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Lexikon | Website

Biografisches Lexikon Widerstand und Opposition im Kommunismus 1945-91

Das internationale biografische Lexikon „Widerstand und Opposition im Kommunismus 1945–91“ ist eine frei zugängliche Online-Enzyklopädie. Es finden sich dort die Biografien von 150 Männern und Frauen, die nach 1945 in Opposition zu den kommunistischen Diktaturen in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und Ungarn standen. Darstellungen von Opposition und Widerstand in Osteuropa, Chroniken der Ereignisse in den einzelnen Ländern sowie zahlreiche Fotos betten die Biografien der Dissidenten, Bürgerrechtler, Friedensaktivisten und Oppositionellen in ihren geschichtlichen Kontext ein und machen diese erstmals in deutscher Sprache für Recherchen zugänglich. Als Basis für die erweiterten und aktualisierten Texte der osteuropäischen Oppositionellen diente das 2007 von der Warschauer Stiftung „Karta“ in Polen herausgegebenen „Dissidentenlexikon“ (Słownik dysydentów). Die Beiträge wurden nach der Übersetzung erweitert und aktualisiert und mit Einführungstexten zur Geschichte von Diktatur, Opposition und Widerstand in den jeweiligen Ländern ergänzt. Die Texte über die Bürgerrechtler in der DDR hat die Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft erarbeitet. Die Seite wird laufend um weitere Länder und Biografien ergänzt.

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Biografie

Über die Kolyma. Erinnerungen

Franziska Thun-Hohenstein (Hrsg.)

In Über die Kolyma. Erinnerungen sind autobiografische Texte des russischen Schriftstellers Warlam Schalamow versammelt. Er schildert sein Erleben während seiner vierzehnjährigen Haftzeit in den Lagern der Kolyma-Region (1937-1951). Dort zwang der Geheimdienst NKWD ihn zu schwerster körperlicher Arbeit in den Goldgruben, im Kohlebergwerk und beim Holzschlag. Seine Erinnerungen folgen weitgehend chronologisch den Stationen seiner Haft- und Lagerzeit und ermöglichen es so, autobiographische Hintergründe seiner Werke zu entschlüsseln. Warlam Schalamow wurde 1907 geboren und gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die Texte lassen den Leser unmittelbar teilnehmen an dem, was Schalamow in den Lagern erlebte, und zeigen sein Ringen um Selbsterkenntnis.

Buchcover

Biografie

Gorbatschow. Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie

William Taubmann

Gorbatschow war von 1985 bis 1991 Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und von 1990 bis 1991 Staatspräsident der Sowjetunion. Als er mit 54 Jahren der jüngste Generalsekretär der KPdSU wurde, war die Sowjetunion noch eine von zwei Supermächten. Unter seiner Regierung endete der Kalte Krieg, der Jahrzehnte die Welt in zwei Sphären gespaltet hatte – und die Sowjetunion brach zusammen. Während er im Westen als Vermittler stets eine positive Rolle einnahm, ist er in seiner Heimat bis heute stark umstritten. Auf über 800 Seiten zeichnet Taubmann in "Gorbatschow. Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie" den Werdegang des Politikers vom Bauernjungen zum Staatspräsidenten nach; das Werk weist eine große Anzahl von Interviews und Quellen auf. 

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Biografie

Verfluchte Tage: Ein Revolutionstagebuch

Iwan Bunin

"Verfluchte Tage: Ein Revolutionstagebuch" ist kein Tagebuch im üblichen Sinne, sondern ein streng durchkomponiertes literarisches Werk. Die deutsche Erstausgabe wurde von Dorothea Trottenberg übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Sie enthält zudem ein Nachwort des Herausgebers Thomas Grob. Der Kern des Werkes fußt jedoch auf den Notizen, die Autor Iwan Bunin unmittelbar während der Ereignisse 1918/19 in Moskau und Odessa gemacht hat. In seinem Tagebuch dokumentierte er die Geschehnisse, die nicht nur für sein Heimatland, sondern auch für sein persönliches Schicksal entscheidend waren und dazu führten, dass er Russland 1920 für immer verließ. Geboren wurde Bunin 1870 im russischen Woronesch, 1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur, 1953 starb er im französischen Exil. Sein Tagebuch aus der Zeit des russischen Bürgerkriegs enthält Rückgriffe auf die vorrevolutionäre Zeit und die Tage der Februarrevolution und bildet somit ein bedeutendes Zeitzeugnis, in dem Bunins ablehnende Haltung gegenüber der Revolution unverhüllt zum Ausdruck kommt. 

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Autobiografie

Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion

Wolfgang Ruge

„Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion“ ist die posthum erschienene Autobiographie des Historikers Wolfgang Ruge. Ruge, der in einem kommunistisch geprägten Elternhaus aufwächst, verlässt Deutschland 1933 als 16-jähriger mit seiner Familie, um in die Sowjetunion auszuwandern. Neben viel Begeisterung wecken die Eindrücke im Land jedoch auch Skepsis an der Umsetzung der kommunistischen Idee in der Sowjetunion Stalins. Ein einschneidender Punkt ist der Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion 1941, seit dem die Familie als Deutsche unter dem Generalverdacht der Kollaboration mit dem faschistischen Deutschland steht. Wolfgang Ruge, sein Bruder und sein Vater geraten ins Visier der stalinistischen Säuberungen. Der Autor selbst wird an den Ural deportiert, wo er als Mitglied der sogenannten „Arbeitsmobilisierten“ den Kampf der Sowjetunion gegen den Faschismus unterstützt – was faktisch aber einer Deportation in ein Arbeitslager gleich kommt. Erst 1956 kann Wolfgang Ruge aus Russland zurückkehren. Seine Erinnerungen bereichern die Literatur, die aus den Erfahrungen in russischen Lagern entstanden ist, um einen Bericht, der die Perspektive einer großen Gruppe Verfolgter wiedergibt: diejenigen Deutschen, die vor dem faschistischen Regime flohen, um in der Sowjetunion, wo sie sich sicher gehofft hatten, wiederum zu Verfolgten zu werden.

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Biografie

Der zweite Schatten

Ola Wat

Paulina "Ola" Wat, auch bekannt als "Ola Watowa", wurde 1903 geboren. Die Schauspielschülerin, die später als Literatin und Übersetzerin tätig war, heiratete 1927 in Warschau den futuristischen Dichter Aleksander Wat. Das Paar durchlebte unzählige Gefängnisse und sibirische Lager des Stalinismus und so nimmt die Geschichte "Der zweite Schatten" ihren Anfang im Warschau der zwanziger Jahre. Das Paar lernt sich kennen, ihr gemeinsames Leben spielt sich zunächst inmitten der polnischen, jüdischen und linken Warschauer Intelligenz ab. Nach Kriegsausbruch fliehen beide in das von den Sowjets besetzte Lemberg. Doch statt Zuflucht zu finden, wird Aleksander Wat verhaftet und Ola mit ihrem kleinen Sohn nach Kasachstan deportiert. Nach Jahren der Trennung, der Tortur der Kälte und des Hungers trifft das Paar in der kasachischen Steppe wieder aufeinander und erlebt die letzte Zeit der Verbannung gemeinsam. Selbst unter den schwierigsten Umständen verloren die Wats in ihrer jahrelangen Odyssee niemals die Fähigkeit, das Leben auszukosten und seine Intensität zu erleben. Sie besitzen die Gabe der Liebe. Das ungewöhnliche Buch von Ola Wat zeugt davon.

Buchcover

Biografie

Paul Schäfer. Erfurter Kommunist, ermordet im Stalinismus

Annegret Schüle, Stefan Weise, Thomas Schäfer

Das von der Landeszentrale für politsche Bildung Thüringen herausgegebene Buch „Paul Schäfer – Erfurter Kommunist, ermordet im Stalinismus“ behandelt das Leben des Schuharbeiters Paul Schäfer. Der kommunistische Funktionär hatte für Menschen seiner sozialen Herkunft außergewöhnliche Aufstiegschancen und wurde trotz dieser, Opfer des Stalinismus. Für die Menschen in der DDR starb er offiziell einen Märtyrertod im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. Brisant ist auch die Beziehung Paul Schäfers zu einem bekannteren Mitstreiter. Dieser Mitstreiter, Willi Münzenberg, stammt ebenfalls aus Erfurt, war Propagandist der Komintern, Medienvisionär und europäischer Sozialist gegen Hitler und Stalin. Es gibt aber nicht nur Einblicke in sein politisches Denken und Handeln, sondern auch in das damit eng-verknüfte private Leben. Das kleine, 160 Seiten lange Buch ist das Ergebnis der Arbeit von Kuratorin PD Dr. Annegret Schülle, Stefan Weise und Thomas Schäfer und wurde im April 2019 im Erinnerungsort Topf & Söhne zusammen mit einer dazugehörigen Ausstellung präsentiert.

Screenshot Buchcover "Fidel Castro", Kohlhammer Verlag

Biografie

Fidel Castro

Roman Rhode

Der Autor Roman Rhode beschäftigt sich in seiner politischen Biografie Fidel Castro mit dem Anführer der kubanischen Revolution und zeichnet nach, wie es Castro gelang seine charismatische Herrschaft auszubauen und dauerhaft zu institutionalisieren. Fidel Castro war Vorsitzender der Kommunistischen Partei Kubas und Staatspräsident. Mit der Bewegung des 26. Juli gehörte er zu der treibenden Kraft der kubanischen Revolution, die zum Sturz des Diktators Fulgencio Batista 1959 führte. Während seiner Regierungszeit errichtete er ein Einparteiensystem und war verantwortlich für eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen. Rhode betrachtet in seiner Biografie ebenfalls die Rezeption des polarisierenden Kommunisten. Von vielen Zeitgenossen wurde Castro als Hoffnungsträger der Dritten Welt wahrgenommen, von anderen als autoritärer Despot. Die Biografie zeichnet Castros bewegtes Leben nach und wertet hierfür bisher unbekannte Quellen und neue Sekundärliteratur aus.

Wolkogonow, Stalin, Triumph, Tragödie, Biographie

Biografie

Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt

Dimitri Wolkogonow

Das Alleinstellungsmerkmal der Stalin-Biographie von Wolkogonow beruht auf der Tatsache, dass sich der Autor erstmals auf freigegebene Dokumente und Archivalien stützen konnte, die nach dem Tod Stalins 1953 zunächst unter Verschluss gehalten wurden. Dementsprechend umfangreich ist die Biographie, die in der deutschen Übersetzung nahezu 850 Seiten umfasst. Wolkogonow und „Stalin. Triumph und Tragödie“ trugen damit maßgeblich zum Verständnis und zur Historisierung des sowjetischen Diktators bei. Auch in aktuellen Rezensionen neuerer Stalin-Darstellungen wird immer auf dieses „bahnbrechende“ Werk verwiesen. Den Zugang zu den Geheimarchiven hatte Wolkogonow, seit 1950 KPdSU-Mitglied und langjähriger Philosophieprofessor an der Militärakademie „Lenin“, durch seine spätere Funktion als Leiter des Instituts für Militärgeschichte des Verteidigungsministeriums der UdSSR.

Buchcover Felix Wemheuer: Mao Zedong

Biografie

Mao Zedong

Felix Wemheuer

Der Politologe und Sinologe Felix Wemheuer entwirft ein differenziertes Bild des chinesischen Revolutionärs und Machtpolitikers. Wie andere Mao-Biographen versucht er zu ergründen, wie aus dem 1893 in der Provinz Hunan geborenen Sohn einer gut situierten Bauernfamilie ein Revolutionsführer werden konnte. Der chinesische Bürgerkrieg und der Kampf gegen Japan, die maßgeblichen Einfluss hatten auf Maos weitere Entwicklung, beschreibt der Autor. Die Massenkampagne des „Großen Sprungs“ und die radikale Kollektivierung der Landwirtschaft ab Mitte der 1950er-Jahre führten schließlich zu Hungersnot und Chaos, wodurch Millionen Menschen ums Leben kamen. Das Ziel, eine sozialistische Revolution in China durchführen, hält Wemheuer für gescheitert, den Aufbau eines unabhängigen Nationalstaates und die Modernisierung des Landes bewertet er dagegen als Erfolge.

Buchcover Volker Skierka: Fidel Castro. Eine Biographie

Biografie

Fidel Castro. Eine Biographie

Volker Skierka

Der Journalist und Autor Volker Skierka ist der erste deutschsprachige Biograph des ehemaligen Revolutionärs und kubanischen Staatschefs Fidel Castro. Dieser war einer der umstrittensten Persönlichkeiten und charismatischsten Politiker der Zeitgeschichte. Er führte Kuba aus der Abhängigkeit von den USA und verhalf dem Land zu einer nationalen Identität. Doch er regierte über 40 Jahre lang mit autoritärer Hand. Skierka rekonstruiert das politische Wirken Fidel Castros und zugleich die Ereignisse und Entwicklungen während und nach der Revolution Dafür nutzt er zahlreiche Quellen, u. a. die vor 1990 nicht zugänglichen Akten der DDR, und fördert etwa das nicht immer unproblematische Verhältnis zwischen Kuba und der Sowjetunion zu Tage. Die Schattenseiten des Alltags, Mangelwirtschaft und politische Repression werden beschrieben, aber auch die Errungenschaften des kubanischen Sozialismus. Skierka urteilt nicht vom hohen Ross der westlichen Demokratie aus und verschweigt nicht, dass er durchaus Sympathien hat für Kuba und für den Mann, der dieses Land maßgeblich prägte.

