...

 

Lesen - Biografie | Aufsatz

Zeugin des Terrors

Wie die Schweizerin Elinor Lipper die Wahrheit über den «Archipel Gulag» enthüllte

Biografie | Biografie | Aufsatz

Lucien Scherrer

Elinor Lipper bei einem Radio-Interview im Jahre 1951 (Foto: Privatbesitz)
Elinor Lipper bei einem Radio-Interview im Jahre 1951 (Foto: Privatbesitz)

Wer vom «Archipel Gulag» spricht, denkt heute vor allem an Alexander Solschenizyn. Dabei hat die Schweizerin Elinor Lipper lange vor dem sowjetischen Erfolgsautor die millionenfachen Verbrechen der Kommunisten bezeugt. Lucien Scherrer, Redakteur der Medienseite der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), hat der 1912 in Brüssel geborenen Lipper in einem umfänglichen Zeitungsbeitrag ein kleines biographisches Denkmal gesetzt. Lipper hatte ab 1931 in Berlin Medizin studiert und sich dort der kommunistischen Bewegung angeschlossen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung flüchtete sie in die Schweiz und war dort u.a. für die Kommunistische Internationale tätig. 1937 reiste sie nach Moskau aus, wo sie in der Nacht zum 26. Juli von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und 1938 zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt worden war. Elinor Lipper wurde schließlich erst 1948 aus der Lagerhaft sowie nach einer Odyssee durch sowjetische Transitgefängnisse in die Schweiz entlassen. Schwer von der Haft gezeichnet, sagte Lipper 1950 in einem Prozess in Paris aus, den die französischen Kommunisten provoziert hatten, um Zeitzeugen des sowjetischen Gulag-Systems mundtot zu machen. In jenem Jahr war in Zürich ihr Erlebnisbericht "Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern" erschienen. kommunismusgeschichte.de dankt Lucien Scherrer für die freundliche Genehmigung, seinen NZZ-Beitrag vom 29. November 2020 nachfolgend zu dokumentieren. Bitte bei der Zitation stets auch die Neue Zürcher Zeitung als Quelle angeben.

 

Zeugin des Terrors – wie die Schweizerin Elinor Lipper die Wahrheit über den «Archipel Gulag» enthüllte
Wer vom «Archipel Gulag» spricht, denkt heute vor allem an Alexander Solschenizyn. Dabei hat die Schweizerin Elinor Lipper lange vor dem sowjetischen Erfolgsautor die millionenfachen Verbrechen der Kommunisten bezeugt.

Wer hier auftritt, braucht Mut. Denn was im Dezember 1950 im Pariser Justizpalast ansteht, ist kein gewöhnlicher Prozess. Zweihundert Journalisten aus der ganzen Welt sind angereist, fünfzig Zeugen angekündigt, im Gerichtssaal drängen sich Gendarmen, Diplomaten, Zuschauer und in schwarze Roben gekleidete Anwälte, die mit Zwischenrufen, Beschimpfungen und Anträgen immer wieder für tumultartige Szenen sorgen.
Elinor Lipper wirkt denn auch etwas schüchtern, als sie am 8. Dezember in den Zeugenstand tritt. Doch was sie über Terror, Verhaftungen und Zwangsarbeit in Sowjetrussland berichtet, lässt kaum jemanden unberührt. «Da drüben», so erzählt sie, «arbeitet man zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, bei Temperaturen von minus 50 Grad; in den Goldminen liegt die Sterblichkeitsrate bei 30 Prozent im Jahr. Die meisten sterben an Unterernährung.»

