Aufsatz

Flaggen, Hymnen und Medaillen.

Uta Balbier

Im Winter des Jahres 1956 trat zum ersten Mal eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft bei den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo an und symbolisierte den scheinbaren Triumph des Sports über die Politik.1 Tatsächlich öffnete das Internationale Olympische Komitee mit dem Kompromiss einer gemeinsamen Mannschaft für die geteilte Nation der Politisierung der Olympischen Bewegung Tür und Tor. Denn in Ost wie in West geriet die gesamtdeutsche Olympiamannschaft immer wieder unter den Einfluss…

Monographie

Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Band 2

Hermann Weber

Der Wandel der KPD von einer Organisation, in der große innerparteiliche Demokratie herrschte, die aber zugleich von inneren Fraktionskämpfen zerrissen wurde, in eine disziplinierte Partei mit zentralisierter Befehlsgewalt wird in Hermann Webers 1969 erschienenen Hauptwerk "Die Wandlung des deutschen Kommunismus" nachgezeichnet. "Wie kaum ein Werk hat Die Wandlung des deutschen Kommunismus die deutschsprachige Kommunismusforschung geprägt", schreibt der Historiker Marcel Bois 2018 im Jahrbuch… Hermann Weber Die Wandlung des deutschen Kommunismus Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik Band 2 Europäische Verlagsanstalt © 1969 by Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main Schutzumschlag: August Bachmeier Printed in Germany Druck: Poeschel & Schulz-Schomburgk, Eschwege Best.-Nr. 01/3 V. Das Führungskorps Die überragende Rolle der Funktionäre bei der Stalinisierung der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde bereits beschrieben. Auch die Tatsache, daß innerhalb des Funktionär- körpers der hauptamtliche Apparat und vor allem dessen Spitze auf die Stalinisierung be- stimmend einwirkte, ist dargelegt worden. Untersucht man nun die Zusammensetzung dieses hauptamtlichen Funktionärkorps, so ergeben sich weitere Aufschlüsse über den Prozeß der Stalinisierung. Dabei muß der Kreis der Funktionäre, die zwischen 1924 und 1929 das hauptamtliche Korps der Spitzenfunktionäre bildeten, genau umrissen werden. Die einzige offizielle An- gabe über die Zahl der Parteimitglieder, die von der KPD selbst beschäftigt wurden, liegt für das Jahr 1927 vor. Damals waren 1,64% der 143 172 Mitglieder Parteiangestellte,1 also 2348 Personen. Die meisten dieser von der Partei Beschäftigten waren jedoch sogenannte technische Ange- stellte (Arbeiter und Angestellte der parteieigenen Druckereien und Verlage, Stenotypistinnen usw.). Politische Angestellte (Sekretäre des Zentralkomitees, der 27 Bezirke, der Unter- bezirke, der größeren Orte sowie Redakteure des Zentralorgans »Rote Fahne« und der 35 Parteizeitungen) gab es natürlich weit weniger, die Zahl dürfte bei 500 Funktionären gelegen haben.i 2 Audi wenn man die Angestellten der Massenorganisationen berücksichtigt (Kommunistischer Jugendverband, Rote Hilfe, Internationale Arbeiterhilfe, Roter Frontkämpferbund usw.), verschiebt sich diese Zahl nicht wesentlich. Nach den offiziellen Angaben von 1927 waren 2,6% der Parteimitglieder in Gewerkschaften, Genossenschaften und »Arbeiterorganisatio- nen« beschäftigt. Bei den Freien Gewerkschaften waren jedoch nur 110 Kommunisten als Sekretäre angestellt. Die überwiegende Mehrheit der 3736 Personen dieser zweiten Gruppe setzte sich (auch nach den offiziellen Feststellungen) aus Arbeitern und Angestellten der Konsumgenossenschaften und der Sowjetinstitutionen in Deutschland (ca. 3000) zusammen. Mit anderen Worten, von den 6041 Personen, die 1927 bei der KPD und ihren Massen- organisationen oder bei Arbeitergenossenschaften und Sowjetinstitutionen in Deutschland angestellt waren, sind weniger als 1000 als politische Angestellte von Partei und Massen- organisationen anzusehen. Diese Feststellung wird durch die Betrachtung einer anderen Quelle gestützt. Das Organ i W. Kaasch: Die soziale Struktur der Kommunistischen Partei Deutschlands. »Die Kommuni- stische Internationale«, Heft 19, Jg. 1928, S. 1051 - Vgl. auch Geh. StA München, 101 236. 2 Wo im folgenden die Angaben nicht direkt belegt werden, ergeben sie sich aus vielen Einzel- heiten der gesamten Quellen, die im Literaturverzeichnis genannt sind, vor allem den Materialien der Staatsarchive und den Mitteilungen ehemals führender Funktionäre der KPD. Im vorliegenden Falle handelt es sich hauptsächlich um Auskünfte von Wolfgang Bartels, Klara Blinn, Heinrich Brandler, August Enderle, Ruth Fischer, Max Frenzel, Anton Grylewicz, Erna Halbe, Erich Hausen, Max Hesse, Theodor Koegler, Max Köhler, Herbert Müller, Kurt Müller, Max Rudert (d. i. Bernhard Menne), Josef Schlaffer, Alfred Schmidt, Johannes Stetter, Ernst Torgier, Hans Weber, Rose Wolfstein und Erich Wollenberg. 6 Das Führungskorps der Opposition um Karl Korsch, die »Kommunistische Politik«, veröffentlichte im Mai 19263 eine Aufstellung über Mitgliedschaft und hauptamtlichen Parteiapparat der KPD Ende 1925. Nach dieser - aus der Kenntnis seiner Verfasser sicher zutreffenden - Darstellung hatte die damals im Durchschnitt 125 000 Mitglieder zählende KPD 4400 Mitglieder, die hauptamt- lich beschäftigt wurden (3,5 °/o der Mitgliedschaft).4 Nadi dem Beridit der »Kommunistischen Politik« waren davon 850 Personen im eigentlichen Parteiapparat beschäftigt (einschließlich der Parlamentarier im Reich und den Ländern!). In dieser Zahl waren die technischen An- gestellten (Stenotypistinnen, Kassierer usw.) eingeschlossen. Hinzu kamen 1800 Angestellte der Zeitungen, Druckereien und Inseratenabteilungen; 200 Angestellte im Buchhandel, je 50 Funktionäre der Roten Hilfe und der IAH, 1000 Angestellte in den Sowjetinstitutionen; 200 besoldete kommunistische Gewerkschaftsfunktionäre, 150 Angestellte in Genossenschaften und 100 in Krankenkassen Angestellte. Natürlich war es für die Parteientwicklung von erheblicher Bedeutung - und das wurde bereits dargestellt daß ein so großer Teil der Mitgliedschaft in direkter materieller Ab- hängigkeit von der Partei stand.5 Bei der Untersuchung des eigentlichen Führungskorps ist ein kleinerer Kreis zu berücksich- tigen, nämlich jene hauptamtlichen Parteiangestellten, die wichtige Schlüsselfunktionen in der KPD ausübten. Bisher gibt es keinerlei Aufstellung über die personelle Zusammen- setzung dieses Parteikaders. Eine Darstellung der Funktionen und der Funktionsbesetzungen ist also zunächst notwendig, um das Funktionärkorps näher analysieren zu können DIE WICHTIGSTEN PARTEIFUNKTIONEN Fast alle wesentlichen Parteifunktionen in der KPD waren mit hauptamtlichen Funktio- nären besetzt. Das entscheidende Organ der KPD war (sowohl theoretisch durch das Statut ausgewiesen wie auch in der Praxis) das Zentralkomitee (bis 1925: die Zentrale). Die Mit- glieder und sogenannten Kandidaten (d. h. Ersatzmitglieder) des ZK bestimmten im Rahmen der von der Komintern festgelegten Linie die Politik der Kommunistisdien Partei Deutsch- lands. Die ZK-Mitglieder (bis 1929) waren fast ausschließlich hauptamtliche Funktionäre (entweder im zentralen Apparat in Berlin, in den Bezirksleitungen oder in einer Massen- organisation tätig). Die Zentrale von 1924 war klein: der Frankfurter Parteitag wählte eine Zentrale aus 15 Personen. Das auf dem X. Parteitag 1925 gewählte ZK umfaßte 19 Mitglieder und 7 Kan- 3 Partei im Belagerungszustand. »Kommunistische Politik«. Diskussionsblatt der entschiedenen Linken in der KPD. Nr. 5, Ende Mai 1926. (Auch als Sonderdruck »Partei im Belagerungs- zustand« verbreitet.) 4 Für Berlin errechnete die »Kommunistische Politik« allerdings (1400 Angestellte bei 18 000 Mitgliedern), daß acht Prozent der Mitgliedschaft im Apparat tätig waren. Vgl. auch Band 1, S. 290, Anm. 189. 5 Das gilt nicht nur für Personen, die ihren Arbeitsplatz (bei Konsumgenossenschaften, bei KPD- Massenorganisationen, in KPD-Druckereien usw.) nur mit Hilfe der Partei erhalten hatten und ihn nur mit Unterstützung der Partei behalten konnten. Auch die Funktionäre der illegalen Appa- rate und die zahlreichen Angestellten der sowjetischen Institutionen auf deutschem Boden (Handelsvertretung, DERUPA, Torgprom usw.) konnten auf einen Wink der Parteiführung ihre Positionen verlieren. Auf diese Weise waren wohl etwa 6-8000 Parteimitglieder von der KPD materiell abhängig. Doch waren es meist einfache Arbeitsplätze und das Gros dieser »Partei- angestellten« im weitesten Sinne des Wortes hatte auf die Geschicke und die Entwicklung der KPD nur einen indirekten oder passiven Einfluß. Die wichtigsten Parteifunktionen 7 didaten. Dagegen umfaßte das vom XI. Parteitag 1927 gewählte Zentralkomitee schon 35 Mitglieder und 18 Kandidaten. Das vom XII. Parteitag 1929 berufene ZK bestand aus 38 Mitgliedern und 25 Kandidaten.6 Während sämtliche Mitglieder der Zentrale bis 1923 bekanntgegeben wurden, hielt man ihre Namen seit 1924 streng geheim. Die SED veröffentlichte erstmals 1966 eine Liste der Mitglieder.7 Da das ZK immer mehr Personen umfaßte, verlagerte sich die eigentliche Leitung der Par- tei Mitte der zwanziger Jahre auf das (aus den Reihen des ZK gewählten) Polbüro und auf das Sekretariat, das sogenannte Politsekretariat. Die Mitgliederzahl des Polbüros blieb be- grenzt: 1924 bildeten 9 Parteiführer das Polbüro, nach dem X. Parteitag 1925 waren es 8 Personen (dazu kam allerdings der inhaftierte Maslow). Nach dem »Offenen Brief« än- derte sich die zahlenmäßige und personelle Zusammensetzung des Polbüros mehrfach. Auf dem XL Parteitag 1927 wurde ein Polbüro aus 9 Mitgliedern und 3 Kandidaten gebildet, nach dem XII. Parteitag 1929 gab es 11 Vollmitglieder und 4 Kandidaten des Polbüros (das bald darauf Politbüro genannt wurde). Das Politsekretariat (bis 1925 als Sekretariat bezeichnet) setzte sich 1924 aus 3 Personen zusammen, wurde später auf 4 erweitert und umfaßte ab 1928 wieder 3 Personen. Das Politsekretariat leitete die Institution, den Apparat »Zentralkomitee« an. Dieser ZK- Apparat ist nicht identisch mit dem auf den Parteitagen gewählten »Zentralkomitee«. Das vom Parteitag gewählte ZK (in dem auch Vertreter der Bezirke saßen), kam in bestimmten Abständen zu Tagungen zusammen, die Institution ZK war ein Arbeitsstab, der seinen Sitz in Berlin hatte. Daher gab es neben den ZK-Mitgliedern eine größere Anzahl von ZK- Mitarbeitern^ die als hauptamtliche Funktionäre in den verschiedenen Abteilungen des ZK als Angestellte tätig waren.8 Die ZK-Mitarbeiter wurden von den ZK-Mitgliedern und Sekretären angeleitet und übten in der Parteihierarchie eine wichtige Funktion aus. Durch die Vergrößerung des ZK-Apparates wuchs ihre Zahl in den Jahren von 1924 bis 1929 6 Vgl. dazu: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung - Chronik. Teil II, 1917-194$. Berlin (Ost) 1966, S. 164, 206, 242 - Bericht über die Verhandlungen des 9. Parteitages der Kommunisti- schen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), abgehalten in Frank- furt/Main vom 7. bis 10. April 1924. Berlin 1924, S. 357 - Bericht über die Verhandlungen des 11. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), 2. bis 7. März 1927 in Essen. Berlin 1927, S. IV, 67 und 199 - Die illegale Tagung des Zentralkomitees der KPD am 7. Februar 1933 in Ziegenhals bei Berlin. Berlin (Ost) 1962, S. 27 - »Freiheit«, Düsseldorf, vom 9. 5. 1924 - StA Oldenburg 136-86-37, Bd. VIII, Bl. 373 ff.; Bd IX, Bl. $39; und 86-130, Bd 1 - HStA Düsseldorf 16 927; sowie die Mitteilungen der in Anm. 2 genannten Personen. 7 Chronik, a.a.O. Vgl. dazu Anm. 6. Um die ZK-Mitglieder genau zu erfassen, wurden die Angaben in den Staatsarchiven mit den Aussagen der befragten Personen und den offiziellen Darstellungen der SED und KPD verglichen. So fanden sich Hinweise in der »Erklärung« von 2$ ZK-Mit- gliedern nach dem Fall Wittorf, in »Die Rote Fahne« (RF) vom 7. 10. 1928, andere Angaben in der gleichen Zeitung vom 17. 8. 1926, 14. 9. 1927, 29. 11. 1927, 2. u. 5. 12. 1927, 18. 11. 1928, 19. 3. 1929. Auch im Bericht des XL Parteitages (a.a.O.) S. 67, 88, 93, 131, 199 und 210 und dem Protokoll des XII. Parteitages der KPD, Berlin 1929, S. 222, 246, 282, gibt es Hinweise auf ZK-Mitglieder, ebenso in Ostberliner Veröffentlichungen, (z. B.: Unter der roten Fahne. Er- innerungen alter Genossen. Berlin 1958, S. 325-330 - 1918. Erinnerungen von Veteranen der Deutschen Gewerkschaftsbewegung. Berlin 1958, S. 537-553 - Deutschlands unsterblicher Sohn. Erinnerungen an Thälmann. Berlin 1961, S. 76, 103, 133, 160, 235, 327, 363, 442 u. 463 ff. - Freundschaft für immer. Berlin 1960, S. 114 - »Neues Deutschland«, Berlin [Ost], vom 14. 1. 1962) 8 Die größte Abteilung war die Gewerkschaftsabteilung, außerdem gab es die Organisations- (Org), die Agitprop-, Land-, Frauen-, Genossenschafts-, Informations-, Kommunal-, Geschäfts- abteilung, den Pressedienst usw. 8 Das Führungskorps ständig. Neben den vielen technischen Angestellten gab es zwischen 20 und 60 politische ZK-Angestellte. Die direkte Anleitung der unteren Parteiorganisation erfolgte durch die Bezirksleitungen (BL). In den Bezirksleitungen wurde die Arbeit vor allem von den hauptamtlichen Pol- und Orgleitern geleistet. Außerdem waren - je nach Mitgliederstärke des Bezirks - auch der Sekretär für Gewerkschaftsfragen und der Agitpropsekretär hauptamtlich tätig (ferner tech- nisch-politische Funktionäre wie der Kassierer und technische Angestellte wie Stenotypi- stinnen). In den meisten Bezirken gab es außerdem hauptamtliche Unterbezirkssekretäre.9 Ebenso waren die Redaktionen der Parteizeitungen je nach Größe und Bedeutung des Blattes unterschiedlich besetzt. Im Zentralorgan »Die Rote Fahne« arbeitete fast ein Dutzend Re- dakteure für die Ressorts Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft, die als politische Mitarbeiter anzusehen sind. An den größeren Zeitungen war der Chefredakteur und der politische Re- dakteur, bei den kleineren nur der Chefredakteur zum politischen Führungskorps zu rechnen. Bei den Kopfblättern (1927 waren 9 der 35 KPD-Zeitungen Kopfblätter) waren nur Lokal- redakteure beschäftigt. Die Massenorganisationen verfügten über einen weit kleineren hauptamtlichen Apparat, aber auch hier gab es zentrale- und Bezirksfunktionäre, die von ihrer Organisation ange- stellt waren. Zum führenden Funktionärkorps der KPD kann man jedoch nur die Führer und Generalsekretäre dieser Massenorganisationen rechnen. Schließlich übten die Abgeordneten im Reichstag und in den Landtagen eine wichtige Funk- tion für die KPD aus. Zwar war die Kommunistische Partei keine parlamentarische Partei, und sie maß der Arbeit im Parlament kein sehr großes Gewicht bei. Da ein Abgeordneten- mandat jedoch Immunität verlieh, sowie Diäten und Freifahrten einbrachte, wurden nur wichtige Funktionäre in die Parlamente entsandt. Die Abgeordneten hatten deshalb meist zugleich auch andere wesentliche Positionen inne (ZK-Mitglieder, Pol- und Orgleiter der Bezirke usw.). Die KPD verfügte 1927 über 10000 Abgeordnete,10 zumeist Gemeinde- oder Kreistags- vertreter, bzw. Stadtverordnete. Politische Bedeutung hatten aber nur die Reichstags- und Landtagsabgeordneten. 1924 besaß die KPD 64 Reichstags- und 160 Landtagsmandate 9 Als Beispiel für die Zusammensetzung einer Bezirksleitung sei hier die auf dem Bezirksparteitag vom 17./18. 12. 1927 gewählte BL des starken Bezirkes Wasserkante angeführt. Die BL umfaßte 45: Personen (33 Arbeiter, 4 Angestellte und 8 Parteiangestellte). Die »engere BL«, die die eigentliche Leitungsfunktion ausübte, bestand aus 13 Funktionären (6 Arbeiter, 2 Angestellte und 5 Parteiangestellte, darunter ein Redakteur). Hauptamtliche Angestellte der BL waren: Polleiter, Orgleiter, Gewerkschafts- und Agitpropsekretär, 2 UB-Leiter (Kiel und Lübeck), Expedient, Kas- sierer, 3 Stenotypistinnen und eine Hilfskraft für die Abfertigung. Von den 12 hauptamtlichen Angestellten hatten 4 (Pol- und Orgleiter, Gewerkschafts- Agitpropsekretär) die entscheidenden Funktionen inne. (Vgl. StA Oldenburg, 136-86-37, Band 10.) Die BL Pfalz setzte sich im Herbst 1929 aus 33 Personen (darunter 2 Frauen) zusammen. Der »engeren BL« gehörten 15 Personen und dem Sekretariat 8 Funktionäre an. Als direkter Parteiangestellter galt nur der Polleiter, außerdem eine technische Kraft. Die tatsächliche soziale Zusammensetzung sah aber folgendermaßen aus: Arbeiter in Betrieben bis 500 Beschäftigte: 6; in Betrieben über 500: 4; erwerbslos: 5; Invalide: 1; Angestellte in Partei und parteiähnlichen Betrieben: 11. Politisch organisiert hatten sich bereits vor 1914: $ Funktionäre, von 1914 bis 1918: 4, von 1919-1923: 9, während 8 erst nach 1923 in eine politische Organisation ein- getreten waren. Von den BL-Mitgliedern waren 8 früher in der SPD, 10 in der USPD und nur 3 im Spartakusbund Mitglied gewesen; 12 kamen aus dem KJV. (Records of the Reich Leader of the SS and Chief of the German Police. National Archives of the United States [Himmler-Nachlaß] T-175 Roll 312). 10 Kaasch, a.a.O. (Anm. 1) S. 1054. Die wichtigsten Parteifunktionen 9 (einschließlich der Bürgerschaftsabgeordneten in Hamburg und Bremen11), 1929 gehörten 54 Reichstags- und 155 Landtagsabgeordnete der KPD an.ii 12 Die wichtigsten der bisher aufgeführten politischen Funktionen in der KPD 1924-1929 waren folgende: Polbüro-Mitglieder und Politsekretäre; ZK-Mitglieder bzw. -Kandidaten; politische ZK-Mitarbeiter; Pol- und Orgleiter aller Bezirke; politische Redakteure der »Roten Fahne« und Chefredakteure aller Zeitungen; die Sekretäre für Gewerkschaft und Agitprop der großen, d. h. der mitgliederstarken Bezirke Berlin, Wasserkante, Ruhr, Nieder- rhein, Westsachsen, Erzgebirge, Halle-Merseburg und Thüringen; die Reichstagsabgeord- neten; die Landtagsabgeordneten der größeren Länder (einschließlich derjenigen Bürger- schaftsmitglieder in Hamburg und Bremen, die zugleich in der Bezirksleitung der KPD waren); die Führer der Massenorganisationen. Diese Funktionen waren die entscheidenden politischen Positionen der KPD und ihre In- haber können als das Führungskorps der Kommunistischen Partei Deutschlands bezeichnet werden. Allerdings wechselte die KPD ihre Funktionäre häufig aus, vor allem in den Bezirken. Als Beispiel seien hier die Polleiter einiger Bezirke zwischen 1924 und 1929 auf geführt:13 Den Bezirk Ruhr (Sitz der BL: Essen) führte als Polleiter: März bis Mai 1924: Kurt Rosenbaum Juni 1924 bis Februar 1925: Wilhelm Schwan Februar bis Juni 1925: Theodor Neubauer Juli bis September 1925: Wilhelm Schwan Oktober 1925: Wilhelm Hassel November 1925: Wilhelm Kropp Dezember 1925 bis 1932: Wilhelm Florin Den Bezirk Wasserkante (Sitz Hamburg) leitete: Bis Januar 1924: Hugo Urbahns Februar bis Juli 1924: Philipp Dengel August 1924 bis September 1925: August Creutzburg Oktober 1925 bis Januar 1926: Willy Sachse Februar 1926: Paul Dietrich ii Reichstags-Handbuch II. Wahlperiode 1924, Berlin 1924, S. 353 f. - Jahrbuch für Politik, Wirt- schaft, Arbeiterbewegung 1923/24, Hamburg-Berlin 1924, S. 576 - Dass. 1925/26, Hamburg- Berlin 1926, S. 741 - Franz Osterroth und Dieter Schuster: Chronik der deutschen Sozial- demokratie. Hannover 1963, S. 519-552. Vgl. auch S. 19 f., Anm. 22 und 23. 12 Reichstags-Handbuch. IV. Wahlperiode 1928. Berlin 1928. - Osterroth a.a.O. S. 519-552. Vgl. auch S. 19 f., Anm. 22 und 23. 13 Vgl. dazu Anm. 2. Hier wurden speziell ausgewertet: StA Bremen, IIA 12a, Bd. 8, 10, 11, 13, 14, 16, 17, 18, 19, 23; IIA 12b, Bd. 5 u. 7; IV 4e, Bd. 2, 5, 6; IV 13b, Bd. 6; IV 13h, Bd. 2, 3,4; IV 23, Bd. 2 u. 3; IV 27, Bd. 5, 6, 7 u. 9; IV 29, Bd. 4; IV 30, Bd. 2; IV 31, Bd. 1 u. 2; IV 33, Bd. i. HStA Düsseldorf, 16910, 16924, 16927, 16928, 16934, 16959, 30649, 30651. StA Koblenz, 403/13 371, 13 372, 13 374, 16 767, 16 770, 16 771, 16 778. StA Oldenburg, VI-86-i3b. Außerdem wurden an Hand von Fragebogen über die Funktionsbesetzung in den Bezirken Aus- künfte der in Anm. 2 genannten Personen eingeholt und überdies noch folgende Personen zu diesem Problem befragt: Fritz Altwein, Rosa Aschenbrenner, Ludwig Becker, Fritz Belleville, Adam Ebner, Karl Frank, Heinrich Galm, Anton Goren, Karl Grönsfelder, Babette Gross, Paul Hempel, Alwin Heucke, Ludwig Hurm, Kurt Rabe, Gertrud Rattei, Karl Retzlaw, Wilhelm Riechen, Josef Schappe, Emmy Scholem, Burkhart Springstubbe, Hans Tittel, Walter Uhlmann, J. M. J. Vogel, Eduard Wald, August Ziehl, L. S. und E. W. io Das Führungskorps März 1926 bis Februar 1927: Rudolf Lindau März 1927 bis September 1928: John Wittorf September bis Dezember 1928 : Max Maddalena Januar 1929 bis 1930: Ernst Grube Im Bezirk Niederrhein (Sitz Düsseldorf) war Polleiter: Anfang bis Juli 1924: Karl Fugger August 1924 bis September 1925: »Schmidt«, d. i. Ph. Dengel Oktober 1925 bis Dezember 1926: August Creutzburg Januar 1927 bis März 1927: Theodor Neubauer März bis Dezember 1927: Fritz Schulte Januar bis Oktober 1928 : »Breuer«, d. i. Adolf Ende November 1928 bis 1932: Fritz Schulte Im Bezirk Berlin-Brandenburg war Polleiter: Bis Mai 1924: Ruth Fischer Mai 1924 bis Januar 1925: Theodor Koegler     tung der Parteiführerin R. Fischer) Januar bis Oktober 1925: Lilly Korpus (nominell unter Oberlei- November 1925 bis Juni 1926: Hermann Remmele Juli 1926 bis Januar 1929: Wilhelm Pieck Februar 1929 bis 1932: Walter Ulbricht Den Bezirk Thüringen (Sitz Jena) leitete: Mai 1924 bis Mai 1925: Ernst Sdiwarz Juni 1925 bis Mitte September 1925: Wilhelm Florin September/Oktober 1925: Wilhelm Kerff November 1925: Franz Dahlem Dezember 1925 bis Oktober 1928 : Hans Tittel November 1928 bis Anfang 1930: Nikolaus Pfaff Anfang 1930 bis 1933- Walter Duddins Den Bezirk Nordwest (Bremen) leitete: Bis Mai 1924: Rudolf Lindau Mai 1924 bis Januar 1926: Eugen Eppstein Februar 1926: Karl Fugger März/April 1926: Wilhelm Müller April bis November 1926: Oskar Plenge November 1926 bis Ende 1930: Paul Taube Den Bezirk Württemberg (Sitz Stuttgart) - einen kleineren Bezirk - führte: Bis Anfang 1924: Hans Steuer April bis September 1924: »Meyer«, d. i. Hans Bohla September 1924 bis März 1925: »Kupfer«, d. i. Hans Langner Juli 1925 bis Februar 1926: Max Maddalena Februar bis Juni 1926: Karl Schneck Juni 1926 bis Oktober 1928: Karl Fugger November/Dezember 1928: Arthur Vogt Besetzung der Funktionen 11 Januar 1929 bis 1932:                Joseph Schlaffer In anderen Bezirken war die Fluktuation nicht so stark. Den Bezirk Mittelrhein (Sitz Köln) leitete: Bis Februar 1924: Peter Maslowski Februar bis Mai 1924: Eugen Eppstein Mai 1924 bis Anfang 1925: Willy Kerff Anfang 1925 bis Februar 1929: Jean Winterich März 1929 bis Mitte 1930: Hans Kollwitz Im Bezirk Westsachsen (Sitz Leipzig) war Polleiter: 1923 bis März 1927: Max Strötzel April 1927 bis Dezember 1928: Georg Schumann Januar 1929: Rudolf Renner (Kommissar) Februar bis Ende 1929: Jean Winterich Polleiter im Bezirk Hessen-Frankfurt waren: Mai 1924 bis September 192.5: September 1925 bis Oktober 1928: Oktober 1928 bis September 1929: »Schuhmann«, d. i. Willy Sachse Alwin Heucke Albert Kuntz Dagegen war - als Ausnahme - im Bezirk Nordbayern von 1924 bis 1930 ununterbrochen Johannes Meyer Polleiter (zugleich Reichstagsabgeordneter). Es war meist der gleiche Per- sonenkreis, der die Funktionen innehatte, doch der ständige Wechsel bei der Funktions- besetzung machte es nötig, »Stichtage« zur Untersuchung und Auswertung des Funktionär- korps zu nehmen, um möglichst Zufälle und Fehlerquellen auszuschließen. Drei Daten, die einen Einschnitt in der Entwicklung der KPD bedeuten, sollen daher als Grundlage der Auswertung dienen: Mitte 1924, d. h. nach dem IX. Parteitag Mitte 1927, d. h. nach dem XI. Parteitag und Mitte 1929, d. h. nach dem XII. Parteitag. Für diese Daten wurde der oben erwähnte Personenkreis des Führungskorps ermittelt. Für 1924 sind ca. 380, für 1927 sind ca. 370 und für 1929 sind ca. 400 Funktionen zu beachten. Unter Berücksichtigung der jeweiligen Doppelbesetzung (viele Abgeordnete übten zugleich andere Funktionen aus) ergeben sich jeweils 270 bis höchstens 300 Personen, die die ent- sprechenden Positionen innehatten. DIE BESETZUNG DER FUNKTIONEN Für die drei Zeitpunkte der Auswertung (Mitte 1924, Mitte 1927 und Mitte 1929) ergeben sich folgende Funktionsbesetzungen:14 14 Vgl. hierzu die in Anm. 2, 6, 7, 11, 12 und 13 genannten Quellen. Für die Landtagsabgeordneten wurde das »Stichdatum« bis zum Jahresende ausgedehnt, falls im gleichen Jahr Neuwahlen stattfanden. Die angeführten Personen werden in den Kurzbiographien vorgestellt. Die Angaben und Daten über Alter, soziale Zusammensetzung usw. wurden ausgewertet. Die Personen, die 12 Das Führungskorps Das Polbüro und das Politsekretariat 1924 (Das von der Zentrale 1924 berufene Polbüro setzte sich Mitte 1924 aus 9 Personen zusammen): Ruth Fischer, Iwan Katz, Arkadij Maslow, Hermann Remmele, Arthur Rosenberg, Paul Schlecht, Werner Scholem, Max Schütz und Ernst Thälmann. Dem Politsekretariat (Sekretariat) gehörten an: Ruth Fischer, Arkadij Maslow und Werner Scholem. 1927 (Nach dem XI. Parteitag berief das ZK ein Polbüro aus 9 Mitgliedern und 3 Kandi- daten) : Ernst Thälmann (Vorsitzender), Philipp Dengel, Hugo Eberlein, Arthur Ewert, Fritz Heckert, Paul Merker, Ernst Meyer, Hermann Remmele und Ernst Schneller. Sekretär des Polbüros: Leo Flieg. Kandidaten: Gerhart Eisler, Wilhelm Pieck und Heinrich Süßkind. Dem Politsekretariat gehörten an: Philipp Dengel, Arthur Ewert, Ernst Meyer und Ernst Thälmann. 1929 (Nach dem XII. Parteitag berief das ZK 11 Mitglieder und 4 Kandidaten ins Pol- büro) : Ernst Thälmann (Vorsitzender), Franz Dahlem, Leo Flieg (Sekretär), Wilhelm Florin, Fritz Heckert, Paul Merker, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele, Fritz Schulte, Walter Ul- bricht und Jean Winterich. Kandidaten: Wilhelm Hein, Wilhelm Kasper, Heinz Neumann und Helene Overlach. Dem Politsekretariat gehörten an: Ernst Thälmann, Hermann Remmele und Heinz Neu- mann. Das Zentralkomitee (Zentrale) 14B 1924 (Mitte 1924 bestand die Zentrale aus 16 Personen, von denen 15 auf dem IX. Partei- tag in Frankfurt gewählt worden waren und einer (Heckert) nach der Verhaftung Maslows kooptiert wurde): bestimmte Funktionen ausübten, über die aber keine Angaben vorlagen und daher keine Kurz- biographie zu erstellen war, sind in eckige Klammern gesetzt. 14a Auf den übrigen Parteitagen der KPD in der Weimarer Republik wurden folgende Mitglieder in die Zentrale gewählt: Parteitag Januar 1919: Hermann Duncker, Käte Duncker, Hugo Eberlein, Paul Frölich, Leo Jogiches, Paul Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer. Parteitag Oktober 1919: Heinrich Brandler, Hugo Eberlein, Paul Frölich, Paul Levi, Ernst Meyer, August Thalheimer, Clara Zetkin. Parteitag Februar 1920: Heinrich Brandler, Hugo Eberlein, Paul Frölich, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer, Clara Zetkin. Ersatzleute (Kandidaten): Ernst Fries- land (Reuter), Arthur Hammer, Fritz Heckert, Joseph Köring, Paul Lange, Fritz Schnell- bacher, Jakob Walcher. Parteitag April 1920: Heinrich Brandler, Hugo Eberlein, Paul Levi, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer, Clara Zetkin. Ersatzleute: Ernst Friesland, Paul Frölich, Fritz Heckert, Paul Lange, Fritz Schnellbacher, Jakob Walcher, Rosi Wolfstein. Parteitag November 1920: Heinrich Brandler, Hugo Eberlein, Paul Levi, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, August Thalheimer, Clara Zetkin. Ersatzleute: Ernst Friesland, Paul Frölich, Fritz Heckert, Paul Lange, Fritz Schnellbacher, Jakob Walcher, Rosi Wolfstein. Parteitag Dezember 1920: Paul Levi (Vors.), Ernst Däumig (Vors.). Sekretäre: Heinrich Brandler, Otto Braß, Wilhelm Koenen, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele, Walter Stoecker, VII. Parteitag August 1921: Paul Böttcher, Bertha Braunthai, Hugo Eberlein, Ernst Friesland, Thalheimer. Clara Zetkin. Beisitzer: Otto Gaebel, Kurt Geyer, Fritz Heckert, Adolph Hoffmann, August Besetzung der Funktionen 13 Hugo Eberlein, Ruth Fischer, Wilhelm Florin, Ottomar Geschke, Fritz Heckert, Iwan Katz, Arthur König, Arkadij Maslow, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele, Arthur Rosenberg, Paul Schlecht, Ernst Schneller, Werner Scholem, Max Schütz, Ernst Thälmann. 1927 Der XL Parteitag im März 1927 in Essen wählte 3$ Mitglieder des ZK: Karl Becker, Adolf Betz, Konrad Blenkle, Franz Dahlem, Philipp Dengel, Paul Dietrich, Hugo Eberlein, Arthur Ewert, Leo Flieg, Wilhelm Florin, Max Gerbig, Ottomar Geschke, Arthur Goike, Walter Hähnel, Fritz Heckert, Wilhelm Hein, Paul Merker, Ernst Meyer, Willy Münzenberg, Michael Niederkirchner, Helene Overlach, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele, Joseph Schlaffer, Ernst Schneller, Hans Schröter, Fritz Schulte, Georg Schumann, Walter Stoecker, Ernst Thälmann, Walter Ulbricht, Jean Winterich, John Wittorf, Clara Zetkin [Julius Biefang]. Die 18 Kandidaten waren: Albert Bassüner, Franz Bellemann, Gerhart Eisler, Karl Fischer, Heinrich Galm, Paul Grasse, Ernst Grube, Joseph Hark, Erich Hausen, Hans Kollwitz, Willy Leow, Heinz Neu- mann, Paul Maslowski, Alfred Noll, John Schehr, Heinrich Süßkind, Heinrich Wesche, Jo- seph Winternitz-Lenz.* 15 1929 Der XII. Parteitag in Berlin-Wedding wählte 38 Mitglieder des ZK: Joseph Büser, Franz Dahlem, Philipp Dengel, Leo Flieg, Wilhelm Florin, Ottomar Geschke, Ernst Grube, Arthur Goike, Walter Häbich, Margarethe Hahne, Fritz Heckert, Wilhelm Hein, Wilhelm Kasper, Robert Klausmann, Wilhelm Koenen, Karl Küll, Willy Leow, Fried- rich Lux, Paul Merker, Willy Münzenberg, Heinz Neumann, Michael Niederkirchner, He- lene Overlach, Wilhelm Pieck, Gustav Pötsch, Hermann Remmele, Rudolf Renner, Helene Rosenhainer-Fleischer, Joseph Schlaffer, Fritz Schulte, Walter Stoecker, Ernst Thälmann, Walter Ulbricht, Karl Winter, Jean Winterich, Joseph Winternitz-Lenz, [Fritz Hastenreiter, Gustav Nitsche]. Die 25 Kandidaten des ZK: Paul Bertz, Klara Blinn, Philipp Daub, Karl Fischer, Walter Kassner, Hans Kippenberger, Willi Koska, Frida Krüger, Karl Kübler, Albert Kuntz, Kurt Müller, Alfred Noll, Max Opitz, Hans Pfeiffer, Siegfried Rädel, John Schehr, Albert Schettkat, Heinrich Schmidt, Hermann Schubert, Franz Stenzer, Arthur Ullrich, Otto Voigt, [Fritz Schuldt, Willi Voigt, Erna Weber].16 Fritz Heckert, Edwin Hoernle, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele, Felix Schmidt, August Thalheimer, Jakob Walcher, Rosi Wolfstein, Clara Zetkin. VIII. Parteitag Januar 1923: Karl Becker, Paul Böttcher, Heinrich Brandler, Hugo Eberlein, Arthur Ewert, Paul Frölich, Fritz Heckert, Edwin Hoernle, August Kleine (Guralski), Wilhelm Koenen, Rudolf Lindau, Hans Pfeiffer, Wilhelm Pieck, Hermann Remmele, Felix Schmidt, Georg Schumann, Walter Stoecker, August Thalheimer, Walter Ulbricht, Jakob Walcher, Clara Zetkin. Dazu ab 17. 5. 1923: Ruth Fischer, Ottomar Geschke, Arthur König, Ernst Thälmann. Die vom X. Parteitag 1925 ins ZK gewählten Mitglieder vgl. Band 1, S. 117 f. 15 Über Julius Biefang, der auf dem XL Parteitag als Vertreter des Ruhrgebietes auch in die Politi- sche Kommission gewählt wurde, ließ sich nichts in Erfahrung bringen. Eine Anfrage bei sämt- lichen Einwohnermeldeämtern des Ruhrgebietes ergab, daß er nach 1945 nicht mehr dort lebte. Wo er vor 1933 wohnte, ließ sich nicht ermitteln, da in den meisten Städten die Akten während des Krieges verbrannten. Die hier abgedruckte Liste der ZK-Mitglieder und Kandidaten stimmt mit einer Ausnahme mit den Angaben der SED-Chronik (vgl. Anm. 6) überein. Die SED nennt Maslowski, der als Vertreter der linken Opposition ins ZK kam, nicht. Statt dessen wird ein »Jürgens« erwähnt, von dem die Chronik aber nicht einmal den Vornamen anzugeben weiß. 16 Von den ZK-Mitgliedern Hastenreiter und Nitsche und den Kandidaten Schuldt, Willi Voigt und Erna Weber ließen sich wegen mangelnder Unterlagen keine Biographien anfertigen. Gustav Nitsche war vermutlich der Betriebsratsvorsitzende von Anilin-Wolfen, der (als »Nietsch«) ins 14 Das Führungskorps Chefredakteur der »Roten Fahne*, 1924: [Schumann-Unger]17 1927: Heinrich Süßkind 1929: Heinz Neumann der »Internationale* Karl Korsch Ernst Schneller Hermann Remmele Politische Mitarbeiter des Zentralkomitees (Die Mitglieder oder Kandidaten des ZK, die im ZK-Apparat tätig waren, wurden hier nicht nochmals erfaßt!) konnten folgende ermittelt werden: 1924 Orgabteilung: Bartz, Dahlem, Flieg, Grylewicz, Kaasch. Gewerkschaftsabteilung: Ewert, Max Köhler, Lanius, Merker, Schoenbeck, Steifen. Wiest. Agitpropabteilung: Engel, Dietrich, Duncker, Winternitz-Lenz. Landabteilung: Hoernle, Rau, Unfried. Frauenabteilung: Erna Halbe. Genossenschaftsabteilung: Bittel. Pressedienst: Eduard Alexander, Friedrich Neumann. Z927 Orgabteilung: Kaasch, Oelßner. Gewerkschaftsabteilung: Bachmann, Beck, Bolze, Max Köhler, Siewert, Steffen, Walcher, Wiest. Agitpropabteilung: Emel, Engel, Duncker, Paul Frölich, Rück, Winternitz-Lenz. Landabteilung: Kerff, Rau. Informationsabteilung: Wurm. Genossenschaftsabteilung: Bittel. Kommunalabteilung: Gäbel. Juristische Abteilung: Halle. Präsidium des XII. Parteitages gewählt wurde. Willi Voigt war damals im Bezirk Halle-Merseburg, er wurde später Orgleiter dieses Bezirkes. Ob Fritz Schuldt mit dem KPD-Funktionär Hermann Schuldt identisch ist, konnte nicht geklärt werden. Die Chronik (a.a.O. Anm. 6) der SED zählt beide getrennt auf. In biographischen Angaben über Hermann Schuldt (Martin Polzin: Kapp-Putsch in Mecklenburg, Rostock 1966, S. 278) wird Hermann Schuldt aber als »Mitglied des ZK« der KPD bezeichnet. In der Chronik heißt es außerdem, Kurt Müller sei auf dem Parteitag zum Mitglied und Fritz Grosse zum Kandidaten gewählt worden. Nach einer schriftl. Mitt. Kurt Müllers an den Verf. (10. 8. 1967) ist das falsch. Auf dem Parteitag wurde Walter Häbich, damals Vor- sitzender des KJVD, zum Mitglied gewählt, Müller ersetzte ihn, als er Vorsitzender des KJV wurde. Diese Darstellung ist sicher richtig. Auf der Kopie einer maschinenschriftlichen Liste der ZK-Mitglieder ist z. B. der Name Häbich gestrichen und Müller darübergeschrieben (ich konnte die Fotokopie einer Liste bei Herrn Zindel einsehen). In der Chronik heißt es auch, Paul Opitz sei der Kandidat des ZK geworden, was ein Fehler sein muß, da in verschiedenen Unterlagen der Staatsarchive und bisherigen Veröffentlichungen der SED immer Max Opitz als ZK-Mitglied an- gegeben wurde. Das gleiche trifft für Karl Winter zu (die Chronik schreibt Rudolf Winter). Die Chronik gibt bei Schmidt keinen Vornamen an. Es handelt sich aber um Heinrich Schmidt. Auf der oben erwähnten Liste steht »Schmidt-Ruhrgebiet«, auch ergaben einige Befragungen die Richtigkeit dieser Feststellung. Die übrigen Angaben der Chronik stimmen mit den hier gegebenen überein. (Bis auf die falsche Schreibweise einiger Namen in der Chronik, z. B. »Büsser« statt richtig Büser, »Gohlke« statt richtig Goike.) 17 Schumann war das Pseudonym eines Funktionärs namens Unger, der aus der Tschechoslowakei kam und seit 1923 zur Berliner linken Opposition gehörte. Nachdem die Linken auf dem Frank- furter Parteitag 1924 die Parteiführung übernommen hatten, übertrugen sie Schumann-Unger die Chefredaktion der »Roten Fahne«. Im Frühjahr 1925 schloß sich Schumann-Unger der ultra- linken Opposition gegen die Ruth-Fischer-Führung an und wurde als Chefredakteur abgesetzt. Nach dem »Offenen Brief« 1925 kapitulierte er vor dem ZK. Biographische Einzelheiten ließen sich nicht ermitteln. Besetzung der Funktionen 15 Pressedienst: Frank, Volk, Abusch [Kunik, Erkner-Staschek]. Sozialpolitik: Hollein. Reichsrevisor: Samisch. 1929 Orgabteilung: Creutzburg, Kaasch. Gwerkschaftsabteilung: Emrich, Evers, Peschke, Pietzuch, Sobottka, Steffen. Agitpropabteilung: Emel, Duncker, Gollmick, Kollwitz, [Gerber]. Informationsabteilung: Wurm. Landabteilung: Hoernle, Kellermann, Kerff, Moericke, Rau. Kommunalabteilung: Gäbel, Schwenk. Geschäftsabteilung: Blau, Budich, Schneller. Juristische Abteilung: Halle. Pressedienst: Renner. Sozialpolitik: Hollein. Frauenabteilung: Lisa Ullrich. In der Redaktion der »Roten Fahne« waren (Politische, Gewerkschafts- und Wirtschafts-) Redakteure: 1924 Alexander, Apelt, Dörr, Enderle, Liese, Rubiner. 1927 Alexander, Eisler, Enderle, Firl, Gentsch, Guddorf, Krausz, Rasch, Rubiner, Schrader- Körner. 1929 David, Firl, Guddorf, Hirsch, Lange, Norden, Rebe, Schrader-Körner, Schrecker. Führende Kommunisten in den Massenorganisationen 1924 KJV: Blenkle, Jakobs, Pütz. IAH: Münzenberg. Rote Hilfe: Piech, Schloer. Kriegsopfer: Tiedt. Kommunistische Gewerkschaften: Kaiser, Wilhelm Schumacher, Weyer. 1927 KJV und Rote Jungfront: Blenkle, Jurr. RFB: Leow, Schreiner, Thälmann. IAH: Dünninghaus, Münzenberg. Rote Hilfe: Pieck, Schloer. Roter Frauen- und Mädchenbund: Overlach, Zetkin. 1929 KJV und Rote Jungfront: Arthur Becker, Grosse, Häbich, Kurt Müller, Olbrysch. RFB: Leow, Thälmann. IAH: Dünninghaus, Münzenberg. Rote Hilfe: Dittbender, Koska, Pieck. Kriegsopfer: Gräf. Roter Frauen- und Mädchenbund: Overlach, Zetkin. Polleiter der Bezirke: Bezirk: 1924 1927 1929 Berlin-Brandenburg Ruth Fischer Lilly Korpus Pieck Ulbricht Erzgebirge-Vogtland Schlecht Schneller Opitz 16 Das Führungskorps Westsachsen Halle-Merseburg Thüringen Wasserkante Ruhr Niederrhein Lausitz Pommern Ostpreußen Danzig Schlesien Oberschlesien Ostsachsen Magdeburg Niedersachsen Mecklenburg Nordwest Mittelrhein Hessen-Waldeck Hessen-Frankfurt Rhein-Saar Baden Württemberg Südbayern Nordbayern Saar Strötzel Rosenbaum E. Schwarz Dengel Schwan Fugger Sychalla Obendiek Lengnink [Laschewski]18 A. Hamann Jaddasch M. Schneider Creutzburg Neddermeyer Kreikemeyer Eppstein Kerff Lohagen Sachse Hans Weber Kenzler Bohla Schlaffer Joh. Meyer (s. Rhein-Saar) Schumann Schröter Tittel Wittorf Florin Schulte aufgelöst Strötzel Kollwitz Kreikemeyer Hausen Jendrosch Melcher Grube Richthofer Alf. Schreiber Taube Winterich Hassel A. Heucke (Pfalz): Baumgärtner Schreck Fugger Buchmann Joh. Meyer Schlaffer Winterich W. Koenen Pfaff Grube Florin Schulte aufgelöst Strötzel Schubert Kreikemeyer Wollweber Jendrosch Rädel Matern Richthofer Warnke Taube Kollwitz Lohagen Kuntz Karl Fischer Schreck Schlaffer Buchmann Joh. Meyer Daub Orgleiter der Bezirke: Bezirk: 1924 1927 1929 Berlin Grylewicz Pfeiffer Langner   Koegler     Erzgebirge Bertz Opitz Karl Winter Westsachsen Vogt Vogt P. Nischwitz Halle-Merseburg Lademann Lademann Lademann Thüringen Bräuning Bräuning Noll Wasserkante Westphal Schehr Schehr Ruhr Kollwitz Kropp Piontek Niederrhein Oberdörster Creutzburg Böschen Lausitz Wölk Martin Hoffmann aufgelöst Pommern Steffen aufgelöst W. Kraus Ostpreußen Gehrmann (Elbing) ? Suhr Danzig [Raschke]19 ? Plenikowski 18 Laschewski wurde 1930 aus der KPD ausgeschlossen. 19 Felix Raschke war Tischler, er gehörte von 1928 bis 1931 auch dem Danziger Volkstag an. Besetzung der Funktionen 17 Schlesien Oberschlesien Ostsachsen Magdeburg Niedersachsen Mecklenburg Nordwest Mittelrhein Hessen-Waldeck Hessen-Frankfurt Rhein-Saar Baden Württemberg Nordbayern Südbayern Saar Rich. Schulz Diedrich Rädel Besser Grobis Hugo Wenzel Kranz Winterich [Max Klamm] Härtle Max Frenzel Ritter Gust. Köhler Georg Karl Götz (s. Rhein-Saar) Reimann Behr Hoop Kassner Ebeling Warnke Osterloh Sommer Lohagen Kuntz (Pfalz): M. Frenzel Pietzuch Schneck Karl Fischer Dressel Daub Reimann Wiatrek Hoop Kassner Abel Wilh. Schröder Gesine Becker Sommer Beuttel Oskar Müller Herbert Müller Hahn Schneck Boulanger Götz Sekretäre für Gewerkschaft (bei den großen Bezirksleitungen) Bezirk 1924 1927 1929 Berlin Kasper u. Giwan Max Frenzel Beutling u. Bulian Erzgebirge Vettermann Hahn Jäkel Westsachsen Nagel Lieberasch   Halle-Merseburg Urban Baumgartel Sämisch Thüringen Smolka Smolka Eyermann Wasserkante Esser Maddalena Maddalena Ruhr Idel Schubert Saefkow Niederrhein Jannack u. Boschen Skrentny   Herm. Weber     Agitpropsekretäre (bei den großen Bezirksleitungen) Bezirk 1924 Berlin Emel u. Rosenthal Erzgebirge Roscher Halle-Merseburg Kilian Thüringen (nicht besetzt) Wasserkante Jahnke Ruhr (nicht besetzt) Niederrhein Benscheid Westsachsen (nicht besetzt) 1927 1929 H. Fröhlich Stauer u. Peuke Wesche Wesche ? ? Tenner Stephan O. Unger Drabent Riegg Birkenhauer Fladung Fladung (nicht besetzt) Zwicker 18 Das Führungskorps Chefredakteure der KPD-Zeitungen (außer den Kopfblättern) Zeitung 1924 1927 1929 Bremen: Arbeiterzeitung Borowski Serwe Heinks Breslau: Arbeiterzeitung   Menne (Rudert) Dombrowski Chemnitz: Kämpfer H. Fröhlich Hirsch Lindau u. Globig Dresden: Arbeiterstimme (1925 gegründet) [Heinz Möller]20 Renner Goldhammer Duisburg: Nieder- rheinische Arbeiterzeitung ? Knodt (Kopfblatt) Düsseldorf: Freiheit Neubauer Neubauer Neubauer Essen: Ruhrecho Ende Ende Abusch Frankfurt: Arbeiterzeitung Knodt Handke Handke Gotha: Thüringer Volksblatt Heilmann Heilmann Apelt Halle: Klassenkampf Menne (Rudert) Maslowski Grade Hamburger Volkszeitung Bartels [»Stephan«]21 Hrch. Meyer Hannover: Niedersächsische (Neue) Arbeiterzeitung Gentsch Bohn Bohn Jena: Neue Zeitung Abusch O. Thomas Gäbler Köln: Sozialistische Republik Maslowski Klepper Knodt Königsberg: Echo des Ostens Seipold Heilborn Heilborn Leipzig: Sächsische Arbeiterzeitung Volk Böttcher Jakobs Magdeburg: Tribüne Moericke Moericke Eildermann Mannheim: Arbeiterzeitung Seyfrid Langner Heymann München: Neue Zeitung (verboten) Schwab Schwab 20 Unter dem Pseudonym Heinz Möller arbeitete in der KPD ein Funktionär, der aus Polen kam. Nach der Wittorf-Affäre wurde er Ende 1928 als »Versöhnler« seines Postens als Chefredak- teur des »Kämpfer« enthoben. 1929 trat er zur KPO über. Bis 1928 schrieb er in der KPD- Presse, danach in KPO-Organen unter dem Pseudonym »Asiaticus« auch über Fragen des Fernen Ostens, vor allem über China. Er galt neben Wittfogel als der China-Spezialist der KPD. 1933 flüchtete Möller nach China. Nach einer Mitteilung Brandlers schickte er 1934 aus Schanghai Geld an die KPO-Zentrale in Straßburg. Nach einer Mitteilung Kurt Müllers soll Möller später Berater der chinesischen KP-Führung geworden sein. 21 Als Stefan (oder Stephan) war in der KPD ein Funktionär tätig, der 1928 zum Führungskreis der »Versöhnler« gehörte. Es ließ sich nicht ermitteln, ob Stefan Pseudonym oder der wirkliche Name war. Stefan wurde 1928 als Chefredakteur der »Hamburger Volkszeitung« abgelöst und als Chefredakteur an das »Ruhr-Echo« in Essen versetzt (vgl. dazu Dok. 17), wo er während der Auseinandersetzungen nach der Wittorf-Affäre eine wichtige Rolle spielte. 1929 kehrte er nach Hamburg zurück und leitete zusammen mit Westermann die Hamburger »Ver- söhnler«-Gruppe. Stefan wurde im Februar 1930 aus der KPD ausgeschlossen. Er leitete nach 1933 die illegale Hamburger »Versöhnler«-Gruppe, zunächst gemeinsam mit Westermann, nach dessen Ausscheiden (vgl. dazu die Biographie Westermanns) führte er die Gruppe weiter, bis er 1934 ins Saargebiet emigrierte, wo sich seine Spur verliert. Die Behauptung in »SBZ-Biographie«, Bonn 1961, S. 190, Stefan sei ein Pseudonym von Georg Krausz gewesen, ist falsch. Nach authentischer Mitteilung von Eduard Wald, der führend in der »Versöhnler«-Gruppe tätig war, sind Georg Krausz und Stefan nicht identisch. Besetzung der Funktionen 19 Remscheid: Bergische Volksstimme Charpentier Wollenberg Hans König Rostock: Volkswacht Beutling Lindau Gg. Müller Saarbrücken: Arbeiterzeitung Solingen: Bergische Krause-Rotter Goldenbaum ? Arbeiterstimme Plenge   Bästlein Stettin: Volkswacht ? Ernst Becker Gentsch Stuttgart: Süddeutsche   ?   Arbeiterzeitung Schaible Hoernle Werner Suhl: Volkswille Heym Heym Arbeiterwille: Ries Im Reichstag wurde die KPD vertreten durchs 1924 (Wahl vom 4. Mai 1924 = 62 Abgeordnete) Maria Backenecker, Wolfgang Bartels, Max Benkwitz, Albert Buchmann, August Creutz- burg, Philipp Dengel, Adam Ebner, Emil Eichhorn, Eugen Eppstein, Fritz Esser, Ruth Fischer, Wilhelm Florin, Paul Frölich, Ernst Grube, Anton Grylewicz, Alfred Hamann, Fritz Heckert, Joseph Herzfeld, Max Heydemann, Guido Heym, Emil Hollein, Anton Jaddasch, Friedrich Jendrosch, Iwan Katz, Georg Kenzler, Wilhelm Koenen, Artur König, Hedwig Krüger, Max Lademann, Joseph Langenfeld, Rudolf Lindau, Peter Maslowski, Johann Meyer, Gustav Müller, Wilhelm Müller, Willy Münzenberg, Arthur Nagel, Robert Ned- dermeyer, Wilhelm Obendiek, Hans Pfeiffer, Siegfried Rädel, Anna Reitler, Hermann Remmele, Max Roscher, Kurt Rosenbaum, Arthur Rosenberg, Paul Schlecht, Werner Scho- lem, Alfred Schroer, Hermann Schubert, Max Schütz, Wilhelm Schwan, Ernst Schwarz, Hans Stetter, Walter Stoecker, Max Strötzel, Konrad Sychalla, Ernst Thälmann, Wendelin Thomas, Hugo Urbahns, Karl Vierath, Clara Zetkin. 1927 (Wahl vom 7. Dezember 1924 = 45 Abgeordnete, ohne die 16 ausgeschlossenen Linken) Martha Arendsee, Paul Bertz, Albert Buchmann, August Creutzburg, Philipp Dengel, Wilhelm Florin, Ottomar Geschke, Fritz Heckert, Emil Hollein, Edwin Hoernle, Anton Ja- dasch, Wilhelm Koenen, Johann Meyer, Willy Münzenberg, Robert Neddermeyer, Theodor Neubauer, Wilhelm Obendiek, Hans Pfeiffer, Ernst Putz, Siegfried Rädel, Hermann Rem- mele, Kurt Rosenbaum, Ernst Schneller, Walter Stoecker, Max Strötzel, Ernst Thälmann, Ernst Torgier, Otto Weber, Clara Zetkin. 1929 (Wahl vom 20. Mai 1928 = 54 Abgeordnete, ohne den als »Rechten« ausgeschlossenen Paul Frölich) 22 Reichstags-Handbuch. II. Wahlperiode 1924. Berlin 1924. Dass. III. Wahlperiode 1924. Berlin 1925. Dass. IV. Wahlperiode 1928. Berlin 1928. Nachtrag zum Reichstags-Handbuch der IV. Wahl- periode 1928. Berlin 1930 - Cuno Horkenbach: Das deutsche Reich von 1918 bis heute. Berlin 1930, S. 419-471 - Maximilian Müller-Jabusch: Politischer Almanach. Jg. 1925, S. 1-14 - Dass. Jg. 1926, S. 3 bis 16 - Dass. Jg. 1927, S. 1 bis 7 - sowie »Handbuch des öffentlichen Lebens«, 5. Ausgabe des politischen Almanachs 1929, S. 3 bis 11 - Handbuch für das Deutsche Reich. 42. Jg. Berlin 1924, S. 5. bis 23 - 44. Jg. 1929, S. 4 bis 26 - Deutscher Geschichtskalender. Hrsg. F. Pur- litz und S. Steinberg. 42. u. 43. Jg. Leipzig 1926-27 - Vgl. auch: Verhandlungen des Reichstags. II. Wahlperiode 1924. Bd. 422. 20 Das Führungskorps Julius Adler, Eduard Alexander, Martha Arendsee, Paul Bertz, Theodor Beutling, Kon- rad Blenkle, Albert Buchmann, Franz Dahlem, Jakob Dautzenberg, Philipp Dengel, Paul Dietrich, Adolf Ende, Arthur Ewert, Wilhelm Florin, Ottomar Geschke, Hugo Gräf, Fritz Heckert, Wilhelm Hein, Emil Hollein, Edwin Hoernle, Anton Jadasch, Georg Kaßler, Hans Kippenberger, Hans Kollwitz, Wilhelm Koenen, Willi Leow, Max Maddalena, Peter Maslowski, Johann Meyer, Joseph Miller, Willy Münzenberg, Theodor Neubauer, Helene Overlach, Paul Papke, Hans Pfeiffer, Wilhelm Pieck, Ernst Putz, Siegfried Rädel, Hermann Remmele, Wilhelm Repschläger, Heinrich Schmitt, Ernst Schneller, Paul Schreck, Hans Schröter, Georg Schumann, Walter Stoecker, Max Strötzel, Ernst Thälmann, Mathias The- sen, Ernst Torgier, Walter Ulbricht, Arthur Vogt, Clara Zetkin. In den Landtagen^ war die KPD durch folgende Abgeordnete vertreten: Preußischer Landtag 1924 (Wahl vom 7. Dezember 1924 = 44 Abgeordnete) Karl Abel, Wolfgang Bartels, Adolf Benscheid, Max Dörr, Hugo Eberlein, Eugen Epp- stein, Johannes Fladung, Leo Flieg, Karl Gehrmann, Arthur Goike, Ernst Grube, Anton Grylewicz, Max Heydemann, Guido Heym, Paul Hoffmann, Friedrich Jendrosch, Willi Kasper, Hermann Kellermann, Willi Kerff, Otto Kilian, Hans Kollwitz, Hedwig Krüger, Max Lademann, Peter Loquingen, Fritz Lossau, Johanna Ludewig, Gustav Menzel, Paul Merker, Franz Moericke, Gustav Müller, Oskar Müller, Gerhard Obuch, Wilhelm Pieck, Oskar Plenge, Karl Rehbein, Richard Schnetter, Hermann Schubert, Richard Schulz, Paul Schwenk, Max Seilheim, Johann Skjellerup, Gustav Sobottka, Georg Stolt, Johann Winterich. 2927 (gleiche Wahl, aber ohne die als Linke u. a. Ausgeschlossenen) Karl Abel, Adolf Benscheid, Hugo Eberlein, Johannes Fladung, Leo Flieg, Karl Gehr- mann, Arthur Goike, Ernst Grube, Paul Hoffmann, Friedrich Jendrosch, Willi Kasper, Hermann Kellermann, Willi Kerff, Hans Kollwitz, Hedwig Krüger, Max Lademan, Jo- hanna Ludewig, Gustav Menzel, Paul Merker, Franz Moericke, Oskar Müller, Gerhard Obuch, Wilhelm Pieck, Oskar Plenge, Karl Rehbein, Richard Schnetter, Hermann Schubert, Paul Schwenk, Max Sellheim, Johann Skjellerup, Gustav Sobottka, Georg Stolt, Johann Winterich. 23 Es wurden nur die Landtage der größeren Länder berücksichtigt, vgl. auch Anm. 34. Handbuch für den preußischen Landtag. Ausgabe für die II. Wahlperiode, Berlini925 - Handbuch für den preußischen Landtag. Ausgabe für die III. Wahlperiode, Berlin 1928 - Müller-Jabusch a.a.O., Jg. 1925, S. 33—81, Jg. 1926, S. 34-93, Jg. 1927, S. 26-75, Jg- 1929, S. 32-97 - Horkenbach a.a.O., S. 599-611 - Osterroth-Schuster, a.a.O., S. 521-551 - Amtliches Handbuch des bayeri- schen Landtags. München 1924. Dass. München 1928 - Handbuch für den Württembergischen Landtag, 2. ordentlicher Landtag 1924-1928. Stuttgart 1927. Dass. (3. ordentlicher Landtag 1928-1932) Stuttgart 1931 - Handbuch für den badischen Landtag. IV. Landtagsperiode 1929-1933. Karls- ruhe o.J. - Handbuch des Landtags des Volksstaates Hessen. 1.-3. Landtag 1919-1927. Darm- stadt 1927 - Die Ergebnisse der Reichstags- und Landtagswahl im Volksstaat Hessen am 7. 12. 1924. Darmstadt 1925, S. 16 - Die Ergebnisse der Landtagswahl im Volksstaat Hessen am 13. November 1927. Darmstadt 1928, S. 16 - Handbuch über den preußischen Staat. Hrsgg. vom preußischen Staatsministerium. 131. Jg. 1925, Berlin 1925, S. 63-81 - Dass. 133. Jg. 1927, Berlin 1927, S. 91-112 - Dass. 134. Jg. 1928, Berlin 1928, S. 101-120 - Dass. 136. Jg. 1930, Berlin 1930, S. 128 - Staatshandbuch der freien Hansestadt Bremen. Bremen 1930, S. 6 - Staatshand- buch für den Freistaat Braunschweig. Braunschweig 1929, S. 16 - Handbuch für den Danziger Volks- tag. 3. Wahlperiode 1928-1931. Danzig o.J., S. 92. Verzeichnis der Mitglieder des am 12. 5. 1929 gewählten Landtags Sachsen (Sächs. HStA - Bibliothek, 972/61) - StA Hamburg 601 - StA Oldenburg 86-37, Bd- 7 u. 8 - Vgl. auch die Angaben in der Tagespresse. Besetzung der Funktionen 21 1929 (Wahl vom 20. Mai 1928 = 56 Abgeordnete, ohne die als »Rechte« ausgeschlossenen Karl Rehbein u. Alfred Schmidt) Karl Abel, Fritz Ausländer, Karl Becker, Adolf Benscheid, Heinrich Böschen, Gustav Bruhn, Adolf Deter, Walter Duddins, Hugo Eberlein, Karl Ferlemann, Johannes Fladung, Leo Flieg, Friedrich Fränken, Max Frenzel, Karl Gehrmann, Arthur Goike, Paul Grasse, Paul Grobis, Ernst Grube, Paul Hoffmann, Hans Jendretzky, Friedrich Jendrosch, Wienand Kaasch, Fritz Kahmann, Willi Kasper, Willi Kerff, Wilhelm König, Max Lademann, Georg Leps, Johanna Ludewig, Gustav Menzel, Paul Merker, Ernst Meyer, Theodor Moelders, Oskar Müller, Robert Neddermeyer, Hedwig Neumann, Wilhelm Obendiek, Ernst Oberdör- ster, Gerhard Obuch, Erich Raddatz, Heinrich Rau, Otto Schlag, Hermann Schubert, Fritz Schulte, Karl Schulz, Paul Schwenk, Johann Skjellerup, Gustav Sobottka, Rudolf Tunkel, Johann Winterich, Ernst Wollweber, Paul Woytkowski, Paul Zobel. Bayerischer Landtag 1924 (Wahl vom 6. April 1924 = 9 Abgeordnete) Franz Aenderl, Rosa Aschenbrenner, Friedrich Baumgärtner, Franz Xaver Büchs, Joseph Götz, Karl Grönsfelder, Hermann Mager, Joseph Schlaffer, Joseph Weber. 1927 (Wahl von 1924, mit den durch Austritt Aenderls und die Mandatsniederlegung von Götz eingetretenen Veränderungen)24 Rosa Aschenbrenner, Friedrich Baumgärtner, Franz Xaver Büchs, Karl Grönsfelder, Georg Karl, Hermann Mager, Joseph Schlaffer, Joseph Weber. 1929 (Wahl vom 20. Mai 1928 = 5 Abgeordnete, davon Rosa Aschenbrenner ausgetreten) Franz Xaver Büchs, Fritz Dressel, Herbert Müller, Friedrich Schaper. Württembergischer Landtag 1924 (Wahl vom 4. Mai 1924 = 10 Abgeordnete) Ludwig Becker, Karl Brönnle, Eugen Haller, Gustav Köhler, Carl Müller, Paul Rehbach, Karl Schneck, Ernst Schumacher, Karl Stäbler, [Gustav Ohnsmann]25. 1927 (Wahl von 1924, durch Ausschlüsse verändert) Ludwig Becker, Karl Brönnle, Albert Fischer, Gustav Köhler, Paul Rehbach, Karl Schneck, Ernst Schumacher, Karl Stäbler. 1929 (Wahl vom 20. Mai 1928 = 6 Abgeordnete, davon 2 Rechte, Ludwig Becker u. Max Hammer ausgeschlossen) Albert Fischer, Gustav Köhler, Karl Schneck, Otto Vollmer. Badischer Landtag 1924 (Wahl vom 30. Oktober 1921 = 3 Abgeordnete, außerdem ein Übertritt von der USP) Max Bock, Ernst Gäßler, Jakob Ritter, Frida Unger. 1927 (Wahl vom 25. Oktober 1925 = 4 Abgeordnete, einer (Ritter) als Linker ausge- schlossen) Max Bock, Georg Lechleiter, Paul Schreck. 1929 (Wahl vom 27. Oktober 1929 = 5 Abgeordnete) Max Bock, Hermann Böning, Robert Klausmann, Antonie Langendorf, Georg Lechleiter. 24 Götz hatte sein Mandat am 30. 5. 1927 niedergelegt, sein Nachfolger war G. Karl. Am 10. 10. 1927 legte auch Schlaffer sein Mandat nieder, sein Nachfolger wurde Paul (Hyronimus Paulus) Tauber, Arbeiter in Ingolstadt (2. 4. 1892-15. 3. 1943). 25 Gustav Ohnsmann, geb. 16. 11. 1881, war Gewerkschaftssekretär in Eßlingen. Er gehörte seit Gründung der KPD an und stand auf dem rechten Flügel der Partei. Er starb am 26. 10. 1924 in Stuttgart. 22 Das Führungskorps Sächsischer Landtag 1924 (Wahl vom 5. November 1922 = 10 Abgeordnete) Paul Böttcher, Richard Ellrodt, Otto M. Gäbel, Arthur Lieberasch, Rudolf Renner, Martha Schlag, Ernst Schneller, Robert Siewert, [Ewald Glombitza, Bruno Granz]26. 1927 (Wahl vom 31. Oktober 1926 = 14 Abgeordnete, 2 Mandate durch Niederlegung verändert) Oswald Bleier, Paul Böttcher, Helene Glatzer, Arthur Lieberasch, Arthur Nagel, Max Opitz, Rudolf Renner, Otto Rötzscher, Max Roscher, Ernst Scheffler, Artur Schreiber, Bruno Siegel, Robert Siewert, Walter Ulbricht. 1929 (Wahl vom 12. Mai 1929 = 12 Abgeordnete) Helene Glatzer, Otto Hermann, Margarete Nischwitz, Max Opitz, Rudolf Renner, Ernst Scheffler, Richard Schneider, Georg Schwarz, Bruno Siegel, Kurt Sindermann, [Richard Lange, Richard Mildenstrey]27. Thüringer Landtag 1924 (Wahl vom 10. Februar 1924 = 13 Abgeordnete) Hans Beck, Hermann Bischoff, Alfred Bochert, Hugo Brommer, Paul Fischer, Otto Geith- ner, Karl Korsch, Theodor Neubauer, Agnes Schmidt, Hans Schreyer, Hermann Schulze, Albin Tenner, Richard Zimmermann. 1927 (Wahl vom 30. Januar 1927 = 8 Abgeordnete) Otto Engert, Richard Eyermann, Paul Fischer, Hermann Schulze, Albin Tenner, Hans Tittel, Frida Winkelmann, Richard Zimmermann. 1929 (Wahl vom 8. Dezember 1929 = 6 Abgeordnete) Karl Barthel, Richard Eyermann, Friedrich Heilmann, Helene Rosenhainer-Fleischer, Ri- chard Zimmermann, [Arno Voigt]28. Hessischer Landtag 1924 (Wahl vom 7. Dezember 1924 = 4 Abgeordnete) Heinrich Angermeier, Heinrich Galm, Daniel Greiner, Katharina Roth. 1927 (Wahl vom 13. November 1927 = 6 Abgeordnete) Heinrich Angermeier, Heinrich Galm, Wilhelm Hamann, Konrad von der Schmidt, Her- mann Sumpf, [Jakob Schäfer]. 1929 (Wahl von 1927, außer den ausgeschlossenen 2 Rechten Angermeier und Galm) Wilhelm Hamann, Konrad von der Schmidt, Hermann Sumpf, [Jakob Schäfer]. Landtag von Mecklenburg29 1924 (Wahl vom 17. Februar 1924 = 9 Abgeordnete) Hans Ambs, Alfred Buhler, Ernst Goldenbaum, Hans Steinemann, Hans Warnke, Hugo Wenzel, Rudolf Hartmann (Strelitz), [K. Jungbluth, O. Nieckhammer, P. Rother]. 26 Ewald Glombitza gehörte dem Landtag bis 1926 an, er schied später aus der KPD aus. Richard Bruno Granz war Bademeister in Limbach; Delegierter des SPD-Parteitags 1913 und seit Gründung der KPD deren Mitglied. Er gehörte zum rechten Parteiflügel. Bis 1925 zeichnete er für das Chemnitzer Parteiorgan »Der Kämpfer« verantwortlich. 2.7 Lange war Metallarbeiter in Leipzig, Mildenstrey Schlosser in Plauen. 28 Arno Voigt war von Beruf Glasmacher. 29 Es handelt sich um den Landtag von Mecklenburg-Schwerin. Von den Landtagsabgeordneten aus Mecklenburg-Strelitz wurde lediglich Hartmann mit aufgenommen, weil er gleichzeitig der BL Mecklenburg angehörte. Im Landtag von Mecklenburg-Strelitz war die KPD 1924 vertreten durch (Wahl vom 8. 7. 1923): Besetzung der Funktionen 23 1927 (Wahl vom 22. Mai 1927 = 3 Abgeordnete; Buhler ausgetreten) Willi Schröder, Hans Warnke. 1929 (Wahl vom 23. Juni 1929 = 3 Abgeordnete) Ernst Goldenbaum, Willi Schröder, Hans Warnke. Landtag von Braunschweig 1927 (Wahl vom 26. Oktober 1925 = 2 Abgeordnete)30 Paul Gmeiner, Ernst Winter. 1929 (Wahl von 1927) Paul Gmeiner, Ernst Winter. Hamburger Bürgerschaft 1924 (Wahl vom 26. Oktober 1924 = 24 Abgeordnete)30 Hans von Borstel, Friedrich Dettmann, Paul Dietrich, Hans Gostomski, Gustav Gundelach, Wilhelm Hassel, Edith Hommes, Rudolf Hommes, Karl Jahnke, Hans Kippenberger, Her- mann Köppen, Alfred Lewy, Heinrich Stahmer, Emil Sydow, Ernst Thälmann, Hugo Ur- bahns, Albert Walter, Johann Westphal, August Ziehl; außerdem: Lina Becker, Carl Bussow, Heinrich Hoffmann, Walter Rühl, Karl Sess. 1927 (Wahl vom 9. Oktober 1927 = 27 Abgeordnete) Edgar André, Anton Becker, Friedrich Dettmann, Fritz Esser, Alma Ewert, Gustav Gun- delach, Ernst Hennig, Wilhelm Hildebrandt, Otto Hoffmann, Rudolf Lindau, Willi Presche, Rudolf Rothkegel, Heinrich Stahmer, Paul Tastesen, Ernst Thälmann, John Wahlgreen, Albert Walter, Johann Walter, Hans Westermann, Johann Westphal, John Wittorf, Au- gust Ziehl; außerdem: Friedrich Michelson, Friedrich Redlich, August Schmidt, Alice Wosikowski, W. Zimmer. Rudolf Hartmann, Kock, Max Leistner, Richard Peters, Rätz, Erich Schmidt, Woldegk (Müller- Jabusch, a.a.O. 1925, S. 55). Nach der Wahl vom 3. 1. 1927 waren Abgeordnete: Max Leistner, Arbeiter; Richard Peters, Lehrer; Erich Schmidt, Arbeiter; (StA Oldenburg 86-37, Bd. 7, Bl. 167). 1929 wurde die KPD vertreten durch: Leistner, Schmidt, Schulte. Bis 1926 gehörte auch Lübeck zum Bezirk Mecklenburg. In der Lübecker Bürgerschaft war die KPD 1924 durch zehn Abgeordnete vertreten: P. Bartsch, Frau L. Grewe, Ismar Heilborn, Erich Klamm, H. Mundt, E. Nickel, Rudolf Rosengart, Karl Roß, Heinrich Schmidt, A. Windisch (Müller-Jabusch, a.a.O., S. 52 f.). 1926 waren Bürgerschaftsabgeordnete: Paul Drews, Maschinenschlosser, geb. 11. 7. 1896; Erich Klamm, Arbeiter, geb. 16. 1. 1896; Rudolf Rosengart, Händler, geb. 1896; Karl Roß, Schlosser, geb. 1882; Heinrich Schmidt, Arbeiter, geb. 9. 8. 1890 (StA Oldenburg, a.a.O. Bd. 8, Bl. 258). 1929 gehören der Bürgerschaft an: Paul Drews, Erich Klamm, Schlosser; Albert Olrogge, Arbeiter; Karl Roß, Heinrich Schmidt (Müller-Jabusch, a.a.O.). Ismar Heilborn (vgl. die Biographie unten). Karl Roß, bis 1920 USP (Delegierter der USP-Partei- tages November 1919), war dann Führer der Lübecker Kommunisten, mehrere Jahre Betriebsrats- vorsitzender der Flender-Werft. Roß stand auf dem rechten Parteiflügel, 1929 trat er zur KPO über, er kam nach 1933 im KZ Neuengamme ums Leben. Erich Klamm war Vorsitzender der KPD- Fraktion in Lübeck, mehrere Jahre Betriebsrat der Travewerft, wurde später Orgsekretär in Ham- burg, 1933 verhaftet, er überlebte im KZ Sachsenhausen. Auch Rudolf Rosengart wurde nach 1933 verhaftet. Paul Drews wurde 1930 wegen »parteischädigenden Verhaltens« aus der KPD aus- geschlossen, nach 1933 ebenfalls verhaftet (Vgl. Ernst Puchmüller: Mit beiden Augen. Ein Erinne- rungsbuch. Rostock 1966, S. 93 ff.). 30 In die Untersuchung der 504 Funktionäre wurden nur diejenigen Abgeordneten der umfang- reichen Hamburger bzw. Bremer Bürgerschaft einbezogen, die gleichzeitig auch Mitglieder der BL waren bzw. die, wie Thälmann, Dietrich, Kippenberger usw. ohnehin der zentralen Führung an- gehörten. Die übrigen Abgeordneten werden nur unter »außerdem« namentlich aufgezählt. 24 Das Führungskorps 1929 (Wahl vom 19. Februar 1928 = 27 Abgeordnete, davon Hildebrandt ausgeschlossen) Edgar André, Anton Becker, Friedrich Dettmann, Fritz Esser, Alma Ewert, Gustav Gun- delach, Ernst Hennig, Hermann Hoefer, Otto Hoffmann, Friedrich Lux, Willi Presche, Al- bert Sanneck, Heinrich Stahmer, Paul Tastesen, Ernst Thälmann, John Wahlgreen, Albert Walter, Johann Walter, Hans Westermann, Johann Westphal, August Ziehl; außerdem: Willi Hofmeister, Friedrich Michelson, Friedrich Redlich, August Schmidt, Alice Wosikowski.31 Bremer Bürgerschaft 1924 (Wahl vom 18. November 1923 = 18 Abgeordnete)32 Rudolf Argus, Gesine Becker, Wilhelm Dantz, Wilhelm Deisen, Adolf Ehlers, Fritz Globig, Hermann Osterloh; außerdem: Friedrich Becker, Richard Boelke, August Börschmann, Hans Brodmerkel, Reinhard Döll, Joseph Hirsch, Karl van Koll, Lück, Karl Preusser, Hermann Rumpf, Lud- wig Stein. 1927 (Wahl vom 13. November 1927 = 10 Abgeordnete) Gesine Becker, Wilhelm Deisen, Heinke Heinks, Hermann Osterloh, Paul Taube; außerdem: Friedrich Becker, Jakob Hansen, Joseph Hirsch, Bernhard Priemer, Hermann Rumpf. 1929 (Wahl 1927, Deisen ausgeschlossen, Holdt für Osterloh nachgerückt) Gesine Becker, Heinke Heinks, Paul Taube; 31 Ein Überblick über Beruf und Alter der nicht erfaßten Bürgerschaftsabgeordneten ergibt folgendes Bild: Lina Maria Becker, geb. 13. 1. 1893 in Arissau/Ostpreußen, Hausfrau, MdHB 1924-1927. Carl Bussow, geb. 24. 1. 1887 in Boizenburg, Arbeiter, seit 1905 in Hamburg, Ultralinker, aus der KPD ausgeschlossen, MdHB 1924-1926. Heinrich Hoffmann, Redakteur der HVZ, MdHB 1920/21 und 1922-1927, starb am 7. 7. 1936 in Hamburg. Walter Riihl, Schmied, MdHB 1923/24. Rühl war zusammen mit Urbahns im Prozeß wegen des Aufstandes von 1923 angeklagt. 1925 als Ultralinker aus der KPD ausgeschlossen, da er gegen »Parteibeschlüsse verstoßen« hatte. Karl Seß, geb. 1. 4. 1855 in Mecklenburg, Schuhmachermeister, kam 1906 nach Hamburg. Führend in der USP, Delegierter des USP-Parteitags November 1919. 1920 KPD, MdHB 1920-1927, zog sich später von der Parteiarbeit zurück, starb am 19. 11. 1939 in Hamburg. Friedrich Michelson, geb. 30. 6. 1888 in Mecklenburg, Händler, MdHB 1927-1931. Friedrich Redlich, geb. 8.9. 1882 in Bockwitz, Bäcker, MdHB 1927-1931, starb am 13. 4. 1953 in Hamburg. August Friedrich Schmidt, geb. 13. 7. 1884 in Königsaue, Arbeiter am Staatskai. MdHB 1927 bis 1931. 1907-1916 SPD, 1919 USPD, 1920 KPD. 1935-1937 inhaftiert, am 3. 8. 1939 an den Haftfolgen gestorben. Alice Wosikowski, geb. 18. 10. 1886 in Danzig, Fürsorgerin, MdHB 1927-1933, starb am 7. 4. 1949 in Hamburg. Willi Hofmeister, geb. 27. 12. 1888 in Braunschweig, Schlosser, MdHB 1929-1931, starb am 30. 12. 1946 in Hamburg. (StA Hamburg, 601 - StA Oldenburg, 86-37, Bd. 7 u. 8 - StA Bremen, IV 4c, Bd. 3-7. Mitt. der Freien und Hansestadt Hamburg, Einwohnermeldeamt und Behörde für Inneres. Ursel Hoch- muth-Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand. 1933-1945. Berichte und Dokumente. Frankfurt/M. 1969, S. 253.) 32 Auch von den Abgeordneten der Bremer Bürgerschaft wurden nur diejenigen in die Untersuchung einbezogen, die gleichzeitig der BL angehörten, die übrigen nur namentlich aufgeführt. 1924 gab es verschiedene Änderungen in der Bürgerschaftsfraktion, so mußten im Sommer, die später als »Rechte« ausgeschlossenen Wilhelm Deisen (s. Biographie, unten) und Brodmerkel ihre Mandate niederliegen. Besetzung der Funktionen 25 außerdem: Friedrich Becker, Jakob Hansen, Joseph Hirsch, Andreas Holdt, Bernhard Priemer, Hermann Rumpf.33 Für die Auswertung34 ergeben sich hiermit 1924 = 252 Personen 1927 = 251 Personen 1929 = 275 Personen. Zusammen mit den Funktionären, die zwischen den »Stichdaten« wichtige Positionen in der KPD innehatten oder Anfang 1924 führend waren, sind für die Auswertung insgesamt 504 Personen (von ca. 550) erfaßt, die zwischen 1924 und 1929 das Führungskorps bildeten. 33 Über die nicht erfaßten Bürgerschaftsabgeordneten ließ sich folgendes ermitteln: Friedrich Becker, geb. 5. 11. 1886, Arbeiter, zeitweise Vorsitzender der KPD in Bremen-Stadt; nach 1933 Vertreter für Elektrowaren. August Börschmann, Dreher, rückte am 23. 4. 1924 in die Bürgerschaft nach für den Postbeamten Gustav Ehrhorn (geb. 4. 12. 1885, 1968 in Bremen wohnhaft). Börschmann wurde bei den Wahlen am 7. 12. 1924 nicht wiedergewählt. Hans (Johann) Brodmerkel, (29. 3. 1887-2. 2. 1932) Schlachter, war Delegierter des KPD- Gründungsparteitags, er gehörte 1923 dem rechten Parteiflügel an, wurde Anfang 192$ aus der KPD ausgeschlossen, Ende 1925 wieder aufgenommen. 1928 erneut Anhänger der Rechten, aus der KPD ausgeschlossen, bis zu seinem Tode Mitglied der KPO. Reinhold Döll (geb. 9. 12. 1887 in Molsdorf Krs. Gotha) war Maschinist, lebte 1968 in Bremen. Joseph Hirsch (5. 2. 1881 - 13. 2. 1956), Bierbrauer, schon während des Krieges aktiv für die Bremer Linksradikalen, 1919 für die Internationalen Kommunisten Deutschlands in die Bremer Nationalversammlung gewählt, ununterbrochen Mitglied der Bremer Bürgerschaft. Karl van Koll (8. 8. 1889-28. 4. 1948), Bäcker, dann Geschäftsführer, gehörte der Bürgerschaft von 1923-1927 an. Karl Preusser (geb. 24. 4. 1879), Former, rückte Mitte 1924 für Frau Kühnert in die Bürgerschaft nach. Er wurde im Dezember 1924 nicht mehr aufgestellt. Hermann Rumpf (27. 7. 1884 - 24. 4. 1950), Lehrer, nach dem 2. Weltkrieg Schulleiter. Gehörte der Bürgerschaft von 1923-1930 an. Ludwig Stein, geb. 22. 12. 1889, Arbeiter, schied 1924 aus der Bürgerschaft aus. Jakob Hansen, Schlosser, gehörte der Bürgerschaft von 1927-1930 an. Bernhard Priemer (23. 9. 1886 - 18. 9. 1962), Bohrer, später Werftarbeiter, war seit Dezember 1924 Mitglied der Bürgerschaft. Andreas Holdt (geb. 13. 11. 1885), Arbeiter, rückte 1928 für Osterloh in die Bürgerschaft nach. Holdt lebte 1968 in Bremen. StA Bremen, IIA 12b, 9, Bd. 1; IIA 12a, Bd. 12 - StA Oldenburg 86-37, Bd. 9 - Auskünfte des Herrn Standesbeamten Bremen-Mitte und des Stadt- und Polizeiamts Bremen - BuA Koblenz, R 58/8 (Gestapo). 34 In den übrigen kleinen Landtagen, deren Abgeordnete nicht erfaßt wurden, war die KPD unter anderem durch folgende Personen vertreten: Anhalt: 1924: (Wahl vom 22. 6. 1924) Erich Besser (vgl. Biographie, unten), Ernst Böse (Ende 1924 zur SPD übergetreten, für diese auch nach 1945 in Hamburg aktiv; Verfasser einer Broschüre über Karl Marx) und zwei weitere Abgeordnete. 1927: (Wahl vom 9. 11. 1924) Paul Kmicz, geb. 10. 8. 1893 in Dessau, Schmied (nach 1933 im Gefängnis, 1946 Mitglied der SED, 1947 verstorben, Besser (1927/28 aus der KPD ausgeschlos- sen). 1929: (Wahl vom 20. 5. 1928) Besser, Kmicz, Alfred Kettig (Schlosser). Lippe: 1924-1929 ein Abgeordneter: Adolf Scholz, geb. 1. 1890 in Eibau, Bildhauer aus Lemgo, 1934 zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt, nach 1945 SED-Funktionär in Eibau. 1968 Partei- veteran der SED. Oldenburg: 1924: Gustav Müller, Installateur (1933 ermordet), J. Reimers, A. Wild. 1927: Gustav Müller. 1929: Gustav Müller. In den Danziger Volkstag wurden 1928 gewählt: Felix Raschke, Tischler (Vorsitzender). Bruno 16 Das Führungskorps WER LEITETE DIE KPD 1924 bis 1929? Eine Untersuchung von 504 der etwa 550 führenden Funktionäre der KPD ergibt (zumal die Auswahl nicht willkürlich ist35) ein objektives Bild von der sozialen, altermäßigen und politischen Zusammensetzung der KPD-Spitze. Vor einer detaillierten Prüfung des Funktio- närkorps soll daher eine Gesamt-Untersuchung der 504 KPD-Führer stehen. Dabei sei zu- nächst darauf verwiesen, daß die meisten Funktionäre Männer waren: Männer = 470, Frauen = 34. Obwohl die KPD stets die Gleichberechtigung der Frau propagierte, befanden sich unter ihren Spitzenfunktionären nur knapp 7% Frauen — eine immerhin bemerkenswerte Tat- sache. Junge Funktionäre Auffallend ist, daß sich die kommunistische Führung überwiegend aus jüngeren Menschen zusammensetzte: Vier Fünftel der Funktionäre des Führungskorps waren (im Jahre 1926) unter 40 Jahre alt. Bis 25 Jahre (nach 1900 geboren) 25-30 Jahre (1896-1900 geboren) 31-35 Jahre (1891-1895 geboren) 36-40 Jahre (1886-1890 geboren) 41-45 Jahre (1881-1885 geboren) 46-50 Jahre (1876-1880 geboren) über 50 Jahre (bis 1875 geboren) 36 Personen ( 7 °/o) 109 Personen (22 °/o) 136 Personen (27 °/o) 114 Personen (23 °/o) 67 Personen (13 °/o) 20 Personen ( 4 6/o) 21 Personen ( 4 Vo) Vier Fünftel des Führungskorps wurden also von den bis 4ojährigen gestellt. In der Partei- führung bestand eine Überrepräsentanz der jüngeren Jahrgänge im Vergleich zur Gesamt- partei, lediglich die unter 25 jährigen waren in der Parteispitze unterrepräsentiert. Nach der offiziellen Darstellung der KPD waren im Jahre 1927 12 °/o der Mitglieder unter 25 Jahre alt, 19% bis 30 Jahre, 32% von 30 bis 40 Jahre, und 35 °/o über 40 Jahre alt.36 Das Durch- schnittsalter des Führungskorps betrug (im Jahre 1926) 34 Jahre. Zum Vergleich sei er- wähnt, daß im SPD-Parteivorstand zur selben Zeit das Durchschnittsalter bei 56 Jahren lag. Bemerkenswert ist auch, daß das Durchschnittsalter der 1967 vom VII. Parteitag der SED gewählten 131 ZK-Mitglieder bei 52 Jahren liegt. Beim Gründungsparteitag der KPD 1919 lag das Durchschnittsalter der Parteigründer mit etwa 34 Jahren beim Durchschnitt der Jahre 1924-1929. Auch das ZK der russischen Kommunisten von 1917 (das die Oktober- revolution leitete), mit einem Durchschnittsalter von 36 Jahren, entspricht annähernd dem Durchschnittswert des KPD-Führungskorps vom Jahre 1926.37 Geisler, Eisenbahnarbeiter, Helene Kreft, Hausfrau, Paul Kreft, Bauarbeiter, Otto Langnau, Land- arbeiter, Wilhelm Lisdinewski, Hobler, Karl Opitz, Heizer und Anton Plenikowski (vgl. seine Biographie, unten), Lehrer. 35 Daß die hier erfaßten Funktionäre als das Führungskorps der KPD überhaupt anzuspredien sind, ergibt sich aus den vielen Vergleichen; z. B. gehörten über die Hälfte der 201 Anwesenden des XL Parteitages 1927 dem hier erfaßten Personenkreis der 504 Funktionäre an, nämlich 107 (s. die Liste des Reichskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung, 4291/274, HStA Düsseldorf, 16 927 Kommunistische Bewegung Spez. 1927). 36 Kaasch, a.a.O. (Anm. 1), S. 1051; vgl. auch oben, Kap. 6, S. 281. 37 Vgl. Osterroth-Schuster, a.a.O., S. 301 f., 311, 322, 337. F. Osterroth: Biographisches Lexikon des Sozialismus. Bd. I, Hannover 1960 - Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, 4. Folge 1927, Berlin 1927, S. 33 ff. - Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien. Hrsg, und einge- leitet von Hermann Weber, Frankfurt/Main 1969, S. 37 - Otto Schön: Die höchsten Organe der SED. Berlin (Ost) 1965, S. 39 ff. - »Neues Deutschland« vom 30. April 1967. Wer leitete die KPD? ^7 Die KPD-Führer und die KPD-Funktionäre waren in der Phase der Stalinisierung der Par- tei sehr jung. Das ergibt sich z. B. auch aus dem Alter der Delegierten des IX. Parteitags 1924: 6% waren noch nicht 25 Jahre, 29 °/o 25 bis 30 Jahre, 51 °/o 30 bis 40 Jahre und nur 14 °/o über 40 Jahre alt.38 Offensichtlich rekrutierte sich die radikalisierte Gruppe, die im und nach dem Weltkrieg von der SPD absplitterte, vor allem aus der jüngeren Generation. Die stärksten Jahrgänge des KPD-Führungskorps (1894 = 36 Personen, 1897 = 30 Personen und 1892 = 29 Personen) setzten sich aus Menschen zusammen, die mit 18-24 Jahren mit dem Kriegserlebnis kon- frontiert worden waren oder die den Ausbruch der Revolution als Zwanzigjährige erlebten. Das ist wohl kein Zufall, denn in der SPD blieben die älteren, mit Erfahrung und Tradition beladenen Funktionäre zurück. Zur KPD dagegen stießen junge, radikalisierte Menschen; diese waren es, die während der Stalinisierungsphase im Führungskorps der Partei be- stimmten. Die soziale "Zusammensetzung Die KPD war in den zwanziger Jahren eine ausgesprochene Arbeiterpartei. 1927 waren 40 % der Parteimitglieder gelernte und fast 30 °/o ungelernte Arbeiter; 10 °/o Handwerker und gewerbliche Arbeiter. In Berlin waren 72 °/o der KPD-Mitglieder Handarbeiter (gegen- über 58 °/o bei der SPD), allerdings waren nur 60% Industriearbeiter.39 Weitverbreitet ist die Ansicht, die Führung der KPD habe in den Händen von Intellektuellen gelegen. Inwie- weit das für die oberste Spitzenführung, das Polbüro oder das Zentralkomitee gilt, wird noch zu untersuchen sein. Für das eigentliche Führungskorps, die hier zu prüfenden 504 Per- sonen, trifft diese Vermutung nicht zu. Von diesen Spitzenfunktionären waren 316 Arbeiter (63 °/o), 21 Handwerker (4 °/o), 55 Angestellte (11 °/o), während 89 Personen (18 °/o) Intel- lektuelle im weitesten Sinne des Wortes waren, 23 Personen (4 °/o) gehörten andern Berufen an oder waren berufslos. Im Führungskorps überwogen also die Arbeiter ebenso wie in der Gesamtpartei, sie waren gegenüber der Partei nur knapp unterrepräsentiert. Ein etwas ge- naueres Bild ergibt folgende Aufschlüsselung: gelernte Arbeiter 248 (49,5 °/o) ungelernte Arbeiter 68 (iî.î’/o) Handwerker 21 ( 4,0 °/o) Landarbeiter 5 ( 1,0 °/o) Bauern 6 ( 1,0 °/o) Angestellte, kaufm. Angestellte 55 (11,0 0/0) Akademiker 33 ( 7>o’Z») Techniker 6 ( i,o°/o) Volksschullehrer 22 ( 4,0%) Personen mit abgeschlossener höherer Schulbildung, ohne abgeschlossenes Studium, »Berufs- revolutionäre« 28 ( 5,5 o/o) Hausfrauen 4 ( 1,0 °/o) sonstige und unbekannt 8 ( 1,5 Vo) 38 Bericht des XI. Parteitages, a.a.O. (Anm. 6) S. 339 f. 39 Kaasch, a.a.O. (Anm. 1), S. 1051 - Geh StA München 101 236 - Bericht der Bezirksleitung Berlin- Brandenburg-Lausitz über die Tätigkeit der Organisation vom 1. Januar bis 31. Oktober 1927. Berlin o.J. S. 87 f. 28 Das Führungskorps Gegenüber der Gesamtpartei waren die gelernten Arbeiter über-, die ungelernten Arbeiter erheblich unterrepräsentiert. Offensichtlich eigneten sich die qualifizierten Facharbeiter besser für politische Leitungsfunktionen in einer Arbeiterpartei und konnten sich dort leichter durchsetzen. Eine nähere Untersuchung der Berufssparten bei den gelernten Arbeitern zeigt weiterhin, daß die Metallarbeiter im Führungskorps an der Spitze standen. Die stärkste Be- rufsgruppe überhaupt waren die Schlosser, die mit 68 Personen 13 °/o des gesamten Füh- rungskorps stellten. Die meisten der Arbeiterfunktionäre kamen aus relativ gut bezahlten Berufszweigen; unter den gelernten Arbeitern befanden sich: Metallarbeiter Druckereiarbeiter handwerkliche Arbeiter Holzarbeiter Bauarbeiter Bergarbeiter sonstige gelernte Arbeiter 145 25 24 19 17 7 11 Die Zahlen unterstreichen, daß die Funktionärsposten der KPD bis hinauf zur Spitze im wesentlichen von qualifizierten Arbeitern der besser verdienenden Berufe besetzt wurden. Ungelernte Arbeiter und Landarbeiter sowie qualifizierte Arbeiter aus schlechter bezahlten Berufen machten nur etwa 15 °/o des Führungskorps aus. Bei den Vertretern geistiger Berufe fällt die relativ hohe Zahl von Volksschullehrern auf (22). Von den 33 Akademikern waren 19 promoviert (12 Dr. phil., 4 Dr. jur., 2. Dr. rer. pol., ein Dr. med.), zwei davon hatten sich habilitiert. Fast genauso groß wie die Gruppe der Akademiker mit abgeschlossener Hochschulbildung war die Zahl derjenigen, die höhere Schulen besuchten, zum Teil auch studierten, aber dann ohne Abschluß in den Parteiapparat eintraten. Die meisten dieser 28 »Berufsrevolutionäre« wechselten nach einigen Semestern Studium in den Parteiapparat oder in Redaktionen über, sie spielten in der KPD eine be- achtliche Rolle. Die Sozialstruktur des Führungskorps insgesamt zeigt das Bild einer Gruppe, die sich zu zwei Dritteln aus Arbeitern zusammensetzt, das restliche Drittel wird je zur Hälfte von Angehörigen intellektueller Berufe einerseits und andererseits von Angestellten, Handwer- kern usw. gestellt. Immerhin waren die intellektuellen Berufe - was wenig erstaunlich ist - gegenüber der Gesamtparteimitgliedschaft im Führungskorps deutlich überrepräsentiert, auch wenn sie keineswegs dominierten. Eine Untersuchung der sozialen Herkunft der Parteikader ist schwierig, da sie sich nur bei 233 Personen (47%) ermitteln ließ. Davon stammten 108, also fast 50%, aus Arbeiterfami- lien; 10% entstammten Angestelltenmilieu. Der Anteil der Handwerker- und Bauern- familien ist relativ groß (11 °/o bzw. 12%) und rund 20% kamen aus bürgerlichen oder intellektuellen Kreisen. Der sozialen Zusammensetzung und Herkunft entspricht auch die Schulbildung der Spitzen- funktionäre: Volksschule Oberschule, Gymnasium Mittelschule Lehrerseminar 374 (75 ®/o) 30 ( 6 %) 10(2 °/o) 22 ( 4 °/o) Wer leitete die KPD? ^9 Technische Hochschule, höhere Handelsschule Universität nicht zu ermitteln 14 ( 3V0) 48 (10%) 6 Von der Gesamtmitgliedschaft hatten 95 °/o die Volksschule und nur knapp 1 °/o die Univer- sität besucht. Im Führungskorps waren die Personen mit höherer Schulbildung erheblich überrepräsentiert. Die sozialistische Tradition Das Führungskorps der KPD setzte sich aus jungen Funktionären zusammen, daher fehlte den meisten Parteiführern auch eine längere sozialistische Tradition. Die landsmannschaft- liche Zusammensetzung der Führung zeigt dagegen, daß ein verhältnismäßig großer Teil der Funktionäre aus Mitteldeutschland stammte, wo die Arbeiterbewegung bereits eine starke Tradition hatte. Von den 504 Funktionären waren geboren:40 Mitteldeutschland 136 (27%) Süddeutschland 92 (18 °/o) Ostdeutschland 66 (13 °/o) Norddeutschland 63 (12%) Westdeutschland 56 (11 °/o) Berlin-Brandenburg 54 (ii*/«) Ausland 33 ( 7°/») nicht zu ermitteln 4 ( i«/o) Gemessen an der Mitgliederstärke der KPD-Organisationen (vgl. Bd. 1, IV, Materialien) waren die Funktionäre aus West- und Mitteldeutschland unterrepräsentiert, die aus Süd- und Ostdeutschland überrepräsentiert. Die Zahl der Funktionäre, die vorwiegend in dem Bezirk, in dem sie geboren wurden tätig blieben, die also an einen bestimmten Bezirk gebunden waren, ist relativ groß. Das ist be- merkenswert, versuchte die KPD-Führung doch immer wieder, solche Bindungen der Funk- tionäre an »ihre« Organisation durch ständige Funktionsumbesetzungen zu verhindern, da- mit diese sich keine »Hausmacht« schaffen konnten. Die Bindung an den Bezirk läßt sich bei 66 der mitteldeutschen Funktionäre (50%), bei 53 der süddeutschen (57%), bei 32 der westdeutschen (57%) und bei 27 der norddeutschen (59%), aber nur bei 16 der in Ost- deutschland geborenen Funktionäre (25 °/o) feststellen. Bei den in Berlin-Brandenburg Ge- borenen waren sogar 46 = 87 °/o an den Bezirk gebunden. Das läßt sich teilweise mit der Stärke des Parteiapparats erklären, der am Sitz der Zentrale und im stärksten Bezirk, in Berlin, sehr viel größer war und den örtlichen Funktionären mehr Aufstiegschancen bot. Auffallend ist noch, daß in den Oppositionsgruppen der Rechten in Süd- und Mittel- 40 Die Herkunft war nur nach Geburtsorten feststellbar. Da viele Funktionäre in anderen Gegenden aufwuchsen oder schon in der Jugend ihren Wohnsitz wechselten, können diese Angaben natürlich nur mit Einschränkung als Überblick der landsmannschaftlichen Zusammensetzung des Führungs- korps angesehen werden. In Mitteldeutschland geboren heißt geboren in Sachsen, Thüringen, Pro- vinz Sachsen und Anhalt, in Süddeutschland = Bayern, Württemberg, Baden, Pfalz-Saar und Hessen, Ostdeutschland = Pommern, Schlesien, Ost- und Westpreußen, Norddeutschland = Nieder- sachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Mecklenburg. Das Führungskorps deutschland Geborene überrepräsentiert sind, in Gruppen der Linken dagegen in Berlin Ge- borene, vermutlich eine Widerspiegelung der örtlichen Verteilung der Oppositionsgruppen. Wichtiger als solche (auf Grund des unvollkommenen Materials) nur mit Einschränkungen verwertbare Übersicht ist die Frage, wie lange die KPD-Führer in der sozialistischen Arbei- terbewegung organisiert Arbeiterbewegung an: waren. Von den 504 Funktionären gehörten im Jahre 1926 der länger als 25 Jahre (vor 1900 Eintritt in die SPD) *3 (4.5 •/.) 20 bis 25 Jahre (1900-1905 Eintritt in die SPD) 38 (7.5 •/») 10 bis 20 Jahre (1906-1916 Eintritt in die SPD) 185 (37,0 °/o) 1917 bis 1920 Eintritt in die USP (106) Eintritt in die KPD (84) 190 (38,0%) nach 1920 Eintritt in die KPD 61 (12,0 °/o) nicht zu ermitteln                                                                                                7 Knapp die Hälfte des Führungskorps der Jahre 1924-1929 war vor dem Weltkrieg in der SPD organisiert gewesen. Die andere Hälfte trat in den Kriegs- und Revolutionsjahren der USPD oder direkt der KPD bei. Da die Stalinisierung eine ständige Auseinandersetzung mit dem »schädlichen sozialdemokratischen Erbe« war, ist bemerkenswert, daß immerhin die Hälfte des Führungskorps formal mit dem »Sozialdemokratismus« belastet war. Bei der Gesamtmitgliedschaft sah es anders aus: nur 30 °/o der Mitglieder waren überhaupt in der SPD gewesen, fast 70% der KPD-Mitglieder des Jahres 1927 waren erst nach 1920 der Partei beigetreten.41 Nur wenige der 504 KPD-Funktionäre spielten in der alten Arbeiterbewegung eine bedeu- tende Rolle. Beispielsweise gehörten nur drei zu der 290 köpfigen deutschen Delegation des Internationalen Sozialistenkongresses 1907 in Stuttgart (Emil Eidihorn, Paul Hoffmann, Clara Zetkin); acht waren Delegierte des SPD-Parteitags 1912 und sechs waren Delegierte des SPD-Parteitages 1913. Zwei der 504 KPD-Funktionäre gehörten vor dem Weltkrieg dem Reichstag an (Emil Eichhorn und Joseph Herzfeld), einer dem preußischen Landtag (Paul Hoffmann). Auch während und nach der Revolution waren die meisten der 504 Funktionäre nicht in wichtigen Funktionen. In der Nationalversammlung saßen nur zwei (Emil Eichhorn, Wilhelm Koenen), im ersten Reichstag von 1920 neun (Eichhorn, Herzfeld, W. Koenen, Hollein, Bartz, Stoecker, W. Thomas, Remmele von der USP, für die KPD Zet- kin; außerdem kamen Frölich und Heydemann in der Nachwahl 1921 in den Reichstag). In der preußischen Nationalversammlung 1919 hatten sechs der 504 Funktionäre ein Mandat, im preußischen Landtag 1921 saßen 23 als Abgeordnete (22 der KPD und einer der USPD).42 Vom Führungskorps der KPD 1924-1929 war zwischen 1918 und 1920 fast die Hälfte (248 Personen = 49 °/o) in der USPD organisiert gewesen, nur ein Drittel (168 Personen = 33 °/o) in der KPD. 80 Personen waren zu jener Zeit noch nicht organisiert, gehörten der KP Österreichs oder der ÖSR-Linken an (bei acht ist die frühere Organisationszugehörig- 41 Kaasch, a.a.O. (Anm. 1), S. 1063. In Berlin-Brandenburg hatten 35% der Mitglieder der SPD angehört (fast 40% der USP!). Vgl. Bericht, a.a.O. (Anm. 39), S. 86. 42 Internationaler Sozialistenkongreß zu Stuttgart. 18.-24. 8. 1907, Berlin 1907, S. 124 ff. - Proto- koll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abge- halten in Chemnitz 15.-21. 9. 1912, Berlin 1912, S. 531 ff. - Dass. Abgehalten vom 14.-20. 9. 1913 in Jena. Berlin 1913, S. 561 ff. - Horkenbach, a.a.O., S. 384, 403 ff. - Reichstags-Handbuch 1907, Berlin 1907 - Dass. 1912, Berlin 1912. — A. Plate: Handbuch für die verfassungsgebende preußische Nationalversammlung 1919. Berlin 1919, S. 39-118 - Handbuch für den preußischen Landtag. Ausgabe für die 1. Wahlperiode (von 1921 an). Berlin 1921. Wer leitete die KPD? 31 keit nicht zu ermitteln). Es ist auffallend, daß nur ein Drittel der Mitglieder des Führungs- korps bereits vor 1920 der KPD angehörte; von diesen waren wiederum 90 (18%) schon während des Krieges im Spartakusbund oder bei den Bremer Linksradikalen organisiert. Die Mehrheit der Funktionäre des Führungskorps war nach dem Vereinigungsparteitag im Dezember 1920 mit den 300 000 USPD-Mitgliedern zur KPD gestoßen, durch die die KPD zur Massenpartei geworden war.43 Das Führungskorps war der sozialistischen Bewegung und ihrer Tradition verbunden. Doch nur die Hälfte kam aus der alten Sozialdemokratie, die Mehrheit war durch Krieg und Re- volution radikalisiert worden und nur jeder Fünfte im Führungskorps hatte im Weltkrieg dem Spartakusbund oder den Linksradikalen angehört und vertrat die Traditionen des »Luxemburgismus«. Der Zeitpunkt, zu dem die Angehörigen des Führungskorps ihre Berufe aufgaben und hauptamtliche Apparatfunktionäre wurden, ist ebenfalls recht unterschiedlich. Nur 36 (7 °/o) waren bereits vor und während des Weltkrieges hauptamtliche Funktionäre der Ar- beiterbewegung.44 236 Führer (47 °/o) übernahmen zwischen 1919 und 1923, also vor der Periode der Stalinisierung, eine hauptamtliche Tätigkeit in der USPD oder KPD (davon 56 im Jahre 1919 und 62 im Jahre 1921). 227 Funktionäre (45 °/o) wurden gerade in der Zeit der Stalinisierung hauptamtlich, die weitaus größte Zahl davon (99 Personen = 20 °/o) im Jahre 1924. Die Tatsache, daß fast die Hälfte des Führungskorps während der Stalinisie- rung in den hauptamtlichen Apparat eintrat, unterstreicht die Feststellung über die Absorp- tion der neuen Kräfte durch den Apparat. Die Fraktionen im F ührungskorps Das Führungskorps, das zwischen 1924 und 1929 die Politik der KPD bestimmte, setzte sich aus Personen zusammen, die zu einem großen Teil bereits 1923 wichtige Parteifunktionen 43 Allerdings hatten die aus der KPD (Spartakusbund) kommenden Führer in ihrer Partei eine wich- tigere Rolle gespielt, als diejenigen, die aus der USP kamen. So waren z. B. nur 13 der 248 Funk- tionäre, die aus der USP kamen, Delegierte des USP-Parteitages im März 1919 (bei insgesamt 208 Delegierten); auf dem USP-Parteitag im November-Dezember 1919 waren es 26 (von ins- gesamt 317 Delegierten); und auf dem USP Spaltungsparteitag im Oktober 1920 waren es 45 (unter insgesamt 236 Delegierten) der linken USP. Dagegen waren von 168 Führern, die aus der KPD (Spartakusbund) kamen, 22 Delegierte des Gründungsparteitages der KPD; d. h. fast 20% der 127 Delegierten dieses Gründungspartei- tages. 23 waren Delegierte des III. Parteitags der KPD (Spartakusbund) von 1920, das waren mehr als ein Viertel der insgesamt 81 Delegierten. Auf dem Vereinigungsparteitag 1920 waren von den späteren KPD-Führern 47 als Vertreter der linken USP anwesend (von insgesamt 349, d.h. 13%), aber 35 als Vertreter der KPD (Spartakus- bund) von insgesamt 146, d.h. 24%). (Protokoll über die Verhandlungen des außerordentlichen Parteitages [der USPD] vom 2. bis 6. März 1919 in Berlin. Berlin o. J. [1919] - Protokoll über die Verhandlungen des außer- ordentlichen Parteitages [der USPD] in Leipzig. 30. 11. - 6. 12. 1919. Berlin o. J. [1920] - StA Ludwigsburg, III, 223 - Der Gründungsparteitag a.a.O. [Anm. 37], S. 310 ff.) 44 Im Jahre 1914 waren 3776 Angestellte der Arbeiterbewegung in der »Unterstützungsvereinigung der in der modernen Arbeiterbewegung tätigen Angestellten« erfaßt. Davon waren 162 Arbeiter- sekretäre, 159 Parteiangestellte, 87 Berichterstatter, 293 politische Redakteure, 63 Schriftsteller, 475 Expedienten u.ä., 134 Geschäftsführer und 142 sonstige Angestellte, aber die große Mehrheit, nämlich 2261 Gewerkschaftsangestellte. 1907 waren insgesamt 1871 und 1910 insgesamt 2717 Angestellte der Arbeiterbewegung in der Unterstützungsvereinigung. Wieviel hauptamtliche Funk- tionäre es damals in der Arbeiterbewegung überhaupt gab, ließ sich nicht ermitteln, die über- wiegende Mehrheit dürfte jedoch in der Unterstützungsvereinigung erfaßt gewesen sein. (»Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands« vom 19. 6. 1915, S. 289 - Protokoll der Verhandlungen des achten Kongresses der Gewerkschaften Deutsch- lands. Abgehalten zu Dresden 26. 6. - 1. 7. 1911. Berlin 1911, S. 85.) 32 Das Führungskorps innehatte. Da 1924 ein Revirement erfolgte und viele Brandler-Anhänger und Vertreter der »Mittelgruppe« durch Linke ersetzt wurden, ist es selbstverständlich nicht erstaunlich, daß im Führungskorps 1924-1929 die Linken überwogen. Während der Auseinanderset- zungen 1923/24 gehörten die 504 Funktionäre zu folgenden Fraktionen: Linke                                           227 (45 %) Mittelgruppe                                64 (13 %) Rechte                                          37(7 %) keine Fraktion                              146(29%) nicht zu ermitteln                         30 ( 6%) Verglichen mit dem gesamten Führungskorps zeigten ehemalige Linke, Mittelgruppen-An- hänger und Rechte im Führungskorps folgendes Bild: auf Seiten der Linken standen über- durchschnittlich viele ungelernte Arbeiter, bei der Mittelgruppe waren Angestellte und Intellektuelle überrepräsentiert, bei den Rechten waren vorwiegend gelernte Arbeiter (über 60 %). Die Linke rekrutierte sich hauptsächlich aus den 25- bis 40jährigen, bei der Mittel- gruppe waren die 35- bis 40jährigen überrepräsentiert und bei den Rechten überwogen diejenigen, die über 40 Jahre alt waren.45 Die fraktionelle Spaltung 1923/24 zeigt, daß vor allem jüngere Funktionäre den radikalen Flügel bildeten, daß zahlreiche Intellektuelle und Parteibeamte der Mittelgruppe angehör- ten und die älteren, qualifizierten Arbeiter relativ oft bei den Rechten blieben. Schließlich tendierten die schon länger in der Arbeiterbewegung tätigen Funktionäre eher zur Mittel- gruppe und zu den Rechten, während die erst nach der Revolution radikalisierten Funktio- näre nach dem vermeintlichen Verrat der Brandler-Führung der linken Opposition zuneig- ten. Allerdings ist auch zu berücksichtigen, daß die Haltung nicht zuletzt regional beein- flußt war, in zahlreichen Bezirken waren die Mitglieder und damit auch die Funktionäre vollzählig zu den Linken übergegangen. Während der Stalinisierung der KPD 1924-1929 bildeten sich im Führungskorps wieder ver- schiedene Fraktionen heraus, die Linken spalteten sich in Ultralinke (Scholem, Katz usw.), 45 Bemerkenswert ist auch, wie sich die Anhänger der verschiedenen Gruppen von 1923 im Frak- tionskampf 1924-1929 verhielten. Von den 227 Linken des Jahres 1923 gehörten später 65 der linken und 34 der ultralinken Opposition an (d.h. sämtliche Vertreter der linken und ultralinken Opposition im Führungskorps, hatten 1923 der Linken angehört). 89 vertraten die Parteilinie, drei waren später bei den Rechten, vier bei den Versöhnlern und 17 bei sonstigen Oppositionsgruppen (zwei gestorben und 13 unbekannt). Von den 227 Linken des Jahres 1923 wurden 67 wegen linker und vier wegen rechter Abweichungen ausgeschlossen (außerdem neun wegen anderer »Ver- fehlungen«). Die Ausschlüsse bei den ehemaligen Linken betrugen also mit etwa einem Drittel den gleichen Anteil wie beim Gesamtführungskorps. Von den 37 Rechten des Jahres 1923 wurden dagegen 30 (wegen rechter Abweichungen) später ausgeschlossen, also fast 8o°/o. Von den 37 Rechten des Jahres 1923 blieb 1928/29 keiner bei der Parteilinie, 31 zählten zu den Rechten, drei zu den Versöhnlern. Von den 64 Funktionären, die 1923 bei der Mittelgruppe standen, wurden später 21 ausgeschlos- sen (20 wegen rechter Abweichungen, einer aus nichtpolitischen Gründen). Bei den Fraktions- auseinandersetzungen standen 18 bei den Rechten, 13 bei den Versöhnlern und 20 vertraten die Parteilinie (13 bekannten sich zu sonstigen Gruppen und waren nicht zu ermitteln). Von den 146 Personen, die sich aus den Fraktionskämpfen 1923 heraushielten, vertraten 1924 bis 1929 115 die Parteilinie, diese Gruppe war also gegenüber dem Gesamtführungskorps stark über- repräsentiert. Diejenigen, die sich 1923 nicht engagierten, blieben später am ehesten jeder Opposition fern. Außerdem zeigten sich die rechten Kommunisten von 1923 als konstanter und standfester, bei den Linken waren 1923 offenbar viele, die damals nur der allgemeinen Stimmung gefolgt waren. Wer leitete die KPD? 33 die linke Opposition (Ruth Fischer, Maslow usw.) und die kominterntreue Linke (Thäl- mann, Dengel usw.). Schließlich gab es neben den Rechten die Versöhnler, außerdem einige weniger bedeutsame Gruppierungen (z. B. die Chemnitzer Linken). Die Stalinisierung der KPD bedeutete die Ausschaltung dieser Gruppen entweder durch den Ausschluß oder die Kapitulation ihrer Führer und Funktionäre. Von den 504 Personen des Führungskorps wur- den bis 1932 insgesamt 154 (also fast ein Drittel) aus der KPD ausgeschlossen oder sie tra- ten aus der Partei aus, einige weitere Funktionäre wurden ausgeschlossen aber nach einer Selbstkritik kurze Zeit später wieder in die Partei aufgenommen. Von den 154 Ausgeschlos- senen wurden 70 Parteiführer wegen »rechter« Abweichungen (Rechte, Versöhnler = 14 °/o) und 67 wegen »linker« Abweichungen (Linke, Ultralinke =13 °/o) aus der Partei entfernt, 10 Personen wegen sonstiger Abweichungen und sieben aus nichtpolitischen Gründen (Un- terschlagungen, Polizeispitzelverdacht etc.). Die Ausschlüsse waren das letzte »Argument« der stalinistischen Führung gegenüber den Oppositionsgruppen, die sich zwischen 1925 und 1929 herausgebildet hatten. Zu einer festen, fraktionell zusammengeschlossenen Oppositionsgruppe im Führungskorps gehörten: 65 Funktionäre zur linken Opposition 35 Funktionäre zu den Ultralinken 66 Funktionäre zu den Rechten 38 Funktionäre zu den Versöhnlern 19 Funktionäre schlossen sich der Merker- oder Remmele-Neumann-Gruppe an 9 Funktionäre sonstigen Oppositionsgruppen (Ruth Fischer 1925/26) (Scholem 1925/26) (Brandler 1928/29) (E. Meyer 1928/29) (1930-1932) 229 Funktionäre vertraten immer die gerade gültige Parteilinie von 41 Funktionären ist unbekannt, ob sie zur Opposition oder zur Parteimehrheit zählten (2 starben bereits früher). Während sich also fast die Hälfte der Funktionäre keiner Oppositionsgruppe anschloß, waren 13 °/o bei der linken Opposition, 7 °/o bei den Ultralinken, 13 % bei den Rechten und 7% bei den Versöhnlern fraktionell fest organisiert, weitere 6 °/o gehörten sonstigen Oppo- sitionsgruppen an, außerdem sympathisierten zahlreiche Funktionäre mit einer der Opposi- tionsgruppen. Zunächst ist bemerkenswert, daß die Linksoppositionellen 1918-1920 meistens in der (rechts von der KPD stehenden!) USPD organisiert gewesen waren, die Rechten dagegen in der Mehrheit aus der KPD (Spartakusbund) kamen. 1918/20 organisiert in: USPD KPD erst später KPD Linke Opposition 49 13 3 Ultralinke 23 9 3 Rechte 20 46 — Versöhnler46 IO 22 6 46 Bei den »Versöhnlern« ist die relativ hohe Zahl der nach 1920 in die KPD Eingetretenen auffallend. Es handelt sich dabei meist um Ausländer, die 1920 bis 1923 aus Österreich oder der Tschechoslowakei nach Deutschland kamen, allerdings auch schon in ihren Heimatländern der KP angehört hatten. Mehrere »Versöhnler« gehörten vorher der linken Opposition an (vgl. z. B. die Biographien von Eisler, Süßkind, Volk). 34 Das Führungskorps Hier zeigt sich die bereits festgestellte Tendenz: die Spartakus-Anhänger waren im Sinne der »luxemburgischen« Tradition in der KPD auf dem rechten Flügel zu finden, linke und ultralinke Abweichungen vertraten vor allem die aus der USPD gekommen Partei- führer.47 Betrachtet man umgekehrt alle in der USP oder KPD organisierten Personen des Führungs- korps, wird das Bild noch eindeutiger. Wie schon erwähnt waren 248 der 504 Funktionäre Mitglied der USPD gewesen. 49 = 20 °/o der ehemaligen USP-Funktionäre gehörten der linken Opposition an, 23 = 9 °/o der ultralinken, also eine deutliche Überrepräsentation. Unterrepräsentiert sind nicht nur Rechte (8 °/o), Versöhnler (4 %), sondern auch die Anhän- ger der jeweiligen Parteilinie (41 °/o). Bei früheren Mitgliedern der KPD (Spartakusbund) = insgesamt 168 Mitglieder des Füh- rungskorps sind die Rechten (27%) und Versöhnler (13%) überrepräsentiert, dagegen linke Opposition (7 °/o) und Ultralinke (4 °/o) ebenso unterrepräsentiert wie die Vertreter der Parteilinie (die mit nur 36 °/o in dieser Kategorie am schwächsten vertreten waren). Die Vertreter der Parteilinie waren dagegen am stärksten bei jenen »traditionslosen« Funk- tionären, die erst nach 1920 zur KPD stießen. Vergleicht man, wie lange die Parteiführer organisiert waren, ergibt sich ein ähnliches Bild: Bei den 131 Personen, die bereits vor 1910 der Arbeiterbewegung beigetreten waren, ist die Zahl der Ausgeschlossenen vergleichsweise hoch (21 = 16% wegen linker und 29 = 22% wegen rechter Abweichungen ausgeschlossen). Von diesen 131 Funktionären waren organisiert: Linke 21 (16 °/o) Ultralinke 8 ( 6 °/o) Rechte JI (24»/0) Versöhnler 11(8 °/o) Parteilinie 45 (34’/o) nicht zu ermitteln 15 (11 °/o) Rechte und Versöhnler waren bei den vor 1910 organisierten Parteiführern ebenso über- repräsentiert wie Linke und Ultralinke, wogegen die Vertreter der Parteilinie stark unter- repräsentiert waren. Umgekehrt waren von den Parteiführern, die erst nach 1920 zur Partei stießen, 80 °/o Vertreter der Parteilinie! 47 Der von den Linken beherrschte IX. Parteitag 1924 zeigte das gleiche Bild: nur 12 Delegierte waren zwischen 1918 und 1920 in der KPD (Spartakusbund) organisiert gewesen, aber 84 in der USPD. (Bericht des XI. Parteitags, a.a.O., S. 340 - »Soz. Republik« vom 18. Juni 1924.) Von den 35 Funktionären des hier untersuchten Führungskorps, die auf dem Vereinigungsparteitag 1920 die KPD (Spartakusbund) vertraten, gehörten später 18 »rechten« Oppositionsgruppen und fünf der linken Opposition an. 12 wurden wegen rechter, aber nur fünf wegen linker Ab- weichungen ausgeschlossen. Von den 47 Führern, die 1920 als USP-Delegierte dem Vereinigungs- parteitag angehörten, wurden aber 14 wegen linker und nur drei wegen rechter Abweichungen aus der KPD entfernt. Diese Tendenz gilt nicht nur für die im Führungskorps erfaßten Funktionäre. Von den 81 Delegier- ten des III. Parteitages der KPD (Spartakusbund) war die spätere Haltung bei 42 nicht zu er- mitteln, zehn vertraten später ständig die Parteilinie, einer gehörte zu den »Versöhnlern«, einer zur linken und zwei zur ultralinken Opposition, aber 18 wurden als Rechte ausgeschlossen. (Der Rest gehörte anderen Oppositionsgruppen an.) Die rechte Opposition konnte sich also später mit einer gewissen Berechtigung als die eigentliche Fortführung der KPD (Spartakusbund) bezeichnen. (Die Namensliste des III. Parteitages, vgl. StA Ludwigsburg, III 223, Geheimakten Kommunistische Partei 1920-1926 - Vgl. auch Bericnt des Vereinigungsparteitages 1920, a.a.O., S. 273-278 u. Der Gründungsparteitag a.a.O. [Anm. 37], S. 37). Wer leitete die KPD? 35 Je kürzer die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung, um so größer offenbar die Bereitschaft, die jeweilige Parteilinie zu unterstützen; die längere Tradition dagegen vergrößerte die Ten- denz zur Oppotision, wobei allerdings das Eintreten für gemäßigte »rechte« Politik durch längere Tradition stärker hervortrat und besonders bei ehemaligen Führern des Spartakus- bundes deutlich abzulesen ist. Wie setzten sich nun die Fraktionen zusammen, die während der Stalinisierung 1924/1929 und noch in den Jahren bis 1932 im Führungskorps die Auseinandersetzungen führten? Geburtsjahr Parteilinie Linke bis 1880                16                   6 1881-1885           21                 14 1886-1890           43                 16 1891-1895           63                 19 1896-1900           62                   8 nach 1900             24                   2 unbekannt            -                      - Ultral. Rechte            Versöhnl. 27 4            16                   4 13          12                 12 7           19                 IO 6           10                  ii 22                                i i            -                     - sonst. i 2 9 7 4 5 unbekannt 9 6 9 ii 6 Beruf geh Arbeiter ungel. Arbeiter Angestellte Handwerker, sonst.Arb.nehmer Bauern, Landarb. Akademiker, Lehrer, Techniker »Berufsrevolut.« Hausfrauen, unbek., sonstige r Ein Vergleich mit dem Parteilinie Linke Rechte Versöhn!. sonst, in             29           13             39            18 38            9            9               4               i 28            7            3               8              4 11             5            i                33 6            i             -                 i               - 22          10           5                6             g !2            3          2                  34 i             i            2                2               - gesamten Führungskorps der 504 Funktionäre Ultral. unbekannt 15         22 3           4 i            4 -             2 i            2 4            5 4 -             2 ergibt, daß bei den           linientreuen Parteiführern die Jungen (bis 25 Jahre = io°/o, 25-30 Jahre = 26%) über- repräsentiert, die 36- bis 45jährigen unterrepräsentiert waren. Bei allen oppositionellen Gruppen waren demgegenüber die jungen Parteiführer unterrepräsentiert. Bei den Vertre- tern der Parteilinie waren ungelernte Arbeiter überdurchschnittlich stark vertreten (i7°/o), gelernte Arbeiter (46 °/o) und Intellektuelle (9 °/o) unterrepräsentiert, »Berufsrevolutionäre« allerdings normal vertreten. Überrepräsentiert waren bei der linken Opposition die intellek- tuellen Berufe, bei den ultralinken die ungelernten Arbeiter (26 °/o). Da letztere Gruppe nur wenige Personen umfaßte, können bei diesem Ergebnis »Zufälle« überwiegen, immerhin waren bei den »linken Abweichungen« insgesamt weniger gelernte Arbeiter als im Durch- schnitt vertreten. Bei der rechten Opposition war es umgekehrt, hier waren gelernte Arbei- ter überrepräsentiert (59 °/o), ungelernte Arbeiter und Intellektuelle sind weit unterreprä- sentiert. Die Fraktionen zeigen auch ein unterschiedliches Bild, betrachtet man den Zeitpunkt, zu dem ihre Anhänger hauptamtliche Funktionen übernahmen. Bei den Personen, die sich nie einer Oppositionsgruppe anschlossen, fällt auf, daß überdurchschnittlich viele erst nach 1924 in den hauptamtlichen Apparat aufgenommen wurden. Ein relativ großer Teil der Funktio- näre aus der linken und ultralinken Opposition kam 1924 in den hauptamtlichen Partei- 3 6 Das Führungskorps apparat. Bei den Rechten und Versöhnlern sind hingegen jene Parteiführer überrepräsen- tiert, die schon vor der Stalinisierung (und zum Teil schon vor dem Weltkrieg) hauptamt- liche Funktionen ausübten. Die nach 1924 in den Apparat gekommenen Funktionäre waren am ehesten bereit, die Stalinisierung durchzuführen. Von den 1924 von der linken Fischer- Maslow-Führung in den Apparat geholten Funktionären blieben viele bei dieser Fraktion, obwohl sie dadurch häufig wieder ihre Positionen verloren, die meisten machten jedoch die Stalinisierung mit. Die Funktionäre, die seit langen Jahren hauptamtliche Erfahrungen hat- ten, scheuten den ultralinken Kurs, sie standen häufiger bei den Rechten und Versöhnlern. Die Fraktionen im Führungskorps weisen deutliche Unterschiede auf. Das gilt für die alters- mäßige und soziale Zusammensetzung, aber auch für traditionelle Bindungen. Doch sind diese Unterschiede in der Zusammensetzung der Fraktionen wiederum nicht so gravierend, daß die Haltung der Funktionäre zur Parteilinie und zur Stalinisierung allein auf soziale Stellung, Alter, Tradition usw. zurückgeführt werden können. Ebenso stark haben vermut- lich individuelles Verhalten der Funktionäre, ihr Temperament oder persönliche Sympathien die Gruppenbildung innerhalb der Partei und der Führung sowie die Verhaltensweise ge- genüber den Fraktionen mitbestimmt. Das Schicksal der Funktionäre Von den 504 Personen des Führungskorps kamen nicht weniger als 136 auf gewaltsame Art ums Leben. 86 Funktionäre (17 °/o) wurden direkt oder indirekt Opfer des Hitler-Terrors, sie wurden hingerichtet, im Gefängnis oder KZ ermordet, sie starben in Zuchthäusern oder an den Folgen der Mißhandlungen. Da auch von den Überlebenden sehr viele in den Ge- fängnissen oder KZs saßen und zwischen 1933 und 1945 Schweres durchmachten, wird hier deutlich, daß die KPD-Führung im Kampf gegen Hitler sehr große Opfer brachte. Die Tragödie des deutschen Kommunismus wird besonders drastisch dadurch beleuchtet, daß außer Hunderten, ja vermutlich Tausenden von KPD-Mitgliedern 43 Führer der KPD (d. h. 9 °/o des Führungskorps) als Opfer der Stalinschen Säuberungen ums Leben kamen, bzw. Opfer der SED-Säuberung wurden (wie z. B. Kreikemeyer). Da sich weit weniger Funktionäre in der russischen Emigration befanden als im illegalen Kampf gegen Hitler, ist dieser Blutzoll für die deutschen Kommunisten nicht nur tragischer, sondern auch relativ größer. Natürlich soll eine solche Gegenüberstellung nicht den Gestapo-Terror bagatellisieren, dem Tausende und aber Tausende Kommunisten zum Opfer fielen. Wenn diese kommunistischen Führer in die Hände der Gestapo geraten wären, hätte man sie auch in Deutschland ermor- det. Aber es charakterisiert die Situation des deutschen Kommunismus in den dreißiger Jahren, daß der Stalin-Terror seine Spitzenführung in diesem Umfang dezimierte. Und noch etwas ist typisch: Kippenberger, ehemals der Leiter des Militär-Apparats der KPD, ist in der Sowjetunion inzwischen offiziell rehabilitiert worden, die SED aber schweigt nach wie vor über sein Ende und das der meisten anderen Opfer Stalins.48 213 der 504 Funktionäre sind inzwischen eines normalen Todes gestorben, sieben weitere kamen auf sonstige gewaltsame Art (Krieg) ums Leben, 107 der damaligen Parteiführer leben noch. Das Schicksal von 48 Personen ließ sich nicht ermitteln. Gerade bei diesem Per- sonenkreis ist aber anzunehmen, daß ein Teil ebenfalls in den Wirren der dreißiger Jahre und des Krieges gewaltsam ums Leben kam. Betrachtet man das Schicksal der 456 Personen (d. h. von 90% des Führungskorps) deren 48 Bis Februar 1969 wurde lediglich Hugo Eberlein öffentlich als Stalin-Opfer bezeichnet und damit rehabilitiert. Vgl. »Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung«, Berlin (Ost) 11. Jg. 1969. Heft 1, S. 122 - »Deutschland Archiv«, Köln, 2. Jg. 1969, Heft 3, S. 319 f. Wer leitete die KPD? 37 Lebenslauf sich bis zu Ende verfolgen ließ, so ist festzustellen, daß fast ein Drittel als poli- tische Opfer gewaltsam ums Leben kam (19 °/o unter Hitler und 10% unter Stalin bzw. der SED). Wie waren die Funktionäre, die 1924 bis 1929 die KPD-Führung bildeten, nach dem Zwei- ten Weltkrieg politisch organisiert? 128 schlossen sich der SED an, 46 waren Mitglied der westdeutschen KPD, 69 gehörten keiner politischen Partei mehr an, 33 waren Mitglied der SPD geworden, 10 gehörten linken Splittergruppen an, i schloß sich der Bayernpartei an, i ging zu der (rechtsstehenden) Deutschen Partei, von 51 ließ sich nicht ermitteln, ob und wo sie organisiert waren, 182 waren 1945 bereits verstorben. Bei den SED-Mitgliedern49 50 51 52 ist zu berücksichtigen, daß davon im Jahre 1945 noch sechs in sowjetischen Haftanstalten lebten. Diese schlossen sich erst nach ihrer Rückkehr wieder den deutschen Kommunisten an. Neun andere wurden in den Jahren nach 1948 wieder aus der SED ausgeschlossen und meist auch eingekerkert. Auch aus der westdeutschen KPD traten 14 Funktionäre wieder aus, bzw. wurden ausgeschlossen.60 Von den überlebenden Funktionären waren 1945 also immerhin zwei Drittel Mitglied der SED bzw. der westdeutschen KPD.61 Weitere 25 °/o waren nicht organisiert, 15 °/o hatten in Parteien und Gruppen eine politische Heimat gefunden, die der SED-KPD ablehnend gegen- überstehen.62 49 80 Mitglieder des ersten Parteivorstandes der SED kamen aus der KPD, davon gehörten 15 Funk- tionäre dem hier untersuchten Personenkreis der KPD-Führer von 1924-1929 an. Zu dem j8köpfi- gen PV, den der II. Parteitag der SED 1947 wählte, gehörten 12 dieser Funktionäre. Von den 51 Mitgliedern des vom III. SED-Parteitages 1950 gewählten ZK gehörten zehn bereits dem Füh- rungskorps der KPD von 1924-1929 an. Unter den 91 Mitgliedern, die der IV. SED-Parteitag 1954 wählte, waren acht in dem hier untersuchten Führungskorps. Dem ZK, das der V. Parteitag der SED 1958 bildete, gehörten 110 Mitglieder an, elf davon waren 1924-1929 in der KPD-Führung. Von den 121 Mitgliedern des 1963 vom VI. SED-Parteitag gewählten ZK waren neun bereits im Führungskorps 1924-1929, von den 60 ZK-Kandidaten einer und von den 21 Mitgliedern der Zentralen Revisionskommission zwei. Von den 131 Mit- gliedern des 1967 vom VII. SED-Parteitag gewählten ZK gehörten acht schon dem Führungskorps 1924-1929 an (Abusch, Dahlem, Eisler, Jendretzky, Matern, Norden, Ulbricht und Warnke), von den 50 Kandidaten keiner. (Protokoll des Vereinigungsparteitags der SPD und KPD. Berlin 1946, S. 154 f. - Protokoll der Verhandlungen des 2. Parteitages der SED. 20.-24. 9- i947j Berlin 1947, S. 428 - Protokoll des III. Parteitages der SED. Berlin 1951, Bd. 2, S. 186 und 193 - IV. Parteitag der SED; in: »Neue Welt« Heft 8 (192), April 1954, S. 1150 f. - Protokoll des V. Parteitages der SED. 10.-16. 7. 1958. Berlin 1959, Bd. 2, S. 1031 ff. - Protokoll des VI. Parteitages der SED, a.a.O., S. 494-500 - »Neues Deutschland« vom 23. April 1967.) 50 Einige dieser Ausgeschlossenen traten später der SPD bei, sie sind daher doppelt aufgeführt, so daß die Gesamtzahl von 504 in diesem Falle überschritten wird. 51 Von den überlebenden ehemaligen Oppositionellen (Linke, Ultralinke, Rechte und Versöhnler) stießen allerdings nur mehr ein Drittel wieder zur KPD-SED. Der SPD oder linken Splittergruppen der Arbeiterbewegung waren nur 15%) der überlebenden ehemaligen kommunistischen Spitzenführer beigetreten, aber 20% der linken und ein Drittel der rechten Oppositionellen. Von den linken Oppositionellen waren fast die Hälfte überhaupt nicht mehr politisch organisiert, von den Rechten 52 Allerdings ist fast ausgeschlossen, daß eine größere Zahl der Personen, deren politische Einstellung 38 Das Führungskorps Über zwanzig Jahre nach dem Krieg, 1969, lebten noch 107 der ehemaligen KPD-Führer (48 unbekannt, ob noch am Leben), davon sind 57 (53 °/o) in der SED organisiert und 13 (12 °/o) waren bis zum Verbot (1956) Mitglied der westdeutschen KPD. 17 (16 °/o) sind nicht organisiert, 20 (18%) gehören der SPD und 2 sonstigen Gruppen oder Parteien an. Von den 57 ehemaligen KPD-Führern, die 1969 Mitglied der SED sind, gehören nur mehr sieben dem 131 köpfigen SED-Zentralkomitee an.53 Schon in den dreißiger Jahren war das Führungskorps 1924-1929 durch wiederum neue Kräfte ersetzt worden. So waren z. B. von den 100 Reichstagsabgeordneten der KPD im November 1932 nur mehr die Hälfte, nämlich 48 Personen, auch schon im Führungskorps, das hier untersucht wird, die anderen 52 waren Funktionäre, die erst nach 1929 zur Füh- rungsgruppe vorstießen. Von den 1932 gewählten 57 Abgeordneten des preußischen Landtags stammten 34 aus dem Führungskorps 1924-1929, während 23 bereits wieder Nachwuchsfunktionäre waren.54 Zu erwähnen wäre noch, daß im Laufe der Jahre von den 504 KPD-Führern 265, d. h. 53 °/o entweder aus der KPD oder SED ausgeschlossen oder gemaßregelt wurden oder gar als Opfer der stalinistischen Säuberungen ums Leben kamen, also Opfer der Stalinisierung wurden. Die Spitzenführung 1924-1929 Nadi der Untersuchung des gesamten Führungskorps erscheint zunächst eine Betrachtung der eigentlichen Spitzenführung, die zwischen 1924 und 1929 die KPD leitete, angebracht. Diese Spitzenführung setzte sich aus den Mitgliedern und Kandidaten des ZK, dem Chef- redakteur der »Roten Fahne« und den Polleitern der acht großen Parteibezirke (soweit sie nicht ohnehin dem ZK angehörten) zusammen. Das war die engere Leitung der KPD. Diese Führung umfaßte für den gesamten Zeitraum insgesamt 103 Personen. Das Durchschnittsalter dieser Funktionäre lag mit 34V2 Jahren (1926) etwas über dem Alter des Gesamtfunktionärkorps. Die soziale Zusammensetzung: gelernte Arbeiter 50 (48 Vo) ungelernte Arbeiter 16 (15 °/o) Angestellte II (11 °/o) Handwerker 4 ( 4°/°) sonstige Arbeitnehmer I ( i °/o) Landarbeiter I ( I °/o) Personen mit höh. Schulbildung,   ohne abgeschl. Studium, »Berufs-   revolutionäre« 4 ( 4°/o) Schullehrer 7 ( 7 °/o) Techniker I ( I °/o) Akademiker 8 ( 8 0/0) Verglichen mit dem gesamten Führungskader ergeben sich keine großen Unterschiede: auch nach 1945 sich nicht feststellen ließ, Anhänger der SED oder KPD waren. In den SED-Publika- tionen werden die »Parteiveteranen« ständig hervorgehoben. Die »Unbekannten« dürften also, soweit sie 1945 nicht bereits verstorben waren, eher den SED-Gegnern zuzurechnen sein. 53 Vgl. Anm. 48 (Eisler ist inzwischen verstorben). 