Das Bild zeigt das Frontcover des Sammelbandes. In der Mitte wird der Herausgeber, der Buchtitel und der Verlag genannt. Über die ganze Fläche zieht sich ein Foto, auf dem eine Menschenmenge zu sehen ist, die zwei sowjetische Panzer umringen. Auf einem Panzer steht ein Offizier, der offenbar mit den Menschen diskutiert

Sammelband

Der 17. Juni 1953

Ulrich Mählert (Herausgeber)

Der Sammelband erschien 2003 aus Anlass des 50. Jahrestags des DDR-Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Seine Beiträge beschreiben den Juni-Aufstand vom 1953 in seinen lokalen und regionalen Ausprägungen. Die Autorinnen und Autoren richten ihren Blick von Berlin und Potsdam über Görlitz, Leipzig, Jena, das Industriegebiet Halle-Bitterfeld bis an die Küste, nach Rostock. Dabei werden historische Wurzeln und regionale Besonderheiten als Bedingungsfaktoren des Aufstandes sichtbar. Während in den… Der Sammelband erschien 2003 aus Anlass des 50. Jahrestags des DDR-Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Seine Beiträge beschreiben den Juni-Aufstand vom 1953 in seinen lokalen und regionalen Ausprägungen. Die Autorinnen und Autoren richten ihren Blick von Berlin und Potsdam über Görlitz, Leipzig, Jena, das Industriegebiet Halle-Bitterfeld bis an die Küste, nach Rostock. Dabei werden historische Wurzeln und regionale Besonderheiten als Bedingungsfaktoren des Aufstandes sichtbar. Während in den meisten industriellen Zentren die Aufständischen ihren Triumph bereits vor Augen wähnten, gelang es der SED im Verein mit den Sowjets, in Potsdam und Rostock den Aufstand schon in seinen Anfängen zu ersticken. Biographische Skizzen lokaler Akteure des Aufstandes ergänzen die sowohl ereignis- wie sozialgeschichtliche Perspektive. Vielen Dank an den Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH für die Unterstützung der Nachveröffentlichung als E-Book.

Dokumentation

Der Deutsche Kommunismus. Dokumente 1915-1945

Hermann Weber (Herausgeber)

Die vorliegende Dokumentation erschien erstmals 1963. Der Mannheimer Historiker Hermann Weber weist in seiner Einführung zu dieser Dokumentation darauf hin, dass es damals weder in der Bundesrepublik noch in der DDR eine nennenswerte Literatur über die Geschichte des deutschen Kommunismus gegeben habe. Erst in den darauffolgenden Jahren habe die historische Entwicklung des Kommunismus in Deutschland in stärkerem Maße das Interesse der Geschichtswissenschaft - sowohl in der DDR als auch in der… Der deutsche Kommunismus Dokumente 1915-1945 Herausgegeben und kommentiert von Hermann Weber Studien-Bibliothek Kiepenheuer & Witsch Dritte Auflage 1973 © 1963 by Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln Gesamtherstellung Proff & Co KG Bad Honnef und Butzon & Bercker Kevelaer Printed in Germany 1973 ISBN Broschur 3 462 00952 4 INHALT VORWORT ...........................................................................................................................................................................  II DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK EINLEITUNG...................................................................................................................................................................... 1$ A.PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES                         UND DER KPD ..                                          29 Leitsätze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie (1916)                                                                                                              *9 Programm des Spartakusbundes (1918).................................................. 34 Aus dem Programm-Entwurf der KPD (1922)....................................... 43 Das Programm der Kommunistischen Internationale (1928) ..      ..       46 Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes (1930)............................................................................. 58 B.DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK .................................................................................................................  67 Aufruf der Spartakusgruppe vom Oktober 1918.................................... 67 Aufruf der Spartakusgruppe vom 8. November 1918........................... 68 Rosa Luxemburg über die Nationalversammlung.................................. 70 Aufruf Liebknechts zum Sturz der Regierung (1919)........................... 71 Aufruf der KPD Münchens vom 13. April 1919...................................... 72 Leitsätze des II. Parteitages über kommunistische Grundsätze und Taktik (1919)................................................................................................ 73 Aufruf gegen das Betriebsrätegesetz (1920)............................................. 76 Die KPD zum Kapp-Putsch (1920)       ............................................ 77 »Verfügung« der Roten Ruhrarmee .........................................................  78 Rundschreiben zur Märzaktion (1921)...................................................... 79 Militärische Lehren der Oktoberkämpfe in Hamburg (1923) ..                81 Anweisungen für den Bürgerkrieg (1923)                                         83 Das Aktionsprogramm der KPD (1924)                                            86 Aufruf der Kommunistischen Partei zur Wahl (1924)............................. 88 Bildet den Roten Frontkämpfer-Bund! (1924)......................................... 93 Der Volksentscheid für die Enteignung der Fürsten (1926) ..         ..       95 Aus dem Manifest des XL Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (1927)..................................................................................... 99 Aus dem Aufruf der KPD zur Reichstagswahl (1928).......................... 101 6 INHALT Manifest des XII. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutsch- lands (1929) ................................................................................................. 102 Zur Taktik des Straßenkampfes im bewaffneten Aufstand (1931) 105 Beschluß zu den Präsidentschaftswahlen (1932)................................. 106 Aufruf der KPD zur Reichstagswahl (1932)......................................... 108 »Die KPD im Angriff« (1932)       ..................................................... 110 C. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION................................................................................................................... IIJ Der Sieg der Bolschewiki ......................................................................  115 Die Russische Tragödie........................................................................... 116 Die Russische Revolution ...................................................................... 118 Aufruf der KPD zur Unterstützung der Roten Armee (1920) ..             121 Die KPD zu Rapallo ............................................................................... 124 Aus dem Manifest an Sowjetrußland des VIII. KPD-Parteitages (1923)        ............................................................................................... 126 Aufruf der KPD für die Sowjetunion (1927)         ............................ 129 Mobilmachung gegen Mobilmachung (1929)...................................... 130 Militärische Verteidigung der Sowjetunion (1930)       ................... 131 Gruß des ZK der KPD zum 14. Jahrestag der Roten Armee (1932) 135 D. DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK............................................................................................... 137 Der Hauptfeind steht im eigenen Land (1915)...................................... 137 Aufruf der KPD während des Kapp-Putsches (1920).......................... 138 Aufruf der KPD (1923)............................................................................ 140 Radeks Schlageter-Rede (1923)    ..................................................... 142 Thälmann Präsidentschaftskandidat der KPD (1925).......................... 148 Aus der Resolution des Polbüros der KPD über den Faschismus (1930)        ........................................ ..................................................... HO Über den »Roten Volksentscheid« (1931)............................................ 152 Offener Brief der KPD an die »Werktätigen Wähler der NSDAP und die Mitglieder der Sturmabteilungen« (1931)................................... 155 »Der Faschistische Kurs der Brüning-Regierung«............................... 157 Faschismus und Demokratie in den Thesen der KPD (1931/1932) 158 E.DIE KPD, DIE SOZIALDEMOKRATIE UND DIE GEWERK- SCHAFTEN ....................................................................................................................................................... l6l Spartakus-Flugblatt (1916)...................................................................... 161 Leitsätze über die Gewerkschaftsfrage (1919)                                        163 Angebot zur Aktionseinheit (1921)                                                         168 Leitsätze zur Taktik der Einheitsfront und der Arbeiterregierung (1923) ........................................................................................................... 170 INHALT 7 Resolution zur Arbeit der Kommunisten in den freien Gewerk- schaften (1925)........................................................................................... 174 Aus der Resolution des XII. Parteitages der KPD (1929) .,             .. 178 Stalins These vom Sozialfaschismus .....................................................  180 Thesen der KPD über den Sozialfaschismus......................................... 182 Erklärung des ZK der KPD zu den Betriebsrätewahlen 1930 ..             186 8, Linke Fehler und Übertreibungen in der Frage des Sozialfaschismus 188 Die KPD spaltet die Gewerkschaften..................................................... 190 RGO-Propaganda (1931)       ............................................................ 192 Die Antifaschistische Aktion im Anmarsch.......................................... 194 F. DIE KPD UND DIE KOMINTERN................................................................................................................ 197 Die Gründung der III. Internationale (1919)                                           197 Spartakus und die Dritte Internationale................................................. 198 Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommu- nistische Internationale.............................................................................. 202 Stellungnahmen zur Kominternführung auf dem V. Parteitag der KPD (1920) ......................................................................................... 207 Anleitung der KPD durch die Komintern................................................. 210 Rundschreiben Nr. 830 der Komintern (1921)....................................... 212 Rundschreiben Nr. 1022 der Komintern (1923).................................... 213 Stalin: Über die Perspektiven der KPD und über die Bolsche- wisierung (1925)                                                                                    214 Brief der Exekutive der Kommunistischen Internationale an alle Organisationen und die Mitglieder der KPD........................................... 218 Beschluß des Polbüros der KPD zum offenen Brief des EKKI über die rechte Gefahr in der KPD (1928)............................................... 242 Kampf gegen alle Abweichungen........................................................... 245 G.DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD ....................................................................................  247 Die Organisationsfrage auf dem Gründungsparteitag           der KPD    247 Satzung der Kommunistischen Partei Deutschlands (1919)   .   .   . .    248 Zentralisierung der KPD-Organisation (1920).............................. 251 Organisierung der Revolution (1924)............................................ 252 Statut der Kommunistischen Partei Deutschlands (1925)       .   .   . .    254 Aufgaben der Betriebszellen........................................................... 259 Die KPD - D:' einzige Arbeiterpartei............................................. 260 Der neue Kurs der KPD (1925)...................................................... 261 Die Wittorf-Affäre (1928)............................................................... 264 »Das Ende eines Verbrechers« ............................................................... 266 Entschließung des Pol-Büros der KPD über die Paul-Merker- Gruppe (1930)                                                                                             267 8 INHALT »Schärfster Kampf gegen die Überreste des Luxemburgismus« . . 269 H.DIE KOMMUNISTISCHEN OPPOSITIONSGRUPPEN ..                                                             ..           273 Erster Aufruf der KAPD (1920)............................................................... 273 Paul Levi über die Märzaktion (1921)..................................................... 274 Resolution der I. Reichskonferenz der Kommunistischen Arbeits- gemeinschaft (1921)................................................................................... 277 Plattform der Weddinger Opposition (1926).......................................... 278 Die Streitfrage in der Komintern (1927)................................................. 280 Erklärung der »linken Opposition« auf dem XI. KPD-Parteitag in Essen (.1927)                                                                                          282 Der Kampf um die Kommunistische Partei............................................ 285 Offener Brief der KAPD über die »Sowjetgranaten« an das Zen- tralkomitee der KPD (1927)                                                                       289 Erklärung von Arthur Ewert und Ernst Meyer zur innerpartei- lichen Lage ................................................................................................. 294 Plattform der KPD-O (1930)                                                                    297 Trotzki gegen die KPD-Linie .................................................................. 302 Prinzipienerklärung der SAP (1932)................................. ..            .. 307 Aufruf der kommunistischen Oppositionsgruppen ...............................  312 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION EINLEITUNG.................................................................................................................................................................. 317 A. PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD................................................................................... 323 Der neue Weg zum gemeinsamen Kampf aller Werktätigen für den Sturz der Hitlerdiktatur ...................................................................... 323 Resolution der »Berner« Konferenz der KPD (1939) ..                    .. 331 B.DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK............................................................................................................... 339 Aufruf der KPD vom 30. Januar 1933 zum Generalstreik ..         .. 339 Erklärung des ZK der KPD zum Reichstagsbrand............................... 340 Entschließung des ZK der KPD »zur Lage und den nächsten Auf- gaben« (Mai 1933)....................................................................................... 342 Resolution des ZK der KPD vom 30. Januar 1935.............................. 348 Resolution des ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Lage (Mai 1938)......................................................................................... 350 Die KPD zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges.............................. 352 Um was geht es in diesem Krieg?.......................................................... 356 INHALT 9 C. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION............................................................................................................. 359 Resolution des ZK der KPD zu den »konterrevolutionären trotz- kistisch-sinowjewistischen Verbrechen gegen die Arbeiterklasse« (!93^)                                                                                                             359 Erklärung des ZK der KPD zum Abschluß des Nichtangriffs- paktes zwischen der Sowjetunion und Deutschland................................ 361 Walter Ulbricht zum Stalin-Hitler-Pakt.................................................. 364 Appell des ZK der KPD (6. Oktober 1941)............................................ 368 in. Die Auflösung der Komintern....................................................................... 369 D.DIE KPD UND DIE EINHEITSFRONT .......................................................................................................... 373 Einheitsfrontangebot der KPD (14. März 1933).................................... 373 RGO-Politik (1933)       .................................................................... 375 »Brüsseler« Konferenz für Einheitsgewerkschaften ...........................  377 »Unser Verhältnis zur Sozialdemokratie und zu den Sozialdemo- kratischen Massen«............................................................................. 377 Die KPD und der Kirchenkampf.................................................... 379 Aufruf für die deutsche Volksfront für Frieden, Freiheit und Brot (1937)                                                                                                            382 Vorschlag zur Einigung der deutschen Opposition (1938)      . .     .  . 384 KPD-Angriffe gegen die SPD (1940)............................................. 387 Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland (1943)      ..     ..    388 E. DIE KOMMUNISTISCHE OPPOSITION ..................................................................................................... 393 Aufforderung an die KPD: Eine Front gegen Hitler.................... 393 Offener Brief der KPD (O).............................................................. 395 Die Taktik der KPD und der Internationalen Kommunisten Deutschlands (Trotzkisten) im Kampf gegen das Hitler-Regime (1935)       ......................................................................................... •• 397 Das Programm der Übergangsforderungen in den faschistischen Ländern (1939)                                                                                             400 Aus den Briefen Münzenbergs ............................................................... 403 F.DER ILLEGALE KAMPF DER KPD ............................................................................................................ 405 Der Aufbau der illegalen KPD (1935)                                                    405 Lagebericht der GESTAPO über die KPD (1937)................................ 408 Die Taktik des Trojanischen Pferdes...................................................... 410 Illegales Flugblatt der Neubauer-Poser-Gruppe.................................... 412 »Kadermaterial« der Saefkow-Jakob-Bästlein-Gruppe         ..        ..    414 Illegales Material der Schumann-Engert-Kresse-Gruppe      ..       ..    418 INHALT ANHANG DIE PARTEITAGE.............................................................................................................................................................. 425 DIE PARTEIFÜHRUNGEN............................................................................................................................................... 433 BIBLIOGRAPHIE................................................................................................................................................................ 437 REGISTER ...........................................................................................................................................................................  447 VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN ....................................................................................................................... 461 VORWORT Die vorliegende Dokumentation erschien erstmals vor zehn Jahren. Damals gab es weder in der Bundesrepublik noch in der DDR eine nennenswerte Literatur über die Geschichte des deutschen Kommunismus. Erst im letzten Jahrzehnt hat die historische Entwicklung des Kommunismus in Deutschland in stärkerem Maße das Interesse der Geschichtswissenschaft - sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik — gefunden, und daher hat auch die Literatur über die KPD erst in jüngster Zeit erheblich zugenommen. Zahlreiche Veröffentlichungen machen inzwischen mit Politik, Organi- sation und Zielsetzung der KPD bekannt, auch viele Dokumente wurden erneut veröffentlicht. Die vorliegende Dokumentation enthält jedoch wichtige Erklärungen des deutschen Kommunismus zwischen 1918 und 1945, die sonst weiterhin nur schwer zugänglich sind (z. B. die »Schlageter-Rede« von Karl Radek, die Satzung der KPD von 1919, der umfangreiche »Offene Brief« der Komintern gegen die linke KPD-Führung 1925; aber auch zahl- reiche kleinere Dokumente). Da auch die Taschenbuchausgabe dieser Doku- mentation (Völker hört die Signale) bereits seit längerer Zeit vergriffen ist, scheint eine Neuauflage durchaus nützlich und gerechtfertigt. Sie wird hier vorgelegt, allerdings ohne den dritten Teil der Ausgabe von 1963, die Dokumente des deutschen Kommunismus nach 1945. Da über die SED inzwischen Dokumentenbände vorliegen, konnte dieser Abschnitt aus Platz- gründen wegbleiben. Eine Dokumentenauswahl ist kein Ersatz für eine Geschichtsdarstellung. Die kurzen Einleitungen und die Anmerkungen erheben nicht den Anspruch, die Geschichte des deutschen Kommunismus zu erklären, sie sollen lediglich die Benutzung der Dokumente erleichtern. Wie erwähnt liegen inzwischen über die Geschichte der KPD Monographien vor, so daß die meisten Perioden der KPD-Entwicklung untersucht sind. Die Titel sind im Anhang in der Bibliographie - die auf den neuesten Stand ergänzt wurde - abgedruckt. Ein detaillierter Überblick über die neuere Literatur zur Geschichte der KPD ist auch in der Einleitung zur Neuauflage von Ossip K. Flechtheim Die KPD in der Weimarer Republik (Frankfurt 1969) zu finden. Die hier veröffent- lichten Dokumente können als Ergänzung der inzwischen erschienenen Darstellungen dienen. Der vorliegende Band enthält nur offizielle Dokumente der deutschen kommunistischen Bewegung. Aufgenommen wurden Erklärungen und Be- schlüsse der Führungsgremien, Artikel oder Reden von Parteiführern, be- deutsame Artikel aus kommunistischen Zeitungen oder Zeitschriften und wichtige Erklärungen von kommunistischen Oppositionsgruppen. 12 VORWORT In eine Dokumentation zur Geschichte der KPD gehören eigentlich nicht nur offizielle Deklarationen, sondern auch Materialien aus dem internen Schriftverkehr, etwa Akten über die Beziehungen zur Kommunistischen Internationale. Die Beschaffung solcher Unterlagen war nur in Ausnahme- fällen möglich. Der größte Teil dieser Dokumente liegt noch in den Geheim- archiven. Fast alle öffentlichen Erklärungen der KPD waren ungewöhnlich weit- schweifig. Die Auswahl war deshalb besonders schwierig. Bei einer ungekürzten Wiedergabe aller Texte hätten nur wenige Dokumente in den Band auf- genommen werden können. Sollte die Auswahl einen genügend großen Überblick über alle Seiten der kommunistischen Politik gewähren, erwiesen sich bei manchen Dokumenten Kürzungen als unumgänglich. Selbstverständ- lich wurden sinnentstellende Kürzungen vermieden und alle Auslassungen durch drei Punkte gekennzeichnet. Die Auswahl ist chronologisch in zwei Teile gegliedert: i. Spartakusbund und KPD 1915-1932; 2. Die KPD von 1933-1945. Um die Übersicht zu erleichtern, wurden die Hauptteile in sich gegliedert. Die programmatischen Erklärungen bilden jeweils den ersten Abschnitt; es folgen die taktischen Direktiven der Partei. Dokumente, die die jeweilige Haltung gegenüber der Sowjetunion kennzeichnen, sind im dritten Abschnitt zusammengestellt. Äußerungen zur nationalen Frage, zum Staat und zur Demokratie im vierten Abschnitt. Den fünften Abschnitt bilden Stellungnahmen zu den Gewerk- schaften und der SPD. Die letzten Abschnitte beleuchten die innerparteiliche Situation und den Standort der Opposition. Im ersten Hauptteil spielt ferner die Verbindung zur Komintern eine Rolle, im zweiten Teil der illegale Kampf der KPD. Alle Dokumente sind unverändert wiedergegeben, soweit möglich in der frühesten Fassung. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Da der vorliegende Band ein Faksimiledruck der Ausgabe von 1963 ist, konnten inzwischen zugängliche Quellen nicht berücksichtigt werden (so ist - vgl. S. 247 f. - die Rede Eberleins nicht aus dem inzwischen veröffentlichten Protokoll des KPD-Gründungsparteitages entnommen). Auch die Anmer- kungen konnten nur in Ausnahmefällen auf den neuesten wissenschaftlichen Stand gebracht werden. Mannheim, im März 1973 Hermann Weber DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK EINLEITUNG ENTSTEHUNG UND NIEDERGANG DER KPD Die Kommunistische Partei Deutschlands erwuchs in den Jahren des Ersten Weltkrieges aus einer Sammlung politischer Kräfte, die schon lange vor dem Kriege - damals noch als Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei - gegen eine Umwandlung des Sozialismus in eine gemäßigte Reformbewegung ge- kämpft hatten. Der Weltkrieg brachte außer der geistigen Trennung auch den organisatorischen Bruch der radikalen Kräfte mit der Sozialdemokratie. Die Linken wandten sich als Internationalisten gegen die Vaterlandsverteidigung und den »Burgfrieden« mit der eigenen Regierung. Sofort nach Kriegsausbruch und besonders nachdem Karl Liebknecht am 2. Dezember 1914 im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite gestimmt hatte, organisierte sich der Großteil der Linken in entschiedener Antikriegs- haltung als eigene Richtung. Sie nannte sich »Gruppe Internationale«, wurde aber nach ihrem illegal erscheinenden Organ bald als »Spartakusgruppe« bezeichnet. Obwohl ihre wichtigsten Führer Karl Liebknecht, Rosa Luxem- burg und Leo Jogiches während des Krieges längere Zeit inhaftiert waren, trat die Gruppe recht aktiv auf. Die Spartakisten standen unter der geistigen Führung Rosa Luxemburgs. Sie gehörte ebenso wie Lenin zum linken Flügel des internationalen Sozialis- mus, unterschied sich aber in einigen Theorien von den Bolschewiki. Im Jahre 1917, als kriegsgegnerische Sozialisten die »Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands« (USPD) gründeten, schloß sich die Spartakusgruppe dieser Partei an. Als sich gegen Ende des Krieges und in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Waffenstillstand überall revolutionäre Gärung und der Wille zu einem radikalen Neubeginn zeigten, glaubten viele marxistisch-sozialistische Revolutionäre, ihre Stunde sei gekommen. Erst recht meinten es ihre Gegner, die sich gegen den »Spartakus-Aufstand« rüsteten. Doch die führenden Köpfe der Linken sahen die Lage um vieles nüchterner. Sie waren sich der Unreife der revolutionären Bewegung und der organisatorischen Schwäche zu sehr bewußt, als daß sie sich dem Gedanken eines raschen Griffes nach der Staats- macht hätten hingeben können. Sie waren zwar davon überzeugt, daß die Revolution bereits begonnen hatte - und in diesem Sinne ist auch Karl Liebknechts deklaratorische Ausrufung der »sozialistischen Republik« (1918) zu verstehen -, doch die Revolution war für sie ein langwieriger, komplizier- l6                                  DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK ter und schmerzhafter Reifeprozeß - ein »Golgathaweg«, wie Rosa Luxem- burg schrieb. Vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 tagten 127 Delegierte des Spartakusbundes und der Internationalen Kommunisten Deutschlands aus 56 Orten in Berlin und gründeten die Kommunistische Partei Deutsch- lands. Rosa Luxemburg hielt das Hauptreferat, sie erläuterte das von ihr verfaßte Programm (das sogenannte Spartakusprogramm), das sich in wesent- lichen Punkten von den bolschewistischen Konzeptionen unterschied (Dok. 2). Auf dem Parteitag kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über taktische Fragen, vor allem über die Beteiligung der KPD an den Wahlen zur Nationalversammlung. Obwohl die neugegründete Partei in sich noch recht widersprüchlich war, gab sie sich unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ein radikal-marxistisches Programm, sie forderte die Sozialisierung der Wirt- schaft und die Übernahme der Macht durch Arbeiter- und Soldatenräte. In der deutschen Revolution sah die KPD nur einen Schritt zur Weltrevolution. Kurz nach dem Gründungsparteitag kam es in Berlin (gegen den Willen der KPD-Führung) zum sogenannten Spartakusaufstand, die Partei wurde illegal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts (15. Januar 1919) und einige Zeit danach Leo Jogiches, beraubte die KPD ihrer bedeu- tendsten Führer. Die relativ kleine KPD, die in den revolutionären Auseinandersetzungen 1919 eine wichtige Rolle spielte und kurze Zeit lokale Räterepubliken (Mün- chen, Bremen) leitete, vermochte ihre innere Parteistruktur nur schrittweise zu festig’en. Eine Massenpartei wurde die KPD Ende 1920, als sich der linke Flügel der USPD mit 300 000 Mitgliedern mit der (80 000 Mitglieder zäh- lenden) KPD verschmolz. Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutsch- lands bekannte sich zur Kommunistischen Internationale, erstrebte die Dik- tatur des Proletariats und das Rätesystem und wollte ihre Organisation nach den Prinzipien des demokratischen Zentralismus aufbauen. Das deutsche Krisenjahr 1923 wurde auch zu einem Einschnitt in der Geschichte der KPD. Die Partei bereitete sich auf den revolutionären Umsturz vor. Im Oktober 1923 glaubte die KPD-Führung unter Brandler jedoch, der Aufstand sei nicht möglich und sagte die Aktionen ab. Nur in Hamburg kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Der isolierte Aufstand wurde aber rasch niedergeschlagen. Damit war die letzte größere militärische Aktion der KPD in Deutschland zusammengebrochen; der Partei war es nicht ge- lungen, auf revolutionärem Wege an die Macht zu kommen. Innerhalb der KPD kam es zu erbitterten Debatten über die Schuldfrage am Mißlingen der Revolution. Auch die innerparteilichen Differenzen in Rußland griffen auf die KPD über. Die Brandler-Zentrale wurde abgelöst, nach dem Zwischenspiel einer sogenannten Mittelgruppen-Führung übernahm EINLEITUNG 17 der linke Parteiflügel (Ruth Fischer, Maslow, Scholem, Thälmann) die Leitung der Partei. Die neuen Führer schlugen einen radikaleren Kurs ein und wechselten den Funktionärsapparat fast vollständig aus. Unter der Losung der »Bolschewisierung« der Partei wurde ein ideologischer Kampf gegen den »Luxemburgismus«, die Theorie Rosa Luxemburgs, und damit gegen die eigene Tradition der KPD geführt. Die KPD schloß sich auch sofort Stalins »Kampf gegen den Trotzkismus« an. Zunächst glaubte die linke Parteiführung noch, daß sich Deutschland 1924 in einer akuten »revolutionären Situation« befände und ein gewaltsamer Aufstand möglich sei. Der Wahlerfolg im Mai 1924 (die KPD erhielt 3,7 Millionen Stimmen) schien ihr recht zu geben. Doch bald zeigte sich, daß die Verhältnisse in Deutschland sich stabilisierten und die KPD mit ihrer linksradikalen Politik in die Isolierung geriet. Mitgliederzahl und Einfluß der Partei gingen zurück. Die Ruth-Fischer-Führung kam überdies in zu- nehmenden Konflikt mit der Komintern-Spitze. Durch einen offenen Brief der Komintern wurde die KPD-Leitung im September 1925 als ultralinks angegriffen und abgesetzt. Nach monatelangen inneren Auseinandersetzungen wurden die Anhänger der linken und ultralinken Gruppen aus der Partei entfernt. Eine neue Führung aus kominterntreuen Linken (Thälmann, Dengel) und einer »Mittelgruppe« unter Ernst Meyer konsolidierte die Partei 1926/27. Durch eine gemäßigte Politik nach außen konnte die KPD wieder Autorität gewinnen. Doch schon 1928 kam es zu neuen Spannungen. Die Komintern diktierte wieder einen ultralinken Kurs, der bis 1934 andauerte. Ende 1928 und Anfang 1929 wurden die »rechten« Kommunisten unter Brandler, Thal- heimer, Frölich und Walcher aus der KPD ausgeschlossen, die sogenannten »Versöhnler« unter Ernst Meyer verloren ihre Positionen. Die Partei wurde von Ernst Thälmann, Hermann Remmele und Heinz Neumann geführt. Die Weltwirtschaftskrise radikalisierte die Arbeiterschaft und stärkte den Einfluß der KPD. Die Anhänger und Mitglieder der KPD nahmen nach 1929 erheblich zu, freilich nicht so rasch wie die NSDAP. Die stalinistische Führung der KPD glaubte an eine »revolutionäre Situation«, sie sah - trotz der heraufziehenden Gefahr des Nationalsozialismus - in der SPD ihren Hauptfeind. Nach Weisung der Komintern entwickelte die Partei eine Theorie, nach der es zwischen NSDAP und SPD (»Sozialfaschisten«), zwi- schen Weimarer Republik und Faschismus keinen prinzipiellen Unterschied gebe. Deshalb sei »zuerst« die SPD und die Republik zu überwinden. Ob- wohl sich viele Funktionäre gegen eine solche Politik stemmten, die Masse der Mitglieder und Anhänger eine antifaschistische Einheitsfront erstrebte und im Kampf gegen die Nationalsozialisten ihren Mann stand, ließ sich die stalintreue Parteiführung nicht von ihrer verhängnisvollen Generallinie abbringen. Diese Politik führte schließlich zum Untergang der KPD. Die Partei stand in der Weimarer Republik in einem aufreibenden Kampf l8                                       DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gegen die Staatsgewalt, gegen die Sozialdemokratie und schließlich gegen die NSDAP. Die KPD wollte mit aller Kraft die Revolution in Deutschland vorbereiten, zugleich aber wurde sie mehr und mehr ein Instrument der Politik Stalins. Das Mißliche einer solchen Doppelrolle war allenthalben zu spüren. Nicht zuletzt deshalb kam es zu äußerst heftigen Richtungs- kämpfen in der Partei (oftmals waren sie auch nur Ausläufer der russischen Fraktionskämpfe), und der innere Zwist brachte die KPD mehr als ein- mal an den Rand des Abgrunds. Jede Absplitterung war für die KPD ein Aderlaß. Sie hatte einen beispiellosen Verlust an alten Funktionären zu registrieren. Als nach 1928 der Meinungsstreit innerhalb der KPD durch die Beseiti- gung der innerparteilichen Demokratie künstlich unterdrückt wurde, geriet die Partei in noch größere Schwierigkeiten. Die nach außen demonstrierte monolithische Einheit war nur die Fassade für die Unsicherheit und das Schwanken der Parteiführung, die von einem Extrem ins andere fiel. Die unglaublich starke Fluktuation der Mitgliedschaft, ja auch der Funktionäre, beleuchtete die wirkliche Situation der Partei. Schon ein Blick auf die Reihe der einander ablösenden Führergarnituren der KPD zeigt das Bild eines fortschreitenden Niedergangs: Die Begründer, Luxemburg und Liebknecht, werden im Urteil der Geschichte als große Per- sönlichkeiten mit klarem Geist, edlem Wollen und lauterem Charakter be- stehen können. Paul Levi und Ernst Meyer waren kluge politische Führer, Brandler und Thalheimer ehrbare Handwerker der politischen Organisation. Die auf sie folgenden Ruth Fischer und Arkadij Maslow waren effektvolle Agitationsredner. Thälmann muß bei allem Respekt für seine Standhaftigkeit in Hitlers Kerker nachgesagt werden, daß er nur ein Provinzpolitiker mit de- magogischem Talent gewesen ist. Der Abstieg der KPD ist symptomatisch für einen Prozeß, der sich zu- nächst ganz im stillen abspielte: für die immer festere Beherrschung der Par- tei durch ihren Apparat, d. h. durch die hauptamtlichen, von der Partei be- zahlten Funktionäre. Der Apparat wiederum kam - mehr als die eigentliche Partei - in eine immer stärkere, nicht zuletzt auch materiell bedingte Ab- hängigkeit von der Moskauer Zentrale. Diese Zentrale war eigentlich nur das Exekutivorgan der Kommunistischen Internationale (Komintern), auf den Kongressen von den Delegierten aller Mitgliedsparteien gewählt. Doch unter den Mitgliedsparteien überragte die russische alle übrigen um ein Vielfaches - sowohl an politischer Erfahrung und geistiger Potenz (man denke nur an Köpfe wie Lenin und Trotzki) als auch an handfester Macht und materiellen Hilfsquellen. Rosa Luxemburg hatte von solch einem Übergewicht mit siche- rem Instinkt nachteilige Folgen befürchtet. Auf ihren nachwirkenden Einfluß ist es zurückzuführen, daß der deutsche Kongreßdelegierte im Jahre 1919 gegen die Gründung der Komintern auftrat. EINLEITUNG 19 Frühzeitig neigte Moskau dazu, die kommunistischen Parteien in aller Welt den Interessen der sowjetischen Staatspolitik und Diplomatie unterzu- ordnen. Der sich stabilisierende autoritäre Geist des sowjetischen Staatswe- sens mußte sich über die russischen Kominternführer nachteilig auf die aus- ländischen Sektionen auswirken. Der Stalinismus, durch den Komintern-Ka- nal in die KPD importiert, hat den politischen Charakter und die geistige Führungspotenz der Partei vollends verdorben. Die Folgen zeigen sich während der Weltwirtschaftskrise. Im Anblick des bedrohlich anwachsenden Nationalsozialismus betrieb die Stalin-Thälmann- Führung der KPD eine strategische und taktische Politik der Blindheit, radezu verbrecherisch war. Man konnte es einer revolutionär-marxistischen Partei nicht verdenken, wenn sie den Staat von Weimar mit seinen Gebrechen nicht als die Erfüllung des Traumes von einer neuen Gesellschaft empfinden konnte. Aber es war blinder Fanatismus, daß sie in einer Zeit, als sich gegen diesen Staat eine bar- barisch-kriminelle Bewegung reaktionärer Fanatiker erhob, ihre strategische Weisheit darin sah, »zuerst« die sozialdemokratischen und bürgerlich-demo- kratischen Träger dieses Staates aus dem Felde zu schlagen, um dann um so besser mit Hitler fertig zu werden. Die diversen Bocksprünge der KPD- Strategie in den Jahren 1929-1933 offenbaren den völligen Bankrott der Trabanten Stalins; Hitlers Schergen haben diesen Bankrott dann auf eine für das deutsche Volk, für die Völker Europas und auch für alle Kommunisten verhängnisvolle Weise besiegelt. DIE MACHT DER KPD Dennoch war die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Re- publik ein politischer Faktor von beachtlichem Gewicht. In den Revolutions- kämpfen nach 1918 war die neugegründete Partei zwar zahlenmäßig unbe- deutend, aber ihr Einfluß - vor allem in Berlin - war beträchtlich. Die Funk- tionäre der KPD verstanden es, die unzufriedenen Arbeitermassen in Bewe- gung zu bringen, und mehr als einmal schien es, als würden auch in Deutsch- land die Linksradikalen eine siegreiche Revolution anführen. Am Ende der Weimarer Zeit hatte die KPD nach außen hin eine geradezu imponierende Macht errungen: Im November 1932 haben fast 6 Millionen Wähler für sie gestimmt, und nahezu 300000 Mitglieder standen in ihren Reihen; sie alle hatten ihre größten Hoffnungen in diese Partei gesetzt, und viele waren be- reit, für ihren Sieg alles einzusetzen. Diese Tatsachen verführten Anhänger wie Gegner zu einer Überschätzung des deutschen Kommunismus. Die Kraft der KPD war nie so groß, wie es den 20 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Anschein hatte. Es ist mehr als fraglich, ob die Partei überhaupt jemals die Chance hatte, in Deutschland zur Herrschaft zu gelangen. Wahrscheinlich überschätzte die KPD jahrelang den Kreis derjenigen, die mit ihr die »Revo- lution weitertreiben« wollten; bestimmt aber unterschätzte sie die Kraft und den Einfluß der Sozialdemokratie. In der revolutionären Nadikriegskrise war die KPD bis zum Jahr 1920 organisatorisch zu schwach, um ein wirkliches Gegengewicht zu den Trägern der Weimarer Republik und zu den Kampfverbänden aus der alten Armee bilden zu können. Seit 1921 war die KPD zwar eine Massenpartei, aber bis zum Ende der Nachkriegskrise (1923) hinderten sie andere Gründe, die Macht zu erobern. Objektive Faktoren - die junge Republik hatte sich rascher sta- bilisiert, als zu erwarten war - spielten für die Niederlage des Kommunismus ebenso eine Rolle wie falsche Lageeinschätzungen der verschiedenen kommu- nistischen Parteiführungen. Daß die KPD in den Jahren der Konjunktur 1924 bis 1928 keine Chance hatte, ihre revolutionären Ziele zu verwirklichen, liegt auf der Hand. In der Wirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre erwies sich die Par- tei als ein Koloß auf tönernen Füßen. Der Massenanhang, die kraftmeierische Sprache der Parteiführung und der unzweifelhaft vorhandene Kampfgeist der Mitglieder und Funktionäre schufen ein falsches Bild. Die KPD war un- tauglich, diese vorhandene Kraft zu einer konstruktiven Politik zu gestalten, obgleich sie in manchen lichten Augenblicken deutlicher als viele andere die drohende Gefahr sah, die mit der Hitlerbewegung heraufzog. Aber die Par- tei war längst nicht mehr die radikale Revolutionspartei, als die sie einst ge- gründet worden war, sondern ein schwerfälliger, ferngesteuerter bürokra- tischer Apparat. Die Stärke des deutschen Kommunismus lag fast ausschließlich im Nega- tiven. Die Destruktion zeigte sich in den Unruhen nach 1918 ebenso wie in der öfteren Parlamentsobstruktion, in den Saalschlachten des Roten Front- kämpferbundes genau so wie in den Versuchen, »revolutionäre« Gewerkschaf- ten zu gründen. Diese Stärke im Negativen hat verschiedene Gründe. In den ersten Jahren nach dem Weltkrieg war die »revolutionäre Situation« nahezu permanent und schien sehr wohl dazu angetan, einer konsequenten, taktisch geschickten revolutionär-sozialistischen Politik Aussicht auf Erfolg zu ver- heißen. Nach dem aufwühlenden Erlebnis des verlorenen Krieges und in der Misere eines parlamentarisch-demokratischen Staates, der kaum des wirt- schaftlichen Chaos Herr zu werden vermochte, wurden die Massen radikali- siert. Die junge Republik war außerdem von der widerwilligen Duldung einer entschieden antidemokratischen Koalition aus Offizierskaste, Beamten- schaft und Großgrundbesitz (nebst gewichtigen Teilen des Großbürgertums) abhängig, und ihre Stabilisierung war zugleich mit mannigfachen Restaura- tionstendenzen verbunden. Diese Restauration mußte Gegner auf den Plan EINLEITUNG 21 rufen. Naturgemäß kam die Opposition vor allem aus dem sozialistischen Lager, das schon Jahrzehnte vor dem Kriege festumrissene Vorstellungen von einer besseren Welt entwickelt hatte. Ein beträchtlicher Teil der deutschen Arbeiter fühlte sich nach der Revolution betrogen und enttäuscht. Durch die Restauration wurden diese erbitterten Kreise in einen Gegensatz zur beste- henden Ordnung gedrängt. Wie einst die Sozialdemokratie im Kaiserreich, so wurde die KPD in die Republik dadurch nicht nur zum Sammelbecken der Unzufriedenen, sondern auch zu einer Organisation selbstbewußter und er- bitterter Arbeiter, die mit Gewalt eine Veränderung der Verhältnisse er- zwingen wollten. In den Augen der Massen erschien die KPD in all den Jahren als die re- volutionäre Partei, die sie am Anfang tatsächlich war. Eine revolutionäre Partei ist eine Bewegung, die »für das Morgen exi- stiert« (Sigmund Neumann). Auch das vergrößerte die Anhängerzahl des Kommunismus in Zeiten, in denen das Heute für viele eine einzige Misere war. Opponierende Jugendliche und kämpferische Geister, die nicht resignie- ren wollten, glaubten in der KPD ihre politische Heimstätte zu finden. Selbstbewußte Arbeiter, die nicht nur eine materielle Besserstellung, sondern mehr noch gesellschaftliche Gleichberechtigung und Anerkennung ihrer Men- schenwürde forderten, wurden durch das klassenkämpferische Auftreten und die programmatischen Ziele der Partei angezogen. Daß die KPD - zumin- dest in gewissen Zeiten - auch nicht wenig lumpenproletarische Elemente in ihren Bann zog, ist ebenfalls nicht zu übersehen. Die KPD war in der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung verwur- zelt, wenngleich sie sich ihr durch die Bolschewisierung mehr und mehr ent- fremdete. Natürlich wurde die Partei von der Sowjetunion unterstützt - ideell und auch materiell - aber ihre Stärke beruhte vor allem auf der Tat- sache, daß sie Einfluß auf mehr oder weniger große Teile der deutschen Ar- beiterschaft ausüben konnte, daß sie ein Teil der deutschen Arbeiterbewegung war. Die Macht des deutschen Kommunismus war somit Folge der wirtschaft- lichen Gegensätze und der politischen Zerrissenheit, also der Misere der Wei- marer Republik. DIE KPD UND IHR PROGRAMM Ganz im Sinne der marxistischen Tradition maß die KPD der politischen Theorie, die in den Programmen der Partei ihren konzentriertesten Ausdruck fand, höchste Bedeutung bei. Zweierlei ist für das Programmdenken der Kom- munisten kennzeichnend: die große ideelle Kraft, die der Gedanke an das Endziel, die klassenlose Gesellschaft, auf die Anhängerschaft ausübt - ob- 22 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gleich die Vorstellungen von dieser Gesellschaft alles andere als konkret und anschaulich gewesen sind - sowie die Aktualität und die unmittelbar prakti- sche Verbindlichkeit. Die Kühnheit des Programms hat der KPD sowohl bei Intellektuellen und Künstlern als auch bei aktivistisch gestimmten Arbeitern starken Anhang verschafft. Beispiele kommunistischen Programmdenkens aus der Frühzeit sind die von Rosa Luxemburg verfaßten Leitsätze (Dok. i), in denen die prinzipielle Abgrenzung gegen die »Burgfriedenspolitik« der SPD im ersten Weltkrieg sichtbar wird. Das ebenfalls von Rosa Luxemburg entworfene Spartakus- programm (Dok. 2), das die KPD auf ihrem Gründungskongreß annahm, ist bereits Ausdruck der eigenen programmatischen Form, die der deutsche Kommunismus gefunden hatte. Auffällig sind einige Unterschiede zum russi- schen Bolschewismus: Rolle der Partei in der Massenbewegung, Methoden der Machteroberung, Rolle des Terrors. Das Bekenntnis zu diesen Teilen des Spartakusprogramms galt später als Abweichung, die man Luxemburgismus nannte. In einem Programmentwurf aus dem Jahre 1922 (Dok. 3) wird be- reits die Annäherung an den Bolschewismus als Tendenz sichtbar. Doch erst das - auch für die KPD verbindliche - Programm der Kommunistischen Internationale von 1928 (Dok. 4) schließt die »Bolschewisierung« der KPD in programmatischer Hinsicht ab. Das 1930 verkündete Programm zur na- tionalen und sozialen Befreiung (Dok. 5) zeigt mit seiner nationalistischen Demagogie bereits recht deutlich, wie das Streben nach Propaganda-Effekten die Grundsätze kommunistischer Politik überspielt. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK Die Tagespolitik der KPD in der ersten Zeit nach ihrer Gründung stand ganz im Zeichen der praktischen Vorbereitungen auf den revolutionären Entschei- dungskampf. Die Spartakusgruppe rief sogleich dazu auf, die Revolution weiterzutreiben, und entwickelte dafür ein knappes Aktionsprogramm (Dok. 7). In den Kämpfen des Jahres 1919 war die Partei weitgehend mit militäri- schen Überlegungen und Aufstandsplanungen beschäftigt (Dok. 9, 10 u. 14). Noch im Jahre 1921 unternahm sie mit der »Märzaktion« einen regelrechten Putschversuch (Dok. 15; vgl. auch die Kritik Paul Levis Dok. 86). Die prak- tischen Umsturzvorbereitungen blieben indes nicht auf die Zeiten revolutio- närer Gärung beschränkt (Dok. 16 u. 17); im Roten Frontkämpferbund (RFB) schuf sich die Partei eine militante Organisation (Dok. 20). Die Be- schäftigung mit dem Bürgerkrieg blieb immer ein wichtiges Element der in- ternen Parteiarbeit (Dok. 25), auch wenn sie kaum Realitätsbezug hatte und keine konkrete Aufstandsplanung bestand. *                                                                  EINLEITUNG                                                                                      23 Der Stil der »legalen« Parteiarbeit spiegelt sich wider in den Wahlaufru- fen der KPD (Dok. 19, 23 u. 27). Im Aufruf zur Reichspräsidentenwahl von 1932 (Dok. 26) wird die Obstruktion gegen das Weimarer System deutlich: ohne Rücksicht auf den berechenbaren Ausgang der Wahl hielt die KPD an einer eigenen Kandidatur fest, die ihr - wie im Aufruf auch zugegeben wird- nie eine Mehrheit bringen konnte. Daß die KPD zuweilen auch eine realistische Politik im Rahmen des Mög- lichen versuchte, zeigt ihre Aktion für die Enteignung der Fürsten im Jahre 1926 (Dok. 21). Typisch für ihre maßlose Selbstüberschätzung ist eine Pro- klamation von Ende 1932 (Dok. 28), in der sie sich in einer großen Offen- sive wähnt. Ja, sogar Ende Januar 1933 wollte die KPD-Zentrale sich und anderen einreden, das »Tempo des revolutionären Aufschwungs« habe die »faschistische Entwicklung in den Massen überflügelt«. Thälmann meinte nach dem SA-Aufmarsch vor dem Parteihaus der KPD (22. Januar 1933), die KPD habe »den Nazikolonnen mit eiserner Hand den Ring einer Iso- lierung von den Massen umgelegt« (»Unsere Zeit« vom 5. Februar 1933, S. 134)- KPD UND SOWJETUNION Anders als diejenigen Linksradikalen, die den Sieg der Bolschewiki in Ruß- land enthusiastisch begrüßten und alle Schritte des Sowjetregimes vorbehalt- los billigten (Dok. 29), sahen die maßgeblichen Führer des Spartakusbundes, insbesondere Rosa Luxemburg, auch das Problematische im Wirken der Le- ninpartei, das bereits seine Schatten auf die Zukunft warf (Dok. 30 u. 31). Sehr bald aber wurde Rußland für die KPD zu einem Idol, das über alle Kritik erhaben war. In den ersten Jahren nach der russischen Oktoberrevo- lution 1917 galt die Bewunderung dem revolutionären Elan, mit dem die alten Zustände beseitigt worden waren; nach dem Beginn der Industriali- sierung in Rußland begeisterten sich die deutschen Kommunisten für den »sozialistischen Aufbau« und die wachsende Macht des Sowjetlandes, das nun als das »Vaterland der Werktätigen aller Länder« proklamiert wurde. Die KPD unterstützte die Sowjetunion in allen außenpolitischen Unter- nehmungen - so in ihrem Feldzug gegen Polen im Jahre 1920 (Dok. 32) und beim Abschluß des Rapallo-Vertrages 1922 (Dok. 33). Immer wieder wurde behauptet, es bestehe akute Gefahr, daß Sowjetrußland angegriffen werde (Dok. 35 u. 36), ein Vorwand der Führer, um jede Kritik am Moskauer Kurs in den eigenen Reihen mundtot zu machen. Im Kriegsfall wollte die KPD der Sowjetunion mit einem Aufstand zu Hilfe kommen (Dok. 37). Anschei- nend spielten die Vorbedingungen für ein solches Unternehmen im eigenen Land keine Rolle. ^4 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK KPD, NATION UND REPUBLIK Die Spartakusgruppe formierte sich in einer Zeit, als die Vaterländer in Eu- ropa miteinander Krieg führten, und sie versagte diesem Krieg jegliche Un- terstützung. Liebknechts Aufruf »Der Hauptfeind steht im eigenen Land« (Dok. 39) war ein Bekenntnis zum internationalistischen Geist, aus dem die KPD entstanden ist. Mehr und mehr gewöhnte sich die Partei jedoch daran, die Sache der internationalen Arbeiterklasse und des internationalen Sozia- lismus mit den (oft auch nur vermeintlichen) Interessen der Sowjetunion gleichzusetzen; auch die Einstellung zur Lebensform der Nation wurde zu einer Angelegenheit taktischer Berechnungen - 1923 versuchte sich die KPD auf der nationalistischen Klaviatur und erzürnte sich gegen die »Regierung der nationalen Schmach« (Dok. 41), ja, sie drängte sich mit Radeks »Schlageter-Rede« (Dok. 42) sogar in bedenkliche Nähe zu der äußersten Rechten. Schon vor Hitlers großem Wahlerfolg im Herbst 1930 hatte die KPD die nationalsozialistische Gefahr zwar erkannt und zum Kampf gegen Hitler aufgerufen (Dok. 44) - ohne jedoch ihren »schärfsten Kampf«, nämlich gegen die SPD, abzuschwächen. Später versuchte sie sogar von der national-soziali- stischen Welle zu profitieren (Dok. 5) und der NSDAP durch nationalistische Phrasen Anhänger abspenstig zu machen (Dok. 46). Von entscheidender Bedeutung war, daß die KPD von Anfang an im prin- zipiellen Gegensatz zur »bürgerlichen« Demokratie das Räteprinzip verfocht und darum immer, wenn es um den Bestand des parlamentarischen Systems ging, eine zwielichtige Rolle spielte. So sprach sich die Parteileitung in den Tagen des Kapp-Putsches zunächst gegen eine Teilnahme am Generalstreik aus (Dok. 40), da sie an einem Kampf »zweier gegenrevolutionärer Flügel, Kapp und Ebert« kein sonderliches Interesse habe. Erst als sie die Macht des Generalstreiks spürte, änderte die Partei ihre Taktik. Bei der Reichspräsi- dentenwahl von 1925 hielt sie jedoch ihre Linie durch, präsentierte Thäl- mann als Kandidaten (Dok. 43) und half damit indirekt Hindenburg. Die SPD erklärte damals: »Die monarchistischen Junker und Bourgeois hat- ten ihren Hindenburg aber am 26. April 1925 allein nicht durchbringen kön- nen. Ihr Kandidat hat nicht die Hälfte der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt. Wenn Hindenburg gewählt wurde, so ist daran allein die Kommu- nistische Partei Deutschlands schuld, die auch in diesem Falle der Reaktion zu einem Erfolg verhelfen hat. Hindenburg ist der Präsident von Gnaden Moskaus... Als Helferin Hindenburgs muß die Kommunistische Partei allerorts vor den arbeitenden Massen gekennzeichnet werden. Dieser neueste Verrat der Lebensinteressen der Arbeiterklasse muß zu einer gründlichen Abrechnung mit dem Kommunismus führen. Alle klassenbewußten Arbeiter EINLEITUNG 25 müssen unter den sozialdemokratischen Fahnen die Reihen schließen.« (»Vor- wärts« vom 28. April 1925) Drastisch stärkte die KPD die Rechte im destruktiven Kampf gegen die Parteien der Mitte und des Weimarer »Systems«, als sie 1931 einen Volks- entscheid der NSDAP und der Deutschnationalen gegen die preußische Ko- alitionsregierung unter dem Sozialdemokraten Braun unterstützte; ein Jahr zuvor hatte sie diesen »Volksbetrug« noch verurteilt, nun wollte sie ihn in einen »roten Volksentscheid« umfälschen (Dok. 45). Dieses Zusammengehen der Kommunisten mit Faschisten stieß auch im kommunistischen Lager auf schärfste Kritik (Dok. 95 A). Als die Braun-Regierung nach dem mißlungenen Volksentscheid schließlich im Juli 1932 durch einen Staatsstreich Papens ge- stürzt wurde, war die KPD auf einmal bereit, einen Generalstreik zu insze- nieren. Mit solchen Wendungen brachte sie sich um jede Glaubwürdigkeit. Überdies erlaubten ihre verheerenden Faschismus-Theorien, die Hitler, Brü- ning und die »Sozialfaschisten« der SPD in einen politischen Topf warfen, keine vernünftige Orientierung (Dok. 47 u. 48). KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN Die KPD war in der Weimarer Republik im wesentlichen eine Arbeiter- partei, doch die Mehrheit der deutschen Arbeiter stand (vielleicht mit Aus- nahme des Jahres 1923) hinter der SPD. Das strategische Ziel der kommu- nistischen Klassenpolitik war, diese Mehrheit auf ihre eigene Seite herüber- zuziehen. Sie versuchte dieses Ziel namentlich dadurch zu erreichen, daß sie der Führung der SPD Illusionen, Unfähigkeit, Korruption und Verrat vor- warf. Das Verhältnis der KPD zur Sozialdemokratie war allerdings manchen Schwankungen unterworfen. In den Perioden ihrer »rechten« Politik ver- suchten die Kommunisten, die sozialdemokratischen Arbeiter durch eine »Einheitsfront«-Politik zu gewinnen, von der auch die SPD-Führung nicht ausgeschlossen sein sollte (Dok. 51 u. 52). In den Perioden ihrer »linken« Politik glaubten sie, dasselbe Ziel durch eine frontale Bekämpfung der SPD zu erreichen, wobei sie manchmal nicht einmal den sonst üblichen Unterschied zwischen »verstockten Führern« und »ehrlichen Mitgliedern« machten; die »Einheitsfront« lief denn auch darauf hinaus, daß die SPD-Arbeiter zur KPD überwechseln sollten. Eine solche »linke« (oder richtiger »ultralinke«) Periode begann 1929, als die KPD glaubte, die »revolutionäre Welle« werde sie an die Macht bringen (Dok. 54). Bestimmend für die KPD-Politik in die- ser Periode war eine These, nach der die Sozialdemokraten kurzerhand als »Sozialfaschisten« charakterisiert wurden. Stalin hatte diese These schon 1924 16 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK verkündet (Dok. 55), und in den entscheidenden Jahren bis 1933 bestimmte sie die strategische Linie der KPD (Dok. 56 u. 57); eine gelegentliche War- nung vor »Überspitzungen« (Dok. 58) vermochte nichts daran zu ändern, daß die KPD die SPD als ihren Hauptfeind bekämpfte, der angeblich be- siegt werden mußte, bevor man erfolgreich mit Hitler fertig werden konnte. Die Gewerkschaftspolitik der KPD folgte demselben Kurs. Nach der Über- windung verschiedener gewerkschaftsfeindlicher Tendenzen in der Anfangs- zeit (1918/19) (Dok. 50) war es der Partei bis 1923 gelungen, in vielen Ge- werkschaften beträchtlichen Einfluß zu gewinnen. Die Linkspolitik von 1924/ 25 war wieder von antigewerkschaftlichen Stimmungen begleitet, denen die Führung auf dem X. Parteitag (1925) entgegentrat (Dok. 53). Von 1929 an arbeitete die KPD offen auf die Spaltung der Gewerkschaften hin und baute die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) zu einer eigenen Ge- werkschaftsorganisation aus (Dok. 59 u. 60). DAS INNERPARTEILICHE REGIME UND DAS RINGEN UM DIE POLITIK DER PARTEI Die KPD war seit ihrem Beitritt zur Kommunistischen Internationale 1919 eine Sektion der Komintern. Dabei war sie die einzige Organisation gewe- sen, die auf dem Komintern-Gründungskongreß durch ihren Delegierten Hugo Eberlein (Max Albert) eine sofortige Gründung der III. Internationale abgelehnt hatte (Dok. 62). Über die Hintergründe dieser Ablehnung und Rosa Luxemburgs Ansichten darüber unterrichtet ein späterer Artikel Eber- leins (Dok. 63). Mit dem Beitritt zur Komintern war die KPD den »21 Be- dingungen« unterworfen, die die theoretische Voraussetzung für die Abhän- gigkeit von Moskau schufen (Dok. 64). Allerdings war sie in der ersten Zeit ihres Bestehens (zum Teil auch aus technischen Gründen) noch nicht so ab- hängig von Moskau wie in späteren Jahren. Radeks Anweisungen vom März 1921 (Dok. 66) waren noch sehr allgemein gehalten. Die Schreiben der Ko- mintern aus jener Zeit (Dok. 67 u. 68) zeigen, daß nicht einmal die bürokra- tische Berichterstattung funktionierte. In den darauffolgenden Jahren, als sich der Apparat in Moskau eingespielt hatte, wurde die KPD straff vom EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale) geleitet, in dem von Anfang an die russischen Vertreter eindeutig dominierten. 1925 z. B. griff die Komintern mit dem »Offenen Brief« drastisch ins Leben der deutschen Partei ein (Dok. 70). In den folgenden Jahren wurde nicht nur die politische Linie, sondern auch der - immer engere - Spielraum der inneren Auseinandersetzungen von der Komintern bestimmt, und die deutsche Par- tei hatte sich gehorsam zu fügen (Dok. 71). EINLEITUNG 27 Die Politik der KPD ist natürlich eng mit der Entwicklung ihres Organi- sationsgefüges verbunden. Die KP-Gründer proklamierten eine weitgehende innerparteiliche Demokratie, ja sogar einen Föderalismus der Organisation (Dok. 73). Die Satzungen, die auf dem II. Parteitag angenommen wurden, bestätigten im allgemeinen diese Form (Dok. 74). Doch zeigen sich bereits Tendenzen der Zentralisierung, die zunächst auf Widerstand stießen (Dok. 75). In den folgenden Jahren schritt die Zentralisierung voran. Das Statut von 1925 (Dok. 77) zeigte, daß die Partei auch ihre Organisation immer mehr bolschewisierte. Der Ausbau des Parteiapparates und die »Bolschewi- sierung« der KPD standen Mitte der zwanziger Jahre im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen innerhalb der Organisation (Dok. 76, 79 u. 80). 1928 diente die Wittorf-Affäre (Dok. 81) als Anlaß, die KPD von »Rech- ten« und »Versöhnlern« zu säubern. Daß der Apparat mit sehr zweifelhaf- ten Mitteln arbeitete, wird am Beispiel eines Fememordes veranschaulicht. (Dok. 82). In der ideologischen Arbeit stand der Kampf gegen den Luxem- burgismus und Trotzkismus im Mittelpunkt (Dok. 84). Für die KPD der zwanziger Jahre war der innerparteiliche Kampf kenn- zeichnend. Die offizielle Parteilinie und die Parteiführung wurden sowohl von radikaleren Gruppen als auch von vorsichtiger taktierenden Fraktionen angegriffen. Die Parteileitungen wechselten rasch. Zwei Grundtendenzen waren in der KPD wirksam und machten die Ge- schichte der Partei zu einem ständigen Ringen um die »Generallinie«: der ständige Zug nach links, zur direkten Aktion, damit aber auch zur Isolie- rung, wird jedesmal korrigiert durch einen rechten Kurs, der die Niederlage der ultralinken Politik wettmachen soll. Viele kommunistische Gruppen gerieten in Opposition zur Parteiführung; das bedeutete immer mehr: in Opposition zum Moskauer Kurs. Sie bildeten eigene Gruppen oder gar Parteien, die von einem kommunistischen Stand- punkt aus die Praxis der KPD angriffen. Aus den linksradikalen Kräften, die auf dem II. Parteitag die KPD verließen, entstand 1920 die Kommuni- stische Arbeiterpartei (KAP) mit ultralinken Vorstellungen (Dok. 85). Nadi der revolutionären Nachkriegskrise büßte sie zwar ihre Bedeutung ein, aber sie entlarvte die zunehmende Abhängigkeit der KPD von Moskau. Ihr »Of- fener Brief« von 1927 (Dok. 92) enthüllte eine für die KPD besonders un- angenehme Tatsache: die Lieferung russischer Granaten an die Reichswehr imd die Zusammenarbeit der Reichswehr mit der Sowjetunion. Die Anhänger der Kommunistischen Arbeiterpartei standen links von der KPD. Die 1921 entstandene Kommunistische Arbeits-Gemeinschaft (KAG), deren führender Kopf Paul Levi (einst Nachfolger Liebknechts und Luxem- burgs als Parteiführer der KPD) war, bildete eine »rechte« Gruppe. Auch die KAG verlangte auf ihrer Gründungskonferenz größere Unabhängigkeit von der Sowjetunion (Dok. 87). Levi selbst war aus der KPD ausgeschieden, 18 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK weil er die Taktik in der Märzaktion 1921 verwarf. Er bezeichnete in seiner Schrift »Unser Weg« die Märzaktion als Putsch (Dok. 86). In den folgenden Jahren erschütterten heftige Fraktionskämpfe die KPD. Doch der moskauhörige Apparat konnte sich schrittweise durchsetzen. Zu- nächst wurden die linken Kräfte aus der Partei gedrängt. Auf dem Essener Parteitag 1927 legten ihre letzten Vertreter noch eine sogenannte Plattform vor (Dok. 90), doch dann wurden auch sie ausgeschlossen. Die stärkste linke Gruppe war der Lenin-Bund, der seine Auffassungen ebenfalls in einer um- fangreichen Plattform niederlegte (Dok. 91). Oppositionsgruppen wie die Weddinger Opposition und die Kötter-Gruppe wurden ebenfalls aus der KPD entfernt. (Dok. 88 u. 89). Ende 1928 wurden auch die »Rechten« aus der KPD ausgeschlossen. Sie bildeten die Kommunistische Partei-Opposition (KPO) (Dok. 94), ein Teil schloß sich später der neugegründeten Soziali- stischen Arbeiterpartei (SAP) an (Dok. 96). Die sogenannten Versöhnler blieben zwar in der Partei und vertraten eigene Ideen (Dok. 93), aber sie kapitulierten bald vor dem ZK. Die kommunistischen Oppositionsgruppen versuchten 1932 den Gefahren des Nationalsozialismus entgegenzutreten (Dok. 97), aber auch diese Ver- suche schlugen fehl. Hitlers Machtergreifung und die Verfolgungen nach dem Reichstagsbrand beendeten die erste Periode des deutschen Kommunismus. Die KPD wurde verboten. A. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD i. LEITSÄTZE ÜBER DIE AUFGABEN DER INTERNATIONALEN SOZIALDEMOKRATIE (1916) Eine größere Anzahl von Genossen aus allen Teilen Deutschlands hat die folgenden Leitsätze1 * * 4 angenommen, die eine Anwendung des Erfurter Pro- gramms auf die gegenwärtigen Probleme des internationalen Sozialismus darstellen. Der Weltkrieg hat die Resultate der 40jährigen Arbeit des europäi- schen Sozialismus zunichte gemacht, indem er die Bedeutung der revolutio- nären Arbeiterklasse als eines politischen Machtfaktors und das moralische Prestige des Sozialismus vernichtete, die proletarische Internationale ge- sprengt, ihre Sektionen zum Brudermord gegeneinander geführt und die Wünsche und Hoffnungen der Volksmassen in den wichtigsten Ländern der kapitalistischen Entwicklung an das Schiff des Imperialismus gekettet hat. Durch die Zustimmung zu den Kriegskrediten und die Proklamation 1. Die »Leitsätze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie« wur- den von einer Reichskonferenz der Gruppe Internationale (Spartakusgruppe) am 1. Januar 1916 angenommen. Teilnehmer dieser Konferenz waren Karl Liebknecht, Franz Mehring, Hugo Eberlein, Ernst Meyer, August Thalheimer, Bertha Thalheimer, Otto Rühle, Johann Knief, Georg Schumann, Käte Duncker, Karl Minster und Rudolf Lindau. Rosa Luxemburg, die sich zu dieser Zeit im Gefängnis befand, hatte die Leitsätze entworfen. Die Gruppe Internationale wurde nach der Zeitschrift Die Internationale benannt, deren erste (und einzige) Nummer im April 1915 von Rosa Luxemburg und Franz Mehring herausgegeben wurde. Immer mehr setzte sich jedoch der Name Spartakusgruppe (später Spartakusbund) durch, nach dem illegalen Organ »Spartakus«, das seit September 1916 erschien. Die Gruppe war ein Zusammenschluß von Linken der alten Sozialdemokratie, die nach der Kriegskreditbewilligung vom 4. August 1914 in Opposition zur Partei standen. 1917 trat der Spartakusbund ge- schlossen der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (vgl. Anm. 8) bei. Er war der direkte Vorläufer der KPD. Auf der Konferenz vom 1. Januar 1916 waren auch zwei Vertreter der Bremer und Hamburger »Linksradikalen« anwesend (Knief und Lindau). Sie erhoben Einwände gegen die Leitsätze, da sie - im Sinne Lenins - für die sofortige Gründung einer eigenen linksradikalen Partei auftraten. 3° DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK des Burgfriedens haben die offiziellen Führer der sozialistischen Parteien in Deutschland, Frankreich und England (mit Ausnahme der Unabhängigen Arbeiterpartei) dem Imperialismus den Rücken gestärkt, die Volksmassen zum geduldigen Ertragen des Elends und der Schrecken des Krieges veran- laßt und so zur zügellosen Entfesselung der imperialistischen Raserei, zur Verlängerung des Gemetzels und zur Vermehrung der Opfer beigetragen, die Verantwortung für den Krieg und seine Folgen mitübernommen. Diese Taktik der offiziellen Parteiinstanzen der kriegführenden Län- der, in allererster Linie in Deutschland, dem bisherigen führenden Lande der Internationale, bedeutet ein Verrat an den elementarsten Grundsätzen des internationalen Sozialismus, an den Lebensinteressen der Arbeiterklasse, an allen demokratischen Interessen der Völker. Dadurch ist die sozialistische Politik auch in jenen Ländern zur Ohnmacht verurteilt worden, wo die Par- teiführer ihren Pflichten treu geblieben sind: in Rußland, Serbien, Italien und — mit einer Ausnahme — Bulgarien. Indem die offizielle Sozialdemokratie der führenden Länder den Klassenkampf im Kriege preisgab und auf die Zeit nach dem Kriege ver- schob, hat sie den herrschenden Klassen in allen Ländern Frist gewährt, ihre Positionen auf Kosten des Proletariats wirtschaftlich, politisch und mora- lisch ungeheuer zu stärken. Der Weltkrieg dient weder der nationalen Verteidigung noch den wirt- schaftlichen oder politischen Interessen irgendwelcher Volksmassen, er ist lediglich eine Ausgeburt imperialistischer Rivalitäten zwischen den kapita- listischen Klassen verschiedener Länder um die Weltherrschaft und um das Monopol in der Aussaugung und Unterdrückung der noch nicht vom Kapital beherrschten Gebiete. In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben2. Die nationalen Interessen dienen nur als Täuschungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen. Aus der Politik der imperialistischen Staaten und aus dem imperialisti- schen Kriege kann für keine unterdrückte Nation Freiheit und Unabhängig- keit hervorsprießen. Die kleinen Nationen, deren herrschende Klasse An- hängsel und Mitschuldige ihrer Klassengenossen in den Großstaaten sind, bil- den nur Schachfiguren in dem imperialistischen Spiel der Großmächte und 2 2. Die These Rosa Luxemburgs, im Zeitalter des Imperialismus könne es keine nationalen Kriege mehr geben, wurde von Lenin abgelehnt. Rosa Luxemburg hatte die in den Leitsätzen niedergelegten Thesen ausführlich in ihrer Junius-Broschiire (Rosa Luxemburg: Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 1, Berlin 1951, S. 258-399) - Die Krise der Sozialdemokratie - beschrieben. In seiner Gegenschrift (Über die Junius-Broschüre, Lenin, Sämtliche Werke, Bd. 19, Wien/Berlin 1930, S. 212-228) präzisierte Lenin seine Haltung gegenüber Rosa Luxemburg. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD SI werden ebenso wie deren arbeitende Massen während des Krieges als Werk- zeug mißbraucht, um nach dem Kriege den kapitalistischen Interessen ge- opfert zu werden. Der heutige Weltkrieg bedeutet unter diesen Umständen bei jeder Nie- derlage und bei jedem Sieg eine Niederlage des Sozialismus und der Demo- kratie. Er treibt bei jedem Ausgang — ausgenommen die revolutionäre Inter- vention des internationalen Proletariats — zur Stärkung des Militarismus, der internationalen Gegensätze, der weltwirtschaftlichen Rivalitäten. Er steigert die kapitalistische Ausbeutung und die innerpolitische Reaktion, schwächt die öffentliche Kontrolle und drückt die Parlamente zu immer ge- horsameren Werkzeugen des Militarismus herab. Der heutige Weltkrieg ent- wickelt so zugleich alle Voraussetzungen neuer Kriege. Der Weltfriede kann nicht gesichert werden durch utopische oder im Grunde reaktionäre Pläne, wie internationale Schiedsgerichte kapitalistischer Diplomaten, diplomatische Abmachungen über »Abrüstung«, »Freiheit der Meere«, »Abschaffung des Seebeuterechts«, »europäische Staatenbünde«, »mitteleuropäische Zollvereine«, »nationale Pufferstaaten« und dergleichen. Imperialismus, Militarismus und Kriege sind nicht zu beseitigen oder einzu- dämmen, solange die kapitalistischen Klassen unbestritten ihre Klassenherr- schaft ausüben. Das einzige Mittel, ihnen erfolgreich Widerstand zu leisten, und die einzige Sicherung des Weltfriedens ist die politische Aktionsfähig- keit und der revolutionäre Wille des internationalen Proletariats, seine Macht in die Waagschale zu werfen. Der Imperialismus als letzte Lebensphase und höchste Entfaltung der politischen Weltherrschaft des Kapitals ist der gemeinsame Todfeind des Pro- letariats aller Länder. Aber er teilt auch mit den früheren Phasen des Kapi- talismus das Schicksal, die Kräfte seines Todfeindes in demselben Umfange zu stärken, wie er sich selbst entfaltet. Er beschleunigt die Konzentration des Kapitals, die Zermürbung des Mittelstandes, die Vermehrung des Proleta- riats, weckt den wachsenden Widerstand der Massen und führt so zur inten- siven Verschärfung der Klassengegensätze. Gegen den Imperialismus muß der proletarische Klassenkampf im Frieden wie im Krieg in erster Reihe kon- zentriert werden. Der Kampf gegen ihn ist für das internationale Prole- tariat zugleich der Kampf um die politische Macht im Staate, die entschei- dende Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Das so- zialistische Endziel wird von dem internationalen Proletariat nur verwirk- licht, indem es gegen den Imperialismus auf der ganzen Linie Front macht und die Losung »Krieg dem Kriege« unter Aufbietung der vollen Kraft und des äußersten Opfermutes zur Richtschnur seiner praktischen Politik erhebt. Zu diesem Zwecke richtet sich die Hauptaufgabe des Sozialismus beute darauf, das Proletariat aller Länder zu einer lebendigen revolutionären 32                        DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Macht zusammenzufassen, es durch eine starke internationale Organisation mit einheitlicher Auffassung seiner Interessen und Aufgaben, mit einheit- licher Taktik und politischer Aktionsfähigkeit im Frieden wie im Kriege zu dem entscheidenden Faktor des politischen Lebens zu machen, wozu es durch die Geschichte berufen ist. Die II. Internationale ist durch den Krieg gesprengt. Ihre Unzuläng- lichkeit hat sich erwiesen durch ihre Unfähigkeit, einen wirksamen Damm gegen die nationale Zersplitterung im Kriege aufzurichten und eine gemein- same Taktik und Aktion des Proletariats in allen Ländern durchzuführen. Angesichts des Verrats der offiziellen Vertretungen der sozialistischen Parteien der führenden Länder an den Zielen und Interessen der Arbeiter- klasse, angesichts ihrer Abschwenkung vom Boden der proletarischen Inter- nationale auf den Boden der bürgerlich-imperialistischen Politik, ist es eine Lebensnotwendigkeit für den Sozialismus, eine neue Arbeiter-Internationale zu schaffen, welche die Leitung und Zusammenfassung des revolutionären Klassenkampfes gegen den Imperialismus in allen Ländern übernimmt. Sie muß, um ihre historische Aufgabe zu lösen, auf folgenden Grundlagen beruhen: Der Klassenkampf im Innern der bürgerlichen Staaten gegen die herr- schenden Klassen und die internationale Solidarität der Proletarier aller Länder sind zwei unzertrennliche Lebensregeln der Arbeiterklasse in ihrem welthistorischen Befreiungskämpfe. Es gibt keinen Sozialismus außerhalb der internationalen Solidarität des Proletariats, und es gibt keinen Sozialismus außerhalb des Klassenkampfes. Das sozialistische Proletariat kann weder im Frieden noch im Kriege auf Klassenkampf und auf internationale Solidarität verzichten, ohne Selbstmord zu begehen. Die Klassenaktion des Proletariats aller Länder muß im Frieden wie im Kriege auf die Bekämpfung des Imperialismus und Verhinderung der Kriege als ihr Hauptziel gerichtet werden. Die parlamentarische Aktion, die ge- werkschaftliche Aktion wie die gesamte Tätigkeit der Arbeiterbewegung muß dem Zweck untergeordnet werden, das Proletariat in jedem Lande aufs schärfste der nationalen Bourgeoisie entgegenzustellen, den politischen und geistigen Gegensatz zwischen beiden auf Schritt und Tritt hervorzukehren sowie gleichzeitig die internationale Zusammengehörigkeit der Proletarier aller Länder in den Vordergrund zu schieben und zu bestätigen. In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Klassenorganisation des Proletariats. Die Internationale entscheidet im Frieden über die Taktik der nationalen Sektionen in Fragen des Militarismus, der Kolonialpolitik, der Handelspolitik, der Maifeier, ferner über die gesamte im Kriege einzuhal- tende Taktik. Die Pflicht zur Ausführung der Beschlüsse der Internationale geht allen PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 33 anderen Organisationspflichten voran*. Nationale Sektionen, die ihren Be- schlüssen zuwiderhandeln, stellen sich außerhalb der Internationale. In den Kämpfen gegen den Imperialismus und den Krieg kann die ent- scheidende Macht nur von den kompakten Massen des Proletariats aller Län- der eingesetzt werden. Das Hauptaugenmerk der Taktik der nationalen Sektionen ist somit darauf zu richten, die breiten Massen zur politischen Aktionsfähigkeit und zur entschlossenen Initiative zu erziehen, den inter- nationalen Zusammenhang der Massenaktion zu sichern, die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen so auszubauen, daß durch ihre Vermitt- lung jederzeit das rasche und tatkräftige Zusammenwirken aller Sektionen gewährleistet und der Wille der Internationale so zur Tat der breitesten Arbeitermassen aller Länder wird. Die nächste Aufgabe des Sozialismus ist die geistige Befreiung des Prole- tariats von der Vormundschaft der Bourgeoisie, die sich in dem Einfluß der nationalistischen Ideologie äußert. Die nationalen Sektionen haben ihre Agitation in den Parlamenten wie in der Presse dahin zu richten, die über- lieferte Phraseologie des Nationalismus als bürgerliches Herrschaftsinstru- ment zu denunzieren. Die einzige Verteidigung aller wirklichen nationalen Freiheit ist heute der revolutionäre Klassenkampf gegen den Imperialismus. Das Vaterland der Proletarier, dessen Verteidigung alles andere untergeord- net werden muß, ist die sozialistische Internationale. Flugblatt aus dem Jahre 1916 Arbetarrörelsens Arkiv Stockholm 1923/815. Der erste Satz von These drei und der erste Satz von These vier standen als Motto über jeder Veröffentlichung des Spartakusbundes. Auch die Spartakusbriefe trugen die Losung: »In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Klassenorgani- sation des Proletariats... Die Pflicht zur Ausführung der Beschlüsse der Inter- nationale geht allen anderen Organisationspflichten voran.« Die Linken hielten eine straffe internationale Organisation für notwendig, da die II. Sozialistische Internationale bei Kriegsausbruch wegen der Selbständigkeit ihrer Landesorganisationen auseinandergebrochen war. Bei Gründung der III. Internatio- nale spielten diese Überlegungen eine große Rolle. Die Kommunistische Inter- nationale sollte eine Weltpartei mit starker Zentrale werden, um den Internationa- lismus zu wahren. Da die Komintern aber bald von der KPdSU beherrscht wurde, profitierte allein die Sowjetunion vom Internationalismus der Linken. 34 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 2. PROGRAMM DES SPARTAKUSBUNDES (1918)4 1. Am 9. November haben Arbeiter und Soldaten das alte Regime in Deutsch- land zertrümmert. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs war der blutige Wahn von der Weltherrschaft des preußischen Säbels zerronnen. Die Ver- brecherbande, die den Weltbrand entzündet und Deutschland in das Blutmeer hineingetrieben hat, war am Ende ihres Lateins angelangt. Das vier Jahre lang betrogene Volk, das im Dienste des Molochs Kulturpflicht, Ehrgefühl und Menschlichkeit vergessen hatte, das sich zu jeder Schandtat mißbrauchen ließ, erwachte aus seiner vierjährigen Erstarrung — vor dem Abgrund. Am 9. November erhob sich das deutsche Proletariat, um das schmach- volle Joch abzuwerfen. Die Hohenzollern wurden verjagt, Arbeiter- und Soldatenräte gewählt. Aber die Hohenzollern waren nie mehr als Geschäftsträger der imperiali- stischen Bourgeoisie und des Junkertums. Die bürgerliche Klassenherrschaft: das ist der wahre Schuldige des Weltkrieges in Deutschland wie in Frankreich, in Rußland wie in England, in Europa wie in Amerika. Die Kapitalisten aller Länder, das sind die wahren Anstifter zum Völkermord. Das inter- nationale Kapital - das ist der unersättliche Baal, dem Millionen auf Millio- nen dampfender Menschenopfer in den blutigen Rachen geworfen werden. Der Weltkrieg hat die Gesellschaft vor die Alternative gestellt: entweder Fortdauer des Kapitalismus, neue Kriege und baldigster Untergang im Chaos und in der Anarchie, oder Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung. Mit dem Ausgang des Weltkrieges hat die bürgerliche Klassenherrschaft ihr Daseinsrecht verwirkt. Sie ist nicht mehr imstande, die Gesellschaft aus dem furchtbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch herauszuführen, den die impe- rialistische Orgie hinterlassen hat. Produktionsmittel sind in ungeheurem Maßstab vernichtet. Millionen Ar- beitskräfte, der beste und tüchtigste Stamm der Arbeiterklasse, hingeschlach- tet. Der am Leben Gebliebenen harrt bei der Heimkehr das grinsende Elend der Arbeitslosigkeit, Hungersnot und Krankheiten drohen die Volkskfaft an der Wurzel zu vernichten. Der finanzielle Staatsbankerott infolge der unge- heuren Last der Kriegsschulden ist unabwendbar. Das Programm des Spartakusbundes wurde von Rosa Luxemburg verfaßt und auf dem Gründungsparteitag der KPD (30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919) ange- nommen. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 35 Aus all dieser blutigen Wirrsal und diesem gähnenden Abgrund gibt es keine Hilfe, keine Rettung als im Sozialismus. Nur die Weltrevolution des Proletariats kann in dieses Chaos Ordnung bringen, kann allen Arbeit und Brot verschaffen, kann der gegenseitigen Zerfleischung der Völker ein Ende machen, kann der geschundenen Menschheit Frieden, Freiheit, wahre Kultur bringen. Nieder mit dem Lohnsystem! Das ist die Losung der Stunde. An Stelle der Lohnarbeit und der Klassenherrschaft soll die genossenschaftliche Arbeit treten. Die Arbeitsmittel müssen aufhören, das Monopol einer Klasse zu sein, sie müssen Gemeingut aller werden. Keine Ausbeuter und Ausgebeu- tete mehr! Regelung der Produktion und Verteilung der Produkte im Inter- esse der Allgemeinheit. Abschaffung wie der heutigen Produktionsweise, die Ausbeutung und Raub, so des heutigen Handels, der nur Betrug ist. An Stelle der Arbeitgeber und ihrer Lohnsklaven: freie Arbeitsgenossen! Die Arbeit niemandes Qual, weil jedermanns Pflicht! Ein menschenwürdiges Dasein jedem, der seine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllt. Der Hunger hinfür nicht mehr der Arbeit Fluch, sondern des Müßiggängers Strafe! Erst in einer solchen Gesellschaft sind Völkerhaß, Knechtschaft entwurzelt. Erst wenn eine solche Gesellschaft verwirklicht ist, wird die Erde nicht mehr durch Menschenmord geschändet. Erst dann wird es heißen: Dieser Krieg ist der letzte gewesen! Sozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lo- dern wie ein feuriges Menetekel die Worte des »Kommunistischen Manifests«: Sozialismus oder Untergang in die Barbarei!* ii. Die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaftsordnung ist die gewal- tigste Aufgabe, die je einer Klasse und einer Revolution der Weltgeschichte zugefallen ist. Diese Aufgabe erfordert einen vollständigen Umbau des Staa- tes und eine vollständige Umwälzung in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Gesellschaft. Der Satz »Sozialismus oder Untergang in die Barbarei« steht nicht wörtlich im Kommunistischen Manifest. Wahrscheinlich bezieht sich Rosa Luxemburg auf die Stelle: »... Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zu einander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.« Mit der Alternative Sozialismus oder Untergang in die Barbarei stützte sich Rosa Luxemburg auf wesentliche Vor- stellungen von Marx. 36                        DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Dieser Umbau und diese Umwälzung können nicht durch irgendeine Be- hörde, Kommission oder ein Parlament dekretiert, sie können nur von der Volksmasse selbst in Angriff genommen und durchgeführt werden. In allen bisherigen Revolutionen war es eine kleine Minderheit des Volkes, die den revolutionären Kampf leitete, die ihm Ziel und Richtung gab, und die Masse nur als Werkzeug benutzte, um ihre eigenen Interessen, die Inter- essen der Minderheit zum Siege zu führen. Die sozialistische Revolution ist die erste, die im Interesse der großen Mehrheit und durch die große Mehrheit der Arbeitenden allein zum Siege gelangen kann. Die Masse des Proletariats ist berufen, nicht bloß der Revolution in klarer Erkenntnis Ziele und Richtung zu stecken. Sie muß auch selbst, durch eigene Aktivität, Schritt um Schritt den Sozialismus ins Leben einführen. Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, daß die große arbeitende Masse aufhört, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewußter freier Selbst- bestimmung lenkt. Von der obersten Spitze des Staates bis zur kleinsten Gemeinde muß des- halb die proletarische Masse die überkommenen Organe der bürgerlichen Klassenherrschaft: die Bundesräte, Parlamente, Gemeinderäte durch eigene Klassenorgane: die Arbeiter- und Soldatenräte ersetzen, alle Posten besetzen, alle Funktionen überwachen, alle staatlichen Bedürfnisse an dem eigenen Klassenintcresse und den sozialistischen Aufgaben messen. Und nur in stän- diger, lebendiger Wechselwirkung zwischen den Volksmassen und ihren Or- ganen, den A- und S-Räten kann ihre Tätigkeit den Staat mit sozialistischem Geist erfüllen. Auch die wirtschaftliche Umwälzung kann sich nur als ein von der prole- tarischen Massenaktion getragener Prozeß vollziehen. Die nackten Dekrete oberster Revolutionsbehörden über die Sozialisierung sind allein ein leeres Wort. Nur die Arbeiterschaft kann das Wort durch eigene Tat zum Fleische machen. In zähem Ringen mit dem Kapital, Brust an Brust in jedem Betriebe, durch unmittelbaren Druck der Massen, durch Streiks, durch Schaffung ihrer ständigen Vertreterorgane können die Arbeiter die Kontrolle über die Pro- duktion und schließlich die tatsächliche Leitung an sich bringen. Die Proletariermassen müssen lernen, aus toten Maschinen, die der Kapi- talist an den Produktionsprozeß stellt, zu denkenden, freien, selbsttätigen Lenkern dieses Prozesses zu werden. Sie müssen das Verantwortlichkeitsgefühl wirkender Glieder der Allgemeinheit erwerben, die Alleinbesitzerin alles ge- sellschaftlichen Reichtums ist. Sie müssen Fleiß ohne Unternehmerpeitsche, höchste Leistung ohne kapitalistische Antreiber, Disziplin ohne Joch und Ordnung ohne Herrschaft entfalten. Höchster Idealismus im Interesse der Allgemeinheit, straffste Selbstdisziplin, wahrer Bürgersinn der Massen sind für die sozialistische Gesellschaft die Grundlage, wie Stumpfsinn, Egoismus PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 37 und Korruption die moralische Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft sind. Alle diese sozialistischen Bürgertugenden, zusammen mit Kenntnissen und Befähigungen zur Leitung der sozialistischen Betriebe, kann die Arbeiter- masse nur durch eigene Betätigung, eigene Erfahrung erwerben. Sozialisierung der Gesellschaft kann nur durch zähen, unermüdlichen Kampf der Arbeitermasse in ihrer ganzen Breite verwirklicht werden, auf allen Punkten, wo Arbeit und Kapital, wo Volk mit bürgerlicher Klassen- herrschaft einander ins Weiße des Auges blicken. Die Befreiung der Arbeiter- klasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. in. In den bürgerlichen Revolutionen war Blutvergießen, Terror, politischer Mord die unentbehrliche Waffe in der Hand der aufsteigenden Klassen Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Menschenmord6. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte. Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Ge- walt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der großen Millionen- masse des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erfüllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen. Aber die proletarische Revolution ist zugleich die Sterbeglocke für jede Knechtschaft und Unterdrückung. Darum erheben sich gegen die proletarische Revolution alle Kapitalisten, Junker, Kleinbürger, Offiziere, alle Nutznie- ßer und Parasiten der Ausbeutung und der Klassenherrschaft wie ein Mann zum Kampf auf Leben und Tod. Es ist ein toller Wahn zu glauben, die Kapitalisten würden sich gutwillig dem sozialistischen Verdikt eines Parlaments, einer Nationalversammlung fügen, sie würden ruhig auf den Besitz, den Profit, das Vorrecht der Ausbeu- tung verzichten. Alle herrschenden Klassen haben um ihre Vorrechte bis zu- letzt mit zähester Energie gerungen. Die römischen Patrizier wie die mittel- alterlichen Feudalbarone, die englischen Kavaliere wie die amerikanischen Sklavenhändler, die walachischen Bojaren wie die Lyoner Seidenfabrikanten — sie haben alle Ströme von Blut vergossen, sie sind über Leichen, Mord und 6. Im Bericht über den Gründungsparteitag steht statt »Menschenmord« das Wort »Meuchelmord«. Da es aber in der ersten Veröffentlichung (Die Rote Fahne vom 14. Dezember 1918) »Menschenmord« heißt, kann es sich im Parteitagsbericht nur um einen Druckfehler handeln. 38 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Brand geschritten, sie haben Bürgerkrieg und Landesverrat angestiftet, um ihre Vorrechte und ihre Macht zu verteidigen. Die imperialistische Kapitalistenklasse überbietet als letzter Sproß der Ausbeuterklasse die Brutalität, den unverhüllten Zynismus, die Niedertracht ihrer Vorgänger. Sie wird ihr Allerheiligstes, ihren Profit und ihr Vorrecht der Ausbeutung, mit Zähnen und mit Nägeln, mit jenen Methoden der kalten Bosheit verteidigen, die sie in der ganzen Geschichte der Kolonialpolitik und in dem letzten Weltkriege an den Tag gelegt hat. Sie wird Himmel und Hölle gegen das Proletariat in Bewegung setzen. Sie wird das Bauerntum gegen die Städte mobil machen, sie wird rückständige Arbeiterschichten gegen die so- zialistische Avantgarde aufhetzen, sie wird mit Offizieren Metzeleien anstif- ten, sie wird jede sozialistische Maßnahme durch tausend Mittel der passiven Resistenz lahmzulegen suchen, sie wird der Revolution zwanzig Vendeen auf den Hals hetzen, sie wird den äußeren Feind, das Mordeisen der Clemenceau, Lloyd George und Wilson als Retter ins Land rufen — sie wird lieber das Land in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandeln als freiwillig die Lohnsklaverei freigeben. All dieser Widerstand muß Schritt um Schritt mit eiserner Faust und rück- sichtsloser Energie gebrochen werden. Der Gewalt der bürgerlichen Gegen- revolution muß die revolutionäre Gewalt des Proletariats entgegengestellt werden. Den Anschlägen, Ränken, Zettelungen der Bourgeoisie die unbeug- same Zielklarheit, Wachsamkeit und stets bereite Aktivität der proletarischen Masse. Den drohenden Gefahren der Gegenrevolution die Bewaffnung des Volkes und Entwaffnung der herrschenden Klassen. Den parlamentarischen Obstruktionsmanövern der Bourgeoisie die tatenreiche Organisation der Ar- beiter- und Soldaten-Gesellschaft - die konzentrierte, zusammengeballte, aufs höchste gesteigerte Macht der Arbeiterklasse. Die geschlossene Front des ge- samten deutschen Proletariats: des süddeutschen mit dem norddeutschen, des städtischen mit dem ländlichen, der Arbeiter mit den Soldaten, die lebendige geistige Fühlung der deutschen Revolution mit der Internationale, die Erwei- terung der deutschen Revolution zur Weltrevolution des Proletariats, ver- mag allein die granitne Basis zu schaffen, auf der das Gebäude der Zukunft errichtet werden kann. Der Kampf um den Sozialismus ist der gewaltigste Bürgerkrieg, den die Weltgeschichte gesehen, und die proletarische Revolution muß sich für diesen Bürgerkrieg das nötige Rüstzeug bereiten, sie muß lernen, es zu gebrauchen - zu Kämpfen und Siegen. Eine solche Ausrüstung der kompakten arbeitenden Volksmasse mit der ganzen politischen Macht für die Aufgaben der Revolution, das ist die Dik- tatur des Proletariats und deshalb die wahre Demokratie. Nicht wo der Lohnsklave neben dem Kapitalisten, der Landproletarier neben dem Junker in verlogener Gleichheit sitzen, um über ihre Lebensfragen parlamentarisch PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 39 zu debattieren; dort, wo die millionenköpfige Proletariermasse die ganze Staatsgewalt mit ihrer schwieligen Faust ergreift, um sie wie der Gott Thor seinen Hammer den herrschenden Klassen aufs Haupt zu schmettern: dort allein ist die Demokratie, die kein Volksbetrug ist. Um dem Proletariat die Erfüllung dieser Aufgaben zu ermöglichen, fordert der Spartakusbund: Als sofortige Maßnahmen zur Sicherung der Revolution: Entwaffnung der gesamten Polizei, sämtlicher Offiziere sowie der nicht- proletarischen Soldaten. Entwaffnung aller Angehörigen der herrschenden Klassen. Beschlagnahme aller Waffen- und Munitionsbestände sowie Rüstungsbe- triebe durch A- und S-Räte7. Bewaffnung der gesamten erwachsenen männlichen proletarischen Bevöl- kerung als Arbeitermiliz. Bildung einer Roten Garde aus Proletariern als aktiven Teil der Miliz, zum ständigen Schutz der Revolution vor gegen- revolutionären Anschlägen und Zettelungen. Aufhebung der Kommandogewalt der Offiziere und Unteroffiziere. Erset- zung des militärischen Kadavergehorsams durch freiwillige Disziplin der Soldaten. Wahl aller Vorgesetzten durch die Mannschaften unter jeder- zeitigem Rückberufungsrecht. Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit. Entfernung der Offiziere und Kapitulanten aus allen Soldatenräten. Ersetzung aller politischen Organe und Behörden des früheren Regimes durch Vertrauensmänner der A- und S-Räte. Einsetzung eines Revolutionstribunals, vor dem die Hauptschuldigen am Kriege und seiner Verlängerung, die beiden Hohenzollern, Ludendorff, Hindenburg, Tirpitz und ihre Mitverbrecher sowie alle Verschwörer der Gegenrevolution abzuurteilen sind. Sofortige Beschlagnahme aller Lebensmittel zur Sicherung der Volks- ernährung. Auf politischem und sozialem Gebiete: Abschaffung aller Einzelstaaten; einheitliche deutsche sozialistische Re- publik. Beseitigung aller Parlamente und Gemeinderäte und Übernahme ihrer Funktionen durch A- und S-Räte sowie deren Ausschüsse und Organe. Wahl von Arbeiterräten über ganz Deutschland durch die gesamte erwach- sene Arbeiterschaft beider Geschlechter in Stadt und Land, nach Betrieben 7. A- und S-Räte: Arbeiter- und Soldatenräte. 40 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK sowie von Soldatenräten durch die Mannschaften, unter Ausschluß der Offiziere und Kapitulanten. Recht der Arbeiter und Soldaten zur jeder- zeitigen Rückberufung ihrer Vertreter. Wahl von Delegierten der A-und S-Räte im ganzen Reiche für den Zen- tralrat der A- und S-Räte, der den Vollzugsrat als das oberste Organ der gesetzgebenden und vollziehenden Gewalt zu wählen hat. Zusammentritt des Zentralrats vorläufig mindestens alle drei Monate - unter jedesmaliger Neuwahl der Delegierten — zur ständigen Kontrolle über die Tätigkeit des Vollzugsrats und zur Herstellung einer lebendigen Fühlung zwischen der Masse der A- und S-Räte im Reiche und ihrem ober- sten Regierungsorgan. Recht der lokalen A- und S-Räte zur jederzeitigen Rückberufung und Ersetzung ihrer Vertreter im Zentralrat, falls diese nicht im Sinne ihrer Auftraggeber handeln. Recht des Vollzugsrats, die Volksbeauftragten sowie die zentralen Reichsbehörden und -beamten zu ernennen und abzusetzen. Abschaffung aller Standesunterschiede, Orden und Titel. Völlige rechtliche und soziale Gleichstellung der Geschlechter. Einschneidende soziale Gesetzgebung, Verkürzung der Arbeitszeit zur Steuerung der Arbeitslosigkeit und unter Berücksichtigung der körper- lichen Entkräftung der Arbeiterschaft durch den Weltkrieg; sechsstündiger Höchstarbeitstag. Sofortige gründliche Umgestaltung des Ernährungs-, Wohnungs- und Er- ziehungswesens im Sinne und Geiste der proletarischen Revolution. Nächste wirtschaftliche Forderungen: Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allge- meinheit. Annullierung der Staats- und anderer öffentlicher Schulden sowie sämt- licher Kriegsanleihen, ausgenommen Zeichnungen bis zu einer bestimmten Höhe, die durch den Zentralrat der A- und S-Räte festzusetzen ist. Enteignung des Grund und Bodens aller landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetriebe; Bildung sozialistischer landwirtschaftlicher Genossenschaf- ten unter einheitlicher zentraler Leitung im ganzen Reiche; bäuerliche Kleinbetriebe bleiben im Besitze ihrer Inhaber bis zu deren freiwilligen Anschluß an die sozialistischen Genossenschaften. Enteignung aller Banken, Bergwerke, Hütten, sowie aller Großbetriebe in Industrie und Handel durch die Räterepublik. Konfiskation aller Vermögen von einer bestimmten Höhe an, die durch den Zentralrat festzusetzen ist. Übernahme des gesamten öffentlichen Verkehrswesens durch die Räte- republik. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 41 Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die im Einvernehmen mit den Arbeiterräten die inneren Angelegenheiten der Betriebe zu ordnen, die Arbeitsverhältnisse zu regeln, die Produktion zu kontrollieren und schließ- lich die Betriebsleitung zu übernehmen haben. Einsetzung einer zentralen Streikkommission mit den Betriebsräten, die der beginnenden Streikbewegung im ganzen Reich einheitliche Leitung, sozialistische Richtung und die kräftigste Unterstützung durch die politi- sche Macht der A- und S-Räte sichern soll. Internationale Aufgaben Sofortige Aufnahme von Verbindungen mit den Bruderparteien des Aus- landes, um die sozialistische Revolution auf internationale Basis zu stellen und den Frieden durch die internationale Verbrüderung und revolutionäre Erhebung des Weltproletariats zu gestalten und zu sichern. iv. Das will der Spartakusbund. Und weil er das will, weil er der Mahner, der Dränger, weil er das soziali- stische Gewissen der Revolution ist, wird er von allen offenen und heimlichen Feinden der Revolution und des Proletariats gehaßt, verfolgt und ver- leumdet. Kreuziget ihn! rufen die Kleinbürger, die Offiziere, die Antisemiten, die Preßlakaien der Bourgeoisie, die um die Fleischtöpfe der bürgerlichen Klas- senherrschaft zittern. Kreuziget ihn! wiederholen noch wie ein Echo getäuschte, betrogene, miß- brauchte Schichten der Arbeiterschaft und Soldaten, die nicht wissen, daß sie gegen ihr eigen Fleisch und Blut wüten, wenn sie gegen den Spartakusbund wüten. Im Hasse, in der Verleumdung gegen den Spartakusbund vereinigt sich alles, was gegenrevolutionär, volksfeindlich, antisozialistisch, zweideutig, lichtscheu, unklar ist. Dadurch wird bestätigt, daß in ihm das Herz der Revo- lution pocht, daß ihm die Zukunft gehört. Der Spartakusbund ist keine Partei, die über die Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will. Der Spartakusbund ist nur der zielbewußteste Teil des Proletariats, der die ganze breite Masse der Ar- beiterschaft bei jedem Schritt auf ihre geschichtlichen Aufgaben hinweist, der in jedem Einzelstadium der Revolution das sozialistische Endziel und in allen nationalen Fragen die Interessen der proletarischen Weltrevolution vertritt. Der Spartakusbund lehnt es ab, mit Handlangern der Bourgeoisie, mit 42 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK den Scheidemann-Ebert, die Regierungsgewalt zu teilen, weil er in einer solchen Zusammenwirkung einen Verrat an den Grundsätzen des Sozialis- mus, eine Stärkung der Gegenrevolution und eine Lähmung der Revolution erblickt. Der Spartakusbund wird es auch ablehnen, zur Macht zu gelangen, nur weil sich die Scheidemann-Ebert abgewirtschaftet und die Unabhängigen8 durch die Zusammenarbeit mit ihnen in eine Sackgasse geraten sind. Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen, als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proleta- rischen Masse in Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewußten Zustim- mung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes. Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf den Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen, durch Niederlagen und Siege, zur vollen Klarheit und Reife durchringen. Der Sieg des Spartakusbundes steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution: er ist identisch mit dem Siege der großen Millionenmassen des sozialistischen Proletariats. Auf, Proletarier! Zum Kampf! Es gilt eine Welt zu erobern und gegen eine Welt anzukämpfen. In diesem letzten Klassenkampf der Weltgeschichte um die höchsten Ziele der Menschheit gilt dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust! Bericht über den Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919. o. O. und o. J., S. 49-56. 8. Mit Unabhängigen sind die Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USP) gemeint. Die USP wurde Ostern 1917 in Gotha ge- gründet. Sie setzte sich aus den kriegsgegnerischen, politisch heterogenen Kreisen der Sozialdemokratie zusammen. Der Spartakusbund war bis Dezember 1918 der USP angeschlossen. 1920 war die USP eine bedeutende Massenpartei mit fünf Millionen Wählern, das waren fast 18 Prozent der gültigen Stimmen. Doch die Partei brach auseinander. Der linke Flügel vereinigte sich im Dezember 1920 mit der KPD, die damit erst zu einer Massenpartei wurde; der rechte Flügel kehrte 1922 zur SPD zurück. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 43   AUS DEM PROGRAMM-ENTWURF DER KPD (1922)9 Am Vorabend einer Sturmflut bürgerlicher Revolutionen ließ der Kom- munismus seinen ersten mächtigen Schlachtruf an die Proletarier aller Länder erschallen. Der kapitalistischen Ordnung, die in jugendlicher Kraft ihre Glieder reckte, kündigte er kühn und drohend ihren unvermeidlichen Untergang an. Im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft selbst sah er ihre künftigen Toten- gräber heran wachsen: die durch den Kapitalismus in ständig anschwellender Zahl erzeugte, die durch ihn geknechtete und ausgebeutete, aber auch ver- einigte und kampfgeschulte Arbeiterklasse. Die kapitalistische Ordnung erhob sich aus den ersten revolutionären Er- schütterungen zu neuem, unerhörtem Aufstieg. Heute aber ist die geschichtliche Voraussage des Kommunismus erfüllt, ist das Todesurteil, das er über sie fällte, zur Vollstreckung herangereift. Die kapitalistische Welt windet sich im Todeskampf. Die Stunde ihres Untergangs hat geschlagen. Und jetzt endlich nähert sich der zahllose Jahr- hunderte erfüllende Befreiungskampf der unterdrückten und ausgebeuteten Volksmassen seinem Abschluß. Der Kampf der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der mittelalterlichen Hörigen gegen den feudalen Grundherrn, der agrarkommunistischen Dorf- gemeinde gegen den orientalen Despoten — der moderne Proletarier ent- scheidet ihn heute. Im Oktober 1922 legte die KPD auf Ersuchen des Exekutivkomitees der Komin- tern einen - im wesentlichen von August Thalheimer formulierten - Programment- wurf vor. Der Entwurf sollte auf dem IV. Weltkongreß der Komintern diskutiert werden. Doch kam es auf einer Sitzung des Zentralausschusses der KPD am 15. und 16. Oktober 1922 zu großen Meinungsverschiedenheiten. Die Kritik richtete sich so- wohl gegen das Fehlen von Übergangsforderungen, als auch dagegen, daß Rosa Lu- xemburgs Akkumulationstheorie nicht berücksichtigt worden war. Der Zentralaus- schuß nahm den Entwurf nur mit 24 gegen 23 Stimmen an. Auf dem IV. Weltkon- greß wurde der Entwurf nicht behandelt. Der V. Weltkongreß (1924) beriet dann bereits über einen Programmentwurf für die gesamte Kommunistische Internatio- nale. Da Ende 1923 die bisherige KPD-Führung abgelöst wurde, verschwand der Entwurf endgültig in der Versenkung. In unsere Dokumentenauswahl wurden nur die Einleitung, die Passagen über die Rolle der Gewalt und über internationale Aufgaben aufgenommen, die sich nicht unwesentlich vom Spartakusprogramm unterscheiden. Der ganze Programmentwurf war sehr umfangreich. 44 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Der Proletarier, indem er die Ketten der Lohnsklaverei zerreißt, macht er der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen in jedweder Gestalt ein Ende. Wenige Tausende der fortgeschrittensten Proletarier in einigen Ländern Mittel- und Westeuropas waren es erst, die um das Banner des Kommunis- mus sich sammelten. Fünfundsiebzig Jahre haben den Kommunismus zur Weltmacht erhoben. Millionen Proletarier, Millionen armer Bauern, in allen Ländern und Welt- teilen, aller Nationen und Rassen folgen der Fahne des Kommunismus. Der Juniaufstand der Pariser Proletarier des Jahres 1848, die glorreiche Pariser Kommune des Jahres 1871 wurden von der Bourgeoisie in Strömen von Blut erstickt. Heute weht die Fahne des Kommunismus siegreich über einem Gebiet, das schon den sechsten Teil des Erdballs umfaßt. Mitten in den Kreis der großen kapitalistischen Weltmächte ist der Kom- munismus als neue Großmacht getreten und hat mit der Waffe in der Hand alle Widerstände bezwungen. Der Kommunismus ist nicht mehr nur Sadie der Ankündigung und der fernen Zukunft. Er ist Tat und Gegenwart. Sein Reich hat bereits begonnen ... in. Die Rolle der Gewalt Die Bourgeoisie, einschließlich ihrer sozialdemokratischen Lakaien, zetert über die gewaltsamen Methoden der Kommunisten, über den kommunistischen Terror. Die Klage der Bourgeoisie über kommunistische Gewalt ist grobe Heu- chelei. Die Bourgeoisie selbst ist nur durch eine Reihe blutiger Revolutionen, durch Krieg und Bürgerkrieg zur Herrschaft gelangt. Ihre staatliche »gesetzliche« Macht ist selbst ein Ergebnis der Revolution ... Die Bourgeoisie selbst lacht der Zumutung der Gewaltlosigkeit. Sie hat gegenüber der proletarischen Revolution in Sowjetrußland unzäh- lige Bürgerkriege, Verschwörungen, Aufstände angezettelt, sie hat den ge- genrevolutionären Krieg wieder und wieder ins Land getragen. Sie hat die proletarischen Erhebungen am Ende des Krieges in Mitteleuropa in Strömen von Blut erstickt. Sie hat den Terror, den politischen Mord, die Verschwö- rung zu ihrer stehenden Waffe gemacht. Sie kehrt die Teufeleien des Weltkrieges, von den Giftgasen bis zu den bombenwerfenden Flugzeugen und den Tanks, gegen die aufsteigende prole- tarische Revolution. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 45 Die bürgerliche Gewalt ist die Gewalt im Interesse der Minderheit gegen die Interessen der breiten Volksmassen. Die proletarische Gewalt ist die zusammengefaßte Gewalt der breiten Volksmassen gegen die herrschende Minderheit. Die bürgerliche Gewalt ist reaktionär, die proletarische Gewalt ist revo- lutionär. Die Kommunisten leugnen nicht, daß nur die Gewalt, der Bürgerkrieg in seiner schroffsten Form die bisher herrschenden Klassen stürzen wird. Die proletarische Gewalt ist unvermeidlich, solange die bürgerliche Gewalt der Minderheit die breiten Volksmassen in Ausbeutung und Knechtschaft hal- ten soll. Sie wird überflüssig in dem Maße, wie die bürgerliche Minderheit sich der proletarischen Mehrheit unterordnet — wie sie ihre Klassenansprüche aufgibt. Die bürgerliche Gewalt strebt danach, die gewaltsame Beherrschung der breiten Volksmassen zu verewigen. Die proletarische Gewalt strebt danach, sich selbst überflüssig zu machen. Die proletarische Gewalt als die Gewalt der Volksmehrheit tritt offen als Klassengewalt auf. Die bürgerliche Gewalt, als die Gewalt einer kleinen Minderheit, ist stän- dig genötigt, sich selbst zu verleugnen ... Internationale Aufgaben Die Interessen der internationalen Revolution sind allen nationalen Inter- essen übergeordnet. Die Kommunistische Internationale ist das Vaterland aller ausgebeuteten und unterdrückten Klassen und Nationen. Die Kommu- nistische Partei Deutschlands ist als eine Sektion in der revolutionären Welt- macht der Kommunistischen Internationale eingereiht. Die Kommunistische Internationale faßt alle revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse und der unterdrückten Völker zusammen zur Verteidigung der bereits bestehenden Proletarierstaaten, zur solidarischen Führung des Klassenkampfes auf inter- nationaler Stufenleiter, zur Eroberung der politischen Macht durch das Prole- tariat in den kapitalistischen Ländern, zur Befreiung der kolonial- und halb- kolonialen Völker von imperialistischer Knechtung und Unterdrückung, zum revolutionären Kampf gegen den imperialistischen Krieg, zur Vernichtung der imperialistischen Friedensverträge. Das Ziel der Kommunistischen Inter- nationale ist der Weltbund der Räterepubliken ... Die Rote Fahne vom 7. und 8. Oktober 1922. 46 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK   DAS PROGRAMM DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE (1928)10 Einführung Die Epoche des Imperialismus ist die Epoche des sterbenden Kapitalismus. Der Weltkrieg 1914 bis 1918 und die allgemeine Krise des Kapitalismus, die er entfesselte, beweisen als unmittelbare Folgen des tiefen Widerspruches, in den die wachsenden Produktivkräfte der Weltwirtschaft mit den staatlichen Schranken geraten, daß im Schoße der kapitalistischen Gesellschaft die mate- riellen Voraussetzungen für den Sozialismus herangereift sind; sie beweisen, daß die kapitalistische Hülle zu einer unerträglichen Fessel für die weitere Entwicklung der Menschheit geworden ist und daß die Geschichte den Sturz des kapitalistischen Joches durch die Revolution auf die Tagesordnung stellt. Von den Zentren der kapitalistischen Macht bis in die entferntesten Winkel der kolonialen Welt unterwirft der Imperialismus die gewaltige Masse der Proletarier aller Länder der Diktatur der finanzkapitalistischen Plutokratie. Mit elementarer Gewalt enthüllt und vertieft der Imperialismus alle Wider- sprüche der kapitalistischen Gesellschaft, steigert die Unterdrückung der aus- gebeuteten Klassen bis zum äußersten und treibt den Kampf der kapitalisti- schen Staaten auf die Spitze. Dadurch verursacht er unabwendbar weltum- spannende imperialistische Kriege, die das gesamte herrschende Regime aufs tiefste erschüttern, und führt mit eherner Notwendigkeit zur proletarischen Weltrevolution. Der Imperialismus schlägt die ganze Welt in die Fesseln des Finanzkapi- tals, zwingt die Proletarier aller Länder, Völker und Rassen mit Hunger, Blut und Eisen unter sein Joch und steigert die Ausbeutung, Unterdrückung und Knechtung des Proletariats ins Maßlose. Damit stellt der Imperialismus dem Proletariat unmittelbar die Aufgabe, die Macht zu erobern, und nötigt die Arbeiter, sich aufs engste zur einheitlichen internationalen Armee der Pro- Der VI. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale nahm im Septem- ber 1928 in Moskau ein Programm an, das für alle Sektionen (also auch für die KPD) verbindlich wurde und in wesentlichen Teilen von Bucharin, der damals die Komintern leitete, verfaßt worden war. Dieses Programm war schon auf früheren Kongressen angekündigt, doch erst 1928 fertiggestellt worden. Es wurde an einem Wendepunkt der sowjetischen und damit auch der Komintern-Politik angenommen: 1929 schwenkte die Stalinführung zu einer ultra-linken Politik über, die auch zur Ausschaltung Bucharins führte. Das sehr umfangreiche Programm wurde nur teil- weise in unsere Auswahl aufgenommen. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 47 letarier aller Länder zusammenzuschließen, über alle Grenzpfähle, über alle Unterschiede von Nation, Kultur, Sprache, Rasse, Geschlecht und Beruf hin- weg. So führt der Imperialismus den Prozeß der Schaffung der materiellen Voraussetzungen des Sozialismus zu Ende und erzeugt zugleich damit das Heer seiner Totengräber, indem er das Proletariat vor die Notwendigkeit stellt, sich zu einer internationalen Kampfassoziation der Arbeiter zusam- menzuschließen. Andererseits spaltet der Imperialismus von der großen Masse der Arbeiter- klasse den Teil ab, dessen materielle Existenz die gesicherteste ist. Diese vom Imperialismus gekaufte und bestochene Oberschicht der Arbeiterklasse, die die führenden Kaders der sozialdemokratischen Partei stellt, ist an der impe- rialistischen Ausbeutung der Kolonien interessiert, ist »ihrer« Bourgeoisie und »ihrem« imperialistischen Staate treu ergeben und war in Zeiten ent- scheidender Klassenkämpfe im Lager der Klassenfeinde des Proletariats zu finden. Die durch diesen Verrat verursachte Spaltung der sozialistischen Be- wegung im Jahre 1914 und der weitere Verrat der sozialdemokratischen Par- teien, die zu bürgerlichen Arbeiterparteien wurden, zeigten klar: das inter- nationale Proletariat kann seine historische Mission — die Zerschmetterung des imperialistischen Joches und die Aufrichtung der proletarischen Diktatur — nur im unerbittlichen Kampfe gegen die Sozialdemokratie erfüllen. Die Organisierung der Kräfte der Weltrevolution ist deshalb nur auf der Platt- form des Kommunismus möglich. Der opportunistischen Zweiten Internatio- nale der Sozialdemokratie, die zur Agentur des Imperialismus innerhalb der Arbeiterklasse geworden ist, tritt unausbleiblich die Dritte, die Kommunisti- sche Internationale, entgegen — die internationale Organisation der Arbeiter- klasse, die allein die wahre Einheit der revolutionären Arbeiter der ganzen Welt verkörpert... Die Kommunistische Internationale, die einheitliche und zentralisierte internationale Partei des Proletariats, setzt als einzige die Prinzipien der Ersten Internationale auf dem neuen Boden der revolutionären proletari- schen Massenbewegung fort. Die Erfahrungen des ersten imperialistischen Krieges und der folgenden Periode der revolutionären Krise des Kapitalis- mus — der Kette von Revolutionen in Europa und in den kolonialen Län- dern, die Erfahrungen der Diktatur des Proletariats und des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion; die Erfahrungen aller Sektionen der Kom- munistischen Internationale, die in den Beschlüssen ihrer Kongresse festgelegt sind; schließlich die zunehmende Internationalisierung des Kampfes zwi- schen der imperialistischen Bourgeoisie und dem Proletariat — das alles macht ein einheitliches, allen ihren Sektionen gemeinsames Programm der Kommu- nistischen Internationale notwendig. Als die umfassendste kritische Verall- gemeinerung der gesamten historischen Erfahrung der revolutionären Bewe- gung des internationalen Proletariats ist das Programm der Kommunistischen 48                                       DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Internationale das Programm des Kampfes für die proletarische Weltdikta- tur, das Programm des Kampfes für den Weltkommunismus... Gestützt auf die historischen Erfahrungen der revolutionären Arbeiter- bewegung aller Weltteile und aller Völker steht die Kommunistische Inter- nationale in ihrem theoretischen und praktischen Wirken ohne jeden Vorbe- halt auf dem Boden des revolutionären Marxismus und seiner weiteren Aus- gestaltung, des Leninismus, der nichts anderes ist als der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Die Kommunistische Internationale verficht und propagiert den dialek- tischen Materialismus von Marx und Engels und wendet ihn als revolutio- näre Methode der Erkenntnis der Wirklichkeit zu ihrer revolutionären Um- gestaltung an; sie kämpft aktiv gegen alle Spielarten der bürgerlichen Welt- anschauung sowie des theoretischen und praktischen Opportunismus. Auf dem Boden des konsequenten proletarischen Klassenkampfes unterordnet sie die vorübergehenden, die Gruppen-, nationalen und Teilinteressen des Proletariats seinen dauernden, allgemeinen, internationalen Interessen. Sie entlarvt schonungslos die von der Bourgeoisie entlehnte Lehre der Refor- misten vom »Klassenfrieden« in allen ihren Formen. Als Erfüllung des historischen Erfordernisses nach einer internationalen Organisation der revo- lutionären Proletarier, der Totengräber des kapitalistischen Systems, ist die Kommunistische Internationale die einzige internationale Macht, deren Pro- gramm die Diktatur des Proletariats und der Kommunismus ist, und die pffen als Organisator der internationalen proletarischen Revolution auf- tritt .. . in. Das Endziel der Kommunistischen Internationale: der Weltkommunismus Das Endziel, das die Kommunistische Internationale erstrebt, ist die Erset- zung der kapitalistischen Weltwirtschaft durch das Weltsystem des Kom- munismus. Die kommunistische Gesellschaftsordnung, die durch den ganzen Ablauf der geschichtlichen Entwicklung vorbereitet wird, ist der einzige Aus- weg für die Menschheit, denn nur diese Gesellschaft vermag die fundamen- talen Widersprüche des kapitalistischen Systems aufzuheben, die die Mensch- heit mit Entartung und Untergang bedrohen. Die kommunistische Ordnung beseitigt die Spaltung der Gesellschaft in Klassen, das heißt sie beseitigt mit der Anarchie der Produktion alle Arten und Formen der Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen durch Men- schen. An die Stelle der kämpfenden Klassen treten die Glieder der einheit- lichen Weltassoziation der Arbeit. Zum erstenmal in der Geschichte nimmt die Menschheit ihr Schicksal in die eigene Hand. Anstatt in Klassen- und PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 49 Völkerkriegen ungezählte Menschenleben und unschätzbare Reichtümer zu vernichten, verwendet die Menschheit ihre ganze Energie auf den Kampf mit den Naturkräften, auf die Entwicklung und Hebung ihrer eigenen, kollek- tiven Macht. Sobald das Weltsystem des Kommunismus das Privateigentum an den Pro- duktionsmitteln und diese in öffentliches Eigentum verwandelt hat, tritt an die Stelle der elementaren Kräfte des Weltmarktes und des planlosen Wal- tens der Konkurrenz, des blinden Gangs der gesellschaftlichen Produktion ihre gesellschaftlich-planmäßige Regelung entsprechend den rasch wachsen- den Bedürfnissen der Gesamtheit. Mit der Vernichtung der Anarchie der Pro- duktion und der Konkurrenz verschwinden auch die verheerenden Krisen und die noch verheerenderen Kriege. An die Stelle der gigantischen Vergeudung von Produktivkräften und der krampfhaften Entwicklung der Gesellschaft tritt die geordnete Verfügung über alle materiellen Reichtümer und eine rei- bungslose Entwicklung der Wirtschaft durch die unbegrenzte, harmonische rasche Entwicklung der Produktivkräfte. Die Aufhebung des Privateigentums, das Absterben der Klassen beseitigen die Ausbeutung von Menschen durch Menschen. Die Arbeit hört auf, ein Schaffen für den Klassenfeind zu sein. Aus einem bloßen Mittel zum Leben wird sie zum ersten Lebensbedürfnis. Die Armut verschwindet, es verschwin- det die wirtschaftliche Ungleichheit der Menschen, das Elend der geknechteten Klassen, die Armseligkeit ihres materiellen Daseins überhaupt; es verschwin- det die Hierarchie der Menschen in der Arbeitsteilung und damit der Gegen- satz zwischen Kopf- und Handarbeit; es verschwinden schließlich alle Spuren der sozialen Ungleichheit der Geschlechter. Zu gleicher Zeit verschwinden auch die Organe der Klassenherrschaft, vor allem die Staatsgewalt; als Ver- körperung der Klassenherrschaft stirbt sie in dem Maße ab, wie die Klassen verschwinden. Damit stirbt allmählich jegliche Zwangsnorm ab. Das Verschwinden der Klassen beseitigt jede Art des Bildungsmonopols. Die Kultur wird zum Gemeingut und an Stelle der Klassenideologien der Vergangenheit tritt die wissenschaftlich-materialistische Weltbetrachtung. Da- mit wird jedwede Herrschaft von Menschen über Menschen unmöglich und es eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten der sozialen Auslese und der har- monischen Entwicklung ihrer Fähigkeiten, die in der Menschheit schlummern. Die Entfaltung der Produktivkräfte wird durch keinerlei Schranken ge- sellschaftlichen Charakters gehemmt. Die kommunistische Gesellschaft kennt kein Privateigentum an Produktionsmitteln, kein eigennütziges Streben nach Profit, sie kennt weder die künstlich genährte Unwissenheit, noch die Armut der Massen, die in der kapitalistischen Gesellschaft den technischen Fort- schritt hemmt, noch die riesenhaften unproduktiven Ausgaben. Die zweck- mäßigste Ausnützung der Naturkräfte und der natürlichen Produktions- bedingungen der einzelnen Weltteile; die Beseitigung des Gegensatzes von jo DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Stadt und Land, der die Folge des steten Zurückbleibens der Landwirtschaft und ihres technischen Tiefstandes ist; die weitestgehende Vereinigung von Wissenschaft und Technik, von Forscherarbeit und umfassender Anwendung ihrer Ergebnisse für die Gesellschaft; die planmäßige Organisierung der wis- senschaftlichen Arbeit; die Einführung vervollkommneter Methoden statisti- scher Erfassung und plangemäßer Regelung der Wirtschaft; schließlich das rasche Anwachsen der gesellschaftlichen Bedürfnisse, des stärksten Antriebs des gesamten Systems; all das sichert der gesellschaftlichen Arbeit ein Höchst- maß an Produktivität und setzt unermeßliche menschliche Energien für eine machtvolle Entfaltung von Kunst und Wissenschaft frei. Die Entwicklung der Produktivkräfte der kommunistischen Weltgesell- schaft macht die Hebung des Wohlstandes der ganzen Menschheit und die stärkste Verkürzung der der materiellen Produktion gewidmeten Zeit mög- lich und eröffnet damit eine in der Geschichte unerhörte Blütezeit der Kultur. Diese neue Kultur der zum erstenmal geeinten Menschheit, die alle Staats- grenzen zerstört hat, wird auf klaren und durchsichtigen Beziehungen der Menschen zueinander beruhen. Sie wird daher Mystik und Religion, Vorurteile und Aberglaube für alle Zeiten begraben und damit der Entwicklung sieg- reicher wissenschaftlicher Erkenntnis einen mächtigen Anstoß geben. Diese höchste Stufe des Kommunismus, in der die kommunistische Gesell- schaft sich bereits auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, in der Hand in Hand mit der allseitigen Entwicklung der Menschen auch die gesellschaft- lichen Produktivkräfte einen gewaltigen Aufschwung nehmen und die Gesell- schaft bereits auf ihre Banner die Losung geschrieben hat: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«, hat als ihre Vorstufe den Sozialismus zur geschichtlichen Voraussetzung. Hier beginnt die kommuni- stische Gesellschaft die kapitalistische Hülle erst abzuwerfen, sie ist noch in jeder Beziehung — wirtschaftlich, moralisch und geistig — mit den Mutter- malen der alten Gesellschaft behaftet, deren Schoß sie entsprungen. Die Pro- duktivkräfte des Sozialismus sind noch nicht in dem Maße entwickelt, daß eine Verteilung der Erzeugnisse der Arbeit entsprechend den Bedürfnissen eines jeden möglich wäre. Die Verteilung erfolgt vielmehr nach der Leistung. Die Arbeitsteilung, das heißt die Zuweisung bestimmter Arbeitsfunktionen an bestimmte Gruppen von Menschen, ist hier noch nicht überwunden, so daß der Gegensatz von Kopf- und Handarbeit in der Hauptsache noch weiter- besteht. Trotz der Aufhebung der Klassen sind noch Überreste der alten Klassenteilung in der Gesellschaft vorhanden, folglich auch Überreste der proletarischen Staatsgewalt, des Zwanges, des Rechts. Es bleiben somit noch gewisse Reste der Ungleichheit bestehen, die noch nicht absterben konnten. Unbesiegt und unüberwunden bleibt auch noch der Gegensatz zwischen Stadt und Land. Allein alle diese Überreste der alten Gesellschaft werden von kei- ner gesellschaftlichen Kraft mehr geschützt und verteidigt. Da sie an eine PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD JI bestimmte Entwicklungsstufe der Produktivkräfte gebunden sind, verschwin- den sie in dem Maße, wie die von der Fessel der kapitalistischen Ordnung be- freite Menschheit sich die Naturkräfte unterwirft, sich selbst im Geiste des Kommunismus erzieht und vom Sozialismus zum vollendeten Kommunismus fortschreitet. Die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus und die Diktatur des Proletariats i. Die Übergangsperiode und die Eroberung der Macht durch das Proletariat Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht eine politische Übergangsperiode, in der der Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats. Der Übergang von der Weltdiktatur des Imperialismus zur Weltdiktatur des Proletariats um- faßt eine lange Periode von Kämpfen, Niederlagen und Siegen des Prole- tariats; eine Periode der Fortdauer der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems und des Heranreifens sozialistischer Revolutionen, d. h. der Bürger- kriege des Proletariats gegen die Bourgeoisie; eine Periode nationaler Kriege und kolonialer Aufstände, die — ohne sozialistische Bewegungen des Prole- tariats zu sein — objektiv zu einem Bestandteil der proletarischen Weltrevolu- tion werden, da sie die Herrschaft des Imperialismus erschüttern; eine Pe- riode des Nebeneinanderbestehens kapitalistischer und sozialistischer sozial- ökonomischer Systeme innerhalb der Weltwirtschaft mit »friedlichen« Bezie- hungen wie bewaffneten Kämpfen; eine Periode der Bildung des Bundes sozialistischer Rätestaaten; eine Periode der Kriege der imperialistischen Staaten gegen sie; eine Periode des immer engeren Zusammenschlusses dieser Staaten mit den Kolonialvölkern usw. Die Ungleichmäßigkeit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung ist ein absolutes Gesetz des Kapitalismus. Sie verschärft sich in der Epoche des Imperialismus in immer höherem Maße. Daher kann die internationale Revolution des Proletariats nicht als ein einmaliger, überall gleichzeitiger Akt betrachtet werden. Daher ist der Sieg des Sozialismus zuerst in wenigen und selbst in einem kapitalistischen Lande allein möglich. Aber jeder der- artige Sieg des Proletariats erweitert die Basis der Weltrevolution und ver- schärft noch mehr die allgemeine Krise des Kapitalismus. Das kapitalistische System geht auf diese Weise seinem endgültigen Zusammenbruch entgegen. Die Diktatur des Finanzkapitals bricht zusammen und weicht der Diktatur des Proletariats . . . $2                                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion und DIE INTERNATIONALE SOZIALISTISCHE REVOLUTION I... 2. Die Sowjetunion und ihre Pflichten gegenüber der internationalen Revolution Die proletarische Diktatur in der Sowjetunion hat den russischen Imperia- lismus gestürzt, alle einstigen Kolonien und unterdrückten Nationen des Zarenreiches befreit und durch die Industrialisierung dieser Gebiete eine feste Grundlage für ihre kulturelle und politische Entwicklung geschaffen, sie hat die rechtliche Stellung der autonomen Gebiete, der autonomen Re- publiken und Bundesrepubliken in ihrer Verfassung verankert und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen in vollem Umfange verwirklicht. Da- mit sichert sie den verschiedenen Nationalitäten der Union nicht eine for- male, sondern die wirkliche Gleichheit. Als Land der proletarischen Diktatur und des sozialistischen Aufbaus, als Land gewaltigster Errungenschaften der Arbeiterklasse, als Land des Bünd- nisses des Proletariats mit der Bauernschaft, als neues Land, das unter dem Banner des Marxismus und der Kultur marschiert, wird die Sowjetunion not- wendigerweise zur Basis der internationalen Bewegung aller unterdrückten Klassen, zum Hauptherd der internationalen Revolution, zum bedeutsamsten Faktor der Weltgeschichte. In der Sowjetunion erkämpft sich das Proletariat zum erstenmal in der Geschichte sein Vaterland. Für den Freiheitskampf der Kolonialvölker wird die Sowjetunion zum mächtigsten Anziehungspunkt. So wird die Sowjetunion in der allgemeinen Krise des Kapitalismus zum bedeutsamen Faktor und das nicht nur deshalb, weil sie die Grundlagen eines neuen, sozialistischen Wirtschaftssystems schafft und damit aus dem kapitali- stischen Weltsystem ausgesdiieden ist, sondern auch, weil sie eine revolutio- näre Rolle ohnegleichen spielt; die Rolle eines Motors der internationalen proletarischen Revolution, der die Proletarier aller Länder zur Machterobe- rung antreibt; die Rolle des lebendigen Beispiels dafür, daß die Arbeiter- klasse nicht nur fähig ist, den Kapitalismus zu zerstören, daß sie vielmehr auch fähig ist, den Sozialismus aufzubauen; die Rolle des Vorbildes der brü- derlichen Beziehungen zwischen allen Völkern der Erde in der Union der sozialistischen Räterepubliken der Welt und des wirtschaftlichen Zusammen- schlusses der Werktätigen aller Länder in der einheitlichen Weltwirtschaft des Sozialismus, die das Weltproletariat nach der Eroberung der Staats- macht verwirklichen wird. Aus dem Nebeneinanderbestehen zweier Wirtschaftssysteme — des soziali- stischen der Sowjetunion und des kapitalistischen der übrigen Länder — er- wächst dem Arbeiterstaat die Aufgabe, die Angriffe der kapitalistischen Welt (Boykott, Blockade usw.) abzuwehren. Gleichzeitig hat er aber auch PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 53 die Aufgabe, wirtschaftlich zu manövrieren und seine ökonomischen Verbin- dungen mit den kapitalistischen Ländern (mit Hilfe des Außenhandelsmono- pols, der Grundvoraussetzung des erfolgreichen sozialistischen Aufbaus, in der Form von Krediten, Anleihen, Konzessionen usw.) auszunützen. Dabei muß die Leitlinie sein, die Verbindungen mit dem Ausland möglichst umfas- send zu gestalten, soweit sie der Sowjetunion zum Nutzen gereichen, d. h. soweit sie der Stärkung der Industrie der Sowjetunion selbst dienen, indem sie die Basis für die Schwerindustrie, die Elektrifizierung und schließlich für den sozialistischen Maschinenbau schaffen. Nur in dem Maße, in dem ihre wirtschaftliche Selbständigkeit gegenüber ihrer kapitalistischen Umgebung gesichert wird, schafft die Sowjetunion eine feste Bürgschaft gegen die Gefahr der Vernichtung ihres sozialistischen Aufbaus und ihrer Verwandlung in ein Anhängsel des kapitalistischen Weltsystems. Die kapitalistischen Staaten schwanken trotz der Bedeutung des Sowjet- marktes für sie, dauernd zwischen ihren Handelsinteressen und der Angst vor dem Erstarken der Sowjetunion, das gleichzeitig das Wachsen der Welt- revolution bedeutet. Die ausschlaggebende Haupttendenz in der Politik der imperialistischen Staaten ist jedoch das Bestreben, die Sowjetunion einzu- kreisen und einen konterrevolutionären Krieg gegen sie anzuzetteln, dessen Ziel die Vernichtung der Sowjetunion und die Aufrichtung des Terrorregimes der Bourgeoisie auf der ganzen Welt ist. Allein weder die beharrlichen Versuche der politischen Einkreisung der Sowjetunion durch den Imperialismus, noch die drohende Kriegsgefahr hindern die Kommunistische Partei der Sowjetunion, als die Sektion der Kommunistischen Internationale, die an der Spitze der proletarischen Dik- tatur steht, daran, ihre internationalen Pflichten zu erfüllen und allen Unter- drückten — der Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder, wie den Kolo- nialvölkern im Kampf gegen den Imperialismus, im Kampfe gegen jede Form nationaler Unterdrückung — beizustehen. 5. Die Pflichten des internationalen Proletariats gegenüber der Sowjetunion Die Sowjetunion ist das wahre Vaterland des Proletariats, die festeste Stütze seiner Errungenschaften und der Hauptfaktor seiner internationalen Befreiung; das verpflichtet das internationale Proletariat, dem sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion zum Erfolge zu verhelfen und das Land der proletarischen Diktatur mit allen Mitteln gegen die Angriffe der kapitalisti- schen Mächte zu verteidigen. Die weltpolitische Situation hat die proletarische Diktatur auf die Tages- ordnung gestellt, und unvermeidlich konzentrieren sich alle Vorgänge der W eltpolitik um den einen Zentr alp unkt: den Kampf der Weltbourgeoisie 54 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gegen die Sowjetrepublik Rußlands, die beharrlich alle Rätebewegungen der fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder und alle nationalen Freiheitsbewe- gungen der Kolonien und unterdrückten^ölker um sich scharen muß. (Lenin) Im Falle eines kriegerischen Überfalles der imperialistischen Staaten auf die Sowjetunion muß die Antwort des internationalen Proletariats sein: kühne, entschlossene Massenaktionen im Kampf zum Sturze der imperiali- stischen Regierungen, unter der Losung der Diktatur des Proletariats und des Bündnisses mit der Sowjetunion. Die Kolonien, vor allem eines imperialistischen Staates, der die Sowjet- union überfällt, müssen die Ablenkung bewaffneter Kräfte des Imperialis- mus von ihrem Gebiet dazu ausnützen, den Kampf gegen diesen mit aller Kraft zu entfesseln, revolutionäre Aktionen zu organisieren und so die impe- rialistische Herrschaft zu stürzen und sich die volle Unabhängigkeit zu er- kämpfen. Der Aufstieg des Sozialismus in der Sowjetunion und das Wachsen ihres internationalen Einflusses entfachen jedoch nicht nur den Haß der imperiali- stischen Mächte und ihrer sozialdemokratischen Agenten, sondern sie erwecken gleichzeitig auch die größten Sympathien breiter Massen der Werktätigen der ganzen Welt und die Bereitschaft der Unterdrückten aller Länder, mit allen Mitteln für das Land der proletarischen Diktatur zu kämpfen, wenn es vom Imperialismus überfallen wird. So führen die Entfaltung der Widersprüche der Weltwirtschaft der Gegen- wart, die Vertiefung der allgemeinen Krise des Kapitalismus und der be- waffnete Überfall der Imperialisten auf die Sowjetunion mit eiserner Not- wendigkeit zu einer gewaltigen revolutionären Explosion. Diese Explosion wird unter ihren Trümmern den Kapitalismus in einer Reihe der sogenann- ten zivilisierten Länder begraben, sie wird in den Kolonien die siegreiche Revolution entfesseln, die Basis der proletarischen Diktatur gewaltig erwei- tern und damit ein Riesenschritt zur vollen Verwirklichung des Sozialismus in der ganzen Welt sein. vi. Die Strategie und Taktik der Kommunistischen Inter- nationale im Kampf um die Diktatur des Proletariats i ... 2. Die Hauptaufgaben der kommunistischen Strategie und Taktik Der siegreiche Kampf der Kommunistischen Internationale um die prole- tarische Diktatur setzt in jedem Lande das Bestehen einer geschlossenen, kampfgestählten, disziplinierten und zentralisierten Kommunistischen Par- tei voraus, die aufs engste mit den Massen verbunden ist. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 55 Die Partei ist die Vorhut der Arbeiterklasse, zusammengesetzt aus den besten, bewußtesten, aktivsten und tapfersten ihrer Angehörigen. Sie verkör- pert die Zusammenfassung der Erfahrungen des gesamten Kampfes des Pro- letariats. Gestützt auf die revolutionäre Theorie, den Marxismus, verkör- pert die Partei durch die tägliche Vertretung der dauernden, allgemeinen Interessen der ganzen Klasse die Einheit der proletarischen Grundsätze, des proletarischen Wollens und des proletarischen revolutionären Handelns. Sie ist die revolutionäre Organisation, die durch eiserne Disziplin und die strengste revolutionäre Ordnung des demokratischen Zentralismus zusam- mengehalten wird; sie wird zu dieser Organisation durch das Klassenbewußt- sein der proletarischen Avantgarde, durch ihre Hingabe an die Revolution, durch ihre Fähigkeit, ununterbrochen mit den proletarischen Massen ver- bunden zu sein, und durch die Richtigkeit der politischen Führung, die durch die Erfahrungen der Masse selbst immer wieder überprüft und klargestellt wird. Um ihre historische Aufgabe — die proletarische Diktatur zu erringen — erfüllen zu können, muß sich die Kommunistische Partei folgende strategi- sche Ziele stellen und sie erreichen. Die Eroberung der Mehrheit der eigenen Klasse, die Proletarierinnen und die Arbeiterjugend inbegriffen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, den entscheidenden Einfluß der Kommunistischen Partei auf die großen Massen- organisationen des Proletariats zu sichern (Räte, Gewerkschaften, Betriebs- räte, Genossenschaften, Sport- und Kulturorganisationen usw.). Besonders große Bedeutung für die Gewinnung der Mehrheit des Proletariats hat die systematische Arbeit zur Eroberung der Gewerkschaften, dieser umfassenden Massenorganisation des Proletariats, die mit seinen Tageskämpfen eng ver- bunden sind. Das Wirken in reaktionären Gewerkschaften — ihre geschickte Eroberung, die Gewinnung des Vertrauens der breiten gewerkschaftlich organisierten Massen, die Absetzung und Verdrängung der reformistischen Führer aus ihren Positionen — darin besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Vorbereitungsperiode der Revolution .. . Im Falle eines revolutionären Aufschwunges, wenn die herrschenden Klas- sen desorganisiert, die Massen im Zustande revolutionärer Gärung sind, wenn die Mittelschichten dem Proletariat zuneigen und die Massen sich kampf- und opferbereit erweisen, hat die proletarische Partei die Aufgabe, die Massen zum Frontalangriff gegen den bürgerlichen Staat zu führen. Er- reicht wird dies durch die Propagierung stufenweis gesteigerter Übergangs- losungen (Arbeiterräte, Arbeiterkontrolle der Produktion, Bauernkomitees zur gewaltsamen Aneignung des grundherrlichen Bodens, Entwaffnung der Bourgeoisie und Bewaffnung des Proletariats usw.) und durch die Organisie- rung von Massenaktionen, denen alle Zweige der Agitation und Propaganda der Partei untergeordnet werden müssen, die Parlamentstätigkeit mit einge- 5& DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK schlossen. Solche Massenaktionen sind: Streiks in Verbindung mit Demon- strationen und schließlich der Generalstreik vereint mit dem bewaffneten Aufstand gegen die Staatsgewalt der Bourgeoisie. Diese höchste Form des Kampfes folgt den Regeln der Kriegskunst, setzt einen Feldzugsplan, Offen- sivcharakter der Kampfhandlungen, unbegrenzte Hingabe und Heldenmut des Proletariats voraus. Aktionen dieser Art haben als absolute Vorbedin- gung die Organisierung der breiten Massen in Kampfformationen, die schon durch ihre Form die größten Massen der Werktätigen erfassen und in Bewe- gung setzen müssen (Arbeiter- und Bauernräte, Soldatenräte usw.) und die Steigerung der revolutionären Arbeit in Heer und Flotte... Ganz besondere Aufmerksamkeit muß die Kommunistische Internationale der zielbewußten Vorbereitung des Kampfes gegen die Gefahr imperialisti- scher Kriege widmen. Schonungslose Entlarvung des Sozialchauvinismus, des Sozialimperialismus11 und der pazifistischen Phrasen, die nur die imperiali- stischen Pläne der Bourgeoisie verschleiern; Propagierung der Hauptlosun- gen der Kommunistischen Internationale; stets organisierende Arbeit zur Verwirklichung dieser Aufgaben unter engster Verbindung der legalen mit den illegalen Arbeitsmethoden; organisierte Arbeit in Heer und Flotte — das muß die Tätigkeit der kommunistischen Partei auf diesem Gebiete sein. Die Hauptlosungen der Kommunistischen Internationale im Kampfe gegen die Kriegsgefahr sind: Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürger- krieg, Niederlage der »eigenen« imperialistischen Regierung, Verteidigung der Sowjetunion und der Kolonien im Falle eines imperialistischen Krieges gegen sie, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln. Die Propagierung dieser Losungen, die Entlarvung der »sozialistischen« Sophismen und der »soziali- stischen« Verschleierungen des Völkerbundes, das stete Wachhalten der Erin- nerung an die Lehren des Weltkrieges von 1914 — all das ist unabweisbare Pflicht aller Sektionen und aller Mitglieder der Kommunistischen Inter- nationale. Zur Koordinierung der revolutionären Tätigkeit und der revolutionären Aktionen, wie zu ihrer zweckmäßigen Leitung bedarf das internationale Proletariat der internationalen Klassendisziplin, deren wichtigste Voraus- setzung die strengste Disziplin der kommunistischen Parteien ist. Diese inter- 11. Mit Sozialchauvinismus und Sozialimperialismus war die Theorie und Ideologie der Sozialdemokratie gemeint. Lenin hatte während des Weltkrieges (vor allem in seiner Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus) erklärt, in den imperialistischen Staaten sei eine Arbeiteraristokratie entstanden. Da die Kolo- nien dem Finanzkapital einen Extraprofit brachten, könne ein Teil der Arbeiter- schaft des eigenen Landes »bestochen« werden. Die Sozialdemokratie sei die Inter- essenvertretung dieser Arbeiteraristokratie und verfolge eine Politik der Zusammen- arbeit mit dem Kapital, eine sozialchauvinistische und sozialimperialistische Politik (Unterstützung der »eigenen Bourgeoisie« im Krieg usw.). PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 57 nationale kommunistische Disziplin muß ihren Ausdruck finden in der Unter- ordnung der Lokal- und Sonderinteressen der Bewegung unter die gemein- samen und dauernden Interessen und in der vorbehaltlosen Durchführung aller Beschlüsse der leitenden Organe der Kommunistischen Internationale. Im Gegensatz zur II. Internationale, deren Parteien sich lediglich der Disziplin »ihrer« nationalen Bourgeoisie und ihres »Vaterlandes« unterwer- fen, kennen die Sektionen der Kommunistischen Internationale nur eine Dis- ziplin: die Disziplin des Weltproletariats, die dem Kampf der Arbeiter aller Länder für die Weltdiktatur des Proletariats den Sieg sichert. Im Gegensatz zur II. Internationale, die die Gewerkschaftsbewegung spaltet, wider die Ko- lonialvölker kämpft und die die Einheit mit der Bourgeoisie pflegt, ist die Kommunistische Internationale die Organisation, die auf der Wacht steht für die Einheit der Proletarier aller Länder, der Werktätigen aller Rassen und Völker in dem Kampf gegen das Joch des Imperialismus. Kühn und unerschrocken führen die Kommunisten diesen Kampf auf allen Abschnitten der internationalen Klassenfront, dem blutigen Terror der Bour- geoisie trotzend, des notwendigen unausbleiblichen Sieges des Proletariats gewiß. Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu ver- heimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden kön- nen durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnungen. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!12 Internationale Presse-Korrespondenz vom 30. November 1928 S. 2629 bis 2649. 12. Die drei letzten Absätze des Programms der Komintern sind wörtlich dem Kommunistischen Manifest von Marx und Engels entnommen. Auch an anderen Stellen (z. B. IV. 1. über die Diktatur des Proletariats) wurden Marx'sche Sätze übernommen, um den »marxistischen« Charakter hervorzuheben. 58 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 5- PROGRAMMERKLÄRUNG ZUR NATIONALEN UND SOZIALEN BEFREIUNG DES DEUTSCHEN VOLKES (1930)13 Die deutschen Faschisten (Nationalsozialisten) unternehmen gegenwärtig die schärfsten Vorstöße gegen die deutsche Arbeiterklasse. In einer Zeit der Knechtung Deutschlands durch den Versailler Frieden, der wachsenden Krise, der Arbeitslosigkeit und Not der Massen, versuchen die Faschisten durch zahllose Demagogie und schreiende radikale Phrasen unter der Flagge des Widerstands gegen die Erfüllungspolitik und den Young-Plan, bedeutende Schichten des Kleinbürgertums, deklassierter Intellektueller, Studenten, An- gestellte, Bauern sowie einige Gruppen rückständiger, unaufgeklärter Arbei- ter für sich zu gewinnen. Die teilweisen Erfolge der nationalsozialistischen Agitation sind das Resultat der zwölfjährigen verräterischen Politik der Sozialdemokratie, die durch Niederhaltung der revolutionären Bewegung, Beteiligung an der kapitalistischen Rationalisierung und völlige Kapitulation vor den Imperialisten (Frankreich, Polen) der nationalsozialistischen Dema- gogie den Boden bereitet hat. Dieser nationalsozialistischen Demagogie stellt die Kommunistische Partei Deutschlands ihr Programm des Kampfes gegen den Faschismus, ihre Politik der wirklichen Vertretung der Interessen der werktätigen Massen Deutsch- lands entgegen. Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, daß sie für die nationale Befreiung des deutschen Volkes kämpfen. Sie erwecken den Anschein, als seien sie gegen den Young-Plan, der den werktätigen Massen Deutschlands Not und Hunger bringt. Diese Beteuerungen der Faschisten sind bewußte Lügen. Die deutsche Bour- geoisie hat den räuberischen Young-Plan angenommen in der Absicht, alle seine Lasten auf die Werktätigen abzuwälzen. Das Programm zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes vom August 1930 diente als Aufruf zu den Reichstagswahlen. Nach der offiziellen Darstellung war das Programm »Auf Vorschlag des Genossen Thälmann« angenom- men worden. Die wichtigsten Stellen wurden aber von Heinz Neumann inspiriert. Mit dem Programm versuchte die KPD an nationalistische Gefühle zu appellieren. Das Anwachsen der NSDAP in den Jahren 1929 und 1930 hatte die KPD-Führung zu dem Versuch veranlaßt, ebenfalls mit nationalistischer Demagogie Erfolge zu erreichen. Der Unterschied zum Spartakusprogramm ist evident. Wie oppositionelle kommunistische Politiker das Programm einschätzten, geht aus der Kritik Trotzkis (vgl. Dok. 95) hervor. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 59 Die Faschisten helfen praktisch an der Durchführung des Young-Planes mit, indem sie die Abwälzung seiner Lasten auf die werktätigen Massen dulden und fördern, indem sie an der Durchführung der vom Young-Plan diktierten Zoll- und Steuergesetze mithelfen (Zustimmung der national- sozialistischen Reichstagsfraktion zu allen Vorlagen für Zoll- und Steuer- erhöhung, Fricksche Negersteuer in Thüringen), indem sie alle Streikbewe^- gungen gegen den Lohnabbau zu verhindern und abzuwürgen versuchen. Die Regierungsparteien und die Sozialdemokratie haben das Hab und Gut, Leben und Existenz des werktätigen deutschen Volkes meistbietend an die Imperialisten des Auslandes verkauft. Die sozialdemokratischen Führer, die Hermann Müller, Severing, Grzesinski und Zörgiebel sind nicht nur die Henkersknechte der deutschen Bourgeoisie, sondern gleichzeitig die freiwil- ligen Agenten des französischen und polnischen Imperialismus. Alle Handlungen der verräterischen, korrupten Sozialdemokratie sind fortgesetzter Hoch- und Landesverrat an den Lebensinteressen der arbeiten- den Massen Deutschlands. Nur wir Kommunisten kämpfen sowohl gegen den Young-Plan als auch gegen den Versailler Raubfrieden, dem Ausgangspunkt der Versklavung aller Werktätigen Deutschlands, ebenso wie gegen alle internationalen Ver- träge, Vereinbarungen und Pläne (Locarno-Vertrag, Dawes-Plan, Young- Plan, Deutsch-polnisches Abkommen usw.), die aus dem Versailler Friedens- vertrag hervorgehen. Wir Kommunisten sind gegen jede Leistung von Re- parationszahlungen, gegen jede Bezahlung internationaler Schulden. Wir erklären feierlich vor allen Völkern der Erde, vor allen Regierungen und Kapitalisten des Auslandes, daß wir im Falle unserer Machtergreifung alle sich aus dem Versailler Frieden ergebenden Verpflichtungen für null und nichtig erklären werden, daß wir keinen Pfennig Zinszahlungen für die imperialistischen Anleihen, Kredite und Kapitalanlagen in Deutschland lei- sten werden. Wir führen und organisieren den Kampf gegen Steuern und Zölle, gegen die Verteuerung der Mieten und Gemeindetarife, gegen Lohnabbau, Erwerbs- losigkeit und alle Versuche, die Lasten des Young-Planes auf die werktätige Bevölkerung in Stadt und Land abzuwälzen. Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, sie seien gegen die vom Versailler Frieden gezogenen Grenzen, gegen die Abtrennung einer Reihe deutscher Gebiete von Deutschland. In Wirklichkeit aber unterdrückt der Faschismus überall, wo er an der Macht steht, die von ihm unterworfenen Völker (in Italien die Deutschen und Kroaten, in Polen die Ukrainer, Weiß- russen und Deutschen, in Finnland die Schweden usw.). Die Führer der deutschen Faschisten, Hitler und seine Helfershelfer, aber erheben nicht ihre Stimme gegen die gewaltsame Angliederung Südtirols an das faschistische Italien, Hitler und die deutschen Nationalsozialisten schweigen über die 6o DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Nöte der deutschen Bauernbevölkerung Südtirols, die unter dem Joch des italienischen Faschismus stöhnt. Hitler und seine Partei haben hinter dem Rücken des deutschen Volkes einen schmutzigen Geheimvertrag mit der ita- lienischen Faschistenregierung abgeschlossen, auf Grund dessen sie die deut- schen Gebiete Südtirols bedingungslos den ausländischen Eroberern ausliefern. Mit dieser schändlichen Tat haben Hitler und seine Partei die nationalen In- teressen der werktätigen Massen Deutschlands in gleicher Weise an die Ver- sailler Siegermächte verkauft, wie es die deutsche Sozialdemokratie seit zwölf Jahren unausgesetzt getan hat. Wir Kommunisten erklären, daß wir keine gewaltsame Angliederung eines Volkes oder eines Volksteiles an andere nationale Staatsgebilde, daß wir keine einzige Grenze anerkennen, die ohne Zustimmung der werktätigen Massen und der wirklichen Mehrheit der Bevölkerung gezogen ist. Wir Kommunisten sind gegen die auf Grund des Versailler Gewaltfrie- dens durchgeführte territoriale Zerreißung und Ausplünderung Deutschlands. Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, ihre Bewegung richte sich gegen den Imperialismus. In Wirklichkeit aber treffen sie Abkommen mit den Imperialisten (England, Italien). Sie wenden sich gegen den Freiheits- kampf der Kolonialvölker (Indien, China, Indochina), verlangen für Deutschland Kolonien und hetzen zu neuen Kriegen, vor allem zur Inter- vention gegen die Sowjetunion, das einzige Land, dessen siegreiche Arbeiter- klasse sich gegen alle Überfälle des Weltkapitals, gegen alle Raubzüge der Versailler-Imperialisten siegreich mit Waffengewalt verteidigt hat. Überall, wo der Imperialismus unterdrückte Volksmassen knechtet, würgt und nie- derschießt, wirken die deutschen Faschisten durch ihre Vertreter mit: in China durch die Kapp-Putschisten Wetzel und Kriebel, in Südamerika durch die Militärmission des Generals Kuntz, in Österreich durch den Liebknecht- Mörder Pabst. Wir Kommunisten sind die einzige Partei, die sich den Sturz des Imperia- lismus und die Befreiung der Völker von der Macht des Finanzkapitals zum Ziele setzt. Deshalb fordern wir die werktätigen Massen Deutschlands auf, vor allem gegen den Feind im eigenen Lande, für den Sturz der kapitalistischen Herr- schaft und für die Aufrichtung der Sowjetmacht in Deutschland zu kämpfen, um den Versailler Friedensvertrag zu zerreißen und seine Folgen zu besei- tigen. Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, sie seien eine »nationale«, eine »sozialistische« und eine »Arbeiter«-Partei. Wir erwidern darauf, daß sie eine volks- und arbeiterfeindliche, eine antisozialistische, eine Partei der äußersten Reaktion, der Ausbeutung und Versklavung der Werktätigen sind. Eine Partei, die bestrebt ist, den Werktätigen alles das zu nehmen, was ihnen selbst die bürgerlichen und sozialdemokratischen Regierungen noch nicht neh- PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 6l men konnten. Eine Partei der mörderischen faschistischen Diktatur, eine Par- tei der Wiederaufrichtung des Regimes der Junker und Offiziere, eine Par- tei der Wiedereinsetzung der zahlreichen deutschen Fürsten in ihre »ange- stammten« Rechte, der Offiziere und hohen Beamten in ihre Titel und Posten. Die Faschisten (Nationalsozialisten) behaupten, sie seien Gegner der heu- tigen staatlichen und sozialen Ordnung. Zugleich aber beteiligen sie sich neben den Parteien des Großkapitals an der Regierung der Weimarer Re- publik in Thüringen. Sie teilen sich die Ministersessel mit der kapitalistischen Volkspartei und mit den Hausbesitzern der Wirtschaftspartei. Sie verhandeln in Sachsen mit allen Unternehmerparteien bis zur »Volksnationalen Vereini- gung« über die Bildung einer gemeinsamen Regierung. Sie erklären sich zur Teilnahme an einer Reichsregierung mit allen bürgerlichen Young-Parteien bereit. Sie bekleiden Polizeiämter in Thüringen. Sie werden von den Kapi- talisten subventioniert. Sie dulden in ihren eigenen Reihen nicht nur Hohen- zollernprinzen, Coburger Herzöge, adlige Herrschaften, sondern auch zahl- reiche Rittergutsbesitzer, Industrieunternehmer, Millionäre, wie den Aus- beuter Kirdorf und andere Scharfmacher, wie den Textilfabrikanten Mutsch- mann. Alle Parteien in Deutschland, mit der einzigen Ausnahme der Kommuni- stischen Partei, treiben Koalitionspolitik im Reiche, in Preußen, in Thüringen und den anderen Einzelstaaten. Alle Parteien, außer den Kommunisten, sind Koalitionsparteien, Regierungsparteien, Ministerparteien. Nur wir Kommunisten sind gegen jede Zusammenarbeit mit der Bour- geoisie, für den revolutionären Sturz der gegenwärtigen kapitalistischen Ge- sellschaftsordnung, für die Aufhebung der Rechte und Vorrechte der herr- schenden Klassen, für die Abschaffung jeder Ausbeutung. Die Nationalsozialisten behaupten, Wirtschaftskrise und Ausplünderung der Massen seien lediglich Folgen des Young-Planes; die Überwindung der Krise sei bereits gesichert, wenn Deutschland die Fesseln des Versailler Ver- trages abstreift. Das ist ein grober Betrug. Um das deutsche Volk zu befreien, genügt es nicht, die Macht des Auslandskapitals zu brechen, sondern die Herrschaft der eigenen Bourgeoisie im eigenen Lande muß gleichzeitig ge- stürzt werden. Die Krise wütet nicht nur im Deutschland des Young-Planes, sondern auch in den siegreichen imperialistischen Ländern mit Amerika an der Spitze. Überall, wo die Kapitalisten und ihre Agenten, die Sozialdemo- kraten, am Ruder sind, werden die Massen in der gleichen Weise ausgebeutet. Nur in der Sowjetunion bewegen sich Industrie und Landwirtschaft in auf- steigender Linie. Nur in der Sowjetunion wird die Erwerbslosigkeit besei- tigt, werden die Löhne erhöht, werden die sozialpolitischen Errungenschaften der Werktätigen zu beispielloser Höhe ausgebaut. In allen kapitalistischen Ländern, in allen Ländern des Faschismus und der Sozialdemokratie wachsen 61 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Elend und Hunger, Lohnabbau und Erwerbslosigkeit, Reaktion und Terror. Die Kommunistische Partei Deutschlands entfaltet den schärfsten politi- schen und wahrhaften Massenkampf gegen den nationalverräterischen, anti- sozialistischen, arbeiterfeindlichen Faschismus. Wir kämpfen für die Rettung der werktätigen Massen vor der drohenden Katastrophe. Wir Kommunisten erklären, daß wir nach dem Sturz der Macht der Kapi- talisten und Großgrundbesitzer, nach der Aufrichtung der proletarischen Diktatur in Deutschland, im brüderlichen Bündnis mit den Proletariern aller anderen Länder in erster Linie folgendes Programm durchführen werden, das wir der nationalsozialistischen Demagogie entge- genstellen: Wir werden den räuberischen Versailler-»Friedensvertrag« und den Young-Plan, der Deutschland knechtet, zerreißen, werden alle internationa- len Schulden und Reparationszahlungen, die den Werktätigen Deutschlands durch die Kapitalisten auferlegt sind, annullieren. Wir Kommunisten werden uns für das volle Selbstbestimmungsrecht aller Nationen einsetzen und im Einvernehmen mit den revolutionären Arbeitern Frankreichs, Englands, Polens, Italiens, der Tschechoslowakei usw. den- jenigen deutschen Gebieten, die den Wunsch danach äußern werden, die Mög- lichkeit des Anschlusses an Sowjetdeutschland sichern. Wir Kommunisten werden zwischen Sowjetdeutschland und der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken ein festes politisches und Wirtschaftsbünd- nis schließen, auf Grund dessen die Betriebe Sowjetdeutschlands Industrie- produkte für die Sowjetunion liefern werden, um dafür Lebensmittel und Rohstoffe aus der Sowjetunion zu erhalten. Wir erklären vor den Werktätigen Deutschlands: Ist das heutige Deutsch- land wehrlos und isoliert, so wird Sowjetdeutschland, das sich auf mehr als neun Zehntel seiner Bevölkerung stützen und die Sympathien der Werk- tätigen aller Länder genießen wird, keine Überfälle ausländischer Impe- rialisten zu fürchten brauchen. Wir verweisen die Werktätigen Deutschlands darauf, daß die Sowjetunion nur dank der Unterstützung der Arbeiter aller Länder vermocht hat, mit Hilfe seiner unbesiegbaren Roten Armee die Inter- ventionen des Weltimperialismus erfolgreich zurückzuschlagen. Im Gegensatz zu den heuchlerischen faschistischen Phrasen gegen das große Bank- und Handelskapital, im Gegensatz zu den leeren nationalsozialisti- schen Wortgefechten gegen die Schmarotzer und gegen die Korruption wer- den wir folgendes Programm durchführen: Zur Macht gelangt, werden wir dem Treiben der Bankmagnaten, die heute dem Lande offen ihren Willen aufzwingen, schonungslos Einhalt gebieten. PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 63 Wir werden die proletarische Nationalisierung der Banken durchführen und die Verschuldung an die deutschen und ausländischen Kapitalisten annul- lieren. Die Großhändler, die Magnaten des Handelskapitals, treiben heute die kleinen Kaufleute in den Ruin, werfen Tausende von Angestellten aufs Pfla- ster, vernichten Hunderttausende Mittelstandsexistenzen, wuchern die Bauern aus und schrauben die Preise für Massenkonsumartikel empor. Zur Macht gelangt, werden wir dem Treiben der Handelsmagnaten Einhalt gebieten, den Großhandel nationalisieren, starke Konsumgenossenschaften schaffen, die die Interessen aller Werktätigen wirklich vertreten und sie von räuberi- schen Profitmachern befreien werden. Mit eiserner Faust werden wir jede Spekulation, die sich die Not der Werktätigen zunutze macht, zerschmettern. Wir werden die kapitalistischen Formen der Kommunalwirtschaft vernich- ten, den großen Hausbesitz entschädigungslos enteignen, die Arbeiter und die arme Bevölkerung der Städte in die Häuser der Reichen einquartieren. Wir werden die Preise für Mieten, Gas, Wasser, Elektrizität, Verkehrs- mittel und alle Kommunalleistungen nach dem Klassenprinzip abstufen und sie für Proletarier und wenig bemittelte Werktätige auf das Mindestmaß herabsetzen. Wir werden der Steuerpolitik der Bourgeoisie ein Ende machen. Durch Machtergreifung, entschädigungslose Enteignung der Industriebetriebe, der Banken, des großen Hausbesitzes und des Großhandels wird die Arbeiter- klasse alle Voraussetzungen für einen Klassenhaushalt des proletarischen Staates schaffen. Wir werden die Sozialversicherung aller Arten (Erwerbs- losen-, Invaliden-, Kranken-, Alters-, Unfallversicherung, Kriegsbeschädig- ten- und Kriegerhinterbliebenenunterstützung) auf Kosten des Staates unbe- dingt sicherstellen. Wir werden die Staatskasse der deutschen Sowjetrepublik von allen unpro- duktiven Ausgaben für Polizei und Kirche, für Pensionen und Renten an die abgedankten und davongejagten kaiserlichen Prinzen, Könige, Herzöge, Für- sten, Marschälle, Generale, Admirale, für Ministergehälter und Ministerpen- sionen, für die Bezahlung reaktionärer Beamten, für Korruptions- und Luxusausgaben jeder Art befreien. Wir werden die Herrschaft der Großgrundbesitzer brechen, werden ihren Grund und Boden entschädigungslos enteignen und den landarmen Bauern übergeben, werden Sowjetgüter mit modernstem Maschinenbetrieb schaffen, die Arbeitsbedingungen des Landproletariats denjenigen der städtischen Arbeiterschaft gleichsetzen und viele Millionen werktätiger Bauern in den Aufbau des Sozialismus einbeziehen. Mit eisernem proletarischen Besen werden wir alle Schmarotzer, Groß- industriellen, Bankiers, Junker, Großkaufleute, Generale, bürgerliche Politi- ker, Arbeiterverräter, Spekulanten und Schieber aller Art hinwegfegen. 64 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Wir werden den zur Unterdrückung und Knechtung der Werktätigen be- stimmten Machtapparat zerschlagen. Vom Betriebe an bis hinauf zur deut- schen Sowjetregierung — überall wird das Proletariat im Bündnis mit allen Werktätigen auf Grund der wirklichen, der breitesten Sowjetdemokratie herrschen. Durch die Einführung des Siebenstundentages und der viertägigen Arbeits- woche, durch ein festes Wirtschaftsbündnis mit der Sowjetunion und die Hebung der Kaufkraft der Massen werden wir die Erwerbslosigkeit aus der Welt schaffen. Wir werden jedem die Möglichkeit geben zu arbeiten. Wir werden alle Produktivkräfte der Industrie und Landwirtschaft ausschließlich in den Dienst der Werktätigen stellen. Wir werden den arbeitenden Frauen und der werktätigen Jugend volle politische Gleichberechtigung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit sichern. Wir werden die Löhne erhöhen, indem wir die Unternehmerprofite, die unproduktiven Unkosten der kapitalistischen Wirtschaftsweise und die Re- parationszahlungen abschaffen. Mit bolschewistischer Rücksichtslosigkeit wer- den wir allen bürgerlichen Faulenzern gegenüber das Prinzip durchführen: wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Wir Kommunisten bringen den Werktätigen das Programm ihrer sozialen Befreiung vom Joche des Kapitals. Wir werden die Begeisterung der Massen zum Siege über die Bourgeoisie, zur sozialen und zugleich zur nationalen Befreiung des werktätigen deutschen Volkes entfachen. Nur der Hammer der proletarischen Diktatur kann die Ketten des Young-Planes und der nationalen Unterdrückung zerschlagen. Nur die soziale Revolution der Arbeiterklasse kann die nationale Frage Deutschlands lösen. Wenn sich alle Arbeiter, alle armen Bauern, alle Angestellten, alle werk- tätigen Mittelständler, Männer wie Frauen, Jugendliche wie Erwachsene, alle unter der Krise, Arbeitslosigkeit, Not und Ausbeutung Leidenden um die Kommunistische Partei Deutschlands zusammenschließen, dann werden sie eine Macht von so unüberwindlicher Stärke bilden, daß sie nicht nur die Herrschaft des Kapitals zu stürzen vermögen, sondern jeder Widerstand ge- gen sie — sowohl im Innern als von außen — gänzlich aussichtslos wird. Daher rufen wir alle Werktätigen, die sich noch im Banne der abgefeimten faschistischen Volksbetrüger befinden, auf, entschlossen und endgültig mit dem Nationalsozialismus zu brechen, sich in das Heer des proletarischen Klassenkampfes einzureihen. Daher fordern wir Kommunisten alle Arbei- ter, die noch mit der verräterischen Sozialdemokratie gehen, auf, mit dieser Partei der Koalitionspolitik des Versailler Friedens, des Young-Plans, der Knechtung der werktätigen Massen Deutschlands zu brechen, die revolutio- näre Millionenfront mit den Kommunisten zum Kampf für die proletari- sche Diktatur zu bilden: PROGRAMME DES SPARTAKUSBUNDES UND DER KPD 6$ Nieder mit dem Young-Plan! Nieder mit der Regierung der Kapitalisten und Junker! Nieder mit Faschismus und Sozialdemokratie! Es lebe die Diktatur des Proletariats! Es lebe Sowjet deutschland! Berlin, den 24. August 1930. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Die Rote Fahne vom 24. August 1930. B. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 6. AUFRUF DER SPARTAKUSGRUPPE VOM OKTOBER 1918 Der Anfang vom Ende Der Anfang vom Ende ist da. Der deutsche Militärstaat wankt. Die Macht- koalition, die der deutsche Militärstaat aufgebaut hat und der er seine Siege in den ersten vier Kriegsjahren verdankt, bricht zusammen. Bulgarien hat den Sonderfrieden angeboten. Die Türkei und Österreich werden folgen. Was dann? Für die deutsche Arbeiterklasse ist das Problem klar und ein- deutig vorgezeichnet. Wir müssen die Gunst der Stunde ausnützen. Die äußeren Schwierigkeiten unserer Ausbeuter und Unterdrücker gilt es aus- zunützen zum Sturz unserer herrschenden Klassen, um an deren Stelle die Herrschaft der deutschen Arbeiterklasse aufzurichten, was den siegreichen Beginn der Weltrevolution bedeutet. Einen anderen Ausweg aus dem Meer von Blut und Elend gibt es nicht. Alle Zeichen det Zeit verweisen auf diesen Weg. Im Innern, in der »hohen Politik«, herrscht Ratlosigkeit. Hertling und Hintzen sind entlassen worden. Neue Männer sind in die Regierung einberu- fen worden, um die alte Politik weiterzutreiben oder doch noch zu retten, was zu retten ist. Wir Arbeiter haben von einer neuen bürgerlichen Regie- rung nicht das geringste zu erwarten; auch jetzt nicht, wo diese Regierung durch einige Regierungssozialisten verbrämt und durch einige scheindemo- kratische Zugeständnisse aufgeputzt worden ist. Eine solche Hoffnung wäre noch trügerischer als die bereits so schmählich zusammengebrochenen Hoff- nungen auf den militärischen Endsieg und die Wirkungen durch den U-Boot- Krieg. Die Befürchtungen, daß sich die deutsche Arbeiterklasse wieder narren läßt, bestehen diesmal nicht zu Recht. Verlassen und verraten von den hohen Am 30. September 1918 trat der damalige Reichskanzler und preußische Ministerpräsident Graf Hertling zurück, weil er die Parlamentarisierung nicht mit- machen wollte. Am 3. Oktober war auch der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Paul von Hintze, der als Vertreter der »Alldeutschen« galt, zurückgetreten. Die folgende Regierung des Prinzen Max von Baden war eine parlamentarische Regie- rung, in die erstmals Sozialdemokraten (Bauer und Scheidemann) als Staatssekretäre aufgenommen wurden. 68 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Politikern und Parteiführern, haben größere Massen, vor allem Soldaten, instinktiv den rechten Weg gefunden und bereits beschritten. Die Soldaten weigern sich in immer größeren Massen, an die Front zu gehen und für die Aufrechterhaltung des sie ausbeutenden und bedrückenden, für den Krieg verantwortlichen Systems Bütteldienste zu verrichten. Die Arbeiter in der Munitionsindustrie sind gleichfalls drauf und dran, sich für diese entscheiden- den Kämpfe vorzubereiten. Bis in weite Kreise des Bürgertums hinein ist unverkennbar eine Stimmung vorhanden, die erfolgversprechend ist. Also nützen wir die Zeit, um uns für diese Kämpfe vorzubereiten! In allen Be- trieben, unter den Soldaten an der Front und im Hinterland gilt es jetzt zu organisieren. Die spontanen Meuterungen unter den Soldaten gilt es mit allen Mitteln zu unterstützen, zum bewaffneten Aufstand überzuleiten, den bewaffneten Aufstand zum Kampf um die ganze Macht für die Arbeiter und Soldaten auszuweiten und durch Massenstreiks der Arbeiter für uns sieg- reich zu machen. Das ist die Arbeit der allernächsten Tage und Wochen. Wir haben nichts zu verlieren, nur alles zu gewinnen. Die unerbetene Hilfe der imperialistischen Ententestaaten darf kein Hindernis sein. Im Gegenteil, wir werden mit ihren imperialistischen Ansprüchen insofern leicht fertig werden, als sie selbst die Revolution im Leibe haben und ihnen von der Arbeiter- klasse ihrer Länder das gleiche Schicksal bereitet werden wird. Der Beginn der deutschen Revolution ist der Anfang der siegreichen Welt- revolution. Spartakus im Kriege Die illegalen Flugblätter des Spartakusbundes im Kriege Gesammelt und eingeleitet von Ernst Meyer Berlin 1927, S. 223-225.   AUFRUF DER SPARTAKUSGRUPPE VOM NOVEMBER 1918 Arbeiter und Soldaten Nun ist eure Stunde gekommen. Nun seid ihr nach langem Dulden und stil- len Tagen zur Tat geschritten. Es ist nicht zuviel gesagt: In diesen Stunden blickt die Welt auf euch und haltet ihr das Schicksal der Welt in euren Händen. Arbeiter und Soldaten! Jetzt, da die Stunde des Handelns gekommen ist, darf es kein Zurück mehr geben. Die gleichen »Sozialisten«, die vier Jahre DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 69 lang der Regierung Zuhälterdienste geleistet haben, die in den vergangenen Wochen von Tag zu Tag euch vertröstet haben mit der »Volksregierung«, mit Parlamentarisierung und anderem Plunder, sie setzen jetzt alles daran, um euren Kampf zu schwächen, um die Bewegung abzuwiegeln. Arbeiter und Soldaten! Was euren Genossen und Kameraden in Kiel, Hamburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Flensburg, Hannover, Magdeburg, Braunschweig, München und Stuttgart gelungen ist: das muß auch euch ge- lingen. Denn von dem, was ihr erringt, von der Zähigkeit und dem Erfolge eures Kampfes, hängt auch der Sieg eurer dortigen Brüder ab, hängt der Er- folg des Proletariats der ganzen Welt ab. Soldaten! Handelt wie eure Kameraden von der Flotte, vereinigt euch mit euren Brüdern im Arbeitskittel. Laßt euch nicht gegen eure Brüder gebrau- chen, folgt nicht den Befehlen der Offiziere, schießt nicht auf die Freiheits- kämpfer. Arbeiter und Soldaten! Die nächsten Ziele eures Kampfes müssen sein: Befreiung aller zivilen und militärischen Gefangenen. Aufhebung aller Einzelstaaten und Beseitigung der Dynastien. Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten, Wahl von Delegierten hierzu in allen Fabriken und Truppenteilen. Sofortige Aufnahme der Beziehungen zu den übrigen deutschen Arbeiter- und Soldatenräten. Übernahme der Regierung durch die Beauftragten der Arbeiter- und Soldatenräte. Sofortige Verbindung mit dem internationalen Proletariat, insbesondere mit der russischen Arbeiterrepublik. Arbeiter und Soldaten! Nun beweist, daß ihr stark seid, nun zeigt, daß ihr klug seid, die Macht zu gebrauchen. Hoch die sozialistische Republik! Es lebe die Internationale! Die Gruppe Internationale (Spartakusgruppe) Karl Liebknecht                   Ernst Meyer Flugblatt Faksimile in: Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution Berlin 1929, S. 199 7° DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK   ROSA LUXEMBURG ÜBER DIE NATIONALVERSAMMLUNG u Die von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: Bürger- liche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Prole- tariats ist Demokratie im sozialistischen Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, >Anarchie<, wie die Agenten des kapi- talistischen Profits zielbewußt fälschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des Sozialismus, zur Expropria- tion der Kapitalistenklasse - im Sinne und durch den Willen der revolutio- nären Mehrheit des Proletariats, also im Geiste sozialistischer Demokratie. Ohne den bewußten Willen und die bewußte Tat der Mehrheit des Prole- tariats kein Sozialismus. Um dieses Bewußtsein zu schärfen, diesen Willen zu stählen, diese Tat zu organisieren, ist ein Klassenorgan nötig: das Reichs- parlament der Proletarier in Stadt und Land. Die Einberufung einer solchen Arbeitervertretung ist an sich schon ein Akt des Klassenkampfes, ein Bruch mit der geschichtlichen Vergangenheit der bürgerlichen Gesellschaft, ein mäch- tiges Mittel zur Aufrüttelung der proletarischen Volksmassen, eine erste, offene, schroffe Kriegserklärung an den Kapitalismus. Keine Ausflüchte, keine Zweideutigkeiten — die Würfel müssen fallen. Der parlamentarische Kretinismus war gestern eine Schwäche, ist heute eine Zwei- deutigkeit, wird morgen ein Verrat am Sozialismus sein... Die Rote Fahne vom 20. November 1918 Rosa Luxemburg spricht hier die offizielle Haltung der Kommunisten gegen die Nationalversammlung und für eine Räterepublik aus. Als der 1. Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte jedoch die Wahlen zur Nationalversammlung für den 19. Januar 1919 beschloß, traten Rosa Luxemburg und die gesamte Zentrale für die Wahlbeteiligung ein. Auf dem Gründungsparteitag der KPD wurde aber eine Wahl- beteiligung gegen den Willen der Zentrale mit 62 gegen 23 Stimmen abgelehnt. Die grundsätzliche Einstellung der KPD für die Räte wurde von der Mehrheit der ultra- linken Delegierten als Antiparlamentarismus überhaupt ausgelegt. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 71 9* AUFRUF LIEBKNECHTS ZUM STURZ DER REGIERUNG (1919)^ Kameraden! Arbeiter! Die Regierung Ebert-Scheidemann hat sich unmöglich gemacht. Diese ist von dem unterzeichneten Revolutionsausschuß der Vertretung der revolu- tionären sozialistischen Arbeiter und Soldaten (Unabhängige sozialdemo- kratische Partei und kommunistische Partei) für abgesetzt erklärt. Der unterzeichnete Revolutionsausschuß hat die Regierungsgeschäfte vor- läufig übernommen. Kameraden! Arbeiter! Schließt Euch den Maßnahmen des Revolutionsausschusses an. Berlin, den 6. Januar 1919 Der Revolutionsausschuß i. V. Ledebour Liebknecht Scholze Faksimile in: Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution Berlin 1929, S. 272. Am 29. Dezember 1918 waren die Vertreter der USP aus der Regierung aus- geschieden. Der Berliner Polizeipräsident Eichhorn (USP) trat nicht zurück und wurde von der Regierung abgesetzt. Die Berliner USP, die KPD und die revolutio- nären Obleute der Berliner Betriebe riefen daraufhin am 5. Januar 1919 zu einer Massendemonstration gegen »die Gewaltherrschaft der Ebert, Scheidemann, Hirsch und Ernst« auf. Im Verlaufe der Auseinandersetzungen wurde dann das vorliegende Dokument herausgebracht. Im Original hat Liebknecht für Ledebour mit unterschrie- ben. Am 8. Januar beschloß die Leitung der KPD, daß Liebknecht und Pieck aus dem Aktionsausschuß der Obleute zurückzutreten hätten. Rosa Luxemburg und Jogiches übten schärfste Kritik an der Führung der Aktion. »Als die andern Instan- zen abfielen, hielten Liebknecht und Rosa Luxemburg es für ihre Pflicht, bei den kämpfenden Arbeitern auszuhalten. Sie haben beide ihr Leben für eine Aktion geopfert, deren Zwecklosigkeit ihnen klar war.« (A. Rosenberg.) 7* DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 10. AUFRUF DER KPD MÜNCHENS VOM 13. APRIL 1919V Arbeiter! Die Stunde des Kampfes hat geschlagen! Der Verrat kommt von Bamberg. Der Verrat ist schon in euren Mauern. Mitglieder des Zentralrats sind verhaftet. Sie sind nach Passau verschleppt. Die Verräter haben die Regierung der Kapitalisten, die Regierung Hoffmann, wieder proklamiert. Sie nehmen euch jetzt schon eure Rechte. Sie werden alle klassenbewußten Kämpfer niedermetzeln. Sie werden euch alle nieder- schlagen. Das werden sie tun, wenn ihr nicht zu den Waffen greift. Nehmt euch die Waffen! Verbündet euch mit den Soldaten, die für die Freiheit kämpfen. Geht in die Kasernen und gewinnt die Soldaten, die euch noch fernstehen, für die Sache des Proletariats. Tretet ein in den Generalstreik! Arbeiter! Jetzt gilt es. Wenn ihr jetzt nicht zu kämpfen wißt, dann ist die Re- volution verloren. Dann sitzen euch eure Ausbeuter auf dem Nacken. Dann steht ewige Versklavung vor euch. Dann hungert ihr mit euren Kindern. Am 7. April 1919 war in München eine Räterepublik ausgerufen worden, an der sich Mehrheitssozialdemokraten, Unabhängige Sozialdemokraten und Anarchisten beteiligten. Die Kommunisten unter Führung Eugen Levines nahmen eine sach- gerechte Haltung ein, sie nannten die Räterepublik eine Komödie und lehnten eine Beteiligung ab. Der mehrheitssozialistische Ministerpräsident Hoffmann führte von Bamberg aus die Regierungsgeschäfte weiter und bereitete einen Vormarsch gegen München vor. Nach einer Woche schien sich die Räterepublik durch ihre eigene Untätigkeit tot- zulaufen. »Alles wird sich in Wohlgefallen auflösen«, sagte nach der Schilderung Rosa Levinas ihr Mann am Vorabend der entscheidenden Wendung. Noch in der- selben Nacht, am 13. April, versuchte die Regierung Hoffmann die Räterepublik mit Waffengewalt zu stürzen und richtete den Angriff gegen kommunistische Lokale. Nun riefen die Kommunisten zur Abwehr. Das hier wiedergegebene Dokument zeigt, wie die KPD ihre Haltung änderte. Eine neue Regierung mit Levin£ an der Spitze wurde gebildet. Als sich die Regierungstruppen näherten, setzte eine allgemeine Abgrenzung von den Kommunisten ein. Sie wurden für die Katastrophe verantwortlich gemacht und mußten zwei Tage vor dem Einmarsch der Truppen aus der Regierung ausscheiden. Am 1. Mai wurde München nach kurzem Widerstand von Regierungstruppen er- obert. Es kam zu Hunderten von Erschießungen. Levin4 wurde von einem Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 73 Es geht um eure Zukunft. Ihr kämpft für die ganze deutsche Arbeiterklasse, für die Weltrevolution.                                          * Nieder mit den Verrätern und Feinden der Arbeiterklasse! Nieder mit der Regierung Hoffmann! Es lebe die Räterepublik! Es lebe der Kampf! Die Kommunistische Partei (Spartakusbund) Flugblatt Arbetarrörelsens Arkiv Stockholm   LEITSÄTZE DES II. PARTEITAGES ÜBER KOMMUNISTISCHE GRUNDSÄTZE UND TAKTIK (1919) Die Revolution, geboren aus der wirtschaftlichen Ausbeutung des Prole- tariats durch den Kapitalismus und aus der politischen Unterdrückung durch die Bourgeoisie zum Zwecke der Aufrechterhaltung des Ausbeutungsverhält- nisses, hat eine zweifache Aufgabe: Beseitigung der politischen Unterdrückung und Aufhebung des kapitalisti- schen Ausbeutungsverhältnisses. Die Ersetzung des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisses durch die sozialistische Produktionsordnung hat zur Voraussetzung die Beseitigung der politischen Macht der Bourgeoisie und deren Ersetzung durch die Diktatur des Proletariats. In allen Stadien der Revolution, die der Machtergreifung des Prole- tariats vorangehen, ist die Revolution ein politischer Kampf der Prole- tariermassen um die politische Macht. Dieser Kampf wird mit allen politischen und wirtschaftlichen Mitteln geführt. Die KPD ist sich bewußt, daß dieser Kampf nur mit den größten politi- schen Mitteln (Massenstreik, Massendemonstrationen, Aufstand) zum sieg- reichen Ende gebracht werden kann. Dabei aber kann die KPD auf kein politisches Mittel grundsätzlich ver- zichten, das der Vorbereitung dieser großen Kämpfe dient. Als solches Mittel kommt auch die Beteiligung an Wahlen in Betracht, sei es zu Parlamenten, sei es zu Gemeindevertretungen, sei es zu gesetzlich anerkannten Betriebs- räten usw. Da aber diese Wahlen als nur vorbereitende Mittel dem revolutionären 74 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Kampf unterzuordnen sind, kann auf die Anwendung dieser Mittel in ganz besonderen politischen Situationen verzichtet werden, nämlich wenn im Gange befindliche und auf die Entscheidung gehende revolutionäre Aktionen die Anwendung parlamentarischer Mittel vorübergehend oder dauernd über- flüssig machen. Die KPD lehnt daher einerseits die syndikalistische Auffassung von der Überflüssigkeit oder Schädlichkeit politischer Mittel, andererseits die Auf- fassung der USP ab, daß revolutionäre Errungenschaften auch im Wege par- lamentarischer Beschlüsse oder Verhandlungen mit der Bourgeoisie herbei- geführt werden könnten. Die Beteiligung oder Nichtbeteiligung an den Wahlen sind von der Reichs- konferenz oder vom Parteitag einheitlich für das ganze Reich zu bestimmen. Schon vor Eroberung der Macht ist auf den Ausbau bestehender und die Schaffung neuer Räteorganisationen das größte Gewicht zu legen. Dabei ist zunächst freilich im Auge zu behalten, daß Räte und Räteorgani- sationen nicht durch Statuten, Wahlreglements usw. geschaffen werden kön- nen und daß sie nicht durch Statuten, Wahlreglements usw. gehalten werden können. Sie verdanken ihre Existenz vielmehr allein dem revolutionären Willen und der revolutionären Aktion der Massen und sind der ideologische und organisatorische Ausdruck des Willens zur Macht für das Proletariat gera- deso, wie das Parlament dieser Ausdruck für die Bourgeoisie ist. Aus diesem Grunde sind die Arbeiterräte auch die gegebenen Träger der revolutionären Aktionen des Proletariats. Innerhalb dieser Arbeiterräte ha- ben sich die Mitglieder der KPD fraktionsmäßig zusammenzuschließen und zu versuchen, durch geeignete Parolen die Arbeiterräte auf die Höhe ihrer revolutionären Aufgabe zu erheben und die Führung der Arbeiterräte und der Arbeitermassen zu gewinnen. y.Die Revolution, die kein einmaliges Schlagen, sondern das lange zähe Ringen einer seit Jahrtausenden unterdrückten und daher ihrer Aufgabe und ihrer Kraft nicht von vornherein voll bewußten Klasse ist, ist dem Auf- und Abstieg, der Flut und Ebbe ausgesetzt. Sie ändert ihre Mittel je nach der Lage, sie greift den Kapitalismus bald von der politischen, bald von der wirt- schaftlichen, bald von beiden Seiten an. Die KPD bekämpft die Anschauung, als löste eine wirtschaftliche Revolution eine politische ab. Die wirtschaftlichen Kampfmittel sind von besonderer Bedeutung, weil sie dem Proletariat über die eigentlichen Ursachen seines wirtschaftlichen und politischen Elends in ganz besonderem Maße die Augen öffnen. Der Wert dieser Kampfmittel steigt um so mehr, als in dem Proletariat die Einsicht wächst, daß auch diese wirtschaftlichen Kampfmittel dem politischen Ziel der Revolution dienen. Aufgabe der politischen Partei ist es, dem Proletariat den ungehinderten, DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 75 auch von keiner konterrevolutionären Gewerkschaftsbürokratie gehemmten Gebrauch dieser wirtschaftlichen Mittel zu sichern, wo nötig, selbst um den Preis der Zerstörung der Form der Gewerkschaft und Schaffung neuer Orga- nisationsformen. Die Anschauung, als könne man vermöge einer besonderen Organisations- form Massenbewegungen erzeugen, daß die Revolution also eine Frage der Organisationsreform sei, wird als Rückfall in kleinbürgerliche Utopie abge- lehnt. Die wirtschaftliche Organisation ist die, in der die breiten Massen sich sammeln. Hier steht ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige Teil der Masse, die den revolutionären Kampf durchführt. Die politische Partei ist demgegenüber zur Führung des revolutionären Massenkampfes berufen. In der KPD sammeln sich die vorgeschrittensten und zielklarsten Elemente des Proletariats, die dazu berufen sind, in den revolutionären Kämpfen voranzugehen. Im Interesse der Einheitlichkeit, geistigen Schulung und Übereinstimmung dieser Führerschicht müssen sie in der politischen Partei vereinigt sein. Die syndikalistische Meinung, daß diese Vereinigung der zielklarsten Pro- letarier in einer Partei nicht notwendig sei, daß vielmehr die Partei gegen- über den wirtschaftlichen Organisationen des Proletariats zu verschwinden habe, oder in ihnen aufgehen müsse, oder daß die Partei ihre Führung in revolutionären Aktionen zugunsten von Betriebsorganisationen usw. aufge- ben und sich auf Propaganda beschränken müsse, ist gegenrevolutionär, weil sie die klare Einsicht der Vorhut der Arbeiterklasse durch den chaotischen Trieb der in Gärung geratenen Masse ersetzen will. Die Partei kann aber dieser Aufgabe nur gerecht werden, wenn sie in revo- lutionären Epochen in straffster Zentralisation vereinigt ist. Föderalismus in solchen Zeiten ist nur die versteckte Form für die Verneinung und Auf- lösung der Partei, weil Föderalismus in Wirklichkeit die Partei lähmt. Ebenso wie für die politische ist für die wirtschaftliche Organisation straffste Zentralisation erforderlich. Der Föderalismus in wirtschaftlichen Organisa- tionen macht einheitliche Aktionen der Arbeiter unmöglich. Die KPD ver- wirft den Föderalismus. Mitglieder der KPD, die diese Anschauungen über Wesen, Organisation und Aktion der Partei nicht teilen, haben aus der Partei auszuscheiden. Bericht über den 2. Parteitag der KPD (Spartakusbund) vom 20. bis 24. Oktober 1919 o. O. und o. J., S. 60-62. 76 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 12. AUFRUF GEGEN DAS BETRIEBSRÄTEGESETZ (1920) An das revolutionäre Proletariat Deutschlands! Die unterzeichneten Organisationen, die teils gemeinsam, teils jede selb- ständig, bereits Aktionen gegen das Betriebsrätegesetz eingeleitet haben, treten zur Verstärkung dieser Aktionen mit folgendem gemeinsamen Aufruf an die Öffentlichkeit: Die Gegenrevolution sucht eine revolutionäre Errungenschaft nach der anderen niederzuschlagen. Nachdem durch die Abwürgung der Soldatenräte die militärische Macht wieder der alten Soldateska unter neuer Führung zu- gefallen war, hat sie die politische Hoffnung des revolutionären Proletariats, die Arbeiterräte, vernichtet. Jetzt will die Konterrevolution ihr Werk besiegeln, indem sie den revolu- tionär errungenen Einfluß der Arbeiter in den Betrieben mit Hilfe der Ge- setzgebung bricht. Das Betriebsrätegesetz soll alle Gedanken an eine soziale Revolution end- gültig zerstören. Der Gesetzentwurf über die Betriebsräte wird deshalb von den revolutionären Kopf- und Handarbeitern als ein frecher Betrug zurück- gewiesen ... Die Verwirrung der Wirtschaft ist ärger denn je, und mit dem Anwachsen des politischen Einflusses der Gegenrevolution geht eine maßlose Preistrei- berei Hand in Hand. Deshalb kann nur eine Umgestaltung der Produktions- weise von Grund auf den allgemeinen Zusammenbruch verhindern und den Neuaufbau der Wirtschaft ermöglichen. Diese rettende Umgestaltung der Produktionsweise im sozialistischen Sinne erfordert die freudige Mitarbeit aller Hand- und Kopfarbeiter und ihrer Vertreter in den Betrieben. Dazu sind nur Betriebsräte imstande, die mit den nötigen Rechten ausgestattet sind. Wir fordern daher das volle Kontrollrecht über die Betriebsführung. Die schaffenden Menschen, die Arbeiter und Angestellten, müssen durch ihre Beauftragten darüber bestimmen, ob Betriebe stillgelegt werden dürfen oder nicht, was und wieviel von jedem Produkt hergestellt wird, welche Preise gefordert werden, wie Kohle, Roh- und Hilfsstoffe verteilt werden, was ein- und ausgeführt wird ... Erkämpft euch revolutionäre Betriebsräte mit vollem Kontroll- und Mit- bestimmungsrecht in den Betrieben! Zentrale der Betriebsräte Deutschlands Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) Die Rote Fahne vom 13. Januar 1920 DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 77   DIE KPD ZUM KAPP-PUTSCH (1920)18 Proletarier! Genossen! Eure Schicksalsstunde ist gekommen. Ihr beginnt den Kampf in einer politischen Situation, die Euch über alle Maßen günstig ist. Rußland ist bereit! In diesen Tagen ist Wilna genommen. Die Entente ist nicht mehr die alte. Rußland und Rate-Deutschland geeint haben nichts zu fürchten. Die Wirtschaftskrise, die Ernährungskrise, die Valutakrise der nächsten Monate wächst ins Unerträgliche. Die neue Regierung als Säbeldiktatur ist haltlos. Sie taumelt bereits. Die Sicherheitswehr ist in Zersetzung. Das Bürgerpack ist unsicher, unklar, aschgrau und ohne Hoffnung. Die alte Regierung hat in 16 Monaten ihre antiproletarische, konterrevolutionäre Gesinnung offenbart. Sie verdiente den Schlag der Ludendorffer. Überall im Reich beginnen Eure Brüder sich zu erheben. Die Eisenbahner verschärfen den Streik, das Ruhrrevier ruht. Haltet Euch bereit zum Äußersten. Geht aber einheitlich und geschlossen vor. Setzt mit aller Kraft und allen Mitteln den Streik fort. Während Lüttwitze und Eber- tiner sich aufreiben, muß das Trommelfeuer des Generalstreiks beide zermür- ben. — Dann setzt Ihr beiden den Fuß auf den Nacken, dann ist Eure Stunde gekommen, die Stunde der Diktatur des Proletariats. Genossen! Proletarier! Wer das Höchste erreichen will, muß das Äußerste ertragen können. Bleibt fest, der Sieg ist gewiß! Kommunistische Partei Deutschlands Groß-Berlin Flugblatt Privat-Archiv Weber Dieses Flugblatt läßt die Haltung der KPD während des Generalstreiks gegen den Kapp-Putsch erkennen. Zunächst hatte die KPD-Zentrale allerdings den Ge- neralstreik abgelehnt. Der entsprechende Aufruf der Zentrale wird an anderer Stelle wiedergegeben (vgl. Dok. 40). 7* DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 14. »VERFÜGUNG« DER ROTEN RUHRARMEE^ Wir sind gezwungen, wegen der Vorkommnisse in den letzten Tagen die schärfsten Maßnahmen zu ergreifen. Da Verwundete eingeliefert worden sind, bei denen einwandfrei Schrotschüsse festgestellt worden sind, welche von Jagdmunition herrühren können, werden sämtliche Waffenscheine für ungültig erklärt. Wir sind nicht gewillt, in unserem eigenen Hinterland uns eine große Gefahr aufzubauen. Ich gebe hierdurch bekannt, daß sämtliche Waffen und Munition 12 Stun- den nach Bekanntmachung abgegeben sein müssen. Da ich so ziemlich genau über den Waffenbesitz bei mir in der Gemeinde orientiert bin, verlange ich, daß in festgesetzter Frist sämtliche Waffen abgeliefert werden. Wo nach abgelaufener Frist noch Waffen gefunden werden, wird streng bestraft, in schweren Fällen mit dem Tode bestraft. Ich fordere die Einwoh- nerschaft in ihrem eigenen Interesse auf, dieser Verfügung unbedingt Folge zu leisten, damit ich nicht in die Zwangslage komme, solche schweren Strafen vollziehen zu müssen. Marl, den 29. März 1920                                               Gegeben: Die Zentralleitung der Roten Armee Wohlgemuth Hans Spethmann, Die Rote Armee an Ruhr und Rhein Berlin 1930, S. 131. Im Anschluß an den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch kam es im Ruhr- gebiet zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Dabei wurde eine Rote Armee ge- bildet. Die vorliegende »Verfügung« ist ein Beispiel für das Verhalten der Roten Armee. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 79 IS- RUNDSCHREIBEN ZUR MÄRZAKTION (1921)20 Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands, Sektion der 3. Intern. Rundschreiben Nr. 2c                  Berlin, den 24. 3. 21., Rosenthaler Straße 38. An die Bezirksleitungen Werte Genossen! Die außerordentlich zugespitzte Situation veranlaßt uns, folgende Richt- linien zu übermitteln: Gemäß dem Beschluß des Zentralausschusses hat die Partei sich insgesamt auf erhöhte Aktivität einzustellen. Durch die behördlichen Provokationen in Mitteldeutschland und Hamburg sind wir rascher als erwartet zur Aktion gekommen. Es gilt jetzt möglichst rasch eine allgemeine Linie der Bewegung herzustellen und die zurückbleibenden Bezirke vorwärts zu reißen. Die Zen- trale hat soeben die Proklamierung des Generalstreiks für ganz Deutschland beschlossen. Die Verwirklichung dieser Parole muß unbedingt überall durch- geführt werden. Darüber hinaus sind Truppentransporte mit allen Mitteln zu verhindern .. . Die Parolen beschränken sich vorläufig auf Unterstützung der kämpfen- den Proletarier durch aktive Solidarität — Entwaffnung der Sipo und Orgesch21 und Bewaffnung des Proletariats - Arbeit für die Arbeitslosen. Die Märzaktion, die von der VKPD-Führung 1921 durchgeführt wurde, ist nicht zuletzt von den Interessen der Sowjetunion diktiert worden. Auf Betreiben Sinowjews und der Komintern-Führung wurde eine Aktion vorangetrieben, die keine Aussicht auf Erfolg hatte. Die Zentrale der KPD ihrerseits wollte beweisen, daß die neue Massenpartei (wenige Monate zuvor war die Verschmelzung mit der linken USP erfolgt) die revolutionäre Offensive erzwingen könne. Das mitteldeutsche In- dustrierevier, der Bezirk Halle-Merseburg, war für den Aufstand vorgesehen, weil hier die KPD überdimensional stark war. Sie zählte bei den Landtagswahlen am 20. Februar 1921 197 113 Stimmen gegen 70340 der SPD und 74 754 der USP. Von den 22000 Beschäftigten der Leuna-Werke waren 2500 Mitglieder der KPD. Der Aufstand wurde in wenigen Tagen niedergeschlagen. Das wiedergegebene Doku- ment gibt Aufschluß über die Haltung der Zentrale. Paul Levi, der nach der März- aktion die Partei verließ, enthüllte den Aufstand als Putsch (vgl. Dok. 86). Mit Sipo ist die Sicherheitspolizei gemeint; Orgesch war die Organisation Escherich (auch als Organisation Konsul bekannt), eine militärische Verschwörer- gruppe, berüchtigt u. a. durch den Rathenaumord. 8o DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Die Eingliederung der Arbeitslosen in die Bewegung muß energisch betrie- ben werden. Stillegung des Transportes innerhalb der Städte und Eisenbah- nen muß ebenfalls erzwungen werden. Die Festtage dürfen nicht eine Lähmung der Aktion bringen, sondern müssen zur Propaganda und Vorbereitung weiterer Aktionen aufs energisch- ste ausgenutzt werden. Wir erwarten von Euren Bezirksleitungen, daß sie dafür sorgen, daß so- fort nach den Osterfesttagen mindestens der Generalstreik allgemein in allen Betrieben durchgeführt wird. Die Situation für die Regierung ist äußerst kritisch, da die Verwicklungen mit der Entente fortbestehen und die oberschle- sische Frage sich immer mehr zuspitzt. Die Presse ist noch keineswegs auf erhöhte Aktivität eingestellt. Sie muß unbedingt einen populären und aggres- siven Ton anschlagen. Anknüpfungspunkte sind außer den bereits genannten allgemeinen Paro- len von den einzelnen Bezirken je nach Zweckmäßigkeit auszuwählen. Der Generalstreik muß verbunden werden mit häufigen Demonstrationen, um die Arbeiter zusammenzuhalten, politisch zu beeinflussen und ihre Aktivität zu erhöhen. Wir erwarten von allen Bezirksleitungen regelmäßig Nachrichten evtl, durch Kuriere. Soweit es geht, sind Zentrale, Pressedienst und die Redaktion der Roten Fahne täglich telefonisch zu benachrichtigen. Mit der KAPD22 bilden wir in Berlin einen zentralen Aktionsausschuß, ebenso sind in allen Bezirken und Orten, wo die KAPD in nennenswerter Zahl vertreten ist, solche gemeinsamen Aktionsausschüsse zu bilden. SPD- und USPD-Arbeiter sind von ihrer Führung zu trennen, um sie in die Bewegung hineinzuziehen. An Sipo und Reichswehrmannschaften soll durch Überredung herangetre- ten werden. Nur, wo schon offener Kampf eingetreten ist, ist schärfste Be- handlung geboten. Kurze Flugblätter und Plakate mit Schlagworten sind besser als lange Aufrufe. Je nach der Situation haben die Bezirke fortgesetzt durch Ausgabe von Flugblättern, Plakaten usw. einzugreifen. Mit kommunistischem Gruß gez. Die Zentrale der VKPD Vom Bürgerkrieg Heft 3 o. O. und o. J. (Mitte 1923) S. 25/26 Die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) entstand im April 1920. Sie ging aus der linken Opposition der KPD hervor, die sich auf dem II. Parteitag 1919 von der KPD getrennt hatte. Die KAPD wurde 1920 als „sympathi- sierende Partei« in die Komintern auf genommen. Nach 1921 verlor sie ihre Be- deutung. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK                                                                          8l 16. MILITÄRISCHE LEHREN DER OKTOBERKÄMPFE IN HAMBURG (1923)^ ... Wichtigste Lehren. Genügend Bewaffnung, wenigstens der Stoßtrupps. Festsetzen in einzelnen Punkten (Wachen, Kasernen usw.) falsch, weil dadurch dem Gegner der konzentrische Angriff leicht gemacht wird. Ausgänge von Wachen und Kasernen können evtl, von Dachschützen im Schach gehalten werden. Größte Beweglichkeit kleiner bewaffneter Gruppen, die überraschend auf- treten. Es hat sich gerade in Hamburg herausgestellt, daß den auf bestimmte Im Oktober 1923 hatten die Kommunisten in Hamburg einen Aufstand be- gonnen. Die KPD war in der damaligen Krisensituation in die sächsische und thüringische Regierung eingetreten. Die Komintern hatte bereits einen Aktionsplan für den deutschen Aufstand vorbereitet. Am 20. Oktober setzte die Reichsregierung die verfassungsmäßige sächsische Regierung ab und ordnete den Einmarsch von Reichswehrtruppen in Mitteldeutschland an. Die KPD-Zentrale trat in Berlin zu einer Sitzung zusammen. Einstimmig wurde beschlossen, auf der am folgenden Tag in Chemnitz stattfindenden Betriebsrätekonferenz den Generalstreik auszurufen. Auf dieser Chemnitzer Konferenz zeigte sich jedoch, daß die KPD bei einem Aufstand isoliert bleiben würde, da die linken Sozialdemokraten nicht bereit waren mitzu- kämpfen. Brandler und die anwesenden ZK-Mitglieder entschlossen sich daher, den Generalstreik und damit den Aufstand abzusagen. Durch ein groteskes Mißver- ständnis brach jedoch in Hamburg der Kampf aus. Einige hundert Kommunisten kämpften einige Tage völlig isoliert gegen die Polizei. Dieser Hamburger Aufstand wurde in der Folgezeit von der KPD glorifiziert. Aus den militärischen Erfahrungen des Aufstandes versuchte man, wie im vorliegenden Aufsatz, »Lehren« zu ziehen. Die Zeitschrift »Vom Bürgerkrieg«, der dieser und der folgende militärische Aufsatz entnommen ist, war eine illegale Zeitung der KPD, die militärpolitischen Aufgaben diente. Später wurde die Zeitschrift unter dem Titel »Oktober« fortgesetzt. Sie erschien illegal bis 1933 (vgl. Dok. 25 u. 37). Das entscheidende Buch der KPD über den bewaffneten Aufstand ist die von Alfred Langer (Pseudonym) verfaßte Schrift »Der Weg zum Sieg«. Darin heißt es z. B. über die Bewaffnung der Arbeiter für den Aufstand, auf den sich die KPD immer orientierte: »Man könnte das Ver- zeichnis der von Lenin als Beispiel genannten, primitiven, jedem Proletarier zugäng- lichen Waffen bis ins Endlose verlängern. Man könnte neben Messern, Schlagringen, petroleumgetränkten Lappen usw. noch etwa Beile, Ziegelsteine, kochendes Wasser zum Begießen der in den Straßen der Arbeiterviertel wütenden Polizeibestien, ein- fache Handgranaten aus Dynamit erwähnen, nur um das allerprimitivste von den unendlichen, überall vorkommenden Möglichkeiten zur Bewaffnung des Proletariats zu unterstreichen ...« (S. 192). 82 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Regeln des Kampfes eingestellten militärischen Gegner am meisten zer- mürbt, das überraschende Auftreten einzelner Schützen bald im Rücken, bald in der Flanke. Der kämpfende Arbeiter muß für den Gegner überall und nirgends sein, überraschend auftreten, wieder verschwinden, nie faßbar sein. So wurde der Feind unsicher, durch die ihm zugefügten Verluste zermürbt und konnte über die Stärke der kämpfenden Arbeiter nie ein klares Bild erhalten. Photographische Aufnahmen im Kampfgebiet müssen unter allen Umstän- den verhindert werden. Das Kampfgebiet ist nach Möglichkeit in die Bour- geoisieviertel zu verlegen, damit auch diese Leute etwas von dem Kampf haben. In diesen Vierteln muß sofort ein Absuchen der Häuser nach Waffen stattfinden. Eine Erweiterung der Kampfbasis ist so schnell wie möglich anzustreben durch Entsendung der Reserven an die Peripherie des Kampfgebietes. Alle Zufahrtsstraßen sind schon in den Vororten zu sichern, damit jeder Zuzug feindlicher Kräfte nach dem Hauptkampfgebiet verhindert wird. Das kann geschehen durch Unterbrechung der Bahnverbindung und Barrikaden auf den Zugangsstraßen, Telefonverbindungen unterbrechen, Unterbrechungsstelle durch Dachschützen sichern, damit Reparatur durch Teno24 unmöglich. Eine weitere wichtige Lehre ist die, daß die Verbindung der Leitung mit den kämpfenden Truppen und umgekehrt von beiden Teilen ununterbrochen gesucht werden muß. Weiterhin muß der Leitung ein gutfunktionierender Nachrichtendienst zur Verfügung stehen, der über die Stärke des Gegners, Stimmung der Bevölkerung usw. jederzeit Aufschluß gibt. Verbindung und Nachrichtendienst ermöglichen eine gute Führung. Auf die Sicherung von ausreichenden Druckmöglichkeiten im Kampfgebiet ist von vornherein größter Wert zu legen ... Dem Vorpostengefecht an der Wasserkante mögen bald folgen die ent- scheidende Schlacht und der Sieg des deutschen Proletariats. Vom Bürgerkrieg Heft 6, o. O. und o. J. (Ende 1923) S. 3, 6/7. 24. Mit Teno ist die Technische Nothilfe gemeint. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 83 17- ANWEISUNGEN FÜR DEN BÜRGERKRIEG (1923) Vorschläge für den Kampf Von einem alten Stabsoffizier Für den Verfasser ist der Betrieb von vornherein die taktische Basis des revolutionären Kampfes. Es ist jedoch keineswegs möglich, sich schablonen- mäßig auf eine bestimmte Taktik für die Anfangskämpfe festzulegen. Man müßte »hundert« Möglichkeiten ins Auge fassen. Für spätere Kampfphasen ist der Besitz der Betriebe für die wirtschaftliche Sicherstellung des Prole- tariats und besonders auch des revolutionären Kampfes natürlich von größter Wichtigkeit. Für diesen Fall sind die vorliegenden Vorschläge beachtens- wert. Was sich nicht unmittelbar auf die Betriebe bezieht, kann auch für den Beginn der Kämpfe berücksichtigt werden. Ich schicke voraus, daß für die nachfolgenden Vorschläge als Vorausset- zung gilt, daß die Niederwerfung des Kapitalismus nur durch einen schweren Kampf erreicht werden kann. Der Kampf darf aber nicht zum Selbstzweck werden, sondern er muß jene Voraussetzungen haben, daß er auch siegreich sein muß, wenn er nicht die Kämpfenden zu sehr schwächen und sie nicht mutlos machen soll. Welches sind die Grundlagen des Kampfes? Es handelt sich dabei um fol- gende Gesichtspunkte, die einer scharfen Klärung bedürfen. i.Wer ist unser Gegner? Stärke desselben, seine Organisation, seine Be- waffnung, seine Ausbildung, seine Führung, seine Machtmittel, der ihm inne- wohnende Geist. Wie stark sind unsere Kräfte? Sie sind nach denselben Gesichtspunkten wie beim Gegner einer Kritik zu unterziehen. Auf welchem Gelände spielt sich der Kampf ab? Können wir uns das Gelände aussuchen? Wie steht es mit den Verbündeten unserer Gegner und mit unseren eige- nen Bundesgenossen? Ausbildung: Hierin ist uns unser Gegner überlegen. Er verfügt nicht nur über die bewaffnete Macht (soweit sie zuverlässig ist), sondern hat auch die Persönlichkeiten, um improvisierte Aufgebote schnell mit Führern besetzen zu können. Führung: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und auch die Grundlagen des Kampfes müssen erforscht und erkannt werden, um sie folge- richtig anwenden zu können. Audi dabei müssen wir dem Gegner eine Über- legenheit zubilligen. 84 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Machtmittel: Es bedarf keines Beweises, um die Überlegenheit des Gegners darzutun, aber es wird in dieser Beziehung am leichtesten und schnellsten möglich sein, ihm die Machtmittel zu entreißen und sie für die eigene Sache zu verwerten. Wir müssen die Betriebe sobald als möglich in unsere Gewalt bekommen. Deshalb halte ich es für ganz besonders wertvoll, vom passiven Streik sobald als möglich zum aktiven Streik, d. h. zur Besitznahme der Be- triebe überzugehen. Der Geist der Kämpfer: Wir wollen nicht verkennen, daß eine große An- zahl der Anhänger des kapitalistischen Systems aus innerer Überzeugung und für ihre Ideen kämpfen und sterben werden, aber die größere und festere Überzeugungstreue wird bei unseren Kämpfern sein. Man muß sich jedoch vergegenwärtigen, daß mit dem Lippenbekenntnis zum Kommunismus noch lange kein leidenschaftlicher Kämpfer geworden ist. Die fraglichen Elemente aus unseren Kreisen zu beseitigen, muß ganz besonders im Auge behalten werden. Ich möchte jedoch aus meinen Kriegserfahrungen darauf hinweisen, daß der Wille allein nicht genügt: es versagen aus physischen Gründen auch dem Besten oft die Kräfte. Unsere eigene Kraft. Eigene Stärke. Wieviel Mitläufer bei uns vorhanden sind, wage ich nicht zu entscheiden. Aber bei dem allgemeinen Haß, den der Kapitalismus durch alle seine Machtmittel in der großen Masse noch immer wachzurufen verstan- den hat, kann man wohl kaum annehmen, daß sich nur wenige aus rein idealen Gründen unserer Sache angeschlossen haben. Im Gegenteil ist anzu- nehmen, daß sich noch weite Kreise unseren Zielen anschließen werden, je erfolgreicher sie vertreten und mit je idealerer Hingabe an die Sache selbst sie verfochten werden. Die Kräfte des Gegners zu unterminieren muß ganz besonders ins Auge gefaßt und betrieben werden. Rohe Gewalt spielt hier- bei eine untergeordnete Rolle. Es sind mehr ideale Kräfte, die hier entschei- dend wirken. Haus, Familie, die Weiblichkeit, Kinder sind von Bedeutung, ebenso Fühlung mit gleichlaufenden Bestrebungen, wie Wissenschaft, Kunst, Sport usw. Organisation: Das wird immer der schwächste Punkt sein, da die Organi- sation der Streitkräfte nur auf Umwegen sichergestellt werden kann. Sie muß sich aufbauen auf den Betrieben: In den Betrieben ist ein leichter Zusammenschluß möglich. Aus den Betrieben heraus sind leicht und schnell zusammenfaßbare Forma- tionen zu bilden, sobald es über Fünfergruppen hinausgeht. Die Betriebe müssen in fast allen Teilen für uns dienstbar gemacht werden können, ganz gleich ob Lebensmittel, Bekleidung, Waffen usw. in Frage kommen. Aus den Betrieben heraus kann ein ganz anderer Druck auf die Bevölke- rung ausgeübt werden als sonst. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 85 Zeitungsbetriebe sind besonders wichtig. Aus den Betrieben heraus lassen sich am leichtesten die Hilfsmittel heran- schaffen. Ausbildung: Die Ausbildung ist von größter Wichtigkeit und muß mit aller Energie betrieben werden. Alle Hilfsmittel und Kräfte müssen diesem Zweck dienstbar gemacht werden. Sanitätsübungen sind ebenfalls wertvoll. Führung: Besprechungen und Kurse über diese Frage müssen stattfinden. Machtmittel: Unterbringung der Hilfsmittel beim Gegner. Alle Telegra- phenstationen, Eisenbahnanlagen mit Rollmaterial, Betriebe aller Art, Zer- störungen nur im äußersten Notfall, deshalb besonders schwierige Entschei- dung. Geist der Kämpfer: Was für uns keinen Wert hat, darüber keine Zeit ver- lieren, auch hier schnell unsichere Elemente ausscheiden. Ordnung der Waffen: Es ist nicht damit zu rechnen, daß die Feldzugsteil- nehmer noch auf dem laufenden sind. Maschinenwaffen, neue Sprengmittel, Gas usw. werden vielen neu sein. Der Kampf muß anfangs übrigens mit den geringen vorhandenen Mitteln geführt werden, Beweglichkeit muß das Motto des Kampfes sein. Jeder schwierigen Entscheidung zunächst aus wei- chen, dagegen jeden Vorteil auszunützen verstehen. Gegnerische Presse: lahmzulegen versuchen, falsche Nachrichten lancieren, besondere Presseabteilungen organisieren. Nachrichtenabteilung: besonders wichtig. Persönlichkeiten in den wichtig- sten Betrieben gewinnen: Eisenbahn-, Telephon- und Telegraphenamt. Fahrabteilung: sofort formieren, Kompagnielager feststellen, Beleuch- tungsmittel beschaffen. Spionage ab teilung: weibliches Element ausnützen. Vor einzelnen Über- läufern, Spitzeln und dergleichen sich hüten. Von Bedeutung ist jede geschlos- sene gegnerische Truppe, sobald sie für uns ist. Vom Bürgerkrieg Heft 8, o. O. und o. J. (Ende 1923) 4-6 86 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 18. DAS AKTIONSPROGRAMM DER KPD (1924)^ Der Parteitag der KPD findet in einem Augenblick statt, in dem das deutsche Proletariat durch die Offensive der miteinander verbündeten Deutschvölki- schen, Kapitalisten und Reformisten wirtschaftlich und politisch sich in einer unerhört schwierigen und gefahrvollen Situation befindet. Der Partei- tag verpflichtet deshalb alle Parteigenossen, unverzüglich an die Mobilisie- rung der proletarischen Kräfte gegen die Kapitalsoffensive zu schreiten, das Rettungsprogramm der Kommunisten in Stadt und Land, im Betrieb und unter den Erwerbslosen zum Ausgangs- und Mittelpunkt der täglichen Kämpfe der Arbeiterklasse zu machen. Die Losungen der KPD müssen in den breitesten Massen der werktätigen Bevölkerung lebendig sein. Für diese Losungen müssen die Organe der Einheitsfront von unten gebildet und zu Kämpfen zusammengefaßt werden. Jedes Mitglied, jeder Funktionär, jede Ortsgruppe, jede Bezirksorganisation der KPD muß unverzüglich mit gan- zer Kraft und Energie diese Arbeit verstärkt aufnehmen. Die KPD gibt in der jetzigen Epoche der verschärften kapitalistischen Offensive gegen die deutsche Arbeiterklasse folgende Losungen: Kampf gegen den Abbau des Achtstundentages, gegen die Hungerlöhne, gegen die Zwangsarbeit der Erwerbslosen, gegen den Abbau der Arbeiter, Angestellten und Beamten, gegen die Stillegung der Betriebe, gegen den Abbau der Sozialversicherung, gegen das Wohnungselend des Proletariats, gegen die Klassenjustiz und den Weißen Terror, gegen die Ausplünderung der Kleinrentner, Kleinbauern, proletarisierten Mittelständler durch den Staat der Kapitalisten und Ausbeuter Die KPD kämpft für den Achtstundentag als normalen Arbeitstag, für den Sechsstundentag für Schwerarbeiter und bei Arbeitern, die in gesund- heitsschädigenden Industrien arbeiten, für ausreichende Löhne, für Erwerbslosenunterstützung in der Höhe eines Durchschnittslohnes, für die Einreihung der Erwerbslosen in den Produktionsprozeß, Das Aktionsprogramm wurde auf dem IX. Parteitag der KPD im April 1924 angenommen. Auf dem Parteitag übernahm die »Linke« (Ruth Fischer-Maslow) die Parteiführung. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 87 für die Erhöhung der Unterstützung der Kriegsopfer in der Höhe eines Durchschnittslohnes, für Umwandlung der Betriebsräte in revolutionäre Organe des Wirtschafts- kampfes, der Politisierung des Betriebes und der Arbeiterkontrolle, für die Befreiung der politischen Gefangenen, für die Schaffung politischer Arbeiterräte, für die Bewaffnung des Proletariats zum Schutze vor den Weißen Garden und zur Entwaffnung der Konterrevolution. Um die Massen für den revolutionären Endkampf reif zu machen und zu schulen, sind die wirtschaftlichen Streiks und Lohnbewegungen, ist die Erre- gung über Massenentlassungen, Steuerlast, Teuerung, Goldmieten, Klassen- justizurteile usw. durch breite und energisch geführte Versammlungskampag- nen, Demonstrationen und im Zusammenhang mit der steigenden Massen- bewegung durch direkte Aktionen, durch Verweigerung der Überarbeit in den Betrieben, Verweigerung der Zwangsarbeit durch die Erwerbslosen, Ver- weigerung der Miets-, Pacht- und Steuerzahlungen, Herabsetzung der Preise und Beschlagnahme von Waren durch die Kontrollausschüsse, Kontrolle der Betriebe, Verkehrswege und Wohnungen, Befreiung von revolutionären Ge- fangenen, Entwaffnung von legalen wie illegalen bürgerlichen Staatsorganen, Aushebung von bürgerlichen Waffenlagern usw. zu steigern. Alle diese Kämpfe werden das Proletariat nur dann aus Not und Elend retten können, wenn sie sich zu Kämpfen um die politische Macht erweitern. Nur die Diktatur des Proletariats wird der Diktatur der deutschen Bourgeoi- sie ein Ende machen. Den Kampf um die Diktatur des Proletariats vorzu- bereiten und zu organisieren — das ist die Aufgabe der Kommunistischen Partei. Diese Aufgabe muß sie heute erfüllen. Der Parteitag ruft allen Parteigenossen zu: Genug des Klagens und Jam- merns über die Oktoberniederlage! Genug des Rückblickens auf verloren gegangene Kampfesmöglichkeiten und Kampfespositionen. Die Arbeiterklasse Deutschlands geht ihren Weg unter den größten Schwierigkeiten und Gefahren. Die deutsche Arbeiterklasse geht durch Siege und Niederlagen den Weg der proletarischen Revolution... Der Parteitag beendet die Diskussion über die Oktoberniederlage, zieht die Lehren aus der Oktoberniederlage. Gegen die Kapitalisten, die Völkischen und die Reformisten werden die Kommunisten die deutsche Arbeiterklasse zum Siege über die Bourgeoisie, zur Errichtung der Rätemacht führen. Die Beschlüsse des Frankfurter Parteitages Hrsg, im Auftrage des Parteitages von der Zentrale der KPD Nur für Parteimitglieder o. O. und o. J. (1924) S. 36/37. 88 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 19- AUFRUF DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI ZUR WAHL (1924) An das werktätige deutsche Volk! Arbeiter, Angestellte, Beamte, werktätige Bauern und Kopfarbeiter! Am 4. Mai werdet ihr zur Urne gerufen. Ihr sollt einen neuen Reichstag wählen. Der 4. Mai muß ein Demonstrationstag gegen die bürgerlichen Parteien und den bürgerlichen Reichstag sein. Was haben sie euch versprochen, die Parteien, denen ihr eure Stimme, euer Vertrauen im Sommer 1920 gegeben habt? Von der Sozialdemokratie bis zu den Deutschnationalen: Wir werden aus Deutschland den freiesten Staat der Welt machen, darinnen die wahre Demokratie herrschen soll und das Recht. Brot und Arbeit für jedermann! Was haben sie getan? Sie haben die Republik den Generalen, dem Groß- kapital und der Entente ausgeliefert. Sie haben den Belagerungszustand zu einer stehenden Einrichtung gemacht, sie haben in Sachsen und Thüringen den weißen Schrecken ihrer Landsknechtsbanden zum obersten Gesetz erhoben. Sie haben den Reichstag selber zu einem Spott der ganzen Welt gemacht. Eine Weltschmach aber ist unter der Herrschaft der bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie die deutsche »Gerechtigkeit«. Zuchthaus und To- desurteile hageln auf die revolutionären Kämpfer nieder, die gegenrevolu- tionären Mörder und Verschwörer aber sind frei. Max Hölz wird mit lebens- länglichem Zuchthaus gequält, Ludendorff wird freigesprochen. Wie sieht es aus mit dem Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft? Die Mark ist zwar angeblich stabilisiert, aber auf wessen Kosten und für wen? Schaut euch selber an, eure Frauen, eure Kinder! Ihr Arbeiter hungert, wenn ihr schafft, und sterbet, wenn ihr auf der Straße liegt. Fünf Millionen Arbeits- lose und Kurzarbeiter hungern vor den Toren der Fabriken. Eure Kinder haben schon den Todeskeim im Leibe. Immer neue Scharen von Beamten, Angestellten, Arbeitern werden aufs Pflaster geworfen. Zehn, ja zwölf Stun- den sollt ihr schuften um Hungerlöhne, die die niedrigsten der Welt sind, aber den deutschen Unternehmern immer noch zu hoch. Und der Staat geht voran mit dem Herabsetzen der Löhne, mit der Heraufsetzung der Arbeitszeit, mit dem Massenherauswurf von Arbeitern, Angestellten und Beamten. Der deut- sche Kleinbauer aber wird durch Steuern und hohe Industriepreise erdrückt. Die Opfer des Krieges, die Opfer der Arbeit, die ausgebeuteten Kleinrent- ner bekommen Unterstützungen, die ihnen nur immer das Schreckenswort ins Ohr schreien: zwanzig Millionen Menschen sind zuviel in Deutschland! Aber die Reichen in Deutschland werden täglich reicher. Die Satten in DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 89 Deutschland treiben den unerhörtesten Luxus. Die deutschen Großkapitali- sten teilen sich in die Ausbeutung und Beraubung der Arbeitenden des deut- schen Volkes mit den ausländischen Kapitalisten. Ein Drittel der deutschen Industrie ist bereits in ausländischen Händen. Wenn ihr kommt und höhere Löhne verlangt, wenn eure Kinder nach Brot rufen, wenn ihr Erleichterung der Steuerlast wünscht, so antworten euch die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokraten, die nichts anderes sind als die Agenten der Reichen und Mächtigen: der Feindbund ist daran schuld. Jawohl, aber die deutschen Schwerindustriellen haben sich ihre Sachliefe- rungen an Frankreich und ihre Kriegsschäden vom Deutschen Reiche, d. h. vom steuerzahlenden werktätigen Volk, schwer bezahlen lassen. Die deut- schen Schwerindustriellen schließen eigene Verträge mit dem »Erbfeind«, sie haben die erste Front der von ihnen ausgerufenen »nationalen Verteidigung« im Stiche gelassen. Und ihr Steuerbetrug, ist er auch eine Folge der Ruhr- besetzung? Ist das Verteidigung nationaler Interessen, wenn deutsche Kapi- talisten ihre Fabriken ans Ausland verkaufen, ihre Kapitalien über die Grenze flüchten? Das deutsche Großkapital ist mit dem Feindbund ver- bündet. Der Kampf gegen den Versailler Frieden, der Kampf um die Rettung der deutschen Nation kann deshalb nicht geführt werden im Bunde mit den deutschen Kapitalisten, nicht unter Führung der bürgerlichen Parteien, son- dern nur gegen die Kapitalisten, gegen ihre Parteien, gegen die ganze bür- gerliche Regierung und Gesellschaft. Deutschland ist das Paradies der Kapitalisten, Spekulanten und Wuche- rer geworden, der einheimischen wie der ausländischen, der christlichen wie der jüdischen. Wer sind die Schuldigen? Alle Parteien sind schuldig, die auf dem Boden des bürgerlichen Staates stehen, und vor allem die Partei Eberts und Nos- kes, die deutsche Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie tritt unter der Maske einer Arbeiterpartei auf. Tausendmal hat sie versprochen, die Inter- essen der Ausgebeuteten zu vertreten, tausendmal hat sie die Massen des arbeitenden Volkes an das deutsche und ausländische Großkapital verraten. Ob Gewerkschafts- oder Parteiführer: immer sind die Sozialdemokraten dem kämpfenden Proletariat in den Rücken gefallen: im Januar 1919 wie im Kapp-Putsch, im großen Eisenbahnerstreik Februar 1922 wie bei dem gegen- wärtigen Kampf um den Achtstundentag. Sozialdemokraten sind es gewe- sen, die im Herbst 1923 den Belagerungszustand gegen das werktätige Volk verhängten. Sozialdemokraten haben die Reichsexekutive der weißen wie der schwarzen Reichswehr gegen Sachsen und Thüringen gebilligt. Sozialdemo- kraten haben als Regierungs- und Polizeipräsidenten den weißen Generalen Handlangerdienste geleistet. Sozialdemokraten haben dem Ermächtigungs- 9° DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gesetz zugestimmt und damit der Schlichtungsordnung, dem Steuerraub, der Beseitigung des Achtstundentages. Jetzt reden dieselben Sozialdemokraten bei den Wahlen von einer Volks- abstimmung für den Achtstundentag. Gibt es eine frechere Verhöhnung der Arbeiter und Arbeitslosen? Die Sozialdemokratie muß geschlagen werden, daß sie nicht mehr wagen darf, sich eine Arbeiterpartei zu nennen. Neue Demagogen treten auf. Alle bürgerlichen Parteien befinden sich im Zerfall, in dem sich der Verfall der bürgerlichen Gesellschaft spiegelt. Neue Parteien werben um Vertrauen für den alten Verrat am arbeitenden Volke. Aus der Deutschnationalen Partei wachsen die Deutschvölkischen, die Deutsch- sozialen und die Nationale Vereinigung heraus. Aus dem Zentrum die Christ- lichsoziale Partei. Demokraten und Sozialdemokraten, die gemeinsam die Republik zuschanden geritten haben, gründen eine Republikanische Partei. Das sind alles neue Namen für den alten Schwindel. Jetzt ist völkisch Trumpf geworden. Die Völkischen buhlen um die Gefolg- schaft der arbeitenden Massen. Sie gaukeln ihnen vor, eine alles einigende Volksgemeinschaft, eine nationale Diktatur, die das Befreiungswerk nach innen und außen vollziehen werde. Sie predigen den Schafen und Wölfen die Einheit des Tierreichs. Sie hetzen gegen das jüdische Kapital, aber die christlichen Wucherer, Ausbeuter und Blutsauger wollen sie als »schaffendes Kapital« erhalten und schützen. Sie reden gegen die Zinsknechtschaft, aber sie stützen die Lohnknechtschaft. Sie reden von »Werksgemeinschaften« und meinen damit die Beseitigung der Gewerkschaften, der Betriebsräte, des Kol- lektivvertrages, des staatlichen Arbeiterschutzes. Arbeiter! Schaut den Völkischen nicht aufs Maul, schaut ihnen auf die Fäuste! Als schwarze Reichswehr haben sie in Thüringen, in Sachsen gegen Arbeiter gewütet. Ihre bewaffneten Organisationen terrorisieren die Prole- tarier, sie verüben Attentate gegen Arbeiterhäuser. Die technische Nothilfe, die euren Streiks den Dolchstoß von hinten gibt, besteht aus völkischen Ge- sellen. Auf den Gütern der Großgrundbesitzer halten ihre Roßbach-Leute die Landarbeiter in Schrecken. Die alten demagogischen Phrasen des Weltkrieges und der Ebert-Republik von den gemeinsamen Interessen der Ausgebeuteten und Ausbeuter, von der Einheit der deutschen Nation feiern in der völkischen Bewegung der Wulle und Hitler, der Kunze und Geißler fröhliche Wiedergeburt. Alle diese Krea- turen stehen im Dienste des Großkapitals, im Solde der Thyssen, Otto Wolff, Minoux und Konsorten. Die verkrachten Generale vom Schlage Ludendorffs, die meineidigen Mörderorganisationen vom Schlage Ehrhardts, die größen- wahnsinnig gewordenen Spießbürger vom Schlage Hitlers, die berüchtigten Großagrarier vom Schlage eines Graefe, dieses Sammelsurium von ausge- sprochenen Arbeiterfeinden gilt es genau so zu bekämpfen wie die Deutsch- nationalen und die Deutsche Volkspartei, mit denen sie ja doch im Parlament DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK                                                                          91 gleich nach der Wahl, wie Thüringen und Mecklenburg zeigen, das Bündnis schließen zur Ausplünderung des arbeitenden Volkes, zur Stützung des Groß- kapitals. »Am 4. Mai entscheidest du mit dem Stimmzettel dein Schicksal auf weitere 4 Jahre«, so schallt es von allen Parteien, von der Sozialdemokratie bis zu den Deutschvölkischen. Eine frechere Lüge gibt es nicht. Habt ihr im Jahre 1920 etwa mit dem Stimmzettel eure eigene Verskla- vung und Verknechtung entscheiden wollen, die mit Hilfe dieses Reichstags zustande gebrachte maßlose Ausplünderung und Verelendung des schaffen- den Volkes? Wir Kommunisten sagen euch: der Betrug, die Korruption, die Ausplünderung der arbeitenden Massen werden von allen diesen Parteien im neuen Reichstag mit der gleichen Stärke fortgesetzt werden, wie ihr das beim alten erlebt habt. Noch offenkundiger wird sich der neue Reichstag als ein Herrschaftsinstru- ment der Ausbeuterklasse, als Unterdrückungsmaschine gegen Arbeiter, An- gestellte, Beamte und alle die kleinen schaffenden Leute erweisen. Das Geschick der arbeitenden Massen entscheidet nur die proletarische Revolution. Nicht mit dem Stimmzettel, nur im offenen Kampfe der Klas- sen, im Betriebe, im Kontor, auf der Straße, durch den Kampf der ungeheu- ren Millionenmassen der Ausgebeuteten gegen die organisierte und bewaff- nete Macht der Ausbeuter wird euer Elend gewendet, werdet ihr zum Herren eures Schicksals. Von Hütte zu Hütte, von Betrieb zu Betrieb, vom Pflug bis zur Werkstatt, vom Hochbau bis zur Grube, von den Alpen bis zum Ozean muß das Band des Willens zum Werke der Befreiung des arbeitenden Volkes geschlossen werden. Die Kommunistische Partei ist die Führerin in diesem Befreiungs- kampf aller Unterdrückten. Sie ist die Todfeindin eures Elends und eurer Verknechtung. Darum wird sie von der gesamten Staatsmacht und von allen bürgerlichen Parteien unbarmherzig verfolgt, verleumdet und unterdrückt. Vier Monate war unsere Partei verboten. Heute noch wird sie mit allen Mitteln des Staates verfolgt. Tausende unserer besten Organisatoren und Propagandisten schmachten hinter Gefängnismauern oder werden wie flüch- tiges Wild von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gehetzt. Eine Armee von Polizeitruppen und Spitzeln ist gegen uns in Tätigkeit. Aber allen Verfolgun- gen zum Trotz, aller wahnsinnigen Hetze und Gewalt zum Spotte scharen sich immer neue und größere Massen um unsere Partei, flattert das rote Ban- ner des Kommunismus immer mächtiger und rauschender über dem Haupte des arbeitenden deutschen Volkes. Heute sieht jeder Arbeiter, Beamte, Ange- stellte, Kleinbauer und Kleingewerbetreibende klar und deutlich, daß der Kampf gegen die Kommunisten nichts anderes ist als der Kampf des Kapitals gegen das Proletariat, der Sklavenhalter gegen ihre Ketten brechenden Sklaven. Heute erkennt jeder Arbeiter, daß Kommunismus und Arbeiter- interessen ein und dasselbe sind, aufs engste verbunden und zusammenge- 92                                       DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK schweißt durch die Wut und Hetze, mit der die kapitalistischen Machthaber alle jene verfolgen, die sich gegen ihr Joch aufbäumen. Arbeitende in Stadt und Land! Man sucht euch abzuschrecken vor der Kommunistischen Partei mit der Behauptung: die Kommunisten wollen den Bürgerkrieg. Aber der Bürgerkrieg tobt in Deutschland in der Gestalt der bürgerlichen Klassenjustiz, der Unternehmerwillkür, der Militär- und Poli- zeiaktionen, des Ausnahmezustandes, des Steuerraubs, des Wuchers, der Teu- erung, des Hungers und grenzenlosen Elends. Man will euch schrecken mit der Behauptung, die Kommunisten handeln auf Befehl aus Moskau. Aber in Sowjetrußland haben die Arbeiter und Bau- ern ihre Ausbeuter zum Teufel gejagt, ihre Grenze gegen eine Welt von Fein- den verteidigt und bauen heute, zwar langsam aber sicher, ihre Wirtschaft wieder auf. Rußland steht, während Deutschland zerfällt. In Rußland hat der Arbeiter zu essen, während in Deutschland der Arbeitende verhungert, in Rußland hat der Bauer Land, während in Deutschland hunderttausende Siedler und Kleinbauern auf eine Ackernahrung warten. Auf russischem Boden steht kein einziger Ententesoldat, der russische Staat zahlt keinen einzigen Kopeken Kriegsschulden an das Ausland. Kein kapita- listischer Staat wagt es, Rußland offen anzugreifen. Das Schutz- und Trutz- bündnis der deutschen Räterepublik mit dem russischen Arbeiter- und Bau- ernstaat allein kann auch uns vor dem Diktat der Entente befreien, nur im Bündnis mit Sowjetrußland wird ein freies Arbeiter-Deutschland entstehen. Arbeitende in Stadt und Land! Ihr habt zu wählen. Wollt ihr die Klassen- herrschaft eurer Kapitalisten stürzen? Wollt ihr den Kommunismus zum Führer um die Befreiung der Menschheit oder wollt ihr den bürgerlichen Par- teien, den Völkischen und der Sozialdemokratie folgen ins Sklavenjoch des Weltkapitals? Wer die Befreiung der Menschheit aus Sklaverei will, wer die Befreiung des werktätigen Deutschlands aus dem Doppeljoch der in- und aus- ländischen Blutsauger retten will, der muß sich entscheiden für den Kom- munismus, gegen alle anderen Parteien. Jeder, der seine Stimme abgibt für den Kommunismus, gibt sie ab für die proletarische Revolution und gegen den bürgerlichen Parlamentarismus. Jeder, der seine Stimme für die Kommunisten abgibt, sagt damit: Wir wollen die Diktatur des Proletariats erkämpfen, den Rätestaat aufrichten. Im Rätestaat, in der proletarischen Diktatur herrschen alle Arbeitenden über die Ausbeuter und Blutsauger am arbeitenden Volke. Der Rätestaat ist die Herrschaft der Arbeiter, der arbeitenden Bauern, der Handwerker, Be- amten, der Angestellten, kurzum aller, die von ihrer Stirne Schweiß und ihrer Hände Fleiß leben und existieren müssen. Drum wähle am 4. Mai dein eigen Schicksal, das Schicksal deiner Klasse! Die Kommunisten rufen dir zu: Hinweg mit der menschenunwürdigen bür- gerlichen Gesellschaft! Nieder mit der Kapitalsdiktatur! Kampf allen bür- DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 93 gerlichen Parteien! Sturz des bürgerlichen Parlaments! Es lebe die proleta- rische Herrschaft! Es lebe die Diktatur des Proletariats! Es lebe das Befrei- ungswerk der sozialen Revolution! Berlin, den 2. April 1924 Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der 3. Kommunistischen Internationale) Der Kämpfer (Organ der KPD - Sektion der Kommunistischen Internationale - Bezirk Sachsen) vom 5. April 1924. 20. BILDET DEN ROTEN FRONTKÄMPFER-BUND! (1924)26 ...Auch die roten, proletarischen Frontkämpfer müssen sich heute zusam- menfinden zum Kampf gegen die Not, die Versklavung und das ganze heuch- lerische kapitalistische, faschistische sogenannte »Frontsoldaten«-Pack. Schon ist in Thüringen spontan die Gründung verschiedener Ortsgruppen des Ro- ten Frontkämpferbundes erfolgt. Im ganzen übrigen Reich muß das gleiche geschehen. Klassenbewußte Arbeiter in Thüringen, die ehemals, während des Welt- krieges, für den Imperialismus ihr Leben in die Schanze schlugen, haben die Initiative ergriffen, um einen Roten Frontkämpferbund zu gründen. Eine provisorische Leitung hat sich gebildet und erläßt an alle Roten Frontkämp- fer Großthüringens einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Ihr wißt alle, wie die Dinge in Thüringen und im ganzen Reich eine immer schärfere Wendung nehmen. Wie Pilze schießet! die faschistischen Banden aus dem Erdboden. Kein Tag, an dem sie nicht unter Duldung der Behörden versuchen, ihre militärischen Übungen abzuhalten, kein Sonntag, an dem nicht irgendwo irgendein versoffener Etappenrummel aufgeführt wird mit ehemaligen Etappenschweinen, Prinzen und sonstigem Gesindel. Daneben haben sich in letzter Zeit die sogen. Regierungsparteien der Mitte, die rosaroten Sozialdemokraten, die goldenen Demokraten und die Die offizielle Gründungsversammlung des Roten Frontkämpferbundes fand statt kurz nach dem Erscheinen des hier abgedruckten Aufrufs am 29. Juli 1924 in Halle. Im Frühjahr 1925 gab es 225 Ortsgruppen. Vorsitzender des RFB wurde Thälmann, 2. Vorsitzender und eigentlicher Leiter Willi Leow. Nach den Berliner Maiereignissen 1929 wurde der RFB verboten, aber illegal fortgeführt. 94 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK schwarzen Pfaffen der Zentrumspartei zusammengefunden im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Sie rühren die große Reklametrommel für Pfaffen, Nos- kiden und den demokratischen Geldsack, und mancher Prolet glaubt das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold mit seinen katholischen Beichtvätern und sozialdemokratischen Polizeibütteln, die schon hundertmal den Faschismus gedeckt und geschützt haben, würde wirklich etwas unternehmen gegen den schwarz-weiß-roten Rummel und die reaktionäre und kapitalistische Gefahr. Kameraden! Das ist eine große Täuschung! Schon in der kurzen Zeit seines Bestehens hat das Reichsbanner Schwarz-Rot- Gold gezeigt, was mit ihm los ist. Es veranstaltet Feldgottesdienste, Klim- bim-Paraden und ähnliches, und wenn in irgendeiner Stadt die Faschisten aufmarschieren, dann ist das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold nicht da, oder es macht »zufällig« einen Ausflug nach außerhalb. Inzwischen macht die kapitalistische Generaloffensive gegen das Proleta- riat immer weitere Fortschritte. Die Geldgeber von Schwarz-Weiß-Rot und die Geldgeber von Schwarz-Rot-Gold, sie machen inzwischen hinter den Kulissen den Pakt fertig, der das deutsche Proletariat an das internationale Großkapital verschachert, denn das ist der Sinn des Sachverständigengut- achtens und der kapitalistischen »Erfüllungspolitik«. Kameraden! Jeder Prolet, der ein bißchen nachdenkt über den Hunger und das Elend, das er und die Seinen nur zu sehr am eigenen Leibe spüren, jeder rote Frontkämpfer, der, nachdem er jahrelang im Schützengraben ge- legen hat, für den Kapitalismus und seine Ludendorff und Lehmann, heute gewillt ist, seine körperliche Kraft und sein Können einzusetzen für die Inter- essen des Proletariats, muß beitreten. Der Rote Frontkämpferbund muß die Vereinigung aller roten Frontkämp- fer werden! Er muß die Einheitsfront des roten Proletariats organisieren, soweit es im Soldatenrock gesteckt hat. Genossen, Kameraden! Gründet überall sofort Ortsgruppen des Roten Frontkämpferbundes! Der Kämpfer (Organ der KPD-Sektion der Kommunistischen Internationale - Bezirk Sachsen) vom 18. Juli 1924. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 95 21. DER VOLKSENTSCHEID FÜR DIE ENTEIGNUNG DER FÜRSTEN (1926)^7 A Keinen Pfennig den Fürsten! An den Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin, an die Bundesvorstände des ADGB, des AfA und des ADB, Berlin, an die Bundesleitung des Reichsbanners, Magdeburg, an die Bundesleitung des Roten Frontkämpferbundes, Berlin. In den breitesten Massen der werktätigen Bevölkerung herrscht größte Erregung über die riesenhaften Abfindungssummen, die von den Regierungen der Länder den verschiedenen, durch die Revolution entthronten deutschen Fürstenhäusern zugesprochen werden sollen oder bereits zugesprochen wor- den sind. Millionen deutscher Arbeiter, Angestellter, Beamter, Kleinbauern und Mittelständler sind außerstande, auch nur das Existenzminimum zu er- werben. Eine Million Arbeiter sind erwerbslos. Unzählige Sozialrentner, Kriegs- opfer im weitesten Sinne des Wortes führen ein Hungerdasein. Für die Ar- beitslosen sind keine Mittel zur Unterstützung vorhanden. Für die unteren und mittleren Beamten ist kein Geld zur Erhöhung der Gehälter da. Aber den Hohenzollern und anderen Fürstenhäusern soll eine Milliarde in den Rachen geworfen werden ... Wir entnehmen einer Mitteilung des »Vorwärts« vom 1. Dezember, daß auch in den Kreisen der Sozialdemokratischen Partei die Frage der Herbei- führung eines Volksentscheides für die Enteignung der fürstlichen Besitz- tümer eifrig erörtert wird. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands hat sich ebenfalls in einer seiner letzten Sitzungen eingehend mit dieser Frage beschäftigt und ist zu dem Beschluß gekommen, daß einheit- liche Schritte zur Herbeiführung einer Volksabstimmung für die entschädi- gungslose Enteignung der Fürstenhäuser im Interesse der werktätigen Massen von großer Bedeutung wären ... Der Volksentscheid fand im Juni 1926 statt. Sämtliche bürgerlichen Parteien hatten sich gegen die Fürstenenteignung ausgesprochen. Obwohl KPD und SPD bei den letzten Wahlen zusammen nur 11 Millionen Stimmen erhalten hatten, wurden im Volksentscheid für die Enteignung der Fürsten 14,5 Millionen abgegeben. Da die notwendigen 20 Millionen Stimmen aber nicht erzielt wurden, blieb der Volks- entscheid erfolglos. $6                                     DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Die Zeit drängt, da eine Reihe wichtiger Abfindungsverträge gegenwärtig in der Schwebe sind. Ihr Abschluß muß unter allen Umständen verhindert werden, damit Millionenwerte den Dynastien entrissen und den sozialen Interessen der werktätigen Massen dienstbar gemacht werden. Aus diesem Grunde schlagen wir Ihnen vor, eine gemeinsame Vorbespre- chung für die Durchführung des Volksentscheides mit uns und allen beteilig- ten Organisationen bereits in den nächsten Tagen abzuhalten. Wir sehen Ihrer schnellen Antwort angesichts der Wichtigkeit der Sache entgegen. Berlin, den 2. Dezember 1925 Mit proletarischem Gruß Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands i. A.: Ernst Thälmann Die Role Fahne vom 4. Dezember 1925. ß BEKANNTMACHUNG Am Sonntag, den 20. Juni 1926 Volksentscheid FÜRSTENENTEIGNUNG Entwurf eines Gesetzes über Enteignung der Fürstenvermögen Artikel I. ... Das gesamte Vermögen der Fürsten, die bis zur Staatsumwälzung im Jahre 1918 in einem der deutschen Länder regiert haben, sowie das gesamte Vermögen der Fürstenhäuser, ihrer Familien und Familienangehörigen wer- den zum Wohle der Allgemeinheit ohne Entschädigung enteignet. Das ent- eignete Vermögen wird Eigentum des Landes, in dem das betreffende Für- stenhaus bis zu seiner Absetzung oder Abdankung regiert hat... Sozialdemokratische Partei Deutschlands Otto Wels Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands Ernst Thälmann Ausschuß für Fürstenenteignung Dr. Kuczinsky Flugblatt Privatardiiv Weber DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 97 C 12,5 Millionen für den Volksentscheid An die Partei! Genossen und Genossinnen! Das von der Partei eingeleitete Volksbegehren gegen den Milliardenraub- zug der deutschen ehemaligen Fürsten ist mit einem gewaltigen Erfolg zum Abschluß gekommen. 12,5 Millionen haben sich für den Volksentscheid ein- getragen und damit der monarchistischen Reaktion in Deutschland eine ent- scheidende Niederlage bereitet. Diese stolze Zahl ist der Ausdruck einer starken Mobilisierung der Arbeiter- klasse, die gleichzeitig breite Schichten des Kleinbürgertums und der Bauern von ihrer bisherigen politischen Führung löste und in eine gemeinsame Kampffront mit dem Proletariat führte. Aus der von der Partei im Novem- ber vergangenen Jahres trotz Sabotage der SPD-Führung und Verwirrungs- versuchen und Gegenaktionen der Bourgeoisie eingeleiteten »Kommunisti- schen Parteiaktion« wurde durch die politische Initiative und zähe und beharrliche organisatorische Kleinarbeit der Partei eine breite elementare Massenbewegung... Mit der Partei gemeinsam haben der Rote Frontkämpferbund, die Rote Jungfront und der Rote Frauen- und Mädchenbund ihre ganzen Kräfte in den Dienst dieser Bewegung gestellt und zu dem großen Erfolg beigetragen. Jetzt gilt es die Erfahrungen und Ergebnisse des ersten Kampfabschnittes für die Partei und Arbeiterklasse auszuwerten. Die Partei steht vor neuen großen und schweren Aufgaben. Die siegreiche Durchführung des Volksentscheids erfordert 20 Millionen Stimmen. Die Bourgeoisie entfaltet bereits eine starke Propaganda gegen den Volksent- scheid. Die monarchistische Luther-Regierung versucht, den Termin des Volksentscheids auf Monate hinauszuschieben, um der Reaktion Zeit zu ge- ben, sich von ihrer Niederlage zu erholen und neue Kräfte zu sammeln. Diese Versuche müssen scheitern an dem Widerstand der 12,5 Millionen Werk- tätigen in Stadt und Land, die sich für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten eingesetzt haben. Nicht 20 Millionen, sondern 25 Millionen für den Volksentscheid muß das Ziel sein, das sich die Partei stellt... Diese Aufgaben wird die Partei nur dann erfüllen können, wenn sie zu- nächst ihre eigenen Reihen festigt und verstärkt. Neben der ideologischen Durcharbeitung und Schulung der gesamten Parteimitgliedschaft muß eine breite Werbekampagne für Partei und Presse durchgeführt werden. Hun- derttausende neuer Mitglieder für die Partei und zweihunderttausend neue 98                        DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Leser für die kommunistische Presse — das ist das Ziel, das sich die Partei jetzt stellen muß. Mit aller Kraft gilt es jetzt die Reorganisation der Partei auf der Grund- lage der Betriebszellen zu beenden. Vor allem müssen die Positionen der Par- tei in den großen und lebenswichtigen Betrieben verstärkt werden. Die Be- triebszellen müssen zu den Trägern der Parteiarbeit werden und die Haupt- arbeit in den Parteikampagnen leisten. Das Zentralkomitee ruft der gesamten Mitgliedschaft erneut den Beschluß des letzten Parteitages zur Gewerkschaftsfrage in Erinnerung: 75 Prozent der Parteiarbeit muß Gewerkschaftsarbeit sein! Das heißt: Jeder Parteigenosse muß ein aktiver Funktionär der Gewerk- schaften sein. Er muß sich mit den Fragen des Gewerkschaftskampfes befassen. Er muß in jeder Situation den Arbeitermassen den richtigen Weg zeigen und an ihrer Spitze kämpfen. 10 Millionen Mitglieder in die freien Gewerkschaften und deren Mobili- sierung zum Kampf — das ist das Ziel unserer Arbeit in den Gewerkschaf- ten .. . Die Partei ruft euch zu neuer Arbeit! Die Partei wird neue Erfolge in der Mobilisierung der Massen, in der Aktivierung der Arbeiterklasse, in der Stär- kung und Festigung ihrer eigenen Reihen erzielen, wenn jedes Parteimit- glied seine revolutionäre Pflicht erfüllt. Es lebe die Einheitsfront des klassenbewußten Proletariats! Es lebe das Bündnis der Werktätigen in Stadt und Land! Es lebe die siegreiche Kommunistische Partei Deutschlands! Berlin, den 1. April 1926 Mit kommunistischem Gruß Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Die Rote Fahne vom 1. April 1926. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 99 22. AUS DEM MANIFEST DES XL PARTEITAGES DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DEUTSCHLANDS (1927) Kommunisten! Arbeiterinnen und Arbeiter! Werktätige in Stadt und Land! Der XI. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands tagte im Ruhrgebiet, im Herzen der deutschen Schwerindustrie, der kapitalistischen Ausbeutung. Getragen vom festen Willen unserer ganzen Partei, umgeben von der Sympathie der Arbeiter, wurde der Essener Parteitag der KPD zu einer Kampftagung des revolutionären deutschen Proletariats. Arbeiterführer aus Europa, Asien und Amerika überbrachten dem Partei- tag die Grüße der revolutionären Bewegung der ganzen Welt. Aus den Wor- ten der Delegierten der siegreichen Kantonarmee28 und der englischen Kom- munisten sprachen die gewaltigsten revolutionären Kämpfe der letzten Jahre: die chinesische Revolution und der englische Bergarbeiterstreik. Die deutschen Kommunisten bekennen mit Stolz ihre grenzenlose Verbun- denheit mit der revolutionären Bewegung der ganzen Welt, die unter der Führung der Kommunistischen Internationale steht. Arbeiter und Arbeiterinnen! Die Kommunistische Internationale ist über- all dort, wo es Unterdrückte und Ausgebeutete gibt. Sie ist überall dort, wo für die große Sache des Proletariats gekämpft wird, sie ist überall dort, wo revolutionäre Arbeiter von den Schergen des weißen Terrors mißhandelt, verbannt und gemordet werden. Die Kommunistische Internationale ist die Weltpartei des proletarischen Umsturzes, die Todfeindin der Bourgeoisie. Sie steht im unerbittlichen Kampf gegen die II. Internationale, die Internatio- nale der Koalitionsminister, der Staatssekretäre und Polizeipräsidenten. Während das herrschende Proletariat in der Sowjetunion den Sozialismus aufbaut, während der grandiose Befreiungskampf des chinesischen Volkes Hunderte von Millionen Kolonialsklaven, die erdrückende Mehrheit der ge- 28. Die »Kantonarmee«, d. h. die Streitkräfte der Kuomintang unter Tschiang- kaischek, hatte damals einen Feldzug gegen reaktionäre Generale geführt und im März 1927 Nanking eingenommen. Stalin unterstützte - gegen den Willen der kom- munistischen Opposition unter Trotzki - Tschiang. Die chinesischen Kommunisten arbeiteten eng mit Tschiang zusammen. Im April 1927, also kurz nachdem das vor- liegende Manifest angenommen wurde, brach Tschiang mit den Kommunisten; er ließ in Schanghai mehrere hundert kommunistische Führer verhaften und hinrichten. Da Stalins Politik zu einer Niederlage des chinesischen Kommunismus geführt hatte, kam es daraufhin in der Kommunistischen Internationale zu einer heftigen Debatte. 100 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK samten Menschheit, zum Widerstand gegen das imperialistische Jodi aufzu- rütteln beginnt, rüsten die Ausbeuter zu neuen mörderischen Kriegen. Die Bourgeoisie kennt keinen anderen Ausweg aus der Wirtschaftskrise und aus dem verschärften Konkurrenzkampf als den imperialistischen Krieg. Die Bourgeoisie will die Sowjetunion, den einzigen Proletarierstaat der Welt, vernichten, und sie will die chinesische Revolution zerschmettern. Arbeiter und Werktätige Deutschlands! Niemals seit 1914 war die Kriegs- gefahr größer als heute. Deutschland wird nicht nur durch seine geographi- sche und militärische Lage, sondern vor allem durch die Außenpolitik seiner Bourgeoisie, durch die Teilnahme am Völkerbund, durch die Abmachungen Stresemanns mit den englischen Imperialisten in jeden kommenden Krieg gegen die Sowjetunion hineingerissen werden. Deutschland soll zum Sam- melplatz und zum Durchmarschland der konterrevolutionären Armeen wer- den. Das deutsche Proletariat soll zum Henkersdienst gegen die russische Arbeiterdiktatur mißbraucht werden. Der XI. Parteitag der KPD ruft euch zum aktiven Widerstand gegen die drohende Kriegsgefahr auf. Schließt euch zusammen, um mit allen Mitteln die Intervention gegen den Arbeiterstaat zu verhindern! Bereitet euch über- all im ganzen Reich, vor allem in der chemischen Industrie und im Bergbau, in den Metallwerken und den Verkehrsbetrieben, darauf vor, die kommende Kriegsfront zu erschüttern und zu durchbrechen! Jeder Krieg, den das heu- tige Deutschland führt, wird ein imperialistischer Raubkrieg sein. Die einzige Antwort des Proletariats auf diesen Krieg ist seine Umwand- lung in den Bürgerkrieg, in die proletarische Revolution, in den Sturz der Bourgeoisie. Rüstet für diesen Kampf so bewußt und entschlossen, wie unsere imperialistischen Feinde sich rüsten! Die internationale Sozialdemokratie verübt einen neuen Betrug an der Arbeiterklasse. Unter der trügerischen Flagge des Pazifismus unterstützt sie die Kriegspläne durch ihre schamlose Hetze gegen die Sowjetrepublik und gegen den Bolschewismus. Gerade jetzt, im Moment des imperialistischen Aufmarsches, entrollen wir die Fahne des revolutionären Internationalismus. Krieg dem imperialistischen Kriege! Kampf für den Frieden und die So- wjetunion! Hände weg von China! Es lebe die proletarische Weltrevolu- tion ... Kommunisten, Parteigenossen! Der XI. Parteitag hat die Lehren aus den vergangenen Jahren seit 1923 gezogen. Jetzt gilt es, seine Beschlüsse mit größter Kraft und stärkster Energie in der praktischen Tagesarbeit durchzuführen. Der innerparteiliche Kampf gegen die ultralinken und rech- ten Abweichungen ist durch den vollständigen Sieg der leninistischen Partei- linie entschieden. Die Zukunft, die Organisierung der Revolution, hängt von unserer Arbeit in den Betrieben und Gewerkschaften ab. Wir haben unsere Reihen zu einer einheitlichen Armee zusammengefaßt. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 101 Wir müssen sie noch fester und fester schmieden, bis wir eine stählerne, bol- schewistische Einheit sind, die durch keine Macht der Welt, weder durch Krieg noch durch Illegalität, erschüttert werden kann. Arbeiter und Werktätige Deutschlands! Die KPD ist die proletarische, die revolutionäre, die internationale Par- tei im kapitalistischen Deutschland. Stärkt sie, arbeitet für sie, damit der Kampf gegen alle Feinde der arbeitenden Massen und für die proletarische Diktatur siegreich geführt werden kann! Es lebe die Einheitsfront der kämpfenden Arbeiterklasse! Es lebe der Kampf um die Diktatur des Proletariats! Essen, den 7. März 1927 Der XI. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Die Rote Fahne vom 10. März 1927. 23- AUS DEM AUFRUF DER KPD ZUR REICHSTAGSWAHL (1928) ... Es gibt nur eine Partei, die stets auf der Seite des armen Volkes stand und die deshalb von allen Regierungen dieser kapitalistischen Republik ver- folgt und bekämpft wird. Wenn ihr am 20. Mai der KPD folgt, dann sam- melt ihr euch in den Kämpfen um Brot und gegen die Herrschaft der Reak- tion unter der Fahne der Revolution! Arbeiter und Arbeiterinnen! Diese Ebert-Hindenburg-Republik gibt euch gleiches Wahlrecht, aber sie läßt euch hungern! Ihr dürft ebenso wie die Fabrikherren abstimmen, aber wenn die Not drückt und ihr mehr Lohn fordert, dann werfen euch die Fa- brikherren aufs Straßenpflaster! ... Und wenn ihr jetzt im Jahre 1928 die Frage stellt: Wie war es mög- lich, daß nach zehn Jahren bürgerlicher Demokratie die Arbeiterklasse am Boden liegt und die schwärzeste Reaktion triumphiert, dann gibt es nur eine Antwort, die wahr ist: die Koalitionspolitik der Sozialdemokratie hat den Werktätigen die Waffen des Kampfes gegen die Bourgeoisie aus den Händen geschlagen ... 102 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Und jene »linken« Führer der Sozialdemokratie, die die verräterische Politik ihrer Partei mit radikalen Phrasen decken — wodurch unterscheiden sie sich von den Wels und Noske? Sie sind die radikalen Rattenfänger des reformistischen Verrats. Sie sprechen von Revolutionen und unterstützen die Abwürgung der Existenzkämpfe der Arbeiterschaft. Sie rufen »Hände weg von Sowjet-Rußland« und stehen an der Spitze der infamsten Hetze gegen das revolutionäre Proletariat. Sie reden von Klassenkampf und hin- dern die Arbeiter, gegen den Klassenverrat zu kämpfen. Auch mit ihnen muß das arbeitende Volk abrechnen. Die Kommunistische Partei verwech- selt nicht die sozialdemokratischen Arbeiter mit jenen reformistischen Poli- tikern, die der Bourgeoisie helfen und die Arbeiter mißbrauchen. Sie ruft auch diese Arbeiter auf, trotz ihrer Führer die Einheitsfront aller Ausgebeu- teten gegen die Bourgeoisie zu schließen ... Wer am 20. Mai für die Bourgeoisie und die Sozialdemokratie stimmt, erhebt seine Hand für die Verewigung der Lohnsklaverei, für die Diktatur des Kapitals, erklärt seine Bereitschaft, im kommenden imperialistischen Kriege als Kanonenfutter zu dienen. Jede Stimme für die Kommunisten ist ein Bekenntnis für die proletarische Revolution, für den siegreichen Sozialis- mus, den einzigen Ausweg aus dem Elend und Chaos der kapitalistischen Profitwirtschaft. Ein Bekenntnis gegen den deutschen und den Weltimperia- lismus, für die Solidarität mit der Sowjetunion! Für die Arbeiter- und Bauernregierung! Für die Diktatur des Proletariats! Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Reichstagshandbuch IV. Wahlperiode 1928 Hrsg, und verlegt vom Büro des Reichstags Berlin 1928, S. 164-171. *4- MANIFEST DES XII. PARTEITAGES DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DEUTSCHLANDS (1929) An die arbeitenden Massen Deutschlands Klassengenossen und Klassengenossinnen! Der XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands hat seine Tagung im roten Wedding, der Hochburg des Kommunismus, dem Schau- DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 103 platz der heldenhaften Barrikadenkämpfe vom 1. und 2. Mai2?, beendet. Die KPD bekannte sich stolz zu den Barrikadenkämpfern von Neukölln und vom Wedding, die den Polizeibestialitäten des Sozialfaschisten Zörgie- bel aktiven Widerstand entgegensetzten und damit der ganzen Arbeiter- klasse ein Beispiel kühnen, entschlossenen Kampfes gaben. Der Parteitag im Wedding war kein Parteitag der Minister und Exzellen- zen, keine Tagung der Polizeipräsidenten und Arbeitermörder, der Gewerk- schaftsbürokraten und kapitalistischen Staatsfunktionäre. Nicht Nutznießer der kapitalistischen Ausbeuterrepublik, nicht Pfründner und Postenjäger, die es nach der Staatskrippe gelüstet, traten hier zusammen, wie es auf dem Magdeburger SPD-Parteitag der Fall war. Nein, der Weddinger Parteitag war eine Tagung der deutschen Prole- tarier selbst! ... Magdeburg und Wedding — zwei Welten! Die Welt des Sozialfaschismus und der Unterstützung der kapitalistischen Ausbeuter — und auf der anderen Seite die Welt der proletarischen Revolution, des unerbittlichen Klassen- kampfes, der internationalen Solidarität. In Magdeburg haben Hermann Müller und Wels, die Dittmann und Crispien, die Kriegskreditbewilliger und Durchhalteprediger von 1914, sich erneut zum kapitalistischen Vaterland, zur imperialistischen Kriegsrüstung, zur Panzerkreuzerpolitik und zum Reichswehrprogramm bekannt. Der Par- teitag der KPD dagegen beschloß Maßnahmen des revolutionären Kampfes gegen den imperialistischen Krieg nach dem Vorbild von Karl Liebknecht, nach den Lehren Lenins . .. Darum auch die faschistischen Angriffe der regierenden Sozialdemokraten gegen das revolutionäre Proletariat, gegen die Kommunistische Partei, ge- gen den Roten Frontkämpferbund, gegen die revolutionäre Opposition in den Massenorganisationen. Ein Teilnehmer des Magdeburger Parteitages hat der Öffentlichkeit den schändlichen Plan enthüllt, der dort in einer geheimen Besprechung der Wels, Zörgiebel, Sollmann, Aufhäuser und Toni Sender ausgeheckt wurde. Der Mussolini von Berlin, Zörgiebel, hat das Demonstrationsverbot nur aufgehoben, um durch neue Provokationen einen Vorwand für neue noch schärfere Verbotsmaßnahmen zu schaffen. Arbeiter und Arbeiterinnen! Klassengenossen! Der Angriff auf den Roten Frontkämpferbund, der Angriff auf die Kommunistische Partei ist ein An- Am 1. Mai 1929 kam es in Berlin zu blutigen Zusammenstößen zwischen Kom- munisten und Polizisten. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel hatte Demonstrationen unter freiem Himmel verboten. Die KPD versuchte trotzdem zu demonstrieren. 25 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen getötet. Für die künftige Entwicklung hatten diese Ereignisse große Bedeutung: der ultralinke Kurs der KP-Führung fand bei den Mitgliedern Anklang, da er unter dem Hinweis auf den 1. Mai 1929 und die »faschistischen« Methoden der SPD durchgeführt wurde. 104 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK griff auf das gesamte Proletariat. Die Diktatur, mit der Wels auf dem Magde- burger Parteitag drohte, das ist die blutige Diktatur des Sozialfaschismus, gegen die Arbeiterklasse. Die sozialfaschistischen Bürokraten spalten die Massenorganisationen, sie werfen die besten Klassenkämpfer aus den Ge- werkschaften heraus, sie denunzieren die revolutionären Arbeiter bei den Unternehmern und bei der Polizei, sie unterdrücken die revolutionären Organisationen, um freie Bahn zu schaffen für die Vorbereitung des impe- rialistischen Krieges, für die Durchführung der Unternehmeroffensive, für die schrankenlose Diktatur des Finanzkapitals ... Fest verwurzelt in den Betrieben, eng verbunden mit den proletarischen Massenorganisationen, solidarisch mit allen Ausgebeuteten, unerbittlich im Kampf gegen den Opportunismus in allen seinen Formen, so wird die Kom- munistische Partei Deutschlands zum eisernen Sturmbock des deutschen Pro- letariats, zur eisernen Schutzwehr der Sowjetunion, der Festung des Welt- proletariats. Zum i. August rüsten die revolutionären Arbeiter aller Länder unter dem Banner der Kommunistischen Internationale zu einer gewaltigen Mas- sendemonstration für den Frieden, für die Verteidigung der Sowjetunion, gegen die sozialfaschistischen Wegbereiter des Interventionskrieges, gegen die Kapitaloffensive, für die Diktatur des Proletariats. Der XII. Parteitag ruft die werktätigen Massen Deutschlands auf, in allen Betrieben, in jeder Werk- statt und in jedem Kontor zu diesem Massenaufmarsch zu mobilisieren. Am ii. August demonstrieren in Deutschland die nationalistischen Kriegshetzer, die patriotischen Lobsinger der Hindenburgrepublik. Am i. August demon- strieren die klassenbewußten Arbeiter, die Todfeinde des völkermordenden Imperialismus, die Vorkämpfer der neuen Gesellschaftsordnung, des Kom- munismus. Arbeiter und Arbeiterinnen! Macht Schluß mit der Partei des Arbeiter- verrats und des Arbeitermordes, mit der SPD! Verjagt die Agenten des Sozialfaschismus aus allen Funktionärsposten in Betrieben und Gewerk- schaften! Wählt rote Vertrauensleute, wählt zum Kampf um Lohn und Brot eure eigenen Kampfleitungen! Lernt aus dem Beispiel unserer russischen Brüder, die den Kapitalismus zerschmettert haben und in dem gewaltigen Aufbau der sozialistischen Wirtschaft und Gesellschaft die schöpferische Kraft des befreiten Proletariats beweisen! Der Weddinger Parteitag der KPD ruft euch zu neuen Kämpfen. Schart euch um die Fahne des Klassenkampfes, reiht euch ein in die bolschewistische Kampfarmee des deutschen Proletariats! Es lebe der XII. Parteitag der KPD! Es lebe der revolutionäre Klassenkampf des deutschen Proletariats für die proletarische Diktatur! DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK lOJ Es lebe die Sowjetunion, das Vaterland aller Ausgebeuteten und Unter- drückten! Es lebe die revolutionäre Verteidigung der sozialistischen Sowjetunion mit allen Mitteln! Es lebe die Kommunistische Partei Deutschlands! Es lebe die Kommunistische Internationale! Es lebe die Weltrevolution! Der XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands Protokoll der Verhandlungen des XII. Parteitages der KPD (Sektion der Kommunistischen Internationale) Berlin-Wedding, 9. bis 16. Juni 1929 Internationaler Arbeiterverlag Berlin, o. J., S. 529-532. 25. ZUR TAKTIK DES STRASSENKAMPFES IM BEWAFFNETEN AUFSTAND (1931) ... Wenn wir die Stadt als Kampfgebiet mit ihren natürlichen Befestigun- gen betrachten, so ist zweifellos theoretisch der Vorteil auf Seiten des Ver- teidigers. Dies hat zu allen Zeiten die Aufständischen verleitet, nach dem ersten Angriff in die Verteidigung überzugehen. Das hieß aber der Ent- scheidung ausweichen, dem Feind die Initiative überlassen. Daran sind die meisten Aufstände schon in ihren ersten Anfängen gescheitert. Faktisch ist die Lage so, daß, alle politischen und militärischen Gesichts- punkte zusammengefaßt, der Vorteil sich in Wirklichkeit auf Seiten der über- raschend und frech angreifenden Aufständischen befindet. Dies sei noch ein- mal und nachdrücklich unterstrichen. Die zweite zusammenfassende Schlußfolgerung: der einfache Durchbruch, der frontale Angriff stellt im Straßenkampf einen Ausnahmefall dar. Die Stadt als Kampfgebiet erlaubt und die politischen Voraussetzungen des Straßenkampfes fordern die breiteste Anwendung von Manövern, von Um- gehung und Umfassung und Operationen im Rücken des Gegners. Die dritte Schlußfolgerung: der Straßenkampf, in dem das Element der Verteidigung aufs äußerste eingeschränkt ist, zeichnet sich durch die größte Beweglichkeit und Aktivität aller Handlungen aus. Wer in dieser Hinsicht überlegen ist, der hat bereits ein erhebliches Plus. Im Zusammenhang mit der Unübersichtlichkeit des Kampfgeländes, der Unklarheit der Lage, den DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 106 Verbindungsschwierigkeiten, den stündlichen Überraschungen bekommen beide taktische Kampfformen, sowohl Angriff als Verteidigung, die typi- schen Züge des Bewegungsgefechtes. Ohne den allgemeinen Plan zu ver- letzen, müssen doch die Unterführer sich in den Teilkämpfen von den Füh- rungsgrundsätzen des Begegnungsgefechtes leiten lassen. Die Geschichte der vergangenen Aufstände in Westeuropa scheint zu be- weisen, daß die Aufständischen unter den modernen Bedingungen einen Straßenkampf nicht gewinnen können. Das ist ein großer Irrtum. Trotz objektiver Schwierigkeiten, trotz der Rückständigkeit in der Taktik des Straßenkampfes haben die Aufständischen selbst in den vergangenen Kämp- fen lehrreiche Beispiele gegeben, die beweisen, daß alle Chancen für sie sind. Unsere Sache ist es, die neuen Bedingungen, die neuen Methoden des Kamp- fes zu lernen, um die alten Fehler endgültig zu überwinden. Oktober Militärpolitisches Mitteilungsblatt Heft 1/2, April 1931, S. 27 und 29. 26. BESCHLUSS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN (1932) Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands hat zur Frage der Präsidentschaftswahlen Stellung genommen. Die Kommunistische Partei Deutschlands, als die einzige politische Klassenvertretung des deutschen Prole- tariats, wird durch die Aufstellung eines eigenen Kandidaten und die aktiv- ste Mobilisierung der ausgebeuteten Volksmassen selbständig am Wahl- kampf teilnehmen. Die Kommunistische Partei betrachtet die Präsident- schaftswahlen, wie alle anderen öffentlichen Wahlen und Volksabstimmun- gen, nicht als parlamentarische sondern als außerparlamentarische Aufgabe, als einen Bestandteil des Kampfes von Klasse gegen Klasse. Sie ist sich vollkommen der Tatsache bewußt, daß es ihr nicht möglich ist, unter der Herrschaft des Kapitalismus die Mehrheit der abgegebenen Stim- men nach den »Spielregeln« der bürgerlichen Verfassung auf ihre Kan- didaten zu vereinigen?0. Beim ersten Wahlgang am 13. März 1932 erhielt Thälmann 13,2% (fast 5 Millionen) der Stimmen, während 49,6 % der Stimmen auf Hindenburg und 30,1 % auf Hitler entfielen. Beim zweiten Wahlgang am 10. April stellte die KPD wiederum Thälmann auf, er erhielt aber nur noch 10,2% (= 3,7 Millionen) der Stimmen, gegenüber 53 °/o für Hindenburg und 36,8 °/o für Hitler. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK                                                                       IO7 Die Kommunistische Partei benutzt vielmehr die Präsidentschaftswahlen, um die Millionenmassen der Arbeiterschaft auf Grund ihrer Tageskämpfe für die bolschewistischen Ziele aufzurütteln, um die Einheitsfront des Prole- tariats, als Führer aller Werktätigen, zu erweitern und zu festigen, um die Parteien der sich faschisierenden bürgerlichen Diktatur und ihre zuverläs- sige Stütze, die Sozialdemokratie, als die Todfeinde der gesamten Arbeiter- klasse zu entlarven und zu bekämpfen. Angesichts der Bestrebungen, für die Kandidatur des gegenwärtigen Prä- sidenten Hindenburg in ganz Deutschland alle Agenten des in- und auslän- dischen Finanzkapitals, von den Nationalsozialisten über die Brüningschen Regierungsparteien bis zur Sozialdemokratie, zu einem reaktionären Block zu vereinigen, gewinnt die Aufstellung einer kommunistischen Arbeiterkan- didatur, einer Klassenkandidatur des Proletariats gegen alle seine Ausbeu- ter und Unterdrücker besonders große Bedeutung. Das Zentralkomitee hat den Beschluß gefaßt, den Vorsitzenden der Kom- munistischen Partei Deutschlands, den Genossen Ernst Thälmann, als loten Arbeiterkandidaten für die Präsidentschaftswahlen aufzustellen. Die Kommunistische Partei Deutschlands führt den Wahlkampf als außer- parlamentarische Massenaktion, gestützt auf alle Klassenorganisationen und Einheitsfrontorgane des Proletariats, unter folgenden Losungen: Klasse gegen Klasse! Rote Einheitsfront — gegen die gesamte Reaktion von Severing bis Hitler! Für den roten Arbeiterkandidaten - gegen den Kandidaten des Kapitals, der Faschisten und der Sozialdemokratie! Für den Kandidaten der sozialen und nationalen Befreiung — gegen den Kandidaten der Tribute und Reparationen! Für den Kandidaten der Armen — gegen den Kandidaten der Reichen! Für Brot und Freiheit — gegen Not und Knechtschaft! Für ein freies sozialistisches Rätedeutschland im Bündnis mit der Sowjet- union und dem Weltproletariat — gegen den bankrotten Kapitalismus! Die Kommunistische Partei Deutschlands ruft die gesamte Arbeiterklasse, alle Ausgebeuteten in Stadt und Land auf, überall unter diesen Losungen den Kampf aufzunehmen, Zehntausende von roten Wahlhelfern zu stellen, in den Betrieben und an den Stempelstellen rote Einheitsausschüsse zu bilden und ihre Stimme dem roten Arbeiterkandidaten Ernst Thälmann zu geben. Berlin, den 12. Januar 1932 Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands Die Rote Fahne vom 13. Januar 1932. I08                                    DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 27- AUFRUF DER KPD ZUR REICHSTAGSWAHL (1932) Proletarier, Werktätige Deutschlands! Am 7. November feiert das Weltproletariat gemeinsam mit den 130 Mil lionen Arbeitern und Bauern der Sowjetunion den 15. Jahrestag der sieg- reichen russischen Revolution. Unter Führung der Kommunistischen Partei vollzieht sich in der USSR der gigantische sozialistische Aufbau. Die Er- werbslosigkeit ist im sozialistischen Vaterland aller Werktätigen liquidiert, ein gewaltiger materieller und kultureller Aufstieg der Massen hat durch die siegreiche Machtübernahme der proletarischen Klasse im Bunde mit den werktätigen Bauern eingesetzt. Im kapitalistischen Deutschland richtet die Wirtschaftskrise täglich neue Verwüstung an! Sinkende Produktion, rückläufiger Export, Schrumpfung der Konsumtionskraft der Massen, das Ende der sozialen Reformen und die absolute Verelendung der Massen signalisieren den Niedergang des Kapita- lismus auf der ganzen Linie. Neun Millionen Erwerbslose ohne Arbeit und Brot! Zwanzigtausend Selbstmorde allein im Jahre 1931! Ein Heer von Obdachlosen und Bettlern bevölkert die Landstraßen! Notverordnungslohnabbau, betriebliche Lohnraubdiktate, Kürzung der Hungerrenten für die Erwerbslosen, Invaliden- und Fürsorgeempfänger prasseln auf die Armen nieder! Zölle verteuern die Lebensmittel, die Kinder- sterblichkeit nimmt zu, und eine rapide Abnahme des Geburtenüberschusses, eine fortschreitende Zunahme der Verelendung auch der breiten Schichten der Angestellten, Beamten, des Mittelstandes, der Kleinbauern und der Werkstudenten sind die Folgen kapitalistischer Katastrophenpolitik. Schwerer denn je zerren die Ketten von Versailles an den Gliedern des werktätigen deutschen Volkes und vergrößern die Ausbeutung und Ausplün- derung der Massen. Die Kriegsgefahr wächst. Der deutsch-französische und der deutsch-polnische Gegensatz verschärfen sich durch die Tributpolitik Frankreichs und durch die Abenteurerpolitik der deutschen Bourgeoisie von Woche zu Woche. Immer bedrohlicher wachsen die Kriegsvorbereitungen der deutschen und der übrigen Imperialisten, um ihre Gegensätze durch kriege- rische Abenteuer auszutragen, immer schärfer werden die Angriffe der Bour- geoisie auf das Proletariat, um durch Faschismus und imperialistischen Krieg einen Ausweg aus der kapitalistischen Krise zu suchen. Die herrschende Klasse schwätzt von »Krisenüberwindung« und neuen »Silberstreifen« am Horizont! Aber jede ihrer Maßnahmen zur Überwin- dung der Krise schlingt den Krisenknoten immer fester. — DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK                                                                       IO9 Durch Riesen-Subventionsgeschenke, die durch Lohn-, Gehalts- und Unter- stützungsabbau in die Geldschränke der Reichen fließen, soll der Bankrott des deutschen Kapitalismus aufgehalten werden. Aber ein Volkssturm hat sich gegen die heutigen Machthaber erhoben. Nie wurden in Deutschland die Herrschenden so gehaßt von den werktätigen Volksmassen, wie gerade die jetzigen Machthaber! . .. Wir Kommunisten wollen ein Deutschland, in dem nur die Arbeiter und Bauern herrschen! Nur das sozialistische Deutschland wird die Fabriken, Kontore und Berg- werke wieder in Gang setzen und die Stempelstellen abschaffen. Nur das sozialistische Deutschland wird den Kleinbauern Land und den Landarbei- tern Brot bringen! Nur das sozialistische Deutschland wird die Geißel des Zinswuchers, der Pfändung und der Steuerlasten vom werktätigen Mittel- stand abwenden! Nur das sozialistische Deutschland wird aus der geknech- teten Jugend, die im Kapitalismus keine Zukunft hat, eine aufbaufreudige, lebensbejahende sozialistische Generation schaffen, die zu einer helden- haften Brigade des sozialistischen Aufbaus werden wird. Nur das sozialisti- sche Deutschland wird den werktätigen Frauen die volle gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung geben! Ein sozialistisches Deutschland wird den Schandvertrag von Versailles zerreißen. Sie allein wird im Bündnis mit dem befreiten Millionenvolk der Sowjetunion jeden Anschlag Frankreichs, Polens und anderer Imperialisten auf Deutschland zu vereiteln wissen! Erst das kommende sozialistische Deutschland wird der unterdrückten deutschen Bevölkerung in Österreich, Elsaß-Lothringen, Südtirol usw. die Möglichkeit eines freiwilligen Anschlus- ses geben. Werktätige in Stadt und Land, stärkt daher unsere revolutionäre Freiheitsarmee im Kampf gegen Versailles! Die Reichstagswahl vom 6. November muß die Entschlossenheit aller Un- terdrückten für den Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und Ausplün- derung, muß den gemeinsamen Kampfwillen aller Notleidenden für den Sozialismus demonstrieren. Die Papen-Reaktion spekuliert auf eure Wahl- müdigkeit! Wahlenthaltung aber heißt die Hilfe für Papen! Legt am 6. November ein Millionenbekenntnis ab für den Kommunismus! Kämpft in der Einheits- frontaktion für den revolutionären Freiheitskampf unter dem Banner der KPD, für den Sieg der Liste 3! Kampf der Papen-Regierung! Kampf den Notverordnungen! Nieder mit den imperialistischen Kriegstreibern! Kampf den sozialfaschistischen Streik- brechern! Nieder mit dem arbeitermordenden Faschismus! Es lebe die Einheitsfrontaktion aller Arbeiter und Angestellten gegen Lohn-, Gehalts-Unterstützungsraub und faschistische Diktatur! Es lebe die 110 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Antifaschistische Aktion! Es lebe die Sowjetunion! Es lebe der Sieg der Arbeiter und Bauern, es lebe der Sozialismus! Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die Rote Fahne vom 23. Oktober 1932. 28. »DIE KPD IM ANGRIFF« (1932) Die revolutionäre Krise in Deutschland reift immer schneller heran. Mit einer machtvollen Welle der antifaschistischen Einheitsfront antwortete das deutsche Proletariat unter der Führung der KPD auf die blutige Orgie des Nationalsozialismus, dem die deutsche Sozialdemokratie mit so viel Eifer den Weg gebahnt hat. Der Massenstreikkampf, der mit jedem Tag erstarkt, der allgemeine Streik der Verkehrsarbeiter in der Reichshauptstadt*1 war die Antwort der deutschen Arbeiter an die Notverordnungen der faschisti- schen Papen-Regierung. Sechs Millionen Wähler stellte das Deutschland der Arbeiter am 15. Jahrestag der proletarischen Diktatur in der Sowjetunion der faschistischen Diktatur und dem ganzen Lager des kapitalistischen Aus- wegs aus der Krise entgegen. Das XII. EKKI-Plenum und die darauf folgende Konferenz der KPD haben eine klare, bolschewistische Perspektive der Entwicklung der prole- tarischen Revolution in Deutschland vorgezeichnet. Die nach dem 20. Juli in Deutschland errichtete faschistische Diktatur*2 versucht, die Kräfte der Konterrevolution zu sammeln. Sie nützt die chauvinistische Welle aus, um die Schärfe der Klassengegensätze zu vertuschen, und versucht durch eine Politik imperialistischer Aggressionen Illusionen zu säen, als ob sie einen tatsächlichen Kampf gegen das Versailler Diktat führte. Der Zweck der Übung ist, die von dem Nationalsozialismus betrogenen, durch die Schrek- ken der Krise wildgewordenen Massen der Kleinbourgeoisie vor den Karren des deutschen Imperialismus zu spannen. Die faschistische Papen-Regierung Der Berliner Verkehrsarbeiterstreik im November 1932 wurde sowohl von der kommunistischen Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) als auch von der nationalsozialistischen NSBO unterstützt. Die freien Gewerkschaften hatten sich gegen den Streik ausgesprochen. Die »Einheitsfront« zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten im November 1932 ist eines der Beispiele für die verheerenden Folgen der KPD-Theorien über Faschismus und Demokratie. Am 20. Juli 1932 hatte die Regierung Papen die preußische Regierung Braun- Severing durch einen Staatsstreich abgesetzt. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK III führt eine erbitterte Offensive auf die Lebenshaltung der Arbeitermassen und versucht, das Agrarkapital mit dem Industriekapital zu vereinigen, in- dem sie bald diesem, bald jenem einen fetten Happen zuschanzt. Dem Indu- striekapital werden Milliarden an Subsidien gewährt, dem Agrarkapital zuliebe wird die »berühmte« Politik der »Autarkie« betrieben. Es sollen Illusionen hervorgerufen werden, als ob man die kapitalistische Krise bereits wirksam zu überwinden beginne, um dadurch die breiten Massen der Werk- tätigen Deutschlands in den Dienst des kapitalistischen Systems zu stellen. Diese Versuche, die Kräfte der Konterrevolution zu sammeln, werden jedoch von der immer schneller anwachsenden Welle des revolutionären Auf- schwungs durchkreuzt. Die Sommerperiode der optimistischen Hoffnungen und Prognosen der deutschen Bourgeoisie ist zu Ende. Nichts deutet auf eine Milderung der Wirtschaftskrise in Deutschland hin. Die Krise greift elemen- tar um sich. Und nichts kann die Erregung der werktätigen Massen und ihre wachsende Unzufriedenheit mit der Bourgeoisie und ihrer faschistischen Re- gierung aufhalten. Das ist das Charakteristische an der Lage. Dieser Wesens- zug wird nur von den Opportunisten, die auf den Klassenkampf bewußt verzichten, oder von der Sozialdemokratie, die bewußt auf einen kapitali- stischen Ausweg aus der Krise hinarbeitet, ignoriert oder verschwiegen. Das XII. EKKI-Plenum und die Parteikonferenz der KPD haben aufs entschie- denste, in bolschewistischer Weise die defaitistischen, opportunistischen Theo- rien zurückgewiesen, die eine unmittelbare Widerspiegelung des Einflusses des Sozialfaschismus sind und nach denen der Kernpunkt der heutigen Ent- wicklung des Klassenkampfes — in erster Linie des Klassenkampfes in Deutschland - »Siege« der Konterrevolution und »Niederlagen« der Arbei- terklasse und ihrer kommunistischen Avantgarde seien. Die überaus wichtige geschichtliche These des XII. EKKI-Plenums über das Ende der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, besonders in bezug auf Deutschland, wo die Prozesse, die das Ende der kapitalistischen Stabilisierung kennzeichnen, be- reits weiter gediehen sind als in den anderen großen kapitalistischen Staaten, wurde eben auf Grund einer Zunahme der Kräfte der Revolution und der aus der ganzen Situation hervorgehenden unvermeidlichen weiteren Be- schleunigung des Tempos dieses Wachstums aufgestellt... Die Entwicklung des Klassenkampfes in Deutschland nach dem XII. EKKI-Plenum hat die Analyse des Plenums vollauf bestätigt. Nach einer Reihe von Monaten der blutigen Orgien der faschistischen Terrorbanden, der zügellosesten chauvinistischen Propaganda und der unerhörten Verräte- reien der Sozialdemokratie im Namen eines Scheinkampfes gegen den Fa- schismus, nach einer Reihe effektvoller Wahlerfolge des Nationalsozialismus und eines anhaltenden Stillstandes im Streikkampf des Proletariats erleben wir heute eine Welle stetiger Wirtschaftskämpfe, äußerster politischer Zu- spitzung des Wirtschaftskampfes des Proletariats, eine Niederlage des Fa- I 12 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK schismus und der Sozialdemokratie sowie einen bedeutenden Erfolg der Kommunistischen Partei bei den letzten Parlamentswahlen. Dieses neue An- steigen der revolutionären Welle sowie die V erbindung nicht Parlament ari- scher und parlamentarischer Erfolge der kommunistischen Avantgarde in Deutschland ist eine direkte, unzweideutige Antwort des deutschen Prole- tariats auf die Verräterpolitik der Sozialdemokratie. Es bedeutet gleich- zeitig eine Antwort an alle Miesmacher, die in den Reihen der KPD die Generallinie der Kommunistischen Internationale opportunistisch entstell- ten, die genau so wie die Sozialdemokraten in den Tagen der Präsidenten- wahlen von einer Niederlage der KPD und der deutschen Arbeiterklasse redeten, die Losung der Volksrevolution und die Aufgaben des Kampfes gegen den Faschismus sowie die Aufgaben des Kampfes gegen die Sozial- demokratie als die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie opportunistisch ent- stellten und dadurch die Schlagkraft der revolutionären Avantgarde bei der Lösung der strategischen Hauptaufgabe — der Gewinnung der Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse — schwächten .. . Um zu vertuschen, daß sie der faschistischen Diktatur der Papen-Regie- rung Lakaiendienste leistet, daß sie die Massen des deutschen Proletariats der faschistischen Diktatur ausliefert, versucht die Sozialdemokratie heute den deutschen Arbeitern die Illusion einzuflößen, daß »der Stimmzettel den deutschen Faschismus besiegt« hätte. »Eins ist jetzt klar — sagt der trium- phierende Otto Bauer — Deutschland wird nicht faschistisch sein.« Natürlich wird Deutschland nicht faschistisch sein. Dafür bürgen die Siege der Kommu- nisten, angefangen von der Massenabwehr des Faschismus bis zum Kampf der Berliner Verkehrsarbeiter. Dafür bürgen die Hunderttausende deutscher Arbeiter, die unter der Führung der KPD im Streik stehen. Dafür bürgen die neuen hunderttausende Arbeiterstimmen, die für den Kommunismus abge- geben wurden, dafür bürgt der unaufhaltsame Vormarsch des Kommunismus, der seinen Ausdruck auch nach den Reichstagswahlen bei den Wahlen in ein- zelnen deutschen Ländern gefunden hat. Die KPD wird die Mobilisierung der Massen gegen alle Formen der faschistischen Diktatur in Deutschland verstärken, darunter in erster Linie gegen die heutige faschistische Diktatur der Papen-Regierung, die von der Sozialdemokratie bereits unterstützt wird und die die Otto Bauer dadurch stärken möchten, daß sie von der endgül- tigen Niederlage Hitlers und von dem Verschwinden der Gefahr einer faschistischen Diktatur in Deutschland faseln ... Ob nun eine Regierung mit Hitler oder ohne Hitler zustande kommt, ob die faschistische Papen-Diktatur in Deutschland als eine Präsidialregierung oder als eine »durchaus parlamentarische« Regierung schaltet und waltet, ob an der Spitze der deutschen faschistischen Regierung Papen oder irgend- ein anderer Vertrauensmann des Monopolkapitals, das seine Gegensätze nicht überwinden kann, stehen wird — eines ist klar: die faschistische Dik- DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK II3 tatur von Papens ist nicht imstande, der wachsenden inneren und äußeren Widersprüche des deutschen Kapitalismus Herr zu werden. Eine noch schwe- rere Zeit, ein sehr schwerer Krisenwinter steht bevor. Die weitere Zunahme der revolutionären Gärung in den breitesten Massen der Werktätigen ist unvermeidlich. Und die Aufgabe der kommunistischen Avantgarde Deutsch- lands besteht darin, auf der Grundlage der Beschlüsse des XII. EKKI- Plenums und der Parteikonferenz der KPD, auf der Grundlage der neuen Erfahrungen der jüngsten revolutionären Kämpfe, auf der Grundlage der konkreten Führung in allen Formen des Klassenkampfes des Proletariats den Angriff auf den Faschismus und die Sozialdemokratie fortzusetzen, die Massen auf die Revolution für die Diktatur des Proletariats, für ein Sowjet- deutschland vorzubereiten ... Die Kommunistische Internationale Heft 17/18 vom 15. Dezember 1932 S. 1209-1211, 1215-1218. C. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 29- DER SIEG DER BOLSCHEWIKI Die Bolschewiki, die russischen Linksradikalen, haben gesiegt. Die Men- schewiki, die feigen Opportunisten, die die Revolution an die Kapitalisten und die Ententemächte verrieten, sind an die Wand gedrückt, die Kerenski, Tereschtschenko, Zereteli gestürzt und gefangengesetzt wie die Romanows. Lenin, der Geächtete, der Marat der russischen Revolution, ist aus seinen unterirdischen Zufluchtsstätten herauf gestiegen; er triumphiert. Damit ist an die Spitze der russischen Staatsmacht ein Mann von unbändigem revolutio- närem Feuer getreten, ein eiserner Charakter von riesiger Energie, von unbeugsamer Konsequenz, ein Todfeind jedes zersetzenden Opportunismus. Getragen von dem Willen der Industriearbeiterschaft:, die alle Schichten der Revolution geschlagen, die in halbjährigen bitteren Enttäuschungen erfahren mußte, daß allein rücksichtslose Klassenpolitik, allein die Diktatur des städti- schen und ländlichen Proletariats die Revolution retten kann, getragen von den Hoffnungen des kriegsmüden Heeres aller Elenden und Hungernden, gehen jetzt die Bolschewiki daran, den russischen Augiasstall zu reinigen, Rußlands Wirtschaft wieder aufzurichten, der Welt den Frieden zu brin- gen ... Arbeiterpolitikii Nam 17. November 1917 in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Band 2, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 15. »Arbeiterpolitik< war das Organ der Bremer Linksradikalen, die auch in Hamburg und Sachsen Stützpunkte hatten. Redakteure waren Johann Knief und Paul Frölich. Die Linksradikalen hatten enge Verbindung zu Radek und standen dem Leninismus nahe. Am 31. Dezember 1918 vereinigten sie sich mit dem Sparta- kusbund zur KPD. IIÓ                                    DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 30. DIE RUSSISCHE TRAGÖDIE"’ von Rosa Luxemburg** Seit dem Brest-Litowsker Frieden ist die russische Revolution in eine sehr schiefe Lage geraten. Die Politik, von der sich die Bolschewiki dabei haben leiten lassen, liegt auf der Hand: Friede um jeden Preis, um eine Atempause zu gewinnen, inzwischen die proletarische Diktatur in Rußland auszubauen und zu befestigen, soviel wie irgend möglich an Reformen im Sinne des So- zialismus zu verwirklichen und so den Ausbruch der internationalen prole- tarischen Revolution abzuwarten, sie zugleich durch das Beispiel Rußlands zu beschleunigen. Da die absolute Kriegsmüdigkeit der russischen Volks- massen und zugleich die militärische Desorganisation, die vom Zarismus hinterlassen war, die Fortsetzung des Krieges sowieso zu einem aussichts- losen Verbluten Rußlands zu machen schien, so war ohnehin kein anderer Ausweg als schleuniger Abschluß des Friedens möglich. Dies war die Rech- nung von Lenin und Genossen. Sie war diktiert von zwei rein revolutionären Gesichtspunkten: von dem unerschütterlichen Glauben an die europäische Revolution des Proletariats als den einzigen Ausweg und die unvermeidliche Konsequenz des Weltkrie- ges und von der ebenso unerschütterlichen Entschlossenheit, die einmal er- rungene Macht in Rußland bis zum äußersten zu verteidigen, um sie zur energischsten und radikalsten Umwälzung auszunützen. Und doch war sie zum größten Teil eine Rechnung ohne den Wirt, nämlich ohne den deutschen Militarismus, dem sich Rußland durch den Separatfrie- den auf Gnade und Ungnade ausgeliefert hat. Der Brester Friede war in Wirklichkeit nichts anderes als eine Kapitulation des russischen revolutio- nären Proletariats vor dem deutschen Imperialismus. Freilich, Lenin und seine Freunde täuschten über die Tatsache weder sich noch andere. Sie gaben * Der Artikel spricht Befürchtungen aus, die auch in unseren Kreisen vielfach vor- handen sind - Befürchtungen, die aus der objektiven Lage der Bolschewiki, nicht aus ihrem subjektiven Verhalten entspringen. Wir bringen den Artikel vornehmlich wegen seiner Schlußfolgerung: ohne die deutsche Revolution keine Rettung der russi- schen Revolution, keine Hoffnung für den Sozialismus in diesem Weltkriege. Es bleibt nur die eine Lösung: der Massenaufstand des deutschen Proletariats. (Fußnote in der Quelle.) »Die russische Tragödie« erschien in den »Spartakusbriefen«. Wie die Fußnote der Redaktion zeigt, teilten nicht alle Mitglieder des Spartakusbundes Rosa Luxem- burgs kritische Stellungnahme gegenüber der bolschewistischen Taktik in Rußland. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                       II/ die Kapitulation unumwunden zu. Worüber sie sich leider täuschten, war die Hoffnung, um den Preis dieser Kapitulation eine wirkliche Atempause zu erkaufen, durch einen Separatfrieden sich aus dem Höllenbrand des Weltkrieges wirklich retten zu können. Sie zogen die Tatsache nicht in Be- tracht, daß die Kapitulation Rußlands in Brest-Litowsk eine enorme Stär- kung der imperialistisch-alldeutschen Politik, damit gerade die Schwächung der Chancen einer revolutionären Erhebung in Deutschland bedeuten und nicht den Abschluß des Krieges mit Deutschland herbeiführen würde, son- dern bloß den Anfang eines neuen Kapitels dieses Krieges ... Eine Allianz der Bolschewiki mit dem deutschen Imperialismus wäre der furchtbarste moralische Schlag für den internationalen Sozialismus, der ihm noch versetzt werden könnte. Rußland war der einzige letzte Winkel, wo revolutionärer Sozialismus, Reinheit der Grundsätze, ideale Güter noch einen Kurs hatten, wohin sich die Blicke aller ehrlichen sozialistischen Elemente in Deutschland wie in ganz Europa richteten, um sich vom Ekel zu erholen, den die Praxis der westeuropäischen Arbeiterbewegung hervorruft, um sich mit Mut zum Ausharren, mit Glauben an ideelle Werke, an heilige Worte zu wappnen. Mit der grotesken »Paarung« zwischen Lenin und Hinden- burg wäre die moralische Lichtquelle im Osten verlöscht. Es liegt auf der Hand, daß die deutschen Machthaber der Sowjetregierung die Pistole auf die Brust setzen und ihre verzweifelte Lage ausnutzen, um ihr diese ungeheuer- liche Allianz aufzuzwingen. Aber wir hoffen, daß Lenin und seine Freunde um keinen Preis nachgeben werden, daß sie dieser Zumutung gegenüber ein kategorisches: Bis hierher und nicht weiter! zurufen werden ... Die Schuld an den Fehlern der Bolschewiki trägt in letzter Linie das internationale Proletariat und vor allem die beispiellose beharrliche Nieder- tracht der deutschen Sozialdemokratie, einer Partei, die im Frieden an der Spitze des Weltproletariats zu marschieren vorgab, alle Welt zu belehren und zu führen sich anmaßte, im eigenen Lande mindestens zehn Millionen Anhänger beider Geschlechter zählte und nun seit 4 Jahren wie die feilen Landsknechte des Mittelalters auf Geheiß der herrschenden Klassen den Sozialismus vierundzwanzigmal an jedem Tag ans Kreuz schlägt... Es gibt nur eine Lösung der Tragödie, in die Rußland verstrickt ist: den Aufstand im Rücken des deutschen Imperialismus, die deutsche Massen- erhebung, als Signal zur internationalen revolutionären Beendigung des Völkermordes. Die Rettung der Ehre der russischen Revolution ist in dieser Schicksalsstunde identisch mit der Ehrenrettung des deutschen Proletariats und des internationalen Sozialismus. Spartakusbriefe (Neudruck) Hrsg, von der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) Berlin 1920, S. 181-186. 118 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 31- DIE RUSSISCHE REVOLUTION von Rosa Luxemburg 35 ... In dieser Situation gebührt der bolschewistischen Richtung das geschicht- liche Verdienst, von Anfang an diejenige Taktik proklamiert und mit eiser- ner Konsequenz verfolgt zu haben, die allein die Demokratie retten und die Revolution vorwärts treiben konnte. Die ganze Macht ausschließlich in die Hände der Arbeiter- und Bauernmasse, in die Hände der Sowjets, — dies war in der Tat der einzige Ausweg aus der Schwierigkeit, in die die Revo- lution geraten war, das war der Schwertstreich, womit der gordische Knoten durchhauen, die Revolution aus dem Engpaß hinausgeführt und vor ihr das freie Blachfeld einer ungehemmten weiteren Entfaltung geöffnet wurde. Die Lenin-Partei war somit die einzige in Rußland, welche die wahren Interessen der Revolution in jener ersten Periode begriff, sie war ihr vor- wärtstreibendes Element, als in diesem Sinne die einzige Partei, die wirk- lich sozialistische Politik trieb. Dadurch erklärt sich auch, daß die Bolschewiki, im Beginn der Revolu- tion eine von allen Seiten verfemte, verleumdete und gehetzte Minderheit, in kürzester Zeit an die Spitze der Revolution geführt wurden und alle wirklichen Volksmassen: das städtische Proletariat, die Armee, das Bauern- tum, sowie die revolutionären Elemente der Demokratie: den linken Flügel der Sozialisten-Revolutionäre unter ihrer Fahne sammeln konnten . . . Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei — mögen sie noch so zahlreich sein — ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird. Die stillschweigende Voraussetzung der Diktatur-Theorie im Lenin-Trotz- kischen Sinn ist, daß die sozialistische Umwälzung eine Sache ist, für die ein fertiges Rezept in der Tasche der Revolutionspartei liege, dies dann nur mit Energie verwirklicht zu werden brauche. Dem ist leider - oder je nachdem: zum Glück — nicht so. Weit entfernt, eine Summe fertiger Vorschriften zu sein, die man nur anzuwenden hätte, ist die praktische Verwirklichung des Die russische Revolution wurde von Rosa Luxemburg 1918 während ihrer Gefängnishaft geschrieben. Wir bringen daraus nur einen typischen, kurzen Auszug. Die Arbeit wurde erstmals 1922 von Paul Levi aus dem Nachlaß Rosa Luxemburgs veröffentlicht. Von der SED wird die Schrift bis heute totgeschwiegen. In West- deutschland erschienen nach 1945 zwei Ausgaben der Broschüre. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                      119 Sozialismus als eines wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Systems, eine Sache, die völlig im Nebel der Zukunft liegt. Was wir in unserem Programm besitzen, sind nur wenige große Wegweiser, die die Richtung anzeigen, in der die Maßnahmen gesucht werden müssen, dazu vorwiegend negativen Charakters. Wir wissen so ungefähr, was wir zuallererst zu beseitigen ha- ben, um der sozialistischen Wirtschaft die Bahn frei zu machen, welcher Art hingegen die tausend konkreten praktischen großen und kleinen Maßnahmen sind, um die sozialistischen Grundsätze in die Wirtschaft, in das Recht, in alle gesellschaftlichen Beziehungen einzuführen, darüber gibt kein soziali- stisches Parteiprogramm und kein sozialistisches Lehrbuch Aufschluß... Lenin und Trotzki haben an Stelle der aus allgemeinen Volkswahlen her- vorgegangenen Vertretungskörperschaften die Sowjets als die einzige wahre Vertretung der arbeitenden Massen hingestellt. Aber mit dem Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Preß- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Diesem Gesetz entzieht sich niemand. Das öffent- liche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von uner- schöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen auf- geboten, um den Führern Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen ein- stimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft — eine Dikta- tur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d. h. Diktatur im bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobiner-Herrschaft (das Verschieben der Sowjet-Kongresse von drei Mo- naten auf sechs Monate!!). Ja noch weiter: solche Zustände müssen eine Ver- wilderung des öffentlichen Lebens zeitigen: Attentate, Geiselerschießun- gen usw.... Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, anstelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unter- stützt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als Diktatur des Proletariats. Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwen- dung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, entschlos- 120 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK senen Eingriffen in die wohlerworbenen Rechte und wirtschaftlichen Ver- hältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, ohne welche sich die sozialistische Umwälzung nicht verwirklichen läßt. Aber diese Diktatur muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen führenden Minderheit in Namen der Klasse sein, d. h. sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden poli- tischen Schulung der Volksmassen hervorgehen. Genau so würden auch sicher die Bolschewiki vorgehen, wenn sie nicht unter dem furchtbaren Zwang des Weltkrieges, der deutschen Okkupation und aller damit verbundenen abnormen Schwierigkeiten litten, die jede von den besten Absichten und den schönsten Grundsätzen erfüllte sozialistische Politik verzerren müssen. Ein krasses Argument dazu bildet die so reichliche Anwendung des Terrors durch die Räteregierung und zwar namentlich in der letzten Periode vor dem Zusammenbruch des deutschen Imperialismus, seit dem Attentat auf den deutschen Gesandten. Die Binsenwahrheit, daß Revolutionen nicht mit Rosenwasser getauft werden, ist an sich ziemlich dürftig. Alles, was in Rußland vorgeht, ist begreiflich und eine unvermeidliche Kette von Ursachen und Wirkungen, deren Ausgangspunkte und Schluß- steine: das Versagen des deutschen Proletariats und die Okkupation Ruß- lands durch den deutschen Imperialismus. Es hieße, vor. Lenin und Genossen Übermenschliches verlangen, wollte man ihnen auch noch zumuten, unter solchen Umständen die schönste Demokratie, die vorbildlichste Diktatur des Proletariats und eine blühende sozialistische Wirtschaft hervorzuzaubern ... Das Gefährliche beginnt dort, wo sie aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theo- retisch in allen Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen. Worauf es ankommt, ist, in der Politik der Bolschewiki das Wesentliche vom Unwesentlichen, den Kern von dem Zufälligen zu unterscheiden. In die- ser letzten Periode, in der wir vor entscheidenden Endkämpfen in der gan- zen Welt stehen, war und ist das wichtigste Problem des Sozialismus gerade- zu die brennende Zeitfrage: nicht diese oder jene Detailfrage der Taktik, sondern: die Aktionsfähigkeit des Proletariats, die Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozialismus überhaupt. In dieser Beziehung waren die Lenin und Trotzki mit ihren Freunden die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel vorangegangen sind, sie sind bis jetzt immer noch die ein- zigen, die mit Hutten ausrufen können: Ich hab’s gewagt! Dies ist das Wesentliche und Bleibende der Bolschewikipolitik. In diesem Sinne bleibt ihnen das unsterbliche geschichtliche Verdienst, mit der Erobe- rung der politischen Gewalt und der praktischen Problemstellung der Ver- DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 121 wirklichung des Sozialismus dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in der gan- zen Welt mächtig vorangetrieben zu haben. In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden. Und in die- sem Sinne gehört die Zukunft überall dem Bolschewismus. Die russische Revolution Eine kritische Würdigung. Aus dem Nachlaß von Rosa Luxemburg Hrsg, und eingeleitet von Paul Levi Verlag Gesellschaft und Erziehung, Berlin 1922 S. 76/77, 109/110, 113-120. 32- AUFRUF DER KPD ZUR UNTERSTÜTZUNG DER ROTEN ARMEE (1920)36 An das deutsche Proletariat! Arbeiter! und Arbeiterinnen! Das weißgardistische Polen bricht unter den mächtigen Schlägen der roten Armeen Räterußlands zusammen. Das Strafgericht ereilt die polnische Bourgeoisie und Junkerschaft für ihren frechen und abenteuerlichen impe- rialistischen Raubzug gegen Räterußland. Sie wenden sich in letzter Stunde an die Mächte der Entente, die sie gegen Sowjetrußland losgelassen haben. Die Entente soll sie retten vor der starken Hand der russischen Arbeiter und Bauern, deren ehrliches Friedensangebot sie ausgeschlagen haben. Die Entente soll sie retten vor dem gerechten Zorn der Arbeiter und Bau- ern des eigenen Landes, die sie frevelhaft hingeschlachtet haben und die jetzt Rechenschaft fordern für das auf den Schlachtfeldern im Dienste der Gegenrevolution vergossene Blut und für das Schreckensregiment, dem die herrschende Clique Polens sie unterwirft. Die französische und die englische Regierung empfindet die Niederlage der polnischen Konterrevolution als ihre eigene Niederlage. Während des polnisch-russischen Krieges 1920 erließ die KPD eine ganze Reihe von Aufrufen, die alle den gleichen Tenor hatten wie das in die Auswahl aufge- nommene Dokument. Das revolutionäre Rußland erfreute sich damals der Sympa- thien breiter Schichten der deutschen Arbeiterschaft. Alle sozialistischen Parteien (SPD, USP und KPD) und die verschiedenen Gewerkschaften hatten z. B. be- schlossen, nicht zu dulden, daß für Polen bestimmtes französisches Kriegsmaterial durch Deutschland transportiert werde. 122 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Der polnische »Damm« der Räterußland von Mittel- und Westeuropa abschließen sollte, zerbricht. Das Schwert, das für die großen imperialisti- schen Raubstaaten Westeuropas Räterußland zerfleischen sollte, damit sie es verspeisen könnten, zerbricht. Drohend pocht in Polen die proletarische Revolution an die Tore. Die großen kapitalistischen Raubmächte setzen Himmel und Hölle in Be- wegung, um die polnische Konterrevolution zu retten und wieder aufzurich- ten, um das polnische Proletariat in Ketten zu halten, um Räterußland in den Arm zu fallen, dessen Schwert diese Ketten zerbrechen hilft. Neue Hilfs- truppen, neue Munition sollen der polnischen Gegenrevolution zugeführt werden; mit Drohungen und Lockungen werden die kleinen Mächte bestürmt dabei zu helfen. Diplomatie und Presse wühlen und hetzen gegen Räteruß- land. Arbeiter, Arbeiterinnen! In diesem Augenblick ruft der 2. Weltkongreß der Kommunistischen In- ternationale die Proletarier aller Länder auf, allen Anschlägen des Welt- kapitals gegen Sowjetrußland kühn und tatkräftig entgegenzutreten und sich mit der Tat auf die Seite ihrer russischen und polnischen Brüder zu stellen. Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands! Jetzt ist die Stunde, es gilt, Eure tausendfachen Gelöbnisse für Eure Brüder in die Tat umzusetzen. Eure Aufgabe erfordert die größte Wachsamkeit, Tatkraft und Entschlos- senheit! Die französische Bourgeois-Regierung rüttelt an den Toren Deutschlands und Deutschösterreichs, um Polen Truppen und Munition zuzuführen. Die englische Bourgeoisie sucht die deutsche Konterrevolution als Degen gegen den roten Osten zu erkaufen. Arbeiter, Arbeiterinnen! Die deutsche Regierung hat hochtönende Versicherungen abgegeben, daß sie im Kampfe zwischen dem weißen Polen und Sowjetrußland neutral blei- ben werde. Arbeiter, Arbeiterinnen! Die Neutralität der deutschen Bourgeoisie ist die Neutralität des geschla- genen imperialistischen Räubers, der auf die günstigste Gelegenheit wartet, um sich wieder aufzurichten und als Gleichberechtigter in den Kreis der großen imperialistischen Räuber wieder einzutreten. Diese Neutralität kann jeden Augenblick umschlagen in das imperialisti- sche Abenteuer und den konterrevolutionären Streich. Arbeiter, Arbeiterinnen! Ihr allein, die revolutionären Kämpfer, seid berufen und habt die Macht, DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                      I2J den unübersteiglichen Wall zu bilden, der alle Anschläge der kapitalistischen Räuber gegen Sowjetrußland und gegen das polnische Proletariat abhält... Versammelt Euch zu Massenkundgebungen, um der eigenen und den frem- den kapitalistischen Regierungen Eure zu jeder erforderlichen Tat bereite Solidarität mit Sowjetrußland zu offenbaren. Haltet jeden Truppen- und Munitionstransport nach Polen an. Stellt Euch insgesamt geschlossen hinter die Eisenbahnerschaft, wenn Ge- walt gegen sie versucht wird, von wem es auch sei, um sie zur Duldung der Durchfuhr von Truppen und Munition zu zwingen, die für Polen bestimmt sind. Seid bereit, die höchste revolutionäre Kraft zu entfalten, um jeden An- schlag auf eure revolutionäre Pflicht und Ehre abzuwehren. Es lebe Sowjetrußland! Es lebe das revolutionäre Polen! Es lebe die Weltrevolution! Den 6. August 1920 Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) Die Rote Fahne vom 7. August 1920. 124 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 33- DIE KPD ZU RAPALLO Das deutsch-russische Abkommen Von A. Thalheimer^ i.... Die wichtigsten Bestimmungen des Abkommens. Die erneute rechtliche Anerkennung der Sowjetrepublik und die Her- stellung der normalen diplomatischen Beziehungen. — 2. Der gegenseitige Verzicht auf die Wiedergutmachung der Kriegsschäden. — 3. Die Meistbegün- stigung für Deutschland für alle Handelsverträge, Zollabkommen usw., die mit anderen bürgerlichen Staaten abgeschlossen werden. — 4. Der Verzicht auf Erstattung der »Revolutionsschäden«; aber unter Vorbehalt, diese An- sprüche geltend zu machen, wenn die Ententestaaten dies erreichen. — 5. Die Verpflichtung der beiden Regierungen, die Herstellung des gegenseitigen Wirtschaftsverkehrs zu fördern. Die Bedeutung des Abkommens für Sowjetrußland ist mehr eine morali- sche als eine materielle. Es ist nach den Abkommen mit Polen und den balti- schen Staaten der zweite Durchbruch durch den Ring, den die vereinigten imperialistischen Raubmächte um Sowjetrußland geschlossen haben. Welche materielle Bedeutung der Vertrag für den Wiederaufbau Sowjetrußlands haben wird, wird ganz von der Art der Durchführung seitens der deutschen Regierung und der deutschen Industriellen abhängen. Für die deutsche Re- gierung bedeutet das Abkommen den ersten zaghaften und halben Schritt, um im Verhältnis zu Sowjetrußland seine Handlungsfreiheit wiederzuge- winnen, um die Sklavenketten zu lockern, die es sich freiwillig von der Entente hat auferlegen lassen. Für die internationale Bedeutung des Abkommens zeugt die tolle Wut der Entente-Regierungen. Die Phrasen des ersten Tages der Genua-Konferenz von der Gleichberechtigung aller Teilnehmer, von dem loyalen Bemühen zum Wiederaufbau Sowjetrußlands und der Weltwirtschaft überhaupt, wer- den durch die Aufnahme, die diese Regierungen dem Abkommen gewährten, in der denkbar drastischsten Weise demaskiert. Wenn ein Abkommen, das — und noch in ganz ungenügender Weise — ein normales kapitalistisches Ver- hältnis zu Sowjetrußland herstellen will, als ein Attentat gegen die Konfe- renz bezeichnet wird, so ist jedem Arbeiter klar, daß die Konferenz damit Thalheimers Artikel gibt die offizielle Stellungnahme der KPD zum Rapallo- Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion wieder. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                       12$ unverhüllt zugesteht, daß ihre wirklichen Absichten gegenüber Sowjetruß- land einfach die von unverschämten Räubern sind. Deutschland hat die Solidarität der Räuber durchbrochen: also kreuziget es! Deutschland hat auf den tollen Wahnsinn der Wiedergutmachung gegenüber Sowjetrußland ver- zichtet. Kreuziget es! Deutschland hat gewagt, für einen Augenblick zu ver- gessen, daß es eine Ententekolonie ist: kreuziget! Alle die Raubverträge von Versailles bis heute sind unantastbar, undiskutierbar für die Genua-Kon- ferenz. Der Vertrag Deutschlands mit Sowjetrußland aber bedarf der Sank- tion der großen imperialistischen Räuber! Die deutschen Parteien und das Abkommen. Die Aufmerksamkeit der internationalen Arbeiterklasse muß ganz beson- ders auf die Tatsache gelenkt werden, daß von allen deutschen Parteien die Sozialdemokratie allein ganz deutlich Stimmung gemacht hat gegen das Ab- kommen. Ihre sklavische Furcht vor der Entente, ihr blinder, wütender Haß gegen die russische Revolution läßt sie nicht einmal das Maß von Mut und Verstand aufbringen, das die bürgerlichen Parteien aufgebracht haben. Sie fürchtet wie den Tod die Berührung mit der Sowjetrepublik, weil sie weiß, daß eine auf alle Arbeiter sich stützende Partei nicht auf die Dauer einen gegenrevolutionären Kurs aufrechterhalten, die Kommunistische Partei des eigenen Landes mit Erfolg bekämpfen kann, wenn sie sich außenpolitisch auf einen Arbeiterstaat stützt. Die bürgerlichen Parteien begrüßen bei aller Beklemmung das Abkommen als einen ersten Schritt, der Deutschland Initiative und Handlungsfreiheit wiedergibt, sie verfehlen aber nicht, darauf hinzuweisen, daß die Regierung jetzt um so schärfer gegen die deutschen Kommunisten vorgehen müsse. Wir deutschen Kommunisten unsererseits haben nicht das geringste Zu- trauen, daß die Regierung Wirth-Rathenau oder irgend eine andere bürger- liche Koalitionsregierung imstande sein wird, auf dem Wege, der durch das Abkommen eingeschlagen ist, durchzuhalten und weiterzugehen. Die Ge- schichte von 3V2 Jahren der Außenpolitik der bürgerlichen Republik verbie- tet uns diesen Glauben. Wir unterziehen die Teile des Vertrages, in denen sich noch die ohnmächtigen imperialistischen Raubgelüste der deutschen Re- gierung kundtun, einer offenen und rücksichtslosen Kritik. Aber wir sagen den deutschen Arbeitern: es ist eure Pflicht, dafür zu sorgen, daß dieser Schritt nicht mehr rückwärts gemacht wird, sondern daß ihm weitere Schritte in der Richtung des Anschlusses an Sowjetrußland folgen. Das Abkommen und die internationale Arbeiterklasse. Es ist klar, daß die internationale Arbeiterklasse, bei aller Reserve und kritischen Haltung gegenüber der Aufrichtigkeit und der Ausdauer der ge- genwärtigen deutschen Regierung im Verhältnis zu Sowjetrußland ver- 126 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK pflichtet ist, so energisch wie nur möglich der heuchlerischen und bösartigen Hetze ihrer respektiven Regierungen gegen das Abkommen entgegenzutre- ten, daß sie verlangen muß, daß auch die anderen Staaten ihre räuberischen Entschädigungsforderungen und ihre Angriffe auf die staatliche Selbstbe- stimmung des russischen Volkes aufgeben. Es gilt jetzt, mit verstärkter Wucht die Einberufung einer Weltkonferenz des Proletariats in der aller- kürzesten Zeit zu fordern, die den in Genua versammelten Raubstaaten den Massendruck des Weltproletariats gegenüberstellt. Falls es dazu kommt — was nicht ausgeschlossen ist —, daß diese Raubstaaten die Genua-Konferenz auffliegen lassen, dann ist die schnellste und energischste Mobilisierung der breitesten Arbeitermassen unbedingt erforderlich. Internationale Presse-Korrespondenz vom 20. April 1922, S. 395/396.   AUS DEM MANIFEST AN SOWJETRUSSLAND DES VIII. KPD-PARTEITAGES (1923) A Der Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands sendet die herz- lichsten, brüderlichsten Grüße Sowjetrußland, seinen heldenhaft für die Ver- wirklichung des Kommunismus ringenden und opfernden Proletariern, sei- nen rätetreuen Bauern. Er spricht Sowjetrußland den tiefsten Dank dafür aus, daß es in dieser Stunde höchster Gefahr, wo der französische Imperialis- mus unter aktivster Mitschuld der Weltbourgeoisie - und namentlich auch der deutschen Bourgeoisie —, die wachsende Möglichkeit eines neuen, furcht- baren Völkermordens heraufbeschwört und die sichere, gesteigerte Ausbeu- tung und Verknechtung der Arbeiter Deutschlands, Frankreichs, aller kapi- talistischen Staaten, in treuer Solidarität an die Seite der zunächst und am stärksten bedrohten deutschen Arbeiter und damit der Ausgebeuteten aller- wärts getreten ist. Der Staat der russischen Proletarier und Bauern, der ein- zige Arbeiterstaat der Welt, hat eindringlich in aller Form schärfsten Protest erhoben gegen die militärische Besetzung des Ruhrgebietes als gegen eine brutale Vergewaltigung des Rechts der Völker auf nationale Unabhängig- keit und Selbstbestimmung; als gegen eine unerträgliche Steigerung der Aus- powerung und des Elends der werktätigen Massen; als gegen eine verbreche- rische Gefährdung des Friedens. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                       12/ Der Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands dankt Sowjet- rußland für die mit Strömen von Blut und unermeßlichen Opfern unver- wischbar in die Geschichte geschriebene Lehre, daß die Sache der Nation heute die Sache der Arbeiterklasse ist. Bei den Konkurrenzkämpfen um Profit und Macht gefährdet und verrät die Bourgeoisie außen wie innen dauernd das Recht der Völker auf nationale Unabhängigkeit und Selbstän- digkeit. Sowjetrußland hat bewiesen, daß dieses Recht nur sichergestellt und behauptet werden kann durch die Entfesselung der revolutionären Massen- kräfte. Einzig und allein die proletarische Revolution, die den Klassenfeind auf dem heimischen Boden niederwarf, hat in der Roten Armee die Helden- scharen russischer Proletarier und Bauern geschaffen, die an allen Fronten von Polens Grenzen bis Wladiwostok, von Archangelsk bis Sewastopol die von der Weltbourgeoisie ausgerüsteten und unterhaltenen gegenrevolutio- nären Heere geschlagen haben. Sowjetrußland ist der einzige Staat der Welt, der sein nationales Recht zur selbständigen Gestaltung der wirt- schaftlichen, politischen und sozialen Ordnung gegen die Befehle und Dro- hungen der Entente-Regierungen, der politischen Geschäftsführer der Welt- bourgeoisie, stolz gewahrt hat. In steigendem Maße erzwingt sich die Arbei- ter- und Bauernrepublik Anerkennung und Macht als Faktor der internatio- nalen Politik. Sie ist heute schon eine Macht, mit der alle kapitalistischen Staaten rechnen müssen. Indem in Sowjetrußland das Proletariat dadurch zur Nation wurde, daß es die Staatsgewalt an sich riß und seine Diktatur aufrichtete, hat auch die innenpolitische Erneuerung eingesetzt, der wirtschaftliche und soziale Wie- deraufbau, der auf die höheren gesellschaftlichen Lebensformen des Kom- munismus gerichtet ist. Trotz der historisch gegebenen ungeheuerlichsten Schwierigkeiten beginnt die Wirtschaft Sowjetrußlands langsam, doch sicher sich zu beleben, zu entwickeln. Soziale Einrichtungen entstehen, die den kostbarsten Schatz eines Volkes schaffen und erhalten sollen: leiblich, gei- stig und sittlich gesunde, kraftvolle Menschen. Breiteste Massen der Prole- tarier und Bauern sind auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens freudig am Aufbau. Und wenn noch nicht die letzten siegreichen Schlachten gegen Hunger, Frost und Blöße, gegen Unwissenheit und Rückständigkeit geschla- gen sind, so liegt doch die hoffnungsstarke Stimmung eines weltgeschicht- lichen Schöpfungsmorgens über Sowjetrußland .. . Der Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands mahnt ange- sichts dieser Situation das deutsche Proletariat daran, daß die russischen Arbeiter ihm den einzigen Ausweg aus dem Chaos gezeigt haben, das der Krieg geschaffen hat, und daß in der Verfallsperiode des Kapitalismus auch die Kämpfe der Kapitalisten verschiedener Nationalität um Geld und Macht immer verderbenvoller, immer furchtbarer werden. Es ist die proletarische Revolution, es ist die Eroberung der Staatsgewalt durch das Proletariat, es 128 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK ist die Aufrichtung einer Diktatur. Aber das russische Proletariat hat mehr getan, als den Ausweg gezeigt. Es hat durch heldenmütigen Kampf und durch nicht weniger heldenmütiges Dulden und Mühen, es hat durch seine innige Verbindung mit der Kommunistischen Partei Rußlands, als seiner Führerin und damit der Führerin der Revolution, erhärtet, welch gewaltige Kraft der geschichtlichen Entwicklung Massenerkenntnis, Massenwillen und Massen- kampf unter zielklarer, wegsicherer, kühner und opferwilliger Führung ist. Der Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands grüßt Sowjet- rußland und sein revolutionäres Volk der Arbeit in der festen Überzeugung, daß die Solidarität, heute bekundet mit dem von Skorpionen des deutschen Kapitalismus und des französischen Imperialismus gepeinigten Proletariat, morgen unzerreißbare Bundesgenossenschaft sein wird mit einem Deutsch- land, in dem das kämpfende Proletariat den ersten Schritt getan hat zur Konstituierung als Nation, indem es im härtesten Ringen mit der einheimi- schen und auswärtigen Bourgeoisie eine Arbeiterregierung aufrichtete. Er grüßt Euch, russische Preisfechter der proletarischen Weltrevolution, in der festen Überzeugung, daß der Bund zwischen Sowjetrußland und einem Arbeiter-Deutschland eine Vorstufe und eine Bürgschaft sein wird der Ver- einigten Räterepubliken Europas, der ganzen Welt, die als Tat erstehen werden des vollen Sieges, der Diktatur des Weltproletariats über die Welt- bourgeoisie. B An die Rote Armee Sowjetrusslands Der Parteitag der KPD beschließt, der Roten Armee Sowjetrußlands als Symbol des Dankes und der Anerkennung ihrer heroischen Leistungen zur Niederwerfung der Konterrevolution und zum Schutze der Revolution eine rote Fahne zu übermitteln. Wir verbinden damit das Gelöbnis, alle Kraft einzusetzen, um das deutsche Proletariat zu veranlassen, dem Beispiel seiner russischen Brüder zu folgen und die Weltrevolution eine weitere Etappe vorwärtszutreiben. Die Zentrale wird beauftragt, den Beschluß sofort durch- zuführen. Bericht über die Verhandlungen des III. (8.) Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Abgehalten in Leipzig vom 28. Januar bis 1. Februar 1923 Vereinigung Internationaler Verlags-Anstalten, Berlin 1923, S. 401-403. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 129   AUFRUF DER KPD FÜR DIE SOWJETUNION (1927) An die deutsche Arbeiterschaft In ernster Stunde wenden wir uns an euch. Das, was seit langem zu erwarten war, ist eingetroffen: Der englische Imperialismus droht der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken mit Krieg. Die Note Chamberlains, die den Abbruch der diplomatischen Beziehungen ankündigt, bezichtigt die Re- gierung der Sowjetunion vor allem zweier Verbrechen: der Unterstützung des englischen Bergarbeiterkampfes durch die russischen Gewerkschaften und der restlosen Solidarität der russischen Arbeiter und Bauern und ihrer Regierung mit dem Freiheitskampf des chinesischen Volkes. Weil die Sowjet- union in all ihren Handlungen ihre grenzenlose Verbundenheit mit allen Kämpfen des ausgebeuteten Proletariats und der unterdrückten Völker be- weist, deshalb soll sie mit Krieg überzogen, der friedliche Aufbau ihrer sozia- listischen Wirtschaft zerstört und die ganze Welt in ein neues imperialisti- sches Blutbad gestürzt werden. Es ist Lüge und Betrug, wenn man euch glauben machen will, daß Deutsch- land bei dem Überfall des englischen Imperialismus auf das friedliche Land der Arbeiter und Bauern neutral bleiben wird. Die Hetze gegen die Sowjet- union, die in der verlogenen sozialdemokratischen Granatenkampagne ihren Höhepunkt erreicht hat, ist nichts anderes als die Vorbereitung der englisch- deutschen Kriegsfront gegen die Sowjetunion . .. Die Sowjetunion soll vernichtet werden, weil sie den werktätigen und unterdrückten Massen der ganzen Welt ein Symbol ihrer eigenen Befreiung vom Kapitalismus ist. Es geht nicht nur um die Sowjetunion, es geht um das Schicksal der deutschen Arbeiterklasse. In dieser Stunde der Gefahr schließt die Reihen aller Ausgebeuteten und Unterdrückten. Errichtet die proletarische Einheitsfront gegen Krieg und Imperialismus! Schlagt den Feind in den eigenen Reihen, den Reformismus und Sozialimperialismus, der sich mit der deutschen Bourgeoisie verbündet! Errichtet eine eiserne Mauer der proletarischen Solidarität vor dem sozia- listischen Lande der russischen Arbeiter und Bauern! Es lebe die Sowjetunion und der Kampf um den Frieden! Nieder mit allen kapitalistischen Kriegshetzern! Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Die Rote Fahne vom 25. Februar 1927. I3o DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK   Aus der Broschüre: MOBILMACHUNG GEGEN MOBILMACHUNG (1929) 38 . . . Wir brauchen die Mobilmachung der werktätigen Massen für den revo- lutionären Kampf gegen die imperialistische Kriegspolitik, für die Vertei- digung der Sowjetunion! Mobilmachung der Roten Front gegen die Mobilmachung der weißen Front! .. . Die kommunistische Weltpartei, die als einzige den Kampf des Prole- tariats und aller Werktätigen gegen den imperialistischen Krieg organisiert, hat für den 1. August zu einem großen internationalen Kampftag gegen die imperialistischen Kriegstreibereien für die Verteidigung der Sowjetunion auf gerufen! Das Proletariat aller Länder, die Werktätigen des gesamten Erdballs sollen durch Arbeitsruhe und Massenaufmärsche bekunden: Wir sind auf dem Posten! Und sollen neue Millionenmassen in die rote Klassen- front einreihen! ... Gegen die unmittelbaren Kriegsvorbereitungen gilt es, die breiteste Mas- senaktion — besonders der kriegswichtigen Betriebe — durchzusetzen: be- fristete Arbeitsruhe, vorzeitiges Verlassen der Betriebe. Darin kommt der ernsteste Kampfwille des Proletariats zum Ausdruck: Wir kämpfen gegen diesen Krieg, wir kämpfen für die Verteidigung der Sowjetunion! Darin würde die größte politische Auswirkung der Aktion liegen, darin käme auch der internationale Charakter dieses Antikriegstages am schärfsten zum Ausdruck: Für die Verteidigung der Sowjetunion — schärfster Kampf gegen die eigene Bourgeoisie! ... Wiedergegeben sind nur die Schlußabsätze einer für die damalige Haltung der KPD typischen Broschüre. Auf dem XII. Parteitag der KPD 1929 hatte z. B. Her- mann Remmele ein Referat gehalten: »Der Kampf gegen den imperialistischen Krieg, die Verteidigung der Sowjetunion, das Wehrprogramm der SPD und die Aufgaben der Kommunistischen Partei Deutsdilands.« Er erklärte u. a.: »...alle Anzeichen weisen mit zwingender Kraft darauf hin, daß auf der Tagesordnung der Geschichte vor allem ein Krieg steht; der Krieg der imperialistischen Großmächte gegen die Sowjetunion. Und hier dokumentiert sich insbesondere die grundlegende Tatsache, jene Verände- rung, die wir seit dem VI. Weltkongreß gehabt haben, daß nämlich die Sozialdemo- kratie, die II. Internationale es ist, die heute an der Spitze der Organisierung, an der Spitze der ideologischen Vorbereitung des Krieges gegen die Sowjetunion steht...« DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                       131 Der i. August 1929 ist der Tag der Mobilmachung für die kommenden revolutionären Kämpfe, für den Kampf gegen den imperialistischen Anti- sowjetkrieg, für die Verteidigung der Sowjetunion: Für den Sieg der Roten Armee! Für den Sieg der Revolution! Mobilmachung gegen Mobilmachung Internationaler Arbeiter-Verlag Berlin o. J. (1929), S. 28-30. 37- MILITÄRISCHE VERTEIDIGUNG DER SOWJETUNION (1930) von Ernst Schnellers* A Vorbemerkung Das Geheul der sozialdemokratischen und bürgerlichen Presse über das Vor- gehen der Roten Armee in der Mandschurei gegen die weißgardistischen Banden der Mukden-Regierung muß meines Erachtens Veranlassung für die revolutionäre Arbeiterschaft geben, das Problem ganz klarzustellen: Wie muß sich die Sowjetunion militärisch verteidigen? . .. Die Sowjetunion hat wahrlich eine große Geduld bewiesen, sie hat nicht Prestige-Fragen gelten lassen — sondern jede Möglichkeit zur friedlichen Bei- legung des Konfliktes offengelassen. Die Henkerregierung Tschiangkaischeks glaubte diese Haltung als Schwäche werten zu können, ihre Frechheiten gin- gen ins Maßlose. Da trat dann die militärische Abwehr in Funktion. Aber der Rotarmist hob nicht bloß den Arm hoch, um den feindlichen Schlag Die »militärische Verteidigung« der Sowjetunion durch die KPD wurde nicht nur - wie hier - in illegalen Schriften diskutiert, sondern auch auf offiziellen Ta- gungen. Auf dem XII. Parteitag der KPD 1929 hatte z. B. der Leiter des militäri- schen Apparates der KPD, Hans Kippenberger gesagt: »Begreift es praktisch, was es heißt, daß wir als Kommunistische Partei im aktiven Kampf gegen den Krieg vor sehr ernste und sehr komplizierte Aufgaben militärpolitischer Art, vor Aufgaben der direkten Unterstützung der Roten Armee gestellt sind ... Wir müssen diese praktische, antimilitaristische Arbeit in den bewaffneten Organisationen schon heute entschlossen und energisch in die Hand nehmen ...« I32                       DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK abzufangen — er schlug zurück. Und wir stellen voll Stolz fest: er schlug gründlich! Ich will hier weder die Einzelheiten noch die politische Bedeu- tung des Krieges im Fernen Osten darlegen. Es geht hier nur um ein Bei- spiel, das uns für die europäischen Verhältnisse zu denken geben sollte . . . Die Rolle Deutschlands Wie auch immer die militärischen Operationen eingeleitet werden mögen, welche Erwägungen die Strategie und Taktik der Roten Armee bestimmen werden: Deutschland wird für die Imperialisten die Operationsbasis, das entscheidende Aufmarschgebiet, Rüstungsgebiet, Etappengebiet sein. Von Deutschland aus kann Aufmarsch, Nachschub, Versorgung empfindlich ge- stört werden. Große revolutionäre Bewegungen in Deutschland sind des- halb noch wichtiger als selbst das aktive Zusammenwirken der Revolutio- näre in Polen usw. mit der Roten Armee. Die revolutionäre Aktion des deutschen Proletariats sichert den Sieg der Roten Armee und führt zum Sieg der proletarischen Revolution. Das pazifistische Geheul Die Pazifisten aller Schattierungen von den Regierungspazifisten Mac- donald, Hoover bis zu den radikalen linken Sozialdemokraten und Kriegs- dienstverweigerern werden in hysterisches heuchlerisches Geschrei ausbre- chen. Man muß sie auf den Mund schlagen. Das Proletariat wird nicht wehrlos, machtlos, feige, geduldig die Kriegsprovokationen der Imperia- listen hinnehmen. Es wird nicht untätig zusehen, wie die Heere gegen die Sowjetunion gerüstet werden! Die höchste Aktivität muß entwickelt wer- den zur Verteidigung der Sowjetunion. Kühnste Offensive gegen die Feinde der Sowjetunion und des Proletariats, nicht erst, wenn die Imperialisten ihre Heere marschieren lassen, sondern gerade jetzt — in der Vorberei- tungszeit. Revolution kann Krieg unmöglich machen. Revolution muß im- perialistischen Krieg gegen die Sowjetunion vernichten. Offensive! .. . Oktober Militärpolitisches Mitteilungsblatt Heft I/1930, S. 4/5. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 133 B Militärische Verteidigung der Sowjetunion. Von K. W. Die Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise und die politischen Zuspitzungen in einer ganzen Reihe imperialistischer Staaten und Kolonien heben das zentrale Problem der Kriegsgefahr gegen die Sowjetunion immer eindeutiger hervor. Mit aller Schärfe sind die Aufgaben der kommunisti- schen Parteien auf die Verteidigung der proletarischen Diktatur und der Ver- hinderung des Krieges durch den Sturz der Bourgeoisie einzustellen. Die Bezirksparteitage in den letzten Wochen haben die ernsthaftesten Anstren- gungen gemacht, die strategische Linie und die taktischen Aufgaben der Organisation dementsprechend zu überprüfen und im einzelnen für die zu- künftige Weiterarbeit der Bezirke festzulegen ... Unterstützung der Offensive der Roten Armee! Die Notwendigkeit, mög- lichen Zeitverlust im Aufmarsch zu kompensieren! Können wir dazu etwas tun? Auf jeden Fall, nämlich: Politische Aktionen, Desorganisierung der planmäßigen Mobilmachung durch die Transportstörung, Vernichtung von Lagern und Plätzen, Flugzeugbasen usw., Notwendigkeit, den Kampf im zunächst »neutralen« Land (Deutschland) aufzunehmen mit dem Ziel: Ver- sorgung, Nachschub usw. für die Front zu verhindern, sogar Partisanen- aktionen an polnisdier Grenze, von Oberschlesien, Pommern, Ostpreußen, um Kräfte zu binden und gleichzeitig Zersetzung der weißen Armee zu för- dern. (Zersetzung bekommt hier schon Charakter wie im Aufstand, d. h. Verbindung von Überzeugung, Nötigung und physischem Kampf. Siehe Lenin über die Lehren des Moskauer Aufstandes.) Das alles sind nur flüchtige Notizen und können zunächst nichts anderes sein... Die Frage des Auf Standes Uns allen sind die Voraussetzungen und die Bedingungen eines Aufstandes im marxistischen Sinne des Wortes sehr gut bekannt. Frage: Schafft der Krieg gegen die Sowjetunion eine Lage, in der wir diese Leninschen Voraussetzungen in entsprechender Form anwenden müssen? Der Bürgerkrieg in Rußland hat uns zahllose Beispiele dieser »Modifika- tion« gegeben. Im Krieg sind Aufstände möglich, die i. örtlich mehr oder weniger begrenzt sind, die zwar alle Elemente der Voraussetzungen zum Aufstand enthalten, aber eben nur Elemente, nicht die Voraussetzungen in ausgereifter und höchster Form .. . Der Aufstand hat in diesem Fall gar nicht in erster Linie und unmittelbar das Ziel, die Macht zu erobern. Er desorganisiert den Gegner, zermürbt ihn, 134 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK greift ihn von hinten an, um ihn in die Zange zu nehmen, zwischen zwei Fronten. Seine Niederschlagung hat nichts Deprimierendes. Man muß mit ihr rechnen. Nicht so, daß man mit ihm spielt, um sein unmittelbares Ziel zu erreichen, muß er unerhört hartnäckig, andauernd durchgeführt werden (um ein taktisches Beispiel zu gebrauchen), wie ein hinhaltender Angriff. Die Rote Armee, der so das Vordringen erleichtert wird, hilft ihrerseits dem aufständischen (oder sogar schon unterdrückten) Proletariat. In ihrem Rük- ken geht die systematische »Sowjetisierung« des Landes vor sich, arbeiten die Revolutionskomitees. Der Bedingung entsprechend werden solche Auf- stände die Regel bilden in der Nähe der Front und werden, wie gesagt, häufig oft örtlich begrenzt sein. Aufstand im Landesmaßstabe verlangt nicht nur Elemente, sondern ausgereifte Voraussetzungen, wobei »ausgereift« im dialektischen Prozeß zu verstehen, d. h. der kritische Moment frühzeitig zu benutzen ist. Insbesondere ernsthafte Niederlagen der weißen Armee können solche »Momente« sein. Auch im Hinterland (im »feindlichen« wie im »neutralen«) haben solche Aufstände Sinn. Bindung, Zersetzung, Vernich- tung operativer Reserven; Desorganisation der Etappe, Unterbrechung der Produktion, des Verkehrs im operativ »kritischen« Moment sind u. a. kon- krete Ziele, die solche Aufstände verfolgen können. Putschismus oder leninistische Politik? Auf den ersten oberflächlichen Blick, bewaffnet mit der Brille der vul- gären Phrasen des Kampfes gegen den Krieg, ist das alles Putschismus, radi- kale Kinderkrankheit, Anarchismus, Spiel mit den revolutionären Energien der Arbeiterklasse. Wie sieht die Sache in Wirklichkeit aus? — Der Krieg gegen die Sowjet- union ist ein Klassenkrieg im internationalen Maßstabe, kein »gewöhnlicher« Krieg. Es ist ein Krieg, der das Schicksal des revolutionären Proletariats auf lange hinaus entscheidet. Der stärkste Aktivposten ist die Sowjetmacht, ihr militärisches Instrument, die Rote Armee. Wir sind versprengte Teile dieser Roten Armee, die die Operationen der Kampfkräfte mit allen Mitteln, mit allen Opfern unterstützen. Genauso wie, wenn wir Bürgerkrieg in Deutsch- land haben, und — sagen wir — Bayern in den Händen der Weißen ist, die bayrischen Arbeiter die Pflicht haben, den Angriff der roten Truppen auf Bayern zu unterstützen, durch Unterhöhlung der Kampfkraft der Weißen in ihrem Rücken. So fasse ich wenigstens die Beschlüsse des VI. Weltkon- gresses in der Frage des Krieges gegen die Sowjetunion auf ... Oktober Militärpolitisches Mitteilungsblatt Heft 3/1930, S. 1, 6, 7. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 135 38. GRUSS DES ZK DER KPD ZUM 14. JAHRESTAG DER ROTEN ARMEE (1932) Die Plenartagung des Zentralkomitees der KPD sendet der Roten Armee der Sowjetunion heiße, brüderliche Kampfesgrüße zum 14. Jahrestag ihres Bestehens. Geschmiedet im Bürgerkrieg gegen die Imperialisten und ihre Söldner- truppen und gegen die konterrevolutionäre Bourgeoisie, gegen die Weißgar- disten und Menschewisten, ist die Rote Armee das scharfgeschliffene Schwert der proletarischen Diktatur und des Weltproletariats gegen die internatio- nalen Feinde der Arbeiterklasse. Indem die Rote Armee den Frieden der Sowjetunion und ihres sozialistischen Aufbaus stützt, verteidigt sie zugleich mit den Interessen der russischen Arbeiter und Bauern auch die Arbeiter Deutschlands, Frankreichs, Englands, Japans, Amerikas und der ganzen Welt. In dem gegenwärtigen Zeitpunkt, wo der japanische Imperialismus seinen räuberischen Kriegsüberfall auf China unternimmt, wo die Imperialisten ihre fieberhaften Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjetunion aufs höchste steigern, gilt in verstärktem Maße, was wir stets erkannt und den Massen zum Bewußtsein gebracht haben: Im Krieg der Imperialisten gegen die So- wjetunion kann es für keinen klassenbewußten Arbeiter Neutralität geben. So wie das Herz der deutschen Arbeiter für die KPdSU (B), die Sturm- armee des Weltsozialismus, schlägt, so wie jeder revolutionäre Arbeiter bereit ist, sein Leben für die Sowjetmacht einzusetzen, so verbindet uns be- geisterte Solidarität mit der Roten Armee der Sowjetunion, die den Hort des Friedens und des Sozialismus verteidigt. Es lebe die Sowjetunion, das Land des Sozialismus, das mit dem zweiten Fünfjahrplan an den Aufbau der klassenlosen, sozialistischen Gesellschaft herantritt! Es lebe die Rote Armee, das Schwert der proletarischen Diktatur! Zwr Geschichte der KPD eine Auswahl von Materialien und Dokumenten aus den Jahren 1914-1946 Dietz-Verlag, Berlin 1955, S. 319. D. DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 39* DER HAUPTFEIND STEHT IM EIGENEN LAND! (1915)^0 Was seit 10 Monaten, seit dem Angriff Österreichs auf Serbien, täglich zu erwarten war, ist eingetreten: der Krieg mit Italien ist da. Die Volksmassen der kriegsführenden Länder haben begonnen, sich aus den amtlichen Lügennetzen zu befreien. Die Einsicht in die Ursachen und Zwecke des Weltkriegs, in die unmittelbare Verantwortlichkeit für seinen Ausbruch hat sich auch im deutschen Volk verbreitet. Der Irrwahn heiliger Kriegsziele ist mehr und mehr gewichen, die Kriegsbegeisterung geschwun- den, der Wille zum schleunigen Frieden mächtig emporgewachsen, allent- halben — auch in der Armee! Eine schwere Sorge für die deutschen und österreichischen Imperialisten, die sich vergeblich nach Rettung umsahen. Sie scheint ihnen jetzt gekommen. Italiens Eingreifen in den Krieg soll ihnen die willkommene Gelegenheit bieten, neuen Taumel des Völkerhasses zu entfachen, den Friedenswillen zu ersticken, die Spur ihrer eigenen Schuld zu verwischen. Sie spekulieren auf die Vergeßlichkeit des deutschen Volkes, auf seine nur allzuoft erprobte Langmut... Abgewirtschaftet hat die unsinnige Parole des »Durchhaltens«, die nur immer tiefer in den Mahlstrom der Völkerzerfleischung führt. Internatio- naler proletarischer Klassenkampf gegen imperialistische Völkerzerfleischung heißt das sozialistische Gebot der Stunde. Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land! Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt’s für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der andern Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht. Wir wissen uns eins mit dem deutschen Volk — nichts gemein haben wir mit den deutschen Tirpitzen und Falkenhayns, mit der deutschen Regierung der politischen Unterdrückung, der sozialen Knechtung. Nichts für diese, Das Flugblatt wurde im Mai 1915 von Karl Liebknecht verfaßt und von der Gruppe Internationale (Spartakusgruppe) verbreitet. i38 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK alles für das deutsche Volk. Alles für das internationale Proletariat, um des deutschen Proletariats, um der getretenen Menschheit willen! Die Feinde der Arbeiterklasse rechnen auf die Vergeßlichkeit der Massen — sorgt, daß sie sich gründlich verrechnen! Sie spekulieren auf die Lang- mut der Massen — wir aber erheben den stürmischen Ruf: Wie lange noch sollen die Glücksspieler des Imperialismus die Geduld des Volkes mißbrauchen? Genug und übergenug der Metzelei! Nieder mit den Kriegshetzern diesseits und jenseits der Grenze! Ein Ende dem Völkermord! Proletarier aller Länder, folgt dem heroischen Beispiel eurer italienischen Brüder! Vereinigt euch zum internationalen Klassenkampf gegen die Ver- schwörungen der Geheimdiplomatie, gegen den Imperialismus, gegen den Krieg, für einen Frieden im sozialistischen Geist. Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Flugblatt veröffentlicht in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Band i, Juli 1914 - Oktober 1917 Dietz-Verlag, Berlin 1958, S. 162-166. 40. AUFRUF DER KPD WÄHREND DES KAPP-PUTSCHES (1920) Erich Ludendorffs 18. Brumaire Militärdiktatur oder proletarierdiktatur?^ In der Auslieferungskrise sagten wir Euch, die Regierung Ebert-Bauer ist nur noch ein Schmutzfleck an den Rockschößen von Ludendorff und Lütt- witz. Die Ludendorff-Lüttwitz haben mit einer Hand voll Baltikumern den lästigen Schmutzfleck abgeschüttelt... Die Ebert-Bauer-Noske sind stumm und widerstandslos in die Grube ge- fahren, die sie sich selber gegraben haben ... Wie aus dem Aufruf hervorgeht, wandte sich die Zentrale der KPD am 13. März 1920 gegen den Generalstreik, zu dem alle anderen sozialistischen Parteien aufgerufen hatten, um den Kapp-Putsch niederzuschlagen. Allerdings riefen ver- schiedene lokale Organisationen der KPD doch zum Generalstreik auf; auch die Zentrale folgte unter der Wucht des Generalstreiks dieser Losung (vgl. a. Dok. 13). DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 139 Seit Jahr und Tag war diese Regierung gewarnt, sie taumelte blind und frech in den Abgrund. Was waren ihre letzten Taten? Sie hat die Gefängnisse, Festungen, Zuchthäuser mit Tausenden revolu- tionärer Arbeiter angefüllt. Der unerhörte Blutbefehl gegen die Bergarbeiter des Ruhrgebietes, das war ihre letzte wirtschaftliche Aktion. Im Augenblick des Versinkens ruft diese Gesellschaft von Bankrotteuren die Arbeiterschaft zum Generalstreik auf zur >Rettung der Republik^ Das revolutionäre Proletariat weiß, daß es gegen die Militärdiktatur auf Le- ben und Tod zu kämpfen haben wird. Aber es wird keinen Finger rühren für die in Schmach und Schande untergegangene Regierung der Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxem- burgs. Es wird keinen Finger rühren für die demokratische Republik, die nur eine dürftige Maske der Diktatur der Bourgeoisie war. Die Bourgeoisie übt jetzt ihre Diktatur direkt aus, durch ihre altgewohn- ten Herren, die Helden von 1914: das ist die ganze Änderung. Die demokratische Republik ist rettungslos verloren, nicht sie gilt es zu retten, der die Arbeiter einen Fluch ins Grab nachschleudern und die sie im Innersten ihres Wesens als eine Lüge und einen Betrug erkannt haben. Es gilt vielmehr mit aller Macht den Kampf aufzunehmen, um die prole- tarische Diktatur, um die Räterepublik. Kapitalismus oder Kommunismus? Militärdiktatur oder Proletarierdiktatur? So ist jetzt die Frage unausweichlich gestellt. Wenn in dieser »Stunde der Gefahr< die blutbedeckten Verräter des So- zialismus oder mattherzige Schwachköpfe die Arbeiter zur >Sammlung< auf- rufen, so antworten wir ihnen: Es gibt nur eine Sammlung, die keine Lüge ist, die Sammlung um das rote Banner des Kommunismus. Sollen die Arbeiter in diesem Augenblick sich zum Generalstreik erheben? Die Arbeiterklasse, die gestern noch in Banden geschlagen war von den Ebert-Noske, waffenlos, unter schärfstem Unternehmerdruck, ist in diesem Augenblick nicht aktionsfähig. Wir halten es für unsere Pflicht, das klar aus- zusprechen. Die Arbeiterklasse wird den Kampf gegen die Militärdiktatur aufnehmen in dem Augenblick und mit den Mitteln, die ihr günstig erscheinen. Dieser Augenblick ist noch nicht da. Er ist da, wenn das Gesicht der Militärdiktatur sich enthüllt haben wird. Ein Teil der Arbeiter kennt die Züge dieser Militärdiktatur: Ungarn! Die große Masse wird sie zuerst durch die Taten der Militärdiktatur kennen- lernen: Wenn statt der Geißeln Skorpione auf den Rücken der Arbeiter niedersausen. 140 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Wenn die wiedergekehrten Helden von 1914 den August 1914 wieder- bringen werden. Wenn zur eisernen Unterdrückung im Innern neue Kriegs- gefahr ihr Haupt erhebt. — Die Arbeiterklasse wird bis zu Ende kämpfen mit den Schlachtrufen: Nieder mit der Militärdiktatur! Für die Diktatur des Proletariats! Für die deutsche kommunistische Räterepublik! 13. März 1920 Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) Die Rote Fahne vom 14. März 1920.   AUFRUF DER KPD (1923) Nieder mit der Regierung DER NATIONALEN SCHMACH UND DES Vo L K S VE RRATS ! An das deutsche Proletariat! An alle arbeitenden Schichten des deutschen Volkes! Wie in den Zeiten des wildesten Bürgerkrieges des Jahres 1919, wie in den Zeiten der Niederwerfung des Berliner Proletariats, wie in den Zei- ten des Matrosenmordes ist die Pressemeute des Großkapitals losgelassen auf das deutsche Proletariat. Die Telegraphen-Union des Herrn Stinnes kon- kurriert mit dem Wolff-Büro, dem offiziellen Organ der Regierung, in der Verbreitung der wildesten und bewußten Lügen, die in der Masse der Bevölkerung die feste Überzeugung schaffen sollen, daß die Arbeiterklasse des Ruhrgebietes, geführt durch die Kommunistische Partei, den Wider- stand gegen den französischen Imperialismus gebrochen hat, daß sie dem imperialistischen französischen Feinde die Front geöffnet hat. Es wird er- zählt von einer Pöbelherrschaft, von rasendem Mord und Totschlag. Und nachdem eine Woche lang die ganze öffentliche Meinung mit diesen Lügen- nachrichten aufgepeitscht wurde, wendet sich der Vertreter der Regierung, Dr. Lutterbeck, in einem offiziellen Schreiben, das von dem Wolff-Büro ver- öffentlicht wird, an die französische Generalität mit der Bitte, die Mörder der Essener Arbeiter, die Henker Schlageters möchten der deutschen republikani- sdien Regierung erlauben, aus eigenen Maschinengewehren deutsche Arbeiter, deutsche Volksgenossen niederzuschießen. Alle die Greuelnachrichten über die Pöbelherrschaft im Ruhrgebiet sind DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK                                                                  141 erstunken und erlogen, alle die Nachrichten von der Öffnung der Ruhrfront durch die Ruhrarbeiter sind erstunken und erlogen, die Wahrheit dagegen ist: die deutsche Bourgeoisie zerbröckelt die Widerstandsfront an der Ruhr, sie bereitet eine Kapitulation, und zwar auf Kosten der Volksmassen, vor und sie sucht zur Verdeckung dieser Tatsachen ein Blutbad im Ruhrgebiet zu provozieren, das ihr die Möglichkeit geben würde, zu sagen: Gegen zwei Fronten kann man nicht kämpfen, darum kapituliere ich vor dem Außen- feinde! .. . Im Ruhrgebiet gibt es keinen Aufstand, im Ruhrgebiet gibt es keine Kom- munistenunruhen, im Ruhrgebiet steht die hungernde Arbeiterschaft im Streik, und sie hält in ihrem Kampfe musterhafte Ordnung. Dieser Kampf kann morgen beendet werden, wenn die Schwerindustriel- len den Arbeitern das geforderte Stückchen Brot geben, aber die Herren wollen es nicht tun, nicht nur, weil sie, gemästet durch Reichsgeld, um jeden Pfennig zittern, sondern wed sie den Auf stand wollen, weil sie wollen, daß die Flinte schießt, der Säbel haut und sie schreien können: Wir sind gezwun- gen, zu kapitulieren! ... Wir fragen die nationalgesinnten kleinbürgerlichen Massen, die Massen der deutschen Beamten und Intellektuellen, was gedenken sie zu tun gegen eine Regierung, die es wagt, schamlos wie eine öffentliche Dirne sich an die französischen Generale zu wenden mit der Bitte um Erlaubnis auf Abschlach- tung deutscher Volksgenossen? Wir sind überzeugt, daß in den nationalisti- schen Volksmassen die große Mehrheit aus ehrlich fühlenden und überzeug- ten Menschen besteht, die irregeführt sind und nicht verstehen, daß nicht nur die Entente der Feind ist, und wir fragen diese Elemente: Wollt Ihr endlich die Augen öffnen, wollt Ihr sehen, daß Ihr Werkzeuge der raffgierigsten Plünderer des deutschen Volkes seid? Wollt Ihr helfen, daß das deutsche Volk sich von diesen Parasiten befreit und sich dadurch fähig macht zum Kampfe gegen die Regierung dieses Schiebergesindels, die Deutschland dem französischen Kapital ausliefert, um sich nur zu halten und das Recht zu bekommen, deutsche Arbeiter niederzuschießen? Wir wissen nicht, was die Sozialdemokratie, was der ADGB, was die kleinbürgerlichen nationalistischen Massen sagen werden, aber wir wissen, was jeder ehrliche deutsche Arbeiter sagen muß: Fort mit der Regierung der nationalen Schmach und des Volksverrats! Fort mit der Regierung, die sich an die Büttel der Entente wendet um die Erlaubnis, auf deutsche Arbeiter schießen zu können! Fort mit der Regierung, die die Eisenbahnen den Privatkapitalisten aus- liefern will! Fort mit der Regierung, die die Arbeiter, Handwerker, kleinen Beamten hungern läßt, während sie die Kapitalisten mästet! I42 DIE KPD IN DER WEIMARER RE.PUBLIK Her mit der Einheitsfront aller Arbeitenden, der Kopf- und Handarbei- ter in Stadt und Land! Her mit der Regierung des werktätigen Volkes, die Vertrauen bei den Volksmassen des Auslandes genießen würde, die imstande wäre, den Frie- den zu sichern, wenn er auch Opfer kosten würde, oder den Widerstand des deutschen Volkes organisieren, wenn der französische Imperialismus ihm keinen Frieden geben würde! Ins Gefängnis mit dem Regierungsvertreter Dr. Lutterbeck, vor ein Volks- gericht mit ihm wegen Landesverrats! Vor ein Volksgericht mit denen, die ihm den Auftrag gegeben haben, sich mit dem Schanddokument an die französischen Generale zu wenden! Arbeiter im gesamten deutschen Reich! In mächtigen Versammlungen, in mächtigen Demonstrationen sagt dieser Regierung, was Ihr über sie denkt. Rüstet zur Unterstützung der Ruhrarbeiter! Rüstet zum Kampfe gegen die Lasten, die Euch die bürgerlichen großkapitalistischen Kapitulanten aufbür- den werden! Berlin, Mai 1923 Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Reichsausschuß der deutschen Betriebsräte Die Rote Fahne vom 29. Mai 1923.   RADEKS SCHLAGETER-REDE (1923) Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts42 Wir haben das weitausgreifende und tiefeindringende Referat der Gen. Zetkin angehört über den internationalen Faschismus, diesen Hammer, der — bestimmt, auf das Haupt des Proletariats zerschmetternd niederzufallen Diese Rede Radeks, gehalten in der Sitzung der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale am 20. Juni 1923, leitete den Schlageter-Kurs der KPD ein. Es war die Zeit der französischen Ruhrbesetzung, und der Aufruf zum Volkskrieg gegen Frankreich wurde zur Parole von Nationalisten und Kommuni- DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK M3 — in erster Linie die kleinbürgerlichen Schichten treffen wird, die ihn im Interesse des Großkapitals schwingen. Ich kann diese Rede unserer greisen Führerin weder erweitern noch ergänzen. Ich konnte sie nicht einmal gut verfolgen, weil mir immerfort vor den Augen der Leichnam des deutschen Faschisten stand, unseres Klassengegners, der zu Tode verurteilt und erschos- sen wurde von den Schergen des französischen Imperialismus, dieser star- ken Organisation eines anderen Teils unserer Klassenfeinde. Während der ganzen Rede der Gen. Zetkin über die Widersprüche des Faschismus schwirrte mir im Kopfe der Name Schlageter herum und sein tragisches Geschick. Wir wollen seiner gedenken hier, wo wir politisch zum Faschismus Stellung neh- men. Die Geschicke dieses Märtyrers des deutschen Nationalismus sollen nicht verschwiegen, nicht mit einer abwerfenden Phrase erledigt werden. Sie haben uns, sie haben dem deutschen Volke vieles zu sagen. Wir sind keine sentimentalen Romantiker, die an der Leiche die Feind- schaft vergessen, und wir sind keine Diplomaten, die sagen: am Grabe Gutes reden oder schweigen. Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution, verdient es, von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden. Sein Gesinnungsgenosse Freska hat im Jahre 1920 einen Roman veröffentlicht, in dem er das Leben eines im Kampfe gegen Spartakus gefallenen Offiziers schildert. Freska nannte den Roman: Der Wanderer ins Nichts. Wenn die Kreise der deutschen Faschisten, die ehrlich dem deutschen Volke dienen wollen, den Sinn der Geschicke Schlageters nicht verstehen wer- den, so ist Schlageter umsonst gefallen, und dann sollten sie auf sein Denk- mal schreiben: der Wanderer ins Nichts. Deutschland lag auf dem Boden, geschlagen. Nur Narren glaubten, daß die siegreiche kapitalistische Entente das deutsche Volk anders behandeln wird, als das siegreiche deutsche Kapital das russische, das rumänische Volk sten. Die KPD rief Diskussionszirkel ins Leben, in denen Kommunisten mit Natio- nalsozialisten zusammentrafen, um den Kampf gegen Frankreich vorzubereiten. Die Jugendgruppen der KPD nahmen Verbindung zu nationalsozialistischen Studenten- organisationen auf, es war wie ein Taumel. Radek selbst gab im Juli 1923 eine Bro- schüre heraus: Schlageter - eine Auseinandersetzungen der er,Reventlow und Arthur Moeller van den Bruck die Zukunft des Nationalbolschewismus erörterten. Im Zentralorgan der KPD Die Rote Fahne erschienen in den Monaten des Schla- geter-Kurses Diskussionsartikel des Grafen Reventlow; darin verlangte er, daß der Kampf der Kommunisten gegen die Völkischen aufhören müsse. Inzwischen setzten sich jedoch innerhalb der Komintern und der KPD die Kräfte durch, die eine Zusammenarbeit mit den Rechtsradikalen für schädlich hielten. Bereits im August war ein Antifaschistentag veranstaltet worden. Im September schrieb Graf Reventlow zwar nochmals in der Roten Fahne, doch dann wurde der Schlageter-Kurs, der vom Interesse der sowjetischen Außenpolitik geprägt war, von der KPD end- gültig aufgegeben. 