Lügen, die Millionen glauben wollen
Für die kommunistischen Anwälte im Saal sind diese Aussagen eine derartige Frechheit, dass sie beim Richter intervenieren, um der jungen Schweizerin das Wort entziehen zu lassen. Es gehe doch nicht an, die Sowjetunion zu verunglimpfen, dieses Land der Freiheit, das nun wahrlich nichts zu verbergen habe!
Tatsächlich ist Elinor Lipper nach Paris gereist, um die Weltöffentlichkeit über die wahren Zustände in der kommunistischen Grossmacht aufzuklären. Sie ist die wichtigste Zeugin in einem Verleumdungsprozess, der sich um eine aus heutiger Sicht absurde Frage dreht: Darf man Leute, die auf systematische Verbrechen in der Sowjetunion hinweisen, als Lügner beschimpfen, wie das die kommunistische Presse Frankreichs gerne tut?
Letztlich geht es in Paris also um Fragen von weltpolitischer Bedeutung: Ist Josef Stalins proletarische Diktatur wirklich die Verkörperung des Fortschritts, des Friedens und der Menschlichkeit, wie das ihre internationale Anhängerschaft behauptet? Oder geht es um ein Terrorregime, das Millionen Menschen versklavt und getötet hat?
Dass Letzteres zutrifft, ist heute dank zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten belegt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Debatte jedoch völlig offen. Zumal sich Millionen Menschen ihre Illusionen über das vermeintliche Arbeiterparadies im Osten nicht nehmen lassen. Dies besonders in Frankreich, wo der finanziell eng mit der Sowjetunion verbandelte, von Intellektuellen, Nobelpreisträgern und Künstlern unterstützte Parti communiste français (PCF) unentwegt behauptet, angebliche Terroropfer seien bloss Faschisten und Verräter.
Obwohl sie es als eine der ersten Überlebenden gewagt hat, diesen Lügen öffentlich entgegenzutreten, ist Elinor Lipper fast völlig in Vergessenheit geraten. Das ist umso erstaunlicher, als sie den stalinistischen Terror nicht nur gerichtlich bezeugt, sondern auch literarisch verarbeitet hat. Als sie 1950 in Paris auftritt, hat sie in Zürich gerade ihren Erlebnisbericht «Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern» veröffentlicht. In sechzehn Sprachen übersetzt, ist das Buch ein internationaler Erfolg – und das 23 Jahre bevor Alexander Solschenizyn mit seinem «Archipel Gulag» das vermeintliche Standardwerk zum Thema veröffentlicht.
Doch wie kommt es, dass eine Schweizerin zur Jahrhundertzeugin gegen den totalitären Terror wurde? Und weshalb hat sie in Zeitungen, Geschichtsbüchern und populären Abhandlungen über starke Frauen nicht längst jenen Platz erhalten, der ihr eigentlich gebühren würde?

Flucht vor der Gestapo
Die Geschichte von Elinor Lipper führt in die tiefsten Abgründe des 20. Jahrhunderts. Als sie am 5. Juli 1912 in Brüssel zur Welt kommt, regiert in Russland ein abergläubiger Zar, und «Stalin» ist der Deckname eines schnauzbärtigen Revolutionärs, den noch niemand kennt. Ihr Vater ist jüdischer Deutscher, die Mutter Niederländerin. Nach der Scheidung zieht der Vater in die Schweiz, Elinor verbringt einen Grossteil ihrer Jugend bei ihrer Mutter in Den Haag.
Die junge Frau wächst in einem bildungsbürgerlichen, kosmopolitischen Milieu auf, die soziale Ungerechtigkeit jener Zeit beschäftigt sie schon früh. Politisiert wird sie in Berlin, wo sie ab 1931 Medizin studiert; es ist die Zeit der Massenarbeitslosigkeit, der Saalschlachten und des Terrors von Hitlers SA-Schlägern. Wie viele Intellektuelle und junge Antifaschisten erblickt die Studentin in der 1922 gegründeten Sowjetunion ein Land der Hoffnung, in dem die Fähigsten regieren, das Volk geliebt wird und es kaum noch Verbrechen gibt.
«Mir schien es», so erklärt sie Jahre später vor Gericht in Paris, «als seien die Kommunisten die Einzigen, die gegen Hitler kämpften.» Ihr selber gelingt nach Hitlers Machtübernahme im letzten Moment die Flucht. Nachdem sie die Polizei wegen der Verbreitung marxistischer Literatur verhaftet hat, lässt sie ein Kommissar mit dem dringenden Rat frei, sofort die Koffer zu packen.