54 Reichstags-Handbuch. VII. Wahlperiode. Berlin 1933 - Handbuch des preußischen Landtags 1932. Berlin 1932. Wer leitete die KPD? 39 bei der Spitzenführung überwogen die Arbeiter, auch hier waren fast die Hälfte gelernte Arbeiter (davon 28 Metallarbeiter, wiederum stellten die Schlosser - mit 12 Personen - die stärkste Berufssparte). Die Angestellten und Akademiker lagen etwas höher als beim Ge- samtführungskorps. Interessant ist vor allem, daß in der Spitzenführung die intellektuellen Berufe nur gering- fügig über dem entsprechenden Prozentsatz des allgemeinen Funktionärkörpers lagen. Auch die Parteispitze der KPD setzte sich in dieser Periode nicht aus Intellektuellen, sondern hauptsächlich aus Arbeitern zusammen. 70% der Spitzenführung waren Arbeiter und Handwerker, 20% Intellektuelle im weitesten Sinne und 10% Angestellte. Die Zahl der Frauen lag in der Spitzenführung noch niedriger als im Gesamtfunktionärkorps: 96 Män- nern standen nur 7 Frauen gegenüber. In der sozialistischen Bewegung waren organisiert: vor 1900                                      41 1900-1917                                   3 direkt zur USP kamen (1918/20)                         28 zur KPD kamen (bis 1920)                                   18 nach 1920                                   13 Zwischen 1918 und 1920 waren 50 Personen aus der Spitzenführung in der USPD und 37 in der KPD organisiert. Audi hier zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede gegenüber dem Gesamtfunktionärkorps. Überrepräsentiert ist in der Spitzenführung die Gruppe, die erst zwischen 1918 und 1920 zur KPD bzw. USP stieß. Ausgeschlossen wurden wegen linker Abweichungen 12 Spitzenführer, wegen rechter Ab- weichungen drei und aus anderen Gründen einer, d. h. insgesamt 15 °/o der Führer (also rela- tiv weit weniger als beim Gesamtführungskorps). Oppositionsgruppen gehörten an: Linke                                          12 Ultralinke                                     6 Rechte                                          4 Versöhnler                                  11 Neumann- Merker-Gruppe                           14 usw. zusammen 47 Personen, oder fast die Hälfte der Führung. In der Spitzenführung waren Linke und Ultralinke ungefähr ebenso stark vertreten wie im Gesamtführungskorps, die Rechten dagegen weit geringer und die Versöhnler sowie sonstige Gruppen (Neumann-, Merker- usw.) stärker. Als Opfer Hitlers kamen 20 KPD-Spitzenführer ums Leben, als Opfer Stalins starben 15. Bis 1945 waren weitere sieben Parteiführer verstorben. Von den Überlebenden gehörten 29 der SED an (drei wurden wieder ausgeschlossen), 12 waren nicht organisiert, sechs hatten sich der KPD und zwei linken Gruppen angeschlossen, von 12 Personen ist die Parteizuge- hörigkeit nicht bekannt. 1969 lebten noch 26 der ehemaligen KPD-Führer. 13 gehören der SED an, sechs sind nicht organisiert, vier waren bis zum Verbot in der KPD, drei sind Mit- glied der SPD. Von sieben Personen ließ sich nicht ermitteln, ob sie noch am Leben sind. 40 Das Führungskorps Die Stalinschen Säuberungen trafen die Spitzenführung relativ stärker als das gesamte Füh- rungskorps; die überlebenden Spitzenführer waren nach 1945 auch zu einem größeren Pro- zentsatz in der SED organisiert als das Gesamtkorps. Die Analyse der Spitzenführung ergibt insgesamt jedoch kein wesentlich anderes Bild als die Untersuchung der $04 KPD- Funktionäre. Das Polbüro Dem obersten Führungsgremium der KPD, dem Polbüro, gehörten zwischen 1924 und 1929 insgesamt 32 Funktionäre als Mitglieder oder Kandidaten an. Das Durchschnittsalter dieser Parteiführer betrug 1926: 36 Jahre. Die soziale Zusammensetzung: gelernte Arbeiter                                    11 ungelernte Arbeiter                                  2 Angestellte                                               3 Handwerker, sonstige                               3 Akademiker                                             6 Lehrer                                                      2 Schriftsteller, »Berufsrevolutionäre« 4 Techniker                                                1 Nur ein Drittel des Polbüros bestand also aus gelernten Arbeitern, sie waren gegenüber dem Führungskorps unterrepräsentiert, die intellektuellen Berufe im Polbüro waren mit 13 Per- sonen gegenüber dem Führungskorps erheblich überrepräsentiert, dennoch waren sie auch im Polbüro eine Minderheit. Bei den Polbüro-Mitgliedern allein (ohne die sechs Kandidaten) verschiebt sich das Bild: 10 gelernten, 2 ungelernten Arbeitern sowie 5 Handwerkern stehen 9 Vertreter intellektueller Berufe gegenüber, die Arbeiter stellten also fast die Hälfte der Polbüro-Mitglieder. Drei der 32 Mitglieder und Kandidaten des Polbüros hatten sich vor 1900 der Arbeiter- bewegung angeschlossen, 13 hatten sich von 1900 bis 1914 organisiert, fünf kamen direkt zur USPD, sechs zur KPD (Spartakusbund) und fünf erst nach der Vereinigung 1920 zur KPD (bzw. sie waren vorher in der KPÖ oder KPÓ). Zwischen 1918 und 1920 gehörten 14 Par- teiführer der USPD und 13 der KPD an, im Gegensatz zum gesamten Führungskorps re- krutierte sich das Polbüro also gleichmäßig aus beiden Parteien. Bei den Auseinandersetzun- gen 1923 gehörten 19 Führer zu den Linken, 11 zur Mittelgruppe (keine zu den Rechten), drei enthielten sich als Apparatangehörige der Stellungnahme. Im Jahre 1924 waren fünf der Polbüro-Mitglieder und -Kandidaten ein Jahr und weniger hauptamtlich im Parteiapparat, 16 zwischen zwei und fünf Jahren, fünf zwischen fünf und 10 Jahren und drei über 10 Jahre hauptamtlich tätig. Während der Stalinisierung schlossen sich fünf Parteiführer der linken und drei der ultra- linken Opposition an, bei den Rechten stand keiner, bei den Versöhnlern fünf und später gehörten fünf zur Merker-Neumann-Gruppe usw., 15 Parteiführer (47%) vertraten immer die jeweilige Parteilinie. Ein Viertel des Polbüros, nämlich acht Personen, wurden wegen linker Abweichungen ausgeschlossen. Vier Funktionäre aus dem Polbüro wurden später Opfer des Hitler-Terrors; jedoch sechs fielen den Stalinschen Säuberungen zum Opfer; bis 1969 starben 16, vier leben noch (Dahlem, Kasper, Overlach, Ulbricht; davon sind drei SED-Mitglieder), zwei waren nicht zu ermitteln. Nadi dem Kriege hatten sich acht der SED angeschlossen, sechs waren nicht mehr organisiert, von zwei war nicht zu ermitteln, ob sie sich noch politisch betätigen; 16 waren bereits tot. Wer leitete die KPD? 41 Vergleicht man, wer die KPD 1924 und 1929 im Polbüro leitete, bekommt man folgendes Bild: 1924 hatten die neun Mitglieder des Polbüros ein Durchschnittsalter von 3$ Jahren, der Älteste (Remmele) war 44 Jahre, die beiden Jüngsten (Ruth Fischer und Scholem) waren 29 Jahre alt. Drei gelernten und einem ungelernten Arbeiter standen drei Akademiker und zwei Personen mit abgebrochenem Studium gegenüber. Nur ein Funktionär war über 20 Jahre politisch organisiert, vier zwischen 10 und 20 Jahren, je zwei waren direkt zur USPD bzw. KPD gestoßen. Zwischen 1918 und 1920 gehörten sechs der USP und drei der KPD an. In den Auseinandersetzungen von 1923 waren acht Linke und einer Anhänger der Mittel- gruppe. Hauptamtlich tätig war einer länger als 20 Jahre, sieben zwischen zwei und fünf Jahren und einer 1 Jahr. Während der Stalinisierung schlossen sich vier der linken und drei der ultralinken Opposition an, einer gehörte später zur Neumann-Gruppe und nur einer (Thälmann) vertrat die Parteilinie. Von den neun Polbüro-Mitgliedern kamen zwei unter Hitler (Thälmann und Scholem) ums Leben, einer (Remmele) unter Stalin, fünf sind gestorben, von einem Funktionär (Schütz) ließen sich weitere Daten des Lebenslaufs nicht ermitteln. Nach dem Krieg schloß sich keiner der KPD-Spitzenführer des Jahres 1924 der SED an. Einer war nicht organisiert, einer gehörte zu einer linken Gruppe (einer unbekannt), fünf waren verstorben. Das Polbüro von 1924 setzte sich aus jungen, mit wenig Traditionen der Arbeiterbewegung behafteten, radikalen linken Parteiführern zusammen; es bestand je zur Hälfte aus Intel- lektuellen und Arbeitern, der Großteil dieser Führer wurde später aus der Partei ver- drängt. 1929 hatte das Polbüro eine andere Zusammensetzung. Es bestand aus 11 Mitgliedern und 4 Kandidaten. Das Durchschnittsalter lag mit 38 Jahren höher (der älteste Funktionär war wieder Remmele mit 49 Jahren, der jüngste Heinz Neumann mit 27 Jahren). Nur zwei der KPD-Führer aus dem Polbüro von 1924 saßen auch noch im Polbüro von 1929: Remmele und Thälmann. Die soziale Zusammensetzung hatte sich weitgehend geändert: sechs gelernten und zwei un- gelernten Arbeitern und zwei sonstigen Arbeitnehmern (ein Handwerker und ein Kellner) standen drei Angestellte, ein Lehrer und ein »Berufsrevolutionär« gegenüber, die intellek- tuellen Berufe waren fast ganz ausgeschieden. Allerdings erstreckte sich die hauptamtliche Tätigkeit im Parteiapparat über eine erheblich längere Zeitspanne: ein Funktionär war über 20 Jahre, fünf zwischen 10 und 20 Jahren und acht zwischen fünf und 10 Jahren und einer zwei Jahre hauptamtlich tätig. In der Arbeiterbewegung organisiert waren vier über 20 Jahre, fünf zwischen 10 und 20 Jahren, vier waren direkt zur USPD gekommen und zwei nach 1920 beigetreten. 1923 zählten sich von diesem Polbüro sechs zu den Linken, sieben zur Mittelgruppe und zwei enthielten sich als Apparatfunktionäre einer Stellungnahme. Während der Stalinisierung gehörte keiner dieser Parteiführer einer Oppositionsgruppe an, allerdings schlossen sich fünf später der Merker-Neumann-Gruppe an. Unter Hitler wurde ein Parteiführer dieses Polbüros von 1929 ermordet, den Stalinschen Säuberungen fielen vier zum Opfer, sechs weitere sind inzwischen gestorben und vier leben noch. Nach dem 2. Weltkrieg hatten sich fünf (Dahlem, Merker, Overlach, Pieck, Ulbricht) der SED angeschlossen, zwei waren nicht organisiert und acht bereits tot. Der Unterschied der Zusammensetzung der Polbüros von 1924 und 1929 macht deutlich, daß die Stalinisierung gerade in der obersten Parteispitze erhebliche Veränderungen mit sich brachte. Die »Auslese« der Stalinisierung war vollzogen. 42 Das Führungskorps Mitglieder und Kandidaten des Polbüro der KPD 1924-1929* Konrad Blenkle Franz Dahlem Philipp Dengel Hugo Eberlein Gerhart Eisler Arthur Ewert Ruth Fischer Leo Flieg Wilhelm Florin Ottomar Geschke Fritz Heckert Wilhelm Hein Wilhelm Kasper Iwan Katz Arkadi] Maslow Paul Merker Ernst Meyer Heinz Neumann Helene Overlach Wilhelm Pieck Hermann Remmele Arthur Rosenberg Paul Schlecht Ernst Schneller 'Werner Scholem Max Schütz Fritz Schulte Wilhelm Schwan Heinrich Süßkind Ernst Thälmann Walter Ulbricht Jean Winterich XI. Parteitag 2. Reichs- XU. Parteitag konferenz IX. Parteitag X. Parteitag i. Reichs- konferenz * Die Namen der Mitglieder des Politsekretariats sind kursiv gesetzt. Die Zeit der Mitgliedschaft im Polbüro ist durch einen geschlossenen Kasten, die Kanditatenschaft durch einen offenen Kasten gekennzeichnet. Der IX. Parteitag fand im April 1924 statt, der X. Parteitag im Juli 1925, die 1. Reichskonferenz am 30. Oktober/i. November 1925, der XI. Parteitag im März 1927, die 2. Reichskonferenz im November 1928 und der XII. Parteitag im Juni 1929. Führungskorps 1924      43 DAS FÜHRUNGSKOPRS 1924 Von den ca. 280 Funktionären, die Mitte 1924 die angegebenen wichtigen Positionen der KPD besetzt hatten, konnten für die Auswertung 252 ermittelt werden. Dabei ergibt sich folgendes Bild: Das Alter der 252 Funktionäre: Bis 25 Jahre 25-3° Jahre 31-35 Jahre 36-40 Jahre 41-45 Jahre 46-50 Jahre über 50 Jahre nicht zu ermitteln (nach 1898 geboren) (1894-1898 geboren) (1889-1893 geboren) (1884-1888 geboren) (1879-1883 geboren) (1874-1878 geboren) (vor 1874 geboren) 12 ( 4°/o) 59 58 72 29 (24%) (23 o/o) (29 »/o) (12 °/o) ( 5 ’M ( 3 ’M Gegenüber dem Gesamt-Führungskorps waren die Altersgruppen bis 25 Jahre und 31 bis 35 Jahre unterrepräsentiert, die Gruppen 25 bis 30 und 36 bis 40 Jahre überrepräsentiert. Die soziale Zusammensetzung: gelernte Arbeiter ungelernte Arbeiter Angestellte Handwerker Bauern und Landarbeiter Akademiker Volksschullehrer Redakteure, »Berufsrevolutionäre« Techniker sonstige, Hausfrauen 124 (49,0 °/o) 27 (ii,o°/o) 26 (10,0 °/o) 14 ( 5>5 ’M 5 ( 2,0 °/o) 25 ( 9,5 o/o) 9 ( 4,o »/.) II ( 4,0 °/o) 3 ( i>5 ’M 8 ( 3,$ o/o) Gelernte Metallarbeiter waren 69 (27%), die Schlosser stellten mit 35 Personen die stärkste Berufsgruppe. Die soziale Herkunft ließ sich bei 120 Funktionären ermitteln: 49 kamen aus Arbeiterfami- lien, 19 hatten Angestellte zum Vater, 15 entstammten Bauern- und 11 Handwerkerfami- lien, 6 kamen aus intellektuellen, 13 aus sonstigen bürgerlichen und 7 aus besitzenden Kreisen. In der sozialistischen Bewegung organisiert waren: vor 1900 20 ( 8 °/o) 1901-1905 23 ( 9’M 1906-1916 in (44’/») 1917-1920 (USPD) 54 (21 °/o) 1918-1920 (KPD) 37 (15 ’M nach 1920 KPD 7 ( 3 ’M Im Führungskorps 1924 waren hauptamtlich seit: i Jahr und weniger 102 (40%) 8 44 Das Führungskorps 2 bis 5 Jahre 5 bis 10 Jahre über 10 Jahre 127 (51%) 11(4 ’/») 12 ( 5 ®/o) Gemessen am Gesamt-Führungskorps waren 1924 die Funktionäre überrepräsentiert, die vor dem Weltkrieg zur Arbeiterbewegung kamen, erheblich unterrepräsentiert waren dagegen diejenigen, die erst nach 1920 zur KPD stießen. Zwischen 1917 und 1920 waren organisiert: in der USP in der KPD davon im Spartakusbund und Linksradikale nach 1920 157 (62%) 83 (33 %) 41 9 12 ( 5 0/0) Aus der KPD ausgeschlossen wurden wegen: linker Abweichungen rechter Abweichungen sonstiger Abweichungen nicht politischen Gründen unbekannt 61 (24%) 39       ®/®) 2 3 4 Vom Funktionärkorps 1924 wurden also 105 Personen (42 °/o )aus der KPD ausgeschlossen. Oppositionsgruppen gehörten an: Linke Ultralinke Rechte Versöhnler Neumann-, Merker-, u. a. Gruppe 59 (23,5 «/o) 27 (10,5 °/o) 40 (16,0 %) 10 (4,0 °/o) ii ( 4,5 %) Vom Funktionärskorps 1924 gehörten 147 Personen (59%) einer Oppositionsgruppe an. Das spätere Schicksal der Funktionäre: Als Opfer des Faschismus hingerichtet, in Gefängnissen gestorben, ermordet oder in Spa- nien gefallen sind 31 Menschen (i2°/o), als Opfer Stalins und des Stalinismus kamen 22 Personen (9 °/o) ums Leben, als Opfer des Krieges einer. Eines natürlichen Todes starben bis 1969: 129, am Leben sind noch 43 Personen,55 das Schicksal von 26 Funktionären ist un- bekannt. Von den 252 Parteiführern des Jahres 1924 waren nach 1945 organisiert: SED KPD (Bundesrep.) nicht organisiert SPD sonst, linke Gruppen 53 (davon später 7 ausgeschlossen) 23 (davon später 9 ausgeschlossen) 47 20 6 55 Von den 43 Personen gehören 20 der SED, 12 der SPD, 8 sind nicht mehr organisiert, drei waren bis zum Verbot der Partei Mitglied der KPD. Führungskorps 1927      45 andere Parteien                             2 verstorben                                  83 nicht zu ermitteln                        25 Ein Vergleich des Funktionärkorps von 1924 mit dem Gesamt-Führungskorps ergibt keine großen Unterschiede. Alter und soziale Zusammensetzung sind ähnlich (die Zahl der un- gelernten Arbeiter ist 1924 geringer, die der Akademiker größer). 1924 waren erheblich mehr Positionen von Funktionären besetzt, die aus der USPD kamen (62% gegen 49%). Hier zeigt sich: ein Großteil des Führungskorps von 1924 rekrutierte sich aus den linken Kreisen, die 1920 mit der USPD zur KPD stießen. Die Zahl der Ausgeschlossenen vom Führungskorps 1924 lag über dem Durchschnitt (40% gegen 31%). Es wurden vor allem mehr »linke Abweichler« ausgeschlossen (24% gegen 13 °/o im Durchschnitt), das ist darin begründet, daß 1924 die linke Gruppe die Parteifüh- rung innehatte. Entsprechend war 1925/26 die linke und ultralinke Opposition in diesem Kreis auch erheblich überrepräsentiert (23,5% linke Opposition gegen 13% im Gesamt- führungskorps, 10,5 °/o Ultralinke gegen 7%). Diese Linken und Ultralinken wurden durch die Stalinisierung als erste ausgeschaltet. 1924 war auch die rechte Opposition überrepräsen- tiert (16 °/o gegen 13% im Durchschnitt), denn eine größere Anzahl damaliger Landtags- abgeordneter gehörte später zur rechten Opposition; im Führungskorps von 1924 hatten die Rechten jedoch kein politisches Gewicht, die maßgebenden Stellen wurden von Linken und Ultralinken besetzt. Bemerkenswert ist noch: vom Führungskorps des Jahres 1924 schlossen sich nach dem 2. Weltkrieg prozentual weniger Funktionäre des SED an als vom Gesamtführungskorps der 504 Funktionäre (30 °/o gegen 4o °/o von den 1945 noch lebenden Personen). DAS FÜHRUNGSKORPS 1927 Von den ca. 280 Funktionären, die 1927 die KPD führten, konnten für die Auswertung 251 ermittelt werden. Dabei ergibt sich folgendes Bild: Das Alter der 251 Parteiführer: Bis 25 Jahre (nach 1900 geboren) 9 ( 3.0°/») 25-30 Jahre (1897-1901 geboren) 52 (21,0%) 30-35 Jahre (1892-1896 geboren) 72 (29,0 %) 36-40 Jahre (1887-1891 geboren) 61 (24,5 Vo) 41-45 Jahre (1882-1886 geboren) 36 (14,5 «/o) 46-50 Jahre (1877-1881 geboren) 12 ( 5,0 %) über 50 Jahre (vor 1876 geboren) 9 ( 3>° %) Gegenüber 1924 sind die 30- bis 35jährigen stärker, die 25- bis 30jährigen und die 36- bis 40jährigen schwächer vertreten, gegenüber dem Gesamt-Führungskorps gibt es kaum wesent- liche Verschiebungen. Die soziale Zusammensetzung: gelernte Arbeiter ungelernte Arbeiter Angestellte 135 (54,o °/o) 29 (12,0 °/o) 28 (11,0%) 46 Das Führungskorps Handwerker Bauern und Landarbeiter Akademiker Volksschullehrer Redakteure, »Berufsrevolutionäre« Techniker sonstige, Hausfrauen ( 4,5 °/o) ( 1,0 °/o) ( 8,0%) ( 4,5 °/o) ( 5,o %) 3 19 2 Gelernte Metallarbeiter gab es insgesamt 77, wiederum war Schlosser (32) der am häufigsten angegebene Beruf. Gegenüber 1924 war der Anteil der gelernten Arbeiter erheblich, der der Angestellten und Hilfsarbeiter etwas größer, die Zahl der Akademiker war leicht zu- rückgegangen. Grundsätzlich aber hatte sich das Bild der sozialen Zusammensetzung kaum verändert. Gegenüber dem Gesamt-Führungskorps waren die gelernten Arbeiter überreprä- sentiert (54 °/o gegenüber 49,$ °/o). Die soziale Herkunft wurde bei 124 Personen ermittelt, davon kamen $7 (45^/0) aus Ar- beiterhaushalten, 14 entstammten Angestelltenfamilien, 16 Bauern-, 12 Handwerker- und neun Intellektuellenfamilien, während 16 aus vermögenden Kreisen stammten. In der sozialistischen Bewegung organisiert waren: vor 1900 1901-190$ 1906-1916 1917-1920 (USPD) 1918-1920 (KPD) nach 1920 KPD 12 ( 5 ®/o) 21 ( 8 ®/o) 108 (43 °/o) 48 (19 Vo) 47 (19%) 15 ( 6%) Gegenüber 1924 erhöhte sich die Zahl derjenigen, die nach dem Krieg direkt zur KPD stie- ßen und nicht über die USPD in die Partei gekommen waren, etwas zurückgegangen war der Anteil der vor dem Weltkrieg in der SPD organisierten Parteiführer. Im Führungskorps 1927 waren hauptamtlich seit: i Jahr und weniger                                               29 (11,5 °/o) 2 bis $ Jahre                                                        104 (41,$ °/o) 5 bis 10 Jahre                                                      96 (38,0%) über 10 Jahre                                                      22 ( 9,0%) Beim Vergleich mit dem Führungskorps von 1924 wird deutlich, daß 1927 die in der haupt- amtlichen Tätigkeit erfahreneren Genossen wieder stärker herangezogen worden waren. Zwischen 1917 und 1920 waren organisiert: in der USPD                                                        117 (47 c/o) in der KPD (Spartakusbund)                              105 (42 °/o) Während im Führungskorps 1924 doppelt soviel Personen aus der USPD gekommen waren wie aus der KPD, war die politische Herkunft beim Führungskorps von 1927 fast ausge- glichen. Da 1924 ein »linkes« und 1927 ein »rechtes« Führungskorps bestand, bestätigen auch diese Zahlen, daß die nach links neigenden Parteiführer meist aus der USPD, die nach rechts tendierenden aus der KPD (Spartakusbund) kamen. Auch gegenüber dem Gesamt-Füh- Das Führungskorps 1927       47 rungskorps sind 1927 die aus der KPD kommenden Funktionäre weit überrepräsentiert (43 %). Das Funktionärkorps 1927 war erheblich stärker in der Tradition des »Luxem- burgismus« verwurzelt. Das schlägt sich auch in der Oppositionshaltung nieder. Es gehörten zu den Linken Ultralinken Rechten Versöhnlern Neumann-Merker- u. a. Gruppen 12(5 %)) 11(4 °/o) 46 (18 °/o) 29 (12 °/o) 15 ( 6°/o) 45 °/o dieses Funktionärkorps, nämlich 113 Personen, gehörten also einer Oppositionsgruppe an, doch es waren vorwiegend Anhänger von »rechten Abweichungen«. Aus der KPD ausgeschlossen wurden wegen: linker Abweichungen                    4 rechter Abweichungen                51 sonstiger Abweichungen               4 nicht politischer Gründe                1 60 Funktionäre (24 °/o) des Funktionärkorps von 1927 wurden ausgeschlossen. Wenn das auch weniger waren als 1924, so wird hier doch die zweite Säuberung im Rahmen der Stali- nisierung (gegen die Rechten 1928/29) deutlich. Das spätere Schicksal der Funktionäre: als Opfer des Faschismus kamen ums Leben                    4o als Opfer des Stalinismus starben                                    26 an den Kriegsfolgen starben                                              2 bis 1969 verstorben                                                       115 noch am Leben58                                                             54 unbekannt                                                                       14 16% verloren unter Hitler und io°/o unter Stalin ihr Leben, das Führungskorps von 1927 wurde also besonders stark dezimiert. Von den 251 Funktionären des Jahres 1927 waren nach 1945 organisiert: SED KPD (Bundesrepubl.) nicht organisiert SPD sonst, linke Gruppen andere Parteien verstorben unbekannt 72 (davon später 9 ausgeschlossen) 23 (davon später 5 ausgeschlossen) 32 U 5 90 18 Vergleicht man das Führungskorps von 1927 mit dem Gesamtkorps oder dem Kader von 1924, so ergeben sich außer den angeführten Veränderungen kaum Unterschiede. Allerdings 56 * 56 Von den 54 Personen gehören 27 der SED, sieben der SPD an, 12 sind nicht mehr politisch organisiert, acht waren bis zum Parteiverbot 1956 in der KPD. 48 Das Führungskorps waren diese Funktionäre im Durchschnitt schon länger in der sozialistischen Bewegung orga- nisiert. Ebenso waren 1927 die meisten Oppositionellen in der Gruppe der Rechten und Versöhnler zu finden, die 1928/29 ausgeschlossen oder gemaßregelt wurden. Schließlich kamen mehr Funktionäre aus der KPD (Spartakusbund). Nach dem 2. Weltkrieg schlossen sich aus diesem Führungskorps (von den noch lebenden) mehr Funktionäre der KPD-SED an, als im Durchschnitt des gesamten Führungskorps. DAS FÜHRUNGSKORPS 1929 Von den etwa 300 Funktionären, die 1929 die Kommunistische Partei Deutschlands leiteten, konnten für die Auswertung 275 ermittelt werden. Dabei ergibt sich folgendes Bild: Das Alter der 275 Funktionäre: Bis 25 Jahre (nach 1903 geboren) 10 ( 4®/o) 25-30 Jahre (1899-1903 geboren) 41 (14 %) 31-35 Jahre (1894-1898 geboren) 81 (30 ®/o) 36-40 Jahre (1889-1893 geboren) 68 (25 ®/o) 41-45 Jahre (1884-1888 geboren) 47 (17%) 46-50 Jahre (1879-1883 geboren) 15 ( 5 ®/o) über 50 Jahre (bis 1878 geboren) 13 ( 5®/o) Gegenüber 1927 war der Anteil der 25- bis 30jährigen merkbar zurückgegangen, gemessen am Gesamt-Führungskorps waren die jungen Jahrgänge etwas unterrepräsentiert. Die soziale Zusammensetzung: gelernte Arbeiter 137 (50’/») ungelernte Arbeiter 43 (16’/o) Angestellte 31 (11 ®/o) Handwerker 12 ( 4 ®/o) Bauern, Landarbeiter 7 ( 3 fl/®) Akademiker ii ( 4®/o) »Berufsrevolutionäre« 16 ( 5 °/o) Volksschullehrer ii ( 4°/») Techniker 4( 2«/o) Hausfrauen, sonst., unbekannt 3 ( i ®/o) Auch 1929 waren die Schlosser (40 Personen) die stärkste Berufssparte (Metallarbeiter ins- gesamt 87). Die Zahl der ungelernten Arbeiter stieg weiter an und lag auch 1929 über dem Durchschnitt, dagegen ging die Zahl der Akademiker zurück. Die soziale Herkunft war fast unverändert, sie ließ sich bei 126 Personen ermitteln. Davon kamen 65 aus Arbeiterkreisen 12 aus Angestellten-, 16 aus Bauern- und 13 aus Handwerkerfamilien. 7 hatten einen Intel- lektuellen zum Vater und 9 kamen aus besitzenden Kreisen. In der sozialistischen Bewegung organisiert waren: vor 1900                                                            13    ( 4 %) 1901-1905                                                          16   ( 6°/o) 1906-1916                                                          87   (32 °/o) Führungskorps 1929      49 1917-1920 USP 1918-1920 KPD nach 1920 KPD unbekannt 49 (18 %) 48 (18%) 57 (20%) 5 ( 2°/o) Beträchtlich erhöht hatte sich also die Zahl derjenigen Funktionäre, die erst nach 1920 zur KPD gestoßen waren (20% gegenüber 6% im Jahre 1927 und 12% im Durchschnitt der Jahre 1924-1929). Im Funktionärkorps 1929 waren hauptamtlich seit: i Jahr und weniger 5S (20°/o) 2 bis 5 Jahre 91 (3 J •/.) 5 bis 10 Jahre HO (40%) über 10 Jahre 17 ( 6 Vo) unbekannt 2 ( i %) Immerhin wurden also 55 Personen neu ins Führungskorps aufgenommen, die Zahl der über 10 Jahre hauptamtlich tätigen Funktionäre ging zurück. Zwischen 1918 und 1920 waren organisiert: USPD                                                                127    (46%) KPD                                                                     81(29%) KPD nach 1920                                                    65   (23 %) unbekannt                                                              2 Die Funktionäre, die 1918-1920 der KPD (Spartakusbund) angehörten, waren gegenüber 1927 erheblich vermindert und auch gegenüber dem Gesamt-Führungskorps unterrepräsen- tiert (29 % gegen 33 %). Vor allem betrug der Anteil der »Neu-Kommunisten« (nach 1920 eingetreten) 1929 fast ein Viertel des Führungskorps. Oppositionsgruppen gehörten an (oder hatten angehört): Linke 5 Ultralinke IO Rechte 3 Versöhnler 22 Merker-Gruppe und   Neumann-Gruppe 18 sonstige Gruppen 6 Aus der KPD ausgeschlossen wurden wegen: linker Abweichungen                          - rechter Abweichung                      3 sonstiger Abweichung                   6 nichtpolitischer Gründe                 2 Von diesem Führungskorps des Jahres 1929 wurden nur noch 4 % ausgeschlossen, bzw. tra- ten aus der Partei aus - die Stalinisierung war abgeschlossen. Was die Opposition angeht (25 %), so muß berücksichtigt werden, daß alle Linken, Ultralinken bereits kapituliert hat- ten. Einige Rechte wurden Anfang 1930 ausgeschlossen und die Versöhnler (meist Abge- jo Das Führungskorps ordnete im Reichtstag und den Landtagen) waren gemaßregelt und hatten ihre anderen Funktionen bereits verloren. Gegenüber 1924 und 1927 existierte also schon keine eigent- liche Opposition mehr, sieht man von der späteren Merker-Gruppe (1930) und Neumann- Gruppe (1932) ab. Das spätere Schicksal der Funktionäre: als Opfer Hitlers und des Faschismus umgekommen 61 (22%) als Opfer des Stalinismus umgekommen 34 (l2°/o) als Opfer des Krieges umgekommen 6 ( 2 »/o) bis 1969 verstorben 91 (33°/o) noch am Leben 57 67 (2$’/o) nicht zu ermitteln 16 ( 6%) 34 °/o des Führungskorps von 1929 kamen gewaltsam ums Leben, davon 22% unter Hitler und 12 °/o unter Stalin, der Aderlaß war hier am größten. Von den überlebenden Parteiführern des Jahres 1929 waren nach 1945 organisiert: SED KPD (Bundesrepublik) nicht organisiert SPD andere Parteien verstorben unbekannt 92 (davon später 8 ausgeschlossen) 29 (davon später 4 ausgeschlossen bzw. ausgetreten) 16 '9 2 (davon einer in der Deutschen Partei) in *7 Die Zahl derjenigen, die der SED oder KPD weit höher als 1924 oder 1927. Das ist wohl sierung 1929 fortgeschritten war. Die meisten das auch nach 1945. beitraten, ist beim Funktionärkorps von 1929 kein Zufall, es zeigt an, wie weit die Stalini- Anhänger der Stalin-Politik von 1929 blieben DIE FLUKTUATION IM FÜHRUNGSKORPS Die durch die Stalinisierung hervorgerufenen Veränderungen des Führungskorps zeigen schon die einfachen Zahlen (der ermittelten Personen): 1924 waren 252, 1927 waren 251 und 1929 waren 275 Funktionäre in den entscheidenden Positionen der Kommunistischen Partei Deutschlands. Es blieben jedoch nicht immer die gleichen Personen. Insgesamt waren es 479 Personen, die in den Jahren von 1924 bis 1929 an der Spitze der KPD standen.58 Aber nur 88 Personen waren im gesamten Zeitraum der Stalinisierung (d. h. an allen drei »Stichdaten«: 1924, 1927 und 1929) ständig im Führungskorps. Dagegen waren 268 Per- sonen jeweils an einem Stichdatum (1924 oder 1927 oder 1929) im Führungskorps vertreten. Weitere 123 Personen übten in zwei Zeiträumen eine Spitzenfunktion aus.59 Diese Zahlen belegen, in welchem Maße die Leitungen ausgewechselt wurden. Dabei sind vor allem die 57 Von den 67 Personen gehören 45 der SED, sechs der SPD und einer einer anderen Partei an, fünf sind nicht mehr politisch organisiert, 10 gehörten bis zum Parteiverbot der KPD an. 58 Die restlichen 25 Parteiführer waren nur zwischen den »Stichtagen« in entsprechenden Funk- tionen, sie wurden nur in der Gesamtauswertung der 504 Funktionäre erfaßt. 59 Vgl. Anm. 58. Die Fluktuation 51 Veränderungen des Führungskorps zwischen 1924 und 1929 bemerkenswert: 1924 besetzten 252 Funktionäre die entscheidenden KPD-Positionen, von ihnen gehörten 1929 nur noch 96 Parteiführer dem (275-köpfigen) Führungskorps an, 156, also mehr als 6o°/o, waren ausgeschieden. Allein 105 der Parteiführer von 1924 waren 1929 nicht mehr in der Partei, sie waren ausgeschlossen worden oder ausgetreten. Weiter 44 Funktionäre hatten ihre ein- flußreichen Funktionen eingebüßt, und sieben waren verstorben. Die meisten Mitglieder des Führungskorps verloren ihre Positionen in den Jahren 1924 bis 1929. Der Verschleiß an führenden Kadern ist ein charakteristisches Phänomen der Stalinisierung der KPD. Die V eränderungen im Führungskorps 1924-1929 Die starke Fluktuation zeigt, welche Zäsur die Stalinisierung gerade für das Führungskorps war. Zwischen 1924 und 1929 ergaben sich dadurch folgende Strukturänderungen in der Führung: Das Durchschnittsalter der Parteiführer stieg von 35 V2 Jahren (1924) auf 37 Jahre (1929) leicht an. Die Zahl der gelernten Arbeiter im Führungskorps blieb fast konstant, sie stieg von 49% (1924) auf 50% (1929) geringfügig an. Der Prozentsatz der ungelernten Arbei- ter war 1929 wesentlich höher: statt 11 °/o (1924) betrug er am Ende der Stalinisierungs- phase 16%. Umgekehrt sank der Anteil der Akademiker von 9,5% (1924) auf 4% (1929). Am deutlichsten ist die Ausschaltung der Akademiker in der obersten Parteispitze, dem Polbüro, zu erkennen: 1924 noch mit einem Drittel, waren sie 1929 im Polbüro über- haupt nicht mehr vertreten. Die Zahl der »Berufsrevolutionäre« (d. h. der Personen, die ohne einen Abschluß Oberschulen besucht oder kurz studiert hatten und dann in den Par- teiapparat eintraten) stieg von 4% (1924) auf 5% (1929). Alle übrigen Berufsgruppen (Handwerker, Angestellte, Bauern, Volksschullehrer usw.) blieben im ganzen Zeitraum konstant vertreten. Auch wenn also insgesamt keine entscheidenden Veränderungen der sozialen Zusammen- setzung zu verzeichnen sind, so ist doch dieser Trend zur Abwanderung der Intellektuellen und das Ansteigen der ungelernten Arbeiter und »Berufsrevolutionäre« nicht zufällig. Die Zahl der Funktionäre, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg in der sozialistischen Be- wegung organisiert waren, fiel von 61 °/o im Jahre 1924 auf 42 °/o im Jahre 1929, während der Anteil der Funktionäre, die erst nach 1920 direkt zur KPD gestoßen waren von 3 °/o auf 20 °/o anstieg. Das »sozialdemokratische Erbe« konnte also »eingedämmt« werden. Die KPD-Führung von 1924 hatte durch ihre Politik der »Bolschewisierung« bereits diesen Weg beschritten, denn auch sie wollte mit dem »Kampf gegen den Sozialdemokratismus« die sozialistische Tradition ausschalten, vor allem aber im Funktionärkorps neue »bolsche- wistische Führer« heranziehen. August Thalheimer, einer der alten Spartakusführer, hatte vor dieser Politik schon 1924 gewarnt und sie die »Theorie der unbeschriebenen Blätter« genannt: »Die Theorie der unbeschriebenen Blätter enthält folgende Hauptgedanken: Im Westen gibt es noch nirgends reife kommunistische Parteien, die von einem festen und reifen Führerkern geleitet werden. Die bisherige Führergarnitur, die zwar die Kommunistische Partei aufge- baut hat und die Arbeiter in der Kommunistischen Partei sammelte, sei noch stark mit so- zialdemokratischen Traditionen behaftet und nicht geeignet zur bolschewistischen Leitung der Partei. Darum sei es eine unbedingte Notwendigkeit, die Führung der Partei den jünge- ren Elementen, den unbeschriebenen Blättern zu übergeben. Weiße Blätter, noch unbeschrie- ben von sozialdemokratischen Texten, sollen mit kommunistisch-bolschewistischem Text beschrieben werden! Das aber hat selbstverständlich zur Konsequenz, daß die Leitungen der westeuropäischen Parteien mehr als bisher von Moskau beeinflußt werden, daß noch mehr 5 2 Das Führungskorps als bisher öder Schematismus zum Leitstern kommunistischer Politik und Taktik wird. Im wesentlichen sind darin die Grundgedanken der Theorie der unbeschriebenen Blätter ent- halten.«80 Diese »Theorie der unbeschriebenen Blätter« ist in der Periode der Stalinisierung zu einem Teil verwirklicht worden. Doch im Funktionärkorps überwogen nicht nur die Funktionäre ohne sozialistische Tradi- tion, inzwischen hatte sich der Apparat festigen können. Die meisten Funktionäre waren stärker mit dem Apparat verwachsen, da sie ihm inzwischen länger angehörten als die Füh- rer aus früheren Jahren. 1924 waren 40% der Funktionäre unter einem Jahr und 51 °/o von 2 bis 5 Jahren haupt- amtlich tätig, 1929 gehörten 20% dem Apparat weniger als ein Jahr und 33 °/o von 2 bis 5 Jahren an, während 40% (1924 = 4%!) zwischen 5 und 10 Jahren hauptamtlich arbei- teten. Kamen infolge der völligen Umstellung des Apparats durch die Linken 1924 neue Kräfte in den Apparat, so waren die Parteiführer von 1929 weit fester mit dem Apparat verwachsen, allerdings nicht (wie etwa das Führungskorps von 1927) mit dem alten sozial- demokratischen Apparat vertraut, sondern allein mit dem jungen kommunistischen. 1924 kamen 62% des Führungskorps aus der USPD und nur 33% aus der KPD. 1929 waren es noch 46 % die aus der USPD, und 29 °/o die aus der KPD kamen. Vom Führungs- korps des Jahres 1929 hatten überdies 23 °/o zwischen 1918 und 1920 weder der USPD noch der KPD angehört (1924 = 5 °/o). Die Absicht der linken Führung von 1924, die Tradition des »Luxemburgismus« zu brechen, war weiter verfolgt und verstärkt worden. Waren vom Funktionärkorps 1924 59% später in einer oppositionellen Fraktion, so be- kannten sich nur 25 °/o der Parteiführer von 1929 zu einer Oppositionsgruppe bzw. waren oppositionell tätig gewesen und hatten vor 1929 kapituliert. Vom Führungskorps 1924 wur- den 42% aus der KPD ausgeschlossen, vom Führungskorps 1929 nur noch 4%. Bei den Funktionären, deren späterer Lebenslauf bekannt ist, ergibt sich: 12% der Führung von 1924 wurden Opfer des Nationalsozialismus, 9 °/o des Stalinismus. Beim Führungskorps von 1929 war der Aderlaß größer: 22% dieser Funktionäre fielen dem Nationalsozialismus und 12% dem Stalinismus zum Opfern Während sich nach 1945 die Hälfte der Überleben- den des Führungskorps von 1924 der KPD-SED anschlossen, taten den gleichen Schritt 8o°/o der Führer von 1929.60 61 Die Fluktuation des Führungskorps, die Auswechselung der Kader war im Sinne des Stali- nismus durchaus folgerichtig, auch wenn sie die erstrebten Ziele nicht völlig erreichte. Die starke Fluktuation war aber nicht nur in der Spitzenführung, sondern im Funktionärkorps 60 Zitiert in: Ernst Böse, Wahnsinn oder Verbrechen? Am Grabe des Kommunismus. Bernburg o.J. (1925), S. ii f. 61 In den letzten 40 Jahren hat sich die Zusammensetzung des Führungskorps der deutschen kommu- nistischen Bewegung natürlich noch stärker verändert. Vergleicht man die KPD-Führung 1924/1929 mit der SED-Führung 1968 (ZK-Mitglieder der SED, Regierung und Staatsrat der DDR), so er- geben sich bemerkenswerte Unterschiede. Das Durchschnittsalter der Führung ist von 35 Jahren (1924) auf 53 Jahre angestiegen. Frühere Arbeiter und Handwerker stellten 1924-1929 über zwei Drittel des Führungskorps, bei der heutigen DDR-Führung umfaßt diese Gruppe nur noch 50%, dagegen stiegen die Angestellten von io°/o auf 2o°/o und die intellektuellen Berufe von 15% auf 30% Vor allem aber hat sich die Dauer der Tätigkeit im Apparat verlängert: Während die Mitglieder des KPD-Führungskorps 1924-1929 zu 95% weniger als 10 Jahre im hauptamtlichen Apparat tätig waren, sind in der SED-Führung nur 10% weniger als 10 Jahre Apparatfunktionäre, aber 6o°/o sind zwischen 10 und 20 Jahren, 20% zwischen 20 und 40 Jahren und io°/o sogar über 40 Jahre hauptamtlich im Parteiapparat tätig. Die Tendenz der Stalinisierung nach 1929 hat sich verstärkt fortgesetzt. Die Fluktuation 53 auf allen Ebenen sowie in der Mitgliedschaft festzustellen. So ergibt sich bei den KPD-Kan- didaten für die Wahlen zum Reichstag und zum preußischen Landtag von 1924 und 1930 folgendes Bild: Die KPD stellte für die Reichstagswahlen im Mai und Dezember 1924 und die preußische Landtagswahl im Dezember 1924 insgesamt 989 Personen als Kandidaten auf.61 62 Bei den Wahlen zum Reichstag und zum preußischen Landtag im Mai 1928 nomi- nierte die KPD 816 Personen, doch darunter waren nur noch 218 Kandidaten aus dem Jahre 1924, drei Viertel der alten Kandidaten wurden nicht mehr aufgestellt.63 Ein noch drasti- scheres Ergebnis zeigt ein Vergleich zwischen den Reichstagswahlen vom Mai 1924 und Sep- tember 1930: Nur 42 Personen (nicht einmal io°/o!) von den 484 Kandidaten des Jahres 1924 befanden sich noch unter den 605 Kandidaten des Jahres 1930.64 Bei den gewählten Abgeordneten ist das Verhältnis zwar etwas besser, von den 62 Abge- ordneten des Jahres 1924 gehörten auch 15 wieder der (77 Personen umfassenden) KPD- Fraktion des Reichstags von 1930 an, damit hatte aber auch nur ein Viertel das Mandat behalten.65 Die KPD versuchte, die Instabilität des Führungskorps zu überdecken, indem sie vor allem ihren Führer Thälmann herausstellte. Der Kult um Thälmann, der seit 1925 als Personifika- tion der Parteiführung erschien, war unter diesem Aspekt ein Integrationsfaktor. Dabei hatte 1924/25 durchaus die Möglichkeit bestanden, auch einen anderen ehemaligen Arbeiter aus den Reihen der Linken zum Symbol der Parteiführung aufzubauen, etwa Paul Schlecht oder Ottomar Geschke aus Berlin, Wilhelm Florin, Max Schütz oder Wilhelm Schwan aus dem Ruhrgebiet. An Format übertraf Thälmann diese Parteiführer kaum. Thälmanns Auf- stieg wurde nicht nur durch seine Ergebenheit gegenüber der Sowjetunion begünstigt, son- dern noch mehr durch die Tatsache, daß er 1925 als Präsidentschaftskandidat und als Vorsit- zender des RFB populär war. Trotzki sah 1929 im Aufstieg Thälmanns eine Folgerichtig- keit, die aber mehr dessen Typ als die Person Thälmanns traf: Brandler bereitete Maslow vor, wie Maslow Thälmann vorbereitet hat, »der alle Fehler Brandlers und Maslows ver- einigte und seine eigenen hinzufügte, die aus bürokratischer Dummheit und prahlerischer Unwissenheit hervorgingen.«66 Inmitten der Fluktuation des Führungskorps war Thälmann von 1924 bis 1933 der ruhende Pol, der Kontinuität ausstrahlte. Thälmann schien dafür als Renommierproletarier und Stalins treuer Anhänger nicht nur am besten geeignet, er war von diesem Platz auch nicht mehr zu verdrängen. Die Führungskrisen und der Verschleiß der Funktionäre wurden offiziell mit der Überwin- dung des Sozialdemokratismus im Führungskorps gerechtfertigt. Die Komintern wollte sich endlich auf die neue, »im Bürgerkrieg herangewachsene Generation« verlassen können. Bei den alten Funktionären mußten immer wieder »sozialdemokratische Rückfälle« und oppor- tunistische Fehler befürchtet und festgestellt werden. Diese Gefahr sah die Komintern vor 61 Alle Personen, die mehrfach als Kandidaten aufgestellt wurden, sind hierbei nur einmal erfaßt. Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 315 I. Die Wahlen zum Reichstag am 4. Mai 1924. Berlin 1925, S. 23 ff. - Bd. 315 III. Die Wahlen zum Reichstag am 7. Dezember 1924. Berlin 1925, S. 22 ff. - Preußische Statistik, Bd. 278. Die Wahlen zum preußischen Landtag vom 7. 12. 1924, Berlin 1925, S. 15 ff. 63 Statistik des Deutschen Reiches. Bd. 372, Die Wahlen zum Reichstag am 20. Mai 1928. Berlin 1930, S. 23 ff. - Preußische Statistik. Bd. 293. Die Wahlen zum preußischen Landtag am 20. Mai 1928. Berlin 1929, S. 19 ff. 64 Statistik des Deutschen Reiches, Bd. 315 I, a.a.O. (Anm. 62), S. 23 ff. - Statistik des Deutschen Reiches. Bd. 382 I, Die Wahlen zum Reichstag am 14. 9. 1930 (5. Wahlperiode). Berlin 1932, S. 26 ff. 65 Reichstags-Handbuch. II. Wahlperiode 1924. Berlin 1924, S. 535 f. - Reichstags-Handbuch. V. Wahlperiode 1930. Berlin 1930, S. 208 ff. 66 »Die Aktion«. Hrsg. Franz Pfemfert. Heft 5-8. Ende September 1929. 54 Das Führungskorps allem in Deutschland: »Die alte Generation der führenden Parteikaders in Deutschland ist aus dem linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie hervorgegangen und gerade deshalb, weil sie bereits vor dem Kriege linke Sozialdemokraten waren, in der Opposition dem so- zialdemokratischen Zentrum gegenübergestanden haben, hat die Mehrzahl dieser Genossen nach dem Eintritt in die Kommunistische Partei es nicht für nötig gehalten, ihre alten An- schauungen radikal umzuwerfen, haben sie es nicht verstanden, daß sie nicht wirkliche Bolschewiki sind, daß ihnen noch viele sozialdemokratische Eigenheiten anhaften.«67 Während der Stalinisierung sollte dieser Führertyp aus der KPD ausgemerzt werden. Mit Ernst Thälmann, einem ungelernten Arbeiter als Repräsentanten der Partei, wollte man sich von der SPD abheben. Zwar kam auch Thälmann aus der Sozialdemokratie, er vertrat aber den emotionalen Radikalismus der USPD und nicht den politischen rationalen Radika- lismus des Spartakusbundes, in seiner Person wurde so auch die erwünschte Wandlung des Führungskorps demonstriert. Zusammenfassend ist über das Führungskorps der Kommunistischen Partei während der Stalinisierung zu sagen: Die große Mehrheit der führenden Funktionäre der KPD in den zwanziger Jahren setzte sich aus Arbeitern zusammen, zumeist aus qualifizierten Arbei- tern. Durch die Stalinisierung wurden die Intellektuellen zunehmend aus der Führung ver- drängt.68 Die ungelernten Arbeiter und jene Personen, die nach dem Besuch einer höheren Schule oder einigen Semestern Studium ohne Berufsabschluß direkt in den KPD-Apparat kamen (»Berufsrevolutionäre«), drangen stärker in die Parteileitung vor. Die geistige und nicht zuletzt die materielle Abhängigkeit dieser Personen von der Partei und besonders von der Komintern (und damit die Bereitschaft, die geforderte Politik durchzuführen) war ein wichtiger Faktor, der die Stalinisierung begünstigte. Das Führungskorps der KPD war erstaunlich jung. Kaum durch familiäre Bindungen ge- hemmt, unbelastet von zur Vorsicht mahnenden Erfahrungen und von Traditionen nicht zermürbt, waren die Funktionäre auch jung genug, um ebenso arbeitsam wie fanatisch die Partei mitzureißen. Für den Prozeß der Stalinisierung war es noch wesentlicher, daß die so- zialistische und spartakistische Tradition durch die Machtübernahme der jungen, sogenann- ten »unbeschriebenen Blätter« mehr und mehr verlorenging und der Bolschewismus alleiniges Vorbild der KPD wurde. Die Fluktuation in der Gesamtpartei machte das Funktionärkorps für die Existenz der KPD doppelt wichtig. Um die Partei zu stabilisieren und sie für ihre Aufgabenstellung intakt zu halten, mußte zunächst das Funktionärkorps umgewandelt werden. Die Auswechselung der Parteiführer war dazu der erste Schritt. Diese Stalinisierung des obersten Führungskorps war - wie die Zahlen über Ausschlüsse, Oppositionsgruppen usw. zeigen - 1929 im wesent- 67 »Die Kommunistische Internationale«. Jg. 1926, S. 238. 68 Bei dieser Gelegenheit muß auch einer anderen - vor allem wohl von der Goebbels-Propaganda verbreiteten - falschen Vorstellung widersprochen werden. Es handelt sich um die Rolle der Juden in der KPD-Führung. Zunächst ist festzuhalten, daß für die KPD als atheistische Partei die Religionszugehörigkeit keine Bedeutung hatte (alle 504 Führer waren - mit Ausnahme Heydemanns - aus der Kirche ausgetreten) und die »Rassenfrage« in einer sozialistischen Bewegung natürlich als Nonsens galt. In der Tat war aber der Anteil von »Juden« im Führungskorps relativ gering, stärker nur bei den 32 Polbüromitgliedern (25%). Insgesamt waren von 504 erfaßten Funk- tionären nur 34 Juden (fraglich ist es bei weiteren 21 Personen), d.h. daß weniger als io°/o der KPD-Führer Juden waren. Die Zahl sank von 20 im Führungskorps von 1924 auf 13 im Füh- rungskader des Jahres 1929 ab. Lediglich im Polbüro hatten sie mit vier von neun Polbüromit- gliedern im Jahre 1924 den höchsten Anteil erreicht. Daß der Kampf gegen die Intellektuellen nach 1924 teilweise (wenn auch verschleiert) antisemitische Züge trug, wurde an anderer Stelle ausgeführt. Die Fluktuation 55 liehen abgeschlossen. Erst im Anschluß daran konnte die KPD-Führung auch mit der Aus- wechselung des unteren Funktionärkorps beginnen. Das spätere Geschick der Mitglieder des Führungskorps reflektiert zugleich die Tragödie des deutschen Kommunismus: viele Funktionäre wurden ein Opfer des Nationalsozialismus, nicht wenige kamen aber auch als Opfer des Stalinismus ums Leben. VI. Biographien von 504 Funktionären des KPD-Führungskorps Die bedeutende Rolle der führenden Funktionäre bei der Stalinisierung der KPD läßt es angebracht erscheinen, die Lebensläufe jener Parteiführer, die letztlich die Geschicke der KPD 1924-1929 bestimmten, kurz zu skizzieren. Es braucht wohl nicht begründet zu wer- den, daß solche Arbeit auf mannigfache Schwierigkeiten stieß. Es war nicht einfach, nach vierzig Jahren biographische Angaben von mehreren hundert Funktionären zusammenzu- tragen. Doppelt schwer ist diese Aufgabe, nachdem die Parteiführer in der Zeit des Natio- nalsozialismus illegal untertauchen mußten, in der Zeit der Emigration zerstreut lebten und vielfach spurlos verschwanden. Selbstverständlich sollten Ausführlichkeit und Umfang einer jeden Biographie von Rang und Bedeutung des jeweiligen Funktionärs bestimmt werden, doch war das nicht immer möglich, auch die Materiallage war für den Umfang der Kurz- biographien ausschlaggebend. Hier ist erstmals der Versuch unternommen worden, von mehreren hundert führenden deutschen Kommunisten biographisches Material zu sammeln, das zugleich auch Grundlage der Auswertung des »Führungskorps« bildet. Der Modus für die Auswahl der Personen ist bereits beschrieben (vgl. Abschnitt 1, S. 6 ff). Für die Biographien mußten im allgemeinen eine Vielzahl von Quellen herangezogen, Umfra- gen angestellt und Auskünfte eingeholt werden. Um die Lesbarkeit nicht zu sehr zu stören, wurde darauf verzichtet, jede der Quellen direkt bei der Personendarstellung anzuführen. Alle Quellen sind zusammengefaßt im Anhang der Arbeit wiedergegeben. Hinweise für die Biographien fanden sich vor allem in den Unterlagen der Staatsarchive, in den Hand- büchern der Parlamente, bei der Auswertung der kommunistischen Presse und der Literatur mit biographischen Angaben. Außerdem wurden die entsprechenden Standesämter bzw. Einwohnermeldeämter, Gemeindeämter usw. in der Bundesrepublik und im Ausland be- fragt, die dankenswerter Weise zahlreiche Auskünfte und Hinweise gaben. Obwohl u. a. auch über 100 Standesämter usw. der DDR angeschrieben wurden, erhielt ich von dort nicht eine einzige Auskunft. Hier konnte nur auf biographische Bemerkungen wie bei Ehrungen, Nachrufen usw. der SED-Presse zurückgegriffen werden. Wichtige schriftliche und mündliche Hinweise bekam ich schließlich von einem Teil der noch lebenden ehemaligen Funktionäre selbst bzw. von ihren Angehörigen, außerdem von zahl- reichen Personen, die Funktionäre aus dem Führungskorps kannten und entsprechende Aus- künfte geben konnten. Auch nach Erscheinen dieser Biographien bin ich für weitere Hinweise und Auskünfte dankbar. Es versteht sich, daß die biographischen Angaben jeweils durch mehrere Quellen belegt sind, bei widersprüchlichen Angaben wurde versucht, diese zu klären, wo das nicht möglich war, ist es in der Biographie vermerkt. In Ausnahmefällen ist bei besonders prekären Aus- sagen auch die Quelle direkt benannt. Um die damaligen Funktionäre im Bild vorzustellen,1 i Die Fotos stammen aus Privatbesitz, aus den Bildarchiven Ullstein und Gerstenberg, den Reichs- tag-Handbüchern, dem HStA Düsseldorf und aus dem Archiv Weber. 5 8 Abel/Abusch wurden soweit möglich auch Bilder der Personen beschafft und wiedergegeben; im allgemei- nen stammen die Fotos aus den zwanziger und dreißiger Jahren. ABEL, Karl (geb. 1897) Geboren am 10. Februar 1897 in Obernkir- chen (Wesergebirge), gelernter Schuhmacher. 1916 bis 1919 Soldat. Danach Wander- schaft, seit 1921 Bergarbeiter. Abel trat 1914 der Gewerkschaft, 1916 der Sozialistischen Jugend und 1921 der KPD bei. Von 1924 bis 1932 KPD-Abgeordneter im preußischen Landtag. 1926 von der Preußag entlassen, wurde er hauptamtlicher Funktionär. Bei den Auseinandersetzungen mit der Katz- Gruppe wurde Abel, der immer die Partei- linie vertrat, 192; Gauleiter des RFB Nie- dersachsen. 1927 zunächst Leiter der Arbeiter- buchhandlung in Hannover, dann Sekretär für Gewerkschaftsfragen. Anfang 1929 Org- leiter in der KPD-Bezirksleitung Nieder- sachsen. Im gleichen Jahr schloß ihn die Gewerkschaft wegen der RGO-Politik aus dem Bergarbeiterverband aus. In den letzten Jahren der Weimarer Republik trat er in der KPD etwas in den Hintergrund. 1933/34 Festungshaft, anschließend ließ er sich als orthopädischer Schuhmacher nieder. Wegen seiner kommunistischen Vergangenheit und Verbindung zu Widerstandskreisen kam er 1938 ins KZ Sachsenhausen, wurde 1940 frei- gelassen und als Soldat eingezogen, jedoch 1944 nochmals inhaftiert und 1945 aus dem KZ Sachsenhausen befreit. Er schloß sich wieder der KPD an und zog als Abgeord- neter in den Landtag von Niedersachsen ein. Von November 1946 bis Mai 1947 war Abel Minister für Volksgesundheit und Staats- wohlfahrt in Niedersachsen, anschließend bis Februar 1948 Staatsminister ohne Geschäfts- bereich. Nach seinem Rücktritt wieder als Schuhmachermeister und Schuhhändler tätig, politisch kaum noch aktiv. Abel war 1969 in Obernkirchen wohnhaft; er betätigte sich politisch für die Vereinigung für Frieden und Sicherheit (VFS) und ist Vorsitzender der »Vereinigung der Verfolgten des Nazi- regimes« (VVN) in Niedersachsen. ABUSCH, Alexander (geb. 1902) (Pseud.: Ernst Reinhardt). Als Sohn des Kutschers und späteren Händlers Chaskel Abusch am 14. Februar 1902 in Krakau geboren. Volksschule und kaufmännische Fortbildungsschule in Nürnberg. Nach der kaufmännischen Lehre (1916-1919) kurze Zeit kaufmännischer Angestellter. 1918 Freie Sozialistische Jugend, 1919 KPD. Schon 1919 wurde Abusch Redakteur bei KP-Organen, zunächst der »Nordbayerischen Volkszeitung« in Nürnberg. Nach einem Hochverratsverfahren Flucht nach Thürin- gen und politische Arbeit unter dem Namen »Reinhardt«. Ab 1923 bei der »Neuen Zei- tung« in Jena tätig, dem wichtigsten KP- Organ in Thüringen. Abusch gehörte dem linken Parteiflügel an. Die Ruth-Fischer- Führung übergab ihm Mitte 1924 die Chef- redaktion der »Neuen Zeitung«. Zugleich war er 1924/25 (immer unter dem Namen »Reinhardt«) Mitglied der Bezirksleitung Thüringen. 1925 schloß sich Abusch der ultralinken Opposition (Scholem, Rosenberg, Neubauer usw.) an und war vor allem nach dem »Offenen Brief« der Komintern (September 1925) für die Opposition aktiv. Auf der Konferenz des Kommunistischen Jugendver- bandes Deutschlands am 15. Oktober 1925 trat er als Korreferent gegen das ZK-Mit- glied Dengel auf. Im März 1926 wurde er wegen seiner oppositionellen Haltung als Chefredakteur abgelöst und zum KPD- Pressedienst nach Berlin versetzt. Bis De- zember 1926 arbeitete er noch aktiv für die linke Opposition. Danach wandte sich Abusch/Aenderl 59 Abusch von der Opposition ab, wurde Re- dakteur der »Roten Fahne« in Berlin und schloß sich eng der Thälmann-Gruppe an. Im November 1928 löste er den Versöhnler Stephan als Chefredakteur des »Ruhr-Echo« in Essen ab und gelangte im Rahmen des ultralinken Kurses wieder in die Spitzen- führung. Im Juni 1930 wurde er politischer Redakteur der »Roten Fahne«, einige Mo- nate auch Chefredakteur. Abusch wurde als Neumann-Anhänger im Juni 1932 abgesetzt und im August 1932 erneut Chefredakteur des »Ruhr-Echo«. Im Mai 1933 forderte Abusch das ZK auf, seiner Emigration zustimmen und siedelte ins Saargebiet über. 1934/35 leitete er die »Arbeiterzeitung« in Saarbrücken, danach war er bis 1939 Chefredakteur der illegalen »Roten Fahne«. Nadi Kriegsausbruch in Frankreich interniert, flüchtete er 1940 und konnte über Toulon nach Mexiko entkom- men, wo er Chefredakteur der Zeitschrift »Freies Deutschland« wurde. 1946 kehrte Abusch (zusammen mit Paul Merker) über Wladiwostok nach Deutsch- land zurück und wurde Sekretär des »Kul- turbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands«. 1948-50 Mitglied des Partei- vorstandes der SED. Im August 1950 im Zusammenhang mit der Merker-Affäre aller Funktionen enthoben, war er 1952/53 als Jude und Westemigrant besonders gefährdet und trat erst mit Beginn der Entstalinisie- rung wieder in den Vordergrund. 1954 bis 1958 Staatssekretär im Ministerium für Kultur der DDR, 1958 Minister für Kultur. 1957 ins ZK der SED kooptiert, 1958, 1963 und 1967 als Mitglied gewählt. Seit 1958 Volkskammer-Abgeordneter (Fraktion Kul- turbund!). Seit 1961 Stellvertretender Vor- sitzender des Ministerrats, verantwortlich für Kultur und Erziehung. Abusch veröffentlichte nach 1945 eine Reihe von Büchern, darunter »Schiller, Größe und Tragödie eines Genies«, »Der Irrweg einer Nation« (1947), »Stalin und die Schicksals- fragen der deutschen Nation« (1949), »Li- teratur und Wirklichkeit« (1952). 1967 er- schien ein Sammelband »Literatur im Zeit- alter des Sozialismus« (Aufbau Verlag Ber- lin). Abusch ist Träger mehrerer Orden, dar- unter des »Vaterländischen Verdienstordens« in Gold und des »Karl-Marx-Ordens«. ADLER, Julius (1894-1945) Geboren als Sohn eines Bergmanns am 23. Januar 1894 in Neunkirchen (Saar). Nach der Schulentlassung Metallarbeiter. Zunächst Mitglied einer katholischen Ju- gendorganisation. 1923 Eintritt in die KPD. 1924 Stadtverordneter in Hamborn, 1925 Provinziallandtagsabgeordneter, 1928 bis 1933 Reichstagsabgeordneter. Seit 1930 hauptamtlicher Sekretär des KPD-Unter- bezirks Hamborn, ab März 1932 des Unter- bezirks Dortmund. Am 18. März 1933 wurde Adler verhaftet und bis 11. Januar 1935 im KZ Lichtenburg festhalten. Am 12. Januar 1935 zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis ver- urteilt, danach wieder bis Ende August 1937 in »Schutzhaft«. Nach seiner Entlassung arbeitete Adler als Hilfsarbeiter beim Autobahnbau. Zu 60 °/o kriegsbeschädigt, erhielt er eine Rente von 85 Mark. Bei Kriegsausbruch (1. September 1939) erneut verhaftet, starb er am 3. April 1945 im Vernichtungslager Bergen-Belsen an Flecktyphus. AENDERL, Franz Xaver (1883-1951) Am 25. November 1883 in Steinweg b. Re- gensburg geboren, entstammte einer baye- rischen Bürgerfamilie, seine Vorfahren wur- den schon im 17. Jahrhundert in Rohr (Niederbayern) erwähnt. Aenderl besuchte die Mittelschule und wurde nach der kaufmännischen Lehre Ver- sicherungskaufmann. Während des Krieges Soldat, geriet er in Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg Mitglied und Funktionär der USPD. Hauptamtlicher Parteisekretär der USP ab 1919, Anhänger des linken Parteiflügels. Mit der linken USP Ende 6o Aenderl/Ambs 1920 zur KPD, Delegierter des Spaltungs- parteitags der USP und des Vereinigungs- parteitages KPD-USP. 1921 als Abgeord- neter in den bayerischen Landtag gewählt. In der KPD stand Aenderl auf dem rech- ten Parteiflügel, er wurde aber mit Unter- stützung des KPD-Führers Hollein 1924 erneut als Landtagskandidat aufgestellt und zum Abgeordneten gewählt. Im August 1924 Ausschluß aus der KPD, da er sich gegen die linke Taktik der Ruth-Fischer- Führung wandte. Eintritt in die SPD, für die er bis 1928 sein Mandat beibehielt. 1928 zog er für die SPD erneut in den bayeri- schen Landtag ein, dem er bis 1932 an- gehörte. Er lebte als Schriftsteller in Kulm- bach. 1933 verhaftet und ins KZ gebracht, nach der Freilassung als Tagelöhner beschäftigt. Angebote von nationalsozialistischer Seite wies er schroff zurück, mußte deshalb mit erneuter Verhaftung rechnen und emigrierte im August 1934 in die Tschechoslowakei. 1938 floh er über Polen und Dänemark nach England. Als Journalist an einer Lon- doner Zeitung tätig. 1943 veröffentlichte Aenderl die Broschüre »Bavaria, the pro- blem of German federalism«. 1942/43 sprach er in katholischen Sendungen des Londoner Rundfunks nach Bayern und gründete den »Bavarian circle«, eine unpoli- tische Vereinigung. Auf Wunsch von Ministerpräsident Högner kehrte Aenderl 1946 nach Deutschland zu- rück, er wurde Redakteur an der »Mittel- bayerischen Zeitung« in Regensburg. 1947 erschien die deutsche Ausgabe seiner Bro- schüre »Bayern. Das Problem des deut- schen Förderalismus«. Aenderl, inzwischen aktiver bayerischer Förderalist, wandte sich scharf gegen den »preußischen Militarismus«. 1947 mußte er das Angebot, in Straubing eine eigene Zei- tung herauszugeben, wegen Krankheit ab- lehnen. Er übersiedelte nach Kulmbach. Aenderl war nicht mehr der SPD beigetre- ten, sondern gehörte bis zu seinem Tode der Bayern-Partei an, für die er auch in Kulmbach aktiv war. Er starb am 20. Ok- tober 1951 in Kulmbach. ALEXANDER, Eduard Ludwig, Dr. jur. (1881-1945) Geboren am 14. März 1881 in Essen. Abitur in Essen, Jurastudium in Freiburg, Lausanne und Berlin. Seit 1911 Rechtsanwalt in Ber- lin. 1908 heiratete er die Arzttochter Ger- trud Gaudin, Zeichenlehrerin im höheren Schuldienst, die eng mit Clara Zetkin be- freundet war. Seine Frau leitete später das Feuilleton der »Roten Fahne«, 1925 kam sie ins Frauensekretariat der KI, sie soll während der Stalinschen Säuberungen 1937 verhaftet worden sein; 1968 lebte sie hoch- betagt als SED-Veteranin in Ost-Berlin. Alexander war Gründungsmitglied des Spartakusbundes und der KPD in Berlin. 1921-1925 Stadtverordneter in Berlin. Un- ter dem Pseudonym E. Ludwig 1922 Leiter des kommunistischen Pressedienstes, jahre- lang Wirtschaftsredakteur der »Roten Fah- ne«, auch in der Ruth-Fischer-Ära, obwohl er der Mittelgruppe angehörte. 1929 als Versöhnler abgelöst. 1928-1930 Reichstagsabgeordneter, danach als Versöhnler nicht mehr aufgestellt. Im August 1931 wählte ihn die Gemeinde Boizenburg (Mecklenburg) mit 1752 Stim- men der KPD und SPD gegen den Vertreter der NSDAP (1625 Stimmen) zum Bürger- meister. Da die mecklenburgische Regierung die Bestätigung verweigerte, konnte er die- ses Amt nicht ausüben. Nach 1933 betätigte sich Alexander als Schiedsmann in Handelsangelegenheiten bei der deutsch-russischen Handelsgesellschaft. Am 22. August 1944 wurde Alexander ver- haftet. Er kam am 1. März 1945 auf dem Transport vom KZ Sachsenhausen ins KZ Bergen-Belsen ums Leben. AMBS, Hans (1898-1962) Als einziges Kind eines Schlossermeisters am 5. Juni 1898 in Augsburg geboren, erlernte Ambs/André 61 Ambs das Bauschlosserhandwerk. Nach ein- jähriger Gesellenzeit im März 1917 als Ma- trose eingezogen. Ausbildung bei der i. Werft-Division in Kiel, danach Dienst in der Mittelmeer-Halbflottille. Im Oktober 1918 Rückkehr nach Kiel. Die Matrosen- erhebung hatte auf Ambs’ ferneres Leben entscheidenden Einfluß, er trat im Januar 1919 der USPD und im Januar 1920 der Gewerkschaft bei. Seit 1919 war er in Rostock auf verschie- denen Werften als Schlosser tätig. 1920 mit der linken USP Übertritt zur KPD. 1923 besuchte Ambs für drei Monate die Partei- schule der KPD in Jena, im Februar 1924 wurde er in den Mecklenburg-Schweriner Landtag gewählt. Ambs gehörte zum linken Flügel der Partei. Nach dem »Offenen Brief« 1925 war er aktiv für die linke Opposition tätig, deshalb wurde er am 20. August 1926 aus der KPD ausgeschlossen. Er hielt Verbindung mit den linken Grup- pen (Leninbund usw.), war aber politisch nicht mehr aktiv. Nach dem Besuch von Abendschulen bestand er 1930 die Meisterprüfung. Er verzog nach Berlin, wo er bei verschie- denen Firmen arbeitete, bis er 1942 eingezo- gen wurde. Bei Kriegsende Stabsgefreiter. 1945 Übersiedlung nach Eckernförde, wie- der Mitglied der KPD. 2. Vorsitzender der Gewerkschaft Metall in Eckernförde, stell- vertretender Landrat und 1946 von der Be- satzungsmacht ernannter KPD-Landtagsab- geordneter in Schleswig-Holstein. 1946/47 Mitglied des Zonenbeirats der britischen Zone zur Neugliederung der Länder. 1949 verließ Ambs die KPD wegen er- neuter Differenzen und trat im Mai 1950 zur SPD über. Im Oktober 1953 wurde er Bevollmächtigter der IG Metall, Verwal- tungsstelle Nordenham. Ambs starb am 8. Oktober 1962 in Nor- denham. ANDRÉ, Edgar (1894-1936) Am 17. Januar 1894 in Aachen geboren, verbrachte André seine Jugend als Waise in Belgien, wo er sich der »Jungen Sozialisti- schen Garde« anschloß. Nach der Schul- entlassung Arbeiter. Im Krieg deutscher Sol- dat, geriet er in französische Gefangen- schaft. Nach dem ersten Weltkrieg Rückkehr nach Deutschland, SPD-Mitglied in Hamburg. Hafenarbeiter. 1923 Übertritt zur KPD. Bereits 1924 spielte André eine führende Rolle bei Erwerbslosendemonstrationen. Leiter des RFB Wasserkante, Mitglied der KP-Bezirksleitung und von Oktober 1927 bis 1933 Abgeordneter der Hamburger Bür- gerschaft. Ab 1930 auch Stadtverordneter in Cuxhaven. Nach dem Verbot des RFB (1929) leitete André die illegale Organi- sation. 1931 wurde auf ihn ein Mord- anschlag verübt, dem der kommunistische Funktionär Ernst Hennig zum Opfer fiel. 1932 arbeitete André einige Zeit für die KP in Frankreich. Nach dem Reichstagsbrand wurde André am 5. März 1933 verhaftet und für die Zusammenstöße zwischen SA und RFB in Hamburg verantwortlich gemacht. Drei Jahre hindurch mußte er schwere Mißhand- lungen erleiden, weil ihn die SA als angeb- lichen Juden (er war »Arier«) besonders haßte. Am 10. Juli 1936 verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht André we- gen »mehrfachen Mordes« zum Tode, ob- wohl die Mehrzahl der Richter zunächst nicht bereit war, dem Antrag des Staats- anwaltes zuzustimmen. Wie verlautet, habe Hitler selbst auf das Todesurteil gedrun- gen. André hielt sich vor Gericht sehr tapfer. In seinem Schlußwort erklärte er: »Meine Herren, der deutsche Dichter Goe- the sagte: >Wer Recht hat und Geduld, dem bleibt der Sieg nicht aus.< Geduld habe ich gehabt. Das beweisen die 40 Monate Haft, schwere Einzelhaft unter den schlimmsten Mißhandlungen. (Der Vorsitzende droht mit Wortentzug.) Recht habe ich auch. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern die Meinung der ganzen Welt. Das beweisen die unzähligen Zuschriften aus allen Län- 61 André/Arendsee dem, die sich hier zu Bergen gehäuft haben. Infolgedessen muß mir auch der Sieg wer- den . . . Meine Herren, wenn der Ober- staatsanwalt auch Ehrverlust beantragt hat, so erkläre ich hier: Ihre Ehre ist nicht meine Ehre und meine Ehre ist nicht Ihre Ehre. Denn uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen, uns trennt eine tiefe Kluft. Sollten Sie hier das Unmögliche möglich ma- chen und einen unschuldigen Kämpfer zum Richtblock bringen, so bin ich bereit, diesen schweren Gang zu gehen. Ich will keine Gnade! Als Kämpfer habe ich gelebt und als Kämpfer werde ich sterben mit den letzten Worten: >Es lebe der Kommunismus !<« Trotz zahlreicher Proteste aus dem Aus- land wurde André in Gegenwart von 75 politischen Mitgefangenen am 4. November 1936 mit dem Handbeil enthauptet. Seine Frau, Martha, war ebenfalls einige Zeit inhaftiert, sie emigrierte später und lebte nach 1945 als Veteranin der SED in Berlin. Man verlieh ihr die Clara-Zetkin- Medaille, sie starb am 22. Oktober 1966. ANGERMEIER, Heinrich (1884-1945) In Groß-Zimmern (Hessen) am 5. April 1885 geboren, entstammte Angermeier einer Bauernfamilie. Schon sein Vater war So- zialist gewesen. Im Krieg wurde Angermeier schwer ver- wundet. Er stieß 1920 zur KPD. 1924 Ab- geordneter des hessischen Landtages, in dem er sich als Experte für Agrarfragen einen Namen machte. Mitglied der Unterbezirks- leitung Darmstadt. 1927 erneut in den Landtag gewählt. Nach dem Ausscheiden von Galm (1929) verließ Angermeier als »Rechter« die KPD und führte sein Mandat für die KPO weiter. Auch 1931 kandi- dierte er auf der Liste der KPO für die hessischen Landtagswahlen. Er war kein hauptamtlicher Funktionär, sondern stets als Landwirt tätig. 1933 verhaftet, war er über ein Jahr im KZ. Bis 1944 wieder Landwirt in Groß- Zimmern. Im August 1944 wurde er erneut verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, wo er am 22. Februar 1945 ums Leben kam. APELT, Fritz (geb. 1893) Am 4. Februar 1893 in Tiefenfurt (Thü- ringen) geboren, gelernter Schlosser. 1911 SPD-Mitglied, nach dem Kriege KPD. 1924 Redaktionsmitglied der »Roten Fahne«, für die er ab Mai 1924 als verantwortlicher Re- dakteur zeichnete. Im September 1924 ver- haftet, Ende 1924 zu einem Jahr Festung- haft verurteilt. 1925 übersiedelte Apelt nach Moskau, wo er im Apparat der RGI arbeitete und 1928 dort für Jugendfragen verantwortlich war. 1929 Rückkehr nach Deutschland, Chef- redakteur des »Thüringer Volksblatts«. Später Redakteur in Erfurt und Mann- heim. Nach 1933 zunächst illegale Arbeit als »Oberberater West«, dann KZ Kislau und Heuberg. Nach der Flucht ins Ausland, Parteiarbeit in Frankreich, der Schweiz und endlich in der Sowjetunion. Mitglied des »Nationalkomitees Freies Deutschland«. 1945 Zweiter Vorsitzender des FDBG in Sachsen. 1950 Nachfolger von Jakob Wal- cher als Chefredakteur der FDBG-Zeitung »Tribüne«. In den Bundesvorstand des FDGB gewählt. 1951 Vorsitzender des »Verbandes der deutschen Presse«, 1954 Staatssekretär im Ministerium für Kultur, 1958 trat Apelt in den Ruhestand, er lebte 1969 als »Parteiveteran«, Mitglied der Kommission für Presse und Funk der Liga für Völkerfreundschaft, ausgezeichnet mit dem »Vaterländischen Verdienstorden« in Bronze (1955) und dem »Banner der Ar- beit« (1965), in Wandlitzsee bei Bernau. ARENDSEE, Martha (1885-1953) Geboren am 29. März 1885 in Berlin als Tochter eines Schriftsetzers. Buchhalterin. 1906 SPD. Später als Heimarbeiterin tätig. Nach einer Operation ab 1903 schwer kör- Arendsee/Aschenbrenner 63 perbehindert. Von 1907-1916 verantwort- lich für die Frauenarbeit der SPD in Berlin. Sie war Teilnehmerin der internationalen Frauenkonferenz in Bern 1915. 1917 Über- tritt zur USPD, Abgeordnete dieser Partei in der Preußischen Landesversammlung 1919-1921. Nadi der Spaltung der USP im Oktober 1920 Mitglied des ZK der linken USP. Mit der linken USPD im Dezember 1920 zur KPD, die sie 1921-1924 im preu- ßischen Landtag und ab Dezember 1924 im Reichstag vertrat. Zunächst in der Frauenarbeit der KPD tä- tig, zeichnete Martha Arendsee 1922/24 für die Zeitschrift »Die Kommunistin« ver- antwortlich. Dann war sie Redakteurin an der Zeitschrift »Proletarische Sozialpolitik«. Auf dem VIII. KPD-Parteitag 1923 in die Gewerkschaftskommission gewählt. Seit 1925 vor allem in der IAH tätig, deren Vorstand sie angehörte. 1930 wegen ihrer Sympathie für den rechten Parteiflügel nicht mehr für den Reichstag nominiert. 1933 verhaftet. Nach der Freilassung 1934 emigrierte sie zusammen mit ihrem Mann, Paul Schwenk, in die Sowjetunion, wo Schwenk während der Stalinschen Säube- rung einige Zeit inhaftiert war. Martha Arendsee war beim Moskauer Sender tätig. 1945 Rückkehr nach Ostberlin, wo sie den ersten Aufruf des ZK der neugebildeten KPD vom Juni 1945 unterschrieb und da- nach noch einige Zeit in der Frauenarbeit der KPD-SED tätig war. M. Arendsee war Mitglied des 1. Parteivorstandes der SED, aber schon auf dem II. Parteitag der SED im September 1947 wurde sie nicht wieder- gewählt. Sie leitete als Vorsitzende die So- zialversicherungsanstalt Berlin. Martha Arendsee starb am 22. Mai 1953 in Ost-Berlin. ARGUS, Rudolf (1888-1969) Rudolf Martin Argus wurde am 17. De- zember 1888 in Reudnitz (Thüringen) ge- boren. Übersiedelte 1912 nach der Lehrer- ausbildung nach Bremen, arbeitete als Volksschullehrer. Während des Krieges schloß er sich den »Bremer Linksradikalen« an, seit Gründung der KPD Mitglied der Partei. Argus wurde 1921 für die KPD in die Bürgerschaft gewählt, er war einer der Hauptredner der KPD in diesem Parla- ment und Mitglied der BL Nordwest. Im November 1923 und Dezember 1924 wie- dergewählt, schied er 1927 aus der Bürger- schaft aus. Argus zog sich von der Partei- arbeit zurück. 1933 blieb er zunächst Lehrer. Argus trat der SA bei. Später pensioniert, übersiedelte er 1941 nach Füssen (Allgäu) und anschlie- ßend ins Rheinland. Nach 1945 politisch nicht mehr tätig, lebte Argus in Siegen, wo er am 16. Januar 1969 starb. ASCHENBRENNER, Rosa (1885-1966) Rosa Lierl, am 27. April 1885 in Beiln- gries (Bayern) als Tochter eines Uhrma- chers, der auch eine Landwirtschaft betrieb, geboren; arbeitete 12 Jahre als Dienstmäd- chen. Sie heiratete 1909 den Arbeiter Aschenbrenner und trat nach der Heirat der SPD bei. Sie war ab 1917 in der USPD sehr aktiv, stand auf dem linken Flügel der Partei und war Delegierte des Vereini- gungsparteitages mit der KPD im Dezem- ber 1920 sowie des KPD-Parteitages in Jena 1921. Ab 1921 vertrat sie die KPD im bayeri- schen Landtag. In der Bezirksleitung Süd- bayern war sie anfangs für die Frauen- arbeit, nach 1925 für die Kasse verantwort- lich. 1924 und 1928 erneut in den Landtag gewählt, geriet sie jedoch in Konflikt mit der Partei, nachdem 1928 der ultralinke Kurs einsetzte. 1928 Verwarnung, weil sie gegen die EKKI-Beschlüsse stimmte. Am 11. Juni 1929 erklärte Rosa Aschen- brenner in einer Stellungnahme vor dem Landtag gegen die »Katastrophenpolitik« der KPD-Führung ihren Austritt aus der Partei. Sie hatte es abgelehnt, in Versamm- lungen die offizielle Parteilinie zu vertre- Aschenbrenner/Bachmann ten. Sie weigerte sich, »unter der derzeiti- gen Parteiführung mit ihrem verderblichen politischen Kurs« ihr Mandat niederzulegen und trat der KPO bei. Ihr Ehemann Hans wurde im Juli 1929 aus der KPD ausge- schlossen, da er sich mit seiner Frau soli- darisiert hatte. Von der KPD-Presse als »politischer Leichnam« beschimpft, trat sie im Mai 1932 zur SPD über und behielt ihr Mandat bis zum Ende der Legislaturperi- ode bei. 1938 wurde sie verhaftet und wegen Ab- hörens feindlicher Sender zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. 1945 Mitbegründerin der SPD in München und Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung. Von 1946 - 1948 SPD-Ab- geordnete im bayerischen Landtag, bis 1956 im Münchener Stadtrat. Frau Aschenbren- ner stand auf dem linken Flügel der SPD. Sie starb am 9. Februar 1966 in München. AUSLÄNDER, Fritz, Dr. phil (1885 bis 1943) Am 24. November 1885 in Königsberg als Sohn des Kaufmanns Alexander Traugott A. geboren. Besuch des Altstädtischen Gym- nasiums in Königsberg, dann Studium in Königsberg. Als Philologiestudent Mit- glied der SPD. Kurze Zeit Referendar in Königsberg und Breslau, dann Studienrat in Hamburg, Marburg und Berlin. Hier schon vor dem I. Weltkrieg Angehöriger des lin- ken Flügels der SPD und enger Freund Liebknechts. 1914 Mitbegründer der Gruppe »Internationale« und Herausgeber von Schulungsmaterialien der Linken im Kreis Niederbarnim. 1914 bis November 1915 Kriegsteilnehmer. Nach Rückkehr in Berlin für den Sparta- kusbund aktiv. Seit Gründung der Partei Funktionär der KPD, vor allem im Bil- dungswesen der Partei tätig. In den zwanziger Jahren Studienrat in Berlin, unbesoldeter KPD-Stadtrat. Seine geistige Haltung umschrieb er so: »Die proletarische Diktatur ist der Hebel, um den Weg frei zu machen für das Neue, das im Schoß der Gesellschaft herangereift ist. Daher bekenne ich mich gerade auch als Historiker und Pädagoge zur Kommuni- stischen Weltpartei.« 1924 Sekretär der Reichsfraktion kommunistischer Lehrer, 1928 Abgeordneter des preußischen Land- tags. Als »Versöhnler« stellte ihn die KPD 1932 nicht mehr als Kandidat zum Landtag auf. 1932 trat Ausländer aus Protest gegen die ultralinke Haltung der Partei aus der KPD aus. 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes von SA-Männern verhaftet, bis Juni 1935 Zuchthaus Sonnenburg und KZ Esterwegen. Verdiente seinen Lebensunterhalt dann durch Adressenschreiben, da ihm die zu- stehende Pension wegen seiner kommunisti- schen Vergangenheit verweigert wurde. Später Ausländskorrespondent bei der »Deutschen Buch-Gemeinschaft« Berlin. Bei Kriegsausbruch an seiner Arbeitsstelle erneut verhaftet. KZ Sachsenhausen und nach Selbstmordversuch im »Horst-Wessel- Krankenhaus« Weihnachten 1939 entlassen. Dr. Ausländer nahm sich am 21. Mai 1943 aus Angst vor erneuter Verhaftung das Le- ben. Seine Witwe und seine Tochter, die Lehrerin ist, leben heute in der Bundes- republik. BACHMANN, Otto Karl (1887-?) Geboren am 8. Februar 1887 in Hintersee Krs. Torgau, Bauarbeiter. Seit 1908 Sekre- tär des Bauarbeiterverbandes in Breslau, 1919-1921 Vorsitzender des Bauarbeiter- verbandes in Chemnitz. 1918 Mitglied des Soldatenrates in Chemnitz. Seit Gründung der Partei in der KPD aktiv. Auf dem Vereinigungsparteitag mit der USPD im Dezember 1920 gehörte er zur Organisa- tionskommission. 1921 wählten ihn die Mitglieder des kommunistischen »Roten Bauarbeiterverbandes« zu ihrem Sekretär. 1922 zur Zentrale der KPD nach Berlin berufen, Leiter der IG Bau der Gewerk- schaftsabteilung. Von September 1923 bis Bachmann/Bästlein 65 März 1926 (Auflösung) 1. Vorsitzender des (kommunistischen) Verbandes der aus- geschlossenen Bauarbeiter Deutschlands. Ab 1926 war er im Reichsausschuß Revo- lutionärer Gewerkschaften - Mitteleuropä- isches Büro - sowie in der Gewerkschafts- abteilung der Zentrale der KPD tätig. Bachmann arbeitete in der Gewerkschafts- abteilung und in der IAH, bis er im Juni 1927 als erster Kommunist in Deutschland zum Bürgermeister einer Stadtgemeinde (Ölsnitz im Vogtland - 18 000 Einwohner) gewählt wurde. Bachmann gehörte zum rechten Parteiflügel, er solidarisierte sich mit Brandler und wurde deswegen im März 1929 aus der KPD ausgeschlossen. Er trat der KPO bei und war für diese aktiv. Nach 1933 ging er in die Emigration, wo er auch gestorben sein soll. BACKENECKER, Maria (1893-1931) Maria Scharnetzki wurde am 20. März 1893 in Bochum geboren. Sie heiratete den Arbeiter Backenecker, war Hausfrau. 1919 USPD, 1920 KPD, betätigte sie sich 1923/24 aktiv in der kommunistischen Frauenbewe- gung des Ruhrgebiets. Im Mai 1924 wurde sie in den Reichtstag gewählt. Für die Wah- len im Dezember 1924 setzte man sie auf einen aussichtslosen Platz der Kandidaten- liste; sie kam nicht mehr in den Reichs- tag. Maria Backenecker stand auf dem linken Parteiflügel. Nach dem »Offenen Brief« 1925 aktiv für die linke Opposition tätig. Anfang 1927 aus der KPD ausgeschlos- sen. Mitbegründerin des Leninbundes. Sie trennte sich mit den Trotzkisten vom Le- ninbund und leitete die Gruppe Hamborn der Trotzkisten. Maria Backenecker starb am 24. Dezember 1931. BÄSTLEIN, Bernhard (1894-1944) Am 3. Dezember 1894 in Hamburg ge- boren, entstammte einem sozialistischen Elternhaus. Nach der Lehre Feinmechani- ker. 1911 Eintritt in die Sozialistische Ar- beiterjugend. Kurz vor dem Weltkrieg, den er als einfacher Soldat an der Westfront mitmachte, trat er der SPD bei. Nadi dem Krieg schloß er sich 1918 der USPD an und kam mit deren linkem Flügel im De- zember 1920 zur KPD. 1921 wurde er Mit- glied der Hamburger Bürgerschaft. Wegen seiner Teilnahme an den März- kämpfen 1921 von der Polizei gesucht, flüchtete er nach Sowjetrußland, wo er eine deutschsprachige Bauernzeitung redigierte. Nach einer Amnestie kehrte er Anfang 1923 nach Deutschland zurück und wurde Redakteur in Dortmund. 1924 gehörte Bästlein der Mittelgruppe an. Deshalb nach Hagen und später nach Bar- men versetzt. 1926 Redakteur der »Bergi- schen Volksstimme« in Remscheid und Vor- sitzender des Remscheider RFB, 1929 Chefredakteur der Solinger »Bergischen Arbeiterstimme«. Im Oktober 1929 Unter- bezirksleiter der KPD in Düsseldorf. Von Februar 1931 bis Mai 1933 Polleiter des Bezirks Mittelrhein, seit 1932 auch MdL Preußen. 1933 wurde Bästlein verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 20 Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach Ablauf der Strafzeit 4 Jahre KZ (Dachau, Esterwegen und Sachsenhausen). 1939 aus der KZ-Haft entlassen, arbeitete er als Wagenwäscher, dann als Chauffeur in Hamburg und organisierte mit den ehe- maligen KPD-Funktionären Abshagen und Jacob eine bedeutende Widerstands- gruppe. Am 17. Oktober 1942 erneut verhaftet, nachdem er von Gestapobeamten bei einem Fluchtversuch einen Steckschuß erhalten hatte. Im Sommer 1943 wurde er zur Ab- urteilung nach Berlin gebracht. Während eines Luftangriffes konnte er am 30. Januar 1944 aus dem Gefängnis Plötzensee entflie- hen. Er schloß sich der KP-Widerstands- gruppe Saefkow an, wurde aber am 30. Mai 1944 wiederum verhaftet und am 5. 66 Bästlein/Bartels August 1944 zum Tode verurteilt. Zusam- men mit Saefkow wurde Bästlein am 18. September 1944 in Brandenburg hingerich- tet. In einer Niederschrift hatte er am 30. November 1942 erklärt: »Meine illegale Arbeit während des letzten Jahres wurde vorwiegend von zwei Faktoren bestimmt ... Der erste Faktor war meine siebenjäh- rige Haft von 1933-1940 - davon vier Jahre Konzentrationslager -, während der ich entsetzliche Dinge erlebt, gesehen und gehört habe. Diese Zeit hat mir jede Mög- lichkeit des Zweifels in bezug auf meine weltanschauliche Grundeinstellung genom- men, denn meine Überzeugung, daß eine Gesellschaftsordnung, in der solche Dinge möglich sind, wie ich sie erlebte, beseitigt werden muß, wurde dadurch grundfest ge- macht, soweit das bisher noch nicht der Fall war. Der zweite Faktor war der 1939 begonnene Zweite Weltkrieg, der in mir alle Erinnerungen an den Krieg 1914 bis 1918 weckte, den ich zwei Jahre als Front- soldat vor Ypern, an der Somme, vor Ver- dun und an anderen Frontabschnitten der Westfront mitmachte. Er verstärkte in mir die Überzeugung, daß, solange die kapita- listische Gesellschaftsordnung besteht, es im- mer wieder zu solchen alle humanitären Regungen der menschlichen Gesellschaft und ungeheure materielle Güter zerstörenden Kriegen kommen wird. . . Diese beiden Faktoren - meine siebenjährige Haft und der Krieg - waren die Triebfeder, die mich zur illegalen Arbeit anregte ...« BARTHEL, Karl (geb. 1907) Geboren am 20. März 1907 in Lohmen bei Pirna, Hilfsarbeiter in Metallbetrieben. 1923 Mitglied der Kommunistischen Jugend und 1926 der KPD. 1929 Abgeordneter des Thüringischen Landtages, 1932 jüngster Reichstagsabgeordneter, Sekretär der BL Hessen-Kassel. Barthel wurde nach dem Reichstagsbrand verhaftet und 12 Jahre lang im KZ festgehalten. Er gehörte zu den ersten Häftlingen, die 1936 das KZ Buchen- wald aufbauen mußten. Zusammen mit Ottomar Geschke war er in Buchenwald (September 1936) der erste politische Stu- benälteste. Mit Hilfe seiner Frau gelang es ihm, Skizzen und Nachrichten über das Leben im KZ nach draußen zu schmuggeln. Daraus entstand später einer der eindrucks- vollsten KZ-Berichte: »Die Welt ohne Er- barmen«, Greifenverlag, Rudolstadt 1946. Nach 1945 lebte Barthel in der Ostzone, Mitglied des SED, ohne politisch besonders hervorzutreten. Mitglied des Stadtrats in Jena. 1969 in Jena wohnhaft, Direktor der Stadtwerke Jena. BARTELS, Wolfgang (geb. 1890) Geboren am 11. Juli 1890 in Hayn (Harz), Sohn des Revierförsters Wilhelm Bartels. Leibniz-Gymnasium in Hannover. Absol- vent der Journalistenhochschule in Berlin. Danach an verschiedenen Zeitungen tätig (Krefelder Zeitung, Frankfurter Zeitung). Im Oktober 1913 wurde Bartels aktiver Soldat. Seit 1914 an der Front; nach einer Verwundung 1916 bei der Fliegertruppe. Bartels gehörte vor dem Weltkrieg der »Demokratischen Vereinigung« an. 1916 nahm er im Reichtstagsgebäude Verbindung mit dem späteren USPD-Führer Wilhelm Dittmann und dem später führenden KAP-Rechtsanwalt Barbasch auf und trat selbst der SPD bei. 1918 während der Revolution zum Vorsit- zenden des Soldatenrates in Doblen (Kur- land) gewählt. Nach der Heimkehr 1919 Mitglied der USPD; zunächst Redakteur der »Hamburger Volkszeitung«, dann der »Leipziger Volkszeitung«. 1920 politischer Redakteur der »Sozialistischen Republik« in Köln. Im Dezember 1920 trat Bartels mit der lin- ken USPD zur KPD über. 1921 während des Abwehrkampfes gegen den rheinischen Separatismus von der belgischen Besatzung einige Monate lang interniert, 1922 von einem deutschen Gericht wegen Beleidigung Noskes zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Bartels/Bassüner 67 1923 kurze Zeit Chefredakteur der »Ar- beiterzeitung« in Saarbrücken, auch dort verhaftet und ausgewiesen. Bartels gehörte zu den Linken um Ruth Fi- scher und Maslow. Nadi dem Frankfurter Parteitag 1924 Chefredakteur der wichti- gen »Hamburger Volkszeitung«. Im Mai 1924 Reichstagsabgeordneter, im Dezember 1924 KPD-Abgeordneter des preußischen Landtags und Mitglied des kommunisti- schen Fraktionsvorstands. In den Ausein- andersetzungen nach dem »Offenen Brief« 1925 war Bartels einer der aktiven Anhän- ger der linken Opposition, als deren Spre- cher er auf dem Essener Parteitag (März 1927) auftrat. Sofort danach erfolgte sein Ausschluß aus der KPD. 1928 gehörte er zu den Mitbegründern des »Leninbundes«, er übernahm die Redaktion des Organs dieser Gruppe »Volkswille«, zu- nächst in Suhl, später (nach dem Übertritt Heyms zur SPD) in Berlin. Zugleich leitete er als Redakteur das theoretische Organ des Leninbundes »Fahne des Kommunismus«. Mitte Januar 1929 trat Bartels zur SPD über und wurde Chefredakteur des Braun- schweiger »Volksfreund«. Er gehörte der SPD-Bezirksleitung Braunschweig an. 1933 verhaftet, anschließend KZ Dachau. Nach der Entlassung 1935 unter Polizeiauf- sicht, 1938 erneut verhaftet und zusammen mit Grotewohl und anderen Sozialdemo- kraten angeklagt; das Verfahren wurde je- doch niedergeschlagen. 1944 nochmals ver- haftet, dann entlassen und noch 1945 zum Militärdienst eingezogen. 1945 trat Bartels wieder der SPD bei. Von der amerikanischen Besatzung zum Lizenz- träger der »Hessischen Nachrichten« in Kas- sel ernannt, schied er 1955 aus der Redak- tion dieser Zeitung aus. Seit 1956 lebt Bartels mit seiner Familie in München. Er gab dort bis 1967 die Zeitschrift »Das Ge- wissen« heraus, ein »unabhängiges Organ zur Bekämpfung der Atomgefahr«. BARTZ, Wilhelm (1881-1929) Geboren am 10. Dezember 1881 in Tanger- münde, Buchdrucker. 1900 trat Bartz in die Gewerkschaft und die SPD ein. 1907 haupt- amtlicher Funktionär der SPD und Redak- teur der »Norddeutschen Volksstimme« in Bremerhaven, dieses Blatt leitete er bis 1919. 1910/ii Besuch der SPD-Parteischule in Berlin. Im Mai 1919 Übertritt zur USPD, Redak- teur der »Arbeiterzeitung« für das Unter- wesergebiet. 1920 zog Bartz für die USPD in den Reichstag ein, dem er bis 1924 an- gehörte. Mit dem linken Flügel der USPD trat er für den Anschluß an die Kommuni- stische Internationale als Delegierter des USP-Spaltungsparteitages ein; kam bei der Verschmelzung im Dezember 1920 zur KPD. Bartz gehörte zu den Führern der KPD in Hannover, er unterschrieb im Streit zwischen der Levi-Gruppe und der Zentrale nach der Märzaktion 1921 eine Erklärung gegen die Zentrale. Doch schloß er sich der KAG nicht an. 1921 Redakteur der »Internationalen Pres- sekorrespondenz« in Berlin. 1922 (gemein- sam mit Koenen) Vorsitzender der kom- munistischen Reichstagsfraktion. 1924 kurze Zeit verhaftet, dann in der Orgabteilung des ZK tätig. 1925 übernahm Bartz die Geschäftsführung der »Roten Fahne«, die er bis zu seinem Tode innehatte. Er vertrat die KPD im Preußischen Staatsrat. Seit 1923 gehörte Bartz zu den Berliner Linken. Auf dem X. Parteitag (1925) war er Schriftführer und Mitglied der Politi- schen Kommission des Parteitags. Nach dem »Offenen Brief« im September 1925 trennte er sich von der Ruth-Fischer-Führung und ging zu Thälmann über. Bartz starb am 18. März 1929 in Berlin. BASSÜNER, Albert (1891-?) Geboren am 25. Januar 1891 in Witten- berg. Arbeiter in den Stickstoffwerken Piesteritz, wo er Mitte der zwanziger Jahre Betriebsratsvorsitzender wurde. 1920 Über- 68 Bassüner/Beck tritt von der USPD zur KPD. Mitglied des Provinziallandtags Merseburg. Auf dem Essener Parteitag (1927) Schrift- führer; als Kandidat ins ZK gewählt. 1928 vertrat Bassüner gemeinsam mit Hausen und Galm den rechten Flügel im ZK der KPD und trat in der Wittorf-Affäre aktiv gegen Thälmann auf. Am 29. Dezember 1928 Ausschluß aus der KPD, weil er sich weigerte, die Forderun- gen des ZK zu akzeptieren. Die Komintern stimmte seinem Ausschluß zu. Bassüner wurde führendes Mitglied der KPO. Gegen den Widerstand der KPD im Februar 1929 wieder Vorsitzender des ADGB in Witten- berg, diese Funktion hatte er längere Zeit inne. 1932 Übertritt zur SAP. Weitere Da- ten seines Lebenslaufs ließen sich nicht er- mitteln. BAUMGÄRTEL, Karl (1899-?) Geboren am 24. Dezember 1899 in De- litzsch. Kaufmännischer Angestellter. Nach der Revolution 1918 schloß er sich der KPD an und übte verschiedene Funktionen aus. Wegen seiner Tätigkeit bei den Unruhen von 1923 am 24. Juli 1924 zu 2 V2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die KPD-Presse fei- erte ihn, weil er noch im Gerichtssaal aus- rief: »Es lebe die KPD, es lebe die Welt- revolution!« Strafverbüßung im Zentralge- fängnis Cottbus. Im März 1926 wurde Baumgärtel amne- stiert. 1927 wählte man ihn - gegen den Protest der »Linken« - zum Agitprop- Sekretär des Bezirks Halle-Merseburg. Mit der Mehrheit dieser Bezirksleitung gehörte er zu den »Versöhnlern« und wurde des- halb Anfang 1929 seiner Funktion ent- hoben. Baumgärtel näherte sich den Rechten. Die KPD-Führung bezeichnete ihn als »Adjutanten Brandlers« und schloß ihn am 25. Februar 1930 aus der Partei aus. Er war aktiv in der KPO und schloß sich 1932 der SAP an. Er war als Lagerhalter in Delitzsch beschäftigt. Weitere Daten sei- nes Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. BAUMGÄRTNER, Friedrich (1897 bis i9S7) Geboren am 14. März 1897 in Dielkirchen. Schon in jungen Jahren Arbeiter bei der BASF Ludwigshafen/Rhein. 1920 KPD- Mitglied. 1923 hauptamtlicher Sekretär des Industrieverbandes der chemischen Arbei- ter, der sich von den freien Gewerkschaften abgespalten hatte. 1924 KPD-Abgeordneter des Bayerischen Landtags. 1925, als der selbständige Che- mie-Verband wieder in die freie Gewerk- schaft übergeführt wurde, Sekretär der KPD. Mit der Mehrheit des Bezirks Pfalz gehörte Baumgärtner zum linken Flügel der Partei (Weddinger Opposition). Nach dem »Offenen Brief« 1925 Nachfolger von Hans Weber als Polleiter der KPD in der Pfalz. Noch auf dem Bezirksparteitag 1927 - ge- gen den Willen des ZK - zum Polleiter wiedergewählt. Am 7. Februar 1928 aus der KPD ausgeschlossen, gehörte er nun zu der von Frenzel geleiteten Oppositions- gruppe der Pfalz, die sich aber im Oktober 1929 von Baumgärtner trennte. Baumgärtner näherte sich wieder der KPD und wurde 1931 Leiter der RGO in Ludwigshafen. 1933 verhaftet und bis April 1934 KZ-Da- chau. Bis 1945 als Schlosser tätig. 1945 Sekretär, dann Landes vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall in Rheinland- Pfalz. KPD-Abgeordneter im Rheinland- Pfälzischen Landtag. 1949 geriet er wegen der Gewerkschaftshaltung der Partei in Konflikt mit der KPD, trat am 20. Februar 1951 aus ihr aus und war bis zu seinem Tode nicht mehr politisch organisiert. Baumgärtner starb am 10. April 1957 in Ludwigshafen an Diabetes. BECK, Hans (1894-1937?) Geboren am 4. Januar 1894 in Erfurt. Feinmechanikerlehre. Während der Lehrzeit Eintritt in die Gewerkschaft, 1913 Mitglied der SPD. 1914 zum Militär eingezogen. Später Mechaniker im Reichsbahnausbes- serungswerk Erfurt. Beck/Becker, Ernst 69 Beck gehörte im Januar 1919 zu den Mit- begründern der KPD in Thüringen. 1919 Mitglied des Betriebsrats. Später in den Zeiß-Werken tätig. 1923 Arbeiterratsvor- sitzender der Zeiß-Werke. 1924 Abgeord- neter des Thüringer Landtags. Ende 1926 Mitarbeiter in der Gewerkschaftsabteilung des ZK. Beck zeichnete mitverantwortlich für die Zeitschrift »Einheit«, die Sozial- demokraten unter den »Arbeiterdelegatio- nen« in Rußland für die KPD gewinnen sollte. Wie die ganze Gruppe um die »Einheit«, war auch Beck Anhänger des rechten Flü- gels der KPD. Im Oktober 1928 aus der Partei ausgeschlossen, dann Mitglied der KPO, deren Reichsleitung er von 1929 bis 1932 angehörte. Beck hatte eine Russin geheiratet, er emi- grierte 1933 selbst in die Sowjetunion. Das letzte Lebenszeichen von ihm stammt aus dem Jahre 1935. Beck wurde Opfer der Stalinschen Säuberung. BECKER, Anton (1883-1965) Geboren am 19. April 1883 in Stoßdorf, Krs. Siegburg als Sohn eines Landarbeiters (»Ackerers«). Zunächst selbst Landarbeiter, dann Lehre und Tätigkeit als Dreher. Vor dem 1. Weltkrieg Übersiedlung nach Ham- burg, Mitglied der SPD. Nach dem Krieg Übertritt zur USP, 1920 mit der linken USP zur KPD. In den zwanziger Jahren lange erwerblos, wurde Becker einer der Führer der Ham- burger Arbeitslosen. 1925 Mitglied der BL Wasserkante, 1926-1931 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. 1931 schied er wegen Differenzen auch aus der BL aus und zog sich von der aktiven Politik zurück. 1943 verzog er von Hamburg nach Dassen- dorf. Nach 1945 lebte er als Rentner in Geesthacht, er war politisch nicht mehr ak- tiv. Becker starb am 12. April 1965 in Geesthacht. BECKER, Arthur (1905-1938) Geboren am 12. Mai 1905 in Remscheid, Sohn des Feilenhauers Walter Becker, eines Sozialisten, der nach dem Kriege der USPD angehörte. Schlosserlehre. 1920 Mitglied der kommunistischen »Freien Sozialistischen Ju- gend«. 1923 Eintritt in die KPD; Organi- sationsleiter und ab Januar 1925 politischer Leiter des Unterbezirks Remscheid des KJVD. Absolvent der Schule der Kom- munistischen Jugendinternationale in Mos- kau. Nach seiner Rückkehr 1926 Leiter des Bezirks Niederrhein der Kommunistischen Jugend. 1929 2. Vorsitzender des KJVD. 1930 jüngster Abgeordneter des Reichs- tags. 1931 einige Monate Vorsitzender des KJVD. Im Frühjahr 1932 für die Fehl- schläge der KJV-Arbeit verantwortlich ge- macht, aus dem ZK des KJVD entfernt und zur Jugendarbeit in der RGO abge- stellt. Im November 1932 wurde Becker wieder »rehabilitiert« und seine Absetzung als Intrige der »Neumann-Gruppe« bezeich- net. Becker übersiedelte nach Moskau und arbeitete im EKKI der Jugendinternatio- nale. 1936 Angehöriger, später Kommissar der XL Internationalen Brigade im Spani- schen Bürgerkrieg. Am 13. April 1938 geriet Becker verwundet in die Gefangen- schaft der Franco-Truppen, die ihn am 16. Mai 1938, vier Tage nach seinem 33. Geburtstag, in Burgos erschossen. BECKER, Ernst (1900-1932) Als Kind einer proletarischen Sozialisten- familie (Karl Albin Bedcer war sein Bruder) 1900 geboren. Schon als Schüler Mitglied der revolutionären Jugendorganisation. Nach dem Krieg in KPD-Organisationen in Hamburg (u. a. in der IAH) tätig. Später Redakteur in Breslau. 1922 wurde Becker zu einem Jahr Festung verurteilt, anschließend arbeitete er im Pressedienst der KPD in Berlin. Nach 1925 Redakteur der KPD-Zeitung in Gotha, Anfang 1927 Chefredakteur der Solinger »Bergischen Arbeiterstimme«. 70 Becker, Ernst/Becker, Karl Becker stand auf dem reckten Flügel der Partei. Auf dem Bezirksparteitag Nieder- rhein setzte er sich schon im Februar 1927 für die rechte Gruppe um Böttcher ein. Nach der Wittorf-Affäre 1928 als Rechter entlassen und im Dezember 1928 aus der KPD ausgeschlossen. Ernst BecKer trat der KPO bei und gab seit April 1929 den »Klassenkampf« in Düssel- dorf heraus, später war er Gewerkschafts- redakteur des KPO-Organs »Arbeiter- politik«. Becker starb am 1. Juli 1932 an einem Herzleiden. Seine Frau, die kommunistische Funktio- närin Martha Moritz (geb. 16. Juni 1904 in Hamburg, Kontoristin), kam als Emi- grantin bei den Stalinschen Säuberungen ums Leben. BECKER, Gesine (1888-1968) Gesine Bolte, geboren am 16. April 1888 in Meinershausen, war Arbeiterin. 1910 Mitglied der SPD. Über die »Bremer Links- radikalen« kam sie zur KPD, deren Vor- stand sie in Bremen bereits 1919 angehörte. Ihr Mann, Gottfried Becker, war 1921 Lei- ter der Bremer KPD. 1921 war Frau Bek- ker Delegierte des Jenaer Parteitags. 1923/ 24 arbeitete sie aktiv für die Mittelgruppe. Von 1919-193 3 vertrat sie die KPD in der Bremer Bürgerschaft. 1929 einige Monate Orgleiter des KPD-Bezirks Nordwest. Mitte der dreißiger Jahre verzog sie aus Bremen nach Berlin-Lichtenberg. Nach 1945 schloß sie sich der SED an, ohne wichtige Funktionen auszuüben. Gesine Becker starb am 9. Dezember 1968 in Ost-Berlin. BECKER, Karl Albin (1894-1942) Geboren am 19. November 1894 in Han- nover als Kind einer sozialistischen Fami- lie. Auch seine Geschwister waren später Kommunisten (s. Ernst Becker). Mit 15 Jahren 1909 Mitglied der Sozialistischen Jugendorganisation, 1912 der SPD. Während des Weltkrieges gehörte er zu- nächst in Dresden, dann in Bremen zu den führenden Köpfen der »Bremer Linksradi- kalen«. Deswegen 1917 verhaftet, gelangte er erst durch den Ausbruch der November- revolution wieder in die Freiheit. Mitglied des A- und S-Rates Dresden. Delegier- ter der »Internationalen Kommunisten Deutschlands« auf dem Gründungsparteitag der KPD. 1919 aktiver Funktionär der KPD, Mitglied des Bremer »21er Aus- schuß«. Bei der Spaltung 1919 zunächst beim linken Flügel, aktiver Anhänger einer »Allgemeinen-Arbeiter-Union«. Im März 1920 Abkehr von der Opposition. 1921 führend in der Hamburger KP und Chef- redakteur der »Hamburger Volkszeitung«. Auf dem Leipziger Parteitag im Januar 1923 als einer der Jüngsten Mitglied der Zentrale. Er leitete als Obersekretär die Bezirke Wasserkante und Nordwest und mußte nach dem Parteiverbot 1923 - steck- brieflich gesucht - untertauchen. Er arbei- tete vorübergehend in Schlesien und dann bis zum Frankfurter Parteitag (1924) wie- der als Chefredakteur der »Hamburger Volkszeitung«, einem bedeutenden KP- Organ. In den Auseinandersetzungen nach 1923 gehörte er zu den »Rechten« (Brandler, Thalheimer, Walcher). Er lebte einige Zeit in Moskau. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1925 schloß er sich eng an die Gruppe um Ernst Meyer an und gelangte mit dieser Gruppe 1926 wieder in wichtige Funktio- nen. Becker arbeitete in der Gewerkschafts- abteilung des ZK und von 1927 bis An- fang 1928 als Chefredakteur der KPD- Gewerkschaftszeitung »Kampf«. Der Esse- ner Parteitag 1927 wählte Becker wieder als Mitglied ins ZK. 1928 KPD-Abgeord- neter des preußischen Landtags. Bei den innerparteilichen Auseinanderset- zungen 1928 einer der Wortführer der »Versöhnler« und mit diesen aus allen wich- tigen Funktionen verdrängt, 1929 nicht mehr ins ZK gewählt. Becker kapitulierte und fand in Nebenorganisationen der KPD Becker, Karl/Behr 71 (Rote Hilfe, Kampfbund gegen den Fa- schismus) Verwendung. 1931-1933 in Berlin Landessekretär des »Bundes der Freunde der Sowjetunion«. Nach 1933 arbeitete er für die KPD in Frankreich und übernahm 1937 in Paris beim Weltkomitee der »Freunde der So- wjetunion« eine führende Funktion. 1942 wurde Becker vom Vichy-Regime an Deutschland ausgeliefert, am 4. September 1942 zum Tode verurteilt und am 1. De- zember 1942 in Plötzensee hin gerichtet. In dem letzten Brief an seine Frau schrieb er: »Ich stehe jetzt vor meinem letzten Gang aus dieser Welt. Die letzten 12 Wochen habe ich ebenso zuversichtlich verlebt, wie ich das Urteil entgegengenommen habe, und wie Du es auch getan hast, tapfer und auf- recht. Ich sterbe aufrecht, wie ich gelebt habe, wie ein Soldat für mein Ideal.« BECKER, Ludwig (geb. 1892) Geboren am 25. Oktober 1892 in Gmünd (Württemberg) als Sohn eines Goldschmieds und alten Sozialisten, erlernte den Beruf eines Fassers (Spezialberuf der Gold- schmiedebranche) und ging anschließend auf Wanderschaft. 1907 Eintritt in die Gewerk- schaft und die Sozialistische Jugendorgani- sation, 1910 in die SPD. Übersiedelte 1911 von Gmünd nach Berlin und besuchte hier die Arbeiterbildungsschule, an der auch Rosa Luxemburg wirkte. 1913 Einberufung zum Militär; bis 1918 Soldat. Von der Front aus hielt er enge Verbindung mit der Stuttgarter radikalen Gruppe Westmeyer. 1918 in den Soldaten- rat gewählt. Mitglied des Spartakusbundes. Seit der Gründung für die KPD aktiv. Bis 1922 in seinem Beruf tätig. Delegierter des VIII. Parteitages 1923. Mit anderen Stuttgarter Funktionären wurde Becker wegen seiner Tätigkeit für die illegale KPD Anfang 1924 verhaftet und am 27. Sep- tember 1924 zu 1V2 Jahren Gefängnis ver- urteilt. Während der Haft im Mai 1924 in den Württembergischen Landtag gewählt, so daß er als Abgeordneter einige Monate früher aus dem Gefängnis entlassen werden mußte. Im Juli 1925 Parteisekretär in Stuttgart. In den folgenden Jahren im Bezirk Würt- temberg tätig; Anhänger des rechten Par- teiflügels. 1928 erneut in den Landtag ge- wählt. 1929 als »Rechter« aus der KPD ausgeschlossen. Er trat zur KPO über und blieb für diese bis 1932 im württembergi- schen Landtag. Im Dezember 1930 haupt- amtlicher Bevollmächtiget des Metallarbei- terverbandes in Schwenningen; diese Funk- tion behielt er bis 1933. 1933 versuchte die »Deutsche Arbeitsfront« ihn für die NSDAP zu gewinnen. Becker lehnte alle Angebote ab und arbeitete bis 1938 in seinem Beruf. Als oppositioneller Kommunist war er von 1938-1945 im KZ Buchenwald. Nach Schwenningen zurück- gekehrt, baute er die KPD auf und war einige Monate stellvertretender Bürgermei- ster. 1948 Leiter der IG Metall Südwürt- temberg-Hohenzollern. KPD-Abgeordne- ter des Landtags Südwürttemberg-Hohen- zollern. Nach neuen Differenzen mit der KPD wurde er 1951 aus der Partei aus- geschlossen, er trat 1955 der SPD bei. Von 1953-1959 war Becker Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg in Stuttgart; 1969 lebte er im Ruhestand in Stuttgart. BEHR, Karl (1892-?) Am 29. Mai 1892 in Gleiwitz geboren; arbeitete in mehreren Berufen, u. a. als Autoschaffner. Er trat 1920 der KPD bei und übte verschiedene Funktionen aus, so gehörte er als KPD-Abgeordneter dem schlesischen Provinziallandtag an. 1927 wurde er Orgleiter des Bezirks Ober- schlesien. Nach 1928 leitete er die RGO und 1932 war er kurze Zeit Polleiter in Oberschlesien. Er lebte auch in den drei- ßiger Jahren in Gleiwitz. 1932 Kandidat für den preußischen Landtag, aber nicht gewählt. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. 72 Bellemann/Benscheid BELLEMANN, Franz (geb. 1899) Am 30. August 1899 in Heilbronn gebo- ren; lernte Buchbinder und war in diesem Beruf tätig. 1919 USPD, 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD, in der er zunächst wiederum dem linken Flügel angehörte. Nach dem Frankfurter Parteitag 1924 trat er in Württemberg in den Vordergrund. Auf dem Berliner Parteitag 1925 Mitglied der Politischen Kommission. Ab 1925 Lei- ter des RFB in Württemberg und zugleich Mitglied der BL, in der er 1926/27 eng mit dem neuen Polleiter Fugger zusammenar- beitete. Bellemann wurde auf dem Essener Parteitag 1927 als Kandidat ins ZK ge- wählt. Während der Auseinandersetzung nach der Wittorf-Affäre gehörte er zu den »Versöhnlern«. Nach der Auflösung dieser Gruppe wurde Bellemann Agitprop-Sekre- tär in Württemberg. Zusammen mit dem Polleiter Schlaffer und Orgleiter Schneck wurde er im Januar 1932 vom ZK-Beauf- tragten Ulbricht abgesetzt. Nach 1933 arbeitete er zunächst illegal wei- ter, wurde verhaftet und war bis 1945 im KZ. Nach 1945 wieder als Buchbinder tä- tig; er war nicht mehr hauptamtlich für die KPD aktiv, soll aber Mitglied der Partei gewesen sein. Bellemann lebte 1969 in Stuttgart. BENKWITZ, Max (geb. 1889) Geboren am 23. Juli 1889 in Groitschen (Thüringen), lernte Former. 1909 Mitglied der Gewerkschaft und 1912 der SPD. 1917 USPD; trat mit der linken USPD 1920 zur KPD über. Benkwitz spielte eine führende Rolle in Zeitz, wo er sich nach dem Krieg als Berg- arbeiter niedergelassen hatte. Nach den Un- ruhen der Bergarbeiter im Zeitzer Gebiet (1923), bei denen es 11 Tote gab, mußte Benkwitz aus Zeitz fliehen. Er wurde Par- teisekretär in Schlesien und Oberschlesien. Im November 1923 in Breslau (wo die Po- lizei durch Alfred Hamann genau infor- miert war) verhaftet. Im Mai 1924 zum Reichstagsabgeordneten der KPD gewählt, wurde er aus dem Ge- fängnis entlassen. Als Anhänger der Ruth Fischer-Führung Mitglied der Bezirkslei- tung Halle-Merseburg und Leiter des Un- terbezirks Zeitz. Im Dezember 1924 nicht mehr in den Reichstag gewählt. Nach dem »Offenen Brief« 1925 schloß sich Benkwitz der linken Opposition an und faßte noch im August 1927 als Polleiter die linken Funktionäre in Zeitz zu Fraktionssitzungen zusammen, auf denen Urbahns sprechen konnte. Er löste sich von der Opposition, wohl nicht zuletzt deshalb, weil ihm 1927 ein Prozeß vor dem Reichsgericht bevorstand. Die KPD-Führung drohte ihm die Entzie- hung jeder Unterstützung an, falls er sein »fraktionelles Treiben« nicht aufgäbe. Benkwitz erhielt zwei Jahre Festung (we- gen Zersetzung der Schupo und Vorberei- tung zum Hochverrat), die er teilweise auf der Festung Gollnow absaß. 1928 Mitglied des Provinziallandtags von Halle-Merseburg. Leiter des RFB-Halle- Merseburg, den er (nach dessen Verbot 1929) illegal weiterführte. Im Juni 1934 verhaftet, war er bis Kriegs- ende in verschiedenen KZs (u. a. Buchen- wald). Nach 1945 Leiter der KPD Zeitz und 1946 einer der beiden Vorsitzenden der SED Zeitz. 1951 abgelöst, arbeitete er bis 1955 als Abteilungsleiter des Rates der Stadt Zeitz. Seither lebt er als »Arbeiter- veteran« in Zeitz. Benkwitz erhielt den »Vaterländischen Verdienstorden«, zu sei- nem 70. Geburtstag das »Banner der Arbeit« und im August 1969 die Ehrenspange des »Vaterländischen Verdienstordens in Gold«. BENSCHEID, Gustav Adolf (1888 bis 1961) Geboren am 9. September 1888 in Rem- scheid als Sohn des Feilenhauers Albert Benscheid. 1902-1904 Schlosserlehre, bis 1920 in seinem Beruf tätig. 1907 Mitglied der Gewerkschaft und der SPD. 1910 Funk- Benscheid/Bertz 73 tionär in der Ortsverwaltung Remscheid des DMV. KPD-Mitglied seit deren Grün- dung. Von 1920-1923 Gwerkschaftsange- stellter in Remscheid (DMV). Anschließend Redakteur der KPD-Zeitung »Bergische Volksstimme«. Wichtiger Agitator der KPD im Rhein- land, 1924 in den preußischen Landtag gewählt. Auf dem X. Parteitag 1925 Mit- glied der Politischen Kommission. Mitte 1926 wurde Benscheid nach Mönchen-Glad- bach geschickt, um dort den Einfluß des Ultralinken Schlagewerth einzudämmen. Delegierter des XI. Parteitages 1927, auf dem er gegen die linke Opposition auf- trat. Seit Oktober 1927 Sekretär des Unterbe- zirks Koblenz. Auch 1928 wurde Benscheid wieder in den Landtag gewählt. Auf dem XII. Parteitag in Berlin-Wedding wandte er sich nicht nur scharf gegen die »Versöhn- ler« sondern warf der Partei auch »Brand- lerismus« vor, weswegen er von Thälmann angegriffen wurde. Die Delegation Nieder- rhein distanzierte sich von Benscheid und in der Folgezeit trat er etwas in den Hinter- grund. 1932 arbeitete er als Instrukteur der KPD in Braunschweig, zur Landtagswahl 1932 wurde er nicht mehr als Kandidat aufge- stellt. Nach 1933 war er als Feilenhauer mit Heimarbeit beschäftigt und eröffnete nach dem Krieg eine kleine Fabrik in Remscheid. Politisch war er nicht mehr organisiert. Benscheid starb am 26. Oktober 1961 in Remscheid. BERTZ, Paul (1886-1950) Geboren am 2. August 1886 in Mühlhau- sen (Thüringen). Werkzeugschlosser. Nach der Militärzeit ging er 1909 auf Wander- schaft und trat 1910 der SPD bei. Er ließ sich in Chemnitz nieder, wo er dem Sparta- kusbund und der KPD seit ihrer Gründung angehörte. Delegierter des Vereinigungspar- teitages 1920 und des Jenaer Parteitags 1921. In Chemnitz gehörte Bertz zum lin- ken Flügel der Partei, der erst Mitte 1924 Einfluß erlangte. Seit Dezember 1922 vertrat Bertz die KPD im sächsischen Landtag, er wurde im De- zember 1924 auch in den Reichstag ge- wählt. 1924 Orgleiter des Bezirks Erzge- birge-Vogtland, vorübergehend auch Pol- leiter in diesem wichtigen Bezirk. Auf dem X. Parteitag der KPD (Juli 1925) Mitglied der Politischen Kommission; zum Kandidaten des ZK gewählt. Delegier- ter des Erweiterten EKKI und der Orgkon- ferenz des EKKI in Moskau 1925. Ab August 1925 Mitarbeiter der Gewerk- schaftsabteilung des ZK. Der Weddinger Parteitag 1929 wählte Bertz als Kandidat ins ZK. 1928 wurde er auch wieder Reichs- tagsabgeordneter. Bertz gehörte zur sogenannten Chemnitzer Richtung, die in den Jahren 1926/28 eine »linke« Opposition betrieb, und er wurde nach Berlin geholt, um die Opposition in Chemnitz zu schwächen. Nach der Kurs- schwenkung 1928 trat er sehr in den Vor- dergrund, er war Mitglied der Gewerk- schaftsabteilung des ZK, doch wurde er schon 1930 zusammen mit Paul Merker wegen »linker Abweichung« angegriffen. 1930 nicht mehr in den Reichstag gewählt. Er arbeitete in der RGO, doch hatte er an Einfluß wesentlich eingebüßt. Bis Ende 1933 Instrukteur in Deutschland; als »Johann« übernahm er dann die Ab- schnittsleitung West der illegalen KPD (vom Ausland her) und war 1936 »Ober- berater« in Amsterdam. Bertz nahm 1935 am VII. Weltkongreß der Komintern teil und wurde auf den Parteikonferenzen der Emigrations-KPD 1935 und 1939 ins ZK gewählt. Bis Kriegsausbruch war er Sekre- tär des ZK in Paris. Er wurde interniert, konnte aber 1940 in die Schweiz fliehen. Am 1. November 1939 entzog ihm die Hitler-Regierung die deutsche Staatsange- hörigkeit; seine Frau war schon 1934 ge- storben. Bertz sprach sich gegen den Stalin- Hitler-Pakt aus und erhielt deshalb keine einflußreiche Funktion mehr. 74 Bertz/Beutling 1945 nach Berlin zurückgekehrt, wurde er Stellvertretender Chef der Deutschen Zen- tralverwaltung für Justiz. Da er die Ver- einigung mit der SPD ablehnte und die Politik der KPD bzw. der SED nicht bil- ligte, übernahm er 1946 (obwohl SED- Mitglied) keine hauptamtliche Funktion mehr. Er soll wieder als Dreher im Betrieb gearbeitet haben. Bertz verübte am 19. April 1950 Selbst- mord. Kurz nach seinem Tode (am 24. Au- gust 1950) gab das ZK der SED eine Er- klärung zur Verbindung ehemaliger Emi- granten mit Noel Field ab. Darin wurde Bertz (gemeinsam mit Kreikemeyer, Lex Ende, Leo Bauer u. a.) beschuldigt, ein »Agent« gewesen zu sein. BESSER, Erich (1890-?) Geboren am 27. Januar 1890 in Aschers- leben. Gärtner. Frühzeitig der Arbeiterbe- wegung beigetreten. Nach der Rückkehr aus dem Krieg, den er als Soldat miterlebte, Mitglied der USP, 1920 mit der linken USP Übertritt zur KPD. Anschließend Parteifunktionen in Mitteldeutschland. 1924 in den Landtag von Anhalt gewählt, übernahm er die Orgleitung des Bezirks Magdeburg-Anhalt. Delegierter des IX. und X. Parteitages. Auf dem X. Parteitag 1925 in die Politische Kommission gewählt. Besser war 1925 Anhänger der Ultralinken und nach dem »Offenen Brief« aktiver An- hänger der linken Opposition. Einer der wenigen, die auf der 1. Parteikonferenz im Oktober 1925 gegen den Ausschluß Scho- lems aus dem ZK protestierten. Ende 1925 als Orgleiter abgesetzt; solidarisierte sich 1926 mit der russischen Opposition. 1927 aus der KPD ausgeschlossen, war er noch einige Zeit für die linke Opposition tätig und blieb bis 1928 im Landtag von Anhalt. 1928 kapitulierte er vor dem ZK, er wurde wieder in die Partei aufgenommen und er- neut als Abgeordneter in den Landtag ge- wählt. Auch 1932 zog er wieder in den Landtag ein. 1933 verhaftet, eröffnete Bes- ser nach seiner Entlassung ein Kolonial- warengeschäft. Er wurde 1944 erneut inhaf- tiert, weil er zur kommunistischen Wi- derstandsgruppe Schwantes Verbindung hatte. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. BETZ, Adolf (geb. 1897) Geboren am 11. Mai 1897 in Pirmasens. Nach der Schulentlassung Zuschneider in einer Schuhfabrik. 1919 Mitbegründer der KPD-Ortsgruppe Pirmasens. Seit 1921 Mit- glied der Bezirksleitung Pfalz und Vorsit- zender der Ortsgruppe Pirmasens. Gehörte mit der Mehrheit der Bezirksleitung zu den Ultralinken, dann zur »Weddinger Oppo- sition«. Teilnehmer des XL Parteitages 1927. Als Vertreter der »Weddinger Oppositon« der Pfalz in die Politische Kommission des Parteitags und dann ins ZK gewählt. Auf der ZK-Tagung am 8 79. Dezember 1927 trennte sich Betz, der sich schon auf dem XL Parteitag von seiner Fraktion ent- fernt hatte, offiziell von der Opposition und ging zur ZK-Mehrheit über. 1929 nicht mehr ins ZK gewählt. Bis 1933 übte er ver- schiedene Funktionen aus. Nach 1933 mehr- fach verhaftet. 1945 wurde Betz Verwaltungsangestellter in Pirmasens. Er trat wieder der KPD bei und zog 1946 für seine Partei als Abge- ordneter in den Landtag von Rheinland- Pfalz ein, dem er bis 1951 angehörte. Betz lebte 1969 als Rentner in Pirmasens. BEUTLING, Theodor (1898-1937?) Geboren am 22. Januar 1898 in Odessa, kam als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach der Volksschule Metall- arbeiter. 1918 Mitglied der USPD, ab 1920 der KPD. 1924 Chefredakteur der Partei- zeitung in Mecklenburg, später auch bei anderen KPD-Blättern. Beutling/Birkenhauer 75 1928 zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein, wurde aber 1930 nicht wie- dergewählt. Ende 1928 als Nachfolger von Frenzel Sekretär für Gewerkschftsfragen der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg. Im Herbst 1929 wurde er als Freund Piecks abgesetzt, nunmehr im Freidenkerverband aktiv. Ab 1930 wieder Redakteur bei Par- teizeitungen. Als er 1932 die Redaktion der KPD-Zei- tung »Volkswacht« in Stettin leitete, wurde er im Juni zu vier Monaten Gefängnis ver- urteilt. 1933 emigrierte Beutling in die So- wjetunion, wo er bis 1937 Leiter der Mos- kauer »Universität des Westens« war. 1937 von der NKWD verhaftet, gilt seitdem als verschollen. BEUTTEL, Wilhelm (1900-1944) Geboren am 10. August 1900 in Durlach (Baden). Lernte das Schneiderhandwerk. Er trat 1917 in die USPD ein und ging mit deren linkem Flügel zur KPD. Von 1921 bis 1923 Leiter des Bezirks Hessen der Kommunistischen Jugend. Von 1922-1928 KPD-Stadtverordneter in Friedberg. 1929 Orgleiter des Bezirks Hessen-Kassel. Ende 1929 kam Beuttel auf die Lenin- Schule nach Moskau, von der er 1931 zu- rückkehrte. Er wurde Orgleiter in Hessen- Frankfurt und gehörte bis 1933 dem hes- sischen Landtag an. Nach 1933 arbeitete er in der Emigration für die KPD, bis 1938 leitete er in Paris die Schulung der Partei. 