144 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK behandelt hat. Nur Narren oder Feiglinge, die die Wahrheit fürchteten, konnten an die Verheißungen Wilsons, an die Erklärungen glauben, daß nur der Kaiser, nicht das deutsche Volk für die Niederlage zu zahlen haben wird. Im Osten stand ein Volk im Kampfe, hungernd, frierend rang es gegen die Entente an 14 Fronten: Sowjetrußland. Eine dieser Fronten war gebildet von deutschen Offizieren und deutschen Soldaten. Im Freikorps Medern, das Riga stürmte, kämpfte Schlageter. Wir wissen nicht, ob der junge Offizier den Sinn seiner Tat verstanden hat. Der damalige deutsche Regierungskommissar, der Sozialdemokrat Winnig, und der General von der Goltz, der Leiter der Baltikumer, wußten, was sie taten. Sie wollten durch Schergendienste gegen das russische Volk der Entente Wohlwollen erobern. Damit die besiegte deutsche Bourgeoisie keine Kriegstribute den Sie- gern zahle, vermietete sie junges deutsches Blut, das von der Kugel des Welt- krieges verschont worden ist, als ententistische Söldlinge gegen das russische Volk. Wir wissen nicht, was Schlageter über diese Zeit dachte. Sein Führer Medern hat später eingesehen, daß er durchs Baltikum ins Nichts wanderte. Haben das alle deutschen Nationalisten verstanden? Bei der Totenfeier Schlageters in München sprach General Ludendorff, derselbe Ludendorff, der sich bis auf heute England wie Frankreich als Obrist im Kreuzzug ge- gen Rußland anbietet. Schlageter wird beweint von der Stinnes-Presse. Herr Stinnes wurde eben in der Alpina Montana der Kompagnon von Schneider- Creusot, des Waffenschmiedes der Mörder Schlageters. Gegen wen wollen die Deutschvölkischen kämpfen: gegen das Ententekapital oder das russische Volk? Mit wem wollen sie sich verbinden? Mit den russischen Arbeitern und Bauern zur gemeinsamen Abschüttelung des Joches des Ententekapitals, oder mit dem Ententekapital zur Versklavung des deutschen und russischen Volkes? Schlageter ist tot. Er kann die Frage nicht beantworten. An seinem Grabe haben seine Kampfgenossen die Fortführung seines Kampfes geschworen. Sie müssen antworten: gegen wen, an wessen Seite? Schlageter ging vom Baltikum nach dem Ruhrgebiet. Nicht erst im Jahre 1923, schon im Jahre 1920. Wißt ihr, was das bedeutet? Er nahm Teil an dem Überfall auf die Ruhrarbeiter durch das deutsche Kapital, er kämpfte in den Reihen der Truppen, die die Ruhrbergleute den Eisen- und Kohlen- königen zu unterwerfen hatten. Watters Truppen, in deren Reihen er kämpfte, schossen mit den selben Bleikugeln, mit denen General Degoutte die Ruhrarbeiter beruhigt. Wir haben keine Ursache anzunehmen, daß Schla- geter aus egoistischen Gründen die hungernden Bergarbeiter niederwerfen half. Der Weg der Todesgefahr, den er wählte, spricht und zeugt für ihn, sagt, daß er überzeugt war, dem deutschen Volke zu dienen. Aber Schlageter glaubte, daß er am besten dem Volke dient, wenn er hilft, die Herrschaft der DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 145 Klassen aufzurichten, die bisher das deutsche Volk geführt und in dieses namenlose Unglück gebracht haben. Schlageter sah in der Arbeiterklasse den Pöbel, der regiert werden muß. Und er war ganz gewiß einer Meinung mit dem Grafen Reventlow, der da gelassen sagt, jeder Kampf gegen die Entente sei unmöglich, solange der innere Feind nicht niedergeschlagen ist. Der innere Feind aber war für Schlageter die revolutionäre Arbeiterklasse. Schlageter konnte mit eigenen Augen die Folgen dieser Politik sehen, als er ins Ruhrgebiet im Jahre 1923 während der Ruhrbesetzung kam. Er konnte sehen, daß, wenn auch die Arbeiter gegen den französischen Imperialismus einig dastehen, kein einiges Volk an der Ruhr kämpft und kämpfen kann. Er konnte sehen das tiefe Mißtrauen, das die Arbeiter zu der deutschen Re- gierung, zu der deutschen Bourgeoisie haben. Er konnte sehen, wie der tiefe Zwiespalt der Nation ihre Verteidigungskraft lähmt. Er konnte mehr sehen. Seine Gesinnungsgenossen klagen über die Passivität des deutschen Volkes. Wie kann eine niedergeschlagene Arbeiterklasse aktiv sein? Wie kann eine Arbeiterklasse aktiv sein, die man entwaffnet hat, von der man fordert, daß sie sich von Schiebern und Spekulanten ausbeuten läßt? Oder sollte die Aktivität der deutschen Arbeiterklasse vielleicht durch die Aktivität der deutschen Bourgeoisie ersetzt werden? Schlageter las in den Zeitungen, wie dieselben Leute, die als Gönner der völkischen Bewegung auftreten, Devisen ins Ausland schieben, um das Reich arm, sich aber reich zu machen. Schla- geter hatte ganz gewiß keine Hoffnung auf diese Parasiten, und es war ihm erspart, in den Zeitungen zu lesen, wie sich die Vertreter der deutschen Bourgeoisie, wie sich Dr. Lutterbeck an seine Henker mit der Bitte wandte, sie sollen doch den Königen von Stahl und Eisen erlauben, die hungernden Söhne des deutschen Volkes, die Männer, die den Widerstand an der Ruhr durchführen, mit Maschinengewehren zu Paaren zu treiben. Jetzt, wo der deutsche Widerstand durch den Schurkenstreich Dr. Lutter- becks und noch mehr durch die Wirtschaftspolitik der besitzenden Klassen zu einem Spott geworden ist, fragen wir die ehrlichen, patriotischen Massen, die gegen die französische imperialistische Invasion kämpfen wollen: Wie wollt Ihr kämpfen, auf wen wollt Ihr Euch stützen? Der Kampf gegen den ententischen Imperialismus ist Krieg, selbst wenn in ihm die Kanonen schweigen. Man kann keinen Krieg an der Front führen, wenn man das Hinterland in Aufruhr hat. Man kann im Hinterlande eine Minderheit niederhalten. Die Mehrheit des deutschen Volkes besteht aus arbeitenden Menschen, die kämpfen müssen gegen die Not und das Elend, das die deut- sche Bourgeoisie über sie bringt. Wenn sich die patriotischen Kreise Deutsch- lands nicht entscheiden, die Sache dieser Mehrheit der Nation zu der ihri- gen zu machen und so eine Front herzustellen, gegen das ententistische und das deutsche Kapital, dann war der Weg Schlageters ein Weg ins Nichts, dann würde Deutschland angesichts der ausländischen Invasion, der dauern- 146 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK den Gefahr seitens der Sieger zum Felde blutiger innerer Kämpfe, und es wird dem Feinde ein Leichtes sein, es zu zerschlagen und zu zerstückeln. Als nach Jena Gneisenau und Scharnhorst sich fragten, wie man das deutsche Volk aus seiner Erniedrigung hinausbringen kann, da beantworte- ten sie die Frage: Nur, indem man den Bauern frei macht — aus der Hörig- keit und Sklaverei der Freien. Nur der freie Rücken des deutschen Bauern kann die Grundlage bilden für eine Befreiung Deutschlands. Was die deutsche Bauernschaft am Anfang des 19. Jahrhunderts war, das ist für die Geschicke der deutschen Nation am Anfang des 20. Jahrhunderts die deutsche Arbeiterklasse. Nur mit ihr zusammen kann man Deutschland von den Fesseln der Sklaverei befreien, nicht gegen sie. Vom Kampf sprechen die Genossen Schlageters an seinem Grabe. Den Kampf weiterzuführen, schwören sie. Der Kampf richtet sich gegen einen Feind, der bis auf die Zähne bewaffnet ist, während Deutschland zermürbt ist. Soll das Wort vom Kampfe keine Phrase sein, soll er nicht in Spreng- kolonnen bestehen, die Brücken zerstören, aber nicht den Feind in die Luft sprengen können, die Züge zum Entgleisen bringen, aber nicht den Sieges- zug des Ententekapitals aufhalten können, so erfordert dieser Kampf die Erfüllung einer Reihe von Vorbedingungen. Er fordert von dem deutschen Volke, daß es bricht mit denen, die es nicht nur in die Niederlage hineinge- führt haben, sondern die diese Niederlage, die Wehrlosigkeit des deutschen Volkes verewigen, indem sie die Mehrheit des deutschen Volkes als den Feind behandeln. Er erfordert den Bruch mit den Leuten und den Parteien, deren Gesicht wie ein Medusengesicht auf die anderen Völker wirkt und sie gegen das deutsche Volk mobilisiert. Nur, wenn die deutsche Sache die des deutschen Volkes ist, nur wenn die deutsche Sache im Kampfe um die Rechte des deutschen Volkes besteht, wird sie dem deutschen Volke tätige Freunde werben. Das stärkste Volk kann nicht ohne Freunde bestehen, desto weniger ein geschlagenes, von Feinden umgebenes Volk. Will Deutschland imstande sein, zu kämpfen, so muß es eine Einheitsfront der Arbeitenden darstellen, so müssen die Kopfarbeiter sich mit den Handarbeitern ver- einigen zu einer eisernen Phalanx. Die Lage der Kopfarbeiter erfordert diese Einigung. Nur alte Vorurteile stehen ihr im Wege. Vereinigt zu einem siegreichen, arbeitenden Volk, wird Deutschland imstande sein, große Quel- len der Energie und des Widerstandes zu entdecken, die jedes Hindernis überwinden werden. Die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht, macht die Sache der Nation zur Sache des Volkes. Geeinigt zu einem Volk der kämpfenden Arbeit, wird es Hilfe anderer Völker finden, die um ihre Existenz kämpfen. Wer in diesem Sinne den Kampf nicht vorbereitet, der ist fähig zu Verzweiflungstaten, nicht fähig aber zum wirklichen Kampfe. Dies hat die Kommunistische Partei Deutschlands, dies hat die Kommuni- stische Internationale an dem Grabe Schlageters zu sagen. Sie hat nichts zu DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK M7 verhüllen, denn nur die volle Wahrheit ist imstande, sich den Weg zu den tief leidenden, innerlich zerrissenen, suchenden nationalen Massen Deutsch- lands zu bahnen. Die Kommunistische Partei Deutschlands muß offen den nationalistischen kleinbürgerlichen Massen sagen: Wer im Dienste der Schie- ber, der Spekulanten, der Herren von Eisen und Kohle versuchen will, das deutsche Volk zu versklaven, es in Abenteuer zu stürzen, der wird auf den Widerstand der deutschen kommunistischen Arbeiter stoßen. Sie werden auf Gewalt mit Gewalt antworten. Wer aus Unverständnis sich mit den Söld- lingen des Kapitals verbinden wird, den werden wir mit allen Mitteln be- kämpfen. Aber wir glauben, daß die große Mehrheit der national empfin- denden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit gehört. Wir wollen und wir werden zu diesen Massen den Weg suchen und den Weg finden. Wir werden alles tun, daß Männer wie Schla- geter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesam- ten Menschheit werden, daß sie ihr heißes, uneigennütziges Blut nicht ver- spritzen um die Profite der Kohlen- und Eisenbarone, sondern um die Sache des großen arbeitenden deutschen Volkes, das ein Glied ist in der Familie der um ihre Befreiung kämpfenden Völker. Die Kommunistische Partei wird diese Wahrheit den breitesten Massen des deutschen Volkes sagen, denn sie ist nicht die Partei des Kampfes um ein Stückchen Brot allein der industriel- len Arbeiter, sie ist die Partei der kämpfenden Proletarier, die um ihre Be- freiung kämpfen, um die Befreiung, die identisch ist mit der Freiheit ihres gesamten Volkes, mit der Freiheit all dessen, was arbeitet und leidet in Deutschland. Schlageter kann nicht mehr Wahrheit vernehmen. Wir sind sicher, daß Hunderte Schlageters sie vernehmen und sie verstehen wer- den. (Allgemeiner Beifall der Erweiterten Exekutive.) Die Rote Fahne vom 26. Juni 1923. 148 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 43- THÄLMANN PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDAT DER KPD (1925) An die Werktätigen Deutschlands! 43 Der Reichsblock, der die mächtigsten Parteien des bürgerlichen Deutschlands vereinigt, hinter dem die einflußreichsten Kreise des Großkapitals stehen, hat Hindenburg, den kaiserlichen Feldmarschall, den Vertrauensmann Wil- helms, des Narren von Gottes Gnaden, als Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Republik aufgestellt. Die Parteien der Bourgeoisie, die in der Luther-Regierung sitzen, proklamieren offen: Ein Monarchist soll Präsident der Republik werden. Das ist der Erfolg der siebenjährigen Regierungstätigkeit Eberts und der Ebertpartei. Damit ist offen ausgesprochen, daß wir in einer kaiserlichen Republik leben, in der nur eine demokratische Kulisse die Diktatur der monarchistischen Großbourgeoisie verdeckt. Die Generalsdiktatur soll die Rückkehr zur Monarchie einleiten, das ist der Plan der Deutschnationalen und ihrer Anhänger. Dieser Plan ist nicht neu, er wird nicht heute begon- nen. In den Jahren 1923 und 1924 wurden durch Eberts Ausnahmezustand die monarchistischen Generale zu Diktatoren eingesetzt, sie trampelten die Arbeiterschaft in Sachsen und Thüringen nieder, sie ließen tausend Prole- tarier ins Zuchthaus werfen. So wurden unter dem Ermächtigungskanzler Marx die letzten Reste der Novembererrungenschaften geraubt, der Acht- stundentag abgeschafft, die Erwerbslosen zur Zwangsarbeit gepreßt, die So- zialrentner zum Hungertod verurteilt, die breiten werktätigen Massen durch Durch den Tod Eberts war die Wahl eines neuen Reichspräsidenten notwendig geworden. Der erste Wahlgang am 29. März 1925 hatte keinem Kandidaten die absolute Mehrheit und damit keine Entscheidung gebracht. Der Rechtskandidat Dr. Jarres hatte 10,7 Millionen, der SPD-Kandidat Braun 7,8 Millionen, der Zentrums- kandidat Marx fast 4 Millionen der Stimmen erhalten. Die KPD hatte ursprünglich Clara Zetkin, die populäre Sozialistenführerin, aufstellen wollen. Da Clara Zetkin aber zum rechten Flügel der KPD gehörte, im April 1924 aber die Linken die Partei- führung übernahmen, wurde als Vertreter der Linken Thälmann als Kandidat auf- gestellt. Er erhielt im ersten Wahlgang 1,8 Millionen Stimmen. Obwohl er nicht die geringste Chance hatte, wurde er auch zum zweiten Wahlgang nominiert, wie der vorliegende Aufruf zeigt. Thälmann erhielt 1,9 Millionen, Hindenburg als Vertreter der Rechten 14,6 Millionen und Marx als Vertreter der Weimarer Koalition 13,7 Millionen Stimmen. Hindenburg hatte durch die Sonderkandidatur Thälmanns gesiegt. DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 149 die Steuernotverordnung ausgeplündert. Das war die Vorarbeit für die Hin- denburgdiktatur, die jetzt angedroht wird... Was aber tut die Sozialdemokratie? Eben noch hat sie den Arbeitern eingeredet, ihr Kandidat sei der »einzige aussichtsre ehe Arbeiterkandidat«, und schon ist ihr Braun für die Minister- sessel in Preußen verkauft, und die Arbeiter werden aufgerufen, für den Zentrumskanzler Wilhelm Marx zu stimmen. Wer ist Marx? Was ist sein Programm? Marx war der Zivildiktator des Ausnahmezustandes, er hat feierlich er- klärt, nicht gegen die Luther-Regierung zu kandidieren. Sein Programm ist das Luther-Programm, ist das Hindenburg-Programm. Er will es nur vor- sichtiger, geschickter, klüger durchführen als Hindenburg und seine deutsch- nationalen Auftraggeber. Er will jetzt noch nicht die schwarzweißrote Fahne hissen, sondern erst die Kräfte der Bourgeoisie zum letzten Schlage sam- meln ... Gewerkschafter! Laßt es nicht zu, daß der Gewerkschaftsapparat und die Gewerkschaftspresse zur Unterstützung des Hindenburg-Programms aus- genutzt werden! Duldet nicht, daß unter dem Schlagwort »Für die Repu- blik« für Marx Propaganda gemacht wird! Marx-Programm ist Hinden- burg-Programm ! Marx ist der Reichskanzler, der im Auftrage der Bourgeoisie den Acht- stundentag beseitigte. Erzwingt den Kampf gegen Hindenburg und Marx! Arbeiter! Ausgebeutete! Nicht mit der Bourgeoisie — nur im Kampfe gegen ihre schwarzrotgolde- nen Agenten könnt ihr die stärkere Ausbeutung und Unterdrückung, die Auslieferung als Kanonenfutter für neue Imperialistenkriege verhindern. Nur das revolutionäre Proletariat, das die Monarchie im November 1918 zerschlagen, das den Kampf für die sozialistische Republik geführt hat und von Ebert und Hindenburg blutig niedergeschlagen wurde, das den Kapp- Putsch abgewehrt hat, das 1923 aufmarschierte, um die Faschisten zu ver- jagen, das 1924 gegen die »Deutschen Tage« der Monarchie demonstrierte, nur das revolutionäre Proletariat, als Klasse geeinigt, von der Kommunisti- schen Partei geführt, unter der roten Fahne, kann die Schlacht gegen die reaktionäre Bourgeoisie schlagen. Diese Schlacht wird nicht mit dem Stimm- zettel geschlagen. Es ist nicht die Aufgabe des Proletariats, den geschicktesten Vertreter der Bourgeoisieinteressen auszusuchen, zwischen dem Zivildiktator Marx und dem Militärdiktator Hindenburg das »kleinere Übel« zu wählen. Wir rufen die Massen auf: Organisiert den Massenkampf gegen die Bourgeoisiediktatoren, gegen Hindenburg und Marx! Heraus zur Massendemonstration gegen die monarchistische Reaktion, IJO                                   DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gegen ihre Schrittmacher, die schwarzrotgoldenen Reaktionäre! Für die rote Klassenfront des Proletariats! Für den Sturz der Bourgeoisie und für die Errichtung der proletarischen Diktatur! Nicht Wahl des Präsidenten der Bourgeoisie — Demonstration für den Klassenkampf, Bekenntnis zur proletarischen Revolution, das ist die Ab- stimmung am 26. April für Ernst Thälmann! Nun erst recht: Keine Stimme den Kandidaten der Bourgeoisie! Heraus aus dem Reichsbanner! Heraus aus der bürgerlichen SPD! Hinein in den Roten Frontkämpferbund! Hinein in die Kommunistische Partei! Jeder klassenbewußte Arbeiter stimmt gegen Hindenburg und Marx für Thälmann! Berlin, 11. April 1925 Die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Die Rote Fahne vom 12. April 1925.   AUS DER RESOLUTION DES POLBÜROS DER KPD ÜBER DEN FASCHISMUS (1930) I. Die gegenwärtige Situation wird durch die gesteigerten Vorstöße des Fa- schismus gegen die Arbeiterklasse gekennzeichnet. Die Erhöhung der natio- nalsozialistischen Stimmenzahlen bei den letzten Wahlen, die Häufung brutaler Mordüberfälle von nationalsozialistischen Terrorgruppen auf die Arbeiterschaft signalisieren den Ernst der faschistischen Gefahr ... III. Diese Lage zwingt unsere Partei und die gesamte revolutionäre Arbei- terschaft, den Kampf gegen die faschistische Gefahr auf das äußerste zu ver- schärfen. Dieser Kampf bildet einen unmittelbaren Bestandteil der breiten proletarischen Gegenoffensive gegen den Unternehmerangriff. Vor der deut- schen Arbeiterklasse steht in ganzer Größe die Aufgabe, den Faschismus und seine Terrorbanden bis zur vollständigen Vernichtung niederzukämpfen. Diese Aufgabe kann nicht nur durch Teilkämpfe und Einzelmaßnahmen ge- löst werden, sondern sie bildet eines der entscheidenden Probleme der DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK I5I deutschen Revolution, deren Sieg allein die endgültige Liquidierung des Fa- schismus, seine physische Vernichtung sichert. Das Ziel der faschistischen Bewegung ist die Aufrichtung der faschistischen Diktatur, die blutige Zerschmetterung der gesamten Arbeiterbewegung, die Errichtung eines Regimes des weißen Terrors, der Standgerichte und des Meuchelmordes, wie es die Herrschaft Mussolinis in Italien ist. .. VI. Der Kampf gegen die Faschisten muß der gesamten politischen Linie der Partei entsprechen. Fest verbunden mit dem Tageskampf der Arbeiter- massen um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen muß dieser einen entschlossenen offensiven Charakter tragen. Die beginnende Zersetzung unter der werktätigen Gefolgschaft der faschistischen Bewegung, die zweifel- los zunimmt, macht eine Differenzierung zwischen den faschistischen Füh- rern und den irregeführten Massen ihrer werktätigen Anhänger notwendig. Daher ist die schematische Anwendung der Losung »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!« im gegenwärtigen verschärften Stadium des Kampfes un- zweckmäßig. Die Hauptlosung muß in der gegenwärtigen Situation der politische und wehrhafte Massenkampf des Proletariats und aller Werk- tätigen gegen den Faschismus mit dem Ziele seiner vollständigen Vernich- tung sein. Der Faschismus in Deutschland beschränkt sich keinesfalls auf die faschisti- schen Kampf- und Mordorganisationen, die Nationalsozialisten, den Stahl- helm usw., sondern er erfaßt auch alle wichtigen bürgerlichen Parteien. Die Faschisierung Deutschlands erfolgt sowohl durch die faschistischen Kampf- organisationen als auch durch den bürgerlichen Staatsapparat und seine sozialfaschistischen Agenten. Der Kampf gegen den Faschismus ist ein untrennbarer Bestandteil des Kampfes gegen den Kapitalismus, gegen die bürgerliche Klassenherrschaft. Der Kampf gegen den Faschismus ist daher undenkbar ohne den schärfsten Kampf gegen die Sozialdemokratische Partei, ihre Führerschaft, die eine ent- scheidende Waffe der Faschisierung Deutschlands darstellt... Die Rote Fahne vom 15. Juni 1930. I$2                                    DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 45- ÜBER DEN »ROTEN VOLKSENTSCHEID« (1931) Rede von Ernst Thälmann44 Es ist klar, wir gehen schweren Ereignissen entgegen, und ich sage: ein Volk, das national versklavt wird und auf dem die Peitsche der ausländischen und der deutschen Bourgeoisie herumtanzt — die Geduld dieses Volkes wird eines Tages ein Ende haben. Heute besteht zwischen der objektiven Entwicklung und im subjektiven Reagieren der Arbeiterschaft noch eine Spanne. Aber wir dürfen nicht Zu- rückbleiben, sonst können wir überrumpelt werden. Es war eine Sdiwäche, daß in diesen Tagen, wo Brüning Tag für Tag seine Notverordnungen er- ließ, die Arbeiterschaft nicht genügend reagierte. Das ist ein Alarmzeichen für die Partei. So müssen wir jetzt mit Mut, Entschlossenheit und nicht nachlassender Zähigkeit die Schwächen auf dem Gebiet der Betriebsarbeit beseitigen. Wir brauchen Ausdehnung in die Betriebe. Dort müssen wir die Massen in die Stellung bringen, von der aus der Angriff erfolgt. Denn mit den Arbeits- losen allein — so wichtig ihre Aktivität ist — kann die proletarische Revolu- tion nicht zum Sieg geführt werden. Stärkste Offensive gegen die SPD-Politik im ADGB ist notwendig. Ge- 1930 hatten NSDAP und Deutschnationale gegen die sozialdemokratisch ge- führte preußische Regierung Braun-Severing ein Volksbegehren eingebracht, um die Regierung durch einen Volksentscheid zu stürzen. Die KPD wandte sich zunächst dagegen. Ihr Redner im Preußischen Landtag, der Abgeordnete Schwenk, führte am 15. Oktober 1930 aus: »Wir wissen..., daß die Nationalsozialisten die Absicht haben, ein Volksbegehren zur Auflösung des Landtags durchzuführen. Wir müssen demgegenüber die Frage aufwerfen: Wer steht hinter dem Volksbegehren? Ist das nicht Herr Hugenberg? Sind das nicht die Geldleute, die ein Interesse daran haben, auch hier in Deutschland das faschistische Regime aufzurichten? Das Volksbegehren der Nationalsozialisten hat nur das Ziel, der Blutherrschaft der faschistischen Dikta- tur den Weg zu bereiten. Wir Kommunisten lehnen es ab, diesen Volksbetrug mitzu- machen.« Später gab die KPD die Parole aus, eine »Volksaktien« gegen Preußenregierung und NSDAP zu veranstalten. Aber am 21. Juli 1931 beschloß die KPD plötzlich, sich am Volksentscheid der NSDAP zu beteiligen. Der Volksentscheid wurde nun als »roter Volksentscheid« bezeichnet. Die Rede Thälmanns zeigt, wie dieser die Zusammenarbeit mit der NSDAP zu bemänteln versuchte (vgl. a. die Kritik Trotz- kis: Dok. 95). DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 153 rade unserer mangelhaften Arbeit an der innergewerkschaftlichen Front ist es zuzuschreiben, daß die Gewinnung der SPD-Arbeiter zu gemeinsamen Aktionen nicht im erforderlichen Maße erfolgt. Und gerade das ist notwen- diger denn je. Wir müssen um jeden Preis die Krise in der SPD zur höchsten Entfaltung bringen. Aber wir können das nur durch schärfsten prinzipiellen Kampf, durch unermüdliche Aufdeckung des reaktionären Charakters der sozial- demokratischen Politik. Und hier bin ich bei der Frage des Volksentscheids. Heute erkennen bereits große Schichten sozialdemokratischer Arbeiter, daß die Behauptung ihrer Führer, Brüning sei das »kleinere Übel« gegen Hitler-Hugenberg, Schwindel ist und nur zur Entschuldigung für die in- fame arbeiterfeindliche Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsfrak- tion dient. Wir haben bereits den Masseii klargemacht, daß Kampf gegen den Fa- schismus nicht nur Bekämpfung der Nazis bedeutet, sondern vor allem Kampf gegen das Finanzkapital selbst, gegen das Brüningkabinett, als die Regierung der Durchführung der faschistischen Diktatur. Daraus folgt zwangsläufig unsere schärfste Offensivstellung gegen die preußische Seve- ringregierung, weil sie das stärkste Bollwerk der Brüningdiktatur ist. Und schließlich verschärft unsere Volksentscheidaktion die Klassengegensätze außerordentlich. Sie gibt uns die Möglichkeit, in stärkster außerparlamenta- rischer Mobilisierung den revolutionären Ausweg aus der Krise zu propa- gieren. Welche Lächerlichkeit, wenn die SPD von einer Einheitsfront der Kom- munisten mit Hitler-Hugenberg faselt! Ganz im Gegenteil. Die offenher- zigen Eingeständnisse der Bourgeoisie selbst zeigen, daß wir mit der Über- nahme der Führung des Volksentscheids die demagogischen Pläne des Stahl- helms, der Hitler-Hugenberg, der Volkspartei und Volkskonservativen durch- kreuzt haben. Wo sie aus Fraktionsinteresse einen Kampf gegen Severing- Braun vortäuschen, da führen wir als Klasse ernsthaft den Kampf. Gerade unsere Teilnahme am Volksentscheid gibt uns die beste Möglich- keit, die nationalsozialistische und deutschnationale Futterkrippenpolitik und Demagogie zu entlarven. Je stärker die Rechtsparteien den Volksent- scheid sabotieren, um so tiefer wird unser Einbruch in die Reihen der natio- nalsozialistischen Anhänger sein. Wir haben, gerade um den SPD-Arbeitern den wahren Charakter »ihrer« Regierung zu zeigen, ein Ultimatum an die Preußenregierung gestellt, das nur sehr bescheidene Forderungen enthielt. Mit Ausnahme einer, die für die Bourgeoisie und SPD-Führer vielleicht unbescheiden ist: Aufhebung des RFB-Verbots! Ja, wir haben diese Forderung gestellt, weil dieselben SPD- Führer und ihr Severing, die uns Bündnis mit der Reaktion vorwerfen, die bewaffneten Stahlhelmer- und Naziorganisationen erlauben, proletarische 154 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Abwehrorganisationen aber auf Grund des Versailler Vertrages verbieten Die Antwort Severings, ebenso wie das Verhalten der ganzen SPD, zeigt, daß es bei Braun und Severing keine Spur von Marxismus gibt. Unter schärfster Abgrenzung von Hitler und Hugenberg, ja, bei stärkster Bekämpfung dieser Faschisten führen wir den roten Volksentscheid durch, der völlig der Klassenlinie unserer Politik entspricht. Seit dem Volksbegeh- ren hat sich die Lage entscheidend verschärft. Seitdem hat Severing eine Reihe von Maßnahmen ergriffen: den Scharfschießerlaß herausgegeben, die faschistische Presseverordnung durchgesetzt, die Dreiklassenkrisensteuer an- geregt usw. Severing und die SPD haben sich als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie erwiesen. Darum muß der schärfste Kampf gegen sie aufgenom- men werden, darum stellt der rote Volksentscheid unter Ausnutzung der Möglichkeiten einer legalen parlamentarischen Massenaktion einen Schritt vorwärts in der außerparlamentarischen Massenmobilisierung dar. Wir tragen Zersetzung ins Lager der Bourgeoisie. Wir werden unseren Einbruch in die Sozialdemokratie erweitern und die innere Gärung in die- ser Partei beschleunigen. Wir werden tiefere Breschen in die Hitlerfront schlagen. Wir werden als Partei der proletarischen Revolution unsere Reihen stärken, die Masseninitiative beleben und den revolutionären Klassenkampf steigern. Das alles wird uns gelingen! Mögen die Brandieristen, die jeden Tag Argumente für den »Vorwärts« liefern, sich auch als Anarcho-Syndikalisten gebärden und uns der Brem- serei beschuldigen, da schon die revolutionäre Situation da sei. Wir sehen die revolutionäre Perspektive, aber wir haben noch nicht die revolutionäre Situation. Das wollen wir den brandleristischen Bundesgenossen Severings sagen, die schon einmal, als die revolutionäre Situation wirklich da war, nämlich 1923, das Proletariat erbärmlich verraten haben. Ich will dieser Versammlung noch einige Tatsachen unterbreiten, damit ihr alle seht, wie ernst die Situation ist. Als Brüning und seine Freunde nach Paris fuhren, haben Besprechungen stattgefunden, bei denen besonders die amerikanischen Kapitalisten nach den Garantien fragten, die Brüning im Kampf gegen den Kommunismus geben könne. Bei diesen Besprechungen sind auch preußische Instanzen hinzugezogen worden, um sich zu dem Ver- bot der KPD zu äußern. Der Vorbereitung des KPD-Verbots dient die mörderische Hetze, die vor allem die SPD gegen uns entfaltet. Die Hetze wird nicht fruchten. Denn die Massen überzeugen sich immer mehr davon, daß dort, wo die Kom- munisten herrschen, zwar auch Opfer gebracht werden, aber Opfer für die Allgemeinheit der Werktätigen, während in Deutschland die Massen bluten, damit andere daraus Gewinn ziehen können. In Deutschland geht’s rück- wärts, in der Sowjetunion, wo die Kommunisten Regierungspartei sind, DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 155 geht es vorwärts! Wir marschieren gegen die Bourgeoisie. Wir organisieren den Kampf. Wir werden das Volk zum roten Sieg führen! (Rede in der Funktionärsversammlung der revolutionären Massenorganisationen am 24. Juli 1931 in Berlin.) Ernst Thälmann, Kampfreden und Aufsätze Hrsg, von der KPD, o. O. und o. J. (1932), S. 53-55. 46. OFFENER BRIEF DER KPD AN DIE »WERKTÄTIGEN WÄHLER DER NSDAP UND DIE MITGLIEDER DER STURMABTEILUNGEN« (1931) Schaffende Volksgenossen! Das schaffende Volk Deutschlands leidet bittere Not! Die kapitalistischen Volksausplünderer und ihr Staat saugen das Volk aus. Die Löhne werden abgebaut, damit auch weitere Dividenden, Tantiemen und hohe Direktoren- gehälter in die Taschen der Reichen fließen. Millionen Arbeiter wurden aus den Betrieben geworfen, die Betriebe werden stillgelegt, während es dem schaffenden Volk an dem wichtigsten Lebensbedarf mangelt. Die Unterstützung der Erwerbslosen, die Renten der Kriegs- und Arbeits- beschädigten werden abgebaut, damit die Großpensionäre und die schwer- reichen Fürsten noch reicher werden. Täglich erleben wir den Zusammen- bruch unzähliger Existenzen, Das Finanzkapital und die Gerichtsvollzieher der Brüning-Regierung nehmen dem Mittelstand und dem Bauern Hab und Gut. So verordnet die Brüning-Regierung im Auftrage des Großkapitals bittere Not für die Werktätigen, aber verschenkt gleichzeitig Millionen Subven- tionen an Großindustrielle, Großbanken und Großagrarier. Wer ist schuld an dieser Not? Schuld sind jene, die im Besitze der Fabriken, der Großbanken und des Grund und Bodens sind. Solange die Goldschmidt, Vogler, Thyssen, Krupp, Borsig und Siemens die Fabriken, die Banken und den Grund und Boden besitzen, wird in Deutschland nicht anders regiert werden. Das schaffende Volk will Brot, Arbeit und Freiheit. Das bekommt das Volk nicht aus den Händen der Krupp, Goldschmidt, Brüning & Co. Das muß sich das werktätige Volk selbst erkämpfen. Ihr fordert auf zum Volkskrieg gegen die Armut. Volkskrieg gegen die Armut, das kann nur Volkskampf gegen jene Reichen und Satten sein, die 1^6                                 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK eure Löhne abbauen, eure Gehälter herabsetzen, eure Unterstützungen und Renten herabdrücken, durch Pfändungen die Wucherzinsen eintreiben, durch wucherische Zölle das Brot und andere wichtige Lebensmittel verteuern und die Freiheit des Wortes, der Schrift und der Versammlung unterdrücken. Wer ehrlich gegen Volksausplünderung und Youngsklaverei kämpfen will, der muß heute und morgen seine ganze Kraft dem schaffenden Volke zur Verfügung stellen und den Massenwiderstand gegen die Ausplünderung und Unterdrückung der Arbeitenden organisieren. Bei zahlreichen von der Revolutionären Gewerkschaftsopposition geführ- ten Streiks der letzten Zeit kämpften nationalsozialistische Arbeiter gemein- sam mit kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitern gegen jeden Pfennig Lohnabbau, während Unternehmer, sozialdemokratische Gewerk- schaftsbonzen und Führer der NSDAP zum Streikbruch aufforderten. An manchen Stempelstellen haben nationalsozialistische Erwerbslose unter Führung des Erwerbslosenausschusses gemeinsam mit kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitern gegen den Unterstützungsabbau, für Son- derunterstützungen und gegen die Arbeitsdienstpflicht gekämpft. Als ehr- liche Kämpfer gegen das Hungersystem haben sich proletarische Anhänger der NSDAP in die Einheitsfront des Proletariats eingereiht und in Erwerbs- losenausschüssen ihre revolutionäre Pflicht getan. Aber die Führer eurer Partei verteidigten besonders durch Ablehnung der kommunistischen An- träge im Parlament den Unterstützungsabbau. Sie standen auf der Seite Brünings. In zahlreichen Wohngebieten haben Anhänger der NSDAP den revolutio- nären Arbeitern geholfen, die Massen gegen die Exmission von Erwerbslosen zu mobilisieren. In vielen Dörfern haben Mitglieder der NSDAP unter Führung der Kom- munisten verhindert, daß den schaffenden Bauern die Kuh gepfändet oder ihr kleiner Besitz versteigert wurde. Was sagten eure Führer dazu? Sie verboten jede Selbsthilfemaßnahme. Sie ermahnten euch zur Legalität. Legal sollt ihr hungern. Soziale Befreiung versprachen eure Führer, aber sie setzten sich in Harz- burg mit den Führern der großen Truste und Banken zusammen und ver- sprachen ihnen treue Dienste. Die SA mußte in Harzburg vor dem Millionär Hugenberg, vor den Bankfürsten und Trustherren defilieren. Im Wirtschaftsbeirat der Brüning-Regierung beraten die in Harzburg ver- tretenen Großkapitalisten gemeinsam mit den sozialdemokratischen Ge- werkschaftsführern, wie am schnellsten dem schaffenden Volke das Fell über die Ohren gezogen werden soll. Und ihr sollt ihnen helfen! ... Für uns alle gibt es nur einen Ausweg: den Sozialismus. Sozialismus, das ist die Enteignung der Großkapitalisten und der Groß- agrarier! DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK                                                                  IJ7 Der freie Arbeiter und Bauer Herr der Fabriken, Herr der Banken und des Grund und Bodens — das ist Sozialismus! Kämpft mit uns in der Front der revolutionären Freiheitsarmee für Brot, Arbeit und Freiheit, für den Sozialismus! Kommunistische Partei Deutschlands Bezirksleitung Berlin-Brandenburg-Lausitz-Grenzmark Die Rote Fahne vom i. November 1931. 47- »DER FASCHISTISCHE KURS DER BRÜNING-REGIERUNG« Aus einer Rede Ernst Thälmanns (1932) Ich komme nun zur Frage der Faschisierung. Der Prozeß der Durchführung der faschistischen Diktatur durch die Brüning-Regierung, wie wir ihn vor einem Jahr auf dem Januar-Plenum 1931 analysiert haben, hat innerhalb der vergangenen zwölf Monate die heftigsten Formen angenommen. Ich will nicht Einzelheiten anführen, da ja die verschiedenartigsten Unter- drückungsmaßnahmen gegen die Arbeiterklasse: Streikverbote, staatlicher Lohnraub, Abbau der sozialen Leistungen, Terror des Hitlerfaschismus, Fa- schisierung der Sozialdemokratie, zur Genüge bekannt sind. Niemand wird heute mehr daran zweifeln, daß wir es bei dem Kurs der Brüning-Groener- Regierung im Reich und ihrer Braun-Severing-Filiale in Preußen mit einem faschistischen Kurs zu tun haben, daß wir recht hatten, als wir im Dezember 1930 von einer ausreifenden, noch nicht ausgereiften faschistischen Diktatur sprachen. Bei der Durchführung dieses faschistischen Kurses finden wir bis zum heu- tigen Tage in der Politik der deutschen Bourgeoisie das eigenartige System der wechselseitigen Ausnutzung der Sozialdemokratie und der Hitlerpartei, wobei das Schwergewicht nach wie vor bei der SPD als der sozialen Haupt- stütze der Bourgeoisie liegt. Das Zentrum ist momentan die Partei, die für diese wechselseitige Ausnutzung der SPD und der Nazis durch das Finanz- kapital in den Vordergrund gerückt ist. Das Zentrum plus Sozialdemokratie führt momentan die Politik des Finanzkapitals in Deutschland durch ... Nichts wäre verhängnisvoller als eine opportunistische Überschätzung des Hitlerfaschismus. Wollten wir uns darauf einlassen, gegenüber dem riesigen 158                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Anschwellen der Hitlerbewegung unseren richtigen klassenmäßigen Maßstab zu verlieren und uns in eine ähnliche Panikstimmung drängen zu lassen, wie sie die Sozialdemokratie künstlich in den Massen zu erzeugen versucht, so müßte das zwangsläufig zu einer falschen Fragestellung in unserer prak- tischen Politik sowohl gegenüber den Nazis wie vor allem gegenüber der SPD führen ... Der revolutionäre Ausweg und die KPD Rede Ernst Thälmanns auf der Plenartagung des ZK der KPD am 19. Februar 1932 in Berlin Hrsg, von der KPD, S. 23/24. 48. FASCHISMUS UND DEMOKRATIE IN DEN THESEN DER KPD (1931/1932)45 A Die Regierung der Durchführung der faschistischen Diktatur Während der revolutionäre Aufschwung der Arbeiterbewegung auch nach den Wahlen vom 14. September 1930 unvermindert anstieg, hat die Bour- geoisie einen weiteren Schritt auf dem Wege der Faschisierung ihrer Staats- macht getan. Die Regierung Brüning, die die letzten revolutionären Errun- genschaften von 1918 abbaute, die Weimarer Verfassung Stück für Stück außer Kraft setzt, das Parlament ausschaltet und sich zum Vollzugsorgan der Zwischen 1929 und 1933 versuchte die KPD-Führung nachzuweisen, daß »zwi- schen Faschismus und Demokratie kein prinzipieller Unterschied besteht«. Damit wurde die Gefahr des Nationalsozialismus bagatellisiert. In einer Auswahl: »Leni- nismus und Stalinismus« (Lehren der deutschen Katastrophe 1933) mit einem Vor- wort Trotzkis sind Dutzende von KPD-Zitate zusammengestellt, in denen Demo- kratie und Faschismus gleichgesetzt wurden. Noch am 10. Januar 1933 hat z. B. die »Kommunistische Internationale« geschrieben: »Das 11. EKKI-Plenum hat mit dem künstlich konstruierten prinzipiellen Gegensatz von bürgerlicher Demokratie und faschistischer Diktatur aufgeräumt und dadurch den kommunistischen Parteien im Kampfe gegen den Sozialfaschismus eine wichtige Hilfe geleistet. Das 12. Plenum hat... aufgezeigt, daß es einen sogenannten klassischen Faschismus nicht gibt und geben kann und daß alle .. .Theorien von der Notwendigkeit der vorherigen Nieder- schlagung der Arbeiterklasse blutleere Abstraktionen sind.« DIE KPD, DIE NATION UND DIE REPUBLIK 159 wütenden Unternehmeroffensive auf die Lebenshaltung des Proletariats, der Angestellten, Beamten und aller Werktätigen macht, ist zur Regierung der Durchführung der faschistischen Diktatur geworden. Sie stützt sich dabei sowohl auf die sozialdemokratische Führerschaft, die trotz dem wachsen- den antifaschistischen Kampfwillen der sozialdemokratischen Arbeiter alle reformistischen Arbeiterorganisationen in den Dienst der Faschisierung zu stellen versucht, als auch auf die nationalsozialistischen Terrorbanden, die die Stoßkraft der proletarischen Revolution gewaltsam brechen wollen ... (Plenum des ZK der KPD, Januar 1931) b t Papen-Regierung eine Form der faschistischen Diktatur In Deutschland wurde durch die Regierung Papen-Schleicher, bei Verschär- fung der äußeren Gegensätze und außerordentlicher Anspannung der inne- ren Klassenbeziehungen, mit der Hilfe der Reichswehr, des Stahlhelms und der Nationalsozialisten eine der Formen der faschistischen Diktatur errich- tet, der die Sozialdemokratie und das Zentrum den Weg gebahnt haben. Die weitere Entwicklung oder der Zerfall dieser Diktatur hängt vom revolu- tionären Kampf der Arbeiterklasse gegen den Faschismus in allen seinen Formen ab... (XII. EKKI-Plenum, September 1932) c Die faschistische Diktatur in Deutschland Das Plenum kam bezüglich der Formen der gegenwärtigen Lage in Deutsch- land zu der Feststellung, daß hier eine der Formen der faschistischen Dik- tatur errichtet sei. Diese Formulierung schließt sowohl eine mechanische Gleichsetzung der faschistischen Diktatur in Deutschland etwa mit Italien, Polen usw. aus, als auch zeigt sie, daß es sich bei der heutigen Herrschaftsform der deutschen Bourgeoisie nicht um etwas Starres, Abgeschlossenes handelt, sondern daß in erster Linie die weitere Entwicklung der Herrschaftsformen der Bourgeoi- sie vom Klassenkampf abhängig sind... (Thälmann auf der III. Parteikonferenz der KPD, Oktober 1932) i6o DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK D Die Lage in Deutschland Die Herrschaft der Regierung Papen-Schleicher in Deutschland, die mit Hilfe der Reichswehr, des Stahlhelms und der Nationalsozialisten errichtet wurde, für die die Sozialdemokratie und das Zentrum den Weg gebahnt haben, stellt eine der Formen der faschistischen Diktatur dar. In den ernsten Interessen- gegensätzen der verschiedenen Kapitalistengruppierungen (Schwerindustrie, Chemiekapital, Großagrarier, Klein- und Mittelindustrie), in den Fragen der sogenannten »Autarkie«, der Subventionen und der Finanzpolitik, in den widerstrebenden monarchistischen Restaurationsbestrebungen, in den verschärften Auseinandersetzungen innerhalb der faschistischen Bürgerkriegs- truppen (Hitler-SA und Stahlhelm), in dem Konflikt zwischen Deutsch- nationalen und Nationalsozialisten und den Differenzen der faschistischen Machthaber mit ihren Wegbereitern, der SPD und dem Zentrum, zeigt sich die Zerklüftung im Klassenlager der Bourgeoisie auf Grund der Krise und des Kapitalismus. (Resolution der III. Parteikonferenz der KPD, Oktober 1932) Die wichtigsten Beschlüsse der Kommunistischen Internationale und der KPD nach dem VI. Weltkongreß im Zitat Hrsg, von der KPD, o. O. und o. J. (1932), S. 16-19. E. DIE KPD, DIE SOZIALDEMOKRATIE UND DIE GEWERKSCHAFTEN 49- SPARTAKUS-FLUGBLATT (1916) Hundepolitik . . . Der Geist Eugen Richters, des Stiefelputzers der Reaktion aus der Zeit des Hungerzolltarifs, lebt in seinen würdigen Nachfahren. Unter dem Schrei: >Landesverrat< stürzen sich die Hubrich und Müller-Meiningen mit Fäusten auf jeden, der die Reichstagstribüne besteigt, um Kritik an der Regierung zu üben. Mit dem Schrei: Landesverrat < liefern die Payer und Liesching die Immunität der Volksvertretung dem Militärsäbel aus. Den Oertel und Hey- debrand bleibt nach diesem liberalen Geheul nichts mehr zu sagen übrig. Und die sozialdemokratische Mehrheitsfraktion? Sie wies nicht mit einer Silbe dieses Gekrächz zurück. Die >Durchhaltepolitiker<, die Scheidemann und Gen. halten ja selbst jeden, der sozialdemokratische Grundsätze hochhält und den Völkermord bekämpft, für einen Landesverräter. Landesverrat! Landesverrat! Maifeier ist Landesverrat! Kritik an der Kriegsanleihe — Landesverrat! Internationale Solidarität — Landesverrat! Klassenkampf — Landesverrat! Budgetablehnung — Landesverrat! Streiks zur Erhöhung der Hungerlöhne — Landesverrat! öffentliche Erörterung des Lebensmittelwuchers — Landes- verrat! Klageschrei der hungernden Frauen vor den Läden — Landesver- rat! Was tausendmal in sozialdemokratischen Zeitungen, in sozialdemo- kratischen Wählerversammlungen, in sozialdemokratischen Reichstagsreden gesagt worden, ist heute Landesverrat. Die gesamte 50jährige Tätigkeit der Sozialdemokratie gegen Krieg, Militarismus, Klassenherrschaft, Klassen- solidarität, nationale Einigkeit, vaterländische Phrase gerichtet war, ist Landesverrat! Die Payer-Liesching-Hubrich, die David-Landsberg-Scheidemann haben alle Staatsanwälte übertroffen, alle Polizeipräsidenten beschämt, den seligen Tessendorf nachträglich zum Waisenknaben gemacht. Wehe, wenn diese Kerls das Bismarcksche Sozialistengesetz zu handhaben gehabt hätten! Sie hätten sämtliche sozialdemokratischen Abgeordneten und Redakteure ins Zuchthaus gesteckt, sie hätten unseren August Bebel, unseren alten Liebknecht an den i6i DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Galgen gebracht. Die Scheidemann-Leute leisteten sich die Komödie, formell einen Antrag betr. die Immunität Liebknechts zu stellen, aber sie begründeten ihn damit, daß Liebknechts Kampf nicht gefährlich, daß das deutsche Volk in seinem Kadavergehorsam doch nicht zu erschüttern sei! Ja, in der Kommis- sion des Reichstages sagte der »Sozialdemokrat« David mit Bezug auf Karl Liebknecht: Ein Hund, der laut belle, beiße nicht! Auf all diese Infamie im Reichstag die richtige Antwort zu geben, nicht advokatorisch, nicht formalistisch, sondern sozialistisch, nicht debattieren, nicht argumentieren, sondern die verächtliche Gesellschaft als eine Rotte von Volks Verrätern zu brandmarken, dazu fehlte eben - Liebknecht! Die Antwort soll ihnen aber von den Massen des Proletariats gegeben werden, von den Massen des hungernden, geknechteten, als Kanonenfutter mißbrauchten Volkes. Und die »Hun de «-Worte des sozialdemokratischen Mehrheitsredners sollen dabei nicht vergessen werden. Ein Hund ist, wer den Stiefel der Herrschenden leckt, der ihn jahrzehnte- lang mit Tritten bedachte. Ein Hund ist, wer im Maulkorb des Belagerungszustandes fröhlich schweif- wedelt und den Herren der Militärdiktatur, leise um Gnade winselnd, in die Augen blickt. Ein Hund ist, wer einen Abwesenden, einen Gefesselten heiser anbellt und dabei den augenblicklichen Machthabern Apportdienste leistet. Ein Hund ist, wer die ganze Vergangenheit seiner Partei, wer alles, was ihr ein Menschenalter heilig war, auf Kommando der Regierung abschwört, begeifert, in den Kot tritt. Hunde sind und bleiben demnach die David, Landsberg und Genossen. Und sie werden sicher von der deutschen Arbeiterschaft, wenn der Tag der Abrechnung kommt, den wohlverdienten Fußtritt bekommen. Daß dieser Tag so bald wie möglich anbricht und so gründliche Arbeit wie möglich verrichtet, dazu hat die Affäre Liebknecht — sowohl sein Beispiel wie die Infamien des Reichstages und der Fraktionsmehrheit - tüchtig bei- getragen. Nun muß es auch jedem Manne und jeder Frau des Volkes klar sein: dieses Parlament, diese verächtliche Mameluckenhorde von Payer bis David sind vor dem Gericht der Weltgeschichte abgetan und erledigt. Nur die Selbsttätigkeit der Massen, nur kühne Initiative der Massen, nur nach- drückliche Aktion des Klassenkampfs auf der ganzen Linie kann uns auf den Weg hinausführen, dem Völkermord, der Militärdiktatur, dem langsamen Verhungern des Volkes eine Ende zu machen. Und das werden die Massen nur fertigbringen, wenn sie gelernt haben, im Kampfe für die Ideale des internationalen Sozialismus wie Liebknecht das ganze Ich in die Schanze zu schlagen, wenn sie nicht bloß singen, sondern auch durch Taten und Handlungen zeigen: »Nicht zählen wir den Feind, nicht die Gefahren all...« KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 163 Wenn sie hunderttausendstimmig, millionenstimmig im ganzen Reich den Ruf Liebknechts immer und immer wieder erheben: Nieder mit dem Kriege! Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Von Rosa Luxemburg verfaßtes Flugblatt der Spartakusgruppe Arbetarrörelsens Arkiv Stockholm 1723/816 50. LEITSÄTZE ÜBER DIE GEWERKSCHAFTSFRAGE (1919)^ 1. Hatte schon vor dem Kriege das Anwachsen und die Konzentration der Kapitalisten, deren Zusammenfassung und einheitliche Leitung in Trusts, Syndikaten und Arbeitgeberverbänden die gewerkschaftliche Politik der klei- nen Reformen, der Lohnverbesserungen und Tarifverträge vor eine Mauer gestellt, so ist mit dem Zusammenbruch des deutschen Imperialismus und mit dem Beginn des offenen Kampfes zwischen Kapital und Arbeit diese Politik völlig aussichtslos geworden. Die Zerrüttung, in die die Wirtschaft durch den Krieg geraten ist, die unerträgliche Schuldenlast gegen In- und Ausland, die Entwertung der Mark und damit die Unmöglichkeit, fehlende Rohstoffe in rationeller Weise zu beschaffen, die Unmöglichkeit, gegenüber den Verpflichtungen an das Ausland das Inland mit genügend heimischen Rohstoffen zu versehen, die Unmöglichkeit, aus dem In- oder Ausland genügend Nahrungsmittel zu beschaffen, die Unmöglichkeit, der dauernden Entwertung der Zahlungs- Nach der Revolution propagierten linksradikale Kreise die politisch-gewerk- schaftliche Einheitsorganisation und den Austritt aus den freien Gewerkschaften. Auf dem Gründungskongreß der KPD hatte Paul Frölich als Vertreter Hamburgs erklärt: »Wir stellen uns auf den Standpunkt, daß die früher gebotene Zweiteilung der Arbeiter in politische und gewerkschaftliche Organisationen aufhören muß. Für uns kann es nur eine Parole geben: Heraus aus den Gewerkschaften. Was aber dann? Wir haben unsere einheitliche Organisation und die Grundlage dafür bilden die Gruppen unserer Genossen in den Betrieben.« Rosa Luxemburg verurteilte zwar die Einheitsorganisation, meinte aber ebenfalls, die »Liquidierung der Gewerkschaften« stehe auf der Tagesordnung. Auf dem II. Parteitag wurden dann (gegen die links- radikale Minderheit) die Thesen über die Gewerkschaftsarbeit angenommen. 164 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK mittel, dem damit verbundenen Sinken des Reallohnes, der damit verbun- denen Notwendigkeit, die Lohnsätze wieder zu erhöhen, neue Banknoten zu drucken und damit neue Entwertung der Mark herbeizuführen; das alles zwingt ednerseits die Bourgeoisie, die Ausbeutung der Proletarier bis zur äußersten Grenze zu treiben und gestaltet andererseits die ökonomische Lage der Bourgeoisie so, daß jeder Versuch, diese äußerste Ausbeutung zu verhin- dern, das ganze kapitalistische Wirtschaftssystem zum Einsturz zu bringen droht. Jeder Versuch der Besserung der wirtschaftlichen Lage des Prole- tariats, sei es Verkürzung der Arbeitszeit, sei es Erhöhung des Reallohnes, sei es Schutz gegen die Folgen der Arbeitslosigkeit, geht dem Kapitalismus ans Leben. Ja noch mehr. Um seiner Weiterexistenz willen ist der Kapitalismus ge- zwungen, die Lage des Proletariats noch zu verschlechtern, die Ausbeutung noch über die derzeitigen Grenzen hinauszutreiben. Schon die Abwehr sol- cher Maßnahmen, wie Herabsetzung der Stundenlöhne, Heraufsetzung der Arbeitszeit, Wiedereinführung der Akkordarbeit usw. sind für den Kapi- talismus tödlich. Er muß, wenn er leben will, schärfer ausbeuten als bisher. In klarer Erkenntnis dieser Tatsachen hat die Bourgeoisie es längst auf- gegeben, von »rein wirtschaftlichen« Kämpfen zu reden und die Staatsgewalt als quasi neutral beiseite zu lassen. Bisher nur geheim und unterdrückt, heute direkt und offen sind die politischen Gewalten in den Dienst der ökonomischen Ausbeutung gestellt. Noskegarden, die die Ausständigen mit Maschinengewehren in die Fabriken treiben, staatlich organisierte Streik- brechergarden, die in bestreikten Betrieben Dienst tun, Belagerungszustand, Kriegsgerichte, Preßverbote usw. sind das Zeugnis dafür. Nicht nur deswegen, weil jeder wirtschaftliche Kampf heute von der Bourgeoisie mit politischen Mitteln, steigend bis zur Massenerschießung, ge- führt wird, sondern aus denselben objektiven Gründen wie die Bourgeoisie, erkennt auch das Proletariat, daß heute jeder wirtschaftliche Kampf nicht nur ein politischer ist, sondern ein revolutionärer, weil er, mag er wollen oder nicht, das kapitalistische Gebäude zu sprengen droht. Die von den deutschen Gewerkschaften bisher verfolgte Politik der rein wirtschaftlichen Kämpfe, der politischen Neutralität und der »Ablehnung« des politischen Massenstreiks ist durch die Tatsache überholt. Aus dieser Einheit von wirtschaftlichem und politischem Kampf — beides nur Erscheinungsformen eines und desselben revolutionären Kampfes — folgt keineswegs die Notwendigkeit einer Einheit von politischer und ge- werkschaftlicher Organisation. Die politische Organisation der KPD hat zur Aufgabe die Sammlung der vorgeschrittensten Elemente der Arbeiterschaft auf der Grundlage des Pro- gramms der KPD. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN l6j Die wirtschaftliche Organisation hat zur Aufgabe die Sammlung des ge- samten Proletariats, das Objekt kapitalistischer Ausbeutung ist. Grundlage der politischen Organisation ist der gemeinschaftliche Wille zur Erreichung eines künftigen politischen Zustandes. Grundlage der gewerkschaftlichen Organisation ist die Tatsache eines be- stehenden wirtschaftlichen Zustandes. Aufgabe der politischen Organisation ist die Führung im politischen Kampfe. Diese Aufgabe kann von einer Minderheit gelöst werden. Aufgabe der wirtschaftlichen Organisation ist die Durchführung des Kamp- fes selbst; diese Aufgabe kann nur von geschlossenen proletarischen Massen gelöst werden. Der wirtschaftlichen Organisation fallen im Stadium des Aufbaues beson- ders’ schwierige Aufgaben zu; die politische Partei kann aus sich diese Auf- gaben nicht lösen. Aus dieser grundsätzlichen Verschiedenheit ergibt sich auch das Ver- halten gegenüber den Gewerkschaften. Die politische Partei der KPD konnte sich dadurch bilden, daß sich jene vorgeschrittensten Elemente von der SPD bzw. USPD loslösten und die eigene Partei bildeten; die Aufgabe der Führung entstehender Aktionen war ihr trotzdem und eben deswegen möglich. Die Herausnahme der vorgeschrittensten Elemente aus dem gewerkschaft- lichen Heerhaufen des Proletariats lähmt und unterbindet die Schlagkraft der Massen, nimmt aus ihnen den Gärstoff und hemmt so den Ausbruch und die Durchführung revolutionärer Massenkämpfe überhaupt. Die wirtschaftliche Massenaktion allein kann nicht das Werk der Revo- lution vollenden. Sie kann nicht zum unmittelbaren Siege des Proletariats führen, kann Vielmehr nur dadurch, daß sie die Massen zusammenfaßt und in Bewegung bringt, die revolutionäre Aktion zu höheren Formen, d. h. zum Generalstreik, zum Aufstand des gesamten werktätigen Volkes hinauf- führen. Von dieser Auffassung ausgehend, daß die wirtsdiaftliche Aktion nur ein Glied in der Gesamtaktion der Massen ist, verwirft die KPD jene Formen des wirtschaftlichen Kampfes, die nicht Massenaktion, sondern Individualakt sind. Sie verwirft die Sabotage als ein anarchistisches Mittel, das durch indi- viduellen Akt die Aktion der Massen zu ersetzen sucht, in Wirklichkeit aber durch Akte individuellen Terrors die Aktion der Massen lähmt. Von diesem Gesichtspunkt aus bedarf auch das Mittel der passiven Resi- stenz einer besonderen Würdigung. Die passive Resistenz im gegenwärtigen Augenblick, als Ausdruck, der herabgesetzten Ernährung und durch Krieg und Hungersnot hervorgerufenen physischen und psychischen Erschöpfung ist eine natürliche gesellschaftliche Erscheinung und ein Akt berechtigter Not- wehr des Proletariats. 166 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Ein Mittel jedoch, durch dessen Ausübung das Proletariat die Macht er- obern könnte, ist sie nicht. Im Gegensatz zum Streik, der einer Steigerung zur Demonstration, zum Massenaufstand, zum Generalaufstand und damit zum endgültigen Siege fähig ist, ist die passive Resistenz einer solchen Stei- gerung nicht fähig, und sie führt daher ganz von selbst zu einer Verflachung der wirtschaftlichen Kämpfe. Die Tatsache, daß die Gewerkschaften heute zu einem Werkzeug der Bourgeoisie und der Gegenrevolution geworden sind, ist keine Organisa- tionsfrage. Sie ist lediglich aus dem Widerspiel der Tatsache entstanden, daß das Proletariat in seinen weiten Schichten sich über seine Klassenlage und über die Mittel zu deren Änderung, kurzum über Wesen und Ziel der Revolution noch nicht im klaren ist. Diese Änderung der geistigen Konstitution des Proletariats würde auch nicht dadurch herbeigeführt werden, wenn man die Proletarier aus der einen Organisation hinausnähme und sie einer anderen zuführte. Dieser Umwandlungsprozeß kann vielmehr nur durchgeführt werden einerseits durch unermüdliche Agitation und Aufklärung in den Massen und innerhalb ihrer Organisation, andererseits aber — und im wesentlichsten durch die praktische Schule des Kampfes; des wirtschaftlichen Kampfes ge- gen das Unternehmertum — in dem die Gewerkschaftsbürokratie immer aus- gesprochener auf der Seite des Kapitals stehen wird — als auch des organi- satorischen Kampfes gegen die Gewerkschaftsbürokratie selbst. Diese Aufgabe und dieser Kampf können nur erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Mitglieder der KPD in engster Fühlung mit diesen Mas- sen bleiben und nicht davonlaufen. Die KPD sieht aber im Einzelaustritt einen individuellen Akt, der mit Rücksicht auf die verbleibenden Massen sehr schädlich wirken kann. Die konterrevolutionäre Sabotage des wirtschaftlichen Kampfes durch die Gewerkschaftsbürokratie hat einen Grad von Gefährlichkeit erreicht, daß unmittelbare Maßnahmen dagegen notwendig sind. Die KPD empfiehlt daher den Kampf gegen die Gewerkschaftsbürokratie aufzunehmen mit dem Ziele, die konterrevolutionäre Gewerkschaftsbürokra- tie von den Massen zu isolieren. Zu diesem Zweck schließen sich die Kom- munisten innerhalb der Ortszahlstellen fraktionsmäßig zusammen und füh- ren den Kampf mit ihr innerhalb und, wenn es sein muß, außerhalb der Ge- werkschaft. Wo es sich um einheitliche geschlossene Wirtschaftskörper handelt, wie im Bergarbeiterrevier von Rheinland-Westfalen oder wie bei den Eisen- bahnern, wo also zwischen Wirtschaftskörpern und Berufszweig ganz oder nahezu Identität herrscht, kann mit diesem Kampfe der Kampf um die neue Organisationsform der Betriebsorganisation verbunden werden. In diesen ihrer Natur nach in Riesenbetrieben vereinigten Gewerken bedeutet die Be- KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN l6? triebsorganisation nicht nur eine neue Organisationsform, sondern hier ist auch diese Betriebsorganisation ohne weiteres möglich. In allen anderen Fällen aber, namentlich da, wo die Gewerke sich ihrer Natur nach in vielen Betrieben verzetteln, so etwa Transportarbeiter, Holz- arbeiter, teilweise Metallarbeiter usw. kann diese neue Organisationsform nicht die Plattform für den Kampf abgeben, weil deren Durchführbarkeit je nach örtlichen und beruflichen Verhältnissen sich richtet. Im einen wie im anderen Falle darf der Kampf niemals ein rein orga- nisatorischer werden. Auch dieser gewerkschaftliche Kampf ist dem höheren Ziel unterzuordnen, die Masse als solche durch diesen Kampf auf eine höhere Stufe politischer und ökonomischer Erkenntnis ihrer Lage zu erheben. In diesem Zusammenhang ist es besonders erforderlich, die gewerkschaftliche Theorie und Praxis der »rein wirtschaftlichen« Kämpfe, der Verwerfung der politischen Massenaktion (Kölner Kongreß usw.) grundsätzlich zu be- kämpfen. Der Zweck dieser Kämpfe ist also ein zweifacher: direkt: die Sabotage des wirtschaftlichen Kampfes durch die Bürokratie zu brechen; indirekt: die Masse des Proletariats über seine jetzige Indolenz und Schwäche hinausführen. Hiernach sich loslösende Gewerkschaftsteile sind innerhalb der Wirt- schaftsgebiete zu Arbeiterunionen zusammenzufassen. Solche Arbeiterunionen können daher vorläufig aus Gruppen bestehen, die entweder beruflich oder betriebsmäßig organisiert sind. Es richtet sich nach der Art der Industrie, ob außer der obengenannten auch andere Arbeitergruppen betriebsmäßig orga- nisiert werden können. Ziel der ganzen Organisation ist eine Reichsarbeiterorganisation. Inner- halb dieser gruppieren sich die betriebsmäßig organisierten Arbeiter der Industrien, die andern nach Fächern. Bericht über den 2. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands ( Spartakusbund) vom 20. bis 24. Oktober 1919 Hrsg, von der KPD (Spartakusbund), o. O. und o. J., S. 64-67. i68 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 51- ANGEBOT ZUR AKTIONSEINHEIT (1921) Offener Brief an den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, die Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände, die Allgemeine Arbeiterunion, die Freie Arbeiterunion (Syndikalisten), die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands. Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands hält es für ihre Pflicht, in einem für das gesamte deutsche Proletariat bedeutsamen und schweren Augenblick sich an alle sozialistischen Parteien und Gewerkschaftsorgani- sationen zu wenden. Die fortschreitende Zersetzung des Kapitalismus, die Rückwirkungen der einsetzenden Weltkrise zu den Wirkungen der besonderen deutschen Krise, die fortsdireitende Entwertung des Geldes und die in Deutschland noch immer fortschreitende Steigerung der Preise aller Lebensmittel und Be- darfsgegenstände, die zunehmende Arbeitslosigkeit und Verelendung der breiten Massen machen es notwendig, daß die proletarische Klasse sich als Gesamtheit zur Wehr setzt und dabei nicht nur der Industrieproletarier ge- denkt, sondern all der Schichten, die, erst jetzt erwachend, sich ihres prole- tarischen Charakters bewußt werden. In dieser unerträglichen Situation wird das Proletariat gehalten durch die fortschreitende Reaktion, die in der Orgesch, in dem Meuchelmord, in der Justiz, die jeden Meuchelmord deckt, immer neue Fesseln für das Proletariat erfindet und die auf die Uneinigkeit des Proletariats spekuliert. Die VKPD schlägt daher sämtlichen sozialistischen Parteien und Gewerk- schaftsorganisationen vor, sich auf folgender Grundlage zu unmittelbar be- ginnenden, im einzelnen noch näher zu besprechenden Aktionen zusam- menzufinden: i Einleitung von einheitlichen Lohnkämpfen zur Sicherstellung der Existenz der Arbeiter, Angestellten und Beamten. Verbindung der einzelnen Lohnkämpfe der Eisenbahner, Beamten und KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 169 Bergleute sowie der anderen Industrie- und Landarbeiter zur geschlossenen Aktion. Erhöhung aller Renten und Pensionen der Kriegsopfer, Rentner und Pensionäre entsprechend der geforderten Lohn- und Gehaltssätze. Einheitliche Regelung der Arbeitslosenbezüge für das ganze Reich auf der Grundlage der Verdienste der Vollbeschäftigten .. . IV Sofortige Entwaffnung und Auflösung aller bürgerlichen Selbstschutzorga- nisationen und Bildung proletarischer Selbstschutzorganisationen in allen Ländern und Gemeinden. Amnestie für alle Delikte, die aus politischen Motiven oder aus Grün- den der bestehenden allgemeinen Not begangen wurden. Freilassung aller politischen Gefangenen. Aufhebung der bestehenden Streikverbote. Sofortige Aufnahme der Handels- und diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland. Indem wir diese Aktionsgrundlage vorschlagen, verheimlichen wir keinen Augenblick, weder uns selbst noch den Arbeitermassen, daß die von uns auf- gestellten Forderungen ihre Not nicht beseitigen können, ohne auch für einen Augenblick darauf zu verzichten, in den Arbeitermassen den Gedanken um den Kampf, um die Diktatur, den einzigen Weg zur Erlösung, weiterzuver- breiten, ohne darauf zu verzichten, die Arbeitermassen in jedem günstigen Moment zum Kampf um die Diktatur aufzufordern und zu führen, ist die Vereinigte Kommunistische Partei bereit, mit anderen Parteien, die sich auf das Proletariat stützen, gemeinsam die Aktion um die oben angeführten Maßregeln durchzuführen. Wir verbergen die Gegensätze nicht, die uns von den anderen Parteien trennen. Wir erklären vielmehr: Wir wollen von den Organisationen, an die wir uns wenden, nicht ein Lippenbekenntnis zu den vorgeschlagenen Aktionsgrundlagen, sondern die Aktion für die aufgestellten Forderungen. Wir fragen die Parteien, an die wir uns wenden, nicht: Haltet ihr diese Forderungen für berechtigt? Das setzen wir voraus. Wir fragen sie: Seid ihr bereit, gemeinsam mit uns für diese Forderungen unverzüglich den rücksichtslosesten Kampf aufzunehmen? Auf diese klare und eindeutige Frage sehen wir einer ebenso klaren und eindeutigen Antwort entgegen. Die Situation erfordert auch eine rasche Ant- wort. Wir erwarten deshalb eine Antwort bis zum 13. Januar 1921. Sollten die Parteien und die Gewerkschaften, an die wir uns wenden, I/O DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK nicht gewillt sein, den Kampf aufzunehmen, so würde die VKPD sich für verpflichtet erachten, diesen Kampf allein zu führen, und sie ist überzeugt, daß ihr die Arbeitermassen folgen werden. Schon heute wendet sich die VKPD an alle proletarischen Organisationen im Reiche und die sich um sie sammelnden Arbeitermassen mit der Aufforderung, in Versammlungen ihren Willen zur gemeinsamen Abwehr gegen den Kapitalismus und die Reaktion, zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Interessen zu bekunden. Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands Die Rote Fahne vom 8. Januar 1921, Morgenausgabe. 52. LEITSÄTZE ZUR TAKTIK DER EINHEITSFRONT UND DER ARBEITERREGIERUNG (1923)47 1. Die Einheitsfronttaktik Der Kampf um die Macht der Arbeiterklasse kann nur als Massenkampf, als Kampf der Mehrheit der Arbeiterklasse gegen die Herrschaft der kapitalisti- schen Minderheit siegreich geführt werden. Die Eroberung der Mehrheit des Proletariats für den Kampf um den Kommunismus ist die wichtigste Auf- gabe der Kommunistischen Partei... Das größte Hindernis der Entwicklung der Einheitsfront des kämpfenden Proletariats ist der Einfluß der reformistischen sozialdemokratischen Führer. Statt ihren ganzen Einfluß zur Bildung der proletarischen Einheitsfront gegen die Bourgeoisie einzusetzen, fesseln sie durch ihre Politik des Burgfriedens mit der Bourgeoisie (Koalitionspolitik, Arbeitsgemeinschaft mit dem Unter- nehmertum, nationale Einheitsfront) große Teile des Proletariats an die ka- 47. Über die Losung »Arbeiterregierung« kam es in der Komintern jahrelang zu heftigen Diskussionen. Die vom VIII. Parteitag der KPD angenommenen Leitsätze bildeten die theoretische Grundlage für den Eintritt der Kommunisten in die sozial- demokratischen Regierungen von Sachsen und Thüringen im Herbst 1923. Nach der Niederlage der KPD im Oktober 1923 und nachdem die Linken die Leitung der KPD übernommen hatten, wurden auch die Thesen zur Arbeiterregierung und Einheits- front geändert. Die KPD erklärte sich zur »einzigen Arbeiterpartei«. Besonders nach 1929 wurde nur noch die Losung »Einheitsfront von unten« - also gegen die sozial- demokratische Parteiführung - zugelassen. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN I/I pitalistische Politik und verhindern sogar jeden ernsten Abwehrkampf der Arbeitermassen, weil diese Kämpfe in der Periode des verfallenden Kapita- lismus die Herrschaft der Bourgeoisie bedrohen. So ist der Kampf um die Einheitsfront gegenwärtig in bedeutendem Maße ein Kampf um die Los- lösung der Massen von der reformistischen Taktik und Führung. Die prole- tarische Einheitsfront wird in den Abwehrkämpfen der Arbeiterklasse ent- stehen trotz der Sabotage und des Widerstandes der reformistischen Führer, da immer stärker werdende Schichten auch der sozialdemokratischen Arbei- ter in diese Kämpfe mit eintreten. Die Einheitsfront wird praktisch her- gestellt durch die gemeinsame Abwehr der Offensive des Kapitals durch die Arbeiter. Im Verlaufe dieser Kämpfe erweist sich die kommunistische Taktik der Taktik der Reformisten überlegen. Die Sozialdemokratie wird zermürbt. Die Kommunisten gewinnen die Sympathie und das Vertrauen der Massen, der Frauen und der Männer, und die Kommunistische Partei wird im Ver- laufe dieser Abwehr- und Offensivkämpfe zur unbestrittenen Führerin der Arbeiterklasse. Die Taktik der Einheitsfront ist kein Manöver zur Entlarvung der Re- formisten, Die Entlarvung der Reformisten ist umgekehrt ein Mittel zur Herstellung der einheitlich geschlossenen Kampfesfront des Proletariats. Die Kommunisten sind in jeder Stunde bereit, mit allen Proletariern und allen proletarisdien Organisationen und Parteien den Kampf für die Interessen des Proletariats zu führen. Die Kommunistische Partei muß sich deshalb in jeder ernsten Situation sowohl an die Massen wie auch an die Spitzen aller proletarischen Organisationen mit der Aufforderung zum gemeinsamen Kampf zur Bildung der proletarischen Einheitsfront wenden. Die Auffas- sung, als sei die Herstellung der Einheitsfront möglich nur durch den Appell an die Massen zum Kampf (nur »von unten«), oder nur durch Verhandeln mit den Spitzenkörperschaften (nur »von oben«), ist undialektisch und starr. Die Einheitsfront wird sich vielmehr entwickeln im lebendigen Prozeß des Klassenkampfes und des Erwachens des Klassenbewußtseins und des Wil- lens zum Kampf bei immer stärker werdenden Schichten des Proletariats. Durch den tatkräftigen Tageskampf gegen die Not der Arbeiterklasse werden auch die durch den Verrat der sozialdemokratischen Führer passiv gewordenen Teile der Arbeiterschaft von neuem für den proletarischen Klas- senkampf gewonnen. Der Kampf um die Einheitsfront führt zur Eroberung der alten prole- tarischen Massenorganisationen (Gewerkschaften, Genossenschaften usw.). Er verwandelt diese durch die Taktik der Reformisten zu Werkzeugen der Bour- geoisie gewordenen Organe der Arbeiterschaft wieder in Organe des prole- tarischen Klassenkampfes, der in der jetzigen Periode nur als Kampf zur Niederwerfung der Bourgeoisie geführt werden kann. Neben der Eroberung dieser alten Organisationen muß die proletarische DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK T72 Einheitsfront zur Durchführung ihrer Ziele auch neue Organe schaffen, die die ganze Klasse erfassen (Betriebsräte, Kontrollausschüsse, politische Arbei- terräte). Nur die ganze Klasse, organisiert in den politischen Räten der Ar- beiter, Angestellten, Beamten und Kleinbauern und in den Betriebsräten, vermag die ganze Macht der ausgebeuteten Klasse als einheitliche Kampf- front der Bourgeoisie gegenüberzustellen, um mit diktatorischer Gewalt alle Widerstände der Gegenrevolution niederzuschlagen. Die in den politischen Arbeiterräten organisierte revolutionäre Einheitsfront zum Sturz der Bour- geoisie kann nicht im Anfang, sondern erst am Ende des Kampfes der Erobe- rung der Massen für den Kommunismus stehen. In der gegenwärtigen Lage Deutschlands ist die Betriebsrätebewegung der erste Schritt zur Sammlung und Organisierung der zum revolutionären Klas- senkampf bereiten Massen. In den nach den Richtlinien des Reichsbetriebs- räte-Kongresses zusammengefaßten Betriebsräten und Kontrollausschüssen hat die deutsche Einheitsfrontbewegung sich bereits eigene Organe geschaffen, mit denen elementare Massenbewegungen erfaßt und ohne und gegen den Willen der sabotierenden Gewerkschafts- und SPD-Bürokratie geführt wer- den können ... in. Der Kampf um die Arbeiterregierung Gegenüber der Koalitionspolitik der VSPD-Führer mit der Bourgeoisie, ihrer Politik der Arbeitsgemeinschaften mit dem Unternehmertum ist die Losung der Arbeiterregierung, die Losung der proletarischen Einheitsfront^ bewegung, die die einzelnen Abschnitte der Kämpfe verbindet. Die Arbeiterregierung kann nur entstehen im Verlaufe der Kämpfe der breiten Massen gegen die Bourgeoisie als Konzession der reformistischen Füh- rer an den Kampfwillen der Arbeiterschaft. Die Arbeiterregierung wird auch nur entstehen in einer Zeit proletarischer Massenkämpfe, in einer Zeit, in der die Positionen der Bourgeoisie infolge ihrer Unfähigkeit, die Krise der Weltwirtschaft zu lösen, durch die Kämpfe der Arbeiterklasse stark er- schüttert werden. Die Arbeiterregierung ist weder die Diktatur des Proletariats, noch ein friedlicher parlamentarischer Aufstieg zu ihr. Sie ist ein Versuch der Arbei- terklasse, im Rahmen und vorerst mit den Mitteln der bürgerlichen Demo- kratie, gestützt auf proletarische Organe und proletarische Massenbewegun- gen, Arbeiterpolitik zu treiben, während die proletarische Diktatur bewußt den Rahmen der Demokratie sprengt, den demokratischen Staatsapparat zerschlägt, um ihn völlig durch proletarische Klassenorgane zu ersetzen. Die Arbeiterregierung ist eine Regierung von Arbeiterparteien, die den Versuch macht, gegenüber der Bourgeoisie eine proletarische Politik zu trei- KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 173 ben durch Abwälzung aller Lasten auf die besitzende Klasse, während die bisherige Koalitionspolitik der SPD zur Abwälzung aller Lasten auf die Arbeiterklasse geführt hat. Eine solche Arbeiterregierung kann aber nur proletarische Politik treiben und das Programm der proletarischen Einheits- front verwirklichen, wenn sie sich auf die breiten Massen der Arbeiterschaft und ihre Organe stützt, die aus der Einheitsfrontbewegung entstehen (Be- triebsräte, Kontrollausschüsse, Arbeiterräte usw.), sowie auf die bewaffnete Arbeiterschaft. . . . Die Beteiligung an der Arbeiterregierung bedeutet für die Kommu- nistische Partei kein Abkommen auf Kosten der revolutionären Ziele des Proletariats, keinen Trick oder taktisches Manöver, sondern die erste Bereit- schaft zum gemeinsamen Kampfe mit den reformistischen Arbeiterparteien, wenn sie ihren Willen klar zeigen, sich vom Bürgertum zu trennen und mit den Kommunisten den Kampf für die Tagesförderungen des Proletariats aufzunehmen. Die Kommunistische Partei muß beim Eintreten in die Arbeiterregierung Bedingungen stellen. Die wichtigsten sind die Teilnahme der Organe der pro- letarischen Einheitsfront an der Gesetzgebung (Beratung und Durchführung) und die Bewaffnung der Arbeiterschaft. Für die Beteiligung der Kommuni- stischen Partei an einer Arbeiterregierung sind jedoch nicht die Versprechun- gen der reformistischen Führer entscheidend, sondern die Einschätzung der allgemeinen politischen Lage, das Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat, die Kampfbereitschaft der proletarischen Massen, das Vorhan- densein eigener Klassenorgane, die Widerstandskraft der reformistischen Bürokratie und in erster Linie die Fähigkeit der Kommunistischen Partei, die Massen zum Kampfe für ihre Forderungen zu führen. Der Kampf für die Arbeiterregierung darf die Propaganda der Kommu- nisten für die Diktatur des Proletariats nicht schwächen, denn die Arbeiter- regierung wie jede Position des Proletariats im Rahmen des bürgerlichen demokratischen Staates ist nur ein Stützpunkt, eine Etappe des Proletariats in seinem Kampfe um die politische Alleinherrschaft. Die Arbeiterregierung ist keine unbedingt notwendige, aber eine mögliche Etappe in dem Kampfe um die politische Macht. Die Kommunistische Partei muß im Verlaufe der Kämpfe den Massen be- weisen, daß nur die geschlossene kommunistische Führung dem Proletariat die Machteroberung sichern kann Aus diesem Grunde ist stärkste Zentralisation und Disziplin, Unterdrückung einerseits aller opportunistischen, reformisti- schen und andererseits scheinradikalen Schwankungen innerhalb der eigenen Reihen die Vorbedingung des siegreichen Kampfes um die Macht des Prole- tariats. i74 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Bericht über die V erhandlungen des III. (8.) Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Abgehalten in Leipzig vom 28. Januar bis 1. Februar 1923 Hrsg, von der Zentrale der KPD Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten Berlin 1923, S. 415-417, 420-422. 53- RESOLUTION ZUR ARBEIT DER KOMMUNISTEN IN DEN FREIEN GEWERKSCHAFTEN (1925) Der X. Parteitag der KPD stellt fest, daß die Stellungnahme und die Be- schlüsse des V. Weltkongresses der KI und des III. Kongresses der RGI zur Gewerkschaftsfrage und zur Herstellung der gewerkschaftlichen Einheit von der inzwischen eingetretenen Entwicklung bestätigt wurden.. 38 Über den tatsächlichen Stand der deutschen Gewerkschaftsbewegung ist folgendes zu konstatieren: Nach dem Kriege strömten die Massen in die Gewerkschaften in der Überzeugung, daß durch die organisatorische Macht der Gewerkschaften die Bedingungen für eine Verbesserung und Sicherung ihrer Existenz geschaffen werden könnten. Doch statt den Kampf um die Existenz des Proletariats zu führen, stellten sich die reformistischen Gewerkschaftsführer auf die Seite des Kapitals. In der Inflationszeit trat der politische, finanzielle und organi- satorische Bankrott der Gewerkschaften offen zutage. War durch die große Arbeitslosigkeit schon ein Mitgliederrückgang in den Gewerkschaften zu ver- zeichnen, so haben der Verrat und der Zusammenbruch das Vertrauen der Massen zu den reformistischen Gewerkschaften noch weiter erschüttert, so daß die Mitglieder in Scharen die Verbände verließen. Selbst weit in die Reihen der Kommunistischen Partei hinein wurde die Auffassung vertreten, 48 48. Der V. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale tagte vom 17. Juni bis 8. Juli 1924 in Moskau. Auf dem Kongreß referierte u. a. Losowski, der Vor- sitzende der Roten Gewerkschaftsinternationale, das Korreferat hielt Fritz Heckert. Beide sprachen sich für die Gewerkschaftseinheit aus. Die verschiedenen von den Kommunisten beeinflußten selbständigen Gewerkschaften sollten in die freien Ge- werkschaften überführt werden und alle Kommunisten in den freien Gewerkschaften arbeiten. Schuhmacher, der für das Berliner »Kartell selbständiger Gewerkschaften« und dessen 20 000 Mitglieder sprach, opponierte gegen diese Ansichten. Er wurde später aus der KPD ausgeschlossen. Der III. Kongreß der Roten Gewerkschafts- internationale (RGI) bestätigte die Beschlüsse der Komintern. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN I/J daß diese Gewerkschaften dem Proletariat nichts nutzen könnten (Schuhma- cher, Kaiser, Weyer). Der Mitte 1924 eingetretene Stillstand des gewerkschaftlichen Nieder- gangs und der langsam einsetzende Wiederaufstieg der Gewerkschaften haben neben der Auswirkung der Goldstabilisierung in erster Linie ihre Ursachen: in der Arbeit und Agitation der Kommunistischen Partei für den Wie- dereintritt in die freien Gewerkschaften, für die Gewerkschaftseinheit; in der allgemeinen Erkenntnis der Massen, daß es ohne starke Wirt- schaftsorganisationen nicht möglich ist, erfolgreiche Kämpfe gegen das Unter- nehmertum zu führen. Die deutschen reformistischen Gewerkschaftsführer sind besonders er- bitterte Feinde der Herstellung der nationalen und internationalen Ge- werschaftseinheit, weil sie als Mitarbeiter am kapitalistischen Wiederauf- bau engagiert sind und aus diesem Grunde jeden konsequenten Kampf ge- gen das Kapital ablehnen müssen. Daraus erklärt sich auch ihr hartnäk- kiger Kampf gegen die revolutionäre Gewerkschaftsopposition. Die Arbeit der Kommunisten Die Massenflucht aus den Gewerkschaften hat auch den kommunistischen Einfluß in den Gewerkschaften vermindert. Das wirkt sich gerade jetzt in den gegenwärtigen Kämpfen um den Achtstundentag, um höhere Löhne, ge- gen Zoll- und Steuerraubzug, gegen die drohende Kriegsgefahr usw. für das Proletariat verhängnisvoll aus. Andererseits bedeutet die dadurch bedingte Passivität der Masse eine Stärkung des verderblichen Einflusses der SPD- Politik in den Gewerkschaften. Die ganze SPD-Koalitionspolitik ist nur möglich durch ihre Beherrschung der Gewerkschaften und damit der großen Massen des Proletariats. Ergibt sich schon aus diesen Tatsachen die Notwendigkeit der kommunisti- schen Arbeit in den Gewerkschaften, so noch weit mehr aus der Rolle, die die Gewerkschaften im Befreiungskampf des Proletariats überhaupt spielen. Die Gewerkschaften sind die Kampforgane der gesamten Klasse, die alle Proletarier ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung umfassen können und zusammenfassen müssen zum Kampf für ihre wirtschaftlichen Interessen. Um diese Massenorganisationen für den revolutionären Kampf auszu- nützen, die Massen für die soziale Revolution zu gewinnen und sie dem Reformismus zu entreißen, ist notwendig: daß jeder Kommunist ein tätiges Mitglied der Gewerkschaften ist, das heißt, daß die Kommunisten ständig für die Ausbreitung und Stärkung der Gewerkschaften wirken, sich praktisch an jeder, auch der kleinsten gewerk- schaftlichen Arbeit aktiv beteiligen, ständig ihre gewerkschaftlichen Kennt- ’7^ DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK nisse erweitern, in jeder Frage führend und vorwärtstreibend vorangehen und imstande sind, jedem einfachen Arbeiter in den täglichen Kämpfen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen; daß sich jeder Kommunist bereit erklärt und verpflichtet, jede Gewerk- schaftsfunktion (Vertrauensmann im Betrieb, Branchenvertreter, General- versammlungsvertreter, Mitglied der Bezirks- und Ortsverwaltungen, Be- triebsratsposten usw.) zu übernehmen, um jeden Funktionärsposten zu kämp- fen und ihn im höchsten Pflichteifer auszufüllen; daß von der Partei eine große Massenkampagne für den Eintritt aller Proletarier in die Gewerkschaften geführt wird (es müssen dazu in allen Orten und Bezirken öffentliche und Betriebsversammlungen von der Partei veranstaltet werden); daß in allen gewerkschaftlichen Ortsgruppen, Ortsausschüssen, Bezirks- organisationen usw. festgefügte und gut arbeitende Fraktionen gebildet und ausgebaut werden, daß alle KPD-Mitglieder restlos auf ihre gewerkschaft- liche Zugehörigkeit registriert werden, daß alles getan wird, um mehr als bisher die Bildung eines linken Oppositionsblocks in den Gewerkschaften zu fördern; daß die Aufmerksamkeit der Partei besonders auf die in den Gewerk- schaften organisierten Frauen gerichtet wird. Bei der wichtigen Rolle, die die Frauen in den Kämpfen des Proletariats zu erfüllen haben, ist es unbe- dingt erforderlich, daß die Partei sich mit aller Energie für deren Aufklärung und Zusammenfassung einsetzt; daß die Partei für die Zusammenarbeit der Partei- und Jugendfrak- tionen Sorge trägt. Die Heranbildung von gewerkschaftlichen Funktionären der Jugend muß zur Pflicht der Partei gemacht werden; daß die Kommunisten auch unter den jugendlichen Gewerkschaftsmit- gliedern arbeiten. Dies muß geschehen durch systematische Werbearbeit der Partei zusammen mit dem KJV«? für den Eintritt der Jugendlichen in die freien Gewerkschaften. Auf die Schaffung von jugendlichen gewerkschaft- lichen Betriebsvertrauensleuten ist der größte Nachdruck zu legen. Der systematischen Erziehung zum Reformismus in den Gewerkschafts- Jugendabteilungen muß innerhalb dieser Organisation eine zielbewußte kommunistische Aufklärungs- und Fraktionsarbeit entgegengestellt werden... Die wichtigste Arbeit der Gegenwart ist der Kampf um die Gewerkschafts- einheit. Dazu ist notwendig, daß die Frage der Herstellung der gewerk- schaftlichen Einheit weit mehr als bisher mit den täglichen Kämpfen verbun- den wird. Es darf keine Bewegung geben, ob es um Lohn, Arbeitszeit oder 49. Mit KJV ist der Kommunistische Jugendverband Deutschlands gemeint. Die am 27. Oktober 1918 gegründete Freie Sozialistische Jugend hatte sich am 12. Fe- bruar 1920 in Kommunistische Jugend Deutschlands umbenannt. Später wurde der Name Kommunistischer Jugendverband Deutschlands angenommen. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN I77 sonstige Fragen geht, in der nicht von den Kommunisten an Hand der kon- kreten Lage auf die Notwendigkeit der Gewerkschaftseinheit hingewiesen wird, um so zu erreichen, daß die Massen wirklich die Herstellung der Ge- werkschaftseinheit als eine Lebens- und Existenzfrage betrachten. Die Gewerkschaftseinheit muß in weitgehendstem Maße gefördert werden durch Verstärkung der Kampagne für die engste Verbindung der deutschen Gewerkschaften mit der revolutionären Arbeiterklasse Sowjetrußlands, durch die Propaganda, durch Entsendung von Delegationen nach Sowjetrußland, Bildung von Einheitskomitees, bestehend aus Arbeitern der verschiedensten Gewerkschaften und Parteirichtungen. (Einheitskomitees dürfen aber nur das Endergebnis einer Kampagne um die Einheit, der Ausdruck des so er- zeugten Massen willens und keine organisatorische Spielerei sein.) Zur weiteren Unterstützung der Einheitsbewegung und der Arbeit der Kommunisten in den Gewerkschaften ist die Kampagne für die planmäßige Überführung der selbständigen Verbände in die freien Gewerkschaften fort- zusetzen. Alle dagegen auftretenden Tendenzen und meist mit scheinradi- kalen Redensarten operierenden Personen und Gruppen müssen energisch bekämpft werden. Die Herstellung der Gewerkschaftseinheit — national und international — ist eine revolutionäre Notwendigkeit, ist eine Vorbedingung für den erfolg- reichen Kampf und endgültigen Sieg des Proletariats. Inwieweit es den Kommunisten gelingt, diese notwendigen Arbeiten in der Gewerkschaftsbewegung durchzuführen, inwieweit sie imstande sind, ihren Einfluß in den Gewerkschaften zu stärken und die Führung in den Kämpfen der Arbeiter zu übernehmen — daran wird der Erfolg und die Stärke der gesamten Parteiorganisation zu ermessen sein. Unter diesem Ge- sichtspunkte ist die Verstärkung der Gewerkschaftsarbeit die nächste und wichtigste Aufgabe für die KPD in der Vorbereitung und Führung der Re- volution. Beschlüsse des X. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) Berlin 1925, S. 54-58. i78 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 54- AUS DER RESOLUTION DES XII. PARTEITAGES DER KPD (1929) viii Die taktische Wendung der KPD Die Veränderung der internationalen Lage, die Verschärfung des Klas- senkarnpfes in Deutschland, die Perspektive des imperialistischen Krieges, die konterrevolutionäre Entwicklung der Sozialdemokratie und vor allem der neue revolutionäre Aufschwung der Arbeiterbewegung machten es zur gebieterisdien Pflicht unserer Partei, ihre Taktik den neu entstandenen Kampfbedingungen anzupassen. Das Wesen der taktischen Wendung, die auf Grund der Beschlüsse der Komintern seit dem VI. Weltkongreß*0 in Deutschland durchgeführt wurde, bildet der rücksichtslose, kühne Angriff auf den Reformismus, der Übergang von der agitatorischen Entlarvung der reformistischen Verräter und von der bloßen Sammlung und Vorbereitung der Arbeitermassen für den revolutionären Kampf zur selbständigen Lei- tung der proletarischen Massenaktionen gegen den deutschen Imperialismus. Die taktische Wendung der KPD bedeutet die Anwendung neuer Formen der revolutionären Massenmobilisierung, neuer Formen der proletarischen Einheitsfront von unten, neuer Kampfformen gegen die Bourgeoisie und den Reformismus. In den Wirtschaftskämpfen, den Betriebsrätewahlen, in der Erwerbslosenbewegung, in den Maikämpfen, im Kampf gegen die Kriegs- gefahr, gegen den Faschismus, gegen die polizeilichen Verbots- und Unter- drückungsmaßnahmen wurden und werden diese neuen Kampfformen zum ersten Male in der Praxis verwirklicht, erprobt und durch die Schöpferkraft der Massen aufgegriffen und fortgebildet. Bei verstärkter Fortsetzung ihrer oppositionellen Arbeit in den freien Gewerkschaften richtet die Partei in steigendem Maße ihre Orientierung auf die neuen Schichten des Proletariats, auf die Millionenmassen der unorganisierten Arbeiterschaft. Weit entfernt, die Partei von den Massen zu isolieren (wie die liquidatorisch-versöhnleri- schen Opportunisten verleumderisch behaupten), erfüllt diese Taktik viel- mehr die Leninsche Voraussetzung des Kampfes um die Macht: die Erobe- 50. Der VI. Weltkongreß der Komintern fand zwischen dem 17. Juli und 1. Sep- tember 1928 in Moskau statt und hielt 46 Sitzungen ab. Auf der Tagesordnung standen u. a. »Kampf gegen die imperialistische Kriegsgefahr«, die Programmfrage, die Lage in der UdSSR und die Kolonialfrage. Der Kongreß bereitete eine Links- wendung der Komintern (entsprechend Stalins Schwenkung nach links in der Sowjet- union) vor. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN *79 rung der Mehrheit des Proletariats in den entscheidenden Zentren, ohne die ein Sieg der Revolution unmöglich ist. In der Vorbereitung und Durchfüh- rung der proletarischen Bewegung schafft die Partei revolutionäre Massen- organe (Kampfleitungen, Streikleitungen, Selbstschutzorgane, Aktionsaus- schüsse, Erwerbslosenausschüsse, rote Betriebsräte, Arbeiterdelegiertenkon- ferenzen, Arbeiterinnendelegiertenkonferenzen usw.), mit deren Hilfe die Klasseneinheit der Arbeiter verwirklicht, ihre Kampfkraft bis zum Höchst- maß entfaltet und ihrem Kampfwillen eine organisierte Form verliehen wird. Besonders wichtig ist der sofortige Aufbau eines revolutionären Ver- trauensmännerkörpers in allen Betrieben, um den kommunistischen Einfluß in den Betrieben auf der breitesten Grundlage organisatorisch zu festigen. Diese Politik bedeutet nicht eine Einschränkung der bolschewistischen Ein- heitsfronttaktik, sondern die Verlegung ihres Schwergewichts nach unten, in die Betriebe, die Ausdehnung der proletarischen Einheitsfront bis weit über den Rahmen der freigewerkschaftlich und sozialdemokratisch organi- sierten Arbeiter hinaus auf die Mehrheit des gesamten Proletariats. Die Partei muß mit verstärkter Kraft das Bündnis des revolutionären Pro- letariats mit allen Werktätigen schmieden und die Hegemonie der Arbei- terklasse innerhalb dieses Bündnisses unerschütterlich fest verankern. Der Verzicht auf diese Aufgabe würde die Auslieferung breiter Massen des städ- tischen Kleinbürgertums und der armen Bauernschaft an den Reformismus und Faschismus bedeuten. Angesichts des neuen Aufschwungs der Arbeiterbewegung muß die takti- sche Generallinie der Partei darauf gerichtet sein, den neuen revolutionären Aufschwung der deutschen Arbeiterbewegung zu organisieren, den Haß und Widerstand der proletarischen Massen gegen den deutschen Imperialismus, seine Kriegs- und Wehrpolitik zu entfachen, Millionen gegen die reaktio- näre Koalitionspolitik aufzurütteln und vom Reformismus loszureißen und über alle Formen und Stufen der Bewegung hinweg den Kampf für die Dik- tatur des Proletariats zu führen. Im Kampf um die Teil- und Tagesförde- rungen des Proletariats muß die Partei immer schärfer, klarer, offener die Fahne der kommunistischen Endziele entfalten: Sturz der Bourgeoisie, revo- lutionäre Machtergreifung des Proletariats, Errichtung der sozialistischen Sowjetrepublik. In dem Maße, wie erneut eine akut revolutionäre Situation heranrückt, ist die Stoßkraft, Entschlossenheit und Initiative der Kommunistischen Par- tei von ausschlaggebender Bedeutung. Ihre Aufgabe ist es, in der gegenwär- tigen Situation die objektiv revolutionäre Krise zur Organisierung der revo- lutionären Massenaktion des Proletariats auszunutzen. Am größten ist gegenwärtig für die Partei und das Proletariat die Gefahr, daß die Partei nicht den kämpfenden Arbeitermassen vorangeht, sondern hinter ihnen zurückbleibt, daß sie die Kampfkraft der Arbeiter- i8o DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK klasse und ihre eigene Kraft unterschätzt. Gerade diese spießbürgerlich- konservative, den Klassenkampf lähmende und desorganisierende Tendenz wird von den Versöhnlern vertreten (Sabotage und fraktioneller Kampf gegen die Beschlüsse des VI. Weltkongresses, Kapitulationspolitik in der Frage der Reverse und Ausschlüsse, arbeiteraristokratische Geringschätzung der Unorganisierten u. a.). Die Partei, die in jahrelangem Kampf gegen die verschiedenen Schattierungen des Opportunismus — von den »ultralinken« Trotzkisten bis zu den rechten Brandieristen — erstarkt und gewachsen ist, muß diese antileninistischen Gruppen bis zur Vernichtung bekämpfen. Die Partei, die heute — trotz aller Verleumdungen der Liquidatoren und Versöhn- ler — einheitlicher, stärker, fester, schlagkräftiger als jemals zuvor den Ent- scheidungskampf um die Eroberung der Arbeiterklasse aufnimmt, muß die neue Generallinie ihrer Taktik mit allen Mitteln und gegen jeden Feind bis zu Ende fortsetzen. Angesichts der Gefahren des Krieges, des Faschismus und der Illegalität verbindet sich die Partei noch fester mit den Nöten und Lei- den, mit den revolutionären Forderungen und Kämpfen der ausgebeuteten Massen. Die taktische Linie der Partei ist klar auf die revolutionäre Perspek- tive der bevorstehenden Kämpfe gerichtet. Beschlüsse des XII. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) o. O. und o. J. (1929), S. 26-28. STALINS THESE VOM SOZIALFASCHISMUS Manch einer glaubt, die Bourgeoisie sei, nicht der Not gehorchend, sondern aus eigenem Triebe, sozusagen aus freien Stücken, zum »Pazifismus« und »Demokratismus« gekommen. Dabei wird angenommen, daß die Bourgeoi- sie, nachdem sie die Arbeiterklasse in entscheidenden Kämpfen (Italien, Deutschland) geschlagen habe, sich als Siegerin fühle und sich jetzt den »De- mokratismus« erlauben könne. Mit anderen Worten, solange entscheidende Kämpfe im Gange waren, habe die Bourgeoisie eine Kampforganisation, den Faschismus gebraucht, jetzt aber, da das Proletariat geschlagen sei, brau- che die Bourgeoisie den Faschismus nicht mehr und könne ihn durch den »De- mokratismus« als die beste Methode zur Verankerung ihres Sieges ersetzen. Daraus wird die Schlußfolgerung gezogen, die Macht der Bourgeoisie habe sich gefestigt, man müsse die »Ära des Pazifismus« als lang andauernd, die Revolution in Europa aber als auf die lange Bank geschoben ansehen. Diese Annahme ist völlig falsch. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN l8l Erstens trifft es nicht zu, daß der Faschismus nur eine Kampforganisation der Bourgeoisie sei. Der Faschismus ist nicht nur eine militär-technische Kate- gorie. Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemo- kratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus. Es liegt kein Grund zu der Annahme vor, die Kampforganisation der Bourgeoisie könnte ohne die aktive Unterstützung durch die Sozialdemokratie entscheidende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Ebensowenig liegt Grund zu der Annahme vor, die Sozialdemokratie könnte ohne die aktive Unterstützung durch die Kampforganisation der Bourgeoisie entschei- dende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen ein- ander. Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder. Der Faschismus ist der nicht ausgestaltete politische Block dieser beiden grundlegenden Orga- nisationen, der unter den Verhältnissen der Nachkriegskrise des Imperialismus entstanden und auf den Kampf gegen die proletarische Revolution berechnet ist. Die Bourgeoisie kann sich ohne das Vorhandensein eines solchen Blocks nicht an der Macht behaupten. Darum wäre es ein Fehler, wollte man glau- ben, der »Pazifismus« bedeute die Beseitigung des Faschismus. »Pazifismus« unter den jetzigen Verhältnissen bedeutet Festigung des Faschismus, wobei sein gemäßigter, sozialdemokratischer Flügel in den Vordergrund geschoben wird... J. W. Stalin: Zur internationalen Lage »Bolschewik« vom 20. September 1924 in: Stalin Werke, Band 6 Dietz-Verlag, Berlin 1952, S. 252/253. i82 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK $6. THESEN DER KPD ÜBER DEN SOZI ALFASCH ISMUS 51 A Die Sozialdemokratie spielt als leitende Partei der Koalitionsregierung eine weit reaktionärere Rolle als in der vergangenen Zeit. Ihr soziales Schwer- gewicht verschiebt sich sowohl in der Wählermasse als auch in den Partei- organisationen immer mehr vom Proletariat auf das Kleinbürgertum, auf die Arbeiteraristokratie und die Arbeiterbürokratie der bürgerlichen Republik, die den politischen Kurs des Reformismus bestimmen. Auf Grund der Mono- polprofite der Truste, der Extraprofite des Kapitalexports sowie der ver- änderten Arbeitseinteilung in den rationalisierten Betrieben ist in den letzten Jahren eine neue Arbeiteraristokratie entstanden. Diese bestochene, verbür- gerlichte Oberschicht von Spitzeln, Aufpassern, gutbezahlten Staats- und Gewerkschaftsbeamten usw. spielt eine bedeutsame revolutionsfeindliche Rolle... In der gegenwärtigen Periode ist die »linke« Sozialdemokratie der Haupt- feind des revolutionären Proletariats innerhalb der Arbeiterbewegung, weil ihre Methoden zur Unterstützung der imperialistischen Politik die geschmei- 51. Wie die KPD-Führung Demokratie und Faschismus gleichsetzte, so machte sie auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Sozialdemokratie und NSDAP. Beide wurden, nach Stalins Behauptung, als Flügel des Faschismus betrachtet. Die wieder- gegebenen Beispiele sind eine Auswahl typischer Thesen zu diesem Komplex. Schon auf dem XII. Parteitag der KPD 1929 hatte z. B. der Delegierte Albert Funk er- klärt: »Die Sozialdemokratie ist also auch in ihrer Zusammensetzung vollkommen eine Partei des Bürgertums. .. Wir müssen daraus unbedingt die Lehre ziehen, nidit etwa mit solchen >linken< Sozialdemokraten noch einen Weg zusammenzugehen, son- dern, daß die >linken< Sozialdemokraten tausendmal gefährlicher für die proletarische Revolution sind als die rechten ...« Das Politbüro-Mitglied Paul Merker sagte in einem Referat: »Gegenüber den rech- ten Renegaten des Kommunismus, den Brandler, Thalheimer, Walcher und Versöhn- lern, die das Entstehen des Faschismus als eine Entwicklung betrachten, die sich nicht nur gegen die revolutionäre Arbeiterschaft, sondern angeblich auch gegen die Sozial- demokratie vollzieht, stellen wir eindeutig fest, daß sich die faschistische Entwick- lung in Deutschland nicht nur in der offensichtlichen Förderung der faschistischen Organisationen durch Regierung, bürgerliche Partei und Unternehmertum, ... son- dern vor allem in dem Verwachsen des bürgerlichen Staatsapparates mit dem sozial- imperialistischen Gewerkschaftsapparat ausdrückt...« KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 183 digsten und wirksamsten sind. Wer diese Tatsache nicht anerkennt, verhindert den Kampf gegen den Reformismus und die Mobilisierung der Massen gegen den imperialistischen Krieg.« (Weddinger Parteitag der KPD, Juni 1929) B Schärferer Kampf gegen Sozialfaschismus Die zentrale Aufgabe der KPD bleibt in der gegenwärtigen Situation, die durch die Annahme des Youngplans und des Republikschutzgesetzes bei der fortschreitenden Verschärfung des Klassenkampfes gekennzeichnet wird, die Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse, die Eroberung der ausschlag- gebenden Massen des Proletariats und aller Werktätigen. Dieser Kurs be- deutet eine erhebliche Verschärfung des Kampfes gegen den Sozialfaschismus. Das Plenum des ZK konstatiert die Notwendigkeit, viel stärker als bisher für die Herstellung der revolutionären Einheitsfront von unten, für die Isolierung der sozialfaschistischen Führerschaft und die weitgehende Einbe- ziehung der sozialdemokratischen Arbeiter in die revolutionäre Klassenfront zu wirken. (Plenum des ZK der KPD, März 1930) c Die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie Die Weltwirtschaftskrise hat mit aller Klarheit die Rolle der internationalen Sozialdemokratie als der sozialen Hauptstütze der Diktatur der Bourgeoisie offenbart. In allen ausschlaggebenden Etappen der Entwicklung des Klassen- kampfes seit dem imperialistischen Weltkrieg und der Entstehung der prole- tarischen Diktatur stand die Sozialdemokratie auf Seiten des Kapitalismus, gegen die Arbeiterklasse. Sie schickte Millionen Proletarier auf die imperia- listische Schlachtbank unter der Flagge der »Vaterlandsverteidigung«. Sie half »ihrer« Bourgeoisie bei der Durchführung der militärischen Intervention gegen die Sowjetunion in den Jahren 1918/20. Sie rettete den Kapitalismus vor der proletarischen Revolution unmittelbar nach dem Kriege (Deutsch- land, Österreich, Ungarn, Italien, Finnland). Sie half der Bourgeoisie aktiv, die kapitalistische Wirtschaftsform befestigen. Sie spannte die Arbeiter- massen in das Joch der kapitalistischen Rationalisierung ein. Sie bietet jetzt, im Augenblick der schwersten Krise, alle Anstrengungen auf, um das kapita- 184 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK listische System der Ausbeutung und der Sklaverei vor dem heraufziehenden Untergang zu retten. Die gesamte Entwicklung der Sozialdemokratie seit dem Kriege und seit der Entstehung der Sowjetmacht in der Sowjetunion ist ein ununterbrochener Evolutionsprozeß zum Faschismus. (XI. EKKI-Plenum, April 1931) Die wichtigsten Beschlüsse der Kommunistischen Internationale und der KPD nach dem VI. Weltkongreß im Zitat Hrsg, von der KPD, o. O. und o. J. (1932), S. 20-22. D Der Sozialfaschismus ... Aber der Sozialfaschismus, der in alle Poren des kapitalistischen Staats- apparates eingedrungen ist und bei fetten Sinekuren die räuberische »Staats- ordnung« hütet, ist heute in- und außerhalb der Regierung der eifrigste Verfechter des faschistischen Terrorregimes gegen die Arbeiterklasse. Die Sozialdemokraten Braun und Waentig waren es, die die sofortige Entlassung aller Beamten, die sich zum Kommunismus bekennen, proklamierten. Die Zörgiebelei ist weltberühmt. Sozialfaschistische Polizeipräsidenten und Offi- ziere sind es, die bei den Arbeitermorden der Faschisten die Arbeiter ver- haften und den Faschisten hilfreich zur Seite stehen. Alle diese, sich täglich wiederholenden Wahrheiten und Tatsachen müssen wir immer und immer wiederholen, die sozialdemokratischen Arbeiter und Anhänger von diesen Tatsachen, die sich ebenso gegen sie richten als Arbeiter wie gegen die Kom- munisten, zu überzeugen, welch schändliche Henkerrolle die sozialfaschistische Führerschaft spielt. All das muß man immer und immer wiederholen, um zu erkennen, wie notwendig der revolutionäre Kampf gegen den Faschismus in all seinen For- men ist und der Faschismus nicht geschlagen und besiegt werden kann ohne den Sieg über den Sozialfaschismus... Hermann Remmele: Sowjetstern oder Hakenkreuz. Die Rettung Deutschlands aus der Youngsklaverei und Kapitalknechtschaft (Rede vom 8. Juli 1930) Internationaler Arbeiterverlag, Berlin o. J., S. 9. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN l8j E Thälmann: spd und nsdap sind Zwillinge Wie steht es nun mit dem Verhältnis zwischen der Politik der Hitlerpartei und der Sozialdemokratie? Schon das XI. Plenum hat von einer Verflechtung dieser beiden Faktoren im Dienste des Finanzkapitals gesprochen. Am klar- sten hat Genosse Stalin schon im Jahre 1924 die Rolle dieser beiden Flügel gekennzeichnet, indem er von ihnen als von Zwillingen sprach, die einander ergänzen. Gegenwärtig zeigt sich diese Entwicklung in Deutschland unverkenn- bar... Auch in der Frage der Terrororganisation ahmt die SPD immer mehr den Hitlerfaschismus nach. Man braucht hier nur an die Reichsbannerschufo oder neuerdings an die sogenannten Hammerschaften der Eisernen Front zu den- ken, die als Hilfsinstrumente der Kapitalsdiktatur zur Verteidigung des kapitalistischen Systems gegen das revolutionäre Proletariat eingesetzt wer- den sollen. Vor allem aber sind es die Preußen-Regierung der SPD und des ADGB, die die Rolle der Sozialdemokratie als aktivster Faktor bei der Faschisie- rung Deutschlands, wie sie das XI. Plenum festgestellt hat, durch ihre Praxis voll und ganz bestätigen. Während so die Sozialdemokratie sich immer mehr dem Hitlerfaschismus nähert, betont dieser umgekehrt seine Legalität und betritt neuerdings offen auch die Plattform der Brüningschen Außenpolitik... An allen diesen Punkten zeigte sich die weitgehende gegenseitige Annähe- rung der SPD und der Nationalsozialisten auf der Linie der Faschisierung ... Warum müssen wir den Hauptstoß gegen die Sozialdemokratie richten? Unsere Strategie, die den Hauptstoß gegen die Sozialdemokratie lenkt, ohne dadurch den Kampf gegen den Hitlerfaschismus abzuschwächen, unsere Stra- tegie, die gerade durch den Hauptstoß gegen die Sozialdemokratie überhaupt erst die Voraussetzungen für eine wirksame Bekämpfung des Hitlerfaschismus schafft — diese Strategie ist nicht verständlich, wenn man die Rolle der prole- tarischen Klasse als der einzigen bis zu Ende revolutionären Klasse nicht klar verstanden hat... Die praktische Anwendung dieser Strategie in Deutschland erfordert den Flauptstoß gegen die Sozialdemokratie. Sie ist mit ihren »linken« Filialen die gefährlichste Stütze der Feinde der Revolution. Sie ist die soziale Haupt- stütze der Bourgeoisie, sie ist der aktivste Faktor der Faschisierung, wie das XL Plenum sehr richtig aussprach, und sie versteht zugleich in der gefähr- lichsten Art, als »gemäßigter Flügel des Faschismus« die Massen durch ihre i86 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Betrugsmanöver für die Diktatur der Bourgeoisie und für ihre faschistischen Methoden einzufangen. Die Sozialdemokratie schlagen, das ist gleichbedeutend damit, die Mehr- heit des Proletariats zu erobern und die wichtigste Voraussetzung für die proletarische Revolution zu schaffen . . . Was heißt revolutionäre Einheitsfront politik? Revolutionäre Einheitsfrontpolitik durchführen, das heißt schonungslosen Kampf gegen die Sozialfaschisten aller Schattierungen betreiben, vor allem gegen die gefährlichsten »linken« Spielarten des Sozialfaschismus, gegen die SAPD, gegen die Brandler-Gruppe und ähnliche Cliquen oder Richtungen. Revolutionäre Einheitsfrontpolitik betreiben, das heißt wirklich unten in den Betrieben und auf den Stempelstellen die Massen zum Kampf mobilisieren. Revolutionäre Einheitsfrontpolitik — das erfordert systematische, geduldige und kameradschaftliche Überzeugung der sozialdemokratischen, christlichen und auch nationalsozialistischen Arbeiter von der Verräterrolle ihrer Führer. Die Einheitsfront kann nicht parlamentarisch durch Verhandlungen Zu- standekommen. Sie kann nicht durch Abkommen mit anderen Parteien oder Gruppen Zustandekommen, sondern sie muß aus der Bewegung der Massen erwachsen und, von dieser Bewegung getragen, eine wirklich lebendige Kampf- front darstellen. Gemeinsame Verhandlungen der KPD mit der SPD, SAPD oder Brand- lergruppe gibt es nicht, darf es nicht geben! ... Ernst Thälmann: Der revolutionäre Ausweg und die KPD Rede auf der Plenartagung des ZK der KPD am 19. Februar 1932 in Berlin S. 25, 36/37, 60/61. 57- ERKLÄRUNG DES ZK DER KPD ZU DEN BETRIEBSRÄTEWAHLEN 1930 »Kommunist sein, heisst Todfeind des Sozialfaschismus sein« Verjagt die Sozialfaschisten aus den Funktionen im Betrieb! Das Politbüro des ZK der KPD nahm in seiner Sitzung vom 7. Februar zur Beschwerde einiger früherer Mitglieder der Betriebszelle Ullstein gegen ihren KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 187 Ausschluß Stellung und bestätigte vollinhaltlich den Beschluß der Bezirks- leitung Berlin-Brandenburg-Lausitz. Begründung: Die Betriebsrätewahlen müssen in allen Betrieben auf Grund betrieblicher Kampfforderungen durchgeführt werden. Nur solche revolutionären Arbei- ter, die überzeugt die Beschlüsse des 1. Reichskongresses der revolutionären Gewerkschaftsopposition und die betrieblichen Kampfforderungen vertreten und fähig sind, den Kampf um die Forderungen im Betrieb zu führen, kön- nen als Kandidaten aufgestellt werden. Damit die Agitation und die Organisierung des Kampfes für die Forde- rungen sowie die Auswahl der Kandidaten rechtzeitig erfolgt, sollen in allen Betrieben rote Betriebs Wahlausschüsse von der Belegschafts Versammlung ge- wählt werden. Bei der Auswahl der Kandidaten ist maßgebend ihre Stellung- nahme zu den Kampfforderungen, insbesondere ihre Stellungnahme gegen den Sozialfaschismus. Selbstverständlich muß dabei berücksichtigt werden, daß möglichst die wichtigsten Abteilungen und Sparten auf der Kandidaten- liste vertreten sind. Durch klare Formulierung der Kampfforderungen ist jeder Arbeiter vor die Frage gestellt, ob er unter Führung der revolutionären Gewerkschaftsopposition für seine elementarsten Forderungen und gegen Rationalisierung, Teuerung, faschistischen Polizeiterror und Sozialfaschismus kämpfen will, oder ob er die Politik der Hungerregierung unterstützt. Die Ausgeschlossenen wollten unter dem Deckmantel der »SpartenVorschläge« eine gemeinsame Betriebsratskandidatenliste aus Vertretern dieser zwei un- versöhnlich .entgegengesetzten Klassenlinien zusammenstellen. Eine gemein- same Kandidatenliste hätte bedeutet: Verzicht auf den Kampf gegen den Sozialfaschismus und Diskreditierung der Kommunistischen Partei und der revolutionären Gewe^k,schaftsopposition. Revolutionäre Arbeiter können nur auf roten Betriebsrätelisten kandidieren. Die Ausgeschlossenen verzichteten auf den Kampf gegen den Sozial- faschismus im Betrieb und führten nicht den Kampf gegen die kapitalistische Rationalisierung. Das zeigte sich besonders in der Ablehnung der Delegation zum Reichskongreß der revolutionären Opposition und in der Ablehnung der Kongreßbeschlüsse. Kommunist sein, heißt Todfeind des Sozialfaschismus sein, niemals vor dem Sozialfaschismus zu kapitulieren, sondern mit allen Kräften für die Befreiung der Arbeitermassen von sozialfaschistischem Einfluß und gegen die kapitalistische Herrschaft zu kämpfen. Nur wer diese Politik im Betrieb durchführt, hat Platz in den Reihen unserer Partei. Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die Rote Fahne vom 9. Februar 1930. i88 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 58. LINKE FEHLER UND ÜBERTREIBUNGEN IN DER FRAGE DES SOZIALFASCHISMUS von Ernst Thälmann (1930)^ Bei dieser Fragestellung ist es notwendig, jene Übertreibungen oder — ich gehe einen Schritt weiter — die neuesten »Theorien« über den Sozialfaschis- mus, wie sie in der Partei zum Ausdruck gekommen sind, festzustellen. Hat nicht der Weddinger Parteitag der Partei in dieser Frage eine klare und deutliche Formulierung durch seine Beschlüsse gegeben? Besonders ge- genüber denjenigen, die — wie die Versöhnler — damals noch die faschistischen Tendenzen innerhalb der Sozialdemokratie leugneten und die sogar die Ent- wicklung der Sozialdemokratie zum Sozialfaschismus bestritten. Wir haben gegen diese falsche Theorie auf das schärfste prinzipiell gekämpft. Diese rechte opportunistische Einstellung hat leider in der letzten Zeit in unseren eigenen Reihen ein Gegenstück gefunden mit der Tendenz, alle Erscheinungen im politischen Leben als »Sozialfaschismus« bezeichnen zu wollen. Zwar ist der Sozialfaschismus der Waffenträger der faschistischen Diktatur. Der Sozialfaschismus ist aber nicht nur eine Theorie, sondern praktisches politisches Leben, wo neben einer konterrevolutionären Führerschaft, Be- triebsfunktionäre und sozialdemokratische Arbeiter nach verschiedenartigen Eigentümlichkeiten der Verhältnisse im Betrieb, bei den Erwerbslosen usw. zu beobachten sind. Eine Partei, die diese Tatsachen negiert und eine be- sondere Theorie an die Stelle der Beschlüsse des Parteitages stellen würde, wird ihre geschichtliche Mission des Kampfes um die Mehrheit des Prole- tariats nicht erfüllen können. Audi eine solche Führung wird von der Mit- gliedschaft und von der historischen Situation später zu? Rechenschaft ge- zogen werden. Wir sind gezwungen, dem Zentralkomitee einige Tatsachen zu unterbrei- ten, um zu zeigen, wieweit diese Abweichungen bereits in unsere eigenen Reihen eingedrungen sind. In letzter Zeit sind eine ganze Reihe von Artikeln Diese selbstkritische Stellungnahme Thälmanns zeigt die verheerende Auswir- kung der Sozialfaschismus-Theorie innerhalb der KPD-Organisationen. Allerdings bedeutete diese Selbstkritik keine Änderung der Linie, sie richtete sich nur gegen die Auswüchse. Ende 1931 wiederholte Thälmann: »In der Frage des Hauptstoßes gegen die SPD steckt das Kernproblem der kommunistischen Politik in Deutschland.« Diese Politik wurde trotz aller heutigen Behauptungen Ulbrichts bis 1933 beibehalten. Ansätze zu einer echten Einheitsfrontpolitik, wie sie zwischen 1930 und 1933 spora- disch auch von der KPD-Seite aus gemacht wurden, mußten an dieser Grundein- stellung der Partei und der Komintern scheitern. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 189 in der gesamten Presse der Partei, Aufrufe und Informationen der Partei, Notizen usw. erschienen, die absolut unhaltbar sind. Zum Beispiel heißt es in einem Artikel »Wir und die sozialdemokratischen Arbeiter«, der in den letzten Tagen durch die Parteipresse ging, unter an- derem folgendermaßen: »Es ist klar, daß unsere Auseinandersetzung mit dem Sozialfaschismus so- wie die mit der Bourgeoisie, deren treuester Knecht er ist, nicht an irgend- einem Verhandlungstische, sondern nur auf den Schlachtfeldern der Entschei- dungskämpfe und vor den Revolutionstribunalen der deutschen Räterepublik enden kann. Und das gilt natürlich vom kleinen sozialfaschistischen Betriebs- rat, der in seinem Betrieb dem Unternehmer kommunistische Arbeiter denun- ziert, um zur Belohnung Meister zu werden, ganz genauso wie für seine großen Brüder Severing, Zörgiebel usw.« Genossen! So einfach ist die Frage für uns doch nicht, wie sich das mancher Genosse in seinem Hirn ausmalt. In diesem Artikel sind die sozialdemokra- tischen Minister, Polizeipräsidenten, Bankdirektoren, Kommunalbeamten, Gewerkschaftsbonzen, Vorarbeiter, Meister und freigewerkschaftliche Betriebs- räte in der Industrie usw. eine einheitliche, homogene soziale Schicht. Die Veränderungen der gesellschaftlichen, klassenmäßigen Zustände in der gegen- wärtigen Situation bleiben unberührt; deswegen ist auch kein Verständnis für die Verschiebungen in der sozialen Struktur vorhanden, von der auch die Sozialdemokratie nicht unberührt bleibt. Darum auch die große Hilf- losigkeit die »Auseinandersetzung mit dem Sozialfaschismus sowie die mit der Bourgeoisie« zu späteren Entscheidungskämpfen bis zum Revolutionstri- bunal zu vertagen. Ein Negieren unserer Massenarbeit bei einem Teil des Pro- letariats müßte auch für unsere revolutionäre Politik schlimme Folgen haben. Und weiter heißt es in einem anderen Artikel »Klare Fronten unten wie oben«: »Der kleine Funktionär ist ein wichtiger, ja, der wichtigste Teil des sozial- demokratischen Apparates, der zu einem wesentlichen Bestandteil des sozial- faschistischen Staatsapparats geworden ist. Er schimpft, er hält aber gerade mit diesem Geschimpfe den ganzen Laden zusammen ... Unser Trommelfeuer auf die großen Zörgiebels hat darum nur dann Er- folg, wenn es gleichzeitig mit einem Sturmangriff auf die verbürgerlichten unteren Funktionäre verbunden wird. Wir müssen die proletarischen Reihen in Betrieb und Gewerkschaft und in den übrigen Massenorganisationen mit aller Rücksichtslosigkeit von allen verfaulten Elementen säubern. Wer noch zur SPD gehört, ist verfault und muß fliegen — und wenn er noch so radi- kal tut.« Unsere ganze Anwendung der Einheitsfronttaktik von unten, unsere Be- schlüsse des Weddinger Parteitages werden dadurch glatt über Bord ge- worfen. .. 190 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Dann gab es verschiedene andere Artikel, in denen die Parole aufgestellt wird: »Verjagt die Sozialfaschisten aus den Funktionen in den Betrieben und Gewerkschaften!« In dem nächsten Artikel wurde die Sadie schon ge- steigert und gesagt: »Verjagt die Sozialfaschisten aus den Betrieben und Gewerkschaften!« Vorher: »Verjagt sie aus den Funktionen«, und jetzt: »Verjagt sie aus den Betrieben und Gewerkschaften«, und zuletzt findet die »Junge Garde« die Losung »Vertreibt die Sozialfaschisten aus den Betrieben, aus den Arbeitsnachweisen und aus den Berufsschulen!