Ein schrecklicher Irrtum
So setzt sie ihr Studium in der Schweiz fort, daneben arbeitet sie offiziell als Buchhändlerin und angehende Heilgymnastikerin. Als überzeugte Kommunistin ist sie insgeheim auch für die Kommunistische Internationale (Komintern) tätig. Dieses von Moskau gesteuerte Netzwerk gibt den kommunistischen Parteien in allen Ländern der Welt den Kurs vor, koordiniert klandestine Aktionen, verschiebt Waffen und Geld, oder es hilft Genossen in Not.
Ihre Anführer, unter ihnen der Schweizer Fritz Platten, fallen später fast alle den stalinistischen Säuberungen und Schauprozessen zum Opfer. Auch Elinor Lippers Weg führt über die Komintern in die Falle, nach Moskau. Um drohende Schwierigkeiten mit den Schweizer Behörden zu umgehen, arrangieren Komintern-Leute 1935 eine Scheinehe zwischen der jungen Aktivistin und dem Zürcher KP-Sympathisanten Konrad Vetterli.
Nunmehr mit dem Schweizer Pass in der Tasche reist sie 1937 nach Moskau aus, um als Redaktorin im Verlag für ausländische Literatur zu arbeiten. Obwohl sie ihr Onkel eindringlich vor der Situation in Russland warnt, ist sie immer noch überzeugt davon, dass in der Sowjetunion nur Regimegegner und richtige Kriminelle verhaftet werden. Ein Irrtum, dem Tausende Kommunisten erliegen.
Denn 1937 ist der grosse Terror in vollem Gang. Nach katastrophalen Hungersnöten und anderen Fehlschlägen braucht die Partei Stalins massenweise «Verräter», «Spione», «Saboteure» und «Volksfeinde», die für all das verantwortlich sein sollen. Von 1929 bis 1953 (dem Todesjahr Stalins) verschwinden 20 bis 30 Millionen Bürger in Gefängnissen und Lagern, Millionen kehren nicht zurück.

Nächtlicher Besuch der Geheimpolizei
Treffen kann es jeden, vom Weggefährten Lenins über den hochdekorierten Offizier bis zur Fabrikarbeiterin. Denunziationen, Selbstanklagen und Verleumdungen führen zu immer neuen Verhaftungen. Durch die Säuberungen schafft sich die sowjetische Führung nebenbei ein riesiges Heer von Zwangsarbeitern, die unter widrigsten Bedingungen Gold schürfen, Dämme, Eisenbahntrassees und Strassen bauen oder Bäume fällen für die Holzproduktion. Und dies in einem Land, das die Ausbeutung menschlicher Arbeitskräfte offiziell abgeschafft hat.
Gemäss neusten Schätzungen lässt der Geheimdienst NKWD allein zwischen Sommer 1937 und November 1938 rund 380 000 Menschen erschiessen und weitere 390 000 in Arbeitslager verschicken. Ausländer, Juden und «Kosmopoliten» spielen in den Verschwörungstheorien der Parteiführung und ihrer Handlanger eine besonders wichtige Rolle.
Im Moskauer Hotel Lux, in dem auch Elinor Lipper wohnt, holen Geheimdienstleute im Sommer 1937 jede Nacht «Verdächtige» ab, versiegeln ihre Zimmer und lassen die anderen Gäste im bangen Warten zurück, wer wohl als Nächstes an der Reihe sein würde. In ihrem Buch beschreibt Lipper die Stimmung im Hotel so: «Sie schlossen sich ab voneinander. Sie beobachteten sich gegenseitig lauernd und misstrauisch. Wieso hat mich der Parteisekretär so merkwürdig angesehen? Sie waren unschuldig und wälzten sich schlaflos in den Nächten. Bis es geschah.»
Sie selber trifft es in der Nacht des 26. Juli 1937. «Ich fuhr empor. Hatte es mir geträumt, oder klopfte jemand? Da – noch einmal, zweimal, dreimal – lautes, hartes, freches Klopfen. Es dröhnt, es donnert, das ganze Haus muss darüber aufwachen. Eine männliche Stimme: «Aufmachen!»