Buchcover Robert Service: Lenin. Eine Biographie

Biografie

Lenin. Eine Biographie

Robert Service

Robert Service, Professor für Russische Geschichte und Politik, porträtiert in seiner 600seitigen Biographie nicht nur den Revolutionär, sondern vor allem den Menschen Lenin. Neben den wichtigsten Stationen seiner Karriere, der Oktoberrevolution sowie der Errichtung der Diktatur schildert Service auf der Grundlage zahlreicher bis dahin unerschlossener Quellen Lenins Familie, seine Erziehung, seine Ehe, seine Gewohnheiten und persönlichen Eigenschaften. Mit dem Anspruch, den sowjetischen Mythos Lenin zu dekonstruieren, entwirft Service das Bild einer komplexen Persönlichkeit, taucht in die Vorstellungswelt des Diktators ein und versucht, aus dieser Perspektive die Oktoberrevolution und die Entwicklung des Sowjetstaates zu erklären. Der Biographie ging ein dreibändiges Werk über Lenin voraus, das sich auf den Zusammenhang von Ideologie und politischer Praxis konzentriert.

DDR-Briefmarke von 1966. Quelle: nightflyer / wikipedia

Biografie | Artikel

Der mysteriöse Tod eines Helden

Lucien Scherrer, Neue Zürcher Zeitung | vom 10.12.2020 | bis zum 13.12.2020

OFFIZIELL STIRBT DER KOMMUNISTISCHE WIDERSTANDSKÄMPFER UND KZ-AUSBRECHER HANS BEIMLER IM SPANISCHEN BÜRGERKRIEG DURCH EINE FEINDLICHE KUGEL. SEINE GELIEBTE AUS ZÜRICH HÄLT DAS FÜR EINE LÜGE – UND BEGINNT ZU ERMITTELN. Zwei Affären verfolgen Antonia Stern ihr Leben lang. «Die Seele zerschunden, bin ich endlich angelangt», schreibt sie 1949 in einem Gedicht an ihren ehemaligen Geliebten und langjährigen Brieffreund Albert Einstein. Der Lebemann hatte einst wegen seiner Liebelei mit Stern einen, wie er es ausdrückt, regelrechten «Weiberkrieg» auszustehen; nun befindet er sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Stern dagegen fristet ein einsames, von Depressionen geprägtes Dasein in Paris. Die Musikerin aus gutem Zürcher Haus ist besessen von der Idee, die Weltöffentlichkeit mit Einsteins Hilfe endlich über das wahre Schicksal eines anderen verflossenen Liebhabers aufzuklären: Hans Beimler, Kommunist und Spanienkämpfer, offiziell am 1. Dezember 1936 im Kugelhagel vor Madrid gefallen. Volksheld der DDR Für die Kommunisten ist Beimler ein durch faschistische Mörderhand getöteter Held. Die Apparatschiks der 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) etablieren einen regelrechten Beimler-Kult; sie feiern ihn als Vorbild für «Millionen fortschrittlicher Menschen auf dem Erdball», verleihen Hans-Beimler-Medaillen, benennen Kriegsschiffe, Kasernen, Betriebsbrigaden und Schulklassen nach ihm, es gibt Hans-Beimler-Strassen, -Briefmarken und -Filme. Antonia Stern hält all das für verlogene Propaganda von Beimlers eigentlichen Mördern. Denn sie ist überzeugt, dass ihr Hans 1936 von den eigenen Genossen aus dem Weg geräumt worden ist. «Seiner aufrechten Haltung wegen verdächtigt, seines Prestiges wegen gefürchtet, witterten sie in ihm eine revolutionäre Gefahr, die beseitigt werden musste», schreibt sie 1957 in Paris, «damit war sein Todesurteil gesprochen.» Die Frage, wer Beimler getötet hat, bleibt bis heute ebenso mysteriös wie umstritten. Hinweise, dass er von eigenen «Genossen» liquidiert worden sein könnte, tauchen immer wieder auf. So hat der pensionierte St. Galler Versicherungskaufmann Erich Günthart kürzlich mit seiner Tochter Romy Günthart ein Buch geschrieben über deutsche Emigranten und Spanienkämpfer im «roten Zürich» der 1930er Jahre. Dabei stiessen die beiden im Bundesarchiv auf eine bisher unveröffentlichte Notiz der Bundesanwaltschaft. Darin behauptet ein Informant, die «Liquidierung» Beimlers gehe auf das Konto des kommunistischen Geheimdienstmanns «Richard Kindermann». Ein Detektiv namens «Laurencis», der Beimlers Tod untersucht habe, sei spurlos verschwunden. Dieser Hinweis würde die Mordthese von Antonia Stern stützen. Wer war die mysteriöse Frau, und was hat es mit dem Tod ihres Geliebten auf sich? «Seiner aufrechten Haltung wegen verdächtigt, seines Prestiges wegen gefürchtet, witterten sie in ihm eine revolutionäre Gefahr, die beseitigt werden musste.» Geboren 1891, wächst Antonia (alias «Toni») Stern als jüngste von drei Töchtern auf; ihr Vater ist der renommierte deutsch-jüdische Geschichtsprofessor Alfred Stern, den es in den 1870er Jahren aufgrund antisemitischer Tendenzen in Deutschland nach Bern und später nach Zürich zieht. Zu den Freunden der Sterns gehört Albert Einstein, der oft an der Englischviertelstrasse in Zürich zu Gast ist, um mit Antonia zu musizieren. Die junge Violinistin macht auch in der NZZ von sich reden, berichtet die Zeitung doch 1908, dass ein «Frl. Toni Stern» im Konservatorium durch «tüchtige musikalische Führung» begeistert habe. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland gerät auch das gutbürgerliche Leben der Sterns aus den Fugen. Da die Familie einen grossen Teil ihres Vermögens in Deutschland deponiert hat, verliert sie nach Adolf Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933 beinahe all ihren Besitz. Wohl aufgrund der immer offensichtlicheren Barbarei in Deutschland, die anfänglich nur von der Linken konsequent benannt und bekämpft wird, wendet sich die Bürgertochter Antonia den Kommunisten zu. In der nicht minder brutal regierten Sowjetunion von Josef Stalin erblickt sie wie viele Linke «das einzige Land, wo es noch wert ist zu leben». Im sozialdemokratisch regierten Zürich tummeln sich damals (legal wie illegal) zahlreiche Emigranten aus Deutschland, die vor allem von Schweizer Linken beherbergt werden. Der Schriftsteller Ludwig Renn etwa findet bei Erich Güntharts Vater Walter Unterschlupf, bevor er 1936 weiter nach Spanien reist – um mit Hans Beimler und rund 60 000 Freiwilligen gegen die faschistischen Putschisten von General Francisco Franco zu kämpfen. Beimler selber gelangt 1935 nach Zürich, wo er im Juli die Leitung der «roten Hilfe» übernimmt; eine karitative (Tarn-)Organisation, für die auch Antonia Stern arbeitet. Damals 40-jährig, ist der gelernte Schlosser bereits eine Ikone des antifaschistischen Widerstandes. Nach Hitlers Machtübernahme gehört der Reichstagsabgeordnete der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zu den Tausenden Regimegegnern, die verhaftet werden. Die Nazis verschleppen ihn in das Konzentrationslager Dachau, wo er durch systematische Folterungen in den Selbstmord getrieben werden soll. Doch Beimler bleibt hart – und nach vier Wochen gelingt es ihm, in der Nacht aus dem KZ zu fliehen. Was er dort erlebt hat, schildert er wenige Monate später in der Broschüre «Im Mörderlager Dachau». Der Bericht schlägt ein wie ein Bombe. Antonia Stern ist fasziniert von dem «äusserst einfachen, natürlichen und bescheidenen» Mann, dem ihr Vater an der Englischviertelstrasse illegal Asyl gewährt. «Er war meist still, folgte der Unterhaltung mit dem ihm eigenen gütigen, etwas verschmitzten Lächeln», erinnert sie sich später, «seine von der früheren Schlosserarbeit gehärteten Hände waren gute Hände, zu denen man sofort Vertrauen fasste.» Nur wenn ihn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht habe, sei er wie ausgewechselt gewesen: «Die ausgeprägten Backenknochen traten noch mehr hervor. Aus solchen Augenblicken weiss ich, dass es in ihm Härten, rasende Energien gab». Im Juli 1936 sehen sich die beiden zum letzten Mal. Begräbnis für einen König Wenige Monate später, mitten im Spanischen Bürgerkrieg: Hans Beimler hastet mit zwei Genossen über das Gelände einer verlassenen Universität in einem Vorort von Madrid. Als das Trio einen Hohlweg passiert, schreit der 41-Jährige plötzlich auf, taumelt und sinkt tot zu Boden – von marokkanischen Franco-Scharfschützen mitten ins Herz getroffen, den kommunistischen Kampfruf «Rot Front!» auf den Lippen. So jedenfalls berichtet es später der einzige Überlebende des Trios, ein gewisser Richard Staimer, der später in der DDR Karriere macht, als Schwiegersohn von Staatspräsident Wilhelm Pieck. Die kommunistische Presse bejubelt Beimler umgehend als «glühenden Freiheits- und Friedenskämpfer», man widmet ihm Lieder und Gedichte («‹Rot-Front› war des Helden Wort»), die Abdankungsfeiern ziehen sich über Tage hin. Als seine Asche im Dezember 1936 zum Barceloner Friedhof Montjuïc getragen wird, säumen 200 000 Zuschauer die Strassen, stalinistische Grössen wie Dolores Ibarruri («No pasaran») erweisen ihm die letzte Ehre. Auf diesen Pomp hätten selbst die spanischen Könige neidisch werden können. Doch schon bald kursieren Gerüchte, wonach der gefeierte Märtyrer nicht von Franco-Söldnern, sondern von kommunistischen Agenten hinterrücks erschossen worden sei. Abwegig ist die Mordthese nicht. Der Hohlweg, auf dem Beimler getötet wird, ist für Scharfschützen schwer einsehbar. Ob er wirklich von einer Maschinengewehrkugel getroffen worden ist, ist fraglich. Ein sozialistischer Beamter, der den Leichnam untersuchen lässt, behauptet 1974 in seinen Memoiren etwas anderes: Der tödliche Schuss sei von einer Pistole abgefeuert worden. Und käme es einem tödlich Getroffenen wirklich in den Sinn, gleich dreimal «Rot Front!» auszurufen, bevor er stirbt? Der eigensinnige und aufbrausende Hans Beimler, das weiss auch seine Geliebte Antonia Stern, hadert vor seinem Tod mit der KPD. So klagt er im Juli 1936 in einem Brief, das «Verhältnis mit den Freunden» sei «sowieso nicht gerade das beste». Besonders übel nimmt er seinen Genossen, dass sie ihn für einen Vorfall in Zürich verantwortlich machen: 1935 türmt ein mutmasslicher Spitzel mit der Parteikasse, obwohl Beimler die Parteileitung mehrfach gewarnt hat. Ausserdem pflegt der Deutsche in Spanien Kontakte mit Anarchisten und anderen Zeitgenossen, die moskautreue Kommunisten als Feinde betrachten. Eben diesen Anhängern Stalins geht es in Spanien nur offiziell um die Verteidigung von «Freiheit» und «Demokratie». Vielmehr bauen sie im republikanischen Lager mithilfe sowjetischer Berater einen Geheimdienst- und Repressionsapparat auf, der sich auch gegen «Abweichler» und angebliche Verräter in den eigenen Reihen richtet. Wozu der paranoide, von Spionagegeschichten besessene Apparat fähig ist, zeigt das Beispiel des Zürcher «Spanienmajors» und Subversivenjägers Otto Brunner. Der erschiesst im April 1938 bei einer Verhaftungsaktion in einer Spelunke von Barcelona einen Schweizer Genossen – nur trifft er im Suff einen «unverdächtigen» Kämpfer aus Wiedikon, der zufällig zu Walter Güntharts Freunden gehört. In dieser «Verfolgungshysterie der Stalin-Zeit», so hält der Historiker Patrik von zur Mühlen 1983 in einem Standardwerk über deutsche Spanienkämpfer fest, wäre ein inszenierter Tod an der Front durchaus denkbar gewesen: Beimler sei der KPD «unbequem geworden», aber wegen seines Renommees habe man den KZ-Überlebenden nicht einfach fallen lassen können. «Der vermeintliche Heldentod löste diesen Konflikt: man entledigte sich der Person und schuf gleichzeitig einen Märtyrer». «Das Schlimme ist das Auftreten dieser Frau. Mir ist in meinem Leben keine so hysterische und raffinierte Person begegnet.» Antonia Stern jedenfalls will den Tod ihres Geliebten nicht einfach hinnehmen. Obwohl sie seit dem Tod ihres Vaters im März 1936 alle Hände voll zu tun hat mit der Auflösung des elterlichen Haushalts an der Englischviertelstrasse, reist sie umgehend nach Spanien, um die Wahrheit zu erfahren. Sie befragt Informanten, sammelt Dokumente und geht dem Abwehrapparat der Kommunisten gehörig auf die Nerven. «Die Angelegenheit Toni Stern (…) macht uns grosses Kopfzerbrechen», klagt ein Agent in einem Brief an den späteren DDR-Funktionär Franz Dahlem, «das Schlimme ist das Auftreten dieser Frau. Mir ist in meinem Leben keine so hysterische und raffinierte Person begegnet. Sie spielt einen gegen den anderen aus, (…) greift alle Unzufriedenen auf, kurz, macht uns das Leben hier schwer.» Tatsächlich stösst die hartnäckige Musikerin auf einige Widersprüche. Von Beimlers Dolmetscher Max Geyer erfährt sie etwa, dass dessen Begleiter – anders als von Staimer behauptet – nicht sofort starb, sondern zwei Tage in einem Spital weiterlebte. Geyer ist neben Staimer der Letzte, der Beimler lebend gesehen hat. Stern trifft sich auch mit einem zwielichtigen Detektiv der katalanischen Polizei, der belastendes Material über den stalinistischen Repressionsapparat sammelt: Ein Mann namens Laurencic, der behauptet, Beimler habe sich, betrunken, vor seinem Tod sehr abschätzig über die KPD geäussert – und der wohl identisch ist mit jenem «Laurencis», den Erich Günthart kürzlich in den Akten der Bundesanwaltschaft entdeckt hat. Günthart hegt starke Vermutungen, dass die Mordthese stimmt. «An der offiziellen Geschichte», so drückt er es aus, «ist doch etwas faul.» So glaubt er in den Bürgerkriegserinnerungen Ludwig Renns einen weiteren indirekten Hinweis gefunden zu haben. Renn war im Spanischen Bürgerkrieg als Kommandant des Bataillons «Thälmann» militärischer Vorgesetzter von Hans Beimler. In seinem mit Zeitangaben sehr präzisen Buch «Der Spanische Krieg» schreibt Renn, er habe am 30. November 1936 vom Tod seines Kameraden erfahren – und das, obwohl die Kommunisten immer behaupteten, Beimler sei am 1. Dezember gefallen. Tatsächlich wunderten sich schon Zeitgenossen darüber, dass für den «Verteidiger Madrids» bereits am 2. Dezember eine grosse Gedenkfeier in Madrid veranstaltet wurde, wo dieser doch nur einen Tag zuvor gestorben sein sollte. «Es gibt keinen Grund, an Renns Datumsangabe zu zweifeln», sagt Günthart, «aber da er als Homosexueller selber in der Kritik stand, durfte er nicht die ganze Wahrheit enthüllen.» Doch all das bleibt vorerst Spekulation. Manche Historiker halten Beimlers Differenzen mit der KPD für «aufgebauscht», und eindeutige Beweise für die Mordthese gibt es bis jetzt nicht. Das liegt auch daran, dass die kommunistische Geheimpolizei in Spanien gründliche Arbeit leistet. Max Geyer wird von der KPD-Abwehr gezwungen, die Mordthese schriftlich zu widerrufen. Seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist er verschollen, genauso wie viele Akten und Dokumente. Ein Schweizer Milizionär, der Stern brisantes Material für eine Beimler-Biografie verspricht, wird von den Stalinisten ebenfalls verhaftet und verpflichtet, keinerlei Verbindungen mehr mit der «Tonie Stern» aufzunehmen. Laurencic alias Laurencis wiederum lässt sich in der Haft zum linientreuen Kommunisten «umdrehen», entwirft «surreale», schiefbödige und grell bemalte Gefängniszellen für Franquisten und wird nach deren Machtübernahme 1939 hingerichtet. Einsteins Ermunterung Und Antonia Stern? Von den stalinistischen Schergen drangsaliert und schikaniert, verlässt sie Spanien nach rund sechs Monaten mit dem Ziel, die Weltöffentlichkeit mit einer Beimler-Biografie aufzurütteln. Doch ein betrügerisches Verlegerpaar und der Zweite Weltkrieg machen diese Pläne zunichte. Im von Deutschen besetzten Paris entgeht die internierte Jüdin «wie durch ein Wunder» der Deportation in ein Vernichtungslager, wie sie 1949 an Albert Einstein schreibt. Der ermuntert seine ehemalige Geliebte, ein Buch über Beimler könnte «wertvolle Aufklärungen über die russischen politischen Methoden» liefern, zeigt aber wenig Lust, Stern bei diesem Unterfangen zu unterstützen. So ist ihre über 300-seitige Beimler-Biografie «Dachau-Madrid» bis heute nur auszugsweise veröffentlicht worden. Dass Historiker ihre Detektivarbeit wiederentdecken und dem Beimler-Kult in der DDR zumindest einen schalen Beigeschmack verleihen, erlebt Stern nicht mehr: Sie stirbt 1961 vereinsamt in Paris, als Hans Beimlers ehemalige Genossen in Berlin gerade ihre Untertanen einmauern, im Namen des Antifaschismus. Literaturhinweis: Romy und Erich Günthart, Spanische Eröffnung 1936. Rotes Zürich, deutsche Emigranten und der Kampf gegen Franco, Chronos-Verlag 2017. Erstveröffentlichung in der NZZ (online) am 10. April 2018 Vielen Dank an Lucien Scherrer für die freundliche Genehmigung, seinen Beitrag bei kommunismusgeschichte.de einstellen zu dürfen!