« Wie wollt ihr sie aus den Betrieben und Arbeitsnachweisen vertreiben? Die Bourgeoisie und sehr oft mit ihr die sozialfaschistischen Betriebsräte vertreiben leider die Kommunisten aus den Betrieben, wenn diese keine Massenbasis und nicht genügend Autorität in den Massen, in der Belegschaft haben. In einem anderen Artikel über die Betriebsrätewahlen, der durch die ge- samte Parteipresse gegangen ist, werden die sozialdemokratischen Betriebs- räte Noske, Severing und Zörgiebel gleichgesetzt. Eine solche Sprache ist wirklich unsinnig. Das heißt den Zörgiebel, Seve- ring, Noske durch uns Entlastung zuteil werden zu lassen für ihre blut- rünstigen und konterrevolutionären Taten und Handlungen, das heißt also in den Fragen des praktischen Lebens, der allgemein-politischen Entwick- lung. Das heißt die Verschiedenartigkeit der Verhältnisse in den verschie- denen Funktionen, die die Sozialdemokraten innerhalb des Staates, in den Betrieben und Massenorganisationen haben, einfach ignorieren .. . Ernst Thälmann: Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Band II (November 1928 - September 1930) Dietz-Verlag, Berlin 1956, S. 379-383. 59- DIE KPD SPALTET DIE GEWERKSCHAFTEN Festigung und Erweiterung der RGO** a Das Schwergewicht der Parteiarbeit muß in den Betrieben liegen. Dort muß die Führung der Wirtschaftskämpfe, die Mobilisierung der Belegschaften beim Tarifablauf, die Auslösung zwischentariflicher Lohnbewegungen und des Die KPD steuerte seit 1929 auf eine Spaltung der freien Gewerkschaften zu. In der Roten Fahne vom 30. März 1930 hieß es darüber: »Als wir vom V. Welt- KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 191 Kampfes um den Siebenstundentag durch die Kommunisten und die Revo- lutionäre Gewerkschafts-Opposition organisiert werden. Das Zentralkomitee begrüßt die Beschlüsse des Präsidiums des EKKI über die Festigung und Er- weiterung der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition, die Stärkung des organisatorischen Zentrums. Zu diesem Zwecke ist der kollektive Beitritt der roten Betriebsräte und der hinter ihnen stehenden Belegschaften sowie der Vertrauensmännerkörper und der Erwerbslosenausschüsse zur Revolutio- nären Gewerkschafts-Opposition notwendig. (Plenum des ZK der KPD, März 1930) B Als wichtigste zentrale Tagesaufgabe steht die Stärkung und Ausbreitung der RGO. Die Wirtschaftskämpfe müssen besser vorbereitet, besser ausgelöst und besser durchgeführt werden. Jede Vernachlässigung der Arbeit an der innergewerkschaftlichen Front wird ein schweres Hemmnis für die erfolg- reiche Führung der Wirtschaftskämpfe. Die Revolutionäre Gewerkschafts- Opposition gewinnt in steigendem Maße die Bedeutung eines Haupthebels zur revolutionären Erfassung und Organisierung der proletarischen Millio- nenmassen, zur Isolierung der sozialdemokratischen Führer und zur Erobe- rung der Mehrheit der Arbeiterklasse. Zu diesem Zweck ist die Fraktions- arbeit in den reformistischen Gewerkschaften unbedingt weiterhin notwendig. Der Weg der Herausbildung selbständiger Gewerkschaften als Massenorga- nisationen, der mit der Gründung des Einheitsverbandes der Berliner Metall- kongreß der RGI zurückkamen mit den Beschlüssen der Organisierung einer selb- ständigen revolutionären Gewerkschaftsbewegung in Deutschland, da gab es noch viele Skeptiker in den eigenen Reihen. Es liegt noch nicht viele Monate zurück, seitdem wir den straffen Aufbau der RGO begonnen haben. Aber wir haben in entscheidenden Industrien bereits unsere im Kampf geborenen roten Verbände, wir haben die erste Viertelmillion Mitglieder der RGO und haben mit einem Schlag in über 3500 Betrieben unsere Betriebsgruppen aufgebaut. Wenn wir jetzt mit Zähigkeit und Leidenschaft an die Organisierung der Oppositionsfraktionen im ADGB, bei den christlichen und anderen reaktionären Gewerkschaften übergehen, dann tun wir das, um die Massen der Arbeiter, Angestellten und Beamten für den Klassenkampf zu gewinnen und den Streikbuchführern ihr arbeiterfeindliches Handwerk zu legen. Wir greifen den konterrevolutionären Apparat des ADGB von außen und von innen an. Wir steuern konsequent auf die Schaffung roter Gewerkschaften in ganz Deutschland.« Am 5. November 1930 wurde der Rote Metallarbeiterverband gegründet, am 11. Januar 1931 der Rote Bergarbeiterverband usw. 192 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK arbeitet und des Einheitsverbandes der Bergarbeiter Deutschlands eingeschla- gen wurde, muß unter genauer Berücksichtigung der konkreten Verhältnisse mit unbeugsamer Konsequenz weiter beschritten werden. Der Ausbau starker arbeitsfähiger kommunistischer Fraktionen innerhalb der selbständigen roten Verbände, die ständige Zusammenfassung und Aktivierung der Kommu- nisten innerhalb dieser Verbände in engster Verbindung mit den Massen der Arbeiterschaft wird ein unentbehrliches Instrument zur Sicherung der Klassenlinie der RGO. Die Beispiele anderer Länder zeigen, daß revolutio- näre Gewerkschaften ohne feste kommunistische Fraktionen sehr schnell den Gefahren des Opportunismus oder sektiererischer Entartung ausgesetzt wer- den. Angesichts der wachsenden Revolutionierung der Massen und des zu- nehmenden Kampfwillens gegen die Unternehmeroffensive, angesichts der Abkehr der Arbeiterschaft von den sozialfaschistischen und christlichen Ver- rätern eröffnen sich neue riesenhafte Entwicklungsmöglichkeiten für die Stär- kung der revolutionären Gewerkschaftsbewegung, die als führende Kraft in den bevorstehenden Wirtschaftskämpfen einen neuen mächtigen Zustrom sowohl aus den Reihen der organisierten als der unorganisierten Arbeiter- massen erhalten wird. (Plenum des ZK der KPD, Januar 1931) Die wichtigsten Beschlüsse der KI und der KPD nach dem VI. Weltkongreß im Zitat Hrsg, von der KPD, Berlin 1932, S. 31/32.   RGO-PROPAGANDA (1931) ... Deutscher Arbeiter, Mitglied einer deutschen Gewerkschaft, wehre dich ge- gen Lohnraub, gegen den mörderischen Faschismus, gegen den Verrat der Ge- werkschaftsbürokratie ! Wie soll der Kampf gegen die Unternehmer und die Faschisten geführt wer- den? Wer soll ihn führen? Dieser Kampf wird nur dann erfolgreich sein, wenn ihn nicht Hunderttausende, sondern Millionen und aber Milliönen deutsche Arbeiter gemeinsam führen werden. Die Millionen müssen in eine einheitliche, eiserne Front zusammengeballt werden und unter revolutio- närer Führung marschieren. Kann man die jetzigen deutschen Gewerkschaften in Organisationen des proletarischen Widerstandes verwandeln? Kann man mit demokratischen KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 193 Mitteln die Leipart und Ulrich, die Brandes und Husemann, die Schumann und Orthmann zum Teufel jagen? Keineswegs! Der eigentliche Apparat der Gewerkschaften ist durch eine chinesische Mauer von den Mitgliedermassen abgeriegelt. Die Gewerkschaftsbürokraten werden erst aus ihren Büros ver- schwinden, wenn die proletarische Faust die Siemens und Duisberg, dieKoett- gen und Büchner aus ihren Kontoren und Palästen verjagen wird. Die Ge- werkschaftsfunktionen im Betrieb, die unteren Funktionen in den Verbänden — die können bei hartnäckigem Kampf gegen die Bürokratie von klassen- bewußten Arbeitern besetzt werden. Man muß die größten Anstrengungen machen, um diese Positionen für den revolutionären Klassenkampf zu ge- winnen. Man kann aber heuzutage mit demokratischen Mitteln nicht mehr nur einen einzigen Gewerkschaftsangestellten von seinem Posten entfernen. Der Gewerkschaftsapparat ist nicht zur Verteidigung der Interessen der Mit- gliedermassen zu gewinnen. Wer soll dann die Kämpfe der deutschen Arbei- terklasse um Brot und Freiheit führen? In den Betrieben und auf den Baustellen, in den Schächten und auf den Arbeitsnadiweisen wächst eine neue Kraft empor, die allein berufen ist, die Kämpfe des deutschen Proletariats zu führen. Das ist die Revolutionäre Ge- werkschaftsopposition, die mit Hilfe der Kommunistischen Partei eine mäch- tige revolutionäre Gewerkschaftsbewegung in Deutschland aufbaut. Die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition ist die Erbin der besten revo- lutionären Traditionen der deutschen Gewerkschaftsbewegung der Anfangs- zeit. Sie setzt den Kampf gegen Ausbeutung und Arbeiterverrat fort, den die klassenbewußten Teile des deutschen Proletariats schon seit Jahrzehnten führen. Schon in den Vorkriegsjahren kam es bekanntlich bei jedem größeren Streik zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den »Führern« und den Massen. Der Streik im Strebeiwerk Mannheim von 1908, der zugleich ein Kampf gegen die Bürokraten des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes war; der »wilde« Werftarbeiterstreik von 1913, in dem 40 000 Arbeiter gegen den wütenden Widerstand der Verbandsvorstände zwei Monate ohne Streik- unterstützung ihren Mann gestanden haben; der Munitionsarbeiterstreik in Berlin im Januar 1918 gegen den imperialistischen Krieg; die Riesendemon- stration des Berliner Proletariats 1920 gegen das Betriebsrätegesetz der Ge- werkschaftsführer, bei der von sozialdemokratischen Salven 40 Berliner Ar- beiter getötet wurden — diese Kämpfe sind Beweise für den ununterbroche- nen Widerstand, den die Massen der deutschen Arbeiter und Gewerkschafts- mitglieder der Bürokratie leisten. Die Revolutionäre Gewerkschaftsopposi- tion setzt diesen Kampf fort. Sie schafft jetzt auch die organisatorischen Vor- aussetzungen, um die Kämpfe der Arbeiter gegen das Kapital selbständig organisieren und führen zu können. Je mehr die alten Verbände sich zu Streikbruchapparaten, zu Instrumenten zur Unterstützung des herrschenden faschistischen Regimes entwickeln, desto schneller entwickelt sich die RGO 194 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK zur roten Kampf gewerksdiaft. Die Gründung des roten Metallarbeiter-Ver- bandes in Berlin zeigt den Weg, den die RGO zur Bildung roter Industrie- verbände geht. Der Widerstand gegen den Faschismus stellt vor die deutsche Arbeiter- schaft immer mehr die Aufgabe des gemeinsamen Zusammenstehens, des all- gemeinen politischen Massenstreiks. Nur die RGO ist von allen gewerk- schaftlichen Organisationen die einzige, die gewillt und imstande ist, Seite an Seite mit der KPD den Kampf des deutschen Proletariats für Brot, Frei- heit und Macht zu organisieren. Jeder klassenbewußte Arbeiter in der Gewerkschaft, im Betrieb und auf der Stempelstelle muß sich der RGO anschließen. Er gehört in die revolutio- näre Klassenfront gegen Ausbeutung und Faschismus. Wir schmieden die eiserne Front gegen das Kapital und seine Lakaien. Alle Ausgebeuteten und Unterdrückten, die ihr die Leidtragenden der kapitalisti- schen Ausbeutung und des reformistischen Verrats seid: Her zu uns! Hinein in die RGO! Helft mit, die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung Deutschlands aufzu- bauen! Der Arbeiterverrat der Gewerkschaftsbonzen Internationaler Arbeiterverlag, Berlin o. J. (1931), S. 23/24.   DIE ANTIFASCHISTISCHE AKTION IM ANMARSCH Von Ernst Thälmann Wir erneuern heute mit heiligem Ernst unser Einheitsfrontangebot an die SPD- und an die ADGB-Arbeiter, an die christlichen Arbeiter und deren untere Organisationen. Mit der ganzen Kraft, mit der Unterstützung aller Notleidenden gilt es, alles zu unternehmen, um den blutigen Terror der Nazi, die faschistische Unterdrückung abzuwehren. Im Lohnkampf, im Kampf der Erwerbslosen, des Massenselbstschutzes, der werktätigen Bauern, im rück- sichtslosen Klassenkampf bis zur Entwicklung und Steigerung des politischen Massenstreiks kann der Faschismus auf wirksamste Art geschlagen werden. SPD-Stampfer hat zur Ablenkung von dem SPD-Verrat in Hamburg von einer Einheitsfront mit kommunistischen und sozialdemokratischen Führern gefaselt. Wir aber sagen: Zwischen dem Klasseninhalt der SPD-Politik und der unserigen bestehen gewaltige prinzipielle Unterschiede. Mit Severing, Zörgiebel und Hilferding kann niemals eine Einheitsfront Zustandekommen. KPD, SOZIALDEMOKRATIE UND GEWERKSCHAFTEN 195 Zwischen uns und den SPD-Führern liegen wie Barrikaden die 33 im Berliner Blutmai von 1929 erschossenen Arbeiter. Wir wollen nicht Ärzte, sondern Totengräber des Kapitalismus sein. Uns eint aber mit den sozialdemokratischen und SAP-Arbeitern, den Frauen und Jugendlichen der »Eisernen Front« der gleiche Hunger, die glei- che Klassennot, gemeinsam müssen wir uns gegen den Naziterror, gegen Lohn- und Unterstützungsraub zur Wehr setzen. Darum den Massenkampf im Betrieb, an der Stempelstelle und bei der Zwangsversteigerung. Die Ein- heitsfront geschlossen, ihr SPD- und ADGB-Arbeiter: Das faschistische Blut- regiment von Bulgarien, Polen und Italien muß in Deutschland verhindert werden. Wir können das, wenn wir in der antifaschistischen Aktion uns den Boxheimer Arbeitermördern mit Tapferkeit entgegenwerfen. Auf der Lausanner Konferenz wird die deutsche Bourgeoisie als ein Bettel- musikant auf treten und sich wahrscheinlich nur ein Moratorium »erkämp- fen«. Wir appellieren an den »unbekannten SA-Soldaten«: Wir wollen nicht, wie Leo Schlageter, ein Wanderer ins Nichts werden, sondern in der revolu- tionären Freiheitsarmee gegen die Young- und deutschen Trustkapitalisten kämpfen. Wenn die von der NSDAP tolerierte Papen-Regierung das Verbot der KPD plant, so sei gesagt, daß unsere Partei der Antifaschisten, mit den Mil- lionenmassen verbunden, an der Spitze des Kampfes gegen Kapitalismus und Faschismus nicht zu verbieten ist. Auch die Bolschewiki hat man 1905 nach Sibirien, ins Ausland, ins Exil geschickt. Man hat sie gejagt und gefoltert. Mit dem siegreichen Oktober 1917 unter Führung Lenins wurde dann doch der Zarismus vernichtet und erbaut ein sozialistisches Land. Wenn auch die Bourgeoisie die NSDAP als Tolerierungspartei heute stark heranzieht, so hat die SPD dennoch klassenmäßig ihre Verräterrolle beibe- halten und ist nach wie vor die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie, der Hauptfeind der einheitlichen antifaschistischen Massenbewegung, das Haupt- hemmnis der proletarischen Einheitsfront. Besonders den SAP-Demagogen und Brandieristen, diesen Wels-Agenten und gefährlichsten Saboteuren der geschlossenen proletarischen Einheitsfront gilt es energisch entgegenzutreten. Die Scheinopposition gilt es zu entlarven. Die ideologische Annäherung der SPD und NSDAP in der Frage der Arbeitsdienstpflicht zur Militarisierung der Jugend und in der Frage der Arbeitsbeschaffung zeigt den Werktätigen die Größe der Gefahr... Internationale Presse-Korrespondenz vom 14. Juni 1932, S. 1553. F. DIE KPD UND DIE KOMINTERN   DIE GRÜNDUNG DER III. INTERNATIONALE (1919) Die Delegierten Rußlands, des Balkans, der Schweiz, Österreichs und Schwe- dens beantragen, die Gründung der III. Internationale sofort vorzunehmen. Der Vertreter Deutschlands wendet sich dagegen und verlangt, daß die hier angenommenen Richtlinien erst den Arbeitern der einzelnen Länder zu unter- breiten seien; erst wenn diese sich zu den hier aufgestellten Richtlinien be- kennen, könne die offizielle Gründung der III. Internationale erfolgen. Nach- dem alle Vertreter sich für die sofortige Gründung ausgesprochen hatten, er- folgte diese unter stürmischem Beifall der ganzen Versammlung. Der deutsche Vertreter gab die Erklärung ab, daß auch die deutschen Kommunisten zweifellos sofort nach seiner Rückkehr ihren Beitritt zur III. Internationale erklären würden. Allgemein waren die Delegierten der Auffassung, daß der Sitz der Exe- kutive und des Büros nach Berlin gehöre. Da aber dies erst nach Errichtung einer deutschen Räterepublik möglich sei, so soll vorläufig Moskau als Zen- trale gelten. Folgender Beschluß wurde einstimmig gefaßt: Beschluß des Kongresses der Kommunistischen Internationale in Moskau in der Organisationsfrage. Um ohne Aufschub die Tätigkeit aufnehmen zu können, wählt der Kongreß sofort die notwendigen Organe, in der Ansicht, daß die endgültige Verfas- sung der Kommunistischen Internationale auf Vorschlag des Büros vom nächsten Kongreß gegeben werden soll. Die Leitung der Kommunistischen Internationale wird einem Exekutiv- komitee übertragen. Dieses setzt sich zusammen aus je einem Vertreter der kommunistischen Parteien der bedeutendsten Länder. In das erste Exekutiv- komitee sollen die Parteien: Rußlands Deutschlands Deutsch-Österreichs Ungarns der Balkanföderation 198 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK der Schweiz Skandinaviens sofort ihre Vertreter entsenden. Parteien von Ländern, die vor dem Zweiten Kongreß der Kommunisti- schen Internationale ihren Beitritt erklären, erhalten einen Sitz im Exeku- tivkomitee. Bis zur Ankunft der Vertreter aus dem Ausland übernehmen die Genos- sen des Landes, in dem das Exekutivkomitee seinen Sitz hat, die Last der Arbeit. Das Exekutivkomitee wählt ein Büro von 5 Personen. Manifest, Richtlinien, Beschlüsse des Ersten Kongresses. Aufrufe und offene Schreiben des Exekutivkomitees bis zum Zweiten Kongreß Verlag der Kommunistischen Internationale Verlag Carl Hoym Nachf. I. Cahnbley, Hamburg II, 1919, S. 70/71.   SPARTAKUS UND DIE DRITTE INTERNATIONALE Von Hugo Eberlein h Auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands überbrachte Radek die Grüße der Kommunistischen Partei Rußlands ... Auf dem Parteitag traten zwei Differenzen in Erscheinung. Die Zentrale des Spartakusbundes trat geschlossen für Beteiligung an den Parlamentswah- len ein; trotz des heftigsten Kampfes, den Rosa für die Beteiligung am Par- lamentarismus führte, lehnte die Mehrheit der Delegierten eine Beteiligung an den Parlamentswahlen ab. Die Zentrale stand geschlossen gegen die Anti- parlamentaristen. Die zweite Differenz führte zu heftigen Differenzen innerhalb der Spar- takuszentrale; sie drehte sich um den Namen der Partei. Während wir der 54. Hugo Eberlein, der unter dem Pseudonym Max Albert am Gründungskongreß der Kommunistischen Internationale teilnahm, gibt hier kaum bekannte Interna über die Haltung Rosa Luxemburgs zur Gründung der Komintern, aber auch zur Gründung der KPD, wieder. Eberlein war der einzige deutsche Delegierte, da es dem zweiten Vertreter, Eugen Levine, nicht gelang nach Rußland zu kommen. Wichtig sind auch Eberleins Hinweise auf die Verfasser der Thesen, des Manifests usw. Wie Eberlein selbst, der 1940 in Stalins Gefängnis umkam, wurden auch Bucharin und Rakowski Opfer der Säuberung von 1938. Trotzki wurde 1940 von einem Agenten Stalins ermordet. DIE KPD UND DIE KOMINTERN 199 neu zu gründenden Partei den Namen »Kommunistische Partei< geben woll- ten, wandten sich Rosa Luxemburg und Jogiches dagegen, sie wollten die Partei »Sozialistische Partei< nennen. Bis tief in die Nacht wurden heftige Diskussionen darüber geführt. Rosa Luxemburg argumentierte so: Die Kom- munistische Partei Rußlands steht heute noch in der Internationale allein; sie wird von den sozialistischen Parteien der II. Internationale aufs heftigste bekämpft. Die Aufgabe der Kommunisten ist es, die sozialistischen Parteien, insbesondere der westeuropäischen Staaten, von der II. Internationale los- zulösen, um sie zu einer neuen revolutionären Internationale zu vereinen und die II. reformistische Internationale zu vernichten. Der Kommunisti- schen Partei Rußlands wird das so leicht nicht gelingen. Der Gegensatz zwi- schen der Kommunistischen Partei Rußlands und den sozialistischen Parteien des Westens, insbesondere Frankreichs, Englands und Amerikas, ist so groß, daß uns als deutschen Revolutionären die Aufgabe zufällt, die Verbindung zwischen den Revolutionären des Ostens und den Sozialisten Westeuropas, die heute noch im reformistischen Fahrwasser schwimmen, herzustellen und den Prozeß der Loslösung der westeuropäischen Sozialisten vom Reformis- mus zu beschleunigen. Diese Aufgabe wird leichter zu erfüllen sein, wenn wir als Sozialistische Partei auf den Plan treten; würden wir dagegen als Kommunistische Partei erscheinen, dann würde die naturgemäß enge Ver- bindung mit den russischen Kommunisten unsere Aufgabe in Westeuropa er- schweren. Während wir in dieser Sitzung erklärten, daß nicht nur in Deutsch- land, sondern auch in der gesamten Internationale ein scharfer Strich zwi- schen uns und den Sozialistischen Parteien der II. Internationale gezogen werden müsse, der schon rein äußerlich im Namen der Partei zum Ausdruck kommen muß. Außerdem sei es jetzt unsere Hauptaufgabe, im Moment, in dem die ganze Weltbourgeoisie und die Reformisten zum Kampf gegen den ersten revolutionären Staat und seine Kommunistische Partei sich rüsten, offen an die Seite der Kommunistischen Partei Rußlands zu treten, um so die engste Verbindung mit den russischen Revolutionären zu dokumentieren. Bei der Abstimmung blieb Rosa Luxemburg in der Minderheit; mit 4:3 Stimmen bei einer Stimmenthaltung — Levi erklärte, ihm sei es gleichgültig, wie die Partei sich nenne — wurde beschlossen, dem Spartakusbund den Namen »Kommunistische Partei Deutschlands< zu geben. Der Parteitag stimmte dem zu... Ein paar Tage später kam mit großer Verspätung über Finnland, Nor- wegen und Schweden ein Brief der Kommunistischen Partei Rußlands bei uns an, in dem die KPD zu einer Vorbesprechung zwecks Vereinigung der revo- lutionären Parteien nach Moskau geladen wurde. In einer Besprechung mit Rosa Luxemburg erklärte sie mir, daß die Schaffung einer neuen revolutio- nären Internationale, die sich scharf im Gegensatz zur II. reformistischen Internationale stelle, unbedingt nötig sei; zur Gründung selbst sei aber ihres 200 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Erachtens der Moment noch nicht gekommen, denn die Gründung einer neuen aktionsfähigen Internationale setzte das Vorhandensein wenigstens einiger revolutionärer Parteien in Westeuropa voraus. Die sofortige Gründung in einer Zeit, in der in Wirklichkeit erst eine kommunistische revolutionäre Par- tei bestehe — die KPD war erst vor einigen Tagen gegründet — bedeutet eine Schwächung des Gedankens einer revolutionären Internationale. Rosa wünschte, daß ich nach Moskau fahre, um an der Vorbesprechung teilzuneh- men und den russischen Genossen auseinanderzusetzen, daß wir im Prinzip mit der Gründung einer Kommunistischen Internationale einverstanden sind, daß der Termin der Gründung aber verschoben werden müsse, bis wir in den westeuropäischen Staaten wenigstens einen Stamm revolutionärer Arbeiter gegen die Reformisten gesammelt hätten. Wenige Tage später wurde Rosa Luxemburg ermordert. In einer der ersten Sitzungen nach der Ermordung stand die Moskauer Konferenz auf der Tagesordnung. Hier vertrat Jogiches eifrig die Auffassung Rosa Luxemburgs. Auch er war der Auffassung, daß die Gründung einer revolutionären Internationale, die den schärfsten Kampf gegen die Refor- misten aufnehme, notwendig, daß aber der Termin der Gründung in diesem Moment verfrüht sei. Die Zentrale schloß sich dieser Auffassung an, wählte mich zu ihrem Vertreter; ein paar Tage später reiste ich ab ... In Moskau begannen sofort die Vorbesprechungen. Aus den verschiedenen Ländern waren Vertreter kleiner revolutionärer Gruppen gekommen. Aber eine Kommunistische Partei außer der russischen konnte nur ich vertreten. Aus 35 Ländern waren Revolutionäre erschienen, um an der Konferenz teil- zunehmen. In den Vorverhandlungen, die meist im Zimmer des Genossen Lenin stattfanden, wurde sofort die Frage aufgerollt, ob auf dieser Konfe- renz bereits die Gründung der Internationale erfolgen solle. Ich war der einzige, der sich im Auftrag seiner Partei gegen die sofortige Gründung wenden mußte. Besonders die Genossen der russischen Partei, an ihrer Spitze Trotzki, Bucharin und Rakowski, versuchten mit größtem Eifer, mich von der Notwendigkeit der sofortigen Gründung zu überzeugen; sie zerpflückten alle Argumente der deutschen Partei bis ins kleinste. Bis Lenin entschied, daß von der sofortigen Gründung abgesehen werden müsse, wenn die deutsche Partei ihre Zustimmung nicht gäbe. Wir traten in die Verhandlung der Konferenz ein. Die Konferenz nahm einen begeisterten, glänzenden Verlauf. Über alle vorgelegten Resolutionen und Thesen wurde Einmütigkeit erzielt. Die Richtlinien der Kommunisti- schen Internationale wurden von Bucharin und mir ausgearbeitet und vom Kongreß einstimmig angenommen. Audi das Manifest der Kommunistischen Internationale »An das Proletariat der ganzen Welt«, dessen erster Entwurf von Trotzki angefertigt, dann von einer Kommission, bestehend aus Trotzki, Lenin, Bucharin und mir, akzeptiert wurde, nahm der Kongreß einstimmig DIE KPD UND DIE KOMINTERN 201 ar. Die Leitsätze Lenins über »Bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur« wurden dem Büre der Internationale zur Verbreitung in der gan- zen Welt überwiesen. Außerdem wurden angenommen die ebenfalls allen Ge- nossen bekannten Leitsätze über die »Internationale Lage und die Politik der Entente«, die Resolution über »die Stellung zu den sozialistischen Strömun- gen und der Berner Konferenz«, desgleichen die Resolution über den weißen Terror. Während der Verhandlungen, die vom 2. bis 6. März 1919 dauerten und die im Kleinen Saale des Justizgebäudes im Kreml geführt wurden, kamen die Nachrichten von der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn und der Räterepublik in Bayern. Diese Nachrichten lösten auf der Konferenz unge- heure Begeisterung aus, und die Frage der sofortigen Gründung der Kom- munistischen Internationale wurde neu aufgerollt. In einer begeisterten Rede forderte Rakowski die sofortige Gründung der Kommunistischen Internationale. Ich blieb wieder allein und versuchte, der Konferenz die Argumente der deutschen Partei auseinanderzusetzen. Ich wies darauf hin, welch ungeheure Aufgaben das revolutionäre Proletariat der Welt von der Kommunistischen Internationale erwarten würde, Aufgaben, die wir im Moment, in dem sich in den meisten Ländern der Welt nur kleine Gruppen revolutionärer Arbeiter zum Kommunismus bekennen, noch nicht erfüllen können würden, wodurch sehr leicht unter den Arbeitern der Welt eine Enttäuschung hervorgerufen werden könne, insbesondere auch deshalb, weil sich die Arbeiter von der II. Internationale so schmählich betrogen wis- sen. Deshalb sei es unsere Aufgabe, zuerst in den wichtigsten Ländern feste kommunistische Zellen zu bilden, die dann, vereint in der Kommunistischen Internationale, den revolutionären Kampf aufnehmen können, die dann in der Kommunistischen Internationale die revolutionären Arbeiter um sich sammeln und die verräterische II. Internationale vernichten können. Ich befand mich in einer außerordentlich schwierigen Situation. Während ich gefühlsmäßig mit den versammelten Delegierten, mit den russischen Ge- nossen völlig konform ging und während mir eine Anzahl ihrer Argumente stichhaltig erschien, war ich an den strikten Auftrag meiner Parteileitung gebunden. Inzwischen war auch Leo Jogiches ermordet. Ich enthielt mich bei der Abstimmung der Stimme und gab dem Kongreß eine Erklärung ab, daß die deutsche Partei prinzipiell mit der Schaffung einer Dritten Internatio- nale einverstanden sei und daß die deutsche Partei nach erfolgter Gründung der Kommunistischen Internationale sicher beitreten würde. Sofort nach meiner Rückkehr nach Deutschland wurde der Beitritt zur Kommunistischen Internationale beschlossen ... Hugo Eberlein: Spartakus und die Dritte Internationale Internationale Pressekorrespondenz vom 29. Februar 1924, S. 306/307. 202 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 64. LEITSÄTZE ÜBER DIE BEDINGUNGEN DER AUFNAHME IN DIE KOMMUNISTISCHE INTERNATIONALE^ Angenommen vom II. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1920 ... Der II. Kongreß der Kommunistischen Internationale stellt folgende Bedingungen der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale auf: Die gesamte Propaganda und Agitation muß einen wirklich kommuni- stischen Charakter tragen und dem Programm und den Beschlüssen der Kom- munistischen Internationale entsprechen. Alle Presseorgane der Partei müs- sen von zuverlässigen Kommunisten geleitet werden, die ihre Hingebung für die Sache des Proletariats bewiesen haben. Von der Diktatur des Prole- tariats darf nicht einfach wie von einer landläufigen, eingepaukten Formel gesprochen werden, sondern sie muß so propagiert werden, daß ihre Not- wendigkeit jedem einfachen Arbeiter, jeder Arbeiterin, jedem Soldaten und Bauern verständlich wird aus den Tatsachen des täglichen Lebens, die von unserer Presse systematisch beobachtet und d:e Tag für Tag ausgenützt wer- den müssen. Die periodische und nichtperiodische Presse und alle Parteiverlage müssen völlig dem Parteivorstand unterstellt werden, ohne Rücksicht darauf, ob die Partei in ihrer Gesamtheit in dem betreffenden Augenblick legal oder illegal ist. Es ist unzulässig, daß die Verlage ihre Selbständigkeit mißbrauchen und eine Politik führen, die der Politik der Partei nicht ganz entspricht. In den Spalten der Presse, in Volksversammlungen, in den Gewerkschaf- 55. Ende 1919 und im Jahre 1920 gab es innerhalb der sozialistischen Bewegung einen starken Ruck nach links. Viele sozialistische Parteien waren damals bereit, sich der Komintern anzuschließen. In der Italienischen Sozialistischen Partei, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Französischen Sozia- listischen Partei u. a. gab es lange Debatten über den Eintritt in die Komintern (die Norwegische Arbeiterpartei trat geschlossen der Komintern bei). Die »21 Bedingun- gen«, von Lenin ausgearbeitet, sollten verhindern, daß mit diesem Trend auch nicht- kommunistische Gruppen in die Komintern kämen. Lenin forderte nicht nur den Kampf gegen die »rechten Sozialdemokraten«, sondern auch gegen die »Zentristen«, d. h. die linken Sozialisten. Die harten 21 Bedingungen führten zur Spaltung der USP und der französischen und italienischen Sozialisten, da nur die linken Flügel der Parteien die Forderungen annahmen. Durch die »21 Bedingungen« waren alle Möglichkeiten für einen straffen Zentralismus der Komintern gegeben (vgl. Anm. 3). DIE KPD UND DIE KOMINTERN 203 ten, in Konsumvereinen — überall, wo sich die Anhänger der Kommunisti- schen Internationale Eingang verschaffen, ist es notwendig, nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch ihre Helfershelfer, die Reformisten aller Schat- tierungen, systematisch und unbarmherzig zu brandmarken. Jede Organisation, die sich der Kommunistischen Internationale an- schließen will, muß regelrecht und planmäßig aus allen mehr oder weniger verantwortlichen Posten der Arbeiterbewegung (Parteiorganisation, Redak- tionen, Gewerkschaften, Parlamentsfraktionen, Genossenschaften, Kommu- nalverwaltungen) die Reformisten und Zentristen entfernen und sie durch bewährte Kommunisten ersetzen, ohne sich daran zu stoßen, daß besonders am Anfang an die Stelle von »erfahrenen« Opportunisten einfache Arbeiter aus der Masse gelangen. Fast in allen Ländern Europas und Amerikas tritt der Klassenkampf in die Phase des Bürgerkrieges ein. Unter derartigen Verhältnissen können die Kommunisten kein Vertrauen zu der bürgerlichen Legaliät haben. Sie sind verpflichtet, überall einen parallelen Organisationsapparat zu schaffen, der im entscheidenden Moment der Partei behilflich sein wird, ihre Pflicht gegenüber der Revolution zu erfüllen. In all den Ländern, wo die Kom- munisten infolge des Belagerungszustandes und der Ausnahmegesetze nicht die Möglichkeit haben, ihre gesamte Arbeit legal zu führen, ist die Kombi- nierung der legalen mit der illegalen Tätigkeit unbedingt notwendig. Die Pflicht zur Verbreitung der kommunistischen Ideen schließt die be- sondere Verpflichtung zu einer nachdrücklichen systematischen Propaganda im Heer in sich. Wo die Agitation durch Ausnahmegesetze unterbunden wird, ist sie illegal zu führen. Der Verzicht auf eine solche Arbeit würde einem Verrat an der revolutionären Pflicht gleichen und mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale unvereinbar sein. Es ist eine systematische und planmäßige Agitation auf dem flachen Lande notwendig. Die Arbeiterklasse vermag nicht zu siegen, wenn sie nicht die Landproletarier und wenigstens einen Teil der ärmsten Bauern hinter sich und sich die Neutralität eines Teiles der übrigen Dorfbevölkerung durch ihre Politik gesichert hat. Die kommunistische Arbeit auf dem flachen Lande gewinnt gegenwärtig hervorragende Bedeutung. Sie muß vornehmlich mit Hilfe der revolutionä- ren, kommunistischen Arbeiter der Stadt und des Landes geführt werden, die mit dem flachen Lande Verbindung haben. Der Verzicht auf diese Arbeit oder deren Übergabe in unzuverlässige, halbreformistische Hände gleicht einem Verzicht auf die proletarische Revolution. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet, nicht nur den offenen Sozialpatriotismus, sondern auch die Unaufrichtigkeit und Heuchelei des Sozialpazifismus zu entlarven: den Arbeitern systematisch vor Augen zu führen, daß ohne revolutionären 204 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Sturz des Kapitalismus keinerlei internationale Schiedsgerichte, keinerlei Ab- kommen über Einschränkung der Kriegsrüstungen, keinerlei »demokratische« Erneuerung des Völkerbundes imstande sein werden, neue imperialistische Kriege zu verhüten. Die Parteien, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wün- schen, sind verpflichtet, den vollen Bruch mit dem Reformismus und mit der Politik des »Zentrums« anzuerkennen und diesen Bruch in den weitesten Kreisen der Parteimitglieder zu propagieren. Ohne das ist eine konsequente kommunistische Politik nicht möglich. Die Kommunistische Internationale fordert unbedingt und ultimativ die Durchführung dieses Bruches in kürzester Frist. Die Kommunistische Inter- nationale vermag sich nicht damit abzufinden, daß notorische Opportunisten, wie sie jetzt durch Turati, Modigliani, Kautsky, Hilferding, Hillquith, Lon- guet, Macdonald u. a. repräsentiert werden, das Recht haben sollen, als An- gehörige der Kommunistischen Internationale zu gelten. Das könnte nur dazu führen, daß die Kommunistische Internationale im hohen Maße der zugrunde gegangenen II. Internationale ähnlich werden würde. In der Frage der Kolonien und der unterdrückten Nationen ist eine be- sonders ausgeprägte und klare Stellung der Parteien in denjenigen Ländern notwendig, deren Bourgeoisie im Besitz von Kolonien ist und andere Natio- nen unterdrückt. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzu- gehören wünscht, ist verpflichtet, die Kniffe »ihrer« Imperialisten in den Kolonien zu entlarven, jede Freiheitsbewegung in den Kolonien nicht nur in Worten, sondern durch Taten zu unterstützen, die Verjagung ihrer ein- heimischen Imperialisten aus diesen Kolonien zu fördern, in den Herzen der Arbeiter ihres Landes ein wirklich brüderliches Verhältnis zu der arbeiten- den Bevölkerung der Kolonien und zu den unterdrückten Nationen zu er- ziehen und in den Truppen ihres Landes eine systematische Agitation gegen jegliche Unterdrückung der kolonialen Völker zu führen. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, muß systematisch und beharrlich eine kommunistische Tätigkeit in- nerhalb der Gewerkschaften, der Arbeiter- und Betriebsräte, der Konsum- genossenschaften und anderer Massenorganisationen der Arbeiter entfalten. Innerhalb dieser Organisationen ist es notwendig, kommunistische Zellen zu organisieren, die durch andauernde und beharrliche Arbeit die Gewerkschaf- ten usw. für die Sache des Kommunismus gewinnen sollen. Die Zellen sind verpflichtet, in ihrer täglichen Arbeit überall den Verrat der Sozialpatrioten und die Wankelmütigkeit des »Zentrums« zu entlarven. Die kommunisti- schen Zellen müssen der Gesamtpartei vollständig untergeordnet sein. Jede der Kommunistischen Internationale angehörende Partei ist ver- pflichtet, einen hartnäckigen Kampf gegen die Amsterdamer »Internationale« DIE KPD UND DIE KOMINTERN 20J der gelben Gewerkschaftsverbände zu führen. Sie muß unter den gewerk- schaftlich organisierten Arbeitern die Notwendigkeit des Bruches mit der gelben Amsterdamer Internationale nachdrücklichst propagieren. Mit allen Mitteln hat sie die entstehende internationale Vereinigung der roten Gewerk- schaften, die sich der Kommunistischen Internationale anschließen, zu unter- stützen. Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören wollen, sind verpflichtet, den persönlichen Bestand ihrer Parlamentsfraktionen einer Revision zu unterwerfen, alle unzuverlässigen Elemente aus ihnen zu besei- tigen, diese Fraktionen nicht nur in Worten, sondern in der Tat den Partei- vorständen zu unterordnen, indem von jedem einzelnen kommunistischen Parlamentsmitglied gefordert wird, seine gesamte Tätigkeit den Interessen einer wirklich revolutionären Propaganda und Agitation zu unterwerfen. Die der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien müs- sen auf der Grundlage des Prinzips des demokratischen Zentralismus auf- gebaut werden. In der gegenwärtigen Epoche des verschärften Bürgerkrieges wird die kommunistische Partei nur dann imstande sein, ihrer Pflicht zu ge- nügen, wenn sie auf möglichst zentralistische Weise organisiert ist, wenn eiserne Disziplin in ihr herrscht und wenn ihr Parteizentrum, getragen von dem Vertrauen der Parteimitgliedschaft, mit der Fülle der Macht, Autorität und den weitgehendsten Befugnissen ausgestattet wird. Die kommunistischen Parteien derjenigen Länder, in denen die Kom- munisten ihre Arbeit legal führen, müssen von Zeit zu Zeit Säuberungen (Neuregistrierungen) des Bestandes ihrer Parteiorganisation vornehmen, um die Partei von den sich in sie einschleichenden kleinbürgerlichen Elementen systematisch zu reinigen. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünscht, ist verpflichtet, jeder Sowjetrepublik in ihrem Kampfe gegen die konterrevolutionären Kräfte bedingungslosen Beistand zu leisten. Die kom- munistischen Parteien müssen eine unzweideutige Propaganda führen zur Verhinderung der Transporte von Kriegsmunition an Feinde der Sowjet- republiken; ferner müssen sie unter den zur Erdrosselung von Arbeiterrepu- bliken entsandten Truppen mit allen Mitteln legal oder illegal Propaganda treiben usw. Parteien, die bisher noch ihre alten sozialdemokratischen Programme beibehalten haben, sind verpflichtet, in möglichst kurzer Zeit diese Pro- gramme zu ändern und entsprechend den besonderen Verhältnissen ihres Landes ein neues kommunistisches Programm im Sinne der Beschlüsse der Kommunistischen Internationale auszuarbeiten. In der Regel muß das Pro- gramm jeder zur Kommunistischen Internationale gehörenden Partei von dem ordentlichen Kongreß der Kommunistischen Internationale oder dem Exekutivkomitee bestätigt werden. Im Fall der Nichtbestätigung des Pro- io6 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gramms einer Partei durch das Exekutivkomitee der Kommunistischen Inter- nationale hat die betreffende Partei das Berufungsrecht an den Kongreß der Kommunistischen Internationale. Alle Beschlüsse der Kongresse der Kommunistischen Internationale wie auch die Beschlüsse des Exekutivkomitees sind für alle der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien bindend. Die unter den Bedingungen des schärfsten Bürgerkriegs tätige Kommunistische Internationale muß bei weitem zentralisierter ausgebaut werden, als das in der II. Internationale der Fall war. Dabei müssen selbstverständlich die Kommunistische Internatio- nale und ihr Exekutivkomitee in ihrer gesamten Tätigkeit den verschieden- artigen Verhältnissen Rechnung tragen, unter denen die einzelnen Parteien zu kämpfen und zu arbeiten haben, und Beschlüsse von allgemeiner Gültigkeit nur in solchen Fragen fassen, in denen solche Beschlüsse möglich sind. Im Zusammenhang damit müssen alle Parteien, die der Kommunisti- schen Internationale angehören wollen, ihre Benennung ändern. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale angehören will, hat den Namen zu tragen: Kommunistische Partei des und des Landes (Sektion der Kommunisti- schen Internationale). Die Frage der Benennung ist nicht eine formelle, son- dern in hohem Maße eine politische Frage von großer Wichtigkeit. Die Kom- munistische Internationale hat der ganzen bürgerlichen Welt und allen gelben sozialdemokratischen Parteien den Krieg erklärt. Es ist notwendig, daß je- dem einfachen Werktätigen der Unterschied zwischen den kommunistischen Parteien und den alten offiziellen »sozialdemokratischen« oder »sozialisti- schen« Parteien, die das Banner der Arbeiterklasse verraten haben, klar ist. Alle führenden Presseorgane der Parteien aller Länder sind verpflich- tet, alle wichtigen offiziellen Dokumente des Exekutivkomitees der Kom- munistischen Internationale abzudrucken. Alle Parteien, die der Kommunistischen Internationale angehören oder einen Antrag auf Beitritt gestellt haben, sind verpflichtet, möglichst schnell, aber spätestens 4 Monate nach dem II. Kongreß der Kommunistischen Inter- nationale, einen außerordentlichen Kongreß einzuberufen, um alle diese Be- dingungen zu prüfen. Dabei müssen die Zentralen dafür sorgen, daß allen Lokalorganisationen die Beschlüsse des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale bekannt werden. Diejenigen Parteien, die jetzt in die Kommunistische Internationale eintreten wollen, aber ihre bisherige Taktik nicht radikal geändert haben, müssen vor ihrem Eintritt in die Kommunistische Internationale dafür sor- gen, daß nicht weniger als zwei Drittel der Mitglieder ihrer Zentralkomi- tees und aller wichtigsten Zentralinstitutionen aus Genossen bestehen, die sich noch vor dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale unzwei- deutig für den Eintritt der Partei in die Kommunistische Internationale öffentlich ausgesprochen haben. Ausnahmen sind zulässig mit Zustimmung DIE KPD UND DIE KOMINTERN 207 des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Die Exekutive der Kommunistischen Internationale hat das Recht, auch für die im § 7 ge- nannten Vertreter der Zentrumsrichtung Ausnahmen zu machen. Diejenigen Parteiangehörigen, welche die von der Kommunistischen Internationale aufgestellten Bedingungen und Leitsätze grundsätzlich ableh- nen, sind aus der Partei auszuschließen. Dasselbe gilt namentlich von Delegierten zum außerordentlichen Par- teitag. Protokoll des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale Verlag Carl Hoym Nachf., Hamburg o. J. (1920), S. 388-395.   STELLUNGNAHMEN ZUR KOMINTERNFÜHRUNG AUF DEM V. PARTEITAG DER KPD (1920) A Ernst Meyer: Die russischen Genossen erklärten, sie wären der Meinung, daß die deutsche Partei infolge einer traditionellen Einstellung, die von dem Verhalten der Genossin Rosa Luxemburg und des Genossen Leo Jogiches gegenüber der russischen Partei herrühre, noch eine gewisse Reserviertheit gegenüber der russischen Partei habe. Die Genossin Rosa Luxemburg und Genosse Jogiches — Hilferding hat das auch auf dem Hallenser Kongreß56 ausgeschlachtet — haben in verschiedenen innerrussischen politischen Fragen gegenüber dem Genossen Lenin und den Bolschewiki eine entgegengesetzte Stellung einge- nommen, und die russischen Genossen meinen, daß die Auffassung von Rosa Luxemburg und Jogiches noch heute in der deutschen Partei nach wirke. Dem ist sowohl in Moskau, wie hier in den Gesprächen mit Genossen Sinowjew sowohl vom Genossen Levi als von mir widersprochen worden. Die russischen Genossen sind weiter mit der Haltung der deutschen Partei deshalb unzufrieden, weil Genosse Eberlein im vergangenen Jahr als Dele- gierter der Zentrale auf dem Gründungsparteitage der Internationale sich 56. Auf dem Kongreß in Halle (12. bis 17. Oktober 1920) spaltete sich die USP. Der linke Flügel erklärte sich für den Anschluß an die Dritte Internationale (und schloß sich im Dezember mit der KPD zusammen), der rechte Flügel, zu dem auch Hilferding gehörte, war gegen den Anschluß und führte die USP bis 1922 weiter. 208 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gegen die Gründung der Dritten Internationale in dem damaligen Moment ausgesprochen hat. Genosse Eberlein hat damals, wohl auf Anregung des Genossen Jogiches hin, angekündigt, daß er den Kongreß verlassen würde, wenn es zum Beschluß der Gründung der Dritten Internationalen käme. Etwas ähnliches wiederholte sich auf diesem Kongreß, nämlich, als die russi- schen Genossen erzwingen wollten, daß die KAPD mit beschließender Stim- me zu dem Kongreß zugelassen würde. Da erklärte Genosse Levi in Über- einstimmung mit der deutschen Delegation, daß die deutsche Delegation ab- reisen würde, weil ihr durch diesen Beschluß die Arbeit in Deutschland ganz ungeheuer erschwert werden würde. Sowohl das Verhalten des Genossen Eberlein wie die Ankündigung der Abreise auf diesem Kongreß hat die russi- schen Genossen sehr verstimmt und führte zu einer etwas gereizten Stimmung gegenüber der deutschen Delegation, wenigstens in dem Moment, als diese Frage erörtert wurde. Ich will hinzufügen, damit keine Mißverständnisse entstehen, daß in der Tat die deutsche Delegation in einem Schreiben an das russische Zentralkomitee angekündigt hat, daß, wenn die KAP mit beschlie- ßender Stimme auf dem Kongreß zugelassen wird, die deutsche Delegation abreisen würde. Trotzdem ist dieser Beschluß, die KAP zuzulassen, von der Exekutive gefaßt worden. Die deutsche Delegation hat diese Ankündigung, die an das russische Zentralkomitee gerichtet war, der Exekutive nicht mit- geteilt, und hat auch, wie Sie wissen, die Abreise nicht vorgenommen, nicht nur deshalb, weil die KAP darauf verzichtete, an den Beratungen des zweiten Kongresses teilzunehmen, sondern auch deshalb, weil der nachträglich ein- getroffene Delegierte Genosse Walcher entschieden erklärte, daß er einen solchen Schritt der deutschen Delegation nicht mitmachen könnte. Drittens — und das ist der Hauptvorwurf, den die Russen der deutschen Partei machen, und der richtet sich nicht nur gegen die Zentrale, sondern gegen die ganze Partei — werfen die russischen Genossen der deutschen Par- tei vor, sie habe zu wenig Fühlung mit der Masse der Arbeiter. Sie habe sie nicht gehabt in der Frage der Spaltung von der KAPD und nicht in den Kapp-Tagen ... Schließlich haben die russischen Genossen zum Ausdruck gebracht, daß in der deutschen Partei die Abwehr der Putsche so weit gehe, daß eine anti- putschistische Stimmung entstehe, die die Partei in Aktion selbst in dem Mo- ment, wo Aktionen notwendig sind, hemme. Gerade aus diesem Grunde wollten die russischen Genossen, daß die KAPD mit dem Spartakusbund wieder in engere Fühlung trete, um so zu dem politisch sicheren und richtigen Auftreten der deutschen Partei noch etwas von dem revolutionären Elan hinzuzufügen, der nach Auffassung der russischen Genossen in stärkerem Maß bei der KAP vorhanden ist... DIE KPD UND DIE KOMINTERN 209 B Paul Levi: Da möchte ich gegenüber dem Genossen Meyer das eine feststellen, daß die Haltung der Zentrale in den Kapp-Tagen bei der nun einmal in Moskau vor- handenen Vorstellung, es bestünde ein rechter und ein linker Flügel in der kommunistischen Partei, nicht die ausschlaggebende Rolle gespielt haben kann. Denn ich beispielsweise hatte in Moskau die Ehre, als Führer des rech- ten Flügels angesprochen zu werden, und das, obgleich mir ausdrücklich ge- sagt wurde, das einzige Dokument aus der KPD in Deutschland, das wirklich links sei, sei mein Brief mit meiner Kritik an dem Verhalten der Zentrale während der Kapp-Tage. Ich sage also: diese ausschlaggebende Rolle kann der Kapp-Putsch bei dieser Teilung in den rechten und den linken Flügel nicht gespielt haben. Dann möchte ich noch eins sagen: Uns ist die Kritik so erfahrener Genos- sen, wie es die Russen sind, außerordentlich wertvoll, und niemand wird ihnen das Ohr verschließen. Aber ebenso glaube ich, sind wir verpflichtet, gewisse Dinge, die uns nicht gefallen haben, zu äußern. Ich sage ganz ruhig, Genossen, was zu dem verhältnismäßig scharfen Tone in Moskau geführt hat, war ein Verhalten der russischen Genossen, von dem ich sage: unter Kom- munisten würde ich es anders gewünscht haben. Daß die Frage der KAP heute schon nicht mehr, aber in dem Stadium, in dem wir nach Moskau kamen, gewissermaßen eine Lebensfrage für uns war, darüber ist kein Zwei- fel. In einer Lebensfrage für die deutsche kommunistische Partei hat das rus- sische ZK über meinen Kopf hinweg beschlossen, die Zulassung der KAP zu beantragen. Wir deutschen Delegierten haben demgegenüber verlangt, erstens eine Aussprache über diese Frage mit den russischen Genossen, bevor das rus- sische ZK diesen Antrag in der Exekutive zur Entscheidung bringe. Wir glaubten, das sei ein Antrag, der unter Kommunisten billig sei; — der Antrag wurde abgelehnt! Wir haben weiter an dem entscheidenden Abend in der Exekutive beantragt, eine Vertagung der Entscheidung auch nur um vier- undzwanzig Stunden zu bewilligen, weil unser Genosse Walcher noch nicht zugegen war, und wir wollten, daß in dieser wichtigen Frage die gesamte deutsche Delegation entscheiden sollte. Auch diese Vertagung um vierund- zwanzig Stunden wurde abgelehnt. Ich muß sagen: freundschaftlich und unter Genossen konnte man ganz anders verfahren in einer Frage, in der die ge- samte deutsche Delegation — Meyer wie ich, wie die anderen Genossen alle — erklärten: Es ist eine Lebensfrage für die deutsche kommunistische Partei! ... Bericht über den V. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale) vom 1. bis 3. November 1920 in Berlin Hrsg, von der Zentrale der KPD Frankes-Verlag, Berlin 1921, S. 27/28 und 35/36. 210 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK   ANLEITUNG DER KPD DURCH DIE KOMINTERN A Brief Radeks an die Zentrale der KPD *7 Vom 14. März 1921 Brandler, Thalheimer, Frölich, Meyer, Böttcher, Felix. W. G. .. . Lage bei Euch in der Partei klar für mich. Levi sucht Fraktion zu bilden unter Losung: Massenpartei oder Sekte. Was Schwindel ist, da er durch seine Politik die Partei auseinandertreibt, während wir durch die Aktivisierung unserer Politik neue Massen heranziehen können. Niemand denkt hier an mechanische oder überhaupt an irgendwelche Spaltung in Deutschland. Es gilt die Gegensätze klar herauszuarbeiten, den linken Flügel geistig führend zu machen. Levi wird schnell abwirtschaften. Es gilt nur alles zu tun, um Däu- mig, Zetkin mit ihm nicht abwirtschaften zu lassen. 3. Alles hängt von weltpolitischer Situation ab. Wenn sich der Riß zwi- schen Entente und Deutschland vergrößert, es vielleicht zum Krieg mit Polen kommt, werden wir reden. Eben, weil diese Möglichkeiten bestehen, müßt Ihr alles tun, um die Partei zu mobilisieren. Man kann keine Aktion aus dem Revolver schießen. Wenn Ihr jetzt nicht alles tut, um durch das ununter- brochene Drängen nach Aktion der kommunistischen Masse das Gefühl ihrer Notwendigkeit beizubringen, werdet Ihr in einem großen Moment wieder versagen. Bei den weltpolitischen Entscheidungen weniger auf die radikale Formel, als auf die Tat, das Setzen der Massen in Bewegung denken. Falls Krieg kommt nicht an Frieden, nur Protest, sondern an das Waffenkriegen denken. Dies alles in Eile auf dem Parteitag geschrieben. Alles andere im Artikel. Gruß. Die beiden Briefe Radeks aus der Zeit der Märzaktion wurden später in Paul Levis Zeitschrift Unser Weg mit kritischen Bemerkungen abgedruckt. Radek war bis 1923 in der russischen KP und in der Komintern als Spezialist für Deutschland tätig. In der KPD zog er nach der Vereinigung mit der USP eine sogenannte Sowjet- fraktion auf, mit der er in ständiger Verbindung stand. Die Briefe sind wertvolle Dokumente, weil sie den Umfang, aber auch die Grenzen der Anleitung der KPD durch Moskau zeigen. Die Grundlinie wurde natürlich von der Komintern bestimmt, bei den Einzelfragen aber gab es durchaus noch Spielraum und Auseinandersetzungen. DIE KPD UND DIE KOMINTERN 211 B Brief Radeks an die Zentrale der KPD Liebe Freunde! Im Augenblick, wo ich diesen Brief schreibe, habe ich nur die Nauener Nach- richten über die Lage. Auf Grund dieser Nachrichten ist es schwer, zu ent- scheiden, ob die jetzige Bewegung eine spontane oder eine von der Partei begonnene Aktion darstellt. Die Tatsache, daß der Ausgangspunkt der Bewe- gung der mitteldeutsche Bezirk ist, wo wir stärker als irgendwo anders und daß der zweite Angriffspunkt Hamburg ist, läßt mich annehmen, daß es sich um die Parteiaktion handelt. Ich fürchte, daß Ihr die Aktion um ein paar Wochen zu früh gemacht habt. Ich fürchte, daß ein taktischer Fehler vorliegt, daß Ihr nicht abgewartet habt, bis es zu einem Konflikt zwischen Deutsch- land und Polen gekommen wäre. Ich kann die allgemeinen Gründe deutscher und europäischer Natur, die ausschlaggebend für Eure Entscheidung sein konnten, falls die Aktion auf Eure Entscheidung hin zurückzuführen ist, ver- stehen. Aus diesem Grunde sind jetzt die Zweifel, sogar wenn die Sache mit einer Niederlage endet, müßig ... Levi, der die Formel Sekte oder Massenpartei hervorgezogen hat, wird jetzt zweifelsohne die Anklage des Putschismus erheben, und der ganze Spuk wird sich herausstellen als das, was er ist, als der Beginn der klaren Heraus- kristallisierung der rechten Fraktion .. . Braß wird von uns eine Erklärung fordern, ob wir eine Spaltung der deut- schen Partei, wie es angeblich Rakosi gesagt haben soll, anstreben. Wir wer- den darauf hinweisen, daß die deutsche Partei in ihrer großen Masse eine sich entwickelnde revolutionäre Massenpartei ist, die imstande sein wird, die von ihr übernommenen Verpflichtungen — 21 Punkte — durchzuführen, auch ent- gegen von Sabotageversuchen einzelner Führer. Wir werden hinweisen, daß die 21 nicht ausgeführt sind. Wir werden die Elemente nennen, die sich der Entwicklung der Partei zu einer wirklich revolutionären entgegenstemmen, und wir werden die Überzeugung aussprechen, daß die deutschen Arbeiter, die 2V2 Jahre revolutionäre Entwicklung hinter sich haben, imstande sein wer- den, diese Elemente lahmzulegen ... Unser Weg (Sowjet) Zeitschrift für kommunistische Politik Herausgeber: Paul Levi Heft 8/9, August 1921, S. 248-251. 212 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 67. RUNDSCHREIBEN NR. 830 DER KOMINTERN (1921)58 An das Zentralkomitee der KP Deutschlands Vertraulich Werte Genossen! Auf dem 3. Weltkongreß der KI wurde ein Beschluß gefaßt, laut welchem die der KI angeschlossenen Sektionen verpflichtet werden, regelmäßige Vier- teljahresberichte an die Exekutive einzusenden. Wir müssen leider feststellen, daß bis jetzt nur einige wenige Sektionen diesem Beschlusse nachgekommen sind, daß dagegen die Mehrzahl der Par- teien außerordentlich wenig dazu beiträgt, die Exekutive über die kommu- nistische und Arbeiterbewegung in ihrem betreffenden Lande zu informieren. Die Exekutive muß deshalb auf der strikten Durchführung des erwähnten Beschlusses des 3. Kongresses bestehen. Folgende Bestimmung, die wir Euch hiermit zur Kenntnis bringen, wurde aus diesen Gründen erlassen: Die Überweisung der vierteljährlichen Unterstützungsbeiträge an die Sek- tionen erfolgt erst nach Eintreffen des dem Quartal entsprechenden Partei- berichtes. Die Berichte sollen jeweils 1. Januar, 1. April, 1. Juli und 1. Okto- ber fertiggestellt und dem Sekretariat der KI zugesandt werden. Überdies müssen wir von den Parteien für die Informationsabteilung und die Bibliothek der KI die regelmäßige Zustellung folgender Materialien fordern: Programm, Statuten und Mitgliedsbuch der Partei, Zentralorgan (in zwei Exemplaren), Theoretische Zeitschrift der Partei, Aufrufe, Flugblätter und Propagandaschriften, Broschüren und Bücher, revolutionäre Liedersammlungen, Sämtliche Plakate, Fotografien von Versammlungen, Meetings, Fabrikkomi- tees, Bauernsektionen etc. etc. All dieses Material soll, wo das möglich ist, direkt an folgende Adresse gesandt werden: Informationsabteilung, Komintern, Mochowaja, Moskau. Andernfalls kann unsere gewöhnliche Verbindungsstelle benutzt werden. Die Informationsabteilung wird Euch nächstens einige kleinere Frage- bogen zustellen, um deren rasche Erledigung wir Euch bitten. Mit kommunistischem Gruß Sekretariat des EK der KI Privat-Archiv Weber Die beiden Rundschreiben werden zum erstenmal veröffentlicht. Sie unter- streichen die in Anmerkung 57 gemachten Feststellungen. DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       213 68. RUNDSCHREIBEN NR. 1022 DER KOMINTERN (1923) An alle kommunistischen Parteien Die Internationale Arbeiterhilfe*? hat eine internationale Hilfsaktion für das revolutionäre deutsche Proletariat eingeleitet. Die Aktion ist von eminenter politischer Bedeutung. Die Durchführung der Aktion findet in den einzelnen Ländern Hunderte von Möglichkeiten, für die deutsche Revolution Stimmung zu machen. Es ist klar, daß wenn heute in der Tschechoslowakei Hunderte von Versammlungen stattfinden, wo für die deutsche Revolution gesprochen, ge- sammelt, gespendet und geopfert wird, dadurch eine Atmosphäre entstand, die bei dem Siege der deutschen Revolution es in den Militärkreisen schwer macht, gegen eine Arbeiter- und Bauernregierung Stellung zu nehmen oder gar sich einzumischen. Die Aktion muß also in erster Linie nach dem Gesichts- winkel des politisch-propagandistischen Werkes für die deutsche und mittel- europäische Revolution durchgeführt werden. Die Aktion hat aber auch eine politische Bedeutung für die deutsche Revolution selbst. Die sich praktisch auswirkende Aktion in Form der Übermittlung von Brot und Getreide wirkt auf den nicht politisch-geschulten, nicht kommunistisch organisierten, primitiv denkenden Arbeiter ermutigend und anfeuernd. Das in Sachsen durch die IAH verteilte Brot hat eine gewaltige, warme Begeisterung für die Inter- nationale erzeugt. Während das Brot von dem General Müller von Arbeiter- kindern unter dem Ruf »wir wollen kein Brot von einem Mörder« auf die Straße geworfen wurde, hat man das Brot der Internationalen Arbeiterhilfe mit Begeisterung entgegengenommen. Aber die Aktion hat nicht nur eine große politische, sondern kann auch eine praktische Unterstützung für die deutsche Revolution gewinnen. Die zur Zeit des Bestehens der kommunistisch- sozialistischen Regierung in Sachsen durchgeführte Brotverteilung der Inter- nationalen Arbeiterhilfe, war eine ausgezeichnete politische Unterstützung der sozialistisch-kommunistischen Regierung gegen den weißen General, der nichts als Maschinengewehre bieten konnte. Es kann eine Situation eintreten, Die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) war eine von Willi Münzenberg ins Leben gerufene Organisation. Im August 1921, zur Zeit der Hungerkatastrophe in Rußland, konstituierte sich in Berlin ein Komitee zur Organisierung der Auslands- hilfe für Sowjetrußland. Am 12. September 1921 trat dann eine Konferenz zur Organisierung der Arbeiterhilfe für die Hungernden in Rußland zusammen. Vom 3. bis 5. Dezember schließlich tagte der 1. Internationale Kongreß der IAH. Die IAH wurde eine von den Kommunisten geleitete Massenorganisation, die in vielen Ländern Sektionen hatte. 214 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK wo in einzelnen Teilen Deutschlands die Revolution siegt und dann würde die Brotverteilung durch die IAH auch eine praktische, reale Unterstützung der deutschen Revolution werden. Aus allen diesen Gründen verpflichtet die Kommunistische Internationale sämtliche kommunistischen Parteien, mit allen Mitteln und mit aller Energie, die von der Internationalen Arbeiterhilfe eingeleitete Hilfsaktion für die deutschen revolutionären Arbeiter zu unterstützen. Moskau, den 16. XI. 1923 Sekretär des EKKI gez. Kolaroff Privat-Archiv Weber 69. STALIN: ÜBER DIE PERSPEKTIVEN DER KPD UND ÜBER DIE BOLSCHEWISIERUNG (1925) Unterredung mit dem Mitglied der KPD Herzog60 1. Frage (Herzog). Schätzen Sie die politischen und wirtschaftlichen Verhält- nisse in der demokratisch-kapitalistischen Republik Deutschland so ein, daß die Arbeiterklasse in einer mehr oder minder nahen Zukunft den Kampf um die Macht wird führen müssen? Antwort (Stalin). Es wäre schwer, diese Frage mit strikter Entschiedenheit zu beantworten, wenn es sich um Termine und nicht um die Tendenz han- delte. Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, daß die gegenwärtige Situa- tion sich sowohl den internationalen als auch den inneren Bedingungen nach wesentlich von der Situation des Jahres 1923 unterscheidet. Das schließt je- doch nicht aus, daß sich die Situation in Anbetracht der Möglichkeit ernster 60. Stalins Interview mit Wilhelm Herzog, dem Herausgeber der Zeitschrift Forum (der mit der linken USP zur KPD gekommen war) ist in Stalins Werken nicht vollständig enthalten. Die letzte Frage Herzogs und Stalins Antwort fehlen dort, sie wurden seinerzeit aber in Herzogs »Forum« abgedruckt. Stalin wurde wegen des Interviews von der deutschen (linken) KP-Führung, die damals den Ausschluß von Brandler und Thalheimer forderte, angegriffen. Stalin antwortete am 28. Fe- bruar 1925 auf einen Brief Maslows. Dieser Brief ist in Stalins Werken (Band 7, S. 36-40) enthalten, allerdings als Brief an Genossen Me-rt. Da Stalin damals ver- suchte, Maslow für seine Fraktion zu gewinnen, war der Brief sehr konziliant ge- halten. DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       21$ Veränderungen in der äußeren Lage in der nächsten Zeit schroff zugunsten der Revolution ändern kann. Die Labilität der internationalen Lage ist eine Garantie dafür, daß diese Annahme sich als durchaus wahrscheinlich erweisen kann ... 3. Frage. Sie sagten, daß die KPD die Mehrheit der Arbeiter hinter sich haben muß. Diesem Ziel wurde bisher zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt. Was muß man ihrer Meinung nach tun, um die KPD in eine solche tatkräf- tige Partei mit progressiv wachsender Werbekraft zu verwandeln? Antwort. Manche Genossen meinen, die Partei festigen und sie bolschewi- sieren bedeutet alle Andersdenkenden aus der Partei hinausjagen. Das ist natürlich falsch. Die Sozialdemokratie kann nur im Verlauf des tagtäglichen Kampfes für die konkreten Bedürfnisse der Arbeiterklasse entlarvt und zu einer verschwindenden Minderheit in der Arbeiterklasse hinabgedrückt wer- den. Die Sozialdemokratie muß angeprangert werden nicht auf der Grund- lage von fernliegenden Fragen, sondern auf der Grundlage des tagtäglichen Kampfes der Arbeiterklasse für die Verbesserung ihrer materiellen und poli- tischen Lage, wobei die Fragen des Arbeitslohnes, des Arbeitstages, der Wohnverhältnisse, der Versicherung, der Steuern, der Arbeitslosigkeit, der Verteuerung der Lebenshaltung usw. eine überaus ernste, wenn nicht die ent- scheidende Rolle spielen müssen. Den Sozialdemokraten Tag für Tag auf der Grundlage dieser Frage Schläge versetzen und ihren Verrat aufdecken — das ist die Aufgabe. Diese Aufgabe wäre jedoch nicht restlos gelöst, wenn die Fragen der all- täglichen Praxis nicht mit den grundlegenden Fragen der internationalen und der inneren Lage Deutschlands verknüpft würden und wenn diese ganze alltägliche Arbeit nicht in der gesamten Arbeit der Partei vom Standpunkt der Revolution und der Eroberung der Macht durch das Proletariat beleuch- tet würde. Eine solche Politik kann jedoch nur eine Partei durchführen, an deren Spitze ein Stamm von Führern steht, die genügend erfahren sind, um alle und jegliche Blößen der Sozialdemokratie für die Stärkung ihrer Partei aus- zunützen, und die genügend theoretisch geschult sind, um bei Teilerfolgen nicht die Perspektiven der revolutionären Entwicklung zu verlieren. Damit erklärt sich auch hauptsächlich, daß die Frage der führenden Kader der kommunistischen Partei überhaupt, darunter auch der deutschen Kom- munistischen Partei, eine der wesentlichen Fragen des Prozesses der Bolsche- wisierung darstellt. Um die Bolschewisierung durchzuführen, ist es notwendig, wenigstens einige grundlegende Voraussetzungen zu schaffen, ohne die überhaupt eine Bolschewisierung der kommunistischen Parteien unmöglich ist. Es ist notwendig, daß die Partei sich nicht als Anhängsel des parlamen- tarischen Wahlapparats betrachtet, wie es im Grunde genommen die Sozial- 2l6 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK demokratie tut, und auch nicht als Gratisbeilage zu den Gewerkschaften, wo- von zuweilen gewisse anarcho-syndikalistische Elemente faseln, sondern als die höchste Form der Klassenvereinigung des Proletariats, die berufen ist, alle übrigen Formen der proletarischen Organisationen, von den Gewerk- schaften bis zur Parlamentsfraktion, zu führen. Es ist notwendig, daß die Partei, besonders ihre führenden Elemente, sich der revolutionären Theorie des Marxismus, die mit der revolutionären Praxis untrennbar verbunden ist, voll bemächtigen. Es ist notwendig, daß die Partei die Losungen und Direktiven nicht auf Grund eingelernter Formeln und geschichtlicher Parallelen, sondern als Er- gebnis einer sorgfältigen Analyse der konkreten Bedingungen der revolutio- nären Bewegung im Lande und im internationalen Maßstab ausarbeitet, wo- bei die Erfahrungen der Revolutionen anderer Länder unbedingt mit in Rechnung gestellt werden müssen. Es ist notwendig, daß die Partei die Richtigkeit dieser Losungen und Direktiven im Feuer des revolutionären Kampfes der Massen überprüft. Es ist notwendig, daß die gesamte Arbeit der Partei, besonders wenn in ihr die sozialdemokratischen Traditionen noch nicht überwunden sind, auf neue, revolutionäre Art umgestellt wird, darauf berechnet, daß jeder Schritt der Partei, jede ihrer Aktionen naturgemäß zur Revolutionierung der Mas- sen, zur Vorbereitung und Erziehung der breiten Massen der Arbeiterklasse im Geiste der Revolution führt. Es ist notwendig, daß die Partei es in ihrer Arbeit versteht, die höchste Prinzipienfestigkeit (nicht zu verwechseln mit Sektierertum!) mit einem Maximum an Verbundenheit und Kontakt mit den Massen (nicht zu ver- wechseln mit Nachtrabpolitik!) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung für die Partei unmöglich ist, nicht nur die Massen zu lehren, sondern auch von ihnen zu lernen, nicht nur die Massen zu führen und sie auf das Niveau der Partei emporzuheben, sondern auch auf die Stimme der Massen zu lau- schen und ihre brennendsten Nöte zu erkennen. Es ist notwendig, daß die Partei es versteht, in ihrer Arbeit eine unver- söhnliche revolutionäre Einstellung (nicht zu verwechseln mit revolutionärem Abenteurertum!) mit einem Maximum an Elastizität und Manövrierfähigkeit (nicht zu verwechseln mit Anpassungspolitik!) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung für die Partei unmöglich ist, alle Formen des Kampfes und der Organisation zu meistern, die Tagesinteressen des Proletariats mit den grund- legenden Interessen der proletarischen Revolution zu verbinden und in ihrer Arbeit den legalen Kampf mit dem illegalen Kampf zu verknüpfen. Es ist notwendig, daß die Partei ihre Fehler nicht verhüllt, daß sie die Kritik nicht fürchtet, daß sie es versteht, ihre Kader an Hand ihrer eigenen Fehler zu verbessern und zu erziehen. Es ist notwendig, daß die Partei es versteht, in die grundlegende füh- DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       21/ rende Gruppe die besten Elemente der fortschrittlichen Kämpfer aufzuneh- men, die genügend Hingabe besitzen, um wahrhafte Vertreter der Bestrebun- gen des revolutionären Proletariats zu sein und die genügend Erfahrung haben, um wirkliche Führer der proletarischen Revolution zu werden, die fähig sind, die Taktik und die Strategie des Leninismus anzuwenden. Es ist notwendig, daß die Partei die soziale Zusammensetzung ihrer Organisation systematisch verbessert und sich von zersetzenden opportuni- stischen Elementen reinigt, wobei sie die Erreichung einer maximalen Ein- heitlichkeit als Ziel vor Augen haben muß. Es ist notwendig, daß die Partei eine eiserne proletarische Disziplin entwickelt, die auf der Grundlage der ideologischen Einheit, der Klarheit der Ziele der Bewegung, der Einheit des praktischen Handelns und des be- wußten Verhaltens der breiten Parteimassen zu den Aufgaben der Partei erwächst. Es ist notwendig, daß die Partei die Durchführung ihrer eigenen Be- schlüsse und Direktiven systematisch überprüft, da ohne diese Bedingung die Gefahr besteht, daß sie sich in leere Versprechungen verwandeln, die nur geeignet wären, das Vertrauen der breiten proletarischen Massen zur Partei zu untergraben. Ohne diese und ähnliche Bedingungen ist die Bolschewisierung ein leerer Schall. 4. Frage. Sie sagten, daß neben den negativen Seiten des Dawesplans die zweite Voraussetzung für die Eroberung der Macht von Seiten der KPD eine solche Lage ist, bei der die Sozialdemokratische Partei vor den Augen der Massen völlig entlarvt dasteht und keine ernsthafte Kraft innerhalb der Arbeiterklasse mehr darstellt. Bis dahin ist in Anbetracht der realen Tat- sachen noch ein weiter Weg. Hier machen sich die Mängel und Schwächen der jetzigen Arbeitsmethoden der Partei deutlich merkbar. Wie kann man sie beseitigen? Wie schätzen Sie das Resultat der Dezemberwahlen des Jahres 1924 ein, bei denen die Sozialdemokratie — eine völlig korrupte und ver- faulte Partei — nicht nur keine Stimme verloren, sondern etwa zwei Mil- lionen Stimmen gewonnen hat? Antwort. Hier handelt es sich nicht um die Mängel der Arbeit der deutschen Kommunistischen Partei. Hier handelt es sich vor allem darum, daß die amerikanischen Anleihen und das Eindringen des amerikanischen Kapitals plus die stabilisierte Valuta, die die Lage etwas verbesserten, die Illusion von der Möglichkeit einer grundlegenden Liquidierung der mit der Lage Deutschlands verbundenen inneren und äußeren Gegensätze geschaffen haben. Auf dieser Illusion ritt auch die deutsche Sozialdemokratie wie auf einem weißen Roß in den gegenwärtigen Reichstag hinein. Wels tut sich jetzt mit seinem Wahlsieg groß. Aber er begreift anscheinend nicht, daß er sich einen fremden Sieg zuschreibt. Gesiegt hat nicht die deutsche Sozialdemokratie, 2l8 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK sondern die Gruppe Morgan. Wels war und bleibt nur einer der Kommis Morgans. Herzog: Ihre Äußerungen von vorhin: »die Partei bolschewisieren heiße für einige Genossen, alle diejenigen Genossen, die anders denken, aus der Partei ausschließen«, kann vielleicht falsch verstanden werden. Darf ich Sie deshalb bitten, Ihre Meinung deutlicher zu formulieren? Stalin: Das, was ich sagte von den Andersdenkenden, bezog sich auf Brand- ler, Thalheimer und Radek. Ich bin der Meinung — und ebenso das ZK der RKP, soviel wie mir bekannt —, daß dies unmöglich ist. Und persönlich bin ich. durchaus gegen einen solchen Ausschluß. Kein formaler Entscheid liegt bei uns bisher vor. Aber man hat sich unter den Mitgliedern des ZK dar- über verständigt. Und alle sind gegen den Ausschluß. 3. Februar 1925 J. W. Stalin, Werke, Band 7 Dietz-Verlag, Berlin 1952, S. 29-3;. (Die beiden letzten, dort fehlenden Absätze sind entnommen: Das Forum. Herausgeber Wilhelm Herzog. Berlin. Nr. 2, November 1928 S. 74-75. 70. BRIEF DER EXEKUTIVE DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE AN ALLE ORGANISATIONEN UND DIE MITGLIEDER DER KPD^i (Offener Brief gegen die Linke in der KPD - 1925) Werte Parteigenossen! Schon während der Sitzung der Erweiterten Exekutive — März-April 1925 — und kurz danach haben wir zusammen mit der Vertretung der Kommunisti- schen Partei Deutschlands ausführlich die Fragen besprochen, in denen unserer Meinung nach die größten Mängel der Parteiarbeit zum Ausdruck gekom- men sind. Die wichtigste Frage — die Frage der deutschen Partei — war Der Offene Brief der Exekutive der Komintern, der am 1. September 1925 in der Roten Fahne veröffentlicht wurde, schlug in der KPD wie eine Bombe ein. Schließlich war die Ruth-Fischer-Maslow-Führung, gegen die sich der Offene Brief richtete, noch wenige Wochen zuvor auf dem X. Parteitag der KPD erneut gewählt DIE KPD UND DIE KOMINTERN 219 damals und ist auch jetzt — das Problem der Steigerung der Werbekraft un- serer Partei, das Problem der Eroberung der Massen und besonders der Massen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Von diesem Standpunkt aus haben wir unsere allgemein-politische Linie bestimmt, von diesem Stand- punkt aus haben wir die anderen Fragen betrachtet. Dazu gehören u. a. fol- gende Aufgaben: die Arbeit in den Gewerkschaften; die Überzeugung der sozialdemokratischen Arbeiterschaft (Fragen der Propaganda, »andere Töne« usw.; {»'Normalisierung« des Parteilebens'), innere Parteidemokratie, Ausnut- zung der ehemaligen Opposition, Diskussionsfreiheit, Wählbarkeit der Par- teifunktionäre, Heranziehung neuer führender Kräfte usw.), was für uns auch als Voraussetzung des richtigen Verhältnisses zu den außerparteilichen Massen galt; die Liquidation des versteckten Kampfes gegen die Internatio- nale (Liquidierung der Praxis der sogenannten selbständigen Emissäre in anderen Parteien, ehrliche Durchführung der wirklich bolschewistischen Linie). Vor dem Parteitage haben die Vertreter der Exekutive noch einmal mit der Vertretung der deutschen Partei verhandelt, zwar nicht vollkommen offiziell, das war auf Wunsch der deutschen Vertretung. In diesen Verhandlungen wurden die drei wichtigsten Fragenkomplexe besprochen. Erstens: Die Exekutive hat darauf hingewiesen, daß bei der führenden Gruppe Ruth Fischer-Maslow einige rechte Abweidiungen vorhanden sind, eine zu parlamentarische Einstellung usw. Zweitens: Man hat beschlossen, eine wirkliche Wendung in der Gewerk- schaftsfrage zu machen und demonstrativ auf dem Parteitag eine starke, arbeitsfähige Gewerkschaftsabteilung zu wählen, bzw. den entsprechenden Auftrag der neuen Parteizentrale zu geben. Drittens bestanden die Vertreter der Exekutive darauf, daß in die Zentrale neue führende Arbeitskräfte, insbesondere mit der Gewerkschaftsarbeit ver- traute Genossen, darunter auch einige oppositionelle Genossen, zu wählen sind. Nicht deswegen, um die Arbeit nach »rechts« zu schleppen, wie es bewußt falsch behauptet wird, sondern um einen Zutritt zu den schwanken- den Mitgliedern der Partei zu verschaffen. worden. Maslow, gegen den die Hauptangriffe gerichtet waren, stand damals wegen Vorbereitung zum Hochverrat vor dem Reichsgericht. Die KP-Presse veröffentlichte gleichzeitig mit dem Offenen Brief Lobeshymnen auf Maslow und forderte seine Freisprechung. Auch die Berliner KP-Führung sprach sich zunächst mit 48 gegen 22 Stimmen für die Ruth-Fischer-Maslow-Führung und gegen den Offenen Brief aus. Es gelang jedoch relativ rasch, die Linken um Ruth Fischer, Maslow und Urbahns zu isolieren, da viele Vorwürfe der Komintern (Gewerkschaftsfrage usw.) auch von breiten Parteikreisen geteilt wurden. Am 19. August 1926 wurden Ruth Fischer und Maslow aus der KPD ausgeschlossen; in der folgenden Zeit auch die übrigen Führer der Linken. Der Offene Brief ist ungekürzt wiedergegeben. 22Q DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Über die Zusammensetzung der Partei zentrale hat die Exekutive dreimal nachträglich Anfragen erhalten und dreimal ihre Ratschläge bestätigt. Auf dem Parteitage selbst wurden diese Beschlüsse größtenteils nicht durch- geführt. Die Gruppe der Genossin Ruth Fischer hat nicht nur die Beschlüsse sabotiert, sondern auch eine derartige Behandlung der Delegation der Exe- kutive hervorgerufen, daß die letztere gezwungen wurde, eine entsprechende Erklärung abzugeben. Am Schlüsse des Parteitages wurde ein Bündnisange- bot der Gruppe Scholem-Rosenberg gegen die Exekutive stillschweigend an- genommen, was prinzipienlos war, da politisch der Parteitag im Geiste des Kampfes gegen die Ultralinke geführt worden war. Analog damit wurde ein Konflikt mit der Vertretung der Jugendinternationale hervorgerufen und die internationale Jugendkonferenz, an der die Vertreter von 13 Ländern teilnahmen, hat offiziell dagegen Stellung genommen und die entsprechende Appellation an die Exekutive gerichtet. Damit wurde eine schwere Krise geschaffen. Die erste Delegation, die zu uns kam mit der Direktive, die Desavouierung der EKKI-Delegation zu for- dern, mußte nach heftiger Diskussion anerkennen, daß die Exekutive recht hat. Die gesamte Delegation hat die Erklärung abgegeben, daß sie die Kritik seitens der EKKI für richtig hält, das Auftreten der EKKI-Delegation für richtig hält und die politische Linie der Jugend Vertretung, sowie auch die der Internationalen Jugendkonferenz, unterstützt. Inzwischen wurde — auf Wunsch der deutschen Delegation — beschlossen, die größere Vertretung kommen zu lassen. Mit allen möglichen Mitteln ver- zögerte Genossin Fischer deren Ankunft. Die zweite Delegation teilte sich in zwei Gruppen. Die Genossin Ruth Fi- scher kämpfte zuerst gegen die Kritik des EKKI, aber nach langer Diskussion in der Kommission des EKKI, in der die Vertreter aller wichtigen Parteien vorhanden waren, hat auch sie eine Erklärung abgegeben, in der sie die Richtigkeit der Kritik des EKKI anerkennt. Dies ist kurz der Tatbestand. Wir wollen aber einige Erläuterungen dazu bringen, um den deutschen Genossen den Standpunkt der KI klarzumachen. 1. Allgemeine Lage Die weltpolitische Situation kann man als sehr kritisch betrachten. Trotz der relativen Stabilisierung in Mitteleuropa stehen die wichtigsten Widersprüche des modernen Kapitalismus unter dem Zeichen der größten Spannung. Das stürmische Wachstum der Sowjetunion und der Niedergang in England, die Erfolge der internationalen roten Einheitsfront (englisch-russischer Gewerk- schaftsblock und der Kampf um die Einheit; die deutschen und andere Arbei- terdelegationen nach Sowjetrußland; die Arbeiter- und Bauernkongresse in DIE KPD UND DIE KOMINTERN 221 Frankreich; die Revolutionierung der englischen Arbeiterbewegung überhaupt usw.), sowie auch die unerhörte Verschärfung der kolonialen und halbkolo- nialen Freiheitskämpfe (Marokko, Syrien, besonders aber China); anderer- seits die Konzentration der imperialistischen Kräfte gegen die Sowjetunion (der militärisch-diplomatische »Ring« um Moskau; Hetze in der bürgerlichen Presse; englische Politik und der Garantiepakt; Kriegs- und Blockadevorbe- reitungen; das Auftreten von Kautsky und der sozialdemokratischen Presse usw.) — alles das sind die Symptome der allgemeinen Verschärfung der Lage. Als sehr wichtige Erscheinung in diesem Komplex ist die 'Neu-Orientierung Deutschlands nach Westen zu bezeichnen. Diese Orientierung schafft eine an- dere allgemeine Stimmung im Volke, und teilweise findet sie auch ihre Wider- spiegelung in den am wenigsten klassenbewußten Teilen des Proletariats. Damit sind in der deutschen Arbeiterschaft zwei Prozesse zu bemerken; erstens, neue Welle der Sympathie zur Sowjetunion; die sozialdemokratischen Arbeiter beginnen sich zum Kommunismus zu entwickeln, zwar nicht direkt zur Kommunistischen Partei, sondern auf Umwegen und in neuartiger Weise, die die Partei einzuschätzen lernen soll. Das typische Beispiel sind die Arbei- terdelegationen. Andererseits ist in gewissen — wenn auch kleinen — korrumpierten Teilen der Arbeiterschaft ein Wachstum der sogenannten »antimoskowitischen« Ten- denzen zu verzeichnen, die der Ausdruck der neuen Orientierung der Bour- geoisie sind. Dieser Prozeß ist teilweise auch in der KPD vorhanden. Die sogenannte ultralinke Tendenz ist manchmal nur ein Deckmantel für die sozialdemokratischen, reformistischen, »levitischen« Stimmungen, die sich in einen direkten Verrat an der internationalen Arbeiterklasse zu verwandeln drohen. Diese beiden Prozesse sind internationaler Natur und deswegen be- sonders wichtig. Zweifellos bestanden eine Reihe erschwerender Umstände, als die Linke die Parteiführung übernahm: Oktoberniederlage, sechs Monate Illegalität82, Mac- donald-Regierung, Linkswahlen in Frankreich, Dawes-Gutachten und die daraus folgenden reformistischen Illusionen in breiten Arbeiterschichten. Trotzdem wären die bis zu einem gewissen Grade unvermeidlichen Verluste der Partei nicht so stark gewesen, wenn die Führerschaft der Partei nicht die erwähnten schweren Fehler begangen hätte. Trotzdem müssen wir hier konstatieren, daß die erwähnte Führergruppe der Parteizentrale keineswegs gewußt hat, richtig auf die neuen Prozesse in der Arbeiterschaft zu reagieren. Bei einer keineswegs schlechten Allgemein- lage bleibt die Zahl der Parteimitglieder bestenfalls stabil; ernster Rück- gang in den Gewerkschaften; starke Verluste bei den politischen Wahlen; ungenügende Entwicklung der Werbekraft der Partei, trotz der scheinbaren Die KPD wurde nach dem Hamburger Aufstand verboten und wirkte von November 1923 bis 1. März 1924 illegal. 222 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Einheit, die keineswegs eine bolschewistische Einheit ist — dazu ist man jetzt gekommen. Die Parteiführung wußte nicht, die sozialdemokratischen und parteilosen Arbeiter zu gewinnen. Die Gruppe Ruth Fischer-Maslow verstand nicht, energisch gegen die »ultra-linken«, in Wirklichkeit aber antikommunistischen Tendenzen zu kämpfen und unterstützte sogar diese Tendenzen, indem sie eine höchst zwei- deutige Rolle in den internationalen Fragen spielte. Die Gewerkschaftsarbeit, die Komintern und die FÜHRENDEN GRUPPEN DER P A RTE IZ E NTRAL E Diese Mängel der Führung kamen in der Frage der Gewerkschaften beson- ders kraß zum Ausdrude. Bereits auf dem Frankfurter Parteitag (1924), auf dem der Sieg der deutschen Linken über den Brandierismus entschieden wur- de, entstanden starke Differenzen zwischen der Exekutive und der neuen deutschen Parteileitung in der Gewerkschaftsfrage. Die führende Gruppe Maslow-Ruth Fischer wandte sich zwar gegen die gröbsten Vorstöße der ultralinken Negierer der Arbeit in den reformistischen Verbänden, aber sie bewiesen durch die Halbheit der Beschlüsse (z. B. in der Frage der unabhän- gigen Verbände), daß sie den eigentlichen Kern und die ganze Größe des Problems unserer Gewerkschaftsarbeit nicht begriffen haben. Dieses Unver- ständnis für die Bedeutung der Gewerkschaftsarbeit hatte praktisch monate- lang eine mangelhafte Durchführung der Beschlüsse der Komintern durch die Gruppe Maslow-Ruth Fischer zur Folge. Ein vertrauliches Telegramm der Exekutive nach dem Frankfurter Parteitag wurde in einem Zirkular an alle Bezirksleiter gesandt, um sie zum Protest gegen die Exekutive aufzureizen; die gewerkschaftsfeindliche Propaganda in den Reihen der Partei wurde bis zum 5. Weltkongreß nicht genügend bekämpft. Der 5. Weltkongreß stellte zum ersten Male die Losung der internationalen Gewerkschaftseinheit auf die Tagesordnung. Er betrachtete diese neue Losung als Grundelement unserer gesamten bolschewistischen Strategie, deren näch- stes Ziel die Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse ist. In diesem Zu- sammenhang analysierte der 5. Kongreß die Macdonald-Regierung als das, was sie war: als die, wenn auch falsche reformistische — Widerspiegelung eines tiefen, historischen Entwicklungsprozesses der englischen Arbeiterklasse. Die deutsche Delegation unter Führung Ruth Fischers bekämpfte auf dem 5. Weltkongreß zunächst den Vorschlag der Exekutive. Dabei wurde der ver- steckte Anwurf erhoben, der Kampf um die internationale Gewerkschaftsein- heit sei nur ein »Schachzug der russischen Außenpolitik«, der Versuch einer Annäherung an die sozialdemokratische Macdonald-Regierung. Erst nach langen Verhandlungen ließ sich die Delegation von der Halt- DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       223 losigkeit ihrer Politik überzeugen. Die Beschuldigung, der Kampf um die Gewerkschaftseinheit beruhe auf einem diplomatischen Spiel der russischen Außenpolitik, läßt sich nur aus einer im Grunde antibolschewistischen, sozial- demokratischen Mentalität der führenden Gruppe erklären. Die gleiche Be- schuldigung wurde von Macdonald selbst, sowie von allen englischen und internationalen Sozialverrätern erhoben, um die Gewerkschaftseinheit zu dis- kreditieren. Der Kampf um die Einheit der Gewerkschaften ist ein Bestandteil der bol- schewistischen Strategie gegenüber der Mehrheit der internationalen Arbei- terklasse. Wer sie nicht begriffen hat, konnte und kann die gesamte welt- politische Konstellation der Gegenwart nicht richtig einschätzen und noch weniger die Taktik der Komintern im eigenen Lande mit ganzer Kraft durch- führen. Der Verständnislosigkeit der führenden Gruppe gegenüber der interna- tionalen Gewerkschaftskampagne entsprachen die schweren Fehler und Ver- säumnisse ihrer Gewerkschaftsarbeit in Deutschland selbst. Die Beschlüsse des 5. Weltkongresses in der Gewerkschaftsfrage wurden all- zusehr auf dem Wege des mechanischen Drucks und der Androhung von orga- nisatorischen Maßnahmen »durchgeführt«. Dagegen war die wirkliche Aufklärungsarbeit, die ideologische Erziehung der Parteimitglieder zum Verständnis unserer Gewerkschaftspolitik, die Aus- arbeitung einer positiven politischen Linie innerhalb des ADGB äußerst mangelhaft. So verstärkten sich die schweren Verluste, die unsere Partei im letzten Jahre auf allen Gebieten der Gewerkschaftsarbeit erlitt. Während die Oppo- sition auf dem letzten ADGB-Kongreß (1922) 88 Delegierte zählte, ist sie auf dem diesjährigen Kongreß nur durch 2 Delegierte vertreten. Wir haben eine Reihe von Zahlstellen und Ortsstellen verloren. Nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ideologisch und vor allem organisatorisch ist unser Einfluß auf die mehr als 80 Prozent parteilosen Mitglieder der deutschen freien Gewerk- schaften aufs stärkste zurückgegangen. Obwohl eine Reihe von objektiven Umständen (die veränderte politische Lage, die Massenausschlüsse, die reak- tionären Statuten und Wahlbestimmungen der Gewerkschaften) gleichfalls zu den Ursachen unserer Verluste gehören, spielen die Fehler und Versäumnisse der führenden Gruppe der Parteileitung eine entscheidende Rolle dabei. Die Fehler unserer Gewerkschaftsarbeit bestehen vor allem in dem Unver- mögen, die uns günstigen Stimmungen und Strömungen breiter Arbeiter- Schichten politisch-organisatorisch zu erfassen und festzuhalten. Seit einigen Monaten zeigt sich das langsame Wiedererwachen der politischen Aktivität großer Teile der deutschen Arbeiterschaft (Bauarbeiterstreik und andere Lohnkämpfe in den verschiedensten Industriezweigen, Holzarbeiterkampf, machtvolle Demonstrationen in vielen Großstädten, erfolgreiche Rote Tage 224 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK usw.). Die Parteileitung verstand es nicht, auf diese neuen Erscheinungen zu reagieren, vor allem nicht, sie für unsere Gewerkschaftsarbeit auszuwerten. Wir erwähnten schon, daß die Gruppe der Genossin Ruth Fischer die frü- here Gewerkschaftsabteilung der Zentrale in leichtfertiger Weise auflöste Die ausdrückliche Zusage des Vertreters der Zentrale, auf dem io. Parteitag die erneute Bildung einer starken Gewerkschaftsabteilung vorzuschlagen, wurde nicht eingehalten. Für dieses Versäumnis lassen sich nur zwei Erklärungen finden: entweder die führende Gruppe hat vergessen, den Beschluß der Ko- mintern durchzuführen, oder sie wollte ihn nicht durchführen. Im ersten Falle hat sie nicht weniger als eine der wichtigsten organisatorisch-politischen Parteiaufgaben vergessen, im zweiten Falle hat sie den Willen der Kommuni- stischen Internationale sabotiert. In beiden Fällen hat sie vor der Partei und der Internationale eine schwere Verantwortung auf sich geladen. Einer der Gründe für das Versagen der führenden Genossen dieser Gruppe in der Gewerkschaftsfrage ist der Mangel an Glauben an die politische Kraft und die Aktivität der Massen sowohl der eigenen Parteimitglieder als auch der gesamten Arbeiterklasse. Dieser Pessimismus, der alles andere als Bol- schewismus ist, einiger führender Genossen kommt beipielsweise in folgenden Ausführungen zum Ausdruck: »Wenn man absieht von den Spitzenfunktionären und sich die Mühe nimmt, hinunterzusteigen in die Mitgliedschaft, wird man sehen, daß unsere Proleten im Betrieb sich unsicher fühlen in der Verteidigung der Kommuni- stischen Partei. Sie fühlen sich nicht als die Sieger der Zukunft, sondern als Traditionsleute, die dabei sind, weil es anständig ist.« (Rede der Genossin Ruth Fischer auf dem Zentralausschuß vom 9./10. Mai 1925, vergl. Protokoll in der Broschüre Die monarchistische Gefahr und die Taktik der KPD, Seite 55.) Wir sind fest überzeugt, daß diese Äußerungen eine Geringschätzung der Kommunistischen Partei Deutschlands sind, die trotz aller Mängel ihrer Spitze zu den gesündesten, besten proletarischen Sektionen der Komintern gehört. Noch krasser ist der Hinweis in der Rede Ruth Fischers (in der deutschen Kommission des Präsidiums), »daß die Massen aus dem Alltag fliehen, Sol- daten spielen«: »Ich glaube, daß die Ursache der Schwierigkeiten aus zwei Hauptquellen kommt, die aber im Zusammenhang miteinander stehen. Erstens aus einer versteckten Liquidatorenstimmung tief in der Masse der Mitgliedschaft, die sagt: Wir haben keinen Sieg errungen, wozu sollen wir uns plagen, eine Kom- munistische Partei aufzubauen. Wir können ebenso gut Klassenkampf in der DIE KPD UND DIE KOMINTERN 22$ Sozialdemokratie machen. Als Beispiel, als Beweis dafür gilt, daß unsere Par- teigenossen mit geradezu leidenschaftlicher Begeisterung Demonstrationen und Roten Frontkämpferbund machen. Warum? Weil sie sich damit vorspie- geln, daß sie an der Eroberung der Macht stehen, daß sie damit spielen kön- nen, Revolution zu machen, ohne die kleine Organisationsarbeit zu leisten. Meine Überzeugung ist, daß der Demonstrationscharakter überwiegt, weil unsere Leute sich flüchten in diese Demonstrationen, um die tägliche Arbeit in den Gewerkschaften und Betrieben nicht machen zu müssen.« Diese Auffassungen haben weder mit einer richtigen Einschätzung der realen Lage noch gar mit dem Bolschewismus irgend etwas gemeinsam. Sie sind ein Versuch, die Selbstkritik der führenden Gruppe durch eine falsche Kritik an der gesamten Parteimitgliedschaft zu ersetzen. Die Geringschätzung der Parteimitglieder und der Arbeitermassen ist ein weiterer Schlüssel für die Fehler der erwähnten Genossen auch in der Gewerkschaftsarbeit. Im Gegensatz zu diesen Abweichungen besteht die Aufgabe der Führung gerade darin, das Vertrauen der Partei in ihre eigene Kraft und in alle ge- sunden Kräfte der Arbeiterklasse zu stärken, ihren Kampfgeist zu wecken und in ihnen das Bewußtsein ihrer wachsenden Stärke wachzurufen. Das Verhältnis zur Kommunistischen Internationale Die großen politischen Strömungen in der Arbeiterklasse bleiben auch auf die Partei der revolutionären Vorhut des Proletariats nicht ohne Einfluß. Der Drang immer breiterer Arbeiterschichten zum Zusammenschluß mit der sieg- reichen Arbeiterklasse der Sowjetunion spiegelt sich in unseren eigenen Rei- hen in der Durchdringung mit dem Leninismus, mit den Erfahrungen der Bolschewiki wider. Umgekehrt finden die Schwankungen und Verrätereien gewisser, von der bürgerlichen Anti-Moskau-Hetze beeinflußter Arbeiter- gruppen ihre letzte Ausstrahlung in den »anti-moskowitischen«, d. h. gegen die Sowjetunion, gegen die RKP und gegen die Komintern gerichteten Ten- denzen innerhalb unserer Partei. Diese Gefahr ist in der KPD um so größer, als alle ihre heutigen Richtun- gen und Schattierungen ohne jede Ausnahme noch stark der Wirkung sozial- demokratischer »westeuropäischer« Traditionen unterliegen. Jede bisherige Abweichung von der kommunistischen Politik begann in Deutschland mit einer Attacke gegen Sowjetrußland, die RKP, die Komin- tern. Die siebenjährigen Erfahrungen der deutschen Revolution lehren, daß alle derartigen Abweichungen ganz gleichgültig, ob sie rechts oder »links« maskiert waren, sich entweder direkt zur Sozialdemokratie entwickelten oder faktisch ein Bündnis mit ihr eingingen. Das gilt für die KAPD, für Levi, für Friesland, für einige Brandlerianer, für die Schuhmacher-Gruppe usw. 226 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Die Veränderung der politischen Situation, der endgültige Übergang der deutschen Bourgeoisie zur westlichen Orientierung, die bis zum Gipfelpunkt gesteigerte Rußlandhetze der Sozialdemokratie macht gegenwärtig die Ge- fahr antibolschewistischer Abweichungen in der KPD größer und akuter denn je. Die ultralinke Gruppe Scholem, Rosenberg, Katz, die der Komintern und ihren wichtigsten Parteien »Opportunismus« vorwirft, hat nicht nur nichts mit dem Leninismus gemeinsam, sondern trägt sowohl in ihrem Verhältnis zur Komintern, als auch in ihrer Stellungnahme zu den Problemen der deut- schen Revolution ausgesprochen antibolschewistischen Charakter. Gefährliche, im Wesen sozialdemokratische Abweichungen solcher Art be- stehen jedoch nicht nur bei der offiziellen ultralinken Gruppe, sondern sie finden sich auch bei den führenden Personen der Gruppe Maslow-Ruth Fischer. Die Schriften des Gen. Maslow können nicht als ein Beitrag zur ernsten gewissenhaften, theoretischen Erziehung der Partei im Geiste des Leninis- mus gewertet werden. Namentlich seine letzten literarischen Arbeiten sind ein versteckter, äußerst gefährlicher Angriff gegen die Grundlagen des Leni- nismus und gegen die gesamte Politik der Komintern in der gegenwärtigen Periode. In seinem Buch Die zwei Revolutionen des Jahres 1917 (Band 1, 4. Liefe- rung, S. 45 ff.) schreibt Gen. Maslow folgendes über den 3. Weltkongreß der KI: »Auf dem Dritten Weltkongreß sind meiner festen Überzeugung nach so große Fehler gemacht worden, daß er den europäischen (!) Parteien weit mehr Schaden als Nutzen gebracht hat. Ganz sicher gilt das für die KPD ... Auf dem Dritten Weltkongreß wurde eine Generalattacke gegen die Linken geritten, die bis zur Lächerlichkeit ging: hatte doch Gen. Trotzki sogar in der Partei Frossards... in der KPF ... auch höchst akute »Linksgefahren« ent deckt. Bedauerlicherweise beging Genosse Lenin den gleichen Fehler. Es ist das der einzige Fehler, der mir (!) von Seiten Lenins in der Behandlung der Partei bekannt ist. So den Charakter einer Partei wie die KPD mit ihren starken sozialdemokratischen Traditionen zu verkennen, insbesondere unter richtig erkannten objektiven Bedingungen, die gar keine Gelegenheit zu lin- ken Exzessen gaben. Der Dritte Kongreß gab sachlich Levi recht... Der Kongreß stieß die deutsche Partei (ebenso wie die französische) nach rechts, löste eine schwere und langandauernde Liquidatorenkrise aus.. .« Die Exekutive erklärt vor der ganzen Kommunistischen Internationale, daß dieser ungeheuerliche Angriff gegen Lenin und den Leninismus um kei- nen Preis geduldet werden kann. DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       22/ Der Vorwurf, die Komintern habe nicht nur die Kritik Levis an einigen ultralinken Fehlern der Partei anerkannt, sondern sie habe der levitischen Renegatengruppe »sachlich Recht gegeben«, sie habe auf dem Dritten Kon- greß die »europäischen Parteien« in den Opportunismus »gestoßen«, er habe in der deutschen Partei das Liquidatorentum »ausgelöst«, ist eine Wieder- holung dessen, was Rühle, Pfemfert und die inzwischen bei der Konterrevo- lution gelandeten KAPD-isten im Jahre 1921 sagten. Genosse Maslow ver- sucht, dem angeblichen »Opportunismus« Lenins einen »reinen« »linken« spezifisch »westeuropäischen« Kommunismus entgegenzustellen. Das ent- spricht genau der Plattform Paul Levis, Frossards, Höglunds und aller Feinde des Leninismus6*. Unter dem Pseudonym eines Kampfes gegen den Trotzkismus und gegen den Renegaten Levi richtet Maslow seinen Vorstoß gegen Lenin, der »den Charakter der KPD verkannt« haben soll. Unter dem Mantel des Kampfes gegen die »westeuropäischen« d. h. antibolschewistischen Abweichungen vom Kommunismus propagiert Maslow einen »westeuropäischen Kommunismus« schlimmster Sorte. Es ist kein Zufall, daß Genosse Maslow heute im Jahre 1925 gerade den Dritten Weltkongreß zum Ziele seiner Attacke macht. Der Dritte Weltkongreß verkörpert gerade das konkrete Glied in der Kette der Entwicklung des Leninismus und der Komintern, das in der gegen- wärtigen Situation für alle Kommunistischen Parteien, in erster Linie aber für die deutsche, von größter, unmittelbarer, praktischer Bedeutung ist. Der Dritte Weltkongreß fand an einem Wendepunkt der internationalen prole- tarischen Revolution statt, im Moment des Übergangs von der Periode des stürmischen revolutionären Aufstiegs in den Nachkriegsjahren 1919 und 1920, zur Periode der verlangsamten revolutionären Entwicklung von 1921 bis 1925 - und darüber hinaus. Aus der neuen Einschätzung der Weltlage zog der Dritte Kongreß unter Führung Lenins neue Konsequenzen für die Taktik aller Kommunistischen Parteien. 63 63. Frossard war vor dem Krieg Generalsekretär der Französischen Sozialistischen Partei. Obwohl er (wie Cachin) 1914/15 auf dem patriotischen Flügel der Partei stand, trat er 1920 (zusammen mit Cachin) für den Anschluß an die Komintern ein. Er wurde Generalsekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs, gehörte aber zum rechten Flügel der Partei. 1923 verließ er die KPF und ging zur Sozialistischen Partei zurück. In den vierziger Jahren wurde er Minister Petains. Höglund war Führer der Schwedischen Linkssozialistischen Partei, die während des Krieges aus der Sozialdemokratischen Partei hervorging. Aus der Linkssozialistischen Partei wiederum entwickelte sich die Kommunistische Partei Schwedens; Höglund war ihr Führer. Er trat 1924 mit einer starken Gruppe, die gegen die Abhängigkeit von der Komintern war, aus der Kommunistischen Partei aus. Später kehrte er zur Sozialdemokratischen Partei zurück. 228 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Während der i. und der 2. Weltkongreß die Strategie und Taktik der Ko- mintern nur in ihren allgemeinen Umrissen bestimmte, arbeitete der 3. Kon- greß die konkrete Politik der Kommunistischen Parteien in der gegenwär- tigen Übergangsperiode zwischen zwei Revolutionen heraus. Er stellte in den Mittelpunkt unserer Politik die Losung: »Heran an die Massen« d. h. den Kurs auf die Gewinnung der ungeheuren Mehrheit der Arbeiterklasse. Damit schuf er den Anfang der bolschewistischen Einheitsfronttaktik, die die Achse unserer gegenwärtigen Politik bildet. Wer — wie Genosse Maslow—diesen wichtigsten Wendepunkt unserer Tak- tik verleugnet, wer ihn als »Rechtsschwenkung« diskreditiert, wer ihn als Konzession an den Trotzkismus oder an den Renegaten Levi verspottet, der greift die Grundlagen der Komintern an. Die praktischen Konsequenzen aus der falschen Theorie des Gen. Maslow sind unvermeidlich. Wenn man die Basis der Einheitsfronttaktik streicht, müssen ihre Resultate in der Praxis Null sein. Wenn man behauptet, »Lenin habe den Charakter der Kommunistischen Partei Deutschlands verkannt«, kann man diese Partei nicht im Geiste des Leninismus führen. Die Ideologie des Genossen Maslow steht nicht nur in taktischem, sondern in prinzipiellem Gegensatz zum Leninismus. Sie ist eine der Wurzeln des Widerstandes, der sich innerhalb der KPD noch heute der Taktik der Komintern entgegenstellt. Sie ist eine der Wurzeln des jahrelangen Unverständnisses, das die führende Gruppe der deutschen Zentrale bis heute der Gewerkschaftsarbeit, diesem Kern unserer Politik, entgegenbringt. Sie ist schließlich eine der Wurzeln des fortgesetzten Kokettierens mit den ultralinken Gruppen von Seiten ihrer an- geblichen »Bekämpfer«, mit den Genossen Maslow und Ruth Fischer an der Spitze. Das Verhältnis der Gruppe des Genossen Maslow zur Komintern ist seit dem 3. Weltkongreß ein unrichtiges, unbolschewistisches. Auf dem Jenaer Parteitag bekämpfte diese Gruppe den Standpunkt Lenins und der Exeku- tive. Sie kritisierte nicht nur — und dies mit vollem Recht — die opportuni- stische Verdrehung der Einheitsfronttaktik durch die Brandlerianer, sondern sie erhob auch alle möglichen Bedenken und Vorbehalte gegen die richtige Einheitsfronttaktik der Komintern, sowie gegen die Losung der »Arbeiter- und Bauernregierung«. Die antibolschewistischen Tendenzen besaßen bis vor kurzem maßgebenden Einfluß in ihrer Mitte. Nicht ungestraft bildete die Gruppe Maslow-Ruth Fischer trotz aller Warnungen der Komintern bis vor fünf Monaten eine feste Einheit mit der Gruppe Scholem-Rosenberg- Katz. Auch auf dem Frankfurter Parteitag zeigten sich »antimoskowitische« Vorstöße gegen die Komintern (in der Gewerkschaftsfrage, der Frage der Zusammensetzung der Zentrale u. a.). Im Verlaufe des letzten Jahres ent- sandte Gen. Ruth Fischer, trotz des Einspruchs der Exekutive, mehrfach Emissäre in verschiedene Sektionen der Komintern, deren »Mission« darin DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       229 bestand, auf fraktionellem Wege die Taktik der Exekutive zu ändern. Das Resultat dieser Reisen war, daß die deutsche Partei in den Brudersektionen der Komintern diskreditiert, ihnen entfremdet wurde. Besonders scharf kamen diese Tendenzen auf dem letzten Parteitag zum Ausdruck. Alle Vorschläge der Exekutive in der Gewerkschaftsfrage und in der Zentralefrage wurden trotz der gegebenen Zusagen abgelehnt. Von der versprochenen demonstrativen Wendung in unserer Gewerkschaftspolitik war — außer in dem Referat des Gen. Thälmann — keine Rede auf dem Parteitag. Allen Delegierten des Parteitags wurde durch die Zentrale eine Sonder- nummer des Berliner »Funken« überreicht, deren Hauptinhalt ein — »diplo- matischer« — Angriff Maslows gegen die Komintern bildet. In diesem Artikel »Einige Bemerkungen über unsere 10 Parteitage« schreibt Maslow u. a.: »Die spätere Linke der KPD hat vor dem 4. Weltkongreß in diesem Sinne und mit vollem Recht die Forderung »Zurück zum 2. Weltkongreß« erhoben. In dem schon erwähnten Erinnerungsbuch erzählt Genossin Zetkin, Lenin habe sich über diese »Dummheit« lustig gemacht. Ich zweifle nicht daran, da ich mir vorstellen kann, wie ihm diese Losung dargestellt und ausgelegt wor- den ist...                                                            ♦ Nicht umsonst hat der 4. Kongreß, trotz des Spotts Lenins, die 21 Bedin- gungen ausdrücklich erneut bestätigt, und nicht umsonst mußte der 5. Welt- kongreß ... bewußt und betont auf die Grundsätze des zweiten zurück- greifen ...« Maslow versucht hier abermals durch die demagogische Gegenüberstellung des 2., 4. und 5. Weltkongresses einerseits, des 3. andererseits, die Einheit der politischen Entwicklung der Komintern ideologisch zu zerstören und die Grundlagen der kommunistischen Politik in der gegenwärtigen Periode zu diskreditieren. Maslow stellt ferner die unwahre Behauptung auf: »Leider wurden die Leviten geradezu unterstützt von den russischen Genossen.« Dieser Hetze gegen die »russischen Genossen« folgt in Maslows Artikel die ebenfalls gefährliche Legende, daß die »Leviten sich in Moskau (!) auf dem Kongreß mit Recht als Sieger betrachteten«. »Der Dritte Kongreß«, schreibt Maslow weiter, »hinderte vor allem die KPD, sich selbst Klarheit zu verschaffen. Der Dritte Kongreß hat so . .. auf die KPD einen ähnlichen Effekt ausgeübt, wie zwei Jahre früher der Heidel- berger Parteitag: trotz richtiger Beschlüsse .. . eine schädliche Wirkung.« »Wären die Grundsätze des 2. Kongresses vorgetragen worden, ohne daß man sich den Popanz von »linken« Gefahren ausmalte... dann hätte man wahrscheinlich die Krise in der KPD wie auch in der KPF bedeutend abge- kürzt. 23O DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Aber auch die Exekutive und die russischen Genossen (!) waren ganz und gar nicht einig .. .« Maslow schreibt weiter, daß nicht seine eigene Gruppe, sondern die Exeku- tive »die deutsche Partei lange gehindert hat, in ein gutes Verhältnis zur Exekutive zu kommen«. Er erzählt mit voller Zustimmung folgende Anekdote: »Als die Exekutive nach Jena ihren (durch nichts gerechtfertigten) Angriff durch eine Einladung, eine Berliner Delegation nach Moskau zu schicken, kor- rigieren wollte, war es zu spät; die Organisation lehnte diese Einladung nach dem Mittagessen einstimmig ab, und der schon rechte Friesland schrieb den Absagebrief im Auftrage der Organisation.