1941 illegale Rück- kehr nach Deutschland. Beuttel gehörte zur Gruppe Knöchel. Nachdem bereits Seng, Kowalke und Knöchel verhaftet waren, konnte die Gestapo im Januar 1943 auch Beuttel festnehmen. Er wurde zum Tode verurteilt und am 27. Juli 1944 hingerich- tet. In seinem letzten Brief an seine Frau hatte er geschrieben: »Dieser Brief ist das letzte Lebenszeichen und Liebeszeichen von mir. Heute, am 27. Juli, 15 Uhr, wird mein Kopf, der so viele liebe Gedanken für Dich barg, in den Sand rollen. Mein Urlaub auf dieser Erde ist damit abgelaufen, und ich werde wie so viele andere >eingeschreint sein im Herzen der Menschheit<, die heute ja so viel Leid erdulden muß. Wenn ich daran denke, wie wir so oft gemeinsam der Matthäus-Passion gelauscht haben und wie unsere Blicke sich zuletzt begegneten, wäh- rend auf der Tribüne des Konzertgebäudes der Schlußchor von Beethovens 9. Sympho- nie losbrauste, dann wird mir doch ein wenig weh ums Herz. >Alle Menschen werden Brüden. Ja, dafür habe ich gelebt und gekämpft von frühester Jugend an. Und wenn auch mein Leben auf diese Art enden muß, so bin ich dem Schicksal doch dankbar, daß es mich dieses Leben - und besonders die letzten 10 Jahre an Deiner Seite - leben ließ. Ich habe in meiner Pas- sionszeit Zeit genug gehabt, mein Tun und Handeln zu überprüfen, und weiß, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe. Allein das, daß es mir nicht gelungen ist, mich für Dich zu erhalten. Aber ich schrieb Dir schon im letzten Brief, daß gegen Verrat noch kein Kraut gewachsen ist. Schlimm, sehr schlimm ist das alles für Dich und meine lieben Angehörigen. Tragisch ist es, denn ich komme mir vor wie ein Rennpferd, das kurz vor dem Ziele stürzt. Ich hätte gern noch erlebt, daß die Menschheit und vor allem mein geliebtes deutsches Volk von den furchtbaren Leiden des Krieges erlöst werden würde . ..« BIRKENHAUER, Erich (1903-1937?) Geboren am 21. Januar 1903 in Essen. Be- suchte bis 1922 das Lehrerseminar, ohne seine Ausbildung zu beenden. 1919 Mit- glied der Freien Sozialistischen Jugend. 1924 traten er und sein Bruder Wilhelm der KPD bei. Nach einer Volontärzeit arbeitete Birkenhauer 1925 als Redakteur beim »Ruhr-Echo« in Essen. 1926 Leiter des Unterbezirks Essen des Kommunistischen Jugendverbandes. 1928 Redakteur des KPD-Organs »Niederrhei- nische Arbeiterzeitung« in Duisburg. 1929 76 Birkenhauer/Bittel Agitpropsekretär der Bezirksleitung Ruhr. Im Oktober 1929 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einem Jahr Festung verur- teilt. Nach der Entlassung aus der Festung Gollnow im Oktober 1930 Sekretär des Bezirks Ruhr. 1931 Nachfolger von Albert Norden als Chefredakteur des »Ruhr- Echo«. 1932 übersiedelte Birkenhauer nach Berlin und gehörte neben Werner Hirsch und Heinrich Meyer zu jenen engen Mitarbei- tern Thälmanns, welche auf die Politik der KPD größeren Einfluß hatten als das Polit- büro. Nach einem Treffen mit Herbert Wehner und Sepp Schwab wurde Birkenhauer am 3. März 1933 verhaftet. In seiner Aussage erklärte er: »Ich bin heute in Berlin aus Essen angekommen, traf einige Freunde und bin dann zur Wohnung Thälmanns in der Lützowstr. 9 verwiesen worden. Dar- über, mit wem ich in Essen zu tun gehabt habe, möchte ich nichts sagen. Die Bezeich- nung >Sekretär< des Herrn Thälmann ist dahingehend zu verstehen, daß ich einer seiner Mitarbeiter bin.« Birkenhauer wurde am 5. Oktober 1933 aus der »Schutzhaft« entlassen. Er war als Zeuge zum Reichstagsbrandprozeß geladen, erschien aber nicht. Birkenhauers Aussage in der Voruntersuchung belastete allerdings. Torgier im Reichstagsbrandprozeß: um nicht selbst in den Verdacht zu geraten, hatte Birkenhauer die Unwahrheit gesagt und damit Torgier schwer geschadet. Birkenhauer floh ins Ausland, arbeitete für die KPD in Prag, Paris und in Moskau, wo er 1937 verhaftet und wahrscheinlich er- schossen wurde. Als ihm die Hitler-Regie- rung am 17. Oktober 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, war er ver- mutlich schon tot. Birkenhauer war noch im August 1944 im deutschen Fahndungsbuch ausgeschrieben. Er dürfte also kein »Verräter« gewesen sein. BISCHOFF, Hermann (1875-?) Geboren am 18. Oktober 1875 in Gräfen- roda, als Sohn eines Kleinbauern, erlernte das Müllerhandwerk. Bischoff kehrte nach der Wanderschaft in seine Thüringer Hei- mat zurück, wo er sich noch vor dem 1. Weltkrieg der SPD anschloß. Von 1924-1927 KPD-Landtagsabgeordne- ter in Thüringen und Mitglied der BL (Abt. Land). Später trat er politisch nicht mehr hervor. Nach 1933 Pächter einer Gastwirtschaft in ölschroda bei Friedersdorf. Am 22. Au- gust 1944 verhaftet und ins KZ Buchen- wald eingeliefert. Am 2. September 1944 wieder aus dem KZ entlassen, kehrte er nach ölschroda zurück. Weitere Daten sei- nes Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. BITTEL, Karl, Dr. rer. pol. (1892 bis 1969) Geboren am 22. Juni 1892 in Darmstadt, Sohn eines hessischen Staatsbeamten. 1911 legte er das Abitur am Realgymnasium in Freiburg ab und war Mitglied der bürger- lichen Jugendbewegung. Er studierte in Heidelberg, Freiburg und Tübingen und promovierte am 11. März 1915 in Tübin- gen mit einer Dissertation über das Thema »Eduard Pfeiffer und die deutsche Kon- sumgenossenschaft«. Während des Krieges betätigte sich Bittel als Journalist; er gab die Zeitschrift »Poli- tische Rundbriefe« heraus und gehörte der »Freideutschen Jugend« an. Nach der No- vemberrevolution 1918 wurde er in den Arbeiter- und Soldatenrat in Karlsruhe gewählt. Er trat der SPD bei, ging aber schon im Februar 1919 in Stuttgart zur KPD über. In der Folgezeit hauptamtlicher Funktionär der KPD, zunächst als Redakteur (u. a. beim Chemnitzer »Kämpfer«). 1921 Leiter der Abteilung »Genossenschaft« in der Ber- liner Zentrale. Ende 1924 ging er als Spe- zialist für Genossenschaftswesen nach Mos- kau und arbeitete in der Gewerkschafts- Bittel/Bleier 77 abteilung des EKKI. Im Januar 1927 Rückkehr nach Deutschland, vorübergehend in Württemberg, dann erneut in der Ge- nossenschaftsabteilung des ZK der KPD tätig. Bittel tendierte zum rechten Flügel der Par- tei und trat daher in der ultralinken Peri- ode nach 1928 in den Hintergrund. 1933 wurde er verhaftet und einige Zeit im KZ Heuberg und in Ulm festgehalten. Er arbeitete dann wissenschaftlich, verfaßte eine Schrift über den Bauernkrieg, 1940 erschien eine Arbeit »Messmer und sein Problem«, 1942 eine Paracelsus-Dokumen- tation. Seine Arbeiten wurden in Deutsch- land gedruckt. Er lebte unbehelligt am Bo- densee. 1945 wurde Bittel wieder journalistisch ak- tiv und trat der KPD bei. 1946 Chefredak- teur der KPD-Zeitung »Unser Tag« in Offenburg und Mitglied der KPD-Landes- leitung in Südbaden. Im September 1949 Leiter des »Instituts für Zeitgeschichte« in Ostberlin. Am 1. Oktober 1957 Professor mit Lehrauftrag an der Humboldt-Univer- sität. Längere Zeit hindurch Vorsitzender des »Verbandes der deutschen Presse« der DDR. Inhaber einer Reihe von Orden und Auszeichnungen. Zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm die höchste Auszeichnung der DDR, der Karl-Marx-Orden, verliehen. Bittel veröffentlichte auch nach 1945 zahl- reiche Schriften, u. a. »Die Feinde der deutschen Nation«, Berlin 1952; »Vom Potsdamer Abkommen zur Viermächtekon- ferenz«, Berlin 1953; »Zeitgeschichte als Wissenschaft«, Berlin 1956. Bittel starb am 18. April 1969 in Ost- Berlin. BLAU, Ewald (Pseud, von Thoma, Karl) (1899-1939) Geboren am 8. Juni 1899 in Königsberg. Die Jugend von Karl Thoma liegt im Dun- kel. Er arbeitete schon 1923 im zentralen Apparat der KPD (im M-Apparat, d. h. der militärischen Organisation); 1924 war er Sekretär im illegalen Apparat des KJVD. Blau war außerdem seit 1926 Archivar im ZK der KPD. Obwohl seine Zugehörigkeit zum M-Apparat bekannt war, setzte man ihn - der Ende 1925 verhaftet wurde - nach einer nichtöffentlichen Sitzung des Staatsgerichtshofes am 11. März 1926 au- ßer Verfolgung. 1927 Teilnehmer des XL Parteitages in Es- sen, wo er in die Politische Kommission gewählt wurde. Nach der Linkswendung von 1928 war der dem linken Flügel ange- hörige Blau nicht nur als Archivar tätig, er übernahm auch wichtige politische Funktio- nen und gewann wesentlichen Einfluß auf die Geschäftsführung der KPD. Nach dem Zusammenschluß der drei sächsischen Be- zirke ging er Ende 1929 als Agitprop- sekretär nach Sachsen. Bis 1932 übte er auch andere wichtige Bezirksfunktionen aus. 1932 aktiver Anhänger der Neumann- Gruppe. Blau-Thoma emigrierte 1934 und kämpfte während des Bürgerkriegs in Spanien. Er war Kriegskommissar der XL Internatio- nalen Brigade und fiel am 29. Januar 1939- Es fehlte nicht an Vermutungen, nach denen Blau Polizeiagent in der KPD-Zen- trale war, aus der die Abteilung IA des Berliner Polizeipräsidiums wichtige Infor- mationen erhielt. Seine erstaunliche Freilas- sung 1926 nährte diesen Verdacht, der nie bewiesen wurde, da der tatsächliche Ver- trauensmann der politischen Polizei im ZK nicht bekannt wurde. BLEIER, Oswald (1889—1936) Geboren am 17. Dezember 1889 in Voigts- grün. Nach der Schulentlassung Lehre und anschließend Tätigkeit als Böttcher. Nach dem Weltkrieg Arbeiter in Riesa, wo er sich der KPD anschloß. 1926 sächsischer Landtagsabgeordneter. Bei der Spaltung der Fraktion Anfang 1929 blieb er mit der Mehrheit auf der ZK-Linie, wurde aber trotzdem 1929 nicht mehr als Landtagskan- didat aufgestellt. 7 8 Bleier/Blinn Bleier wurden »versöhnlerische Tenden- zen« vorgeworfen, er arbeitete aber aktiv weiter in der KPD. Sekretär in Riesa und Mitglied der Bezirksleitung Westsachsen. 1933 wurde er verhaftet und ins KZ über- führt. Nach seiner Entlassung Ende 1933 reihte er sich sofort wieder in den illegalen Widerstandskampf ein. Am 8. Juli 1935 verurteilte man ihn dafür zu 5 Jahren Zuchthaus. Am 9. Mai 1936 kam er im Zuchthaus Waldheim ums Leben. Obwohl er Widerstandskämpfer und für die KPD tätig war, wird Bleier heute in entsprechenden Publikationen der SED aus unbekannten Gründen nicht erwähnt. BLENKLE, Konrad (1901-1943) Geboren am 28. Dezember 1901 in Berlin, Sohn des Schlossers und späteren Gastwirts Reinhold Blenkle; gelernter Bäcker. 1919 Mitglied der »Freien Sozialistischen« - später der Kommunistischen Jugend. 1920 KPD, 1921 Anstellung bei der diplomati- schen Vertretung der RSFSR in Berlin. 1923 Sekretär des Kommunistischen Ju- gendverbandes. Anhänger der Linken. 1924 Vorsitzender des KJVD und als sol- cher in den folgenden Jahren auch Mitglied des ZK der KPD. 1925 gehörte Blenkle mit der Mehrheit des KJV zu den unbedingten Anhängern des EKKI, er trat bereits auf dem X. Parteitag 1925 gegen die Ruth-Fischer-Führung auf. Er wurde deswegen vor allem von Geschke heftig attackiert, aber doch ins ZK gewählt. Nach dem »Offenen Brief« war seine Stel- lung gefestigt, er wurde Mitglied des Pol- büros. Der XL Parteitag 1927 wählte ihn erneut als Mitglied ins ZK. 1928 zog er als jüngster Abgeordneter in den Reichstag ein. Der VI. Weltkongreß wählte ihn als Mitglied ins EKKI. Ende 1928 setzte ihn das ZK der KPD als Vorsitzenden des KJVD ab, weil er gegen die Aufhebung des ZK-Beschlusses zur Wittorf-Affäre opponiert hatte. Obwohl er weder den »Versöhnlern« noch gar den Rechten angehörte, schien ihm die Methode falsch, mit der die Korruption vertuscht wurde. Man »degradierte« ihn zum Pollei- ter des 14. Berliner Verwaltungsbezirks. In der Folgezeit war Blenkle Redakteur der »Jungen Garde«, des Organs des KJVD, außerdem betätigte er sich im ille- galen RFB. Ins ZK (1929) und in den Reichstag (1930) wurde er nicht mehr ge- wählt. 1931 wegen Pressevergehens zu 1V2 Jahren Festung verurteilt, setzte ihn die Parteiführung nach seiner Entlassung 1932 in Oberschlesien ein. Ab März 1933 illegale Arbeit in Berlin. Im April 1934 Emigration. Bis Dezember 1936 als Instrukteur tätig. 1937 in der Schweiz verhaftet; erst in letzter Minute konnte seine Auslieferung nach Deutsch- land verhindert werden. Ab 1938 2. Lei- ter der KPD-Abschnittsleitung Nord in Kopenhagen, die für Norddeutschland zu- ständig war. Im Dezember 1941 in Kopen- hagen festgenommen. Vom Volksgerichts- hof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode verurteilt. Blenkle wurde am 20. Januar 1943 in Plötzensee hingerichtet. In seinem letzten Brief an sein Kind schrieb er: » .. . Ich habe den letzten Nachmittag verlebt und gehe dem Ende ruhig entgegen. Als Kämpfer habe ich gelebt und werde als Kämpfer sterben. Für eine Idee eintre- ten zu können, ist eine große, ehrenvolle Sache. Das gibt mir Kraft bis zum Letz- ten ...« BLINN, Klara (geb. 1895) Klara Guntwolf wurde am 14. September 1895 in Rapperswil (Schweiz) als Tochter eines Heizers geboren. Der Vater, ein Württemberger, war Sozialist, der mit der Familie durch die Lande zog. Nach der Schulentlassung arbeitete Klara Guntwolf fünf Jahre in der Schweiz und ein Jahr in Luxemburg als Hausmädchen. Sie kam dann nach Emmendingen im Schwarzwald, wo die Eltern seit 1908 wohnten, und ar- beitete in einer Schuhfabrik. 1919 heiratete Blinn/Böning 79 sie den Arbeiter Blinn, im gleichen Jahr trat sie der USP bei und kam mit der linken USP 1920 zur KPD. Seit Mitte der zwanziger Jahre Mitglied der BL Baden, wurde sie vom XII. Parteitag 1929 als Kandidat ins ZK gewählt. Seit 1931 ar- beitslos, gehörte sie bis 1933 ehrenamtlich dem ZK an. 1933 einige Wochen verhaftet, war sie wie- der als Arbeiterin tätig. 1944 nochmals kurz inhaftiert. 1945 wieder Mitglied der KPD, war sie für die Partei im lokalen Rahmen aktiv. Sie lebte 1969 in Emmen- dingen. BOCHERT, Alfred Max (1887-?) Geboren am 19. Juni 1887 in Schmiedefeld (Thüringen). Erlernte das Schneiderhand- werk. Schon vor dem 1. Weltkrieg SPD- Funktionär. 1917 USPD, schließlich 1920 zur KPD. Vorsitzender der KPD in Pöß- neck und KPD-Kreistagsmitglied in Saal- feld. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 wurde Bochert in die Statutenkommission und als Mitglied in den ZA gewählt, dem er bis 1923 angehörte. Er war einer der wenigen kommunistischen Bürgermeister (in Katzhütte) und war von 1921-1926 KPD- Landtagsabgeordneter. Bochert zählte zu den »Versöhnlern«, er trat nach 1928 in der KPD nicht mehr hervor. Nach 1933 hatte er in Pößneck eine Damen- und Herrenschneiderei. 1945 trat er wieder der KPD und 1946 der SED bei. Er wurde Bürgermeister in Pößneck. Mit der SED- Politik war er unzufrieden, er trat aber po- litisch weder gegen noch für sie in Erschei- nung. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. BOCK, Max (1881-1946) Geboren am 29. Oktober 1881 in Altona, Sohn eines Gastwirts. Lernte Schmied. Auf seiner Wanderschaft schloß er sich 1904 in der Schweiz der Sozialdemokratie an und war von 1911-1915 als Gewerkschaftssekre- tär in Zürich und Basel tätig. 1916 kehrte er nach Deutschland zurück und nahm noch bis 1918 als Soldat am Krieg teil. 1917 schloß er sich der USPD an und war für diese nach 1918 als Sekretär in Südbaden aktiv. Delegierter des USP-Spaltungsparteitags. Mit der linken USPD trat Bock im Dezem- ber 1920 zur KPD über, war Delegierter des Vereinigungsparteitages und wurde in den ZA gewählt. Seit 1921 vertrat er die KPD im badischen Landtag. Von 1922 bis 1924 Stadtrat in Lörrach. Im Zusammenhang mit den KPD-Aufstän- den in Süd- und Mittelbaden im Oktober 1923 verhaftet, aber im April 1924 wieder freigelassen. Als »Nurparlamentarier« be- teiligte sich Bock nicht an den inneren Par- teiauseinandersetzungen und blieb auch in den folgenden Perioden (1925, 1929) Vor- sitzender oder stellvertretender Vorsitzen- der der KPD-Gruppe im badischen Land- tag. Nach 1933 lebte er - einige Male für kürzere Zeit verhaftet - in Heidelberg und arbeitete als Holzschnitzer. 1945 trat er wieder der KPD bei. Im Ja- nuar und Februar 1946 war Bock der erste Arbeitsminister von Württemberg-Baden. Wegen schwerer Krankheit mußte er sein Amt aufgeben. Bock starb am 15. März 1946 in Heidelberg. BÖNING, Hermann (1894-1939) Geboren am 18. Mai 1894 in Heidelberg, Sohn eines Arbeiters. Von 1908-1911 Schlosserlehre, von 1914-1918 Kriegsteil- nehmer. Nach dem Krieg Schlosser in Hei- delberg, wo er 1920 in die KPD eintrat. Anfang 1929 hauptamtlicher Gewerkschafts- sekretär der Bezirksleitung Baden und im gleichen Jahr Abgeordneter des badischen Landtags. Von 1931—1933 Leiter der IAH in Baden. Bis 1933 Mitglied der erweiter- ten Bezirksleitung Baden. 1933 Flucht nach Basel, zur Parteiarbeit nach Deutschland zurückgeschickt. Bereits am 5. August 1933 verhaftet und zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. 8o Böning/Böttcher Am 2. Oktober 1939 wurde Böning vom Zuchthaus Ludwigsburg nach Asperg trans- portiert. Während der Fahrt mit dem Wa- gen kam er ums Leben. Da dem Fahrer des Autos nichts passierte, liegt die Vermutung nahe, daß Böning auf dem Transport er- mordet wurde. BÖSCHEN, Heinrich (1887-1945) Geboren am 27. Oktober 1887 in Bremen, Sohn eines Maurers. Gelernter Maurer. Vor dem 1. Weltkrieg Mitglied der SPD, 1917 der USPD. Als Vertreter der Danziger USPD Delegierter des Vereinigungspartei- tags KPD-USPD im Dezember 1920. Bö- schen übersiedelte ins Rheinland, wo er Gewerkschaftssekretär des DMV wurde. Auf den Parteitagen in Jena 1921 und Leipzig 1923 in den ZA gewählt. Ab 1926 Sekretär für Gewerkschaftsfragen bei der KPD-Bezirksleitung Niederrhein. 1928 KPD-Abgeordneter im preußischen Land- tag. 1929 Orgleiter des wichtigen Bezirks Niederrhein. Delegierter des XII. Parteitags 1929 in Berlin-Wedding. 1930 legte er seine Funktion als Orgleiter nieder. Er wurde 1931 Politischer Leiter des »Einheitsver- bandes der Bauarbeiter« der RGO. 1932 stellte ihn die KPD nicht mehr als Land- tagskandidaten auf. Böschen war weiter in der RGO tätig, wurde 1933 in Berlin verhaftet und noch im gleichen Jahr zu 2 Jahren und 9 Mo- naten Zuchthaus verurteilt. Längere KZ- Haft. Während des Krieges zur »Organi- sation Todt« eingezogen, ist er bei Kriegs- ende verschollen. 1959 wurde Böschen mit dem Zeitpunkt des 31. Dezember 1945 für tot erklärt. BÖTTCHER, Paul Herbert (geb. 1891) Geboren am 2. Mai 1891 in Leipzig. Ge- lernter Schriftsetzer. 1907 trat er in die Sozialistische Jugendbewegung ein und lei- tete 1908 als Vorsitzender die Leipziger Gruppe dieser Organisation (der auch Ul- bricht angehörte). 1908 Mitglied der SPD. Nach der Lehre von 1909-1913 arbeitete er als Setzer und bereiste dabei als Wander- geselle Europa. 1914 hauptamtlicher Ju- gendsekretär der Gewerkschaft. Böttcher stand auf dem linken Flügel der SPD und schloß sich 1917 der USPD an. Im November 1918 wurde er Redakteur der »Leipziger Volkszeitung«. 1920 über- siedelte er nach Stuttgart und übernahm die Chefredaktion des »Sozialdemokrat«, (Organ der linken USP - nach dem Zu- sammenschluß mit der KPD in »Kommu- nist« umbenannt). Delegierter des Spal- tungsparteitages der USP im Oktober und des Vereinigungsparteitages mit der KPD im Dezember 1920. In den ZA der VKPD gewählt. Ab Februar 1921 Chefredakteur des Zentralorgans der KPD »Die Rote Fahne«. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 als Mitglied in die Zentrale der KPD berufen. Im Oktober 1921 übernahm Böttcher die Redaktion des »Roten Kurier« in Leipzig, wurde jedoch wieder in die Zentrale beor- dert, bis er 1923 Vorsitzender der sächsi- schen Landtagsfraktion und Leiter des KPD-Bezirks Westsachsen wurde. Auch der Leipziger Parteitag 1923 wählte Böttcher in die Zentrale. Im Oktober 1923 vertrat er die KPD als Finanzminister in der sächsi- schen Regierung Zeigner. Als prominenter Führer der »Rechten« in der KPD verlor Böttcher 1924 seine Funktionen. Er blieb einer der Wortführer der rechten Opposi- tion, weiterhin Mitglied des sächsischen Landtags und war ab 1926 Chefredakteur der »Sächsischen Arbeiterzeitung« in Leip- zig. Auf dem XL Parteitag 1927 wegen des Widerstandes der Leipziger Linken nicht ins ZK gewählt. Bis 1928 blieb er Vorsitzender der sächsischen Landtagsfrak- tion und Mitglied der Bezirksleitung West- sachsen. Als führender »Rechter« verlor er Ende 1928 auch seine Position bei der Leipziger »Sächsischen Arbeiterzeitung«, am 4. Ja- nuar 1929 erfolgte sein Ausschluß aus der KPD. Bis 1933 gehörte er dann zur Füh- Böttcher/Bohn 81 rung der KPO, war Pol-Sekretär der KPO- Bezirksleitung Westsachsen, Mitglied der Reichsleitung der KPO und vorübergehend Redakteur ihres Organs »Arbeiterpoli- tik«. Im März 1933 Emigration in die Schweiz. Dort war er Journalist, aber auch für den sowjetischen Nachrichtendienst (dem er wahrscheinlich schon seit 1927 angehört hatte) tätig und wurde deshalb für einige Zeit inhaftiert. 1945 floh Böttcher in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands, in der Schweiz wurde er in Abwesenheit (am 23. Oktober 1945) zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Trotz seiner Dienste für die So- wjetunion 1946 in der Zone verhaftet, in die Sowjetunion übergeführt und bis 1955 in verschiedenen Lagern festgehalten. 1955 kehrte er in die DDR zurück, wo er in die SED aufgenommen und 1956 zum stellver- tretenden Chefredakteur der »Leipziger Volkszeitung« berufen wurde. Diese Funk- tion übte er 1968 noch aus. Inzwischen er- hielt er eine Reihe von Orden, darunter zu seinem 70. Geburtstag das »Banner der Arbeit«. Er war einer der Ehrengäste an Ulbrichts 70. Geburtstag 1963. Böttchers frühere Zugehörigkeit zur KPO und seine Haft in der Sowjetunion werden heute in den offiziellen Verlautbarungen unterschla- gen. Böttcher hat eine Reihe von Broschü- ren veröffentlicht, darunter »Der Arbeiter- Korrespondent« (1927). BOHLA, Hans (1891-1928) Geboren am 26. Januar 1891 in Herreth (Obfr.), Sohn eines Oberlehrers. Besuchte das Gymnasium in Erlangen, anschließend Studium in Leipzig. 1918 USP, trat mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD über. 1919 Redakteur am »Volksblatt«, dem USP-Organ für Halle. Nach der Vereini- gung von USP und KPD beim »Klassen- kampf« in Halle. Im April 1921 Redak- teur des »Kommunist« in Stuttgart (unter dem Pseud. Ernst Kunert). 1922/23 arbeitete Bohla als KPD Sekretär in der Pfalz, bis ihn die Franzosen auswie- sen. Er stand auf dem linken Parteiflügel. 1924 entsandte man ihn als Polleiter in den rechten Bezirk Württemberg, wo er unter dem Namen Meyer arbeitete und auf gro- ßen Widerstand seitens der Parteiorgani- sation stieß. Im September 1924 in Stutt- gart verhaftet; nach seiner Wahl in den Reichstag, im Dezember 1924, jedoch wie- der freigelassen. Bohla schloß sich den Ul- tralinken an, übte verschiedene Funktionen aus, wurde aber nach dem »Offenen Brief« aus allen hauptamtlichen Funktionen ver- drängt. Am 3. August 1927 trat er aus der KPD aus, um sich mit Kenzler und anderen ge- maßregelten Linken zu solidarisieren. Im Reichstag gehörte er zur Gruppe der linken Kommunisten. Bohla starb, 36jährig, am 8. Januar 1928. BOHN, Willi Karl (geb. 1900) Am 6. August 1900 in Gotha als ältestes von drei Kindern eines Instrumenten- machers geboren. Der Vater arbeitete in einer Pianofabrik, war Mitglied der SPD, er starb 1910. Willi Bohn kam nach der Schulentlassung Ostern 1915 zu einem Rechtsanwalt in die Lehre. Bis 1920 hatte er sich zum 2. Vorsteher des Büros herauf- gearbeitet. Ab Mai 1918 Mitglied der USPD, kam Bohn mit dem linken USP-Flügel 1920 zur KPD. 1921 Stadtverordneter in Gotha, seit 1922 hauptamtlicher Funktionär der KPD. Zunächst Redakteur des »Gothaer Volks- blatts«, 1924 nach Hannover versetzt. Nach der Ausschaltung der Katz-Gruppe aus der politischen Führung in Niedersachsen wurde Bohn dort im Juni 1925 Bezirkssek- retär und im August 1925 Polleiter des Bezirks. Von 1926-1932 Chefredakteur der »Niedersächsischen Arbeiterzeitung«, die im November 1926 in »Neue Arbeiterzei- tung« umbenannt und Organ der KPD in Niedersachsen und Hessen-Kassel wurde. Im Herbst 1932 als Chefredakteur der »Süd- 8 2 Bohn/Borowski deutschen Arbeiterzeitung« nach Stuttgart berufen. 1933 illegale Arbeit für die KPD. Im Ok- tober 1934 in Berlin verhaftet und am 3. Oktober 1935 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 10 Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Bis 1945 Gefangener in den Zucht- häusern und Gefängnissen Stuttgart, Lud- wigsburg und Vaihingen-Enz. 1945 wieder Mitglied der KPD. 1946 bis 1949 politischer Redakteur der überpartei- lichen »Stuttgarter Zeitung«. 1950 Chef- redakteur des »Volksecho«, Organ der KP Württemberg. Von 1946 bis zum KPD- Verbot auch Stadtrat im Stuttgarter Ge- meindeparlament und Fraktionsvorsitzen- der der KPD. Bohn lebte 1969 als DKP- Mitglied in Stuttgart. 1969 erschien sein Buch »Stuttgart: Geheim!«; ein Bericht über den Stuttgarter Widerstand. BOLZE, Waldemar (1896-1951) Geboren am 11. Januar 1896 in Buk (Po- sen). Gelernter Tischler. Als 18 jähriger Mitglied der Gewerkschaft und 1906 auch der SPD. Nach kurzer Wanderschaft kam er nach Berlin, wo er bald Funktionen in SPD und Gewerkschaft ausübte. Nadi Kriegs- ausbruch trat er unter Protest gegen die Haltung der SPD aus der Partei aus. Er war vier Jahre Soldat, trat 1917 der USP und im Januar 1919 der KPD bei. Bolze nahm an den Spartakuskämpfen in Berlin teil. 1920 wurde er Mitarbeiter der »Roten Fahne« und 1921 der Gewerk- schaftsabteilung der KPD-Zentrale. 1924 als Gegner Ruth Fischers und als »Rechter« aus der Zentrale entlassen, war Bolze einer der wenigen Wortführer der »Rechten« in der Berliner KPD. 1926 kam er wieder in die Gewerkschaftsabteilung des ZK, wo er bis Anfang 1929 blieb. An- hänger Brandlers und Gegner des RGO- Kurses, deshalb im Januar 1929 aus der KPD ausgeschlossen. Bolze gehörte bis 1933 der KPO und deren Leitung an. 1933 mußte er emigrieren. Er lebte zuerst in Frankreich und ging im November 1936 nach Spanien, um dort für die Republika- ner tätig zu sein. Er arbeitete in einem Flugzeugwerk in Barcelona und hatte enge Verbindung zur Gruppe POUM, die von den Stalinisten als »trotzkistisch« verfolgt wurde. Audi Bolze wurde von der GPU verhaftet und über ein Jahr in spanischen Kerkern festgehalten. Er wäre den Franco- Truppen in die Hände gefallen, wenn die stalinistische Gefänigswache nicht im letzten Augenblick geflüchtet wäre, so daß die Ge- fangenen über die Pyrenäen entkamen. Von Frankreich wurde Bolze nach Belgien ausgewiesen. Im Mai 1940 floh er vor den deutschen Truppen wieder nach Frankreich, wurde in Südfrankreich interniert, entkam und lebte bis 1945 illegal. Die Genehmigung nach Deutschland zurückzukehren, erhielt er erst 1948. Bolze arbeitete als Tischler in den Reichswerken Salzgitter und gehörte der »Gruppe Arbeiterpolitik«, der Nadi- folgeorganisation der KPO an. Er starb am 14. Dezember 1951 in Salzgit- ter an Lungentuberkulose. BOROWSKI, Noah (August) (1885-?) Geboren am 1. Oktober 1885 in Peski (Rußland). Er kam noch vor dem 1. Welt- krieg nach Deutschland und schloß sich in Chemnitz der SPD an. Während des Krie- ges gehörte er zum Spartakusbund und war Mitbegründer der KPD in Chemnitz. Er nahm an einigen Parteitagen der KPD teil, darunter dem III. Parteitag (Februar 1920) in Karlsruhe. Der Jenaer Parteitag 1921 wählte ihn in den ZA, auf dem VIII. Par- teitag 1923 wurde er in die Redaktions- kommission delegiert. Borowski arbeitete als Redakteur am Chemnitzer »Kämpfer«, dessen Chefredak- teur er 1923/24 war. Als Anhänger Brandlers wurde er im Herbst 1924 entlas- sen und Anfang 1925 aus der KPD ausge- schlossen. Nach der Ruth Fischer-Ära wie- der in die KPD aufgenommen, übersiedelte er nach Berlin. Als Anhänger Brandlers Borowski/Boulanger 83 im Januar 1929 abermals verwarnt, erfolgte im Frühjahr 1929 sein erneuter Ausschluß aus der KPD. Er gehörte der KPO-Führung an, wandte sich aber gegen die Aufstellung eigener Kandidaten durch die KPO und schied 1930 aus der Organisation aus. An der deutschen Übersetzung der Werke Le- nins beteiligt, übersiedelte er 1931 nach Mos- kau. Dort soll er während der Säuberungen 1937 verhaftet worden sein. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermit- teln. BORSTEL, Hans von (1888-1962) Geboren am 3. März 1888 in Stade, nach der Entlassung aus der Volksschule Eisen- bahn-Arbeiter. Vor dem Weltkrieg SPD, 1917 USPD, 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. 1921 war Borstel gemeinsam mit Thälmann Vorsitzender der KPD in Hamburg. Von 1921-1927 wurde er in die Beschwerde- und Revisionskommission gewählt. Anhän- ger Thälmanns, nahm an den Parteitagen 1923 und 1924 teil, auf denen er in die Gewerkschaftskommission delegiert wurde. Ab 1923 Redakteur der »Hamburger Volkszeitung«. Im November 1926 brach Borstel mit der KPD, er weigerte sich, die Trennung Thälmanns von Ruth Fischer mitzumachen und wurde wegen angeblicher »Intrigen« ausgeschlossen. Borstel arbeitete später bei der Wohlfahrtsbehörde und war ein Anhänger der Korsch-Gruppe. Von 1928-1933 Mitglied der SPD. Nach 1933 einige Zeit inhaftiert, schloß er sich nach 1945 kommunistischen Oppositionsgruppen an. Borstel starb am 6. Oktober 1962 in Hamburg an Kehlkopfkrebs. BOULANGER, Jakob (1897-1968) Geboren am 8. Januar 1897 in Köln, durchlebte eine schwere Kindheit; nach dem frühen Tod des Vaters mußte die Mutter ihn und vier Geschwister allein ernähren. Nach der Schulentlassung arbeitete er zu- nächst als Schleifer in einer Aluminium- fabrik, mußte diese Tätigkeit aber einstel- len, da er zu schwach und unterernährt war. Er lernte das Kunstschmied-Handwerk und trat 191$ der Gewerkschaft bei. 1916 kam er an die Front und wurde dort zum Sozialisten. Nach dem Krieg übersiedelte er nach Nürn- berg, dort schloß er sich 1919 der KPD an. 1927 wurde er Gauführer und Sekretär des RFB in Nordbayern. 1929 Orgleiter der KPD Nordbayern und 1930 Polleiter die- ses KPD-Bezirks. 1932 wurde er auch in den bayerischen Landtag gewählt. Im April 1933 sandte die KPD Boulanger als Polleiter nach Thüringen, wo er am 29. Juli festgenommen und anschließend zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Am 12. September 1936 wurde er aus dem Zuchthaus Amberg ins KZ Dachau einge- liefert, wo für Boulanger, der nach den Worten Himmlers der »bestgehaßte Mann in Bayern« war, ein Martyrium begann. Drei Jahre verbrachte er im berüchtigten »Bunker«. Im September 1939 wurde er nach Buchenwald überführt und hier wei- tere drei Jahre im »Bunker« - einer Zelle von 2 Meter Länge und 1,20 Meter Breite - eingesperrt. Wie durch ein Wunder über- stand Boulanger auch noch die anschlie- ßende Haft im Vernichtungslager Mauthau- sen. Am 5. Mai 1945 endete für Boulanger die qualvolle Zeit. Sein Erlebnisbericht (Jakob Boulanger - Michael Tschesno-Hell, »Eine Ziffer über dem Herzen«, Berlin 1957) ist ein erschütterndes Dokument. Nach 1945 übernahm Boulanger eine Reihe wichtiger Funktionen für die SED; zu- nächst war er Vizepräsident der Zentral- verwaltung für Industrie (1947), dann stellvertretender Vorsitzender der Deut- schen Wirtschaftskommission; »auf Grund eines in Gang befindlichen Parteiverfahrens wegen grober Verfehlungen in seinem per- sönlichen Verhalten im Amt« im November 1947 abgesetzt, wurde er später Leiter meh- rerer großer Werke. Dann Generaldirektor des Außenhandelsunternehmens Invest-Ex- 84 Boulanger/Brandler port. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Boulanger als »Parteiveteran«. Zum 70. Geburtstag 1967 noch mit dem »Vaterlän- dischen Verdienstorden in Gold« ausgezeich- net, starb er am 16. März 1968 in Ost- Berlin. BRÄUNING, Karl (1886-1962) Geboren am 5. Januar 1886 in Ilversgeho- fen b. Erfurt. Sohn eines Bergmanns, der später ein Milchgeschäft betrieb. Gelernter Metalldreher. 1903 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Nach der Lehre ging Bräuning auf Wanderschaft und trat 1906 in Düsseldorf der SPD bei. Nach sei- ner Militärzeit (1906/08) arbeitete er in den Zeiß-Werken in Jena. Nach dem Krieg wurde er dort Betriebsrat. 1917 USPD, 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Obwohl er schon während des Krieges Mitglied der Spartakusgruppe war, wollten er und seine Freunde erst die Mehrheit der USPD für die KPD gewin- nen. 1923 verhaftet. Im Januar 1924 entlassen und bis 1928 Orgleiter der KPD Thürin- gen. Auf dem X. Parteitag 1925 in die Org-Kommission gewählt. Bräuning ge- hörte zum rechten Parteiflügel. Auf dem Thüringer Bezirksparteitag im Januar 1929 vertrat er die Opposition, dann wurde er ausgeschlossen und trat der KPO bei. Als Sekretär der Thüringer KPO-Organisation führend tätig. Für die KPO arbeitete er auch nach 1933 illegal als Orgleiter des Berliner Komitees der KPO und bis 1941 in der Emigration weiter. Er nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil, wo er wegen seiner Verbindung zum POUM von den Stalinisten verhaftet und über ein Jahr im Gefängnis festgehalten wurde. Von Frankreich aus flüchtete er 1942 in die USA. Er kehrte erst 1955 nach Deutschland zurück und trat der SPD bei. Bräuning starb am 14. September 1962 in Darmstadt. BRANDLER, Heinrich (1881-1967) Geboren am 3. Juli 1881 in Warnsdorf (Böhmen). Der Vater, Joseph Brandler, der zur Zeit des Sozialistengesetzes verbotene Literatur geschmuggelt hatte und die ört- liche Maurer-Gewerkschaft begründete, starb, als Brandler neun Jahre alt war. Heinrich Brandler erlernte das Maurer- handwerk und arbeitete als Fliesenleger. Bereits mit 16 Jahren wurde Brandler Schriftführer des Bauarbeiterverbandef Drei Jahre lang durchwanderte er Europa bis nach Italien. 1901 kam er nach Ham- burg, wo er Mitglied der SPD wurde. Vor- sitzender des Arbeiterbildungsvereins, 1904 aus Hamburg ausgewiesen, übersiedelte nach Bremen. Auch dort arbeitete er vor allem im sozialdemokratischen Bildungs- verein. Delegierter auf dem SPD-Parteitag 1908 in Nürnberg. 1909 verließ Brandler Bremen und zog in die Schweiz, wo er im Sommer als Fliesenleger arbeitete und im Winter als Wanderlehrer für die Sozial- demokratie warb, er vertrat dort die links- radikale Position. Im Juni 1914 Übersiedlung nach Chemnitz, dort 1914 hauptamtlicher Sekretär im Bau- arbeiterverband. 1915 wurde Brandler als Anhänger Karl Liebknechts aus der SPD ausgeschlossen. Während des Krieges leitete er gemeinsam mit Heckert (beide waren nicht zum Militär eingezogen worden) die illegale Arbeit der Spartakusgruppe in Chemnitz, die eine der bedeutendsten in Deutschland war. Brandler nahm an fast allen Konferenzen der Spartakusgruppe in Berlin teil. Im Oktober 1918 wies ihn die Regierung aus Deutschland aus. Die Re- volution erlebte er in Wien. Ende 1918 war Brandler in Bayern, hier wollte Eisner ihn zum Staatssekretär für Äußeres ernen- nen. Doch er lehnte ab und kehrte nach Chemnitz zurück, wo er den »Kämpfer« begründete und in der stärksten KP-Or- ganisation Deutschlands tätig war. Dele- gierter des II. Parteitages der KPD, in die Zentrale der Partei gewählt. In der Folge- zeit mehrmals verhaftet, wurde Brandler Brandler 8 5 nach dem Rücktritt Levis im Februar 1921 Mitvorsitzender der KPD. Er hatte maß- gebenden Anteil an der Märzaktion. Des- wegen im April 1921 verhaftet und zu 5 Jahren Festung verurteilt. Über seine Ver- teidigung vor Gericht gab es in der KPD kritische Diskussionen, da er »nicht kämp- ferisch genug« aufgetreten sei; doch hatte z. B. der Bezirksausschuß Erzgebirge »ein- mütig bekundet, daß die Organisation volles Vertrauen zum Genossen Brandler« habe. Der III. Weltkongreß der Komintern 1921 wählte ihn zum Ehrenpräsidenten. Im November 1921 floh er aus der Festung Gollnow nach Sowjetrußland, er wurde stellvertretender Generalsekretär des Voll- zugsbüros der RGI. Nach der Rathenau- Amnestie kehrte Brandler nach Deutsch- land zurück, nachdem er zuvor bis Septem- ber 1922 in der KP der ÖSR gearbeitet hatte. Er übernahm nun als Sekretär des Polbüros die Führung der KPD und hatte auf dem VIII. Parteitag im Januar 1923 eine starke Mehrheit hinter sich. Unter sei- ner Leitung bereitete sich die KPD im Som- mer 1923 auf den Umsturz vor. Vom 10. bis 29. Oktober 1923 gehörte Brandler als Leiter der Staatskanzlei der sächsischen Re- gierung an. Er betrieb die Einheitsfront- politik mit der SPD. Als die linke SPD auf der Chemnitzer Betriebsrätekonferenz die Teilnahme am Generalstreik ablehnte, entschloß sich die KPD unter Führung Brandlers den Aufstand abzusagen, der nur in Hamburg ausbrach. Nach dem KPD- Verbot billigte zwar die Mehrheit der Füh- rung zunächst noch Brandlers Politik, doch war bald die übergroße Mehrzahl der Par- teimitglieder gegen ihn und seine »rechte Politik«. Er wurde - besonders nach dem Eingreifen Sinowjews und der Komintern - zum »Hauptschuldigen« an der Nieder- lage erklärt und im Januar 1924 abgesetzt und nach Moskau befohlen. Die deutsche Polizei suchte ihn noch (unter dem falschen Namen Otto Ilgner und dem Steckbrief: »1,62 groß, hohe Stirn, braune Augen, breiter Mund, volles Gesicht, links- seitig Buckel, sächsischer Dialekt«) während er sich in Moskau befand. Auf dem IX. Parteitag erlitten er und Thalheimer eine vollständige Niederlage. Versuche seiner Freunde, ihn zur Parteispaltung zu über- reden, lehnte er ab, weil er annahm, daß von den 27 Zeitungen nicht einmal 4 zu halten seien, daß es unmöglich sein würde, die Parteiangestellten zu bezahlen usw. Brandler arbeitete - nunmehr Mitglied der russischen KP - in Moskau zunächst im Obersten Volkswirtschaftsrat. Nach dem Ende des ultralinken Kurses in Deutschland wurde er 2. Vorsitzender der Roten Bau- ern-Internationale. Schon in der Ruth- Fischer-Ära hatte sein Ausschluß aus der KPD nicht durchgesetzt werden können; 1927 beschloß das neue ZK, ihn wieder zur Parteiarbeit in Deutschland heranzuziehen. Doch gelang es ihm auch 1928 nicht, sein unfreiwilliges Exil mit Genehmigung der Komintern zu verlassen, obwohl seine Frau bereits ein Jahr zuvor nach Deutschland zurückgekehrt war. Nach der Wittorf-Af- färe reiste er - entgegen dem Parteibeschluß - im Oktober 1928 nach Deutschland; er kam am 28. Oktober 1928 in Berlin an und übernahm zusammen mit Thalheimer die Leitung der oppositionellen »rechten« Kom- munisten. Brandler wurde im Januar 1929 aus der KPdSU und damit aus der Komintern aus- geschlossen. Seit Dezember 1929 Mitglied der Reichsleitung der KPO und deren eigentlicher Führer. 1931 gemeinsam mit Thalheimer Hauptrepräsentant der Mehr- heitsgruppe der KPO, die 1932 einen Zu- sammenschluß mit der SAP ablehnte. 1933 Emigration nach Frankreich, 1941 nach Kuba, wo er (gemeinsam mit Thalhei- mer, der dort starb) blieb, bis er 1947 die Erlaubnis zur Übersiedlung nach England und 1949 zur Rückkehr nach Deutsch- land erhielt. Anfangs noch aktiv in der »Gruppe Arbeiterpolitik« (die er schon von Kuba aus mit den »Briefen aus der Ferne« politisch zu orientieren suchte), zog er sich später von der aktiven Politik zurück. 86 Brandler/Brönnle Brandler lebte zuletzt in Hamburg, er starb dort am 26. September 1967. BRAUN, Otto (geb. 1900) Geboren am 28. September 1900 in Isma- ning b. München als Sohn des Buchhalters Willibald Braun. Absolvierte Präparanden- schule und Lehrerseminar in Pasing. Wäh- rend des Krieges in der bürgerlichen Ju- gendbewegung aktiv. Trat nach dem Kriege zusammen mit Kurella der Freien Sozialisti- schen Jugend (KP) bei. Aktiver Teilneh- mer der Münchner Räterepublik 1919 und Mitglied der KPD. Kurze Zeit später Pri- vatlehrer. Am 28. Juli 1921 verhaftet, angeklagt wegen Beihilfe zur Amtsan- maßung und Anstiftung zur Urkundenfäl- schung. Vor Gericht behauptete er, nur zum Schein mit Kommunisten zu verkehren, in Wirklichkeit sympathisiere er mit den Rechtsparteien. Tatsächlich war er schon damals für den illegalen Apparat der KPD tätig. Am 9. Mai 1922 zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt. Redakteur an ver- schiedenen KPD-Blättern. Seit 1923 Mit- arbeiter des ZK, vor allem für Schulungs- arbeit im Militärapparat und später im RFB eingesetzt. 1925/26 Reichsnachrichten- leiter der KPD. Am 30. September 1926 in Berlin verhaf- tet, saß er 1V2 Jahre in Untersuchungshaft. Im Mai 1928 sollte der Prozeß gegen Braun die illegale Arbeit der KPD enthüllen. Am 11. April 1928 befreite ihn der ille- gale Apparat der KPD durch einen Hand- streich von 5 Bewaffneten gewaltsam aus der Untersuchungshaft. Gemeinsam mit sei- ner Freundin Olga Benario floh Braun nach Moskau. Militärwissenschaftliche Studien und Mit- arbeit im Kominternapparat. 1932 entsand- te ihn die Komintern nach China. Er war zunächst am Kampf gegen die Japaner in der Mandschurei beteiligt, dann wurde er im Herbst 1932 zum militärischen Berater des EKKI-Vertreters beim ZK der KP Chinas (1932-1934: Arthur Ewert) berufen. Braun war sieben Jahre in China, er war der ein- zige ausländische Teilnehmer des legendären »langen Marsches«, der die Rote Armee kämpfend durch ganz China führte. 1939 kehrte er nach Moskau zurück. 1941-1948 Politinstrukteur im Lager Oran- ski und Lehrer an der Antifa-Zentral- schule in Krasnogorsk. 1949 Rückkehr aus der Emigration und Mitglied der SED. Übersetzer zahlreicher russischer Bücher. Verantwortlicher Redakteur für die deut- sche Ausgabe der Werke W. I. Lenins. Seit 1961 Erster Sekretär des Schriftstellerver- bandes der DDR. In »Neues Deutschland« vom 27. Mai 1964 wandte er sich scharf gegen die chinesische Führung. Unter der Überschrift: »In wessen Namen spricht Mao Tse-tung?« griff er seine ehemaligen chine- sischen Freunde an, deren Politik ihn »schmerzlich berühre«. 1969 berichtete er in der Zeitschrift »Horizont« über seine Erleb- nisse in China. Braun lebte 1969 in Ost-Berlin, er ist Trä- ger des »Vaterländischen Verdienstorden« in Silber. BROMMER, Hugo August (1895-?) Geboren am 22. März 1895 in Schlotheim (Thüringen). Gelernter Weber. Aktiver Funktionär der Thüringer USP und ab 1920 der KPD, von 1924-1927 thürin- gischer KPD-Landtagsabgeordneter. Nach 1933 lebte er als Weber in Pößneck. Wei- tere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. BRÖNNLE, Karl (1879-1952) Geboren am 4. Januar 1879 in Reichenbach (Württemberg), Sohn eines Eisenbahnexpe- dienten. Nach dem Besuch der Oberschule ebenfalls Eisenbahndienst (Eisenbahnin- spektor), aber zugleich auch Kunstschrift- steller. Er schloß sich 1909 der SPD, 1917 der USPD und 1920 der KPD an und ar- beitete als Literatur- und Theaterkritiker für Parteizeitungen. Brönnle/Buchmann 87 Brönnle hatte keinen Einfluß im Partei- apparat, wurde aber von der Führung ge- schätzt, weil er gute Verbindungen zu bür- gerlichen Kreisen besaß und als Fachmann für Kulturfragen galt. Von 1924-1928 vertrat er die KPD im württembergischen Landtag. Er stand auf dem rechten Flügel der KPD, die er 1929 verließ, um sich der KPO anzuschließen. Bald trat er im politischen Leben nicht mehr in Erscheinung. Bis zu seiner Pensio- nierung 1945 arbeitete er bei der Bahn. Auch nach 1945 betätigte er sich nicht mehr politisch. Brönnle starb am 29. Mai 1952 in Stuttgart. BRUHN, Gustav (1889-1944) Geboren am 14. März 1889 in Anger- münde, Sohn eines Eisenbahnarbeiters. Ge- lernter Tischler. Nach der Lehrzeit Soldat in Kiel. Dort machte er die Bekanntschaft seiner Frau Lisbeth, die aus einer Landar- beiterfamilie stammte. 1912 trat er in Hannover der SPD bei. Im Weltkrieg gehörte er zunächst einer Matro- sendivision an, später einer Pionierkom- panie in Flandern. 1919 USPD. Delegierter des Spaltungsparteitags in Halle; 1920 mit dem linken Flügel der USP Übertritt zur KPD. 1921 Delegierter auf dem Jenaer Parteitag. Bruhn wohnte in Heide (Hol- stein), wo er 1923 beim Aufstandsversuch festgenommen wurde. Als Anhänger des linken Flügels der KPD Delegierter auf dem V. Weltkongreß der Komintern. Seit 1925 hauptamtlicher Parteisekretär für Heide-Itzehoe. 1925 Delegierter des X. Parteitags, von 1926-1929 Mitglied der er- weiterten Bezirksleitung Wasserkante. 1927 Unterbezirksleiter in Lübeck. Im gleichen Jahre wegen Vertriebs einer Broschüre zur Zersetzung der Marine verhaftet und zu 3 Jahren Festung verurteilt. Er kam auf die Festung Gollnow; von dort entlassen, weil er 1928 als Abgeordneter in den preußi- schen Landtag gewählt worden war. 1932 kam er nicht mehr ins Parlament. Im April 1933 Schutzhaft, jedoch im Juli wieder entlassen. Wegen illegaler Arbeit für die KPD im September 1933 erneut verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Frau erhielt 1934 zwei Jahre Gefängnis. Nach Verbüßung der Zuchthausstrafe kam Bruhn ins KZ Sach- senhausen, aus dem er 1939 entlassen wurde. Gemeinsam mit seiner Frau schloß er sich wieder einer kommunistischen Widerstands- gruppe (Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe) an und wurde mit seiner Frau im Herbst 1942 abermals verhaftet. Nach den Groß- angriffen auf Hamburg wurden beide für zwei Monate beurlaubt, doch meldeten sie sich nicht wieder, sondern gingen in die Illegalität. Sie gerieten in die Hände eines Gestapospitzels, wurden beide ins KZ Neuengamme gebracht und dort am 14. Februar 1944 am Galgen erhängt. BUCHMANN, Albert (geb. 1894) Geboren am 28. Oktober 1894 in Pirma- sens. Sohn eines Schuhmachers. Arbeiter in Schuhfabriken. 1910 Mitglied der Gewerk- schaft und 1911 der SPD. 1914-1919 Soldat bei der bayerischen Infanterie. Nach dem Krieg kam Buchmann im Januar 1921 über die USPD zur KPD. 1920 war er nach München übergesiedelt, hier wurde er 1922 Vorsitzender der Schuh- arbeitergewerkschaft, im Januar 1923 Lei- ter der KPD München. Im Herbst 1923 hauptamtlicher Sekretär der KPD Süd- bayern. Im Oktober 1923 verhaftet. Von Mai 1924-1933 ununterbrochen Reichstags- abgeordneter der KPD. Als Nachfolger Schlaffers 1925 Polleiter des Bezirks Südbayern der KPD, er behielt diese Funktion bis 1932. Als Delegierter vertrat er die bayerische KP auf verschie- denen Parteitagen. 1932 als Nachfolger Schlaffers Polleiter des Bezirks Württem- berg. Im Dezember 1935 Verhaftung durch die Gestapo; Zuchthaus und KZ bis 1945. 88 Buchmann/Büchs Auch seine Frau Erika, Tochter eines be- kannten Münchener kommunistischen Arz- tes und aktive kommunistische Funktio- närin, war bis 1945 im KZ (Ravensbrück). 1945 aus dem KZ Flossenbürg befreit, lei- tete Buchmann als Vorsitzender die KPD von Nordwürttemberg, später die von Württemberg-Baden. Er wurde Abgeord- neter (Fraktionsvorsitzender) der KPD im Landtag. 1948 Mitglied des Parteivorstan- des der westdeutschen KPD, später Ab- teilungsleiter für Aktionseinheit im ZK der KPD. 1952 übersiedelte Buchmann in die DDR, wo er ein Jahr »kaltgestellt« war. 1955/56 arbeitete er als Parteisekretär an der KPD- Schule in Schmerwitz (DDR). 1959 als »Delegierter der KPD« zur Konferenz der Großmächte nach Genf entsandt. Buchmann lebte 1969 mit seiner Frau in Ost-Berlin, er gehört dem ZK der illegalen KPD an. BUDICH, Willi (1890-1941) Geboren am 16. April 1890 in Cott- bus. Kind meiner sorbischen Bauernfamilie. Schlosserlehre, dann Ingenieurstudium in Mittweida. 1910 SPD, während des Krieges stieß er zur Spartakusgruppe und war ein enger Mitarbeiter von Jogiches und Eber- lein. Nach einer Verwundung an der West- front Schreiber der Berliner Garnisonsver- waltung (Garde-Feldartillerie). Budich ge- hörte als Spartakusmitglied auch der USPD an und war aktiv bei der Herstellung und Verbreitung illegaler Flugblätter für die Armee. Gemeinsam mit Jogiches war er einer der Organisatoren des Spartakusbun- des (Deckname: Brandt). Am 24. März 1918 verhaftet. Durch die Revolution be- freit, leitete er in der Zentrale des Sparta- kusbundes die militärische Arbeit. Führer des »Roten Soldatenbundes«. Bei einer De- monstration am 6. Dezember 1918 wurde Budich schwer verletzt, er verlor einen Arm. Im März 1919 Übersiedlung nach München in der Räterepublik Mitglied des Volzugsrats (Pseud.: Dietrich). 1920 Delegierter der KPD zum II. Weltkongreß der Komintern, blieb er in Rußland und war Offizier der Roten Armee. 1921 wie- der in der KPD, verhaftet und erneute Flucht nach Sowjetrußland, wo er in den folgenden Jahren wichtige Funktionen aus- übte, vor allem in der Leitung der Inter- nationalen Roten Hilfe. 1924-1928 (Pseud. Gerbilski) Direktor der russischen Handels- gesellschaft in Wien. 1929 kehrte er nach Deutschland zurück, war zunächst Redak- teur der »Roten Fahne« und arbeitete dann in der Geschäftsabteilung des ZK. Im No- vember 1932 wurde er in den Reichstag gewählt. 1933 wurde Budich mit zwei seiner Sekre- tärinnen von der Gestapo verhaftet. Später warf ihm die Kontrollkommission in Mos- kau vor, er habe unter den Folterungen der Gestapo die KPD belastende Aussagen ge- macht, was Budich aber bestritt. Aus dem deutschen KZ entlassen, emigrierte er im August 1933 nach Moskau, wo er 1937 verhaftet wurde und im Gefängnis ums Leben kam. Die SED gibt unterschiedlich 1941 und 1942 als Sterbejahr an. BÜCHS, Franz Xaver (1889-1940) Geboren am 18. April 1889 in Augsburg, Sohn eines Malers und einer Arbeiterin; gelernter Schlosser. 1910 kam Büchs nach Nürnberg und arbeitete bei der Firma MAN. 1910 Mitglied der SPD, 1917 der USPD. Aktive Beteiligung am Munitions- arbeiterstreik 1918. 1920 Betriebsrat in den MAN-Werken. Mit der linken USP (De- legierter des Spaltungsparteitags) kam Büchs 1920 zur KPD und wurde deren Vorsitzender in Nürnberg, blieb aber wei- terhin im Betrieb tätig. Auf Anordnung der Zentrale gab er 1923 die Fabrikarbeit auf, um illegal für die verbotene KPD zu wirken. Anfang 1924 zusammen mit an- deren Kommunisten bei einer illegalen Sit- zung in Stuttgart verhaftet und zu 6 Mo- naten Gefängnis verurteilt. Im April 1924 Büchs/Bulian 89 als Abgeordneter in den bayerischen Land- tag gewählt, deshalb vorzeitig aus der Haft entlassen. Neben seiner Tätigkeit als Land- tagsabgeordneter in den folgenden Jahren für die Betriebszellenarbeit der KPD in Bayern verantwortlich. 1928 erneut in den Landtag gewählt. Büchs zählte zum rechten Parteiflügel; An- fang 1930 zusammen mit anderen bayeri- schen Opponenten aus der KPD ausge- schlossen. Kurze Zeit in der KPO, dann zur SPD, für die er bis 1932 im Landtag blieb. Danach eröffnete er in Nürnberg ein Zigarrengeschäft. 1933 einige Male verhaftet, bei den mehr- fachen polizeilichen Vernehmungen geprü- gelt. Im Juni 1940 verhaftete die Gestapo Büchs sowie ein anderes SPD-Mitglied er- neut. Dieser Mitgefangene stürzte sich (wahrscheinlich nicht freiwillig) aus dem Fenster. Frau Büchs erhielt die Nachricht, ihr Mann habe sich am 22. Juni 1940 in seiner Zelle erhängt. Seinen Leichnam konnte sie erst nach der Aufbahrung im Leichenhaus sehen, irgendwelche Anzeichen einer Strangulation waren nicht festzustel- len. Über die Todesursache bekam Frau Büchs keine schriftliche Bescheinigung, meh- rere Hinweise deuten darauf hin, daß Büchs ermordet wurde. BÜSER, Joseph (1886-1954) Am 7. Juli 1886 in Langenfeld (Rheinl.) geboren, arbeitete nach der Lehre als Schmied. Im 1. Weltkrieg Soldat, übersie- delte er nach dem Krieg nach Köln. Er schloß sich der USPD an und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Akti- ver Funktionär im Bezirk Mittelrhein, Mitglied der BL und 1924 und 1928 Kan- didat bei den Reichstagswahlen (aber nicht gewählt). Der XII. Parteitag der KPD 1929 berief Büser als Betriebsarbeiter zum Mitglied des ZK. Nach dem Parteitag wurde er hauptamtlicher Sekretär im Be- zirk Mittelrhein, er schied aber bald wieder aus dem Apparat aus. Nach 1933 mehrfach verhaftet, trat Büser nach 1945 nicht mehr politisch hervor. Er starb am 1. September 1954 in Köln-Ehrenfeld. BUHLER, Alfred (geb. 1890) Geboren am 14. Januar 1890 in Bürgel (Thüringen); Arbeiter. Schloß sich 1917 der USPD an und kam 1920 zur KPD. Damals arbeitete er in Mitteldeutschland. Buhler war Delegierter des Jenaer Partei- tages 1921. 1922 hauptamtlicher Unterbe- zirksleiter der KPD in Merseburg. 1923 übersiedelte er nach Rostock, 1924 Mitglied des Landtags von Mecklenburg-Schwerin, leitete er zugleich als Sekretär den Unter- bezirk Rostock. Von 1921-1924 Mitglied des ZA der KPD für Mecklenburg. Der VIII. Parteitag 1923 wählte Buhler in die Beschwerdekommission. Auch im Mai 1927 wieder in den Landtag gewählt. Ende August 1927 aus der KPD ausgeschlos- sen, angeblich wegen »Unregelmäßigkei- ten«; doch wurde bekannt, daß es politische Differenzen gegeben hatte, da Buhler auf dem linken Parteiflügel stand. Er blieb als Fraktionsloser bis 1929 im Landtag. Später kehrte er nach Thüringen zurück und betei- ligte sich am antifaschistischen Wider- standskampf. Buhler trat 1945 der KPD- SED bei, ohne wichtige Funktionen zu bekommen. Er lebte 1968 als Parteiveteran in Thüringen. BULIAN, Otto (1886-1937?) Geboren am 21. März 1886 in Gronowki (Kreis Thorn). In der Kindheit Übersied- lung nach Berlin, Lehre als Maschinenfor- mer, anschließend in seinem Beruf tätig. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, seit Gründung der Partei 1919 in der KPD ak- tiv. 1923 im Militärapparat und anschlie- ßend im »Ordner-Dienst« der KPD tätig. Im Oktober 1925 wegen dieser illegalen Arbeit zu 2V2 Jahren Gefängnis verur- teilt. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis in 90 Bulian/Creutzburg den hauptamtlichen Apparat übernommen, 1929 kurze Zeit auch Sekretär für Gewerk- schaftsfragen der BL Berlin-Brandenburg. 1928 Kandidat für die Reichstagswahlen, aber nicht gewählt. Bulian war bis 1933 wieder im M-Apparat tätig, vor allem für Waffenbeschaftung ver- antwortlich. Er emigrierte in die Sowjet- union, wo er während der Stalinschen Säu- berungen 1937 verhaftet wurde, seither ist er verschollen. CHARPENTIER, Fritz (1869-1928) Am 25. Dezember 1869 in Norden (Au- rich) geboren, nach dem Besuch der Bürger- und Handelsschule in einer Privaten Lehr- anstalt zum Kaufmann ausgebildet. Kauf- mann und Reisender im Rheinland und Ruhrgebiet; trat vor dem Weltkrieg der Sozialdemokratie bei. Als Kriegsgegner schloß er sich 1917 der USPD an. 1919 Parteisekretär in Solingen. Mit dem linken Flügel der USP (Delegier- ter des Spaltungsparteitags) kam er 1920 zur KPD, übernahm als Sekretär die Lei- tung des Unterbezirks Solingen. 1921 als Abgeordneter in den preußischen Landtag gewählt. 1921 Levi-Anhänger und Gegner der »Märzaktion«. Im Herbst 1921 in einer Funktionärsitzung von Vertretern der »Offensivtheorie« niedergeschlagen und ver- letzt. Charpentier blieb nach einigen Schwankungen (kurze Zeit gehörte er im Landtag zur »Kommunistischen Arbeits- gemeinschaft« Levis) in der KPD. Partei- sekretär in Elberfeld. Als Anhänger der Mittelgruppe übernahm er Anfang 1924 die Chefredaktion der Remscheider »Bergischen Volksstimme«. Im Juli 1924 von den Linken dieser Funktion enthoben, und 1924 auch nicht mehr in den Landtag gewählt. Wegen seiner Aktivität bei den Aufstandsvorbereitungen 1923 po- lizeilich gesucht, emigrierte er nach Sowjet- rußland. Er lebte in Leningrad und geriet in Opposition zum bestehenden System. 1928 berichtete die sozialdemokratische Presse, Charpentier sei in Leningrad er- schossen worden. »Die Rote Fahne« wies diese Meldung zurück und schrieb, Charpen- tier sei längere Zeit krank gewesen, im Juli in ein Moskauer Krankenhaus einge- liefert worden und dort am 2. August 1928 gestorben. Die Gerüchte, Charpentier sei 1928 in der Sowjetunion im Gefängnis umgekommen, verstummten lange Zeit nicht und führten zu Auseinandersetzun- gen in der rheinischen KP. CREUTZBURG, August (1892-1940?) Geboren am 6. März 1892 in Fischbach (Thüringen), lernte Maler und Lackierer. Bis 1912 arbeitete er in verschiedenen Tei- len Deutschlands als Tüncher. Am 1. Mai 1908 Eintritt in die SPD und im Mai 1909 in die Gewerkschaft. Von 1912-1918 Sol- dat. 1917 zur USPD, nach der Vereinigung 1920 zur KPD übergetreten. Ab Mai 1919 hauptamtlicher Sekretär der USPD in Thüringen und ab Dezember 1920 KPD-Sekretär in Jena. Im Juni 1923 zum Orgleiter des Bezirks Magdeburg be- rufen, den Creutzburg ab Mai 1924 als Polleiter führte. Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt, dem er bis 1928 und von 1930-1933 angehörte. Creutzburg wurde als einer der »Feuer- wehrleute« des ZK immer in die Bezirke geschickt, in denen die Zentrale Schwierig- keiten hatte. Er bewältigte seine Aufgaben gut und gehörte nie einer Oppositions- gruppe an. Im August 1924 nach Ham- burg entsandt, Polleiter des KPD-Bezirks Wasserkante, den er auf dem X. Parteitag im Juli 1925 vertrat (er war Teilnehmer fast aller anderen Parteitage und schon De- legierter auf dem Vereinigungsparteitag von linker USPD und KPD 1920 gewesen). Im Oktober 1925 Polleiter des Bezirks Nie- derrhein, Ende 1925 war er einige Zeit Sekretär in Thüringen und ab Ende 1926 Orgleiter in Niederrhein. Als »Kommis- sar« des ZK Ende 1927 in die Pfalz ge- schickt, um dort die ultralinke Führung zu Creutzburg/Dahlem 91 isolieren. Im August 1928 als Orgleiter des Bezirks Ruhr nach Essen entsandt. Ein Jahr später, im Juli 1929 wurde Creutzburg nach Berlin berufen. Er übernahm die Lei- tung der Orgabteilung, in dieser Funktion , blieb er bis März 1933. 1933 zunächst kurze Zeit Instrukteur in Berlin, da er sich nicht »bewährte«, in die Emigration geschickt. In Amsterdam bis 1935 Parteivertreter, dort verhaftete ihn im März 1935 die holländische Polizei. Über Frankreich gelangte Creutzburg in die So- wjetunion. Mit seiner Frau, Clara Vater, und einem Kind wurde er in die Wolgare- publik abgeschoben; 1937 von der NKWD verhaftet. 1940 soll sich Creutzburg in einer Auslie- ferungszelle befunden haben, von der aus die Gefangenen an die Gestapo übergeben wurden. Über sein weiteres Schicksal ist nichts Konkretes bekannt; er kam als Opfer der Stalinschen Säuberung um. In einem von der SED publizierten Buch wird Creutzburg kurz erwähnt, über sein Ende heißt es lapidar: »In der Emigration verstorben.« DAHLEM, Franz (geb. 1892) Geboren am 14. Januar 1892 in Rohrbach (Lothringen), Sohn eines Eisenbahn-Wei- chenstellers. Aus Geldmangel mußte er die Oberrealschule verlassen und konnte nicht studieren. 1911 Lehrling in einer Saarbrük- ker Exportfirma und Eintritt in die Ge- werkschaft. 1913 in Köln Mitglied der SPD und der Jungsozialisten. In der Partei durchlief Dahlem alle Stufen der Klein- arbeit. 1914 Vorsitzender der Kölner Jung- sozialisten. Korrespondent bei einer Ex- portfirma. 1914 bis 1918 Kriegsteilnehmer. 1917 zur USPD übergetreten. Bei Revolu- tionsausbruch in Allenstein in den Arbei- ter- und Soldatenrat gewählt. Ende 1918 Rückkehr nach Köln, Redakteur des USP- Organs »Sozialistische Republik« und Mit- glied des A.- und S.-Rats in Köln. 1919 Vorsitzender der USP-Mittelrhein. Stadt- verordneter in Köln, Delegierter des USP- Spaltungsparteitags; ging mit der linken USP im Dezember 1920 zur KPD über. USP-Delegierter auf dem Vereinigungspar- teitag. Im Zentralausschuß der VKPD Ver- treter des Bezirks Mittelrhein. 1921 in den preußischen Landtag gewählt. Nach der Märzaktion 1921 war Dahlem Anhänger der Levi-Gruppe. Noch im April wandte er sich als Chefredakteur der »Sozialisti- schen Republik« in mehreren Leitartikeln gegen die Linie der Partei. So schrieb er am 22. April 1921, daß die von der Partei geforderte Parteidisziplin eine Abwürgung der Diskussion sei. In einer Kölner Ver- sammlung forderte er die »volle Diskus- sionsmöglichkeit in der Partei« und erklärte, die Taktik der KPD in der Märzaktion habe nicht den kommunistischen Grundsät- zen entsprochen. Daraufhin wurde er Ende April durch die Zentrale von seinem Po- sten abberufen. Aus Protest besetzten Dah- lems Anhänger Redaktion und Verlag; es kam zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Gefolgsleuten der Zentrale und Anhängern Levis bzw. Dahlems. Da die Kölner Funktionäre Dahlems Rückkehr forderten, ließ die Zentrale den schweren Disziplinbruch durchgehen. Auf dem Be- zirksparteitag Mittelrhein im Mai 1921 wurde Dahlem 2. Vorsitzender (1. Vorsit- zender war der Ultralinke Mieves). Er wandte sich von Levi ab. Von Juli bis Ok- tober 1922 arbeitete Dahlem als Berater der KP Frankreichs in Paris. Anfang 1923 ernannte ihn die Zentrale zum Obersekretär für das Rheinland. Von der französischen Besatzungsmacht ausge- wiesen, kam er als Redakteur der »Roten Fahne« nach Berlin. Zeitweise arbeitete er in der Orgabteilung und bei der »Inpre- korr«. Ende 1925 kurze Zeit Polleiter von Thüringen. Von 1926-1928 leitete er die Orgabteilung des ZK der KPD. Auf dem XL Parteitag 1927 als Mitglied ins ZK gewählt und 1928 ins Polbüro beru- fen (nach der Wittorf-Affäre). Der Wed- dinger Parteitag 1929 wählte ihn erneut in 92 Dahlem/Daub diese Funktionen. Ab 1928 auch Abgeord- neter des Reichstags, dem er bis 1933 an- gehörte. 1931 Reichsleiter der RGO. Dah- lem, nunmehr in die Spitzenführung der KPD vorgedrungen, wurde Ende 1932 als Anhänger der »Neumann-Gruppe« gemaß- regelt. Nach 1933 schloß er sich im Polit- büro der Gruppe Schubert-Schulte-Florin an (diese hatte die Mehrheit gegen Ulbricht und Pieck), schwenkte jedoch 1935 von die- ser Gruppe ab und wurde 1935 und 1939 ins ZK und Politbüro der KPD gewählt. Zunächst in französischer Emigration; wäh- rend des Spanischen Bürgerkriegs zusam- men mit Marty und Longo politischer Lei- ter der Interbrigade. Im September 1939 in Frankreich interniert und im September 1941 an Hitler-Deutschland ausgeliefert. Nach achtmonatiger Bunkerhaft in der Ge- stapozentrale kam Dahlem ins KZ Maut- hausen, aus dem er am 7. Mai 1945 befreit wurde. Die Rote Armee brachte ihn nach Moskau, von dort kam er gemeinsam mit Wilhelm Pieck nach Deutschland zurück. Als Kader- leiter der KPD bzw. der SED gehörte Dahlem bis 1952 den höchsten Parteigre- mien an. Als Leiter des Westkommission der SED praktisch der Führer der west- deutschen KPD. 1952 bildete er eine Frak- tion gegen Ulbricht. Nachdem Ulbricht ihn schrittweise entmachtet hatte, enthob ihn das ZK der SED am 15. Mai 1953 aller Funktionen »wegen politischer Blindheit gegenüber der Tätigkeit imperialistischer Agenten« und weil er nicht bereit war, Selbstkritik zu üben. Dahlems ganze Ver- gangenheit wurde auf gerollt; Matern, Lei- ter der ZPKK der SED verurteilte vor allem Dahlems Haltung in Frankreich 1939. Dahlem erhielt 1954 eine strenge Rüge, Parteiausschluß und Verurteilung waren greifbar nahe. Inzwischen begann in der Sowjetunion die Entstalinisierung, das ret- tete ihn. 1955 kam Dahlem als Abteilungsleiter in das Staatssekretariat für Hochschulwesen, er wurde anschließend Stellvertretender Staatssekretär für Hoch- und Fachschul- wesen und 1967 Stellvertreter des Ministers für Hoch- und Fachschulwesen. Im Juli 1956 rehabilitiert, wurde er im Ja- nuar 1957 auch wieder ins ZK der SED aufgenommen und auf den folgenden Par- teitagen (1958, 1963 und 1967) wiederge- wählt. 1950-1953 und seit 1963 ist Dahlem Volkskammer-Abgeordneter. Er wurde mit allen wichtigen Orden ausgezeichnet, dar- unter dem »Karl-Marx-Orden« und (zum 75. Geburtstag 1967) mit der »Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold«, doch seinen politischen Einfluß konnte Dahlem nicht wieder erlangen. DANTZ, Wilhelm (1886-1948) Geboren am 21. Juli 1886 in Hannover. Nach der Tischlerlehre in seinem Beruf tä- tig. Vor dem Weltkrieg Eintritt in die SPD, seit Gründung in der KPD. 1919 Vorsit- zender der KPD Bremen-Hastig, gehörte 1920 zur KAP-Richtung und wurde Leiter der »Allgemeinen Arbeiter-Union«. 1920 trennte sich Dantz wieder von den Ultralin- ken und kam zur KPD zurück. 1921 Vor- sitzender der KPD Bremen, Delegierter des Jenaer Parteitages. Von 1921-1924 Abge- ordneter der Bremer Bürgerschaft und Re- dakteur des Parteiorgans. Im Oktober 1924 als »Rechter« aus der KPD ausgeschlossen, nach der Ruth-Fischer- Ära 1925 wieder in die Partei aufgenom- nen und 1926/27 wieder Bremer Bürger- schaftsabgeordneter und hauptamtlicher KPD-Funktionär. Ende 1928 erneut als »Rechter« aus der KPD ausgeschlossen. Im Juni 1929 Eintritt in die SPD. Dantz war wieder als Tischler tätig, er trat politisch nicht mehr hervor. Er starb am 28. Juni 1948 in Bremen. DAUB, Philipp (geb. 1896) Geboren am 21. Januar 1896 in Saarbrük- ken, Sohn eines Arbeiters; nach dem Be- such der Volksschule Metallarbeiter. 1918 Daub/David 93 Eintritt in die Gewerkschaft und die USPD, 1921 in die KPD. Betriebsratsvorsitzender. 1923 Stadtverordneter der KPD. 1924 hauptamtlicher Sekretär der Gewerkschaft, ab 1927 im Parteiapparat tätig. Zunächst war Daub Orgleiter, dann 1928 Polleiter im Bezirk Saar. Der Weddinger Parteitag wählte ihn 1929 als Kandidat ins ZK der KPD. Im April 1931 versetzte ihn das ZK als Polleiter in den KPD-Bezirk Hessen. Schon im Oktober 1931 als Polleiter von Hessen wieder abgesetzt, da er (wie Schlaffer in Württemberg) nicht auf der Linie des ZK stand. Von dem Zeitpunkt ab arbeitete er in Berlin als Instrukteur des ZK-Apparats, 1932 Reichstagsabgeordneter der KPD. 1:933/34 Mitglied der illegalen Landeslei- tung der KPD, 1935 Nachfolger Creutz- burgs als Parteivertreter in Amsterdam. 1936 übernahm Daub in Paris die Leitung der »Roten Hilfe«, 1940 flüchtete er nach Übersee und kehrte 1945 nach Deutschland zurück. Daub schloß sich wieder der KPD bzw. der SED an und wurde Vizepräsident der Zen- tralverwaltung für Umsiedler und später Leiter der Kaderabteilung im ZK der SED. I955~19^1 Oberbürgermeister von Magde- burg. Von Dezember 1961 bis Januar 1964 Präsident der Liga für Völkerfreundschaft, seither Parteiveteran, lebte 1969 in Magde- burg. Daub wurde mit zahlreichen Orden ausgezeichnet. 1966 erhielt er den »Karl- Marx-Orden«. DAUTZENBERG, Jakob (geb. 1897) Geboren am 2. Februar 1897 in Würselen, Krs. Aachen, Sohn eines Werkmeisters; ge- lernter Former. Ab 1912 Gewerkschafts- mitglied, trat 1922 in die KPD ein, für die er verschiedene Funktionen ausübte, u. a. war er Gemeindevertreter und Kreistags- abgeordneter. 1923 von der belgischen Be- satzung verurteilt. Ab 1928 hauptamtlicher Sekretär in Aachen und im gleichen Jahr in den Reichstag gewählt, dem er jedoch nur bis 1930 angehörte. Für die KPD blieb er bis 1933 als Sekretär in Aachen tätig. Nach 1933 erwerbslos, in den Jahren 1933 bis 1934 in Untersuchungshaft; arbeitete dann als Former. In Aachen und Eschwei- ler baute Dautzenberg eine Widerstands- gruppe auf. Im August 1944 mit 200 Antifaschisten verhaftet, kam er ins KZ Neuengamme. An Dautzenberg wurden Bazillenversuche unternommen, er kam schwerkrank ins Vernichtungslager Bergen- Belsen. 1945 aus dem KZ befreit, kehrte er - Ge- sicht und Körper durch Pilzwucherungen entstellt und todkrank - in die Heimat zu- rück. Langsam erholte er sich und kam als KPD-Mitglied in den Kreistag, er sollte Landrat werden, was jedoch nicht verwirk- licht wurde. Bis zum Verbot der KPD im Wurmgebiet Funktionär (Unterbezirkslei- ter) der Partei. Seit einigen Jahren lebt Dautzenberg als Rentner in Haaren, Krs. Aachen. Er wurde 1967 angeklagt, für die illegale KPD tätig zu sein, vom Gericht je- doch freigesprochen. DAVID, Fritz (1897-1936) Entstammte einer jüdischen Familie aus der Wilnaer Gegend und hieß richtig Ilja-Da- vid Krugljanski, 1897 geboren. Er arbeitete ursprünglich im Komintern-Apparat in Moskau und wurde 1929 zur Arbeit nach Deutschland geschickt. David leitete die Gewerkschaftsredaktion der »Roten Fahne« und war Mitglied der Zentrale der RGO. Er galt als einer der KPD-Theoretiker der letzten Periode; ver- faßte das 1932 erschienene Buch »Der Bankrott des Reformismus. Wandlungen in der Theorie und in der Politik der deut- schen Gewerkschaften vom Verzicht auf die soziale Revolution zur Preisgabe der Lohn- kämpfe«. Am 3. März 1933 zur Arbeit in der deut- schen Sektion der Komintern nach Moskau beordert, dort ein enger Mitarbeiter Piecks. 94 David/Dengel David entwarf wesentliche Teile der Reso- lution der »Brüsseler« Parteikonferenz 1935; er war schon zuvor aktiv am VII. Weltkon- greß der Komintern beteiligt gewesen. 1936 von der NKWD verhaftet, wurde David als angeblicher Trotzkist im Schau- prozeß gegen Sinowjew u. a. im August 1936 vor Gericht gestellt. Die Anklage be- hauptete, er sei von Trotzki in die UdSSR geschickt worden, um Stalin umzubringen. Nachdem David das übliche »Geständnis« abgelegt hatte, wurde er am 24. August 1936 zum Tode verurteilt und hingerichtet. DEISEN, Wilhelm (1887-1962) Geboren am 7. April 1887 in Bremen, Sohn eines Zigarrenmachers. Lernte Maler und Tüncher, legte die Meisterprüfung ab. Im Kriege Mitbegründer der »Bremer Linksradikalen«. Seit Bestehen der KPD Mitglied der Partei. 1920 Vorsitzender der KPD in Bremen. Arbeitete bei der Weser- AG und war von 1919-1922 in deren Ar- beiterrat. 1922 wurde Deisen Parteisekretär und Mitglied der Bremer Bürgerschaft. Der VIII. KPD-Parteitag 1923 wählte ihn als Kandidat in den ZA. 1923 übernahm er die Leitung des KPD- Bezirks Nordwest. Er gehörte in der KPD zum Brandler-Flügel und war nach dem Sieg der Linken auf dem Frankfurter Par- teitag 1924 als Exponent der Rechten füh- rend an der Fraktionsarbeit dieser Gruppe beteiligt. Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt, zugunsten Lindaus zurückgetre- ten. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter lei- stete er dem nach Bremen entsandten linken Polleiter Eppstein großen Widerstand. Im Herbst 1924 verwarnt, wurde er im Januar 1925 aus der KPD ausgeschlossen. Clara Zetkin protestierte auf der Sitzung des Er- weiterten EKKI 1925 gegen Deisens und Jannacks Ausschluß. Nach der Wendung der Parteilinie Ende 1925 wieder in die KPD aufgenommen, zog er 1927 auch wieder in die Bremer Bürgerschaft ein. 1926 Leiter der »Roten Hilfe« Bezirk Nordwest. Nach der Wittorf-Affäre versuchte er in Bremen dem ultralinken Kurs Widerstand zu leisten. Am 25. Januar 1929 erneut aus der KPD ausgeschlossen, verlor er auch seine Position in der »Roten Hilfe«. Mit- glied der KPO, trat aber nach deren Spal- tung zusammen mit seinem Schwager Adolf Ehlers zur SAP über. Von 1929-1948 war Deisen Malermeister in Bremen; er war auch künstlerisch tätig im Bremer Kunstverein. 1945 schloß er sich wieder der KPD an. Da er schwer herzleidend war, nahm Deisen keinen aktiven Anteil mehr am politischen Leben. Die Verbindung zur Brandler- Gruppe ließ er auch nach 1945 nicht abrei- ßen und unterhielt bis zuletzt herzliche per- sönliche Beziehungen zu Heinrich Brandler. Ab 1948 lebte er als Rentner. Deisen starb am 23. Februar 1962 in Bre- men. DENGEL, Philipp (1888-1948) Geboren am 15. Dezember 1888 in Ober- ingelheim, Sohn eines rheinischen Winzers. Besuchte bis 1907 das Realgymnasium in Mainz und studierte bis 1911. Von 1911 bis 1913 Privatlehrer, dann Militärdienst bis 1918, zuletzt Leutnant der Reserve. Nach Ausbruch der Revolution Redakteur an Zeitungen der Arbeiterräte. 1919 schloß sich Dengel der KPD an und wurde Re- dakteur der »Roten Fahne«. 1922 übernahm er die Chefredaktion der »Sozialistischen Republik« in Köln. 1923 leitete er die Re- daktion der »Hamburger Volkszeitung« und nahm aktiv am Hamburger Aufstand teil. Dengel gehörte zum linken Parteiflügel. Anfang 1924 schickte ihn die KPD als Pol- leiter in ihren Bezirk Wasserkante. Ab August 1924 Polleiter im Bezirk Nieder- rhein (unter dem Namen Schmidt). Im Mai 1924 war er als Abgeordneter in den Reichstag eingezogen, dem er bis 1930 an- gehörte. Auf dem X. Parteitag der KPD im Juli Dengel/Deter 95 1925 wurde Dengel als Mitglied in das ZK gewählt, seit dem »Offenen Brief« 1925 ge- hörte er dem Polbüro an und arbeitete bis 1929 als Sekretär des ZK in Berlin. Dort gehörte er zur linken Gruppe um Thäl- mann. Der VI. Weltkongreß der Komin- tern 1928 hatte Dengel als Mitglied ins EKKI und ins Präsidium gewählt. Nach der Aufdeckung der Wittorf-Affäre wandte er sich gegen Thälmann. Im Ok- tober 1928 war Dengel eine der treibenden Personen, die Thälmanns Absetzung ver- langten: »Genosse Thälmann muß ver- schwinden von der oberen Spitze der Par- tei für eine gewisse Zeit.« Nach Thälmanns Wiedereinsetzung wurde Dengel gemaßregelt, von seinen Funktionen als Sekretär des ZK entbunden; zwar 1929 vom XII. Parteitag als Mitglied ins ZK ge- wählt, aber nach Moskau abgeschoben. In der Sowjetunion arbeitete er im Apparat der Komintern (im Dezember 1929 reiste er im Auftrag der Komintern nach Schwe- den). Erst 1936 wurde er wieder zur Ar- beit in der KPD herangezogen. Die »Ber- ner« Konferenz der KPD wählte ihn 1939 wieder ins ZK, er blieb aber ständig in Moskau. Im Juni 1941 erlitt Dengel einen Schlag- anfall, von dem er sich nie wieder ganz erholte. Er gehörte zwar 1944 noch dem »Nationalkomitee Freies Deutschland« an, spielte aber keine politische Rolle mehr. 1947 kehrte er schwerkrank nach Berlin zu- rück, wo er am 28. März 1948 starb. Seine Frau Käthe lebte 1969 in der DDR. DETER, Adolf (geb. 1900) Geboren am 23. Juni 1900 in Czarnikau in Polen, Sohn deutscher Eltern. Lernte Dre- her und arbeitete in Mitteldeutschland. 1920 KPD-Mitglied. 1921 für die KPD in Tangermünde aktiv, übersiedelte 1923 nach Berlin, war bei der Berliner Hochbahn be- schäftigt und wurde 1925 zum Vorsitzen- den des Gesamtbetriebsrates der Berliner Hochbahn gewählt. 1928 Arbeiterratsvor- sitzender der BVG; im gleichen Jahr in den preußischen Landtag gewählt. Gehörte 1929 zu den »Versöhnlern«, protestierte vor allem gegen die Taktik, die am 1. Mai 1929 angewandt wurde und bezeichnete sie als putschistisch. Da er 1929 bei den Be- triebsratswahlen der BVG einen großen persönlichen Erfolg verzeichnen konnte, wurde er jedoch nicht abgesetzt. 1931 sandte ihn das ZK der KPD als Sekretär der RGO Wasserkante nach Ham- burg. 1932 erneut preußischer Landtags- abgeordneter. Deter war der direkte Organisator des Berliner Verkehrsarbeiter- Streiks 1932, den RGO und NSBO gemeinsam durchführten. 1933 Emigration nach Dänemark, 1934 nach Belgien, 1936 nach Frankreich. In der Emigration gehörte er zum Apparat Woll- webers (in Valtins »Tagebuch der Hölle« wird behauptet, Deter habe mißliebige Ge- nossen in die Hände der Gestapo gespielt). 1941 entkam Deter in die USA, wo er bis 1946 als Metallarbeiter tätig war. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Mitglied der Berliner SED-Leitung und deren stellvertretender Vorsitzender. 1949 bis 1951 1. Vorsitzender des FDGB Berlin und 1950-1954 Kandidat des ZK der SED, 1950 zum Mitglied des FDGB-Bundesvor- stands gewählt. 1953 warf Ulbricht Deter »kapitulantenhaftes Verhalten« vor, der IV. SED-Parteitag 1954 wählte Deter des- halb nicht mehr ins ZK. Bis 1954 als Sekretär des FDGB tätig, dann Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit. 1958 bei den West-Berliner Wahlen Spitzenkandidat der SED. Da die SED nur 2 °/o der Stimmen erhielt, jedoch nicht ge- wählt. Deter lebte 1969 in Ost-Berlin, er ist Vizepräsident der im Dezember 1964 ge- gründeten Gesellschaft »Neue Heimat«, die Verbindung zu Bürgern deutscher Herkunft im Ausland halten soll. Er ist Träger des »Vaterländischen Verdienstordens« in Sil- ber. $6 Dettmann/Dietrich DETTMANN, Friedrich (geb. 1897) Geboren am 15. Juli 1897 in Hamburg. Nach der Schlosserlehre arbeitete er vier Jahre in seinem Beruf. Ab 1917 Soldat, geriet in englische Gefangenschaft, aus der er am 30. September 1919 nach Hamburg zurückkehrte. Schloß sich der USP an und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Seit 1923 hauptamtlicher Funktionär, nahm als Delegierter am VIII. Parteitag der KPD 1923 teil. Zunächst Redakteur der »Ham- burger Volkszeitung«. Im Juli 1924 Ver- urteilung als verantwortlicher Redakteur der »Hamburger Volkszeitung«. 1924 bis 1933 Mitglied der Hamburger Bürger- schaft. 1929 Leiter des »Norddeutschen Arbeiterschutzbundes«, der als Nachfolge- organisation des verbotenen RFB gedacht war. Bis 1933 gehörte Dettmann zur erwei- terten KPD-Bezirksleitung Wasserkante. 1935 verhaftet, wurde er am 3. März 1936 zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt und war bis 1945 inhaftiert. 1945 kehrte »Fiete« Dettmann nach Ham- burg zurück und wurde dort Vorsitzender der KPD. Am 20. August 1945 unter- schrieb er eine Vereinbarung über die Zu- sammenarbeit mit der SPD und Schaffung einer »Sozialistischen Partei«. Von 1945 bis 1948 Senator der Gesundheitsbehörde in Hamburg; von 1946-1951 gehörte er wie- der als KPD-Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft an. 1950 im Zuge der erneuten Stalinisierung der westdeutschen KPD als Vorsitzender der Hamburger KP abgelöst. Auf Partei- beschluß übersiedelte Dettmann 1952 in die DDR, wo er untergeordnete Funktionen ausübte. 1962 erhielt er den »Vaterländi- schen Verdienstorden« in Bronze, 1967 in Gold. 1968 war er Generaldirektor der VEB Hochseefischerei in Rostock. DIEDRICHS, Johann (1893-1951) Am 28. Dezember 1893 in Grünberg/ Schlesien geboren; Sohn eines SPD-Funk- tionärs. Gelernter Maschinenschlosser. 1913 Mitglied der SPD. Im Weltkrieg Soldat, 1918 Mitglied des Soldatenrats. 1919 Über- tritt zur KPD. Als Schlosser in Oberschle- sien beschäftigt. Bis 1924 Funktionär in Gleiwitz. Diedrichs stand auf dem linken Parteiflügel, er gehörte der BL Oberschle- sien an und übernahm 1924 als Orgleiter des Bezirks eine hauptamtliche Funktion. Bis 1926 Orgleiter der BL, anschließend Parteisekretär in Gleiwitz, wo er auch Stadtverordneter war. 1929 Übersiedlung nach Köln. Als Steuer- und Rechtsberater tätig. Mitglied der KPD- Leitung in Köln und Funktionär der RGO. 1933 illegal für die KPD tätig, verhaftet und wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Von 1934-1938 als Schlosser beschäftigt. Ab 1942 lebte Diedrichs, der schwer lungen- krank war, von seiner Rente. Nach 1945 betätigte er sich beim Neuaufbau der KPD, bis zu seinem Tod war er Parteisekretär in Köln-Höhenhaus. Diedrichs starb am 5. März 1951 in Köln. DIETRICH, Paul Reinhold (1889-1937?) Geboren am 6. November 1889 in Groß- Warzula (Thüringen). Nach der Realschule in Langensalza kam er auf ein Lehrersemi- nar. 1909 trat er der SPD bei. Bis 1912 unterrichtete er als Volksschullehrer, dann Mitarbeiter an SPD-Zeitungen. 1917 Übertritt zur USP und Mitglied des Spartakusbundes. Nadi dem Krieg führend in der USPD-Bezirksleitung Jena tätig. 1920 mit der linken USP zur KPD. Bis 1923 einer der Führer der Thüringer KPD, Redakteur in Gotha. Auf dem VIII. Par- teitag 1923 in die Redaktionskommission gewählt und als Mitglied in den ZA be- rufen. 1924 entsandte ihn die Zentrale nach Ham- burg, wo er zunächst stellvertretender Chefredakteur und Ende 1924 Chefredak- teur der »Hamburger Volkszeitung« und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft wurde. Diese Funktion übte er bis Ende Dietrich/Dörr 97 1925 aus, im Februar 1926 Polleiter des Bezirks Wasserkante. Im Frühjahr 1926 Rückkehr in den ZK-Apparat nach Ber- lin. Auf dem Essener Parteitag 1927 wurde Dietrich als Mitglied ins ZK berufen und 1928 in den Reichstag gewählt. Er leitete verschiedene Bezirke an, verfaßte kleinere Schriften und Zeitungsaufsätze und galt als »Thälmanns Federhalter«. Dietrich schloß sich 1928 der »Versöhnler«- Gruppe an und wurde einer ihrer Wortfüh- rer. Nach der Wittorf-Affäre deswegen gemaßregelt, wurde er 1929 nach Moskau versetzt und war in der Komintern für Ägypten und Palästina verantwortlich. Er kam 1929 nicht mehr ins ZK und schied 1930 auch aus dem Reichstag aus. Nach Deutschland zurückgekehrt, war er bis 1933 Redakteur an Zeitungen verschiedener KPD-Massenorganisationen. 1934/35 gab Dietrich gemeinsam mit Lex Ende eine kommunistische Wochenschrift im Saargebiet heraus. 1936 in die Sowjetunion abkom- mandiert, arbeitete er als Redakteur an einer deutschsprachigen Zeitung in Lenin- grad. Dietrich wurde 1937 in der Sowjet- union verhaftet, er kam in den Stalinschen Säuberungen ums Leben. DLiTBENDER, Walter (1891-1937) Geboren am 29. November 1891 in Stettin. Gelernter Schlosser. Im Kriege Soldat, schloß sich der USP an und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Funktionär in der kommunistischen Bauernbewegung. 1925 Teilnehmer am X. KPD-Parteitag und Mitglied der Bauernkommission. Seit 1926 in der »Roten Hilfe« tätig, zunächst Leiter der Emigranten-Fürsorge, 1929 kurze Zeit Reichsleiter der »Roten Hilfe«. 1929 auch Mitglied der Berliner Stadtverordnetenver- sammlung. Bis 1933 leitend in der »Roten Hilfe«. Nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Als Zeuge im Reichstagsbrandprozeß vernom- men, erregte seine mutige Haltung vor Ge- richt Aufsehen und wurde von Dimitroff als beispielhaft gewürdigt. 1934 aus dem KZ entlassen, emigrierte er in die Sowjetunion. In Moskau Leiter der Emigranten-Hilfe. 1936 verhaftet, legte er nach langer Tortur ein »Geständnis« ab. Er belastete auch Kerff, dem er gegenübergestellt wurde: er, Dittbender, habe Kerff für eine trotzki- stische Organisation geworben. 1937 ver- urteilte die NKWD Dittbender zum Tode, er wurde erschossen. DÖRR, Max (1886-?) Geboren am 31. August 1886 in Berlin. Technischer Zeichner. 1908 trat er der SPD bei und kam über die USPD zur KPD, auf deren linkem Flügel er stand. Dörr hatte in der Berliner Organisation verschiedene Funktionen inne; seit 1921 auch Stadtrat in Berlin. Im März 1924 be- rief ihn die Zentrale als Redakteur an die »Rote Fahne«. Bei den Wahlen für den Reichstag im Mai 1924 hatte Dörr den 4. Platz im Wahlkreis Berlin eingenommen, er wurde aber nicht gewählt. Im Dezember 1924 zog er dann als Abgeordneter in den preußischen Landtag ein, gehörte zum Fraktionsvorstand der KPD im Landtag und war gleichzeitig Fraktionsführer der Berliner KPD-Stadtverordneten. Im Juni 1924 kurze Zeit inhaftiert. 1925 arbeitete er in der Kommunalabteilung des ZK. 1926 erfolgte sein Ausschluß aus der KPD. Er soll Gelder unterschlagen haben. Nach Dörrs Darstellung erfolgte sein Ausschluß jedoch wegen seiner linksoppositionellen Haltung. Im Mai 1927 fand der Prozeß statt. Dörr wurde beschuldigt, 3000 Mark von der Stadtkasse für die »Rote Hilfe« empfangen, aber nur 2000 Mark weiterge- leitet und den Rest erst 1926 abgeliefert zu haben. Nach seiner Version hatte er an eine Parteispaltung geglaubt, er habe des- halb das Geld nicht dem ZK, sondern einer linken Gruppe geben wollen, den Rest des Geldes habe er dem ZK übergeben, als er 9 8 Dörr/Dressel seinen Irrtum eingesehen hatte. Das Gericht schenkte ihm keinen Glauben und nannte seine Darstellung »leeres Gerede«. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sein Landtagsmandat behielt er bis 1928 als Fraktionsloser. Im August 1927 schrieb er in der russi- schen Emigrantenzeitung »Rui« eine Ar- tikelserie über die Abhängigkeit und Fi- nanzierung der KPD von Moskau. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. DOMBROWSKI, Arthur (1888-1969) Geboren am 23. Oktober 1888 in Ober- schlesien, Sohn des Kaufmanns Max D. Nach einer kaufmännischen Lehre zunächst Angestellter. Ab 1905 in der Arbeiter- Jugendorganisationen Deutschlands. 1908 Delegierter der 2. Konferenz der freien Jugendorganisationen Deutschlands. 1909 SPD, als Kriegsgegner 1917 Übertritt zur USPD. Nach dem Krieg als Privatdetektiv in Breslau tätig. 1920 mit der linken USPD zur KPD. 1923 Redakteur der »Arbeiter- zeitung«, des Breslauer KPD-Organs. 1924 inhaftiert, dann Redakteur, 1929 Chef- redakteur der »Arbeiterzeitung«. 1930 zu 16 Monaten Festungshaft verurteilt. 1932 zur »Roten Hilfe« nach Berlin versetzt. Im Februar 1933 verhaftet, bis 1934 im Gefängnis. 1936 konnte Dombrowski nach Palästina auswandern. Sein Sohn Heinz war bei den Aufständen in Nordpalästina gefallen, daraufhin erhielten er und sein Sohn Kurt die Einreisegenehmigung. Dom- browski lebte bis zu seinem Tod in einem Kibbuzim in Israel, er starb am 2. Januar 1969. DRABENT, Leo (1899-1944) Geboren am 15. Juni 1899 in Blumenthal bei Bremen. Nach der Schlosserlehre 1917 zum Kriegsdienst eingezogen, aus dem er schwer verwundet zurückkehrte. 1923 Mitglied der KPD. Vor allem als Propagandist tätig. 1927 Unterbezirksse- kretär in Vegesack und nach dem Besuch der »Rosa-Luxemburg«-Parteischule 1929 Agitprop-Sekretär des Bezirks Wasser- kante. Mitglied des Hannoverschen Provin- ziallandtages. Nach 1933 arbeitete Drabent als Dreher und wirkte illegal für die KPD. Seit 1935 auf der Weser-Werft in Bremen beschäftigt. Die Gestapo verhaftete ihn zu- sammen mit seiner Frau Marianne 1943. Drabent wurde zum Tode verurteilt und am 20. November 1944 in Brandenburg hingerichtet. DRESSEL, Fritz (1896-1933) Geboren am 1. Juni 1896 in Wehsberg (Oberfranken), besuchte sieben Jahre die Volksschule und drei Jahre die Bauge- werbeschule in Coburg, lernte Zimmerer. Dressel war Kriegsteilnehmer in Frankreich und Rußland, er befand sich längere Zeit in Kriegsgefangenschaft. 1919 Mitglied der USPD. 1920 kam er mit der linken USPD zur KPD. 1923 wählte ihn der VIII. KPD- Parteitag in die Mandatsprüfungs- und Orgkommission. Anfang 1923 Sekretär der KPD Bezirk Südbayern. Zeitweise (wäh- rend der Inhaftierung von Götz) war Dres- sel Orgleiter. Im April-Mai 1927 besuchte er die Partei- schule der KPD in Hohenstein (sächsische Schweiz) und wurde anschließend Orgleiter in Südbayern (bis 1928) und zugleich Ab- geordneter des Landtags (1928-1933). Dressel blieb bis 1933 Vorsitzender der Landtagsfraktion und protestierte in dieser Funktion noch im April 1933 beim Gaulei- ter der bayerischen NSDAP, Wagner, gegen den Terror der SA. Am 3. Mai 1933 verhaftet, brachte man ihn ins KZ Dachau. Dort hetzte die Wach- mannschaft des KZs Hunde auf ihn, von diesen Hunden zerfleischt, wurde er ins Re- vier des KZs gebracht, wo ihn die SA ver- bluten ließ. Dressel starb am 7. Mai 1933. DUDDINS, Walter (1903-1941?) Geboren am 20. Mai 1903 in Königsberg, lernte Maschinenschlosser und arbeitete in Königsberg und später in Dortmund. 1921 trat er der KPD bei und wurde 1922 Ju- gendsekretär der Partei im Ruhrgebiet. 1923 lief gegen Duddins ein Ausschlußver- fahren wegen Unregelmäßigkeiten, er schied aus dem hauptamtlichen Apparat aus, wurde später aber rehabilitiert. Im Januar 1926 Parteisekretär, zunächst im Unterbezirk Duisburg, dann 1927-1929 in Bochum. Er neigte zur linken Opposition, vertrat aber dann die Parteilinie. 1927 wegen Widerstand gegen die Staats- gewalt zu sechs Monaten Gefängnis ver- urteilt, wegen Zersetzung der Schutzpoli- zei im März 1928 zu 1V2 Jahren Festung. Im Mai 1928 in den preußischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Anfang 1930 leitete er als Sekretär den KPD-Unterbezirk Dortmund. 1930 ver- übte die Dortmunder SA einen Mord- anschlag auf Duddins. Er übernahm Mitte 1930 als Polleiter die Führung des wich- tigen KPD-Bezirks Thüringen und behielt diese Funktion bis 1933. 1933 zur illegalen Arbeit als Leiter des Be- zirks Wasserkante abgestellt, wurde Dud- dins im Juli 1933 verhaftet und 1934 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch seine Frau stand wegen Hochverrats vor Gericht und wurde 1935 zum Tode ver- urteilt, ihre Strafe wurde zu 15 Jahren Zuchthaus umgewandelt. Duddins selbst kam nach der Strafverbüßung ins KZ Sach- senhausen, dort wandte er sich von der KPD ab. In den SED-Publikationen wird heute gesagt, »daß er sich nach 1934 nicht mehr am antifaschistischen Kampf beteiligt hat«. Nach Darstellung einer kommunisti- schen Oppositionsgruppe (Arbeiterpolitik) soll er im KZ umgekommen sein. DÜNNINGHAUS, Georg Karl (1893 bis Geboren am 28. Juni 1893 in Hamburg. Duddins/Duncker 99 Gelernter Modelltischler; trat 1919 der KPD bei. 1926 zum Generalsekretär der IAH berufen und auf dem 2. Kongreß im April 1927 »einstimmig wiedergewählt«. Dünninghaus hatte diese Funktion bis 1931 inne. 1933 emigrierte er ins Saargebiet, kehrte aber später wieder nach Deutschland zu- rück. Da er illegal für die KPD arbeitete, wurde er im November 1938 verhaftet und war mehrere Jahre im Gefängnis. 1945 kehrte er nach Hamburg zurück. Dann übersiedelte er nach Chemnitz, wo er der SED angehörte, ohne Funktionen zu haben. Dünninghaus starb am 9. April 1953 in Chemnitz. DUNCKER, Hermann, Dr. phil. (1874 bis 1960) Geboren am 24. Mai 1874 in Hamburg, Sohn des Kaufmanns Hermann Duncker. 1883-1891 Gymnasium in Göttingen. Stu- dierte zunächst in Leipzig Musikwissen- schaft. Am 1. Mai 1893 trat er der SPD bei. Studierte 1896-1903 Geschichte, Philo- sophie und Ökonomie vor allem bei Wil- helm Wundt und Karl Lambrecht, 1903 promovierte er zum Doktor der Philo- sophie über »Das mittelalterliche Dorfge- werbe« (1903 im Druck erschienen). Inzwischen hatte er seine Frau Käte (geb. 23. Mai 1871) kennengelernt, die aktiv in der sozialdemokratischen Frauenbewegung stand und Mitarbeiterin Clara Zetkins war. (Auf der 5. Frauenkonferenz der SPD 1908 hielt Käte Duncker das Hauptrefe- rat.) Duncker sagte später: »Was ich für die Arbeiterbewegung habe leisten können, verdanke ich wesentlich der kameradschaft- lichen Unterstützung meiner Frau.« 1903 wurde Duncker hauptamtlicher Funk- tionär der SPD, zunächst Redakteur der »Leipziger Volkszeitung«. Mit der Einrich- tung marxistischer Schulungskurse durch die SPD wurde er 1906 zum ersten Wander- lehrer der Partei berufen. Dabei kam ihm 100 Duncker/Ebeling seine große pädagogische Begabung zustat- ten. 1911 kam er an die Zentralschule der SPD nach Berlin, wo er eng mit Rosa Lu- xemburg und Franz Mehring verbunden war. 1914 gehörte Duncker zu dem kleinen Kreis der Internationalisten, die in Berlin den späteren Spartakusbund begründeten. Er und seine Frau waren enge Mitarbeiter von Leo Jogiches bei der Organisierung der Spartakusgruppe und bei der Herausgabe illegaler Materialien. Duncker war der Ver- fasser der illegal vertriebenen Broschüre »Der Annexionswahnsinn«. Nach Ausbruch der Revolution besetzte er mit einer Gruppe Anhänger Redaktion und Druckerei des »Berliner Lokalanzei- ger« und gab die erste Nummer der »Ro- ten Fahne« heraus. Duncker gehörte zur Leitung des Spartakusbundes. Auf dem Gründungsparteitag wurden er und seine Frau in die Zentrale der KPD gewählt. 1919 wurde er einige Monate inhaftiert, seine Frau floh nach Dänemark. Er bekam jedoch Differenzen mit der Partei und wurde auf dem II. Parteitag nicht wie- dergewählt. Er übersiedelte nach Gotha, 1919/20 Sekretär der (von der USPD ge- führten) Landesregierung von Gotha. Nadi dem Kapp-Putsch seiner Funktion in Gotha enthoben, arbeitete er als Wanderlehrer für die KPD. 1923 wurde Hermann Duncker Sekretär der Thüringer Landtagsfraktion der KPD. Duncker nahm an allen KPD-Parteitagen von 1920-1923 teil. Er litt damals unter chronischer Bronchitis und hatte Asthma- anfälle. Er lebte, wie seine Frau an Frau Kautsky schrieb, mit seinen drei inzwischen fast erwachsenen Kindern unter schwierigen Verhältnissen. 1923 übernahm Duncker die Schulungs- abteilung der Zentrale, die er auch unter der Ruth-Fischer-Führung behielt, obwohl er zum rechten Parteiflügel tendierte und 1923/24 aktives Mitglied der Mittelgruppe war. In den zwanziger Jahren wurde er auch als Herausgeber einiger Schriftenrei- hen in kommunistischen Verlagen bekannt (u. a. »Elementarbücher des Kommunismus« und »Kleine Lenin-Bibliothek«). Außerdem war er Gründer und Leiter der MASCH, der Berliner Marxistischen Arbeiterschule. Bis 1933 betätigte sich Duncker vor allem auf dem Gebiet der Schulungsarbeit der KPD. 1927/28 Leiter der Bildungsabteilung des ZK, verlor der immer dem rechten Flü- gel nahestehende Duncker in der ultralin- ken Periode nach 1929 seinen politischen Einfluß. Nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 verhaftet und im Gefängnis Spandau und dann ein Jahr lang im KZ Branden- burg festgehalten. Nach seiner Entlassung 1936 flüchtete er nach Dänemark, England und schließlich nach Frankreich. Über ein Internierungslager in Marokko gelangte er im September 1941 nach den USA. Seine Frau hatte eine Reise zum Sohn Karl (Do- zent an einer USA-Universität) benutzt, um in den USA zu bleiben. Da er den Stalin-Hitler-Pakt ablehnte, kam es zu Dif- ferenzen mit der Partei. Im Mai 1947 kehrte Duncker mit seiner Frau nach Deutschland zurück, schloß sich der SED an und wurde Professor und Dekan der Ge- sellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock. 1948 berief ihn das ZK zum Direktor der Bundeshochschule des FDGB in Bernau. Fast erblindet hielt er noch viele Vorträge. Er erhielt von der SED viele Auszeichnun- gen, darunter den »Karl-Marx-Orden«. Eine zweibändige Auswahl seiner Schrif- ten »Einführung in den Marxismus« er- schien 1958 in Ost-Berlin. (Bereits 1908 war seine Schrift: »Volkswirtschaftliche Grundbegriffe« gedruckt worden.) Käte Duncker starb am 2. Mai 1953, Her- mann Duncker nach längerer Krankheit am 22. Juni 1960 in Ost-Berlin. EBELING, Karl (1894-1960) Geboren am 16. Dezember 1894 in Bevern bei Holzminden, lernte Schmied und war Ebeling/Eberlein 101 nach dem Krieg in der Continental-Fabrik in Hannover beschäftigt, in der er auch Betriebsrat wurde. Seit 1920 KPD-Mit- glied. Gehörte dem Vorstand des DMV in Hannover an, wurde aber 1924 wegen kommunistischer Tätigkeit ausgeschlossen. 1925 hauptamtlicher Funktionär der KPD. Auf dem X. Parteitag vertrat er den Be- zirk Niedersachsen in der Politischen Kom- mission. 1927 Orgleiter des Bezirks Nieder- sachsen. Er gehörte zu den »Versöhnlern« und wurde deswegen im November 1928 seiner Funktion enthoben. Er übersiedelte nach Berlin und war bis 1933 als typischer »Proletarier« Leiter des »Antifaschistischen Kampfbundes« für Berlin. Bis 1936 arbeitete Ebeling in Berlin illegal für die KPD, dann wurde er verhaftet und war längere Zeit im Gefängnis. Nadi 1945 schloß er sich der KPD an, er wurde 1945 Mitglied des Gesamtbetriebs- rats Neukölln. 1946 Mitglied der SED; war im Berliner FDGB aktiv. Mitglied der Ber- liner SED-Bezirksleitung und Sekretär für Sozialhilfe. Ebeling lebte bis 1959 in West- Berlin und kandidierte bei Stadtverord- netenwahlen für die SED. Er war Träger des »Vaterländischen Verdienstordens« in Bronze. Er verbrachte sein letztes Lebens- jahr als Parteiveteran in Ost-Berlin, wo er am 28. Oktober 1960 starb. EBERLEIN, Hugo (1887-1944) Geboren am 4. Mai 1887 in Saalfeld, lernte Zeichner. 1905 Mitglied der Gewerkschaft und 1906 der SPD. Er lebte als technischer Zeichner in Berlin. Eberlein - ein gewand- ter, schlagfertiger und belesener Mann - stand in den Parteidiskussionen auf dem linken Flügel der Partei. Er war ein treuer Anhänger Rosa Luxemburgs, die nach Kriegs- ausbruch seine weniger bekannte Adresse für wichtige Korrespondenz benutzte. Eberlein gehörte von Anfang an zur füh- renden Gruppe der Linken, der späteren Spartakusgruppe. Da er ein ausgezeichneter Organisator war, spielte er im Krieg neben Leo Jogiches für den Spartakusbund eine wichtige Rolle. Teilnehmer der ersten Reichskonferenz der Spartakusgruppe im Januar 1916. Im Juni des gleichen Jahres wurde er (neben Pieck, Käte Duncker und Frassek) für die Spartakusgruppe in den SPD-Kreisvorstand Teltow-Beeskow-Char- lottenburg gewählt, in dem die Linken gro- ßen Einfluß hatten. Seit 1917 gehörte er mit der Spartakusgruppe zur USPD. Sofort nach der Novemberrevolution wurde Eberlein Mitglied des Vorstandes des Spartakusbundes und war für die Ge- schäftsleitung verantwortlich. Auf dem Gründungsparteitag der KPD hielt er am 31. Dezember 1918 das Referat über die Organisation. Am 11. Januar 1919 wurde er verhaftet, konnte entkommen und lebte in der folgenden Zeit illegal. Er nahm an allen Parteitagen der KPD teil und wurde vom I. bis zum XL Parteitag immer wieder in die Zentrale bzw. in das ZK gewählt, gehörte fast immer dem Orgbüro und zeit- weise auch dem Polbüro an. Im März 1919 reiste Eberlein als einziger deutscher Vertreter zum Gründungskon- greß der Komintern nach Moskau (er trug dort das Pseudonym »Albert«). In Moskau wandte er sich, entsprechend einem Be- schluß der KPD und dem Wunsch der in- zwischen in Deutschland ermordeten Rosa Luxemburg, gegen die sofortige Gründung der Komintern, und enthielt sich bei der Gründung der Kommunistischen Internatio- nale der Stimme. Nach Deutschland zurück- gekehrt, trat er für den Anschluß an die Komintern ein und die KPD beschloß ent- sprechend. Eberlein war in der Folgezeit einer der Vertrauensleute der Kominternführer in Deutschland, durch seine Hände floß die finanzielle Unterstützung für die KPD. Während der Märzaktion und bei den Vor- bereitungen des Aufstandes 1923 auch ak- tiv im militärischen Apparat der KPD tätig. Seit 1921 Mitglied des preußischen Landtags (dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte). 102 Eberlein/Ebner Ende 1923 wandte sich Eberlein von Brandler ab und gehörte zur Mittelgruppe, die bis zum IX. Parteitag im April 1924 die Partei leitete. Eberlein war einer der Organisatoren dieses illegal abgehaltenen Parteitags. Der IX. Parteitag wählte ihn als einen der vier Vertreter der Mittelgruppe in die linke Zentrale, in der er loyal mit- arbeitete. Audi auf dem X. Parteitag 1925 kam er ins ZK. Nach dem »Offenen Brief« stieg sein Einfluß in der Partei beträchtlich und auf dem XI. Parteitag 1927 wurde er als ZK-Mitglied ins Polbüro aufgenommen. Der VI. Weltkongreß der Komintern wählte ihn 1928 in die Internationale Kon- trollkommission. Eberlein gehörte zur »Versöhnler«-Gruppe, hatte maßgebenden Anteil an der Auf- deckung der »Wittorf-Affäre« sowie an der Absetzung Thälmanns im September 1928. Nach dem Eingreifen Stalins wurde er »kaltgestellt«. Mit der Mehrheit der Ver- söhnler kapitulierte er später und wurde auf weniger wichtige Posten in der Partei abgeschoben. Eberlein war in zweiter Ehe mit einer Tochter der berühmten russischen Bolsche- wikin Inessa Armand, einer Freundin Le- nins, verheiratet. Er war auch sehr eng mit Wilhelm Pieck befreundet. Nadi 1929 ar- beitete Eberlein für den Kominternapparat. Bela Kun hatte ihn für die Arbeit in der Komintern herangezogen, er übte diese Funktion auch nach 1933 aus. In Frank- reich war er maßgeblich an der Organisie- rung der Volksfrontbewegung beteiligt. Im September 1935 wurde er in Strasbourg verhaftet, nach einem Hungerstreik im März 1936 in die Schweiz abgeschoben und von dort in die Sowjetunion geschickt. Er geriet in die Stalinschen Säuberungen. Nachdem Pieck auf Eberleins Geburtstag 1937 noch verkündete, Eberlein werde re- habilitiert und wieder in die deutsche Par- teiarbeit aufgenommen, verhaftete ihn kurz danach die NKWD. 1940 sollte Eberlein an die Gestapo ausgeliefert werden, er soll aber wenige Tage vorher in der Ausliefe- rungshaft ums Leben gekommen sein. Die SED gab 1940 als Todesjahr an, allerdings war in einer früheren sowjetischen Publika- tion (Protokoll des 8. Parteitags der KPR [russ.], Moskau 1959, S. 593) 1944 als To- desjahr angegeben. Nach anderen Angaben soll Eberlein auch nach dem Krieg noch am Leben gewesen sein. In den Publikationen der SED wird Eber- lein seit einigen Jahren wieder positiv er- wähnt, aber erst Anfang 1969 erfolgte seine öffentliche Rehabilitierung durch die Angabe, er sei in der Sowjetunion wider- rechtlich verhaftet worden. Als Todes- datum wurde nun (»Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung«, 11. Jg. 1969. Heft 1), der 12. Januar 1944 genannt. EBNER, Adam (geb. 1894) Geboren am 4. März 1894 in Neu-Isenburg, entstammte einer alteingesessenen Neu- Isenburger Familie. Der Vater starb früh, die Mutter betrieb eine Gastwirtschaft. Ebner lernte Mechaniker und war längere Zeit in seinem Beruf tätig. Besuchte dann die technischen Lehranstalten in Offenbach, kam danach als Betriebsassistent zur Reichs- bahn. Ebner nahm am Krieg teil und wurde ver- wundet. Nach dem Weltkrieg trat er der USPD bei und kam mit deren linkem Flü- gel 1920 zur KPD. Von 1921-1924 Ab- geordneter des hessischen Landtags, im Mai 1924 in den Reichstag gewählt (im Dezem- ber 1924 nicht mehr). Delegierter des VIII. KPD-Parteitages 1923, als Vertreter des linken Bezirks Hessen in die Gewerkschafts- kommission und den Zentralausschuß ge- wählt, doch nahm er an dessen Sitzungen nie teil. Ebner zählte zum linken Flügel der KPD. Als Oppositioneller 1927 aus der Partei ausgeschlossen, gehörte er zu den Mitbe- gründern des Leninbundes. Im März 1928 unterschrieb er den Aufruf der »linken Kommunisten«. Bei den Stadtverordneten- wahlen 1929 errang der Leninbund unter Ebner/Eichhorn 103 Ebners Führung in Neu-Isenburg vier Man- date. Im April 1931 gab es Wiedervereinigungs- bestrebungen zwischen den örtlichen Lei- tungen der KPD und des Leninbundes. Ebner kandidierte damals als Beigeord- neter in Neu-Isenburg und hatte einen gro- ßen Wahlerfolg. Die KPD versuchte das als eine »Kandidatur der KPD« auszunutzen, was nicht stimmte. Der Leninbund blieb selbständig. 1933-1945 arbeitete Ebner weiter als Be- triebsassistent bei der Reichsbahn, nach 1945 war er bei der Landesversicherungs- anstalt beschäftigt. 1968 lebte er als Pen- sionär in Neu-Isenburg, er gehört keiner Partei an. EHLERS, Adolf (geb. 1898) Am 21. Februar 1898 in Bremen geboren. Nach der Schulentlassung kaufmännische Lehre, 1918 Soldat. Nach dem Krieg Me- tallarbeiter (Schweißer und Brenner). Mit- glied der KPD, ab 1921 Leiter des kommu- nistischen Jugendverbandes in Bremen, Vorstandsmitglied des Deutschen Metall- arbeiterverbandes und des ADGB Bre- men. 1923-1927 Mitglied der Bremer Bürger- schaft, Redakteur und Sekretär der Partei. Als Anhänger des rechten Parteiflügels Anfang 1925 aus der KPD ausgeschlossen, Ende 1925 Wiederaufnahme. Leiter der Ro- ten Hilfe Bezirk Nordwest, ab 1927 Leiter der Propagandaabteilung im Zentralvor- stand der Roten Hilfe. 1929 erneut als »Rechter« aus der KPD aus- geschlossen. Mitglied und Funktionär der KPO. 1932 mit der Minderheit Übertritt zur SAP und deren Leiter in Bezirk Nord- west (Bremen). Nach 1933 illegal für die SAP tätig. 1945 wieder Mitglied der KPD, Senator für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen in Bre- men. Am 15. Mai 1946 Austritt aus der KPD und Übertritt zur SPD. Ab Januar 1948 Senator für innere Verwaltung, Wohl- fahrt und Flüchtlingswesen. 1948/49 Mit- glied des Parlamentarischen Rates, seit September 1949 Mitglied des Bundesrates. 1962 in den Parteivorstand der SPD ge- wählt. Er sollte als Nachfolger Kaisens Präsident des Senats werden, verzichtete aber aus Gesundheitsgründen. Ehlers war ab 1959 als Innensenator 2. Bürgermeister und stellvertretender Senats- präsident in Bremen, seit 1967 lebt er im Ruhestand in Bremen. EICHHORN, Emil (1863-1925) Einer der wenigen alten sozialdemokrati- schen Führer, die zur KPD kamen und auch nach 1921 in dieser Partei blieben, war Emil Eichhorn. Am 9. Oktober 1863 in Röhrsdorf bei Chemnitz als Sohn eines Handwerkers geboren, lernte er von 1878 bis 1882 Mechaniker, absolvierte einige Se- mester an privaten technischen Lehranstal- ten und arbeitete in verschiedenen deut- schen Städten als Mechaniker. Von Jugend an in der Arbeiterbewegung tätig, trat er 1881, während des Sozialisten- gesetzes, der SPD bei. Seit Mitte der acht- ziger Jahre nebenberuflicher Mitarbeiter der sozialdemokratischen Presse, wurde er 1893 - wegen seiner politischen Überzeu- gung im Beruf mehrmals gemaßregelt - hauptamtlicher Funktionär der SPD. Zunächst Redakteur der »Sächsischen Ar- beiterzeitung« in Dresden, 1900-1905 Chef- redakteur der Mannheimer »Volksstimme«, dann SPD-Landessekretär in Baden. Von \i 901-1908 Abgeordneter des Badischen Landtags, von 1903-1912 Reichtstagsabge- ordneter. In den Jahren 1908-1917 leitete Eichhorn das Sozialdemokratische Presse- büro in Berlin. Seit 1896 war er Delegierter aller SPD-Parteitage. Eichhorn gehörte zum linken Flügel der SPD, deswegen hatte ihn der Parteivor- stand schon 1900 ins revisionistische Baden geschickt, wo ihn 1905 der SPD-Parteivor- stand als ersten Landessekretär bestätigte. Mit den Revisionisten, die in Baden die Mehrheit hatten, lebte Eichhorn in ständi- 104 Eichhorn/Eildermann ger Fehde. 1917 trat er zur USPD über und leitete deren »Unabhängigen Zeitungs- dienst.« Im Mai 1917 erlag sein Sohn Fritz im Alter von 25 Jahren in einem Lazarett seinen Verwundungen. In einer Todesan- zeige schrieb Eichhorn, seine »Freude und Hoffnung« sei »vernichtet«. Von August 1918 bis kurz vor Ausbruch der Novem- berrevolution war er Leiter der deutschen Abteilung der russischen Nachrichtenagen- tur »ROSTA« in Berlin. An der Novemberrevolution 1918 in Ber- lin aktiv beteiligt, wurde Eichhorn Polizei- präsident von Berlin. Als die USP-Vertre- ter aus der Regierung austraten, weigerte sich Eichhorn, sein Amt niederzulegen. So wurde seine Person und sein Amt Anlaß des sogenannten Spartakusaufstandes in Berlin im Januar 1919. Für die USP zog Eichhorn in die National- versammlung und 1920 in den Reichstag ein. Nach der Spaltung der USPD gehörte er zum ZK der linken USP und kam mit dieser im Dezember 1920 zur KPD. Nach der Märzaktion 1921 gehörte er zunächst mit Levi, Däumig, Braß usw. zur KAG- Gruppe im Reichstag und wandte sich im April 1921 in einer Erklärung gegen die Haltung der Zentrale. Im Gegensatz zu den anderen alten USPD-Führern verließ er die KAG und blieb in der KPD. Eichhorn war schriftstellerisch tätig und trat in der KPD nicht mehr hervor. Auch im Mai und Dezember 1924 wurde er wie- der in den Reichstag gewählt. Nach jeder Reichstagsauflösung mußte er flüchten, da er wegen der Ereignisse von 1919 noch im- mer polizeilich gesucht wurde und nur durch die Immunität als Parlamentarier ge- schützt war. Eichhorn starb am 26. Juli 1925. Die KPD rühmte ihm nach, er sei neben Clara Zetkin und Herzfeld der »Einzige der alten Garde« gewesen, der »der Revolution treu« geblieben sei. Auch seine »Parteidisziplin« wurde anerkannt, da er (obwohl zum rech- ten Flügel der KPD gehörend) auch in der ultralinken Periode nach 1923 mitarbeitete. EILDERMANN, Wilhelm (geb. 1897) Geboren am 24. Dezember 1897 in Bremen, Sohn eines SPD-Funktionärs. Nach der Schulzeit Volontär in der Redaktion der »Bremer Bürgerzeitung«. 1916-1918 Soldat an der Westfront. Schon während des Krie- ges gehörte er zu den »Bremer Linksradika- len« und kam mit diesen 1919 zur KPD. 1920 setzte ihn die KPD als Wanderredner in Bayern ein. In der Folgezeit Redakteur verschiedener KPD-Zeitungen, so 1923 beim »Klassenkampf« in Halle und 1924 bei der »Arbeiterzeitung« in Breslau. 1926 kam Eildermann zur Redaktion der »Tribüne« in Magdeburg und wurde 1928 deren Chefredakteur. 1930 verurteilte ihn das Reichsgericht wegen Pressevergehens zu ein Jahr und neun Monaten Festung. Nach Verbüßung der Strafe arbeitete er wieder als Redakteur. Nach 1933 illegal tätig, u. a. in Mecklen- burg, dann emigrierte er und nahm 1937/ 1938 am Spanischen Bürgerkrieg teil. Wäh- ren des 2. Weltkrieges in Nordafrika inter- niert und dort 1942 von den Alliierten be- freit. Eildermann wurde Angehöriger der englischen Armee, bis er 1944 nach Moskau übersiedelte. In Moskau als Redakteur an der Zeitung des Nationalkomitee »Freies Deutschland« tätig. 1945 wieder in der KPD bzw. der SED organisiert. 1946 in der Redaktion der »Einheit« tätig, dann Professor und Pro- dekan der Fakultät für Journalistik an der Universität Leipzig. Eildermann erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, darunter das »Banner der Arbeit«. 1962 leitete er als stellvertretender Chef- redakteur die Zeitschrift »Beiträge zur Ge- schichte der deutschen Arbeiterbewegung«. Im April 1963 entfernte ihn die SED aus der Redaktion. Auch ein lang angekündig- tes Buch Eildermanns über die Bremer Räterepublik erschien nicht. Eildermann hatte die These vertreten, die Bremer Linksradikalen hätten 1916-1918 Lenin nähergestanden als die Spartakusgruppe. Als Ulbricht 1962 den entgegengesetzten Eildermann/Eisler 105 Standpunkt einnahm, mußte Eildermann Selbstkritik üben. Eildermann, 1969 in Ost- Berlin wohnhaft, ist wissenschaftlicher Mit- arbeiter am Institut für Marxismus-Leninis- mus beim ZK der SED; im Oktober 1967 mit dem »Vaterländischen Verdienstorden« in Gold ausgezeichnet. EISLER, Gerhart (1897-1968) Geboren am 20. Februar 1897 in Leipzig. Sohn des österreichischen Philosophie-Pro- fessors Rudolf Eisler, des Verfassers einiger philosophischer Standardwerke. Bruder von Ruth Fischer und dem Komponisten Hanns Eisler. Besuchte das Gymnasium in Wien und wurde während des Ersten Weltkrieges österreichischer Offizier. Ebenso wie seine Schwester und sein Bruder schloß er sich 1918 in Wien der KP an. 1920/21 Redak- teur der Zeitschrift »Kommunismus« in Wien. Wie eine Reihe anderer junger intellektuel- ler Kommunisten übersiedelte auch Eisler (1921) nach Deutschland, wo er als »Ger- hart« in der KPD eine Rolle spielte. Zu- nächst in der Berliner Parteiorganisation und bei der »Roten Fahne« tätig, gehörte er wie seine Schwester Ruth Fischer zur lin- ken Opposition in der KPD. Auf dem VIII. KPD-Parteitag wurde Eisler als Kan- didat in den ZA gewählt. Im April 1923 trennte er sich von der Ruth-Fischer-Frak- tion und nahm zwischen der Brandler-Füh- rung und der linken Opposition eine ver- mittelnde Stellung ein (zusammen mit Ewert, Hans Pfeiffer und Heinz Neu- mann). Mit dieser Gruppe forderte er schon damals eine »Konzentration« der Partei. Als unbedingter Anhänger der Sowjet- union trat er nach der Oktoberniederlage (1923) der »Mittelgruppe« bei. Nachdem die Linken 1924 die Parteifüh- rung übernahmen, erhielt Eisler zweitran- gige Parteifunktionen, bis er nach dem »Offenen Brief« als Redakteur der »Roten Fahne« und Mitglied der Berliner BL wie- der Bedeutung erlangte. Er schloß sich fest der Gruppe um Ernst Meyer an. Der XL Parteitag 1927 wählte ihn - ob- wohl er sich in Moabit in Untersuchungs- haft befand - als Kandidaten ins ZK. Er wurde auch zum Kandidaten des Polbüros berufen und arbeitete als Sekretär der Ber- liner BL und im ZK-Apparat. Als sich durch das Abkommen zwischen deutschen und russischen Vertretern auf der EKKI-Tagung im Februar 1928 die Links- wendung der KPD anbahnte, versuchte Eis- ler mit den anderen »Versöhnlern« diese ultralinke Wendung mit allen Mitteln zu verhindern. Eisler wollte im September 1928 Thäl- manns Rolle in der Wittorf-Affäre ausnut- zen, um den neuen Kurs der KPD abzu- stoppen. Er war einer der eifrigsten Ver- fechter der Absetzung Thälmanns. Nach dem Eingreifen Stalins wurde Eisler daher in der EKKI-Erklärung neben dem »Rech- ten« Hausen auch am schärfsten angegrif- fen. Außerdem wurde er seiner Funktion als Kandidat des Polbüros enthoben und sofort aus Deutschland abberufen. Nachdem er sich von den Versöhnlern di- stanziert hatte, wurde er in den Komin- tern-Apparat übernommen, arbeitete in China und später in den USA. Erst 1935, als die KPD dringend Funktionäre brauchte, wurde Eisler wieder zur KPD abgestellt und nachträglich ins ZK und Po- litbüro kooptiert. In Prag und Paris war er Mitglied der Auslandsleitung und zu- sammen mit Lex Ende Redakteur der »Deutschen Volkszeitung«. Nach Kriegsausbruch in Frankreich (Ver- net) interniert, bekam er Mitte 1940 die Erlaubnis, nach Mexiko auszuwandern. Das Schiff, mit dem er den Atlantik überquerte, wurde von den Briten aufgebracht. Von Trinidad aus konnte Eisler schließlich nach New York Weiterreisen. Er blieb in den USA und veröffentlichte ein Buch »The Lessons of Germany«. Im Oktober 1946 wollte er die USA ver- lassen, wurde aber von der Polizei daran io6 Eisler/Ellrodt gehindert. 1948 wurde er verhaftet, man hatte herausgefunden, daß er in den drei- ßiger Jahren als Kominternagent »Hans Berger« in den USA gearbeitet hatte. 1949 gelang es ihm auf dem polnischen Dampfer »Batory« aus den USA zu entfliehen und über London und Warschau nach Ost-Ber- lin zu entkommen, wo er am 1. Juni 1949 triumphal empfangen wurde und der SED beitrat. Eisler trat besonders als Kommentator her- vor und wurde zunächst Leiter des Amtes für Information. An seinem 53. Geburts- tag im Februar 1950 wurde er noch groß in der Öffentlichkeit herausgestellt, jedoch nach der erneuten Stalinisierung der SED und der Überprüfung der Vergangenheit mußte er das Schlimmste befürchten. Für den geplanten SED-Schauprozeß war er ohne Zweifel als Angeklagter vorge- sehen. Schon am 18. Februar 1951 übte Eisler in der »Täglichen Rundschau« eine vernich- tende »Selbstkritik« seiner Tätigkeit vor 1928. Er schrieb: »Es fiel mir durchaus nicht leicht, sofort nach meiner Entfernung aus dem Zentralkomitee die Schwere der von mir gemachten Fehler einzusehen und sie nicht nur formell, sondern in vollem Um- fange anzuerkennen. Rechthaberei, Eigen- sinn, mangelnde Kenntnis der Erfahrung der KPdSU (B) verhinderten dies. Erst im Jahre 1929 begann ich völlig zu verstehen, daß ein Versöhnler kein ehrlicher Kommu- nist, kein Marxist-Leninist, kein ehrlicher Freund der Sowjetunion, kein ehrlicher Schüler der KPdSU und des Genossen Sta- lin sein kann, und daß die objektive Rolle eines Versöhnlers, gleichgültig, was er sich dabei denkt oder zu tun glaubt, nichts an- deres ist als eine Hilfe für die Auffassun- gen, die mit der Kommunistischen Partei unvereinbar sind.