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Biografie

Eric Hobsbawm. A Life in History

Richard J. Evans

Richard J. Evans hat die Biografie des Historikers Eric Hobsbawm geschrieben, der als einer der bekanntesten Geschichtswissenschaftler der Welt gilt. Eric Hobsbawn wurde 1917 in Alexandria geboren und wuchs in Wien und Berlin auf. Dort kam er mit kommunistischen Gruppen in Kontakt; Zeit seines Lebens stand er dem Marxismus nahe. Als 17-Jähriger zog Hobsbawm mit seiner Familie nach England, wo er studierte und später seine Tätigkeit als Dozent und Wissenschaftler aufnahm. Der Schwerpunkt seiner Forschung lag auf Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Weltweite Bekanntheit erlangte Hobsbawm mit seinem dreibändigen Werk "Das lange 19. Jahrhundert". Als er 2012 im Alter von 95 Jahren starb, war er Augenzeuge von zahlreichen weitreichenden Umbrüchen in der Weltgeschichte geworden. Richard J. Evans berücksichtigt dies in seiner Biografie, wenn er von Hobsbawm nicht nur als Historiker, sondern auch als  Zeitzeuge so vieler geschichtlicher Ereignisse, die er analysiert, schreibt.

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Autobiografie

Im radikalen Lager. Politische Autobiographie 1890-1921

Paul Frölich

"Im radikalen Lager. Politische Autobiographie 1890-1921" stellt die politischen Erinnerungen von Paul Frölich aus den Jahren 1890 bis 1921 dar. Frölich war ein kommunistischer Politiker und Autor, der Mitglied der SPD und später der KPD war. Er veröffentlichte erstmals die Schriften von Rosa Luxemburg. In Folge seiner Kritik der Stalinisierung der KPD wurde Frölich aus der Partei ausgeschlossen. Er gründete mit anderen Ausgeschlossenen die Kommunistische Partei Deutschlands – Opposition (KPO) und trat schließlich die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) ein. Nach Haft und Exil währen des Nationalsozialismus' verstarb Frölich 1953 in Deutschland. Die vorliegenden Erinnerungen reichte Frölich bereits im Jahr 1938 beim Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) ein. Das Manuskript galt als verschollen, bis es im Jahr 2007 von einem Mitarbeiter des IISG wiederentdeckt wurde. Nach Ausgaben auf Italienisch und Französisch erschien die Autobiografie 2013 erstmals auf Deutsch mit einem Nachwort des Herausgebers Reiner Tosstorff. 

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Biografie

Grenzgänger des Kommunismus. Zwölf Porträts aus dem Jahrhundert der Katastrophen

Mario Keßler

Mario Keßler stellt in seinem Buch “Grenzgänger des Kommunismus” die biografischen Porträts von zwölf Frauen und Männern vor. Die Gemeinsamkeit dieser Personen besteht in deren speziellem Verhältnis zum Kommunismus, welches Keßler als das von Grenzgängern definiert. Keiner von ihnen folgt dem Kommunismus als Ideologie, Bewegung oder Glaubensgemeinschaft unkritisch und bedingungslos. Vielmehr entfernen sie sich alle zu einem gewissen Ausmaß vom Kommunismus. Jedoch gehören sie auch nicht zu denjenigen Kritikern, aus deren Zweifel und Abwendung eine generelle Abkehr von der Idee folgte. Ein Leben ohne Kommunismus war für sie weiterhin nicht denkbar, er blieb ein zentrales Element ihres Lebens und Wirkens. Dargestellt sind die Biografien von Menschen, die in Deutschland und Zentraleuropa aufwuchsen, verfolgt und oft vertrieben wurden: Karl Korsch; Arthur Rosenberg; Arkadi Maslow; Susanne Leonhard; Ruth Fischer; Alfred Kantorowicz; Joseph Berger; Isaac Deutscher; Ossip Flechtheim: Walter Markov; Stefan Heym und Walter Grab. Mario Keßler arbeitet im Zentrum für Zeithistorische Forschung und unterrichtet an der Universität Potsdam. 

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Biografie

Stalin: Der Herr des Terrors

Helmut Altrichter

Die Biografie „Stalin: Der Herr des Terrors“ vom Osteuropa-Historiker Helmut Altrichter zeichnet das Leben Josef Stalins als Mensch sowie als Politiker facettenreich nach. Stalin regierte die Sowjetunion 29 Jahre lang, von 1924 bis zu seinem Tod 1953. Seine Herrschaft war geprägt von Gewalt; die erzwungene Industrialisierung des Landes sowie die „Säuberungen“, in denen Bürger als vermeintliche Regimegegner bezichtigt wurden, kosteten Millionen von Menschen das Leben. Auch Stalin als Privatmann bekommt in dem Werk von Helmut Altrichter ein Gesicht – die zahlreichen, oft minderjährigen Affären Stalins finden ebenso Erwähnung wie eigentümliche Alltagsrituale, beispielsweise das immer wieder aufs Neue wiederholen der gleichen Filme im Kreis von Parteikadern. Das Buch erscheint als dritter Band in der Reihe „Diktatoren des 20. Jahrhunderts“, welche vom Münchner Institut für Zeitgeschichte herausgegeben wird. 

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Autobiografie

Und schuf mir einen Götzen: Lehrjahre eines Kommunisten

Lew Kopelew

Als die Zarenherrschaft in Russland 1917 endete, ging Lew Sinowjewitsch Kopelew noch an der Hand seiner Kinderfrau, die ihn schon in seinen frühen Jahren mit der deutschen Sprache vertraut machte. Sein Vater ohrfeigt ihn im Alter von sieben Jahren, als er die Namen Lenin und Trotzki erwähnt und als die "Roten" endgültig die Ukraine erobern, wird der Junge vom Enthusiasmus des ersten revolutionären Jahrzehnts mitgerissen. Gläubig folgt er der kommunistischen Partei in den brutalen Kampf um die Kollektivierung, trotz der Hungersnöte und Säuberungen der dreißiger Jahre. In seiner Autobiografie erzählt Kopelew von seiner Kindheit in Kiew und seiner Jugend in Charkow, von seinem bürgerlich-jüdischen Elternhaus, seiner ersten Liebe, von seinem wachsenden Interesse für die Literatur und davon, wie er sich einen Götzen schuf. Im Fronteinsatz im Zweiten Weltkrieg wurde er Zeuge zahlreicher Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung Ostpreußens, die ihn zutiefst erschütterten und ein starkes Gefühl der Scham in ihm auslösten. Wegen "Propaganda des Mitleids mit dem Feind" wurde er 1945 festgenommen und inhaftiert. Nach seiner Rehabilitierung 1956 publizierte Lew Kopelew vor allem über deutsche Literatur. 1968 wurde er wegen Teilnahme an der Menschenrechtsbewegung aus der KPdSU ausgeschlossen, 1977 folgte ein Publikationsverbot und 1981 wurde er ausgebürgert. Bis zu seinem Tod 1997 lebte er in Köln.