« Dieser letzte Absatz ist ein beispielloser Versuch der Herabsetzung der Kommunistischen Internationale vor den Augen der deutschen Arbeiter. Das antibolschewistische Spiel der Gruppe Maslow selbst beweist am klar- sten, daß Lenin sich auf dem 3. Weltkongreß nicht einen »Popanz von Fnken Gefahren ausmalte«, sondern daß diese Gefahren noch heute, vier Jahre nach dem 3. Weltkongreß, die Entwicklung der deutschen Partei hemmen, sie an der gesunden politischen Arbeit hindern, ihre Ideologie vergiften. Der ausgesprochenste Vertreter dieser linken, besser levitistischen Gefahren ist Maslow und seine Auffassungen vom 3. Weltkongreß. Die gesamte deutsche Partei, vor allem die besten Genossen der deut- schen Linken in allen Parteiorganisationen und Bezirken haben die Pflicht, das von der Gruppe Maslow-Ruth Fischer geförderte, nicht bolschewistische System des Verhältnisses der Partei zur Komintern mit aller Kraft zu brechen. Gebrochen, endgültig gebrochen werden muß auch mit dem System der »doppelten Buchführung«, das die erwähnten Genossen ein volles Jahr lang gegenüber der Komintern angewandt haben. Anstatt die richtige Linie der Komintern aufrichtig durchzuführen, unternahm diese Gruppe fortgesetzte Verschleppungsversuche vor den eigenen Parteimitgliedern durch den Hin- weis auf den angeblichen »Druck nach rechts« von Seiten der Exekutive; gleichzeitig leistete sie systematisch Widerstand vor der Exekutive durch den Hinweis auf den angeblichen »Zug nach ultralinks« von Seiten der deut- schen Parteimitglieder. Die Erfahrungen der verflossenen Kampfperiode seit dem Frankfurter Parteitag beweisen auch dem letzten deutschen Kommunisten, daß die Ko- mintern in allen Streitfragen unbedingt recht hatte gegenüber der Gruppe Maslow-Ruth Fischer. Sie hatte recht in der Einheitsfronttaktik und in der Gewerkschaftsfrage. Sie hatte ebenso recht in der Frage der Präsidentschafts- wahlen, wie mit ihren — jahrelang in den Wind geschlagenen — Warnungen vor den ultralinken Gefahren in der deutschen Partei. DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       2JI Wir sind fest überzeugt, daß die kommunistischen Arbeiter Deutschlands sehr rasch erkennen werden, daß auch in dem gegenwärtigen Kampf um den innerparteilichen Kurs der KPD, um ihr Verhältnis zur Komintern, um ihr Verhältnis zu den deutschen Arbeitermassen, um ihr Verhältnis zur lenini- stischen Theorie, die Komintern unbedingt recht hat, während die Gruppe Maslow-Ruth Fischer in allen diesen Fragen unbedingt unrecht hatte. Die innere Parteilinie Die führende Gruppe der Parteizentrale verstand nicht, die richtigen Maßnahmen zu treffen, um den Zutritt zu den Massen zu finden. Das geschah auch aus dem Grunde nicht, weil ihre innerparteiliche Politik falsch war. Wie erwähnt wurden die Fragen des inneren Parteilebens während der Sitzung der Erweiterten Exekutive ausführlich mit den Vertretern der deut- schen Zentrale besprochen. Die Vertreter der Exekutive wiesen darauf hin, daß der Ultrazentralismus, der mechanische Druck, die vorwiegend administra- tiven Maßregeln, das Fehlen der Propaganda und der Überzeugungsmethode überhaupt, die Furcht vor neuen Kräften usw. unbedingt verheerende Wir- kungen haben müßten. In der damaligen Beratung wurde beschlossen, die innere Parteidemokratie zu verstärken. Wir waren der Meinung, daß, nach- dem der Sieg über die Rechten gewonnen ist, nachdem die Linke die Ober- hand in der Partei hat, nachdem also die organisatorischen Garantien für eine im Grunde richtige allgemeine Politik geschaffen sind, das Problem der Parteierz/eAwwg in den Vordergrund tritt. Andererseits glaubten wir, daß der Kreis der neuen Führerkaders der Partei zu verbreitern sei: Die Mög- lichkeit einer breiteren Auslese der Parteifunktionäre müsse garantiert wer- den, was ohne Diskussionen, Wählbarkeit, durch bewußte Politik der Heran- ziehung und Prüfung neuer Arbeiter nicht möglich ist. Im Zusammenhang damit fordern wir die Heranziehung neuer Kräfte, darunter auch der besten Mitglieder der ehemaligen Opposition, die der Komintern und der Partei treu geblieben sind. Diese Arbeit wurde aber nicht geleistet. Andererseits war bei uns diese Frage auch mit der Frage des Verhältnisses zu den parteilosen und sozialdemokratischen Arbeitern verbunden. Denn wenn man in der Par- tei lediglich administrative Mittel verwendet, so überträgt man die gleiche Politik in verstärktem Maße auf die außerhalb der Partei stehenden Arbeiter und schneidet sich damit die Wege zur Eroberung neuer Arbeiter ab. Wir glauben, daß ohne diese innerparteilichen Reformen die Partei nicht imstande sein wird, eine richtige Politik unter den Massen durchzuführen. Deshalb for- derte die Exekutive diese Reformen in der Richtung der »Normalisierung des Parteilebens«. Während der Erweiterten Exekutive hat die deutsche Dele- 232 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK gation mit der Genossin Ruth Fischer an der Spitze diese Vorschläge ange- nommen. Nochmals wurden diese Probleme mit der deutschen Delegation kurz vor dem Parteitag besprochen. Die Exekutive schlug vor, die Zentrale durch eine Reihe von Parteiarbeitern, die mit der Masse eng verbunden sind, zu erwei- tern. Die russischen Genossen wiesen u. a. darauf hin, daß die RKP seit dem Tode Lenins die Zahl ihrer Zentralemitglieder stark vergrößert und damit die Zentrale gestärkt, ihre Autorität gefestigt und gleichzeitig bessere Ver- bindung mit der Parteimasse geschaffen hat, was — im Zusammenhang mit der innerparteilichen Demokratisierung — auch bessere Verbindungen zu den Arbeitermassen außerhalb der Partei schuf (Leninaufgebot). Der deutsche Parteitag wurde aber so vorbereitet und durchgeführt, daß trotz aller Versprechungen gerade das Gegenteil erzielt wurde. Obwohl in der Partei starke Flügelgruppen (Ultralinke und -rechte) existieren, fand diese Tatsache absolut keine Widerspiegelung auf dem Parteitag selbst. Es war keine politische Diskussion, da jede Delegation vorher ausführlich besprach, was zu sagen ist; sogar auf dem Parteitag selbst — der höchsten Instanz der Partei - wurde die Diskussionsfreiheit annulliert. Wie schwach der Parteitag vorbereitet wurde, zeigen die gedruckten Anträge aus den Bezirken. Es gab nur sieben Anträge: einen über Esperanto (!), vier über Beiträge, einen über Arbeiterkorrespondenzen und einen über Kommunalkurse. Analoge Erscheinungen sind auf ideologischem Gebiet zu konstatieren. Niemals in der Arbeiterpresse hat man eine solche Reklame gesehen, wie für die Broschüre des Genossen Maslow. In Wirklichkeit besteht diese Broschüre nur aus richtigen Zitaten und durchaus unrichtigen Bemerkungen des Genos- sen Maslow. Nach diesem Muster versuchte man, das geistige Leben der Partei zu entwickeln. Es wäre nicht so schlimm, wenn die persönliche Autorität der Führer hoch- stünde. Aber diese Autorität muß einige Voraussetzungen haben und nicht nur mechanisch erworben werden. Leider aber sehen wir etwas anderes, und das ist eine Gefahr für die Gesamtpartei. Es mangelt in der Partei an der Kontrolle von unten, d. h. durch die Mit- gliedschaft der Partei. Gleichzeitig kämpfte die führende Gruppe fortgesetzt gegen die Kontrolle von oben, d. h. durch die Exekutive der Komintern. Auf diese Weise wurde ein solcher Zustand geschaffen, daß man das Verantwort- lichkeitsgefühl verlor, was zu verschiedenen, ganz unerträglichen Dingen ge- führt hat. Eine derartige Struktur der Partei macht die Entwicklung ihrer Werbekraft unmöglich. Ein derartiges System verdirbt die Partei selbst. Dieses System muß gebrochen werden, um einer noch größeren Krise vorzubeugen, die wirk- lich katastrophale Wirkungen haben kann. DIE KPD UND DIE KOMINTERN 233 Die Gefahr der Prinzipienlosigkeit Der praktische Bolschewismus besteht u. a. darin, daß man nach theoretisch erkannten, ehrlich durchdachten, politischen Linien handelt. Bei der Gruppe Maslow-Ruth Fischer befindet sich aber die innere Überzeugung, die innere Einschätzung der Lage in krassestem Konflikt mit der angenommenen Linie. Die tiefste Grundlage dieser Gruppe ist sehr pessimistisch: keine revolutio- nären Perspektiven, überhaupt die Auffassung: die Massen sind vollständig passiv, sie flüchten aus dem Alltagsleben, sie spielen Soldaten usw. Sie zu ge- winnen ist eine unerfüllbare Aufgabe. Andererseits »fordert« die Komintern die Gewinnung der Massen. Schon damit ist der Zwiespalt in der Praxis die- ser führenden Gruppe gegeben. Mit dem Pessimismus ist das Kokettieren mit den Ultralinken verbunden. Auf die Forderungen der Internationale erfolgt: die papierene Anerkennung dieser Forderungen und die Anstrengung, sie im Leben zu verwirklichen, ohne daran zu glauben. Daraus folgt die schwan- kende Position und die politische Haltlosigkeit, die mit einer Diplomatie schlimmster Art im Verhältnis zur Komintern verbunden ist. Das typische Beispiel dafür ist der zehnte Parteitag. Wir haben bereits gesehen, wie man ihn »geistig« vorbereitete. Genosse Maslow schrieb die Artikel, deren einziger Sinn darin bestand, die Bedeutung des 3. Weltkongresses zu diskreditieren, die gesamte Taktik der Internatio- nale ihrer Basis zu berauben und gleichzeitig die Basis für die ultralinken Gruppierungen zu begründen. Formell aber kämpfte man auf dem Parteitag gegen ultralinks. Anderer- seits wurde, sobald es mit der Internationale zum Konflikt gekommen war, sofort die politische Linie vergessen und der Block mit den Ultralinken ge- schlossen. In Moskau aber erklärte die Genossin Ruth Fischer, daß der Par- teitag ultralinks gestimmt war und sie gar nichts dagegen tun konnte, obwohl sie wollte! Auf einer Seite fördert man ultralinke Stimmungen, auf der an- deren erklärt man: wir haben uns in einer Notlage befunden. Diese »Taktik« hat bereits ihre Tradition. Genossin Ruth Fischer erklärte in Moskau immer wieder, daß die »Massen« sie stören, die Politik durch- zuführen, die die Exekutive empfiehlt, während sie in Berlin sagte, daß ihr die KI eine unrichtige Politik aufzwingt. Diese Gewohnheit fand ihren Ausdruck auch in der Rede des Genossen Schneller — Genosse Schneller hat inzwischen diesen Irrtum anerkannt —, der in Moskau erklärt hat (um Personen zu verteidigen), daß die Linke bankrott sei. Wir halten diese Behauptung für falsch. Nicht die Linke, son- dern einige Führer dieser Linken sind bankrott, und die Linke wird sich be- haupten auf anderen Gleisen, indem sie immer größere Schichten der Partei- mitgliedschaft überzeugen und die energischste, positive Arbeit entwickeln wird. 234 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Eine große Rolle spielt bei dem prinzipiellen Kampf gegen die Kommuni- stische Internationale das Argument, daß wir die deutsche Partei ständig »nach rechts stoßen« wollen. Wir konstatieren hier nochmals, daß in allen wichtigen Problemen die nachträgliche Erfahrung 'vollständig den Standpunkt der Komintern recht- fertigte. Jeder versteht das jetzt ganz klar. Nur ein politisch ganz bornierter Mensch sieht nicht ein, daß wir ohne diese Taktik anstatt der Partei heute bloß ein Häuflein Kommunisten und dabei sehr schlechter, gehabt hätten. Aber die Legende über das permanente »Stoßen« der Partei nach »rechts« durch die Komintern muß endgültig und vollständig zerbrochen werden. Wir unterstreichen, daß die Exekutive im jetzigen Moment die führende Gruppe nicht von rechts, sondern von links kritisiert. Wir würden als be- wußte Lüge jedes dahingehende Argument behandeln, die Komintern wolle die Partei »nach rechts« schleppen. Gerade um die Linke und mit ihr die Ge- samtpartei aus dem Sumpfe herauszuziehen, bestehen wir auf den vorge- schlagenen Reformen. Die Aufgaben der Partei Die Kritik an den Fehlern der bisher führenden Gruppe wird nur dann einen wirklichen und dauernden Nutzen bringen, wenn sie zu einer besseren und entschlosseneren Erfüllung der positiven Aufgaben der Partei bei der Ge- winnung der Massen führt. Die wichtigste Aufgabe der Partei besteht im gegenwärtigen Augenblick darin, rechtzeitig und tatkräftig auf die sich anbahnende politische Umgrup- pierung innerhalb der deutschen Arbeiterklasse zu reagieren. Die bedeutsam- ste Erscheinung der letzten Monate ist der beginnende Widerstand breiter Arbeitermassen gegen die »westliche Orientierung«, d. h. gegen den Über- gang der Bourgeoisie auf die Seite des Ententeimperialismus, gegen die Füh- rung der 2. Internationale, die Wendung dieser Arbeitermassen zu Sowjet- rußland und — wenn auch auf Umwegen — zur proletarischen Revolution. Ohne diesen Entwicklungsprozeß in seiner Bedeutung und seinem Tempo zu überschätzen, muß die Partei diese neuen Erscheinungen in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rücken, sie sorgfältig verfolgen und bei jedem ihrer praktisch politischen Schritte berücksichtigen. Alles kommt darauf an, daß die Partei ihre Werbekraft in größerem Maße steigert. Sie muß den sich nach links entwickelnden sozialdemokratischen Ar- beitermassen gegenüber neue Formeln, einen neuen Ton, einen neuen Inhalt der Agitation finden. Sie muß alle Vorgänge im Lager der Sozialdemokratie genau erkennen, studieren, in den Bezirken, Unterbezirken und Ortsgrup- pen, entsprechend den lokalen Verhältnissen, durch unsere Agitation beein- DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       235 Aussen. Die sozialdemokratischen Arbeitermassen, die sich von ihren konter- revolutionären Führern abzukehren, langsam, zögernd, aber unverkennbar der proletarischen Revolution zuzuwenden beginnen, müssen das Gefühl ha- ben: die Kommunistische Partei ist wirklich eine Partei der Arbeiter, eine Partei, die unentwegt für unsere Interessen, unsere Teilforderungen, unsere Tagesnöte kämpft, die uns nicht nur als Agitationsobjekt, sondern als Klas- senbrüder betrachtet, die ehrlich die Herstellung der proletarischen Einheits- front im Klassenkampf will. Vom Gesichtspunkt dieser Hauptaufgabe müssen alle andern politischen Schritte der Partei unternommen werden. Von diesem Gesichtspunkt muß vor allem unsere Parlamentsarbeit geleistet sein. An jedem Ort und in jeder politischen Frage müssen wir die Tribüne suchen, von der aus die Partei zu den Arbeitermassen in den Gewerkschaften und in der Sozialdemokratie spricht, um sie auf die Seite des Klassenkampfes hinüberzuziehen. In diesem Licht müssen wir die Fragen des Garantiepaktes, des Völkerbundes, der Han- delsverträge, der Kredite, der Zölle, der Steuern, der Wohnungspolitik usw. stellen. Zugleich muß der Kampf gegen die monarchistische Gefahr, gegen die Klas- senjustiz, für die Vollamnestie usw. mit den tagtäglichen ökonomischen Lohn- und Arbeitskämpfen des Proletariats verbunden werden. Um wirklich einen Zugang zu dem besten Teil der deutschen sozialdemo- kratischen Arbeiter zu finden, muß man den Kampf aufnehmen gegen jene Exzesse, die aus der Zeit stammen, wo der Kampf mit der Waffe in der Hand geführt wurde. Den größten Schaden für die Sache der Arbeiterklasse brin- gen z. B. Fälle von gegenseitigen Schlägereien zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten (auf Versammlungen, unter der Jugend usw.), die durch die Schuld der Sozialdemokraten, mitunter aber auch nicht ohne Schuld der Kommunisten bis zum heutigen Tag noch stattfinden. Den konterrevolutio- nären Führern der deutschen Sozialdemokratie kommen solche gegenseitigen Kämpfe gerade recht, und diese Führer fachen selbstverständlich einen solchen Kampf bewußt an. Die Kommunisten müssen die Initiative zur endgültigen Beseitigung solcher Erscheinungen ergreifen, was selbstverständlich den guten Willen bei den sozialdemokratischen Arbeitern voraussetzt. Man muß nicht nur in Worten, sondern auch in der Tat zu unterscheiden verstehen zwischen den konterrevolutionären sozialdemokratischen Führern und der breiten Masse der sozialdemokratischen Arbeiter. Unsere Presse, insbesondere unsere Betriebszeitungen (Wandzeitungen usw.) müssen es ver- stehen, die Agitation gegen die verbrecherische Politik der sozialdemokrati- schen Führer so zu führen, daß dabei jeder sozialdemokratische Arbeiter in der betreffenden Fabrik oder in dem betreffenden Betrieb fühlt, daß ihm gegenüber, dem Arbeiter an der Drehbank, dem einfachen gewählten Be- triebsratsvertreter, ein anderes Verhältnis besteht als gegenüber dem hohen 236 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK »Barmat«-Führer, der die Arbeiter im Parlament von vorn und hinten ver- kauft. Die wirkliche, für alle Arbeiter sichtbare Umstellung wird vollzogen, wenn die Partei alle Kräfte auf die Steigerung unserer Gewerkschaftsarbeit kon- zentriert. Durch unsere Gewerkschaftsarbeit muß die SPD geschlagen, durch unsere Gewerkschaftsarbeit muß die Rote Einheitsfront gebildet werden. Die Partei, ihre Gewerkschaftsfraktionen müssen in allen Verbänden, Orts- kartellen und Zahlstellen eine großzügige Agitation auf Grund der Reise der ersten Arbeiterdelegation nach Sowjetrußland entfalten. Diese Reise muß einen gewaltigen Widerhall in der gesamten deutschen Arbeiterbewegung erwecken. Der Drang der Arbeiter zur Einheit der Gewerkschaften muß möglichst bald zur Herausbildung eines linken Flügels in den Gewerkschaften, nach dem Vorbild der englischen Arbeiterbewegung, kristallisiert werden. Das ist der nächste Schritt vorwärts in der deutschen und internationalen Einheits- bewegung, den die deutsche Partei tun muß. Die große Bewegung für die Einheit der Gewerkschaften wird breiteste Massen erfassen und neuen Zu- strom für die freien Gewerkschaften bringen, wenn die Kommunistische Par- tei zur treibenden Kraft für die Gewerkschaftseinheit wird. Die Kommunisten müssen verstehen lernen, in den Gewerkschaften die beste, energischste, sach- lichste Arbeit zu leisten, sie müssen den parteilosen und sozialdemokrati- schen Gewerkschaftsmitgliedern durch Anschauungsunterricht beweisen, daß sie als Bolschewisten zugleich aktive Gewerkschaftler zu sein verstehen. Unse- ren Fraktionen in den Gewerkschaften erwachsen damit eine Reihe von Auf- gaben: Wirkliches Eindringen in das Gewerkschaftsleben, intensivstes Stu- dium der wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge (Konzernwesen, Wirtschaftskonjunktur, Lage der Industriezweige, Besonderheiten der Wirt- schaftsgebiete usw.), Herausarbeitung einer klaren und sachkundigen Tarif- und Sozialpolitik, Führung von Arbeitskämpfen, insbesondere Streikstrate- gie, Stellung zu allen Organisationsfragen der Gewerkschaften, Kampf für die Industrieverbände, besondere Berücksichtigung der Rolle und Aufgaben der Betriebsräte, Betonung der Interessen der Arbeiterjugend innerhalb der Gewerkschaften, der Arbeiterinnen usw. Der Ausbau einer starken Gewerkschaftsabteilung bei der Zentrale der KPD muß den ernsten Willen der Parteileitung zeigen, diese Arbeit zur Grundaufgabe der Partei zu machen. Was bedeutet für die Kommunistische Partei die Erkämpfung des Ein- flusses in den Gewerkschaften in einem solchen Lande wie Deutschland? Das bedeutet vor allen Dingen Einfluß unter den organisierten Arbeitern in den Fabriken, Betrieben, Bergwerken, Werkstätten, auf den Eisenbahnen, in allen Industrieunternehmungen erkämpfen und diesen Einfluß vertiefen. Irgend- einen nennenswerten ernsten Einfluß in den jetzigen deutschen Gewerkschaf- DIE KPD UND DIE KOMINTERN 237 ten kann nur derjenige kommunistische Arbeiter haben, der Einfluß im Be- triebe hat. Der Einfluß der Kommunisten aber gerade in den Betrieben ist in der letzten Zeit schwächer geworden, was wir uns nicht zu verheimlichen brauchen. Man muß die einfache Wahrheit begreifen, daß der Kampf der Kommunistischen Partei und der Sozialdemokratie um den Einfluß auf die Massen letzten Endes in den Betrieben entschieden wird. Man muß begreifen, daß ein gründlicher und ernster Einfluß nicht so sehr auf dieser oder jener Versammlung erobert wird, wie vielmehr durch lange beständige Arbeit unter den Massen in den Betrieben. Man muß begreifen, daß der Hauptfehler der deutschen Kommunisten in der letzten Zeit darin besteht, daß sie allzuviel Aufmerksamkeit den »hohen«, »parlamentarischen« Fragen und allzuwenig Aufmerksamkeit der Arbeit in den Betrieben gewidmet haben. Wie haben die russischen Bolschewisten seinerzeit die Menschewisten be- siegt? Sie überließen den Menschewisten ruhig ihre Lorbeeren auf den »Kon- zert-Versammlungen«, in den Couloiren des Parlaments usw., während sie selbst zu den Massen gingen auf die Fabriken und in die Betriebe und durch jahrelange Arbeit in den Betrieben, in den Tiefen der Arbeitermassen, die Mehrheit der Arbeiterklasse auf ihre Seite brachten. Reden wir weniger davon, daß die Kommunistische Partei Deutschlands die einzige Arbeiterpartei ist! Handeln wir um so mehr, damit durch eine unermüdliche jahrelange Arbeit innerhalb breiter Massen in den Betrieben die Mehrheit der Arbeiterschaft für uns gewonnen wird. Die besten Parteigenossen der Kommunistischen Partei Deutschlands — in die Betriebe und von dort in die Gewerkschaften! Eine lange Ausdauer und die Bereitschaft, jahrelang die einfachste alltägliche Arbeit unter den Massen zu leisten, um Einfluß für ihre Partei zu erobern — das ist es, was die deutschen Kommunisten brauchen! Zur Durchführung der Gewerkschaftsarbeit ist eine entschlossene, organi- satorische Umstellung der Partei im Sinne der Organisationsbeschlüsse des letzten Parteitages erforderlich. Die auf dem Parteitag in Berlin beschlosse- nen neuen Statuten und Organisationsrichtlinien müssen aufs rascheste ver- wirklicht werden. Die organisatorische Umstellung der Partei hängt eng mit der politischen zusammen. Ihre gemeinsame Richtlinie besteht in der Ver- legung des Schwergewichts der gesamten politisch-organisatorischen Arbeit der Partei in die Betriebe, mit dem Ziel, die Massen der Arbeiter in den Be- trieben zu erobern. Im Vordergrund der organisatorischen Umstellung stehen folgende drei Aufgabengebiete: Reform des innerparteilichen Kurses im Sinne der Normalisierung und Demokratisierung des Parteilebens, der lebendigen Verbindung der Partei- führung mit der Mitgliedschaft in und durch alle Organisationen der Partei. 238                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Ernsthafte und unbedingte konsequente Reorganisation auf der Grund- lage der Betriebszellen. Organisatorische Zusammenfassung und Festigung des kommunistischen Einflusses in allen parteilosen Arbeiterorganisationen, vor allem in den Ge- werkschaften, aber zugleich auch in den sich neu bildenden Massenorganisa- tionen des Proletariats. Die Durchführung einer lebendigen Verbindung der Parteiführung mit der Mitgliedschaft erfordert die Beseitigung des Überzentralismus, die Heran- ziehung neuer Kräfte nicht nur für die Zentrale, sondern für alle leitenden Organe der Partei, besonders auch für die Bezirksleitungen; die Garantie der kollektiven Arbeit der gesamten Mitgliedschaft und die engste Zusammen- arbeit mit der Komintern. Die Zusammenarbeit mit der Komintern ist um so notwendiger, weil durch sie die Partei durch die Erfahrungen der gesamten Internationale bereichert wird. Neben der Reform des innerparteilichen Kurses und der Umstellung auf die Betriebszellen ist von größter Wichtigkeit der rasche Aufbau eines Systems wirklich bolschewistischer, mit größter Initiative praktisch arbeitender Partei- fraktionen in ausnahmslos allen Organisationen der Arbeiterschaft, wo Kom- munisten stehen. Diese Aufgabe beschränkt sich keineswegs auf die Gewerk- schaften, sondern gilt auch für sämtliche anderen parteilosen Massenorgani- sationen, sei es, daß sie bereits seit längerer Zeit bestehen, sei es, daß sie sich erst neu herausbilden. Der RFB bietet das beste Beispiel für die Neubildung proletarischer Massenorganisationen auf Grund der Kampferfahrungen des deutschen Proletariats. Rasche Einstellung der Partei auf solche Organisa- tionen (Sport-, Mieter-, Freidenker-, Rote Frauenliga usw.) und ihre Aus- nutzung zur Stärkung der Gewerkschaftsarbeit ist notwendig. In der Reihe der Fehler und Mängel der Leitung der KPD nimmt nicht den letzten Platz ihre vollkommen unrichtige Politik gegenüber dem Kom- munistischen Jugendverband Deutschlands ein. Die zahlenmäßige Schwäche und die Schwierigkeiten des Jugendverbandes in Deutschland lassen sich in bedeutendem Maße dadurch erklären, daß die Partei fast nichts gemacht hat, um dem Jugend verband zu helfen, einen bedeutend höheren Stand zu errei- chen. Aber die Hauptursache der Schwäche des deutschen Jugendverbandes ist die, daß er bis zur letzten Zeit auf demselben unrichtigen Wege ging, aut dem die Partei von ihrer Führung geleitet wurde, und mit der Partei alle ihre Fehler teilte. Um so mehr Bedeutung hat der Umstand, daß auf dem 10. Parteitag einzig die Jugend offen und bis zu Ende die Vorschläge der Komintern verteidigte. Das ist ein sicheres Zeichen dessen, daß die Jugend bereits ohne die Hilfe der Partei und sogar trotz des Widerstandes der Par- teiführung selbständig den richtigen Weg zu beschreiten begonnen hatte. Des- halb war vollkommen unzulässig das Benehmen der Vertreter der Partei- DIE KPD UND DIE KOMINTERN 239 Führung, das auf dem Parteitag in der Obstruktion gegenüber der Jugend und danach in dem »Druck« gegenüber dem ZK des KJVD seinen Ausdruck fand. Die Partei muß es verstehen, daß ein solches Verhältnis dem KJV gegenüber die ganze Arbeit unter der arbeitenden Jugend zunichte machen kann; diese Arbeit ist aber eine der wichtigsten Voraussetzungen der wirk- lichen Bolschewisierung der Partei. Die Organisationen des ländlichen und städtischen Kleinbürgertums be- dürfen der besonderen Aufmerksamkeit der Partei. Zugleich müssen endlich die notwendigen Schritte unternommen werden, um in Deutschland praktisch eine leninistische Bauernpolitik zu verwirklichen. Die Partei muß die stei- gende Unzufriedenheit des Kleinbürgertums und des Bauerntums wegen der Regelung der Aufwertungsfrage, der Handelsverträge, der Kredite, der Steuern und Zölle zum gemeinsamen Kampf gegen die Bourgeoisie mobili- sieren. (Kommunistische Fraktionsarbeit in den Aufwertungs-, Mieterorgani- sationen, den Organisationen der Weinbauern, Kleinbauern, Pächter usw.) Die Parlamentsarbeit der Partei im Reiche, den Ländern und Kommunen muß in allererster Linie vom Gesichtspunkt der Förderung unserer Arbeit in den Massenorganisationen durchgeführt werden. Dazu ist die engste Zusam- menarbeit zwischen den Parlamentsfraktionen und den kommunistischen Fraktionen in den Gewerkschaften usw. eine unerläßliche Voraussetzung. Die Partei darf keinen Augenblick vergessen, daß nach wie vor ernste rechte und ultralinke Gefahren in ihren Reihen bestehen. Dagegen bieten nicht mechanische Maßnahmen einen Schutz, sondern die breite, gründliche, bis zum letzten Parteimitglied vordringende, alle Organisationen und Zellen umfassende Aufklärungs- und Erziehungsarbeit durch die Partei. Die ideo- logische Überwindung aller Fehler auf praktischem und theoretischem Gebiet erfolgt am besten auf dem Wege der Durchdringung der Partei mit den Grundsätzen des Leninismus und der Komintern, auf dem Wege der Anwen- dung dieser Grundsätze auf die konkreten Verhältnisse in Deutschland und die daraus erwachsenden praktischen Parteiaufgaben. Eine breite Aufklärungskampagne unter der gesamten Mitgliedschaft über die Notwendigkeit und den politischen Sinn der gegenwärtigen Auseinander- setzung muß den bewußten Anfang dieser innerparteilichen Propaganda- arbeit bilden. 7. Warum muss die Partei gerade jetzt und warum muss SIE RASCH UMGESTELLT WERDEN? Viele Parteigenossen werden fragen, warum der Umschwung in der Führung der KPD so »plötzlich« notwendig ist, in Wirklichkeit handelt es sich keines- wegs um »plötzlich« aufgetauchte Differenzen zwischen der Exekutive und 240 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK der Gruppe Ruth Fischer. Es handelt sich vielmehr um Gegensätze, die während des ganzen Verlaufs der letzten anderthalb Jahre vorhanden waren und sich immer weiter bis zu dem jetzigen für die Partei und die Internatio- nale völlig unerträglichen Zustand verschärfen. Mehr als einmal hat die Exe- kutive die führende Gruppe vor der Fortsetzung ihrer Abweichungen gewarnt. Bereits auf der Tagung der Erweiterten Exekutive teilte die russische Dele- gation der deutschen Vertretung unter Führung Ruth Fischers nach ernsten, tagelangen Beratungen mit, daß bei der Fortsetzung des bisherigen innerpar- teilichen falschen Kurses ein schwerer Konflikt unvermeidlich sei. Die Vertreter der Exekutive in Deutschland wiesen immer wieder auf die Abweichungen und Irrtümer der erwähnten Gruppe hin. Trotzdem blieben alle Ratschläge und ernsten kameradschaftlichen Warnungen wirkungslos. Die Exekutive versuchte bis zuletzt das Entstehen eines offenen Konfliktes und die daraus mit Notwendigkeit folgenden organisatorischen Maßnahmen zu vermeiden. Nur aus diesem Grunde beschränkte sich die Exekutive auf Verhandlungen mit der führenden Gruppe der Parteizentrale und verzichtete, in der Hoff- nung auf diesem Wege eine Gesundung zu erreichen, auf die Austragung der sich ansammelnden Gegensätze vor den Organisationen und der Mitglied- schaft der Partei. Wir versuchten, auf dem Wege der erzieherischen Einwir- kung, der kameradschaftlichen Zusammenarbeit die Gruppe Ruth Fischer- Maslow von ihren Fehlern zu überzeugen. Wir vermieden trotz aller Bedenken den offenen Kampf, um der Linken der deutschen Partei, mit deren politischer Linie sich die Exekutive mehr als einmal solidarisiert hat, nicht im Augenblick ihres schweren Kampfes gegen die Rechten und Ultralinken Abweichungen in der KPD Schwierigkeiten zu bereiten. Dieser notwendige Schritt wurde uns dadurch erleichtert, daß sich inner- halb der Linken der deutschen Partei der Kern einer starken Opposition gegen das System der Genossen Ruth Fischer-Maslow herausgebildet hat. Der Berliner Parteitag6* und die Ereignisse unmittelbar nach seiner Beendi- gung bewiesen endgültig, daß die Hoffnungen der Exekutive, die Differenzen auf dem Wege der normalen Zusammenarbeit beizulegen, gescheitert sind. Die Vorstöße der Genossen Ruth Fischer und Maslow machen es zur zwin- genden Notwendigkeit, die Fragen der deutschen Partei offen vor der ganzen Mitgliedschaft zu stellen. Mögen unsere Feinde in ein Triumphgeheul ausbrechen und ihre Finger auf die Wunden der deutschen Partei legen. Möge die Bourgeoisie, mögen die Sozialverräter ganz Deutschlands die Partei verspotten und verhöhnen. Lenin hat uns gelehrt, ohne Rücksicht auf den Feind, schonungslos alle Fehler unserer Partei, der einzigen Partei der Vorhut des revolutionären Prole- tariats, mit bolschewistischer Offenheit bloßzulegen. Keine Partei der Welt Gemeint ist der X. Parteitag der KPD, der vom 12. bis 17. Juli 1925 in Berlin stattfand. DIE KPD UND DIE KOMINTERN 241 ist imstande, so offen und bis zu Ende folgerichtig ihre eigenen Mängel zu erkennen und aufzudecken, wie die Kommunistische Partei. Dies allein ist das Unterpfand für die rasche und vollständige Überwindung dieser Fehler. Die Exekutive ist tief überzeugt, daß kein kommunistischer Arbeiter in Deutschland sich durch das mit Sicherheit zu erwartende Triumphgeschrei der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse auch nur einen Augenblick verwirren oder beirren lassen wird. Mögen auch alle Rechten und Ultrarechten in unseren eigenen Reihen den Augenblick für gekommen halten, sich aufs neue hervorzuwagen. Mögen die Brandieristen erklärten: »Die Linke ist bankrott«. Die Kommunistische Partei Deutschlands wird in geschlossenen Reihen vorwärts gehen, ohne den Rufen der rechten und ultralinken Gegner auch nur Gehör zu schenken. Wir wiederholen nochmals: nicht die deutsche Linke ist bankrott, sondern einige ihrer Führer. Die deutsche Linke mit all ihren Fehlern in der Vergangenheit und in der Gegenwart war nicht bloß eine Gruppe von einzelnen Personen. Sie hat eine große historische Rolle zu erfüllen. Sie zog die Lehren aus dem Oktober 1923, sie schlug den Brandierismus, sie einigte die zerrissene Partei im Moment ihrer schwersten Krise. Die deutsche Linke muß die besten Traditionen der Vorhut des deutschen Industrieproletariats, der besten, stärksten Parteiorganisationen, wie Berlin, Hamburg, Ruhrgebiet, Rheinland erhalten und fortsetzen, aber sie muß auch zugleich verstehen, alles Falsche, Unreife, Unbolschewistische aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart auszumerzen. Dann wird sie nicht nur der linke, sondern der wirkliche, bolschewistische, führende Kern der KPD werden. Lenin hat uns gelehrt, daß, unsere Fehler offen und rücksichtslos vor der ganzen Arbeiterklasse zu kritisieren, bereits zur Hälfte sie zu überwinden bedeutet. Die RKP hat in ihrer fünfundzwanzigjährigen Geschichte mehr als einmal — frei von jeder kleinbürgerlichen Sentimentalität, von jedem Selbst- gefühl — ihre Schwächen aufgedeckt und überwunden. Die KPD wird diesem Beispiel folgen. Die Hauptmängel sind nicht zu suchen in der kerngesunden proletarischen Mitgliedschaft der Partei, sondern in der Spitze ihrer Spitze, die versagt hat. Vor der Partei stehen neue große Aufgaben. Die Situation entwickelt sich nicht gegen uns, sondern für uns. Der Klassenkampf in Deutschland bewegt sich seit einigen Monaten nicht mehr auf der sinkenden, sondern auf der auf steigenden Linie. Nur wenn die gesamte Partei alle Zeichen der Zeit erkennt, wenn sie sich auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft, auf die Kommunistische Internationale auf die unbesiegbare Kraft der deutschen Arbeiterklasse besinnt, — kann sie 242 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK die Krise überwinden und das deutsche Proletariat zum Siege führen. Dann aber mit Sicherheit. Exekutive der KI: Sinowjew, Bucharin, Manuilski, Piatnitzki, Losowski (Sowjetunion). Jacob (Frankreich). Brown (Groß-Britannien). Kuusinen (Finnland). Scheflo (Norwegen). Kilbom (Schweden). Kolaroff (Bulgarien). Dimitroff (Bulgarien). Boschkowitsch (Jugoslawien). Katajama (Japan). Roy (Indien). Mitskewitsch-Kapsukas (Litauen). Delegation der KPD: Thälmann, Ruth Fischer, Dengel, Schwan, Schneller, Schehr, Kühne, Strötzel, Heinz Neumann. und das Zentralkomitee der KPD (Sektion der Komm. Internationale). Die Rote Fahne vom i. September 1925. 7'- BESCHLUSS DES POLBÜROS DER KPD ZUM OFFENEN BRIEF DES EKKI ÜBER DIE RECHTE GEFAHR IN DER KPD (1928) 6s Das Polbüro des ZK der KPD faßte in seiner Sitzung vom 21. Dezember folgenden Beschluß zum Offenen Brief des EKKI über die rechte Gefahr in der KPD: Nach der Wittorf-Affäre (vgl. Dok. 81) wurde die auf dem VI. Weltkongreß der Komintern begonnene Linksschwenkung der KPD rascher vorangetrieben. Wie 192$ wandte sich das EKKI am 19. Dezember 1928 wieder mit einem Offenen Brief, diesmal über die »Rechte Gefahr« an die KPD. Das Politbüro der KPD unter Thäl- mann, Remmele und Heinz Neumann gab dazu die vorliegende Erklärung ab. DIE KPD UND DIE KOMINTERN 243 Das Polbüro begrüßt rückhaltlos die klare und entschiedene Stellung- nahme des Präsidiums des EKKI zur rechten Liquidatorengruppe in der KPD. Das Polbüro erblickt in dem Offenen Brief des Präsidiums die stärkste Unterstützung des Kampfes der KPD gegen die Feinde des Kommunismus innerhalb der eigenen Reihen. Die internationale Bedeutung des Beschlusses des Präsidiums ist unverkennbar. Der Offene Brief an die Mitglieder der KPD wird in der Komintern einer der bedeutsamsten Schritte sein, um die Rechtsgefahren, Rechtsströmungen und Rechtsfraktionen auch in den übrigen Bruderparteien schonungslos zu bekämpfen und zu liquidieren. Der Beschluß des Präsidiums des EKKI ist gerade deswegen von hervor- ragender Bedeutung für den Kampf der KPD gegen die rechte Liquidato- rengruppe, weil er in der großen Linie die Notwendigkeit des ständigen und ununterbrochenen ideologischen Kampfes gegen den Opportunismus in den Reihen der Kommunistischen Partei aufzeigt. Gleichzeitig zeigt der Offene Brief der KPD den Weg zur restlosen Liquidierung der rechten Liquidatoren- gruppe, der bestehen muß in dem entschiedensten ideologischen Kampf gegen das Liquidatorentum, zeigt er, wie und wann im Verlaufe dieses ideologi- schen Kampfes organisatorische Konsequenzen gezogen werden müssen. Das Polbüro begrüßt, daß vom Präsidium des EKKI nach der erfolgten Verhand- lung mit den früheren Kandidaten des Zentralkomitees, Hausen und Galm, deren Ausschluß aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und aus der Kommunistischen Internationale vollzogen worden ist. Ebenso drückt das Polbüro seine Befriedigung aus, daß der Beschluß des Präsidiums des EKKI offen und unumwunden ausspricht, die Mitglieder der KPdSU, Brandler und Thalheimer, aus der KPdSU und aus der Kommunistischen Internationale sofort auszuschließen, wenn sie der Aufforderung, vor der Zentralen Kon- trollkommission der KPdSU zu erscheinen, nicht Folge leisten sollten. Das Polbüro des ZK der KPD begrüßt ebenso die Feststellung des Offenen Briefes, daß die rechten Führer Walcher, Frölich und Genossen bei Ablehnung der Bedingungen des Zentralkomitees der KPD aus der KPD und aus der Kom- munistischen Internationale auszuschließen sind. Das Polbüro des Zentralkomitees der KPD ist mit dem Präsidium des EKKI besonders darin einverstanden, daß der ideologische Kampf gegen den Opportunismus und die Liquidierung der rechten Liquidatorengruppe vor allem dazu ausgewertet werden muß, um die Aktivisierung der Parteimassen, die Verbesserung der Parteikaders und die Stärkung der Parteiführung her- beizuführen. Die Parteiführung der KPD wird gemeinsam mit der Mitglied- schaft alle Kraft daransetzen, um die stärkste Auswirkung des Offenen Briefes auf alle Kommunisten und die revolutionäre Arbeiterschaft im In- teresse der gesteigerten revolutionären Arbeit nutzbar zu machen. Es gilt, auf der Linie der politischen Plattform, wie sie im Offenen Brief umrissen ist, die Reihen fester zu schließen und die Partei zu einer festen, 244 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK geschlossenen Einheit zusammenzuschweißen, damit sie die großen Aufgaben erfolgreich durchführen kann, die in der gegenwärtigen Periode des ver- schärften Klassenkampfes und der wachsenden imperialistischen Kriegsgefahr vor ihr stehen. Das Polbüro begrüßt ebenso rückhaltlos die klare und offene Sprache des Offenen Briefes gegenüber den versöhnlerischen Strömungen und der versöhnlerischen Gruppe in der KPD, die gleichfalls die ersten Anzeichen zur Fraktionsbildung aufweist. Besonders begrüßt das Polbüro die Feststel- lung des Offenen Briefes: »Für das Versöhnlertum ist in der KPD gegen- wärtig kein Platz mehr.« Die Partei hat die Aufgabe, die vollständige ideo- logische Liquidierung des Versöhnlertums durchzuführen. Die Gruppe der Versöhnler muß sich endgültig entscheiden, ob sie auch weiterhin wie bisher der Partei im Kampfe gegen das rechte Liquidatorentum in den Arm fällt oder ob sie bereit ist, die einheitliche Front mit der Gesamtpartei gegen alle Feinde des Kommunismus zu beziehen. Die Genossen Ewert und Meyer haben noch im letzten Moment versucht, die Beschlüsse der ZK-Sitzung vom 14. Dezember zu durchkreuzen und damit den rechten Liquidatoren Hilfsdienste zu leisten (Telegramm an das EKKI). Nachdem die Komintern endgültig und entschieden gesprochen und geurteilt hat, erwartet das Polbüro von der Gruppe der Versöhnler (Ewert, Meyer, Eberlein, Dietrich, Becker, Schröter, Schumann, Kurt), insbesondere von deren Vertretern im Polbüro, den Genossen Meyer und Ewert, daß sie ihre die Partei schädigenden Fehler anerkennen und sich diszipliniert in die Gesamt- arbeit der Partei einreihen. So wie das Polbüro innerhalb der deutschen Delegation zum VI. Welt- kongreß in einem besonderen Beschluß seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Genossen bekundete, wiederholt es heute diese Aufforderung. Gleich- zeitig erinnert das Polbüro die Angehörigen der Versöhnlergruppe daran, daß ihr Beharren auf dem seitherigen Standpunkt zwangsläufig zur Ver- schärfung der innerparteilichen Lage führen und die Anwendung entschie- dener Maßnahmen zur Sicherung der Parteilinie zur Folge haben müßte. Das Polbüro fordert die Parteimitgliedschaft im ganzen Reiche auf, so- fort in allen Parteikörperschaften, Bezirksleitungen, Ortsgruppen und Partei- zellen zu dem Offenen Brief des EKKI Stellung zu nehmen und die gefaßten Beschlüsse sofort an die leitenden Parteiorgane zu berichten. Die Bezirksleitungen sind verpflichtet, in allen Bezirken die Berichterstat- tung und Aussprache über den Offenen Brief des Präsidiums des EKKI vom 19. Dezember durchzuführen und über das Ergebnis an das ZK Bericht zu erstatten. Die Stellungnahme der Parteikörperschaften, Bezirksleitungen, Ortsgrup- pen und Parteizellen zum Offenen Brief des EKKI muß durchgeführt werden auf folgender Basis: DIE KPD UND DIE KOMINTERN                                                                       245 auf der Grundlage einer breit angelegten, systematischen ideologischen Kampagne zur Überwindung der opportunistischen Gefahr in der KPD, zur bedingungslosen Sicherstellung der bolschewistischen Parteieinheit und zur Gewinnung jener Arbeiter, die noch unter dem Einfluß der rechten Fraktion stehen; zur Durchführung eines systematischen Kampfes zur Überwindung des Versöhnlertums gegenüber den Rechten, das den Kampf gegen die Rechten hemmt und die Liquidierung der rechten Gruppe und der rechten Auffassun- gen erschwert; zur Durchführung der innerparteilichen Demokratie und Stärkung der Selbstkritik, um der Partei zu helfen, ihre Schwierigkeiten zu überwinden, was eine weitgehende Festigung der eisernen innerparteilichen Disziplin zur Voraussetzung hat (siehe politische Thesen des VI. Weltkongresses der Ko- mintern); zur Anspannung und Mobilisierung aller Parteikräfte auf der Basis der Beschlüsse des VI. Weltkongresses und der im Offenen Brief des Präsidiums des EKKI enthaltenen politischen Linie und Direktiven, um die Partei reifer und vollkommener zu machen, die großen Aufgaben, die vor der Partei ste- hen, im Interesse des deutschen Proletariats zu lösen. Berlin, den 21. Dezember 1928 Das Polbüro des ZK der KPD D;e Rote Fahne vom 23. Dezember 1928. 7*- KAMPF GEGEN ALLE ABWEICHUNGEN (Beschlüsse des XII. Plenums des EKKI, September 1932) Das XII. Plenum betont die Wichtigkeit und unverzügliche Notwendigkeit der Überwindung der Mängel und Fehler in der Praxis der kommunistischen Parteien. Es ist notwendig, entschlossen abzurücken einerseits von der rechts- opportunistischen »Nachtrabpolitik«, die sich nicht selten in Stimmungen des Kapitulantentums, im Unglauben an die Möglichkeit der Revolutionierung der reformistischen Arbeitermassen äußert, andererseits von dem »links«- opportunistischen Subjektivismus, der die notwendige schwierige Arbeit der bolschewistischen Erziehung und Mobilisierung der Massen durch leere Phra- sen über die Auslösung revolutionärer Kämpfe ersetzen will, anstatt einer wirklichen Entfaltung dieser Kämpfe durch Organisierung und Eroberung 246                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK der Führung des täglichen Kampfes der Arbeiter und Bauern. Die richtige bolschewistische Massenpolitik verwirklicht sich im unversöhnlichen Kampf gegen den Rechtsopportunismus als die Hauptgefahr, und gegen die »linken« Abweichungen von der Linie der Komintern . .. Auf dem Gebiete der Erziehung der neu geworbenen Parteimitglieder und der neuen Kader bedarf es der Durchführung sowohl von Parteibildungs- schulen als auch der Eingliederung dieser Parteimitglieder in die tägliche revolutionäre Arbeit inmitten der breitesten Massen ... Unversöhnlicher Kampf gegen alle Entstellungen des Marxismus-Leninismus, für die Reinheit der Parteitheorie im Sinne der im Briefe des Genossen Stalin enthaltenen Weisungen, Propagierung der Prinzipien des Kommunismus, der Diktatur des Proletariats und der Sowjetmacht... Das XII. EKKI-Plenum fordert alle Sektionen der Kommunistischen In- ternationale auf, mit bolschewistischer Konsequenz und Entschlossenheit den Kampf gegen das Kapitulantentum vor der reformistischen Gewerkschafts- bürokratie als der Hauptgefahr und gegen jene opportunistischen Elemente innerhalb der kommunistischen Parteien und der revolutionären Gewerk- schaftsbewegung weiterzuführen, die in der Tat bis heute Gegner des Be- strebens roter Gewerkschaften und der RGO sowie der Organisierung und Führung selbständiger Wirtschaftsstreiks durch diese sind und an deren Stelle für die Losung »Zwingt die Bonzen« eintreten . .. Die Kl-Sektionen müssen jene »links«-sektiererischen Elemente innerhalb der kommunistischen Parteien und der revolutionären Gewerkschaftsbewe- gung, die den Kampf der Komintern gegen die opportunistische Losung »Zwingt die Bonzen« tatsächlich zur Ablehnung der Arbeit innerhalb der reformistischen Gewerkschaften ausnutzen, rücksichtslos bekämpfen. Das XII. EKKI-Plenum fordert alle Kl-Sektionen zum entschlossenen Kampf gegen die »links«-sektiererische Absage vom Kampf um die wählbaren Posten in den reformistischen Gewerkschaften auf, der laut den Beschlüssen des X. EKKI-Plenums Pflicht eines jeden Kommunisten ist. Die wichtigsten Beschlüsse der KI und der KPD nach dem VI. Weltkongreß im Zitat Hrsg, von der KPD, Berlin 1932, S. 36/37. G. DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD 73- DIE ORGANISATIONSFRAGE AUF DEM GRÜNDUNGSPARTEITAG DER KPD Referent Genosse Eberlein: Die Frage wäre einfach, wenn wir die alten Sche- mata übernehmen könnten. Die Frage ist jedoch, ob wir lediglich Wahlverein sein wollen oder politische Kampforganisation. Die Organisationen der alten sozialdemokratischen Partei waren, wenn keine Wahlen stattfanden, öde und leer. Man hat versucht, sie zu Bildungsversammlungen auszugestalten. Aber auch diese Bildungsorganisationen haben den Arbeitern nicht die für die Füh- rung des Klassenkampfes nötigen geistigen Waffen vermittelt, sondern nur Firnis, den die ersten ernsten Stürme abgewaschen haben. Die Bildungsarbeit hat nicht verhindert, daß die Arbeiter nach Kriegsausbruch mit fliegenden Fahnen zum Imperialismus übergingen. Der Verwaltungsorganismus ist ver- knöchert. Wir müssen unsere Organisation ganz anders ausbauen, wenn wir aktionsfähig bleiben wollen. Die Hauptsache ist, daß wir uns hier darüber klar werden, wie die neue Organisation gestaltet werden könnte. Die Form selbst soll ja die soeben gewählte Kommission festlegen. Ich will hier nur Anregungen geben. Der erste Gedanke wäre der, ob wir die bisherige Organi- sation des Spartakusbundes übernehmen können. Wir waren eine illegale Organisation ohne irgendeine feste Form. Nachdem sich überall Genossen ge- funden hatten, bildeten wir hier in Berlin die Organisationszentrale, die nach besten Kräften gearbeitet hat. Die Arbeit war schwierig, zeitweilig standen nur einzelne Genossen zur Verfügung, denn die anderen saßen in Zuchthäu- sern, Gefängnissen oder steckten im Soldatenkittel. Bei der Erneuerung der Zentrale ist es das wichtigste, die einzelnen genau anzusehen; denn es ist mög- lich, daß wir bald wieder mit dem Belagerungszustand zu rechnen haben. Die bisherige Organisationsform des Spartakusbundes kann nicht übernommen werden- Was machen wir? Wir verlangen, daß die Arbeiter- und Soldaten- räte die ganze politische Macht übernehmen. Ihre Grundlage sollen die Be- triebsräte sein. Wir müssen unsere Organisation dieser Tätigkeit anpassen. Es ist daher das zweckmäßigste, vielleicht kommunistische Gemeinschaften in den Betrieben zu begründen. Die Obleute der Betriebe bilden die Funktionär- konferenzen des Ortes, die die Ortsleitungen bestimmen. Daneben müssen Zusammenkünfte der Arbeitslosen usw. stattfinden. Auf dem platten Lande 248                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK und in industriearmen Gegenden müssen andere Wege gefunden werden. Diese Art der Organisation hat den Vorteil, daß sie die Schlagfertigkeit er- höht. Diese Organisationsart darf aber nicht schematisiert werden, sondern sie muß sich den örtlichen Verhältnissen anpassen. Die einzelnen Orte müs- sen für die Gestaltung ihrer Organisation völlige Freiheit behalten. Es darf von oben her nicht uniformiert werden. Die einzelnen Organisationen müssen völlige Autonomie haben. Sie dürfen nicht auf Parole von oben her warten, sondern sie müssen aus eigener Initiative arbeiten. Die Zentrale hat in der Hauptsache die Aufgabe, zusammenzufassen, was draußen vor sich geht, und die politische und geistige Führung zu übernehmen. Die Frage der Presse darf auch nicht zentral geregelt werden, ebensowenig die Flugblatt- oder Schrif- tenausgabe. Die Ortsgruppen müssen sich wieder zusammenschließen zu Be- zirken und diese Bezirke entsenden Mitglieder zur Zentrale nach Berlin zum erweiterten Parteivorstand, der so oft wie möglich zusammenzutreten hat... Bericht über den Gründungsparteitag der KPD (Spartakusbund) vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 Hrsg, von der KPD, o. O. und o. J., S. 43/44. 74 • SATZUNG DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DEUTSCHLANDS (1919) 1 Mitgliedschaft Die Parteimitgliedschaft kann jede Person vom 14. Lebensjahr an erwerben, die Programm und Satzung der Partei anerkennt. Aus der Partei wird ausgeschlossen, wer gegen die Grundsätze und Be- schlüsse der Partei handelt. Über den Ausschluß entscheidet die Ortsgruppe, über Berufungen gegen das Urteil zunächst der Bezirksparteitag, endgültig der Gesamtparteitag. 2 Ortsgruppen Die Ortsgruppen sind in ihrer Organisationsarbeit im Rahmen der Partei- grundsätze und Parteibeschlüsse selbständig. Sie geben sich eine eigene Sat- zung, welche die Betriebs- und Wohnbezirksorganisation zur Grundlage hat. DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD 249 3 Bezirke Die Ortsgruppen schließen sich nach Wirtschaftsgebieten und diese nach Agi- tationsbezirken zusammen. Die höchste Instanz jedes Bezirks ist die Bezirkskonferenz. Diese setzt einen Bezirksausschuß ein, dessen Hauptaufgabe die organisatorische und propagandistische Tätigkeit im Bezirk ist. Er hat gemeinsame Aktionen zu leiten. 4 Parteitag Der Parteitag setzt sich aus Vertretern der Bezirke zusammen, in denen auf je 1000 Mitglieder ein Vertreter von den Mitgliedern in Urabstimmung zu wählen ist. Die Wahlgruppen sind von der Bezirkskonferenz zu bestimmen. Die Vorschläge für die zu wählenden Vertreter sind von den Ortsgruppen zu machen. Der Parteitag wird vom Zentralausschuß jährlich mindestens einmal ein- berufen. Auf Verlangen der Mehrheit der bestehenden Bezirke muß er be- rufen werden. Die Beschlüsse des Parteitags sind für alle Mitglieder und Organisationen der Partei bindend. 5 Zentralausschuss Der Parteitag beauftragt mit der Führung der Geschäfte der Gesamtpartei einen Zentralausschuß, der aus 20 Mitgliedern besteht. Davon wählt der Parteitag unmittelbar 7 Mitglieder, die ihren Wohnsitz am Sitz der Zentrale nehmen müssen. Die übrigen 13 Mitglieder werden vom Parteitag aus den verschiedenen Landesteilen nach Vorschlägen der Bezirke oder der Partei- tagsvertreter der Bezirke gewählt. Die Mitglieder des Zentralausschusses sind untereinander gleichberechtigt. Die vom Parteitag unmittelbar gewählten Mitglieder führen die laufenden Geschäfte der Gesamtpartei. Zu den Sit- zungen der engeren Zentrale sind die Leiter der Sekretariate für die Frauen- und Jugendagitation als stimmberechtigte Teilnehmer hinzuzuziehen. Der Gesamtausschuß hat die Kontrolle über die Geschäftsführung der Zentrale. Er muß regelmäßig zu Tagungen zusammentreten und bei allen wichtigen Beschlüssen mitwirken. 2J0 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 6 Beiträge Die Höhe des Parteibeitrages für den Ort bestimmt die Ortsgruppe. Er muß wöchentlich mindestens 15 Pfg. für weibliche und jugendliche Mitglieder und 30 Pfg. für die übrigen Mitglieder betragen. 30 Prozent der Einnahmen sind an den Agitationsbezirk abzuführen, der davon ein Drittel an den Zentral- ausschuß abzuliefern hat. Die Abrechnung erfolgt alle Quartale. 7 Presse Die Lokalpresse untersteht den Genossen des Verbreitungsgebietes. Zuschüsse der Gesamtpartei werden von den lokalen Organen verwaltet. Durch ihre Bewilligung dürfen keine besonderen Rechte des Zentralausschusses in bezug auf Anstellung und Entlassung der Redakteure bedingt werden. Bei Ver- stößen gegen Grundsätze und Taktik der Partei in der Lokalpresse steht dem Zentralausschuß das Recht zu, in den betreffenden Zeitungen und Zeitschrif- ten selbst Stellung zu nehmen. 8 Angestellte Besoldete Angestellte in leitender Stellung der Partei werden von den höch- sten Instanzen (Mitgliederversammlung der Ortsgruppe, Bezirkskonferenz, Parteitag) gewählt und können jederzeit von diesen Instanzen abberufen werden. Sie haben sich alljährlich aufs neue zur Wahl zu stellen. Dringende Neuanstellungen für das Reich nimmt der Zentralausschuß vor. Sie müssen vom nächsten Parteitag bestätigt werden. Zu den Angestellten in diesem Sinne gehören: Sekretäre, Redakteure, Agitatoren und Geschäftsführer. Bericht über den 2. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands ( Spartakusbund) vom 20. bis 24. Oktober 1919 Hrsg, von der KPD (Spartakusbund), o. O. und o. J., S. 67I6K DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                             2JI 75- ZENTRALISIERUNG DER KPD-ORGANISATION (1920) Geschäftsbericht der Zentrale: Nach langen Auseinandersetzungen über Zentralismus und Föderalismus in der Organisation hat sich die Partei zum Zentralismus bekannt. Da es auch hier nicht bei bloßen Beschlüssen bleiben darf, die straffste Zentralisation und eine eiserne Disziplin zur Stärkung der Kampfkraft der Partei unbedingt nötig ist, mußten wir auch praktisch den organisatorischen Apparat den Beschlüssen der Partei anpassen. Zur Durchführung dieser Aufgaben hat die Zentrale unter sich eine Reor- ganisation vornehmen müssen, indem sie die Tätigkeit ihrer Mitglieder spe- zialisierte und Büros schuf, die die Aufgabe haben, die Beschlüsse der Partei und der Zentrale auch praktisch durchzuführen. Wir schufen 1. ein Organisations-Büro (Or-Büro), dem die organisatotische Leitung, die Kontrolle der Partei und die Durchführung der Parteibeschlüsse obliegt; 2. ein politisches Büro (Pol-Büro), das die politische Leitung der Partei übernimmt. Im Organisationsbüro saßen bisher die Genossen Pieck, Eberlein, Heckert, Friesland und Brandler und als Vertreter des Pol-Büro der Genosse Thal- heimer. Im politischen Büro saßen bisher die Genossen Thalheimer, Zetkin, Levi, Meyer und Brandler, und als Vertreter des Or-Büros der Genosse Pieck. Zur Erledigung der geschäftlichen Aufgaben wurde eine Geschäftsabteilung ein- gerichtet (Gescha). Für die Verbindung der Zentrale mit den Bezirken wurde eine Anzahl po- litischer Kommissare gewonnen, zu denen ein Teil der Wanderredner noch hinzugezogen werden sollen und die nicht mehr, wie die Wanderredner bis- her, von einem Ort zum andern Ort ziehen, um Referate zu halten, die viel- mehr in Zukunft als politische Kommissare mit bestimmten politischen Auf- trägen in die Bezirke gehen... Tittel (Stuttgart): Vom Bezirk Württemberg habe ich die Aufgabe, gegen das Rundschreiben Nr. 21, welches die Zentrale an die Bezirke versandt hat, Stellung zu nehmen. In diesem Rundschreiben wurde die Frage der Zentra- lisation aufgeworfen. Wir können nicht ohne weiteres die Auffassung teilen, daß jederzeit nur die Zentrale bei Aktionen Parolen herausgeben dürfe. Es werden sehr oft Situationen kommen, in denen die Genossen in den Bezirken 2J2                                    DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK sich schnell entscheiden müssen. Die revolutionäre Initiative darf den Ge- nossen im Reiche nicht genommen werden. Wir wollen keinen bürokratischen, sondern einen demokratischen Zentralismus. Ebenso verhält es sich bei der Frage des Ausschlusses von Genossen aus der Partei. Es ist richtig, daß Genossen, die gegen die Grundsätze der Partei verstoßen, sofort von ihren Ämtern abberufen werden müssen. Aber in lega- len Zeiten den Instanzen, seien es lokale oder zentrale, die Macht einzuräu- men, diese Genossen aus der Partei auszuschließen, halte ich für falsch. Man würde dadurch der Willkür Tür und Tor öffnen. Sollte wirklich die Auffas- sung bestehen, den Instanzen diese Macht in die Hände zu geben, so muß sie revidiert werden. Bericht über den j. Parteitag der KPD (Sektion der Kommunistischen Internationale) vom i. bis 3. November 1920 in Berlin Frankes-Verlag, Leipzig-Berlin 1921, S. 11 und 40. 76. ORGANISIERUNG DER REVOLUTION (1924) Die Rolle des Parteiapparats Wir sind aus dem Zustand der Passivität der Mitgliederschaft noch nicht her- aus. Forscht man den Gründen dieser Passivität nach, so stößt man regel- mäßig auf dieselbe Feststellung: ein großer Teil der Parteigenossen ist sich noch nicht klar über die Rolle des Organisationsapparats. Für sie ist die Organisation ein Instrument für die Verbreitung kommunistischer Ideen und für die Sammlung und Schulung der besten proletarischen Elemente. Schließlich ist es für jeden selbstverständlich, daß die KP ein »Kampfinstru- ment« ist. Sie wissen aus Erfahrung, daß die Partei in bewegten und revolu- tionären Zeiten an der Spitze der kämpfenden Massen marschiert, daß sie diese eines Tages in die entscheidenden Machtkämpfe und zum Sieg über die Bourgeoisie führen wird. Jetzt aber hoffen und warten breite Mitglieder- massen fatalistisch auf die »neue revolutionäre Welle«, die von irgendwoher ganz bestimmt wieder kommt, der man sich anschließen, an deren Spitze die Partei sich dann stellen wird. Inzwischen herrscht »Flaute«, gegen die nicht viel zu machen sei. Das ist heute noch die Einstellung eines großen Teils der Partei. Das ist der tiefere Grund der sonst unverständlichen Passivität in einer Zeit, wo DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                              2J3 wieder alle Dinge sich kritisch zuspitzen, wo die Konterrevolution Schlag auf Schlag gegen die KPD führt, wo die wirtschaftliche und politische Lage nach Aktivität unserer Partei schreit. Es ist die alte Frage, auf die man bei der Untersuchung stößt: die Frage der Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution. »Die Kommunistische Partei ist der organisatorisch-politische Hebel, mit dessen Hilfe der fortgeschrittenste Teil der Arbeiterklasse die gesamte Masse des Proletariats und des Weltproletariats auf den richtigen Weg lenkt.« (II. Weltkongreß) »Für eine Kommunistische Partei gibt es keine Zeit, in der die Partei- organisation nicht politisch aktiv sein könnte. Die organisatorische Ausnut- zung jeder politischen und ökonomischen Situation und jeder ihrer Änderun- gen muß zu einer organisatorischen Strategie entwickelt werden.« (III. Weltkongreß) Die Funktionäre und die Redakteure der Partei müssen die These des II. Weltkongresses über die Rolle der KP und die Organisationsthesen des III. Weltkongresses aus der Versenkung hervorziehen und in Betriebszellen- und Mitgliederversammlungen mit zur Debatte stellen und veröffentlichen... Solange die Partei nicht zuerst ideologisch umgestellt ist, so lange wird es auch nicht schnell gelingen, die aus der jetzigen Lage des Klassenkampfes sich dringend notwendig machende Umstellung der Partei auf die Betriebszellen durchzuführen. An diesem Scheidepunkt — Übergang von der fatalistischen und deshalb passiven Einstellung zur Einsicht in die Notwendigkeit des bewußten Ein- wirkens unserer Organisation auf die Verhältnisse — steht heute die Partei. Die Partei lehnt die Theorie von der Spontaneität der Massenbewegung ab. Bewußt sagte der Frankfurter Parteitag: Wir organisieren die Revolution. Dieses Wort muß aber erst noch aus dem Zustand der blutleeren Parole zur blutvollen Wirklichkeit und Tagespraxis der Partei werden. Der Parteiapparat — lokal, bezirksweise, zentral — muß eine Zelle unseres Staats- und Wirtschaftsapparates von morgen sein. Jeder Funktionär muß ein klares Bewußtsein darüber haben, daß wir jetzt erneut in eine Phase der Möglichkeit des Umsturzes der bürgerlichen Macht gekommen sind, wo wir gleichzeitig einen klaren Überblick haben müssen, wie die der Bourgeoisie einmal entrissenen Funktionen morgen von den Kommunisten im Klassen- interesse ausgeübt werden. Alle unsere Leitungen müssen Stäbe der revolu- tionären Truppen sein, die den entscheidenden Angriff auf den Gegner vor- bereiten, selbst schon aber wissen, wie sie morgen die Stadt, das Land ver- w^lten und ernähren, die Produktion weiterführen werden. Die deutsche 2j4                                     DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Revolution ist keine schöne romantische Sache, sondern ein erbitterter Klein- krieg, wo wir vielleicht erst kurz vor dem endgültigen Sturm aus den Schüt- zengräben und den Unterständen der Illegalität zusammen mit den Millionen aus den Betrieben hervorbrechen. Nochmals, man lese jetzt die genannten Thesen des II. und III. Weltkongresses nach: Erst jetzt, in unserer heutigen Situation in Deutschland vermögen wir sie richtig zu verstehen. Wenn bis zur kleinsten Leitung herunter das Bewußtsein in unseren Ge- nossen drin ist, daß kein guter Gott uns eine Revolution schenken wird, sondern daß wir sie selbst durch schwere, komplizierte, undankbare, aber unerläßliche Kleinarbeit auf den verschiedensten Gebieten organisieren müs- sen, dann wirds auch schneller gehen mit dem Aufbau der Partei auf die Betriebszellen. Wenn die Kommunisten klar vor sich die Frage gestellt sehen, mit ihren Truppen ins Feuer zu gehen, dann werden sie sehr bald erkennen, daß sie verloren sind, wenn sie sich allein auf die Mitgliederversammlung und die Organisation im Betrieb verlassen; dann werden sie dorthin ihr Hauptquartier legen, wo die Millionen Proletarier, die roten Sturmbataillone von morgen, zusammengeballt sind: in die Betriebe. Dann wird die Durch- führung all der Aufgaben, bei der wir jetzt noch auf so viele Hemmungen und Schwierigkeiten stoßen: Umbau der Partei auf die Betriebszelle, Schaf- fung einer lebendigen Betriebsräte-Organisation, bewußte Fraktionsarbeit in allen Arbeiterorganisationen, Schaffung der Betriebshundertschaften, Akti- vität in allen Ressorts, viel schneller vonstatten gehen. »Organisierung der Revolution« — alles liegt in diesem Begriff. Wenn das begriffen ist, dann wird auch die Partei aktiv sein. Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Heft 14, Juli 1924, S. 435-455. 77- STATUT DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DEUTSCHLANDS (1925) Der Name der Partei 1 Die Kommunistische Partei Deutschlands ist die Sektion der Kommuni- stischen Internationale in Deutschland und heißt: Kommunistische Partei Deutschlands, Sektion der Kommunistischen Internationale. DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD 255 Parteimitgliedschaft 2 Mitglied der Partei kann sein, wer das Programm und die Statuten der Kommunistischen Internationale und der Kommunistischen Partei anerkennt und Mitglied einer grundlegenden unteren Organisation der Partei ist, wer sich in dieser aktiv betätigt, sich allen Beschlüssen der Komintern und der Par- tei unterordnet und regelmäßig die Mitgliedsbeiträge entrichtet. 3 Die Aufnahme von neuen Mitgliedern geschieht durch die Parteizellen. Die Neuaufnahme unterliegt der Bestätigung der Stadtteilleitung resp. der Unterbezirksleitung. 4 Beim Eintritt geschlossener Gruppen aus anderen politischen Organi- sationen oder ganzer Parteiorganisationen in die Kommunistische Partei wer- den diese durch den Beschluß des Zentralkomitees in die Partei aufgenommen. Beim Übertritt führender Personen anderer Parteien bedarf die Aufnahme außer der Bestätigung der Stadtteilleitung resp. Unterbezirksleitung auch der des Zentralkomitees. 5 Beim Wechseln der Arbeitsstelle ist das Betriebszellenmitglied ver- pflichtet, sich bei der Betriebszellenleitung an- und abzumelden. Beim Wech- seln des Wohnortes ist das Mitglied verpflichtet, sich bei der Zellengruppen- leitung an- und abzumelden. Bei Übersiedelung in ein anderes Land muß die Erlaubnis des Zentral- komitees der Partei eingeholt werden; die darauf bezügliche Anfrage ge- schieht durch die Parteiinstanzen. in. Aufbau der Partei 6 Die Kommunistische Partei Deutschlands ist, wie alle Sektionen der Komintern, auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus aufgebaut. Seine grundlegenden Prinzipien sind: Wahl sowohl der unteren wie der oberen Parteiorgane in Vollversamm- lungen der Parteimitglieder, auf Konferenzen und Parteitagen. Periodische Rechenschaftsablegung der Parteiorgane vor ihren Wählern. Bindende Anerkennung der Beschlüsse höherer Parteiorgane durch die unteren, strenge Parteidisziplin und schnelle und genaue Durchführung der Beschlüsse des EKKI und der leitenden Parteiorgane. Diejenige Organisation, die ihre Tätigkeit auf ein gewisses Gebiet ausbreitet, wird als höhere gegen- über denjenigen Parteiorganisationen betrachtet, die ihre Tätigkeit bloß auf einzelne Teile dieses Gebietes beschränken. Die Diskussionen über Parteifragen werden von der Mitgliedschaft nur bis zu ihrer Entscheidung durch die entsprechenden Parteiorgane geführt. Nach Fassung eines Beschlusses auf dem Kongreß der Komintern, auf dem 2^6 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Parteitage oder durch die leitenden Parteiorgane, muß dieser unbedingt durchgeführt werden, auch dann, wennn ein Teil der Mitglieder oder der lokalen Organisationen mit einem solchen Beschluß nicht einverstanden ist. 7 Unter außergewöhnlichen Verhältnissen ist Einsetzung der unteren Parteiorgane durch höhere sowie Selbstergänzung der Leitungen bei Bestäti- gung durch die oberen Parteiorgane zulässig. Diese Maßnahmen sind, sobald die Möglichkeit dazu gegeben ist, nachträglich der Organisation zur Beschluß- fassung vorzulegen. 8 Die Parteiorganisationen sind in den lokalen Fragen selbständig im Rahmen der bestehenden Beschlüsse der Kommunistischen Internationale und der Partei. 9 Die höchste Instanz jeder Organisation ist die Mitgliedervollversamm- lung, die Konferenz bzw. der Parteitag. 10 Die Vollversammlung, die Konferenz bzw. der Parteitag wählt die betreffende Leitung, die in der Zwischenzeit als leitendes Organ gilt und die laufenden Arbeiten der betreffenden Organisation führt. 11 Das Schema des Parteiaufbaues ist folgendes: Für einzelne Fabriken, Werkstätten, Büros, Läden, Gutshöfe, Straße usw.: Zellenversammlung — Zellenleitung. Für das Gebiet einer kleineren Stadt, eines Dorfes usw.: Ortszellen- konferenz (Dorfzellenkonferenz) oder Ortsvoll Versammlungen (Dorf Voll- versammlungen). — Ortsleitung. Für das Gebiet eines Stadtteils. Stadtteilkonferenz. - Stadtteilleitung. Für das Gebiet eines Unterbezirkes: Unterbezirkskonferenz. — Unter- bezirksleitung. Für das Gebiet eines Bezirks: Bezirksparteitag. — Bezirksleitung. Für das ganze Gebiet des Reiches: Parteitag. — Zentralkomitee... Der Parteitag 32 Der Parteitag ist die höchste Instanz der Partei und wird in der Regel einmal jährlich im Einverständnis mit dem Exekutivkomitee der Komintern vom Zentralkomitee einberufen. Außerordentliche Parteitage werden vom ZK entweder aus eigener Initiative oder auf Initiative des EKKI, oder aber, falls eine Anzahl von Organisationen, die auf dem letzten Parteitage ein Drittel der Mitgliedschaft der Partei repräsentiert haben, die Einberufung eines Parteitages verlangt. Der außerordentliche Parteitag kann aber nur mit der Zustimmung des EKKI erfolgen. Die Einberufung des Parteitages sowie die Tagesordnung eines solchen werden spätestens einen Monat vorher der Mitgliedschaft zur Kenntnis gebracht. Jeder Delegierte zum Parteitag muß drei Jahre Mitglied der Partei sein. DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD 257 Die Norm der Vertretung am Parteitag wird entweder vom Zentralkomi- tee oder von der vor dem Parteitag zusammentretenden Parteikonferenz bestimmt. 33 Der Parteitag wird aus Delegierten zusammengesetzt, die auf den Bezirksparteitagen gewählt werden müssen. In außergewöhnlichen Fällen können ausnahmsweise die Wahlen der Delegierten unter Zustimmung des EKKI durch die Entsendung dieser von der Bezirksleitung ersetzt werden. Der Parteitag kann ebenfalls mit Zustimmung des EKKI durch eine Partei- konferenz ersetzt werden. Jeder Delegierte muß mindestens 3 Jahre Mitglied der Partei sein. 34 Der Parteitag nimmt die Berichte des ZK und der zentralen Revisionskommission ent- gegen. entscheidet die Programmfragen der Partei. faßt Beschlüsse in allen politischen, taktischen und organisatorischen Fragen, d) wählt das ZK, die zentrale Revisionskommission usw. Das Zentralkomitee 35 Der Parteitag wählt das ZK, das aus gleichberechtigten Mitgliedern be- steht. Die Zahl der Mitglieder wird vom Parteitag bestimmt. Mitglieder des ZK und politische Angestellte des ZK müssen mindestens 3 Jahre Parteimit- glied sein. 36 Das ZK ist das höchste Organ der Partei während der Zeit, da der Parteitag nicht tagt. Es vertritt die Partei anderen Parteiinstitutionen gegen- über, schafft verschiedene Organe der Partei, leitet ihre gesamte politische und organisatorische Arbeit, ernennt die Redaktion des Zentralorgans, das unter seiner Führung und Kontrolle arbeitet, organisiert und leitet diejenigen Un- ternehmungen, die für die Gesamtpartei Bedeutung besitzen, verteilt die Arbeitskräfte und leitet die zentrale Kasse. Das ZK leitet die Arbeit der Fraktionen innerhalb solcher Körperschaften, die zentralen Charakter tragen. 37 Das ZK wählt aus seiner Mitte ein politisches Büro für die Leitung der politischen Arbeit, ein Organisationsbüro für die Leitung der Organisa- tionsarbeit und ein Sekretariat (den Sekretär) für sämtliche laufende Arbeit. Weiter bestimmt das ZK die Leiter der verschiedenen Ressorts, an deren Spitze möglichst Mitglieder des ZK gestellt werden sollen. 38 Das ZK schafft Ressorts für bestimmte Zweige seiner Arbeit, für die Organisation, Agitation, Propaganda, Arbeit in der Gewerkschaft, unter den Bauern, Frauen usw., deren Aufgabe es ist, die Arbeit unter vollständiger Leitung des ZK in den betreffenden Gebieten zu führen, wobei die allgemei- 258 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK nen Richtlinien des ZK bestimmend sind. Die Ressorts haben ihre Beschlüsse durch die Zentrale durchzuführen. 39 Das ZK nimmt die Einteilung des Landes in Bezirke vor und ändert im Falle einer Notwendigkeit ihre Grenzen. Dem ZK steht das Recht zu, die bestehenden Organisationen nach politischen und ökonomischen Merk- malen, entsprechend der administrativen Einteilung des Landes, gebietsweise oder anders zu vereinigen oder zu teilen. Die zentrale Revisionskommission 40 Zur Kontrolle der Kasse, der Buchführung und der Geschäfte der ge- samten Partei wählt der Parteitag eine zentrale Revisionskommission. Über die Parteidisziplin §41. Die strengste Parteidisziplin ist die höchste Pflicht aller Parteimitglieder und aller Parteiorganisationen. Die Beschlüsse der KI, des Parteitages, der Parteizentrale und aller höher- gestellten Parteiinstanzen müssen schnell und genau durchgeführt werden. Gleichzeitig ist die Besprechung aller Fragen, die Differenzen hervorrufen, vollständig frei, solange kein Beschluß gefaßt worden ist. 42 Ein Verstoß gegen die Parteidisziplin zieht Strafmaßnahmen seitens der entsprechenden Parteiorgane nach sich. Die Strafmaßnahmen können im Bezug auf Organisation folgendes sein: Rüge, Absetzung der Leitung und Einsetzung einer provisorischen Leitung, die ihre Funktionen bis zur Einbe- rufung einer Konferenz ausübt, Auflösung der Organisation und Umregistrie- rung der Mitglieder. Den einzelnen Mitgliedern gegenüber können folgende Strafmaßnahmen angewandt werden: Parteirüge, öffentliche Rüge, Enthe- bung von der Funktion, befristeter Ausschluß und endgültiger Ausschluß. 43 Die Disziplinarvergehen werden von den Parteiinstanzen erledigt. Gegen Disziplinarmaßnahmen ist Berufung bis zur Zentrale und zum Partei- tag zulässig. 44 Die Frage des Ausschlusses eines Parteimitgliedes beantragt die Ver- sammlung der entsprechenden Parteiorganisation (Zelle) an die höherstehende Parteileitung. Der Ausschlußbeschluß tritt in Kraft, nachdem er von der Be- zirksleitung bestätigt worden ist. Die Berufung ist bis zur höchsten Instanz zulässig. Bevor die Bestätigung des Ausschlusses erfolgt, ist der Betreffende von der Parteiarbeit zu entfernen .. . DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                              259 Reorganisation der KPD Der demokratische Zentralismus - Statut der KPD (Sektion der Kommunistischen Internationale) Verein Internationaler Verlagsanstalten Berlin 1925, S. 21-26. 78. AUFGABEN DER BETRIEBSZELLEN Von Ruth Fischer Aber auch der halbe wunde Punkt muß vollkommen ausgeheilt werden. Die Organisation muß wirklich auf Betriebszellen aufgebaut sein. Keine Aus- reden und Erzählungen von der besonderen Geographie Berlins und seiner Vororte. Jede Zelle muß eine eiserne Organisation sein, welche Politik treibt, nicht nur Betriebsknatsch. Sie muß den Betrieb an der Strippe haben. Sie muß ihn bolschewisieren. Jawohl, Bolschewisierung der Partei, das heißt auch Bolschewisierung des Betriebs. Eine Betriebszeitung, die allmählich zu einem politischen Organ werden soll. In der Zelle mindestens einmal in der Woche kurzes, vorbereitetes Referat eines Zellenmitgliedes über innerpoli- tische Lage und das, was die Partei tut und zu tun hat (nicht nur die Zelle); ein Genosse muß die außenpolitischen Ereignisse verfolgen und Bericht er- statten. Was in China vorgeht, das geht verdammt auch die Zelle an; sonst ist alles Gerede von Bolschewisierung auch nur hohles Geschwätz. Ein Ge- nosse muß die Zeitungen der Gegner studieren und berichten (»Vorwärts«, »DAZ«, »Deutsches Tageblatt«, »Deutsche Zeitung«). Was die Gegner den- ken und schreiben, das geht jede Zelle an. Sonst ist das Gerede von Bolsche- wisierung leeres Geschwätz. Und die Zelle muß alles das verarbeiten und sich klar darüber werden, was sie für den Betrieb verwendet, wie sie es für den Betrieb verwendet, was für die Partei von Nutzen ist. Es muß das Partei- leben und das Arbeiterleben in den Betriebszellen pulsieren. Originaltitel: Keine Ausreden und Erzählungen Der Parteiarbeiter Mitteilungsblatt für Funktionäre Nr. 19/20, 1924, S. 200/201. i6q DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 79- DIE KPD - DIE EINZIGE ARBEITERPARTEI Von Ruth Fischer . . . Gerade in der jetzigen historischen Situation ist die Bündnispolitik mit der Sozialdemokratie, das Verwischen unserer revolutionären Grundeinstel- lung, das Maskieren unserer Stellung zum bürgerlichen Staat in der Form der demokratischen Regierungs-Losungen (oder von Losungen, die zum min- desten zweideutig sind und die Auslegung nach der Seite der Diktatur und der Demokratie hin zulassen,) besonders gefährlich. Ebenso gefährlich wäre die Auffassung vom Abwarten auf den Tag, an dem historisch der Aufstand wieder auf der Tagesordnung der Aufgaben der Arbeiterklasse steht. Son- dern das Problem der Taktik besteht gerade darjn, den Kampf um die Teil- forderungen in der gegenwärtigen Situation in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen, aber gleichzeitig tatsächlich und nicht nur in der Phrase verstehen, diese Teilkämpfe als revolutionäre Kämpfe zu führen und sie in die Richtung des politischen Machtkampfes zu leiten. Die Konzentration auf die Teilkämpfe, die selbständige Arbeiterpolitik der Kommunistischen Partei, gerade das ist die Aufgabe, die wir jetzt durchzuführen haben unter der gleichzeitig schärfsten und unversöhnlichsten Haltung gegenüber der Sozial- demokratie, in allen ihren Schattierungen und gegenüber allen Versuchen der Versöhnung mit ihr in unseren eigenen Reihen. Die KPD die einzige Arbei- terpartei, die Komintern die einzige Organisation des Weltproletariats. Diese Losung ist zugleich die Antwort auf das Problem Taktik... ui Die Losung des V. Weltkongresses, Bolschewisierung der Parteien, besteht eben darin, die Parteien zu lehren, die Revolution zu organisieren durch Konzentration auf die Teilkämpfe des Proletariats, aber diese Kämpfe zu verbinden mit einer festen eisernen Haltung der Parteien allen Versump- fungsversuchen gegenüber, ebenso wie mit einer klaren eindeutigen Aufzei- ‘gung des Weges des Proletariats zur Macht; in den Teilkämpfen gleichzeitig den Willen der Arbeiterschaft, die Bourgeoisie zu schlagen, ständig stärken, den Kampf um die Macht propagieren, den Machtwillen, den Machtgedan- ken im Proletariat schulen und lebendig erhalten (militärische Propaganda, Propaganda gegen die Kriegsrüstungen und gegen die kommenden Kriege!), das müssen die bolschewistischen Parteien ebenso lernen, wie sie es lernen müssen, klug und geschickt dem Gegner gegenüber zu operieren, ohne sich DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD 261 mit den Sozialdemokratischen Parteien zu vermischen. Bolschewisierung be- deutet in diesem Sinne natürlich auch, daß man den einzelnen Parteien konkret ihre Aufgaben stellen muß, und daß für jedes Land, den gegebenen Verhältnissen nach, andere Fragen im Vordergründe stehen werden, daß für jedes Land ein anderer Weg da ist, mit dem der Kampf um die Eroberung der Massen für den Bolschewismus geführt werden kann. Diese Verbindung von Festigkeit und Manövrierfähigkeit, die der Leninismus der russischen Partei in seinem grundsätzlichen Kampfe gegen den Menschewismus gege- ben hat, d.h. gegen alle Versuche, das Proletariat vom revolutionären Kampfe um die Macht abzuhalten und mit der Bourgeoisie auszusöhnen, sie hat die russische Partei gelehrt, alle Kräfte darauf zu konzentrieren, die Massen für die Revolution zu gewinnen und zu organisieren und an seine revolutionäre Vorhut, die Kommunistische Partei, zu ketten. Unversöhnlichkeit und Ma- növrierfähigkeit zugleich, das ist der Sinn der Losung des V. Weltkongresses, Bolschewisierung der Parteien der Komintern. Originaltitel: Zur Tagung des Zentralausschusses Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Heft 2, Februar 1925, S. 53/54, 56. 80. DER NEUE KURS DER KPD (1925) Von Heinz Neumann, Moskau 1. Worum geht unsere Diskussion? In einer bolschewistischen Partei sind tiefgehende Diskussionen Kerbschnitte in der Parteientwicklung. Wenn wir die jetzige Auseinandersetzung mit der Brandler-Debatte des Winters 1923/24 vergleichen, so tritt sofort ein klarer Unterschied hervor. Die Situation, in der die Oktoberdebatte stattfand, war durch eine der schwersten Niederlagen der deutschen Revolution und durch den Beginn der kapitalistischen Stabilisierung gekennzeichnet... Heute steht die Diskussion nicht unter dem Zeichen der Niederlage, son- dern der beginnenden Neugruppierung großer revolutionärer Kräfte in Deutschland. Die Spitze dieser Diskussion ist nicht, wie vor Frankfurt, in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft der Partei gerichtet. Sie enthält zwar ... scharfe Kritik, rücksichtslose Kritik an den unbolschewistischen Strömun- gen in der Partei, aber im Mittelpunkt der Diskussion steht nicht die Kritik, sondern die Praxis, die positive Arbeit für die Revolution... 161                                 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Die Kommunistische Partei gehörte im Jahre 1923 zu den entscheidenden Faktoren im Verhältnis der Klassenkräfte Deutschlands. Unter ihrem ideo- logischen Einfluß standen bis zu 40 Prozent der in den Gewerkschaften orga- nisierten Arbeiter. Es bildeten sich Organe der proletarischen Einheitsfront. Die Partei hat diese Positionen verloren; sie spielt heute keine entscheidende Rolle im Klassenkampf; sie ist in den Gewerkschaften aufs äußerste zurück- gedrängt; sie ist von der Mehrheit der Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grade isoliert; sie übt bis jetzt auf die Arbeiteropposition in der Sozialdemo- kratie keinen Einfluß aus. Außer den objektiven Ursachen der ökonomischen und politischen Veränderung der allgemeinen Lage, ist dieser Rückgang durch eine Reihe von Fehlern unserer Politik zu erklären. Die beiden Hauptfehler sind die menschewistische Politik der Brandler-Gruppe, die zur Oktober- Niederlage führte, und die kleinbürgerlich-»radikale« Politik der Maslow- Gruppe, die zur Zerstörung unserer Verbindungen mit den Arbeitermassen, besonders in den Gewerkschaften, führte... 5. Das Verhältnis der Partei zur Komintern In der gegenwärtigen Parteidiskussion stellen wir die Frage unseres Ver- hältnisses zur Komintern nicht abstrakt, losgelöst von der gegenwärtigen Weltlage und der konkreten Situation in Deutschland. Es nützt gar nichts, allgemeine Resolutionen für die Weltpartei anzunehmen und die Notwen- digkeit der internationalen Disziplin zu betonen. Die antimoskowitischen Strömungen in unserer Partei sind nicht nur die Verneinung der Weltpartei und die Durchbrechung der Disziplin, sondern man muß sie im Lichte der gegenwärtigen politischen Konstellation analysieren. Nehmen wir z.B. Äuße- rungen wie die des Genossen Korsch in Frankfurt. Genosse Korsch untersucht »theoretisch« die »Beziehungen zwischen dem Sowjetstaat und der proleta- rischen Revolution unter der Perspektive künftiger Kriegsmöglichkeiten und im Hinblick auf die Bündnispolitik Sowjetrußlands«. Er will beweisen, daß im Falle eines Krieges durch ein Bündnis Sowjetrußlands mit einem kapita- listischen Staat gegen andere kapitalistische Staaten die revolutionären Grundsätze der Komintern in Gefahr geraten könnten. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem »möglichen 1914 der Komintern«. Es kommt dabei gar nicht darauf an, welche Formulierungen Genosse Korsch im ein- zelnen gebraucht hat. Entscheidend ist der Gedankengang, der genau die Auffassungen vieler Führer unserer Ultralinken wiedergibt. Diese Genossen konstruieren etwa folgendes Schema: Sowjetnißland mußte vom Kriegskom- munismus zur NEP und zum Staatskapitalismus übergehen; es steht im diplo- matischen Verkehr und in Handelsbeziehungen zu den kapitalistischen Län- dern; es macht der mittleren Bauernschaft und der Intelligenz gewisse Kon- zessionen: folglich gerät es (vorsichtigere Genossen sagen: »kann es geraten« oder »könnte es theoretisch einmal geraten«) in Gegensätze zum revolutio- DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                              263 nären Interesse des westeuropäischen Proletariats. Die Politik der russischen Partei ist also nicht mehr unbedingt revolutionär, sondern teilweise oppor- tunistisch. Die russische Außenpolitik orientiert sich zu stark auf die kapita- listischen Regierungen; sie wendet sich nach Asien. Infolgedessen besteht die Gefahr, daß die Komintern, deren führende Partei, wie jeder weiß, die RKP ist, opportunistischen Schwankungen unterliegt. Daher »ein mögliches 1914 der Komintern«, daher »eine Rechtsschwenkung der Exekutive«, daher — als letztes Resultat — die Gefahr, daß »die europäischen Parteien nach rechts gestoßen werden«, daß sie sogar liquidiert werden und daß dann an ihre Stelle ein formloser »linker Flügel« unter sozialdemokratischem Einfluß gesetzt wird. Grundgedanke: Gefährdung der proletarischen Revolution durdi die russische Außenpolitik. Unvermeidliche Konsequenz (obwohl sie nur selten so offen ausgesprochen wird wie vom Genossen Korsch): Kampf gegen diese Gefahr; teils offener, teils versteckter Kampf gegen die Exekutive und ihre Maßnahmen, die (wenn auch ungewollt) nur »der Wiedereroberung der Partei durch die Brandlerianer« dienen. Aus diesem Grunde Ablehnung des Offenen Briefes der Exekutive, aus diesem Grunde Alarmruf und Appell zur Sammlung aller alten Linken, die sich »gegen die rechte Gefahr«, die durch den Brief der Exekutive ausgelöst wird, zusammenschließen sollen. Es ist überflüssig, zu beweisen, daß dieses Schema vollkommen falsch ist. Seine theoretische Grundlage ist die Unfähigkeit, sowohl die Politik Sowjet- rußlands, als auch die Taktik der Komintern vom Klassenstandpunkt zu be- greifen. Die Genossen Korsch usw. vergessen, daß die »Staatsinteressen« Sowjetrußlands die Interessen eines Klassenstaates und zwar eines Arbeiter- staates sind. Die Führer der ultralinken Gruppen sind darüber entrüstet, daß man sie Antibolschewisten nennt. Sie erklären, daß sie »ihrem Wesen nach« »unauf- löslich mit der Komintern verbunden sind«. Die Komintern ist aber kein philosophischer Begriff, sondern eine reale Weltpartei mit einer fest um- rissenen Politik. Zu dieser Politik standen und stehen die ultralinken Grup- pen im Gegensatz. Die Genossen Scholem und Rosenberg erklären: »Ausein- andersetzungen mit der Exekutive über gewisse taktische Maßnahmen hat es bisweilen gegeben. In solchen Auseinandersetzungen einen anderen Stand- punkt als die Exekutive einzunehmen, ist nicht antibolschewistisch, sondern es ist das Recht eines jeden Mitgliedes der Kommunistischen Weltpartei, im Rahmen der kommunistischen Disziplin seine Meinung frei auszudrücken.« Das gleiche Argument gebraucht der Vertreter der Maslowgruppe, Genosse Lenz. Auch er appelliert an das Recht der »Meinungsfreiheit« in der Kom- intern und warnt davor, »ein Dogma der Unfehlbarkeit der Exekutive zu schaffen«. Daß man das Recht hat, »einen anderen Standpunkt als die Exekutive einzunehmen«, daß die Exekutive nicht »unfehlbar« ist, sind platte Wahr- 264 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK heiten, die niemand bestreitet. Wenn man aber in einer Parteidiskussion, die um ganz bestimmte politische Fragen geht, diese allgemeinen Wahrheiten als besondere Losungen aufstellt, dann sind das Kampflosungen gegen die Kom- intern ... Die Maslow-Gruppe stellt sich nicht offen auf den Standpunkt der »inter- nationalen Linken«, d. h. der Opposition gegen die Exekutive. Sie sabotiert nur die Durchführung der Politik dieser Exekutive. Sie versucht ihren abweichenden Standpunkt »durchzuboxen«; wenn ihr das nicht gelingt, »schluckt« sie die Moskauer Beschlüsse. Ein typisches Beispiel dafür ist die Haltung der Berliner Bezirksleitung, die den Offenen Brief der Exekutive geradezu mit Heldenmut »schluckte«, nachdem sie dreimal versuchte, gegen ihn zu »boxen« ... Unser jetziger Kampf gilt der Zerstörung dieser langjährigen Traditionen. Es handelt sich um nichts weniger als um die endgültige Eingliederung der KPD in die Kommunistische Weltpartei. Die KPD, die sich bei der Grün- dung der Komintern der Stimme enthielt, vollzieht erst in dieser Ausein- andersetzung die letzte endgültige, tatsächliche Abstimmung für die Kom- intern. Eine Abstimmung, nicht im buchstäblichen, sondern im tiefsten histo- rischen Sinne... Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Heft 9, September 1925, S. 523, 527/28, 530, 531. 81. DIE WITTORF-AFFÄRE (1928)66 Das ZK mißbilligt auf das schärfste die Geheimhaltung der Hamburger Vor- gänge gegenüber den leitenden Instanzen der Partei durch den Genossen Thälmann als einen die Partei schwer schädigenden politischen Fehler. Auf seinen eigenen Antrag wird diese Angelegenheit der Exekutive überwiesen; bis zu ihrer Erledigung ruhen die Funktionen des Genossen Thälmann. Diesem Beschluß liegt folgende Tatsache zugrunde: Der letzte Versuch, die Herrschaft des von Moskau gelenkten Apparates zu brechen, wurde im Jahre 1928 unternommen. Gestützt auf die noch in der Partei verbliebenen Rechten, versuchten einige sogenannte Versöhnler (Eberlein, Ewert, Eisler u. a.) Thälmann zu stürzen. Zum Anlaß wurde die Affäre Wittorf genommen. John Wittorf, enger Freund Thälmanns, war Polleiter der KP Hamburg. Er hatte DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                              265 Genosse Thälmann, dem persönlich kein Vorwurf der Beteiligung an den Unterschlagungen Wittorfs gemacht werden kann, hat mit einigen Genossen den Versuch gemacht, die ihm und den übrigen Genossen bekanntgewordenen Unterschlagungen Wittorfs den leitenden Instanzen der Partei vorzuenthal- ten und unter Umgehung der Instanzen der Partei zu liquidieren. Da eine solche Handlungsweise unvereinbar ist mit der Disziplin der Par- tei, da die Verletzung der Parteidisziplin durch einen verantwortlichen Parteifunktionär sehr schwer wiegt, kam das ZK zu vorstehendem Be- schluß. Das ZK kam dem Wunsche des Genossen Thälmann nach, ihm Gelegenheit zu geben, seinen von ihm anerkannten schweren Fehler vor der Exekutive zu verantworten. Das Urteil der Exekutive wird veröffentlicht werden. Außerdem beschloß das Zentralkomitee: Die Genossen Schehr, Presche und Rieß, Hamburg, werden ihrer Funktionen enthoben, weil die bisherigen Fest- stellungen über ihr Verhalten zu den Unterschlagungen Wittorfs einwandfrei ergeben haben, daß ein schwerer Verstoß gegen die Parteidisziplin und das Parteiinteresse vorliegt. Die Untersuchung wird durch eine Untersuchungs- kommission fortgeführt, um festzustellen, ob weitere Maßnahmen gegen die drei Genossen durchgeführt werden müssen. Parteigelder unterschlagen. Thälmann deckte ihn, wahrscheinlich ohne selbst etwas mit der Korruption zu tun zu haben. Am 26. September faßte das ZK den von uns abgedruckten Beschluß. Bei Stimmenthaltung Heinz Neumanns hatte das ZK unter Vorsitz Schnellers die Erklärung einstimmig gebilligt. In diese Auseinandersetzungen griff Stalin ein. Da er in der Sowjetunion im Frak- tionskampf gegen Bucharin und die »Rechten« stand, wollte er seinen Anhänger Thälmann in Deutschland um jeden Preis halten. Mit Hilfe des Exekutivkomitees der Komintern ließ Stalin Thälmann wieder einsetzen. Als sie merkten, daß Stalin und der russische Apparat hinter Thälmann standen, schwenkten viele Mitglieder des deutschen ZK sofort um. Am 5. Oktober erklärten 25 ZK-Mitglieder der KPD (darunter Florin, Merker, Stoecker, Winterich, Dahlem, Geschke und Dengel) »nach Kenntnisnahme neuer Tatsachen«, daß sie ihre Zustimmung zum Beschluß zurückge- zogen hätten. Heckert und Ulbricht gaben bekannt, daß sie sich bereits am 30. Sep- tember in einem Telegramm aus Moskau distanziert hätten, während Remmele und Leo Flieg erklärten, daß sie sich schon am 27. bzw. 28. September gegen die Ab- setzung Thälmanns ausgesprochen hätten. In der EKKI-Sitzung vom 6. Oktober wurde gerügt, daß die Mehrheit des ZK sich von den politischen Gegnern im ZK irreführen ließ. Die ZK-Mitglieder Hausen und Gerhart (d. i. Eisler) wurden scharf verurteilt. Die Gelegenheit wurde ausgenutzt, um die Macht des Apparates auch in Deutschland zu stabilisieren. Die Rechten, die eine breite Anhängerschaft in Sachsen, Schlesien, Offenbach und anderen Orten hatten, wurden ausgeschlossen. Die »Versöhnler« kapitulierten. 166 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Außerdem wurde der bereits veröffentlichte Beschluß des Politbüros, den ehemaligen Sekretär Wittorf wegen Unterschlagung von Parteigeldern aus der Partei auszuschließen, bestätigt. Berlin, 26. September 1928                                           Zentralkomitee der KPD Die Rote Fahne vom 27. September 1928. 82. »DAS ENDE EINES VERBRECHERS«^ Polizeilicher Pressebericht: »Hannover, 10. Oktober 1930. — Als am Freitag- nachmittag der stellungslose Kaufmann Erich Schmidt das Arbeitsamt am Königswerther Platz verlassen wollte, wurde er von einem jungen Mann nie- dergeschossen. Die Kugel drang ihm durch das Kinn in den Mund und scheint dann die Halsschlagader getroffen zu haben. Erich Schmidt wurde als Leiche in das Arbeitsamt getragen. Der Täter entkam durch die Flucht. Diese Meldung aus der illegalen Zeitschrift des KPD-Militärapparates beleuch- tet ein dunkles Kapitel der KPD-Geschichte. Der »Apparat« machte in seiner Zeit- schrift - wie man sieht - aus einem Fememord keinen Hehl. Als typisches Beispiel der Wandlung - und auch der Bedeutung - des »Apparates« in der KPD ist diese Meldung ein wesentliches Dokument. Daß solche Methoden des Apparates keine Ausnahmeerscheinungen waren, geht z. B. aus dem Bericht von Zeutschei-Burmeister hervor. Zeutschei war jahrelang im »Apparat« tätig. Er veröffentlichte 1931 seine Erinnerungen: »Im Dienst der kom- munistischen Terror-Organisation« (Tscheka-Arbeit in Deutschland). Zeutschei be- richtete, daß schon Mitte der zwanziger Jahre der außerhalb der Partei existierende Apparat in Stettin und Mecklenburg Terrorgruppen besaß. Über den Terror selbst hieß es in einer von der KPD 1928 illegal herausgegebenen Broschüre von A. Neuberg (ein Pseudonym), Der bewaffnete Auf stand: »Es wurde schon früher bereits darauf verwiesen, daß eine der allerdringlichsten Auf- gaben des Aufstandes, deren Lösung den Aufständischen sofort große Vorteile brin- gen wird, die Aufgabe der Liquidierung der Spitzenleitung der Konterrevolution sein kann: die Einnahme der Stäbe, die Verhaftung der bedeutendsten Regierungs- personen (Minister, Polizeipräsidenten usw.), die Liquidierung der reaktionären Kommandeure von Truppenteilen, der Führer revolutionsfeindlicher Parteien usw. Diese Erledigung der Spitzenleitung ist aber möglich dadurch, daß man rechtzeitig sorgfältig vorbereitete Diversionsmanöver, u. a. auch terroristische Akte (physische Vernichtung, Verhaftung) vornimmt.« DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD 267 Schmidt gehörte früher der Kommunistischen Partei an, wurde aber vor längerer Zeit ausgeschlossen. Der Beweggrund der Tat ist noch in Dunkel gehüllt, es scheint sich um einen Racheakt zu handeln.« In der letzten Nummer des Oktober wurden in dem Artikel >Provokatio- nen< Schmidts abgefeimte Spitzeleien im Dienste der SPD und der Politischen Polizei, vor allem aber seine Verbrechen als gemeiner Sprengstoffprovoka- teur geschildert. Es war der Liebling der SPD, weshalb der Vorwärts prompt schreit: »Audi schon kommunistische Feme?« Gleichzeitig fungierte er als Paradespitzel des Reichsanwaltes Neumann und des Untersuchungsrichters beim Reichsgericht Braune in einer Reihe laufender Prozesse gegen revolu- tionäre Arbeiter und Funktionäre der KPD. Sein plötzliches Ende macht einen Schlußstrich unter seine Verbrechen am revolutionären Proletariat. Oktober Militärpolitisches Mitteilungsblatt Nr. 5/1930, S. 36. 83. ENTSCHLIESSUNG DES POL-BÜROS DER KPD ÜBER DIE PAUL MERKER-GRUPPE (1930)^ 1. Die Plenarsitzung des Zentralkomitees unserer Partei vom 20./21. März, die zu den Beschlüssen des Präsidiums des EKKI Stellung nahm, erklärte sich vollinhaltlich einverstanden mit diesen Beschlüssen. Ausgehend von der Vertiefung der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems, der weiteren Erschütterung der kapitalistischen Stabilisierung, dem beschleunigten Tempo des revolutionären Aufschwunges, prüfte das Zentralkomitee die Erfolge und Mängel unserer Arbeit im verflossenen Zeitabschnitt. Das Zentralkomitee stellte vor die gesamte Parteimitgliedschaft als Hauptaufgabe den entschei- denden Kampf um die Mehrheit des Proletariats, die Anwendung der revo- lutionären Einheitsfront von unten, die entschiedene Verstärkung unserer revolutionären Massenarbeit auf Grund der klaren und richtigen Linie, wie sie bei den Betriebsrätewahlen eingeschlagen wurde, die Politik des verschärf- Im April 1930 versuchte die KPD-Führung den ultralinken Kurs abzu- schwächen. Paul Merker wurde dabei (wie aus der auszugsweise abgedruckten Ent- schließung hervorgeht) als Sündenbock geopfert. Merker stand auf dem äußersten linken Flügel der Partei und war für die RGO-Politik verantwortlich. Er und seine Anhänger übten später »Selbstkritik«. Im übrigen zeigte sich, daß der ultralinke Kurs der KPD, insgesamt gesehen, weitergeführt wurde. 268 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK ten Angriffs auf den konterrevolutionären Sozialfaschismus, die Loslösung der sozialdemokratischen Arbeitermassen vom reformistischen Einfluß, die Festigung und Erweiterung der revolutionären Gewerkschaftsopposition .. . Unmittelbar nach der Tagung des Zentralkomitees, dessen Beschlüsse einstimmig gefaßt wurden, trat eine Gruppe von Parteimitgliedern unter Führung des Genossen Merker gegen die Parteilinie auf. Unter dem Vor- wand eines Kampfes gegen den Artikel des Genossen Remmele »Schritt halten«, der eine richtige Erläuterung der Parteibeschlüsse darstellt, wandte sich Genosse Merker mit einer Protesterklärung an die Exekutive, ohne das Zentralkomitee, das Polbüro oder das Sekretariat von ihrem Inhalt in Kennt- nis zu setzen, obwohl er die volle Möglichkeit besaß, seine Auffassung in den drei genannten Körperschaften darzulegen. Genosse Merker eröffnete damit den Kampf gegen die Parteiführung, die seit dem Weddinger Parteitag ein- heitlich die Politik der KPD geleitet hat. Genosse Merker erhebt gegen die Parteileitung die Anschuldigung, daß sie »eine brandierische Beurteilung der Sozialdemokratischen Partei«, »eine rein brandleristische Stellung zur Koalitionsregierung und zur Bürgerblock- regierung« duldet (Protesterklärung Merkers an die Exekutive). Er beschuldigt unsere Partei, daß sie einen Standpunkt ermögliche, der »die sozialfaschistische Rolle der SPD und der Gewerkschaftsbürokratie ver- hüllt und alle Voraussetzungen schafft, die als Konsequenz die Anwendung der Einheitsfronttaktik zwischen dem ZK ¿er Partei und dem Parteivor- stand der SPD haben« (Protesterklärung Merkers an die Exekutive). Das Polbüro weist diese Behauptungen als parteifeindliche Verleumdung zurück. Die Gegensätze zwischen dem Genossen Merker und der Partei sind kei- neswegs, wie er es hinzustellen versucht, untergeordnete Meinungsverschie- denheiten in taktischen Fragen, sondern sein Standpunkt unterscheidet sich prinzipiell von der Parteilinie. Der Angriff des Genossen Merker gegen die Linie des Zentralkomitees ist eine Unterstützung des sektiererischen Linksopportunismus, der die sozial- demokratischen Arbeitermassen als Klassenfeinde, nicht als Proletarier be- handelt, anstatt sie vom Einfluß ihrer sozialfaschistischen Führung loszulösen und für die proletarische Revolution zu gewinnen ... 11. Um seine unsozialistische, kleinbürgerliche Plattform im Gegensatz zur Parteilinie und zur Parteiführung durchzusetzen, schritt Genosse Merker zum fraktionellen Kampf gegen die Beschlüsse des Zentralkomitees. Dieser Fraktionskampf äußerte sich in seinem Protestschreiben an die Exekutive, das Merker selbst als Gruppenerklärung angeblich »in Übereinstimmung mit einer größeren Zahl wichtiger Funktionäre« (Telegramm vom 27. 3.) bezeich- net, ferner in der, trotz entgegengesetzter Parteibeschlüsse, einberufenen Fraktionssitzung der Gewerkschaftsabteilung vom 31. 3. und in den fort- gesetzten Vorstößen der parteifeindlichen ultralinken Gruppe Peuke in dem DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                              269 Berliner Unterbezirk Zentrum. Peuke und seine Fraktionsanhänger über- trugen, unter offenem Disziplinbruch und direkter Verhöhnung der Partei- beschlüsse, die Fraktionsplattform der Gruppe Merker in die Parteiorgani- sationen, in die Betriebs- und Straßenzellen, um die Durchführung der Be- schlüsse des Zentralkomitees zu verhindern. Das Politbüro verurteilt auf schärfste diese Fraktionstätigkeit des Genossen Merker. Das Polbüro weist die Gruppe Merker auf die Beschlüsse der Kom- munistischen Internationale hin, nach denen die Bildung von Fraktionen und Gruppierungen unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei ist. Das Politbüro fordert den Genossen Merker und seine Gruppe kategorisch auf, sofort jede weitere Fraktionstätigkeit einzustellen, die be- gangenen Fehler anzuerkennen und bedingungslos die Parteilinie durch- zuführen. Das Polbüro beschließt zur Sicherung der Parteilinie und ihrer Durchführung in der revolutionären Massenbewegung die Enthebung des Genossen Merker aus dem Sekretariat des Zentralkomitees und seine Abbe- rufung aus der Gewerkschaftsleitung des ZK . . . Die Rote Fahne vom 6. April 1930. 84. »SCHÄRFSTER KAMPF GEGEN DIE ÜBERRESTE DES LUXEMBURGISMUS« Von Ernst Thälmann ...Ich will nur zwei Fragen in diesem Zusammenhang kurz behandeln: Die erste Frage ist die des Luxemburgismus. Was ist dazu zu sagen? Wir denken nicht daran, die Bedeutung Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts, Franz Mehrings und der übrigen Genossen, die den linksradikalen Flügel in der Vorkriegssozialdemokratie bildeten, abzuschwächen. Wir denken nicht daran, diese wahrhaft revolutionären Kämpfer und Führer und ihre guten revo- lutionären Traditionen zu verleugnen, oder gar den sozialfaschistischen, SAP-istischen oder Brandieristischen Leichenschändern zu überlassen. Rosa Luxemburg und die anderen gehören zu uns, gehören der Kommunistischen Internationale und der KPD, an deren Gründung sie mitgewirkt haben. Aber bedeutet dies eine Abschwächung der notwendigen Aufklärung unserer Partei über die Fehler Rosa Luxemburgs und der übrigen Linksradikalen? Eine solche Kritik an den Fehlern des Luxemburgismus ist unerläßlich vom Stand- punkt der Bolschewisierung der Partei. Der Weg der Linksradikalen aus der Vorkriegssozialdemokratie führte *7° DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK unter den Bedingungen der Kriegszeit teilweise zum Kommunismus, aber nur insoweit, wie sich diese Gruppen von den halbmenschewistischen Fehlern ihrer Ideologie befreien konnten und in der Richtung zum Bolschewismus, zur Politik Lenins und der bolschewistischen Partei entwickelten. Heute, wo die Komintern besteht, wo in der Sowjetunion unter der prole- tarischen Diktatur der Sozialismus verwirklicht wird, würde jeder Versuch zur Erneuerung des Luxemburgismus und jeder Überrest des Luxemburgis- mus niemals eine Brücke zum Marxismus-Leninismus bilden können, sondern stets einen Übergang zum Sozialfaschismus, zur Ideologie der Bourgeoisie, wie wir es am besten bei den Brandieristen sehen. Wir müssen also mit aller Klarheit aussprechen: in all den Fragen, in denen Rosa Luxemburg eine andere Auffassung als Lenin vertrat, war ihre Meinung irrig, so daß die ganze Gruppe der deutschen Linksradikalen in der Vor- kriegs- und Kriegszeit sehr erheblich an Klarheit und revolutionärer Festig- keit hinter den Bolschewiki zurückblieb. Diese Erkenntnis gibt uns erst das Verständnis dafür, warum es in Deutsch- land verspätet zur Spaltung zwischen dem revolutionären Marxismus und den kleinbürgerlichen Opportunisten oder ihren zentristischen Helfershel- fern innerhalb der Arbeiterbewegung kam. Rosa Luxemburgs Fehler in der Akkumulationstheorie, in der Bauernfrage, in der nationalen Frage, in der Frage des Problems der Revolution, in der Frage der proletarischen Diktatur, in der Organisationsfrage, in der Frage der Rolle der Partei bzw. der Spontaneität der Massen — das alles ergibt ein System von Fehlern, die Rosa Luxemburg nicht zur vollen Klarheit eines Lenin aufsteigen ließen. . . Was ist »Zentrismus«? Ich komme zu einer zweiten Frage, die mit dem Problem des Luxemburgis- mus in Verbindung steht: die Frage des Zentrismus. Es handelt sich in dieser Frage darum, ob der Zentrismus vor dem Kriege, während des Krieges oder in der ersten Nachkriegszeit eine besondere selbständige Richtung zwischen dem rechten und linken Flügel der internationalen Arbeiterbewegung dar- gestellt habe. Das ist falsch ... Die Frage ist nun, ob man heute noch von Zentrismus sprechen kann, ob man z. B. die heutige SAP oder Brandler-Gruppe als zentristisch bezeichnen kann. Das ist nicht möglich... Heute hat sich der kleinbürgerliche rechte Flügel der Vorkriegssozial- demokratie zum Sozialfaschismus entfaltet. Die Gruppen, die betrügerisch den Anschein erwecken, als ob sie zwischen dem Sozialfaschismus und uns, dem Marxismus-Leninismus, eine Zwischenstellung einnähmen, ich meine die Seydewitz-Gruppe oder die Brandieristen, sind in Wirklichkeit lediglich eine DAS INNERPARTEILICHE REGIME DER KPD                                                              2/1 Spielart des Sozialfaschismus, eine Filiale der Sozialdemokratischen Partei. Es war deshalb ein schwerer, unverzeihlicher Fehler der »Roten Fahne«, wenn sie in ihrer Vorrede zum Stalin-Briefe die Formulierung gebrauchte, daß die SAP eine »allerdings kleine Partei des Zentrismus« sei, die »zwischen dem revolutionären Marxismus-Leninismus und dem Sozialfaschismus eine prinzipienlose Position bezieht«. Diese schwere opportunistische Entgleisung mußte erst durch das Gesamtsekretariat des Zentralkomitees korrigiert werden. Der Trotzkismus ist der konterrevolutionäre Vortrupp der Bourgeoisie In der gleichen Vorrede der »Roten Fahne« war die Rede von einer »links«- drapierten Sumpfideologie des Trotzkismus. Auch das ist eine völlig unzu- lässige opportunistische Formulierung. Der Trotzkismus das ist keine Sumpf- ideologie, sondern stellt einen konterrevolutionären Vortrupp der Bourgeosie dar. Der Trotzkismus betreibt die wütendste Interventionshetze gegen die Sowjetunion. Trotzki liefert die schamlosesten Argumente für die sozial- faschistische Politik gegen die Arbeiterklasse. Schlimmer als der »Vorwärts« und der sozialdemokratische Parteivorstand setzt er sich für das Betrugs- manöver der SPD mit dem sogenannten »kleineren Übel« ein. Er schlägt in seiner neuesten Broschüre über Deutschland den deutschen Kommunisten nicht mehr und nicht weniger vor, als sich »mit Noske und Grzesinski gegen den Faschismus zu verbünden«. Das ist, wie jeder versteht, eine aufgelegte politische Hochstapelei und nichts als Sozialfaschismus in Reinkultur. . . Ernst Thälmann: Der revolutionäre Ausweg und die KPD Rede auf der Plenartagung des ZK der KPD am 19. Februar 1932 in Berlin 71-74. Stalin hatte Ende Oktober 1931 in einem Brief an die Redaktion der Zeit- schrift Proletarskaja Rewoluzija den Parteihistoriker Sluzki angegriffen. Dabei ent- wickelte Stalin auch einige Gedanken über die deutschen Linken in der Vorkriegs- sozialdemokratie (Luxemburg u. a.), die er als Antileninisten bezeichnete und mit Trotzki in Verbindung brachte. Die Folge war, daß in der KPD 1931/32 eine Dis- kussion über die Parteigeschichte einsetzte. Der »Luxemburgismus« wurde scharf verurteilt. Den Höhepunkt der Angriffe bildete ein Buch von Kurt Sauerland über den dialek- tischen Materialismus, in dem Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring als »Pseudomarxisten entlarvt« wurden. H. DIE KOMMUNISTISCHEN OPPOSITIONSGRUPPEN 85. ERSTER AUFRUF DER KAPD (1920)70 Die von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring und anderen be- gründete Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) ist an ihrem politischen und moralischen Bankrott angelangt. Nach dem Tode jener großen Vorkämpfer des internationalen Proletariats hat eine ehrgeizige, machtlü- sterne, mit allen Mitteln der Korruption arbeitende Führerclique es ver- standen, im Interesse ihrer eigenen egoistischen Zwecke den Gedanken der proletarischen Revolution zu sabotieren, die Partei ins reformistische Fahr- wasser zu drängen und dadurch den größten Teil der Mitglieder zur heftig- sten Opposition gegen den Reformismus der Zentrale des Spartakusbundes zu veranlassen. Diese Zentrale hat es fertiggebracht, alle diejenigen Bezirke der KPD, die ihren unversöhnlichen Kampf gegen die konterrevolutionären Institutionen des Parlamentarismus, der Gewerkschaften und der gesetzlichen Betriebsräte nicht aufgeben wollte, aus der Partei auszuschließen, ohne diesen (größten) Bezirken Gelegenheit zu geben, ihren Standpunkt vor der höchsten Instanz der Partei, dem Parteitag, darzulegen und zu begründen. Damit hat die Zentrale des Spartakusbundes den Beweis erbracht, daß sie die Partei- spaltung wollte, weil das revolutionäre Wollen der Mitgliedschaften dem konterrevolutionären Wirken der Zentrale entgegengesetzt war. Die bisherige Opposition hat sich nunmehr als Kommunistische Arbeiter- partei Deutschlands konstituiert. Die Kommunistische Arbeiterpartei Deutsch- lands ist keine Partei im überlieferten Sinn. Sie ist keine Führerpartei. Ihre Hauptarbeit wird darin bestehen, das deutsche Proletarat auf seinem Wege zur Befreiung von jeglichem Führertum nach Kräften zu unterstützen. Die Befreiung von der verräterischen, konterrevolutionären Führerpolitik ist das wirksamste Mittel zur Einigung des Proletariats. Die Kommunistische Arbei- terpartei Deutschlands ist sich nichtsdestoweniger bewußt, daß die Einigung des Proletariats, die Einigung im Geiste des Rätegedankens das eigentliche Ziel der Revolution bedeutet. Der Aufruf wurde vom Gründungsparteitag der KAPD erlassen, der im April 1920 in Berlin tagte und 38 000 Mitglieder vertrat. Der Parteitag beschloß u a.: »Die KAPD lehnt die Teilnahme an Parlamenten (Reichs-, Landes- und Ortsparla- ment) ab.« 274 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Arbeiter, Genossen! Die KAPD ist die entschiedene Vorkämpferin des revolutionären Proletariats. Genossen, macht unsere Partei so aktionsfähig, daß sie das deutsche Proletariat zum Siege führt. Es lebe die Weltrevolution! Es lebe die Dritte Internationale! Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands Die Aktion Heft 15/16, April 1920. 86. PAUL LEVI ÜBER DIE MÄRZAKTION (1921) . .. Wie kam es zu der Aktion? Der erste Anstoß zu dieser Aktion kam nicht aus der deutschen Partei. Wir wissen nicht, wer dafür die Verantwortung trägt. Der Fall war schon häufiger, daß Abgesandte des Exekutivkomitees über ihre Vollmacht hinaus gingen, d. h., daß sich nachträglich ergab, die Abgesandten hätten zu dem oder jenem keine Vollmachten gehabt. Wir sind also nicht in der Lage, dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Inter- nationale die Verantwortung zuzuschieben, wenngleich nicht verhehlt werden darf, daß in Kreisen der Exekutive eine gewisse Mißstimmung über die »Inaktivität« der Partei bestand. Abgesehen von schweren Fehlern in der Kapp-Bewegung konnten freilich positive Unterlassungen der deutschen Partei nicht nachgesagt werden. Es lag also ein gewisser starker Einfluß auf die Zentrale vor, jetzt, sofort und um jeden Preis in die Aktion einzutreten... Zur Verdeutlichung dessen, was nun eine »Angriffsaktion« sei, führte ein anderes verantwortliches Mitglied aus: »Das was die Zentrale jetzt vorschlägt, ist ein vollkommener Bruch mit der Vergangenheit. Bisher hatten wir die Taktik oder vielmehr wir sind ge- zwungen gewesen zu der Taktik, daß wir die Dinge an uns herankommen ließen, und sobald eine Kampfsituation gegeben war, in dieser Situation unsere Entschlüsse faßten. Jetzt sagen wir: wir sind so stark und die Situa- tion ist so verhängnisschwanger, daß wir daran gehen müssen, das Geschick der Partei und der Revolution selbst zu zwingen .. .« Die Aktion begann. Es ist der Zentrale zunächst erspart geblieben, die neuerworbene theoretische Grundlage in die Praxis umzusetzen. Hörsing kam ihr zuvor. Er rückte ins Manfeldische ein und hatte damit bereits einen DIE KOMMUNISTISCHEN OPPOSITIONSGRUPPEN                                                           275 Erfolg für sich: den geeigneten Zeitpunkt. Mit der Gerissenheit eines alten Gewerkschaftsbürokraten suchte er sich die Woche aus, die Ostern voranging, wohl wissend, was die viertägige Schließung der Betriebe von Karfreitag bis Ostermontag bedeutet. Damit war die Zentrale schon von vornherein die Gefangene ihrer eigenen »Parolen« geworden. Sie konnte diese Hör- singsche Provokation gar nicht mehr entsprechend der Lage ausnützen. Die mansfeldischen Arbeiter schlugen los . .. Wie aber dachte sich die Zentrale das Verhältnis der Kommunisten zu den Massen? Wie schon oben angeführt, dachte sie zunächst, man könne die Situation auch mit nichtpolitischen Mitteln schaffen. Nun hatte sie ihre Toten. In Hamburg und im Mansfeldischen lagen sie. Aber die Situation war von Anfang an so ohne jede Voraussetzung für eine Aktion, daß nicht einmal die Toten die Massen in Bewegung zu bringen vermochten. Man hatte aber noch ein anderes Mittel bereit. In Nr. 133 der »Roten Fahne« vom Sonntag, dem 20. März, steht ein Artikel mit der Überschrift: »Wer nicht für mich ist, der ist wider mich! Ein Wort an die sozialdemokratischen und unabhängigen Arbeiter.« ... Wir wissen nicht, ob der Verfasser jenes Artikels erfahren genug ist, um zu wissen, daß er mit diesem Artikel einen Vorgänger hat. Dieser Vorgänger besaß wenigstens die Bescheidenheit zu sagen: Wer nicht für uns ist, der ist wider uns.« Er war nun freilich kein Marxist-, er war kein Sozialist; er hieß - Bakunin, der russische Anarchist, der im Jahre 1870 einen Aufruf an die russischen Offiziere unter dieser Alternative richtete. . . Der Kommunismus ist nie und nimmer gegen die Arbeiterklasse. Aus die- ser Bakunistischen, allem Marxistischen Hohn sprechenden Grundeinstellung der Aktion, diesem völligen Verkennen, der völligen Verleugnung aller marxistischen Stellung der Kommunisten zu den Massen, ergeben sich dann alle folgenden, bewußten oder unbewußten, gewollten oder ungewollten, gezwungenen oder freiwilligen, bereuten oder nicht bereuten anarchistischen Wesenszüge dieses MärzaufStandes ganz von selbst: der Kampf der Arbeits- losen gegen die Arbeitenden, der Kampf der Kommunisten gegen die Prole- tarier, das Hervortreten des Lumpenproletariats, die Dynamitattentate — das alles waren die logischen Folgen. Durch das alles wird die Märzbewegung als das charakterisiert, was sie ist: der größte Bakunisten-Putsch der bisherigen Geschichte . . . Wir glauben, daß nicht nur hier in Deutschland, sondern überall empfun- den wird, daß die Leitung der Exekutive ungenügend ist. Das liegt nicht nur an der Tatsache, daß an ihrer Spitze weder ein Marx, wie an der Spitze der I. Internationale, noch ein Lenin steht. Es liegt an großen technischen Schwierigkeiten, Mangelhaftigkeit der Postverbindung usw. So ist die Exe- kutive von Westeuropa, ihrem wichtigsten Betätigungskreis, isoliert. Wir glauben, daß das nicht am wenigsten die Exekutive selbst empfindet. Als 276                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Ausweg aber benutzte sie einen, der der allerunglücklichste war und über den zu reden ich als Vorsitzender der Partei mir etwas Zurückhaltung auf- erlegen mußte, über den ich aber als Parteimitglied mit aller Offenheit reden kann. Es ist das System der Vertrauensleute. Zunächst ist natürlich Rußland nicht in der Lage, die besten Kräfte abzugeben. Die haben in Rußland Posten, an denen sie nicht zu ersetzen sind. So kommen nach Westeuropa Kräfte und Genossen, jeder einzelne voll des besten Willens, jeder einzelne voll eigener Gedanken, und jeder einzelne voll des Eifers, um einmal zu zeigen, wie er »die Sadie schmeißt«. So wird Westeuropa und Deutschland zum Versuchs- feld für allerhand Staatsmänner im Duodezformat, von denen man den Ein- drude hat, daß sie hier ihre Künste entwickeln wollen. Ich habe nichts gegen die Turkestaner und wünsche ihnen nichts Böses: aber ich habe oft den Ein- druck, diese Kräfte würden bei ihren Kunststüdcen dort weniger Sdiaden anrichten. Verhängnisvoll wird die Sache aber dann, wenn Vertreter gesandt werden, die nicht einmal menschlich die nötigen Garantien bieten. Ich muß auch hier noch einmal auf die italienische Angelegenheit zurückkommen. Der Ge- nosse Rakosi, der in Italien die III. Internationale vertrat/1 kam von da nach Deutschland. Er wurde in die Sitzungen der Zentrale wie des Zentral- ausschusses als Vertreter der Exekutive eingeführt. Er hat dort wörtlich aus- geführt, man habe in Italien »ein Exempel statuiert«, er hat privat wie öffentlich erklärt, auch die deutsche Partei müsse wieder gespalten werden. . Paul Levi: Unser Weg. Wider den Putschismus A. Seehof Verlag, Berlin 1921 S. 21/22, 23, 25, 26, 30, 31, 45/46. Rakosi, der spätere stalinistische Diktator Ungarns, hatte am Parteitag der italienischen Sozialisten in Liverno teilgenommen. Dort war es zur Spaltung der italienischen Sozialisten gekommen, da nur ein Teil der Partei bereit war, die 21 Bedingungen der Komintern anzunehmen. DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S ITIO N S G RU P PE N ¿77   RESOLUTION DER I. REICHSKONFERENZ DER KOMMUNISTISCHEN ARBEITSGEMEINSCHAFT (1921) Die erste Reichskonferenz der KAG beschloß einstimmig folgende Erklärung^2 Die KAG erstrebt nicht die Gründung einer eigenen Partei; sie glaubt vielmehr, daß bei dem selbstverschuldeten Schicksal der KPD und dem zu- rückgegangenen Ansehen der Kommunistischen Internationale die kommende Herausbildung der großen revolutionären Massenpartei nicht im Wege der Spaltung, sondern im Wege der Zusammenfassung erfolgen wird. Hält die KPD fest an der Politik, die sie sich auf der letzten Zentralausschußsitzung gegeben hat, führt sie diese Politik ehrlich und nicht zur Erreichung taktischer Parteiinteressen durch, so läßt sie auf die Dauer keinen Spielraum zwischen ihr und dem, was die übergroße Mehrheit der USP-Arbeiter und ein großer Teil ehrlicher, revolutionärer SPD-Arbeiter wollen. Soll aus diesen Verhältnissen heraus die große revolutionäre Partei auch organisatorisch entstehen, und soll die KPD dabei eine ausschlaggebende Rolle spielen, so muß sie folgende Voraussetzungen erfüllen, die ihr das nötige Ansehen und Vertrauen in den Massen wiedergeben würden: Völlige materielle Unabhängigkeit von der Kommunistischen Inter- nationale. Unterstellung aller von auswärtigen kommunistischen Organisationen (auch Organen der Kommunistischen und Roten Gewerkschaftsinternationale) er- scheinenden Literatur unter die Mitkontrolle der deutschen Parteileitung. Sicherheit gegen alle offenen oder verdeckten organisatorischen Eingriffe des Zentralexekutivkomitees der Kommunistischen Internationale neben, außerhalb oder gegen die Organe der deutschen Sektion. Programmatische Festlegung einer Politik, die die Zusammenarbeit aller revolutionären Arbeiter in Deutschland ermöglicht, unter ausdrücklichem Verzicht auf alle putschistischen Bestrebungen im Sinne der Märzaktion. Festlegung einer Gewerkschaftspolitik, die unbeschadet aller revolutionären Die beiden auf dem Vereinigungsparteitag von KPD und linker USP 1920 gewählten Parteivorsitzenden Paul Levi und Ernst Däumig sowie eine Reihe wei- terer Parteiführer und Funktionäre hatten im Verlaufe der Diskussion über die Märzaktion die KPD verlassen. Sie gründeten auf einer Konferenz am 20. November 1921 die »Kommunistische Arbeitsgemeinschaft« (KAG), deren Resolution wir in die Auswahl mit aufnahmen. Die KAG trat im April 1922 wieder der USP bei und kam mit ihr im September 1922 zur SPD zurück. 2/8                                     DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Ziele die organisatorische Einheitlichkeit und Geschlossenheit der deutschen Gewerkschaften aufrechterhält. Unser Weg (Sowjet) Zeitschrift für kommunistische Politik Herausgeber: Paul Levi Heft 15, Dezember 1921, S. 415.   PLATTFORM DER WEDDINGER OPPOSITION (1926) (Von Hans Weber, Peters und Max Riese, Berlin) ...4. Die Fehler der Partei Bei der Volksentscheidskampagne für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten ergab sich für die Partei ein großes Tätigkeitsfeld. Jedoch ver- stand sie es nicht, durch eine wirkliche revolutionäre Mobilisierung der Ar- beiterschaft und des Mittelstandes sich den politischen und organisatorischen Gewinn aus dieser Kampagne zu sichern. Es wäre die Aufgabe der Partei gewesen, durch die rücksichtslose Demaskierung der bürgerlichen Demokratie und ihrer Verfechter die bei den Wählermassen noch vorhandenen Illusionen zu zerstören und für die Partei neue Kämpfer zu gewinnen. Statt dessen ließ die Partei vor und während der Kampagne trotz der offe- nen Staatsstreichdrohung der Reaktion jegliche revolutionäre Klarheit und Initiative sowie die Verknüpfung der Enteignungskampagne mit den Tages- förderungen vermissen, so daß mit dem Tage der Abstimmung auch die ganze Bewegung ein plötzliches und unrühmliches Ende fand. Des weiteren war es ein unverzeihlicher Fehler der Parteiführung, die ganze Bewegung im parla- mentarischen Sinne durchzuführen und dadurch die Weitertreibung auf das außerparlamentarische Gebiet unmöglich zu machen. Infolgedessen mußte auch der von der Partei erst am Abschluß der Bewegung parolisierte Kongreß der Werktätigen seinen Zweck, die Überleitung des parlamentarischen Kamp- fes auf das außerparlamentarische Gebiet vollständig verfehlen... Die neuere Entwicklung der reformistischen Politik der sozialdemokrati- schen Gewerkschafts- und Parteibürokratie zeigt, daß dieselbe nicht nur in lokalen Teilkämpfen und in den Kämpfen um die gewerkschaftlichen Tages- förderungen der Arbeiterschaft versagt, bzw. sabotiert, sondern wie im Hamburger Kampf selbst jahrzehntealte Errungenschaften und Grundrechte der Gewerkschaften (Koalitions- und Streikrecht) kampflos preisgibt und DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S IT I O N S G RU PPE N 279 verrät. Diese unerhörten Tatsachen hat die KPD unter schonungslosester Auf- zeichnung der Rolle der Reformisten als Lakaien der Bourgeoisie in das Be- wußtsein der Arbeiterschaft zu bringen. Die KPD kann sich aber als revolutionäre Vorhut des Proletariats nicht allein mit diesen Feststellungen und mit Schimpfen auf die verräterische, reformistische Gewerkschafts- und Parteibürokratie begnügen. Sie hat die noch höhere Aufgabe, selbst der Arbeiterschaft weg- und zielweisend vor- anzugehen, die notwendigen Kämpfe durch eigene revolutionäre Initiative zu beleben und zu forcieren. Statt dessen hat die Partei in einer Reihe von Bewegungen der letzten Zeit schwer versagt, schwere reformistische Fehler begangen. . . Unter der jetzigen Parteiführung entwickelt sich ein innerparteilicher Kurs, der, wenn er nicht schleunigst geändert wird, zur direkten Gefahr für die Existenz der Partei wird. Mit dem Kampfruf »Der Feind steht links« wird seit vielen Wochen das Feuer gegen alle linken Elemente konzentriert, die sich mit ihrer ganzen Überzeugungskraft gegen den sich immer mehr ausbreitenden Opportunismus in der Partei und gegen jede Neuauflage des Brandierismus stemmen. Selbst überzeugt davon, daß man die durchaus linke Mitgliedschaft nicht durch sach- lichen Kampf für den neuen Kurs gewinnen würde, griff das ZK zu den verwerflichsten Mitteln. Die systematische Ausrottung linker Funktionäre und Zersetzung der Mit- gliedschaft durch eine fraktionell durchgeführte Reorganisation, die bis zu dem grotesken Versuch der Einführung von zweierlei Stimmrecht (erster und zweiter Klasse) ging, war die verschärfte Fortsetzung des von der Fischer- Maslow-Zentrale begonnenen Maßregelungsfeldzugs gegen die damalige, sich gegen die Volksblocktheorie aufbäumende sogenannte ultralinke Opposition. Seitdem hagelt es mit Ausschlüssen und sonstigen mechanischen Maßnahmen des jetzigen ZK gegen die linke Opposition. Erst dieser Tage wurden aus demselben Grunde wiederum durchweg ehrliche oppositionelle Arbeiter- elemente aus der Partei ausgeschlossen. Weitere Ausschlüsse und Maßregelun- gen sind im Gange und bereits angekündigt. Die zum größten Teil unter Ignorierung und Bruch der Parteistatuten er- folgten Ausschlüsse sind in der letzten Zeit zu einer wahren Epidemie aus- geartet, wodurch die Einheit der Partei auf das höchste gefährdet wurde... Im Hinblick auf die der Partei bevorstehenden großen revolutionären Auf- gaben müßte es die erste Pflicht der leitenden Parteiinstanzen sein, durch die Einstellung ihres unsachlichen Kampfes den Weg zur Gesundung der Partei freizumachen. Die Weddinger Opposition ist der Meinung, daß es ausschließlich in der Hand des ZK liegt, eine fraktionelle Zerklüftung der Partei zu verhindern, indem es die Ursachen derselben schleunigst aus der Welt schafft. Dazu ge - 28o DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK nügt es nicht, wie die Erfahrung seit dem EKKI-Brief besonders lehrt, in allgemeinen Redensarten von der Notwendigkeit der Parteidemokratie zu sprechen. Vielmehr ist es notwendig, daß mit der praktischen Verwirklichung der Parteidemokratie wirklich ernst gemacht wird, indem das ZK mit konkre- ten Vorschlägen (Zusicherung der freien Meinungsäußerung in Organisation und Presse, Zurücknahme der mechanischen Maßnahmen und Ausschlüsse gegen ehrliche Oppositionsgenossen, Einstellung der personellen Hetze gegen die Opposition usw.) vor die Parteimitgliedschaft tritt und durch die so ge- schaffene Kontrollmöglichkeit deren Durchführung garantiert. Mit der Durch- führung eines solchen innerparteilichen Kurses würden sämtliche Fraktionen ohne weiteres überflüssig. Die Weddinger Opposition fordert in dieser besonders ernsten innerpartei- lichen Situation die sofortige und wirklich ehrliche Abkehr von dem ver- derblichen innerparteilichen Kurs des ZK und die Sicherung eines kamerad- schaftlichen Zusammenarbeitens zwischen Parteimehrheit und der linken Opposition. Die Weddinger Opposition Berlin, den 20. November 1926 Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Heft 24, Dezember 1926, S. 756, 758, 759/760.   