf Frankreich. Es war nicht mehr primär das Land der Revolution und ihres Emanzipationsversprechens, sondern das Land von Drancy, dem Sammellager, von dem aus die Transporte zu den Vernichtungslagern abfuhren. Eine gewisse Zeit ruhte die Hoffnung der im Nachkriegsfrankreich politisierten Juden noch auf dem Befreiung versprechenden Kommunismus. Diese wurde bei nicht wenigen einerseits durch die Beschäftigung mit den Verbrechen des stalinistischen Regimes zerstört, für die exemplarisch die Rezeption von Solschenizyn steht, und andererseits durch eine Aneignung der Geschichte jüdisch-kommunistischer Dissidenten. Die historischen Kämpfe der Arbeiterbewegung und die Oktoberrevolution hatten den Antisemitismus eben nicht überwunden. Juden wurden im Lauf des 20. Jahrhunderts vielmehr nolens volens auf ihre Herkunft zurückgeworfen und als Juden angegriffen, auch in der Sowjetunion.59 In den späten Siebzigerjahren wandten sich deshalb viele um 1945 geborene Juden in doppelter Weise vom Universalismus ab. Selbstverständlich blieben noch immer unzählige Juden in der Kommunistischen Partei oder kleineren linksradikalen Gruppen aktiv, aber die Tendenz dieser Zeit ist doch augenscheinlich. Die Abkehr vom Selbstbild Frankreichs und die vom Kommunismus fielen zusammen und bedingten sich gegenseitig. Der Bruch mit diesen Formen des Universalismus, die ihre historischen Ansprüche nicht einhalten konnten, musste keineswegs so extrem ausfallen wie bei Benny Lévy, der sich der orthodoxen Religiosität zuwandte. Prinzipiell wurde aber nun die Anerkennung partikularer Perspektiven eingeklagt. Goldman, Rosenzweig und viele andere wollten schlichtweg nicht mehr widerspruchslos in einer Gesellschaft leben, in der die spezifische Geschichte und das Gedächtnis der Juden keinen Platz hatten. Dessen Berechtigung begannen sie auf unterschiedliche Weise vehement einzufordern. 1 »Que mon cas soit ordinaire, il ne faut pas s’y tromper, signifie qu’il est miraculeux. […] «De Mao à Moïse», s’exclame-t-on [à mon sujet], oubliant que pour être exact, il faut dire de Moïse à Mao, de Mao à Moïse, c’est-à-dire de Moïse à Moïse en passant par Mao. Le destin ordinaire du Juif – le miracle – tient dans la révélation de cette immobilité, en dépit de tous les mouvements du Siècle.« Benny Lévy: Être Juif. Étude lévinassienne [Jude sein. Studien zu Levinas], Paris 2003, S. 14. Übersetzung von S. V. 2 Zur Biografie Lévys siehe Philippe Lardinois: De Pierre Victor à Benny Levy, de Mao à Moïse? [Von Pierre Victor zu Benny Levy, von Mao zu Moses?], Paris 2008. 3 Siehe Jean-Paul Sartre: L’espoir maintenant. Les entretiens de 1980, présentés et suivis du mot de la fin par Benny Lévy [Hoffnung jetzt. Die Gespräche von 1980. Vorgestellt und mit einem Nachwort von Benny Lévy], Paris 1991 (dt. Ausgabe: Jean-Paul Sartre: Brüderlichkeit und Gewalt. Ein Gespräch mit Benny Lévy, Berlin 1993). Es provozierte einen Skandal, dass Simone de Beauvoir die Authentizität der Gespräche anzweifelte und Lévy unterstellte, er habe den angeschlagenen Gesundheitszustand Sartres ausgenutzt, um ihn zu bestimmten Aussagen zu bewegen. Siehe Simone de Beauvoir: La cérémonie des adieux. Suivi de entretiens avec Jean-Paul Sartre, Août-Septembre 1974, Paris 1981, S. 150 f. (dt. Ausgabe: Simone de Beauvoir: Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre: August-September 1974, Reinbek bei Hamburg 1983). 4 Siehe Jonathan Judaken: Jean-Paul Sartre and the Jewish Question. Anti-Antisemitism and the Politics of the French Intellectual, Lincoln/London 2006. 5 Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1994. 6 Sartre: Brüderlichkeit (Anm. 3), S. 62. 7 Ebd., S. 61. 8 Pierre Goldman: Souvenirs obscurs d’un Juif polonais né en France, Paris 1975 (dt. Ausgabe: Pierre Goldman: Dunkle Erinnerungen eines in Frankreich geborenen polnischen Juden, Frankfurt a. M. 1980). 9 Luc Rosenzweig: La jeune France juive [Das junge jüdische Frankreich], Paris 1979. 10 Édouard Drumont: La France Juive, 1886 (dt. Ausgabe: Das verjudete Frankreich. Versuch einer Tagesgeschichte, Berlin 1886). 11 Luc Rosenzweig: Catalogue pour des Juifs de maintenant. Textes réunis et présentés par Luc Rosenzweig [Katalog für die Juden von heute. Texte gesammelt und vorgestellt von Luc Rosenzweig], Paris 1979. 12 Siehe Alain Finkielkraut: Der eingebildete Jude, Frankfurt a. M. 1984 (Erstausgabe München 1982), S. 173. 13 Diese Formulierung verwendete Hannah Arendt in einem Brief an Erich Cohn-Bendit, den Vater Daniel Cohn-Bendits, im Januar 1940. Abgedruckt ist der Brief in: Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung »Aufbau«, 1941–1945, S. 225–234, hier S. 226. 14 Siehe David Feuerwerker: L’émancipation des Juifs en France. De l’Ancien Régime à la fin du second Empire [Die Emanzipation der Juden in Frankreich. Vom Ancien Regime bis zum Ende des Zweiten Kaiserreichs], Paris 1976, vor allem S. 241–448. 15 Siehe Michael R. Marrus: The Politics of Assimilation. The French Jewish Community at the Time of the Dreyfus Affair, Oxford 1971, S. 86–162. 16 »Il faut tout refuser aux Juifs comme nation et tout accorder aux Juifs comme individus.« Opinion de M. Le Comte Stanislas de Clermont-Tonnerre, député de Paris, le 23 decembre 1789, in: L’Assemblée nationale constituante. Motions, Discours & Rapports. La Législation nouvelle 1789–1791[Die verfassungsgebende Nationalversammlung. Anträge, Reden & Berichte. Die neue Gesetzgebung 1789–1791] (= La Révolution française et l’émancipation des Juifs [Die Französische Revolution und die Emanzipation der Juden], Bd. 7), Paris 1968, S. 77–94, hier S. 91. Übersetzung von S.V. 17 Siehe Eckhardt Fuchs/Günther Fuchs: »J’accuse!«: Zur Affäre Dreyfus, Mainz 1994. 18 Bereits 1889 trug ein Buch diesen Titel. Mathurin Lescure: Les deux France. Histoire d’un siècle, 1789–1889: récits d’une aïeule centenaire à ses petits enfants [Die zwei Frankreich. Geschichte eines Jahrhunderts, 1789–1889: Erzählungen einer hundertjährigen Großmutter an ihre Enkelkinder], Paris 1889. 19 Siehe Paula Hyman: From Dreyfus to Vichy. The Remaking of French Jewry, 1906–1939, New York 1979, S. 63–88. 20 Siehe Nancy Green: The Pletzl of Paris. Jewish Immigrant Workers in the Belle Epoque, New York 1986. 21 Zur Errichtung des Vichy-Regimes und seinen ideologischen Grundlagen siehe Jean-François Muracciole: La France pendant la Seconde Guerre mondiale [Frankreich während des Zweiten Weltkriegs], Paris 2002, S. 73–167. 22 Eine differenzierte Untersuchung zur öffentlichen Meinung unter dem Vichy-Regime ist Pierre Laborie: L’opinion française sous Vichy. Les Français et la crise d’identité nationale 1936–1944 [Die französische Meinung unter dem Vichy-Regime. Die Franzosen und die Krise der nationalen Identität 1936–1944], Paris 2001. 23 Diese Haltung der Kommunistischen Partei entfremdete zugleich auch viele Intellektuelle von ihr und führte zur Abwendung von Teilen der Mitgliedschaft. Siehe David Caute: Communism and the French Intellectuals, London 1964, S. 137–146. 24 Siehe Serge Klarsfeld: Vichy–Auschwitz. Le rôle de Vichy dans la solution finale de la question juive en France, 1943–1944 [Vichy – Auschwitz. Die Rolle von Vichy in der Endlösung der Judenfrage in Frankreich, 1943–1944], Paris 1993. 25 Die genaue Zahl derjenigen, die außergerichtlichen Säuberungsaktionen zum Opfer fielen, variiert je nach Untersuchung stark und ist bis heute in der wissenschaftlichen Forschung umstritten. Robert Aron spricht von 30 000 bis 40 000 Opfern. Siehe Robert Aron: Histoire de l’épuration [Geschichte der Säuberung], 3 Bde., Paris 1967–1975. 26 Zu den Zahlen siehe Henry Rousso: L’épuration en France, une histoire inachevée [Die Säuberung Frankreichs, eine unerledigte Geschichte], in: Vingtième siècle – Revue d’histoire (Januar–März 1992), Heft 33, S. 78–105, hier S. 102. 27 Henry Rousso: Le syndrome de Vichy. De 1944 à nos jours, deuxième édition revue et mise à jour [Das Vichy-Syndrom. Von 1944 bis heute, zweite durchgesehene und aktualisierte Ausgabe], Paris 1990. 28 Siehe Annie Rey-Goldzeiguer: Aux origines de la guerre d’Algérie 1940–1945. De Mers El-Kébir aux massacres du Nord-Constantinois [Über die Ursprünge des Algerienkriegs 1940–1945. Von Mers El-Kébir zu den Massakern in Nord-Constantinois], Paris 2001. 29 Siehe Dan Diner: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust, Göttingen 2007, S. 64–103. 30 Siehe Dan Diner: Vom Stau der Zeit. Neutralisierung und Latenz zwischen Nachkrieg und Achtundsechzig, in: Hans Ulrich Gumbrecht/Florian Klinger (Hg.): Latenz. Blinde Passagiere in den Geisteswissenschaften, Göttingen 2011, S. 165–172, hier S. 171. 31 Der Holocaust wurde erst 1994 zum Bestandteil der offiziellen staatlichen Erinnerungspolitik, als der französische Präsident François Mitterrand an der Einweihung eines Denkmals für die Opfer antijüdischer Razzien teilnahm. Ein Jahr später räumte der neue Staatspräsident, Jacques Chirac, eine Mitschuld von Franzosen an der Deportation der Juden ein. Siehe Mechthild Gilzmer: Die Shoah in der französischen Erinnerungskultur, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 13, hg. von Wolfgang Benz, Berlin 2004, S. 213–230, hier S. 226. 32 Zu den Konsequenzen des Sechs-Tage-Kriegs für die französischen Juden siehe Anette Wieviorka: Vers une communauté? Les Juifs en France depuis la guerre des six jours [Hin zu einer Gemeinschaft? Die Juden in Frankreich während des Sechstagekriegs], in: collectif (Hg.): Les Juifs de France de la Révolution à nos jours [Die Juden in Frankreich von der Revolution bis heute], Paris 1998, S. 363–400. 33 Judith Friedlander nennt Goldman als Beispiel für einen jüdischen Linksradikalen, der mit der politischen Linken wegen ihrer Haltung zu Israel gebrochen habe. Siehe Judith Friedlander: Vilna on the Seine, Jewish Intellectuals in France since 1968, New Haven 1990, S. 34–37. 34 Goldman: Dunkle Erinnerungen (Anm 8.), S. 85. 35 Zur LCR siehe Jean-Paul Salles: La Ligue communiste révolutionnaire (1968–1981). Instrument du Grand Soir ou lieu d’apprentissage? [Die revolutionäre kommunistische Liga 1968–1981. Werkzeug des großen Bruchs oder Ort der Lehre?], Rennes 2005. Zum Maoismus in Frankreich siehe Christophe Bourseiller: Les maoïstes. La folle histoire des gardes rouges françaises [Die Maoisten. Die verrückte Geschichte der französischen Roten Garden], Paris 2008. 36 »Beaucoup de Juifs sont très impliqués dans l’histoire de l’extrême-gauche de ces dernières années. Exemple: dix membre, sur les douze qui ont fondé la Ligue communistes, sont juifs.« Rosenzweig: Jeune France (Anm. 19), S. 22. Übersetzung S.V. Eine ähnliche Anekdote schildert Daniel Cohn-Bendit in seiner Autobiografie: »In Frankreich könnten sich die ZKs der Linksextremen auf Jiddisch verständigen, selbst wenn sie sich sonst nicht einig wären.« Daniel Cohn-Bendit: Der große Basar, Gespräche mit Michel Lévy, Jean-Marc Salmon, Maren Sell, München 1975, 9 f. 37 Siehe Rousso: Le syndrome (Anm. 27), S. 136–149. 38 Es existiert kaum Literatur zu Pierre Goldman in deutscher Sprache. In Frankreich sind dagegen zwei Biografien erschienen: Michaël Prazan: Pierre Goldman. Le frère de l’ombre [Der Schattenbruder], Paris 2005 und Antoine Casubolo: La vie rêvée de Pierre Goldman [Das geträumte Leben des Pierre Goldman], Paris 2005. 39 Das Interview erschien in L’Express vom 28. Oktober 1978. Darquier de Pellepoix wurde nie ausgeliefert und starb 1980 in Spanien. Zum vehementen Antisemitismus von Pellepoix siehe Laurent Joly: Darquier de Pellepoix, »champion« des antisémites français (1936–1939) [Darquier de Pellepoix, »Meister« der französischen Antisemiten 1936–1939], in: Une passion sans fin. Entre Dreyfus et Vichy. Aspects de l’antisémitisme français [Eine endlose Leidenschaft. Zwischen Dreyfus und Vichy. Aspekte des französischen Antisemitismus], hg. vom Centre de Documentation Juive Contemporaine, Nr. 173, Paris 2001, S. 35–61. 40 Pierre Goldman: Nous, Juifs d’après Drancy [Wir, Juden nach Drancy], in: L’Arche. Le mensuel du judaïsme français (Dezember 1978), Heft 261, S. 21 f. 41 Luc Rosenzweig: Kaddish pour Pierre [Kaddisch für Pierre], in: Libération vom 21. September 1979, S. 4. 42 Une série d’attentats antisémites à Paris. Plusieurs institutions israélites ont été mitraillées [Eine Serie antisemitischer Attentate in Paris. Mehrere israelitische Institutionen sind beschossen worden], in: Le Monde vom 27. September 1980, S. 38 und Les attentats antisémites. Six personnes gardées à vue. Une dizaine de perquisitions dans les milieux néo-nazis [Die antisemitischen Attentate. Sechs Personen in Polizeigewahrsam. Etwa zehn Hausdurchsuchungen im neonazistischen Milieu], in: Le Monde vom 28. September 1980, S. 26. 43 Siehe Hervé Hamon/Patrick Rotman: Les années de rêve [Die Jahre des Traumes], (= Génération [Generation], Bd. 1), Paris 1987, S. 9. 44 So Luc Rosenzweig im Gespräch mit Elisabeth Weber, in: Elisabeth Weber (Hg.): Jüdisches Denken in Frankreich. Gespräche mit Pierre Vidal-Naquet, Jacques Derrida, Rita Thalmann, Emmanuel Lévinas, Léon Poliakov, Jean-François Lyotard, Luc Rosenzweig, Frankfurt a. M. 1994, S. 183–202, hier S. 184. 45 Ebd., S. 183. 46 Siehe Stéphane Courtois/Marc Lazar: Histoire du Parti communiste français [Geschichte der Kommunistischen Partei Frankreichs], Paris 1995, S. 213–237. 47 Stéphane Simonnet: Atlas de la Libération de la France. Des débarquements aux villes libérées [Atlas der Befreiung Frankreichs. Von den Landungen zu den befreiten Dörfern], Paris 2004, S. 68. 48 Siehe Jürg Altwegg: Die langen Schatten von Vichy. Frankreich, Deutschland und die Rückkehr des Verdrängten, München/Wien 1998, S. 62–84. 49 Georges Marchais: De faux révolutionnaires à demasquer [Die falschen Revolutionäre entlarven], in: L’Humanité vom 3. Mai 1968, S. 1. 50 Zur Rezeption von Solschenizyns »Der Archipel Gulag« in Frankreich siehe Michael Scott Christofferson: French Intellectuals against the Left. The Antitotalitarian Moment of the 1970s, New York/Oxford 2004, S. 89–155. Er wendet sich gegen eine Überschätzung der Relevanz von Solschenizyns Buch und führt andere Faktoren an, die bereits früher zu seiner sukzessiven Loslösung französischer Intellektueller von der kommunistischen Bewegung geführt hätten. Unbestritten bleibt jedoch, dass die Veröffentlichung des Buches in Frankreich der Kulminationspunkt dieser Entwicklung war. Besonders traf dies auf jüdische Linksradikale zu. 51 André Glucksmann: La cuisinière et le mangeur d’hommes. Essai sur les rapports entre l’État, le marxisme et les camps de concentration, Paris 1975 (dt. Ausgabe: Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, 1976). 52 Bernard-Henri Lévy: La barbarie à visage humain, Paris 1977 (dt. Ausgabe: Die Barbarei mit menschlichem Gesicht, Reinbek bei Hamburg 1978). 53 Moshe Zalcman: La Véridique histoire de Moshé. Ouvrier juif et communiste au temps de Staline, Paris 1977 (dt. Ausgabe: Als Moshe Kommunist war. Die Lebensgeschichte eines jüdischen Arbeiters in Polen und der Sowjetunion unter Stalin, Darmstadt 1982). 54 Die Rezension ist in Auszügen auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe abgedruckt. Siehe ebd. 55 Alain Brossat/Sylvia Klingenberg: Le Yiddishland révolutionnaire [Das revolutionäre Jiddischland], Paris 1983. 56 Ebd., S. 273. 57 Hierfür steht exemplarisch der Lebensweg Adam Rayskis. Siehe Adam Rayski: Nos illusions perdues [Unsere verlorenen Illusionen], Paris 1985. 58 Siehe Percy Cohen: Jewish Radicals and Radical Jews, London 1980. Zur historischen Dimension dieses Phänomens siehe Yuri Slezkine: Das jüdische Jahrhundert, Göttingen 2006. 59 Siehe Arno Lustiger: Rotbuch. Stalin und die Juden, Berlin 1998.

JHK 2013

Über die Geschichtsschreibung zum französischen Kommunismus

Bernard Pudal

1Betrachtet man die Interpretationsgeschichte des französischen Kommunismus seit 1945, kann zwischen vier Phasen unterschieden werden, die aufgrund einer spezifischen Kombination von verschiedenen Faktoren miteinander in Zusammenhang stehen. Zu diesen Faktoren gehören: historische Konjunktur und Grad der Autonomie der intellektuellen Denkschulen; Grad der Konsolidierung der Arbeitergruppe; Rolle der französischen Kommunistischen Partei (KPF) im politischen System; Grad der Professionalisierung der Forschungen; Entwicklung der wissenschaftlichen Paradigmen und der Konkurrenz der Disziplinen; biografischer Werdegang der Erzähler. Infolgedessen gilt es, zwischen vier analytischen Räumen zu unterscheiden: Von 1945 bis 1960 die Zeit der gegenseitigen Diskreditierung; von 1960 bis 1978 die Zeit der »militanten« universitären Forschungen; von 1978 bis 1989 die Blütezeit der Zeitschrift Communisme (gegründet im Jahre 1982) im Zeichen des Gesellschaftlichen und Teleologischen und von 1989 bis 2008, nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und der Öffnung der Archive, die Zeit kontrastierender historiografischer Entwicklungen, welche die Wissenschaft in eine Krise stürzten, dabei aber auch neue Forschungsmöglichkeiten in Bezug auf kommunistische »Themen« eröffneten. 1945 bis 1960: Enthüllungen und gegenseitige Diskreditierung Von 1945 bis zum Ende der Fünfzigerjahre wird das französische intellektuelle Umfeld weitestgehend von der politischen Logik des Kalten Krieges bestimmt, einer Logik, von der es sich nur allmählich und unterschiedlich schnell entsprechend den jeweiligen Akteuren und Bereichen löst. Bei der Analyse des Kommunismus stehen zunächst die Philosophen und Intellektuellen, die sich nach dem Vorbild Sartres engagieren (Maurice Merleau-Ponty, Edgar Morin, Claude Lefort, Jean-Paul Sartre usw.), den Intellektuellen gegenüber, die sich im Congrès pour la Liberté de la Culture [Kongress für kulturelle Freiheit] zusammenschließen und deren Leitfigur in Frankreich Raymond Aron ist. Für diese Intellektuellen, die unterschiedliche politische Ansichten vertreten, auch wenn ihre Analysen des Sowjetismus sich mitunter decken, steht die Frage nach der Natur des Sowjetregimes im Mittelpunkt. Des Weiteren, und hier geht es konkreter um den französischen Kommunismus, stehen die französische Kommunistische Partei selbst sowie ihre Historiker einer bunt gemischten Personengruppe gegenüber, der sowohl Boris Souvarine, Angelo Tasca, Claude Harmel als auch die früheren kommunistischen Führer Barbé, Célor und Vassart angehören, die sich bald darauf im Institut d’histoire sociale [Institut für Sozialgeschichte] zusammenfinden, das die Zeitschrift Est & Ouest [West & Ost] herausgibt. Letzteren gemeinsam ist ihre universitäre Illegitimität und eine mehr oder weniger diskreditierende politische Vergangenheit aufgrund ihre Rolle während des Krieges (mit Ausnahme von Boris Souvarine). Zwei Probleme kommen hier zum Tragen: Für die mit der Frage nach dem Wesen des sowjetischen Systems konfrontierten Intellektuellen sind die »Augenzeugenberichte« über die »sowjetischen Konzentrationslager« oder die Säuberungsaktionen, die Prozesse und den Terror wichtige Deutungshilfen. Für die antikommunistischen Historiker stehen die Fragen nach der Haltung der französischen Kommunistischen Partei während des Sitzkrieges (Drôle de guerre), nach dem Sinn des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom August 1939 und nach dem Eintritt der KPF in den Widerstand im Mittelpunkt der historischen Untersuchungen. Während die KPF zwar nicht die Existenz der Lager, aber zumindest den Sinn, der ihnen von den Anklägern zugemessen wird, welche sie mit den Konzentrationslagern der Nazis gleichsetzen, leugnet und ihren frühen Eintritt in die Widerstandsbewegung herausstellt (wobei sie Eintritt in die Illegalität mit Eintritt in den Widerstand gleichsetzt), heben ihre Gegner den sowjetischen Terror hervor und unterstreichen die widersprüchliche Haltung der KPF im Jahre 1939, die in Umsetzung der Weisungen der Kommunistischen Internationale die »imperialistischen« Lager en bloc verurteilte. Dabei betonen sie, entgegen der strikt nationalen und demokratischen Neubestimmung ihrer jüngeren Geschichte, die von der Führung der KPF gefördert wird – hier ist insbesondere Angelo Tasca zu nennen – das Mitläufertum der KPF in Bezug auf die stalinistische Politik. Die Unterordnung der historiografischen unter die politischen Fragestellungen äußert sich auf kommunistischer Seite durch die systematische Diskreditierung gegnerischer Autoren. Von der Diskreditierung durch Verbreitung von Gerüchten (wie z. B. Nizan sei ein Verräter gewesen) bis hin zur Einleitung von Prozessen (gegen Kravchenko, Rousset, Tasca) versucht die KPF, jegliche Kontroverse zu unterbinden, indem sie die unterschiedlichen Parteinahmen auf ein einziges fundamentales Für oder Wider reduziert: für oder gegen die UdSSR. Dies ist aufgrund der geringen Autonomie der Intellektuellen in dieser Zeit des Kalten Krieges möglich (der Arbeiterschaft dürfe nicht die Wahrheit gesagt werden, um sie nicht zu demoralisieren, fordert etwa Jean-Paul Sartre), während gleichzeitig zahlreiche falsche Zeugenberichte und zweifelhafte Schriften veröffentlicht werden, die für weitere Verwirrung sorgen. Auch wenn die Enthüllungen auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 zu einer neuen Austrittswelle der Intellektuellen führen, ist die Führung der KPF, im Gegensatz zur Führung der italienischen Kommunistischen Partei (KPI), auch weiterhin bestrebt, die Parteigeschichte zu instrumentalisieren. Die Veröffentlichung eines offiziellen Lehrbuchs zur Parteigeschichte im Jahre 1964, das nach den klassischen Regeln der stalinistischen Hagiografie verfasst ist und bereits in den Fünfzigerjahren geplant wurde, weist eindeutig darauf hin, dass die Führung der KPF weder bereit war, eine historiografische Debatte zu eröffnen, noch sie zuzulassen. 1960 bis 1978: Die Zeit der »militanten« universitären Geschichtsschreibung Der politische Kontext der Sechzigerjahre ist geprägt durch die friedliche Koexistenz auf internationaler Ebene und ein unvollendetes Aggiornamento innerhalb der französischen Kommunistischen Partei, das den Historikern und kommunistischen Intellektuellen nur einen geringen Spielraum lässt. Von nun an melden sich die Universitäten zu Wort und stellen neue Regeln auf. Während die KPF mit dem Maurice-Thorez-Institut (IMT) und den Cahiers d’histoire [Geschichtshefte] des IMT eine kontrastreichere, den offiziellen Versionen aber immer noch sehr nahe kommende Vision seiner Geschichte zu entwerfen versucht und sich dabei vorwiegend auf junge Geschichtsforscher stützt (Jean-Jacques Robert, Danielle Tartakowsky, Jacques Girault, Serge Wolikow), sollten von nun an zwei intellektuelle Vorhaben die Lücke der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte des französischen Kommunismus schließen. Das erste, ein Kollektivprojekt, ist anzusiedeln im Umfeld des 1960 von Jean Maitron gegründeten Mouvement social [Soziale Bewegung] und des »Abenteuers« Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français [Biografisches Lexikon der französischen Arbeiterbewegung]. Beide tragen dazu bei, die Geschichte der Arbeiterbewegung zu legitimieren und die für die Sozialgeschichte des Kommunismus und die prosopografischen Forschungen erforderlichen biografischen Grundlagen zu schaffen. Dabei bieten sie gleichzeitig im akademischen Rahmen tätigen Historikern, die meist selbst – auch in der KPF – politisch aktiv sind, die Möglichkeit, ihre Empathie für ihren Forschungsgegenstand, nämlich die Arbeiterklasse bzw. den militanten Arbeiter, indirekt kundzutun. Die universitäre Demontage der Erbauungsgeschichte des Kommunismus ist dabei das Werk der Historikerin Annie Kriegel. Befreit von jeder persönlichen Bindung an den Kommunismus und, im Gegenteil, darauf bedacht, ihre Arbeit mit dem Kampf gegen den Kommunismus zu verbinden, legte sie innerhalb von zehn Jahren zunächst mit ihrer Doktorarbeit in Geschichte (1964) und später mit ihrem ethnografischen Essay über Les communistes français [Die französischen Kommunisten] (1968) ein Grundlagenwerk vor. Dieses sollte für die gesamte weitere Geschichtsforschung richtungsweisend sein, sei es, dass sie betrieben wurde, um bereits vorhandene Erkenntnisse zu vertiefen oder um diese zu ändern und die Erklärungsmodelle infrage zu stellen. In ihrer Doktorarbeit, die sie den Anfängen des französischen Kommunismus widmete, geht Annie Kriegel mit dem Mythos über die Anfänge der kommunistischen Geschichte, d. h. dem »Glanz« der Oktoberrevolution 1917, hart ins Gericht. Mit ihrer Darstellung der Soziologie des Parteilebens macht sie den Weg frei für die Untersuchung der Institution Kommunismus als Gegengesellschaft. Dadurch, dass Annie Kriegel mit der Sozialgeschichte und der Schule der Annales bricht und auf die kurzen Zyklen und das mit vielen Unbekannten behaftete Aufpfropfen des Kommunismus in Frankreich verweist, zeigt ihr Werk, abgesehen von seinem Beitrag für die Wissenschaft, unweigerlich auch eine politische Wirkung, entwickelt sich doch die politisch instrumentalisierte kommunistische Geschichtsschreibung im Vergleich zur akademischen Forschung in die entgegengesetzte Richtung. Anders als z. B. in Italien ist die wissenschaftliche Geschichtsschreibung über den französischen Kommunismus somit zunächst das Werk einer Historikerin mit unbestritten wissenschaftlicher Legitimation, die für die Zeitschrift Preuves [Beweise] und bald auch als Verfasserin von Leitartikeln beim Figaro arbeitet. 1978 bis 1989: Im Zeichen des Gesellschaftlichen und Teleologischen – eine Zeit der Kompromisse Mit dem Auseinanderbrechen der Union de la gauche [Union der Linken], dem Erfolg des Werks Solschenizyns, den Konflikten zwischen der KPF-Führung und den kommunistischen Intellektuellen in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre nimmt der Spielraum der kommunistischen Historiker, die bemüht sind, wissenschaftliche Arbeit und Parteiengagement in Einklang zu bringen, weiter ab. Die Arbeiten über den Kommunismus entstehen von da an im Wesentlichen im universitären Umfeld. Ein Großteil der französischen Kommunismusexperten (mit Ausnahme derer, die der KPF weiterhin nahestehen) schart sich um die Zeitschrift Communisme [Kommunismus], die 1982 von Annie Kriegel als führendem Kopf einer Gruppe junger Forscher gegründet wird. Diese lehnen die Erbauungsgeschichte und die Zaghaftigkeit der kommunistischen Historiker vehement ab. Die meisten Kommunismusexperten mit universitärem Hintergrund, egal welche Form der Analyse sie auch wählen (soziologisch, anthropologisch, sozialgeschichtlich, politikgeschichtlich usw.), verfolgen alle einen komplementären – den sogenannten gesellschaftlichen und teleologischen – Ansatz. Die an der Zeitschrift von Annie Kriegel mitwirkenden jungen Wissenschaftler werden mit der Zeit unterschiedliche Richtungen einschlagen, die zu diesem Zeitpunkt aber noch durchaus als komplementär betrachtet werden können: Die einen nutzen die Lexikologie (Denis Peschanski), andere befassen sich mit der kommunistischen Erinnerungsarbeit (Marie-Claire Lavabre), wieder andere mit der kulturellen Symbolik der KPF (Marc Lazar), mit der KPF während des Zweiten Weltkriegs (Stéphane Courtois) oder initiieren Forschungsarbeiten mit prosopografischer Ausrichtung (Claude Pennetier). Soziologen, Anthropologen und Politologen sind ebenfalls mit von der Partie (Michel Verret, Jean-Paul Molinari, Jacqueline Mer, Georges Lavau). Was die Forschungsarbeiten insgesamt zu diesem Thema betrifft, war diese Zeit äußerst produktiv und brachte zahlreiche bedeutende Werke hervor, die in den Achtzigerjahren veröffentlicht wurden. Vor dem Hintergrund des politischen Niedergangs des französischen Kommunismus finden die meisten der von diesen Geschichtsforschern verwendeten wissenschaftlichen Paradigmen ihren Platz in einem historiografischen Ansatz, für den die Komplementarität der Standpunkte eine Selbstverständlichkeit ist. 1989 bis 2008: »Dokumentarische Revolution« und historiografische Entwicklungen Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in den Staaten des Ostblocks führt paradoxerweise zu einer erneuten Instrumentalisierung der Geschichte des Kommunismus – dieses Mal allerdings zugunsten der Nicht-Kommunisten – nicht nur in den ehemaligen Ostblockstaaten (Wiederaufleben der Totalitarismustheorien), sondern auch in Frankreich. Der von François Furet 1995 herausgegebene Essay Le passé d’une illusion [Das Ende der Illusion] liefert ein Erklärungsmodell für den Erfolg des Kommunismus in Frankreich und beschäftigt sich ausführlich mit der Frage nach der Anziehungskraft der sowjetischen Illusion. Zwei Themen stehen dabei im Vordergrund: der Mythos der Oktoberrevolution und die Faszination dieser »Revolution« für die Mehrheit der Sozialisten, die sich 1920 in Frankreich der III. Internationale anschlossen. Dem Diskurs der Anhänger des Oktober 1917 über die Revolution stimmt er in keinster Weise zu, schon gar nicht dem Gedanken, dass dieses Ereignis in irgendeinem Zusammenhang stünde mit der Entstehung einer Gesellschaft, in der die Produktivkräfte die Macht hätten. Furet führt die universelle Faszination der Oktoberrevolution auf die Vereinnahmung der Vorstellungswelt infolge einer falschen Darstellung zurück, wonach der Oktober 1917 eine Neuauflage sei, nämlich die der »stärksten politischen Versinnbildlichung der modernen Demokratie: die Idee der Revolution«. Diese Idee sei deshalb so faszinierend, weil sie »Sichtbarwerdung des Willens in der Geschichte, die Erfindung des Menschen durch sich selbst« ist. Der Rest ist Handwerk: Um diese Fabel auszuschmücken, wurde Furet zufolge die zurechtgezimmerte Analogie zwischen der Französischen Revolution und der Oktoberrevolution systematisch ausgeschlachtet. In der Vereinnahmung der Gedanken durch die Idee der Revolution drückt sich »der spontane ›Konstruktivismus‹ der öffentlichen Meinung in der demokratischen Epoche und die Neigung, sich das Soziale als Produkt des Willens vorzustellen, aus. [Sie] bedeutet, mit der Tradition zu brechen, von der Gegenwart besessen zu sein, die Zukunft leidenschaftlich herbeizuwünschen.« Der Beitritt zur III. Internationale ist die Folge eines geistigen Standortwechsels: Das, was diejenigen, die sich der III. Internationale anschließen, zu beantworten glauben, ist die Frage nach »dem Sinn des Ersten Weltkrieges«. Der Leninismus verkörpert eine andere Geschichte des Krieges: »Im Mittelpunkt der Debatte über die Bedingungen für einen möglichen Beitritt zur III. Internationale steht weniger die in Russland errichtete Regierungsform, als vielmehr, wie die Sozialistische Partei in dem durch Lenin gegen sie eingeleiteten Prozess ihre eigene Vergangenheit beurteilt.« Eine imaginäre Neuauflage, ein Standortwechsel: Der »17. Oktober« ist zunächst und vor allem eine zweifache Versinnbildlichung, die nichts mit den Ereignissen in Russland zu tun hat. Das Ereignis selbst verliert insgesamt jegliche Tiefe, wenn es nichts weiter als ein Staatsstreich in einer dramatischen Zeit ist, nämlich der des Ersten Weltkriegs. Aus dieser Perspektive betrachtet kann man die Weigerung François Furets verstehen, den Sozialhistorikern auch nur das geringste Interesse entgegenzubringen (die meisten Experten auf diesem Gebiet, die Furet als social scientists bezeichnet, werden schlicht und einfach ignoriert). Wenn Das Ende der Illusion tatsächlich den Weg für weitere Forschungen über die Bedeutung der Darstellung und der ihr innewohnenden Logik ebnet, sollte das Werk vor allem deswegen Beachtung finden, weil es die Totalitarismuskonzepte und die Forschungen zu den kommunistischen Verbrechen untermauert. Der Zugang zu den Archiven (der kommunistischen Internationale, der kommunistischen Länder, aber auch der kommunistischen Parteien selbst) wird von Stéphane Courtois (1993) nun allerdings unmittelbar als neue historiografische Rahmenbedingung bewertet, die zur Geburt einer wahren Kommunismusgeschichte beitragen würde, welche bis dahin nur wenige Informationen aus dieser von den Historikern bevorzugten Quelle, nämlich dem Archiv, schöpfen konnte. Diese neue Konstellation richtet sich ausdrücklich gegen die social scientists, d. h. gegen all jene, die ihre Arbeiten nicht auf die Ereignisgeschichte, die politische Geschichte, vielleicht auch die Sensationsgeschichte oder aber einfach die essayistische Geschichte begrenzen. Die »Verbrechen« des Kommunismus, die »Affären«, die Abgesandten (Anhänger der Komintern) werden zu bevorzugten Themen, während die mitwisserische Verblendung der linken Intellektuellen infrage gestellt wird. Die Schwäche der methodologischen Argumente, mit denen die Rückkehr zur verschwörungslastigen Geschichte gerechtfertigt werden soll, die ausgesprochen suspekte Begeisterung für Affären, die ausdrückliche Absicht, die Geschichte des Kommunismus dadurch politisch zu instrumentalisieren, dass versucht wird, die Geschichte und die Geschichtsschreibung als die einzig wahren darzustellen, kommt einem Bruch mit den wissenschaftlich komplementären Forschungsarbeiten gleich, führt zur Umgehung der Universitäten durch die Nutzung der Medien und verursacht so nicht wenige, mehr oder minder stark hervortretende Spaltungen. Dies geht so weit, dass das Vorwort von Stéphane Courtois zum Livre noir du communisme [Schwarzbuch des Kommunismus] innerhalb des Autorenteams zu Auseinandersetzungen führt, die offen ausgetragen werden und das Unbehagen der Forschergemeinschaft verstärken. Diese Missgeschicke des Schwarzbuchs oder, besser gesagt, seines Vorworts zeigen, wie sehr die Forschungsarbeiten über den Kommunismus fast zwangsläufig zu Aussagen führen, die immer auf zweifache Weise ausgelegt werden können, nämlich »wissenschaftlich« oder »politisch«. Das 2000 erschienene Buch Le siècle des communismes [Das Jahrhundert der Kommunismen] stellt diesen Arbeiten eine umfassende Klarstellung gegenüber, die die Vielschichtigkeit des Raums der Kommunismusanalysen verdeutlichen soll. Gleich dem Schwarzbuch ist es einer nunmehr notwendigerweise internationalen Historiografie zuzuordnen. Wenn es einen Allgemeinplatz gibt, den dieses Buch auf jeden Fall in Zweifel ziehen wollte – obwohl, wie jedes Vorurteil, ein Quantum Wahrheit dabei ist –, so war es der Zweifel an der Einheitlichkeit dessen, was gemeinhin als »der« Kommunismus des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Vom Ende der Illusion zu den Verbrechen des Kommunismus: Der grundlegende Fehler lag in den Augen der Autoren im unkritischen Gebrauch des Singularartikels und in der Absicht, den Kommunismus folglich auf ein Hauptmerkmal zu reduzieren (das Staatsverbrechen, die Utopie, eine säkulare Religion usw.). Auf der einen Seite argwöhnisch gegenüber dem Totalitarismuskonzept und bemüht, an die Vergangenheit der gelehrten Analysen anzuknüpfen, in der man versuchte, einen auf den Erkenntnissen aller Sozialwissenschaften beruhenden Austausch der Forschungen zu führen, ging es in Le siècle des communismes jedoch nicht minder um die Frage der gemeinsamen Identität der vielfältigen Ausprägungen des Kommunismus im 20. Jahrhundert. Die UdSSR und die internationale kommunistische Bewegung unter der Ägide der bolschewistischen Partei spielen daher eine wesentliche Rolle, was sich auch im Zuge der Öffnung zahlreicher Archive (der sogenannten »Moskau-Archive«: RGASPI [Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für Sozial-Politische Geschichte] usw.) von KPF (Departementsarchiv in Bobigny, Verbandsarchiv der KPF usw.) oder Thorez-Vermeersch (Nationalarchiv u. a.) bestätigt, weil dadurch die Einbindung der KPF in die internationale kommunistische Bewegung und deren Beeinflussung wiederum durch die KPdSU und die UdSSR besser nachvollziehbar wird. Die erste daraus resultierende Erkenntnis, sind die sehr zahlreichen Machtkämpfe und ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der KPF, Konflikte und Widersprüche, die von der Partei durch gezielte Selbstdarstellung verschleiert werden, sodass das wahre Ausmaß verborgen bleibt oder nur die außergewöhnlichen Ereignisse (Affären, Verrat, Abweichungen von der Parteilinie) behandelt werden. Aus diesem Grund scheint die kommunistische Gegengesellschaft, wenn sich denn ein Beleg dafür findet, von Spannungen und Widersprüchen durchzogen zu sein. Diese sind sowohl die Folgen des illusorischen Charakters des Machtwillens, der danach strebt, Aktivisten und Kader bis in ihr tiefstes Inneres zu kontrollieren, als auch des vergeblichen Wunsches nach bürokratischer Kontrolle der Opposition und der Konkurrenz, die die ganze Gesellschaft, auch die kommunistische Gegengesellschaft, kennzeichnen. Die dokumentarische Revolution war nicht zeitgleich Auslöser für eine historiografische Revolution. Allerdings führen die Fragestellungen, die der Erschließung der diversen Archive zugrunde liegen, zu einer Neuordnung der wissenschaftlichen Landschaft der Kommunismusforschung, wie die internationalen Kolloquien und Studien beweisen, die sich mit dem Stalinismus im – nach dem Verständnis Sheila Fitzpatricks – weitesten Sinne befassen, der in vielen Punkten allen kommunistischen Erfahrungen, ob an der Macht oder nicht, gleicht. Der Begriff »bezeichnet lediglich die Gesamtheit aller Institutionen, Strukturen und Rituale, die den Lebensraum des Homo Sovieticus während der Zeit des Stalinismus ausmachten. Die Autorität der Kommunistischen Partei, die marxistisch-leninistische Ideologie, die überhandnehmende Bürokratie, der Führerkult, die Kontrolle des Staates über Produktion und Verteilung, die Einflussnahme auf das gesellschaftliche Zusammenleben, die positive Diskriminierung zugunsten der Arbeiter, die Stigmatisierung der Klassenfeinde, die Überwachung durch die Polizei, der Terror und die verschiedenen persönlichen Arrangements, mit deren Hilfe die Menschen auf allen Ebenen versuchten, sich zu schützen und sich seltene Waren zu beschaffen, sind lauter Merkmale der stalinistischen Gesellschaft«, so Fitzpatrick (2002). Diese vorläufige Beschreibung kann auf alle Forschungsarbeiten über den Kommunismus übertragen werden, da die Einordnung der Geschichte der kommunistischen Parteien in die Geschichte des weltweiten kommunistischen Systems zur Verknüpfung von zuvor eher getrennt durchgeführten Studien führt. Die autobiografischen Praktiken, die in der kommunistischen Welt gang und gäbe sind und sowohl in die polizeilichen Praktiken (Geständnisse) als auch in die bürokratischen Praktiken des Staates und der Partei hineinspielen (Selbstkritiken, Selbstdarstellungen von Institutionen, Autobiografien), werden zum Hauptgegenstand wissenschaftlicher Forschung, der den Dialog zwischen Experten für kommunistische Länder und für kommunistische Parteien nicht-kommunistischer Staaten, Experten für politische Gewalt und intellektuelle oder staatliche Institutionen ermöglicht. Durch die Betonung des spezifischen Charakters der kommunistischen Sphären, insbesondere der Rolle, die dem – positiven oder negativen – politischen Kapital und damit den Fragen nach der gesellschaftlichen und individuellen Identität sowie sämtlichen Manipulationsmaßnahmen (durch Verwaltung, Politik und Polizei) beigemessen wird, denen es unterliegt, ohne sich dabei um die Ermittlung ihrer politischen oder ideologischen Wertigkeit zu bemühen, werden der biokratische Aspekt dieser Sphären und die der Subjektivierung eigenen Mechanismen, die durch dieses politische Kapital transportiert werden, in den Vordergrund gestellt. In der Tat wurde das stalinistische biografische Referenzsystem, das den Ursprung einer Kosmologie bildet, bei der das politische Kapital in seiner sowohl soziogenealogischen Dimension (proletarische Wurzeln und Bestimmung) als auch in der Dimension des politischen Werdegangs (Engagement, Ausbildung und Treue) im Mittelpunkt steht, auf die gesamte kommunistische Welt angewendet, nicht nur hinsichtlich der Parteipraktiken der Führung und der Förderung von Parteikadern, sondern auch in Bezug auf die gesamten symbolischen Ausdrucksformen des Kommunismus (Kunst, Literatur, beispielhafte Biografien, soziologische Theorien usw.) sowie die Art und Weise, wie politisch mit Konflikten umgegangen wurde. Diese Verallgemeinerung verleiht den Kommunismen ihre Ähnlichkeit, obwohl sie sich in vielerlei Punkten unterscheiden. Ziel dieser komparativen Studien ist weniger der Beweis der relativen Homogenität der kommunistischen Welt als vielmehr das Streben nach Einflussnahme zu begreifen, das auf einem gemeinsamen Grundmodell aufbaut, um die Unterschiede und die darunterliegenden Homologien zu erkennen. Es geht also nicht mehr um die Gegenüberstellung, sondern vielmehr um die Verbindung von Mikro und Makro, von Formen der subjektiven Mobilisierung und der Kontrollmodalitäten, Überwachung und Repression oder, wie Brigitte Studer es formuliert, um eine nicht totalitäre Geschichtsdarstellung einer Macht mit totalitären Bestrebungen. Aus dem Französischen übersetzt durch das Bundessprachenamt Literaturhinweise Stéphane Courtois: Archives du communisme: mort d’une mémoire, naissance d’une histoire [Archive des Kommunismus: Tod einer Erinnerung, Geburt einer Geschichte], in: Le Débat (1993), H. 77. Ders. u. a.: Le livre noir du communisme – Crimes, terreur, répression [Das Schwarzbuch des Kommunismus – Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998], Paris 1997. Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français (1789–1940) [Biografisches Lexikon der französischen Arbeiterbewegung], begründet von Jean Maîtron, hg. von Claude Pennetier, 44 Bd., Ivry-sur-Seine 1964–1997. Michel Dreyfus u. a.: Le siècle des communismes [Das Jahrhundert der Kommunismen], erw. und akt. Aufl. Paris 2004. François Furet: Le passé d’une illusion. Essai sur l’idée communiste au XXe siècle [Das Ende der Illusion: Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996], Paris 1995. Claude Pennetier/Bernard Pudal (Hg.): Autobiographies, autocritiques, aveux dans le monde communiste [Autobiografien, Selbstkritik, Geständnisse in der kommunistischen Welt], Paris 2002. Annie Kriegel: 1920. Le Congrès de Tours. Naissance du PCF, Paris 1964. Dies.: Les Communistes français: essai d’ethnographie politique [Die französischen Kommunisten. Essay über die politische Ethnografie], Paris 1968. Brigitte Studer (Hg.): Stalinistische Subjekte: Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern (1929–1953), Zürich 2006. 1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um die deutsche Übersetzung des Artikels »Communisme français« von Bernard Pudal, im Original ursprünglich auf Französisch erschienen in: Historiographies. Concepts et débats II, hg. von Christian Delacroix, François Dosse, Patrick Garcia und Nicolas Offenstadt © Gallimard, Paris 2010, S. 973–985.