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Biografie

Karl Marx. Die Biografie

Gareth Stedman Jones

Gareth Stedman Jones' Studie “Karl Marx: Die Biografie” will die Entwicklung der Marx’schen Ideen aus ihrem zeitlichen Kontext  heraus verstehen - jenseits aller Verherrlichungen und Interpretationen, die in den über 100 Jahren seit Marx’ Tod in das Verständnis seines Werkes eingeflossen sind. Der Ideenhistoriker und ehemalige Herausgeber der New Left Review betrachtet Marx in erster Linie als Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts und beschreibt, wie er die Gedanken von Kant, Hegel, Feuerbach, Ricardo und anderen zu neuen Ideen schmiedet. Die Biografie gliedert sich dabei in zwei Teile: Zuerst Marx' Arbeiten bis in die Revolutionsjahre 1848/1849 und dann die lange Zeit danach bis zu seinem Tod 1883 in London. Die Idee, dass  Marx selbst noch kein Marxist war, sondern erst später von anderen dazu gemacht wurde, bildet den roten Faden des Buches. Jenseits solcher Zuschreibungen stellt Jones in seiner umfangreichen Biografie dar, wie Marx in einer Epoche des industriellen und politischen Umbruchs versucht, Antworten auf die Herausforderungen seiner Zeit zu finden - Antworten die die Welt im Zuge des 20. Jahrhunderts immens prägten und bis in die heutige Zeit fortdauern.

Cover des Buches "Auf eigenen Wegen, Suhrkamp

Tagebuch

Marina Zwetajewa
: Auf eigenen Wegen – Tagebuchprosa. Moskau 1917 – 1920, Paris 1934

Marina Zwetajewa

Auf eigenen Wegen versammelt Tagebuchprosa Marina Zwetajewas (1892 – 1941), einer der bedeutendsten russischen Dichterinnen. Die in ihrer Zeit im Pariser Exil in den Jahren 1917 – 1920 entstandenen Texte tragen ihren unverwechselbaren Stil: Sie sind intensiv, dicht und rhythmisch. Zwetajewa stellte die Prosa zusammen, als sie sich aufgrund des anbrechenden 2. Weltkrieges in den 1930er-Jahren darauf vorbereitete, nach Russland zurückzukehren. Ihre Auswahl enthält alle Schriften, die ihr in künstlerischer und persönlicher Hinsicht wichtig waren. Zudem fügte die Dichterin nachträgliche Kommentare hinzu, weshalb man die Sammlung als eine Art Nachlass zu Lebzeiten verstehen kann. Neben der Tagebuchprosa enthält Auf eigenen Wegen auch den Text „Über Deutschland“ und die Aphorismen „Über Liebe“ und „Über Dankbarkeit“. Nach 17 Jahren in der Emigration in Berlin, Paris und Prag war die Dichterin 1939 gezwungen, nach Russland zurückzugehen. Ihre Tagebuchprosa brachte sie mit in ihr Heimatland. Zwei Jahre später nahm sich Zwetajewa das Leben.

Völklein, Honecker, Biographie, DDR

Biografie

Honecker. Eine Biographie

Ulrich Völklein

Das Leben Erich Honeckers war gemessen an seiner Bedeutung für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts lange Zeit erstaunlich unterbelichtet. Dies änderte sich 2002/2003 als neben Norbert Pötzl auch Ulrich Völklein eine Biografie des prägenden DDR-Funktionärs veröffentlichte. Im Feuilleton der FAZ wurde das Buch kritisiert: Trotz vieler Recherchen bleibe Honeckers Charakter wie in der 1980 erschienenen Autobiografie „Aus meinem Leben“ ungreifbar – im Gegensatz zu Völklein habe die vom DDR-Staatsapparat geprägte Stilisierung aber vorsätzlich dieses Ziel verfolgt. Aus seiner „Ost-Perspektive“ auf das Leben Honeckers habe sich der Autor letztlich gar dazu verleiten lassen, Bundeskanzler Helmut Kohl jedweden Anteil an der Verantwortung für die Herstellung der deutschen Einheit abzusprechen.

Veselý, Dubcek, Biographie, Prgaer Frühling

Biografie

Dubček. Biographie

Ludvík Veselý

1970 erschienen zwei Biografien über Alexander Dubček, der zur Symbolfigur des in der ČSSR eingeleiteten und bald gewaltsam beendeten Reformkurses avancierte. Beide Autoren William Shawcross und Ludvík Veselý schildern Dubčeks Weg zum Generalsekretär der KPČ und versuchen zu ergründen, wie und wann sich ihr Protagonist zum Reformpolitiker entwickelte. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurde Dubček schrittweise kaltgestellt, 1970 arbeitete er als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava; seine politische Rückkehr war kaum vorhersehbar. Der britische Schriftsteller William Shawcross, fasziniert von den Ereignissen, reiste durch die Tschechoslowakei und beschreibt die politischen Geschehnisse auf Grundlage von Gesprächen mit Dubčeks Umfeld von innen heraus. Dabei stützt er sich auch auf Dokumente, Reden und Artikel Dubčeks aus der Zeit vor 1968. Der tschechische Publizist Ludvík Veselý schreibt aus der Sicht eines Beteiligten, seit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts lebte er allerdings in München. Er konzentriert sich auf die gesellschaftlich-historische Analyse und befasst sich ausführlich mit Dubčeks Aufenthalten in der Sowjetunion als Kind und während des Studiums an der Parteihochschule in Moskau von 1955 bis 1958. Dubčeks Verhältnis zum Sozialismus und Stalinisimus sei dadurch geprägt worden. Sein Aufstieg zum Generalsekretär der KPTsch sei von vielen Zufälligkeiten und Kompromissen abhängig gewesen, meint Veselý. Im Vergleich dazu charakterisiert Shawcross Dubček als zielstrebigen Politiker, der sich das Amt als Generalsekretär der KPTsch hart erarbeitet hat. Shawcross, fasziniert von den politischen Ereignissen, reiste durch die Tschechoslowakei und schreibt die politischen Geschehnisse auf Grundlage von Gesprächen mit Dubčeks Umfeld von innen heraus. Kritisiert wurde er allerdings vor allem für plumpe Verallgemeinerungen, die deutsche Ausgabe ist zudem nachlässig lektoriert.

Robert Service, Stalin, Biografie, Biographie

Biografie

Stalin. A biography

Robert Service

Mit „Stalin. A biography“ legte Robert Service nach seiner Lenin-Biographie die erste umfassende, über 730 Seiten starke Darstellung des Diktators nach über zwei Jahrzehnten vor. In seine Recherche bezog er erstmals bis dato nicht berücksichtigte Archivbestände aus Russland und Georgien, der Heimat Stalins, ein. Der Fokus liegt vor allem auf der ersten Hälfte von Stalins Leben, seinem Werdegang und seiner politischen wie religiösen Prägung. Service versucht somit, dem gängigen Bild des ungebildeten, skrupellosen und brutalen Staatslenkers zu begegnen. Die Meinungen des Feuilletons und der wissenschaftlichen Rezensionen, speziell was die Fokussierung auf die jungen Jahre Stalins angeht, gehen jedoch auseinander: So blieben die Beobachtungen zu vage und ungenau, urteilt etwa der „Guardian“, gerade im Vergleich zu seiner Biographie Lenins.

Buchcover Stefan T. Possony: Lenin. Eine Biographie

Biografie

Lenin. Eine Biographie

Stefan T. Possony

Stefan Thomas Possony, ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Militärstratege, legte 1964 eine mit kriminalistischem Scharfsinn psychologischer Intuition und historischer Objektivität verfasste Lenin-Biographie vor, urteilt ein Rezensent. Die deutsche Ausgabe erschien zwei Jahre später. Possony gelingt die Dekonstruktion des Mythos Lenin, wobei er sich u.a. auf Akten des deutschen, österreichischen und japanischen Auswärtigen Amtes stützt. Er schildert akribisch das Leben des Diktators und kommt zu der Erkenntnis, dass nicht erst Stalin, sondern bereits Lenin die Idee des Sozialismus pervertierte. Eingehend widmet sich Possony der Krankheits- und Leidensgeschichte Lenins. Es sei tragisch, dass er gerade in jenem Moment von der politischen Bühne abtreten musste, als er aus seinen bisherigen Irrtümern und Fehlschlägen die Konsequenzen ziehen wollte. Lenin sei deshalb als ein tief enttäuschter Mann gestorben, der, hätte er länger gelebt, den stalinistischen Säuberungen zum Opfer gefallen wäre, so Possony.

Elinor Lipper bei einem Radio-Interview im Jahre 1951 (Foto: Privatbesitz)