Die Herrschaft der Kriminellen
Im Glauben, dass alles nur ein Missverständnis sei, wird sie von der Geheimpolizei in die berüchtigte Lubjanka und schliesslich ins Gefängnis Butyrka verschleppt. In dieser Verhör- und Hinrichtungsstätte vegetieren Tausende Häftlinge in überfüllten Zellen dahin, geplagt von Läusen und belauscht von Spitzeln, bis man sie mit Schlafentzug oder nötigenfalls mit Schlägen und Folter dazu bringt, die absurdesten Geständnisse zu unterschreiben.
Elinor Lipper verbringt vierzehn Monate in Untersuchungshaft; nach drei Verhören droht ihr der Untersuchungsrichter mit Kriegsgericht und dem Urteil «Tod durch Erschiessen». Schliesslich reduziert die Geheimdienstjustiz das Verdikt am 8. September 1938 auf fünf Jahre Lagerhaft, wegen «konterrevolutionärer Tätigkeit». Und so wird die 26-jährige Frau zusammen mit anderen Verurteilten in Viehwagen und per Schiff nach Ostsibirien deportiert.
Dort, in den Weiten des Kolyma-Gebietes, hungern Hunderttausende in «Besserungsarbeitslagern», wie die von Lenin initiierten Gulags offiziell heissen. «In aller Augen stand die Frage: Warum? Und keiner wusste die Antwort. Wenn im Gefängnis noch ein erschrockenes Staunen über den Gesichtern gelegen hatte, die ungläubige Verwunderung des Menschen über den ihn peinigenden Menschen, über schuldlos erduldete Schmach und Grausamkeit, so konnte man jetzt etwas anderes lesen: Furcht und Verbitterung.»
Angetrieben von Wachen und Lagerkommandanten, müssen die gefangenen Männer in Kolyma Gold schürfen und die Frauen schwerste Waldarbeiten verrichten – zwölf Stunden am Tag, bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad. Wer nicht genug Holz fällt, erhält weniger Brot. Hunger, Kälte, Schläge, Demütigungen, Massenerschiessungen und der Anblick von nackten Leichen gehören laut Historikern zum Lageralltag in Sibirien.
«Politische» Häftlinge stehen in der Hackordnung ganz unten, weit unter den Kriminellen, die ihre Leidensgenossen bestehlen, misshandeln und vergewaltigen. Elinor Lipper beschreibt das Grauen in ihrem Buch nüchtern und mit feinem Sarkasmus – etwa, indem sie wie später Solschenizyn aus der offiziell fortschrittlichen Verfassung der Sowjetunion zitiert, die den Menschen Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz verspricht. Oder indem sie die Gesetzesparagrafen zitiert, deretwegen die Menschen in den Lagern leiden.
So reicht es für eine Verurteilung aus, unter Spionageverdacht zu stehen. Dasselbe gilt für Leute, die das Pech haben, «Familienmitglied eines Landesverräters» zu sein. Und Kinder, die das zwölfte Lebensjahr erreicht haben, dürfen im offiziell fortschrittlichsten Land der Welt sogar zum Tod verurteilt werden.