JHK 2013

Die Kollektivierung westweißrussischer Dörfer zwischen 1944 und 1953. Ein Beispiel für die Integration von annektierten Gebieten unter Stalin

Małgorzata Ruchniewicz

Forschungsstand und Quellen Forschungen zum sowjetischen Dorf wurden bisher von Untersuchungen bestimmt, die sich vor allem mit den Problemen der Kollektivierung und Liquidierung der Kulaken in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Auch westliche Forscher widmeten sich schon zu Zeiten der UdSSR diesem Thema.1 Der Zerfall der UdSSR, die Öffnung der Archive, der Wegfall von politischen Restriktionen bezüglich der russischen Historiografie und die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit erweiterten den Wissensstand in der Folge erheblich. Wichtige Quellen wurden zugänglich und sorgten für einen Anstieg der Publikationen.2 Bis dahin waren die zweite Phase der Umgestaltungen auf dem Dorf und deren Auswirkungen auf die Bauern, nach der territorialen Expansion der UdSSR ab Herbst 1939, in der Regel recht oberflächlich und meistens im Rahmen von Beschreibungen allgemeiner Veränderungen in den annektierten Gebieten analysiert worden. Eine Ausnahme bilden die umfangreichen Untersuchungen des deutschen Wissenschaftlers David Feest zur Kollektivierung in Estland.3 Das Beispiel Westweißrusslands kann dazu dienen, den konkreten Verlauf wirtschaftlicher Umgestaltungen auf dem Dorf nach 1944 zu beschreiben. Der dominierende dörfliche und bäuerliche Charakter dieses Gebietes ist darüber hinaus ein Beispiel für die ganzheitliche Sowjetisierung des angeschlossenen Gebietes und seiner Bevölkerung. Die Veränderungen auf dem Dorf sollten nicht nur zur Modernisierung der Bewirtschaftung (von der Führung als Modernisierung des »rückständigen Gebietes« gepriesen), sondern auch zur Schaffung des »sowjetischen Menschen« führen. Ideologie und Propaganda spielten dabei eine große Rolle. Die Erweiterung der Forschungsperspektive um die genannten Faktoren, führte schließlich zu einer komplexeren Betrachtungsweise des Dorfes und der Landwirtschaft, die bis dato von der Darstellung wirtschaftlicher Prozesse dominiert worden war.4 Die weißrussischen Archive bieten eine vergleichsweise reiche Quellenbasis. Der zentralistische Charakter der sowjetischen Führung hatte zur Folge, dass die zentralen Organe auch Mitteilungen von lokaler Ebene erhielten und aufbewahrten. Diese reichhaltige Dokumentation, erstellt in den verschiedenen Abteilungen der staatlichen Verwaltung, sowie die Materialien aus den Parteiebenen bilden die Grundlage für diesen Beitrag. Auf Dokumente, die durch den sowjetischen Sicherheitsapparat erstellt wurden, konnte hingegen aufgrund der noch bestehenden, eingeschränkten Zugriffsmöglichkeiten für Wissenschaftler nur in geringem Umfang zurückgegriffen werden. Vor allem wurden Materialien genutzt, die in den Beständen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands (Abteilungen: Landwirtschaft, Organisation, Frauenfragen, Propaganda und Agitation), des Landwirtschaftsministeriums der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik sowie des Vertreters der Weißrussischen Sowjetrepublik des Rates für Kolchosen bei der Regierung der UdSSR aufbewahrt werden. Ebenso wurden Materialien, die sich auf die Funktionsweise religiöser Gemeinschaften und den Verlauf der Nachkriegsmigration zwischen Polen und der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik beziehen, herangezogen.5 Westweißrussland 1939 bis 1944 Große Bedeutung für die Herausbildung des weißrussischen Staates in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte nach dem 17. September 1939, als die sowjetische Besetzung Ostpolens begann, die Einbindung eines Großteils der nordöstlichen Wojewodschaften der II. Polnischen Republik. Dieses Ereignis wird in der weißrussischen Historiografie als »Vereinigung der weißrussischen Erde« behandelt. Es führte zu einer erheblichen Vergrößerung des Territoriums der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und damit auch zu einem Bevölkerungszuwachs. Auf die letztliche Größe der territorialen Erwerbungen nahmen spätere Grenzkorrekturen mit den Westrepubliken der UdSSR (Litauen und Ukraine) sowie mit Polen Einfluss. 1944, nach der Verdrängung der Deutschen, wurden die Westgebiete der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik in fünf Bezirke (mit den Hauptstädten Grodno, Wilejka/Maladsetschna, Baranowitschi, Brest und Pinsk) eingeteilt. Aus einem Teil der neuen Gebiete setzte sich auch der Bezirk Polozk (abgeteilt von Witebsk) zusammen, dem neun Kreise aus dem Bezirk Wilejka zugeordnet wurden. Ende der Dreißigerjahre wohnten in diesem Gebiet rund 3,6 Millionen Menschen, darunter etwa eine Million Polen und 300 000 Juden.6 Die polnische Politik gegenüber der weißrussischen Minderheit strebte vor 1939 nach einer schrittweisen nationalen Assimilation. Daneben gab es große soziale und wirtschaftliche Probleme: ein niedriges Wirtschaftsniveau und schwierige, zum Teil primitive Lebensbedingungen. Das Land besaß vorwiegend dörflichen Charakter, die Landwirtschaft bildete die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Allerdings war das bäuerliche Eigentum durch vielfältige Zersplitterung und niedrige Rentabilität gekennzeichnet. Es gab großes Landeigentum in Gestalt Tausender Hektar zählender Latifundien, aber auch Güter mittlerer Größe. Ihr Zustand war schlechter als der der Güter in Zentralpolen.7 Bereits während der sowjetischen Okkupation zwischen 1939 und 1941 erlebte das Dorf in dieser Region gewaltige Veränderungen: Ein Teil des Bodens musste an Landlose und Kleinbauern abgegeben werden – die Kollektivierung der Landwirtschaft nahm ihren Anfang. Die Losung von der Befreiung der unterdrückten weißrussischen Bauern von den »polnischen Herren« passte gut zur kommunistischen Propaganda und wurde zumindest anfangs von einem Großteil der Bevölkerung, besonders den Weißrussen, unterstützt.8 Die Jahre des Krieges und zweier Okkupationen, der sowjetischen und der deutschen, waren in diesem Gebiet von großen menschlichen und materiellen Verlusten geprägt. Die Repressionspolitik der sowjetischen Führung gegenüber dem annektierten Territorium sowie die spätere Ausrottungspolitik der deutschen Okkupanten wirkten sich negativ auf die Bevölkerungsbilanz der Westgebiete Weißrusslands aus. Sie führten auch zur Zerschlagung bzw. zur Schwächung der örtlichen Gemeinschaften, zur Dezimierung der Führungsschichten, und sorgten für eine Verstärkung ethnischer Konflikte. Der Bevölkerungsrückgang genauso wie die materiellen Verluste während des letzten Krieges bedeuteten für die Weißrussen schmerzhafte Einschnitte. Die Auswirkungen des Krieges trafen sie schwerer als viele andere. Der sowjetische Terror der Jahre 1939 bis 1941 war gekennzeichnet von Massendeportationen, von denen rund 120 000 Personen betroffen waren. Unter ihnen waren Zivilisten, Angehörige des Militärs und deren Familien, weite Teile der bäuerlichen Bevölkerung, Waldarbeiter, Kriegsgefangene und andere Gefangene – alle »Feinde« der Sowjetmacht, mehrheitlich Polen.9 Zusätzlich wurden wegen antisowjetischer Tätigkeit, Widerstand gegen die Macht oder Zugehörigkeit zu den Vorkriegseliten etwa 38 000 weitere Personen verhaftet. Buchstäblich vom ersten Tag der Okkupation an begann seitens der Deutschen die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung – eines der tragischsten Ereignisse für das Gebiet.10 Die Massenrepressionen betrafen Polen wie Weißrussen: die polnische Elite wurde liquidiert, Maßnahmen gegen die Partisanen wurden ergriffen. Die Zivilbevölkerung litt stark unter dem Verdacht, den Untergrund zu unterstützen und musste zahlreiche Opfer bringen.11 Viele wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht.12 Der Konflikt zwischen dem polnischen Untergrund, der für eine Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit stritt, und den sowjetischen Partisanen sowie der Kampf mit kollaborierenden weißrussischen Gruppierungen forderte viele Todesopfer.13 Eine exakte Zahl der Kriegsopfer zu bestimmen, ist jedoch nicht möglich. Letzte Schätzungen sprechen von 1,4 bis 1,5 Millionen Opfern unter der Zivilbevölkerung in ganz Weißrussland, ohne die Verluste im Westteil der Republik gesondert aufzuführen. Doch viele der Schätzungen scheinen nicht ausreichend gesichert.14 Befriedung und Wiederherstellung der Macht (1944–1947) Die Rückkehr der Sowjetmacht nach der Vertreibung der Deutschen im Sommer 1944 bedeutete eine neue Phase der Gewalt und Verfolgungen, die sich vor allem gegen die Gegner einer Wiederherstellung der Ordnung von vor 1941, hauptsächlich gegen Polen, aber auch gegen Weißrussen und Ukrainer richtete. Dabei wurden ausnahmslos alle während der Okkupation wegen Staatsverrat Angeklagten, aber auch diejenigen, die beim erneuten Einmarsch der Roten Armee Widerstand geleistet hatten, von den neuen, alten Machthabern erfasst. Doch es dauerte zwei Jahre, bis es dem Sicherheitsapparat gelungen war, die Untergrundorganisationen soweit zu zerschlagen, dass diese die sowjetische Herrschaft in dem Gebiet und auf den von Verwaltungszentren entlegenen bäuerlichen Gehöften nicht mehr gefährden konnten.15 Dennoch kam es bis Anfang der Fünfzigerjahre weiterhin zu bewaffneten Widerstandsakten.16 Darüber hinaus verzichtete die Sowjetmacht auch nicht auf Verfolgungen aufgrund sozialer Herkunft und früherer Tätigkeiten. In den Jahren 1951/52 wurden ehemalige Soldaten der Polnischen Streitkräfte im Westen (II. Korps unter General W. Anders) zusammen mit ihren Familien deportiert, die sich nach Beendigung des Krieges für eine Rückkehr zu ihren Familien entschieden hatten, aber auch Bauern, die der Kategorie der Kulaken zugerechnet wurden, erwartete das gleiche Schicksal. Die Verbannung, der ungefähr 8000 Personen zum Opfer fielen, erreichte jedoch nicht die Ausmaße der Jahre 1940/41.17 Für die Bevölkerungszahl der dörflichen Gebiete war die Umsiedlung der Einwohner nach dem Krieg von weitaus größerer Bedeutung als die Repression. Die Ursache dafür lag vor allem in der neuen Ostgrenze Polens, wie sie Stalin erzwungen hatte. Im September 1944 wurde die Umsiedlung der polnischen Bevölkerung und der überlebenden Juden aus den angegliederten Gebieten in Richtung Westen und der Weißrussen aus Polen festgelegt. Offiziell fanden diese Umsiedlungen natürlich freiwillig statt, aber in Wirklichkeit wurden sie erzwungen. 231 000 Personen, in der Mehrzahl Dorfbewohner, kamen auf diese Weise nach Polen, oft unter großen Schwierigkeiten.18 Der Zustrom ausgesiedelter Weißrussen aus Polen oder Kriegsheimkehrer aus dem Westen, die meisten von ihnen ehemalige Zwangsarbeiter, konnte den Bevölkerungsverlust nicht sofort auffangen. Folglich führte der mit dem Bevölkerugsrückgang verbundene Ausfall von Arbeitskräften dazu, dass die weißrussische Führung den Aussiedlern auf ihrem Weg viele Steine in den Weg legte. Besonders betroffen war die ländliche Bevölkerung. Ein Teil der Polen scheute sich schließlich davor, das eigene Hab und Gut zu verlassen und sich nach Westen in die Ungewissheit aufzumachen. So gelang es der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik bis zum Sommer 1946 nur weniger als die Hälfte der für die Umsiedlung Registrierten zu entlassen.19 Die Verbliebenen, einige Hunderttausend, die meisten von ihnen in der Gegend um Grodno, bildeten eine Minderheitengruppe, deren Status als solcher aber von der sowjetischen Führung nicht anerkannt wurde (viele Polen hatten sich gar nicht für die Ausreise registrieren lassen).20 Aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht besaß die sowjetische Politik entscheidenden Einfluss auf die Lage der Bevölkerung in den Dörfern und auf die Landwirtschaft des Westteils der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Innenpolitisch bestand das Hauptziel der UdSSR gegenüber der neuen Westgrenze in der Integration des neu gewonnenen Gebietes in den sowjetischen Staat. Die Art und Weise dieses Integrationsprozesses war geprägt von sowjetischen Erfahrungen, die bestimmte regionale Besonderheiten jedoch nicht außer Acht ließen. Dazu gehörte das private bäuerliche Eigentum, das den dörflichen Charakter dominierte, sowie die »Rückständigkeit der Menschen«. Sie wurde mit dem niedrigen Bildungsniveau (es gab viele Analphabeten), aber besonders mit den Auswirkungen der nationalistischen und bürgerlichen Propaganda vor und während des Krieges begründet; mithilfe dieser sollte für eine lebendige Religiosität unter den ansässigen Orthodoxen und Katholiken gesorgt werden, die nationalistische Einstellung der Polen und eines Teils der Weißrussen sollte gefestigt und das Misstrauen und die Feindschaft gegenüber der sowjetischen Gesellschaftsordnung gestärkt werden.21 In den Westbezirken wurde die Integration des Territoriums (das heißt seine Sowjetisierung) in Etappen organisiert: Die Politik, die die Führung des sowjetischen Weißrusslands gegenüber dem Dorf und in der Landwirtschaft in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Zentralmacht betrieb, weist in den Jahren des späten Stalinismus zwei Unteretappen aus: von 1944 bis 1947 und von 1948 bis 1953. In den Nachkriegsjahren besaßen die Befriedung und der Aufbau der Machtstrukturen Priorität. Die Massenkollektivierung wurde nicht erneut in Angriff genommen, aber die Reaktivierung von etwa tausend Kolchosen, die schon vor der deutschen Aggression in den Westbezirken bestanden, wurde vorangetrieben. Der Prozess verlief mühsam, vor allem wegen der Ressentiments ehemaliger Kolchosbauern und des geringen Engagements lokaler Behörden. So nahmen 214 Kolchosen bis Ende 1947 ihre Tätigkeit wieder auf. Sie umfassten etwa ein Prozent der bäuerlichen Wirtschaften und waren keinesfalls ein Vorbild oder eine begehrte Alternative für die Bauern. Die individuelle Bewirtschaftung wurde weiterhin klar bevorzugt. Nach der Vertreibung der Deutschen bestand die Hauptaufgabe darin, die territorialen Machtstrukturen zu etablieren, das Steuersystem zu organisieren und die Pflichtabgaben zu überwachen, die alle ländlichen Wirtschaften, d. h. einige hunderttausend Einheiten betrafen. Während des Krieges bekam der Erwerb von bäuerlichen Lebensmitteln und die Rekrutierung von Arbeitskräften zusätzliche Bedeutung. Die Bauernschaft wurde erneut gezwungen, bestimmte Leistungen zugunsten des Staates, besonders bei der Holzgewinnung, zu erbringen. Jedoch waren die Dörfler oft nur zu einem gewissen Teil bereit, die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Mit Unwillen wurde auf die Mobilisierung für die sowjetische Armee, besonders in den Gebieten, die von Polen bewohnt wurden, reagiert. Die Situation lokaler sowjetischer Verwaltungs- und Parteistrukturen war sehr schwierig. Es fehlte an Kadern, Mitteln, aber auch an Erfahrung. Erfolgreich operierten von 1944 bis1946 in vielen Gebieten antisowjetisch eingestellte Partisanen, die Anschläge auf Gebäude sowjetischer Organe und ihre Funktionäre verübten sowie Einwohner, die sie für Kollaborateure hielten, liquidierten.22 Gewalt und Schrecken waren nach wie vor an der Tagesordnung; skrupellos wurden sie von sowjetischen Beamten gegenüber den Bauern angewandt, davon zeugen viele Anzeigen über Schläge, Beschimpfungen, Drohungen und Plünderungen gegenüber den Bauern in den Archivmaterialien. Nicht selten versuchten Untergrundkämpfer Aktionen, die durch die Territorialorgane angeleitet wurden, zu verhindern und stattdessen Kooperation und Unterstützung der Menschen zu erzwingen.23 Die sowjetische Führung verlor dabei nie die für sie wichtigste Aufgabe aus den Augen: Die Veränderung der Gesellschaftsordnung in Übereinstimmung mit ihren ideologischen Überzeugungen. Ende 1944 wurde die Beschlagnahmung von Teilen des Bodens der größten Bauernwirtschaften in Angriff genommen. Die Größenobergrenze sollte (abhängig von der Region) zehn bis 15 Hektar betragen. Die Liquidierung der größten Bauernwirtschaften, die den Kulaken zugeordnet wurden, sollte die Kollektivierung in Zukunft erleichtern – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Gleichschaltung des bäuerlichen Eigentums. Das zweite Ziel der Landgewinnung von Nutzflächen war deren Verteilung an landlose Bauern sowie die Sicherung der Felder für künftige Kolchosen. Dazu war, ähnlich wie beim Einziehen der Abgaben in Form von Geld und Naturalien, eine genaue Feststellung der jeweiligen Fläche und des realen Besitzstandes des Bauern notwendig. Angesichts des Widerstands der Dorfbewohner (Nichtangabe von Boden und Verstecken von Inventar) und des Fehlens von Kadern sowie der Anfälligkeit für Korruption eines Teils der Beamten, war dies keine leichte Aufgabe. Es wurde festgelegt, dass die größte zulässige Fläche 26 500 Wirtschaften besitzen sollte (im Herbst 1944 bestanden 620 000).24 Bis Mai 1946 wurde etwa 10 000 Wirtschaften Boden weggenommen, insgesamt 85 000 Hektar.25 Allerdings konnte die Aktion bis zur Einführung der Massenkollektivierung nicht beendet werden. Die verringerte Anzahl der Bauernhöfe war auch eine Folge der Aussiedlung der polnischen Bevölkerung. Die konfiszierten Felder wurden nur zum Teil an andere Bauern weitergegeben, da man davon ausging, dass ein Teil der Bauern es ablehnen würde, den Boden zu übernehmen, der den Nachbarn weggenommen worden war. Stattdessen wurde das verbliebene Areal dem staatlichen Bodenfundus übereignet und von dort einige Jahre später den Kolchosen übergeben. Weiterhin bestand eine nicht unwesentliche Gruppe von kleinen Wirtschaften mit stark eingeschränkter landwirtschaftlicher Produktion. Die Modernisierung der Landwirtschaft sollte eine neue Art der Bauernwirtschaft hervorbringen, die Kollektivierung. Von der dominierenden ideologischen Perspektive abgesehen, spielten dabei auch ganz praktische Erwägungen eine Rolle. Das Ziel war eine völlige und dauerhafte Integration des neuen westlichen Territoriums in die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft, die bereits in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts umgestaltet worden war. Der Erhalt einer doppelten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung wäre über einen längeren Zeitraum unmöglich und propagandistisch schädlich gewesen. Der Überschuss an Arbeitskräften, so wurde begründet, würde in Zukunft von der Industrie aufgefangen werden.26 Vor der Massenkollektivierung verblieben noch etwa vier Millionen Hektar Ackerland bei den Bauern. Die sogenannten sozialistischen Wirtschaftsformen, Kolchosen und Sowchosen, verfügten lediglich über rund 80 000 Hektar. Der Staatliche Bodenfundus (Gosfond) zählte 380 000 Hektar.27 Die neue Ausrichtung der Wirtschaftspolitik machte sich 1947 sowohl auf der lokalen Macht-ebene als auch innerhalb der Bevölkerung bemerkbar. Die Veränderungen betrafen nicht nur die Gebiete Westweißrusslands, sondern das gesamte westliche Grenzgebiet der UdSSR.28 Die weißrussische Führung der Republik war hier eher Ausführende als Mitgestaltende der politischen Linie.29 Bei der Anwendung der neuen Politik gegenüber dem Dorf wurden zu Beginn zwei Instrumente angewandt: Propaganda zur »Überlegenheit des kollektiven Wirtschaftens« und finanzieller Druck. Die Steuerpolitik wurde besonders gegenüber den vermögenderen Schichten des Dorfes verschärft. Das Antlitz des neuen Systems besaß einen eindeutigen »Klassencharakter«, dessen »politischer Hebel die Eingrenzung und Verdrängung des Kulakentums« war. Diese Auffassung hatte in der Historiografie noch bis zum Ende der UdSSR Bestand.30 Die ärmsten Bauernwirtschaften wurden von den Steuern befreit, die Kolchosbauern erhielten Steuerermäßigungen, die reicheren Bauern wurden einer bedingungslosen fiskalen »Drainage« unterzogen.31 Nach wie vor belastete die Bauernhöfe die Pflichtabgabe von landwirtschaftlichen Produkten an den Staat bei drastisch gesenkten Preisen. Infolgedessen war es sehr schwierig, eine Überproduktion zu erreichen, um zu verkaufen, um Bargeld für die Steuer zu erwerben, die Familie oder den Bauernhof zu erhalten. Selbst die reichen Bauern wurden zu Schuldnern und Bankrotteuren. Sie wurden mit Geldstrafen, der Versteigerung ihres Besitzes und Verurteilungen zu Freiheitsstrafen gemaßregelt. Wie groß die Zahl der Kulakenwirtschaften Ende der Vierzigererjahre in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik war, ist nicht bekannt. Anfang der Fünfzigerjahre umfassten sie jedoch knapp 2000 Bauernwirtschaften.32 Vollständige Kollektivierung des Dorfes (1948–1953) Ab 1948 wurde die Kollektivierung beschleunigt. Ende des Jahres bestanden bereits über 900 Kollektivwirtschaften.33 Das reichte den sowjetischen Machthabern aber noch nicht. Für sie waren die Kulaken die Hauptgegner des sozialistischen Umbaus der Landwirtschaft. Allerdings herrschte in den Dörfern allgemein Widerstand. Ein Schock für die Machthaber, denn damit schien sich die Situation von Anfang der Dreißigerjahre zu wiederholen. Der Abgabe von Hab und Gut an die Kolchose stellten sich Gruppen von Halbbegüterten und Teile der ärmeren Bauern entgegen, obwohl die Führung sie privilegiert behandelte und ihnen Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der aufzubauenden neuen Gesellschaftsstruktur einräumte. Im Februar 1949 wurde auf dem 6. Parteitag der KP Weißrusslands die baldige Kollektivierung des weißrussischen Dorfes angekündigt.34 Dieser Beschluss bedeutete gleichzeitig die Anwendung von Gewalt und Einschüchterung. Das Eingreifen von Verwaltung und Partei wurde dabei so offensichtlich, dass lokale Führer sogar mitunter für »primitives Verwaltungshandeln« getadelt wurden.35 Gleichzeitig stellte sich bei Kontrollen häufig heraus, dass viele Kolchosen reine Fiktion waren. Es hatte gar keine Übernahme von Boden, Werkzeugen und Inventar gegeben – auch keine gemeinschaftliche Bestellung der Felder. Erst im März 1950 war die Hälfte der Bauernwirtschaften Teil von Kolchosen. Die Tatsache, dass dieser Prozess sich derart langwierig gestaltete, war im Frühjahr 1950 der Anlass für eine scharfe Kritik an der weißrussischen Führung, mit dem Ergebnis, dass der Posten des 1. Sekretärs der KP Weißrusslands neu besetzt wurde. Im Dezember desselben Jahres befanden sich nahezu 84 Prozent der Bauernfamilien in Kolchosen.36 Ein Fortschritt, der auf die Konzentration von Mitteln und Kadern in Bezirken mit der heftigsten Gegenwehr zurückzuführen war: Grodno, Baranowitschi und Maladsetschna. Zwei Jahre später lebten 94 Prozent der Bauernfamilien aus den Westbezirken in Kolchosen. Unter den noch existierenden 33 500 Privatwirtschaften bildeten 70 Prozent Einheiten von knapp einem Hektar.37 Das VI. Plenum des ZK der KP Weißrusslands, das vom 12. bis 14. Februar 1951 tagte, benannte als nächstes Ziel nach der erwarteten baldigen formellen Beendigung der Kollektivierung die volle Ausnutzung der Ressourcen der Kolchosen (eher der Kolchosbauern) und damit ihre organisatorisch-wirtschaftliche Konsolidierung. Gleichzeitig wurde über die Schaffung von Kolchosezentren und die teilweise Umsiedlung der Bauern entschieden.38 Kleinere Kolchosen, die reich an Land, Arbeitskräften und Inventar waren, wurden zu einer Einheit verbunden, ihre Arbeit einer wachsenden Mechanisierung angepasst, was die Korrektur des Siedlungsnetzes zur Folge hatte. Zu weit verstreut eingesetzte Arbeitskräfte, der Erhalt von Zufahrtswegen oder die Feldbeete der Kolchosbauern innerhalb der Kolchosflächen wurden als schädlich und unökonomisch bezeichnet. Die Aktion der Zusammenlegung von Kolchosen beschränkte sich dabei nicht nur auf die Westbezirke der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, sondern wurde in der gesamten UdSSR eingeführt. Im Falle der Westbezirke Weißrusslands schrumpfte die Zahl der Kolchosen bis zum November 1951 auf 4600 Wirtschaften. 1951/52 wurde der Prozess fortgesetzt. Am Ende existierten noch 2263 Wirtschaften. Das waren rund 40 Prozent aller Kolchosen in der Republik.39 Automatisch wuchs die Zahl der Bauernhöfe, die statistisch einen Kolchos bildeten (bis zu 250 Familien). Anfang der Fünfzigerjahre besaßen die Kolchosen in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik somit beinahe das ganze urbare Land. Die ökonomische Unabhängigkeit der Bauernfamilien, die Grundlagen ihrer Autonomie gegenüber dem Staat existierten damit nicht mehr. In den Augen der Machthaber unterlagen die Daseinsbedingungen der Bauern einer revolutionären und positiven Veränderung. Diese sollte auch in Übereinstimmung mit dem ideologischen Bewusstsein der Bauernmassen einhergehen, die sich in aktive sowjetische Bürger verwandeln sollten. In den Augen der Bauern jedoch bedeutete der Erfolg der Politik des Staates für sie selbst nichts weiter als fortschreitende Verarmung und Abhängigkeit und war mit der Erfüllung aller negativen Stereotype bezüglich der UdSSR verbunden. Die Haltung der Dorfbevölkerung gegenüber der Kollektivierungskampagne offenbart – trotz Ähnlichkeit in der Form – bei näherer Analyse weitreichende Unterschiede. Zum Teil kann dies mit der Nationalität der örtlichen Bevölkerung zusammenhängen. Im Gebiet um Grodno wuchs die Anzahl der Kolchosen besonders langsam; erst im Spätsommer 1950 gelang es, die Mehrzahl der Bauernwirtschaften in Kolchosen unterzubringen. Hier lebte eine große Zahl der katholisch-polnischen Bevölkerung. Noch im Dezember 1950 gehörten im Bezirk des Grenzgebietes Sopockin weniger als 20 Prozent der Bauern den Kolchosen an. Doch der Prozess zur Schaffung von Kollektivwirtschaften beschleunigte sich durch Propaganda und ruinierende Steuern und durch die Anwendung von direktem und indirektem Zwang gegenüber breiten dörflichen Schichten. Dabei kam es jedoch nicht zu gewaltsamem Widerstand, wie er von den Ereignissen Anfang der Dreißigerjahre aus sowjetischen Dörfern bekannt war. Die Grundstrategie der weißrussischen Bauernschaft bestand im passiven Widerstand. Wenn möglich, wurden Dorfversammlungen, auf denen die Pläne der Kollektivierung behandelt wurden, sabotiert, man verzögerte unter verschiedenen Vorwänden die Abgabe der Unterschrift. Wenn die Bauernschaft dem Druck nicht standhalten konnte, verkaufte sie besonders wertvolle Teile ihres Inventars (z. B. Pferde oder Kühe), um sie nicht der Kolchose geben zu müssen. Wenn alle Formen des Einspruchs nichts nutzten und der Bauer sich in einen Kolchosbauern verwandelte, wurde die Strategie den neuen Bedingungen angepasst: Man vermied oder beschränkte die Arbeit auf den Kolchosfeldern, scherte sich nicht um eine gute Produktivität und ließ jegliche Sorge um das Kolchoseigentum vermissen.40 Die Kontrollberichte aus den Kolchosen sind voll von Beschreibungen über Verschwendungen, Vernachlässigungen und Gleichgültigkeit der Kolchosbauern gegenüber den Wirtschaftsergebnissen.41 Die Sabotage der Bauern ging sehr oft mit fehlender Leitungskompetenz durch die Kolchosvorsitzenden einher – die wirtschaftliche Katastrophe war unaufhaltsam. Die von den Kadern lauthals verkündete Mechanisierung blieb aufgrund fehlender Landmaschinen und Elektrizität vorerst Propaganda.42 Am leichtesten war es, das Dorf mit einer Welle von Lektionen, Versammlungen und Propagandavorträgen zur Überlegenheit der Kollektivwirtschaft gegenüber der individuellen Bauernwirtschaft und dem vermeintlich hohen Lebensniveau der sowjetischen Kolchosbauern zu überrollen. Die frisch gebackenen Kolchosbauern, die sich von dem ihnen auferlegten Status distanzierten, strebten einen maximal effizienten Anbau auf dem ihnen zugeteilten individuellen Land (0,3 – 0,6 Hektar je nach Gebiet) an. Dort pflegten sie die alten bäuerlichen Tugenden und schreckten auch nicht vor der illegalen Vergrößerung des Bodens zurück. Periodisch angesetzte Razzien der Vorgesetzten sollten dem entgegenwirken.43 Einige Mitglieder der Bauernfamilien suchten zeitweise Beschäftigung außerhalb des Dorfes, besonders die Männer. Die Hauptarbeitskräfte in den Kolchosen – auch aufgrund von Kriegsverlusten – waren grundsätzlich Frauen, was die Arbeitsproduktivität zusätzlich minderte. Im Laufe der Zeit und aufgrund der fortschreitenden Industrialisierung Weißrusslands nahm die ohnehin andauernde Emigration vom Dorf in die Stadt als Ausdruck der Flucht vor der Armut in den Kolchosen noch an Bedeutung zu.44 Der Aufbau einer neuen Landwirtschaftsordnung hielt auch für die dortige Bevölkerung Möglichkeiten des Aufstiegs bereit. Ein Teil der Bauernschaft sah eine Chance, sich in der neuen Hierarchie der dörflichen Macht und nicht nur wie bisher in Stellungen als Vorsitzende der Dorfräte oder zahlreicher Dorfdelegierter, sondern auch als Kolchosvorsitzende oder Brigadiere in der Kolchosverwaltung zu etablieren. Es entstand eine neue Elite im kollektivierten Dorf. Um aufzusteigen, musste man eine politische Schulung durchlaufen, nach deren Bestehen einem der Status eines Kandidaten oder Mitglieds der Kommunistischen Partei verliehen wurde. Im untersuchten Zeitraum war der Zulauf der dörflichen Bevölkerung in die Parteistruktur jedoch nur schwach und ihre Rolle in Entscheidungspositionen gering. Der Großteil der Kolchos-Parteizellen konnte nur Dank der Aktivitäten von Kommunisten, die nicht aus dem jeweiligen Dorf stammten, sondern dorthin zur Arbeit delegiert wurden, aufrecht erhalten werden.45 Dabei handelte es sich zumeist um Bewohner der Westbezirke: Auch wenn sie sich trotz eines niedrigen Bildungsniveaus für ein politisches Engagement entschieden hatten, wurden sie diskriminiert, von der Macht beargwöhnt und auch nach vielen Jahren der Zugehörigkeit den Funktionären, die aus den Ostrepubliken oder aus anderen Teilen der UdSSR delegiert waren, nachgeordnet. Diesen Kaderimport gab es schon seit 1945. Der Umbau des Dorfes benötigte qualifizierte Kader, deren Schulungen und Aufstieg durch örtliche Kräfte nicht zu befriedigen war. Darüber hinaus entwickelte sich neben politischen Schulungen auch die landwirtschaftliche Bildung, die Ausbildung von Mechanikern und Kolchoskadern. Dennoch wurde auf diese Weise keine ausreichende Anzahl von Personen gewonnen, die die verschiedenen Stellen besetzen konnten. Die in der Regel mangelhafte Vorbereitung der Kolchosvorsitzenden schlug sich negativ auf die Arbeit der Wirtschaften nieder. Die Unfähigkeit zu führen, das Fehlen von Führungsautoritäten der Kolchosen, ihre untergeordnete Position gegenüber den sowjetischen Funktionären sowie eine große Fluktuation waren somit auch die wichtigsten Gründe für den beklagenswerten Zustand der neu gegründeten Kolchosen.46 Hinzu kamen eine nicht ausreichende materielle Basis der jungen Wirtschaften und eine Insuffizienz in den Maschinen-Traktoren-Stationen, die den Kolchosen die Wartung mit modernsten Mitteln der Landwirtschaftstechnik sichern sollten. Doch die miserablen Ergebnisse der Bewirtschaftung der Kolchosen waren auch eine Folge der von oben angeordneten Veränderungen auf dem Dorf sowie der schwachen Vorbereitung der Kampagne über ihre Anfangsetappe hinaus. Die frisch gebackenen Kolchosbauern sahen sich zusammen mit ihrem Vorsitzenden den vielen konkreten Problemen allein gegenüber. Das spätere Funktionieren des Kolchos weckte oft schon nicht mehr das Interesse der Bezirksorgane, was wiederum die Zentralmacht bemängelte. War doch der Mechanismus der wiederholten Kontrolle charakteristisch für sowjetische Verhältnisse. Dazu gehörten das Vorhalten von Fehlern und Nachlässigkeiten, die öffentliche Selbstkritik der Schuldigen sowie die Herausgabe von Aufträgen zu deren sofortiger Beseitigung, die jedoch nie zu einer dauerhaften Besserung führten. Die Kollektivierung der weißrussischen Landwirtschaft bedeutete eine weitere Verschlechterung der dörflichen Lebensbedingungen der Bevölkerung sowie ein Absenken der Erträge aus der landwirtschaftlichen Produktion.47 Nichtsdestotrotz war sie ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses des weißrussischen Territoriums, Symbol für die Übergangszeit und Folge des Doppelcharakters, der sich aus der wirtschaftlichen Ordnung ergab. Die Kollektivierung führte zu einer tiefen Veränderung der gesellschaftlichen Struktur im Dorf und schuf die Möglichkeit einer breiten und tiefen Einwirkung auf die dörfliche Bevölkerung im Sinne des sowjetischen Geistes. Die Bauern waren natürlich seit Beginn der sowjetischen Herrschaft in diesem Gebiet ein Gegenstand propagandistisch-agitatorischer Anstrengungen. Ziel war das Erreichen einer erfolgreichen Einflussnahme auf die »arbeitende Bauernschaft«, damit sie zur Überzeugung käme, dass nur »der sowjetische Staat auf die Freundschaft der Völker baut, den Arbeitenden in den Westbezirken völlige Freiheit, materiellen Wohlstand und schnelle kulturelle Entwicklung garantiert«. Die Propagandaarbeit sollte in den Augen der Bevölkerung den antikommunistischen nationalen Untergrund (weißrussisch und polnisch) bloßstellen. Seine Anhänger sollten als »Söldner der deutschen Okkupanten, als Mittäter ihrer Verbrechen am weißrussischen Volk« sowie als »Agenten Hitlerdeutschlands, den Verrätern des Volkes« dargestellt werden.48 Zu Beginn der Kollektivierungskampagne war das Hauptthema der Propaganda die zeitgleiche Abrechnung mit den auferlegten Lasten (verstanden als Grundaufgabe der Bürger), die Teilnahme der Bevölkerung an der »sowjetischen Demokratie« durch Propagierung der sowjetischen Ordnung und die gemeinsame Teilnahme an Wahlen zu den Räten auf verschiedenen Ebenen sowie die Einbeziehung der Bauernschaft in die Werke und den Personenkult um Josef Stalin. Die Indoktrination wurde nicht nur in Form politischer Propaganda realisiert, sondern war fester Bestandteil von Bildungs- und Kulturinstitutionen. Die Botschaft sollte, so dachte die Führung, das geistige Niveau der Bevölkerung anheben, sie auf der Ebene des gesellschaftlichen Lebens aktivieren, sie einbinden in den Kreis der Aktivitäten und Erlebnisse des »sowjetischen Menschen«. In der Propagandaarbeit mit der Landbevölkerung wurden alle verfügbaren Mittel, darunter Radio und Kino, genutzt. Mit Blick auf die örtlichen Bedingungen setzte man am häufigsten auf die Presse und direkte Zusammenkünfte mit der Bevölkerung in Form zahlreicher Lesungen, Vorträge, Gespräche und Versammlungen.49 In die Agitationsarbeit sollten nach Möglichkeit Vertreter aus dem örtlichen Milieu einbezogen werden: Die dörfliche Intelligenz und einige Vertreter der Bauernschaft, die nach entsprechender Schulung das sogenannte Dorfaktiv, ein Fundament der Macht in der bäuerlichen Gesellschaft schaffen sollten. Die sowjetischen Propagandaarbeiter schätzten den Effekt dieser Tätigkeit hoch ein. Dennoch scheint es, dass ohne Unterstützung vonseiten der Verwaltung, der Parteistrukturen und des Sicherheitsapparats die Durchführung dieser Aufträge der Zentralmacht, ob mit wirtschaftlichen oder politischen Zielen verbunden, nicht möglich gewesen wäre. Zahlreiche Anstrengungen wurden unternommen, um den Einfluss auf das dörfliche Milieu ständig zu verstärken. Dem diente Anfang der Fünfzigerjahre bei den Maschinen-Traktoren-Stationen der Westbezirke die Berufung von politischen Abteilungen, die besonders nach der Gründung eines Kolchos die Propagandaarbeit unter den Bauern entwickeln sollten.50 Die Machthaber bemühten sich, besonders auf die junge Generation einzuwirken. Die Bauernjugend wurde in den Komsomol aufgenommen. Man war bestrebt, für die Organisation der Freizeit auch auf dem Dorf Zentren sozialistischer Kultur zu schaffen, die mit den Einflüssen von Religion und traditionellen Werten rivalisierten. Es entstanden Lesestuben, Zirkel des Amateurschaffens und sportliche Wirkstätten. Alles wurde mit politischen Inhalten angefüllt, und doch blieben die beabsichtigten Ergebnisse aus.51 Bei der Indoktrination der dörflichen Gesellschaft kam den Landfrauen besondere Bedeutung zu, denn sie stellten die Mehrheit der Arbeitskräfte. Gleichzeitig wurden sie auch als Hort rückwärtsgerichteter Ansichten betrachtet. Ihre benachteiligte Stellung sei – so das Kalkül – dank der erfolgreichen Politik des Staates verändert worden und mache es möglich, aus ihnen ergebene Frauen und sowjetische Patriotinnen zu machen. Man bemühte sich, eine Frauenbewegung durch Delegierten-Räte zu schaffen, über denen die territorialen Parteikomitees wachten. Den Bauern wurde ein neuer Typ der fortschrittlichen Weiblichkeit vorgestellt: ländliche Aktivistinnen, aufopferungsvolle Kolchosbäuerinnen, kinderreiche Mütter und letztendlich Traktoristinnen und Landwirtschaftsmechanikerinnen.52 Die Frauenbewegung wies auch in anderen Bereichen des kontrollierten und streng reglementierten gesellschaftlichen Lebens charakteristische Schwächen auf. Sie war abhängig von äußerlichen Anreizen seitens der Parteistruktur und den Zielen, die durch den Staat vorgegeben waren, untergeordnet. Die ländlichen Delegierten waren ganz einfach ein weiterer »Transmissionsriemen«. Das wurde besonders während der Phase der Kollektivierung deutlich.53 Die Emanzipation der Landfrauen war in der Wahrnehmung des Dorfes nur ein weiterer Angriff auf das bisherige Wertesystem, die gesellschaftliche Hierarchie und Tradition. Als gewaltiger Konkurrent im Wettlauf um die Herzen und Köpfe der ländlichen Bevölkerung der Westbezirke galten die russisch-orthodoxe und die katholische Kirche. Vor allem letztere wurde als sehr gefährlich und antisowjetisch angesehen.54 Bereits nach dem Krieg unternahmen die Machthaber Anstrengungen – die nicht vollständig zu den gewünschten Ergebnissen führten –, die religiösen Institutionen sowie das religiöse Leben der Bevölkerung dem bestehenden Recht der UdSSR unterzuordnen. Ende 1945/Anfang 1946 gab es in diesem Gebiet über 200 aktive katholische und russisch-orthodoxe Kirchen.55 Parallel zur Kollektivierungskampagne begann der entschiedene Kampf gegen die Religion. Mit besonderer Härte wurde gegen den Katholizismus vorgegangen. Davon zeugen zahlreiche Verhaftungen von Vertretern der Geistlichkeit dieser Glaubensrichtung, die Schließung von Kirchen und ihre Nutzung als Getreidelager. Anfang 1952 bestanden 149 registrierte katholische Gemeinschaften, aber es gab nur halb so viele Priester.56 Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitete im ländlichen Milieu. Der Staat schaffte die Kinder-Katechese ab, grenzte die Möglichkeit der Teilnahme an religiösen Praktiken und die Beziehung zu Priestern generell ein und entwickelte eine atheistische Propaganda. Die Verarmung des Kolchosdorfes schwächte die materielle Grundlage der Existenz der Gemeinden und ihrer Geistlichen. Ein Teil der Gemeinschaften hatte Schwierigkeiten mit der Bezahlung der Kirchensteuer und Versicherung, von der Existenzsicherung des Geistlichen ganz zu schweigen. Besonders schmerzlich zu spüren bekam dies der russisch-orthodoxe Klerus mit seinen oft zahlreichen Familienangehörigen. Die Bauern, die ihrer Freizeit und Transportmittel beraubt waren, mussten nun auch ihre Teilnahme an Gottesdiensten einschränken. Den Machthabern gelang es zudem, mindestens einen Teil der Geistlichen zu zwingen, ihre kirchliche Arbeit dem erforderlichen Arbeitsrhythmus in den Kolchosen anzupassen, was im Falle der russisch-orthodoxen Kirche einfacher war, weil deren Bischöfe in der Regel die Anweisungen der Macht erfüllten. Gegenüber den katholischen Priestern konnten die Machthaber dieses Druckmittel nicht anwenden, da es auf dem Gebiet der UdSSR keine Glaubenshierarchie gab. Trotz dieser Verluste, die beide Religionen erlitten hatten, ist es bemerkenswert, dass es bis 1953 keine deutliche Abkehr der Bevölkerung von der Religion, von der traditionellen Weltanschauung und dem mit dem liturgischen Kalender verbundenen Lebensstil gab. Die religiösen Praktiken wurden beibehalten, wenngleich sie zeitweise eingeschränkt wurden oder ihre Form veränderten. In den Kolchosen wurde allenfalls eine verstärkte Abwesenheit der Kolchosbauern zu den Feiertagen bemerkt. Am Ende des Stalinismus erreichte der Umbau des westweißrussischen Dorfes seinen Abschluss, obwohl gesellschaftliche und geistige Veränderungen noch nicht vollendet waren.57 Die Umwandlung der Bauern in vom Staat abhängige Mitglieder leistungsschwacher Produktionskollektive war ein Wendepunkt, der, verspätet durch den deutsch-sowjetischen Krieg, eine Vereinheitlichung beider Teile der Sowjetischen Weißrussischen Republik bewirkte. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die sowjetischen Erfahrungen der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts zugrundegelegt, die trotz aller negativen Auswirkungen als unverrückbares Vorbild für die Gebiete galten, die nach 1944 dauerhaft in die UdSSR eingegliedert wurden. Aus dem Polnischen übersetzt von Daniela Fuchs-Frotscher 1 Siehe Moshe Lewin: Russian Peasants and Soviet Power. A Study of Collectivization, New York 1968. 2 Als Beispiele für die Publikation von Primärquellen siehe Н. Н. Покровский (ред.): Политбюро и крестьянство: Высылка, спецпоселение 1930-1940 [N. N. Pokrowski u. a.: Das Politbüro und die Bauern: Deportationen und Sonderansiedlung 1930–1940], Band 1–2, Moskau 2005–2006; А. Берелович и В. Данилов (ред.): Советская деревня глазами ОГПУ-НКВД. Документы и материалы [A. Berelowicz/W. Danilow (Hg.): Das sowjetische Dorf im Auge von OGPU – NKWD. Dokumente und Materialien], Band 3, Teil 1–3, Moskau 2003–2005; »Тянут с мужика последние жилы ...» Налоговая политика в деревне (1928-1937 гг.). Сборник документов и материалов [»Sie fordern von den Bauern ihr Letztes …«. Steuerpolitik gegenüber dem Dorf (1928–1937). Dokumenten- und Materialsammlung], Moskau 2007; Трагедия советской деревни. Коллективизация и раскулачивание. Документы и материалы [Tragödie des sowjetischen Dorfes. Kollektivierung und Entkulakisierung. Dokumente und Materialien], Band 1–5, Moskau 1999–2006; История сталинского Гулага. Конец 1920-х первая половина 1950-х [Geschichte des Stalin-Gulag. Ende der Zwanziger- bis zur ersten Hälfte der Fünfzigerjahre], Band 1–6, Moskau 2004; Н. Л. Побол и П. М. Полян (ред.): Сталинские депортации 1928–1953. Документы [N.L. Pobol/P.M. Polian (Hg.): Stalins Deportationen. Dokumente], Moskau 2005. Die Anzahl der Arbeiten, die das Problem als Ganzes oder teilweise behandeln, ist groß. Beispielhaft seien genannt: Н. А. Ивницкий, Судьба раскулаченных в СССР [N.A. Iwnickij: Das Schicksal der Entkulakisierten in der UdSSR], Moskau 2004; Sheila Fitzpatrick: Stalin’s peasant. Resistance and survival in the russian village after collectivization, New York 1994; Beatrice Fransworth/Lynne Viola (Hg.): Russian Peasant Women, New York 1992. Auch die deutsche Historiografie befasste sich intensiv mit diesem Thema. Siehe u. a. Helmut Altrichter: Die Bauern von Tver. Vom Leben auf dem russischen Dorfe zwischen Revolution und Kollektivierung, München 1984; Stephan Merl: Sozialer Aufstieg im sowjetischen Kolchossystem der 30er Jahre? Über das Schicksal der bäuerlichen Parteimitglieder, Dorfsowjetvorsitzenden, Posteninhaber in Kolchosen, Mechanisatoren und Stachanowleute, Berlin 1990; Diana Siebert: Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921–1941). Die Zerstörung patriarchalischer Familienwirtschaft, Stuttgart 1998; Markus Wehner: Bauernpolitik im proletarischen Staat. Die Bauernfrage als zentrales Problem der sowjetischen Innen-politik 1921–1928, Köln 1998. 3 Siehe David Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum. Die Sowjetisierung des estnischen Dorfes 1944–1953, Köln 2007. 4 In der weißrussischen Historiografie gibt es Arbeiten, die sich mit dem Problem der Umgestaltung des Dorfes beschäftigen. In der Regel behandeln sie das Westgebiet Weißrusslands jedoch sehr oberflächlich. Eine Ausnahme ist die Arbeit von V. A. Belozorovič. Aber in Hinblick auf die Art und Weise der Analyse ist sie weit davon entfernt, das Thema auszuschöpfen. Siehe В. А. Белозорович: Западнобелоруская деревня в 1939–1953 годах [V. A. Belozorovič: Das westweißrussische Dorf in den Jahren 1939–1953], Grodno 2004. Die Arbeiten aus der sowjetischen Zeit sind gegenwärtig nur von geringem wissenschaft-lichen Wert. 5 Ein Ergebnis des von der Autorin von 2002 bis 2008 durchgeführten Forschungsprojekts ist das Buch: Wieś zachodniobiałoruska. Wybrane aspekty [Das westweißrussische Dorf. Ausgewählte Aspekte], Wrocław 2010. 6 Siehe Piotr Eberhardt: Przemiany narodowościowe na Białorusi [Nationale Veränderungen in Weißrussland], Warschau 1994, S. 99. Die Daten beruhen auf Schätzungen. Das letzte allgemeine Verzeichnis wurde während der II. Polnischen Republik 1931 angefertigt. Außerdem herrschte in den östlichen Wojewodschaften teilweise nationale Selbstbestimmung. Dies ist auch ein Grund dafür, warum die Religion von so großer Bedeutung war. Mehr über dieses Gebiet, seine Bevölkerung, seine Wirtschaft und politischen Probleme, siehe bei Werner Benecke: Die Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik, Köln 1999; Eleonora Kirwiel: Kresy Północno-Wschodnich Rzeczypospolitej Polskiej w latach 1918–1939. Oblicze polityczne [Die nordöstlichen Grenzgebiete der Polnischen Republik in den Jahren 1918–1939. Politisches Antlitz], Lublin 2011. 7 Siehe M. Mieszczankowski: Struktura agrarna Polski międzywojennej [Die Agrarstruktur Polens in der Zwischenkriegszeit], Warschau 1960, S. 174–202. 8 Siehe Krzysztof Jasiewicz: Zagłada polskich Kresów. Ziemiaństwo polskie na Kresach Północno-Wschodnich Rzeczpospolitej pod okupacją sowiecką 1939–1941 [Der Untergang der polnischen Grenzgebiete. Polnische Gutsbesitzer aus den nordöstlichen Grenzgebieten der Republik unter sowjetischer Okkupation 1939–1941], Warschau 1997, S. 87–102, 239–256. Marek Wierzbicki: Polacy i Białorusini w zaborze sowieckim. Stosunki polsko-białoruskie na ziemiach północno-wschodnich II Rzeczypospolitej pod okupacją sowiecką 1939–1941 [Polen und Weißrussen unter sowjetischer Annexion. Polnisch-weißrussische Beziehungen in den nordöstlichen Gebieten der II. Republik unter sowjetischer Okkupation 1939–1941], Warschau 2000, S. 286 f. 9 Siehe Małgorzata Ruchniewicz: Stosunki narodowościowe w latach 1939–1948 na obszarze tzw. Zachodniej Białorusi [Die nationalen Beziehungen in den Jahren 1939–1948 auf dem Gebiet des sog. Westweißrusslands], in: Stanisław Ciesielski (Hg.): Przemiany narodowościowe na Kresach Wschodnich II Rzeczypospolitej 1931–1948 [Nationale Veränderungen in den östlichen Grenzgebieten der II. Republik 1931–1948], Toruń 2003, S. 262–273. 10 Siehe Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999, S. 503–747. Siehe auch Shalom Cholawsky: The Jews of Belarussia during World War II, Amsterdam 1998; Генацыд у другой сусветнай вайне. Праблемы даследавання (у памяць ахвяр Трасцянца) [Genozid während des Zweiten Weltkrieges. Forschungsprobleme], Minsk 2003. 11 Zum Alltagsleben während der Okkupation in diesen Gebieten, siehe Alexander Brakel: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz: Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung, Paderborn 2009; Bernhard Chiari: Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941–1944, Düsseldorf 1998; Babette Quinkert: Propaganda und Terror in Weißrussland 1941–1944. Die deutsche »geistige Kriegsführung« gegen Zivilbevölkerung und Partisanen, Paderborn 2009. 12 Siehe E. Mironowicz/S. Tok´c/R. Radzik: Zmiana struktury narodowościowej na pograniczu polsko-białoruskim w XX. wieku [Die Veränderung der Nationalitätenstruktur im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet im 20. Jahrhundert], Białystok 2005, S. 85. 13 Siehe Zygmunt Boradyn: Niemen rzeka niezgody. Polsko-sowiecka wojna partyzantka na Nowogródczyźnie 1943–1944 [Njemen – ein Fluss der Zwietracht. Der polnisch-sowjetische Partisanenkrieg im Nawahradaker Gebiet 1943–1944], Warschau 1999, S. 85. 14 Siehe Памяць Белорусии 1941–1945. Республиканская книга [Das Gedächtnis Weißrusslands 1941–1945. Das Republikbuch], Minsk 2005. 15 Berichte über die Tätigkeit von Untergrundgruppen finden sich recht zahlreich in den Materialien untergeordneter Parteiorgane. Beispielsweise: Bericht zum Thema der Untergrundtätigkeit im Bezirk Brest im Zeitraum von Juli bis November 1944, in: Национальный архив Республики Беларусь/Nationalarchiv der Republik Belarus (im Folgenden: NARB), f. 4p, оp. 29, d. 32, Bl. 59–63. Information über Fakten terroristischer Tätigkeit von Banden im Bezirk Polozk, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 42, Bl. 42. Information über Tätigkeit von weißen Banditen im Rajon Woronow im Bezirk Grodno vom 21. Januar 1945, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 42, Bl. 8. Bericht über terroristische Akte im Bezirk Grodno vom 2. April 1945, in: Государственный архив области Гродненской/Staatsarchiv des Bezirks Grodno, f. 1171, op. 1, d. 25, Bl. 53. Siehe auch Andrzej Chmielarz: Likwidacja podziemia polskiego na Nowogródczyźnie i Wileńczyźnie (lipiec 1944 – lipiec 1945) [Die Liquidierung des Untergrunds im Gebiet von Nawahradak und Vilnius (Juli 1944 – Juli 1945)], in: Z dziejów Armii Krajowej na Nowogródczyźnie i Wileńczyźnie (1941–1945) [Zur Geschichte der Heimatarmee im Gebiet von Nawahradak und Vilnius (1941–1945)], Studie, Warschau 1997. 16 Siehe Rafał Wnuk: Polska konspiracja antysowiecka na Kresach Wschodnich II RP w latach 1939–1941 i 1944–1952 [Die polnische antisowjetische Konspiration in den östlichen Grenzgebieten der II. Polnischen Republik in den Jahren 1939–1941 und 1944–1952], in: Krzysztof Jasiewicz (Hg.): Tygiel narodów. Stosunki społeczne i etnicze na dawnych ziemiach wschodnich Rzeczypospolitej 1939–1953 [Der Schmelztiegel der Völker. Gesellschaftliche und ethnische Beziehungen in den ehemaligen Ostgebieten der Republik 1939–1953], Warschau 1992, S. 229–246. Siehe auch Кузнецов, Карательные органы на Беларуси (1944–1953) [Die Straforgane in Weißrussland 1944–1953], »Беларусь у ХХ стагоддзи« (2004), H. 3, in: www.homoliber.org./ru/xx/xx030112.html, ges. am 18. Dezember 2012; W. Materski/A. Paczkowski (Hg.): Dok 5, in: NKWD o Polsce i Polakach. Rekonesans archiwalny [NKWD über Polen und die Polen. Archivalische Erkundung], Warschau 1996, S. 100; И. А. Валаханович: Антисоветское подполье на территории Беларуси в 1944–1953 гг. [I. A. Walachanowicz: Antisowjetischer Untergrund in Weißrussland 1944–1953], Minsk 2002, S. 128. 17 Siehe Information an den Vorsitzenden des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik K. Mazurov vom 26. April 1956, in: NARB, f. 4, op. 62, d. 450, Bl. 708 f.; Ю. Грибовский, Судьба бывших военнослужащих армии Андерса – репатриантов в Беларусь [Ju. Grybowskij: Das Schicksal der ehemaligen Soldaten der Anders-Armee – Rückkehrer in Weißrussland] (2003), H. 2, in: www.homoliber.org./ru/xx/xx020110.html, ges. am 18. Dezember 2012. 18 Siehe Verzeichnis des Büros des Hauptvertreters für Evakuierung des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik vom 10. Juli 1946, in: NARB, f. 788, op.1, d. 23, Bl. 28. 19 Siehe ebd., Bl. 27. 20 Siehe Piotr Eberhardt: Polska ludność kresowa. Rodowód, liczebność, rozmieszczenie [ Die polnische Bevölkerung im Grenzgebiet. Herkunft, Zahlen, Verteilung], Warschau 1998, S. 75–78. 21 Nach der Vertreibung der Deutschen aus diesem Gebiet berichteten sowjetische Armeeführer über ihre Gespräche mit Bauern, in denen diese u. a. ihre Furcht vor der Einführung der Kollektivierung ausdrückten. »Das Hauptproblem, das die Bauern im befreiten Gebiet Westweißrusslands beschäftigt, ist die Frage, ob es Kolchosen geben wird oder nicht«, fasste ein Offizier nach einem Treffen mit der Bevölkerung im August 1944 seine Eindrücke zusammen. Siehe Schreiben von Oberst Griška an General Telegin vom 26. August 1944, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 61, Bl. 110. 22 Siehe И. А. Валаханович: Антисоветское подполье (Anm. 16). 23 Information über die Situation im Bezirk Grodno vom 11. April 1945, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 62, Bl. 16. 24 Siehe Information über die Missstände in der Abteilung Erfüllung der Beschlüsse des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 21. November 1944, in: NARB, f. 4p, op. 28, d. 184, Bl. 10. 25 Siehe ebd. 26 Siehe Schreiben des Sekretärs des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands B. P. Ponomarienko vom 21. Juli 1945 über die Mängel bei der Organisation der Beschaffung von Arbeitskräften, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 102, Bl. 73 f. 27 Siehe Information über die Missstände in der Abteilung Erfüllung der Beschlüsse des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 21. November 1944, in: NARB, f. 4p, op. 28, d. 184, Bl. 13. 28 Siehe Feest: Zwangskollektivierung (Anm. 3). 29 In den Archiven fanden sich keinerlei Materialien, die auf einen selbstständigen Vorschlag in Bezug auf die Entwicklung der Landwirtschaft im Westgebiet der Republik hindeuteten. 30 Siehe История советского крестьянства [Geschichte der sowjetischen Bauern], Bd. 4, Moskau 1988, S. 141. 31 Siehe Dokument 52, in: Аграрные преобразования в молодечненской области 1944–1953. Документы [Die Veränderungen auf dem Agrarsektor im Maladsetschna-Bezirk 1944–1953. Dokumente], Minsk 2003, S. 158. 32 Siehe Information an den Vorsitzenden des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjet-republik K. Mazurov vom 26. April 1956, in: NARB, f. 4, op. 62, d. 450, Bl. 708 f. 33 Vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR wurde das Bestehen von 1115 Kolchosen notiert. Ein Teil von ihnen wurde erst in den letzten Wochen berufen, funktionierte aber faktisch nicht. Siehe Information aus der Abteilung Landwirtschaft des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 13. Dezember 1944, in: NARB, f. 4, op. 46, d. 106, Bl. 3. 34 Siehe А. П. Белязо: Беларуская веска у пасляваенныя гады (1945–1950) [A. P. Bieliazo: Das weißrussische Dorf in der Nachkriegszeit (1945–1950)], Minsk 1974, S. 143 f. 35 Die gravierendsten Vorfälle wurden im ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands erörtert und manchmal wurde eingegriffen: Information über die Ergebnisse der Arbeitskontrolle durch die sowjetischen Organe des Bezirks Maladsetschna zum Vorgehen bei der Kollektivierung vom 3. November 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 439, Bl. 244; Beschluss des Büros des Rajonkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 17. Juni 1949, in: NARB, f. 4p, op. 51, d. 1454, Bl. 154 f.; Bericht über den Stand des Kolchosaufbaus im Bezirk Brest vom 8. April 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 398, Bl. 45 f.; Dokument 96, in: Аграрные преобразования (Anm. 31), S. 255; Beschluss des Büros des Rajonkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands zur Verletzung des sowjetischen Rechts im Rajon Smorgon im Bezirk Maladsetschna vom 4. Juli 1950, in: NARB, f. 4p, op. 81, d. 318, Bl. 9; Schreiben an den Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands B. Zakrudaev wegen Verletzung der Freiwilligkeit bei der Bildung von Kolchosen im Rajon Lida vom 4. Mai 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 392, Bl. 95–98. 36 Siehe statistische Berichte über die Fortschritte bei der Kollektivierung, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 444, Bl. 71–77; NARB f. 7, op. 3, d. 1116, Bl. 35–41, 169. 37 Siehe Dokument 120, in: Аграрные преобразования (Anm. 31), S. 313. 38 Siehe Bericht vom Plenum des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 12. bis 14. Februar 1951, in: NARB, f. 4p, op. 20, d. 271, Bl. 5–35. 39 In der gesamten UdSSR schrumpfte die Zahl der Bauernhöfe in den Jahren 1950 bis 1953 von 255 000 auf 94 000. 40 Siehe Information über die Teilnahme von arbeitsfähigen Kolchosbauern an der Kolchosarbeit in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik in den Jahren 1948–1949, in: NARB, f. 915, op. 2, d. 47, Bl. 286. 41 Siehe Information an den Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands B. Zakrudaev vom 28. April 1950, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 450, Bl. 57–60; Information über Fälle von Verenden von Tieren in Kolchosen der Rajons Miadziol und Smorgon vom 12. Januar 1952, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 617, Bl. 131 f. Bericht über Untersuchungsergebnisse zu Vorkommnissen von massenhaftem Verrecken von Vieh in den Rajons Luninez und Logischin im Bezirk Pinsk vom 5. Januar 1953; ebd., Bl. 61–63. 42 Siehe Information über die Frühjahrsaussaat im Bezirk Grodno vom 22. April 1950, in: NARB, f. 7, op. 3, d. 1137, Bl. 77; Bericht über die organisatorisch-wirtschaftliche Lage der Kolchosen in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik vom November 1951, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 488, Bl. 227. 43 Siehe Information über die Kontrollergebnisse durch die Organe im Rajon Luninez im Bezirk Pinsk vom 31. August 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 39, Bl. 305; Information über den Stand des Kampfes gegen die Verletzung des Statuts der landwirtschaftlichen Genossenschaft in den Kolchosen der Weißrussischen Sowjetischen Sowjetrepublik vom 25. August 1950, in: NARB, f. 7, op. 3, d. 1153, Bl. 62–65. 44 Am Beispiel Grodno, der größten Stadt dieses Teils der Republik beschrieb Felix Ackermann diese Erscheinung. Siehe Felix Ackermann: Vom Dorf nach Grodno. Die Sowjetisierung Westweißrusslands als Akkulturationsprozess dörflicher Migranten, in: Thomas Bohn (Hg.): Von der »europäischen Stadt« zur »sozialistischen Stadt« und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts, München 2009, S. 335–359; Felix Ackermann: Palimpsest Grodno. Nationalisierung, Nivellierung und Sowjetisierung einer mitteleuropäischen Stadt 1919–1991, Wiesbaden 2010, S. 254–258. 45 Siehe Schreiben der Abteilung Landwirtschaft des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands an den 1. Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands Patoličev vom Dezember 1951, in: NARB, f. 4p, op. 47, Bd. 345, Bl. 14. 46 Siehe Dokument 95, in: Аграрные преобразования (Anm. 31), S. 252; Information über die wirtschaftliche Tätigkeit der Kolchosen im Kreis Grodno 1951, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 564, Bl. 24 f. 47 Im Republikmaßstab wurde die Flächensaat von 1941 erst 1953 erreicht. 48 Dokument 4, in: Освобождëнная Беларусь январь – декабрь 1945 [Das befreite Weißrussland. Januar – Dezember 1945], Bd. 2, Minsk 2005, S. 23–25. 49 Diese Aktivität wurde akribisch in Berichten von verschiedenen Ebenen der Verwaltung beschrieben. Zum Beispiel: Information über den Stand der massenpolitischen Arbeit unter der Dorfbevölkerung des Bezirkes Polozk vom April 1947, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 570, Bl. 253 f.; Bericht an den Sekretär des ZK der KP Weißrusslands W. Tomaševič über die massenpolitische Arbeit im Zusammenhang mit dem 10. Jahrestag der Vereinigung Weißrusslands 1949, in: NARB, f. 4p, op. 47, Bd. 198, Bl. 1–10; Bericht über die massenpolitische und Propagandaarbeit in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik im Zusammenhang mit der Kollektivierung der Landwirtschaft 1950, in: NARB, f. 4p, op. 47, d. 224, Bl. 200 f. 50 Siehe Information über die Arbeit der Politabteilungen der MTS in den Westbezirken der Weißrussischen SSR, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 480, Bl. 1–25; Bericht über die Arbeit der Politabteilungen der Maschinen-Traktoren-Stationen (vor dem 9. Januar 1951), in: NARB, f. 4p, op. 62, d. 199, Bl. 1 f. 51 Siehe Beschluss des Büros des ZK der KP Weißrusslands »Über die Unzulänglichkeiten in der Arbeit der dörflichen Grundorganisationen des Komsomol in den Westbezirken der Weißrussischen SSR« vom 22. August 1950, in: NARB, f. 4p, op. 81, d. 340, Bl.10 f. 52 Propagierte Rollen und Frauengestalten werden in Minibiografien beförderter und geschulter Bauernfunktionärinnen deutlich, aber auch in Themen von Vorlesungen und Gesprächen für Dorfbewohnerinnen. Siehe weiter Berichte der Abteilungen in den einzelnen Bezirken der Weißrussischen SSR (NARB, f. 4p, op. 49). 53 Siehe Information über den Stand der massenpolitischen Arbeit unter den Frauen im Rajon Lida und Sopockin im Bezirk Grodno in den Jahren 1946–1947, in: NARB, f. 4p, op. 49, d. 16, Bl. 23; Bericht über die massenpolitische und kulturelle Arbeit unter den Frauen im Bezirk Brest nach dem Stand vom 1. Januar 1950, in: NARB, f. 4p, op. 49, d. 23, Bl. 16 f. 54 Über die sowjetische Politik gegenüber dem Katholizismus in Weißrussland siehe Е. С. Ярмусик: Католический костëл в 1945–1990 в годах [E. S. Jarmusik: Die katholische Kirche in den Jahren 1945–1990], Grodno 2006 . 55 Siehe statistische Information über die Registrierung von Kirchen und Bethäusern in den Jahren 1945–1946, in: NARB, f. 951, op. 2, d. 2, Bl. 34–40; Bericht des Beauftragten des Rates für Religiöse Kulte in der Weißrussischen SSR für 1945, in: NARB, f. 952, op. 2, d. 2, Bl. 275. 56 Siehe Bericht über den Stand und die Tätigkeit religiöser Gemeinschaften auf dem Gebiet der Weiß-russischen SSR im IV. Quartal 1951, in: NARB, f. 952, op. 2, d. 28, Bl. 199. 57 Über seinen weiteren Verlauf siehe Rayk Einax: Entstalinisierung in Weißrussland 1953–1965 (Maschinenschriftliche Dissertation, verteidigt 2011).