Biografie | Aufsatz

Zeugin des Terrors

Lucien Scherrer

Wer vom «Archipel Gulag» spricht, denkt heute vor allem an Alexander Solschenizyn. Dabei hat die Schweizerin Elinor Lipper lange vor dem sowjetischen Erfolgsautor die millionenfachen Verbrechen der Kommunisten bezeugt. Lucien Scherrer, Redakteur der Medienseite der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), hat der 1912 in Brüssel geborenen Lipper in einem umfänglichen Zeitungsbeitrag ein kleines biographisches Denkmal gesetzt. Lipper hatte ab 1931 in Berlin Medizin studiert und sich dort der kommunistischen Bewegung angeschlossen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung flüchtete sie in die Schweiz und war dort u.a. für die Kommunistische Internationale tätig. 1937 reiste sie nach Moskau aus, wo sie in der Nacht zum 26. Juli von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und 1938 zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt worden war. Elinor Lipper wurde schließlich erst 1948 aus der Lagerhaft sowie nach einer Odyssee durch sowjetische Transitgefängnisse in die Schweiz entlassen. Schwer von der Haft gezeichnet, sagte Lipper 1950 in einem Prozess in Paris aus, den die französischen Kommunisten provoziert hatten, um Zeitzeugen des sowjetischen Gulag-Systems mundtot zu machen. In jenem Jahr war in Zürich ihr Erlebnisbericht "Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern" erschienen. kommunismusgeschichte.de dankt Lucien Scherrer für die freundliche Genehmigung, seinen NZZ-Beitrag vom 29. November 2020 nachfolgend zu dokumentieren. Bitte bei der Zitation stets auch die Neue Zürcher Zeitung als Quelle angeben. Zeugin des Terrors – wie die Schweizerin Elinor Lipper die Wahrheit über den «Archipel Gulag» enthüllte Wer vom «Archipel Gulag» spricht, denkt heute vor allem an Alexander Solschenizyn. Dabei hat die Schweizerin Elinor Lipper lange vor dem sowjetischen Erfolgsautor die millionenfachen Verbrechen der Kommunisten bezeugt. Wer hier auftritt, braucht Mut. Denn was im Dezember 1950 im Pariser Justizpalast ansteht, ist kein gewöhnlicher Prozess. Zweihundert Journalisten aus der ganzen Welt sind angereist, fünfzig Zeugen angekündigt, im Gerichtssaal drängen sich Gendarmen, Diplomaten, Zuschauer und in schwarze Roben gekleidete Anwälte, die mit Zwischenrufen, Beschimpfungen und Anträgen immer wieder für tumultartige Szenen sorgen. Elinor Lipper wirkt denn auch etwas schüchtern, als sie am 8. Dezember in den Zeugenstand tritt. Doch was sie über Terror, Verhaftungen und Zwangsarbeit in Sowjetrussland berichtet, lässt kaum jemanden unberührt. «Da drüben», so erzählt sie, «arbeitet man zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, bei Temperaturen von minus 50 Grad; in den Goldminen liegt die Sterblichkeitsrate bei 30 Prozent im Jahr. Die meisten sterben an Unterernährung.» Lügen, die Millionen glauben wollen Für die kommunistischen Anwälte im Saal sind diese Aussagen eine derartige Frechheit, dass sie beim Richter intervenieren, um der jungen Schweizerin das Wort entziehen zu lassen. Es gehe doch nicht an, die Sowjetunion zu verunglimpfen, dieses Land der Freiheit, das nun wahrlich nichts zu verbergen habe! Tatsächlich ist Elinor Lipper nach Paris gereist, um die Weltöffentlichkeit über die wahren Zustände in der kommunistischen Grossmacht aufzuklären. Sie ist die wichtigste Zeugin in einem Verleumdungsprozess, der sich um eine aus heutiger Sicht absurde Frage dreht: Darf man Leute, die auf systematische Verbrechen in der Sowjetunion hinweisen, als Lügner beschimpfen, wie das die kommunistische Presse Frankreichs gerne tut? Letztlich geht es in Paris also um Fragen von weltpolitischer Bedeutung: Ist Josef Stalins proletarische Diktatur wirklich die Verkörperung des Fortschritts, des Friedens und der Menschlichkeit, wie das ihre internationale Anhängerschaft behauptet? Oder geht es um ein Terrorregime, das Millionen Menschen versklavt und getötet hat? Dass Letzteres zutrifft, ist heute dank zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten belegt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Debatte jedoch völlig offen. Zumal sich Millionen Menschen ihre Illusionen über das vermeintliche Arbeiterparadies im Osten nicht nehmen lassen. Dies besonders in Frankreich, wo der finanziell eng mit der Sowjetunion verbandelte, von Intellektuellen, Nobelpreisträgern und Künstlern unterstützte Parti communiste français (PCF) unentwegt behauptet, angebliche Terroropfer seien bloss Faschisten und Verräter. Obwohl sie es als eine der ersten Überlebenden gewagt hat, diesen Lügen öffentlich entgegenzutreten, ist Elinor Lipper fast völlig in Vergessenheit geraten. Das ist umso erstaunlicher, als sie den stalinistischen Terror nicht nur gerichtlich bezeugt, sondern auch literarisch verarbeitet hat. Als sie 1950 in Paris auftritt, hat sie in Zürich gerade ihren Erlebnisbericht «Elf Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern» veröffentlicht. In sechzehn Sprachen übersetzt, ist das Buch ein internationaler Erfolg – und das 23 Jahre bevor Alexander Solschenizyn mit seinem «Archipel Gulag» das vermeintliche Standardwerk zum Thema veröffentlicht. Doch wie kommt es, dass eine Schweizerin zur Jahrhundertzeugin gegen den totalitären Terror wurde? Und weshalb hat sie in Zeitungen, Geschichtsbüchern und populären Abhandlungen über starke Frauen nicht längst jenen Platz erhalten, der ihr eigentlich gebühren würde? Flucht vor der Gestapo Die Geschichte von Elinor Lipper führt in die tiefsten Abgründe des 20. Jahrhunderts. Als sie am 5. Juli 1912 in Brüssel zur Welt kommt, regiert in Russland ein abergläubiger Zar, und «Stalin» ist der Deckname eines schnauzbärtigen Revolutionärs, den noch niemand kennt. Ihr Vater ist jüdischer Deutscher, die Mutter Niederländerin. Nach der Scheidung zieht der Vater in die Schweiz, Elinor verbringt einen Grossteil ihrer Jugend bei ihrer Mutter in Den Haag. Die junge Frau wächst in einem bildungsbürgerlichen, kosmopolitischen Milieu auf, die soziale Ungerechtigkeit jener Zeit beschäftigt sie schon früh. Politisiert wird sie in Berlin, wo sie ab 1931 Medizin studiert; es ist die Zeit der Massenarbeitslosigkeit, der Saalschlachten und des Terrors von Hitlers SA-Schlägern. Wie viele Intellektuelle und junge Antifaschisten erblickt die Studentin in der 1922 gegründeten Sowjetunion ein Land der Hoffnung, in dem die Fähigsten regieren, das Volk geliebt wird und es kaum noch Verbrechen gibt. «Mir schien es», so erklärt sie Jahre später vor Gericht in Paris, «als seien die Kommunisten die Einzigen, die gegen Hitler kämpften.» Ihr selber gelingt nach Hitlers Machtübernahme im letzten Moment die Flucht. Nachdem sie die Polizei wegen der Verbreitung marxistischer Literatur verhaftet hat, lässt sie ein Kommissar mit dem dringenden Rat frei, sofort die Koffer zu packen. Ein schrecklicher Irrtum So setzt sie ihr Studium in der Schweiz fort, daneben arbeitet sie offiziell als Buchhändlerin und angehende Heilgymnastikerin. Als überzeugte Kommunistin ist sie insgeheim auch für die Kommunistische Internationale (Komintern) tätig. Dieses von Moskau gesteuerte Netzwerk gibt den kommunistischen Parteien in allen Ländern der Welt den Kurs vor, koordiniert klandestine Aktionen, verschiebt Waffen und Geld, oder es hilft Genossen in Not. Ihre Anführer, unter ihnen der Schweizer Fritz Platten, fallen später fast alle den stalinistischen Säuberungen und Schauprozessen zum Opfer. Auch Elinor Lippers Weg führt über die Komintern in die Falle, nach Moskau. Um drohende Schwierigkeiten mit den Schweizer Behörden zu umgehen, arrangieren Komintern-Leute 1935 eine Scheinehe zwischen der jungen Aktivistin und dem Zürcher KP-Sympathisanten Konrad Vetterli. Nunmehr mit dem Schweizer Pass in der Tasche reist sie 1937 nach Moskau aus, um als Redaktorin im Verlag für ausländische Literatur zu arbeiten. Obwohl sie ihr Onkel eindringlich vor der Situation in Russland warnt, ist sie immer noch überzeugt davon, dass in der Sowjetunion nur Regimegegner und richtige Kriminelle verhaftet werden. Ein Irrtum, dem Tausende Kommunisten erliegen. Denn 1937 ist der grosse Terror in vollem Gang. Nach katastrophalen Hungersnöten und anderen Fehlschlägen braucht die Partei Stalins massenweise «Verräter», «Spione», «Saboteure» und «Volksfeinde», die für all das verantwortlich sein sollen. Von 1929 bis 1953 (dem Todesjahr Stalins) verschwinden 20 bis 30 Millionen Bürger in Gefängnissen und Lagern, Millionen kehren nicht zurück. Nächtlicher Besuch der Geheimpolizei Treffen kann es jeden, vom Weggefährten Lenins über den hochdekorierten Offizier bis zur Fabrikarbeiterin. Denunziationen, Selbstanklagen und Verleumdungen führen zu immer neuen Verhaftungen. Durch die Säuberungen schafft sich die sowjetische Führung nebenbei ein riesiges Heer von Zwangsarbeitern, die unter widrigsten Bedingungen Gold schürfen, Dämme, Eisenbahntrassees und Strassen bauen oder Bäume fällen für die Holzproduktion. Und dies in einem Land, das die Ausbeutung menschlicher Arbeitskräfte offiziell abgeschafft hat. Gemäss neusten Schätzungen lässt der Geheimdienst NKWD allein zwischen Sommer 1937 und November 1938 rund 380 000 Menschen erschiessen und weitere 390 000 in Arbeitslager verschicken. Ausländer, Juden und «Kosmopoliten» spielen in den Verschwörungstheorien der Parteiführung und ihrer Handlanger eine besonders wichtige Rolle. Im Moskauer Hotel Lux, in dem auch Elinor Lipper wohnt, holen Geheimdienstleute im Sommer 1937 jede Nacht «Verdächtige» ab, versiegeln ihre Zimmer und lassen die anderen Gäste im bangen Warten zurück, wer wohl als Nächstes an der Reihe sein würde. In ihrem Buch beschreibt Lipper die Stimmung im Hotel so: «Sie schlossen sich ab voneinander. Sie beobachteten sich gegenseitig lauernd und misstrauisch. Wieso hat mich der Parteisekretär so merkwürdig angesehen? Sie waren unschuldig und wälzten sich schlaflos in den Nächten. Bis es geschah.» Sie selber trifft es in der Nacht des 26. Juli 1937. «Ich fuhr empor. Hatte es mir geträumt, oder klopfte jemand? Da – noch einmal, zweimal, dreimal – lautes, hartes, freches Klopfen. Es dröhnt, es donnert, das ganze Haus muss darüber aufwachen. Eine männliche Stimme: «Aufmachen!» Die Herrschaft der Kriminellen Im Glauben, dass alles nur ein Missverständnis sei, wird sie von der Geheimpolizei in die berüchtigte Lubjanka und schliesslich ins Gefängnis Butyrka verschleppt. In dieser Verhör- und Hinrichtungsstätte vegetieren Tausende Häftlinge in überfüllten Zellen dahin, geplagt von Läusen und belauscht von Spitzeln, bis man sie mit Schlafentzug oder nötigenfalls mit Schlägen und Folter dazu bringt, die absurdesten Geständnisse zu unterschreiben. Elinor Lipper verbringt vierzehn Monate in Untersuchungshaft; nach drei Verhören droht ihr der Untersuchungsrichter mit Kriegsgericht und dem Urteil «Tod durch Erschiessen». Schliesslich reduziert die Geheimdienstjustiz das Verdikt am 8. September 1938 auf fünf Jahre Lagerhaft, wegen «konterrevolutionärer Tätigkeit». Und so wird die 26-jährige Frau zusammen mit anderen Verurteilten in Viehwagen und per Schiff nach Ostsibirien deportiert. Dort, in den Weiten des Kolyma-Gebietes, hungern Hunderttausende in «Besserungsarbeitslagern», wie die von Lenin initiierten Gulags offiziell heissen. «In aller Augen stand die Frage: Warum? Und keiner wusste die Antwort. Wenn im Gefängnis noch ein erschrockenes Staunen über den Gesichtern gelegen hatte, die ungläubige Verwunderung des Menschen über den ihn peinigenden Menschen, über schuldlos erduldete Schmach und Grausamkeit, so konnte man jetzt etwas anderes lesen: Furcht und Verbitterung.» Angetrieben von Wachen und Lagerkommandanten, müssen die gefangenen Männer in Kolyma Gold schürfen und die Frauen schwerste Waldarbeiten verrichten – zwölf Stunden am Tag, bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad. Wer nicht genug Holz fällt, erhält weniger Brot. Hunger, Kälte, Schläge, Demütigungen, Massenerschiessungen und der Anblick von nackten Leichen gehören laut Historikern zum Lageralltag in Sibirien. «Politische» Häftlinge stehen in der Hackordnung ganz unten, weit unter den Kriminellen, die ihre Leidensgenossen bestehlen, misshandeln und vergewaltigen. Elinor Lipper beschreibt das Grauen in ihrem Buch nüchtern und mit feinem Sarkasmus – etwa, indem sie wie später Solschenizyn aus der offiziell fortschrittlichen Verfassung der Sowjetunion zitiert, die den Menschen Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz verspricht. Oder indem sie die Gesetzesparagrafen zitiert, deretwegen die Menschen in den Lagern leiden. So reicht es für eine Verurteilung aus, unter Spionageverdacht zu stehen. Dasselbe gilt für Leute, die das Pech haben, «Familienmitglied eines Landesverräters» zu sein. Und Kinder, die das zwölfte Lebensjahr erreicht haben, dürfen im offiziell fortschrittlichsten Land der Welt sogar zum Tod verurteilt werden. An die Nazis ausgeliefert Der Hauptanspruch von Elinor Lippers Buch ist es, den Millionen Unschuldigen eine Stimme zu geben, «denen man die Stimme und die Freiheit und das Leben genommen hat». Da ist zum Beispiel eine Babuschka, die als vermeintliche Anhängerin von Stalins Rivalen Leo Trotzki verurteilt worden ist, obwohl sie das Wort «Trotzkismus» nicht einmal buchstabieren kann. Oder eine Mutter, die sich öffentlich von ihrem verhafteten Sohn losgesagt hat, um nicht selber verhaftet zu werden. Im Lager begegnet sie ihrem Sohn wieder. «Ich habe keine Mutter mehr» – das ist alles, was er zu ihr sagt. Andere Frauen sterben, weil Josef Stalin und Adolf Hitler im August 1939 einen Freundschaftspakt besiegeln, der den Nazis den ersehnten Krieg erst ermöglicht. Im Zuge dieser neuen Freundschaft liefern die Russen der Gestapo Dutzende deutsche Kommunisten aus, die einst vor Hitler in die Sowjetunion geflüchtet waren. Einige kommen jedoch gar nicht erst in Nazideutschland an: Die ehemalige Sekretärin des deutschen Kommunistenführers Ernst Thälmann etwa wird auf ein Schiff verfrachtet und während eines Sturms über Bord gespült. Wie es auf den Gefangenenschiffen zugeht, weiss Elinor Lipper aus eigener Erfahrung: «Wir lagen zusammengepfercht auf dem teerbeschmierten Boden des Laderaums, während sich die Kriminellen auf den Brettern breitmachten. Wenn wir es nur wagten, den Kopf herauszustrecken, hagelte es von oben Heringsköpfe und Eingeweide. Die Seekranken erbrachen sich von oben herunter.» Über ihr eigenes Schicksal berichtet die Autorin zurückhaltend. Das liegt zum einen daran, dass sie sich nicht in den Vordergrund stellen will. Zum anderen erlebt sie im Lager Sachen, über die sie auch nach der Haft nur mit ihren nächsten Angehörigen sprechen kann. Zweimal stirbt sie in Sibirien beinahe an Hunger und Erschöpfung. Dass sie überlebt, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass sie als ehemalige Medizinstudentin in Krankenstationen arbeiten kann. «Ohne diesen Glücksfall», so erklärt sie später gegenüber der Presse, «ist es sehr fraglich, ob ich die Freiheit je wiedergesehen hätte.» Kraft gibt ihr auch eine Liebesbeziehung mit einem gefangenen Arzt. 1947, noch in Gefangenschaft, bringt sie eine Tochter, Genia, zur Welt. Die ersten Monate verbringen Mutter und Kind in Durchgangslagern und verschmutzten Viehwagen. Denn 1942 ist Elinor Lippers fünfjährige Haftstrafe eigentlich verbüsst. Da die Sowjetunion während des Krieges keine Gefangenen entlässt, muss sie jedoch bis im Herbst 1946 in der Kolyma ausharren. Dann schickt man sie mit ihrer Tochter auf eine monatelange Odyssee, von einem Transitgefängnis zum nächsten Durchgangslager, vom Kaukasus bis nach Brest-Litowsk. Weil die diplomatischen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der Sowjetunion nur schleppend vorangehen, endet der Albtraum erst im Juni 1948, als Mutter und Tochter in Frankfurt an der Oder ein amerikanisches Flugzeug besteigen, das sie zurück in die Schweiz fliegt. Träume vom Lager Der Weg zurück in die Zivilisation ist für Opfer des stalinistischen Terrors jedoch ähnlich schwierig wie für die Überlebenden der Hitler-Barbarei. Kurz nach ihrer Rückkehr in die Schweiz erleidet die nunmehr 36-jährige Frau einen Nervenzusammenbruch, sechs Monate leidet sie an Gleichgewichtsstörungen, Gehen oder Stehen ist ihr kaum möglich. «Sich wieder in die Freiheit zurück zu gewöhnen, wie sie die westliche Welt kennt, ist eine eigenartige Sache», sagt sie 1950 in einem Interview mit einem Ringier-Journalisten. «In meinem Unterbewusstsein, in den Schlafträumen leben die Lagererlebnisse immer noch weiter.» Neben den traumatischen Erinnerungen müssen die ehemaligen Häftlinge mit dem Umstand leben, dass kaum jemand ihre Geschichten hören will. Schlimmer noch: Die Kommunisten fühlen sich nach dem Zweiten Weltkrieg derart überlegen und siegesgewiss, dass sie glauben, alle Zeugen des sowjetischen Terrors als Lügner und Faschisten diffamieren zu dürfen. Möglich ist das, weil Stalins Sowjetunion in der Nachkriegszeit ein heute kaum vorstellbares Renommee geniesst, in Westeuropa und sogar in den USA. Ihr Sieg über Hitler, der 20 bis 27 Millionen Sowjetbürger das Leben gekostet hat, überstrahlt fast alles – die antisemitisch gefärbten Schauprozesse der Jahre 1936 bis 1938, den Hitler-Stalin-Pakt, die Unterwerfung Ostmitteleuropas und den Gulag, der im Westen ohnehin nie auf grosses Interesse gestossen ist. Selbst in der Schweiz sind die Kommunisten plötzlich salonfähig, in Genf wird die neu formierte Partei der Arbeit gar zur stärksten Partei. In Italien scheint eine Machtübernahme der Stalinisten möglich, ebenso in Frankreich. Dort inszeniert sich der PCF unter dem kultisch verehrten Stalin-Freund Maurice Thorez als Verkörperung der Résistance, bewundert von intellektuellen Zirkeln und Salons, gewählt von fast 30 Prozent der Urnengänger. Der Dichter Pablo Neruda reimt in diesem geistigen Klima Verse über die «Menschen Stalins», Pablo Picasso widmet dem «Genius der Menschheit» schlichte Skizzen zum Geburtstag (Unterschrift: «Auf Deine Gesundheit!»), und Jean-Paul Sartre verkündet, dass alle Antikommunisten Hunde seien, also auch sämtliche Kritiker Stalins. Denn Kommunisten kritisieren, das dürfen in seiner Weltsicht nur Kommunisten. Der Prozess um die Konzentrationslager Das Wort «Gulag» auch nur auszusprechen, ist da eine Provokation. Der sowjetische Ex-Diplomat Viktor Krawtschenko etwa wird 1947 von der kommunistischen Presse Frankreichs als Agent, Vaterlandsverräter und Lügner bezeichnet, nachdem er die sowjetische Terrorherrschaft in seinem Bericht «Ich wählte die Freiheit» entlarvt hat. Krawtschenko gewinnt 1949 zwar einen Verleumdungsprozess gegen die PCF-nahe Zeitung «Les Lettres françaises». Aber das hindert die Kommunisten nicht daran, mit allen Mitteln ihre Deutungshoheit zu verteidigen. Als der französische Schriftsteller, antifaschistische Widerstandskämpfer und Buchenwald-Überlebende David Rousset 1949 einen internationalen Appell lanciert, alle KZ-Systeme auf der Welt, also auch das sowjetische Lagersystem, untersuchen zu lassen, bezeichnen ihn die «Lettres françaises» sofort als «Fälscher». Rousset reagiert mit einer Verleumdungsklage, und so kommt es im Dezember 1950 in Paris zu jenem neuen «Prozess der russischen Konzentrationslager», an dem Elinor Lipper eine Hauptrolle spielt. Dass sie diese Belastung überhaupt auf sich nimmt, hat mit ihrem Mut und einem Gelübde zu tun: Noch in Haft verspricht sie ihren Leidensgenossinnen, nichts zu vergessen – und Zeugnis für alle Verdammten abzulegen, egal, wie gross ihr Bedürfnis nach Ruhe und Erholung auch sein möge. Der Druck, der auf den Zeugen lastet, ist enorm. Wer schweigt, droht die Selbstachtung zu verlieren, weil er all jene im Stich lässt, die immer noch inhaftiert sind. Wer dagegen öffentlich über den Terror spricht, legt sich mit einer Grossmacht an, die auf ein Heer von Gläubigen, Spionen und Verleumdern zählen kann. Stalin ist 1950 kein fernes Phantom, sondern ein Diktator auf dem Höhepunkt seiner Macht. Als bedürfte es dazu eines Beweises, läuft in den Pariser Kinos kurz vor dem Prozess ein sowjetischer Propagandafilm mit dem Titel «Der Gesang Sibiriens». Dieser preist das Reich der Strafgefangenen als eine Art lustiges Schweizerland hinter dem Ural – und wie Elinor Lipper im Kino selber feststellen muss, quittieren das gutsituierte, Glace essende Franzosen auch noch mit Applaus. Obwohl sie von Versagensängsten geplagt wird, findet sie am 8. Dezember 1950 die Kraft, in den Zeugenstand zu treten. Die Verhandlungen, so schreibt die NZZ am 10. Dezember, kämen wegen Obstruktionen und Störungen der kommunistischen Anwälte nur langsam voran, die Zeugen würden regelrecht tyrannisiert. «Dieser gewaltige Druck erreichte den Höhepunkt, als die Zeugin Elenor Lippert (sic!) den Saal betrat.» Tatsächlich unternehmen die Anwälte der «Lettres françaises» alles, um die Schweizerin zu irritieren oder gar als eigentliche Täterin hinzustellen. Bei den Richtern verfängt die Verleumdungstaktik jedoch nicht, und die Redaktoren der «Lettres françaises» müssen erneut Schadenersatz leisten, diesmal an David Rousset. Einmal KGB, immer KGB Trotzdem sind die Kommunisten die heimlichen Gewinner im Streit um die «Gulag-Lüge». Denn eine nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema bleibt in der Nachkriegszeit weitgehend aus. Sartre, der wegen des Gulag-Streits theatralisch mit seinem Gefährten Rousset bricht, etabliert sich erfolgreich als moralisches Gewissen, obwohl sein Beitrag zur Täuschung und Vertuschung nicht zu unterschätzen ist. Erst nachdem Alexander Solschenizyn 1973 seinen «Archipel Gulag» veröffentlicht hat, finden die Verbrechen der Sowjetunion und anderer sozialistischer Diktaturen einen gewissen Platz im kollektiven Bewusstsein. Nun gerät auch der moskautreue PCF in Erklärungsnöte – und erleidet einen Imageschaden, von dem er sich nie wieder erholt. Elinor Lipper hat sich zu jener Zeit schon lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie heiratet und lebt mit ihrer Familie im Tessin. Alte Fotos zeigen ein scheinbar unbeschwertes Leben in den 1950er und 1960er Jahren, Elinor Lipper vor dem Hotel Schatzalp in Davos, auf Passfahrt mit einem schwarzen Fiat, mit Zigarette in gemütlicher Tischrunde. Angehörige erinnern sich an eine charmante, liebevolle Frau, die nach elf Jahren Haft endlich leben wollte – ohne Hass und Bitterkeit auf ihre einstigen Peiniger. Als freier Geist will sie sich von niemandem instrumentalisieren lassen, auch nicht von bürgerlichen Antikommunisten, die im Kalten Krieg jeden enttäuschten Anhänger der Sowjetunion als Trophäe betrachten. So nimmt sie im Juni 1950 zwar am insgeheim von der CIA finanzierten «Kongress für kulturelle Freiheit» im zerbombten Berlin teil, wo sie sich mit anderen ehemals kommunistischen Autoren wie Arthur Koestler («Sonnenfinsternis») und Ignazio Silone («Fontamara») austauscht. Auf einer Vortragstournee durch die USA wird ihr ein Jahr später jedoch bewusst, dass der Antikommunismus unter der Ägide des Senators Joseph McCarthy in eine denunziatorische Hexenjagd ausartet. Gerade weil sie weiter an den Sozialismus glaubt, will sie sich nicht für persönliche und politische Zwecke einspannen lassen. «Auch heute scheint mir die sozialistische Idee die vernünftigste Lösung der sozialen Probleme und die einzige Garantie zur Verhütung von Kriegen in der Zukunft zu sein», schreibt sie in ihrem Buch, «aber die Sowjetunion hat diese Idee vor der ganzen Welt kompromittiert, in Blut ertränkt.» Eine offizielle Entschuldigung hat sie von den russischen Behörden nie erhalten. Dafür muss sie noch im hohen Alter zur Kenntnis nehmen, dass die russische Regierung offensichtlich bestrebt ist, Stalin zu rehabilitieren, die Archive zu schliessen und den «Archipel Gulag» aus dem Gedächtnis der Bevölkerung zu tilgen. Über Wladimir Putin pflegte sie zu sagen: «Einmal KGB, immer KGB.» In der Todesanzeige, die ihre Angehörigen 2008 in der «Tribune de Genève» aufsetzen lassen, heisst es: «Unfreiwillige Zeugin der Turbulenzen eines Jahrhunderts, zeugen ihr Mut und ihre Liebe von der unerschütterlichen Freiheit ihrer Seele.» Zitation: Lucien Scherrer: Zeugin des Terrors. Wie die Schweizerin Elinor Lipper die Wahrheit über den «Archipel Gulag» enthüllte. In: kommunismusgeschichte.de. Erstveröffentlichung in der Neuen Zürcher Zeitung am 29. November 2020