« Eisler schrieb, daß einige Versöhnler den »Weg des Renegatentums« gingen und »Spione und Provokateure im Lager des amerikanischen Imperialismus« wurden. Vor den gleichen Beschuldigungen rettete ihn vermutlich nur die Tatsache, daß die Schauprozesse nach Stalins Tod aufhörten. Schon im Dezember 1952 war das Infor- mationsamt aufgelöst worden, es war als »Ansammlung von Westemigranten« ver- pönt. Eisler verschwand im Hintergrund, bis er 1954 als Leiter des Amtes für De- moskopie im Ministerium für Kultur wie- der eine Funktion erhielt. Nach der Entstalinisierung in der Sowjet- union machte Eisler wieder Karriere. Im Oktober 1956 wurde er stellvertretender Leiter des Staatlichen Rundfunkkomitees, am 30. März 1962 dessen Vorsitzender. Er erhielt eine Reihe Auszeichnungen, dar- unter das »Banner der Arbeit.« In seinen letzten Lebensjahren konnte Eis- ler wieder mehr Einfluß gewinnen. Der VII. SED-Parteitag 1967 wählte ihn zum Mitglied des ZK, an seinem 70. Geburtstag wurde er zum »Held der Arbeit« ernannt. Eisler starb am 21. März 1968 während eines Aufenthalts in der Sowjetunion. ELLRODT, Richard Friedrich (1883-1932?) Geboren am 2. August 1883 in Leipzig. Arbeitete als Metallschleifer. Schon lange vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, schloß sich 1917 der USPD an und kam 1920 zur KPD. Delegierter des Spaltungs- parteitags der USP und des Vereinigungs- parteitages von USP und KPD im Dezem- ber 1920. Im November 1920 als Abgeord- neter der USPD in den sächsischen Landtag gewählt, vertrat er dann die KPD, für die er 1922 wiedergewählt wurde. 1922/23 Re- dakteur beim »Roten Kurier« in Leipzig. 1926 wurde Ellrodt nicht mehr in den Landtag gewählt; er spielte in der Folgezeit keine wesentliche Rolle mehr in der KPD und starb noch vor 1933. Ellrodts Sohn Gerhard (geb. 8. Juli 1909) gehörte seit 1927 dem KJVD und ab 1930 der KPD an. Er war Funktionär und Wi- derstandskämpfer in Leipzig (Schumann- Gruppe) und starb als Sekretär der SED am 14. Februar 1949. Emel/Emrich 107 EMEL, Alexander, Dr. phil. (richtig: Mo- ses Lurje) (1897-1936) Geboren am 22. August 1897 in Kossaria- schie in der Nähe von Minsk, Sohn eines armen Schankwirts. Nach dem Ersten Welt- krieg kam er nach Berlin, um zu studieren. Obwohl er keine höhere Schule besucht hatte, promovierte er an der Berliner Uni- versität bei Prof. Eduard Mayer summa cum laude. Seine Dissertation behandelte die Darstellung Ägyptens im Alten Testa- ment und fußte auf seiner ausgezeichneten Kenntnis des Hebräischen. 1921 stieß er in Berlin zur KPD und wurde bald einer der von Ruth Fischer geförder- ten »jungen Männer«. 1924 übernahm er die Agitprop-Arbeit im Bezirk Berlin. Ein Jahr später übersiedelte Emel nach Moskau, wo er sich der Opposition gegen Stalin anschloß. Doch »körperlich schwach, ein wandernder Jude zwischen Deutschland und Rußland«, wie ihn Ruth Fischer be- schrieb, kapitulierte er bald vor Stalin und wurde Professor an der Moskauer Sun Yat-Sen-Universität. 1927 kehrte Emel nach Deutschland zurück. Hier war seine Frau Isa, Tochter des »Bund«-Führers Kogon, bei der russischen Handelsgesellschaft tätig. Er wurde Mit- arbeiter des ZK der KPD, gehörte 1927 noch kurze Zeit zur linken Opposition, von der er sich 1928 offiziell trennte. Ab 1929 stellvertretender Leiter der Agitpropabtei- lung, war er auch ständiger Referent an den KPD-Parteischulen und schrieb Arti- kel in der Parteipresse. In dem Beschluß des ZK vom 31. Dezem- ber 1931 wurden Emel und Winternitz- Lenz wegen »antibolschewistischer Auf- fassungen« heftig angegriffen, sie wurden ihrer Funktionen enthoben. Angeblich hat- ten beide in einem Artikel, der der Vertei- digung von Stalins Thesen über die Ge- schichte des Bolschewismus gewidmet war, »parteifeindliche« Ansichten vertreten. Erst nach der Absetzung Heinz Neumanns wurde Emel Ende 1932 wieder zur Arbeit in der Agitprop-Abteilung des ZK heran- gezogen. Obwohl er längst mit Ruth Fi- scher gebrochen hatte, traf er sich noch mit ihr und früheren Freunden. Das geschah auch am 4. März 1933, vor seiner Abreise nach Moskau. Nachdem Emel einige Jahre an der Mos- kauer Universität lehren durfte, verhaftete ihn die sowjetische Geheimpolizei 1936. Die Tatsache, daß er sich am 4. März 1933 mit Ruth Fischer getroffen hatte, wurde mit der Lüge verknüpft, er habe von ihr und Mas- low den Auftrag Trotzkis entgegengenom- men, Stalin zu ermorden. Vom 19. bis 24. August 1936 war Emel Angeklagter im Schauprozeß gegen Si- nowjew und Kamenew. Lurje-Emel »ge- stand« alle Vorwürfe, u. a. gab er zu, er habe Shdanow und Ordshonikidse und selbstverständlich Stalin ermorden sollen, und er habe in Verbindung zu dem Agen- ten der NSDAP, Weitz, gestanden. In sei- nem Schlußwort bat er um mildernde Um- stände, doch wie alle Angeklagten wurde er am 24. August 1936 zum Tode ver- urteilt und erschossen. EMRICH, Fritz (1894-1947) Geboren am 19. August 1894 in Weihstein, Sohn eines Maurers. Lernte Schneider und arbeitete in mehreren Textilfabriken. 1910 Mitglied der Sozialistischen Jugend. Nach dem Weltkrieg trat er der USP und dann der KPD bei. Emrich war vor allem in der Gewerkschaftsbewegung tätig und seit 1928 hauptamtlicher Mitarbeiter im ZK. Auf dem IV. Weltkongreß der RGI 1928 wurde er ins Präsidium gewählt. 1929, nach seinem Ausschluß aus der Ge- werkschaft, in die Zentralleitung des RGO übernommen. Er trat mit Veröffentlichun- gen über die Rationalisierung hervor und wurde auf dem 1. Kongreß der RGO 1929 ins Reichskomitee gewählt. Emrich leitete die RGO-Gruppe »Textil« und später -»Metall«. Im Juli 1932 zog er für KPD in den Reichstag ein, dem er bis 1933 ange- hörte. io8 Emrich/Ende Von 1933-1936 im KZ, anschließend als Arbeiter in Berlin tätig. Während des Krieges versuchte die Auslandsleitung der KPD Emrich für die illegale Arbeit zu gewinnen. Er hatte auch Verbindung zur Saefkow-Gruppe, wurde aber nicht ver- haftet. 1945 wieder Mitglied der KPD, kam er zur Berliner Polizei. Im Dezember 1946 Leiter der Personalabteilung und Kommissar der Schutzpolizei. Bei einer Explosion im Kom- mando der Schutzpolizei kam Emrich am 23. Juli 1947 ums Leben. ENDE, Adolf (Pseud.: Lex Breuer) (1899 bis 1951) Geboren am 6. April 1899 in Kissingen, Sohn eines Kunsthändlers. Nach Beendi- gung des Gymnasiums sofort zum Militär eingezogen (sein Bruder fiel als Soldat). Nach der Revolution schloß er sich der USP an und kam bereits 1919 zur KPD. Für die KPD hauptamtlich tätig, zunächst als Redakteur in Frankfurt bei der »Arbeiter- zeitung«, ab 1920 als 2. Redakteur unter Viktor Stern beim »Ruhrecho« in Essen. Nach 1921 leitete er als Chefredakteur ver- schiedene KPD-Zeitungen, so die »Tribüne« in Magdeburg, und das »Rote Echo« in Er- furt. 1924 kam er als Chefredakteur an das wichtige Parteiorgan »Ruhrecho« nach Es- sen. Alle diese Funktionen übte er unter seinem Parteinamen »Breuer« aus. Als Chefredakteur des »Ruhrecho« von 1924 bis Januar 1928 zugleich Mitglied der Bezirks- leitung Ruhrgebiet. Im Januar 1928 zum Polleiter des Bezirks Niederrhein nach Düsseldorf berufen. Im Mai 1928 zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein. Ende gehörte zu den »Ver- söhnlern« und wurde daher nach der Wit- torf-Affäre Ende 1928 abgesetzt und 1930 auch nicht mehr in den Reichstag entsandt. Bis 1933 war Ende, der 1930 vor dem ZK kapituliert hatte, in verschiedenen Redak- tionen tätig, z. B. dem KPD-Wochenblatt »Rote Post«. 1933 und 1934 arbeitete er noch illegal in Deutschland, dann emigrierte er nach Saar- brücken, wo er gemeinsam mit Paul Diet- rich eine kommunistische Wochenzeitung herausgab. 1936 kam Ende als Redakteur der »Deutschen Volkszeitung« nach Prag. Als deren Redaktion im Oktober 1937 nach Paris verlegt wurde, übersiedelte auch Ende dorthin. Nach Kriegsausbruch wurde die Zeitung verboten, Ende interniert. Nach dem Einmarsch der deutschen Trup- pen in Frankreich flüchtete er aus dem La- ger und lebte bis Kriegsende illegal in Mar- seille. Dort traf er auch einmal auf Bitten der Frau Franz Dahlems mit dem Quäker Noel H. Field zusammen, um mit diesem über die Befreiung von Franz Dahlem aus einem französischen Gefängnis zu beraten. Es war die einzige - aber für Ende sehr verhängnisvolle - Begegnung mit Field. Nach Kriegsende gab Ende vorübergehend eine deutsche Zeitung in Paris heraus, dann kam er illegal über die französische Grenze nach Hannover und im September 1945 nach Berlin. Bis zur Gründung der SED ar- beitete er als Chefredakteur des »Freien Bauern« und wurde im August 1946 Chef- redakteur des SED-Zentralorgans »Neues Deutschland«. Die Maßnahmen gegen West-Emigranten warfen bereits im Juni 1949 ihre Schatten voraus: Ende wurde durch Herrnstadt als Chefredakteur des »Neuen Deutschland« abgelöst und übernahm die Chefredaktion der »Friedenspost« (Wochenorgan der Ge- sellschaft für deutsch-sowjetische Freund- schaft). Diese Funktion behielt er bis Au- gust 1950. Am 24. August 1950 veröffent- lichte das ZK eine Erklärung über die Verbindung deutscher Emigranten zu Noel H. Field. Lex Ende (so hieß er in der SED) wurde zusammen mit Merker, Goldham- mer, Leo Bauer u. a. aus der SED ausge- schlossen. Eine enge Verbindung zu Field wurde konstruiert und »festgestellt, daß Lex Ende, Leo Bauer, Paul Bertz, Maria Weiterer, Willy Kreikemeyer, Paul Merker und Genosse Walter Beling entweder selbst Ende/Enderle Kenntnis von parteiinternen Angelegenhei- ten [an Field, H. W.] gaben, oder dieses duldeten«. Im September 1950 schickte man Lex Ende nach Muldenhütten in Sachsen, wo er als kleiner Angestellter in der Betriebsbuchhal- tung des Hüttenwerkes Muldenhütten, Zweigbetrieb der WB Buntmetall, arbeiten mußte. Er sah die Intrigen immer noch als »Fehler« an, die sich aufklären würden. Seelisch vernichtet, starb Ende ein Viertel- jahr später, am 15. Januar 1951, noch nicht 5 2 jährig. Ende und Kreikemeyer sind bis heute nicht rehabilitiert (vermutlich auch deshalb, weil ihre Frauen nach dem Westen flüchteten). Frau Ende (seine zweite Frau, die er 1936 in Prag kennenlernte), Redaktionssekretä- rin der »Deutschen Volkszeitung«, war in Frankreich interniert. Nach Prag zurück- gekehrt, aber als Deutsche ausgesiedelt, traf sie Ende in Berlin wieder. Sie hatte nach ihres Mannes Ausschluß keine »Selbstkri- tik« geübt und mußte im Frühjahr 1952 mit ihrem damals vierjährigen Sohn in die Bundesrepublik flüchten. ENDERLE, August (1887—1959) Geboren am 5. August 1887 in Feldstetten (Württemberg); entstammte einer Zim- mererfamilie, lernte Mechaniker und arbei- tete als Eisendreher. 1905 trat er in Stutt- gart der SPD und dem Deutschen Metall- arbeiterverband bei. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges agi- tierte er gegen den Krieg. 1915 trat er in einer SPD-Versammlung in Berlin-Nowa- wes gegen Lensch auf, der früher Linker war, nun aber die Vaterlandsverteidigung bejahte. Daraufhin wurde Enderle einge- zogen und war bis zum Kriegsende Soldat. Nach dem Krieg bewirtschaftete er einige Zeit die Anteile seiner Mutter an einem Bauernhof. Seit 1919 Mitglied der KPD. 1921 wurde Enderle von Walcher nach Ber- lin in die Gewerkschaftsredaktion der »Ro- ten Fahne« geholt, er wurde auch Mitglied 109 der Gewerkschaftsabteilung des ZK. 1922/ 1923 als deutscher Vertreter in der Leitung der »Roten Gewerkschaftsinternationale« in Moskau. Ab 1924 wieder Gewerkschafts- redakteur der »Roten Fahne«. Ende 1928 als Anhänger Brandlers und Walchers, d. h. als sogenannter Rechter, aus der KPD aus- geschlossen. 1928 hatte Enderle noch dem Kongreß der RGI in Moskau beigewohnt und gegen die dort beschlossenen Thesen op- poniert. Er wurde in Moskau festgehalten und konnte erst zurückreisen, nachdem er dem Orgleiter Pjatnizki gedroht hatte, er werde zur Wiedererlangung seines Passes zur Deut- schen Botschaft gehen. Während seiner Redaktionstätigkeit war Enderle auch ständiger Mitarbeiter für Ge- werkschaftsfragen beim theoretischen Organ der KPD »Die Internationale«, sowie der internationalen Zeitschrift »Inprekorr«. 1927 veröffentlichte er das Buch »Die Gewerk- schaftsbewegung. Ein Leitfaden für prole- tarische Gewerkschaftsarbeit« und eine Broschüre »Kampf um den Achtstunden- tag«. Ständiger Funktionär im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV). Enderle war einer der Mitbegründer der KPO, deren Zentralleitung er angehörte. Bei der Spaltung der KPO 1932 ging er mit der Minderheit (Frölich und Walcher) zur SAP, wurde Redakteur der »Sozialisti- schen Arbeiterzeitung«, dem Organ der SAP, das zuerst in Berlin, dann in Breslau herauskam. Nach dem Verbot der SAP und der Er- mordung des Breslauer SAP-Vorsitzenden Dr. Eckstein durch die SA leitete Enderle die illegale SAP in Breslau. Im Juli 1933 konnte er im letzten Augenblick der Ge- stapo entkommen und emigrierte nach Hol- land. Nach kurzem Aufenthalt in den Nie- derlanden und Belgien gelangte er im Frühjahr 1934 nach Schweden, wo er die Auslandsgruppe der SAP leitete. Im Sommer 1945 nach Deutschland zurück- gekehrt, war Enderle zuerst Gewerkschafts- redakteur beim »Weser-Kurier« in Bremen, ab April 1947 Chefredakteur der DGB- iio Enderle/Engert Zeitung für die britische Besatzungszone, dem »Bund« in Köln. 1950 übernahm er das Funktionärorgan des DGB, die »Quelle«. Enderle war Vorsitzender (später Ehrenvorsitzender) der Gewerkschaft der Journalisten im DGB. Er gehörte der SPD an und schrieb nach seiner Pensionierung (1954) an einer Geschichte der Gewerk- schaftsbewegung. Enderle starb am 2. November 1959 in Köln. ENGEL, Max (geb. 1887-?) Geboren am 6. Dezember 1887 in Wod- dow; kam in jungen Jahren nach Berlin, wo er sich der Arbeiterbewegung anschloß; arbeitete als Wickler. Mit der linken USPD stieß er 1920 zur KPD. Als die linke Führung 1924 die Partei übernahm und »mehr Arbeiter« in die Lei- tung sollten, holte man ihn als Weddinger Arbeiter in die Agitpropabteilung der Zentrale. 1925/26 leitete Engel diese Ab- teilung. Er gehörte zum linken Flügel der KPD, blieb bis Ende 1926 in der Agit- propabteilung des ZK. Nach dem »Offenen Brief« 1925 schloß er sich der Thälmann- Gruppe an, für die er aktiv war. Ab 1927 als technischer Angestellter des ZK be- schäftigt. Im März 1928 trat Engel überraschend aus der KPD aus und erklärte, daß er mit dem Atheismus gebrochen und zu Gott zurück- gefunden habe. Weitere Daten seines Le- benslaufs ließen sich nicht ermitteln. ENGERT, Otto Max (1895-1945) Geboren am 24. Juli 1895 in Brösdorf (Altenburg). Engert, der eigentlich Otto Gentsch hieß, wanderte nach der Zimmer- mannslehre durch Deutschland. 1913 Mit- glied der SPD. Während des Krieges Soldat an der Front. Engert schloß sich der USP an und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Er war der einzige kommunistische Abgeord- nete im Kreisrat Altenburg und wurde 1924 und erneut 1927 in den Thüringer Landtag gewählt. Seit dieser Zeit war er hauptamtlich tätig. Er wurde Unterbezirks- leiter der KPD, 1927/28 Redakteur bei der »Sächsischen Arbeiterzeitung«. 1927 zu einem Jahr Festung verurteilt. Da er sich ein großes theoretisches Wissen angeeignet hatte, wurde er oft zu Schulungskursen herangezogen. Engert gehörte zum rechten Parteiflügel. Mit der Mehrheit der thüringer Landtags- abgeordneten wandte er sich Ende 1928 gegen den ultralinken Kurs und wurde des- wegen 1929 aus der KPD ausgeschlossen. Er trat der KPO bei, in der er bis 1933 aktiv wirkte. Im Juli 1929 zum Bürgermei- ster (er kandidierte für die KPO) in Neu- haus am Rennsteig gewählt (mit 11 gegen 8 Stimmen). Von 1930-1933 amtierte er als Bürgermeister in Neuhaus-Rennsteig, im März 1931 vom damaligen NS-Innenmini- ster Frick vorübergehend dieses Postens enthoben. Nach 1933 arbeitete er illegal für die KPO weiter, seine Frau hatte in Leipzig einen Gemüseladen eröffnet. Engert wurde in Leipzig verhaftet und zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt und anschließend ins KZ Sachsenburg verschleppt. Nach seiner Freilassung kooperierte er wie- der mit illegalen Gruppen der KPD; 1943/ 1944 wurde er der theoretische Kopf der Widerstands-Gruppe Schumann für die er zusammen mit Alfred Schmidt die poli- tische (von der offiziellen KPD-Linie ab- weichende) Plattform schuf. Im Juli 1944 erneut verhaftet, verriet er trotz schwerer Mißhandlungen nichts. Er wurde zum Tode verurteilt (seine Frau zu langjähriger Zuchthausstrafe). In seinem letzten Brief schrieb er: »Mit dem heutigen Tage scheide ich von Euch. Mein Leben hat sich erfüllt. Ich gebe es hin in dem Bewußt- sein, das getan zu haben, wozu mich Über- zeugung und Pflicht zwangen. Nur so könnt Ihr mich verstehen, das ist es, wor- um ich bitte. Darüber, ob das, was ich tat, Engert/Eppstein ui richtig und notwendig war, wird einst die Geschichte entscheiden.« Engert wurde am n. Januar 1945 in Dres- den hingerichtet. EPPSTEIN, Eugen (1878-1943) Geboren am 25. Juni 1878 in Simmern, Sohn jüdischer Kaufleute. Lernte Kauf- mann und wurde kaufmännischer Ange- stellter. In jungen Jahren übersiedelte er nach Köln, schloß sich 1897 der SPD an, auf deren linkem Flügel er stand. Während des Krieges Mitglied des Spartakusbundes, für den er im Ruhrgebiet aktiv war. Nach Gründung der KPD in Essen haupt- amtlicher Sekretär der Partei. Mitte 1919 verhaftet und nach Berlin gebracht, gelang ihm im November 1919 die Flucht. Da er wegen seiner Arbeit für den Spartakus- bund stechbrieflich gesucht wurde, ging er nicht mehr ins Ruhrgebiet zurück, sondern wandte sich nach Köln, wo er in den fol- genden Jahren Führer der KPD wurde. Eppstein, der als einer der besten Organi- satoren der KPD galt, gehörte seit 1920 als Vertreter des Bezirks Mittelrhein dem Zen- tralausschuß der KPD an. Seit dem IV. Parteitag 1920 immer Parteitagsdelegierter, bis 1925 Mitglied des ZA. Zugleich war er Sekretär und Politischer Leiter des KPD- Bezirks Mittelrhein. Unter Führung Eppsteins gehörte dieser Bezirk seit 1921 (ebenso wie Berlin und Wasserkante) zur linken Opposition. Sein Vorgänger Dahlem, der den Bezirk bis 1921 leitete, war abgelöst worden, weil er »rechts« stand. Im Februar 1923 wurde Eppstein erneut zum Polleiter gewählt, jedoch kurze Zeit danach von der Zentrale abgesetzt. Als die Linken nach der Oktoberniederlage der Partei rasch die Oberhand gewannen, wurde auch Eppstein auf dem Bezirkspar- teitag im Februar 1924 wieder zum Sekre- tär berufen. Im Mai 1924 zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein. Im gleichen Monat schickte ihn die Zentrale als Polleiter in den rechten Bezirk Nordwest (Bremen), um die- sen Bezirk für die Linke zu erobern. Da Eppstein ein geschickter Organisator war, gelang es ihm in wenigen Monaten, die Rechten auszubooten. Mit dem Ruf nach »militärischer Disziplin« konnte er den Be- zirk auf die Linie der Zentrale bringen. Nach der Reichstagsauflösung im Oktober 1924 verhaftet, jedoch wieder freigelassen, als er im Dezember 1924 in den preußi- schen Landtag gewählt wurde. Im Landtag wie im Reichstag fiel er durch seine heftigen und rauhen Reden auf. (Als bei einer sei- ner Reden Unruhe herrschte, rief er: »Ich kann nicht gegen die Esel anschreien. Das ist ein Stall voll Esel«.) Im Januar 1925 wies der ZA alle »Ver- leumdungen« gegen Eppstein zurück. Da- mals war in Köln Peter Mieves ausgeschlos- sen worden, weil er angeblich für die Poli- zei gearbeitet hatte. Da Mieves jahrelang engster Mitarbeiter Eppsteins gewesen war, verdächtigten die Rechten um Jannack und Deisen Eppstein ebenfalls. Der ZA sprach ihm jedoch sein »vollstes Vertrauen« aus. Auf dem X. Parteitag stand Eppstein hin- ter der Ruth Fischer-Führung und trat be- sonders scharf gegen die Rechten auf, di- stanzierte sich aber zugleich von den Ultra- linken. Nach dem »Offenen Brief« wurde in Bre- men sofort versucht, Eppstein abzulösen. Das gelang nicht, da er zunächst dem »Of- fenen Brief« zustimmte. Er blieb noch bis Januar 1926 als Polleiter in Bremen, dann von der Zentrale abberufen, da er sich in- zwischen der Opposition um Ruth Fischer fest angeschlossen hatte. Er war nun nur noch als Abgeordneter für die KPD tätig, versuchte aber vor allem im Ruhrgebiet für die linke Opposition zu werben. Er unterschrieb alle Aufrufe der linken Opposition und trat am 13. Januar 1928 aus der KPD aus. Eppstein war einer der Mitbegründer des Leninbundes, zusammen mit Fischer und Maslow verließ er jedoch den Leninbund I 12 Eppstein/Evers bereits vor der Wahl 1928. In den folgen- den Jahren war er in verschiedenen Be- rufen tätig und arbeitete politisch im Kreis um Ruth Fischer. An den XII. Parteitag 1929 richtete er den Antrag, wieder in die KPD auf genommen zu werden (»doch recht gehabt«), was abgelehnt wurde. 1933 emigrierte Eppstein nach Frankreich, wo er in verschiedenen linken Emigranten- gruppen wirkte. Im August 1933 wurde ihm als einem der ersten Emigranten die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Eppstein und seiner Frau ging es sehr schlecht. Nach der Besetzung Frankreichs wurde er von der Gestapo verhaftet, da wegen fehlerhafter Arbeit eines USA-Ko- mittees sein Visum zu spät kam. Am 4. März 1943 kam Eppstein von Dran- cy ins KZ Lublin-Majdanek, wo er wahr- scheinlich sofort ermordet wurde. ESSER, Fritz (1886-1961) Am 24. August 1886 in Peine geboren; verbrachte seine Jugend in Sachsen, erlernte das Modelltischlerhandwerk. 1904 Eintritt in die SPD. Während des Krieges als Frontsoldat schwer verwundet, konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. 1920 kam er über die USPD zur KPD. 1921 Mitglied der Hamburger Bürger- schaft. Im gleichen Jahr Delegierter des Jenaer Parteitags der KPD. Esser arbeitete als Fürsorgeangestellter und war führend im »Internationalen Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit«. Im Hamburger Aufstand 1923 spielte er eine leitende Rolle, wurde später aber vom Gericht freigesprochen. 1924 zog er als Ab- geordneter in den Reichstag ein (Mai-De- zember 1924). Esser gehörte 1925/26 der linken Opposition an, er wurde 1926 aus der KPD ausgeschlossen, aber noch im glei- chen Jahr, nach der Trennung von der Op- position, wieder in die Partei aufgenom- men. 1927 erneut in die Hamburger Bürgerschaft gewählt, der er bis 1933 angehörte. 1926/ 1927 leitete er die »Rote Hilfe« an der Wasserkante, dann wieder den »Interna- tionalen Bund«. Esser wurde 1933 von der Gestapo verhaf- tet und war längere Zeit im KZ Fuhlsbüttel (irrtümlich wurde mehrfach die Meldung verbreitet, er sei im KZ ermordet worden). Nach 1945 trat er politisch nicht mehr her- vor. Esser starb am 27. August 1961 in Ham- burg. EVERS, Heinrich (1887-1968) Am 24. März 1887 in Berlin geboren; nach der Berufsausbildung als Kunstbildhauer tätig. 1907 Eintritt in die SPD. 1917 ein- gezogen, war er bis zum Kriegsende als Infanterist an der Front 1918 Mitglied der USPD, 1920 der KPD. In Berlin-Lichten- berg Bezirksvorsteher für die KPD. Evers arbeitete offiziell als Reisender für Linoleumfabriken, war aber seit 1924 von der KPD mit der Emigrantenfürsorge der »Roten Hilfe« betraut. Er war als »Adolf« beauftragt, flüchtige Kommunisten zu un- terstützen und ihre Flucht nach Rußland zu organisieren. Wegen dieser Tätigkeit wurde er am 8. Juni 1926 verhaftet und am 3. Mai 1927 vom Reichsgericht zu drei Jah- ren und sieben Monaten Zuchthaus ver- urteilt. Nach der Amnestie 1928 aus der Haft ent- lassen, wurde Evers 1929 in die Gewerk- schaftsabteilung des ZK geholt. Im gleichen Jahr kam er ins Reichskomitee der RGO, in dem er bis 1933 arbeitete. 1933 emigrierte Evers aus Deutschland und kam 1937 nach Moskau. Er unterschrieb im Januar 1942 den Aufruf einer Gruppe, aus der später das »Nationalkomitee Freies Deutschland« hervorging. Bis Kriegsende war er Oberinstrukteur des russischen Kriegsgefangenenlagers 52. Nach 1945 kehrte er nach Ost-Berlin zu- rück und erhielt in der SED verschiedene kleinere Funktionen, u. a. in der Propa- ganda-Abteilung des FDGB. Evers, zuletzt Evers/Ewert, Arthur II3 Parteiveteran in Ost-Berlin, bekam mehrere Auszeichnungen, darunter 1962 das »Ban- ner der Arbeit« und den »Vaterländischen Verdienstorden«. 1965 starb seine Frau, Evers starb am 22. Dezember 1968 in Ost- Berlin. EWERT, Alma (geb. 1894) Am 4. Oktober 1894 in Neu-Miltzow (Pommern) geboren, arbeitete sie mehrere Jahre als Stenotypistin. Trat 1920 der KPD bei und war in Hamburg in der kommuni- stischen Frauenbewegung tätig. Seit 1924 als Stenotypistin im Parteibüro der KPD beschäftigt. Alma Ewert wurde vom X. KPD-Parteitag 1925 in die Ge- werkschaftskommission gewählt. In den Jahren 1925-1929 Abgeordnete der Ham- burger Bürgerschaft, von 1926-1928 Mit- glied der KPD-Bezirksleitung Wasserkante. Sie leitete den Roten Frauen- und Mäd- chenbund Wasserkante, trat allerdings 1928 wegen Schwierigkeiten mit der Partei von dieser Funktion zurück. Nadi 1929 trat Alma Ewert wenig in Er- scheinung. Sie nahm im November 1931 an einem Lehrgang der kommunistischen Par- teischule in Berlin-Fichtenau teil und übte kleinere Parteifunktionen aus. Alma Ewert lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Nord- deutschland, sie war politisch nicht mehr tätig. EWERT, Arthur (1890-1959) Am 13. November 1890 in Heinrichswalde bei Tilsit als Sohn armer Kleinbauern ge- boren. Der bildungshungrige Vater verur- sachte in seinem kleinen Dorf eine Sensation, als er das Lexikon von Brockhaus abon- nierte. Bildungshunger kennzeichnete auch den Sohn, der nur die einklassige Dorf- schule besuchen konnte. Arthur Ewert war schon als Junge ungewöhnlich groß und stark, aber auch jähzornig. Als 12jähriger verprügelte er seinen Lehrer, weil dieser einem anderen Kind Unrecht tat. Mit 14 Jahren verließ Ewert seinen Heimatort, um bei seinem Onkel in Berlin das Sattlerhand- werk zu erlernen. Ewert las viel und besuchte Versammlun- gen von Sekten, Gesundbetern, Sterndeu- tern usw. Eine sozialistische Versammlung in der Frida Rubiner referierte, unterbrach er mit so vielen heftigen Zwischenrufen, daß die Versammlung aufzufliegen drohte. Frida Rubiner interessierte sich für den stiernackigen Hitzkopf und überzeugte ihn für den Sozialismus. Er trat 1908 der Ge- werkschaft und der SPD bei. Vor dem Ersten Weltkrieg wanderte Ewert nach Kanada aus. Auch in Kanada schloß er sich sozialistischen Gruppen an. Während des Krieges wurde er aus politischen Grün- den verhaftet und für ein Jahr ins Gefäng- nis geworfen. Ewert kehrte 1920 nach Deutschland zurück und schloß sich der KPD an, in der er bald führende Positionen innehatte. Zunächst lebte er in Berlin, dann schickte ihn die KPD-Zentrale nach Frankfurt (Main). 1922/23 war er Sekretär und Bezirksleiter der KPD Hessen. Auf dem VIII. Parteitag im Januar 1923 wurde Ewert in die Zen- trale der KPD gewählt. Als Polleiter des linken Bezirks Hessen gehörte er zwar dem linken Flügel an, er wurde aber von der Brandler-Zentrale mit einigen anderen Lin- ken für die Wahl in dieses Parteigremium vorgeschlagen. Kurze Zeit nach dem Partei- tag (im April 1923) trennte er sich ge- meinsam mit Heinz Neumann, Eisler und Pfeiffer von der linken Opposition. Er wurde militärischer Leiter des Oberbe- zirks West und war 1923 aktiv an den Vorbereitungen des Aufstands beteiligt. Nach dem Verbot der KPD im November 1923 wurde Ewert als Angehöriger der Zentrale steckbrieflich gesucht. Diesem Steckbrief war zu entnehmen, daß der große und breitschultrige Mann »blond« war und »hohe Stirn, breiten Mund« be- saß. Ewert hatte sich der Mittelgruppe ange- schlossen und gehörte bis zum Frankfurter 114 Ewert, Arthur Parteitag zu den Führern der KPD, welche nach der Übernahme der Parteileitung durch die Linken ausgebootet wurden. Da er polizeilich gesucht wurde, die Linken ihn aber nicht als Kandidaten für den Reichstag aufstellten, mußte er aus Deutschland flüch- ten und hielt sich längere Zeit in Moskau auf. Auf dem X. Parteitag 1925 als Kan- didat ins ZK gewählt. Nach dem »Offenen Brief« 1925 wurde Ewert nach der Parteikonferenz im Oktober 1925 als Mitglied des ZK, des Polbüros und des Sekretariats berufen. Im November 1926 kandidierte er zur Landtagswahl in Sachsen. Seine Wahl wurde annulliert, weil er sich nur pro forma in Sachsen angemeldet hatte. Noch immer polizeilich gesucht - als Zen- tralmitglied von 1923 - am 2. November 1926 verhaftet. Nach seiner Flucht mußte er bis zur Reichstags wähl 1928 illegal ar- beiten (unter dem Namen »Braun«). Ewert war bis 1927 neben Thälmann der bedeutendste Parteiorganisator, ursprüng- lich sollte Ewert sogar das Hauptreferat auf dem XL Parteitag im März 1927 in Essen halten. Der Parteitag wählte ihn ins ZK, er kam ins Polbüro und ins Politsekre- tariat und war somit einer der wichtigsten Führer der KPD. Ewert schloß sich politisch eng an Ernst Meyer an und war 1928 - da Ernst Meyer durch seine Krankheit behindert war - neben Thälmann der entscheidende KPD- Führer, vorübergehend hatte er im Innern der Partei eine größere Machtstellung als Thälmann. Im Mai 1928 zog er in den Reichstag ein. Vor der Wahl hatte ihn die KPD stürmisch gefeiert, weil er — von der Polizei noch immer gesucht - in öffentlichen Versammlungen aufgetreten war. Der VI. Weltkongreß der Komintern 1928 wählte ihn als Kandidaten ins Präsidium des EKKI. Nach der Wittorf-Affäre 1928 wurde Ewert nach Moskau berufen. Er verlor da- mit die Möglichkeit, seine Stellung in der Partei zu halten. Als er Anfang 1929 zu- rückkam, war die Position der »Versöhn- ler«, die er neben Ernst Meyer führte, be- reits schwach. Auf dem Weddinger Partei- tag 1929 wurde Ewert nicht mehr ins ZK gewählt. In den folgenden Monaten setzte gegen ihn, wie gegen alle Versöhnler, ein Kesseltreiben ein. Kurz nach dem Tode Ernst Meyers (Februar 1930) kapitulierte er vor dem ZK und löste die Gruppe der Ver- söhnler offiziell auf. Ewert schied ganz aus der deutschen Parteiarbeit aus und wirkte nunmehr für die Komintern. 1932 bis 1934 war er EKKI-Vertreter beim ZK der KP Chinas. 1934 schickte ihn das EKKI nach Brasilien, wo er als Kominternvertreter die KP-Bra- siliens anleitete. Im Dezember 1935, nach dem kommunistischen Aufstand vom No- vember, wurde Ewert zusammen mit seiner Frau Elise, Sabo genannt, in Rio de Janeiro verhaftet. Wochenlang wurden beide fürch- terlich gefoltert, da die Polizei das Versteck des Kommunistenführers Carlos Prestes von ihnen zu erfahren hoffte. Der kräftige Ewert, ein wahrer Riese, verlor in elf Mo- naten 50 kg Gewicht. Die Torturen endeten auch nicht, als die Polizei im März 1936 Prestes verhaften konnte. Ewert hatte ge- schwiegen, obwohl die Polizei mit den scheußlichsten Mitteln gegen ihn und seine Frau vorging, aber das Martyrium hatte ihn an den Rand des Irrsinns gebracht. Am 8. Mai 1937 wurde Ewert zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, doch er war bereits geisteskrank. Seine Frau wurde der Gestapo ausgeliefert, sie kam im KZ Ravensbrück ums Leben. Ewert wurde 1945 amnestiert, er kam in ein Sanatorium. Seine Schwester Minna er- hielt im Mai 1947 die Einreiseerlaubnis nach Brasilien, um ihren Bruder nach Deutschland zurückzuholen. Im August 1947 kam Ewert nach Deutschland, doch auch hier konnten ihm die Ärzte nicht mehr helfen. Er lebte in einem Sanatorium der Ostzone. Von den Diskussionen um die »Versöhnler« und der Tatsache, daß er in den SED-Publikationen noch 1956 als »Agent« bezeichnet wurde, erfuhr der inzwischen Ewert, Arthur/Firl 115 geistig völlig Umnachtete nichts mehr. Ewert starb am 3. Juli 1959 und wurde von der SED feierlich zu Grabe getragen und geehrt. Sein früherer enger Mitarbeiter Gerhart Eisler hielt die Grabrede. EYERMANN, Richard (geb. 1898) Am 6. Februar 1898 in Salzungen gebo- ren; nach dem Weltkrieg in verschiedenen Metallbetrieben Thüringens beschäftigt. Be- triebsrat. Über die USP kam er 1920 zur KPD und zog 1925 in den Thüringer Landtag ein (er rückte für einen anderen Kandidaten nach). 1927 als Abgeordneter gewählt. Bei den Auseinandersetzungen mit den Rechten schloß sich Eyermann zunächst die- sen an, ging dann aber zusammen mit Zim- mermann auf die Linie des ZK. Auch 1929 wieder Landtagsabgeordneter, 1931 stellte ihn die KPD als Kandidaten zur Bürger- meisterwahl in Ohrdruf auf, er wurde aber nicht gewählt. Nach 1933 illegal in Salzun- gen tätig, verhaftet und zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt. Nach der Entlas- sung wieder Verbindung zur KPD. Wäh- rend des Krieges gehörte er zur Neubauer- Gruppe. Von 1942 bis zur Befreiung 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert. Nach 1945 wieder Mitglied der KPD, dann der SED. 1946 Vorsitzender der SED- Fraktion im Thüringer Landtag. Bis 1952 Vorsitzender der Landesparteikontrollkom- mission der SED in Thüringen, seither Kandidat der Zentralen Parteikontrollkom- mission. Seit 1952 Mitglied der SED-Be- zirksleitung in Magdeburg und Vorsitzen- der der Parteikontrollkommission im Be- zirk Magdeburg. Träger des »Vaterländi- schen Verdienstordens« in Silber und des »Banner der Arbeit«. Zum 70. Geburtstag 1968 auch mit dem »Karl-Marx-Orden« ausgezeichnet. FERLEMANN, Karl (1901-1945) Geboren am 2. August 1901 in Heiligen- haus Bez. Düsseldorf, lernte Schlosser und arbeitete in diesem Beruf. 1919 Eintritt in die KPD (Spartakusbund), übernahm klei- nere Funktionen. 1925 Expedient bei der KPD-Zeitung »Ruhr-Echo«. Anfang 1926 schickte ihn die Partei zu einem Zweijahres- kurs auf die Lenin-Schule nach Moskau. Nach seiner Rückkehr im Mai 1928 in den preußischen Landtag gewählt. 1928 zu- nächst Unterbezirksleiter der KPD Barmen, dann (nach dem Verbot des RFB) Führer des antifaschistischen Kampfbundes, Bezirk Niederrhein. 1929 auch Mitglied des KPD- Bezirksleitung Niederrhein und Ende 1929 Orgleiter dieses Bezirks. 1931 kam Ferle- mann nach Sachsen und wurde in Leipzig Mitglied der Bezirksleitung. 1932 erneut in den preußischen Landtag gewählt. Im Sommer 1933 traf er in der Tschecho- slowakei mit Schubert zusammen, der ihn als Führer der deutschen Leitung im Inland vorschlagen wollte. Ferlemann war inzwi- schen Landesleiter in Sachsen, nun sollte er gemeinsam mit Fladung und Lambert Horn die Berliner Zentralleitung bilden. Doch Ende 1933 wurde er verhaftet. Am 4. Juli 1935 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Als seine Strafzeit im Dezember 1939 als verbüßt galt, wurde er ins KZ Sachsenhausen gebracht. Bei einem Hunger- marsch zur Verlagerung des KZs im April 1945 kam Ferlemann ums Leben. FIRL, Wilhelm (1894-1937) Als begabter Schüler erhielt der am 26. Ja- nuar 1894 in Dresden geborene Firl eine Freistelle in einem Realgymnasium. Da sein Vater (der einer schlesischen Weberfamilie entstammte) früh an Lungentuberkulose ge- storben war, mußte Wilhelm Firl als Zei- tungsträger zum Unterhalt der siebenköp- figen Familie beitragen. Als 1 ¿jähriger fand er Arbeit in einem Anwaltsbüro. Durch Vermittlung eines Pfarrers gab man ihm eine Freistelle am evangelischen Mis- sionsseminar in Leipzig. Nach zweijährigem Studium lehnte Firl es jedoch ab, Missionar u6 Firl/Fischer, Albert zu werden und ging bei Kriegsausbruch freiwillig an die Front. 1916 blieb er meh- rere Tage schwer verwundet zwischen den Linien liegen. Er kam ins Lazarett, ein Bein mußte verkürzt werden. 1917 kehrte er kriegsuntauglich nach Chem- nitz zurück und wurde Schreiber beim Landgericht. Eintritt in die SPD. 1919 trat er zur USPD und 1920 zur KPD über. Er leitete ein Anwaltsbüro in Chemnitz. 1921 wurde Firl Sekretär der KPD-Be- zirksleitung Erzgebirge, 1922 KPD-Stadt- verordneter in Chemnitz. 1923 holte ihn die Zentrale nach Berlin, er leitete den Un- terbezirk Schöneberg und war Redakteur zunächst beim KPD-Pressedient, dann an der »Roten Fahne«. Delegierter des XL Parteitags 1927 in Essen. 1929/30 zeichnete er verantwortlich für die »Rote Fahne« und wurde deswegen 1930 zu einem Jahr drei Monate Festung verurteilt. Nach 1933 gehörte Firl zu den leitenden Funktionären der illegalen KPD. Leiter eines Oberbezirks. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Tschechoslowakei kehrte er 1935 nach Deutschland zurück und über- nahm als »Landesleiter« die Führung der Inlandsarbeit der illegalen KPD, in enger Zusammenarbeit mit dem Reichstechniker Wilhelm Kox und dem Pariser Sekretär des Polbüros, Leo Flieg. Am 30. Januar 1936 wurde er, der illegal unter dem Namen »Waldau« lebte, verhaf- tet. Es gelang der Gestapo nicht, wichtige Aussagen von ihm zu erhalten, da er er- klärte: »Meine Aufgaben sind mir vom ZK konkret gestellt worden, und ich bin nach Berlin gekommen, um diese Aufgaben in die Tat umzusetzen. Wenn ich in vielen Punkten die Aussage verweigert habe, ins- besondere darüber, meine Mitarbeiter zu nennen, so geschah das aus dem Grunde, weil ich nach wie vor zu der Idee des Kom- munismus stehe und es als Kommunist ab- lehne, zum Verräter an meinen Gesinnungs- freunden zu werden. Aus meiner Einstel- lung zum Kommunismus, den ich auch heute noch für die einzige Möglichkeit zur Rettung der Arbeiterklasse vom Kapitalis- mus und Faschismus ansehe, ergab sich, daß ich mich zur Arbeit gegen das Deutsche Reich bzw. seinen nationalsozialistischen Staat bereit erklärt habe. Ich erkläre ganz eindeutig, daß ich bereit bin, zu meiner Tat in vollem Umfange zu stehen und die von mir gemachten Aussagen auch später vor Gericht aufrechtzuerhalten.« In dem Verfahren belastete ihn seine Stief- schwiegermutter schwer. Auch sein Bruder, Herbert Firl, war Kommunist und wurde zu einer längeren Strafe verurteilt. Wilhelm Firl wurde am 22. Mai 1937 zum Tode ver- urteilt und am 17. August 1937 in Plöt- zensee enthauptet. Vor seiner Hinrichtung schrieb er: »Was mich quält, ist nicht mein eigenes Leben. Ich bin natürlich meinen Vorsätzen nicht untreu geworden. Habe Selbstdisziplin gehalten, aber die quälende Sorge für andere hatte ich unterschätzt. . . Ich habe mein Leben nicht über das gesetzt, was ich für meine Pflicht hielt... Ich denke an die Zukunft in dem Geiste, in dem ich die Geschichte gelesen, kennengelernt und verstanden habe.« FISCHER, Albert (1883-1952) Am 23. Dezember 1883 in Metzingen (Württemberg) geboren; gelernter Weißger- ber. Schloß sich schon in früher Jugend der SPD und während des Krieges der USPD an. Delegierter des Spaltungsparteitags der USP und des Vereinigungsparteitags mit der KPD 1920. In der KPD hatte der rüh- rige Funktionär vor allem die Landpropa- ganda in Württemberg durchzuführen. Seit 1927 gehörte er der Bezirksleitung Abt. Land an. Im Landtag vertrat Albert Fischer die KPD von 1924-1933. Er hatte in seiner Heimat einen großen Einfluß. Während des Hitler-Regimes war er längere Zeit im KZ Buchenwald inhaftiert. Nach 1945 schloß er sich wieder der KPD an. Er lebte als Rentner und war bis zu seinem Tode aktiv für die KPD tätig. Fischer, Albert/Fischer, Ruth 117 Albert Fischer starb am 28. Mai 1952 in Metzingen. FISCHER, Karl Ferdinand (1893-1940) Als Sohn eines Arbeiters am 19. Januar 1893 in Reichensdiwand (Bayern) geboren; lernte Schlosser und arbeitete in seinem Be- ruf, bis er 1914 als Soldat am Krieg teil- nehmen mußte. Nadi dem Krieg als Schlosser in Nürnberg beschäftigt. Trat 1921 der KPD bei und hatte in der Partei verschiedene Funktionen inne. Anfang 1927 berief ihn die KPD zum Orgleiter des Bezirks Nordbayern. Dele- gierter des XI. Parteitags im März 1927, auf dem er als Kandidat ins ZK gewählt wurde. Im Herbst 1927 wurde Karl Fischer gemeinsam mit Creutzburg als Kommissar des ZK in die Pfalz geschickt, um diesen ultralinken Bezirk zu leiten. Nachdem Creutzburg die Pfalz verließ, blieb Fischer 1928 als Polleiter für die Pfalz in Ludwigs- hafen. Auf dem Weddinger Parteitag wurde er wieder als Kandidat ins ZK gewählt, ob- wohl er über den jähen Umfall der Mehr- heit des ZK bei der Wittorf-Affäre empört aufgetreten war. Nachdem er schon 1927 vor seiner Wahl ins ZK kurz eine deutsche Parteischule besucht hatte, wurde er im September 1929 auf die Lenin-Schule nach Moskau delegiert. Im Juni 1930 aus Moskau zurückgekehrt, übernahm er die politische Leitung des ver- einigten Bezirks Baden-Pfalz in Mannheim. 1932 zog Karl Fischer als Abgeordneter in den preußischen Landtag ein. Im gleichen Jahr entfernte man ihn als Anhänger Neu- manns aus dem ZK und setzte ihn auch als Polleiter in Baden-Pfalz ab. Am 20. November 1933 von der Gestapo verhaftet, wurde er am 7. November 1934 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthaus Luckau leitete er einen illegalen Schulungs- zirkel der KPD. Nach Ablauf seiner Straf- zeit wurde er im Februar 1937 ins KZ Sach- senhausen überführt. Karl Fischer starb am 25. März 1940 im KZ an einem Herzleiden, das er sich in der Haft zugezogen hatte. FISCHER, Paul (geb. 1894) Am 17. Oktober 1894 in Hohenmölsen ge- boren; lernte Weber und war in Thüringen in seinem Beruf tätig. 1914 zur Marine ein- gezogen, nahm er als Soldat am Weltkrieg teil. Paul Fischer gehörte zu den Kieler Matrosen, die 1918 meuterten und den Re- volutionsausbruch bewirkten. Nach dem Krieg schloß er sich in Greiz der USPD an und kam 1920 zur KPD. 1921 Delegierter des Jenaer Parteitags. Aktiver Funktionär der KPD, 1924 und erneut 1927 in den Thüringer Landtag gewählt. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den »Rechten« und den ZK-Anhängern in Thüringen 1928 gehörte Paul Fischer zu den führenden Anhängern der »Rechten«. Deswegen am 1. März 1929 aus der KPD ausgeschlossen, wurde er Mitglied der KPO. Für die KPO war er bis 1933 aktiv. Wäh- rend des Hitler-Regimes einige Zeit inhaf- tiert. Nach 1945 schloß sich Paul Fischer, der in Greiz lebte, der KPD und SED nicht an und hatte deswegen viel Ärger. Da er aus seiner kommunistisch-oppositionellen Ein- stellung keinen Hehl machte, wurde er 1950 verhaftet und zu zwölf Jahren Zucht- haus verurteilt. 1955 saß er im Zuchthaus Torgau. Zur gleichen Zeit war seine Toch- ter Traute (geb. 9. Februar 1928) im Zucht- haus Halle. Sie war 1953 verhaftet und wegen »Spionageverdacht« zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Fischer soll 1968 in Thüringen wohnhaft gewesen sein. FISCHER, Ruth (1895-1961) Elfriede Eisler, wie ihr richtiger Name lau- tete, wurde am 11. Dezember 1895 in Leip- zig als Tochter des Philosophieprofessors 118 Fischer, Ruth Rudolf Eisler geboren. Sie war die älteste Schwester der Brüder Gerhart und Hanns Eisler. Ihre Mutter war geborene Ida Fi- scher (aus der Leipziger Musikerfamilie), nach der sich Ruth Fischer später ihr politi- sches Pseudonym wählte. Da ihr Vater eine Professur in Wien über- nahm, wuchs Ruth Fischer in Wien auf, wo sie nach dem Besuch des Lyzeums acht Se- mester Philosophie und Nationalökonomie studierte. In Wien heiratete sie den Publizi- sten Dr. Paul Friedländer (ein Sohn aus dieser Ehe ist Mathematikprofessor in Eng- land). Elfriede Friedländer schloß sich nach Aus- bruch des Weltkrieges der österreichischen Sozialdemokratie an, auf deren linkem Flügel sie stand. Nach der Revolution 1918 gründete sie mit einer Reihe Gleichgesinn- ter die Kommunistische Partei Österreichs. Bei den Unruhen in Wien 1918/19 gehörte die Studentin Friedländer zu den Anfüh- rern von Demonstrationen und mißglückten Auf ständen. Im ersten Halbjahr 1919 redi- gierte sie »Die revolutionäre Proletarierin«, eine Frauenbeilage der Wiener kommunisti- schen Zeitung »Die soz. Revolution«. Sie publizierte aber auch ihr erstes Büchlein, »Se- xualethik des Kommunismus« (Wien 1920), das von Lenin kritisiert wurde. 1919 verließ sie Wien und übersiedelte nach Berlin, wo sie bald in der KPD eine Rolle spielte. Sie gehörte zum linken Flügel der Partei. Ab 1920 Mitarbeiterin am theoreti- schen Organ der KPD »Internationale«, 1921 zur Leiterin der Berliner Parteiorgani- sation gewählt. Besonders nach der März- aktion 1921 (jetzt unter dem Namen Ruth Fischer) aktiv in der KPD. In der Folgezeit blieb die fanatische junge Kommunistin, die bereits eine so wichtige Funktion wie die Leitung des bedeutendsten und stärksten deutschen KPD-Bezirks innehatte, von den verschiedenen Beschuldigungen nicht ver- schont. Ihre Hauptgegnerin war die auf dem rechten Parteiflügel stehende Clara Zetkin, die Ruth Fischer vorwarf, es gehe nicht an, seine »politische Haltung von den wechselnden sexuellen Beziehungen abhän- gig zu machen«. Ruth Fischer, die ab 1921 auch dem Zen- tralausschuß der KPD angehörte, wurde im Juni 1921 von Friedländer geschieden. Als die deutschen Behörden sie ausweisen woll- ten, ging sie im Januar 1923 eine Scheinehe mit dem Kassierer der Berliner KPD, Ar- thur Goike, ein und erwarb damit die deutsche Staatsangehörigkeit (amtlich, z. B. im Reichstag, hieß sie daher Elfriede Goike). Die Berliner KPD stand an der Spitze der linken Opposition gegen die Brandler-Füh- rung und Ruth Fischer wurde zur Führerin der Opposition (neben Arkadij Maslow, den sie zur KPD gebracht hatte und mit dem sie auch zeitlebens eng liiert war). Be- sonders auf dem VIII. Parteitag im Januar 1923 kam es zu erbitterten Wortgefechten zwischen den Zentrale-Mitgliedern einer- seits und Ruth Fischer, Thälmann, Maslow, Urbahns und anderen linken Oppositionel- len andererseits. Da die Brandler-Führung keine Vertreter der Linken in die Zentrale aufnahm (bzw. nicht die von den Linken Vor geschlagenen), kam es fast zum Bruch in der Partei. Am 17. Mai 1923 kooptierte dann der ZA Ruth Fischer und drei wei- tere Linke (Geschke, Thälmann und Ar- thur König) in die Zentrale. Nach der Niederlage der Partei im Oktober 1923 versuchte die energische Ruth Fischer - eine mitreißende Rednerin und attraktive junge Frau - die Führung der Partei ganz in die Hände der Linken zu bringen. Das gelang auf dem IX. Parteitag im April 1924, auf dem die Anhänger Ruth Fischers die Mehrheit hatten. Da der Theoretiker der Partei, Maslow, bald nach dem Partei- tag verhaftet wurde, leitete sie praktisch die KPD, die gerade wieder legal geworden war. Doch noch immer wurde Ruth Fischer steckbrieflich gesucht (Steckbrief: »Elfriede Goike, geb. Eisler, genannt Ruth Fischer, volles Gesicht, etwas aufgeworfene Lippen, breite Nase, dunkle Haare und Augen«). Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt, Fischer, Ruth 119 konnte sie wieder legal leben. Ihr falscher Paß, der sie als »Liane Boßhardt, Lehrerin« auswies, wurde aber noch öfter gebraucht. Bei der Reichstagseröffnung im Juni 1924 zeigte sie, daß sich mit der von ihr begon- nenen »Bolschewisierung« nicht nur der in- nere Kurs der Partei radikal veränderte, sondern daß sich auch der Stil der Partei nach außen gewandelt hatte. Sie nannte das Parlament »Komödientheater« und die Ab- geordneten »Hampelmänner der Kapitali- sten« und erklärte: »Wir Kommunisten sind alle Hochverräter.« Auf dem V. Weltkongreß der Komintern 1924 wurde sie als Kandidat ins EKKI ge- wählt. Nach Auflösung des Reichstags im November 1924 verhaftete die Polizei Ruth Fischer, die im Dezember erneut Reichstags- abgeordnete wurde und deshalb wieder freikam. Das Verhältnis zwischen Komintern und KPD-Führung wurde gespannt, besonders nachdem es 1925 zur Spaltung der linken Führung kam. Die Ultralinken Scholem, Katz und Rosenberg traten gegen Ruth Fi- scher auf, die ultralinke Politik nach außen und die Bolschewisierung im Innern hatten die Partei geschwächt, Ruth Fischer aber versuchte, die Eingriffe der Komintern zu sabotieren. Auf dem X. Parteitag im Juli 1925 konnte sie nochmals Triumphe feiern, aber als im August 1925 der »Offene Brief« gegen sie angenommen wurde und sie selbst dafür stimmte, hatte ihre politische Karriere ihren Höhepunkt überschritten. Ruth Fischer ver- suchte zunächst, ihre Anhänger in Deutsch- land zu mobilisieren, aber die Komintern holte sie nach Moskau und hielt sie dort einige Zeit fest. Ihre Abreise aus Moskau, am 5. Juni 1926, wurde als »schwerer Diszi- plinbruch« verurteilt. Sie verlor ihre Funk- tion als EKKI-Mitglied. Am 20. August 1926 schrieb die »Rote Fahne«: »Ruth Fi- scher und Maslow sind aus der KPD aus- geschlossen.« Ruth Fischer versuchte nunmehr die linken Kreise der KPD gegen die Komintern zu sammeln. Sie hoffte auf die Schaffung einer linkskommunistischen Partei, da Sinowjew in der Sowjetunion - zu dessen Fraktion sich Ruth Fischer rechnete - inzwischen in Opposition stand. Im Reichstag und im preußischen Landtag bildeten die linken Kommunisten 1927 eine eigene Gruppe. Ostern 1928 war Ruth Fischer noch aktiv an der Gründung des Leninbundes betei- ligt. Als Sinowjew kurz danach in Ruß- land vor Stalin kapitulierte, trat sie mit ihren Anhängern aus dem Leninbund aus. Ruth Fischers Versuche, wieder in die KPD aufgenommen zu werden, blieben erfolglos. Als die KPD 1929 selbst einen ultralinken Kurs steuerte, war auch der früheren Op- position der Boden weitgehend entzogen. Ruth Fischer trat politisch nicht mehr in Erscheinung. Bis 1933 verdiente sie ihren Lebensunter- halt als Pädagogin (ihr Reichstagsmandat erlosch 1928) und Sozialpflegerin in Berlin- Wedding. Sie veröffentlichte damals auch ein Buch (Ruth Fischer und Fr. Heimann: »Deutsche Kinderfibel«, Berlin 1931). Nach Hitlers Machtantritt konnte sie ge- rade noch fliehen. Als Jüdin und linke Kommunistin war sie besonders verhaßt, ihr Haus wurde von der SA geplündert und ihr kleiner Sohn zunächst als Geisel festgehalten. Sie entkam nach Paris, wo sie - zusammen mit Maslow - bis 1940 lebte. In den Stalinschen Schauprozessen wurde sie in Abwesenheit verurteilt. Als einer der ersten war ihr im August 1933 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt worden. 1940 floh sie über Lissabon nach den USA, während Maslow in Kuba bleiben mußte. In Amerika war sie wissenschaftlich und publizistisch tätig. Im Auftrag der Har- vard-Universität gab sie die Zeitschrift »Die russische Staatspartei« heraus. Ihr Haupt- werk, das sie später auch ins Deutsche über- setzte, »Stalin und der deutsche Kommu- nismus«, ist eine (teilweise apologetische) Darstellung der KPD-Geschichte der zwan- ziger Jahre. Nach dem Krieg kam Ruth Fischer als 120 Fischer, Ruth/Flieg amerikanische Staatsbürgerin nach Paris zu- rück. Viele Vorträge und Aufsätze mach- ten sie auch im Nachkriegs-Deutschland be- kannt. Sehr umstritten war ihre Haltung gegenüber ihrem Bruder Gerhart Eisler, den sie vor amerikanischen Gerichten be- lastete. Größere Veröffentlichungen in den fünf- ziger Jahren in Deutschland waren »Von Lenin bis Mao, Kommunismus in der Ban- dung Ära« (1956) und »Die Umformung der Sowjetgesellschaft« (1958). Die Entstalinisierung nach 1956 sah sie mit großem Optimismus. 1958 glaubte sie, daß »die roten sechziger Jahre und die großen Veränderungen in Europa« kommen wür- den. Sie arbeitete an einer Maslow-Bio- graphie, als sie völlig überraschend am 13. März 1961 in Paris starb. FLADUNG, Johannes (geb. 1898) Am 12. Februar 1898 in Frankfurt/Main geboren; der Vater war SPD-Funktionär. Fladung lernte Kunstschmied, schloß sich 1913 der Arbeiterjugend an. 1917 Soldat. Nach dem Krieg Mitglied der USPD. De- legierter auf dem Vereinigungsparteitag mit der KPD im Dezember 1920. Arbeitete in Frankfurt und war als Monteur auch viel unterwegs. 1924 kam Fladung mit den Linken in den hauptamtlichen Apparat und wurde als Sekretär nach Pommern geschickt. Im De- zember 1924 Abgeordneter im preußischen Landtag, auch 1928 und 1932 wiederge- wählt. Er heiratete eine Tochter des KPD- Abgeordneten Daniel Greiner. 1925 vom ZK in den KPD-Bezirk Nieder- rhein entsandt, vertrat er diesen Bezirk auf dem X. Parteitag in der Mandatsprüfungs- kommission. Von 1927-1930 war Fladung Agitpropsekretär des Bezirks Niederrhein, ab 1931 Orgleiter. Im Mai 1932 erlitt er bei einer Schlägerei mit NSDAP-Abge- ordneten im preußischen Landtag einen Schädelbruch. Nach Hitlers Machtantritt arbeitete er ille- gal weiter. Zusammen mit Ferlemann und Horn sollte er 1933 die Inlandsleitung der KPD bilden, doch wurde er im September 1933 (als er Schehr besuchte, der ins Aus- land gehen sollte) verhaftet. Im berüchtigten Berliner Columbia-Haus wurde er von der Gestapo schwer mißhan- delt: »Wie oft ich bewußtlos geschlagen und anschließend mit Wasser wieder zu mir ge- bracht wurde, weiß ich nicht«. Nach mehr- monatiger Haft im KZ Oranienburg ver- urteilte ihn der »Volksgerichtshof« zu 2V2 Jahren Zuchthaus, seine Frau Klara erhielt 1V2 Jahre Gefängnis. 1936 als dauernd ar- beitsunfähig entlassen, war Fladung fast taub und hatte Störungen des zentralen Nervensystems. 1938 Emigration in die Schweiz und dann nach England. Mitbe- gründer des Kulturbundes deutscher Emi- granten in London. 1946 Rückkehr nach Deutschland. Wieder Mitglied der KPD. 1948 Sekretär und 1951—1958 Bundessekre- tär des Kulturbundes in Düsseldorf. Legte diese Funktion wegen Krankheit (fast er- blindet) nieder. Ein Prozeß gegen Fladung vor dem Düsseldorfer Landgericht wegen »Staatsgefährdung« wurde im Januar 1964 wegen Verhandlungsunfähigkeit des An- geklagten abgesetzt. Fladung gründete den »Progreß-Verlag« in Düsseldorf, später in Darmstadt, den er 1968 noch leitete. FLIEG, Leopold (1893—1939) Leo Flieg, am 8. November 1893 in Berlin geboren, galt lange Jahre als die »graue Eminenz« der KPD. Er war der Mann, der in der Öffentlichkeit kaum bekannt, als Sekretär des Politbüros die entscheidenden Fäden in der Hand hielt. Flieg entstammte einer jüdischen Familie in Berlin (Mutter, Schwester und viele Ver- wandte wurden im KZ vergast) und lernte nach dem Besuch der Mittelschule kaufmän- nischer Angestellter. Mit 15 Jahren trat er 1908 der Sozialistischen Jugendbewegung bei. Er hatte bei einer Bank gelernt und war bis zum Krieg als Bankbeamter tätig. Während des Krieges Soldat. Schreiber in der Geheimabteilung des Generalstabes, zu- gleich für die Spartakusgruppe aktiv. Seit Gründung der Partei Mitglied der KPD. Zu- nächst war Flieg, ein kleiner, zierlicher Mann, dessen gemessenes und schweigsames Wesen bekannt war, in der Jugendinterna- tionale tätig. 1918 hatte er als Sekretär von Jogiches die Konspiration erlernt. Gemeinsam mit Mün- zenberg - mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband - Organisator der in- ternationalen Kommunistischen Jugendbe- wegung, in deren führenden Gremien er bis 1922 aktiv arbeitete. Seit dem III. Parteitag nahm er an allen KPD-Parteitagen teil, von 1922-1932 übte er seine wichtige Posi- tion als Sekretär des Polbüros (Politbüros) aus. 1924 Abgeordneter des preußischen Land- tags, dem er bis 1933 angehörte. 1927 und 1929 auch als Mitglied ins ZK gewählt. Schließlich auf dem VI. Weltkongreß der Komintern 1928 zum Mitglied der Inter- nationalen Kontrollkommission berufen. Flieg übte seine Funktionen mit beamten- hafter Gewissenhaftigkeit aus, bis er 1932 als enger Freund Heinz Neumanns von sei- nen führenden Ämtern entbunden wurde. Damals schrieb eine trotzkistische Zeitung über Flieg, die Mitglieder der KPD würden seinen Namen kaum kennen, aber er sei der ruhende Pol des ZK gewesen: ».. . still und unscheinbar, kein hochfahrender Bonze, aber ein absolut zuverlässiger und pünktlicher Beamter, hat Leo Flieg manche Zentrale überlebt. Er hat Brandlers Ge- heimprotokolle geführt, ohne mit der Wim- per zu zucken. Er hat die Rundschreiben von Ruth Fischer und Scholem expediert, und Kenner behaupten, die Ruth Fischer- Zentrale sei auch die einzige gewesen, mit der Flieg im Grund einverstanden gewesen sei. Trotzdem hat er auch Ewert überlebt, der ihm wenig getraut hat, und er hat seit 1928 als Personalchef der Thälmann-Zen- trale immerhin vier Jahre das Kunststück Flieg/Florin 121 fertiggebracht, das Büro eines Thälmann zu leiten. Alle Achtung vor solchen diplo- matischen Talenten ...« Da Flieg Pjatnizki, Abramow-Mirow und die anderen Führer der Komintern aus langjähriger Zusammenarbeit gut kannte, ja jahrelang der für Deutschland verant- wortliche Verbindungsmann der Geheim- abteilung der OMS, war, kam er zwar vor- übergehend nach Moskau, konnte aber nach 1933 von Paris aus wieder für die KPD arbeiten und die wichtige Position eines technischen Sekretärs des Politbüros wieder einnehmen. Auf der »Brüsseler« Konferenz der KPD 1935 gab Flieg (Pseudonym: Al- fons) den Kassenbericht; er wurde erneut zum Mitglied des ZK gewählt. Ostern 1937 erhielt er von der Komintern die Aufforderung, nach Moskau zu kom- men. Während der Stalinschen Säuberung solcher Einladung Folge zu leisten, war mehr als riskant. Aber obwohl sein und Münzenbergs Freund, der schwedische Ban- kier Aschberg, ihm dringend riet, in Paris zu bleiben und ihm seine Unterstützung anbot, damit er als Emigrant in Paris leben könne, ging Flieg nach Moskau. Da er für die Kasse der KPD verantwortlich war, be- fürchtete er, von der Kominternführung der Unterschlagung bezichtigt zu werden, wenn er ihrem Befehl nicht folgen würde. Damit wäre aber seine empfindliche Stelle getroffen gewesen. Flieg fuhr nach Moskau und verschwand in der Stalinschen Säube- rung, er wurde 1939 erschossen. FLORIN, Wilhelm (1894-1944) Als Sohn eines streng katholischen Arbei- ters am 16. März 1894 in Köln-Poll ge- boren; lernte Nieter und arbeitete in Wag- gonfabriken, Kesselschmieden und Werften. Zunächst im Katholischen Jungmännerver- ein organisiert, 1913 Mitglied der Gewerk- schaft und einer sozialistischen Jugend- organisation. 1914-1918 Soldat, als Infan- terist verwundet, abkommandiert in eine Strafkompanie. 122 Florin/Fränken 1917 trat Florin als Kriegsgegner der USPD bei und kam mit ihrem linken Flü- gel 1920 zur KPD. Er arbeitete in den Gas- motorenwerken, wo er auch Betriebsrat wurde. Bis 1923 ehernamtlicher Funktionär. 1923 von Eppstein zu hauptamtlicher Tä- tigkeit herangezogen, Orgleiter im Bezirk Mittelrhein. Die französische Besatzungs- macht wies ihn jedoch im Dezember 1923 aus dem Rheinland aus. Mit der Übernahme der Parteiführung durch die Linken begann der Aufstieg des etwas schwerfälligen Florin in den zentra- len Apparat der KPD. Auf dem Frank- furter Parteitag 1924 in die Zentrale ge- wählt, zog er im Mai des gleichen Jahres als Abgeordneter in den Reichstag ein, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte. Florin sollte im Mai 1924 die in Bayern weiterhin illegale KPD aufbauen; er wurde verhaftet, aber als Reichstagsabgeordneter nach wenigen Tagen freigelassen. In einem Steckbrief von 1924 wurde Florin fol- gendermaßen beschrieben: »Augenbrauen leicht zusammengewachsen, niedrige steile Stirn, kräftige Gestalt, norddeutscher Dia- lekt.« Er ging nach Berlin zurück und übernahm dann als Polleiter die Führung des Bezirks Oberschlesien. Im Mai 1925 zur Bekämpfung der Ultralinken nach Gotha geschickt, war er von Juni bis September 1925 Polleiter des Bezirks Thüringen. Auf dem X. Parteitag wieder Mitglied des Ruth Fischer-ZK. Nach dem »Offenen Brief« im September 1925 war Florin einer der linken Führer, die gegen Ruth Fischer und für Thälmann auftraten. Als Vertrauensmann Thälmanns und des EKKI kam Florin im Dezember 1925 nach Essen, um als Polleiter den zerrütteten Be- zirk Ruhr zu übernehmen. Diese Funktion füllte er sieben Jahre, bis Ende 1932 aus. Nachdem er sich 1927 gegen die ultralinke und linke Opposition durchgesetzt hatte, vollzog er 1928/29 die Stalinisierung der KPD an der Ruhr gegen Rechte und Ver- söhnler. Bald wurde Florin als der »Führer des Ruhrproletariats« gefeiert. Auf den Parteitagen 1927 und 1929 ins ZK gewählt, war Florin seit 1929 Mitglied des Polbüros, er behielt aber weiter seine Funktion in Essen. Ende 1932 kam er nach Berlin und löste Ulbricht als Polleiter im Bezirk Berlin-Brandenburg ab. Nunmehr feierte ihn die »Rote Fahne« als »Führer des Berlin-Brandenburger Proletariats«. 1933 arbeitete Florin kurze Zeit illegal, dann emigrierte er. Einige Zeit Leiter des Nordbüros der KPD (Skandinavien). In den Auseinandersetzungen in der KPD ge- hörte er zum »linken« Flügel (Schubert, Schulte, Dahlem), der zunächst die Mehr- heit im Politbüro hatte (gegen Ulbricht, Pieck). Als die Komintern 193$ eine »Wendung nach rechts« erkennen ließ, schwenkte auch Florin wieder um. Auf der »Brüsseler« Konferenz wieder ins ZK und Politbüro gewählt, wurde er auch Mitglied des EKKI-Präsidiums und arbeitete von 1935-1943 als Sekretär des EKKI. Zur glei- chen Zeit war er Vorsitzender der Inter- nationalen Kontrollkommission. Er wirkte auch noch im Nationalkomitee »Freies Deutschland«. Florin starb am 5. Juli 1944. Er wurde an der Kremlmauer in Moskau beigesetzt, 1955 überführte man seine Urne nach Ber- lin-Friedrichsfelde. Florins Frau Therese lebt in Ost-Berlin, zum 65. Geburtstag erhielt sie den »Vater- ländischen Verdienstorden in Gold«, sein Sohn Peter (geb. 2. Oktober 1921 in Köln), ist seit 1954 Kandidat und seit 1958 Mit- glied des ZK der SED und seit 1969 Staats- sekretär im DDR-Außenministerium. FRANKEN, Friedrich (geb. 1897) Geboren am 25. Januar 1897 in Herrath (Rhld.), Sohn eines Nachtwächters, lernte Schlosser und arbeitete in seinem Beruf. 1920 Mitglied der KPD, für die er ver- schiedene Funktionen ausübte. 1925 Ab- geordneter des Provinziallandtages. 1927 als Sekretär Leiter des Unterbezirks der KPD Düsseldorf, 1928 Abgeordneter des Fränken/Frank 123 preußischen Landtags. 1927 auch örtlicher Leiter und Fraktionsführer der KPD in der Rheydter Stadtverordnetenversamm- lung. 1929 UB-Leiter in Krefeld, von 1931 bis 1933 UB-Leiter der KPD Siegen, auch 1932 wieder in den Landtag gewählt. Am 9. März 1933 in Wupptertal verhaf- tet, bis zum 24. Dezember 1933 im KZ festgehalten. Nach seiner Entlassung fand Fränken wieder Arbeit als Schlosser in Rheydt. Nachdem ihn die Gestapo im April 1934 wieder zu einem Verhör geholt hatte, flüchtete er am 4. Mai 1934 aus Rheydt und lebte illegal. Er leitete für die KPD zunächst den Bezirk Wasserkante als Oberberater, im Mai 1935 kam er über Prag nach Moskau, schließlich nach Paris. Fränken gehörte in der Emigrations-Lei- tung (als »Fritz Goltz«) zum linken Flügel unter Schubert und Schulte, die 1935 aus der Führung entfernt wurden. Während des Spanischen Bürgerkriegs kämpfte er auf Seiten der Interbrigaden, dabei verlor er den linken Unterarm. 1937 erkannte ihm die Hitler-Regierung die deutsche Staatsangehörigkeit ab. Seine Frau, die in Deutschland blieb, ließ sich 1938 von ihm scheiden, nachdem sie seit 1934 nichts von ihm gehört hatte. 1945 kehrte Fränken nach Westdeutschland zurück. Er wurde 1. Sekretär der KPD in Mönchen-Gladbach, später leitete er als Se- kretär das Landesfriedenskomitee in Nord- rhein-Westfalen. Er lebte 1969 in Düssel- dorf. FRANK, Karl, Dr. phil., (geb. 1893) Als Sohn eines kleinen Fabrikanten am 31. Mai 1893 in Wien geboren, besuchte 1905-1909 die Unterrealschule in Wien. Mit 13 Jahren trat er - seine Eltern waren katholisch - aus der Kirche aus. Von 1909 bis 1913 Kadett der Artillerie-Kadetten- schule in Traiskirchen (Niederösterreich), wurde Pazifist und verließ die Militärschule nach Abschluß des Abiturs. 1913 inskri- bierte er sich an der Wiener Universität, studierte Psychologie, Biologie und Philo- sophie und promovierte 1918 zum Dr. phil. Der Weltkrieg hatte sein Studium unter- brochen, im Herbst 1914 kam er als Leut- nant zum Militär. Nach Fronterlebnissen verweigerte er 1916 den Dienst und wurde als »krank« entlassen. An der Universität schloß sich Frank der sozialistischen Studentengruppe an und ent- warf das erste Antikriegs-Flugblatt. Nach der Revolution Vorsitzender des Studen- tenkomitees und Vertreter im Wiener Ar- beiterrat. 1919 Mitglied der KP Österreichs. Eine Zeitlang Mitredakteur der Wiener »Roten Fahne«, hauptberuflich Sekretär einer pädagogisch-psychologischen Vereini- gung. Nach der Vereinigung von USPD und KPD Ende 1920 Übersiedlung nach Berlin. Redakteur des von Thalheimer ge- leiteten theoretischen Organs der KPD »Die Internationale«. Schrieb eine Bro- schüre gegen Levi (»Der Fall Levi und die Dritte Internationale«, Wien 1921). Nach Differenzen mit der KPD gab er 1922 seine hauptamtliche Stellung auf. 1923 wie- der von der Partei angestellt, schickte ihn die Brandler-Zentrale zur Vorbereitung des Aufstandes nach Bayern, mit der Instruk- tion »Nürnberg für die Revolution zu ge- winnen und in Bayern die Donau-Brücken in die Luft zu sprengen«. Auf einer Ver- sammlung der kommunistischen Eisenbah- ner verhaftet. Zu dieser hatte die Bezirks- leitung auf einer Postkarte eingeladen und gebeten, »Dynamit mitzubringen«. Franks Warnung kam zu spät, die Versammlung flog auf. Als die Polizei den Tagungsraum besetzte, hatte er sich unter das Podium verkrochen und wäre fast übersehen wor- den. Nach seiner Festnahme gab er sich als Knecht aus; es dauerte lange, bis die Poli- zei seine Identität feststellen konnte, da er erklärte: »Ich stehe als Kommunist grund- sätzlich auf dem Standpunkt, der bürger- lichen Polizei Auskünfte zu verweigern.« Als er identifiziert war und ihm der Pro- zeß gemacht werden sollte (Frank hatte zur 124 Frank Finanzierung des Aufstandes größere Geldbeträge bei sich), überlistete er seine Wache auf dem Weg zum Zahnarzt und flüchtete nach sechs Wochen Einzelhaft. In einem danach erlassenen Steckbrief hieß es: »1,73 m groß, norddeutsche Mundart, schwarze Haare, braune Augen, am rechten Unterarm Schußnarbe«. Frank entkam und konnte für die KPD Weiterarbeiten. Bei der Aushebung des bayerischen Be- zirksparteitages am 25. Mai 1924 erneut verhaftet. Um freizukommen, trat er am 28. Mai in den Hungerstreik und hielt drei Wochen lang durch (bis 17. Juni). Die Zen- trale forderte ihn auf, den Hungerstreik zu beenden, weil bereits Lebensgefahr bestand. Im Juli 1924 zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt und nach Österreich abgeschoben, kehrte er jedoch nach Berlin zurück und übte in der Zentrale und dann im ZK ver- schiedene Funktionen aus. Frank arbeitete zeitweise als Redakteur am Chemnitzer »Kämpfer« und Gothaer »Volksblatt«, bis 1928 aber vor allem am KPD-Pressedienst in Berlin, den er vor- übergehend auch leitete. Er stand auf dem rechten Flügel der sogenannten »Versöhn- ler«. Bekannt wurde Frank wieder, als er 1928 die gegen den Bau des Panzerkreuzers »A« gerichtete Aktion am Berliner Rundfunk organisierte. Unter seiner Leitung wurde damals von einer KPD-Gruppe der »Vor- wärts«-Redakteur Wolfgang Schwarz ent- führt, dieser sollte im Rundfunk den Bau des Panzerkreuzers »A« befürworten. An dessen Stelle sprach am Abend des 6. Ok- tober 1928 der KPD-Landtagsabgeordnete Karl Schulz gegen den Panzerkreuzerbau und für ein von der KPD geführtes Volks- begehren. Frank wurde deswegen verhaftet und im Februar 1929 zu vier Monaten Gefängnis verurteilt (die durch die Untersuchungshaft verbüßt waren). Nach der Haftentlassung von einer Berliner Funktionärkonferenz, auf der er ein Flugblatt gegen das ZK ver- teilt hatte, aus der KPD ausgeschlossen. Frank trat der KPO bei und wurde in deren Zentralleitung aufgenommen, hatte Verbindung zu Mitgliedern der SPD und der späteren Miles-Gruppe (Neu-Begin- nen), trat mit deren Einverständnis bei der Spaltung der KPO 1932 der SAP bei. Auf dem Parteitag der SAP im März 1932 in den Vorstand (Beirat) der Partei gewählt. 1933 wieder Mitglied der SPD. Von 1933 bis 1935 Leiter der Auslandsvertretung der Miles-Gruppe, unternahm dabei illegale Reisen nach Berlin, München und Schle- sien. Im Juni 1935 kam es zur Spaltung der Mi- les-Gruppe, Frank (Pseud. »Wilhelm Mül- ler«) wurde Auslandsvertreter der neuen Gruppe und leitete die Arbeit von Wien, dann von Prag und schließlich von Paris und London aus. Ende 1938 kam er in die USA, um für die illegale Arbeit gegen Hitler Gelder zu sammeln. Er blieb in den USA, war vor allem publizistisch tä- tig (Veröffentlichungen: »Will Germany Crack?«, »Germany after Hitler«) und zwar an der Schaffung verschiedener antifaschi- stischer deutscher Komitees beteiligt (z. B. »Council for a Democratic Germany«). Nach dem Zusammenbruch des Hitlerrei- ches kehrten zahlreiche Mitglieder der »Neu-Beginnen«-Gruppe nach Deutschland zurück und traten wieder der SPD bei. Die Rückkehr von Frank war unerwünscht. Ob- wohl sich der Berliner Bürgermeister Reuter für seine Heimkehr einsetzte, war sie un- möglich, später verzichtete er selbst darauf, da er sich aus dem politischen Leben zu- rückgezogen hatte. Frank blieb in New York, wo er lizensierter Psychologe für die Staaten New York und Connecticut war, bis er seinen Beruf wegen schwerer Krank- heit aufgeben mußte. Frank ist nach seiner Aussage Pazifist und Sozialist geblieben, gehört aber keiner be- stimmten Richtung an. Er hält die Parteien (einschließlich der Sozialdemokratie) für veraltet und arbeitet an einer Untersuchung über die irrationalen Kräfte in der Politik. Frenzel 125 FRENZEL, Max (geb. 1893) Am 11. April 1893 in Breslau geboren, ging nach der Lehre als Lithograph auf die Wanderschaft. 1912 Mitglied der SPD in Dresden, wohin er nach dem Krieg wieder zurückkehrte. Während des Krieges hatte er sich den Linksradikalen angeschlossen, er war Mitbegründer der KPD in Dresden. Während die Mehrheit der Dresdener Gruppe (an der Spitze Otto Rühle) 1920 zur KAP ging, blieb Frenzel bei der KPD und übernahm verschiedene Funktionen. 1923 übersiedelte er nach Berlin. Auf dem VIII. Parteitag wählte man ihn in die Ge- werkschaftskommission. Das ZK berief ihn 1926 als Sekretär für Gewerkschaftsfragen in die BL Berlin. Teilnehmer des XL Par- teitages in Essen; gehörte in der Folgezeit zu den »Versöhnlern«. 1928 zog Frenzel als Abgeordneter in den preußischen Landtag ein. Als Versöhnler mußte er im September 1929 sein Mandat niederlegen; sein Nachfolger im Landtag wurde Erich Steinfurth. Frenzel mußte auch alle anderen Funktionen aufgeben, wurde aber nicht aus der KPD ausgeschlossen. Er hatte sowohl Verbindung zur KPD wie auch zu jenen »Versöhnlern«, die ihre Frak- tion weiterführten und aus der Partei aus- geschlossen worden waren (Karl Volk). Nadi 1933 arbeitete Frenzel illegal mit der letzteren Gruppe zusammen. Er distan- zierte sich 1934 von den Versöhnlern, als ihn die KPD-Leitung nach Prag rief und ihn zur Rechenschaft zog. In Berlin arbei- tete er illegal gegen das NS-Regime weiter und wurde 1937 vom Volksgerichtshof zu einer hohen Zudithausstrafe verurteilt, die er im Zuchthaus Brandenburg verbüßte. Dort wurde er am 27. April 1945 befreit. 1945 trat Frenzel der KPD und dann der SED bei. Er übte im Berliner Magistrat verschiedene untergeordnete Funktionen aus; so war er im Verkehrsdezernat des (Ost)Berliner Magistrats. 1958 Stellvertre- tender Leiter des (Ost)Berliner Wirtschafts- rates, für den Bezirk Pankow in die Stadt- verordnetenversammlung gewählt. Frenzel lebte 1968 als Veteran in Ost-Ber- lin, zu seinem 75. Geburtstag im April 1968 gratulierte ihm das ZK der SED öf- fentlich. FRENZEL, Max (geb. 1891) Als jüngstes von sieben Kindern einer Ar- beiterfamilie am 9. April 1891 in Nürn- berg geboren, lernte Schlosser. 1914 zum Militärdienst eingezogen, kam an die Front, wurde 1915 verwundet, nach Ludwigs- hafen/Rh. zum Garnisonsdienst abkom- mandiert und 1916 von der Armee entlas- sen; arbeitete danach in der BASF. Bereits 1909 der SPD und Gewerkschaft beigetre- ten, gehörte er zum linken Flügel und trat bei Gründung der USPD bei. 1918 nahm Frenzel Verbindung mit dem Spartakusbund auf und gehörte ab 1919 der KPD an; die allerdings im linksrheini- schen Gebiet nur eine lose Organisation war. Zum Arbeiterrat in der Anilinfabrik gewählt. 1922 entließ ihn die Werksleitung zusammen mit zwei weiteren Betriebsräten, die am kommunistischen Betriebsrätekon- greß teilgenommen hatten. Da Frenzel ein sehr populärer Arbeiterführer war, führte die Entlassung zu einem siebenwöchigen wilden Streik des Riesenbetriebs. 1923 wiesen ihn die Franzosen wegen sei- nes Kampfes gegen den Separatismus aus dem linksrheinischen Gebiet aus. Frenzel arbeitete nun als hauptamtlicher Sekretär für die KPD, zunächst illegal im Saar- gebiet. Er gehörte zum linken Parteiflügel; wegen innerparteilicher Differenzen denun- zierte ihn 1924 ein Sekretär des Saarge- biets, Frenzel wurde von den Franzosen verhaftet, als er zu einem Kongreß ins un- besetzte Gebiet fuhr. Obwohl fünf Jahre Strafe beantragt worden waren, kam er mit drei Monaten Gefängnis davon. Mitte 1924 zum Orgleiter des KPD-Bezirks Rhein-Saar (ab 1925: Pfalz) berufen. Er wurde auf dem Bezirksparteitag 1927 wie- dergewählt, da die Mehrheit der Delegier- ten der »Weddinger Opposition«, der sich 126 Frenzel/Frölich die Pfälzer Organisation angeschlossen hatte, zuneigte. Ende Dezember 1927 wurde Frenzel vom ZK abgesetzt und ausgeschlossen. Haupt- organisator der Weddinger Opposition in der Pfalz; 1930 war er verantwortlicher Redakteur der Zeitung »Der Pionier«, her- ausgegeben von den »Bolschewisten-Lenini- sten«, einer vereinigten Oppositionsgruppe aus Teilen der ehemaligen Weddinger Op- position und den Trotzkisten, die den Le- ninbund verlassen hatten. Diese Gruppe verlor in der Pfalz nach und nach ihre Bedeutung. Frenzel arbeitete nach längerer Erwerbs- losigkeit wieder in seinem Beruf als Schlos- ser. Er wurde zwischen 1933 und 1945 dreimal für kürzere Zeit inhaftiert. Nach 1945 baute Frenzel in Ludwigshafen die Gewerkschaften mit auf. Die KPD trat an ihn heran und trug ihm einen neuen Posten als stellvertretender Bürgermeister an, obwohl er der KPD nicht beigetreten war. Er wurde 2. Bürgermeister und wieder Mitglied der KPD in Ludwigshafen. 1949 als Bürgermeister entlassen, arbeitete er als Sekretär der IG-Metall. 1951 kam es wieder zum Bruch mit der KPD, die ihn ausschloß. 1957 wurde Fren- zel pensioniert, er lebte 1969 mit seiner Fa- milie in Ludwigshafen/Rhein. FRÖHLICH, Horst (1891-1943) Geboren am 19. Juli 1891 in Ratibor; Sohn eines Kaufmanns; studierte nach dem Be- such des Gymnasiums. Er schloß sich wäh- rend des Krieges den Bremer Linksradika- len an, war auch Mitarbeiter der radikalen »Aktion« Franz Pfemferts und neigte zu- nächst zum Anarchismus. 1919 Redakteur der Bremer KPD-Zeitung. Auch in den folgenden Jahren an verschiedenen Partei- zeitungen tätig, u. a. in Frankfurt/ Main. Autor des antireligiösen Stückes »Opium«. 1924 Chefredakteur der kommunistischen »Arbeiterzeitung« in Breslau, behielt diese Funktion bis 1925. Nachdem er einige Zeit in der Sportabteilung des ZK gearbeitet hatte, übernahm er 1926/27 die Agitprop- Abteilung der Berliner KPD-Bezirkslei- tung, dann ernannte man Fröhlich zum technischen Leiter der KPD-Parteischule, die anfangs in Hohenstein, dann in Fichte- nau bei Berlin war. 1929 kam er, ein litera- risch gebildeter Mann, als Redakteur an die »Rote Fahne«. 1930 wurde er zum Vorsit- zenden der Ifa (Interessengemeinschaft für Arbeiter-Kultur) gewählt. 1931 verließ er Deutschland und ging mit seiner Frau nach Rußland. Im Dezember 1934 zur illegalen Arbeit nach Deutschland zurückgekehrt wurde er 1935 in Hamburg verhaftet, im Dezember 1936 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, dann als Jude 1942 ins KZ übergeführt. Fröhlich kam am 4. Januar 1943 im KZ Auschwitz ums Leben, seine Frau ist in Rußland verschollen. FRÖLICH, Paul (1884-1953) Als zweites von elf Kindern einer soziali- stischen Arbeiterfamilie am 7. August 1884 in Leipzig geboren, lernte er sowohl die Not wie die sozialistische Gesinnung von Kindheit an kennen. Sein Vater war Maschinenschlosser, die Mutter Fabrikarbei- terin, beide schon in ihrer Jugend aktiv in der SPD, auch während des Sozialisten- gesetzes. Besuch der Bürgerschule und mit Hilfe einer Freistelle der zweijährigen Realschule bis zum Einjährigen. Während der ganzen Schulzeit durch die Verhältnisse gezwungen, zum Unterhalt der Familie beizutragen. Zweijährige kaufmännische Lehre; 1903 und 1904 in Dresden, Neustadt (Posen) und Leipzig im Angestelltenberuf tätig. 1902 Eintritt in die SPD. In diesen Jahren intensives Selbststudium, namentlich in Ge- schichte und Marxismus, gefördert durch Kurse des Leipziger Arbeiterbildungsver- eins. Erste Versuche zu schreiben und zu referieren. Freunde ermöglichten Paul Frö- lich, den Beruf aufzugeben und einige Se- Frölich 127 mester das Volks wirtschaftliche Seminar der Leipziger Universität zu besuchen. Die Mili- tärzeit unterbrach das Studium. Nach einjährigem Dienst nahm er ein An- gebot von Paul Lensch, Chefredakteur der »Leipziger Volkszeitung« an, in der Redak- tion zu volontieren und sich zum Jour- nalisten auszubilden. Danach Mitarbeiter von Hermann Duncker im Leipziger Arbei- tersekretariat, dann freier Berichterstatter für zahlreiche SPD- und Gewerkschaftsblät- ter. 1908 kam Paul Frölich als Redakteur an die »Altenburger Volkszeitung« (Kopfblatt der LVZ), am 1. Oktober 1910 übersiedelte er nach Hamburg, um beim »Hamburger Echo« als Lokalredakteur für Altona zu arbeiten. Stadtverordneter in Altona. Im Mai 1914 Übergang zur Redaktion der »Bremer Bürgerzeitung«, einer sozialdemo- kratischen Tageszeitung der radikalen Rich- tung, zu deren Mitarbeitern Karl Radek, Johann Knief, Anton Pannekoek u. a. zählten. Nach Ausbruch des Krieges gehörte Paul Frölich zu den Gegnern der Burgfriedens- politik. Zum Kriegsdienst einberufen und als Unteroffizier an die Front geschickt. Nach einer Verschüttung und längerem La- zarettaufenthalt entlassen und als kriegs- untauglich erklärt. Wiederaufnahme der Arbeit als Redakteur. Begründete 1916 gemeinsam mit Johann Knief die »Arbei- terpolitik«, ein Wochenblatt zur Klärung und Orientierung der sich ausbreitenden linksradikalen Opposition. Delegierter der Bremer Linksradikalen auf der internatio- nalen Konferenz in Kienthai, wo er sich der Zimmerwalder Linken anschloß, die Lenin nahestand. Ende 1916 wieder eingezogen, zuerst an die Ostfront, dann nach Rendsburg. Mitte 1918 wegen fortgesetzter Antikriegspropa- ganda in eine Irrenanstalt gesperrt, aus der ihn die Novemberrevolution befreite. Zusammen mit Johann Knief leitete er die »Internationalen Kommunisten Deutsch- lands« (Bremer Linksradikalen). Auf dem Parteitag vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919, auf dem der Zusammen- schluß der Bremer Linksradikalen mit dem Spartakusbund zur KPD erfolgte, wurde Paul Frölich in die erste Zentrale der KPD gewählt. 1919 nahm er an der Bayerischen Räterepu- blik teil, konnte gerade noch flüchten und wurde wegen seiner Beteiligung jahrelang verfolgt. In seiner Schrift »Die Bayrische Räterepublik. Tatsachen und Kritik« (1920 unter dem Pseud. P. Werner) analysierte er die Ereignisse und die Politik der KPD. Ei- ne Gedenkschrift »Eugen Levine« hat er dem standrechtlich erschossenen Führer der Räte- republik gewidmet (1922, unter P. Wer- ner). Frölich nahm auch am II. und III. Partei- tag der KPD teil und wurde wieder in die Parteizentrale berufen. Im Februar 1921 zog er (bei einer Nachwahl gewählt) in den Reichstag ein, dem er bis Dezember 1924 und von 1928-1930 angehörte. Frölich, der 1921 zusammen mit Thalheimer zu den Vertretern der »Offensivtheorie« gehörte, wurde auch vom VIII. Parteitag 1923 in die Zentrale der KPD berufen. Da er zum rechten Flügel zählte, 1924 nicht wieder Zentrale-Mitglied, in den folgenden Jahren war er vor allem publizistisch tätig. 1924 erschien sein Werk »10 Jahre Krieg und Bürgerkrieg«, Band 1, »Der Krieg«, 1926 in der Reihe »Redner der Revolu- tion«: »Dantons Reden«, 1928 in der glei- chen Reihe: »Rosa Luxemburgs Reden«. 1925 wurde Frölich mit den Arbeiten zur Herausgabe der Gesammelten Werke Rosa Luxemburgs betraut, die von Clara Zetkin und Adolf Warski geleitet wurden. Die ersten Bände erschienen in den folgenden Jahren. Nachdem die ultralinke Periode durch den »Offenen Brief« beendet wurde, spielte er auch wieder als Parteitheoretiker im ZK eine Rolle. Er nahm am XL Parteitag 1927 teil, als »Rechter« kam er allerdings nicht ins ZK. Gegen die zunehmende Stalinisierung der 118 Frölich/Fugger kommunistischen Bewegung geriet er in im- mer schärferen Gegensatz. Ende 1928 wurde er mit den Führern der »rechten Fraktion« aus der KPD ausgeschlossen. Er gehörte dann der Reichsleitung der KPO an. 1932 entschied er sich mit der Minder- heit der KPO für ein Zusammengehen mit den linkssozialistischen Kräften aus der SPD, die die SAP gründeten. Frölich ver- faßte die programmatische Schrift »Was will die SAP?« und wurde auf dem Partei- tag der SAP im März 1932 in den Vro- stand (Beirat) der Partei gewählt. Im März 1933, auf einer illegalen Reichs- konferenz der SAP, wurde er beauftragt, zur Auslandsarbeit nach Norwegen zu emigrieren. Auf dem Weg dorthin verhaf- tet und neun Monate in KZ-Haft festgehal- ten. Durch einen Zufall entlassen, floh er in die Tschechoslowakei. Im Frühjahr 1934 konnte er die Auslands- arbeit der SAP in Paris aufnehmen. Bis 1939 war Frölich führender Mitarbeiter an allen Publikationen der SAP (Neue Front, Marxistische Tribüne) und nahm seine Stu- dien über die Französische Revolution wie- der auf. 1939 erschien (1940 in englischer Übersetzung) »Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat« (2. Aufl. 1949 in Hamburg, 3. Auflage 1967 Frankfurt/M.). Nach Kriegsausbruch wurde er in Vernet inter- niert, 1940 kam er ins Camp Bassens. Im Februar 1941 gelang es Paul Frölich, mit Hilfe eines Emergeny Visums von Marseille aus über Martinique nach New York zu kommen. Dort nahm er seine Studien über Demokratie und Diktatur in der Französi- schen Revolution wieder auf. Aus Anlaß des hundertjährigen Erscheinens des Kom- munistischen Manifests hielt er einen Vor- trag, der 1949 unter dem Titel »Zur Krise des Marxismus« in Hamburg erschien. Ende 1950 kehrte Frölich nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt/Main nieder, schloß sich der SPD an. Nach zwei Jahren intensiven Wirkens in Kursen, Vor- trägen und Artikeln starb er am 16. März *253- Aus seinem Nachlaß herausgegeben: »1798 - Die große Zeitwende. Von der Bürokra- tie des Absolutismus zum Parlament der Revolution«, Frankfurt/Main 1957. FUGGER, Karl (1897-1966) Geboren am 8. Dezember 1897 in Han- nover, lernte Klempner (Flaschner) und arbeitete in diesem Beruf bis er 1918 ein- gezogen wurde. 1919 Mitglied der KPD, für die er verschiedene Funktionen ausübte, u. a. zeitweilig Org-Sekretär in Königsberg. 1922 hauptamtlicher Parteisekretär in Düs- seldorf. Auf dem VIII. Parteitag im Ja- nuar 1923 als Kandidat in den ZA ge- wählt. Seit März 1923 Polleiter des Bezirks Rhein- land-Westfalen-Süd (später Niederrhein) mit Sitz in Düsseldorf. Auch während der Oktoberunruhen 1923 und der folgenden Illegalität der KPD hatte Fugger unter der Oberleitung West (Stoecker in Köln) diese Funktion inne. Anhänger der Mittel- gruppe. Obwohl der Bezirksparteitag im März 1924 eine linke Mehrheit hatte, wurde er bis Juli 1924 in seiner Position belassen, da kein geeigneter Ersatz da war. Nach seiner Ablösung durch Dengel lebte er bis zum »Offenen Brief« in Düsseldorf, ohne eine hauptamtliche Funktion zu haben. Nach dem »Offenen Brief« im September 1925 wieder zur hauptamtlichen Arbeit herangezogen und vom ZK als Instrukteur in verschiedenen Bezirken eingesetzt. Im Februar 1926 löste er Eppstein als Polleiter im Bezirk Nordwest ab, blieb aber selbst nur vier Wochen in Bremen. Schließlich wurde Fugger im Juni 1926 nach Württem- berg berufen, zunächst Kommissar des ZK, dann bis 1928 gewählter Polleiter der KPD Württembergs. Fugger gehörte zu den »Versöhnlern«, des- wegen Ende 1928 als Polleiter abgelöst, kam er 1929 zum Pressedienst der KPD nach Berlin. Nach seiner Selbstkritik wurde er Sekretär der »Roten Hilfe«. 1932 Rück- Fugger/Gäbler 129 kehr nach Stuttgart, aber nur Leiter der »Roten Hilfe« Württembergs. Nach 1933 arbeitete er illegal; im April 1934 in Berlin verhaftet, zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt und im Zuchthaus Luckau inhaftiert, anschließend kam er ins KZ. Er mußte elf Jahre in Zuchthäusern und KZs verbringen. 1945 aus dem KZ Flossenbürg befreit, trat er der KPD bei. Mitglied des Landesvor- standes Berlin des FDGB, leitete die Schu- lung des FDGB-Berlin. 1950 zum Mitglied des FDGB-Bundesvorstandes gewählt. Von 1952-1960 war er stellvertretender Direk- tor der FDGB-Hochschule »Fritz Heckert« in Bernau bei Berlin. Er lebte zuletzt als Parteiveteran. Fugger erhielt mehrere Aus- zeichnungen, darunter »Banner der Arbeit« und »Vaterländischer Verdienstorden« in Gold. Fugger starb am 24. Dezember 1966 in Ost-Berlin. GÄBEL, Otto (1885-1953) Geboren am 4. Dezember 1885 in Festen- berg (Schlesien); lernte Buchbinder. 1905 in Berlin Mitglied der SPD, Funktionär der Partei. Nach dem Kriegsausbruch schloß er sich den Linken an, auf der Konferenz am 5. März 1915 einer der Initiatoren der Zeitschrift »Die Internationale« und der oppositionellen »Schulungsbriefe« der Nie- derbarnimer SPD-Organisation. Obwohl ursprünglich im Spartakusbund organisiert, schloß er sich der KPD bei ihrer Gründung nicht an, sondern blieb in der USPD. De- legierter des Spaltungsparteitags im Ok- tober 1920 (Mitglied des ZK der linken USPD); auf dem Vereinigungsparteitag im Dezember 1920 in die Zentrale der VKPD gewählt. Im Dezember 1921 protestierte er mit Braß u. a. gegen die Haltung der Zentrale zur Märzaktion und zur KAG, blieb aber in der Partei. 1921/22 verantwortlich für die »Kommunistische Parteikorrespondenz«, Se- kretär der Reichstagsfraktion. 1926-1929 Leiter der Kommunalabteilung des ZK, seit 1921 Stadtverordneter und später Stadtrat in Berlin. Im Jahre 1927 Vorsitzender des Komitees, das ein Denk- mal für Luxemburg und Liebknecht organi- sierte. Vorsitzender der kommunistischen Stadtverordnetenfraktion Berlins und Teil- nehmer des XL Parteitags in Essen. Als 1929 in Berlin der Sklarek-Skandal auf- gedeckt wurde, erhielt Gäbel wegen seiner Verbindung zu Sklarek zunächst eine Rüge und wurde dann am 9. Oktober 1929 we- gen »unproletarischen Verhaltens« aus der KPD ausgeschlossen, da die Partei für »rücksichtslose politische Sauberkeit« kämpfe. Gäbel war ebenso wie der KPD-Stadtver- ordnete Gustav Degner in den Sklarek- Prozeß verwickelt, er wurde am 28. Juni 1932 zu einer Gefängnisstrafe von 1V2 Jahren verurteilt. Nach 1945 lebte er in West-Berlin, wo er am 1. Mai 1953 starb. Politisch war er nicht mehr hervorgetreten. GÄBEL, Otto Max (1889-?) Am 7. Dezember 1889 in Dresden geboren und aufgewachsen. Nach der Schulentlassung bei der Eisenbahn beschäftigt, später Eisen- bahnschaftner. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, 1917 Übertritt zur USPD. Nach dem Krieg führend in der USP Sach- sens. Mit dem linken Flügel der USP (De- legierter des Spaltungsparteitags) 1920 Übertritt zur KPD. 1922 in den sächsischen Landtag gewählt, bis 1926 Abgeordneter dieses Parlaments. 1922/23 Leiter des Nachrichtenwesens des KPD-Oberbezirks Mitte (Sachsen). 1925/26 Orgleiter des Be- zirks Ostsachsen (Dresden). Später soll Gä- bel bei der RGO in Berlin tätig gewesen sein. Weitere Daten seines Lebenslaufs lie- ßen sich nicht ermitteln. GÄBLER, Fritz (geb. 1897) Am 12. Januar 1897 in Meißen geboren. Aus einer sozialistischen Arbeiterfamilie i3o Gäbler/Galm stammend, kam er schon als Kind in die Sozialistische Jugendbewegung. Während des Krieges schloß er sich den Linken an. 1919 Mitglied der Freien Sozialistischen Ju- gend und der KPD. Nach der Berufsausbil- dung kurz als Ingenieur tätig, dann Ende 1920 Sekretär der Kommunistischen Jugend in Jena, 1922 in Hamburg, 1923 Mitglied des ZK des KJVD in Berlin. 1923 Vorsitzen- der des KJVD, 1924 von den Linken abge- setzt. 1925 übersiedelte er wieder nach Hamburg, trat in die Redaktion der »Hamburger Volkszeitung« ein, für die er Anfang 1926 verantwortlich zeichnete. Im März 1926 verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung im Mai 1927 Redak- teur des »Roten Echo« in Erfurt. 1928 poli- tischer Redakteur an der »Neuen Zeitung« in Jena, deren Chefredaktion er Mitte 1929 übernahm. Im September 1929 erneut zu zwei Jahren Festung verurteilt, nach seiner Entlassung in Thüringen als Leiter der KP Gera tätig. 1932 zog er als Abgeord- neter in den Thüringer Landtag ein. Bis März 1934 verbüßte er eine Haftstrafe, anschließend bis September 1934 im KZ. Erneut illegale Arbeit für die KPD und wieder verhaftet. Am 9. August 1935 in Berlin zu zwölf Jahren Zuchthaus ver- urteilt und erst am 27. April 1945 aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit. 1945 Vorsitzender der KPD und dann der SED in Erfurt. 1949/50 stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Wissenschaft und Technik im Ministerium für Planung in der DDR. 1950-1952 leitete er das Zentralamt für Forschung und Technik, anschließend eine Abteilung dieser Dienststelle. Im April 1954 berief ihn die SED zum Mit- glied der Zentralen Revisionskommission, deren Vorsitzender Gäbler bis 1967 war. Auf dem VI. SED-Parteitag 1963 gehörte er der Programmkommission an. Gäbler bekam eine Reihe von Auszeich- nungen, darunter den »Vaterländischen Verdienstorden« in Silber, 1965 in Gold, zu seinem 65. Geburtstag den »Karl-Marx- Orden« und 1967 zum 70. Geburtstag die »Ehrenspange« zum »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Gold. Er lebte 1969 in Ost- Berlin. GÄSSLER, Ernst (1889-1945) Gäßler wurde am 12. Dezember 1889 in Kirchen-Hausen in Baden geboren, arbei- tete auf dem Hof der Eltern, den er später erbte. Vor dem Krieg Eintritt in die SPD, kam über die USPD zur KPD, für die er 1921 in den Badischen Landtag einzog. Bis 1925 Abgeordneter, dann nicht wieder- gewählt. Von 1929-1932 war Gäßler Leiter eines kommunistisch orientierten Bauernbundes in Baden. 1930 Kandidat auf der Reichs- liste der KPD, aber nicht gewählt. Nach 1933 einige Zeit in Haft, gegen Ende des Krieges noch zum Militär eingezogen und an die Front geschickt. Er starb im April 1945 in einem russischen Gefangen- lager in Debrescin (Ungarn). GALM, Heinrich (geb. 1895) Am 23. Oktober 1895 in Seligenstadt/Main geboren. In seiner Heimat war Galms Va- ter ein bekannter Sozialist und 1. Kandidat der SPD. Auch Heinrich Galm kam früh zur Arbeiterjugendbewegung. Lernte Sattler und arbeitete bis 1916 in seinem Beruf, dann eingezogen und bis 1918 Soldat. 1917 der USP beigetreten. Delegierter des Spal- tungsparteitages der USP in Halle, stimmte für den Anschluß an die Komintern und kam mit dem linken Flügel der USP 1920 zur KPD. Bis 1920 arbeitete Galm in seinem Beruf, dann hauptamtlicher Sekretär des Sattler- und Portefeuillerverbandes in Offenbach. 1924 in den hessischen Landtag gewählt, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte. Auf dem X. KPD-Parteitag in die Ge- werkschaftskommission delegiert. 1927 auf dem Essener Parteitag als Kan- Galm/Gehrmann didat ins ZK gewählt. Galm hatte als Per- son in Offenbach einen überragenden Ein- fluß. Obwohl er in der Hauptsache Ge- werkschafter war und die lokalen Inter- essen ihm bedeutender erschienen als inner- parteiliche Fehden, wandte er sich gegen die Links-Wendung der KPD, die 1928 be- sonders in der Gewerkschaftsfrage begann. Zusammen mit Hausen und Bassüner bil- dete er den rechten Flügel im ZK. Nadi der Wittorf-Affäre wurde Galm, der die ganzen Jahre über Vorsitzender der KPD in Offenbach war, am 20. Oktober 1928 seiner Funktion enthoben. Da er ZK- Kandidat war, konnte nur das EKKI über seinen Ausschluß entscheiden. Deswegen nach Moskau geladen, vertrat er dort im Dezember 1928 gemeinsam mit Hausen den Standpunkt der rechten Opposition. So wie Hausen inzwischen in Breslau »Gegen den Strom« als Organ der Rechten gegründet hatte, konnte Galm die in Offenbach er- scheinende Wochenzeitung »Volksrecht« als sein Sprachrohr benutzen. Anfang 1929 aus der KPD ausgeschlossen hatte Galm jedoch die überwältigende Mehrheit der KP Offenbach hinter sich, die er in die KPO überführte. Daß dies vor allem sein persönlicher Erfolg war, erwies sich in der Folgezeit: im November 1931 gelang es ihm, sein Landtagsmandat wieder zu erringen, diesmal für die KPO. Nach der Spaltung der KPO ging Galm mit der Minderheit zur SAP und wieder hatte er die Mehrheit der Offenbacher Kommuni- sten hinter sich. Im Juni 1932, bei der letzten Landtagswahl in Hessen, kam er - diesmal für die SAP - wieder in den Landtag. In Offenbach war seine Stellung sehr stark, bis 1933 war er Sekretär des Sattlerverbandes. Alle Ver- suche der KPD, ihn abzuwählen, schlugen fehl. So erhielt Galm z. B. im März 1932 446 Stimmen, der Spitzenkandidat der KPD 107 und der SPD-Kandidat 37 Stim- men. Nach 1933 mehrmals verhaftet. Im Juli 1944 wieder inhaftiert, sollte er nach Da- 131 chau kommen. Durch einen glücklichen Zu- fall wurde er jedoch nur einige Monate in Bebra und Darmstadt festgehalten. Sein Freund und Fraktionskollege Angermeier, den man zur gleichen Zeit nach Dachau brachte, fand dort den Tod. 1945 zeigte sich Galm wieder als geschickter Kommunalpolitiker und Gewerkschafter. Er gründete 1946 in Offenbach die »Arbeiter- Partei«, die unter seiner Führung bis zu ih- rer Auflösung im Jahre 1957 eine wichtige Rolle im Stadtrat spielte. Die Arbeiter-Par- tei war die einzige sozialistische Gruppe au- ßerhalb der SPD und KPD, die nach 1945 in Westdeutschland (lokale) Bedeutung er- ringen konnte. Inzwischen gehört Galm der SPD an, er lebte 1969 in Offenbach. GEHRMANN, Karl (1884-1959?) Am 30. April 1884 in Firchesa geboren und dort - in der Nähe von Rathenow - großgeworden, lernte Mechaniker. Arbei- tete einige Zeit als Hornarbeiter in Rathe- now. Trat 1906 der SPD bei und gehörte zu deren linkem Flügel. Als die SPD 1914 die Kriegskredite bewilligte, verließ er die Partei. 1917 Mitbegründer der Spartakus- gruppe. Da er mehrere revolutionäre Re- den hielt, sollte er Soldat werden, aber flüchtete vorher und lebte bis zur Revolu- tion 1918 illegal. Nach der Revolution Mit- glied des Arbeiter- und Soldatenrates in Rathenow. Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD, Mitbegründer der KPD in Ra- thenow; langjähriger Leiter der örtlichen KPD. Auch auf dem III. Parteitag als Delegierter anwesend. 1921 in den preu- ßischen Landtag gewählt. 1923 Delegierter des Leipziger Parteitags. Gehrmann stand - wie fast der gesamte Be- zirk Berlin-Brandenburg - auf dem linken Flügel der KPD. 1924 wieder in den Land- tag gewählt. Als Mitglied der Bezirkslei- tung Berlin-Brandenburg wandte er sich nach dem »Offenen Brief« zunächst gegen die Komintern. Im September 1927 unter- Gehrmann/Geithner 132 schrieb er noch den »Brief der 700«, den die linken Kommunisten mit Ruth Fischer an der Spitze herausgaben. 1927 gelang es dem ZK, ihn von der Oppo- sition zu trennen. Obwohl die Mehrheit der KPD-Ortsgruppe Rathenow bei den Lin- ken blieb und zum Leninbund überging, entschied sich Gehrmann für die Linie des ZK. Er wurde daher von der KPD 1928 wieder als Kandidat für den preußischen Landtag aufgestellt und gewählt. 1929 UB- Leiter der KPD Berlin-Süd. Einige Jahre war er Parteisekretär der KPD für die Ost- und Westprignitz. 1932 nicht mehr als Kandidat für den Landtag aufgestellt. In den Jahren nach 1933 längere Zeit in- haftiert. Nach 1945 war er einer der Mitbegründer der KPD in Rathenow und gehörte dann der SED an. In den ersten Jahren nach dem Krieg Oberbürgermeister, dann Land- rat von Rathenow; trat später nicht mehr hervor. Gehrmann soll 1959 gestorben sein. GEHRMANN, Karl (1895-?) Geboren am 24. Juni 1895 in Elbing, lernte Stellmacher und war bis zum Krieg als Zimmerer in Elbing tätig. Im Weltkrieg Soldat. Schloß sich der USPD an und kam 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Bis 1924 Zimmerer, dann hauptamtlicher Funktionär der KPD. Als Anhänger der Linken 1924 Orgleiter in Ostpreußen, dann Sekretär in Elbing. Teilnehmer am IX. und X. Parteitag, auf dem X. Parteitag 1925 in die Mandatsprüfungskommission gewählt. Nach dem »Offenen Brief« 1925 Anhänger der linken Opposition, im Oktober 1926 aus der KPD ausgeschlossen. Gehrmann hatte die Mehrheit der Ortsgruppe Elbing hinter sich und wurde einer der Mitbegrün- der des Leninbundes, in dem er noch bis 1929 aktiv wirkte. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. GEITHNER, Otto (1876-1948) Am 23. Mai 1876 in Merseburg geboren. Noch vor der Jahrhundertwende Mitglied der SPD. 1907 in Berlin Expedient des SPD-Verlages, ab November 1907 Redak- teur der sozialdemokratischen Parteikor- respondenz, für den literarischen Teil verantwortlich. Ab 1910 Redakteur und schließlich Chefredakteur des »Gothaer Volksblatt« der SPD, leitete er diese Zei- tung nach Kriegsausbruch im internationali- stischen Sinne. Daraufhin wurde die Zei- tung im Februar 1915 verboten. Geithner war Teilnehmer der Konferenz, die am 5. März 1915 die Herausgabe der »Inter- nationale« beschloß, er stellte später in der Druckerei des »Volksblatts« die illegalen Flugblätter des Spartakusbundes her. 1917 schloß er sich der USPD an. Nach der Revolution gehörte Geithner der ersten Volksregierung von Sachsen-Gotha an, er nahm als deren Vertreter an der Konferenz der deutschen Bundesstaaten Ende November 1919 in Berlin teil. 1919 kam es in der von der USP beherrschten Gothaer Regierung zum Bruch zwischen dem rechten USP-Flügel um Emanuel Wurm und den Linken um Geithner, dieser schied aus der Regierung aus. 1920 war er Delegierter des USP-Spaltungsparteitags, im Dezember 1920 Delegierter des Vereini- gungsparteitages der linken USP mit der KPD. Der Vereinigungsparteitag und auch der Jenaer KPD-Parteitag 1921 beriefen Geithner in den ZA der Partei. Er war 1920 für die USP in den Thüringer Land- tag eingezogen und er wurde auch 1921 und 1924 für die KPD wiedergewählt. Seit 1921 Redakteur, zeitweise Chefredakteur des KPD-Organs »Thüringer Volksblatt«. Geithner zählte zum ultralinken Flügel der KPD. Schon im März 1926 wurde er als einer der ersten Ultralinken aus der Partei ausgeschlossen. Er gründete die Kommuni- stische Arbeitsgemeinschaft, eine ultralinke Gruppe in Thüringen, die zu den Wahlen 1927 eigene Listen aufstellte, aber keinen Erfolg hatte. Geithner schloß sich der Geithner/Gerbig       133 Korsch-Gruppe an, für die er bis Ende der zwanziger Jahre aktiv war. Audi in den dreißiger Jahren sammelten sich die ultralinken Kreise in Gotha und Thüringen um ihn. Am 15. Oktober 1938 wurde er ins KZ Buchenwald eingeliefert, wo er bis Kriegsende inhaftiert war. Nach der Befreiung am 7. Mai 1945 kehrte der hochbetagte Revolutionär nach Gotha zu- rück. Er schloß sich keiner der bestehenden Parteien an. Geithner starb 1948 in Gotha. GENTSCH, Erich (1893-1944) Geboren am 1. August 1893 in Altenburg. Drittes von sieben Kindern eines Metall- schleifers und aktiven SPD-Mitglieds, lernte 1908-1910 in Leipzig Bauschlosser. Trat 19 ii der SPD bei und ging auf Wan- derschaft. Seit 1913 arbeitete er in Stuttgart bei Daimler. Wegen eines Arbeitsunfalls militäruntauglich. Während des Krieges ak- tiver Anhänger der Linken und Mitglied der Spartakusgruppe in Stuttgart. Trat bei Gründung der KPD bei und wurde 1920 Betriebsratsvorsitzender bei Daimler. Ab März 1921 hauptamtlicher Parteifunk- tionär, zunächst als Redakteur in Breslau. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 für Schle- sien als Kandidat in den ZA gewählt. 1922/23 Gewerkschaftsredakteur beim Pres- sedienst des ZK, von April bis November 1923 verantwortlicher Redakteur der »Ro- ten Fahne« in Berlin. Im Januar 1924 kam er (unter dem Pseud. Fritz Graichen) als Gewerkschaftsredakteur nach Niedersachsen. Mitte 1924 Chefredak- teur der Parteizeitung in Hannover. 1925 bis 1927 Redakteur an der »Roten Fahne«. 1925 wegen Beleidigung der Regierung zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Cottbus verbüßte. 1928-1930 Chefre- dakteur des KP-Organs für Pommern »Volkswacht«. 1930 zum Leiter und 1. Se- kretär der RGO in Berlin berufen. Obwohl er nach seinen Angaben nicht zur Neu- mann-Gruppe gehörte, wurde er mit dieser abgelöst. Nach dem Reichstagsbrand verhaftet, von April bis September 1933 im KZ Sonne- burg inhaftiert, dann Emigration. Gentsch war zunächst im Saargebiet, 1935 leitete er von Prag aus die Grenzarbeit der KPD und übernahm dann von April 1936 bis 1939 als einer der wichtigsten KPD-Führer jener Zeit die Abschnittsleitung der KPD in Amsterdam. Teilnehmer an der »Ber- ner« Parteikonferenz der KPD (in Paris). 1938 war ihm die deutsche Staatsangehörig- keit aberkannt worden. Seine Frau war ihm mit zwei Kindern in die Emigration gefolgt. Nach Kriegsausbruch führte er die illegale Arbeit unter dem Namen »Alwin« von Amsterdam weiter und leitete verschiedene nach Westdeutschland geschickte KPD-Em- missäre an. Nach der deutschen Besetzung lebte er als »Tom de Jager« in Amsterdam. Durch die Aussagen Knöchels fiel Gentsch am 23. April 1943 der Gestapo in die Hände, auch seine Frau Erna geb. Kuhn (geb. 9. Juni 1893) wurde verhaftet. Gentsch blieb standhaft und schrieb am 3. März 1944 in einem Brief an seine Frau (der ihr nicht ausgehändigt wurde), er habe den »Kopf noch nicht verloren«. Am 23. Juni 1944 wurde er in Nürnberg zum Tode verurteilt, seine Frau durfte ihn nicht mehr sprechen. Gentsch wurde am 24. August 1944 in Stutt- gart hingerichtet; noch auf dem Schaffott rief er: »Nieder mit Hitler!« Seine Frau Erna kam am 5. Februar 1945 im KZ Ra- vensbrück ums Leben. GERBIG, Max (1884-?) Am 1. Oktober 1884 in Leipzig geboren; erlernte 1898-1902 das Tischlerhandwerk und ging anschließend auf Wanderschaft. Im Weltkrieg Soldat. 1919 Mitglied der USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Gerbig übte verschiedene ehrenamt- liche Funktionen aus, er gehörte 1924 zu den führenden Linken der KPD in Leipzig. Mitglied der BL Westsachsen, mit deren 134    Gerbig/Geschke Mehrheit unter Arthur Vogt 1925 Anhän- ger der Ultralinken (später »Weddinger Op- position«). Gerbig, seit 1924 hauptamtlicher Funktio- när, wurde auf dem Essener Parteitag 1927 als Vertreter der Leipziger Gruppe der »Weddinger Opposition« als Mitglied ins ZK gewählt. Er trennte sich Anfang 1928 von der Opposition und ging zur ZK- Mehrheit über. 1929 nicht wieder ins ZK gewählt, wurde er Leiter der Roten Hilfe in Westsachsen, Mitglied der BL der KPD. Nach dem Zusammenschluß des sächsischen Bezirks gehörte Gerbig der UB-Leitung Leipzig an, er war vor allem unter den Arbeitslosen aktiv. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. GESCHKE, Ottomar (1882-1957) Geboren am 16. November 1882 in Für- stenwalde/Spree, besuchte die Knaben-Mit- telschule, lernte Schlosser. Anschließend auf Wanderschaft, dann bei der Eisenbahn tätig. 1910 Mitglied der SPD. In Berlin gehörte Geschke zum linken Flügel der SPD. Während des Krieges Leiter eines Jugendheimes in Berlin. Anhänger der Spartakusgruppe, trat 1917 zur USP über. Während der Novemberrevolution in Ber- lin aktiv für die Linke tätig, Mitglied der Revolutionären Obleute, in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Seit Parteigrün- dung 1919 in der KPD. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 in den ZA gewählt. Geschke wurde 2. Orgsekretär der Berliner Parteiorganisation und 1921 Abgeordneter des preußischen Landtags. 1921 zum Vor- sitzenden des Berliner Eisenbahnerverban- des gewählt, aber vom Hauptvorstand nicht bestätigt. Nach dreimaliger Wahl aus dem Verband ausgeschlossen. In den fol- genden Jahren spielte er als Führer der lin- ken Opposition in der KPD eine Rolle. Auf dem VIII. Parteitag von den Linken als Mitglied der Zentrale vorgeschlagen, aber nicht gewählt. Im Mai 1923 berief ihn der ZA doch - ebenso wie Ruth Fischer, Thälmann und König - in die Zentrale. Während der Vorbereitung des Oktober 1923 gehörte er dem Militärapparat an (Pseudonym: Eisbär), in dem er bis 1926 tätig war. Nachdem die Linken 1924 die Parteifüh- rung übernahmen, wurde Geschke auf dem Frankfurter Parteitag in die Zentrale ge- wählt. Neben Scholem leitete er die Or- ganisationsarbeit der KPD und führte die Bolschewisierung durch. Der V. Weltkon- greß der Komintern 1924 berief ihn als Mitglied und Sekretär ins EKKI-Präsi- dium. Da Scholem 1925 die ultralinke Opposition gegen die Fischer-Führung leitete, über- nahm Geschke hauptverantwortlich die Or- ganisationsarbeit. Auf dem X. Parteitag 1925 vereidigte er mit Vehemenz die Ruth- Fischer-Führung und fuhr den Jugenddele- gierten unter Blenkle grob über den Mund, als diese opponierten. Geschke wurde nun- mehr auch ins Polbüro gewählt. Als die Komintern-Führung mit dem »Offenen Brief« von der Fischer-Führung abschwenk- te, rückte Geschke ebenso schnell von die- ser ab. Er war neben Thälmann und Den- gel der prominenteste Linke, den die Kom- intern gewonnen hatte. Von Dezember 1924 an Mitglied des Reichs- tags, dem er ununterbrochen bis 1932 an- gehörte. 1927 wieder ins ZK gewählt, war Geschke in der Folgezeit verantwortlich für die Funktionärzeitschrift »Der Partei- arbeiter«. Während der Wittorf-Affäre distanzierte er sich von Thälmann, so daß er in den Hintergrund treten mußte. Zwar wurde er auch 1929 wieder ins ZK gewählt, aber in den folgenden Jahren übte er keine wichti- gen Funktionen mehr aus. Im Juli 1932 kam er auch nicht mehr in den Reichstag. Er war einige Zeit in der »Roten Hilfe« führend und wurde vorübergehend der Komintern zur Verfügung gestellt. Am 1. März 1933 verhaftet, verbrachte er über acht Jahre in verschiedenen Zuchthäu- sern, und KZ, darunter Sonneburg, Kös- Geschke/Glatzer 135 lin, Sachsenhausen und Buchenwald. In Bu- chenwald war er Vorsitzender des Inter- nationalen Lagerkomitees und wurde dort 1945 befreit. Im Juni 1945 unterschrieb er als ZK-Mit- glied den 1. Aufruf der KPD. Er wurde Stadtrat des Magistrats von Berlin für So- zialwesen und im Juni 1945 Vorsitzender der ersten BL der KPD Groß-Berlin, aber bald von Waldemar Schmidt abgelöst. Bei Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes 1947 zum Vorsitzenden dieser Organisation gewählt. In der SED trat Geschke nicht mehr her- vor, er wurde auch niemals Mitglied des Parteivorstandes bzw. des ZK der SED. 1950 kam er in die Volkskammer, der er nur bis 1954 angehörte. Träger des »Va- terländischen Verdienstordens« in Silber. Geschke starb am 17. Mai 1957 an einem Herzschlag in Ost-Berlin, wo er zuletzt als Parteiveteran gelebt hatte. GIWAN, Heinrich (1881-1957) Am 1. August 1881 in Rosendorf gebo- ren, arbeitete er nach der Schulentlassung als Hilfsarbeiter und wurde dann zum Ma- schinisten ausgebildet. Nach Ableistung der Militärzeit Übersiedlung nach Berlin. 1905 Eintritt in die SPD, 1917 Übertritt zur USP, 1920 KPD. Stadtverordneter in Ber- lin, seit 1923 Polleiter des wichtigen Bezirks Wedding. 1924 hauptamtlicher Funktionär, zunächst in der Gewerkschaftsabteilung der Bezirks- leitung Berlin-Brandenburg, dann in der Orgabteilung. Giwan war einer der Wort- führer der Berliner KP in der Ruth-Fi- scher-Ära. Nach der Abspaltung der ul- tralinken Opposition im Mai 1925 aktiver Anhänger dieser Gruppe. Teilnehmer der Erweiterten EKKI-Sitzung im Mai 1925, KPD-Vertreter in der Holländischen Kom- mission und auf der Orgkonferenz der Komintern. Delegierter des X. Parteitags 1925; für die ultralinke Opposition in der Politischen Kommission des Parteitages. Bei der Spaltung der Ultralinken 1926 schloß er sich der »Entschiedenen Linken« von Korsch an. Am 1. Oktober 1926 aus der KPD ausgeschlossen »wegen konter- revolutionärer Handlungen gegen Sowjet- rußland« (er hatte die russsischen Prole- tarier zu verschärftem Klassenkampf und zur Vorbereitung einer zweiten Revolution aufgerufen). Wieder als Arbeiter beschäf- tigt. Giwan trat noch 1926 von der Korsch- Gruppe zur Kommunistischen Arbeiterpar- tei über und war bis 1933 Mitglied der KAP, er zog sich allerdings in den letzten Jahren von der Politik zurück. Da er vor 1933 von Wedding nach Span- dau verzogen war, blieb den örtlichen NS- Stellen seine politische Einstellung unbe- kannt, er entging dadurch NS-Verfolgun- gen. Nach 1945 betätigte er sich nicht mehr po- litisch. Giwan lebte als Rentner in West- Berlin, wo er am 26. Februar 1957 starb. GLATZER, Helene (1902-1935) Geboren am 8. Februar 1902 in Weinböhla (Sachsen). Die Eltern waren seit 1905 Mit- glied der SPD. Da der Vater früh verstarb, mußte die Mutter beide Töchter erziehen. In Not aufgewachsen, schloß sich Helene Glatzer 1921 dem Kommunistischen Ju- gendverband Deutschlands an. Sie arbeitete als Kontoristin in Dresden und war die Ernährerin der Familie. Funktionärin des KJV in Ostsachsen. 1922 Eintritt in die KPD, 1925 verantwortlich für Frauenarbeit in der Bezirksleitung der KPD Ostsachsen (Dresden), aktiv im »Roten Frauen- und Mädchenbund«. 1926 Abgeordnete des sächsischen Landtags (sie rückte nach, weil Ewert nicht gewählt werden konnte) und hauptamtliche Funk- tionärin. Bis Ende 1929 im sächsischen Par- lament und in der Bezirksleitung Ost- sachsen. 1930 nach Moskau delegiert, wo sie zu- nächst im Büro der Komintern arbeitete 13 6 Glatzer/Gmeiner und dann über drei Jahre an der Lenin- Schule studierte. Anfang 1935 zur illegalen Arbeit nach Deutschland zurückgeschickt. Es gelang der Gestapo, Helene Glatzer in Halle zu verhaften. Wenige Tage nach der Festnahme wurde sie in Gestapohaft er- mordet und am 6. Februar 1935 in Halle beigesetzt. GLOBIG, Fritz (geb. 1892) Als Sohn eines Schneidermeisters, der spä- ter in einer Maschinenfabrik arbeitete und elf Kinder hatte, am 25. Januar 1892 in Leipzig geboren, verlebte Globig eine harte Kindheit. Von einer Straßenbahn wurde dem 4jährigen der rechte Unterarm abgefah- ren. Obwohl seine Mutter streng christlich war, kam er über die Gewerkschaft bald zur sozialistischen Jugendbewegung. Von April 1906 bis 1910 Lehre als Chemi- graph in einer Graphischen Kunstanstalt in Leipzig. 1908 Eintritt in die Gewerkschaft und Sozialistische Jugend. Nach der Lehre auf Wanderschaft. 1911 Arbeit in Stutt- gart, dann in Dresden und Genf. Bei Kriegsausbruch nach Berlin, aktiv in der sozialistischen Jugendorganisation für die Spartakusgruppe tätig. Als Vertreter der oppositionellen Sozialistischen Jugend Ber- lins Teilnehmer der Gründungskonferenz der Spartakusgruppe im Januar 1916, der Reichskonferenz im Oktober 1918 und des Gründungsparteitages der KPD. Als Ju- genddelegierter in die Programmkommis- sion gewählt. 1919 erschien seine Schrift »Was wir wollen« im Verlag der »Jungen Garde«. Gemeinsam mit Leo Flieg und Fritz Heilmann im August 1919 als Ver- treter der »Freien Sozialistischen Jugend« zur Internationalen Jugendkonferenz dele- giert. Arbeitete in der Leitung der FSJ, die sich im September 1920 in Kommuni- stische Jugend Deutschlands umbenannte, Redakteur ihres Organs »Junge Garde«. Globig nahm am III. Parteitag der KPD 1920 und am VII. Parteitag 1921 in Jena teil. 1922 arbeitete er bei der diplomati- schen Vertretung der RSFSR in Berlin. 1923 Redakteur der Bremer »Arbeiterzei- tung«, die er seit Mitte 1923 als Chefredak- teur leitete. Seit 1923 Mitglied der Bremer Bürgerschaft. Auf dem Bezirksparteitag 1924 in Bremen stimmte Globig für die Brandler-Richtung, ging dann aber im Mai 1924 zu den Linken über und wurde unter Eppstein als einziger der früheren Bremer BL übernommen. Er blieb Chefredakteur und Mitglied der Be- zirksleitung. Im Mai 1926 als Redakteur an die »Säch- sische Arbeiterzeitung« nach Leipzig ver- setzt, verantwortlich für Politik. 1929 über- nahm er einige Zeit die Chefredaktion des Blattes und kam anschließend an die »Rote Fahne« nach Berlin. Ende 1930 nach Moskau ins ZK der »In- ternationalen Arbeiterhilfe« berufen. Nach 1933 blieb er als Emigrant in Moskau. Während der Stalinschen Säuberungen 1937 verhaftet und in verschiedenen Zwangs- arbeitslagern festgehalten. Globig kam erst 1955 nach Deutschland zu- rück. Er wurde hauptamtlicher Mitarbeiter der SED-Bezirksleitung Leipzig, vor allem in der »Bezirkskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewe- gung« tätig. 1958 veröffentlichte er ein Erinnerungsbuch »... aber verbunden sind wir mächtig«. 