JHK 2013

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Wissenschaft und Erinnerungskultur

Ilko-Sascha Kowalczuk

Aus Anlass des 50. Jahrestages des Volksaufstandes vom 17. Juni im Jahre 2003 erlebte die Öffentlichkeit monatelang einen Erinnerungs- und Gedenkboom, der überraschte, aber sogleich skeptisch nach der anhaltenden Wirkung fragen ließ. Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ließ 2003 im Vorfeld der Feierlichkeiten demoskopisch untersuchen, wie der Kenntnisstand in den jüngeren Generationen über den 17. Juni beschaffen sei. Das Ergebnis war ernüchternd. Ein paar Tage nach dem 17. Juni 2003 folgte eine zweite Erhebung, die nun – ebenso erwartungsgemäß – einen deutlich besseren Wissensstand zutage beförderte. Angesichts einer medialen Dauerbeschallung, zahlreichen Dokumentar- und Spielfilmen, dutzenden neuen Büchern, kaum zählbaren Ausstellungen, Veranstaltungen, Schülerwettbewerben, politischen Gedenkveranstaltungen bis hin zu Straßenumbenennungen schien das kaum überraschend. Seither ist um den 17. Juni Jahr für Jahr an den gescheiterten Aufstand erinnert worden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist seit 2004 kaum Neues erschienen.12 Dass der Tag seit 1963 ein gesetzlicher Gedenktag ist, wissen auch aktive Politikerinnen und Politiker oftmals nicht, weil der Gedenktag nicht selten mit dem arbeitsfreien Feiertag verwechselt wird, der noch 1953 als solcher bestimmt worden war und 1990 zugunsten des 3. Oktober abgeschafft worden ist. Zuletzt war der 17. Juni 1953 wieder etwas stärker im Gespräch, als es 2009 auch um die Frage ging, ob 1989 vollendet worden sei, was 1953 scheiterte und ob es Parallelen oder gar Kontinuitätslinien von 1953 zu 1989 gebe. Bevor ich auf solche und andere Fragen eingehe, möchte ich von einer Impression berichten, die ich genau fünf Jahre nach dem Feierjahr 2003 erlebte und somit zeitlich zwischen dem 50. und 60. Jahrestag lag. Am 16. Juni 2008 folgte ich einer Einladung zu einem Vortrag und Gespräch über den 17. Juni ins anhaltinische Gommern. Auf der Fahrt dorthin ärgerte ich mich – wie schon tagelang vorher –, dass ich bei der Zusage ein halbes oder ganzes Jahr zuvor völlig vergessen hatte, in den Fußball-EM-Spielplan zu schauen. An diesem 16. Juni 2008 fanden die letzten Spiele in der Gruppenphase statt – Deutschland hatte zuvor gegen Kroatien verloren, musste also gegen Mitgastgeber Österreich das letzte Vorrundenspiel gewinnen, um sicher aus eigener Kraft weiterzukommen. Mit anderen Worten: Es ging um alles – und ich fuhr nach Gommern. Dort angekommen, wurde mein Ärger noch größer. Der schöne Vortragsraum war leer, war ja klar. Ich hatte noch ein paar Minuten Zeit und ging zum unweit gelegenen Zwiebelturm. Die mittlerweile herausgeputzte Kleinstadt gehörte am 17. Juni 1953 zu einem kleinen Zentrum des Aufstands in Sachsen-Anhalt. Pendler brachten bereits mittags aus der Bezirkshauptstadt Magdeburg die Nachrichten mit, dass die Stadt von einem mächtigen Aufstand erfasst sei, Zehntausende bevölkerten dort die Straßen und Plätze, Häftlinge wurde befreit, mehrere Zentralen der SED-Herrschaft erstürmt, praktisch alle Großbetriebe beteiligten sich am Massenstreik. Die Bewegung griff auch auf Gommern über – einem von insgesamt über 700 Orten in der DDR. Dort lebten etwa 7000 Menschen. In hitzigen Betriebsversammlungen forderten mehrere Arbeiter den Sturz der Regierung. Der stellvertretende Werkleiter bat zwar die Beschäftigten, wieder zu arbeiten. Dies geschah aber offensichtlich halbherzig, da er zugleich den MfS-Untersuchungsakten, den Gerichtsakten und eigenen Aussagen zufolge, einen der Hauptredner, den ehemaligen Oberkommissar der Volkspolizei (VP) und nunmehrigen Arbeiter Werner Mangelsdorf aufforderte, zum »Zwiebelturm« zu marschieren. Mangelsdorf initiierte einen Demonstrationszug zum »Zwiebelturm«, dem Gefängnis in Gommern. Es beteiligten sich zwischen 400 und 800 Menschen an der Demonstration, in manchen MfS-Dokumenten ist von 3000 die Rede. Zunächst ging es zur Polizei, wo man die Polizisten zwang, die Waffen abzulegen – diese wurden weggeschlossen – und mit zu marschieren. Anschließend stürmten die Demonstranten das Gefängnis, brachen mit Brechstangen die Zellen auf und befreiten sämtliche Häftlinge. Den Bürgermeister erklärte man für abgesetzt. Die Demonstranten bedrängten Mangelsdorf, diesen Posten zu übernehmen. Am Nachmittag rückten sowjetische Einheiten an, die aber nicht verhindern konnten, dass die Arbeiter auch am nächsten Tag ihren Streik fortführten. Inzwischen begann die Polizei nach den »Rädelsführern« zu fahnden und diese zu verhaften. Mangelsdorf flüchtete am 18. Juni mit einem Kollegen. Bis zum 30. Juni hielt er sich zunächst in Ost-Berlin und Potsdam auf, ehe er die Sektorengrenze nach West-Berlin übertrat. In einem Schauprozess ist Werner Mangelsdorf mit drei weiteren Männern angeklagt und im Juni 1954 vom Obersten Gericht der DDR zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Er hatte zwischen Juni 1952 und April 1953 als Geheimer Informator »Werkzeug« für das MfS gearbeitet. Auch nach seiner Flucht nach West-Berlin knüpfte er wieder Kontakte zum MfS, die im Dezember 1953 sogar zu einer neuerlichen schriftlichen Verpflichtung (»Erwin Stern«) führten – wovon wiederum seine Partner in West-Berlin wussten. Es nützte ihm nichts. Durch ein Intrigenspiel des MfS und aufgrund seiner eigenen Unerfahrenheit – Mangelsdorf war zwar in West-Berlin in Gruppierungen, die gegen die SED-Diktatur arbeiteten, aktiv, fühlte sich aber offenbar fern der Heimat und der Familie unwohl –, gelang es dem MfS, Werner Mangelsdorf am 16. Januar 1954 auf Ost-Berliner Gebiet, auf dem Bahnhof Friedrichstraße, zu verhaften. Dazu hatte die Freundin seines Bruders, die dem MfS als »Geheime Mitarbeiterin« diente, entscheidend beigetragen, indem sie ihn im Auftrag des MfS auf den Bahnhof brachte. Mangelsdorf wusste zwar, dass ihn dort MfS-Offiziere erwarten würden, aber er nahm an, es handle sich um ein verabredetes Gespräch mit seinen Führungsoffizieren, außerdem dachte er, seinen Bruder vor einer Verurteilung bewahren zu können. Die Schwägerin wurde im Anschluss bis Mitte April 1954 aus Sicherheitsgründen vom MfS festgehalten, ehe man sie entließ. Auch sein Bruder, den das MfS bereits am 3. Dezember 1953 verhaftet hatte, wurde in einem getrennten Prozess angeklagt und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Dem stellvertretenden Werkleiter erging es genauso. Mangelsdorf selbst erhielt 15 Jahre Zuchthaus in dem erwähnten Schauprozess, der selbstredend nicht beweisen konnte, was er vorgab zu beweisen: das es sich um einen vom Westen aus gesteuerten faschistischen Putschversuch gehandelt habe. Wie Mangelsdorf waren auch die anderen Mitangeklagten aus dem Westen entführt oder mit List und Tücke in den Osten gezwungen worden.3 Das alles und vieles mehr hatte ich vor, in Gommern zu erzählen. Nun stand ich also vor dem historischen Zwiebelturm, schaute mir die Örtlichkeit genau an und schlenderte zurück, nicht ohne unentwegt wegen des Fußballspiels, das ich verpassen würde, zu jammern. Ich kam in den Vortragssaal zurück und traute meinen Augen nicht. Völlig überfüllt, saßen dort Junge und Alte, Männer, Frauen und Jugendliche und starrten mich an. Diese erste Überraschung konnte ich mir noch frustriert wegreden: Mein Gott, so viele Fußballmuffel und Spaßbremsen auf einem Haufen, das kann ja heiter werden. Ich berichtete nun, warum sich was und wie in der DDR, in Magdeburg, in Sachsen-Anhalt und in Gommern in diesen ereignisreichen Tagen vor 55 Jahren zugetragen hatte.4 Nach meinem Vortrag vergaß ich die Fußball-EM. Ich brauchte kaum noch etwas zu sagen. Junge und Alte, Männer, Frauen und Jugendliche, einstige Funktionäre, Selbstständige, Bauern, Arbeiter, Nachbarn von Betroffenen und Häftlinge erzählten und erzählten, diskutierten und erinnerten sich. Geflüchtete waren eigens gekommen, einige Zuhörer zeigten starke Emotionen. Erstmals seit 55 Jahren wurde in Gommern über das öffentlich gesprochen, was sich dort am 17. Juni 1953 ereignet hatte. Stundenlang ging das – zwar erkundigte ich mich auf meiner Rückfahrt als Erstes nach dem Fußballergebnis, aber die restlichen zwei Stunden wertete ich aufgewühlt und voll überraschender Glückshormone diese Veranstaltung aus. Fußball war tatsächlich zur Nebensache geraten. Das Beispiel Gommern soll zeigen, dass es noch sehr viel zu tun gibt, sehr viele Möglichkeiten vor uns liegen, über historisch prägende Ereignisse zu reden, sie in die politische Bildung zu tragen, sie im Schulunterricht fest zu verankern – sie auch abseits medialen Rummels und politischer Schauveranstaltungen zu debattieren. Im Folgenden werde ich kurz die historischen Ereignisse skizzieren, um dann zu fragen, welchen Stellenwert der 17. Juni in Wissenschaft und Erinnerungskultur einnimmt. Darauf aufbauend werde ich abschließend nach der Zukunft des 17. Juni fragen. 17. Juni 1953: Ursachen und Ausmaße Als Bundeskanzler Konrad Adenauer hörte, dass in Ost-Berlin, Magdeburg, Halle, Leipzig, Jena, Görlitz, Dresden und vielen weiteren Orten am 17. Juni 1953 mächtige Demonstrationen stattfanden, glaubte er zunächst wie viele andere westliche Politiker an eine Inszenierung der kommunistischen Machthaber, die diesen aber aus der steuernden Hand entglitten sei.5 Es lag außerhalb des Vorstellungsvermögens, dass in der DDR das Volk massenhaft gegen die Diktatur aufbegehrt. Aber nicht nur in der Bundesrepublik, in Großbritannien oder den USA, auch im kommunistischen Machtbereich waren die Herrschenden von der Volksbewegung vollkommen überrascht. Für die politische Klasse im Westen war ein Aufstand gegen die Diktatur nicht vorstellbar, weil der Staat übermächtig erschien, die Gesellschaft stillgelegt und ihre eigenen Erfahrungen, nicht zuletzt gespeist aus den Jahren 1933 bis 1945, eine eruptive Volkserhebung als vollkommen unrealistisch erscheinen ließen. Der Aufstand beherrschte einige Tage die Weltpresse und verdrängte sogar für kurze Zeit den Koreakrieg aus den weltweiten Schlagzeilen. Bundesdeutsche Botschafter in der ganzen Welt kabelten nach Bonn, die Welt erblicke im Aufstand den Schrei der Deutschen nach Wiedervereinigung, Freiheit und Demokratie. Die Weltpresse war sich einig, dass der Aufstand – so unterschiedlich manche Kommentatoren die Ursachen auch einschätzten und mit Verschwörungstheorien nicht geizten – vor allem und zuerst eine Niederlage für die sowjetische Politik, die kommunistische Diktatur sei.6 Auch in den dominierenden politikwissenschaftlichen Theorien war ein Aufstand nicht vorgesehen. Im Osten dagegen waren die Herrschenden ihrer eigenen Ideologie erlegen: Aufstände müssten zwangsläufig von Außen initiiert und gesteuert sein.7 Die Regierung und die kommunistische Parteiführung würden dem Volkswillen Geltung verschaffen, ein Aufstand des Volkes gegen die Regierung käme deshalb einem Aufstand gegen sich selbst gleich. Die propagierte Kongruenz zwischen Herrschafts- und Volkswille wurde zur Falle der kommunistischen Herrscher. Dabei waren diese nicht davon überzeugt, dass das gesamte Volk hinter ihnen stünde, aber der Macht- und Sicherheitsapparat bot ihrer Meinung nach genügend Gewähr, um diese Kongruenz zu erzwingen.8 Die unmittelbaren Wurzeln des Aufstands vom Juni 1953 lagen im Sommer 1952, als die SED-Spitze in Absprache mit der Moskauer Führung auf der 2. SED-Parteikonferenz den »Aufbau der Grundlagen des Sozialismus« proklamierte. Infolge dieses Beschlusses kam es zu einem regelrechten Vernichtungskampf gegen Selbstständige, private Unternehmen, die freie Bauernschaft, die Kirchen und bürgerliche Mittelschichten. Zehntausende verschwanden unter fadenscheinigen Gründen in Zuchthäusern. Die SED forcierte den Kampf gegen die evangelischen »Jungen Gemeinden« und erklärte sie zu »illegalen Organisationen«. Etwa zwei Millionen Menschen wurden aus politisch-sozialen Gründen die Lebensmittelkarten entzogen. Sie mussten fortan in den völlig überteuerten HO-Läden einkaufen, wo beispielsweise ein Kilogramm Butter 20 Mark kostete. Zur gleichen Zeit betrug das Durchschnittseinkommen 308 Mark.9 Vor dem Hintergrund einer beschleunigten Militarisierung der Gesellschaft und dem Aufbau eigener Streitkräfte kam es zur Vernachlässigung der Leichtindustrie zugunsten des intensivierten Aufbaus der Schwermaschinen- und Stahlindustrie. Eng damit zusammen hing eine eklatante Vernachlässigung des zivilen Wohnungsauf- und -neubaus. Das ohnehin niedrige Lebensniveau senkte sich weiter ab, die allgemeine Unzufriedenheit im Land war nicht zu übersehen. Die Fluchtbewegung nahm rapide zu und erreichte in der ersten Hälfte des Jahres 1953 ein bislang nicht gekanntes Ausmaß. Seit April 1953 war die krisenhafte Entwicklung in der DDR mehrmals Gegenstand von Sitzungen des sowjetischen Ministerrates und des Politbüros. Die DDR drohte zu kollabieren. Schließlich griff die sowjetische Führung ein, bestellte Anfang Juni 1953 eine dreiköpfige SED-Delegation nach Moskau und verordnete den »Neuen Kurs«. Konsterniert kehrten Walter Ulbricht, Otto Grotewohl sowie Fred Oelßner aus Moskau zurück und verkündeten schließlich am 9. Juni 1953 namens des SED-Politbüros den »Neuen Kurs«. Am 11. Juni folgte eine ähnliche Erklärung der Regierung. Die Gesellschaft ist von dieser politischen Wendung überrascht worden. Innerhalb der SED artikulierten sich immer lauter Stimmen, die Ulbrichts Machtfülle kritisierten und den mächtigsten Mann der Partei zum Rücktritt bzw. wenigstens zur Machtteilung aufforderten. Außerhalb der SED gingen die Forderungen weiter. Schon am 11. Juni mehrten sich die Stimmen, die den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen verlangten. Demonstrationen und Streiks entflammten im gesamten Land. In mehreren Städten versammelten sich Menschen vor den örtlichen Gefängnissen und verlangten die Freilassung der politischen Gefangenen, so in Brandenburg, Stralsund, Weimar, Güstrow, Halle, Leipzig oder Neuruppin. In Dutzenden Betrieben stellten Arbeiter politische und soziale Forderungskataloge auf. Bauern feierten bereits die Abdankung der Kommunisten. In vielen Dörfern gab es regelrechte Freudenfeste. Die Bevölkerung begriff den »Neuen Kurs« mehrheitlich als »Bankrotterklärung« des Systems. Diese Einschätzung dominierte in allen sozialen Gruppen. Die Führungen in Moskau und Ost-Berlin mussten eingestehen, dass die Wirtschaftspolitik, die Sozialisierungspolitik, die strafprozessuale Praxis und die »ideologische Offensive« seit Sommer 1952 gescheitert waren und das Land in eine tiefe Krise geführt hatten. Sie gingen davon aus, mit einer veränderten, mit weniger Zwang und Druck ausgeübten Politik das Land daraus herausführen zu können. Die Bevölkerung vertrat dagegen mehrheitlich die Auffassung, das System sei abgewirtschaftet und die Regierung müsse abtreten. Zum Aufstand kam es in dem Augenblick, in dem die Macht entblößt und geschwächt schien. Die Aufständischen konnten hoffen, in dieser Situation Erfolg zu haben. Zudem vermittelte ihnen die selbstkritische Analyse der kommunistischen Führung das Gefühl, mit ihren individuellen Erfahrungen und Erlebnissen in den vergangenen Monaten und Jahren gesellschaftlich nicht isoliert gewesen zu sein. Vielmehr war die Erfahrung von Zwang, Repression, Verfolgung und sozialer Armut ganz offenbar die dominierende im Vorfeld des Juni 1953. Insofern wirkte das Kommuniqué vom 9. Juni 1953 mobilisierend für den Ausbruch des Aufstands. Das Eingeständnis der Machthaber, Fehler begangen zu haben, weckte zudem Hoffnung, wirklich etwas verändern zu können. Der von der Moskauer Führung verordnete und von der ostdeutschen Bevölkerung erzwungene »Neue Kurs« erwies sich zunehmend als Bumerang. Kaum hatte das Regime die Zügel etwas lockerer gelassen, nutzte die Bevölkerung die Situation, um politische Veränderung zu erzwingen. Sie hoffte auf Rechtssicherheit, demokratische Verhältnisse, auf die Überprüfung von Gesinnungs- und Terrorurteilen, auf Freizügigkeit, auf bessere Arbeits- und Lebensverhältnisse, insbesondere auf eine gesicherte Versorgung, und nicht zuletzt auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Volkserhebung begann im Juni 1953, weil sich das Land seit Monaten in einer tiefen gesellschaftlichen Krise befand und weil die SED-Diktatur zum ersten Mal so ge­schwächt und entblößt war, dass die Machthaber und ihr Apparat wie paralysiert erschienen – und es einige Tage lang auch waren. Der Aufstand erstreckte sich flächendeckend in der gesamten DDR. Zwischen dem 16. und 21. Juni kam es zu Demonstrationen, Streiks, Kundgebungen, Erstürmungen öffentlicher Gebäude und anderen öffentlichen Akten in über 700 Städten und Gemeinden der DDR.10 Beteiligt waren sämtliche Großstädte der DDR, aber auch Hunderte Dörfer und Gemeinden. Die Bewegung war spontan, weitgehend unorganisiert und führerlos. Es dominierten politische Forderungen (»Rücktritt der Regierung«, »Weg mit der SED«, »freie Wahlen«, »Abzug der Besatzungstruppen«, »Einheit Deutschlands«), aber auch soziale Bedürfnisse wurden allerorten vertreten (»Senkung der HO-Preise«, »Senkung der Normen«). Einem Flächenbrand gleich weitete sich der Aufstand von den Zentren an die Peripherie aus. Berlin,11 Magdeburg, Halle, Dresden, Jena, Leipzig, Görlitz, Gera, Bitterfeld, Buna-Leuna-Merseburg und Brandenburg erwiesen sich als Zentren, von denen der Funke der Bewegung aufs Land übersprang. Die ostdeutsche Bewegung bedurfte keiner westlichen Mentoren. Die westlichen Radiosender berichteten damals über die Verhältnisse so, wie sie Millionen tagtäglich erlebten. Ihre besondere Bedeutung lag darin, dass sie über die Vorgänge überhaupt informierten, so dass in der gesamten DDR zumindest die Ereignisse in Ost-Berlin und einigen anderen Großstädten bekannt wurden. Diese Informationen wirkten katalysatorisch, aber nicht ursächlich. Die westlichen Geheimdienste wurden von den Vorgängen genauso überrascht wie ihre östlichen Pendants. Ein CIA-Mitarbeiter der Berliner Basis notierte trocken: »Wir wurden kalt erwischt.«12 Oft, auch im Westen wiederholte Behauptungen, der CIA habe überlegt, die Aufständischen mit Waffen zu versorgen,13 gehören ebenso ins Reich der historischen Legenden wie Unterstellungen, westdeutsche Dienste hätten den Aufstand initiiert oder unterstützt.14 In einer Analyse vom 20. Juni 1953 stellte der bundesdeutsche Geheimdienst fest: »Der bisherige Gesamteindruck über die Vorgänge in Ost-Berlin und in der Zone verstärkt die Auffassung, dass es sich um von östlicher Seite inszenierte Aktionen mit dem Ziel handelt, die Wiedervereinigung im großdeutschen Rahmen zu Gunsten anderer wichtiger außen- und innerpolitischer Absichten ins Rollen zu bringen. Als erste Phase wurde vermutlich die Ausschaltung des diesen Absichten entgegenwirkenden Moments in Gestalt der bisherigen ostzonalen Politiker ins Auge gefasst. Die Aktion ging jedoch über den gewünschten Rahmen durch das Eingreifen unvermuteter Widerstandskräfte hinaus.«15 Der »Gehlen-Dienst« hatte versagt und versuchte nachträglich, sein Versagen zu legitimieren. Im selben Papier mussten seine Mitarbeiter eingestehen, so wie auch CIA-Mitarbeiter, dass sie am 17. Juni 1953 ihre Kontakte zu ihren ostdeutschen Agenten völlig verloren hatten. Auch der Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, ging offenbar davon aus, dass die Demonstrationen von den Russen organisiert worden seien.16 Die Bewegung in der DDR zwischen dem 16. und 21. Juni 1953 lässt sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen. In den Großstädten gingen die Streiks und Demonstrationen fast immer von Bauarbeitern und/oder Industriearbeitern aus. Insofern begann die Bewegung als ein Arbeiteraufstand, der innerhalb kürzester Zeit in einen Volksaufstand überging. In den Aufstandszentren waren sämtliche soziale Gruppen an Streiks, Demonstrationen und Erstürmungen öffentlicher Gebäude beteiligt. In agrarisch geprägten Regionen wurde die Bewegung oft von Pendlern ausgelöst. Mindestens ebenso häufig aber brachen Unruhen aus, die von Beginn an Bauern, die unter dem Zwang der Kollektivierung und einer repressiven Steuer- und Ablieferungspolitik zu leiden hatten, trugen. In mehreren Fällen strömten Bauern und ihre Angehörigen zu Tausenden in umliegende Kreisstädte und initiierten dort Demonstrationen und Kundgebungen. Unter den geschätzten eine Million Demonstranten und Streikenden befanden sich viele Auszubildende, Hausfrauen, Rentner, Selbstständige, Handwerker, Schüler oder Intelligenzler. Während Jugendliche oft zu den Aktivposten bei Erstürmungen öffentlicher Gebäude zählten und betroffene Familienangehörige im mittleren Alter die Befreiung von politischen Häftlingen in die Hand nahmen, erwiesen sich Personen mit einer höheren Ausbildung (Facharbeiter, Studium) oftmals als befähigt für eine Tätigkeit in Streikkomitees oder als Streik- und Kundgebungssprecher. Der Verlauf des Volksaufstands folgte keinem einheitlichen Muster. Am Beginn standen zumeist Forderungskataloge, die am frühen Morgen des 17. Juni auf Belegschaftsversammlungen diskutiert wurden. Diese erwiesen sich jedoch meist als falsches Medium, weil die politischen Forderungen von den Betriebsleitungen und den örtlichen Parteifunktionären nicht erfüllt werden konnten. Demonstrationen auf den Straßen waren die logische Folge. Auf den Straßen bildeten sich schnell mächtige Marschformationen. Die Menschen waren fröhlich und freundlich, zeigten sich siegesgewiss. Der Sturm auf öffentliche Gebäude erwies sich im Allgemeinen als leicht. Ernsthafte Gegenwehr war bis in die frühen Nachmittagsstunden eher die Ausnahme. Die Machthaber waren geschockt und auf den Flächenbrand nicht vorbereitet. Sie hatten lediglich in Ost-Berlin einige Sicherungsmaßnahmen vorgenommen, aber auch hier bekamen die sowjetische Armee und die ostdeutsche Polizei die Lage erst ab den Mittagsstunden allmählich und langsam unter Kontrolle. Der Schwung der Bewegung nahm in vielen Städten und Gemeinden nach den ersten Erfolgen recht schnell wieder ab. Nachdem die Aufständischen politische Häftlinge befreit, Forderungskataloge formuliert, Verhandlungen mit den örtlichen Funktionären geführt und die wichtigsten Gebäude der Stadt besetzt – und oft auch verwüstet – hatten, breitete sich Ratlosigkeit aus, was nun zu tun sei. In Bitterfeld, Halle, Görlitz, Leuna-Buna und anderen Regionen konstituierten sich zwar überbetriebliche Komitees, aber der schnelle Sieg über die örtlichen Machthaber ließ ebenso schnell ein Handlungsvakuum entstehen. Die Aufständischen waren sich ihres Sieges gewiss, wussten oftmals aber nicht, wie sie ihre augenblicklichen Chancen politisch umzusetzen hätten und waren auf das massive Eingreifen der sowjetischen Armee nicht vorbereitet. Eine solche Vorbereitung hätte ihnen auch nichts genützt, verfügten sie doch weder über Waffen noch andere wirksame Gegenmaßnahmen. Als die sowjetischen Einheiten in die Städte und Dörfer einmarschierten, kam hinzu, dass deren Auftreten allgemein nicht sofort den Schluss zuließ, dass diese mit allen ihnen zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln den Aufstand niederschlagen würden. Die Soldaten waren verunsichert, die Offiziere nicht auf Polizeieinsätze vorbereitet und die Einsatzleiter bemühten sich zunächst, die Menge mit Aufrufen zu zerstreuen. Erst als das nichts half, griff die Armee zu militärischen Mitteln. Zumeist erfolgten diese Einsätze behutsam und waren nicht von übermäßiger Härte gekennzeichnet. Die meisten tödlichen Schussverletzungen waren die Folge von Querschlägern. Gezielte Schüsse in die Menge blieben – abgesehen zum Beispiel von Ost-Berlin – ebenso Ausnahmen wie die Panzer, die zumeist im Schritttempo fuhren – Ausnahmen bildeten hier zum Beispiel Ost-Berlin, Jena und Magdeburg. Die martialische Wucht der Armeeeinheiten und der ohrenbetäubende Lärm von Panzerketten nur acht Jahre nach Kriegsende reichten oft aus, um die geschockten Menschen auseinanderzutreiben. Viele Städte glichen tagelang Belagerungsstätten. Dennoch zog sich die Bewegung – regional verschieden – noch über Tage hin. Der Volksaufstand ist zwar am 17. und 18. Juni niedergeschlagen worden, die Protestbewegung blieb jedoch noch Tage darüber hinaus vital. In vielen Städten und Dörfern kam es erst am 18. oder 19. Juni zu Streiks, neue Betriebe gesellten sich hinzu, auch Demonstrationen und Kundgebungen entflammten immer wieder. Insgesamt zog sich der Aufstand bis zum 21. Juni hin, wobei er zwischen dem 16. und 19. Juni seinen Höhepunkt erlebte. Neben den sowjetischen Panzern trug zur Niederschlagung des Aufstands ganz wesentlich bei, dass das Ministerium für Staatssicherheit sehr schnell, noch im Laufe des 17. Juni, im Verbund mit sowjetischen Dienststellen, der Polizei und den Justizorganen dazu überging, die größte Verhaftungsaktion in der DDR-Geschichte einzuleiten. Die Massenverhaftungen blieben zwar tagelang willkürlich, aber durch zugleich gezielt vorgenommene Verhaftungen von Streikleitungen und Streikführern konnte in vielen Betrieben den Streikaktionen die Spitze abgebrochen werden. Zur Bilanz des Volksaufstands gehörten Aktionen in über 700 Städten und Gemeinden. Die sowjetische Militäradministration verhängte am 17. bzw. 18. Juni über 167 der 217 Land- und Stadtkreise den Ausnahmezustand, der am längsten in Ost-Berlin, Halle und Leipzig aufrechterhalten worden ist (bis einschließlich zum 11. Juli 1953). Zu Streiks kam es in weit über eintausend Betrieben und Genossenschaften. Die Aufständischen erstürmten über 250 öffentliche Gebäude. Darunter befanden sich fünf MfS-Kreisdienstellen (Niesky, Görlitz, Bitterfeld, Jena, Merseburg), zwei SED-Bezirksleitungen (Halle, Magdeburg), eine VP-Bezirksdirektion sowie Dutzende SED- und FDGB-Gebäude, VP-Reviere, Kreisratsämter, Gemeinderäte und andere öffentliche Gebäude. Vor über 70 Gefängnissen und anderen Haftorten versammelten sich Demonstranten mit dem Ziel, die politischen Häftlinge zu befreien. Aus zwölf Haftanstalten sind mehr als 1500 Häftlinge befreit worden, von denen fast alle wieder eingesperrt wurden, viele stellten sich, einige verhinderten Übergriffe auf das Wachpersonal, wofür eine Reihe später vorzeitig entlassen worden ist. Etwas mehr als 60 Häftlinge konnten in den Westen flüchten. Die sowjetische Besatzungsmacht zeichnete für standrechtliche Erschießungen verantwortlich, deren genaue Zahl bislang unklar ist. Bei fünf Männern lässt sich eine solche Hinrichtung zweifelsfrei belegen, bei anderen, auch namentlich bekannten Personen, ist ein solcher Quellenbeweis bislang nicht möglich.17 Die Gesamtzahl der Festgenommenen belief sich auf 13 000 bis 15 000. In den städtischen Zentren der Volkserhebung kam es prozentual zu den meisten Festnahmen, wobei allein auf Berlin ein Viertel bis ein Drittel entfiel. Neben standrechtlichen Erschießungen verhängten sowjetische Militärtribunale auch Haftstrafen, die in ostdeutschen Gefängnissen oder in sowjetischen Zwangsarbeitslagern verbüßt werden mussten. Wie viele Urteile die Sowjetischen Militärtribunale (SMT) aussprachen, ist bislang unbekannt. Die Anzahl dürfte zwischen 500 und 750 betragen haben. Die SMT verhängten höhere Strafmaße als die ostdeutschen Gerichte. Strafen zwischen drei und fünf Jahren waren die Ausnahme, acht bis zwölf Jahre die Regel und fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre nicht selten. Wenn man bedenkt, dass das System am 17. Juni am Abgrund und die Macht des Politbüros zur Disposition stand, dann ist es erstaunlich, dass die Mehrheit der Festgenommenen bis Ende Juni 1953 bereits wieder freigelassen worden ist. In den folgenden Wochen und Monaten bis Mitte 1955 kam es vor DDR-Gerichten zu etwa 1800 Urteilssprüchen. Dabei war auffällig, dass neben zwei Todesurteilen und drei lebenslänglichen Haftstrafen die Mehrheit der Urteilssprüche relativ gering ausfiel. Die beiden Todesurteile waren reine Terrorurteile, die ohne Beweislast zustande kamen. Etwa 88 Prozent aller Verurteilten waren Arbeiter. Die Verurteilungen erfolgten nach keinem erkennbaren System. Das Hauptanliegen bestand darin, »westliche Organisatoren« und »Rädelsführer« dingfest zu machen und abzustrafen. Beides gelang nicht, weil weder die »westlichen Organisatoren« noch »Rädelsführer« im engeren Sinne existiert hatten. Das SED-Politbüro beklagte drei Monate nach dem Volksaufstand, am 23. September 1953, dass es dem MfS bislang nicht gelungen sei, die »Organisatoren der Provokationen« zu entlarven. Nochmals zwei Monate darauf, am 11. November 1953, räumte der neue Chef des Staatssicherheitsdienstes, Ernst Wollweber, auf einer zentralen Dienstkonferenz ein: »[Wir müssen] feststellen, dass es uns bis jetzt noch nicht gelungen ist, nach dem Auftrag des Politbüros die Hintermänner und die Organisatoren des Putsches vom 17. Juni festzustellen.«18 Wie viele Opfer auf den Straßen zu beklagen waren, kann bis heute nicht präzise gesagt werden. Nach Auswertung der bisher bekannten Dokumente, Zeitzeugenerinnerungen und der vorhandenen Forschungsliteratur kamen zwischen dem 16. und 21. Juni 1953 etwa 40 bis 50 Aufständische ums Leben. Mehrere Tausend wurden verletzt. In einigen Ortschaften kam es zu Racheakten an SED-Mitgliedern und MfS- bzw. VP-Angehörigen. Auch die Zahl dieser Toten konnte bislang nicht exakt ermittelt werden. Sie liegt etwa bei zehn. Die deutlich höher liegenden Opferzahlen, die noch bis vor wenigen Jahren allgemein verwendet wurden und erst vor zehn Jahren revidiert worden sind, basierten auf Angaben, die Ost-Agenten dem Gehlen-Dienst übermittelt sowie Flüchtlinge im Rahmen des Bundesnotaufnahmeverfahrens gemacht hatten. Die Liste mit den höchsten Opferzahlen, die das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen intern zusammenstellte, aber ganz offenbar einigen wenigen Gewährsleuten zur öffentlichen Auswertung zur Verfügung stellte, kam am 16. Oktober 1953 auf jeweils namentlich genannte und regional zugeordnete 283 getötete Demonstranten, 137 von Protestierenden erschlagene oder gelynchte Funktionsträger, 125 standrechtlich Erschossene, 54 nach Gerichtsurteilen Hingerichtete sowie 32 während der nächtlichen Sperrstunde Erschossene, insgesamt also auf 631 Tote.19 Außerdem finden sich mehrere Notizen aus diesen Tagen von den Verfassern im Bundesministerium und beim Gehlen-Dienst darüber, dass eine unbekannte Anzahl Demonstranten nach Moskau gebracht und dort wahrscheinlich erschossen worden sei. Es könnte ein interessantes Forschungsprojekt darstellen, diese Namensliste mit Unterlagen des MfS, der VP, des Justizapparates, der SED u. a. und, sofern möglich, mit russischen Überlieferungen abzugleichen. Es ist kaum zu erwarten, dass sich die jetzt als verfestigt angegebenen Opferzahlen deutlich verändern würden. Aber ein solches Projekt könnte wissenschaftliche Aufschlüsse über die »Ostarbeit« des Gehlen-Dienstes und des erwähnten Bundesministeriums erbringen. Wenn man sich die Verlaufsgeschichte des Volksaufstandes vor Augen führt, dann kommt man nicht umhin, für jene Orte, in denen es zur Besetzung der Machtzentralen und zur Ausbildung neuer bzw. Umfunktionierung der alten Herrschaftsstrukturen in Ansätzen kam (u. a. in Görlitz, Merseburg, Bitterfeld, Halle), der Bewegung einen revolutionären Charakter zuzusprechen. Zudem herrschte in der gesamten DDR das Verlangen, einen politischen und wirtschaftlichen Paradigmenwechsel herbeizuführen, die Frage der deutschen Einheit stand ohnehin nicht auf dem Katalog der zu diskutierenden Fragen: Die Wiederherstellung der staatlichen deutschen Einheit unter den Vorzeichen der westdeutschen Demokratie wurde von einer überwältigenden Mehrheit aller Ostdeutschen am 17. Juni 1953 als banale Selbstverständlichkeit angesehen. Vom Ziel her war der Volksaufstand revolutionär. Eine neue gesellschaftliche Ordnung verbunden mit neuen Rechtsnormen, der Sprengung der Sozialstruktur, der Überwindung des kommunistischen Wirtschaftssystems und die Beseitigung der entsprechenden Eliten waren im Aufstand angelegt. Die bestehende staatliche und gesellschaftliche Ordnung stand zur Disposition. Als partiell revolutionär erwies sich ebenso die historische Situation: Die gesamte gesellschaftliche Krise war akut, kaum noch steuerbar, die Führungsgruppen in ihrer Autorität tiefgehend erschüttert, der Legitimitätszerfall rasant, zugleich eröffneten sich scheinbare revolutionäre Handlungsoptionen. Die Revolution brach jedoch in sich zusammen, bevor sie flächendeckend den alten Staat, seine Machtinstrumente zerstört und erobert hatte. Dazu trugen maßgeblich zwei Gründe bei: Erstens fehlte es der Volksbewegung an Führungspersönlichkeiten, die willens und in der Lage gewesen wären, eine Revolution zu gestalten und politisch nach der Zerstörung der alten rasch neue Herrschaftsformen zu stabilisieren. Der Aufstand dauerte zu kurz, um solche Persönlichkeiten hervorzubringen. Zweitens aber, noch wichtiger, wäre es ein historischer Trugschluss, anzunehmen, der scheinbar paralysierte alte Machtapparat wäre tatsächlich außer Gefecht gesetzt gewesen. Zwar kamen die ostdeutschen Polizeieinheiten nicht in dem politisch erwünschten Maße den ihnen zugedachten Aufgaben nach, ließen sich oft entwaffnen, verfügten über eine schlechte Ausbildung und wiesen nicht die notwendige Bewaffnung auf, aber der eigentliche Garant der SED-Diktatur war vor 1953 und nach 1953 die sowjetische Besatzungsmacht – und die kam ihrem Auftrag, die Diktatur zu stabilisieren, schnell und effektiv nach. Insofern war zwar der Volksaufstand revolutionär ausgerichtet, aber die objektive historische Situation erwies sich als nicht geeignet für eine erfolgreiche Revolution. Der Volksaufstand musste scheitern, die Revolution bereits im Keim erdrückt werden. Die objektiven Bedingungen im Sommer 1953 ließen der Bewegung nicht den Hauch einer Chance. Das Scheitern war vorprogrammiert: die internationalen Rahmenbedingungen und der Machtwille der Sowjets trugen dazu ebenso bei wie das letztlich unorganisierte, spontane, unkoordinierte, führerlose und konzeptfreie Agieren der Volksbewegung. Das Ziel der Bewegung war eindeutig, der Weg dahin aber nur skizziert und die internationalen Rahmenbedingungen nicht einmal ansatzweise berücksichtigt. Probleme und Kontroversen Die Geschichte des »17. Juni« stellt eine fast sechzigjährige Interpretations- und Umdeutungsgeschichte dar. Während in der DDR die offizielle Sicht auf den »17. Juni« nahezu ungebrochen blieb und lediglich in den Achtzigerjahren häufiger vom »konterrevolutionären Putschversuch« statt vom »faschistischen Putsch« gesprochen wurde, unterlag der »17. Juni« in der Bundesrepublik mehrfachen politischen Umdeutungen.20 In der Bundesrepublik ist der 17. Juni noch 1953 zum gesetzlichen Feiertag erhoben worden. Am 11. Juni 1963 proklamierte Bundespräsident Heinrich Lübke den 17. Juni zum »Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes«. Seit Mitte der Sechzigerjahre ist immer wieder darüber debattiert worden, den Feiertag abzuschaffen. Trotz erheblicher Widerstände konnten sich parteienübergreifend aber immer jene durchsetzen, die am 17. Juni als »Tag der deutschen Einheit« festhielten und der Opfer feierlich und öffentlich gedenken wollten. 1983 weigerte sich zwar die im selben Jahr erstmals in den Bundestag eingezogene Fraktion »Die Grünen«, an der Feierstunde im höchsten deutschen Parlament teilzunehmen, aber auch diese Weigerung blieb nur eine Episode in der Parlamentsgeschichte. Gleichwohl war unübersehbar, dass die Akzeptanz dieses Feier- und Gedenktages in der bundesdeutschen Öffentlichkeit verstärkt abnahm. Die öffentlichen Veranstaltungen, anlässlich derer in den Fünfzigerjahren noch Millionen zusammenkamen, sind ab den späten Sechzigerjahren nur noch von einigen Zehntausenden Bundesbürgern besucht worden, in den Achtzigerjahren waren Veranstaltungen mit einigen Dutzend Personen längst keine Seltenheit mehr. Der staatliche Feiertag am 17. Juni war nur noch eine sozialpolitische Errungenschaft.21 Bereits Anfang der Sechzigerjahre hatte ein Publizist kommentiert: »Der 17. Juni 1953 stieß in Westdeutschland auf Hilflosigkeit und Verwirrung. Der Aufstand brach völlig überraschend aus, er war im westdeutschen Denken nicht vorgesehen und wurde deswegen von ihm auch nicht bewältigt. Noch heute steht die Bundesrepublik diesem Tage mit ungewöhnlicher Verlegenheit gegenüber. Eine Gesellschaft, die aus verständlichen Gründen zutiefst antirevolutionär ist, hat den Tag einer Revolution zum ›Nationalen Feiertag‹ erklärt und damit mythisiert.«22 Und das galt in den Siebzigerjahren sowohl für diejenigen, die den Tag politisch überschwänglich feierten, als auch für jene, die ihn ebenso als politisches Theater ablehnten und erst recht für die Dritten, die ihn bewusst beschwiegen. Von diesen politischen, durch internationale und deutsch-deutsche Rahmenbedingungen beeinflussten Entwicklungen blieb auch die wissenschaftliche Deutung des »17. Juni« nicht unberührt. Waren sich in den Fünfzigerjahren Zeitzeugen und Kommentatoren einig, am 17. Juni einen Volksaufstand oder eine misslungene Revolution erlebt zu haben,23 so wurde nach dem Mauerbau – im Zeichen einer veränderten Deutschlandpolitik – der »17. Juni« zunehmend auf einen »Arbeiteraufstand« reduziert.24 Als maßgeblich für diese Interpretation erwies sich die Deutung von Arnulf Baring, der seine Schlussfolgerungen in den verschiedenen Auflagen seines Buches jeweils dem herrschenden deutschlandpolitischen Mainstream anpasste.25 Hinzu kam der Umstand, dass insgesamt die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte in der Bundesrepublik kein bevorzugtes Geschäft von Historikerinnen und Historikern darstellte. Im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen und den wissenschaftstheoretischen Debatten gerieten die DDR-Bilder von Teilen der bundesdeutschen Forschung und der Öffentlichkeit in eine Schieflage. Dem postnationalen Selbstverständnis vieler Gruppen der bundesdeutschen Eliten entsprechend erschien die DDR als ein ebenso legitimes Völkerrechtsobjekt wie die Bundesrepublik selbst. Diese Entwicklung hing damit zusammen, dass sich die DDR-Forschung in der alten Bundesrepublik durch eine signifikante Politiknähe auszeichnete, war sie doch als politikberatendes Instrumentarium institutionalisiert worden. Das hatte zur Konsequenz, dass in den Siebziger- und Achtzigerjahren bestimmte Fragestellungen kaum noch aufgeworfen worden sind, zum Beispiel solche nach Opposition, Widerstand und Repression, wozu auch der »17. Juni« zählte.26 Wer heute nach Forschungsergebnissen über DDR-Opposition, Widerstand und Repression bis 1989 fragt, wird auf die Werke von Journalisten und Publizisten stoßen, ganz selten aber auf Studien von Akademikern aus traditionellen Forschungsstrukturen.27 Mit dem Fall der Mauer und der Öffnung der DDR-Archive veränderte sich die Situation grundlegend – der »17. Juni« wurde nicht nur zu einem der ersten Forschungsschwerpunkte der sich neu formierenden historischen DDR-Forschung, er blieb es auch über zehn Jahre lang bis zum Jubiläumsjahr 2003. Dabei kristallisierten sich rasch Forschungskontroversen heraus, die im Prinzip bis heute bestehen blieben, ohne allerdings ihre anfängliche öffentliche Relevanz beizubehalten. Aus den zunächst mit der in den Neunzigerjahren üblichen öffentlichen Schärfe und Hitzigkeit ausgetragenen Auseinandersetzungen, bei denen es letztlich nach dem Sturz der SED-Diktatur auch um öffentliche und wissenschaftliche Deutungshoheiten und geschichtspolitische Ziele ging, sind seit Ende der Neunzigerjahre ganz normale wissenschaftliche Dispute geworden, die im Kern nur noch die damit befassten Forscherinnen und Forscher beschäftigen.28 Die unmittelbaren Ursachen des »17. Juni« gelten mittlerweile als gut erforscht. Im Allgemeinen wird als Ausgangspunkt die 2. SED-Parteikonferenz angesehen. Sie produzierte ein Ursachenbündel, das sich u. a. mit Schlagworten wie Militarisierung, Kollektivierung der Landwirtschaft, Vernichtungskampf gegen bürgerliche Mittelschichten, politische Strafjustiz, Kirchenkampf, Industriereform und Absenkung des Lebensniveaus umschreiben lässt. Dieses Ursachenbündel war eine Voraussetzung für die Erhebung ebenso wie für die Einführung des »Neuen Kurses« mit den ungewollten Mobilisierungseffekten. In der Forschung spielte es bislang in den Debatten kaum eine Rolle, dass an wenigen Tagen Menschen aufbegehrten, die zumeist weder vor dem Ereignis noch danach einen »außergewöhnlichen« Biografieverlauf aufwiesen. Wo kamen die Akteure her, wie verlief ihr weiterer Entwicklungsweg? Inwiefern beeinflusste ein einziger Tag den gesamten Biografieverlauf? Biografien über Akteure des »17. Juni« gibt es bislang nur wenige. Wie kam es, dass an diesem einen Tag bzw. an diesen wenigen Tagen, die Akteure innerhalb ihrer Betriebe genau und schnell wussten, wie Streiks und Proteste zu organisieren sind? Dieser Befund zielt auf die Frage, ob in Zukunft nicht viel stärker zu untersuchen sein wird, inwiefern alte sozialdemokratische Traditionen revitalisiert worden sind, welche Rolle wie auch immer gelagerte Erfahrungen aus der organisierten Arbeiterbewegung spielten und inwiefern die nur wenige Jahre zuvor durch die SED zerstörten Betriebsräte und die daraus resultierenden Erfahrungen der Arbeiter im Ereignis »17. Juni« reaktiviert werden konnten. Wenn man auch historisch konzediert, dass am »17. Juni« sämtliche soziale Gruppen der Gesellschaft aktiv beteiligt gewesen sind, so kommt man dennoch nicht umhin, festzuhalten, dass insbesondere in den Städten den Aufstand fast immer Arbeiter auslösten. Dabei fällt wiederum auf, dass erstens diese Arbeiter fast durchweg als lohnprivilegierte gegenüber anderen Arbeitern angesprochen werden können. Zweitens ist ebenfalls charakteristisch, dass Bauarbeiter vielerorts die Protagonisten des Aufstands und der Streikbewegung waren. Aber es gab auch Orte, wo die Bewegung zunächst von Industriearbeitern, zumeist hochqualifizierten Facharbeitern ausging. Es wäre zu fragen, welche spezifischen Ursachen dafür zugrunde lagen, von wem die Initialzündung ausging. Ebenfalls diskutiert werden müsste, warum anfangs die Protestbewegung am »17. Juni« von Lohnempfängern mit überdurchschnittlichem Einkommen und vergleichsweise sicheren sozialen Positionen ausging.29 Drittens wäre zu fragen, ob die Beobachtung empirisch belegbar ist, dass nicht nur Pendler eine besondere Rolle bei der regionalen Ausdehnung des Aufstands spielten, sondern in einem wesentlichen Maße auch Arbeiter, die »auf Montage« waren. D. h. in vielen Überlieferungen ist auffällig, dass solche Arbeiter Streiks und Demonstrationen auslösten, die oft mehrere Hundert Kilometer von ihrem Wohnort entfernt von Montag bis Freitag/Samstag arbeiteten. Baute sich eine Eigendynamik auf, die im direkten Zusammenhang zur getrennten Sozialsituation (Wohnort vs. Arbeitsort) mit den daraus entstehenden Implikationen (die Verantwortung etwa für die Familienbindungen und den daraus oftmals entstehenden Zurückhaltungen in Arbeitskämpfen oder bei politischen Auseinandersetzungen) stand? Viertens ist schließlich zu fragen, warum es trotz des Flächenbrandes, der über 700 Städte und Gemeinden erfasste, immerhin in fast 5000 Städten und Gemeinden vergleichsweise ruhig blieb. Es ist eine historische und wissenschaftliche Banalität, dass historische Ereignisse, und seien sie auch noch so kraftvoll, letztlich immer nur aktiv von Minderheiten getragen werden. Bei dieser Frage geht es nicht um Argumente, um eine historische Tonnenideologie stark zu machen. Interessant ist aber allemal, warum unter ähnlichen Voraussetzungen und bei Wirkung desselben Ursachenbündels dennoch Großbetriebe normal weiterarbeiteten, und warum die Kollegen sich der Streikbewegung nicht anschlossen. Es ist zu vermuten, dass entweder ähnliche Traditionen ein anderes Handlungsmuster präjudizierten oder aber, dass eventuell branchen- oder regionalspezifisch ohnehin andere Traditionen existierten, was insbesondere in den agrarisch geprägten Regionen, die dem Aufstand fernblieben, zu Buche schlagen dürfte. Schließlich ist fünftens das Bewusstsein der Arbeiter in den Blick zu nehmen. Auch dieser Komplex steht eng im Zusammenhang mit tradierten Erfahrungen und Auffassungen. Wenn Arbeiter beim Streik riefen, »wir streiken diszipliniert wie deutsche Arbeiter«, dann ist dies ein deutlicher Beleg für subjektives Traditionsbewusstsein.30 Aber genauso ist das Streikverhalten konkret zu untersuchen. Aus vielen Orten besitzen wir Berichte, die belegen, dass etwa Hochöfner sehr genau darauf achteten, dass ihre Hochöfen nicht ausgingen. Viele solcher Überlieferungen zeigen, dass eine Arbeitsmoral existierte, die nicht auf dem Fundament der Planökonomie basierte, sondern Wurzeln besaß, die weit in die Zeit vor 1933 zurückweisen. Verlässt man bei der Betrachtung des »17. Juni« die Arbeitermilieus und wendet sich anderen gesellschaftlichen Sektoren zu, wird man ähnliche Entwicklungen beobachten. Warum etwa die Intelligenz abseitsstand und erst 1956 ihre Stunde gekommen sah, scheint mittlerweile allgemein als hinreichend diskutiert angesehen zu werden.31 Gleichwohl fehlt eine Diskussion und Forschung über das Verhalten des noch existierenden Bildungsbürgertums, das von den Anmaßungen der kommunistischen Diktatur in einem besonderen Maße betroffen war. Es war programmatisch zum Aussterben verurteilt, litt besonders unter dem Kirchenkampf sowie dem Verdrängungskampf gegen bürgerliche Mittelschichten aus den Höheren Lehranstalten und konnte sich dennoch nicht dazu durchringen, am »17. Juni« aus der selbstauferlegten Passivität herauszutreten. Mag man dies zwar auch als eine tradierte Rollenzuschreibung, die diese Gruppen selbst vornahmen, interpretieren können, so erklärt das noch nicht die Frage, warum der Existenzdruck offenbar keine aktive Handlungsoption offerierte. Wie gezeigt werden konnte, könnte dafür die außergewöhnliche soziale Privilegierung der Grund sein. Da diese Privilegierung aber an politisches Verhalten gekoppelt war und zugleich ohnehin nur eine Minderheit innerhalb der Intelligenz in den Genuss solcher Privilegien kam,32 scheint die Frage nach dem Verhalten der Intelligenz im Juni 1953 noch nicht ausreichend debattiert zu sein. Ebenso ist die Frage nicht erörtert worden, inwiefern die Erfahrungen linker Remigranten mit dem Nationalsozialismus, die nun in der DDR lebten, entscheidend zu ihrer Parteinahme und ihrer »unabhängigen« Deutung des Aufstands, die oftmals der SED-Interpretation sehr nahe kam, beitrugen. Diese Gruppe ist insofern bedeutungsvoll, als ihre Wirkungsmacht weit über die engen Grenzen des kommunistischen Machtbereichs hinausging. Obwohl das Verhalten einzelner sozialer Gruppen in den vergangenen Jahren mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen war, im Rahmen derer auch die Gruppe der Bauern eingehend analysiert worden ist, existiert in der Literatur noch immer eine Kontroverse über die Frage, was die Bauern eigentlich für eine Produktionsform anstrebten. Zwar ist allgemein anerkannt, dass kaum jemand prinzipiell die Bodenreform infrage stellte. Dafür gab es weder ernsthafte Handlungsoptionen (alliiertes Recht) noch war übersehbar, dass das Prinzip der Bodenreform auf allgemeine und hohe Zustimmung stieß – insbesondere in jenen Gebieten mit einst flächenmäßig großen Agrargütern (Mecklenburg, Brandenburg, teilweise Sachsen). Allerdings bleibt umstritten, welche Eigentumsformen die Bauern anstrebten – obwohl keine echte Alternative zur Bodenreform existierte und die LPG allgemein auf Ablehnung stießen. Die von Kurt Vieweg 1956/57 kurzzeitig ins Feld geführte Form einer dualen Landwirtschaft, bestehend aus LPG und Privatwirtschaft,33 stand 1953 noch nicht zur Debatte. Das führt auch zu der immer wieder aufgeworfenen These, die Menschen auf den Straßen hätten sich zwar gegen die SED-Herrschaft ausgesprochen, aber daraus zu schlussfolgern, die Menschen hätten politische Verhältnisse wie in der Bundesrepublik Deutschland gewünscht, sei überzogen.34 Immerhin wird kaum noch angezweifelt, dass die Forderung nach »deutscher Einheit« eine der zentralen Forderungen war. Sowohl das explizite Verlangen danach als auch Forderungen wie »freie und geheime Wahlen«, »Zulassung der SPD« oder »Rücktritt der Regierung« orientierten im Kern auf die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Nur acht Jahre nach Kriegsende wäre alles andere auch ungewöhnlich gewesen. Die europäische Nachkriegsordnung und die deutsche Teilung waren in den Köpfen nicht zementiert, sie galten nicht als unabänderlich und auf Jahrzehnte unveränderbar. Nicht einmal die SED-Führung war einem solchen Glauben verfallen. Insofern war der Aufstand ein Aufstand für Freiheit und Einheit. Aber, folgt man einigen Autorinnen und Autoren, so stellt sich die Frage, welche Freiheit die Aufständischen eigentlich meinten? Diese Frage blieb von jenen, die nicht automatisch die bundesdeutschen Verhältnisse als Zielvorstellung deuten, bislang unbeantwortet. Die meisten Aufständischen schöpften aus ihren Erfahrungen und da existierten neben nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur noch das Kaiserreich sowie das Weimarer und das Bonner Modell. Adenauer galt in weiten Teilen der ostdeutschen Gesellschaft im Juni 1953 als Hoffnungsträger und Freiheitsgarant. Gerade in ländlichen Regionen, aber nicht nur dort, erwarteten immer wieder Bevölkerungsgruppen zudem den – gerüchteweise bevorstehenden – befreienden Einmarsch US-amerikanischer Truppen. Aus unzähligen Berichten wissen wir, dass an nicht wenigen Orten eine Revidierung der »Oder-Neiße-Friedensgrenze« zum festen Forderungskatalog der Aufständischen zählte. Bislang sind im Zusammenhang mit dem »17. Juni« die spezifischen Probleme der Vertriebenen und Flüchtlinge kaum thematisiert worden. Deren besondere Notsituation ist mittlerweile intensiv erforscht worden, auch die Fragen, inwiefern deren Integration in die ostdeutsche Gesellschaft gelang und welche Spezifika dabei auftraten, zählen zu den intensiv debattierten.35 Ihr spezieller Beitrag zum Aufstandsgeschehen ist bisher nicht herausgearbeitet und analysiert worden. Zwar mag man dies noch an der geteilten Stadt Görlitz historisch nachvollziehen können, zumal Görlitz und der »17. Juni« als gut erforscht gelten kann,36 aber prinzipiell ist diese heterogene, durch ein ähnliches Schicksal geschmiedete Gruppe der Vertriebenen und Flüchtlinge, die in der DDR offiziell nicht mehr existierten und über kein Sprachrohr verfügten, bezogen auf den »17. Juni« nicht untersucht worden. Dies erschiene vielversprechend, da die Größe dieser Gruppe, ihre regionale Verteilung über die gesamte DDR mit Schwerpunktregionen sowie die unterschiedlichen Integrationsmuster einen vergleichenden Blick auf den Aufstand zuließen, der diesen aus einer völlig anderen Perspektive konturieren könnte. Zwar verfügen wir mittlerweile über viele regionale Verlaufsgeschichten, aber kaum über komparatistisch angelegte Analysen. Das trifft noch mehr für vergleichend angelegte Untersuchungen über die Einführung und die Folgen des »Neuen Kurses« im gesamten Ostblock zu.37 Warum, zum Beispiel, war die Verkündung des »Neuen Kurses« in der DDR der Anlass für den Ausbruch des Aufstands, während in Polen (und auch Ungarn und Bulgarien), wo die sozialen Missstände und die politischen Verhältnisse die Menschen fast noch mehr bedrängten, ein solcher Aufstand zunächst ausblieb? Und dies vor dem Hintergrund, dass die Polen historisch gesehen weitaus schneller und energischer aufbegehrten als etwa die Deutschen. Später (1956, 1970, 1980/81) bestätigten sie ihren Ruf, aber im Krisenjahr 1953 schienen sie zunächst wie befriedet. Solche vergleichenden Fragestellungen führen überhaupt zum Problem der internationalen Politik im Jahr 1953. Das bleibt an dieser Stelle aber unberücksichtigt.38 Die sowjetische Deutschlandpolitik wird auch kommende Forschergenerationen weiter bewegen. Bislang scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass für die Verkündung des »Neuen Kurses« in Moskau keine deutschlandpolitischen Differenzen innerhalb der Machtflügel und -kämpfe nach Stalins Tod ausschlaggebend gewesen waren. Diese Differenzen wurden erst wieder als Vorwand bedeutungsvoll, als nach der Niederschlagung des Aufstands eine innerparteiliche Säuberungs- und Disziplinierungswelle in der SED in Gang gesetzt worden war und Ulbricht zur Stabilisierung seiner Macht MfS-Minister Zaisser und ND-Chefredakteur Herrnstadt als angebliche Anhänger Berijas und innerparteiliche Machtkonkurrenten ausschaltete. Dies war zugleich der Ausgangspunkt, um die gesamte Partei disziplinieren zu können. Insbesondere bei den Fragen, die sich mit den Vorgängen in Moskau ergeben, stellt sich noch immer ein signifikantes Quellenproblem. Viele Akten in russischen Archiven sind nach wie vor für Forscher nicht oder auch nicht mehr zugänglich. Ungeachtet der Frage, wie der »17. Juni« bezeichnet wird – als Arbeitererhebung, Volksaufstand oder gescheiterte Revolution –, erwies es sich bereits 1953 als theoretisch in vielerlei Hinsicht bedeutungsvoll, dass in den westlichen Theorien und der westlichen Politikpraxis »Revolutionen« gegen die kommunistische Herrschaft nicht vorgesehen waren. Sebastian Haffner erkannte dies bereits unmittelbar nach den Ereignissen. Im Observer schrieb er am 21. Juni 1953: »Ein totalitäres Regime, fast vier Jahre lang im vollen Besitz aller Mittel, die eine moderne Diktatur braucht, war binnen nicht einmal zwölf Stunden zu vollkommener Machtlosigkeit verdammt und gezwungen, hinter Panzern einer fremden Armee Schutz zu suchen. Und so weit ist es nicht etwa durch eine innere Spaltung oder eine bewaffnete Verschwörung in seiner Mitte gekommen, sondern durch einen spontanen Volksaufstand im klassisch revolutionären Stil von 1789 oder 1848. Es geschah genau das, von dem wir behauptet hatten, es sei unter den Bedingungen der modernen totalitären Gewaltherrschaft nicht möglich.