Buchcover

Autobiografie

Durch die Erde ein Riss. Ein Lebenslauf

Erich Loest

"Durch die Erde ein Riss.Ein Lebenslauf" ist die Autobiografie des Journalisten und Schriftstellers Erich Loest. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges, den Loest als junger Soldat erlebt, tritt er 1947 in die SED ein und übernimmt den Vorstand des Schriftstellerverbandes Leipzig. Als er die eigene Partei jedoch immer kritischer beurteilt, wird er schließlich aus der Partei ausgeschlossen und zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Biografie beginnt mit seinen Kindheitserinnerungen im sächsischen Mittweida und endet im Jahr 1964, dem Jahr seiner Haftentlassung. In den Jahren nach seiner Haft arbeitet Loest wieder als Schriftsteller; er veröffentlicht unter anderem eine Reihe von Kriminalromanen. Das Manuskript seiner Autobiografie vollendete er 1980, jedoch war kein Verlag in der DDR zur Veröffentlichung bereit. Wegen der staatlichen Repressionen, die sich Loest aufgrund seiner fortdauern kritischen Haltung gegenüber des Regimes ausgesetzt sah, siedelte er 1981 schließlich in die Bundesrepublik Deutschland über. 

Autobiografie

Die Tochter des 20. Jahrhunderts

Rossana Rossanda

Das Buch "Die Tochter des 20. Jahrhunderts" sind die Erinnerungen der italienischen Intellektuellen und Schriftstellerin Rossana Rossanda. Sie war eine prägende Figur der italienischen Linken. 1924 wird sie in Pola in Istrien geboren, 1943 Eintritt in die Kommunistische Partei und beteiligt sich am Widerstandskampf. 1959 wird sie ins Zentralkomitee der KPI gewählt. Innerhalb der Partei gerät sie zunehmend in Konflikt mit anderen Mitgliedern: deren Abgrenzung zum Sozialismus der Sowjetunion, wie sie auch in anderen westeuropäischen kommunistischen Parteien unter dem Begriff des "Eurokommunismus" stattfindet, empfindet sie als allzu reformistisch. Nach ihrem Ausschluss aus der Partei als "Linksabweicherin" gründet sie 1969 die Zeitschrift und spätere Tageszeitung "Il manifesto". In "Die Tochter des 20. Jahrhunderts" setzt sie sich mit ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung als bekannte Figur des italienischen Kommunismus auseinander.