An die Nazis ausgeliefert
Der Hauptanspruch von Elinor Lippers Buch ist es, den Millionen Unschuldigen eine Stimme zu geben, «denen man die Stimme und die Freiheit und das Leben genommen hat». Da ist zum Beispiel eine Babuschka, die als vermeintliche Anhängerin von Stalins Rivalen Leo Trotzki verurteilt worden ist, obwohl sie das Wort «Trotzkismus» nicht einmal buchstabieren kann. Oder eine Mutter, die sich öffentlich von ihrem verhafteten Sohn losgesagt hat, um nicht selber verhaftet zu werden. Im Lager begegnet sie ihrem Sohn wieder. «Ich habe keine Mutter mehr» – das ist alles, was er zu ihr sagt.
Andere Frauen sterben, weil Josef Stalin und Adolf Hitler im August 1939 einen Freundschaftspakt besiegeln, der den Nazis den ersehnten Krieg erst ermöglicht. Im Zuge dieser neuen Freundschaft liefern die Russen der Gestapo Dutzende deutsche Kommunisten aus, die einst vor Hitler in die Sowjetunion geflüchtet waren. Einige kommen jedoch gar nicht erst in Nazideutschland an: Die ehemalige Sekretärin des deutschen Kommunistenführers Ernst Thälmann etwa wird auf ein Schiff verfrachtet und während eines Sturms über Bord gespült.
Wie es auf den Gefangenenschiffen zugeht, weiss Elinor Lipper aus eigener Erfahrung: «Wir lagen zusammengepfercht auf dem teerbeschmierten Boden des Laderaums, während sich die Kriminellen auf den Brettern breitmachten. Wenn wir es nur wagten, den Kopf herauszustrecken, hagelte es von oben Heringsköpfe und Eingeweide. Die Seekranken erbrachen sich von oben herunter.»
Über ihr eigenes Schicksal berichtet die Autorin zurückhaltend. Das liegt zum einen daran, dass sie sich nicht in den Vordergrund stellen will. Zum anderen erlebt sie im Lager Sachen, über die sie auch nach der Haft nur mit ihren nächsten Angehörigen sprechen kann.
Zweimal stirbt sie in Sibirien beinahe an Hunger und Erschöpfung. Dass sie überlebt, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass sie als ehemalige Medizinstudentin in Krankenstationen arbeiten kann. «Ohne diesen Glücksfall», so erklärt sie später gegenüber der Presse, «ist es sehr fraglich, ob ich die Freiheit je wiedergesehen hätte.»
Kraft gibt ihr auch eine Liebesbeziehung mit einem gefangenen Arzt. 1947, noch in Gefangenschaft, bringt sie eine Tochter, Genia, zur Welt. Die ersten Monate verbringen Mutter und Kind in Durchgangslagern und verschmutzten Viehwagen. Denn 1942 ist Elinor Lippers fünfjährige Haftstrafe eigentlich verbüsst. Da die Sowjetunion während des Krieges keine Gefangenen entlässt, muss sie jedoch bis im Herbst 1946 in der Kolyma ausharren. Dann schickt man sie mit ihrer Tochter auf eine monatelange Odyssee, von einem Transitgefängnis zum nächsten Durchgangslager, vom Kaukasus bis nach Brest-Litowsk.
Weil die diplomatischen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der Sowjetunion nur schleppend vorangehen, endet der Albtraum erst im Juni 1948, als Mutter und Tochter in Frankfurt an der Oder ein amerikanisches Flugzeug besteigen, das sie zurück in die Schweiz fliegt.

Träume vom Lager
Der Weg zurück in die Zivilisation ist für Opfer des stalinistischen Terrors jedoch ähnlich schwierig wie für die Überlebenden der Hitler-Barbarei. Kurz nach ihrer Rückkehr in die Schweiz erleidet die nunmehr 36-jährige Frau einen Nervenzusammenbruch, sechs Monate leidet sie an Gleichgewichtsstörungen, Gehen oder Stehen ist ihr kaum möglich.
«Sich wieder in die Freiheit zurück zu gewöhnen, wie sie die westliche Welt kennt, ist eine eigenartige Sache», sagt sie 1950 in einem Interview mit einem Ringier-Journalisten. «In meinem Unterbewusstsein, in den Schlafträumen leben die Lagererlebnisse immer noch weiter.»
Neben den traumatischen Erinnerungen müssen die ehemaligen Häftlinge mit dem Umstand leben, dass kaum jemand ihre Geschichten hören will. Schlimmer noch: Die Kommunisten fühlen sich nach dem Zweiten Weltkrieg derart überlegen und siegesgewiss, dass sie glauben, alle Zeugen des sowjetischen Terrors als Lügner und Faschisten diffamieren zu dürfen.
Möglich ist das, weil Stalins Sowjetunion in der Nachkriegszeit ein heute kaum vorstellbares Renommee geniesst, in Westeuropa und sogar in den USA. Ihr Sieg über Hitler, der 20 bis 27 Millionen Sowjetbürger das Leben gekostet hat, überstrahlt fast alles – die antisemitisch gefärbten Schauprozesse der Jahre 1936 bis 1938, den Hitler-Stalin-Pakt, die Unterwerfung Ostmitteleuropas und den Gulag, der im Westen ohnehin nie auf grosses Interesse gestossen ist.
Selbst in der Schweiz sind die Kommunisten plötzlich salonfähig, in Genf wird die neu formierte Partei der Arbeit gar zur stärksten Partei. In Italien scheint eine Machtübernahme der Stalinisten möglich, ebenso in Frankreich. Dort inszeniert sich der PCF unter dem kultisch verehrten Stalin-Freund Maurice Thorez als Verkörperung der Résistance, bewundert von intellektuellen Zirkeln und Salons, gewählt von fast 30 Prozent der Urnengänger.
Der Dichter Pablo Neruda reimt in diesem geistigen Klima Verse über die «Menschen Stalins», Pablo Picasso widmet dem «Genius der Menschheit» schlichte Skizzen zum Geburtstag (Unterschrift: «Auf Deine Gesundheit!»), und Jean-Paul Sartre verkündet, dass alle Antikommunisten Hunde seien, also auch sämtliche Kritiker Stalins. Denn Kommunisten kritisieren, das dürfen in seiner Weltsicht nur Kommunisten.