«39 Die Analyse der kommunistischen Herrschaft war von dem Erlebnis geprägt, wie die nationalsozialistische Diktatur von außen zerstört worden ist. Das beförderte eine prinzipielle Skepsis gegenüber der »Revolutionsmöglichkeit« im sowjetischen Machtbereich, wenn auch die Ungarische Revolution 1956 allgemein als solche bezeichnet worden ist. Aber das hing weniger mit einer wissenschaftlichen Analyseleistung zusammen, sondern war stärker dem Umstand geschuldet, dass die Selbstbezeichnung der Ungarn respektvoll übernommen worden ist. In der DDR existierte diese Selbstkennzeichnung auch, wurde aber nicht wirkungsmächtig. Nimmt man das historische Ereignis ernst und macht es zum Gegenstand der Historiografie, wird man sich nur schwerlich vergleichenden Perspektiven entziehen können. Insbesondere die historische Ausgangssituation sowie die Verlaufsgeschichten bis zum Einsatz der Panzer, also bis zur Niederschlagung des Aufstands, offenbaren die meisten Charakteristika idealtypischer Revolutionen, wie sie mit Blick auf 1789, 1848 oder 1917/19 konstruiert worden sind.40 Bei der Verwendung des Revolutionsbegriffs ist zu beachten, dass diese nie einhellig erfolgte. Die Suche nach dem Konsens ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft. Zugleich ist festzuhalten, dass sich uns heute wie selbstverständlich erscheinende Kennzeichnungen fast immer in einem langwierigen Deutungs- und Interpretationsprozess erst durchsetzen mussten.41 Das setzte sowohl historische Detailarbeit voraus wie auch einen wissenschaftsinternen und gesellschaftlichen Resonanzboden, der einerseits das Ereignis zum Gegenstand und der andererseits den Gegenstand zum Erinnerungsort werden ließ. Beides ist in Bezug auf den »17. Juni« noch nicht hinreichend und vor allem dauerhaft verankert erfolgt. Ist dies aber geschehen, so ist zu vermuten, wird die Revolution vom Juni 1953 weniger von ihrem Scheitern her als vielmehr von ihren Absichten, Ausgangsbedingungen und Formen her beurteilt werden. Das schließt ein, die Revolution näher zu bezeichnen als »gescheiterte«, »chancenlose« oder wie auch immer. Der Gegenstand bleibt eine Revolution.42 Erinnerungskultur und 17. Juni 1953 In den osteuropäischen kommunistischen Staaten gehörte die Wiederaneignung der eigenen Geschichte zu den Ausgangspunkten der systemstürzenden Reformen und Revolutionen von 1989.43 In der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland war es genau umgekehrt. Erst in dem Maße, in dem das System verschwand und sich deutlich herauskristallisierte, dass der Systemumbruch in Deutschland durch die Wiedervereinigung einen von den ost- und ostmitteleuropäischen Entwicklungen gänzlich verschiedenen Weg einschlagen würde, erwies sich die Berufung auf die Vergangenheit als politikbeeinflussend. Der »17. Juni« nahm dabei eine Sonderrolle ein. Wer seine politische und historische Rehabilitierung erwartet hatte, sah sich getäuscht. Er hatte nicht nur überhaupt keine Bedeutung, er verlor auch noch die, die er bis dahin formal in der Bundesrepublik besessen hatte. »Der Tag der deutschen Einheit« ist 1990 vom 17. Juni – er ist in diesem Jahr letztmalig als gesetzlicher Feiertag begangen worden – auf den 3. Oktober, den Tag des Vollzugs der deutschen Wiedervereinigung, verlegt worden.44 Aus der DDR bzw. den neuen Bundesländern gab es dagegen keine Proteste. Statt jenes Tages zu gedenken, an dem eine Volksbewegung für die Überwindung der Diktatur, für die Herstellung demokratischer Verhältnisse in der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands auf demokratischer Grundlage eintrat, feiern wir seit 1990 den »Tag der Einheit« an jenem mehr oder minder zufällig ausgewählten Tag, an dem Politiker die staatliche Einheit vollzogen. Nicht am Tag der ersten großen Massendemonstration in Leipzig (9. Oktober), nicht am Tag des Mauerfalls (9. November), nicht am Tag der ersten freien Wahlen in der DDR (18. März) und nicht am Tag einer der größten deutschen Demokratiebewegungen, am 17. Juni, gedenkt Deutschland seiner in Freiheit wiedererlangten Einheit, sondern an jenem Tag, an dem in guter alter Tradition »große Männer Geschichte machten«. Das wirft einen Schatten auf ein verbreitetes, auf den Staat orientiertes Geschichtsverständnis. Der 3. Oktober steht für staatliches Handeln, jeder andere genannte Tag für gesellschaftliches, das den »3. Oktober« überhaupt erst möglich machte. Die Geschichte der Macht wird häufig genug mit Geschichte überhaupt verwechselt. In den letzten Jahren ist eine Reihe aus politikhistorischer Sicht vollkommen zu Recht vielgelobter Bücher erschienen, in denen angesehene Vertreter ihres Faches den Deutschen ihren historischen Standort zuzuweisen suchen. »Vom langen Weg nach Westen« ist da ebenso programmatisch zu lesen wie die »Geschichte des geteilten Deutschland« unter der Serienüberschrift »Die Deutschen und ihre Nation« rubriziert wird. Und was geschieht in diesen »nationalen Meistererzählungen« ausgerechnet mit der demokratischen Volksbewegung für Freiheit und Einheit im Jahr 1953? Sie wird nicht nur marginalisiert und außerordentlich verknappt, sondern auch noch weitgehend auf die Machtfrage im herrschenden Apparat reduziert.45 In der »Deutschen Gesellschaftsgeschichte« wird zwar irgendwie versucht, den Vorgang gesellschaftshistorisch einzufangen, aber der Autor ist so offenkundig lustlos allem gegenüber, was mit der SED-Diktatur zusammenhängt, dass seine knappen Ausführungen weder in sich stringent sind noch wenigstens faktisch immer stimmen. Aber wie gewohnt kommt eine lange Fußnote, die aufführt, was Eingang in den Zettelkasten fand.46 Besonders erstaunlich ist, dass die Frage, ob der Aufstand und seine Niederschlagung 1953 nicht entscheidend zum Legitimitätsgewinn der jungen Bundesrepublik beitrugen und so der »17. Juni« ganz nebenbei dazu führte, die Demokratie in der bundesdeutschen Gesellschaft fest zu verankern, meist nicht einmal thematisiert wird.47 Dieser Befund verweist darauf, dass der »17. Juni« in der historischen Forschung, Lehre und Publizistik auch über zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung und zehn Jahre nach dem Erinnerungsboom von 2003 nicht einmal annähernd jenen historischen und gesellschaftlichen Platz errungen hat, der ihm zustünde. Der Volksaufstand zählt zu den wenigen revolutionären Massenbewegungen in der deutschen Geschichte, die – die Mainzer Republik einmal außen vor gelassen – von 1848 über 1918/19 bis 1989 reichen. Das waren Ereignisse mit ganz unterschiedlichen Zielen, Formen und Erfolgen. Das Jahr 1953 reiht sich in diese Aufzählung ein. Es unterscheidet sich von seinen Vorgängerereignissen dadurch, dass es mit dem Jahr 1989 eine unverhoffte Vollendung fand. Es geht dabei nicht einmal so sehr vordergründig um einen historischen Vergleich zwischen den einzelnen Revolutionen, auch zwischen 1953 und 1989 überwiegen die Unterschiede als dass Gemeinsamkeiten bestimmend gewesen wären.48 Aber beide Ereignisse spielten sich im selben System unter sehr ähnlichen Rahmenbedingungen ab; auch die prinzipiellen Ziele ähnelten einander. Der nationale Aufbruchversuch 1953 aber scheiterte, weil die sowjetische Armee ihrer selbstauferlegten Verpflichtung, der DDR ihren Bestand zu garantieren, kompromisslos nachkam. 1989 dagegen spielten nationale Überlegungen bis zum Fall der Mauer am 9. November öffentlich aus guten Gründen fast keine Rolle. Da aber die Sowjetunion ihr bröckelndes Imperium in Europa nicht mehr zusammenhalten konnte, transformierte sich die Demokratiebewegung wie von selbst in einen nationalen Aufbruch. Erst in diesem Moment, so könnte man idealtypisch formulieren, trafen sich auf den Straßen die Akteure von 1989 und 1953. Dabei ist ebenso idealtypisch festzuhalten, dass »die 1989er« ihre Vorgänger, »die 1953er«, nicht erkannten, weil sie über deren Existenz überwiegend nichts wussten. Umgekehrt sahen viele 1953er in den 1989ern keine wirklichen Gesinnungsgenossen. Die gegenseitige Annäherung dauerte nach der Revolution von 1989 über ein Jahrzehnt – aber auch nach 2003 dominierten in der öffentlichen Wahrnehmung die erfolgreichen Revolutionäre von 1989, was nicht selten Verdruss bei den insgesamt weitaus mehr Risiken und Opfer erbracht habenden, gescheiterten Revolutionären von 1953 aufkommen ließ. Verständlich ist das allemal. Als problematisch erweist sich die angedeutete Einordnung des »17. Juni« in die deutsche Geschichte aber auch deshalb, weil sie als bloßer Teil der DDR-Geschichte wahrgenommen wird und die DDR immer noch, trotz programmatisch anderslautender Bekundungen, weitgehend als Separatum behandelt wird. Es ist keine Ausnahme, wenn westdeutsch-sozialisierte Historikerinnen und Historiker die DDR-Geschichte als einen Gegenstand betrachten, der den Ostdeutschen gehört. Die sollen sich gefälligst daran abarbeiten. Jüngst haben neuerlich zwei einflussreiche Zeithistoriker, Norbert Frei und Ulrich Herbert, erklärt, die DDR-Geschichte sei abgearbeitet, die Archivalien aus der DDR seien »langweilig« und überhaupt – ganz im Sinne von Wehlers Gesellschaftsgeschichte –, »die Langeweile ist Teil des Forschungsproblems« über die SED-Diktatur.49 Muss erwähnt werden, dass die beiden zeithistorischen Spitzenforscher von DDR, SED und deren Akten keine Ahnung haben? Ist es überhaupt erwähnenswert, dass die Redaktion der Süddeutschen Zeitung und die Autorin Franziska Augstein es nicht einmal für Wert befanden, auf Angebote zu reagieren, diesen ganzen neuartigen »Spaltertendenzen« in ihren Zeitungsspalten mit Gegenargumenten zu begegnen? Ja, denn das gehört alles exemplarisch dazu, wenn es um die Frage geht, warum es so schwer ist, nachhaltige Schritte auf dem Weg hin zu einer integrativen, gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte in der Teilung zu beschreiten. Wenn aber nicht einmal Profis bereit sind, die gesamte deutsche Nachkriegsgeschichte integrativ als Geschichte zweier Staaten und verschiedener Gesellschaften zu begreifen und sie so zu beschreiben und zu analysieren, dann wundert es nicht, dass westseits der Elbe im allgemeinen historischen Bewusstsein die Geschichte der DDR vielleicht den Stellenwert der neueren Geschichte Portugals, Nicaraguas oder Chiles hat. Aber selbst das ist noch zu bezweifeln, da man wenigstens in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren gegen Diktatur und Menschenrechtsverletzungen in diesen Ländern die Stimme erhoben hat und deshalb sehr genaue persönliche Erinnerungen und Erfahrungen pflegen kann. Die Diktatur vor der eigenen Haustür, fast im eigenen Stall dagegen ist nicht einmal mehr als solche wahrgenommen worden. Es scheint durchaus angemessen, eine Kontinuität in der Wahrnehmung zu vermuten, wobei diese aktuellen Abwehrreflexen geschuldet ist, die mehr über die eigene Sozialisation und Reflexion aussagen, als über die wirklichen Gründe, die zum Ausblenden der DDR-Vergangenheit führen. Es scheint nach diesem Befund unangemessen und dennoch bleibt es eine dringliche Aufgabe, die DDR-Geschichte so in die gesamte deutsche Geschichte zu integrieren, dass sie unabhängig von Geburtsort und Geburtsjahr Eingang ins historische Gedächtnis und in die historische Erinnerung findet. Mag dies noch einleuchten, erweist sich der Platz des »17. Juni« in der europäischen Geschichte als noch problematischer. Dafür gibt es wiederum einen plausiblen Grund: Wenn man einmal davon absieht, dass der »17. Juni« ein beliebtes wissenschaftlich-historisches Thema für Fragen der internationalen Beziehungen darstellt, so ist zu konstatieren, dass über eine Einordnung des Volksaufstandes in die europäische Geschichte bislang überhaupt noch keine Debatte geführt worden ist. Die ständige Aktualität der Französischen Revolution in den politischen und intellektuellen Debatten Frankreichs verblüfft manchen Beobachter. Ebenso erstaunt schaut man immer wieder auf die Geschichtsvergessenheit in vielen europäischen Gesellschaften. Und doch werden die meisten immer wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Deutschland wird in dieser europäischen Perspektive als Sonderfall behandelt. Die nationalsozialistische Herrschaft dominiert die Behandlung deutscher Geschichte, die bundesdeutsche Geschichte erscheint als Glücksfall und Erfolgsmoment. Die DDR spielt allenfalls als »16. Sowjetrepublik« eine Rolle. Der Volksaufstand von 1953 aber scheint weder ein deutsches noch ein europäisches, nicht einmal ein osteuropäisches Ereignis gewesen zu sein. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass selbst in den kommunistischen Staaten Ost- und Ostmitteleuropas, in den dortigen Widerstands- und Oppositionsbewegungen, die Vorgänge in der DDR kaum beachtet und noch weniger rezipiert worden sind. Die DDR galt zu sehr als Sonderfall. Aber so wie der »17. Juni« in die Reihe der deutschen Revolutionen und Demokratiebewegungen gehört, so zählt er auch zu den osteuropäischen Freiheitsbewegungen nach 1945, die eben 1953 in der ČSSR, der DDR und dann im sowjetischen Workuta begannen, sich über Schlaglichter wie 1956, 1968, 1970, 1980/81 fortsetzten und schließlich 1989/91 ihre Erfüllung fanden. Nach dem Fall der meisten kommunistischen Staaten in Europa sowie dem Ende des Apartheidregimes in Südafrika »wurden die Zeichen«, wie der französische Historiker Pierre Nora beobachtete, »einer wirklichen Globalisierung des Gedächtnisses gesetzt«.50 Es bildeten sich unterschiedliche, aber durchaus vergleichbare Formen der Vergangenheitsbewältigung heraus.51 Charakteristisch ist nicht nur, dass sich »der Gebrauch« von Vergangenheit intensiviert hat. Zugleich ist zu konstatieren, »dass dem Historiker das Monopol genommen wird, das er traditionsgemäß auf die Interpretation der Vergangenheit besaß«.52 Er produziert längst nicht mehr allein Vergangenheit. So wie man zunächst von der »Beschleunigung der Geschichte« sprach, setzte in den letzten beiden Jahrzehnten zudem eine »Demokratisierung« der Geschichte ein. Geschichte existiert sowohl als Wissenschaft als auch als Gedächtnis.53 Beides lässt sich idealtypisch voneinander trennen. In der kulturellen und politischen Praxis aber scheint diese Trennlinie weniger konturiert zu sein, insbesondere dann nicht, wenn Historiker außerhalb ihrer engen Fachgrenzen agieren. Wann agiert ein Historiker als Wissenschaftler und wann als Bürger? Die Frage scheint banal und die Antwort darauf noch vielmehr. Nur, wie jeder Denkende weiß, ist diese Frage alles andere als banal, und die möglichen Antworten sind es noch viel weniger. Dort, wo am lautesten die klare und eindeutige Antwort ultimativ und lautstark befördert wird, ist die Trennung fast immer am wenigsten gegeben. Es ist wie mit der vermeintlichen Objektivität der Wissenschaft: Die wortgewaltigsten Vertreter dieses berauschenden Konzeptes gehören zumeist zu den skrupellosesten Verrätern der Objektivität sobald es um Stellen, Posten, institutionellen Einfluss und Pfründe geht. Die »Vergangenheitsbewältigung« war im 20. Jahrhundert stets von wissenschaftlichen und politischen Erwägungen beeinflusst. Die »ideologische Dekolonisierung« (P. Nora) des Minderheitsgedächtnisses erfolgte rapide und explosionsartig. Es bildeten sich jeweils – nach 1918, nach 1945, nach 1989 – »kollektive Gedächtnisse« heraus, die alle auf ihre Art vom wissenschaftlichen Diskurs beeinflusst und von den politischen Debatten konturiert worden sind. Historiker haben es deshalb besonders schwer mit dem Gedächtnis, weil sie trotz des Deutungsmonopolverlustes über die Vergangenheit weiterhin als Experten gefragt und notwendig sind – und so das Gedächtnis zwangsläufig beeinflussen – und zugleich im gesellschaftlichen Kontext als Bürger selbst der Gedächtniskultur mit all ihren Beschränkungen und Vorzügen unterliegen. Die geradezu dämliche und intellektuell anspruchslose Debatte um die Produkte von Guido Knopp seit über 20 Jahren sagt zwar fast nichts über dessen Aussagen und Methoden, dafür sehr viel über die sich echauffierenden Historiker, ihre gesellschaftliche Wirkungslosigkeit und wohl auch über ihren Neid gegenüber einem Kollegen, den sie nicht einmal als solchen benennen würden. Blendet man die museale Deutung aus, die eine immer größere Bedeutung erfahren wird, rückt das Spektrum der Medien und der Neuen Medien ins Blickfeld: Es kommt noch viel stärker auf das Mittel und die Form und demgegenüber weniger auf den Inhalt an. Man mag sich als Experte bei diesem Gedanken schütteln, grämen, verweigern und räuspern, aber will man etwas »durchbringen«, etwas in die medial-vernetzte Gesellschaft tragen, kommt man kaum umhin, an der Trivialisierung von Geschichte mitzuwirken.54 Voraussetzung ist, dass man die historische Wissenschaft nicht nur als Ort der fachspezifischen Erkenntnis, sondern im nächsten Schritt eben auch als gesellschaftliches Angebot für Sinnstiftung und Gegenwartspositionierung begreift oder einfach anerkennt. Das hätte keine Konsequenzen für die wissenschaftliche Arbeit, sehr wohl aber für die »Übertragung« solcher Erkenntnisse in die Gesellschaft. Hier rückt der »17. Juni« als Beispiel wieder ins Blickfeld. Wenn man zunächst seine Bedeutung für Deutschland betrachtet, so könnte man schnell mutmaßen, die Erinnerung ist im Wesentlichen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der Bundesrepublik auf breitem Niveau institutionalisiert worden, flachte dann zusehends im veränderten politischen Zeitalter ab und blieb schließlich in der Bundesrepublik ein weitgehend auf die Politik beschränktes Ritual, das gesellschaftlich die Form einer sozialpolitischen Errungenschaft besaß. In der DDR dagegen kam es zu keiner gesellschaftlichen Erinnerungsform, die über Propagandaformeln hinausreichte. Nach 1989 war »man« sich zunächst ohne Diskussion einig, der »17. Juni« bleibe bedeutungslos. Zaghafte Versuche, den »17. Juni« als Gedächtnis- und Erinnerungsort zu beleben, blieben halbherzig. Die wissenschaftlichen Forschungen über den »17. Juni« schritten schnell und erfolgreich voran. Das aber hatte kaum Rückwirkungen auf Politik und Gesellschaft. Nicht einmal die Integration in übergreifende Zusammenhänge erfolgte innerhalb der Wissenschaft. Das beste Beispiel dafür: In die dreibändige voluminöse Ausgabe über die Deutschen Erinnerungsorte (2001) fand der »17. Juni« aus nicht nachvollziehbaren Gründen keine Aufnahme. Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, ob die Bände auch nach 2003 ohne den »17. Juni« hätten so erscheinen können – es war auch 2001 ein in vielerlei Hinsicht wissenschaftlich anmutender Skandal. Fazit: Die Zukunft des 17. Juni Zu jeder Art von Erinnerung gehört die Legende. Sie ist geradezu eine unverzichtbare Basis von gesellschaftlicher Erinnerung und kollektivem Gedächtnis. Historiker zerstören nicht nur Legenden, auch um neue zu konstruieren, sie beschäftigen sich auch vorzugsweise mit Legendenbildung. Der »17. Juni« bietet dafür ein reichhaltiges, aber bislang kaum entdecktes Reservoir. Immer wieder erscheinen Bücher, in denen sich Zeitzeugen mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen im Juni 1953 zu Wort melden. Und nicht selten fällt dabei ins Auge, dass eine ganze Reihe von Beiträgen Erlebnisse als selbsterlebt und -erfahren wiedergibt, obwohl Fachleute längst belegt haben, dass diese Vorgänge nicht oder nicht so stattgefunden haben und dass sie der nachträglichen Konstruktion der SED-Machthaber entsprungen sind. Nun wäre es viel zu simpel, einfach zu behaupten, diese Zeitzeugen reproduzierten bewusst die SED-Deutung. Es ist komplizierter: Sie eigneten sich aller Wahrscheinlichkeit nach diese Propaganda so an, dass sie verinnerlicht zur eigenen Erfahrung umgedeutet worden ist. Zum Problem wird dieser Befund, wenn man ihn in die Gesellschaft überträgt. Denn es wäre naiv anzunehmen, die einstige Propaganda wirke außerhalb dieser früheren systemtreuen Kreise nicht nach. Wir kennen das aus der Post-Faschismus-Zeit ebenso wie aus der Zeit seit 1989. Heinrich August Winkler plädierte energisch dafür, die zwei deutschen Geschichtskulturen, die sich nach 1945 bis 1989 herausbildeten, ernst zu nehmen, sich mit ihnen aber nicht abzufinden. »Mit Blick auf das, was wir vom einstigen Geschichtsdeutungsmonopol der SED noch heute nachwirken sehen, sollte die Maxime gelten: Wir müssen diese Wirkungen ernstnehmen und uns mit ihnen auseinandersetzen.«55 Dem ist nicht zu widersprechen, allerdings ist etwas hinzuzufügen, was Winkler beinahe prononciert ausschließt: nämlich das die SED-Geschichtsdeutung auch im westlichen Teil der Bundesrepublik nachhaltige und ernsthafte Spuren hinterlassen hat. Wiederum ist der »17. Juni« ein Beispiel. War es wirklich nur Teil der originären politischen Kultur der Bundesrepublik, dass der »17. Juni« in den Siebziger- und Achtzigerjahren immer mehr zum Datum angeblicher »Kalter Krieger« verkam? Lag es wirklich nur an der politischen Inszenierung im Westen, dass der »17. Juni« als Gedenkort bestimmten politischen Richtungen überlassen worden ist? Oder wirkten nicht in einem weitaus höheren Maße als es die bundesdeutsche Gesellschaft wahrnehmen will Einflussfaktoren, die bewusst und – noch viel dramatischer – unbewusst, partiell, leise und nur schwer bestimmbar von den SED-Geschichtsdeutungen beeinflusst waren? Es spricht vieles dafür, insbesondere bei der Diskreditierung von »Freiheit und Einheit« als Schlagworten, die den Aufstand prägten und die zugleich den Geruch von Entspannungsfeindlichkeit trugen. Wenn man nun konstatiert, dass der »17. Juni« zu den zentralen Ereignissen in den letzten 200 Jahren deutscher Geschichte und als massenhafte Freiheitsbewegung für »Freiheit und Einheit« zu den demokratischen Glanzpunkten der deutschen Geschichte zählt, stellt sich nicht mehr nur die Frage, wie der Historiker seiner Verantwortung gerecht wird, diesen Stellenwert auch gesellschaftlich zu vermitteln und mit im deutschen Erinnerungskanon zu verankern. Es erhebt sich auch das Problem, ihn als Teil in die europäische Erinnerungskultur einzuführen. Dahin hat es der Aufstand noch immer nicht geschafft. Auch deshalb nicht, weil kaum bestimmt ist, was die »europäische Erinnerungskultur« ist. Setzt sie sich aus nationalen Bausteinen zusammen oder prägt sie Muster aus, die wiederum die nationale Erinnerungskultur strukturieren sollen, oder konstituiert sich ein gemeinsames Bild, das Europa zum historischen Fixpunkt macht? Angenommen, die letzte Überlegung scheidet von vornherein aus, bleibt für den deutschen Beitrag dennoch die Frage, was soll wie Bestandteil werden, wie kann sich vor allem etwas neben der NS-Zeit, die für die meisten nichtdeutschen Europäer zunächst bezogen auf Deutschland primär ist, behaupten? Der »17. Juni« hätte gute Chancen verankert zu werden. Und dies aus mehreren Gründen. Erstens, weil er eine revolutionäre Volksbewegung für einen demokratischen Verfassungsstaat darstellte. Zweitens, weil er vor dem Hintergrund einer Diktatur Grenzen zu überwinden beabsichtigte. Drittens, weil er in vielen Staaten vergleichbare Pendants kannte bzw. ihm viele folgten. Viertens, weil er belegt, dass es sich trotz übermächtig wirkender Erscheinungen immer und überall lohnt, die Würde des Einzelnen zu verteidigen und zu behaupten. Und fünftens, darin liegt retrospektiv seine besondere Suggestionskraft, weil er im Verbund mit anderen nationalen Erhebungen und Entwicklungen schließlich eine unverhoffte und späte Vollendung 1989/90 im gesamten kommunistischen Machtbereich Europas fand. Insofern steht »der 17. Juni« auch für das neue Europa. Und wenn dieses Erzählungen und Mythen benötigt – die es dringend benötigt –, dann gehört die gescheiterte Revolution von 1953 für Freiheit, Demokratie und Einheit dazu. Nicht zuletzt vor dem aktuellen Zustand Europas dürfte es hilfreich sein, darauf hinzuweisen, dass Krisen keine typische Erscheinung unserer Gegenwart sind. Charakteristisch war immer, sich dagegen zu wehren, sich einzusetzen, ohne zu fragen, was am Ende dabei herauskommt. In solchen Perspektiven, die die Geschichte »randvoll« machen, wird die Gegenwart vielleicht nicht besser, aber unter Umständen zukunftsträchtiger.56 1 Dem Beitrag liegt ein Vortrag zugrunde, den der Autor gleichnamig, aber erheblich gekürzt auf Einladung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 12. Juni 2012 in Berlin halten konnte. 2 Zum Forschungsstand 2004 mit allen wichtigen Neuerscheinungen, aber auch der Nennung der wichtigsten Literatur von 1953 bis 2003 siehe: Ilko-Sascha Kowalczuk: Die gescheiterte Revolution – »17. Juni 1953«: Forschungsstand, Forschungskontroversen und Forschungsperspektiven, in: Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004), S. 606–664. Später erschienen u. a. noch Bände, die in Detailstudien den aktuellen Forschungsstand markieren: Roger Engelmann/Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.): Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953, Göttingen 2005; Torsten Diedrich/Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.): Staatsgründung auf Raten? Zu den Auswirkungen des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 auf Staat, Militär und Gesellschaft der DDR, Berlin 2005. 3 Ausführlich zu diesen Vorgängen: Bernd Eisenfeld/Ilko-Sascha Kowalczuk/Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004, S. 501–588. 4 Siehe Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953 – Volksaufstand in der DDR. Ursachen – Abläufe – Folgen, Bremen 2003; ders./Armin Mitter/Stefan Wolle (Hg.): Der Tag X – 17. Juni 1953. Die »Innere Staatsgründung« der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54, Berlin 1995. 5 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Juni 1953, S. 1. 6 Einige aufschlussreiche Botschaftermeldungen und internationale Presseauswertungen sind etwa überliefert in: Bundesarchiv, B 137/1400. 7 Siehe etwa Klaus-Dieter Müller/Joachim Scherrieble/Mike Schmeitzner (Hg.): Der 17. Juni 1953 im Spiegel sowjetischer Geheimdienstdokumente, Leipzig 2008 (diese Edition basiert auf einer russischen Fachzeitschriftenedition, die 2003/04 herauskam und entsprechend zu behandeln ist, da sie nur wenige Dokumente enthält, die der KGB freigab); Christian F. Ostermann (Hg.): Uprising in East Germany 1953. The Cold War, the German Question, and the First Major Upheaval Behind the Iron Curtain, Budapest/New York 2001; Wilfriede Otto (Hg.): Die SED im Juni 1953. Interne Dokumente, Berlin 2003; Manfred Wilke/Andreas Graudin: Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004. 8 Dass dieser noch nicht entsprechend ausgeformt war, »übersah« die SED-Führung dabei, siehe Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Stasi, München 2013. 9 Für den historischen Rahmen hervorragend: Jennifer Schevardo: Vom Wert des Notwendigen. Preispolitik und Lebensstandard in der DDR der fünfziger Jahre, Stuttgart 2006. 10 Eine Auflistung sämtlicher Orte findet sich bei: Kowalczuk: 17. Juni 1953 – Volksaufstand in der DDR (Anm. 4). Seither (2003) konnten einige wenige weitere Orte eruiert werden. 11 Berlin ist historisch korrekt, da 1953 Ost- und West-Berliner trotz seit 1948/49/52 teilungsbedingter Erschwernisse mental in einer Stadt lebten. Jeder kannte Menschen im anderen Teil und Zehntausende pendelten zur Arbeit wechselseitig in die andere politische Stadthälfte. Gerade in Ost-Berlin war es ein Aufstand, der politisch Gesamtberlin und damit alle Berliner anging. Insofern ist auch die Suche nach Ost- und West-Berlinern bei den Aufständischen ein historisch zweifelhaftes Unternehmen, mit dem letztlich – meist unbewusst – immer noch der SED-Propaganda seit 1953 gehuldigt wird. Im Übrigen war es nicht nur »selbstverständlich«, dass die SED Streikbewegungen in West-Berlin, wie etwa im Mai 1953, lautstark unterstützte (und deren eigentliche Ziele »selbstverständlich verkannte«), ebenso gehörte es zum Arbeitsalltag, dass sich daran natürlich auch die Kollegen beteiligten, die in Ost-Berlin lebten, aber in West-Berlin arbeiteten. 12 Zit. in: George Bailey/Sergej A.Kondraschow/David E. Murphy: Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 218. Siehe auch Donald P. Steury (Hg.): On the Front Lines of the Cold War: Documents on the Intelligence War in Berlin, 1946 to 1961, Washington 1999, S. 233–249; sowie verschiedene Dokumente in: Ostermann (Hg.): Uprising in East Germany 1953 (Anm. 7). 13 Siehe etwa Thomas Powers: CIA. Die Geschichte, die Methoden, die Komplotte. Ein Insider-Bericht, Hamburg 1980, S. 87; Christian Ostermann: The United States, the East German Uprising of 1953, and the Limits of Rollback (= CWIHP Working Papers, Bd. 11), Washington 1994; in einem späteren Beitrag hat Ostermann diese These selbst entkräftet: ders.: Keep the Pott Simmering. The United States and the East German Uprising of 1953, in: German Studies Review 1996, H. 1, S. 61–89. 14 Die im Bundesarchiv Koblenz einsehbaren wenigen Unterlagen sprechen eine deutliche Sprache. Siehe dazu, wenn auch den Unterlagen zu sehr folgend und die Fragen, die die eingesehenen und von mir ebenfalls ausgewerteten Akten aufwerfen, nicht problematisierend: Armin Wagner/Matthias Uhl: BND contra Sowjetarmee. Westdeutsche Militärspionage in der DDR, Berlin 2007, S. 87–93. 15 Zit. in: Kowalczuk: 17. Juni 1953 – Volksaufstand in der DDR (Anm. 4), S. 117; das gesamte Dokument ist abgedruckt bei: Karl Wilhelm Fricke/Roger Engelmann: Der »Tag X« und die Staatssicherheit. 17. Juni 1953 – Reaktionen und Konsequenzen im DDR-Machtapparat, Bremen 2003, S. 269–270. 16 Dokument Nr. 23 vom 18. Juni 1953, in: Gerhard Beier: Wir wollen freie Menschen sein. Der 17. Juni 1953 – Bauleute gingen voran, Köln 1993, S. 119–121 (es handelt sich um ein britisches Geheimdienstpapier); zu Otto John siehe: Bernd Stöver: Der Fall Otto John. Neue Dokumente zu den Aussagen des deutschen Geheimdienstchefs gegenüber MfS und KGB, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (1999), H. 47, S. 103–136; ders.: Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler, München 2009, S. 164–184. 17 Siehe Edda Ahrberg/Hans-Hermann Hertle/Tobias Hollitzer/Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.): Die Toten des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953, Münster 2004. 18 Zit. in: Karl Wilhelm Fricke/Roger Engelmann: »Konzentrierte Schläge«. Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953–1956, Berlin 1998, S. 274. 19 Siehe Bundesarchiv B 137/1399, Dokument vom 16.10.1953 (18 Seiten), o. Pagn. 20 Ausführlich mit der gesamten Forschungs- und politischen Literatur: Eisenfeld/Kowalczuk/Neubert: Die verdrängte Revolution (Anm. 3). 21 Siehe Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999; Martin Krämer: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und sein politisches Echo in der Bundesrepublik Deutschland, Bochum 1996; Matthias Fritton: Die Rhetorik der Deutschlandpolitik. Eine Untersuchung deutschlandpolitischer Rhetorik der Regierungen der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung von Reden anlässlich des Gedenkens an den 17. Juni 1953, Stuttgart 1998. 22 Ernest J. Salter: Deutschland und der Sowjetkommunismus. Die Bewährung der Freiheit, München 1961, S. 148 f. 23 Das wichtigste Buch war und ist aus dieser Zeit: Stefan Brant (d.i. Klaus Harpprecht) unter Mitarbeit von Klaus Bölling: Der Aufstand. Vorgeschichte, Geschichte und Deutung des 17. Juni 1953, Stuttgart 1954. 24 Einige Ausnahmen seien erwähnt: Gunter Holzweißig: Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR, in: Peter Gosztony (Hg.): Aufstände unter dem roten Stern, Bonn 1979, S. 53–111 sowie: Ilse Spittmann/Karl Wilhelm Fricke (Hg.): 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR, 2., erw. Aufl., Köln 1988 (ursprünglich 1982), viele weitere Arbeiten von Fricke, der besonders beharrlich an den 17. Juni erinnerte, lassen sich erschließen über die Auswahlbibliografie der Schriften, in: Karl Wilhelm Fricke: Der Wahrheit verpflichtet. Texte aus fünf Jahrzehnten zur Geschichte der DDR. Zusammengestellt von Ilko-Sascha Kowalczuk im Auftrag der Stiftung Aufarbeitung und vom Deutschlandfunk, Berlin 2000, S. 609–626. 25 Siehe Arnulf Baring: Der 17. Juni 1953, Bonn/Berlin 1957; sowie: Stuttgart 1965 und 1983. Eine ausführliche Auseinandersetzung damit bei: Eisenfeld/Kowalczuk/Neubert: Die verdrängte Revolution (Anm. 3), S. 458–464, 485. 26 Prinzipiell zum Problem: Peter Steinbach: Zur Wahrnehmung von Diktaturen im 20. Jahrhundert, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 51-52/2002, S. 36–43. 27 Vor allem auf das vielschichtige Werk von Karl Wilhelm Fricke (siehe Anm. 23) ist aufmerksam zu machen, aber auch auf Veröffentlichungen etwa von Gunter Holzweißig (etwa gemeinsam mit Jürgen Rühle: 13. August 1961. Die Mauer von Berlin, 3., erw. Aufl., Köln 1988) oder Thomas Ammer (z. B. Universität zwischen Demokratie und Diktatur. Ein Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der Universität Rostock, Köln 1969). Ebenso wäre auf Arbeiten von Wolfgang Schuller zu verweisen, der als Ordinarius für Alte Geschichte in Konstanz wirkte, aber »nebenbei« zahlreiche Arbeiten zur DDR, insbesondere zum politischen Strafrecht, aber nicht nur, publizierte. Neben seiner Monografie über das politische Strafrecht in der DDR bis 1968 (1980) ist zu verweisen auf die Sammlung: Wolfgang Schuller: Das Sichere war nicht sicher. Die erwartete Wiedervereinigung, Leipzig 2006. 28 Ich selbst hätte es in den Neunzigerjahren für undenkbar gehalten, mit einem Kollegen, der vor 1990 zur SED-Geschichtswissenschaft zählte, gemeinsame Projekte zu betreiben (siehe etwa: Rainer Eckert/Ilko-Sascha Kowalczuk/Isolde Stark (Hg.): Hure oder Muse? Klio in der DDR. Dokumente und Materialien des Unabhängigen Historiker-Verbandes, Berlin 1994; Rainer Eckert/Ilko-Sascha Kowalczuk/Ulrike Poppe (Hg.): Wer schreibt die DDR-Geschichte? Ein Historikerstreit um Stellen, Strukturen, Finanzen und Deutungskompetenz, Berlin 1995). Aber auch ich beruhigte mich allmählich …, siehe etwa: Diedrich/Kowalczuk (Hg.): Staatsgründung auf Raten? (Anm. 1). 29 Siehe prinzipiell die Ausführungen zu diesem historischen Phänomen bei Jürgen Kocka: Klassengesellschaft im Krieg, 2., durchges. u. erg. Aufl., Göttingen 1978. 30 Grundlegend: Michael Kittner: Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, München 2005. 31 Siehe Ilko-Sascha Kowalczuk: Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961, Berlin 2003, S. 525–566. 32 Ebd., S. 348–380. 33 Siehe Michael F. Scholz: Bauernopfer der deutschen Frage. Der Kommunist Kurt Vieweg im Dschungel der Geheimdienste, Berlin 1997. 34 Torsten Diedrich: Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni 1953 in der DDR, München 2003, S. 143. Dieses Buch gehört zu den wichtigsten über den Volksaufstand, bemerkenswert ist auch, dass der Autor eine Reihe zahlreicher eigener Interpretationen hier revidierte (siehe noch ders.: Der 17. Juni 1953 in der DDR. Bewaffnete Gewalt gegen das Volk, Berlin 1991). 35 Siehe nur: Dierk Hoffmann/Michael Schwartz (Hg.): Geglückte Integration? Spezifika und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR, München 1999; dies./Marita Krauss (Hg.): Vertriebene in Deutschland. Interdisziplinäre Ergebnisse und Forschungsperspektiven, München 2000; Heike van Hoorn: Neue Heimat im Sozialismus. Die Umsiedlung und Integration sudetendeutscher Antifa-Umsiedler in die SBZ/DDR, Essen 2004; Michael Schwartz: Vertriebene und »Umsiedlerpolitik«. Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945–1961, München 2004; Philipp Ther: Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945–1956, Göttingen 1998. 36 Siehe insbes. Heidi Roth: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Mit einem Vorwort von Karl Wilhelm Fricke, Köln/Weimar/Wien 1999. 37 Siehe dazu einen ersten Versuch, wobei die Studien mehr nebeneinander stehen als komparatistisch angelegt sind: András B. Hegedüs/Manfred Wilke (Hg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der »Neue Kurs« – 17. Juni 1953 in der DDR, Ungarische Revolution 1956, Berlin 2000. 38 Siehe aber aus der Fülle der dazu vorliegenden Literatur etwa: Christoph Kleßmann/Bernd Stöver (Hg.): 1953 – Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa, Köln/Weimar/Wien 1999; Heiner Timmermann (Hg.): Juni 1953 in Deutschland. Der Aufstand im Fadenkreuz von Kaltem Krieg, Katastrophe und Katharsis, Münster 2003. 39 Sebastian Haffner: Die deutsche Frage. 1950–1961. Von der Wiederbewaffnung bis zum Mauerbau, Berlin 2002, S. 66. 40 Aus der klassischen Literatur siehe nur exemplarisch: Crane Brinton: Die Revolution und ihre Gesetze, Frankfurt a. M. 1959, S. 118 f. 41 Exemplarisch dafür nur aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen die enorme Vielfalt andeutend: Klaus von Beyme (Hg.): Empirische Revolutionsforschung, Opladen 1973; Peter Blickle: Die Revolution von 1525. 4., durchges. u. erw. Aufl., München 2004; Eisenfeld/Kowalczuk/Neubert: Die verdrängte Revolution (Anm. 3); François Furet: 1789 – Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1980; Dietrich Geyer (Hg.): Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991 (= GG, Sonderheft 14); Rüdiger Hachtmann: Epochenschwelle zur Moderne. Einführung in die Revolution 1848/49, Tübingen 2002; Martin Jänicke (Hg.): Politische Systemkrisen, Köln 1973; Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, 2., durchges. Aufl., München 2009; Erich Pelzer (Hg.): Revolution und Klio. Die Hauptwerke zur Französischen Revolution, Göttingen 2004; Stefan Rinke: Revolutionen in Lateinamerika. Wege in die Unabhängigkeit 1760–1830, München 2010; Eric Selbin: Gerücht und Revolution. Von der Macht des Weitererzählens, Darmstadt 2010; Hugh Seton-Watson: Die osteuropäische Revolution, München 1956; Paweł Śpiewak (Hg.): Anti-Totalitarismus. Eine polnische Debatte, Frankfurt a. M. 2003; Charles Tilly: Die europäischen Revolutionen, München 1993; Hans-Ulrich Wehler (Hg.): 200 Jahre amerikanische Revolution und moderne Revolutionsforschung, Göttingen 1976 (= GG, Sonderheft 2). 42 Die zahlreichen Publikationen, die zu Revolutionstheorien vorliegen, helfen da nur bedingt weiter. Aufschlussreich ist aber etwa: Tilly: Die europäischen Revolutionen (Anm. 40), der über 700 (!) revolutionäre Situationen zwischen 1492 und 1991 in Europa auszumachen in der Lage war (S. 346), aber den 17. Juni übersah, obwohl er sehr genau seinen aufgeführten Bedingungen für Revolutionen entsprach (S. 31–46). Die Gründe dafür aufzuzählen, käme einer Spekulation gleich, aber ins Feld zu führen ist wohl, dass erstens die neueren Forschungen zum 17. Juni etwa zeitgleich oder später mit Tillys Buch herauskamen und dass zweitens auf Englisch damals vor allem Arnulf Barings Buch vorlag: Uprising in East Germany: June 17, 1953, Ithaca, N.Y. 1972 (mit einer Einleitung des renommierten US-amerikanischen Historikers David Schoenbaum). 43 Siehe Aleksander Smolar: Vergangenheitspolitik nach 1989. Eine vergleichende Zwischenbilanz, in: Transit. Europäische Revue, (1999/2000), H. 18, S. 81–101. 44 Er ist mit Wirkung vom 23. September 1990 als Feiertag aufgehoben worden. 45 Siehe Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Zweiter Bd.: Deutsche Geschichte vom »Dritten Reich« bis zur Wiedervereinigung, München 2000, S. 156 f.; Peter Graf Kielmansegg: Nach der Katastrophe. Eine Geschichte des geteilten Deutschland (= Siedler Deutsche Geschichte, Die Deutschen und ihre Nation), Berlin 2000, S. 587–591. 46 Siehe Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Fünfter Band: Bundesrepublik und DDR 1949–1990, München 2008, S. 29–31. 47 Siehe als ein Beispiel: Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999. Mehr Bezug auf den »17. Juni« nimmt Hans-Peter Schwarz: Die Ära Adenauer. Gründerjahre der Republik 1949–1957, Stuttgart 1981, S. 187–203. 48 Neben anderen Versuchen siehe z. B. Walter Süß: Von der Ohnmacht des Volkes zur Resignation der Mächtigen. Ein Vergleich des Aufstandes 1953 mit der Revolution von 1989, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 52 (2004), H. 3, S. 441–477. Außerdem enthält folgender Band verschiedene Ansätze, die Ereignisse zu vergleichen: Henrik Bispinck u. a. (Hg.): Aufstände im Ostblock. Zur Krisengeschichte des realen Sozialismus, Berlin 2004 (der Untertitel ist unfreiwillig komisch …). 49 Franziska Augstein: Der stumme Gast. Wie schreibt man deutsche Zeitgeschichte? Die Historiker Norbert Frei und Ulrich Herbert diskutieren in München, in: Süddeutsche Zeitung vom 27. Januar 2012, S. 13. 50 Pierre Nora: Gedächtniskonjunktur, in: Transit. Europäische Revue, (2001/2002), H. 22, S. 18. Siehe auch: Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011. 51 Siehe etwa Priscilla B. Hayner: Unspeakable Truths. Facing the Challenge of Truth Commissions, New York/London 2001. 52 Nora: Gedächtniskonjunktur (Anm. 49), S. 30. 53 Siehe etwa Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999; Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1997; Pierre Nora: Nachwort, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte, Bd. III, München 2001, S. 681–686. 54 Man schaue sich in diesem Zusammenhang an, wie neue »Hochschullehrbücher« für Geschichte aussehen und aufgemacht sind. Auch diese sind der veränderten Aufnahmebereitschaft und -möglichkeit geschuldet. 55 In: Materialien der Enquete-Kommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit« (13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages). Hg. vom Deutschen Bundestag, Baden-Baden 1999, Band VIII/1, S. 92. 56 Siehe dazu nur zwei herausragende Werke: Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Mainz 2004; Geert Mak: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert, München 2005.