DIE STREITFRAGE IN DER KOMINTERN (1927) (»Linke Plattform« von Willi Kötter - Berlin, Arthur Vogt - Leipzig, Jädicke - Berlin) ... Da wir der Überzeugung sind, daß wir eine Zeit der revolutionären Zu- spitzung erleben, die den Ausbruch des proletarischen Befreiungskampfes in kürzerer Zeit als möglich erscheinen läßt, sehen wir die Aufgaben der Partei in der Vorbereitung dieses Befreiungskampfes und der Organisierung der proletarischen Massen zum Sturze der Bourgeoisie. Zu diesem Zwecke muß die Partei in folgender Linie arbeiten: ... 2. Die Einheitsfront darf nicht zu Kompromissen mit SPD-Führern oder zur prinzipienlosen Berücksichtigung dieser oder jener Stimmung füh- ren. Bei den Regierungsfragen muß die Partei ein Programm in den Vor- dergrund stellen und in den Massen verankern. Die Partei darf nur den DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S ITI O N S G RU PPE N 18l unterstützen, der sich bereit erklärt, dieses von den Massen gestützte Pro- gramm zu vertreten. Jeder, der gegen das Programm ist, gegen den sind auch wir. Da ein proletarisches Programm nur von der einzigen Arbeiterpartei, der KPD, vertreten wird, ist die Unterstützung anderer Parteien außer Frage gestellt. .. Unsere Arbeit in den Gewerkschaften muß in dem Sinne geleistet wer- den, den Einfluß der reformistischen Führer zu brechen und die gewerkschaft- lich organisierten Arbeiter im Sinne des Klassenkampfes zu beeinflussen. Nicht Kompromisse mit den reformistischen Gewerkschaftsführern, sondern Kampf gegen sie und ihre Politik. Der gegenwärtige Stand der Organisation der KPD zeigt die Notwen- digkeit der Anwendung neuer Methoden, wodurch es uns gelingen muß, tat- sächlich jeden Betrieb zu unserer Burg zu machen. Breitere Zusammenkünfte der Mitgliedschaft, Vereinfachung des Organisationsapparates, wozu noch hinzukommen muß die Beseitigung der Klassifizierung unserer Genossen in »Betriebsgenossen« und »Nicht-Betriebsgenossen«, müssen sofort durchge- führt werden. Die Organisation muß geleitet werden zu dem Zweck der Ver- breiterung unseres Einflusses in den Massen und nicht zur fraktionellen Er- ledigung der Opposition. Der innerparteiliche Kurs, der in der KPD durch zahlreiche Ausschlüsse durch Maßregelung und Ausschaltung linker Genossen von jeder verantwort- lichen Mitarbeit gekennzeichnet ist, muß geändert werden. An Stelle der fraktionellen Vergiftung der Partei durch das ZK muß eine loyale Zusam- menarbeit aller revolutionären Kräfte der Partei trotz taktischer Meinungs- verschiedenheiten möglich gemacht werden. Bei der Fortführung des jetzigen innerparteilichen Kurses, der in einer dauernden Vergewaltigung des demo- kratischen Zentralismus besteht, wird die Partei in ihren Grundfragen er- schüttert. Schlussbemerkung Der XI. Parteitag der KPD bietet zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit ist, daß er jeden Genossen, der es wagte, eine andere Meinung, als die jeweils vorherrschende zu vertreten, ausschließt aus der Partei, oder daß er, das ist die zweite Möglichkeit, eine Basis schafft, auf der trotz aller Meinungsver- schiedenheiten eine für die Partei und für die Revolution nutzbringende Ar- beit aller revolutionären Kräfte der Partei möglich ist. Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Heft 4, Februar 1927, S. 114, 118/119. 182 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK   ERKLÄRUNG DER »LINKEN OPPOSITION« AUF DEM XL KPD-PARTEITAG IN ESSEN (1927)73 Wolfgang Bartels (Berlin, Urbahns-Gruppe): Es ist meiner Gruppe unmög- lich gemacht, zu den in den Referaten aufgeworfenen Problemen und Fragen unseren Standpunkt ausführlich darzulegen. Ebenso ist es uns unmöglich, auf die Angriffe gegen uns, so wie es notwendig wäre, eingehend zu antworten. Ich bin infolgedessen genötigt, unsere politischen Auffassungen in einer Er- klärung zusammenzufassen. (Zuruf: Hat die Scholem gestern geschrieben?) »Im Namen der Urbahns-Gruppe der Partei protestiere ich dagegen, daß uns, die wir gegenüber der falschen Linie der Parteimehrheit eine Reihe von Forderungen und eine ausführliche Kritik vorzubringen hätten, ganze 10 Minuten Redezeit zugebilligt sind. Diese Tatsache beweist, daß die Partei- mehrheit den Kurs der Strangulierung und der Niederknüppelung der Oppo- sition fortsetzen will, der durch den Ausschluß und die Herausdrängung von Hunderten linker Genossen begonnen wurde. Zu den Referaten der Genossen Dengel und Thälmann stellen wir folgen- des fest: Die Vertreter des nach dem Offenen Brief?« eingesetzten ZK haben nicht von Erfolgen der Partei berichten können, obwohl die Beseitigung der linken Parteiführung mit dem Vorwurf begründet wurde, daß diese Führung nicht genügend Erfolge erzielt habe. Das heutige ZK, das eine günstige Situa- tion für sich hatte, kann trotzdem nur auf eine Reihe von Mißerfolgen zu- rückblicken. In den Gewerkschaften wurden trotz allen Geschreies keine Erfolge erzielt, sondern wichtige Positionen gingen an die Reformisten verloren. Die Ergeb- nisse der letzten Wahlen in Lübeck, Thüringen, Oberschlesien und bei anderen Kommunalwahlen beweisen den Rückgang der Kommunistischen Partei und ein Wachsen des sozialdemokratischen Einflusses auf die Arbeiterschaft. Die Mitgliederzahl der Partei ist nicht gewachsen. Die Partei hat keineswegs mehr organisierte Mitglieder als zur Zeit der linken Zentrale. Die Referenten ver- suchen, die Verantwortung für diese Mißerfolge, die sie hier auf dem Par- Auf dem XL Parteitag der KPD im März 1927 in Essen war die linke Oppo- sition nur noch schwach vertreten. Die Unterzeichner der hier abgedruckten Erklä- rung, Bartels, Grylewicz und Schlecht wurden am 1. April 1927 ebenfalls aus der KPD ausgeschlossen. Mit dem Offenen Brief ist der Brief des Exekutivkomitees der Komintern vom 1. September 1925 gemeint, der sich gegen die Maslow-Führung richtete (vgl, Dok. 70). DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S ITI O N S G RU P PE N                                            283 teitag zugeben mußten, vom Zentralkomitee abzuwälzen. Derselbe Genosse Dengel, der die in Mecklenburg betriebene Koalitionspolitik persönlich mit eingeleitet hat, versucht hier, sich von der Verantwortung zu drücken. Ebenso können wir nicht zulassen, daß Genosse Dengel die Verantwortung für die Thüringer Wahlniederlage auf den für diese Niederlage mitverantwortlichen Tittel allein abschiebt. Als die linke Opposition während der Parteidiskussion alle diese jetzt notgedrungen zugegebenen schweren opportunistischen Fehler kritisierte, wurde sie deshalb vom Zentralkomitee als Parteiverleumder und -Zerstörer beschimpft und gemaßregelt. In Wirklichkeit zeigte sich in all die- sen Fehlern die falsche politische Linie, die das Zentralkomitee seit dem Offenen Brief verfolgt. In der Erwerbslosenfrage, beim Volksentscheid, beim Kongreß der Werktätigen, bei der Bildung der Bürgerblockregierung, bei der schon kritischen Koalitionspolitik in Mecklenburg, bei der Unterstützung der SPD bei der Regierungsbildung in Sachsen, überall wurde der die Partei zer- störende und die revolutionäre Bewegung lähmende opportunistische Kurs eingeschlagen. Allgemein: In allen auf geführten Fragen wurden die kommunistischen Grundsätze verwischt oder sogar versteckt. Schwammige, unklare Zwischen- lösungen wurden aufgestellt. Das Zurückweichen vor der SPD beweist deren Anwachsen. Wir verweisen auf die von uns vorgelegte politische Resolution. In ihr haben wir nicht nur die wesentlichsten Punkte des Versagens des ZK aufgeführt und daran die falsche opportunistische Linie nachgewiesen, son- dern wir haben auch positiv ein ausführliches Aktionsprogramm der Partei vorgeschlagen. Das Programm, das in den Mittelpunkt der Tageskämpfe den Kampf gegen den Bürgerblock stellt, geht aus von der jetzt in der Partei vergessenen Tatsache, daß alle Tagesfragen verbunden werden müssen mit der unablässigen Betonung unseres klaren kommunistischen Endziels in der Partei. Eine der wichtigsten Aufgaben in der Partei, wozu wir ebenfalls kon- krete Anträge eingereicht hatten, ist der englisch-russische Konflikt. Der Par- teitag begeht eine schwere politische Unterlassungssünde, wenn er nicht be- schließt, folgende von uns vorgelegten Punkte der Partei als Aufgabe gegen die drohende Intervention zu stellen: Sofort für die Einberufung einer Konferenz der Transportarbeiter und Seeleute im deutschen und internationalen Maßstab zu sorgen unter der Lo- sung: Kein Soldat und kein Seemann darf gegen Sowjetrußland gehen oder transportiert werden. Sofort für die Einberufung einer Konferenz der Waffen- und Munitions- arbeiter, Arbeiter der chemischen Industrie zu sorgen, unter der Losung: Keine Kugel, kein Maschinengewehr, keine Kanone, kein Gas gegen Sowjet- rußland. Sofort eine großzügige Agitations-, Versammlungs- und Demonstrations- 284 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK kampagne unter Heranziehung aller revolutionären Kräfte, das heißt auch der ungerechterweise aus der Partei »Ausgeschlossenen« zu organisieren. Sofort die Einberufung des anglo-russischen Komitees zu fordern, dessen reformistische Mitglieder selbstverständlich nichts gegen ihre von ihnen unter- stützte imperialistische Regierung tun werden, worauf diese Gelegenheit der Entlarvung dieser Verräter ausgenutzt werden muß und das beim englischen Generalstreik Versäumte nachgeholt wird. Sofort die Einheit der Partei herzustellen durch Aufhebung aller Aus- schlüsse der Linken.« Mit Entrüstung stellen wir vor der Partei fest, daß das ZK es abgelehnt hat, diesen Antrag gedruckt dem Parteitag vorzulegen. Indem wir diese Erklärung abgeben, solidarisieren wir uns ausdrücklich auf der Tribüne dieses nach dem Ausschluß der führenden oppositionellen ZK-Mitglieder einberufenen Parteitags mit den ausgeschlossenen Genossen Maslow, Ruth Fischer, Urbahns, Scholem, Schwan und den anderen, die auf unserem Boden, dem Boden der alten Linken in der Partei, stehen. Wir ver- weisen auf den Offenen Brief, den diese zu unrecht ausgeschlossenen Partei- genossen an den XL Parteitag gerichtet haben und unterschreiben den Inhalt dieses Briefes. Wir fordern die Rückgängigmachung der zu Unrecht erfolgten Ausschlüsse. Für diese Forderung werden wir innerhalb der Partei weiterkämpfen, auch dann, wenn dieser Parteitag, der die Stimmung der Mitgliederschaft nicht widerspiegelt, weitere Terrormaßnahmen gegen die Linke beschließt und höhnisch über unsere sachlichen Vorschläge hinweggeht. Unterschriften: Bartels, Grylewicz, Schlecht. Bericht über die Verhandlungen des XL Parteitages der KPD Essen vom 2. bis 7. März 1927 Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten GmbH Berlin 1927 S. 86/87. DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITIO N S G RU P PE N 285 91- DER KAMPF UM DIE KOMMUNISTISCHE PARTEI Plattform der linken Opposition der KPD75 Thesen zur Lage in der deutschen Partei Die Krisenerscheinungen in der gesamten Kommunistischen Internationale sind permanent geworden. Die Jahre 1924 und 1925 brachten, äußerlich gesehen, eine Wendung nach links in der KI, welche die Besorgnisse der Linken zu widerlegen schienen. Die Wendung nach links wurde sehr bald durch eine völlige Schwenkung nach rechts, durch Aufstellung revisionistischer Theorien und Herauswurf führender antiliquidatorischer Elemente abgelöst. Die Krise der Kommunistischen Internationale kann nicht erklärt wer- den durch Redensarten über »Abweichungen« oder durch Charaktereigen- schaften einzelner Personen oder Gruppen; sie spiegelt vielmehr die relative Stabilisierung des Kapitalismus mit ihren mannigfaltigen, einander gegen- sätzlichen Tendenzen wider. Die in der Periode der relativen Stabilisierung besonders schwierige Lage der Sowjetunion erzeugt bei denen, welche die Stabilisierung heimlich für absolut halten, revisionistische Anschauungen und liquidatorische Absichten. Trotz aller hochtrabenden Siegesnachrichten und »einstimmigen« Ab- stimmungen ist die offizielle Politik der KI in eine Sackgasse geraten, aus der sie nur herauskommen kann, wenn ihre gesamte Politik radikal geändert wird. Pflicht eines jeden Kommunisten ist es, mit allen Kräften an der not- wendigen Kursänderung zu arbeiten, um die Liquidation der KI zu ver- hindern. Eine radikale Kursänderung ist nur möglich, wenn man den Charakter der gegenwärtigen Periode klar erkennt und die daraus entspringenden Auf- gaben präzis stellt. 75. Die Linke Opposition der KPD wurde von Ruth Fischer, Maslow und Ur- bahns geführt, die nach ihrem Ausschluß aus der KPD eine eigene kommunistische Gruppe gebildet hatten. Die Linken bildeten keine neue Partei, weil dazu die Massen- basis fehlte. Doch konnte die von Urbahns geführte Linke KPD bei den Wahlen von 1928 in 24 von 35 Wahlkreisen 80000 Stimmen erringen, obwohl Ruth Fischer und Maslow noch kurz vor der Wahl kapituliert hatten und die Linken Kommunisten nicht unterstützten. Die KPD erhielt zwar 1928 3,2 Millionen Stimmen, hatte aber z. B. 1920 auch nur 600 000 erhalten. Unter Urbahns Führung entstand aus den Linken Kommunisten der am 4. März 1928 gegründete Leninbund, der bis 1933 existierte. 286 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Derjenige ist kein Kommunist, sondern ein Liquidator, welcher glaubt, daß die Grundsätze des Kommunismus nur für unmittelbar revolutionäre Si- tuationen »passen«. Alle wirklichen Kommunisten müssen sich sammeln zur Verhinderung der Liquidation und zur Herstellung einer wirklichen Kommunistischen Par- tei ... C. Die Aufgaben der KPD und Kl Die KPD, die einzige revolutionäre Partei des Proletariats, ist ihrem We- sen nach die einzige Arbeiterpartei, die Kommunistische Internationale die einzige Arbeiterinternationale. Dementsprechend haben sie die Aufgabe, die entscheidenden Schichten der Arbeiterklasse um sich zu sammeln, und zwar in jeder Periode nicht durch Verschleierung ihrer Ziele und Endlösungen (Diktatur des Proletariats und Rätestaat als einziger möglicher Weg zum Sozialismus nach dem gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie), sondern durch zähe, beharrliche, offene Propaganda dieser ihrer Losungen und Ausrichtung ihrer gesamten Tätigkeit, in jeder Situation, auf diese Ziele ... iv. Entwicklung und Lage der Komintern und der KPD Die russische Diskussion als Krisenzeichen i.Die mit der vorläufig vollständigen Niederlage der russischen Opposition abgeschlossene Diskussion in der KPdSU signalisiert die ernsteste und tiefste Krise, die die KI bisher in ihrem von Anfang an krisenreichen Dasein erlebt hat. Der offizielle Optimismus, mit welchem Sprecher wie Bucharin die Krise als nicht vorhanden zu behaupten wagen, entspricht weder den Tatsachen, noch hat er etwas mit Marxismus zu tun, da die »Erklärung« der Krise der KPdSU und der KI aus den Charaktereigenschaften »mißvergnügter ehe- maliger Führer« typisch bürgerlich ist. Die mit mechanischen Mitteln erzwungene »Erledigung« der russischen Diskussion ändert nichts an den objektiven Ursachen der Krise und der Dif- ferenzen. In politisch artikulierter Form hat die russische Opposition ihre Kritik an der falschen Linie der Stalinschen Mehrheit in verschiedenen Doku- menten niedergelegt. Eine zusammengedrängte Darstellung findet sich in den folgenden Zeilen, welche von ihrer Richtigkeit durch mechanische Repressa- lien der leitenden Körperschaften nichts eingebüßt haben. Die tiefen Differenzen in der sogenannten russischen Frage sind ihrem Wesen nach Differenzen in allen Fragen der proletarischen Revolution. Die DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S IT I O N S G RU P PE N 287 KI steht vor der entscheidenden Frage, ob sie die Revision des Marxismus und Leninismus (welche Stalin bereits offen an Zitaten aus Engels vornimmt) dulden und dabei sich selbst als Kommunistische Internationale streichen will, oder ob sie die Kraft aufbringt, die Revisionisten zu schlagen. Die Theorie der »nationalen Beschränktheit«, d. h. die Theorie von der Möglichkeit des Aufbaues des vollen Sozialismus in Rußland allein, ist gleich- bedeutend mit der Praxis des Verzichts auf die proletarische Revolution in den fortgeschrittenen Industrieländern, d. h. der Theorie und Praxis des Liquidatorentums. Diese Theorie und Praxis bestimmt die Gesamtlinie der KL Ohne ihre Zurückweisung und Ausrottung ist die Liquidierung des Kom- munismus als Ideologie unvermeidlich, der kommunistischen Organisationen aber unaufhaltsam. Die Entwicklung der KPD In der KPD trat das Liquidatorentum bereits kurz nach der Vereinigung des Spartakusbundes mit der linken USP auf. Nur dem fortwährenden hart- näckigen Kampfe der Linken gegen die Liquidatoren (Levi, Friesland, Brand- ler, Thalheimer) ist es zu verdanken, daß die revisionistischen, sozialdemo- kratischen und liquidatorischen Tendenzen in der KPD nicht noch viel stär- ker und früher in Erscheinung traten als in der letzten Zeit, ja zeitweilig sogar völlig zurückgeschlagen zu sein scheinen konnten. Nach der Niederlage des deutschen Proletariats im Herbst 1923, und nach dem völligen Bankrott der offiziellen, von Brandler geführten, von der Exekutive der Komintern immer unterstützten Politik, haben die Linken allein die Parteitrümmer gesammelt, reorganisiert und die Partei wiederher- gestellt, und zwar unter den schwierigsten und ungünstigsten Verhältnissen. Die Zeit vom Frankfurter Parteitag bis zum Anfang des Jahres 1925 war die einzige Periode in der Existenz der KPD, wo die Partei geschlossen, einheitlich und krisenlos leben konnte. Während der Zeit der linken Führung machte die Partei auch Versuche, der Mitgliedschaft das Bewußtsein der Führerrolle der KPD einzuprägen (die KP, die einzige Arbeiterpartei), was angesichts der Niederlage und des weitverbreiteten Gefühls der »Überlegenheit« der SPD doppelt notwendig war und bleibt. Die Partei machte auch ernsthafte Versuche, international mit den Bruderparteien zusammenzuarbeiten. Alles das hat mit dem »Offenen Brief« vollkommen aufgehört. Die großen Erfolge der KPD zur Zeit der linken Führung waren relativ sehr bedeutend, nämlich gemessen am Zustand der Partei Ende 1923 und Anfang 1924. Hätte man die Partei und die Führung nicht von oben her zerstört, so wären diese Erfolge ohne Zweifel fortgesetzt und vergrößert worden. Daß es aber der Exekutive gelang, die linke Führung zu beseitigen, 288 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK zeigt, daß Fehler gemacht worden sind, welche objektive Wurzeln besitzen. Die Entwicklung seit dem »Offenen Brief« zeigt aber, daß dessen Sinn nicht im entferntesten der war, die Partei allgemein politisch wie innerpartei- lich auf einen besseren Weg zu bringen. Der wirkliche »Erfolg« des »Offenen Briefes« ist der, das Parteileben getötet, die Partei atomisiert, den Rechten die Bahn freigemacht, den Einfluß der Partei auf das Proletariat stark her- untergedrückt und die Partei beinahe liquidationsreif gemacht zu haben. Diesem »Offenen Brief« zuzustimmen, war ein katastrophaler Fehler. Die KPD hat seit dem »Offenen Brief« eine Politik getrieben, die im- mer mehr von der Klassenlinie abweicht. Dieses Abweichen von der Klassen- linie zeigt sich: in der Gewerkschaftsarbeit der Partei, die immer offener lediglich eine Politik des Nachlaufens hinter den Reformisten ist; in dem Verzicht auf selbständige Zusammenfassung der Erwerbslosen- bewegung; in der Politik der Unterstützung bürgerlicher oder sozialdemokratischer Regierungen, einer Politik, die nicht einmal konsequente Oppositionspolitik dem bürgerlichen Staat gegenüber ist, nach »links«-sozialdemokratischem Muster. in der Aufstellung staatskapitalistischer Übergangslosungen für kapita- listische Länder in der heutigen Periode; im Verzicht der Linie auf die Spaltung der SPD hin und auf die Zer- setzung des Reichsbanners. ii. Die Art der innerparteilichen Leitung, der »Vorbereitung des Partei- tages« und der Diskussion, die jetzt mit der Sanktion der Exekutive der KI möglich geworden ist, zeigt deutlich, wohin der Kurs geht. Niemals ist den Rechten gegenüber auch nur ein Bruchteil dessen gewagt worden, was jetzt den Linken gegenüber unter dem heuchlerischen Geschrei der Liquidatoren über die angeblich »kleinbürgerlichen« und »sozialdemokratischen« Abwei- chungen der Linken gegen den Willen der Kommunisten in der Partei durch- geführt wird... Der Kampf um die Kommunistische Partei Plattform der linken Opposition der KPD o. O. und o. J., S. 8, 12/14. DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITIO N S G RU P PE N 289 92. OFFENER BRIEF DER KAPD ÜBER DIE »SOWJETGRANATEN« AN DAS ZENTRALKOMITEE DER KPD (1927)76 Anfang Dezember v. J. machte die englische Zeitung »Manchester Guardian« ihre bekannten Enthüllungen über die Errichtung einer Flugzeugfabrik, einer anderen für Giftgase und einer weiteren für Granaten deutscher Firmen in Rußland im Auftrage der deutschen und im Einverständnis mit der russischen Regierung. Diese Kriegsfabriken, eingerichtet auf russischem Territorium, um die Bestimmungen des Versailler Vertrages zu umgehen, sollen zur Bewaff- nung Deutschlands gedient haben. »Manchester Guardian« machte auch die Mitteilung, daß in Stettin mehrere Schiffe mit Munition aus Rußland ange- langt sind. Trotzdem Tschitscherin, der in dieser Zeit in Berlin weilte, auf die Frage über die »Sowjetgranaten« laut »Rote Fahne« vom 7. 12. 26 antwortete: »Sowjetgranaten... ja, >Made in England< oder vielleicht in der Berliner englischen Botschaft. Ich bin über die Internas nicht genau informiert«; trotz - 76. Ende 1926 wurden einige Tatsachen bekannt, die eine Zusammenarbeit zwi- schen der Sowjetregierung und der deutschen Reichswehr enthüllten. Die KPD ver- suchte vergeblich, diese Zusammenarbeit abzustreiten. Es kam innerhalb der Arbeiter- bewegung zu größeren Diskussionen. Der Offene Brief der KAPD an die KPD gibt einen Einblick in diese Diskussionen. Die SPD gab im März 1927 eine Broschüre Sowjetgranaten heraus, in der es u. a. hieß: »Bis ins Innerste steht heute die KPD erschüttert angesichts der Entlarvung des Moskauer Doppelspiels da. Moskau hat die von der Reichswehr 1922 bestellten Granaten bis zum November 1926 geliefert. Moskau hat also die deutsche Reichswehr bewaffnet und mit den Mitteln des mo- dernen Kriegs und Bürgerkriegs versehen ... Der deutsche kommunistische Arbeiter hat in seiner grenzenlosen Gutgläubigkeit es für seine proletarische Pflicht gehalten, gemäß dem Befehle Moskaus, in bewaff- netem Aufstand das »Klassenregiment der Deutschen Republik< zu stürzen und an seine Stelle die »Diktatur des Proletariats< zu setzen. Getreu der Order aus Moskau haben sich Hunderttausende dieser Aufgabe hingegeben, in der Märzaktion 1921, in Hamburg 1922 und 1923 in Sachsen und Thüringen. Die irrgeführten Arbeiter sind zu Hunderten von den Maschinengewehren der Reichswehr niedergemäht worden. Viele Tausende wanderten in die Gefängnisse. Die Arbeiter sind berechtigt, die Frage aufzuwerfen, ob nicht die Maschinengewehre und Kanonen der Reichswehr 1923 den Aufstand der deutschen Kommunisten mit russischer Munition niederkartätscht ha- ben. Niemals ist schurkischer an der Idee der sozialen Revolution gefrevelt worden als von den leitenden Männern Sowjetrußlands und ihren Drahtziehern in Deutsch- land.« 2^0 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK dem also Tschitscherin, der als Außenminister Rußlands am besten darüber informiert sein sollte, nicht den Mut hatte, die Wahrheit der Enthüllungen des »Manchester Guardian« zu leugnen, und sich mit der faulen Ausrede begnügte: »Ich bin nicht genau informiert« - fühlte sich Eure Presse, an der Spitze die »Rote Fahne«, autorisiert, die obigen Enthüllungen als Lüge und Hetze gegen Rußland zu erklären — was selbst Tschitscherin nicht wagte. Um die Verneinung der Tatsache, daß die deutsche Bourgeoisie mit ihrer weißen und schwarzen Reichswehr von Rußland bewaffnet worden ist, zu erleichtern, bediente sie sich einer demagogischen Methode. Sie weiß, daß die SPD-Presse und an ihrer Spitze der »Vorwärts« keinen Kredit unter der revolutionären Arbeiterschaft hat, deswegen benützte sie die Tatsache, daß der »Vorwärts« als erster die Enthüllungen des »Manchester Guardian« brachte, um sie für eine »Vorwärts«-Lüge zu erklären. Ihre Beweismittel bestanden weniger aus Argumenten gegenüber den Enthüllungen des »Man- chester Guardian«, als aus Erläuterungen der Motive der SPD und ihrer Presse, aus welchen sie diese Enthüllungen groß aufzieht.. . Die wichtigste Frage für das revolutionäre Proletariat jedoch ist: ist es wahr, daß die deutsche Bourgeoisie im Einverständnis mit der russischen Regierung sich von privatkapitalistischen Firmen eine Kriegsindustrie auf russischem Boden zum Zweck ihrer Bewaffnung bauen ließ? Wir behaupten auf Grund von Dokumenten, die Eure Presse totschweigt, sowie auf Grund ihrer eigenen Zugeständnisse, daß die Bewaffnung der deutschen Konterrevolution durch Rußland, wo ihre Kriegsindustrie ist, eine Tatsache ist. Dazu führen wir folgende Dokumente und Beweise an: Geständnisse der deutschen Bourgeoisie. Das »Berliner Tageblatt«, das Organ der Demokratischen Partei, deren Führer Rathenau gemeinsam mit Wirth die ersten Verträge zur Errichtung einer deutschen Kriegsindustrie auf russischem Boden mit den Bolschewiki geschlossen hat, schreibt in Nr. 575 vom 6. Dezember 1926 folgendes: »Die Mitteilungen, die der »Manchester Guardian« und nach ihm der »Vorwärts« veröffentlicht haben, sind zum großen Teil richtig, dürften aber doch erst durch nähere Erläuterungen in ihrem wahren Sinne und Umfang verständlich werden und betreffen eine Periode, die, wie versichert wird, abgeschlossen ist. Es wird, zum Verständnis dieser Vorgänge, daran erinnert, daß im Jahre 1921 das Londoner Ultimatum kam, die deutsche Flugzeug- fabrikation stillgelegt wurde und dann 1922 die ergebnislose Konferenz von Genua und der Rapallo-Vertrag folgten und schließlich die Ruhrpolitik Poincares zum Einmarsch führte .. . Es wurden von deutschen Ingenieuren drei Fabriken in Rußland einge- richtet: eine Fabrik der Junkerswerke, eine Granatfabrik und eine Gasfabrik. Die Junkerswerke kauften eine ältere Fabrikanlage und stellten sie für ihre Zwecke her, bauten aber nicht viele Flugzeuge, da ihnen das Metall fehlte DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S ITI O N S G RU PPE N 291 und auch sonst unerquickliche Verhältnisse emtraten. Auch für die beiden anderen Fabriken wurden alte Gebäude übernommen, die Gasfabrik wurde eingerichtet, funktionierte aber nicht, die Granatenfabrik dagegen kam in Betrieb. Natürlich konnte die Existenz dieser Unternehmungen, die von ehe- maligen deutschen Offizieren geleitet wurden, den Ententemächten nicht ver- borgen bleiben. Ein Einspruch konnte indessen nicht erhoben werden, da, wie gesagt, die Verlegung der Industrie in das Ausland nicht im Widerspruch zu den Versailler Vertragsbestimmungen stand« .. . Aus dieser halbamtlichen (beachte: »so wird uns erklärt«) Erklärung des »Berliner Tageblatts« anläßlich der Enthüllungen des »Manchester Guardian« ist zu ersehen, daß Deutschland im Einverständnis mit der russischen Regie- rung einen Teil seiner Kriegsindustrie nach Rußland verlegte und daß es bis zum Abschluß des Locarno-Vertrags Granaten von dort bezogen hat. . . Der völkische Graf Reventlow, der Mitarbeiter der »Roten Fahne« von 192377, der sich stark aufregte über die »landesverräterischen« Ausführungen Scheidemanns, mußte auch bestätigen, daß Deutschland von Rußland be- waffnet worden ist. In seiner Reichstagsrede sagte er: »Vorausschicken möchte ich, daß die Sache mit den sogenannten Sowjet- granaten für die deutsche Reichswehr ein vollkommen korrekter, selbstver- ständlicher Vorgang ist.« (Reichstagsprotokoll. Sitzung 253.) Und in einem Artikel im »Deutschen Tageblatt« vom 18. 12. 1926 schreibt derselbe Mitarbeiter der »Roten Fahne«: »Wollte man ganz sachlich den jetzt so erregt besprochenen Umstand er- örtern, daß in Rußland befindliche Munitionsfabriken Munition geliefert haben, um die Bestände der Reichswehr auf die vorschriftsmäßige Höhe auf- zufüllen — so ergäbe sich tatsächlich nichts, was man nicht als selbstverständ- lich bezeichnen müßte.« ... Die Geständnisse der KPD- und bolschewistischen Presse. Eure Presse kann die Existenz der schon erwähnten drei Kriegsfabriken in Rußland nicht leugnen. Sie gesteht das schon unzweideutig in der »R. F.« vom 25. 12. 26. Sie behauptet nur: »Die ganze Produktion der Fabriken, die in Zusammenarbeit mit den deutschen Industriellen errichtet wurden, und von denen eben die Rede war, ist in der Sowjetunion geblieben.« Um dieser Behauptung Kredit zu verschaffen, versucht Eure Presse, die deutschen Kriegs- fabriken in Rußland als privatkapitalistische Konzessionen hinzustellen . . . Dagegen müssen wir feststellen, daß ein grundlegender Unterschied zwi- schen den üblichen Konzessionsbetrieben und den schon erwähnten deutschen Während des Schlageter-Kurses der KPD hatte Graf Reventlow im Zentral- organ der KPD Die Rote Fahne Diskussionsmaterial veröffentlicht (vgl. Anmer- kung 42). 292                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Kriegsfabriken besteht. Die Konzessionsbetriebe kommen auf Grund eines Vertrages zwischen der russischen Regierung und den privatkapitalistischen Firmen, die sich von ihren Profiten leiten lassen, zustande. Wie steht es aber mit den drei deutschen Kriegsfabriken? Eure Presse gesteht, daß das Reich bisher 80% der Aktien der Junkers- Werke besaß. (»R. F.« v. 25. 12. 26.) .. . Aber nicht nur die Junkers-Flugzeugfabrik wurde in Rußland auf Grund von Staatsverträgen von Deutschland und Rußland errichtet. Auf Grund von Staatsverträgen sind auch die übrigen Kriegsfabriken errichtet worden. Die »Prawda« vom 16. 12. 26 läßt keinen Zweifel darüber. Sie schreibt: »Es sollen im Gebiete der Sowjetunion, gemäß einer Vereinbarung zwi- schen den Militärbehörden der Sowjetunion und Deutschlands, einige deutsche Firmen vor einigen Jahren drei Werke errichtet haben, die Gegenstände her- stellen, die für unseren (?) Schutz notwendig sind. Zu diesen Gegenständen sollen Flugzeuge, Giftgase, Geschosse usw. gehören. Wir sind nicht in die Geheimnisse unserer Militärbehörden eingeweiht und wir wissen nicht (??/ ob diese Nachrichten der Wirklichkeit entsprechen oder nicht. Wenn wir annehmen, daß sie keine Lüge sind, so haben sie an sich gar keine Bedeu- tung.« (Der kursiv gesetzte Teil ist in der deutschen Übersetzung AesPrawda- Artikels ausgelassen. (Siehe Inprekorr. vom 31. 12. 1926.) Jeder, der weiß, daß die Prawda das Organ des ZK der bolschewistischen Partei ist und dazu, daß ihr Chefredakteur Bucharin ein Mitglied des Pol- büros des ZK ist und noch dazu, daß die bolschewistische Partei oder rich- tiger gesagt: ihr Polbüro die Diktatur in Rußland ausübt — der weiß, daß für die Prawda nichts aus der Tätigkeit der bolschewistischen Regierung und ihres Kriegskommissariats geheim bleibt. Wenn aber die Prawda versucht, sich hinter der lächerlichen und dummen Lüge — daß sie nicht in die Geheim- nisse des Kriegskommissariats eingeweiht ist (wie Tschitscherin hinter seiner angeblichen Uninformiertheit) - zu verschanzen, so ist das ein Beweis, daß sie nicht den Mut hat, die Tatsachen zu leugnen. Diese undankbare Arbeit überläßt Bucharin offensichtlich seinen Knechtseelen aus den Redaktionen Eurer Presse. Die Tatsache also, daß die Prawda (wie auch Tschitscherin) nicht den Mut besitzt, zu leugnen, daß die deutschen Militärfabriken in Rußland »gemäß einer Vereinbarung der Militärbehörden der Sowjetunion und Deutschlands« errichtet worden sind. — Diese Tatsache zeigt zu allem Überfluß, daß so wie die Junkersfabrik, so die Granatenfabrik, so auch diese für Giftgase keine privatkapitalistischen Konzessionen sind, sondern eine Verlegung eines Teils der deutschen Kriegsindustrie nach Rußland zur Bewaffnung der deutschen Bourgeoisie. Das kann nicht geleugnet werden . .. Eure Führerin Clara Zetkin konkretisierte in ihrer Reichstagsrede zum Lo- carno-Vertrag die programmatische Erklärung Bucharins in folgender Weise: DIE KOMMUNISTISCHEN O PPO S ITI O N S G RU PPE N                                                293 »Deutschlands Zukunft beruht auf einer engen Interessengemeinschaft in wirtschaftlicher, politischer und, wenn es sein muß, auch militärischer Hin- sicht mit der Sowjetunion ... Ich glaube sogar, im Gegensatz zu dem Herrn Abgeordneten Wels, daß es nicht so aussichtslos ist, wie er sich das vorstellt, daß unter Umständen ein Zusammenwirken zwischen der Reichswehr und den Rotarmisten erfolgt.« (Reichstagsprotokoll, 127. Sitzung, S. 4637/8.) Wenn Ihr im Besitz eines Tropfens Ehre wäret, müßtet Ihr also zugeben, daß vom Standpunkt der Prinzipien der 3. Internationale und Eurer Partei die Bewaffnung der deutschen Konterrevolution durch Rußland ein »korrek- ter und selbstverständlicher Vorgang« ist; denn für ein erfolgreiches Zusam- mengehen der Reichswehr und der »Roten« Armee ist das Vorhandensein von Munition die erste Bedingung. Nach den Bestimmungen des Versailler Ver- trages kann Deutschland auf seinem Boden nicht das notwendige Quantum Munition produzieren. Es blieb also nichts übrig, als daß Rußland sich ein- verstanden erklärte, daß auf seinem Boden Deutschland Munition produziert. Und das haben die Bolschewiki und ihre Regierung getan. Trotz der Unbe- streitbarkeit dieser Tatsache leugnet Eure Presse, an der Spitze die »Rote Fahne«, sie. Sie leugnet sie, weil eingestehen bedeutet, den konterrevolutio- nären Charakter der russischen Außenpolitik zu enthüllen; sie leugnet sie, weil eingestehen bedeutet, den revolutionären Arbeitern zu sagen, daß das heutige Rußland nicht das Rußland von 1917 ist; es ist das Rußland der NEP-Bourgeoisie78 und der Kulaki, dessen Außenpolitik nicht mehr die Poli- tik der Weltrevolution ist, sondern diese des Paktierens mit der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Eure Presse leugnet die Bewaffnung der deutschen Konterrevolution durch Rußland und verschweigt die theoretische »Recht- fertigung«, die ihr Bucharin und Zetkin geben, weil die revolutionären Arbei- ter anderenfalls sehen werden, daß die 3. Internationale und die KPD ein Instrument in den Händen der nationalen Außenpolitik Rußlands sind, das mittels der revolutionären Phrase der von ihr abhängigen 3. Internationale das Proletariat in die Arme der Bourgeoisie führt zum Burgfrieden mit ihr, wie das die Sozialdemokratie 1914 getan hat. Von der Revolution zur Konterrevolution Rußland bewaffnet die Reichswehr KAPD Verlags-Buchhandlung für Arbeiter-Literatur Berlin (1927), S. 16-26. Die NEP - Neue ökonomische Politik - war die 1921 von der Kommunisti- schen Partei Rußlands nach der Etappe des Kriegskommunismus eingeführte Taktik, die Zugeständnisse an die Bauern, den Handel usw. gewährte. 294                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 93- ERKLÄRUNG VON ARTHUR EWERT UND ERNST MEYER ZUR INNERPARTEILICHEN LAGE79 (Abgegeben auf der Plenarsitzung des ZK der KPD vom 13./14. Dezember 1928) Unter Aufrechterhaltung unserer Erklärungen zur innerparteilichen Lage, die wir in den beiden letzten Plenarsitzungen des Zentralkomitees abgegeben haben, sowie unserer Bemerkungen »Über die Meinungsverschiedenheiten bei der Durchführung der Beschlüsse des VI. Weltkongresses« erklären wir: Das Charakteristische an der Entwicklung der innerparteilichen Lage seit der letzten Plenarsitzung des ZK und der Reichsparteiarbeiterkonferenz ist: Erstens, die Entwicklung der liquidatorischen Auffassungen und partei- feindlichen Kampfmethoden der rechten Fraktion, die objektiv (zum Teil auch subjektiv) aus der Partei herausstrebt. Zweitens, gefährliche »linke« Schwankungen in der Politik der Mehrheit des ZK. i Die opportunistische rechte Fraktion entfernt sich immer mehr von der Grundlinie der Partei und der Internationale, wie sie in den Beschlüssen des Weltkongresses niedergelegt ist. Sie entwickelt in ihren Organen eine selb- ständige Ideologie, die aus einer falschen Beurteilung der Lage und der Auf- gaben der revolutionären Partei heraus zwischen dem Leninismus und dem revolutionären Radikalismus der Vorkriegszeit hin und her schwankt. Die prinzipielle Fehlerquelle der opportunistischen Auffassung ist eine außer- ordentliche Verkennung der gegenwärtigen Situation, des geschichtlichen Milieus, in dem das Proletariat kämpft und aus dem die Bedingungen und die Taktik seines Kampfes erwachsen ... Die rechte Gruppe kämpft gegen die organisatorischen Grundprinzipien Die sogenannten Versöhnler in der KPD versuchten den ultralinken Kurs, den die KPD 1928 einschlug, zu bekämpfen. Das vorliegende Dokument ist von den Führern der Versöhnler, den beiden Politbüro-Mitgliedern Meyer und Ewert, ver- faßt worden. Wie die Rechten wurden die Versöhnler nach der Wittorf-Affäre ange- griffen (vgl. Dok. 81 und Anmerkung 66). Auf dem XII. Parteitag wurden die Versöhnler ausgeschaltet. Ernst Meyer starb 1930, die übrigen Versöhnler kapitu- lierten vor der Thälmann-Führung. DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITI O N S G RU PPE N                                             295 des Bolschewismus: die Einheit der Partei und ihre revolutionäre Disziplin gegenüber dem Klassenfeind (die Herausgabe eigener Organe, die Prokla- mierung des Bruches der Parteidisziplin, als angebliches revolutionäres Recht, die Ausnutzung der Fehler und der Schwächen der Partei und des falschen innerparteilichen Kurses zum Kampfe gegen die Beschlüsse und die prinzi- pielle Linie des VI. Weltkongresses ist unvereinbar mit leninistischen Auf- fassungen). Deshalb ist der Inhalt ihres Kampfes um die Parteidemokratie objektiv parteifeindlich. Für die Verwirklichung der Parteidemokratie, ge- gen einen falschen innerparteilichen Kurs kann man nur auf dem Boden leninistischer Anschauungen kämpfen. Aus alldem ergibt sich, daß die opportu- nistischen Auffassungen und die innerparteilichen Kampfmethoden der Brand- ler-Thalheimer-Fraktion objektiv in offenes Liquidatorentum umschlagen müssen. Die Opportunisten schwimmen gegen den Strom des Kommunismus. Die rechte Gefahr ist die Hauptgefahr. ii Die »linken« sektiererischen Abweichungen der Mehrheit des ZK ergeben sich einerseits aus jener falschen Analyse der gegenwärtigen Lage, die auf der Unterschätzung der Kraft der deutschen Bourgeoisie und des Einflusses des Sozialimperialismus auf die Arbeiterklasse und die Ersetzung der revolutio- nären Perspektive des VI. Weltkongresses durch die radikale Phrase beruhen (Ablehnung der »dritten Periode«80 oder ihre verständnislose und demago- gische Auslegung) und andererseits aus dem Versagen der Mehrheit des ZK bzw. des Polbüros, den Kampf gegen Opportunismus und Liquidatorentum zu führen. Es erweist sich, daß die Politik der Mehrheit des ZK in vollem Umfang die Warnung des VI. Weltkongresses bestätigt, »daneben (neben der rechten Hauptgefahr) bestehen auch >linke< Abweichungen, die ihren Ausdruck finden in einer gewissen Tendenz zur Ablehnung der Einheits- fronttaktik, in dem Nichtverstehen der ganz ungeheuren Bedeutung der Gewerkschaftsarbeit, in der Politik der revolutionären Phrase«. (Thesen des VI. Weltkongresses.) . .. In der Parteileitung und unter den Spitzenfunktionären bildet sich immer deutlicher eine pseudolinke Gruppierung heraus, die bewußt und systematisch die Beschlüsse des VI. Weltkongresses durchkreuzt (Remmele, Neumann, Lenz, Grube, Opitz usw.). Ebenso wie die »linken« Abweichungen setzt das Polbüro des ZK dieser Gruppe keinen Widerstand entgegen. Es erweist sich 80. Unter »dritter Periode« wurde die Entwicklung nach 1928 verstanden. Die »erste Periode« war die revolutionäre Zeit von 1918 bis 1923; als »zweite Periode« wurde die Stabilisierung von 1924 bis 1928 betrachtet. 2^6 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK immer deutlicher, daß nicht nur die Gefahr der Versöhnlichkeit gegenüber dem Opportunismus besteht, sondern auch die Versöhnlichkeit gegenüber den »linken« Abweidiungen. Dieser Versöhnlichkeit macht sich deutlich und un- widerlegbar das Polbüro des ZK schuldig. Eine nicht minder gefährliche Abweichung von der Linie des VI. Weltkon- gresses, die in den letzten Wochen immer stärker hervortritt, ist die vollkom- mene Ausschaltung der Selbstkritik der leitenden Organe der Partei und ihrer Förderung in den Organisationen. Jede Meinung, die mit der der Mehrheit des ZK nicht bedingungslos übereinstimmt, wird unterschiedslos als rechts oder versöhnlerisch abgestempelt... Wir erklären, daß es auch die Schuld der Mehrheit des ZK und seiner den Beschlüssen des VI. Weltkongresses widersprechenden Methoden des Kamp- fes gegen den Opportunismus ist, wenn es den Rechten gelingt, in einer Reihe von Bezirken nicht unbedeutende Teile der Partei zu gewinnen. Wir werden keinen Maßnahmen der Mehrheit des ZK zustimmen, die dies begünstigen. Im Augenblick: der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit der Trennung der Partei von einer ganzen Reihe von Genossen wie Brandler, Thalheimer, Wal- cher, Frölich, Enderle, Schreiner, die zu den Gründern des Spartakusbundes gehören, die am 4. August 1914 bei Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg standen, halten wir es für unsere Pflicht, vor der Partei zu erklären: diese Genossen können nicht mit Verrätern ä la Levi, Friesland oder Kleinbürgern ä la Maslow und Ruth Fischer auf eine Stufe gestellt werden. Wir verbinden unsere Überzeugung, daß gegenwärtig der schärfste Kampf gegen sie uner- läßlich und im Interesse der Partei und der Revolution ist, mit der Auffor- derung an diese Genossen, ihre schweren Fehler einzusehen und unsere Partei nicht zu verlassen . .. Ungeachtet der Tatsache, daß die Mehrheit des ZK uns systematisch vor der Parteiöffentlichkeit zu diskreditieren versucht, daß sie fast alle, die sich mit uns solidarisieren, ihrer Funktion enthoben und gemaßregelt hat, daß sie nicht nur einen falschen innerparteilichen Kurs führt, sondern auch die Beschlüsse des VI. Weltkongresses mit großen Schwankungen und Fehlern durchführt, sind wir bereit, alles zu tun, was in unserer Kraft steht, um die Einheitlichkeit der Partei wiederherzustellen ... Aber ebenso wie unversönlichen Kampf gegen die rechten Abweichungen und die rechte Fraktion, so auch unversöhnlichen Kampf gegen die Verfäl- schungen der Beschlüsse des VI. Weltkongresses und gegen den innerpartei- lichen Kurs der Mehrheit des ZK. Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Nr. 2, Februar 1929, S. 109-112. DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S ITI O N S G RU P PE N 297 94- PLATTFORM DER KPD-O (1930) 1. Was ist die Kommunistische Opposition?81 Frage: Worin unterscheidet sich die Politik der Kommunistischen Oppo- sition von der Politik der KP Deutschlands? Antwort: Sie unterscheidet sich von ihr nicht durch die Grundsätze und Ziele, sondern durch die Taktik, d. h. durch die Mittel zur Verwirklichung ihrer Grundsätze und Ziele. Nur die Anwendung der richtigen Mittel zur Verwirklichung der kommunistischen Grundsätze und Ziele ist die tatsächliche Gewähr der Grundsatztreue. Umgekehrt muß eine falsche Taktik, d. h. die Anwendung von ungeeigneten Mitteln ihrer Verwirklichung auf die Dauer zur Preisgabe ihrer Grundsätze führen. Frage: Welches sind die entscheidenden Grundsätze und Ziele des Kom- munismus? Antwort: Die entscheidenden Grundsätze des Kommunismus sind folgende: Das Mittel, um den bürgerlichen Staat zu stürzen, um die kapitalistische in die sozialistische Wirtschaftsordnung überzuführen und die Aufhebung der Klassen zu verwirklichen, ist die Diktatur des Proletariats. Die allgemeine Staatsform der Diktatur des Proletariats ist die Räte- republik. Das Ziel des Kommunismus ist die Abschaffung der anarchischen kapitali- stischen Wirtschaftsweise durch Aufhebung des Privateigentums an den Pro- duktionsmitteln und ihre Ersetzung durch die planmäßige sozialistische Wirt- schaftsordnung, die die Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum ver- wandelt. Die voll entwickelte sozialistische Gesellschaft wird eine klassenlose Gesellschaft. Der Staat, d. h. die Zwangsorganisation der herrschenden Klasse, ist in ihr abgestorben . .. 81. Am 19. Dezember 1928 nahm das EKKI den »Offenen Brief über die rechte Gefahr in der KPD« an, der am 22. Dezember in der Roten Fahne veröffentlicht wurde. Damit begann die Säuberung in der KPD. Die ZK-Mitglieder Hausen und Galm wurden ebenso ausgeschlossen wie Brandler und Thalheimer selbst und ihre Anhänger Walcher, Frölich, Enderle, Schreiner, Tittel u. a. Am 30. Dezember 1928 veranstalteten die Ausgeschlossenen eine Reichskonferenz in Berlin, auf der Hausen, Walcher und Thalheimer sprachen. Es wurde die KPD- Opposition gegründet, die insbesondere in Sachsen und Thüringen starke Positionen hatte. Die hier abgedruckten Auszüge aus einer KPO-Broschüre zeigen die politischen Vorstellungen der KPO. 2^8                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Frage: Warum hat sich die kommunistische Opposition in den taktischen Streitfragen nicht den Entscheidungen der führenden Instanzen der KPD und KI unterworfen? Antwort: 1. Weil es sich um solche taktischen Fragen handelt, die über die Existenz der kommunistischen Partei entscheiden. Weil diese Entscheidung einen Bruch mit den taktischen Grundsätzen des Leninismus bedeutet. Weil diese Entscheidungen nicht erfolgt sind auf Grund des demokrati- schen Zentralismus, d. h. in freier Diskussion der Parteimitgliedschaft, im Rahmen der kommunistischen Grundsätze, sondern auf Grund selbstherr- licher Entscheidungen der führenden Körperschaften der KPD und KL Frage: Was ist die KPDO als Organisation? Antwort: Die KPDO ist keine neue Partei. Sie ist eine organisierte kom- munistische Richtung. Die KPDO ist keine neue Partei, weil sie keine anderen Grundsätze und Ziele hat als die des Kommunismus, weil sie nichts anderes bezweckt, als die richtige Anwendung dieser Grundsätze und Ziele in Deutschland und in den anderen Ländern. Frage: Was ist das Ziel der KPDO? Antwort: Das Ziel der KPDO ist 1. die Gewinnung der Mehrheit der Mit- glieder der KPD sowie der Sektionen der Komintern für die richtige kommu- nistische Taktik: also die Eroberung der Parteimitglieder und der Mitglieder der KI für diese Taktik. Gleichzeitig aber, solange die Partei und KI noch eine falsche Taktik einschlägt die selbständige Führung der Kämpfe der Arbeiterklasse und die Gewinnung von Anhängern innerhalb der Arbeiterklasse. Wenn die falsche Taktik der KPD unbegrenzt fortgesetzt wird, und dadurch sowohl zur Preisgabe der kommunistischen Grundsätze führt wie die Verbindung der Partei mit der Arbeiterklasse und ihren Aktionen zerstört, so wird die KPDO zur kommunistischen Partei selbst werden. Die kommu- nistische Opposition ist sich klar bewußt, daß in einem Lande nur eine kom- munistische Partei existieren kann. Die offiziellen Instanzen spalten die kom- munistische Bewegung. Die kommunistische Opposition will die KPD retten und stärken ... 7. Frage: Wie verhält sich die KPDO zur Sozialdemokratie? Antwort: Die KPDO steht der SPD in der schärfsten unüberbrückbaren, grundsätzlichen Gegnerschaft gegenüber. Ihr Ziel ist die Überwindung der Sozialdemokratie und des Reformismus, d. h. ihres Einflusses auf die Arbei- terklasse. . . DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITI O N S G RU PPE N 299 Frage: Welche Gründe werden von der heutigen Führung der KPD dafür angeführt, daß die Taktik der Einheitsfront aufgegeben werden muß? Antwort: Als Gründe dafür werden angeführt, daß nicht nur der obere und mittlere, sondern auch der untere reformistische Funktionärkörper ein für allemal fest mit dem bürgerlichen Staat und dem Kapitalismus verbun- den sei; ja in der letzten Zeit, daß der reformistisch organisierte Teil der Arbeiter für den Klassenkampf und die proletarische Revolution endgültig verloren seien. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft wird heute für »sozial- faschistisch« erklärt. Frage: Sind diese Behauptungen richtig? Antwort: Sie sind absolut falsch, soweit die einfachen sozialdemokratischen Arbeiter in Betracht kommen. Sie sind falsch in bezug auf den unteren refor- mistischen Funktionärstamm, der unter dem unmittelbaren Druck der Mit- glieder steht. Sie treffen nur zu in bezug auf den oberen und größtenteils den mittleren Funktionärkörper. Die Gründe für das Fallenlassen der Taktik der Einheitsfront sind nur eine wenig veränderte Wiederholung der Scheingründe, mit denen seinerzeit von den Maslow-Ruth Fischer der ultralinke Verzicht auf die Taktik der Einheitsfront begründet wurde ... 172. Frage: Haben die Kommunisten jederzeit für die Einheit der Gewerk- schaften zu wirken und warum? Antwort: Ja und zwar deshalb, weil jede Spaltung der Gewerkschaften den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiter und letzten Endes auch ihren poli- tischen Kampf schwächt. Falls den Reformisten die Spaltung einer Gewerk- schaft, oder der Gewerkschaften eines ganzen Landes gelungen ist, sind die Kommunisten erst recht verpflichtet, für die Einheit der Gewerkschaften ein- zutreten . . . 189. Frage: Worin zeigt sich die Krise in der KPD? Antwort: Die Krise der KPD zeigt sich: 1. Im Innern: In der Spaltung der Kommunistischen Bewegung in dem nicht abbrechenden Fraktionskampfe innerhalb der Partei, im geheimen und offenen Kliquenkampf innerhalb der Führung, zunehmendem Strebertum, beamtenmäßiger Charakterlosigkeit, Korruption im oberen und mittleren Funktionsapparat der Partei, in der Abspaltung der alten revolutionären Kader wie der besten jüngeren Kader von der Partei. 2. Nach außen: In der Unfähigkeit der Partei, die Tageskämpfe der Ar- beiterklasse zu führen und eine wirksame Propaganda für den Kommunismus damit zu verbinden. Die Folgen sind: Der Rückgang des Einflusses der Partei in der Arbeiterklasse, die Stärkung 3oo DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK des Reformismus, trotz günstiger objektiver Voraussetzungen für seine Nie- derkämpfung. Der Verlust fast aller wichtigen Positionen der Partei in den Gewerkschaf- ten und den übrigen proletarischen Massenorganisationen. Die Stärkung des Faschismus. Der Rückgang des Mitgliederbestandes der Partei. Die wachsende Passivität der Parteimitglieder und der unteren Funk- tionäre. Die Herabdrückung des Niveaus der Parteipresse. Die Verhinderung jeder theoretischen Arbeit. .. 191. Frage: Was sind die besonderen Ursachen der Krise der KPD? Antwort: Der verschärfte Rückfall in »linke Kinderkrankheiten«, in die ultralinke Taktik. Ihre Haupterscheinungen sind: Die Preisgabe der Taktik der Einheitsfront. Die Ablehnung der revolutionären Übergangslosungen, somit einer kon- kreten revolutionären Propaganda des Kommunismus. Die falsche Gewerkschaftslinie. Ihre Hauptmerkmale sind: Der Verzicht auf den Kampf für die Einheit der Gewerkschaftsbe- wegung. Der Verzicht auf die Eroberung der Gewerkschaften; statt dessen der Kurs auf ihre Spaltung und die Bildung besonderer »revolutionärer« Ge- werkschaften. Der Versuch der direkten Führung der Gewerkschaftskämpfe durch den Parteiapparat. Die Verlegung des Schwerpunktes auf die Unorganisierten. Als allgemeines Resultat: Die Züchtung einer antigewerkschaftlichen Einstellung in der Parteimitgliedschaft und den mit ihr sympathisierenden Arbeitermassen. Der Spaltungskurs in allen proletarischen Massenorganisationen (Sport- bewegung, Freidenkerverbände usw.). Die Unterdrückung der innerparteilichen Demokratie, die bürokratische Selbstherrlichkeit und Entartung des oberen und mittleren Parteiapparats, die Ersetzung des demokratischen durch den bürokratischen Zentralismus. Die Hauptmerkmale dieser Krankheit sind: Die Unterdrückung der Teilnahme der Parteimitgliedschaft an der Aus- arbeitung der Politik der Partei. Die Rolle der Mitgliedschaft wird beschränkt auf die der Ausführung von oben gegebener Befehle. Die Unterdrückung der Kontrolle und Kritik der Mitgliedschaft gegenüber den Parteifunktionären und der zentralen Parteiführung. Dies ist die Lahm- DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S IT I O N S G RU P PEN 301 legung des geistigen Lebens der Partei. Dies wird ersetzt durch ein mecha- nisches Drillsystem. Die Einsetzung der Parteifunktionäre durch die oberen Parteiinstanzen und ihre Unterwerfung unter die leitenden Organe durch mechanische Diszi- plin- und wirtschaftliche Druckmittel oder Begünstigungen. Die Bestimmung der Zusammensetzung der Parteitage, Bezirkstage usw. nicht durch die Mitgliedschaft auf Grund freier Diskussion, sondern durch den Parteiapparat, wodurch die Kontrolle und Mitbestimmung der Mit- glieder in einen bloßen Schein verwandelt wird. Dasselbe Verfahren wird angewandt bei den Delegationen zu den inter- nationalen Kongressen (Komintern, Profintern usw.). Der Mißbrauch des grundsätzlich richtigen Prinzips der Betriebszellen- organisation zur Atomisierung der Parteimitgliedschaft, zu ihrer Auslieferung an den Parteiapparat... An die Stelle der Ableitung der Politik der Partei aus einer wirklichen Analyse der internationalen und nationalen Klassenverhältnisse ist das um- gekehrte Verfahren getreten: die willkürliche scholastische Konstruktion von »Analysen« und »Schlagworten« als Über- oder Unterbau zu bereits fest- gelegten taktischen Linien oder als Mittel des Fraktionskampfes. Die Fähigkeit und sogar das Bedürfnis zu wirklicher Analyse der Wirk- lichkeit, auf der die revolutionäre Politik fußen muß, wird so abgetötet. Das ist der Tod der revolutionären Theorie. Die Methode der Sündenbekenntnisse, d. h. des Erzwingens der Ab- schwörung von Überzeugungen — als Mittel, um selbständige Charaktere zu brechen und diffamieren. 192. Frage: Wohin führt die Krise der KPD, wenn sie nicht behoben wird? Antwort: Sie führt dazu, daß die Partei aufhört, in der Wirklichkeit die Trägerin des Kommunismus zu sein, daß sie sich in einen leerlaufenden, selbstgenügsamen Apparat verwandelt, der mit dem wirklichen Kampf der Arbeiterklasse nichts mehr zu tun hat und der schließlich bei der ersten ernsten revolutionären Probe an seiner inneren Hohlheit zusammenbricht... Was will die Kommunistische Partei Deutschlands - Opposition? (Verbesserter Entwurf der Plattform der KPD-O) Junius-Verlag, Berlin 1930 S. 5-69. 302 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 95- TROTZKI GEGEN DIE KPD-LINIE A Gegen den Nationalkommunismus (1931) (Lehren des »Roten Volksentscheids«) ... Die Fehler der deutschen Kommunistischen Partei in der Frage des Volks- entscheids gehören zu jenen Fehlern, die je weiter, umso klarer werden und am Ende in die Lehrbücher der revolutionären Strategie hineingehen als Muster dafür, was man nicht tun darf. An dem Verhalten des Zentralkomitees der deutschen Kommunistischen Partei ist alles fehlerhaft: Falsch die Einschätzung der Situation, falsch das nächste Ziel gestellt, falsch die Wahl der Mittel zu seiner Erreichung. Neben- bei hat es die Parteileitung verstanden, alle jene »Prinzipien« umzustülpen, die sie während der letzten Jahre predigte. Am 21. Juli wandte sich das Zentralkomitee an die preußische Regierung mit der Forderung demokratischer und sozialer Zugeständnisse und drohte andernfalls, für den Volksentscheid einzutreten. Ihre Forderungen stellend, wandte sich die Stalinsche Bürokratie faktisch an die Spitzen der sozialdemo- kratischen Partei mit dem Vorschlag, unter bestimmten Bedingungen eine Einheitsfront gegen den Faschismus zu bilden. Als die Sozialdemokratie die ihr angebotenen Bedingungen ablehnte, schufen die Stalinisten eine Einheits- front mit den Faschisten gegen die Sozialdemokraten. Mithin wird die Politik der Einheitsfront nicht nur von »unten«, sondern auch von »oben« verfolgt. Mithin ist es Thälmann erlaubt, sich an Brüning und an Severing zu wenden mit einem »offenen Brief« über gemeinsame Verteidigung der Demokratie und soziale Gesetzgebung gegen die Banden Hitlers. So stürzten diese Leute, sogar ohne es zu merken, was sie tun, ihre Metaphysik der Einheitsfront »nur von unten« durch den sinnlosesten Versuch einer Einheitsfront »nur von oben«, überraschend für die Massen und gegen den Willen der Massen. Ist die Sozialdemokratie nur eine Abart des Faschismus, wie kann man dann Sozialfaschisten offiziell die Forderung der gemeinsamen Verteidigung der Demokratie stellen? Den Weg des Volksentscheids betretend, hat die Parteibürokratie den Nationalsozialisten keinerlei Bedingungen gestellt. Weshalb? Wenn Sozialdemokraten und Nationalsozialisten nur Schattierun- gen des Faschismus sind, warum darf man dann den Sozialdemokraten Be- dingungen stellen, und warum darf man sie nicht den Nationalsozialisten stellen? Ober bestehen zwischen diesen zwei »Abarten« irgendwelche quali- tativen Unterschiede in bezug auf die soziale Basis und die Methoden des DIE KOMMUNISTISCHEN O PPO S ITI O N S G RUPPEN                                                 303 Massenbetruges? Dann aber nennt man doch nicht sowohl die einen wie die anderen Faschisten, denn Bezeichnungen dienen in der Politik, um zu unter- scheiden, nicht aber um alles auf einen Haufen zu werfen. Stimmt es aber, daß Thälmann in eine Einheitsfront mit Hitler eingetreten ist? Die kom- munistische Bürokratie bezeichnete Thälmanns Volksentscheid als den »roten« zum Unterschiede von Hitlers schwarzem oder braunem Volksentscheid. Daß es um zwei todfeindliche Parteien geht, steht selbstverständlich außer Zweifel, und die ganze Lüge der Sozialdemokratie kann die Arbeiter nicht zwingen, dies zu vergessen. Doch bleibt die Tatsache bestehen: in einer bestimmten Kampagne hat die Stalinsche Bürokratie die revolutionären Arbeiter in eine Einheitsfront mit den Nationalsozialisten gegen die Sozialdemokratie hinein- gezerrt ... Alle Abstimmenden verschmelzen zu einer ungegliederten Masse, die auf eine bestimmte Frage die gleiche Antwort gibt. Im Rahmen dieser Frage ist die Einheitsfront mit den Faschisten eine unbezweifelbare Tatsache. »Volksrevolution* statt proletarischer Revolution. Der auf den ersten Blick so »jähe« Zickzack des 21. Juli ist keinesfalls wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, sondern durch den gesamten Kurs der letzten Periode vorbereitet gewesen. Daß die KPD von dem aufrichtigen und heißen Bestreben geleitet wird, die Faschisten zu besiegen, die Massen ihrem Einfluß zu entreißen, den Faschismus niederzuwerfen und zu vernich- ten, darüber kann natürlich kein Zweifel bestehen. Das Unglück aber ist, daß die Stalinsche Bürokratie je weiter umso mehr bestrebt ist, gegen den Faschis- mus mit dessen Waffen zu operieren: sie entlehnt die Farben seiner politischen Palette und will ihn auf der Auktion des Patriotismus überschreien. Das sind nicht die Methoden prinzipieller Klassenpolitik, sondern Kniffe kleinbürger- licher Konkurrenz. Es läßt sich schwer eine beschämendere prinzipielle Kapitulation denken, als die Tatsache, daß die Stalinsche Bürokratie die Parole der proletarischen Revolution durch die Parole der Volksrevolution ersetzt hat. Keine Spitz- findigkeiten, kein Spiel mit Zitaten, keine historischen Fälschungen können an der Tatsache ändern, daß es sich um einen prinzipiellen Verrat am Marxis- mus zum Zwecke einer bestmöglichen Anpassung an die Charlanterle der Faschisten handelt. . . L. Trotzki: Gegen den 'Nationalkommunismus Über Arbeiterkontrolle der Produktion 3. Auflage, Berlin März 1932, S. 1, 2, 6, 7/8. 304 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK B Was nun? (1932) Schicksalsfragen des deutschen Proletariats ... Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr, eigene Festun- gen, eigene Grundlagen, eigene Herde der proletarischen Demokratie, ge- baut: Gewerkschaften, Parteien, Bildungsklubs, Sportorganisationen, Ge- nossenschaften usw. Das Proletariat kann zur Macht gelangen nicht im for- mellen Rahmen der bürgerlichen Demokratie, sondern nur auf revolutionärem Wege: das ist durch Theorie und Praxis gleichermaßen erwiesen. Aber gerade für den revolutionären Weg benötigt es die Stützpunkte der Arbeiterdemo- kratie innerhalb des bürgerlichen Staates. Auf die Schaffung solcher Punkte lief ja die Arbeit der Zweiten Internationale in jener Epoche hinaus, da sie noch eine progressive historische Arbeit versah. Der Faschismus hat zur grundlegenden und einzigen Bestimmung: bis aufs Fundament alle Einrichtungen der proletarischen Demokratie zu zerstören. Hat dies für das Proletariat einen »Klassensinn« oder nicht? Mögen die hohen Theoretiker darüber nachdenken. . . Die Sache beschränkt sich nicht bloß auf Deutschland. Die Idee, der Sieg des Faschismus werde nichts Neues bringen, wird jetzt eifrig in allen Sek- tionen der Komintern propagiert. Im Januarheft der französischen Zeit- schrift Cahiers du Bolchevisme lesen wir: »Die Trotzkisten, die in der Praxis wie Breitscheid handeln, übernehmen jetzt die berühmte Theorie der Sozial- demokratie, vom kleineren Übel, nach der Brüning nicht so schlecht sei wie Hitler, nach der unter Brüning Hungers zu sterben weniger unangenehm sei als unter Hitler und unendlich vorteilhafter, von Groener erschossen zu wer- den als von Frick.« Dieses Zitat ist nicht das dümmste, obwohl — man muß Gerechtigkeit üben — dumm genug. Doch leider drückt es den Kern der poli- tischen Philosophie der Kominterführung aus. Die Sache liegt daran, daß die Stalinisten die beiden Regimes unter dem Gesichtswinkel der Vulgärdemokratie vergleichen. In der Tat, geht man an das Brüning-Regime mit formal-»demokratischen« Kriterien heran, ergibt sich der unwiderlegbare Schluß: von der stolzen Weimarer Verfassung sind nichts als Haut und Knochen geblieben. Doch für uns entscheidet das die Frage noch nicht. Man muß sie vom Standpunkt der proletarischen Demo- kratie betrachten. Dies ist das einzig verläßliche Kriterium auch für die Frage, wo und wann die »normale« Polizeireaktion des verfaulenden Kapi- talismus durch das faschistische Regime ersetzt wird. Ob Brüning besser ist als Hitler (etwa sympathischer?), diese Frage inter- essiert uns, wir müssen gestehen, wenig. Es genügt aber, die Liste der Arbei- DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITI O N S G RU PPEN 305 terorganisationen anzusehen, um zu sagen: in Deutschland hat der Faschismus noch nicht gesiegt. Noch stehen gigantische Hindernisse und Kräfte auf dem Weg zu seinem Sieg. .. Brüning ist genötigt, das Bestehen der Arbeiterorganisationen zu dulden, sofern er nicht heute schon Hitler die Macht zu übergeben gewillt ist und sofern er nicht selbständige Kräfte zu deren Liquidierung besitzt. Brüning ist genötigt, die Faschisten zu tolerieren und zu begünstigen, sofern er den Sieg der Arbeiter auf den Tod fürchtet. Das Brüning-Regime ist ein Übergangs- regime von kurzer Dauer, das der Katastrophe vorausgeht. Die gegenwärtige Regierung kann sich nur deshalb halten, weil es zwischen den Hauptlagern noch zu keinem Messen der Kräfte gekommen ist. Der richtige Kampf hat noch nicht begonnen. Er steht noch bevor. Die Pause bis zum Kampf, bis zum offenen Kräftemessen füllt die Diktatur der bürokratischen Ohnmacht aus. Die Weisen, die sich dessen rühmen, daß sie keinen Unterschied »zwischen Brüning und Hitler« kennen, sagen in Wirklichkeit: ob unsere Organisationen noch bestehen oder ob sie bereits zertrümmert sind, ist ohne Bedeutung. Hinter dieser scheinradikalen Phraseologie versteckt sich die niederträchtigste Pas- sivität: einer Niederlage können wir nicht entgehen! ... Brünings Regime ist ein Regime der Vorbereitung. Wofür? Entweder für den Sieg des Faschismus oder für den Sieg des Proletariats. Es ist ein Vorbe- reitungsregime aus dem Grunde, weil beide Lager sich auf den entscheidenden Kampf erst vorbereiten. Brüning mit Hitler zu identifizieren bedeutet, die Situation vor dem Kampfe mit der Situation nach der Niederlage zu identi- fizieren: bedeutet, im voraus die Niederlage als unvermeidlich zu betrachten: bedeutet die Aufforderung, ohne Kampf zu kapitulieren. Die erdrückende Mehrheit der Arbeiter, insbesondere der Kommunisten, will das nicht. Auch die stalinsche Bürokratie will es natürlich nicht. Doch man muß nicht von den guten Absichten ausgehen, mit denen Hitler die Stra- ßen seiner Hölle pflastern wird, sondern von dem objektiven Sinn der Politik, ihrer Richtung, ihren Tendenzen. Es ist notwendig, den passiven, ängstlich abwartenden, kapitulationsbereitcn, deklamatorischen Charakter der Politik Stalin-Manuilski-Thälmann-Remmele zu entlarven! Es ist notwendig, daß die revolutionären Arbeiter begreifen: der Schlüssel zur Position ist bei der Kommunistischen Partei, aber mit diesem Schlüssel versucht die stalinsche Bürokratie das Tor zur revolutionären Tat zu verschließen. .. Notwendig ist: voller Verzicht auf den Nationalkommunismus, offene und endgültige Liquidierung der Losungen »Volksrevolution« und »Natio- nale Befreiung«. Nicht: »Nieder mit den Versailler Verträgen!« sondern: »Hoch die Vereinigten Sowjetstaaten Europas!« Der Sozialismus ist durchführbar nur auf Grund der höchsten Errungen- schaften der modernen Technik und auf Grund internationaler Arbeitsteilung. 306                      DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK Der sozialistische Aufbau in der UdSSR ist kein selbstgenügsamer natio- naler Prozeß, sondern Bestandteil der internationalen Revolution. Die Machteroberung durch das deutsche und das europäische Proletariat ist eine unermeßlich realere und näherliegende Aufgabe als der Aufbau einer abgeschlossenen und selbstgenügsamen sozialistischen Gesellschaft in den Grenzen der UdSSR. Vorbehaltlose Verteidigung der UdSSR, des ersten Arbeiterstaates vor den äußeren und inneren Feinden der proletarischen Diktatur! Doch darf die Verteidigung der UdSSR nicht mit verbundenen Augen ge- führt werden. Internationale proletarische Kontrolle über die Sowjetbüro- kratie. Unbarmherzige Entlarvung ihrer nationalreformistischen und thermi- dorianischen Tendenzen, die ihre Verallgemeinerung in der Theorie vom Sozialismus in einem Lande gefunden haben. Was braucht die Kommunistische Partei? Rückkehr zur strategischen Schule der ersten vier Kominternkongresse. Verzicht auf Ultimatums gegenüber den Arbeiter-Massenorganisationen: die kommunistische Führerschaft läßt sich nicht auf drängen; sie läßt sich nur erobern. Verzicht auf die Theorie des Sozialfaschismus, die der Sozialdemokratie wie auch dem Faschismus hilft. Nachdrückliche Ausnutzung des Antagonismus zwischen Sozialdemokratie und Faschismus: a) zwecks wirksameren Kampfes gegen den Faschismus; b) zwecks Gegenüberstellung der sozialdemokratischen Arbeiter und refor- mistischen Führer. Kriterien der Bewertung des Wechsels politischer Regimes der bürgerlichen Herrschaft sind für uns nicht die Prinzipien der formalen Demokratie, son- dern die Lebensinteressen der proletarischen Demokratie. .. L. Trotzki: Was nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats 2. Auflage Berlin 1932, S. 19-23 und 113/114. DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S IT I O N S G RU PPEN 3°7 96. PRINZIPIENERKLÄRUNG DER SAP (1932) Das Ziel der SAP Die Sozialistische-Arbeiter-Partei erstrebt einen Gesellschaftszustand, in dem das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufgehoben und diese in die Hände der Gesellschaft übergeleitet sind; in dem es deshalb keine Aus- beutung des Menschen durch den Menschen und keine Klassen mehr gibt und der Staat, die organisierte Gewalt in den Händen einer herrschenden Klasse, beseitigt ist. Staat und Proletariat Die entscheidende Voraussetzung für die Verwirklichung des Sozialis- mus, die Enteignung der Kapitalistenklasse, ist die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat. Jeder Tageskampf ist diesem Ziel unterzuord- nen. Der unmittelbare Kampf um die Macht setzt eine revolutionäre Situa- tion voraus, die gekennzeichnet ist durch eine tiefgehende Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft und die Bereitschaft der proletarischen Klasse, alle Mittel des organisierten Kampfes vom Streik bis zur Auseinandersetzung mit der bewaffneten Gewalt der Bourgeoisie anzuwenden. Der Staat ist stets ein Werkzeug zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. Seine Form wird in fortdauernden Klassenkämpfen den jeweiligen Bedürfnissen der herrschenden Klasse angepaßt. Der bürgerliche Staat ist daher nichts als Werkzeug zur Ausübung der bürgerlichen Klassenherrschaft 82. Am 4. Oktober 1931 spaltete sich der linke Flügel (Seydewitz und Rosenfeld) von der SPD ab und bildete die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Der vor allem in Sachsen vertretene linke Flügel hatte die »Tolerierungspolitik« der SPD abgelehnt. Zur SAP stießen neben anderen Splittergruppen (z. B. der »Sozia- listische Bund« Ledebours, die USP Theodor Liebknechts, die Pazifisten usw.) auch ein Teil der KPO (vgl. Anmerkung 81) unter Führung von Frölich und Walcher. Die SAP-Gründung war der letzte Versuch in der Weimarer Republik, alle Kräfte innerhalb der Arbeiterbewegung zu sammeln, welche sowohl die SPD als auch die KPD ablehnten. Der Linksradikalismus der KPD und der Reformismus der SPD wurden von der SAP gleichermaßen bekämpft und die Entartung der KPD deutlich herausgestellt. Die SAP wurde von der KPD als »der gefährlichste Feind der Ein- heitsfront« (Die Rote Fahne vom 27. April 1932) angegriffen. Die Prinzipienerklä- rung wurde vom 1. Parteitag der SAP am 25. März 1932 angenommen. 3o8 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK über das Proletariat, und zwar nicht nur in der Monarchie, oder in der faschi- stischen Diktatur, sondern auch in der demokratischen Republik. Da die un- geheure bürokratische und militärische Organisation des kapitalistischen Staates und das parlamentarische System vollkommen den Herrschaftsbedürf- nissen der Bourgeoisie angepaßt sind, können sie von der siegreichen Arbeiter- klasse nicht übernommen werden. Das Proletariat muß vielmehr diesen Staat, das Herrschaftsorgan der Bourgeoisie, zertrümmern und seinen eigenen aufbauen, gestützt auf die Räte der arbeitenden Massen und geführt durch die revolutionäre Partei. Sozialismus oder Barbarei? Die gegenwärtige Wirtschaftskrise unterscheidet sich von allen früheren nicht nur durch den Umfang, Tiefe und Dauer, sie ist zugleich der Ausdruck dafür, daß der Weltkapitalismus in seine Niedergangsperiode eingetreten ist... In dieser Situation reichen die parlamentarisch-demokratischen Herr- schaftsmethoden nicht mehr aus: die Bourgeoisie ist gezwungen, zur Auf- rechterhaltung des kapitalistischen Systems zur offenen Diktatur über die Arbeiterklasse zu greifen, zugleich wächst mit dem Drang nach einer Neu- aufteilung des Weltmarktes die Kriegsgefahr. Die menschliche Gesellschaft steht vor der Alternative: Sozialismus oder Untergang in die Barbarei. Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat ist zur aktuel- len Aufgabe geworden. Unsere Stellung zu SPD und KPD, ii. und in. Internationale .. . Die Bourgeoisie kann ihre Macht nur noch durch Diktatur und Terror aufrechterhalten. Ist der Gedanke, die politische Macht auf parlamentarisch- demokratischem Wege, d.h. ohne die Zertrümmerung des bürgerlichen Macht- apparats zu gewinnen, an sich eine Illusion, so wird jetzt durch die Zerstörung des Parlamentarismus und die Aufrichtung der offenen Diktatur diesem Glauben jede Grundlage entzogen. Die reformistische Politik wirkt sich daher nicht nur gegen die Zukunftsinteressen des Proletariats, sondern unmittelbar gegen seine Tagesinteressen aus und führt zur fortschreitenden Zerklüftung der Arbeiterbewegung. Ihr Wesen als Werkzeug der Reaktion offenbart sich in krassester Weise. Die SPD ist durch ihre bisherige Politik unlösbar mit dem kapitalistischen Staat und dem kapitalistischen System verbunden und damit die Gefangene ihrer eigenen Politik. Die Rückkehr zum Klassenkampf ist ihr für immer ver- DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITIO N S G RU PPE N                                                309 baut. Ihre Politik kann und muß sich darum um so mehr zum Schaden der Arbeiterklasse auswirken, als der Kapitalismus in seiner Niedergangsperiode ihr die Rolle zuweist, als Instrument zur Niederhaltung der Arbeiterklasse zu fungieren. Zugleich wird hierdurch naturgemäß jede Grundlage zu einer internationalen Orientierung der Arbeiterklasse beseitigt und damit der In- ternationalismus, der ein Lebenselement des Proletariats ist. Das völlige Versagen der II. Internationale ist hierfür der sinnfällige Ausdruck. Die Sozialistische Arbeiterpartei steht daher in unüberbrückbarem prinzi- piellem Gegensatz zur SPD und zur II. Internationale. Sie sieht eine ihrer wichtigsten Aufgaben darin, die sozialdemokratischen Arbeiter für die revo- lutionäre Politik zu gewinnen. Die Kommunistische Partei und die Kommu- nistische Internationale haben diese Aufgabe nicht erfüllt und zeigen sich unfähig, den proletarischen Massen in der revolutionären Krise die Führung zu geben. Trotz ihrer Grundsätze und im Widerspruch zu den Lehren Lenins treiben sie eine Politik, die die Arbeiterklasse verwirrt und lähmt und ihre Spaltung begünstigt und damit die Verwirklichung ihrer Ziele hindert. Die entscheidenden Fehler bestehen in der Preisgabe der Einheitsfrontpolitik, die sich auf die verhängnisvolle Theorie vom Sozialfaschismus stützt, im RGO- Kurs und in der Politik des kleinbürgerlichen Nationalismus. Verstärkt und zum Teil verursacht werden diese Fehler durch die Monopolstellung, die die Kommunistische Partei der Sowjetunion in der Kommunistischen Internatio- nale ausübt. Diese Monopolstellung hat nicht nur fehlerhafte Direktiven, sondern auch die schematische Übertragung russischer Erfahrungen, die oben- drein oftmals noch verzerrt werden, zur Folge. Durch die Aufhebung der Par- teidemokratie und das ganze organisatorische System, das sich in der Kom- munistischen Internationale herausgebildet hat, wird die Gesundung der revolutionären Arbeiterbewegung außerordentlich erschwert. Die Sozialistische Arbeiterpartei stellt sich die Aufgabe, durch eine revolu- tionäre Politik den kommunistischen Arbeitern die verhängnisvollen Folgen dieser Fehler zum Bewußtsein zu bringen und damit die Voraussetzungen für eine einheitliche revolutionäre Organisation auf nationaler und inter- nationaler Grundlage zu schaffen. Wir schützen die Sowjet-Union! Mit der russischen Oktoberrevolution ist eine neue Epoche in der inter- nationalen Arbeiterbewegung angebrochen. Die Erfahrungen des heroischen Kampfes um die politische Macht beim Aufbau des Rätestaates, im Bürger- krieg und bei der Ausübung der Diktatur haben allgemeine Bedeutung für die internationale Bewegung des Proletariats. Unter Führung der Kommu- nistischen Partei der Sowjetunion, die die Diktatur der Arbeiterklasse zum 3io DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK machtvollen Instrument des Proletariats gestaltet, werden in Sowjetrußland die Grundlagen für die Verwirklichung des Sozialismus geschaffen. DieserProzeß geht vor sich unter besonders schwierigen Vorbedingungen wegen der kul- turellen und wirtschaftlichen Rückständigkeit des vorrevolutionären Ruß- lands, wegen der Verheerungen des imperialistischen Krieges und des Bürger- krieges und wegen des Fehlens jeglicher Erfahrungen im Aufbau des Sozialis- mus. Die objektiven Schwierigkeiten werden verschärft durch die Fehler der gegenwärtigen Parteiführung, der Aufbau wird gefährdet durch die antileni- nistische Theorie von der Möglichkeit, den Sozialismus in einem einzelnen Lande zu vollenden, durch die Überbürokratisierung der Partei und der Staatsorgane, durch die Nichtachtung der Grundsätze des demokratischen Zentralismus. Ungeachtet der notwendigen proletarischen Kritik an der Füh- rung der KPdSU muß jedoch unter Berücksichtigung der objektiven Schwie- rigkeiten bei jeder Gelegenheit mit hervorgehoben werden, daß sich in der Sowjetunion die gewaltige Überlegenheit der sozialistischen Planwirtschaft gegenüber der kapitalistischen Wirtschaftsanarchie bewährt. Die Sozialistische Arbeiterpartei setzt es sich zur Aufgabe, die großen Lehren der russischen Revolution auszuwerten, sie den Bedingungen des revolutionären Kampfes in Deutschland anzupassen und ihr politisches Wir- ken von diesen Erfahrungen leiten zu lassen. Die Sozialistische Arbeiterpartei sieht in der Sowjetunion das Bollwerk des internationalen Proletariats. Sie gegen alle Angriffe der kapitalistischen Konterrevolution zu verteidigen, ist die Pflicht der gesamten Arbeiterklasse der Welt. Krieg dem imperialistischen Kriege! ... Die SAP lehnt daher jeden imperialistischen Krieg ab, mag er auch als Verteidigungskrieg oder als Krieg zum Schutz der Neutralität getarnt sein. Die SAP wird ihre ganze Kraft und alle revolutionären Mittel anwen- den, einen drohenden Krieg zu verhindern und den äußersten Widerstand gegen ihn zu organisieren, indem sie die Massen über das Wesen der kapita- listischen Außen- und Rüstungspolitik aufklärt und den illusionären Glauben an die Möglichkeit, innerhalb der kapitalistischen Welt den Frieden herzu- stellen und zu sichern, zerstört, der nationalistischen Verhetzung entgegen- wirkt und die Arbeiterklasse so stärkt, daß sie in einem imperialistischen Kriege den Kampf gegen das kapitalistische System wirksam durchführen kann. In einem Krieg kapitalistischer Mächte gegen die Sowjetunion mobilisiert die Sozialistische Arbeiterpartei alle Kräfte des Proletariats für die Unter- stützung der Arbeiter- und Bauernmacht Rußlands. In den revolutionären Aufständen der Kolonialvölker sieht die Sozia- DIE KOMMUNISTISCHEN O P P O S ITIO N S G RU PPE N                                              3II listische Arbeiterpartei eine Erschütterung des Imperialismus und der Grund- lage der kapitalistischen Herrschaft überhaupt. Sie unterstützt deshalb den Befreiungskampf der unterdrückten Völker in den Kolonien und Halbkolo- nien mit dem Einsatz aller ihr zur Verfügung stehenden Mittel, insbesondere durch die äußerste Entfaltung des Klassenkampfes gegen die eigene Bour- geoisie. Die Aufgaben der revolutionären Arbeiterpartei im Kampf um die Macht Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Dieser Befreiungskampf bedarf zur Vorbereitung und Organi- sierung einer revolutionären Partei. Die Aufgabe der Partei ist, dem Kampf die Parole, die Richtung zu geben, die Taktik so einzurichten, daß in jeder Phase des Kampfes die ganze Summe der vorhandenen und bereits in Be- wegung gesetzten Macht des Proletariats realisiert wird und in der Kampf- stellung der Partei zum Ausdruck kommt; daß die Taktik der Partei nach ihrer Entschlossenheit und Schärfe nie unter dem Niveau des tatsächlichen Kräfteverhältnisses steht, sondern vielmehr dieses Verhältnis ständig zugun- sten des Proletariats ändert. Die revolutionäre Partei muß die führende Vor- hut der Arbeiterklasse sein. Als solche darf sie weder den Schwächen rück- ständiger Schichten nachgeben, noch sich von dem proletarischen Gros lösen durch Aktionen, die dessen Reifegrad nicht entsprechen. Um ihren Aufgaben zu genügen, muß die revolutionäre Partei in ihren Reihen den demokratischen Zentralismus verwirklichen, der besteht in der Einheitlichkeit der grundsätzlichen Auffassungen, in der Initiative und Ver- antwortung der Führung in einem Organisationsaufbau, der die beständige Kontrolle und Beeinflussung aller leitenden Organe bis zum Parteivorstand und ihrer politischen und organisatorischen Entscheidungen durch die Mit- glieder und die unteren Organisationen sichert, sowie in der disziplinierten Durchführung aller Aktionen. Die Sozialistische Arbeiterpartei will der Ar- beiterschaft diese Führung geben. Was will die SAP? Prinzipienerklärung - Aktionsprogramm angenommen auf dem 1. Parteitag 1932 der SAP mit einem Vorwort von Paul Frölich Berlin, o. J. (1932), S. 22-25 312 DIE KPD IN DER WEIMARER REPUBLIK 97- AUFRUF DER KOMMUNISTISCHEN OPPO SITI ONS GRUPPEN An alle klassenbewussten Arbeiter Berlins! An die Führer ihrer politischen, wirtschaft- lichen, KULTURELLEN UND SPORTLICHEN ORGANISATIONEN und an die Jugend-Verbände! Klassengenossen! Die deutsche Arbeiterklasse steht am Vorabend schwerwiegender Entschei- dungen. Der Faschismus schickt sich an, die Staatsmacht zu ergreifen. Die Herrschaft des Faschismus bedeutet die Zerschlagung der Arbeiter- organisationen, blutigen Vernichtungskampf gegen die klassenbewußten Ar- beiter, Krieg gegen Sowjetrußland und die Zurückwerfung des Proletariats in aller Welt auf Jahrzehnte hinaus. Arbeiter Berlins! Klassengenossen! Wo immer Ihr politisch stehen mögt, Ihr dürft nie und nimmer zulassen, daß es so weit kommt. Erinnert Euch Eurer erfolgreichen Kämpfe gegen die Konterrevolution in den Jahren 1918 und 1919, im Kapp-Putsch und in den Jahren 1922 und 1923. Wir wissen, daß Ihr in verschiedenen politischen Lagern steht und große Meinungsverschiedenheiten über den Weg zum Sozia- lismus habt, aber trotz aller politischen Differenzen dürft Ihr nicht vergessen, daß Euer grausamster und schlimmster Feind, der Faschismus, seine Mord- waffen gegen jeden klassenbewußten Arbeiter richtet, ohne nach dem Partei- buch seines Opfers zu fragen. Darum wenden wir uns an die gesamte Arbeiterklasse von Berlin und an die verschiedenen Arbeiterorganisationen und versichern mit allem Nach- druck: In dieser ernsten Stunde erklären wir unsere Bereitschaft, mit allen und jedem gegen die faschistische Gefahr zu kämpfen, der bereit ist, Arbeiter- interessen zu vertreten. Wir stellen keinem Genossen, der sich an der gemein- samen Kampffront gegen den Faschismus beteiligen will, als Vorbedingung, seine politische Überzeugung preiszugeben. Wir stellen absichtlich nur kleine, minimale Forderungen auf, weil wir wollen, daß sich jeder Arbeiter, unbe- schadet seiner politischen Einstellung, in diese Front dinreihen kann. Als Basis für den gemeinsamen Kampf schlagen wir unter der Parole: »Der Faschismus muß geschlagen werden, ehe er zur Macht kommt!« vor: Kampf gegen Faschismus und Schaffung eines überparteilichen anti- DIE KOMMUNISTISCHEN O PP O S ITI O N S G RU PPEN                                              313 faschistischen Abwehrkartells aller proletarischen Organisationen und der Betriebe. Kampf gegen die Notverordnungspolitik. Kampf gegen Lohn- und Gehaltsabbau. Kampf gegen die Zerschlagung der Sozialpolitik und des Tarifrechtes. Schaffung einer einheitlichen Abwehrorganisation. Wir fordern darum die Führungen aller politischen, wirtschaftlichen, kul- turellen, Sport- und Jugendorganisationen des Proletariats und zugleich die breiten Arbeitermassen in den Betrieben und Stempelstellen, in den Gewerk- schaften, Kultur- und Sportorganisationen auf, zu unserem Aufruf Stellung zu nehmen. Wir laden die Organisationen ein zu einer öffentlichen Versammlung, deren Termin und Lokal wir noch bekanntgeben, in der wir uns über den gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus verständigen wollen. Wir sichern den Vertretern der Organisationen ausgiebige Redezeit zu. SAP Groß-Berlin H. Gostomski KPDO Groß-Berlin W. Bolze Lenin-Bund (Linke Kommunisten) Groß-Berlin K. Spicker Volksiville Reichsorgan des Lenin-Bundes (Linke Kommunisten) vom 31. Dezember 1931. DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION EINLEITUNG Am Spätabend des 27. Februar 1933 brannte der Reichstag in Berlin. Das war für Hitler das Signal, die KPD zu verbieten und ihre Anhänger zu ver- folgen. Die Kommunistische Partei hatte sich schon seit längerer Zeit auf ein Verbot eingestellt. Wie jede Sektion der Komintern mußte auch sie schon immer einen Teil ihrer Arbeit illegal erledigen, so war es in den 21 Bedin- gungen der Komintern von 1921 vorgeschrieben worden (Dok. 64). Trotz- dem wurde die Partei durch das Verbot schwer getroffen. Noch in der Nacht des Reichstagsbrandes wurden Tausende von Parteifunktionären, darunter Parteiführer und Reichstagsabgeordnete (Ernst Schneller, Ernst Grube, Al- bert Kuntz, Walter Stoecker u. a.) verhaftet. Am 3. März nahm die Gestapo auch den Parteivorsitzenden Ernst Thälmann fest. In den folgenden Wochen fiel eine große Zahl von Funktionären der Polizei oder der SA in die Hände, viele wurden ermordet, andere in KZs und Zuchthäuser gebracht. Durch die- sen großen Aderlaß brach die Partei vollends auseinander. Die KPD war - mindestens seit 1928 - zu einer zentralistischen Appa- ratpartei entartet. Schon jahrelang bestimmten ausschließlich die von der Führung eingesetzten Sekretäre und nicht die gewählten Leitungen. Die Schläge Hitlers wirkten sich daher besonders verheerend aus. Hinzu kam, daß nach der Verhaftung Thälmanns innerhalb des Politbüros ein Kampf um die Nachfolge entbrannte. John Schehr, Hermann Schubert und Walter Ulbricht versuchten die Parteiführung an sich zu reißen und führten erbit- terte Fraktionskämpfe. Bei diesen Streitigkeiten wurden nicht selten die Rücksichten auf die Fraktion über die Sorge um die illegale Partei gestellt. Die KPD, die so lange die Illegalität »geübt« hatte, erwies sich im ent- scheidenden Augenblick unfähig, Widerstand zu leisten. Aufrufe zum Ge- neralstreik (Dok. 100) waren schon im Januar kaum beachtet worden; schließ- lich war die KPD längst eine Partei der Erwerbslosen, nur noch n°/o ihrer Mitglieder arbeiteten in Betrieben. Aber noch besaß die KPD genügend Anhänger, die nicht bereit waren, vor der NSDAP einfach zu kapitulieren. Überall entstanden nach dem ersten Schock, den die kampflose Niederlage ausgelöst hatte, illegale Widerstands- gruppen. Es gelang in relativ kurzer Zeit, wieder eine zentrale Leitung mit Verbindungen zu den Bezirken aufzubauen. Die KPD besaß 1933 noch eine Massenbasis. Bei den Wahlen im März 1933 erhielt sie 4,8 Millionen Stimmen (12,3%), angesichts des Terrors von SA und SS ein beachtlicher Erfolg. Die Führung zog daraus den falschen Schluß, gegen das Hitler-Regime sei ein Massenwiderstand möglich. Sie rief 3i8 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION zu Demonstrationen auf, die nur zur Verhaftung ihrer Anhänger führten. Auch ihre verderblichen politischen Ansichten änderte die Zentrale zu- nächst nicht. Selbst der Sieg Hitlers hatte sie keines besseren belehrt. Die Erklärungen und Entschließungen der KPD im Jahr 1933 lassen keine Ver- änderung des taktischen Kurses erkennen (Dok. 102). Die abstruse Vor- stellung der Kommunisten von der RGO-Arbeit nach dem Parteiverbot (Dok. 113) zeigt, daß die Führung völlig ihren ultralinken Ansichten ver- haftet blieb. Noch immer wurde der »Hauptstoß« gegen die SPD gerichtet und als Ziel ein Sowjetdeutschland proklamiert. Im Mai 1933 hatte das ZK »festgestellt«, die SPD - die kurz danach verboten wurde - sei die »Haupt- stütze« des Hitler-Staates: »Die völlige Ausschaltung der Sozialfaschisten a is dem Staatsapparat, die brutale Unterdrückung auch der Sozialdemo- kratischen Organisation und ihrer Presse ändern nichts an der Tatsache, daß sie nach wie vor die soziale Hauptstütze der Kapitalsdiktatur darstellt.« (Dok. 102) Die Parteiführung entwickelte - von Moskau inspiriert - außerdem die groteske Theorie, der Sieg Hitlers bedeute keine Niederlage der Arbeiterbe- wegung. Obwohl die KPD schwer getroffen und ihrer besten Funktionäre beraubt war, sprach die Führung von einem »geordneten Rückzug« und be- hauptete bis 1935, die Parteilinie sei richtig gewesen. Da der Erfolg versagt blieb, wälzten die Führer die Schuld am Mißerfolg auf die unteren Partei- organe ab und warfen diesen vor, die Linie nicht richtig befolgt zu haben. Die unteren Einheiten der KPD versuchten aber sehr bald mit anderen oppo- sitionellen Gruppen gegen Hitler zusammenzuarbeiten. Die KPD-Führung selbst entschloß sich nur zögernd, die »Einheitsfront« zu proklamieren. Erst 1935 erfolgte die offizielle Wendung, doch war die neue Taktik nicht aus bes- serer Einsicht geboren, sondern wurde erst beschlossen, nachdem entspre- chende neue Anweisungen der Komintern vorlagen. Dimitroff, der durch seine Haltung im Reichstagsbrandprozeß international bekannt geworden war, hatte auf dem VII. Weltkongreß der Komintern 1935 die bisherige Po- litik kritisch analysiert und offiziell die neue »Einheits- und Volksfront- Politik« proklamiert. Auf der anschließenden Parteikonferenz der KPD in Moskau (der sogenannten Brüsseler Konferenz) übernahm die KPD die neue Linie (Dok. 98). Dieser Konferenz kommt daher programmatisches Ge- wicht zu. Hier wurden der neue Kurs der »Einheitsfront« sowie die Taktik des illegalen Kampfes in Deutschland beschlossen. Doch inzwischen war die offizielle Parteilinie für die illegalen Genossen in Deutschland nicht mehr von Bedeutung. Gegen die Schläge der Gestapo führten die kommunistischen Gruppen einen zähen Kleinkrieg. Die Verbindungen rissen durch immer neue Verhaftungen ab, der Massencharakter der Bewegung verschwand. Der Zusammenhalt beschränkte sich auf kleine Zirkel. Die offizielle Parteilinie war mehr eine Angelegenheit der kommunistischen Emigration, die sich vor EINLEITUNG 319 allem in die Tschechoslowakei und nach Frankreich zurückgezogen hatte. Sie vollzog rigoros die neue Schwenkung und versuchte, mit allen hitlerfeind- lichen Gruppen in einer Einheits- und Volksfront zusammenzukommen (Dok. ii8). Die »Selbstkritik« Florins (Dok. 115) läßt die Wendung von 1935 deutlich erkennen. Wie weit sie ging, wird aus den Dokumenten 116 und 117 deutlich. Die sogenannte Berner Konferenz im Januar 1939, deren Beschlüsse eben- falls programmatische Bedeutung hatten, proklamierte nicht nur wiederum die Volksfront, sondern bezeichnete als Ziel der KPD die demokratische Re- publik und die Einheitspartei (Dok. 99). Die Dokumente der kommunistischen Opposition werfen ebenfalls Licht auf die KPD-Politik. Der Lenin-Bund zum Beispiel forderte im Januar 1933 auf, »eine Front gegen Hitler« zu bilden (Dok. 121), die KPD reagierte nicht. Die KPO, die 1933 eine ähnliche Haltung einnahm (Dok. 122), wurde von der KPD-Führung nach der Schwenkung von 1935 angegriffen, weil sie nicht jeden Winkelzug mitmachte. Die Kritik der trotzkistischen Opposition (Dok. 123) legt weitere Schwächen der KPD-Führung bloß. Die zweckoptimistischen Behauptungen der KPD-Führung, in Deutsch- land herrsche eine hitlerfeindliche Stimmung, es gebe eine elementare Mas- senopposition gegen die NSDAP, entsprachen nicht der Wirklichkeit. Entge- gen allen Prophezeiungen erwies sich die Hitlerdiktatur als recht stabil. Der Glaube vieler Kommunisten wurde dadurch erschüttert. Ein kleiner Teil der kommunistischen Anhänger war schon früh zur NSDAP übergelaufen. Die zwielichtige Haltung der KPD in den dreißiger Jahren (Zusammenarbeit mit der NSDAP im preußischen Volksentscheid und Berliner Verkehrs- arbeiterstreik) rächte sich bitter. Es wirkte sich auch aus, daß gewisse Apparate (so beispielsweise der seit 1929 illegal wirkende Rote Frontkämpferbund) sich immer mehr der geistigen und politischen Kontrolle durch die Partei entzogen hatten. Einzelne Gruppen waren regelrechte Abenteurercliquen geworden, die sich den Nazis anboten. In der Parteiführung selbst gab es da- gegen (anders als in Frankreich oder Italien) kaum Überläufer zur äußer- sten Rechten. Während in Deutschland die illegalen Gruppen der KPD zerschlagen wur- den, festigte in der Emigration der Apparat weiter seine Macht. Die haupt- amtlichen Funktionäre, die schon früher durch ihre materielle Abhängigkeit der Führung ausgeliefert waren, mußten diese Unselbständigkeit im Aus- land (ohne eigene materielle Mittel, nicht selten illegal lebend) doppelt ver- spüren. Wer auch nur die geringsten Anzeichen von oppositionellen Gedan- ken zeigte, wurde isoliert, wenn nicht gar der Gestapo in die Hände ge- spielt. Ein großer Teil der emigrierten Kommunisten nahm am spanischen Bürgerkrieg teil; auch dort versuchte der Apparat unbequeme Kommunisten als Trotzkisten zu denunzieren, auszuschalten oder gar zu liquidieren. 320 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Das ZK der KPD stellte sich hinter die stalinistischen Säuberungen und »begrüßte« die Prozesse gegen die alten Bolschewiki (Dok. 107). In den Säuberungen wurden jedoch nicht nur Altbolschewiken, sondern auch die Führungen der Emigranten-Parteien dezimiert. Damals sind wohl Tausende von deutschen Kommunisten, die in der Sowjetunion Schutz vor Hitler ge- sucht hatten, verhaftet worden. Die Liste der KPD-Führer, die Opfer der sta- linschen Säuberungen wurden, ist umfangreich (vgl. Anmerkung 92.) Betrach- tet man die obersten Spitzengremien der Partei, tritt sogar die überraschende Tatsache zutage, daß Stalin in den Reihen des Politbüros der KPD größere Blutopfer forderte als Hitler. Durch Hitlers Leute wurden vier Politbüro- Mitglieder ermordet: 1934 John Schehr, 1943 Conrad Blenkle, 1944 Ernst Thälmann und Ernst Schneller. (Schneller war allerdings nach der Wittorf- Affäre 1928 als Thälmann-Gegner aus dem Politbüro entfernt worden). Ein früheres Politbüro-Mitglied der Ruth-Fischer-Ära, Werner Scholem (1940 in Buchenwald ermordet) war bereits 1926 aus der KPD ausgeschlossen worden. In Moskau wurden während der Stalinschen Säuberungen fünf Politbüro- Mitglieder und zwei Kandidaten des Polkbüros liquidiert: Hugo Eberlein, Leo Flieg, Hermann Remmele, Hermann Schubert und Fritz Schulte sowie Heinz Neumann und Heinrich Süßkind. Zahlreiche Mitglieder und Kandi- daten des ZK der KPD kamen zwischen 1933 und 1945 unter Hitler in Deutschland ums Leben, wurden ermordet oder starben in faschistischen Ge- fängnissen, aber ebenso fielen Mitglieder und Kandidaten des ZK den Sta- linschen Säuberungen zum Opfer. Schließlich ermordeten vermutlich Agenten des NKWD 1940 in Frankreich Willi Münzenberg, der einst ein Mitstreiter Lenins und der erste Führer der kommunistischen Jugendinternationale ge- wesen war. Während der Säuberungen hat er sich von den Stalinisten ge- trennt (Dok. 125). Natürlich soll eine solche Gegenüberstellung nicht den Hitler-Terror bagatellisieren, dem Tausende von Kommunisten zum Opfer fielen, doch zeigt sie erst das ganze Ausmaß des stalinistischen Terrors. Nach dem Tode Stalins ist ein Teil der Kommunisten, die in der Stalin-Ära verfolgt und liquidiert wurden, öffentlich rehabilitiert worden. Die SED hat bisher diese Rehabili- tierungen nur zögernd nachvollzogen und wenig über die deutschen Kommu- nisten verlauten lassen, die Opfer der stalinistischen Säuberungen wurden. Der illegale Kampf gegen Hitler wurde in Deutschland jahrelang in der Hauptsache von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften und An- gehörigen der sozialistischen Splittergruppen getragen. 1936 wurden wegen illegaler kommunistischer Betätigung 11000 und 1937 8000 Personen ver- haftet (Dok. 128). Der Polizeiapparat Hitlers wurde immer perfekter und erschwerte die illegale Tätigkeit immer mehr. Die kommunistischen Gruppen operierten daher meist unabhängig von der Emigrationsführung. Die SED versucht heute allerdings glaubhaft zu machen, daß die gesamte kommuni- EINLEITUNG 321 stische Arbeit von 1933 bis 1945 von der »Auslandsleitung«, also dem ZK, geleitet worden sei. Das ist eine Legende, die das Prestige der Führung he- ben soll. Selbst so große Widerstandsgruppen wie die Schumann-Gruppe in Leipzig, die Bästlein-Gruppe in Hamburg, die Saefkow-Gruppe in Berlin und die Lechleiter-Gruppe in Mannheim arbeiteten meist ohne »zentrale An- leitung«. Der kommunistische Widerstand blieb ebenso erfolglos wie der Wider- stand anderer politischer Kreise. Die undemokratische Natur der KPD und speziell das heuchlerische Wesen des Stalinismus (1936 bis 1938 wütete der Stalin-Terror in Rußland besonders grausam) waren eine schwere Belastung für die kommunistischen Antifaschisten. Trotzdem sollte nicht übersehen werden, daß es sich bei der Mehrzahl von ihnen um anständige und tapfere Kämpfer für eine bessere Welt gehandelt hat, die heute nicht wegen ihrer Parteizugehörigkeit diskriminiert werden sollten. Auf jeden Fall sollte man sich davor hüten, die Geschichtsklitterungen der SED mit umgekehrten Vor- zeichen zu kopieren und den kommunistischen Widerstand einfach zu igno- rieren. Auch wenn dieser Widerstand nicht die von der SED verkündeten Ausmaße hatte, war er doch bedeutsam. In Leipzig z. B. wurden von den bis 1933 eingeschriebenen 4000 KPD-Mitgliedern in der NS-Zeit 2280 ins Zuchthaus oder KZ geworfen, in Chemnitz 1 600 von 4 000, in Dresden 1500 von 4 000. Viele der im antifaschistischen Kampf stehenden Kommunisten waren nicht einfach Moskauer Befehlsempfänger. Daß die illegalen Gruppen, von denen einige gegen Kriegsende größere Bedeutung erlangten, durchaus nicht immer die Ansichten der offiziellen Emigrationsleitung teilten, geht aus ver- schiedenen Aufrufen hervor (Dok. 129). Vor allem die Schumann-Gruppe (Dok. 131) zeigte wenig Linientreue. Dieser Gruppe gehörte auch eine Reihe oppositioneller Kommunisten an; z. B. war Otto Engert 1929 als »Rechter« aus der KPD ausgeschlossen worden, Georg Schumann galt als »Versöhn- ler«. Auch diese Gruppe wurde von der Gestapo zerschlagen, ihre Mitglieder wurden hingerichtet. Die Emigrationsleitung, die ihren Sitz von Paris nach Moskau verlegt hatte, wurde immer moskau-höriger. So billigte das ZK »im Interesse der deutschen Arbeiter« den Stalin-Hitler-Pakt (Dok. 108). Ulbricht verteidigte ihn nachdrücklich in der Komintern-Zeitung Die Welt (Dok. 109). Maßgeb- lich für die Haltung der Emigrationsleitung war nur noch die sowjetische Außenpolitik. Der Krieg, der im September 1939 zwischen Deutschland und den Westmächten ausbrach, wurde als imperialistischer Krieg bewertet und abgelehnt (Dok. 105 u. 106). Als sich Hitlers Aggression gegen die Sowjet- union richtete, hieß es, der Krieg habe nunmehr einen neuen Charakter an- genommen, es gelte, die Sowjetunion mit allen Kräften zu verteidigen (Dok. 110). 322 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Als Frucht der Volksfrontpolitik entstand 1942 das Nationalkomitee Freies Deutschland (Dok. 120). Mit dieser Gründung zeichnete sich schon die spätere Taktik des Stalinismus in Deutschland ab: die eigenen Ziele hin- ter demokratischen und friedlichen Parolen zu verbergen und Tarnorganisa- tionen ins Leben zu rufen. Die KPD-Führer gingen sogar so weit, sich im Rahmen des Nationalkomitees zu den Farben Schwarz-Weiß-Rot zu be- kennen. A. PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD   DER NEUE WEG ZUM GEMEINSAMEN KAMPF ALLER WERKTÄTIGEN FÜR DEN STURZ DER HITLERDIKTATUR Resolution der »Brüsseler« Parteikonferenz der KPD (Oktober 193 5)83 Die Parteikonferenz begrüßt die vom VII. Weltkongreß der Kommunisti- schen Internationale^ beschlossene neue taktische Orientierung der kom- munistischen Parteien auf die Sammlung der werktätigen Massen für den Klassenkampf. Die Konferenz stimmt allen Beschlüssen des Weltkongresses zu und begrüßt die Wahl des Genossen Dimitroff zum Generalsekretär der Kommunistischen Internationale. Die Parteikonferenz zieht aus der vom Kongreß an der Arbeit der Partei und an den von ihr gemachten Fehlern geübten Kritik die Lehre, sofort mit aller Energie und mit allem Enthusiasmus die neue taktische Orientierung in ihrer gesamten Arbeit vorzunehmen, die sektiererischen Tendenzen restlos auszumerzen und ernste Garantien für die Durchführung der Beschlüsse zu schaffen. Die Beschlüsse des VII. Weltkongresses sind von der größten Bedeutung für den Klassenkampf des Proletariats in den kapitalistischen Ländern sowie für den Befreiungskampf der unterdrückten Völker der kolonialen und ab- hängigen Länder. Diese Beschlüsse beruhen auf den Veränderungen in der Weltlage, die durch den Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion, durch die Weltwirtschaftskrise, die Offensive des Faschismus, die politische Krise in einigen Ländern und die Radikalisierung der werktätigen Massen in der gan- zen kapitalistischen Welt hervorgerufen sind. Mit diesen Beschlüssen zog der VII. Weltkongreß die Lehren einerseits aus den bitteren Erfahrungen, die die deutsche Arbeiterklasse dadurch machte, daß sie den Sieg des Faschismus in Die Resolution ist nur auszugsweise wiedergegeben. Der VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale wurde vom 25. Juli bis 20. August 1935 in Moskau abgehalten. Auf ihm wurde offiziell die Wen- dung zur Einheitsfront-Politik vorgenommen, nachdem dieser Weg schon seit 1934 tastend beschritten worden war. Das Hauptreferat auf dem Kongreß hielt Georgi Dimitroff, der zum Generalsekretär der Komintern gewählt wurde. Im Anschluß an den VII. Weltkongreß tagte dann die »Brüsseler« Konferenz der KPD. 324 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Deutschland nicht verhinderte, und andererseits aus den Erfolgen, die das französische Proletariat in der Schaffung der Einheitsfront und Volksfront und damit im Zurückdrängen des faschistischen Ansturms erreichte. Die Beschlüsse des VH. Weltkongresses verpflichten die kommunistischen Parteien, neue Wege und Arbeitsmethoden in der Sammlung der Kräfte des werktätigen Volkes und seiner Jugend zum Kampf gegen Kapitalsoffensive, Faschismus und imperialistische Kriegsgefahr zu finden, die proletarische Einheitsfront und die antifaschistische Volksfront des gesamten werktätigen Volkes mit allen Kräften anzustreben. Die Erfüllung dieser Aufgaben findet ihre mächtige Unterstützung in dem endgültigen, unwiderruflichen Siege des Sozialismus in der Sowjetunion, der in der ganzen Welt Millionen von Menschen dem Gedanken des Sozialismus nähergebracht hat und ihnen den Weg zur Befreiung aus der kapitalistischen Knechtschaft und zur Aufrichtung des Sozialismus zeigt. .. Die proletarische Einheitsfront - die Voraussetzung für den Sturz der Hitlerdiktatur a) Die Bedingungen für die Verwirklichung der Einheitsfront Die Beschlüsse des VII. Weltkongresses sind für die werktätigen Massen Deutschlands, die unter der faschistischen Diktatur auf das tiefste versklavt sind und in immer tieferes Elend hinabsinken, von besonderer Bedeutung. Der Faschismus in Deutschland konnte nur siegen, weil das deutsche Proletariat durch die von den sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführern betriebene Politik der Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie gespalten war und sich nicht zum Kampfe gegen den Faschismus vereinigte. Der VII. Weltkongreß stellte der Kommunistischen Partei Deutschlands als zentrale Aufgabe der nächsten Zukunft: die Herstellung der Aktionsein- heit aller Teile der deutschen Arbeiterklasse und die Schaffung der antifaschi- stischen Volksfront aller Werktätigen zum Kampf gegen die faschistische Diktatur und für ihren Sturz. Der Ausgangspunkt und der Hauptinhalt der Einheitsfront der Arbeiter ist der Kampf um die ständige Verteidigung ihrer unmittelbaren wirtschaft- lichen und politischen Interessen, der Kampf um die Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen und gegen die faschistische Unterdrückung. Die für den Kampf aufgestellten Losungen und die dafür angewandten Kampfformen müssen sich aus den unmittelbaren Tagesnöten der Arbeiter und dem Grade ihrer Kampffähigkeit ergeben. Die Anwendung der Einheitsfronttaktik auf neue Art ist in Deutschland besonders notwendig infolge der wesentlichen Veränderung der Lage der PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD 325 Sozialdemokratie, die durch das Verbot ihrer Organisation und die Verfol- gung ihrer Mitglieder herbeigeführt wurde und die die Sozialdemokratie in eine Kampfstellung gegen das faschistische Regime drängte. Das schafft ein neues Verhältnis zwischen der Kommunistischen und Sozialdemokratischen Partei und erfordert die Schaffung der Aktionseinheit zwischen den beiden Parteien, ihren Organisationen und Mitgliedern. Der Radikalisierungsprozeß in der Sozialdemokratischen Partei vollzieht sich aber keineswegs allgemein und gleichmäßig. Es gibt einen reaktionären Teil, der gegen die Einheitsfront auftritt und der ihr Zustandekommen ver- hindern will. Aber die überwiegende Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter und Funktionäre steht auf den Positionen des Klassenkampfes und fängt an zu begreifen, daß nur durch die Einheitsfront mit den Kommunisten die Kraft zum Sturze der Hitlerdiktatur geschaffen werden kann. Große Teile der Jugend aus den sozialdemokratischen Organisationen suchen eben- falls den Weg der Verständigung mit der kommunistischen Jugend. Die Anwendung der Einheitsfronttaktik auf neue Art hat zur Vorausset- zung, daß die Kommunistische Partei, ihre Organisationen und Mitglieder an die Erfüllung ihrer Aufgaben mit einer neuen Einstellung zur Sozialdemo- kratie herangehen müssen. Es müssen solche Auffassungen ausgemerzt wer- den, als ob das Herantreten an die sozialdemokratischen Organisationen eine formale Angelegenheit, eine Werbung sozialdemokratischer Arbeiter für die KPD, eine Gelegenheit zur Entlarvung sozialdemokratischer Führer sei. Wir müssen rücksichtslos alle sektiererischen Hemmungen bei der Erfüllung die- ser Aufgabe in unseren eigenen Reihen überwinden. Aber auch alle Versuche zur Verhinderung der Aktionseinheit, woher sie auch kommen mögen, sind rücksichtslos zu bekämpfen... Ausgehend von der Überzeugung, daß die Sache des Proletariats die Schaf- fung einer einheitlichen politischen Massenpartei der deutschen Arbeiterklasse erfordert, arbeitet die Kommunistische Partei daran, alle klassenbewußten Arbeiter dafür zu gewinnen. Die praktische Voraussetzung zu ihrer Verwirk- lichung ist die Schaffung der Aktionseinheit. Die bitteren Erfahrungen, die die deutsche Arbeiterklasse durch ihre Niederlage und den Sieg des Faschis- mus machte, haben in ihr den Willen zur Wiedervereinigung in einer einheit- lichen politischen Massenpartei hervorgerufen. Aber eine solche Massenpartei wird ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie völlig unabhängig von der Bour- geoisie ist, wenn sie die Notwendigkeit des revolutionären Sturzes der Bour- geoisie und die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats in der Form der Sowjets anerkennt, wenn sie die Unterstützung der eigenen Bourgeoisie im imperialistischen Kriege ablehnt und auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus aufgebaut ist8^. 85. 1935 wurde, wie aus dem vorliegenden Dokument ersichtlich, zwar schon von einer Einheitspartei gesprochen, aber noch immer, ohne daß formale Konzessionen 326 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Die Arbeit in den FASCHISTISCHEN MASSENORGANISATIONEN Für die Organisierung gemeinsamer Kampfaktionen zur Verteidigung der täglichen Interessen der werktätigen Massen, für die Schaffung der Einheits- front und der Volksfront sind die von den Faschisten beherrschten Massen- organisationen, in die das werktätige Volk hineingetrieben wurde, das ent- scheidende Wirkungsfeld. Das trifft vor allem auf die »Deutsche Arbeits- front« zu, in der sich die Massen der von den Faschisten aufgelösten Ge- werkschaften befinden. Die Faschisten vermochten ihre Absicht, diese Orga- nisation lediglich zu »erzieherischen Zwecken« für den Faschismus zu ver- wenden, nicht durchzusetzen und konnten eine, wenn auch beschränkte ge- werkschaftliche Betätigung der Arbeiter in dieser Organisation nicht verhin- dern. Für die Arbeit in der »Deutschen Arbeitsfront« ist eine Reihe von legalen und halblegalen Möglichkeiten gegeben, die die Kommunisten im Interesse der Mitglieder ausnutzen müssen. Dadurch werden sie auch in der Lage sein, sogar Anhänger der Hitlerpartei in die antifaschistische Bewegung einzu- beziehen .. . Auch in allen übrigen von den Faschisten beherrschten Massenorganisatio- nen (Jugendorganisationen, »Kraft durch Freude«, Luftschutz, NS-Volks- wohlfahrt, NS-Kriegsopferversorgung, Wehrorganisationen, Mittelstands- organisationen, Genossenschaften, Organisationen des »Reichsnährstandes«) sind große Möglichkeiten der Organisierung einer Opposition unter den mit der großkapitalistischen Politik der Hitlerregierung unzufriedenen Elemen- ten, für eine systematische Aufklärungsarbeit unter den politisch indifferen- ten oder den Faschisten nachfolgenden Mitgliedern dieser Organisationen gegeben. Genosse Dimitroff hat auf dem VII. Weltkongreß die große revolutionäre Bedeutung der Arbeit in den faschistischen Massenorganisationen aufgezeigt und mit dem Beispiel des trojanischen Pferdes86 eine taktische Anweisung für diese Arbeit gegeben. Der Faschismus muß mit den Massen der von ihm be- herrschten Organisationen geschlagen werden. Dazu ist aber die ständige und systematische Arbeit in diesen Organisationen eine ebenso unbedingte Vor- aussetzung wie auch der Kampf außerhalb dieser Organisationen. Die bisherige Unterschätzung dieser Arbeit und der gegen sie geleistete an die SPD gemacht wurden. Diese Einheitspartei sollte praktisch eine Kommu- nistische Partei sein (Anerkennung der Sowjetform usw.). In der Resolution der Berner Konferenz 1939 wurden solche Forderungen fallengelassen (vgl. S. 336). Vgl. hierzu den Artikel von Walter (Ulbricht) über die Taktik des trojani- schen Pferdes (Dok. 129). PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD 327 Widerstand in unseren eigenen Reihen muß schnellstens und gründlich besei- tigt werden. Nur wenn es gelingt, allen Antifaschisten die revolutionäre Be- deutung dieser Arbeit verständlich zu machen, werden wir die großen Mög- lichkeiten der Mobilisierung der Massen in diesen Organisationen für die Verteidigung der Arbeiterinteressen, für die Entfaltung der Einheitsfront und für den Kampf gegen den Faschismus ausschöpfen können. Dazu gehört, daß alle erreichbaren Funktionärsposten von den Antifaschisten besetzt und im Interesse der Massen ausgenutzt werden. Bei guter Arbeit ist es sogar möglich, Mehrheiten in den Leitungen der unteren Organisationen zu be- setzen und diese für den Kampf der Massen auszunutzen. Die Antifaschisten müssen sich das Vertrauen der Mitgliedermassen dieser Organisationen er- werben und verstehen, durch eine den Organisationsbedingungen angepaßte Sprache und Arbeitsmethode den größten Erfolg in der Mobilisierung dieser Massen gegen den Faschismus zu erzielen. Die Arbeit unter der Jugend Die Gewinnung der werktätigen Jugend in den von den Faschisten beherrsch- ten Massenorganisationen ist für die Verbreiterung und Steigerung des anti- faschistischen Kampfes von besonderer Bedeutung. Die Organisierung und Führung des Kampfes um die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingun- gen, um die Berufsausbildung und die politischen Rechte der Jugend gegen ihre Eingliederung in die Zwangsarbeit, gegen die Militarisierung und den Krieg ist dazu die wichtigste Voraussetzung. Die Gewinnung der Jugend für diesen Kampf muß auf der Grundlage der Arbeit und der Schaffung von Jugendgruppen in den Betrieben und Massenorganisationen, in der Hitler- jugend, im Bund deutscher Mädchen, in den Sport- und Kulturorganisationen erfolgen. Dabei müssen die besonderen Wünsche und Forderungen der Jugend, ihre Gewohnheiten gründlich studiert und zum Ausgangspunkt der Gewin- nung der Jugend für die Widerstandsaktionen genommen werden. Für die Erfüllung dieser Aufgaben ist eine gründliche Änderung des Cha- rakters des Kommunistischen Jugendverbandes und seiner Arbeit, vor allem die restlose Ausmerzung des Sektierertums in seinen Reihen, dringend not- wendig. Der Kommunistische Jugendverband ist zu einer wirklichen Massen- organisation der proletarischen Jugend auf der Grundlage einer breiten De- mokratie und äußerst elastischer Organisationsformen umzugestalten, die ihre Mitglieder im Geiste des Klassenkampfes, des proletarischen Internatio- nalismus und des Marxismus-Leninismus erzieht. Von größter Bedeutung ist die Vereinigung der kommunistischen und so- zialdemokratischen Jugendorganisation, zu der der Kommunistische Jugend- verband die Initiative ergreifen muß . .. 