Der Prozess um die Konzentrationslager
Das Wort «Gulag» auch nur auszusprechen, ist da eine Provokation. Der sowjetische Ex-Diplomat Viktor Krawtschenko etwa wird 1947 von der kommunistischen Presse Frankreichs als Agent, Vaterlandsverräter und Lügner bezeichnet, nachdem er die sowjetische Terrorherrschaft in seinem Bericht «Ich wählte die Freiheit» entlarvt hat. Krawtschenko gewinnt 1949 zwar einen Verleumdungsprozess gegen die PCF-nahe Zeitung «Les Lettres françaises». Aber das hindert die Kommunisten nicht daran, mit allen Mitteln ihre Deutungshoheit zu verteidigen.
Als der französische Schriftsteller, antifaschistische Widerstandskämpfer und Buchenwald-Überlebende David Rousset 1949 einen internationalen Appell lanciert, alle KZ-Systeme auf der Welt, also auch das sowjetische Lagersystem, untersuchen zu lassen, bezeichnen ihn die «Lettres françaises» sofort als «Fälscher».
Rousset reagiert mit einer Verleumdungsklage, und so kommt es im Dezember 1950 in Paris zu jenem neuen «Prozess der russischen Konzentrationslager», an dem Elinor Lipper eine Hauptrolle spielt. Dass sie diese Belastung überhaupt auf sich nimmt, hat mit ihrem Mut und einem Gelübde zu tun: Noch in Haft verspricht sie ihren Leidensgenossinnen, nichts zu vergessen – und Zeugnis für alle Verdammten abzulegen, egal, wie gross ihr Bedürfnis nach Ruhe und Erholung auch sein möge.
Der Druck, der auf den Zeugen lastet, ist enorm. Wer schweigt, droht die Selbstachtung zu verlieren, weil er all jene im Stich lässt, die immer noch inhaftiert sind. Wer dagegen öffentlich über den Terror spricht, legt sich mit einer Grossmacht an, die auf ein Heer von Gläubigen, Spionen und Verleumdern zählen kann. Stalin ist 1950 kein fernes Phantom, sondern ein Diktator auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Als bedürfte es dazu eines Beweises, läuft in den Pariser Kinos kurz vor dem Prozess ein sowjetischer Propagandafilm mit dem Titel «Der Gesang Sibiriens». Dieser preist das Reich der Strafgefangenen als eine Art lustiges Schweizerland hinter dem Ural – und wie Elinor Lipper im Kino selber feststellen muss, quittieren das gutsituierte, Glace essende Franzosen auch noch mit Applaus.
Obwohl sie von Versagensängsten geplagt wird, findet sie am 8. Dezember 1950 die Kraft, in den Zeugenstand zu treten. Die Verhandlungen, so schreibt die NZZ am 10. Dezember, kämen wegen Obstruktionen und Störungen der kommunistischen Anwälte nur langsam voran, die Zeugen würden regelrecht tyrannisiert. «Dieser gewaltige Druck erreichte den Höhepunkt, als die Zeugin Elenor Lippert (sic!) den Saal betrat.»
Tatsächlich unternehmen die Anwälte der «Lettres françaises» alles, um die Schweizerin zu irritieren oder gar als eigentliche Täterin hinzustellen. Bei den Richtern verfängt die Verleumdungstaktik jedoch nicht, und die Redaktoren der «Lettres françaises» müssen erneut Schadenersatz leisten, diesmal an David Rousset.