JHK 2013

Der Kampf gegen den Kommunismus im Norden. Die geheime Arbeit der dänischen Organisation »Die Firma«

Peer Henrik Hansen

Mehr als sieben Jahre lang wurde ein kommunistischer Abgeordneter des dänischen Parla­ments in seiner Privatwohnung mitten in Kopenhagen abgehört. Während dieser Zeit saß in den Räumen im Stockwerk unter ihm stets eine kleine Gruppe von Leuten und hörte die Ge­spräche mit, die eine Etage höher geführt wurden. Verantwortlich für diese Aktion war eine Gruppe aus Mitgliedern einer streng geheimen antikommunistischen Organisation, die den Namen the firm, »die Firma«, trug und ursprünglich aus einer Vereinbarung zwischen den Nachrichtendiensten Dänemarks und der USA hervorgegangen war. Über mehr als 15 Jahre waren die Mitglieder der Firma an verschiedenen antikommunistischen Aktivitäten beteiligt. 1963 beendete die Organisation ihre Arbeit, ohne dass die meisten Dänen überhaupt von ihrer Existenz wussten, bis der ehemalige dänische Ministerpräsident Jens Otto Krag die Abhöraktion ausplauderte. Plötzlich war die Firma in den Schlagzeilen, die Zeitungen waren Anfang 1976 voll mit Artikeln über die geheime Organisation. Basierend auf in den Vierziger- und Fünfzigerjahren entstandenen Originaldokumenten gibt dieser Artikel einen bisher einzigartigen Einblick in eine antikommunistische Organisation und ihre Aktivitäten. Die Geschichte der Firma handelt nicht nur von einer antikommunistischen Organisation. Sie ist auch die Ge­schichte einer geheimen Nachrichtenorganisation, die von dänischen und amerikanischen Nachrichtendiensten geschaffen wurde, die ein gemeinsames Ziel verband: Verfolgung, Studium und Schwächung der kommunistischen Parteien in Europa. Wenn es um nachrichtendienstliche Themen geht, neigen viele Wissenschaftler dazu, sich auf die spektakulären Details zu konzentrieren. Natürlich werden in diesem Artikel auch besonders bemerkenswerte Aktionen untersucht, aber es ist ebenso wichtig, nicht zu vergessen, dass die Firma genauso viel Routinearbeit erledigen musste, »dröge« harte Arbeit, die gemacht werden musste, um zu entscheiden, wie mit den Kommunisten zu verfahren sei. Wie ist es möglich, Zugang zur geheimen Welt der Firma zu erhalten? Im Laufe der Jahre haben einige Personen ihre Geschichte über die Firma und deren Aktivitäten erzählt. Darunter auch eine frühere Führungskraft, dank derer in den letzten dreizehn Jahren immer mehr Informationen öffentlich wurden. Daneben rückte eine umfassende Untersuchung des Inlandsgeheimdienstes der dänischen Polizei (Politiets Efterretningstjeneste, PET) und seiner Aktivitäten während des Kalten Krieges die Firma in ein neues Licht. Bislang hatte es keinen Zugang zu Archiven über die Firma gegeben, doch 2011 übergaben die Kinder von Arne Sejr, dem Leiter der Firma, die Reste seines per­sönlichen Archivs dem Museum Langelandsfort, dessen Ausstellung der Thematik des Kalten Krieges gewidmet ist. Dieses Archiv bildet gemeinsam mit dem von Niels Frommelt – ebenfalls einer der führenden Protagonisten der Firma – übergebenen Material die Grundlage für den vorliegenden Artikel.1 Startschwierigkeiten Vor der Gründung der Firma schlossen die Vertreter des dänischen militärischen Nachrichtendienstes (Forsvarets Efterretningstjeneste, FE) und dessen US-amerikanischem Pendant CIA im November 1946 eine streng geheime Vereinbarung. Etwa ein Jahr lang hatte man Verhandlungen geführt in der Hoffnung, eine Grundlage für eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Diensten zu schaffen. In der nun getroffenen Vereinbarung ging es um Operationen hinter dem Eisernen Vorhang und die Entwicklung von Fernmelde- und elektronischer Aufklärung aber auch um die Schaffung einer antikommunistischen Organisation.2 Letztendlich wurde die Firma eingesetzt, um über kommunistische Aktivitäten informiert zu sein und antikom­munistische Propaganda zu betreiben. Später wurde die Angelegenheit von der CIA übernom­men und der US-Nachrichtendienst wurde intensiv in geheimdienstliche Tätigkeiten in Däne­mark eingebunden. In der ersten Hälfte des Jahres 1947 wurden in Kopenhagen mehrere Gespräche geführt. Während des Sommers fanden Mitarbeiter des dänischen Nachrichtendienstes heraus, dass der Vertreter des amerikanischen Nachrichtendienstes in Kopenhagen, Adolf Lium, zwei dänische Veteranen der Widerstandsbewegung ausfindig gemacht und sie zu Leitern einer geheimen amerikanischen Nachrichtenorganisation ernannt hatte; zwei Dänen, die eine geheime »Untergrund«-Organisation gründen wollten. Lium hatte seinen dänischen Kollegen über diese Kontaktaufnahme informiert, aber der Chef des dänischen Nachrichtendienstes, Oberst Nordentoft, hatte dabei nicht den Eindruck gewonnen, dass die Amerikaner planten, eine eigene nachrichtendienstliche Organisation in Dänemark aufzubauen. Umso mehr waren die Dänen überrascht, als sie erfuhren, dass die Amerikaner die Zusammenarbeit mit einem jungen dänischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs namens Arne Sejr aufgenommen hatten. Zusammen mit einem anderen ehemaligen Freiheitskämpfer hatte Sejr seine Vorstellungen von einer neuen »Schläfer«-Widerstandsbewegung vorgebracht. Daraufhin wurde den Unterlagen in Arne Sejrs Privatarchiv zufolge tatsächlich Ende 1947/Anfang 1948 mit der Schaffung einer solchen Geheimorganisation begonnen. Zunächst hatte sich Sejr an die Amerikaner gewandt und um Unterstützung gebeten, dann begannen er und befreundete Veteranen, die das Projekt unterstützten, mit dem Aufbau der Organisation, die später als »die Firma« bekannt wurde. Die Aktivitäten der Firma umfassten 1. das Studium der kommunistischen Bewegungen, Ideologie und Methodik, 2. den Aufbau eines Stay-behind-Netzwerkes3 gemäß amerikanischen und britischen Erfahrungen und 3. die Einrichtung einer sogenannten Abteilung für psychologische »Verteidigung«, die den Fokus auf Kommunisten legte.4 Die Amerikaner hatten beschlossen, Sejr bei seinen Maßnahmen zur Schaffung einer geheimen »Schläfer«-Widerstandsbewegung in Friedenszeiten zu helfen und zu unterstützen. Offensichtlich hatten der dänische und der amerikanische Nachrichtendienst jedoch unterschiedliche Vorstellungen von der zwischen ihnen getroffenen Vereinbarung. Die Dänen dachten, dass sie selbst eine geheime Stay-behind-Organisation vorbereiten sollten, die im Falle eines Krieges oder einer sowjetischen Invasion aktiviert werden könnte, und waren daher sehr überrascht, als sie herausfanden, dass die Amerikaner beabsichtigten, die Organisation ohne Beteiligung ihrer dänischen Kollegen zu betreiben. Damit war die ursprüngliche Abmachung über die Schaffung einer gemeinsamen geheimen Organisation hinfällig. Um die Probleme zu lösen, wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1947 erneut Gespräche geführt. Commander P.A. Mørch und Per Winkel verlangten, dass ihnen für alle auf dänischem Boden geplanten Aktivitäten die Leitung übertragen werde: eine nicht verhandlungsfähige Forderung. Die Dänen würden niemals akzeptieren, dass die Amerikaner in Dänemark ihren eigenen Nachrichtendienst betrieben, ohne die Dänen über dessen Aktionen zu informieren. Alle US-Einsätze und -Aktivitäten in Dänemark sollten zumindest vom FE genehmigt werden. Man warnte die Amerikaner, dass außerhalb dänischer Kontrolle bzw. ohne dänische Genehmigung operierende Amerikaner und Dänen strafrechtlich verfolgt würden. Die Verhandlungen zwischen der CIA und dem FE wurden daraufhin abgebrochen, und der FE lieferte zunächst keine nachrichtendienstlichen Erkenntnisse mehr an die Amerikaner.5 »Stay-behind«-Maßnahmen Die Dänen akzeptierten schließlich, dass Arne Sejr und Erik Husfeldt, ein international anerkannter Chirurg, ehemaliger Anführer des Widerstands gegen die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges und in der frühen Phase des Kalten Krieges für verschiedene US-Nachrichtendienste tätiger Geheimagent, die Stay-behind-Organisation leiten sollten, verlangten jedoch, dass dies in enger Zusammenarbeit mit dem dänischen Nachrichtendienstler Gustav Thomsen geschehe. Viel war während der dänisch-amerikanischen Verhandlungen passiert. Im Frühjahr 1948 stand Europa infolge der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakei unter Schock: Es war das zweite Mal innerhalb von zwei Jahren, dass der Westen mit Gerüchten über eine sowjetische Offensive in Richtung Westen konfrontiert wurde. Schon im August 1946 hatte ein Mitarbeiter der US-Botschaft in Kopenhagen mit einem dänischen Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkriegs namens Frode Jakobsen Verbindung aufgenommen. Der Amerikaner wollte wissen, ob die Dänen erneut zum Kampf bereit wären, wenn die Russen kämen. Die Antwort lautete Ja!6 Jakobsen kontaktierte Erik Husfeldt, einen Kameraden aus gemeinsamer Widerstandszeit, und Generalmajor Aage Højland Christensen vom dänischen Heer, um ihnen von dieser Begegnung zu berichten. Ende der Vierzigerjahre entstanden zahlreiche private und geheime Organisationen, offensichtlich als Reaktion auf geheime kommunistische Aktivitäten.7 Als Gerüchte aufkamen, die Russen könnten Gebietsansprüche gegenüber der Türkei geltend machen und würden einen Truppenaufbau innerhalb wie außerhalb Europas betreiben, wurden führende Politiker in Washington plötzlich von einer »Kriegsangst« ergriffen.8 Trumans Berater hatten erklärt: »Wenn Länder in Mittel- und Südeuropa dem Druck nicht standhalten und gegenüber dem Kommunismus nachgeben, wird dasselbe auch in Skandinavien passieren.«9 Die Anspannung der Amerikaner war nicht nur gespielt. »Wir wissen heute, dass die Kriegsängste in den Jahren 1946 und 1948 in der Tat echt und nicht künstlich von der Regierung Truman erzeugt worden waren und dass die Sowjetunion den kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich vor den Wahlen von 1948 erhebliche Unterstützung angeboten hatte, den Angriff Nordkoreas auf Südkorea gebilligt hatte, die Chinesen davon überzeugt hatte, sich an diesem Krieg zu beteiligen, und dessen Fortsetzung gefordert hatte, noch lange nachdem beide Nationen den Konflikt zu beenden wünschten«, so das Fazit des US-Wissenschaftlers Gregory Mitrovich in seiner Untersuchung der amerikanischen Versuche, den sowjetischen Einfluss im Ostblock in den Nachkriegsjahren zu unterminieren.10 Ehemals als Verschlusssache klassifiziertes Material aus den CIA-Archiven lässt ebenfalls die echte Sorge der USA hinsichtlich der sowjetischen Absichten im Frühjahr 1948 erkennen.11 Bald gingen Gerüchte bezüglich einer Großoffensive der sowjetischen Roten Armee um, sodass die Kontakte zwischen US-amerikanischen und dänischen Nachrichtenkreisen während der ersten Sommermonate wieder aufgenommen wurden. Im Mai kam es zu einem Treffen, bei dem die von den Amerikanern unterstützte Stay-behind-Organisation erörtert wurde. Mitarbeiter des dänischen Nachrichtendienstes kritisierten die ausgewählten Leiter der US-Organisation. Erik Husfeldt und Arne Sejr waren beide während des Zweiten Weltkriegs im dänischen Widerstand aktiv gewesen, gehörten jedoch nicht zu den »Professionellen«, wie der FE betonte. Die Amerikaner würden nicht die Geeignetsten für die Organisation bekommen.12 Dennoch akzeptierten die Dänen die amerikanische Entscheidung zunächst. Jahrelang herrschte die Ansicht, die Firma operiere eigenständig, mit einigen verdeckten Kontakten zu Personen des etablierten Systems. Durch den Zugriff auf das Archiv von Arne Sejr müssen diese bisherigen Kenntnisse über die »offiziellen« Aktivitäten der Firma revidiert werden. Ein kleines aber wichtiges Puzzleteil zur Entwicklung einer neuen These über die Firma und ihren Status im etablierten System, ist der Dienstausweis ihres Leiters, Arne Sejr. Am 20. Dezember 1948 erhielt er einen Ausweis vom dänischen militärischen Nachrichtendienst, unterzeichnet von dessen Leiter Per Winkel als Bestätigung der Tätigkeit Sejrs für den Nachrichtendienst und mit der Bitte an jegliche Behörden oder Privatpersonen, ihn bei der Erfüllung seiner Pflichten zu unterstützen.13 Laut Arne Sejr begann der Aufbau der Geheimorganisation und des Stay-behind-Netzwerkes Ende 1947/Anfang 1948. Die Firma wurde beauftragt, die Schaffung einer Stay-behind-Organisation fortzusetzen und dabei den Schwerpunkt auf die Gewinnung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, Propagandamaßnahmen, Steuerhinterziehung und -flucht sowie Sabotage zu legen. Die Schaffung einer Stay-behind-Organisation erforderte umfangreiche Vorbereitungen. Landezonen mussten ausgewiesen, Flucht- und Ausweichrouten festgelegt und Codes erstellt werden. Die Firma bereitete auch einen Informationsdienst vor, damit die Dänen während einer sowjetischen Besetzung illegale Nachrichten empfangen könnten.14 Von 1948 bis 1951 war die Organisation auch damit beschäftigt, ausgewählte Mitarbeiter für diese neuartige Aufgabe im Fall einer sowjetischen Invasion in Dänemark auszubilden. Im Herbst 1951 traf der FE mit der CIA und dem britischen Geheimdienst MI-6 schließlich eine trilaterale Vereinbarung über nachrichtendienstliche Aktivitäten. Es wurde festgelegt, dass die Amerikaner keine eigene nachrichtendienstliche Organisation in Dänemark betreiben durften. Stattdessen sollten sie die Finanzierung einer derartigen Institution für Einsätze der Psychologischen Kriegsführung gegen die Kommunisten übernehmen. Damit endeten die Meinungsverschiedenheiten, die ehemals zu Problemen bei den amerikanisch-dänischen Aktivitäten geführt hatten. Man einigte sich darauf, dass die Amerikaner die Firma und ihre antikommunistischen Aktivitäten finanzieren sollten. Arne Sejr und Erik Husfeldt hatten bei den dänischen Stay-behind-Vorbereitungen bis 1951 eine wesentliche Rolle gespielt, im Rahmen der trilateralen Vereinbarung wurde jedoch nun beschlossen, dass sie ihre Stay-behind-Aktivitäten aufgrund der immer umfassenderen Einbeziehung Psychologischer Kriegsführung gänzlich dem FE überlassen sollten.15 Eine »neue« Firma Anfang der Fünfzigerjahre wurde die Firma aufgefordert, ihren Schwerpunkt von der Vorbereitung auf eine sowjetische Invasion in Dänemark auf die aktuelle kommunistische Bedrohung zu verlagern. Die Psychologische Kriegsführung wurde zum wichtigsten Werkzeug, mit dem die Firma versuchte, die Dänische Kommunistische Partei (Danmarks Kommunistiske Parti, DKP) zu destabilisieren. Viele der Tätigkeiten wirkten sich jedoch nur indirekt auf die Handlungen der Kommunisten aus. Die Firma begann damit, • kommunistische Ziele, Agenten, Methoden und Techniken zu studieren; • eine Organisation für Spezialeinsätze (nach dem Vorbild der britischen SOE (Special Operations Executive) und der amerikanischen S.O. (Special Operations unter der Leitung des Amtes für strategische Dienste, OSS) aufzubauen und auszubilden; • eine psychologische Verteidigung gegen den Kommunismus zu entwickeln. Sejr versuchte, von der dänischen Regierung Geldmittel für seine Arbeit im Bereich der Psy­chologischen Kriegsführung und Verteidigung zu erhalten. 1951/52 sandte er einen Plan für Aktivitäten der Psychologischen Kriegsführung an den dänischen Ministerpräsidenten Erik Eriksen, Außenminister Ole Bjørn Kraft, Verteidigungsminister Harald Petersen und einige führende Politiker der Sozialdemokratischen Partei. Die Politiker unterstützten seine Bemü­hungen, wollten diese Unterstützung jedoch nicht durch finanzielle Hilfen für Sejrs Organi­sation untermauern. Auch wenn Sejrs sich in den Fünfzigerjahren wieder und wieder um ihre Mitwirkung bemühte, sollte sich daran nichts ändern. Die Firma arbeitete eng mit der sozialdemokratischen Propagandaorganisation AIC zusammen, die die dänischen Kommunisten und ihre Aktivitäten seit 1944 überwacht hatte. Die AIC nutzte die sozialdemokratischen Vertreter in der Arbeiterbewegung zur Sammlung von Informationen über kommunistische Mitglieder und Aktivitäten am Arbeitsplatz. Sejr hielt engen Kontakt zu Urban Hansen, einem Sozialdemokraten in Schlüsselposition mit engen Beziehungen zum ehemaligen Ministerpräsidenten Hans Hedtoft und dem späteren Ministerpräsidenten HC Hansen. Urban Hansen half der Firma bei der Bewältigung verschiedener praktischer Probleme. Niels Frommelt, der den kleinen nachrichtendienstlichen Bereich der Firma leitete, bediente sich stets der Archive der AIC oder des militärischen Nachrichtendienstes, wenn er Informationen über einen bestimmten Kommunisten benötigte. Wahrscheinlich verfügte der AIC über die umfangreichsten und besten Kenntnisse bezüglich der kommunistischen Bewegung in Dänemark, und somit bestand zwischen der AIC und der Firma ein natürliches Interesse an einer engen Zusammenarbeit.16 Nach eigenen Angaben arbeitete Sejr in allen der drei anfangs genannten Themenbereiche eng mit dem FE zusammen.17 Eine im Archiv Arne Sejrs gefundene Liste zeigt, dass es in der Firma ein Gremium bestehend aus acht Personen gab, die zusammen die Führungsgruppe bildeten. Dazu gehörten Erik Husfeldt, Ebbe Munck (Journalist, Diplomat und früherer Verbindungsoffizier zwischen dänischen und alliierten nachrichtendienstlichen Organisationen im Zweiten Weltkrieg) sowie T. K. Thomsen (ein führender dänischer Geschäftsmann, der während des Krieges Widerstandsaktivitäten finanziert hatte). Zu den führenden Persönlichkeiten zählte laut der Aufzeichnungen auch Anker Olesen, ein früherer Kamerad aus dem Widerstand, der 1955 starb. Somit muss die Liste vor 1955 erstellt worden sein. Außerdem werden unterschiedliche Ausschüsse und Abteilungen der Firma beschrieben, wie z. B.: • »Psychologischer Ausschuss«, • »Informationsdienst«, • »Austauschbüro«, • »Studienbüro«, • »Organisation Kulturelle Front«.18 Von Anfang an studierte die Firma den kommunistischen Gegner. Mehrere Schriften waren Pflichtlektüre für die Mitglieder der Organisation. Bücher wie Lenins Staat und Revolution, John Somervilles Soviet philosophy: a study of theory and practice, Das Kommunistische Manifest und Stalin’s Slave Camps wurden gemeinsam mit verschiedenen dänischen Veröffentlichungen zur Weiterbildung der Firmenmitarbeiter eingesetzt. Dazu gehörte auch ein dänisches Buch über die Gusenko-Affäre in Kanada.19 Die genaue Beobachtung der Kommunisten 1953 begann die Firma mit einer wöchentlichen Auswertung der kommunistischen Zeitung Land og Folk [Land und Leute], und ordnete die Artikel verschiedenen »Linien« zu: Die Propagandalinie, die antiamerikanische Linie, die Antikriegslinie und die Antikapitalismuslinie waren nur einige der Kategorien, in die eingeteilt wurde, um einen Eindruck zu erhalten, wofür das kommunistische Blatt stand. Jeden dritten Monat wurde eine umfangreiche Propagandaanalyse aller Artikel in der Zeitung durchgeführt, die es ermöglichte, die Maßnah­men der kommunistischen Propaganda in Dänemark in einem größeren Zusammenhang zu sehen. An der Arbeit der wöchentlichen und vierteljährlichen Analyse, der Analyse der Fachzeitschriften und Magazine und der Erstellung von Sonderberichten waren zwölf Personen beteiligt. Sie erfolgte während der gesamten Fünfzigerjahre; die letzte bekannte Analyse stammt vom Juni 1961. Allerdings gibt es diesbezüglich kaum verlässliche Quellen, deshalb ist es möglich, dass die Arbeit auch noch nach diesem Datum fortgesetzt wurde.20 Aber: Wurden diese Analyseberichte jemals genutzt und wer erhielt sie? Es ist nicht möglich, eine umfassende Aufstellung aller Empfänger zu liefern, aber einige lassen sich feststellen, wie z. B. das dänische Außenministerium und die US-Botschaft in Dänemark. Gemäß den Unterlagen von Sejr erstellte die Firma in den ersten Jahren etwa 2300 Berichte und druckte ungefähr je 50 Exemplare. Diese Zahl stieg später auf 200 Exemplare an. In den Archiven des dänischen Außenministeriums finden sich neben anderen antikommu­nistischen Dokumenten auch Unterlagen des dänischen Sicherheitsdienstes. Das vielleicht Interessanteste daran ist, dass sich diese Berichte bis ins US-Nationalarchiv zurückverfolgen lassen. 1958 erhielt die US-Botschaft Berichte aus der Firma und sandte sie in die Heimat; heute befinden sie sich zwischen all den anderen Akten, die aus Kopenhagen in die Vereinigten Staaten zurückgebracht wurden: Ein klares Indiz für die enge Beziehung zwischen der Firma und der US-Botschaft.21 Neben dem Studium der kommunistischen Veröffentlichungen richtete die Firma ein Archiv, eine Bibliothek und eine biografische Abteilung ein. Letztere war eigentlich ein Archiv, in dem Namen kommunistischer Gegner und Informationen über sie zusammengestellt wurden. Alles, was über kommunistische Tätigkeiten bekannt war, musste gesammelt und archiviert werden, damit die Firma über umfassende Informationen hinsichtlich kommunistischer Delegationen, die in die Sowjetunion geschickt wurden, Gruppen junger Studenten, die in den Ostblock reisten, und natürlich hinsichtlich kommunistischer Aktivitäten in der Arbeiterbewegung verfügte. Was das Sammeln von Namen und persönlichen Daten betraf, war klar, welche Art von Informationen gesichert werden musste: • Alle Namen öffentlich bekannter Kommunisten und ihre Beziehung zur Partei, • alle in Verbindung mit kommunistischen Frontorganisationen erwähnten Namen, • alle Namen von Personen mit neutralistischen Ansichten, • alle Presseinformationen zu organisatorischen Änderungen, • Namen von Personen, die in ihren Schriften eine positive Haltung zur Demokratie zeigen. Ein Beispiel für die nachrichtendienstlichen Maßnahmen der Firma findet sich im Archiv Arne Sejr, das eine Liste der Mitglieder des Zentralkomitees der DKP mit biografischen Ein­zelheiten zu Personen enthält, zum Beispiel Beschreibungen zu deren politischer Vergan­genheit und zu den Abläufen ihrer Reisen nach Osteuropa.22 Um kommunistische Propaganda und Aktivitäten abwehren zu können, musste man wissen, wen man als Feind vor sich hatte. Deshalb führte die Firma Lehrgänge für Personen außerhalb der Organisation durch, in denen den Teilnehmern die Theorie und Praxis des Kommunismus präsentiert wurden. Welche Ideologie steckte hinter der kommunistischen Propaganda, und auf welche Zeichen sollte man bei Kollegen achten? All dies diente Bildungszwecken. Informationen waren das, worauf es ankam. In dem Versuch, die Kommunisten und ihre Propaganda zu bekämpfen, veröffentlichte die Firma mehrere Bücher, Broschüren und andere Publikationen. Die Organisation stand mit mindestens 28 Personen bei fast 20 dänischen Zeitungen und Presseagenturen in Kontakt. Ebenso unterhielt sie Beziehungen zu über 15 Organisationen und Verbänden, die auf die eine oder andere Art bei unterschiedlichen Aktivitäten und Operationen genutzt werden konnten.23 Übersetzungen und die internationale Perspektive Neben der Schaffung einer dänischen Sektion des Kongresses für Kulturelle Freiheit hatte die Firma verschiedene internationale Kontakte und war an der Arbeit des Koordinierenden Sekretariats der Nationalen Studentenvereinigungen (COSEC) in der niederländischen Stadt Leiden beteiligt.24 Offensichtlich war die Firma auch überaus aktiv, was ausländische Veröffentlichungen angeht. Die Sejr-Unterlagen deuten darauf hin, dass die Firma sieben bis acht Personen beschäftigte, die alle Arten von Material, das ursprünglich auf Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Polnisch und Russisch verfasst worden war, ins Dänische übersetzten. Das Studium der kommunistischen Presse erfolgte in vier Kategorien: 1. national, 2. europäisch, 3. Kominform und 4. sowjetisch. Die Akten von Arne Sejr enthalten mehrere Übersetzungen aus sowjetischen Zeitungen, Magazinen und amtlichen Texten. Eine junge Frau versorgte Sejr mit diesen Übersetzungen und Berichten über die Veränderungen in der sowjetischen Propaganda. Analysen über die politische Lage in der Sowjetunion wurden häufig erstellt.25 Bei einem Artikel aus der Komsomolskaja Prawda über »Kuba – ein Gefangenenlager« hob die Übersetzerin das »auffallende und zielstrebige Kopieren der westlichen Presse bei ihren Berichten über den Terror in Ungarn« hervor. Die Übersetzerin wies in diesem Beispiel auch auf die Tatsache hin, dass die verwendeten Bilder auf die übliche sowjetische Art und Weise gefälscht und manipuliert worden seien.26 Bei der Arbeit an den Übersetzungen analysierte die junge Frau auch die sowjetische Außenpolitik und die Gefahren der sowjetischen Jugendfeste in Moskau. Aus einem Briefwechsel im Jahre 1956 zwischen Sejr und der Frau geht hervor, dass beide Kontakt mit der russischen Emigrantenorganisation NTS (Nazionalno-trudowoj sojus rossijskich solidaristow/Nationaler Bund des Schaffens Russländischer Solidaristen) hatten und es anscheinend zu einem Treffen zwischen einem gewissen A. Konovetz und Sejr kam, als der Däne die NTS in Frankfurt besuchte.27 Laut Arne Sejr wurde die Firma in einem bestimmten Fall dazu eingesetzt, Informationen über das Militärrecht in der Sowjetunion zu erlangen, damit Ministerpräsident HC Hansen sie in einer politischen Debatte verwenden konnte. Das Archiv enthält Originaldokumente, die Sejrs spätere Schilderung stützen.28 Die antikommunistische Perspektive der Firma war weit und beinhaltete umfassende Studien über die Lage in der Sowjetunion, die Entwicklung der sowjetischen Kommunistischen Partei und Propagandamaßnahmen. Die Firma erstellte eine vierteljährliche Analyse mit Schwerpunkt auf der internationalen Arbeit der kommunistischen Bewegung. Sie berichtete auch über schwedische und dänische kommunistische Magazine und Zeitschriften und deren Darstellung des internationalen Geschehens. Die Firma nutzte ihre umfassenden Studien der dänischen kommunistischen Zeitung Land og Folk für eine vergleichende Studie zu den Übereinstimmungen und Unterschieden zwischen der dänischen Zeitung und ihrer schwedischen Entsprechung Ny Dag [Neuer Tag].29 Das Sammeln von Informationen, das Studium von Zeitungen und die Analyse der kommunistischen Position im In- und Ausland gehörten in der Firma zur täglichen Arbeit. Gelegentlich war die Firma auch an streng geheimen Operationen beteiligt, darunter zwei – »Operation Cage« [Operation Käfig] und »Black Letters« [Schwarze Briefe] –, die von ausgewählten Angehörigen der Firma initiiert und durchgeführt wurden. »Operation Cage« – Abhören des Kommunistenführers 1952 startete die Firma eine lange andauernde und gewagte Operation. Sie begann damit, dass die Wohnung von Alfred Jensen, Vizeparteivorsitzender der Dänischen Kommunistischen Partei und langjähriges Mitglied des dänischen Parlaments, verwanzt wurde. Wie es allerdings genau dazu kam, ist unklar. »An einem Tag im Frühjahr 1952 unterhielt ich mich mit Urban Hansen […] und er machte mir klar, wer über uns wohnte, was wir nicht gewusst hatten«, erinnert sich Sejr. Es war klar, dass ein solcher Zufall nicht ungenutzt bleiben durfte. »Uns bot sich die Möglichkeit, ein zum politischen Stab gehörendes Mitglied der DKP abzuhören. So würden wir etwas über den psychologischen Innenzustand der Partei und die Beziehung der Führungskräfte untereinander erfahren können. Wir könnten etwas über die Zusammenarbeit mit und den Einsatz von Front- und Deckorganisationen erfahren und darüber, inwieweit die DKP von der Mutterbasis Sowjetunion aus gesteuert wurde, sowie über die Kontakte zwischen ihnen«, führt Sejr aus.30 Ein paar Monate später lief die Maßnahme an. Mithilfe der CIA-Kontakte an der US-Bot­schaft wurden ein Mikrofon installiert und ein Tonbandgerät angeschlossen. Da die Amerikaner die Aktion bezahlten, war es möglich, Leute abzustellen, die das Tonbandgerät das ganze Jahr hindurch bedienten. Niels Frommelt übernahm die tägliche Leitung der Abhörmaßnahmen und stellte eine kleine Gruppe von Leuten zusammen, die dasaßen, die Gespräche im Stockwerk über ihnen abhörten und das Tonbandgerät einschalteten, sobald etwas Interessantes besprochen wurde. Im Laufe der Jahre wurden mehrere Personen im Schichtdienst in der unteren Wohnung eingesetzt, um das kommunistische Paar abzuhören. Alles, was oben passierte, wurde aufgeschrieben und in Journalen festgehalten, die neben den Tonbandaufnahmen geführt wurden und heute Einblicke in das Alltagsleben von Alfred Jensen und seiner Frau geben.31 Alfred Jensen gehörte zum harten Kern der DKP, und immer, wenn er bei einem geheimen Treffen mit anderen Mitgliedern, jedoch ohne den Vorsitzenden Aksel Larsen gewesen war, kam er nach Hause zurück und wurde von seiner Frau begrüßt, die schon mit Kaffee auf ihn wartete. Dann berichtete er ihr von dem Treffen und gab wieder, wer was gesagt hatte. Alle geheimen Gespräche wurden wiederholt, während sie Kaffee tranken, und ein Stockwerk tiefer lief das eingeschaltete Tonbandgerät. Die Dänische Kommunistische Partei wurde häufig von der sowjetischen Botschaft informiert, wenn etwas international Bedeutsames bevorstand, damit die Partei Vorkehrungen treffen konnte. Ein gutes Beispiel dafür ist die Warnung vor dem Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn, über die Alfred Jensen und einige andere Angehörige des harten Kerns informiert wurden.32 Ebenfalls hatte man sie bezüglich des Ausschlusses von Molotov gewarnt. Am wichtigsten war aber, dass die Abhörmaßnahme eine schwerwiegende Spaltung innerhalb der Partei zwischen den Anhängern des harten Kerns und den Anhängern des Vorsitzenden Aksel Larsen enthüllte. In den nächsten acht Jahren verfolgte und meldete die Firma jede Bewegung in der oberen Wohnung. Abschriften der Gespräche wurden in dreifacher Ausfertigung erstellt: eine für Arne Sejr, eine für Niels Frommelt und eine für die Amerikaner, die in der US-Botschaft für die CIA übersetzt wurde.33 Operation »Black Letters« Nach einiger Zeit kam jemand in der Firma auf die Idee, die durch die Abhöraktion ge­wonnenen Informationen zu nutzen. Man fing an, Briefe zu schreiben, die vorgeblich von einem unzufriedenen Mitglied der Kommunistischen Partei stammten. Eine Mischung aus Tatsachen, Fiktion, Lügen und Gerüchten bildete den Inhalt der Briefe, und sie nahmen stets führende Personen der Partei zum Ziel. Etwa wurde angeprangert, dass die Führung der Partei keine Versuche dulden würde, den harten Kern zu kritisieren, oder dass einfache Parteimit­glieder nicht die Anerkennung bekämen, die sie aufgrund der ungeheuren Mühen verdient hätten, die sie auf sich nähmen, um die Partei am Laufen zu halten. In anderen Briefen wurde den führenden Parteimitgliedern vorgeworfen, sie würden mehr Zeit damit verbringen, sich gegenseitig zu bekämpfen, als damit, sich der Stärkung der Partei und der Belohnung der einfachen Parteimitglieder zu widmen, die die Partei zusammenhielten. Die Firma versuchte auch, den Graben zwischen dem Vorsitzenden Aksel Larsen und den Angehörigen des harten Kerns zu vergrößern. Die Briefe beruhten hauptsächlich auf Informationen, die durch die Abhöraktion in der Wohnung von Alfred Jensen gewonnen worden waren. Allerdings war die Firma höchstwahrscheinlich in der Lage, diese Informationen durch weitere aus anderen Teilen der kommunistischen Organisation zu ergänzen. Offensichtlich hatte die Firma Informanten in der Kommunistischen Partei. Das Material im Archiv Sejr bestätigt, dass die Firma in der Lage war, zusammenfassende Berichte darüber zu erstellen, was sich auf verschiedenen Konferenzen und Besprechungen ereignet hatte, die von – vielfach als kommunistische Frontorganisationen betrachteten – dänischen Friedensorganisationen durchgeführt worden waren.34 Niels Frommelt war an eine Liste mit Abonnenten der kommunistischen Zeitung Land og Folk gelangt, und so war es möglich, Hunderte von Kopien der Briefe an einfache Parteimitglieder der Kommunistischen Partei zu senden. Mehrere Zeitungen hörten von diesem merkwürdigen Brief, den einige Kommunisten im Briefkasten vorgefunden hatten.35 Offiziell nahm die kommunistische Führung die Briefe nicht ernst, aber durch die »Operation Cage« erfuhr die Firma, dass der harte Kern sie tatsächlich sehr ernst nahm, hatten sie für ihn doch einen hohen Wiedererkennungswert. Niels Frommelt erinnert sich, wie Alfred Jensen und seine Frau eines Nachts einen der Briefe lasen und Alfred Jensen plötzlich polterte: »Woher zum Teufel wissen die das?«36 Bis in die Fünfzigerjahre veröffentlichte die Firma zehn Briefe, die Paranoia und Misstrauen unter den Kommunisten bewirkten. Tatsächlich sorgten die Briefe für eine Verschärfung der an sich schon schlechten Situation. Die Partei hatte genug eigene Probleme, aber die internationale Lage machte es für die Kommunisten nicht gerade leichter. Sie verhielten sich Moskau gegenüber loyal und unterstützten den Kreml, wenn es notwendig war. Deshalb würde die dänische Partei Probleme bekommen, wenn sie sich dazu entschlösse, Maßnahmen der Sowjets zu unterstützen, die im Westen Proteste auslösten. »… wütend auf Chruščëv …« Auf dem XX. Kongress der KPdSU im Februar 1956 enthüllte Nikita Chruščëv einige von Stalins Verbrechen gegen das sowjetische Volk. Dies geschah hinter verschlossenen Türen, aber dennoch waren westliche Presseagenturen in der Lage, den sowjetischen Führer zu zitieren. In der Wohnung von Alfred Jensen traf sich eine Gruppe führender Parteimitglieder, um die Lage zu erörtern. Jensens Frau, Ragnhild Andersen, war zornig. »Ich bin wütend auf Chruščëv«, sagte sie und verlangte die Wahrheit zu erfahren, und nicht nur westliche Pressegerüchte und Propaganda. Später im selben Jahr stand Aksel Larsen im Mittelpunkt einer Unterhaltung in der Wohnung, wobei das Ehepaar darin übereinstimmte, die Partei sei so viel mehr als nur der Vorsitzende Aksel Larsen. Im Oktober 1956 hatten die Kommunisten schon genug Probleme, als die sowjetischen Streitkräfte in Ungarn einmarschierten, um den ungarischen Versuch, den Warschauer Pakt zu verlassen, im Keim zu ersticken. Der Einmarsch wurde in der ganzen Welt verurteilt, aber in der dänischen Kommunistischen Partei blieb die Loyalität gegenüber Moskau mehr oder weniger intakt. Ein Artikel in der Parteizeitung hatte die Führung in Moskau zwar beleidigt, weil er als Kritik an den sowjetischen Kommunisten verstanden werden konnte, aber nach diesem Zwischenfall verhielten sich die dänischen Genossen linientreu. Und sie zeigten ihre Loyalität gegenüber Moskau so unmissverständlich, dass es bei der DKP zu Parteiaustritten kam. Mehrere Mitarbeiter der Parteizeitung hatten aus Protest ihre Arbeit niedergelegt.37 Die Black Letters hatten es den Kommunisten schwer gemacht, aber ihre anhaltende Loyalität gegenüber Moskau hatte das Ganze noch verschlimmert. Sowohl der XX. Parteikongress in Moskau als auch der sowjetische Einmarsch in Ungarn hatten den Parteivorsitzenden Aksel Larsen auf eine neue Idee für die Partei gebracht. Er begann darüber zu sprechen, wie man neue Wege zur Schaffung einer neuen Parteilinie finden könnte, was aber dazu führte, dass der harte Kern der Partei Larsens Einfluss noch weiter minimierte, weshalb dessen Unzufriedenheit mit der Partei nur noch weiter wuchs. In den nächsten Jahren wurde Larsens Position in der Partei immer weiter geschwächt, und im Herbst 1958 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Während des Sommers hatte Niels Frommelt aus den Abhörmaßnahmen gewonnene Informationen heimlich an seinen persönli­chen Freund und Kontaktmann bei der Zeitung Information übergeben, der auf diesem Weg beinahe täglich neue Geheimnisse über die Kommunistische Partei enthüllen konnte. Die Zeitung druckte Berichte über heimliche Verhandlungen innerhalb des harten Kerns und über Entscheidungen, die definitiv eine Zeit lang hätten geheim bleiben sollen. Diese Enthüllungen hatten die Spannungen unter den Kommunisten unerträglich werden lassen: Das führte zu dem erwarteten Sturz Larsens. Das war, was die CIA wollte. Sie hatte schon vorher versucht, mit Aksel Larsen Kontakt aufzunehmen, und nach seinem Parteiausschluss begann er, sich regelmäßig mit Mitarbeitern der CIA zu treffen und sie über kommunistische Aktivitäten in Dänemark und im Ausland zu informieren. Das Ende der Operation – und der Firma Bis heute ist nicht klar, warum es dazu kam: Im Januar 1959 betrat Arne Sejr die Wohnung unter der Alfred Jensens und tauschte die Schlösser aus. Niels Frommelt war in der Firma nun Geschichte, und eine lange Freundschaft zwischen Sejr und Frommelt ging zu Ende. Als Sejr die Operation beendete, stellten die Amerikaner die finanzielle Unterstützung für die Firma ein – ein großer Rückschlag für die Organisation. Sejr versuchte, von dänischen Unternehmen finanzielle Unterstützung zu erhalten, konnte auch einige Spenden und Beiträge bekommen, jedoch nicht genug, um den früheren Umfang zu wahren.38 Seine Versuche hatten nur begrenzten Erfolg. Die Firma war im Laufe der Jahre groß geworden und hatte einen solchen Umfang angenommen, dass sie ohne die finanzielle Unterstützung der Amerikaner unmöglich überleben konnte. 1962 tauchte ein weiteres Problem auf. Der Leiter des dänischen militärischen Nachrichtendienstes, Oberst H. M. Lunding, erfuhr von der Abhöraktion Alfred Jensens, über die er durch seinen Stellvertreter, Commander P. A. Mørch, nicht informiert worden war. Jetzt wurde Frommelt einbestellt und aufgefordert, vor Lunding eine Erklärung abzugeben. Lunding war wütend und wandte sich an die sozialdemokratische Regierung, die eine heimliche Untersuchung anordnete. Der Inlandsgeheimdienst der dänischen Polizei wurde beauftragt, alle Beteiligten zu vernehmen und den Fall zu untersuchen, aber es war ihm nicht gestattet, die Verbindungen zwischen der Firma und führenden Politikern zu beleuchten. Dementsprechend wurden letztlich Arne Sejr und Commander Mørch als Hauptverantwortliche für die illegale Abhöraktion »Operation Cage« benannt. Strafrechtlich verfolgt wurde jedoch niemand.39 Nach Abschluss der Untersuchung im Jahre 1963 wurde Arne Sejr »gezwungen«, ein Dokument zu unterzeichnen und damit auf alle künftigen nachrichtendienstlichen Aktivitäten zu verzichten. Seine Tage als Leiter einer geheimen Nachrichtenorganisation waren vorbei, er musste ein neues Leben beginnen. Arne Sejr blieb politisch aktiv und war einer der führenden Köpfe hinter verschiedenen Fachzeitschriften. Daneben führte er Sicherheitslehrgänge für ver­schiedene Gruppen der dänischen Streitkräfte durch und verfolgte weiterhin die Entwicklung in der internationalen Szene. Sein Leben war gekennzeichnet vom Kampf zwischen Demokratie und Totalitarismus. Die Tochter von Arne Sejr erinnert sich, er sei zu Tode erschrocken gewesen, als er einen anonymen Telefonanruf erhielt, in dem die anrufende Person wiederholte: »Ich schicke Ihnen viele Grüße aus der DDR … Ich schicke Ihnen viele Grüße aus der DDR …« Sejr war so verstört, dass er versuchte, seiner Tochter eine Reise nach Berlin zu verbieten.40 Wie so viele andere nachrichtendienstlich tätige Personen nahm Sejr viele seiner Geheimnisse mit ins Grab. Daher bleibt zu hoffen, dass noch weitere persönliche Archive auftauchen und zugänglich gemacht werden, die es uns erlauben, ein klareres Bild des antikommunistischen Kampfes im Norden zu zeichnen. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Die Firma ist vom Autor dieses Beitrages in der auf Dänisch abgefassten Monografie Firmaets Største Bedrift [Die größte Leistung der Firma], Kopenhagen 2005, beschrieben worden. Für eine Charakterisierung in englischer Sprache siehe »›Upstairs and Downstairs‹ – The Forgotten CIA Operations in Copenhagen«, in: International Journal of Intelligence and Counter Intelligence 19 (Winter 2006/2007), H. 4. Zum PET und zur Firma siehe Morten Heiberg: Stay-Behind og Firmaet: Efterretningsvæsen og private antikommunistiske organisationer i Danmark 1945–1989 [Stay-behind und die Firma: Nachrichtendienst und private antikommunistische Organisationen in Dänemark 1945–1989], Kopenhagen 2009. 2 Siehe Rigsarkivet/Dänisches Staatsarchiv (im Folgenden: DSA), FE-Archiv, Archivboxen PA Mørch, Archivbox Nr. 2. Undatierte Kurzmitteilung von Oberst Einar M. Nordentoft an den FE. 3 »Stay-behind-Organisationen, teilweise auch Überrollgruppen genannt, sind militärische Widerstandsorganisationen, die für den Fall der Besetzung eines Staates oder von Teilen seines Territoriums durch feindliche Truppen nachrichtendienstliche Aufklärung in den besetzten Gebieten leisten und Sabotageakte im Hinterland verüben sollen.«, http://de.wikipedia.org/wiki/Stay-behind-Organisation, ges. am 8. Oktober 2012. 4 Siehe Cold War Museum Langelandsfort (im Folgenden: CWML), Privatarchiv Arne Sejr, Archivbox 1, undatierter vertraulicher Bericht (4 Seiten). 5 Siehe DSA, FE-Archiv, Archivboxen PA Mørch, Archivbox Nr. 2, undatierte Kurzmitteilung von Oberst Einar M. Nordentoft für den FE; Heiberg: Stay-Behind (Anm. 1), S. 63. 6 Siehe Land og Folk [Land und Leute] vom 29. November 1990 [dänische kommunistische Zeitung]. Information vom 30. November 1990 [dänische Zeitung]. 7 Zu Besatzungsvorbereitungen und Stay-behind siehe Wilhelm Christmas-Møller: Obersten og Kommandøren [Der Oberst und der Kapitän], Kopenhagen 1995, S. 99–103. Siehe auch Peer Henrik Hansen: Firmaets (Anm. 1), S. 32–34. Die Originalunterlagen befinden sich im Archiv des Dänischen Widerstandsmuseums. Siehe auch Weekendavisen vom 9. bis 15. August 2002 [dänische Zeitung]. 8 Zur Angst vor sowjetischen Aktivitäten siehe Eduard Mark: »The War Scare of 1946 and Its Consequences«, in: Diplomatic History 21 (Sommer 1997), H. 3; ders.: »The Turkish War Scare of 1946«, in: Melvyn P. Leffler/David S. Painter (Hg.): Origins of the Cold War – An international History, 2. Aufl. New York 2005, S. 112–133. 9 Melvyn P. Leffler: The Specter of Communism, New York 1997, S. 56–58. 10 Gregory Mitrovich: Undermining the Kremlin, Ithaca 2000, S. 177. 11 Siehe William R. Harris: »March Crisis 1948, act I«, in: Studies in Intelligence, Band 10, Herbst 1966; ders.: »March Crisis 1948, act II«, in: Studies in Intelligence, Band 11, Frühjahr 1967. 12 Siehe DSA, Archiv des dänischen Geheimdienstes, Archivboxen PA Mørch, Archivbox Nr. 2, Protokoll vom 26. Mai 1948. 13 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 9. Ausweis ausgestellt am 20. Dezember 1948. 14 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 11. Verschiedene Organisationsdokumente. 15 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten). Heiberg: Stay-Behind (Anm. 1), S. 29, 41. 16 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), Seite 7. Außerdem Interview mit Niels Frommelt: Der Autor dieses Berichts interviewte Niels Frommelt mehrmals zwischen 1999 und 2005. Bei einem dieser Interviews zeigte Frommelt eines der Dokumente, die er vom Nachrichtendienst bekommen hatte. Dieses Dokument ist für den Autor die Bestätigung für die Behauptung Frommelts, er sei in der Lage gewesen, Informationen aus dem Archiv des Nachrichtendienstes zu bekommen. 17 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 1. 18 CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 7: Die Organisation der Firma und verschiedene Berichte. 19 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2, Anmerkungen zur Arbeit der Firma. 20 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 7: Die Organisation der Firma und verschiedene Berichte. Siehe auch Akte 15. 21 National Archives II, College Park, RG 58, entry UD 2386, Archivbox 43, undatierter Bericht aus dem dritten Quartal des Jahres 1958 mit dem Titel »Quarterly Analysis of Land og Folk«. 22 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 19. Undatierte Liste der Mitglieder des Zentral-komitees der DKP. [Wahrscheinlich aus dem Jahr 1953.] 23 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3. Undatierter Bericht. 24 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 13. Siehe auch Archivbox 3, Akte 27. 25 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 70. 26 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 4, Übersetzung und Analyse des Artikels in der Komsomolskaja Prawda vom 1. März 1957. 27 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 6, Schreiben vom 24. Oktober 1956. 28 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 12. Archivbox 3, Akte 21, 26, 70. 29 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 62, 66. 30 CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 9. 31 Siehe ebd., S. 9–11. 32 Siehe Freddy Madsen: Vilje til Forandring – Mit liv som kommunist [Der Wille zum Wandel – Mein Leben als Kommunist], Kopenhagen 2002, S. 72. 33 Interview mit Niels Frommelt. 34 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 69–70. Interview mit Niels Frommelt. 35 Siehe zum Beispiel Berlingske Aftenavis vom 19. Dezember 1953; Social-Demokraten vom 19. Dezember 1953, B.T. vom 19. Dezember 1953; Information vom 19. Dezember 1953; Land og Folk vom 8. März 1954; Social-Demokraten vom 8. März 1954; Information vom 11. März 1954; Land og Folk vom 12. März 1954; B.T. vom 15. Dezember 1954; Land og Folk vom 15. Dezember 1954. 36 CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 14 f. Interview mit Niels Frommelt. 37 Siehe Kurt Jacobsen: Aksel Larsen – en politisk biografi [Aksel Larsen – ein politische Biografie], Kopenhagen/Valby 1993; Bent Jensen: De fremmede i dansk avisdebat – fra 1870’erne til 1990’erne [Die Ausländer in der dänischen Zeitungsdebatte – von den 1870er Jahren bis in die 1990er Jahre], Kopenhagen 2000. 38 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 31. 39 Siehe Heiberg: Stay-Behind (Anm. 1). 40 Interview, das der Autor dieses Beitrags mit Jørgen Sejr und Birgitte Sejr im August 2001 geführt hat.