318 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Die antifaschistische Volksfront Die Schaffung der antifaschistischen Volksfront, die Vereinigung aller Geg- ner des faschistischen Regimes auf ein politisches Kampfprogramm gegen die faschistische Diktatur, die Herstellung des Kampfbündnisses der Arbeiter- klasse mit den Bauern, Kleinbürgern und Intellektuellen, der Zusammen- schluß aller Werktätigen in Stadt und Land zum Kampf für Freiheit, Frieden und Brot ist die entscheidende Voraussetzung für den Sturz der Hitlerdikta- tur. Die in allen Schichten des werktätigen Volkes wachsende Unzufrieden- heit gegen das faschistische Regime schafft dafür günstige Möglichkeiten. Alles, was die werktätigen Massen im Kampfe gegen die Versklavung und Ausplünderung durch die Hitlerregierung vereint, ist in den Vordergrund der Aufklärungsarbeit und der Organisierung des gemeinsamen Kampfes zu stellen. Der Kampf um die demokratischen Freiheiten Angesichts der ungeheuren Versklavung und Entrechtung des deutschen Vol- kes, des politischen Gewissenzwanges und der unerhörten Verfolgungen aller freiheitsliebenden Menschen durch die faschistische Diktatur stellt die Kom- munistische Partei den Kampf für alle demokratischen Rechte und Freiheiten an die Spitze des antifaschistischen Kampfes. Wir Kommunisten kämpfen für die Organisations- und Versammlungsfreiheit, für die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung, für Glaubens- und Gewissensfreiheit, für die Gleichheit aller Staatsangehörigen, für die völlige Wahlfreiheit für alle Kör- perschaften. Wir kämpfen gegen die braune Bonzenwirtschaft in den faschisti- schen Arbeiter-, Mittelstands-, Bauern- und anderen Organisationen. Wir Kommunisten stehen an der Seite aller von den Faschisten verfolgten und unterdrückten Schichten und Organisationen des werktätigen Volkes. Wir stehen an der Seite der katholischen Oppositionsbewegung zur Ver- teidigung ihrer selbständigen Organisationen. Wir stehen an der Seite der Bauern- und Bürgermassen des aufgelösten »Stahlhelm«, der von den Fa- schisten deshalb aufgelöst wurde, weil in ihm die Rebellion dieser Schichten gegen das faschistische Regime immer offener zum Ausdruck kam. Wir Kommunisten wollen die großen Freiheitstraditionen der Revolution von 1848 in den breiten Volksmassen wieder lebendig werden lassen und eine Ideologie des Freiheitskampfes gegen den barbarischen Faschismus schaffen. Der große Freiheitsdrang des werktätigen Volkes, den die Faschisten in die Bahn ihrer abenteuerlichen Kriegspolitik zu lenken versuchen, muß durch die antifaschistische Volksfrontbewegung zu einer gewaltigen Stoßkraft für den Sturz der Hitlerdiktatur werden. Die Parteikonferenz verweist hierbei auf die vom VII. Weltkongreß der PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD                                                           329 Kommunistischen Internationale in Betracht gezogene Möglichkeit und Not- wendigkeit der Bildung einer Regierung der proletarischen Einheitsfront oder der antifaschistischen Volksfront, die sich aus dem Aufschwung der Massen- bewegung unter den Bedingungen der politischen Krise bei dem Sturz der Hitlerdiktatur ergeben kann. Die endgültige Befreiung der werktätigen Massen von der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung kann nur durch die Aufrichtung der Sowjet- macht erfolgen, die allein die Klassenherrschaft der Ausbeuter stürzt, den Sozialismus aufbaut und dem ganzen Volke Freiheit und wachsenden Wohl- stand sichert. Der Kampf um den Frieden Die abenteuerliche und provokatorische Außenpolitik der Hitlerregierung, durch die das werktätige Volk Deutschlands über Nacht in den Krieg hinein- gerissen werden kann, steht im schärfsten Widerspruch zu seinen nationalen Interessen. Deutschland braucht Frieden und Zusammenarbeit mit den ande- ren Völkern, braucht vor allem eine Verständigung mit der Sowjetunion. Hit- lers Politik schafft dem deutschen Volke überall Feinde. Die Rassenhetze der Rosenberg und Goebbels wird in der ganzen Welt als der Machthunger des deutschen Imperialismus verstanden, der die Welt beherrschen will. Dem faschistischen Regime kommt es bei seinen Phrasen von Volks- und Blutver- bundenheit nur auf die Verschleierung dieser imperialistischen Ziele an. Das beweist auch der skrupellose Schacher, den Hitler mit den Deutschen in Süd- tirol, im Polnischen Korridor, in Oberschlesien treibt, durch den er sich Ver- bündete für seine Kriegspolitik erkaufen will. Wir Kommunisten sind für die restlose Beseitigung des Versailler Diktats und für die freiwillige Wiedervereinigung aller durch dieses Diktat ausein- andergerissenen Teile des deutschen Volkes in einem freiheitlichen Deutsch- land. Das soll nicht durch den Krieg, sondern auf dem Wege einer friedlichen Verständigung mit den Nachbarvölkern erfolgen. Hitlers Politik treibt aber das deutsche Volk in den Krieg und führt zu einer neuen Niederlage. Wir Kommunisten wollen das deutsche Volk vor den Schrecken und den unabseh- baren Opfern eines neuen imperialistischen Weltkrieges bewahren. Wir wol- len den Hauptkriegstreiber, den Hitlerfaschismus, vernichten ... Die organisatorischen Aufgaben der Partei Die durch die veränderte Lage in Deutschland erforderliche neue taktische Orientierung der Partei stellt auch die Organisations- und Kaderfrage auf neue Art. Die Parteiorganisation ist so umzugestalten, daß sie befähigt wird, die Massenarbeit innerhalb und außerhalb der faschistischen Organisationen 33° DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION und der Betriebe durchzuführen. Das macht den Aufbau der Parteiorgani- sation hauptsächlich in den faschistischen Massenorganisationen und in den Betrieben und die Anpassung ihrer Formen an deren Struktur notwendig. Die Mitglieder der bisherigen Straßenzellen sollen im allgemeinen in die faschistischen Massenorganisationen überführt werden. Es ist großes Gewicht darauf zu legen, daß alle unsere Mitglieder in den faschistischen Organi- sationen, insbesondere in der »Arbeitsfront« und im Betrieb, organisiert sind. Die Betriebszellen der Partei müssen zum organisierenden Zentrum des anti- faschistischen Kampfes in den Betrieben werden. Ferner ist eine grundlegende Umstellung der Methoden unserer Massen- arbeit in allen Organisationen, die Ausnutzung aller legalen und halblega- len Möglichkeiten und die Verknüpfung der legalen mit der illegalen Arbeit notwendig, wobei die größte Aufmerksamkeit auf die Sicherung der Partei- mitglieder vor den faschistischen Spitzeln und Verfolgungen gelegt werden muß. Durch die Übernahme von legalen Funktionen in den faschistischen Massenorganisationen werden unsere Genossen am besten in der Lage sein, eine legale Massenarbeit zu leisten und sich gleichzeitig vor den Verfolgern zu schützen. Die illegalen Bedingungen unserer Massenarbeit erfordern die größte Elastizität in den Formen des Parteiaufbaus und auch in der Form der Leitung. Es ist die stärkste Dezentralisation erforderlich. Manchmal wird es sogar nötig sein, vollständig von der bisherigen Organisationsstruktur abzu- gehen und verschiedene selbständige Organisationen aufzubauen. Dabei ist die Frage der Verbindungen aller Organisationseinheiten mit den übergeord- neten Parteiinstanzen und umgekehrt von größter Bedeutung, wofür ebenfalls neue Formen und Methoden gefunden werden müssen, um die schnellste Über- mittlung von Direktiven und Berichten zu sichern und die Aktionsfähigkeit der Partei zu gewährleisten ... Der Kampf gegen die Abweichungen von unserer revolutionären Linie, vor allem gegen das in der Partei noch eingewurzelte Sektierertum, gegen das Unverständnis für die Notwendigkeit der neuen taktischen Orientierung in unserer Massenarbeit, gegen den Rechtsopportunismus muß mit aller Gründ- lichkeit und Beharrlichkeit geführt werden. Dabei soll die Methode der kameradschaftlichen Überzeugung und nicht die Methode der Ausstoßung von Kräften, die zur Zerreißung und Gefährdung unserer inneren Geschlos- senheit führt, angewandt werden. Jedem Genossen, der einen Fehler machte und ihn anerkennt, soll die Gelegenheit gegeben werden, seinen Fehler durch die Arbeit für die Partei zu korrigieren. Schonungslos müssen aber jene be- kämpft werden, die hartnäckig an ihren Fehlern festhalten und die Partei zu desorganisieren versuchen. Ebenso muß mit aller Rücksichtslosigkeit parteifeindlichen, konterrevolutionären Einflüssen, vor allem denen des Trotz- kismus, entgegengetreten werden . .. Die Aufgaben sind der Partei gestellt. Die Beschlüsse des VII. Weltkon- PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD 331 gresses der Kommunistischen Internationale und der 4. Parteikonferenz^ stellen der Partei als zentrale Aufgabe die Schaffung der Einheitsfront in der Arbeiterklasse und der antifaschistischen Volksfront aller Werktätigen. Durch die Organisierung und Führung des Kampfes in den Betrieben, in den Mas- senorganisationen, in den Wohnvierteln, im Dorfe, durch die Schaffung der Aktionseinheit aller Werktätigen wird der Sturz der Hitlerdiktatur in Deutschland herbeigeführt werden. Dokumente zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands aus den Jahren 1935 bis 1939 Hrsg, von der SED, Berlin o. J. (1946) S. 22-35. 99- RESOLUTION DER »BERNER« KONFERENZ DER KPD (1939)87 88 Die drohende Kriegs- und Wirtschafts Katastrophe Die Entwicklung seit der Eroberung Österreichs und der Annexion des Su- detengebietes bestätigt die Feststellung der Resolution des ZK vom Mai 1938, daß die Losungen des Hitlerregimes: »Großdeutschland« und »Selbstbestim- mungsrecht des deutschen Volkes« nur ein Vorwand zur Durchführung der Eroberungspläne gegen andere Völker und zur imperialistischen »Neuvertei- lung« der Welt durch den Faschismus sind. Den Sieg von München aus- nützend, den er nur infolge der Hilfsstellung der englischen und französi- schen Reaktion erringen konnte, versucht das Hitlerregime, im Bunde mit Mussolini, mit allen Mitteln das heldenmütige spanische Volk niederzuringen. Spanien soll in eine Kolonie des deutschen und italienischen Faschismus ver- wandelt werden, um dem französischen Volk die Pistole auf die Brust zu setzen und durch Kriegsdrohungen von ihm die Preisgabe französischer 87. Die »Brüsseler« Konferenz wurde zunächst 4. Parteikonferenz genannt (die vorhergehenden Parteikonferenzen hatten 1925, 1928 und 1932 stattgefunden). Spä- ter bezeichnete man sie jedoch als XIII. Parteitag (vgl. Anhang: Die Parteitage der KPD - SED). 88. Nähere Einzelheiten über die als Berner Konferenz bezeichnete Tagung sind im Anhang (Seite 640) zu finden. Die Resolution der Konferenz ist nur auszugsweise wiedergegeben. 332 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Gebiete zu erpressen. In seiner Rede vom 30. Januar 1939 hat Hitler zum ersten Male seine verbrecherische Intervention in Spanien öffentlich einge- standen und seine Bereitschaft erklärt, das deutsche Volk für die Eroberungs- politik Mussolinis in den Krieg gegen Frankreich zu treiben. Gleichzeitig setzt das Hitlerregime in brutalster Weise die Politik der Versklavung der kleinen Völker fort, droht, jeden Widerstand dieser Völker mit militärischen Maßnahmen zu brechen, verlangt Kolonien, um sie als militärische Stütz- punkte für den Krieg auszubauen, und bereitet seine Anschläge gegen die Sowjetunion vor.' Im Westen wie im Osten schafft daher das Hitlerregime eine Lage, wo über Nacht das deutsche Volk in die Katastrophe gestürzt werden kann, — eines Krieges gegen die gewaltige Front aller von Hitler und der Kriegsachse bedrohten und angegriffenen Völker . .. Der Kampf um die Rettung der deutschen Nation Diese Politik des Hitlerfaschismus dient nicht den nationalen Interessen Deutschlands, sondern den Interessen der großen Rüstungskapitalisten und der Nazibürokratie. Sie ist in Wirklichkeit ein Verrat an den Interessen des deutschen Volkes und bedroht die Existenz der deutschen Nation. Denn der Versuch der Nazidiktatur und der Kriegsachse, den Völkern ein faschistisches Versailles aufzuzwingen, muß ebenso unweigerlich Schiffbruch erleiden, wie das seinerzeit über Deutschland verhängte Versailles und kann nur in einem furchtbaren und hoffnungslosen Krieg enden. Daher erklärt die Berner Konferenz der KPD, daß der Kampf gegen den Krieg, für den Sturz des Kriegstreibers Hitlers die höchste nationale Aufgabe aller Deutschen ist... Die Berner Konferenz der KPD erklärt, daß die Politik des Hitlerregimes gegen die Sowjetunion der niederträchtigste Verrat an den nationalen Inter- essen Deutschlands ist. Die Sowjetunion war nach der Niederlage Deutsch- lands im Weltkrieg, trotz der barbarischen Handlungen der Armeen Kaiser Wilhelms in der Ukraine, der einzige Freund Deutschlands, der unversöhnliche Gegner des Diktats von Versailles, das von Lenin und Stalin als unvereinbar mit der Größe des deutschen Volkes bezeichnet wurde. Die Sowjetunion hat seit ihrer Existenz bewiesen, daß von ihrer Seite Deutschland niemals eine Gefahr droht. Die Sowjetunion hat in den Zeiten der Isolierung Deutsch- lands durch den Versailler Vertrag der deutschen Wirtschaft Milliarden-Auf- träge gegeben und die Beschäftigung von hunderttausenden von Arbeitern ermöglicht. In der Sowjetunion genießen die Werktätigen mit Bewunderung die unsterblichen Werke der großen deutschen Geisteshelden. Gegen dieses Land mit seinen 180 Millionen Menschen, mit seiner gewaltigen sozialistischen Industrie und Landwirtschaft, mit seinen unerschöpflichen Rohstoff- und PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD 333 Lebensmittelquellen, mit seinen gewaltigen Goldschätzen, mit der stärksten Armee der Welt, verbunden mit jahrelanger erprobter Freundschaft mit dem deutschen Volke, geliebt von der deutschen Arbeiterklasse, ein unversöhn- licher Feind der Unterdrückung anderer Völker — gegen ein solches Land eine Politik der Feindschaft zu betreiben und das deutsche Volk in den Krieg jagen zu wollen, ist nationale Katastrophenpolitik. Das deutsche Volk muß auch durchschauen, daß die reaktionären Groß- kapitalisten in England und Frankreich versuchen, Hitler als Gendarm und das deutsche Volk als Kanonenfutter gegen die Sowjetunion zu benutzen, mit der Absicht, nicht nur die Sowjetunion, sondern auch Deutschland zu schwä- chen. Das deutsche Volk darf sich niemals dazu hergeben, gegen die sozialistische Sowjetunion zu kämpfen. Im Kriegsfälle muß und wird es alle Mittel an- wenden, um durch seine selbständige Aktion, im Bündnis mit der Roten Armee, den Faschismus zu stürzen, den Frieden und die Freiheit Deutschlands zu erkämpfen. Es ist besonders die heilige Pflicht der Kommunisten und Sozialisten, die Wahrheit über die große sozialistische Macht zu verbreiten und die Lügen- hetze der Faschisten, ihrer trotzkistischen Agenten und aller ihrer Feinde zunichte zu machen. Die Kommunistische Partei Deutschlands erklärt: Wenn es trotz aller Anstrengungen der Hitlergegner nicht möglich ist, den von Hitler gegen an- dere Völker provozierten Krieg zu verhindern, liegt es im nationalen Inter- esse des deutschen Volkes, ihn schnellstens und mit allen Mitteln durch den Sturz des Hitlerregimes zu beenden. Denn nur dadurch kann sich das deutsche Volk vor den grauenhaften Folgen eines solchen Krieges für Blut und Gut, für die ganze Existenz der Nation retten. Das befreite deutsche Volk wird dann auch die Kraft haben, gestützt auf eine wirkliche Volksarmee, im Bunde mit der Sowjetunion, der internatio- nalen Arbeiterklasse, der französischen Volksfront, mit allen friedens- und freiheitsliebenden Völkern und Kräften, alle etwaigen imperialistischen An- schläge gegen ein freies Deutschland abzuschlagen ... Die Volksfront - Der Weg zum Sturz Hitlers Die Berner Konferenz der KPD stellt mit tiefer Besorgnis fest, daß die Zu- sammenfassung der antifaschistischen Kräfte in der Volksfrontbewegung in keiner Weise den Notwendigkeiten und Möglichkeiten entspricht. Das Hitlerregime kann noch immer über die Uneinigkeit seiner Gegner, zu denen sich aus allen Schichten des Volkes immer neue gesellen, triumphieren. Noch immer kann es Gegensätze aus der Vergangenheit und weltanschau- 334 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION liehen Differenzen zwischen seinen Gegnern ausnutzen, um nach dem Grund- satz: »Teile und herrsche« seine Macht aufrechtzuerhalten. Noch immer ver- hindern enge Partei- und Gruppeninteressen Spekulationen auf »Revolution von oben«, auf Militärdiktatur, auf Koalitionspolitik, die schon unter Wei- mar bankrott gemacht hat, sowie der planmäßig gezüchtete »Kommunisten- schreck« die Einigung aller Hitlergegner. Das ZK der KPD wiederholt ausdrücklich vor allen Sozialdemokraten, vor allen verantwortungsbewußten Deutschen, daß die Politik der Kommu- nistischen Partei Deutschlands fest und gradlinig darauf gerichtet ist, in eng- ster Gemeinschaft mit allen friedens- und freiheitsliebenden Deutschen Hitler zu stürzen und an die Stelle der Hitlerdiktatur eine vom ganzen Volk frei gewählte Volksregierung in eine neue demokratische Republik zu setzen. Die Berner Konferenz der KPD erklärt, daß die Rettung Deutschlands vor der Katastrophenpolitik des Hitlerregimes die Unterordnung der Sonder- interessen aller Hitlergegner unter das Gesamtinteresse der deutschen Nation erheischt.. . Diese in allen Schichten des Volkes anwachsende Opposition und die zuneh- menden Widerstandsbewegungen gegen das Hitlerregime zu einer breiten ein- heitlichen Volksbewegung zusammenzufassen und weiter zu entwickeln — das ist die entscheidende Aufgabe aller Anhänger der deutschen Volksfront. Die Berner Konferenz der KPD stellt daher vor alle Antifaschisten, ins- besondere vor die Kommunisten, die sich für die Schaffung der Volksfront besonders verantwortlich fühlen müssen, folgende Hauptaufgaben: Entwicklung der intensiven, in allen Schichten des Volkes zu führenden Propaganda für den Frieden, für die freiheitlichen und materiellen Forde- rungen, für die Einigung des deutschen Volkes in der Volksfront, für den Kampf um eine neue demokratische Republik. Gegenseitige Unterstützung, Rat und Hilfe in den Widerstandsbewegungen der einzelnen Schichten und Entwicklung ihres gemeinsamen Kampfes. Die Arbeiter müssen systematisch die engste Verbindung mit den Bauern, Mittelständlern und Intellektuellen entwickeln ... Die Antifaschisten dürfen der erbärmlichen Judenhetze des Regimes nicht die geringsten Konzessionen machen, sondern müssen überall der Judenhetze aufklärend entgegentreten, die pogromistischen Anhänger im Volke isolieren und die jüdischen Mitbürger moralisch und materiell nach Kräften unter- stützen. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen den Krieg und zur Befreiung des ganzen Volkes vom Joch der Hitlerdiktatur. Angesichts der Gefahr der wachsenden Katholikenverfolgung ist es eine dringende Pflicht, den katholischen Leidensgefährten die Hand zum gemein- samen Kampf zu geben und ihnen gegen Anschläge des Hitlerregimes auf ihren Glauben und ihre kirchlichen Einrichtungen mit allen Mitteln beizu- PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD 335 stehen. Die Kommunisten und die nichtkatholischen Antifaschisten müssen sich von allen sektiererischen Hemmungen gegenüber den Katholiken befreien und die engste Kampfgemeinschaft mit den früheren Anhängern des Zen- trums und der christlichen Gewerkschaften herstellen. Kein Kommunist und kein Antifaschist darf sich darin durch die Haltung einiger Bischöfe und katholischer Politiker beirren lassen, die die verhängnisvolle Politik des sogenannten Zweifrontenkrieges »gegen Faschismus und Bolschewismus«, trotz all der gemachten schlechten Erfahrungen fortsetzen, eine Politik, die, wie das Beispiel Innitzers zeigt, zu katastrophalen Erfolgen für die Katho- liken führt... Die neue demokratische Republik Auf Grund der ganzen letzten Entwicklung wächst nicht nur die Opposition gegen einzelne Maßnahmen des Hitlerregimes, sondern die Stimmung »Hit- ler muß weg — so kann es nicht weitergehen — es gibt keine Ruhe, solange die am Ruder sind«, verbreitet sich im Volk. In allen Schichten wächst die Sehn- sucht nach einem Regime und einer Regierung, unter der man nicht immer in ständiger Furcht vor dem Ausbruch des Krieges, vor der Gestapo, vor neuen, das Leben umstürzenden Maßnahmen bangen muß und in der man mit Zu- versicht der Zukunft entgegensehen kann. Aber es besteht noch wenig Klarheit darüber, was nach Hitler kommen soll. Die Verschiedenheit der Auffassungen und Meinungen ist zweifellos ein großes Hemmnis für die Zusammenfassung aller oppositionellen Kräfte in der Volksfrontbewegung. Die Schaffung einer einmütigen Meinung darüber, was nach Hitler kommen soll und der Verständigung über ein gemeinsames Programm für das neue Regime ist daher eine dringende Aufgabe aller Hit- lergegner. Diese Verständigung ist nicht nur eine Aufgabe für die Zukunft, sondern würde helfen, die Einigung aller Hitlergegner zum gemeinsamen heutigen Kampf gegen die Nazidiktatur herbeizuführen. Sie würde helfen, breite Schichten, die infolge der Zersplitterung keinen Ausweg sehen, zu ermutigen und der Bewegung der Millionen Hitlergegner Richtung und Ziel zu geben ... Angesichts der Sonderbestrebungen und Hemmungen, die der Einigung der Hitlergegner noch im Wege stehen, stellt die KPD vor allen Hitlergegnern und dem gesamten deutschen Volk ein Programm über den Charakter der neuen demokratischen Republik zur Diskussion, auf das sich alle Gruppen der Hitlergegner zum gemeinsamen Kampf einigen können. Die Grundforderun- gen dieses Programms sind folgende: Aufhebung aller volksfeindlichen Gesetze. Persönliche und politische Freiheit für alle Bürger, ohne Unterschied der Herkunft, des Standes, der Rasse und der Religion; volle Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der $$6 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Organisationen, der Presse und der Versammlung; Freiheit der Lehrtätigkeit, der wissenschaftlichen Forschung und künstlerischen Gestaltung, Wiederher- stellung des freien, gleichen und direkten Wahlrechts; Selbstbestimmungs- recht für das österreichische Volk und die Bevölkerung in allen von Hitler annektierten Gebieten. Enteignung der faschistischen Trustkapitalisten, Durchführung einer Wirtschaftspolitik, die der Hebung des Volkswohlstandes und dem Frieden dient, anstelle der heutigen wirtschaftszerstörenden Rüstungs- und Autarkie- politik der nationalsozialistischen Diktatur. Schutz des bäuerlichen und mit- telständischen Eigentums, demokratische Bodenreform zugunsten der Bauern und Landarbeiter. Sicherung einer Außenpolitik, die die Einheit und Unabhängigkeit Deutschlands und die Lebensrechte des deutschen Volkes in jeder Hinsicht ge- währleistet und für die Erhaltung des Friedens im Geiste der Völkerverstän- digung wirkt. Die neue demokratische Republik wird die Schwächen der Weimarer Republik gegenüber der Reaktion nicht wiederholen, eine gründliche Demo- kratisierung des Staatsapparates durchführen und solche Maßnahmen zur Verteidigung der neu errungenen Freiheit treffen, die eine Wiederkehr der faschistischen Tyrannei ein für allemal unmöglich machen. Die Einheitsfront und die Schaffung der Einheitspartei der deutschen Arbeiterklasse Die deutsche Arbeiterklasse war noch nicht geeinigt und daher auch nicht vor- bereitet, um sich in den Septembertagen an die Spitze der elementaren Mas- senopposition gegen den Krieg zu stellen. Die Kommunisten und die aktiv- sten Kader der Sozialdemokraten haben daraus mit Recht die Lehre gezogen, daß die Ursache dafür vor allem in der Schwäche der sozialdemokratisch- kommunistischen Einheitsfront lag. Im Lichte dieser Erfahrungen und ange- sichts der Entwicklung der neuen Kriegsgefahr erweist sich die volle Richtig- keit der Feststellung des ZK der KPD in der Mai-Resolution, daß die Arbei- terklasse ihre historische Mission, die führende Kraft gegen das Hitlerregime zu sein, nur dann wird erfüllen können, wenn sie selbst einheitlich und geschlossen auf tritt: »Somit ist die Herstellung der Einheit der deutschen Arbeiterklasse zur Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk und für die deutsche Zukunft geworden.« (Mai-Resolution 1938 des ZK der KPD.)... Die Berner Konferenz weist nachdrücklich auf die Mai-Resolution des ZK der KPD hin: »Wir Kommunisten sind überzeugt, daß im Prozeß gegen das Hitlerregime auch die einheitliche revolutionäre Partei der deutschen Arbei- terklasse geschaffen werden muß.« PROGRAMMATISCHE DOKUMENTE DER KPD 337 Die Berner Konferenz der KPD ist der Auffassung, daß eine gemeinsame Aktionsplattform zum Sturz Hitlers und zur Schaffung einer neuen demo- kratischen Republik die Grundlage dieser Vereinigung sein kann. Das ZK der KPD stellt die Frage der Schaffung der Einheitspartei zur Diskussion vor der gesamten deutschen Arbeiterklasse und fordert insbesondere die Kommuni- sten und Sozialdemokraten auf, sich dazu zu äußern, sich zu verständigen und, wo die Verständigung zwischen einer sozialdemokratischen Organisa- tion und einer kommunistischen Organisation (Betrieb, Ort usw.) zur ein- heitlichen Auffassung erfolgt ist, auch einheitliche Organisationen der zu- künftigen Einheitspartei der deutschen Arbeiterklasse zu schaffen. Die Berner Konferenz der KPD wendet sich mit ihren Vorschlägen zur Schaffung der Einheitsfront und Einheitspartei auch an den Parteivorstand und die übrigen Führer der sozialdemokratischen Emigration. Die Lage er- laubt nicht, daß die Führer in der sozialdemokratischen Emigration im Ge- gensatz zu dem wachsenden Einheitswillen der Arbeiter im Lande die wieder- holten Einheitsfrontangebote der KPD ablehnen oder weiter mit Schweigen übergehen. Zweifellos tragen die Führer der sozialdemokratischen Emigra- tion mit ihrer Politik des Abwartens und des Kampfes gegen die Einheits- front eine große Schuld an der Schwäche der Einheits- und Volksfrontbewe- gung ... Die Berner Konferenz der KPD appelliert an jeden einzelnen Kommuni- sten, immer daran zu denken, daß er die Partei repräsentiert, daß es von seinem Verständnis für die Politik der Partei, von seiner Treue zur Partei, von seiner Zähigkeit und Initiative abhängt, in welchem Maße und Tempo die Politik der Partei zum Gemeingut der Massen wird. Jeder Kommunist muß es als seine Pflicht betrachten, die noch nicht aktiven Genossen in die Arbeit einzureihen, Verbindungen mit anderen Antifaschisten herzustellen und helfen, Parteigruppen und Parteileitungen in den Betrieben und Massen- organisationen aufzubauen. Damit die Partei ihre großen Aufgaben erfüllen kann, muß unter strengster Einhaltung der Konspiration ein Netz von Par- teiverbindungen, Parteileitungen und Stützpunkten im ganzen Lande ge- schaffen werden. Denn zur Durchführung ihrer Politik braucht die Partei eine starke Organisation. Jedes Mitglied der Partei muß die größte Wachsamkeit gegen das Eindrin- gen der Gestapo, der Trotzkisten und aller andern Parteifeinde in die Partei- organisation entfalten. Die Berner Konferenz ruft die gesamte Partei auf, alles zu tun, um die trotzkistischen Agenten des Faschismus vor dem werk- tätigen Volk zu entlarven und dort, wo sie sich in die Reihen der Antifaschi- sten eingeschlichen haben, zu vertreiben und unschädlich zu machen. Die Verbesserung der Schulungsarbeit im Geiste von Marx-Engels-Lenin- Stalin, vor allem durch die Entwicklung und Anleitung zum Selbststudium, wird von immer größerer Bedeutung für die Kader und für jeden Kommuni- 338 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION sten. Nur mit Hilfe des Kompasses der revolutionären Theorie ist die Partei, jede Parteiorganisation, jeder Kommunist imstande, sich in den komplizier- ten Situationen zurechtzufinden, die ganze Lage und alle Tendenzen der Ent- wicklung rechtzeitig zu übersehen, den Ereignissen nicht hilflos gegenüber- zustehen, sich durch keine Mißerfolge und Rückschläge kleinkriegen zu lassen und jede Möglichkeit für den Kampf auszunutzen. Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Stolz auf ihre heldenmütigen Kämpfer, vertrauend auf die Kraft der deut- schen Arbeiterklasse und den Freiheitswillen des deutschen Volkes erwartet die Parteikonferenz von allen Kommunisten, daß sie mit Kühnheit, Zähigkeit und unbeirrbarem Siegesbewußtsein alle ihre Kräfte zur Lösung der gestell- ten Aufgaben einsetzen und im Befreiungskämpfe des deutschen Volkes im- mer in den ersten Reihen kämpfen werden. Die KPD sieht mit Stolz auf die vergangenen zwanzig Jahre Kampf im Interesse der deutschen Arbeiter und des deutschen Volkes zurück. Sie senkt ihre Fahnen im Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, im Ge- denken an die zahllosen Kämpfer, die ihr Leben für die große Sache der Be- freiung der Menschheit opferten! Die Berner Konferenz der KPD sendet heiße Grüße dem Führer der Par- tei, unserem geliebten Genossen Ernst Thälmann, in dessen Geiste der Stand- haftigkeit, der Treue, der nie versiegenden Zuversicht der Kommunisten ihre Arbeit durchführen. Heiße Grüße auch den vielen anderen teuren Genossen in den Zuchthäu- sern und Konzentrationslagern. Wir geloben, daß wir nicht rasten noch ruhen werden, bis wir sie und alle Opfer des Hitlerregimes befreit haben. Heiße Grüße den deutschen Freiheitskämpfern, die in den Internationalen Brigaden dem spanischen Volke im Kampf um seine Freiheit zur Seite standen und damit zugleich die Freiheit und die Ehre des deutschen Volkes verteidigten. Heiße Grüße all den zahllosen heldenmütigen antifaschistischen Kämpfern und Kämpferinnen, in den Betrieben und Gruben, unter den Intellektuellen, unter dem Mittelstand und den Bauern, unter der Jugend und in der Armee! Dokumente zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands aus den Jahren 1935 bis 1939 Hrsg, von der SED, Berlin o. J. (1946) S. 36-46. B. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 100. AUFRUF DER KPD VOM 30. JANUAR 1933 ZUM GENERALSTREIK Hitler Reichskanzler! Papen Vizekanzler! Hugenberg Wirtschaftsdiktator! — Die Frick und Göring an der Spitze der Polizei — Stahlhelm-Seldte Arbeits- minister — dies neue Kabinett der offenen faschistischen Diktatur ist die bru- talste unverhüllteste Kriegserklärung an die deutsche Arbeiterklasse, an das werktätige Volk! Die Betrugsmanöver des »sozialen« Generals sind zu Ende. Die Zuspitzung der Krise, der machtvolle, revolutionäre Aufschwung der Massen zwingt die Bourgeoisie, das nackte Gesicht ihrer Diktatur mit äußer- ster Brutalität zu enthüllen. An die Stelle der »sozialen« Phrasen treten Ba- jonette der Reichswehr und die Revolver der mordenden SA- und SS-Kolon- nen. Schamloser Raub der Löhne, schrankenloser Terror der braunen Mord- pest, Zertrampelung der letzten spärlichen Überreste der Rechte der Arbeiter- klasse! Hemmungsloser Kurs auf den imperialistischen Krieg — das alles steht unmittelbar bevor! Die Partei der deutschen Arbeiter, die Partei der Streiks gegen Lohnraub, der Verteidigung der Interessen aller Werktätigen, des Kampfes für die Frei- heit der Arbeiterklasse und für den Sozialismus — die KPD will man ver- bieten. Die Kampforganisation der proletarischen Jugend, der KJVD, die Massen- kampforganisation, die den Kampf gegen Lohnraub und Unternehmerwill- kür führt, die RGO, sollen verboten werden. Diese faschistischen Anschläge sollen den Kurs auf die volle Zerschlagung aller Arbeiterorganisationen Deutschlands einleiten. Das blutige barbarische Terrorregime des Faschismus wird über Deutsch- land aufgerichtet. Massen, laßt nicht zu, daß die Todfeinde des deutschen Volkes, die Todfeinde der Arbeiter und armen Bauern, der Werktätigen in Stadt und Land ihr Verbrechen durchführen! Setzt euch zur Wehr gegen die Anschläge und den Terror der faschistischen Konterrevolution! Verteidigt euch gegen die schrankenlose soziale Reaktion der faschistischen Diktatur! Heraus auf die Straße! Legt die Betriebe still! Antwortet sofort auf den Anschlag der faschistischen Bluthunde mit dem Streik, mit dem Massenstreik, mit dem Generalstreik! 340 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Arbeiter, Arbeiterinnen, Jungarbeiter! Nehmt in allen Betrieben, in allen Gewerkschaften, in allen Arbeiterorganisationen, auf allen Stempelstellen so- fort Stellung für den Generalstreik gegen die faschistische Diktatur. Beschließt die Arbeitsniederlegung. Beschließt Massendemonstrationen, wählt Einheitskomitees und Streikleitungen, organisiert den Kampf. Die Kommunistische Partei Deutschlands wendet sich vor der gesamten proletarischen Öffentlichkeit mit diesem Aufruf zugleich an den ADGB, an den AFA-Bund, an die SPD und die christlichen Gewerkschaften mit der Aufforderung, gemeinsam mit den Kommunisten den Generalstreik gegen die faschistische Diktatur der Hitler, Hugenberg, Papen, gegen die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen, für die Freiheit der Arbeiterklasse durchzuführen! Die KPD appelliert an die Millionen der sozialdemokratischen, freigewerk- schaftlichen, christlichen und Reichsbannerarbeiter in Stadt und Land wie an die unorganisierten Arbeitermassen! Führt gemeinsam mit euren kommuni- stischen Klassengenossen in allen Betrieben und Arbeitervierteln die Massen- demonstration, den Streik, den Massenstreik, den Generalstreik durch! Helft den Kommunisten, die übrigen Massen, die armen Bauern auf dem Lande, die Mittelschichten, die Intellektuellen in den Städten zur Unterstützung des Kampfes für die Freiheit der Arbeiterklasse zu mobilisieren! Schart euch um die bedrohte Kommunistische Partei, um den KJVD, um die RGO, erkennt, daß der Schlag gegen das revolutionäre Proletariat ein Schlag gegen die ganze deutsche Arbeiterklasse ist. Es lebe die proletarische Einheitsfront gegen die faschistische Hitler-Diktatur! Fort mit den Hitler, Papen, Hugenberg! Es lebe der Generalstreik! Es lebe der Kampf für die Freiheit der Arbeiterklasse! Es lebe der Kampf für eine Arbeiter- und Bauernrepublik! Berlin, 30. Januar 1933 Kommunistische Partei Deutschland Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Basel, Nr. 2, Februar 1933. IOI. ERKLÄRUNG DES ZK DER KPD ZUM REICHSTAGSBRAND Das Zentralkomitee der KPD sandte am 1. März an die Presse eine Erklä- rung, in der aufs schärfste zurückgewiesen wird, daß es mit der Brandstiftung im Reichstag irgend etwas zu tun hätte. In der Erklärung heißt es: DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 341 »Die Arbeiterklasse und die werktätige Bevölkerung wissen, auf welchen Wegen die Kommunistische Partei den Kampf führt. Die Erklärungen ver- schiedener Parteien in den letzten Wochen haben gezeigt, wer ein Interesse daran hat, daß der Reichstag nicht wieder zusammentritt. Unter den heutigen faschistischen Bedingungen der Hitlerregierung kämpft gerade die KP als einzige Partei um die Verteidigung der letzten Reste »demokratischer Frei- heit«. Die sechs Millionen kommunistischer Wähler wissen, daß die KPD unter Führung ihres ZK und unter Führung des Genossen Thälmann sich stets gegen den individuellen Terror und erst recht gegen einen solchen der Brand- stiftung gewendet hat. Die Pressemeldungen, daß im Reichstag eine kommu- nistische Konferenz stattgefunden habe, sowie die Behauptung, daß der Ver- haftete Lubbe Mitglied der KP Hollands wäre, entsprechen nicht den Tat- sachen.« Im übrigen wird in der Erklärung als merkwürdig bezeichnet, daß ein Mann, der angeblich seine Kleidungsstücke zur Brandstiftung benützte, das Mitgliedsbuch irgendwo bei sich gehabt haben soll. Die Erklärung weist auf Ähnlichkeit dieser Brandstiftung mit der Brandstiftung in Großbeeren sowie bei der Besetzung von Gewerkschaftshäusern hin. Die bürgerlichen Pressemeldungen erinnern lebhaft an den »Sinowjew- brief«8?, der seinerzeit vor den Wahlen 1926 in England fabriziert wurde, sowie an die Meldungen über das Jüterboger Eisenbahnattentat und Ähn- liches. Die KPD appelliert an die gesamte Arbeiterklasse, diese Vorgänge durch Kampfmaßnahmen in den Betrieben, Stempelstellen zu beantworten. Die KPD hat weiter an den ADGB, das Reichsbanner und alle Arbeiterorganisa- tionen appelliert, alle Kräfte gegen den Faschismus einzusetzen. Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Basel, Nr. 3, 1. März 1933 Im Oktober 1924 (nicht 1926, wie es irrtümlich in der Erklärung der KPD heißt) wurde ein sogenannter Sinowjew-Brief in London veröffentlicht. Es soll sich um ein Schreiben Sinowjews vom 15. September 1924 an das ZK der britischen Kommunisten gehandelt haben. Der Brief führte zu heftigen Kontroversen zwischen der sowjetischen und britischen Regierung. Da der Brief während des Wahlkampfes in Großbritannien auftauchte und wahrscheinlich dazu beitrug, daß die Regierung Macdonald (Labourparty) die Wahlen verlor, tauchten sofort Zweifel an seiner Echt- heit auf. Auch einige formale Fehler des Briefes nährten die Vermutung, daß es sich um eine Fälschung handle. 342 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION 102. ENTSCHLIESSUNG DES ZK DER KPD »ZUR LAGE UND DEN NÄCHSTEN AUFGABEN« (MAI 1933) Das Zentralkomitee weist mit Genugtuung auf die Feststellung des EKKI hin, daß die Politik der KPD unter Führung des Genossen Thälmann bis zum 30. Januar richtig war und daß das EKKI die Maßnahmen der Partei seit dem 30. Januar als Fortführung der richtigen Generallinie unserer Partei feststellt... Aber das Proletariat konnte die bis zu den wildesten Provokationen ge- steigerten Angriffe des Faschismus noch nicht durch revolutionäre Massen- aktionen abwehren und selbst zu entscheidenden Machtkämpfen übergehen, weil die Mehrheit des Proletariats, insbesondere in den Betrieben und Ge- werkschaften, noch unter dem Einfluß der sozialfaschistischen Führer stand, weil die KPD noch nicht stark und manövrierfähig genug war, um gegen den Widerstand der sozialfaschistischen Bürokratie große Massenaktionen aus- zulösen. Dem sozialdemagogischen Schleicher-Regime, dem die Gewerkschafts- bürokratie umfassende und erfolgreiche Hilfsdienste leistete, gelang es, eine weitere Steigerung der Streikbewegung über den Höhepunkt des Berliner Verkehrsarbeiterstreiks hinaus zu unterbinden und damit unmittelbar die Hitler-Regierung vorzubereiten. Bei dieser Lage war es für die Partei unmöglich, allein mit der revolutionä- ren Avantgarde des Proletariats, ohne die Massengefolgschaft der Mehrheit der entscheidenden Schichten des Proletariats einen von vornherein zur Nie- derlage verurteilten aussichtslosen Kampf gegen die faschistische Diktatur aufzunehmen. Das ZK handelte richtig, wenn es sich das Gesetz des Handelns durch die wilden Provokationen des Klassenfeindes nicht vorschreiben ließ, wenn es eine Politik der Abenteuer ablehnte. Die Voraussetzungen für den siegreichen Aufstand des Proletariats, die von Lenin in klassischer Form analysiert wurden, waren in Deutschland zwar im Keime vorhanden, aber noch nicht ausgereift. Unter diesen Umständen mußte für das ZK der Partei Lenins Auffassung über die Rolle der Avant- garde des Proletariats in der Zeit des Heranreifens der Voraussetzungen der revolutionären Krise maßgebend sein: »Mit der Vorhut allein kann man nicht siegen. Die Vorhut allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten Massen die Avantgarde nicht direkt unterstützen oder wenigstens eine wohl- wollende Neutralität ihr gegenüber üben, wäre nicht nur eine Dummheit, sondern auch ein Verbrechen.« DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 343 Der Sieg der konterrevolutionären Partei des Faschismus hat die Arbeiter- klasse und ihre Partei vorübergehend zum Rückzug gezwungen. Aber nur Kapitulanten und Opportunisten können davon reden, daß die Arbeiter- klasse im Kampf gegen den Faschismus geschlagen sei, daß sie eine »Schlacht verloren« und eine »Niederlage erlitten« habe. Nur Abenteurer und Put- schisten können verlangen, daß die Partei in dieser Situation den bewaffneten Aufstand hätte proklamieren müssen. Alle Widersprüche des kapitalistischen Systems, deren Verschärfung in Deutschland den Übergang zur offenen faschistischen Diktatur erzwang, ent- wickeln sich unter der faschistischen Diktatur verschärft weiter und gehen einer gewaltsamen Sprengung der bestehenden ökonomischen und politischen Verhältnisse entgegen, wenn die Kommunistische Partei ihre Aufgabe als Führer und Organisator des revolutionären Massenkampfes auf bolschewi- stische Weise erfüllt. Trotz der absolut richtigen politischen Linie des ZK der KPD vor und während des Staatsstreiches Hitlers, trotz der Auswirkung des Versailler Diktats und der entscheidenden Verantwortung, die die Sozialdemokratie durch ihre jahrzehntelange Politik der Spaltung und Schwächung der Arbei- terklasse trägt, die durch die Kapitulation am 20. Juli 1932 und am 30. Ja- nuar 1933 gekrönt wurde, muß unsere Partei selbstkritisch alle Ursachen untersuchen, die die schnellere Entwicklung der subjektiven Voraussetzungen für die revolutionäre Krise gehemmt haben. Die entscheidende Schwäche unserer Parteiarbeit, in der die ungenügend fortgeschrittene Bolschewisierung unserer Partei zum Ausdruck kommt, liegt darin, daß die richtigen Beschlüsse der Führung der Partei, die Betriebe zum wirklichen politischen Zentrum der Parteiarbeit, zur Basis der Einheitsfront- politik zu machen, nur ungenügend in die Praxis umgesetzt wurden. Unsere Initiative zur Entfaltung der Teilkämpfe, zur revolutionären Mas- senarbeit in den Betrieben, Gewerkschaften und auf den Stempelstellen reichte nicht aus, um das Tempo der Entwicklung der revolutionären Kräfte mit dem der faschistischen Kräfte Schritt halten zu lassen. In der Durchführung der Einheitsfrontpolitik hemmte verschiedentlich die Starrheit und noch nicht genügende Manövrierfähigkeit das sofortige Reagie- ren auf konkrete Maßnahmen des Gegners, der Unternehmer, der Faschisten, der Sozialdemokratie. Trotz der richtigen Generallinie, die das XII Plenum des EKKI bestätigte, gelang es der Parteiführung nicht, die Schere zwischen richtigen Beschlüssen und ihrer richtigen Durchführung zu schließen. Das Freiheitsprogramm unserer Partei wurde nicht als wirkliches soziales und nationales Kampfprogramm ausgewertet. Die Tatsache, daß nicht unsere Partei, sondern Deutschnationale und Faschisten ein Volksbegehren gegen den Youngplan demagogisch einleiteten, hemmte vorübergehend unseren 344 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION Kampf gegen die nationale Demagogie des Faschismus. Unsere Agitation und Propaganda gegen Versailles, Dawes- und Youngplan, die Zerreißung Deutschlands, war nicht ausreichend, nicht umfassend und aufwühlend genug, um die Massen zur Verwirklichung unseres Freiheitsprogramms mitzureißen. Das ZK erinnert an die Feststellung des Genossen Thälmann auf dem Fe- bruarplenum über die hemmende Rolle, die der Opportunismus in der Praxis überall dort spielte, wo die Arbeiterfeindlichkeit der SPD- und Gewerk- schaftsführer unterschätzt wird, wo die Partei in Betriebs- und Gewerkschafts- arbeit, bei Lohnbewegungen, Betriebsrätewahlen, Oppositionsausschlüssen, Naziterror usw. zurückwich. Wenn auch der rechte Opportunismus die Hauptgefahr in der Durchset- zung der Generallinie der Partei bildet, so muß daneben mit Nachdruck hin- gewiesen werden auf den »links« maskierten Opportunismus, wie er in aller Klarheit nicht nur im Merkerschen Sektierertum (Theorie der »kleinen Zör- giebels«) zum Ausdruck kam, sondern vor allem 1931 von der Neumann- Gruppe in Widerspruch zu den Beschlüssen des ZK als offener Angriff auf den Parteiführer Thälmann unternommen wurde (Widerstand gegen den Preußen-Volksentscheid, Losungen der Neumann-Gruppe: Zertrümmert den ADGB, Beitragssperre, »keine Angst bei Gründung roter Verbände« usw.). Hinzu kommt noch die hemmende Rolle der Neumann-Gruppe, die in der ideologischen Massenoffensive gegen den Faschismus durch Theorien über die Unvermeidlichkeit der faschistischen Diktatur, Losungen wie »Schlagt die Faschisten ...«, durch Spekulationen auf Niederlagen der Partei in den Wahlkämpfen und durch aktiven Widerstand gegen die vom Genossen Thäl- mann geführte ideologische Offensive der Partei immer wieder Hemmungen bereitete, rückständige Stimmungen der Peripherie der Partei und des Klein- bürgertums zum Ausdruck brachte. Die organisatorische und politische Schwäche unserer Massenorganisationen, insbesondere der RGO und der roten Verbände, die ungenügende Verwirk- lichung der führenden Rolle der Partei in diesen Organisationen, die oft- malige Gleichsetzung der Arbeit dieser Organisationen mit der Arbeit der Partei, das alles führte zu einem Tempoverlust im antifaschistischen Kampf, der uns die Heranführung der Arbeitermassen über die politischen und wirt- schaftlichen Teilkämpfe zum politischen Massenstreik und Generalstreik nicht ermöglichte und die Organisierung und Auslösung von Widerstandsbewegun- gen und dem allgemeinen Massenwiderstand gegen die faschistische Diktatur gehemmt hat. Diese Schwächen und Fehler wurden von der Neumann-Gruppe planmäßig und gruppenmäßig gefördert. Die kleinbürgerliche Panikstimmung, die die offene faschistische Diktatur nicht nur als unvermeidlich, sondern sogar als »notwendiges Durchgangsstadium« zur proletarischen Diktatur ansah, die Unterschätzung der faschistischen Massenbewegung verbunden mit einer DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 345 feindlichen Einstellung zu den Massen der sozialdemokratischen Arbeiter be- deutete den Verzicht auf die ideologische Offensive gegen den Faschismus, hemmte die Klärung der Probleme des Kampfes gegen den Faschismus (z. B. der Ablehnung des individuellen Terrors) und erschwerte zugleich die Orga- nisierung des wehrhaften Massenkampfes zur Verteidigung der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen. Die sektiererische Politik der Neumann-Gruppe im Kommunistischen Ju- gendverband, verbunden mit dem verbrecherischen Versuch, den Jugendver- band in Kampfstellung gegen die Partei, gegen den Komsomol und gegen die KJI zu bringen, erweist sich jetzt als eine direkte Unterstützung für das Vordringen des faschistischen Einflusses unter den Massen der Jugendlichen, auf die die Nazibewegung zielbewußt den Kurs genommen hat... Die völlige Ausschaltung der Sozialfaschisten aus dem Staatsapparat, die brutale Unterdrückung auch der sozialdemokratischen Organisationen und ihrer Presse ändert nichts an der Tatsache, daß sie nach wie vor die soziale Hauptstütze der Kapitalsdiktatur darstellen. Sowohl die Reichstagswahl als auch die Betriebsrätewahlen beweisen, daß die entscheidenden Schichten des Proletariats noch überwiegend unter dem Einfluß der SPD und der sozialfa- schistischen Gewerkschaftsbürokratie, nicht unter dem des Nationalsozialis- mus stehen. Die sozialfaschistischen Führer haben, treu ihrer bisherigen Rolle der Bin- dung von Arbeitermassen an das kapitalistische Wirtschafts- und Regierungs- system mit dazu beigetragen, die Eingliederung der proletarischen Kader in das Staatssystem zu ermöglichen, den Widerstand der proletarischen Massen zu lähmen, die proletarische Einheitsfront zu sabotieren (höhnische Zurück- weisung des Einheitsfrontangebotes der Komintern an die II. Internationale, der wiederholten Vorschläge des ZK der KPD an den Hauptvorstand der SPD und den Bundesausschuß des ADGB, Wels’ Austritt aus dem Büro der II. Internationale und Auslandsreise im Auftrage Goerings, Tarnows Austritt aus der Holzarbeiter-Internationale, feierliche Unabhängigkeitserklärungen von politischen Parteien, knechtische Bereitschaft eine faschistische Einheitsge- werkschaft zu schaffen, weitere Denunziationen oppositioneller Betriebs- und Gewerkschaftsfunktionäre an die faschistische Polizei usw.). Die brutalen offenen Sozialfaschisten, deren entschiedenste Vertreter Wels, Leipart, Tarnow, Graßmann, Höltermann und Gellert sind, sind offen in den faschistischen Hilfsdienst übergegangen, betreiben die Arbeitsgemeinschaft mit der faschistischen Bourgeoisie, begrüßen die faschistische Staatskontrolle der Arbeiterorganisationen als förderlich, fordern von sich aus die rasche Bildung von Einheitsgewerkschaften, beantragen den Anschluß der Arbeitersportbe- wegung an den faschistischen Wehrsportpolitischen Reichsausschuß für Leibes- übungen und liquidieren freiwillig die Eiserne Front-Organisation. Die »lin- ken« Sozialfaschisten, wie sie international durch den Austromarxismus und 346 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION in Deutschland (Berlin, Sachsen, Ruhr, Schlesien) noch Positionen besitzen, halten — befruchtet von reumütig heimgekehrten SAP-Führern und Brand- ieristen — eine Scheinopposition gegen den Faschismus in Worten aufrecht, sabotieren nach wie vor jeden Schritt zur proletarischen Einheitsfront, be- kämpfen die Kommunisten, lähmen die Massen durch Theorien des Abwar- tens und Abwirtschaften-Lassens, finden tausend Entschuldigungen für den schändlichen Verrat der Parteiführer und ADGB-Führer. Der Einfluß dieser »linken« maskierten Führer ist desto gefährlicher, weil sie durch die Verfolgung des Faschismus sich eine »Märtyrer«-Popularität zu verschaffen suchen. Ist die Einheitsfront von unten mit den Antifaschisten, Sozialdemokraten und ADGB-Anhängern, Reichsbannerarbeitern und unte- ren Funktionären dieser Organisation die Grundlage für einen erfolgreichen antifaschistischen Massenkampf weit über den Rahmen der kommunistischen Anhänger und Wähler hinaus, so sind in bestimmten Situationen Spitzen- angebote zur gemeinsamen Aktionen unerläßlich, um die Sabotage jeder anti- faschistischen Aktion durch die sozialfaschistische Führung vor den Augen der breiten Arbeiterschaft klarzustellen, ihre eigene Initiative zu stärken und die kampfgewillten Arbeiter für die Bildung der Einheitsfront von unten zu- gänglicher zu machen. Das ZK begrüßt deshalb den Aufruf der Komintern anläßlich der Errichtung der offenen faschistischen Diktatur in Deutschland und stellt die Richtigkeit der Maßnahmen des ZK der KPD in der Linie dieses Aufrufes fest, daß es mit Hilfe des Kominternaufrufes und unseres Angebotes an den sozialdemokratischen Parteivorstand, die Massen für die Lebensforde- rungen der Arbeiterklasse in den Kampf gegen die faschistische Diktatur zu führen, gelungen ist, das demagogische Geschrei über den sogenannten »Nicht- angriffspakt« zu zerschlagen und die sozialdemokratischen Arbeiter in der Richtung des Vereinbarens von antifaschistischen Angriffspakten für die Ein- heitsfront zu beeinflussen. Vor der ganzen Partei steht die Aufgabe, in breite- stem Ausmaß die Konsequenzen aus dem Vorgehen der KI und dem Angebot des ZK zu ziehen und eine gewaltige Verstärkung der Einheitsfrontpolitik von unten herbeizuführen, sowie opportunistische Auslegung und trotzki- stisch-brandlerische Blockpolitikvorschläge zu bekämpfen und der Auffassung auf das Schärfste entgegenzutreten, als ob die Vorschläge und die Maßnahmen des ZK, die in einer bestimmten Situation unter Berücksichtigung einer be- stimmten Lage getroffen wurden, nunmehr in jeder Situation durchgeführt werden können. Spitzenangebote sind besondere Ausnahmefälle in, einer be- sonders komplizierten Lage. Das Bleibende, das Ständige, die Grundlinie unserer Massenarbeit zur Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse ist die Einheitsfrontpolitik von unten... Die Eingliederung der Gewerkschaften in den faschistischen Staat mit Hilfe der Spitzen des ADGB und durch den Gewaltstreich vom 2. Mai?0 verpflichtet die KPD und die RGO als die führende Kraft in der Verteidigung der Ge- DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 347 werkschaften gegen Terror und Faschisierung, für die Gewerkschaften als Klassenkampforganisationen die gewerkschaftlich organisierten Arbeitermas- sen zu mobilisieren... Auf der Partei, auf allen ihren Organisationen und Leitungen liegt die größte Verantwortung für die Entwicklung des Klassenkampfes nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Der Faschismus in Deutschland ist eine ernste Bedrohung nicht nur der deutschen Arbeiterklasse, sondern auch des internationalen Proletariats und der Sowjetunion. Das deutsche Pro- letariat stützt sich in seinem ganzen Kampf auf die aktive internationale Solidarität der Arbeiter aller Länder und des ersten proletarischen Staates. Höher denn je muß unsere Partei das Banner des proletarischen Inter- nationalismus erheben, den siegreichen Vormarsch des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion dem verfaulenden Kapitalismus in seiner faschistischen Barbarei gegenüberstellen und die Massen gegen die chauvinistische Völker- verhetzung, die ein Bestandteil der imperialistischen Kriegspolitik ist, mobi- lisieren. Die Krise der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ver- schärft sich sprunghaft. Die Entwicklung steuert im Innern zu ökonomischen Katastrophen, nach außen zu kriegerisdien Abenteuern. Die grundlegenden objektiven Faktoren, wie das XII. Plenum voraussagte, entwickeln sich auf Grund der Maßnahmen der Hitler-Regierung schneller zur revolutionären Krise hin. Alles kommt jetzt darauf an, daß der subjektive Faktor, d. h. die Aktions- kraft der Partei und damit der Arbeiterklasse, voll entfaltet wird, und der Tempoverlust gegenüber den objektiven Möglichkeiten des revolutionären Kampfes eingeholt wird. Deshalb ist eine Entfesselung des Widerstandes ge- gen den faschistischen Terror und die Unternehmeroffensive in allen seinen Formen von größter Bedeutung für das Heranführen an entscheidende Ak- tionen gegen die faschistische Diktatur. Die faschistische Diktatur der Bourgeoisie kann keines der aktuellen Pro- bleme lösen. Nur die proletarische Revolution kann den Massen soziale Befreiung bringen und die nationale Befreiung Deutschlands ist nur möglich nach Niederwerfung der deutschen Bourgeosisie und ihrer faschistischen Ge- waltherrschaft durch die bewaffnete deutsche Arbeiterklasse. Das aktuelle Ziel der Partei, in ihrer gesamten Massenarbeit, in ihrer Agitation wie in der Organisierung der kleinsten Widerstände (Streiks, Ak- tionen) ist gerichtet auf die systematische Vorbereitung und Durchführung Am 2. Mai 1933 wurden in Deutschland die Gewerkschaftshäuser von der SA besetzt, die freien Gewerkschaften zerschlagen und die Mitglieder in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt. Am 1. Mai hatte der ADGB noch zur Teilnahme an den (nationalsozialistischen) Maifeiern aufgerufen. 348 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION der sozialen und nationalen Revolution, die nur möglich ist durch den Sturz der jetzigen kapitalistischen faschistischen Herrschaft auf dem Wege des be- waffneten Aufstandes. Der Faschismus kann den hungernden Massen Arbeit und Brot nicht geben, er bringt ihnen nur gesteigerte Not, brutalsten Terror, der sich bei der wei- teren Verschärfung der Klassenkämpfe noch zu wilderen Orgien steigern wird, und schließlich die Massenmetzelei eines neuen Krieges. Nur der revo- lutionäre Kampf des Proletariats nach den Grundsätzen des internationalen Marxismus-Leninismus kann den Ausweg aus der Krise des Kapitalismus eröffnen, die werktätigen Massen aus sozialer Not und nationaler Knecht- schaft befreien, Arbeit und Brot für alle Werktätigen erkämpfen. Gegen das »Dritte Reich« des Hungers und der Unterdrückung stellen wir die Arbeiter- und Bauernpolitik, das Reich des Sozialismus. Nicht zurück zu der bankrotten bürgerlichen Demokratie, die sich folgerichtig zur faschisti- schen Diktatur entwickelt hat, sondern vorwärts zur proletarisdien Diktatur, welche die breiteste und freieste Demokratie für alle Werktätigen gewähr- leistet. Wenn wir die Massen an die entscheidenden Kämpfe heranführen, durch wachsende Massenaktionen die faschistische Diktatur erschüttern, dann wird die revolutionäre Krise in einem raschen Tempo heranreifen, dann wird das deutsche Proletariat in naher Zukunft dem Beispiel des siegreichen Prole- tariats in der Sowjetunion folgen. Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Basel, Nr. 17 vom 2. Juni 1933, S. 541-548. 103. RESOLUTION DES ZK DER KPD VOM 30. JANUAR 193 5 Proletarische Einheitsfront und ANTIFASCHISTISCHE VOLKSFRONT ZUM STURZ DER FASCHISTISCHEN DIKTATUR Zwei Jahre Hitlerdiktatur haben den Beweis erbracht, daß der Faschismus die Krise des Kapitalismus nicht beseitigen und die Lage der Arbeiter und Werktätigen nicht verbessern kann. Das führte bereits am 30. Juni 193491 zur ersten Erschütterung der faschistischen Diktatur. Die Hitler-Regierung ver- Am 30. Juni 1934 ließ Hitler die SA-Führung säubern und Stabschef Röhm u. a. ermorden. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 349 suchte, durch verstärkten Terror gegen die Arbeiterklasse, durch brutale Unterdrückung der Opposition in den eigenen Reihen die Austragung der inneren Konflikte hinauszuschieben, um eine Atempause zur Umgruppierung ihrer Kräfte zu gewinnen und eine allgemeine Offensive auf die Lebenshal- tung der Werktätigen vorzubereiten. Die Arbeiterklasse vermochte noch nicht, ihre von der Sozialdemokratie erzeugte Passivität zu überwinden und damit die beginnende Krise der faschi- stischen Diktatur, die am 30. Juni besonders in Erscheinung trat, durch Mas- senaktionen weiterzutreiben, wodurch es dem Faschismus erleichtert wurde, seine gegen die werktätigen Massen gerichtete Politik fortzusetzen. Trotz des beispiellosen heroischen Kampfes der Kommunisten hat die Kommunistische Partei es nach dem 30. Juni nicht verstanden, diesen Herois- mus in die Bahn einer kühnen Einheitsfrontpolitik zu lenken, durch eine bol- schewistische Massenarbeit in den Betrieben, unter der Jugend, auf dem Gewerkschaftsgebiet und in den faschistischen Massenorganisationen die Mas- senopposition gegen das Hitler-Regime zu organisieren und zu Aktionen zu führen. Das Zentralkomitee stellt fest, daß diese Schwäche unserer Parteiarbeit in erster Reihe zurückzuführen ist auf eine sektiererische Einstellung auf allen Gebieten der Massenarbeit, vor allem in der Einheitsfrontpolitik, und auf eine opportunistische Spekulation auf ein Abwirtschaften des Faschismus, auf eine spontane Entwicklung der Massenbewegung. Der Faschismus zerfällt nicht von selbst. Die Arbeiterklasse muß die faschistische Diktatur stürzen. Die Kommunistische Partei vollzieht eine kühne Wendung in ihrer revolu- tionären Massenpolitik zur Organisierung der proletarischen Einheitsfront, um die Voraussetzungen des revolutionären Aufschwungs zum Sturz der faschistischen Diktatur zu entwickeln. Die Durchführung dieser Aufgabe erfordert in den Reihen der Partei und des Jugendverbandes den stärksten Kampf gegen das Sektierertum und den doktrinären Schematismus, als der ernstesten Hemmnisse der revolutionärem Massenbasis, sowie gegen alle rechtsopportunistischen Kapitulanten und feigen Versöhnler, die die bolschewistische Wendung der Partei in der Einheitsfront in parteifeindlichem Sinne ausnützen wollen. Das Zentralkomitee wendet sich an alle Mitglieder der Partei mit der Auf- forderung, alle Kräfte zu konzentrieren auf die revolutionäre Massenarbeit, auf die wirkliche Schaffung der proletarischen Einheitsfront des gemeinsamen Kampfes mit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, auf den Wiederaufbau der Freien Gewerkschaften und die Entfaltung einer breiten Massenarbeit in den faschistischen Organisationen. Diese Arbeit muß geführt werden in der richtigen Verbindung der illegalen mit den halblegalen und legalen Methoden des Kampfes. Zur Herbeiführung des Sturzes der Hitler-Diktatur ist es die zentrale Auf- 3J0                     DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION gäbe des Proletariats, durch die Gewinnung der Verbündeten aus allen Schich- ten des werktätigen Volkes die breiteste antifaschistische Volksfront herzu- stellen zur Volksrevolution für ein freies sozialistisches Deutschland der Räte- macht! ... Die Kommunistische Internationale Heft 8, 1935. 104, RESOLUTION DES ZK DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DEUTSCHLANDS ZUR LAGE (MAI 1938)   Die gegenwärtige Lage wird gekennzeichnet durch Hitlers Übergang zu unmittelbaren Eroberungsaktionen und durch die daraus erwachsende akute Gefahr des allgemeinen Krieges. Hitler hat Österreich militärisch überfallen und annektiert. Er verstärkt seine kriegerische Intervention in Spanien. Er schickt sich an, die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei ebenfalls mit Ge- walt zu erdrosseln. Die weiteren Eroberungspläne Hitlers richten sich im Westen gegen die demokratischen Staaten, insbesonders gegen Frankreich, im Südosten gegen die Balkanstaaten und im Osten gegen das Land des Sozialis- mus, gegen die Sowjetunion. Mit deutschem Blut und Gut unterstützt Hitler die Raubzüge Mussolinis an den Gestaden des Mittelmeeres und die des japa- nischen Militarismus in China. Er hat sich mit ihnen verbunden, um die ge- waltsame Neuaufteilung der Welt durchzuführen, wie er es in JAein Kampf' begründete. So treibt er mit erschreckender Geschwindigkeit Deutschland und das deutsche Volk in einen Weltkrieg, der furchtbarer sein wird als der von 1914 bis 1918. Die gewaltsame Besetzung Österreichs durch die Hitlerregierung im In- teresse des deutschen Finanzkapitals, um das österreichische Volk seiner Aus- beutung zu unterwerfen und die eigenen Kriegsvorbereitungen zu verstärken. Der Nationalsozialismus versucht diese brutale Unterwerfung eines Volkes mit den betrügerischen Phrasen von der angeblichen ,Herstellung der Einheit des deutschen Volkes’ und der angeblichen ,nationalen Befreiung aller Deut- schen’ zu verdecken... DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 351   Die zentrale Aufgabe des deutschen Volkes ist der Kampf gegen Hitlers Kriegs- und Eroberungspolitik und für die Erhaltung des Friedens. Die Kom- munistische Partei zeigt den Weg, wie der Frieden erhalten, die Interessen des deutschen Volkes und die Zukunft der deutschen Nation gesichert werden können. Unser Volk kann seine nationalen Interessen und seine Unabhängigkeit nicht durch räuberische Kriegspakte, wie die der Kriegsachse Berlin—Rom- Tokio, und nicht durch militärische Eroberungen, sondern einzig und allein durch Verständigung mit anderen Völkern auf der Grundlage der Gleichbe- rechtigung und der Aufrechterhaltung des Weltfriedens wahren. Nur durch eine konsequente Friedenspolitik können die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands gesichert werden. Die ungezählten Milliarden Mark — heute für Franco, für die Unterdrückung Österreichs, für die Vorbereitung des Überfalls auf die Tschechoslowakei und für Rüstungszwecke vergeudet - könnten für die Hebung des Wohlstandes des deutschen Volkes verwendet werden. Die Mangel- und Ersatzstoffwirtschaft würde aufhören. Es gäbe zwar weniger Kanonen, aber mehr Brot und Butter, weniger Ersatzstoffe, aber mehr Qualitätsware. Es gäbe weniger Kasernen, aber mehr Wohnungen. Die Durchführung einer solchen Friedenspolitik bedeutet nicht, daß Deutsch- land schütz- und wehrlos Angriffen durch andere Staaten preisgegeben wäre. Jedes Volk muß die Verteidigung seines Landes sichern, solange durch die Existenz des Imperialismus die Gefahr kriegerischer Überfälle besteht. Aber dazu muß das Volk frei sein und über seine bewaffneten Kräfte, über seine Volksarmee durch seine demokratische Volksregierung selbst bestim- men. Heute jedoch ist das deutsche Volk geknechtet und die Macht- und Wehrmittel des Reiches sind ausschließlich in Händen einer wahnwitzigen Clique von Kriegstreibern, welche diese Mittel nicht zur Verteidigung Deutsch- lands, sondern zur Eroberung fremder Länder verwenden und das deutsche Volk, vor allem seine Jugend, als Kanonenfutter in ihren Eroberungskriegen opfern wollen. .. Angesichts der unmittelbaren Kriegsgefahr wendet sich die KPD an alle Antifaschisten, an alle Freunde des Friedens und der Freiheit mit dem drin- genden Appell, sich über den gemeinsamen Kampf um die Erhaltung des Friedens zu verständigen. Allen Menschen, die das wollen, reichen wir die Hand. Schließen wir uns zusammen zur deutschen Volksfront, kämpfen wir gemeinsam! Die historische Aufgabe der deutschen Volksfront ist es, Deutschland vor dem Krieg zu retten und die Freiheit des deutschen Volkes zu erkämpfen. Die Grundlage des gemeinsamen Handelns der Arbeiterklasse, der Bauern, des Mittelstandes und anderer demokratischer Kräfte ist das alle verbindende 3J2                     DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND EMIGRATION gleiche Interesse des Kampfes für die drei großen Forderungen: Frieden, Brot und Freiheit!... IV. i. Der Sturz des Hitlerfaschismus ist die große, entscheidende Aufgabe, zu deren Erfüllung sich alle Freunde des Friedens und der Demokratie, alle Kommunisten, Sozialdemokraten, Katholiken, Protestanten und andere Hit- lergegner zum gemeinsamen Kampfe vereinigen müssen. Keiner dieser Teile des deutschen Volkes vermag allein diese Aufgabe zu erfüllen, keiner dieser Teile darf in diesem Kampfe beiseitestehen oder ausgeschaltet werden. Alle müssen sich zur Erreichung dieses Zieles einigen. Die unter ihnen bestehenden grundsätzlichen politischen und weltanschaulichen Auffassungen und sozialen Unterschiede dürfen kein Hindernis für diese Einigung sein. Der Zusam- menschluß erfordert von keinem Menschen das Aufgeben seines politischen oder weltanschaulichen Bekenntnisses, aber über die grundlegende Aufgabe der Sicherung des Friedens, der Erringung der demokratischen Rechte und Freiheiten und des Sturzes des Hitlerfaschismus kann schon heute bei allen Teilen des werktätigen Volkes die weitgehendste Übereinstimmung erreicht werden... Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Basel, Nr. 33/1938, S. 1108-1110. 105. DIE KPD ZUM AUSBRUCH DES ZWEITEN WELTKRIEGES Vom ZK der KPD wird uns folgende Stellungnahme übermittelt: Die KPD hat stets — im Gegensatz zu anderen Strömungen in der deutschen Opposition — die Auffassung vertreten, daß die Erlösung unseres Volkes von der faschistischen Diktatur nicht von außen kommt (Krieg), sondern das Er- gebnis des Kampfes der Volksmassen zum Sturze der faschistischen Diktatur sein wird. Deshalb haben die Kommunisten seit Jahren alle Kräfte auf die Entfaltung des Massenkampfes gegen Hitlers Kriegspolitik konzentriert und eine starke Bewegung des deutschen Volkes für den Frieden ausgelöst. Eng mit den Massen verbunden und stets an der Spitze der Bewegungen gegen das Hitlerregime hat unsere Partei alles versucht, die zersplitterte Opposition zu vereinigen und damit ihre Kräfte zu vervielfachen. Die Berner DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 353 Konferenz begrüßte die Initiative des Vorsitzenden unserer Partei, des Ge- nossen Wilhelm Pieck, und seine Vorschläge zur Herstellung der Aktionsein- heit und der Schaffung einer revolutionären Einheitspartei der deutschen Arbeiterklasse wurden von zahlreichen SP-Gruppen in Deutschland begeistert aufgenommen. Im Vertrauen auf die wachsende Kraft der Volksmassen un- seres Landes, die Friedenspolitik der Sowjetunion und die Solidarität der internationalen Arbeiterklasse hat die KPD ihre ganze Kraft eingesetzt und im Kampfe für den Frieden, für die Freiheit unseres Volkes, für den Sturz Hitlers kein Opfer gescheut. Leider hatten die Bemühungen, mit den emigrierten Führern der SPD eine Einigung über die einheitliche Mobilisierung der Volksmassen zu ermöglichen, nur geringen Erfolg, Während seit Beginn dieses Jahres die Einigung im Lande rasche Fortschritte machte, Einheitskomitees und Ausschüsse entstan- den und gemeinsame Flugblätter und Losungen herausgegeben wurden, wäh- rend einzelne frühere SPD-Führer in der Emigration die Notwendigkeit der Einheit erkannten, haben die Wels, Vogel, Stampfer, Hilferding und Geyer, die sich noch immer als Vorstand der deutschen Sozialdemokratie aufspielen, obwohl es seit 1933 keine einheitliche SPD mehr gibt und eine Bestätigung dieses »Vorstandes« nie erfolgte, den endgültigen Bruch mit der deutschen Arbeiterbewegung vorbereitet. Bereits im Juni dieses Jahres sah sich unser ZK veranlaßt, in den »Thesen zur Lage« unter anderem festzustellen: »Die Ablehnung der Einheitsfront mit den Kommunisten (durch den PV) kann nicht durch Sturheit und Verkalkung erklärt werden. Hinter dieser Ablehnung steckt der politische Plan, gemeinsam mit reaktionären Kräften in Deutschland und reaktionären Kräften des Auslandes eine wirkliche deutsche Volksrevolution zu verhindern und 1918 zu wiederholen... Hinter der strikten Ablehnung der Einheitsfront mit den Kommunisten durch den PV steckt der politische Plan, morgen mit den Generälen, mit bourgeoisen Krei- sen, mit ausländischen Bajonetten eine ebenso verderbliche Rolle gegen die künftige deutsche Volksrevolution zu spielen, wie die Ebert und Noske sie 1918 gegen die deutsche Arbeiterklasse und gegen die deutsche Revolution gespielt haben.« Zwei Monate später, unmittelbar vor Kriegsausbruch, in einem Moment, der die äußerste Anspannung aller Kräfte der Opposition in Deutschland erforderte, lassen die Wels und Konsorten endlich die Maske fallen. Sie wis- sen, daß alle kommunistischen Zeitungen in Frankreich verboten sind, sie wissen, daß die reaktionären Polizisten Daladiers bereits Jagd auf die deut- schen Kommunisten machen, sie wissen, daß die reaktionären Imperialisten Englands und Frankreichs in diesem Krieg keine fortschrittliche Rolle mehr spielen werden und können, eben deshalb zeigen in diesem Augenblick die 354 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND .1 ' TION Wels, Stampfer, Ollenhauer und Hilferding ihr w Fratze der Kaisersozialisten, der »Burgfriedenspoli deutschen Kapitalismus vor der proletarischen Revi »Neuer Vorwärts« vom 2. September ist die Sprac Januar 1919, ist die Sprache der Noskiden, der 1 der deutschen Bourgeoisie und der Würger des eige von heute ist die Fortsetzung jener Politik, die im J frontangebote der Kommunisten ablehnte und di Macht verhalf, ist die Fortsetzung der Politik jener rede von Wels im Mai 1933, in der er sich mit keil nullierung der kommunistischen Reichstagsmandate Außenpolitik Hitlers seine Zustimmung gab, einei Kriege führen mußte. Wels und der PV, die damal rieten und aus dem Büro der SAI austraten, haben der I. Interationale verraten, indem sie sich auf die und damit auch der deutschen Reaktion gegen die kc revolution stellten. isicht: Es ler »Rett Ihre Spn Vorwärt! jn Speich« kes. Ihre ?33 die E 1 Faschist igten Rei< rt gegen c , dafür a x politik, d :emation;: e den Ge r internat 5 deutsche Im Moment des Ausbruchs dieses Krieges, der :                    h die Kr Volksmassen unseres Landes und die Solidarität der ionalen A bewegung beendet werden kann und der mit den: Vernichtung und Ausrottung der imperialistischen F proklamieren die Stampfer und Hilferding ihr Bün England und Frankreich und mit der deutschen Bou gung der deutschen Volksrevolution. Damit ist die ehemaligen PV der SPD und der antifaschistischen land endgültig vollzogen. Die vom PV durch Geyer ganisierung der SP als Partei »der Freiheit« entpt sierung einer Partei der Freiheit der Bourgeoisie, d der offenen Abkehr vom Marxismus, der wütende der Kommunisten, sondern aller mit demMarxismu: und der ganzen deutschen Arbeiterklasse, entpupp der Konterrevolution, schlimmer noch als 1918. Für die Sozialdemokraten und die Kommunisten aus dieser Lage die Notwendigkeit, gestützt auf die fes zur Verhinderung des Krieges und die erfolgre Hitlergegner, die Einheit zu festigen, zu erweitern u Bedingungen des Krieges alle Vorbereitungen zur ] revolution zu treffen. Sie setzen ihre Hoffnungen Chamberlains und Daladiers, noch auf einen »lib sehen Bourgeoisie, sondern ausschließlich auf die geei die Solidarität und den Kampf der internationale Hitlers ai iber führe der Real zur Nied ig zwisch tion in L ropagiert als die ( :en Liber; ipfung ni denen S02 s ein Insi schland e ingen des ammen ar I : den schv irung der .uf die B; lügel« de ft unseres :erklasse t Hilfe der großen und starken Sowjetunion. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 355 Die reaktionären Führer der II. Internationale, des IGB und des PV haben durch ihre Ablehnung aller Einheitsfrontangebote mit der Komintern und der KPD, durch ihre Unterstützung und Tolerierung der Nichtinterventions- und Münchener-Politik die unermüdlichen Bestrebungen der Sowjetunion, eine wirksame Friedensfront gegen den Aggressor aufzurichten, sabotiert und damit die Aggression Hitlers ermöglicht. Die KPD fordert alle Antifaschisten in Deutschland und in der Emigra- tion auf, jetzt erst recht zäh und beharrlich im Sinne der Einigung der deut- schen Arbeiterbewegung und der deutschen Opposition zu wirken, die Feinde der Einheit und die Trotzkisten rücksichtslos zu bekämpfen und alle Kräfte für den Sturz Hitlers zu mobilisieren. Die verbrecherische Haltung einiger ehemaliger Führer der SPD hat die Kriegsvorbereitungen Hitlers erleichtert und den Zusammenschluß der Opposition in der Emigration verhindert. Es gibt deshalb heute keine gemeinsame Plattform der Opposition zum Sturze Hitlers. Die KPD ist die einzige Kraft in Deutschland, die — mit den Massen verbunden — ihre Absichten eindeutig verkündete, die ohne Schwankungen den Weg zur Volksrevolution beschritten hat. Mehr denn je fühlen wir uns innig verbunden mit allen sozialdemokrati- schen Funktionären und Arbeitern in Deutschland, welche die Abwartepolitik überwunden haben, die für die Einheit der Arbeiterbewegung eintreten und für die Vernichtung der imperialistischen Kriegstreiber kämpfen. Wir sind überzeugt, daß die kommende revolutionäre Demokratie in Deutschland keine Wiederholung von Weimar sein wird und keine Demo- kratie des englischen Imperialismus, denn sie wird mit den Besteiros, Casados und Noskes kurzen Prozeß machen. Wir sind überzeugt, daß aus der Zusammenarbeit von Kommunisten und Sozialdemokraten an der Front wie im Hinterlande, aus der Kameradschaft der Soldaten und Arbeiter untereinander, aus der opferreichen Arbeit zur Vorbereitung und Durchführung der Volksrevolution, daß also aus dem Kampf der Arbeiterklasse die revolutionäre Einheitspartei hervorwachsen wird, die in der Lage ist, das ganze deutsche Volk zu führen. Die Welt Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Stockholm, Nr. i vom 18. bis 24. September 1939 S. 16/17. 356 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UNI)                                                                      .ATION IO6. UM WAS GEHT ES IN DIESE EG? Von Wilhelm Pieck Die an dem gegenwärtigen europäischen Kriege                     m großk; sehen Mächte versuchen mit allen Mitteln der Agitt e imperF t Kriegsziele vor den werktätigen Massen zu verbei                 andere 2 zuschützen. In diesem Bestreben werden die groß!                ischen M:                r Englands und Frankreichs von den sozialdemok                     7 Führer) Internationale eifrigst unterstützt, die den großka                  >chen Mat             1 bei der Durchführung ihrer imperialistischen Rai                   helfen; si                1 ebenso wie diese vor der Erkenntnis der Massen ül:              ngeheure,               1 durch diesen Krieg verübte Unrecht und vor den 1                 nären Kc zen, die die Massen daraus ziehen werden... Um was geht es in dem gegenwärtigen europä                   rieg, der                 a dem englischen und französischen Imperialismus ei              und dem                 n Imperialismus andererseits geführt wird? Das w                     besten kl                n man sich vor Augen führt, wie schroff die Reglern                glands ur reichs alle Versuche zurück weisen, den Frieden                    herzuste               e Chamberlain-Regierung hat kategorisch erklärt, u                  )aladier-I              g ist ihr darin gefolgt, daß sie den Krieg nicht been                   Frieden beiführen wollen, sondern daß sie entschlossen sin                rieg geger land fortzusetzen bis zur » Vernichtung      desHitleri            Im die wc              n Massen Englands und Frankreichs für          die Unter            ; dieses K               u gewinnen, suchen die imperialistischen      Regierung            meiden La             n Anschein zu erwecken, als ob sie den Krieg für De                e, für die                 e Freiheit der kleinen Völker und für die Garantie <                 lerhaften,               n Friedens führen. Damit wollen sie die Massen üb< iperialisti d reaktionären Pläne täuschen, zu deren Verwirkli                     3 den Kri                t fortsetzen. Und wieder, wie im Weltkriege 1914                    en die so.             >- kratischen Führer diesem Betrüge der Massen Bei;               d unterst                 n Krieg für die Durchführung der imperialistische                    -eaktionäi               e des englischen Imperialismus. Der englische Imperialismus ist in seiner ausw                   Politik in                ir gewundene Schleichwege gegangen, um seine wah               chten zu                 n und andere Völker für seine Machterweiterung bh                 assen. Die              k setzt er auch mit diesem Kriege fort. Sein Ziel ist                   rwerfung              t- sehen Volkes, die Errichtung eines »konservative) nes in De das seine Aufgabe darin erblickt, der Gendarm                      italismus               ie Sowjetunion zu sein. DIE KPD IN DER TAGESPOLITIK 357 Das deutsche Volk soll durch Hungerblockade und militärisch Gewalt- mittel auf die Knie gezwungen werden. Es soll ihm ein noch schlimmeres Versailles als 1918 auf erlegt, ihm ein nicht weniger reaktionäres Regime als das jetzige aufgezwungen und ihm eine Befreiung aus den Fesseln des Impe- rialismus und der Reaktion verwehrt werden. Deutschland soll in Vasallen- staaten des englischen Imperialismus aufgeteilt werden, durch die dieser seine Kriegspläne gegen die Sowjetunion zu verwirklichen hofft. Die sozial- demokratischen Führer, auch die deutschen, unterstützen diese Kriegsziele des englischen Imperialismus durch die gemeinste Hetze gegen die Sowjetunion und gegen die Kommunisten; sie rufen zur Unterstützung des Krieges gegen Deutschland auf. .. Der Krieg zwischen England, Frankreich und Deutschland ist ein imperia- listischer Krieg, der von den Kapitalmächten dieser Länder um die Neuauf- teilung der Erde geführt wird, ein Krieg, der von den werktätigen Massen nicht unterstützt, sondern auf das schärfste bekämpft werden muß. Die sozialdemokratischen Führer der II. Internationale, die die Massen zur Un- terstützung dieses Krieges an der Seite des englischen und französischen Im- perialismus auffordern, handeln damit gegen die wichtigsten Lebensinteressen der werktätigen Massen. Mit dem Pakt, den die Sowjetunion mit Deutsch- land abschloß, wurde den werktätigen Massen der größte Dienst erwiesen, weil dadurch der Krieg zwischen den beiden Mächten und die Ausbreitung des imperialistischen Krieges zum allgemeinen Weltkriege verhindert wurde. Der Pakt dient nicht, wie die sozialdemokratischen Führer in ihrer Hetze gegen die Sowjetunion und gegen die Kommunisten behaupten, der Unter- stützung der Aggression und des Krieges des deutschen Imperialismus, son- dern unterstützt den Willen der werktätigen Massen zum Frieden. Gegenüber dem verbrecherischen Plan des englischen und französischen Imperialismus, durch den Krieg das deutsche Volk zu schlagen, ihm ein noch schlimmeres Versailles als 1918 aufzuzwingen und es in den Krieg gegen die Sowjetunion hineinzutreiben, steht vor den werktätigen Massen der ganzen Welt, insbesondere vor der englischen und französischen Arbeiterklasse die Aufgabe, die Durchführung dieses Verbrechens unmöglich zu machen und die englische und die französische Regierung zum Abbruch des Krieges gegen Deutschland zu zwingen. Dem imperialistischen Krieg muß die internationale Solidarität der werktätigen Massen gegenübergestellt werden. Nur so ist diesem Verbrechen ein Ende zu bereiten ... Die Kommunistische Internationale Dezember 1939, S. 1260-1266. C. DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 107. RESOLUTION DES ZK DER KPD ZU DEN »KONTERREVO- LUTIONÄREN TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN VERBRECHEN GEGEN DIE ARBEITERKLASSE« (1936)92 Durch die Wachsamkeit der Sicherheitsorgane des sozialistischen Staates wurde in der Sowjetunion eine von Trotzki geleitete niederträchtige Bande konterrevolutionärer trotzkistisch-sinowjewistischer Terroristen aufgedeckt und unschädlich gemacht. Diese Bande stand in Verbindung mit der Gehei- men Staatspolizei (Gestapo) des Hitlerfaschismus und hatte sich zum Ziel ge- stellt, die Führer der bolschewistischen Partei und des Sowjetstaates zu er- morden. Vom 19. bis 24. August 1936 fand der erste der drei Moskauer Schauprozesse (gegen Sinowjew, Kamenew u. a) statt. Unter den Angeklagten befanden sich auch drei kommunistische Funktionäre, die in der KPD gearbeitet hatten: Fritz David, Alexander Emel (M. Lurje) und Berman-Yurin. Alle Angeklagten legten über ihre angeblichen Verbrechen die üblichen Geständnisse ab und wurden erschossen. Die blutige stalinsche Säuberung 1936 bis 1938 hatte auch verheerende Auswir- kungen auf die deutsche kommunistische Emigration in der Sowjetunion. Eine Reihe führender Funktionäre (ebenso wie eine große Anzahl weniger bekannter Kommunisten) fielen der großen Säuberung zum Opfer: die Politbüromitglieder Hugo Eberlein, Leo Flieg, Hermann Remmele, Hermann Schuberc (Richter) und Fritz Schulte, die Politbüro-Kandidaten Heinz Neumann und Heinrich Süßkind, ZK-Mitglieder wie Paul Dietrich und der Parteikassierer Arthur Goike, der Leiter der Organisationsabteilung, August Creutzburg, der Leiter des Militärapparates, Hans Kippenberger, der Leiter des Roten Frontkämpferbundes, Willi Leow, der Leiter der Roten Hilfe Deutschlands, Willi Koska, der Chefredakteur der »Roten Fahne«, Werner Hirsch und die Redakteure der »Roten Fahne«, Erich Birkenhauer, Alfred Rebe, Theodor Beutling und Heinrich Kurella, der Parteitheoretiker Kurt Sauerland, der Jurist des ZK, Felix Halle, und die Landtagsabgeordnete Johanna Ludwig. Schon 1934 war Max Hölz angeblich beim Baden ertrunken. 1940 wurde Willi Münzenberg, enger Freund Lenins, Führer der Jugendinternationale und Leiter der KPD-Massenpropaganda, in Frankreich ermordet. Während der sowjetischen Säuberungen waren zeitweise inhaftiert: Bernhard Koenen, Paul Schwenk, die Söhne der Parteiführer Maddalena, Sobottka und Beimier u. a. 360 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND E Der öffentliche Gerichtsprozeß in Moskau gegen d union hat durch das beigebrachte Beweismaterial die bande zu dem Eingeständnis gezwungen, daß sie aui halb der Sowjetunion lebenden Trotzki die Ermordui liehen Tribunen des Sozialismus, Genossen Kirow, c Dezember 1934 durchführten und neue Mordansd Schüler Lenins, gegen den genialen und heißgeliel: Sowjetvolkes und der Werktätigen aller Länder, Ge seine nächsten Mitarbeiter, vorbereiteten und zur Ai ten. Der Gerichtsprozeß hat Trotzki, Sinowjew ur teurer entlarvt, denen nur noch die grenzenlose Gier und nach Rache an dem Führer der Sowjetunion < Kampfes war, wobei sie auf die Stufe krimineller Ve Die Kommunistische Partei Deutschlands vereint i’ derung des von Empörung und Zorn erfüllten 1 Sowjetunion auf schonungslose Ausrottung des men; trotzkistisch-sinowjewistischen Mörderbande. Das vo fällte Todesurteil und seine Vollstreckung ist die ver erhörten Verbrechen dieser Banditen. Es gilt, alle r reste des Gesindels unschädlich zu machen. Alle Werk erkennen, daß der Trotzkismus ein Feind der Arbeit Unter den im Moskauer Gerichtsprozeß entlarvter sich auch Leute, denen es infolge unserer absolut ung gelungen ist, sich in die Reihen der Kommunistischen zuschleichen, und die es verstanden, die Partei über Tätigkeit zu täuschen. Einer davon, der abgefeim Fritz David, der nach seinem ins Einzelne gehende liehen Auftrage Trotzkis die Ermordung des uns teil großen Lehrers und Führers, des Genossen Stalin, v heit auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistisch führen wollte, gelang es sogar, sich das Vertrauen KPD zu erschleichen, um unter dieser Deckung seit können. Die Kommunistische Partei Deutschlands muß a Erfahrungen sehr weittragende Lehren ziehen. Unsc erkennen, daß infolge unserer absolut ungenügend samkeit und leichtfertiger Vertrauensseligkeit es den stapo gelungen ist, durch die in unsere Reihen einge Spionage- und Mordtätigkeit in der Sowjetunion z die strengste Überprüfung unserer Reihen vorzune ION ide der S« dieser M jung des ; oßen unv rten und gen den Ter des $ talin und g bringen mew als sönlicher ige Inhal herabsan me mit d< ionenvolk Abschaui owjetgeri träfe für । handenen ler Welt 1 ist . . . inditen b en Wachs )eutschlar terrevolu dstische * idnis im lenschen, seiner Ar nationale er Genos tat ausfül d dieser 1 •ssen muss utionären sten und en Schurl ten. Es gi 7ir müsse DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 361 einzelnen unserer Genossen zu größter Wachsamkeit und Kampfentschlossen- heit gegen die trotzkistischen Feinde der Partei und des Proletariats anspornen und den Kampf für die Zerschlagung der letzten Überreste des faschistisch- trotzkistischen Gesindels organisieren, um die Arbeiterklasse und das Leben unserer Genossen vor diesen Banditen zu schützen. Dieser Kampf erfordert eiserne Geschlossenheit und Festigkeit, strengste Disziplin und unerschütter- liche Treue zur Partei. Das blanke Schild der Kommunistischen Partei Deutschlands kann durch diese Banditen, die sich das Mitgliedsbuch der KPD erschlichen, nicht be- schmutzt werden. Die Kommunistische Partei hat unter der Führung des Ge- nossen Ernst Thälmann den schärfsten Kampf gegen Trotzki, gegen seine konterrevolutionäre Tätigkeit und gegen das von ihm beauftragte Gesindel geführt. Die Internationale Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus Nr. 6/7 1936, S. 96-99. 108. ERKLÄRUNG DES ZK DER KPD ZUM ABSCHLUSS DES NICHTANGRIFFSPAKTES ZWISCHEN DER SOWJETUNION UND DEUTSCHLAND?} Der Nichtangriffspakt entlarvt die Hetze des Naziregimes über die angebliche >Einkreisung< Deutschlands. Weder die Sowjetvölker, weder das französische und englische Volk noch andere Völker wollen Deutschland angreifen oder einkreisen. Ebenso wie das bisherige Geschrei über eine Gefährdung der Exi- stenz Deutschlands durch die Sowjetunion sich als gemeine Lüge erwiesen hat, ist auch das Geschrei über die ,Einkreisung’ nichts als Lüge zur Tarnung der imperialistischen Angriffspläne des Naziregimes. Der Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion beweist auch dem deutschen Volke erneut, daß durch eine friedliche Verständigung mit anderen Völkern Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt wurde am 23. August 1939 abge- schlossen. Die Erklärung des ZK der KPD (insbesondere die Schlußsätze) läßt noch Spuren der alten, gegen Hitler gerichteten Taktik erkennen. In den folgenden Mo- naten wurde auch hier zugunsten Hitlers umgeschwenkt. In der Erklärung des ZK zum Kriegsausbruch (Dok. 105), in einem Artikel Piecks (Dok. 106) und Ulbrichts (Dok. 109) wurden die Nationalsozialisten nicht mehr für den Krieg verantwortlich gemacht. 362 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND Deutschland seine wirtschaftlichen Beziehungen mi und alle Rohstoffe und Lebensmittel, die es braucht liehen Warenaustausches von Land zu Land erhaltet die Politik der tollsten Kriegsrüstungen, um andere zu versklaven, die fortgesetzte Steigerung der Ma stoft- und Lebensmittelmangels und daher den Ruin Eine Lüge ist es, wenn die Nazi behaupten, Deut ren, indem es sich den Lebensraum anderer Völker Phrasen vom ,antibolschewistischen Kreuzzug’, die auch das Geschrei vom ,Lebensraum’ nur ein Mitti der Krupp und Thyssen zu verbergen, andere Vö Volk selbst, auszuplündern und auszubeuten. Das deutsche Volk begrüßt den Nichtangriffsp;; union und Deutschland, weil es den Frieden will ur folgreiche Friedenstat von Seiten der Sowjetunion si weil er nicht wie das Bündnis Hitlers mit Musse Militaristen, ein Instrument des Krieges und der in tigung anderer Völker, sondern ein Pakt zur Wahr Deutschland und der Sowjetunion ist. Die durch den Pakt geschaffene außenpolitische stellt aber allen Antifaschisten, allen friedens- unc sehen große Aufgaben, die im verstärkten Kamp gelöst werden müssen. Das deutsche Volk fordert den Ausbau der wii mit der Sowjetunion im Geiste einer rückhaltlose zwischen beiden Ländern. Es weiß, daß Hitler von listischen Landes träumte: des Landes ohne Kapit Völkerhaß, ohne Unterdrückung und Ausbeutung, c sozialistischen Demokratie und der Freiheit der A: lektuellen, des Landes einer glücklichen, zukunftsf Die Arbeiter und die friedliebenden Massen in De mehr, daß nur sie ein wirklicher Garant des Frie< sind. Das werktätige deutsche Volk und besonders die die Friedenspolitik der Sowjetunion unterstützen, den Nazis unterdrückten und bedrohten Völker recht dafür kämpfen, daß im Geiste des von der S< senen Nichtangriffspaktes sofort ebensolche Friedei nien, mit Frankreich und England, mit allen Völker die Angriffspolitik Hitlers bedroht fühlen, geschl Nieder mit den Kriegsdrohungen des Naziregimes! Schluß mit den räuberischen Überfällen auf ander S.TION entwiche n Wege di lingegen 1 :u überfa eutung, d tschen Wi cönne nur meignet. nkrott sir iuberische wie das chen der sem Pakt >egrüßt d< . den jap rischen Vc Friedens 2 ienpolitis( rsliebende die Nazi chen Bezi hen Freu ichtung d )hne Ras? iS der leui Bauern ur iigend. d erkenne der Sow n Arbeite lie Seite 0 ind nunn ierung ab mit Polen h mit Rec jrden. ! DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                      363 Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und Freiheit aller Völker! Freiheit und nationale Selbstbestimmung für das österreichische und tsche- choslowakische Volk! Heraus mit den deutschen Truppen und der Gestapo aus diesen Ländern! Hände weg von Danzig! Friedliche Verständigung mit Polen! Schluß mit dem Antikominternpakt mit Tokio, Rom, Madrid und Budapest! Frieden und Verständigung mit Frankreich und England! Sofortige Demobilisierung der Armee bis auf den Friedensstand! Verständigung mit den anderen Völkern über eine allgemeine Abrüstung! Durch den Abschluß des Wirtschaftsabkommens und des Nichtangriffs- paktes mit der Sowjetunion eröffnet sich für Deutschland die Möglichkeit, einen Weg zu beschreiten, auf friedliche Weise die großen wirtschaftlichen Fragen Deutschlands zu lösen, den Handel zwischen beiden Ländern in groß- zügiger Weise zu entfalten. Dies ist der einzige Weg, genügend Lebensmittel für das deutsche Volk und genügend Rohstoffe für die deutsche Wirtschaft zu erhalten. Wenn also das deutsche Volk Hitler zur Aufgabe der imperiali- stischen Kriegspolitik zwingt, wenn Deutschland seine Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion und allen Ländern auf eine friedliche Grundlage stellt, so könnte die deutsche Wirtschaft von der Kriegsproduktion auf die Geleise der Produktion von Konsumgütern und Exportartikeln überführt und die schwierige Lebensmittellage der Volksmassen bald behoben werden. Deshalb erhebt das deutsche Volk die folgenden Forderungen: Schluß mit der Kriegsproduktion. Schluß mit der Autarkiewirtschaft und dem wirtschaftszerstörenden Vier- jahresplan. Umstellung auf Friedenswirtschaft. Schluß mit den Opfern für die wahnwitzige Rüstung. Zurück zum Achtstundentag. Herauf mit den Löhnen. Entfaltung des Wohnungsbaus. Herunter mit den Steuern, weg mit den Zwangsabgaben. Schluß mit der Zwangswirtschaft gegen die Bauern, Handwerker und Ge- werbetreibenden. Die Kommunistische Partei Deutschlands warnt das deutsche Volk, sich Illusionen hinzugeben, daß das Hitlerregime eine solche Politik, die allein im Interesse des deutschen Volkes liegen würde, durchführen wird. Hitler hat den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion nur in der Notlage einer schwie- rigen Situation abgeschlossen... Das ganze deutsche Volk muß der Garant für die Einhaltung des Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunion und Deutschland sein. Nur wenn das deutsche Volk selbst das Schicksal der deut- schen Nation in seine Hände nimmt, wird der Friede gesichert sein. Vertraut nur auf Eure eigene Kraft! 364 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND El Deshalb Kampf gegen Terror und Rechtlosigkeit, für Stimmung. Freie Wahl der Vertrauensleute in den Organisationei Freie Meinungsäußerung in den Versammlungen. Für eine vom ganzen Volke in allgemeinen, gehe! Volksvertretung. Für eine freie Deutsche Republik, in der das deutsch Schicksal und seine Zukunft entscheiden kann... Stürzt Hitler das deutsche Volk trotz allem in die F dann muß jeder Deutsche wissen: der Nationalsozia, am Krieg! Dann kommt es darauf an, für die Niederlage des und für den Sturz der Nazis zu kämpfen. Die Arb deutsche Volk werden dann den Frieden schließen neuen glücklichen Zukunft entgegenführen. Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deut (Sektion der Kommunistischen Internationale). 25. August 1939 Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterb wegung Basel, Nr. 46/1939, S. 1323/1324. 109. WALTER ULBRICHT ZUM STALIN-H Der Neue Vorwärts, das Organ des früheren Parte demokratischen Partei Deutschlands (abgekürzt: SP Artikel von Dr. Hilferding, betitelt: »Der Sinn des kommt zu der Schlußfolgerung, man müsse »rückhali den Sieg Frankreichs und Englands bejahen«. Hilferding behauptet, der Krieg werde von den Re Frankreichs für die Ideale der Freiheit geführt und Ulbrichts Artikel erschien in der von der Kominte gebenen Zeitschrift Die Welt. Diese Zeitschrift kann als Basel veröffentlichten »Rundschau« angesehen werden. N; tern erschienen in Stockholm an Stelle der Welt die Infor brichts ist geringfügig gekürzt worden. ION t und Sei der Gern« ihlen gev selbst übe >he des K t der Sch imes im I se, das b< utschland. -PAKT94 des der 5 •ffentlicht « Der Ve ohne Vor n Englan r kapital! iweden he ng der vo sung der I . Der Arti DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 3^5 Klasseninteressen. Etwas genauer äußert sich die bürgerliche Presse Englands und Frankreichs über den Sinn des Krieges. Sie muß es ja wissen, denn nicht die sozialdemokratischen Kriegspropagandisten, sondern die Herren der Lon- doner Hochfinanz bestimmen die Kriegsziele. Ihre Presse hat in den letzten Wochen offener ausgesprochen, daß durch den Krieg die »Freiheit« errungen werden soll, Deutschland zu zerstückeln und als Kriegswerkzeug gegen die sozialistische Sowjetunion zu gebrauchen. Indem Hilferding den Sieg Eng- lands und Frankreichs ohne Vorbehalt bejaht, bejaht er auch dieses Kriegs- ziel. Diese Kriegspolitik der sozialdemokratischen Führer ist nicht nur gegen die Interessen des deutschen Volkes gerichtet, sondern steht auch im Wider- spruch zum Willen von Millionen Arbeitern und Arbeiterfrauen in England und Frankreich ... Die deutschen Arbeiter kennen die Herren der Londoner Bankwelt und die 200 Familien in Frankreich und wissen, was ihnen ein Sieg Englands bringen würde. Die revolutionären Arbeiter und fortschrittlichen Kräfte in Deutschland, die unter größten Opfern den Kampf gegen den Terror und gegen die Reaktion in Deutschland führen, wollen nicht das jetzige Regime mit einer nationalen und sozialen Unterdrückung durch den engli- schen Imperialismus und durch die englisch orientierten Kreise des deutschen Großkapitals vertauschen, sondern kämpfen gegen jede Knechtung des werk- tätigen Volkes, für ein Deutschland, in dem wirklich das arbeitende Volk bestimmt... Das Hitlerregime hielt es für zweckmäßig, den Weg der Herstellung fried- licher Beziehungen zur Sowjetunion zu gehen, weil die Unterstützung des englischen Planes nicht nur Deutschland zu einem Objekt des englischen Planes, zu einem Vasallen des englischen Imperialismus gemacht hätte, son- dern auch, weil die Stärke der Roten Armee, die internationale Kraft der Sowjetunion und die Sympathie in den werktätigen Massen Deutschlands für die sozialistische Sowjetunion, dieses Abenteuer als aussichtslos erscheinen ließ. Die herrschenden Kreise Deutschlands entschlossen sich zu einer Neu- orientierung der Außenpolitik Deutschlands. Die deutsche Regierung erklärte sich zu friedlichen Beziehungen zur So- wjetunion bereit, während der englisch-französische Kriegsblock den Krieg gegen die sozialistische Sowjetunion will. Das Sowjetvolk und das werktätige Volk Deutschlands haben ein Interesse an der Verhinderung des englischen Kriegsplanes. Das Sowjetvolk und das werktätige Volk Deutschlands wün- schen eine baldige Beendigung de« Krieges in einer Weise, die den Interessen der werktätigen Massen entspricht. Das Sowjetvolk und das werktätige Volk Deutschlands sind gegen die Ausdehnung des Krieges. Das werktätige Volk Deutschlands hat ein Interesse an einem umfassenden Wirtschaftsverkehr mit der Sowjetunion. Durch den friedlichen Handel mit der Sowjetunion, mit den anderen Völkern Ost- und Südosteuropas kann Deutschland nicht nur seinen Warenbedarf decken, sondern es wird damit auch der Beweis erbracht, daß $66 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND E nicht »Mangel an Lebensraum« die Ursache der Not daß nicht imperialistische Unterdrückung fremder Vi und freundschaftliche Beziehungen, vor allem zum g deutschen Volke nützen. Viele Werktätige, die den grüßen den Pakt, besonders weil er die Freundschai Sozialismus stärkt. Herr Hilferding wärmt nun die alte sozialdemokr wieder auf, der Pakt beweise, daß das bolschewistisc Regime wesensgleich seien. Er kann nicht die einfache daß in Deutschland der Kapitalismus herrscht, wähl der Kapitalismus durch die Große Sozialistische Okto und durch die Stalinsche Verfassung die sozialistische tätigen weiterentwickelt wurde. Die Sowjetunion ha kapitalistischen Deutschlands Verträge abgeschlossen, kapitalistischen Ländern. Der Abschluß eines Vertrag union und einer kapitalistischen Regierung ist also : Neues. Das Neue besteht darin, daß die Sowjetmacht der sozialistischen Wirtschaft und auf die moralisc Sowjetvolkes, zu einer aktiven Politik im Kampfe um überging. Wenn Hilferding und die anderen früheren sozk ihre Kriegspropaganda gegen den deutsch-sowjetisd halb, weil der englische Plan umso weniger zum Freundschaft zwischen dem deutschen Volke und d werktätigen Massen verwurzelt ist. Deshalb sehen nid sondern auch viele sozialdemokratische Arbeiter u Werktätige ihre Aufgabe darin, unter keinen Ums Paktes zuzulassen. Wer gegen die Freundschaft de* wjetvolkes intrigiert, ist ein Feind des deutschen Voll helfet des englischen Imperialismus gebrandmarkt. Deutschlands verstärken sich die Bemühungen, die clique, dieser Feinde des sowjetisch-deutschen Pakte wurde die Entfernung dieser Feinde aus der Armee und die Konfiszierung ihres Eigentums gefordert. Der Kampf der deutschen Werktätigen gegen die Imperialismus, gegen die Thyssenclique und ihre Fn sozialdemokratischen und katholischen Führer inDet wegs eine Blockbildung mit dem nationalsozialist Duldsamkeit gegenüber der Unterdrückung österr Slowakei. Vielmehr erfordert gerade diese Stellung^ deneren Kampf gegen alle imperialistischen Bestrel Kreise Deutschlands. Diese imperialistische Politik rioN ktätigen i ndern fri< owjetvoll nus wolle roßen La: Igitations das faschi e untersd ler Sowje ution ver ratie der r Regieru lern mit a hen der S lichts wes :t auf die ;che Einh ¡den in de ratischen richten, rt, je tie jetvolke e Kommu malsozial einen Brt ien und c vird als E rktätigen er der T1 decken. X m Staatsa n des en£ den Reil: bedeutet .egime ur d der Ts en noch ei ler herrsc vor allen DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                      367 Ausdruck in der nationalen Unterdrückung des österreichischen, tschechischen, slowakischen und polnischen Volkes. Während die früheren sozialdemokrati- schen Führer den Kampf der national unterdrückten Völker in keiner Weise unterstützten, kämpfen die Kommunisten und alle fortschrittlichen Kräfte in Deutschland für das volle Selbstbestimmungsredit der genannten Völker. ... Ohne die nationale Unterdrückung würden die Volksmassen Österreichs und der Tschechoslowakei entschlossen gegen den englischen Plan kämpfen. Vor dem deutschen Volke wie vor den im deutschen Nationalitätenstaat ein- gegliederten Völkern steht die Frage: nicht mit dem englischen Großkapital für die Ausdehnung des Krieges und ein neues Versailles, sondern mit der Sowjetunion für den Frieden, für die nationale Unabhängigkeit und die Freundschaft der Völker. Die Arbeiterklasse, die Bauern und die werktätige Intelligenz Deutschlands, Österreichs, der Tschechoslowakei und Polens wer- den der stärkste Garant des sowjetisch-deutschen Paktes und der Verhinde- rung des englischen Planes werden. Hilferding hebt besonders hervor, daß Deutschland durch die Entscheidung des Krieges, das heißt mit Hilfe der englischen Bajonette, von der Reaktion befreit werden solle. Dazu fordert er von der englischen und französischen Regierung, daß sie den Krieg rasch zum Siege führen soll. Die deutschen Kommunisten und die revolutionären Arbeiter, die schon in der Weimarer Zeit gegen das Erstarken der reaktionären großkapitalistischen Kräfte in Deutschland gekämpft und die größten Opfer im Kampfe gegen das nationalsozialistische Terrorregime gebracht haben, halten es für Wahn- sinn und Verbrechen, wenn einige sozialdemokratische und katholische Führer glauben, auf dem Wege eines reaktionären Krieges, durch Vernichtung von Millionen deutscher Werktätiger, durch die Herbeiführung grenzenlosen Elendes, schlimmer als es im 30jährigen Krieg war, das Regime in Deutsch- land ändern zu wollen. Diese Kriegspolitik ist umso verbrecherischer, als jene Macht, die nach Hilferdings Meinung das politische Schicksal Deutschlands durch die Entscheidung des Krieges bestimmen soll, die reaktionärste Kraft in der Welt ist. Der englische Imperialismus stellte sein reaktionäres Wesen aufs neue unter Beweis, indem er den Vorschlag Deutschlands, der von der Sowjetregierung unterstützt wurde, auf Beendigung des Krieges, ablehnte, indem er die Offensive gegen die Werktätigen führt und in der antibolsche- wistischen Verleumdungskampagne alles bisher dagewesene übertrifft und indem er vor allem die Konzentration aller reaktionären Kräfte zum Krieg gegen die Sowjetunion organisiert. Originaltitel: Hilferding über den »Sinn des Krieges* Die Welt Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Stockholm, Nr. 6 vom 9. Februar 1940, S. 13 5-137. ATION 368             DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND HO. APPELL DES ZK DER KPD (6. OK »Bringt mit allen Mit’ Hitlers Kriegsmaschine zui Aufruf an das deutsche V< ... Wir Kommunisten warnten euch mehrfach v< die Hitler für unser Volk und für unser Land dar Kampf gegen die Bestie Hitler. Wir sagten euch, beispiellose Schmach und endlosen Krieg bedeutet. Unglück früher noch nie so groß wie gegenwärtig Hitlers in Holland, Belgien, Frankreich und auf Frieden gebracht, sondern nur neue Kriege, neue Leiden. Am 22. Juni hat Hitler durch seinen heim gen Überfall auf die Sowjetunion das schwerste Vei Volk begangen und das größte Unheil über Deuts« Die einzige Rettung für das deutsche Volk bes Schluß zu machen. Um aber mit dem Krieg Schluß stürzt werden. Der Krieg wird so lange weitergi Bande Deutschland regieren. Und wehe unserem sal bis zuletzt an Hitler bindet, wenn wir Deutsd land Ordnung schaffen, sondern es den anderen 5 von der faschistischen Pest zu säubern. Die Stunde hat geschlagen, wo unser Volk da: seine eigenen Hände nehmen, mit dem Krieg Schli. vollen Frieden erlangen muß. Wir wenden uns an a ihre Kräfte geht, die Leiden des Krieges zu ertrag Front, an ihre Familien, an die Arbeiter, die Bau Volk im Hinterland und rufen ihnen zu: Kämpft für die Einstellung des Krieges, kämpft fü Hitler, das ist der Krieg ohne Ende. Hitlers Weg führt zur Ausrottung des Volkes, zi zur Katastrophe. Dieser Weg ist nicht der Weg des deutschen Volk Soldaten, beendet den Krieg! Weigert euch, anzu Arbeiter, bringt mit allen Mitteln die Kriegsmas« Frauen, verlangt die Rückkehr eurer Männer, I Front! < 1941) EN« ewal tiger ir riefen 1 tler maß' ar unser n litärischei Ikan habe rößere O n und tre gegen da; jbracht... in, mit d en, muß 1 e Hitler enn es se selber in überlassei al Deutsc :n und ein ;chen, dem lie Soldat das ganz« ztungDeu chtung dc n Stehen! nd Söhm DIE KPD UND DIE SOWJETUNION 369 Deutsches Volk, vorwärts zum Kampf für ein Volksdeutschland, für ein Deutschland des Friedens und der Freiheit! Walter A. Schmidt: Damit Deutschland lebe Ein Quellenwerk über den deutschen antifaschistischen Widerstandskampf 1933-1945 Kongreß-Verlag, Berlin 1959, S. 773-775. ui. DIE AUFLÖSUNG DER KOMINTERN ... Die historische Rolle der Kommunistischen Internationale, die im Jahre 1919 im Ergebnis des politischen Zusammenbruches der überwältigenden Mehrheit der alten Arbeiterparteien der Vorkriegszeit entstanden war, be- stand darin, daß sie die Lehren des Marxismus vor ihrer Verflachung und Verdrehung seitens der opportunistischen Elemente der Arbeiterbewegung verteidigte, in einer Reihe von Ländern den Zusammenschluß der Vorhut der fortgeschrittenen Arbeiter in wahrhaften Arbeiterparteien förderte, ihnen half, die Massen der Werktätigen zu mobilisieren zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen, zum Kampf gegen den Faschismus und den von ihm vorbereiteten Krieg, zur Unterstützung der Sowjetunion als Hauptstütze gegen den Faschismus... Noch lange vor dem Kriege wurde es immer klarer, daß mit der zuneh- menden Komplizierung sowohl der inneren als auch der internationalen Situation der einzelnen Länder die Lösung der Aufgaben der Arbeiterbewe- gung jedes einzelnen Landes durch die Kräfte irgendeines internationalen Zentrums auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird. Dieser Unterschied der historischen Wege der Entwicklung der einzelnen Länder der Welt, der unterschiedliche Charakter, ja, sogar die Gegensätzlich- keit ihres gesellschaftlichen Aufbaus, der Unterschied im Niveau und im Tempo ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, schließlich der Unterschied im Grade des Bewußtseins und der Organisiertheit der Arbeiter, bedingen auch, daß vor der Arbeiterklasse der einzelnen Länder verschiedene Aufgaben stehen .. . Der von den Hitleristen entfesselte Weltkrieg hat die Unterschiede in der Lage der einzelnen Länder noch mehr verschärft, er schuf eine tiefe Kluft zwischen den Ländern, die zu den Trägern der Hitlertyrannei wurden, und den freiheitliebenden Völkern, die in der mächtigen Antihitlerkoalition zu- sammengeschweißt sind. Während in den Ländern des Hitlerblocks die Haupt- 370 DIE KPD IN DER ILLEGALITÄT UND E aufgabe der Arbeiter, der Werktätigen und aller el besteht, allseitig auf die Niederlage dieses Blockes der hitlerischen Kriegsmaschine von innen heraus hin: der am Kriege schuldigen Regierungen mitzuwirken der Antihitlerkoalition eine heilige Pflicht der breit< allem der fortgeschrittenen Arbeiter, die Kriegsansti gen dieser Länder allseitig zu unterstützen, um den I zu zerschmettern und die Zusammenarbeit der Nati der Gleichberechtigung zu sichern. Dabei darf ebensc lassen werden, daß auch einzelne Länder, die der j schlossen sind, ihre besonderen Aufgaben haben. Sc den von den Hitleristen okkupierten und ihrer sta beraubten Ländern die Hauptaufgabe der fortges breiten Volksmassen in der Entfaltung des bewaffne nationalen Befreiungskrieg gegen Hitlerdeutschlanc zeitig hat der Befreiungskrieg der freiheitliebenden tyrannei die breitesten Volksmassen in Bewegung Unterschied ihrer Partei- oder Religionszugehörig mächtigen Antihitlerkoalition zusammenschließen, gezeigt, daß der allnationale Aufschwung und die 1 zum raschesten Sieg über den Feind durch die Vorh jedes einzelnen Landes am besten und fruchtbarsten verwirklicht werden kann . . . Von den vorstehenden Erwägungen ausgehend des Wachstums und der politischen Reife der komn ihrer leitenden Kader in den einzelnen Ländern s Umstandes, daß im Verlaufe des jetzigen Krieges Frage der Auflösung der Kommunistischen Interna trum der internationalen Arbeiterbewegung aufv Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistis« es unter den Bedingungen des Weltkrieges nicht Kongreß der Kommunistischen Internationale einzu schlag den Sektionen der Kommunistischen Internat unterbreiten: Die Kommunistische Internationale als leitendes nalen Arbeiterbewegung aufzulösen und die Sektio Internationale von den aus dem Statut und den I der Kommunistischen Internationale entspringende binden. Das Präsidium des Exekutivkomitees der Komm ruft alle Anhänger der Kommunistischen Internatk auf die allseitige Unterstützung und aktive Teiln riON Menscher e Unterg m, an der in den L ¡massen u ;n der Re •ck aufs rs f der Gn. □s dem A rkoalitioi zum Bei: Unabhär in Arbeit ipfes, der rwächst. ;egen die it, die sie- den Reil t offensic rung der .rbeiterbe nen ihres Berücksid ien Parte ch angesi* he Sektio lIs leitend ;estattet < ernationa lichkeit 1 - folgend ar Bestäti n der int Kommun en der K ichtungen en Intern :, alle ihn i Befreiu DIE KPD UND DIE SOWJETUNION                                                                      371 der Völker und Staaten der Antihitlerkoalition zu konzentrieren zur rasche- sten Zerschmetterung des Todfeindes der Werktätigen — des deutschen Faschis- mus, seiner Verbündeten und Vasallen. Die Mitglieder des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale: Dimitroff, Ercoli, Florin, Gottwald, Kolaroff, Koplenig,Kuusinen,Manuilski, Marty, Pieck, Shdanow, Thorez. Vorstehendem Beschluß haben sich folgende Vertreter der Kommunistischen Parteien angeschlossen: Bianco (Italien), Dolores Ibarruri (Spanien), Leh- tinen (Finnland), Pauker (Rumänien) Rakosi (Ungarn). 15. Mai 1943. Die Welt Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung Stockholm, Nr. 21 vom 28. Mai 1943, S. 627/628. D. DIE KPD UND DIE EINHEITSFRONT 112. EINHEITSFRONTANGEBOT DER KPD (14. MÄRZ 1933)95 An den Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands! Gegenüber dem unerhörten Terror der Hitler-Papen-Hugenberg-Regierung, der SA- und SS-Banden der Hitlerpartei gegen die werktätigen Massen, ins- besondere die Kommunisten und auch die Sozialdemokraten, muß die kämp- fende Einheitsfront aller Werktätigen geschaffen und sofort mit Kampf- aktionen aus den Betrieben und von den Stempelstellen aus begonnen wer- den. Durch eine Welle aktiver Kämpfe der verschiedensten Art und ihre Zu- sammenfassung und Steigerung zu gewaltigen Massenstreiks muß die Arbei- terschaft den Kampf gegen diesen Terror aufnehmen. Wir hatten uns bereits Ende Februar dieses Jahres, als nach dem Reichstags- brand von der Regierung eine Pogromhetze gegen Kommunisten und Sozial- demokraten entfaltet wurde, mit einem schriftlichen Angebot an Sie gewandt, gemeinsam mit uns die Arbeiterschaft zum Kampfe gegen den Terror und die Unterdrückung jeder Wahlfreiheit aufzurufen. Sie haben dieses Angebot ab- lehnend beantwortet. Nachdem nunmehr auch der faschistische Umsturz in allen Ländern durchgeführt wird und bereits Maßnahmen zur völligen Un- terdrückung der Arbeiterbewegung eingeleitet werden, treten wir erneut an Sie mit dem Angebot des gemeinsamen Kampfes heran. Der Führer unserer Partei, der Genosse Ernst Thälmann, und auch Führer der Sozialdemokrati- schen Partei, insbesondere aber Tausende von kommunistischen und sozial- demokratischen Arbeitern sind in den Kerkern dem faschistischen Mordterror ausgeliefert. Alle kommunistischen Zeitungen und auch ein großer Teil der Zeitungen der Sozialdemokratie s