Buchcover

Autobiografie

Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges

Margarete Buber-Neumann

In ihrer Autobiografie zeichnet Margarete Buber-Neumann, die 1901 als Tochter eines Brauereibesitzers geboren wurde, ihren bewegenden Lebens- und Erfahrungsweg von ihrer Heimat Potsdam bis hin zur Verhaftung im berüchtigten Hotel Lux in Moskau nach. Sie erlebte die Weimarer Republik, die Radikalisierung der Jugend, die Aktivitäten und auch die Intrigen in der KPD. 1921 schloss sich die Kindergärtnerin zunächst mit Begeisterung dem kommunistischen Jugendverband an, 1926 trat sie der KPD bei. Drei Jahre später begegnete sie Heinz Neumann, einem der führenden Männer der KPD, mit dem sie 1933 eher unfreiwillig in die UdSSR emigrierte. In Moskau wurde ihr Mann 1937 vom Innenministerium der UdSSR verhaftet und verschwand spurlos, die Autorin selbst fand sich kurz darauf selbst in einem Lager inhaftiert wieder. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt, wurde sie im Jahr 1940 an die Gestapo ausgeliefert und verbrachte weitere fünf Jahre im KZ Ravensbrück. In dieser Zeit entstand ihr berühmtestes Buch "Als Gefangene bei Stalin und Hitler". Ihr Folgewerk "Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges" ist ein zeitgenössisches Dokument des frühen 20. Jahrhunderts und der kommunistischen Bewegung aus der Sicht einer außergewöhnlichen Frau, deren humane und demokratische Grundhaltung sich wie ein roter Faden durch ihre Erinnerungen zieht.

Screenshot vom Buchcover

Biografie

Jenseits von Wahrheit und Lüge

Aleksander Wat

Die Biografie des polnischen Schriftstellers und Publizisten jüdischer Herkunft ist ein bewegendes Zeitzeugnis. Geboren 1900 in Warschau, gilt Aleksander Wat als Mitbegründer des polnischen Futurismus und erzählt im Gespräch mit dem polnischen Nobelpreisträger Czesław Miłosz von seinem Leben in der polnischen Republik der Zwischenkriegszeit und von seinem Schicksal in der Zeit von 1939 bis 1945. In den 20er-Jahren war er zunächst begeisterter Anhänger des Kommunismus, später wandte er sich davon ab. Nach seiner Flucht vor der Nazi-Okkupation ins russisch besetzte Polen, verbrachte er beinahe die ganze Zeit des Zweiten Weltkriegs in sowjetischen Gefängnissen und lernte dort das System von seiner unmenschlichsten Seite kennen. Er begegnete hunderten von Leidensgenossen, darunter ukrainische Bauern, polnische Arbeiter, jüdische Schuster, russische Banditen, vor allem aber Schriftstellerkollegen und Philosophen, mit denen er lange Gespräche führte. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit bilden das Herzstück seiner autobiographischen Erinnerungen, die ein faszinierendes Panorama über Leben und Verhalten europäischer Intellektueller zur Zeit des Stalinismus abbilden.

Buchcover

Biografie

Lew Kopelew. Humanist und Weltbürger

Reinhard Meier

Reinhard Meier zeichnet ein Portrait Lew Kopelews, dass den vielen Facetten des russischen Humanisten gerecht wird. Kopelew wird 1912 im vorrevolutionären Kiew geboren. Der überzeugte Kommunist meldet sich 1941 als Freiwilliger zur Roten Armee. Als er jedoch Kritik am brutalen Umgang mit Gefangenen äußert, gerät er ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes und wird schließlich wegen “Propagierung des bürgerlichen Humanismus, Mitleid mit dem Feind und Untergrabung der politisch-moralischen Haltung der Truppe“ zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Auch diese Erfahrung bringt ihn nicht dazu, sich vollständig vom Sowjetkommunismus abzuwenden. Nach seiner Rehabilitierung kann er lange Jahre als Literaturwissenschaftler arbeiten. In den 1960er-Jahren beginnt Kopelew zunehmend, sich für Dissidenten wie den Physiker Andrej Sacharow und den Schriftsteller Alexander Solschenizyn sowie für den Prager Frühling einzusetzen. Das Regime reagiert mit Parteiausschluss und Schreibverbot. Während einer Deutschlandreise 1981 werden Kopelew und seine Frau schließlich ausgebürgert. Das Paar lässt sich in Köln nieder. Lew Kopelew bemüht sich Zeit seines Lebens, durch seine publizistische Arbeit zur Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen beizutragen. 1997 stirbt er in Köln. Reinhard Meier beschreibt die Stationen von Kopelews bewegtem Leben in detaillierten Schilderungen.    

Cover des Buches "Rosa Luxemburg", Rowohlt Taschenbuch-Verl.

Biografie

Rosa Luxemburg. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten

Helmut Hirsch

Auf rund 160 Seiten beschreibt der Autor Helmut Hirsch knapp und sachlich das Leben der Revolutionärin Rosa Luxemburg bis zu ihrer Ermordung am 15. Januar 1919. Die 1969 erstmals veröffentlichte Biografie wurde zum internationalen Bestseller, 2004 erschien die 21. Auflage. Helmut Hirsch (1907–2009) studierte in München, Berlin, Bonn/Köln und Leipzig. Er floh 1933 ins Saargebiet und 1935 nach Frankreich, wo er publizistisch gegen das Hitler-Regime arbeitete. 1941 konnte er in die USA emigrieren, 1945 promovierte er an der University of Chicago in Geschichte und Germanistik. 1957 Rückkehr nach Deutschland, 1972–1977 Honorarprofessor an der Universität Duisburg, 1988 Dr. phil. der Karl-Marx-Universität Leipzig. Neben Rowohlt- Monografien zu August Bebel, Friedrich Engels und Bettine von Arnim publizierte er Studien zu Karl Marx und Ferdinand Lassalle sowie zu sozialgeschichtlichen Themen.

Cover des Buches "Erinnert euch an mich. Über Nestor Machno: Porträt des ukrainischen Anarchisten", Nautilus

Biografie

Erinnert euch an mich. Über Nestor Machno: Porträt des ukrainischen Anarchisten

Mark Zak

Mark Zaks Buch "Erinnert euch an mich" ist die Biografie des ukrainischen Anarchisten Nestor Machno. Der Autor rekonstruiert aus zeitgenössischen Quellen das Leben des weitgehend unbekannten Bauernführers. Machno war zwischen 1917 und 1921 während des Russischen Bürgerkrieges Anführer der nach ihm benannten Machnowischtschina, einer anarchistischen Volksbewegung. Die Bewegung hatte die Selbstbestimmung der Bauern und Arbeiter zum Ziel und versuchte, anarchistische Gesellschaftsstrukturen in der Ukraine zu verwirklichen. Als Akteurin im Bürgerkrieg war die Bewegung wichtige Gegenspielerin der Weißen Armee. Nach dem Sieg der Bolschewiki sollte die Machnowischtschina in der Roten Armee aufgehen. Gegen diese Übernahme gab es heftigen Widerstand, der schließlich in der gewaltsamen Niederschlagung der Machnowischtschina durch die Rote Armee führte. Machno gelang 1921 die Flucht nach Paris, wo er bis zu seinem Tod 1943 lebte. Der Autor der Biografie, Mark Zak, wurde 1959 in Lwiw (Lemberg) geboren, wuchs in Odessa auf und kam 1974 mit seiner Familie aus der UdSSR nach Westdeutschland. Er lebt heute als Schauspieler und Autor in Köln.

Buchcover Hermann Weber: Lenin. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten

Biografie

Lenin. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten

Hermann Weber

Hermann Webers gibt in seiner rororo-Monographie einen Überblick über das Leben Lenins und die Errichtung der Sowjetunion. Vom russischen Zarenreich über den Ersten Weltkrieg bis hin zur Übernahme der Macht durch die Bolschewiki im Oktober 1917 beleuchtet Weber den historischen Kontext, in dem Lenin zu einer entscheidenden historischen Figur wurde. Er erzählt vor allem die Geschichte des Politikers, Revolutionärs und marxistischen Theoretikers, der im Zarenreich für eine kommunistische Revolution kämpfte, innerhalb in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands die Bolschewiki, die spätere Kommunistische Partei Russlands, gründete und schließlich zum Begründer der Sowjetunion wurde. Auch der familiäre Hintergrund Lenins und dessen politische Ideen und Schriften werden beleuchtet. Zahlreiche historische Bilder ergänzen die Kurzbiographie.

Dae-Sook Suh: Kim Il Sung. The North Korean leader

Biografie

Kim Il Sung. The North Korean leader

Dae-Sook Suh

Das Werk ist die erste umfassende Biografie zu Kim Il Sung in englischer Sprache. Der Autor Dae-Sook Suh untersucht darin den Einfluss Kim Il Sungs und seiner Staatsideologie Chuch‘e auf die Geschichte und Politik Nordkoreas. Ausgehend von Kims Widerstand gegen die japanische Armee und die Machtergreifung unter sowjetischer Besetzung, beschreibt Suh, wie es Kim Il Sung gelang, sich gegen seine Rivalen im Koreakrieg zu behaupten und seine Macht zu festigen. Mit der Ernennung seines Sohnes Kim Jong Il zum Oberbefehlshaber der koreanischen Volksarmee schuf der Diktator die Basis für Nordkoreas „kommunistische Dynastie“. Die Erstausgabe von 1988 wurde nach dem Tod Kim Il Sungs im Jahr 1994 ergänzt um ein Kapitel zur Bedeutung seines Tods für die Zukunft des Landes und dessen internationale Beziehungen. Der Autor Dae-Sook Suh ist emeritierter Professor und ehemaliger Leiter des Center for Korea Studies der University of Hawaii.

Service, Trotzki, Biographie

Biografie

Trotzki. Eine Biographie

Robert Service

Nachdem Robert Service bereits eine Biographie zu Lenin und eine Biographie zu Stalin vorgelegt hat, widmet er sich dem Leben Trotzkis. Auch für diese 730 Seiten umfassende Darstellung hat Service, bis zur Emeritierung 2013 Professor für Russische Geschichte am St Antony’s College an der University of Oxford, bis dato unveröffentlichtes Archivmaterial ausgewertet. Durch seine vorangegangene biographische Arbeit zur Intellektuellengeschichte des Kommunismus setzt Service mit der Untersuchung der Beziehung zwischen Stalin und Trotzki einen neuen Schwerpunkt. Kritiker bemängelten jedoch, dass Service in seinen Darstellungen dazu neige, für ein vielschichtigeres, nahezu heldenhaftes Stalin-Bild zu plädieren, während er versuche, „den toten russischen Revolutionär Trotzki noch toter zu machen“ (Gerd Koenen in Die Zeit) Schon vor der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe wurde Service für seine Arbeit derart verrissen, dass der Verlegerin von Wissenschaftlern nahegelegt wurde, die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe abzusagen.

Trotzki, Serge, Biographie, Leben und Tod

Biografie

Leo Trotzki. Leben und Tod

Victor Serge

Die 350 Seiten starke deutsche Version der Trotzki-Biographie von Victor Serge erschien 1978 im Europaverlag. Er hatte das Manuskript wenige Tage vor seinem Tod mit Trotzkis Witwe fertiggestellt. Letztere bestand allerdings darauf, das Buch ausschließlich unter Serges Namen zu veröffentlichen, um seinem Anteil an der Arbeit gerecht zu werden. Genau wie Trotzki war auch Serge ins Exil nach Mexiko geflohen und stellte dort bis zu seinem Ableben Schriften wie diese Biographie fertig. Die Biographie vertritt an verschiedenen Stellen deutlich eine antistalinistische Haltung und stützt den Protagonisten in seinen Entscheidungen und Taten. Bemerkenswert ist dies, da es zwischen ihm und Serge 1939 öffentlich zum Bruch gekommen war. Rezensenten kritisierten, nach Serges Darstellung sei Trotzki „ein unpolitischer Revolutionär“ gewesen (Knut Nevermann in Die Zeit).

Screenshot Buchcover

Biografie

Vladimir Burtsev and the Struggle for a Free Russia

Robert Henderson

Vladimir Burtsev and the Struggle for a Free Russia von Robert Henderson untersucht das Leben des Journalisten, Historikers und Revolutionärs Vladimir Burtsev (1862-1942). Dieser sei dem Autor zufolge nicht präsent genug in der Forschung. Das Buch beschreibt größtenteils chronologisch den politischen Werdegang des Aktivisten, vom Gegner der zaristischen Unterdrückung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hin zur Opposition gegen den Bolschewismus nach der Russischen Revolution von 1917. Dabei liegt der Fokus auf Burcevs "politischen und journalistischen Aktivitäten" und seiner Verfolgung seitens russischer, britischer und später sowjetischer Behörden. Burtsevs Leben wird zudem in den breiteren Kontext der russischen und europäischen Geschichte dieser Zeit gestellt. Für die Analyse zieht Henderson umfangreiches Archiv- und bisher unübersetztes russisches Quellenmaterial heran.

Biografie

Karl Marx. Ein radikaler Denker

Wolfgang Korn

"Karl Marx. Ein radikaler Denker" von Wolfgang Korn ist eine Marx-Biografie für jugendliche Leser. Heute existiert eine Vielzahl von Deutungsmuster dessen, wer Karl Marx war – "Verführer der Arbeitermassen" oder "Ergründer der modernen Welt"? Der Autor legt in dieser Biografie verständlich dar, wie Marx' Theorien bis heute, 200 Jahre nach seiner Geburt, die deutsche Geschichte und Politik prägen und fortleben: seine Gedanken zu Freiheit, Moral, Religion und Gesellschaft sind auch und gerade in der heutigen Zeit relevant. Für Leser ab 14 Jahren.