JHK 2013

Die Kommunistische Partei Italiens und ihre Historiografen

Bruno Groppo

Keine andere kommunistische Partei – außer die der Sowjetunion – hat so viel Interesse hervorgerufen und für so viele Publikationen gesorgt wie die italienische Kommunistische Partei (KPI) (1921–1991). Die ihr gewidmeten Arbeiten sind nicht nur äußerst zahlreich, sondern auch ganz unterschiedlicher Natur: historische Studien, Memoiren und Augenzeugenberichte, Quellenveröffentlichungen, soziologische und anthropologische Untersuchungen. Generell gibt es eine ganze Reihe von Werken allgemein zur Geschichte dieser Partei, angefangen beim ersten, das 1953 erschienen ist, bis hin zum bislang letzten Band zu diesem Thema aus dem Jahr 2009.1 Hinzu kommen Arbeiten zu enger gefassten Zeitabschnitten, einzelnen Regionen, speziellen Fragen und zu einzelnen Persönlichkeiten. Zahlreiche kommunistische Führer, vor allem der ersten Generation der Partei, haben ihre Memoiren veröffentlicht, die eine wichtige Quelle für die Geschichte der Partei und der kommunistischen Bewegung in Italien im Allgemeinen darstellen.2 Eine umfangreiche Geschichtsschreibung also, die mehrere Phasen durchlaufen hat und einerseits vom politischen und intellektuellen Kontext Italiens beeinflusst wurde sowie andererseits den Änderungen der Fragestellungen und historischen Denkansätze unterlag. Der vorliegende Artikel befasst sich vorrangig mit der Anfangszeit dieser Geschichtsschreibung über die KPI, ihrem Wandel in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sowie den Protagonisten dieses Prozesses. Ein grundlegender Aspekt, der den Aufbau einer Parteihistoriografie häufig beeinflusst, war auch in diesem Fall der Umstand, dass die Archive der Kommunistischen Partei und anderer kommunistischer Organisationen hermetisch verschlossen und damit nicht zugänglich waren. Diese Tatsache war lange Zeit das größte Hindernis für die Geschichtsforschung über den Kommunismus und führte fast unweigerlich dazu, dass diese sich vornehmlich auf die Analyse der Ideologie, von kommunistischen Veröffentlichungen und Äußerungen stützte, nicht aber auf interne Dokumente zurückgreifen konnte, die rigoros unter Verschluss gehalten wurden. Einige kommunistische Parteien, wie z. B. die KPI, begannen in den Sechzigerjahren schrittweise mit der Öffnung ihrer Archive für Historiker und andere Forscher; diese Haltung blieb jedoch eher eine Ausnahme. Bis sich dieses Vorgehen allgemein durchsetzte, musste man das Ende der Sowjetunion und die Öffnung der russischen Archive abwarten. Die Entwicklung des italienischen Kommunismus Auf den ersten Blick gleicht die offizielle Geschichtsschreibung des italienischen Kommunismus der anderer kommunistischer Parteien, aber es gibt auch Unterschiede. Bevor näher auf diese eingegangen wird, soll an dieser Stelle kurz die Entwicklung der KPI bis zu den Sechzigerjahren skizziert werden. 1921 aus der Abspaltung einer Minderheitengruppe von der Sozialistischen Partei Italiens hervorgegangen, durchlebte die KPI – die sich damals Kommunistische Partei Italiens nannte, um zu verdeutlichen, dass sie sich lediglich als Sektion der Weltpartei der Revolution, der Kommunistischen Internationalen verstand – aufgrund der faschistischen Verfolgungen von Anfang an schwierige Zeiten. Mit der Errichtung der faschistischen Diktatur im Jahr 1926 wurde die KPI wie alle anderen politischen Parteien Italiens, mit Ausnahme der faschistischen Partei, verboten und konnte von da an ihre Arbeit nur noch im Untergrund in Italien oder im Exil fortsetzen. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb sie eine kleine, stark verfolgte Kaderpartei, deren Mitglieder sich größtenteils im Gefängnis, an faschistischen Verbannungsorten oder im Exil befanden. Die Parteiführung, die sich überwiegend in den Zwanzigerjahren gebildet hatte, zeichnete sich durch eine große Kontinuität aus, sieht man von einigen Parteiausschlüssen Ende der Zwanziger- und zu Beginn der Dreißigerjahre ab. So war z. B. Palmiro Togliatti von den Zwanzigerjahren bis zu seinem Tod im Jahre 1964 Parteisekretär (als Nachfolger von Antonio Gramsci, der zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war). Nach dem Krieg wendete sich das Blatt. Aufgrund der bedeutenden Rolle der Kommunisten im italienischen Widerstand (1943–1945) und des Prestiges, das die Sowjetunion durch ihren Sieg über den Nationalsozialismus genoss, gelang es der KPI, zu einer großen Massenpartei mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern und damit zur größten Partei der italienischen Linken zu werden. Sie trat 1943 in die Regierung ein und wurde 1946 mit Beginn des Kalten Krieges, zeitgleich mit der verbündeten Sozialistischen Partei, daraus ausgeschlossen. Mit dem Sieg der Christdemokraten bei den Parlamentswahlen im April 1948, bei denen diese die absolute Mehrheit errangen, wurde die KPI für sehr lange Zeit in die Opposition verbannt. Unter der Führung Togliattis versuchte sich die KPI, wenngleich sie Moskau treu blieb, in gewisser Weise vom alten bolschewistischen Parteimodell abzugrenzen. Einige Besonderheiten des italienischen Kommunismus Eine der Besonderheiten des italienischen Kommunismus war die große Rolle, die die Intellektuellen – und zwar von Anfang an – in der Partei spielten. Unter den Parteigründern und der Führungsgruppe der Vorkriegszeit befanden sich zahlreiche Intellektuelle, angefangen bei den ersten drei Generalsekretären der Partei: Amadeo Bordiga, Antonio Gramsci, Palmiro Togliatti. Vor allem diese Intellektuellen waren es, die, wie wir noch sehen werden, die Geschichtsschreibung der Partei entwarfen. Eine weitere wichtige Besonderheit war die große Kontinuität der Führungsgruppe, die sich in den Zwanziger- und Dreißigerjahren formierte und in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch immer der Partei vorstand. Togliatti, der von den Zwanziger- bis in die Sechzigerjahre Parteisekretär war, ist das bezeichnendste Beispiel für diese Kontinuität. Als weitere Besonderheit ist auch die Tatsache hervorzuheben, dass mehrere historische Parteiführer ab den Sechzigerjahren (Palmiro Togliatti, Pietro Secchia, Giuseppe Berti, Giorgio Amendola, Luigi Longo) einen Teil ihrer Aktivitäten darauf verwendeten, verschiedene Aspekte der KPI-Vergangenheit regelrecht historiografisch aufzuarbeiten. Einige – wie Secchia und Berti – taten dies, nachdem sie von Togliatti aus wichtigen Positionen innerhalb der Partei entfernt worden waren; andere, angefangen bei Togliatti selbst, widmeten sich der Geschichtsschreibung trotz intensiver politischer Arbeit. Diese historiografischen Arbeiten entsprachen nicht mehr dem Stil der traditionellen Geschichtsschreibung nach stalinistischem Muster, sondern erfolgten jetzt im Rahmen einer echten historiografischen Auseinandersetzung. Aufgrund der Vielfalt der Arbeiten lassen sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen und politischen Richtungen innerhalb der Partei erkennen. Jeder der Autoren entwickelte eine persönliche Sicht der Geschichte des italienischen Kommunismus, wenn auch innerhalb gewisser gemeinsamer Denkmuster. Mittlerweile war eine Generation von professionellen Historikern herangewachsen, die entweder selbst Kommunisten waren oder der Kommunistischen Partei nahestanden, der akademischen Welt angehörten und einen Teil ihrer Forschungsarbeit der Geschichte des italienischen Kommunismus widmeten. Markantestes Beispiel ist Paolo Spriano (1925–1988), dessen fünf, zwischen 1967 und 1975 erschienene Bände über die Storia del Partito Comunista Italiano [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens]3 einen Meilenstein in der Geschichtsforschung über die Partei darstellen. Spriano blieb dem Interpretationsschema Togliattis weitgehend treu, wies aber, dank der Nutzung der Parteiarchive (die sich den Forschern zu öffnen begannen), auf die Komplexität der Parteigeschichte hin. Diese mit dem Jahr 1945 endende Arbeit wurde schnell zu einem Standardwerk in der KPI-Geschichtsschreibung. Spriano untersuchte auch die internationalen Aspekte der italienischen Kommunismusgeschichte, insbesondere das Wirken Togliattis in seiner Rolle als Sekretär der Komintern4 sowie die Frage des Stalinismus.5 Ebenso von Bedeutung sind die Werke von Ernesto Ragionieri (1926–1975), Professor an der Universität Florenz, der ebenfalls einen Teil seiner Arbeiten Togliatti6 und den Beziehungen zwischen KPI und Komintern widmete.7 Es ist interessant festzustellen, dass die Forschungsarbeiten Sprianos und Ragionieris über die Geschichte der KPI nur einen Teil ihrer Arbeiten ausmachen, die sich ansonsten mit der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in Italien und Europa beschäftigen. Spriano beispielsweise untersuchte verschiedene Aspekte der Geschichte des Sozialismus in Turin, während Ragionieri sich unter anderem mit dem Einfluss der deutschen Sozialdemokratie auf den italienischen Sozialismus befasste. Diese Historiker sind der universitären Geschichtsschreibung zuzuordnen, die den wissenschaftlichen Kriterien dieser Disziplin Rechnung trägt und in erster Linie die individuelle Sicht des Historikers widerspiegelt. Zwei der Faktoren, die in Italien zu einer stärkeren historiografischen Öffnung führten, sind die Kontakte und der Dialog zwischen kommunistischen und sozialistischen Historikern, die unter anderem durch die Tatsache begünstigt wurden, dass bis zu Beginn der Sechzigerjahre die beiden größten Parteien der italienischen Linken verbündet waren und der Opposition angehörten. Beider Hauptinteresse galt der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus in Italien. Zeitschriften wie Movimento operaio, herausgegeben von 1949 bis 1956 vom Feltrinelli-Institut in Mailand, Movimento operaio e socialista, herausgegeben ab 1955 vom ligurischen Zentrum für Sozialgeschichte,8 Rivista Storica del Socialismo (1957–1968), herausgegeben von Stefano Merli und Luigi Cortesi, oder Problemi del Socialismo (1957–1992), gegründet und herausgegeben vom Sozialisten Lelio Basso, waren wichtige Begegnungs- und Diskussionsplattformen für die kommunistischen und sozialistischen, aber auch anders gesinnten Historiker. Auch wenn dieser Aspekt hier nicht vertieft werden kann, sei daran erinnert, dass es zwischen der Historiografie des Kommunismus und derjenigen der Arbeiterbewegung im Allgemeinen immer recht enge Verbindungen und sogar manche Parallelen gab. Ein gewisses teleologisches Verständnis der Geschichte und der Gedanke einer historischen Mission, die nur von der Arbeiterklasse ausgeführt werden kann, waren in beiden Historiografien vorhanden. Die Historiografie der Arbeiterbewegung war stets geprägt vom Hegemoniekampf zwischen den verschiedenen Strömungen der Bewegung und vom politischen Nutzen, den die jeweiligen Vertreter für ihre Legitimierung daraus zogen. Die kommunistischen Parteien jedoch trieben ihren Anspruch, die einzig legitimen Vertreter der Arbeiterbewegung zu sein, auf die Spitze. In den Ländern, in denen sie an die Macht gelangten, ächteten und verfolgten sie alle anderen Strömungen der Arbeiterbewegung, die von da an ihrer Unabhängigkeit beraubt und der Staatspartei, die sie doch angeblich verkörperte, untergeordnet war. In den Fünfzigerjahren war der Fokus der Historiografie der Arbeiterbewegung noch auf die Organisationen (Parteien, Gewerkschaften) und deren Führer gerichtet. Ab den Sechzigerjahren begann sich eine Erneuerung der Historiografie hin zu einer Sozialgeschichte der Arbeit und der Arbeiter abzuzeichnen, die in den angelsächsischen Ländern als new labour history bezeichnet wurde. Diese historiografische Wende – vornehmlich eingeleitet von den britischen Historikern Edward P. Thompson und Eric Hobsbawm – hatte sogar Einfluss, wenn auch mit einiger Verzögerung, auf die Historiografie des Kommunismus.9 Vorgeschichte In Italien gehen die Anfänge der offiziellen Geschichtsschreibung der KPI auf die Jahre 1947 bis 1953 zurück, jedoch wurden die ersten Ansätze der späteren kanonischen Interpretation der Parteigeschichte schon um 1930, kurz vor dem zehnten Jahrestag der Parteigründung, ausgearbeitet. Es war die Zeit, als die KPI vor einem schwierigen politischen Wendepunkt stand10 – hin zur Parteilinie »Klasse gegen Klasse« und der Anprangerung der Sozialdemokratie als »Sozialfaschismus« – und damit einen Großteil der politischen Leitlinien aufgab, die 1926 auf dem Parteitag von Lyon beschlossen worden waren, einem Parteitag, bei dem die »bordigistische Linke«11 endgültig geschlagen worden war. Es galt jetzt, dafür zu sorgen, dass durch die von der Komintern angestrebte Wende die Parteilinie Bordigas nicht rehabilitiert wurde. So veröffentlichte Togliatti, unmittelbar nach dem Ausschluss Bordigas im März 1930, einen Artikel in der theoretischen Zeitschrift der Partei,12 in dem er eine Interpretationslinie entwickelte, die bis in die Sechzigerjahre hinein unverändert blieb: Leitgedanke war, dass der Bordigismus in der Existenz der KPI nur eine Episode dargestellt hatte, die durch den von Gramsci und Togliatti persönlich vorgegebenen, richtigen politischen Kurs schnell überwunden worden war.13 Die gegen Bordiga geführten heftigen und verleumderischen Angriffe waren von ebenso hitziger Kritik gegen den Vertreter der Parteirechten, Angelo Tasca,14 begleitet. Togliatti nahm damit eine Art Mittelposition ein, aus der heraus er erklären konnte, dass sich die KPI nur durch die Befreiung zuerst vom »Linksopportunismus« (Bordiga) und dann vom »Rechtsopportunismus« (Tasca) weiterentwickeln konnte. Genau dasselbe Schema findet sich in den Hinweisen, die er Giuseppe Berti zur Vorbereitung einer Sonderausgabe der Parteizeitschrift Lo Stato operaio übermittelt hatte, die anlässlich des zehnten Jahrestags der Parteigründung vorgesehen war, aber letztlich nie erschien.15 Gramsci, der zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis saß und die neue Partei- und Komintern-Linie nicht teilte, erhielt keine Gelegenheit, sich zu dieser Deutung der Vergangenheit zu äußern. Sein Tod kurz nach der Haftentlassung im Jahre 1937 gab Togliatti die Gelegenheit zu einer Klarstellung in Bezug auf die Parteigeschichte, indem er den verstorbenen Parteiführer als positiven Pol des italienischen Kommunismus darstellte und, im Gegensatz dazu, Bordiga als negativen Pol. Dieser Interpretation zufolge war Gramsci schon 1917 anderer Auffassung als Bordiga und ihm in den ersten Jahren der Partei nur gefolgt, um nicht dem rechten Flügel (d.h. Tasca) zugeordnet zu werden.16 Dieser zum Gedenken an Gramsci verfasste Artikel bildete die Grundlage für eine Interpretation seiner Person (und indirekt auch der Parteigeschichte), die, wie Giorgio Amendola später betonte, »im Laufe der Zeit zwar ergänzt und weitergeführt, aber in ihren Grundzügen nie korrigiert wurde«.17 Auch legte der Artikel den Grundstein zu einer Gramsci-Legende, deren Nutzen und pädagogischen Wert Amendola später rühmte, wobei er betonte, dass die Einstellung der Partei gegenüber ihrer jüngeren Vergangenheit in erster Linie »politisch«, also von den politischen Notwendigkeiten her bestimmt sein solle.18 Der historische Diskurs der KPI nach 1945 Nach 1945 gehorchte der historische Diskurs der KPI unmittelbaren politischen Zwängen. Wie Giorgio Bocca in seiner Biografie Togliattis feststellt, »deckt sich die Geschichte der Partei bis 1956 und darüber hinaus vollständig mit der Parteipolitik, sie beugt sich ihren Bedürfnissen, passt sich den Erfordernissen der Macht und der Propaganda an«.19 Sinn und Zweck der historiografischen Selbstdarstellung der KPI bestand darin, die von Togliatti nach seiner Rückkehr aus der UdSSR postulierte neue Strategie – die der »neuen Partei« – zu legitimieren, deren Gegner auszuschalten und vor allem die Partei politisch und ideologisch dadurch zu einen, dass sie eine bis dahin noch fehlende bzw. noch nicht klar umrissene kollektive Identität erhielt. Diese Identität zu definieren war die wichtigste Aufgabe, da sich die von Togliatti erdachte »neue Partei« deutlich von der Vorkriegspartei unterschied: Zu einer Massenpartei geworden, war sie soziologisch betrachtet heterogen und von oft gegensätzlichen politischen Strömungen geprägt. Die überwältigende Mehrheit ihrer Mitglieder gehörte aufgrund ihrer Erfahrung im Widerstand erst seit Kurzem der Partei an, ohne deren Vergangenheit wirklich zu kennen. Die Definition der eigenen Identität wurde umso dringlicher, als sich die KPI 1947 in der Opposition wiederfand, mit der Aussicht, nach dem Sieg der Christdemokraten bei den Parlamentswahlen im April 1948 dort noch für lange Zeit zu bleiben. Giorgio Amendola schrieb dazu später: »Wir mussten die politische Einheit der Partei innerhalb kurzer Zeit […] festigen und unterschiedliche Erfahrungen miteinander verbinden, ein Prozess, der noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden konnte.«20 Dies erklärt, warum sich die KPI ab 1947/48 so stark um die Schaffung einer historischen Tradition der Partei bemühte. Da der Richtungswechsel zugunsten der »neuen Partei« nach Rückkehr in die Opposition nicht infrage gestellt wurde,21 konnte die kollektive Identität der Partei nicht ausschließlich bzw. hauptsächlich klassenbezogen definiert werden. Die Vergangenheit wurde folglich neu interpretiert; dabei wurden die Aspekte hervorgehoben, die mit der antifaschistischen, demokratischen und nationalen Strategie konform gingen (oder als wegbereitend für diese Strategie angesehen werden konnten), während revolutionäre und klassenbezogene Aussagen, die die Partei lange Zeit und besonders in ihren Anfängen geprägt hatten, in den Hintergrund rückten.22 Diese Lesart der Parteigeschichte stand im Zeichen der Kontinuität – symbolisiert durch die Kontinuität der Parteiführung (die zum Großteil noch dieselbe wie in den Zwanzigerjahren war) –, gerade so, als hätte es nur eine absolut linear verlaufende Entwicklung von der Spaltung von Livorno bis hin zur »neuen Partei« gegeben, und vor allem, als wäre die gesamte zurückliegende Geschichte des italienischen Kommunismus nur die notwendige Vorbereitung auf die »neue Partei« gewesen. Die Geschichte der Partei zu schreiben, blieb Privileg und alleinige Sache der Parteiführung, die im Übrigen diese Geschichte als einzige wirklich kannte, da sie sie erlebt und gestaltet hatte. Diese Kenntnis, die Macht verlieh, war, wie Giorgio Amendola feststellte, auch »eine der nicht ausdrücklich festgeschriebenen, aber wesentlichen Grundvoraussetzungen für die Kontrolle der Partei durch die alten illegalen Kader«.23 Die Existenz eines Monopols der historischen Darstellung bedeutete, dass es nur eine einzige authentische Version der Parteigeschichte geben konnte und führte folglich zu einer strikten Orthodoxie. Bis in die Mitte der Fünfzigerjahre hielt die Führungsgruppe der KPI an diesem Monopol fest und unternahm nichts zur Förderung einer wissenschaftlich geprägten Geschichtsschreibung, die unweigerlich zu einer Infragestellung so mancher Postulate der offiziellen Version geführt hätte. Ab 1953, dem Jahr, in dem Stalin starb, und mehr noch nach den politischen Umbrüchen im Jahre 1956 sah sich der Parteisekretär dem Problem gegenüber, dass er seine Legitimität (und folglich die der gesamten Führungsgruppe) von der ins Wanken geratenen Legitimität Stalins trennen musste. Die Lösung dieses Problems drängte besonders, da die Deutungshoheit der kommunistischen Führer über die Parteigeschichte zu bröckeln begann: Einige nicht gerade unbedeutende Exkommunisten, wie der Schriftsteller Ignazio Silone und Angelo Tasca, die in den Zwanzigerjahren, vor ihrem Parteiausschluss, verantwortungsvolle Posten in der KPI innehatten, schalteten sich ein, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Ignazio Silone (1900–1978), der in Wirklichkeit Secondino Tranquilli hieß, war in den Zwanzigerjahren einer der führenden Köpfe der Partei im Untergrund gewesen und hatte für die Partei wichtige Aufträge in verschiedenen Ländern Europas, insbesondere in der Sowjetunion, ausgeführt.24 Wegen mangelnder Linientreue wurde er 1931 aus der Partei ausgeschlossen und widmete sich von da an im Schweizer Exil vor allem seiner schriftstellerischen Tätigkeit sowie nebenbei der politischen Arbeit in der im Exil befindlichen Sozialistischen Partei Italiens. 1949 veröffentlichte er einen Bericht, in dem er u. a. die große Rolle der Komintern in den parteiinternen Angelegenheiten der KPI herausstellte, ein Aspekt, der im historischen Diskurs der Partei eher verschwiegen worden war.25 Togliatti reagierte darauf mit einem eindeutig diffamierenden Artikel, ohne dabei den Behauptungen Silones in ihrer Substanz zu widersprechen.26 Daraufhin schaltete sich eine andere wichtige Führungspersönlichkeit der KPI in den Zwanzigerjahren, Angelo Tasca, der ebenfalls ausgeschlossen und in besagtem Artikel von Togliatti angegriffen worden war, in die Diskussion ein, um mit weiteren Aspekten der vorherrschenden kommunistischen Geschichtsauffassung aufzuräumen.27 Der KPI-Sekretär reagierte darauf, indem er ihn als »miesen Opportunisten« bezeichnete, ohne auch hier jedoch die von dem ehemaligen Parteigenossen erwähnten Tatsachen zu leugnen.28 Ton und Härte der Reaktionen zeigen, dass eine historiografische Auseinandersetzung zum damaligen Zeitpunkt unmöglich war. Für den Parteisekretär – und Hüter der Parteidoktrin – blieb die Parteigeschichte ein Territorium, das allein den Kommunisten vorbehalten war und von niemand anderem betreten werden durfte. 1953 war ein Schlüsseljahr, nicht nur wegen Stalins Tod und der daraus resultierenden gravierenden Veränderungen in der UdSSR und der kommunistischen Bewegung, sondern auch, weil damit in Italien die Monopolherrschaft der KPI-Führer über die Parteihistorie endete. Die erste Herausforderung kam von Angelo Tasca (1892–1960).29 Er war 1921 einer der Mitbegründer der KPI gewesen, 1922 Delegierter beim IV. Weltkongress der Komintern, 1928 Vertreter der italienischen Partei bei der Komintern in Moskau und 1929 aufgrund seines Widerstandes gegen die in Moskau beschlossene »sozialfaschistische« Linie aus der Partei ausgeschlossen worden. Im französischen Exil hatte er als Journalist gearbeitet, in der Sozialistischen Partei Frankreichs (Section française de l’Internationale ouvrière, französische Sektion der Arbeiterinternationale, SFIO) und in der sich ebenfalls im Exil befindlichen Sozialistischen Partei Italiens gewirkt, in der er einer der führenden Köpfe war. Während des Kriegs hatte er sich Vichy angeschlossen und dabei eine widersprüchliche Position zwischen dem Pétain-Regime und dem Widerstand bezogen. Nach dem Krieg widmete er sich im Wesentlichen der Publikation antikommunistischer Schriften. Das Besondere an Tasca war seine Vorliebe für Archive und Geschichte. 1938 veröffentlichte er unter dem Pseudonym »Amilcare Rossi« eine beeindruckende Studie über die Entstehung des italienischen Faschismus.30 Er erstellte eine ausführliche Dokumentation über die KPI der Zwanzigerjahre sowie über die Zeit des Vichy-Regimes, die heute zu den bedeutendsten historischen Quellen auf diesen Gebieten der italienischen bzw. französischen Geschichte zählt.31 1953 veröffentlichte Tasca in der italienischen Wochenzeitschrift Il Mondo eine Reihe von Artikeln über die ersten zehn Jahre der KPI, die wegen der darin aufgeworfenen historiografischen Fragestellungen und der vorgeschlagenen Interpretation von besonderer Bedeutung sind.32 Zu zahlreichen Aspekten der KPI-Geschichte brachte Tasca, selbst einer der Protagonisten dieser Geschichte, Wissen ein, das durch die spätere Geschichtsforschung und durch Quellenveröffentlichungen in diversen Punkten bestätigt wurde. Vor allem lenkte er die Aufmerksamkeit auf den starken Einfluss, den die Komintern auf die Politik der KPI in den Zwanzigerjahren hatte; dieser Einfluss wurde später durch die Veröffentlichung von Dokumenten aus der damaligen Zeit, insbesondere aus der Feder des Emissärs der Komintern Jules Humbert-Droz bestätigt.33 Auch ließ er die vor und während der »Wende« Ende der Zwanzigerjahre betriebene Politik der KPI, die zu seinem Ausschluss geführt hatte, in einem neuen Licht erscheinen. Diese Texte Tascas stellen den eigentlichen Beginn einer wissenschaftlichen Historiografie der KPI dar.34 Ebenfalls 1953 erschien die erste von zwei nicht-kommunistischen Historikern, Fulvio Bellini und Giorgio Galli, verfasste Storia del PCI [Geschichte der KPI], in der sie die bedeutende Rolle des ersten Generalsekretärs der Partei, Amadeo Bordiga, während der Gründungsphase der KPI herausstellten und die Einflussnahme der Komintern verdeutlichten.35 Dieses später mehrfach überarbeitete und ausschließlich unter dem Namen von Giorgio Galli herausgegebene Werk war das erste, das außerhalb des Führungskreises der KPI oder des Umfelds der Exkommunisten entstanden war. Der Tod Stalins leitete auch in Italien eine neue Phase in der Geschichte des Kommunismus ein. Und doch waren es vor allem die politischen Erschütterungen im Jahr 1956 – ausgelöst durch die Verurteilung der Verbrechen Stalins durch Chruščëv auf dem XX. Parteitag der KPdSU und den Ungarischen Volksaufstand –, die in Italien zu einer historiografischen Kursänderung führten, die sich in den Sechzigerjahren mit Nachdruck durchsetzen sollte. Die von Togliatti geschaffene Geschichtslegende würde die Krise des Stalinismus auf keinen Fall unversehrt überstehen, was im Übrigen auch Togliatti selbst sehr schnell erkannte. In diesem durch die Entmystifizierung Stalins entstandenen Vakuum ging der bis dahin gepflegten »heiligen Geschichte« regelrecht die Luft aus, während sich bereits neue Perspektiven abzeichneten. Die neue Phase begann damit, dass man sich erneut mit dem Werk Gramscis beschäftigte, wobei das Augenmerk vor allem auf die demokratischen Inhalte gerichtet war. 1958 beschleunigte sich die Entwicklung mit der Gründung der Zeitschrift Rivista storica del socialismo, die unter der Leitung von Stefano Merli und Luigi Cortesi einen grundlegenden Beitrag zur historiografischen Auseinandersetzung mit dem italienischen Kommunismus lieferte. Togliatti beschloss, sich dieser Entwicklung anzuschließen, statt sich ihr zu widersetzen, und veröffentlichte 1961 in den Annali Feltrinelli [Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung] die bis dahin unter Verschluss gehaltene Korrespondenz zwischen Gramsci und anderen Parteiführern aus den Jahren 1923/24.36 Mehr noch als in der Interpretation, die sich nicht wesentlich vom bisherigen Muster unterschied, bestand dabei die Neuartigkeit in der gewählten Methode, nämlich der Quellenveröffentlichung. Sie wurde von zentraler Bedeutung, da sie den Historikern eine gemeinsame Arbeitsgrundlage lieferte. Im Dezember 1961 beschloss die italienische Kulturkommission der Partei, die Veröffentlichung einer Reihe bis dato nicht zugänglicher Dokumente über die Geschichte der KPI und der Komintern in Angriff zu nehmen und kommunistische Historiker zur Aufarbeitung der KPI-Vergangenheit zu ermuntern.37 Die wichtigste Entscheidung damals war aber zweifellos, dass darauf verzichtet wurde, eine »offizielle« Version der Parteigeschichte schreiben zu lassen. Dieser Beschluss war grundlegend, da er die Partei einerseits davor bewahrte, sich in ein zweifelhaftes Unterfangen zu verstricken – denn einmal in den Teufelskreis der offiziellen Geschichtsschreibung geraten, ist es schwer, sich daraus zu befreien und bedeutet, diese Geschichte pausenlos der aktuellen politischen »Wahrheit« anpassen zu müssen – und andererseits den Weg für eine Geschichtsschreibung nach wissenschaftlichen Methoden ebnete, deren wichtigstes Resultat die Storia del Partito Comunista Italiano [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens] von Paolo Spriano war. Ohne diesen Beschluss wäre eine Arbeit wie die Sprianos nicht möglich gewesen. Das historiografische Schaffen der kommunistischen Führer In den Sechzigerjahren nahm eine Geschichtsschreibung Gestalt an, die nicht mehr ausschließlich oder überwiegend politisch motiviert war, sondern die Regeln des Historikerberufs achtete und zunehmend von professionellen Historikern geleistet wurde. Obwohl diese Historiker überwiegend Kommunisten waren, handelte es sich nicht mehr um Parteihistoriografie im herkömmlichen Sinne. Neben den Arbeiten Sprianos, Ragionieris und anderer Historiker sind auch jene einiger anderer kommunistischer Führer der Vorkriegsgeneration zu nennen, die ihre Vorliebe für die historische Forschung entdeckten: Quellenveröffentlichungen (nach dem Vorbild Togliattis), autobiografische Schriften, historische Studien, Beiträge zu historiografischen Diskussionen. Anders als die jungen Historiker, die von der Partei zur Arbeit an deren Geschichte angeregt worden waren, hatten sich die Parteiführer aus eigenem Impuls zu dieser Arbeit entschlossen und zeigten damit, dass es eine Vielzahl an politischen Überzeugungen innerhalb der KPI gab. Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren in Italien eine Zeit der intensiven politischen und sozialen Mobilisierung und des starken Aufschwungs der Arbeiterbewegung. Das Interesse der jungen Generationen an der Geschichte dieser Bewegung kam auch in der Zunahme der Veröffentlichungen zum Ausdruck. Der Einfluss der KPI stieg, nebenbei bemerkt, in dieser Zeit ebenfalls. Für die alten Parteiführer war dies ein geeigneter Moment, um sich Gehör zu verschaffen und auch schriftlich Spuren zu hinterlassen. Daher nun zu den Personen, von denen die bedeutendsten historiografischen Beiträge stammen. Giuseppe Berti (1901–1979) hatte seit den Zwanzigerjahren wichtige Aufgaben in der Partei wahrgenommen, sowohl in Italien (wo er von 1926 bis 1929 inhaftiert war) als auch im Exil in der Sowjetunion, in Frankreich und in den Vereinigten Staaten, und war oft durch sein inquisitorisches Gebaren und seine Orthodoxie aufgefallen. Die Umbrüche im Jahr 1956 brachten ihn dazu, die Geschichte des italienischen und internationalen Kommunismus zu überdenken. Er gab eine Sammlung unveröffentlichter Dokumente über die ersten zehn Jahre der KPI aus dem im Feltrinelli-Institut in Mailand aufbewahrten Archiv Angelo Tascas heraus sowie mehrere Essays zur Geschichte der Partei.38 Seine Interpretation dieser Geschichte wurde zwar von anderen Historikern kritisiert, lieferte aber einen wichtigen Beitrag zur historiografischen Diskussion. Giorgio Amendola (1907–1980),39 seit 1929 Mitglied in der Partei, veröffentlichte mehrere Beiträge zur Parteigeschichte, an der er als einer der Hauptakteure mitgewirkt hatte. Sein aus historiografischer Sicht ehrgeizigster Beitrag war seine Storia del Partito comunista italiano [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei],40 die er gegen Ende seines Lebens verfasste und in der er seine persönliche Interpretation des Werdegangs des italienischen Kommunismus wiedergab. Seine Memoiren über die Zeit des Widerstands41 und zwei autobiografische Bücher42 stellen weitere wichtige Beiträge dar. Pietro Secchia (1903–1973), seit den Zwanzigerjahren Kommunist und lange Zeit von den Faschisten inhaftiert, war von 1943 bis 1945 einer der führenden Widerstandskämpfer in Norditalien und nach dem Krieg verantwortlich für die Parteiorganisation, bis er 1954 infolge des Verrats durch einen seiner engsten Mitarbeiter sein Amt niederlegen musste. Die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens widmete er der Aufzeichnung der Geschichte des Widerstands sowie der Rolle der KPI in dieser Bewegung.43 Secchia vertrat innerhalb der Partei eine ganz andere Richtung als Togliatti, der das politische Unglück seines Rivalen nutzte, um ihn aus den Leitungspositionen zu verdrängen. Secchia und Amendola vertraten innerhalb der politischen Bandbreite der Partei die beiden Extreme, wobei Secchia als orthodoxer Stalin-Anhänger mit engen Beziehungen zur Sowjetunion galt und Amendola als Vertreter der Parteirechten ohne besondere Verbindungen zur UdSSR war.44 Ein weiterer in vorderster Reihe stehender Parteiführer war Luigi Longo (1900–1980), der 1964, nach dem Tod Togliattis, Generalsekretär der KPI wurde und dies bis 1972 blieb.45 Er hatte hohe Ämter innerhalb der Komintern bekleidet und war einer der führenden Kommandeure der Internationalen Brigaden während des Spanischen Bürgerkriegs und des italienischen Widerstands in den Jahren von 1943 bis 1945 gewesen. Seine historiografischen Beiträge befassten sich im Wesentlichen mit der Rolle der KPI im Widerstand46 und mit dem Spanischen Bürgerkrieg.47 Autobiografien kommunistischer Führer Mehrere kommunistische Führer der Vorkriegsgeneration haben Autobiografien verfasst und auf diese Weise einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Historiografie des italienischen Kommunismus geleistet. Zu den bedeutendsten dieser autobiografischen Schriften zählen die von Umberto Terracini (1895–1983),48 Alfonso Leonetti (1895–1985),49 Teresa Noce (1900–1980),50 Arturo Colombi (1900–1983),51 Paolo Robotti (1901–1982)52 und Giancarlo Pajetta (1911–1990).53 Am atypischsten sind sicherlich die Aufzeichnungen von Umberto Terracini und Alfonso Leonetti. Terracini, einer der Mitbegründer der KPI, war stets ein Kommunist, der sich nicht scheute, eine abweichende Meinung offen auszusprechen und sich an der Partei zu reiben, wenn er deren Linie nicht teilte.54 Nach seiner Verurteilung durch das faschistische Sondergericht zu 22 Jahren Haft (er wurde erst 1943 nach dem Sturz Mussolinis freigelassen) verurteilte er die politische Linie des Sozialfaschismus (der Komintern und der KPI Ende der Zwanzigerjahre) und isolierte sich dadurch von den anderen inhaftierten Kommunisten; 1939 kritisierte er den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) und wurde daraufhin aus der Partei ausgeschlossen, in die er 1943 nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis wieder aufgenommen wurde. 