Einmal KGB, immer KGB
Trotzdem sind die Kommunisten die heimlichen Gewinner im Streit um die «Gulag-Lüge». Denn eine nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema bleibt in der Nachkriegszeit weitgehend aus. Sartre, der wegen des Gulag-Streits theatralisch mit seinem Gefährten Rousset bricht, etabliert sich erfolgreich als moralisches Gewissen, obwohl sein Beitrag zur Täuschung und Vertuschung nicht zu unterschätzen ist.
Erst nachdem Alexander Solschenizyn 1973 seinen «Archipel Gulag» veröffentlicht hat, finden die Verbrechen der Sowjetunion und anderer sozialistischer Diktaturen einen gewissen Platz im kollektiven Bewusstsein. Nun gerät auch der moskautreue PCF in Erklärungsnöte – und erleidet einen Imageschaden, von dem er sich nie wieder erholt.
Elinor Lipper hat sich zu jener Zeit schon lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie heiratet und lebt mit ihrer Familie im Tessin. Alte Fotos zeigen ein scheinbar unbeschwertes Leben in den 1950er und 1960er Jahren, Elinor Lipper vor dem Hotel Schatzalp in Davos, auf Passfahrt mit einem schwarzen Fiat, mit Zigarette in gemütlicher Tischrunde. Angehörige erinnern sich an eine charmante, liebevolle Frau, die nach elf Jahren Haft endlich leben wollte – ohne Hass und Bitterkeit auf ihre einstigen Peiniger.
Als freier Geist will sie sich von niemandem instrumentalisieren lassen, auch nicht von bürgerlichen Antikommunisten, die im Kalten Krieg jeden enttäuschten Anhänger der Sowjetunion als Trophäe betrachten. So nimmt sie im Juni 1950 zwar am insgeheim von der CIA finanzierten «Kongress für kulturelle Freiheit» im zerbombten Berlin teil, wo sie sich mit anderen ehemals kommunistischen Autoren wie Arthur Koestler («Sonnenfinsternis») und Ignazio Silone («Fontamara») austauscht.
Auf einer Vortragstournee durch die USA wird ihr ein Jahr später jedoch bewusst, dass der Antikommunismus unter der Ägide des Senators Joseph McCarthy in eine denunziatorische Hexenjagd ausartet. Gerade weil sie weiter an den Sozialismus glaubt, will sie sich nicht für persönliche und politische Zwecke einspannen lassen.
«Auch heute scheint mir die sozialistische Idee die vernünftigste Lösung der sozialen Probleme und die einzige Garantie zur Verhütung von Kriegen in der Zukunft zu sein», schreibt sie in ihrem Buch, «aber die Sowjetunion hat diese Idee vor der ganzen Welt kompromittiert, in Blut ertränkt.»
Eine offizielle Entschuldigung hat sie von den russischen Behörden nie erhalten. Dafür muss sie noch im hohen Alter zur Kenntnis nehmen, dass die russische Regierung offensichtlich bestrebt ist, Stalin zu rehabilitieren, die Archive zu schliessen und den «Archipel Gulag» aus dem Gedächtnis der Bevölkerung zu tilgen. Über Wladimir Putin pflegte sie zu sagen: «Einmal KGB, immer KGB.»
In der Todesanzeige, die ihre Angehörigen 2008 in der «Tribune de Genève» aufsetzen lassen, heisst es: «Unfreiwillige Zeugin der Turbulenzen eines Jahrhunderts, zeugen ihr Mut und ihre Liebe von der unerschütterlichen Freiheit ihrer Seele.»

Zitation: Lucien Scherrer: Zeugin des Terrors. Wie die Schweizerin Elinor Lipper die Wahrheit über den «Archipel Gulag» enthüllte. In: kommunismusgeschichte.de. Erstveröffentlichung in der Neuen Zürcher Zeitung am 29. November 2020

Quelle

Neue Züricher Zeitung

29. November 2020

Karte

Filter