Biografie

Arthur Koestler. Ein extremes Leben. 1905 - 1983

Christian Buckard

Christian Buckard ist Verfasser der Biografie des ungarisch-britischen Schriftstellers Arthur Koestler. Das Leben Koestlers bietet reichhaltiges Erzählmaterial. In Ungarn aufgewachsen, studiert er in Wien, lebt und arbeitet in Palästina, arbeitet als Journalist in Berlin, reist durch die Sowjetunion Stalins, berichtet als Reporter aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, wird während des Spanischen Bürgerkrieges von Francos Regime zum Tode verurteilt und kommt wieder aus dem Gefängnis frei. Koestler steht kommunistischen Ideen nahe, wendet er sich unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse aber von dieser Form kommunistischer Regime ab. Er ist zusammen mit Willi Münzenberg Gründer der antistalinistischen und antifaschistischen Zeitschrift "Die Zukunft". Sein bekanntestes schriftstellerisches Werk ist der Roman "Sonnenfinsternis", der als Abrechnung mit den stalinistischen Ausprägungen des Kommunismus gilt. Ab 1940 lebt Koestler in England, wo er 1986 seinem Leben ein Ende setzt. 

Buchcover

Autobiografie

Fidel Castro: Mein Leben

Ignacio Ramonet

„Fidel Castro:  Mein Leben“ präsentiert auf fast 800 Seiten ein monumentales Interview, in dem Castro viele Einblicke in sein Leben erlaubt. Neben Fragen zu Kindheit und Jugend geht es auch um Demokratie und Menschenrechte, um den Umgang mit Oppositionellen, mit Dissidenten.Durch die langen, intensiven Gespräche liefert das Buch einen umfassenden Überblick über die Weltsicht des ersten sozialistischen Regierungschefs der westlichen Hemisphäre. Eine explizit kritische Auseinandersetzung mit dem Politiker bietet das Buch nicht; Kritiker mögen Ignacio Ramonet vorwerfen, Castro zu viel Raum zur Selbstinszenierung zuzugestehen, wenn dieser sich als "Oppositioneller Nummer Eins" und als  "Arbeiter der Revolution" präsentieren kann. Dieser Kritik mag man das Format des Buches entgegen halten, welches eher einer Autobiografie als einer kritischen Außenperspektive entspricht. Der Autor zielt vor allem darauf ab, historische Details aus dem Leben des umstrittenen Politikers für die Nachwelt zu bewahren – ein Anspruch, welcher nach dem Tod Castros im Jahr 2016 zusätzliche historische Bedeutung gewinnt. 

Buchcover

Biografie

Mao Zedong. Es wird Kampf geben

Helwig Schmidt-Glintzer

Mao Zedong gilt als einer der großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Helwig Schmidt-Glintzer beschreibt den Anführer der Volksrepublik in seiner neuen Biografie jedoch vielmehr als Einheitsstifter, Pragmatiker und Reformer. Mao habe nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches die Demütigung des chinesischen Volkes durch die Kolonialmächte abschütteln wollen. Mit seinen Modernisierungsprozessen habe er eine stabile, wandelbare politische Ordnung geschaffen, die für den heutigen Wohlstand Chinas mitverantwortlich sei. Mao hat trotz der Gräueltaten, für die er beispielsweise während der Kulturrevolution verantwortlich war, viele Intellektuelle im Westen fasziniert; für sie stand er, vor allem in den 1960er-Jahren, für das anti-Bürgerliche, für den Traum von Gerechtigkeit. Für Schmidt-Glintzer stellt die von Mao angestrebte Entwicklungsrichtung bis heute einen Erfolgsweg für China dar. "Mao Zedong. Es wird Kampf geben" soll anhand des Lebens und Wirkens Maos auch die wechselhafte Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert erzählen.

Buchcover

Biografie

Marx. Der Unvollendete

Jürgen Neffe

Jürgen Neffe geht in seinem Buch "Marx. der Unvollendete" der Frage nach, warum die Ideen Karl Marx’ selbst 200 Jahre nach dessen Geburt von gleich- oder sogar größer werdender Bedeutung sind. In Marx’ Biografie und Schriften sucht der Autor nach Antworten. Neffe schildert das Leben des revolutionären Vordenkers als eines des steten Kampfes für seine Überzeugungen: Als Flüchtling und als Staatenloser, in Zeiten von Armut, Ehekrisen und Familientragödien arbeitet Marx beharrlich weiter an seinem Werk. In diesem finden sich aus heutiger Sicht immer noch, oder vielleicht ganz besonders, zutreffende Analysen wie die des Kapitalismus’ als entfesseltes System. In einer von globalisierter Wirtschaft und der Finanzkrise geprägten Zeit scheint es dann weniger verwunderlich als logisch, dass Marx’ Ideen auch heute von großer Popularität sind. Jürgen Neffe, der bereits die Biografien Albert Einsteins und Charles Darwins verfasste, trägt mit seinem zugänglichen Schreibstil dazu bei, die Popularität der Marx’schen Ideen über den Kreis von Akademikern hinaus zu fördern. 

Cover des Buches "Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale", Akademie-Verlag

Lexikon

Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt

Michael Buckmiller, Klaus Meschkat (Hrsg.)

Das „Biographische Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt“ ist eine umfassende Sammlung der biografischen Daten des Personals der Kommunistischen Internationale. Das Buch enthält eine CD-ROM mit einer Datensammlung sowie 19 Beiträgen, die aus aus Vorträgen entstanden, die bei einer Tagung im April 2004 in Hannover gehalten wurden. Bei dieser Tagung wurde das Forschungsprojekt und die daraus entstandene biografische Datenbank vorgestellt. Die Datenbank besteht aus knapp 16.000 Biografien, die ein deutsch-russisches Forschungsteam seit den 1990er-Jahren aus knapp 28.000 Personeneinträgen im Moskauer Archiv der Kommunistischen Internationale ermittelt haben. Das zentrale Thema des Forschungsprojekts ist die Annahme der Bedeutung biografischer Forschung zur Analyse von Organisationen. Wie die Datenbank derart genutzt werden kann, demonstrieren einige der im Begleitbuch veröffentlichen Arbeiten, die basierend auf den verfügbaren biografischen Daten einen Strukturwandel innerhalb der Komintern oder den Zusammenhang zwischen Repressionen und Ethnie nachzeichnen können.

Yang, Deng, China, Biographie

Biografie

Deng. A political biography

Benjamin Yang

Die Deng-Biografie von Benjamin Yang erschien im Jahr 1998 und setzt den Fokus auf die Zeit, als Deng der mächtigste Politiker in der Volksrepublik China war. Yang schildert Dengs frühe Kindheit, seine Aktivität als junger Revolutionär und seinem Aufstieg zur Macht vor dem Hintergrund der Ereignisse in China im Allgemeinen und der Parteigeschichte im Besonderen. Dabei versucht der Autor zu zeigen, dass Deng weniger ein politischer Intellektueller als vielmehr ein geschickter Parteifunktionär war, der es verstand, die operative Expertise seines Umfelds für seine Zwecke und vor allem in seinem Namen zu nutzen. In wissenschaftlichen Besprechungen wurde dieses Werk als wertvolle Ergänzung für Studenten der jüngeren chinesischen Geschichte und als aufschlussreiche Lektüre für interessierte Leser empfohlen. (Rhoda S. Weidenbaum in China Review International)

Buchcover Sabine Dabringhaus: Mao Zedong

Biografie

Mao Zedong

Sabine Dabringhaus

Die deutsche Historikerin Sabine Dabringhaus zeichnet auf 128 Seiten das Leben Maos chronologisch nach und beleuchtet die Strukturen und Machtkonstellationen, die für seine Entscheidungen eine wichtige Rolle spielten. Im ersten Teil beschreibt sie die Herkunft und den Aufstieg Maos in der Kommunistischen Partei Chinas bis zur Gründung der Volksrepublik 1949, im zweiten Teil die staatliche Wiedervereinigung und Konsolidierung des Landes unter Mao Zedong, dessen autokratische Herrschaft zahllosen Menschen das Leben kostete. Ihre kompakte, gut lesbare Darstellung bietet eine fundierte Einführung in die Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, die sicher von niemandem so geprägt wurde wie von Mao Zedong. Das Anliegen dieses Buches ist es, die historische Persönlichkeit in all seiner Widersprüchlichkeit zu analysieren und dabei weder die Mythologisierung noch die Dämonisierung Maos zu reproduzieren.

Buchcover Jonathan Spence: Mao

Biografie

Mao

Jonathan Spence

Der US-amerikanische Sinologe Jonathan Spence wirft einen kritischen Rückblick auf Maos Leben und versucht zu erklären, warum sich dieser so lange an der Macht halten konnte, trotz den desaströsen Folgen seiner Politik. Die Kurzbiographie widmet sich der Kindheit und der Jugend des Revolutionärs, seiner politischen Karriere und seinen geistigen Grundlagen. Der Leser erhält zugleich einen Überblick über die Geschichte der kommunistischen Bewegung in China, die Entstehung der Volksrepublik sowie des „Großen Sprung nach vorn“ und der Kulturrevolution, die Millionen Menschenleben forderte. Im Mittelpunkt des Buches stehen jedoch der Mensch und die Persönlichkeit Maos. So werden seine Liebes- und Familienverhältnisse ebenso wie die Werdegänge seiner Kinder aus den verschiedenen Ehen ausführlich beschrieben.

Shawcross, Dubcek, Biographie

Biografie

Dubcek. Der Mann, der die Freiheit wollte

William Shawcross

1970 erschienen zwei Biografien über Alexander Dubček, der zur Symbolfigur des in der ČSSR eingeleiteten und bald gewaltsam beendeten Reformkurses avancierte. Beide Autoren William Shawcross und Ludvík Veselý schildern Dubčeks Weg zum Generalsekretär der KPČ und versuchen zu ergründen, wie und wann sich ihr Protagonist zum Reformpolitiker entwickelte. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurde Dubček schrittweise kaltgestellt, 1970 arbeitete er als Beschaffungsinspektor der Forstverwaltung von Bratislava; seine politische Rückkehr war kaum vorhersehbar. Der britische Schriftsteller William Shawcross, fasziniert von den Ereignissen, reiste durch die Tschechoslowakei und beschreibt die politischen Geschehnisse auf Grundlage von Gesprächen mit Dubčeks Umfeld von innen heraus. Dabei stützt er sich auch auf Dokumente, Reden und Artikel Dubčeks aus der Zeit vor 1968. Der tschechische Publizist Ludvík Veselý schreibt aus der Sicht eines Beteiligten, seit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts lebte er allerdings in München. Er konzentriert sich auf die gesellschaftlich-historische Analyse und befasst sich ausführlich mit Dubčeks Aufenthalten in der Sowjetunion als Kind und während des Studiums an der Parteihochschule in Moskau von 1955 bis 1958. Dubčeks Verhältnis zum Sozialismus und Stalinisimus sei dadurch geprägt worden. Sein Aufstieg zum Generalsekretär der KPTsch sei von vielen Zufälligkeiten und Kompromissen abhängig gewesen, meint Veselý. Im Vergleich dazu charakterisiert Shawcross Dubček als zielstrebigen Politiker, der sich das Amt als Generalsekretär der KPTsch hart erarbeitet hat. Shawcross, fasziniert von den politischen Ereignissen, reiste durch die Tschechoslowakei und schreibt die politischen Geschehnisse auf Grundlage von Gesprächen mit Dubčeks Umfeld von innen heraus. Kritisiert wurde er allerdings vor allem für plumpe Verallgemeinerungen, die deutsche Ausgabe ist zudem nachlässig lektoriert.

Buchcover

Autobiografie

Sentimentale Reise

Viktor Schklowskij

Viktor Schklowskij berichtet in seinem autobiografischen Werk „Sentimentale Reise“ von seinen Erlebnissen und Eindrücken während der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre in Russland. Schklowskij, der sich als Mitglied der Armee während der Februarrevolution 1917 mit seiner Einheit auf die Seite der Revolutionäre stellt, wird schließlich Kommissar der Übergangsregierung Alexander Kerenskijs. Nach der Oktoberrevolution schließt er sich den Sozialrevolutionären an. Als diese zu Beginn der 1920er-Jahre von den Bolschewiki zunehmend konterrevolutionärer Bestrebungen bezichtigt werden, geht Schklowskij schließlich nach Berlin ins Exil. Die detailgetreuen Schilderungen von Schklowskijs bewegtem Leben erlauben den Leserinnen und Lesern einen tiefen Einblick in die Ereignisse des Russischen Bürgerkrieges. Beim Verlag Die Andere Bibliothek erscheint „Sentimentale Reise“ zum ersten Mal auf Deutsch; die Übersetzung von Olga Radetzkaja wurde für den Übersetzungspreis der Leipziger Buchmesse 2018 nominiert.