1946 wurde er zum Abgeordneten und Vizepräsidenten der Verfassunggebenden Versammlung und 1947 zu deren Präsident gewählt; in dieser Eigenschaft war er neben dem Staatspräsidenten und dem Ministerpräsidenten einer der drei Unterzeichner der italienischen Verfassung im Dezember 1947. Der politische Werdegang Alfonso Leonettis war ebenfalls atypisch. Leonetti, Journalist bei Avanti! und L’Ordine Nuovo sowie Herausgeber der Unità im Jahre 1924, wurde 1930 wegen seiner trotzkistischen Überzeugung aus der Partei ausgeschlossen. Auch im französischen Exil blieb er ein Dissident der Kommunistischen Partei.55 1962 trat er wieder in die KPI ein. Robotti (Togliattis Schwager), Noce, Colombi und Pajetta blieben im Gegensatz zu Terracini und Leonetti immer linientreue Kommunisten. Die nachfolgende Generation, deren Mitglieder durch die Erfahrung des Widerstands oder unmittelbar nach dem Krieg zu Kommunisten geworden waren, brachte ebenfalls eine Reihe von Autobiografien hervor, die nach der Selbstauflösung der Partei und der Aufspaltung in mehrere gegnerische Strömungen veröffentlicht wurden. Diese oft von Nostalgie für die alte Partei geprägten Schriften sind sowohl die Bilanz eines persönlichen Lebenswegs als auch des kollektiven Werdegangs der Partei. Sie legen Zeugnis ab von einem nunmehr abgeschlossenen Abenteuer und einer angesichts des Resultats erlebten Enttäuschung. Zu nennen sind hier die Autobiografien von Pietro Ingrao (geb. 1915),56 Rossana Rossanda (geb. 1924),57 Armando Cossutta (geb. 1926),58 Emanuele Macaluso (geb. 1924),59 und Diego Novelli (geb. 1931).60 Schon diese kurze Liste lässt erahnen, wie vielfältig die Lebenswege dieser führenden Persönlichkeiten waren. Der 1942 in die KPI eingetretene Ingrao war einer der großen Vertreter des linken Parteiflügels. Nach Auflösung der Partei im Jahre 1991 schloss er sich zunächst den Linksdemokraten an und wechselte später zur Rifondazione Comunista über, der anderen, kleineren aus der ehemaligen KPI hervorgegangenen Partei. Armando Cossutta hatte sich 1943 der KPI angeschlossen und verkörperte deren prosowjetischen Flügel. Nach Auflösung der Partei war er Mitbegründer der Rifondazione Comunista. Er wurde Vorsitzender der Partei, verließ diese aber 1998, um eine neue kommunistische Partei, die Partei der italienischen Kommunisten (oder einfach Italienische Kommunisten) zu gründen. Rossana Rossanda hatte am Widerstand teilgenommen und war nach dem Krieg in die KPI eingetreten. Sie war Mitglied der Gruppe »Il Manifesto«, die 1968 die gleichnamige Zeitung gründete (die heute noch aufgelegt wird), und wurde im darauffolgenden Jahr aus der Partei ausgeschlossen. Nachdem sie einige Jahre in der linksextremen Partei »Il Manifesto« politisch aktiv gewesen war, zog sie sich aus der Politik zurück, um sich ganz der journalistischen und schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Emanuele Macaluso, seit 1941 Mitglied der KPI, war ein Vertreter des reformistischen Flügels innerhalb der Partei. Diego Novelli, von 1975 bis 1985 Bürgermeister von Turin, schloss sich nach Auflösung der KPI nicht den Linksdemokraten (Partito Democratico della Sinistra, PDS) an, sondern war weiterhin in verschiedenen Linksgruppierungen politisch aktiv. In seinen Erinnerungen kommt die Nostalgie des politischen Aktivismus zu Zeiten der alten KPI zum Ausdruck. All diese Erinnerungen zeugen auf verschiedene Art und Weise von der Entwicklung und dem Ende der KPI. Verglichen mit den Erinnerungen der ersten Generation der KPI erzählen sie eine Geschichte, die weniger düster, weniger mysteriös, dafür aber »gewöhnlicher« ist. Sie ermöglichen es, die Figur des kommunistischen Aktivisten in ihrer Entwicklung zu verstehen. Wege der Geschichtsschreibung Zunächst ist festzuhalten, dass die Geschichtsschreibung über die KPI, abgesehen von den Beiträgen der Parteiführer, seit den Siebzigerjahren Sache professioneller Historiker war. Diese Jahre zeichneten sich durch eine deutliche Belebung der Geschichtsforschung über die KPI aus, die zweifelsohne durch die für die Partei günstige politische Lage – sie verzeichnete damals den größten Wählerzulauf in ihrer Geschichte – Auftrieb bekam. Diese Historiker waren zum größten Teil Kommunisten oder standen der KPI nahe. Einen besonders wichtigen Beitrag zur Historiografie über den italienischen Kommunismus lieferte Luigi Cortesi (1929–2009). Wie Spriano und Ragionieri war auch Cortesi Kommunist, allerdings ein atypischer und keiner vom orthodoxen Schlag, daran änderte sich auch mit der Auflösung der KPI nichts. Er interessierte sich vor allem für die Entstehungsgeschichte und die ersten Jahre der KPI. In erster Linie befasste er sich mit zwei von der Parteihistoriografie lange geschmähten Persönlichkeiten: Amadeo Bordiga und Angelo Tasca. Bordiga, der seit der Gründung der Partei im Jahre 1921 bis 1924 ihr Parteisekretär war, verkörperte eine revolutionäre Klassenideologie des Kommunismus, der Cortesi wohl näher stand. Nachdem Bordiga lange Zeit vom historischen Diskurs der KPI verteufelt worden war, fand er schließlich – dank der Arbeiten Cortesis61 und anderer Historiker62 – seinen Platz in der Geschichte des italienischen Kommunismus. Außerdem zeigte die bereits erwähnte Einleitung Cortesis zum Buch Angelo Tascas über die ersten zehn Jahre der KPI,63 welch enorme Bedeutung dem historiografischen Beitrag des früheren Parteiführers zukommt. Gegen Ende seines Leben verfasste Cortesi eine monumentale Storia del comunismo [Geschichte des Kommunismus].64 Ab den Siebzigerjahren nahmen die im universitären Rahmen verfassten wissenschaftlichen Arbeiten zur Geschichte der KPI deutlich zu. Von da an waren es Berufshistoriker, die sich mit dem Thema beschäftigten. Viele von ihnen waren Kommunisten oder standen der Partei nahe, doch die Zahl derer, die keine Verbindung zur Partei oder der kommunistischen Tradition hatten, stieg. Der Zeitabschnitt, über den die meisten Arbeiten erschienen, sind zweifellos die ersten Jahre des italienischen Kommunismus. Außer von Luigi Cortesi und Giuseppe Berti erschienen in den Siebzigerjahren Arbeiten von Aurelio Lepre, Silvano Levrero, Renzo Martinelli, Tommaso Detti, Franco De Felice und anderen Historikern.65 Später richtete sich das Augenmerk auf jüngere Zeiträume. Die fünf von Spriano verfassten Bände über die Geschichte der KPI endeten mit dem Jahr 1945. In den Neunzigerjahren wurde diese Arbeit von Renzo Martinelli und Giovanni Gozzini fortgesetzt. Es erschienen zwei Bände, die sich mit den Zeiträumen von 1945 bis 1948 bzw. von 1948 bis 1956 befassen und in denen kein Hehl daraus gemacht wird, dass sie in der Kontinuität der Arbeit Sprianos stehen.66 Die internationalen Aspekte der Geschichte der KPI, insbesondere deren Verbindung zur UdSSR, wurden – auch dank der Öffnung der russischen Archive Anfang der Neunzigerjahre – vertieft.67 Vor allem in jüngerer Zeit wurden zuvor kaum erforschte oder von der kommunistischen Geschichtsschreibung bewusst ignorierte Themen aufgegriffen: die Widersprüchlichkeit der kommunistischen Politik zur Zeit des Widerstands und nach dem Zweiten Weltkrieg,68 das Los zahlreicher Kommunisten und anderer italienischer Antifaschisten, die in die UdSSR flohen und Opfer der stalinistischen Unterdrückung wurden,69 oder das Schicksal italienischer kommunistischer Arbeiter, die nach 1945 nach Jugoslawien gingen, um den »Sozialismus aufzubauen«, und von denen viele nach dem Bruch zwischen Stalin und Tito wegen des Verdachts der stalinistischen Infiltration verfolgt wurden,70 die Finanzierung der KPI durch die Sowjetunion,71 das Problem der Ostgrenze Italiens,72 oder die Verbindungen der KPI zu einigen Faschisten, die sich nach 1945 der Kommunistischen Partei annäherten.73 Nach Auflösung der KPI 1991 lieferten verschiedene Autoren einen Gesamtüberblick über die nun abgeschlossene Geschichte der Partei.74 Schlussbemerkungen Auch die KPI machte keine Ausnahme von der allgemeinen und von allen kommunistischen Parteien befolgten Regel, die Vergangenheit zum Zwecke der politischen Legitimation gezielt zu nutzen. Bis in die Fünfzigerjahre verordneten die kommunistischen Führer eine ganz bestimmte Lesart der Parteigeschichte, für die sie sich allein zuständig fühlten: eine äußerst selektive Lesart, bei der so mancher Aspekt der Vergangenheit verschleiert oder verzerrt wurde, und die systematisch instrumentalisiert wurde, mithin den jeweils aktuellen politischen Erfordernissen angepasst wurde. Die von ihnen vermittelte Sicht der Vergangenheit deckte sich mit den damals vorherrschenden Methoden der stalinistischen Geschichtsschreibung. Jedoch unterscheidet sich der Fall der KPI dadurch von dem anderer kommunistischer Parteien, insbesondere der französischen, dass die Entmystifizierung Stalins durch die Geheimrede Chruščëvs auf dem XX. Parteitag der KPdSU in Italien das Ende der bis dahin maßgeblichen »heiligen Geschichte« bedeutete. Anfang der Sechzigerjahre begann sich eine andere Form der kommunistischen Geschichtsschreibung zu entwickeln. Dieser lagen wissenschaftliche Kriterien zugrunde (vor allem in Bezug auf den Umgang mit Quellen) und die historische Analyse überwog das politische Urteil.75 Objektiv betrachtet, entsprang sie dem Bewusstsein, dass eine Ära der kommunistischen Bewegung zu Ende gegangen war,76 und zeichnete sich in erster Linie durch folgende Merkmale aus: das Ende der Monopolherrschaft der kommunistischen Führer über die Parteihistoriografie, die nun professionellen Historikern überlassen wurde; der Verzicht der KPI-Führung auf das Vorhaben, eine offizielle Parteigeschichte schreiben zu lassen; die Veröffentlichung einer beträchtlichen Anzahl von Quellen; die schrittweise Öffnung des KPI-Archivs,77 das Material aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren enthielt. Diese Merkmale zusammengenommen verdeutlichen die Einzigartigkeit und Andersartigkeit der historiografischen Weichenstellungen der italienischen Kommunisten im Vergleich zu denen anderer kommunistischer Parteien Westeuropas jener Zeit. Zunächst befasste sich die neue Geschichtsschreibung mit den Anfängen, der Gründung und den ersten Jahren der Partei. Danach wandte sie sich späteren Zeitabschnitten und bis dahin kaum untersuchten Fragen zu, wie etwa der Verbindung zur Komintern und zur Sowjetunion. Zu den kommunistischen Historikern gesellten sich zunehmend nicht-kommunistische Historiker. Im politischen und intellektuellen Kontext der letzten Jahrzehnte, der durch die Krise des Antifaschismus, das aus dem Widerstand hervorgegangene politische System, und das Ende des Kommunismus als politischem System und als internationale Bewegung geprägt war, gingen die Forschungsarbeiten über die Geschichte der KPI ganz unterschiedliche Wege. Manche hatten die Absicht, die Bilanz einer inzwischen abgeschlossenen historischen Erfahrung zu ziehen. Andere untersuchten bis dahin noch wenig bekannte Aspekte dieser Geschichte. Wieder andere interessierten sich an der Grenze zwischen historischer Forschung, Journalismus und Pamphlet für die »dunkle Seite« des italienischen Kommunismus nach dem Vorbild des Schwarzbuch des Kommunismus.78 Doch trotz dieser beträchtlichen Ansammlung von Arbeiten bleibt die Historiografie des italienischen Kommunismus eine offene Baustelle. Aus dem Französischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Siehe Giorgio Galli/Fulvio Bellini: Storia del PCI [Geschichte der KPI], Mailand 1953; Paolo Spriano: Storia del Partito comunista italiano [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei], Turin 1967–1975, 5 Bände; Livio Maitan: PCI 1945–1969: Stalinismo e opportunismo [KPI 1945–1969: Stalinismus und Opportunismus], Rom 1969; Giorgio Amendola: Storia del Partito Comunista Italiano 1921–1943 [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei 1921–1943], Rom 1978; Marcello Flores/Nicola Gallerano: Sul PCI. Un’interpretazione storica [Über die KPI. Eine historische Interpretation], Bologna 1992; Giorgio Galli: Storia del PCI: Livorno 1921, Rimini 1991 [Geschichte der KPI: Livorno 1921, Rimini 1991], Mailand 1993; Renzo Martinelli: Storia del Partito Comunista Italiano, vol. VI: Il »partito nuovo« dalla Liberazione al 18 aprile [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei, Bd. 6: Die »neue Partei« von der Befreiung bis zum 18. April], Turin 1995; Renzo Martinelli/Giovanni Gozzini: Storia del Partito Comunista Italiano, vol. VII: Dall’attentato a Togliatti all’VIII congresso [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei, Bd. 7: Vom Attentat auf Togliatti bis zum VIII. Parteitag], Turin 1998; Aldo Agosti: Storia del Partito comunista italiano 1921–1991 [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei 1921–1991] Rom/Bari 1999; Albertina Vittoria: Storia del PCI 1921–1991 [Geschichte der KPI 1921–1991], Rom 2006; Lucio Magri: Il sarto di Ulm. Una possibile storia del Pci [Der Schneider von Ulm. Eine mögliche Geschichte der KPI], Mailand 2009. 2 Siehe Bruno Groppo: Les récits autobiographiques de communistes italiens publiés après 1945 [Nach 1945 veröffentlichte Autobiografien italienischer Kommunisten], in: Claude Pennetier/Bernard Pudal (Hg.): Autobiographies, autocritiques, aveux dans le monde communiste [Autobiografien, Selbstkritiken, Geständnisse in der kommunistischen Welt], Paris 2002, S. 247–265. Biografische Einträge zu italienischen kommunistischen Führern sind in folgenden biografischen Lexika zu finden: Dizionario Biografico degli Italiani [Biografisches Lexikon der Italiener], Istituto dell’Enciclopedia Italiana, Rom, (die von 1960 bis heute erschienenen 75 Bände enden mit dem Buchstaben M), in: http://www.treccani.it/biografie/, ges. am 28. November 2012; Franco Andreucci/Tommaso Detti (Hg.): Il Movimento operaio italiano. Dizionario biografico 1853–1943 [Die italienische Arbeiterbewegung. Biografisches Lexikon 1853–1943], Rom 1975–1979, 5 Bände. Die Biografien kommunistischer Führer, die sich am Widerstand beteiligten, sind auf der Homepage der Associazione Nazionale Partigiani Italiani (italienischer Partisanenverband) (www.anpi.it, ges. am 28. November 2012) zu finden. 3 Spriano: Storia del Partito Comunista Italiano (Anm. 1). 4 Siehe ders.: Il compagno Ercoli. Togliatti segretario dell’Internazionale [Der Genosse Ercoli. Togliatti, Sekretär der Internationale], Rom 1980. Zu diesem Thema siehe auch Aldo Agosti (Hg.): Togliatti negli anni del Comintern (1926–1943) [Togliatti in den Jahren der Komintern (1926–1943)], Rom 2000. 5 Siehe Paolo Spriano: I comunisti europei e Stalin [Die europäischen Kommunisten und Stalin], Turin 1983. 6 Siehe Ernesto Ragionieri: Palmiro Togliatti: aspetti di una battaglia ideale e politica [Palmiro Togliatti: Aspekte eines idealistischen und politischen Kampfes], Rom 1966; ders.: Palmiro Togliatti, Rom 1973. 7 Siehe ders.: La Terza Internazionale e il Partito comunista italiano [Die Dritte Internationale und die italienische Kommunistische Partei], Turin 1978. 8 1991 änderte die Zeitschrift ihren Namen und hieß fortan Ventesimo Secolo. 9 Thompson und Hobsbawm hatten zu der Gruppe von Historikern gehört, die sich 1946 innerhalb der kleinen Kommunistischen Partei Großbritanniens (Communist Party History Group) formiert hatte und zu deren Mitgliedern Persönlichkeiten wie Christopher Hill, Maurice Dobb und John Saville gehörten. 1956 traten mehrere Mitglieder – darunter Thompson, Saville und Hill – nach dem XX. Parteitag der KPdSU und der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands durch die Sowjetunion aus der Gruppe und der Partei aus. Erstaunlich ist, dass diese Historiker, deren Beitrag zur Arbeiter- und Sozialgeschichte so bedeutend war, sich praktisch kaum mit der Geschichte der Kommunistischen Partei Großbritanniens befassten. 10 Zur »Wende« von 1929/30 siehe Ferdinando Ormea: Le origini dello stalinismo nel PCI. Storia della »svolta« comunista negli anni Trenta [Die Anfänge des Stalinismus in der KPI. Geschichte der kommunistischen »Wende« in den Dreißigerjahren], Mailand 1978. 11 Diese Bewegung wurde von dem aus Neapel stammenden Ingenieur Amadeo Bordiga (1889–1970) angeführt, dem ersten Generalsekretär der KPI, bevor Antonio Gramsci an seine Stelle trat. 12 Siehe Palmiro Togliatti: Appunti per una critica del bordighismo [Versuch einer Kritik am Bordigismus], in: Lo Stato operaio IV, Nr. 4 vom April 1930. 13 Siehe Ernesto Ragionieri: Togliatti e la tradizione storica del PCI [Togliatti und die historische Tradition der KPI], in: Rinascita Nr. 48 vom 4. Dezember 1970, S. 23–29. 14 Angelo Tasca, eines der Gründungsmitglieder der KPI, wurde 1929 wegen seiner Opposition gegen die sektiererische Wende der Komintern-Politik aus der Partei ausgeschlossen. 15 Siehe Palmiro Togliatti: Lettera a Berti per il X anniversario [Briefe an Berti zum 10. Jahrestag], in: Rinascita Nr. 48 vom 4. Dezember 1970, S. 24 f. 16 Siehe Palmiro Togliatti: Antonio Gramsci, capo della classe operaia italiana [Antonio Gramsci, Anführer der italienischen Arbeiterklasse], in: Lo Stato operaio XI, Mai–Juni 1937, Nr. 5–6, S. 273–279. Der Artikel wurde ein Jahr später in eine Gramsci gewidmete Gemeinschaftsveröffentlichung der KPI aufgenommen (Gramsci, Paris 1938). 17 Giorgio Amendola: Gramsci e Togliatti [Gramsci und Togliatti], in: ders.: Comunismo, antifascismo e Resistenza [Kommunismus, Antifaschismus und Widerstand], Rom, S. 150 f. 18 Ebd., S. 151. Amendola räumt ein, dass die von der Kommunistischen Partei vorgenommene Darstellung der Person und des Werks Gramscis am Anfang zu einer Legende geworden sei, dies seiner Meinung nach aber »nicht zu vermeiden« und sogar »nützlich« gewesen sei (ebd., S. 146). 19 Giorgio Bocca: Palmiro Togliatti, Bari 1977, Bd. 2, S. 633. 20 Giorgio Amendola: Dal ›Quaderno‹ del 30° alla coscienza storica del partito nuovo di oggi [Von der ›Schrift‹ zum 30. Jahrestag bis zum historischen Bewusstsein der neuen Partei von heute], in: Rinascita Nr. 48 vom 4. Dezember 1970, S. 14. Siehe auch Bocca: Palmiro Togliatti (Amn. 19), S. 634. 21 Und dies trotz der Spannungen, die sich zwischen Togliatti und Pietro Secchia, dem mächtigen Organisationsleiter der KPI, der eine Alternative zum Parteivorsitzenden darstellte, abzeichneten. Togliatti gelang es, seine Stellung zu behaupten und seinen Rivalen abzusetzen. Siehe dazu Bruno Groppo: Les divergences entre Togliatti et Secchia et l’évolution politique du Parti communiste italien 1944–1954 [Die Differenzen zwischen Togliatti und Secchia und die politische Entwicklung der italienischen Kommunistischen Partei 1944–1954], in: Communisme Nr. 9, 1986, S. 35–51. 22 Siehe Luigi Cortesi: Einführung, in: Angelo Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI [Die ersten zehn Jahre der KPI], Bari 1973, S. 16. 23 Amendola: Dal ›Quaderno‹ del 30° (Anm. 20), S. 14. 24 Nach Aussagen der Historiker Mauro Canali und Dario Biocca belegen die im italienischen Staatsarchiv entdeckten Dokumente, dass Silone in den Zwanzigerjahren ein Informant der italienischen Polizei gewesen sei. Siehe Mauro Canali/Dario Biocca: L’informatore: Silone, i comunisti e la polizia [Der Informant: Silone, die Kommunisten und die Polizei], Mailand 2000; Dario Biocca: Silone. La doppia vita di un italiano [Silone. Das Doppelleben eines Italieners], Mailand 2005. Diese These, die in Italien zu einer lebhaften Kontroverse führte, wurde von anderen Historikern angezweifelt; siehe Giuseppe Tamburrano/Gianna Granati/Alfonso Isinelli: Processo a Silone. La disavventura di un povero cristiano [Der Fall Silone. Das Unglück eines armen Christen], Bari 2001. 25 Siehe Ignazio Silone: Uscita di sicurezza [Notausgang], in: Comunità, September–Oktober 1949. 26 Siehe Palmiro Togliatti: Contributo alla psicologia di un rinnegato. Come Ignazio Silone venne espulso dal Partito Comunista [Beitrag zum psychologischen Porträt eines Abtrünnigen. Wie Ignazio Silone aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde], in: L’Unità vom 6. Januar 1950. 27 Siehe Angelo Tasca: A proposito della polemica Silone – Togliatti. La società chiusa [Zur Polemik zwischen Silone und Togliatti. Die geschlossene Gesellschaft], in: Il Mondo vom 11. März 1950. 28 Siehe [P. Togliatti]: Un opportunista marcio: Angelo Tasca [Ein mieser Opportunist: Angelo Tasca], in: Trenta anni di vita e lotte del P.C.I. [Dreißig Jahre Leben und Kämpfe der KPI], Rom 1952, S. 120 f. 29 Zum politischen Werdegang Tascas siehe Sergio Soave (Hg.): Un eretico della sinistra. Angelo Tasca dalla militanza alla crisi della politica [Ein Ketzer der Linken. Angelo Tasca, von der Militanz zur Krise der Politik], Mailand 1995. 30 Amilcare Rossi (Pseudonym von Angelo Tasca): Naissance du fascisme. L’Italie de l’armistice à la marche sur Rome [Entstehung des Faschismus in Italien. Vom Waffenstillstand bis zum Marsch auf Rom], Paris 1938 (engl. Übersetzung: The Rise of Italian Fascism 1918–1922, London 1938). 1934 veröffentlichte Silone während seines Schweizer Exils eine umfassende Studie über die Entstehung des Faschismus in Italien (Ignazio Silone: Der Faschismus – Seine Entstehung und seine Entwicklung, Zürich 1934). 31 Zu Vichy siehe Denis Peschanski (Hg.): Vichy 1940–1944. Archives de guerre d’Angelo Tasca [Kriegsarchive von Angelo Tasca], Paris/Mailand 1986; David Bidussa/Denis Peschanski (Hg.): La France de Vichy. Archives inédites d’Angelo Tasca [Frankreich unter dem Vichy-Regime. Unveröffentlichte Dokumente Angelo Tascas] (= Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung), Mailand 1996. 32 Siehe La storia e la preistoria [Geschichte und Vorgeschichte] Nr. 33 vom 18. August, S. 3 f.; L’Ordine Nuovo [Die Neue Ordnung] Nr. 34 vom 25. August, S. 5; Comunismo e fascismo [Kommunismus und Faschismus] Nr. 35 vom 1. September, S. 9 f.; Ordinovisti e bordighisti [Vertreter der Neuen Ordnung und Anhänger Bordigas] Nr. 36 vom 8. September, S. 9 f.; La direzione clandestina [Die heimliche Führung] Nr. 37 vom 15. September, S. 9 f.; La nuova politica [Die neue Politik] Nr. 38 vom 22. September, S. 9 f. Diese Artikel wurden später gesammelt herausgegeben, in: Angelo Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI [Die ersten 10 Jahre der KPI], Bari 1971 (mit einer beachtenswerten Einführung von Luigi Cortesi). 33 Siehe Jules Humbert-Droz: Il contrasto tra l’Internazionale e il PCI [Der Gegensatz zwischen der Kommunistischen Internationale und der KPI], Mailand 1969. 34 Siehe Rosa Alcara: La formazione e i primi anni del PCI nella storiografia marxista [Gründung und Gründerjahre der KPI in der marxistischen Historiografie], Mailand 1970, S. 43–47; Cortesi: Einführung in Angelo Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI (Anm. 22 u. 32), S. 46–58. 35 Bellini/Galli: Storia del PCI (Anm. 1). Letzte Ausgabe: Giorgio Galli: Storia del PCI: Livorno 1921, Rimini 1991 [Geschichte der KPI: Livorno 1921, Rimini 1991], Mailand 1993. 36 Siehe Palmiro Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del Partito comunista italiano nel 1923–1924 [Herausbildung der Führungsgruppe der italienischen Kommunistischen Partei in den Jahren 1923–1924] (= Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung), Mailand 1961, S. 388–529. Eine zweite, leicht abgeänderte Ausgabe dieser Korrespondenz wurde 1962 vom KPI-eigenen Riuniti Verlag herausgegeben. Siehe Palmiro Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del Partito Comunista Italiano nel 1923–24, Rom 1962. 37 Siehe Rinascita Nr. 1 vom Januar 1962. 38 Siehe Giuseppe Berti: I primi dieci anni di vita del Partito comunista italiano: Documenti inediti dell’Archivio Angelo Tasca [Die ersten zehn Jahre der italienischen Kommunistischen Partei: unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv Angelo Tascas] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, VIII), Mailand 1967; ders.: Appunti e ricordi 1919–1926 [Notizen und Aufzeichnungen 1919–1926], ebd., S. 8–185. Siehe auch Introduzione [Einleitung] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, Bd. X) 1968, S. 1–99; ders.: Problemi di storia del PCI e dell’Internazionale comunista [Probleme der Geschichte der KPI und der Kommunistischen Internationale], in: Rivista storica italiana LXXXII (1970), S. 148–198. Zu Berti siehe biografischer Eintrag »Berti, Giuseppe« von Francesco M. Biscione, in: Dizionario biografico degli Italiani (Anm. 2), Bd. 9, Rom 1967. 39 Zu Amendola siehe biografischer Eintrag von Michele Fatica, in: Dizionario biografico degli Italiani (Anm. 2). 40 Giorgio Amendola: Storia del Partito comunista italiano 1921–1943 [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei 1921–1943], Rom 1979. 41 Siehe Giorgio Amendola: Lettere a Milano [Briefe nach Mailand], Rom 1973. 42 Siehe ders.: Un’isola [Die Insel], Mailand 1980; ders.: Una scelta di vita [Eine Lebensentscheidung], Mailand 1980. 43 Siehe Pietro Secchia: Il Partito comunista italiano e la guerra di Liberazione [Die italienische Kommunistische Partei und der Befreiungskrieg] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, XIII), Mailand 1972; ders.: L’azione svolta dal Partito comunista in Italia durante il fascismo 1926–1932 [Das Wirken der Kommunistischen Partei in Italien während des Faschismus 1926–1932] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, Bd. VIII), Mailand 1970; Pietro Secchia/Filippo Frassati: Storia della Resistenza [Geschichte des Widerstands], Rom 1965; Archivio Pietro Secchia. 1945–1973 [Archiv Pietro Secchias. 1945–1973], mit einer Einleitung des Herausgebers Enzo Collotti (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, Bd. XIX), Mailand 1978, S. 135–740. 44 Zu Secchia siehe Miriam Mafai: L’uomo che sognava la lotta armata. La storia di Pietro Secchia [Der Mann, der vom bewaffneten Widerstand träumte. Die Geschichte Pietro Secchias], Mailand 1980; Filippo Pangallo: Pietro Secchia nella storia del PCI, dalla Resistenza al Partito Nuovo, 1943–1954 [Pietro Secchia in der Geschichte der KPI, vom Widerstand bis zur Neuen Partei 1943–1954], Bologna 2004; Enzo Collotti: biografischer Eintrag »Secchia Pietro«, in: Andreucci/Detti: Il Movimento operaio italiano. Dizionario biografico 1853–1943 (Anm. 2). 45 Zu Longo, siehe Aldo Agosti (Hg.): Luigi Longo: la politica e l’azione [Luigi Longo: Politik und Aktion], Rom 1992. 46 Siehe Luigi Longo: I centri dirigenti del PCI nella Resistenza [Die Führungszentren der KPI während des Widerstands], Rom 1973. 47 Siehe Luigi Longo/Carlo Salinari: Dal socialfascismo alla guerra di Spagna [Vom Sozialfaschismus bis zum Spanischen Bürgerkrieg], Rom 1976. 48 Siehe Umberto Terracini: Quando diventammo comunisti [Als wir Kommunisten wurden], Mailand 1981; ders.: Sulla svolta. Carteggio clandestino dal carcere 1930 1931 1932 [Zur Wende. Heimlicher Briefwechsel aus dem Gefängnis 1930, 1931, 1932], herausgegeben von A. Coletti, Mailand 1975; ders.: Al bando del Partito [Verbannung aus der Partei], Mailand 1976; ders.: Intervista sul comunismo difficile [Interview über den schwierigen Kommunismus], Bari 1978. 49 Siehe Alfonso Leonetti: Un comunista 1895–1930 [Ein Kommunist 1895–1930], Mailand 1979; ders.: Gli atti di nascita del PCI [Schriften zur Gründung der KPI], Rom 1975; ders.: Vittime italiane dello stalinismo in URSS [Italienische Opfer des Stalinismus in der UdSSR], Mailand 1978. 50 Siehe Teresa Noce: Rivoluzionaria professionale [Von Beruf Revolutionärin], Mailand 1974. 51 Siehe Arturo Colombi: Vita di militante. Dalla prima guerra mondiale alla caduta del fascismo [Leben eines Aktivitsten. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall des Faschismus], Rom 1975. 52 Siehe Paolo Robotti: La prova [Die Prüfung], Rom 1980; ders.: Scelto dalla vita [Vom Leben auserkoren], Rom 1980. 53 Siehe Giancarlo Pajetta: Ragazzo rosso [Roter Junge], Mailand 1991; ders.: Le crisi che ho vissuto [Die Krisen, die ich erlebt habe], Rom 1982. 54 Zu Terracini siehe Aldo Agosti (Hg.): La coerenza della ragione. Per una biografia politica di Umberto Terracini [Die Kohärenz der Vernunft. Für eine politische Biografie Umberto Terracinis], Rom 1998; Lorenzo Gianotti: Umberto Terracini: La passione civile di un padre della Repubblica [Umberto Terracini. Die bürgerliche Leidenschaft eines Vaters der Republik], Rom 2005. 55 Zu diesem Zeitabschnitt siehe Giancarlo Telloli: Alfonso Leonetti dans le SI de l’Opposition de gauche et de la LCI [Alfonso Leonetti im Internationalen Sekretariat der Linken Opposition und der Internationalen Kommunistischen Liga], in: Cahiers Léon Trotsky, Nr. 29, März 1987, S. 18–42. 56 Siehe Pietro Ingrao: Volevo la luna [Ich wollte den Mond], Turin 2006. 57 Siehe Rossana Rossanda: La ragazza del secolo scorso [Die Tochter des 20. Jahrhunderts], Turin 2005. 58 Siehe Armando Cossutta/Gianni Montesano: Una storia comunista [Eine kommunistische Geschichte], Mailand 2004. 59 Siehe Emanuele Macaluso: 50 anni nel PCI [50 Jahre in der KPI], Soveria Mannelli 2003. 60 Siehe Diego Novelli: Com’era bello il mio PCI [Wie schön war meine KPI], Mailand 2002. 61 Siehe Luigi Cortesi (Hg.): Amadeo Bordiga nella storia del comunismo [Amadeo Bordiga in der Geschichte des Kommunisms], Neapel 1997; ders.: Le origini del PCI: studi e interventi sulla storia del comunismo [Die Anfänge der KPI: Studien und Beiträge zur Geschichte des Kommunismus], Mailand 1999; ders.: Le origini del PCI [Die Anfänge der KPI], Bari 1982. 62 Siehe Andreina De Clementi: Amadeo Bordiga, Turin 1971; Franco Livorsi: Biografia di Amadeo Bordiga [Biografie Amadeo Bordigas], Rom 1976; Arturo Peregalli/Sandro Saggioro: Amadeo Bordiga 1889–1970, Mailand 1995; Luigi Agnello, biografischer Eintrag »Bordiga« in: Dizionario biografico degli italiani (Anm. 2), Band 34, Rom 1988, (http://www.treccani.it/enciclopedia/amadeo-bordiga_%28Dizionario-Biografico%29/, ges. am 28. November 2012). 63 Siehe Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI (Anm. 22). 64 Luigi Cortesi: Storia del comunismo. Da utopia al Termidoro sovietico [Geschichte des Kommunismus. Von der Utopie bis zum sowjetischen Thermidor], Rom 2010. 65 Siehe Aurelio Lepre/Silvano Levrero: La formazione del Partito comunista d’Italia [Die Gründung der Kommunistischen Partei Italiens], Rom 1971; Renzo Martinelli: Il PCd’I (1921–1926) [Die KPI (1921–1926)], Rom 1971; Tommaso Detti: Serrati e la formazione del PCI [Serrati und die Gründung der KPI], Rom 1972; Franco De Felice: Serrati, Bordiga, Gramsci, Bari 1975; Problemi di storia del partito comunista italiano [Probleme der Geschichte der KPI], Rom 1971. Siehe auch die bereits erwähnten Arbeiten von Andreina De Clementi, Franco Livorsi, Arturo Peregalli und Sandro Saggioro über Bordiga. 66 Siehe Martinelli: Storia del Partito Comunista Italiano, vol. VI (Anm. 1). 67 Siehe Ragionieri: La Terza internazionale (Anm. 7); Spriano: I comunisti europei e Stalin (Anm. 5); Elena Aga Rossi/Victor Zaslavsky: Togliatti e Stalin. Il PCI e la politica estera staliniana negli archivi di Mosca [Togliatti und Stalin. Die KPI und die Außenpolitik Stalins in den Moskauer Archiven], Bologna 1997; Francesca Gori/Silvio Pons (Hg.): Dagli Archivi di Mosca. L’Urss, il Cominform e il PCI (1943–1951) [Aus den Moskauer Archiven. Die UdSSR, das Kominform und die KPI (1943–1951)], Rom 1998; Carlo Spagnolo: Sul Memoriale di Yalta. Togliatti e la crisi del movimento comunista internazionale (1956–1964) [Über das Jalta-Memorandum. Togliatti und die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung (1956–1964)], Rom 2007. 68 Siehe Pietro Di Loreto: Togliatti e la »doppiezza«: il PCI tra democrazia e insurrezione (1944–49) [Togliatti und die »Doppelmoral«: die KPI zwischen Demokratie und Aufstand (1944–49)], Bologna 1991; Salvatore Sechi: Compagno cittadino. Il PCI tra via parlamentare e lotta armata [Genosse Bürger. Die KPI zwischen parlamentarischem Weg und bewaffnetem Kampf], Soveria Mannelli 2006. 69 Siehe Elena Dundovich: Tra esilio e castigo. Il Komintern, il PCI e la repressione degli antifascisti italiani in URSS (1936–38) [Zwischen Exil und Strafe. Die Komintern, die KPI und die Unterdrückung der italienischen Antifaschisten in der UdSSR (1936–38)], Rom 1998; Elena Dundovich/Francesca Gori: Italiani nei lager di Stalin [Italiener in den Lagern Stalins], Bari 2006; Giancarlo Lehner (zusammen mit Francesco Bigazzi): La tragedia dei comunisti italiani. Le vittime del PCI in Unione Sovietica [Die Tragödie der italienischen Kommunisten. Die Opfer der KPI in der Sowjetunion], Mailand 2000; Didi Gnocchi: Odissea Rossa. La storia dimenticata di uno dei fondatori del PCI [Rote Odyssee. Die vergessene Geschichte eines der Gründer der KPI], Turin 2001; Alfonso Leonetti: Vittime italiane dello stalinismo in URSS (Anm. 49); Guelfo Zaccaria: A Mosca senza ritorno: duecento comunisti italiani tra le vittime dello stalinismo [Moskau ohne Wiederkehr: zweihundert italienische Kommunisten unter den Opfern des Stalinismus], Mailand 1983. 70 Siehe Andrea Berrini: Noi siamo la classe operaia. I duemila di Monfalcone [Wir sind die Arbeiterklasse. Die Zweitausend von Monfalcone], Mailand 2004; Giacomo Scotti: Goli Otok, ritorno all’Isola Calva. Italiani nel gulag di Tito [Goli Otok, zurück zur Kahlen Insel. Italiener in Titos Gulag], Triest 2002 (Scotti ist kein Berufshistoriker). 71 Siehe Valerio Riva/Francesco Bigazzi: Oro da Mosca [Gold aus Moskau], Mailand 1999. 72 Siehe Leonardo Raito: Il PCI e la Resistenza ai confini orientali d’Italia [Die KPI und der Widerstand an den östlichen Grenzen Italiens], Trient 2006; Patrick Karlsen: Frontiera rossa. Il PCI, il confine orientale e il contesto internazionale. 1941–1955 [Rote Grenze. Die KPI, die östliche Grenze und der internationale Kontext. 1941–1955], Görz 2010. 73 Siehe Paolo Buchignani: Fascisti rossi. Da Salò al PCI, la storia sconosciuta di una migrazione politica 1943–53 [Rote Faschisten. Von Salò zur KPI, die unbekannte Geschichte einer politischen Migration 1943–53], Mailand 2007. 74 Siehe die bereits erwähnten Arbeiten über die Geschichte der KPI von Aldo Agosti, Albertina Vittoria, Lucio Magri, Marcello Flores und Nicola Gallerano (Anm. 1). 75 Siehe Berti: Problemi di storia del PCI e dell’Internazionale comunista, in: Rivista storica italiana (Anm. 38), S. 156. 76 Diese Anmerkung stammt von dem kommunistischen Historiker Ernesto Ragionieri (Ernesto Ragionieri: Problemi di storia del PCI [Probleme der Geschichte der KPI], in: Critica marxista VII Nr. 4–5, Juli–Oktober 1969, S. 195). 77 Zum Archiv der KPI zu Beginn der Sechzigerjahre siehe Franco Ferri: L’archivio del Partito comunista italiano [Das Archiv der italienischen Kommunistischen Partei], in: Critica marxista IV Nr. 4, Juli–August 1966, S. 201–208. 78 Siehe Stéphane Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 2004.