1958 erhielt er den »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Silber, zum 70. Geburtstag 1962 den »Karl-Marx-Orden« (dabei be- stätigte ihm die Bezirksleitung der SED, »unter zum Teil schwierigsten persönlichen Bedingungen« gekämpft zu haben). Mit- arbeiter des Autoren-Kollektivs der acht- bändigen »Geschichte der deutschen Arbei- terbewegung«. Globig lebte 1969 als Par- teiveteran in Leipzig, er war Delegierter des VII. SED-Parteitages 1967. GMEINER, Paul (1892-1944) Am 26. August 1892 in Afferde (West- falen) geboren, lernte Dreher und siedelte Gmeiner/Gohl 137 nach Braunschweig über, wo er 1912 der SPD beitrat und 1917 zur USPD über- wechselte. Aktiver Funktionär der USP, Gewerkschaftssekretär, Delegierter auf dem USP-Parteitag im März 1919. Mitglied des Beirates der USP, nahm am Vereinigungs- parteitag von linker USP und KPD teil. Führender Funktionär der KPD in Braun- schweig. 1923 vor allem mit dem Aufbau der militärischen Organisation und dem Kauf von Waffen für die Bezirksleitung Niedersachsen beauftragt. Deswegen im November 1923 verhaftet und im Septem- ber 1924 zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Da er inzwischen zum Abgeordneten des Landtags von Braun- schweig gewählt worden war, 1926 aus dem Gefängnis entlassen. Von 1926-1929 Leiter der KPD in Braun- schweig, bis 1933 Abgeordneter des Braun- schweiger Landtags. Bis 1928 auch für den RFB in Braunschweig verantwortlich. 1933 Führer der illegalen Arbeit der KPD in Braunschweig, von der Polizei gesucht. Nach seiner Verhaftung Ende 1933 schwer mißhandelt, Überführung ins KZ Sachsen- hausen, wo er als Blockältester der Baracke 53 von seinen Mitgefangenen aller Rich- tungen sehr geachtet wurde. Gmeiner kam am 18. April 1944 bei einem Bombenangriff auf das Außenkommando Heinkel des KZ Sachsenhausen ums Leben. GÖTZ, Joseph (1895-1933) Als uneheliches Kind am 15. November 1895 in München geboren, verlebte er eine schwere Kindheit, lernte Schlosser. 1914 zum Militär eingezogen, machte den Krieg als Heizer bei der Marine mit. Als Ober- heizer auf der »Nassau« spielte er bei der Matrosen-Meuterei im Jahre 1917 eine füh- rende Rolle. Er wurde deswegen am 6. De- zember 1917 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt und erst durch die November- revolution 1918 befreit. Götz kehrte nach München zurück und schloß sich dem Spartakusbund und dann der KPD an. In München gehörte er zu der Matrosenkompanie, die sich für die Räte- republik einsetzte. Im Mai 1919 in Nürn- berg verhaftet, weil er eine Demonstration gegen die Erschießung von Kommunisten organisiert hatte. Nach der Entlassung ar- beitete er bis 1922 als Schlosser bei den BMW, wurde dann erwerbslos und im Fe- bruar 1923 von der KPD als Sekretär für Gewerkschaftsfragen bei der Bezirksleitung Südbayern hauptamtlich angestellt. Von Oktober 1923 bis April 1924 in Schutzhaft, im Juli 1924 erneut zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Mitte 1924 Orgleiter der KPD Südbayern, als Ab- geordneter in den Bayerischen Landtag ge- wählt. Am 16. Februar 1925 auf der Süddeut- schen Konferenz der KPD zusammen mit vielen anderen kommunistischen Funktio- nären verhaftet. Wegen Weiterführung der in Bayern noch immer illegalen KPD in Untersuchungshaft gebracht (zusammen mit dem Polleiter Schlaffer) und trotz seiner Immunität bis Dezember 1925 in Stadel- heim festgehalten. Vom 18.-21. Januar 1926 Prozeß vor dem Reichsgericht in Leip- zig. Wegen Tätigkeit für die verbotene KPD zu drei Jahren und drei Monaten Ge- fängnis verurteilt. Da der Landtag im Juni 1926 seine Immunität aufhob, flüchtete Götz für einige Zeit nach Moskau und legte von dort aus auch im Januar 1927 sein Mandat nieder. Nach der Amnestie 1928 kehrte er nach Deutschland zurück. Erneut in den Bayerischen Landtag gewählt, arbei- tete er wieder als Orgleiter der KPD in Südbayern. Im März 1933 verhaftet und nach Dachau gebracht. Götz wurde von der SS un- menschlich gefoltert und nach der Flucht von Hans Beimier am 7. Mai 1933 erschos- sen. GOHL, Max Paul (1886-1951) Am 18. April 1886 in Rixdorf (Berlin) geboren. Vier Jahre Metalldrückerlehre, 13 8    Gohl/Goldenbaum 1906-1908 Militärdienst. 1910 Mitglied der SPD. Im August 1914 eingezogen, 1917 an der Westfront verschüttet, als Kriegs- beschädigter entlassen. 1917 Mitglied der USPD. Bis 1919 als Eisendreher beschäftigt. 1920 hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär, Sekretär der Metalldrücker im DMV Ber- lin. Mit der linken USP 1920 zur KPD. Gohl verlor 1923 seine Gewerkschaftsposi- tion. 1924 wurde er Mitglied der BL Ber- lin-Brandenburg der KPD. Nach der Ab- setzung Ruth Fischers wählte ihn der Berliner Bezirksparteitag 1925 (zusammen mit Kasper) gegen die vom ZK vorgeschla- genen Kandidaten Frenzel und Kühn zum Sekretär für Gewerkschaftsfragen bei der BL. Gohl hielt sich bei den Fraktionsaus- einandersetzungen zurück. Er schied wegen Krankheit im April 1928 aus der BL Ber- lin-Brandenburg aus. Im Juni 1930 wurde er Angestellter der »Inprekorr«, 1931 Re- dakteur dieser Kommunistischen Pressekor- respondenz. Im März 1932 wurde er zu acht Monaten Festungshaft verurteilt. 1933 illegal für die KPD tätig, wurde Gohl verhaftet, er wurde zehn Jahre in verschie- denen KZs festgehalten. 1945 schloß er sich der KPD und 1946 der SED an. Er übte verschiedene Funktionen aus und war von 1948 an in der staatlichen Handelsorganisa- tion HO tätig. Gohl lebte in West-Berlin (Zehlendorf), er starb nach kurzer Krank- heit in einem Ost-Berliner Krankenhaus am 25. Januar 1951. GOHR, Theodor (1881-1950) Am 23. März 1881 in Osche (Krs. Schweiz/ Westpreußen) geboren, kam in jungen Jah- ren nach Niedersachsen. Im Weltkrieg Sol- dat, nach dem Krieg Maschinenarbeiter in Hannover. Mitglied und Funktionär der USPD. 1920 mit der linken USP zur KPD übergetreten, Anhänger des linken KPD- Flügels. 1921-1923 Mitglied des ZA für Niedersachsen. 1924 Delegierter des IX. Parteitages in Frankfurt, wandte sich Gohr besonders ra- dikal gegen die von der Komintern gefor- derte Gewerkschaftslinie und trat für selb- ständige kommunistische Gewerkschaften ein. Im Mai 1924 als Kandidat der KPD zur Reichstagswahl aufgestellt (Platz 2, hinter Katz im Wahlbezirk Südhannover- Braunschweig), aber nicht gewählt. Zum Vorsitzenden der KPD Hannover berufen, war er von Mitte 1924 an auch Sekretär der Bezirksleitung Niedersachsen. Ende 1924 für einige Monate Orgleiter von Nieder- sachsen. Gohr war Ultralinker und aktiver Anhän- ger von Iwan Katz. Im Frühjahr 1925 des- wegen aus der BL entfernt, konnte er aber seine Position in der KPD Hannover hal- ten. Er organisierte im Januar 1926 den Sturm der Ultralinken auf den Sitz der Be- zirksleitung und wurde deshalb zusammen mit Katz aus der KPD ausgeschlossen. Gohr wurde Mitbegründer des »Spartakus- bundes Nr. 2«. Ende 1926 legte er - ge- meinsam mit Karwahne - sein Stadtver- ordnetenmandat nieder. Da Katz jedoch sein Mandat behielt, schied Gohr, der nun auch den Parlamentarismus ablehnte, aus dem Spartakusbund aus. Er näherte sich der KAP an, trat aber politisch nicht mehr hervor. Er war bis zu seiner Pensionierung 1946 als Arbeiter beschäftigt, während der Hitler-Zeit wegen seiner Vergangenheit überwacht. Gohr starb am 2. Januar 1950 in Hannover. GOLDENBAUM, Ernst (geb. 1898) Als Sohn eines Arbeiters am 15. Dezem- ber 1898 in Parchim (Mecklenburg) gebo- ren, von 1914-1917 landwirtschaftliche Lehre, dann Soldat. 1919 Mitglied der USP, kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. 1921 in die Bezirksleitung der KPD Meck- lenburg gewählt, seit dieser Zeit hauptamt- lich für die KPD tätig. 1922-1925 Stellver- tretender Vorsitzender der KPD-Stadt- verordnetenfraktion und Ortsleiter des ADGB in Parchim. 1924 zog er als KPD- Goldenbaum/Goldhammer 139 Abgeordneter in den Landtag von Meck- lenburg-Schwerin ein, dem er bis 1926 und dann wieder von 1929-1932 angehörte. 1927 Unterbezirkssekretär in Rostock. Mitte des gleichen Jahres übernahm er die Redaktion des Mecklenburger KP-Organs »Volkswacht«. 1929-1932 Sekretär der KPD, dann verhaftet und 1933 erneut fest- genommen. Nach der Freilassung 1934 Landwirt, dazwischen nochmals in Haft. 1936 und 1944/45 im KZ Neuengamme. Er war einer der wenigen, die sich im Mai 1945 von dem mit KZ-Häftlingen überfüll- ten und bombardierten Schiff »Cap Ar- cona« retten konnten. 1945 Bürgermeister in Parchim, 1945/46 Geschäftsführer der Lan- deskommission für die Bodenreform in Mecklenburg, Ministerialdirektor im Land- wirtschaftsministerium Mecklenburg. Goldenbaum wurde von der KPD/SED für die Arbeit in anderen Organisationen ab- gestellt. Zunächst kam er als Abgeordneter der Vereinigung der gegenseitigen Bauern- hilfe (VdgB) in den Mecklenburger Land- tag. 1949 wurde er Mitgründer und Vor- sitzender der »Demokratischen Bauernpar- tei Deutschlands«. Seit 1950 Abgeordneter der Volkskammer. 1949/50 Minister für Land- und Forstwirtschaft der DDR und für die Bauernpartei Stellvertretender Mi- nisterpräsident. Er ist weiterhin stellvertre- tender Vorsitzender des VdgB und Mitglied des Präsidiums der Volkskammer, aller- dings gehört er dem im November 1960 geschaffenen »Staatsrat« nicht an, obwohl er Vorsitzender der Bauernpartei geblieben ist. Mit zahlreichen Orden, darunter 1965 die Ehrenspange zum »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Gold, ausgezeichnet. GOLDHAMMER, Bruno (geb. 1905) Geboren am 10. Februar 1905 in Dresden, Besuch eines Gymnasiums in Dresden, Aus- bildung im Buchhandel, dann Volontär und Redakteur. 1920 Mitglied der Kommuni- stischen Jugend, 1923 der KPD. 1927 Redakteur an der Dresdener KPD- Zeitung »Sächsische Arbeiterstimme«. In den Auseinandersetzungen mit den »Rechten« in Sachsen radikaler Anhänger des stalini- stischen Flügels, übernahm 1929 (als Nach- folger Renners, Goldhammers ehemaligem Mentor) die Chefredaktion der Dresdener KPD-Zeitung. Im Januar 1930 zu einem Jahr Festung verurteilt, 1931-1933 Redak- teur in Chemnitz und journalistischer Par- lamentsberichterstatter im sächsischen Land- tag. 1933 emigrierte er - als Jude besonders gefährdet - nach Prag; 1936 von Ulbricht in die Schweiz abgeschoben. Dort war er längere Zeit inhaftiert und interniert. 1945 kehrte Goldhammer nach Deutschland zurück und wurde KPD-Sekretär in Mün- chen. Im Juni 1946 von der US-Regierung wegen Kritik an der Besatzungsmacht kurze Zeit inhaftiert. 1947 nach Berlin ge- holt, Mitglied der SED, Mitarbeiter der Deutschen Verwaltung für Volksbildung, 1948 Chefredakteur des Berliner Rund- funks, 1949 Abteilungsleiter im Amt für Information in Ost-Berlin. Am 24. August 1950 aus der SED aus- geschlossen und in der Erklärung über Ver- bindungen deutscher Emigranten mit Noel H. Field als der »Hauptschuldige für das Eindringen Noel H. Fields in die deutsche Emigration in der Schweiz« bezeichnet. Vor allem wurde ihm vorgeworfen, »nicht be- hilflich« bei der »Klärung« der Dinge und »unaufrichtig gegenüber der Partei« ge- wesen zu sein. Goldhammer wurde verhaf- tet, er war mehrere Jahre in sowjetischen Gefängnissen. Nachdem sich die Field-Affäre durch die Enthüllungen in Ungarn und Polen als sta- linistische Fälschung erwies, wurde Gold- hammer 1956 rehabilitiert. Er blieb in der DDR und wurde wieder in die SED auf- genommen. Seit 1956 ist er Redakteur der Zeitschrift »Zeit im Bild« in Dresden. Im März 1965 mit dem »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Silber ausgezeichnet. 140 Golke/Gostomski GOLKE, Arthur (1886-1937?) Am 14. Oktober 1886 in Danzig geboren, übersiedelte er nach seiner Lehre als Dreher nach Berlin; trat 1908 der SPD bei, zu deren linkem Flügel er gehörte. Während des Krieges schloß er sich der Spartakus- gruppe an und war seit Gründung der KPD deren Mitglied. Delegierter auf dem III. Parteitag 1920, wurde dort in die Man- datsprüfungskommission gewählt. Goike spielte zusammen mit seinen zwei Brüdern in der Berliner Parteiorganisation eine beachtliche Rolle. Von 1922-1925 als Kassierer Mitglied der Berliner Bezirkslei- tung. Im Januar 1923 ging er mit Ruth Fischer eine Scheinheirat ein, damit diese die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt. Im Dezember 1924 als Abgeordneter in den preußischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. 1925 als Nachfolger Artur Königs Hauptkassierer des ZK und 1925 Mitglied des ZK. Auf dem Essener Parteitag 1927 erneut ins ZK gewählt, in das er auch 1929 wieder auf genommen wurde. In der Eröffnungssitzung des preu- ßischen Landtags im Juni 1928 schlug der robuste Goike den Landtagsabgeordneten Dr. Ponfick zusammen, ein deswegen gegen ihn eingeleitetes Verfahren wurde später eingestellt. Bis 1933 hatte er die Kasse des ZK der KPD unter sich. Im März 1933 mußte er emigrieren, da er in Berlin zu be- kannt war. Goike lebte zunächst in Paris, dann über- siedelte er in die Sowjetunion. In den Sta- linschen Säuberungen 1937 verhaftet und seither verschollen. GOLLMICK, Walter (1900-1945) Am 4. Oktober 1900 in Berlin-Schöneberg geboren, ging nach dem Besuch der Real- schule in die kaufmännische Lehre und war anschließend kaufmännischer Angestellter. Nach der Revolution Mitglied der Kommu- nistischen Jugend (Freie Sozialistische Ju- gend), seit 1920 Mitglied der KPD. Als Vertreter der Reichszentrale der Kom- munistischen Jugend unterschrieb er im De- zember 1921 einen Protest gegen die Hal- tung der KPD-Zentrale zur KAG (zusam- men mit Braß), blieb aber in der KJ und nahm verschiedene Funktionen hauptamtlich wahr. Seit 1921 Stadtverordneter in Ber- lin. Längere Zeit für Agitproparbeit in der Zentrale des KJVD verantwortlich. 1926 unter dem Pseud. »Kanzai« Redak- teur in Suhl. Sein Versuch, den Einfluß Heyms am ultralinken Suhler »Volkswil- len« einzudämmen, mißlang. 1927 Delegierter des Essener Parteitags, 1928 Agitpropsekretär der Bezirksleitung Ruhr in Essen. Anfang 1929 ins ZK nach Berlin geholt, um in der Agitpropabteilung eine verantwortliche Tätigkeit zu überneh- men. Bis 1933 übte er im ZK verschiedene wichtige Funktionen aus. Nach 1933 enger Mitarbeiter von John Schehr, bis zu dessen Verhaftung. 1934 Emigration, Grenzarbeit in Dänemark, wo er nach der deutschen Besetzung verhaftet wurde. Ende 1941 befand sich Gollmick in »Schutzhaft« in Hamburg, er wurde 1944 entlassen, stand aber unter Polizeiauf- sicht. Gollmick starb am 15. Februar 1945 in Hamburg. Einzelheiten über seinen Tod sind nicht bekannt. GOSTOMSKI, Hans (1898-?) Geboren am 12. September 1898 in Berlin, besuchte die Stadtschule in Lenzen/Elbe und studierte am Seminar für orientalische Sprachen in Berlin. Anschließend kauf- männischer Volontär, kam 1918 an die Front, wo er schwer verwundet wurde. Gostomski gehörte dem Soldatenrat des XX. Armeekorps an. 1919 Korrespondent beim Berliner Magistrat, Mitglied der USPD und 1920 der KPD. 1922 Übersied- lung nach Hamburg, wo er als Expedient arbeitete und 1924 in die Hamburger Bür- gerschaft gewählt wurde. Gauleiter und Se- kretär des kommunistischen »Internationa- len Bundes der Opfer des Krieges und der Arbeit«. Gostomski/Gräf Im April 1925 legte er »wegen persönlicher Verfehlungen« sein Mandat in der Bürger- schaft nieder, er wurde nach Berlin versetzt. Gostomski gehörte der linken Opposition an und war Intrigen zum Opfer gefallen. 1927 Austritt aus der KPD, in verschie- denen linken Gruppen tätig. Einer der Mit- gründer der Berliner SAP, zeitweilig Lei- ter der SAP Berlin und ihr Kandidat bei Wahlen. Nach 1933 mehrmals verhaftet. 1945 wieder in Hamburg. Von der britischen Militärbehörde im Februar 1946 in die erste (ernannte) Hamburger Bürgerschaft berufen, die bis zur Wahl im Oktober 1946 fungierte. Gehörte keiner Partei mehr an. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. GRADE, Alfred (geb. 1899) Am 25. Dezember 1899 in Halle geboren, Sohn eines Ingenieurs. Besuch des Gym- nasiums. 1917 zum Militär eingezogen, bis Kriegsende Flieger. Grade, der sich bereits 1916 an Demonstrationen gegen den Krieg beteiligt hatte, schloß sich bei Kriegsende der Sozialistischen Proletarierjugend (USP) an. Er trat als Volontär in die Volksbuch- handlung Halle ein. Mitglied der USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Bis 1925 Leiter der Volksbuchhandlung Halle und deren Filiale im Bezirk Halle-Merse- burg. Im April 1925 verurteilte ihn der Gerichtshof zum Schutz der Republik we- gen eines Zeitungsaufsatzes gegen Hjalmar Schacht zu 20 Monaten Festungshaft. 1926 amnestiert, berief ihn die KPD in die Redaktion des »Klassenkampf« in Halle. 1928 übernahm er die Chefredaktion des »Klassenkampf«. Er zählte zu den Ver- söhnlern, trennte sich aber Anfang 1929 von ihnen. Anfang 1930 zum stellvertre- tenden Chefredakteur der »Roten Fahne« nach Berlin berufen, aber Ende 1930 wegen Eintretens für die »Einheitsfront um jeden Preis« in die Provinz verschickt. Von 1931 bis Herbst 1932 Chefredakteur der »Süd- deutschen Arbeiterzeitung« in Stuttgart. 141 1933 einer der Leiter der illegalen Organi- sation in Mitteldeutschland, zu der auch SAP- und SPD-Mitglieder zählten. Am 25. November 1933 verhaftet, nach län- gerer Einzelhaft ins KZ übergeführt. 1938 heftige Auseinandersetzungen mit der ille- galen kommunistischen Lagerleitung im KZ Buchenwald, damals erfolgte sein Bruch mit der KPD. 1939 aus dem KZ entlassen, blieb er unter Gestapoaufsicht. Er arbeitete bis Kriegsende in einer Fabrik. 1945 schloß er sich der SPD an, er ließ sich als selb- ständiger Buchhändler nieder; 1969 wohnte er bei Frankfurt am Main. GRÄF, Hugo (1892-1958) Geboren am 10. Oktober 1892 in Rehe- städt (Thüringen), lernte Schlosser und ging auf Wanderschaft. Nach der Militärzeit wieder als Schlosser beschäftigt, bei Kriegs- ausbruch eingezogen, kam an die Front, von der er schwerverwundet heimkehrte. Gräf schloß sich 1917 der USPD an. Ar- beitete als stellvertretender Meister in Er- furt. Mitglied der Spartakusgruppe, füh- rend beim Januarstreik 1918. 1919 Mitglied der KPD. Seit 1920 in Thüringen im »Internationa- len Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit« hauptamtlich tätig, dann bis 1927 in Hamburg. 1927-1933 als Nachfolger Tiedts Vorsitzender dieser Organisation. 1928 KPD-Abgeordneter des Reichstags, dem er bis 1933 angehörte. 1933 verhaftet und 2V2 Jahre im KZ Sach- senhausen festgehalten. Nach seiner Freilas- sung Emigration nach Prag, 1938 nach Eng- land. Im Exil leitete er die »Rote Hilfe«. In England wirkte er auch in den verschie- denen »Einheitskomitees«. 1945 Rückkehr nach Deutschland, Mitglied der KPD bzw. SED. Längere Zeit im Ge- sundheitswesen der sowjetisch besetzten Zone tätig. 1950 als Mitglied in den FDGB-Bundesvorstand gewählt. Von 1955 bis zu seinem Tode war er Mitglied der SED-Kreisleitung in Gotha. Zum 65. Ge- 142 Gräf/Grobis burtstag wurde ihm 1957 der »Vaterlän- dische Verdienstorden« in Silber verlie- hen. Gräf starb am 23. Oktober 1958 in Gotha. GRASSE, Paul (1883-1946) Am 23. Dezember 1883 in Dahme (b. Jü- terbog) geboren. Nach der Lehre als Schlos- ser auf Wanderschaft. Ließ sich in Berlin nieder, wo er der SPD beitrat. Lange Jahre als Kaufmann beschäftigt, nach dem Krieg arbeitete er wieder als Schlosser. 1917 Mitglied der USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Seit 1925 gehörte Grasse der KPD-Bezirksleitung Berlin- Brandenburg an. Auf dem XL Parteitag 1927 als Kandidat ins ZK gewählt. Er war auch in der Politischen Kommission dieses Parteitags. 1928 Abgeordneter des preußischen Land- tags, gleichzeitig hauptamtlicher Sekretär, zunächst UB-Leiter in Berlin-West, leitete dann in der Berliner Bezirksleitung bis 1932 die Kommunalabteilung. 1932 nicht mehr in den Landtag gewählt, in die RGO ver- setzt. Im Februar 1933 verhaftet, im Columbia- haus Berlin schwer mißhandelt. 1934 irr- tümlich aus dem KZ entlassen. Lebte V2 Jahr illegal in Berlin verborgen, dann Emigration. Zunächst in Prag Generalagent für die »Deutsche Volkszeitung«. 1937 Übersiedlung nach Paris. Nach der deut- schen Besetzung Frankreichs arbeitete Grasse illegal in Paris. Im November 1943 von der Gestapo verhaftet, ins KZ Buchen- wald gebracht und wieder schwer miß- handelt. 1945 befreit, kehrte er im Juni 1945 als kranker Mann nach Berlin zurück. Grasse starb am 24. Januar 1946 in Berlin an den Folgen der KZ-Haft. GREINER, Daniel, Dr. phil., (1872 bis 1943) Am 27. Oktober 1872 in Pforzheim ge- boren, studierte nach Abschluß des Gym- nasiums Theologie und Philosophie. Nach dem Studium und der Promotion 1897 Rektor und Hilfsgeistlicher (Assistent) in Schotten (Oberhessen). 1902 Bruch mit der Kirche. Greiner, zuletzt als Pfarrer tätig, schied aus seinem Amt aus. Von 1903-1906 lebte er in Schotten als Bildhauer und Maler, siedelte dann in die Künstlerkolonie Darmstadt über. Vor dem Ersten Weltkrieg Mitglied der SPD, 1917 Übertritt zur USPD. Greiner stand auf dem linken Flügel der Partei und kam 1920 zur KPD. Delegierter auf dem Vereini- gungsparteitag im Dezember 1920 für den Bezirk Hessen. Bis zu seinem Tode in Ju- genheim/Bergstraße wohnhaft. Im Juni 1924 rückte er für Ebner, der in den Reichstag einzog, in den hessischen Landtag nach. Im Dezember 1924 in den Landtag gewählt, spielte Greiner dort bis 1927 eine achtunggebietende Rolle. 1926 wurde ein Verfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat, das seit 1923/24 gegen Greiner lief, durch eine Amnestie einge- stellt. Greiner neigte zum linken Parteiflügel und war besonders 1925 sehr rührig, zog sich aber nach 1926 von der aktiven Politik zu- rück und trat nicht mehr in Erscheinung. Eine Tochter Dr. Greiners heiratete 1925 den KPD-Funktionär Fladung. Greiner starb am 8. Juni 1943 in Jugen- heim/Bergstraße. GROBIS, Paul (1894-1943) Geboren am 3. Juni 1894 in Neudörfel (Böhmen), wuchs in Berlin-Wedding auf und lernte Schlosser. Als Soldat Teilneh- mer des Ersten Weltkriegs. Nach dem Krieg Mitglied der USPD, mit deren linkem Flü- gel er 1920 zur KPD ging. Arbeitete als Schlosser, Funktionär der KPD. Org- und Polleiter etlicher Berliner Bezirke, seit 1923 im hauptamtlichen Parteiapparat. Nachdem die Linken die Parteiführung innehatten, kam Grobis als Ruth-Fischer- Grobis/Grönsfelder 143 Anhänger im Mai 1924 nach Hannover, um im Bezirk Niedersachsen die Funktion des Orgleiters zu übernehmen. Im Oktober 1924 verhaftet, aber nach kurzer Zeit wie- der entlassen. Während der Auseinandersetzungen mit den Ultralinken in Niedersachsen (Katz, Gohr usw.) war Grobis Anhänger der Fi- scher-Zentrale. Nach dem »Offenen Brief« schwenkte er zur Thälmann-Führung über. 1926 aus Hannover abberufen. Einige Zeit in Berlin, dann Parteisekretär in Frank- furt/Oder und Berlin-Brandenburg-Ost. 1928 Abgeordneter des preußischen Land- tags, dem er bis 1932 angehörte. Aus Frank- furt/Oder verschwand Grobis im Februar 1930, wahrscheinlich nahm er an einem Kurs der Lenin-Schule in Moskau teil. 1931 wurde er als Nachfolger Schuberts Polleiter des Bezirks Ostpreußen, Mitte 1932 kam er zurück in den zentralen Par- teiapparat. Nach dem Verbot der KPD arbeitete er noch einige Monate illegal im Verbindungs- wesen, wodurch sich seine Kenntnisse der KPD-Organisation erweiterten. 1934 von Werner Kraus denunziert, verhaftet und während der Haft von Kraus bearbeitet trat er in den Dienst der Gestapo, die mit seiner Hilfe vor allem in Ostpreußen viele KPD-Funktionäre verhaften konnte. Im Zweiten Weltkrieg Soldat, fiel Grobis am 26. November 1943 an der Ostfront. GRÖNSFELDER, Karl (1882-1964) Am 18. Januar 1882 in Frankfurt/Main als Sohn einer Köchin und eines Dieners und Kutschers geboren, verbrachte die Kindheit bei den Großeltern im württem- bergischen Landstädtchen Bartenstein. Nach dem Besuch der Landschule das Mecha- nikerhandwerk erlernt. Von 1900-1903 arbeitete er in Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Siegburg und Krefeld. 1903 Übersiedlung nach Nürnberg, wo er bis zu seinem Tode wohnte. Im Jahre 1908 trat Grönsfelder der SPD und dem Metallarbeiterverband bei. 1910 bis 1913 gehörte er zum Zirkel junger Ge- nossen, die sich mit sozialistischer Literatur befaßten und Anhänger Rosa Luxemburgs waren. Während des Krieges bei MAN re- klamiert, schloß er sich 1917 der USP an und wurde 1919 einer der Mitgründer der KPD (Spartakusbund) in Nürnberg. 1920 wählten ihn die Arbeiter bei MAN zum Betriebsrat. Delegierter des III. KPD- Parteitags 1920. Nach der Vereinigung mit der USP Mit- glied der Bezirksleitung der KPD Nord- bayern, von 1921-1924 Vorsitzender der Bezirksleitung. 1921 Delegierter zum III. Weltkongreß der Komintern in Moskau. Auf dem VIII. Parteitag im Januar 1923 in die Gewerkschaftskommission delegiert und auf diesem Parteitag auch in den ZA gewählt. Als Nachfolger von Otto Graf zog er 1923 in den Bayerischen Landtag ein, 1924 als Abgeordneter gewählt, blieb er bis 1928 in diesem Parlament. Im Juni 1924 wegen Weiterführung der verbotenen KPD verhaftet und einige Zeit in Schutzhaft festgehalten. Bei den Reichs- tagswahlen 1924 war Grönsfelder KPD- Wahlleiter. 1925 führte er - neben seiner Tätigkeit als Abgeordneter - als Instruk- teur den UB Augsburg; 1926 Landessekre- tär der KPD und nach Ablauf der Legis- laturperiode Sekretär für Gewerkschafts- fragen bei der BL Nordbayern. Im Februar 1930 wurde Grönsfelder aus der KPD ausgeschlossen, da er gegen den RGO-Kurs und die Thesen vom »Sozial- faschismus« aufgetreten war. Mitglied der KPO, für die er bis 1933 aktiv war. Im April 1933 verhaftete ihn die Gestapo. Bis 1935 KZ Dachau. Von 1935-1937 er- werbslos, dann Beschäftigung als Mechani- ker in der Schreibmaschinenabteilung der Triumph-Werke. 1946 in den Betriebsrat gewählt. In dieser Funktion bis zum Ausscheiden aus dem Be- rufsleben 1953. Aktiver Gewerkschafter, 1946 der KPD wieder beigetreten, 1947 in die Bezirksleitung Bayern gewählt, 1949 144 Grünsfelder/Grube als Titoist und Brandler-Anhänger erneut ausgeschlossen. Grünsfelder wurde Mitglied der Gruppe Arbeiterpolitik, für die er bis zu seinem Tode einen Zirkel leitete. Er starb am 20. Februar 1964. Seine Frau Emma (geb. 3. Januar 1883 in München) machte seit 1918 sämtliche Etap- pen seiner politischen Laufbahn mit. Sie war Delegierte des Jenaer Parteitags 1921. 1933 verhaftet, war sie von April bis Sep- tember 1933 in »Schutzhaft« im Zuchthaus Aichach. Sie starb im November 1967 in Nürnberg. GROSSE, Fritz (1904-1957) Am 5. Februar 1904 in Altenberg (Erz- geb.) geboren, Sohn eines Zimmermanns. Nach der Schulentlassung 1918 Holzarbei- ter. Anfang 1920 wanderte Grosse nach Rußland aus, er kämpfte in der Roten Armee im Feldzug gegen Polen. Ende 1920 nach Deutschland zurückgekehrt, ar- beitete er als Hausdiener in Aschersleben. 1921 Rückkehr nach Chemnitz, zuerst als Bauarbeiter, dann als Hilfsdrucker in der KPD-Druckerei tätig. 1921 Mitglied der KJVD und der KPD. Im KJVD aktiv (Pseudonym: Ignaz), 1923 zum Sekretär des KJV im Bezirk Erzgebirge-Vogtland berufen, 1925 ins ZK des Jugendverbandes gewählt. 1927 Sekretär des KJV in Halle, 1929 zum 2. Sekretär des ZK des Jugend- verbandes nach Berlin berufen, rückte er Mitte 1929 auch als Kandidat ins ZK der KPD nach, wurde aber im gleichen Jahr wieder abgelüst. Später schrieb er: »Wegen politischer Differenzen schied ich im Jahre 1929 aus dem ZK aus, fuhr nach Rußland und arbeitete in Moskau im Zentralrat der Gewerkschaften«. 1931 von Moskau nach England geschickt, um die illegale Arbeit der kommunistischen Jugend zu organisieren. Er wurde in Lon- don festgenommen und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, danach wieder in Moskau tätig. 1932 Rückkehr nach Berlin, »wo ich nach den parteipolitischen Aus- einandersetzungen mit Neumann und dem damaligen Leiter des Jugend-ZK Kurt Müller mit der Leitung des ZK beauftragt wurde«. Als Vorsitzender des KJVD im November 1932 in den Reichstag gewählt. Bis Juni 1933 Leiter des illegalen KJVD. Im Juni 1933 nach Amsterdam geschickt, fuhr er im Herbst 1933 nach Paris, um dem ZK der KPD zu berichten. Um die Jahres- wende 1933/34 Teilnahme an der Sitzung des KJV-ZK in Moskau. Im Januar 1934 kehrte Grosse nach Berlin zurück, um als 2. Sekretär die Jugendarbeit fortzuführen. Im August 1934 verhaftet, wurde er am 17. März 1936 zu lebenslänglicher Zucht- hausstrafe verurteilt. Bis 1945 im Zuchthaus Brandenburg und im KZ Mauthausen. 1945 wieder Mitglied der KPD. 1946 SED- Abgeordneter im sächsischen Landtag. 1948-1949 Vorsitzender der Staatlichen Kontrollkommission. 1949 wurde Grosse erster Botschafter der DDR in der Tsche- choslowakei. 1952 Mitglied des Kollegiums des Ministeriums für außenpolitische An- gelegenheiten der DDR. Nach langer Krankheit starb Grosse am 12. Dezember 1957 in Ost-Berlin. Seine Frau Leja (geb. Lichter, geb. am 16. Mai 1906) war 1934 mit ihm verhaftet worden, sie war eben- falls bis 1945 im KZ und lebte 1968 in Ostberlin. GRUBE, Ernst (1890-1945) Als Sohn eines Bergarbeiters am 22. Ja- nuar 1890 in Neundorf (Anhalt) geboren; lernte Tischler. Er schloß sich dem Holz- arbeiterverband und 1908 der SPD an. Nach Beendigung der Lehre Arbeit in der Waggonfabrik Werdau, dann zog er einige Jahre als Wandergeselle durch Deutschland. Von 1910-1912 lebte er in Berlin, wo er sich in Abendkursen weiterbildete. Wäh- rend des Krieges in Zwickau Mitglied der Spartakusgruppe und der USPD, seit Gründung in der KPD organisiert. 1920 KPD-Sekretär in Zwickau, im gleichen Jahr zog er in den sächsischen Landtag ein, Grube/Gryle wicz 145 dem er bis 1922 angehörte. 1921 Delegier- ter des Jenaer Parteitags, der Leipziger Parteitag 1923 wählte Grube in die Ge- werkschaftskommission und als Kandidat in den Zentralausschuß. Von 1922-1924 Stadtverordneter in Zwik- kau und bis Oktober 1924 Sekretär des KPD-Unterbezirks in Zwickau, 1923 war er einer der militärischen Führer der KPD in Sachsen. Von Mai bis Dezember 1924 Reichstagsabgeordneter. Im Oktober 1924 Polleiter des Bezirks Magdeburg-Anhalt, eine Funktion, die er bis 1928 ausübte. Nach der Wittorf-Affäre Polleiter des Bezirks Wasserkante. Von Dezember 1924 bis Mitte 1932 Abge- ordneter des preußischen Landtags, seit Juli 1932 wieder Reichstagsabgeordneter. Von 1925 bis 1929 Delegierter aller KPD-Partei- tage, auf dem Essener Parteitag 1927 zum Kandidat und auf dem Weddinger Partei- tag 1929 zum Mitglied des ZK gewählt. Grube gehörte zu den »Chemnitzer Lin- ken« (Bertz, Wesche usw.), er wurde An- fang 1930 seiner Funktion als Polleiter in Hamburg enthoben. 1930 arbeitete er kurze Zeit als Komintern-Emmissär in Griechen- land. Ende 1930 Reichsleiter der »Kampf- gemeinschaft für rote Sporteinheit«, bis 1933 im ZK der KPD für Sportangelegenheiten verantwortlich. In der Nacht des Reichstagsbrands festge- nommen und in den KZs Sonneburg, Lich- tenburg und Buchenwald inhaftiert. 1939 aus dem KZ entlassen. Arbeitete als Tisch- ler. Im Krieg zunächst in Warschau dienstver- pflichtet, kam er 1941 nach Berlin zurück, wurde 1942 einige Monate inhaftiert und dann in der sogenannten »Gewitteraktion« am 21. August 1944 erneut verhaftet. Er kam ins KZ Sachsenhausen, wo er schwer erkrankte. Anfang April wurden alle ar- beitsunfähigen Häftlinge in Viehwagen ver- laden und nach Bergen-Belsen transportiert. In diesem Vernichtungslager kam Grube am 14. April 1945 ums Leben. GR YLE WICZ, Anton (geb. 1885) Als Sohn eines Tischlers am 8. Januar 1885 in Berlin geboren. Mechanikerlehre, an- schließend in diesem Beruf tätig. Von 1907 bis 1909 Militärdienstzeit. 1912 in Berlin Mitglied der SPD, 1917 Übertritt zur USPD. Während des Krieges zunächst zwei Jahre an der Ostfront, nach einer Verwundung 1917 zurück nach Berlin. Arbeit als Schlosser. Einer der Führer der Berliner Revolutionären Obleute, die we- sentlich am Ausbruch der Novemberrevo- lution beteiligt waren. Nach der Revolution war Grylewicz maß- gebend in der Berliner Organisation der USPD tätig. Anfangs zweiter, 1920 erster Vorsitzender dieser Organisation. Im Ja- nuar 1919 als Stellvertreter Eichhorns an den bewaffneten Auseinandersetzungen auf Seiten der Revolutionäre aktiv beteiligt. Grylewicz nahm als Vertreter des linken Flügels am USP-Spaltungsparteitag in Halle teil und war Delegierter des Vereinigungs- parteitags mit der KPD im Dezember 1920. Nach der Vereinigung Orgsekretär des KPD-Bezirks Berlin-Brandenburg. Von 1920-1924 Stadtverordneter in Berlin und seit 1921 unbesoldeter Stadtrat in Neukölln. Grylewicz war einer der Führer der Fischer- Maslow-Gruppe und behielt seine wichtige Funktion als Orgleiter in Berlin bis 1924. 1923 Teilnehmer der Moskauer Verhandlun- gen über den geplanten deutschen Aufstand. Nach dem Frankfurter Parteitag in die Zen- trale berufen, wo er führend in der Orgab- teilung arbeitete. Im Mai 1924 Abgeordne- ter des Reichstags, im Dezember 1924 des preußischen Landtags. Als führendes Mitglied der Berliner Be- zirksleitung 1924 von der Polizei gesucht, verhaftet und vier Monate in Untersu- chungshaft festgehalten. Grylewicz war im August/September 1925 einer der Ange- klagten des Maslow-Prozesses vor dem Reichsgericht. Zu einer Gefängnisstrafe ver- urteilt, die jedoch unter die Amnestie fiel. Nach dem »Offenen Brief« 1925 aus dem 146    Grylewicz/Gundelach ZK entfernt, Sekretär der Landtagsfrak- tion. Grylewicz war auch nach dem »Of- fenen Brief« einer der Führer der Fischer- Maslow-Gruppe. Auf dem XI. Parteitag 1927 vertrat er zusammen mit Bartels und Schlecht die linke Opposition und wurde deswegen am 1. April 1927 aus der KPD ausgeschlossen. Dann Vorsitzender der Gruppe der linken Kommunisten im Landtag und Mitgründer des Leninbundes. Bis 1930 Reichsorganisa- tionsleiter des Leninbundes. Im Februar 1930 trennte er sich mit einer Gruppe deut- scher Trotzkisten vom Leninbund. Gryle- wicz war in der Folgezeit führender deut- scher Trotzkist und Herausgeber der Schrif- ten Trotzkis in Deutschland. 1933 Flucht nach Prag, wo er auf Grund einer Verleumdung und Denunziation der Stalinisten einige Zeit inhaftiert war. 1937 flüchtete er nach Paris und 1941 nach Kuba. Bis 1955 lebte er in Kuba und arbeitete trotz seines hohen Alters als Tischler. 1955 kam er nach West-Berlin, wohin seine Frau schon vorher gezogen war. Er trat der SPD bei. Grylewicz lebte 1969 als Rentner in West-Berlin. GUDDORF, Wilhelm (1902-1943) Am 20. Februar 1902 in Melle bei Gent (Belgien) geboren, entstammte einer Prie- ster- und Gelehrtenfamilie und sollte selbst Priester werden. Schon auf dem Gymna- sium fiel seine Sprachbegabung auf, er be- herrschte später fast alle westeuropäischen und slawischen sowie eine Reihe weiterer Sprachen. Nadi dem Krieg Studium an der Universi- tät München, wo er mit dem Kommunismus in Berührung kam. Studierte Volkswirt- schaft, Geschichte, Musik- und Kunstwissen- schaft, 1922 Eintritt in die KPD, 1923 erste Verhaftung. 1924-1926 Redakteur der »Freiheit« und des »Rhein-Ruhr-Presse- dienstes« der KPD, dann Mitarbeiter der »Roten Fahne« in Berlin. Leitete von 1927 bis 1933 das außenpolitische Ressort der »Roten Fahne« (unter dem Pseud. Paul Braun). 1933 illegale Arbeit für die KPD, am 17. April 1934 verhaftet und wegen »Vor- bereitung zum Hochverrat« zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Strafverbüßung KZ Sachsenhausen. Mitte 1939 freigelassen, arbeitete er in einem Berliner Antiquariat. Widmete sich neben der Tätigkeit als Übersetzer der Ver- vollkommnung seiner chinesischen und ja- panischen Sprachkenntnisse. Wurde einer der Herausgeber der Widerstandszeitschrift »Die innere Front«, die in fünf Sprachen erschien. Er hatte Verbindung zu der Gruppe Schulze-Boysen (»Rote Kapelle«) und wurde am 10. Oktober 1942 erneut verhaftet und zum Tode verurteilt. Gud- dorf wurde am 13. Mai 1943 in Plötzen- see hingerichtet. GUNDELACH, Gustav (1888-1962) Geboren am 19. Dezember 1888 in Kiel. Von 1904-1908 Lehre als Eisendreher, dann bis 1923 als Dreher bei Blohm und Voß in Hamburg. 1909 Mitglied der SPD, 1917 Übertritt zur USP und mit deren lin- kem Flügel 1920 zur KPD. 1924 wurde Gundelach in die KPD-Be- zirksleitung Wasserkante gewählt. Als Lei- ter der »Roten Hilfe« Wasserkante haupt- amtlicher Funktionär. Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft 1924 bis 1933, 1927 bis 1928 Vizepräsident der Bürger- schaft. Bis 1933 Leiter der »Roten Hilfe« Bezirk Wasserkante, Delegierter des XII. KPD-Parteitags 1929. 1933 und 1934 arbeitete er illegal in Ham- burg, dann emigrierte er nach Kopenhagen. Er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite und war Leiter des Roten Kreuzes für die Interbrigaden in Spanien. 1939 Emigration in die Sowjet- union. Bis 1945 aktiv im Nationalkomitee »Freies Deutschland«. Im Mai 1945 kehrte Gundelach als einer der zehn Mitglieder der »Gruppe Ulbricht« Gundelach/Hähnel 147 nach Berlin zurück. Im September 1945 Präsident der Zentralverwaltung für Ar- beit und Sozialfürsorge in der SBZ. 1946 siedelte er nach Hamburg über und war in den Jahren 1946/47 wieder Ab- geordneter der Hamburger Bürgerschaft und leitete vorübergehend die KPD in Hamburg. 1949 zog er für die KPD in den 1. Bundestag ein. Nach dem Verbot der KPD in der Bundes- republik arbeitete er illegal für die Partei, er wollte auch 1961 als »Einzelbewerber« für den Bundestag kandidieren. Gundelach starb am 7. Juli 1962 in Ham- burg. HABICH, Walter (1904-1934) Als Sohn eines Mechanikers am 15. Ok- tober 1904 in Botnang (Stuttgart) geboren; lernte von 1918-1921 Bandagist. Von 1923 bis 1925 Metallarbeiter. 1920 Mitglied des KJVD, 1921 Vorsitzender einer Orts- gruppe, seit 1922 von Groß-Stuttgart. Habich schloß sich 1923 auch der KPD an, im Herbst 1923 in Schutzhaft genommen. Wegen seiner Tätigkeit für die KPD 1924 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Von Januar bis August 1925 verbüßte er einen Teil der Strafe, der Rest wurde ihm er- lassen. 1925 Leiter des KJV Württemberg und hauptamtlicher Funktionär. Im Dezember 1925 machte er eine Reise durch die Sowjet- union, danach 1926 Leiter des KJV Bezirk Wasserkante (Hamburg). Außerdem von 1926-1928 Mitglied der KPD-Bezirkslei- tung Wasserkante. 1928 Besuch einer Par- teischule in Moskau. Häbich, der im KJV als »Leo« arbeitete, war eng mit Thälmann verbunden und wurde von diesem nach der Wittorf-Affäre nach Berlin geholt. Hier löste Häbich Ende 1928 Blenkle als Vorsitzenden des Kommu- nistischen Jugendverbandes Deutschlands ab. Als Führer des KJVD wurde Häbich auf dem XII. Parteitag als Mitglied ins ZK gewählt. Bereits Mitte 1929 als KJV-Vorsitzender und ZK-Mitglied von Kurt Müller abge- löst. Im November 1929 als Redakteur an den »Klassenkampf« nach Halle und 1930 an das KPD-Organ »Neue Zeitung« nach München versetzt. Im Januar 1932 als ver- antwortlicher Redakteur zu 1V2 Jahr Fe- stung verurteilt. Weihnachten 1932 amne- stiert, ging er wieder nach München. Nach Hitlers Machtantritt illegale Arbeit für die KPD. Im September 1933 verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Dort wurde Häbich am 30. Juni 1934 von der SS er- mordet. Seine Mutter erhielt erst vier Mo- nate später Nachricht vom Tode ihres Sohnes. HÄHNEL, Walter (geb. 1905) Am 12. April 1905 in Chemnitz geboren, Sohn eines Arbeiters. Lehre als Kontorist, anschließend kaufmännischer Angestell- ter. 1920 Mitglied des KJVD, 1923 der KPD. 1924 hauptamtlicher Funktionär des KJVD, Mitglied der BL Erzgebirge - Vogt- land. 1925 als Mitglied ins ZK des KJVD gewählt. 1926/27 verantwortlich für den »Jungen Kämpfer«, eine Beilage der Chem- nitzer KPD-Zeitung. Auf dem Essener Parteitag 1927 wurde Hähnel als Jugend- vertreter zum Mitglied des ZK der KPD gewählt. 1929 nicht wieder ins ZK der Par- tei auf genommen, blieb Hähnel bis 1933 in verschiedenen Funktionen im Parteiappa- rat: 1929/30 in der Orgabteilung des ZK, 1931/32 in der Reichsleitung des »Kampf- bundes gegen den Faschismus«. 1933 zunächst illegal tätig, dann Emigra- tion nach Frankreich. Teilnehmer am VII. Weltkongreß der Komintern und der »Brüsseler Parteikonferenz« 1935 in Mos- kau. Von dieser Konferenz wieder als Mit- glied ins ZK gewählt, war er von allem für Kaderfragen verantwortlich. Auch die Brüsseler Konferenz 1939 berief Hähnel wieder als Mitglied ins ZK. Er war in Holland, der Tschechoslowakei und 148 Hähnel/Hahn Frankreich für die KPD aktiv. Während des Zweiten Weltkriegs war Hähnel in Frankreich, er gehörte zu den Organisato- ren des Nationalkomitees »Freies Deutsch- land« für den Westen. 1945 nach Berlin zurückgekehrt, wurde er sofort in den Apparat des ZK der KPD und dann der SED berufen. Er war lange Jahre Abteilungsleiter für Kaderfragen in der Westabteilung des ZK. Zu seinem 60. Geburtstag mit dem »Banner der Arbeit« ausgezeichnet, ist Hähnel auch Träger des »Vaterländischen Verdienstordens« in Sil- ber. Er lebte 1969 als hauptamtlicher Mit- arbeiter des ZK der SED in Ost-Berlin. HARTLE, Franz Xaver (1891-1943) Am 2. Dezember 1891 in Pfersee bei Augsburg geboren, lernte Schlosser und siedelte nach der Militärzeit nach Offenbach über, wo er der SPD beitrat. 1919 Mit- glied der KPD und Vorsitzender der KPD- Ortsgruppe Offenbach. Delegierter des VIII. Parteitags 1923. Seit 1923 Sekretär des kommunistischen Industrieverbandes Chemie. Härtle stand auf dem linken Flügel der Partei, er war 1924 hauptamtlicher Orglei- ter des Bezirks Hessen-Frankfurt. 1927/ 28 Teilnehmer an Versammlungen der linken Opposition. Mit der offiziellen Be- gründung, er habe »Unterschlagungen« be- gangen, wurde er als Oppositioneller 1928 aus der KPD ausgeschlossen. Mitglied des Leninbundes. 1929/30 Leiter des »Anti- faschistischen Kampfbundes«. Wiederauf- nahme in die KPD abgelehnt und im Mai 1930 auch aus der »Antifa« ausgeschlos- sen. Härtle lebte bis 1933 in Offenbach und ver- zog dann nach Berlin, er wurde mehrmals verhaftet. In Berlin am 26. Mai 1943 ver- storben, ob in Freiheit oder im Gefängnis ließ sich nicht ermitteln. HAHN, Joseph (1896-1965) Am 6. Juli 1896 in Hof geboren, lernte Elektriker und arbeitete vor dem Ersten Weltkrieg in einer Textilmaschinenfabrik in der Schweiz. 1912 Mitglied der Sozialisti- schen Jugend, 1914 der SPD. Bei Kriegs- beginn als Soldat eingezogen. 1917 als Kriegsgegner wegen Gehorsamsverweige- rung zu zwölf Jahren Festung verurteilt. Durch die Revolution 1918 befreit. Seit 1919 Mitglied der KPD. Im Frühjahr 1919 Angehöriger der Roten Armee in der bayerischen Räterepublik. Anschließend wie- der mehrere Monate im Gefängnis. Hahn siedelte Ende 1919 nach Chemnitz über, er war als Textilarbeiter beschäftigt. 1924 schickte ihn die Partei auf einen Lehr- gang nach Moskau. 1925 zurückgekehrt, wurde er Agitpropsekretär im Bezirk Erz- gebirge-Vogtland. Teilnehmer des X. Par- teitags der KPD 1925. In den Jahren 1926 und 1927 war Hahn Sekretär und Begleiter Thälmanns, seit Mitte 1927 Gewerkschaftssekretär der Be- zirksleitung Erzgebirge. Im Herbst 1927 als Orgleiter für den KPD-Bezirk Baden nach Mannheim versetzt, diese Funktion übte er bis 1930 aus. 1930 Mitarbeiter des west- europäischen Büros der Komintern (unter Leitung Dimitroffs in Berlin). 1931 Vorsit- zender der RGO in Baden, dann bis 1933 Sekretär der Internationale der Ro- ten Textilarbeitergewerkschaften in Mos- kau. Ende 1933 zur illegalen Arbeit nach Deutschland geschickt, am 8. Februar 1934 in Berlin verhaftet. Im Gefängnis konnte er mit Dimitroff zusammenkommen und Nachrichten austauschen. Der Gestapo ge- lang es nicht, seine Identität nachzuweisen (er besaß falsche Papiere) und er konnte auch verheimlichen, daß er aus Moskau nach Deutschland zurückgekehrt war. Nach einiger Zeit aus der Haft entlassen, lebte er bis 1939 als Arbeiter in Deutschland, dann emigrierte er nach Dänemark. Nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen 1940 verhaftet und der Gestapo Hahn/Halbe 149 ausgeliefert. Bis 1945 im KZ Sachsenhausen festgehalten. 1945 befreit, maßgeblich am Aufbau der Berliner Stadtverwaltung beteiligt. 1950 Leiter der Zentrag (der SED-Parteibe- triebe). Von 1954 bis zu seinem Tod stell- vertretender Vorsitzender der Zentralen Revisionskommission der SED in Ost-Ber- lin. Träger mehrerer Auszeichnungen, dar- unter des »Vaterländischen Verdienstor- dens« in Silber und seit 1961 des »Karl- Marx-Ordens«. Hahn starb am 24. Februar 1965 in Ost- Berlin. HAHNE, Margarete (geb. 1898) Margarete Lux wurde am 21. Juli 1898 in Breslau geboren. Nach der Schulentlassung kaufmännische Lehre, dann Stenotypistin in Breslau. Nach der Heirat mit dem Arbeiter Hahne 1919 Mitglied der KPD und aktive Funktionärin der Partei. 1926 Mitgründe- rin des RFMB und Führerin des Bundes in Schlesien. 1928 Mitglied der BL, Leiterin der Frauenarbeit. Im gleichen Jahr Kandi- datin für den preußischen Landtag (nicht gewählt). Stadtverordnete in Breslau. Auf dem Weddinger Parteitag 1929 als Mitglied ins ZK gewählt. Übersiedlung nach Berlin und Sekretärin der kommunistischen Ar- beitsgemeinschaft sozialpolitischer Organi- sationen (Arso). 1932 Sekretärin in der Berliner Zentrale des RGO-Textilarbeiter- verbandes. Margarete Hahne arbeitete bis September 1933 illegal in Berlin, dann flüchtete sie in die Tschechoslowakei, wo sie eine illegale Zeitschrift mit herausgab, die nach Deutsch- land eingeschleust wurde. 1936 Emigration nach Frankreich, wo sie eng mit dem Kreis um Willi Münzenberg zusammenarbeitete. Ihr Name stand unter dem Aufruf in der letzten Nummer der Münzenbergschen »Zukunft« (nach ihren Angaben ohne ihr Wissen, da sie mit dem Aufruf nicht einverstanden war). Die KPD suchte nun ihre Anerkennung als politischer Flüchtling zu vereiteln; 1940 war sie im La- ger Gurs interniert, dort wurde ihr mitge- teilt, sie sei aus der KPD ausgeschlossen. Margarete Hahne hatte in Frankreich einen kommunistischen Funktionär geheiratet (ihr erster Mann war in Deutschland geblieben), ihr Mann wurde Ende 1942 von der Ge- stapo aus Frankreich abgeholt, er arbeitete bis 1945 halbfrei in einem Potsdamer In- dustriebetrieb. Am 25. Mai 1945 wurde er von den Russen verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, 1952 aber frei- gelassen. Margarete Hahne selbst konnte erst 1946 nach Deutschland zurückkehren. Sie arbeitete in der Sozial- und Frauen- arbeit im Bezirk Prenzlauer Berg, doch wurde ihr das untersagt, da ein Parteiver- fahren gegen sie lief. Als man ihr schließ- lich die SED-Mitgliedskarte zustellte, op- ponierte sie: erst müsse die Angelegenheit mit ihrem Mann geregelt werden. Sie siedel- te nach West-Berlin über, wo sie sich später der SPD anschloß. Sie ist politisch nicht mehr aktiv, aber noch fürsorgerisch tätig und lebte 1969 in West-Berlin. HALBE, Erna (Lang) (geb. 1892) Am 30. Juni 1892 in Hamburg geboren, Tochter von Ernst Demuth, Mitglied des Hauptverbandes der Kürschner-Gewerk- schaft und SPD-Funktionär, der 1912 starb. Erna Halbe erhielt ihre Ausbildung als Kindergärtnerin am Hamburger Fröbelhaus und war dann fünf Jahre in diesem Beruf tätig. 1907 Mitglied der Hamburger Jugendorga- nisation »Jugendbund«, 1910 der SPD, aus der sie wegen ihrer oppositionellen Haltung gegen die Kriegskreditbewilligung im Jahre 1916 ausgeschlossen wurde. Während des Krieges gehörte sie zu den aktiven Funk- tionären der Hamburger Linksradikalen. Da sie revolutionäre Flugblätter herstellte und verbreitete, am 27. März 1918 wegen angeblichen »Landesverrats« zu 2V2 Jahren Zuchhaus verurteilt. ijo Halbe/Haller Ihr Mann - Max Halbe - Funktionär im »Handlungsgehilfen-Verband«, der eben- falls 1916 aus der SPD ausgeschlossen wurde, kam im März 1918 schwerverwun- det in ein Lazarett, in dem er während ihrer Haft im Juni 1918 starb. Durch die Revolution befreit, gehörte Erna Halbe zu den Mitgründern der KPD in Hamburg. 1920 Frauensekretärin in der KPD-Bezirksleitung Wasserkante, 1922 Polleiter im KPD-Bezirk Magdeburg-An- halt. Delegierte des VIII. Parteitags 1923, in die Gewerkschaftskommission gewählt. In jener Zeit stand sie auf dem linken Flü- gel der Partei. Nach der Übernahme der Parteiführung durch die Linken kam sie 1924 als Leiterin der Frauenabteilung in die Zentrale der KPD nach Berlin. Die Praktiken der Lin- ken führten zu einer Entfremdung von die- ser Gruppe. Mitte 1927 schied sie aus der Frauenabteilung aus, nachdem sie auf dem XL Parteitag 1927 noch in die Org- kommission gewählt worden war. Sie ge- hörte der rechten Oposition in der KPD an. Als Anhängerin der »Rechten« schloß man sie Anfang 1929 aus der Partei aus. Sie wurde Mitglied der KPO und später der SAP. 1933 war Erna Halbe einige Monate inhaf- tiert, arbeitete dann noch ein Jahr illegal weiter, bis im Sommer 1934 zahlreiche Ver- haftungen in ihrer Gruppe vorgenommen wurden. Sie emigrierte nach Prag, von dort aus setzte sie die illegale Tätigkeit nach Deutschland fort. Durch Verhaftung meh- rerer Freunde in Berlin erhielt die Gestapo Kenntnis davon und verlangte von der tschechischen Regierung die Auslieferung Frau Halbes. Das wurde zwar abgelehnt, aber sie wurde »gebeten«, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. So kam Erna Halbe nach Paris, wo sie - wie alle deutschen Emigrantinnen - im Mai 1940 im Lager Gurs interniert wurde. Ende 1940 traf sie mit ihrem Mann - Joseph Lang - der auch 1929 aus der KPD ausgeschlossen worden war und emigrieren mußte, in den USA ein. 1950 kehrten sie nach Deutschland zurück. Frau Halbe-Lang wurde 1951 Mitglied der SPD und lebte 1969 in Frankfurt/M. HALLE, Felix, Dr. jur (1884-1937?) Am 1. Mai 1884 in Berlin geboren. Promo- vierte in Berlin und lehrte nach dem Welt- krieg kurze Zeit als Professor der juristi- schen Fakultät an der Berliner Univer- sität. Seit 1922 der Hauptberater der KPD in juristischen Fragen. 1922 Mitglied der KPD, von 1922-1926 Syndikus der juristi- schen Zentralstelle der kommunistischen Reichstags- und Landtagsfraktion und der Zentrale. 1927 kam Halle als Leiter der juristischen Zentralstelle ins ZK der KPD, zugleich lei- tete er die juristische Zentralstelle der »Ro- ten Hilfe«. Er verfaßte mehrere Schriften, darunter »Wie verteidigt sich der Prole- tarier vor Gericht?« 1933 verhaftet, nach einigen Monaten aus dem KZ entlassen, emigrierte er mit seiner Ehefrau Ruth nach Frankreich. 1936 von der Hitler-Regierung ausgebürgert. 1937 kamen er und seine Frau in die Sowjet- union, wo beide während der Stalinschen Säuberungen verhaftet wurden und seitdem verschollen sind. HALLER, Eugen (geb. 1882) Am 20. Oktober 1882 in Rottweil (Württ.) geboren; lernte Uhrmacher. Bis zum Welt- krieg Uhrmachergeselle in Schwenningen. Vor dem Krieg Mitglied der SPD, 1917 Übertritt zur USP. Haller war führend in der USP Schwenningen, er kam mit der lin- ken USP 1920 zur KPD. Von 1923 an Par- teisekretär, übernahm er 1924 die Organisie- rung der »Roten Hilfe« in Württemberg. 1924 in den württembergischen Landtag ge- wählt. Haller zählte zum rechten Parteiflügel. Im Haller/Hamann, Wilhelm I5I Frühjahr 1926 wurde er aus der KPD aus- geschlossen. Ihm wurde »Betrug, Unter- schlagung und Korruption« vorgeworfen. Angeblich hatte er Gelder der »Roten Hilfe« unterschlagen. Obwohl die Unter- schlagungen nicht nachzuweisen waren, ver- fiel er dem Ausschluß, weil man ihn »rech- ter« Tendenzen verdächtigte. Haller blieb bis 1928 als Fraktionsloser im Landtag, er schloß sich Ende 1928 wieder der SPD an und arbeitete in der Folgezeit wieder in sei- nem Beruf als Uhrmacher. 1933 zunächst keinen Verfolgungsmaßnah- men ausgesetzt, wurde Haller am 30. Mai 1938 verhaftet und dann wegen »Vorberei- tung zum Hochverrat« zu 2V2 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er illegal für die SPD tätig gewesen war. Nach Verbüßung seiner Strafe im Zuchthaus Ludwigsburg kam er ins KZ Welsheim, von dort 1941 überraschend entlassen, arbeitete er wieder in Schwenningen. Im August 1944 erneut verhaftet, ins Amtsgerichtsgefängnis Horb eingeliefert. Am 16. April 1945 sollte er der Gestapo in Oberndorf ausgeliefert wer- den, da das nicht mehr möglich war, erhielt die Gefängnisleitung telefonisch den Auf- trag, Haller zu »erledigen«. Da die Fran- zosen am 17. April 1945 Horb besetzten, wurde Haller gerettet. Er trat 1945 sofort wieder der SPD bei und übte für sie ver- schiedene Funktionen aus. Haller lebte 1969 hochbetagt in Schwenningen. HAMANN, Alfred (1882-?) Am 21. September 1882 in Skohl, Krs. Jauer geboren; lernte Stellmacher und war mehrere Jahre in diesem Beruf tätig. 1905 wanderte er nach Südamerika aus, wo er als Gaucho Beschäftigung fand. Nach Kriegsausbruch Rückkehr nach Deutschland. Als Soldat an die Front, dann Rüstungs- arbeiter. Mitglied der SPD, 1917 USPD, kam 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. 1921 Kreistagsabgeordneter der KPD im Kreis Goldberg-Haynau. Delegierter des VII. und VIII. KPD-Parteitages (1921 und 1923), vom VIII. Parteitag in die Gewerk- schaftskommission gewählt. Sekretär der KPD-Bezirksleitung Schlesien, Orgleiter unter Oelßner. 1924 zum linken Parteiflü- gel übergeschwenkt, wurde er 1924 Pollei- ter in Schlesien. Von Mai bis Dezember 1924 Reichstagsabgeordneter. 1924/25 gelang es der Polizei in Schlesien immer wieder, führende Funktionäre zu verhaften, die von der KPD-Zentrale nach Breslau geschickt wurden. Der Verdacht, daß Hamann Polizeispitzel in der KPD war, verdichtete sich. Mit Hilfe eines hö- heren Polizeioffiziers in Liegnitz, der mit der KPD zusammenarbeitete, wurde Ha- mann eine Falle gestellt, und er entlarvte sich. Es stellte sich heraus, daß er seit 1923 für die Polizei tätig war. Hamann soll mit seiner Tochter intime Beziehungen gehabt haben, deswegen hatte ihn die Polizei 1923 festgenommen. Um die Angelegenheit zu vertuschen, war er einem Anerbieten der Polizei gefolgt und als Agent für sie tätig geworden. Hamann wurde 1925 aus der KPD ausgeschlossen und verschwand aus der Politik. Er siedelte später nach Thürin- gen über und beantragte im Frühjahr 1932 seine Aufnahme in die KPD. Das ZK-Se- kretariat schrieb am 10. Juni 1932 an die BL, Hamann sei vor Jahren als Polizeispitzel ausgeschlossen worden, eine Wiederaufnah- me komme nicht in Frage. Im August 1944 als ehemaliger Reichstagsabgeordneter ver- haftet, kam er ins KZ Buchenwald. Im Mai 1945 aus dem KZ entlassen. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermit- teln. HAMANN, Wilhelm (1897-1955) Am 2. Februar 1897 in Biebesheim (Hes- sen) als Sohn einer Hebamme und eines Eisenbahners, der auch eine Gastwirtschaft betrieb, geboren. Besuchte als Freiplatz- schüler die Realschule und das Lehrersemi- nar in Alzey. 1916 bestand er die Schul- amtsanwärter-Prüfung. Anschließend zum 15 2 Hamann, Wilhelm/Hammer Militär eingezogen, kam er an die Front, 1918 in Halle als Flugschüler ausgebildet, hatte er erste Berührung mit der USPD. Nadi dem Krieg trat er der USP bei und wurde deren Vorsitzender in Groß-Gerau. Mitte 1919 Übertritt zur KPD. 1920 legte er sein Staatsexamen ab und kam als Volksschullehrer in das Arbeiterdorf Wix- hausen. Bis 1928 Volksschullehrer. Aktiver Funktionär der KPD in Südhessen. 1927 Vorsitzender des Unterbezirks Darm- stadt, im gleichen Jahr Abgeordneter des hessischen Landtags, dem er bis 1933 an- gehörte. Nach Ostern 1928 erschien er nicht zum Dienst, er wurde daher nach einem Disziplinarverfahren als Lehrer entlassen. Hauptamtlicher Funktionär der KPD. 1931 wegen »Aufruhr« zu einem Jahr Gefäng- nis verurteilt. Nadi dem Verbot der KPD 1933 illegale Arbeit. Im April 1933 verhaftet, von der SA vom Bahnhof bis zum Gefängnis Darmstadt getrieben und geprügelt. Nadi wenigen Tagen wieder entlassen. Im Fe- bruar 1935 erneut verhaftet und wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu drei Jahren Zuchhaus verurteilt. Längere Zeit im Zuchthaus Rochenberg in Einzelhaft. Nadi Strafverbüßung ins KZ Buchenwald über- geführt, erst 1945 befreit. In Buchenwald machte sich Hamann als Blockältester des Block 8, in dem sich die Kinder des KZ befanden, sehr verdient. Im April 1945 rettete er noch viele jüdische Kinder vor der SS. Im Mai 1945 Rückkehr zu seiner Familie nach Groß-Gerau. Wieder aktiver KPD- Funktionär. Im Juli 1945 als Landrat in Groß-Gerau eingesetzt. Nach Differenzen mit der US-Besatzungsmacht im Dezember 1945 verhaftet, u. a. wurde ihm vorgewor- fen, die Alliierten behindert zu haben. Im Februar 1946 in einem Prozeß freigespro- chen, doch nicht wieder als Landrat ver- wendet. Am 22. März 1946 erneut von der Militärpolizei verhaftet. Nach Aus- sagen von vier Buchenwaldhäftlingen war Hamann angeblich eng mit der SS verbun- den und im Lager verhaßt gewesen. Ob- wohl Buchenwald-Häftlinge aus ganz Eu- ropa Leumundszeugnisse für Hamann ab- gaben, blieb er 14 Monate in Haft. Er war in Dachau zusammen mit SS-Verbrechern wie Ilse Koch, Eisele u. a. inhaftiert. Im Mai 1947 bescheinigte ihm die Anklage- behörde seine »vollkommene antifaschi- stische Einstellung und seine Unbescholten- heit«, er wurde freigelassen. Als KPD-Sekretär der Bezirksleitung Hes- sen tätig. Wilhelm Hamann kam am 26. Juli 1955 bei einem Autounfall ums Leben. HAMMER, Max (geb. 1886) Am 23. März 1886 in Naundorf (Sachsen) geboren, wanderte nach der Lehre als Mö- belpolierer durch Deutschland und blieb in Stuttgart, wo er 1909 der SPD beitrat. Ge- hörte zum linken Flügel der SPD, ging im Krieg zum Spartakusbund und 1919 zur Seit 1920 hauptamtlicher Sekretär und Re- dakteur der KPD. 1921 Teilnehmer des Jenaer Parteitags, auf dem Leipziger Par- teitag 1923 als Kandidat in den ZA ge- wählt. Als verantwortlicher Redakteur der »Süddeutschen Arbeiterzeitung« 1923 ver- urteilt, flüchtete er nach Moskau. Dort ar- beitete er in der Roten Gewerkschaftsinter- nationale. 1925 Rückkehr nach Stuttgart, Redakteur der Parteizeitung. Seit 1925 war Hammer auch einer der Wortführer der »Rechten«. Im April 1927 kurz verhaftet. Im Mai 1928 als Abgeordneter in den württember- gischen Landtag gewählt. Bei den Auseinan- dersetzungen 1928/29 aktiver Einsatz für die rechte Opposition. Anfang 1929 aus der KPD ausgeschlossen, Mitglied der KPO und einer ihrer Vertreter im Württembergischen Landtag. Redakteur des KPO-Organs »Ar- beiter-Tribüne« in Stuttgart. 1933 zunächst illegale Tätigkeit für die KPO. Im Frühjahr 1933 verhaftet, KZ. Durch seine kranke Frau beeinflußt, gab er eine Erklärung für die NSDAP ab und wurde freigelassen. Hammer/Hark 153 Arbeitete wieder in seinem Beruf und hat sich nach 1945 nicht mehr politisch betätigt. Hammer lebte 1969 als Rentner in Stutt- gart. HANDKE, Georg (1894-1962) Als Sohn eines Schlossers am 22. April 1894 in Hanau geboren, besuchte die Ober- realschule und die höhere Handelsschule in Hanau, dann kaufmännischer Angestellter. 1913 Mitglied der Sozialistischen Jugend. Während des Krieges aktiv im Spartakus- bund und der USPD. Seit Gründung der KPD (er war Delegier- ter des Gründungsparteitags) gehörte Handke der Partei an, die in Hanau um ihren führenden Kopf Dr. Wagner eine starke Gruppe bildete. 1919 Redakteur und hauptamtlicher Funktionär der KPD. Er schwenkte 1921 mit der Wagner-Gruppe zu Levi und der KAG über, wurde in deren 1. Leitung gewählt, blieb aber dann doch in der KPD. Delegierter des Jenaer Parteitags 1921. 1923 Chefredakteur der »Arbeiter-Zei- tung«, Organ der KPD in Hessen-Frank- furt; er behielt diese Funktion bis 1929. 1930 Mitarbeiter des ZK in Berlin, wo Handke zeitweise in der Presse- dann in der Genossenschaftsabteilung arbeitete. 1933 betätigte er sich illegal für die KPD, im September 1934 verhaftet und am 7. März 1935 zu 15 Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Auch seine Frau Emmy erhielt eine langjährige Freiheitsstrafe. Handke war über sieben Jahre in Einzelhaft. 1945 aus dem Zuchthaus Zwickau befreit, schloß er sich wieder der KPD an. Zunächst von der US-Armee als Bürgermeister von Zwickau eingesetzt, dann Regierungspräsi- dent in Zwickau-Plauen. Von Juli 1945 bis 1946 Vizepräsident und von Dezember 1946-1948 Präsident der Zentralverwal- tung für Handel und Versorgung und Stellvertretender Vorsitzender der Deut- schen Wirtschaftskommission. 1949-1952 Leitung des Ministeriums für Innerdeutschen und Außenhandel. 1952/ 53 Botschafter der DDR in Rumänien, dann Stellvertretender Minister für Aus- wärtige Angelegenheiten, schließlich 1958 Präsident der Gesellschaft für deutsch-so- wjetische Freundschaft. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den »Karl-Marx- Orden«. Auf dem V. SED-Parteitag 1958 als Mitglied ins ZK gewählt. Handke starb am 7. September 1962. Seine Frau ist Mitglied der SED und lebt in Ost- Berlin. HARK, Joseph (1875-1945) Am 22. Mai 1875 in Bochum geboren; nach der Schulentlassung Bergmann, Übersied- lung ins Aachener Kohlenrevier. Um die Jahrhundertwende trat Hark dem Berg- arbeiterverband bei, 1906 auch der SPD. Wegen der Haltung der SPD im Krieg trat er 1915 aus der Partei aus, er schloß sich 1917 der USP an. Mit dem linken Flügel der USP 1920 zur KPD, für die er aktiv war. Bis 1928 Bergarbeiter, dann Invalide, war Hark seit 1924 Reichstagskandidat der KPD (nicht gewählt). Auf dem Essener Parteitag 1927 wurde er als Arbeiter zum Kandidaten des ZK gewählt. Hark sym- pathisierte mit den Versöhnlern, er wurde 1929 nicht wieder ins ZK berufen, blieb aber bis 1933 für die KPD aktiv. Um der Verhaftung zu entgegehen, emi- grierte er 1937 nach Holland. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1940 verhaftet, 1941 vom OLG Hamm zu zwei Jahren drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Ende 1942 aus dem Zuchthaus entlassen, kehrte er in seinen Heimatort Kohlscheid bei Aachen zurück. Anläßlich der »Gewit- teraktion« am 20. August 1944 erneut ver- haftet und ins KZ Oranienburg ver- schleppt. 1945 ins KZ Bergen-Belsen über- geführt, kam Hark am 15. April 1945 im KZ ums Leben. 154 Hartmann/Hausen HARTMANN, Rudolf (1885-1945) Geboren am 11. Dezember 1885 in Demern (Mecklenburg), Sohn eines Gutsbesitzers. Nach dem Abitur (1906) studierte er an mehreren Universitäten. Später arbeitete er auf der väterlichen Wirtschaft, nahm als Offizier am Weltkrieg teil. 1922 schloß er sich der KPD an. Er hatte sich zeitweise mit seiner Familie überwor- fen und lebte als Dichter und Schriftsteller. Im Juli 1923 wurde er (mit der höchsten Stimmenzahl) für die KPD in den Landtag von Mecklenburg-Strelitz gewählt. Bis 1927 Landtagsabgeordneter, gehörte er 1926/27 auch der Bezirksleitung der KPD Mecklen- burg an. 1928 Mitglied des vorbereitenden europäischen Bauernkomitees in Berlin. In den folgenden Jahren zog er sich von der aktiven Politik zurück. Er lebte auf seinem kleinen Gut in Mecklenburg als Privat- gelehrter. Am 5. Dezember 1942 wurde Hartmann verhaftet und wegen Vergehens gegen das sogenannte Heimtückegesetz im April 1943 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt (er hatte sich kritisch über führende Nazigrö- ßen und die Kriegslage geäußert). Nach der Strafverbüßung kam Hartmann im Ja- nuar 1945 ins KZ Sachsenhausen, wo er kurz vor Kriegsende ums Leben kam; die genauen Umstände und das Todesdatum blieben unbekannt. HASSEL, Wilhelm (1892-1967) Geboren am 16. Juli 1892 in Eupel, nach der Lehrzeit als Schlosser nach Hamburg, wo er 1913 der SPD und 1917 der USPD beitrat. Er kam als enger Freund Thäl- manns mit diesem 1920 zur KPD. Hassel arbeitete als Maschinenbauer in Hamburg. 1924 in die Hamburger Bürger- schaft gewählt, der er bis 1927 angehörte. Mitte 1925 als Orgleiter in den KPD-Be- zirk Ruhr entsandt, wo er nach dem »Of- fenen Brief« im Oktober 1925 auch für einige Wochen als Polleiter arbeitete. 1926 ging er wieder nach Hamburg. Er sympa- thisierte einige Zeit mit der linken Oppo- sition, unterschrieb 1926 den oppositionel- len »Brief der 700«, zog aber seine Unter- schrift wieder zurück. Anfang 1927 vom ZK als Polleiter nach Hessen-Kassel ge- schickt. Teilnehmer des XL Parteitags in Essen. Im Oktober 1927 in Kassel (angeb- lich wegen »Trunkenheit«) von Neddermey- er abgelöst. Die Oppositionspresse behaup- tete, Hassel habe Gelder unterschlagen und Saufgelage abgehalten. Er wurde Unter- bezirkssekretär in Lübeck und kehrte 1929 zurück nach Hamburg, wo er wieder Mit- glied der Bezirksleitung wurde. Hassel trat dann politisch nicht mehr her- vor. Er starb am 13. Juli 1967 in Ham- burg-Altona. HAUSEN, Erich (geb. 1900) Als Sohn des Schlossers und späteren Elek- trikers Hartwig Hausen am 5. Februar 1900 in Muskau (Oberlausitz) geboren. Ge- lernter Elektriker. Gegen Kriegsende zum Heer eingezogen, kehrte er im Januar 1919 aus Belgien nach Weißwasser in der Lausitz zurück, wo er der USP beitrat. Bald Vor- sitzender und später Unterbezirksleiter der USP in Weißwasser. 1920 kam Hausen mit der linken USP zur KPD. 1921 nach der Märzaktion Lokal- redakteur der »Roten Fahne der Lausitz« in Cottbus. Auf dem Parteitag in Jena 1921 als Kandidat für den Bezirk Lausitz in den ZA gewählt. Mitglied der Bezirksleitung Lausitz, Ende 1922 Polleiter dieses Bezirks. Delegierter des VIII. Parteitags 1923, als Mitglied in den ZA gewählt. Am 7. Dezember 1923 im illegalen Partei- quartier verhaftet und später vom Staats- gerichtshof in Leipzig wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung aus der Haft Ende 1925 zunächst in seinem Hei- matort Weißwasser erwerbslos, anschlie- ßend Sekretär der »Roten Hilfe« in Thü- ringen. 1926 vom ZK für den Bezirk Schlesien als Hausen/Heckert 155 Polleiter nach Breslau entsandt und später durch Wahl in dieser Funktion bestätigt. Auf dem Essener Parteitag 1927 als Kan- didat ins ZK gewählt. Hausen vertrat zu- sammen mit Galm und Bassüner im ZK die sogenannten Rechten. Wegen seiner Oppo- sition nach der Wittorf-Affäre seiner Funktion in Breslau enthoben. In Moskau verteidigte Hausen im November/Dezem- ber 1928 vor dem EKKI seinen Standpunkt und lehnte gemeinsam mit Galm die Be- dingungen des EKKI ab. Einige Tage vor dem Bezirksparteitag im Dezember 1928 Rückkehr nach Breslau. Inzwischen war es dem Apparat gelungen, die Mehrheit der Delegierten für sich zu gewinnen. Hausen und 16 Oppositionelle wurden aus der KPD ausgeschlossen. Bereits vorher hatte er in Breslau (mit dem Gehalt, das seine Frau als Kindergärtnerin bekam) die Zeitschrift »Gegen den Strom« herausgegeben, die zum ersten Organ der »Rechten«, der KPO, wurde. 1929 über- nahm Hausen in Stuttgart als Sekretär die Leitung der KPO. Gleichzeitig gehörte er zur Reichsleitung der KPO. Am 7. Februar 1933 verließ Hausen Stutt- gart und ging nach Straßburg. Von dort nach kurzer Zeit wieder nach Deutschland zurückgekehrt, um die Inlandsarbeit der KPO zu übernehmen. Er war Polleiter des illegalen Dreierkopfes der KPO in Berlin (Siewert Org., Wiest Gewerkschaft). Bei einem Grenzübertritt in Bad Elster verhaf- tet und zunächst unter Spionageverdacht festgehalten. Da er im Besitz eines gültigen französischen Passes war und keinerlei be- lastendes Material bei ihm gefunden wurde, verurteilte man ihn nur wegen Devisenver- gehens zu sechs Monaten Gefängnis. Nach seiner Entlassung nach Frankreich abge- schoben. In Straßburg lebte er illegal, da er keine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Er leitete aber von dort aus die KPO-Arbeit und siedelte mit seiner Frau 1936 nach Troyes und 1938 nach Vincennes über. Bei Kriegsausbruch verhaftet und in ver- schiedenen Internierungslagern festgehalten, konnte er mit seiner Frau 1941 nach den USA entkommen. Nach elfjährigem Kampf wurde er dort als Flüchtling an- erkannt, er lebte 1969 als Elektriker in den USA. HECKERT, Fritz (1884-1936) Am 28. März 1884 in Chemnitz geboren. Sein Vater Paul war Schlosser, später beim Konsum beschäftigt, die Mutter verrichtete Heimarbeit. Beide waren aktive Sozial- demokraten. Fritz Heckert lernte Maurer. 1902 Eintritt in die Gewerkschaft und die SPD. 1904 ging er auf Wanderschaft, kam im Januar 1907 nach Berlin, dann nach Bremen. Anhänger des linken Flügels der SPD. Von 1908-1911 Arbeit in der Schweiz, wo er seine Frau Wilma, eine Lettin und Mitglied der SDAPR, kennenlernte; er ge- riet unter den Einfluß der Bolschewiki. Anfang 1912 Rückkehr nach Chemnitz, vom 1. Februar an Vorsitzender der örtlichen Bauarbeitergewerkschaft, dann hauptamtli- cher Sekretär. Heckert stand in enger Ver- bindung zu den Linken der SPD. 1916 einer der Mitgründer der Chemnitzer Sparta- kusgruppe, die mit 400 Mitgliedern zu den stärksten in Deutschland zählte. 1917 trat er mit der Spartakusgruppe der USP bei, obwohl er als Lenin-Anhänger die Schaf- fung einer eigenen linksradikalen Partei vorgezogen hätte. Heckert war neben Brandler der führende Kopf der USPD in Chemnitz, er hielt Ver- bindung zur zentralen USP und lud auch Kautsky zu Versammlungen nach Chemnitz ein. Das Polizeiamt in Chemnitz bezeich- nete Heckert als »Seele der linksradikalen Bewegung in Chemnitz und Umgebung«, er sei »ein gefährlicher Hetzer« und erließ 1918 ein Redeverbot gegen ihn. Kurz vor Ausbruch der Revolution verhaftet. Durch die Revolution befreit, wurde Heckert Vor- sitzender des Arbeiter- und Soldatenrates in Chemnitz. Er war auch einer der weni- gen Spartakisten, die als Delegierte am 15 6 Heckert/Heilborn i. Reichskongreß der Arbeiter- und Sol- datenräte im Dezember 1918 teilnahmen, außerdem wurde er in den Reichsvollzugs- rat gewählt. Heckert war für rasche Trennung von der USP. Er war Delegierter des Gründungs- parteitages der KPD, er schlug den Na- men »Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)« vor, den der Parteitag akzeptierte. Nach Gründung der KPD ging die Chemnitzer USP-Gruppe fast einmütig zur neuen Partei über, die hier ihre einzige Massenbasis hatte. Brandler und der mit ihm befreundete Heckert waren die Leiter der Chemnitzer KPD-Organisation. Auf dem II. Parteitag der KPD kam Hek- kert als Kandidat in die Zentrale der KPD, in dieser Funktion bestätigten ihn auch die folgenden Parteitage des Jahres 1920. Auf dem Vereinigungsparteitag mit der USP im Dezember 1920 wählte man ihn zum Mit- glied der Zentrale und bis zu seinem Tode gehörte er der Zentrale bzw. dem ZK (mit kurzer Unterbrechung 1924) an. Zunächst noch in Sachsen tätig, dann einige Zeit Vertreter der KPD bei der RGI, deren Vollzugsbüro er angehörte. 1922 unter Wal- cher stellvertretender Leiter der Gewerk- schaftsabteilung der Zentrale. Als Mitglied der Brandler-Führung trat Heckert im Oktober 1923 in die Sächsische Regierung ein, er wurde Wirtschaftsmini- ster. Nach der Oktoberniederlage der KPD zusammen mit Brandler und Böttcher we- gen der Haltung in der Regierung scharf angegriffen, schwenkte er Anfang 1924 von den Rechten zur Mittelgruppe über. Als einer der Vertreter der Mittelgruppe 1924 kurz nach dem Frankfurter Parteitag wieder in die Zentrale aufgenommen. Im Mai 1924 auch in den Reichstag gewählt, dem er bis 1933 ununterbrochen ange- hörte. Heckert hatte 1923 und während der Ille- galität der KPD die Abteilung »Verkehr« geleitet, das heißt er war aktiv an den Bür- gerkriegsvorbereitungen beteiligt gewesen. Deswegen wurde er im Oktober 1924 ver- haftet und erst nachdem der Reichstag seine Freilassung beschlossen hatte im Juli 1925 aus der Haft entlassen. Vom XL Parteitag 1927 ins Polbüro gewählt. Bis April 1928 leitete er die Gewerkschafts- abteilung des ZK, dann wurde er zur RGI nach Moskau versetzt. Von Moskau aus distanzierte er sich nach der Wittorf-Affäre von der Absetzung Thälmanns und wurde wieder in die zentrale Leitung der KPD nach Deutschland zurückgerufen. 1928 vom VI. Weltkongreß der Komintern ins EKKI- Präsidium gewählt. Auch vom XII. Partei- tag 1929 wieder ins ZK und Polbüro be- rufen. 1931 kam es in Gelsenkirchen in einer Versammlung, in der Heckert sprach, zu schweren Zusammenstößen mit der SA. Dabei wurde Heckert schwer verletzt. 1932 kehrte er wieder als Vertreter der KPD nach Moskau ins EKKI zurück und blieb auch in den folgenden Jahren dort. Am 6. April 1936 hielt Heckert (der 1935 auf der »Brüsseler« Konferenz wieder ins ZK und Politbüro gekommen war) noch ein Referat aus Anlaß des 50. Geburtstags Thälmanns, am andern Morgen, am 7. April 1936 starb er. Heckert wurde in Moskau an der Kremlmauer beigesetzt; seine Frau Wil- ma starb am 2. April 1967 in Ost-Berlin. HEILBORN, Ismar (geb. 1893) Als Sohn eines Kaufmanns am 30. April 1893 in Königsberg geboren, besuchte eine Realschule in Breslau und lernte anschlie- ßend Gärtner. Von 1915-1918 als Ar- mierungssoldat im Weltkrieg. Nach dem Krieg kaufmännischer Angestellter. 1914 Mitglied der SPD, im April 1919 Übertritt zur KPD, Betriebsrat in Lübeck. Auf dem VIII. Parteitag als Kandidat in den ZA gewählt. 1923 von seiner Firma entlassen, von der KPD als hauptamtlicher Funktionär angestellt. Zunächst Redakteur in Lübeck, wo er Anfang 1925 auch in die Bürgerschaft gewählt wurde. Ende 1925 Re- dakteur in Rostock, im Februar 1926 nach Königsberg an das »Echo des Osten« be- Heilborn/Hein 157 rufen. 1927 Chefredakteur dieses KPD- Organs. Heilborn gehörte zu den »Versöhnlern«, er wurde deswegen 1929 als Chefredakteur abgesetzt, blieb aber Redakteur in Königs- berg. 1930 zu zwei Monaten Festung ver- urteilt. 1932 nach Köln an die Redaktion der »Sozialistischen Republik« versetzt. 1933 verhaftete ihn die Gestapo. Er saß bis 1935 im Gefängnis, dann emigrierte er nach Frankreich, wo er nach der Besetzung ille- gal lebte. 1945 kehrte Heilborn nach Köln zurück, wurde Chefredakteur der KPD-Zeitung »Volksstimme«. 1950 übernahm der ruhige, zurückhaltende und sachliche Heilborn die Chefredaktion des KPD-»Pressedienstes«, eine Funktion, die er bis 1954 innehatte. Heilborn lebte 1969 als Rentner in Bergisch Gladbach. HEILMANN, Friedrich (1892-1963) Am 1. März 1892 in Berlin geboren, lernte Vergolder, später als Expedient tätig. Er schloß sich 1908 der Sozialistischen Jugend in Berlin an und trat 1910 der SPD bei. Während des Krieges Soldat, nach der Re- volution einer der Organisatoren der kom- munistischen »Freien Sozialistischen Ju- gend«, 1919/20 deren Generalsekretär. 1922 Sekretär in der KPD-Zentrale, 1923 Chef- redakteur der »Arbeiterzeitung« Mannheim. Auf dem VIII. Parteitag 1923 für Baden als Kandidat in den ZA gewählt. 1924 Chefredakteur des »Roten Echo« in Gotha, das er bis 1929 leitete. 1927 Mit- glied der Thüringer KPD-Bezirksleitung und 1929 Abgeordneter im Thüringer Landtag. Bei den Auseinandersetzungen mit den Rechten in Thüringen war er zu- nächst »Versöhnler«, dann trat er aktiv gegen die Opposition auf. 1931 nach Düs- seldorf und später nach Solingen versetzt. 1932 erneut in den Thüringer Landtag ge- wählt. 1933 kam Heilmann als illegaler Polleiter nach Nordbayern. Er emigrierte 1934 nach Moskau, wo er als Referent im EKKI ar- beitete. Während des Zweiten Weltkriegs Redakteur am Sender des Nationalkomitees »Freies Deutschland.« 1945 Rückkehr nach Deutschland. Mit- gründer der KPD in Thüringen sowie Lan- desleiter der Partei. Dann Chefredakteur der KPD- und später der SED-Zeitung in Weimar bzw. in Erfurt. 1946-1952 Ab- geordneter im Thüringer Landtag und des- sen Vizepräsident. 1952 Vorsitzender der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freund- schaft im Bezirk Thüringen. Von 1954 bis 1957 Chefredakteur der »Freien Welt«, des Organs der Gesellschaft für deutsch-sowje- tische Freundschaft. 1958/59 stellvertretender Chefredakteur des »Sonntag«. In der Sowjetunion und in der DDR hatte er eine Reihe von Auszeichnungen erhal- ten, darunter den »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Silber und den »Karl- Marx-Orden«. Heilmann lebte zuletzt als Parteiveteran in Ost-Berlin, er starb am 30. Juni 1963. HEIN, Wilhelm (1889-1958) Am 10. Januar 1889 in Goldbeck (Pom- mern) als Sohn des Büdners August Hein geboren, siedelte in der Jugend nach Berlin über. Lernte Maschinenformer und arbeitete in diesem Beruf. 1913 Eintritt in die Ge- werkschaft. Im Krieg einige Zeit Soldat. Hein organisierte sich politisch erst 1918 in der USP, mit deren linkem Flügel kam er im Dezember 1920 zur KPD. 1924 ehren- amtlicher Funktionär im Deutschen Metall- arbeiterverband. Ab Oktober 1925 Stadt- verordneter in Berlin. Der Berliner Bezirksparteitag delegierte ihn 1927 in die Bezirksleitung, im gleichen Jahr wurde Hein auf dem Essener Parteitag als Mitglied ins ZK gewählt. 1928 Abgeord- neter des Reichstags, dem er bis 1933 an- gehörte. Der Weddinger Parteitag 1929 wählte ihn erneut zum ZK-Mitglied, er wurde auch als Kandidat ins Polbüro be- rufen. Die rasche Karriere des vierschröti- 15 8 Hein/Hennig gen Mannes, eines Freundes Thälmanns, hielt bis 1933 an. 1930 aus dem DMV aus- geschlossen, wurde Hein in der RGO an führender Stelle eingesetzt, er war stellver- tretender Branchenleiter des revolutionä- ren Formerverbandes. Er blieb bis 1933 im Polbüro. Nach dem Reichstagsbrand verhaftet, je- doch schon nach wenigen Wochen wieder freigelassen. Hein eröffnete dann eine Gast- wirtschaft in Berlin-Wedding. Nach Gerüch- ten tat er das im Auftrag und mit Unter- stützung der Gestapo. Die KPD schloß ihn aus und warnte vor ihm. Nach 1945 betrieb er seine Gastwirtschaft weiter. Politisch betätigte er sich nicht mehr. Hein starb am 17. Februar 1958 in West- Berlin. HEINKS, Heinke (1895-1968) Am 26. Januar 1895 in Geetrich (Emden) geboren, lernte Zimmerer. Kurze Zeit in seinem Beruf tätig, dann als Soldat einge- zogen. 1919 trat er in Bremen der KPD bei, übte verschiedene Funktionen für die Partei aus, zog sich jedoch bald aus der Parteiarbeit zurück. Die linke Opposition warf ihm später vor, er habe bis 1925 dem »Stahlhelm« angehört und sei erst 1927 der Gewerkschaft beigetreten. 1926 als hauptamtlicher Sekretär der KPD in Bremerhaven angestellt. Im gleichen Jahr Lokalredakteur der Bremer »Arbeiter-Zei- tung«, an der Heinks in den folgenden Jah- ren die verschiedensten Posten ausfüllte und die er schließlich 1929 als Chefredakteur leitete. 1930 in der Bezirksleitung Nord- west Sekretär für Landfragen, schon zuvor Mitglied der Bezirksleitung. Heinks, der an den KPD-Parteitagen 1927 und 1929 teilgenommen hatte, war außerdem seit 1927 Mitglied der Bremer Bürgerschaft. Nach 1933 einige Zeit in- haftiert. Nach 1945 kam er über die KPD zur SED. Er übte verschiedene untergeordnete Funk- tionen aus. Er lebte als Parteiveteran in Neuenhagen bei Berlin, wo er am 29. Ja- nuar 1968 starb. HENNIG, Ernst Robert (1892-1931) Am 12. Oktober 1892 in Magdeburg ge- boren, lernte Former und arbeitete in ver- schiedenen Gießereien. Noch vor dem Welt- krieg Mitglied der SPD. Während des Krie- ges als Soldat an der Front. 1918 der USP beigetreten. In Hamburg, wo sich Hennig nach dem Krieg niederließ, wurde er in den Arbei- ter- und Soldatenrat gewählt. 1920 ging er mit der linken USP zur KPD. Wegen sei- ner aktiven Teilnahme am Oktoberauf- stand 1923 in Hamburg verurteilte ihn das Landgericht zu vier Jahren Festung. 1927 aus der Haft entlassen, zog er im glei- chen Jahr in die Hamburger Bürgerschaft ein. Er betätigte sich aktiv im RFB und ge- hörte der KPD-Bezirksleitung Wasserkante an. Hennig wurde am 14. März 1931 ermor- det. Zusammen mit dem Kommunisten Cahn- bley fuhr er im Bus von Vierlanden, wo beide eine KPD-Versammlung geleitet hat- ten, nach Hamburg. Ein Trupp-SA-Leute besetzte den Bus. Zu Hennig sagten sie: »Du bist der Kommunist André, du wirst jetzt totgeschossen.« Als Hennig erklärte, er sei nicht André, sondern Hennig, er- widerte ein SA-Mann: »Jawohl, du bist Hennig, du wirst auch erschossen, dich su- chen wir schon lange!« Die SA-Leute gaben 12-15 Schüsse ab, Hennig war sofort tot. Cahnbley und eine im Bus mitfahrende Be- rufsschullehrerin wurden verletzt. Offiziell distanzierte sich die SA zunächst von der Mordtat, die große Empörung hervorrief. Es stellte sich aber dann heraus, daß der SA-Sturm 14 den Mord verübt hatte. Hit- ler wies den Mördern Frank als Verteidiger zu. An Hennigs Stelle entsandte die KPD des- sen Frau in die Hamburger Bürgerschaft. Hermann/Herzfeld 159 HERMANN, Otto (1898-?) Am 28. August 1898 in Rothenburg (Sachsen) geboren; siedelte in der Jugend nach Leipzig über. Zunächst Hilfsarbeiter, dann Straßenbahner in Leipzig. 1921 Mit- glied der KPD, für die er verschiedene ehrenamtliche Funktionen ausübte. Seit 1926 Stadtverordneter in Leipzig, gehörte er zu den führenden Ultralinken bzw. zur Leipziger Gruppe der »Weddinger Opposi- tion«. 1928 ging er auf die Linie des ZK über, 1929 wurde er als Abgeordneter in den sächsischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. 1933 flüchtete er aus Leipzig und war ille- gal für die KPD tätig. Am 11. Juli 1934 wurde er verhaftet und ins KZ gebracht. Weitere Daten seines Lebenslaufs waren nicht zu ermitteln. HERZFELD, Joseph, Dr. jur. (1853 bis 1939) Am 18. Dezember 1853 in Neuß geboren, Sohn eines Fabrikanten. Sein Vater war Demokrat und Republikaner, in dessen Haus auch Karl Marx als Gast verkehrte. Die Erziehung der vier Söhne erfolgte im Geist des Aufklärertums (Joseph H. war der Älteste, der Jüngste, Franz H. wurde als Dichter unter dem Pseudonym »Franz Held« bekannt). Joseph Herzfeld besuchte von 1862-1871 das Gymnasium in Düsseldorf. Nach dem Abitur in der Fabrik des Vaters beschäf- tigt, 1872 Volontär in einem Düsseldorfer Bankinstitut. 1874 ging er nach New York, arbeitete in der Versicherungsbank eines nahen Verwandten. Studierte an einer Abendschule, von 1878-1880 am Colum- bia College Jurastudium. 1881-1885 At- torney and Counselor of Law, L. B. B. Er unternahm ausgedehnte Reisen in den USA, Kanada und Kuba. 1885 Rückkehr nach Deutschland, bis 1887 Beendigung des Jurastudiums und Promo- tion. 1892 ließ er sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder. Er wurde Atheist und trat 1898 aus der jüdischen Gemeinde aus. Herzfeld wurde noch unter dem Soziali- stengesetz 1887 Mitglied der SPD. Er zog 1898 für die SPD (Mecklenburg) in den Reichstag ein, dem er bis 1906 und dann wieder 1912-1918 angehörte. Herzfeld zählte zum linken Flügel der Partei, er war ein Gegner der Kriegskreditbewilli- gung. Anfangs stimmte er zwar aus Par- teidisziplin den Krediten noch zu, 1915 aber lehnte er sie ab. Herzfeld, der schon Delegierter auf den SPD-Parteitagen 1903 (Dresden) und 1906 (Mannheim) gewesen war, wurde 1917 einer der Mitgründer der USPD. Nadi der Revolution 1918 berief man ihn als USP-Beigeordneten ins Reichsministerium des Innern, Ende 1918 trat er von diesem Posten zurück. Auch in der USPD gehörte Herzfeld zum linken Flügel, auf dem USP-Parteitag im März 1919 wandte er sich gegen Kautsky. Auf diesem Parteitag wurde er ebenso wie auf dem USP-Parteitag im Dezember 1919 in den Beirat der Partei berufen. Auf dem Parteitag in Halle war er einer der Befür- worter des Anschlusses an die Komintern und kam 1920 mit der linken USPD zur KPD. Zusammen mit Clara Zetkin und Eichhorn war er der einzige alte SPD-Füh- rer, der auch nach der KAG-Krise in der KPD blieb. 1920 war Herzfeld für die USP in den Reichstag eingezogen und gehörte dem Auswärtigen Ausschuß an, im Mai 1924 wurde er für die KPD wieder in den Reichstag gewählt. Im Dezember 1924 konnte er kein Mandat mehr erringen. Er blieb bis 1933 aktiv für die KPD tätig, vor allem in der »Roten Hilfe«. In vielen Pro- zessen übernahm er die Verteidigung der angeklagten Kommunisten. 1927 nahm er als Ehrengast an den Feiern zum 10. Jah- restag der Oktoberrevolution in Moskau teil. Auf Vorschlag der KPD-Reichstags- fraktion wurde er 1928 vom Reichstag als »Beisitzer im Staatsgerichtshof« gewählt. Herzfeld, von seinem Neffen Wieland Herzfeld beschrieben als »ein uneitler, spar- 160 Herzfeld/Hesse tanischer, um nicht zu sagen puritanischer Mensch, der weder wohlhabend noch ir- gendwie bedeutend aussah . . . Wichtigtun und Theatralik waren ihm fremd«, hatte sich in den innerparteilichen Auseinander- setzungen zurückgehalten, er sympathisierte jedoch 1924 mit der Mittelgruppe und spä- ter mit den »Versöhnlern«. Trotz seines hohen Alters mußte Herzfeld 1933 aus Deutschland flüchten. Er emi- grierte im September 1933 zunächst in die Schweiz. In Zürich verteidigte der über 80jährige noch Emigranten vor Gericht. 1934 übersiedelte er nach Südtirol. Herz- feld starb am 27. Juli 1939 in Ritten (Col- lalbo) bei Bozen (Bolzano). HESSE, Max (1895-1964) Geboren am 21. Februar 1895 in Berlin. Sein Vater Wilhelm war Metallarbeiter und Mitgründer des Berliner DMV. 1908 aus Preußen ausgewiesen, deswegen wurde sei- nem Sohn Max (einer der 20 besten Volks- schüler) 1909 ein Freistipendium zur Er- langung der Reifeprüfung verweigert. Max Hesse lernte Mechaniker und trat 1910 der Arbeiterjugend und 1912 der Ge- werkschaft bei. Nach der Lehre ging er auf Wanderschaft nach Skandinavien, später Monteur bei Siemens. 1914 eingezogen, kam an die Westfront und wurde dreimal verwundet. 1916 nach Berlin zurückgekehrt, Mitglied der Berliner Revolutionären Ob- leute. Im Herbst 1917 aktiv am »Brotkar- ten«-Streik beteiligt, wurde deswegen wie- der eingezogen und kam (als Vizefeld- webel) an die Front nach Mazedonien. Im Oktober 1917 desertiert, im Dezember ver- haftet, degradiert und zu sechs Jahren Ge- fängnis verurteilt. Im Februar 1918 Front- bewährung. Nach Kriegsende kam Hesse als Mitglied des Soldatenrates nach Spandau, wurde Mitglied des Spartakusbundes und der KPD. Von März bis September 1919 im Gefängnis. Nach der Vereinigung der KPD mit der linken USPD wurde er Vorsitzen- der der KPD in Charlottenburg; von 1920 bis 1923 Betriebsratsvorsitzender der Fa. Lorenz. Mitglied der Bezirksleitung Berlin und Anhänger des linken Parteiflügels. Dele- gierter auf dem VIII. KPD-Parteitag 1923. Zu den Verhandlungen, die 1923 über die Vorbereitung der deutschen Revolution, in Moskau stattfanden, hinzugezogen. Im Auftrag des linken Berliner Bezirks fuhr er nach Sachsen, um die Arbeit der dor- tigen KP zu begutachten. 1924 als Vetreter der KPD ins Orgbüro des EKKI entsandt (im Polbüro saß Iwan Katz). In dieser Funktion blieb Hesse bis 1926. In Deutschland war das gegen ihn laufende Gerichtsverfahren inzwischen un- ter Amnestie gefallen, daher kehrte er 1926 nach Berlin zurück. Wie schon in Moskau war Hesse auch in Berlin Anhänger der Linken. Er trat für die Opposition auf und unterschrieb den »Brief der 700«. Im November 1927 wur- den ihm auf ein Jahr alle Funktionen ent- zogen, im Dezember 1927 aus der KPD ausgeschlossen. Hesse war einer der Mit- gründer des »Leninbundes«. Im Frühjahr 1929 trat er zur SPD über. Bis 1933 Vorsitzender der SPD Charlotten- burg. Er arbeitete im größten Berliner Taxiunternehmen und wurde dort Betriebs- ratsvorsitzender. Am 15. März 1933 verhaftete ihn die Ge- stapo und brachte ihn ins KZ Oranienburg. Im Juli 1933 glückte ihm die Flucht. Hesse ging nach Amsterdam, wo er Mitarbeiter der Internationalen Transportarbeiter-Fö- deration unter Edu Fimmen wurde. Nach der Besetzung Hollands lebte er illegal und arbeitete in einer Widerstandsgruppe. Im Oktober 1941 verhaftete ihn die deutsche Gestapo. Mit falschen Papieren, als Hol- länder getarnt, kam er ins KZ Verght. Auch von dort gelang ihm im September 1944 die Flucht. Bis Kriegsende lebte er wieder in Amsterdam. Hesse kehrte 1947 nach Deutschland zu- rück. Von 1947-1960 Sekretär der ÖTV in Hesse/Heucke 161 Emden und Mitglied der SPD. Dann lebte er als Pensionär mit seiner Frau in Ham- burg, wo er am 7. Juni 1964 starb. HEUCK, Christian (1892-1934) Geboren am 18. März 1892 in Heuwisch (Holstein), arbeitete nach der Schulentlas- sung zwei Jahre in der Landwirtschaft, 1909-1911 Versandleiter eines Gemüsege- schäfts. 1912 aktiver Soldat. Während des Krieges an der Front, dreimal verwundet und mit dem EK 1. Klasse ausgezeichnet. Kehrte als Vizefeldwebel aus dem Krieg zurück. Von 1918-1920 Pferdehändler, dann Inhaber eines Gemüseversandge- schäfts. Seit 1923 hauptamtlicher Funktio- när der KPD. Während der Revolution als Soldatenrat in Wesselburen (Holstein), gründete dort eine SPD-Ortsgruppe. Ende 1919 Austritt aus der SPD, V2 Jahr parteilos, 1920 Mitglied der KPD. Bis 1923 Vorsitzender der KPD in Wesselburen. Ab 1922 Mitglied des Pro- vinziallandtages von Schleswig-Holstein. 1922 aus nichtpolitischen Gründen vier Mo- nate im Gefängnis. 1923 Übersiedlung nach Berlin, dann als Sekretär für Landfragen (Pseud.: »Kurt Anders«) nach Mecklenburg. Im Herbst 1923 Militär-Leiter der KPD Mecklenburg, führte er die Bewaffnung der KPD in Norddeutschland durch. Im März 1924 als M-Leiter nach Schlesien versetzt, am 21. Mai 1924 in Breslau verhaftet. Aus dem Gefängnis wehrte er sich gegen Vorwürfe, er habe Unterschlagungen be- gangen, diktatorisch gehandelt, Mitarbeiter geschlagen usw. Am 20. März 1926 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, kam er durch die Amnestie im August 1928 wie- der frei. Heuck, ein Freund Thälmanns, übernahm kurze Zeit die Orgleitung des KPD-Bezirks Wasserkante und andere hauptamtliche Aufgaben. 1929 erneut ver- haftet und nach sechsmonatiger Untersu- chungshaft zu einem Jahr neun Monaten Gefängnis verurteilt. 1930 als Reichstags- abgeordneter gewählt, bis 1933 MdR. Lei- tende Funktionen in Hamburg und Schles- wig-Holstein. Als einer der RFB-Führer in Schleswig- Holstein der SA besonders verhaßt, wurde Heuck, ein Hüne von Gestalt, nach dem Reichstagsbrand verhaftet und am 18. März 1934, seinem 42. Geburtstag, im Gefängnis ermordet. HEUCKE, Alwin (1890-1962) Am 19. Oktober 1890 in Rockendorf (Sachsen) geboren, wuchs in Leipzig auf, wo er 1910 der SPD beitrat; gelernter Schneider. Vor dem Weltkrieg lebte er in Offenbach/Main als Bauarbeiter. Am Krieg nahm Heucke als Matrose teil, er gehörte 1918 zu der Führung der Kieler revolutionären Matrosen. Bei Gründung der KPD trat er 1919 dieser Partei bei und übte verschiedene Parteifunktionen aus. 1922/23 war er Bezirkssekretär der KPD Groß-Leipzig. 1924 wegen seiner Beteiligung an den Ok- toberereignissen 1923 verhaftet, am 26. Fe- bruar 1925 in Leipzig zu einem Jahr neun Monaten Gefängnis verurteilt. Ende Au- gust 1925 amnestiert, aus dem Zentralge- fängnis Potsdam entlassen. Im September 1925 schickte ihn das ZK als Polleiter nach Hessen. In Frankfurt blieb Heucke bis 1928 Pol- leiter. Als Anhänger der »Rechten« am 26. Oktober 1928 seiner Funktion ent- hoben. Mitgründer der KPO und deren Sekretär für Hessen in Offenbach. Nach der Spaltung der KPO blieb er in dieser Organisation. Seinen Sekretärposten verlor er, da im Hauptzentrum Offenbach die Mehrheit mit Galm zur SAP ging. 1933 flüchtete Heucke nach Frankreich und von da aus kurze Zeit später nach Para- guay, wo er bis 1958 als Siedler lebte. Nach Deutschland zurückgekehrt, schloß er sich der Gruppe »Arbeiterpolitik« an. Heucke starb am 15. März 1962 in Fulda. 162 Heydemann/Heym HEYDEMANN, Max (1884-1956) Am 3. Februar 1884 in Güstrow geboren, besuchte das Gymnasium in Güstrow, Ro- stock und Waren. Nadi dem Abitur stu- dierte er Volkswirtschaft und Geschichte in Freiburg, München und Jena. Im Januar 1907 Mitglied der SPD, von 1910 an jour- nalistisch für die SPD tätig. Einige Jahre als Korrespondent im Ausland (Paris, Wien). Nach Kriegsausbruch kam er nach Deutsch- land zurück und war von 1915-1918 Soldat. Im November 1918 Mitglied des Soldaten- rats und anschließend im Vollzugsrat des I. Artillerie-Regiments in Königsberg. Heydemann trat zur USP über. Delegierter des USP-Parteitags im März 1919 und von 1919 an auch Stadtverordneter in Königs- berg, sowie Provinziallandtagsabgeordneter in Ostpreußen. Heydemann war einer der Wortführer der USP in Ostpreußen. Er kam, obwohl reli- giös, 1920 mit dem linken Flügel der USP zur KPD (in einer Versammlung 1919 hatte er Luxemburg, Liebknecht und Eisner mit Christus verglichen, sie alle seien verkannte Märtyrer gewesen). Auf dem Vereini- gungsparteitag im Dezember 1920 in den ZA der VKPD gewählt. 1921 zog er bei der Nachwahl für die KPD in den Reichstag ein. Während der KAG- Krise unterschrieb er im Dezember 1921 den Protest gegen die Zentrale, blieb aber in der KPD. Auch im Mai 1924 wieder in den Reichstag gewählt, im Dezember 1924 in den preußischen Landtag. Ende 1924 verhaftet, jedoch im Januar 1925 wieder freigelassen. Im April 1925 schied Heydemann aus der KPD aus, da die Partei an alle Abgeord- neten die Forderung richtete, aus der Kirche auszutreten. Er ging zur SPD und vertrat diese Partei bis 1928 im Landtag und wurde auch 1932 wieder SPD-Abgeord- neter im preußischen Landtag. Nach 1933 in verschiedenen KZ mehrmals in Haft. Im Frühjahr 1945 aus dem Gestapo-Ge- fängnis in Karlsbad befreit, ging er nach Bayern und schloß sich wieder der SPD an. Heydemann starb am 27. Oktober 1956 in Altötting. HEYM, Guido (1882-1945) Geboren am 1. Mai 1882 in Suhl, ent- stammte einer alten Suhler Sozialistenfami- lie, lernte Werkzeugschlosser, arbeitete einige Jahre in seinem Beruf. 1901 Eintritt in die SPD. Seit 1910 Mitarbeiter sozialdemo- kratischer Zeitungen, 1913 Lokalredakteur der Erfurter »Tribüne« in Suhl. 1917 trat Heym zur USP über und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Er war Delegierter auf dem Spaltungsparteitag der USP und dem Vereinigungsparteitag mit der KPD und seit 1920 Chefredakteur des Suhler KPD-Organs »Volkswille«. Mit- glied des Kreistages Schleusingen. In Suhl war er als Parteivorsitzender und Stadtver- ordnetenvorsteher der »ungekrönte Kö- nig«, da die KPD dort die stärkste Partei war. Heym zählte zum linken Flügel der KPD. Im Mai 1924 Abgeordneter des Reichstags, im Dezember 1924 Abgeordneter des preu- ßischen Landtags. 1926 stand er mit der Mehrheit des Unterbezirks Suhl und der fast geschlossen hinter ihm stehenden Orts- gruppe auf Seiten der linken Opposition. Seine Gruppe war 1927 nur noch formal in der KPD, in der Praxis unterstützte sie allenthalben die Oppositon Ruth Fischer- Scholem-Urbahns. Das ZK schloß Heym zunächst nicht aus, da die Mehrheit der KP Suhl noch immer zu ihm hielt. Als er jedoch ankündigte, seine Zeitung »Volkswille« werde ab 1. Ja- nuar 1928 im gesamtdeutschen Maßstab als Organ der linken Opposition erscheinen, erfolgte am 24. Dezember 1927 sein offi- zieller Ausschluß aus der KPD. Die Mehr- heit der Ortsgruppe ging mit ihm in den »Leninbund«, der »Volkswille« wurde das Reichsorgan des »Leninbundes«. Kurz vor der Wahl im Mai 1928 trat Heym/Heymann 163 Heym mit der Mehrheit seiner Anhänger zur SPD über. Bis 1933 blieb er für die SPD Redakteur und Abgeordneter im Kreistag, Fraktionsführer und Vorsitzender der SPD in Suhl. Nadi 1933 mehrmals verhaftet. Noch am 5. April 1945 wurde Heym und eine Reihe weiterer Arbeiterführer in Suhl von der SS erschossen. HEYMANN, Stefan (1896-1967) Am 14. März 1896 in Mannheim geboren, entstammte einer gutsituierten jüdischen Angestelltenfamilie. Nadi dem Besuch des Gymnasiums Bankangestellter. Sehr natio- nalistisch eingestellt, meldete er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger, kam an die West- front und wurde verwundet. 1917 meldete er sich zu den Fliegern, gegen Kriegsende nochmals verwundet. Die Kriegserlebnisse änderten Heymanns Anschauungen, er wurde - nach dem Krieg in einem Lazarett im Spessart liegend - Anarchist. Anfang 1919 versuchte er - nach Mannheim zurückgekehrt - eine »Partei der Jugend« zu gründen und stand in enger Ver- bindung zu den Anarchisten Toller und Mühsam. Als Mühsam im Februar 1919 (nach der Ermordung Eisners) in Mannheim die we- nige Tage existierende »Räterepublik Kurpfalz« ausrief, gehörte Heymann zu den führenden jungen Köpfen dieser Ak- tion. Im Juni 1919 trat er der KPD bei. Bis zum Herbst 1923 arbeitete er als An- gestellter bei der Süddeutschen Diskont- gesellschaft. Bei den Aufstandsvorbereitungen im Ok- tober 1923 wurde Heymann mit seinen militärischen Erfahrungen in den M-Appa- rat aufgenommen und Kampfleiter für Un- terbaden (Pseud.: »Dietrich«). Im Januar 1924 verhaftet und am 27. September 1924 (im Prozeß gegen Schneck, Becker, Oelßner u. a.) zu 3V2 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Sommer 1926 amnestiert, trat er als hauptamtlicher Funktionär in den KPD- Apparat ein. Zunächst Leiter des RFB, dann Redakteur an der Mannheimer »Ar- beiterzeitung«, die er 1929 als Chefredak- teur leitete. Heymann gehörte zum stalini- stischen Flügel der Partei in Baden. 1928 zog er für den in den Reichstag gewählten Abgeordneten Schreck auch in den badi- schen Landtag ein, wurde 1929 nicht wie- dergewählt. Als verantwortlicher Redak- teur vom Reichsgericht 1930 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. 1931 als Redakteur an die »Rote Fahne« nach Berlin berufen, wurde er 1932 Chefredakteur der »Arbei- ter-Zeitung« in Breslau. Ende 1932 nach Berlin zurückgekehrt war er bis 1933 Re- dakteur der »Roten Fahne«. 1933 verhaftet. Zunächst KZ Dachau, spä- ter in Buchenwald und ab 1942 in Ausch- witz. Im IG-Farben-Lager Monnowitz Schreiber im Krankenblock, in der illegalen KPD-Gruppe leitete Heymann die »rechte« Fraktion. Im April 1945 befreit, gründete er zusam- men mit seiner Frau, Liesel Martin (die 1961 starb), das Antifa-Komitee in Thü- ringen, schloß sich der KPD und SED an. Mehrmals gemaßregelt und auf den Kultur- sektor abgeschoben. Heymann leitete die Kulturabteilung bei der SED-Landesleitung Thüringen, dann bis Sommer 1950 die Kulturabteilung des ZK in Berlin. 1950 kam er in den diplo- matischen Dienst und war bis 1953 Bot- schafter in Ungarn, dann bis 1957 Bot- schafter in Polen. Anschließend leitete er die Hauptabteilung Presse des Außenmini- steriums in Ost-Berlin. 1960 Professor an der Akademie für Staats- und Rechtswis- senschaft in Potsdam, 1965 emeritiert, 1966 von dieser Akademie die Ehrendoktorwür- de verliehen. Heymann erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den »Vaterländischen Verdienst- orden« in Silber. Im Juli 1960 attackierte ihn die SED, weil er die chinesische These, die Amerikaner seien »Papiertiger« ver- breitet hatte. Heymann starb am 3. Februar 1967 in Ost-Berlin. 16 4    Hildebrandt/Hirsch HILDEBRANDT, Wilhelm (1887-1942) Am 5. Oktober 1887 in Westen (Hann.) als Sohn eines Landarbeiters geboren. Lernte vier Jahre Schlosser und Maschinen- bauer, siedelte nach Hamburg über und war im Weltkrieg Soldat. 1918 Mitglied der USP. 1920 mit der linken USP Übertritt zur KPD. In der KPD gehörte Hilde- brandt dem linken Flügel an. 1925 zum Mitglied der BL Wasserkante berufen, im gleichen Jahr als Nachfolger Gostomskis in die Hamburger Bürgerschaft nachgerückt, 1927 und 1928 als Abgeord- neter in die Bürgerschaft gewählt. Hildebrandt hatte sich in der Wittorf-Af- färe gegen Thälmann gestellt. Er wurde im Mai 1929 aus der KPD ausgeschlossen. Er legte sein Mandat in der Bürgerschaft nicht nieder, sondern blieb bis zur Neuwahl 1931 unabhängiger Abgeordneter. Später trat er politisch nicht mehr hervor, er war wieder als Schlosser beschäftigt. Hildebrandt starb am 14. Oktober 1942 in Hamburg. HIRSCH, Werner Daniel (1899-1937?) Am 7. Dezember 1899 in Deutsch-Wil- mersdorf geboren. Sein Vater war ein jü- discher Bankier, seine Mutter entstammte der Familie von Bismarck. Bereits im Gym- nasium agitierte Hirsch gegen den Krieg und für die USPD. Im Januar 1918 erst- mals kurzfristig verhaftet. Während der Revolution arbeitete er für den Apparat von Jogiches. Vor Kriegs- ende zur Marine eingezogen, an der Revo- lution in Kiel beteiligt. Als Vertreter Cux- havens nahm Hirsch am Gründungspartei- tag der KPD teil. Er war einer der Orga- nisatoren der Volksmarine-Division. Nach dem Gründungsparteitag von der Zentrale nach Hamburg entsandt. Kam nach Berlin zurück, wo er kurz vor der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg verhaftet wurde. Nach Levis Ausschluß aus der KPD 1921 entfernte sich Hirsch von der Partei. Er ging als Korrespondent der »Vossischen Zeitung« nach Wien. Dort kam er wieder mit der KP in Berührung. Von September 1924 bis Juni 1925 leitete Hirsch als Chef- redakteur die Wiener »Rote Fahne«. 1926 siedelte er wieder nach Deutschland über. Im August des gleichen Jahres anstelle Globigs politischer Redakteur der SAZ in Leipzig, Anfang 1927 zum »Kämpfer« nach Chemnitz, zeitweise dessen Chefredakteur. 1927 mußte er für kurze Zeit ins Gefängnis, anschließend in Berlin Redakteur an der »Roten Fahne«. Ende 1930 Chefredakteur der »Roten Fahne«. 1932 arbeitete er als einer der Se- kretäre Thälmanns und hatte damit einen großen Einfluß auf die Parteipolitik. Hirsch wurde zusammen mit Thälmann im März 1933 verhaftet. Im Reichstagsbrand- prozeß sagte er als Zeuge aus und mußte sich dabei selbst belasten. Er gab zu, ein guter Freund Thälmanns gewesen zu sein. Der »Völkische Beobachter« nannte ihn den »Typ jener Juden, die vom Redaktionstisch der Roten Fahne aus die Arbeiterschaft ... aufhetzten ...«. Als er 1934 aus dem KZ entlassen wurde, begrüßte ihn die KP- Presse. Er schrieb eine Broschüre über die KZ, die Ende 1934 von der KPD verbrei- tet wurde. 1937 nach Moskau berufen, dort verhaftet und vermutlich erschossen. Wie allen Ange- klagten wurde ihm vorgeworfen, Agent der Gestapo zu sein. Da Kippenbergs Apparat schon vor 1933 den Verdacht hegte, Hirsch könne der »X« sein, der der preußischen Poli- zei KPD-Material liefere, war seine Haft- entlassung aus dem KZ für die NKWD dop- pelt verdächtig. Dabei soll in Wirklichkeit seine Mutter durch ihre engen Beziehungen zu Emmy Sonnemann, der Frau Görings, ih- ren Sohn freibekommen haben, der auf An- weisung Görings auch als »Vollarier« aner- kannt wurde. Immerhin hatte es noch in ei- nem 1934 in Moskau erschienenen Buch »Aus Hitlers Konzentrationslagern« gehei- ßen: »Dort im Gefängnis (Plötzensee) be- gegnete ich dem Genossen Werner Hirsch. Hirsch/Höllein 165 Sein Gesicht war von den Schlägen grün und blau geschwollen.« HOEFER, Hermann Martin (1868-1945) Geboren am 21. August 1868 in Ham- burg. Sein Vater war ein katholischer Schuhmacher, vom Rheinland nach Ham- burg ausgewandert. Er trennte sich von der Kirche; in seiner Schusterstube hingen die Bilder von Marx und Engels. In dieser Atmosphäre wuchs Hermann Martin Hoe- fer auf, er besuchte zwei Jahre die katho- lische und dann die Volksschule in Ham- burg, von 1884-1887 die Präparanden- schule und von 1887-1890 das Lehrersemi- nar. Seit 1890 Volksschullehrer in Ham- burg. Hoefer trat 1892 der SPD bei, als aktiver Sozialist mehrfach gemaßregelt, war er ak- tiv in der Armen- und Wohlfahrtspflege in Hamburg tätig. Fest in der SPD verwur- zelt, löste er sich nur schwer von ihr, doch ging er wegen ihrer Kriegspolitik 1917 von der SPD zur USPD und 1920 zur KPD. Er übernahm verschiedene Funktionen und war von 1928-1930 Mitglied der Hambur- ger Bürgerschaft und der KPD-Bezirkslei- tung. 1933-1935 war Hoefer mehrmals im KZ. 1933 nahm man ihm die Lehrerpension, seine Tochter wurde fristlos aus dem Schul- dienst, sein Sohn aus dem Jugendamt ent- lassen. Durch Zimmervermietung und einen kleinen Kaffeehandel schlug sich die Fami- lie mühsam durchs Leben. 1944 im Kran- kenhaus, wo er mit Magengeschwüren lag, verhaftet. In einem Prozeß gegen Hoefer und seine Tochter Grete wurden beide zu längeren Haftstrafen verurteilt. Hoefer wurde am 23. April 1945 schwerkrank aus dem Zuchthaus Coswig und seine Tochter aus dem KZ Gribow befreit. Er war so geschwächt, daß er nicht gehen konnte. In einem Rollstuhl brachte ihn seine Tochter nach Hamburg, von mehreren Aufenthal- ten in verschiedenen Krankenhäusern un- terbrochen. Am 23. November 1945 er- reichten sie Hamburg. Am 13. Dezember 1945 starb Hoefer in einem Hamburger Krankenhaus an den Folgen der Haft. HOLLEIN, Emil (1880-1929) Am 8. Februar 1880 in Eisfeld (Thürin- gen) als Sohn eines Textilarbeiters geboren. 1885 wanderten die Eltern nach Löwen in Belgien aus. Er besuchte 1885-1895 die Mittelschule und das Athenäum in Löwen und bildete sich später selbst weiter. 1895 starben die Eltern; mit vier Geschwistern wurde Hollein nach Deutschland abgescho- ben. Von 1895-1898 Lehre als Schlosser. Bis 1904 arbeitete er als Werkzeugmacher, da- zwischen leistete er seinen Militärdienst von 1900-1902 ab. Von 1904-1915 war Hollein als Privat- sprachlehrer in Jena tätig. 1905 Mitglied der SPD, 1907 Vorsitzender der SPD in Jena, 1912/13 SPD-Gemeinderat. Als Sol- dat eingezogen, von 1915-1918 an der Front. 1917 Übertritt zur USPD, Mitgründer des USP- (später KPD-)Organs »Neue Zei- tung« und deren politischer Redakteur. Abgeordneter des Landtags von Sachsen- Weimar und 1920 des Reichstags. Bei der Spaltung der USPD schwankte Hollein lange, bis er sich doch mit dem linken Flü- gel der KPD anschloß. Im Oktober 1921 siedelte Hollein, ein populärer Redner, als Redakteur an die »Inprekorr« nach Berlin über. Im März 1923 von der KPD nach Paris geschickt, dort verhaftet und bis Juli fest- gehalten, dann aus Frankreich ausgewiesen. 1924 kam er wieder nach Thüringen zu- rück. Bis 1923 Anhänger Brandlers, dann schloß er sich der Mittelgruppe an und ging - wohl nicht zuletzt unter dem Einfluß sei- ner Lebensgefährtin Gertrud Morgner, die in der KPD auf dem linken Flügel stand (sie emigrierte 1933 in die Sowjetunion und lebte 1968 in der DDR) - zu den Linken. Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Seit i66 Höllein/Hoernle Mitte 1924 in Haft und erst durch den Einspruch des Reichstags im Januar 1925 freigelassen. Im ZK für die Abteilung So- zialpolitik verantwortlich. Teilnehmer des XI. Parteitags 1927. 1927 erschien sein Buch »Gegen den Gebärzwang! Der Kampf um die bewußte Kleinhaltung der Familie«. Nach der Wittorf-Affäre vertrat er die Li- nie des ZK im Kampf gegen die »Rechten«. Hollein starb überraschend am 18. August 1929. Das ZK ehrte ihn durch öffent- liche Aufbahrung, die Gedenkrede hielt Geschke. HOERNLE, Edwin (1883-1952) Am 11. Dezember 1883 in Cannstatt ge- boren, verlebte die ersten Lebensjahre in Mirat (Ostindien) und seine Kindheit als Pfarrerssohn in einem württembergischen Bauerndorf. Schrieb als lojähriger Gedichte und entwickelte einen Widerspruchsgeist gegen seine protestantisch-fromme Umge- bung. Mit 13 Jahren kam er in verschiedene Knabenpensionate und löste sich dabei langsam von Elternhaus und Religion. Er schrieb später darüber: »Liebeleien, Weltschmerz, verbotene Gelage, Anfälle schwerster Zerknirschung, Schwimmen und Wandern, reichliche Produkte romantischer Naturpoesie, nervöse Minterwertigkeitsge- fühle, trotzige Auflehnung gegen Schul- und Heimzucht wechselten in bunter Folge ab.« Besuch der humanistischen Gymnasien in Ludwigsburg und Stuttgart, 1902 Abi- tur. 1903 Militärdienst bei der Infanterie. Hoernle studierte Theologie in Tübingen und Berlin (1904-1908). In Berlin kam er mit der SPD in Berührung. Er lernte seine Frau Helene (geb. Heß, geboren 1886) dort kennen und lebte trotz aller Anfeindungen ohne Eheschließung mit ihr zusammen. Im Frühjahr 1909 legte er die theologische Dienstprüfung ab. Drei Monate Vikar, dann endgültige Trennung von der Kirche. Privatlehrer in Berlin, Mitarbeiter der SPD-Presse, u. a. der »Neuen Zeit«. 1910 Mitglied der SPD, Anhänger von Mehring und Rosa Luxemburg, mit denen er und seine Frau bald befreundet waren. 1912 zweiter politischer Feuilletonredak- teur an der »Schwäbischen Tagwacht« in Stuttgart. Zusammen mit Crispien und Walcher vom württembergischen SPD-Par- teivorstand nach Kriegsausbruch gemaß- regelt, weil er eine internationalistische linke Haltung vertrat. Während des Krieges mehrfach verhaftet, dann an die Front geschickt und dort ver- wundet. Mitgründer des Spartakusbundes und später der KPD. In Stuttgart gehörte er dem Arbeiter- und Soldatenrat an. 1919/20 Leiter der KPD in Württemberg, später vor allem auf dem Bildungssektor der KPD tägig, lange Jahre Führer der kommunistischen Kinderarbeit. Auf dem VII. Parteitag 1921 und wieder auf dem VIII. Parteitag 1923 in die Zentrale der KPD gewählt, war er in dieser Periode der »rechten« Politik einer der maßgebenden KPD-Führer. 1922 auf dem IV. Weltkon- greß der Komintern ins EKKI berufen. Er hatte bis dahin schon mehrere Gedicht- bände veröffentlicht, doch nannte er sie nur »Nebenprodukte kommunistischer Partei- arbeit«. Nach der Oktoberniederlage 1923 einer der Führer der Mittelgruppe. Die linke Mehr- heit des IX. Parteitags verhinderte im Mai 1924 seine Kandidatur für den Reichstag, im Dezember dann doch in den Reichstag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. 1924 von der Polizei gesucht, nach einem Steck- brief war er 1,72 m groß, dunkelblond und sprach schwäbische Mundart. Hoernle hatte neben der Kinderarbeit der KPD seit 1921 die Landabteilung der Zen- trale geleitet. Nach dem »Offenen Brief« 1925 übernahm er diese Funktion wieder. Auf dem XL Parteitag 1927 erstattete er den Bericht der Agrarkommission. Vom ZK Mitte 1927 als Chefredakteur der »Süddeutschen Arbeiterzeitung« nach Stuttgart entsandt. Das geschah nicht nur wegen des Funktionärmangels in Stuttgart, sondern auch weil Hoernle, der nie auf dem linken Flügel gestanden hatte, ener- gisch gegen die Methoden protestierte, mit denen die Linken ausgeschlossen wurden. 1928 kam er wieder nach Berlin zurück und arbeitete bis 1933 in der Landabteilung des ZK, wenn er auch in der ultralinken Peri- ode nach 1929 nicht mehr hervortrat. Seine Frau war inzwischen in der IAH aktiv (ihre Tochter Hedda trat 1922 der KPD bei und ist heute Parteiveteranin der SED). Ende 1933 emigrierte Hoernle in die So- wjetunion. In Moskau Leiter der Abtei- lung Mitteleuropa im Agrarinstitut. Wäh- rend des Krieges Mitglied des National- komitees »Freies Deutschland«, Mitarbeiter des Weltwirtschaftsinstituts in Moskau. Im Mai 1945 Rückkehr nach Deutschland, im Juli 1945 zweiter Vizepräsident der Landesverwaltung Brandenburg, von Sep- tember 1945 an Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Land- und Forst- wirtschaft der Deutschen Wirtschaftskommis- sion. Im September 1949 trat er zurück und leitete als Dekan die agrarpolitische Fakul- tät der Verwaltungsakademie in Forst Zinna. Er war Verfasser vieler Schriften, u. a. »Grundfragen der proletarischen Pädago- gik« (1927), »Die Industrialisierung der deutschen Landwirtschaft« (1928) und der Gedichtbände »Aus Krieg und Kerker« (1919), »Okulifabeln« (1920) und »Die ro- ten Lieder« (1924). Eine Auswahl seiner Schriften ist enthalten in: Edwin Hoernle, »Ein Leben für die Bauernbefreiung«. Ost- Berlin 1965. Nach längerer Krankheit starb Hoernle am 21. Juli 1952 an einem Herzleiden. HOFFMANN, Martin (1901-1945?) Als Sohn eines Volksschullehrers am 18. Oktober 1901 in Hohensalza geboren, be- suchte die Realschule und dann ein Real- gymnasium bis zur Reifeprüfung. Einein- halb Jahre als kaufmännischer Lehrling tä- tig, dann Volontär in einer Redaktion und später Redakteur. 1918 verurteilte ihn ein Hoernle/Hoftmann, Martin 167 Gericht wegen seiner Antikriegshaltung zu einem Jahr Festung. 1919 Mitglied der KPD, von 1920-1926 Redakteur an der KPD-Zeitung »Echo des Ostens« in Königsberg. 1919 V2 Jahr inhaf- tiert, auch später in der Weimarer Republik mehrmals verurteilt. 1923 Chefredakteur des »Echo des Ostens«, als Anhänger der »Rechten« löste ihn das ZK 1924 wieder ab. 1927 Orgleiter des KPD-Bezirks Ost- preußen. Im gleichen Jahr heiratete Martin Hoff- mann und siedelte nach Thüringen über, wo er an verschiedenen KPD-Organen als Re- dakteur arbeitete. Bei den Auseinanderset- zungen 1928/29 aktiver Anhänger der »Versöhnler«. Als Redakteur entlassen, kehrte er nach Ostpreußen zurück. Da er zunächst nicht kapitulierte, am 23. August 1929 zusammen mit anderen führenden Versöhnlern Ostpreußens (Glagau u. a.), aus der Partei ausgeschlossen. Nach einer Reueerklärung 1930 wieder in die KPD aufgenommen. Das ZK schickte ihn als Redakteur ans »Ruhr-Echo« nach Essen. Bis 1933 Gewerkschaftsredakteur die- ser Zeitung, zeitweise (unter Abusch) stell- vertretender Chefredakteur. Am 13. April 1933 kam er ins KZ. Am 17. Mai 1934 entlassen, flüchtete er nach Holland, kehrte aber im gleichen Jahr noch nach Deutschland zurück. Gemeinsam mit Firl leitete er in Berlin die illegale Reichs- arbeit der KPD und wurde am 19. Februar 1936 in Berlin erneut festgenommen. Mit Firl stand er im Mai 1937 vor dem »Volksgerichtshof«. Am 22. Mai 1937 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt (Firl wurde zum Tode verurteilt). Zunächst war Hoffmann im Zuchthaus Münster, vom Februar bis Dezember 1941 in der Strafanstalt Kassel-Wehlheiden inhaf- tiert. Dann verliert sich seine Spur, er ist vermutlich noch vor Kriegsende umgekom- men oder ermordet worden. i68 Hoffmann, Otto/Hommes, Gerhard HOFFMANN, Otto Karl (1882-1955) Am 14. Oktober 1882 in Hamburg gebo- ren, trat vor dem Weltkrieg der SPD bei. Im Krieg Mitglied der Hamburger Links- radikalen, mit denen er bei Gründung der KPD in die neue Partei kam. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 in die Statutenkom- mission gewählt. Von 1926-1932 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und in den Jahren 1926/27 auch Mitglied der KPD-Bezirksleitung. Hoffmann galt als Spezialist für Landwirt- schaftsfragen. 1926 hauptamtlicher Sekretär für Kommunales in der BL Wasserkante. In den folgenden Jahren Redakteur der »Hamburger Volkszeitung«. Nach 1933 war Otto Hoffmann mehrmals inhaftiert. 1945 trat er politisch nicht mehr hervor. Er starb am 14. September 1955 in Hamburg. HOFFMANN, Paul (1867-1945) Am 4. November 1867 in Borschen/Oder geboren, lernte Maurer, kam in jungen Jah- ren nach Berlin. Hier schloß er sich der SPD an, als aktiver Funktionär mehrmals gemaßregelt; eröffnete eine Gastwirtschaft. 1913 für die SPD ins preußische Abgeord- netenhaus gewählt. Im Krieg trat er zur USPD über. Von No- vember 1918 bis Januar 1919 Beigeord- neter für öffentliche Arbeiten in der preu- ßischen Regierung. Für die USP 1919 in die preußische Nationalversammlung ge- wählt. Delegierter des USP-Parteitages im März 1919, Anhänger der linken Strö- mung in der USP. Kam mit der linken USP 1920 zur KPD. Die KPD vertrat er ununterbrochen von 1921-1933 im preußischen Landtag. Trotz seines hohen Alters während des »3. Reiches« längere Zeit inhaftiert, starb Hoffmann am 17. Juni 1945 in Berlin. HOMMES, Edith (1891-?) Edith Stillmann, am 10. Februar 1891 in Breslau geboren, besuchte die Mädchen- Mittelschule, dann die Handelsschule und machte ihr Examen als Sprachlehrerin, spä- ter als Handelslehrerin. Während des Krie- ges Sekretärin eines Berliner Professors. Nach dem Krieg ging sie nach Hamburg, dort heiratete sie Gerhard Hommes und war Angestellte der staatlichen Handels- schule. Frau Hommes trat 1918 der USP bei und kam mit deren linkem Flügel 1920 in die KPD. 1921 Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft, der sie bis 1927 angehörte. Delegierte des VIII. Parteitages 1923. Bis 1927 Mitglied der KPD-Bezirksleitung Wasserkante, als gute Rednerin bekannt. Da sie zum linken Flügel der Partei zählte, wurde sie 1927 nicht mehr als Kandidatin für die Bürgerschaft aufgestellt. Später zog sie sich von der Politik zurück. Von Gerhard Hommes geschieden, floh sie 1933 als Jüdin aus Deutschland. Sie kam nach China und heiratete dort den emi- grierten deutschen Professor Knaack. Wei- tere Daten ihres Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. Sie soll bereits gestorben sein. HOMMES, Gerhard Rudolf (1894-1955) Am 28. März 1894 in Hannover geboren, besuchte das Gymnasium und studierte Germanistik und Geschichte. Er machte das Examen für das Lehramt an höheren Schu- len und war nach dem Weltkrieg drei Jahre im Schuldienst tätig. 1917 Mitglied der USPD, Delegierter auf dem Spaltungsparteitag der USP und auf dem Vereinigungsparteitag mit der KPD im Dezember 1920. 1923 während des Ham- burger Aufstandes in der Militärleitung der KPD. Von 1921-1926 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. Er vertrat die KPD auch im Bürgerausschuß. Delegierter des VII. (1921) und VIII. (1923) Partei- tags. 1923 als Kandidat in den ZA der KPD gewählt. Von 1921-1926 Redakteur der »Hamburger Volkszeitung«, dann an die »Sächsische Arbeiterzeitung« nach Leip- zig versetzt. Da er zum linken Parteiflügel zählte, kam er 1927 nicht mehr in die Bür- gerschaft. Er trat Ende der zwanziger Jahre der SPD bei und zog sich in der Folgezeit von der Politik zurück. Nach 1933 emigrierte er und kam während des Krieges nach Südamerika. Hommes starb am 6. Oktober 1955 in Bogotä/Ko- lumbien. HOOP, Martin (1892-1933) Am 14. April 1892 in Lägersdorf (Schle- sien) geboren, lernte Elektriker. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt; nach dem Weltkrieg wurde er nach Sachsen verschlagen. Mitglied der USP, kam er mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Hoop arbeitete als Elektriker in Bautzen und wurde dort 1923 in die Unterbezirks- leitung gewählt, auch Mitglied des Stadt- rats. 1925 Leiter des Unterbezirks Bautzen. 1925 gehörte Hoop zu den Ultralinken, doch trennte er sich 1926 von ihnen und ging zur Thälmann-Fraktion über. Anfang 1927 als Orgleiter in die Bezirks- leitung Ostsachsen nach Dresden berufen, diese Funktion füllte er bis 1929 aus. Nach der Zusammenlegung der drei sächsischen Bezirke Gewerkschaftsredakteur an der »Arbeiterstimme« in Dresden. 1932 Leiter des KPD-Unterbezirks Zwickau. 1933 illegal tätig, am 6. Mai 1933 verhaftet und ins KZ Oberstein verschleppt. Dort wurde er schwer mißhandelt. Im Prozeß gegen seine Mörder im April 1948 in Zwickau sagten Zeugen aus: »Ich lag in der OO (der berüchtigten Vernehmungszelle), mir gegenüber lag der Unterbezirkssekretär der KPD Martin Hoop. Idi habe des öf- teren gehört, daß die Wachmannschaften die Zelle von Hoop betraten und denselben schwer mißhandelten ...« »Eines Tages sah ich, wie Martin Hoop allein auf dem Hof in der Freistunde ging. Bitterlich wollte Hoop zwingen, im Paradeschritt zu gehen. Er ging ständig hinter Martin Hoop her Hommes, Gerhard/Idel 169 und schlug mit dem Gummiknüppel auf ihn ein ...« »Ich lag neben der Zelle von Martin Hoop und habe im Unterbewußtsein des Nachts nebenan Geräusche gehört. Als ich am näch- sten Morgen zum Austreten geführt wurde, stand die Zellentür von Martin Hoop offen und auf dem Fußboden sah ich eine Lache Blut, auf der Pritsche und an den Wänden Blutspuren. Martin Hoop war verschwun- den ...« Martin Hoop wurde in der Nacht vom 10. zum 11. Mai 1933 ermordet. IDEL, Otto (1886-1944) Geboren am 13. Juli 1886 in Hübender (Gummersbach); lernte Dreher. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD. Mit der lin- ken USP 1920 zur KPD. In der KPD über- nahm er verschiedene Funktionen. Nach dem Krieg als kaufmännischer Angestellter beschäftigt. Idel gehörte in der KPD zum linken Flü- gel. Mitte 1924 war er kurze Zeit Sekretär für Gewerkschaftsfragen in der KPD-Be- zirksleitung Ruhr, dann arbeitete er in der Gewerkschaftsabteilung der BL. Delegierter des IX. Parteitags 1924 und des XL Par- teitags 1927. 1929 Geschäftsführer des »Ruhr-Echo«. 1931 in gleicher Funktion nach Hannover. 1933 illegale Arbeit für die KPD; verhaf- tet und am 10. Juni 1933 zu einem Jahr drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Im Sep- tember 1934 aus der Haft entlassen, arbei- tete er im »Bochumer Verein« als Dreher. Wieder illegal tätig. Am 31. Juli 1936 vom »Volksgerichtshof« in Berlin wegen Spio- nage für die Sowjetunion zu lebensläng- lichem Zuchthaus verurteilt. Nach der Haft in verschiedenen Zuchthäusern kam er 1944 ins KZ Mauthausen, dort kam Idel am 2. Februar 1944 ums Leben. 170 Jadasch/Jäkel JADASCH, Anton (1888-1964) Am 25. Mai 1888 in Krapp witz/O. S. ge- boren, lernte Zimmermann. 1902 Mitglied der Gewerkschaft. 1906-1914 Hüttenarbei- ter, anschließend bis 1919 Bergarbeiter. 1907 Eintritt in die SPD. Bei Ausbuch der Revolution in den Beuthener Arbeiterrat gewählt. Einer der Mitgründer des Spar- takusbundes in Oberschlesien. 1919 Sekretär der KPD, Bezirk Oberschlesien. Im Dezember 1920 schloß sich dieser KPD- Bezirk mit der »Kommunistischen Partei Oberschlesiens« (die aus der Sozialistischen Partei Polen - PPS - entstanden war) und der USP zur »Kommunistischen Partei Oberschlesiens« zusammen. Sekretär dieser Organisation wurde Jadasch, der auch spä- ter, nachdem der Bezirk wieder zur KPD zurückkehrte, ihr Leiter blieb. 1921 vom Jenaer Parteitag für Oberschle- sien in den ZA gewählt. 1922 Gewerk- schaftssekretär der ultralinken »Union der Hand- und Kopfarbeiter«. Da diese Orga- nisation ihren Hauptsitz im Ruhrgebiet hat- te, siedelte er vorübergehend nach Oberhau- sen über. Im Mai 1924 zog Jadasch als Abgeord- neter in den Reichstag ein, dem er ununter- brochen bis 1933 angehörte. Im Juni 1924 wieder in den Vorstand der »Union der Hand- und Kopfarbeiter« gewählt, ging aber nach Oberschlesien zurück. Polleiter des KPD-Bezirks Oberschlesien. Im September 1924 Rückkehr ins Ruhrge- biet, gemeinsam mit Sobottka vollzog er im folgenden Jahr die Auflösung der »Union«, er führte die Gruppe Bergbau in den Freien Bergarbeiterverband über. In der Folgezeit leitete Jadasch in Berlin die kommunistische Erwerbslosen- und Land- arbeiterbewegung. Nach 1929 führend in der RGO tätig, we- gen Vorbereitung zum Hochverrat 1932 zu 15 Monaten Festung verurteilt. Die Strafe mußte er dann unter dem Hitler-Regime verbüßen. Nach 1933 dreimal kurze Zeit im KZ, ar- beitete er als Bergmann. 1938 zog er nach Berlin-Wittenau und war Platzmeister in einem Sägewerk. 1945 schloß Jadasch sich wieder der KPD bzw. der SED an. Zunächst Bürgermeister in Berlin-Wittenau. 1946 Generalsekretär der Vereinigung der gegenseitigen Bauern- hilfe und für diese Mitglied des Landtags von Brandenburg. In den fünfziger Jahren spielte er politisch keine Rolle mehr, er lebte als Rentner in West-Berlin, kandidierte 1954 für die SED bei den Wahlen zum Abge- ordnetenhaus. Jadasch war Ehrenmitglied des Zentralvorstandes der FDGB-Gewerk- schaft Land- und Forstwirtschaft. Träger mehrerer Auszeichnungen, darunter »Va- terländischer Verdienstorden« in Silber und »Banner der Arbeit«. Jadasch starb am 17. Mai 1964 in Berlin. JÄKEL, Paul (1890-1944) Am 7. April 1890 in Kleinhelmsdorf (Rie- sengebirge) geboren, lernte Maurer und zog als Wandergeselle durch Deutschland. 1908 Mitglied der SPD, 1919 Übertritt zur KPD. Arbeitete nach dem Krieg als Mau- rer. 1921 hauptamtlicher Funktionär, zuerst in der Gewerkschaft, dann in der KPD. In den zwanziger Jahren für die KPD in Ostsachsen tätig. 1928 Sekretär für Ge- werkschaftsfragen der KPD-Bezirksleitung Erzgebirge-Vogtland, 1930 die gleiche Funktion in der Bezirksleitung Sachsen, bis 1932 Vorsitzender der RGO in Sachsen. 1932 holte ihn das ZK nach Berlin, er nahm in der RGO eine führende Position ein. Im November 1932 Reichstagsabgeordneter. 1933 emigrierte er in die ÖSR, dann nach Frankreich und hatte bald führende Funk- tionen im Emigrationsapparat inne. Jäkel kam nach Moskau und war noch führend im Nationalkomitee »Freies Deutschland«. Er starb in der Sowjetunion (1944 oder 1945). Auf dem XV. Parteitag der KPD und auf dem Gründungsparteitag der SED bei der Aufzählung »Unsere Toten« wurde Jäkel erwähnt. Jahnke/Jannack 171 JAHNKE, Karl Hans Heinrich (1898 bis 1961) Geboren am 3. Februar 1898 in Hamburg, besuchte die Mittelschule, anschließend kaufmännische Lehre. 1919 aktiv in der Kommunistischen Jugend und der KPD, auf deren linkem Flügel er stand. Nach der Spaltung 1920 Übertritt zur KAP, 1921 wieder zur KPD zurück. 1923 aktiv am Hamburger Aufstand beteiligt. 1924 kurze Zeit Agitprop-Leiter des Bezirks Wasser- kante, im gleichen Jahr Mitglied der Ham- burger Bürgerschaft. 1924 wegen Beteiligung am Hamburger Aufstand zu mehrjähriger Festungshaft verurteilt, Haft in Cuxhaven, bis er Anfang 1926 amnestiert wurde. 1926 Mitarbeiter der deutsch-russischen Handelsgesellschaft (Betriebsratsvorsitzen- der). Im Februar 1926 griff er in der Bür- gerschaft den Justizsenator, der Urbahns ei- nen »politischen Verbrecher« genannt hatte, tätlich an, warf ihm Aktenbündel ins Ge- sicht und schied danach aus dem Hambur- ger Parlament aus. Bei den Diskussionen 1926-1928 stand Jahnke auf dem linken Parteiflügel. Im Fall Wittorf 1928 vertrat er den Stand- punkt Trotzkis. Deshalb Ende 1928 fristlos aus der deutsch-russischen Handelsgesell- schaft entlassen und aus der KPD ausge- schlossen. Nach der Abspaltung der Trotzki- Gruppe vom Leninbund schloß sich Jahnke 1929 den Trotzkisten an und gehörte zur Leitung der Hamburger Gruppe. 1931 - nach einer Reise seiner Frau in die Sowjetunion - trennte er sich wieder von den Trotzkisten und kapitulierte vor der KPD, die ihn wieder aufnahm. 1932 An« gestellter der RGO in Berlin. Nach 1933 mehrmals inhaftiert, trug von den schweren Mißhandlungen einen Hör- fehler davon. 1945 wieder Mitglied der KPD. Betriebs- rat in einer Hamburger Firma. Zunächst Mitglied der DAG, dann Mitglied der Orts- verwaltung HBV des DBG in Hamburg. Jahnke starb am 13. August 1961 in Ham- burg. JAKOBS, Hermann (1901-?) Am 28. März 1901 in Gotha geboren, stammte aus bürgerlichem Hause und stu- dierte nach der Reifeprüfung in Leipzig und Berlin. 1921 Mitglied des KJV und der KPD. Anhänger der linken Opposition in Berlin. Übernahm verschiedene Funktio- nen im KJV (Pseud.: »Adolf« und »Lo- thar«). 1923 Redakteur der »Jungen Garde«, des Zentralorgans des KJV. Im April 1924 von Ruth Fischer zum Vorsitzenden des Kommunistischen Jugendverbandes be- stimmt, aber schon bald von Blenkle abge- löst. Auf dem IV. Kongreß der Kommu- nistischen Jugend-Internationale im Juli 1924 ins EKKI der Jugend-Internationale gewählt. Bis zum »Offenen Brief« 1925 eif- riger Anhänger Ruth Fischers. Nach dem »Offenen Brief« schwenkte er zur neuen Leitung über. 1926 bis Ende 1927 Redakteur an der Münchener »Neuen Zeitung«. Delegierter des X. und XL Par- teitags. 1928 Redakteur in Pommern. 1929 Nachfolger Böttchers als Chefredak- teur der Leipziger SAZ, dann des »Kämp- fer« in Chemnitz. 1933 war Jakobs ein enger Vertrauter Schuberts in den Auseinandersetzungen um die Nachfolge Thälmanns. Ende 1933 ging er in die Emigration. Zunächst in Frank- reich, entsandte ihn die KPD kurz vor Kriegsausbruch in die USA, um Gelder für die Partei zu sammeln. Er soll nach dem Krieg noch in den USA gelebt haben, weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. JANNACK, Karl (geb. 1891) Als uneheliches Kind am 23. Januar 1891 in Cölln b. Bautzen geboren, auf dem Dorf aufgewachsen, durchlebte eine schwere Kindheit. Einige Zeit als Knecht tätig, dann Schuhmacherlehre, anschließend 1909 auf Wanderschaft. 1909 Mitglied der SPD in Bremen, Anhän- ger der Bremer Linken. 1913 Soldat bei der Infanterie, Kriegsteilnehmer, 1915 mit dem 172 Jannack EK II ausgezeichnet, im Frühjahr 1916 ver- schüttet, dann Übersiedlung nach Bremen. Mitkämpfer der Bremer Linksradikalen und der »Arbeiterpolitik«, deswegen fest- genommen. Entzog sich der Schutzhaft durch Freiwilligmeldung. Wieder Soldat und bis zur Revolution 1918 in Saarburg- Lothringen. Am 11. November 1918 kam Jannack nach Bremen zurück. Auf Vorschlag des USP- Führers Henke zum Leiter des Soldaten- rates gewählt. Er schloß sich den »Inter- nationalen Kommunisten« an, seit Grün- dung Mitglied der KPD. Im Januar 1919 nach Berlin geschickt, um Luxemburg und Liebknecht nach Bremen, einem für sie si- cheren Ort, zu holen. Die KPD-Führer ver- ließen Berlin jedoch nicht. Jannack gehörte zu den Führern der im Fe- bruar 1919 in Bremen proklamierten Räte- republik. Nach der Auflösung dieser Rä- terepublik Sekretär des KPD-Bezirks Nordwest. Da dieser Bezirk auf dem II. Parteitag 1919 zur ultralinken Opposition gehörte, wurde auch Jannack - der Dele- gierter war - ausgeschlossen. Im Oktober 1919 Mitunterzeichner eines Briefes von Laufenberg, in dem es hieß: »Fordert die Zentrale auf, sich bei Euch in Bremen zu verantworten. Der brutalen Vergewalti- gung gegen Eure Beauftragten setzt Eure Fäuste entgegen.« Jannack schloß sich aber nicht der KAP an, sondern kam nach einigen Monaten zur KPD zurück. 1920 Mitglied der Bremer Bürgerschaft und Vorsitzender des KPD- Bezirks Nordwest. Auf dem V., VI., VII. und VIII. Parteitag (von 1920-1923) in den ZA der KPD gewählt. Im August 1922 nach Remscheid berufen, wo ihn die KP-Mehrheit des ADGB zum Gewerkschaftssekretär wählte. 1923 Ge- werkschaftssekretär in der KPD-Bezirkslei- tung Rheinland-Westfalen-Süd (Nieder- rhein). Jannack galt als eifriger Anhänger Brandlers, deshalb wurde er nach dem Sieg der Linken Mitte 1924 seiner Funktion ent- hoben. Weil er die Fraktionsarbeit der Brandler-Anhänger leitete und deren Rundbriefe versandte, schloß ihn die KPD am 10. Oktober 1924 aus. Seinen Aus- schluß billigte der ZA im Januar 1925. Nach dem »Offenen Brief« und der Über- prüfung der Ausschlüsse wurde auch Jan- nack im Oktober 1925 wieder in die KPD aufgenommen. Als Sekretär der IAH hauptsächlich im Ausland eingesetzt, kam er 1927 wieder nach Deutschland zurück. Kurze Zeit Redakteur an der »Sozialisti- schen Republik«, dann an der »Welt am Abend« in Essen, wo er Rudert ablöste. Bei den Auseinandersetzungen mit den »Rech- ten« 1928/29 blieb Jannack auf der ZK- Linie. 1931 Leiter der »Roten Hilfe« in Niederrhein, behielt diese Funktion bis 1933- Jannack arbeitete nach 1933 noch kurze Zeit illegal, emigrierte dann nach Lothrin- gen und ließ sich wieder in Sarrebourg nie- der. Seine Frau, die er im Ersten Weltkrieg in Sarrebourg kennengelernt hatte, flüchtete ebenfalls aus Deutschland (sie starb 1940), beide lebten von seinen Einkünften als Schuhmacher. In seinen Lebenserinnerun- gen, »Wir mit der roten Nelke«, die Jan- nack 1959 in Bautzen veröffentlichte, schrieb er, daß er auch in dieser Zeit für die KPD tätig gewesen sei. Dagegen hatte er seinerzeit der Gestapo Zeugen benannt, die aussagten, er habe schon seit 1935 insge- heim die »Deutsche Volksgemeinschaft«, die Organisation der NSDAP in Lothringen un- terstützt und sei seit 1938 offen für sie ein- getreten. Am 5. Oktober 1940 von der Gestapo festgenommen, In einem Schreiben an das Reichssicherheitshauptamt vom 8. Februar 1942 (HStA Düsseldorf, Gestapo Akte 3594) bat Jannack, ihm »die Gelegenheit zu geben, als Soldat des Führers im deutschen Freiheitskampf mitzuarbeiten«. Er führte weiter aus: »Um mich aus meiner alten geistigen Bin- dung loszureißen und um nicht wieder er- werbslos zu werden, habe ich Anfang Mai 1933 Deutschland verlassen und mich bei Jannack/Jendretzky 173 meinen Schwiegereltern in Lothringen seß- haft gemacht. Politisch habe ich mich nicht betätigt bis auf die Verteidigung der deut- schen Belange, weshalb ich als Verdächtiger der >5. Kolonne< im Mai 1940 interniert wurde. Daß ich vor, während und nach der Internierung für nationalsozialistische Ziele tätig war, wird durch zahlreiche deutsch- gesinnte Lothringer bestätigt. Mit zugehörig zu den Gründern der Deut- schen Volksgemeinschaft in Saarburg stellte ich mich sofort in den Dienst der Organi- sation, zuerst als Zellenleiter, später als Organisationsleiter der Ortsgruppe. Nach diesem Aufbau nahm ich teil am 1. Treffen der Amtswalter in Metz... begab mich freiwillig zur Gestapo in Saarburg mit dem Ersuchen, meine Vergangenheit zu bereini- gen. Dabei wurde mir anheimgestellt, daß ich als Staatenloser einen Geleitschein für das unbesetzte Frankreich bekommen könne. Ich lehnte ab, da ich 50 Jahre unbescholten gelebt und Vertrauen zu Deutschland hatte, daß nicht meine zehn und mehr Jahre zurückliegende überwun- dene Gesinnung bestimmend sei, sondern mein Verhalten seit meiner Niederlassung in Lothringen und mein Einsatz für Groß- deutschland ...« Trotz dieses Briefes verfügte die Gestapo seine Überführung ins KZ. Bis Kriegsende war Jannack im KZ Buchenwald. Nach 1945 in der SED in Bautzen aktiv. In seinen Erinnerungen verdammt Jannack seine früheren Freunde von der Opposi- tion. Im April 1966 erhielt er den »Vater- ländischen Verdienstorden« in Gold. 1969 lebte Jannack, als Parteiveteran geehrt, in Bautzen. JENDRETZKY, Hans (geb. 1897) Als Sohn eines Buchdruckers am 20. Juli 1897 in Berlin geboren, lernte Schlosser. 1919 Mitglied der USP, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Arbeitete als Schlos- ser und übte verschiedene Funktionen für die KPD aus. 1926 hauptamtlicher Funktionär und Leiter des RFB Berlin-Brandenburg. Im Dezember 1927 durch Olbrysch abgelöst, da er »ver- sagt« hatte (vor allem, weil er gegenüber der Opposition nicht genügend »durchge- griffen« hatte). Anfang 1928 übernahm er erneut die Leitung des Berliner RFB und zog im gleichen Jahr auch in den preußi- schen Landtag ein (1932 nicht mehr als Kandidat aufgestellt). 1930 aus der RFB- Arbeit entfernt, weil er zusammen mit Olbrysch eine Untersuchung gegen den RFB-Führer Leow und dessen finanzielle Manipulationen gefordert hatte. Bis 1933 Mitglied der KPD-Bezirksleitung Berlin- Brandenburg und für die Erwerbslosen- bewegung verantwortlich. Nach 1933 illegale Arbeit, deswegen 1934 verhaftet und verurteilt. Bis 1937 im Zuchthaus Luckau, anschließend noch ein Jahr im KZ. Freigekommen, arbeitete er von 1939-1944 als Schlosser in Berlin. 1944 erneute Verhaftung, da er der Widerstands- gruppe Saefkow angehört hatte. Im April 1945 floh Jendretzky aus dem Nürnberger Gefängnis. 1945 wieder KPD-Mitglied, Leiter der Ab- teilung Arbeit im Magistrat von Berlin. Von Februar 1946-1948 Vorsitzender des FDGB, Mitglied des Parteivorstands bzw. des ZK der SED. 1948—1953 Leiter der Berliner SED, seit 1950 auch Kandidat des Politbüros der SED. Nach dem 17. Juni 1953 zusammen mit Zaisser, Herrnstadt u. a. aus dem Politbüro und dem ZK ausgeschlossen und seiner Funktion in Berlin enthoben (obwohl er nicht zur Zaisser-Gruppe gehörte, sondern schwankte, ob er Ulbricht weiter unterstüt- zen solle). Jendretzky wurde im Januar 1954 mit einer »Parteirüge« bestraft, 1954 nicht mehr ins ZK gewählt. Bis 1957 Vor- sitzender des Rats von Neubrandenburg. Am 29. Juli 1956 im Zuge der Entstalini- sierung rehabilitiert, wurde Jendretzky wieder ins ZK kooptiert. 1950-1954 und von 1958 an Abgeordneter der Volkskam- mer. Von 1957-1960 stellvertretender In- 174 Jendretzky/Jurr nenminister. Auf den SED-Parteitagen 1958, 1963 und 1967 wieder ins ZK gewählt, er erhielt in den letzten Jahren mehrere Or- den, darunter die höchste Auszeichnung, den »Karl-Marx-Orden« (am 26. Juli 1962). Von August 1960 an Staatssekretär und Lei- ter des Sekretariats des Ministerrats der DDR. Im Mai 1963 ins Präsidium und Se- kretariat des FDGB-Bundesvorstandes ge- wählt. 1961 erschien sein Buch »Der gewerk- schaftliche Kampf um Frieden, Einheit und Sozialismus 1945-1948. Aus Reden und Aufsätzen.« JENDROSCH, Friedrich (1890-1944) Am 22. Mai 1890 in Lomnitz/O.S. ge- boren, besuchte die Schule in Rosenberg/ O.S. und arbeitete anschließend bei der Eisenbahn. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, 1919 Übertritt zur KPD. 1920 Stadtverordneter in Hindenburg/ O.S., später Abgeordneter des Provinzial- landtages Schlesien. Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt. Im Dezember 1924 zog Jendrosch in den preußischen Landtag ein, dem er bis 1932 angehörte. Von 1925-1929 Polleiter des KPD-Bezirks Oberschlesien, anschließend übte er nur kleine Funktionen aus. 1932 nicht mehr als Landtagskandidat aufgestellt. Nach 1933 illegale Arbeit für die KPD. Ende der dreißiger Jahre ins KZ Sachsen- hausen eingeliefert, wo er am 28. Novem- ber 1944 ums Leben kam. JURR, Werner (1906-1947) Als Sohn eines Schneidermeisters am 20. September 1906 in Berlin-Schöneberg ge- boren, hatte neun Geschwister, lernte Klempner. 1921 Mitglied des kommunisti- schen Jugendverbandes (dem auch mehrere seiner Brüder und seine Schwester angehör- ten) und 1924 der KPD. Jurr arbeitete in Berlin in seinem Beruf und übte verschiedene Funktionen aus. Im Herbst 1925 ins ZK des KJVD gewählt, Ende 1925 Gauführer der »Roten Jung- front« (Jugendorganisation des RFB) Ber- lin-Brandenburg. Mitte 1927 Vorsitzender der »Roten Jungfront« für das ganze Reich und hauptamtlicher Sekretär. 1928 Teilnehmer ei- nes Ausbildungslehrgangs in der Sowjetunion Anfang 1929 wandte er sich öffentlich gegen die Korruptionsmethoden im RFB. Wegen dieser Kritik am 15. März 1929 aus der KPD sowie aus dem RFB und der Kommunistischen Jugend ausgeschlossen. Übertritt zur KPO und Führer der Kom- munistischen Jugend-Opposition. Im Januar 1930 auf Grund eines Artikels, den er noch in seiner KPD-Zeit geschrieben hatte, zu einem Jahr Festung verurteilt. Die KPD und die »Rote Hilfe« verschwiegen diese Tatsache und unterstützten ihn nicht. Er verbüßte die Strafe in Gollnow, wo er enge Verbindung zu Scheringer hatte. Zu- sammen mit Albert Schreiner näherte sich Jurr wieder der KPD und trat Ende 1932 wieder in die Partei ein. Bis Mitte 1933 arbeitete er illegal für die »Rote Hilfe« in Stuttgart, dort verhaftet und 1934 zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Im Zuchthaus Brandenburg, an- schließend bis 1939 im KZ inhaftiert. Nach seiner Entlassung gehörte Jurr zur Wider- standsgruppe Saefkow. 1942 zum Straf- bataillon 999 eingezogen und nach Grie- chenland verschickt. Nach dem 20. Juli 1944 erneut verhaftet, 1945 aus dem Zucht- haus Brandenburg befreit. Obwohl schwer krank, schloß er sich wieder der KPD bzw. SED an. Leiter der Per- sonalabteilung der Zentralverwaltung für Inneres. Jurr starb am 6. Dezember 1947 in Berlin an Magenkrebs. Seine ehemalige Frau, Herta Jurr-Tempi, wurde während der Field-Affäre wegen Verbindung zu Field mehrfach angegriffen. Sie lebte inzwischen in Frankreich und wurde aus der KP Frankreich ausgeschlos- sen. Sein Bruder Gerhard war in Schöne- berg für die SED tätig, 1946 von der US- Besatzung verhaftet, aber bald wieder frei- gelassen. Kaasch/Kaiser   KAASCH, Wienand (1890-1944) Am 30. Januar 1890 in Stolp/Pommern geboren, schloß sich nach der Schlosserlehre der Gewerkschaft an, 1912 Mitglied der SPD. Über die USP kam er 1920 zur KPD, für die er in Berlin verschiedene Funktio- nen ausübte. 1923 von der Zentrale in die KPD-Bezirks- leitung Ruhr entsandt. 1924 Mitarbeiter der Orgabteilung der Zentrale. Im Oktober 1924 kurze Zeit inhaftiert. Er wurde fest- genommen, als er (im Auftrag der Zen- trale) die Organisation des Ruhrgebiets in- spizierte. Anfang 1925 berief ihn das ZK zum Polleiter der neugebildeten KPD-Be- zirksleitung Saar. In den folgenden Jahren arbeitete Kaasch in der Orgabteilung des ZK, er war zeit- weilig Abteilungsleiter. 1928 Abgeord- neter des preußischen Landtags, dem er bis 1932 angehörte. 1931 wurde er aus der Arbeit in Deutschland abgezogen und war als Instrukteur für die Komintern tätig. Die Komintern stellte Kaasch 1935 der KPD wieder für die illegale Arbeit in Deutschland zur Verfügung. Doch schon nach wenigen Wochen, im Oktober 1935 wurde er verhaftet und 1936 zu zwölf Jah- ren Zuchhaus verurteilt. 1944 starb Kaasch im Zuchthaus Luckau. Seine Frau, Hertha Geffke-Kaasch (geb. 19. August 1893 in Bollinken bei Stettin), war 1912 der SPD beigetreten, kam im Krieg zur USP und 1920 zur KPD. Sie ge- hörte von 1922-1927 der Bezirksleitung Ruhr als Frauenleiterin an und heiratete am 23. August 1926 Wienand Kaasch. 1933 kam sie ins KZ, 1934 wurde sie zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach 1945 Mitglied der SED, deren ZPKK sie 1969 als Mitglied angehörte. Sie wurde mit dem »Karl-Marx-Orden« ausgezeichnet. KAHMANN, Fritz (geb. 1896) Am 13. März 1896 in Girschunen (Ost- preußen) geboren, trat 1923 als kleiner Landwirt in Ostpreußen der KPD bei und wurde in den folgenden Jahren als »Land- wirtschaftsspezialist« in verschiedene Funk- tionen berufen. 1927 Mitglied der KPD- Bezirksleitung Ostpreußen, im September 1928 anstelle des zurückgetretenen KPD- Abgeordneten Moericke auch Abgeordneter des preußischen Landtags. Von 1929 an im Kommunistischen Bauernbund führend tä- tig. Bis 1932 Landtagsabgeordneter, im No- vember 1932 in den Reichstag gewählt. Nach 1933 inhaftiert, emigrierte 1936 und kam 1939 in die Sowjetunion. Am 6. Mai 1945 mit der »Initiativgruppe Sobottka« nach Deutschland gebracht, arbeitete er in Stettin und Mecklenburg (mit der gleichen Aufgabenstellung wie die »Gruppe Ul- bricht« in Berlin). Aktiv in der KPD und dann der SED. Er übte in Mecklenburg verschiedene kleinere Funktionen aus und war 1968 Personalreferent des 1. Stellver- treters des Vorsitzenden des Rates im Be- zirk Schwerin. 1955 mit dem »Vaterlän- dischen Verdienstorden« in Bronze, 1961 in Silber und im September 1965 mit der »Er- innerungsmedaille« zum 20. Jahrestag der Bodenreform ausgezeichnet. KAISER, Paul (1885-1950) 1885 geboren, lernte nach der Schulentlas- sung Maurer. 1903 Mitglied der Gewerk- schaft und der SPD. 1917 in Berlin Über- tritt zur USPD. Mit der linken USP kam Kaiser 1920 zur KPD. Anhänger des lin- ken Flügels der KPD. Von 1923 an Vorsit- zender des kommunistischen »IndustrieVer- bandes für das Baugewerbe«. Zusammen mit Schumacher und Weyer wandte sich Kaiser 1924 als Ultralinker gegen die Ge- werkschaftspolitik der KPD; er weigerte sich, den »Industrieverband für das Bau- gewerbe« mit den freien Gewerkschaften zu fusionieren. Ebenso wie Schumacher und Weyer wurde Kaiser im September 1924 aus der KPD ausgeschlossen. Kaiser führte auch in den folgenden Jahren den Indu- strieverband. 1926/27 arbeitete er eng mit der Korsch-Gruppe zusammen. Im Herbst Kaiser/Kassler 1931 spaltete sich der Industrieverband. Die Mehrheit schloß Kaiser aus, da er sich gegen den »Roten Volksentscheid« ausge- sprochen hatte und mit Urbahns zusam- menarbeitete; doch konnte Kaiser die Minderheit des Verbandes weiterführen. Während der Hitlerzeit wieder als Maurer beschäftigt, wurde er wegen seiner politi- schen Einstellung mehrmals verfolgt. Nach 1945 trat Kaiser wieder der KPD bzw. der SED bei, übte jedoch keine Funk- tion mehr aus und geriet bald in Opposi- tion zur Parteilinie. Er starb am 12. April 1950 in Berlin. KARL, Georg (1882-1964) Am 21. Juli 1882 in München geboren, lernte Mechaniker, trat vor dem Weltkrieg der SPD bei. Im Juli 1918 Übersiedlung nach Nürnberg. Dort Mitglied der USPD. Delegierter auf dem Vereinigungsparteitag mit der KPD 1920. 1923 Parteisekretär der nordbayerischen KPD. Im Oktober 1923 in Schutzhaft genommen, im Mai 1924 wieder freigelassen, übernahm er die Orgleitung der KPD in Nordbayern, aber schon 1925 wieder für einige Zeit inhaftiert. Im Mai 1927 rückte er für Götz in den bayerischen Landtag nach, dem er bis 1928 angehörte. Nachdem er in verschiedenen Funktionen tätig war, wurde Georg Karl Anfang 1928 nochmals vorübergehend Orgleiter in Bay- ern, dann schied er aus dem hauptamt- lichen Funktionärkorps aus. Er trat poli- tisch wenig hervor. Nach 1933 war Karl längere Zeit im KZ Dachau. 1945 schloß er sich wieder der KPD an, übte aber keine Funktionen mehr aus und trennte sich 1949 von der Partei. Er hatte sich eine Existenz als Kartoffel- und Lebensmittelgroßhändler in Nürnberg geschaffen. Karl starb am 16. Januar 1964 in Nürnberg. KASPER, Wilhelm (geb. 1892) Am 8. August 1892 in Neustadt/Schwarz- wald als Sohn eines Landarbeiters geboren; lernte kaufmännischer Angestellter. Als Kaufmann später in Berlin beschäftigt. 1916 schloß er sich der SPD an, trat 1917 zur USP über und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Seit 1919 Gewerk- schaftssekretär im Zentralverband der An- gestellten, wählte man ihn 1923 in die KPD-Bezirksleitung Berlin-Brandenburg, wo er für Gewerkschaftsfragen verantwort- lich war. Nach dem Frankfurter Parteitag 1924 auch in die Gewerkschaftsabteilung der Zentrale berufen. Von 1924 bis zur Annullierung der kommunistischen Man- date durch Hitler nach der Märzwahl 1933 Abgeordneter des preußischen Landtags. Von 1928 an Geschäftsführer und 1932 stell- amtenausschuß des Parlaments an und bear- beitete speziell Angestellten- und Beamten- fragen, insbesondere auch die der Polizei (Preußisches Polizeibeamtengesetz, Polizei- etat). Kasper nahm an verschiedenen Partei- tagen teil. Auf dem Weddinger Parteitag 1929 wurde er Mitglied des ZK und Kan- didat des Polbüros. Sofort nach dem Reichs- tagsbrand verhaftet und im KZ Sonneburg schwer mißhandelt. Beim Reichstagsbrand- prozeß wurde er als Entlastungszeuge für Torgier aus dem KZ geholt. Behauptungen, nach denen Torgier »mit Sprengstoff zu tun gehabt hätte« erklärte er im Prozeß »von A bis Z erlogen«. Am 8. Juli 1935 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt (damalige Höchststrafe). Nach der Entlassung als An- gestellter bei der Zentralverwaltung der Berliner Stadtgüter beschäftigt; heiratete im Juli 1938 zum zweiten Male in Berlin. Nach 1945 Angestellter in Hamburg. Seit 1954 gehörte er als Mitglied der »Welt- friedensbewegung« dem Landesfriedens- komitee Hamburg an, in dem er bis zur Vollendung seines 70. Lebensjahres ehren- amtlich mitarbeitete. Er lebte 1969 als Rent- ner in Hamburg. KASSLER, Georg (1887-1962) Geboren am 8. April 1887 in Berlin, trat Kassler/Katz 177 sofort nach der Buchdruckerlehre 1904 der SPD bei. Übte in Berlin verschiedene ehrenamtliche Parteifunktionen aus. Seit 1915 Mitglied der »Gruppe Internationale«, Rosa Luxemburgs. Bis zum Sommer 1918 arbeitete er in einer Druckerei und ver- schickte von dort aus revolutionäres Ma- terial an die Front. Im Sommer 1918 verlor er seine Stellung und siedelte mit seiner Familie (Frau und drei Kinder) nach Treb- bin über. Dort gehörte er zu den Organisa- toren der Novemberrevolution. Vorsitzen- der des Arbeiter- und Soldatenrates in Treb- bin und Gründer der örtlichen KPD. Wäh- rend des Kapp-Putsches versuchte er die Landarbeiter gegen Kapp zu organisieren. Delegierter der KPD-Parteitage von 1921 und 1923. 1925 Übersiedlung nach Berlin, dort Stadtverordneter der KPD. Haupt- amtlicher Funktionär in KP-Buchhandlun- gen. 1928 Reichstagsabgeordneter, UB-Lei- ter der Lausitz. Da er zu den »Versöhn- lern« tendierte, 1930 nicht mehr als Reichs- tagskandidat aufgestellt. 1933 emigrierte Kassler mit seiner Familie in die Sowjetunion. Dort während der gro- ßen Säuberung längere Zeit inhaftiert. Einer seiner Söhne kam in einer sowjetischen »Arbeitsarmee« ums Leben. Während des Krieges war er in Karaganda evakuiert, dann einige Zeit Redakteur und Lehrer an sowjetischen Antifaschulen. 1946 Rückkehr nach Deutschland, Mitglied der SED, erhielt verschiedene untergeord- nete Parteifunktionen. Zuletzt Verwal- tungsdirektor des Regierungskrankenhauses in Ost-Berlin. Mit mehreren Orden, dar- unter dem »Karl-Marx-Orden<, ausgezeich- net. Seit 1957 schwerkrank, starb Kassler am 8. Oktober 1962. KASSNER, Walter (geb. 1894) Am 6. Juni 1894 in Prenzlau geboren, schloß sich nach der Lehre als Dreher der Gewerkschaft und 1913 der SPD an. Von 1915 bis 1916 Soldat, dann in eine Muni- tionsfabrik abkommandiert. 1917 Übertritt zur USP, aktiver Funktionär dieser Partei in Magdeburg. Mit dem linken Flügel der USP 1920 zur KPD, 1921 Vor- sitzender der KPD in Magdeburg. 1924 Stadtverordneter, 1926 Leiter des RFB Gau Magdeburg-Anhalt. Von 1927 bis 1930 Orgleiter des KPD- Bezirks Magdeburg. 1928 Abgeordneter des preußischen Landtags, dem er bis 1933 an- gehörte. Vom XII. Parteitag 1929 zum Kandidaten des ZK gewählt. Von 1930 bis 1933 führte er den Bezirk Magdeburg als Polleiter. 1933 Leiter der illegalen KPD in Brandenburg, anschließend arbeitete er in Berlin und Frankfurt/Main. Bis 1935 Pol- leiter des Bezirks Hessen. Im März 1935 verhaftet, war er über zwei Jahre in Unter- suchungshaft. Am 15. Mai 1937 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zu lebensläng- lichem Zuchthaus. Kassner war bis 1945 in den Zuchthäusern Coswig und Halle in- haftiert. 1945 schloß er sich wieder der KPD an. Bürgermeister von Magdeburg, ebenso Mit- glied der SED-Leitung in Magdeburg. 1951 kam er nach Berlin und wurde Mitarbeiter des Büros des Ministerrats der DDR. Seit 1961 Parteiveteran, lebte er 1969 in Ost- Berlin. Kassner erhielt mehrere Auszeich- nungen, darunter 1964 den »Vaterländischen Verdienstorden« in Gold und im Juli 1969 den »Karl-Marx-Orden«. KATZ, Iwan (1889-1956) Als Sohn des Kaufmanns Gustav Katz und dessen Ehefrau Johanna, geb. Magnus, am 15. Februar 1889 in Hannover geboren. Be- suchte die Bürgerschule in Hannover, dann das Gymnasium in Osnabrück und Dort- mund. Studium (Volkswirtschaft und Sta- tistik) an der Universität Berlin und an der Technischen Hochschule in Hannover. Mit 17 Jahren schloß er sich 1906 der Ar- beiterbewegung an. 1909 arbeitete er ein Jahr als Arbeiter in Metallbetrieben, an- schließend Assistent im juristisch-wirt- schaftswissenschaftlichen Seminar der TH 178 Katz Hannover. 1911 wissenschaftlicher Hilfs- arbeiter im Statistischen Amt der Stadt Hannover. 1913 heiratete er Anna Kerwel, die wie er der SPD angehörte. 1914 in einigen europäischen Ländern Städtebau- Studien. Während des Weltkrieges in der Organisa- tion der Lebensmittelrationierung beschäf- tigt, 1918 im Demobilmachungsausschuß Hannover. Katz blieb zunächst in der SPD, er wurde im Februar 1919 Bürgervorsteher (Stadtverordneter) in Hannover. Delegier- ter des SPD-Parteitags im Juni 1919. Ende 1919 Übertritt zur USP. Katz gehörte zum linken Flügel der USP, der sich 1920 mit der KPD vereinigte. Er und seine Frau waren Delegierte des USP- Spaltungs- und des Vereinigungsparteitages USP-KPD. Im Februar 1921 zog Katz in den preußischen Landtag ein. In den fol- genden Jahren vor allem als Redner für die KPD unterwegs, trat besonders radikal auf. Im August 1923 verhaftet, weil es im An- schluß an seine Rede in Hannover zu kom- munistischen Unruhen gekommen war. Auch in der KPD stand Katz auf dem linken Flügel. 1922 zur Leitung der Kommunal- abteilung in die Zentrale berufen, 1923 be- richtete er dem VIII. Parteitag über die Kommunalarbeit. Nach der Oktoberniederlage 1923 einer der Wortführer der linken Opposition. Auf dem IX. Parteitag im April 1924 in die Zentrale und ins Polbüro gewählt, im Mai 1924 auch Reichstagsabgeordneter. Als einer der führenden Köpfe der Ruth-Fischer-Zentrale berief man ihn ins EKKI-Präsidium nach Moskau, wo er bis Mitte 1925 verblieb, gleichzeitig aber seine Funktion als Zen- trale-Mitglied ausübte. Als Vertrauensmann der deutschen linken Führung spielte Katz in Moskau eine bedeutende Rolle. Im Dezember 1924 wieder in den Reichstag gewählt. Bei den Auseinandersetzungen, die zur Zeit der Reichspräsidentenwahl in der Ruth-Fischer-Führung begannen, wurde Katz einer der Führer der Ultralinken. Deswegen als Vertreter beim EKKI abge- löst, kehrte er im Sommer 1925 nach Deutschland zurück, organisierte die ultra- linke Opposition in Deutschland und fand vor allem in seiner Heimatstadt Hannover starke Unterstützung. Nach dem »Offenen Brief« der Komintern, den die Ultralinken ablehnten, verstärkte er seine Aktivität. Es gelang ihm, gemeinsam mit seinen Freunden Gohr und Karwahne*), in Hannover die Mehrheit der Partei zu erobern. Katz be- hauptete, Sepp Miller, der führende ZK- Anhänger in Hannover, bereite einen Mord- anschlag gegen ihn vor. Den ZK-treuen Orgleiter Grobis nannte er in einem Schrei- ben an das ZK »ein verkommenes Subjekt«. Katz gab an, von Sinowjew vor seiner Ab- fahrt aus Moskau noch ermuntert worden zu sein, gegen »die Schweinereien des ZK« aufzutreten. Als mitreißender Redner, der die Gefühle seiner Zuhörer anzusprechen wußte, hatte Katz großen Anhang. Am 11. Januar 1926 besetzten Katz-An- hänger die Redaktion der »Niedersächsi- schen Arbeiter-Zeitung«, die ZK-treuen Kommunisten konnten die Zeitung nur mit Hilfe der Polizei wieder in ihre Hand be- kommen. Daraufhin schloß das ZK Katz am 12. Januar aus der KPD aus. Für seine Anhänger gab er in Hannover ein »Mit- teilungsblatt« heraus, in dem er manche Interna der KPD publizierte. Das Blatt erschien von März bis Dezember 1926 in einer Auflage von 3000 Stück. Im Juni 1926 gründete Katz zusammen mit der Allgemeinen Arbeiter Union Pfemferts den »Spartakusbund der linkskommunistischen Organisationen«, der auf dem äußersten linken Flügel der kommunistischen Bewe- * Bcithold Karwahne, geb. 3. 10. 1887, trat 1927 zur NSDAP über und wurde ein prominenter Nationalsozialist, der von 1930 bis 1945 die NSDAP im Reichstag vertrat. Er war der einzige KPD- Funktionär, der zur NSDAP überlief und dort eine bedeutende Position bekam. Nach 1933 leitete er den ehemaligen Fabrikarbeiterverband, 1936 wurde er zum Gauobmann der DAF Südhannover- Braunschweig befördert. Er starb am 14. November 1957 in Krainhagen-Bückeburg. Katz/Kenzler 179 gung stand. Katz, von Losowski als »Ober- linker« verhöhnt, von Clara Zetkin als »Schurke oder Psychopath« und als »Iwan der Schreckliche« bezeichnet; kam aber bald auch mit dieser Organisation in Konflikt, da er nicht bereit war, sein Reichs- tagsmandat niederzulegen, wie es die anti- parlamentarische Gruppe forderte. Im Frühjahr 1927 wurde der neue »Sparta- kusbund« wieder aufgelöst. Katz spielte in der Politik keine Rolle mehr. Er holte sein Diplom als Volkswirt nach, bekam eine leitende Stelle im Sozialamt Berlin-Wed- ding und wohnte in Berlin-Karlshorst. 1933 sofort aus dem Amt entfernt, wurde er verhaftet und ins KZ gebracht. Er wurde auf Grund seiner früheren Bekanntschaft mit dem NSDAP-Innenminister Frick ent- lassen. Beide hatten 1924/25 im Reichstag der Amnestie-Kommission angehört, welche die Amnestie der politischen Häftlinge von KPD und NSDAP aushandelte. Doch diese Protektion war für Katz nicht von ständi- ger Dauer. Als Jude Anfang 1941 erneut verhaftet, kam er in ein Berliner Arbeits- lager, aus dem er entfloh. Bis 1944 lebte er illegal, dann verhaftete ihn die Gestapo und brachte ihn nach Auschwitz. Seine Frau protestierte gegen die unmensch- liche Behandlung ihres Mannes auf dem Transport, sie wurde selbst verhaftet und in das KZ Ravensbrück gebracht. 1945 befreit, schloß sich Katz kurze Zeit der KPD und SED an. Er war in der Ber- liner Stadtverwaltung beschäftigt. Katz glaubte, in Berlin eine wichtige Rolle bei der Aussöhnung zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungsmacht spielen zu können. Seine Frau starb am 10. Januar 1947 an den Folgen der KZ- Haft. Katz veröffentlichte im »Neuen Deutschland« noch eine Todesanzeige. Er trennte sich wieder von der SED und be- grüßte emphatisch die 1950 in Worms ge- gründete »Unabhängige Arbeiterpartei«, die Tito nahestand. 1954 verließ Katz wegen eines schweren Herzleidens Deutschland und siedelte in die Schweiz über, wo er sich in Castagnola bei Lugano niederließ. Dort starb er am 20. September 1956. KELLERMANN, Hermann (1887-1950) Am 14. August 1887 in Gehofen bei San- gershausen geboren, lernte Schlosser, dann als Schmied beschäftigt. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, im Krieg Übertritt zur USP, ging mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Bis 1924 Vorsitzender des KPD- Unterbezirks Erfurt. 1924 Abgeordneter des preußischen Landtags. 1925 kam er nach Berlin und arbeitete in der ZK-Abteilung Landwirtschaft. 1928 schied er aus dem Landtag aus. Beim Zusammenschluß der drei sächsischen Bezirke wurde Kellermann im Herbst 1929 Orgleiter der KPD in Sachsen. Bis 1933 übte er noch verschiedene andere haupt- amtliche Parteifunktionen aus. Nach 1933 arbeitete er illegal, wurde 1935 verhaftet und saß bis 1939 in den KZ Er- furt, Esterwegen und Sachsenhausen. 1939 entlassen, arbeitete er wieder als Schlosser. 1945 Mitglied der KPD bzw. der SED, übernahm in Thüringen verschiedene Par- teifunktionen. Kellermann starb 1950. KENZLER, Georg (1884-1959) Am 20. Oktober 1884 in Mannheim gebo- ren, sein Vater, ein Schmied, wurde 1892 wegen seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit bei der Mannheimer Firma Lanz gemaß- regelt, so daß die Familie nach Frankenthal in der Pfalz übersiedelte. Dort besuchte Georg Kenzler die Schule und lernte an- schließend Schlosser. Nach der Lehre aktiv in der Sozialistischen Jugend, ging auf Wanderschaft, wobei er Deutschland, die Schweiz und Österreich bereiste. 1908 schloß er sich der SPD an und kam 1917 bei Gründung zur USPD. 1918 zu den Pionieren eingezogen. Nach Ausbruch der Revolution kehrte er nach Mannheim zurück und war an den Revolu- i8o Kenzler/Kerff tionskämpfen beteiligt. Er stand auf dem linken Flügel der USP und kam mit diesem 1920 zur KPD. 1921 Leiter der KPD in Mannheim, arbei- tete aber noch in seinem Beruf als Schlosser. 1922 auch Stadtverordneter, hauptamtlicher Sekretär für die KPD Mannheim. Auch in der KPD gehörte Kenzler dem linken Flü- gel an, er wurde Anfang 1924 Polleiter des KPD-Bezirks Baden. Im Mai 1924 zog er in den Reichstag ein, in dem er bis 1928 wirkte. 1924/25 einige Male verhaftet, mußte aber als Reichstagsabgeordneter wie- der entlassen werden. Bis 1926 Polleiter in Baden, trat zunächst noch für das ZK auf, schloß sich aber 1926 immer enger an die Ruth-Fischer-Gruppe an. Ende 1926 abge- löst, einer der Führer der linken Opposition in Baden, die dort erst 1927 in Aktion trat. Da Kenzler am 16. Juli 1927 an einer Urbahns-Versammlung in Mannheim teil- genommen hatte, wurde er vor die Bezirks- leitung geladen. In einem Brief lehnte er sein Erscheinen ab: »Die jetzige BL gleicht einem Inquisitionstribunal, Ketzer (Opposi- tionelle) müssen um jeden Preis verbrannt werden. Ihr braucht noch Holz zum Schei- terhaufen.« Als solches »Holz« schickte er ein Schreiben der russischen Opposition und solidarisierte sich damit. Daraufhin wurde er am 27. Juli 1927 aus der KPD aus- geschlossen. Mitglied des linken »Leninbundes«. Nach der Auflösung des Reichstags am 18. April 1928 verhaftet, gewährte ihm die KPD keine Rechtshilfe, obwohl das Verfahren wegen seiner KPD-Tätigkeit lief. Kenzler kandidierte für den »Leninbund«, kam aber nicht mehr in den Reichstag. Nach der Haftentlassung 1928 eröffnete er in Mannheim eine Gastwirtschaft. Am 10. Januar 1929 trat er der SPD bei. Er siedelte nach Berlin über, wo er mit mehre- ren anderen früheren linken KPD-Abgeord- neten bei der Volkshilfe-Versicherung be- schäftigt war. Nach 1933 einige Male kurz inhaftiert, lebte bis 1945 als Arbeiter in Berlin. 1945 wieder in der Versicherung tätig, trat er der SED bei, übernahm aller- dings keine Funktion, sondern stand in Opposition zur SED-Linie. Bis zu seinem Tode lebte er in Ost-Berlin (Köpenick), er hatte sich von der Politik zurückgezogen. Kenzler starb am 1. Januar 1959 in Berlin. KERFF, Willi (geb. 1897) Geboren am 1. Mai 1897 in Aachen; be- suchte während des Krieges ein Lehrer- seminar und nahm Verbindung zur soziali- stischen Bewegung auf. Nach der Revolu- tion trat er der USP bei, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Aachen. Kerff war Lehrer in Aachen. 1920 kam er mit der linken USP zur KPD. 1923 in Köln hauptamtlicher Funktionär der KPD. Der VIII. Parteitag wählte ihn in die Gewerk- schaftskommission. Kerff gehörte zum linken Flügel der Partei. Nach Eppsteins Versetzung Mitte 1924 des- sen Nachfolger als Polleiter im KPD-Bezirk Mittelrhein. Als Spitzenkandidat aufge- stellt, zog er 1924 auch in den preußischen Landtag ein, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte. 1925 zunächst Orgleiter im Bezirk Mittel- rhein, im September/Oktober 1925 Pol- leiter des Bezirks Thüringen, dann als Mit- arbeiter ins ZK berufen, dort bis 1933 in der Landabteilung und im kommunistischen Bauernbund tätig. Im März 1933 verhaftete ihn die Gestapo und brachte ihn ins KZ. Im Oktober 1933 im Reichstagsbrandprozeß als Zeuge aus dem KZ vorgeführt, erklärte Kerff ent- gegen der Anklage, er kenne van der Lubbe nicht. 1935 aus dem KZ entlassen, arbeitete er kurze Zeit illegal und ging dann in die Emigration. Die KPD-Leitung sandte ihn nach Moskau, dort 1937 verhaftet. Der während der Säuberung festgenommene deutsche Kom- munist Dittbender hatte Kerff in seinen Aussagen belastet, die NKWD versuchte von Kerff die Bestätigung zu erpressen, er habe für die Gestapo gearbeitet. Kerff, der im Reichstagsbrandprozeß mannhaft für seine Partei eingetreten war, weigerte sich trotz aller gegen ihn angewandter Mittel, ein Geständnis abzulegen. Erst nach drei Jahren wurde er aus der Haft entlassen. In der Sowjetunion übte er verschiedene Tätigkeiten aus. 1947 konnte er nach Deutschland zurückkehren. Er wurde Leiter des Informationsamtes bei der Branden- burgischen Landesregierung. Von 1953 bis 1957 1. Stellvertretender Direktor des In- stituts für Zeitgeschichte in Ost-Berlin, seit 1962 Parteiveteran, lebte er 1969 in Ost- Berlin. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den »Vaterländischen Verdienst- orden« in Silber und das »Banner der Arbeit«. 1967 erschien sein Buch: »Karl Liebknecht 1914-1916. Fragment einer Biographie«. KILIAN, Otto (1879-1945) Am 27. November 1879 in Atzendorf Krs. Calbe geboren, lernte Schriftsetzer, an- schließend in diesem Beruf tätig. 1902 Mit- glied der SPD, für die er seit 1906 als hauptamtlicher Funktionär arbeitete. Kilian war Redakteur in Solingen, 1907 in Kassel, dann in Halle am »Volksblatt«. 1915 bis 1918 Soldat an der Front. Als Kriegsgegner schloß er sich der USP an. 1918 nach Halle zurückgekehrt, wurde Ki- lian, ein populärer Volksredner, zum Vor- sitzenden des Arbeiterrates in Halle ge- wählt. Er übernahm außerdem die Redak- tion des »Volksblatt«, seit 1917 (als die überwiegende Mehrheit der Halleschen SPD zur USP übergetreten war) Organ der USPD. Im März 1919 verhaftet. Bis November in Untersuchungshaft, dann wegen der revo- lutionären Tätigkeit des Arbeiterrats zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, aber vor- zeitig amnestiert. Mit der linken USP kam Kilian im Dezem- ber 1920 zur KPD. In dieser Zeit entstand Kilians Schrift »Der singende Kerker. Dich- tungen aus der Haft«. In der Folgezeit ver- Kerff/Kippenberger 181 öffentlichte er, allgemein als großer Idealist geachtet, verschiedene Gedichtbände, er ver- suchte sich außerdem auch als Musiker. 1921 geriet er in Konflikt mit der Partei, da er die Märzaktion ablehnte. Er blieb jedoch in der KPD und wurde 1921 für sie in den preußischen Landtag gewählt, nach- dem ihn schon die USP in die preußische Nationalversammlung (1919) entsandt hatte. Kilian war vor allem als Redakteur tätig, er näherte sich dem linken Parteiflügel um Maslow und Ruth Fischer und wurde 1924 kurze Zeit Agitprop-Sekretär im KPD-Be- zirke Halle-Merseburg. Auch 1924 wieder in den preußischen Landtag gewählt. Nach dem »Offenen Brief« der Komintern in Halle für die linke Opposition aktiv. Kilian unterschrieb 1926 den »Brief der 700« und wurde Leiter der Opposition in Halle-Merseburg. Mitte 1927 schloß ihn die KPD aus, da er seine Verbindung zur lin- ken Opposition nicht aufgab. Im November 1927 gab er eine Loyalitätserklärung für die KPD ab und wurde wieder in die Partei aufgenommen. Doch am 27. Januar 1928 trennte er sich von der KPD. 1928 Mit- gründer des »Leninbundes«, den er auch in den folgenden Jahren im Bezirk Halle- Merseburg leitete. 1933 wurde er verhaftet und während der ganzen Hitlerzeit in verschiedenen KZ- Lagern drangsaliert. Kurz vor Kriegsende starb Kilian im Vernichtungslager Bergen- Belsen an Typhus. KIPPENBERGER, Hans (1898-1937) Am 15. Januar 1898 in Leipzig geboren, besuchte in Leipzig die Realschule, lernte Bankangestellter und kam dann zum Militär. Er nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil und wurde mehrmals ver- wundet. Nach dem Krieg studierte er in Hamburg, dort als Korrespondent bei verschiedenen Firmen (für englische, französische, italieni- sche und spanische Sprache) tätig. 1918 Mit- 18 2 Kippenberger/Kleine glied der USPD, kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Seit 1922 im Apparat der KPD, spielte beim Hamburger Aufstand 1923 eine füh- rende Rolle. Es war vor allem seiner Um- sicht und militärischen Erfahrung zuzu- schreiben, daß die Kommunisten einen ge- ordneten Rückzug durchführen konnten. Nach dem Aufstand floh er in die Sowjet- union. In Moskau besuchte er eine Militär- schule. Im November 1924 kehrte Kippenberger zurück und lebte illegal (bis 1928) in Deutschland, von der Komintern mit dem Aufbau des Militärapparates betraut. Ob- wohl er 1924/25 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft war, wurde er noch immer wegen des Hamburger Aufstandes polizei- lich gesucht. 1928 kandidierte er für den Reichstag, während des Wahlkampfes ver- haftet. Da er als Abgeordneter gewählt wurde, mußte er freigelassen werden. Auf dem Weddinger Parteitag 1929 als Kandi- dat ins ZK aufgenommen, leitete er bis 1933 weiterhin den M-Apparat, er war bis 1933 Reichstagsabgeordneter. Nach 1933, beim illegalen Aufbau der zer- schlagenen KPD, spielte vor allem der M- Apparat eine wichtige Rolle. Kippenberger, der als »Leo« wirkte, wurde fieberhaft von der Gestapo gesucht. Nach der »Brüsseler« Konferenz 1935 wurde Kippenberger ausgeschaltet und von Paris nach Moskau beordert. Am 5. No- vember 1936 in Moskau verhaftet und nach einem Geheimprozeß am 3. Oktober 1937 erschossen. Seine Frau Thea wurde im Februar 1938 ebenfalls verhaftet und kam 1939 ums Le- ben. Die beiden minderjährigen Töchter wuchsen als Waisen in der Sowjetunion auf und leben heute in der DDR. Kippenberger und seine Frau wurden im Mai 1957 von den Sowjetbehörden offiziell rehabilitiert, von der SED wurde die Reha- bilitierung bisher nicht veröffentlicht. KLAUSMANN, Robert (geb. 1896) Am 15. Mai 1896 in Essen geboren, ur- sprünglich Christian Klausmann, später in Robert Klausmann abgeändert. Nach der Schulentlasseng 1910 Lederarbeiter in Wein- heim/Bergstraße. Von 1915 bis 1918 Front- soldat, dann wieder Arbeiter in Weinheim. Mitglied der Gewerkschaft. Im Mai 1920 Eintritt in die KPD, für die er in den fol- genden Jahren verschiedene Funktionen ausübte. Seit 1922 Mitglied des Bürger- ausschusses in Weinheim, seit 1926 des Kreistages Mannheim. 1929 zog er als Ab- geordneter in den badischen Landtag ein, im gleichen Jahr auf dem Weddinger Par- teitag ins ZK gewählt. Er nahm 1930 an einer Gewerkschaftsschulung der KPD in Berlin teil und wurde anschließend Sekretär für RGO-Fragen in der KPD-Bezirkslei- tung Baden. Im April 1932 wurde er Pol- leiter des Bezirks Baden-Pfalz, im Dezem- ber 1932 wieder abgelöst. 1933 verhaftet. Im Oktober 1933 aus dem KZ Kislau ge- flüchtet, Emigration nach Frankreich. Bis 1939 Grenzarbeit für die KPD, dann nach Südfrankreich emigriert. 1945 über Paris nach Deutschland zurück- gekehrt, wieder Mitglied der KPD. 1946 Landesdirektor für Arbeit und soziale Für- sorge in Karlsruhe. 1946 für die KPD in den Landtag von Württemberg-Baden ge- wählt. 1948 wurde Klausmann aus seiner Position in Karlsruhe entlassen. Kurze Zeit Direktor für Sozialversicherung in Stutt- gart, dann längere Zeit Parteisekretär der KPD in Stuttgart und Karlsruhe. Er zog sich von der Politik zurück und lebte 1969 als Rentner in Karlsruhe. KLEINE, August (richtiger Name: GU- RALSKI, Samuel) (1885-1960) Als Kind einer armen jüdischen Familie am 25. März 1885 in Lodz geboren. Sein Stu- dium versuchte er durch Gelegenheitsarbeit zu finanzieren. Früh schloß er sich der ille- galen revolutionären Bewegung an und wurde führendes Mitglied der linken Poale Kleine/Knab 183 Zion. 1913 lebte er in Wien, siedelte nach der Februarrevolution nach Kiew über, wo er den Menschewiki angehörte. Ende 1918 trat Kleine der Bolschewistischen Partei bei und übte in der Komintern verschiedene Funktionen aus. 1921 nach Deutschland ge- sandt, wo er zusammen mit Bela Kun die Komintern bei der Vorbereitung der März- aktion vertrat. 1922 kam er erneut nach Deutschland, um als Vertreter der Komintern in der KPD zu arbeiten. Zusammen mit seiner Frau, Käthe Pohl (richtiger Name: Lydia Rabinowitsch, später verheiratete Westermann, geb. am 12. Juli 1892 in Petersburg), spielte er bald eine führende Rolle in der KPD. Auf dem VIII. Parteitag im Januar 1923 offiziell als »August Kleine« in die Zentrale der KPD gewählt und von dieser in das Polbüro auf- genommen. Führend bei den Aufstandsvor- bereitungen 1923 beteiligt und nach der Oktoberniederlage einer der Hauptorgani- satoren der »Mittelgruppe«. Nadi der Übernahme der Parteiführung durch die Mittelgruppe im Januar 1924 war Kleine der Führer der KPD. Da die Mittel- gruppe auf dem Frankfurter Parteitag im April 1924 eine Niederlage erlitt, wurde er aus Deutschland abberufen. Später gehörte er zur Sinowjew-Opposition und wurde nach Südamerika geschickt. August Kleine- Guralski wurde bei den Stalinschen Säube- rungen verhaftet, er soll erst nach Stalins Tod aus der Haft entlassen worden sein. Nach Ostberliner Angaben starb er 1960. KLEPPER, Julius, Dr. rer. pol. (1897 bis 1960) Als Sohn eines Postamtmannes am 12. März 1897 in Köln geboren. Während des Krieges machte er das Notabitur, 1916 Soldat. Nadi den Kriege studierte er in Bonn und Frank- furt Nationalökonomie und promovierte 1921 zum Dr. rer. pol. 1920 Mitglied der USP, 1922 Übertritt zur KPD. 1924 politischer Redakteur des KPD- Organs »Sozialistische Republik« in Köln. Diese Zeitung leitete er von Anfang 1926 bis Ende 1927 als Chefredakteur. In den folgenden Jahren in verschiedenen Redak- tionen beschäftigt, wurde er im April 1929 zu einem Jahr Festung verurteilt. Nadi der Strafverbüßung einige Zeit Sekretär der KPD-Reichstagsfraktion. 1933 Emigration, ein Jahr später von der KPD nach Moskau geschickt. Klepper wurde während der Stalinschen Säuberung 1937 verhaftet und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbrachte viele Jahre in sibi- rischen Straflagern und wurde erst nach Stalins Tod rehabilitiert. 1955 Rückkehr nach Deutschland, in Ost- Berlin Mitglied der SED. Er lebte als Partei- veteran in Berlin-Köpenick, wo er am 21. Juli 1960 starb. KNAB, Peter Alois (1895-1963) Geboren am 23. Dezember 1895 in Köln. Besuch des Lehrerseminars, während des Krieges Soldat. 1919 Mitglied der USPD, 1920 mit der linken USP Übertritt zur KPD. Knab war Lehrer an einer weltlichen Schule in Köln. In der KPD gehörte er dem linken Flügel an. Von 1924 an Mitglied der Bezirks- leitung Mittelrhein. Bei der Wahl im Mai 1924 kandidierte Knab auf der Reichsliste der KPD. Zunächst nicht gewählt, rückte er nach dem Ausscheiden Jendroschs im Sep- tember 1924 in den Reichstag nach, dem er bis zur Auflösung im Oktober 1924 an- gehörte. Im Dezember 1924 nicht wieder gewählt, wurde Knab jedoch 1925 Mitglied des Provinziallandtags Rheinland; er war auch Stadtverordneter in Köln. Nach dem »Offenen Brief« 1925 schloß sich Knab der linken Opposition an. Im Juli 1926 mußte er alle Ämter in der Partei niederlegen, er trat im Dezember 1928 aus der Partei aus, angeblich waren dafür nicht nur politische Gründe maßgebend. (Im No- vember 1927 hatte man ihm finanzielle Ver- fehlungen vorgeworfen.) In den folgenden Jahren trat Knab nicht mehr politisch her- 184 Knab/Koegler vor, behielt aber Verbindung zu linken Kreisen. Nach 1933 einige Zeit inhaftiert, trat er Ende der dreißiger Jahre der NSDAP bei, um seinen Lehrerberuf weiter ausüben zu können. Gleichzeitig soll er sich aber in einer Widerstandsgruppe betätigt haben. Nach 1945 trat Knab keiner Partei mehr bei. Nadi langen juristischen Kämpfen be- kam er eine Wiedergutmachung, obwohl er NSDAP-Mitglied gewesen war. Nach 1945 wurde er Vorsitzender des Bürgervereins in Köln-Höhenhaus. Nach seiner Pensionie- rung siedelte Knab Ende 1953 nach Enkirch (Mosel) über, wo er am 22. Juli 1963 starb. KNODT, Hans (1900-1937?) Am 21. März 1900 in Essen geboren; stammte aus einem bürgerlich-katholischen Elternhaus. Besuchte die Realschule und legte das Abitur ab. 1919 schloß er sich der KPD an und war seit 1920 als Redakteur für die KPD tätig. Zunächst bei der Frankfurter KP-Zeitung, 1922/23 in Thüringen. 1924 leitete er als Chefredakteur die Frankfurter »Arbeiter- zeitung«, dann die »Sächsische Arbeiter- zeitung« in Leipzig. Da in Sachsen ein Haftbefehl gegen ihn lief, tauchte er 1925 (Peud.: Kossert) unter. Das Verfahren we- gen Landesverrat wurde 1926 eingestellt. 1926/27 übernahm Knodt die Chefredak- tion der »Niederrheinischen Arbeiter-Zei- tung« in Duisburg. Da diese Zeitung ein Kopfblatt wurde, kam er 1928 als politi- scher Redakteur ans »Ruhr-Echo« nach Essen. Im Dezember 1928 siedelte er nach Köln über und wurde Chefredakteur der »Sozialistischen Republik«. 1932 holte ihn das ZK in die Redaktion der »Roten Fahne« nach Berlin, Ende 1932 wurde Knodt, der seit langem mit Thälmann be- freundet war, zum Chefredakteur der »Ro- ten Fahne« ernannt. 1933 ging er ins Saargebiet und war bis 1934 Chefredakteur der illegalen »Roten Fahne«. Zusammen mit seiner Braut, Elisa- beth Gill, lebte er in Paris, 1935 in die Sowjetunion abkommandiert. Unter dem Pseudonym »Horn« Mitarbeiter bei der Abteilung Massenorganisationen der Kom- intern. Die NKWD verhaftete Knodt 1937, er verschwand als Opfer der Stalinschen Säuberung. KOEGLER, Theodor (1901-1968) Als Sohn eines bayerischen Gemeindebeam- ten am 29. Januar 1901 in Aichach bei Augs- burg geboren. Bis 1920 absolvierte er die katholische Lehrerbildungsanstalt in Pasing, gründete 1919 einen »revolutionären Schü- lerrat« und trat 1920 der KPD bei. Nach einem Presseduell zwischen dem nationali- stischen »Miesbacher Anzeiger« und dem »Tegernseer Landboten« um die Person Koeglers, wurde er im Februar 1921 vom Schuldienst suspendiert. Er kam als hauptamtlicher Funktionär der KPD nach Berlin-Brandenburg. Sekretär des Orgleiters Pfeiffer bis Ende 1923. 1924 wurde er 2. Orgleiter in Berlin-Branden- burg. Anfang 1925 Sekretär imOrgbüro und schließlich im Frühjahr 1925 Polleiter des KPD-Bezirks Berlin-Brandenburg. Er ge- hörte nach dem »Offenen Brief« zur lin- ken Opposition und wurde deshalb im No- vember 1925 als Polleiter des wichtigsten KPD-Bezirks abgelöst und 1926 als einer der Organisatoren der Opposition nach Halle und von da nach Jena abgeschoben. Koegler unterzeichnete 1926 den »Brief der 700«, deswegen am 14. Dezember 1926 aus der KPD ausgeschlossen. Einer der Mit- begründer des »Leninbundes«, für den er auch nach dem Austritt von Ruth Fischer tätig war. 1931 verließ er den »Leninbund« und ging zur SAP. Kandidat der SAP bei den preußischen Landtagswahlen 1932. Ent- fernte sich von der aktiven sozialistischen Politik, beantwortete eine Umfrage, wie man sich die tiefe Krise der Arbeiterbewe- gung erklären könne, mit dem Stichwort »Untergangskrise«. Unter Hitler wurde er nicht verfolgt, im Koegler/Köhler, Max 185 Gegenteil, man versuchte, ihn für die NSDAP zu gewinnen. Im Sommer 1933 wollte ihn die Gauleitung des NS-Studen- tenbundes Berlin zum Leiter der Fortbil- dungsschulen von Berlin machen. Er lehnte jedoch ab und tauchte im Herbst 1933 als kleiner Angestellter im Unilever-Konzern unter. Nach seinen eigenen Worten gehörte Koeg- ler »keiner Widerstandsbewegung an und stand doch in aktiver Opposition«. Als stellvertretender Betriebsberufswalter des Berliner Unilever-Unternehmens versuchte er eine solche »Opposition von innen« (er gehörte aber nicht der NSDAP, sondern nur der DAF an). 1945 mit 95 °/o der Stimmen in den Betriebs- rat gewählt. Er siedelte nach Hamburg über, wo er 1946 die Forderung nach einer deut- schen Neutralität erhob und 1949 den »Neutralitätsausweis« herausgab, der in der deutschen Presse ziemlich großes Auf- sehen hervorrief. Er wurde kritischer An- hänger des Kreises um die »Neue Politik« in Hamburg und war »von jeglicher Form eines Staatssozialismus gründlich kuriert«. Koegler veröffentlichte 1963 eine Broschüre: »Das neue Weltbild«, um die »steril ge- wordene marxistische Ideologie« überwin- den zu helfen. Nach seiner Ansicht wächst die moderne Industriegesellschaft mehr und mehr in eine ständische, dem Mittelalter strukturell verwandte Gesellschaft hinüber. Koegler starb am 23. September 1968 in Hamburg. KÖHLER, Gustav, (1885-1952) Am 5. September 1885 in Stendal geboren, lernte Mechaniker. Vor dem Weltkrieg Mit- glied der SPD. Nach dem Kriege Über- siedlung nach Ulm, wo er sich der USP an- schloß und 1920 mit der linken USP zur KPD ging. Auch in der KPD Anhänger des linken Parteiflügels. 1924 in den württem- bergischen Landtag gewählt, im gleichen Jahr hauptamtlicher Orgleiter des KPD- Bezirks Württemberg. Anfang 1927 als Orgleiter abgelöst, blieb er weiter hauptamtlicher Funktionär, In- strukteur im Schwarzwald, später in Ulm. Auch 1928 wieder in den Landtag gewählt, er gehörte dem Parlament bis 1932 an. Am 13. März 1933 verhaftet, wurde Gustav Köhler zwölf Jahre und zwei Monate lang von KZ zu KZ geschleppt (Heuberg 1933, bis 1935 Kuhberg, danach bis 1939 Dachau, anschließend bis 1940 Flossenbürg und schließlich bis 30. April 1945 Dachau) und kam erst 1945 frei. Gesundheitlich schwer angeschlagen, kehrte er nach Württemberg zurück. Er arbei- tete bis zur Erreichung der Altersgrenze 1950 als Berichterstatter im württember- gischen Innenministerium und trat politisch nicht mehr hervor. Nach langer Krank- heit starb Köhler am 20. August 1952 in Stuttgart. KÖHLER, Max (geb. 1897) Als Sohn eines Webers am 26. Juli 1897 in Berlin geboren, lernte Tischler. Besuchte vier Jahre eine Fachschule und bestand die Gesellenprüfung mit Auszeichnung. Mit 14 Jahren im Oktober 1911 der Arbeiter- jugendbewegung beigetreten, am 1. Oktober 1915 Mitglied der SPD. In Berlin gehörte er der Spartakusgruppe an. An der Grün- dung des Jugend-Bildungsvereins Groß- Berlins, der Jugendorganisation des Sparta- kusbundes im April 1916 beteiligt, Vorsit- zender dieser Gruppe. Im Zusammenhang mit den Demonstrationen gegen die Ver- haftung Karl Liebknechts festgenommen und 1917 wegen antimilitaristischer Arbeit zu sechs Jahren Festung verurteilt. Durch die Revolution befreit, gehörte Max Köhler zu den Mitgründern der KPD in Berlin. Mitglied der Zentrale der Freien Sozialistischen Jugend, des späteren Kom- munistischen Jugendverbandes sowie Inha- ber des Verlages »Junge Garde«. 1923 als Abteilungsleiter in die Zentrale der KPD (Gewerkschaftsabteilung) berufen. Anhän- ger des rechten Flügels der KPD, blieb auch i86 Köhler, Max/Koenen, Bernhard nach 1924 in der Gewerkschaftsabteilung, doch war er längere Zeit »kaltgestellt«. Bis 1928 Angestellter im ZK, zuletzt für die Sozialpolitik verantwortlich. Als einer der Führer der Rechten Ende 1928 aus der KPD ausgeschlossen. Mitgründer der; KPO, Sekretär der Berliner KPO und Mit- glied der erweiterten Reichsleitung. Bei der Spaltung der KPO 1932 ging er mit der Minderheit zur SAP, Geschäftsführer und Orgleiter der Berliner SAP. Nach dem Verbot der SAP durch Hitler 1933 kurz verhaftet, übernahm Max Köhler nach seiner Entlassung als Reichsorganisa- tionsleiter der SAP die illegale Inlands- arbeit. Im November 1933 verhaftet und im großen SAP-Prozß »Max Köhler und Genossen« zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Nach der Entlassung 1937 auf Wunsch seiner politischen Freunde emigriert. Nach Aufenthalt in Prag, Basel und Paris in Kopenhagen Leiter des SAP-Stützpunk- tes Dänemark. 1940 bis 1945 lebte er illegal in Dänemark. 1955 kehrte Max Köhler nach Berlin zu- rück, 1956 Mitglied der SPD. Aus der SAP- Zeit eng mit Willy Brandt befreundet, ob- wohl sich ihr politischer Weg trennte, da Köhler auf dem Boden des Marxismus blieb. 1961 wurde Köhler wegen religions- kritischer Äußerungen aus der SPD aus- geschlossen, 1962 durch Schiedsgerichtsver- fahren wieder in die Partei aufgenommen. Er lebte 1969 in West-Berlin, aktiv im »Bund der Verfolgten des Naziregimes« (BVN) tätig. KOENEN, Bernhard (1889-1964) Am 17. Februar 1889 in Hamburg als Sohn des Tischlers Heinrich Koenen geboren. Der Vater war Sozialist und Teilnehmer des Gründungskongresses der II. Internationale in Paris. Wie sein Bruder Wilhelm Koenen kam Bernhard früh zur sozialistischen Be- wegung. Noch als Mechanikerlehrling trat er 1906 der Gewerkschaft und 1907 der SPD bei. Nach der Lehre 1907 Wanderschaft. Nadi längeren Aufenthalt in Lausanne durch- streifte er Frankreich, Holland, Dänemark und kam bis nach Afrika, wo er in einer Ziegelei in Biserta und danach in Ägypten arbeitete. Wegen Ableistung des Militär- dienstes mußte er die Wanderung zwei Jahre unterbrechen. 1914 arbeitete er in Plauen, kam bei Kriegs- ausbruch nach Hamburg. Als Soldat ein- gezogen. 1916 zum Bau der Leuna-Werke nach Mitteldeutschland abkommandiert. Zu- sammen mit seiner Frau Frida, die er wäh- rend des Krieges geheiratet hatte, trat der Kriegsgegner Koenen 1917 zur USPD über. Er war in den Leuna-Werken politisch ak- tiv. 1918 stellvertretender Betriebsratsvor- sitzender. 1920 mit der linken USPD zur KPD. Koe- nen war Delegierter des III. Weltkongresses der Komintern. Arbeitete 1921/22 für die Komintern in Belgien und Frankreich. Auf dem VIII. KPD-Parteitag in der Orgkom- mission und für Halle-Merseburg in den ZA gewählt. Redakteur der Halleschen KPD-Zeitung »Klassenkampf«, Mitglied der KPD-Bezirksleitung Halle Merseburg. Ende 1927 leitete er als Chefredakteur einige Monate den »Klassenkampf« in Halle. Bernhard Koenen gehörte von 1922 an dem Provinziallandtag und 1924-1929 dem preußischen Staatsrat an. Er war ein Ver- treter der Mittelgruppe und später ein füh- render »Versöhnler« in Halle-Merseburg. Nach der Wittorf-Affäre leitete er zusam- men mit Schröter u. a. die Bezirksleitung Halle-Merseburg, in der die »Versöhnler« die überwältigende Mehrheit besaßen. 1929 kapitulierte er vor der Parteimehrheit, wurde seiner Funktionen enthoben und in die Genossenschaftsarbeit abgeschoben. Von 1931 an Leiter des Unterbezirks Mansfeld der KPD, eine Funktion, die er bis 1933 be- hielt. Beim sogenannten Blutsonntag in Eis- leben am 13. Februar 1933 wurde Bernhard Koenen von der SA zusammengeschlagen, verlor ein Auge, wurde für tot gehalten und Koenen, Bernhard/Koenen, Wilhelm 187 konnte entkommen. Obwohl er steckbrief- lich gesucht wurde, behandelte ihn ein mit dem Kommunismus sympathisierender Arzt in seiner Privatklinik. Danach emigrierte Koenen 1933 in die Sowjetunion. Während der Stalinschen Säuberung wurde er 1937 verhaftet. Anfang 1939 freigelassen, erhob er konkrete Beschuldigungen gegen die NKWD und ihre Torturverhöre, was ihm abermals einige Monate Inhaftierung einbrachte. 1940 wieder zur KPD-Arbeit herangezogen und 1942 ins ZK kooptiert. 1945 nach Deutschland zurückgekehrt, Lan- desvorsitzender bzw. 1. Sekretär der KPD bzw. der SED Sachsen-Anhalt. Er gehörte ununterbrochen dem Parteivorstand bzw. dem ZK der SED und 1949-1954 der Volkskammer an. 1952 bis 1958 Botschafter der DDR in Prag. 1958 bis 1963 wieder 1. Sekretär des SED-Bezirks Halle. Nadi dem Tode Piecks im September 1960 in den Staatsrat der DDR aufgenommen. 1963 Vorsitzender der Wahlkommission für die Volkskammerwahl. Träger höchster Aus- zeichnungen, so des »Vaterländischen Ver- dienstordens« in Gold und »Karl-Marx- Orden«. Bernhard Koenen starb am 30. April 1964 nach kurzer Krankheit in Ost-Berlin. KOENEN, Wilhelm (1886-1963) Als Sohn eines Tischlers und aktiven So- zialisten am 7. April 1886 in Hamburg ge- boren. Besuch der Fortbildungsschule und der Arbeiterbildungsschule des Fortbildungs- vereins Hamburg. Mit 14 Jahren kaufmän- nische Lehre. Danach 1904 Angesteller der SPD-Buchhandlung in Kiel. Im gleichen Jahr Mitglied der SPD. Im Februar 1907 hauptamtlicher Funktionär, zunächst Zei- tungsberichterstatter in Kiel. 1909 in Kö- nigsberg. 1910 Teilnehmer eines längeren Kurses an der SPD-Parteischule in Berlin, anschließend Redakteur, von April 1911 an am »Volks- blatt« in Halle. Hier blieb er bis 1919 Re- dakteur und gehörte bald zu den leitenden Funktionären der Partei. 1913 Mitglied der SPD-Bezirksleitung. Da die Hallesche SPD 1917 fast geschlossen zur USP ging und das »Volksblatt« zum USP-Organ wurde, war Koenen einer der führenden Köpfe der USP (die in Halle eine ihrer wichtigsten Orts- gruppen hatte). Nach der Revolution 1918 spielte Koenen eine bedeutende Rolle. Er war Kommissar der Arbeiter- und Soldatenräte im Bezirk Halle-Merseburg und zog 1919 als Abge- ordneter der USP in die Nationalversamm- lung ein. Im August 1919 Vorstandsmitglied der USPD, in deren ZK gewählt, 1920 in den Reichstag delegiert. Vorsitzender des USP-Bezirks Halle. Anhänger des linken Flügels der Partei. Gemeinsam mit Stoecker vertrat er auf dem II. Weltkongreß der Komintern 1920 die Anschlußbestrebungen innerhalb der USP an die Komintern. Auf dem Spaltungsparteitag der USP in Halle 1920 aktiv für die Linke, nach der Spaltung ins ZK der linken USP gewählt. Einer der Hauptorganisatoren des Zusammenschlusses von linker USP und KPD 1920. In die Zentrale der neuen VKPD auf- genommen. Leitete als Vorsitzender den III. Weltkongreß der Komintern 1921. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 nicht in die Zentrale gewählt, jedoch 1922 in die Zen- trale kooptiert und auf dem VIII. Parteitag 1923 wieder Zentrale-Mitglied. Nach dem Auseinanderfallen der Brandler-Führung (November 1923) gehörte Koenen zu den Führern der Mittelgruppe. Als Zentrale-Mitglied wurde Koenen poli- zeilich gesucht, nach seinem Steckbrief war er, »168 groß, linkes Bein etwas nachzie- hend (etwas gelähmt)«. Nadi der Übernahme der Führung durch die Linken 1924 nicht in die neue Zentrale übernommen. Nur noch parlamentarische Tätigkeit; 1924 zog er wieder in den Reichs- tag ein und gehörte ihm bis 1932 an. Nach dem »Offenen Brief« 1925 wieder stärker zur Führung herangezogen. 1925 war Koenen am Rande in den Berliner Sklarek-Skandal (eine Bestechungsaffäre, in 188 Koenen, Wilhelm/König, Arthur die damals viele Politiker verwickelt waren) verstrickt, da er von Sklarek Geld geliehen hatte. Bei den Auseinandersetzungen mit den Rechten und Versöhnlern schloß er sich aktiv der Parteimehrheit an. 1929 löste er den Versöhnler Schröter als Polleiter in Halle-Merseburg ab, nachdem er schon zu- vor als »Kommissar« des ZK gegen die Versöhnler eingesetzt war. 1929 wurde er als Mitglied ins ZK gewählt, aber 1931 seiner Funktion in Halle enthoben und in den Hintergrund gedrängt. 1932 auch nicht mehr in den Reichstag gewählt. Von 1932 an Abgeordneter des preußischen Landtags. Von 1926 bis 1932 war Koenen auch Mit- glied des preußischen Staatsrates gewesen. 1933 emigrierte er ins Saargebiet, dann in die ÖSR, nach Frankreich und schließlich nach England, wo er 1940/42 interniert war. Auch den neuen Kurs der »Volks- front« machte er mit. In England erklärte Koenen in Diskussionen mit Christen, Kom- munismus sei nur eine Form des Christen- tums. 1944 arbeitete er an Sefton Delmers englischen Soldatensender Calais mit. 1943 über Prag Rückkehr nach Deutschland, zunächst Redakteur der Halleschen KPD- Zeitung »Freiheit«, von 1946 bis 1949 1. Landesvorsitzender der SED in Sachsen. 1946 in den sächsischen Landtag gewählt. Ab 1946 gehörte er ununterbrochen bis zu seinem Tode dem Parteivorstand bzw. dem ZK der SED an. Von 1949 bis 1956 Sekre- tär des Deutschen Volksrates bzw. des Se- kretariats der Volks- und Länderkammer, danach Vorsitzender der »Interparlamen- tarischen Gruppe der DDR«. Im Mai 1953 bekam er eine Rüge wegen »mangelnder Wachsamkeit«. In den letzten Jahren spielte er keine politische Rolle mehr. Mit einer Reihe Auszeichnungen, darunter den »Karl- Marx-Orden« geehrt. Seine Frau, Emmy Damerius-Koenen, war 1948/49 1. Vorsit- zende des DFD. Wilhelm Koenen starb am 19. Oktober 1963 in Ost-Berlin. KÖNIG, Arthur (1884-?) Am 18. April 1884 in Breslau geboren, ar- beitete nach der Volksschule in Maschinen- und Papierfabriken. Später als Hausdiener und Zeitungsbote beschäftigt, schließlich, nachdem er sich durch Selbststudium ein umfangreiches Wissen angeeignet hatte, wurde er Buchhändler. 1904 trat König der Gewerkschaft und der SPD bei, er lebte im Ruhrgebiet, von 1912 an in Dortmund in der SPD-Buchhandlung angestellt. 1916 bis 1918 als Soldat an der Westfront, im September 1918 desertierte er und schloß sich der Spartakusgruppe an. Mitglied der KPD seit Gründung. 1920 Vorsitzender der Partei in Essen, hauptamt- licher Sekretär. In der »Roten Ruhrarmee« spielte König 1920 eine bedeutende Rolle. Auf dem Vereinigungsparteitag mit der USPD 1920 in den ZA der VKPD gewählt, ebenso auf dem Jenaer Parteitag 1921. 1922 leitete er als Sekretär den Unterbezirk Dort- mund der KPD. 1923 Orgleiter des Ober- bezirks West. Als Vertreter der Linken auch in die Zentrale kooptiert. 1924 gehörte König in Westdeutschland zu den Führern der Linken. Er nahm im Ja- nuar 1924 als Vertreter der Linken an der Moskauer Konferenz teil. Auf dem Be- zirksparteitag im Ruhrgebiet im März 1924 hielt er für die Linken das Hauptreferat. Der Frankfurter Parteitag im April 1924 wählte ihn in die Zentrale, als Hauptkas- sierer übernahm er die Kasse der KPD. Im Mai und Dezember 1924 zog König als Abgeordneter in den Reichstag ein. König versuchte, die Gelder der KPD in verschiedenen Fabriken usw. anzulegen, um Gewinn zu erzielen. U. a. stieg er für die KPD ins Schallplattengeschäft ein, was spä- ter als »idiotisch« verurteilt wurde: Man nahm an, der Rundfunk werde die Schall- plattenindustrie vernichten. Das Ergebnis von Königs Transaktionen war zunächst ein Verlust von 100 000 Mark. Da die Geschäftsabschlüsse gefeiert wurden und bald Gerüchte über wilde Gelage und Unterschlagungen durch die Partei gingen, König, Arthur/König, Wilhelm 189 wurde König 1925 abgesetzt und eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Die Komintern versuchte, nach dem »Offenen Brief«, den Skandal auch gegen Scholem und Ruth Fischer auszunutzen; schließlich wurde aber festgestellt, daß auch König sich selbst nicht bereichert hatte. Er wurde nicht aus der KPD ausgeschlossen, mußte jedoch im November 1925 sein Reichstags- mandat niederlegen. Man erfüllte ihm noch seinen Wunsch, auf einer Italienreise die dortigen Kunstschätze kennenzulernen. In der KPD spielte er keine Rolle mehr. Bis Anfang der dreißiger Jahre war er im Inseratengeschäft für die KPD tä- tig. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. KÖNIG, Johannes (1904-1966) Aus einer Arbeiterfamilie stammend, am 2. April 1904 in Arnstadt geboren; lernte Gerber. 1919 Mitglied der Freien Sozialisti- schen Jugend, 1920 Eintritt in die KPD. 1923 hauptamtlicher Mitarbeiter der KPD in Gotha, nach dem Oktober 1923 illegal tätig. 1925 Volontär und anschließend Re- dakteur an der »Sozialistischen Republik« in Köln. Ende 1926 bis 1928 Redakteur der »Arbeiterzeitung« in Mannheim, dann wie- der nach Köln entsandt. Im März 1929 übernahm König die Chef- redaktion des Solinger KPD-Organs »Ber- gische Arbeiterstimme«. Im April 1930 zu ib^Jahren Festung verurteilt. Nach der Strafverbüßung Chefredakteur des Chem- nitzer »Kämpfer«. Im Mai 1933 verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Entlassung 1935 folgte er seiner Frau in die Emigration nach Schanghai, wo- hin Frau König nach kurzer Haft ausgewie- sen worden war. In Schanghai nahm König Verbindung zur KP Chinas auf. Er arbei- tete für die chinesische KP und die sowjeti- sche Nachrichtenagentur TASS. 1947 Rückkehr nach Deutschland. Chef- redakteur der »Sächsischen Zeitung« in Dresden. Durch die langen Jahre seiner Emigration in China und durch zahlreiche Veröffentlichungen über Fernostprobleme hatte er sich als Asien-Spezialist der SED ausgewiesen. Er wurde im April 1950 Leiter der Diplomatischen Mission der DDR in Peking, später Botschafter in China. Von August 1955 bis Juli 1959 vertrat König die DDR als Botschafter in Moskau. Im Juli 1959 Stellvertreter des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten, im Juni 1965 Botschafter der DDR in Prag. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den »Va- terländischen Verdienstorden« in Gold. König starb am 22. Januar 1966. KÖNIG, Wilhelm (1884-1945?) Am 4. Juni 1884 in Hetlingen, Krs. Pinne- berg, geboren, kam als Kind nach Berlin, lernte Maschinenbauer. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD. 1918 Vorsitzender des Arbeiterrats bei der AEG. 1920 Übertritt zur KPD. Bis 1923 im Betriebsrat der AEG- Turbine Berlin, dann Betriebsratsvorsitzen- der. Jahrelang kandidierte er im Deutschen Metallarbeiterverband auf der Liste der Kommunisten. 1928 zog er für die KPD in den preußi- schen Landtag ein. Da er sich gegen den ultralinken Kurs wandte, geriet er bald in Widerspruch zur Parteilinie. Im März 1930 kandidierte er zusammen mit Sozialdemo- kraten auf einer gemeinsamen Liste für die Betriebsratswahl und protestierte in einem Brief an das ZK gegen die Aufstellung »roter« d. h. eigener kommunistischer Be- triebsratskandidaten, er wurde aus der KPD ausgeschlossen. Er blieb als Fraktionsloser im Parlament, schloß sich dann später wieder der SPD an. Nach 1933 mehrmals verhaftet, lebte er bis 1945 in Berlin. König wohnte 1945 in der Fehmarner Straße im Nord- westen Berlins. Kurz nach dem Einzug so- wjetischer Truppen wurde er im Mai 1945 von Sowjetsoldaten abgeholt, er ist seither spurlos verschwunden. 190 Köppen/Kötter KÖPPEN, Karl (1888-1936) Am 9. April 1888 als Sohn eines kinder- reichen sozialdemokratischen Funktionärs in Hamburg geboren. Bis 1914 Transport- arbeiter, dann längere Zeit als Getreide- kontrolleur im Hamburger Hafen. 1905 einer der Mitgründer der Sozialistischen Jugend Hamburgs, 1906 Mitglied der SPD. Von 1914 bis 1918 als Soldat an der Front, mehrmals verwundet. 1918 Vizefeldwebel an der Ostfront, seine Gruppe wurde der Meuterei angeklagt. Bis Kriegsende in Ham- burg inhaftiert. Nach der Revolution Mitglied des Ham- burger Soldatenrats, er gehörte dem 30er Ausschuß des Arbeiter- und Soldatenrates in Hamburg an. 1919 Übertritt zur USP, 1920 zur KPD. Delegierter des Spaltungs- parteitags der USP und des Vereinigungs- parteitages im Dezember 1920. Köppen war in Hamburg ein aktiver Funktionär der KPD, wurde 1921 in die Hamburger Bür- gerschaft gewählt. Wegen einer Schlägerei mit Polizeispitzeln zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, floh er aus Hamburg. In Suhl gefaßt, wurde er von 5000 Arbeitern aus dem Gefängnis befreit. Seit 1922 betrieb er in Hamburg eine Gastwirtschaft, da er we- gen seiner schweren Verwundung seinen Be- ruf nicht mehr ausüben konnte. Auf dem VIII. Parteitag 1923 vertrat er den Bezirk Hamburg als Delegierter. Da Spitzelver- dacht gegen ihn laut wurde, beantragte er gegen sich selbst ein Parteiverfahren. Doch kam es inzwischen zum Hamburger Auf- stand vom Oktober 1923. Köppen spielte eine führende Rolle und wurde deswegen Ende 1923 verhaftet und im Urbahns-Pro- zeß 1925 zu fünf Jahren Festung ver- urteilt (der Staatsanwalt hatte zwölf Jahre beantragt), im Frühjahr 1926 am- nestiert. Auf dem 1. Weltkongreß der Internationa- len Roten Hilfe 1926 wurde Köppen in die Exekutive gewählt. Bald bekam er wegen seiner ultralinken Haltung Differenzen mit der KPD. Köppen, ein enger Freund Thäl- manns, wurde verdächtigt, damals in einige Hamburger Korruptionsaffären verwickelt zu sein. 1926 verließ er die KPD und schied aus der Hamburger Bürgerschaft aus. Er pflegte auch nach seinem Austritt noch die Verbindung zur KPD und zur linken Oppo- sition, war aber nicht mehr aktiv politisch tätig. Köppen starb am 4. Februar 1936 in Ham- burg. KÖTTER, Wilhelm (1902-1957) Geboren am 29. März in Senne bei Biele- feld, lernte Kaufmann und arbeitete als kaufmännischer Angestellter in verschiede- nen Firmen. 1920 Eintritt in die KPD, ak- tiver Funktionär in Bielefeld, 1923 dort Unterbezirksleiter und hauptamtlicher Se- kretär. Ende 1923 in Schutzhaft genommen und ins Sennelager gebracht. Er entfloh, wurde im Mai 1924 erneut verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. An- schließend von der KPD als Wanderredner eingesetzt. 1925 leitete er wieder den Unter- bezirk Bielefeld und gehörte mit diesem Bezirk 1925 zur ultralinken Opposition. Als Vertreter der Ultralinken wählte ihn der X. Parteitag 1925 in die Kommunalkom- mission. Um die Ultralinken zu schwächen und Kötter zu isolieren, versetzte man ihn Anfang 1926 als Mitarbeiter des ZK nach Berlin, doch wurde er bald einer der Führer der »Weddinger Opposition«. Auf dem XI. Parteitag 1927 ergriff er das Wort für diese Oppositionsgruppe. Nach der Spaltung der »Weddinger Oppo- sition« gehörte er zur gemäßigten Richtung, die nach ihm »Kötter-Gruppe« genannt wurde. Im August 1927 kehrte er nach Bielefeld zurück, wieder Polleiter des oppo- sitionellen Unterbezirks. Es gelang dem ZK, Kötter zu isolieren. Am 19. Juni 1930 legte er sein Stadtverordnetenmandat nieder, we- gen »groben Disziplinbruchs und Parteischä- digung« am 24. Juni 1930 aus der KPD ausgeschlossen mit 24 gegen 22 Stimmen). Dazu vermerkte die KPD-Zeitung: »Partei- feind über Bord«. Kötter hatte schon vor- her einen Zigarrenladen eröffnet, den er in der Folgezeit in Bielefeld betrieb. Politisch trat er nicht mehr hervor. Am 4. März 1933 wurde er trotzdem sofort verhaftet und bis 1934 in »Schutzhaft« im KZ festgehalten und später noch einige Male inhaftiert. Nach 1945 betrieb Kötter seinen Zigarrenladen in Bielefeld weiter. Politisch war er nicht mehr organisiert, hatte aber seinen kommunistisch-oppositionellen Standpunkt beibehalten. Kötter starb am 3. November 1957 in Bielefeld. KOLLWITZ, Hans (1893-1948) Am 13. August 1893 in Stralsund geboren, lernte Tischler, nahm als Soldat am Welt- krieg teil. 1918 Mitglied der USPD. 1920 als USP-Abgeordneter in den Landtag von Mecklenburg-Schwerin gewählt. Delegierter des Spaltungsparteitags der USPD, kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Bis 1921 als Tischler beschäftigt, dann hauptamtlicher Funktionär. Zunächst in Mecklenburg tätig. 1923 nach Westdeutschland entsandt, wo Kollwitz als Sekretär des Landesausschusses der Betriebs- räte der Ruhr fungierte. Anhänger des lin- ken Flügels der Partei. 1924 Orgleiter des KPD-Bezirks Ruhr. Im gleichen Jahr Ab- geordneter des preußischen Landtags. Unter dem Pseud. »Schwarz« bis Mitte 1925 Org- leiter des Ruhr-Bezirks. Im Juli 1925 Teil- nahme an einem Schulungskurs in Moskau. Anfang 1926 Rückkehr nach Deutschland, Polleiter der KPD in Ostpreußen. Diese Funktion übte er drei Jahre lang aus. Dele- gierter des Essener Parteitages 1927; als Kandidat ins ZK berufen. 1928 in den Reichstag gewählt. Im März 1929 von Ostpreußen nach Köln versetzt, Polleiter des KPD-Bezirks Mittel- rhein. Im April 1930 in Köln zu drei Mo- naten Gefängnis verurteilt, weil er in einer Versammlung des verbotenen RFB gerufen hatte: »Trotz alledem!«. Mitte 1930 als Polleiter im Bezirk Mittelrhein abgelöst. Im Kötter/Korpus 191 September 1930 kandidierte er nicht mehr für den Reichstag. Die Polizei verhaftete ihn im Februar 1931. Im Essener Gefängnis trat Kollwitz in den Hungerstreik, den er über einen Monat durchhielt. Im April 1931 verurteilte ihn das Reichsgericht zu zwei Jahren Festung. Vorzeitig amnestiert, trat er politisch nicht mehr hervor. Es war offensichtlich, daß er Differenzen mit der KPD hatte. Er siedelte wieder nach Mecklenburg über. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er poli- tisch nicht mehr organisiert. Kollwitz starb am 14. November 1948 in Rostock. KORPUS, Lilly (Becher) (geb. 1901) Am 27. Januar 1901 in Nürnberg geboren, entstammte einer bürgerlichen Familie. Nach dem Abitur kurzes Studium, dann als Steno- typistin im Ullstein-Verlag in Berlin be- schäftigt. 1919 Mitglied der KPD, seit 1921 haupt- amtlich für die Partei tätig. Redakteurin an der »Roten Fahne«, 1922 verantwortlich für die Frauenarbeit der Bezirksleitung Berlin- Brandenburg, 1923 Gründerin und Re- dakteurin der Zeitschrift »Die Arbeiterin«. 1924 wurde Lilly Korpus als Anhängerin der Linken 2. Polleiter des Bezirks Berlin- Brandenburg (da Ruth Fischer als nominel- ler 1. Polleiter zugleich Parteivorsitzende der KPD war, übte L. Korpus in Wirklich- keit diese Funktion aus). Ab Frühjahr 1925 Orgleiter der Berliner KPD. Mit der Mehr- heit der Berliner Funktionäre stellte sie sich nach dem »Offenen Brief« 1925 gegen die neue ZK-Mehrheit und gegen die Partei- linie. Im Berliner Funktionärorgan »Fun- ken« verteidigte sie die Position Ruth Fi- schers. Lilly Korpus wurde aus dem hauptamt- lichen Funktionärapparat entfernt und nach ihrer Abkehr von der linken Opposition 1926 in kommunistischen Massenorganisa- tionen eingesetzt. Von 1926 bis 1933 leitete sie die von Münzenberg herausgegebene 1^2 Korpus/Korsch »AIZ« (Arbeiter-Illustrierte) als Chefredak- teurin. Sie veröffentlichte einige Novellen. Ihre Ehe mit dem kommunistischen Funk- tionär Paul war inzwischen geschieden wor- den. 1933 emigrierte sie nach Paris und arbeitete bis zur Übersiedlung nach Moskau 1935 mit Münzenberg zusammen. Nach Moskau sie- delte sie 1935 über. Obwohl sie nach ihrer »ultralinken Periode« 1925 keinerlei Ab- weichungen mehr gezeigt hatte, mußte sie doch während der Säuberung das Schlimm- ste befürchten. Da sie inzwischen eng mit Johannes R. Becher liiert war, passierte ihr jedoch nichts. Sie war Mitarbeiterin an der von Becher herausgegebenen »Internationale Literatur - Deutsche Blätter«. 1945 kehrte sie als Frau J. R. Bechers nach Deutschland zurück und war bis 1951 Chefredakteur der »Neuen Berliner Illustrierten«, danach frei- beruflich tätig. Nach Bechers Tod leitete sie das J. R. Becher-Archiv der Deutschen Aka- demie der Künste in Ost-Berlin, wo sie 1969 lebte. Zu ihrem 60. Geburtstag erhielt Lilly Becher den »Vaterländischen Verdienst- orden« in Silber, auch zum 65. Geburtstag 1966 gratulierte ihr die SED-Führung, ihre führende Rolle in der KPD 1924/25 wird nicht erwähnt. KORSCH, Karl, Dr. jur. (1886-1961) Am 15. August 1886 in Tostedt (Hamburg) geboren, stammte aus einer Familie, die seit Generationen ein Bauerngut in Friedland (Ostpreußen) bewirtschaftete. Korschs ehr- geiziger Vater siedelte nach Tostedt über und später nach Meiningen (Thüringen), wo er Bankbeamter und zuletzt auch Bankdirek- tor war. Karl Korsch besuchte das Gymna- sium in Meiningen und studierte an den Universitäten München, Berlin, Genf und Jena. 1909 Referendar, 1910 promovierte er in Jena zum Dr. jur. 1909 bis 1911 juristi- scher Vorbereitungsdienst in Meiningen. 1910/11 Soldat beim Infanterie-Regiment 32 in Meiningen. Im Januar 1912 siedelte Korsch auf Emp- fehlung der Universität Jena nach London über und absolvierte dort juristische, ökono- mische und politische Studien. In dieser Zeit Mitglied der Sozialistischen Fabian Society. Bei Kriegsausbruch Rückkehr nach Deutsch- land. Wegen kriegsgegnerischer Äußerungen im August 1914 vom Leutnant der Reserve zum Vizefeldwebel degradiert. Fronteinsatz und wieder Offizier, 1918 Oberleutnant. Zweimal schwer verwundet, mit dem Ei- sernen Kreuz 1. und 2. Klasse ausgezeichnet. Korsch trat 1917 der USPD bei. Nach dem Kriege Mitglied der Sozialisierungskommis- sion in Berlin (wissenschaftlicher Hilfsarbei- ter). Im Oktober 1919 habilitierte er sich. Privatdozent der juristischen Fakultät in Jena. 1920 Delegierter des Spaltungsparteitags der USPD, ging mit deren linkem Flügel zur KPD über, obwohl er vor der Vereinigung schwere Bedenken gegen die »21 Bedingun- gen« hatte. Ständiger Mitarbeiter der KPD- Presse, Delegierter des VIII. Parteitags 1923. Im Oktober 1923 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor und Übertra- gung eines Extraordinariats in Jena. Eben- falls im Oktober 1923 zum Justizminister in der sozialdemokratisch-kommunistischen Regierung in Thüringen ernannt. Im Februar 1924 Abgeordneter im Thü- ringer Landtag. Er schloß sich dem linken Flügel der KPD an. Im Mai 1924 übertrug ihm die linke Führung die Chefredaktion des theoretischen KPD-Organs »Die Inter- nationale«. Im Juli 1924 rückte er in den Reichstag nach und wurde im Dezember erneut ins Parlament gewählt. Im August 1925 gewann er in zweiter In- stanz einen Prozeß gegen das Land Thürin- gen, das ihm 1924 seine Professur entzogen hatte, er mußte wieder in seine Rechte ein- gesetzt werden. Inzwischen hatte sich Korsch in der KPD dem ultralinken Flügel angeschlossen und war zu dessen theoretischem Kopf gewor- den. Die zunächst geschlossene ultralinke Opposition, Scholem - Katz - Rosenberg - Korsch/Kranz 193 Korsch-Schwarz fiel jedoch auseinander und die Gruppe um Korsch und Schwarz stand bald in striktem Gegensatz zur Komintern. Am 30. April 1926 wurde Korsch aus der KPD ausgeschlossen. Gemeinsam mit Schwarz gab er die »Kommunistische Poli- tik« heraus und bildete eine eigene linke Gruppe: »Kommunistische Politik«. In Berlin entstand um ihn ein Zirkel, der über die kommunistische Theorie diskutierte (daran beteiligten sich u. a. Bert Brecht, Alfred Döblin, Susanne Leonhard). Korsch hatte auch Verbindung zu der Op- positionsgruppe Sapronow-Smirnow in der KPdSU. 1926 kam es zum Bruch zwischen Korsch und Schwarz; während Schwarz und seine Anhänger die Gruppe »Entschie- dene Linke« bildeten, blieben Korsch und Schlagewerth, der die Organisation leitete, weiterhin Herausgeber der »Kommunisti- schen Politik«. 1927/28 verschwand die Gruppe von der politischen Bühne, nachdem sie die stalinistische Entwicklung der Sowjet- union scharf kritisiert hatte. Korsch hatte am 24. Juni 1927 als einziger Redner im Reichs- tag gegen den Abschluß des deutsch-sowje- tischen Handelsvertrages gesprochen. Er blieb bis 1928 Reichstagsabgeordneter. In der Folgezeit widmete er sich ausschließlich theoretischen Problemen. Er veröffentlichte eine große Anzahl von Arbeiten über theo- retische Fragen des Marxismus. Seit 1930 relativierte er dabei den Marxismus, den er jedoch nicht völlig ablehnte. 1933 floh Korsch zuerst nach Dänemark, schließlich nach England und 1936 in die USA, wo er bis zu seinem Tode lebte. 1950 hatte er in seinen »Thesen über den heuti- gen Marxismus« gesagt, alle Versuche, »die marxistische Doktrin als Ganzes und ihrer ursprünglichen Funktion als Theorie der sozialen Revolution der Arbeiterklasse« wiederherstellen zu wollen, sei eine »reak- tionäre Utopie«. Korsch, der in den USA eine Reihe von Arbeiten veröffentlichte und 1950 und 1956 nochmals kurz Europa besuchte, war in sei- nen letzten Lebensjahren sehr krank, er lebte in einem Sanatorium und starb am 21. Oktober 1961. Seine Frau, die als Päd- agogin hervorgetretene Dr. Hedda Korsch, lebt noch in den USA. Von den zahlreichen Veröffentlichungen Korschs seien hier die wichtigsten genannt: Die Anwendung des Beweislastregeln im Zivilprozeß (Bonn 1911), Was ist Sozialisie- rung? (Hannover 1919), Die materialisti- sche Geschichtsauffassung - Auseinander- setzung mit K. Kautsky (Leipzig 1922) Quintessenz des Marxismus (Berlin 1922), Kernpunkte der materialistischen Geschichts- auffassung (Berlin 1922), Arbeitsrecht für Betriebsräte (Berlin 1922, Neuauflage Frankfurt/Main 1968), Marxismus und Philosophie (Leipzig 1923 - 2. Auflage 1930, Neuauflage Frankfurt/Main 1968), Ausgang der Marx-Orthodoxie (Artikel, 1932), Why I am Marxist (1935), Karl Marx (Frankfurt/Main 1967) 10 Thesen über »Marxismus heute« (Ms. Zürich 1950). KOSKA, Willi (1902-1937?) Am 9. Januar 1902 in Berlin geboren, lernte 1916 bis 1920 Dreher. 1916 trat er der Ge- werkschaft und 1917 der Sozialistischen Ju- gendbewegung bei. 1921 stieß Koska zur KPD, in der Partei übernahm er verschie- dene ehrenamtliche Funktionen. Bis 1928 als Dreher beschäftigt. Auf dem XII. Parteitag 1929 als Kandidat ins ZK gewählt und im gleichen Jahr als Nachfolger von Schlöer Generalsekretär der »Roten Hilfe«. Diese Funktion übte Koska mit Unterbrechungen bis 1933 aus. Seit 1929 Berliner Bezirksverordneter und im Juli 1932 zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Im Juli 1933 verhaftet, im KZ inhaftiert, aber 1934 wieder entlassen. Er emigrierte und kam 1935 in die Sowjetunion. 1937 dort verhaftet, verschwand Willi Koska als eines der Opfer der Stalinschen Säuberung. KRANZ, Max Albert (1897-?) Geboren am 7. März 1897 in Sedlitz bei 194 Kranz/Krause-Rotter Calau. Lernte Dreher und arbeitete einige Jahre in Delitzsch. 1916 bis 1918 Soldat. Von der Front zurückgekehrt, schloß er sich der USPD an und ging 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Kranz übte in Delitzsch verschiedene Par- teifunktionen aus. 1923 hauptamtlicher Se- kretär in Delitzsch, wo er sich aktiv an der Vorbereitung des geplanten Oktoberauf- standes 1923 beteiligte. 1924 Anhänger des linken Parteiflügels. Im Juni 1924 als Orgleiter des Bezirks Nord- west nach Bremen entsandt. Delegierter des X. Parteitags 1925. Aktiver Anhänger der Ruth-Fischer-Führung, daher nach dem »Offenen Brief« 1925 abgelöst und als Par- teisekretär nach Osnabrück abgeschoben. 1926 nach Ostpreußen versetzt. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. KRAUS, Werner (1898-1964) Am 14. Juni 1898 in Lüdenscheid geboren. Nach der Schulentlassung Bauarbeiter. 1923 trat Kraus der KPD bei, für die er zunächst nur ehrenamtliche Funktionen ausübte. 1929 hauptamtlicher Funktionär, Orgleiter des KPD-Bezirks Pommern. 1931-1933 Polleiter in Pommern und Ostpreußen, seit 1932 Abgeordneter des preußischen Land- tags, 1933 in den Reichstag gewählt. 1933 wurde offenbar, daß Kraus der führende V-Mann der NSDAP innerhalb der KPD war. Schon 1933 wurde er offiziell SA- Sturmführer. In Zusammenarbeit mit der Gestapo ließ er drei illegale Zentralstellen der Kommunisten (der KPD, der RGO und der Sporteinheit in Berlin) auffliegen, und war verantwortlich für die Liquidierung der illegalen KPD in Ostpreußen (was er in einem Bericht an die Gestapo im Jahre 1936 selbst hervorhob). Kraus war Mitglied der NSDAP und hauptamtlich im Propaganda- referat der SA für Presse und Propaganda tätig. Er bekam 1937 einen »Ehrensold« von 300 Mark und für seine vier Kinder 150 Mark Kindergeld. 1936 machte er eine Reportage über die SA im Kurischen Haff. Dabei überschritt er die Grenze und wurde von Litauischen Zöll- nern verhaftet. Er hatte Angst, an die So- wjetunion ausgeliefert zu werden (zu jener Zeit waren von den deutschen Behörden drei Litauer verhaftet und angeblich er- schossen worden, so daß Kraus einen Rache- akt Litauens befürchtete), doch kam er mit drei Tagen Haft in Litauen davon. Während des Krieges wurde er als Land- wehrmann »u. k.« gestellt, er arbeitete bei der Gruppe Ostland der SA, er hatte eine Planstelle der NSDAP. Nach 1945 konnte er seine Vergangenheit verschleiern. Er war wieder als Arbeiter tätig, trat keiner Partei mehr bei. Er wohnte in Rhumspringe, einem kleinen Ort im Harz. Betriebsratsvorsitzender seiner Firma, betätigte sich in der Gewerkschaft, Orts- krankenkasse usw. Obwohl er keiner Partei angehörte, war er kurze Zeit über die Liste der SPD Mitglied des Gemeinderats in Rhumspringe. 1962 erlitt er einen Schlag- anfall, legte alle Ämter nieder und zog sich zurück. Kraus starb am 12. November 1964 in Rhumspringe. KRAUSE-ROTTER, Franz (1904-1926) Franz Rotter wurde 1904 in Böhmen ge- boren, wo er das Gymnasium besuchte. Aus der Tschechoslowakei siedelte er 1920 nach Deutschland über, studierte in Stuttgart, schloß sich der kommunistischen Studentenfraktion an und trat 1921 der KPD bei. Er war An- hänger der linken Opposition in der Partei. Unter dem Namen Franz Krause übernahm die linke Führung Rotter in den hauptamt- lichen Apparat der KPD. Zunächst Leiter des KJV-Bezirks Baden. Mitte 1924 zum Chefredakteur der Saarbrücker »Arbeiter- zeitung« berufen. Ende 1924 kam er als Redakteur nach Berlin. Nach dem »Offenen Brief« 1925 schob man ihn als Anhänger der linken Opposition nach Thüringen ab. Dort starb er 22jährig am 22. April 1926 an einer Infektionskrankheit. Krausz/Kreikemeyer 195 KRAUSZ, Georg (geb. 1894) Am 2. März 1894 in Humene (Slowakei) geboren, entstammte einer bürgerlichen Fa- milie. Nach dem Besuch des Gymnasiums zwei Semester Chemie studiert, dann Stu- dium der Germanistik, Romanistik und Psychologie. 1918 Studienassessor an einer Oberrealschule. Krausz schloß sich linkssozialistischen Stu- dentengruppen an und war 1919 aktiv an dem Kämpfen für die ungarische Räterepu- blik beteiligt. Nach deren Niederschlagung floh er wieder in die Tschechoslowakei. Chefredakteur der kommunistischen »Volks- stimme« in Bratislawa. Krausz gehörte dem ersten ZK der Tschechoslowakischen KP als Vertreter der Jugend an. 1921 in der ÖSR inhaftiert, anschließend Übersiedlung nach Deutschland. 1922/23 außenpolitischer Redakteur der »Roten Fahne« (unter dem Pseud. »Georg Mah- low«). 1924 Chefredakteur des Rhein- Ruhr-Pressedienstes der KPD. Von 1925 an wieder Redakteur der »Roten Fahne«. 1928 einer der aktiven und führenden Versöhn- ler (Berichte, er sei mit dem Versöhnler »Stephan« identisch sind allerdings falsch). Auch nach einer offiziellen »Reue-Erklä- rung« fest mit der illegalen Versöhnler- Fraktion verbunden. 1931 Redakteur der SAZ in Leipzig, später Mitarbeiter an ver- schiedenen Berliner Tarnblättern der KPD. Nach 1933 illegal in Deutschland tätig. Er war damals gegen eine Zusammenarbeit der Versöhnler-Gruppe mit Ulbricht. 1936 von der Gestapo verhaftet und bis 1945 im KZ, u. a. in Buchenwald. Krausz überlebte, weil er seine jüdische Herkunft verschleiern konnte. 1945 befreit, aber von der Sowjet- armee erneut verhaftet. Von der sowjeti- schen Besatzungsmacht noch drei Jahre im KZ Buchenwald inhaftiert. Erst nach un- ermüdlichen Protesten der »Versöhnler« in aller Welt (die SED wagte nicht zu prote- stieren) freigelassen und rehabilitiert. Mit- glied der SED, arbeitete zuerst in der Presseabteilung des ZK (bzw. PV). 1951 Redakteur des »Neuen Deutschland«. Als Ausländskorrespondent tätig, versuchte er nun neuen Verfolgungen dadurch zu ent- gehen, daß er linientreue Berichte gerade von den Schauprozessen in den Ostblock- staaten lieferte (u. a. im August 1951 über den Warschauer Offiziersprozeß, im No- vember 1952 über den Slansky-Prozeß, am 6. Dezember 1952 über die »zionistische Agentur des USA-Imperialismus«). 1957 wurde Georg Krausz Vorsitzender des Verbandes der deutschen Presse (des heuti- gen Journalistenverbandes) der DDR, diese Funktion übte er bis 1967 aus. 1959 verlieh ihm die Universität Leipzig den Dr. h. c. Im gleichen Jahr reiste er acht Monate durch Südostasien; er berichtete darüber in seinem Buch »Von Indien bis Laos«, das 1960 in Ost-Berlin erschien. In einer Schlußbemerkung lobte Krausz beson- ders die chinesischen Kommunisten. Im Januar 1962 erhielt er den »Inter- nationalen Journalistenpreis«. Auch mit verschiedenen DDR-Orden (»Banner der Arbeit«, »Vaterländischer Verdienstorden« in Silber) und 1964 mit dem »Karl-Marx- Orden« ausgezeichnet. 1969 lebte er als Parteiveteran in der DDR. KREIKEMEYER, Willi (1894-1950) Am 11. Januar 1894 in Magdeburg-Fer- mersleben als Sohn eines Schlossers und SPD-Funktionärs geboren. Willi und seine vier Geschwister lernten früh die Not ken- nen. Nach der Lehre als Dreher arbeitete er bei der Eisenbahn. 1910 Mitglied der Sozialistischen Jugend, 1913 der SPD. Im Krieg ging er zur USPD über und kam 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. In Magdeburg übte er verschiedene Funk- tionen aus. 1922 hauptamtliches Mitglied der KPD-Bezirksleitung Magdeburg. Im Mai 1923 Sekretär des Freien Eisenbahner- verbandes (der KPD nahestehend). 1924 gehörte Kreikemeyer zum linken Flü- gel der Partei. Anfang 1924 als Polleiter nach Nordbayern entsandt, um die illegale KPD in Bayern zu leiten. Delegierter des 196 Kreikemeyer IX. Parteitages in Frankfurt. Von der bayerischen Polizei fieberhaft gesucht (Poli- zeibeschreibung: »1,80 m groß, kräftig, kleine Glatze«), da er als »Willi« und »Niran« ausgezeichnete Organisationsarbeit für die KPD leistete. Im Mai 1924 bei einer Sitzung verhaftet. Zu sechs Monaten Ge- fängnis verurteilt, aber schon im Juli 1924 aus Bayern ausgewiesen. Mitte 1924 als Polleiter des Bezirks Meck- lenburg nach Rostock geschickt, Delegierter dieses Bezirks auf dem X. Parteitag 1925. Nahm gegen die Ultralinken Stellung. Nach dem »Offenen Brief« 1925 kam er als Kommissar des ZK nach Niedersachsen, wo er bis Mitte 1926 blieb, anschließend Pol- leiter in Danzig. In dieser Funktion bis 1929. Dann übertrug ihm das ZK die ver- schiedensten Aufgaben, darunter auch im illegalen Apparat. 1933 kam Kreikemeyer ins Saargebiet, 1935 in die Emigration nach Paris. Von dort aus vom ZK in die Tschechoslowakei und 1936 nach Spanien gesandt. Er nahm am Spani- schen Bürgerkrieg teil und kehrte 1938 nach Frankreich zurück. Bei Kriegsausbruch bei Verdun interniert, einige Zeit in einem Arbeitslager bei Reims und dann bei Bordeaux. Nach dem Ein- marsch der deutschen Truppen nach Frank- reich wurden die Internierten freigelassen, Kreikemeyer setzte sich nach Toulouse ab, wo er wieder für die KPD arbeitete und verschiedene Funktionen innehatte. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, mit Noel H. Field Verbindung zu halten und die Betreuung der verschiedenen KPD-Funk- tionäre in den französischen Lagern zu organisieren. 1944 wurden er und seine (zweite) Frau, die er 1935 in Paris kennengelernt hatte, mit einem Parteiauftrag nach Paris geschickt, wo sie beide illegal arbeiteten. Nadi der Besetzung von Paris durch die Amerikaner übernahm Kreikemeyer die Leitung der Or- ganisation »Immigres allemands antinazis«, die mittellose deutsche Emigranten zurück- zuführen half. 1946 nach Berlin geholt und mit der Leitung der Reichsbahn in der sowjetisch besetzten Zone beauftragt. Bis Anfang Januar 1949 Präsident der Reichsbahndirektion Berlin, dann Generaldirektor der gesamten Reichs- bahn. Als 1949 bekannt wurde, daß die KP- Ungarns, Noel H. Field der Spionage für die USA bezichtigte, mußten alle Funktio- näre, die mit diesem Quäker zu tun gehabt hatten, der Parteikontrollkommission Aus- sagen machen, Berichte schreiben usw. Kreikemeyer berichtete wahrheitsgetreu, er war sich keiner Schuld bewußt. Er machte sich nur selbst den Vorwurf, als alter, er- fahrener Funktionär nicht erkannt zu haben, daß Field ein Spion war (dieser Selbstvor- wurf war grotesk, da ja später auch von der SED zugegeben wurde, daß Field nie Spion der USA war). Im August 1950 war Kreikemeyer mit sei- ner Frau im Urlaub an der Ostsee. Am 24. August 1950 (dem Tag, an dem der »Beschluß« des ZK über Field gefaßt wurde) kam ein Abgesandter der ZPKK von Berlin, um Kreikemeyer nochmals zu einer Aus- sprache einzuladen. Da die Kreikemeyers kein Auto hatten, fuhren sie am 25. August frühmorgens mit dem Vertreter der ZPKK nach Berlin. Willi Kreikemeyer und der Funktionär der ZPKK wurden vor dem SED-Parteihaus abgesetzt, Frau Kreike- meyer vom Chauffeur nach Hause gefahren. Es war das letzte Mal, daß Frau Kreike- meyer ihren Mann sah. Mittags kam ein Vertreter des SSD mit einer handgeschrie- benen Mitteilung von Kreikemeyer zu ihr. In dem Schreiben bat er seine Frau, eine Haussuchung zu gestatten, alles beruhe sicher auf einem Irrtum, der bald geklärt werde. In der Zwischenzeit solle sie Ge- duld haben und ruhig abwarten. Um diese Zeit war Kreikemeyer - was seine Frau nicht wußte - bereits aus der SED ausgeschlossen und verhaftet. In den folgenden Wochen kam der Vertreter des SSD mehrmals, um Frau Kreikemeyer aus- zuhorchen und zu vertrösten. Einmal nahm Kreikemeyer/Kropp 197 er sogar ein Päckchen für Kreikemeyer mit. Jahrelang versuchte Frau Kreikemeyer ir- gend etwas über ihren Mann zu erfahren, ohne daß sie Erfolg hatte. Im Dezember 1954 fing man sogar an, sie vorzuladen, um sie nach der Arbeit bis nachts um zwölf zu verhören. Sie bekam es schließlich mit der Angst zu tun, ließ alles stehen und liegen und floh nach West-Berlin. Im Februar 1955 kehrte sie nach Frankreich zurück. Sie sprach beim ZK der KP Frank- reichs vor, wo ihr mitgeteilt wurde, daß sie beide rehabilitiert seien, ihr Mann sei aber schon 1950(1) verstorben. Einige Zeit darauf bekam Frau Kreikemeyer folgendes Schrei- ben: »Stadtbezirksgericht Prenzlauer Berg A. Z.: 1.4534. 57 Berlin C 2, den 9. Juli 1957 Littenstr. 15-17 Beschluß Der Tod des Willi Kreikemeyer geb. am 11. 1. 1894 in Magdeburg Deutscher, verh. zuletzt wohnhaft gewesen in Berlin, Spindlerfeldstr. 41 wird gemäß §§ 39 ff. des Gesetzes über Verschollenheit, die Todeserklärung und die Feststellung der Todeszeit vom 4. 7. 1939 festgestellt. Nach Prüfung der glaubhaft ge- machten Angaben des Antrages der Obersten Staatsanwaltschaft der DDR vom 24. 6. 1957 ist Willi Kreikemeyer am 31. August 1950 in Berlin verstorben. Eine Eintragung in das Sterbebuch ist sei- nerzeit verabsäumt worden. Stadtbezirksgericht Prenzl. Berg gez. Kagel Richter Ausgefertigt                        [unleserlich] Sekretär«                              [Stempel] Leo Bauer, der am 25. August 1950 zu- sammen mit Kreikemeyer verhaftet worden war, erklärte dagegen, daß Kreikemeyer ihm noch Monate nach der Verhaftung gegenübergestellt wurde. Frau Kreikemeyer protestierte sofort mit einem Einschreibebrief gegen die »Feststel- lung« der Todeszeit, sie verlangte, daß - wenn ihr Mann tatsächlich gestorben sei - ein ärztliches Attest vorgelegt werde, mit Angabe der Todesursache und des Ortes, wo er begraben liege. Frau Kreikemeyer erhielt keine Antwort. KROPP, Wilhelm (1899-1961) Am 3. November 1899 in Grünberg (Hessen) geboren, besuchte das Gymnasium und wur- de später Buchhalter. 1920 Mitglied der KPD und aktiver Funktionär der Partei. Im Juli 1923 verurteilte ihn die französische Be- satzungsmacht wegen seiner kommunisti- schen Tätigkeit zu einem Jahr Gefängnis. Nach der Haftentlassung siedelte er nach Diez (Lahn) über, wo er nicht hervortrat. Von September bis November 1924 arbeitete Kropp hauptamtlich für die KPD in Frank- furt/Main, dann kam er an die KP-Buch- handlung nach Stuttgart. Im November 1925 übernahm er als Polleiter die Führung des Bezirks Ruhr. Diese Funktion gab er im Dezember 1925 an Florin ab; er leitete nun die Geschäftsführung der »Nieder- rheinischen Arbeiterzeitung« in Duisburg und war zugleich Unterbezirksleiter der KPD in Hamborn und Mitglied der KPD- Bezirksleitung Ruhr. Von Dezember 1926 bis 1928 Orgleiter des Bezirks Ruhr in Es- sen, dann Redakteur am »Ruhr-Echo«. Während der Auseinandersetzungen mit den Rechten und Versöhnlern tendierte Kropp zu den Rechten, gab im Dezember 1928 eine Erklärung für das ZK, aber gegen die Bezirksleitung Ruhr ab. 1929 zeichnete er als verantwortlicher Redakteur. Im April 1930 zu zwei Jahren Festung verurteilt. 1933 verhaftet und bis zum 22. August 1934 im KZ festgehalten. Er arbeitete als Buch- halter, emigrierte 1936 und kam im Krieg in die Sowjetunion. Ende Mai 1945 aus Moskau zur Verstär- kung der »Gruppe Sobottka« nach Meck- lenburg entsandt (unter dem Pseudonym: 198 Kropp/Kübler »Willi Keller«) war er am Wiederaufbau der KPD beteiligt. 1946 der erste Leiter der SED-Parteihochschule »Karl Marx«. 1947 an die Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft delegiert, dann Instituts- direktor für Philosophie an der FDGB- Hochschule in Bernau, mit dem Titel eines Professors. Unter den verschiedenen Orden, die man ihm verlieh, war auch das »Banner der Arbeit«. Kropp starb am 8. August 1961 in Ost- Berlin. KRÜGER, Frida (geb. 1900) Am 31. August 1900 in Berlin geboren. Nach der Schule kaufmännische Lehre und Tätigkeit als kaufmännische Angestellte. 1919 Eintritt in die Gewerkschaft und KPD. Zunächst kleinere ehrenamtliche Funktionen. Seit 1928 Mitglied der Bezirksleitung und Frauenleiterin in Berlin-Brandenburg. Auf dem XII. Parteitag 1929 als Kandidat ins ZK gewählt und im gleichen Jahr Berliner Stadtverordnete. 1930 Reichsfrauenleiterin der RGO. 1933 illegale Arbeit, dann Emigration nach Frankreich, 1940 nach Mexiko. 1945 Rückkehr nach Berlin, wieder Mitglied der KPD bzw. SED, Leiterin der Frauen- abteilung des FDGB. Einige Jahre Leiterin der Orgabteilung des FDGB-Bezirksvor- standes Berlin und Vorsitzende des Bezirks- vorstandes der Gewerkschaft Handel in Berlin. Seit 1956 politische Mitarbeiterin des FDGB-Bundesvorstandes. Trägerin der »Clara-Zetkin-Medaille« und des »Banner der Arbeit«. Frida Krüger siedelte im November 1949 von West- nach Ost-Berlin über, wo sie 1969 lebte. KRÜGER, Hedwig (1882-1934) Am 1. April 1884 in Halle geboren, be- suchte die Mittelschule und zwei Jahre die Volkshochschule. Angestellte in der Orts- krankenkasse in Halle. 1908 Mitglied der SPD, während des Krieges Übertritt zur USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Delegierte des Vereinigungsparteita- ges 1920, auf dem sie in den Zentralaus- schuß gewählt wurde. Nach der Märzaktion 1921 verurteilte ein Sondergericht Frau Krüger zu einer lang- jährigen Gefängnisstrafe, sie trat in den Hungerstreik und kam schließlich frei. Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt, seit Dezember 1924 Abgeordnete des preußi- schen Landtags. Frau Krüger stand auf dem linken Flügel der Partei und war Mitglied der Bezirksleitung Halle-Merseburg. Im September 1926 unterschrieb sie den »Brief der 700« (linken Oppositionellen), distan- zierte sich aber auf Druck des ZK sofort wieder von ihrer Unterschrift und erklärte, daß sie »nirgends eine Unterschrift gegeben« habe. Im April 1927 vom ZK erneut ver- warnt, weil sie einen Protest gegen den Ausschluß von Ritter und anderen Linken unterzeichnet hatte. 1928 nicht mehr als Kandidatin für den Landtag aufgestellt, verschwand sie im Hintergrund. Sie hatte sich zwar von der linken Opposi- tion getrennt, doch fanden in ihrer Woh- nung in Halle die Versammlungen der Füh- rer der Linken (Kilian usw.) statt. 1933 ging sie in die Illegalität. Sie erkrankte an einer Blinddarmentzündung, die wegen ihres illegalen Lebens nicht rechtzeitig be- handelt werden konnte. Da sie zu spät operiert wurde, starb Hedwig Krüger 1934. KÜBLER, Karl (1889-1948) Am 9. November 1889 in Backnang gebo- ren, lernte nach der Schulentlassung Schrei- ner. Vor dem Weltkrieg Mitglied der SPD, 1917 Übertritt zur USP, 1920 mit dem linken Flügel der USP zur KPD. Kübler übte verschiedene Funktionen in Stuttgart aus, er war seit 1926 Mitglied der BL Würt- temberg, 1927 wurde er in eine Kommission zur Ausarbeitung eines Aktionsprogramms der Partei in Württemberg gewählt. Bei den Auseinandersetzungen mit der starken Gruppe der »Rechten« in der KP Würt- temberg 1928/29 zählte Kübler zu den eifrigsten Linken, er wurde daher vom Wed- dinger Parteitag 1929 als Kandidat ins ZK gewählt. Nach 1933 war er längere Zeit inhaftiert, er trat nach 1945 politisch nicht mehr hervor. Kübler starb am 13. März 1948 in Stuttgart. KÜHNE, Otto (1893-1955) Geboren am 12. Mai 1893 in Berlin, arbei- tete nach der Schulentlassung bis 1914 in der Metallindustrie als Maschinenarbeiter. 1914 Soldat. 1916 kommandierte man ihn in einen Eisenbahnbetrieb, seither Eisenbah- ner. 1919 in den Betriebsrat gewählt. Er leitete später als Vorsitzender den Gesamt- betriebsrat der Reichsbahn in Berlin. Seit 1912 in der Gewerkschaft, seit 1919 in der USPD und seit 1920 in der KPD organi- siert. Nach der Spaltung des Eisenbahner- verbandes kam er in den kommunistischen »Freien Eisenbahnerverband« und wurde (von Geschke gefördert) 1922 hauptamt- licher Sekretär. 1925 Mitglied der KPD- Bezirksleitung Berlin. Kurze Zeit Vertreter des radikalen Flügels, der für selbständige Gewerkschaften auftrat, dann Anhänger der Ruth-Fischer-Führung gegen die Ultra- linken (Scholem, Rosenberg). Auf dem X. Parteitag 1925 als Kandidat ins ZK ge- wählt. Im August 1925 einer der Unter- zeichner des »Offenen Briefes«. Von der Parteikonferenz im Oktober 1925 zum Mit- glied des ZK befördert und als Vertreter der KPD zur Komintern nach Moskau ent- sandt (zusammen mit Heinz Neumann). 1927 nach Deutschland zurückgekehrt, auf dem Essener Parteitag 1927 nicht wieder ins ZK gewählt. 1931 bis 1933 Sekretär der KPD-Reichstagsfraktion. Kühne emigrierte 1933 und sagte im Londoner Gegenprozeß zum Reichstagsbrandprozeß aus. Von 1933 bis 1945 lebte er in Frankreich. Während des Krie- ges gehörte er der französischen Widerstands- bewegung an und wurde von der Organisa- tion FTPF zum Oberstleutnant befördert. Kübler/Küll 199 Im Mai 1945 kehrte er nach Berlin zurück, kam in die KPD und SED und wurde stell- vertretender Leiter, dann Leiter der Haupt- abteilung Verkehr der Deutschen Wirtschafts- kommission. Als Westemigrant 1950 seiner Funktion enthoben und nach Brandenburg- Havel abgeschoben. Kühne starb nach lan- ger, schwerer Krankheit am 8. Dezember 1955 in Brandenburg. KÜLL, Karl (geb. 1891) Am 7. Dezember 1891 in Solingen geboren, Sohn eines Messerreiders. 1906 bis 1908 Lehre als Galvaniseur, bis 1913 in seinem Beruf tätig. 1913 als Soldat eingezogen, bis 1918 beim Militär. In den Revolutionstagen in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. 1918 Mitglied der USP, 1920 mit der linken USP zur KPD. Leiter der KPD in Solingen- Höhscheid, Mitglied der UB-Leitung und der BL. In den Nachkriegsjahren war Küll in meh- reren größeren Betrieben als Galvaniseur und Meister beschäftigt, wegen seiner politi- schen und gewerkschaftlichen Aktivität wurde er aber in den meisten Betrieben ge- maßregelt. 1929 war er bei der größten Solinger Firma I. A. Henkels Betriebsrats- vorsitzender. Er wurde auf dem Weddinger Parteitag als Betriebsarbeiter zum Mitglied des ZK gewählt. Küll war Stadtverordneter in Solingen, zwischen 1930 und 1933 auch vorübergehend Leiter der RGO und des (kommunistischen) Einheitsverbandes der Metallarbeiter in Solingen. Ende Februar 1933 sollte er verhaftet wer- den, konnte aber flüchten. Bis November 1933 illegal tätig, am 21. No- vember 1933 verhaftet. Im Juni 1934 zu neun Monaten Zuchthaus verurteilt, die er im Zuchthaus Lüttringhausen verbüßte. Von April bis August 1937 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. In einem Gestapobericht wurde Küll als »fanatischer Kommunist« bezeich- net, der seine Arbeitskollegen gegen den Nationalsozialismus beeinflußte. Am 22. August 1944 sollte Küll im Rahmen 200 Küll/Kuntz der »Gewitteraktion« erneut verhaftet werden, er konnte aber flüchten und war bis Kriegsende illegal tätig. 1945 wieder Mitglied der KPD, wurde Küll in den vorbereitenden Ausschuß zur Neubildung der Gewerkschaften berufen. In der Folgezeit war er Vorsitzender der IG Metall Solingen, Bergisch-Land und schließ- lich Nordrhein. Auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall im Februar 1947 wurde er in den Vorstand für die britische Zone ge- wählt. Auf dem Vereinigungsverbandstag der IG Metall der britischen und amerika- nischen Zone im Oktober 1948 wurde Küll als Sekretär in den elfköpfigen Vorstand berufen. Auf dem Gewerkschaftstag in Ham- burg im September 1950 wurde er (nach eigenen Angaben) durch eine Satzungsände- rung aus dem Vorstand herausgewählt. Bis zu seiner Pensionierung 1956 blieb er aber Angestellter des IG Metall-Vorstandes in Frankfurt. Nach einer Meldung der »Freien Tribüne« soll Küll im November 1950 we- gen Differenzen über die KPD-Gewerk- schaftspolitik aus der Partei ausgetreten sein. Küll lebte 1969 in Solingen. KUNTZ, Albert (1896-1945) Am 4. Dezember 1896 in Bannewitz bei Wurzen als Sohn eines Tischlers und eines Dienstmädchens geboren. Seit 1900 mußte die Mutter Albert und zwei jüngere Ge- schwister allein ernähren; er wuchs in großer Armut auf. Schon als Schulkind mußte er in einer Federnschleißfabrik arbeiten, später wurde er Laufjunge. 1911 bis 1915 Lehre als Kupferschmied, Mitglied der Gewerk- schaft. 1912 Leiter der Sozialistischen Ju- gend seiner Heimatstadt. 1916 als Soldat eines Pionierbataillons an die Front. Bei Verdun erlitt er eine schwere Beinverwun- dung. 1918 in den Soldatenrat gewählt. 1919 Mitglied des Arbeiterrats in Wurzen und im Juli 1919 Mitgründer der dortigen KPD. 1920 in die Bezirksleitung der KPD Mittel- deutschland aufgenommen. Arbeitete als Kupferschmied und war viel auf Montage. Nach einem Betriebsunfall 1922 Notstands- arbeiter. Abgeordneter des Stadtrats von Wurzen. Delegierter des Jenaer Parteitags 1921. 1923 hauptamtlicher KPD-Funktio- när, Orgleiter für Westsachsen in Leipzig. 1923/24 einige Monate inhaftiert. Von Fe- bruar 1925 bis Februar 1926 Arbeiter in Chemnitz, Mitglied der BL Erzgebirge- Vogtland (»Albert«). Delegierter der 1. Par- teikonferenz 1925. 1926 vom Polleiter Heucke als Orgleiter nach Hessen-Frankfurt geholt, in dieser Funktion blieb er bis 1928. Nach dem Ausschluß der Rechten übernahm Kuntz im Oktober 1928 als Polleiter die Führung des Bezirks Hessen-Frankfurt. Vom XII. Parteitag 1929 zum Kandidaten des ZK gewählt. Von September 1929 bis Juli 1930 Studium an der Parteihochschule der Kommunistischen Internationale in Moskau. Anschließend Orgleiter des Bezirks Berlin-Brandenburg. Im April 1932 als Ab- geordneter in den preußischen Landtag ge- wählt. Als Angehöriger der Neumann- Gruppe Ende 1932 nicht mehr in die Ber- liner BL aufgenommen, wieder Funktionen in Hessen-Frankfurt. Am 12. März 1933 bei einer illegalen Ver- sammlung von der Gestapo verhaftet. Kuntz, ein Hüne von Gestalt, wurde fürch- terlich zusammengeschlagen, er lag wochen- lang im Gefängnislazarett. Vom 4. bis 19. Juni 1936 als Hauptangeklagter vor Ge- richt. Es war der (zweite) Prozeß wegen der Ermordnung der Polizeihauptleute An- lauf und Lenk durch den KP-Apparat am 9. August 1931 in Berlin. Während drei Angeklagte zum Tode, die anderen zu ho- hen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, kam es für Kuntz zu einem Freispruch: »Auf Grund der glaubhaften Aussage des Angeklagten Klause steht somit fest, daß der Angeklagte Kuntz von dem Mordplan unterrichtet war. Er war zugegen, als Kip- penberger am Sonnabend den Plan ent- wickelte, wie der Hauptmann Anlauf noch am selben Abend unter Mitwirkung des RFB erschossen werden sollte; er kam hin- zu, als Kippenberger den zweiten Plan ent- Kuntz/Lademann 201 wickelte; er war dabei, als Heinz Neumann am Sonntagabend den Peschky zur Tat drängte ... es hat sich aber nicht feststellen lassen, daß Kuntz irgendwie bei der Aus- führung des Verbrechens mitgewirkt hat. Audi nach Klauses Darstellung hat er selbst nichts getan, um den Erfolg herbei- zuführen oder die Tat irgendwie zu för- dern. Wegen Mittäterschaft oder Beihilfe an dem Mord konnte er daher nicht bestraft werden. Er hat aber von dem Vorhaben des Mordes zu einer Zeit, in der die Ver- hütung dieser Verbrechen möglich war, glaubhafte Kenntnis erhalten und es unter- lassen, hiervon der Behörde oder den be- drohten Personen zur rechten Zeit Anzeige zu machen. Er hat sich dadurch des Ver- stoßes gegen den § 139 STGB schuldig ge- macht. Ferner hat er nach der Begehung des Mor- des den Tätern Zimmer und Mielke [heuti- ger Minister für Staatssicherheit der DDR - H. W.] wissentlich Beistand geleistet, um sie der Bestrafung zu entziehen . . .« Da seine Vergehen unter Amnestie fielen, wurde Kuntz in diesem Prozeß freigespro- chen, jedoch im April 1935 wegen Vorberei- tung zum Hochverrat zu 1V2 Jahren Zucht- haus verurteilt. Nach Verbüßung dieser Strafe im Zuchthaus Kassel kam er ins KZ Lichtenburg, dann nach Buchenwald, wo er zusammen mit Stoecker und Neubauer die illegale KPD-Gruppe organisierte. 1942 mehrere Monate im berüchtigten »Bunker« des KZ. 1943 schaffte ihn die SS ins Nebenlager Kas- sel und anschließend in das berüchtigte La- ger »Dora« bei Nordhausen. Unter seiner Leitung verübte eine illegale Gruppe Sabo- tage an den dort hergestellten V-Waffen und bereitete einen Aufstand vor. Im No- vember 1944 versuchte die SS vergebens, von ihm die Hintergründe der Sabotage zu erfahren, er wurde 14 Tage lang geprügelt. Am 23. Januar 1945 wurde Albert Kuntz von der SS im Bunker ermordet, seine Lei- che im Krematorium des KZ verbrannt. Seine Frau, Ellen Kuntz, seit 1920 Mitglied der KPD, lebte 1968 als Parteiveteranin in Ost-Berlin. LADEMANN, Max (1896-1941) Am 17. Mai 1896 in Leipzig geboren, be- suchte in Saalfeld die Mittelschule und in Remscheid die Realschule. Anschließend Schlosserlehre. Später absolvierte er in Hamburg eine technische Schule. Von 1916 bis 1918 Soldat. Nach späteren Gerüchten nahm er als »roter Reitergeneral« am russischen Bürgerkrieg teil, doch das war reine Erfindung. Lademann hatte sich früh der sozialistischen Jugendbewegung angeschlossen. Nach dem Krieg Mitglied der USP, kam 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Seit 1921 hauptamtlicher Funktionär. Delegierter des Jenaer Parteitags 1921. Unterbezirksleiter in Sangershausen, 1922-1924 in Eisleben, wo er Anfang 1924 Stadtverordneter wurde. Im März 1924 wegen seiner Teilnahme an den Vorbereitungen des Oktober 1923 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Im Mai des gleichen Jahres Reichstagsabgeordneter, daher kam er wieder frei. Mitte 1924 Org- leiter des KPD-Bezirks Halle-Merseburg. Im Dezember 1924 in den preußischen Landtag gewählt, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte. Lademann blieb bis 1930 Orgleiter in Halle-Merseburg. 1928, als die »Versöhnler« in Halle-Merseburg dominierten, zählte auch Lademann zu ih- nen, doch schwenkte er 1929 zum ZK über und behielt seine Funktion (im Gegensatz zum Polleiter Schröter). In den Jahren 1930 bis 1933 war er dann Orgleiter im Bezirk Niedersachsen. Am 19. April 1934 wurde Max Lademann verhaftet. Er mußte zuerst eine zweijährige Festungshaft verbüßen, zu der er noch in der Weimarer Republik verurteilt worden war. Anschließend kam er wegen »Vorberei- tung zum Hochverrat« für vier Jahre ins Zuchthaus, dann ins KZ Sachsenhausen. Er meldete sich zu einem der »Himmelfahrts- kommandos«, die Blindgänger entschärften, 202 Lademann/Langenfeld weil man ihm dafür geringe Erleichterungen versprach. Beim Entschärfen einer Bombe kam Lademann am 21. März 1941 ums Leben. Kurz vorher hatte er in einem aus dem Lager geschmuggelten Brief noch an seine Schwestern geschrieben: » .. . Was hinter mir liegt, ist Grauen und Elend. Ich will Euch damit nicht belasten, es würde alle Eure Vorstellung übersteigen. Ich will und muß leben, dieser Wille hielt und hält mich aufrecht. Jetzt hab’ ich’s etwas besser. Über das Wie wird Euch der Freund mehr er- zählen können. Mündlich macht sich das besser. Durch meine konsequente Haltung habe ich mir Freunde erworben, die mir viel geholfen haben . . .« LANGE, Albert Gustav (1901-1954) Geboren am 3. Juni 1901 in Barmen. Be- suchte das Gymnasium und studierte einige Semester. 1919 Eintritt in die sozialistische Jugendbewegung, 1922 Mitglied der KPD. Zunächst Volontär, von 1925 bis 1928 Re- dakteur am Düsseldorfer KPD-Organ »Freiheit«. 1929 in die politische Redaktion der »Roten Fahne« nach Berlin geholt, wo er bis Anfang 1933 blieb; zuletzt Agitprop- Sekretär für Berlin. Im Oktober 1933 verhaftet (schon in der Weimarer Republik sechs kürzere Strafen wegen politischer Delikte), zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Am 13. April 1936 entlassen. Da er sich »gut geführt« hatte, kam er nicht ins KZ. Zum Dreher umgeschult, arbeitete er in den dreißiger Jahren in diesem Beruf und konnte mit 65 Mark Wochenlohn Frau und Kind ernähren. 1940 war Lange nach An- sicht der Gestapo »innerlich umgestellt«, so daß er »wehrwürdig« erklärt und als Soldat eingezogen wurde. 1943 geriet er in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1947 zurückkehrte. Wieder Mitglied der KPD. Von 1949 bis zu seinem Tode Redakteur am KPD-Organ »Freies Volk« in Düssel- dorf. Im Oktober 1954 befand er sich mit seiner Frau auf einer Urlaubsreise in Süd- frankreich. Auf seinem Motorrad erlitt er am 9. Oktber einen Schlaganfall und starb am 14. Oktober 1954. LANGENDORF, Antonie (1894-1969) Antonie Glanzmann wurde am 3. Januar 1894 in Leipzig geboren, sie besuchte die Handelsschule und lernte Kontoristin. Nach dem Weltkrieg kam sie nach Mannheim, wo sie den technischen Kaufmann Rudolf Lan- gendorf heiratete, der ein aktiver Funktio- när der KPD war (und Anfang der zwanzi- ger Jahre mit der KAP sympathisierte). Antonie Langendorf übte in der KPD ver- schiedene Funktionen aus. Sie war Stadt- verordnete in Friedrichsfeld, das später in Mannheim eingemeindet wurde. Als Frauen- leiterin der KPD in Baden wurde sie 1929 in den badischen Landtag gewählt. 1930 Mitglied der KPD-Bezirksleitung Baden. Nach 1933 einige Zeit inhaftiert, gehörte sie und ihr Mann der illegalen Widerstands- bewegung an. Ihr Mann war führender Kopf in der »Lechleiter-Gruppe« und wurde 1942 verhaftet, am 15. Mai 1942 zum Tode verurteilt und am 15. September 1942 hingerichtet. Antonie Langendorf trat 1945 wieder der KPD bei und gehörte als Frauenleiterin der Bezirksleitung Baden, später Kreisleitung Mannheim an, sie war von 1946 bis 1950 Landtagsabgeordnete, später Stadtrat (Stadtverordnete) in Mannheim. Wegen ihres lauteren Charakters auch von politi- schen Gegnern geachtet, gehörte sie auch nach dem KPD-Verbot 1956 noch einige Jahre dem Mannheimer Stadtrat an. Seit 1968 Mitglied der DKP. Antonie Langen- dorf starb am 23. Juni 1969 in Mannheim. LANGENFELD, Joseph (geb. 1887) Am 8. August 1887 in Niedermending Krs. Mayen geboren, lernte von 1902 bis 1905 das Polstererhandwerk. Bis 1909 Deutsch- Langenfeld/Langner 203 land als Handwerker durchwandert, dann selbständiger Polsterer. 1914 bis 1918 Sol- dat. Nach dem Krieg in Düsseldorf als Me- tallarbeiter beschäftigt. 1918 der USPD und 1920 der KPD bei- getreten, übte er verschiedene Parteifunk- tionen aus. Im Mai 1924 zog er in den Reichstag ein. Im Dezember 1924 nicht wiedergewählt, in der Folgezeit auch kein hauptamtlicher Funktionär mehr, sondern als Vertreter tätig. Aktiv im Freidenker- verband, bis 1933 KPD-Mitglied. Im Sep- tember 1933 hielt er an den Gräbern er- mordeter Kommunisten Gedenkreden, wurde denunziert und von der Gestapo verhaftet. Im Oktober 1933 ins KZ Börgermoor ge- bracht, Weihnachten schwerkrank entlassen. Dabei mußte er die übliche Erklärung unter- schreiben und sich verpflichten, »in Zukunft jeden Verkehr mit Angehörigen oder An- hängern der Kommunistischen Partei oder Sozialdemokratischen Partei Deutschlands aufzugeben und mich jeder staatsfeindlichen politischen Betätigung oder Propaganda . . . zu enthalten«. Es ist nicht bekannt, ob er nicht trotzdem illegal gegen Hitler weiter- kämpfte. Nach 1945 trat er politisch nicht mehr her- vor. Seine Frau starb 1962; Joseph Langen- feld lebte 1969 in Düsseldorf. LANGNER, Paul (1896-1935) Geboren am 20. Februar 1896 in Halber- stadt/Mansfeld. Arbeitete nach der Schul- entlassung zunächst als Landarbeiter, dann als Bergmann über, später auch unter Tage. 1916 bis 1918 Soldat; 1918 aktiv bei der Revolution in Kiel. Seit 1914 SPD-Mitglied. 1917 Mitglied der USP, ging mit dem linken Flügel 1920 zur KPD. Delegierter des Ver- einigungsparteitages 1920. Als Funktionär der KPD trat er 1921 in Mitteldeutschland hervor. Damals arbeitete er noch als Berg- mann in Gatterstadt. Da er aktiv an der Märzaktion 1921 beteiligt war, mußte er aus Mitteldeutschland flüchten. 1922 haupt- amtlicher KPD-Funktionär. Im August 1922 Redakteur der »Sozialistischen Republik« in Köln. 1923 aktiv an den Vorbereitungen des Oktoberaufstandes beteiligt. Als Anhänger der Linken in der Partei im August 1924 nach Stuttgart geschickt, wo er die Leitung der KPD-Zeitung »SAZ«über- nahm und nach der Verhaftung Böhlas im September 1924 (unter dem Decknamen: »Kupfer«) Polleiter des Bezirks Württem- berg wurde. In dieser Funktion blieb er bis zu seiner Verhaftung im März 1925. Der Staatsgerichtshof in Leipzig sprach ihn im Oktober 1925 frei. 1926 kehrte Langner nach Stuttgart zurück und übernahm wieder die Chefredaktion der »Süddeutschen Ar- beiterzeitung«. Im März 1927 als Chef- redakteur an die »Arbeiter-Zeitung« nach Mannheim versetzt, dort bis Mitte 1928 tätig. 1928 für einige Monate Polleiter des Bezirks Oberschlesien, Anfang 1929 kam er als Orgleiter des KPD-Bezirks Berlin-Bran- denburg nach Berlin, wurde 1929 auch Stadtverordneter in Berlin. Ende 1929 von Vogt als Orgleiter abgelöst und in die Redaktion der »Roten Fahne« geholt, wo er den Gewerkschaftsteil leitete. 1930 einige Zeit Polleiter des Bezirks Schle- sien in Breslau. 1931 veröffentlichte Lang- ner die Broschüre »Der Massenstreik im Kampf des Proletariats«. Auf der ZK- Sitzung am 19. Februar 1932 kritisierte Thälmann diese Schrift, die »neben vielem wertvollen Material und fleißiger Arbeit einige ideologische Fehler« enthalte. Thäl- mann teilte mit: »Der Genosse Langner hat bereits in einer Erklärung an das ZK seine Fehler erkannt. Wir können diesen Schritt des Genossen Langner nur begrüßen.« Langner, der seit Anfang 1932 wieder Mit- glied der Berliner Bezirksleitung war, wurde Ende 1932 als Anhänger der Neumann- Gruppe aus der BL ausgeschlossen. 1933 verhaftet, kurze Zeit in Schutzhaft. Nach seiner Entlassung emigrierte er nach Frank- reich, dann in die Sowjetunion; er war in Moskau bei der RGI beschäftigt. Langner starb im Mai 1935 in Moskau. 204 Lanius/Lechleiter LANIUS, Walter (1896-1929) Am 30. Mai 1896 in Berlin geboren, lernte nach der Schulentlassung Laborant. Als Fünfzehnjähriger schloß er sich 1911 der Sozialistischen Jugend an. Kurz vor Kriegs- ausbruch kam er in Chemnitz in den oppo- sitionellen Jugendzirkel, aus dem sich spä- ter der dortige Spartakusbund entwickelte. Nach der Lehrzeit Übersiedlung nach Mün- chen. Lanius gehörte während des Krieges der Spartakusgruppe an, er unterhielt auch zum Kreis um Eisner enge Beziehungen. 1916 zum Militär eingezogen, nahm er als Soldat an der Revolution in München teil und war auch in der Münchener Räterepu- blik aktiv. Seit Gründung der KPD Mit- glied der Partei, siedelte 1920 wieder nach Berlin über. Von 1921 an Mitarbeiter der Gewerkschaftsabteilung der Zentrale; 1922 Leiter der Abteilung Chemie in der Gewerk- schaftsabteilung der KPD-Zentrale. 1923/ 1924 Anhänger der »Rechten«, im Herbst 1924 aus der Zentrale entlassen. Lanius wurde in den illegalen Apparat der Partei übernommen, er schrieb (unter dem Pseudonym »Lehmann«) Artikel in der Parteipresse. Er stand die ganze Zeit über in enger Verbindung zu Brandler und Thalheimer. Ende 1928 wurde er als erster »Rechter« aus der KPD ausgechlossen; war dann in der KPO aktiv. Gerade 3 3jährig, starb Lanius am 29. Juli 1929 an den Nach- wirkungen einer Blinddarmoperation und Gelbsucht. Brandler hielt ihm am 2. August 1929 die Grabrede. LECHLEITER, Georg (1885-1942) Am 14. April 1885 in Appenweier (Baden) ge- boren,entstammte einer kleinbäuerlichen, kin- derreichen Familie und sollte Priester werden. Nach wenigen Wochen verließ er das Priester- seminar, lernte Schriftsetzer und arbeitete in diesem Beruf in verschiedenen Städten Badens und der Schweiz. In der Schweiz schloß er sich der Sozialistischen Jugend an und wurde Mit- glied der Sozialistischen Partei. Bis 1918 in marxistischen Zirkeln aktiv. 1918 Rückkehr nach Deutschland. Einer der Mitgründer der KPD in Mannheim. Haupt- amtlicher Parteifunktionär, zunächst Redak- teur der »Roten Fahne« (der späteren »Ar- beiter-Zeitung«) in Mannheim, dann von 1920 bis 1922 Sekretär des KPD-Bezirks Baden. Der Jenaer Parteitag 1921 wählte ihn in die Statutenkommission. 1922 bis 1924 wieder Redakteur an der »Arbeiter- zeitung«, 1922 in den Mannheimer Stadtrat gewählt. Da Lechleiter Anhänger des rech- ten Parteiflügels war, trat er 1924 in den Hintergrund, er leitete die Arbeiterbuch- handlung in Mannheim. Er verbüßte 16 Mo- nate Festungshaft auf der Festung Gollnow. Nach dem »Offenen Brief« 1925 als Land- tagskandidat aufgestellt und in den badi- schen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Vorsitzender der Landtags- gruppe der KPD, 1930 in die KPD-Bezirks- leitung delegiert, für Kommunalfragen ver- antwortlich. Im April 1932 seiner Funktion als Vorsitzender der KPD-Landtagsgruppe enthoben, da diese im Landtag den Antrag gestellt hatte, außer der SA auch das sozial- demokratische »Reichsbanner« zu verbieten. 1933 verhaftet, bis 1935 im KZ Kislau in- haftiert. 1935 wieder frei, mußte er seinen Lebensunterhalt als Erdarbeiter verdienen, bis er 1937 wieder Arbeit als Schriftsetzer fand. Er hielt Verbindung zu anderen Kom- munisten und baute 1941 systematisch eine der stärksten kommunistischen Widerstands- gruppen auf. Diese »Lechleiter-Gruppe« in Mannheim stellte Flugblätter und eine ille- gale Zeitung »Der Vorbote« her, die in Mannheimer Großbetrieben verteilt wurden. Am 26. Februar 1942 wurde eine große An- zahl Personen in Mannheim verhaftet und die Gruppe in der Folgezeit zerschlagen. 19 Mitglieder der Lechleiter-Gruppe wurden zum Tode verurteilt, darunter am 15. Mai 1942 auch der Leiter der Gruppe, Georg Lechleiter. Er wurde am 15. September 1942 hingerichtet. In seinem letzten Brief schrieb er: »Der Gedanke an den Tod schreckt mich nicht. Ein Mensch, der nicht fähig ist, sich für eine Lechleiter/Leow 205 Idee aufzuopfern, gleich welcher Art, ist in einem höheren Sinne kein Mensch.« LEHMANN, Frieda (1888-1934?) Frieda Schatz wurde am 15. Februar 1888 in Halle geboren. Nach der Schulentlassung arbeitete sie einige Jahre in der Fabrik, spä- ter heiratete sie den Arbeiter Lehmann. 1910 Mitglied der SPD, trat sie 1917 zur USPD über und kam mit der linken USP 1920 zur KPD. In der KPD stand Frieda Leh- mann auf dem linken Flügel. Anfang 1925 übernahm sie als Nachfolgerin von Urban für einige Monate die Leitung der Gewerk- schaftsabteilung in der BL Halle-Merseburg. Von 1925 an gehörte sie auch dem Provin- ziallandtag von Sachsen an. Auf dem X. Par- teitag 1925 in die Mandatsprüfungskommis- sion gewählt. Mitte 1925 übernahm sie die Abteilung Frauen in der BL Halle-Merse- burg. Nach dem »Offenen Brief« schloß sie sich Ende 1925 der linken Opposition an, die sie gemeinsam mit Kilian in Mittel- deutschland leitete. Im April 1928 unterschrieb sie den Aufruf der linken Kommunisten und wurde aus der KPD ausgeschlossen. Sie trat dem »Leninbund« bei, den sie bis 1930 im Pro- vinziallandtag von Sachsen vertrat, bis 1933 war sie für den »Leninbund« aktiv. 1933 einige Zeit verhaftet, soll sie 1934 verstor- ben sein. LENGNINK, Gustav (geb. 1894) Geboren am 29. August 1894 in Kailaden (Kreis Labiau/Ostpreußen). Nach der Schulentlassung erlernte er das Malerhand- werk und ging als Geselle auf Wanderschaft. Während des Weltkrieges als Soldat an der Front, erhielt mehrere Auszeichnungen. 1919 kehrte er nach Labiau zurück und schloß sich der USPD an. Delegierter des USPD- Parteitages im Dezember 1919. Im Februar 1920 verhaftet, wurde er während des Kapp-Putsches befreit, der Name Lengnink wurde zur »Kampfparole«. Als Vorsitzen- der der Ortsgruppe führte er Ende 1920 fast die gesamte USP Labiau zur KPD. 1921 Mitglied des Kreistages und des Pro- vinziallandtags, von 1922 an hauptamtlicher Parteisekretär, zunächst in der KPD-Be- zirksleitung Ostpreußen für Landarbeiter- fragen. 1923 Leiter des illegalen militäri- schen Apparats der KPD in Ostpreußen. Anhänger der Linken, kam er im März 1924 nach Königsberg und wurde im Juni als Polleiter des Bezirks Ostpreußen eingesetzt. Bereits am 20. Juli 1924 verhaftete ihn die Polizei. Er wurde als Leiter der »Partisa- nengruppen« angeklagt und im Prozeß (19.-23. November 1925) zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus gehörte er (zusammen mit Seipold) der lin- ken Opposition in Ostpreußen an. Bei den preußischen Landtagswahlen von 1928 noch als Kandidat der KPD aufgestellt (aber nicht gewählt), trennte er sich 1930 gemein- sam mit Seipold von der KPD und war in linken Splittergruppen aktiv. 1931 kehrte er in die KPD zurück, er wurde im Litera- turvertriebs-Apparat der Partei beschäftigt. 1933 arbeitete Lengnink (kein Theoretiker, sondern Praktiker der Partei) für die ille- gale KPD, er war längere Zeit inhaftiert. 1945 kam er nach Parchim, Mitglied und Funktionär der SED. Seit 1955 Arbeiter- veteran in Parchim, 1956 mit dem »Vater- ländischen Verdienstorden« in Bronze aus- gezeichnet; lebte 1968 in Parchim. LEOW, Willy (1887-1937) Geboren am 25. Januar 1887 in Branden- burg/Havel; lernte Tischler. Anschließend auf Wanderschaft, besuchte Arbeiterbil- dungsschulen und siedelte nach Berlin über. 1904 Mitglied der SPD und der Gewerk- schaft. Während des Krieges schloß er sich der Spartakusgruppe an. Innerhalb der USPD aktiv bei der Organisierung der Spartakusgruppe. Im April 1918 zusammen mit Jogiches, Budich u. a. verhaftet und erst beim Ausbruch der Revolution im Novern- 2o6 Leow/Levy ber 1918 befreit. Seit Gründung der KPD Mitglied und Funktionär der Partei. In den zwanziger Jahren zunächst Parteisekretär in Berlin-Nordwest, dann Pförtner des »Karl-Liebknecht-Hauses«, dem Sitz der KPD-Zentrale. Delegierter des Jenaer Par- teitags 1921. Nadi Gründung des Roten Frontkämpfer- bundes wählte ihn der 2. Reichskongreß dieser Organisation im Mai 1925 zum 2. Bundesvorsitzenden. Vorsitzender war Thälmann und als dieser im Oktober 1925 Parteiführer wurde, stieg Leow praktisch zum Leiter des RFB auf. Auf dem XL Parteitag 1927 wurde Leow als Kandidat ins ZK gewählt, im gleichen Jahr übernahm er eine längere Reise in die Sowjetunion. 1928 zog er in den Reichstag ein, dem er ununterbrochen bis 1933 an- gehörte. Während der Wittorf-Affäre 1928 verdich- teten sich die Gerüchte, daß Leow im RFB eine Korruptions- und Mißwirtschaft be- treibe. Doch als Thälmann durch Stalin wie- der in seine Funktion eingesetzt wurde, festigte sich auch die Stellung seines Ver- trauensmannes Leow. Dieser ungehobelte Funktionär, der nach vielen Berichten ein Trinker war, stieg rasch in die höchsten Po- sitionen auf. Der Parteitag 1929 wählte Leow als Mitglied ins ZK, der illegale RFB wurde von ihm geleitet. Die Gerüchte über Korruptionen und Unterschlagungen ende- ten bis 1933 nicht. 1933 emigrierte Leow, er kam 1934 in die Sowjetunion. Nadi verschiedenen Berichten soll ihm bereits damals wegen der Unter- schlagungen ein Prozeß gemacht worden sein. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Zu- verlässiger scheint die Version zu sein, daß er zur Arbeit in die Wolga-Republik ab- geschoben und dort ebenso wie die meisten anderen deutschen Kommunisten 1937 ver- haftet wurde. Er verschwand als Opfer der Stalinschen Säuberung; die SED gibt neuer- dings 1937 als sein Todesjahr an. LEPS, Georg (1892-1961) Geboren am 24. November 1892 in Berlin, lernte Klempner. 1910 Mitglied der SPD und Gewerkschaft. Kriegsteilnehmer. 1918 Übertritt zur USPD, kam 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Leps arbeitete bis 1928 in seinem Beruf und übte verschiedene ehrenamtliche Funktionen aus. 1928 Parteisekretär der KPD, im glei- chen Jahr Abgeordneter des preußischen Landtags. 1929 UB-Leiter Berlin-Nord. Bis 1932 Sekretär der Bezirksleitung Berlin- Brandenburg, u. a. für Wirtschaftsfragen verantwortlich, außerdem Polleiter von Berlin-Kreuzberg. 1932 nicht mehr als Kan- didat für die Landtagswahl aufgestellt, schied er auch aus dem hauptamtlichen Par- teiapparat aus. Nach 1933 arbeitete er in seinem Beruf, einige Male kurze Zeit in- haftiert. 1945 wieder Mitglied der KPD. Im Mai 1945 organisierte er die Lebensmittelversor- gung in seinem Wohnort Hoppegarten. Im September 1945 in die Bezirksleitung der KPD Brandenburg aufgenommen, für Wirt- schaftspolitik verantwortlich. 1946 Sekretär der SED-Landesleitung Brandenburg, eben- so Abgeordneter des Brandenburgischen Landtags. Im Dezember 1948 als Vertreter Brandenburgs in die Deutsche Wirtschafts- kommission berufen. In den fünfziger Jah- ren spielte er keine politische Rolle mehr. Leps lebte als Parteiveteran in Potsdam, wo er am 19. Februar 1961 starb. LEVY, Alfred (1885-1943) Als Sohn eines kinderreichen Kaufmanns am 6. Januar 1885 in Hamburg geboren. Schon in jungen Jahren ging Levy auf die »Walze«. 1906 schloß er sich in Mannheim der Gruppe um die sozialistische Zeitung »Junge Garde« an, Eintritt in die SPD. Bis zum Ersten Weltkrieg in verschiedenen Städten als Hilfsarbeiter beschäftigt. Im Weltkrieg Soldat in Rumänien. Durch einen Kopfschuß schwer verwundet, war er zeitweise gelähmt. Rückkehr nach Hamburg, Levy/Lieberasch 1917 Mitglied der USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Seit 1919 als Schwer- beschädigter Staatsangestellter, zunächst im Arbeitsamt und seit 1920 im Wohlfahrts- amt. 1920 Führer einer Demonstration, die in bewaffneten Kämpfen endete, deswegen zu einer Strafe von drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner eigenen Aussage er- klärte ihm der Staatsanwalt, er bekäme ein Jahr für die Tat, ein Jahr weil er Kommu- nist und ein Jahr weil er Jude sei. Levy brauchte die Strafe nicht ganz zu verbüßen, weil er 1924 in die Hamburger Bürgerschaft gewählt wurde. Wie die Mehrheit der Ham- burger Parteiorganisation gehörte auch Levy zum linken Flügel in der KPD; er war Mitglied der Bezirksleitung Wasserkante. Wegen seiner Teilnahme am Oktoberauf- stand 1923 wurde Levy am 3. November 1923 verhaftet und als einer der Haupt- angeklagten im Urbahns-Prozeß im Januar 1925 zu vier Jahren Festung verurteilt (der Staatsanwalt hatte elf Jahre beantragt). Am 31. Mai 1926 durch eine Amnestie frei- gekommen, sympathisierte er mit der linken Opposition und entfernte sich von der KPD. 1927 nicht mehr in die Bürgerschaft gewählt, trat er aus der KPD aus und zog sich zu- nächst von der Politik zurück. In der ultra- linken Periode der KPD nach 1929 näherte er sich wieder der Partei, von 1932 an wie- der aktiver Funktionär. Am 7. September 1933 wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und nach Verbüßung der Strafe ins Lager Witt- moor, das spätere Fuhlsbüttel, übergeführt. Wegen einer schweren Operation wurde Le- vy ins Eppendorfer Krankenhaus gebracht und konnte von dort flüchten. Nach dieser Flucht lebte er illegal in Hamburg und ge- langte dann 1937 über Berlin nach Prag. Zu diesem Zeitpunkt erhielten seine Kinder ei- nen Brief, der jedoch das einzige Lebenszei- chen blieb. Bei einer beantragten Todeser- klärung im Juni 1951 wurde vermutet, daß Levy als Jude bei der Besetzung der Tsche- choslowakei von den Nationalsozialisten umgebracht worden ist. In der Todeserklä- rung wurde als Zeitpunkt des Todes der 31. Dezember 1943 angenommen. Nach anderen Berichten konnte Levy nach Moskau flüch- ten, er soll noch im Moskauer Rundfunk gesprochen haben, aber 1938 verhaftet wor- den und als Opfer der Stalinschen Säube- rungen verschwunden sein. LIEBERASCH, Arthur (1881-1966) Am 3. November 1881 in Leipzig geboren; lernte Schlosser. 1899 Eintritt in die Ge- werkschaft, 1906 Mitglied der SPD; bald in ganz Sachsen durch seine gewerkschaft- liche Aktivität bekannt. 1918 Übertritt zur USPD. Während der Revolution führend im Arbeiter- und Soldatenrat in Leipzig. 1920 Delegierter des Spaltungsparteitags der USP, mit der linken USP zur KPD. Dele- gierter des III. Weltkongresses der Kom- intern 1921. Seit 1922 Abgeordneter des sächsischen Landtags. Der Leipziger Parteitag 1923 wählte Lieberasch in die Gewerkschaftskom- mission. Er gehörte 1923 zum rechten Par- teiflügel. 1926 wieder in den sächsischen Landtag gewählt, 1927 Vorsitzender der Stadtverordnetenfraktion in Leipzig. Von 1926 an Mitglied der KPD-Bezirksleitung Westsachsen und als Sekretär für die Ge- werkschaftsfragen verantwortlich. Während der Auseinandersetzungen 1928 einer der Wortführer der Rechten in Sach- sen, deswegen im Januar 1929 aus der KPD ausgeschlossen. Mitgründer der KPO West- sachsen; er blieb auch nach der Spaltung 1932 in der KPO. 1933 Emigration in die Schweiz. In Schaffhausen von Bringolf, ei- nem der rechten Führer der KP Schweiz, un- terstützt. Als Bringolf zur Sozialdemokratie übertrat, Lieberasch jedoch auf seinem KPO- Standpunkt verharrte, verschlechterte sich seine Lage, bis er keine Unterstützung mehr fand und sich kümmerlich im Arbeitshaus von Schaffhausen durch Holzhacken ernäh- ren mußte - von den Schweizer Landstrei- chern, die ebenfalls dort arbeiteten, als »Na- zi« beschimpft, weil er Deutscher war. 2o8 Lieberasch/Lindau Erst 1947, als seine Frau in Leipzig im Ster- ben lag, konnte Lieberasch nach Leipzig zu- rückkehren. Er trat der SED bei, wurde aber 1951 wieder ausgeschlossen. Im Januar 1951 schrieb der damalige Landesvorsit- zende der SED, Lohagen, über ihn: »Dieser Lieberasch hat heute nicht nur seine Agenten in der Partei, sondern ist selbst Mitglied unserer SED im Kreis Leipzig. Dieser alte professionelle Parteifeind schrieb vor kur- zem in einer Erklärung an die Partei über Brandler folgendes, was einer moralischen Rechtfertigung Brandlers gleichkommt: >Brandler war genau so ein armes Schwein wie ich und hatte auch nichts anzuziehens und so fort.« Im Zuge der Entstalinisierung ist Lieberasch allerdings wieder in die SED aufgenommen worden. Lieberasch starb am 10. Juni 1966 in Leipzig. LIESE, Wilhelm (1879-?) Geboren am 5. April 1879 in Jarmen Krs. Demmin, arbeitete nach der Schulentlassung in verschiedenen Berufen und trat 1900 der SPD bei. Während des Krieges schloß er sich in Berlin der Spartakusgruppe an und trat nach dem Kriege in die KPD ein. Liese war an den bewaffneten Auseinander- setzungen in Berlin 1919 beteiligt, deshalb wegen »Landfriedensbruchs« und Aufruhr zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Seit 1920 Mitarbeiter der »Roten Fahne«, an- fangs nebenberuflich, von 1924 an verant- wortlich zeichnender Redakteur der »Roten Fahne«. Im Dezember 1925 entlassen, ging er nach Prag, wo er in große Not geriet. Im Mai 1927 schrieb er einen scharfen Brief über die falsche Kaderpolitik der Partei an das ZK der KPD. Dieser Brief geriet auch in die Hände des SPD-»Vorwärts«, der ihn veröffentlichte. Liese, inzwischen Anhänger der linken Opposition, mißbilligte die Pu- blizierung. Im Dezember 1927 wegen seiner Verantwortlichkeit für die »Rote Fahne« 1924/25 zu einer mehrmonatigen Gefängnis- strafe verurteilt, außerdem sollte er auch noch eine Geldstrafe von 500 Mark auf- bringen. Im Mai 1928 schloß ihn die KPD aus, weil er bei der Wahl für den »Leninbund« kan- didiert hatte. Er war noch einige Zeit im »Leninbund« tätig, dann trat er politisch nicht mehr hervor. Sein weiterer Lebenslauf ließ sich nicht er- mitteln. LINDAU, Rudolf (geb. 1888) Als Sohn eines Sattlers am 28. März 1888 in Riddaghausen (Braunschweig) geboren, siedelte nach der Schulentlassung nach Ham- burg über, und war dort als Transport- arbeiter tätig. 1907 Mitglied der SPD, übte verschiedene ehrenamtliche Funktionen für die Partei aus. Im Juli 1911 als Bericht- erstatter des »Hamburger Echo« hauptamt- lich angestellt. Er war auch historisch inter- essiert, in seiner »Geschichte der Hamburger Arbeiterbewegung« dankte ihm Laufenberg für die geleistete Hilfe. Während des Ersten Weltkrieges gehörte Lindau in Hamburg zur Richtung der »Bre- mer Linksradikalen«. 1916 Vertreter der Linksradikalen auf der Januar-Konferenz des Spartakusbundes. Von 1916 bis 1918 Soldat. Nach der Revolution 1918 Redakteur der Hamburger »Kommunistischen Arbeiter- zeitung« und Mitglied der KPD. Er gehörte zu den wenigen Hamburger Funktionären, die auch nach der Abspaltung der KAP bei der KPD verblieben. 1920 Sekretär der KPD-Bezirksleitung Wasserkante. 1921 Ab- geordneter der Hamburger Bürgerschaft, zu- nächst bis 1924. Auf dem VIII. Parteitag 1923 wurde Lindau, der dem linken Flügel der Partei angehörte, aber kein fanatischer Anhänger der linken Opposition Fischer- Maslow-Thälmann war, in die Zentrale der Partei gewählt. Da er von der Brandler- Führung und auch von der linken Opposi- tion unterstützt wurde, erhielt er neben Pfeiffer die meisten Stimmen. Lindau arbeitete in der Orgabteilung der Lindau/Lohagen 209 Zentrale und war Herausgeber der »Kom- munistischen Parteikorrespondenz«. Er schwenkte später zur Mittelgruppe über. Bis Mai 1924 Polleiter des Bezirks Nord- west. Für die Mittelgruppe hielt er noch auf dem Bezirksparteitag Nordwest am 16. März 1924 das Referat. Im Mai 1924 mußte Deisen, der als Reichstagsabgeordneter ge- wählt worden war, zurücktreten, Lindau erhielt das Mandat. Doch noch vor dem Zusammentritt des Reichstags wurde Lindau im Mai 1924 als Mitglied der Zentrale von 1923 verhaftet. Er saß fast zwei Jahre in Untersuchungshaft. Da er im Dezember 1924 kein Reichstagsmandat mehr bekam, blieb er längere Zeit in Haft als alle anderen damals festgenommenen Führer der KPD. Erst Ende 1925 kam er wieder frei, da der vorgesehene Prozeß gegen die KPD-Zen- trale von 1923 nie stattfand. Nach seiner Freilassung im März 1926 Pol- leiter des Bezirks Wasserkante. Er trat energisch gegen Korruption und Mißwirt- schaft auf, die schon damals von Thälmanns Freunden in diesem Bezirk betrieben wurde, deshalb setzte man ihn im Februar 1927 ab und Wittorf wurde sein Nachfolger. Lindau war 1927/28 nochmals Mitglied der Ham- burger Bürgerschaft, arbeitete aber schon seit Mitte 1927 als Chefredakteur der »Ber- gischen Arbeiterstimme« in Remscheid. 1928 Chefredakteur des »Kämpfer« in Chem- nitz. 1930 übernahm er schließlich die Chef- redaktion der »Sächsischen Arbeiterzeitung« in Leipzig, dann beschäftigte er sich haupt- sächlich mit historischen Arbeiten. Um seine historischen Untersuchungen fort- setzen zu können, wurde Lindau 1933 nach Moskau geschickt. Sein Sohn Rudolf Lindau (geb. 18. Mai 1912) wurde am 10. Januar 1934 in Hamburg hingerichtet. Er wurde be- schuldigt, als Funktionär des Kommunisti- schen Jugendverbandes vor 1933 am »Alto- naer Blutsonntag« SA-Leute erschossen zu haben. Lindau blieb bis 1945 in der Sowjetunion, er arbeitete im Nationalkomitee »Freies Deutschland« mit. Nachdem er schon Ende der zwanziger Jahre seine frühere bedeu- tende Funktion schrittweise verloren hatte, stand er auch in der SED nicht mehr im Vordergrund. 1946 wurde der wortkarge Altrevolutionär Direktor der Parteihoch- schule »Karl Marx«. 1950 abgelöst, kam er als Mitarbeiter in das Institut für Marxis- mus-Leninismus und war vor allem mit historischen Aufgaben betraut. Zur Geschichte des Kommunismus publi- zierte Lindau einige Broschüren (»Probleme der Geschichte der deutschen Arbeiterbewe- gung«, Berlin 1947 und »Revolutionäre Kämpfe 1918/19«, Berlin 1960). Das letztere Buch wurde von Ulbricht und des- sen Anhängern angegriffen und Lindau als »Dogmatiker« verdammt, weil er - im Gegensatz zu den heutigen SED-Thesen - die Novemberrevolution 1918 in Deutsch- land noch immer als »sozialistische« und nicht als »bürgerliche« Revolution bezeich- nete. Der starrköpfige Lindau hat sich jedoch bis heute (als einziger aller angegriffenen Hi- storiker) standhaft geweigert, »Selbstkritik« zu üben. Lindau bekam von der SED alle hohen Auszeichnungen, darunter den »Karl- Marx-Orden« und zum 80. Geburtstag 1968 die Spange zum »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Gold. Er lebte 1969 in Ost- Berlin, noch immer Mitglied des Instituts für Marxismus-Leninismus. LOHAGEN, Ernst (geb. 1897) Am 12. Mai 1897 in Elberfeld geboren. Vom 12. bis 14. Lebensjahr Laufbursche und nach der Schulentlassung Hilfsarbeiter. 1912 Mitglied der Sozialistischen Arbeiter- jugend, während des Krieges Anhänger der Spartakusgruppe in Elberfeld. 1918 als Soldat eingezogen. Nach der Re- volution in den Straßburger Soldatenrat ge- wählt. Seit Gründung der KPD Mitglied dieser Partei. 1919 hauptamtlicher Funktio- när, zuerst Orgleiter des KJV Rheinland- Westfalen. Zur Zeit des Kapp-Putsches in der Kampfleitung der »Roten Ruhrarmee«. 2io Lohagen/Loquingen Nadi der Niederschlagung der Roten Armee verhaftet, bis 1924 im Gefängnis. Mitte 1924 Polleiter, dann 1925 Orgleiter im KPD-Bezirk Hessen-Waldeck in Kassel. Hier schloß er sich der ultralinken Opposi- tion an, die er auf dem X. Parteitag 1925 vertrat. Ende 1925 löste er sich von der Opposition und behielt seine Funktion, er wurde im Februar 1928 erneut Polleiter des Bezirks Hessen-Waldeck. Von 1926 an Stadtverordneter in Kassel und Abgeordneter des hessischen Provinzialland- tags, er zog 1930 in den Reichstag ein. Mitte 1931 in Kassel abgesetzt, ohne daß die an- deren Funktionäre den Grund erfuhren. Er wurde bis 1933 in untergeordneten Funk- tionen verwendet, 1932 auch nicht mehr in den Reichstag gewählt. Die Gestapo verhaftete Lohagen im April 1933 und brachte ihn in die KZ Börger- moor und Papenburg. Nach seiner Freilas- sung im April 1934 (mit Zustimmung der KPD hatte er eine Erklärung unterschrie- ben, sich »nicht mehr staatsfeindlich zu be- tätigen«) arbeitete er wieder illegal für die KPD. Im Juli 1935 erneut festgenommen und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, war er bis zur Befreiung durch die US-Armee 1945 in Haft. Seine Frau Paula, seit 1926 ebenfalls Mitglied der BL Hessen-Waldeck, wurde 1935 zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt, kam später ins KZ und wurde 1942 in Auschwitz vergast. 1945 war Lohagen zunächst Kreisvorsitzen- der der KPD und dann der SED in Leipzig. 1946 Abgeordneter des sächsischen Land- tags. Von 1948 bis 1952 Landesvorsitzender bzw. 1. Sekretär der SED in Sachsen. 1950 Mitglied des ZK der SED. Lohagen tat sich besonders bei der Stalini- sierung der sächsischen SED hervor, am 20. Dezember 1951 wurde er jedoch über- raschend von der sowjetischen »Täglichen Rundschau« heftig angegriffen, da er »Kritik und Selbstkritik« unterbinde. Lo- hagen hatte einen kritischen Artikel des Volkskorrespondenten Müller an seiner Ar- beitsweise in der »Nationalen Front« da- mit beantwortet, daß er Müller an die Luft setzte. Nun wurde der »Fall Lohagen« groß her- ausgestellt, Lohagen als Sündenbock für eine Kampagne ausersehen. Obwohl er in einem selbstkritischen Artikel: »Die Kritik der »Täglichen Rundschau< eine Lehre und Hilfe für mich«, nannte, sich selbst aller angeklagten Vergehen bezichtigte, rollte die Lawine weiter. Am 21. Februar 1952 er- klärte er, seine Selbstkritik sei »falsch und unzulänglich« gewesen, er habe wegen sei- ner »Selbstherrlichkeit« eine »Kette von Fehlern« begangen. Trotz dieser erneuten Demütigung schloß ihn die SED am 23. Februar 1952 aus dem ZK aus und enthob ihn seiner Funktion in Sachsen. Ulbricht meinte am 11. März 1952: »Die Sache mit dem Verhalten des Genos- sen Lohagen ist nicht abgeschlossen.« Da Lohagen früher einmal ein Oppositioneller war, drohten ihm noch härtere Maßnahmen; er wurde degradiert zum Leiter der Be- zirksfinanzkommission Potsdam, dann Vor- sitzender des Rates des Kreises Pritzwalk. Seit 1958 hat er keine Funktion mehr. Mit dem »Vaterländischen Verdienstorden« in Silber und zum 70. Geburtstag 1967 in Gold ausgezeichnet, lebte er 1969 als »Par- teiveteran« in Belzig. LOQUINGEN, Peter (1898-1965) Am 14. August 1898 als Sohn eines Modell- tischlers in Düsseldorf geboren, nach der Schulentlassung als Fabrikarbeiter beschäf- tigt. 1919 Mitglied der SPD, Ende des Jah- res Übertritt zur USPD, ging 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. In der KPD An- hänger des linken Flügels, seit 1924 haupt- amtlicher Funktionär, Sekretär der KPD in Hagen. Im gleichen Jahr zog er als jüngster Abgeordneter in den preußischen Landtag ein. Während der innerparteilichen Auseinander- setzungen schloß sich Loquingen 1925 den Ultralinken an. Als Vertreter der Korsch- Gruppe am 19. August 1926 aus der KPD Loquingen/Lux 211 ausgeschlossen. Er behielt sein Landtags- mandat bis 1928 und gehörte zur Leitung der Korsch-Gruppe, bis diese sich auflöste. Loquingen übersiedelte 1929 ins Saargebiet. Pächter einer Gastwirtschaft, bis er 1932 ausgewiesen wurde. Später ging er als Ver- treter (Seifenhandel) ins Saargebiet zurück, gehörte dort zur »Deutschen Front«. 1935 Übersiedlung nach Neuß, wo er sich poli- tisch nicht mehr betätigte. 1936 gemustert und als Soldat eingezogen, von 1936 bis 1938 bei der Feldartillerie in Magdeburg. Anschließend wieder als Reisender tätig. Im Zweiten Weltkrieg wieder eingezogen, ge- riet er bei Kriegsende in amerikanische Ge- fangenschaft. Er wurde den Franzosen überstellt und kehrte 1946 zurück. Er ließ sich in Düsseldorf als selbständiger Einzelhandelskaufmann nieder. Politisch war er nicht organisiert, da er die Haltung beider Mächtegruppen in Ost und West für falsch hielt. Loquingen starb am 31. Januar 1965 in Düsseldorf. LOSSAU, Fritz (geb. 1897) Am 25. Juli 1897 in Hannover geboren, lernte Laborant und war bei verschiedenen Firmen beschäftigt. Kriegsteilnehmer, kehrte schwerverwundet von der Front zurück. 1918 Mitglied der USP, ging mit der linken USP 1920 zur KPD. Lossau stand auf dem linken Flügel der KPD. Seit 1924 Stadtverordneter in Han- nover. 1924 als hauptamtlicher Sekretär eingesetzt, zog er im gleichen Jahr als Ab- geordneter in den preußischen Landtag ein. Nach Düsseldorf übergesiedelt, führte er dort zusammen mit Loquingen die ultralinke Oppsoition. Deswegen am 19. August 1926 aus der KPD ausgeschlossen. Er behielt sein Landtagsmandat bis Mai 1928 und schloß sich der Korsch-Schwarz-Gruppe an. Nach deren Spaltung ging er mit Schwarz zur Gruppe »Entschiedene Linke«. Im April 1927 bekam Lossau Differenzen wegen der Haltung der Gruppe zur KAP, er trat aus »politischen und taktischen« Gründen aus den »Entschiedenen Linken« aus. Sein Wiederaufnahmeantrag in diese Gruppe vom Mai 1927 wurde abgelehnt. Lossau war durch sein Kriegsleiden längere Zeit krank und politisch nicht mehr aktiv. Er näherte sich den Syndikalisten und der Allgemeinen Arbeiter-Union. Trennte sich aber noch vor 1933 von dieser Gruppe. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der SPD bei. Er wurde hauptamtlicher Mit- arbeiter des »Reichsbundes der Kriegs- beschädigten und Hinterbliebenen« in Nie- dersachsen. 1969 lebte er in der Nähe Han- novers. LUDEWIG, Johanna (1891-1937?) Am 28. März 1891 in Berlin geboren. Be- suchte die Handelsschule und arbeitete seit 19 ii als Buchhalterin. 1913 Mitglied der SPD, während des Krieges Übertritt zur USPD. 1920 kam sie mit dem linken Flügel der USP zur KPD, die sie in der Berliner Stadtverordneten-Versammlung vertrat. Im Februar 1921 Abgeordnete des preußischen Landtags, dem sie bis 1933 ununterbrochen angehörte. In der KPD hielt sie sich vom Fraktions- kampf fern und spezialisierte sich auf die Frauenarbeit. Von 1927 bis 1930 Sekretärin des kommunistischen »Roten Frauen- und Mädchen-Bundes« (RFMB). 1932 Leiterin der »Frauen- und Mädchen-Staffel« des Kampfbundes gegen den Faschismus. 1935 emigrierte Johanna Ludewig. Sie kam in die Sowjetunion, wo sie 1937 verhaftet wurde und als Opfer der Stalinschen Säuberung verschwand. LUX, Friedrich (1892-1933) Geboren am 28. September 1892 in Imten (Ostpreußen). In seiner Jugend ging er nach Hamburg, wo er im Hafen arbeitete. Seit 19ii in der Gewerkschaft organisiert. 1918 Eintritt in die USPD, kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. 212 Lux/Mager Lux arbeitete bis 1929 im Hamburger Ha- fen, er trat Anfang 1929 als Führer eines wilden Hafenarbeiterstreiks hervor. Von 1928 bis 1933 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft, Mitglied der Bezirksleitung Wasserkante. Seit 1929 hauptamtlicher Se- kretär der KPD, später der RGO. Auf dem Weddinger Parteitag im Juni 1929 zum Mitglied des ZK gewählt, jedoch 1932 als Anhänger der Neumann-Gruppe wieder \ aus dem ZK entfernt. Im Frühjahr 1933 von der Gestapo ver- haftet. Lux wurde nach schweren Mißhand- lungen am 7. November 1933 im KZ Fuhls- büttel ermordet. MADDALENA, Max (1895-1943) Geboren am 17. Januar 1895 in Riedheim (Konstanz), entstammte einer sozialistischen Familie. Während der Schlosserlehre 1911 Mitglied der Gewerkschaft und 1913 der SPD. 1914 Soldat, im Krieg durch einen Lungensteckschuß schwer verwundet. 1918 Übertritt zur USPD, Anhänger des linken Parteiflügels, 1920 Delegierter des Vereinigungsparteitags mit der KPD. Eh- renamtlicher Funktionär der KPD in Süd- baden. Von 1920 bis 1923 Gewerkschafts- sekretär in Oberbaden. 1925 hauptamtlich bei der KPD angestellt. Zunächst Sekretär für Gewerkschaftsfragen in der Bezirkslei- tung Baden. Nachdem der Polleiter Langner im März 1925 verhaftet worden war, über- nahm Maddalena im Juli 1925 als Polleiter die Führung des Bezirks Württemberg. Als dessen Vertreter nahm er auch am X. Par- teitag 1925 teil. Maddalena, der dem linken Parteiflügel an- gehörte, stellte sich nach dem »Offenen Brief« hinter die Thälmann-Führung und gegen Ruth Fischer. 1926-1928 Sekretär für Gewerkschaftsfragen in der KPD-Be- zirksleitung Wasserkante in Hamburg. Vom Mai 1928 bis 1933 Abgeordneter des Reichs- tags. Nach dem Ausschluß Wittorfs kurze Zeit Polleiter des Bezirks Wasserkante. Ende 1928 in die Gewerkschaftsabteilung des ZK berufen, übernahm aber Mitte 1929 wieder seine Funktion als Gewerkschafts- sekretär in der BL Wasserkante. Auf dem IV. Weltkongreß der RGI 1928 in die Re- visionskommission gewählt. Seit 1931 Leiter der IG Metall in der RGO. 1931 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, auf Grund einer Amnestie vorzeitig entlassen. Von 1932 bis 1934 Mitarbeiter der RGI in Mos- kau. Ab 1934 an führender Stelle in der illegalen KPD. 1935 in Berlin verhaftet, stand Mad- dalena im Mai 1937 zusammen mit Robert Stamm und Adolf Rembte vor Gericht. Während Stamm und Rembte zum Tode verurteilt wurden, erging gegen Maddalena, für den der Staatsanwalt ebenfalls die To- desstrafe beantragt hatte, am 4. Juni 1937 eine lebenslängliche Zuchthausstrafe. Er kam ins Zuchthaus Brandenburg. Jahrelang schwerkrank, starb Maddalena am 23. Ok- tober 1943 im Zuchthaus. MAGER, Hermann (1872-1947) Am 30. Mai 1872 in Heidingsfeld bei Würzburg geboren. Besuchte das Gymna- sium, studierte Philologie und war bis 1914 Studienrat in München, längere Zeit Erzie- her von Wittelsbacher Prinzen am bayeri- schen Königshof, nach dem Krieg gehörte er dem Lehrkörper eines humanistischen Gym- nasiums an. Während des Krieges wurde der Pazifist Mager Mitglied der USPD und 1920 der KPD. 1924 bis 1928 Abgeordneter des bayerischen Landtags und 1926 Mitglied der KPD-Bezirksleitung Südbayern. Mager hatte schon vorher aus politischen Gründen seinen Lehrerberuf aufgeben müs- sen. 1928 verzichtete er auf eine erneute Kandidatur zum Landtag, die BL war ge- gen seine Aufstellung aufgetreten. Er lebte von Nachhilfestunden, die er Mit- telschülern gab. Vor 1933 wurde er 2. Vor- sitzender und Geschäftsführer der Deut- schen Friedensgesellschaft in München; er geriet deswegen in Konflikt mit der KPD. Mager/Maslow 213 Nach 1933 lebte er von einer kleinen Rente aus einer Privatversicherung und gab wieder Nachhilfestunden. 1944/45 hatte er Ver- bindung zu einer Widerstandsgruppe. Im Herbst 1945, nach der Konstituierung von SPD und KPD in Bayern, versuchte Mager als erster einen Zusammenschluß der beiden Parteien, doch fand er kein Gehör. Er schrieb 1947 ein Buch über Soziologie, das nicht veröffentlicht wurde. Während eines Vortrages auf einer Gewerk- schaftstagung in Eichstätt im Juni 1947 er- lag Mager einem Herzschlag. MAHLOW, Bruno (1899-1964) Am 1. Mai 1899 in Göhren (Rügen) gebo- ren, lernte Buchdrucker. 1916 Soldat, wegen Widerstandes gegen Vorgesetzte zu sieben Jahren Festung verurteilt. 1918 amnestiert, im März 1918 Mitglied des Buchdrucker- verbandes und der Spartakusgruppe. Dele- gierter des Gründungsparteitages der KPD. Seit 1923 Mitglied der Bezirksleitung Ber- lin-Brandenburg. 1925 Anhänger der Ultra- linken um Scholem und deren Vertreter im 6. Berliner Verwaltungsbezirk. Mitte 1926 trennte er sich von der linken Opposition. Ende 1927 hauptamtlicher Mitarbeiter des ZK (Gewerkschaftsabteilung). Seit 1929 Mitglied der Reichsleitung der RGO, Sekre- tär und Redakteur des graphischen Blödes (RGO). 1933 Emigration. Bis 1937 Sekretär des In- ternationalen Komitees der (kommunisti- schen) Buchdrucker in Moskau. 1937 von der NKWD verhaftet. 1938 aus dem Gefängnis entlassen und seitdem bettlägerig krank. 1947 Rückkehr nach Deutschland. Da er schwerkrank war, konnte er keine haupt- amtliche Funktion übernehmen, er war aber Mitglied der SED und des »Arbeitskreises verdienter Gewerkschaftsveteranen«. Trä- ger mehrerer DDR-Auszeichnungen u. a. des »Vaterländischen Verdienstordens« in Sil- ber. Mahlow starb am 3. Februar 1964 in Ost- Berlin. MASLOW, Arkadij (ursprünglich: Isaak Tschemerinsky) (1891-1941) Der 1891 in Elisabethgrad (Kriwoy Rog) geborene Isaak Tschemerinsky entstammte einer begüterten russischen Familie und wurde 1899 nach Dresden in die Kreuz- schule geschickt. Dort legte er die Reife- prüfung ab. 1912 begann er mit dem Stu- dium der Naturwissenschaften sowie der Mu- sik in Berlin. Bald zeigte sich, daß er glän- zende Fähigkeiten auf dem Gebiet der Physik besaß. Zur Arbeiterbewegung hatte er vor dem Weltkrieg keinerlei Beziehungen. Während des Krieges als russischer Staatsangehöriger zunächst Zivilgefangener, meldete er sich freiwillig für die Arbeit unter den russi- schen Kriegsgefangenen. Als Dolmetscher in einer Sondereinheit der deutschen Armee tätig. Nach dem Kriege setzte er seine Studien an der Berliner Universität fort. 1919 lernte er in Berlin Ruth Fischer und Paul Levi kennen, die ihn für den Kommunismus ge- winnen konnten. Er war in Berlin für die KPD aktiv und nahm de? Namen Maslow an; diese Namensänderung wurde später legalisiert. Auf dem V. Parteitag der KPD (November 1920) als »Vertreter der russi- schen Sektion« (Kriegsgefangene) in den Zentralausschuß der KPD gewählt. Ab 1921 leitete Maslow gemeinsam mit Ruth Fischer die Berliner Parteiorganisation und die linke Opposition in Deutschland. Mitarbeiter am theoretischen Organ der KPD »Die Internationale«. 1921 Redak- teur der »Roten Fahne« für außenpoliti- sche Fragen. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 für die Berliner Organisation erneut in den ZA gewählt, wuchs seine Bedeutung in der KPD. Der sehr begabte Maslow wurde zum Theo- retiker des linken Flügels der KPD. Seine Position festigte sich, da er ein sehr rascher Arbeiter war (nicht selten entwarf er Arti- kel und Resolutionen auf der Fahrt zur Arbeitsstätte in der Straßenbahn) und als Russe die Diskussionen in der Sowjet- 214 Maslow republik anhand der Quellen direkt verfol- gen konnte. Bald übten aber die russischen Kommunisten Kritik an seiner Haltung. Im Februar 1922 in Berlin verhaftet, machte er bei der Polizei falsche Angaben, so be- hauptete Maslow, als russischer Agent und Vertrauensmann Trotzkis und Radeks nach Deutschland gekommen zu sein. Er hoffte, bei der damaligen Verbindung zwischen Deutschland und Rußland so rascher frei- zukommen. Später wurde er wegen dieser falschen Aussagen vor ein Parteischieds- gericht gestellt. Ein Berliner Gericht ver- urteilte ihn 1922 wegen Tragens eines fal- schen Passes (auf den Namen Maslow) zu acht Monaten Gefängnis. Da er 1923 aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, tauchte er in der Illegalität unter. 1923 verschärften sich die Gegensätze zwi- schen der linken Opposition und der KPD- Führung. Auf dem Leipziger Parteitag 1923 war Maslow als Wortführer für die linke Opposition aufgetreten und wieder in den ZA sowie in die Redaktionskommission ge- wählt worden. Im September 1923 kam Maslow nach Moskau, um an der Diskus- sion über die Vorbereitung des Oktoberauf- standes teilzunehmen. Er wurde jedoch von der Komintern vor die Internationale Kon- trollkommission gestellt. Schon lange gab es in der KPD und Komintern Gerüchte, nach denen Maslow als Polizeiagent verdächtigt wurde. Seine Haltung vor der deutschen Polizei im Jahre 1922 wurde ihm besonders angelastet. Nach langen Debatten rehabili- tierte ihn eine Kommission unter Vorsitz Stalins, doch wurde er nicht nach Deutsch- land zurückgelassen, sondern in Moskau festgehalten. Nachdem im Januar 1924 eine Konferenz in Moskau die Ablösung der Brandler- Führung beschlossen hatte, durfte Maslow nach Deutschland fahren. Zusammen mit Ruth Fischer stand er an der Spitze der Linken, die im April 1924 die Parteiführung übernahmen. Er wurde in die Zentrale und ins Polbüro gewählt und galt als Kopf der Partei. Aber schon am 20. Mai 1924 wurde Maslow verhaftet. Bei der Fahndung nach einem Handtaschendieb im Berliner Lunapark wurde er zufällig zur Sistierung festgenom- men und nach Ermittlung seiner wahren Identität festgehalten. Doch auch vom Ge- fängnis aus leitete Maslow die politische Arbeit der KPD. In der Diskussion um Trotzki schrieb er ein umfangreiches Werk »Die zwei Revolutionen des Jahres 1917«, das von der KPD mit großem Propaganda- aufwand verbreitet wurde. Der X. Parteitag im Juli 1925 wählte Maslow ins ZK und Polbüro. Er wurde »Ehrenvorsitzender« der marxistisch-leninistischen Zirkel und auch mit vielen anderen Ehrungen bedacht. Am 1. September 1925 begann der Prozeß gegen Maslow, Grylewicz, Schlecht und Schumacher. Am gleichen Tage brachte die »Rote Fahne« den »Offenen Brief« der Komintern, in dem Maslow und Ruth Fi- scher kritisiert wurden. In den Tagen des Maslow-Prozesses herrschte in der KPD- Presse ein heilloses Durcheinander, während einerseits Maslows Freilassung gefordert und seine Verdienste herausgestellt wurden, mußte er andererseits auf Grund des »Offe- nen Briefes« verdammt werden. Das Gericht verurteilte Maslow zu vier Jahren Gefängnis. Inzwischen wurden von der Komintern die alten Gerüchte wieder- holt, und Ruth Fischer, die seit Jahren mit Maslow nicht nur politisch, sondern auch persönlich eng liiert war, mußte in Moskau ihre und Maslows Haltung und Person ver- teidigen. Im Juli 1926 wurde Maslow wegen seines schlechten Gesundheitszustandes aus dem Gefängnis beurlaubt. Die vom Gericht gleichzeitig mit der Verurteilung ausgespro- chene Ausweisung Maslows wurde aufge- schoben. Am 20. August 1926 schloß die KPD Mas- low und Ruth Fischer aus ihren Reihen aus. Schon am 4. August hatte die KPD-Presse die alten Vorwürfe aufgewärmt und ge- schrieben: »Maslow ein Agent in den Hän- den der deutschen Bourgeoisie?« Während Maslow/Maslowski, Peter 215 des Prozesses war kaum Kritik an Maslows Verteidigung laut geworden, doch nun be- schuldigte man ihn, er habe sich vor Gericht »unproletarisch« verhalten. Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS meldete sogar aus Berlin: »In den Kreisen des Justizministeriums sind Gerüchte im Umlauf, deren Quelle als durchaus zuverläs- sig betrachtet werden muß, wonach Maslow, der um eine Nichtvollstreckung des seine Ausweisung aus Deutschland verfügenden Gerichtsurteils angesucht hat, ausnahms- weise ein weiterer Aufenthalt in Deutsch- land zugebilligt wurde. Die Einwendungen gewisser Kreise gegen die Genehmigung des Maslowschen Gesuches wurden durch die Erwägung einflußreicher Beamter im Justiz- ministerium entkräftet, die darauf hingewie- sen haben, daß Maslow zur Bildung von Fraktionen innerhalb der Kommunistischen Partei nützlich sei.« Mit Rufmord-Metho- den wollte die KPD-Führung Maslow ge- rade an solcher Tätigkeit hindern. Maslow schloß sich der linken Opposition an, er gehörte zu den Mitbegründern des »Leninbundes«. Doch zusammen mit Ruth Fischer zog er sich vor den Wahlen im Mai 1928 und nach der Kapitulation Sinowjews in der Sowjetunion aus dem »Leninbund« zurück. Er trat bis 1933 politisch wenig hervor, seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Übersetzungen (er übersetzte z. B. Pokrowskis »Geschichte der russischen Re- volution«). 1933 floh er zusammen mit Ruth Fischer nach Paris, wo er bis 1940 lebte. Während der Stalinschen Schauprozesse erneut als »Agent« angeprangert, trat er auch in der Emigration politisch wenig hervor. 1940 konnte er nach Kuba entkommen, es glückte ihm aber nicht, wie Ruth Fischer, in die USA zu gelangen. 1941 kam er in Havanna ums Leben. Er wurde tot auf der Straße eines berüchtigten Viertels aufgefunden. Ob- wohl er laut ärztlichem Befund einem Herzschlag erlag, behauptete Ruth Fischer, er sei von Stalins Agenten ermordet wor- den. Die Biographie Maslows, an der Ruth Fi- scher arbeitete, wurde nicht mehr zu Ende geführt. Auch ein Roman, den Maslow ver- faßte, soll sich noch unter dem unveröffent- lichten Nachlaß Ruth Fischers befinden. MASLOWSKI, Paul Gregor (geb. 1892) Am 17. November 1892 in Zempelburg (Westpreußen) geboren, übersiedelte in jun- gen Jahren nach Berlin und erlernte das Schneiderhandwerk. 1918 trat er der USP bei und ging 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Seit 1923 Mitglied der Bezirksleitung Ber- lin-Brandenburg, gehörte der linken Frak- tion an und war Anhänger Ruth Fischers, deren Positionen er auch nach dem »Offenen Brief« 1925 verteidigte. Als Vertreter der Fischer-Maslow-Gruppe nahm er an der 6. Erweiterten EKKI-Tagung im März 1926 teil, entfernte sich jedoch noch Ende 1926 von der Fischer-Gruppe. Als Konzession an die Linken wurde er auf dem XL Parteitag 1927 als Kandidat ins ZK gewählt. Mas- lowski ging zur Thälmann-Führung über. Auf dem XII. Parteitag 1929 zwar nicht mehr ins ZK berufen, aber doch mit ver- antwortlichen Funktionen betraut. 1932 als Kandidat zur preußischen Landtagswahl aufgestellt, aber nicht gewählt. Stadtverord- neter in Berlin. Nach 1933 in seinem Beruf tätig, mehrmals verhaftet. 1945 lebte er in Charlottenburg und hatte kleinere Funktionen in der SED. 1946 Kan- didat der SED zu den Berliner Stadtver- ordnetenwahlen auf Platz 91. 1949 Leiter des Modeateliers des Bekleidungswerks »Fortschritt« in Ost-Berlin. Im Juli 1951 übersiedelte er nach Ost-Berlin, wo er 1969 lebte. MASLOWSKI, Peter (geb. 1893) Geboren am 25. April 1893 in Berlin, be- suchte ein humanistisches Gymnasium und studierte an der Berliner Universität Ger- 2i6 Maslowski, Peter/Matern manistik und Nationalökonomie. Während des Krieges Mitglied der USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Zunächst Redakteur an verschiedenen KPD- Zeitungen, so 1921 in Oberhausen. 1923 politischer Sekretär und Leiter des KPD- Bezirks Mittelrhein in Köln. Maslowski stand zwar auf dem linken Parteiflügel, tendierte aber zur Mittelgruppe, so daß ihn der Bezirksparteitag im Februar 1924 als Sekretär ablöste. Er wurde Chefredakteur der »Sozialistischen Republik« in Köln. Im Mai 1924 zog er als Abgeordneter in den Reichstag ein, im Dezember 1924 nicht wiedergewählt. Im Herbst 1924 Redakteur in Stuttgart, dort auch kurze Zeit inhaftiert. Ende 1924 Redakteur der »Roten Fahne Westfalens« (Kopfblatt des »Ruhr-Echo«). 1926 Chefredakteur des »Klassenkampf« in Halle. Im Juni 1926 erneut zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Als Chef- redakteur des »Klassenkampf« Delegierter des Essener Parteitags 1927. Von März bis September 1928 als Nach- folger von Lex Ende Chefredakteur des »Ruhr-Echo« in Essen, dann Mitarbeiter des ZK in Berlin. Von 1928 bis 1930 wieder Reichstagsabgeordneter. Maslowski ver- öffentlichte eine Reihe von Broschüren und Büchern, vor allem über die Zentrumspartei und Kirchenprobleme. In der Folgezeit ar- beitete er bis 1933 hauptsächlich an den Münzenberg-Organen. 1931 nochmals zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. 1933 emigrierte Maslowski nach Paris, dort Redakteur der »Zukunft« und Gesellschaf- ter des Verlages Carrefour. Aktiver Mit- arbeiter der Münzenberg-Gruppe. Nach dem Ausschluß Münzenbergs brach auch Maslowski mit der KPD. Während der Be- setzung Frankreichs entkam er nach Süd- frankreich, wo er zuletzt illegal lebte. 1945 Rückkehr nach Deutschland, Mitglied der SPD, Herausgeber und Chefredakteur der »Neuen Presse« in Coburg, die er bis 1962 leitete. Maslowski lebte 1969 in Coburg. MATERN, Hermann (geb. 1893) Als Sohn eines Arbeiters und Sozialdemo- kraten am 17. Juni 1893 in Burg bei Magde- burg geboren, lernte von 1907 bis 1911 Gerber. 1911 Mitglied der SPD. Reiste als Wandergeselle durch die Schweiz und Öster- reich. Von 1914 bis 1918 Soldat an der Westfront. 1914 wegen der Kriegspolitik aus der SPD ausgetreten. Im November 1918 Mitglied der USP und 1919 der KPD. Als Gerber in Burg beschäftigt, übte er verschiedene ehren- amtliche Funktionen aus. 1926 Mitglied der KPD-Bezirksleitung Magdeburg-Anhalt, hauptamtlicher Sekretär für Gewerkschafts- fragen. Im November 1927 vom ZK als Polleiter des Bezirks Magdeburg eingesetzt. Im Dezember 1928 zu einem Lehrgang nach Moskau delegiert. Bis zum Mai 1929 be- suchte Matern die Lenin-Schule in Moskau, kehrte dann nach Magdeburg zurück; wie- der Polleiter des Bezirks Magdeburg. 1931 als Polleiter in den Bezirk Ostpreußen ver- setzt. Im April 1932 Abgeordneter des preußischen Landtags. Im April 1933 übertrug das ZK Matern die Leitung der illegalen KPD in Pommern. Am 14. Juni 1933 verhaftete ihn die Polizei in Stettin. Er wurde in Untersuchungshaft genommen, doch konnte er ein Jahr später, am 18. September 1934, aus dem Gefängnis fliehen. Emigration nach Prag. Von Juli 1935 bis Februar 1936 Leiter der kommunistischen Emigranten in Paris, dann in Holland und Belgien. Von Januar 1938 bis April 1940 lebte Matern in Norwegen, dann bis März 1941 in Schweden, von wo aus er nach Moskau delegiert wurde. Dort arbeitete er bis Juni 1942 an der Kominternschule. Er war einer der Mitbegründer des National- komitees »Freies Deutschland«. Zusammen mit Ackermann traf Matern am 1. Mai 1945 in Dresden ein, wo er (ähnlich Ulbricht in Berlin) als Vertrauensmann der Sowjets eingesetzt wurde. Er übernahm zu- nächst als Stadtrat die Personalpolitik in Dresden, wurde dann Vorsitzender der KPD Matern/Melcher 217 in Sachsen. 1946 in den sächsischen Landtag gewählt. Im April 1946 übernahm er den Vorsitz der SED in Berlin. Matern gehört seit 1946 ununterbrochen zur Spitzenführung der SED, er ist als treuer Gefolgsmann Ulbrichts tätig. Mitglied des Politbüros der SED seit 1950, Abgeordneter der Volkskammer. Seit Januar 1949 ist er ununterbrochen Vorsitzender der wichti- gen Zentralen Partei-Kontrollkommission (ZPKK) und Ulbrichts rechte Hand bei den geplanten und den durchgeführten Säube- rungen. Er ist mit fast allen DDR-Orden ausgezeichnet, mit dem »Karl-Marx-Orden« wie mit dem »Vaterländischen Verdienst- orden« in Gold. 1968 auch mit dem »Le- nin-Orden«. 1963 erschien in Ost-Berlin eine zweibändige Auswahl »Reden und Schriften« Materns (1926-1963) unter dem Titel »Im Kampf für Frieden, Demo- kratie und Sozialismus«. MELCHER, Erich (1892-1944) Am 27. Januar 1892 in Tschernitz Krs. So- rau geboren, lernte Schlosser und ging an- schließend auf die Wanderschaft, arbeitete in mehreren Ländern als Werkzeugmacher. 1910 in Hamburg Mitglied der SPD; in der Arbeiter-Sportbewegung tätig (aktiver Tur- ner). Im Oktober 1912 zum Militär einge- zogen; als Kriegsteilnehmer (Unteroffizier) fünfmal verwundet. 1917 als Kriegs- beschädigter zu Daimler nach Stuttgart und dann zum Flugzeugbau nach Böb- lingen abkommandiert. Melcher schloß sich der USPD und der Spartakusgruppe an. In der Revolution 1918 zum Vorsitzen- den des Arbeiter- und Soldatenrats in Böb- lingen gewählt. Mitbegründer der KPD in Württemberg. Im Herbst 1919 hauptamt- licher Gewerkschaftsfunktionär (1. Bevoll- mächtigter des DMV) in Stuttgart. Im Mai 1921 dort wegen seiner kommunistischen Betätigung ausgeschlossen. Melcher ging für kurze Zeit nach Moskau und kam dann in die Zentrale der KPD; in der Gewerkschaftsabteilung für die Gruppe Metall verantwortlich. Von Herbst 1922 bis Frühjahr 1923 Gewerkschaftssekre- tär in der KPD-Bezirksleitung Berlin- Brandenburg. Während der Vorbereitung des Oktober 1923 Mitarbeiter der Zentrale. Gemeinsam mit Geschke leitete er (Pseudo- nym: »Martin«) die »Abteilung Verkehr«, die für die Aufstandsvorbereitung verant- wortlich war. Als Anhänger der Rechten 1924 ausgeschal- tet, war er vom Frühjahr bis Juli 1924 in Moskau, nach seiner Rückkehr am 21. Juli 1924 verhaftet und am 16. Dezember 1925 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Wäh- rend der langen Untersuchungshaft im Ja- nuar 1925 in einen Hungerstreik getreten. Als er am 16. August 1926 aus dem Ge- fängnis Cottbus entlassen wurde, trugen ihn die KPD-Anhänger auf den Schultern zum Bahnhof Cottbus. Anfang 1927 wurde Mel- cher zum Polleiter des Bezirks Ostsachsen nach Dresden berufen. Der XL Parteitag 1927 wählte ihn in die Politische Kommis- sion. Am 1. April 1928 als erster »Rechter« aller Funktionen enthoben. Man warf Melcher Verbindung zur SPD vor, gegen diese Be- hauptung legte er scharfen Protest ein. Ende 1928 aus der KPD ausgeschlossen, gehörte er zu den Mitbegründern der KPO, für die er verschiedene Funktionen ausübte. Mit der Minderheit der KPO ging er 1932 zur SAP und war bei der Reichstagswahl 1932 Kanidat der SAP. Nach 1933 arbeitete er illegal gegen Hitler. 1934 verhaftet und am 8. Juni 1934 zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis ver- urteilt. Nach der Strafverbüßung nur kurze Zeit in Freiheit. Melcher wurde am 21. Au- gust 1937 in Dresden erneut festgenommen und ins KZ Buchenwald eingeliefert. Nach einer Reihe von Berichten versagte die illegale KPD-Leitung des KZ-Lagers dem kranken Melcher als »Parteifeind« jede Unterstützung. Am 21. Januar 1944 wurde Melcher ins Todeslager Lublin über- führt, er kam »auf Transport« ums Leben. 218 Menne MENNE, Bernhard (Pseud. Max Rudert) (1901-1968) Am 3. September 1901 in Meschede geboren, Sohn eines Gerichtsvollziehers. Der Vater starb, als er acht Jahre alt war, der Stief- vater war im Justizdienst. Rudert durch- lebte eine unpolitische Jugend und besuchte ein Lehrerseminar. 1917 Arbeit im Kriegshilfsdienst als Dach- decker, von einem alten Sozialisten für die Linke gewonnen. Nach der Novemberrevo- lution 1918 schloß er sich den Revolutionä- ren im Ruhrgebiet an. 1919 Mitglied der USPD und bald ein eifriger Agitator der Partei. Nadi dem Kapp-Putsch verließ er das Leh- rerseminar, war beim Zentralrat der Roten Ruhrarmee; wegen angeblicher Ausrufung der Räterepublik wurde er steckbrieflich ge- sucht. Mit der Mehrheit der USPD schloß er sich 1920 der KPD an. Während der Märzaktion 1921 spielte der 20jährige eine aktive Rolle: Er besetzte mit einer kleinen Schar Arbeiter eine Zeche im Ruhrgebiet. 1921 holte ihn die Zentrale als Redakteur an die »Rote Fahne« nach Berlin, seit die- ser Zeit trug er das Pseudonym Max Rudert. Ende 1921 Redakteur an der »Hamburger Volkszeitung«, übernahm wenige Wochen später die Chefredaktion der KPD-Zeitung in Bremen. Nach einem Polizeibericht hat er sich »in kurzer Zeit zum überragenden Führer« der Bremer Kommunisten entwickelt. Als er in einem Artikel für Reuter-Friesland Stellung nahm, beschloß die Bremer Organisation seine Abberufung; aber da er ein ausgezeich- neter Redakteur war, wollte ihn die Zen- trale nicht verlieren. Er kam nach Saar- brücken, dann an die »Freiheit« nach Düsseldorf. 1923 verurteilte ihn ein französisches Kriegsgericht zu einem Jahr Gefängnis, das er jedoch nicht abzusitzen brauchte. Er übernahm die politische Redaktion der »Bergischen Volksstimme« in Remscheid und stellte sich bei den Diskussionen 1923/ 1924 hinter Brandler. Er wurde kaltgestellt, die Führung sandte ihn nach Stuttgart und München, aber schon 1924 holte ihn Ruth Fischer als Chefredak- teur an den »Klassenkampf« nach Halle, eine der größten und wichtigsten Zeitungen der KPD. Wie einige andere Redakteure gehörte Rudert zu den »jungen Männern«, die trotz anderer innerparteilicher Einstel- lung von Ruth Fischer gefördert wurden. 1925 schickte ihn die Zentrale von Halle nach Breslau, wo er Chefredakteur der »Arbeiterzeitung« wurde. Delegierter des XL Parteitages, der ihn in die Agitprop- kommission wählte. Nach einer Rußlandreise 1927 wandte sich Rudert auf den ZK-Sitzungen 1928 zu- sammen mit Hausen und Galm gegen die neue Linkswendung der Partei. In Breslau abgelöst, kam er Mitte 1928 als Chefredak- teur an das KP-nahe Blatt »Welt am Abend« nach Essen. Am 17. Dezember 1928 schloß ihn die KPD-Führung als »Rechten« aus der Partei aus. Bis 1932 gab Menne in Essen die unpoliti- sche Wochenzeitung »Tribüne« heraus. Nach dem Reichstagsbrand konnte er flüch- ten, doch wurde seine Frau, die ebenfalls lange in der Arbeiterbewegung organisiert war, in Geiselhaft genommen. Er blieb einige Zeit illegal in Berlin und emigrierte nach Prag, wo er bis 1938 Chefredakteur der Zeitung »Prager Mittag« war. Am 11. Januar 1936 bürgerten ihn die Hitler- behörden aus. Er selbst konnte 1939 nach London entkommen, wo er Sekretär der Thomas-Mann-Gesellschaft war. Er hatte sich wieder der SPD genähert, gehörte ihr aber nur vorübergehend an. 1948 kehrte er mit seiner Frau aus der Emi- gration zurück und übernahm die Chef- redaktion der »Welt am Sonntag« in Ham- burg, die er bis zu seinem Tod innehatte. Er war parteipolitisch nicht mehr gebunden und starb am 9. November 1968 in Ham- burg. Menzel/Merker 219 MENZEL, Gustav (1867-1930) Geboren am 23. Juni 1867 in Zedel, Krs. Sorau, entstammte einer kinderreichen Kleinbauernfamilie. Lernte Schuhmacher und ging auf die Wanderschaft. Im Jahre 1887, noch während des Sozialistengesetzes, trat er der SPD bei. 1888 kam Menzel nach Berlin, wo er als Mitglied der oppositionellen »Jungen« zum Anarchismus neigte. Er arbeitete bis 1898 als Schuhmacher in Berlin. 1890 in den Vor- stand der Berliner Schuhmachergewerkschaft gewählt. Nach einem Streik auf die schwar- ze Liste gesetzt, verließ er 1898 Berlin und kam nach Delitzsch, wo er ein Käse- und Buttergeschäft eröffnete und Stadtverord- neter der SPD wurde. 1904 übersiedelte er nach Bitterfeld, betrieb dort eine Gastwirtschaft und wurde eben- falls Stadtverordneter. 1908 kandidierte er bei den Reichstagswahlen für die SPD, wurde aber nicht gewählt. Vor dem Weltkrieg hatte er ein Schuh- geschäft eröffnet. Im Krieg unterhielt er (unter falschem Namen) eine Soldatenkan- tine. 1917 trat Menzel der USP bei, kam 1919 für die USP in die preußische Natio- nalversammlung und 1920 in den preußi- schen Landtag. 1920 Delegierter des Spal- tungsparteitags der USPD, mit deren lin- kem Flügel ging er im Dezember 1920 zur KPD, die er bis zu seinem Tode ununterbro- chen im preußischen Landtag vertrat. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 in den ZA gewählt. Seit 1924 war Menzel hauptsächlich für die »Rote Hilfe« tätig; Mitglied des Zentral- vorstandes der »Roten Hilfe«. Als Helfer der kommunistischen Gefangenen machte er sich in Preußen einen Namen. 1926 erlitt er einen Schlaganfall. Menzel starb am 10. Ok- tober 1930. Sein Sohn Ferdinand Menzel war ebenfalls kommunistischer Funktionär, seit 1923 Re- dakteur beim »Klassenkampf« in Halle, im April 1924 zu einem Jahr und 3 Monate Festung verurteilt. In der Festungshaft kam er beim Baden am 14. Mai 1925 als 32jähri- ger ums Leben. MERKER, Paul (1894-1969) Als Sohn eines Fabrikarbeiters am 1. Fe- bruar 1894 in Oberlössnitz bei Dresden ge- boren, lernte Kellner. In verschiedenen Ho- tels angestellt; trat mit 17 Jahren einem »gelben« Gewerkschaftsverband bei. Wäh- rend des Krieges als Soldat an der Front. Wegen Verbreitung von revolutionären Flugblättern sechs Monate in Haft. Bis 1918 war Merker politisch nicht organi- siert, dann trat er in Dresden der USPD bei, der er bis 1920 angehörte, Delegierter des Spaltungsparteitages, mit der linken USP Übertritt zur KPD. Von 1920 bis 1922 Angestellter der freien Gewerkschaften in Berlin. 1923/24 hauptamtlicher Sekretär der KPD in Halle-Merseburg und 1923 MP-Leiter in Mansfeld. Merker schloß sich der linken Ruth-Fischer-Führung an und zog 1924 als Abgeordneter in den preußischen Landtag ein, dem er bis 1932 angehörte. 1924 Mit- arbeiter der Gewerkschaftsabteilung der Zentrale. 1926 ins ZK und Polbüro koop- tiert, auch vom XL Parteitag 1927 wieder ins ZK und Polbüro gewählt. Nach der Wittorf-Affäre gehörte Merker zu den maß- gebenden Führern der KPD. Auf dem XII. Parteitag 1929 erneut ins ZK und Pol- büro gewählt. Merker war auch Leiter der RGO und seit Herbst 1929 Sekretär des ZK. Im April 1930 wegen linker Abweichungen aus dem Polbüro und ZK entfernt, ihm wurde Fraktionsarbeit vorgeworfen. Mer- ker wurde als Sündenbock für die ultra- linken Überspitzungen der KPD-Politik ge- opfert, doch wurde die ultralinke Politik insgesamt auch nach seiner Absetzung wei- tergeführt. Merker erhielt zweitrangige Funktionen. 1931 wählte ihn ein Kongreß der IAH in den Vorstand dieser Organisation. An- schließend aus der Arbeit der deutschen KP abberufen und der Komintern zur Verfü- gung gestellt. Er arbeitete zusammen mit Eisler in den USA. 1934 setzte man ihn wieder für die Arbeit 220 Merker/Meyer, Ernst in Deutschland ein. Von der Pariser Emi- gration aus organisierte er die Gewerk- schaftsarbeit der KPD in Deutschland. Auf der »Brüsseler« Konferenz 1935 und der »Berner« Konferenz 1939 wieder ins ZK und Politbüro gewählt. Bei Kriegsausbruch in Frankreich interniert, kam er ins Lager Vernet, von dort konnte er 1940 flüchten. Er ging nach Marseille, wurde erneut verhaftet, konnte 1942 wie- der entkommen und nach Mexiko ausreisen. In Mexiko war Merker Generalsekretär der Bewegung »Freies Deutschland« für La- teinamerika und Herausgeber der Zeitung gleichen Namens. Er veröffentlichte die Bü- cher: »Von Weimar zu Hitler« und »Der Nazismus und sein Ende«. Im Mai 1946 kehrte Merker von Mexiko über die Sowjetunion nach Deutschland zu- rück und wurde bei der Gründung der SED in den Parteivorstand und das Sekretariat der Partei gewählt. 1946 Abgeordneter des Landtags von Brandenburg. Bei Bildung des Politbüros kam er auch in dieses Führungs- gremium. 1949 erschien sein Buch »Sozial- demokratie und Gewerkschaften, 1890 bis 1920« im SED-Dietz-Verlag. 1949/50 Staats- sekretär im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der ersten DDR-Regierung. Merker war der prominenteste SED-Führer, der 1950 wegen »Verbindung zu Field« als »Werkzeug des Klassenfeindes« aus der SED ausgeschlossen wurde. »Die am engsten mit Field verbundenen Paul Merker, Leo Bauer, Bruno Goldhammer, Willy Kreike- meyer, Lex Ende und Maria Weiterer ha- ben dem Klassenfeind in umfangreicher Weise Hilfe geleistet und werden aus der Partei ausgeschlossen« hieß es in der Ent- schließung des ZK der SED vom 24. Au- gust 1950. Merker wurde degradiert, er mußte als Lei- ter einer HO-Gaststätte in Luckenwalde arbeiten. Nach dem Slansky-Prozeß in der Tschechoslowakei wurde Merker am 20. De- zember 1952 als »feindlicher Agent« ver- haftet und in einer Erklärung des ZK vom 14. Mai 1953 als »Agent«, als »Kapitulant und Verräter« bezeichnet. Bis 1956 blieb er in Haft. Die SED rehabilitierte Merker 1956 zwar »juristisch«, aber nicht politisch. 1957 wurde er Lektor im Verlag »Volk und Welt«, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft im Kreis Königswusterhausen. Die Versuche der Harich-Gruppe, ihn 1956/57 für ihre Posi- tionen zu gewinnen, schlugen fehl, obwohl er am 21. Februar 1956 in der Wohnung Jankas an einer Zusammenkunft der Grup- pe teilnahm. Als gebrochener Mann spielte Merker in der Politik keine Rolle mehr. Erst kurz vor seinem Tode wurde er öffent- lich geehrt, so erhielt er im Februar 1969 den »Vaterländischen Verdienstorden« in Gold. Merker starb am 13. Mai 1969 in Ost-Berlin. In einem Nachruf des ZK der SED wurde auf seine führende Rolle in der KPD und den Anfängen der SED hin- gewiesen, über Merkers Schicksal von 1950 bis 1956 jedoch Stillschweigen bewahrt. MEYER, Ernst, Dr. phil. (1887-1930) Als Sohn eines Lokomotivführers am 10. Juli 1887 in Prostken (Ostpreußen) geboren, ermöglichte ihm seine Familie unter großen Entbehrungen den Besuch der Ober- realschule. Seine Erziehung im Elternhaus war antisozialistisch und streng religiös. Er finanzierte sich das Studium selbst und stu- dierte Philosophie, Psychologie und Natio- nalökonomie in Königsberg und Berlin. Seine vier Geschwister (drei Brüder, von denen einer im Weltkrieg fiel, einer in Chile vermögend wurde und der andere in der Inflation sein Geld verlor und Selbstmord verübte, sowie seine Schwester, die Lehrerin wurde) gingen andere Wege. Meyers Mutter war fanatische Anhängerin einer religiösen Sekte. Als Gegner des Sozialismus sollte Meyer 1907 in Königsberg gegen den dortigen So- zialistenführer und späteren SPD- bzw. USPD-Vorsitzenden Hugo Haase ein Kor- referat halten. Ernst Meyer, bekannt als Meyer, Ernst 221 ein ernster, gebildeter und um Objektivität ringender Mann, wurde bei der langen Ar- beit zu dem Referat vom Antisozialisten zum Sozialisten und war nunmehr von der Richtigkeit des Marxismus überzeugt. Er trat 1908 der SPD bei. In der Folgezeit nahm Haase an Meyers Entwicklung großes Interesse. Meyer promovierte 1910 zum Dr. phil. und kam 1912 als Mitarbeiter bei Prof. Wagemann an das Statistische Amt in Char- lottenburg. Anfang 1913 politischer Redak- teur des SPD-Zentralorgans »Vorwärts« (unter Hilferding) in Berlin. Wegen Maje- stätsbeleidigung erhielt er eine mehrmona- tige Gefängnisstrafe. Meyer gehörte bald zum linken Flügel der SPD und zum Freundeskreis von Rosa Lu- xemburg in Berlin. Bei Kriegsausbruch (wegen einer Tuberkulose-Krankheit nicht als Soldat eingezogen) war er einer der Mitbegründer und Führer der »Gruppe Internationale«, des späteren Spartakus- bundes. Wegen seiner Opposition gegen die SPD-Linie im Spätsommer 1915 aus der Redaktion des »Vorwärts« entfernt. Den Zimmerwalder Linken um Lenin schloß sich Ernst Meyer nicht an, da der Spartakus- bund in der Frage der Gründung einer linksradikalen Partei andere Vorstellungen vertrat. Im Oktober 1914 hatte Meyer noch aus Kautsky geschrieben: »... mir ist nicht sehr behaglich bei dem Gedanken, daß die von Ihnen in den früheren Parteidebatten bekämpften Parteigenossen die alleinige theoretische Führung in der sich neu konso- lidierenden >Linken< haben wollen.« Er habe sich bemüht, »eine Basis für die Verständi- gung der >Linken< mit der >Mitte< zu fin- den«. Da die Mitte aber die Rechte ver- teidige, sei das nicht möglich. 1915 saß Meyer einige Zeit in Unter- suchungshaft, 1916 in »Schutzhaft«. 1917 arbeitete er in Nürnberg, wo er in der »Prüfstelle für Ersatzglieder« für Kriegs- beschädigte experimentelle psychologische Studien unternahm. 1918 Mitarbeiter in einem Ernährungsinstitut (eine der Kriegs- schöpfungen zur Ernährungsfrage). Im Som- mer 1918 Leiter der deutschen Sektion des sowjetischen Nachrichtenbüros ROSTA in Berlin. 1918 lag die Führung der Spartakusgruppe (da außer Liebknecht und Luxemburg nun auch Jogiches in Haft war) in den Händen von Ernst Meyer. So gehörte er bei Aus- bruch der Revolution 1918 zur Spartakus- zentrale. Auf dem Gründungsparteitag der KPD wurde er auch in die Zentrale der neuen Partei gewählt und war in den ersten Jahren des Bestehens der KPD fast un- unterbrochen Zentrale-Mitglied. 1919 polizeilich gesucht, glaubte man nach der Verhaftung von Luxemburg und Lieb- knecht im Januar 1919, daß der dritte Ver- haftete Meyer sei (damals Redakteur an der »Roten Fahne«), doch war es bekanntlich Wilhelm Pieck, der dann wieder freikam. Meyer wurde im Februar 1919 verhaftet und bis Herbst 1919 in »Schutzhaft« fest- gehalten. In den Jahren 1919 bis 1921 übte er für die KPD die verschiedensten leiten- den Funktionen aus, gehörte ständig dem Politischen Büro an. Delegierter des II. und IV. Weltkongresses der Komintern, vom II. Weltkongreß zum Mitglied des EKKI berufen. Nach der Vereinigung mit der USPD zunächst nicht in die Zentrale ge- wählt, aber nach dem Rücktritt von Levi, Zetkin usw. wieder Zentrale-Mitglied. 1921 Chefredakteur der »Roten Fahne«, dann als Nachfolger Brandlers Leiter des Pol- büros und damit Führer der Partei. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 erhielt der Parteivorsitzende Meyer bei der Wahl in die Zentrale die meisten Stimmen. Unter seiner Führung war die KPD bestrebt, eine Einheitsfrontpolitik durchzuführen. Nach der Rückkehr Brandlers im August 1922 und nach Machenschaften der Komintern wurde Meyer abgelöst, Brandler übernahm die Parteiführung. Obwohl vom Bezirk Ost- preußen auf dem VIII. Parteitag 1923 für die Zentrale vorgeschlagen, wurde Meyer (ebenso wie die Vertreter der Linken) von der hinter Brandler stehenden Mehrheit des Parteitags nicht in die Zentrale gewählt. 222 Meyer, Ernst/Meyer, Heinrich Trotzdem übte Meyer auch in der Vorberei- tung des Oktober 1923 verantwortliche Funktionen aus, er war Leiter des Ober- bezirks Süd (Süd-Bayern, Hessen, Württem- berg und Baden). Nach den Diskussionen über die Oktoberniederlage einer der Füh- rer der Mittelgruppe. Als die Linken um Ruth Fischer die Parteiführung übernah- men, zählte Meyer zu ihren schärfsten, aber auch sachlichsten Kritikern, er wurde bald zum Führer der oppositionellen Kreise. Nadi dem »Offenen Brief« zunächst noch nicht in die Zentrale aufgenommen, aber so- fort wieder mit wichtigen Aufgaben betraut. Leiter des Pressedienstes der KPD. 1926 kam es auch zum Abkommen zwischen Meyer und Thälmann, dessen unterschied- liche Fassungen in den Dokumenten wieder- gegeben sind (s. Bd. 1, S. 418 ff.). Nach dieser Erklärung wurde Meyer wieder ins ZK, Politsekretariat und Polbüro aufgenommen. Bald war er der eigentliche Parteiführer, besonders nach dem Essener Parteitag (auf dem er ins ZK gewählt wurde) bestimmte er maßgebend die Geschicke der KPD. In den Jahren 1921 bis 1924 und von 1928 bis zu seinem Tode Abgeordneter des preußi- schen Landtags. Im Oktober 1927 erkrankte er ernstlich. Wegen seines schlechten Gesundheitszustan- des mußte er Deutschland verlassen, ging in die Schweiz und dann in die Sowjet- union, er kehrte erst im Dezember 1928 nach Berlin zurück. Inzwischen waren Ernst Meyers Anhänger, Ewert, Eisler usw., die Mittelgruppe, die vom ZK »Versöhnler« genannt wurden, immer mehr ausgeschaltet worden. Nach der Wittorf-Affäre (Meyer befand sich zu der Zeit in der Sowjetunion und mißbilligte die Art, wie man diese Affäre politisch aus- nutzen wollte) wurde auch der todkranke Ernst Meyer in den Hintergrund gedrängt. Er versuchte die »Versöhnler« zusammen- zuhalten. Auf dem XII. Parteitag 1929 trat er nochmals scharf gegen die neue ultralinke Politik auf. Ende Juli mußte er wegen sei- nes verschlimmerten Gesundheitszustandes ins Sanatorium Hermannswerder bei Pots- dam (der Reichs Versicherung). Zu seiner Tu- berkulose bekam er eine Lungenentzündung und starb nach einer Operation am 2. Fe- bruar 1930. Die KPD (bzw. SED-)Führung nahm später eine unterschiedliche Haltung zu Meyer ein. Lange wurde er als »Versöhnler« verfemt, zeitweise sogar wie die sogenannten »Agen- ten« aus offiziellen Dokumenten ausgemerzt. Jetzt wird seine überragende Rolle in der KPD wenigstens teilweise anerkannt. Die aus seinem Nachlaß erhaltenen Briefe, die z. T. im Anhang abgedruckt sind, geben nicht nur einen ausgezeichneten Einblick in die Geschichte der KPD, sie zeigen auch seine untadelige Persönlichkeit und die Schwierigkeiten, unter denen seine politische Tätigkeit oftmals stand. Meyer hatte eine fast beendete Geschichte des Spartakusbundes hinterlassen, die sich als Manuskript in Moskau befinden soll. Er war auch der Herausgeber der »Spartakusbriefe« und anderer Dokumente und veröffentlichte zahlreiche kleinere Ar- beiten, darunter in »Volk und Reich der Deutschen«, eine Darstellung über die KPD. Von seinen beiden Söhnen aus erster Ehe lebt einer in Kanada, der andere in der Bundesrepublik. Seine Witwe, Rosa Meyer- Levine, an die die auch die Briefe (s. Bd. 1, S. 444 ff.) gerichtet sind, hat sich bis zur Emi- gration 1933 noch am Rande der KPD ge- halten, arbeitete aber als Enttäuschte nur in der »Roten Hilfe«. Sie ging 1933 ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann nach England und lebte 1969 in London. MEYER, Heinrich (Heino) (1904-1937?) Geboren am 22. Mai 1904 in Hamburg. Ab- solvierte bis 1925 ein Lehrerseminar in Hamburg. 1923 Mitglied der KPD, beschwerte er sich im April 1923 in einem Brief an die BL, daß ihm wegen seiner Jugend keine Auf- gaben übertragen würden, die ihn ausfüll- ten. »Ich denke, es muß eine Möglichkeit Meyer, Heinrich/Miller 223 geben, die Zeit und Energie, die ich frei habe, auszunutzen für die Partei.« Er wurde nun für vertrauliche Aufgaben herangezo- gen. Ab 1924 auch in der Öffentlichkeit aktiv für die Partei tätig, konnte er kein Lehrer werden, sondern kam 1925 als Re- dakteur zur »Hamburger Volkszeitung«. 1926 zeichnete er für »HVZ« verantwortlich und wurde im gleichen Jahr auch Mitglied der BL Wasserkante. Im Mai 1927 als ver- antwortlicher Redakteur zu einem Jahr Fe- stung verurteilt, die Strafe verbüßte er von Oktober 1927 bis Oktober 1928. Nadi der Haftentlassung Parteisekretär in Hamburg. Mitte 1929 Chefredakteur der »HVZ«, be- hielt diese Funktion bis Ende 1931. 1931/32 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. 1932 kam Heinrich Meyer als enger Ver- trauter Thälmanns nach Berlin. Er wurde einer der »Mitarbeiter« des Parteiführers. Diese »Mitarbeiter« hatten zu jener Zeit mehr Einfluß auf die politische Linie der KPD als die eigentlichen Politbüro-Mitglie- der. Im Dezember 1932 verhaftete die Polizei Meyer und Schehr. Während Schehr frei- kam, blieb Meyer in Haft und war so 1933 sofort wieder ein Gefangener der SA, die ihn ins KZ brachte. Im Herbst 1934 aus dem KZ entlassen, emigrierte er aus Deutschland und kam nach Moskau, wo er 1935 die wichtige Funktion eines Sekretärs des Politbüros ausübte. Während der Stalinschen Säuberung 1937 wurde Meyer (wie fast alle Mitarbeiter Thälmanns) verhaftet, er kam in den Säu- berungen ums Leben. MEYER, Johann (1889-1950) Als Sohn eines unpolitischen Tapeziermei- sters am 4. Juni 1889 in Nürnberg geboren; lernte Tapezierer. 1909 schloß er sich der Sozialistischen Jugend und der SPD an. 1918 Übertritt zur USPD, 1920 zur KPD. 1921 Sekretär der Partei in Nürnberg, seit dieser Zeit hauptamtlicher KPD-Funktio- när. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 und dem Leipziger Parteitag 1923 als Kandidat in den ZA gewählt. Im Januar 1924 wegen Fortführung der verbotenen KPD zu sechs Monaten Gefäng- nis verurteilt. Übernahm 1924 die Führung des Bezirks Nordbayern als Polleiter und wurde 1924 Reichstagsabgeordneter. Er ge- hörte dem Reichstag ununterbrochen bis 1933 an. Delegierter der Parteitage von 1925, 1927 und 1929. Im Oktober 1928 bei einem Straßenbahnunfall schwer verunglückt. Bis 1930 Polleiter für Nordbayern. Von 1930 bis 1933 stand er als MdR dem Bezirk Nordbayern zur allgemeinen Verfügung, er blieb Mitglied der BL. Meyer, in Nordbayern der theoretisch über- ragende Kopf der KPD, hatte schon vor 1914 eine Parteischule der SPD in Berlin unter Leitung von Rosa Luxemburg besucht. Er hat sich jedoch politisch nie zu einer Fraktion geschlagen und mit seiner Meinung zurückgehalten, so daß er von 1924 bis 1930 ununterbrochen einen Bezirk leiten konnte. Im Mai 1933 verhaftet und zu z1^ Jahren Gefängnis verurteilt. Nach deren Verbü- ßung freigelassen, arbeitete er bis Kriegs- ende als Tapeziergehilfe. 1945 machte er sich als Tapezierer selbstän- dig. 1945 auch wieder in die KPD auf- genommen, allerdings erst nachdem der Widerstand einiger Mitglieder wegen seiner Haltung vor 1933 überwunden war. Er wurde halbtags - hauptsächlich für Schu- lungsaufgaben - von der KPD beschäftigt. Später arbeitete er nur noch als Tapezierer und trat politisch nicht mehr hervor. Johann Meyer starb am 5. Juli 1950 in Nürnberg. MILLER, Joseph (Sepp) (1883-1964) Am 27. August 1883 in Scheppach (Bayern) geboren, entstammte einer katholischen Kleinbauernfamilie, lernte in Augsburg Schlosser. Anschließend auf Wanderschaft, nach der er sich in Bremen niederließ, auf verschiedenen Werften arbeitete und 1907 der SPD beitrat. 1913 nach dem Streik der 224 Miller/Moericke Werftarbeiter fristlos entlassen, holte man ihn während des Krieges wieder auf die Weser-Werft. Während des Krieges Mitglied der Links- radikalen unter Führung von Knief, Frö- lich und Felix Schmidt, gehörte er bald zu deren leitendem Kern. Nadi der Revolution 1918 in den Arbeiterrat der Weser-Werft gewählt, beteiligte er sich 1919 aktiv an der Bremer Räterepublik. Seit Gründung der KPD Mitglied der Par- tei. 1919 als Leiter des Metallarbeiter Ver- bandes in Bremen hauptamtlicher Gewerk- schaftssekretär. 1920/21 (nach Jannack) Ortssekretär der KPD und hauptamtlicher KPD-Funktionär. Ab 1921 übte Miller eine führende Rolle als Sekretär im Bezirk Nie- dersachsen aus. Zugleich war er Leiter von Verlag und Druckerei der Arbeiterpresse in Hannover. Der Leipziger Parteitag 1923 wählte ihn zum Mitglied des ZA. Miller zählte zum rechten Parteiflügel. Nachdem die Linken 1924 die Führung übernommen hatten, stand er in Opposition zu ihnen, behielt aber seine hauptamtliche Funktion. Nach dem »Offenen Brief« 1925 und dem Ausschluß der Katz-Gruppe war Miller in Hannover und Niedersachsen der führende Kopf der KPD, auch wenn er offiziell nur Leiter von KPD-Verlag und Druckerei war. 1928 als Abgeordneter in den Reichstag ge- wählt, dem er bis 1930 angehörte. Während der Parteiauseinandersetzung 1928/29 schloß sich Miller den »Versöhnlern« an und arbeitete aktiv gegen die ZK-Linie. Anfang 1930 kapitulierte er und wurde nach Berlin geholt; Orgsekretär der »Roten Hilfe«. Nach 1933 leitete er - inzwischen im Exil - als Generalsekretär die »Rote Hilfe«. 1936 abgesetzt und aller Funktionen ent- hoben. In der »Roten Hilfe« Süddeutsch- lands hatte sich ein Gestapo-Spitzel einge- schlichen, den Miller trotz aller Warnungen gefördert hatte, dieser Spitzel ließ die ganze Organisation auffliegen. 1938 entzog die Hitler-Regierung Miller die deutsche Staatsangehörigkeit. Er floh 1939 von Frankreich nach Norwegen und 1940 nach Schweden, wo er nach einer kurzen Haft (April bis Juni 1940) Torf arbeitet war. Von 1942 bis 1945 arbeitete er als Schlosser. Im Januar 1946 kehrte er nach Deutsch- land zurück, wurde Mitglied der KPD und Mitarbeiter des ZK. Von 1946 bis 1954 Mitglied der Zentralen Revisionskommis- sion der SED, dann Leiter der Abteilung Gedenkstätten des Museums für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin. Träger mehrerer Orden, darunter der »Karl-Marx-Orden«. Sepp Miller starb am 23. März 1964. MOELDERS, Theodor (1888-1967) Am 11. April 1888 in Cleve geboren, Sohn eines Metzgermeisters; lernte Klempner und übersiedelte nach Berlin. Vor dem Welt- krieg Mitglied der SPD, kam über die USPD 1920 zur KPD. Moelders arbeitete als Klempner am Städti- schen Schlachthof in Berlin und wurde dort Betriebsratsvorsitzender. In der Partei ten- dierte er zum rechten Flügel und war eng mit W. Pieck befreundet. 1927 Delegierter des XL Parteitags, nahm im gleichen Jahr an einer Reise in die So- wjetunion teil. Mitglied der KPD-Bezirks- leitung Berlin-Brandenburg. 1928 zog er für die KPD in den preußischen Landtag ein. Er war Polleiter des 5. Ber- liner Bezirks. Nach der Wittorf-Affäre 1928 aktiver Anhänger der »Versöhnler«. Bis Frühjahr 1929 stand der 5. Bezirk unter Moelders Leitung hinter den »Versöhnlern«. Mitte 1929 kapitulierte er vor dem ZK. 1932 nicht mehr in den Landtag gewählt. Nach 1933 mehrmals verhaftet, trat er 1945 wieder der KPD bei. In der SED spielte er keine politische Rolle, er lebte als Partei- veteran in Ost-Berlin, wo er am 10. Januar 1967 starb. MOERICKE, Franz (1885—1956) Am 29. März 1885 in Apolda geboren, Moericke/Müller, Carl 225 lernte Tischler und arbeitete bis 1910 in seinem Beruf, dann Gewerkschaftssekretär. 1902 Mitglied der SPD. 1918 ging er zur USPD und kam mit dem linken Flügel 1920 zur KPD. Delegierter des Vereinigungs- parteitages im Dezember 1920. Als Sekretär ab 1920 hauptamtlich für die KPD tätig, zunächst Leiter der Partei in Halberstadt, dann Sekretär und schließlich Redakteur in Magdeburg. 1923 Chefredak- teur der »Roten Fahne des Osten» (»Echo des Ostens«) in Königsberg. 1924 Anhänger der Linken, zum Abgeord- neten des preußischen Landtags gewählt. Im gleichen Jahr kam Moericke wieder nach Magdeburg, wo er bis 1927 als Chefredak- teur die »Tribüne« leitete. 1928 holte ihn die Zentrale nach Berlin in die Landabtei- lung. 1928 erneut in den preußischen Land- tag gewählt, trat jedoch im September 1928 zurück, um dem Landarbeiter Kahmann sein Mandat zu überlassen. Mitarbeiter des ZK, Leiter der Landabtei- lung, dann der »Industriegruppe Land« der RGO. 1930 bis 1932 Reichstagsabgeordneter. 1931 Redakteur der »Roten Fahne« für die er auch verantwortlich zeichnete. 1933 verhaftet und bis 1935 im Zuchthaus Luckau festgehalten. Er arbeitete dann wie- der als Tischler, wurde jedoch 1944 erneut verhaftet, zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt und im April 1945 aus dem Zucht- haus Brandenburg befreit. Moericke schloß sich wieder der KPD bzw. SED an. 1946 als Abgeordneter in den Landtag von Brandenburg gewählt. Mit- begründer des FDGB, dessen 1. Kongreß im Februar 1946 von ihm eröffnet wurde. Später Vorsitzender des FDGB in Bran- denburg, dann Chefredakteur der FDGB- Zeitung »Land und Forst«. Träger ver- schiedener Auszeichnungen, darunter des »Karl-Marx-Orden«. Nach längerer Krankheit starb er - zuletzt Parteiveteran in Neuenhagen bei Berlin - am 29. Mai 1956. MÜLLLER, Carl H. (1879-1935?) Geboren am 22. September 1879 in Stutt- gart, lebte vor dem Weltkrieg in der Schweiz, wo er sich der sozialistischen Be- wegung anschloß. Als Maler und Schrift- steller tätig, führte er ein Bohemien-Leben. Nach dem Kriege Rückkehr nach Deutsch- land, Mitglied der USPD, Delegierter des USP-Spaltungsparteitages 1920, mit der lin- ken USP 1920 zur KPD. Müller - ein bekannter Volksredner in Württemberg - war 1920 für die USP in den württem- bergischen Landtag eingezogen, er wurde 1924 für die KPD erneut Landtagsabgeord- neter. Im Januar 1924 verhaftet, jedoch bald wie- der freigelassen. Im Landtag kam es zu einer scharfen Debatte, weil die Polizei Müllers Post überwachte. Die Postkontrolle wurde mit dem Verdacht auf Hochverrat begründet; die Polizei erklärte aber, der Briefwechsel sei »fast ausschließlich eroti- scher Natur übelster Art« gewesen. Carl Müller, einige Zeit Redakteur des KPD-Organs »Süddeutsche Arbeiter-Zei- tung«, stand auf dem rechten Parteiflügel; er wurde im Januar 1927 aus der KPD ausgeschlossen. Die SPD hatte Müller zuvor in einem Flugblatt beschuldigt, er habe 1912 in Basel Gelder (600 Franken) des Arbeiter- vereins »Eintracht« unterschlagen und sei während des Krieges für die deutsche Spio- nage tätig gewesen. Ein Brief des Schweizer Kommunisten und Lenin-Freundes Fritz Platten aus Moskau untermauerte angeb- lich die Vorwürfe, so daß Müllers Aus- schluß aus der Partei im Januar 1927 vom ZK der KPD bestätigt wurde. Der Ausschluß erfolgte (3 gegen 2 Stimmen) wegen »Nichtdurchführung von Partei- beschlüssen« und weil Müller ein »moralisch korruptes Element« sei. Die Rechten sahen im Ausschluß des fähigen und beliebten Müller jedoch einen politischen Schachzug. Müller trat später politisch nicht mehr her- vor. Er emigrierte 1933 nach Wien und soll dort 1935 gestorben sein. 226 Müller, Georg/Müller, Herbert MÜLLER, Georg (1878-1963) Am 19. November 1878 in Krappitz (Ober- schlesien) geboren, lernte Schuhmacher. 1905 Mitglied der SPD. Anfang 1914 Bericht- erstatter der SPD-Presse in Trier. Müller kam 1920 über die USPD zur KPD. Seit 1921 Redakteur an verschiedenen KPD- Zeitungen, 1924 bis Anfang 1927 Chef- redakteur der Mannheimer »Arbeiter-Zei- tung«. Kurze Zeit in Köln, 1928 Chef- redakteur der »Volkswacht« in Rostock. Ende 1929 Redakteur in Dortmund, schließ- lich in Berlin. Bis 1933 in Breslau in der Freien Gewerkschaft aktiv, war Müller seit 1930 nicht mehr für die KPD tätig. 1938 dienstverpflichtet, als Arbeiter beschäftigt. Bei Kriegsende kam er nach Niedersachsen. Er war politisch nicht mehr organisiert, lebte in Northeim. Müller starb am 31. De- zember 1963 in Trier. MÜLLER Gustav (1875-?) Am 8. August 1875 in Halberstadt geboren, war nach dem Besuch der Volksschule Ar- beiter. Später besuchte er noch einige Fort- bildungsschulen, so von 1909 bis 1912 in Berlin die Arbeiter-Bildungsschule, von 1912 bis 1914 die Humboldtschule in Berlin. Gustav Müller trat 1900 der SPD bei und übte für sie in Berlin verschiedene Funk- tionen aus. 1917 Mitglied der USPD, mit der linken USP 1920 zur KPD. Auch in der KPD Anhänger des linken Flügels. Seit 1922 KPD-Sekretär der Provinz Branden- burg, in der BL Berlin-Brandenburg für die Abteilung Land verantwortlich. Im Mai 1924 zog er als Abgeordneter in den Reichs- tag ein, im Dezember des gleichen Jahres in den preußischen Landtag. Nach dem »Offenen Brief« schloß er sich aktiv der linken Opposition an, unterschrieb im Juni 1926 den oppositionellen »Brief der 700«. Gustav Müller wurde (zusammen mit 34 seiner Anhänger) am 18. Mai 1927 aus der KPD ausgeschlossen, er wurde einer der Mitbegründer des »Leninbundes«. Die Reichstagung des »Leninbundes« im April 1928 wählte Müller (neben Urbahns und Heym) in das Präsidium dieser Organisa- tion. Bis 1933 war er für den »Leninbund« aktiv. 1933 wurde er verhaftet. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. MÜLLER, Herbert (geb. 1900) Am 13. September 1900 in Ludwigshafen/ Rhein geboren, Sohn eines Maurers und Sozialdemokraten, lernte Schriftsetzer. 1917 Vorsitzender der Sozialistischen Jugend in Ludwigshafen und Mitbegründer der Freien Sozialistischen Jugend (Kommunistische Ju- gend) in der Pfalz. 1919 Mitglied der KPD, 1924 Parteivor- sitzender der KPD in Ludwigshafen und Mitglied der BL Pfalz. 1924 (nach der Ver- haftung Frenzels) einer der Leiter der anti- separatistischen Bewegung. Bis 1928 ehren- amtlicher Gewerkschaftsleiter der Bezirks- leitung Pfalz. Während der Auseinandersetzungen in die- sem ultralinken Bezirk war Herbert Müller führender ZK-Anhänger. 1928 in den bayerischen Landtag gewählt, ab 1929 als Orgleiter des Bezirks Pfalz hauptamtlicher Funktionär der KPD. Bis zur Zusammenlegung der Bezirke Baden und Pfalz (1931) war er Orgleiter der Pfalz, Landtagsabgeordneter war er bis 1933, ebenso bis 1933 Sekretär der KPD. Zusammen mit Doll leitete er die illegale Arbeit der KPD im Bezirk Baden-Pfalz. Im Mai 1933 verhaftet, kam er für 23 Mo- nate ins KZ Dachau. Im April 1935 ent- lassen, arbeitete er wieder illegal und sollte erneut verhaftet werden. Er floh ins Exil nach Frankreich, kämpfte während des Bürgerkriegs in Spanien. Als Kaderoffizier der Internationalen Brigade und Stellvertre- ter Dahlems an der Front, verantwortlich für die deutschen, englischen, skandinavi- schen und österreichischen Einheiten, zuletzt im Range eines Hauptmannes, zugleich Par- teisekretär. 1939 Flucht nach Frankreich, zum Spengler und Installateur umgeschult. Müller, Herbert/Müller, Oskar 227 Bei Kriegsausbruch interniert, floh er 1940 nach Südfrankreich und lebte illegal in Tou- louse. In Frankreich verantwortlicher KP- Funktionär. Im August 1945 Rückkehr nach Deutsch- land. Vorsitzender des KPD-Bezirks Pfalz, Mitglied der beratenden Landesversamm- lung und dann des Landtags von Rhein- land-Pfalz und Landesleiter der KPD Rheinland-Pfalz. Im September 1949 verließ er die KPD, trat zur SPD über. Er erklärte: »Meine Hoffnung, eine Partei mitzuentwickeln, in der der Mensch zur Geltung kommt, in der der Wille der Mitgliedschaft oberstes Ge- setz ist, hat sich nicht verwirklicht. Die Kommunistische Partei fällt von einem Ex- trem ins andere.« Die KPD-Leitung ver- femte ihn daraufhin als »titoistischen Agen- ten« unter dessen »zersetzende Tätigkeit« ein »Schlußstrich« gezogen wurde. Herbert Müller gehörte als Parteisekretär der SPD in Ludwigshafen auch dem rhein- land-pfälzischen Landtag an, er war auch Stadtrat in Ludwigshafen und wurde nach seinem Ausscheiden 1969 mit dem Ehrenring der Stadt Ludwigshafen geehrt. MÜLLER, Kurt (geb. 1903) Am 13. Dezember 1903 in Berlin geboren, entstammt einer Arbeiterfamilie, lernte Werkzeugmacher. 1920 Mitglied der Ge- werkschaft und der KPD (der auch seine Schwester angehörte). Funktionär des Kom- munistischen Jugendverbandes (KJVD) in Berlin. Ab 1928 Mitglied der Zentrale des KJV, Mitte 1929 wurde Kurt Müller Vorsitzen- der dieser kommunistischen Organisation (als Nachfolger Häbichs) und ins ZK auf- genommen. Vom XL EKKI-Plenum 1931 zum Kandidaten des EKKI-Präsidiums ge- wählt. Im Sommer 1931 nach Moskau ins Jugend- EKKI versetzt, dort verantwortlich für chinesische Fragen. Als Anhänger Heinz Neumanns 1932 verfemt und als Arbeiter ins Autowerk Gorki verschickt. In Deutsch- land hieß es offiziell, damit sei ein Schluß- strich gezogen »unter die Auseinanderset- zungen der parteifeindlichen Gruppe der Gen. Neumann, Kurt Müller usw., die ver- sucht hatten, den Jugendverband in einen Gegensatz zur Linie und Führung der Partei ... zu bringen.« 1934 kehrte Kurt Müller nach Deutschland zurück und leitete die illegale Arbeit der KPD in Südwestdeutschland. 1934 in Mann- heim verhaftet und zu sechs Jahren Zucht- haus verurteilt, die er in Kassel verbüßte, anschließend kam er ins KZ Sachsenhausen, wo er bis 1945 gefangengehalten wurde. 1945 ließ er sich in Hannover nieder. Vor- sitzender der KPD in Niedersachsen und Mitglied des niedersächsischen Landtags. Im April 1948 stellvertretender Vorsitzender der KPD in Westdeutschland. 1949 in den Bundestag gewählt. Anfang Mai 1950 wurde Kurt Müller zum ZK der SED geladen und dort vom SSD festgenommen. Durch ein Fernurteil zu 25 Jahren Haft verurteilt und nach der Sowjetunion überführt. Offiziell wurde erklärt, Müller sei als »Agent ent- larvt« worden, er habe mit dem Ostbüro der SPD zusammengearbeitet, sei für die Engländer tätig gewesen; es wurden also die üblichen stalinistischen Vorwürfe erhoben. Kurt Müller war bis 1955 in der Sowjet- union inhaftiert; dann entlassen, kehrte er in die Bundesrepublik zurück. Mitglied der SPD. Müller lebte 1969 in der Bundes- republik. MÜLLER, Oskar (geb. 1896) Als Sohn eines Landwirtes am 25. Juli 1896 in Wohlau (Schlesien) geboren, besuchte das humanistische Gymnasium. Im Ersten Welt- krieg als Offizier an der Front. Im Novem- ber 1918 in den Soldatenrat gewählt. Nach dem Weltkrieg Bankangestellter. 1920 Leiter der Bankbeamtenorganisation in Frankfurt (Main). 1922 Mitglied der KPD; im glei- chen Jahr Leiter der Angestelltengewerk- schaft in Frankfurt. 228 Müller, Oskar/Münzenberg 1924 in Frankfurt hauptamtlicher Sekretär der KPD (Gewerkschaftsleitung der BL Hessen). Abgeordneter der KPD im preußi- schen Landtag von 1924 bis 1933. 1928 Org- leiter des KPD-Bezirks Hessen, eine Funk- tion, die Müller mehrere Jahre ausübte. In der Illegalität Orgleiter des Bezirks Berlin- Brandenburg, wurde er am 22. November 1933 verhaftet und zu drei Jahren Zucht- haus verurteilt, anschließend kam er bis 1939 ins KZ Sachsenhausen. Von Juni 1939 bis August 1944 Angestellter in der Leder- industrie in Offenbach, dann erneut ver- haftet und ins KZ Dachau gebracht, 1945 in Dachau Lagerältester. 1945 trat er wieder der KPD bei, zog für sie in den hessischen Landtag und 1949 in den Bundestag ein. Bis 1947 Minister für Arbeit und Wohlfahrt in Hessen. Im April 1948 Vorsitzender der KPD in Hessen, doch schon 1949 wieder abgesetzt, weil er bei der »Agenten-Bekämpfung« zu »lau« war. Mitarbeiter des Parteivorstandes der KPD, bis 1953 im Bundestag. 1953 kurz verhaftet, seither aktiv in der WN tätig, einer der vier Präsidenten der VVN. Oskar Müller lebte 1969 in Hessen. MÜLLER, Wilhelm (1890-1957) Am 19. Februar 1890 in Alsenborn (Pfalz) geboren, lernte Tischler. Vor dem Krieg Mit- glied der SPD. Im Krieg vier Jahre Soldat, ausgezeichnet mit der goldenen Tapferkeits- medaille (mit der eine Rente verbunden war). Nach dem Kriege Übertritt zur USPD, 1919 zur KPD. Für die Partei in Kaiserslautern tätig, aktiv bei der Bekämpfung der Sepa- ratisten. Auf dem Leipziger Parteitag im Januar 1923 als Kandidat in den ZA ge- wählt. Die französische Militärregierung verurteilte ihn 1923 zu drei Jahren Gefängnis und wies ihn 1924 aus der Pfalz aus. Der populäre Müller gehörte in der KPD zum linken Flügel und zog im Mai 1924 in den Reichs- tag ein, im Dezember nicht wiedergewählt. Ab 1924 hauptamtlicher Parteisekretär in verschiedenen Bezirken, u. a. 1925 in Würt- temberg. Im April 1926 vom ZK nach Bremen ent- sandt, Polleiter des Bezirks Nordwest. Er hatte sich nicht der linken Opposition an- geschlossen, sondern war für Thälmann eingetreten. Im November 1926 verhaftet, angeklagt, den kommunistischen Z-Apparat (Zersetzungs-Apparat) geleitet zu haben. Er blieb bis Januar 1927 in Haft und mußte dann mangels Beweisen entlassen und 1928 im Prozeß vor dem Reichsgericht freigespro- chen werden. Leiter des Unterbezirks Biele- feld, wo der ultralinke Kötter abgelöst wor- den war. Nachdem Müller noch einige an- dere zweitrangige Funktionen bekleidet hatte, ging er Anfang der dreißiger Jahre wieder nach Kaiserslautern zurück und machte sich als Schreinermeister selbständig. Nach 1933 zunächst nicht verhaftet, wohl weil er Inhaber der goldenen Tapferkeits- medaille war und vor 1933 nicht mehr poli- tisch hervorgetreten war. Er arbeitete als erfolgreicher Tischlermeister. Im August 1944 zusammen mit mehreren Kaiserlauter- ner Antifaschisten verhaftet, aber bald wie- der freigelassen. 