JHK 2013

Beneš, Stalin, die Vertreibung der Deutschen und die Sowjetisierung der Tschechoslowakei Beneš als Staats- und Exilpolitiker

Gerhard Wettig

Während des Ersten Weltkriegs hatte Edvard Beneš durch seine unermüdliche Lobbytätigkeit in den westlichen Hauptstädten zur Gründung der Tschechoslowakischen Republik (ČSR) entscheidend beigetragen. Ihr Gebiet hatte seit dem 16. Jahrhundert zum Vielvölkerstaat der Habsburger gehört, der 1918 zusammengebrochen war. Die Siegermächte bekannten sich zwar zum Prinzip der nationalstaatlichen Organisation, legten aber die Grenzen nach den Vorstellungen von Beneš und seiner Mitstreiter fest. Daher fielen Böhmen, Mähren und die Slowakei einschließlich des Karpatengebiets im Osten vollständig der ČSR zu, obwohl dort nur teilweise Tschechen und Slowaken lebten. In den Randbezirken von Böhmen und Mähren wohnten Deutsche, die im Mittelalter von den tschechischen Herrschern des Landes in diese damals menschenleeren Gebiete geholt worden waren. Im Süden der Slowakei, die seit jeher als ungarisches Territorium galt, lebten zumeist Ungarn, und im Osten »Ruthenen« (wie man die Ukrainer dort nannte). Die Slowaken wurden – mehr oder minder ohne ihr Einverständnis – zusammen mit den Tschechen zu einer einzigen Nation erklärt. Die ČSR erklärte sich zum Nationalstaat, war aber faktisch ein multiethnisches Land, in dem sich viele Bewohner anderen Nationen zugehörig fühlten. Die Deutschen waren von den Siegermächten daran gehindert worden, ihrem erklärten Willen zum Anschluss an das Deutsche Reich zu folgen, und auch die Ungarn waren gegen ihre Einverleibung in die ČSR. Diese war zwar demokratisch verfasst und sollte die vom Völkerbund festgelegten Minderheitenrechte achten, doch die herrschenden Politiker in Prag orientierten sich an der Vorstellung eines ethnisch homogenen Nationalstaates und diskriminierten die Minoritäten, unterwarfen sie einem national ausgerichteten Zentralismus und bauten die Positionen der Tschechen aus, wo sie nur konnten.1 Dieses Vorgehen stand auch in Widerspruch dazu, dass die tschechische Kernbevölkerung nur etwa die Hälfte der Einwohner bildete und dass man auch dann, wenn man die Slowaken hinzunahm, nur auf knapp zwei Drittel kam. Als die größte Minderheit hatten die Deutschen einen Anteil von ca. 23 Prozent. Daneben gab es noch fünf Prozent Ungarn und vier Prozent Ukrainer. Beneš, der die Ausdehnung des Staatsgebiets bei den Friedensvertragsabschlüssen 1919 durchgesetzt hatte, war zunächst Außenminister und trat 1935 die Nachfolge von Präsident Tomáš Masaryk an. Schon während seiner Tätigkeit als Außenminister stellte Beneš die UdSSR in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Er ging davon aus, diese habe ihre revolutionären Anfänge hinter sich gelassen und sei nicht länger daran interessiert, das Sowjetsystem auf andere Länder auszudehnen. Die UdSSR sei ein normaler Staat geworden, der keine Gefahr für die demokratische Ordnung der ČSR bilde. Das erschien plausibel, nachdem das geschwächte und isolierte Land seit 1923 nicht mehr versucht hatte, die Verhältnisse in der – mittlerweile konsolidierten – Außenwelt umzustürzen. Dem Aufruf des VII. Komintern-Kongresses 1935 an die Kommunisten im Westen, was den Kampf gegen den Faschismus betraf, mit den anderen demokratischen Parteien zusammenzuarbeiten, und der Tatsache, dass in Frankreich und anderen Ländern Volksfrontregierungen gebildet wurden,2 entnahm Beneš ebenfalls die Botschaft, dass mit Sowjetisierungsabsichten nicht zu rechnen sei. Das erschien ihm auch durch Stalins Gegnerschaft zu dem sich revolutionär gebärdenden Trockij und die sowjetische Parole »Sozialismus in einem Land« bestätigt.3 Wie er glaubte, kam darin eine dem eigenen Bekenntnis zum nationalen, tschechoslowakischen Sozialismus entsprechende Position zum Ausdruck, das demokratische Prinzip müsse auch in Wirtschaft und Gesellschaft verwirklicht werden.4 Eine weitere Gemeinsamkeit von UdSSR und ČSR sah Beneš darin, dass das slawische Volkstum beider Länder mit einer gemeinsamen »germanischen Bedrohung« konfrontiert sei. Er ging zudem von einer künftig maßgebenden Rolle der Sowjetunion in Europa aus, während sich die Macht Frankreichs und Großbritanniens verringern werde. Die Existenz des tschechoslowakischen Staates lasse sich auf Dauer nur sichern, wenn ihn die UdSSR zuverlässig unterstütze. Darum müsse man sich ihr annähern, um eine enge Verbindung herzustellen. In diesem Kontext war Beneš davon überzeugt, dass man im Kreml ebenfalls großes Interesse an einer Zusammenarbeit habe.5 Auch in der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts behielt er diese Orientierung bei, denn er war davon überzeugt, dass das Einvernehmen zwischen beiden Seiten nicht von Dauer sein werde. Er vermied alles, was die Beziehungen hätte belasten können.6 Schon als sich 1937 kurzzeitig eine Annäherung zwischen Moskau und Berlin abzuzeichnen schien, hatte er dem sowjetischen Gesandten versichert, die ČSR werde der UdSSR unverbrüchlich treu sein und unbedingt alle ihr gegenüber übernommenen Verpflichtungen erfüllen unabhängig davon, welchen Kurs der Kreml auch immer einschlagen sollte. An der Freundschaft werde Prag unter allen Umständen festhalten.7 Folglich knüpfte Beneš, gleich nachdem er Präsident geworden war, enge Beziehungen zur UdSSR. Obwohl es keine gemeinsamen Grenzen gab, schloss er mit ihr am 16. Mai 1935 einen Bündnisvertrag. Dieser machte die sowjetische Beistandspflicht davon abhängig, dass sich auch das mit der ČSR alliierte Frankreich am Kampf beteiligte.8 Aufgrund eines Geheimabkommens wurde überdies der Leiter des tschechoslowakischen Geheimdienstes, Oberst Moravec, zu einer – seiner politischen Haltung widersprechenden – engen Zusammenarbeit mit der Auslandsaufklärung des Kremls genötigt.9 Aufgrund dieser Vereinbarungen erhielt Stalin erstmals politischen Zugang zum ostmitteleuropäischen Raum, der ihm ansonsten heftige Ablehnung entgegenbrachte. Allen diesen Bemühungen legte Beneš die Prämisse zugrunde, das Deutsche Reich stehe seinem Land in prinzipieller Feindschaft gegenüber. Hinzu kam, dass er die westeuropäischen Länder als unzuverlässige Partner betrachtete und es daher für nötig hielt, mit der UdSSR als der stärksten Macht im Osten des Kontinents eine Gegenfront aufzubauen. Sein Misstrauen gegenüber Frankreich und Großbritannien wurde 1938 bestätigt. Hitler machte sich den Widerspruch zwischen dem nationalstaatlichen Anspruch und der multiethnischen Realität zunutze, um die ČSR unter Druck zu setzen. Mithilfe der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins inszenierte er eine Krise und bereitete mit der Begründung, die Unterdrückung müsse ein Ende finden, die Eroberung der deutsch besiedelten Gebiete vor. Das forderte Frankreich als Verbündeten der ČSR und das mit ihm verbundene Großbritannien heraus. Beneš sah sich in einer Position der Stärke gegenüber Hitler und lehnte daher jedwedes Zugeständnis brüsk ab. Vor allem in London wollte man sich aber nicht in eine militärische Auseinandersetzung stürzen, um die deutsche Bevölkerung gegen ihren Willen in der Tschechoslowakei festzuhalten. Ihr sollte vielmehr gemäß der Nationalstaatsidee erlaubt werden, sich mit dem eigenen Land zu vereinigen. Daher war die britische Regierung, gefolgt von der Führung in Paris, schließlich bereit, Hitlers Verlangen zu erfüllen. Am 29. September 1938 schlossen sie das Münchner Abkommen, das der ČSR die Abtretung der geforderten Gebiete auferlegte. Beneš fügte sich. Ein Widerstand, den allein seine Truppen leisteten, hatte nach seiner Ansicht keine Aussicht auf Erfolg. Er sah sein Lebenswerk zerstört, trat zurück und ging ins westliche Ausland.10 Nachdem die Westmächte die Tschechoslowakei im Stich gelassen hatten, schenkte Beneš ihnen niemals wieder Vertrauen und setzte seine Hoffnung nur noch in die UdSSR als der einzigen Macht, die ihn in der Krise unterstützt habe und auch danach auf seiner Seite stehe. Zwar war dies aufgrund der geostrategischen Umstände11 faktisch nicht mehr als ein verbales Engagement für die Sache der ČSR, doch Beneš glaubte, dass der Kreml militärische Hilfe geleistet hätte, wenn es möglich gewesen wäre. In dieser Überzeugung sah er sich bestärkt, als ihm Stalin durch den Geheimdienst 10 000 US-Dollar, einen damals sehr hohen Betrag, aushändigen ließ:12 Die UdSSR schien der einzige Freund zu sein, der zu Unterstützung bereit war.13 Die »Zerschlagung der Resttschechei« am 15. März 1939 zeigte, dass es Hitler nicht um den deutschen Nationalstaat, sondern um imperialistische Expansion ging. Großbritannien sagte Polen, das als nächstes Land bedroht wurde, militärischen Beistand zu und erklärte im Bund mit Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg, nachdem dieses Polen am 1. September 1939 angegriffen hatte. Beneš sah sich in seiner Überzeugung bestätigt, dass ein Weltkrieg mit einer erneuten deutschen Niederlage bevorstehe, erhob den Anspruch, der legitime Regierungschef der ČSR zu sein und verlangte, das Land müsse für das ihm zugefügte Unrecht Genugtuung erhalten. Die ČSR war nach den Plänen, die er zu entwickeln begann, nicht nur in den früheren Grenzen wiederherzustellen, sondern auch durch ethnische Bereinigung in einen echten Nationalstaat zu verwandeln. Die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen infolge des militärischen Geschehens würden eine einmalige Chance zur massenhaften Beseitigung der störenden Minoritäten bieten.14 Als die UdSSR aufgrund des deutschen Überfalls am 22. Juni 1941 und die USA im Dezember des gleichen Jahres in den Krieg eintraten, sah Beneš seine Erwartung bestätigt, dass Deutschland besiegt werde. Im Londoner Exil versuchte Beneš zunächst die Kriegsgegner Deutschlands zur Anerkennung der ČSR als Verbündeten und seiner selbst als Chef der Exilregierung zu bewegen. 1940/41 erreichte er dieses Ziel größtenteils. Er erhielt damit den Status des Oberhaupts eines befreundeten Staates, zu dem man diplomatische Beziehungen aufnahm. Beneš verschloss sich dabei allerdings dem britischen Ansinnen, auch sudetendeutsche Opponenten des NS-Regimes in seine Regierung aufzunehmen und bemühte sich um Kooperation mit den Kommunisten. Zur Propagierung seines zentralen Anliegens, der Vertreibung der Sudetendeutschen, bediente er sich der Möglichkeiten, die seine Position bot und seines exzellenten Netzes persönlicher Kontakte. Er argumentierte, nur durch die Entfernung des deutschen Elements ließen sich Stabilität und Frieden herstellen. Doch zunächst stieß sein Verlangen auf heftigen Widerstand. Vor allem die britische Regierung vertrat die Ansicht, die Diskussion aller Grundfragen könne erst auf einer Friedenskonferenz erfolgen, welche die Probleme eingehend untersuchen und auf dieser Basis die Umrisse der neuen Ordnung festlegen würde. Vorher dürfe es keine Teilregelungen geben, zumal Polen, Jugoslawien und andere Länder Ähnliches verlangen könnten. Ein allgemeines Chaos wäre die Folge.15 Beneš sah sich gestärkt, als 1942 nacheinander Großbritannien, die USA und die UdSSR das Münchner Abkommen für nicht mehr bindend erklärten. Damit, so folgerte er, seien die staatliche Einheit und die territoriale Integrität der ČSR wiederhergestellt. Von da an konzentrierte er sich noch stärker als bisher darauf, in der Vertreibungsfrage voranzukommen. Einen Fortschritt brachte das von ihm veranlasste Attentat auf Hitlers Statthalter in Prag, Reinhard Heydrich, am 27. Mai 1942.16 Es zog zwar eine Dezimierung des tschechischen Widerstands nach sich, von der sich dieser nicht mehr erholte, rief aber brutale Vergeltungsmaßnahmen der deutschen Besatzer hervor, die in den westlichen Hauptstädten einen Stimmungsumschwung einleiteten. Ein »Transfer« deutscher Minderheiten erschien zunehmend gerechtfertigt, ohne dass man aber der tschechischen Seite einen Blankoscheck auszustellen bereit war.17 Beneš setzte darauf, dass Stalin, der den Deutschen nach ihrem Angriff voller Hass gegenüberstand, für das Vorhaben einer unbeschränkten Vertreibung zu gewinnen war. Diesbezüglich hatte er schon Anfang 1942 sowjetischen Diplomaten sein Interesse an einem Besuch in Moskau zu Gesprächen über die »weitere politische Linie«, die »Entwicklung in Mitteleuropa«, die Außen- und Innenpolitik der ČSR sowie ihren Wiederaufbau signalisiert und hinzugefügt, dass er einer direkten Grenznachbarschaft mit der UdSSR entgegensehe. Dies werde ihr größeren Einfluss auf die Verhältnisse in der Tschechoslowakei geben.18 Stalins Konzept für das Vorgehen in den eroberten Gebieten Der Krieg gegen Polen und die beiden Westmächte, den Hitler aufgrund des Nicht-Angriffspakts mit Stalin vom 23. August 1939 begann, öffnete der UdSSR den Weg zur Expansion. Innerhalb eines Jahres annektierte sie Ostpolen, die baltischen Länder und die Gebiete, die Finnland und Rumänien abtreten mussten.19 Die durch den Krieg zwischen den Mächten der Außenwelt ermöglichte Expansion des Sowjetstaates entsprach den Komintern-Beschlüssen von 1935. Demnach hatten sich die Kommunisten auf eine Periode »heftiger Zusammenstöße« zwischen den kapitalistischen Ländern einzustellen. Man stehe vor den »kommenden großen Schlachten der zweiten Runde der proletarischen Revolutionen«, bei denen es um den Sieg nicht nur über das NS-Regime, sondern den Kapitalismus insgesamt gehe mit dem Ziel, die »Diktatur des Proletariats« und die »Sowjetmacht« durchzusetzen. Wie im Ersten Weltkrieg, der die Voraussetzungen für die Eroberung der Macht in Russland geschaffen hatte, sollten die kapitalistischen Staaten einander so weit schwächen, dass sich ihre Arbeiterklasse erheben und mit militärischer Unterstützung der UdSSR den Sieg über das feindliche System erringen werde.20 Der deutsche Überfall am 22. Juni 1941, den Stalin für unmöglich gehalten hatte, solange Hitler noch von einem anderen bewaffneten Konflikt in Anspruch genommen wurde, änderte die Lage von Grund auf. Die UdSSR wurde unversehens zum Verbündeten der Westmächte. Ungeachtet der gewaltigen Niederlagen in den ersten Monaten, war Stalin davon überzeugt, am Ende auf der Siegerseite zu stehen. Seine Truppen würden über die Grenzen des eigenen Landes vorstoßen und so dafür sorgen, dass die UdSSR Herrschaft und System auf fremde Gebiete ausdehnen könnte. Seiner Ansicht nach war dieser Krieg »nicht wie andere Kriege; wer immer ein Territorium besetzt, nötigt ihm auch sein eigenes System auf. Jeder nötigt sein System auf, soweit seine Armee reichen kann. Es kann nicht anders sein.«21 Dabei sah sich Stalin freilich zur Rücksichtnahme auf die Alliierten im Westen veranlasst, zu denen er – in Anbetracht des dann bestehenden internationalen Kräfteverhältnisses und seines Wunsches nach fortgesetzter materieller Unterstützung – auch nach dem Krieg kooperative Beziehungen aufrechterhalten wollte. Stalin ging zu Recht davon aus, dass diese eine Sowjetisierung ablehnten, und war daher um eine Vorgehensweise bemüht, an der man in den westlichen Hauptstädten keinen – oder zumindest nur geringen – Anstoß nehmen würde. Deshalb versuchte Stalin seine Absicht zu verschleiern. Er gab die Parole aus, in den eroberten Ländern solle lediglich eine »neue Demokratie« errichtet werden, die den Feudalismus durch eine bürgerliche Ordnung ersetze und außer der Politik auch die Gesellschaft und die Wirtschaft erfasse. Es gehe um »Reformen« im Rahmen der westlichen Demokratie, um den Aufbau einer »antifaschistischen« Ordnung durch Beschreiten eines »parlamentarischen Weges«. Diese Rede sollte die »Klassenfeinde« vor Ort und im Westen darüber hinwegtäuschen, dass der Sozialismus, d. h. das Sowjetsystem, das Ziel war.22 Die »neue Demokratie« war dabei nicht als Endzustand, sondern als Ausgangspunkt für die – allmählich durchzusetzende – Diktatur der vom Kreml gelenkten Kommunistischen Partei gedacht. Am verbalen Bekenntnis zur Demokratie sollte nur so lange festgehalten werden, wie es wegen der Stärke der anderen innenpolitischen Kräfte und mit Rücksicht auf die Westmächte notwendig erschien. Die Durchsetzung des Sowjetsystems begann stets mit sechs Maßnahmen:23 1. Die UdSSR stützte sich auf die kommunistischen Führungen des Moskauer Exils und auf jeweils einige hundert in Antifaschulen ausgebildete Leitungskader. Dieses operativ geschulte und zu unbedingtem Gehorsam verpflichtete Personal besetzte die Schlüsselpositionen, schlug den sowjetischen Militärbehörden die anderen Funktionäre vor und baute einen großen Apparat zur Heranbildung von Kadern der mittleren und unteren Ebenen auf. 2. Als unerlässliche Grundlagen des Fortschritts zum Sozialismus wurden die Überführung des Bankwesens und der Großindustrie »in Gemeineigentum« sowie die Zerschlagung der landwirtschaftlichen Großbetriebe an den Anfang gestellt. Das nahm der »Bourgeoisie in Stadt und Land« die wirtschaftliche und gesellschaftliche Basis, während die Kommunisten fortan über die Banken und Fabriken verfügten, den enteigneten Landbesitz verteilen konnten und über die Vergabe eines Großteils der Arbeitsplätze entschieden. 3. Gesellschaftliche Einheitsorganisationen wie Gewerkschaften, Jugend-, Frauen- und Bauernverband, die zunächst ein überparteiliches Etikett erhielten, aber von zuverlässigen Funktionären geleitet wurden, entzogen die betreffende Bevölkerungsgruppe von Anfang an anderem Einfluss und unterwarfen sie später einer festen kommunistischen Kontrolle. 4. Das Mehrparteiensystem umfasste nur die politischen Richtungen, denen das Gütezeichen einer »antifaschistisch-demokratischen« Haltung zugebilligt wurde. Die Kommunisten, die ihre Weisungen von den Militärbehörden empfingen, hatten nach interner Festlegung die »führende Rolle« zu übernehmen. Diese wurde dadurch gewährleistet, dass die Bildung eines zum Konsens verpflichteten Allparteienblocks zur Voraussetzung der politischen Tätigkeit gemacht wurde. Folglich waren Entscheidungen nur mit Zustimmung der Kommunisten möglich, die so alle von ihnen nicht gebilligten Beschlüsse verhindern konnten. 5. Nach Moskauer Überzeugung ließ sich das sozialistische Ziel nur mit Unterstützung der »Arbeiterklasse« erreichen. Mithin sollten die Sozialdemokraten als diejenige Partei, die deren Interesse ebenfalls zu vertreten beanspruchte, von einer Konkurrenz mit den Kommunisten abgehalten werden. Darüber hinaus schien ein Zusammenschluss nötig, um der KP das Monopol als Arbeiterpartei zu sichern und ihr Personal durch marxistisch vorgebildete Kader zu verstärken. Dies setzte eine überlegene Position der kommunistischen Seite voraus, die ihr die Assimilation der Sozialdemokraten ermöglichen würde, was sich nach sowjetischer Voraussicht erst allmählich erreichen ließ. Demgemäß kam zu Anfang nur eine »Aktionseinheit« in Betracht, die zur Gemeinsamkeit gegenüber den bürgerlichen Kräften verpflichtete. Die organisatorische Vereinigung sollte erst später stattfinden, wenn die Zeit dafür »herangereift« war. 6. Um sich den Anschein eines demokratischen Vorgehens zu geben, sagte die UdSSR den angelsächsischen Verbündeten freie Wahlen in den eroberten Ländern zu. Intern war aber klar, dass sie die politischen Verhältnisse nicht bestimmen sollten. Vielmehr wurde ihnen die Funktion zugewiesen, den zuvor auf andere Weise herbeigeführten Zustand nachträglich zu bestätigen. Daran, dass sich die Dinge so entwickeln würden, hatte man im Kreml bis zu den ersten Enttäuschungen im Herbst 1945 keinen Zweifel. Die Arbeiter, Bauern und anderen Werktätigen würden nach Befriedigung ihrer »Klasseninteressen« durch die vorgesehenen »Reformen« für die »neue Demokratie« stimmen. Überdies war man grundsätzlich der Meinung, dass das Bewusstsein den Realitäten der Macht folge. 24 Das Aktionsprogramm beruhte auf der Überzeugung, dass die Machtfrage in den eroberten Ländern durch den Sieg der Roten Armee letztlich entschieden sei. Es gehe nur darum, das Militärregime in die Zivilgewalt eingesetzter nationaler Kader umzuwandeln.25 Die UdSSR musste sich deswegen jeweils auf zuverlässige einheimische Weisungsempfänger stützen und ihnen die mittels Eroberung gewonnene Macht übertragen. Das sollte freilich auf eine Weise geschehen, welche die sowjetische Lenkung als Handeln nationaler Akteure, namentlich auch der bürgerlichen Parteien, erscheinen ließ. Nur in der ČSR, wo Beneš als allseits anerkannter Präsident des Landes und Führer der stärksten bürgerlichen Gruppierung, der tschechischen Nationalen Sozialisten, zur Zusammenarbeit bereit war, konnte er auf einen Politiker zählen, dessen Autorität allgemeine Akzeptanz gewährleistete. Anders als in Polen, das ebenfalls den Status eines Verbündeten besaß, gleichwohl faktisch als Feindstaat behandelt wurde,26 konnte Stalin deswegen in der ČSR auf die Ausübung der Besatzungsgewalt verzichten und seine Truppen nach relativ kurzer Zeit zurückziehen. Ohne den tschechoslowakischen Präsidenten hätte er, falls seine Truppen überhaupt in die Kerngebiete des Landes vorgedrungen wären, vor der Wahl gestanden, entweder die Westmächte durch die faktische Okkupation eines weiteren verbündeten Landes vor den Kopf zu stoßen oder von der Sowjetisierung Abstand zu nehmen. Stalin gewann Beneš für den vorgesehenen Kurs der inneren Transformation nicht nur mit dem Argument, auf »parlamentarischem Weg« müsse eine »neue Demokratie« geschaffen werden, welche die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse einbeziehe und somit alle Lebensbereiche demokratischer Lenkung unterstelle, sondern auch mit der »slawischen Idee«, von der seit 1939/40 im Kreml die Rede war.27 Im Sommer 1941 wurde diese Propaganda verstärkt. In Moskau fand mit Teilnehmern aus Polen, Bulgarien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei ein erstes Treffen statt, auf dem man die slawischen Völker zum gemeinsamen Kampf gegen die Deutschen aufrief. Am 5. Oktober wurde auf Weisung des ZK der KPdSU ein Allslawisches Komitee gegründet.28 Die Unterstützung durch Beneš war besonders wichtig, denn er war der einzige Präsident eines slawischen Staates, der dafür zu gewinnen war. Die »slawische Idee« gehörte daher zu den ersten Themen, die man mit ihm im Herbst 1943 noch vor seiner Ankunft in Moskau erörterte. Der Leitgedanke, man müsse die Deutschen als notorische Feinde der Slawen ausschalten, war mit seiner eigenen Vorstellung identisch, und Beneš hielt es deshalb für geboten, sich »ausschließlich zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion« zu verpflichten. Wie ihm anschließend erläutert wurde, hatte der Kurs der engen Verbundenheit mit den anderen slawischen Ländern dauerhaften Charakter. Seine »demokratische« Ausrichtung gewährleistete die »Gleichberechtigung aller slawischen Völker« und hatte daher »nichts gemeinsam mit dem alten zaristischen Imperialismus«. Beneš stimmte voll zu.29 Wie er von da an wiederholt zum Ausdruck brachte, wünschte er die Befreiung der ČSR nicht durch westliche Truppen, sondern durch die Rote Armee. Verhandlungen zwischen Beneš und der sowjetischen Führung Nachdem die UdSSR in das Lager der Kriegsgegner Deutschlands gelangt war, bemühte sich Beneš sofort um verstärkte Kontakte. Am 24. Juni 1941 richtete er durch seinen militärischen Repräsentanten in Moskau ein Ersuchen an den Kreml um Verhandlungen über die Anerkennung seiner Exilregierung als Verbündetem und den Aufbau tschechoslowakischer Einheiten in der Sowjetunion. Die entsprechende Vereinbarung darüber wurde am 18. Juli geschlossen.30 Stalin übertrug die Aufstellung der Truppe Oberstleutnant Ludvík Svoboda. Dieser war gerade im Ausland für den sowjetischen Geheimdienst tätig,31 für den er spätestens seit 1939 arbei