1945 wieder Mitglied der KPD, bis 1948 für die Partei auch im Stadtrat. Wegen mangelnder Linientreue verlor er seinen früheren Einfluß innerhalb der KPD. Er schied 1948 aus dem Stadtrat aus und trat politisch nicht mehr hervor. Wilhelm Mül- ler starb am 28. September 1957 in Kaisers- lautern. MÜNZENBERG, Willi (1889-1940) Am 14. August 1889 in Erfurt geboren, wuchs unter sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater, der uneheliche Sohn eines Freiherrn von Seckendorf, war Förster und betrieb später eine Dorfschenke, er hatte harte Erziehungsmethoden. Münzenberg be- suchte nur unregelmäßig die Volksschule, las aber alles, war er in die Hände bekom- men konnte. Nach einer abgebrochenen Münzenberg 229 Barbierlehre begann Münzenberg 1904 in einer Erfurter Schuhfabrik zu arbeiten. 1906 Berührung mit der Sozialistischen Jugend- bewegung. 1908 Delegierter Erfurts am Berliner Kon- greß der Sozialistischen Jugend. In Erfurt wegen seiner radikalen Tätigkeit gemaß- regelt, ging auf Wanderschaft und kam im Juli 1910 in die Schweiz. In Bern Zapf- bursche in einem Hotel, später in Zürich Austräger einer Apotheke. Er schloß sich einer sozialistischen Gruppe, dem Jungbur- schenverein, um den radikalen Arzt Brup- bacher an und bekam Verbindung mit russi- schen Emigranten. Münzenberg wurde einer der Organisatoren der sozialistischen Jugend der Schweiz, 1914 leitete er als hauptamtlicher Sekretär diese Organisation. Während des Krieges Inter- nationalist, geriet bald unter den Einfluß Lenins, der die Fähigkeiten des jungen Münzenberg erkannte. 1917 Teilnehmer am Kongreß der sozialistischen Internationali- sten in Stockholm. Er bekannte sich in der Schweiz offen zur bolschewistischen Okto- berrevolution. Als Mitorganisator eines Ge- neralstreiks in Zürich ins Zuchthaus gewor- fen und sofort nach Kriegsende aus der Schweiz ausgewiesen. Übersiedlung nach Stuttgart, sofort Mitglied der Spartakusgruppe. Sekretär der Soziali- stischen Jugendinternationale (Linke) und dann bis 1921 Sekretär der Kommunisti- schen Jugendinternationale. Als führender Organisator ihrer Kongresse spielte er eine große Rolle. Auch in der KPD aktiv, wo er z. B. auf dem II. Parteitag 1919 eine Mittel- gruppe zwischen der Führung Levi und den dort ausgeschlossenen Ultralinken Wolff- heim und Laufenberg bildete. 1920 fuhr Münzenberg als Vorsitzender der Jugendinternationale erstmals nach Moskau, zum II. Weltkongreß der Komintern. Ein Jahr später, auf dem II. Kongreß der Ju- gendinternationale und dem III. Weltkon- greß der Komintern wurde er von Sinowjew abgesetzt. Er schied aus der Jugendarbeit aus. Lenin hatte ihn beauftragt, im Westen Hilfs- mittel gegen die große Hungersnot in Ruß- land zu organisieren. Das war der Anstoß zur Bildung der Internationalen Arbeiter- hilfe (IAH), der ersten großen Organisa- tion, die Münzenberg begründete. Im Laufe der Jahre breitete sich diese Hilfsorganisa- tion in allen Ländern aus, gab Zeitungen und Zeitschriften heraus, unterhielt Volks- küchen und Kinderheime und unterstützte Streikende. Münzenberg verstand es, dabei vor allem linke Intellektuelle, die keine Kommunisten waren, für die Organisation zu gewinnen. In den folgenden Jahren baute er nach die- sen Erfahrungen den berühmten »Münzen- berg-Konzern« aus, ein Unternehmen mit Verlagen, Zeitschriften mit Massenauflagen (wie die berühmte »AIZ«, eine progressive Illustrierte) usw. Dadurch erlangte er auch innerhalb der KPD eine bedeutende Posi- tion. Münzenberg war von 1924 bis 1933 un- unterbrochen KPD-Reichstagsabgeordneter, 1924 auch in den ZA gewählt, auf dem XL Parteitag 1927, dem XII. Parteitag 1929 und der »Brüsseler« Konferenz 1935 als Mitglied ins ZK berufen. Die Schwester seiner Lebensgefährtin Babette Groß, Mar- garete Buber-Neumann, schrieb über Mün- zenbergs Tätigkeit in jenen Jahren: »Er schien weniger ein Revolutionär als ein Manager zu sein und wenn dieser unter- setzte, breitschultrige Mann die Angestellten seiner zahlreichen Büros in ständiger Be- wegung durcheinanderwirbelte, bei Sitzun- gen alles andere als demokratisch verfuhr und aus seinen Mitarbeitern das Letzte an Arbeitskraft herausholte, dann begriff ich, warum man ihn in der Kommunistischen Partei als >Unternehmer< bezeichnete und seinen Betrieben den Namen >Münzenberg- Konzern< gab ... Er umgab sich in seinen Unternehmungen, den Zeitungsreaktionen der >Welt am Abend<, >Berlin am Morgens der >Arbeiter-Illustrierten<, der Zeitschrift >Roter Aufbaus dem Filmunternehmen >Meshrabpoms dem >Neuen Deutschen Ver- 230 Münzenberg/Nagel lag< und der >Universum-Bibliothek< nicht nur mit den besten Köpfen der kommuni- stischen Intelligenz und mit KP-freundlichen Intellektuellen aller Schattierungen, er zog auch häufig Kommunisten zur Mitarbeit heran, die sich in der Partei irgendwelcher >Abweichungen< schuldig gemacht hatten. Seine Feinde warfen ihm hämisch vor, er tue das nur, weil diese Abweichler aus Angst vor der Partei und aus dankbarer Anhäng- lichkeit an ihren Retter besonders willfäh- rige Werkzeuge seien. Daran mag etwas Wahres gewesen sein.« Münzenberg hatte bis 1932 einen maßgeben- den Einfluß auf die Linie der KPD, als einer der Vertreter der ultralinken Politik zählte er zur Remmele-Neumann-Gruppe. 1933 Emigration nach Paris, wo er mit gro- ßer Aktivität den propagandistischen Kampf gegen Hitler aufnahm. Er schuf wiederum Verlage und Zeitungen, gab das »Braunbuch über den Reichstagsbrand« und andere Anti-Hitler-Literatur heraus. Einer der Initiatoren der Volksfront. Er geriet in Widerspruch zur Komintern und besonders zur Leitung der KPD unter Ulbricht. 1936 in Moskau vor die Internationale Kontroll- kommission geladen; er erreichte, daß er wieder nach Paris zurückkehren konnte. So war er den Stalinschen Säuberungen ent- ronnen. 1937 mehrmals nach Moskau gerufen, folgte er nicht - schon 1936 hatte er in der So- wjetunion das Klima der Säuberung ver- spürt. Im Oktober 1937 aus der KPD aus- geschlossen. Am 20. Januar und 16. Februar 1939 behandelte die Internationale Kon- trollkommission seinen Einspruch gegen den Ausschluß aus dem ZK und der Partei. Sein Ausschluß wurde bestätigt. Auch nach dem Bruch mit der Komintern blieb Münzenberg politisch aktiv. Er kämpfte weiter gegen den Faschismus, wandte sich aber auch gegen den Stalin- Hitler-Pakt. 1939 gründete er in Paris die Organisation »Freunde der Sozialistischen Einheit Deutschlands«. Nach Kriegsaus- bruch wurde er interniert. Als die deutsche Armee auf Lyon vorrückte, floh er mit drei anderen Deutschen aus dem Lager Cham- barran bei Lyon. Ende Oktober 1940 wurde die stark verweste Leiche Münzenbergs ge- funden. Münzenberg hatte im Hochsommer 1940 sein Leben verloren, ein Selbstmord und auch ein Raubmord scheinen ausgeschlossen. Kurt Kersten kam 1957 zu dem Schluß, ein stalinistischer Fememord sei die wahrschein- lichste Erklärung. In der Münzenberg- Biographie heißt es: »Aber auch für diese Version lassen sich stichhalte Beweise und Zeugnisse nicht vorlegen .. . Der Verdacht, daß Münzenberg Opfer eines politischen Anschlags geworden ist, scheint mir nahezu- liegen. Wer seine Mörder gewesen sein könnten, ist nur zu vermuten.« Diese Mei- nung vertritt Münzenbergs Lebensgefährtin, Babette Gross, die heute in der Bundes- republik lebt und durch verschiedene Ar- beiten über die Volksfront publizistisch hervortrat in ihrem Buch: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Stuttgart 1967. NAGEL, Arthur (1890-1945) Am 19. November 1890 in Leipzig geboren, erlernte das Malerhandwerk. 1908 in Leip- zig Mitglied der Sozialistischen Jugendbe- wegung, 1909 der SPD. Während des Krieges Soldat. 1918 Übertritt zur USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Ehrenamtlicher Funktionär. 1922 Delegierter auf dem IV. Weltkongreß der Komintern, vertrat dort zusammen mit Ur- bahns und Ruth Fischer die linke Opposi- tion. Anfang 1924 Stadtverordneter in Leip- zig. Nagel gehörte zur linken Fraktion, er kam 1924 als Sekretär für Gewerkschaftsfragen in die KPD-Bezirksleitung Westsachsen. Im Mai 1924 Abgeordneter des Reichstags, wurde aber im Dezember nicht wieder- gewählt. Delegierter des X. Parteitags 1925. Aktiver Anhänger der Ultralinken. Ende 1925 einige Zeit inhaftiert. Er trennte sich von den Ultralinken, wurde als Kandidat Nagel/Neubauer 231 auf gestellt und 1926 als Abgeordneter in den sächsischen Landtag gewählt, und so aus dem Gefängnis entlassen. Bis 1929 Land- tagsabgerodneter, bis 1930 Redakteur für Gewerkschaftsfragen an der »Sächsischen Arbeiter-Zeitung« in Leipzig. Stadtverord- neter in Chemnitz. Er schied 1931 aus dem hauptamtlichen Apparat aus und trat poli- tisch nicht mehr hervor. Nach 1933 als Maler beschäftigt. Im Juli 1944 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, im Februar 1945 nach Maut- hausen überführt. Er arbeitete noch Ende März 1945 im Außenlager Wels. Dann wurde Nagel abtransportiert, er kam Ende April 1945 im KZ Bergen-Belsen ums Le- ben. NEDDERMEYER, Robert (1887-1965) Geobren am 3. April 1887 in Altona, Sohn eines Hafenarbeiters. Nach der Volksschule als Schiffsjunge zur See, später Fischer und Binnenschiffer, dann Matrose. 1907 Mitglied der SPD. Während des Krieges kam er zur Marine, aktiver Teilnehmer des Matrosen- aufstandes 1918 in Kiel. Nach Beendigung des Krieges wieder als Schiffer tätig. 1919 Mitglied der KPD, 1922 Parteisekretär der KPD in Bielefeld, An- hänger des linken Flügels der Partei. 1924 Polleiter in Niedersachsen und Abgeordne- ter des Reichstags, dem er bis 1928 ange- hörte. Anfang 1925 schloß sich Neddermeyer den Ultralinken an, er wurde nach Kassel ver- setzt. Zusammen mit den ultralinken Reichs- tagsabgeordneten Rosenberg, Scholem, Korsch, Neubauer, Schwarz und Bohla pro- testierte er im April 1926 gegen den Partei- ausschluß von Katz. Ebenso wie Neubauer trennte er sich Ende 1926 von den Ultra- linken und schwenkte zu Thälmann über. Nach Berlin geholt und für die Landarbeit abgestellt. Von Oktober 1927 bis Februar 1928 wieder Polleiter in Hessen-Kassel. 1928 in den preußischen Landtag gewählt, dessen Abgeordneter er bis 1933 blieb. 1929 Leiter der Abt. Land in der BL Ostpreußen. 1931 Vorsitzender des »Einheitsverbandes der Land- und Forstarbeiter«, einer Glie- derung der RGO. 1933 Emigration nach Prag. Im Sommer 1933 zur illegalen Arbeit nach Deutschland zurückgesandt, Instrukteur in Mecklenburg, Schlesien und im Rheinland. Im Oktober 1933 verhaftet, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, anschließend bis 1936 im KZ Esterwegen und Sachsenhausen. Nach der Freilassung als Geflügelzüchter tätig. Wegen illegaler Arbeit für die KPD 1944 erneut verhaftet; hohe Zuchthausstrafe. 1945 aus dem Zuchthaus Brandenburg be- freit, schloß sich Neddermeyer wieder der KPD an. Im August 1945 Oberlandrat in Bernau-Liebenwalde. 1946 Mitglied der SED und Landesbauernführer in Branden- burg. 1947 für den VdgB Landtagsabgeord- neter in Brandenburg. Ab Dezember 1948 Vorsitzender des VdgB in Brandenburg, dann im Bezirk Potsdam. Seit 1965 Partei- veteran, mit mehreren Auszeichnungen, dar- unter dem »Karl-Marx-Orden« geehrt. Neddermeyer starb nach längerer Krankheit am 18. Oktober 1965 in Ost-Berlin. NEUBAUER, Theodor, Dr. phil. (1890 bis 1945) Als Sohn eines Gutsinspektors am 12. De- zember 1890 in Ernschwert a. d. Werra geboren. 1900 übersiedelte die Familie nach Erfurt. Hier besuchte er von 1901 bis 1910 mit seinen drei Geschwistern das Gymna- sium. Der Vater war kaisertreuer Nationa- list und auch Thedor Neubauer wurde früh zum Nationalismus erzogen. 1910 legte er die Reifeprüfung ab und stu- dierte von 1910 bis 1913 in Brüssel, Jena und Berlin Geschichte und neuere Sprachen. Mit der Dissertation »Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt Er- furt vor der Reformation« erwarb er im Sommersemester 1913 den philosophischen Doktorgrad. Das Gesamtergebnis der Prü- fung wurde mit »sehr gut« beurteilt. Im 232 Neubauer November 1913 wurde ihm die Befähigung für das Lehramt an höheren Schulen zu- erkannt. Neubauer, damals Nationalliberaler, mel- dete sich 1914 freiwillig als Soldat und kam an die Ostfront, 1915 Leutnant. Nach einer Gasvergiftung an der Westfront, in die Heimat entlassen, schied er 1917 als Leutnant aus dem Militär. Anhänger der Deutschen Vaterlandspartei. Er leistete sein Seminarjahr ab, anschließend wissenschaft- licher Hilfslehrer am Lyzeum in Erfurt. Im Dezember 1918 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei und in deren Erfur- ter Vorstand gewählt. Er rückte rasch nach links und schloß sich im Spätsommer 1919 der USPD an. Nach Verlust seines Lehrer- postens in Erfurt übersiedelte er nach Ruhla, wo er im Dezember 1920 mit der linken USP zur KPD stieß. Lehrer in Ruhla. Im September 1921 für die KPD in den Thü- ringer Landtag gewählt. Am 1. Oktober 1922 Anstellung als Studienrat am Real- gymnasium in Weimar. Im Oktober 1923, bei Bildung der sozialde- mokratisch-kommunistischen Regierung in Thüringen, wurde Neubauer Staatsrat. Nach der Oktoberniederlage polizeilich gesucht, flüchtete er ins Rheinland. Unter dem Pseudonym »Lorenz« hauptamtlicher Par- teisekretär, stand auf dem linken Flügel der KPD. Mitte 1924 Chefredakteur der Düs- seldorfer »Freiheit«. Im August 1924 legte er sein Thüringer Landtagsmandat nieder, im Dezember 1924 zog er in den Reichstag ein. Anfang 1925 löste er Schwan als Pol- leiter des Ruhrgebiets ab, wurde aber im Juni selbst wieder abgesetzt, da er sich den Ultralinken angeschlossen hatte. Als Mit- arbeiter an den Pressedienst nach Berlin ge- holt, weiterhin aktiver Ultralinker. Im Januar 1926 unterschrieb Neubauer ge- meinsam mit den übrigen ultralinken Reichs- tagsabgeordneten einen Protest gegen das Verhalten des ZK im Falle Katz. Mitte 1926 schwenkte er von den Ultralinken zur Parteimehrheit über und wurde im Juni 1926 wieder Chefredakteur der »Freiheit« in Düsseldorf; Januar bis März 1927 Pol- leiter des KPD-Bezirks Niederrhein. Hier bekämpfte er die linke Opposition beson- ders scharf. Dann bis 1929 Chefredakteur der »Freiheit« Auch 1928 in den Reichs- tag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. 1930 berief man Neubauer als Mitarbeiter des ZK nach Berlin, er war vor allem für außenpolitische Fragen verantwortlich, vor- übergehend auch für Sozialpolitik. Neu- bauer publizierte (neben zahlreichen Auf- sätzen) 1932 das Buch »Deutsche Außen- politik heute und morgen«, er schrieb aber auch etwa 150 Gedichte. 1933 arbeitete Neubauer illegal als »Krü- ger« in Berlin. Am 3. August verhaftet und in verschiedenen KZs festgehalten. Im Oktober 1933 Zeuge im Reichstagsbrand- prozeß, verteidigte er seine kommunistische Überzeugung. Am 11. März 1939 aus dem KZ Buchenwald entlassen, siedelte er sich in Thüringen (Tabarz) an und hatte bald wieder Kontakt zu kommunistischen Krei- sen. Zusammen mit Magnus Poser, einem jüngeren Kommunisten (geb. 1907) schuf er in Thüringen eine illegale kommunistische Gruppe (Neubauer-Poser-Gruppe). Beruf- lich als Lagerhalter im Opeldienst tätig. Ein Sohn Neubauers fiel 1940 als Soldat in Frankreich. Bis zum Herbst 1943 baute er die illegale KPD-Gruppe auf. Dann dehnte sich diese Widerstandsgruppe aus und be- kam Verbindung zu anderen kommunisti- schen Zellen. Anfang Juli 1944 hatte Neu- bauer noch an einem illegalen Treffen in Leipzig teilgenommen, am 14. Juli 1944 wurde er verhaftet, nach Berlin gebracht und am 8. Januar 1945 zum Tode verurteilt. Neubauer wurde am 5. Februar 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Sein letzter Brief lautete:               »5. 2. 1945 »Liebste Frau! Geliebte Tochter! Liebe Anna! Euch alle drei grüße ich jetzt zum letzten Mal. Ich sterbe mit festem Herzen - selbst- verständlich. Allen Lieben die herzlichsten Grüße. In inniger Liebe                            Euer Theo« Neumann, Friedrich/Neumann, Heinz 233 NEUMANN, Friedrich, Dr. phil. (1900 bis 1925) Neumann entstammte einer kleinbürger- lichen Familie. Während des Krieges war er für die Spartakusgruppe aktiv und trat als Student 1919 der Freien Sozialistischen Jugend und 1920 der KPD bei. Studierte in Berlin, wo er auch zum Dr. phil. promo- vierte. Seit 1921 gehörte er zum linken Flügel der Partei. In der Berliner Partei- organisation übte er verschiedene Funktio- nen aus, 1923 in den Berliner Zentralvor- stand gewählt. 1922/23 städtischer Jugend- pfleger, dann als Kommunist gemaßregelt. Nach dem Sieg der Linken in der Partei hauptamtlicher KPD-Funktionär. Delegier- ter des IX. Parteitags 1924. Leiter des KPD-Pressedienstes in Berlin, dann im De- zember 1924 Chefredakteur des »Echo des Ostens«, der KPD-Zeitung in Königsberg. Zugleich einige Monate Polleiter des KPD- Bezirks Ostpreußen. Neumann war trotz seiner Jugend bereits ein wichtiger Partei- führer. Bei einem Eisenbahnunglück im polnischen Korridor kam er am 2. Mai 1925 ums Le- ben. Zu seinem Gedenken erschien auf der ersten Seite der »Roten Fahne« und ande- rer Parteizeitungen ein Nachruf. NEUMANN, Hedwig (geb. 1890) Am 13. Juli 1890 in Berlin geboren. Nach dem Kriege Mitglied der KPD, übernahm verschiedene ehrenamtliche Funktionen. Als Betriebsarbeiterin tätig und vor allem in der Gewerkschaftsbewegung für die KPD aktiv. Seit 1925 kandidierte Frau Neumann bei den Wahlen im Metallarbeiterverband für die Liste der Kommunisten. Sie war im Betriebsrat der Firma Lorenz. Als aktive Funktionärin 1928 in den preußischen Land- tag gewählt, dem sie bis 1932 angehörte. Später trat sie politisch nicht mehr hervor. Sie lebte 1969 in West-Berlin und soll seit 1946 in der SED organisiert sein. NEUMANN, Heinz (1902-1937?) Am 6. Juli 1902 in Berlin geboren, ent- stammte einem bürgerlichen Elternhaus. Be- suchte in Berlin das Gymnasium, studierte nach der Reifeprüfung Philologie. In dieser Zeit kam er erstmals mit dem Kommunis- mus in Berührung. Neumann, durch einen unstillbaren Drang nach Aktivität gekenn- zeichnet, wurde vom damaligen General- sekretär der KPD Ernst Reuter (Friesland) 1920 in die KPD auf genommen und von August Thalheimer gefördert. 1921 arbeitete Heinz Neumann für die KPD-Presse, schrieb Leitartikel und war Mitarbeiter des Pressebüros. Er gab 1922 seine Studien auf und wurde hautpamt- licher Parteifunktionär, zunächst Redakteur an der »Roten Fahne«. 1922 wegen illegaler Tätigkeit 1/2 Jahr im Gefängnis, lernte in dieser Zeit Russisch. Als er im gleichen Jahr eine Delegation nach Sowjetrußland beglei- tete, war er der einzige, der Russisch sprach. Das verschaffte ihm Zugang zu den führen- den russischen Kommunisten, die nun auf den beweglichen Intellektuellen aufmerksam wurden. Schon damals scheint Neumann auch als einer der ersten deutschen Kommu- nisten Beziehungen zu Stalin, der 1922 Ge- neralsekretär der russischen KP geworden war, aufgenommen und sich diesem ange- schlossen zu haben. Nach Deutschland zurückgekehrt, gehörte Heinz Neumann zur linken Opposition un- Ruth Fischer. Delegierter des VIII. Partei- tags 1923. Gemeinsam mit Ewert, Eisler und Pfeiffer trennte er sich im April 1923 von der linken Opposition und nahm eine ver- mittelnde Haltung ein. Aktiv an den Vor- bereitungen des Oktober 1923 beteiligt. Kurze Zeit arbeitete er im Z-Apparat (Zer- setzung). Anfang 1924 für die Mittelgruppe Polleiter in Mecklenburg. Nachdem die Linke im April 1924 die Führung übernahm, wurde Neumann etwas in den Hintergrund ge- drängt. 1924 lebte er illegal. Er war aus dem Gefängnis entflohen und wurde poli- zeilich gesucht. Im »Tscheka-Prozeß« be- 234 Neumann, Heinz lastete ihn ein Zeuge. Deshalb ging er zu- nächst nach Wien. Dort verhaftet und ab- geschoben, emigrierte er nach Moskau. Nach der Ablösung von Katz als Vertreter der KPD bei der Komintern (1925) trat Neumann dessen Nachfolge an und war einer der aktivsten Streiter für die Bolsche- wisierung der KPD und gegen die linke Opposition. Damals entstanden u. a. seine Broschüren: »Was ist Bolschewisierung?« (Oktober 1924) und »Der ultralinke Men- schewismus« (1925). Im Juni 1925 wurde er als »Gutachter« im Moskauer Prozeß gegen Kindermann und andere Deutsche hinzugezogen. Immer deutlicher vertrat der umstrittene Neumann die Politik Stalins in Deutsch- land. Von seiner wichtigen Position in Mos- kau aus wirkte er maßgebend auf die KPD- Politik ein (vgl. Brief, Bd. 1, S. 416 f.). Der XI. Parteitag 1927 wählte ihn als Kandidat ins ZK der KPD. Ende 1927 hatte die Stalinsche Politik in China Bankrott erlitten. Während des XV. Parteitags der KPdSU (2. bis 19. Dezember 1927) versuchte Stalin durch ein Fanal in China die Dinge zu seinen Gunsten zu be- einflussen. Neumann und der führende KPdSU-Funktionär Lominadse, ein persön- licher Freund Neumanns, wurden nach China entsandt. Sie organisierten den Kan- toner Aufstand, der am 11. Dezember 1927 ausbrach und in einem dreitägigen blutigen Kampf zur Vernichtung der dortigen Kom- munisten führte. Neumann, seit dieser von Stalin gewünschten Aktion von seinen Geg- nern »Henker von Kanton« genannt, konnte entkommen. Er wurde 1928 von Stalin wieder nach Deutschland geschickt. Nach der Diskussion des ZK der KPD über die Wittorf-Affäre, setzte sich Neumann sehr stark für Thälmann ein. Als Stalin zu Thälmanns Gunsten eingriff, gelangte Neu- mann auf den Höhepunkt seiner Macht: Er kam ins Politsekretariat, damit wurde der 26jährige neben Thälmann und Remmele zum entscheidenden Führer der deutschen KP, er galt als ihr Theoretiker. Neumann übernahm die Chefredaktion der »Roten Fahne«, er wurde auf dem XII. Parteitag 1929 ins ZK und als Kandidat ins Polbüro gewählt und zog 1930 auch als Abgeordneter in den Reichstag ein. Der von der Komintern geforderte ultralinke Kurs der KPD wurde gerade durch den Drauf- gänger Neumann forciert. 1930 gab er die Parole aus: »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!«, zugleich war er aber auch für einen verschärften Kampf gegen die »So- zialfaschisten« (d. h. die Sozialdemokra- ten), besonders aber gegen alle innerpartei- lichen Abweichungen. Als Sprachrohr Stalins hatte Neumann bei dieser Politik das ganze Politbüro hinter sich. Bei der Frage, wie der Kampf gegen den Faschismus geführt werden solle, geriet er 1931 in einen gewissen Gegensatz nicht nur zu Thälmann, sondern auch zu Stalin. (Stalin soll Ende 1931 zu Neumann gesagt haben: »Glauben Sie nicht auch, daß, falls in Deutschland die Nationalisten zur Macht kommen sollten, sie so ausschließlich mit dem Westen beschäftigt sein würden, daß wir in Ruhe den Sozialismus aufbauen könnten?«) Durch Fraktionskampf und Doppelzüngigkeit versuchte Neumann seine Position auszubauen, unterlag aber und wurde Anfang April 1932 seiner Funktio- nen in Deutschland enthoben und nach Mos- kau versetzt. Im Juli 1932 nochmals in den Reichstag gewählt, im Oktober des gleichen Jahres auf der III. Parteikonferenz der KPD auch offiziell verdammt und aller Funktionen enthoben, dann zur Kominterndelegation nach Spanien geschickt. Im November 1933 geriet ein Brief Neu- manns an Remmele, in dem er diesen auf- forderte, den Fraktionskampf fortzuführen, in die Hände der Parteiführung; das be- deutete das Ende von Neumanns politi- scher Karriere. Im Januar 1934 mußte er Selbstkritik üben: »Der gesamte Fraktions- kampf, den ich im Jahre 1932 und bis zum März 1933 gegen das ZK der KPD geführt habe, war von Anfang bis Ende eine Kette Neumann, Heinz/Nischwitz, Margarete 235 von schweren Fehlern und Vergehen gegen die Linie und die Disziplin unserer Partei.« Seinen Brief an Remmele vom März 1933, in dem er Remmele aufgefordert hatte, er solle »Karl Liebknecht sein« (also gegen die Mehrheit kämpfen), nannte Neumann nun einen »parteischädigenden Appell«. Er mußte nach Zürich. Dort wurde er Ende 1934 von der Schweizer Fremdenpolizei verhaftet. Nur mit Mühe konnte er einer Auslieferung nach Deutschland entgehen. Er saß ein halbes Jahr als Auslieferungs- Gefangener im Schweizer Zuchthaus Regens- dorf und da keiner der umliegenden demo- kratischen Staaten den »berüchtigten Kom- munisten Neumann« aufnehmen wollte, bot ihm die Sowjetunion Asyl an. Er wurde im Juni 1935 in Le Havre an Bord des sowjetischen Frachters »Wolga- less« gebracht. Er lebte fast zwei Jahre gemeinsam mit seiner Frau Margarete Bu- ber-Neumann in Moskau. Am 27. April 1937 verhaftete ihn die NKWD, seitdem ist er spurlos verschwunden. Seine Frau hat in den Büchern »Als Gefan- gene bei Stalin und Hitler«, »Von Potsdam nach Moskau« und »Schauplätze der Welt- revolution« ihr und Heinz Neumanns Schicksal beschrieben. Sie lebte 1969 (von der NKWD seinerzeit an die Gestapo aus- geliefert und nach dem sowjetischen auch im deutschen Gefängnis inhaftiert) in der Bundesrepublik. NIEDERKIRCHNER, Michael (1882 bis 1949) Als Sohn eines Steinhauers am 3. September 1882 in Budapest geboren, schloß sich 1903 der ungarischen Sozialdemokratie an. 1905 Übersiedlung nach Berlin, Mitglied der SPD. Während des Krieges Übertritt zur USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Seit 1920 Branchenleiter der Berliner Rohr- legergewerkschaft und deren Sekretär. 1921 tendierte er zu den rechten Kommunisten und unterschrieb einen Protest gegen den Ausschluß der KAG-Gruppe. Mitglied der Bezirksleitung Berlin, 1927 Mitglied des ZK. 1929 als Leiter des Berliner Rohrlegerstreiks populär geworden, aber wegen des wilden Streiks aus der Gewerkschaft ausgeschlos- sen. Auf dem Weddinger Parteitag 1929 wieder ins ZK gewählt. Bis 1933 führend in der RGO tätig. 1933 verhaftet, über ein Jahr lang im KZ, dann als lästiger Ausländer (Niederkirchner hatte noch immer seine ungarische Staats- angehörigkeit) aus Deutschland abgescho- ben. Er emigrierte in die Sowjetuntion, wo er verschiedene Funktionen ausübte. Seine Tochter Katja wurde während des Krieges in der Sowjetunion als Fallschirm- springerin ausgebildet. Sie sprang über Deutschland ab, wurde verhaftet und am 27. September 1944 in Ravensbrück erschos- sen. Niederkirchner selbst kam 1945 nach Berlin zurück, er unterschrieb als ZK-Mitglied den 1. Aufruf der KPD vom Juni 1945. Als Mitglied der SED in der Zonenleitung der IG Metall des FDGB tätig. Leiter der Schu- lungsarbeit des FDGB. Michael Nieder- kirchner starb am 19. August 1949. Seine Frau Helene lebte als Parteiveteranin in Ost-Berlin, wo sie am 2. Juni 1967 starb. NISCHWITZ, Margarete (geb. 1891) Margarete Stock wurde am 17. Oktober 1891 in Sachsen geboren. Nach der Schul- entlassung arbeitete sie in verschiedenen Textilbetrieben und schloß sich 1919 der USPD an, mit deren Linken sie 1920 zur KPD ging. Sie übte verschiedene Funktio- nen aus, heiratete den Arbeiter Paul Nisch- witz (s. d.) und wurde 1925 Vorsitzende des »Roten Frauen und Mädchenbundes« (RFMB) in Sachsen. Delegierte des VI. Weltkongreß der Komintern 1928. Sie sprach auf diesem Kongreß zur Frauen- frage. 1928 Kandidat zur Reichstagswahl, jedoch nicht gewählt. 1929 zog sie in den sächsischen Landtag ein, sie kandidierte auch 1930 wieder (an 236     Nischwitz, Margarete/Norden dritter Stelle) und wurde erneut gewählt. Nach 1933 mehrmals inhaftiert, schloß sie sich 1945 wieder der KPD, dann der SED an, sie übte aber nur noch untergeordnete Funktionen aus. 1968 erhielt sie den »Vater- ländischen Verdienstorden« in Silber, sie lebte als Parteiveteranin in Berlin-Frohnau. NISCHWITZ, Paul Alexander (geb. 1891) Am 2. August 1891 in Chemnitz geboren, nach Beendigung der Volksschule Arbeiter in verschiedenen Textil- und Metallbetrie- ben. Im Krieg Soldat. 1918 Mitglied der USPD. Bei Gründung der KPD 1919 in Chemnitz Mitglied der Partei. Bis 1927 übte Nischwitz verschiedene ehren- amtliche Funktionen aus. 1928 hauptamt- licher Parteisekretär. Ende 1928 besuchte er einen Halbjahreslehrgang der Leninschule in Moskau, nach seiner Rückkehr übernahm er Mitte 1929 einige Monate die Funktion eines Orgleiters in Westsachsen. Nischwitz kam als Unterbezirks-Sekretär nach Zwickau. Einen Tag vor der Land- tagswahl im Mai 1930 trat er aus der KPD aus und zur SPD über. Weitere Daten sei- nes Lebenslaufs ließen sich nicht in Erfah- rung bringen. NOLL, Alfred (geb. 1896) Geboren am 19. April 1896 in Thüringen, lernte Glaser und arbeitete bei Schott in Jena. Später legte er in diesem Beruf die Meisterprüfung ab. Während des Krieges Soldat. 1918 Mitglied der USPD, mit der linken USP zur KPD. Er arbeitete bei Schott - war dort Betriebsrat bis 1921 - später bei Zeiss in Jena. Im Winter 1921/22 nahm Noll an der ersten Reichsparteischule der KPD teil. Er übte (ehrenamtliche) Funk- tionen im Kreis Jena und in Thüringen aus, sowohl in der Partei als auch im RFB, war besonders aktiv in der Naturfreunde- bewegung. Auf dem Essener Parteitag 1927 (als Be- triebsarbeiter) zum Kandidaten des ZK ge- wählt, ebenso auf dem Weddinger Parteitag 1929. Während der Auseinandersetzungen 1928/29 zwischen Rechten und ZK-Anhän- gern gehörte Noll zu den ZK-treuen. An- fang 1929 Orgleiter des Bezirks Thüringen. Er behielt diese Funktion bis Anfang 1930. Dann entließ ihn der Polleiter Duddins, er wurde Sekretär des kommunistischen Frei- denkerverbandes. 1933 wurde er verhaftet, es wurde das Gerücht verbreitet, Noll sei ermordet wor- den. Tatsächlich kam er jedoch wieder frei und arbeitete in Jena. Nach 1945 schloß er sich der KPD bzw. SED an, übte in Thüringen verschiedene Funktionen aus, u. a. im FDGB. 1969 lebte er als Parteiveteran in Erfurt. NORDEN, Albert (geb. 1904) Als Sohn des Rabbiners Dr. Joseph Norden am 4. Dezember 1904 in Myslowitz (Kreis Kattowitz) geboren. Verlebte seine Jugend in Elberfeld, wohin sein Vater als Ge- meinderabbiner gegangen war. Besuchte von 1911 bis 1920 das Realgymnasium in Elber- feld. 1919 Mitglied der Freien Sozialisti- schen Jugend und 1921 der KPD. 1921 Herausgeber der »Rundbriefe der radikal- sozialistischen jüdischen Jugend«. 1921 begann Norden eine Schreinerlehre. 1923 trat er (nach dem Besuch der KPD- Parteischule in Jena) als Volontär bei der KPD-Zeitung »Freiheit« in Düsseldorf ein. 1923/24 ein halbes Jahr inhaftiert. Danach stellvertretender Chefredakteur des »Klas- senkampf« in Halle. Im Juni 1925 Redak- teur der »Hamburger Volkszeitung«, für die er im Frühjahr 1926 verantwortlich zeichnete, bis 1928 stellvertretender Chef- redakteur der »HVZ«. Norden gehörte (als »Konny« in der Partei tätig) zu den Ultralinken, trennte sich aber 1926 von ihnen. 1926 wieder kurze Zeit inhaftiert, reiste er im gleichen Jahr mit der dritten Arbeiter- delegation in die Sowjetunion. 1928 kam Norden als politischer Redakteur an die »Rote Fahne« nach Berlin. Im Juli 1929 verhaftet, im Prozeß aber freigesprochen. Im Juni 1930 löste er Abusch als Chef- redakteur des »Ruhr-Echo« in Essen ab. Im April 1931 wieder zur »Roten Fahne« zu- rück, bis 1932 stellvertretender Chefredak- teur der »Roten Fahne«. Als Anhänger Neumanns 1932 gemaßregelt. 1933 emigrierte Norden, zuerst Redakteur der »Rundschau« in Basel, dann in Frank- reich Redakteur der KP-Zeitung »Welt- front«. 1935/37 Redakteur in Prag, dann wieder nach Frankreich. Nordens Eltern, die in Hamburg wohnten, kamen als Opfer Hitlers im KZ ums Leben, er selbst wurde im Juli 1938 ausgebürgert. 1939/40 in Frankreich interniert, entkam er 1941 in die USA. Betriebsarbeiter in New York, Mitglied des »Rates für ein demokratisches Deutschland« und Heraus- geber des Bulletins »Germany Today«. 1946 nach Deutschland zurückgekehrt, Mit- glied der SED. Bis 1947 Pressechef der Deutschen Wirtschaftskommission, 1948 Chefredakteur der Zeitschrift »Deutsch- lands Stimme« und 1949 bis 1952 Leiter der Presseabteilung im »Amt für Informa- tion« bei Eisler. 1951 Verleihung des Na- tionalpreises, Ernennung zum Professor. In den Jahren 1952/53 als Westemigrant und Jude sowie früherer Abweichler gefährdet und in den Hintergrund gedrängt, machte erst nach 1954 wieder Karriere. Er wurde Sekretär des Ausschusses für deutsche Ein- heit. Im April 1955 ins ZK der SED ko- optiert, Sekretär des ZK der SED. Seit dem V. Parteitag der SED 1958 Mit- glied des ZK und des Politbüros sowie des Sekretariats der SED und Abgeordneter der Volkskammer, gehört er 1969 zu den Spit- zenführern der Partei und ist für die Agita- tion der SED verantwortlich. Norden ver- öffentlichte zahlreiche Bücher und Broschü- ren, u. a. »Um die deutsche Nation« (1952), »Zwischen Berlin und Moskau« (1954), »Die spanische Tragödie«, »Fälscher« (1959). Eine zweibändige Auswahl seiner Norden/Obendiek 237 Schriften »Die Nation und wir« erschien 1964. Norden erhielt auch mehrere Auszeichnun- gen, darunter den »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Gold. OBENDIEK, Wilhelm (1885-1955) Am 3. Mai 1885 in Lage geboren, Sohn eines Bahnarbeiters, lernte Zigarrenmacher; Über- siedlung nach Stettin. 1910 Mitglied der SPD, während des Krieges Übertritt zur USPD, Delegierter des Spaltungsparteitags 1920, mit deren linkem Flügel Ende 1920 zur KPD. Seit 1919 USPD-Abgeordneter im Provin- ziallandtag von Pommern. In der KPD ge- hörte er zur linken Fraktion. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 für Pommern in den ZA berufen. 1924 Polleiter des KPD-Be- zirks Pommern und im Mai sowie im De- zember des gleichen Jahres als Reichstags- abgeordneter gewählt. 1925 trat er von der Funktion als Polleiter zurück, war aber weiterhin Sekretär der KPD. Anhänger der linken Opposition. Im März 1927 protestierte er gegen den Aus- schluß von Grylewicz, Schlecht u. a. und im August opponierte er zusammen mit Vier- rath und Bohla gegen den Ausschluß von Kenzler und Ritter und bekam dafür eine Parteirüge. Doch während Vierrath und Bohla die KPD verließen, blieb Obendiek in der Partei. Er ging nicht zu den linken Kommunisten, obwohl diese darauf gehofft hatten, denn mit Hilfe seines Mandates hätten sie im Reichstag Fraktionsstärke erlangt. Anfang 1928 brach Obendiek seine Bezie- hungen zur linken Opposition ab, verurteilte sie und wurde daraufhin für die KPD 1928 in den preußischen Landtag gewählt. Im Oktober 1929 trat er doch aus der KPD aus, blieb fraktionslos. Später Mitglied der SPD. 1933 kurze Zeit inhaftiert. Nach der Ent- lassung führte er sein Zigarrengeschäft wei- ter, das er schon vor 1933 eröffnet hatte. 238 Obendiek/Obuch Obendiek trat 1945 in Mecklenburg wieder der SPD bei und kam durch die Vereinigung in die SED. 1947 übersiedelte er nach Schierke (Harz), wo er als Gemeindevor- steher und ab 1948 als Bürgermeister fun- gierte. Er arbeitete eng mit dem SSD zu- sammen und war für Regierungsmitglieder verantwortlich, wenn diese ihren Urlaub in Schierke verbrachten. Bis 1952 Bürger- meister, dann Parteiveteran. Obendiek starb Anfang Januar 1955 in Schierke (Harz). OBERDÖRSTER, Ernst (geb. 1888) Am 6. April 1888 in Leichlingen geboren, lernte Lackierer. 1909 Mitglied der SPD. Kriegsteilnehmer. 1918 Übertritt zur USPD und mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. 1921 Delegierter des Jenaer Parteitags. In den Jahren 1920 bis 1922 Sekretär der Freien Gewerkschaften in Solingen. Als Kommunist entlassen, arbeitete er dann als Lackierer bei der Reichsbahn in Opladen. Mitte 1923 als hauptamtlicher KPD-Funk- tionär Orgleiter im Bezirk Niederrhein. Oberdörster gehörte zur Mittelgruppe, blieb aber auch 1924 in seiner Funktion. Er schloß sich dann den Linken an. Delegierter des X. Parteitags 1925. Bis 1926 Orgleiter für den Bezirk Niederrhein in Düsseldorf. 1927 besuchte er die Lenin-Schule in Mos- kau. Nach seiner Rückkehr zog er 1928 als Abgeordneter in den preußischen Landtag ein. Sekretär in Düsseldorf, ab 1929 Mit- arbeiter des ZK (Sozialpolitische Abteilung) in Berlin, wo er bis 1933 blieb. 1932 nicht mehr in den Landtag gewählt. Oberdörster wurde am 28. Februar 1933 verhaftet, blieb bis zum 1. September 1934 im KZ und war dann bis 1937 erwerbslos. 1937 erneut festgenommen, wurde er bald wieder freigelassen, da nach einer Anwei- sung der Berliner an die Düsseldorfer Ge- stapo nichts gegen ihn unternommen werden sollte (»Die Stapo Berlin ist über O. ge- nauestens unterrichtet«). 1945 trat Oberdörster in Berlin der KPD und dann der SED bei. 1945/46 Referent im ZK der KPD bzw. SED für Ernährungs- fragen. Anschließend in der Konsumgenos- senschaft beschäftigt. In den fünfziger Jah- ren Referent im VEB Lebensmittelimport. Politische Bedeutung erlangte er nicht mehr; 1968 lebte er als Parteiveteran in Ost- Berlin. OBUCH, Gerhard (1884-1960) Als Sohn eines Justizrates und einer adligen Mutter am 14. März 1884 in Lauenburg (Pommern) geboren, besuchte das humani- stische Gymnasium und studierte an den Universitäten Königsberg, Berlin und Leip- zig Jura und Sozialwissenschaften. 1906 Mitglied der SPD. Nachdem er die große juristische Staatsprüfung abgelegt hatte, ließ er sich 1912 als Rechtsanwalt in Düsseldorf nieder. 1914 Heirat und Über- siedlung nach Berlin. Als Gegner der Kriegs- kreditbewilligung geriet er in Opposition zur SPD und schloß sich 1917 der USPD an. Während des Krieges arbeitete Obuch ein Jahr lang bei der deutschen Verwaltung Ober-Ost. Nach der Revolution 1918 Mitglied des Reichsausschusses des zentralen Vollzugs- rates der A.- und S.-Räte in Berlin. Im Januar 1919 für die USP in die preußische Landesversammlung gewählt. Auf dem USP-Parteitag im März 1919 Vertreter und Sprecher des linken Flügels, Vertrauter Le- debours. 1921 Abgeordneter des preußischen Landtags, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte. Bei der Spaltung der USPD blieb Obuch zunächst - als Gegner des Anschlusses an die Komintern - bei der USP. Als sich die USP 1922 mit der SPD verschmolz, stemmte er sich gemeinsam mit Ledebour gegen diese Vereinigung. Obuch trat 1922 zur KPD über. Nach 1923 aktiv in der »Roten Hilfe« tätig. Zusammen mit seinem Associé Dr. Horstmann (der nach 1933 in die Sowjet- union emigrierte und dort Opfer der Stalin- schen Säuberung wurde) machte er sich vor Obuch/Olbrysch 239 allem als Verteidiger kommunistischer An- geklagter einen Namen. 1933 verhaftet und bis Ende 1933 im KZ Sonneburg. Weihnachten 1933 entlassen, mußte er als Afü-Empfänger im Straßen- bau arbeiten. 1935 konnte er in einem Um- schulungskurs Buchhaltung lernen und ab 1936 als Buchhalter tätig sein. In den NS- Juristenbund wurde er nicht aufgenommen, so daß er nicht mehr als Rechtsanwalt prak- tizieren konnte. 1938 hatte sein Bemühen, Rechtsberater in der Industrie zu werden Erfolg. Politisch trat er nicht mehr hervor. Nadi 1945 lebte er in Westdeutschland, war politisch nicht mehr aktiv. Obuch starb am 17. Februar 1960 in Rauenthai (Rheingau). OELSSNER, Alfred (1879-1962) Am 30. August 1879 in Greiz geboren, lernte Buchbinder. Januar 1902 Eintritt in die SPD. 1910 Expedient, dann hauptamt- licher Sekretär der SPD in Weißenfels. 1917 Übertritt zur USPD, Sekretär der USPD in Weißenfels-Naumburg-Zeitz. In der Revo- lution 1918 Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates in Weißenfels. 1920 Delegier- ter des Spaltungsparteitags, ging er mit der linken USP zur KPD. KPD-Sekretär im Bezirk Halle-Merseburg. Nadi der Märzaktion 1921 polizeilich ge- sucht, deshalb nach Schlesien verzogen, Se- kretär der KPD in Schlesien. Auf dem VIII. Parteitag 1923 in die Beschwerde- und Org- kommission und für Schlesien in den ZA gewählt. Ende 1923 zu fünf Jahren Zuchthaus ver- urteilt, 1927 vorzeitig entlassen. In der Orgabteilung des ZK tätig, aktiv am Kampf gegen die linke Opposition betei- ligt. Der XI. Parteitag 1927 wählte ihn wieder in die Beschwerdekommission. 1928 Bundeskassierer des RFB, später des Anti- faschistischen Kampfbundes. 1932 Leiter des Versandhauses »Arbeiterkult« und der »Proletarischen Schallplattenzentrale« in Berlin. Nadi 1933 illegal für die KPD tätig, zog er sich im Laufe der Jahre von der Arbeit zurück, wurde aber mehrere Male kurz in- haftiert. 1945 trat Oelßner wieder der KPD und dann der SED bei und wurde Hauptkas- sierer der SED. Auf dem III. Parteitag der SED 1950 in die Zentrale Revisionskom- mission gewählt. In seinen letzten Lebens- jahren war er Parteiveteran, er starb am 13. Juni 1962. Sein Sohn Fred Oelßner (geb. am 27. Fe- bruar 1903 in Leipzig) war eine Zeitlang Chefideologe der SED, Mitglied des Polit- büros, bis er 1957 zusammen mit der Gruppe Schirdewan-Wollweber abgesetzt wurde. OLBRYSCH, Karl, (1902-1940) Geboren am 24. November 1902 in Essen- Katernberg. Entstammte einer Arbeiter- familie, wurde streng religiös erzogen und war nach der Schulentlassung als Bergmann beschäftigt. 1921 Mitglied der KPD, aktiver Funktionär. 1925 hauptamtlicher Sekretär der »Roten Jungfront« in Berlin. 1926 Vorsitzender der »Roten Jungfront«. 1927 Mitglied der KPD-Bezirksleitung Berlin-Brandenburg und Gauführer des RFB in Berlin. Delegier- ter des XL KPD-Parteitags. 1928 Sekretär der Reichsleitung des RFB. Mitglied der deutschen Delegation zum VI. Weltkongreß der Komintern in Moskau 1928. In Wien half er 1928 beim Aufbau des RFB für Österreich, wurde aber ausgewiesen. Ende 1928 besuchte Olbrysch für ein halbes Jahr einen Führerkurs in Moskau. Nach seiner Rückkehr übernahm er Mitte 1929 nochmals die Leitung der (illegalen) »Roten Jungfront« und wurde im gleichen Jahr auch Stadtverordneter in Berlin. Ab 1930 wieder Sekretär des RFB in Berlin. Er verlangte gemeinsam mit Jendretzky eine Untersuchung gegen den RFB-Führer Leow, da die Gerüchte über dessen finan- zielle Verfehlungen nicht verstummten. Da- raufhin wurde Olbrysch vom RFB zur KPD versetzt, zunächst Sekretär in Hamburg. 240     Olbrysch/Opitz 1931 mußte er für drei Monate ins Ge- fängnis. Im Juli 1932 zog er in den Reichs- tag ein, dem er bis 1933 angehörte. Er über- nahm als Nachfolger von Kuntz (der als Anhänger der Neumann-Gruppe abgesetzt worden war) Mitte 1932 die Orgleitung des Bezirks Berlin und kam Anfang 1933 in den ZK-Apparat. Im Juni 1933 dieser Funktion enthoben, weil angeblich Gehalts- gelder verschwunden waren. Im Juni 1933 verhaftet, nach Angaben des »Völkischen Beobachter« legte er ein um- fassendes Geständnis ab und wurde am 20. November 1934 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Strafverbüßung kam er frei, nach- dem er sich nach zweitägiger Bedenkzeit bereit erklärt hatte, »für eine interne Ar- beit« der Gestapo tätig zu sein. Olbrysch ging nach Prag, gab aber der Gestapo »außer Auskunftsbestätigungen keine Mel- dung« und wurde als »rückfällig« geführt. Er meldete sofort der KPD, auf welchem Wege er freigekommen war, wurde aber am 8. August 1938 aus der KPD ausgeschlossen. Olbrysch entkam nach England und fand den Tod, als das Schiff, auf dem er nach Kanada verschickt wurde, am 30. Juli 1940 versenkt wurde. OPITZ, Max (geb. 1890) Als viertes von zehn Kindern einer Arbei- terfamilie am 11. September 1890 in Berz- dorf (Erzgebirge) geboren, lernte Tischler. Von Oktober 1911 bis 1913 und von 1914 bis 1918 Soldat bei den Ulanen, brachte es bis zum Gefreiten. Träger des EK II, mehr- fach verwundet und deshalb von 1915 an nur noch garnisonsdienstfähig. Im November 1918 Mitglied des Soldaten- rates des Ulanenregimentes 21 in Chemnitz. 1919 schloß er sich der KPD an und über- nahm verschiedene Funktionen. Bis 1925 arbeitete er noch als Tischler, ab 1926 haupt- amtlicher KPD-Funktionär. 1926 zog er für die KPD in den sächsischen Landtag ein, dem er bis 1930 angehörte. 1927 Orgleiter des Bezirks Erzgebirge-Vogtland. Opitz ge- hörte zur linken Gruppe um Bertz (Chem- nitzer Linke). 1928 Polleiter von Erzge- birge-Vogtland. 1929 wählte ihn der XII. Parteitag als Kandidat ins ZK der KPD. Als Mitglied der Spitzenführung der KPD übernahm er (mehrmals wegen der Zuge- hörigkeit zur »Chemnitzer Linken« ange- griffen) verschiedene leitende Funktionen. 1930 Polleiter in Hessen-Frankfurt, 1932 kam er ins Ruhrgebiet, Polleiter des Bezirks Niederrhein, dann Ruhr. 1932 in den preu- ßischen Landtag und im März 1933 noch in den Reichstag gewählt. Auf dem Bezirks- parteitag Ruhr am 8. Januar 1933 sagte Opitz, die SPD sei »die Hauptstütze der faschistischen Diktatur«. Bis November 1933 leitete er die illegale KPD in Württemberg, dann verhaftet und am 7. September 1934 zu drei Jahren einem Monat Zuchthaus verurteilt (Opitz wurde verantwortlich gemacht für die Ermordung eines Polizeibeamten durch einen Kommu- nisten im Rheinland). Zu einer weiteren Strafe verurteilt, sollte er nach seiner Ent- lassung aus dem Zuchthaus ins KZ kom- men. Daraufhin schrieb er im Juni 1941 einen Brief an das RSHA der Gestapo, in dem es hieß: »Im Laufe der Jahre habe ich die Fest- stellung machen können, daß der Führer in ungeahnter Weise die großen, das Wohl- ergehen des Volkes angehenden Fragen ge- löst hat. Ich erkenne vorbehaltlos Adolf Hitler als Führer der Deutschen an. Man kann eine Gesinnung selbstverständlich nicht von heute auf morgen ablegen, son- dern muß sich eine andere Meinung er- kämpfen. Mich haben zu meiner ehemaligen An- schauung keine egoistischen Gründe ge- bracht. Ich bin ein Arbeiterkind. Mein Vater war Grubenarbeiter. In ärmlichen Verhält- nissen bin ich groß geworden. Meine Er- ziehung, die Umgebung und nicht zuletzt die allgemeine Not des Volkes haben mich zu den Roten gezogen. Ich habe einen Be- ruf erlernt und hatte jederzeit mein Aus- Opitz/Osterloh 241 kommen. Für die Behebung der Not des Volkes kämpfte ich und habe dabei eine persönliche Enttäuschung erlebt, nachdem ich feststellen mußte, daß ich einer Fata Morgana zum Opfer gefallen bin. Ich hätte ja die Möglichkeit gehabt, zu emigrieren. Das konnte ich aber als >deutscher< Kom- munist nicht vor meinem Gewissen verant- worten. Die entscheidende Frage war für mich immer nur das Wohlergehen des Vol- kes, dem es wirklich besser gehen soll. Wie bereits zum Ausdruck gebracht, stehe ich dem Dritten Reich und dem heutigen Geschehen positiv gegenüber. Ich bin kein Pazifist. Ich habe die Überzeugung ge- wonnen, daß nur Adolf Hitler die für Deutschland und darüber hinaus für Europa brennenden Fragen lösen kann und wird. Zur Frage meiner Inschutzhaftnahme kann ich nur sagen, daß es sehr bitter für mich wäre, wieder in Haft genommen zu werden. Ich bin heute bereits 51 Jahre alt. Meine Frau lebt noch und wartet auf mich. Drei Töchter sind verheiratet und drei Enkel- kinder sind noch da. Durch Inschutzhaft- nahme ist mir jede Möglichkeit genommen, zum Beweis meiner positiven Gesinnung für das Dritte Reich etwas zu tun bzw. meiner jetzigen ablehnenden Haltung gegenüber dem Kommunismus Ausdruck zu verleihen. Ich habe bereits vom Zuchthaus aus meinem Bruder Wilhelm Opitz, Werkmeister in einer Textilfabrik in Berzdorf, der sich für mich verwenden will, die ausdrückliche Ver- sicherung abgegeben, daß dieser jede Bürg- schaft im Falle meiner Freilassung über- nehmen könne.« (Brief-Abschrift in HStA Düsseldorf [Gestapo-Akten], Nr. 32938) In den ersten Jahren nach 1933 hätte die NSDAP sicherlich mit Freude zugegriften und ein solches Überlaufen eines ehemaligen prominenten Kommunisten propagandistisch ausgewertet, 1941 schien ihr das offenbar nicht mehr vonnöten oder möglich: Trotz der Behauptung, seine Gesinnung geändert zu haben, wurde Opitz nicht freigelassen, sondern kam ins KZ Sachsenhausen, wo er bis 1945 verbleiben mußte. Von Juni 1945 an war Opitz (inzwischen wieder der KPD bzw. der SED beigetreten) bis 1949 Polizeipräsident in Dresden, von 1949 bis 1951 Oberbürgermeister in Leipzig. 1950 besuchte er die Verwaltungsakademie Forst Zinna, wurde Mitglied der Volks- kammer der DDR und leitete von 1951 bis 1960 als Staatssekretär und Chef die Prä- sidialkanzlei des Präsidenten der DDR (Wilhelm Pieck). Nach dem Tode Piecks Stellvertretender Vorsitzender der Interparlamentarischen Gruppe der DDR, lebte Opitz 1969 in Ost- Berlin. Er bekam eine große Zahl von Aus- zeichnungen, darunter die »Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus«, den »Va- terländischen Verdienstorden« in Gold und die höchste Auszeichnung, den »Karl- Marx-Orden«. Zu seinem 75. Geburtstag (11. September 1965) wurde in der Volks- kammer eine Gratulationscour für Opitz gegeben und sein »standhaftes Verhalten während der 12 Jahre Haft in faschistischen Zuchthäusern und KZ« gerühmt. OSTERLOH, Hermann (1886-1961) Als Sohn eines Arbeiters am 19. Juni 1886 in Bremen geboren, lernte Schlosser. 1908 Mitglied der SPD. Bei Kriegsausbruch als Soldat eingezogen, geriet in russische Ge- fangenschaft. Nach der russischen Oktober- revolution besuchte er eine kommunistische Schule und schloß sich den Bolschewiki an. Osterloh sollte Ende 1918 mit Radek, Reu- ter-Friesland u. a. zur KPD-Gründung nach Berlin fahren, er wurde aber an der Grenze zurückgeschickt und kam erst Mitte 1919 nach Deutschland. In Bremen trat er der KPD bei. Die Partei stellte ihn als haupt- amtlichen Sekretär für Landfragen an. Ab 1923 Mitglied der Bremer Bürgerschaft. In den folgenden Jahren übte er verschiedene Parteifunktionen aus, bis er 1926 als Org- leiter für den Bezirk Nordwest eingesetzt wurde. In dieser Funktion nahm er am XL Parteitag in Essen teil. Im Oktober 1928 wurde Osterloh, der dem 242 Osterloh/Overlach rechten Flügel der Partei zuneigte, aus der KPD ausgeschlossen. Während einige KPD- Zeitungen schrieben, sein Ausschluß habe nichts mit Unterschlagungen zu tun, mein- ten andere, er habe 10 Mark und 40 Pfen- nige(!) unpünktlich abgeliefert und sei des- wegen ausgeschlossen worden, was zeige, »welch eiserne Strenge« in der KPD auch bei »kleinsten Summen« herrsche. Da der Ausschluß gerade zur Zeit der Wittorf-Affäre erfolgte, sind solche Hin- weise natürlich kein Zufall. Osterloh legte im Dezember 1928 sein Bürgerschaftsman- dat nieder, nachdem ihm die KPD zuvor noch ausdrücklich bestätigt hatte, daß sein Ausschluß nur aus politischen Gründen er- folgt sei. Osterloh trat 1930 zur SPD über, für die er ebenfalls in die Bremer Bürgerschaft ge- wählt wurde. Von 1928 bis 1934 arbeitete er bei einer Bremer Firma und war dort Betriebsrat. 1934 verhaftet und zu acht Jah- ren Zuchthaus verurteilt, weil er gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatte. 1945 wieder Mitglied der SPD. 1947 bis 1951 Mitglied der Bremer Bürgerschaft, bis 1955 Mitglied der Baudeputation, dann der Deputation für Wiedergutmachung. Acht Jahre lang Amtsvorsteher des Ortsamtes Bremen-Hemelingen. Osterloh war auch Leiter der sozialdemokratischen politischen Verfolgten in Bremen, er starb nach langer Krankheit am 12. Oktober 1961 in Bremen. OVERLACH, Helene (geb. 1894) Als Tochter eines Arztes am 19. Juli 1894 in Greiz geboren, besuchte die höhere Mäd- chenschule und das Realgymnasium bis zur Obersekunda. 1915/16 absolvierte sie das Handelslehrerinnenseminar und war an- schließend drei Jahre als Handelslehrerin tätig, dann ein Jahr Stenotypistin bei einem Rechtsanwalt in München. 1919 Mitglied der Kommunistischen Jugend, 1920 der KPD. 1920/21 Stenotypistin in der Zentrale der KPD in Berlin, 1922/23 in gleicher Stellung bei der KP in Düssel- dorf tätig. 1924/25 Redakteurin beim »Ruhr-Echo« und damit in den hauptamt- lichen Apparat aufgenommen, einige Zeit Chefredakteurin der »Niedersächsischen Arbeiter-Zeitung« in Hannover. Bei Gründung des »Roten Frauen- und Mädchen-Bundes« (RFMB) 1925 2. Vor- sitzende dieser Frauenorganisation der KPD (in Wirklichkeit aber Leiterin, da die 1. Vor- sitzende, Clara Zetkin, nur formal führte). Delegierte des XL Parteitags der KPD 1927 in Essen, als Vertreterin der Frauen ins ZK berufen, zugleich übernahm sie die Leitung der Frauenabteilung im ZK. 1928 in den Reichstag gewählt, dem sie bis 1933 an- gehörte. Vom Weddinger Parteitag 1929 erneut ins ZK berufen, auch Kandidat des Polbüro. 1930 bei einer Demonstration schwer verletzt. Von Herbst 1931 bis Mitte 1932 nahm sie an einem Schulungskurs in Moskau teil, danach in der IAH aktiv. Von Juli bis Dezember 1933 versuchte Frau Overlach die KPD und »Rote Hilfe« im Ruhrgebiet wiederaufzubauen. Am 23. Dezember 1933 verhaftet. Bei den Verneh- mungen trat sie standhaft für ihre Über- zeugung ein, erklärte, daß sie nach wie vor an den Sieg des Kommunismus glaube und betonte: »Namen will ich nicht nennen«, wodurch sie ihre illegale Gruppe schützte. In einem großen Prozeß im August 1934 erhielt sie die damals höchste Strafe: drei Jahre Zuchthaus. Da sie sich nach der Strafverbüßung (in Aichach/Bayern) noch als »überzeugte Kommunistin« erklärte, kam sie ins KZ. Sie litt an einer Herzmuskelerkrankung und wurde deshalb am 8. Juni 1938 aus der KZ- Haft entlassen. Als Frau Overlach 1944 erneut festgenommen und ins KZ gebracht werden sollte, gelang ihr in letzter Minute die Flucht nach Schweden. Von dort kehrte sie 1946 zurück. Sie schloß sich der SED an, erhielt jedoch nur unter- geordnete Funktionen; zunächst Leiterin der Berufsschulen für Mädchen beim Magi- strat von Berlin. 1950 berief man sie als Professor an der Pädagogischen Hochschule Overlach/Peschke 243 Berlin. 1955 schied sie aus dem Berufsleben aus. Sie lebte 1969 als Parteiveteranin in Ost-Berlin, geehrt u. a. mit der »Clara- Zetkin-Medaille« und dem »Vaterländi- schen Verdienstorden« in Silber und zum 75. Geburtstag im Juli 1969 mit der Ehren- spange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold. PAPKE, Paul (geb. 1896) Als Sohn eines Arbeiters am 18. September 1896 in Staffelde Kreis Soldin geboren. Lernte Tischler und übersiedelte nach Lands- berg a. d. Warthe. Im Krieg Soldat. Trat nach der Revolution der USPD bei und ging mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Papke war lange Jahre als ehrenamtlicher Funktionär tätig, dann auch UB-Leiter in Berlin. 1928 als Redakteur angestellt. Im gleichen Jahr in den Reichstag gewählt, in dem er die KPD bis 1930 vertrat. Ende 1928 wurde er zur Lenin-Schule nach Mos- kau gesandt. 1931 verhaftete man ihn in Deutschland für kurze Zeit. Im August 1932 beschwerte sich Papke in einem Brief an das ZK, weil er nicht in den Reichstag ge- wählt bzw. auf einen sicheren Platz gesetzt worden war. Seine zuständige BL antwor- tete ihm, er habe sich im Reichstag nicht bewährt. Wegen persönlicher Differenzen mit der Führung verließ Papke 1932 die KPD. Trotzdem wurde er 1933 ins KZ gebracht, konnte aber fliehen und ging nach Prag, später nach Paris. Er schloß sich wieder der KPD an und wurde zur illegalen Arbeit nach Deutschland abkommandiert. 1935 ver- haftet, am 31. Oktober 1935 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, anschließend kam er im Juni 1940 ins KZ Sachsenhausen, aus dem er im Mai 1945 befreit wurde. Papke trat wieder der KPD und dann der SED bei, wurde 1945 Landrat im Kreis See- low und 1948 Bürgermeister in Fürstenwal- de. 1952 im Rahmen der Suche nach »Par- teifeinden* abgesetzt, übernahm er 1954 die Schulleitung der Bezirksschule für landwirt- schaftliche Produktion in Fürstenwalde. Er lebt seit 1960 als Arbeiterveteran in Straus- berg. Papke bekam mehrere Orden, dar- unter zum 65. Geburtstag 1961 den »Vater- ländischen Verdienstorden« in Silber. PESCHKE, Paul (geb. 1890) Am 3. Dezember 1890 in Berlin geboren, lernte Schlosser, 1908 Mitglied der Gewerk- schaft und 1912 der SPD. 1917 Übertritt zur USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. 1916 bis 1918 Soldat an der Ost- front, kam 1918 in den Soldatenrat. Zur Zeit der Vorbereitung des Oktober 1923 mit militärischen Aufgaben betraut. Längere Zeit erwerbslos, arbeitete er 1925 wieder als Schlosser bei Siemens. Mit der Mehrheit der Berliner Funktionäre gehörte Peschke zur Ruth Fischer-Maslow-Richtung, mit diesen wandte er sich 1925 gegen den »Offenen Brief«. Als Leiter des Bezirks Prenzlauer Berg trat er noch Ende 1925 gegen Thälmann auf, doch schwenkte er einige Wochen später zum ZK über und übte in einer öffentlichen Versammlung Selbstkritik. 1926 als haupt- amtlicher Mitarbeiter ins ZK geholt. Zu- nächst nur mit zweitrangigen Funktionen betraut, wurde er 1928 politischer Mit- arbeiter der Gewerkschaftsabteilung und 1929 Mitglied der Reichsleitung der RGO. Von 1930 bis 1933 Leiter des Berliner Ein- heitsverbandes der Metallarbeiter (RGO). 1933 Emigration nach Schweden, wo er bis 1945 als Schlosser arbeitete. 1945 wieder Mitglied der KPD dann der SED; zunächst Vorsitzender der IG Metall in der Ostzone. In der ersten DDR-Regie- rung 1949 Staatssekretär für Arbeits- und Gesundheitswesen. 1950 zum Mitglied des FDGB-Bundesvorstand gewählt. Als frühe- rer Abweichler bei der Säuberung 1951/52 degradiert, Direktor der Sozialversicherung, dann Abteilungsleiter im »Ausschuß für deutsche Einheit«. 1968 Mitglied des Ar- beitskreises verdienter Gewerkschaftsvetera- 244 Peschke/Pfeiffer nen. Peschke erhielt mehrere Auszeichnun- gen, darunter den »Vaterländischen Ver- dienstorden« in Silber und zum 75. Ge- burtstag 1965 den gleichen Orden in Gold. PEUKE, Werner (1905-1949) Am 30. November 1905 in Berlin geboren, besuchte das Realgymnasium und schloß sich als Schüler 1921 der KPD an. Bis 1927 als Techniker beschäftigt, dann hauptamt- licher Parteisekretär. 1929 Agitpropleiter in Berlin, anschließend Polleiter des Berliner Bezirks Zentrum. Ende 1929 verhaftet, da er zusammen mit Karl Frank im Oktober 1928 den Hand- streich gegen den Rundfunk organisiert hatte, bei dem Karl Schulz eine kommuni- stische Rede halten konnte. Zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. 1930 war Peuke führend in der Merker- Gruppe, die in seinem Bezirk einen starken Stützpunkt hatte. Offiziell kapitulierte er im Mai 1930 vor dem ZK, hielt aber illegal weiter die oppositionelle Gruppe zusammen. 1931 griffen ihn Ulbricht und Langner in einer Parteiveranstaltung wegen einer »ab- weichenden Rede« an, worauf Peuke lä- chelnd erwiderte, nur Absätze aus früheren ZK- und EKKI-Beschlüssen zitiert zu ha- ben. Peuke arbeitete wieder als Techniker und leitete nach 1933 eine illegale Widerstands- gruppe, die sich aus ehemaligen Mitgliedern des Merker-Kreises zusammensetzte. Er fuhr öfter nach Prag, hatte Verbindung zur Gruppe »Neubeginnen« und zu Merker persönlich. 1936 verhaftete ihn die Gestapo, er mußte mehrere Jahr im Zuchthaus ver- bringen. Nach 1945 arbeitete er als leitender Inge- nieur bei Siemens, schloß sich aber keiner Partei mehr an. Peuke starb am 8. Oktober 1949 in West-Berlin. PFAFF Nikolaus (1892-1951) Am 8. März 1892 in Michelau (Oberfran- ken) geboren, besuchte die Realschule und ein Lehrerseminar. Im Weltkrieg Soldat, zu- letzt Leutnant der Reserve. Nach dem Krieg Volksschullehrer in Thüringen. 1918 Mitglied der USPD, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. 1923 als Waffen- käufer der Zentrale (unter dem Namen Dr. Winkler) tätig. Pfaff gehörte dem militäri- schen Stab der Parteiführung der KPD an. Da er nach der Oktoberniederlage polizei- lich gesucht wurde, flüchtete er in die So- wjetunion. Er arbeitete von 1924 bis 1928 im Kominternapparat. 1927 als Kandidat für die Landtagswahl in Thüringen aufgestellt; da er unter dem Schutz der Immunität zurückkehren sollte. Seine Kandidatur wurde jedoch abgelehnt, da er keinen Heimatschein besaß und seit drei Jahren nicht mehr in Thüringen wohnte. Nach der Amnestie von 1928 kehrte Pfaff im Oktober des gleichen Jahres nach Deutschland zurück und wurde als Kom- missar des ZK in Thüringen eingesetzt, um dort die rechte Opposition zu zerschlagen. Nach dem Tode Holleins rückte er an des- sen Stelle im August 1929 in den Reichstag nach. Ende 1928 auch zum Polleiter der KPD in Thüringen gewählt. In dieser Funktion löste ihn 1930 Duddins ab. 1930 wurde er nicht mehr als Kandidat für den Reichstag aufgestellt. Politisch trat er nicht mehr hervor. Nach 1933 mußte er mehrere Jahre im KZ zubringen. 1945 trat Pfaff wieder der KPD bzw. der SED bei und arbeitete aktiv in der VVN. 1949 schied er jedoch aus der SED aus. Pfaff starb am 23. Mai 1951 in Zella- Mehlis (Thüringen). PFEIFFER, Hans Walter (1895-1968) Am 24. April 1895 in Johanngeorgenstadt (Erzgebirge) geboren, lernte in Chemnitz Werkzeugmacher. Nach der Lehre ging er auf Wanderschaft und bereiste Süddeutsch- land, die Schweiz, Frankreich und Italien. Pfeiffer/Pieck 245 Am 18. Geburtstag 1913 Mitglied der SPD. Anschließend wieder in der Schweiz, wo er sich den Anarchisten anschloß. Siewert ge- wann ihn wieder für die Sozialdemokratie. Im November 1914 kehrte er nach Deutsch- land zurück. Wegen körperlicher Untauglichkeit im Kriege kein Soldat. Anhänger der Sparta- kusgruppe, 1917 USPD, seit Gründung in der KPD, Delegierter des Gründungspartei- tags. Ab Mai 1919 hauptamtlicher Sekretär der KPD. In den folgenden Jahren war er vor allem in der Organisationsarbeit tätig, seine bürokratische Art trug ihm den Spitz- namen »Kartothekowitsch« ein. 1919 schickte ihn die Zentrale für kurze Zeit nach Nürnberg, dort leitete er die Organi- sationsarbeit des Bezirks Nordbayern. Von 1919 bis 1924 Berliner Bezirkssekretär. Er war zunächst Anhänger der linken Opposi- tion. Auf dem Jenaer Parteitag 1921 in die Statutenkommission gewählt. Auf dem Parteitag im Januar 1923 als Mitglied in die Zentrale berufen. Zusammen mit Neu- mann, Eisler und Ewert distanzierte er sich im April 1923 von der Ruth-Fischer-Oppo- sition. Im Mai 1924 in den Reichstag gewählt, blieb er bis 1930 Reichstagsabgeordneter. Als Mit- glied der Zentrale von 1923 polizeilich ge- sucht, im März 1924 verhaftet, saß er trotz seiner Immunität bis Juli 1925 in Unter- suchungshaft. Nach der Freilassung übernahm Pfeiffer wieder die Orgleitung des Berliner Partei- bezirks und war nach dem »Offenen Brief« 1925 eine der Stützen des ZK gegen die Parteilinke. Delegierter des XI. Parteitags 1927. Bis Ende 1928 Orgleiter des Bezirks Berlin-Brandenburg. Vom Weddinger Par- teitag 1929 als Kandidat ins ZK berufen. 1929 nach Moskau geschickt, dort in der Orgabteilung der Komintern tätig. 1932 von Moskau nach Prag, um in der KP der ÖSR als Orgspezialist zu arbeiten. Im Ok- tober 1932 Rückkehr nach Deutschland. Bei der Novemberwahl erneut in den Reichstag gewählt. Pfeiffer arbeitete in der Orgabtei- lung des ZK, wurde aber im März 1933 nicht mehr als Kandidat für den Reichstag aufgestellt. Am 1. April 1933 erhielt von Dahlem den Auftrag, als Oberberater des ZK für »West« die Bezirke Niederrhein, Mittelrhein und Ruhr wieder aufzubauen. Er reiste mit falschem Paß (Kurt Mitten- dorf) zwischen Berlin und dem Rheinland und hatte mehrere Besprechungen. Am 10. Juni 1933 in Elberfeld verhaftet. Sein Koffer mit Berichten an das ZK wurde von der Gestapo beschlagnahmt. Pfeiffer gab die Anklagepunkte und seine Tätigkeit »im wesentlichen zu« und wurde im No- vember 1934 zu drei Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Nach der Entlassung aus dem Zucht- haus Luckau arbeitete er als Werkzeug- macher, seine Frau war im KZ. 1945 wieder Mitglied der KPD. Zunächst im Senftenberger Kohlenrevier führend, wurde er Mitte 1945 Sekretär des Unter- bezirks Cottbus der KPD. In der SED er- hielt er keine bedeutenden Funktionen. Lange Jahre war Pfeiffer Sekretär im Rat des Kreises Königswusterhausen. Folgende Tatsache ist symptomatisch für seine unter- geordnete Stellung: Das ZK der SED gratu- lierte im »Neuen Deutschland« zwar zwei Professoren zum 65. Geburtstag am 24. April 1965, ignorierte aber Hans Pfeiffers 70. Geburtstag am gleichen Tage. Als Pfeif- fer am 3. April 1968 starb widmete ihm das ZK im »Neuen Deutschland« auch nicht den allgemein üblichen Nachruf. PIECK, Wilhelm (1876-1960) Als Sohn eines ungelernten Arbeiters am 3. Januar 1876 in Guben geboren, lernte in seiner Heimatstadt von 1890 bis 1894 Tischler. 1894 Mitglied der Gewerkschaft. Ging auf die Wanderschaft und kam nach Berlin, Wolfenbüttel, Braunschweig und Marburg. In Marburg 1895 Eintritt in die SPD. 1896 übersiedelte er von Osnabrück nach Bremen, wo er 1898 heiratete. Bis 1906 arbeitete Pieck als Tischler in Bremen. 1905 SPD-Abgeordneter der Bremer Bürgerschaft, 246 Pieck ein Jahr später übernahm er als Sekretär eine hauptamtliche Funktion in der Partei. 1907/08 Besuch der SPD-Parteischule in Berlin. Pieck übersiedelte 1910 nach Berlin und wurde Sekretär des SPD-Bildungsaus- schusses. Er arbeitete eng mit Friedrich Ebert zusammen, neigte aber zu den Linken in der SPD; doch bekam er erst durch seine Antikriegshaltung eine feste Verbindung zur Linken. Delegierter des SPD-Parteitags 1908 in Nürnberg. Dort setzte er sich besonders für die Erhaltung der SPD-Parteischule ein. Sekretär des Bildungsausschusses, für die organisatorische Leitung der Parteischule verantwortlich, an der Rosa Luxemburg, Mehring u. a. lehrten. Pieck war 1912 De- legierter des SPD-Parteitags in Chemnitz. 1914 schloß sich Pieck sofort der Gruppe Internationale, der späteren Spartakus- gruppe an. Deswegen vom SPD-Parteivor- stand seines Postens enthoben. Für die Gruppe Internationale vor allem organisa- torisch tätig, sorgte er 1915 für den Druck ihrer Zeitschrift. Von Mai bis Oktober 1915 inhaftiert, dann zum Militär eingezogen, kam 1916 als Telefonist an die Front, mußte jedoch wegen einer Beinoperation ins Laza- rett nach Lille gebracht werden. Im Sommer 1917 weigerte er sich, erneut an die Front zu gehen und wurde deswegen im August 1917 zu 1V2 Jahren Gefängnis verurteilt. In der Berufungsverhandlung freigesprochen. Pieck sollte wieder an die Westfront, flüchtete jedoch nach Berlin und von dort im Januar 1918 zusammen mit seinem Sohn Arthur nach Holland. In Am- sterdam arbeitete er als Tischler und war politisch für die Linksradikalen tätig. Im Oktober 1918 kehrte er nach Deutschland zurück. In Berlin schloß er sich dem Spartakusbund an, während der Revolution als Mitarbeiter Karl Liebknechts sehr aktiv. Pieck wurde in die Zentrale des Spartakusbundes auf- genommen und auf dem Gründungspartei- tag der KPD in die Parteizentrale gewählt. Mit einer Ausnahme (1919) gehörte Pieck bis 1933 allen Zentralen (bzw. seit 1925, allen ZKs) an, er war der typische Partei- beamte - »nicht fraktionell festgelegt« - der in allen Zentralen, gleichviel welcher politischer Richtung, gebraucht wurde. Allerdings neigte er dem rechten Flügel der Partei zu. Am 15. Januar 1919 wurde Piech zusammen mit Liebknecht und Luxemburg verhaftet und zum Hauptquartier der Garde-Kaval- lerie-Schützendivision ins Hotel Eden ge- bracht. Während Luxemburg und Liebknecht ermordet wurden, kam er mit dem Leben davon. An diese Tatsache haben sich später viele Legenden geknüpft. Unsinnig ist die These, Pieck habe Luxemburg und Lieb- knecht »verraten« und sei deshalb frei- gelassen worden. Die Soldaten glaubten zu- nächst, er sei der KPD-Führer Ernst Meyer, er konnte nachweisen, daß das nicht stimmte. Nach Aussagen des ihn damals vernehmenden Offiziers Pabst wurde Pieck erst nach ausführlichen Aussagen über die Organisation der KPD, Wafienlager usw., dem Gefängnis überstellt, aus dem Pieck die Flucht gelang. Wegen der Befangenheit aller Zeugen (die Angaben eines Pabst sind ja kaum Beweise) werden sich die tatsäch- lichen Hintergründe kaum mehr rekonstru- ieren lassen. Immerhin hatte Thälmann 1931 einen Untersuchungsausschuß einsetzen las- sen, der Piecks Verhalten bei dessen Fest- nahme 1919 prüfen sollte - ein Ergebnis wurde nicht bekannt. Pieck kam frei, wurde aber im Juli 1919 noch einmal verhaftet und erst durch Hilfe seiner Freunde im November 1919 aus dem Gefängnis befreit. Er blieb in den folgenden Jahren in der Zentrale und war mit der Geschäftsführung beauftragt. Zusammen mit seinem Freund Hugo Eberlein hatte er die Geldzuschüsse der Komintern zu verwalten. 1921 als Abgeordneter in den preußischen Landtag gewählt, dem er bis 1928 und I932Ö3 angehörte. 1923 zählte sich Pieck zur Brandler-Füh- rung. Nach der Oktoberniederlage schwank- Pieck/Pietzuch ^47 te er zunächst zwischen den Rechten und der Mittelgruppe, ging dann aber zur Mit- telgruppe über und kam als deren Vertreter auf dem Parteitag 1924 in die Zentrale. Er übernahm die Leitung der »Roten Hilfe« und war hauptsächlich mit der Arbeit für diese Organisation ausgefüllt. Nach der Niederlage der Linken wurde Pieck im Juli 1926 Polleiter der Berliner Organisation. Auf dem VI. Weltkongreß der Komintern 1928 ins EKKI-Präsidium gewählt. Bei der Wittorf-Affäre stellte sich Pieck sofort gegen Thälmann. Nadi der Absetzung Thälmanns kam er zusammen mit Eberlein u. a. nach Moskau und sagte zu dem dort in Verbannung lebenden Brandler: »So machen wir das, jetzt neh- men wir dich Dickkopf gleich mit nach Deutschland.« Da Stalin jedoch anders entschied und Thälmann wieder eingesetzt wurde, schwenkte auch Pieck um und übte Selbstkritik. Die linke Opposition charak- terisierte ihn 1929: »Pieck ist der »Revolu- tionärs der sich nach Ruhe und Ordnung sehnt.« Er verlor seine Funktion als Ber- liner Polleiter und wurde ganz zur »Roten Hilfe« abgeschoben, sein Nachfolger in Berlin wurde Ulbricht. 1928 als Abgeordneter in den Reichstag ge- wählt, dem er bis 1933 angehörte, außer- dem war Pieck von 1930 bis 1933 Mitglied des preußischen Staatsrats. 1928 wurde Pieck Mitglied des EKKI, 1931 Mitglied des Sekretariats und des Präsidiums des EKKI. Längere Zeit arbeitete er als Sekre- tär für die Balkanländer beim EKKI in Moskau. 1932 Nachfolger Fliegs, Sekretär des Polit- büros. Die kommunistische Opposition schrieb damals: »Die Moskauer haben ihn Teddy auf die Nase gesetzt, denn es muß doch wenigstens einer im Sekretariat sein, der bis drei zählen kann. Pieck kann bis drei zählen, wenn er es auch manchmal verbirgt. Der Generalsekretär Pieck von 1932 ist nicht der Revolutionär Pieck von 1918 und 1920, sondern ein ausgestopfter Papagei.« 1933 emigrierte Pieck nach Paris. Im Polit- büro war er mit Ulbricht anfangs in der Minderheit, er verlangte eine Kursänderung. Nachdem diese 1935 offiziell von der Kom- intern proklamiert wurde, stieg Pieck als Nachfolger Thälmanns zum Parteivorsit- zenden auf. Die »Brüsseler« Konferenz 1935 wählte ihn in diese Funktion. 1938 übersiedelte er nach Moskau, wo sein Freund Eberlein Opfer der Stalinschen Säu- berung wurde. Pieck selbst arbeitete zu- nächst in der Komintern, später beim Nationalkomitee »Freies Deutschland«. 1945 kehrte er als Vorsitzender der KPD nach Deutschland zurück, 1946 als Abgeord- neter in den Landtag von Brandenburg ge- wählt, wurde 1946 Vorsitzender der SED und war seit Gründung der DDR 1949 bis zu seinem Tode am 7. September 1960 Prä- sident der DDR. In seinen letzten Lebensjahren war Pieck schwerkrank, und wohl kaum noch in der Lage, die Dinge um sich wahrzunehmen. Piecks Frau ist schon Jahrzehnte tot, sein Sohn Arthur war längere Zeit Stellvertre- tender Minister für Verkehrswesen der DDR, seine Tochter Lore Staimer bis 1968 Gesandte bzw. Botschafterin der DDR in Jugoslawien, seine Tochter Elly Winter ist Parteiveteranin. PIETZUCH, Emil (1899-?) Am 9. März 1899 in Neurode (Breslau) ge- boren, stammte aus ärmlichen Verhältnissen, lernte Zimmerer. Gegen Kriegsende noch als Soldat eingezogen. Nach dem Krieg ließ er sich in Berlin nieder. Im August 1922 Mitglied der KPD. 1924 Leiter des Z-Apparates im Bezirk Berlin- Brandenburg. Ende 1925 verhaftet und im Juni 1926 zu Jahren Zuchthaus ver- urteilt. Mitte 1927 bedingt entlassen. Orgleiter für den KPD-Bezirk Baden in Mannheim. 1928 kam Pietzuch wieder nach Berlin, Mitarbei- ter in der Gewerkschaftsabteilung des ZK. Er nahm am VI. Weltkongreß der Kom- 248 Pietzuch/Plenge intern 1928 teil und wurde dort in ver- schiedene Kommissionen gewählt. 1929 in die Reichsleitung der RGO aufgenommen, in der er mehrere Jahre arbeitete, im April 1932 kehrte er als Orgleiter nach Baden zu- rück. Nach 1933 soll Pietzuch längere Zeit im KZ Buchenwald gewesen sein. Weitere Da- ten seines Lebenslaufs ließen sich nicht er- mitteln. PIONTEK, Isidor (1890-1939) Am 1. Juli 1890 in Alt-Ujest (Groß-Stre- litz) als Sohn eines Arbeiters geboren. Nach der Schulentlassung erlernte er keinen Be- ruf, sondern ging als Arbeiter in verschie- dene Fabriken, nach dem frühen Tod des Vaters mußte er die elfköpfige Familie er- nähren. Später auch als Bergmann in Ober- schlesien. Von 1912 bis 1914 Soldat bei der Infanterie, nahm dann vier Jahre als Unter- offizier am Weltkrieg teil, erhielt das EK II. Nach dem Kriege arbeitete er in Metall- betrieben des Ruhrgebiets. 1919 Mitglied der Gewerkschaft. Lange Jahre Betriebsrat in der Zinkhütte Hamborn. 1925 Mitglied der KPD. Anfang 1929 hauptamtlicher Parteifunktio- när, Unterbezirksleiter in Hamborn. Mitte 1929 als Nachfolger Creutzburgs Orgleiter des Bezirks Ruhr. Von Januar bis März 1930 Teilnehmer eines Schulungslehrganges der KPD, dann wieder Sekretär in Essen. 1932 zog er als KPD-Abgeordneter in den preußischen Landtag ein, im gleichen Jahr übernahm er auch anstelle von Saefkow die Leitung der RGO Ruhr, 1933 Nachfol- ger Jannacks als Sekretär der Roten Hilfe Niederrhein. In den ersten Wochen der Illegalität wurde er wegen Differenzen mit der Parteilinie (man warf ihm vor, »die Geschäfte nicht einwandfrei« geführt zu haben) aus der KPD ausgeschlossen. Am 5. Mai 1933 von der Gestapo verhaftet, kam er in »Schutz- haft«. 1934 entlassen, als Hilfsarbeiter be- schäftigt. Am 17. April 1937 erneut ver- haftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo Piontek am 22. Oktober 1939, angeblich an Lungenentzündung, starb. Er war ge- schieden, sein einziger Sohn mußte sich Geld leihen, um den Vater in Berlin bestatten zu können. PLENGE, Oskar (1890-?) Am 10. April 1890 in Northeim geboren, lernte Buchdrucker, war dann aber als Fa- brikarbeiter beschäftigt. 1910 Mitglied der Gewerkschaft. Als Handwerksbursche durchwanderte er 1910/11 Dänemark, Schweden und später Ungarn. 1912 kam er nach Iserlohn, dort Leiter der Jungsoziali- sten. Anfang 1914 wanderte Plenge nach Peters- burg aus, bei Kriegsausbruch als Zivilgefan- gener interniert. 1918 Rückkehr nach Deutschland, schloß sich der USPD an. Mit- glied des Solinger Arbeiterrats. Bis 1920 als Fabrikarbeiter beschäftigt und zugleich Vor- sitzender der Betriebsräte Solingens. Delegierter der USP auf dem Vereinigungs- parteitag mit der KPD 1920. 1921 als Ab- geordneter in den preußischen Landtag ge- wählt. Im gleichen Jahr von einem briti- schen Militärgericht zu fünf Monaten Ge- fängnis verurteilt. 1922 verfaßte er das Vorwort zu Richard Sorges Ausgabe des Werks von Rosa Luxemburg »Akkumula- tion des Kapitals«. 1923 Delegierter des Leipziger Parteitags. Von 1923 bis 1925 Redakteur der »Bergi- schen Arbeiterstimme« in Solingen. Auch 1924 zog er wieder in den preußischen Landtag ein. Nach dem »Offenen Brief« 1925 schickte ihn die KPD als Leiter der Peuvag-Druckereien nach Bremen, wo er im März-April 1926 für einige Wochen auch Polleiter des Bezirks Nordwest war. Län- gere Zeit übte er die Funktion des Chef- redakteurs der Bremer »Arbeiterzeitung« aus. 1928 kam er nicht mehr in den Land- tag, leitete aber weiterhin die Peuvag- Betriebe in Bremen, bis er im Mai 1931 als Redakteur der »Sächsischen Arbeiter-Zei- tung« nach Dresden versetzt wurde. Plenge/Podubecky 249 Nach 1933 illegal für die KPD tätig. Im Dezember 1935 verhaftet und ins KZ Sach- senhausen eingeliefert, wo er im Mai 1936 noch inhaftiert war. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht in Erfahrung bringen. PLENIKOWSKI, Anton (geb. 1899) Als Sohn eines Arbeiters am 19. November 1899 in Zoppot geboren, besuchte eine Prä- parandenanstalt und das Lehrerseminar in Danzig. Mitglied der Sozialistischen Arbei- terjugend. 1917 als Soldat eingezogen. Nadi der Revolution 1918 Mitglied des Soldaten- rats in Breslau. Plenikowski setzte sein Leh- rerstudium fort und schloß sich 1920 kurze Zeit der Jugendorganisation der KAP an. Nach bestandener Prüfung 1920 Volksschul- lehrer. 1926 Mitglied der Danziger Sozialdemokra- tie, Gemeindevorsteher in Liessau. Im Ok- tober 1927 Übertritt zur KPD. Von 1928 bis 1937 Abgeordneter des Danziger Volks- tages. 1929 Orgleiter der KPD Danzig und hauptamtlicher Parteifunktionär. 1937 emigrierte er nach Schweden, wo er bis 1946 blieb. Ein Sohn Plenikowskis soll in den Stalinschen Säuberungen zu acht Jah- ren Haft verurteilt worden sein. 1946 trat er der SED bei und war bis 1954 Leiter der Abteilung staatliche Verwaltung im ZK der SED. Von 1950 bis 1967 Ab- geordneter der Volkskammer. 1954 als Kan- didat ins ZK der SED gewählt, bestätigte ihn auch der VI. SED-Parteitag 1963 in dieser Funktion. Auf dem VII. Parteitag 1967 wurde er nicht wiedergewählt. Von 1955 bis 1963 Staatssekretär und Leiter des Präsidiums des Ministerrats der DDR. Die- ses Amt legte er 1963 aus gesundheitlichen Gründen nieder. Bis 1967 Leiter der Inter- parlamentarischen Gruppe der DDR, 1969 lebte er als Parteiveteran in Ost-Berlin. Plenikowski erhielt mehrere Auszeichnun- gen, darunter das »Banner der Arbeit« und den »Vaterländischen Verdienstorden« in Silber. PLUM, Agnes (1869-1951) Geboren am 9. April 1869 in Bardenberg, bei Aachen, arbeitete nach der Schulentlas- sung als Dienstmädchen, war später Arbeite- rin. 1905 im Ruhrgebiet Mitglied der SPD. Während des Krieges Übertritt zur USPD, 1920 Delegierte des Spaltungsparteitags, mit der linken USP zur KPD. Frau Plum gehörte zum linken Parteiflügel. 1924 Frauenleiterin der Bezirksleitung Ruhr. Mitbegründerin des »Roten Frauen- und Mädchenbundes«. Delegierte des X. Parteitags 1925. Sie rückte im Dezember 1925 für Arthur König, der sein Mandat niedergelegt hatte, in den Reichstag nach. Bis 1928 Reichstagsabgeordnete. Seit 1927 in der IAH tätig. 1929 zog sie sich von der aktiven Politik zurück. Nach 1945 war sie nicht mehr politisch organisiert. Frau Plum starb am 9. August 1951 in Essen. PODUBECKY, Rudolf (1896-1940?) Am 23. Mai 1896 in Karlsruhe geboren. Bei Kriegsausbruch als Gymnasiast Frei- williger, kam bald an die Front. Er wurde Kriegsgegner und schloß sich dem radikalen Flügel des Sozialismus an. Nach dem Kriege aktiv an der Errichtung der kommunistischen Räterepublik in Mün- chen beteiligt, er leitete im Generalstab der Roten Armee das Post- und Fernmelde- wesen. Deswegen im Mai 1919 zu dreijähri- ger Festungshaft verurteilt, die er in Nieder- schönfeld verbüßen mußte. 1922 entlassen, führend im Militärapparat der KPD, 1923 gehörte Podubecky zur M-P-Leitung in Süd- westdeutschland. Da er polizeilich gesucht wurde, verließ er Karlsruhe und wirkte unter dem Namen »Riedel« als Redakteur, 1925 auch einige Monate als Chefredakteur an der Frank- furter »Arbeiterzeitung«; Mitglied der BL Hessen-Frankfurt. Ab 1928 wieder im M-Apparat tätig. Weil er in Deutschland polizeilich verfolgt wur- de, mußte er schon Ende der zwanziger 250 Podubecky/Putz Jahre wieder in die Sowjetunion über- siedeln; war im russischen Apparat tätig. Während der Stalinschen Säuberungen 1937 zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er kam ins Lager Norilsk, wo er 1940 ver- storben sein soll. Podubeckys Tochter Irene, Studentin an der Moskauer West-Universi- tät, erhielt acht Jahre Zwangsarbeit. PÖTSCH, Gustav (1898-1963) Als Sohn eines Arbeiters 1898 in Berlin geboren; nach der Schulentlassung selbst Arbeiter. 1918 Soldat. 1919 Mitglied der USP, mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. Verschiedene ehrenamtliche Funktio- nen in der Berliner Organisation. In den zwanziger Jahren Betriebsrat bei der Firma Roth und Büschner, wurde Pötsch als Ar- beiter vom Weddinger Parteitag 1929 zum Mitglied des ZK berufen. Bis 1933 für die KPD in Berlin aktiv. Nadi 1933 illegal tätig und mehrmals ver- haftet. 1945 wieder Mitglied der KPD, dann der SED, aber nur mit kleineren Funktionen betraut. Pötsch lebte zuletzt in Berlin-Lichtenberg, wo er am 15. Juni 1963 starb. PRESCHE, Willy (1888-1937?) Am 1. Dezember 1888 in Berlin geboren; lernte Schlosser. Er nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg Übersiedlung nach Hamburg. 1918 Mitglied der USPD, 1920 mit der linken USP zur KPD. 1924 auf eine Schule nach Moskau delegiert, erhielt er eine neunmonatige poli- tische und militärische Ausbildung. Nach seiner Rückkehr baute er im Bezirk Wasser- kante den »Ordnerdienst« und dann den RFB mit auf. 1926 bis 1931 Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft. Mitglied der BL Wasserkante und der Beschwerdekommission. 1928 wurde Presche im Zusammenhang mit der Wittorf- Affäre und der Absetzung Thälmanns kurze Zeit seiner Funktion enthoben, dann aber durch Thälmann rehabilitiert und erneut in die BL Hamburg aufgenommen. 1930 in den Militärapparat nach Berlin geholt, mußte er 1931 vor der Polizei in die So- wjetunion flüchten. Er lebte in Odessa. Dort geriet Presche in die Stalinschen Säuberun- gen, 1937 verhaftet, verschwand er spurlos. PÜTZ, Heinz (1898-1927) Am 3. August 1898 in Köln geboren; lernte Buchdrucker. Schon früh Mitglied der Ar- beiterjugendbewegung, im Krieg Anhänger der Spartakusgruppe. 1917 kam er an die rumänische Front, wo er an Gelbsucht er- krankte, die eine Ursache seines frühen To- des wurde. Pütz desertierte 1918 und war illegal für die Spartakusgruppe tätig. 1918 Mitglied des Kölner Arbeiterrates. 1919 mußte er ein halbes Jahr ins Gefängnis, weil er unter den Besatzungstruppen antimilitäri- sche Arbeit betrieben hatte. Ab 1920 haupt- amtlicher Sekretär, zunächst des KJVD Ruhr, 1922 ins ZK des Kommunistischen Jugendverbandes berufen. Von Mai 1923 bis März 1924 Vorsitzender des KJVD und zugleich Mitglied der Zen- trale der KPD. Als Anhänger der Rechten bzw. der Mittelgruppe, 1924 abgelöst, wurde Pütz für die Arbeit im besetzten Gebiet (gegen die Separatisten) verantwort- lich. 1925 kam er ins Jugend-EKKI nach Moskau. Wegen seiner schweren Krankheit 1927 nach Berlin überführt und operiert, er starb am 10. Oktober 1927. PUTZ, Ernst (1896-1933) Geboren am 20. Januar 1896, verlebte er seine Kindheit in Sinnthalshof in der baye- rischen Rhön auf dem bäuerlichen Anwesen seiner Eltern. Sein Vater war christlich- konservativ und nach 1918 Landtagsabge- ordneter der Bayerischen Volkspartei. Ernst Putz besuchte das Gymnasium in Aschaffen- burg und Würzburg. Bis 1915 Studium in Jena, dann als Soldat an die Front. Nach dem Krieg übernahm er den elterlichen Hof. Putz/Rädel 1924 Mitbegründer des »Bundes schaffender Landwirte«, einer Organisation der KPD. Obwohl noch nicht Mitglied der Partei, zog er im Dezember 1924 als Abgeordneter der KPD in den Reichstag ein; nun Mitglied der KPD. Bis 1933 vertrat Putz die KPD im Reichstag und blieb Vorsitzender des »Bundes schaffender Landwirte«. Ab 1925 Mitarbeiter der Abteilung Land des ZK der KPD. Putz genoß auch über die Kreise seiner Partei hinaus großes Ansehen, da er sich vor allem für die kleinen Landwirte einsetzte, obwohl er selbst einen großen Hof besaß. Im Juli 1933 verhaftet und am 15. Septem- ber 1933 im Untersuchungsgefängnis Berlin- Moabit erschlagen. Putz zu Ehren trägt die nach Sinnthalshof führende Straße in Brückenau seinen Na- men. RADDATZ, Erich (1886-1964) Am 28. November 1886 in Konikow Kreis Köslin geboren, erlernte das Schlosserhand- werk und kam schon in jungen Jahren nach Berlin. 1907 Mitglied der Gewerkschaft, 1910 der SPD. Raddatz nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Kriege Gemeindebeamter in Berlin-Neukölln. Er schloß sich 1918 der USPD an und kam 1920 zur KPD, in der er als Kommunal- politiker eine Rolle spielte. Von 1920 bis 1925 Mitglied der Neuköllner Bezirksver- ordneten-Versammlung, von 1926 bis 1930 Stadtrat in Neukölln, von 1928 bis 1932 Mitglied des Magistrats von Berlin. 1928 als Abgeordneter in den preußischen Land- tag gewählt. Raddatz gehörte zu den 60 Funktionären der KPD, die am 28. Februar 1930 einen »Offenen Brief« herausgaben, dieser - von namhaften Berliner Funktionären unter- schrieben - richtete sich gegen die Linie des ZK und gegen die Theorie des »Sozial- faschismus«. Daraufhin aus der KPD aus- geschlossen, führte Raddatz gemeinsam mit dem Berliner Stadtrat Letz die »Gruppe 60« 251 noch eine Zeitlang weiter. Bis 1931 als frak- tionsloser Abgeordneter im Landtag, dann Übertritt zur SPD. 1933 gemaßregelt, kehrte Raddatz in seinen erlernten Beruf zurück. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Werkstattschrei- ber, wurde bald Werkmeister eines mittel- großen Betriebes. 1945 wieder Mitglied der SPD. Von der amerikanischen Besatzungsmacht 1945 zum Bezirksstadtrat für Sozialwesen in Neu- kölln berufen, nach dem Wahlsieg der SPD 1946 in diesem Amt bestätigt. Er blieb bis 1959 auf seinem Posten, in den letzten Jah- ren auch stellvertretender Bürgermeister von Neukölln. Durch seine Hilfsbereitschaft war »Papa Raddatz« weithin bekannt. 1959 verzichtete er aus Altersgründen auf seine Wiederwahl. In Anerkennung seiner Verdienste wurde ihm am 21. Januar 1959 die Würde eines Stadtältesten durch das Abgeordnetenhaus von Berlin verliehen. Trotz seines hohen Alters blieb er 2. Vor- sitzender der Arbeiterwohlfahrt in Berlin. Nach einer schweren Operation starb Rad- datz am 16. Februar 1964 in West-Berlin. RÄDEL, Siegfried (1893-1943) Am 7. März 1893 in Copitz bei Pirna gebo- ren, entstammte einer kinderreichen Beam- tenfamilie, lernte Zimmermann. 1912 Mit- glied der SPD. 1913 zum Militär einberufen, kam er bei Kriegsausbruch sofort an die Front. Nach Kriegsende Übertritt zur USPD. 1918/19 gehörte er dem Arbeiter- und Soldatenrat in Pirna an. 1919 wieder Zimmermann, Betriebsrat in einer Pirnaer Firma. Im gleichen Jahr Mit- glied der KPD. Er blieb in der KPD, als die große Mehrheit der Ortsgruppe Pirna 1920 zur KAP ging. 1921 Stadtverordneter in Pirna, Unterbezirksleiter und hauptamt- licher Funktionär der KPD. Auf dem Je- naer Parteitag 1921 und auf dem Leipziger Parteitag 1923 für den Bezirk Ostsachsen in den ZA gewählt. Nach dem Oktober 1923 polizeilich gesucht, lebte Rädel illegal 2^2 Rädel/Rasch und konnte erst nach seiner Wahl in den Reichstag 1924 wieder legal arbeiten. Anhänger der Parteilinken, gelangte im Mai 1924 in den Reichstag, dem er ununter- brochen bis 1933 angehörte. 1924/25 Org- leiter und nach dem »Offenen Brief« 1925 Polleiter des Bezirks Ostsachsen. 1926 ins ZK nach Berlin berufen, um die Sozial- politik zu bearbeiten. 1928 Rückkehr nach Sachsen, zunächst Polleiter des Bezirks Ost- sachsen, dann einige Zeit Polleiter von Westsachsen. 1931 übersiedelte Rädel endgültig nach Ber- lin, um die Leitung der Abteilung Sozial- politik beim ZK der KPD zu übernehmen. Er wurde auf dem XII. Parteitag 1929 als Kandidat ins ZK der KPD gewählt. Seit 1930 Vorsitzender der »Arso«, der kom- munistischen Arbeitsgemeinschaft sozialpoli- tischer Organisationen. Am 7. Februar 1933 nahm er noch an der letzten Sitzung des ZK der KPD in Ziegen- hals bei Berlin teil, dann wurde er zum Leiter der illegalen KPD in Sachsen berufen. Weihnachten 1933 verließ er Deutschland und leitete in Prag die Betreuung der kom- munistischen Emigranten und den illegalen Grenzverkehr nach Deutschland. Ende 1935 übernahm er die gleiche Aufgabe in der Schweiz. 1936 verhaftet und nach Frankreich aus- gewiesen. Hier konnte er zur Zeit der Volksfrontregierung legal leben und arbei- ten, auch in Frankreich war seine Haupt- aufgabe die Betreuung der Emigranten. Er gründete die Sozialvereinigung deutscher politischer Emigranten und organisierte die internationale Unterstützungsarbeit. 1939 war Rädel Teilnehmer der »Berner« Konferenz der KPD (bei Paris), auf der er als »Friedrich« ins ZK gewählt wurde. Bei Kriegsausbruch internierten ihn die franzö- sischen Behörden im Lager Vernet, in dem er drei Jahre lang festgehalten wurde. Um Rädel zu retten, verlieh ihm die Sowjet- union (durch den Botschafter in Vichy) im März 1941 die sowjetische Staatsangehörig- keit. Mit einem Transport sollte er per Schiff nach Rußland gelangen, doch der Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges verhinderte diesen Plan. Rädel kam ins La- ger Castres. Er erhielt ein Einreisevisum nach Mexiko, doch die Regierung Pétain- Laval lieferte ihn im August 1942 an die Gestapo aus. Am 25. Februar 1943 beschloß der 5. Senat des »Volksgerichtshofes«: »Der Angeklagte Rädel hat durch den Ausbau und maßgeb- liche Betreuung deutscher kommunistischer Emigrantenorganisationen im Ausland den kommunistischen Hochverrat vorbereitet und wird deshalb zum Tode . . . verurteilt«. Am 10. Mai 1943 wurde Rädel im Zucht- haus Brandenburg hingerichtet. In seinem letzten Brief an seine beiden Söhne und seine Frau, die seit 1933 in Deutschland gelebt hatten, schrieb er, er habe »mit einer gewissen Bangigkeit« er- wartet, wie sie, die er lange Jahre nicht gesehen und denen er nur Schwierigkeiten gebracht hatte, reagieren würden. Seine größte Freude war, so schrieb er, daß sie trotzdem ihre »kindliche Liebe« zu ihm bewahrt hätten. RASCH, Irmgard (Enderle) (geb. 1895) Am 28. April 1895 in Frankfurt (Main) geboren, kam sie über die Freideutsche Ju- gend und eine sozialistische Studentengruppe an der Berliner Universität im November 1918 in Verbindung mit dem Spartakus- bund. Von Mitte 1919 bis Anfang 1929 im zentralen Apparat der KPD tätig. Zuerst in der Abteilung »Land«, dann als In- strukteurin in der Gewerkschaftsabteilung des ZK der KPD. Als die »Linke« unter Ruth Fischer die Leitung übernahm und die Gewerkschafts- abteilung aufgelöst und neubesetzt wurde, kam Irmgard Rasch als Gewerkschafts- redakteurin an den »Klassenkampf« in Halle. Hier blieb sie bis Mitte 1927, dann trat sie in die Gewerkschaftsredaktion der »Roten Fahne« in Berlin ein. Anfang 1929 als Mitglied der »rechten« Brandler-Gruppe aus der Partei ausgeschlos- sen. Sie war nun aktiv in der KPO, seit 1932 in der SAP. Irmgard Rasch heiratete August Enderle, kam dadurch nach Breslau, wo sie bald Mitglied der dortigen Ortslei- tung der SAP war. Im Juni 1933 von der Gestapo verhaftet, konnte sie aber zwei Monate später ent- kommen und war in Holland, Belgien und Schweden in der Emigration. Im Sommer 1945 kehrte sie mit ihrem Mann nach Deutschland zurück, wurde ebenfalls Redakteurin am »Weser-Kurier« in Bremen und 1947 am »Bund« in Köln. Zuletzt war sie Redakteurin der »Welt der Arbeit«, seit 1951 ist sie als freie Journa- listin tätig. Frau Rasch-Enderle gehört seit 1945 der SPD an, sie lebte 1969 in Köln. RAU, Heinrich (1899-1961) Am 2. April 1899 in Feuerbach bei Stutt- gart geboren, Sohn eines Landwirts. Ging nach der Schulentlassung als Arbeiter (Stan- zer und Metallpresser bei Bosch) in die Fabrik. 1913 Mitglied der Arbeiterjugend- bewegung. 1916 schloß er sich dem Sparta- kusbund an und kam 1917 zur USPD. 1917/18 Soldat an der Westfront. Seit Gründung der KPD 1919 in Stuttgart Mit- glied und Funktionär der Partei. 1920 kam Rau als hauptamtlicher Mitarbei- ter der KPD in die Zentrale nach Berlin, Sekretär der Abteilung Land, Mitheraus- geber verschiedener KPD-Zeitungen für die Bauernschaft (»Land- und Forstarbeiter«, »Der Pflug«). Von 1920 bis 1932 ununter- brochen Sekretär dieser Abteilung des ZK, gehörte außerdem zahlreichen internationa- len Organisationen (1923 bis 1933 Mitglied des internationalen Komitees der Land- und Forstarbeiter) an. 1928 in den preußischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 an- gehörte. Rau war der typische Spezialist im ZK- Apparat, der sich aus allen internen Aus- einandersetzungen heraushielt und ver- Rasch/Rau 253 suchte, auf seinem Gebiet qualifizierte Ar- beit zu leisten. Durch unermüdliches Selbst- studium hatte er sich ein umfangreiches Wissen angeeignet. 1933 verhaftet und zu zwei Jahren Zucht- haus verurteilt. Nach der Verbüßung frei- gelassen, emigrierte er in die ÖSR und an- schließend in die Sowjetunion. 1937/38 nahm er am Spanischen Bürgerkrieg teil und wurde verwundet. Er war Kommissar, dann Stabschef und schließlich Kommandeur der XL Internationalen Brigade. Nach der Niederlage der spanischen Republik kam er nach Frankreich und übernahm die Leitung der IAH. Beim Kriegsausbruch interniert, ins Lager Vernet gebracht und 1942 an die Gestapo ausgeliefert. Bis zur Befreiung 1945 im KZ Mauthausen. 1945 Funktionär der KPD bzw. 1946 der SED. Vizepräsident der Landesverwaltung für die Landwirtschaft Brandenburg. 1946 bis 1948 amtierte er als Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg. 1948/49 Vorsit- zender der Deutschen Wirtschaftskommis- sion. Ab Juli 1949 Mitglied des Parteivorstands bzw. des ZK der SED und auch des Polit- büros. 1949 Minister für Wirtschaftspla- nung in der ersten DDR-Regierung. 1950 Stellvertretender Ministerpräsident. 1950 bis 1952 Vorsitzender der Staatlichen Plan- kommission, 1953 bis 1955 Minister für Maschinenbau. Von 1955 bis zu seinem Tode war er Minister für Außenhandel und Innerdeutschen Handel. Rau gehörte die ganzen Jahre zur Spitzen- führung der SED, blieb auch in der SED, was ihn schon in der KPD auszeichnete: Spezialist für Wirtschaftsfragen. Aus den innerparteilichgen Kämpfen hielt er sich heraus. Er war ein verschlossener Mensch, der sich im Dienst seiner Sache auf- rieb, aber letztlich doch immer den Willen der Parteileitung ausführte. Geehrt mit fast allen Auszeichnungen, die die SED zu vergeben hatte, u. a. auch dem höchsten Orden, dem »Karl-Marx-Orden«. Er war auch Träger solcher Auszeichnungen wie des Rau/Rehbein 254 Ordens des Staatsbanners der Volksdemo- kratischen Koreanischen Republik oder des »Groß-Kordon zum Orden der Vereinigten Arabischen Republik«. In der Weimarer Republik veröffentlichte Rau eine Reihe Broschüren, die die kom- munistische Bauernpolitik erläuterten, dar- unter 1925 »Zur Vierhundertjahrfeier des deutschen Bauernkrieges« und 1936 »Hit- ler, Hunger, Krieg«. Heinrich Rau starb unerwartet am 23. März 1961, noch nicht 62jährig, an einem Herz- infarkt. REBE, Alfred (1893—1938?) Geboren am 25. Dezember 1893 in Berlin, arbeitete nach der Schulentlassung in Me- tallbetrieben. 1912 zur Marine eingezogen, blieb er auch im Krieg Matrose. Während der Novemberrevolution Oberheizer auf der »Moltke«. Er hatte großen Einfluß auf die Matrosen und war einer der Führer der Rebellion. Mitglied der SPD, trat nach der Revolution zur USPD über, kam mit der linken USP 1920 zur KPD. 1921 Redakteur an der KPD-Zeitung in Rostock und Vorsitzender KPD-Rostock, später an anderen KPD-Organen. 1924 Kandidat für die Reichstagswahl, jedoch nicht gewählt. 1927 kam er in die Redak- tion der »Roten Fahne«, wo er seit 1929 im politischen Ressort arbeitete. Im Jahre 1928 zeichnete er für die »Rote Fahne« verantwortlich. 1933 emigrierte Rebe in die Sowjetunion. Er arbeitete an verschiedenen deutschspra- chigen Zeitungen. 1938 im Kaukasus ver- haftet, verschwand er als Opfer der Stalin- schen Säuberung. REHBACH, Paul (1874-1934) Am 26. Februar 1874 in Finsternwalde ge- boren, lernte Bürstenmacher und ließ sich nach der Wanderschaft in Württemberg nieder. Zu Beginn des Jahrhunderts Mit- glied der SPD, im Krieg Übertritt zur USPD, mit der linken USP 1920 zur KPD. Seit 1922 Gemeinderat in Göppingen. Von 1924 bis 1928 Landtagsabgeordneter in Württemberg. Rehbach gehörte dem rechten Parteiflügel an und wurde deswegen 1928 nicht mehr zur Wahl aufgestellt. 1929 trat er aus der KPD aus. Er schloß sich 1931 der SAP an, für die er in Würt- temberg aktiv war. Im November 1932 kandidierte er auf der Reichsliste der SAP auf Platz 4, doch erhielt die SAP kein Reichstagsmandat. 1933 einige Zeit inhaftiert, starb Rehbach am 17. März 1934 in Göppingen, es ließ sich nicht ermitteln, ob in Freiheit oder in Haft. REHBEIN, Karl (1885-1956) Am 14. Oktober 1885 in Hanau geboren, lernte Goldschmied. 1902 Mitglied der Ge- werkschaft und 1905 der SPD. In Hanau gehörte er zum Kreis um Dr. med. Wagner. Dadurch kam er während des Krieges zum Spartakusbund, der in Hanau einen seiner Hauptstützpunkte hatte. Nach dem Weltkrieg wurde Rehbein Sekre- tär des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Hanau. Seit Gründung Mitglied der KPD, Delegierter des Vereinigungspartei- tages mit der USPD im Dezember 1920. Bei der KAG-Krise 1921 neigte der Kreis um Dr. Wagner Levi zu. Rehbein prote- stierte gegen den Ausschluß Levis, er blieb aber in der Partei. 1924 wurde Rehbein in den preußischen Landtag gewählt, obwohl er zum rechten Flügel der Partei zählte. 1928 erneut Landtagsabgeordneter. Nach der Wittorf-Affäre im Dezember 1928 als Rech- ter aus der Partei ausgeschlossen. Mitbe- gründer der KPO. Er trat jedoch im April 1929 zur SPD über, für die er auch sein Landtagsmandat weiterführte. Im DMV Hanau bestand seit 1919 eine KPD-Mehr- heit, durch Rehbeins Übertritt fiel diese Mehrheit an die SPD. Rehbein blieb, in Hanau sehr populär, Sekretär des DMV. 1932 für die SPD erneut in den Landtag gewählt. Rehbein/Remmele Im Mai 1933 legte er sein Landtagsmandat nieder. Von 1933 bis 1936 war Rehbein arbeitslos und mußte mit einer Unterstüt- zung von 13,50 Mark seine fünfköpfige Familie ernähren. 1936 verhaftet, war er bis 1940 im KZ Sachsenhausen. Nach dem 20. Juli 1944 erneut verhaftet, kam er ins KZ Dachau, aus dem er 1945 befreit wurde. Durch eine Proklamation der Alliierten Mi- litärregierung am 1. April 1945 zum Poli- zeidirektor von Hanau ernannt. Die Stadt- verordnetenversammlung wählte Rehbein, der sich 1945 wieder der SPD angeschlossen hatte, am 18. Juli 1946 zum Oberbürger- meister von Hanau. Beide Ämter behielt er bis zu seinem Tode am 3. März 1956. Die Totenfeier zu seinen Ehren war über- füllt, Rehbein wurde als »Vater der Stadt« gerühmt und die Vertreter aller Parteien (SPD, CDU, FDP, BHE und auch die KPD) fanden lobende Worte für den Ver- storbenen. REIMANN, August (1895-?) Am 11. April 1895 in Striegau geboren; lernte nach dem Besuch der Volks- und Realschule Steinmetz. Als Soldat im Weltkrieg an der Front. 1918 Mitglied der USPD, 1920 mit deren linkem Flügel zur KPD. Reimann übte zunächst in Niederschlesien verschiedene Funktionen aus. 1925-1930 hauptamtlicher Funktionär der KPD, Org- leiter des Bezirks Schlesien. Delegierter auf den Parteitagen 1927 und 1929. Bei den Auseinandersetzungen mit den Rechten in den Jahren 1928/29 vertrat er die Linie des ZK. Bis 1931 noch als Parteisekretär in Schlesien. Im Februar 1932 wurde Reimann aus der KPD ausgeschlossen, er trat zur SAP über. Weitere Daten seines Lebenslaufs ließen sich nicht ermitteln. REITLER, Anna (1894-1948) Als Tochter eines Arbeitters am 3. Juni 1894 in Liblar geboren, arbeitete Anna Schnitzler in ihrer Jugend als Dienstmäd- *55 chen und kam nach Köln, wo sie den Ar- beiter Reitler heiratete. Frau Reitler schloß sich 1918 der USPD an und kam mit der linken USP zur KPD, in der sie verschiedene ehrenamtliche Funk- tionen ausübte. Längere Zeit Frauenleiterin der BL Mittelrhein. Sie zeichnete zeitweise verantwortlich für die Kölner KPD-Zeitung »Sozialistische Republik«. 1923 Delegierte des VIII. Parteitages. Im Mai 1924 zog sie als kommunistische Abgeordnete in den Reichstag ein, wurde aber im Dezember des gleichen Jahres nicht wiedergewählt. Sie trat später politisch nicht mehr hervor. Frau Reitler starb am 23. Juni 1948 in Markkleeberg bei Leipzig, sie war auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr politisch tätig gewesen. REMMELE, Hermann (1880-1939) Am 5. November 1880 in Ziegelhausen bei Heidelberg geboren, entstammte einer Mül- lerfamilie, sein Vater war Besitzer einer Bauernmühle. Hermann Remmele stieß ebenso wie sein Bruder Adam (geb. 1877, später badischer Innenminister und Mini- sterpräsident) früh zur Arbeiterbewegung. Die Kindheit verlebte er in einem Bauern- dorf im Odenwald. Mit 14 Jahren kam er nach Ludwigshafen/Rhein in eine Lehre als Eisendreher. 1897 Mitglied der Metall- arbeitergewerkschaft. Nach der Gesellen- prüfung 1898 auf Wanderschaft. 1897 trat er der SPD bei. Remmele war einer der ersten, die 1901/03 in badischen Garnisonen illegal für die Sozialdemokratie warben. Er zählte zu den Mitbegründern der süddeutschen Arbeiterjugendbewegung. Die Sozialistische Jugend Offenbachs dele- gierte ihn 1907 zum Jugendkongreß, er wurde Sekretär der Konferenz. 1907/08 besuchte er die SPD-Parteischule in Berlin. Anschließend Parteifunktionär in Mann- heim. Mitarbeiter der »Leipziger Volks- zeitung«, ab 1910 Redakteur der Mann- heimer SPD-Zeitung »Volksstimme«. 2^6 Remmele Remmele stand auf dem linken Flügel der SPD, deren Mehrheit in Baden revisioni- stisch war. Am 12 August 1910 schrieb er in einem Brief an Kautsky, daß die linken Delegierten zum badischen Parteitag um Unterstützung durch einen guten Referen- ten, nicht Müller oder Ebert, sondern mög- lichst Molkenbuhr bäten. »Selbstverständ- lich verkriechen wir uns nicht angesichts der großen Übermacht ins Mauseloch«, meinte er. Von 1914 bis 1918 war Remmele als Soldat an der Front. Während eines Urlaubs 1916 sammelte er die Opposition der SPD in Mannheim. Delegierter auf dem Gründungs- parteitag der USPD 1917. Nach der Revo- lution 1918 zunächst Führer der USP in Mannheim, Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates. Er gehörte 1919 zu den Ini- tiatoren und Organisatoren der kurzlebigen Räterepublik in Mannheim. Im Frühjahr 1919 Übersiedlung nach Stuttgart, haupt- amtlicher Sekretär und Redakteur der USP in Württemberg. 1920 für die USPD in den Reichstag gewählt. Delegierter des Spal- tungsparteitags, Mitglied des Reichsaus- schusses, der Kontrollkommission und später des ZK der USPD. Mit dem linken Flügel der USP 1920 zur KPD. Auf dem Vereinigungsparteitag in die Zentrale der KPD gewählt. Seit dieser Zeit gehörte Remmele bis 1933 ununter- brochen der Zentrale bzw. dem ZK der KPD an. Als Zentralemitglied war er nach Berlin übersiedelt, wo er verschiedene Funktionen im Organisations-Apparat über- nahm. Er gehörte auch der 1923 gewählten Brand- ler-Zentrale an und beteiligte sich aktiv an der Vorbereitung des Oktober 1923. Als Kurier überbrachte er den Aufstandsbefehl nach Hamburg und war dort an den Kämp- fen beteiligt. Nach der Niederlage von der Polizei gesucht (Steckbrief: »1,68 m groß, blaugraue Augen, volles, fahles Gesicht«). Mit einem falschen Paß (Werner Luchholdt) hielt er sich in Deutschland auf, trennte sich von der Brandler-Führung und wurde ein Wortführer der Mittelgruppe, die nach der Moskauer Beratung vom Januar 1924 die Parteileitung innehatte. Remmele wurde bis April 1924 Vorsitzender der KPD. Auf dem IX. Parteitag 1924 blieb die Mit- telgruppe in der Minderheit, doch Remmele zog als Vertreter der Mittelgruppe auch in die neue, linke Zentrale. 1924 Mitglied des Polbüros; er gehörte diesem höchsten Partei- gremium bis 1932 an. Im Mai 1924 auch wieder in den Reichstag gewählt, dem er ohne Unterbrechung bis 1933 angehörte. Remmele und Thälmann wurden 1924 von Sinowjew als »das Beste und Kostbarste, was die deutsche Partei besitzt, ... das Gold der Arbeiterklasse« bezeichnet. Seit Herbst 1925 Mitglied des EKKI-Präsidiums. 1925 übernahm Remmele die Chefredaktion der »Roten Fahne«. Nach dem »Offenen Brief« vom September 1925 gegen die Ruth-Fi- scher-Führung stieg Remmeles Einfluß be- trächtlich, er spielte im Polbüro eine be- deutende Rolle in den Auseinandersetzun- gen mit den Linken. Von November 1925 bis Juni 1926 Polleiter des Bezirks Berlin- Brandenburg. Vom VI. Weltkongreß der Komintern 1928 erneut ins EKKI-Präsidium berufen, als Vertreter der KPD längere Zeit in Moskau. Als das ZK der KPD in der Wittorf-Affäre Thälmann seiner Funktionen enthob, schickte Stalin Remmele nach Deutschland, um den Beschluß sofort rück- gängig zu machen. In den folgenden Jahren spielte Remmele neben Thälmann und Neu- mann eine entscheidende Rolle in der deut- schen Partei, Mitglied des Politsekretariats. Auf dem XII. Parteitag der KPD 1929 wurde er ebenso wie Thälmann begeistert umjubelt, er hielt ein Referat über die Ver- teidigung der Sowjetunion. 1930 wurde Remmele zum Leiter des »Kampfbundes gegen den Faschismus« ernannt und in der KPD immer deutlicher neben Thälmann als Führer herausgestellt. Zu seinem 50. Ge- burtstag 1930 feierte ihn das ZK als »einen der besten der eisernen bolschewistischen Garde«. Er schrieb zahlreiche Broschüren und das zweibändige Buch »Die Sowjet- Remmele/Renner ^57 union«, das von der KPD in über 30 000 Exemplaren vertrieben wurde. Am 25. Mai 1931 wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu 2V4 Jahren Festung verur- teilt; die Strafe brauchte Remmele nicht anzutreten, da er Reichstagsabgeordneter war. Neben Thälmann und Neumann war Rem- mele einer der Hautpvertreter des von der Komintern bestimmten ultralinken Kurses der KPD. 1932 versuchte er zusammen mit Neumann und der Mehrheit des Politbüros, Thälmann abzusetzen und sowohl gegen Nationalsozialisten wie gegen die SPD einen schärferen Kurs zu steuern. Im Zu- sammenhang mit der Maßregelung der »Neumann-Gruppe« wurde auch er ver- warnt. Doch während Neumann abgesetzt wurde, behielt Remmele seinen Sitz im ZK und im Politbüro und blieb bis 1933 in Berlin. Im Oktober 1932 mußte er aus dem Sekretariat des ZK ausscheiden. 1933 emigrierte er nach Moskau. Nachdem sein Fraktionsbriefwechsel mit Neumann gefunden wurde (Neumann hatte ihm ge- raten »Liebknecht und nicht Haase zu sein«, es also zur Spaltung kommen zu lassen) war seine politische Laufbahn be- endet. Im Januar 1934 mußte Remmele Selbstkritik üben und auch seine Theorien über den Faschismus widerrufen. Auch seine »Behauptung, daß die deutsche Arbeiter- klasse (1933) die schwerste Niederlage seit 1914 erlitten habe« erklärte er nun als »falsch«. Remmele lebte bis 1937 verfemt in Moskau und wurde dann zusammen mit seiner Frau Anna verhaftet. Auch sein Sohn Helmut, leitender Funktionär der Kommu- nistischen Jugend-Internationale, 1932 we- gen Zugehörigkeit zur Neumann-Gruppe ins Don-Revier versetzt, wurde 1937 ver- haftet. Nach einer Version wurde Hermann Remmele sofort erschossen, nach einer ande- ren soll er in einer Irrenanstalt ums Leben gekommen sein; jedenfalls wurde er ein Opfer der Stalinschen Säuberung. Die SED gibt neuerdings 1939 als Remmeles Todes- jahr an. RENNER, Rudolf (1894-1940) Als Sohn eines Bierhändlers am 27. März 1894 in Beule, Kreis Schwelm, geboren; lernte Steindrucker. 1910 Eintritt in die Gewerkschaft und die Sozialistische Jugend. Bei Kriegsausbruch zur Infanterie eingezo- gen, später Flugzeugbeobachter an der Front. 1916 schloß er sich der Spartakus- gruppe an. Kurz vor Kriegsende wegen illegaler politischer Betätigung festgenom- men. Von der Revolution befreit, in den Soldatenrat gewählt. Anfang 1919 zog Renner nach Elberfeld und schloß sich dort der KPD an. Als ge- schickter Redner, der sich eine gute All- gemeinbildung angeeignet hatte, wurde er von der Parteiführung schon 1919 als Sekre- tär eingesetzt, zunächst in einigen Städten des Rheinlands. 1920 schickte man ihn nach Sachsen. Volontär bei der Chemnitzer KP- Zeitung »Kämpfer», übernahm dann in Dresden das »Volksblatt« (ein Kopfblatt des »Kämpfer«). Als jüngster Abgeordne- ter zog er 1921 in den sächsischen Landtag ein, dem er ununterbrochen bis 1933 an- gehörte. Renner war bald einer der führenden Köpfe in Ostsachsen. Delegierter des Leipziger Parteitags 1923. Im gleichen Jahr absol- vierte er einen Halbjahreslehrgang an der Lenin-Schule in Moskau. Anfangs Anhänger der Brandler-Führung, paktierte er in der Ruth-Fischer-Ära mit den Linken. Während der Illegalität der KPD Anfang 1924 kurze Zeit inhaftiert. Nach dem »Offenen Brief» 1925 Anhänger des Thälmann-ZK. 1925 wurde in Dresden eine eigene Zeitung für Ostsachsen, die »Arbeiterstimme«, herausgegeben, deren Chefredakteur Renner von 1925 bis 1928 war. Der XII. Parteitag 1929 wählte ihn zum Mitglied des ZK. Von 1928 bis 1933 Vorsitzender der kom- munistischen sächsischen Landtagsfraktion, als schlagfertiger Parlamentarier bekannt. Als der NSDAP-Abgeordnete Studentow- ski Renner einmal beschimpfte: »Du mit dei- ner Glatze!«, antwortete ihm Renner 2 5 8 Renner/Richthofer prompt: »Wenn ich so viel Mist im Kopf hätte wie Du, würden mir wahrscheinlich auch Haare wachsen!« Anfang 1929 kam Renner als Kommissar des ZK nach Leipzig, er löste den »Ver- söhnler« Schumann als Polleiter ab. Im Februar 1929 übergab er diesen Posten Win- terich und kam nach Berlin, um den Presse- dienst der KPD zu übernehmen. Nach der Zusammenlegung der sächsischen Bezirke 1929 wurde er Chefredakteur der »Sächsi- schen Arbeiterzeitung« in Leipzig. 1932 be- rief ihn das ZK wieder in die Redaktion der »Roten Fahne« nach Berlin. Ende 1932 erneute Rückkehr nach Leipzig. Am 11. April 1933 wurde Renner in Leip- zig verhaftet und schwer mißhandelt. Zu- nächst wegen Tragens eines falschen Passes zu drei Monaten Gefängnis, im April 1934 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Ab- lauf der Strafe kam er aus dem Zuchthaus Waldheim in die KZs Sachsenburg, Oranien- burg und zuletzt nach Buchenwald, wo er am 30. Juli 1940 starb. Renners Sohn Axel ist SED-Mitglied und Hauptmann der »Nationalen Volksarmee«. REPSCHLÄGER, Wilhelm (1870-1945) Am 17. März in Strasburg (Uckermark) geboren, lernte von 1884 bis 1887 das Zim- mererhandwerk. Er bereiste Deutschland und ließ sich 1893 in Berlin nieder. 1894 Mit- glied der Gewerkschaft und 1897 der SPD. Repschläger war aktiv im Zimmererverband tätig und übte lange Jahre ehrenamtliche Funktionen aus. 1917 trat er der USPD bei und kam mit deren linkem Flügel 1920 zur KPD. 1921 Vorsitzender des Zentralver- bandes der Zimmerer Berlins und Umge- bung und zugleich hauptamtlicher Sekretär dieser Gewerkschaft. 1925 in die Berliner Stadtverordneten-Ver- sammlung berufen; er zog 1928 für die KPD in den Reichstag ein, wurde aber 1930 nicht wiedergewählt. Seit 1929 leitete er den kom- munistischen Zimmererverband der RGO. Im November 1930 vor Gericht gestellt, da einige Artikel in einer KPD-Zeitung, für die er verantwortlich zeichnete, als »hoch- verräterisch« angesehen wurden. Dabei stellte sich heraus, daß er nur »Sitzredak- teur« war, und von Redaktionsarbeit nichts verstand. Er wurde freigesprochen. Später trat er politisch nicht mehr hervor. Rep- schläger starb 1945 in Berlin. RICHTHOFER, Otto (Pseudonym von: Rudolf Möller-Dostali) (1892-1961) Geboren am 1. April 1892 in Wiesbaden- Biebrich, erlernte das Malerhandwerk und übte seinen Beruf einige Zeit auf einer Schiffswerft aus. 1911 Mitglied der SPD. Er betätigte sich journalistisch und wurde Mitarbeiter mehrerer sozialdemokratischer Blätter. 1913 wanderte Rudolf Möller nach Brasi- lien aus und trat in die Dienste eines inter- nationalen Pressebüros in Sao Paulo. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zu- rück und trat 1920 der KPD bei, für die er einige Zeit die Bielefelder »Arbeiter- zeitung« redigierte. Von August 1925 bis Oktober 1926 Sekre- tär der KPD im Unterbezirk Bielefeld, dann als Polleiter für den Bezirk Nieder- sachsen in Hannover. In der KPD arbeitete er unter dem Namen Richthofer und war wegen seiner undurchsichtigen Vergangen- heit sehr umstritten. Die Opposition griff ihn vor allem deshalb an, weil er in Nie- dersachsen anfangs die Linie des ZK gegen die Linke und dann gegen die Versöhnler (Miller usw.) verteidigte. Richthofer blieb bis 1930 Polleiter in Nie- dersachsen, dann kam er als Sekretär ins Westeuropäische Büro der Komintern. 1931 lief ein Parteiverfahren gegen ihn, er be- schwerte sich 1932 beim ZK über den lang- samen Verlauf. Nach einer kurzen Tätigkeit in der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin 1932 Mitglied der Presseabteilung des ZK. Von 1933 bis Juli 1934 war Richthofer Lei- Richthofer/Ries ter der illegalen »Roten Hilfe« in Berlin- Brandenburg. Flucht nach Prag; kurze Zeit Leiter der Prager Emigrantengruppe. Im Dezember 1934 trat er aus der KPD aus. Möller-Dostali wurde leitender Redakteur der Zeitschrift »Abendland«. Er floh 1938 nach England, wo er 1942 der SPD beit